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»Aventurien« heißt die phantastische Spielewelt voll kühner Abenteuer,

Magie und farbiger Exotik, erschaffen von einem Spezialistenteam und


ausgebaut von tausenden begeisterter Spieler. Es ist der Schauplatz des heute
größten deutschen Fantasy-Rollenspiels »Das Schwarze Auge«. Die Romane
der gleichnamigen Serie führen uns diese Welt noch viel unmittelbarer und
plastischer vor Augen.

Für den Kapitän sahen wir aus wie Seinesgleichen. Er ahnte nicht, dass
unsere Körper mit Schuppen bedeckt waren. Ich gab mich hochmütig.
»Selbstverständlich sind wir zur See gefahren! Ich kenne alle dreizehn
Meere.« – »Dreizehn?«, wiederholte der Kapitän. »Ich zähle nur die
bedeutenderen«, behauptete ich frech. In Wahrheit hatte keiner unseres Volkes
je die See erblickt. Ich hatte gar gedacht, wir müssten durchs Wasser waten,
um ins Güldenland zu gelangen. Tatsächlich kam alles anders ...
Ein vollständiges Verzeichnis aller
im HEYNE VERLAG erschienenen Romane aus
der aventurischen Spielewelt
finden Sie am Schluss des Bandes.
KARL-HEINZ WITZKO

WESTWÄRTS,
GESCHUPPTE!
Einundsechzigster Roman
aus der
aventurischen Spielewelt

begründet von
ULRICH KIESOW

Originalausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG


MÜNCHEN
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY
Band 06/6061

Originalausgabe 2/2002
Redaktion: Angela Kuepper
Copyright © 2002
by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München,
und Fantasy Productions, Erkrath
http://www.heyne.de
Printed in Germany 2002
Umschlagbild: Zoltán Boros & Gábor Szikszai / Agentur Kohlstedt
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Technische Betreuung: M. Spinola
Satz: Schaber Satz- und Datentechnik, Wels
Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin

ISBN 3-453-19631-7
Bastrabun, dieser Einfaltspinsel!
Die wichtige Kunst, oben von unten unterscheiden zu können
Marus in Mirham
Die reizende Valeria
Elementar, mein lieber Maru, elementar!
Der Fall Putzi-Putzi
Der Fall Tar Honak
Efferds Fluch

ANHANG
Personen
Zeittafel Maru-Zhas
Erklärung aventurischer Begriffe
Für Hinweise und Anregungen
bedanke ich mich bei Magnus J. K. Herrmann
und Jens Matheuszik.
Bastrabun, dieser Einfaltspinsel

1.

»Sie möchten nicht Kothaufen genannt werden!«, wies mich eine vertraute
Stimme entgeistert zurecht.
Schon vorher war es in der Taverne leiser geworden, doch nun
verstummte auch das letzte Gespräch. Worte, die eben noch munter hin und
her geeilt waren, hingen plötzlich in der Luft wie abgefallene, welke Blätter,
denen gleichzeitig Wind und Schwere abhanden gekommen waren.
Das Flackern der zahlreichen Kerzen, deren Licht für ein gemütliches
Halbdunkel sorgte, bewies zwar das Vorhandensein eines schwachen
Luftzugs, doch ohne das Knarren des Lederzeugs der beiden Krieger, die bei
unserem Tisch standen und noch ungläubig, aber bereits mit erwachendem
Zorn auf uns herabblickten, hätte man meinen können, dass die ganze Welt –
oder zumindest die Stadt, die von ihren Bewohnern Tuzak genannt wurde – in
völlige Stille versunken sei.
Die drei Gäste, die uns am nächsten saßen, eine Frau und zwei Männer,
von denen einer mutmaßlich jünger, der andere älter war als sie, hielten den
Blick gesenkt, als hofften sie, nicht wahrgenommen zu werden, wenn sie
selbst nichts von alldem mitbekämen. Sie fürchteten sich vor den Kriegern
und hassten sie gleichzeitig bis aufs Blut.
Ich vermisste das Geplauder unserer Nachbarn nicht, da ich bisher
ohnehin nicht verstanden hatte, worüber sie sich überhaupt unterhielten:
»Wie kannst du etwas beurteilen, von dem du nur einen Teil kennst? Das
ist hanebüchen!«
»Den dritten, ich habe immerhin den dritten Akt gesehen. Und?«
»Aber was ist mit dem Anfang? Der Vorgeschichte? Ein Stück heißt doch
Stück, weil es aus einem Stück ist!«
»Ist es nicht! Es ist zusammengesetzt aus Stückchen.«
»Akte! Akte nennt man das!«
»Von mir aus, dann eben Akte. Aber was soll's? Wenn man schon etwas in
Stücke aufteilt, so wird man wohl einen Grund dafür haben, oder? Wer
würde einen Kuchen aufteilen, wenn man ihn nicht stückeweise essen soll?
Ich habe den dritten Akt gesehen. Er hat mir nicht gefallen. Das Stück taugt
nichts!«
»Dann taugt es eben nichts ... Ho, ho, rief der Fisch und starb!«
»Welcher Fisch?«
»Das war ein Witz. Köstlich, nicht? Besser gesagt, ein Stück des Witzes,
nämlich seine Auflösung. Ich muss oft lachen, wenn ich mir den ganzen
Scherz ins Gedächtnis rufe. Der Fisch starb! Ha, ha!«
»Verstehe ich nicht!«

Ich verstand zwar, was der ältere der beiden Männer ausdrücken wollte,
aber was bedeutet schon eine winzige Lichtung des Verständlichen in einem
Wald voller Rätsel?
Ich bin eine nachdenkliche Person. Ich sitze gern in der Sonne, schaue vor
mich hin und sinne dabei über dies und jenes nach. Bisweilen drehen sich
meine Gedanken um sehr tief schürfende Fragen, etwa solche, die sich aus
dem Aufsässigen Recht des Ostens ergeben. Bei anderen Gelegenheiten –
zugegeben, sie sind häufiger – beschäftigt sich mein forschender Geist mit
schmackhaftem Essen oder damit, dass es doch nett wäre, wieder einmal eine
zünftige Keilerei anzuzetteln. Zusätzlich gibt es noch ein viertes wichtiges
Gebiet, das ich wohl nicht näher ausführen muss. Übermäßig viel Erfahrung
habe ich nicht auf ihm, was an meinen jungen Jahren liegt.
Und da ich eben die nachdenkliche Person bin, die ich bin, beschäftigte
sich ein kleiner Teil meines Geistes immer noch mit der Frage, ob ein
sinnloses Gespräch überhaupt enden könne oder ob es nicht vielmehr sein
unabwendbares Schicksal sei, grundsätzlich abgebrochen zu werden, als der
dritte Krieger an unseren Tisch trat und uns wie die anderen beiden grimmig
musterte. Auch er wirkte überaus gewalttätig.
Um meinen flüchtigen Gedanken zu Ende zu bringen: Was ist ein Ende,
was ein Anfang? Nicht einmal das Alte, Tyrannische Recht des Südens weiß
darauf eine klare Antwort. Und das will schon etwas heißen.

Mehr als unseren Nachbarn galt meine Aufmerksamkeit jedoch den beiden,
die hinter ihnen ganz allein an einem Tisch saßen: einem jungen Pärchen!
Der Bursche und das Mädchen waren ausgiebig damit beschäftigt, sich
gegenseitig zu umwerben. Mal kicherten beide, mal betrachteten sie sich
verträumt oder warfen sich sehnsuchtsvolle Blicke zu. Dazwischen speisten
sie von ihren vollen Tellern und kauten leise.
Trotz oder gerade wegen meiner Unerfahrenheit wäre es gelogen, wollte
ich behaupten, dass mich Balzgebräuche kalt ließen. Das Gegenteil ist der
Fall. Aber augenblicklich fesselte mich an dem Pärchen etwas ganz anderes:
Sie aßen!
Ich bezweifle zwar, dass mir ihr Mahl allzu gut geschmeckt hätte – ich
ziehe es vor, wenn mein Essen knackig und das Fleisch noch etwas blutig ist
–, doch da ich seit drei Tagen nichts zu mir genommen hatte, war ich ein
wenig hungrig.
Ich bin nicht gern hungrig, weil mich das von tiefsinnigen Gedanken
ablenkt.
Da sich mein Magen arg vernachlässigt anfühlte, war es mir fast
unmöglich, den Blick von den beiden jungen Leuten zu wenden. Erbittert
kämpfte ich gegen den verlockenden Tagtraum an, kurzerhand zu ihnen zu
treten, die Schüssel zu ergreifen, die zwischen ihnen stand, sie zu leeren,
anschließend ihm den Teller wegzunehmen, dann ihr, um alles aufzuessen,
was darauf lag. Anschließend hätte ich sie beschwichtigt: »Balzt nur weiter!
Lasst euch nicht stören.«
Wie man sieht, stehe ich nicht grundlos im Ruf, äußerst höflich zu sein.
Der wunderbare Traum vom genüsslichen Vollschlagen meines Wanstes,
vom wonnigen Zerkauen, Schmecken und Hinunterschlingen war im Grunde
schon ausgeträumt, als die fünf Krieger in ihren schwarz-roten Waffenröcken
die Taverne betraten. Nur war mir das nicht gleich bewusst gewesen, und
deshalb hatte ich die beiden, die zu unserem Tisch gekommen waren, auch
aufgefordert, mir nicht die Sicht auf das nun nicht länger balzende, dafür
umso aufmerksamer mit seinen Tellern und Schalen beschäftigte Pärchen zu
versperren.

»Sie möchten nicht Kothaufen genannt werden«, wiederholte die Stimme


unzufrieden.
»Muss das meine Sorge sein?«, gab ich trotzig zurück, aber so, dass nur
mein Begleiter mich verstehen konnte. Ich werde immer etwas stur, wenn mir
der Magen knurrt.
Wie Recht mein Gefährte hatte, zeigte sich, als die Stille, die der Welt
einen Herzschlag lang verordnet worden war, schlagartig für beendet erklärt
wurde.
»Was hast du gesagt, du Affe?«, brüllte der Krieger, dem meine
Aufforderung gegolten hatte.
Welch unsäglich dumme Frage! Offenbar hatte er doch leider sehr genau
verstanden, was ich ihm empfohlen hatte!
Obwohl der Abend damit einen anderen Verlauf als geplant nahm, musste
ich ein Schmunzeln unterdrücken. Nicht nur, weil mich mein Gegenüber als
Affe beschimpft hatte, was kaum falscher sein konnte, sondern weil die
beiden neben ihm, und auch der Rest der Horde, die sich nach und nach um
unseren Tisch scharte, uns bitterböse anstarrten, als ob sie sich einbildeten,
sie könnten uns mit ihren aufgesetzten kalten Mienen einschüchtern.
Wie lächerlich! Ich hätte einen nach dem anderen mühelos in Grund und
Boden starren können.
»Es ist wohl kaum die rechte Zeit zum Aufschneiden!«, nörgelte mein
Gefährte Alrik.
Ratlos fragte ich ihn, was ich tun solle.
»Unterwirf dich!«, wurde mir empfohlen.
»Wie denn?«, gab ich zurück.
Ich musste nicht erst den Kopf zur Seite wenden, um zu erfahren, wer als
Antwort auf diese Frage die Augen verdrehte.
Vorsichtig ließ ich den Blick über die vielen gekrümmten Rücken an den
anderen Tisch schweifen, über die gesenkten Häupter, von denen man nur
noch Haare sah. Ich folgte den vielen Beispielen von Unterwürfigkeit,
krümmte ebenfalls den Rücken, zog die Schultern ein, wich aber den Blicken
aus dem bedrohlichen Halbkreis um uns herum nicht aus.
Die fünf trugen lederne Rüstungen, die ihre Oberkörper bedeckten, aber
den Unterleib ungeschützt ließen, darüber schwarz und rot gefärbtes Tuch.
Ihre Füße steckten in schweren Stiefeln. Bewaffnet waren die Krieger mit
Schwertern mit langen Griffen, was darauf schließen ließ, dass die Waffen
sowohl einhändig als auch zweihändig geführt werden konnten. Allesamt
hatten die Neuankömmlinge kräftige Arme und vergleichsweise schwache
Waden und Schenkel.
Wir dagegen besaßen weder Waffen noch Rüstungen, zudem saßen wir,
während die anderen standen. Zusätzlich zu dem beträchtlichen Ärger, den
uns der Zwischenfall einbringen konnte, waren wir auch noch im Nachteil.
Von den anderen Gästen war keinerlei Einmischung zu erwarten, obwohl
sie bestimmt nichts dagegen gehabt hätten, wenn wir den Kriegern den
Garaus gemacht hätten. Für sie waren die fünf nur Handlanger ihrer
Unterdrücker, widerwärtige Gestalten, deren Herren sich mit gefährlichen
Machtwesen eingelassen hatten: Dämonenpaktierer wurden sie vom Volk
genannt.
Wegen meines Zögerns hatte mein Gefährte inzwischen fälschlich für sich
entschieden, dass ich nicht bereit sei, seiner Empfehlung zu folgen. Er hob an
zu sprechen, und zwar so, dass ihn nur die verstehen konnten, die seine Worte
etwas angingen. Auch wenn die Taverne halb leer war, so bestand doch die
Gefahr, dass andernfalls jemandem etwas an seiner Art zu reden aufgefallen
wäre.
»Entschuldigt den törichten Vetter, wenn es Euch gnädigst beliebt«,
begann er, absichtlich stotternd. »Verzeiht, wenn ich mich erkühne, Euch zu
widersprechen, mächtige Herrschaften! Doch treibt mich nicht
Unbotmäßigkeit. Ei, bewahre! Ich kenne meinen Platz genau! Nie würde der
Vetter wagen, Euch zu beleidigen. Er nuschelt oft, sodass seine Worte anders
klingen als gemeint. Insgeheim – nein, ganz offen sogar! – ist er ein treuer
Anhänger des mächtigen Belhalhar, des Blutgierigen, des Zerfetzers und
Zerstückelers, des unwirschen Mordbrenners, des schlecht gelaunten
Zerdepperers, des mürrischen Zerrupfers. Kurzum: ein Dämonendiener von
echtem Schrot und ...«
Mir kam das umständlich vor. Daher beschloss ich, die Angelegenheit
abzukürzen: »Ich bedauere, Euch Kothaufen genannt zu haben!«
Mein Gefährte bedankte sich umgehend bei mir: Das hätte ich sehr gut
gemacht!
Ich brauchte einen Augenblick, bis mir aufging, dass das kein Lob war.
»Bist du wahnsinnig, Affe?«, zischte einer der beiden, bei denen ich mich
soeben entschuldigt hatte. Erregt riss er die Klinge zur Hälfte aus der
Scheide. »Was sollte mich hindern, euch augenblicklich in Stücke zu
hacken?«
»Erbarmen! Gnade! Ein Missverständnis!«, winselte Alrik.
»Es könnte ein Fehler sein!«, gab ich zusätzlich zu bedenken.
Kaum hatte ich das gesagt, nörgelte mein Gefährte, ich müsse nicht jede
seiner Bemühungen hintertreiben!
»Na gut«, meinte ich, obwohl ich mich zu Unrecht beschuldigt fühlte, und
stimmte in sein Gejammer mit ein. »Erbarmen! Erbarmen!«
»Warum Fehler, Affe? Was willst du damit sagen? Heraus mit der
Sprache!«, wurde neuerlich gebrüllt.
»Weil wir doch brave Untertanen sind«, erklärte Alrik. Solche zu
misshandeln wäre gewiss ein Fehler!
Patsch! bekam er einen kräftigen Fausthieb ab. Der Schläger stieß einen
Wehlaut aus und rieb sich die schmerzende Hand, während Alrik ein dünner
roter Faden aus dem Mund lief. Ich war sehr beeindruckt. Damit hatte ich
nicht gerechnet.
»Die Affen müssen irgendwas zu sich genommen haben: Rauschgurken
oder dergleichen«, behauptete einer der Krieger.
»Entweder das oder einer der widerlichen Käfer dieser Wanzeninsel hat
sie gebissen«, pflichtete ein anderer bei.
»Das haben wir leider«, wimmerte Alrik. »Wir haben irgendetwas
genommen. Sehr viel davon. Beträchtliche Mengen!«
»Und gebissen wurden wir außerdem«, fügte ich hinzu.
Autsch! Nun wurde auch ich geschlagen. Ich wischte mir mit der Hand
über den Mund: Blut! Kaum zu glauben!
»Dein Name!«, fuhr mich der erste Krieger an.
»Alrik«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Du bist kein Maraskaner?«
»Doch ...«, erwiderte ich zaudernd. »Doch!«
»Komisch! Sonst nennt ihr euch doch Alrech?«
Ich schwieg. Über solche Feinheiten wollte ich mich nicht auslassen.
Der Krieger wandte sich an meinen Begleiter und stellte ihm dieselbe
Frage.
»Alrik«, antwortete Alrik ebenfalls wahrheitsgemäß.
Patsch! Schon wieder bekam er einen Hieb ab.
»Es ist ein sehr häufiger Name!«, führte ich zu unserer Verteidigung an.
»Alrik und sein Vetter Alrik. So, so!«, meinte nun ein Krieger, der sich
bisher herausgehalten hatte. Er war ziemlich beleibt, was ihn sehr anziehend
für mich machte.
»Nun, Alrik, hast du vielleicht noch einen anderen Vetter?«, fragte er mich
mit scheinheiliger Freundlichkeit.
»Ja«, antwortete ich bereitwillig.
»Wie heißt er?«
Ich seufzte innerlich, da ich wusste, was geschehen würde, wenn ich
antwortete. Schließlich trug der erwähnte Vetter ebenfalls einen sehr häufigen
Namen.
»Wie heißt er?«, drängte mich der Dicke barsch.
»Alrik«, antwortete ich und unterwarf mich dem Unvermeidlichen. Diese
ständigen Prügel mussten langsam ein Ende haben.
»Ich schlage die beiden auf der Stelle tot!«, schrie der, bei dem ich mich
doch schon entschuldigt hatte.
Einer seiner Kameraden fiel ihm in den Arm: »Das sind doch Stadttrottel!
Wozu die Mühe? Sie könnten anderweitig nützlich sein.«
So sprach er, während Alrik und ich, kaum dass dem Krieger die Worte
über die Lippen gekommen waren, erschrocken im Chor ausriefen: »Nicht
hier!«
»Nicht hier?«, wiederholte unser Verteidiger verunsichert.
»Wir wollen keine Unannehmlichkeiten«, erklärte ich.
»Verursachen«, ergänzte mein Gefährte. »Keine Unannehmlichkeiten
verursachen.«
»Ja«, bekräftigte ich ernst. »Wir möchten lieber woanders erschlagen
werden.«
Unsere unfreundlichen Bekannten waren einen Herzschlag lang ratlos.
Dann rissen sie uns von den Stühlen, stießen uns grob zur Tür und
behaupteten: »Euch wird das Lachen schon noch vergehen, ihr Affen!«
Dabei hatten wir nicht einmal gegrinst.

Beim Hinausstolpern aus der Taverne erhaschte ich einen Blick auf mehrere
sorgenvolle, bleiche Gesichter. Mitleid, Bedauern und die Überzeugung, es
sei um uns geschehen, sprachen aus ihnen. Dem konnte ich zwar nicht
gänzlich zustimmen, doch dass uns heute Nacht noch gewaltiger Ärger
bevorstünde, war wohl nicht mehr zu verhindern.
Vor der Tür zur Schenke wurden Alrik und ich von den Kriegern in die
Mitte genommen und weiterhin unsanft zum Gehen bewogen. Ich sah zum
Himmel. Zwischen den Lücken in der dichten Wolkendecke schimmerten nur
vereinzelt Sterne und auch von der großen, gelben Kralle, die sich in eine der
Wolken gebohrt hatte, war nur ein Drittel zu erkennen.
Die Stadt, von der ich seit unserer Ankunft kaum etwas gesehen hatte, war
wie ausgestorben. Nur ein einziges Mal, während uns die Krieger
vorantrieben, begegneten wir einem ihrer Bewohner. Bei unserem Anblick
zog er sich hastig in die Lichtlosigkeit zwischen den Turmhäusern zurück.
Nachdem die Taverne in der Dunkelheit verschwunden war, ohne dass
unsere Begleiter sich angeschickt hätten, unser völlig unverdientes Ende in
die Wege zu leiten, verkündete der Dickste von ihnen: »Ja, schaut euch noch
mal alles genau an! Wenn ihr erst mal Rudersklaven auf unseren Schiffen
seid, werdet ihr keine Gelegenheit mehr dazu haben. Euch wird das Lachen
schon noch vergehen!«
»Schiffe?«, rief ich erfreut und lachte. »Hervorragend, wir suchen ein
Schiff, aber nur eines!«
Jäh blieben unsere Bewacher stehen, um zu beratschlagen. »Reicht es
nicht aus, wenn wir einen von ihnen abgeben und den anderen gleich hier
erledigen? Womöglich taugt keiner von den Wirrköpfen als Ruderer. Ich sage,
wir verschwenden nur unsere Zeit mit den Trotteln.«
Einer nach dem anderen nickte. Sie waren sich einig in ihrem Wunsch, zu
ihrem ursprünglichen Vorhaben zurückzukehren.
Alrik und ich blickten uns an. Wenn wir handeln wollten, dann musste das
gleich geschehen. Wir besaßen zwar keine Waffen, hatten aber dennoch
gegenüber unseren falschen Freunden einen Vorteil, den wir in die
Waagschale zu werfen gedachten. Wir wussten, wie sie aussahen. Über uns
glaubten sie das nur zu wissen. Günstig für uns erwies sich, dass die
leuchtende Kralle gerade jetzt einen Fetzen aus ihrer Wolkenbeute riss.
Laut sprachen wir das Wort aus, das wir hatten lernen müssen. Dieses
Mal gebrauchten wir unsere eigentliche Sprache und nicht die stumme der
Gedanken, die wir den ganzen Abend gesprochen hatten, während wir nur
zum Schein die Münder geöffnet und geschlossen hatten.
Das Aussprechen des Wortes zerstörte das Trugbild zweier junger und –
wie ich sagen muss – ziemlich hässlicher Bengel und offenbarte den Kriegern
unser wahres Aussehen. Die Augen gingen ihnen über, als sie erkannten, wer
zwischen ihnen stand!
Da die Kunst des waffenloses Kampfes vor allem auf Schnelligkeit,
Sparsamkeit der Mittel und Anmut beruht, schlug ich rasch dem ersten
Krieger mit dem Schwanz die Beine weg, riss dem zweiten mit den Zähnen
die Gurgel heraus und trat dem dritten in den Unterleib, den ich zusätzlich mit
den Krallen aufriss. Mein Gegner stürzte und wollte schreien. Deshalb
sprang ich mit einem wuchtigen Satz auf seine Brust, was seine Rippen brach
und ihm den Rest gab. Alrik war derweil mit seinen Gegnern ähnlich
verfahren und hatte sich zusätzlich um den gekümmert, den ich nur
umgeworfen hatte.
Wir schauten uns an.
»Bei M'Darrs Ei, das gibt vielleicht Ärger!«, brummte Alrik sorgenvoll.
Sein Ton täuschte mich nicht darüber hinweg, dass auch er eine gewisse
Erleichterung darüber verspürte, dass wir nach den vergangenen Wochen
wieder aussahen, wie es sich gehörte, auch wenn dieser Zustand nicht lange
anhalten würde. Wenigstens für kurze Zeit hatten wir unsere edlen Antlitze
zurückerhalten, waren nicht mehr gezwungen, in flache Gesichter ohne Tiefe
und Aussagekraft zu blicken, wenn wir uns miteinander unterhielten.
Keine Haare versteckten mehr unsere stolzen, fliehenden Stirnen, die
wieder wie gewohnt in lange Schnauzen übergingen – statt wie zuletzt in
kleine, kaum einen Daumen lange Nasen. Kräftige Gebisse waren an die
Stelle schwächlicher Kiefer getreten, starrend vor Zähnen und nicht vor
winzigen Stummeln, für die sich selbst Kinder geschämt hätten. Von der
weichen, feucht und glitschig wirkenden, widerlich fahlen Haut, die unsere
harten, braungrünen Schuppen seit Wochen verdeckt hatte, gar nicht zu reden.
Ein durch und durch gutes Gefühl!
Rundum zufrieden schritt ich um die Kampfstätte herum, lauschte dem
Schleifen meines Schwanzes, dem Klicken meiner Krallen und ließ die
Hände über meinen kurzen Umhang gleiten, der aus einem Stück gewachsen
und nicht aus Flicken zusammengesetzt war, wie bei den Bewohnern der
Stadt. Inzwischen schleifte Alrik die toten Krieger in den Schatten eines
Wohnturmes, damit sie nicht gleich gefunden würden. Er ächzte und
schimpfte leise.
Der Anblick machte mir das Herz schwer. Ich stapfte dorthin, wo Alrik
unsere Gegner versteckte, und beugte mich über sie. Der Erste trug das Mal
eines Machtwesens, wodurch er sogleich ausschied. In den Dicken hatte ich
mich zwar auf den ersten Blick verliebt, aber er war leider zu schwer. Ich
entschied mich schließlich für den, der – soweit ich mich erinnerte –
behauptet hatte, wir hätten bald nichts mehr zu lachen. Wie man sich täuschen
kann!
Ich ergriff seinen Knöchel und schleifte ihn weg.
»Was soll das?«, schnauzte Alrik mich an.
»Es wäre eine bodenlose Verschwendung, sie alle hier liegen zu lassen!«,
gab ich empört zurück.
Dagegen konnte mein Begleiter wohl kaum etwas einwenden. Unser Volk
verabscheut Verschwendung.
»Außerdem habe ich Hunger, und vielleicht kommen wir ungeschorener
davon, wenn wir den anderen etwas mitbringen, und außerdem ...«
»... hinterlässt du eine Schleifspur«, nörgelte mein Gefährte.
Das stimmte leider, wie ich feststellen musste. Ich zog den Krieger wieder
in den Schatten zurück. Schleifspuren, die bis zu unserer Behausung führten,
konnten wir nicht gebrauchen.
»Wenn du mit anfassen würdest, dann könnten wir den Feisten ...«
»Nein!«, beharrte Alrik.
Ich war unzufrieden, dass er dem, was schließlich auch zu seinem Besten
wäre, so störrisch im Wege stand. Missmutig ging ich unsere Beute noch
einmal durch. Ich entdeckte, dass noch ein weiterer Körper durch das Mal
des Machtwesens verdorben war, womit nur der Kleinste und Dürrste übrig
blieb. Ich warf ihn über die Schulter. Bis zur Schmiede war es ein ganzes
Stück. Ein Vergnügen würde der Heimweg mit dieser Last gewiss nicht
werden.
Vergnügungssüchtig bin ich zwar nicht, aber auch kein Kind von
Traurigkeit. Daher bedachte ich den unwilligen Alrik mit einem grimmigen
Blick: »Ich kann auch gemein werden!«
Er wich einen Schritt zurück, als erinnerte er sich daran, wie ich ihm als
Kind beim Spielen einmal fast den Arm abgebissen hatte. Magie war nötig
gewesen, um die Gliedmaße zu retten. Aber an Gewalt hatte ich gar nicht
gedacht, auch wenn man sich mit ihrer Hilfe vieler Sorgen entledigen kann.
Manche halten mich für durchtrieben und sehr listig. Und das bin ich auch.
Gerissen fing ich ein Gespräch mit meiner Beute an: »Wie gut du mir
schmecken wirst! Wie satt ich sein werde! Dein leckerer Geruch nach
frischem Blut, nach salzigem Blut! Mmh ... Doch nein! Vielleicht lagere ich
dich auch einige Tage ab, bis dein würziger Duft ... Mmh!«
Was soll ich sagen? Meine Hinterhältigkeit zeigte umgehend Erfolg. Alrik
bettelte fast darum, die Beine der Beute tragen zu dürfen, während ich das
vordere Ende übernahm. So gingen wir zwei Häuser weiter, bis mein
Gefährte mit vor Speichel erstickter Stimme meinte: »Warum nehmen wir
nicht einen Größeren mit?«
Wir rannten zurück, schauten wehmütig den Dicken an, und griffen dann
nach dem, den ich schon vorher in Betracht gezogen hatte.
So stapften wir in Vorfreude auf einen herzhaften Genuss zur Schmiede.
Diese Vorfreude auf das Ende unserer Fastenzeit trug jedoch nicht zur
Erhöhung unserer Aufmerksamkeit bei. Die Strafe für unsere Nachlässigkeit
ließ nicht lange auf sich warten, als wir beim Überqueren eines kleinen
Platzes in eine Streife aus drei örtlichen Kriegern rannten.
Das war aus zwei Gründen peinlich: Zum einen trugen wir einen der ihren
durch die Stadt, zum anderen sahen sie uns als das, was wir waren – zwei
junge Maru-Burschen mit ihrem Abendessen auf dem Weg nach Hause.
Die Krieger starrten uns an, als seien wir von M'Darrs Kralle gefallen
oder gehörten zu den Machtwesen, denen sie dienten. Alrik und ich boten
auch keinen besseren Anblick. Ich war so verlegen, weil wir uns wie frisch
geschlüpfte Eilinge benommen hatten, dass ich auf den Einfall verfiel,
schüchtern zu winken. Das Ergebnis war verblüffend: Die Gegenseite lief so
schnell sie nur konnte davon.
Ärgerlich! Nun mussten wir darauf vertrauen, dass ihnen keiner die
Geschichte von unserem Zusammentreffen abnähme.
Ganz so abwegig war unsere Hoffnung nicht. Denn wenn die Krieger
überhaupt schon einmal Marus gesehen hatten, dann allenfalls unsere
primitiven Verwandten, mit denen wir Talbewohner schon sehr lange nichts
mehr gemein haben. Und ich meine wirklich lange.
Falls aber nicht, so bliebe ihnen nichts anderes übrig als die völlig
unzutreffende Beschreibung: Wir sahen zwei große Krokodile in Jacken aus
Blüten, die einen von uns durch Tuzak trugen.
Wer sich trotz der wenn auch geringen Ähnlichkeit untereinander als Affe
bezeichnet, dem ist alles zuzutrauen. Kaum zu glauben, dass der H'Ranga-
Arran auch ein F'zzmech war.

2.

Die Schmiede hatte unseren Kundschaftern jahrzehntelang als Unterkunft und


Tarnung gedient. Wegen widriger Umstände hatte die letzte Späherin ihren
Posten vorzeitig aufgeben müssen. Da zu den Begleiterscheinungen ihrer
überstürzten Abreise ein verbliebener Stadtkrieger gehörte, dessen Kopf nie
gefunden wurde, galt das Haus bei den meisten Anwohnern als verrufener, in
Anbetracht der Beliebtheit des Verblichenen aber auch ein klein wenig als
gesegneter Ort. Dieser zwiespältigen Einschätzung war es zuzuschreiben,
dass die Unterkunft längere Zeit leer gestanden hatte, bevor wir sie bei
unserer Ankunft am Vortag bezogen hatten.
Unser Ziel war eines der wenigen Häuser in der leicht abschüssigen
Straße, aus dem noch Licht fiel. Nachdem Alrik und ich uns gewissenhaft
versichert hatten, dass uns niemand beobachtete, klopften wir an die
verwitterte Holztür. Umgehend antwortete eine derbe Stimme: »Wenn ihr
nicht augenblicklich verschwindet, verdammtes Gelichter, so hetze ich den
Hund auf euch!«
Die Drohung ließ uns schaudern. Eiligst kehrten wir zum Anfang der
Gasse zurück, wo wir verdutzt innehielten.
Was sollte das denn für eine Drohung sein?, wunderten wir uns. Ein
Hund? Wir waren Marus, Angehörige eines Volkes wilder Krieger und
anmutiger Kriegerinnen! Wenn der Kläffer sich erdreisten sollte, uns
Scherereien oder gar uns unsere Beute streitig zu machen, dann durfte er sich
alsbald mit gutem Grund »Nachschlag« nennen!
Rauflustig machten wir kehrt. Doch plötzlich blieben Alrik und ich erneut
stehen und sahen uns misstrauisch an. Als wir vor einigen Stunden die
Schmiede verlassen hatten, hatte es noch keinen Hund darin gegeben. Das
war höchst seltsam!
Wir klopften ein weiteres Mal an die Tür. Schon bald hörten wir wieder
die Stimme von drinnen: »Nun schert euch endlich von hinnen! Ich werde
euren Auftrag schon rechtzeitig erledigt haben. Schneller geht's gewiss nicht,
wenn ihr mir ständig zur Last fallt. Im Gegenteil: Länger wird's dauern, viel
länger! Diese Arbeit ist sowieso unter meiner Würde, lasst euch das gesagt
sein. Die Füße solltet ihr mir küssen, dass ich sie überhaupt angenommen
habe. Nun sucht endlich das Weite, dämliches Pack!«
Wir, die wir uns das alles anhören mussten, verstanden überhaupt nichts
mehr. Welcher Auftrag? Welche Arbeit? Wo kam auf einmal der übellaunige
Schmied her?
Plötzlich ging uns ein Licht auf: Der Zim, unser Zauberer, musste in
unserer Abwesenheit tätig gewesen sein. Er hatte sich augenscheinlich darum
gekümmert, dass Fremde abgeschreckt wurden.
Als wir Ursache und Grund der Unfreundlichkeiten erkannten, riefen wir
in der Stummen Sprache so dringlich, dass es auch jene mitbekommen
mussten, für die unsere Botschaft gar nicht gedacht war: »Wir sind's! Öffnet
endlich die Tür!«
Diesem Ersuchen wurde schließlich nachgegeben, doch ich will nicht
wissen, wie viele Anwohner sich zur selben Zeit von ihren Lagern erhoben,
um im Halbschlaf beliebige Türen zu öffnen.
Wir betraten unser augenblickliches Lager und erblickten wie erwartet
Alrik, Alrik und Alrik – oder vielmehr die, als die sie erschienen. Unsere
restlichen Gefährten weilten noch nicht in der Stadt.
»Ich bin da!«, grüßten Alrik und ich freundlich und legten die Beute ab.
Zwei Alriks erwiderten den Gruß mit denselben Worten, wobei ihre Blicke
erfreut auf unserem Mitbringsel haften blieben, während der dritte – der Zim
selbstverständlich – mit einem sehr kühlen und förmlichen »Ich bin da und
habe Hunger!« antwortete.
»Er soll gestillt werden! Beiß ordentlich zu!«, hätten wir ebenso förmlich
fortfahren können, doch das hätte das Unausweichliche nur wenig länger
hinausgezögert.
»Wir mussten unsere Tarnung aufrechterhalten«, erklärte ich unsere
Erscheinung, ohne die Augen von der Beute zu lassen. Ich traute den anderen
beiden Alriks nicht. Nur kurz den Blick abgewandt, und schon fehlt das beste
Stück des Mahls. Das kennt man ja!
»Ihr hieltet eure Tarnung aufrecht, indem ihr sie ablegtet?«, entgegnete der
Zim spitz. »War das euer Gedanke? Dachtet ihr, das Trugbild könne Schaden
nehmen, wenn es weiterhin aufrechterhalten bliebe? Meintet ihr, die
Bewohner dieser Stadt könnten Verdacht schöpfen, wenn ihr zu lange aussäht
wie sie und alle anderen?«
Ich mag solche schnippischen Einwände nicht, wenn mir der Magen
knurrt.
»Wir mussten uns wehren«, erklärte ich und vertrat Alrik – meinem
Begleiter Alrik – den Weg zur Beute. Er sollte bloß nicht so tun, als ginge ihn
das alles nichts an.
»Und das war nicht mit Worten zu erreichen?«
»Nein, nicht gesprächsbereit!«, antwortete ich knapp. »Sie haben
angefangen. Grundlos. Aus heiterem Himmel!«
»So war's«, bestätigte Alrik und versuchte, rechts an mir vorbei zu
gelangen, was ich umsichtig verhinderte.
»Grundlos?«
»Völlig. Wir waren an dem Ort, wo wir hin sollten. Du erinnerst dich an
deine Anweisung: ›Auch wenn wir nicht laut mit ihnen reden können, ohne
uns zu verraten, so ist es doch wichtig, dass wir ihre Sprache verstehen.‹
Daran haben wir uns gehalten. Wir haben nur beobachtet und zugehört, sonst
nichts. Doch dann kamen die Krieger und nahmen uns mit. Sie wollten uns ein
Schiff zeigen. Aber dann änderten sie aus nicht nachvollziehbaren Gründen
ihre Meinung und wollten uns lieber erschlagen. Wir haben reichlich leckere
Nahrung mitgebracht!«
»Das sehe ich«, meinte der Zim trocken, ohne sich ablenken zu lassen. Zu
hoffen, dieselbe List könnte zweimal an einem Abend erfolgreich sein, wäre
wohl allzu vermessen gewesen.
»Ich verstehe noch nicht, warum ihr euch offenbaren musstet«, fuhr er fort.
»Sie hatten Waffen, wir nicht. Wir sollten beim nächsten Mal welche
mitnehmen. Dazu waren sie in der Überzahl. Ohne eine Überraschung wären
wir an ihrer Statt zu Nahrung geworden. Außerdem: Hast du schon einmal in
falscher Gestalt gekämpft?«
»Ja«, entgegnete der Zim kurz angebunden und mit aufschlussreicher
Miene.
Ich bin nicht auf den Kopf gefallen. Deshalb beachtete ich das Murren der
anderen Alriks, ich solle endlich unser Versagen eingestehen, damit wir mit
dem Essen beginnen könnten, nicht weiter und hakte stattdessen nach: »Und?«
Unser Zauberer mied meinen Blick.
»Und?«, bohrte ich weiter.
»Ein widerliches Gefühl!«, platzte es aus ihm heraus. »So zu kämpfen
macht keinerlei Freude! Hinterher fühlt man sich schal und unbefriedigt.
Obendrein kommt man sich schrecklich unzivilisiert vor, wenn der Gegner
nicht erkennen kann, wer ihm den Leib aufreißt und ihm die Kehle zerfetzt.
Bah! Als verstieße man gegen jede natürliche Ordnung.«
»Eben«, meinte ich, stolz auf meinen kleinen Sieg, und bot ihm an, sich
nun von der mitgebrachten Nahrung zu bedienen. Wie ich mir hätte denken
können, wählte er genau das Stück aus, das auch ich ins Auge gefasst hatte.
Selbst große Krieger müssen mit kleinen Niederlagen leben, wie die Weisen
sagen.
Warum solche Niederlagen jedoch dazu neigen, in Paaren aufzutreten,
scheint Teil eines Weltenrätsels zu sein, das womöglich nicht einmal die
H'Rangarim verstehen – seien sie nun tot oder lebendig.

Meine zweite Niederlage führte ich ebenso leichtsinnig herbei wie die erste,
indem ich dem Zauberer ganz unnötig meine Bewunderung dafür ausdrückte,
dass das Trugbild nach den Schlägen in der Taverne vortäuschte, wir
bluteten. Für Alrik und mich waren die Hiebe zwar schmerzhaft gewesen,
doch so leicht ist unsere Art nicht zu verletzen. Auch wenn wir über unseren
Vater Krr'Thon'Chh, den H'Rangar, der unser Volk erschuf, nur Schlechtes zu
sagen wissen, so hat er uns als Krieger doch ganz gut ausgestattet.
Die grundlos von mir erwähnte Einzelheit passte nach Ansicht des Zims
nicht ganz zu meinem bisherigen Bericht. Mir blieb schließlich nichts
anderes übrig, als abermals zu erzählen, was sich während unseres Ausflugs
zugetragen hatte. Dieses Mal endete die Geschichte mit ihrem Anfang,
nämlich dem Augenblick, als ich den Stadtkrieger mit der Bezeichnung
angesprochen hatte, die wir für seine Art verwenden – F'zzmech, Kothaufen.
Wir waren zu dem Zeitpunkt alle satt und träge. Deshalb verging über eine
Stunde, während der wir zufrieden vor uns hin starrten, bis der Zim
entgegnete: »Kein guter Einfall!«
Ich dachte lange über eine schlaue Antwort nach, schlief aber ein, bevor
ich eine gefunden hatte.

3.

Es dürfte keine allzu große Überraschung bereiten, wenn ich verrate, dass
keiner von uns wirklich Alrik hieß – weder wir fünf noch die anderen drei,
deren Eintreffen wir erwarteten. Als wir vor etlichen Monden daheim in
Maru-Zha für unsere Aufgabe ausgewählt wurden, war die wichtigste
Voraussetzung, um überhaupt in Betracht gezogen zu werden, dass wir uns in
der Stummen Sprache verständigen konnten, die nicht alle unseres Volkes
beherrschen. Obwohl wir später die Sprache der F'zzmechs erlernen
mussten, da die Stumme Sprache verlangt, dass der »Sprecher« verstanden
werden will oder sehr stark an etwas Bestimmtes denkt, wurden wir von
Anfang an darauf hingewiesen, dass wir uns nicht einzubilden bräuchten, sie
jemals zu etwas anderem gebrauchen zu können als zum Zuhören.
Wir haben volle, wohltönende Stimmen, und wenn wir laut reden, so kann
keine Magie darüber hinwegtäuschen, wer spricht, gleichgültig in welcher
Sprache.
Eine weitere wichtige Voraussetzung waren Kenntnisse in einem der Vier
Rechte, also im Alten und Tyrannischen Recht des Südens, im Sklavenrecht
des Westens, im Widerwärtigen und Rechtlosen Recht des Nordens oder im
Neuen und Aufsässigen Recht des Ostens.
Nachdem die Auswahl getroffen war, wurden wir von den Spähern in den
Sitten, Bräuchen und Verhaltensweisen der F'zzmechs unterrichtet. Wir
lernten viel Unnützes. Etwa, dass wir niemanden aus Zuneigung in die
Schulter oder Schnauze beißen sollten, selbst wenn wir ihn oder sie bereits
kannten. Als würden wir je in die Verlegenheit geraten, dergleichen zu tun!
Eines Tages hieß es, wir bräuchten neue Namen – F'zzmech-Namen –,
unter denen wir uns künftig gegenseitig ansprechen sollten, damit wir uns an
sie gewöhnten. Die Späher nannten uns etliche Beispiele. Als sie zu
»Alrech« und »Alrik« kamen, wollten wir kein weiteres mehr hören. »Alrik«
klingt in unserer Sprache so ähnlich wie eine Aufforderung zum Essen: »Fass
ordentlich zu!« Wir waren von dem Namen hellauf begeistert und uns sofort
einig, dass wir alle so heißen wollten. Ein besseres Vorzeichen für unser
Unternehmen konnte es kaum geben!
Alrik, mein Begleiter bei dem gestrigen Abenteuer, der in Wahrheit
Lazzar hieß, meist jedoch Linksauge genannt wurde, war tatsächlich mein
Vetter. Allerdings nicht durch gemeinsame Abstammung, sondern durch
Schlupfrecht. Unsere Mütter hatten ihre Eier recht nah beieinander
vergraben, sodass wir beim Schlüpfen zuerst das Licht der Welt erblickten
und gleich danach uns gegenseitig.
Zwei Gelege in nächster Nähe sind nicht wünschenswert, da meistens nur
das stärkere, manchmal sogar keines überlebt. Wir hingegen rauften uns
zusammen, was sicher der Weisheit meines Geleges zuzuschreiben ist.
Lazzars Bruder Rrual, der ebenfalls in der Schmiede weilte, vertrat zwar
immer die Ansicht, dass er und seine Geschwister vor mir und den meinen
geschlüpft seien, doch das ist nicht nur unrichtig, sondern bescherte ihm auch
den Beinamen Einzahn, den er seit Nestlingstagen trägt, obwohl ihm der
namenstiftende Vorfall längst nicht mehr anzusehen ist.
Der Nächste im Bunde war Zziriff, genannt Schätzlein. Er gehörte weder
zu Lazzars noch zu meinem Gelege und war uns noch nicht lange bekannt.
Zziriff hatte den Beinamen erst kürzlich erhalten und war sich noch nicht im
Klaren, ob er ihn mochte oder nicht. Nachdem uns die Zusammensetzung
unserer Horde bewusst geworden war, ruhte unsere ganze Hoffnung auf ihm
und darauf, dass er eine bestimmte Fähigkeit seiner Verwandtschaft besäße.
Somit verbleiben noch Zh'Urakrra und meine Wenigkeit. Zh'Urakrra war
deutlich älter als wir. Als Vertreter des Neuen und Aufsässigen Rechts war
er gleichzeitig mein Mentor. Ich selbst höre auf den Namen K'Kessu. Zwar
besitze auch ich einen Nestlingsnamen, doch da er mich sehr unzutreffend
beschreibt und obendrein verleumderisch ist, will ich auf seine Nennung
verzichten.
Als wir am nächsten Tag erwachten, hatte Zh'Urakrra bereits dafür gesorgt,
dass Lazzar und ich nicht mehr wie Marus aussahen. Dem wenigen Licht nach
zu schließen, das in die dunkle, leider nicht sehr feuchte Schmiede fiel, war
es schon spät, aber immer noch Tag, vermutlich Nachmittag. Rrual, der sich
offenbar schon einige Zeit langweilte, erklärte eben, er wolle ein wenig
draußen herumstreifen, um seine Kenntnisse der F'zzmech-Sitten zu vertiefen.
Ich hielt dagegen, Rrual-Einzahn sei bekannt dafür, in Schwierigkeiten zu
geraten, weswegen es gut sei, wenn er nicht allein ginge, sondern von mir
begleitet und überwacht würde.
Zziriff äußerte, ebenfalls mitkommen zu wollen, worauf Lazzar die
gleiche Absicht bekundete. Wahrscheinlich wollte er nur nicht allein bei
Zh'Urakrra bleiben, doch gab er seine Entscheidung so eilig bekannt, dass
Einzahn und ich unvermittelt auf denselben Gedanken kamen. Anzüglich
fragten wir Linksauge, ob er eine Veränderung an unserem Schätzlein
entdeckt habe, die uns noch nicht aufgefallen sei.
Während Lazzar nur ein müdes Lächeln für die Frotzelei übrig hatte, war
Zziriff wie immer peinlich berührt. Verdenken konnte ich es ihm nicht. An
seiner Stelle wäre es mir ähnlich ergangen. Doch wer weiß, vielleicht hätte
ich mein Familienerbe unter den gegebenen Umständen auch schamlos
ausgenutzt?
Lazzar und ich waren wegen des gestrigen Vorfalls der Ansicht, dass es
ratsam, nützlich und weise sei, uns nicht unbewaffnet unter die
Einheimischen zu mischen. Zh'Urakrra war gegenteiliger Ansicht, nämlich
dass es weder nützlich noch ratsam und ganz gewiss nicht weise sei, uns
auch noch Waffen in die Hände zu geben. Überdies könne den Einheimischen
auffallen, dass unsere Schwerter nicht geschmiedet, sondern auf elementarem
Wege hergestellt worden seien.
Wir nahmen den Einspruch zur Kenntnis und hielten sogleich verstohlen
Ausschau nach unseren Schwertern. Obwohl sie in der Schmiede sein
mussten, waren sie nirgends zu erblicken. Wahrscheinlich lagen sie da, wo
die Säckchen mit den Bibliotheksflechten, den Gewändersamen, der
heimatlichen Erde und den anderen Dingen aufbewahrt wurden, die für eine
weite Reise unverzichtbar waren.
Wir sahen heimlich nach, stellten aber fest, dass unsere Waffen nicht dort
lagen. Nun nicht mehr ganz so heimlich durchstöberten wir die gesamte
Schmiede, während unser Zim so tat, als bemerke er nichts. Dabei war
unsere Tätigkeit unübersehbar, vor allem nachdem wir Einzahn und
Schätzlein aufgefordert hatten, sich daran zu beteiligen. Das hätte uns zu
denken geben sollen.
Nach etwa einer Viertelstunde angestrengten Suchens kamen wir zu dem
Schluss, dass Zh'Urakrra unsere Waffen mit einem Zauber belegt haben
musste. Nicht mit einem abweisenden, wie im Falle der Tür, sondern mit
einem Vermeidungszauber. Damit hatten Linksauge, Einzahn und ich schon zu
tun gehabt. Bei Zziriff weiß ich das nicht.
Etwa ein halbes Jahr, bevor K'rzz, die Zerschneiderin des Schicksals,
unserem Volk ihren Plan eröffnete, trug sich in unserem Teil der Stadt – wir
haben nur eine – eine eigentümliche Geschichte zu. Eine wichtige Rolle
spielte dabei Chrr'Chrr, eine junge Maru mit zart orangefarbenen
Brustschuppen, langen, sehr spitzen Zähnen, sanften Augenwülsten und
Rückenzacken zum Schwachwerden. Trotz ihrer Jugend konnte sie über einen
Mangel an Verehrern nicht klagen. Einer von ihnen war der Schüler eines
Zims, selbst noch kein richtiger Zauberer, aber durchaus im Stande, den einen
oder anderen Spruch zu wirken. Chrr'Chrr hatte eine Zeit lang mit ihm
getändelt, sich dann aber urplötzlich von ihm abgewendet.
Eines Tages, als Linksauge, Einzahn und ich gerade mit etwas sehr
Wichtigem beschäftigt waren, trat Chrr'Chrr zwischen uns und beschwerte
sich, dass sie es leid sei, ständig von uns angerempelt oder wie Luft
behandelt zu werden!
Da wir sie schon etliche Tage nicht gesehen hatten, bestritten wir die
Vorwürfe und beteuerten unsere Unschuld. Unsere Erklärung schien Chrr'Chrr
allerdings nicht viel zu bedeuten. Sie hörte sie sich nicht einmal zu Ende an,
sondern verschwand grußlos, noch während wir sie abgaben. Wir vergaßen
auch bald, dass Chrr'Chrr überhaupt da gewesen war, und nahmen unsere
Beobachtung des sich verlängernden Nachmittagsschattens wieder auf. Bald
darauf trat Chrr'Chrr abermals zwischen uns – reizend anzusehen, aber sehr
ungehalten.
Hätten wir nicht eben versprochen, fauchte sie, dieses dämliche Treiben
zu beenden? Stattdessen besäßen wir nicht einmal genügend Anstand, uns
wenigstens einen Augenblick lang an unser Versprechen zu halten!
Doch wie zuvor schenkte sie unseren Äußerungen keine Beachtung und
verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Linksauge hatte mittlerweile
einen spannenden Versuch erdacht. Wenn er die Klaue hob und die Finger
entsprechend bog, so konnte er damit viel abwechslungsreichere Schatten
werfen als der Baum neben uns.
Als Chrr'Chrr das dritte Mal erschien, sprach Rrual-Einzahn an ihrer statt.
Genau genommen sprach er nicht, sondern schrie auf, da ihm Chrr'Chrr mit
ihren wunderschönen Zähnen kräftig in den Schwanz gebissen hatte. Sein
Bruder und ich fanden das lustig, aber nicht so lustig, dass wir uns länger
damit aufhalten wollten, sodass wir uns alsbald wieder in unsere
angefangene Tätigkeit vertieften. Linksauge fuhr mit den Schattenspielen fort.
Plötzlich erklärte Einzahn, dass ihm neuerdings der Schwanz schmerzte. Zum
Beweis hob er ihn hoch, was ebenfalls einen bemerkenswerten Schatten
hergab. Wir entdeckten geronnenes Blut und Abdrücke wie von einem Biss.
Einzahn behauptete, er wisse nicht, wie er dazu gekommen sei, was wir nicht
glauben wollten.
Da erschien Chrr'Chrr abermals. Dieses Mal hielt sie Linksauges Arm
umklammert und war nicht zu bewegen, ihren festen Griff zu lockern, der
augenscheinlich recht unangenehm war. Chrr'Chrr eröffnete uns, dass sie
Einzahn gebissen und schon mehrmals versucht habe, mit uns ins Gespräch zu
kommen. Doch wir hätten uns nach wenigen Augenblicken stets so
benommen, als sei sie nicht mehr da!
Dann erzählte sie, dass sie seit mehreren Tagen den Eindruck habe,
keinerlei Beachtung mehr geschenkt zu bekommen.
Ich war schon halbwegs dabei, Chrr'Chrr einen Vortrag über Eitelkeit zu
halten, als sie erklärte, dass ihr dieser Zustand anfänglich ganz recht gewesen
sei. Nun aber habe sie genug davon.
Das klang alles überaus seltsam.
Wir beratschlagten eine Zeit lang, währenddessen Chrr'Chrr noch immer
nicht davon abzubringen war, Linksauge loszulassen. Im Gegenteil, sie bohrte
ihre wohlgeformten, schwarzgrauen Nägel tiefer in seine Schuppen oder trat
fest nach uns anderen beiden, wenn sie mit unserer Aufmerksamkeit
unzufrieden war. Anhand der Anzeichen schlossen wir recht bald, dass
Chrr'Chrr mit einem Zauber belegt worden sei. Die Spur führte auf kürzestem
Weg zu ihrem abgelegten Verehrer.
Obgleich uns Chrr'Chrr während der gesamten Unterredung recht
unfreundlich behandelte, wollten wir es uns mit ihr und ihren entzückenden
Rückenzacken nicht verderben. Deshalb versprachen wir, uns des Übeltäters
anzunehmen.
Da wir die Vergesslichkeit, die der Zauber zu bewirken schien, am
eigenen Leib erfahren hatten, einigten wir uns darauf, unsere ausgefeilte
Strategie in einer einfachen Losung auszudrücken, sodass – sobald Lazzar,
Rrual oder ich den Eindruck erweckten, nicht mehr zu wissen, was wir
planten – die jeweils anderen dem Betroffenen mit einer kurzen Anweisung
wieder auf die Sprünge helfen könnten.
Wir entschieden uns nach kurzem Nachdenken für die griffige Losung:
»Chrr'Chrr verzaubert! Zim verhauen!«
Wie sich zeigte, war die Vorsichtsmaßnahme unnötig. Der Zauber wirkte
nur, wenn die hübsche Chrr'Chrr zugegen war. Man könnte sagen, dass sie
uns den Kopf unter Einfluss des Zaubers genauso verdrehte wie ohne ihn, nur
eben mit anderem Ergebnis.
Der Rest ist schnell erzählt: Wir lauerten Chrr'Chrrs niederträchtigem
Verehrer auf und zwangen ihn, den Zauber rückgängig zu machen. Damit er
wusste, was ihm blühte, wenn er sie noch einmal verzauberte, nahmen wir
als Trophäe für Chrr'Chrr ein Stück seines Schwanzes mit, das sie zur
Abschreckung und Warnung bei sich aufhängte. Der Verlust der
Schwanzspitze bedeutete für den Adepten jedoch vor allem Schmach und nur
zeitweise eine Behinderung, denn obgleich er noch kein ausgebildeter Zim
war, so hatte er wie erwähnt gewisse Fähigkeiten. Zu denen gehörte
selbstverständlich, dass er wusste, wie er das verlorene Drittel seines
Schwanzes nachwachsen lassen konnte.
Man hat mir erklärt, jede Art von Magie beruhe auf Bedrohung und
Einschüchterung. Wenn dem so ist, dann erscheint es mir einleuchtend, dass
ein junger Zim zuerst lernen muss, sich selbst wieder herzustellen. Meiner
Vorstellung nach hat es ein nur noch teilweise vorhandener Zauberer sehr
schwer, einschüchternd zu wirken. Möglicherweise haben Zims jedoch auch
noch andere Gründe, warum sie etwas lernen. Ich bin keiner.

Mit einem ähnlichen Vermeidungszauber musste also auch mein Mentor


unsere Waffen belegt haben, nur dass wir uns daran erinnerten, dass wir sie
suchten. Doch vielleicht entdeckten wir sie sogar mehrmals hintereinander
und vergaßen nur sogleich wieder, dass wir sie gefunden hatten? Wer weiß?
Fest stand nach unserer Erfahrung, dass wir die Schwerter ohne einen
Hinweis Zh'Urakrras nie und nimmer finden würden, und den gedachte er uns
nicht zu geben. Deshalb fügten wir uns widerwillig unserem Los und brachen
unbewaffnet auf.

4.
Soweit wir wussten, hatte der H'Ranga-Arran während seines Aufenthalts in
Maru-Zha mehrmals den Wunsch geäußert, unsere Stadt und unsere
Wohnquartiere besichtigen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob diesem sinnlosen
und arg schamlosen Begehren entsprochen wurde, da ich die Zerschneiderin
nicht danach gefragt habe. Uns jedoch diente das eigentümliche Ansinnen des
H'Ranga-Gesandten als Anleitung dafür, wie sich F'zzmechs benahmen und
wie auch wir uns tagsüber in der Stadt verhalten mussten, um nicht als
Fremde aufzufallen.
Zunächst blieben wir vor jedem Gebäude stehen, um es zu betrachten,
bald nur noch vor jedem zweiten, dann vor jedem dritten. Diese Tätigkeit
war gar zu öde und sinnleer! Wir sahen hohe Gebäude mit einer gewissen
Breite und Tiefe und niedrigere Gebäude, die ebenfalls eine gewisse Breite
und Tiefe besaßen. Was will man über Wohnstätten sonst noch sagen?
Vielleicht, dass die niedrigeren Gebäude aus aufeinander geschichteten
Steinen errichtet waren, während das bei den turmartigen nur im untersten
Stück galt. Was darüber kam, bestand aus Holz.
Alle Wohnstätten waren mit viel zu vielen Lichtöffnungen versehen. Wir
Marus ziehen dunkle, unterirdische Räume vor, deren Böden gemütlich mit
Schlamm bedeckt sind.
Was mir zunächst als guter Einfall erschien, waren die Bogengänge,
welche die Wohntürme auf den einzelnen Stockwerken umrundeten. Ich
konnte mir gut vorstellen, dass es hübsch wäre, in den offenen Gängen in der
Sonne zu liegen und nachdenklich über die Stadt zu blicken. Dann fiel mir
ein, dass der Gedanke nicht mehr so gut war, wenn man plante, zu mehreren
übereinander zu liegen, um gemeinsam tiefgründigen Gedanken
nachzuhängen. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden die Bogengänge unter
der Last schlicht abbrechen, sodass man zu Tode stürzte. Diese F'zzmechs!
Sie konnten wirklich nichts richtig machen.
Nachdem uns die Eintönigkeit des Häuserbetrachtens schon beinahe die
Lust ausgetrieben hatte, den Ort Tuzak weiter zu erkunden, hatte ich einen
verwegenen und leicht anrüchigen Einfall, den ich meinen Gefährten sogleich
vorbrachte. Da niemand da war, der ihnen ins Gewissen hätte reden können,
stimmten sie begeistert zu.
Wir gingen zum nächsten Haus, öffneten die Tür und traten ein.
Eine Treppe führte nach oben.
Als wir eben mit Verschwörermiene hinaufsteigen wollten, verstellte uns
plötzlich eine Frau den Weg.
»Was wollt ihr Buben?«, sprach sie uns an.
»Wir wollen uns hier umsehen«, erklärte ich keck. »Wir wollen wissen,
wo du schläfst und wo du treibst, was du treibst, was immer das sein mag.«
»Nein«, antwortete sie zu meiner Überraschung.
»Warum nicht?«, fragte Lazzar.
»Weil ich das nicht will.«
»Warum willst du das nicht?«, wollte Zziriff wissen.
»Weil ich es nicht will«, wurde auch ihm geantwortet.
Wir verzichteten darauf, dieses wenig abwechslungsreiche Gespräch noch
mehr in die Länge zu ziehen.
Gänzlich enttäuscht waren wir über das Misslingen unseres Vorhabens
nicht. Immerhin hatten wir auf diese Weise herausgefunden, dass auch
F'zzmechs ein Gefühl für Anstand besaßen.
Wieder draußen, brummte Rrual düster: »Sie hat uns Buben genannt!«
»Ist mir auch aufgefallen«, meinten Linksauge und ich gleichzeitig.
Gestern hatten wir noch nicht als Buben gegolten. Es war wohl vonnöten,
ein ernstes Wort mit unserem Zauberer zu reden! Während wir schliefen,
mochte er sonst etwas mit unserem Erscheinungsbild angestellt haben. Wir
waren ihm ja mehr oder weniger hilflos ausgeliefert, da wir das Alter der
F'zzmechs nur anhand ihrer Größe zu bestimmen wussten. Junge waren klein,
alte groß. Wir kamen uns nicht klein vor.
Nun stellte sich erneut die Frage, ob wir mit der F'zzmech-Beschäftigung
des Häuserbetrachtens fortfahren oder lieber zurück zur Schmiede gehen
sollten.
»Ich möchte mir das Meer ansehen!«, sagte Zziriff.
Unser Schätzlein war nicht dumm! Daran hatten wir anderen gar nicht
gedacht. Dabei war das Meer das große zu lüftende Geheimnis, über das
selbst in der Bibliothek nicht viel in Erfahrung zu bringen gewesen war.
Unser Volk hat in letzter Zeit nicht sonderlich viel mit dem Meer zu tun
gehabt. In den letzten Jahrtausenden, um genau zu sein. Das Meer war nicht
viel mehr als ein Wort für uns.
Wir waren einverstanden.
Ich ging zu der Frau, die uns die Besichtigung ihrer Wohnstätte verwehrt
hatte, und die nun im Eingang ihres Hauses stand und uns beobachtete.
»Wo geht's zum Meer?«, fragte ich sie.
»Immer der Nase nach, ihr Buben«, meinte sie.
»Ich bin nicht klein«, entgegnete ich.
»Das sehe ich«, antwortete sie. »Ihr seid große Buben.«
Ich hätte mich am liebsten irgendwo in die Sonne gelegt, um eine Zeit lang
über die Antwort nachzudenken. Doch da ich mitunter recht gewitzt bin,
fragte ich: »Was glaubst du denn, wie alt ich bin?«
Sie gab eine Schätzung ab.
»Stimmt!«, rief ich erfreut. Ganz richtig war ihre Angabe zwar nicht, aber
ungefähr schon. Ich kehrte zu meinen Gefährten zurück und verkündete: »Wir
sind große Buben!«
»Gestern waren wir noch gar keine«, maulte Linksauge. »Außerdem
wolltest du herausfinden, wo's zum Meer geht.«
»Der Nase nach«, befahl ich, »... Buben!«
Wir taten wie geheißen, wobei wir ganz auf das lästige
Gebäudebetrachten verzichteten. Lazzar-Linksauge behauptete ohnehin, dass
wir die Einzigen weit und breit seien, die diesen altehrwürdigen F'zzmech-
Brauch am Leben erhielten.
Wir waren noch gar nicht so weit gegangen, als Linksauge aus unserem
Geviert ausbrach und so zielstrebig in eine Gasse einbog, dass man glauben
konnte, er hielte seine Nase für die bessere Wahl, wenn es galt, irgendeiner
zu folgen.
Die Gasse führte auf einen Platz, der vollgestellt war mit Ständen, Zelten,
Körben und Käfigen. Zwischen ihnen drängten sich Besucher und
begutachteten Nahrung, Kleidung, Gefäße, Werkzeuge und etliches, von dem
wir nicht wussten, wozu sie es benötigten, und dem wir auch keine Beachtung
schenkten. Wir anderen erkannten sogleich, was Linksauge bewogen hatte,
hierher zu kommen: Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner!
Gemessenen Schrittes gingen wir dorthin, wo die Tiere in Holzkäfigen
oder Weidenkörben eingesperrt oder mit Seilen festgebunden waren. Wir
bauten uns um sie auf und starrten auf die rundlichen Körper der Schweine
mit ihren länglichen Rüsseln, den kurzen Beinen mit den paarigen Zehen, den
zweifach, dreifach oder gar nicht geringelten Schwänzchen und der weichen,
rosafarbenen, oft dunkel gescheckten borstigen Haut. Wir lauschten ihrem
Quieken, freuten uns, wenn sie merkten, dass wir sie beobachteten, und
gingen widerwillig weiter, wenn wir von den Eigentümern vertrieben
wurden, weil wir die Schweine angeblich unruhig machten.
Wir schlenderten zu den Ziegen, schnupperten ihren Duft, bestaunten ihr
feines Haar und wandten uns, als wir auch hier nicht bleiben durften, den
Schafen zu. Die Ringelhaarigen begrüßten uns mit blökenden Lauten aus ihren
langen, schmalen Mäulern, drängten sich zusammen und wagten nicht, uns
ihre fetten Hintern zuzuwenden. Diese Wahl hatten die gedrungenen weißen,
grauen, roten, braunen und schwarzgefiederten Hühner mit den kurzen
Flügeln nicht. Sie gackerten in ihren Körben, dass es eine Freude war, die
leider ebenfalls viel zu bald endete.
Wir waren nicht hungrig, doch zu wissen, dass wir all die Schweine,
Schafe, Ziegen und Hühner auffressen könnten, wenn uns danach wäre, sich
sicher zu sein, dass auch sie darum wussten und nicht daran dachten, die
wunderbare Ordnung der Welt infrage zu stellen, war ein zutiefst
ergreifendes Erlebnis! Zwar nicht ganz so aufwühlend wie das Betrachten
einer Nashornherde – das Starren auf große Körper, unter deren haariger
Haut sich gewaltige Muskeln bewegten, die ihren Besitzern allerdings nichts
nützen würden, sobald wir das Ende ihres Daseins beschlössen –, doch
immerhin sehr befriedigend.
Wir Marus sehen es gern bestätigt, dass die Welt nicht beliebig und
willkürlich ist, sondern ein jeder seinen festen Platz darin hat.
Obwohl wir manch unfreundliches Wort hatten anhören müssen, verließen
wir den Markt in gehobener, beinahe feierlicher Stimmung.

5.

Das Meer! Da die Stadt auf einem hohen Felsen lag, konnten wir es weit
überblicken. Es war groß, größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Weder im
Norden noch im Süden oder Westen war Land zu entdecken. Eine endlos
erscheinende, blau-grüne Ebene, die das Himmelslicht zurückwarf und
ständig in Bewegung war. Nicht einmal das Ufer war mit Binsen bewachsen,
wie ich stillschweigend erwartet hatte.
Ich hatte zwar längst eingesehen, dass wir nicht um das Meer
herumwandern konnten, um zu unserem Ziel zu gelangen, weil ich gelernt
hatte, dass unser Tal auf einer Insel liegt. Doch da Maru-Zha keine winzige
Kuhle ist, erschien mir diese Vorstellung wie ein Umsturz der bestehenden
Ordnung. Wasser hatte gefälligst von Land umgeben zu sein und nicht
umgekehrt! Ich suchte sogar die Bibliothek deswegen auf, die mich in der
klaren Sprachen der Alten belehrte: »Wir reisten über Wasser und wurden
darob hungrig.«
Später öffnete ich mein immer noch von Zweifeln geplagtes Herz der
Späherin, die zuletzt die Schmiede bewohnt hatte und das Meer mit eigenen
Augen gesehen haben musste. Sie sagte, es stimme, was man mir erzählt
habe, doch wenn es mich schon verwundere, dass alles Land von Wasser
umgeben sei, so müsse ich doch weit mehr Beunruhigung bei der Vorstellung
empfinden, dass unser gesamtes Tal durch einen Abgrund aus Zeit vom Rest
der Welt getrennt sei.
Nein, meinte ich. Warum auch? Das sei schließlich allgemein bekannt, und
jeder Nestling, der nach zwei Jahren wilder Kindertage die Stadt erreiche,
lerne diese einfach zu begreifende Tatsache. Dem sei nun einmal so. Kein
Anlass zur Beunruhigung!
Darauf entgegnete die Späherin, dass ich für einen möglichen künftigen
Vertreter des Aufsässigen Rechts sehr »konservativ« dächte. Da mir
schwante, dass sie beschließen könnte, mit meinem Mentor über mich zu
reden, beeilte ich mich zu versichern, dass ich das Gespräch nur
herbeigeführt habe, um Gefühl und Erkenntnis in Einklang zu bringen. Denn
aus Symmetrieerwägungen ergebe sich nachgerade zwingend, dass wenn
Wasser von Land umgeben sei, auch das Gegenteilige möglich sein müsse.
Mein Mentor kann nämlich sehr ermüdend sein, wenn er danach trachtet,
jemanden zu überzeugen.
Nachdem uns aber die Zims mit Hilfe des Rituals aus Maru-Zha heraus
und über den Abgrund aus Zeit hinweg geführt hatten, erfuhr ich, wie groß
die Insel war, von der unser Tal nur einen kleinen Teil ausmachte. Die
Behauptung, dass die sich weit nach Süden und Norden erstreckenden
Bergketten samt der Wälder, die wir durchqueren mussten, auch außerhalb
der Regenzeit gänzlich von Wasser umgeben sein könnten, schien mir auf
maßloser Übertreibung zu beruhen.
Doch nun sah ich hinab auf das Meer, womit der Plan hinfällig wurde, den
Linksauge und ich ausgebrütet hatten, nämlich dass wir, wenn schon nicht um
das Meer herum, so doch hindurch waten könnten, falls es uns misslänge, ein
Schiff zu finden.
So weit, wie sich das Meer erstreckte, wären wir vermutlich tagelang
unterwegs, und bei jeder Rast im Wasser sitzen zu müssen würde uns schon
bald recht lästig sein. Ganz hatte ich noch nicht begriffen, worauf wir uns
wirklich eingelassen hatten.
Wir warteten das Ende des Regens ab, der unangekündigt auf uns hernieder
zu prasseln begonnen hatte, und gingen dann zu der Treppe, die zum unteren
Teil der Stadt führte. Mit ihren zweihundert Schritt, die sie steil hinab führte,
wirkte sie mehr wie eine boshaft ausgeklügelte Mutprobe denn wie eine
Möglichkeit, zum Wasser zu gelangen. Schätzlein äußerte sogleich den
Verdacht, dass es offensichtlicher Zweck der Treppe sei, die Einwohnerzahl
der Stadt auf gleich bleibender Höhe zu halten. Da auch wir unsere Zahl nicht
zu ändern wünschten, nahmen wir die Stufen äußerst vorsichtig.
Unten angelangt, begaben wir uns in stillschweigender Übereinkunft, kein
Haus zu betrachten, gleich zum Wasser. Sein Spiegel war nicht gekräuselt,
stattdessen brandeten Wellen wie bei einem Sturm gegen das Ufer. Wir
entdeckten auch, dass das Wasser salzig schmeckte und erheblich tiefer war,
als wir es von Seen und Tümpeln zu Hause gewohnt waren. Man konnte
überhaupt nicht hindurchwaten! Wir brauchten in jedem Fall ein Schiff.
So lernten wir an diesem Nachmittag viel Neues. Das Meer unterschied
sich von einem See darin, dass es von allem ein bisschen mehr aufwies: es
war weiter, tiefer und bewegter. Selbst die Kiesel am Ufer wurden durch
Felsbrocken ersetzt.
Ein Gedanke über das Meer kam uns vieren gleichzeitig: Wahrscheinlich
waren auch die Fische und Molche darin größer! Von vornherein
begrüßenswert war das nicht, denn womöglich war den Wasserbewohnern
die Wunderbare Weltordnung nicht geläufig, nach der sie Nahrung zu sein
hatten und nicht wir.
»Ich glaube mich daran zu erinnern, dass irgendjemand Seeungeheuer
erwähnte«, meinte Lazzar nachdenklich.
Mir kam der Begriff ebenfalls schwach bekannt vor. Man hatte uns daheim
zwar viel gelehrt, doch waren wir uns bald einig gewesen, dass ein
erklecklicher Teil davon unnütz sei.
»Ich erinnere mich genau«, behauptete Rrual-Einzahn. »Ch'Oorr'ck sprach
davon. Aber ich dachte bisher, mit ›Seeungeheuer‹ seien die Altvorderen
gemeint gewesen oder gar wir selbst.«
Er war keine große Hilfe.
Wir schworen uns, sobald die Umsetzung des ersten Teils des Großen
Plans einmal begonnen hätte, nicht länger hinzunehmen, dass Zh'Urakrra
unsere Waffen versteckt hielt. Wenn die Meermolche und Seequappen kämen,
wollten wir darauf vorbereitet sein, ihnen die Wunderbare Weltordnung
einzubläuen und ihnen zudem eine Lehrstunde im Alten Tyrannenrecht zu
erteilen.

Da die Notwendigkeit eines Schiffes nun außer Zweifel stand, begaben wir
uns zu den Ankerplätzen. Meine Erkenntnis über Seen und das Meer wurde
ein weiteres Mal bestätigt, da die Schiffe größer als unsere Boote waren:
mehrfach so lang und mehrfach so breit.
Obschon sämtliche Schiffe Masten und Segel besaßen, wurden nicht alle
ausschließlich durch Wind angetrieben. Manche waren mit Rudern bestückt,
doch nicht nur mit einem Paar oder zweien, sondern mit zwei Reihen
übereinander. Das mussten die Schiffe sein, auf die uns die Stadtkrieger
gestern hatten schaffen wollen, bevor wir sie zu Nahrung gemacht hatten.
Die Schiffe – Galeeren genannt, wie ich später erfuhr – erweckten keinen
einladenden Eindruck, zumal sie vor Stadtkriegern wimmelten. Außerdem
gelangten wir gar nicht erst in ihre Nähe, sondern wurden unfreundlich
abgewiesen, als wir sie in Augenschein nehmen wollten.
Damit kam nur noch ein Segelschiff für uns in Betracht, doch beileibe
nicht jedes. Wie die Späher herausgefunden hatten, war es den Schiffen nur
unter ganz bestimmten Umständen gestattet, Reisende mitzunehmen. Wie
diese Umstände auszusehen hatten, war den Spähern verschlossen geblieben.
Deshalb hatten sie sich von ihrer Erfahrung leiten lassen und eine andere
Herangehensweise vorgeschlagen.
Der Grund des Verbots war der, dass die Herrscher der F'zzmechs und
ihre Krieger dem Volk so zuwider waren, dass die meisten ihrer Untertanen
ohne Ausübung von Zwang über kurz oder lang das Weite gesucht hätten.
Wenn bei uns zu Hause die Zerschneiderin ein vergleichbares Verbot
ausgesprochen hätte, so wäre jeder Gedanke müßig gewesen, unser Vorhaben
ausführen zu können. Aber wir waren nicht daheim, sondern hier, und wie
wir wussten, wurden viele F'zzmechs noch immer von demselben Drang
beherrscht, der schon K'Strabun den Lügner vor Jahrtausenden bewogen
hatte, unsere Vorfahren und die Beinahegötter, die über sie herrschten, aus
ihrer Heimat zu vertreiben: Habgier!
Diese sehr schwer zu stillende Form von Hunger sollte unser Ansatzpunkt
sein. Wir brauchten nur jemanden zu finden, der habgierig genug war, gegen
eine Gabe das Verbot zu missachten.
Das war leichter gesagt als getan. Zu wissen, dass Fische schmecken, hilft
wenig, wenn man nicht weiß, wo sie schwimmen. Woran erkannte man einen
besonders habgierigen F'zzmech? Überlegtes Vorgehen war angebracht,
wenn wir nicht unnötige Aufmerksamkeit auf uns lenken wollten.
Also schlenderten wir wachsamen Auges an den Schiffen vorbei und
sahen uns ihre Besatzungen an. Um nicht zu sehr aufzufallen, hielten wir beim
letzten Schiff inne. Zwei Seeleute standen vor ihrem Gefährt an Land und
tuschelten miteinander. Wir beobachteten sie eine Weile, wobei wir wieder
einmal feststellten, wie schwer es F'zzmechs ertragen, angestarrt zu werden.
Die beiden Seeleute verstummten jäh, als sie unsere Anwesenheit bemerkten,
und warfen uns einen ausgedehnten, finsteren Blick zu. Wir erwiderten ihn zu
viert, nicht finster, doch dafür wesentlich standhafter.
Ein leichter Sieg, wie man sich denken kann.
Die beiden gaben klein bei und räumten schimpfend das Feld. Während
sie abzogen, blickten sie mehrmals über die Schultern, um sich zu
vergewissern, ob wir sie immer noch anstarrten. Das taten wir
selbstverständlich.
Erreicht hatten wir damit allerdings nichts.
Das Glück war uns auf dem Rückweg hold. Das heißt, wahrscheinlich
spielte Glück nur in soweit eine Rolle, als dass wir nicht umgehend in
Schwierigkeiten gerieten. Denn unser Erfolg beruhte auf sorgfältiger
Beobachtung.

An der Reling des vorletzten Schiffes sahen wir einen übergeordneten


Seemann lehnen, der seinen untergeordneten Seeleuten Befehle erteilte. Sie
schleppten Säcke, Körbe und Krüge an Bord.
Der, der befahl, war von kräftiger Statur. Sein Haupthaar war schwarz,
dicht und durchzogen von silbernen Fäden. Den Bart dagegen musste er
einem todkranken Schr'chr'zig-Affen abgeschwindelt haben. Er bestand aus
so wenig Haaren, dass man sie noch aus zwei Schritt Entfernung mühelos
hätte abzählen können.
Während Fadenbart Befehle erteilte und sie mit Gesten der einen Hand
unterstrich, verzehrte er eine Pastete, die er in der anderen hielt. Er aß, als
wäre er einer von uns. Will sagen, er grub seine Zähne in die Speise und riss
Fetzen heraus, die er beinahe ohne zu kauen verschlang.
Wie wir schon am Vorabend gesehen und heute bestätigt gefunden hatten,
aßen F'zzmechs sonst anders, eben so, wie es ihre unbedeutenden Zähne
erlaubten. Fadenbarts Verhalten mochte ein Hinweis sein, dem sich
nachzugehen lohnte.
Ich sprach ihn forsch an: »Wohin fährst du?«
»Geht's euch etwas an?«, gab er zurück und beschloss, uns umgehend zu
vergessen.
»Wir sind jung und einfältig und würden gern etwas lernen«, brachte ich
uns in Erinnerung.
Fadenbart war belustigt.
»Weit weg«, antwortete er.
»Weit nach Norden, weit nach Süden oder weit nach Westen?«, hakte ich
nach.
Er sah uns einen nach dem anderen abschätzend an: »Selbst wenn ich euch
den Ort nennen würde, so könntet ihr mit dem Namen doch nichts anfangen.«
Damit hatte er Recht, wie ich im selben Augenblick erfuhr. Der Ort war
uns unbekannt. Doch das war nicht bedeutsam, da wir nicht erwartet hatten,
das Ziel auf kürzestem Wege zu erreichen. Außerdem gehörte der Reiseweg
zur zweiten Phase des Plans. Die erste entschied, ob es überhaupt weitere
gäbe.
Dass er uns sein Ziel genannt hatte, ahnte Fadenbart nicht. Woher hätte er
auch wissen sollen, dass es für uns ausreichte, wenn er laut genug daran
dachte? Und das tat er. Fadenbart versprach sich sehr viel von der Reise.
Ich preschte vor: »Was muss man tun, um mitgenommen zu werden? Wir
möchten gern hier weg.«
Wiederum betrachtete uns unser Gegenüber abschätzend: »Ich brauche
keinen Bootsjungen. Schon gar nicht vier. Außerdem ist's nicht erlaubt.«
»Ja, ja, bekannt«, entgegnete ich. »Aber ich dachte auch eher an
Schmuggel. Kotz ... hm ... Menschenschmuggel.«
Fadenbart spie aus, was er gerade im Munde hatte, und bemühte sich, eine
überraschte Schildkröte nachzuahmen: Er zog den Kopf so weit wie möglich
ein. Flugs blickte er von rechts nach links, um sich zu vergewissern, dass
niemand lausche. Die Sorge hätte ich ihm leicht nehmen können, doch wäre
Fadenbart nach meiner Erklärung vermutlich noch beunruhigter gewesen.
Außer meinen Gefährten war er der Einzige, der mich verstehen konnte.
»Von hinnen! Weg, husch, husch!«, krächzte er. »So reich seid ihr nicht! So
viel könnt ihr mir gar nicht bezahlen!«
Aha!
»Wir vielleicht nicht«, meinte ich. »Aber womöglich andere?«
»Welche anderen?«
Das war eine brenzlige Frage. Dass wir vier im Augenblick unter »große
Buben« liefen, hatten wir durch Zufall herausgefunden. Wie alt Zh'Urakrra
anderen erschien, konnten wir nicht beurteilen, vom Rest der Horde ganz zu
schweigen.
Lazzar-Linksauge kam mir bedacht zu Hilfe.
»Andere eben. Andere andere!«, erklärte er.
»Geht's euch etwas an?«, zitierte Rrual gewitzt Fadenbart.
»Das will ich wohl meinen!«, gab dieser entrüstet zurück. »Schließlich ist
es mein Schiff!«
»Es soll Euer Schaden nicht sein!«, beschwichtigte ihn Schätzlein.
Ich fragte mich noch, wo er die Redewendung aufgeschnappt haben
mochte, als ihn Rrual bereits tadelte: Erwiesen sei das nicht! Deshalb müsse
man keine voreiligen Versprechen abgeben.
Zziriff widersprach, das sei kein Versprechen gewesen, sondern eine feine
Ausdrucksweise, mithin etwas, wovon Rrual nichts verstehe.
Während sie leise weiterstritten, wiederholte Lazzar beharrlich: »Andere
andere!« Auch wenn seine Auskunft nichts erhellte, so schien sie Fadenbart
auf geheimnisvolle Weise zu befriedigen.
»Wie viele andere?«, flüsterte er.
»Insgesamt acht«, erklärte ihm mein Vetter.
Der F'zzmech pfiff zwischen den Zähnen und dachte so lange nach, dass
ich versucht war, Linksauges Beispiel zu folgen und ebenfalls zu
wiederholen: »Insgesamt acht!«
Dieses Vorgehen hatte sich schließlich bestens bewährt.
Endlich erklärte Fadenbart, was er für eine mögliche Mitnahme erwartete:
Gold, sehr viel Gold!
»Daran soll's nicht scheitern«, beschied Zziriff. »Und Euer Schaden
wird's zusätzlich nicht sein!«, fügte er trotzig hinzu, ohne Einzahn aus den
Augen zu lassen.
»Wir richten's aus!«, verkündete ich rasch, bevor die beiden ernsthaft zu
zanken anfingen. Ich fragte Fadenbart noch, wann er abzureisen gedenke,
dann entfernten wir uns in vollkommener Rautenformation.

Auf dem Weg in die Stadt berieten wir uns. Der springende Punkt war, dass
wir das, was Fadenbart begehrte, überhaupt nicht vorweisen konnten. Wir
besaßen kein Gold, schon gar nicht in der Menge, die er verlangte. Die
einzige Möglichkeit, die uns auf Anhieb einfiel, um an das Metall zu
gelangen, war zeitaufwendig und öde. Sie bestand darin, Nacht für Nacht den
Stadtkriegern aufzulauern und sie auszurauben. Der, den wir gestern mit
heimgebracht hatten, hatte eine Goldmünze besessen.
Wie ich erwähnte, ist unserem Volk Verschwendung ein Graus. Die
Aussicht, uns wegen des Goldes lange Zeit nur von rohem F'zzmech ernähren
zu müssen, war wenig verlockend. Schon unser gestriger Bekannter war
entgegen aller Erwartung keine Gaumenfreude gewesen. Überdies fiele
unsere derart gestaltete Beschaffung der Reisemittel womöglich bald auf.
Wir beschlossen, die Angelegenheit unseren Mentoren zu überlassen. Wir
vertrauten darauf, dass die Zims wussten, wie sie ein Elementarwesen
beschwören, in Furcht versetzen und erpressen konnten, damit es das
Benötigte besorgte.

Als wir in die Gasse einbogen, in der sich die Schmiede befand, wurden wir
von einer Frau angesprochen. Sie stand mit zwei anderen vor einem Haus.
Alle drei besaßen stattliche Halslappen, die ihnen ein würdevolles Aussehen
verliehen. Ein zweiter Blick offenbarte zahnlose Münder! Die Frauen taten
mir Leid. Mir war unbegreiflich, wie ihre Verwandten eine solche
Verwahrlosung mit ansehen mochten. In gesitteter Umgebung hätte man alle
drei schon vor Jahren von ihrer Schmach erlöst und aufgefressen.
»Ja wohnt dort denn wieder jemand?«, fragte die Frau.
»Wo?«, entgegneten wir.
»In der Schmiede!«, erklärte sie.
Wüssten wir nicht, antworteten wir, gingen zu unserer Unterkunft und
begehrten Einlass.
Die Tür wurde geöffnet, bevor sie uns beschimpfen oder mit Hunden
bedrohen konnte. Zh'Urakrra erwartete uns offenbar sehnsüchtig.
Ob wir etwas Besonderes erlebt hätten, erkundigte sich der Zim beiläufig,
nachdem wir eingetreten waren.
»Nein, nur Schweine beobachtet«, gab ich zurück.
Was Zh'Urakrra zu Buben einfiele, wollte Lazzar unverzüglich wissen.
Zh'Urakrra dachte lange nach. Das sei ein Wort, meinte er grüblerisch.
Man könne stattdessen auch Burschen oder Kerle sagen.
Linksauge wurde deutlicher: »Und in Verbindung mit uns? Buben und wir
– was fällt dir dazu ein?«
Dieses Mal war Zh'Urakrra schneller mit einer Antwort zur Hand. Er habe
es für klüger gehalten, unser Aussehen etwas zu verändern, meinte er.
Alle Klugheit müsse einmal enden, warf Rrual-Einzahn aufgebracht ein. In
diesem Fall am besten sofort!
Sein Einwand klang selbst in meinen Ohren nicht sonderlich überzeugend.
Nein, nein, widersprach mein Mentor denn auch sogleich. Alles sei gut,
wie es sei. Eingedenk der Schwierigkeiten, in die manche von uns an einem
gewissen Abend geraten waren, sei es klug, wenn manche von uns für Kinder
gehalten würden.
Rrual pflichtete ihm unerwartet bei. Klug und weise sei das allemal. Bei
manchen jedenfalls. Doch eingedenk dessen, dass nicht alle von uns ständig
in Schwierigkeiten zu geraten pflegten ...
Linksauge und ich blickten uns ungläubig an. Das konnte doch wohl nicht
wahr sein! Mein Vetter – sein Bruder – fiel uns ohne Hemmung in den
Rücken!
Verärgert erklärte ich, eingedenk dessen, dass manche Leute an einem
gewissen Abend keinerlei Bedenken gehabt hätten, sich mit den
Schwierigkeiten anderer Leute den Bauch voll zu schlagen, seien solche
Äußerungen hinterhältig zu nennen!
Zh'Urakrra wollte eben etwas dazu sagen, als jemand an die Tür pochte.
Ich wartete, doch das Pochen hörte nicht auf.
Ich warf unserem Zim einen Blick zu und fragte ihn, was mit seinem
Zauber sei. Ob er nur dazu diene, uns fern zu halten?
Mein Mentor zögerte mit der Antwort. Da der Zauber auch uns
abgeschreckt habe, erklärte er schließlich, habe er ihn wieder aufgehoben.
»Klug gehandelt!«, bemerkte ich bissig. Eingedenk dieser Veränderung sei
es bestimmt weise, auch andere Entscheidungen zu überdenken.
Mit diesen Worten bewegte ich mich zur Tür. Draußen stand ein Mann.
»Ja wohnt hier wieder jemand?«, fragte er, als habe er sich mit den drei
Frauen abgesprochen. Er versuchte einen Blick an mir vorbei in das Innere
der Schmiede zu erhaschen.
Noch gereizt von dem Wortwechsel, erwiderte ich: »Eingedenk dessen,
dass die möglichen Bewohner unfreundlich und ungesellig sind, geht dich das
nichts an!«
Ich schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
»Angenommen wir sprächen das Schlüsselwort, sodass die Trugbilder
verschwänden und wir unsere wirkliche Gestalt annähmen«, hörte ich Lazzar
Gedankenspiele treiben.
»Dann könntet ihr die Schmiede leider nicht mehr verlassen!«, gab mein
Mentor zurück. »Es ist nicht das schlimmste Los, seine Tage in einem
kuscheligen, modrigen Gelass verbringen zu müssen. Ein bisschen eintönig
könnte es vielleicht im Laufe der Zeit werden.«
»Du müsstest uns eben neu verwandeln, aber dieses Mal richtig!«, meinte
der Vetter.
»Nicht notwendig.«
»Wie, nicht notwendig?« Linksauge war verwirrt. »Wir wären dir keine
Hilfe mehr!«
»Hilfe?«, wiederholte Zh'Urakrra spöttisch. »Eingedenk dessen ...«
»Schon gut!«, unterbrach ich ihn. Er war sichtlich nicht bereit, sich
umstimmen zu lassen. Ich ging zu Rrual, um ihn sein versuchtes Überlaufen zu
Zh'Urakrra büßen zu lassen.
»Ich habe das nur Zziriffs wegen getan«, entschuldigte er sich geschwind.
Verblüfft blickte ich zu Schätzlein. Er sah aus wie immer. Einzahn hatte
keinen Grund, sich bei ihm einzuschmeicheln.
»Zur Versöhnung!«, fuhr Rrual mit eigentümlicher Betonung und leichtem
Glitzern in den Augen fort. »Wegen des Streits, den wir vor dem Schiff
hatten. Du erinnerst dich doch?«
Ich begriff jäh, worauf er hinaus wollte.
»Etwa, als ich mit dem Kapitän sprach?«, fragte ich scheinheilig, das
Wort »Kapitän« ebenso auffällig betonend, wie es der Vetter mit »Schiff«
vorgemacht hatte.
»Ja, als du fragtest, was er für die Reise verlange«, mischte sich
Schätzlein ein.
»Welches Schiff?«, verlangte die vertraute Stimme meines Mentors zu
wissen. »Welcher Kapitän?«
So leicht wollten wir es Zh'Urakrra nun auch nicht machen. Wir taten alle
so, als hätten wir ihn nicht gehört, steckten die Köpfe zusammen und setzten
unser wenig aussagekräftiges Gespräch über Schiffe und Kapitäne fort.
»Rrual, Zziriff, Lazzar, K'Kessu! Worüber redet ihr?«, wiederholte
Zh'Urakrra beharrlich.
»Nur Bubengewäsch«, erklärte ihm Lazzar mit boshaftem Lächeln. »Man
könnte auch Burschengewäsch oder Kerlegewäsch dazu sagen.«
Wir ließen meinen Mentor eine Weile schmoren. Er wusste nur zu gut, was
wir von ihm wollten.
Schließlich gab Zh'Urakrra nach und erklärte sich bereit, uns unser
gestriges Aussehen zurückzugeben. Davon, uns auch die Waffen
auszuhändigen, wollte er jedoch nichts wissen.
Eine Zeit lang geschah nun gar nichts. Wir warteten allesamt stumm.
Zh'Urakrra darauf, dass wir ihm von dem Schiff berichteten, wir hingegen,
dass er mit seiner Zauberei begänne.
Mein Mentor seufzte schwer, als ihm der Grund unseres Schweigens
aufging. Der Zeitpunkt zur Erfüllung seines Teils der Abmachung sei
augenblicklich nicht günstig, erklärte er.
»Warum?«, begehrte Lazzar-Linksauge zu wissen.
Weil das so sei, belehrte ihn Zh'Urakrra unwirsch. Im Augenblick sei's
ihm eben ungelegen. Ob wir etwa neuerdings zauberkundig seien? Wir
müssten seinem Wort schon vertrauen! Überhaupt sei ihm unverständlich, wie
wir wegen einer Kleinigkeit ein solches Aufhebens machen konnten. Wir
wüssten ja nicht einmal zu sagen, was unser gestriges Aussehen vom heutigen
unterschiede. Allein wären wir nie und nimmer darauf gekommen, dass er
irgendetwas an uns verändert habe!
Wir vier blickten uns an. Zh'Urakrra hatte Recht. Wir waren ihm auf
Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er konnte mit uns machen, was er wollte,
ohne dass es uns auffallen würde.
Nun, nicht ganz. Wenn er uns etwa in Schweine verwandelte, würden wir
es erkennen.
Schätzlein hatte einen schlauen Einfall. »Wie unterscheidet man eigentlich
alte und junge F'zzmechs?«, fragte er aus heiterem Himmel.
Zh'Urakrra verkannte den Grund seiner Neugier.
Größe sei nur ein Anhaltspunkt von vielen, erläuterte er bereitwillig. Das
Aussehen der Haut, Haarwuchs, Körperrundungen, Proportionen seien
andere.
Er kam ins Reden. Er kam sogar sehr ins Reden. Bald langweilten wir uns
und hörten ihm nicht mehr zu. Ich nahm nicht an, dass es ihm auffiel.
Plötzlich erhoben sich Rrual und Zziriff einvernehmlich und gaben an, nun
gehen zu müssen. Zh'Urakrra blickte sie verständnislos an.
Wissensdurst treibe sie hinaus, behauptete Rrual. An der Zeit sei es,
jugendliche Einfalt und Unwissenheit abzustreifen! Sie hätten vor, dieselbe
Taverne aufzusuchen, in der Linksauge und ich gestern waren, um dort eifrig
Bräuche und Verhalten der F'zzmechs zu studieren. Wir hätten nämlich den
ganzen Tag mit unserem beachtlichen Zuwachs an Wissen geprahlt.
Davon stimmte kein Wort.
Linksauge spielte unsere Kenntnisse herunter: So viel sei es auch nicht
gewesen, dass er und ich sie nicht noch weiter vertiefen könnten. Am besten
gleich!
Ich war empört. Nicht über Linksauge, der – treuer Freund! – auch an
mich dachte, sondern Schätzleins wegen. Erst brockte er uns Zh'Urakrras
langatmigen Vortrag ein, dann suchte er mit Rrual-Einzahn das Weite. Bevor
ich Einwände vorbringen konnte, brachte mich Zziriff mit einem
schmachtenden Blick zum Verstummen. Zwar bedeutete mir sein Blick
gegenwärtig ebenso wenig wie ihm, doch ich wollte mir nichts verbauen für
den Fall, dass das einträte, was Linksauge, Einzahn und ich erhofften.
Zh'Urakrra traf seine Entscheidung: Mehr als zwei sollten nicht gehen.
Ständig allein zu sein sei ihm zu langweilig.
Lazzar und ich trauten uns nicht, ihm zu sagen, dass die Tatsache, ihm
hilflos ausgeliefert zu sein, auch nicht unbedingt etwas war, was einem den
Atem vor Spannung stocken ließ.

Mein Mentor verabschiedete unsere Gefährten, ermahnte sie, nichts und vor
allem niemanden mitzubringen, und wandte sich wieder uns zu, als sie
gegangen waren.
»Wo bin ich stehen geblieben?«, fragte er.
Eine schwere Frage, da seiner zweiköpfigen Zuhörerschaft trotz
erheblicher Anstrengung nicht einfallen wollte, worüber er die letzte Stunde
gesprochen hatte. Damit unser Unwissen nicht auffiel, ließen wir Zh'Urakrra
reichlich Zeit, selbst die Antwort auf seine Frage zu finden. Er wirkte
zerstreut, als er fortfuhr: »Da unsere Vorfahren bei der Folter des Sskrrechs
nicht herausfanden, wie unser Tal verlassen werden konnte – vermutlich weil
der Beinahegott nur etwas ausgeführt hatte, ohne zu verstehen, was er tat –,
galt über zwei Jahrtausende als sichere Erkenntnis, dass es nicht mehr
möglich sei. Man stellte sich Maru-Zha wie einen Stein in einem Bach vor,
der aber nicht von Wasser umgeben war, sondern von einem Abgrund aus
Zeit. Wie jedoch der H'Ranga-Arran bei seiner Ankunft bekundete, war er
durch Zufall zu uns gelangt, woraus sich zu ergeben schien, dass entweder
der Zauber des Sskrrechs allmählich zusammenbrach oder womöglich schon
immer eine versteckte Brücke über den Abgrund aus Zeit bestanden hatte.
Beides war falsch.
Einer der damaligen Denkansätze lautete, dass die Wirklichkeit unserem
Schuppenkleid ähnle, also mitnichten einheitlich und lückenlos sei. Vielmehr
sei bei der Versetzung des ursprünglichen Tals in der Zeit Vergleichbares
geschehen, als presse man Teig vorsichtig durch ein unerhört feines und
dünnmaschiges, aber klebriges Sieb. Dem gesiebten Teil des Teigs sähe man
wegen der Feinheit nicht an, dass etwas mit ihm gemacht worden sei, ebenso
wenig dem Teil, der noch im Sieb hinge. Man habe vielmehr den Eindruck
zweier gleich großer Teigklumpen. Es sei denn, man wäre hinreichend klein,
um die schmalen Spalten und Lücken zu entdecken oder – um das Bild zu
verlassen und in Begriffen der Zeit zu reden – hinreichend langsam!
Die spannende Frage war, was geschähe, wollte man den Vorgang mit
zwei Sieben und zwei Teigen ausführen, die Siebe vertauschen und sie samt
des in ihnen verbliebenen Teigs ein weiteres Mal durch den jeweils anderen
Teig führen, sodass sich die Spalten wieder füllten, aber eben mit dem
anderen Teig. Das Ergebnis entspräche dem ursprünglichen Teig, aber
irgendwie doch wieder nicht. Der neue Klumpen wäre geteilt in zwei fremde
Hälften, doch so, dass man es nicht merken würde. Alles wäre gut
durchmischt, aber immer noch fein säuberlich getrennt. Um das Bild erneut zu
verlassen: Zwei fast gleiche, aber grundverschiedene Orte wären beinahe an
derselben Stelle! Daher gäbe es nun immer zwei Wege, die von ›hier‹ und
von ›gleich daneben‹ nach ›dort‹ und ebenfalls ›gleich dort daneben‹ führten.
Ginge man nun von ›hier‹ nach ›dort‹, so wäre das vergleichbar mit dem
Überqueren eines Baches, in den Steine geworfen wurden. Jemand mit
hinreichend langen Beinen schritte von Stein zu Stein, ohne nass zu werden.
Doch verbände man ihm die Augen, so träte er vielleicht immer neben einen
Stein. Ohne Augenbinde wäre nur die Länge der Beine und die Größe der
Füße entscheidend. Doch wehe den Kurzbeinigen und Kleinfüßigen! Wie
leicht könnten sie sich ungewollt verlaufen!
Damit schloss sich sogleich die nächste Frage an: Wie viele Teige könnte
man derart vermischen? Anders ausgedrückt: Wann ließe sich – da es sich
um Pakte mit Z'Navv handelt – der Geber der Zeit nicht weiter
einschüchtern? Könnte man Z'Navv in die Ecke drängen?
Was hat meine Erläuterung nun mit Zziriffs Frage zu tun, wie man alte von
jungen F'zzmechs unterscheiden kann?«
Zh'Urakrra sah mich durchdringend an.
Ich starrte zurück, darauf hoffend, dass die Frage nicht ernst gemeint war,
sondern nur »rhetorischer« Natur. Leider musste ich feststellen, das mich
mein Mentor genauso erwartungsvoll ansah wie ich ihn. Welche Antwort
wollte er hören?
»Ich weiß es nicht«, beendete ich freimütig das Schweigen.
»Ich auch nicht«, hörte ich Zh'Urakrra mit rauem Unterton sagen.
»Niemand weiß das!«
Angestrengt überlegte ich, wie ich ihm einigermaßen respektvoll erklären
könnte, was ich davon hielte, dass er mich mit Fragen behelligte, deren
Antwort er selbst nicht kannte. Bevor ich aber etwas sagen konnte, ergriff
Lazzar das Wort. Er hatte Zh'Urakrras Hinterhältigkeit vor mir durchschaut:
Irgendwann musste mein Mentor doch gemerkt haben, dass wir ihm nicht
zuhörten. Danach hatte er erzählt, was ihm gerade in den Sinn kam! Ich zog
aus dieser Erfahrung augenblicklich eine wichtige Lehre: Unterschätze
niemals einen Zim, vor allem, wenn er gleichzeitig dein Mentor ist!
Linksauges Antwort suchte ihresgleichen: »Ich gebe zu bedenken,
Zh'Urakrra, dass dir der abwesende Zziriff die Frage gestellt hat. Nicht wir!
Wir haben nämlich nur aus Höflichkeit zugehört. Unser an den Tag gelegtes
gutes Benehmen ist gewiss kein Grund, uns nun Vorhaltungen zu machen.«
Zh'Urakrra sah den Vetter an, als wolle er ihn gleich beißen. Er öffnete
und schloss den Mund, was bei seinem gegenwärtigen Aussehen wenig
einschüchternd wirkte. Mir erschien es weise, ihn nicht darauf hinzuweisen.
»Höflichkeit?«, wiederholte Zh'Urakrra. Er klang gefährlich. Zims sind
ebenfalls Krieger. Unser gesamtes Volk besteht aus Kriegern, wie ich bereits
erwähnte. »Darüber mag ich nicht rechten ... Was jedoch das Zuhören
anbelangt ... Das Schiff! Auskunft! Sofort!«
So erzählten wir ihm eben unser Erlebnis.
Zh'Urakrra hatte mehrere Fragen. Seine erste war, ob ich mich nicht
künftig dem Tyrannenrecht widmen wolle, da ich mir offenbar einbilde, einen
F'zzmech allein anhand seiner Essgewohnheiten bis in die verborgensten
Winkel seiner Seele ergründen zu können.
»Nein, nicht wünschenswert«, entgegnete ich rasch und erklärte, dass der
Verzehr der Pastete nur einer von vielen Hinweisen gewesen sei, der mich zu
meiner wohl bedachten Einschätzung bewogen habe. Als läge man in der
Sonne und würde danach nur erzählen, es sei warm gewesen. In der Tat hätte
man aber auch den Wind gespürt, Erschütterungen des Bodens gefühlt,
Schatten gesehen, Bewegungen bemerkt, Stimmen gehört, dem Gezwitscher
der Vögel gelauscht ...
»Oder dem Summen der Bienen?«, warf Zh'Urakrra ein. »Ist es nicht
wunderbar, was man an einem faulen Nachmittag alles erleben kann?«
Diese Bemerkung hätte er sich schenken können.
Als Nächstes fragte Zh'Urakrra, warum wir glaubten, dass uns Fadenbart
überhaupt ernst genommen habe.
Überzeugendes Auftreten, schlugen wir vor. Zwar seien wir durch unser
ungünstiges Erscheinungsbild behindert gewesen, für das bekanntlich andere
verantwortlich seien, denen man einen Hang zu tyrannischen Entscheidungen
nicht absprechen könne, doch hätten wir uns unter den erschwerten
Umständen ganz gut behauptet.
»Wenn es eine Falle ist?«, gab Zh'Urakrra zu bedenken. »Wenn er nur zum
Schein auf euer Verlangen einging, aber plant, die Stadtkrieger zu rufen,
sobald er unser Gold in Händen hält?«
Ich erinnerte ihn daran, dass wir überhaupt kein Gold besaßen.
Zh'Urakrra entgegnete, das solle ich seine Sorge sein lassen.
Wir seien nicht gewillt, alles zu ertragen, warnte ihn Linksauge.
»Ich weiß nicht, wovon du redest«, antwortete mein Mentor. »Mich
verlangt auch nicht danach, es zu wissen. Verlasst euch auf mich!«
Verlasst euch auf mich ... Keine langen Worte, um uns einen
unschmackhaften Vorschlag schmackhaft zu machen. Das war beruhigend.
Wahrscheinlich gehörte es zur Aufgabe der fehlenden Mitglieder unserer
Horde, die Hürde zu beseitigen.
Zh'Urakrra stellte keine weiteren Fragen mehr. Er wolle Fadenbart
morgen persönlich in Augenschein nehmen, erklärte er nur. Ich würde ihn
begleiten.
Ob er meiner Einschätzung nicht traue, fragte ich beleidigt.
Darum ginge es nicht, gab er zurück. Er sei ein besserer Menschenkenner
als wir, da er alle Berichte über die F'zzmechs studiert habe ... und nicht nur
aus Höflichkeit.
Lazzar sah mich kopfschüttelnd an und meinte, dass er nicht verstünde,
wie ein gebildeter Zim so kleinlich und nachtragend sein könne.
Mir sei das auch oft ein Rätsel, gestand ich ein.
Wir sollten uns nicht stören lassen, bemerkte Zh'Urakrra. Er verfolge
unser Gespräch nur aus Höflichkeit.
Nach diesem Schlagabtausch unterhielten wir uns recht angeregt mit ihm.
Zh'Urakrra kann unterhaltsam sein, wenn er will. Er macht jedoch nur selten
von dieser Fähigkeit Gebrauch. Während unseres Marsches nach Tuzak
entwickelte Einzahn sogar die Theorie, die rare Kurzweiligkeit meines
Mentors habe »dramaturgische Gründe«. Er wisse sich eben meisterlich in
Szene zu setzen.

Später stießen Rrual und Zziriff in aufgeräumter Stimmung wieder zu uns.


Zh'Urakrra stellte die üblichen Fragen, die sie zu seiner Zufriedenheit
beantworteten. Linksauge und mir hingegen kam der Frohsinn unserer
Gefährten verdächtig vor. Da wir ihrer Auskunft nicht trauten, fragten wir sie
insgeheim, wie sie den Abend verbracht hätten.
»Wir haben lange Sagen oder Schlagen gespielt«, berichtete Zziriff
vergnügt.
»Nur ihr beiden?«
»Nein, zwei F'zzmechs haben uns Gesellschaft geleistet. Wir haben ihnen
die Regeln erklärt.«
Lazzar und ich drückten Zweifel an der Behauptung aus. Ganz so einfach
sei das Spiel schließlich nicht, dass man es in wenigen Augenblicken
erlernen könne.
»Deshalb haben wir auch nicht schlecht dabei abgeschnitten«, meinte
Zziriff heiter.
Das sei zu erwarten, sagte Lazzar.
Er rückte näher an Schätzlein heran.
»Fehlt nicht noch eine Erklärung?«, fragte er. »Für das Spiel benötigt man
bekanntlich einen Schwanz. Soweit ich mich erinnere, haben F'zzmechs
keinen. Das muss den Mitspielern doch aufgefallen sein.« Seine Stimme
wurde zu einem Flüstern: »Wo habt ihr sie liegen lassen? Vor der Tür?«
Rrual entrüstete sich: »Man möge uns nicht die Gewohnheiten anderer
Leute unterstellen! Wir sollten niemanden mitbringen. Daran haben wir uns
gewissenhaft gehalten. Selbstverständlich liegen beide noch in der Schenke!«
Ich blickte zu Zh'Urakrra und seufzte: »Das gibt Schelte!«
»Mitnichten«, beruhigte mich Einzahn. »Sie sind wohlbehalten. Auch nach
ihrer Auffassung. Unsere Mitspieler waren völlig betrunken, weshalb ihnen
ihr Mangel nicht auffiel. Wir handeln doch nicht leichtfertig!«
Linksauge war nicht davon zu überzeugen, dass ein Spiel mit
unvollständigen Mitspielern Spaß machen könne.
»O doch!«, strahlte Zziriff. »Wir haben andauernd gewonnen!«
6.

Als ich am nächsten Tag erwachte, schob Zh'Urakrra gerade mit den Händen
einige bunte Steine zusammen, die er vor sich ausgebreitet hatte, und packte
sie in einen Beutel: Opale. Ich war erstaunt, dass er sie von zu Hause hatte
mitnehmen dürfen. Soweit ich wusste, besaßen unsere Zims nicht viele der
Edelsteine, die sie für manche Zauber benötigten – rare und damit wertvolle
Gegenstände.
Er plane doch nicht etwa, mit diesen Kostbarkeiten Fadenbart zu
bezahlen?, fragte ich Zh'Urakrra.
»Nein!«, antwortete er bestimmt. »Sie dienten mir dazu, euren launischen
Einfällen nachzukommen.«
Mir sei keine Launenhaftigkeit bewusst, entgegnete ich verschlafen. Dann
verstand ich, was er damit sagen wollte. Umgehend weckte ich die anderen
und teilte ihnen mit, dass Zh'Urakrra uns unser vormaliges Aussehen
zurückgegeben habe. Im Nu waren alle wach und betrachteten zunächst sich,
danach ihr jeweiliges Gegenüber und drückten ihre Zufriedenheit aus. Ich
lobte Zh'Urakrra dafür, dass er sich an die Abmachung gehalten hatte, und
erklärte, dass wir uns nun weit besser und entschlossener fühlten.
Schätzlein und meine Vettern nickten zustimmend.
Zh'Urakrra bemerkte, dass er es seltsam finde, dass gerade ich ihn lobe,
sei ich doch der Einzige, an dessen Aussehen er nichts verändert habe.
Ich fühlte mich zurückgesetzt und erkundigte mich vorwurfsvoll nach dem
Grund fehlender Gleichbehandlung: Wenn mein Mentor dem Irrglauben
erlegen sei, mir etwas heimzahlen zu müssen, dann hätte er seine
Launenhaftigkeit auch anders ausleben können! So aber sei ich gezwungen,
sein Handeln als kleinlich zu bewerten.
Während ich sprach, musterten sich Zh'Urakrras restliche Opfer
misstrauisch. Rrual-Einzahn nörgelte, er habe sich stattlicher aussehend in
Erinnerung, worauf ihm Zh'Urakrra knurrend beschied, er möge sich von
Zziriff diese Flausen austreiben lassen. Denn der habe sich bekanntlich
kundig gemacht und könne ganz genau beurteilen, wie alte und junge
F'zzmechs zu unterscheiden seien.
Alles habe seine Richtigkeit, beruhigte Schätzlein Linksauge und Einzahn
zögernd nach längerem Nachdenken.
Mein berechtigter Vorwurf stand immer noch im Raum.
Ob ich mich erinnern würde, fragte Zh'Urakrra, dass ich ihn heute zu
Fadenbart führen wolle?
Gewiss, meinte ich, doch sei es unserem Anliegen kaum förderlich, wenn
ich dem Kapitän in mickriger und unansehnlicher Bubengestalt gegenüber
träte.
Wie mich Fadenbart denn ansonsten wieder erkennen solle, fragte
Zh'Urakrra spitz.
Ich öffnete und schloss den Mund.
Darüber hätte ich die halbe Nacht nachgedacht, behauptete ich. Nach
Abwägen von Für und Wider sei ich zu der leidigen Einsicht gelangt, dass
mein Aussehen noch einige Stunden bleiben müsse, wie es jetzt sei. Im
Halbschlaf hätte ich diese Erleuchtung leider vergessen. Nur müssten mein
Mentor und ich uns fest merken, dass wir es nicht bei diesem Zustand
belassen wollten. Derlei Abmachungen vergesse man im Strudel der
Ereignisse leicht.

Als Zh'Urakrra und ich später aufbrechen wollten, äußerten unsere Gefährten
den Wunsch, uns begleiten zu dürfen. Zh'Urakrra verwehrte es ihnen. Sie
müssten das Haus hüten, für den Fall, dass der Rest der Horde einträfe.
Lazzar meinte, es reiche wohl, wenn sein Bruder Rrual die Aufgabe
übernehme. Er sei klug und nicht damit überfordert.
Einzahn meinte, dass das wohl stimme, er aber nicht gerne klug sei.
Zh'Urakrra wurde böse.
Wir sollten uns abgewöhnen, die F'zzmechs zu unterschätzen, tadelte er
uns schroff. Wir seien nicht bloß außerhalb unseres Tales, sondern im
Grunde in einer fremden Welt, über die wir kaum mehr wüssten, als wie sie
vor über zweitausend Jahren ausgesehen habe. Und auch darüber sei unser
Wissen spärlich. Der Besuch bei Fadenbart könne ungünstig verlaufen,
sodass womöglich rasches Handeln erforderlich sei. Ungünstig sei es in
einem solchen Fall, wenn er uns erst suchen müsse.
»Auch die F'zzmechs haben Zauberer«, gab er zu bedenken. »Manche von
ihnen besitzen Kenntnisse, die mir fremd sind. Wozu ihnen der Pakt mit dem
Machtwesen Zugang verschafft hat, wage ich nicht zu beurteilen.«
Das hörten wir nicht gerne. Zh'Urakrra beruhigte uns sogleich wieder:
Auch er habe Kenntnisse, die den F'zzmech-Zauberern unbekannt seien.
Wenn der Besuch bei Fadenbart ein solches Wagnis darstelle, gab Lazzar
zu bedenken, sei es dann nicht vernünftig, ihm und den anderen beiden zu
verraten, wo Zh'Urakrra die Waffen versteckt hielte?
Unser Zim dachte einen Augenblick darüber nach, wie er der selbst
gestellten Falle entkommen könne. Dann sagte er knapp »Nein!« und schob
mich zur Tür hinaus.

7.

Die Stadt sah nicht anders aus als tags zuvor. Ich erklärte Zh'Urakrra, dass es
nicht nötig sei, die Häuser zu betrachten. Dieser Brauch sei bei weitem nicht
so verbreitet, wie wir angenommen hätten. Seine Bedeutung werde arg
überschätzt.
Da Zh'Urakrra abwesend wirkte, fragte ich ihn, ob er schon einmal mit
einem Machtwesen zu tun gehabt habe.
»Z'Navv ist das einzige«, antwortete er, »und der ist H'Ranga, also von
anderer Art und damit vergleichsweise gutwillig. Doch wie du weißt, ist
auch dem Geber der Zeit nicht zu trauen. Er ist durchtrieben und hinterhältig
und wird – falls man ihm nicht überzeugend darlegt, was ihm blüht – keine
Gelegenheit auslassen, einen zu hintergehen.«
Diese Einschätzung traf auf viele H'Rangarim zu. Als sie noch lebten,
hatte sich die Hälfte unserer Götter auf gleichgültiges Beobachten
beschränkt, während der Rest seine Launen an uns ausgelassen hatte. Auch
Krr'Thon'Chh, unser Vater und Schöpfer, war H'Ranga gewesen und war es
immer noch. Seine Bösartigkeit hatte unserem Volk lange zu schaffen
gemacht. Noch tot – so tot wie unsterbliche Götter eben sein können – war er
uns eine arge Plage gewesen. Nur mit Hilfe des H'Ranga-Arran, den uns
unsere gütige Pflegemutter – Maru-Zha – geschickt hatte, war es uns
gelungen, ihn zu überwinden, bevor er uns alle vernichten konnte. Sich
Krr'Thon'Chh, den Zermalmer, als »vergleichsweise gutwillig« vorzustellen,
fiel mir schwer.
Um Zh'Urakrra aufzuheitern, führte ich ihn zu dem Markt, den wir gestern
entdeckt hatten. Einer der F'zzmechs erinnerte sich an mich und beschwerte
sich sogleich bei meinem Mentor, den er für meinen Verwandten hielt, dass
ich und meine Gefährten seine Tiere wild gemacht hätten. Zh'Urakrra hörte
sich die Klage wortlos an, bis der F'zzmech plötzlich wegen des zunehmend
lauter werdenden Gackerns und Quiekens um ihn herum zu der Einschätzung
gelangte, man habe es wohl mit einer Familienunart zu tun. Doch statt uns wie
gestern vom Markt zu verscheuchen, schlug er uns vor, zu einem anderen
Händler zu gehen. Der habe das lohnendere Angebot, erklärte er vertraulich.
Er beschrieb uns genau, zu welchem wir gehen sollten. Wir befolgten den
Rat, da uns einerlei war, an welchen Schweinen wir uns erfreuten.
Dem zweiten F'zzmech erklärten wir, auf Empfehlung zu kommen, und
widmeten uns sogleich dem Anstarren seines Viehs. Welche Freude wir bei
seiner Beobachtung empfanden!
Schon nach kurzem fragte der zweite F'zzmech, wer uns denn geschickt
habe, und sandte uns zum Ersten zurück. Der empfing uns nicht mehr
freundlich. So endete der Marktbesuch ähnlich wie der gestrige.

Fadenbart war leicht zu finden. Wie am Vortag stand er an der Reling seines
Schiffes, aß aber nicht, was ich bedauerte, da mir so die Gelegenheit entging,
Zh'Urakrra zu zeigen, welche Hinweise mich zu meinem treffsicheren Urteil
bewogen hatten. Stattdessen unterhielt sich der Kapitän mit einem Mitglied
seiner Mannschaft. Mit einer leichten Kopfbewegung schickte Fadenbart den
Matrosen fort, als er mich erkannte.
»Du weißt, warum ich hier bin?«, sprach ihn Zh'Urakrra an.
Fadenbart zuckte ahnungslos die Schultern.
»Mein ... Neffe ... sprach gestern mit dir.«
»Mag sein, mag auch nicht sein«, antwortete Fadenbart unbeteiligt. »Hier
kommen viele vorbei.«
»Aber nicht alle reden über Gold und darüber, dass sie auf deinem Schiff
mitgenommen werden wollen. Da du dem Buben womöglich sein Begehren
nicht glaubtest, schien es mir angebracht, selbst mit dir zu reden. Was
verlangtest du doch gleich für deine Dienste?«
»Psst!«, warnte Fadenbart und nannte leise noch einmal seinen Preis.
Er war höher als gestern. Ich war außer mir!
»Nur recht und billig«, willigte Zh'Urakrra zu meiner Verwunderung ein.
»Für alle acht, nicht wahr?«
Fadenbart war anzusehen, dass er nach einer Möglichkeit suchte, den
Preis noch weiter in die Höhe zu treiben.
»Ohne Verpflegung natürlich!«, meinte er. »Was an Bord meines Schiffes
gegessen wird, bestimme selbstverständlich ich.«
»Nicht mehr lange, wenn er so weiter macht«, raunte ich Zh'Urakrra zu. Er
beachtete mich jedoch nicht, sondern empfahl Fadenbart, reichlich
Verpflegung zu besorgen, da wir während der Reise nicht zu darben
wünschten.
»Trinkwasser – ist das enthalten?«, fügte er hinzu, einem Geistesblitz
gehorchend.
Oh, das habe er beinahe vergessen, heuchelte der Kapitän grinsend. Da
müsse man zusätzliche Fässer besorgen, die verständlicherweise nicht
umsonst zu erhalten seien.
Mein Mentor zeigte sich auch damit einverstanden, als besäße er auf
einmal alles Gold der Welt. Unvermittelt fragte er: »Wirst du uns an die
Stadtkrieger ausliefern, sobald wir dich bezahlt haben?«
Fadenbart lachte verhalten. Mir entging nicht, dass sein Blick bei
Zh'Urakrras Frage merkwürdig glasig geworden war.
»Da wäre ich schön blöd! Die nähmen mir alles ab und würden mich
anschließend foltern, um an noch mehr zu gelangen.«
»Gut so!«, pflichtete Zh'Urakrra zufrieden bei.
Nachdem er und Fadenbart noch einige Einzelheiten besprochen hatten,
gingen wir.
Später äußerte Zh'Urakrra, dass er sich beinahe wünsche, dass unsere
Gefährten nicht rechtzeitig einträfen. Wir hätten bisher so viel Glück gehabt,
dass wir mit weiterem nicht rechnen könnten. Er sehe unserer Reise mit
großer Sorge entgegen.
Ich fragte ihn, ob es ihm lieber gewesen wäre, wenn wir Monde gebraucht
hätten, um ein Schiff zu finden, Tag für Tag zum Hafen hätten hinabsteigen
müssen, am besten noch dabei in etliche Kämpfe verwickelt worden wären
... Ich tadelte ihn: Solche Schwarzmalereien erwarte man eher von einem
Vertreter des Rechtlosen und Widerwärtigen Rechts. Darüber möge er
nachdenken.
Zh'Urakrra meinte daraufhin, er wisse meinen Rat zu schätzen, zöge es
jedoch vor, wenn ich umgehend den Mund hielte.

8.

Am übernächsten Tag waren unsere restlichen Gefährten immer noch nicht


eingetroffen. Die Zeit wurde knapp. Entgegen seiner früheren Aussage war
Zh'Urakrra nicht glücklich darüber – der wusste auch nicht, was er wollte!
Da uns auf dem Markt trotz veränderten Aussehens mittlerweile offene
Feindschaft entgegenschlug, waren uns weitere Besuche dort verwehrt,
sodass uns nur noch übrig blieb, die Tage damit zu verbringen, vom Rand des
Plateaus, auf dem die Stadt lag, hinab in den Hafen zu sehen und Fadenbarts
Schiff zu beobachten. Wegen der Regenzeit wurde uns auch diese Freude
vergällt. Uns störte die Nässe zwar nicht, wohl aber die Einheimischen. Sie
nahmen Anstoß daran, dass es uns nichts ausmachte, gemütlich im
strömenden Regen zu liegen und über die Felskante in die Tiefe zu blicken.
Allenthalben kam einer von ihnen vorbei, um uns darauf hinzuweisen, dass
wir nass würden. Als hätten wir das nicht selbst gewusst!
Einmal sprach uns sogar ein Stadtkrieger an. Ob das ein verrückter
Brauch von uns Affen sei, wollte er wissen.
Wir verneinten. Die Antwort befriedigte ihn nicht. Er warnte uns: Wenn
wir uns einbildeten, mit unserem Benehmen die Obrigkeit in Verruf bringen
zu können, so werde das übel für uns enden! Maraskan ginge wieder
aufrecht, seitdem strenge Zucht und Ordnung herrschten!
Wir berieten kurz, ob wir den Störenfried über die Klippe werfen sollten.
Doch die Vorstellung, dass wir seine Überreste wieder hätten hoch holen
müssen, hielt uns davon ab. Denn die Treppe wirkte wegen des Regens noch
gefährlicher. Man soll sein Glück nicht herausfordern. Also erhoben wir uns
um des lieben Friedens willen.

Am dritten Tag erhielten wir Besuch. Wie schon zuvor ging ich zur Tür, um
jeden, der Einlass begehrte, abzuwimmeln. Draußen wartete eine hagere,
knochige Frau. Sie ließ mich gar nicht zu Wort kommen.
Sie wisse, dass wir als Eigenbrötler verschrien seien, auch nicht gewillt,
mit irgendjemanden zu reden, aber bei ihr würden wir bestimmt eine
Ausnahme machen, behauptete sie.
Warum?, fragte ich.
Weil alles andere ein Fehler sei, antwortete sie leise. Sie sei vor einigen
Tagen in einer Taverne gewesen und habe miterlebt, wie zwei Gäste
abgeführt worden seien. Einer davon habe eine bemerkenswerte Ähnlichkeit
mit mir gehabt.
Mir ginge es gut, beruhigte ich sie. Sie brauche sich keine Sorgen zu
machen.
Sorgen um mich mache sie sich keineswegs, erwiderte die Frau. Ich hätte
mehr Grund dazu, mir welche zu machen.
Daraufhin ließ ich sie eintreten.
Die Frau benötigte einige Augenblicke, um sich an das Halbdunkel zu
gewöhnen. Meinen Vetter Linksauge erkannte sie gleich, wie an ihrem »Aha,
der andere!« zu hören war.
Während sich die F'zzmech an das schwache Licht gewöhnte, gingen
meine Gefährten unmerklich in Stellung. Wir sind Krieger.
Zh'Urakrra sprach unsere Besucherin an. »Was willst du?«, fragte er grob.
»Ich dachte, ihr solltet wissen, dass die Templer seit Tagen die Stadt
durchkämmen. Sie suchen zwei junge Männer, die kürzlich Damolds Taverne
in Begleitung von fünf Gardisten verließen. Vier der Gardisten hat man
später tot aufgefunden. Vom fünften und den beiden Verhafteten fehlt jede
Spur.«
Sie blickte Linksauge an und dann mich. Da ich den Eindruck hatte, dass
die Frau eine Antwort erwartete, gab ich sie ihr: »Nein, nicht wissenswert!«
Zh'Urakrra wiederholte seine Frage: »Was willst du?«
Die Frau war ob unserer Gelassenheit ein wenig verärgert.
»Ich mag die Templer nicht. Aber von irgendetwas muss man schließlich
leben. Ein Hinweis, wo die Gesuchten zu finden sind, wäre ihnen sicher eine
Belohnung wert.«
»Und du denkst, wir könnten dir mehr bieten als sie? Schau dich nur um.
Wir haben nichts!«
Die Schmiede sah wahrlich nicht nach Reichtümern aus.
»Dann lasst euch etwas einfallen!«, riet uns die Frau schroff. »Grundlos
werdet ihr den einen nicht mitgenommen haben. Ihr habt ihn bestimmt
ausgenommen, bevor ihr ihn beiseite geschaffen habt.«
»Haben wir nicht«, antwortete ihr Rrual. »Wir haben ihn ganz
aufgefressen.«
Die Frau sah ihn sprachlos an. Sie suchte nach Anzeichen eines Scherzes,
die sie selbstverständlich nicht fand.
»Ihr habt was?«, krächzte sie.
»Wie du selbst gesagt hast«, sprach Zh'Urakrra, »von irgendetwas muss
man schließlich leben.«
»Gemocht haben wir ihn aber nicht«, steuerte Zziriff freundlich bei.
»Meiner Meinung nach lag es an der Würze.«
Unserer Besucherin dämmerte, dass wir keineswegs scherzten. Ihr wurde
mulmig zumute, zumal sie erkannte, dass wir alle mittlerweile so standen,
dass es ihr schwer fiele, ohne unsere Einwilligung aus der Schmiede zu
entkommen.
»Ich bin nicht allein hier«, behauptete sie mit bebender Stimme.
In diesem Augenblick ging die Tür auf. Ich musste vergessen haben, sie
wieder zu verriegeln. Wir erkannten gleich, dass es sich bei den drei
Neuankömmlingen um den Rest unserer Horde handelte. Da Ych'Iraa,
Ch'Oorr'ck und Dh'Errnu nicht damit rechneten, außer uns noch jemanden
vorzufinden, grüßten sie für alle verständlich: »Wir sind hier und haben
Hunger!«
Höflich antworteten wir in gleicher Weise.
Entgeistert starrte unser ungebetener Gast auf den Käfig mit den
Putzvögeln, den Ych'Iraa in der einen Hand hielt, und auf den Korb in der
anderen. Er enthielt Pflanzen, die man auch als Gewürze verwenden konnte.
Das sah alles so drollig aus, dass ich lachen musste, und zwar laut. So
vernahm die F'zzmech die kräftige Stimme, mit der ich zur Welt gekommen
war.
Voller Entsetzen riss unser Gast Mund und Augen auf, wirbelte herum und
strebte dem Ausgang entgegen, den ihr die anderen Mentoren verstellten.
Kopflos versuchte sie links, dann rechts an ihnen vorbeizukommen, bis sie
von Linksauge und Schätzlein ergriffen wurde.
Zh'Urakrra trat vor unsere wimmernde Gefangene: »Heute lassen wir dich
gehen. Du bist gut beraten zu schweigen. Denn vergiss nicht: Es gibt immer
ein anderes Mahl!«
Rrual war von dem Wortspiel schwer angetan. Er blickte zu mir und
nickte anerkennend. Zh'Urakrra wusste wirklich zu beeindrucken!
Lazzar und Zziriff brachten unsere Besucherin zur Tür und stießen sie ins
Freie, bevor sie die Luft mit dem Gestank, den sie verströmte, noch weiter
verpesten konnte.
»War das weise?«, fragte ich Zh'Urakrra, als die Tür wieder geschlossen
war.
»Ich bin Menschenkenner«, antwortete er, ganz von sich überzeugt. »Sie
wird schweigen. Trau mir. Die andere Möglichkeit wäre ohnehin nicht nach
deinem Geschmack gewesen.«
»Nein, nicht verlockend«, stimmte ich zu.

Unsere Mentoren hatten viel mit einander zu bereden. Da wir restlichen vier
nichts Wichtiges zu tun hatten, durchwühlten wir solange das Gepäck der neu
zu uns Gestoßenen, um nachzusehen, was sie Schönes mitgebracht hatten. Die
Vögel waren ein hübscher Einfall! Wenn wir nicht gleich zu Beginn allesamt
starben, so mochte unsere Reise sehr lange dauern. In dem Fall würden wir
den Luxus noch zu schätzen wissen. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn einem
die eifrigen kleinen Geschöpfe auf dem Rücken oder Kopf sitzen und mit
geschäftigen Schnabelhieben die Schuppen säubern. Das damit verbundene
Kribbeln lässt sich mit nichts vergleichen.
Das einzig Spannende, das wir in Ych'Iraas, Ch'Oorr'cks und Dh'Errnus
Gepäck fanden, war ein Beutel mit Scheiben aus hornartigem Material. Sie
waren so groß, dass man sie mit Daumen und Zeigefinger nicht ganz umfassen
konnte, und mit Glyphen bemalt. Zu Recht nahmen wir an, dass sie
Zauberwerk seien, und begannen fantasievolle Theorien aufzustellen, was
wohl geschähe, wenn man die Scheiben zerbräche, zerbisse oder die
verschnörkelten Zeichen abwischte. Ch'Oorr'ck, unser zweiter Zauberer,
nahm uns schließlich die Scheiben ab.
Die Amulette seien schwierig herzustellen gewesen, behauptete er. Wir
würden ihm ihretwegen noch sehr dankbar sein. Überdies seien unsere
Mutmaßungen falsch. Wir müssten ein neues Wort lernen, damit der Zauber
wirke.
Das freute uns. Zauberworte lernten wir gern: Man sagte etwas und schon
ereigneten sich rätselhafte Dinge – das war spannend!
Nach Ch'Oorr'cks Einschreiten hatten wir jedoch keine Beschäftigung
mehr. Wegen der Neuigkeiten, die uns unsere unvorhergesehene Besucherin
überbracht hatte, erschien es nicht unbedingt ratsam, unser Fachwissen über
F'zzmech-Sitten in einer Taverne zu erweitern. Linksauge und ich bedauerten
das sehr. Zu gerne hätten wir Rruals und Zziriffs Experiment wiederholt und
ebenfalls mit betrunkenen F'zzmechs »Sagen oder Schlagen« gespielt.
Seitdem wir vom Zeitvertreib unserer Gefährten erfahren hatten, hatten wir
nach möglichen Mitspielern Ausschau gehalten. Leider ohne Erfolg.
So entschieden wir uns dafür, unsere Mentoren anzustarren; um genau zu
sein, nur Ych'Iraa. Da auch ihr Aussehen eine F'zzmech vorgaukelte, war das
Vergnügen eingeschränkt.
Die Vertreterin des Sklavenrechts, Rruals Mentorin, war wunderschön
und besaß alles, was unsere hübsche Freundin Chrr'Chrr vielleicht eines
fernen Tages einmal vorweisen würde. Wenn Ych'Iraa aufgeregt war, pflegte
sie mit ihren feisten, kurzen Fingern zu trommeln, was sehr liebreizend
aussah. Oder sie kratzte sich mit flinken Bewegungen ausgiebig die
Brustschuppen – ein Geräusch, das wollüstige Gedanken in uns weckte. Zu
Beginn der Wanderung und bevor wir uns getrennt hatten, hatten die Vettern,
ich und auch Zziriff, der damals noch nicht Schätzlein genannt wurde,
Ych'Iraa heftig umworben. Nach zwei Tagen hatte sie genug davon gehabt
und erklärt, wir sollten erst einmal erwachsen werden, bevor an eine
Paarung mit ihr auch nur entfernt zu denken sei.
Ich hatte Widerworte gesprochen. Nach unserer Einschätzung seien wir
sehr wohl erwachsen. Das sei wie so vieles im Leben eine Frage des
Blickwinkels. Der eine sehe die Welt so, der andere so, ein dritter wieder
ganz anders. Was die richtige Sichtweise sei, könne man nicht sagen, ohne
sich in die anderen Standpunkte hineinversetzt zu haben. Täte man das
jedoch, so würde man sogleich erkennen, dass es die richtige Sichtweise
nicht geben könne. Wie bei einen Baum sei das: Der Vogel beurteilte das
Geäst als das Wesentliche des Baums, die Made die Rinde, die Maus das
Wurzelwerk. Selbst eine Vertreterin des Sklavenrechts müsse einsehen, dass
hierdurch Vogel, Maus und Made zu ewigem Streit verurteilt seien. Es sei
denn, sie fräßen sich gegenseitig auf. Kurz und gut und als Abschluss der tief
schürfenden Betrachtung möge sie – Ych'Iraa – mir die Frage weniger
schwammig beantworten, wann sie die Zeit für lüsternes Gerangel für
gekommen hielte.
Ych'Iraa hatte erwidert, sie wolle lieber auf eine Antwort verzichten, da
sie nicht schuld sein wolle, wenn wir auf Jahre hinaus in Schwermut
versänken, sobald wir ihre Ansicht hörten.
Darüber waren wir sehr geknickt gewesen.
Ych'Iraa war die einzige Frau in unserer Gruppe, was mit einem Problem
zusammenhing, das uns der H'Ranga-Arran beschert hatte.
Maru-Zha ist ein Tal. Es ist nur ein Tal, da es wegen des Abgrunds aus
Zeit kein »Jenseits des Tales« gibt. Maru-Zha ist zwar nicht klein, aber es
lässt sich abschätzen, wie viele Marus höchstens darin leben können. Vor der
Ankunft des H'Ranga-Arran mussten wir uns über diese Frage den Kopf nicht
zerbrechen. Denn hin und wieder ließ Krr'Thon'Chh, unser Schöpfer, seine
ungeliebten Kinder in einen mörderischen Blutrausch verfallen, in dem sie
sich gegenseitig zerfleischten und oft genug beinahe selbst ausrotteten. Erst
K'rzz, der Zerschneiderin, und dem H'Ranga-Arran gelang es, unser Volk von
Krr'Thon'Chhs väterlicher Fürsorge zu befreien.
Eine andere Möglichkeit, unsere Zahl nicht zu groß werden zu lassen, war
zwar rasch gefunden, doch bald offenbarte sich ein Rätsel, für das keine
Lösung zu erkennen war: Zu manchen Zeiten schlüpften weit mehr weibliche
Marus als männliche, zu anderen Zeiten war es umgekehrt. Eben dieses
wechselnde Missverhältnis wirkte sich auf die Zusammensetzung unserer
Gruppe aus. Viele zu Hause erwarteten, dass die Teilnehmer der
Unternehmung schon während der ersten Tage allesamt umkommen würden.
Entbehrlichkeit spielte deshalb bei unserer Auswahl durchaus eine Rolle.
Nachdem wir nach Ych'Iraas Absage einen ganzen Tag lang unser Los
beklagt hatten – nämlich nicht nur sterben zu müssen, sondern dazu noch
freudlos –, ohne dass jemand Mitleid gezeigt hätte, war Linksauge, Einzahn
und mir eingefallen, dass Zziriff – wie die Zerschneiderin – ein Nachfahre
des Geleges des Langen Schattens war. Etliche Marus mit dieser Abkunft
haben die Besonderheit, einmal, manchmal mehrmals während ihres Lebens
das Geschlecht zu wechseln. Bei K'rzz hatte das erst kürzlich wieder
stattgefunden. Aus dem Zerschneidet des Schicksals war erneut die
Zerschneiderin geworden.
Unsere beiläufige Frage, ob derlei auch in seiner Verwandtschaft
vorkomme, hatte Zziriff bejaht. Das sei nicht einmal selten.
Augenblicklich hatten wir unsere Fragen zielgerichteter gestellt: Zziriff
habe doch hoffentlich vor, ebenfalls dem uralten Familienbrauch zu
entsprechen? Wann es denn so weit sei? Ob wir darauf vertrauen könnten,
dass sich unser lieber Kamerad nicht nur in irgendeine, sondern auch in eine
besonders hübsche Kameradin verwandeln würde? Wir seien schon voller
Erwartung!
Bei dieser Gelegenheit war zum ersten Mal der Name »Schätzlein«
gefallen.
Eine halbe Woche später hatte sich Zziriff wieder geneigt gezeigt, mit uns
zu reden. Wahrscheinlich hätte er sich schon eher dazu durchringen können,
wenn ihn Rrual nicht mit Wünschen an sein künftiges Aussehen als weibliche
Maru überhäuft hätte.
Später war es Zziriff immer peinlich, wenn dieses Thema angeschnitten
wurde, was ihn allerdings nicht hinderte, unsere Zukunftserwartungen
mitunter hemmungslos auszunutzen.

Als die Besprechung unserer Mentoren zu Ende war, brach Zh'Urakrra zu


Fadenbart auf. Der Kapitän wollte am morgigen Tag in See stechen. Da
unsere Gefährten rechtzeitig eingetroffen waren, stand unserer Mitreise nichts
mehr im Wege. Jedoch musste noch ein Treffpunkt mit Fadenbart ausgemacht
werden. Im Hafen an Bord zu gehen war nicht ratsam, da die Stadtkrieger
auslaufende Schiffe eigens überprüfen.
Wie sich herausstellte, wollte uns der Kapitän im Laufe des Nachmittags
in einer Bucht nördlich der Stadt auflesen. Zwar stach er schon vormittags in
See, wollte jedoch sicherstellen, dass die Stadtkrieger von unserem Handel
nichts mitbekämen. Offenbar betrieb er nicht zum ersten Mal Geschäfte, von
denen die Obrigkeit Tuzaks nichts wissen durfte.
Nach Zh'Urakrras Rückkehr weihten er und Ch'Oorr'ck uns in das
Geheimnis der Amulette ein. Sie dienten dazu, uns das Aussehen von
F'zzmechs zurückzugeben, sollten wir gezwungen sein, das gegenwärtige
Trugbild abzulegen.
Wie das neue Trugbild aussähe, wollte Rrual misstrauisch wissen. Wir
seien leidgeprüft und hätten nicht immer die besten Erfahrungen mit
Verwandlungszaubern gemacht.
Wie das jetzige, beruhigte ihn Ch'Oorr'ck.
Diese Aussicht gefiel uns.
Freudig beglückwünschten die Vettern, Zziriff und ich uns gegenseitig, von
Zh'Urakrras Tyrannei befreit zu sein und endlich unser Aussehen nach
Belieben wechseln zu können.
Genau so habe er sich das vorgestellt, brummte mein Mentor.
Wir beglückwünschten auch ihn, dass er endlich zur Einsicht gelangt sei.
Er habe den Eindruck, seine Aussage werde möglicherweise falsch
verstanden, widersprach er. Keineswegs sei geplant, dem Ausleben unserer
Schrullen Tür und Tor zu öffnen. Die Wirkung der Amulette sei
selbstverständlich begrenzt auf wenige Male.
Auf wie viele Male?, fragte ich.
Auf ein paar, erhielt ich zur Antwort. Ganz genau müsse ich das nicht
wissen. Die Amulette seien für ernste Notfälle gedacht. Am besten sei es,
wenn wir davon ausgingen, dass ihre Wirkung aufgebraucht sei, sobald wir
sie tatsächlich benötigten.
Das sei aber nicht weise, wandte ich ein. Unser Unwissen mochte uns
womöglich dazu verleiten, ungemein gefährliche Notfälle nicht als ernst
anzusehen.
Linksauge ergriff darauf das Wort: Er verstünde meine Einwände zwar
gut, sehe meine Rede jedoch als fruchtlos an. Ich solle aus dem Vorfall
lernen, dass das Versprechen von Freiheit oft nur dazu diene, den Arglosen
und Unwissenden den Weg in die schlimmste Knechtschaft schmackhaft zu
machen. Ein gutes Beispiel für solches Vorgehen hätte ich soeben kennen
gelernt.
Als er mit seiner Ausführung fertig war, lehrten uns die beiden Zims, was
wir sagen mussten, um den Zauber auszulösen.
Bemerkenswert war die Art und Weise, wie wir die Amulette
aufbewahren sollten. Es reichte, dass wir sie einige Zeit gegen unsere
Schuppen drückten, wo sie dann festwuchsen. Offenbar war bei ihrer
Herstellung eine ähnliche Pflanze verwendet worden wie das bunte Moos,
das sich unsere Zauberkundigen zum Zeichen ihres Standes auf der Schnauze,
zwischen den Augenwülsten oder an anderen Stellen ihres Körpers wachsen
ließen.

9.

Obwohl sich die Bucht in kaum mehr als drei Stunden Fußmarsch erreichen
ließ, wollten wir uns schon kurz nach Tagesanbruch auf den Weg machen.
Den Berichten unserer Späher war nämlich zu entnehmen gewesen, dass die
Stadtkrieger zu dieser Stunde noch nicht sonderlich rege waren, insbesondere
auch wenig geneigt, lästige Fragen zu stellen, die sich beim Durchsuchen
unseres Gepäcks womöglich ergeben hätten: etwa, warum wir so viele
Sämereien oder gar Erde mit uns führten. Überdies verringerte ein zeitiger
Aufbruch die Gefahr, dass noch einmal jemand wie unsere gestrige
Besucherin vorbeischaute. Frühzeitig erinnerte ich Zh'Urakrra an unsere
Schwerter.
Große Reisevorbereitungen waren nicht zu treffen, da lediglich das
Gepäck der anderen drei Mentoren, das wir nach ihrer Ankunft gesichtet
hatten, wieder geordnet werden musste. Im Wesentlichen ging es also darum,
die vielen Gepäckstücke auf uns aufzuteilen. Ich bekam den Vogelkäfig zu
tragen. Rrual mahnte, im Durcheinander der Reisevorbereitungen bloß nicht
unsere Schwerter zu vergessen.
Essen mussten wir nichts. Nach eigenem Bekunden hatten Ych'Iraa,
Ch'Oorr'ck und Dh'Errnu erst kürzlich gespeist. Bei uns anderen fünf war das
Sättigungsgefühl, das der Verzehr des Stadtkriegers bewirkt hatte, zwar
verflogen, doch ein Hungergefühl hatte sich bisher nicht wieder eingestellt.
Wichtiger als an den Magen zu denken, sei, dass wir unsere Schwerter
wieder bekämen, mahnte Lazzar.
Mir fiel plötzlich siedend heiß ein, dass Fadenbart Gold von uns wollte.
Ich fragte Zh'Urakrra, ob er daran gedacht und den anderen Mentoren davon
erzählt habe.
Ich müsse mir keine Sorgen machen, beruhigte er mich.
Das sei gut, meinte ich. Doch nun solle er endlich die Schwerter
herausrücken!

Zu sehen bekamen wir unsere Waffen trotz aller Mahnungen vorerst nicht, da
sich unsere Mentoren einig waren, dass sie zu auffällig seien.
Die Schwerter wurden uns kurz vor Verlassen der Schmiede auf den
Rücken gebunden. Es war befremdlich. Wir spürten zwar, dass wir eine Last
trugen – eine nicht genauer bestimmbare Bürde –, doch wenn wir uns
gegenseitig betrachteten, dann erblickten wir wegen des immer noch
wirksamen Zaubers rein gar nichts. Die Folge war, dass bis zum Erreichen
der Bucht allenthalben jemand innehielt und erschrocken zu sofortiger
Umkehr aufforderte, da er glaubte, sein Schwert verloren zu haben.
Er wurde abwechselnd von Ch'Oorr'ck oder Zh'Urakrra beruhigt: Das
Schwert sei noch da.
Sprach Ch'Oorr'ck, so nannte er Zh'Urakrra als Zeugen seiner Behauptung,
sprach mein Mentor, so hielt er es genau anders herum, worauf Einzahn
schließlich erklärte, das sei eine feine Sache, wenn ein Zim den anderen als
Zeugen anführe. Den Brauch solle man erweitern! Wir jungen Krieger
könnten uns auch allerlei bezeugen.
Täten wir das nicht unentwegt?, fragte Zh'Urakrra. Er könne wohl kaum
Ych'Iraa bitten, seine Behauptung zu bestätigen, da sie nicht mehr sehe als
wir.

Nach gut fünf Stunden erreichten wir die Bucht. Sie war länglich, umgeben
von hohen Felsen und wies teilweise einen Sandstreifen auf, wo
dunkelgrüner Tang und Quallen lagen.
Hier erklärten wir uns als im Vorfeld eines Aufstands befindlich, denn wir
waren schließlich gebildet. Wir wussten genau: Würde uns der Tag nicht den
Tod bringen, so wäre auf See umgehend mit dem Erscheinen von Ungeheuern
zu rechnen. Deren bekannte Unkenntnis im Weltgesetz erfordere
unverzügliche Unterweisung, was nicht gelingen könne, wenn wir unsere
Schwerter nicht rechtzeitig fänden.
Zh'Urakrra erwiderte, dass er zwar nicht wisse, wovon wir sprächen,
doch sollten wir unseren Willen haben. Er hob den Zauber auf.
Wie glücklich wir waren, wie gerührt! Beinahe so sehr wie an dem lange
zurückliegenden Tag, als wir den Weg in unsere Stadt fanden und entdeckten,
dass es viel größere Marus als uns gab und sie nicht beabsichtigten, uns
aufzufressen.

Der halbe Nachmittag verging, bis Fadenbarts Schiff in die Bucht einlief. Ein
Boot wurde zu Wasser gelassen, das uns nacheinander an Bord brachte.
Fadenbarts erste Frage überraschte mich: »Wo habt ihr die Buben gelassen?«
»Niemand konnte sie leiden«, erklärte ich ihm. »Ich hoffe, dass wir sie
nie wieder sehen.«
Die zweite Frage entsprach mehr meinen Erwartungen. Sie galt
Zh'Urakrra: »Wo ist das Gold?«
»Ihr wurdet bereits bezahlt«, antwortete mein Mentor.
Erstaunt blickte ich von ihm zu Fadenbart.
»Selbstverständlich. Ich wurde bereits bezahlt«, bestätigte der Kapitän.
Er hatte wieder den glasigen Blick, der mir schon einmal an ihm aufgefallen
war. Nun verstand ich! Kein Wunder, dass Zh'Urakrra jeder Forderung
Fadenbarts zugestimmt hatte. Seine Zauberkunst befreite ihn von der
Verpflichtung, Versprechen einlösen zu müssen.
Dass ausgeprägter Habgier auch mit Magie schwer beizukommen ist,
sollten wir während der nächsten Tage lernen.
Ein Mitglied von Fadenbarts Mannschaft zeigte uns unsere Unterkunft.
Man betrat sie durch eine vergitterte Luke, die in den Schiffsbauch führte.
Der Raum darunter war leer, niedrig und nicht sehr geräumig, was uns nichts
ausmachte. An den Wänden waren in Kopfhöhe und Bodennähe schwere
Bronzeringe angebracht, deren Sinn sich uns nicht erschloss. Bei anderen
Reisen diente unsere künftige Wohnstatt gewiss als Frachtraum.
Der Seemann fragte uns, wie wir hießen.
Wir antworteten: »Alrik, Alrik, Alrik ...«
»Aha«, bemerkte er trocken. »Die Familie Sturmfels auf Reisen.«
Nach dem Tonfall zu schließen musste das ein Scherz sein. Wir hätten
gewiss freundlich gelächelt, wenn wir ihn verstanden hätten. So aber sah sich
der Seemann nur von acht Augenpaaren durchdringend und abwartend
angestarrt. Er errötete, stammelte etwas von »häufiger Name« und dass wir
uns nun um uns selbst kümmern müssten. Er sei anderweitig beschäftigt.
Unsere Unterkunft war nicht ganz so leer, wie sie auf den ersten Blick
gewirkt hatte. Dicke Stricke lagen griffbereit auf dem Boden. Linksauge
schlug sogleich vor, dass wir mit ihnen unser Gepäck an den Bronzeringen
festbinden sollten. Das taten wir. Danach hingen zwar all unsere
Habseligkeiten in Kopfhöhe um uns herum, was etwas merkwürdig aussah,
dafür aber kullerten sie nicht mehr wahllos über den Boden. Einzig unsere
Vögel waren mit der Anordnung nicht ganz einverstanden, da ihr Käfig
bedingt durch das Schwanken des Schiffes in Abständen gegen die Bordwand
schlug. Deshalb banden wir mehrere der weniger als einen Schritt langen
Seilstücke zusammen, um ein Tau zu erhalten, das wir von einer Bordwand
zur anderen spannen konnten. Das gefiel unseren kleinen Putzkräften schon
besser.
Als wir wieder aufs Deck kletterten, herrschte dort rege Betriebsamkeit.
Fadenbart stieß barsche Befehle aus, die seine Mannschaft gehorsam
befolgte. Wind blähte endlich das große Dreieckssegel. Gemächlich liefen
wir aus der Bucht aus.
Fadenbart verspürte den Drang, mit uns zu reden. Er habe schon manches
Meer besegelt, begann er, setzte den Satz aber nicht fort. Stattdessen wählte
er einen neuen Anfang für das, was er sagen wollte. Wir seien doch sicher
noch nie auf See gewesen?
Neuerdings schien ich ständig das Opfer von Fragen zu werden, von
denen ich vergeblich hoffte, dass keine Antwort erwartet werde. Diese Frage
gehörte dazu. Fadenbart sah mich abwartend an, obwohl er vermutlich mit
Zustimmung rechnete. Die Blöße wollte ich uns nicht geben. Da ich durch
seine Frage überraschend erfahren hatte, dass es anscheinend mehr als ein
Meer gab, antwortete ich hochmütig: »Wo denkt Ihr hin? Selbstverständlich
sind wir schon einmal zur See gefahren! Ich kenne alle dreizehn Meere.«
»Dreizehn?«, wiederholte der Kapitän abschätzig lächelnd. Er schien
nicht beeindruckt. Offenbar war meine Angabe zu niedrig gewesen. Unhörbar
erkundigte ich mich bei meinen Gefährten, wie viele Meere es denn geben
mochte.
Sie waren genauso ahnungslos wie ich.
Hunderte werden es nicht gleich sein, meinte Zh'Urakrra.
Bei so viel Hilfe konnte ich meine Angabe nur auf eigene Faust
verbessern: »Tatsächlich waren es sogar neunzehn, wenn ich mich recht
erinnere, doch die kleineren Meere zähle ich nie mit. Man übersieht sie nach
einiger Zeit.«
»Ihr habt wirklich große Erfahrung!«, erklärte Fadenbart. Beeindruckt
wirkte er jedoch nicht.
Was Fadenbart ursprünglich hatte sagen wollen, erfuhren wir nie, da uns
Ych'Iraa in Erinnerung brachte, dass die erste Hürde unserer Reise
gekommen war. Wir ließen Fadenbart stehen und strebten zur Reling.
»Ja, schaut euch eure Heimat noch einmal an«, erklärte der Kapitän. »So
bald werdet ihr sie nicht wieder sehen!«
Er lag mit seiner Mutmaßung genau so falsch wie ich. Denn gegenwärtig
dachten wir nicht an Heimkehr. Wir warteten darauf, ob das befürchtete
Verhängnis hereinbrechen und unseren Tod herbeiführen würde.

10.

Wie wir aus der Bibliothek wussten, gehörte vor Jahrtausenden die gesamte
Welt den geschuppten Völkern, den Sskrrim, E'Szindr, Jhrar, Krszrim, Achaz,
Lev'Thrrschim, N'gas, Ziliten, uns und noch einigen anderen Völkern, deren
Namen nicht überliefert sind. Die Marus, von denen wir abstammen, hatten
anscheinend nur mit den Sskrrim zu tun, mächtigen Zauberkundigen, die ihnen
beinahe wie Götter erschienen, weswegen sie auch Beinahegötter genannt
wurden. Unsere Vorfahren führten damals noch ein sehr beschauliches Leben:
Sie schliefen, fraßen oder führten Krieg, wenn ihnen die Sskrrim das
befahlen. Anderen Beschäftigungen, wie die, denen wir nachzugehen pflegen,
konnten sie nichts abgewinnen, weshalb unser Wissen über die Vergangenheit
spärlich ist.
Etwa zu der Zeit, als das »Gelege des Langen Schattens« zu der
Erkenntnis gelangte, dass Krr'Thon'Chh uns Marus nicht als stolze und
bissige Kinder nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, sondern zur Kurzweil,
um sich daran erfreuen zu können, wie wir unsere Feinde zerfleischten, sie
uns oder wir uns gegenseitig, erwuchs den Sskrrim im Norden ein Feind:
H'Rastul, der ein den Sskrrim ebenbürtiger F'zzmech war.
Als Krr'Thon'Chh, der Zermalmer, starb, besiegte H'Rastul die
schlangenleibigen Herrscher unserer Ahnen und zwang sie, Übereinkünften
zuzustimmen, die angeblich auf ewig festlegten, welche Länder den
schuppenhäutigen Völkern gehören sollten und welche den F'zzmech.
Ewigkeiten sind gemeinhin lang, diese war kurz. Denn bald gierte ein
Nestling H'Rastuls, K'Strabun der Lügner, nach den Ländern, die sich sein
Vater nicht hatte aneignen können, und brach sämtliche Abkommen. Er
eroberte das Reich der Ciszk'Hr, der Yasz'Hualim, der V'Vrim mit Ausnahme
einiger Gebiete, die ihm wertlos erschienen. Damit er die geraubten Länder
behielte, umgab er sie mit einem unüberwindbaren Zauberbann. Das ging
nicht immer, insbesondere dann nicht, wenn K'Strabun den besiegten Völkern
kein Land übrig gelassen hatte, das er mit Magie einzäunen konnte.
Deswegen verfiel er auf den Gedanken, die Landlosen über das Meer zu
schicken, nämlich auf eine unbekannte Insel, die ihnen abermals auf ewig
gehören sollte und die sie nie wieder verlassen durften.
Ein schlauer Plan, da K'Strabun unsere ehemaligen Herrscher gut kannte.
Sie taten das, was er von ihnen erwartet hatte: Sie brachten sich gegenseitig
um, besser gesagt, hetzten im Kampf um die Macht im neuen Land ihre
Krieger gegeneinander.
Unsere Ahnen hatten Glück. Nach einer großen Niederlage erschuf ihr
Beinahegott das Tal Maru-Zha und zog sich dorthin zurück, um versteckt auf
bessere Zeiten zu hoffen. Er selbst hatte weniger Glück. Die Mehrheit der
Marus, über die der Sskrrech befahl, kannte die Lehren des Langen
Schattens. Unsere Ahnen lebten in dem Bewusstsein, nur um ihres Leidens
willen erschaffen worden zu sein. Sie hatten erlebt, wie das Rechtlose Recht
des Nordens über das Tyrannenrecht und das Sklavenrecht triumphierte. Sie
waren bereit und hellhörig, als das neue Land zu ihnen sprach, als sich Maru-
Zha als ihre Pflegemutter offenbarte und ihnen vorschlug, ein neues Recht zu
schaffen: das jüngste der vier, das Aufsässige Recht.
Die Ahnen befolgten den Rat. Zuerst brachten sie jeden um, der ihre
Ansichten nicht teilte. Dann überwanden sie den Sskrrech. Während des
folgenden Jahrhunderts gab ihnen der gestürzte Beinahegott sein gesamtes
Wissen preis.
Kurz und gut: Wir wussten nicht, ob K'Strabun nach der Vertreibung
unserer Vorfahren mit Magie dafür gesorgt hatte, dass ihnen die Rückkehr
verwehrt blieb und ob das befürchtete Zauberwerk noch wirksam war.

Wir warteten bis in die Nacht hinein, sahen die Küste zu einer schmalen
Linie werden und schließlich ganz verschwinden. Am nächsten Morgen
umgab uns nur noch Wasser. Da ich keine Zweifel an meiner Behauptung
aufkommen lassen wollte, wir seien erfahrene Seereisende, konnte ich
niemanden fragen, ob der Anblick dem Üblichen entspreche. Doch da sich
Fadenbarts Mannschaft benahm wie am Tag zuvor, fühlte ich mich beruhigt.
Mit einem Mal wurde mir klar: K'Strabun war ein Einfaltspinsel
gewesen! Er hatte gedacht, uns für immer und ewig verbannen zu können,
obwohl er selbst bewiesen hatte, wie kurz Ewigkeiten bisweilen sind. Er
hätte es besser wissen müssen.
Die wichtige Kunst, oben von unten
unterscheiden zu können

1.

Somit begann die zweite Phase unserer Erkundigungsreise, in der wir bis
zum äußersten Westen der alten Länder vorstoßen sollten, die unsere Ahnen
einst bewohnt hatten, um uns danach – mit welchen Mitteln auch immer – ins
Jenseits befördern zu lassen. Genauer gesagt, in das »Jenseitige Land«, über
das die Bibliothek nur einen einzigen Hinweis enthielt: »Wohin die E'Szindr
gingen.«
Diese Angabe war lange fälschlich als eine Umschreibung für die
Vernichtung der E'Szindr durch die Sskrrim angesehen worden. Das änderte
sich, als unsere Späher zum ersten Mal das Wort »Güldenland«
aufschnappten. Die F'zzmechs bezeichneten damit eine Insel, vielleicht auch
Inselgruppe, über die sie kaum mehr wussten, als dass sie weit im Westen
lag.
Wir hatten allen Anlass herauszufinden, ob dort noch Abkömmlinge der
alten Feinde der Sskrrim lebten, da wir jüngst erfahren hatten, dass eine aus
dem Volk unserer ehemaligen Herrscher immer noch unter den Lebenden
weilte. Fast drei Jahrtausende waren wir ohne die Beinahegötter
ausgekommen. Daran sollte sich auch in Zukunft nichts ändern! Das Wissen
der E'Szindr mochte uns bei einem vielleicht unausweichlichen Kampf um
unsere Freiheit nützlich sein.

Während der nächsten beiden Tage hielten wir jungen Leute uns vorwiegend
an Deck auf, bestaunten die unbekannte, grenzenlose Weite des offenen
Meeres und warteten auf das Erscheinen lernwilliger Ungeheuer. Sie kamen
nicht! Uns wurde langweilig.
Deshalb zogen wir uns unter Deck zurück, um ein bisschen »Sagen oder
Schlagen« zu spielen. Zh'Urakrra, der sich gerade mit Dh'Errnu unterhielt,
bereitete unserem Versuch, der Eintönigkeit unseres Daseins zu entrinnen,
sogleich ein Ende, bevor wir überhaupt beginnen konnten.
Wir verursachten zu viel Lärm, behauptete er.
Unterstützung suchend wandten wir uns an Dh'Errnu: Er sähe das doch
sicher anders! Schließlich sei er für sein Geschick und seine Bedachtsamkeit
bekannt und nicht dafür, vorschnelle Urteile zu fällen wie gewisse andere
Anwesende.
Dh'Errnu widersprach, er sei vor allem für sein Geschick im Umgang mit
Pflanzen bekannt. Was uns anbelange, verlasse er sich voll auf Zh'Urakrras
Urteil, der längere Zeit mit uns verbracht habe als er.
So konnte ich meiner ersten wichtigen Erkenntnis – Unterschätze niemals
einen Zim! – eine zweite hinzufügen: Frage niemals einen Gärtner nach
seiner Meinung!
Das Meer sparte nicht mit Lästigkeiten. Schlimmer als der schwankende
Boden, der den Eindruck vermittelte, wir hätten das Gehen verlernt, und uns
unruhige Nächte bescherte, war das Salz. Es haftete auf den Schuppen, drang
in die Kleidung ein und machte sie rau und hart. Seine Allgegenwart ließ die
Augen rot werden und brennen, wenn man sie rieb. Dank der größeren
Erfahrung ertrug Fadenbarts Mannschaft diese Widrigkeit leichter als wir.
Sie klagte nicht, doch sobald Regen fiel, zog sich jeder der Seeleute
unverzüglich bis auf die Haut aus, damit die leidige Salzkruste abgespült
werde.
Fadenbart war geizig. Obwohl ihn Zh'Urakrra in den Glauben versetzt
hatte, gut bezahlt worden zu sein, verhielt er sich so, als habe ihm mein
Mentor nur geringe Entlohnung vorgegaukelt: Die für uns vorgesehene
Nahrung war kümmerlich. Die der Seeleute offenbar auch, da Fadenbarts
Koch mehrmals mit der Frage bei uns vorstellig wurde, ob er unsere Vögel
mitkochen solle. Wir empfahlen ihm jedes Mal, von dem Gedanken
abzulassen, da er andernfalls in die Lage geraten könnte, persönlich für das
nächste Mahl zuständig zu sein.
Der Mann hielt das für einen Scherz. Gewissermaßen war unser Hinweis
das auch, denn uns war wahrlich nicht danach zumute, uns an Fadenbarts
völlig versalzener Mannschaft zu vergreifen.
Der Kapitän war unseren beiden Zims ein Rätsel. Obwohl ihn Zh'Urakrra
mittels Magie überzeugt hatte, das Gold bekommen zu haben, tauchte er jeden
zweiten Tag mit der Frage auf, ob er schon bezahlt worden sei. Wenn
Zh'Urakrra oder Ch'Oorr'ck aber antworteten, das sei er, stellte der Kapitän
eine Gegenfrage: »Was habe ich mit dem Gold gemacht?«
Beim ersten Mal erklärte ihm Zh'Urakrra: »Ihr habt es einem Freund
anvertraut.«
Glasigen Blicks bestätigte Fadenbart: »Selbstverständlich! Ich habe mein
Gold einem Freund anvertraut.«
Mit dieser Auskunft ließ er sich beim nächsten Mal nicht mehr abspeisen.
Er widersprach: »Unmöglich! Ich habe keine Freunde, denen ich vertraue.«
Also erklärte ihm Zh'Urakrra: »Ihr habt das Gold schlau versteckt.«
»Selbstverständlich! Ich habe mein Gold schlau versteckt«, erwiderte
Fadenbart lächelnd. Damit war er zufrieden. Für dieses Mal.
Doch bei nächster Gelegenheit erfuhren wir, dass Fadenbart noch nie ein
schlaues Versteck eingefallen war. Spaßeshalber redete nun Ch'Oorr'ck dem
Kapitän ein, dass er alles Gold beim Glücksspiel verjubelt habe. Danach
war die Stimmung an Bord drei Tage lang unerträglich: Die Verpflegung
wurde auf die Hälfte gekürzt, und jeder, der Fadenbart über den Weg lief,
wurde angebrüllt. Wenn man die Zusammenhänge kannte, so war das recht
unterhaltsam.
Die schlechte Stimmung unseres Kapitäns hielt bis zu seinem nächsten
Vorsprechen an. Wir lernten, dass er nicht verlieren konnte, weil er beim
Spiel grundsätzlich betrog.
Kurzum: Unsere Zims mussten sich immer mehr Gründe über den Verbleib
des Goldes ausdenken.
Als das Ei des Ungeschlüpften den Nachthimmel beherrschte, schlug
Fadenbart unerwartet zu.
Das erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte,
war ein Wortwechsel, der zu meinem umnebelten Geist durchdrang.
»Du Holzkopf hast sie umgebracht!«
»Das habe ich nicht! Ich habe ihnen nicht mehr gegeben als den anderen.«
»Warum sind sie dann nicht wach? Alle anderen wären sonst längst
wach!«
»Woher soll ich das wissen? Sie sind mir sowieso unheimlich. Findest du
es nicht seltsam, dass sich selbst die Frau Alrik nennt? Wo hat man so etwas
schon einmal gehört? Und wie sie einen dauernd anstarren mit ihren bösen
kleinen Augen!«
»Und deshalb musstest du Holzkopf sie gleich umbringen?«
»Ich habe sie nicht umgebracht!«
»Warum sind sie dann noch nicht wach?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Alle anderen waren zu dieser Zeit bereits wach!«
Ich war zwar benommen, aber nicht so sehr, dass mir nicht aufgefallen
wäre, dass sich das Gespräch nicht nur in meiner Einbildung wiederholte,
sondern tatsächlich. Darüber war ich zutiefst gespalten. Einerseits war ich
dankbar, dass die Redner Rücksicht auf meinen seltsam schwerfälligen
Zustand nahmen, andererseits baute die Wiederholung eine wachsende
Spannung auf, da ich nicht wusste, worüber die Stimmen sprachen. Ich war
sozusagen durch zu viel Rücksichtnahme unterfordert.
»Warum sind sie dann nicht wach?«, leitete die eine Stimme eine neue,
unerträgliche Spannungssteigerung ein.
»Ich weiß es nicht!«, erwiderte die andere Stimme. Sie gehörte einem von
Fadenbarts Leuten, der aus unbekannten Gründen wichtig war.
Ich wollte den Rednern schon vorschlagen, zu einem anderen Teil des
Gesprächs überzugehen, da ich diesen verstanden hätte, als sich meine stets
wachen Kriegersinne meldeten: Warum sprach der eine Redner mit
Fadenbarts Stimme? Warum wurde das Gespräch in unserem Schlafgemach
geführt? Warum war meine Haltung so unbequem? War ich tatsächlich
während des Essens eingeschlafen? Schwer vorstellbar!
Ein kurzer Blick beantwortete einige der Fragen: Der, der Fadenbarts
Stimme gebrauchte, war Fadenbart. Er hielt eines unserer Schwerter in
Händen. Weiterhin hatten ich und meine Gefährten den Platz mit unserem
Gepäck getauscht. Mit denselben Stricken, mit denen wir unsere Habe an den
geheimnisvollen Ringen festgebunden hatten, hatte man nun uns an Händen
und Füßen an die Halterungen gefesselt!
Eine schreckliche Unordnung herrschte, da etliche unserer Beutel mit
Samen und Erde ausgeschüttet worden waren. Auch die Vögel waren weg.
Zwei neue Fragen stellten sich mir: War man uns auf die Schliche
gekommen? Hatte jemand bemerkt, dass nur diejenigen uns zu hören
vermochten, mit denen wir gerade sprachen?
In diesem Augenblick entdeckte Fadenbarts Kumpan, dass nicht nur ich,
sondern auch meine Gefährten erwacht waren.
»Sie sind wach«, verkündete er.
»Warum jetzt erst?«, fragte Fadenbart.
»Woher soll ich das wissen?«, erhielt er zur Antwort.
Der Kapitän sah uns reihum an: »Erstaunlich viel Plunder führt ihr mit
euch!«
Wir schwiegen. Einige von uns, Dh'Errnu voran, verbargen nur mühsam,
dass sie Fadenbart nicht eben gewogen waren.
Dieser Narr! Er trampelte auf unserer künftigen Kleidung, der Bibliothek
und unserer Pflegemutter herum und wusste es nicht einmal!
»Ungewöhnliche Schwerter habt ihr«, sprach Fadenbart zu niemand
Bestimmten weiter.
Das war ihm also aufgefallen? Ein heller Kopf! Selbstverständlich waren
unsere Waffen für sein Verständnis ungewöhnlich! Die Klingen waren
schließlich nicht geschmiedet worden wie F'zzmech-Schwerter und überdies
waren sie unseren Krallen nachgebildet. Ihre Spitzen waren stark nach innen
gekrümmt und gingen einseitig in eine sehr scharfe Schneide über, während
die andere Schneide stumpf war, damit man auch Knochen zersplittern und
Schädel einschlagen konnte, ohne umständlich eine zusätzliche Waffe zur
Hilfe nehmen zu müssen. Wie scharf unsere Waffen waren, merkte Fadenbart,
als er mit dem Finger über die innere Klingenkante fuhr.
Unsere Schwerter können zwar Scharten bekommen, aber nicht stumpf
werden. Die Klingen »wissen«, wie sie aussehen müssen.
Mit Magie hat das nichts zu tun. Es ist eine ganz einfache Frage des
Winkels. Wenn er zu stumpf wird, platzen so lange winzige Plättchen von der
Klinge ab, bis sie wieder scharf ist. Eine meiner Ahninnen hat das Verfahren
erfunden. Einzahns Behauptung, die Ahnin sei seine gewesen, ist falsch.
Fadenbart stieß einen Wehlaut aus, als er die Scheide überprüfte, und
steckte seinen blutenden Finger in den Mund.
Zh'Urakrra herrschte Fadenbart an: »Was soll das?«
»Ihr werdet mir eine ganze Menge einbringen«, erklärte der Kapitän
feixend.
»Wir haben dir bereits einiges eingebracht«, behauptete mein Mentor.
»Ja, ja, selbstverständlich«, entgegnete Fadenbart nachdenklich. »Aber ihr
werdet mir noch mehr einbringen.«
»Wie das?«, fragte Rrual.
»Weil ich euch verkaufen werde.«
»Zu welchem Behufe?«, erkundigte sich Linksauge neugierig.
Fadenbart sah ihn zweifelnd an.
»Und du nennst die Dummbeutel unheimlich!«, sagte er zu seinem
Kumpan. »Eine so dämliche Frage hat noch keiner gestellt.«
»Sie mögen Dummbeutel sein, aber sie sind auch unheimlich«,
widersprach der Kumpan. »Sie starren schon wieder!«
»Nein, keine Dummbeutel«, eilte ich zu seiner Unterstützung. »Wir sind
lieber unheimlich.«
Auch Schätzlein hatte etwas beizusteuern: »Ich nehme es zurück. Das wird
doch noch Euer Schaden sein!«
»Wir werden sehen«, erklärte Fadenbart und ging, seinem Kumpan voran,
an Deck.

2.

Zh'Urakrra war überaus verärgert. »Dieser Betrüger!«, schimpfte er.


»Tagelang zerbrechen wir uns den Kopf darüber, was er mit seinem Gold
angestellt haben könnte, und so dankt er es uns!«
Unsere Lage war nicht so misslich, wie es den Anschein erwecken mag.
Wir waren zwar mit leicht gespreizten Armen und Beinen an die Bronzeringe
gebunden, was einen F'zzmech zur Hilflosigkeit verurteilt hätte, jedoch bei
einem Maru die wohl stümperhafteste Weise ist, ihn gefangen zu halten.
Entgegen dem Augenschein besaßen wir keine flachen Gesichter, sondern
lange Schnauzen. Wir mussten uns nur leicht zur Seite beugen und kräftig
zuschnappen, um wieder frei zu sein.
Zh'Urakrra verbot uns das. Im Einvernehmen mit den anderen Mentoren
vertrat er die Ansicht, wir sollten unsere Lage erst klären, bevor wir
handelten. Unsere Gegner seien uns schließlich zahlenmäßig überlegen und
bewaffnet.
Einzahn stimmte zu, meinte jedoch, wir sollten nicht zu lange warten, da
Fadenbart mittlerweile beunruhigende Dinge mit unseren Schwertern treiben
könnte.
Das sei seine kleinste Sorge, eröffnete ihm Zh'Urakrra herzlos.
Dass Rruals Drängen berechtigt war, zeigte sich, als wir wenig später
einen würzigen Geruch wahrnahmen. Die Bestien hatten unsere armen
Putzvögel gebraten!
»Sie legen es tatsächlich darauf an, uns zu verstimmen!«, knurrte Ych'Iraa
zähneknirschend.
Was Fadenbart mit uns vorhatte, blieb uns weiterhin verborgen.
Naheliegend war zwar, dass wir aufgefressen werden sollten, doch
widersprach das unserem Wissen, dass F'zzmechs sich nicht gegenseitig
verspeisten. Dort, wo wir hinsegelten, mochte man vielleicht andere Bräuche
pflegen.
Fadenbart hatte erwähnt, dass wir ihm eine Menge einbringen würden.
Wir hatten zwar auf dem Markt nicht nach dem Preis einer Ziege oder eines
Schweins gefragt, doch schien er nicht sonderlich hoch zu sein. Dass wir
wesentlich teurer sein sollten als Schweine, war nicht einleuchtend. Wozu
also der Aufwand, zumal die Ringe in unserem Gemach ja nicht zum ersten
Mal ihren Zweck zu erfüllen schienen? Anderseits: Für Gold taten F'zzmechs
alles. Wie sie mit dieser Einstellung jemals eine Zivilisation hatten
entwickeln können, war rätselhaft. Vermutlich musste H'Rastul zuerst einen
Beinahegott ausplündern, um seine Artgenossen bezahlen zu können.
Seltsamerweise brachte uns ein Seemann später Wasser und Nahrung. Die
Speise war so schlecht wie gewöhnlich und ungeeignet zum Mästen.
Davon würden wir kaum fett werden, ließen wir den Seemann wissen.
Das sollten wir auch nicht, erwiderte er.
Da wir gerade bei Sollen und Wollen seien ..., warf Zh'Urakrra ein.
Inzwischen fand ich nichts Ungewöhnliches mehr daran, wenn ein
F'zzmech während eines Gesprächs mit meinem Mentor einen glasigen Blick
bekam. Wohlwollend lauschte ich daher Zh'Urakrras Vorstellungen über den
weiteren Verlauf des Tages sowie den Anweisungen, die er dem Seemann
gab.
Leider entwickelten sich die Dinge nicht so, wie Zh'Urakrra geplant hatte.
Denn alsbald hörten wir von Deck Stimmen: »Du da, was willst du mit
dem Säbel?«
»Ich bringe ihn zu den Gefangenen.«
»Wozu?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wer gab dir den Befehl?«
»Das weiß ich nicht.«
»Warum bringst du ihn nicht wieder dahin zurück, wo du ihn her hast?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ich sagte doch, dass sie unheimlich sind!«, vernahmen wir eine dritte
Stimme. »Gewiss haben sie dich mit ihren kleinen bösen Augen angestarrt?«
»Woher soll ich das wissen?«, hörten wir unseren zwangsverpflichteten
Verbündeten etwas abwechslungsreicher antworten.
»Das war offenbar zu geradlinig«, bemerkte Ch'Oorr'ck zu Zh'Urakrra.
»Wir müssen wohl doch gewaltsamer vorgehen.«
Das sei sowieso immer klüger, pflichteten Zziriff, die Vettern und ich
einhellig bei.

Unsere Befreiung war zwingend mit der Machtübernahme auf dem Schiff
verbunden. Zh'Urakrra schärfte uns ein, während des Kampfes keinesfalls
unser wahres Aussehen zu zeigen. Täten wir das, so müssten wir nämlich die
ganze Mannschaft des Schiffes umbringen, da niemand von unser Existenz
erfahren durfte.
Unseres Wissens kannte die Welt zwar noch immer Marus, doch hatten die
fernen Verwandten wenig mit uns gemein. Bestenfalls waren sie so
schnörkellose Denker wie unsere Vorfahren.
Wegen der Geheimhaltung wollten Ch'Oorr'ck und Zh'Urakrra möglichst
wenig Magie verwenden. Einleuchtend war die Begründung zunächst nicht,
da die F'zzmechs auch Zauberkundige besaßen. Ch'Oorr'ck erklärte uns,
worum es ginge: F'zzmech-Zauber sahen möglicherweise anders aus als
unsere.
Rrual meinte, das sei ihm gleich. Her mit den Waffen, damit wir
unverzüglich den Machtwechsel einleiten könnten!
Zh'Urakrra erinnerte ihn daran, dass wir keine Waffen besaßen und eben
deshalb dabei seien, unser Vorgehen abzusprechen.
Bei aller Bewunderung, die man für Einzahn ob seines Tatendrangs
empfinden mochte: Das war einsichtig!
Wir jungen Streiter sollten den Angriff anführen, da wir gewandter, flinker
und »ursprünglicher« seien, wie unsere Mentoren es ausdrückten.
Da wir gegen eine Übermacht antreten mussten, beschlossen wir, die
Unterstützung unseres Schöpfers in Anspruch zu nehmen. Ungefährlich war
das nicht, da – wie ich bereits beschrieb – Krr'Thon'Chh ein Ausbund an
Bösartigkeit, Hinterhältigkeit und Verschlagenheit ist. Wir vertrauten jedoch
darauf, dass die Pflegemutter unseren Vater rechtzeitig wieder in die Pflicht
nähme, bevor er seine Spielchen mit uns treiben könnte. Deshalb riefen wir,
als es so weit war: »Pflegemutter! Lass ab von unserem Vater und gönne ihm
ein wenig Rast!«
Ob Maru-Zha uns hören konnte und Krr'Thon'Chh tatsächlich aus ihrem
Schoß entließ, wussten wir selbstverständlich nicht. Doch die Anrufung
vermittelte uns ein starkes Gefühl von Unüberwindbarkeit.
Unser Angriff fand am nächsten Tag statt, als wieder einer von Fadenbarts
Leuten Nahrung brachte. Dh'Errnu, immer noch verärgert über die Art und
Weise, wie seine Sämereien behandelt worden waren, riss den Essensbringer
mit unerwartet freien Händen zu sich und biss ihn tot.
Derweil sprang ich zur offenen Luke und schwang mich mit Lazzars Hilfe
nach oben. Der Zugang zu unserem Quartier wurde von zwei Wachen
bewacht: eine Vorsichtsmaßnahme, die wahrscheinlich wegen Zh'Urakrras
letztem Zauber getroffen worden war.
Ohne lange zu zögern, biss ich die Wachen in die Waden. Sie stürzten und
begannen zu schreien, während ich mich ganz an Deck zog. Linksauge folgte
sofort. Mit zwei schnellen Schwanzhieben schlug er die Schreihälse
bewusstlos. So erbeuteten wir die ersten beiden Waffen.
Unserem Plan zufolge hätten unmittelbar nach uns Schätzlein und Einzahn
aufs Deck klettern sollen. Das taten sie nicht. Stattdessen zankten sie, wer
den Vortritt haben durfte. Da Lazzar und ich keine Zeit hatten, darauf zu
warten, dass Zziriff und Rrual sich einigten, sprangen wir die nächsten
Seeleute an.
Der Zeitpunkt unseres Vorgehens war nicht nur darauf abgestimmt worden,
dass uns jemand die Luke öffnete und dadurch unseren Zims ersparte, sie
aufzaubern zu müssen, sondern auch auf den Tagesablauf unserer Gegner. Für
sie war Essenszeit. Sie hockten auf dem Deck, saßen auf den Stufen, die zum
hinteren Deckaufbau führten, lehnten an der Reling und löffelten aus ihren
Holzschalen oder vertrieben mit gleichmäßigem Klopfen die Maden aus
ihrem Brot. Bis sie erkannten, was im Gange war, hatten wir noch drei
andere von ihnen überwunden. Danach wehrten sie sich. Zum Glück hatte
mittlerweile jemand im Schiffsbauch ein Machtwort gesprochen, sodass uns
ein munteres Schätzlein, ein beleidigter Einzahn und die Mentoren zu Hilfe
kommen konnten.
Mit der Überraschung, die wir den Stadtkriegern bereitet hatten, wussten
wir dieses Mal nicht aufzuwarten. Wir hatten eine andere.
Da unsere Arme im Gegensatz zu den Beinen bei weitem nicht so kräftig
entwickelt sind wie etwa bei F'zzmechs, entwickelten unsere Ahnen vor
langer Zeit – vermutlich als zum ersten Mal ein Maru eine Waffe in Händen
hielt – eine besondere Kampftechnik, um den Nachteil fehlender Ausdauer
wett zu machen: Wir wechseln während des Kampfes häufig den Waffenarm.
Für einen Widersacher, der gewohnt ist, einen Kampf von Anfang bis Ende
mit derselben Hand auszutragen, ist es sehr verwirrend, wenn sein
vermeintlich rechtshändiger Gegner plötzlich zum linkshändigen wird.
Verwirrung kann man sich während eines Kampfes nicht leisten. So hatten
wir einen unschätzbaren Vorteil. Zudem waren Fadenbarts Leute keine
sonderlich befähigten Krieger. Wild fuhren wir unter sie, stachen, hieben und
traten, kurz: taten alles, was unser Vater gerne sah.
Plötzlich ereignete sich etwas Seltsames. Ich hatte eben Fadenbart
ausgemacht, war dabei, zu ihm zu stürmen, um ihn zu beharken, als jener mit
gellendem Schrei über Bord sprang. Ich blickte ihm nach, wie er unten im
Wasser schwamm, und wunderte mich sehr, dass er das Ertrinken meiner
Gesellschaft vorzog.
Die Seltsamkeiten setzten sich fort: Fadenbarts Mannschaft streckte
überraschend und in heillosem Entsetzen die Waffen! Ein Teil der Seeleute
flehte zu Charyb'zz, einem Machtwesen, das wir dem Namen nach kannten,
der andere Teil stieß mehrfach einen zweiten Namen aus, der uns ungeläufig
war, und beteuerte, verführt worden und unschuldig in diese Lage geraten zu
sein. Bereuen wollten sie alles, Buße tun ohnehin, wenn sie nur vor uns
verschont blieben.
Dieses Verhalten war nicht nachvollziehbar, da es darauf hindeutete, dass
ihnen jeder – ob Dämon oder Gott – lieber und Vertrauen erweckender
erschien als wir sterblichen Krieger.
Erleuchtung brachte uns Fadenbarts Kumpan. Und zwar derjenige, der
unseren gelassenen, bedächtigen Forscherblick als »Starren aus kleinen
bösen Augen« beschrieben hatte. Er stammelte leise: »Was seid ihr für
Wesen?«
Die schöne Ych'Iraa gab ihm eine glänzende Antwort, verpackt als
Gegenfrage: »Wovor hast du am meisten Angst, Vogelmörder?«
Die Frage des F'zzmechs offenbarte allerdings, dass den schon zuvor
misstrauischen Seemann irgendetwas zu der Überzeugung gebracht haben
musste, dass wir nicht das waren, was wir vorgaben zu sein. Aber was?
Oh, welche Dummbeutel wir waren!
Wir hatten uns so bemüht, nicht aufzufallen, hatten sogar in Truggestalt
gefochten, doch etwas Wichtiges hatten wir außer Acht gelassen: Der Zauber
verbarg unsere Schwänze, Zähne und Krallen, aber nicht das, was wir damit
anrichteten. Deshalb wiesen die Verletzten und Getöteten Wunden auf, die
sich die Überlebenden nicht erklären konnten. Wie ärgerlich!
Weit ärgerlicher war, dass die Seeleute deswegen den Eindruck gewonnen
hatten, dass wir – da offenbar im Stande, auf übernatürliche Weise
Verletzungen zuzufügen – ebenfalls eine Art von Machtwesen seien,
weswegen ihnen ihr weiteres Los – nicht ganz unbegründet – gewiss zu sein
schien. Das hatte wiederum zur Folge, dass die eine Hälfte der Mannschaft
anbot, uns Leiber und Seelen der anderen zu opfern, falls wir sie am Leben
ließen, während die angesprochene andere Hälfte lieber wimmernd und
betend die Welt zu verlassen gedachte.
Wie sollte man bloß mit solchen Leuten zur See fahren?
Von uns wusste keiner, wie wir das Schiff steuern mussten. Wir waren auf
diese erbärmliche Mannschaft angewiesen und konnten uns weder weitere
Ausfälle noch trübsalbedingte Untätigkeit leisten.
Mein schlauer Vetter Lazzar sah seine Stunde gekommen. Ohne sich um
die Mahnungen der Mentoren zu kümmern, richtete er das Wort an die
Mannschaft: Wir seien keinesfalls Dämonen, wie sie glaubten. Er habe
nämlich keine Mühe, den Namen des einen Angeflehten auszusprechen. Sie
sollten lauschen: Efferd, Efferd, Efferd!
Doch auch der andere Name komme ihm ohne Schwierigkeiten über die
Lippen: Charyb'zz, Charyb'zz, Charyb'zz!
Deshalb brauche sich keine Seite etwas einzubilden.
Richtig sei, dass wir eine Gruppe finsterer, unheimlicher, furchtbarer,
aber wohlmeinender Zauberkundiger seien, was wohl einiges erkläre.
Da sich Linksauge in Fahrt geredet hatte, erließ er gleich einige Gesetze:
Verboten sei es, irgendjemanden wem auch immer zu opfern. Verboten sei
es, unserer Herrschaft durch Flucht oder mutwilliges Ertrinken und Ableben
zu entkommen. Verboten sei es, Zeit mit nutzlosem Jammern zu vergeuden.
Außerdem wolle er künftig besseres Essen haben.
Niemand verstand, wie Linksauge mit diesem Unsinn durchkommen
konnte. Dass Zh'Urakrra später behauptete, die Ansprache hätte von jedem
von uns stammen können, fand ich ungerecht.
Etwas, das uns noch Kummer bereiten sollte, hatte Linksauge bei seinem
Vortrag unbeabsichtigt angesprochen: die Ernährungsfrage.
Bei unserem Aufstand hatten acht Mitglieder von Fadenbarts Mannschaft
das Zeitliche gesegnet – er selbst nicht mitgerechnet. Hätten wir die
Angelegenheit der Mannschaft überlassen, so hätte diese die Körper in ihrer
gedankenlosen Verschwendungssucht einfach über Bord geworfen. Das
konnten wir nicht zulassen. Andererseits, die Verblichenen nach und nach zu
verspeisen mochte die Mannschaft in Unruhe versetzen. Von den Folgen
einseitiger Ernährung gar nicht erst zu reden.
Wir beratschlagten lange über das Problem und gelangten zu der
Einschätzung, dass Tausch keine Verschwendung sei. Als mich Fadenbarts
Kumpan auf seine ehemaligen Kameraden ansprach, riet ich ihm in
Übereinstimmung mit unserem Beschluss, er möge sie in handliche Stücke
zerteilen und als Köder zum Angeln verwenden. Denn Fisch äßen wir gerne.
Mein Gegenüber sah mich an, als hätte ich ihm etwas Ungehöriges
vorgeschlagen. Bleich war der F'zzmech schon vorher gewesen. Nun wurde
er fahl, dann gelblich und daraufhin rannte er zur Reling, um sich zu
übergeben.
So blieb uns keine Wahl, als schweren Herzens die Vergeudung zu
erdulden und der Mannschaft ihren Willen zu lassen: Die Erschlagenen
wurden rücksichtslos ins Meer geworfen!
Wie zum Ausgleich für unsere Gewissensbisse tummelten sich schon bald
um unser Schiff Fische: stattliche Burschen mit auffälligen Dreiecksflossen.
Ihre Anwesenheit machte uns das Herz leicht, da wir uns sogleich weniger
als lasterhafte Verschwender sahen. Zu gern hätten wir einen der gefräßigen
Fische gefangen, doch wussten wir nicht, wie man das anstellte. Sie waren
groß! Sie waren groß! Einer von ihnen, der uns besonders beeindruckte,
musste beachtliche Schwierigkeiten haben, wenn er zu kauen wünschte. Sein
Maul war so riesig, dass die Nahrung gewiss mithelfen musste, um zwischen
die Zahnreihen zu finden. In den meisten Fällen wanderte sie wahrscheinlich
unbemerkt und unzerkaut in den Magen des Tieres. Von Sättigung konnte man
hier zwar reden, doch ganz gewiss nicht von Genuss! So betrachtet führte der
Fisch ein sehr trauriges, freudloses Leben.
Ich lernte aus dem Vorfall: Sind die Köder zu groß, so sind es auch die
Fische.

Große Veränderungen brachte der neue Zustand für uns nicht. Wir behielten
weiterhin den Laderaum als Wohnstatt bei.
Die Schäden, die Fadenbart angerichtet hatte, waren geringer als
befürchtet. Allzu sehr hatten die Sämereien nicht gelitten. Nach einer
Durchsuchung der Kapitänskajüte erhielten die Zims auch ihre Edelsteine
zurück. Allerdings mussten wir künftig bewaffnet bleiben, damit die neue
Ordnung nicht bald durch eine neuere ersetzt werden musste. Einige von uns,
genauer gesagt die Hälfte, sahen darin keinen Nachteil. Einzig der Umgang
mit den Seeleuten wurde öder. Sie mieden unsere Gesellschaft, da sie
voreingenommen gegen uns waren.
3.

Kaum zwei Tage später wurde ein schwarzes Segel gemeldet. Da wir wegen
der Weite des Meeres nicht damit gerechnet hatten, einem anderen Schiff zu
begegnen, eilten wir neugierig zu der Seite unseres Kahns, wo das Segel
gesichtet worden war. Gespannt verfolgten wir, wie das andere, schnellere
Schiff sich uns näherte. Auch unsere Mannschaft blieb von dem Anblick nicht
unberührt. Sie wurde ganz aufgeregt.
Als sich der Abstand zwischen uns und dem anderen Schiff auf weniger
als hundert Schritt verringert hatte, konnten wir eine heftig winkende Gestalt
ausmachen, die uns nicht unbekannt war: Fadenbart! Der hinterhältige Kerl
war nicht ertrunken, sondern von dem anderen Schiff aufgefischt worden!
Unsere Mannschaft erkannte ihren ehemaligen Herrn ebenfalls und bewies
umgehend, dass Linksauges Ansprache nicht so überzeugend gewesen war,
wie sich mein Vetter einbildete: Wie ein Mann sprang unsere gesamte
Besatzung über Bord und strebte schwimmend dem anderen Schiff entgegen!
Einige der Seeleute waren so begierig, unserer Obhut zu entkommen, dass
ihnen erst im Wasser bewusst wurde, dass sie des Schwimmens nicht mächtig
waren. So verstießen sie noch schwerer gegen Lazzars Gebote: Sie flohen
nicht nur, sondern machten sich zusätzlich des mutwilligen Ertrinkens
schuldig.
Die Besatzung des anderen Schiffes half den Schwimmern an Bord,
kümmerte sich aber nicht sonderlich um die Ertrinkenden. Gelangten die
Hilfeheischenden zufällig in die Nähe des Rumpfes, so wurde ihnen ein Tau
zugeworfen; ansonsten überließ man sie weitgehend ihrem Schicksal.
Derweil bemerkten wir auf dem anderen Deck Seeleute, die geschäftig an
einem unbekannten Gerät hantierten, sowie Bewaffnete, die sich an der
Reling drängten. Keine Seeleute mit Waffen, sondern Krieger in dunklen
Rüstungen und mit dunklen Helmen.
Als nur noch wenige Schritt Wasser unsere beiden Schiffe trennten,
brüllten die Krieger: »In die Niederhöllen, Dämonenbuhlen!«
Woher die Fremden ihre falsche Einschätzung bezogen hatten, stellte kein
großes Rätsel dar. Deshalb riefen wir zu ihnen hinüber, dass nicht wir die
Dämonenbuhlen seien, worunter wir uns nicht einmal etwas vorstellen
könnten, sondern die, die sie gerade an Bord genommen hätten.
Unsere lügnerische Mannschaft verstärkte daraufhin ihre Anstrengungen,
uns in ein schlechtes Licht zu rücken.
Leichenschänder seien wir zusätzlich, behaupteten sie.
Das war dreist! Wer hatte sich den Kopf zerbrochen, um der
Verschwendung von Nahrung Einhalt zu gebieten? Wir oder sie?
Der Vorwurf erboste die fremden Krieger womöglich noch mehr. Als sich
die Bordwände unserer Schiffe fast berührten, kamen sie mit entblößten
Waffen herüber.
»Bei Boron, stirb!«, begrüßte mich einer von ihnen unfreundlich und
schlug nach mir.
Ich wich mit Mühe aus, ließ mein Schwert in die linke Hand gleiten, stieß
die Klinge an seinem Kopf vorbei und zog sie rasch zurück, damit sich die
gekrümmte Spitze in den Nacken meines Angreifers bohre. Sein Helm
bewahrte ihn vor einem schnellen Ende.
Die neuen Gegner waren mit unseren Seeleuten nicht zu vergleichen. Sie
beherrschten ihr Handwerk, sodass wir gegen ihre Übermacht einen
schweren Stand hatten.
Einen Schwanz zu haben hat Vorteile. Er ermöglicht Bewegungen, bei
denen Schwanzlose das Gleichgewicht verlieren. So tauchte ich ein ums
andere Mal gewandt unter einem Hieb meines Gegners weg, was ihn nicht
wenig verwirrte, doch nicht so sehr, dass er sich eine Blöße gegeben hätte.
Einmal verhakten sich unsere Klingen. Wir kamen uns sehr nah, während
wir rangen. Nur wenig trennte mich von meinem Widersacher, der mich aus
kleinen bösen Augen anblickte – eine Beschreibung, die in diesem Fall
zutreffend war.
Ich biss ihm flugs in die Nase! Nicht sehr stark, eher so, wie man
zufälligen Bekannten Zuneigung bekundet. Allerdings reichte das aus, meinen
Angreifer seiner Nasenspitze zu entledigen. Er wich mit einem Schmerzlaut
zurück, griff aber ausgesprochen wütend wieder an, als er sah, dass ich
kaute. Und zwar mit einem mörderischen, beidhändig geführten Hieb, den ich
gerade noch abzufangen wusste. Meine Knochen zitterten unter der Wucht des
Schlages bis zur Schwanzspitze! Ich wurde allerdings entschädigt, da die
Klinge meines Gegners an meiner zerbrach.
»Und nun?«, fragte ich ihn.
Eine Antwort erhielt ich nicht, hatte auch keine Gelegenheit, eine
abzuwarten, da mich eine Kriegerin mit flammendem Haar angriff. Ihre
Klinge zuckte vor, berührte mich einmal, zweimal, bevor ich mich recht auf
diese neue Feindin einstellen konnte.
»Du kämpfst wie ein dummer Maru«, spottete sie, als ich wieder einmal
die Waffenhand wechselte.
Zu diesem Zeitpunkt sah unsere Sache sehr schlecht aus. Ich war zweimal
verwundet worden, was ich nicht ausstehen kann, auch ohne dass mich
jemand als dumm bezeichnet. Da ich nicht wusste, was wir noch zu gewinnen
hätten, wenn wir weiter mit unseren natürlichen Vorteilen geizten, antwortete
ich: »Das ist nicht so verwunderlich!«
Ich sprach das Zauberwort und offenbarte meinem Gegenüber, mit wem
sie es zu tun hatte. Mein Vorbild machte Schule. Im Nu zeigten sich auch
Rrual, Lazzar und Zziriff in ihrer wahren Gestalt.
Nun begann eine ganz andere Art des Kampfes. Da wir uns nicht mehr um
unerklärliche Verwundungen sorgen mussten, konnten wir nach Herzenslust
beißen, treten und unsere Krallen einsetzen. Unsere Mentoren hielten zwar
weiterhin den falschen Schein aufrecht, verloren aber ihre Hemmungen. Ich
sah, wie sich Ch'Oorr'ck und Zh'Urakrra zweier Gegner entledigten, indem
sie sich kurz entschlossen von ihren Schatten trennten. Ich wusste zwar, dass
die Zims einen solchen Zauber beherrschten, hatte ihn aber noch nie
beobachtet. Ch'Oorr'cks und Zh'Urakrras Feinden war dieses anscheinend
nicht sonderlich schwere Kunststück gänzlich unbekannt. Sie glotzten auf die
Schatten, die von nichts geworfen wurden, und nahmen Reißaus.
Auf ihrem eigenen Schiff hieß man sie jedoch nicht willkommen, sondern
trieb sie auf unseres zurück.
Plötzlich hörte ich ein grässliches Krachen. Hervorgerufen wurde das
Geräusch von dem unbekannten Gerät auf dem anderen Schiff. Nun wurde
mir seine Verwendung klar: Man konnte damit Geschosse schleudern.
Das fragliche Geschoss hatte sich rücksichtslos einen Weg durch das
Getümmel gebahnt. Ich erblickte Ch'Oorr'ck, einarmig und Blut verspritzend!
Einen Augenblick später flog etwas Helles vom anderen Schiff herüber.
Plötzlich stand Ych'Iraa in Flammen! Sie warf sich auf die Planken, um das
Feuer zu ersticken.
Zh'Urakrra hob sein Trugbild auf und zeigte sich. Er war wütend!
Wenn ich erwähne, dass Rrual wütend ist oder aber Zh'Urakrra, so meine
ich damit zwei sehr unterschiedliche Dinge. Das ist, als wolle man eine
Maus und ein Wollnashorn mit demselben Ausdruck belegen.
Zh'Urakrra war nicht die Maus.
Zusätzlich sei daran erinnert, dass wir von einem H'Ranga erschaffen
wurden, den man gelegentlich den Zermalmer nennt. Wie mir Zh'Urakrra
später eingestand, war er vor allem deshalb zornig, weil die Gegenseite
unser Schiff anzünden wollte. Auf See ist solches Benehmen sehr unhöflich.
Zh'Urakrra deutete zuerst auf einen Teil unserer Reling, wo gerade
weitere Feinde zu uns herüber klettern wollten. Urplötzlich brach die Reling
mit einem Stück des Decks aus dem Schiffskörper heraus, schleuderte die
feindliche Verstärkung zurück und klatschte krachend auf sie drauf. Als
Nächstes deutete Zh'Urakrra auf unseren Mast, der sich in abertausend
Splitter auflöste. Einen winzigen Augenblick lang schwebten die Späne
gewichtslos, dann neigten sie ihre Spitzen wie unzählige Pfeile zum anderen
Schiff und rauschten hinüber.
Danach fiel meinem Mentor ein, dass es nicht allzu günstig sei, unser
eigenes Schiff zu zerstören.
»Runter«, dröhnte er in unserer wohlklingenden Sprache und warf sich auf
den Bauch. Wir lagen schon bei »run...«. Nur Narren zögern, wenn Zims
wortkarg werden.
Wie zuvor aus unserem Schiff, lösten sich jetzt Teile aus dem anderen. Sie
fegten über unser Deck hinweg und säuberten es von fremden Kriegern.
Zh'Urakrra erhob sich wieder.
Den Vergleich mit dem Nashorn wählte ich nicht willkürlich.
Zh'Urakrra hielt schnaufend Ausschau zum anderen Schiff. Er suchte den
Zauberkundigen, der für den Angriff mit dem Flammenstrahl verantwortlich
war.
Als er ihn entdeckte, deutete er auf ihn.
Langsam verfolgte Zh'Urakrras Finger eine hastig rennende Gestalt in
auffälliger, protziger Robe. Grund zur Eile hatte sie, da die Deckplanken
hinter ihr zerbarsten und sich aufrichteten. Da es am Bug des Schiffs kein
Weiter mehr gab, gab es dort auch bald keine flüchtende Gestalt mehr.
Damit endete die unerfreuliche Begegnung. Sie ließ zwei schwer
beschädigte Schiffe zurück. Welches davon eher die Bezeichnung Wrack
verdiente, ließ sich schwer sagen. Zh'Urakrra zuliebe behaupteten wir
jedoch, dass das andere Schiff mehr abbekommen habe. Wind und Wellen
trennten uns allmählich von ihm.

4.
Verwundet waren wir alle, doch am schlimmsten hatte es Ych'Iraa und
Ch'Oorr'ck getroffen. Ch'Oorr'ck hatte seine Blutung mittlerweile selbst
gestillt. Als er unsere besorgten Gesichter sah, fand er trotz seiner Schmerzen
tröstliche Worte.
Er glaube nicht, dass er schon verspeist werden müsse, beruhigte er uns.
»Ein verlorener Arm ist kein Beinbruch! Der wächst wieder nach.«
Unsere Hauptsorge galt jedoch Ych'Iraa. Sie sah scheußlich aus: verkohlt,
die Schuppen, wenn nicht verbrannt, so doch eingeschrumpelt. An vielen
Stellen ihres Leibes lag rohes Fleisch bloß.
Zh'Urakrra benötigte einen ganzen Tag, bis er uns mitteilen konnte, dass
Ych'Iraas Leichenschmaus nicht stattfände.
In den letzten Stunden der Heilung unterstützte ihn Dh'Errnu, der zwar
nicht zauberkundig war, aber bereit, seine Lebenskraft mit der Ych'Iraas zu
teilen. Ob die Mentorin jemals ihre alte Schönheit wiedererlangen würde,
war nicht abzusehen. Vorerst blieb sie ohne Bewusstsein.

Unsere Lage war nicht rosig. Wir befanden uns an Bord eines Schiffes,
dessen Erscheinungsbild sich seit seinem Auslaufen beträchtlich verändert
hatte. Einen behelfsmäßigen Mast hätten wir vielleicht fertigen können,
womöglich sogar etwas gefunden, das als Segel hätte dienen können. Doch
wie wir mit Hilfe von Mast, Segel und Steuerruder das Schiff veranlassen
sollten, nicht mehr seinem eigenen Willen, sondern unserem zu folgen, war
uns ein Rätsel. Das Wissen, wie ein seetüchtiges Schiff in etwa auszusehen
hatte, reichte nicht aus, um aus Angehörigen eines Volkes, das seit
Jahrtausenden kein Meer mehr gesehen hatte, unerschütterliche Seefahrer zu
machen. Wir verfielen dennoch nicht in Verzweiflung. Wir Marus sind
äußerst zuversichtlich.
Überdies beschloss das Meer, uns von manchen Sorgen zu befreien. Es
veränderte sich. Konnte man zuvor davon sprechen, dass es im Wesentlichen
glatt war, so bildete es nun weite Täler und lang ansteigende Hügel, die
unser Schiff hinaufkroch und von denen es wieder hinab ins nächste Tal
schoss. Unvergnüglich war das nicht, wie wir schnell herausfanden. Hielt
man sich am Bug auf, so konnte man Augenblicke scheinbarer
Gewichtslosigkeit erleben, wenn sich der Schiffsboden nach Erklimmen
eines Hügels plötzlich wieder sechs bis acht Schritt senkte. Ein Vorgang, den
wir mit Jauchzen begleiteten, ohne auf die Wolkenbank zu achten, die sich
von fern näherte. Irgendwann fiel uns auf, dass die Farbe des Himmels von
blau zu »ausgesprochen widerwärtig« gewechselt hatte. Wir erlebten unseren
ersten Sturm!
Dass Regen auf See die Angewohnheit hatte, von der Seite zu fallen,
hatten wir gelernt. Auch dass er dazu neigte, nicht zu nässen, sondern
augenblicklich zu durchnässen. Nun erfuhren wir Garstiges über Wellen: Sie
bauten sich zu Wänden auf und fielen auf Deck wie einstürzende Türme!
Um nicht weggespült zu werden, verkrochen wir uns in den Schiffsbauch,
um das Ende des Unwetters abzuwarten. Wir hielten uns dort noch nicht lange
auf, als Linksauge unseren besorgt wirkenden drei Mentoren – Ych'Iraa war
immer noch wie leblos – die Frage stellte, was denn wohl geschähe, wenn
das Schiff nicht genau auf einen Wellenberg zuhielte, sondern etwa leicht
schräg oder quer dazu?
An manchen Tagen beschleicht einen das Gefühl, von missgünstigen
Mächten belauscht zu werden. An diesem Tag mussten die besagten Mächte
schon geraume Zeit ungeduldig gewartet haben. Denn kaum hatte Lazzar seine
Frage ausgesprochen, als wir wüst durcheinander geworfen wurden. Der
Boden wurde zur Wand, ebenso die Decke. Zur Luke, die nun eine Tür war,
schwappte Wasser herein. Dadurch erlebten wir an ein und demselben Tag
nicht nur unseren ersten Sturm, sondern zusätzlich unseren ersten Schiffbruch.
Um den Tag nicht noch mit unserem erstmaligen Ertrinken abzurunden,
packte jeder, was er greifen konnte, und kämpfte sich ins ungastliche Freie.
Wir Marus sind hervorragende Schwimmer! Leider war diese Fähigkeit
nur nebenbei verlangt. Wichtiger schien eine gründliche Kenntnis von oben
und unten zu sein. Ich lernte, dass ich darin nicht ganz so bewandert war, wie
ich stets angenommen hatte.
Marus in Mirham

1.

Ich spuckte Wasser und Sand. Nachdem ich mich eine Zeit lang dieser
Tätigkeit hingegeben hatte, ohne zu einer tieferen Einsicht zu gelangen, als
dass sie mir missbehagte, sah ich mich um. Ich befand mich an einem Strand,
gut sechzig Schritt von der Wasserlinie entfernt. Eine hohe Düne, die spärlich
mit langen Halmen bewachsen war, versperrte mir den Blick ins
Landesinnere. Von meiner Habe war nur mein Schwert übrig geblieben und
das, was ich am Leibe trug. Alles andere hatten mir die Wellen entrissen.
Keiner meiner Gefährten war zu sehen. Ich stand auf, rief ihre Namen, aber
niemand antwortete.
Bekümmert erklomm ich die Düne. Als ich oben angelangt war, erblickte
ich eine Gestalt mit vertrautem Äußeren, die etwa hundert Schritt entfernt
unter einer Palme stand und etwas betrachtete, das zu ihren Füßen lag. Da
wir nach der Begegnung mit dem feindseligen Schiff unser wahres Aussehen
beibehalten hatten, hatte ich keine Mühe, in der Gestalt unter der Palme
Linksauge zu erkennen. Mit großen Sprüngen eilte ich zu ihm.
Lazzars Aufmerksamkeit galt der abgebissenen Schwanzflosse eines
Fisches. Sie war recht groß, ungewöhnlich fleischig und bedeckt mit einer
schuppenlosen, grauen Haut, die sich fest und geschmeidig anfühlte. Der
ehemalige Besitzer der Flosse musste zwischen drei und vier Schritt lang
gewesen sein.
Ich fragte Lazzar, welche Bewandtnis es mit der Flosse habe.
Sie sei ihm ein Rätsel, erklärte der Vetter. Er habe sie bei seinem
Erwachen im Maul gefunden, müsse also dem zugehörigen Fisch beim Kampf
mit den Wellen begegnet sein. Leider könne er sich an die Begegnung nicht
erinnern. Nun wundere er sich, was er da verspeist habe, da ihm der
Fischschwanz wenig fischschwänzig erschiene.
Dem konnte ich nur zustimmen.
Als Nächstes fragte ich Lazzar, warum er sich auf mein Rufen hin nicht
gemeldet habe.
Er gab an, wegen seiner soeben entdeckten Angewohnheit, unwissentlich
Speisen zu verzehren, ganz in sich vertieft gewesen zu sein. Ständig habe er
an den armen Fisch mit dem Riesenrachen denken müssen, der zu unserem
Schiff geschwommen war, als wir Fadenbarts halbe Mannschaft über Bord
geworfen hatten, und dem selbige Angewohnheit zu Eigen gewesen sei. Auch
sei er ganz schwermütig bei der Vorstellung geworden, dass ich und alle
anderen ertrunken seien und unsere Körper für alle Zeiten unverspeist am
Meeresgrund lägen.
Ich war sehr bewegt ob dieser Sorge. Tief berührt versicherten Linksauge
und ich uns unserer Zuneigung und versprachen uns gegenseitig, niemals
zuzulassen, dass einer von uns beiden unverzehrt bliebe.
Als mir die Rührseligkeit zu weit ging, wies ich den Vetter darauf hin,
dass meine Ankunft seine Last erleichtert habe und sich sein Gemüt nun um
ein Siebtel erhellen könne.
Er entgegnete, dass ich gut reden habe, da ich nichts von den schlimmen
Sorgen wisse, die einen drückten, wenn man dazu neige, unbemerkt
unbekannte Dinge zu essen.
Er stieß einen gequälten Seufzer aus. Aus Mitleid seufzte ich mit.
Zwei zankende Stimmen retteten uns aus unserer Trübsal. Sie gehörten
Zziriff und Rrual, die ebenfalls dem Wüten der Elemente entkommen waren.
Wir fragten die beiden, was sie schon wieder zu streiten hätten?
Zziriff verwies uns an Rrual, da ihm der Grund so unbekannt sei wie uns.
Rrual klärte uns auf, dass es eigentlich keinen Anlass zum Streit gebe,
außer dem, dass er sehr unglücklich sei, weil er sein Schwert im Wasser
verloren habe. Vor Leid sei er darauf verfallen, seine Laune an Zziriff
auszulassen. Beim besten Willen wisse er nicht, wozu ihn die Verzweiflung
womöglich getrieben hätte, wenn nicht unser liebes Schätzlein da gewesen
wäre, auf dem er hätte herumhacken können. Deswegen hege er gar keinen
richtigen Groll gegen ihn, sondern sei ihm im Gegenteil für seine
Anwesenheit in großer Dankbarkeit verbunden.
Schätzlein war über die Eröffnung so gerührt, dass er Einzahn
mitleidsvoll versprach, er dürfe gelegentlich sein Schwert tragen.
Im Überschwang der Gefühle versprachen Linksauge und ich dasselbe,
obwohl wir schlauer hätten sein müssen. Das Versprechen wurde nämlich
während der nächsten Tage zu einer Quelle ständigen Streits, da Rrual zu
vergessen pflegte, dass die Schwerter nur Leihgaben waren.
Unsere vordringliche Sorge galt dem Erhalt dessen, was wir von Bord
hatten retten können. Sämtliche Beutel waren durchweicht, aus manchen
konnte man Wasser gießen. Deshalb breiteten wir ihren Inhalt zum Trocknen
aus: die Bibliotheksflechten, die Kleidersamen, den Aasschimmel. Ganz
traurig sah die Erde unserer Pflegemutter aus. Sie hatte sich in ihrem Beutel
in schlammige Brühe verwandelt.
Wegen des Salzes hielten wir es für angebracht, das Gerettete mit
Süßwasser zu reinigen. Ob eine Waschung auch bei der Erde erfolgreich sein
könne, ohne dass sie ihre Fruchtbarkeit gänzlich verlor, wussten wir nicht,
und Dh'Errnu, der sich ausgekannt hätte, fehlte leider.
Wir beschlossen, Wasser zu suchen. Rrual schlug vor, die Suche mit einer
Jagd wie in Kindertagen zu verbinden, da er hungrig sei.
Lazzar brummte, dass er zwar nicht wisse, was sich in seinem Bauch
befinde, ihm aber gerade nicht nach Essen zumute sei.
Darauf berichtete uns Schätzlein, dass auch er Kindertage gehabt habe.
Rrual wollte das aber nicht gelten lassen. Nicht Schätzlein solle
mitkommen, sondern sein Bruder, beharrte er, da es in schlimmen Stunden
bekanntlich aufbauend wirke, wenn man sich verflossener, schöner
Augenblicke erinnere. Was sei schließlich aufrichtender als das
Vergegenwärtigen von Erlebnissen aus wilder Kinderzeit, als man in der
Horde Hasen gejagt, gestellt und zerrissen oder Scherze mit Schildkröten
getrieben habe?
Wir ließen ihm seinen Willen, um zu verhindern, dass er auf andere
Möglichkeiten verfiele, sein seelisches Gleichgewicht zurückzuerlangen.
Schätzlein bekundete, zwischenzeitlich den Strand nach unseren Mentoren
absuchen zu wollen.
Er wurde jedoch nicht fündig.
Als wir später wieder zusammenkamen, erzählte Schätzlein, er habe
während seiner Suche nach den Mentoren einen sehr großen, grauen Fisch am
Strand gefunden, dem der Schwanz fehle. Das könne wohl Lazzars Fisch
sein, habe er sogleich gedacht. Nur habe er sich gewundert, dass der Fisch
eigentümlicherweise einen Schnabel besessen habe.
Lazzar pries Schätzleins großes Herz, weil er ihn mit der Geschichte zu
trösten versuche. Doch sei leicht zu erkennen, dass sie erfunden sei, da es
keine Fische mit Schnäbeln gebe.
Einen gebe es bestimmt, behauptete Zziriff. Im Übrigen habe er es nicht
nötig, sich wegen seines großen Herzens als Lügner bezichtigen zu lassen.
Rrual, immer noch angetan von Schätzleins Großzügigkeit und gewiss
auch darauf hoffend, dass jener sein Versprechen bald einlösen und ihm sein
Schwert überlassen würde, versuchte zu vermitteln: Auch ein großes Herz
müsse man gelegentlich verkleinern und verhärten, zumal, wenn das
Gegenüber nicht nur für schonungslose Wahrheitsliebe berüchtigt sei,
sondern auch für seinen Jähzorn.
Die gute Absicht bewirkte das Gegenteil: Linksauge nannte seinen Bruder
eine Schande für ihr Gelege, da er vor keiner noch so verächtlichen
Anbiederung zurückscheue. Fische hätten keine Schnäbel, und wenn doch, so
besäßen sie auch Federn, säßen auf Bäumen und würden gemeinhin Vögel
genannt. Die Flosse jedoch weise keine einzige Feder auf, wie leicht
festzustellen sei. Damit sei seine Ansicht wohl zweifelsfrei bewiesen. Und
nun wünsche er keine weiteren Mutmaßungen mehr zu hören, die seinen
Mageninhalt anbelangten.
Um allgemeiner Handgreiflichkeit zuvorzukommen, machte ich den
Vorschlag, den fraglichen Fisch uns gemeinsam anzusehen. Zziriff war
sogleich dafür. Einzahn ebenfalls, sobald er Zziriffs Schwert in Händen hielt,
während Linksauge nur mit viel Zureden von seinem Standpunkt abzubringen
war, dass zwingende, allgemein einsichtige Schlussfolgerungen keinen
Sachbeweis nötig hätten.
Wir fanden den Fisch etwa zwei Meilen entfernt. O Wunder, er besaß
tatsächlich einen Schnabel, sogar einen mit Zähnen. In welch seltsames Land
hatte es uns verschlagen?
Linksauge schritt mehrmals um den spindelförmigen Körper herum,
brummte abwechselnd »Fisch«, »Schnabel«, »Zähne« und: »Manche können
sich überhaupt nicht entscheiden.«
Schließlich verkündete er, dass er nach Sturm, Schiffbruch und aller
erlittener Unbill längst das unbestimmte Gefühl gehabt habe, den Fisch habe
sein Schicksal verdientermaßen ereilt. Nun sei er sich dessen gewiss.
Wir anderen ersparten uns weitere Ausführungen, indem wir nicht
nachfragten, was die Aussage bedeuten solle.

2.

Der Inbegriff der Gemütlichkeit ist es, faul und dickbäuchig in der Sonne zu
liegen, umgeben von Gefährten, denen als letzte Zeugnisse eines reichhaltigen
Mahles noch halb verschlungene Läufe von Hasen und Ziegen oder
Vogelbeine aus dem Maul hängen, tief schürfenden Gedanken nachzuhängen
und gemeinsam dem Summen von Bienen und Käfern zu lauschen, dem
Gezwitscher der Vögel oder dem gelegentlichen Splittern eines
Markknochens.
So hielten wir es am zweiten Tag nach unserer Strandung. Wir lagen auf
einer Anhöhe, sahen hinunter in ein mit saftigem Grün bewachsenes Tal und
genossen den lieblich beschaulichen Anblick einer Herde weißgelblich
leuchtender Schafe, die von einer anmutigen, braunhäutigen Schäferin gehütet
wurden.
Versonnen schlug Rrual vor, ins Tal hinabzusteigen, um sie aufzufressen.
»Wen?«, fragte Lazzar. »Die Herde oder die Schäferin?«
»Alle«, antwortete Rrual gutmütig.
Lazzar seufzte. Das sei ein trefflicher Vorschlag, lobte er seinen Bruder,
beklagte aber, viel zu träge dazu zu sein.
Ich warf beiden romantische Verklärung vor, da sie wohl wüssten, dass
die Schäferin nicht so lecker sei, wie sie aussehe.
Einzahn meinte darauf zu Linksauge, dass er sich just frage, warum es
immer jemanden geben müsse, den der Drang beherrsche, selbst die
schönsten Stimmungen zu zerstören?
»Von einem fehlenden Verständnis für Scherze ganz zu schweigen«,
stimmte Lazzar zu.
Plötzlich warf Zziriff viel zu aufgekratzt ein, wir könnten »Sagen oder
Schlagen« spielen.
Linksauge blickte ihn linksäugig an und meinte, das hieße, unvermeidliche
Entscheidungen nur noch weiter hinauszuschieben.
Das sei ihm bewusst, erwiderte Schätzlein. Doch alles zu seiner Zeit. Jetzt
sei ihm nicht nach ernstem Reden, sondern danach, uns vernichtende
Niederlagen zu bereiten.
Wir vergewisserten uns, dass uns die Schäferin nicht entdecken konnte,
und richteten uns mühselig auf. Schätzlein, der den Vorschlag gemacht hatte,
durfte beginnen.

»Sagen oder Schlagen« ist ein sehr schwieriges Spiel, da es dabei viel zu
beachten gilt. Man spielt es so: Einer aus der Runde übernimmt die Rolle des
Sagers, während die anderen Spieler die Rater sind. Der Sager beginnt;
alles andere wäre nicht sinnvoll. Er schaut sich um, trifft seine Wahl und ruft
dann: »Ich sehe etwas Essbares.«
Er kann damit alles meinen, das verzehrbar, bekömmlich und in
Blickweite ist, mit Ausnahme der Mitspieler. Sie müssen erraten, was der
Sager gemeint haben könnte, und ihre Vermutung unverzüglich laut äußern.
Fällt jemandem nichts ein, so hat er verloren. Wer errät, worauf der Sager
ein Auge geworfen hat, hat gewonnen. Sollte sich herausstellen, dass der
Sager etwas ausgewählt hat, was zuvor schon gewählt wurde, dann rufen die
anderen Spieler: »Schon gefressen« und der Sager hat verloren. Wer nichts
ruft oder fälschlich Zweifel äußert, hat ebenfalls verloren.
Da das, was sich der Sager ausgedacht hat, im Allgemeinen nicht sogleich
erraten wird, gibt er Hinweise. Er antwortet auf eine Vermutung etwa:
»Knirscht!«, »Knackt!«, »Splittert!« oder »Liegt auf deiner Schnauze«, wenn
sie ganz falsch war.
Wirklich schwierig wird das Spiel dadurch, dass der Sager jederzeit, also
auch schon zu Spielbeginn, darauf verzichten kann, etwas zu sagen, um
stattdessen einen seiner Nachbarn mit dem Schwanz zu schlagen. Kann jener
nicht ausweichen, so hat er selbstverständlich auch verloren.
Wie man sieht, fördert das Spiel gleichzeitig Einfallsreichtum,
Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit.

Wir spielten den halben Nachmittag lang. Mittendrin fiel mir ein, was Zziriff
und Einzahn von ihren Mitspielern in Tuzak berichtet hatten. Ich fragte sie
nach Einzelheiten.
Zziriff lächelte verschmitzt. Mit Schlägen habe man zwar nicht rechnen
müssen, wenn die F'zzmechs an der Reihe gewesen seien, aber andererseits
habe man auch nie gewusst, ob sie unter einem Schlag zusammenzuckten oder
nur deswegen, weil sie betrunken waren. Das habe dem Spiel eine
ungewohnte Würze verliehen.
Ich bedankte mich für die Antwort, obwohl sie mich nicht überzeugte.
Die Ankunft dreier Reiter beendete unser Spiel. Sie preschten durch das
Tal, trieben die blökenden Schafe auseinander und bewogen ihre Hirtin, sich
eilig hinter einem Gebüsch zu verstecken. Als die Reiter wieder
verschwunden waren und wir die laufende Runde des Spiels beendet hatten,
erklärte Schätzlein, dass nun die Zeit gekommen sei, sich dem
Unvermeidlichen zu stellen und uns mit dem zu beschäftigen, was bisher
niemand angesprochen hatte.
Wir hatten unsere Mentoren verloren sowie einen großen Teil der
Ausrüstung. Bei dem, was uns verblieben war, wussten wir nicht, wie viel
Schaden es genommen hatte. Damit war unser Unternehmen gescheitert. Ein
völliger Fehlschlag war die Reise nicht gewesen, da wir einiges
herausgefunden hatten, das bei einem zweiten Versuch Beachtung finden
musste. Die wichtigste Erkenntnis war, dass es keinen Zauberbann gab. Die
zweitwichtigste, dass Ersatzschwerter unverzichtbar waren. Außerdem
musste künftig alles wasserdicht verpackt werden. Zu vernachlässigen war
die Gefahr durch Seequappen. Nicht zu vernachlässigen war die
zauberbrechende Gier der F'zzmechs.
Nach kurzer friedfertiger Debatte fügten wir unserer Liste noch hinzu,
dass die Entscheidungsgewalt der Mentoren beschnitten gehöre.

Diese wertvollen Einsichten mussten unbedingt Maru-Zha erreichen, was


voraussetzte, dass wir nach Tuzak gelangten. Das wiederum bedeutete, dass
wir ein Schiff mit diesem Ziel finden müssten, womit wir beim ersten Schritt
unseres künftigen Handelns angelangt waren: Wir brauchten Gold, und zwar
richtiges, da wir nicht mehr auf die Fähigkeiten Ch'Oorr'cks oder Zh'Urakrras
bauen konnten. Dass die F'zzmechs auf dieser Seite des Wassers anders
veranlagt sein mochten als die auf der gegenüberliegenden, schlossen wir
aus. Somit war klar: Damit uns unser künftiger Kapitän unser Gold abnehmen
konnte, benötigten wir zuerst einen F'zzmech, dem wir es abnehmen konnten.
Eine sehr natürlich anmutende Angelegenheit.
Insofern hatte Zziriff den richtigen Augenblick für unsere Entscheidung
gewählt: Reiter ritten immer von irgendwoher nach irgendwohin. Wenn wir
den dreien folgten, die wir gesehen hatten, so kämen wir letztlich nach
Hause.
Notgedrungen mussten wir dazu unser Äußeres wieder hinter der
Truggestalt verbergen. Als wir abermals wie abscheuliche F'zzmechs
aussahen, waren wir allesamt beeindruckt, was für ein Könner Zh'Urakrra
gewesen war. Sein Zauber passte sich offenbar jeder Lage an. Da unsere
Gewänder unter dem Salzwasser gelitten hatten, sahen wir nach der
Verwandlung wie arg abgerissene F'zzmechs aus – halb nackt und in Lumpen
gehüllt. Wir hätten gut daran getan, zwei oder drei Wochen zu warten, bis
unsere Gewändersamen zu erntereifen Pflanzen herangewachsen wären.
3.

Die Spur der Reiter war leicht aufzunehmen und führte uns nach zwei Tagen
in eine Stadt, die ohne jeden Sinn für Ausgewogenheit und Schönheit
errichtet worden war. Welch ein Durcheinander. Man hätte meinen können,
dass die Erbauer wahllos drei verschiedene Städte zu einer hatten vereinigen
wollen.
Eine Hand voll Gebäude war von gewaltigen Ausmaßen: mehrere hundert
Schritt lang, erbaut aus weißem und rosa Marmor, verziert mit Säulen und
Schnörkeln und überragt von Türmen mit glänzenden Messingdächern.
Grünland und Wildnis umgab diese abseits stehenden Bauwerke. Nur eine
breite, gerade Straße, die zu ihnen führte, legte nahe, dass sie etwas mit der
übrigen Stadt zu tun hatten.
Der zweite Teil der Stadt, oder vielmehr die zweite Stadt, wies erheblich
kleinere Häuser auf: nicht halb so groß wie die anderen, nicht einmal ein
Viertel so groß, nein, geradezu winzig dagegen. Ihr Grundriss war nicht
länglich, sondern meist quadratisch. Sie waren aus weißem Marmor errichtet
oder nur damit verkleidet. Manche besaßen Säulen, andere wiederum nicht.
Ebenso verhielt es sich mit Schnörkeln. Rosafarbenes Gemäuer oder
Messingdächer suchte man vergeblich. Dafür stand zwischen dem vielen
Weiß ein einzelner, schmutzig grauer Kasten.
Meiner Einschätzung nach hätte selbst einem F'zzmech-Baumeister
auffallen sollen, dass die zweite Stadt zwangsläufig wirken musste, als wäre
sie aus Überresten und Abfällen der großen Gebäude errichtet worden,
sozusagen ein steingewordener Komposthaufen. Doch nein, nicht genug
damit, sie hatten noch einen dritten Stadtteil errichtet. Er bestand aus
Lehmhütten. Sie waren weder weiß noch rosa, waren nicht mit Säulen
verziert und auch nicht mit Schnörkeln – außer denen, die handwerkliches
Ungeschick hervorbringt – und schon gar nicht mit Messing gedeckt. Dafür
gab es in diesem Viertel auch keine Straßen, dafür eine Vielzahl schlammiger
Kuhlen, in denen das Wasser stand. In wilden Kindertagen hätten wir uns hier
womöglich recht wohl gefühlt. Als Erwachsene konnten wir dem Stadtteil
nichts abgewinnen.
Wir Marus sind nicht eben die erfahrensten Städtebauer, da wir nur eine
einzige Stadt besitzen, doch wage ich zu behaupten: Hätte jemand zu Zeiten
der Ahnen gewagt, ein solch schauriges Sammelsurium vorzuschlagen, so
wäre als Folge ein Bürgerkrieg ausgebrochen, und zwar wegen der
Streitfrage, wer die Baumeister hätte auffressen dürfen.
Als mittlerweile erfahrene Forscher und beinahe Gelehrte der F'zzmech-
Bräuche steuerten wir zunächst eine Schenke an, da wir – um nicht
aufzufallen – eine Unterkunft benötigten und weiterhin herausfinden wollten,
wen man hier am besten ausraubte: ebenfalls Stadtkrieger, wie in Tuzak, oder
geeignetere Personen?
Die erste Schenke durften wir gar nicht betreten. Man wolle hier kein
verlaustes Lumpengesindel, wurde uns mitgeteilt.
In der zweiten Schenke wurden wir freundlicher empfangen und man wies
uns erst nach einem kurzen Gespräch die Tür. Wir führten die Unterhaltung
mit der Wirtin, die diensteifrig an unseren Tisch trat, noch bevor wir uns
setzen konnten.
Ob wir über »Mittel« verfügten, erkundigte sie sich freundlich.
Da ich ahnte, dass sie damit Münzen meinte, antwortete ich freimütig:
»Nein, noch nicht« und fragte, ob das ein Hindernis darstelle.
Keineswegs, antwortete die Wirtin. Vorausgesetzt, wir gingen jetzt und
kämen erst wieder zurück, wenn wir ein paar Dirhams, Oreal oder – noch
besser – Dublonen besäßen.
Wir versprachen, den Rat zu beherzigen, und verabschiedeten uns von ihr.
Weil uns nach zwei Fehlschlägen nicht danach war, uns auf die Suche nach
einem dritten zu begeben, ließen wir das Kompostviertel hinter uns und
strebten den Lehmhütten zu. Da es so viele von ihnen gab, hofften wir, leicht
in einer davon Unterkunft zu finden. Wir sprachen bei der Erstbesten vor.
Sofern die Bewohner sich nicht bereits im Freien aufhielten, so strömten
sie jetzt aus dem Eingang der Hütte, der mit einer Matte verschlossen war. Im
Einzelnen waren das ein kleiner, bronzehäutiger Mann, eine noch kleinere,
ebenso gefärbte Frau und – da alle F'zzmechs der widerlich tierhaften Sitte
der Brutpflege anhängen, anstatt ihre Jungen in ungestümer Wildheit groß
werden zu lassen – eine beachtliche Anzahl Kinder. Gut zwei Gelege voll.
Wir schilderten unser Begehr, worauf der männliche F'zzmech
zurückhaltend wissen wollte, ob wir Sklavenjäger seien.
Wir seien großartige Jäger, antwortete ich stolz, aber keine Sklavenjäger.
Die Antwort gefiel der Gefährtin unseres vermeintlich künftigen
Gastgebers so sehr, dass sie ganz zutraulich wurde.
Ob wir womöglich entsprungene Sklaven seien, raunte sie
verschwörerisch.
Um eine Antwort verlegen, blickte ich zu Rrual und fragte ihn heimlich,
was sie damit meine.
Rrual gab sich nachdenklich. Er habe zwar eifrig das Sklavenrecht
studiert, bekundete er, gewiss eifriger als wir unsere jeweiligen Rechte,
zumindest aber eifriger als wir ihm zutrauten, und könne uns jederzeit mit
langwierigen Vorträgen erfreuen. Was allerdings ein Sklave sei, wisse er
auch nicht.
Ungefragt mischte sich Zziriff ein. Er und Einzahn hatten nicht grundlos
ständig Streit.
Soweit er wisse, erklärte Zziriff, bezeichne man mit Sklaven Personen,
die man in feindseliger Absicht gefangen genommen, aber
unverständlicherweise weder sofort verspeist noch zum Zwecke würzenden
Vermoderns vergraben habe.
Mir genügte die Auskunft. Ich herrschte die Frau an, ob sie denn keine
Augen im Kopf habe. Selbstverständlich seien wir keine Sklaven.
Die Miene des Mannes hellte sich auf.
Nun wisse er, warum wir hier seien, behauptete er. Viele Fremde kämen
in die Stadt, um das wunderschöne Mirham zu betrachten.
Genauso verhielte es sich mit uns, stimmte ich zu, damit er sich endlich
zufrieden gäbe. Wir seien schon sehr gespannt auf Mirham, und sobald die
Frage unserer Unterkunft geregelt sei, könne er mir sagen, wo Mirham zu
finden sei.
Ob ich scherze, fragte der Mann verblüfft. Wir seien doch in Mirham.
Dem Mirham, von dem alle Fremden schwärmten: der herrlichen Königsstadt
Mirham.
Langsam ungeduldig werdend, ließ ich meinen Blick über die elenden
Lehmhütten schweifen und erklärte bissig, genau so hätte ich mir immer eine
Stadt vorgestellt, in der die Könige der Kothaufen hausten.
Mein Gegenüber wurde giftig: Kothaufen? Was ich mit dieser
Unverschämtheit auszudrücken wünsche?
Ich war leider wieder einmal zu deutlich geworden.
Als mir Linksauge beisprang, beschlich mich ein Gefühl großer
Vertrautheit. So, als hätte ich das alles schon einmal erlebt.
»Kothaufen?«, wiederholte Lazzar verwundert. »Der Vetter hat nie und
nimmer Kothaufen gesagt.«
»Ei selbstverständlich«, beharrte der Mann, beharrte die Frau, beharrte
unerbittlich ein Abneigung heischendes Kind nach dem anderen.
Das sei sicher ein Versprecher gewesen, behauptete Lazzar.
Was ich denn stattdessen habe sagen wollen, fragte eines der Kinder.
»Schlothaufen«, erklärte Linksauge ungerührt.
Eine Zeit lang herrschte verwirrtes Schweigen, bis sich das Kind, das
bereits durch Lästigkeit aufgefallen war, erneut meldete. Was ein
Schlothaufen sei?
Linksauge gab bereitwillig Auskunft. Eben die Unverständlichkeit sei eine
Eigenschaft von Versprechern. Man wolle etwas sagen, werde aber plötzlich
abgelenkt. Der Blick schweife zum Beispiel während des Reden über die
Hütten hier, von da hinunter zum Fluss, über die Reisfelder, zum Urwald in
der Ferne, zurück zu den weißen Häusern, die über die Hütten hinweg zu
erkennen seien, wieder zurück zum Fluss, über die Reisfelder – Lazzar hatte
augenscheinlich den Faden verloren – hin zum Wald, bis einem plötzlich, ja,
ganz plötzlich, einfiele, dass es ... dass es ... dass es hier irgendwo einen
Köhler geben müsse, bei dem es gelegentlich ordentlich qualme. Also sage
man versehentlich »Schlothaufen«, obwohl man etwas anderes meine. Mit
ein wenig gutem Willen sei das leicht nachzuvollziehen.
Geschickt, der gute Lazzar.
Leider erklärte seine Ausführung überhaupt nichts. Das merkten auch die
F'zzmechs. Unser weiteres Gespräch war daher durch Einsilbigkeit und
einseitige Abneigung gekennzeichnet, die nach und nach beidseitig wurde. So
war auch dieser Versuch gescheitert.

Entmutigt verließen wir das Viertel. Durch die fortwährenden Abweisungen


waren wir so verärgert, dass wir aus schierem Trotz kein einziges Gebäude,
an dem wir vorbei kamen, auch nur eines flüchtigen Blickes würdigten. Auf
einer freien Fläche ließen wir uns ratlos nieder.
Wir hatten es im Guten versucht. Wir hatten uns bemüht, uns wie
F'zzmechs zu verhalten, um die Bevölkerung nicht in Unruhe zu versetzen,
jedenfalls nicht in mehr Unruhe, als unsere weiteren Vorhaben noch zwingend
notwendig machten. So dankte man es uns. Mirham war sehr ungastlich.
Lange war es uns nicht beschert, uns ungestört unserer gegenseitigen
Verärgerung versichern zu können, da ein Stadtgardist bei uns stehen blieb.
Herumlungern von Gelumpe auf der Plaza Shoy'Rina werde nicht
geduldet, schnarrte er.
Wir blickten ihn düster an. Gegen ihn sprach sehr vieles, unter anderem
auch, dass seine Gewandung bemerkenswert derjenigen ähnelte, welche die
Krieger des Schiffes getragen hatten, das uns grundlos angegriffen hatte. Sie
war tiefschwarz und weckte Erinnerungen an Kampf und Schiffbruch.
Der Mann ahnte nicht, wie dicht er davor stand, Hauptzutat unseres
nächsten Mahls zu werden.
Besonnenheit setzte sich durch. Sie wurde dadurch gefördert, dass der
Platz weit, bevölkert und einsichtig war und obendrein andere Gardisten
herbeieilten. Da wir kein Aufsehen erregen wollten, gingen wir und
beschlossen im Freien zu lagern, und zwar auf einer der ausgedehnten
Grünflächen um die großen Gebäude herum, woran sich hoffentlich niemand
stören würde. Platz war dort genug. Vorsichtshalber warteten wir bis zum
Einbruch der Dunkelheit.

4.

Die Nacht war erstaunlich hell, obwohl am Himmel nur die rechte Kralle des
Ungeschlüpften zu sehen war. Behände kletterten wir über Zäune und
Mauern. Die Wiese, die sich dahinter erstreckte, war künstlich angelegt. Das
Gras war auf gleiche Länge gekürzt und säuberlich von Blumen und
Sträuchern getrennt, denen ein eigener Ort zum Wachsen zugewiesen worden
war. Wir folgten den Kieswegen, die ein Muster in den gepflegten Rasen
zeichneten, zu einem Stück Wildnis. Es war ebenfalls künstlich angelegt. Die
Bäumchen waren willentlich verkrüppelt und wissentlich mit
schmarotzenden Lianen und Rankengewächsen bepflanzt worden. Der
Anblick hatte etwas Beunruhigendes, wenn man sich vergegenwärtigte, dass
nur wenige Meilen von dieser mühsam gepflegten Wildnis entfernt ein
ungepflegter Urwald wucherte.
Zziriff meinte, das käme ihm vor, als wolle man um einen Tümpel herum
Tümpel anlegen. Als wir kurz darauf zu einem kreisrunden Teich gelangten,
der von kleineren Teichen umgeben war, gerieten wir sehr ins Grübeln.
Urplötzlich ermahnte uns Linksauge zu erstarren. Er hatte eine Gestalt
entdeckt, die uns beobachtete.
Bewegungslos blickten wir in die Dunkelheit, wo der Fremde lauerte.
Nicht mehr als ein Schatten war er, ein großer, abwartender, bedrohlicher
Schatten in der Nacht, reglos stehend, Finsteres ausbrütend, breit, wuchtig,
gewiss doppelt so groß wie jeder Einzelne von uns. Wie sich der Riese
unbemerkt auf kaum dreißig Schritt hatte nähern können, war uns
unverständlich.
Wir beobachteten ihn einige Augenblicke, dann gingen wir zu ihm. Die
Gestalt war ein Skelett und – wen wunderte das noch? – ebenfalls künstlich.
Das soll nicht heißen, dass die Knochen keine Knochen gewesen wären – das
waren sie. Nur stammten sie von sehr unterschiedlichen Vorbesitzern und
waren von jemandem zusammengesetzt worden, für den der Sinn von
Knochen, Sehnen und Fleisch ein unergründliches Rätsel gewesen war. Ich
konnte mir gut vorstellen, wie der Erbauer, dem meine Einbildungskraft
unwillkürlich Fadenbarts Aussehen verlieh, eines Tages in den Besitz von
fünf Fuhren Knochen gekommen war. Zwei hatte er für das Skelett
verwendet, mit den restlichen drei hatte er nichts anderes anzufangen
gewusst, als sämtliche Hohlräume des Skeletts auszufüllen, sodass er als
Ergebnis seiner Mühe einen vier Schritt hohen, unförmigen Zweibeiner
erhalten hatte, dessen alleiniger Daseinszweck es war, hässlich in der
Dunkelheit zu warten.
Einzahn beendete mein Fantasiegespinst. Er müsse uns umgehend mit
einer blendenden These vertraut machen, die er just entwickelt habe,
verkündete er. Ob sein Bruder und ich uns an die rührende Geschichte aus
Kindertagen erinnerten, als er uns das Kunststück mit den drei Schildkröten
vorgeführt habe?
»Ja«, antworteten Linksauge und ich pflichtschuldig. Das Kunststück sei
für alle Anwesenden äußerst belustigend gewesen. Vorausgesetzt, man habe
nicht zu den Schildkröten gehört. Was er damit andeuten wolle?
»Leicht erklärt«, meinte Rrual. Wir sollten nur unvoreingenommen die
Tatsachen betrachten: Wildnis, die man mühsam verwildert hielt, obwohl es
leichter war, die Pflanzen gewähren zu lassen. Seen, die man um Seen herum
anlegte. Knochenleute, die unbeachtet herumstanden, als hätte man sie
vergessen. All das spreche überaus zwingend für das Wirken eines
kindlichen Geistes.
So zwingend sei das nicht, widersprach Linksauge. Der Urheber könne
auch bloß von allen guten Geistern verlassen sein.
»Oder er ist etwas seltsam«, schlug ich vor. Ich tat einen Schritt auf die
Knochenfigur zu, da ich wissen wollte, ob ich sie zum Einsturz bringen
könne. Eben streckte ich die Hand aus, um kräftig an dem Gebilde zu rütteln,
als eine Stimme befahl: »Finger weg.«
Ich seufzte. Man hatte uns aus den Gasthöfen verwiesen, man hatte uns
vom Platz vertrieben, und nun kam schon wieder jemand, um etwas zu
verbieten. Dieses leidige Mirham schien fest entschlossen, den frei
gewordenen Platz unserer Mentoren zu besetzen.
Ich wandte mich um.
Die Stimme gehörte einer kurz gewachsenen, dünnen F'zzmech, die eng
anliegende schwarze Kleidung trug. Passend zu ihrer Gewandung hatte sie ihr
Haar straff zurückgekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden und sich
das Gesicht mit Ruß geschwärzt.
Ich fragte sie, was sie wolle.
Sie zögerte, warf einen gehetzten Blick in die Richtung, aus der sie
gekommen war, und meinte, man müsse entweder sehr einfältig oder ein
fremdländischer Barbar sein, um auf den Gedanken zu verfallen, den
Knochengolem zu berühren.
»Welches von beidem trifft denn auf euch zu?«, fragte sie spöttisch.
»Nein, keine Barbaren«, erklärte ich. »Angehörige eines alten
Kulturvolkes.«
Ich fragte, warum es verboten sei, den Golem – was immer das sei – zu
berühren?
Verboten sei es nicht ausdrücklich, erwiderte die kleine Frau. Allein, der
Knochenmann erwache gelegentlich zum Leben und erschlage dann jeden in
seiner Reichweite.
Die Auskunft veranlasste uns, etwas Abstand zu suchen. Uns alle bis auf
Einzahn. Der Vetter musterte das Ungetüm vom Scheitel bis zur Sohle und
bekundete, nie eine schlechter erfundene Geschichte gehört zu haben. Das
Ding bestünde nur aus Knochen, doch allein entscheidend seien Muskeln und
Sehnen. Ihm sei noch nie ein Getier untergekommen, das auf Muskeln
verzichte, sehr wohl jedoch solche, die für Knochen und Ähnliches nur
Verachtung empfänden.
»Beispiele?«, forderte die Frau.
»Quallen, Würmer, Maden«, zählte Einzahn auf.
»Allesamt muskelstrotzende Räuber und Zerfleischer«, höhnte sein
Gegenüber.
»In ihrer Selbsteinschätzung unweigerlich«, belehrte sie der Vetter ernst.
Das sei schließlich eine Eigenheit der Wunderbaren Weltordnung.
Die Frau zuckte mit den Schultern, meinte, sie habe uns gewarnt, und
verschwand leichtfüßig und grußlos in der Nacht.
Auch wir verweilten nicht mehr lange bei der Knochenfigur, da uns die
Neugier trieb, warum die F'zzmech so angespannt gewesen war und weshalb
sie es so eilig gehabt hatte. Wir bewegten uns in die Richtung, aus der sie
gekommen war. Schon bald wurden wir durch den Anblick eines Fackelzugs
belohnt, der von Hundegebell begleitet wurde. Wir warteten, bis er heran
war.
Voran ging ein F'zzmech mit weißem Haarkranz, der drei Hunde an der
Leine führte. Ihm folgten sechs Krieger in bunten Gewändern mit
Brustpanzern und Helmen, die die Fackeln hielten. Den Abschluss bildeten
ein fülliger Reiter, neben dem zwei Frauen in sparsamer Gewandung her
rannten. Die eine trug einen verschlossenen Krug, die andere ein Tablett und
war bemüht, einen silbernen Becher, der darauf stand, am Herunterpurzeln zu
hindern.
Als wir gesehen wurden, hielt der Zug an. Die Hunde kläfften noch lauter,
zerrten an ihren Leinen, stellten sich auf die Hinterbeine, begierig, uns
vorzuführen, wie man sich geschickt selbst erwürgt. Derweil versuchte sie
der Weißkranz-F'zzmech am anderen Ende der Leinen mit lautem Geschrei zu
beruhigen. Ein Krieger brüllte: »Das sind sie.« Seine Gefährten bildeten mit
entschlossenen Ausrufen einen Halbkreis, und der Reiter befahl dem
Hundeführer lauthals, »die dämlichen Kläffer« endlich zur Ruhe zu bringen.
Der Lärm war beachtlich.
Da ich – wie bereits erwähnt – als sehr höflich gelte, schlug ich dem
Hundeführer vor, die Tiere freizulassen, damit wir sie geschwind von ihrem
Leid erlösen könnten. Wir hätten schon lange keinen Hund mehr gegessen.
Man kann über Hunde sagen, was man will: Diesen war die Wunderbare
Weltordnung gut vertraut. Als sie nach anfänglicher Kraftprotzerei im
Gegensatz zu ihren Herrschaften erkannten, wer wir waren, zogen sie die
Schwänze ein, ersetzten ihr Bellen durch Winseln und wickelten kundig ihre
Leinen um die Beine des Weißhaarigen. Der war zwar über ihr Verhalten
erstaunt, dennoch nicht abgeneigt, die Erwartungen seiner Tiere zu erfüllen,
indem er kurz darauf umfiel.
Den Reiter, der sich einbildete, für das Abebben des Lärms
verantwortlich zu sein, hatte sein Tun so erschöpft, dass er nach einem Trank
verlangte. Die eine der spärlich Bekleideten öffnete den Deckel des Kruges
und füllte den Becher auf dem Tablett, das die andere hielt. Diese trat zu dem
Pferd, verbeugte sich tief und hielt das Tablett in die Höhe. Der Reiter
blickte auf den gekrümmten Rücken und fragte die Frau, wie sie sich
vorstelle, dass er an den Becher gelangen solle, wenn sie sich verbeuge? Ob
sie dusselige Gans etwa erwarte, dass er sich bücke?
Die Frau richtete sich auf und wurde noch dunkler, als ihre Haut schon
war. Der Reiter nahm den Becher, sprach beiläufig zu einem der Krieger
»Zwei« und zu der Frau: »Die beiden Hiebe hast du Tölpel dir selbst
zuzuschreiben.« Dann trank er.
Der Krieger, der sich »Zwei« hatte merken sollen, wandte sich an uns.
Wir könnten es leicht haben oder schwer, erklärte er. Wenn wir ihm
überreichten, was wir gestohlen hätten, dann würde er den Herrn bitten, uns
schnell und ohne Folter hinzurichten. Er riete uns dringend, das Angebot
anzunehmen, da wir dann noch alle etwas von der angebrochenen Nacht
hätten.
Ich wollte eben entrüstet widersprechen, dass wir nichts gestohlen hätten,
als mir auffiel, dass die Blicke mehrheitlich auf Einzahn gerichtet waren. Er
hielt seinen linken Arm hinter dem Rücken versteckt.
Ich forderte den Vetter auf herzugeben, was er genommen habe, um
unnötiges Aufsehen zu vermeiden.
Rrual murrte, dass nach seinem Empfinden ein solches Aufheben völlig
übertrieben sei, selbst in Umgebungen, die von einem kindlichen Geist
geprägt seien.
Dennoch zeigte er, was er hinter dem Rücken verborgen hielt: ein
unterarmlanges, abgebrochenes Stück eines uralten Knochens.
Einige Herzschläge lang hörte man nur noch das Wimmern der Hunde und
das Ächzen des Hundeführers, der wieder auf die Beine zu kommen trachtete.
Was das sei, fragte der Krieger Rrual.
Der Vetter, entsetzt über so viel Unbildung – wie er später behauptete –,
erwiderte ganz langsam: »Ein Knochen.«
Bevor ich auf das anschließende Gebrüll zu sprechen komme, will ich
einflechten, dass uns der Vetter wegen dieser Äußerung noch sehr böse sein
sollte, da wir anderen scherzhaft behaupteten, er sei nicht entsetzt, sondern
ganz und gar verblüfft gewesen, jemanden getroffen zu haben, der noch
weniger wusste als er selbst.
Zurück zu dem versprochenen Gebrüll. Der Krieger brüllte, was wir uns
einbildeten? Er habe es gut gemeint und uns einen raschen Tod versprochen.
Spott, Hohn und Frechheiten seien der Dank. Nun müsse man eben den harten
und steinigen Weg beschreiten.
Der Reiter, verwirrt oder belustigt, bestimmt aber neugierig, hieß ihn zu
schweigen.
Was, bei Boron und Golgari, verlangte er von uns zu wissen, könne wohl
jemanden dazu verleiten, nächstens mit einem morschen Rinderknochen durch
den Königlichen Park zu schleichen?
Wir hätten nicht gewusst, dass es der Königliche Park sei, erklärte
Lazzar-Linksauge und geriet sogleich ins Stocken, da er nicht offen legen
wollte, warum wir hier waren, nämlich weil man uns sonst nirgends duldete.
Zziriff-Schätzlein übernahm das Reden. Wir seien hier, um ein Lager zu
suchen, da die Schenken Mirhams nicht unseren gewohnten Ansprüchen
gerecht würden.
Dabei, ergänzte Einzahn, sei es zwingend gewesen, an dem Knochenmann
vorbeizukommen. Hätte er – Einzahn – gewusst, dass das Kind sich derart
wegen eines alten Knochens anstellen würde, so hätte er die Figur keines
Blickes gewürdigt.
Ohne auf »das Kind« einzugehen, das es nur nach Einzahns »blendender
These« gab, fragte der Reiter: »Redest du Wirrkopf etwa vom Golem?«
So werde das unförmige Gebilde, dem er den Knochen entnommen habe,
anscheinend genannt, antwortete Rrual. Außerdem habe er auch in weiser
Voraussicht bloß einen einzigen, lächerlichen Knochen von womöglich
Tausenden abgebrochen.
Der Berittene erklärte geringschätzig, nie eine schlechter erfundene
Geschichte gehört zu haben.
Rrual erklärte, er schon. Außerdem entspreche seine Schilderung der
Wahrheit.
Die Krieger blickten auf Anweisungen wartend zu ihrem Herrn. Der
blähte die Backen und machte seltsame Geräusche mit den Lippen, bis er sich
endlich dafür entschied, dass es angebracht sei, sich herrisch und grausam zu
geben.
»Das habt ihr euch nun selbst zuzuschreiben«, erklärte er, um einen
heimtückischen Unterton bemüht. »Wollen wir doch sehen, wie lange ihr bei
dieser Lügenmär bleibt, wenn es ernst wird. Zum Golem.«
Mit dem Fackelzug im Schlepptau besuchten wir ein weiteres Mal den
Knochenmann, der sich seither nicht vom Fleck gerührt hatte. Die Krieger
drängten sich schützend um ihren Herrn, die beiden Frauen begaben sich in
die höchst trügerische Sicherheit hinter dem Hinterteil des Pferdes, während
die gerissenen und durchtriebenen Hunde schon bei unserem letzten Halt
dafür gesorgt hatten, dass sie der Hundeführer nicht abermals dem Wissen
um die Wunderbare Weltordnung aussetzen konnte.
Rrual fragte, ob es wirklich genehm sei, wenn er einen zweiten Knochen
entnähme.
Statt einer Antwort wies der Reiter seine Krieger an, »den verlogenen
Hornochsen« auf der Stelle zu erschlagen, wenn er noch einen Augenblick
zögere.
»Und, höre ich dich schon winseln?«, fragte er Rrual-Einzahn.
Der Vetter entgegnete, es nicht nötig zu haben, sich beleidigen zu lassen,
und trat zu dem Ungetüm, um mit beiden Händen einen besonders stattlichen
Knochen herauszubrechen.
Der Reiter gebot ihm, sofort innezuhalten. Nur ein Verrückter oder ein
fremdländischer Barbar könne so wirr sein, mitten in der Nacht Hand an den
schrecklichen Golem zu legen. Ob wir nicht wüssten, dass der mörderische
Unhold jeden Augenblick lebendig werden könne, um für jeden im Umkreis
zum Verhängnis zu werden?
Ich ersparte mir dieses Mal den Hinweis auf unsere Herkunft, da ich
verunsichert über die Frage war, warum Barbarei als so schlimm erachtet
wurde, war sie doch – neben der Gier – einer der wichtigsten Wesenszüge
K'Strabuns und seiner Nachfahren. Zudem war Einzahn nicht mehr
aufzuhalten.
Das habe die Frau auch schon behauptet, erwiderte er dem Reiter
ungeduldig. Ihm sei das einerlei. Er habe nun genug von der verneinenden
Grundhaltung, der er heute schon den ganzen Tag über ausgesetzt gewesen
sei.
Mit einem lauten Knacken befreite Rrual das Ungetüm von einem weiteren
Knochen. Stolz zeigte er ihn her.
Ob nun bewiesen sei, dass er die Wahrheit gesprochen habe, fragte er.
Bleich und schwitzend wirkten die F'zzmechs so, als hätten sie wirklich
erwartet, dass sich das Knochengebilde bewegte. Sie waren erleichtert, im
Unrecht zu sein. Als sich ihr Oberhaupt wieder gefangen hatte, fragte es:
»Welche Frau?«
»Die Frau mit dem rußgeschwärzten Gesicht«, erklärte Rrual.
»Ihr traft eine Frau mit rußgeschwärztem Gesicht?«, rief der Reiter erregt.
»Wir trafen eine Frau mit rußgeschwärztem Gesicht«, bestätigte Rrual
ruhig.
»Hier im Park?«
»Hier im Park.«
»Bevor ich euch fand?«
»Bevor Ihr uns fandet.«
Ich hoffte inständig, dass einer von beiden bald Erbarmen zeigen würde.
Mein Wunsch wurde erfüllt, da der Reiter sich von Rrual ab- und seinem
Lieblingskrieger zuwandte.
»Hesindiego, ist es dir nie in den Sinn gekommen, dass die vier Tröpfe
gar nicht die sein könnten, die wir suchen? Warum hast du sie nicht nach der
Frau gefragt?«
»Ich habe nichts von einer Frau gewusst«, verteidigte sich der Krieger.
»Welche unsägliche Schlamperei«, tobte sein Herr. »Derlei fragt man
zuerst. Bursche, warum stiehlst du mir meine Zeit? Durch dein Verschulden
ist die Diebin jetzt über alle Berge. Rasch, Hesindiego. Wie viele hältst du
für angebracht?«
Der Krieger zuckte zusammen und murmelte: »Fünf.«
»Sagen wir lieber zehn«, beschied sein Herr. »Das hast du dir selbst
zuzuschreiben, Hesindiego.«
Er sah einen zweiten Krieger an und befahl: »Merk dir: zehn.«
Nun betrachtete er uns und erklärte, nachdenken zu müssen. Die
schwierige Tätigkeit untermalte er wiederholt mit »Hm, hm«. Linksauge sah
sich zu fragen bemüßigt, ob wir mit Rat beistehen könnten.
Das sei nur gerecht, wenn er uns zu sprechen erlaube, antwortete
Hesindiegos Herr. Immerhin denke er über unser weiteres Schicksal nach. Es
könne gewiss nicht angehen, dass sich jeder beliebige Gordo und Schmordo
nächstens im Park herumtreibe. Zudem entspreche solches Vorgehen dem
Bild, das er immer von sich gehabt habe: hart, aber gerecht.
Plötzlich hielt er inne und befahl einem dritten Krieger, uns besser zu
beleuchten. Unvermittelt fragte er, ob unsere Kleidung – abgesehen vom
Zustand – unsere übliche sei?
Die Frage war wesentlich schwerer zu beantworten, als der F'zzmech
ahnte, denn das, was er sah, trugen wir nicht, und das, was wir trugen, sah er
nicht. Über die Frage unterschiedlicher Wirklichkeitsdeutung, bedingt durch
das Wirken von Zauberei, hätte man voll gefressen nach einem gutem Mahl
lange streiten können. Unter den gegebenen Umständen hielt ich ein knappes,
den Streitfall verneinendes »Ja« für zulässig.
Ob wir vielleicht Maraskaner seien, lautete die nächste Frage.
Ich entschied, dass eine bedingt wahre Erwiderung nicht schaden könne.
»Ja, Maraskaner«, antwortete ich. »Sogar Altmaraskaner.«
Das Gesicht meines Gegenübers leuchtete auf: Unsere Herkunft erkläre
alles: Wahnwitz, Widerworte ...
Wie wir hießen, wollte er wissen.
Wir verrieten es ihm: Alrik, Alrik, Alrik und Alrik.
Ob wir üblicherweise nicht Alrech hießen, fragte der Reiter.
Das seien wir schon zuvor gefragt worden, entgegnete ich. Wir, die wir
hier stünden, hießen Alrik.
Der Mann lachte: »Die Familie Sturmfels auf Reisen.«
Unverzüglich brach auch sein gesamtes Gefolge in Lachen aus. Nur wir
lachten nicht, da wir den unter F'zzmechs anscheinend gängigen Scherz nicht
verstanden.
Das Lachen des Reiters erstarb jäh und beendete auch das Lachen aller
anderen.
Er habe schon einiges über uns Maraskaner gehört, sprach er leise und mit
einem seltsamen Glühen in den Augen. Er deutete auf mich und sagte zu dem
Krieger, der sich hatte »zehn« merken sollen: »Erstich ihn mit dem Schwert.«
Der Krieger zückte gehorsam die Klinge. Ich bat Einzahn, mir das
Schwert zu geben. Er antwortete, dass er mir sein Schwert nicht geben
könne. Erregt fuhr ich ihn an, dass das Schwert nicht seines sei, sondern
meines, und versprach, ihm zu dem Namen »Keinzahn-Einarm mit dem
halben Fuß« zu verhelfen, wenn er es mir nicht augenblicklich aushändige.
Rrual zeigte widerstrebend Einsicht.
Kaum hatte ich den Schwertgriff berührt, griff der Krieger an. Ich gab vor
zu straucheln, ließ ihn vorbei, balancierte das Ungleichgewicht mit dem
Schwanz aus und erwiderte den Schlag, jedoch mit der stumpfen Seite der
Klinge, da ich keinen schlimmen Schaden verursachen wollte. Der Krieger
ließ seine Waffe fallen und jammerte, als ich ihm den Oberarmknochen
zertrümmerte.
»Genug«, verkündete sein Herr überraschend zufrieden. Entgegen seiner
Gewohnheit beugte er sich aus dem Sattel, flüsterte etwas in Hesindiegos
Ohr, wandte sein Ross und ritt davon. Die Frau mit dem Krug und die mit
dem Tablett rannten ihm hinterher.
Hesindiego befahl uns, ihm zu folgen.
Rrual erwiderte, dass er hierfür keine zwingende Notwendigkeit erkennen
könne.
Der Krieger seufzte. Sein Herr fröne gelegentlich Launen, die erfüllt
werden müssten. Gegenwärtig verlange ihn danach, dass wir in seinem Haus
erschienen. Vorzuziehen sei, wenn wir freiwillig mitkämen, da uns allen
dadurch Widrigkeiten erspart blieben.
Rrual wollte etwas entgegnen, wurde aber von seinem Bruder daran
gehindert.
Ob Einzahn nicht verstanden hätte, dass wir in das Wohn- und
Lebensquartier eines F'zzmechs eingeladen worden seien, fragte er ihn.
»Oh«, antwortete Rrual und drängte zur Eile.

5.

Das Gebäude, auf das wir zuhielten, war groß, konnte sich aber nicht mit den
ganz großen messen. Viele seiner zahllosen Fenster waren erhellt.
Je näher wir unserem Ziel kamen, desto aufgeregter wurden wir. Wir
konnten ein Kichern nicht unterdrücken, da wir uns spitzbübisch und
insgeheim ein wenig sittenlos, verlottert und verdorben vorkamen.
Hesindiego fragte besorgt, ob Zziriff das Fieber habe, da er in einem fort
huste.
»Nein, fieberfrei«, entgegnete ich und riet Schätzlein, lieber stumm zu
kichern, auch wenn es schwer falle.
Am Eingang des Hauses überließen uns die Krieger einem weiteren
F'zzmech in grünem Gewand mit schwarzen Ziernähten, der uns in
Erinnerung brachte, wo wir uns befanden. Sein Haar war künstlich und nie
und nimmer auf seinem eigenen Kopf gewachsen.
Der F'zzmech bezeichnete sich als »Majordomus«, meinte aber, wir
könnten ihn auch Praiopip nennen. Er ging voran durch eine Eingangshalle
und stieg eine Treppe hinab.
In der Halle standen in Nischen mehrere große Vasen, aus denen Blumen
und Federn ragten. Wir sprangen zu ihnen, rissen Federn und Blumen heraus,
starrten in die Vasen, schüttelten sie, und stellten sie auf den Kopf, um zu
sehen, ob etwas Spannendes herausfiele, bis aus dem Treppenhaus Praiopips
fragende Stimme erklang, wo wir denn blieben.
»Sofort«, antworteten wir und hüpften frohgemut die Stufen hinunter.
Wir wollten uns alles ansehen, da wir schon einmal hier seien, erklärten
wir unserem Führer.
Er habe keine diesbezüglichen Anweisungen, antwortete Praiopip steif.
Seine bestünden allein darin, uns zu einer Kammer zu führen, wo wir uns
waschen und neue Kleidung anlegen sollten, da unser Äußeres gegenwärtig
nicht mit dem Zustand des Hauses vereinbar sei.
Das wollten wir gern ändern, antworteten wir, vorausgesetzt, wir dürften
anschließend alles anschauen.
»Nur aus Neugier«, sagte Praiopip beim Weitergehen, »was wünscht ihr
denn anzusehen?«
Möglichst alles, gaben wir zurück, mindestens jedoch die wesentlichen
Dinge: etwa wo die Bewohner des Hauses aßen, schliefen, Kurzweil trieben
und rangelten.
»Rangeln?«, wiederholte Praiopip verständnislos.
»Sich paaren«, erklärte Lazzar hilfreich.
Praiopip hüstelte und antwortete, er könne sich schwer vorstellen, dass
uns solches erlaubt werde, ganz abgesehen davon, dass sich hohe
Herrschaften nicht zu paaren pflegten.
Das sei keineswegs weise, mahnte Rrual, führe Nachlässigkeit bei
solchen Tätigkeiten doch zwingend zum Aussterben binnen weniger
Generationen.
Man habe ihn wohl missverstanden, eröffnete uns Praiopip. Das gemeine
Volk paare sich, hohe Herrschaften dagegen pflegten sich rahjagefälliger
Betätigungen zu widmen.
»Nur aus Neugier«, hakte Schätzlein unverzüglich nach. Als was betrachte
er – Praiopip – sich denn: als gemeines Volk oder hohe Herrschaft?
Unser Führer zuckte zusammen. Die Frage sei ohne Belang, erklärte er, da
er seine Beteiligung an Tätigkeiten solcher Art – wie immer man sie
umschreiben wolle – vor etlichen Jahren eingestellt habe.
»Nur aus Neugier«, fügte er hinzu. Ob solch öffentlicher Umgang bei uns
zu Hause gang und gäbe sei?
Rrual antwortete ihm, darüber könne er wegen seiner eingeschränkten
persönlichen Warte nur ganz allgemein Auskunft geben, solange sich gewisse
Personen halsstarrig weigerten, ihr Familienerbe anzutreten.
Dieses Mal zuckte Schätzlein zusammen.
Plötzlich hatte Linksauge eine zündende Idee. Der F'zzmech wolle
vermutlich bestochen werden, ließ er uns andere insgeheim wissen.
Ich fragte Praiopip, ob er uns mangels einer Gabe das Besichtigen
wichtiger Orte vorenthalte.
Praiopip änderte seine Farbe zum Rötlichen hin, antwortete mir jedoch
nicht.

Wir hatten unser Ziel erreicht: einen Raum, dessen Boden mit einem Mosaik
bedeckt war, welches nackte Männer und Frauen darstellte. In den Boden
waren Becken eingelassen, die mit warmem Wasser gefüllt waren. Der
Boden des Raumes war ebenfalls warm. In der Nähe der Becken lagen auf
Steinbänken Tücher und Kleidung, die für uns bestimmt war. Praiopip
deutete auf eine Kordel mit Quaste, die an der Wand neben dem Eingang
hing, und erklärte, wir sollten daran ziehen, falls wir noch etwas benötigten.
Dann ließ er uns allein.
Kaum war er draußen, sprang Linksauge auf die Schultern seines Bruders,
um die Kordel besser untersuchen zu können, da sie knapp unter der Decke
an einem Haken hing. Er nahm die Kordel vom Haken ab, riet uns, sie
einzupacken, da wir nicht wüssten, ob wir noch ein anderes Mitbringsel für
zu Hause fänden.
Sie sei Teil eines einfachen Klingelzugs, erklärte er, und bewegte den
Haken zum Beweis. Schon kurz darauf vernahmen wir von draußen Praiopips
Stimme: »Womit kann ich dienen?«
Alles sei bestens, beruhigten wir ihn.
Nachdem wir die Kleidung gewechselt hatten, versteckten wir unsere alte,
um sie bei Gelegenheit zu vernichten. Das Fehlen von Nähten und die
Beschaffenheit des Stoffes hätten einem F'zzmech womöglich Anlass zu
Fragen gegeben.
Als wir uns jedoch gegenseitig betrachteten, erkannten wir, abermals
Opfer von Zh'Urakrras Kunst geworden zu sein: Sein Zauber hatte aus der
Tatsache, dass wir nicht mehr in Lumpen gehüllt waren, geschlossen, dass
wir wieder aussehen müssten wie in Tuzak. Will sagen: Die Kleidung, die
wir dem Schein nach trugen, hatte keine Ähnlichkeit mit der, die wir gerade
angezogen hatten.
Lazzar sprang abermals auf Rruals Schultern, um den Klingelzug zu
betätigen. Praiopip war umgehend zur Stelle. Er stutzte und fragte, ob wir
wider Erwarten doch Kleidung zum Wechseln besessen hätten und was aus
der geworden sei, die er für uns habe bereitlegen lassen.
Wir gaben ihm die Antwort, die wir in vergleichbarer Lage unseren
Mentoren zu geben pflegten: Das wüssten wir nicht.
Praiopip teilte uns mit, dass er uns nun zu seinem Herrn führen werde.
Jedoch könnten wir unsere Schwerter nicht mitnehmen.
Dieser Umstand führte zu einem zähen Gespräch. Erst als uns Praiopip
zeigte, wo unsere Waffen verwahrt werden sollten, nämlich in einem Raum,
der uns für die Nacht zugewiesen worden war, und nachdem er uns hoch und
heilig versprochen hatte, dass während unserer Abwesenheit niemand käme,
um sie fortzutragen, zeigten wir uns einverstanden. Dennoch bestanden wir
darauf, dass er den Raum verlassen müsse, damit wir die Schwerter
verstecken konnten.
Kopfschüttelnd geleitete uns Praiopip zu seinem Herrn, dem Reiter, und
verschwand sogleich wieder.
Jetzt, da unser Bekannter nicht auf einem Pferd saß, fiel uns auf, was für
kurze Beine er hatte.
Daran ist nichts Schlimmes. Auch Tausendfüßler haben kurze Beine und
kommen doch ganz gut damit zurecht. Ich erwähne das an dieser Stelle nur.
Praiopips Herr lag ausgestreckt auf einer Polsterbank. An ihrem Kopfende
kniete eine Frau, die ihn mit Trauben aus einer Schale fütterte. Sie war
ähnlich leicht gekleidet wie die beiden, die wir zuvor gesehen hatten und die
jetzt nebeneinander an der Wand standen. Eine vierte Frau stand hinter der
Bank und fächelte ihrem Gebieter Luft zu, während eine fünfte am Fußende
der Bank hockte und mit Hilfe eines seltsam geformten Kastens, der mit
Katzendärmen bespannt war, klagende Geräusche erzeugte.
Die Fenster des Gemachs und ein Teil der Wände waren mit Tüchern
verhängt. Da uns Praiopips Herr unverzüglich befahl, auf Sitzkissen Platz zu
nehmen, konnten wir nicht nachschauen, was sich hinter den Vorhängen
befinden mochte.
Er habe gute Gründe, uns unter vier Augen zu empfangen, begann unser
Gastgeber und verbat der einen Frau mit einer lässigen Handbewegung, ihm
weiterhin Trauben zu reichen.
Um unsere drängendste Frage zu beantworten, fuhr er fort, wolle er uns
zunächst eröffnen, wer er sei, nämlich – wie wir gewiss schon vermutet
hätten – der Reichserztruchsess des Königreichs Mirham. Unter den
Umständen, unter denen wir uns begegnet seien, sei es jedoch nicht
unpassend, wenn wir ihn kurz »Alrik« nennen würden.
Er lachte scheppernd und wurde sogleich wieder ernst.
Über uns Maraskaner habe er schon viel gehört, fuhr er fort. Etwa, dass
die Hälfte von uns überragende Schwertkämpfer sein sollten ...?
Wir antworteten sogleich, dass das ganz besonders auf uns zutreffe.
Auch habe er gehört, dass die andere Hälfte von uns – wie solle er es
ausdrücken? – überragende Kenntnisse im Zubereiten höchst
unbekömmlicher Tränke und Pasten habe ...?
Meine Vettern antworteten sogleich, dass das vor allem auf mich zutreffe.
Obgleich ich nicht wusste, was sie damit andeuten wollten, widersprach
ich nicht.
Der kurzbeinige Alrik war über unsere Antwort erfreut. So habe er sich
das vorgestellt. Er sei für seine Menschenkenntnis berühmt und habe
deshalb unmittelbar durchschaut, dass wir anders als andere seien. Sein
untrügliches Gespür sage ihm, dass er sich auf uns verlassen könne, zumal
wenn er uns großzügig bezahle.
Wir stimmten begeistert zu. Für Gold täten wir alles.
Alrik Kurzbein lächelte schwach. Was er von uns erwarte, sei vor allem
eiserne Verschwiegenheit, da er unsere Dienste wegen einer etwas heiklen
Angelegenheit in Anspruch zu nehmen gedenke, die mit dem heutigen
Diebstahl zu tun habe.
Er griff unter seine Liege und zog eine Schatulle aus Rosenholz mit
elfenbeinernen Einlegearbeiten hervor. In der Hand die Schatulle wiegend,
flüsterte der Reichserztruchsess, sie enthielte ein bedeutendes, nicht
ungefährliches Geheimnis.
Blitzschnell entriss ihm Einzahn das Kästchen und öffnete es. Bumm!,
machte es, als unsere vier Köpfe zusammenstießen. Welche Enttäuschung.
Die Schatulle war leer. Sie enthielt überhaupt kein spannendes Geheimnis.
Mit säuerlicher Miene nahm uns Alrik den Gegenstand unserer Neugier
wieder weg.
Er halte uns unsere maraskanische Eigenart zugute, erklärte er. Dennoch
könnten wir von Glück sagen, dass das, was sich einmal in der Schatulle
befunden habe, sich infolge des Diebstahls nicht mehr darin befände.
Ansonsten hätte er uns auf der Stelle töten müssen.
Linksauge entgegnete, dass wir keine Unbotmäßigkeiten im Sinn gehabt
hätten, sondern dass Eifer und das Bedürfnis, die Verhandlungen durch den
Erwerb umfassender Sachkenntnis zu beschleunigen, unser Handeln bestimmt
habe. Allerdings empfehle er, künftig keine Drohungen auszusprechen, die er,
Alrik, nicht halten könne und die sich sogar nachteilig auswirken mochten.
Einige Herzschläge lang sah Alrik ähnlich aus wie bei den Gelegenheiten,
als er seinen Kriegern befohlen hatte, sich Zahlen zu merken. Vermutlich hätte
er jetzt gern zu jemandem »Fünfzig!« gesagt. Leider war niemand da. Daher
blieb ihm nur zu antworten, dass er uns mit Absicht waffenlos habe
erscheinen lassen.
Ich entgegnete: Erwäge man ohne jeglichen Wirklichkeitsbezug die rein
hypothetische Fragestellung einer unfreundlichen Weiterentwicklung des
Gesprächs, so könnte ich mir schwer vorstellen, dass wir – wenn auch
waffenlos – den Kürzeren zögen.
Alrik entgegnete freundlich: Da ihm unser Ruf bekannt sei, habe er für
diesen selbstverständlich rein hypothetischen Fall Vorsorge getroffen. Wir
sollten seinen Verstand nicht unterschätzen.
Er klatschte in die Hände.
Zwischen den Vorhängen trat ein kleiner Mann hervor. Ähnlich spärlich
bekleidet wie die Frauen und von kupferner Hautfarbe wie sie, schien er mit
ihnen verwandt zu sein.
Alrik stellte ihn vor: »Essen-viel-Fisch, ein Meister des Nackten Todes.«
Verächtlich bemerkte Einzahn, der Mickerling erscheine ihm mangels
Stattlichkeit eher wie ein Meister des Quiekenden Todes, falls es ernst
werden sollte.
So könne man sich täuschen, antwortete Alrik, der unübersehbar eine
Abneigung gegen den Vetter zu entwickeln begann. Wenn wir es unbedingt
wünschten, so werde uns Essen-viel-Fisch gerne seine Kunst vorführen. Ob
einer unter uns so verblendet sei, nach unsanfter Belehrung zu gelüsten?
Rrual erhob sich. Bevor er sich prügeln lasse, wolle er seinen Standpunkt
gern verdeutlichen.
Alrik war sehr zufrieden mit dieser Wahl und wies seinen Streiter an, sich
keine Zurückhaltung aufzuerlegen.
Essen-viel-Fisch stellte sich in Position. Seiner Fußstellung war
anzusehen, dass er gewisse Grundkenntnisse in H'Rrh'rrh'ztt oder einer
ähnlichen Form des waffenlosen Kampfes besitzen musste. Wie er jedoch
ohne Krallen halbwegs elegant den Leib eines Gegners aufschlitzen und das
Gedärm herausreißen wollte, war mir ein Rätsel.
Essen-viel-Fisch griff Rrual nicht gleich an, sondern bedrohte ihn mit
glühendem Blick: »Essen-viel-Fisch reißt dein Herz heraus. Er hält es in
seiner Hand, während es noch zuckt. Er isst es, trinkt dazu dein warmes Blut
und rülpst anschließend.«
»Einfallslos und nicht von gehobener Lebensart zeugend«, beanstandete
Rrual. Wenn niemand Einwände erhebe, so werde er nun gern seine
Vorstellungen bekannt geben. Essen-viel-Fisch möge gut aufpassen, damit er
lerne, wie man es richtig mache.
Dem Beispiel seines Vorredners folgend, zählte der Vetter auf: Er
beabsichtige, Essen-viel-Fischs Nieren in so dünne Scheibchen zu
schneiden, dass sie auf der Zunge zergingen. Da er einen süßen Zahn habe,
werde er Essen-viel-Fischs Leber vergraben, bis sie verlockend grün sei
und man sich bei ihrem Duft kaum noch beherrschen könne. Bei der Lunge
erbitte er etwas Bedenkzeit, da ihm die Entscheidung auf Anhieb schwer
falle ...
Als Rrual zu den »Markkringeln« kam, die er aus den Knochen seines
Gegners bereiten wollte, hatte Essen-viel-Fisch genug gehört, obwohl er
längst nicht alle Schleckereien kennen gelernt hatte. Er bestätigte seinem
Herrn, dass Einzahn ebenfalls ein großer Meister des Nackten Todes und ihm
ebenbürtig sei.
Alrik, der Reichserztruchsess, entließ ihn. Obwohl er genau betrachtet
soeben eine Niederlage hatte hinnehmen müssen, war er glücklich. Er
klatschte vor Freude in die Hände und verkündete stolz, dass er einen guten
Fang mit uns gemacht habe.
Nun kam er zur Sache: In dem Kästchen habe sich ein daumenlanger
Edelstein von grünblauer Farbe befunden, der aus dem Besitz der einstigen
Großkönige von Elem stamme und einigen wenigen als Efferdherz bekannt
sei. Auffällig sei er nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen des
Schliffes, da aus seiner Oberfläche erhaben ein Wellenzeichen
herausgeschnitten sei, weshalb man als Gebildeter von einer Kamee spreche.
Doch daran sollten wir uns nicht stören. Er, Alrik, wolle zwar nicht den
Eindruck erwecken, uns nicht zu trauen, doch müsse er anmerken, dass auf
dem Stein ein tödlicher Fluch liege, für dessen Wirken es mannigfache
Zeugnisse gebe. So habe etwa im Jahre vierzehnhundertdreißig vor
Bosparans Fall ...
Leider begann unser Gastgeber jetzt vor allem Zeugnis davon abzulegen,
dass er die hohe Kunst des zähen Redeflusses meisterlich beherrschte und
unerhört langweilig sein konnte. Einträchtig bestimmten meine Vettern und
ich, dass es völlig ausreiche, wenn nur Schätzlein den weiteren
Ausführungen folge, sodass wir nicht alle leiden mussten. Zziriff war mit
dieser wohl durchdachten und weisen Vorgehensweise nicht einverstanden
und sträubte sich. Als wir ihn endlich überredet hatten, sprach Alrik eben mit
gewichtiger Miene: »Gibt es noch Fragen?«
Um keine peinliche Stimmung entstehen zu lassen, entschieden wir uns,
ihn so lange anzustarren, bis er den Blick abwenden musste. Erst dann fragte
Linksauge Alrik, was er von uns erwarte.
Der Reichserztruchsess seufzte. In seinen Kreisen reiche es zwar aus, in
Andeutungen zu sprechen, doch da wir maraskanische Bar ... Fachleute ...
seien, wolle er unseren Bräuchen entsprechen: Wir sollten die Diebin finden,
ihr den Stein abnehmen, und wenn sie dabei Schaden nähme, so sei das nicht
schade. Ob das nun deutlich genug sei? Den Stein sollten wir hernach – wie
verabredet – ihm übergeben, was unser Schaden gewiss nicht sein werde.
Wichtig sei Fingerspitzengefühl und die Vermeidung jeden Aufsehens. Er
wisse zwar, dass die Verbrecherin ohne Hilfe aus dem Palast ...
Schätzlein unterbrach ihn. Er habe eine Frage.
Er möge sprechen, erwiderte Alrik leicht verstimmt.
Er habe jüngst gewisse Erfahrungen gemacht, begann Zziriff. Ob es
möglich sei, sich darauf zu einigen, dass die Erledigung der Aufgabe nicht
nur nicht unser Schaden sein werde, sondern sogar zu unserem Vorteil
gereiche.
»Ja, ja«, entgegnete Alrik abwesend.
Er habe auch ein Anliegen, gab Linksauge bekannt. Wegen unerwarteter
Ausgaben sei es erforderlich – »... sogar zwingend erforderlich«, warf
Einzahn ein –, dass wir vorab einen Teil unserer Entlohnung erhielten.
»Viel?«, erkundigte sich Alrik misstrauisch. Ob eine Dublone für jeden
von uns genug sei?
Er denke, ja, entgegnete Lazzar zufrieden.
Der Reichserztruchsess klatschte erneut in die Hände, was einen weiteren
Teilnehmer unseres Vieraugengespräches zum Vorschein brachte. Der
F'zzmech, der zwischen den Vorhängen hervortrat, legte merklichen Wert auf
sein Äußeres: Sein Gewand war grau, das Käppchen auf dem grauen Haar
ebenfalls und selbst sein Gesicht.
Aus einem Beutel reichte der Graue Mann jedem von uns ein Goldstück,
anschließend hielt er uns ein Pergament hin mit der Aufforderung, den
Empfang der Münzen zu bestätigen.
Wir könnten nicht schreiben, erklärten wir.
Das sei nicht schlimm, sagte der Graue Mann. Es reiche aus, wenn jeder
von uns drei Kreuze mache.
Linksauge nahm das Pergament und zeichnete zwölf zierliche Kreuze
darauf.
Er habe nur von drei Kreuzen gesprochen, meinte der Graue.
Daran erinnere er sich gut, versicherte ihm Linksauge, doch da er höflich
sei, habe er unsere gleich mit gezeichnet.
Das ginge so nicht, meinte sein Gegenüber. Ein jeder müsse seine eigenen
drei Kreuze zeichnen.
Einzahn nahm Linksauge das Pergament ab. Mit der Bemerkung, er sei
nicht unbedeutender als sein Bruder, setzte er zwölf weitere Kreuze unter die
Reihe der ersten zwölf.
Mir kam es schließlich zu, das achtundvierzigste Kreuz zu zeichnen, um
dem Verlangen zu genügen. Ich will nicht unbescheiden wirken, doch da wir
die Aufgabe ernst nahmen und mit großer Sorgfalt bewältigten, hätte jeder,
der nicht dabei war, große Schwierigkeiten gehabt, herauszufinden, dass
mehr als eine Person für die Kreuze verantwortlich war.
Mit der Ermahnung, bei Tagesanbruch ans Werk zu gehen, wurden wir
entlassen. Da Praiopip als Einziger nicht für wert befunden worden war, bei
dem vertraulichen Gespräch zugegen zu sein, wurde er mittels Klingelzug
herbeibefohlen. Die Kordel, an der eine der Frauen zog, war viel schöner als
unsere. Leider ergab sich keine Gelegenheit, sie unauffällig zu entwenden.
Praiopip schritt wie gehabt voran. Kurz vor Erreichen der Kammer, in der
wir die Nacht verbringen sollten, hielt ihn Linksauge auf.
Wir seien in der Zwischenzeit zu beträchtlichen Mitteln gelangt, ließ er
unseren Führer wissen und zeigte seine Dublone. Ob sich Praiopip Gedanken
über unsere Wünsche und damit verbundene Bestechlichkeiten gemacht
habe?
Praiopip errötete, konnte den Blick aber nicht von der Münze abwenden.
Nach einigen Augenblicken der Selbsterforschung zuckte er die Schultern,
nahm das Goldstück und flüsterte, wir sollten ihm folgen. Doch bitte er
darum, keine unverständlichen, fremdländischen Dinge anzustellen. Falls
beispielsweise wir dafür verantwortlich seien, dass die Vasen in der
Eingangshalle auf dem Kopf gestanden hätten, so möchten wir derlei nicht
wiederholen oder ihn wenigstens darauf hinweisen.
Wir wüssten nicht, wovon er rede, antworteten wir gemäß dem Prinzip
der beweglichen Wahrheit.
Durch Fluchten von Gängen und Treppenhäuser geleitete uns Praiopip zu
einem entfernten Teil des Gebäudes. Er öffnete eine Tür und erklärte, dass
die Bestimmung des Gemachs gleichermaßen Ruhe und rahjagefällige
Betätigung sei.
Die Luft in dem Raum roch trocken, muffig und abgestanden. Wir
entdeckten sofort einen wesentlichen Unterschied zu dem, was wir gewohnt
waren: Während wir Marus das Suhlen im feuchten Schlamm liebten, zogen
es F'zzmechs offenbar vor, wenn alles von einer fingerdicken Staubschicht
bedeckt war.
Spuren hinterlassend, gruppierten wir uns um die Schlafstatt, die mit
bestickten Tüchern und Decken verhüllt war. Praiopip ermahnte uns, nichts
anzufassen, da der Stoff sehr empfindlich sei.
Sein Rat war weise, wie wir beim Schnüffeln feststellten. Auch auf dem
Bett lag so viel Staub, dass wir heftig niesen mussten. Nicht auszudenken,
welche Unbequemlichkeiten die Folge gewesen wären, hätten wir die
Decken zurückgeschlagen. Dennoch war die Erfahrung lehrreich.
Der nächste Raum diene dem Speisen, erläuterte Praiopip. Gegenwärtig
sei er leider nicht ganz vollständig eingerichtet.
Er öffnete eine Kassettentür, damit wir in das Speisezimmer
hineinschauen konnten. Bis auf einen acht Schritt langen Tisch war es völlig
leer. Wir fragten Praiopip, was zu einer vollständigen Einrichtung fehle.
Unser Führer zögerte und antwortete mit einem Unterton, der etwas
vorwurfsvoll klang, als müssten wir den Mangel sofort erkennen: »Ein Stuhl?
Vielleicht noch ein zweiter?«
Wir beruhigten ihn, dass wir uns den fehlenden Stuhl leicht vorstellen
könnten und nicht gewillt seien, Praiopip wegen seines Fehlens Vorwürfe zu
machen.
Dann traten wir ein. Auch hier roch es arg muffig.
Als Praiopip wegsah, wischten wir heimlich etwas Staub von der
Tischplatte. Seine zutage tretende Oberfläche war zerkratzt und wies
Einkerbungen auf. Eine Ecke der Tischplatte fehlte. Aus der Schnittkante und
dem Grad der Zersplitterung schlossen wir, dass sie jemand mit einem
wuchtigen Axtschlag abgehackt haben musste. Spannend war der Leuchter,
der auf dem Tisch stand. Seine Arme waren verbogen und ließen bei näherer
Betrachtung Reste Jahrzehnte alten Blutes erkennen. Die Spritzer zogen eine
Spur über die halbe Tischplatte und waren – wenn man wusste, wo man
suchen musste – auch auf der brüchigen Tapete zu finden. Als wir sie in
Augenschein nahmen, fragte Praiopip, ob wir etwas Ungewöhnliches
entdeckt hätten.
Nein, antworteten wir, alles entspreche unseren Erwartungen und sei
ungemein lehrreich.
Praiopip steuerte wie selbstverständlich auf die nächste Tür zu. Er
benahm sich, als erfülle ihn eine große Vorfreude, uns das Gemach zeigen zu
dürfen.
»Ein Ort der Geselligkeit«, verkündete er, öffnete die Tür und stutzte.
Die dritte Kammer war mit Abstand die bisher Aufregendste, so
fremdartig wirkte sie. Man erkannte nicht gleich, was sie enthielt, da alles
mit Leinentüchern abgedeckt war: ein Ort rätselhafter, reizvoller Formen.
Ohne Praiopips Erlaubnis abzuwarten, entfernten wir eines der Tücher:
äußerst vorsichtig, da wir ansonsten im aufgewirbelten Staub erstickt wären.
Darunter kam ein Sessel zum Vorschein, dessen Leder vom häufigen
Geselligsein ganz abgewetzt war. Das Holz war löchrig und von abertausend
Bohrgängen durchzogen.
Wir fragten, ob der Sessel denn nicht zusammenbräche, wenn man sich
hineinsetze?
Kichernd antwortete Praiopip, man lege hier im Hause Wert auf
absonderlichen Humor.
Wir entfernten noch ein zweites Laken. Der zum Vorschein kommende
Sessel ähnelte dem ersten, mit Ausnahme von siebzehn Einstichen in seiner
Rückenlehne, verursacht durch eine etwa drei Finger breite Klinge.
Wir fragten Praiopip nach der Bewandtnis. Er drückte sein Bedauern aus,
uns nichts dazu sagen zu können, da dieses Gemach, überhaupt der ganze Teil
des Hauses, nicht zu seinen alltäglichen Obliegenheiten zähle, und schlug vor,
den Ort zu wechseln.
Beim Hinausgehen befahl mir Linksauge, unseren Führer schleunigst
abzulenken. Da mir rasches Handeln im Blut liegt, sagte ich zu Praiopip,
mich plage eine überaus dringende Frage.
»Sprecht«, forderte er mich auf.
Ich antwortete ihm, ich müsse erst über die Frage nachdenken. Als ich mir
sicher war, dass der Vetter an sich gebracht hatte, was er hatte auflesen
wollen, täuschte ich listig vor, die Frage vergessen zu haben. Wie sich später
herausstellte, war der Fund nicht so bedeutend, wie Linksauge zunächst
erhofft hatte: nur ein abgetrenntes, vertrocknetes Ohr, das wir nicht behalten
wollten.
Aufgeräumt und erheblich beschwingter, als wir ihn bisher erlebt hatten,
fragte Praiopip, was er uns als Nächstes zeigen dürfe. Er sei gern bereit, uns
– einen kleinen Aufpreis vorausgesetzt – die Königlichen Kinderzimmer zu
zeigen. Bestimmt ein erhebender Anblick.
Wir ließen seine Worte in uns einsinken.
Was er damit ausdrücken wolle, fragte Lazzar frostig.
Was er gesagt habe, erklärte Praiopip wichtigtuerisch: die Zimmer, in
denen die jungen Prinzen und Prinzessinnen aufgewachsen seien.
Gefährlich leise vergewisserte sich Lazzar, ob Praiopip wirklich damit
den Ort meine, wo man die Neugeborenen hingebracht, sie in ihrer
verächtlichen Hilflosigkeit verhätschelt, kurzum, Brutpflege mit ihnen
betrieben habe?
»Ei freilich«, antwortete Praiopip mit schmieriger Leutseligkeit. Der
Ausdruck sei zwar ungewöhnlich, beschreibe aber den Sachverhalt.
Linksauge fuhr Praiopip erbost an: Er möge uns gefälligst nicht mit
solchen Abartigkeiten und Verirrungen behelligen. Hätten wir vorgehabt,
niedrige und tierhafte Abgründe kennen zu lernen, so hätten wir das
rechtzeitig gesagt. Nun sei ihm die Freude an weiteren Entdeckungen
verleidet. Auf der Stelle wolle er zu unserem Gemach gebracht werden.
Auch wenn uns Linksauge nicht nach unserer Meinung gefragt hatte, so
sprach er uns allen aus der Seele.
Als F'zzmech verstand Praiopip selbstverständlich nicht, was uns erregte
und welch abscheulichen und widerwärtigen Vorschlag er uns unterbreitet
hatte. Zügig brachte er uns zu unserem Gemach, dabei ständig dieselben
Worte murmelnd: »Heilige Noiona ... Verwirrt ... Geistig völlig
durchgeblasen.«

6.

In unserem Zimmer standen vier Betten – für jeden eines. Da wir nicht
einsahen, warum wir in der Fremde auf Gemütlichkeit verzichten sollten,
legten sich die beiden Brüder nebeneinander in ein Bett. Ich legte mich auf
sie. Als Schätzlein auf mich klettern wollte, um den Abschluss des Turms zu
bilden, brach das Bett zusammen.
In der Annahme, es sei fehlerhaft gefertigt gewesen, versuchten wir unser
Glück beim zweiten Bett, jedoch mit gleichem Ergebnis. Zu dem Schluss
kommend, dass keines der Betten unser gemeinsames Gewicht aushielte,
wiederholten wir unseren Versuch kein weiteres Mal, sondern beschlossen,
besonnener vorzugehen.
Wegen der beiden zusammengebrochenen Betten verfügten wir über
ausreichend viel Baumaterial, um das dritte mit zusätzlichen Stützen versehen
zu können. Unsere Mühe wurde belohnt, was uns sehr befriedigte. Das Bett
hielt.
Als wir alle darin lagen, erklärte Rrual, er habe beim Zusammenbrechen
der Betten den Eindruck gehabt, als klinge der Boden des Zimmers hohl.
Das müsse eine Sinnestäuschung gewesen sein, vermutete Schätzlein.
Anders als beim Bad, dessen Boden zweifellos hohl gewesen sei, ergäbe
selbiges bei unserem Zimmer keinen Sinn. Denn dort habe ihm die Wärme
des Steinbodens verraten, dass darunter Röhren oder Schächte verlaufen
müssten, durch die heißes Wasser floss oder in denen ein Zauber wirkte. Der
Boden unseres Zimmers hingegen sei nicht erwärmt und obendrein aus Holz.
Linksauge mahnte, die scharfen Sinne seines Bruders nicht zu
unterschätzen. Wenn nicht wassergefüllte Röhren, so konnten sich unter dem
Zimmerboden gleichwohl Gänge, Kammern und Kavernen ungewisser
Bestimmung befinden.
Ich warf ihm Übertreibung vor, könne es sich doch allenfalls um
Gängchen, Kämmerchen und Kavernchen handeln.
Die Frage ließ uns jedoch keine Ruhe mehr, sodass wir nicht umhin
kamen, uns wieder zu erheben, um das Geheimnis des Zimmerbodens zu
lüften.
Klopfen bewies, dass sich unter uns tatsächlich ein Hohlraum befand.
Der Boden war mit vielen kurzen Brettchen ausgelegt, die so fugenlos
aneinander schlossen, dass es nicht leicht fiel, eine geeignete Stelle zu
finden, wo wir ein Schwert zwischen zwei Brettchen treiben konnten.
Nachdem uns jedoch gelungen war, das erste Brettchen herauszubrechen, ging
unsere Arbeit flotter voran. Als das entstandene Loch ausreichend groß war,
steckte Rrual seinen Kopf hinein. Wir bestanden darauf, dass er uns haarklein
berichten sollte, was er in der Höhlung erblickte.
Das sei leicht zu bewältigen, erklärte der Vetter. Seines Erachtens sei der
Hohlraum unter unserem Boden in mehrere Kammern von weniger als einem
Spann Tiefe aufgeteilt, die durch Tragbalken voneinander getrennt seien. In
der Kammer, in die er blicke, wohne nicht einmal ein Käfer. Sie enthalte nur
Staub, weswegen er es nicht für nötig erachte, weitere Untersuchungen
anzustellen.
Der Sorgfalt wegen vergrößerten wir das Loch doch noch bis zur nächsten
Kammer. Hernach sahen wir Rruals Behauptung als bewiesen an.
Obwohl wir nichts Überraschendes entdeckt hatten, beglückwünschten
wir uns. Denn sollten wir nach dem Fangen der Diebin genötigt sein, hier
abermals die Nacht zu verbringen, so wussten wir nun, wo wir unsere
Schwerter verstecken konnten.
Um kein Aufsehen zu erregen, verschlossen wir das Loch wieder, was
eine mühsame Fummelei war. Als wir fertig waren, war der Boden zwar an
der Stelle unserer Nachforschungen nicht tragfähig, doch sah man ihm unser
Wirken nicht auf Anhieb an.
Kaum hatten wir uns wieder zu Bett begeben, als jemand an der Tür
klopfte. Da Schätzlein den Platz über den Brüdern eingenommen hatte, ging
ich zur Tür. Ein Mann mit Kinnbart, gekleidet in ein weites, erdfarbenes
Gewand, stand draußen. Er behauptete, uns in einer wichtigen Angelegenheit
sprechen zu müssen.
Wegen seines Äußeren nahm ich an, dass er jünger als Praiopip sein
müsste, war mir aber nicht sicher, da der Bart des Fremden zwar schwarz
war, er aber sein Haupthaar abrasiert hatte. Ich bat ihn herein. Umsichtig
dachte ich daran, ihn aufzufordern, um eine bestimmte Stelle des Bodens
einen Bogen zu machen. Den wahren Grund hierfür nannte ich ihm nicht. Ich
behauptete, alte Volksbräuche verlangten das. Wenn man lang genug darüber
nachdachte, so entsprach das sogar der Wahrheit.
Der Fremde blickte vom zerlegten Bett zu der schiefen Ebene des zweiten,
dann zum dritten, erheblich verbesserten, auf dem einträchtig nebeneinander
Linksauge, Einzahn und Schätzlein saßen.
Aus uns unbekannten Gründen wirkte er abgelenkt, als er fragte: »Ihr habt
mit meinem Vater gesprochen?«
Nein, antworteten wir. Sein Vater sei uns gänzlich unbekannt.
Wir seien offenbar von schalkhaftem Gemüt, urteilte unser Besucher. Sein
Vater sei Huntas, Königlicher Reichserztruchsess von Mirham. Ihn selbst
nenne man Flaminio, jedoch den Jüngeren, da sein Großvater denselben
Namen getragen habe.
»Angenehm«, antwortete ich. Uns nenne man Alrik – ohne
Berücksichtigung des Alters.
Flaminio hob eine Augenbraue, was ihm eine leichte Ähnlichkeit mit
Linksauge verlieh.
Wir seien doch Maraskaner, sagte er.
»Ja«, bestätigte ich in Erwartung nachfolgender unverständlicher Scherze.
Flaminio überraschte mich jedoch.
Das sei ein bemerkenswertes Zusammentreffen, meinte er. Seine Familie
entstamme zwar nur einer Seitenlinie der königlichen Shoy'Rinas, doch könne
sie sich rühmen, dass die Schwester einer Ahnin nicht nur mit einem, sondern
sogar zweien unserer Könige vermählt gewesen sei.
Ich versprach, dass wir uns das gern merken wollten, doch könne ich
kaum glauben, dass das Bekanntmachen dieser Einzelheit seiner
Familiengeschichte der einzige Grund für seine Aufwartung zu dieser Stunde
sei.
Ich schiene die offene Sprache zu lieben, antwortete er, erneut Linksauge
ähnelnd.
»Ja«, bestätigte ich und fragte, was er wolle.
Sein Vater habe uns doch für die Erledigung einer etwas heiklen Aufgabe
bezahlt, sagte er.
»Ja, vier Dublonen«, antwortete Linksauge an meiner statt. Doch wenn er,
Flaminio, gekommen sei, um das Gold zurückzufordern, so könnten wir nur
noch einen Teil zurückgeben, da urplötzlich unvorhergesehene Ausgaben auf
uns zugekommen seien.
»Vier Dublonen«, wiederholte Flaminio, brach ab und sprach weiter:
»Vier? Vier Dublonen?«
»Vier Dublonen mit der Aussicht auf mehr«, bestätigte Linksauge.
»Vier Dublonen«, sagte Flaminio und schaute zur Decke, wodurch
zwingend erforderlich wurde, dass die Vettern und Schätzlein ebenfalls
dorthin sahen. Mein Blick blieb gesenkt, da ich darüber wachen musste, dass
Flaminio, der unfähig war, beim Reden ruhig auf einem Fleck stehen zu
bleiben, nicht versehentlich in den zweifelhaften Bereich unseres
Zimmerbodens vordrang.
Das sei gewiss eine Menge Gold, meinte unser Gast in fragendem Ton,
den Blick immer noch zur Decke gewandt.
»Eher gewesen«, berichtigte ihn Lazzar. Flaminio erinnere sich doch
gewiss an seine Ausführungen über überraschende Ausgaben.
»Sicherlich«, antwortete Flaminio schroff, sah Linksauge blitzend an,
wurde aber sofort wieder weicher.
Ob wir lesen könnten, fragte er unerwartet.
Ich verneinte. Der Sinn solcher Betätigung habe sich uns nie erschlossen.
Wir ließen es uns lieber erzählen, wenn wir etwas wissen wollten. Das habe
den unschätzbaren Vorteil, dass man weghören könne.
»Gar nicht?«, fragte Flaminio.
Was man eben »gar nicht« nenne, bestätigte ich. Wenn wir ein
Schriftzeichen sähen, so würden wir es bestimmt als Schriftzeichen erkennen.
Seine Bedeutung bliebe uns aber verschlossen. Immerhin gebe es vermutlich
Zehntausende davon.
Flaminio runzelte die Stirn. Wenn ich meinte ... Er wolle mir nicht
widersprechen.
Gedankenvoll fuhr er fort: Wir als fremde Barb... Maraskaner ... seien
dem Königreich Mirham doch eigentlich gar nicht verbunden. Des
Gedankenspiels wegen: Angenommen, jemand böte uns mehr als sein Vater,
welche Folgen das denn hätte?
Ob das eine Fangfrage sei, erkundigte sich Linksauge.
Flaminio bestritt die Vermutung. Es sei nur ein Gedankenspiel, das der
Wahrheitsfindung diene. Wir könnten die Frage ohne Bedenken beantworten.
Lazzar gab unumwunden zu, ein eingefleischter Freund bedenkenloser
Wahrheitsfindung zu sein. Für Gold täten wir alles.
Das entspreche seiner Einschätzung von uns, antwortete Flaminio
zufrieden nickend.
Was aber, sprach er weiter, wenn erwartet würde, dass wir für die
beträchtliche Summe von – er hüstelte – acht Dublonen eine gewisse Diebin
nicht fänden?
Solche Erwartungen kämen ihm gelegen, bekundete Zziriff rasch. Er habe
die Diebin nicht gefunden. Flaminio möge ihm auf der Stelle acht Dublonen
aushändigen.
Flaminio hüstelte erneut. Er habe nicht den Eindruck gewonnen, dass
Zziriff die Diebin bereits gesucht habe, was die Voraussetzung sei, sie nicht
finden zu können.
Dem müsse er zweifellos zustimmen, warf Rrual ein. Er hingegen habe
seinen Blick schweifen lassen, sich selbst bis in den letzten Winkel seiner
Seele erforscht, und könne mit Fug und Recht behaupten, die Diebin nicht
gefunden zu haben. Flaminio möge ihm die Dublonen geben.
Unser Sinn für Scherze erfordere Gewöhnung, erwiderte sein Gegenüber.
Ein wenig mehr verlange er schon für sein Gold. Nichtfinden beinhalte
zunächst, dass wir die Diebin fänden. Das sei jedoch nicht schwer, da er
wisse, wo sie sich aufhalte. Unsere Aufgabe sei es, sie sicher an einen Ort
namens Al'Anfa zu geleiten, Sorge zu tragen, dass die Frau das, was sie bei
sich führe, einer bestimmten Person übergebe, die uns einige Dokumente
überreichen werde. Diese sollten wir ihm überbringen. Da ihm bewusst sei,
dass die Reise weit und wegen der Wudus nicht ungefährlich sei, erwarte uns
bei der Rückkehr eine weitere Belohnung.
Umständlich und langatmig erklärte uns Flaminio sodann, wo wir die
Diebin fänden und wohin wir sie begleiteten sollten. Da uns seine Rede
verwirrte, vertrauten wir darauf, dass die Frau schon wüsste, wohin sie
wollte. Zum Schluss zählte Flaminio aus einem Samtbeutel acht Dublonen ab.
Der Beutel enthielt weitaus mehr Münzen. Anscheinend hatte unser Besucher
heute Nacht noch andere Geschäfte zu tätigen.

Am nächsten Morgen weckte uns Praiopip. Sich dafür entschuldigend, dass


er unaufgefordert eintrete, was jedoch dem Auftrag seines Herrn entspreche,
ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Er verstummte, als ihm das
hereinfallende Licht verriet, dass wir zu viert im Bett lagen. Sein Blick
wanderte zu den beiden beschädigten Lagern. Erbleichend wankte Praiopip
rückwärts zum Eingang, wo er durch den Zimmerboden brach und bis zur
Hüfte versank. Als wir den zeternden Majordomus mit vereinten Kräften aus
dem Loch gezogen hatten, sah er uns vorwurfsvoll an und behauptete, solche
Schurkenstreiche nicht verdient zu haben.
Wir antworteten, dass wir nicht wüssten, wovon er spreche, und machten
uns auf den Weg.
Die reizende Valeria

1.

Die Diebin hielt sich in einer Hütte am Fluss auf, die von den Einheimischen
gemieden wurde, da sie als Unheil bringend galt, weil auf ihrem Dach häufig
Spatzen zankten. Als jüngster Beweis ihres bösen Einflusses wurde – nach
Flaminios Worten – oft angeführt, dass ihr letzter Bewohner, Sohn eines
Rudergastes, eines Tages nach langer Verfolgung durch einen Befehliger der
Gardisten zum unbefristeten Gastruderer auf einer Galeere ernannt worden
sei – was immer das bedeuten mochte.
Den üblen Ruf der Hütte, so hatte uns Flaminio ermahnt, sollten wir
jedoch nicht zum Anlass nehmen, sie leichtfertig zu zerstören. Anscheinend
war ihm unser Aufenthalt beim Knochenmann etwas verzerrt dargestellt
worden.
Ein Pfad führte am Flussufer entlang. Er war tückisch, da er häufig
unterspült wurde, wie Risse in der Erde, schroffe Bruchstellen und plötzliche
Abstürze auf der dem Wasser zugewandten Seite vermuten ließen.
Stellenweise verlief der Weg mehrere Schritt über der Wasserlinie, dann
wieder senkte er sich bis zu ihr hinab und verlief ein Stück vom Fluss
entfernt. Der Grund hierfür waren die zahlreichen Krokodile, die sich im
schlammbraunen, trägen Wasser treiben ließen und mitunter beachtlich gut
vortäuschten, zu den Ästen und Büschen zu gehören, die der Fluss entführt
hatte. Man wollte wohl nicht das Wagnis eingehen, dass die zahnstarrenden
Räuber der Gewohnheit verfielen, den Weg an den tiefer liegenden
Abschnitten zu ihrer Speisetafel zu machen.
Der Pfad war nicht so verlassen, wie ihn uns Flaminio geschildert hatte.
Wir überholten ein paar der hiesigen schwarzen Stadtkrieger, die uns finster
musterten, grimmig »Boron zum Gruße« schnauzten und – als wir nicht
antworteten – »verdammte Rastullahknechte« fluchten.
Auch eine andere Angabe Flaminios war falsch. Er hatte die Diebin als
Langschläferin bezeichnet, doch war sie bereits wach, als wir die Hütte
erreichten.
Wir erkannten unsere Bekannte der letzten Nacht nicht auf Anhieb wieder.
Ihr Gesicht war nicht mehr geschwärzt, das Haar trug sie offen, und ihre
Kleidung unterschied sich nicht von der vieler F'zzmech-Frauen, denen wir
begegnet waren. Einzig ihr kurzer Wuchs entsprach unserer Erwartung.
Aussagekräftig war er nicht, da wir immer noch nicht gelernt hatten, alte und
junge F'zzmechs fehlerfrei zu unterscheiden. Die Bewohnerin der Hütte
konnte daher ebenso gut erwachsen und klein sein wie jung und dem Alter
entsprechend groß. Ob sie die richtige Person war, verlangte daher längeres
Betrachten.
Erst als die Frau keifte, wir sollten aufhören, »sie blöde anzuglotzen und
schleunigst abhauen«, wussten wir, dass sie es war.
Wir antworteten, dass wir ihren Wünschen nicht entsprechen könnten.
Das sei ihr einerlei, sagte sie. Mit uns habe sie nichts zu schaffen, wolle
das auch nicht. Wir sollten dorthin gehen, wo der Pfeffer wachse, aber flott.
»Nein, nicht verwirklichbar«, gab ich ihr zu verstehen, obwohl ihre
Empfehlung unsere Heimat treffend beschrieb.
Die Frau seufzte schwer. Warum wir hier seien, fragte sie.
Die Frage war gar nicht leicht zu beantworten. Unser kurzbeiniger Freund
Alrik hatte uns beauftragt, die Frau zu finden. Sein Sohn hatte uns gesagt, wir
sollten sie nicht finden. Jedoch hätte er uns nicht gewiesen, sie nicht zu
finden, wäre uns nicht zuvor gewiesen worden, sie zu finden. Da das eine das
andere bedingte, wodurch das Zweite eine Folge des Ersten wurde, erklärte
ich der Diebin der Wahrheit entsprechend, wir seien hier, weil wir beauftragt
worden seien, sie wegen des Diebstahls gefangen zu nehmen.
Die Frau sah uns böse an und zischte: »Wer hat euch Schergen verraten,
wo ich zu finden bin?«
»Flaminio«, antwortete ich abermals wahrheitsgemäß.
»Der Dreckbeutel«, schimpfte die Frau. Urplötzlich begann sie zu
schreien: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Im Nu waren die Stadtkrieger zur Stelle, an denen wir jüngst
vorbeigekommen waren. Die Frau brach bei ihrem Anblick in Tränen aus und
beteuerte, dass wir dringend in Gewahrsam genommen werden müssten, da
wir beabsichtigten, sie zu berauben, ihr zweifellos auch Gewalt antun
wollten, ja, uns schon angeschickt hätten, sie in böser Brunst und gegen ihren
Willen mit unseren rohen Pranken aufs Lager zu zerren.
Wir waren sprachlos ob dieser Lüge. Wir waren Marus. Sie war eine
widerwärtige, glitschige F'zzmech. Bei dem Gedanken an die Ekel erregende
Betätigung, die sie als unser Vorhaben schilderte, wurde uns allen speiübel.
Am liebsten hätten wir uns übergeben. Das will viel heißen, da wir Marus
nicht gern wieder hergeben, was wir einmal verschlungen haben.
Die Gardisten glaubten die Ungeheuerlichkeit. Sie erklärten uns für
festgenommen und wollten uns zwingen, ihnen zu folgen. Bekannte Worte
erklangen: »Euch wird das Lachen noch vergehen.«
Damit waren wir nicht einverstanden.
Da sich die sechs Stadtkrieger wegen ihrer Überzahl in der Übermacht
wähnten, zogen sie nicht blank, sondern beschränkten sich darauf, uns durch
Schubsen und das Verabreichen von Faustschlägen zum Mitkommen zu
bewegen. Trotz unserer festen Schuppen wurde uns die grobe Behandlung
lästig, sodass wir ihr durch flinkes Ausweichen zu entgehen trachteten. Das
vergrößerte den Zorn der Gardisten. Aus lauter Unbeherrschtheit verlor
schließlich einer von ihnen nach einem Hieb, der Vetter Einzahn knapp
verfehlt hatte, das Gleichgewicht und stürzte in den Fluss.
Kopf und Oberkörper des Stadtkriegers tauchten zwar sofort wieder
triefend aus dem Wasser auf, da sich ihr Besitzer hurtig bemühte, zurück ans
Ufer zu gelangen, doch wurde sein Bestreben durch den schlammigen
Untergrund sehr erschwert. Urplötzlich brüllte der F'zzmech und versank
erneut in der lehmbraunen Flut. Verantwortlich dafür war eines der
Krokodile, die den Streit am Ufer mit großen Erwartungen verfolgt hatten.
Im Fluss begann ein erregendes Schauspiel. In schnellem Wechsel stießen
aus dem aufgewühlten Wasser ein Kopf, eine einzelne Hand, ein Arm oder
ein Fuß und immer häufiger ein kräftiger, geschuppter Schwanz, der
zunehmend das Geschehen bestimmte. Blut färbte den Strom. Eine
spitzwinklige Bugwelle, die sich vom Ufer entfernte, zeugte schließlich von
einem mit seinem Tagewerk vermutlich sehr zufriedenen Krokodil.
Verkennend, dass ihr Kamerad sein Schicksal durch eigene
Tölpelhaftigkeit herbeigeführt hatte, erhoben die Stadtkrieger Einzahn völlig
zu Unrecht zu dem, den sie am wenigsten von uns mochten. Sie gingen ihn zu
dritt an, und da Rrual von dem majestätischen Schauspiel, dessen Zeuge er
geworden war, noch abgelenkt und tief berührt war, landete auch er binnen
kurzem im Wasser.
Wie erwähnt gab es im Fluss nicht nur ein hungriges Maul, sondern viele
davon. Notwendigerweise wiederholte sich daher das Geschehen: Das
Wasser wurde aufgewühlt und mit Blut getränkt. Ein Kopf, eine Hand, ein
Arm, ein Fuß und ein geschuppter, peitschender Schwanz durchbrachen
abwechselnd die Wasseroberfläche. Alles endete wie zuvor: Eine sich
auffächernde Bugwelle verriet ein davon schwimmendes Krokodil.
Doch plötzlich wurde das Tier anderen Sinns und kam wieder zum Ufer
zurück.
Nein, ich habe nicht vergessen zu erwähnen, dass es sich umgewandt
hätte. Das Krokodil näherte sich mit dem Schwanz voran, während seine
ganze Verwandtschaft eilig der Flussmitte zustrebte.
Das seltsame Verhalten enträtselte sich, als Rrual-Einzahns Kopf,
Schultern und Oberkörper aus den Fluten auftauchten. Er zog das weder
quicke noch lebendige Krokodil am Schwanz hinter sich her.
Noch im Wasser verkündete Rrual, er habe eine aufschlussreiche
Erfahrung gemacht: Krokodile seien sehr bekömmlich. Ihr Geschmack
erinnere ihn gleichzeitig an Fisch und Fleisch, doch empfehle er nicht, sie roh
zu genießen. Ihm schwebe vielmehr vor, sie mit erwärmtem Obst
zuzubereiten, was er sich als wahre Gaumenfreude vorstelle.
Als wir meinem feinschmeckerischen Vetter aus dem Fluss halfen, stellte
sich heraus, das er sein Urteil nicht nur anhand eines flüchtigen Happens
gefällt hatte, sondern nach gründlicher Prüfung, damit er uns auch nichts
Falsches berichtete.
Außerhalb unseres Blickfelds ertönten unterschiedliche Geräusche. Wir
hörten ein Seufzen, ein Plumpsen und das Trappeln vieler Füße. Die ersten
Laute stammten von der Diebin, die nach einem Schwächeanfall
besinnungslos am Boden lag, die anderen von den Stadtkriegern, die Reißaus
genommen hatten, nachdem sie die Gültigkeit der Wunderbaren Weltordnung
erkannt hatten. Man musste ihnen jedoch ob ihrer ungestümen Flucht
vorhalten, nichts aus dem Erlebten gelernt zu haben. Wenigstens, dass man
auf trügerischen, engen Pfaden an Flussufern etwas Vorsicht walten lassen
sollte, hätten sie sich merken können.

Als die Diebin wieder zu sich kam, war ihre erste Frage nach einem Blick
auf das angebissene Krokodil, was wir seien.
Wir hießen Alrik, antwortete ich. Bevor sie weiterfrage, wolle ich ihr
gleich eröffnen, dass wir Maraskaner seien, und falls ihr jetzt nach Scherzen
zumute sei, so sei ihr versichert, dass sie sich den Witz sparen könne, da er
sich unserem Verständnis entziehe.
Die Diebin hatte jedoch nicht vor zu ulken. Sie stellte ihre zweite Frage:
»Wie viel hat euch dieser Dreckkübel Flaminio bezahlt?«
»Jedem zwei Dublonen«, antwortete ich ehrlich.
Das weckte ihren Zorn: »Bei Golgaris Heiliger Mauser. Ist das alles, was
ich ihm wert bin? Dafür verschachert er mich? Nach allem, was ich schon
für ihn getan habe? Für lächerliche acht Dublonen liefert er mich ans
Messer?«
Sie vergoss erneut Tränen, beklagte, ein armes, hilfloses Frauenzimmer zu
sein, das einfältig auf die Schmeicheleien eines reichen, betrügerischen
Strolches hereingefallen sei, und fragte, was wir davon hielten, wenn sie uns
das Doppelte dessen bezahlte, was Flaminio uns gegeben hatte.
Linksauge antwortete, dass ihm der Vorschlag gefiele, da wir für Gold
alles täten. Was wir dafür tun müssten?
»Mich frei lassen«, antwortete die Diebin etwas zu laut.
Das sei leicht zu bewerkstelligen, entgegnete Linksauge. Doch möge sie
uns die Dublonen sofort geben.
Obwohl unsere Bekannte gehofft hatte, dass wir ihr Angebot annähmen,
sie also wusste, dass Ausgaben auf sie zukämen, gab sie uns die Münzen nur
widerwillig.
Ich war erstaunt, wie leicht es war, mit F'zzmechs Geschäfte zu betreiben.
Nach den Erfahrungen mit Fadenbart hatte ich es mir viel schwieriger
vorgestellt.
Nachdem einige Zeit verstrichen war, fragte uns die Diebin, warum wir
immer noch bei ihr herumlungerten und sie mit kleinen Augen boshaft
anstarrten? Wir sollten sie endlich sich selbst überlassen und unserer Wege
gehen.
Geduldig erklärte ich, dass unser Fortgehen nicht weise wäre und
unnötige Umstände verursachen würde, da wir sie dann erneut aufspüren
müssten.
»Wie? Erneut?«, rief sie entrüstet.
Da sie es nicht zu wissen schien oder es vergessen hatte, erklärte ich ihr,
dass wir sie nach Al'Anfa begleiten müssten, um die Dokumente in Empfang
zu nehmen, die sie im Austausch für das Efferdherz erhielte.
Die Diebin schnaubte, sie habe angenommen, sich uns durch die Zahlung
der sechzehn Dublonen vom Hals geschafft zu haben, und bezeichnete uns als
gierig.
»Nein, nicht gierig, nur umsichtig«, antwortete ich, überzeugt davon, dass
uns jeder F'zzmech, den wir wegen der besonnenen, anderweitigen
Vermehrung unseres Reichtums nicht ausrauben und womöglich verspeisen
müssten, loben würde, wenn er davon erfahren könnte.
Der Diebin erklärte ich, dass mir bereits aufgefallen sei, dass sie dazu
neige, unüberlegt falsche Schlüsse zu ziehen. Flaminio habe versprochen, uns
reichlich zu entschädigen, wenn wir ihm die Dokumente brächten.
»Wie viel?«, knurrte sie.
Das wüssten wir nicht, antwortete ich.
Sie stutzte und fragte, ob es uns etwa nicht darum ginge, noch mehr aus ihr
herauszupressen?
Das könnten wir zwar tun, wenn sie das wünsche, erwiderte ich, doch
was Flaminio anbelange, so habe er uns nicht mitgeteilt, was er uns noch
geben werde.
»Ihr habt einen Handel mit dem Lügenbold abgeschlossen, ohne zu
wissen, was dabei für euch herausspringt?«, rief die Diebin so erregt, als
hätten wir etwas Anstößiges getan.
Ganz so sei das nicht, belehrte ich sie. Die acht Dublonen hätten wir
nämlich schon bekommen, woran wir uns sogar noch erinnern könnten.
Die Diebin wurde immer ärgerlicher. Sie verstieg sich zu der Behauptung,
solche Einfaltspinsel wie uns noch nie getroffen zu haben. Keinen Dirham
würden wir von dem »verlogenen Furunkel an Borons Pürzel« erhalten.
Spitz wies ich mein Gegenüber darauf hin, dass sie bei der Abmachung
mit Flaminio nicht zugegen gewesen sei und wir keinen Anlass hätten, an
seinen Worten zu zweifeln.
Die Diebin schüttelte den Kopf.
In diesem Augenblick fragte Schätzlein, ob es bei dem Ort Al'Anfa einen
Hafen mit einem Schiffe gebe.
»Ein oder zwei wird man dort wohl finden«, gab unsere Bekannte kurz
angebunden zurück. Sie verstummte, sah Schätzlein an und fragte, ob einer
von uns jemals dort gewesen sei.
Zziriff verneinte.
Ob einem von uns Al'Anfa überhaupt etwas bedeute?
Abermals verneinte Zziriff.
Urplötzlich trat ein Leuchten in die Augen der Diebin. Ihr Ärger war jäh
verflogen. In freundlichem Ton erklärte sie, sich just besonnen zu haben.
Unsere Begleitung sei ihr sehr willkommen, allein der wilden Wudus wegen.
In Al'Anfa würden wir uns schon einig werden. Da sei sie sich völlig sicher.
Wir waren erleichtert, dass sie endlich Vernunft annahm.
Eine Bitte habe sie noch, meinte die Diebin. Wir sollten gefälligst
aufhören, sie ständig als »Diebin« anzusprechen. Sie habe einen Namen. Er
laute Valeria.
Wir hießen Alrik, erwiderte ich.
Daran könne sie sich mit Mühe erinnern, gestand uns Valeria ein.
Wir nahmen unser Krokodil und brachen auf. Ich fand es erstaunlich, dass
sich Valeria nicht daran störte, dass sein Körper deutliche Spuren eines
kräftigen Gebisses aufwies. Als habe sie beschlossen, die Auswirkungen von
Einzahns Naschhaftigkeit nicht wahrzunehmen. Tatsächlich wunderte sich
Valeria später nicht einmal darüber, wie viel wir essen konnten, wenn wir
hungrig waren.

2.

Valeria war eine schwierige Reisegefährtin. Sie ging entsetzlich langsam.


Versuche, sie zu einer schnelleren Gangart zu bewegen, scheiterten an ihrer
Sturheit.
Sie beabsichtige nicht, bis Al'Anfa »ein paar Irren mit einem Krokodil«
hinterher zu rennen, tobte sie als Antwort auf unsere Vorhaltungen. Dann
brach sie, wie wir es schon kannten, in Tränen aus und klagte, sie sei ein
zartes, zerbrechliches Frauenzimmer und ...
»... und ein sehr kurzes dazu«, pflichteten wir bei, was ihre Stimmung
nicht anhob, obwohl es doch zeigte, dass wir ein wenig Verständnis für sie
entwickelt hatten.
Wir einigten uns darauf, dass jeweils drei von uns frohgemut mit dem
Krokodil vorauseilen durften, während der Vierte langsam mit Valeria folgen
musste, damit sie nicht den Eindruck gewann, wir wollten sie nicht begleiten.
Immer nach ein paar Meilen sollten die Vorauseilenden auf die anderen
beiden warten. Dann sollte auch Valerias Begleiter ausgetauscht werden.
Wer mit ihr ging, hatte ein schweres Los, da sie – sonst stumm – in
stündlichem Abstand in wüste Schimpfereien über Flaminio verfiel.
Die nach Süden führende Straße verlief durch flaches, allenfalls leicht
gewelltes Land. Zu Anfang erblickte man beidseitig Äcker und Reisfelder
oder weit sich erstreckende Anbauflächen mit Tabak- und Naphtanstauden,
auf denen viele F'zzmechs arbeiteten. Die Felder wurden nach einigen
Meilen seltener. Der Urwald, der das Gebirge im Westen verhüllte, näherte
sich nicht oft der Straße, und wenn doch, so zog er sich sogleich wieder
erschrocken zurück.
Die Straße hatte etwas Beunruhigendes. Über Meilen verlief sie
schnurgerade. War ihr ein Hügel im Wege, so hatte man ihn kurzerhand
durchstochen und halbiert, störte sie ein Fels, so war er entzwei geschlagen
worden. Überdies war sie mit Steinplatten bedeckt und besaß links und
rechts Wasserrinnen. Man kam sehr schnell auf ihr voran, doch war das
Gehen auf dem harten, warmen Grund auf die Dauer unbequem.
Die Platten schienen sehr empfindlich zu sein, da wir während der
nächsten Tage wiederholt Gruppen von Arbeiter-F'zzmech trafen, die sie
unter Anleitung von Peitschenträgern austauschten. Wegen dieser Trupps
zerlegten wir am ersten Abend die Überreste des Krokodils. Als Ganzes
erregte es zu viel Aufsehen.
Beim ersten Halt, vor einem mächtigen, nicht klein zu kriegenden Felsen,
der der Straße einen Knick nach Westen abgetrotzt hatte, beschlossen
Schätzlein, Linksauge und ich, die wir ungeduldig auf Einzahn und die lahme
Valeria warteten, unser Wissen über die Straße zu vermehren.
Da die Steinplatten groß und schwer waren, hielten wir es für klug und
weise, sie vor dem Entfernen zu zertrümmern. Das taten wir bei mehreren,
deren Bruchstücke sich nachher leicht abnehmen ließen. Die Platten ruhten
auf kleinen feinen Steinchen, die umso grober wurden, je länger wir gruben.
Ganz unten lagen große Brocken, die quer zum Straßenverlauf angeordnet
waren, danach kamen solche, die ihm folgten. Schließlich stießen wir auf
gestampften Lehm. Wir überzeugten uns eingehend, dass darunter nichts mehr
verborgen war.
Wegen der häufigen Regenfälle erschien uns der Aufbau der Straße
vernünftig, da er gewährleistete, dass sie stets gut entwässert wurde.
Jedenfalls, solange man sich nicht fragte, ob ein harter, heißer und
unbequemer Weg überhaupt sinnvoll sein konnte.
Eben zu dieser Einschätzung gekommen, erblickten wir Rrual und Valeria.
Als wir unsere neu gewonnenen Erkenntnisse mit dem Vetter teilen wollten,
fragte uns unsere Reisegefährtin, warum wir etwas so Sinnloses getan hätten,
wie ein Loch in die Straße zu graben.
Ich ermahnte sie, gegen ihre Neigung zu falschen Schlüssen anzukämpfen.
Der Drang nach Erkenntnis sei nie sinnlos, auch nicht der stete Kampf gegen
Unwissenheit und jugendliche Einfalt. Sie möge sich lieber ein Beispiel an
uns nehmen.
Zh'Urakrra wäre sehr stolz auf mich gewesen.
Valeria ging ohne Antwort zum Straßenrand, um dort zu rasten. Kaum hatte
sie sich hingesetzt, änderte sie jäh ihren Sinn. Sie wolle hier auf keinen Fall
bleiben, verkündete sie hastig und drängte zur Eile.
Wir lobten sie für ihre Einsicht, sei es doch noch viel zu früh für eine
Rast.
Wie vorausschauend Valerias Vorschlag war, sollten wir schon bald
erkennen. Nicht viel mehr als hundert Schritt hinter dem Felsen, wo wir das
Loch gegraben hatten, mussten wir die Straße verlassen, da uns ein Gefährt
entgegenkam: ein Pferdewagen, gezogen von vier Rössern, die von einer
Frau zur höchsten Eile angetrieben wurden. Auf dem Wagen standen zwei
Männer, die vor Freude kreischten und schrien.
Sie kreischten und schrien noch viel lauter, als sie um den Felsen herum
gefahren waren. Auch die Pferde stimmten mit ein. Nur der Wagen
beschränkte sich auf ein knappes Splittern und Krachen.
Valeria, kundig in den einheimischen Sitten, befürwortete rasches
Entfernen. Das sei weise, stimmten wir zu.
Einem solchen Wagen sollten wir am nächsten Tag noch einmal begegnen.
Er wurde nur von zwei Pferden gezogen. Wir fragten Valeria, ob die Straße
immer so belebt sei.
»Ja«, antwortete Valeria stolz, als gehöre sie ihr.

Gleich am ersten Abend versuchte Valeria unser Vertrauen in Flaminio zu


untergraben. Nachdem sie abwechselnd ihn und uns beleidigt hatte, führte sie
an, wir müssten doch aus ihrem Schicksal ersehen, was für ein verräterischer
Windhund er sei, da er uns aufgetragen habe, sie hinterrücks gefangen zu
nehmen.
Damit sie nicht wegen ihrer Neigung zu übereilten Schlüssen für alle
Zeiten ungerechtfertigt einen Groll gegen Flaminio hegte, erläuterte ich ihr,
dass er keineswegs befohlen habe, sie festzunehmen. Vielmehr sei das sein
Vater Huntas gewesen, der sich gelegentlich Alrik nenne. Flaminio habe
Gegenteiliges verlangt, jedoch nur wegen Huntas' Wunsch, der – man könne
das drehen, wie man wolle – als Auslöser unbezweifelbar verantwortlich für
unser Erscheinen bei ihr gewesen sei. Dass wir mittlerweile anderes im Sinn
gehabt hätten als das, was der bedingende Grund vorschrieb, habe auf die
Richtigkeit meiner Ausführung keinen Einfluss.
Valeria schnappte nach Luft und gab mit schriller, sich überschlagender
Stimme bekannt, keinen Wert auf solche Spitzfindigkeiten zu legen. Sie schalt
uns Diebe und Betrüger und erklärte, dass man von Bewohnern einer Insel,
auf der nur Giftmischer und Meuchelmörder lebten, kein anderes Verhalten
erwarten könne – was sie anscheinend aber dennoch tat. Auch wolle sie das
Gold zurück haben, das wir abgefeimten Beutelschneider von ihr erschlichen
hätten.
Ihre ständigen Fehleinschätzungen leid, entgegnete ich, dass ich genau
wisse, dass auf Maraskan nicht nur Giftmischer und Meuchelmörder lebten,
sondern auch Dämonenpaktierer. Auch könnten wir ihr die Dublonen nicht
zurückgeben, da wir Bedarf an ihnen hätten und etliche uns unbekannte
Personen, die auf ein langes, glückliches Leben hofften, bitter enttäuscht
wären, wenn sie erführen, dass wir auf das Drängen unserer Reisegefährtin
hin unsere Pläne hätten ändern müssen.
Ungeachtet des Missverständnisses könne sie jedoch darauf vertrauen,
dass wir sie wohl behütet nach Al'Anfa brächten, um dort die Übergabe des
Steines zu überwachen, fügte ich in versöhnlichem Ton hinzu.
Linksauge fiel ein, dass wir das Efferdherz noch gar nicht gesehen hatten.
Er bat Valeria, es ihm zu zeigen. Zunächst war sie abgeneigt. Nachdem wir
sie lange genug stumm angestarrt hatten, wurde sie entgegenkommender.
Der Stein war wie beschrieben daumengroß, blaugrün und durchsichtig.
Er musste vor langer Zeit geschliffen worden sein, da das, was der
Reichserztruchsess »erhabenes Wellenzeichen« genannt hatte, unverkennbar
eine Chuchas- oder Chrmk-Glyphe war. Genau konnten wir uns nicht
festlegen, da die ältere und die jüngere Schrift der Beinahegötter schwer
auseinander zu halten sind und wir obendrein nicht wussten, was das Zeichen
bedeutete. Nach gründlicher Begutachtung gaben wir Valeria den Stein
zurück, sie ermahnend, gut auf ihn zu achten, da er sicher wichtig für seinen
Empfänger sei.
Obwohl Valeria überrascht war, ihn zurückzuerhalten, freute sie sich
nicht. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange. Bevor wir sie fragen
konnten, ob sie wieder Opfer ihrer Stimmungen geworden sei, erklärte sie,
uns während des Tages so lieb gewonnen zu haben, dass ihr das Herz breche
bei dem Gedanken an die Gefahr, in der wir schwebten, an das Verderben,
das uns unschuldigen, gutgläubigen Seelen drohte.
Neugierig fragten wir, ob sie damit die wiederholt erwähnten Wudus
meine.
»Nein, ihr Holzköpfe«, rief Valeria erregt. »Ich spreche von dem
Mirhamer Intrigantenpack.«
Ob wir uns nicht darüber gewundert hätten, dass der Herr Huntas vier ihm
gänzlich unbekannte Würstchen beauftragt habe, ihm den Stein
zurückzubringen, wenn er doch auch jemand anderen hätte schicken können?
Dass sein Sohn dieselben Einfaltspinsel nicht nur bezahlt habe, ihrer Pflicht
nicht nachzukommen, sondern ihnen darüber hinaus erklärt habe, wo sie sie,
Valeria, finden könnten, damit wir im Tausch für einen wertvollen Stein –
einen einigermaßen und nur für wenige wertvollen Stein – verfängliche
Dokumente beschafften?
»Gefühlsduselei«, antwortete Einzahn. Sie sei durch den Irrglauben
hervorgerufen, dass eine Ahnin mit angeblichen Königen ...
»Vor allem sind Mirhamer Adlige gefühlsduselig, Dussel«, unterbrach ihn
unsere Reisegefährtin. Die bevorzugte Tätigkeit der Mächtigen Mirhams sei
es, tagein, tagaus neue Schurkereien auszubrüten und so lange List,
Verschwörung und Tücke übereinander zu türmen, bis aus dem Lügengebäude
ein Labyrinth geworden sei, in dem sich niemand mehr zurechtfände, was für
sie aber kein Grund sei, nicht voller Inbrunst alles noch undurchschaubarer
zu machen. Fragte man schließlich nach dem Sinn der Anstrengung, so
erführe man bloß, dass alles irgendwie Al'Anfa zum Schaden habe gereichen
sollen, da Mirham der Rabenstadt nie verziehen habe, dass sie sich von der
einstigen Untertanin zur Herrin gemausert hatte. Die Granden Al'Anfas seien
zwar auch große Freunde von Lügengespinsten, doch besonnen genug, nichts
so Verworrenes zu schaffen, dass es der menschliche Geist nicht wieder
entflechten könnte, wenn er nur wüsste, an welchem Faden er zu ziehen habe.
Deshalb seien die Al'Anfaner im Gegensatz zu den Mirhamern erfolgreich.
Wenn nun ein Hochrangiger Mirhams einige Dämmerschädel beauftragte,
einen Stein zu beschaffen, von dem er nicht wollte, dass jemand erfuhr, dass
er ihn besessen hatte, so geschähe das aus denselben Gründen, wie wenn sein
Sohn vier Brackwasserdenker beauftragte, Papiere zurückzukaufen, auf denen
er feinsäuberlich seine Verschwörungsabsichten niedergeschrieben hätte,
aber dumm genug gewesen wäre, sie zu verlieren: nämlich Verzichtbarkeit.
Das seien wir: verzichtbar.
Sollten wir nach getaner Arbeit noch einmal vor Flaminio oder seinen
Vater treten, so hätten wir keinen schmutzigen Dirham von ihnen zu erwarten,
sondern nur eine durchschnittene Kehle. Nach ein paar verschwundenen
Fremden krähte kein Hahn ...
So habe sie sich das jedenfalls zurechtgereimt.
Als ihr Flaminio den Diebstahl und die Wiederbeschaffung der
Dokumente – ursprünglich allein ihre Sache – aufgetragen hatte, habe sie
sofort durchschaut, dass er ihr nicht mehr traute – Mirhamer Denken.
Sie riet uns deshalb, Mirham zu vergessen. Wenn wir die Dokumente nicht
zurückbrächten, sondern gemeinsam mit ihr veräußerten, so könnten wir von
unserem Anteil bis ans Ende unserer ... nun, einige Tage lang ... in Saus und
Braus leben. Was wir davon hielten?
Was sie sage, klinge vernünftig, antwortete Linksauge. Doch vieles im
Leben klinge vernünftig, ohne es zu sein. Wir zögen überlegtes Handeln vor.
Zu beabsichtigen, jemandem die Kehle zu durchschneiden, sei längst nicht
dasselbe, wie es zu tun. Er vertraue auf die Wunderbare Weltordnung.
Valeria nannte uns unbelehrbar und nicht fähig, aus Erfahrungen zu lernen.
Als sie später vorschlug, den letzten Teil der Nachtwache zum Morgengrauen
hin zu übernehmen, bewiesen wir ihr, dass wir es doch waren. Schätzlein
leistete ihr Gesellschaft.

3.

Der nächste Tag unterschied sich zunächst nicht vom vorigen. Höchstens
darin, dass Valeria sich gezwungen sah, nach dem Verlust ihres Grolls gegen
den »verräterischen Flaminio« neue Gründe für ihre stündlichen Ausbrüche
zu finden. Zu der Zeit, als ich an der Reihe war, gemächlich neben ihr her zu
schlendern, leisteten ihr dabei ihre Füße gute Dienste.
Sie habe sich wegen unserer unvernünftigen Eile eine Blase gelaufen, so
groß, dass sie sich auf beide Füße gleichmäßig verteile, klagte Valeria.
Sobald ihr aber einfiel, wer ihr gegenwärtiger Begleiter war, verstummte
sie, da sie mich für das Missverständnis verantwortlich machte, dem sie
erlegen war. Dennoch sollte sie meinen Arm bald darauf sehr lieb gewinnen,
als wir die anderen einholten und Linksauge an der Reihe war, mich
abzulösen.
Das Gelände war zu diesem Zeitpunkt merklich hügeliger und
unübersichtlicher geworden, sodass die Straße, die sich nicht um Auf und Ab
scherte, wie ein scharfer Kratzer wirkte, gerade so, als habe Krr'Thon'Chh
seine Kralle über die Landschaft gezogen. Auf und zwischen den Hügeln
wuchsen niedrige Bäume mit ausladendem Geäst sowie in die Höhe
strebende Büsche mit trichterförmigen weißen Blüten.
Plötzlich quiekte Valeria und umfasste meinen Arm. Auf einen Hügel
deutend, erklärte sie: »Da-da.«
Weil ich dort nichts entdeckte, fragte ich sie, was sie meine.
»Eine schreckliche Bestie«, flüsterte Valeria tonlos.
Rrual erklärte sich sogleich bereit, der Bestie entgegenzutreten. Ich wurde
misstrauisch, als Zziriff dieselbe Absicht bekundete und hinzufügte, dass er
nicht wolle, dass Einzahn ihn begleite. Andernfalls müsse jener das Schwert
hergeben.
Dass mein Argwohn berechtigt war, erkannte ich, als der Vetter das
Ansinnen nicht rundweg ablehnte, sondern erklärte, innerlich heillos
zerrissen zu sein.
Ich sah abermals zum Hügel und entschied daraufhin, dass keiner von
beiden gehen würde, weil ich als Ältester das so beschlossen hätte.
Unverzüglich machte mir Linksauge Vorhaltungen, dass ich in all den
Jahren, die er mich schon kannte, nämlich von Anfang an, nie erwähnt hätte,
älter als er und Rrual zu sein.
Ich antwortete, dass ich eine Person mit vielen Geheimnissen sei. Er
wisse längst nicht alles über mich.
Zweifellos sei ich ein Hüter großer Geheimnisse, pflichtete der Vetter bei.
Mein größtes sei gewiss, wen ich mit meiner Behauptung überzeugen wolle.
Valeria habe sich, wie man sehe, an meinen Schutz gewöhnt. Deshalb müsse
wohl er schweren Herzens gehen.
Valeria betrachtete die Nennung ihres Namens als Aufforderung zu
sprechen: Ob wir wirr seien oder nur Angehörige eines verschrobenen
Rondraordens, dass wir darum stritten, wer ganz allein dem garstigen
Albtraumwesen entgegentreten dürfe? Wenn wir nicht augenblicklich
verschwänden, werde das Ungeheuer uns gewiss alle zerreißen.
Ich wisse zwar nicht, was sie mit »verschrobenem Rondraorden« meine,
erwiderte ich, doch wisse ich genau, dass ihr das Mädchen keinen Anlass
gegeben habe, ausfallend zu werden.
»Welches Mädchen?«, fragte Valeria.
Ob sie keine Augen im Kopf habe, erkundigte ich mich. Man sehe doch
sofort, das dass stolze Geschöpf auf dem Hügel nicht ein, sondern eine Maru
sei. Das sei doch leicht zu erkennen an den neckisch geöffneten Kiefern, dem
niedlich gekrümmten Schwanz, vielleicht auch an den durch Brunft gefärbten
Schuppen an Brust und Bauch.
Da ich nicht beabsichtigte, noch mehr Zeit mit Valeria zu vergeuden,
während derer die verlockende Erscheinung auf dem Hügel womöglich
verschwände, rief ich ohne weitere Umschweife: »Ich sehe etwas Essbares.«
»Wo?«, fragte Valeria.
»Valeria«, riefen Linksauge, Einzahn und Schätzlein gleichzeitig.
Unsere Reisegefährtin kicherte. Wir Maraskaner hätten gelegentlich eine
seltsame Ausdrucksweise, meinte sie. Hierzulande verwende man zwar auch
ein Wort, das mit »essen« zu tun habe, doch werde es weniger gierig
klingend von »naschen« abgeleitet. Auch wenn ihr unser Urteil schmeichle,
so sollten wir uns doch keine Frechheiten herausnehmen.
Keiner achtete auf ihr unverständliches Gebrabbel.
Siegessicher verkündete ich, dass alle verloren hätten, da sich Valeria
durch ihr »Wo?« als Mitspielerin zu erkennen gegeben habe. Also hätte ich
gewonnen.
Schnell rannte ich den Hügel hinauf, bevor jemand Einwände vorbringen
konnte.

Die bezaubernde Schöne hatte sich von der Hügelkuppe zurückgezogen.


Unter einem vom Blitz gespaltenen Baum wartete sie, so wie Krr'Thon'Chh
sie geschaffen hatte: Nur ein schmaler Riemen, der von der Schulter zur
Hüfte verlief und an dem Beutel, Kräuterbüschel und eine Keule hingen,
verhüllte ihre Pracht.
Sie begrüßte mich mit Gebrüll: »Schlammkralle sehen Dreckbeutel.
Dreckbeutel verschwinden. Schlammkralle ihn sonst fressen.«
Da ich keinen Anlass sah, in die Stumme Sprache zu verfallen, röhrte ich
freundlich zurück: »Ich bin da.«
Erstaunt erwiderte das hübsche Dingelchen: »Dreckbeutel sprechen.
Verlogener Dreckbeutel verstehen Schlammkralle? Geben Schwert. Geben
Gold. Geben alles. Dann Schlammkralle Dreckbeutel nicht zerfleischen.
Vorerst.«
Ich drückte mein Bedauern aus, dass ich ihrem Wunsch leider nicht
entsprechen könne. Auch sei ich aus ganz anderem Behufe gekommen,
nämlich um ihr den Hof zu machen. Sie sei hübsch und begehrenswert. Und
jetzt, da wir diese Formalität hinter uns gebracht hätten, sollten wir keine
weitere Zeit mehr vergeuden.
Die nackte Holde nahm meine Schmeichelei ganz anders auf, als ich
erwartet hatte: »Schlammkralle hören. Schlammkralle nicht glauben.
Schlammkralle nicht schmieriges Achaz. Nicht tun. Nicht tun. Schlammkralle
gleich kotzen müssen. Danach auffressen Dreckbeutel. Nehmen ihm alles
weg.«
Ich sah mich in einer verzwickten Lage. Solange zwischen mir und dem
anmutigen Geschöpf ein Missverständnis meine Natur betreffend bestand,
hatte mein Werben keine Aussicht auf Erfolg. Das musste sich ändern.
Zu viel erfahren durfte sie nicht, belügen wollte ich sie aber auch nicht.
Also erklärte ich, dass meine Erscheinung täusche. Ich sei kein Kothaufen,
sondern ein verwunschener Maru, was sie längst aus meiner ziemlichen
Redeweise hätte schließen können, da es Kothaufen unmöglich sei, unsere
Sprache zu sprechen. Ein Zauberer habe mich verwandelt.
Dass es unser eigener war, behielt ich für mich.
Die junge Dame legte ihr entzückendes Köpfchen zur Seite:
»Schlammkralle schlau. Dreckbeutel lügen. Dreckbeutel nicht aussehen wie
Maru. Dreckbeutel aussehen wie Dreckbeutel. Schlammkralle fressen
Dreckbeutel. Hergeben alles. Sonst fressen.«
Da ich das Gefühl nicht los wurde, auf der Stelle zu treten, vergewisserte
ich mich, dass man uns von der Straße aus nicht beobachten konnte, und
sprach das Zauberwort, das mir mein wahres Aussehen zurückgeben sollte.
Sodann heuchelte ich jähes Erstaunen: »Ei, wie wird mir? Der Zauber
scheint plötzlich verflogen zu sein. Siehst du? Ich bin ein Maru. Nun aber
flott zur Sache.«
Die Jungfer blieb stur: »Dreckbeutel vorgeben sein Maru. Schlammkralle
nicht täuschen. Sie schlau.«
»Umgekehrt«, rief ich ungeduldig. »Umgekehrt.«
Ich stutzte. Irgendwie war das nicht richtig. Wie war das doch noch?
Falsch war, dass sich der mutmaßliche F'zzmech in einen Maru verwandelt
hatte. Falsch war aber auch, dass sich der Maru in einen F'zzmech
verwandelt hatte.
»Zurückverwandelt«, brach es erleichtert aus mir heraus, als ich die
Zusammenhänge verstanden hatte. So sei es nämlich, erklärte ich: Nicht der
Kothaufen, den es überhaupt nicht gebe, habe sich in einen Maru verwandelt,
sondern der Maru, schon immer ein Maru, sei nach dem urplötzlichen
Abklingen des Zaubers nun wieder als Maru zu erkennen, und da wir dieses
Missverständnis nun hoffentlich behoben hätten ...
»Du reden furzig«, unterbrach mich meine begehrenswerte Bekannte.
»Wie belieben?«, gab ich zurück.
»Du schon wieder furzig aus Mund. Reden Dickbauchwort. Sprechen
immer furzig. Niemand verstehen.«
Endlich begriff ich, was sie meinte. Etwas schärfer als beabsichtigt
erwiderte ich, dass mir bislang noch niemand eine geschwollene
Ausdrucksweise vorgeworfen hätte. Der falsche Eindruck entstünde meines
Erachtens nach dadurch, dass ich mitunter Gebrauch von Neuerungen mache,
die von ihren Erfindern »Nebensätze« und »Beugungen« getauft worden
seien.
Gänzlich unerwartet fielen meine Worte auf fruchtbaren Boden. Die Süße
lächelte und antwortete mit verführerischer Stimme: »Du mitkommen. Dich
kratzen, dich beißen. Wir paaren.«
Merklich abgekühlt, trottete ich meiner Eroberung hinterher.
Wir hatten erst ein kurzes Stück Wegs zurückgelegt, als zwei weitere
Marus zwischen den Bäumen hervorversprangen. In der Annahme, dass die
beiden Burschen zu Schlammkralles Gelege gehörten, sagte ich
zuvorkommend: »Ich habe wichtige Dinge mit eurer Schwester zu regeln.
Nun trollt euch gefälligst, jagt einen Hasen oder quält von mir aus eine
Schildkröte. Mir ist einerlei, was ihr treibt, solange es anderswo ist.«
Schlammkralle berichtigte mich: Die beiden seien keineswegs
Geschwister, sondern ihre Gesponse, zu denen sie mich listenreich geführt
habe. Über mein weiteres Geschick müsse ich mir keine Gedanken mehr
machen, werde es doch gleich enden aufgrund meiner beharrlichen
Weigerung, ihr zu geben, was sie erbat.
Zugegeben: Sie drückte sich sehr viel knapper aus.
Ich seufzte schwer. So hatte ich mir mein Stelldichein nicht vorgestellt.
Zweifellos würde es nun ziemlich blutig werden.
Wir Marus aus Maru-Zha hatten uns vor zwei Jahrhunderten von
Krr'Thon'Chhs Gabe befreit. Die drei vermutlich nicht. Wie einst auch wir,
würden sie in den alten Blutrausch verfallen, sodass ein Kampf mit ihnen nur
auf zwei Weisen enden konnte: Entweder würden sie mich zerfleischen oder
ich sie. Als Ende einer Werbung war beides unbefriedigend.
Warum ich so schwer seufze, hörte ich plötzlich Einzahns Stimme fragen.
Mich vorsichtshalber nicht umwendend, verlangte ich Aufklärung, was er
hier suche.
»Mehr Dreckbeutel«, stellte meine zwielichtige Verabredung unbelehrbar
fest.
Einzahn, begleitet von Schätzlein, trat in mein Blickfeld.
Meine Frage sei leicht beantwortet, erklärte der Vetter. Ihm und Zziriff sei
eingefallen, dass Lazzar im Ruf stehe, sehr zuverlässig zu sein. Wenn man
also ohne Vorwarnung wegrannte, so würde sich Linksauge vielleicht ärgern,
doch ganz gewiss nicht seine Pflicht vernachlässigen, auf Valeria
aufzupassen. Sein Bruder sei äußerst vertrauenswürdig.
Vertrauenswürdig sei jedoch etwas anderes als vertrauensselig, erklang
unerwartet Linksauges Stimme. Auch wenn es ihm schwer gefallen sei, die
unglaubliche Durchtriebenheit seines Bruders zu durchschauen, so habe er
dieses Wunder dennoch vollbracht. Daher habe er unserer Reisegefährtin
aufgetragen, auf uns zu warten, was sie bereitwillig versprochen habe.
So waren wir also wieder alle vereint.
»Mehr Dreckbeutel«, gab Schlammkralle von sich. »Gut. Wir wegnehmen
mehr. Wir fressen mehr. Sehr gut. Sehr gut.«
Ich nahm ihre Äußerung zum Anlass, meine Gefährten über den Stand
unseres Verhältnisses in Kenntnis zu setzen. Ich bekundete, nicht mehr das
Bedürfnis zu haben, die junge Dame mit Schmeicheleien zu umgarnen, da ich
trotz ihres betörenden Körpers zu der Einsicht gelangt sei, dass es
kurzweiliger wäre, statt mit ihr mit einer Leber zu plaudern, die man ein Jahr
lang vergraben habe – vorausgesetzt, man fände sie wieder. Meine
Einschätzung solle jedoch das Bedürfnis meiner Gefährten nach Liebe,
Zuneigung und wildem Gerangel nicht beeinträchtigen.
Linksauge erwiderte, dass ein solches Loblied es ihm zwar schwer
mache, seine Gefühle zu bezähmen, doch zeichne er sich durch große
Willenskraft aus.
Damit hätte die Begegnung friedlich enden können. Allein, Schlammkralle
und ihre Galane blieben fest entschlossen, sich Vernunftgründen zu
verweigern. Für sie waren wir weiterhin drei und ein halber »Dreckbeutel«,
mithin als Gegner nicht der Rede wert.
Zziriff schlug vor, dass wir, um die Angelegenheit abzukürzen, allesamt
unser wirkliches Aussehen zeigen sollten.
Ich riet davon ab. Man habe uns gewarnt, dass die Amulette nur eine
begrenzte Zahl von Verwandlungen zuließen. Ich wisse nicht einmal, ob
meines noch wirksam sei.
Warum ich dann so leichtfertig gehandelt habe, fragte Zziriff.
»Umständehalber«, erklärte ich. »Umständehalber.« Auch hätte ich darauf
vertraut, dass ihm und den Vettern im Ernstfall ein Weg einfiele, mich
ungeachtet meiner Erscheinung nach Hause zu bringen.
»Schön und gut«, beendete Linksauge das Zwiegespräch. Eines müsse ich
jedoch wissen: Er habe nicht vor, jedem Maru-Fräulein, dem ich den Kopf
verdrehte, den Garaus zu machen. Das müsse ich mir nicht einbilden.
Ich verwahrte mich gegen die Unterstellung. Ich hätte Schlammkralle gar
nicht den Kopf verdreht, genauso wenig, wie er jemals eine Maru
meinetwegen erschlagen hätte.
Das wisse er wohl, antwortete der Vetter. Doch seien seine Worte
vorbeugend gemeint gewesen, damit solche Sitten gar nicht erst einrissen.
Schlechte Gewohnheiten habe man sich rascher zugelegt als man glaube. Er
spreche aus Erfahrung.
Besorgt fragte ich ihn, ob er wieder etwas unbemerkt verspeist habe?
Linksauge blickte mich an, als hätte ich den Verstand verloren.
Woher er das denn wissen solle, gab er zurück. Er habe nichts von
unbemerktem Essen an sich bemerkt, was ihn jedoch keineswegs beruhige.
Doch nun wolle er endlich ausbügeln, in was ich wieder einmal geraten sei.
So erfuhren wir ganz nebenbei von den schlimmen Sorgen, die den Vetter
seit Tagen quälten.
Linksauge wandte sich an unsere wilden Verwandten: Ihnen müsse doch
schon an meiner Sprechweise aufgefallen sein, dass wir von gehobener
Lebensart seien? Es stimme zwar, dass eine gehobene Lebensart sich in
schmackhafterem Essen ausdrücke, doch erschöpfe sie sich keineswegs
darin, sondern bringe auch in vielen anderen Bereichen Gehobensein mit
sich. Aus gehobener Lebensart auf Schwäche, selbstgenügsame
Zurückhaltung und friedliche Bescheidenheit zu schließen, sei daher falsch,
wie man am Beispiel der Beinahegötter sehen könne, deren Lebensart
unerreicht hoch gewesen sei und auf die nichts davon zugetroffen habe. Er,
der sich gründlich mit dem Alten Tyrannenrecht auseinander gesetzt habe, sei
daher längst zu dem Schluss gelangt, dass sich hoch entwickelte
Gemeinschaften vor allem durch drei Dinge auszeichneten: schmackhafte
Nahrung, abgrundtiefe Bosheit und viele Spielarten höchst gefährlichen
Irrwitzes. Darüber sollten seine Zuhörer lieber gründlich nachdenken.
Als Linksauge schwieg, versicherte ihm sein Bruder, dass er aus tiefstem
Herzen sagen könne, dass die Worte dieser feinen Rede an ihn nicht
verschwendet gewesen seien, auch nicht an mich oder Schätzlein. Bei den
drei Urtümlichen hege er aber Zweifel. Daher wolle er das Gesagte lieber
übersetzen.
Er ging einen Schritt auf Schlammkralle und ihre Gefährten zu, ungeachtet
ihrer Drohungen, ihn zu verzehren, wenn er noch näher käme, oder Gleiches
zu tun, wenn er es nicht täte.
Als Rrual das Wort ergriff, war seine Stimme überraschenderweise ein
grollendes Knurren, entstanden in seinen Eingeweiden, und ganz anders, als
wir es von ihm gewohnt waren: »Hören. Rrual machen große Ausnahme.
Rrual nie reden vor Kampf. Rrual nie reden im Kampf. Rrual nur reden nach
Kampf. Haben Vorteile. Niemand Rrual unterbrechen. Niemand Rrual
widersprechen. Rrual bestimmen allein Rede. Wollen Rrual sprechen
hören?«
Sein Auftreten machte Eindruck. Allerdings war ich seit den Ereignissen
im Königlichen Park zu der Überzeugung gelangt, dass der Vetter in jeder
Gestalt Eindruck zu hinterlassen wusste.
Immer noch die eigentümliche machtvolle Stimme gebrauchend, forderte
Einzahn die wilden Verwandten auf, ihm eine Waffe zu übergeben, da sie
doch sähen, dass einer von uns keine besitze.
Zziriff murmelte, er habe sehr wohl ein Schwert, nur augenblicklich nicht,
und sei nicht gewillt, sich mit einer Knochenkeule abspeisen zu lassen.
Einzahn schrie ihn an: Wenn Schätzlein nicht unverzüglich aufhöre, den
Eindruck, den er hinterlassen habe, wegen solcher Nichtigkeiten zu
schmälern, so sei es zwingend notwendig, dass er, Einzahn, aus Zziriffs
Krallen eine Kette fertige und mit seinem Gedärm einen Bogen bespanne.
Wozu die noch ungegerbte Haut verwendet werden könnte, fiele ihm gewiss
auch noch ein.
Einzahn entschuldigte sich später bei Schätzlein für die Ausdrucksweise.
Trotz größter Mühe habe er in dem Augenblick keine Möglichkeit gefunden,
sein Anliegen in andere Worte zu kleiden.
Eine Minderung von Einzahns Eindruck war nicht zu befürchten. Nachdem
wir die Knochenkeule ausgeschlagen und Schlammkralle und ihren Gefährten
ein Goldstück überlassen hatten, unterhielten wir uns – mit einigen
Abstrichen – ganz freundlich mit ihnen. Wir erfuhren etliches, von dem wir
nichts gewusst hatten, vorwiegend die spärlichen Siedlungen der fernen
Verwandten anbelangend.
Auf dem Rückweg zu Valeria fragte ich Einzahn, wo er so zu sprechen
gelernt habe.
Ich sei nicht die einzige geheimnisvolle Person, offenbarte er uns. Auch
von ihm gebe es vieles, was wir nicht wüssten. Etwa, dass er gelegentlich
die Bibliothek aufsuche. Wenn man sich mit dem Wissen der Altvorderen
beschäftige, so sei es unvermeidlich, ganz nebenbei ihre Ausdrucksweise zu
erlernen. Würden wir von einem ebenso starken Verlangen nach Weisheit und
Erkenntnis beherrscht wie er, so wäre seine Erklärung überflüssig gewesen.
Ich bat ihn darauf hin, sich weniger zh'urakrrisch zu gebärden.
Linksauge jedoch bekam von uns allen Schelte. Wir nannten ihn einen
Toren, weil er uns seine innere Zerrissenheit verheimlicht hatte. Denn hätte
er uns von seiner schrecklichen Seelenpein früher berichtet, so hätten wir
alle gewissenhaft darüber gewacht, dass er nicht weiter wahllos beliebige
Dinge verschlänge, ohne davon zu wissen. Am Ende hätten wir womöglich
herausgefunden, dass er es gar nicht täte. Ein Narr wie er habe es verdient,
dass man ihm einen Feldstein aufs Haupt schlage.
Lazzar war gerührt. Ich sei ihm ein lieber Vetter, sagte er, Einzahn sei ihm
ein lieber Bruder und auch Schätzlein sei ihm sehr teuer. Doch nun reiche es
mit den Gefühlsausbrüchen.
Wir hatten auch mittlerweile die Straße erreicht. Unsere Reisegefährtin
war nicht mehr anwesend. Da wir jedoch ihr Ziel kannten, machten wir uns
keine Sorgen, sondern folgten dem steinernen Weg. Zuvor hatte ich
erfolgreich meine falsche Gestalt wieder angenommen.
Der Marsch verlief schweigsam. Wir waren von der Begegnung mit den
fremden Marus – der Fleisch gewordenen Vergangenheit unseres Volkes –
allesamt arg enttäuscht. Wie sehr vermissten wir unsere Mentoren. Sie hätten
das schale Gefühl mühelos mit langen Vorträgen vertrieben. Schon nach
wenigen Sätzen hätte sich der entspannte, schläfrige Zustand eingestellt, der
so sehr den letzten Tagen im Ei ähnelte, als Sorgen unbekannt waren und es
nichts anderes zu tun gab, als den gleich bleibenden Geräuschen von außen zu
lauschen und darauf zu warten, die ledrige Hülle endlich aufreißen zu
können.
Linksauge sprach als Erster.
Wir hätten nichts anderes von den Fremden erwarten können, sagte er.
Krr'Thon'Chh hatte sie betrogen, die Beinahegötter hatten sie betrogen und
die F'zzmechs hielten es nicht anders. Er kenne keine Blume, auf der man
lange trampeln könne und die dennoch unbeschadet und prächtig blühe. Nicht
anders verhielte es sich bei Marus. Zudem hätten Schlammkralles Ahnen nie
das Neue und Aufsässige Recht entdeckt. Außerdem hätten unsere Vorfahren
bei seiner Verkündung bestimmt nicht nur zum Spaß vorsichtshalber auch
andere Marus aufgefressen.
Ihm leuchte das alles ein, meinte Zziriff. Dennoch habe Schlammkralle
sehr niedlich ausgesehen.
»Fressen auf. Geben alles. Du furzig. Dir reichen?«, erinnerte ich ihn.
»Ja«, seufzte Schätzlein.

4.

Wir benötigten keine halbe Stunde, um Valeria einzuholen. Sie saß auf der
Ladefläche eines Ochsenkarrens, deren vordere Hälfte mit Säcken
vollgestellt war. Gelenkt wurde der Wagen von einem hoch gewachsenen
Mann mit krummem Rücken, neben dem eine rundliche, kupferfarbene Frau
saß, die kaum größer als Valeria war. Noch ein weiterer Mann hatte es sich
auf der Ladefläche bequem gemacht. Er war breitschultrig und gekleidet wie
wir, bevor wir in Mirham an neue Gewänder gekommen waren.
Als wir den Wagen entdeckten, lehnte der Mann noch allein mit dem
Rücken an den Säcken, während Valeria ganz hinten auf der Ladefläche saß
und ihre Beine über den Wagenrand baumeln ließ. Bis wir das Gefährt
erreichten, hatte sie sich zu den Säcken zurückgezogen und saß neben dem
Mann.
Ohne Aufforderung erklärte Valeria mit hoher Stimme, wir sollten nichts
Falsches denken. Nur ihrer Füße wegen habe sie den Wagen angehalten. Sie
wisse doch, welche Freude uns Gewaltmärsche bereiteten und dass wir sie
bald wieder eingeholt hätten. Das Beste sei, wenn wir flink weitergingen,
während sie mit dem Wagen hinterher käme. Wir sollten uns nicht den Kopf
darüber zerbrechen, wie sie uns wieder finden könne. Das sei leicht. Sie
kenne sich aus.
Wir sagten ihr, sie solle absteigen.
Das würde sie nicht tun, gab sie zurück, schon ihrer armen Füße wegen.
An die sollten wir doch bitteschön denken.
Wir wüssten um ihre Füße, meinten wir. Jetzt solle sie absteigen.
Nein, das wolle sie nicht, beharrte unsere Reisegefährtin eisern.
Der Mann bei Valeria, der genau genommen nicht mehr neben, sondern
inzwischen halb unter ihr saß, fragte sie, ob sie seine Hilfe wünsche.
Er schien erleichtert, als sie ihm riet, sich herauszuhalten, da wir sehr
gewalttätig seien.
Wir bedankten uns für die nette Schmeichelei und forderten Valeria
abermals auf, den langsam vorankommenden Wagen zu verlassen.
Keine Macht der Welt könne sie dazu bewegen, beschied sie uns.
Wenn sie meine ..., sagten wir und setzten uns leichtfüßig an die Spitze des
Gefährtes.
Zugochsen sind im Allgemeinen keine Rennstiere. Aber genau darin sahen
die trägen Tiere ihre künftige Bestimmung, nachdem wir ein paar Schritte
neben ihnen her geschlendert waren. Sie legten sich ins Geschirr und
schüttelten alles, was sich auf dem Wagen befand, kräftig durcheinander. Ein
denkwürdiger Anblick.
Als sich die Ochsen wieder beruhigt hatten, wollte der Kutscher nicht
mehr zulassen, dass wir neben seinem Karren gingen.
Wir erklärtem ihm, dass wir nicht darauf verzichten könnten, solange sich
unsere Reisegefährtin auf seinem Wagen befände.
Er versprach, das zu ändern. Der Kutscher wandte sich um und bat
Valeria, seinen Wagen zu verlassen. Seiner Wortwahl wegen hätte man
glauben können, er sei ein ebenso eifriger Bibliotheksbesucher wie Vetter
Einzahn.
Valeria gab sich ungnädig.
Sie wolle keine Entschuldigungen hören, sagte sie abweisend. Sie wolle
auch nicht wissen, was wir den armen Ochsen zugefügt hätten, noch jemals
wieder ein einziges Wort mit uns wechseln. Was übrigens aus der Bestie
geworden sei? Unser Ausbleiben habe ihr schon Sorgen bereitet, auch wenn
wir Mitleid gar nicht verdient hätten. Ob wir das Untier erschlagen hätten?
»Nein, weilt unter den Lebenden«, erklärte ich kurz und bündig und fragte,
ob ihr ein Ort namens L'Emm oder einer anderer namens Brr'Bkk bekannt
sei.
An Orten mit solch götterlosen Namen pflege sie nicht zu verkehren,
antwortete Valeria. Wer mir die Namen genannt habe?
»Die Maru«, erklärte ich.
»Wie? Die Bestie sprach Brabaki?«
Das wisse ich nicht, sagte ich. Wir hätten uns ihrer Sprache bedient.
»Ihr sprecht echsisches Gezischel?«, rief Valeria überrascht.
Das sei keine sehr zutreffende Beschreibung, belehrte ich sie, werde man
doch sogleich an hinterlistiges Getuschel oder kriecherisches Flüstern
erinnert.
Wo wir die Echsenzunge erlernt hätten, fragte Valeria, wich jäh einen
Schritt zurück und raunte misstrauisch: Wir fremden Barb... wir Maraskaner
... wir hielten es doch hoffentlich nicht wie die Menschen in Selem oder
Brabak?
»Kaum anzunehmen«, beschwichtigte ich sie. Doch man wisse nie. Wie es
denn die Bewohner Selems und Brabaks hielten?
Unsere Unbildung entsetze sie jedes Mal von neuem, behauptete Valeria.
Es sei doch allgemein bekannt – jedenfalls habe ihr das einmal jemand so
geschildert –, dass in Selem und Brabak Echs und Mensch ganz schamlos
miteinander verkehrten.
»Wie, verkehren?«, fragte ich beunruhigt.
Von Kutschen und Reitern werde sie wohl kaum sprechen, meinte Valeria.
Sie paarten sich miteinander. Ob das nicht ekelhaft sei? Mensch und Echs.
Allerdings sei das ekelhaft, stimmte ich zu. Ungeheuer ekelhaft sogar.
Man müsse sich das einmal vorstellen, rief Valeria, die vor lauter Ekel
richtig in Fahrt kam. Da liege etwa auf einem Diwan ausgestreckt eine junge,
bildhübsche Frau, die nackte Haut ganz weiß, ganz zart, die Brüste wie reife
Birnen, das weiche Haar zerfließend wie hundert Bäche. Mit der Hand
bedecke sie sittsam ihr Kleinod. Plötzlich öffne sich die Tür und in die
Kammer der Jungfer trete ein Echsenmann, das Gesicht verzerrt vor Wollust
und Verkommenheit. Schamlos ginge er mit ausgestreckten haarigen
Schuppenhänden und ebenfalls gestrecktem ...
Mit einem schnellen Stoß warf ich Valeria um, da ich nicht wusste, wie
ich sie sonst zum Schweigen bringen sollte.
Sie müsse solche anstößigen Einzelheiten nicht auch noch ausführlich
schildern, tadelte ich sie. Zur Not könnten wir uns das selbst ausmalen, doch
sei mir unbekannt, in welche Not wir hierzu geraten müssten.
Wir seien wohl sehr sittenstreng, bemerkte Valeria, als sie sich erhob.
Sehr sittenstreng, bekräftigte ich. Außerdem gebe es Dinge, über die man
nicht scherze.
Valerias Geschwätz hatte ich es zu verdanken, dass ich noch den ganzen
Tag lang das grausige Bild des armen Echsenmanns vor Augen hatte, der,
unter einem Zauberbann stehend, widerstrebend zu einem Diwan gezogen
wurde, auf dem sich eine bleiche Made wollüstig rekelte.
5.

Wir hatten inzwischen mehr als die Hälfte des Weges zum Ort Al'Anfa
zurückgelegt. Der nächste Tag würde uns zwar noch nicht ganz zum Ziel
bringen, aber doch bis auf wenige Meilen. An diesem dritten Tag verstand es
unsere Reisegefährtin wieder einmal, mich mit ihrem darin überaus geübten
Geist zu verwirren.
Am fortgeschrittenen Nachmittag drückte sie ihr Bedauern über unser
anfängliches Missverständnis aus, das sie sehr geschmerzt habe.
Um ihr nicht weitere Schmerzen zuzufügen, unterließ ich den Hinweis,
dass es nicht »unser«, sondern »ihr« Missverständnis gewesen sei.
Valeria fuhr fort: Ich sei ihr sofort ins Auge gesprungen, da ich eine
schmucke, stattliche Erscheinung sei. Klug und auch noch tapfer, wie mein
mutiges Auftreten angesichts des Ungeheuers gezeigt habe. Kurzum: Wenn ich
nett zu ihr sei, so werde sie auch nett zu mir sein.
Ich erklärte, ich sei nett und bekomme dies sogar sehr oft zu hören. Was
sie denn von mir wolle?
Den Blick abgewandt, mit kaum geöffnetem Mund sprechend, erwiderte
Valeria, dass sie mit »nett« meine, was eine bildhübsche, junge Frau eben
gewöhnlich auszudrücken wünsche, wenn sie zu einem überaus einfältigen
Barb... äußerlich ansprechenden Maraskaner ... »nett« sage. Ich könne sie
haben, wenn ich wolle. Sie sei gern bereit, sich mir hinzugeben, das Lager
mit mir zu teilen. Ob das so schwer zu verstehen sei? Selbstverständlich
setze sie voraus, dass ich auch »nett« zu ihr sei.
Ich ließ mir Valerias Angebot durch den Kopf gehen und antwortete, dass
ich mir trotz reiflichen Überlegens kaum etwas Widerlicheres vorstellen
könne.
Valeria nahm die Absage mit einem Schulterzucken hin, ging zu Linksauge
und erzählte ihm dieselbe Geschichte. Nicht einmal das »anfängliche
Missverständnis« ließ sie aus.
Als ihr der Vetter – wie nicht anders zu erwarten – mehr oder weniger
dieselbe Antwort erteilte wie ich, verzichtete Valeria darauf, Rrual und
Zziriff nach ihrer Nettigkeit zu befragen. Stattdessen rief sie leicht
verzweifelt aus, ob unsere Antwort anders gelautet hätte, wenn sie nicht eine
äußerst anziehende, junge Frau mit Rundungen an den richtigen Stellen wäre,
sondern ein flachbrüstiger, hübscher Bengel?
Linksauge antwortete, dass er, der wirkliche Sorgen kenne, ihr versichern
könne, dass sie sich keine zu machen brauche. Auch in dem Fall würden wir
solchen Umgang mit ihr als widerlich betrachten. Sie müsse sich deswegen
keine Vorwürfe machen.
Ob wir denn allesamt Kapaune seien, schrie Valeria verärgert.
Um diese rätselhafte Frage zu ergründen, erkundigte sich Einzahn, was sie
damit ausdrücken wolle – dass wir ständig Körner aufpickten? Sie möge ihn
bitte sogleich in Kenntnis setzen, wenn sie solch absonderliches Verhalten –
etwa bei seinem Bruder – das nächste Mal beobachte.
Valeria sprach nicht vom Körnerpicken, wie sie uns wissen ließ. Vielmehr
argwöhnte sie, dass wir eine Gemeinsamkeit mit beschädigten Hähnen hätten.
Allerdings nicht so stark beschädigten, dass sie nicht mehr als Hähne
durchgingen – es sei denn, man berücksichtigte die Meinung ihrer Hennen.
Einzahn antwortete, dass dem keineswegs so sei. Wir seien sogar sehr
aufgeschlossen gegenüber solcher Betätigung, solange nicht gerade sie,
Valeria, darin verstrickt wäre. Leider verhindere seit geraumer Zeit eine
schwierige Erbschaftsangelegenheit, dass wir unser Wissen in dieser
Hinsicht erweiterten.
Er zuckte zusammen, als ihn der offenbar recht schmerzhafte Schlag eines
unsichtbaren Schwanzes traf.
Elementar, mein lieber Maru, elementar!

1.

Al'Anfa war die größte Siedlung der F'zzmechs, die wir bisher kennen
gelernt hatten. Bei Tuzak und Mirham hatten wir uns nicht entscheiden
können, welches die größere Stadt sei, da sie sich sehr voneinander
unterschieden. Die Straßen in Tuzak waren zwar voller gewesen, doch so
große Bauten wie in Mirham gab es dort nicht.
Bei Al'Anfa fiel die Entscheidung leicht: Der Ort beherbergte zweifellos
mehrmals so viele Bewohner wie die anderen beiden zusammen.
Er sah auch ganz anders aus, da er auf den Flanken eines tiefschwarzen
Berges errichtet worden war. Die vorwiegend weißen Häuser drängten sich
auf großen Terrassen zusammen oder beanspruchten kleinere für sich allein.
Ein Nebenhügel des Hauptberges war auffällig anders bebaut. Auf ihn
schien man die Ausgestoßenen verbannt zu haben. Abgeschieden vom Rest
der Bewohner und auch von einander streng getrennt, mussten sie inmitten
ummauerter Gärten ihr Dasein fristen.
Das war jedenfalls unser erster Eindruck.
Wie wir später erfahren sollten, waren die Bewohner des Silberbergs gar
keine Ausgestoßenen, sondern die Herrscher der Stadt. Ihre
Abgeschiedenheit rührte nicht daher, dass niemand in Al'Anfa sie leiden
konnte, sondern daher, dass sie mit den Mitbewohnern der Stadt, die ihnen
gehörte, möglichst wenig zu tun haben wollten. Im Grunde erklärten sie damit
den Großteil ihres Volkes zu Ausgestoßenen. Wir fanden das sehr
verwirrend.
Die Stadt war klug erbaut worden, da es in den schwarzen Gassen
zwischen den weißen Häusern wahrscheinlich immer angenehm warm war.
Nicht klug war jedoch gewesen, den Berg bis unten hin und sogar um seinen
Fuß herum zu bebauen, da auf diese Weise erreicht wurde, dass der Regen
Schmutz, Unrat und Ausscheidungen aus den höher liegenden Stadtteilen
wegspülen und die Viertel ganz unten in Jauchegruben verwandeln konnte. So
vorhersehbar war das Ganze, dass die Erbauer der Stadt für ihr Handeln
sicherlich nur zwei Gründe hatten anführen können: Bosheit und Heimtücke.
Abgeneigt, allein aufgrund eines ersten Eindrucks ein Urteil zu fällen,
fragte ich Valeria, wie die Stadt einzustufen sei: als eher schlicht oder als
hoch entwickelt?
Unsere Reisegefährtin erwiderte erregt, ich maraskanischer Barb...
Maraskaner ... solle bloß nicht frech werden! Etwas Großartigeres als diese
Stadt gebe es überhaupt nicht! Alle anderen Städte würden mit Neid auf das
unvergleichliche Al'Anfa und sein durchdachtes Flechtwerk gegenseitiger
Abhängigkeiten blicken, auch wenn deren Bewohner – wie schlechterdings
alle fremdländischen Barbaren – es nicht zugeben wollten. Und wir,
zweifellos in eilig zusammengezimmerten Katen und Koben aufgewachsen,
könnten sowieso nicht mitreden!
Ich widerstand der Versuchung, ihr zu erklären, dass Eile sich nicht mit
der Fertigung einer Wohnstätte vertrug, es sei denn, man störte sich nicht an
Schlieren und unerwünschten Einschlüssen in den Wänden. Stattdessen sah
ich Einzahn und Schätzlein an, die sogleich begriffen hatten, worauf ich mit
meiner Frage abzielte. Wie mir hatten ihnen Linksauges Ausführungen über
Entwicklungsstand, Bosheit und Irrwitz gefallen. Valerias Worte bestätigten
unseren ersten Eindruck: Leichtsinn durften wir uns hier nicht erlauben.

Wir betraten Al'Anfa durch ein rotes Tor. Obwohl Valeria wiederholt
versichert hatte, sich gut in der Stadt auszukeimen, bewies sie umgehend das
Gegenteil. Auf dem Weg zu dem F'zzmech, dem der Stein überbracht werden
sollte, verirrte sie sich ständig. Ohne es zu merken, ging sie immer wieder
dieselben Straßen entlang oder bog – plötzlichen Eingebungen vertrauend –
unvermittelt in enge Gassen links oder rechts des Weges ein – so eilig, dass
wir in dem unangenehmen Gedränge feuchter, verschwitzter F'zzmechs mehr
als einmal gezwungen waren, jemanden umzustoßen, um ihr folgen zu können,
weswegen wir ohne eigenes Verschulden bald ebenso beliebt waren wie auf
dem Markt in Tuzak.
Als wir uns zu langweilen begannen, schlug Zziriff vor, dass einer von uns
Valeria ablösen solle, damit wir uns in einer noch unbekannten Gegend
verirren könnten, anstatt immer in derselben. Valeria launenhaft, wie wir sie
kannten – befürwortete den Vorschlag zuerst, war aber plötzlich dagegen, als
wir sie an beiden Armen festhielten, damit sie nicht versehentlich verloren
ginge.
Sie könne unseren groben, rauen Griff nicht ertragen, klagte sie.
Uns bereite so viel Nähe ebenfalls keine Freude, belehrte ich Valeria, da
sie sich wegen des Schmutzes auf ihrer schweißnassen Haut glitschig und
schmierig anfühle. Doch wisse sie ja selbst um ihre behäbige Art, sich
vorwärts zu bewegen. Deswegen ginge es leider nicht anders.
Seltsam genug bewirkte das Festhalten, dass Valeria sich jäh erinnerte,
dass wir zu einer anderen Ebene der Stadt mussten, um zu unserem Ziel zu
gelangen. Plötzlich Vertrautes erkennend, verirrte sie sich nicht mehr,
sondern führte uns in kürzester Zeit zu einem würfelförmigen Haus. Sie bat
uns, etwas abseits davon zu warten, da der Mann, zu dem wir wollten, nicht
mit so vielen Besuchern rechnete und womöglich durch unseren Anblick
beunruhigt sein könnte.
Wir taten wie empfohlen. Valeria trat zur Tür und klopfte. Nachdem eine
ganze Weile lang nichts geschah, ging sie unschlüssig einige Schritt vom
Haus weg, betrachtete es, rief etwas und klopfte abermals an die Tür, die
kurz danach einen Spalt weit geöffnet und sofort wieder zugeschlagen wurde.
Valeria pochte erneut, ging wieder vom Haus weg und starrte zum Flachdach
hinauf, wo sich ein Mann zeigte, gegen den wir sofort alle eingenommen
waren. Augenblicke danach wurde Valeria eingelassen. Wir erhaschten
später noch einen Blick auf sie, als sie hinter einem Fenster auf uns deutete.
Da waren wir uns aber schon einig, dass wir nicht länger hier bleiben
wollten.
Für diese Entscheidung gab es triftige Gründe: Der Mann auf dem Dach
besaß einen ähnlich schütteren Bart wie Fadenbart, der uns so viel Unglück
gebracht hatte. Jemand mit solchem Aussehen war keine Empfehlung. Zudem
hatten wir in den letzten Tagen über das nachgedacht, was Valeria uns erzählt
hatte. Womöglich erwartete uns Flaminio gar nicht in freundlicher Gesinnung
und plante tatsächlich, uns die Kehlen zu durchschneiden? Selbstverständlich
hätten wir ihn in diesem Fall auffressen müssen, womit nichts gewonnen
wäre. Gewiss konnten wir das Gold, das uns Flaminio vielleicht noch
gegeben hätte, auch in Al'Anfa erhalten. Wir hatten gelernt, dass wir nicht
notwendigerweise Stadtkrieger ausrauben mussten, um unseren Reichtum zu
vermehren.
Nichts zu tun führe mitunter auch zum Ziel, hatte Zh'Urakrra einmal
behauptet. Man dürfe nur nicht vergessen, im richtigen Augenblick zu
knurren.
Auf meine Frage, woher er die zweifelhafte Weisheit habe, hatte mein
Mentor damals mit drei Wörtern geantwortet: »Von meinem Magen!«

2.

Der Hafen Al'Anfas war größer als der Tuzaks. Dort verwies man uns bald
an jemanden, der sich auskennen sollte und Hafenmeister genannt wurde. Der
Erwähnte war ein jüngerer F'zzmech mit öligem Haar, von dem ein ranziger
Geruch ausging. Er hielt sich in einem Haus auf, das keine Wohnstatt war und
das jeder betreten durfte. Als er uns sah, fragte er gleich, ob wir schon eine
Urkunde besäßen.
Wir verneinten und erklärten, dass wir nicht einmal ahnten, was eine
Urkunde sei.
Das mache es umso nötiger, eine auszustellen, behauptete der
Hafenmeister. Acht Oreal müsse er uns dafür abverlangen: für jeden zwei!
Wir wussten zwar, dass Oreal andere Münzen waren, doch nicht, ob man
sie gegen Dublonen eintauschen konnte. Schließlich kann man das auch nicht
mit dem Himmel und einer Gurke.
Im Fall von Dublonen, Oreal und anderen Münzen ginge das aber, wurde
uns mitgeteilt.
Wir willigten ein und erhielten für unser Goldstück ein paar Kupferstücke
und ein beschriftetes Pergament, mit dem wir nichts anzufangen wussten. Da
der Hafenmeister den Eindruck erweckte, als warte er jetzt nur noch darauf,
dass wir ihn wieder verließen, eröffnete ihm Lazzar, dass unser Besuch bei
ihm nicht nur einer Laune entsprungen sei. Seeleute hätten uns an ihn
verwiesen, da ihnen unsere Fragen lästig gefallen seien. Wir seien auf der
Suche nach einem Schiff, das Tuzak anliefe.
Der Hafenmeister funkelte uns an: Er sei ein treuer Diener Borons und mit
götterlosem Gelumpe wie uns wolle er nichts zu tun haben. Wir sollten uns
hurtig aus dem Staub machen, bevor er es sich anders überlege.
Er kenne uns doch gar nicht, führten wir gegen ihn an. Deswegen habe er
auch keinerlei Grund, uns zu beschimpfen! Wenn er uns schon keine Auskunft
erteilen wolle, dann solle er wenigstens die Urkunde wieder zurücknehmen!
Er brauche uns nicht zu kennen, behauptete der Hafenmeister. Er wisse
genau, dass in Tuzak nur Dämonenfreunde lebten, und wer dorthin wolle, von
dem wisse er nicht minder genau, was von ihm zu halten sei! Die Urkunde
werde er keinesfalls zurücknehmen, und sollten wir nicht sofort das Weite
suchen ...
Bei diesen Worten griff er nach einer Glocke, die auf dem breiten,
fleckigen Tisch stand, hinter dem er saß.
Flugs packte ich sein Handgelenk und herrschte ihn an, ich sei diese
Schlichtdenkerei leid! Keinesfalls lebten in Tuzak nur Dämonenfreunde,
sondern – wie man mir versichert habe – auch Giftmischer und
Meuchelmörder, um die Harmlosesten zu nennen. Wenn er nicht darauf aus
sei, erheblich weniger harmlose Leute kennen zu lernen, so möge er seine
Urkunde zurücktauschen und uns Auskunft erteilen!
»Schiff!«, sagte ich knapp und starrte ihn an.
»Schiff!«, sagten auch Linksauge, Einzahn und Schätzlein.
Der Hafenmeister, der zwar im Einschüchtern erfahren war, aber nicht
darin, damit verbundene Drohungen einzulösen, ertrug unseren Blick nicht
länger als all seine Artgenossen. Er wurde blass und Schweißperlen traten
ihm auf die Stirn. Hübscher machte ihn das nicht.
Er wisse von keinem Schiff nach Tuzak, sprudelte es aus ihm heraus. Wir
könnten doch eines nach Sinoda nehmen, dann seien wir immerhin schon auf
unserer Barb... Maraskanerinsel.
Das könnten wir eben nicht, machte ich ihm klar. Denn nur von Tuzak aus
fänden wir unseren Heimweg. Jeder andere Ort käme wegen unserer
Unbildung nicht in Betracht!
Dann tue es ihm Leid, bedauerte der Hafenmeister, immer feuchter
werdend. Er könne uns nicht weiterhelfen, auch wenn er das noch so gerne
täte!
Anstandslos gab er uns unser Goldstück zurück. Linksauge, das Pergament
noch in Händen haltend, fragte mit einem Mal versonnen, ob der
Hafenmeister schon eine Urkunde besitze?
Erstaunlicherweise besaß er noch keine. Deshalb konnten wir die
Hafenmeisterei reicher wieder verlassen, als wie wir sie betreten hatten. Die
Glocke nahmen wir obendrein mit, da sie uns gefiel.
Unser Auftreten hatte Augenzeugen gehabt. Das stellte sich als Vorteil
heraus, da wir später von einer Bettlerin angesprochen wurden.
Es gebe gelegentlich Schiffe nach Tuzak, flüsterte sie. Leider verhindere
ihr Durst, dass sie mehr darüber erzählen könne.
Ob sie Mittel wolle, erkundigte sich Schätzlein.
So merkwürdig könne man das auch ausdrücken, meinte unsere neue
Bekannte.
Wir gaben ihr eine von den Dublonen des Hafenmeisters, was sie sehr
erschreckte.
Ob wir wollten, dass sie ausgeraubt und erschlagen werde, fragte sie
entsetzt. Weniger sei ihr lieber!
Also gaben wir ihr die kleinen Münzen, die wir als Wechselgeld erhalten
hatten.
Es gebe hin und wieder solche Schiffe, wiederholte die Bettlerin
glücklich. Aber nicht gegenwärtig! Billig sei die Reise nicht. Sie habe
gehört, dass ...
Obwohl der Preis, der angeblich verlangt wurde, weit niedriger als
Fadenbarts Forderung war, war er nicht gering.
Da müssten wir wohl lange sparen, antworteten wir unserem Gegenüber
ernst.
Dem sei sicher so, erwiderte die Bettlerin. Sie habe vor, noch viele Jahre
zu leben. Bestimmt träfen wir uns noch öfter!
Ganz so schwarz sahen wir unsere Zukunft nicht. Zziriff vertrat längst die
Ansicht, dass bei der Geschwindigkeit, mit der unser Reichtum zunahm, wir
schon in wenigen Wochen Träger bräuchten, um unsere Schätze zu schleppen.
Ursprünglich wollten wir auf der Straße nächtigen, wie es viele
F'zzmechs taten. Da schon während der ersten Nacht zweimal jemand
versuchte, uns zu bestehlen, entschieden wir uns dagegen.
Diebstahl schien ohnehin gang und gäbe zu sein, wie wir an Einzahns
Schwertern merkten. Das erste hatten wir gekauft, damit die endlosen
Streitereien ein Ende fänden. Da Einzahn von Anfang an keinen Hehl daraus
machte, dass er das Schwert nicht mochte, wunderte sich niemand, als es
nach zwei Tagen zerbrochen war.
»Runtergefallen«, wie der Vetter uns einzureden versuchte.
Deshalb mussten wir ihm ein besseres Schwert kaufen, was einen
erheblichen Teil unseres Vermögens verschlang. Schon nach wenigen
Stunden wurde versucht, das Schwert zu stehlen. Da die leichtfertigen
Räuber nicht viel besaßen, brachte uns ihre Bekanntschaft kaum Gewinn.

Zu der Zeit wohnten wir bereits bei Mutter Adaqua.


Anfangs waren wir auf unsere Frage nach einer Unterkunft stets auf das
maraskanische Viertel verwiesen worden. Dort wollten wir keinesfalls hin,
da wir bisher Vorteile daraus gezogen hatten, als Fremde zu gelten, die sich
mitunter unerwartet verhielten. Deshalb sagten wir jedes Mal, dass uns ein
anderes Viertel lieber sei, und fügten hinzu, dass wir eine sehr schlichte
Unterkunft suchten, wenn möglich eine, die als finsteres, feuchtes Loch
beschrieben werden könne.
Eine Frau konnte uns schließlich weiterhelfen. Sie nickte gewichtig, als
wir unseren Wunsch vortrugen.
Solche wie uns habe sie schon oft gesehen: Törichte Narren, die auf der
eitlen Suche nach Schätzen in den Urwald aufbrächen, bitter arm und halb
verhungert zurückkehrten, sich vor Scham verkröchen, nicht willens, dass
jemand von ihrem Versagen erfahre, und auf die letztlich nur eines warte:
Tod, Elend und Verkommenheit.
Ich ermahnte mein Gegenüber, nicht gefühlsduselig zu werden. Zudem sei
meine Einschätzung, dass jemand, der dumm genug sei, halb zu verhungern,
es auch verdient habe.
Diese Ansichten der Reichen und Müßigen sollten wir uns schnell
abgewöhnen, erwiderte die Frau. Jetzt, da wir Habenichtse seien, seien wir
nicht besser als jeder andere »Fana«.
Trotz ihres Unmuts schickte sie uns zu Mutter Adaqua, die uns leicht
befremdet im Keller ihres heruntergekommenen Hauses aufnahm. Außer uns
beherbergte sie noch andere Gäste bei sich.
Wir schlossen Mutter Adaqua auf Anhieb ins Herz. Selbstverständlich
nicht auf eine Weise, wie Marus Marus mögen, auch nicht mit der
Wertschätzung, welche die Zerschneiderin dem H'Ranga-Arran aus dem
Gefühl schicksalsbedingter Verbundenheit heraus entgegenbrachte. Eher so,
wie man ein kleines Tier mag, einen nützlichen Putzvogel oder einen
drolligen Käfer, den man ohne rechten Grund wieder umdreht, wenn er
zappelnd auf dem Rücken liegt, oder auch gutmütig auf ein Blatt setzt, damit
es ihm wohl ergehe. Eine plötzlich hereinbrechende, ganz unbegreifliche
Gunst.
Ich will nicht wissen, wie viele Käfer mich und Linksauge in wilden
Kindertagen als mächtige, wohlmeinende H'Rangarim verklärten. Rrual
hingegen dürfte noch heute in Käferkreisen im Ruf stehen, ein furchtbarer
Dämon zu sein. Oder jemand wie unser Schöpfer.
Mutter Adaqua war eine sehr dicke Frau, die von morgens bis abends auf
einem Hocker vor ihrem Haus saß. Zweimal am Tag stapfte sie feierlich zum
einen oder anderen Ende der ärmlichen Gasse, wo jeweils eine ihrer
Bekannten wohnte.
Mutter Adaqua rückte immer nur stückweise auf ihr Ziel vor. Sie pflegte
ihre erhabenen Märsche alle paar Schritt zu unterbrechen, um die Welt zu
beobachten, vielleicht auch, um zu überwachen, dass Tag, Nacht und
sämtliche Jahreszeiten sich auch fürderhin brav an ihren gewohnten Wechsel
hielten.
Uns gefiel am besten, wenn jemand Fremdes durch die Gasse eilte oder
jemand, den sie länger nicht gesehen hatte. Denn dann reckte Mutter Adaqua
den Hals und streckte ihn zu unerwarteter Länge. War der Fremde jemand,
den sie nicht mochte, so kam ein Zischen und Grummeln aus ihrem Mund, in
das nur ganz selten verständliche Worte einflossen.
Bei unserem ersten Zusammentreffen erklärte Einzahn, dass ihn Mutter
Adaqua an eine Schildkröte erinnere.
Vorsichtshalber ermahnten Linksauge und ich ihn sogleich, wegen der
eigentlich nur schwachen Ähnlichkeit nicht in alte Gewohnheiten zu
verfallen.
Unsere Worte seien für ihn so undurchsichtig wie ein schlammiger
Tümpel, gab Einzahn zurück. Er glaube sich jedoch daran zu erinnern, dass
wir seine alten Gewohnheiten immer sehr witzig gefunden hätten.
Anfangs ja, räumten wir ein. Doch seien wir damals noch sehr einfältig
gewesen. Später sei unsere Heiterkeit eher auf Gewohnheit und eingespieltes
Miteinander zurückzuführen gewesen.
Das gab Rrual fast eine Stunde lang zu denken.
Danach kündigte er an, uns etwas beichten zu müssen: Von Natur aus
bevorzuge er feinsinnige Späße und leichte Schelmereien, doch habe er früh
lernen müssen, dass sie an uns verschwendet seien, da wir derbere Kost
bevorzugten. Da habe er sich anpassen müssen, was ihm oft sehr schwer
gefallen sei.
Ich ermahnte Linksauge, sich dieses Zeugnis von Einzahns leichtfüßiger
Scherzhaftigkeit zu merken.
Linksauge ermahnte mich zurück: Ein gewisser Vetter möge keine Dinge
äußern, für die ein gewisser Bruder wie stets zur Verantwortung gezogen
werde.
Daran habe er just auch gedacht, bekundete Einzahn. Sei das nicht spaßig?
Ich bedauerte beide Brüder für ihre frühen harten Jahre.
Hart seien sie gewiss gewesen, antwortete Rrual mit schwerem Seufzen.
3.

Wir lebten in einer guten Gegend. So viele Geckos hatten sie zu ihrer Heimat
erkoren, dass man sie beinahe wie Früchte pflücken konnte. Wie jeder
bestätigen kann, der sich einmal längere Zeit von Geckos ernährt hat, wird
man ihren Geschmack schnell leid, zumal man sehr viele von ihnen
verspeisen muss, um satt zu werden. Zum Glück streunten Hunde in großer
Zahl durch unser Viertel, stets auf der Suche nach Abfällen. Jegliche
Vergeudung verabscheuend, verwendeten wir ihre Abfälle zum Fischen. Das
ging leicht: Kaum hatten wir die Hundeknochen ins Wasser des nahen Flusses
geworfen, kamen auch schon silbrige, rotbäuchige Fische in großen
Schwärmen angeschwommen, um sich über die übrig gelassenen
Fleischfetzen herzumachen. Diese Fische, die auch bei den Einheimischen
sehr beliebt waren, da sich aus ihren Kiefern Scheren und Schabmesser
herstellen ließen, hatten zwei schlechte Angewohnheiten: Zum einen
verursachten sie in ihrer Fressgier ein solches Durcheinander, dass das
Wasser schäumte und brodelte und man sie gar nicht mehr richtig sehen
konnte. Zum anderen hatten sie die Weltordnung nur mangelhaft begriffen, da
sie selbst außerhalb des Wassers uns noch zu beißen versuchten und es
hierbei vor allem auf unsere Finger abgesehen hatten. Wegen dieser
Ungezogenheit waren uns ihre schwarzen Verwandten lieber. Sie waren auch
sehr viel größer. Wir entdeckten sie von einer Stelle des Flussufers aus, wo
außer uns niemand entlanggehen wollte. Dort lauerten sie im Wasser unter
den überhängenden Zweigen und Ästen von Büschen und Bäumen, auf denen
zahllose Raupen krochen. Da die Fische nicht erst angelockt werden mussten,
sondern bereits geduldig darauf warteten, dass eine Raupe ins Wasser fiele,
konnte man leicht einen von ihnen erwischen, ohne gebissen zu werden.
Damit die Fische nicht merkten, dass an dieser Stelle des Flusses neue
Gesetze galten, rüttelten wir gelegentlich wohlwollend am Gezweig. Danach
benahmen sich die schwarzen Fische genauso wirr wie ihre silbernen
Verwandten.
Mutter Adaqua, die häufig den Namen des von ihr verehrten Gottwesens
Boron im Munde führte, hätte hieraus viel lernen können.
Einen Markt gab es in dem Viertel ebenfalls – oder eher ein gelegentlich
abgehaltenes Märktchen. Die einzigen lebenden Tiere dort waren zwei Enten.
Da sie seit langem vergeblich zum Verkauf angepriesen wurden, waren sie
überall als »die Veteranen« bekannt. Uns wurde erzählt, dass sie schon bei
ihrem ersten Erscheinen allgemein als so zäh eingeschätzt worden waren,
dass ein jeder annahm, man könne sich nur die Zähne an ihnen ausbeißen.
Mittlerweile standen sie ihres fortgeschrittenen Alters wegen im Ruf,
unverwundbar zu sein.
Gelegentlich war ein Mann anwesend, der tote Tiere anbot: gehäutete
oder gerupfte Affen, Eichhörnchen, Hamster, Bachstelzen und Tauben. Er war
sehr beliebt. Nicht so sehr bei den benachbarten Händlern als vielmehr bei
den Fliegen des Viertels. In solchen Scharen bedeckten sie die schwarzroten
oder gelbgrauen Leiber, dass, wären die Fliegen etwas größer gewesen,
mehr als ein blutiger Feldzug erforderlich gewesen wäre, um sie zu
unterwerfen.
Immer schlauer werdend, was den Tauschwert der unterschiedlichen
Münzen anbelangte, kauften wir einen der Affen. Er blieb der einzige, den
wir mit nach Hause bringen durften, da uns Mutter Adaqua verbot, noch
einmal »ein derart stinkendes Stück Aas« in ihr Haus zu tragen.
Sie war keine Frau, die viel Wert auf schmackhaftes Essen legte. Der Affe
war tatsächlich so gut abgelagert, dass noch nach Tagen die Fliegen
vorbeikamen, um nachzuschauen, was wir mit ihrem alten Bekannten
angestellt hatten.
Da wir jetzt sesshaft waren, konnten wir uns endlich um unsere
Ausrüstung kümmern. Einen Teil der Samen säten wir außerhalb der Stadt an
einem geschützten Ort aus. Als die Pflanzen zu unserer Erleichterung keimten
und wuchsen, zertraten wir sie wohlweislich wieder.
Für die Bibliothek bot sich das Mauerwerk eines vor langer Zeit
eingestürzten Steingebäudes an, in dessen Überresten nur Disteln wuchsen.
Die Ruine wurde von den Einheimischen gemieden. Nicht aus Aberglauben,
sondern weil ihnen – oder vielmehr ihren Vorfahren – vor langer Zeit die
einstigen Herren des Hauses verboten hatten, das Anwesen zu betreten. Hier
mussten wir keine Vorsicht walten lassen, da selbst ein F'zzmech, der geahnt
hätte, was auf den Steinen neuerdings wucherte, nichts mit der Bibliothek
hätte anfangen können.
Unser nächstes Anliegen war schneller Reichtum. Uns schwebte vor,
wiederum ein geeignetes Pärchen von F'zzmechs zu finden, von denen einer
uns dafür bezahlen sollte, etwas zu tun, und der andere dafür, es zu
unterlassen. Wir waren froh, diese Herangehensweise kennen gelernt zu
haben, da die hiesigen Stadtkrieger dazu neigten, in größeren Gruppen
aufzutreten, deren Abhandenkommen viel zu bald aufgefallen wäre.
Deshalb durchstreiften wir in den nächsten Tagen mit wachen Sinnen die
Stadt.

Bei einem unserer Erkundungsgänge zog uns eine F'zzmech-Menge mit sich
in ein Gebäude, dessen Außenmauern Muschelschalen schmückten. Da es
öffentlich war wie die Hafenmeisterei, hatten wir nichts dagegen
mitzukommen.
Die Innenwände des Hauses waren gleichfalls mit Muschelschalen von
etwas anderer Farbe bedeckt. Der kaum merkliche Unterschied zur
Außenmauer versetzte alle außer uns in höchstes Erstaunen.
Wir wollten schon wieder gehen, als uns Rrual auf grünblau gewandete
Männer und Frauen aufmerksam machte, vor denen die anderen F'zzmechs
große Achtung empfanden. Als Linksauge und ich entdeckten, dass die
Geachteten ihre Kleidung mit polierten Teilen von Schildkrötenpanzern
verziert hatten, drängten wir zur Eile.
Zziriff kam uns in die Quere. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, eine Tür
durchschreiten zu wollen, die von einem jüngeren, grau berobten F'zzmech
bewacht wurde. Als er erkannte, dass der geheimnisvolle Raum jenseits der
Tür nur von denen betreten werden durfte, die dem Graugewandten eine
Münze in die Hand drückten, kam er wieder von seinem Vorhaben ab. Doch
da griff unversehens das Schicksal ein.
Es bediente sich eines Kindes, dem im Gedränge schlecht geworden war
und das jäh danach gelüstete, seinen Mageninhalt freigiebig über den
Türwächter auszuschütten. Der war darüber nicht erfreut und gab
aufbrausend bekannt, was er von der Behandlung hielte. Nach einigen
wütenden Sätzen ging er, um sich zu reinigen.
Die Tür war frei.
Wir hatten keine andere Wahl, als unserem zielstrebig voranschreitenden
Schätzlein zu folgen.
Als Linksauge erblickte, was sich hinter der Tür befand, blieb er wie vom
Donner gerührt stehen: ein großes Wasserbecken, in dem zwei der grauen
Fische schwammen, von denen der Vetter schon einmal einen angebissen
hatte, ohne es zu merken! Unfähig, den Blick abzuwenden, starrten wir auf
die unablässig im Kreis schwimmenden Geschöpfe.
Ein F'zzmech, den Grund unseres Erstaunens missdeutend, sprach uns
leise an: Er wisse auch nicht, was er davon halten solle, dass man hier Herrn
Efferds Lieblingstiere einsperre.
»Wieso Efferd?«, gab ich zurück.
Das verwirrte den Mann.
Wir befänden uns doch im Efferdtempel, meinte er verunsichert.
Sicherlich befänden wir uns im Efferdtempel, erwiderte ich blind. Damit
ihm mein anfängliches Zögern nicht zu denken gab, fügte ich hinzu, was ich
so oft gehört hatte: »Fremdländischer Barbar!«
Mein Nachbar war von der Betitelung nicht erbaut. Wir hochnäsigen
Alanfaner müssten nicht glauben, die Einzigen zu sein, die den Herrn der
Meere verehrten, antwortete er unwirsch und ging zur anderen Seite des
Beckens.
»Soso!«, meinte Linksauge. »Meeresherr, Lieblingstiere! Ich wusste
gleich, dass der Fisch sein Schicksal verdient hatte!«

4.

Ein andermal schlenderten wir über einen Markt. Es gab etliche, die ständig
abgehalten wurden und auf denen wir manch unbekanntes Tier entdeckten,
etwa die unsäglich gelangweilten Bidenhocker. Al'Anfa hatte an
Unterhaltungsmöglichkeiten einiges zu bieten!
Beim Lustwandeln kamen wir an einem Erzähler vorbei, der von gespannt
lauschenden Zuhörern umringt war und eine Geschichte zum Besten gab. Sie
handelte von einem heldischen Krieger, der andere F'zzmechs zu Dutzenden
und hunderten erschlug, damit er ganz am Schluss nach vielem Bibbern und
Bangen mit seiner Erwählten zwei neue F'zzmechs zeugen konnte. Kurzum:
eine sehr unvernünftige Geschichte, die jeden hätte abstoßen müssen, der ein
wenig in der Kunst des Rechnens bewandert war.
Weit gefehlt! Nach Ansicht der meisten Zuhörer hätte der Erzähler nach
dem Ende der Geschichte gleich weitermachen können, um nun von den
beiden Nestlingen zu berichten, die womöglich noch mehr F'zzmechs
erschlagen und überhaupt keine neuen mehr gezeugt hätten.
Dass jemand so gern von der abzusehenden Ausrottung der eigenen Art
hören wollte, war mir ein großes Rätsel.
Einer der F'zzmechs, der in unserer Nähe stand, teilte die Meinung der
anderen nicht. Schon durch seine Kleidung stach er aus der Menge hervor. Er
trug Hosen, die an der Leibesmitte weit und bauchig waren, aber sich so eng
an die Beine schmiegten, dass jeder Muskel zu erkennen war. Fortwährend
fächelte er sich mit einem stark nach Blüten riechenden Tüchlein Luft zu.
Er sei sehr enttäuscht, verkündete unser Nachbar, als die Geschichte zu
Ende war. Einen ganzen Oreal habe er bezahlt. Dafür könne er doch gewiss
mehr erwarten!
Was ihm denn an der Geschichte missfallen habe, erkundigte sich der
Erzähler, der sich um seine Entlohnung sorgte.
»Rahjagefällige Beschreibungen!«, erhielt er umgehend zur Antwort. Jede
schöne Geschichte müsse auch rahjagefällige Schilderungen enthalten.
Der Erzähler verteidigte sich: Seine Aufgabe sei es, vom Ringen großer
Männer und Frauen zu berichten. Das lasse keinen Raum für rahjagefällige
Schlüpfrigkeiten!
Den anderen ärgerte die Antwort: Wenn sich der Erzähler gar nicht erst
bemühte, könnte daraus auch nichts werden! So schwer könne es doch nicht
fallen, etwa statt den Helden nach dem Abschlachten eines Banners von
Unholden mit einem kurzen »Wacker, Recke!« abzuspeisen, an dieser Stelle
einzuflechten, dass ihn eine örtliche Schönheit zu sich bestellt habe. Das sei
wenigstens ein Anfang, nicht? Der Erzähler könne dann zum Beispiel den
Anblick schildern, der sich dem Helden böte, wenn er der Einladung folgte
und die Tür zur Kammer der Schönheit öffnete: ein Diwan, darauf
ausgestreckt eine junge, bildhübsche Frau. Die nackte Haut ganz weiß, ganz
zart, die Brüste wie reife Birnen und so weiter. Das klinge doch schon viel
versprechender, nicht?
Dann könnte man fortfahren: Der Held würde daraufhin dem Drängen
seiner Lenden erliegen und als Zeichen, von so viel Anmut besiegt worden zu
sein, die sehnigen, leicht haarigen Hände heben und ebenfalls ... Aber das
wolle er jetzt nicht weiter ausführen, zumal die Beschreibung im Falle einer
Heldin – der Mann schnappte hörbar nach Luft – ohnehin geändert werden
müsse. Andernfalls könne man gleich den Helden der Legende etwa durch
einen wilden Maru ersetzen, nicht? Die Wutechse sei ebenfalls als
verbissener Kämpfer bekannt, auch wenn es gewiss schwer falle, einen edlen
Grund für ihr Handeln zu finden, nicht?
So etwas Edles, wie sich miteinander zu paaren, könne auch einem Maru
gerade noch einfallen, warf ich ein. Dabei täuschte ich vor zu flüstern, da mir
nicht ganz wohl war, unter so vielen F'zzmechs die Stumme Sprache zu
sprechen. Nur wenige vernahmen mich daher.
»Seht Ihr!«, rief mein Nachbar. »Dieser Geselle stimmt mir zu. Wenn ich
geahnt hätte, im sittenlosen Al'Anfa solchem Unverständnis zu begegnen, so
hätte ich gleich zu Hause bleiben können, nicht?«
Al'Anfa sei nicht sittenlos, sondern kultiviert, widersprach ihm eine
brüchige, hohe Stimme. Ihr Besitzer war auffällig zurechtgemacht: Den
langen Kinnbart hatte er eingefettet, geteilt und so geformt, dass die Spitzen
wie die Zinken einer Gabel aus seinem Gesicht ragten. Das Haupthaar war
aufwärts gebürstet und zu Hörnern geformt. Der Mann trug ein weites
schwarzes Gewand und an jedem Finger mindestes einen Silberring. Ich
bedauerte, dass wir ihm nicht schon früher begegnet waren – bevorzugt in
einer abgeschiedenen Gasse.
Die brüchige Stimme erklang erneut: Wo unser Nachbar denn herstamme
und warum er glaube, bewandert genug in solchen Dingen zu sein, um sich
ein Urteil erlauben zu können?
»Aus Belhanka«, verkündete der Angesprochene. »Alrigio di
Tempestarupes von Belhanka, Herausgeber erbaulicher Geschichten, Sagen,
Legenden und unterhaltsamer Traktate, nicht?«
Die meisten Anwesenden wussten ebenso wenig wie wir, wo der Ort
Belhanka lag. Daher kamen sie zu dem einzig möglichen Schluss, nämlich
dass Alrigio von Belhanka ein ungebildeter, fremdländischer Barbar sein
müsse.
Der Silberberingte wusste jedoch besser Bescheid.
»Soso, Belhanka!«, sagte er. Nun könne er sich gut vorstellen, um welche
Art von Geschichtchen, Legendchen und Traktätchen es sich handle! Ihn
wundere jedoch, dass jemand, der aus der bekannt sittenfreien »Stadt der
Liebe« stamme, andeute, daheim Unverständnis erfahren zu haben. Das
müssten bei zweitem Nachdenken doch sehr eigentümliche Geschichten
gewesen sein.
»Mitnichten!«, widersprach Alrigio Tempestarupes. Er habe sich nie mit
aufreizendem Schund abgegeben, sondern vorzugsweise mit
Heiligengeschichten und – um der Frage zuvorzukommen – nicht nur mit
Legenden von Rahjaheiligen. Sein letztes Werk habe zum Beispiel die heilige
Thalionmel behandelt: eine große Kriegerin und bedeutende Heilige der
Kriegsgöttin Rondra, aber auch – was oft vergessen werde – ein prächtiges
Frauenzimmer! Um der üblichen Verleugnung von Thalionmels Weiblichkeit
entgegenzuwirken, habe er sich verpflichtet gefühlt, in seinem letzten Traktat
über sie auf ihren »prallen Hintern« und ihre »unglaublich dicken Dinger«
hinzuweisen. Im verfeinerten Belhanka habe sein Traktat wenige gestört, mit
Ausnahme einiger Eisenschädel aus Arivor, die ihm nahe gelegt hätten, nicht
nur Belhanka, sondern das gesamte Horasreich für einige Jahre zu meiden.
Nun sei er hier, nur um zu entdecken, dass man auch in Al'Anfa seinen
Vorstellungen gegenüber nicht aufgeschlossen sei! Kaum jemand scheine den
Sinn rahjagefälliger Beschreibungen, zumal in Basargeschichten, zu
verstehen. Sie dienten ja nicht nur der Erquickung der Zuhörerschaft, sondern
auch dazu, Held oder Heldin in anderen Zusammenhängen vorzuführen,
sodass man ihr Handeln und Denken besser verstünde, nicht?
Alrigios suchender Blick wanderte über die merklich geschrumpfte
Zuhörerschaft und blieb bei Einzahn hängen: »Gesell, wie steht Ihr dazu?«
Einzahn folgte meinem Beispiel und täuschte ebenfalls vor, leise zu
sprechen.
Sofern er überhaupt etwas dazu sagen könne, antwortete Einzahn, stimme
er zu. Teilweise jedenfalls und vorausgesetzt, man müsse sich nicht auf
Einzelheiten einigen. Das Denken dieser so genannten Helden sei ihm jedoch
einerlei, da er sie nicht kenne. Trotzdem könnten sie als Vorbilder dienen,
was ihre Rangelgewohnheiten betreffe.
Der Erzähler hüstelte. Er wolle keine Sagen über alte Helden erzählen,
deren Rangelgewohnheiten jemandem als Vorbild dienen könnten!
Er solle nicht langweilig werden, ermahnte ihn Einzahn. Derlei sei
wichtig! Mancher bedürfe eines Vorbilds, vor allem mancher mit
Erbschaftsschwierigkeiten. Wenn man schon auf etwas verzichten könne,
dann bestimmt auf die Heldentaten in Heldengeschichten. Sie seien nichts
Halbes und nichts Ganzes und dienten doch nur dazu, den Ahnungslosen
Flausen in den Kopf zu setzen, was zu Selbstüberschätzung, Rechthaberei und
Streitsucht führe. Wie schal seien solch magere Schilderungen verglichen
damit, jemandem tatsächlich den Leib aufzuschlitzen, auf seinen zerstückelten
Überresten herumzustampfen und den salzigen Geruch des herausspritzenden
Blutes einzuatmen! Er wolle jedoch nichts verklären, denn dazu sei das
Beschriebene viel zu alltäglich. Was ihm ungleich mehr fehle, sei die
Erwähnung des Essens.
»Des Essens?«, fragten der Erzähler, Alrigio und Silberring gleichzeitig.
»Sicherlich«, bekräftigte Einzahn. Was habe man denn davon, wenn man
erfahre, dass Wildfremde wildfremde Gegenden bereisten, einzig, um dort
anderen Wildfremden den Garaus zu machen? Was habe man davon?
Irgendwann müssten sie ohnehin alle sterben. Was man wolle, sei etwas
Bleibendes, Erhabenes, das den Geist beflügle! Kurzum: Man wolle wissen,
was die im Grunde überflüssigen Helden in Heldensagen die ganze Zeit über
gegessen hätten. Man wolle sich bilden, indem man ausführlich von fremden,
ungeahnten Gaumengenüssen erfahre. Zudem müsse man sich nur in der Welt
umschauen, etwa bei den Tieren. Die einen seien kämpferisch, die anderen
nicht. Gemein sei ihnen jedoch der Besitz eines Magens. Eines Magens! Das
müsse doch zu denken geben!
Wir schoben den Vetter weg, bevor er noch auf den Gedanken käme, dass
jede Geschichte nicht nur von Essen und Gerangel, sondern auch von
Schildkröten handeln müsste.

5.

Zwei Vorkommnisse waren dafür verantwortlich, dass wir Büttel wurden.


Das erste bahnte sich an, als uns Mutter Adaqua eines Tages beim
Verlassen des Hauses befragte, ob uns ebenfalls ungewöhnliche Dinge
aufgefallen seien.
Uns fielen ständig ungewöhnliche Dinge auf, antwortete Linksauge
misstrauisch. Ob sie an etwas Bestimmtes denke?
Vertraulich erzählte Mutter Adaqua, dass ihre anderen Gäste sich
beschwert hätten, dass sich jemand in ihrer Abwesenheit heimlich in ihren
Kammern aufhielte. Beweisen könne es jedoch keiner von ihnen.
Hierzu sei erwähnt, dass Mutter Adaquas Haus Platz für bis zu vier
weitere Gäste bot: Handwerksgesellen und -gesellinnen, die nur für einige
Tage blieben und denen gemein war, dass niemand wusste, welches
Handwerk sie ausübten.
Ob wir Ähnliches bemerkt hätten, wollte Mutter Adaqua wissen. Seitdem
ihre Freundin Malane den Verdacht ausgesprochen habe, dass es im Haus
vielleicht neuerdings spuke, mache sie sich Sorgen. Große Sorgen! In ihrem
Haus habe es nämlich noch nie gespukt.
»Nein, nichts Berichtenswertes«, tröstete ich sie. Das könne jedoch daran
liegen, dass wir im Keller wohnten.
Ich bot ihr an, dass wir uns um die geheimnisvollen Vorfälle kümmerten.
Auf dem Weg zum Märktchen berieten wir uns. Wir suchten es nicht mehr
ganz so gern wie anfangs auf, da die Güte der Waren unseres bevorzugten
Händlers deutlich nachgelassen hatte: Seine Kadaver wurden immer frischer.
Dass sich Mutter Adaqua sorgte, besorgte auch uns. Wir wohnten gern bei
ihr und wussten auch nicht, ob wir noch einmal ein so wohnliches Loch wie
ihren Keller finden würden.
Nach reiflichem Überlegen entschieden wir, dass der Spuk am leichtesten
dadurch zu vertrieben sei, dass wir unsere heimlichen Erkundungen der
anderen Zimmer einstellten.
Am nächsten Tag berichtete ich Mutter Adaqua, dass wir uns der
Angelegenheit angenommen hätten. Sie brauche sich keine Sorgen mehr zu
machen.
Was wir unternommen hätten, fragte Mutter Adaqua.
Sie müsse nicht alles wissen, antwortete ich. Es reiche, wenn sie sich vor
Augen führe, dass wir von Maraskan stammten.
Ob das eine Stadt sei, flüsterte Mutter Adaqua.
»Teils, teils«, antwortete ich geheimnisvoll und ermahnte sie zur
Verschwiegenheit.
Bis zum Abend des folgenden Tages hatte fast jeder im Viertel von
unserem entschlossenen Vorgehen gehört. Verantwortlich dafür waren Mutter
Adaquas beide Freundinnen, die nicht ganz so verschwiegen waren wie sie.

Der zweite Vorfall trug sich in einer Schenke zu. Wir hatten sie aufgesucht,
um unser Wissen zu erweitern und weil Zziriff seine frühere Vorhersage
widerrufen hatte: Falsch sei, dass wir bald Träger für unsere Schätze
bräuchten, richtig sei vielmehr, dass wir bald mittellos dastünden, wenn wir
nicht rechtzeitig ein geeignetes F'zzmech-Pärchen fänden.
Während wir beobachteten, lauschten und auf glückliche Zufälle hofften,
betraten zwei Stadtkrieger die Taverne. Einer setzte sich an einen Tisch, an
den umgehend eines der Getränke gebracht wurde, mit denen die F'zzmechs
gern ihre Sinne umnebelten.
Der andere ging zum Wirt und sagte ihm, dass er, der Wirt, sicher wisse,
warum sie hier seien.
Dass wisse er, antwortete der Wirt und gab ihm einige Münzen.
Der Stadtkrieger setzte sich zu seinem Gefährten, leerte ebenfalls einen
Becher, dann gingen beide wieder.
Neugierig erkundigten wir uns bei einem anderen Gast nach der
Bedeutung des Beobachteten.
Das seien Büttel gewesen, wurde uns erklärt.
Wir wollten auch Büttel werden, verkündeten wir erfreut.
Der Mann musterte uns eingehend und sprach: Wir seien offensichtlich
fremdländische Barb... Fremde. Er wisse zwar nicht, wie es bei uns zugehe,
doch seien nicht alle al'anfanischen Büttel wie die beiden. Es gäbe eben
schwarze Schafe unter ihnen. Die meisten sähen jedoch ihre Aufgabe darin,
Schurken zu fangen und nicht darin, Wirte zu schröpfen.
Schlauer geworden, kehrten wir am nächsten Tag zurück, gingen zum Wirt
und sagten ihm, dass er wisse, warum wir hier seien.
Er habe bereits bezahlt, antwortete der Wirt.
»An uns nicht«, teilten wir ihm mit. Uns sei einerlei, an wen er sonst
bezahle. Wir seien nun hier!
Sehr zögerlich gab uns der Wirt einige Münzen. Weniger als unseren
Vorgängern.
Wir fragten ihn, warum es nicht mehr sei.
Er besitze nicht mehr, erklärte der Wirt.
Da könne man wohl nichts ändern, entgegnete ich, strich die Münzen ein
und bat darum, uns mit Getränken zu verschonen.
Da dieser Abend unseren Reichtum nicht übermäßig vermehrt hatte,
sprachen wir am nachfolgenden abermals in der Schenke vor.
Der Wirt wurde ganz aufgeregt.
Ob wir glaubten, er schwitze Gold, schimpfte er. Ob wir unser Gewerbe
in den Schwarzen Landen erlernt hätten, womöglich beim Gierigen Feilscher
Tasfarelel selbst? Wenn wir jeden Tag vorbeikämen, dann sei doch
abzusehen, dass er verhungern müsste! So einfältig könne doch niemand sein!
Eine Person namens Tasfarelel sei uns gänzlich unbekannt, erwiderte ich.
Daher könne sie uns auch nichts beigebracht haben. Überdies seien wir
keineswegs einfältig, sondern nur als Büttel nicht allzu erfahren. Wenn er uns
versicherte, verhungern zu müssen, dann nähmen wir von unserem Anliegen
Abstand. Ein solches Los wollten wir keinesfalls herbeiführen. Denn
Verhungern sei ein sehr grausamer Tod. Wann es ihm denn genehm sei, dass
wir ihn erneut aufsuchten?
Der Wirt brummte: »Wenn ihr schon danach fragt – am liebsten erst in
zehn Jahren!«
Das sei sehr lange, entgegnete ich. Wir wollten uns seine Worte gern
merken, auch wenn wir nicht versprechen könnten, in zehn Jahren noch hier
zu sein.
Eine paar Tage später wurden wir von einem Unbekannten angesprochen.
Er fragte, ob wir das Geschmeiß seien, das so einfältig sei, sich einzubilden,
neuerdings hier im Viertel das Sagen zu haben.
»Nein, nicht einfältig! Früher einmal. Jetzt nicht mehr so sehr«, belehrte
ich ihn leicht verärgert. Was er von uns wolle?
Das wüssten wir genau, erwiderte der Unbekannte. Er gebe uns den guten
Rat, schleunigst aus der Gegend zu verschwinden!
Das sei ein sehr schlechter Rat, erwiderte Schätzlein. Uns gefalle es
nämlich ganz gut hier.
Er habe uns gewarnt, behauptete der Unbekannte und entschwand.
Damit war die Geschichte noch nicht zu Ende, aber bis zu ihrer
Fortsetzung trug sich anderes zu.

6.

Linksauge eröffnete uns, dass in den Stunden, die er nachts wach gelegen
habe – der traurige Grund dafür sei uns bestens bekannt! –, ein Gedanke in
ihm herangereift sei. Was, wenn der Bewohner des Hauses, bei dem wir
Valeria verlassen hatten, nicht bloß so ausgesehen hätte wie Fadenbart,
sondern es womöglich sogar gewesen sei?
Die Sorge könne er ihm nehmen, besänftigte ihn Zziriff. Falls Fadenbart
Zh'Urakrras Zorn überlebt hätte, so sei er wie wir in den Sturm geraten und
dabei ertrunken.
Wir seien auch nicht ertrunken, wandte Linksauge ein:
Wir seien schließlich Marus, hielt ihm Zziriff vor.
Unsere Mentoren seien ebenfalls Marus gewesen, aber dennoch ertrunken,
hielt Linksauge dagegen.
Er spreche in Rätseln, warf ich ein. Mir sei nicht ersichtlich, wie der
Vetter Fadenbarts Überleben mit dem Ableben unserer Mentoren begründen
wolle.
Das habe er nicht vorgehabt, erklärte Linksauge. Manche Dinge geschähen
eben. Durch seltsame Umstände könne Fadenbart trotz aller überzeugenden
Einwände überlebt haben. Jedoch bereite ihm das gar nicht so viele Sorgen,
wie Zziriff meine.
Uns sei vermutlich aufgefallen, dass er in letzter Zeit sehr reizbar sei, was
auf den wenigen Schlaf zurückzuführen sei und die Sorgen, die er sich
mache, weil unser schneller Reichtum so lange auf sich warten ließ – als
habe er wegen seiner Neigungen nicht schon Sorgen genug! Deshalb habe er
sich überlegt, dass es nicht schaden könne, das Haus aufzusuchen. Falls sich
Fadenbart dort aufhielte, so könnte er, Linksauge, seine Launen an ihm
auslassen, was ihm zweifelsohne Linderung verschaffen würde.
Wir lobten den Vetter und nannten seinen Einfall klug und weise. Wir
sollten den Verdacht augenblicklich nachprüfen, beschlossen wir.
Wir fanden das Haus schon bald, obgleich uns Valeria diesen Teil der
Stadt nicht so gründlich gezeigt hatte wie andere Teile. Auch dieses Mal
dauerte es sehr lange, bis die Tür geöffnet wurde. Eine Frau mit bunt
bemaltem Gesicht ließ sich blicken. Wir beschrieben ihr Fadenbart und
sagten, dass wir ihn sehen wollten.
So jemand lebe nicht bei ihr, behauptete die Frau.
Wir wüssten anderes, entgegneten wir. Wir hätten ihn schließlich gesehen!
Wann?
Vor einigen Tagen, als wir unsere stummelwüchsige Reisegefährtin
Valeria hierher begleitet hätten.
»Oh!«, sagte die Frau. Jetzt wisse sie, wen wir meinten. Unsere
umständliche Beschreibung sei dafür aber nicht verantwortlich. Warum wir
nicht gleich gesagt hätten, wir suchten »den Kerl mit dem Riesenrüssel im
Gesicht, auf den selbst ein Elefant neidisch wäre« oder »den Klotz, dessen
Gesicht so fleckig ist, als habe er die Zorganpocken«? Stattdessen faselten
wir von einem dünnen Bartwuchs. Unkenntlicher gehe es kaum!
Das sei uns eben nicht aufgefallen, sagte ich. Wir wollten unseren
Bekannten jetzt sehen!
Der wohne seit über drei Wochen nicht mehr bei ihr, klärte uns die Frau
auf. Er und der andere hätten es nach der Ankunft der Nichte sehr eilig mit
der Abreise gehabt. Nicht einmal bezahlt hätten sie! Zum Glück habe sie
noch rechtzeitig das kleine Luder erwischt, das nach einigen Stunden in der
Besenkammer bereit gewesen sei, die Zeche seines Onkels zu bezahlen.
Welcher Onkel? Welcher andere? Welche Nichte?, fragten wir
durcheinander.
Das sei doch nicht schwer zu verstehen, rief die bemalte Frau aus. Der,
den wir suchten, sei der Onkel der Kleinen. Der habe schon einige Tage mit
dem anderen hier gewohnt – eine völlig farblose Gestalt, bei der sie nicht
einmal den Versuch wagen wolle, ihn uns zu beschreiben.
»Ein dünner Bart!«, rief sie empört aus. »Boron noch eins! Riesenrüssel!
Riesenrüssel!«
Um künftige Missverständnisse zu vermeiden, fragte ich die bunte Frau,
ob Valeria ihrer Einschätzung nach auch einen »Riesenrüssel« besitze?
Ich sei wohl nicht mehr recht bei Trost, musste ich mir anhören. Das sei
doch eine bildhübsche junge Frau, mit einer ganz weichen, ganz zarten Haut
und Brüsten wie reife Birnen! Und erst ihr feines, lockiges Haar, das in
hundert Bächen ...
Plötzlich ein garstiges Bild vor Augen, schnitt ich der bemalten Frau das
Wort ab. Es reiche! Ich habe verstanden! Ob sie wisse, wohin die drei
gegangen seien?
Die Frau verneinte.
Ob sie Mittel wolle, fragte Zziriff.
Wer wolle die nicht, antwortete die Frau, als sie nach einigen
Augenblicken verstanden hatte, was er meinte. In ihrem Fall helfe ein
Geschenk leider nicht. Sie könne uns nicht mehr sagen.
Ob wir jetzt das Haus ansehen dürften, erkundigte sich Zziriff kühn.
Die Frau wurde abweisend. Ob wir ihr etwa nicht glaubten?
Doch, erfuhr sie von unserem kichernden Schätzlein. Wir würden uns eben
gern Wohnstätten von innen ansehen.
Die Frau schlug wortlos die Tür zu.

Welch seltsame Neuigkeit! Welch eigenartiges Zusammenspiel! Valeria war


also Fadenbarts Verwandte. Welch eine Anhäufung von Zufällen! Wir kannten
Fadenbart, wir kannten Valeria, beide kannten sich gegenseitig. Wir wussten
vom Efferdherz und Flaminios Dokumenten, Valeria wusste vom Efferdherz
und Flaminios Dokumenten, und Fadenbart hatte sich, wie wir uns erinnerten,
viel von der Reise versprochen.
Wie jeder weiß, der sich einmal mit solchen Dingen beschäftigt hat,
schweben vernünftige Wesen ständig in der Gefahr, unvernünftige Schlüsse
zu ziehen, indem sie zusammenführen, was vielleicht zusammengehört,
womöglich aber gar nichts miteinander zu tun hat. Daraus entsteht häufig die
als neue Erkenntnis angenommene Vermutung, dass das Weltgeschehen
möglicherweise Sinn ergeben könnte und nicht von einem Augenblick zum
andern entschieden würde – etwas, das einem zwar schon zuvor bewusst
war, das aber nicht für wichtig erachtet wurde. Vögel trillern dann am
lautesten, wenn man ihnen zuhört!
Fadenbart mochte sich darauf gefreut haben, gemeinsam mit seiner Nichte
Geschäfte zu tätigen, aber ebenso darauf, sie oder den Unbeschreibbaren zu
treffen. Vieles mochte ihn erfreut haben. Selbst uns kennen zu lernen war ihm
anfänglich eine Freude gewesen.
Doch Valeria hatte nicht ahnen können, dass wir das Schiff ihres Onkels
zerstören würden, jener nicht, dass uns jeder in Mirham abweisen würde,
beide nicht, dass uns der Reichserztruchsess wegen des Herausbrechens
eines alten Knochens aus einem unförmigen Gebilde sein Vertrauen schenken
würde.
Um es klar auszudrücken: Für Mirhams Krokodile war nicht abzusehen
gewesen, dass ihr gewohnheitsmäßiges Herumlungern an einer bestimmten
Stelle des Flusses zwangsläufig dazu führen musste, dass eines von ihnen von
uns verspeist werden würde. Obwohl, wenn sie frühzeitig von unserer
Ankunft erfahren hätten, so hätten sie die Frucht ihres Leichtsinns noch am
ehesten voraussehen können.
Kurz und gut: Warum sollten wir uns die Köpfe zerbrechen? Was scherte
es uns, wenn sich ein paar F'zzmechs nach vermutlich unnötig langer
Vorbereitung gegenseitig hintergingen?

7.

Dort, wo wir wohnten, war es nicht üblich, bewaffnet zu sein. Daher hatten
wir uns, um Aufsehen zu vermeiden, schweren Herzens dazu durchgerungen,
die Schwerter meist nicht mit uns zu führen. Selbst Einzahn hatte
eingewilligt, seines nur zu Hause zu tragen. Das ließ uns als leichte Beute
erscheinen.
Auf dem Rückweg von Fadenbarts zeitweiliger Absteige, nahe der schon
erwähnten Schenke, vertrat uns der Unbekannte, den wir jüngst kennen
gelernt hatten, den Weg. Er hatte fünf Gefährten mitgebracht, darunter einen,
der möglicherweise zu den beiden Bütteln gehörte, die wir in der Schenke
beobachtet hatten. Sie schienen nicht geneigt, uns vorbeilassen zu wollen.
Zudem ließen die dicken Knüppel, die sie in Händen hielten, unhöfliches
Benehmen erwarten. Die berechtigte Vermutung wurde zur Gewissheit, als
unser unbekannter Bekannter erklärte, man habe es im Guten mit uns versucht,
doch hätten wir nicht hören wollen. Nun werde uns das Lachen vergehen!
Angeödet vom wiederholten Mäkeln an unseren Lachgewohnheiten,
griffen wir an. Sofort brach heftiges Ringen aus, da Schätzlein nicht einsehen
wollte, dass er mich vorbeizulassen habe, wiewohl ich ihm sagte, dass es
überaus nötig sei. Stattdessen stieß er mich zur Seite, sodass ich Einzahn
anrempelte. Der behauptete, ich spiele mich wieder auf, und rempelte zurück.
Wie ein unerwünschtes Spielzeug landete ich vor Linksauge, der –
Schätzleins Unaufmerksamkeit ausnützend – ihn eben listig überholt hatte.
Nun fiel auch noch der Vetter über mich her! Ich sei noch langsamer als
Valeria, verhöhnte er mich.
Das machte es zwingend notwendig, ihm einen kurzen Klaps zu versetzen.
Unwillig forderte mich Lazzar auf, solche Garstigkeiten zu unterlassen, da
sie ihn launisch machten.
Ich gab zurück, dass er solche Behandlung verdient habe, sei es doch
höchst ungebührlich, mich mit der lahmen Valeria gleichzusetzen.
Unsere Gegner, die augenscheinlich noch nie den Angriff wahrer Krieger
mit angesehen hatten, beobachteten unser ungestümes Herannahen mit
solchem Unverständnis, dass sie beinahe vergessen hätten, tätlich zu werden.
Das letzte Stück, das uns noch von ihnen trennte, überbrückten wir mit
kühnem Sprung.
Da Marus kräftigere Beine als F'zzmechs haben, springen sie auch weiter.
Daher begriffen unsere Widersacher gar nicht, wie wir so plötzlich vor ihnen
stehen konnten. »Stehen« war vielleicht nicht bei jedem von uns eine
zutreffende Beschreibung, da ich zum Beispiel auf den, den ich mir als
Gegner erwählt hatte, mit solcher Wucht prallte, dass er nach hinten taumelte
und stürzte. Ich hätte es ihm gleichgetan, wenn ich meine rasche
Vorwärtsbewegung nicht mit einem heftigen Schwanzschlag in eine anmutige
Drehung und eine nachfolgende Bewegung zur Seite umgewandelt hätte. Zum
Stehen kam ich neben einem zweiten F'zzmech – genau genommen sogar
etwas hinter ihm. Ich nahm mir nicht die Zeit, ihm zu erklären, wie das
angehen konnte, sondern trat ihn und stampfte über ihn hinweg wie
Krr'Thon'Chh an einem vergnügten Tag.
Danach wurden die Vorgänge undurchsichtig.
Gute Kriegersitte – habe ich erwähnt, dass wir ein Volk von Kriegern
sind? – hätte verlangt, dass wir nicht nur unser Ohr vor dem Wimmern und
Schreien der niedergeworfenen Feinde verschlossen, sondern ihr Klagen
genossen, vielleicht gar noch herzlich darüber lachten.
Von wegen, nun wird euch das Lachen vergehen!
Doch jetzt häuften sich Bitten, wir sollten die Strolche leben lassen. Sie
kamen von den Bewohnern der Gasse, die befürchteten, andernfalls Ärger
mit anderen Bütteln zu bekommen. Daher begnügten wir uns damit, an jeden,
der Leiden vorzutäuschen schien, noch einen Tritt auszuteilen, und allen die
Taschen zu leeren. Das war nicht ganz uneinträglich. Am meisten freuten wir
uns jedoch über den Erwerb eines bunt bemalten Kreisels, den einer der
Unterlegenen bei sich führte. Ein schönes Mitbringsel, dessen Raub sein
bisheriger Besitzer als besondere Bosheit betrachtete.
Wir kümmerten uns nicht weiter um unsere Opfer oder die Zuschauer und
setzten den Heimweg fort. An der Schenke hielt uns der Wirt an. Er wirkte
noch aufgeregter als bei unserer letzten Begegnung.
Er bitte uns vielmals um Entschuldigung, sagte er niedergeschlagen. Er sei
nicht begriffsstutzig und verstehe, dass nun ein anderer Wind wehe. Wir
möchten ihm sagen, was er künftig an uns abzuführen habe, doch bedenken,
dass auch er leben müsse.
Ich wies ihn zurecht: An meinem Gedächtnis gebe es nichts auszusetzen,
auch nicht an dem meiner Gefährten! Wir würden uns sehr gut an das
erinnern, was wir mit ihm ausgemacht hätten! Verhielte es sich bei ihm
anders, so sei das nicht unsere Sorge. Die Abmachung gelte nach wie vor.
Nun möge er uns nicht länger langweilen!
Als wir einige Schritt weitergegangen waren, hörten wir den Wirt rufen,
wir seien gute Menschen. Wir ließen ihn in dem Irrglauben. Gute F'zzmechs
wären wankelmütig geworden! Sie hätten sich nicht an die Absprache
gehalten, dem Wirt zehn Jahre Zeit zu lassen.

Die Vertreibung von Mutter Adaquas eingebildetem Spuk und der Beweis
unserer Wehrhaftigkeit verschafften uns Ansehen. Schon bald wurden wir mit
allerlei Anliegen behelligt. Anfänglich ging es nur darum, Streit unter den
F'zzmechs zu schlichten oder jemanden zu ermahnen.
Sprach man uns auf das eine oder andere an, so antworteten wir wie
gewohnt, dass wir für Gold alles täten. Das wurde meist als Scherz
verstanden. Gold gäbe es zwar keines, aber ein paar Münzen schon, wurde
uns jedes Mal lächelnd geantwortet.
Ermahnen war eine leichte Tätigkeit, da wir hierzu nur bei denen
vorstellig werden mussten, die ermahnt werden sollten, um ihnen mitzuteilen,
dass wir des Ermahnens wegen kämen. Das war sehr langweilig. Deshalb
machten wir uns gelegentlich den Spaß, zu dem zurückzukehren, der uns
bezahlt hatte, um ihn zu fragen, ob er nicht glaube, dass wir eher ihn
ermahnen sollten?
So gelangten wir zu dem Ruf, weise wie alle Maraskaner zu sein, was wir
sehr gern vernahmen.
Streit zu schlichten schien zunächst schwieriger zu sein, da wir oft nicht
verstanden, worum es überhaupt ging. Außerdem war uns bewusst, dass
unser heimisches Vorgehen in solchen Dingen im Viertel wenig Anklang
gefunden hätte. Zum Glück entsannen wir uns unserer geheimnisvollen Macht
über die F'zzmechs, die wir klug einzusetzen wussten: Eine Hälfte von uns
starrte den einen Streithahn an, die andere Hälfte den anderen. Beide Seiten
ermahnten wir, bloß bei der Wahrheit zu bleiben!
Während die F'zzmechs miteinander sprachen und feilschten, starrten wir
sie unablässig weiter an und beschäftigten uns gedanklich mit wichtigeren
Dingen. Hin und wieder, zumal wenn uns das Geschrei zu sehr ablenkte,
forderten wir eine Seite auf zu wiederholen, was sie gerade gesagt habe:
Wort für Wort! Irgendwann, meist sehr bald, wurde uns mitgeteilt, dass der
Streit beigelegt sei und man sich geeinigt habe. Üblicherweise schlugen wir
daraufhin vor, dass wir allesamt noch eine weitere Viertelstunde über das
Gesagte nachdenken sollten.
Diese Tätigkeit war sehr entspannend und mehrte unseren Ruf. Vor allem
nachdem unsere Auftraggeber verbreiteten, sie hätten sich gefühlt, als hätte
ihnen Praios der Gerechte selbst gegenübergestanden und bis in die tiefsten
Winkel ihrer Herzen geschaut.
Wir kannten Praios den Gerechten nicht. Doch offenbar war er ein
gehöriges Schlitzohr.
Der Fall Putzi-Putzi

1.

Richtige Büttel wurden wir erst durch Klein-Imelde, die zwei Häuser von
der Schenke entfernt wohnte. Mutter Adaqua kündigte uns eines Tages ihren
Besuch mit lautem Gebrüll in den Keller hinab an.
Klein-Imelde trug ihren Namen zu Recht: Sie war nur halb so groß wie
wir und sprach mit hoher Stimme. Ihr zu Zöpfen geflochtenes Haar war von
derselben Farbe wie das Fell einer Stinkratte, jedoch wollte Klein-Imelde
lieber »blond« genannt werden, wovon sie nicht abzubringen war.
Sie habe gehört, dass wir der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen würden,
sprach uns Klein-Imelde an.
Für Gold täten wir alles, zur Not auch das, bestätigte ihr Lazzar. Was sie
wolle?
Putzi-Putzi sei geraubt worden, klagte Klein-Imelde.
Wer Putzi-Putzi sei, fragten wir.
»Unser Schwein«, antwortete sie.
Das Schwein sei nicht gestohlen worden, sondern nur weggelaufen,
belehrte ich Klein-Imelde. Vermutlich habe es einen Grund für seinen
Entschluss gehabt. Schweine seien sehr kluge Tiere, weswegen sie bereits
als Ferkel wüssten, dass ihnen ein Leben bevorstünde, das ihnen ausreichend
einleuchtende Gründe lieferte, das Weite zu suchen. Sie solle sich damit
trösten, dass sie ein Schwein besessen habe, das nicht nur klug, sondern auch
entschlussfreudig gewesen sei. Wenn sie sich damit nicht begnügen wolle, so
solle sie das Schwein Putzi-Putzi eben suchen und wieder einfangen.
Sie habe Putzi-Putzi gesucht, aber nicht gefunden, behauptete Klein-
Imelde stur.
Nun erzählte sie uns ihre Geschichte von Anfang an, nämlich dass ihr von
ihren Eltern vor einigen Monden die Pflicht übertragen worden sei, das
Schwein Putzi-Putzi zu hüten.
Aus dieser nicht weiter wichtigen Bemerkung schlossen wir blitzschnell,
dass Klein-Imelde ein Kind sein müsse und nicht nur sehr kleinwüchsig, wie
wir bisher angenommen hatten.
Dieser Pflicht sei sie immer gerne nachgekommen, fuhr Klein-Imelde fort.
Sie habe das Schwein häufig zu einer Au getrieben, wo es sich wohl gefühlt
habe, da dort Büsche mit Nüssen wuchsen. So auch am gestrigen Tage, als es
gestohlen worden sei.
Ich unterbrach sie: Damit sei das Verschwinden Putzi-Putzis doch erklärt!
Auen fände man bekanntlich bei Flüssen. Vermutlich sei das Schwein zu nahe
ans Ufer gegangen, ein Krokodil sei aus dem Fluss gesprungen, habe es
gepackt – schnapp! – und ins Wasser gezerrt. Krokodile könnten das. Klein-
Imelde solle sie nicht unterschätzen! Denkbar sei aber auch, dass das
Schwein Putzi-Putzi so einfältig gewesen sei, ins Wasser zu gehen, wo eine
Schar der silbernen oder schwarzen Fische gelauert habe, die es – ratzfatz! –
aufgefressen hätten. Ob sie sich vorstellen könne, wie lange diese Fische
brauchten, um ein eben noch ahnungsloses Schwein in wissende blanke
Knochen zu verwandeln?
Nach dieser Erklärung musste das Gespräch für einige Augenblicke
unterbrochen werden, da sich Klein-Imelde darauf versteifte, lautstark zu
weinen, und mich mit eigenartigen Schimpfnamen bedachte.
Niemand wolle ihr glauben, schluchzte sie. Alle sagten, sie lüge, wenn sie
erzählte, was wirklich geschehen war.
Sie möge endlich zur Sache kommen, forderte ich Klein-Imelde auf.
Sie antwortete bereitwillig. Folgendes habe sich zugetragen: Eine weiße
Frau sei über die Wiese getanzt und habe wunderschön dazu gesungen. Als
sie heran war, habe die Frau ihr erzählt, dass sie eine Freundin sei und
gekommen, um mit ihr und Putzi-Putzi Verstecken zu spielen. Sie solle nun
flink die Augen schließen und diese erst wieder öffnen, wenn sie gerufen
werde.
Das habe sie getan, sagte Klein-Imelde. Doch sei ihr nach einiger Zeit
eingefallen, dass sie ihre Freundin gar nicht kannte! Da habe sie die Augen
geöffnet und Putzi-Putzis Fehlen entdeckt. Niemand wollte ihr jedoch die
Geschichte abnehmen, weil keiner eine solche Frau je gesehen hatte.
Mich verwunderte sehr, dass niemand der Geschichte von einer Frau, die
herbeigetanzt war, um mit einem Schwein Verstecken zu spielen, Glauben
schenken wollte. F'zzmechs glaubten noch ganz andere Dinge, wie wir
wussten – etwa dass ein paar alte Knochen, denen man ansah, dass es nicht
lohnte, sie zu zerbeißen, gefährlich sein könnten.
Da Klein-Imelde sehr hartnäckig war, willigten wir ein, Putzi-Putzis
Verschwinden nachzugehen.
Ob sie Gold besitze, fragte Linksauge.
Klein-Imelde verneinte.
Das sei bedauerlich, sagte der Vetter. Dann müsse sie eben welches
stehlen, denn ohne Gold könne der Gerechtigkeit nicht zum Siege verholfen
werden.
Klein-Imelde erwiderte, dass ihre Eltern arme Tagelöhner seien und im
ganzen Viertel niemand reich zu nennen sei. Auch sei sie hier bekannt und
fürchte schmerzhafte Folgen, wenn man sie beim Stehlen ertappte.
Linksauge erklärte Klein-Imelde zum befremdlichsten Kind, das ihm je
untergekommen war. Ein Kind, dem man das Stehlen erst beibringen müsse,
finde er beunruhigend. Seiner Erfahrung nach gehörten Kinder und Stehlen
zusammen wie Schale und Ei. Er wisse, wovon er spreche, da auch wir einst
Kinder gewesen seien. Doch könne man von einer wie ihr vielleicht nichts
anderes erwarten.
Klein-Imelde warf ein, dass sie nicht Kothaufenjunges genannt werden
wolle.
Ich riet ihr darauf, ihr Köpfchen nicht unnötig mit Dingen zu belasten, die
sie nicht verstünde. Sie solle lieber ans Werk gehen! Wenn ihr das Wagnis zu
groß sei, hier jemanden zu berauben, so sei es doch einsichtig, dorthin zu
gehen, wo sie nicht bekannt sei. In einem anderen Teil der Stadt hätten wir
jemanden getroffen, dessen Finger voller Silberringe waren, einen anderen,
der dafür bezahlte, dass ihm Geschichten vorgetragen wurden, die er gar
nicht mochte. Sogar solche hätten wir gesehen, die sich in
verschwenderischem Wahn in kleinen Kisten durch die Stadt tragen ließen
und bestimmt teuer dafür bezahlten, obwohl sie zu arm waren, sich
ortsübliche Gewänder zu leisten.
Nachdem mich Klein-Imelde mit weiteren ihrer erfundenen
Schimpfwörter vertraut gemacht hatte, belehrte sie mich, dass man die Kisten
»Sänften« nenne und ihre Insassen keinesfalls arm seien.
Ich schnitt ihr das Wort ab: Sie solle mich nicht langweilen! Offenbar
ahne sie doch, an wen sie sich wenden müsse. Hurtig solle sie nun
aufbrechen, da die Gerechtigkeit nicht über beliebig viel Zeit verfüge.

2.
In Klein-Imeldes Abwesenheit erkundigten wir uns bei Mutter Adaqua nach
der tanzenden Frau. Sie verwies uns an ihre beiden Freundinnen mit der
Angabe, dass für den Fall, dass die sie nicht kannten, auch kein anderer
etwas wüsste, denn »größere Klatschtanten« gebe es nicht.
Umgehend schickte sie sich an, uns ganz im Vertrauen ungeheuerliche
Dinge über die beiden zu erzählen, die wir nicht hören wollten. Deshalb
eilten wir zu den berüchtigten Frauenzimmern, die uns jedoch nicht
weiterhelfen konnten.
Nun standen wir vor zwei schweren Fragen: der einen, wie wir das
Schwein Putzi-Putzi finden konnten, wenn es nicht gefunden werden sollte,
und der anderen, wie überhaupt eine Person gefunden werden konnte, die
keine Hinweise über ihren Verbleib geben wollte. Von zu Hause kannten wir
derlei nicht!
Selbstverständlich dachten wir gleich daran, unsere Bibliothek zu Rate zu
ziehen. Sie war gut gewuchert, wie wir uns überzeugt hatten. Doch um sie
befragen zu können, galt es zuvor, die Tinktur herzustellen, ohne die sie keine
Auskunft erteilte. Zum Glück wusste Schätzlein, wie sie herzustellen sei, da
mein bibliotheksfreudiger Vetter eingestehen musste, sich immer sehr
gelangweilt zu haben, wenn ihm ihre Zusammensetzung erläutert worden war.
Linksauge und ich konnten seine Behauptung über die Langweile der Vorträge
bestätigen, da wir bei den erwähnten Gelegenheiten stets zugegen gewesen
waren.
Die Zutaten waren leicht zu beschaffen, zumal wir auf Mutter Adaquas
Wissen zurückgreifen konnten. Einmal fragte sie jedoch, ob wir jemanden
vergiften wollten.
Dem sei nicht so, beruhigten wir sie.
Darüber verging so viel Zeit, dass Klein-Imelde von ihrer Unternehmung
zurückkam. Sie zeigte uns stolz ihre schmutzige Hand, in der eine angelaufene
Münze aus Silber lag. Dass sie nicht golden war, machte uns nichts aus, da
wir uns daran gewöhnt hatten, dass jeder im Viertel eine andere Vorstellung
von Gold hatte als wir und uns beliebige Münzen gab, von denen er annahm,
dass sie unseren Vorstellungen entfernt ähneln könnten. Wir beschwerten uns
nie, zumal wir immer häufiger kleine Geschenke angeboten bekamen, die wir
jedoch meist ausschlugen, weil wir nicht wussten, was wir mit ihnen
anfangen sollten. Deshalb nannte man uns bescheiden.
Aus reiner Neugier fragte ich Klein-Imelde, wie sie an die Silbermünze
gekommen sei.
Klein-Imelde berichtete, dass sie zunächst nicht gewagt habe, zu stehlen,
zu rauben und zu plündern, wie wir es ihr angeraten hätten. Deshalb habe sie
es mit Betteln versucht.
Ich fragte, ob man bei dieser Tätigkeit schnell reich werden könne.
Nein, antwortete Klein-Imelde. Ihr habe man überhaupt nichts geben
wollen! Denn als Bettlerin, das habe sie gelernt, benötige man verbogene
Glieder, dürfe am besten nur ein Auge besitzen oder müsse wenigstens einen
schlimmen Ausschlag oder offene Wunden vorzeigen können. Nichts davon
habe sie und wolle es auch nicht haben, nicht mal um Putzi-Putzis willen.
Dann sei ihr, der Verzweiflung nahe, ein einäugiger Bettler ohne Beine
aufgefallen. Der habe sehr viele Almosen erhalten, da er immer, wenn
jemand an ihm vorbeiging, behauptete, er sei ein »Veteran der
Trollpfortenschlacht«. Da habe sie sich neben ihn gesetzt und gleich ihm
gerufen, sie sei ein Veteran der Trollpfortenschlacht, gleichwohl sie nicht
gewusst habe, was für ein Gebrechen das sei. Urplötzlich habe der Mann mit
seiner Krücke nach ihr geschlagen und sie als Lügnerin bezeichnet: Sie sei
überhaupt keine Veteranin der Trollpfortenschlacht. Zum Glück habe er sie
nicht getroffen.
Da habe sie bei sich gedacht: Wer ein kleines Mädchen schlüge, ohne mit
ihr nah oder fern verwandt zu sein oder mit ihren Eltern befreundet, auch
nicht in derselben Gasse wohne oder im selben Viertel, nicht bei den
Nachbarn ein und aus gehe und den sie auch nicht vom Markt her kenne, der
müsse ein sehr böser Mann sein, Trollpfortenschlacht hin oder her!
Außerdem habe sie sich überlegt, dass ein böser Mann ohne Beine nicht
schnell laufen könne. Also habe sie flugs in seine Bettlerschale gegriffen und
sei weggerannt! Nun sei sie hier.
Da mich Klein-Imelde erwartungsvoll ansah, tat ich, was ich oft
beobachtet hatte: Ich tätschelte ihren Kopf und sagte, sie habe klug und weise
gehandelt. So viel Schläue hätte ich von einem Kothäuflein mit dem Haar
einer Stinkratte gar nicht erwartet.
Klein-Imelde meinte, ich solle sie nicht immer so nennen.
Ich sagte ihr, sie müsse sich nichts daraus machen. Namen hätten nichts zu
bedeuten. Nur das, was man wirklich sei, zähle. Seltsamerweise gefielen
Klein-Imelde meine Worte.
Da die Bibliothek nicht zu jeder Zeit gleich auskunftswillig ist, warteten wir
bis zum nächsten Tag. Dann gingen wir zu der Ruine und kämpften uns durch
die Disteln, bis wir die grausilberne Flechte erreicht hatten.
Ich fragte Einzahn, ob er wisse, wo er zu suchen habe.
Er sei zwar kein Zim wie Zh'Urakrra oder Ch'Oorr'ck, entgegnete er,
weshalb es einige Zeit dauern könne, bis er fündig werde, doch sei ihm in
der Nacht ein Wort eingefallen, das er von seiner Beschäftigung mit dem
Sklavenrecht her kenne, nämlich Sskrrim-Scherge. Nicht wissend um seine
Bedeutung, habe er seinen Bruder geweckt, dessen leichter Schlaf uns allen
bekannt sei – waren uns die schrecklichen Ursachen hierfür ja nicht
entgangen.
Der Bruder habe ihm die Auskunft erteilt, dass ihm der Begriff aus dem
Tyrannenrecht überaus vertraut sei, doch wolle er nun weiterschlafen.
Damit habe er, Einzahn, sich nicht abspeisen lassen. Deshalb habe er
vernünftigerweise keine Ruhe gegeben, bis Linksauge hellwach gewesen sei.
Da der Bruder seinem Wissen jedoch nur habe hinzufügen können, dass es
den Begriff gebe, hätten sie sich geeinigt, dass ein Wort, das in zwei Rechten
bekannt sei, wichtig sein müsse. Also hätten sie beschlossen, seine
Bedeutung herauszufinden, denn selbst wenn es mit unserem Anliegen
überhaupt nichts zu tun hätte, so würde ihr Unwissen durch die neue
Erkenntnis auf jeden Fall erheblich vermindert werden. Danach sei er,
Einzahn, beruhigt und zufrieden eingeschlummert, was für seinen armen
Bruder leider nicht gegolten habe.
Ich fragte die Vettern, ob sie noch wüssten, warum wir eigentlich hier
seien.
»Ja!«, antworteten sie. Um zu lernen, wie jemand gefunden werden könne,
der nicht gefunden werden wolle, und wie man ihn dazu bewöge zuzugeben,
was er nicht zugeben wolle. Selbst ein allerorts für seine Vergesslichkeit
bekannter Maru wie ich müsse sich doch daran erinnern können.
Das sei gut so, lobte ich sie.

Nun besprengte Einzahn die Flechte mit ein paar Tropfen unserer Tinktur.
Nach einigem Warten beugte er sich dicht über das Gewächs und atmete tief
ein. Im Lauf der nächsten Stunden verfuhr er noch mehrmals so.
Zwischendurch drangen unverständliche Laute aus seinem Mund was einer
unserer Gründe war, einen abgeschiedenen Ort für die Bibliothek zu wählen.
Mit einem Mal sprach Linksauge zusammenhängend! Sein Ton ähnelte
dem, den er bei der Begegnung mit Schlammkralle gebraucht hatte, klang
aber wesentlich wilder:
»Marus gehen zu Achaz! Sie sagen: Du machen! Achaz sagen: Nicht
machen! Marus sagen: Wenn nicht sagen, dass machen, dann auffressen!
Achaz sagen, dass machen. Marus freuen! Sie Achaz trotzdem auffressen.«
Einzahn verstummte.
Ob das alles gewesen sei, fragte ihn Linksauge.
Einzahn, wieder etwas mehr nach sich selbst klingend, jedoch arg
aufgebracht, antwortete bündig: »Sein so!«
Linksauge erklärte, dass er nicht hoffe, dass das, was wir eben
vernommen hatten, dem allerneuesten Erkenntnisstand auf diesem Gebiet
entspreche, und bekundete, selbst einen Versuch wagen zu wollen.
Als er unsere überraschten Blick bemerkte, meinte er, dass ihn unser
Erstaunen verwundere. Bei jemandem, der wie er einen geheimnisvollen
Vetter und einen geheimnisumwitterten Bruder habe, müsse man darauf
gefasst sein, dass auch er geheimnisumwoben sei. Möglicherweise sogar so
sehr, dass das manchem bis zuletzt verborgen bliebe.
Nach dieser Eröffnung handelte er wie sein Bruder.
Wir hatten uns auf längeres Warten eingestellt, doch Linksauge begann
umgehend zu reden, weshalb wir ihn den restlichen Tag einen Glückspilz
nannten.
Seine Stimme klang bedächtig und abwägend, ganz anders als die Rruals.
Anscheinend hatte er sofort Zugang zu einem neueren Teil der Bibliothek
gefunden.
»Die Sskrrim, die häufig auch Beinahegötter genannt werden, hatten eine
Vorliebe für Regeln und Vorschriften. Daher erfanden sie eine Vielzahl
davon, umso mehr, je weiter ihr Niedergang voranschritt. Man könnte
beinahe sagen, dass daraus ihr hauptsächlicher Zeitvertreib bestand. Diese
Regeln durften nicht gebrochen werden. Wer es dennoch tat, wurde bestraft.
Zwei Sorten von Regeln gab es: die, die nur auf eine Weise gebrochen
werden konnten, die sofort ersichtlich war, etwa öffentliche Angriffe,
Raufhändel, Aufruhr und das Beleidigen eines Beinahegottes vor hundert
Zeugen, sowie die, gegen die heimlich verstoßen werden konnte, sodass der
Verstoß nur schwer oder gar nicht zu entdecken war. Darin befleißigte sich
vorwiegend das liederliche Achazvolk, das von den Altvorderen einmütig
als kriecherisch, verlogen, betrügerisch, durchtrieben, heimtückisch, gemein,
wehleidig, hochnäsig, frech, schmierig, abgrundtief böse und ›schlauer als
gut für sie‹ ist beschrieben wird, um nur die wichtigsten Laster aufzuzählen.
Dass die Achaz auch widerwärtige Essgewohnheiten haben sollen, muss
wohl als gehässige Unterstellung angesehen werden.
Um des heimlichen Regelbrechens Herr zu werden, schufen die
Beinahegötter die Sskrrim-Schergen, die meist unserem Volk entstammten.
Diese Wahl hatte zwei Gründe. Der eine war, dass die Beinahegötter den
Altvorderen wegen ihres aufrechten Wesens nicht zutrauten, zu heimlichem
Regelbrechen fähig zu sein, der andere wird offensichtlich, wenn man sich
vergegenwärtigt, welch geheimnisvolle Dinge unter diesem Felsen verborgen
sein könnten.«
Obwohl unsere Bibliothek nicht auf einem Felsen wuchs, sondern auf
einem Mauerrest, sahen wir sofort nach. Als wir nichts Spannendes
entdeckten, verstanden wir, was die Bibliothek uns hatte mitteilen wollen.
Linksauge sprach derweil weiter: »Der Entschluss der Altvorderen, alle
Achaz aufzufressen, die der Sskrrech nach Maru-Zha geführt hatte,
verdammte die Sskrrim-Schergerei oder Sskrriminalistik notgedrungen zu
einer toten Wissenschaft. Nach Ansicht dieser gelehrigen Maru muss das
nicht so bleiben, da man die alten Vorgehensweisen auch in Gedankenspielen
betreiben kann, was die Geisteskraft erhöht und ohnehin unserem Wesen
entspricht.
Wer einen Regelbrecher, auch Schurke genannt, aufspüren will, wird nicht
umhinkommen, sich zunächst selbst zu erforschen. Nach Erkenntnis dieser
Maru ist es unausweichlich, dass er sich hierzu zweihundertundzwölf
einführenden Fragen stellt ...«
Jäh verstummte Linksauge und fragte uns, ob wir das wirklich alles hören
wollten.
»Unter keinen Umständen«, antworteten wir. Das klinge jetzt schon
äußerst bedrohlich! Zumal es bei zweihundertzwölf Fragen vermutlich nicht
bleiben werde. Wahrscheinlich müsse man ein hart gesottener Mentor sein,
um sich so vielem Wissen auf einmal aussetzen zu dürfen.
Er schätze das genauso ein, pflichtete Linksauge erleichtert bei.

Da uns die Bibliothek nicht von großem Nutzen gewesen war, mussten wir
auf unsere Geistesgaben vertrauen. Nahe liegend erschien, zunächst Klein-
Imeldes Geschichte auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wir ließen uns
die fragliche Au zeigen, die – für saftige Auen nicht ungewöhnlich – die
Eigenart besaß, üppig mit Gras bewachsen zu sein, was zwei Tage nach dem
Verbrechen dessen Aufklärung erschwerte. Hilfreich war jedoch, dass das
Schwein Putzi-Putzi, den Eigenarten seiner eigenen Art frönend, sich
rechtschaffen bemüht hatte, der Wiese den Stempel seiner Anwesenheit
aufzudrücken: An mehreren Stellen hatte es die Erde im Verlangen nach
leckeren Graswurzeln mit dem Rüssel aufgebrochen und im Dreck gewühlt.
An einer solchen Stelle entdeckten wir den Fußabdruck eines F'zzmechs, der
sich mit einem offenbar gleich alten Zehenabdruck Putzi-Putzis überschnitt
und nicht von Klein-Imelde stammen konnte. Also war vor zwei Tagen noch
eine weitere Person hier gewesen, über die wir sogar schon eine Aussage
treffen konnten.
Auf dem Schiff hatten wir tagelang mit angehört, wie Zh'Urakrra und
Ch'Oorr'ck immer neue Lügengeschichten erfanden, um Fadenbart den
Verbleib des Goldes zu erklären, das er nie erhalten hatte. Besser als jeder
andere wussten wir, wie wenig das Aussehen einer Person zu besagen hatte.
Für uns stand fest, dass Klein-Imelde verzaubert worden war. Also befand
sich Putzi-Putzi im Besitz einer zauberkundigen Person!
Nun hieß es »immer der Nase nach«, wie uns in Tuzak geraten worden
war. Der Fußabdruck verriet uns die grobe Richtung, der wir folgen mussten.
Er hätte uns nicht zum Ziel geführt, wenn wir nicht noch mehr gefunden
hätten: eine zerquetschte Blutbeere, das Blatt einer Blume, die Mutter
Adaqua »Heckenorchidee« nannte, und einen Gabelgrashalm.
Mutter Adaqua wusste zwar, wo Heckenorchideen und Blutbeeren nahe
beieinander wuchsen, dass es jedoch so etwas wie Gabelgras überhaupt gab,
schien ihr unbekannt zu sein. Dennoch dauerte es nicht sehr lange, bis wir ein
Stück außerhalb unseres üblichen Betätigungsfeldes vor einem der
verbreiteten, würfelförmigen und mit Lehm verputzten Häuser standen. Das
Schwein Putzi-Putzi sahen wir nicht, hörten es aber. Es hielt sich im Innern
des Hauses auf.
Wir traten unaufgefordert ein. Weil wir in feindseliger Absicht kamen,
war unser Benehmen weder unschicklich noch schamlos. Von einer
Verrohung unserer Sitten konnte also nicht die Rede sein.
Da uns Putzi-Putzi nicht als seine Erretter betrachtete, sondern als
Erfüllungsgehilfen eines seit Jahren gefürchteten Schicksals, bekundete es
seine Abneigung uns gegenüber mit furchtsamem Quieken. Vielleicht hatte
sich Putzi-Putzi aber auch in seinem kleinen, schmackhaften Schweinehirn
zurechtgereimt, dass die vier Besucher, die wie F'zzmechs aussahen, aber
nach seinem untrüglichen Schweinegespür Marus waren, sich einer
heimtückischen List bedienen wollten, deren Durchschauen ein kluges
Schwein unverzüglich aller Welt bekannt geben musste. Wer kann das schon
wissen?
Es schien ratsam, uns statt mit dem Schwein mit der Hauptbewohnerin des
Hauses auseinander zu setzen, einer F'zzmech-Frau, deren Geruch verriet,
dass sie großzügig einem Getränk zugesprochen hatte, das ihre Artgenossen
als »geistig« bezeichneten, ihnen aber nach unseren Beobachtungen nie zu
verstandesmäßigen Höhenflügen verhalf.
Die Frau schien auf ihrem Stuhl eingeschlafen zu sein, während sie mit
einem Holzstift auf eine mit Wachs beschichtete Tafel etwas geschrieben
hatte. Beide Gegenstände waren ihren Händen entglitten und lagen zu ihren
Füßen. Sie sah uns verstört an, als sie uns bemerkte, uneins, ob wir einem
Traum entsprungen seien oder wirklich zugegen.
Ich unterrichtete die Frau, dass wir gekommen seien, um das Schwein
zurückzufordern, und überdies gewillt, ihr übel mitzuspielen, sollte sie es
abermals zu stehlen wagen.
Griesgrämig blickte uns die Bewohnerin des Hauses an. Sie krächzte, wir
sollten sie allein lassen, räusperte sich laut – und war plötzlich
verschwunden!
Auf dem Stuhl, auf dem sie gerade noch gesessen hatte, erblickten wir nun
eine junge, bildhübsche Maru, die sich als unsere Freundin ausgab und uns
vorhielt, auf Klein-Imeldes Lügen hereingefallen zu sein.
Ich lobte die Maru ihres Aussehens wegen, ließ aber nicht unerwähnt,
dass wir nicht so einfältig seien, uns durch ihre Zauberkunst täuschen zu
lassen.
Das war vielleicht verkehrt, denn augenblicklich wich der grünbraune
Augenschmaus der nicht annähernd so angenehm anzuschauenden F'zzmech-
Frau.
Sie blickte uns noch griesgrämiger an, runzelte die Stirn, grummelte
unverständliche Dinge und riss jäh die Augen auf. Verwunderlich war das
nicht, da unversehens und sicherlich durch ihr Zutun Zziriff in seiner
wirklichen Gestalt unter uns stand!
»Ein Echs!«, stieß die Frau aus. »Ihr habt eine wilde Echse dabei!«
Eine sei nicht ganz richtig, antwortete ich freundlich.
Schweine gehen gern langsam. Das Schwein Putzi-Putzi dagegen hatte es sehr
eilig, als wir es am nächsten Tag zu Klein-Imelde brachten. Hätten wir es
nicht an der Leine geführt, so wäre uns das undankbare Tier unweigerlich
davongerannt. Immerhin erfuhr dadurch jeder im Viertel von unserem Erfolg.
Klein-Imelde erzählten wir, dass sie von der tanzenden Diebin nichts
mehr zu befürchten habe, da sie sich nun an einem anderen Ort aufhielte.
Dass es sich streng genommen um vier Orte handelte, behielten wir für uns.
Unsere als Sskrrim-Schergen tätigen Vorfahren mögen sich nicht so gut
auszudrücken gewusst haben wie wir, doch manches Mal waren sie recht
gewitzt.

3.

Büttel zu sein machte Spaß! Wir freuten uns immer, wenn jemand kam, der
von unserem Spürsinn gehört hatte und unsere Hilfe verlangte, vor allem,
wenn das Leid des Betreffenden mit geheimnisvollen Begleitumständen
verbunden war. Leider geschah das viel zu selten, da die Bewohner des
Viertels nicht schlau genug waren, spannende Schurkereien auszutüfteln, und
ihre kleinen Gaunereien meist selbst aufklärten.
Wäre es nach uns gegangen, so hätten täglich Scharen gewissenloser und
durch und durch abgefeimter Halunken über das Viertel hereinbrechen
können, um wahllos abwechslungsreiche Untaten zu begehen. Je mehr, je
lieber – je schlimmer, je besser!
Da uns diese Freude verwehrt blieb, nahmen wir die Gewohnheit an,
durch die Gassen zu streifen, um die Anwohner zu befragen, ob alles rechtens
sei. Wenn sie bejahten, so fragten wir so lange nach, bis sie sich dessen nicht
mehr sicher waren. Leider wurde unser Eifer bald als einer unserer
fremdländischen Scherze aufgefasst. Unser kurzzeitiger Plan, die erhofften
Untaten selbst zu begehen, war nicht tauglich, da wir einander sofort auf die
Schliche gekommen wären.
Bei einem der Streifgänge wurde uns erneut aufgelauert. Der Verdacht,
dass diese unliebsame Begegnung mit der vorhergehenden zusammenhängen
könnte, war nicht unbegründet.
Wieder handelte es sich um ein halbes Dutzend Strolche und abermals
befand sich unter den unfreundlichen Gesellen einer der bisherigen Büttel.
Diesmal waren die Besucher mit Schwertern bewaffnet statt mit Knüppeln.
Sie sprachen uns darauf an, ob wir die Alrik-Bande seien, die sich hier
neuerdings als »Lumpengranden« aufführe?
Das wüssten wir nicht, antworteten wir und rannten geschwind nach
Hause, um unsere Schwerter zu holen. Selbstredend waren wir schneller als
unsere Verfolger, die wir leicht abschütteln konnten. Sie mussten erst
jemanden misshandeln, bevor sie erfuhren, dass wir bei Mutter Adaqua
untergekommen waren. Als sie endlich zu uns fanden, stürmten wir aus dem
Haus heraus und flüchteten zum Fluss, wo wir uns ihnen stellten. Wir hatten
nicht vergessen, dass wir kein Aufsehen erregen durften.
Unsere Verfolger waren nicht halb so klug wie Putzi-Putzi; das Schwein
wäre nie auf den Gedanken gekommen, sich als zähnefletschender Wachhund
zu gebärden. Sie aber hatten sich in den Kopf gesetzt, uns mit Klingen
anzugreifen, mit denen sie nicht umgehen konnten.
Sie fanden nichts Ungewöhnliches daran, dass wir, die Minderheit, sie zu
umzingeln und an der Flucht zu hindern trachteten, und dachten auch nicht
daran, dass ein Schwert, dessen Spitze stark gekrümmt ist, nicht nur beim
Hauen und Stechen, sondern auch beim schnellen Zurückreißen gefährlich
sein konnte.
So verlief der Kampf sehr einfach: Mein Gegner führte seinen Hieb. Ich
blockte ihn geschickt ab, führte den Gegenhieb mehr zur Ablenkung, um ihm
mit den Fußkrallen das Bein zerfleischen zu können. Er schrie auf, verstand
nicht, was ihm widerfahren war, während ich geschwind das Schwert in die
andere Hand wechselte und erneut zuschlug, bevor er alles begriffen hatte
und ab war sein Kopf! Das war nun wirklich keine große Angelegenheit.
Einer der Strolche kam wenigstens auf den Gedanken wegzulaufen,
nachdem Zziriffs Schwert seine Klinge zersplittert hatte wie einen dürren
Ast. Ein Zweiter wollte es ihm gleichtun, nicht bedenkend, dass man einem
Gegner, der so schön springen konnte wie Vetter Linksauge, niemals den
Rücken zukehren durfte. So kam es, wie nicht anders zu erwarten, dass jener
ihn ansprang und ihm den Nacken zerbiss. Währenddessen hatte der leidige
Vetter Einzahn entdeckt, dass sein neues Schwert eine gute Wurfwaffe abgab.
Als hätte er nicht bereits eines zerbrochen, als wäre sein neues nicht sündhaft
teuer gewesen!
Als der Kampf zu Ende war, standen wir über fünf niedergestreckten
Feinden und waren sehr verzweifelt. Erst neulich waren wir gezwungen
gewesen, eine Zauberin zu verspeisen, die etwas merkwürdig geschmeckt
hatte. Nun sollten wir gleich fünf ihrer Art aufessen!
Wir liebten Fisch, Wild, Schwein, Obst, Gemüse und Geflügel, liebten
Abwechslung und Vielfalt, wollten nicht zur Eintönigkeit verurteilt sein! Um
unserem schweren Los zu entrinnen, verfielen wir auf den Plan, unsere Beute
mit den Krokodilen zu tauschen. Eins der Ihren gegen alles, was wir besaßen,
war ein schlechter Handel und eine so große Verschwendung, dass uns noch
stundenlang unwohl deswegen war. Doch anders ging es leider nicht.

4.

Licht und Schatten, Hunger und Sättigung – selbst die besten Büttel können
nicht immer erfolgreich sein! Unsere erste Niederlage ließ nicht lange auf
sich warten. Wie unser größter Erfolg, so hatte auch unsere erste Schlappe
mit Klein-Imelde zu tun.
Das gelehrige Kind hatte dieses Mal gleich an unsere Belohnung gedacht
und eine Münze besorgt, die auch nach unserer Einschätzung aus Gold
bestand.
Katzi-Katzi sei verschwunden, eröffnete uns Klein-Imelde.
Auf meine berechtigte Frage, wer das sei, erwiderte sie, das erkenne man
doch schon am Namen: natürlich eine Katze!
So natürlich sei das überhaupt nicht, widersprach ich, da Putzi-Putzi auch
kein »Putz« gewesen sei, sondern ein Schwein. Wenn sie schon Tiere mit
Namen ausstatten müsse, so möge sie sich künftig einer einheitlichen
Namensvergabe befleißigen, etwa indem sie ein Schwein auch Schweini-
Schweini nenne.
Wie es denn Putzi-Putzi gehe, fragte ich, sogleich bemerkend, dass Klein-
Imelde die Frage unangenehm war.
Ihre Eltern hätten das Schwein dem Wirt gegeben, berichtete sie mit
erstickter Stimme. Der habe es geschlachtet.
Der Wirt habe klug gehandelt, entgegnete ich, drohe ihm bekanntlich oft
der Hunger und habe Putzi-Putzi auch sehr verlockend ausgesehen.
Diese Einschätzung mochte Klein-Imelde jedoch nicht teilen, wie sie mich
wissen ließ. Auch für meinen Vorschlag, die verschwundene Katze durch
eine der vielen anderen zu ersetzen, die es ihm Viertel gab, war sie nicht
aufgeschlossen. Nein, diese Katze musste es sein!
Das Fangen einer Katze, die erst seit wenigen Stunden als vermisst galt,
klang nicht sehr spannend und erst recht nicht so, als läge ihrem
Verschwinden ein ausgeklügelter Schurkenstreich zugrunde. Da das Gold
aber lockte, weil wir an unsere Heimreise denken mussten, beschlossen wir,
dass es völlig ausreiche, wenn sich Vetter Einzahn des Falles annehme.
Der Vetter blieb nicht lange fort. Allerdings kam er ohne Katze zurück,
weswegen wir ihm Vorwürfe machten.
Die seien nicht berechtigt, verteidigte er sich. Die Katze habe er gefunden,
und zwar auf einem Baum, den zu verlassen sie äußerst unwillig gewesen sei.
Als es ihm mit Mühe gelungen sei, sie herunter zu holen, habe sie sich arg
unleidlich aufgeführt.
Das sei kein Grund gewesen, sie wieder entfliehen zu lassen, tadelten wir
ihn.
Das habe er auch nicht, widersprach Einzahn. Auf dem Rückweg habe ihn
ein Hungergefühl überkommen, sodass es zwingend notwendig geworden sei,
Katzi-Katzi zu verspeisen.
Unsere Einwände, dass er auch eine andere Katze hätte essen können,
wusste der Vetter zu entkräften. Er habe nicht umsonst die Unleidlichkeit der
Katze erwähnt, die er ihr auch nicht zum Vorwurf machen wolle. Doch hätte
ein Versuch, einer anderen Katze habhaft zu werden, unweigerlich zum
Entkommen der ersten geführt. Ein Wagnis, das er nicht einzugehen bereit
gewesen sei.
Dieser vernünftigen Begründung konnten wir nicht widersprechen. Unklar
war uns aber, ob wir Klein-Imelde das Goldstück jetzt zurückgeben müssten.
Deshalb fragten wir Mutter Adaqua um Rat: Wir hätten gesicherte
Erkenntnisse, dass Katzi-Katzi aufgefressen worden sei und könnten Klein-
Imelde als Beweis die Knochen vorlegen. Einige wenigstens. Wie sie die
Lage einschätze?
Entsetzt äußerte Mutter Adaqua Zweifel an unseren Geistesgaben. Klein-
Imelde sei ein Kind! Selbst wir fremden Barb... wir aus der Stadt Maraskan
müssten doch wissen, dass man einer Sechsjährigen nicht erzählen könne,
dass ihre Katze aufgefressen worden sei, um ihr dann zusätzlich noch die
Knochen vorzuzeigen! Das sei grausam!
Kinder seien selbst grausam, wandte ich ein. Zumal, wenn sie sich zu
Horden zusammenschlössen, was zum Glück nicht oft vorkomme. Dann
allerdings sollte man tunlichst das Vieh in Sicherheit vor ihnen bringen. Nicht
unbedingt die Nashörner, aber auf jeden Fall Schweine und Federvieh. Zwar
würde niemand viel Aufhebens machen, wenn die Kleinen ab und zu ein
Schwein oder einen Vogel stählen, doch seien bei Kindern bekanntlich die
Augen immer größer als der Magen. Deswegen brächten sie in ihrer
grenzenlosen Einfalt kurzerhand die ganze Herde um, wenn man nicht
wachsam wäre. Ob sie, Mutter Adaqua, jemals einen Stall gesehen habe, in
den heimlich Kinder eingedrungen seien? Ein niederschmetternder Anblick
sei das. Man wisse sofort, dass das Essen in nächster Zeit sehr
abwechslungsarm werden würde.
Mutter Adaqua meinte, ich solle aufhören, dumme Reden zu schwingen!
Sie werde Klein-Imelde die schlechte Neuigkeit beibringen. Wir sollten uns
bloß heraushalten!
Als Mutter Adaqua abends unsere Auftraggeberin kommen sah, winkte sie
sie zu sich. Sie sei doch ein großes Mädchen, eröffnete Mutter Adaqua das
Gespräch. Katzi-Katzi habe eine Nachricht hinterlassen, dass sie nicht mehr
nach Hause zurückkehren werde. Klein-Imelde müsse sich deswegen keine
Sorgen machen. Der Katze gehe es gut. Sie spiele jetzt mit Herrn Boron.
Als Klein-Imelde begriff, was Mutter Adaqua damit sagen wollte, brach
sie in markerschütterndes Geschrei aus. Lauter hätte sie auch nicht werden
können, wenn ihr Einzahn gleich von seinem Spiel mit Katzi-Katzi erzählt
hätte.
Der Fall Tar Honak

1.

Obwohl Klein-Imelde ihre Dublone nicht zurückforderte, führte uns die


Münze vor Augen, wie langsam unser Reichtum wuchs und wie viele weitere
Goldstücke uns noch von der Heimfahrt trennten. Büttel zu sein machte zwar
Spaß, aber nicht reich! Daher waren unsere Gefühle gemischt, als uns der
Wirt, der uns als Hungerleider bekannt war, am selben Tag auf der Straße
ansprach.
Er sorge sich um den Verbleib eines seiner Zecher, erklärte er, eines
Mannes namens Tarquino. Er habe bereits eines seiner Kinder zum Hause
Tarquinos geschickt, um anzufragen, wie es ihm ergehe. So habe er erfahren,
dass sein Gast seit Tagen verschwunden sei.
Ob wir den Zecher Tarquino suchen sollten, fragte Linksauge. Der Wirt
wisse ja, dass wir für Gold ...
Er habe nicht vor, für Tarquino einen einzigen müden Dirham auszugeben,
da ihm sein Gast noch etliches schulde, unterbrach ihn der Wirt schnell. Er
vermisse ihn nur, und so sei ihm der Gedanke gekommen, dass uns vielleicht
Tarquinos Familie dafür bezahlen würde, den Verschwundenen wieder
aufzuspüren.
Wir bedankten uns für den Rat und ließen uns den Weg zu Zecher
Tarquinos Haus beschreiben. Dort angekommen, fragten wir eine Frau, die
vor der Haustür saß und damit beschäftigt war, einem schreienden Kind den
Hintern zu versohlen, ob hier der Zecher Tarquino wohne.
Ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen, gab die Frau zurück, dass sie bisher
nicht gewusst habe, dass wir seine Saufkumpane seien.
Wir auch nicht, antworteten wir. Der Wirt habe uns gesagt, dass sie uns
dafür bezahlen wolle, den Zecher Tarquino zurückzubringen.
Der Wirt träume, antwortete die Frau.
Sie stellte das Kind auf die Beine, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und
einen weiteren Klaps auf den Hintern. Mit einem leisen Schmerzensschrei
lief das Kind davon. Dann wandte sie sich uns zu: Der Verbleib des Zechers
Tarquino sei ihr einerlei. Sie sei froh, den trunksüchtigen Tagedieb endlich
los zu sein! Dennoch zöge sie der Nachbarn wegen vor, wenn wir über ihn
als »ihren Mann« sprächen und nicht als »den Zecher«. Dem Wirt könnten
wir ausrichten, dass er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern
solle! Sie sei nicht gewillt, Tarquinos Schulden zu bezahlen, und wenn wir
genau wissen wollten, wo der Lump abgeblieben sei, so sollten wir einige
Häuser weiter gehen und die »Schlampe Almira« nach ihm fragen.
Das taten wir. Die Schlampe Almira konnte uns aber nicht weiterhelfen.
Sie ließ uns wissen, dass Tarquinos Frau ein »übles Weib« sei, das sie
ständig bezichtige, Dinge zu begehen, die es nur in ihrer Einbildung gäbe.
Außerdem habe sie selbst einen »Kerl« – oder vielmehr einen gehabt. Leider
sei er vor ein paar Tagen wortlos verschwunden, und jetzt, da wir ihr erzählt
hätten, dass Tarquino auch weg sei, sei sie zu der Überzeugung gelangt, dass
»die beiden Schufte« gemeinsam das Weite gesucht hätten.
Unsere Frage, ob wir ihren Schuft zurückbringen sollten, beantwortete
Almira abschlägig. Das lohne sich nicht. Sicher fände sich bald ein neuer.

Am Abend dieses von Misserfolgen gezeichneten Tages fragten wir Mutter


Adaqua, ob öfter Leute im Viertel verschwänden.
Das komme vor, antwortete sie. Vor allem die Männer ließen gern die
Frauen mit den Kindern sitzen. Aber die Frauen handelten häufig genauso.
Nicht selten käme es auch vor, dass beide Eltern heimlich verschwänden und
die Kinder zurückließen.
Das hätte ich verstanden, unterbrach ich ihre Ausführung. Sicherlich
stahlen sich auch die Kinder unentwegt in hellen Scharen heimlich davon?
Mutter Adaqua blickte mich misstrauisch an und fragte, ob das bei uns
Maraskanern so üblich sei.
»Nein, nicht verbreitet!«, entgegnete ich und wechselte den
Gesprächsgegenstand. Ob sie vielleicht wisse, wie man reich werde?
Mutter Adaqua lachte: Wenn sie das wüsste, dann würde sie nicht mehr
hier wohnen. Denn reiche Leute lebten nicht unter armen Schluckern. Wenn
wir reich werden wollten, müssten wir uns mit reichen Leuten abgeben. Aber
da ich darauf zu sprechen komme: Noch gestern habe sie sich mit ihrer
Freundin über unsere Zukunft unterhalten. Sie seien sich einig gewesen, dass
es das Beste für uns sei, in die Arena zu gehen.
Was wir da sollten, fragte ich.
»Kämpfen!«, antwortete Mutter Adaqua. »Dabei kann man sehr reich
werden. Außerdem habt ihr vier es faustdick hinter den Ohren!«
»Nicht glaubhaft!«, gab ich zurück und erkundigte mich, wie man durchs
Kämpfen reich werden könne.
Das sei nicht schwer, erklärte Mutter Adaqua. Man ging in die Arena,
kämpfte gegen Mensch oder Tier, und wenn man besonders beliebt oder auch
besonders unbeliebt war, so kamen viele Zuschauer, um den Kampf mit
anzusehen. Je mehr Zuschauer, desto mehr Geld.
Unsicher, ob ich sie richtig verstanden hatte, fragte ich: »Sie bezahlen fürs
Zusehen?«
Mutter Adaqua nickte.
Das sei töricht, sagte ich ihr. Kämpfen mache zwar Spaß, aber Zuschauen
sei doch eher langweilig. Ob es am Ende auch jemanden gebe, der dafür
bezahle, dass er beim Essen zusehen dürfe? Das mache uns nämlich auch
Freude.
Ich solle sie nicht immerzu auf den Arm nehmen, ermahnte mich Mutter
Adaqua.

Den nächsten Tag erklärten wir zum Markttag. Darunter ist zu verstehen, dass
wir vorhatten, die Märkte der Stadt aufzusuchen, um uns dort zu verlustieren.
Die Stadt Al'Anfa war groß genug, um uns bei solchen Ausflügen immer
wieder Neues entdecken zu lassen. Dieses Mal war es ein Markt, der sich an
der Spitze einer Flussinsel befand und sich allein dadurch von anderen
Märkten unterschied, dass er von auffällig vielen Bewaffneten aufgesucht
wurde. Sie gehörten weder zur Stadtgarde noch waren sie dunkel gekleidet.
Ihre Gewänder waren farbenfreudig und ihre Bewaffnung uneinheitlich.
An den Ständen wurden vorwiegend gebrauchte Waffen und Rüstungen
feilgeboten, aber auch kleinere Tiere, die schon ohne unser Zutun verängstigt
waren. Wie wir erfuhren, wurden sie allein deswegen verkauft, damit ihnen
in einem Tempel die Adern zum Ausbluten geöffnet werden konnten.
Opfertiere nannte man die Ziegen und Vögel, von deren Ableben die
F'zzmechs sich die Gewogenheit ihrer Götter versprachen.
Am Rande des Marktes machten wir die Bekanntschaft Luzindo
Bonnareths, eines nach Pferdemist riechenden Mannes, dessen Zähne an die
Erzeuger des erwähnten Geruchs erinnerten. Er bestand darauf, uns in einen
Ausschank zu bitten. Wir folgten der Einladung, hoffend, dass sie zu einer
Mehrung unseres Wohlstandes führte.
Luzindo war ein Mann, der offenbar über alles lachen konnte. Er war
belustigt, als wir sein Angebot, uns ein kopfvernebelndes Getränk reichen zu
lassen, mit der Begründung ausschlugen, dass seine Sicherheit nicht mehr
gewährleistet sei, wenn wir die Einladung annähmen. Er war erheitert, als
wir auf seine Eröffnung, dass er trotz der Namensgleichheit nicht mit dem
Granden Bonnareth verwandt sei, antworteten, wir seien es auch nicht,
deshalb müsse er sich nichts daraus machen.
Wie uns Luzindo wissen ließ, waren ihm beim Bummel über den Markt
unser durchdringender Blick und unsere Schweigsamkeit aufgefallen. Er habe
sogleich erkannt, dass wir die Richtigen seien, da er zurzeit einige Leute
benötigte, die gut beobachten konnten und nicht schwatzhaft waren. Als ihm
Linksauge die übliche Antwort erteilte, lachte Luzindo erneut.
Er solle mit seinem Anliegen nicht länger hinterm Berg halten, sondern
frei sprechen, forderte ich ihn auf. Mittlerweile hatten wir eine beachtliche
Erfahrung in Geschäften gesammelt.
Das wolle er tun, versprach Luzindo. Ihn plage, dass jemand seine
Sklaven aufwiegle. An die Obrigkeit wolle er sich nicht wenden, da er deren
hartes Vorgehen scheue und nicht Gefahr laufen wolle, dass die Häscher der
Stadt kurzerhand die Hälfte seiner Sklaven zur Abschreckung umbrächten.
Das könne er sich nicht leisten, so wohlhabend sei er nicht. Daher sei er auf
den Ausweg verfallen, uns anzuheuern, damit wir heimlich Nachforschungen
anstellten und den fassten, der für die krausen Ideen seiner Sklaven
verantwortlich sei. Was wir mit dem Übeltäter dann anfingen, dass überlasse
er unserem Einfallsreichtum.
Das höre sich bisher nicht so schwer an, erklärte Lazzar. Um wie viele
Sklaven es sich denn handle?
Luzindo nannte ihm die Zahl.
Nicht nur Einzahn war erstaunt, doch der Vetter sprach aus, was wir alle
dachten, nämlich dass niemand Luzindo zutraue, so viele Gegner besiegt zu
haben.
Dieses Mal lachte Luzindo nicht, sondern lächelte säuerlich: Er habe die
Sklaven keineswegs eigenhändig gefangen, sondern von seinen Eltern und
Großeltern geerbt.
Unsere nahe liegende Schlussfolgerung, dass die Sklaven alle sehr betagt
sein müssten, erwies sich als falsch und brachte Luzindo zu der Einsicht,
dass unser Wissen über die Sklaverei nicht allzu tief gehend sei. Leider ließ
er sich dadurch zu der Unsitte hinreißen, uns fremden Barb... Unkundigen
einen Vortrag zu halten, den wir selbstverständlich nur in Bruchstücken
verfolgten: Seine Vorfahren seien unter Lebensgefahr beherzt in den
Dschungel vorgestoßen, wo sie alsbald die Wudus getroffen hätten, die
damals noch nackt, unsauber, götterlos und von allerlei Raubtieren bedroht
gewesen seien. Da hätten sie sich ihrer erbarmt und sie mit sich nach Hause
genommen. Als Gegenleistung dafür, dass sie bekleidet, vor Raubtieren
geschützt und von ihren falschen Göttern abgebracht wurden, und auch dafür,
dass Aufseher eingestellt wurden, die darüber wachten, dass sie sich immer
wuschen, seien die Wudus, ihre Kinder und Kindeskinder verpflichtet
worden, für Luzindos Ahnen und Kindeskinder zu arbeiten. Da die Sklaven
aber sehr unvernünftig wären, hätten viele von ihnen vergessen, wie
schrecklich es einstens im Urwald war, ganz nackt, schmutzig, götterlos und
gefährdet, und deshalb könne man sie leicht unzufrieden mit ihrem eigentlich
ganz guten Leben machen.
Luzindo lachte nicht. Wir auch nicht. Stattdessen nahmen wir uns vor,
gleich nach unserer Heimkehr den Nashornherden zu eröffnen, wie gut sie es
jetzt hätten, wo sie nicht mehr durch lange Flucht erschöpft und atemlos
werden konnten, wenn wir kamen, um sie aufzufressen.
Als Luzindo verstummte, versprachen wir, den oder die Aufwiegler zu
finden. Leider zeigte sich Luzindo zurückhaltend, was unsere Belohnung
anbetraf. Gold sähen wir erst, wenn die Aufgabe erledigt sei!
Damit zerschlug sich unsere Hoffnung, erst sein Gold zu nehmen und
danach das des Aufwieglers.

2.

Luzindos Plantage befand sich eine knappe halbe Wegstunde außerhalb


Al'Anfas, jedoch in der entgegengesetzten Richtung zu der, aus der wir in die
Stadt gekommen waren. Seine Sklaven wohnten in Hütten, wie wir sie vom
einfachsten Viertel Mirhams her kannten. Da wir den Besitz vormittags
erreichten, waren die Sklaven bei der Arbeit auf dem Feld, sodass wir uns
einen guten Überblick verschaffen konnten.
Wir entdeckten, dass die Angabe Luzindos über die »Kindeskinder«
wörtlich zu nehmen war, da offenbar jeder Bewohner der Siedlung, der alt
genug war, um sich selbst auf den Beinen zu halten, zur Arbeit herangezogen
wurde. Die, die zu jung dazu waren, hatten sich ältere F'zzmechs in tierhafter
Brutpflegesitte auf den Rücken gebunden, wo sie abstoßend hilflos quäkten,
sabberten und ihren Trägern mit ihrer Notdurft den Rücken beschmutzten.
Selbst ein junges Kätzchen oder Zicklein hätte mehr Anstand besessen.
Luzindos Angaben über die Aufseher der Sklaven entsprachen nicht ganz
der Wahrheit. Zwar waren sie wegen ihres Amtes nicht nackt, götterlos und
von Raubtieren bedroht, doch ließ ihre Reinlichkeit sehr zu wünschen übrig.
Unser Auftraggeber hätte gut daran getan, Aufseher für die Aufseher
einzustellen, wenn ihm und seinen Altvorderen so viel an Sauberkeit lag.
Wir machten drei Aufseher aus. Einer lag im Schatten eines Baumes und
schnarchte. Der Zweite stand untätig auf dem Feld und sah seine
vornehmliche Pflicht darin, das Hinterteil einer gebückt in seiner Nähe
arbeitenden Sklavin zu beaufsichtigen. Der Dritte hatte offenbar kürzlich
etwas Unbekömmliches verspeist, dessen er sich zu entledigen trachtete.
Die eigentliche Aufsehertätigkeit wurde von vier Sklaven wahrgenommen.
Wie alle anderen trugen sie Halsbänder aus Metall. Ihre Oberste war eine
hart arbeitende, rothaarige Frau, die – wie wir noch erfuhren – Bonzin
genannt wurde. Sie beherrschte drei Männer, die sie gelegentlich anschnauzte
und die ihre Anweisungen anschließend mit vermehrter Lautstärke an die
anderen Sklaven weitergaben.
Meine Vettern waren sich einig, dass das Ranggefälle im Ansatz
vernünftig, aber nach ihren Kenntnissen des Sklaven- und Tyrannenrechts
verbesserungsfähig sei.
Unser Auftrag stellte eine neue Herausforderung dar. Bisher hatten wir nur
Schurken finden müssen, die nicht gefunden werden wollten. Dieses Mal kam
erschwerend hinzu, dass sie nicht merken durften, dass wir sie suchten.
Ein Jäger, der seiner Beute nicht in vielerlei Hinsicht überlegen ist – etwa
eine Schabrackenwanze –, wird stets versuchen, sie zu übertölpeln. Zum
Beispiel indem er vorgibt, der Beute ähnlich zu sein, oder indem er
vortäuscht, etwas beliebiges anderes zu sein, nur nicht der Jäger.
Selbstverständlich kann er auch Fallen bauen und auf sein Opfer warten, aber
das ist im Allgemeinen sehr langweilig, es sei denn, man hat sich gerade den
Bauch vollgeschlagen und liegt sowieso träge in der Sonne, was jedoch nicht
die rechte Jagdstimmung aufkommen lässt.
Uns zu verkleiden war kein gangbarer Weg. Denn dank Zh'Urakrras
Zauber würden wir doch stets wie ordentlich bekleidete Maraskaner
erscheinen. Der einzige Ausweg, das zu ändern, wäre gewesen, uns zu
entkleiden. In dem Fall hätten wir wie nackte Maraskaner ausgesehen. Diese
Möglichkeit verbot sich ebenfalls, da sie überdeutlich den Eindruck erweckt
hätte, wir wollten die Sklaven zu einer Rückkehr zu den liederlichen Sitten
ihrer Altvorderen aufstacheln, was ihre Unzufriedenheit womöglich vermehrt
hätte. Deshalb lag es nahe, so zu tun, als seien wir etwas beliebiges anderes
– beispielsweise ortsfremde Maraskaner.
Wir zogen uns zurück, versteckten unsere Waffen und kamen wieder, um
den listigen Plan zu verwirklichen, den wir blitzschnell ausgetüftelt hatten:
Schätzlein warf dem schlafenden Aufseher einen Stein an den Kopf.
Der Aufseher schreckte hoch. Sogleich begannen wir ihn anzupöbeln und
mit Schimpfworten einzudecken. Das ließ er sich nicht lange gefallen. Im Nu
stand er auf den Beinen und zeigte eine seltsam gezackte Klinge vor, deren
Form unverkennbar dem Bedürfnis entsprang, einem Gegner vor seinem
Ableben viele schmerzhafte Wunden beizubringen und ihn langsam verbluten
zu lassen.
Der Aufseher drohte uns mit seinem Schwert, was uns nicht davon
Abstand nehmen ließ, ihn weiter aufzuziehen. Arbeit soll schließlich Spaß
machen! Bei dieser Gelegenheit lernte ich, dass Klein-Imeldes Schimpfworte
tatsächlich frei erfunden waren, da ihnen das Ziel unseres Spottes mit
Unverständnis begegnete.
Da auch die anderen beiden Aufseher aufmerksam geworden waren, galt
es zu handeln. Unsere Aufgabe war schließlich nicht, sie umzubringen.
Einzahn gab den Befehl zum Angriff, indem er kurz die Losung bekannt gab:
»Wie bei dem Eber!«
Zwar wusste Schätzlein nicht, was der Vetter damit meinte, wohl aber
Linksauge und ich, erinnerten wir uns doch an einen Vorfall aus wilder
Kinderzeit, als wir mit den drei Gelegen unserer Bündnistruppen über eine
Schweineherde hergefallen waren. Ich habe nie behauptet, dass es keine
dunklen Kapitel in unserer Kindheit gegeben hätte.
Drei tapfere Marus, die gegen einen F'zzmech antraten, das führte
umgehend zu dem erwarteten Ergebnis: drei Marus und einem Gefangenen.
Kurz darauf waren die anderen beiden Aufseher heran. Da ihnen nicht
entgangen war, wie flink wir ihr Oberhaupt überwältigt hatten, waren sie
unschlüssig, was sie tun sollten. Deshalb erklärten wir ihnen, dass wir bisher
nur Spaß gemacht hätten, da uns eine Schwäche für groben Unfug getrieben
habe. Sollten sie uns jedoch zur Last fallen, so seien wir entschlossen, ihren
Anführer den Krokodilen vorzuwerfen.
Diese Auskunft veranlasste einen der beiden, uns darauf hinzuweisen,
dass es weit und breit keine Krokodile gebe.
Das sei uns bekannt, erwiderte Einzahn. Doch da wir zu viert seien, wäre
es uns ein Leichtes, den Gefangenen bis zur Stadt zu tragen, wo sich
bekanntlich Krokodile im Fluss tummelten.
Um die Worte des Vetters zu unterstreichen, biss ich den Aufseher ins Ohr.
Nur so leicht, dass es unter uns als Ausdruck freundlicher Gefühle gegolten
hätte. Den Gefangenen veranlasste der Biss jedoch zu lautem Kreischen.
Um die Helfer des Aufsehers aus ihrer Handlungsunfähigkeit zu erlösen,
überließen wir ihnen nach einiger Zeit den Gefangenen mit der Begründung,
dass uns langweilig sei. Sein Schwert behielt Linksauge einstweilen – wie
ich dachte, um die drei von unüberlegten Handlungen abzuhalten. Tatsächlich
hatte der Vetter ganz anderes im Sinn.
Etwa hundert Schritt von dem Zusammenstoß entfernt sagte Linksauge zu
seinem Bruder, dass ihn bei seinen allnächtlichen Grübeleien eine Frage
nicht losgelassen habe: Zu gerne würde er doch erfahren, wie ein Schwert
durch einfaches »Herunterfallen« zerbrechen könne?
Einzahn antwortete, dass er bereitwillig vorführen wolle, wie das
hässliche erste Schwert, das wir für ihn gekauft hatten, zu Bruch gegangen
sei.
Er nahm die Klinge des Aufsehers und ließ sie fallen. Sie zerbrach nicht.
Auf unsere Frage, wieso das Schwert seltsamerweise nicht zersprungen
sei, antwortete der Vetter ernst, dass selbst wir für unser Misstrauen in ganz
Maru-Zha seit Marugedenken bekannten Marus schon einmal gehört haben
müssten, dass Versuche oft dazu neigten zu scheitern, wenn man sie vorführte.
Sollten wir nun jedoch vorschnell glauben, dass das nur eine Ausrede sei,
wolle er bereitwillig das Schwert nochmals fallen lassen, allerdings nun in
der Absicht, es nicht zu zerstören, sodass wir einsähen, dass manches doch
erfolgreich vorgeführt werden könne.
Wir antworteten ihm, das sei nicht nötig. Er könne das Schwert unbesorgt
liegen lassen.

3.

Nachdem wir uns somit als Personen eingeführt hatten, die alles andere als
Freunde der Aufseher waren, galt es, Verbindung zu den Sklaven
aufzunehmen. Als geeigneter Ort erschien uns ein kleiner Bach, der wie viele
andere aus dem Gebirge kam und zu dem die Bewohner der Sklavensiedlung
gingen, um Wasser zu holen oder ihre Wäsche zu waschen. Wir beschränkten
uns zunächst nur aufs Beobachten, was uns zu der Erkenntnis brachte, dass
sich die Sklaven in ihren Bräuchen unterschieden. Dies drückte sich etwa
darin aus, dass einige von ihnen sehr sparsam, andere wiederum sehr
verschwenderisch mit dem Wasser umgingen. Als seien die einen schon
immer daran gewöhnt gewesen, es als seltenes und kostbares Gut zu
behandeln, während die anderen Wasser als etwas betrachteten, das jederzeit
und in beliebiger Menge zur Verfügung stand. Wir schlossen daraus, dass sie
nicht aus derselben Gegend stammten, vermutlich verschiedenen Völkern
angehörten und nicht alle seit ihrer Geburt für Luzindo arbeiteten.
Der nächste Schritt verlangte, dass wir uns den Sklaven zeigten und sie
davon überzeugten, dass es nicht in unserer Absicht lag, grobe Scherze mit
ihnen zu treiben. Nach anfänglicher Scheu gewöhnten sie sich an unseren
Anblick, ohne jedoch zutraulich zu werden.
Nun sprachen wir sie an. Hätten wir alles für wahr genommen, was uns
die Mutigsten antworteten, so hätten wir zu dem Schluss kommen müssen,
dass es nichts in der Welt gab, das sie verstanden, wovon sie wussten oder je
gehört hatten, und dass es schon an ein Wunder grenzte, wenn sie von einem
Tag auf den anderen überlebten.
Der Verdacht drängte sich auf, dass die Sklaven uns etwas verheimlichten.
Um die Vermutung zu überprüfen, dehnten wir unsere Untersuchungen auf
eine benachbarte Sklavensiedlung aus. Das Ergebnis war dasselbe. Wer
immer hier wirkte, beschränkte sich nicht nur auf Luzindos Sklaven.
Nach einer Woche hatten wir überraschend Erfolg. Wir trafen den, der für
Luzindos Sorgen verantwortlich war. Er kam zu uns, als wir gerade bei der
Wasserstelle »Sagen oder Schlagen« spielten.

4.

Der F'zzmech gehörte zu der kleinen, schwarzhaarigen und bronzehäutigen


Sorte. Es gab andere, die sich in allen drei Eigenschaften unterschieden,
doch wussten wir nicht, ob der Färbung eine Bedeutung beizumessen war.
Der Erwähnte schlenderte geradewegs auf uns zu und sprach uns an: »Ich
bin da und habe Hunger!«
Mit Verwirrung vermerkten wir, dass uns der F'zzmech nicht nur höflich
begrüßt, sondern dabei die Stumme Sprache gebraucht hatte! Das Rätsel
klärte sich schnell: Hinter der Gestalt des Sklaven verbarg sich ein ganz
anderer: Zh'Urakrra, mein Mentor! Dass er so anders aussah, war nicht
verwunderlich. Im Gegensatz zu uns konnte er sein Erscheinungsbild
beeinflussen.
Ich machte Zh'Urakrra sogleich Vorwürfe, dass er mich zu dem Glauben
verleitet hätte, er liege unverspeist am Meeresgrund, was mich sehr
beunruhigt habe.
Diese Vorwürfe könne er zurückgeben, da er dasselbe von uns gedacht
habe, antwortete mein Mentor.
Das vernähme ich gern, entgegnete ich. Mir werde bei seinem Anblick
auch ganz rührselig zumute!
Das sei unter diesen Umständen verständlich und angebracht, erklärte
Zh'Urakrra. Solange man es nicht übertreibe, könne man sich für den
Augenblick Gefühlsduseleien hingeben.
Übertreibung sei nicht zu befürchten, beruhigte ich ihn. Mir sei bewusst,
dass sein Erscheinen für mich schwere Nachteile mit sich bringe.
Das stimme wohl, erklärte mein Mentor bedächtig. Nun sei auch er sehr
gerührt.
Nach dieser Äußerung sprangen wir Zh'Urakrra allesamt an, begruben ihn
unter uns, bissen und kratzten ihn, bis er meinte, nun sei es mit
Freundschaftsbezeugungen genug.
Anschließend erzählten wir uns gegenseitig, was uns seit unserer
Trennung widerfahren war.
Wie wir war Zh'Urakrra davon ausgegangen, der einzige Überlebende des
Schiffbruchs zu sein, was Fragen nach dem Wohl und Wehe der anderen
Mentoren erübrigte. Um die Schwere unseres Scheiterns abzumildern, hatte
er beschlossen, so viel Wissen wie möglich zu sammeln.
Mit unserer umgehend geäußerten Ansicht, dass er diese Tätigkeit nun
einstellen solle, war er nicht einverstanden. Erst müsse er sein Experiment
zu Ende führen, das ihm viel Mühe bereitet habe.
Ich erwiderte, das sei nicht möglich. Opfer müsse jeder bringen, wenn es
darum ginge, wieder nach Hause zu kommen, und unser Opfer sei gewiss
nicht kleiner als seines.
Welches unser Opfer denn sei, fragte Zh'Urakrra.
Das sei doch leicht ersichtlich, erläuterte ich ihm. Wir Büttel seien
schließlich beauftragt worden, den Schurken zu stellen, der die Sklaven dazu
aufwiegelte, sich nicht mehr zu waschen, nackt und allgemein götterlos zu
sein, und ihn dingfest zu machen. Das verbiete sich nun, da uns schwane, dass
er der schurkische Aufwiegler sei. Dadurch würden wir freiwillig auf den
Lohn verzichten, den uns Luzindo versprochen habe. Da uns das Gold nach
Hause hätte bringen sollen, opferten wir sozusagen unsere Möglichkeit zur
Heimkehr, genau genommen ein viel größeres Opfer als der Verzicht auf ein
vermutlich sehr närrisches Experiment. Hierbei spiele es keine Rolle, dass
wir die Dublonen nach der heutigen Begegnung gar nicht mehr nötig hätten,
da er – Zh'Urakrra uns nun die Schifffahrt ermöglichen werde.
Zh'Urakrra war uneinsichtig. Wie er behauptete, waren seine Forschungen
für alle Marus wichtig, während unsere Heimkehr – zumal sie nur um eine
kurze Zeitspanne verzögert werde – nur für uns wichtig war.
Ich forderte ihn heraus: Er möge uns sein Vorhaben schildern! Sollten wir
gespannt mehrere Sätze lang seinen Ausführungen folgen können, so solle er
seinen Willen haben. Andernfalls wir unseren.
Das sei lächerlich, meinte mein Mentor. Unsere Durchtriebenheit sei ihm
wohlbekannt. Deshalb wisse er jetzt schon, dass wir unweigerlich
Langeweile vortäuschen würden.
Durcheinander sprechend, bezeichneten wir Zh'Urakrras Behauptung als
gemeine Unterstellung und drängten ihn, endlich mit seiner langweiligen
Erzählung zu beginnen.
Er folgte der Aufforderung begeistert. In der Geschichte unseres Volkes
gebe es etliche Streitfälle unter den Gelehrten. Man wisse zwar vieles in
groben Zügen, aber nicht in allen Feinheiten. Daher habe er den Entschluss
gefasst, den Sklaven der Umgegend das Vierte Recht nahe zu bringen, um sie
zum Aufstand zu verleiten, woraus er nützliche Schlüsse über die
Altvorderen ziehen wolle. Sein Vorhaben kranke leider noch daran, dass er
erst zwei Sklaven habe überzeugen können, dass es nötig sei, die Aufseher
während des Aufstands zu verspeisen. Vorteilhaft sei unsere Bekanntschaft
mit dem Sklavenherrn, den man – mit einigen Abstrichen – mit dem
Beinahegott vergleichen könne. Für das Gelingen des Experimentes wäre es
zweifellos von Nutzen, wenn wir Luzindo beizeiten herlockten, damit ihn die
Sklaven nach dem Auffressen der Aufseher quälen könnten.
Widerwillig mussten wir eingestehen, dass Zh'Urakrras Experiment
keineswegs so langweilig war, wie wir gehofft hatten.
Linksauge warf ein, ob mein Mentor berücksichtigt habe, dass der
Sskrrech seinerzeit nichts über die Pläne der Altvorderen gewusst, Luzindos
dagegen bereits uns Büttel ausgesandt habe?
Über diese Verfälschung müsse er nachdenken, gab Zh'Urakrra zu. Doch
nun wolle er erfahren, wie es uns ergangen sei. Zuerst müssten wir ihm aber
verraten, ob es Dinge gäbe, die er vielleicht nicht wissen wollte?
Mir sei schleierhaft, wovon er rede, antwortete ich, froh über die
Warnung. Mein Mentor musste wirklich nicht alles wissen.
Als Zh'Urakrra vom Efferdherz hörte, sagte er, dass er den Edelstein
unbedingt haben wolle. Versehen mit einem Zeichen aus der Schrift der
Beinahegötter, könnte man ihn womöglich für nützliche Dinge verwenden.
Das gehe leider nicht, mussten wir eingestehen. Uns sei zwar bewusst
gewesen, dass der Stein für irgendwen wichtig sein könne, aber Zh'Urakrra
sei uns dabei nicht eingefallen.
Zum Ausgleich berichteten wir meinem Mentor von unseren anderen
Schätzen: der Kordel, der Klingel und der wachsbeschichteten Schreibtafel,
die wir kürzlich von der Zauberin erworben hatten.
Zh'Urakrra schwieg lange tief beeindruckt. Dachten wir jedenfalls. Dann
erkundigte er sich, was wir mit dem Plunder wollten. Er verfalle gelegentlich
in Zweifel, ob er in unserem Alter ähnlich gehandelt habe oder ob wir vier
vielleicht etwas wunderlich seien.
»Nein, nicht wunderlich, sondern weise!«, widersprach ich beleidigt. Ob
mein Mentor keine Augen im Kopf habe? Linksauge und Einzahn stammten
aus demselben Gelege, Schätzlein aus einem anderen und ich ebenfalls. Vier
Marus seien auffällig wenig, um drei vollständige Gelege zu sein. Wir hätten
daheim Brüder und Schwestern, die nach unserer Einschätzung ihr ganzes
Leben lang keinen glücklichen Tag mehr hätten, wenn wir sie bitter
enttäuschten und keine spannenden Dinge aus der Fremde mitbrächten.
Danach berichteten wir von Linksauges Seelenpein.
Zh'Urakrra äußerte darauf, in Rätseln sprechend, dass ihn nun keine
Zweifel mehr plagten. Ob jemand beobachtet habe, wie Linksauge –
abgesehen vom zufälligen Anbiss des Delfins – irgendetwas unbemerkt
gegessen habe?
»Selbstverständlich nicht!«, beteuerten wir. Linksauge habe mittlerweile
eine solche Meisterschaft im unbemerkten Verzehren entwickelt, dass ihm
nicht auf die Schliche zu kommen sei.
Zh'Urakrra ließ einige Zeit verstreichen, ehe er wieder sprach: Ein solch
schweres Leiden könne nur durch Magie geheilt werden. Für den Zauber, den
er zu wirken gedenke, sei es unabdingbar, dass Luzindo hierher gelockt
werde. Nicht jetzt, da die Sterne noch nicht günstig stünden, aber zu
gegebener Zeit.
Linksauge entgegnete darauf, dass er merke, wenn man ihn verspotte,
deshalb wolle er Zh'Urakrra wissen lassen, dass er seinen Worten mit
gehörigem Misstrauen begegne.
Vom Leiden des unbemerkten Essens habe er noch nie gehört, verteidigte
sich mein Mentor.
Gewiss habe er auch noch nie davon gehört, erwiderte Linksauge
ärgerlich, dass ein Maru einem Lieblingstier des Machtwesens, dem wir das
Sinken unseres Schiffes zu verdanken hatten, den Schwanz abgebissen hätte.
Zh'Urakrra wandte sich an uns andere: Ob wir schon einmal erwogen
hätten, Linksauge einige Nächte lang abwechselnd zu beobachten?
Das hätten wir in der Tat, antwortete ich. Nur seien Schätzlein und ich uns
einig gewesen, dass diese Aufgabe sehr langweilig werden würde, deshalb
hätten wir den Plan mehrheitlich verworfen. Einzahn wache gelegentlich
über Linksauges Schlaf, doch vor einigen Tagen habe ihm sein Bruder die
Fortsetzung dieser Nachtwachen streng verboten, mit der fadenscheinigen
Begründung, dass er dann überhaupt nicht mehr zum Schlafen käme.
Dann sei auch er ratlos, erklärte Zh'Urakrra.
Er wolle nicht, das wir unser Gespräch über sein Leiden fortsetzten, gab
Linksauge unwirsch von sich. Außerdem müssten wir dringend wieder
unseren Büttelpflichten nachgehen!

5.

Früher als beabsichtigt trafen wir wieder mit meinem Mentor zusammen,
nämlich schon am nächsten Tag. Dem Treffen ging ein Besuch in der Schenke
voraus, deren Wirt uns beim abendlichen Vorbeischlendern bemerkt und
hereingebeten hatte.
Wie üblich bot er uns zunächst eines der Getränke an, von denen er genau
wusste, dass wir es ablehnen würden. Wir hatten ihn schon früher gefragt, ob
das ständig wiederkehrende Angebot seiner Vergesslichkeit zuzuschreiben
sei, und damals erfahren, dass er sein absonderliches Verhalten als
Höflichkeit betrachtete.
Der Wirt war neugierig. Wie sich herausstellte, hatte er von Mutter
Adaquas Freundin vernommen, dass wir Kämpfer in der Arena werden
wollten. Als er erfuhr, dass wir gar nicht daran dachten, war er enttäuscht.
Unschwer war zu merken, dass er sich bereits einen längeren Vortrag unsere
Laufbahn betreffend zurechtgelegt hatte, dem wir durch unser schlichtes
Verneinen gewitzt entronnen waren. Gehemmt in der freien Entfaltung seines
Redeflusses, war der Wirt nun sprachlos. Zu seiner Erleichterung erinnerte er
sich des Zechers Tarquino. Er wollte wissen, ob wir schon etwas über
dessen Verbleib erfahren hätten?
Wir konnten ihm nur sagen, was uns Tarquinos Frau aufgetragen hatte,
nämlich dass er sich um seine eigenen Angelegenheiten scheren solle.
Damit war einer weiteren Unterhaltung gänzlich der Boden entzogen.
Dennoch wünschte der Wirt, dass wir noch weiter bei ihm verweilten.
Wir glaubten, den Grund zu ahnen, doch unsere Vorfreude, dass etwa
fremde Büttel bei ihm vorgesprochen und ihn bedroht haben könnten, wurde
leider nicht erfüllt. Stattdessen trug sich Rätselhaftes zu: Immer wenn ein
neuer Gast die Schenke betrat, tuschelte der Wirt mit ihm. Da uns der
jeweilige Besucher währenddessen aufmerksam betrachtete, lag die
Vermutung nicht fern, dass wir der Gegenstand der Unterhaltung waren.
Diese Vermutung war richtig. Wie wir erkannten, wurde unsere Behauptung,
nicht in der Arena kämpfen zu wollen, keineswegs ernst genommen. Im
Gegenteil, schon schloss man die ersten Wetten auf unseren Sieg oder unsere
Niederlage ab.
Allzu überrascht waren wir darüber nicht. Dass F'zzmechs gern glaubten,
was sie glauben wollten, war uns nicht zum ersten Mal aufgefallen.
Bei unserem späteren Heimweg veranlasste uns ein schwaches Gelüst
nach Fisch zu einem Abstecher zum Fluss. Unterwegs erspähten wir zwei
Gestalten, die, bepackt mit einem Sack, ebenfalls dem Flussufer zustrebten.
Neugierig folgten wir ihnen, darauf bedacht, nicht bemerkt zu werden.
Die beiden führten uns zu einem Boot, das an Land gezogen worden war.
Kurz vor Erreichen des Ziels begann sich der Sack zu bewegen. Unser
Gelüst, ohnehin mehr auf Langeweile zurückzuführen als auf Hunger, war
augenblicklich verflogen. Frohgemut eilten wir zu den beiden Sackträgern
und fragten sie, welche finstere Schurkerei sie im Schilde führten.
Die Antwort verblüffte uns. Die beiden ließen den Sack fallen, aus dem
beim Aufprall ein Schmerzensschrei drang, und rannten davon! Linksauge
verfolgte sie ohne zu zögern, sprang den hintersten an, riss ihn zu Boden und
blieb der Einfachheit halber gleich auf ihm sitzen. Indes öffnete Schätzlein
den Sack. Heraus kroch ein dritter Mann. Als er uns und Linksauges
Gefangenen entdeckte, bedankte er sich überschwänglich bei uns als seinen
Errettern und verstieg sich zu der Mutmaßung, dass uns Herr Boron geschickt
haben müsse. Dass sein Herr Boron in diesem Fall als leichtes Hungergefühl
aufgetreten war, wollte er nicht gelten lassen. Doch da der Mann unsere
Gepflogenheiten kannte, gelobte er, unsere Mühe schon morgen, spätestens in
den nächsten Tagen mit Gold zu vergelten, wofür wir ihn lobten.
Der Befreite stammte aus unserem Viertel. Seine Geschichte war kurz:
Jemand hatte ihm aufs Haupt geschlagen und ihn in den Sack gestopft, in dem
er die meiste Zeit bewusstlos verbracht hatte.
Die Spärlichkeit der Geschichte ließ uns erwartungsvoll der Erklärung
unseres Gefangenen entgegensehen.
Zuerst stellte der Gefangene den Überfall als groben Scherz dar, dann als
Vergeltungsakt. Leider brachten ihn Nachfragen jedes Mal zum Zaudern oder
ins Stottern, zudem versicherte sein Opfer glaubhaft, dem Schurken nie
begegnet zu sein. Wozu der Scherz? Wofür Vergeltung? Wozu wurde das Boot
benötigt?
Unser Gefangener log! Für diese Erkenntnis hätten wir nicht der Stummen
Sprache bedurft, doch war sie hilfreich, da wir den verzweifelt nach
Ausreden Suchenden überführen konnten, die Unwahrheit zu sprechen, bevor
er seine Lügenmären zur Gänze vorgetragen hatte. Endlich gab er auf und
schwieg verstockt.
Rrual drohte ihm, ihn in den Fluss zu werfen, wo sich die Fische seiner
annehmen würden.
Was brächte uns das, entgegnete der Gefangene widerborstig. Die
Piranhas würden ihn auffressen, womit wir nichts gewonnen hätten.
Einzahn gab zu bedenken, dass Arbeit durchaus ihr eigener Lohn sein
könne. Außerdem müsse man ja nicht warten, bis er ganz aufgefressen
worden sei.
Er vertrüge keine Schmerzen, erwiderte der Mann. Er verlöre unter Folter
sofort das Bewusstsein. Darüber hinaus gebe es viel Schlimmeres als den
Tod.
»Was?«, fragten wir wissensdurstig, erhielten aber keine Erklärung.
So kamen wir nicht weiter.
Der, den wir befreit hatten, wollte nicht länger bleiben. Er bat darum,
gehen zu dürfen, und versprach abermals, uns mit Gold zu überhäufen. Wir
wussten, was davon zu halten war. Im Gehen fragte er, ob wir den
Gefangenen wirklich den Fischen überlassen wollten?
Einzahn beruhigte ihn. Das sei ein Scherz gewesen! Die Fische seien
nachts nicht mehr wach, und da sie nützliche Tiere seien, dürfe man ihren
Schlaf nicht stören.
»Hört, hört!«, murmelte sein Bruder. »Hört, hört!«

Als wir allein waren, forderten wir den Gefangenen auf, in den Sack zu
steigen. Da er nicht gehorchen wollte, schlugen wir ihm aufs Haupt und
steckten ihn hinein. Dann warfen wir den Sack in das Boot, stiegen selbst
hinein und ruderten aus der Stadt.
Wir wollten zu Zh'Urakrra. Dazu mussten wir den Gefangenen ein
gehöriges Stück des Weges tragen, weswegen wir glücklich waren,
unterwegs eine Karre stehlen zu können.
Da mein Mentor seine geschichtlichen Forschungen vorwiegend nach
Sonnenuntergang betrieb, fanden wir ihn wach vor. Als er den Sack erblickte,
der sich wieder zu bewegen begann, nahm er fälschlich an, Luzindo befände
sich darin, und schalt uns dafür, seine Anweisungen nicht abgewartet zu
haben.
Wir klärten das Missverständnis auf. Nicht der Sklavenherr befinde sich
im Sack, sondern ein in Ausübung unserer Büttelpflichten Inhaftierter, der uns
etwas verheimliche.
Zh'Urakrra wollte wissen, warum wir diesem eigentümlichen Erwerb
noch immer nachgingen. Er habe uns doch versprochen, uns nach Abschluss
seines Experiments wieder nach Hause zu bringen.
Ich belehrte ihn, dass es viel mehr Spaß mache, Schurkereien
aufzudecken, als sie auszubrüten. Außerdem träten wir damit in die
Fußstapfen der Altvorderen, nur dass wir uns nicht wie sie als Sskrrim-
Schergen bezeichneten. Wenn er so wolle, trieben auch wir geschichtliche
Forschungen, nur dass unsere im Gegensatz zu seinen unterhaltsam seien und
wir durch sie Ansehen bei unseren Schützlingen und Untertanen erlangt
hätten. Nun solle er unser bedächtiges Vorgehen loben, denn immerhin hätten
wir uns nicht verleiten lassen, den Gefangenen zum Reden zu bringen, indem
wir ihm zeigten, mit wem er es zu hatte. Zh'Urakrra wisse ja ...
Das wisse er, unterbrach mich mein Mentor.
Ich kann nicht sagen, worüber er mehr erstaunt war, ob darüber, dass wir
eine Bibliothek besaßen, oder darüber, dass wir sie benutzt hatten.
Als unser Gefangener aus dem Sack stieg und Zh'Urakrra erblickte,
flüsterte er tonlos: »Ein menschenfressender Wudu!«
Das stimme wohl, bestätigte mein Mentor, doch da sie beide allerbeste
Freunde seien, könne man über den kleinen Makel getrost hinwegsehen.
Unter dem Einfluss von Zh'Urakrras Zauberkunst leuchtete dem
Gefangenen die Erklärung ein. Sein nach wie vor vorhandenes Misstrauen
gegen uns andere bewog ihn zu flüstern.
Wir erfuhren nicht so viel, wie wir uns von der Befragung versprochen
hatten. Schuld daran war, dass es noch vieles im Leben der F'zzmechs gab,
das wir nicht verstanden, und dass von Tätigkeiten und Orten die Rede war,
mit denen wir nichts anzufangen wussten.
Wir lernten, dass der Gefangene und sein geflüchteter Kumpan nicht allein
und dazu ihm Auftrag eines schlauen F'zzmechs tätig waren, der sich dort
aufhielt, wo sich gelehrte F'zzmechs aufhielten, und leicht an Merkmalen zu
erkennen war, in denen unser aller Einschätzung nach F'zzmechs sich
ähnelten wie ein Ei dem anderen. Die Tätigkeit bestand im Fangen und
Entführen anderer F'zzmechs. Keiner Vermögenden, keiner Sklaven, denn
deren Verschwinden wäre aufgefallen, sondern ausschließlich solcher aus
den ärmeren Vierteln Al'Anfas, die niemand vermisste.
Aus welchem Grunde?
Vermutlich um sie zu verkaufen. Doch darüber habe er nicht nachgedacht,
behauptete der Gefangene.
Dann möge er das jetzt, seinem Freunde zuliebe, tun, forderte ihn
Zh'Urakrra auf.
Der Gefangene zierte und wand sich, trotz des Beherrschungszaubers.
Er glaube nicht, dass die Entführten zu Sklaven gemacht werden sollten,
um auf einem Landgut in der Umgebung zu arbeiten. Er argwöhne, dass sie an
einen fernen Ort verschachert werden sollten.
Schwitzend und silbenweise nannte er uns den vermeintlichen
Bestimmungsort: die Schwarzen Lande, das Reich des Toten Drachen. Dort
bestünde das fernere Los der Entführten vermutlich darin, einem
Machtwesen, einem Dämon, geopfert zu werden.
Die Erklärung klang nach einem neuen F'zzmech-Hirngespinst. Tote
Drachen sind vor allem eines: tot. Wir geschuppten Völker wissen genau,
wie wir einander einzuschätzen haben!
Unsere Neugier war damit befriedigt.
Zh'Urakrra erkundigte sich bei uns, ob wir den Gefangenen noch
benötigten oder ob er ihn behalten könne.
Wenn er ihn essen wolle, so müsse ich ihm davon abraten, entgegnete ich
meinem Mentor. Wir hätten mittlerweile leider den Verdacht bestätigt
gefunden, dass ein F'zzmech so wenig schmackhaft sei wie der andere. Er
solle sich lieber an Krokodile und Piranhas halten. Die seien lecker und sehr
zu empfehlen.
Daran habe er nicht gedacht, widersprach Zh'Urakrra. Vielmehr sei im
eingefallen, dass der Gefangene eine wichtige Rolle bei dem Experiment
übernehmen könne. Er habe uns doch von gewissen Anlaufschwierigkeiten
berichtet ...
Daran könne ich mich erinnern, bestätigte ich und erklärte großzügig, dass
mein Mentor den Gefangenen selbstverständlich behalten dürfe. Wir hätten
sowieso keine Verwendung mehr für ihn.
Wir verabschiedeten uns und machten uns auf den Heimweg.

Am nächsten Tag kam es vor Mutter Adaquas Haus zu einem Auflauf. Die
Neuigkeit von der versuchten Entführung und unserem Einschreiten hatte sich
herumgesprochen. Ein Großteil der erregten Menge war nur wegen unseres
Gefangenen zusammengeströmt. Unsere nichts sagende Auskunft, er sei
übergeben worden, wurde mit Befriedigung aufgenommen und bewog nicht
wenige, blutrünstige Mutmaßungen über das weitere Schicksal des Schurken
anzustellen, deren Grausamkeit selbst Krr'Thon'Chh die Sprache verschlagen
hätte. Ein kleinerer Teil war wegen verschollener Verwandter und Bekannter
erschienen, von denen im Licht des neuen Wissens geargwöhnt wurde, dass
sie aus anderen als den bisher angenommenen Gründen verschwunden seien.
Wir erblickten den Wirt in der Menge und einträchtig nebeneinander die Frau
des Zechers Tarquino und die von ihr als Schlampe bezeichnete Almira.
Selbst Klein-Imelde war gekommen, offenbar von einer Horde Kinder ob
ihrer Erfahrung mit uns zu deren Sprecherin ernannt.
Wir wurden bedrängt, die Vermissten zurückzubringen. Der Wunsch war
so groß, dass Linksauge nicht einmal erwähnen musste, dass wir für Gold
alles täten. Unverzüglich wurde in der Menge gesammelt, wobei eine
unerwartet große Zahl Kupfer- und sogar Silbermünzen zusammenkam.
Klein-Imelde beschränkte sich auf den verschwörerisch vorgebrachten
Hinweis, dass sie schon bezahlt habe und zudem ihr selbst niemand abhanden
gekommen sei. Sie spreche für andere Kinder.
Gegen den widrigen Beweis von Klein-Imeldes Erinnerungsvermögen
ließ sich schlecht etwas vorbringen. So ungelegen kam er uns jedoch nicht.
Denn gewiss hätte es Aufsehen erregt, wenn wir Klein-Imeldes Gefolge dazu
angestiftet hätten, in die Innenstadt zu strömen, um zu stehlen und Bettler zu
berauben. Von allein wären die anderen Kinder genauso wenig auf den
Gedanken gekommen wie ihre Anführerin. Sie waren eben kleine F'zzmechs,
unverständig, was die grundlegenden Dinge des Lebens anging. Eine Horde
Marukinder, halb so groß wie Klein-Imeldes Schar, hätte längst mit Beute
bepackt vor uns gestanden, eine in weiten Teilen verwüstete Innenstadt
zurücklassend, sodass unsere größte Sorge gewesen wäre, sie davon zu
überzeugen, irgendetwas an seinem angestammten Ort zu lassen.
Nun begann der leidige Teil. Wenn wir lediglich die Vermissten der
letzten sechs Wochen berücksichtigten, so hatten wir es mit acht Fällen
ungeklärten Verschwindens zu tun. Acht Männer, Frauen, Kinder, acht
Schicksale, acht eintönige und langweilige Berichte.
Wir lauschten zweien davon ernsthaft, zweien aus Höflichkeit, über die
restlichen vier behaupteten wir, schon alles zu wissen. Dann forderten wir
die Menge auf, sich zu zerstreuen, damit wir Büttel der Gerechtigkeit zum
Siege verhelfen könnten.

6.

Wie erfreulich! Wie spannend! Welch wunderbare Herausforderung! Rrual


gestand uns, dass er so aufgeregt sei, als hätte er bisher nur für diesen und
die kommenden Tage gelebt. Nun fühle er sich wie ein Altvorderer, der
alsbald dem Achaz-Schurken gegenüberträte, um ihm unmissverständlich ins
Gesicht zu sagen: Du machen! Wir wissen! Dich fressen, wenn nicht zugeben!
Ich wandte ein, dass es nicht den kleinsten Anhaltspunkte gebe, dass das
schmierige Achazvolk teils oder ganz in die Entführungen verwickelt sei.
Ich solle mich nicht so dusselig anstellen, gab Einzahn zurück. Er spreche
nur in Bildern, und wenn ihn eines nicht plage, dann sei das ein Heißhunger
auf rohen F'zzmech. Ihm gehe es um die Größe des Augenblicks, das
Genießen seiner Erhabenheit. Jemand, dessen allseits und allerorts bekanntes
Steckenpferd kleinliche Rechthaberei sei, könne das vermutlich nicht
nachvollziehen.

Wenn wir alles zusammentrugen, was wir bisher wussten, so waren wir
damit fertig, kaum dass wir begonnen hatten. Wir benötigten jemanden, der
uns mehr sagen konnte, also den, der unseren gestrigen Gefangenen
ausgesandt hatte: einen schlauen F'zzmech, der dort anzutreffen war, wo sich
gelehrte F'zzmechs aufzuhalten pflegten.
Wir stellten zunächst Mutter Adaqua die Frage, wo gelehrte F'zzmechs zu
finden seien.
»Zu Hause«, antwortete sie. Dort würden die Gelehrten tagaus, tagein
über Büchern und Schriften brüten, und da sie nie das Sonnenlicht erblickten,
würden sie dabei immer blasser und schwächlicher, bis sie irgendwann
stürben.
Da uns die Antwort nicht ganz so erschöpfend erschien, wie sie vorgab zu
sein, fragten wir Mutter Adaqua, ob Gelehrte vielleicht noch andere Orte
aufsuchten.
»Wirtshäuser, Tavernen«, antwortete sie, ohne nachzudenken. Dort
würden die Gelehrten krause, unverständliche Dinge reden und der
Trunksucht anheim fallen, sodass viele von ihnen unweigerlich vor der Zeit
stürben. Was die Fragen sollten? Wenn wir in der Arena reich werden
wollten, so müssten wir uns an reiche Förderer halten, nicht an Gelehrte,
denn die stürben oft bitterarm.
Unsere Fragen hätten mit den Vermissten zu tun, erklärte ich ihr. Wir hätten
beschlossen, jemanden zu finden, der uns allerlei Auskünfte geben sollte.
Nun möge sie uns verraten, wo wir so jemanden finden könnten.
Das wisse sie nicht, meinte Mutter Adaqua.
Diese Antwort führte uns schnurstracks zum Wirt. Als er erfuhr, warum
wir bei ihm waren, fragte er misstrauisch, ob wir etwa nicht mehr in der
Arena kämpfen wollten.
Das stünde außer Frage, beruhigte ich ihn. Selbstverständlich seien wir
nach wie vor entschlossen, dorthin zu gehen und jeden in Stücke zu hauen,
der uns vors Schwert käme. Wer wolle schon Gelehrter in Al'Anfa sein? Es
sei doch bekannt, dass deren hauptsächliche Eigenschaft sei, aus vielerlei
Gründen zu sterben.
Der Wirt runzelte die Stirn und meinte, irgendjemand müsse einen
falschen Eindruck bei uns erweckt haben. Alanfanische Gelehrte seien in
aller Welt berühmt!
Er stutzte und flüsterte: Wir seien doch nicht etwa erkrankt?
»Nein, kerngesund!«, gab ich zurück. Warum er frage?
»Wegen des Gelehrten«, erklärte er. Unter denen in der Universalschule
gebe es nämlich weltberühmte Heiler, weit bekannte Zauberer und hoch
geachtete Alchimisten. Dazu noch etliche weitere überall anerkannte
Forscher, von denen er nicht wisse, womit sie sich beschäftigten und – nun,
da er darüber nachdenke – es auch lieber nicht wissen wolle.
Die Universalschule sei also ein Tummelplatz von Gelehrten,
vergewisserte ich mich.
So könne man es ausdrücken, stimmte der Wirt zu und beschrieb uns den
Weg dorthin.

Die Universalschule lag im Nordosten der Stadt und war beinahe ein
Stadtteil für sich. Das Gelände war mit einer mannshohen, von Ziegeln
gekrönten Mauer umgeben. Einlass verschafften zwei schmiedeeiserne Tore
an entgegengesetzten Seiten des Grundstücks. Beide waren bewacht.
Jenseits der Mauer erhoben sich mehrere kleine und große Gebäude, die
durch gepflasterte Wege miteinander verbunden waren. Zwischen ihnen
wuchs kurzer Rasen, auf dem kleinere Gruppen von F'zzmechs saßen und
einem Redner oder einer Rednerin lauschten. Solche Grüppchen waren auch
unter den Bogengängen auszumachen, die um einige der Gebäude
herumführten.
Innerhalb der Häuser schien ebenfalls gelehrt zu werden, wie wir aus dem
Umstand schlossen, dass gelegentlich Scharen von F'zzmechs einem
Anführer hinein folgten.
Ein unerwartetes Hemmnis wurde uns offenbar: Wir suchten nur einen
F'zzmech. Hier hatten wir die Auswahl unter Hunderten!
Am Tor wurden wir von den Wächtern aufgehalten und gefragt, ob wir
hier studierten.
Wir verneinten wahrheitsgemäß und wurden abgewiesen. Nicht jeder
dürfe die Universalschule betreten. Deshalb sollten wir bitteschön wieder
gehen, bei Boron!
Wer denn die Schule betreten dürfe, fragte ich.
Schüler und Lehrer, wurde mir geantwortet.
Vorwurfsvoll fragte ich die beiden Wächter, ob etwas mit ihren Augen
nicht stimme. Selbstverständlich seien wir Lehrer, allseits bekannte Meister
unseres Faches und durch und durch gebildet.
So sähen wir gar nicht aus, meinten die Wachen. Insbesondere erweckten
wir nicht den Eindruck, als hätten wir je so viele Dublonen auf einem Haufen
gesehen, wie ein Gelehrter bezahlen müsse, um bei den Professores und
Doctores der ehrbaren Universalschule aufgenommen zu werden, nämlich
stattliche einhundert Stück! Wir erinnerten sie vielmehr an fremde Barb...
Herumtreiber ohne einen einzigen Dirham. Doch nun sollten wir bitteschön
weitergehen, bei Boron!
»Einhundert Dublonen«, wiederholte ich. Wie jeder Gebildete wisse,
belaufe sich also bei uns vier vielseitig beschlagenen Doctores und
Professores die Gesamtsumme auf vierhundert Dublonen. Hätte einer von
ihnen, den Wächtern, einen solchen Betrag aufbringen müssen, so sähe er
anschließend auch nicht mehr aus wie der Reichserztruchsess von Mirham.
Nun solle man uns bitteschön einlassen, bei Boron!
Die Wächter gaben sich noch nicht geschlagen: Wenn wir so gelehrt seien,
wie wir behaupteten, so falle es uns bestimmt nicht schwer, vorzulesen, was
auf der Mauer neben dem Tor stehe. Aber jetzt sollten wir lieber
weiterziehen, bei Boron!
Sie gaben uns nicht einmal die Gelegenheit einzugestehen, dass wir nicht
lesen konnten.
Reichlich verwirrt begaben wir uns zu einem großen Gebäude gegenüber
der Universalschule, dessen Mauern mit Schlangenreliefs geschmückt
waren. Wir ließen uns auf seiner breiten Treppe nieder, die zu einem
gleichfalls mit Schlangendarstellungen verzierten Bronzeportal führte.
F'zzmech-Gelehrte übertrafen den Rest ihrer Art an Eigentümlichkeit noch
um ein ganzes Stück. Während unsere Mentoren lediglich ein beunruhigender
Eifer ergriff, wenn sie die Gelegenheit erspähten, uns mit langatmigen
Vorträgen behelligen zu können, so waren diese Leute sogar noch bereit,
dafür zu bezahlen! Man hätte ganz verängstigt werden können, hätte
Krr'Thon'Chh nicht darauf verzichtet, uns mit einem solchen Gefühl
auszustatten.
Kein Wunder, dass F'zzmech-Gelehrte allesamt bettelarm starben und
Opfer der Trunksucht wurden.
Doch so leicht ließen wir uns von unserem Vorhaben nicht abbringen. Von
der Treppe aus beobachteten wir das Tor, wissend, dass es noch ein zweites
gab, bei dem wir unsere Kenntnisse anwenden könnten.
Es kam gar nicht so selten vor, dass jemand das Tor durchschritt. Einzelne
F'zzmechs und kleine Grüppchen betraten oder verließen das Schulgelände.
Einige hiervon erkannten wir zweifelsfrei als Studierende, da sie beim
Weggehen einen genauso befreiten Eindruck machten wie wir, wenn wir
unseren Mentoren entkommen konnten. Leidensgefährten ähneln einander. Nur
wenige, die Einlass begehrten, wurden von den Wächtern abgewiesen, einige
gar begrüßt, da sie offenbar bekannt waren, bei anderen wurde das Betreten
der Universalschule wortlos geduldet. Letzteren galt unser Augenmerk. Was
zeichnete sie aus?
Wir fanden die Antwort schnell, aber sie gefiel uns nicht: Die unbeachtet
Eingelassenen trugen Kappen, von denen Bändel mit Quasten herabhingen.
Selbst wenn wir solche Kopfbedeckungen in unseren Besitz bringen
könnten, so nützten sie uns nichts, denn sobald wir die Kappen aufsetzten,
würden wir dank Zh'Urakrras Zauber aussehen wie Maraskaner mit
maraskanischen Hüten.
Zum Glück war die Antwort falsch, wie wir etwas später bemerkten.
Nicht jeder trug eine Kappe! Was die Unbeachteten auswies, zum Betreten
der Schule berechtigt zu sein, waren Pergamentrollen und Schreibtafeln, die
sie mit sich führten.
Wir waren eben zu dieser Einsicht gelangt, als eine Frau, die die Treppe
hinaufsteigen wollte, bei uns verweilte und sagte, die Treppe gehöre zum
Tempel der Weisen Göttin und nicht zum Tempel der Herumlungernden.
Daher sollten wir uns lieber fortbegeben, bei Hesinde!
Unwillig folgten wir der Aufforderung.
Rrual meinte, er habe beim Hafen eine große, unförmige Statue entdeckt.
Wir verstanden die Anspielung: Der Ort Al'Anfa benahm sich neuerdings
arg mirhamisch!

7.

Als wir erneut beim Tor vorbeikamen, sprach uns eine weitere Frau an, die
sich seit geraumer Zeit in seiner Nähe aufhielt.
Sie habe unsere sehnsüchtigen Blicke gesehen, sagte sie, und wenn wir es
wünschten, so könnten wir mit ihrer Hilfe schon bald in den heiligen Hallen
der Universalschule wandeln. Dazu sei sie da, denn damit verdiene sie ihren
Unterhalt.
Da mir wenig glaubhaft erschien, dass es einen Berufstand gab, eigens
dazu gegründet, uns heimlichen Zutritt zu gewähren, fragte ich, wie das
angehen könne.
Die Frau räusperte sich, was ein schlechtes Zeichen war, da es lange
Ausführungen befürchten ließ.
Wie wir wüssten, erklärte die Frau, nehme die Universalschule nicht
jeden auf. Wer hier lernen wolle, sei daher verpflichtet, seine Eignung in
freier Rede unter Beweis zu stellen. Verlangt werde ein gelehrsamer Vortrag,
der zeige, dass man Grundkenntnisse seines Studienfachs besitze. Außerdem
werde man ohnehin nur auf Empfehlung zu der Prüfung zugelassen. Hier
komme sie nun ins Spiel, Phexlippa Nurrendo, angehende Doctora vielerlei
gelehrter Künste. In ihrer Eigenschaft als erfahrene Tutora bringe sie
Neulingen bei, was sie wissen müssten.
»Wie viel?«, fragte ich argwöhnisch.
So viel nehme sie nicht für ihre Mühe, antwortete Phexlippa. Wenn es
nicht anders ginge, so sei sie auch mit Essbarem zufrieden.
Davon spräche ich gar nicht, belehrte ich sie. Mir ginge es darum, wie
viel wir lernen müssten.
Das hinge von unserem gegenwärtigen Wissen und der Wissenschaft ab,
die wir erlernen wollten, erwiderte Phexlippa. Ob wir uns schon für ein
Fach entschieden hätten?
Sie solle nicht ausweichen, forderte ich Phexlippa auf. Sei mehr als eine
halbe Stunde erforderlich oder nicht?
Phexlippa hüstelte. Sie habe eigentlich nicht an Stunden gedacht, sondern
an mehrere Monde der Unterweisung, vielleicht sogar ein ganzes Jahr.
»Nein, nicht hinnehmbar!«, widersprach ich.
Phexlippa hüstelte erneut und schlug vor, dass wir ihr schildern sollten,
welche Schriften wir bereits gelesen hätten.
»Keine«, antwortete ich. Wir könnten überhaupt nicht lesen.
Phexlippa hüstelte zum dritten Mal. In dem Fall sei es unumgänglich, dass
wir ihre Dienste ein ganzes Jahr in Anspruch nähmen.
»Nein, nicht hinnehmbar!«, widersprach ich zum zweiten Mal. Außerdem
habe sie von freier Rede gesprochen, nicht von freier Lesung, und das
Sprechen müsse sie uns nicht mehr beibringen.
»Und später?«, erkundigte sich Phexlippa. Wie wollten wir später zurecht
kommen?
Dann sähe man weiter, gab ich zurück.
Phexlippa hüstelte zum vierten Mal: Wenn wir ihr gleich gesagt hätten,
dass wir »solche« seien, dann hätte sie das Gespräch abkürzen können. In
dem Fall rate sie uns, uns der Pflanzenkunde zu widmen, wissenschaftlich
auch Botanik genannt. Da müsse man nicht unbedingt lesen können.
Gärtnern liege uns gar nicht, klärte ich sie auf. Was könne man denn sonst
noch lernen?
Kriegs- und Kampfeskunst, schlug Phexlippa zögernd vor.
Das komme nicht in Frage, entgegnete ich. Man habe uns schon mehrmals
geraten, in der Arena zu kämpfen, und wenn wir das gewollt hätten ...
Phexlippa unterbrach mich. Ein Auftritt als Gladiator sei nicht mit dem
Erlernen der rondrabezogenen Wissenschaften zu vergleichen, schon deshalb,
weil es nicht üblich sei, dass die Schüler ihren Lehrern nach dem Leben
trachteten und sie erschlügen.
Das könne beim Kampf aber leicht vorkommen, warf Einzahn ein.
So leicht auch wieder nicht, erwiderte Phexlippa. Die Lehrer seien
immerhin Lehrer, nicht Schüler. Man könne davon ausgehen, dass sie den
Schülern weit überlegen seien.
Gewiss dächten die Lehrer dasselbe, beharrte Rrual. Doch Hochmut
komme bekanntlich vor dem Fall und schon sei der Lehrer tot!
Phexlippa hüstelte zum fünften Mal. Vielleicht sei dieser
Wissenschaftszweig doch nicht geeignet für uns.
Ich bat sie, weitere Vorschläge zu unterbreiten.
Sie zählte auf: Schifffahrtskunde ...
»Mitnichten!«, widersprach Linksauge heftig. Damit habe er bereits
schreckliche Erfahrungen gemacht.
Meridianisches Recht, Anatomie, fuhr Phexlippa fort.
Da klinge verlockend, meinte ich. Was Anatomie sei?
Das sei die Lehre von lebendigen Körpern unter besonderer
Berücksichtigung des menschlichen, wurde mir erklärt.
Das komme uns sehr zupass, sagte ich erfreut. Denn gerade mit lebendigen
Körpern, auch unter Berücksichtigung des menschlichen, kannten wir uns
sehr gut aus.
Das möge ich beweisen, forderte mich unser Gegenüber streng auf. Ich
solle ihr berichten, was ich vom menschlichen Körper wisse!
Bemüht um eine klare Antwort, begann ich von innen. Ich erwähnte Herz,
Lunge, Milz, Leber und Nierchen, beschrieb ihr Gewicht, ihre Größe, Form
und Farbe, ihren Geruch und Geschmack.
Phexlippa sah mich entgeistert an und flüsterte tonlos: »Geschmack?«
»Nicht aus eigener Erfahrung bekannt!«, beruhigte sie Linksauge rasch.
Ein wilder, menschenfressender Wudu habe uns davon erzählt.
»Ihr spracht mit einem wilden, menschenfressenden Wudu über den
Verzehr von Menschenfleisch?«, erkundigte sich Phexlippa, keineswegs
beruhigt.
»Flüchtig, sehr flüchtig«, behauptete Linksauge. Danach hätten wir ihn
selbstverständlich übergeben.
»Wem übergeben?«, fragte Phexlippa, die nicht so leicht zufrieden zu
stellen war wie die Bewohner unseres Viertels.
Sie wisse doch, mischte sich Zziriff ein. Sie wisse doch, nicht wahr? Da
müsse man doch nicht lange drüber reden?
Was immer es war, was Phexlippa Nurrendo wusste, es schien zu
beinhalten, dass ihr jäh die dringend anstehende Erledigung wichtiger Dinge
in den Sinn sprang. Flugs brachte sie das Tor zwischen sich und uns und eilte
über das Schulgelände, dabei immer wieder zurückblickend.
Wir hatten jedoch genug erfahren, um zu wissen, dass wir keine Tutora
benötigten.

Am Tag darauf versuchten wir unser Glück beim anderen Tor. Dieses Mal
führten wir eines unserer Mitbringsel mit, nämlich die Schreibtafel, die wir
von unserer vorübergehenden Bekannten erworben hatten, der verspeisten
Zauberin, die das Schwein Putzi-Putzi entführt hatte.
Wie der erfahrene Jäger weiß, erkennt man Hasen nicht nur an den Ohren,
sondern auch am Hoppeln. Gemäß dieser Einsicht befand sich die Tafel
zunächst im Besitz Linksauges, der sich benahm, als unterhielte er sich mit
mir. In Sichtweite des Tores entriss ihm Schätzlein die Tafel, einen bösen
Streich vortäuschend, und rannte davon. Lazzar setzte ihm sofort hinterher.
Als er den Dieb beinahe eingeholt hatte, warf Schätzlein die Schreibtafel zu
Einzahn. Der fing sie als scheinbarer Mittäter des Streiches auf und rannte –
von uns anderen verfolgt – durchs Tor.
Wie erwartet winkten uns die Wächter zu sich. Sie schalten uns wegen
unseres »kindischen und nicht standesgemäßen« Benehmens, doch die
Rechtmäßigkeit unseres Eindringens bezweifelten sie nicht.
Nun waren wir also auf dem Schulgelände, womit unser Plan endete, da
wir nicht wussten, wie wir weiter vorgehen sollten. Unser Büttelgespür und
plötzliche, segensreiche Eingebungen waren das Einzige, worauf wir hoffen
konnten.
Wir beschlossen, zunächst das Gelände zu erkunden, um danach in die
Gebäude einzudringen. Letzteres war eine etwas heikle Angelegenheit. Doch
da die Häuser keine Wohnstätten waren und wir uns überdies mit List, Lug
und Trug Zutritt verschafft hatten, was zwar kein eindeutig feindseliges
Handeln war, aber auch kein ausgesprochen freundliches, erschien uns unser
Vorgehen mit Anstand und gutem Benehmen verträglich.
Wir schlossen uns der erstbesten Ansammlung von F'zzmechs an,
lauschten einige Zeit und wandten uns dann der nächsten zu. Die Grüppchen
bestanden meist aus einem Redner oder einer Rednerin, vermutlich die
erwähnten Professores und Doctores, und einem halben bis ganzen Dutzend
F'zzmechs, die ihnen zuhörten oder nur so taten oder die sich unverblümt
anderen Beschäftigungen hingaben. Das war oft bitter nötig, da das, was sie
sich anhören mussten, sterbenslangweilig und mitunter himmelschreiend
falsch war.
Allzu ausgiebig konnten wir das eintönige Wortgeplätscher im
Allgemeinen nicht genießen. Wie wir lernten, zahlten nicht nur die Lehrer für
ihr eigenartiges Vergnügen. Auch ihre Schüler hatten eine Abgabe dafür zu
entrichten, dass sie angeödet werden durften.
Wer nicht bezahlte, dem blieb somit manches erspart!
Eigentlich eine sehr sinnvolle Einrichtung. Leider wandte sie sich gegen
uns, da die Professores bestens Bescheid wussten, wer eine Abgabe
entrichtet hatte und wer nicht. Wir wurden stets als Abgabeverweigerer
erkannt und danach nicht mehr geduldet.
Nachdem wir alle Professores im Freien kennen gelernt hatte, drangen
wir ins erste Haus ein. Schon die allenthalben in Regalen aufgereihten
Essensreste wirkten äußerst sonderbar: Gläser, gefüllt mit einer farblosen
Flüssigkeit, in der missgestaltete Körperteile von Tieren schwammen!
Noch eigentümlicher erschien uns ein Raum, aus dem es leicht nach Blut
roch. Beim Betreten gelangte man auf eine Galerie, auf der sich Schüler-
F'zzmechs drängten. Sie blickten in einen zylindrischen, sich nach unten
leicht verjüngenden Schacht, an dessen Boden ein Tisch stand, auf dem ein
stöhnender, mitunter schreiender Artgenosse lag, dem ein Lehrer-F'zzmech
mit Messern, Sägen und Meißeln erbarmungslos zu Leibe rückte.
Unverkennbar eine Opferstätte, wie wir zunächst vermuteten. Tatsächlich
ging man hier jedoch der Heilkunst nach.
Auf dem Weg zu einem benachbarten Gebäude rauschte ein schwarz
gekleideter Mann in wehendem Gewand an uns vorbei. Wegen seines
gegabelten Bartes, dem aufwärts gebürsteten und zu Hörnern verzwirbelten
Haupthaar und den vielen Ringen an den Fingern kam er uns vertraut vor. Wir
rätselten noch, ob er vielleicht der sein könnte, den wir vor einiger Zeit bei
dem Erzähler gesehen hatten, als der Mann jäh stehen blieb. Er wandte sich
um, starrte Einzahn an, ging einen Schritt auf ihn zu, hielt inne, starrte erneut,
eilte zu dem Vetter, entriss ihm unerwartet die Schreibtafel und wischte heftig
mit dem Daumenballen ab, was immer in das Wachs eingeritzt war. Er blitzte
uns an und wisperte: Ob wir irrsinnig seien? In Al'Anfa sei zwar vieles
möglich, doch nicht alles. Die Stadt sei immer noch eine Hochburg des
Boronglaubens, wie auch wir wissen sollten!
Mit einer herrischen Kopfbewegung befahl er uns zu folgen. Er führte uns
zu einem dritten Haus, in ein Gemach, das mit Gegenständen vollgestellt war,
deren Bestimmung sich uns entzog. Auf einem Tisch lag ein F'zzmech-
Schädel, der uns tot, augenlos und ungenießbar anstarrte. Da die Kammer
recht klein war, standen wir sehr beengt.
Er habe schon viel früher mit uns gerechnet, sagte unser Führer mit der
hohen, brüchigen Stimme, an die ich mich noch erinnerte. Er habe schon
mehrmals erfolglos nach der Zauberin geschickt. Was aus ihr geworden sei?
Ob das wichtig sei, fragte ich ausweichend.
»Nein, vermutlich nicht«, antwortete Silberring. Er sei verärgert, dass er
so lange hingehalten werde! Die Ware koste schließlich täglich Geld! Sie
wolle ernährt und bewacht werden. Er habe bereits erwogen, sie anderweitig
zu veräußern oder sie notfalls ganz abzustoßen. Wer wir überhaupt seien?
Ich eröffnete ihm, dass wir allesamt Alrik hießen.
Das sei ein trefflicher Scherz, höhnte Silberring. Wenn wir solche
Spaßvögel seien, dann könnten wir ihn zum Ausgleich auch »Tar Honak«
nennen. Das sei doch lustig! Ihm sei im Grunde einerlei, wie wir uns zu
nennen beliebten. Ob richtiger oder falscher Name, unsereins sei ihm
sowieso nicht angenehm. Das Ganze sei eine rein geschäftliche Beziehung,
mehr nicht! Kein Turteln, kein Getändel, nur Geschäft. Er erwarte Respekt!
Er erwarte, dass wir unseren Teil der Vereinbarung gewissenhaft erfüllten,
mehr nicht. Gewissenhaft! Auch wenn das Wort bei unsereins vermutlich
völlig fehl am Platze sei. Ob wir den Stein besäßen?
»Welchen Stein?«, fragte ich dumm.
»Das Efferdherz!«, antwortete Tar Honak. Urplötzlich versteifte er sich
und strahlte Misstrauen aus.
Wir sind Krieger, gewohnt, im Kampf Entscheidungen zu treffen, sind
selbst als Nestlinge schon unfehlbare Jäger, solange die Beute nicht zu
wehrhaft ist. Die Stumme Sprache ist eines der größten Geschenke, das uns
die Pflegemutter je vermachte. Während der F'zzmech sprach und ich
wortkarg antwortete, übernahm meine kleine Horde den Rest. Tar Honak war
nicht auf Einzahn aufmerksam geworden, weil Einzahn Einzahn war, sondern
weil der Vetter die Tafel trug, die wir der zauberkundigen Diebin des
Schweins Putzi-Putzi abgenommen hatten. Silberring-Tar-Honak sprach von
einer Zauberin! Etwas passte zusammen, das wir noch nicht als Ganzes
erkannten. Nun kam der Edelstein dazu.
Sicher besäßen wir den Stein, erklärte ich. Doch ein wenig Vorsicht sei
angebracht.
Ich beschrieb ihm das Efferdherz: daumengroß, blaugrün und mit einer
Chuchas-Glyphe versehen.
Tar Honaks Misstrauen wurde augenblicklich wie von einem starken
Wind weggefegt.
»Chuchas, nicht Chrmk?«, rief er erregt. »Kein Zweifel?«
Ich blickte ihn mitleidig an und erklärte, dass nur jemand, der nicht wisse,
wovon er rede, Chuchas- und Chrmk-Glyphen verwechseln könne. Ein Laie,
kein Fachmann wie ich! Wenn ich ihm sage, es handle sich um eine Chuchas-
Glyphe, so könne er das unbesorgt glauben. Doch nun möge er mir von der
Ware berichten.
»Siebzehn«, antwortete Tar Honak. »Zwei davon Kinder, der Rest etwa zu
gleichen Teilen Männer und Frauen. Ist das neuerdings wichtig für euch?«
»Nein, unwichtig«, sagte ich. Offenbar hatten wir den gefunden, den wir
suchten.
Wo die Ware sei, fragte ich.
Er werde jemanden schicken, der uns zu ihr brächte, wurde mir
geantwortet. Dann könne man Stein und Ware tauschen.
Mit dieser Auskunft mussten wir uns vorerst begnügen, obschon unser
erster Gedanke war, den F'zzmech kurzerhand dazu zu zwingen, uns mehr zu
verraten. Doch da Zwang bei seinem Helfershelfer nicht angeschlagen hatte
und wir genötigt gewesen waren, diesen zu Zh'Urakrra zu bringen,
verzichteten wir darauf. Die Torwächter hätten bestimmt Einwände
vorgebracht, wenn wir einen womöglich leicht angebissenen Professor an
ihnen vorbeigetragen hätten.
Die Einigung auf den Ort, an dem uns Tar Honaks Bote treffen sollte,
gelang erst nach längerem Verhandeln. Silberring wollte einem Treffpunkt in
der Nachbarschaft der Universalschule nicht zustimmen, während uns
wiederum nichts daran lag, dass der Bote in unserem Viertel erschien, wo
wir als tatkräftige Gerechtigkeitsstreiter bekannt waren. Zziriff schlug den
Fischtempel vor, was Tar Honak zu der unverständlichen Äußerung
verleitete, wir seien in der Tat Spaßvögel.
Linksauge stimmte ihm zu. Unsere Neigung zu Scherzen erkenne man
daran, dass der Vorschlag nicht ernst gemeint sei.
Nur für uns vernehmbar begründete er seine Ablehnung: Wir möchten
gefälligst auf seine Gefühle Rücksicht nehmen! Mit dem Fischtempel
verbinde er aus bekannten Gründen viel Schlechtes.
Dagegen ließ sich nichts einwenden. So einigten wir uns schließlich nach
Ablehnung mehrerer, angeblich leicht zu findender Örtlichkeiten auf eine
Stelle in der Nähe der Hafenmeisterei.
Tar Honak wäre es am liebsten gewesen, den Tausch noch am selben
Abend durchzuführen. Darauf konnten wir uns nicht einlassen. Wir
vertrösteten ihn zu seinem Unmut auf den übernächsten Tag, da der Stein an
einem nicht näher genannten und nicht leicht zu erreichenden Ort aufbewahrt
werde.

8.

Die Behauptung entsprach mehr oder weniger der Wahrheit, da ein Ort, den
man gar nicht kennt, mit Fug und Recht als nicht leicht zu erreichen
beschrieben werden kann. Wir hatten allerdings eine Vermutung, wo der
Stein sich befinden könnte. Deswegen begaben wir uns geradewegs zur
ehemaligen Wohnstatt der Zauberin, um sie zu durchsuchen. Als wir das
vermeintlich verlassene Gebäude betraten, schreckten wir eine kleine
Frauengestalt hoch, deren Anwesenheit offensichtlich denselben Grund hatte
wie unsere. Sie hatte mit dem Durchforsten der Behausung bereits begonnen.
Die Frau sah uns, fragte, was wir hier wollten, und behauptete, sich nur
zufällig und unabsichtlich in dem Haus aufzuhalten, was gewiss auch auf uns
zuträfe, die wir nicht in ihm wohnten. Deshalb sollten wir unverzüglich
wieder gehen.
So wirr konnte nur eine reden: Valeria!
Ich forderte unsere Reisegefährtin auf, uns das Efferdherz zu geben.
Das besitze sie nicht mehr, antwortete sie. Ohne Anlass wäre sie
schließlich nicht unabsichtlich und zufällig hier. Ihr Onkel und sein
Spießgeselle hätten sie betrogen.
Ob ihr Onkel ihr nicht Flaminios Dokumente überreicht habe, wollte ich
wissen.
Ich solle nicht so einfältig sein, ermahnte mich Valeria. Ihr Onkel – woher
ich überhaupt von ihm wisse? – habe die Dokumente nie besessen. Sie habe
uns doch erklärt, wie verfahren werden müsse. Doch wir hätten uns ja wie
üblich störrisch gezeigt. So habe sie sich in ihrer Not an ihren Onkel
gewandt, um den Edelstein zu veräußern. Der habe ihn ihr gestohlen und sei
auf und davon, was nie und nimmer geschehen wäre, wenn wir uns nicht
geziert hätten. Nun habe sie gehofft, dass ihr vermaledeiter Verwandter den
Stein wenigstens an diejenige veräußert habe, für die er ursprünglich
bestimmt gewesen sei – nämlich die Bewohnerin dieses Hauses –, oder dass
sich zumindest die »verdammten Pergamente« hier befänden.
Den Stein könne sie keinesfalls haben, versicherte ich ihr. Die Pergamente
dagegen schon, vorausgesetzt, es handle sich bei ihnen nicht um die, die wir
fürs Aufwischen und Verpacken benötigt hätten.
»Welches Aufwischen und Verpacken?«, fragte Valeria.
Das wisse ich nicht, entgegnete ich.
Plötzlich kreischte sie: Wir Holzköpfe hätten tatsächlich Flaminios
Dokumente vernichtet? Warum nur?
Das wisse ich ebenfalls nicht, erläuterte ich ihr, da es mit Dingen
zusammenhänge, von denen ihr schon bekannt sei, dass ich nichts über sie
wisse. Außerdem habe uns niemand gesagt, dass es sich um Flaminios
Dokumente gehandelt habe.
Valeria schien noch kleiner zu werden.
»Aber die Zauberin«, stammelte sie. Warum habe sie die Vernichtung der
Dokumente gebilligt? Wo sei sie überhaupt abgeblieben?
Das wisse ich schon gar nicht, erwiderte ich. So viel könne ich ihr jedoch
sagen: Die Zauberin sei nahezu spurlos verschwunden, und keiner von uns
rechne damit, ihr noch einmal zu begegnen.
Gemeinsam mit unserer Reisegefährtin durchwühlten wir gründlich das
Haus, und wenn ich gründlich sage, so meine ich gründlich. Valeria staunte,
denn solche Gründlichkeit hatte sie noch nicht erlebt. Leider war der Stein
nicht zu finden. Je klarer dies wurde, desto fahriger wurde Valeria. Als kein
Zweifel mehr daran bestand, dass sich das Efferdherz nicht hier befand,
fragte Valeria urplötzlich, ob sie schon erwähnt habe, dass sie uns seit
mehreren Tagen suche, um uns zu warnen.
Das habe sie nicht, antwortete ich. Wovor sie uns denn warnen wolle?
Valeria sprach ungewöhnlich zurückhaltend: Flaminio sei über den Verlust
des Steins, noch dazu ohne Gegenleistung, geradezu niederhöllisch ergrimmt.
Deswegen habe er uns wüste Häscher auf den Hals gehetzt, mit denen nicht
zu spaßen sei. Sie habe gehofft, den Stein oder die Pergamente zu finden, um
durch die Übergabe des einen oder anderen drohendes Unheil von uns
abzuwenden. Doch jetzt, da wir nichts gefunden hätten, sei es sehr schlimm
um uns bestellt.
Ich bedankte mich bei Valeria für ihre Fürsorge. Doch müsse sie sich um
uns nicht grämen. Wenn die Häscher kämen, dann würden wir ihnen der
Einfachheit halber uns selbst auf den Hals hetzten, denn mit uns sei ebenfalls
nicht zu spaßen, obwohl wir mitunter sehr schalkhaft seien. Nun könne sie
erleichtert wieder gehen, da wir solches ebenfalls vorhätten.
Valeria widersprach: Das sei ein schlechter Einfall. Sie könne uns eine
unschätzbar wichtige Beraterin sein. Wie das Sprichwort sage: Zehn Augen
sehen mehr als acht. Und dass sie vernünftiger sei, als wir alle zusammen,
habe sich oft genug erwiesen.
Sie möge nicht langweilig werden, forderte Linksauge sie auf. Wir
benötigten keine Beraterin und hätten jetzt wichtige Dinge zu bereden. Wenn
sie bleiben wolle, so möge sie es tun. Uns halte hier nichts mehr.
Valeria brach in Tränen aus. Wir könnten sie doch nicht alleine lassen!
»Warum nicht?«, fragte Linksauge.
Weil sie Angst habe, antwortete unsere Reisegefährtin. Denkbar sei doch,
dass die auf uns angesetzten Häscher nicht davor zurückschreckten, einem
hilf-, schutz- und harmlosen Frauenzimmer ein Leid zuzufügen.
Ob sie vielleicht Schutz suche, erkundigte sich Linksauge. Für Gold täten
wir alles!
Valeria war empört: Wir gefühllosen Rüpel wollten tatsächlich die
Notlage einer alten Freundin ausnutzen, die nur unser Bestes im Sinn habe?
Das habe sie doch gehört, entgegnete der Vetter. Das sei bei uns Bütteln so
üblich. Außerdem seien wir nicht gefühllos, sondern sehr gefühlvoll und
stünden in ständigem Kampf gegen Gefühlsduseleien mannigfacher Art.
»Büttel!«, rief Valeria erschrocken. Sie habe noch nie etwas Unrechtes
getan. Sie sei unschuldiges Opfer fortwährender übler Nachrede!
Sie solle nicht faseln, ermahnte Lazzar sie. Wir wüssten genau, dass sie
eine Diebin sei. Andererseits müsse sie wissen, dass es solche und solche
Büttel gebe. Wir seien solche. Ob sie wirklich Angst habe?
Große Angst, gestand Valeria, noch immer schluchzend.
In dem Fall wolle er sich mit einem Kupferstück begnügen, erklärte mein
Vetter, vorausgesetzt ...
»Annehmbar!«, unterbrach ihn Valeria schnell, ihr Schluchzen beendend.
Sie drehte sich um, sodass wir nur noch ihren Rücken sahen. Wir hörten
das Klimpern von Münzen. Als sie sich wieder umwandte, streckte sie
Linksauge die Hand entgegen, in der eine Kupfermünze lag.
Das sei alles, was sie besitze, behauptete sie.
Lazzar nahm das Kupferstück entgegen.
Nun zum zweiten Teil der Vereinbarung, sagte er.
»Welcher zweite Teil?«, erkundigte sich die Reisegefährtin, urplötzlich
wieder den Tränen nahe.
Der, den sie nicht habe hören wollen, belehrte sie der Vetter. Die Angst!
Nur der Angst wegen sei er von unserer üblichen Forderung abgewichen.
Nun solle sie gefälligst von ihren Ängsten berichten.
Ob er sich neuerdings als Seelenheilkundiger versuche, entgegnete
Valeria.
»Auszuschließen!«, antwortete Linksauge. Er wisse nicht einmal, was das
sei. Wir wollten nur, da uns Angst nicht bekannt sei, unser Wissen erweitern.
Er solle nicht prahlen, wies ihn Valeria zurecht. Jeder empfinde bisweilen
Angst.
»Wir nicht«, mischte ich mich ein. Uns habe man gelehrt, dass wir Angst
nur unter dem Einfluss von Zauberei empfinden könnten, und dass das Gefühl
sehr unangenehm sei. Trotzdem seien wir neugierig.
So eine seltsame Behauptung habe sie noch nie gehört, meinte unsere
Bekannte. Sie wolle unsere Bitte überdenken. Doch gegenwärtig halte sie es
für angebracht, uns nach Hause zu begleiten.
»Bitte« sei nicht das passende Wort, verbesserte Linksauge sie. Was wir
übrigens bei uns zu Hause wollten?
Sie werde bei uns wohnen, verkündete Valeria.
»Nein, nicht gefällig!«, widersprach ich.
Ich solle mich nicht anstellen, entgegnete unsere Reisegefährtin. Wenn es
um Leben und Tod ginge, dann müsse die Schicklichkeit zurückstehen. Sie
halte es für unumgänglich, uns Tag und Nacht und zu jeder Stunde mit Rat und
Tat zur Seite zu stehen.
»Schicklichkeit« sei wiederum nicht das passende Wort, warf Linksauge
ein. Ob ihr bewusst sei, dass wir in einem finsteren, feuchten Kellergelass
wohnten, aus dem gelegentlich sonderbare Gerüche drangen?
»Oh!«, sagte Valeria. Daran sehe man gleich, wohin es führe, wenn sie
nicht ständig auf uns aufpasse. Nun, da wir wieder unter ihrer Obhut stünden,
werde sich alles ändern. Als Erstes wollten wir eine bessere Unterkunft für
uns suchen.
Eine bessere Unterkunft als unsere könne ich mir kaum vorstellen, wandte
ich ein.
Einzahn beschwichtigte mich. Für Valeria unhörbar, ließ uns der Vetter
wissen, er habe gerade einen schlauen Plan erdacht, wie wir unsere
Reisegefährtin von ihrem Ansinnen abbringen könnten. Wir sollten ihn nur
machen lassen!
Was er plane, fragte ich vorsichtshalber.
Das würde ich schon sehen, antwortete Rrual verschmitzt.

Wir schlugen den Weg zur Schenke ein. Beim Gehen fragten wir Valeria, ob
ihr Tar Honak bekannt sei.
Den kenne doch jeder, antwortete sie.
Ob ihm zu trauen sei, wollte ich wissen.
Ganz gewiss, meinte Valeria. Heutzutage mehr als früher. Den meisten
Toten könne man trauen.
Er sei nicht tot, widersprach ich. Wir hätten erst heute in der
Universalschule mit ihm gesprochen.
Da müsse uns jemand einen Streich gespielt haben, urteilte Valeria. Tar
Honak sei gestorben, als sie noch ein junges Mädchen war.
Unser Tar Honak könne ein Nachfahre ihres Tar Honak sein, schlug ich
vor.
So lange liege ihre Kindheit nun auch wieder nicht zurück, dass man von
Nachfahren sprechen könnte, entgegnete Valeria beleidigt. Aber falls wir den
Sohn des alten Patriarchen Al'Anfas meinten: der heiße anders.
Dann könne unser Tar Honak vielleicht ein Vetter des anderen sein, gab
ich zu bedenken.
Oder ein Onkel, erwiderte Valeria. Das nächste Mal, wenn sie bei den
mächtigsten Familien der Stadt vorbeischaue, um ihnen den neuesten Klatsch
zu erzählen, wolle sie sich gleich über deren Verwandtschaft berichten
lassen. Das sei ein Scherz, falls ich das nicht bemerkt habe, denn woher solle
sie die Namen aller Verwandten der Honaks kennen? Wir seien offenkundig
belogen worden, denn in Al'Anfa herrsche nicht die Unsitte, dass jeder
denselben Namen trage wie bei gewissen Barb... fremden Völkern. Was wir
überhaupt in der Universalschule gesucht hätten?
Ich erklärte ihr, dass die Zauberin das Efferdherz an Tar Honak habe
veräußern wollen.
Valeria pfiff überrascht durch die Zähne. Dann lobte sie uns: Bei uns sei
also doch nicht Hopfen und Malz verloren! Es sei immer nützlich zu wissen,
wer nur Zwischenhändler sei und wer am Ende der Kette stehe. Welchen
Eindruck der angebliche Tar Honak auf uns gemacht habe? Viele Gelehrte
seien bekanntlich sehr weltfremd. Klar gesprochen: Könne man ihm
vielleicht ein Stück gefärbten Glases verkaufen?
Das wüssten wir nicht, antwortete ich. Wir hätten nicht lange mit ihm
gesprochen.
»Hm, hm«, brummte Valeria nachdenklich. Wie viel habe Tar Honak denn
für den Stein geboten?
»Siebzehn«, erklärte ich.
»Siebzehn was?«
»Leute.«
Das sei nicht wenig, rief Valeria aus. Ein solcher Handel komme jedoch
nicht in Frage! Sklaven dürfe man nur in Zahlung nehmen, wenn man sich mit
ihnen auskenne, was weder auf sie noch auf uns zutreffe. Am Ende würde
sich der ehrbare Gelehrte womöglich als Betrüger erweisen und uns
aufsässige Wudus unterschieben, die keiner kaufen wolle. Wenn wir – damit
meinte Valeria immer häufiger sich und uns – hingegen den kleinen Streich
mit dem gefärbten Glas verwirklichten, seien Sklaven wegen unserer dann
dringend erforderlichen Abreise nur hinderlich. Gold müsse es sein! Mit
einem Beutel Gold sei man immer reisefertig.
Ich klärte Valeria auf, dass es sich keineswegs um Sklaven handle,
sondern mutmaßlich um entführte Bewohner unseres Viertels, die wir zu
befreien trachteten.
Jetzt sei sie sprachlos, behauptete unsere Reisegefährtin und überschüttete
mich mit Fragen, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als ihr die
wesentlichen Zusammenhänge grob zu erklären. Valeria wurde zusehends
bleicher.
»Bei Boron! Bei Boron! Bei Boron!«, rief sie unablässig, als ich zu Ende
berichtet hatte. Erst als ich sie mit einem kräftigen Stoß zum Stolpern
brachte, verstummte sie für einen Augenblick. Danach beschwor sie uns unter
Tränen, von unserem Vorhaben abzulassen und Tar Honak künftig zu meiden.
Solche Leute seien ungemein gefährlich. Wer so schreckliche Verbrechen
begehe und andere Menschen den Dämonenknechten verkaufe, der sei
verdammt. Darum wissend, schrecke er vor gar nichts mehr zurück, selbst
nicht vor unvorstellbaren Scheußlichkeiten. Zwar täten ihr die Entführten
Leid, doch wenn wir uns nicht heraushielten, so bedeute das unweigerlich
unseren Untergang!
Sie müsse sich keine Sorgen machen, warf Linksauge ein. Wenn man uns
bisher den Untergang vorausgesagt habe, so sei es immer der Untergang der
anderen gewesen, nicht unserer, ausgenommen, wir hätten uns auf einem
Schiff befunden. Die Befreiung gehöre zu unseren Büttelpflichten.
Valeria schnitt ihm das Wort ab: Ob nicht andere Büttel dieser Pflicht
nachkommen könnten?
Das sei nicht wünschenswert, antwortete er. Zum einen hätten wir sie
mühsam vertrieben, zum anderen freuten wir uns alle darauf, der
Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen.
Valeria nannte uns eigensüchtig. Was solle sie machen, wenn uns der
falsche Tar Honak umgebracht hätte und Flaminios Häscher sie aufspürten?
Wir seien fein heraus, wir hätten gut lachen, denn wir seien dann längst tot.
Aber sie? Was sollte aus ihr werden? Hilflos und verlassen wäre sie der
Willkür roher Schergen ausgeliefert! Ob wir auch nur einen Augenblick lang
daran gedacht hätten?
Da wir in diesem Augenblick die Schenke erreichten, erübrigte sich eine
Antwort. Rrual fragte den Wirt, der Valeria neugierig beäugte, ob er ein
Zimmer besitze, dessen Tür man verschließen könne. Der Wirt bejahte und
führte uns die Treppe hinauf unters Dach, wo er die Tür zu einer schmalen,
länglichen Kammer aufschloss, die nur ein Bett enthielt. Valeria trat ein,
meldete Ansprüche auf das Lager an, und erklärte, wir müssten wohl oder
übel auf dem Boden schlafen. Rrual, inzwischen im Besitz des Schlüssels,
schlug die Tür von außen zu und verriegelte sie. Dem Wirt schärfte er ein,
Valeria nicht heraus zu lassen, gleichgültig, was sie vorbringe.
Mit argwöhnischem Blick auf die Zimmertür, die unter Schlägen von der
anderen Seite bebte, fragte der Wirt, ob Valeria mit den Entführungen zu tun
habe.
Einzahn bejahte. Sie sei eine wichtige Augenzeugin, die nicht in Gefahr
gebracht werden dürfe. Leider sei sie närrisch genug, nicht zu begreifen, in
welcher Gefahr sie schwebte, wenn sie außerhalb der Unterkunft angetroffen
würde.
Unbeschwert verließen wir die Schenke und lobten den Vetter seines
listigen Einfalls wegen. Der Beifall war verfrüht. Schon am nächsten Tag
hatte sich Valeria befreit und war bei Mutter Adaqua eingezogen. Nicht in
unser Quartier, sondern als Gast eines der Handwerksgesellen. Sie
verbrachte eine Nacht mit ihm, dann suchte sich der Geselle eine neue
Unterkunft.
Mutter Adaqua war über die Entwicklung noch weniger begeistert als wir.
So oft hatten wir sie noch nie zischen gehört und ihren faltigen Hals recken
und wieder einziehen gesehen. Einzahn war sehr angetan von ihrem Anblick.
Dieser Tag war auch schon der, an dem wir mit Tar Honak verabredet
waren. Da wir das Efferdherz immer noch nicht besaßen, hatte sich seit dem
letzten Treffen rein gar nichts geändert. Daher musste unser Bestreben darin
liegen, diesen leidigen Tatbestand so lange zu verschleiern, bis wir wussten,
wo die Entführten gefangen gehalten wurden. Kurzum: Wir wollten uns bis
zuletzt weigern, den Stein herzuzeigen. Danach wollten wir den Dingen ihren
natürlichen Lauf lassen.
Unser Plan hatte eine unübersehbare Schwachstelle: Was, wenn wir
gezwungen wären, den Nichtbesitz vorzeitig zu offenbaren, oder wenn
Umstände einträten, die des Aufsehens wegen natürliche Verläufe verboten?
Schätzlein schlug vor, Einzahn solle in diesem Fall reumütig eingestehen,
das Efferdherz zu Hause vergessen zu haben.
Die Ausrede gefalle ihm ausgezeichnet, stimmte der Vetter zu. Sie habe
nur zwei Haken: Zum einen lasse sie ihn in einem ungünstigen Licht
erscheinen, zum anderen sei sie viel zu vernünftig und entspreche damit nicht
dem Wesen der F'zzmechs. Denn deren Verlangen, baren Unsinn aufgetischt
zu bekommen, werde nur noch von ihrem Bedürfnis übertroffen, sich
sachkundig über Dinge äußern zu müssen, von denen sie nachweislich nichts
verstünden.
Linksauge unterstützte diese Ansicht: Wenn ihm auch nicht einleuchte,
warum sein Bruder vor Personen einen guten Eindruck erwecken wolle, die
wir mutmaßlich nach kurzer Bekanntschaft verspeisen müssten, so wolle er
ihm doch Recht geben. Erheblich glaubwürdiger wäre es, wenn Rrual
behauptete, ein Knochenmann sei gekommen und habe ihm denn Stein
weggenommen.
Diese Ausrede gefalle ihm wesentlich besser, stimmte sein Bruder zu.
Durch sie werde auch erklärt, warum er das Nichtvorhandensein des Steins
für sich behalten habe. Denn ein Maru, der sich von einem Knochenmann
etwas abnehmen ließ, sei bemitleidenswert und habe allen Grund zu
schamhafter Geheimniskrämerei. Allerdings – wenn er es sich recht
überlege, werde er nicht gern bemitleidet. Er könne doch behaupten, den
Knochenmann beherzt verfolgt zu haben, doch dann wäre aus heiterem
Himmel ein toter Drache gekommen und hätte den Dieb entführt. Dass er,
Einzahn, nicht des Fliegens mächtig sei, könne man ihm wohl kaum zum
Vorwurf machen.
Er solle nicht übertreiben, forderte ich den Vetter auf. Wie er sich
vielleicht erinnere, sei es eingangs nur um die einfache Frage gegangen, was
wir antworten wollten, falls man von uns zur Unzeit verlangte, den Stein
vorzuzeigen. Mittlerweile müssten wir gar erklären, warum der tote Drache,
in dessen Diensten wir angeblich stünden, uns beraubt habe.
Dafür wisse er eine überzeugende Erklärung, wandte Einzahn ein.
Daran würde ich keinen Zweifel hegen, unterbrach ich ihn. Doch wolle
ich seine Erklärung nicht hören. Es bleibe bei der Geschichte mit dem
Knochenmann!
Der Vetter murrte zwar noch eine Zeit lang, doch da ihm keiner zuhörte,
musste er sich schließlich fügen.

9.

In der Nähe der Hafenmeisterei erwartete uns ein langer, dürrer Bursche, der
uns als Erstes fragte, ob wir »ihn« dabei hätten.
Linksauge musterte ihn: Ob er wisse, wovon er rede?
Das wisse er nicht, gestand der Bursche. Da man ihm aber aufgetragen
habe, uns nur dann zu führen, wenn wir bejahten, müsse er die Frage stellen.
Ja sei die Antwort, eröffnete ihm Linksauge, was unserem offenkundig
sehr einfältigen Führer gut gefiel. Er geleitete uns vom Hafen weg und führte
uns danach in der Absicht, uns zu verwirren, im Kreis herum. Darauf
angesprochen behauptete er, auch das müsse so sein. Deshalb versuchten wir,
ihn davon zu überzeugen, dass es wenig sinnvoll sei, jemanden in die Irre zu
führen, der nicht nur darum wisse, sondern auch jederzeit den Weg
zurückgehen und Abkürzungen einschlagen könne.
Der Bursche blieb uneinsichtig. Schließlich forderte er uns auf, nicht
länger zu nörgeln, da wir es bald hinter uns hätten.
Dieser Ausbund an Einfalt brachte uns zu einem vor Schmutz starrenden,
plumpen Mädchen. Sie gab ihm eine Münze, worauf er eilig verschwand.
Uns fragte sie, ob wir »ihn« dabei hätten.
Sicherlich hätten wir »ihn« dabei, antwortete Linksauge. Ob ihre Aufgabe
ebenfalls darin bestehe, uns in die Irre zu führen?
Die Frau errötete und wirkte ratlos.
Linksauge schlug ihr vor, gleich den kürzesten Weg zum Ziel
einzuschlagen, womit viel Zeit gespart wäre.
Da wir anderen drei zustimmten, und zwar so, als sei es völlig abwegig,
etwas anderes überhaupt in Betracht zu ziehen, sah das Mädchen keine
andere Wahl, als unseren Wunsch zu erfüllen. Sie geleitete uns zu einer
Spelunke, vor der wir warteten. Nicht lange, und ein erzürnter Kerl stürmte
heraus. Er beschimpfte unsere Führerin, dass sie zu früh hier sei, hieß sie,
ihm aus den Augen zu gehen, und verweigerte ihr die Belohnung, die er ihr
anscheinend versprochen hatte. Abschätzend betrachtete er uns und gebot uns,
ihm in einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern zu folgen, der auf
einen Hinterhof führte. Dort, abseits der Straße, fragte auch er uns, ob wir
»ihn« dabei hätten? Wir nickten wortlos. Damit war der Mann nicht
zufrieden. Er wollte den Stein sehen. Offenbar kamen wir dem endgültigen
Ziel näher.
Wie abgesprochen weigerten wir uns. Wir begehrten, zuerst die Ware zu
sehen. Ohne Ware kein Stein!
Darauf lasse er sich nicht ein, erklärte der Mann. Ihm sei befohlen
worden, uns nur dann weiterzuführen, wenn er den Stein gesehen habe.
Andernfalls werde nichts aus dem Handel.
Wir blieben bei unserem Standpunkt. Als der F'zzmech mit einem
Achselzucken seine Bereitschaft zu Gehen ankündigte, fragte ich ihn, ob er
wisse, um welche Ware es sich handle? Auch wir seien vorsichtig.
Sicher wisse er das, antwortete er. Was die Frage solle?
Wenn er so genau Bescheid wisse, erklärte ich ihm, wie könne er sich
dann sicher sein, dass wir bei einem Scheitern des Handels nicht auf den
Gedanken verfielen, mit ihm Vorlieb zu nehmen?
Meine Worte beunruhigten ihn, zumal ihm erst jetzt auffiel, wie wenig klug
es war, als Erster in eine schmale Gasse ohne Ausweg zu treten. Ein Blick
von mir zu meinen Gefährten, die ihn stumm anstarrten, überzeugte ihn, dass
wir nicht spaßten.
Ich ließ unserem unwilligen Führer nicht mehr Zeit, als er benötigte, um
die Tragweite meiner Rede zu verstehen. Dann vergrößerte ich den Druck auf
ihn, indem ich seine noch nicht gefassten Entschlüsse aufgriff: Er solle nicht
hoffen, entkommen zu können. Und falls er sich einbilde, durch Geschrei
Hilfe zu erlangen, so möge er sich vergegenwärtigen, mit wem er es zu tun
habe.
Ich bemühte mich um einen versöhnlicheren Ton: Das Ganze sei nur ein
Geschäft, mehr nicht. Kein Tändeln und Turteln! Dennoch erwarteten wir
Respekt und gewissenhafte Einhaltung der Abmachungen. Auch wenn wir,
wie er wisse, ein Gewissen als völlig unnötig erachteten. Ob ich noch mehr
sagen müsse? Ob wir endlich die eine Ware gegen die andere eintauschen
könnten?
Der F'zzmech gab sich geschlagen. Vorsichtshalber nahmen wir ihn in
unsere Mitte, als er uns zurück ins Hafengebiet führte – ein Marsch in
bedrückendem Schweigen, dessen Stimmung an die Schwüle und Spannung
kurz vor dem Ausbruch eines Gewitters erinnerte.

So musste es jedenfalls unserem Führer erscheinen.


Er ahnte nicht, dass wir – für ihn nicht vernehmbar – fröhlich dabei
plauderten. Einzahn war von meinem Auftritt überaus angetan. Sogar als ich
ihm gestand, nur nachgeplappert zu haben, was Tar Honak zu uns gesagt hatte.
Das erkläre die Geschwätzigkeit, räumte er ein. Dennoch hätten ihm die
Worte gefallen. Wenn es ihm jedoch gestattet sei, Änderungsvorschläge
vorzubringen ...
Kurzum: Wir nützten das Furcht einflößende Schweigen dazu, an meinem
Vortrag zu feilen, damit der nächste F'zzmech bei ähnlicher Gelegenheit noch
besser eingeschüchtert werden könne.
Wir waren mit dem Ergebnis schon fast zufrieden und besserten nur noch
an einzelnen Wörtern herum, als wir unseren Bestimmungsort erreichten. Er
lag in einem Randgebiet des Hafens, wo sich zu dieser Tageszeit kaum noch
jemand aufhielt. Die Gegend war von länglichen, fensterlosen Gebäuden aus
Bruchstein, Lehmziegeln und Holz geprägt. Meist wiesen sie zwei Zugänge
auf: ein großes Tor und eine kleine Pforte schräg darüber – also mehrere
Schritt vom Boden entfernt. Vorspringendes Gebälk erklärte die zuerst
unsinnig erscheinende Anordnung: Es handelte sich dabei um
Hebevorrichtungen, mittels derer Güter durch die Pforte in das erste
Stockwerk befördert werden konnten.
Auf eines der Gebäude hielten wir zu. Eine Gestalt mit
narbenzerfressenem Gesicht stand davor. Im Gegensatz zu unserem Führer,
der einen Dolch in einer Armscheide vor uns zu verbergen trachtete, indem
er wiederholt den Ärmel seiner Jacke zurechtzupfte, trug die Wache, die uns
erwartete, eine lange Klingenwaffe an der Seite. Die beiden F'zzmechs sahen
sich stumm an. Als unser Führer nickte, öffnete die Gestalt das Tor.
Wir traten ein. Unser Begleiter ging voraus, die Wache bildete den
Abschluss. Sie verriegelte das Tor und blieb davor stehen. Drinnen roch es
nach Staub, vermoderndem Heu, Fett, Leder, einem unbekannten Gewürz –
und sehr stark nach F'zzmech.
Die im Haus wartenden Gefährten unserer beiden Schurken hatten die Zeit
bisher lichtlos verbracht. Da es draußen schon recht dunkel geworden war,
entzündete einer von ihnen, der Dritte, den wir kennen lernten und der
ebenfalls mit langer Klinge ausgerüstet war, zwei Blendlaternen, die ihm
eine vierte Bewaffnete reichte.
Wir verschafften uns einen schnellen Überblick: Im Wesentlichen bestand
der Innenraum des Gebäudes aus einer großen Halle, die von teils
beschädigten, rund drei Schritt hohen Trennwänden unterteilt wurde. Balken
stützten die Decke.
Als geborenen Kriegern galt unser Augenmerk jedoch vor allem anderen
Dingen.
Dass unser Führer sein rechtes Bein beim Gehen stärker belastete als sein
linkes, hatten wir schon zuvor vermerkt. Nun nahmen wir wahr, dass die
Wache am Eingang nicht vor dem Tor stand, sondern dagegen lehnte, dass
derjenige, der die Laternen entzündete, die Gewohnheit besaß, den Kopf zum
Sehen stärker nach links zu drehen als nach rechts, dass die Frau, bevor sie
ihm die Laterne reichte, zuerst die Hand am Gewand abwischte, also
schwitzte. Alles in allem waren ihre Bewegungen aber geschmeidiger und
entspannter als die ihrer Gefährten. Mit der Leichtigkeit, mit der sich die
restlichen vier Anwesenden vom Boden erhoben, konnte sie jedoch nicht
mithalten.
Ich will nicht den Eindruck erwecken, als wäre an unseren Beobachtungen
etwas Besonderes gewesen. Wir taten bloß das, was jeder ohne
Nachzudenken tut, wenn er isst: riechen, schmecken, fühlen, Schlüsse ziehen.
Kämpfen und Essen haben schließlich viel gemein, zumal das eine oft zum
anderen führt. Daher ist es schlichtweg vernünftig, an Gegner und Speisen
auf dieselbe Weise heranzugehen: Ist das Fleisch zäh, zart, knorpelig oder
sehnig? Was verspricht sein Geruch? Letztlich erkennt man vollendete
Krieger daran, dass ihnen der Geschmack des Feindes schon vor dem ersten
Bissen kein Geheimnis mehr ist.
Die vier flüchtig Erwähnten gehörten zur bronzefarbenen Art. Ihre Haut
war im Gegensatz zu der der anderen mit Kreisen und Strichen bemalt. Zwar
trugen auch sie lange Klingen – kürzer und breiter als die der anderen –,
doch hielten sie überdies lange Röhren in Händen, deren Zweck sich uns
nicht gleich erschloss.
Die Rohre waren zu zerbrechlich, um als Waffe zu dienen, dennoch
verrieten ihre Besitzer durch Handhaltung und Festigkeit des Griffs, dass sie
diesen Gegenständen Bedeutung beimaßen und auf sie vertrauten.
Da die Gegenseite nicht den ersten Schritt tun wollte, taten wir ihn. Ich
verlangte die Ware zu sehen. Mein Wunsch wurde zurückgewiesen: Wir
sollten uns noch ein wenig gedulden.
Das bewies, dass noch nicht alle Erwarteten anwesend waren. Wir
konnten also mit Tar Honaks Erscheinen rechnen, was nicht
selbstverständlich war, da er den Austausch seinen Handlangern hätte
überlassen können. Trotzdem war ich nicht gewillt, bis zu seiner Ankunft
untätig zu warten. Daher wiederholte ich meinen Vortrag, jedoch in der
deutlich verbesserten Form, die wir auf dem Weg ersonnen hatten.
Die Mühe zahlte sich aus. Offenbar spielte ich sehr überzeugend vor, dass
wir solche Geschäfte täglich im Auftrag unseres morschknochigen,
verwitterten Meisters erledigten, denn unsere Gegenüber zeigten sich bereit,
mich – aber nur mich – einen Blick auf die Entführten werfen zu lassen. Sie
befanden sich hinter einer der Trennwände in einer Grube, die mit einem
Gitter verschlossen und mit Grasmatten abgedeckt war. Dort hockten sie,
entmutigt und teilnahmslos, mich kaum eines Blickes für wert befindend,
abgesehen von einem, der sich winselnd verkroch. Der Verdacht drängte sich
auf, dass man ihnen etwas Ähnliches verabreicht hatte wie uns damals auf
dem Schiff.
Ich war versucht, die Entführten wissen zu lassen, dass ich kein weiterer
Peiniger sei, allein um später daheim erzählen zu können, wie sich die Augen
der Verzweifelten, Verachteten und Gedemütigten erhoben hätten zu mir,
Büttel und Sskrrim-Scherge, scharfe Klaue und reißendes Gebiss der
Gerechtigkeit! Doch das hätte zu Ungereimtheiten geführt, die Aufsehen
erregt hätten. Also verzichtete ich darauf.
Wir hätten die Gefangenen jetzt befreien können, doch unser
Büttelverständnis verbot uns solches. Wir waren hinter dem Urheber her,
dem Haupt der Schurken, das jederzeit eintreffen konnte. Wir wollten nicht
das Wagnis eingehen, dass abermals jemand entkäme und ihn warnte. Der
große Augenblick durfte nicht leichtsinnig verdorben werden!
Deshalb warteten wir geduldig. Dabei machten wir die Entdeckung, dass
die Bronzehäutigen es noch schlechter als andere F'zzmechs ertrugen, wenn
wir sie anstarrten. Sie beschwerten sich bei ihren Kumpanen, die uns
aufforderten, damit aufzuhören und »die Waldmenschen« in Frieden zu
lassen. Wir folgten dem Wunsch und beobachteten von nun an die andere
Hälfte unserer neuen Bekannten, was jenen so wenig ausmachte, dass sie sich
bemüßigt fühlten, uns mitzuteilen, dass »die albernen Spielchen« bei ihnen
nicht fruchteten.
Von wegen!
Plötzlich war Tar Honak da. Das Haus schien also noch über einen
zweiten Eingang zu verfügen, den wir nicht kannten. Tar Honak kam nicht
allein, sondern in Begleitung einer weiteren Bewaffneten. In der schlecht
erleuchteten Halle durfte es nicht mehr viel voller werden.
»Der Stein!«, lauteten Tar Honaks erste Worte. »Zeigt mir den Stein!«
In diesem Augenblick wurde gegen das Tor geklopft. Niemand rührte sich,
außer dem Mann an der Tür. Er öffnete sie einen Spalt breit, sah hinaus und
ließ noch jemanden ein. Als der Eintretende uns erblickte, schrie er sogleich:
»Das sind die Schläger, die Gagomil auf dem Gewissen haben!«
Wie unschwer zu erraten war, handelte es sich bei ihm um einen der
beiden Schurken, die wir vor ein paar Tagen gestellt und von denen wir
einen Zh'Urakrra überlassen hatten. Dieser war der andere, der uns
entkommen war.
Blitzschnell hoben die Bronzefarbenen ihre Rohre. Sie hielten eine
Öffnung vor den Mund, die andere richteten sie auf uns. Während Tar Honak
Auskunft verlangte, was die Worte seines Kumpans bedeuten sollten,
besprachen wir still die neue Lage. Was war von diesen Rohren zu halten?
Sie waren Waffen, deren Wirkungsweise kein großes Geheimnis
darstellte: Man pustete am einen Ende ins Rohr, worauf am anderen etwas
herausflog, vielleicht ein Pulver, vielleicht ein Geschoss. Die Länge der
Rohre deutete auf Letzteres. Zziriffs Meinung nach konnte das Geschoss nicht
hinreichend Wucht erlangen, um allein tödlich zu sein. Daher schien die
Vermutung begründet, dass die verschossenen Pfeile oder Stachel mit
irgendetwas bestrichen werden mussten, das Schaden verursachen konnte,
etwa einem Gift. Die Geschosse selbst wirkten nur als Träger und dazu, die
Haut des Opfers zu durchdringen. Fraglich war, ob die Waffen bei etwas
anderem als nackter Haut viel taugten, etwa bei dickem Fell oder – wie in
unserem Fall – bei Schuppen. Wir konnten leider keine Auskunft einholen.
Wir Marus hatten selbstverständlich wenig Erfahrung mit Fernwaffen,
denn der Kampf mit ihnen bereitete noch weniger Freude als der in falscher
Gestalt. Die Vorstellung, von solchen Pusterohren Gebrauch zu machen,
erschien uns nicht sehr reizvoll: Man bläst hinein – der Gegner fällt um.
Natürlich würde man sich sogleich fragen: Soll das etwa alles gewesen
sein? Man dächte: Wie unbefriedigend! Wie enttäuschend! Im Laufe der Zeit
würden wir notwendigerweise – zwingend notwendigerweise! –
schwermütig werden.
Nicht einmal für die Jagd auf fliegende Beute waren solche Waffen
geeignet. Wahre Krieger fingen selbst Vögel am Boden.
Bei Zims war das anders. Wenn man sich vergegenwärtigte, welch
sehenswerte Verwüstung sie mit ihren Geschossen anrichteten, so war an
ihrem Vorgehen nichts auszusetzen.
Tar Honak plagten andere Sorgen. Gleich nachdem er die Anklage gegen
uns vernommen hatte, erfuhr er, dass unser Führer den Stein nie zu Gesicht
bekommen hatte. Das machte ihn wütend. Wäre er ein Maru gewesen, so
hätte er seinen Mitschurken vor Zorn zerfleischt.
Ein ähnlicher Gedanke mochte auch jenem gekommen sein, denn mit
einemmal bewegte er sich – eine unerfreuliche Zukunft voraussehend – in
unbeachteten Augenblicken langsam zum Tor hin.
Tar Honak wandte sich an uns und ersuchte um Aufklärung. Wir sollten
gute Antworten liefern, ansonsten sei es um uns geschehen.
In der Annahme, dass keine Lüge gut genug wäre, sein Misstrauen zu
verscheuchen und ihn davon abzuhalten, uns aus dem Weg zu räumen, und
weil mir sowieso keine passende einfiel, blieb ich bei der Wahrheit und
verkündete, wir seien Büttel, die Krallen der Gerechtigkeit – gekommen, die
Entführten zu befreien. So einfältig könne man doch gar nicht sein, daran
noch Zweifel zu haben.
Das ärgerte Tar Jonak. Anscheinend wollte er – ein Gelehrter der
Universalschule – nicht einfältig genannt werden. Ich merkte mir das.
Wir seien keine Büttel, zischte Tar Honak. Alles, nur keine Büttel.
Er könne sich darüber kein Urteil erlauben, belehrte ich ihn. Schließlich
sei er doch der Einfaltspinsel gewesen, der uns erst auf die richtige Fährte
gebracht habe.
Es war schwer zu entscheiden, wem meine Worte weniger gefielen – Tar
Honak oder seinen Schurken.
Einzahn mischte sich ein: Man solle nicht auf mich hören!
Selbstverständlich besäßen wir das Tauschgut, nur augenblicklich nicht, da
uns ein räuberischer Knochenmann begegnet sei.
Tar Honak erwiderte, wir hielten ihn offenbar für einen großen Toren.
Der Schluss sei nahe liegend, bestätigte Rrual.
Linksauge wandte sich an uns und forderte uns auf, Tar Honak nicht noch
mehr zu reizen. Er habe sich gerade ein Spiel ausgedacht, das den Namen
trage: »Ich höre Stimmen, aber ich sehe niemanden, der spricht.« Das sollten
wir mit den so genannten Waldmenschen spielen! Da jene so empfänglich für
unser Starren gewesen seien, wäre es spannend herauszufinden, was sie erst
hiervon hielten.
Der Vorschlag klang unterhaltsam. Ich wählte einen Bronzefarbenen aus
und sprach ihn an, jedoch ohne Reden vorzutäuschen: »Aufgemerkt, zum
Untergang Verdammter!«
Der Erwählte blickte zu mir.
So leicht wollte ich es ihm nicht machen. Daher fuhr ich fort: »Falsch
geraten! Der, den du ansiehst, spricht doch überhaupt nicht. Rate abermals,
rate richtig, dann werde ich dich womöglich verschonen!«
Unser Scherz versetzte die Angesprochenen in Aufregung. Erst einzeln,
dann alle zusammen sahen sie sich nach dem Unsichtbaren um, den nur sie
vernehmen konnten.
»Jemand spricht mit mir«, äußerte einer.
Die Unruhe griff auf die anderen Schurken über. Auch wenn sie nicht
wussten, was ihre Gefährten verstörte, so erkannten sie doch, dass etwas
Besorgniserregendes vor sich ging. Es schien an der Zeit, auch sie an
unserem Spiel teilhaben zu lassen. Ich nahm mir vor, den Nächsten zu fragen,
welche unheimliche Geschichte er am liebsten höre.
Leider nahm das Spiel jäh einen unerwarteten Verlauf.
»Ein Satuul! Ein böser Geist!«, rief einer der Bronzefarbenen.
Augenblicklich schossen alle vier ihre Blasrohrpfeile auf uns ab.
Um genau zu sein: nicht auf alle von uns, sondern nur auf Linksauge.
Der Vetter erklärte den Umstand später damit, dass wegen seines
bekannten Leidens sein Gesicht offenbar von dauerhafter Schuld und dem
Eingeständnis, unwissentlich Schandtaten begangen zu haben, gezeichnet
gewesen sei. Deshalb sei er als Verantwortlicher auserkoren worden, was
letztlich auch nicht völlig falsch gewesen sei.
Zwei der Pfeile prallten von Lazzars Schuppen ab, die anderen beiden
blieben in seiner Kleidung hängen. Er zupfte sie vorsichtig ab und verkündete
erfreut: »Sie gehen nicht durch!«
Allerdings könne er auch nur Glück gehabt haben, verbesserte er sich
nach kurzem Nachdenken und sprang unter die vier Schützen, ohne sich die
Zeit zu nehmen, nach seiner Waffe zu greifen. Seine Zähne reichten ihm. Wir
sprangen ihm hinterher.

Zum besseren Verständnis des Nachfolgenden scheint es angebracht, das


Geschehen aus der Sicht der F'zzmechs zu schildern. Bisweilen hatten wir
einige ihrer Art von menschenfressenden Wudu berichten gehört. Von den
Anwesenden hatte offenbar noch keiner welche gesehen und womöglich
handelte es sich auch nur um ein Gerücht.
Und wenn, dann um eines, das unvermittelt durch die Wirklichkeit
Bestätigung fand, als die Schurken miterlebten, wie wir mit ihren Gefährten
umsprangen. Der Anblick von uns, ihren scheinbaren Artgenossen, die nach
wenigen Augenblicken unerwartet gewalttätigen Benehmens über den
zerfleischten Leibern standen und sie, die noch Lebenden, tatendurstig mit
blutverschmierten Mündern anstarrten, erschreckte sie beträchtlich. Ihr
Erstaunen wuchs noch, als einer von uns maraskanischen Menschenfressern
plötzlich mit lauter, holpriger und wenig nach ihrer Art klingenden F'zzmech-
Sprache das Wort an sie richtete: »Wir wissen! Wir beenden!«
Wie nicht weiter verwunderlich sein dürfte, handelte es sich bei dem
Sprecher um Vetter Rrual. Er sollte sich noch nach Tagen darüber ärgern,
dass er vor lauter Aufregung den größten Teil seiner kleinen Ansprache
übersprungen hatte.
Unsere Gegner scherten solche Feinheiten nicht. Völlig vergessend, dass
sie noch immer in der Überzahl waren, eilten sie zum Tor, in der Absicht zu
entfliehen. Wir zückten unsere Waffen und schlossen uns ihnen an, allerdings
in ganz anderer Absicht.
Wegen des Gedränges ließ es sich nicht vermeiden, dass es einigen der
Schurken rechtzeitig gelang, das Gebäude zu verlassen. Wir rannten ihnen
baldmöglichst hinterher.
Draußen bot sich uns eine Überraschung: Eine stattliche Menge von
F'zzmechs – dreißig, vierzig an der Zahl – hatte sich eingefunden, bewaffnet
mit Fackeln, Prügeln und allerlei Mordwerkzeug.
Sowohl unsere erhoffte Beute als auch wir zögerten unschlüssig.
Plötzlich ertönte eine bekannte Stimme und beendete das Zaudern: »Das
sind die Alriks!«
Ich fragte nicht lange, was unser Freund, der Wirt, hier zu suchen habe,
sondern befahl der Menge: »Fasst!«
Das Ganze endete damit, dass die Schurken dingfest gemacht und nach
dem Entdecken und Befreien der Entführten gerichtet wurden, wie es
anscheinend unter F'zzmechs üblich war: Sie wurden langwierig
totgeschlagen oder kurz entschlossen aufgehängt.
Ein ausgiebiger Blick auf unsere unverhofften Helfer gab uns Rätsel auf.
Ein bunt gemischtes Volk hatte sich zu unserer Unterstützung
zusammengefunden: Einige Anwesende erkannten wir als Bewohner unseres
Viertels, bei anderen hatten wir das Gefühl, als müssten wir umgehend
unseren Büttelpflichten nachgehen.
Wir fragten den Wirt, was die Versammlung zu bedeuten habe.
Er drängte sich mit anderen Bekannten um uns, Arm in Arm mit einem der
Befreiten, den er uns glücklich als den Zecher Tarquino vorstellte.
Der Wirt runzelte die Stirn und klärte uns auf: Danken sollten wir unserer
windigen Freundin. Sie sei uns heimlich gefolgt, nachdem sie zuvor jedem in
den Ohren gelegen habe, dass wir dringend Hilfe benötigten. Wer indes die
anderen seien – damit meinte er die, die auch uns aufgefallen waren –, wisse
er nicht. Eines könne er uns jedoch frei heraus sagen: Als Gäste wollte er sie
nicht bei sich empfangen! Er befürchte, dass sonst seine Schenke binnen
kurzem bis auf die Grundmauern ausgeräumt wäre.
Er brach ab und erkundigte sich besorgt, ob man uns gefoltert oder
verprügelt habe.
Da sein Blick keine Zweifel offen ließ, warum er so dachte, wischten wir
uns das Blut von den Mündern und beruhigten ihn. Es sei nicht unseres. Er
müsse sich keine Sorgen machen. Wo Valeria weile?
Gerade das habe er mit »windig« gemeint, erklärte der Wirt. Er wolle uns
nicht zu nahe treten, doch befremdlich fände er es schon, dass unsere
Bekannte ihn erst händeringend gedrängt habe, sich dem Aufgebot
anzuschließen, und dann, als es ernst wurde, nicht mehr zu erblicken gewesen
sei.
Da wir ahnten, dass Valeria nicht fern war, hielten wir Ausschau nach ihr.
Wir ertappten sie, wie sie, aus der Dunkelheit kommend, sich unauffällig den
Versammelten anzuschließen versuchte. Als sie bemerkte, dass wir sie
beobachteten, kam sie zu uns. Unverlangt verteidigte sie sich: Sie habe die
Unternehmung von fern geleitet, um allzeit den Überblick zu behalten.
Feldherrinnen handelten immer so. Es sei sehr undankbar von uns, ihr
Vorwürfe zu machen.
An Vorwürfe dächten wir gar nicht, beschwichtigte ich Valeria. Da sie
bekanntermaßen schwach, hilflos, schutzlos und zudem stummelwüchsig sei,
habe sie klug und weise gehandelt. Doch möge sie uns eröffnen, wer ihre
unbekannten Begleiter seien.
Valeria zierte sich. Leicht kam ihr das Geständnis nicht über die Lippen,
dass sie das Los der Vermissten nicht unberührt gelassen hatte: Es sei doch
nicht richtig, jemanden unheiligen Wesen zu opfern! Das sei es doch nicht,
nicht wahr? Zudem habe sie nicht zulassen können, dass wir uns leichtfertig
der Erfüllung unseres Versprechens, das wir ihr gegeben hätten, entziehen
wollten. Wissend um unsere bekannte Unvernunft und Sturheit, habe sie Hilfe
gesucht, zunächst bei den Fanas im Viertel. Zur Obrigkeit habe sie nicht
gehen wollen, da das in ihren Kreisen als unschicklich gelte und sie
obendrein befürchtet habe, die Büttel könnten mit Flaminios Häschern
gemeinsame Sache machen. Deshalb habe sie sich an Herrn Phex gewandt,
was auch gut gewesen sei. Obwohl die, die er geschickt habe, eher als
»Handwerker« zu betrachten seien, nicht zu vergleichen mit ihr, einer
Künstlerin ihres Faches, wenn wir verstünden, was sie meine.
Ob denn der erwähnte Herr Phex auch zugegen sei, fragte ich.
Ich solle nicht so heidnisch reden, schalt mich Valeria. Sicher sei der
Heimliche zugegen! Ich müsse nur in mich hineinhören, dann würde ich
schon merken, dass er in uns sei!
Linksauge legte bekümmert die Hand auf den Bauch.
Das habe er nicht gewollt, klagte er zerknirscht. Sein Leiden werde
offenbar immer schlimmer.
Schätzlein beruhigte ihn: Er vermute, dass unsere Reisegefährtin im
übertragenen Sinn gesprochen habe. Gewiss sei der Genannte ein H'Rangar
der F'zzmechs. Auch ihm, Linksauge, sei es trotz seines ausgeprägten Lasters
nicht möglich, unbemerkt ein Gottwesen zu verspeisen.
Der Vetter war nur halb zufrieden. Er schlug vor, Valeria unauffällig
auszuhorchen.
Was er sich davon verspreche, fragte ich ihn. Ob er nicht glaube, dass es
Aufsehen erregte, wenn bekannt würde, dass ihn der Gedanke quäle, einen
Bekannten Valerias und ihrer Halunkenfreunde unabsichtlich – also man
merke: im Gegensatz zu sonst offenbar üblichem, absichtlichem Brauch! –
verspeist zu haben.
Unsere Unterredung wurde durch die Ankunft einer Schar weiterer
F'zzmechs unterbrochen. Aufgeregt berichteten sie, einem scheußlichen
Echsenwesen begegnet zu sein, einer blutrünstigen Bestie, die sie, unsere
tatkräftigen Helfer, geraume Zeit verfolgt hätten.
Die Neuigkeiten hörten wir nicht gern, da – wie Linksauge, Schätzlein und
ich plötzlich feststellten – das einzige Echsenwesen, das wir weit und breit
nicht erblicken konnten, Vetter Einzahn war.
Wir fragten, ob die Verfolger den Verfolgten eingeholt hätten.
Nein, das hätten sie nicht! Das widerwärtige Ungeheuer sei zu schnell
gewesen. Auch habe sie seine Bosheit das Fürchten gelehrt. Man stelle sich
vor: Aus schierer Blutrunst habe es einen zufällig vorbeikommenden Herrn
kaltherzig niedergestreckt.
Linksauge gab zu bedenken, dass das Echsenwesen wichtige Gründe für
sein Handeln gehabt haben mochte. Abgesehen davon möge man davon
Abstand nehmen, es ständig als widerwärtig und scheußlich zu beschreiben.
Das sei eine Frage persönlicher Vorlieben. Vermutlich gelte das Wesen, wie
auch gewiss alle seine Geschwister, bei der eigenen Art als stattlich,
ansehnlich und rundum erfreulich anzusehen.
»Maraskanisches Gefasel!«, fiel ihm Valeria ins Wort. Sie habe zwar
gehört, dass unser Barb... Inselvolk dem Irrglauben anhänge, die ganze Welt
sei schön, doch unser gegenwärtiges Getue halte sie für stark übertrieben.
Hässliche Bestien seien vor allem eines: hässliche Bestien!
Er wolle nicht weiter mit ihr unvernünftigem Geschöpf streiten, erklärte
Linksauge. Wie denn das Opfer des stolzen Geschöpfes, des wehrhaften
Ritters seiner Art, ausgesehen habe?
Ein alter Kerl, gekleidet in Schwarz, wussten Einzahns Verfolger zu
berichten.
Ob der Mann vielleicht die Finger voller Silberringe gehabt habe wie der
Anführer der Schurken, forschte der Vetter weiter.
Er erhielt die Antwort verzögert: Nein, nein, das sei keineswegs der Fall
gewesen. Trotz Durchsuchens, trotz äußert flüchtigen Durchsuchens, habe
man keinen einzigen Ring bei ihm gefunden ...
Plötzlich war die Schar nicht mehr begierig, uns weiter von ihrer
Begegnung zu berichten. Sie zerstreute sich in Windeseile, womit sie dem
Beispiel anderer F'zzmechs folgte, die nach abgeschlossenem Hängen und
Totschlagen keinen Grund mehr sahen, noch länger zu verweilen. Bald waren
fast nur noch Bewohner unseres Viertels mit ihren befreiten Bekannten
zugegen. Einige von ihnen vermissten Dinge, von denen sie befürchteten, sie
während ihres Eingreifens verloren zu haben.
Plötzlich kreischte Valeria laut und rannte weg.
In diesem Augenblick ließ sich das geschmähte Echsenwesen blicken, das
wieder seine Truggestalt angenommen hatte. Es schlenderte ruhig und
gelassen auf uns zu.
Wir fragten den Vetter, ob er uns etwas zu erklären habe. Ein Maru sei von
mehreren Zeugen gesehen worden.
Wir sollten ihn bloß nicht an diese Narren erinnern, gab Rrual unwirsch
zurück. So etwas Eigenartiges habe er noch nie erlebt. Da verfolge man einen
Schurken, um ihn zur Strecke zu bringen, und werde gleichzeitig von denen
verfolgt, derentwegen man sich überhaupt die Mühe mache und die
närrischer Weise das Gleiche mit einem im Sinn hätten wie man selbst mit
dem, der ganz vorn laufe. Ob wir ihm noch folgen könnten?
»Schwer, doch zu bewältigen«, antwortete ich. Das erkläre jedoch nicht,
warum er sein wahres Äußeres habe zeigen müssen.
Das hänge mit dem Alter zusammen, erwiderte Einzahn geheimnisvoll.
Tar Honak sei uns doch allen als alt erschienen, oder?
Gewiss, versicherte ich ihm. Doch sei unser Urteil diesbezüglich
gelegentlich falsch gewesen. Ob er neue Erkenntnisse gewonnen habe? Ob er
andeuten wolle, dass Tar Honak einer bisher noch unbekannten faltigen und
schütter behaarten Art angehört habe, tatsächlich aber ein junger Bursche,
vielleicht gar ein Bub gewesen sei?
Er wolle gar nichts andeuten, meinte Rrual. Nachdem er als Einziger von
uns die Besonnenheit besessen habe, sich an den Hauptschurken zu erinnern,
habe er jenen verfolgt. Dabei sei ihm dessen plötzliche außerordentliche
Flinkheit aufgefallen. Er habe ihn zwar dennoch eingeholt, doch dann habe
ihn Tar Honak mit großer Kraft geschlagen.
Ob ihm deswegen weinerlich zumute sei, erkundigte sich sein Bruder.
Nein, nein, antwortete Einzahn verschnupft. Er erwähne den Schlag nur,
weil er dazu geführt habe, dass er, Einzahn, sich urplötzlich mehrere Schritt
entfernt auf dem Boden liegend wiedergefunden habe. Ein Fehlurteil der
Wunderbaren Weltordnung vermutend, habe er Tar Honak erneut angegriffen,
jedoch erstaunlicherweise mit gleichem Ergebnis wie zuvor. Das sei ihm
befremdlich erschienen. Er sei in sich gegangen und habe gefolgert, dass
Befremdlichkeiten meist mit Zauberwerk zu tun hätten. Wie wir selbst
wüssten, müsse man dazu nicht unbedingt selbst zaubern können.
Als er diese Einsicht gewonnen habe, sei Tar Honak allerdings weg
gewesen. Ihn, Einzahn, habe das gefreut, weil es die Angelegenheit
spannender machte. Er sei nun, ganz Jäger, ganz Erbe der großen Spürnasen
der Vergangenheit, zwischen den Gebäuden herumgeschlichen. Urplötzlich
habe ihn jemand rückwärtig angesprungen, ihn gewürgt und sich
rechtschaffen bemüht, ihm das Genick zu brechen, was er – Einzahn –
verständlicherweise nicht habe dulden können.
Bei dem Gerangel mit dem jäh erstarkten Tar Honak müsse ihm dann
versehentlich das Zauberwort entschlüpft sein.
Tar Honak habe ihn daraufhin losgelassen, sei aber wegen der
Verwandlung verwirrt gewesen. Er habe den Sacherhalt nicht durchschaut
und in ihm nicht länger die bisherige, sondern eine neu hinzu gekommene
Person vermutet. »Du mir helfen! Ich dich bezahlen!«, hatte Tar Honak
angeboten.
Er, Einzahn, habe daraufhin geantwortet, dass er nichts Falsches daran
sehe, wenn Angehörige zweier gesitteter und kulturschaffender Völker auch
gesittet miteinander sprächen.
Tar Honak sei daraufhin geflüchtet und gleich danach habe die schon
erwähnte verkettete Jagd begonnen, bei der jeder den jeweils vor ihm
Rennenden zu erschlagen getrachtet hatte. Tar Honak habe leider niemanden
gehabt, dem er mordlüstern hätte hinterher hetzen können, und damit absehbar
den Kürzeren ziehen müssen. Ob das nicht eigenartig sei?
Dem könne ich nur teilweise zustimmen, erklärte ich. Bei jemandem, der
versehentlich Schwerter zerbreche und einen Bruder habe, der unwissentlich
alles um sich herum verschlinge, wundere ich mich nicht mehr, wenn er auch
versehentlich Zauberworte fallen ließe.
Rrual wandte sich an Schätzlein: Ob ihm, als Außenstehendem, ebenfalls
aufgefallen sei, dass das Mentorengehabe eines ihm bekannten Marus immer
unerträglicher werde?
Dazu wolle er sich lieber nicht äußern, meinte Schätzlein.
Das sei sehr klug und sehr weise, lobte ich ihn.
Linksauge meldete sich zu Wort: Da wir eben über Auffälligkeiten
sprächen ... Ob noch jemand anderem als ihm aufgefallen sei, dass Valeria
eine Prügelei angezettelt habe?
Wir blickten zu unserer Reisegefährtin. Tatsächlich, sie hieb mit Fäusten
auf einen der Befreiten ein!
Neugierig näherten wir uns der prügelnden Valeria und ihrem
Widersacher, der ihren schwächlichen Schlägen kaum Beachtung schenkte.
Wir hörten sie keuchend schimpfen: Ihr Gegenüber sei ein hinterhältiger
Betrüger, Lügner, Lump und Dieb!
Der Angegriffene verteidigte sich. Wie Valeria war er darauf bedacht,
nicht allzu laut zu werden: Sie solle den Mund halten! Wer eine derartig
hinterhältige Verwandtschaft wie sie habe, müsse schweigen. Der Apfel falle
nicht weit vom Stamm und ihren Stamm habe er bestens kennen gelernt. Alte
Kameraden und Freunde zu bestehlen, das sei wohl das Letzte!
Ob die Verwandtschaft alter Freunde zu bestehlen denn so viel besser sei,
gab Valeria zurück.
Sie solle sich bei ihrem Onkel beschweren, wurde ihr geantwortet. Der
sei schließlich der Anstifter zu dieser Tat gewesen! Wer hätte ahnen können,
dass der dreckige Halunke anschließend ...
Ich erkundigte mich, was vor sich ging.
Während Valerias Streitgefährte unvermittelt winselte, erklärte sie uns,
dass dieser – das elende Stinktier! – der räuberische Kumpan ihres
diebischen Onkels sei, der ihr das Efferdherz entwendet habe.
Ich fragte sie, ob sie schon in Erfahrung gebracht habe, wo ihr Onkel sich
aufhalte.
Bei der Klärung dieser Frage seien sie noch, erwiderte Valeria.
Was er zu den Vorwürfen zu sagen habe, fragte ich ihren Widersacher.
»Nichts«, erwiderte er. Wir sollten weggehen! Er ertrage es nicht, von
unseren kleinen bösen Augen angestarrt zu werden.
Ob man sich womöglich bekannt sei, warf Zziriff ein. Vielleicht von einer
gemeinsamen Schiffsreise?
Der Mann winselte erneut. Er wandte uns zwar das Gesicht zu, wich aber
unseren Blicken aus.
Erstaunlich, wer alles den Sturm überlebt hatte!
Das war also die – nach den Worten der bemalten Wirtin – farblose
Gestalt, der Unbeschreibbare: Fadenbarts Kumpan!
Ich bat Valeria, uns einige Augenblicke mit ihm allein zu lassen.
Das werde sie nicht tun, antwortete sie bestimmt.
Jäh fing sie an zu weinen. Sie hätte nicht von uns erwartet, sprach sie
erstickt, dass wir, denen sie eben noch das Leben gerettet habe, sie nun
ebenfalls hintergehen wollten!
Ich ermahnte sie, keinen voreiligen Argwohn zu entwickeln. Wir seien
Büttel. Uns könne man vertrauen!
Das höre sie gern, antwortete unsere Reisegefährtin und ging ein paar
Schritte zur Seite.
Fadenbarts Kumpan zeigte sich weniger gefügig. Er werde nicht mit uns
reden, beteuerte er. Es habe die frommen Brüder und Schwestern vom Orden
der Heiligen Noiona viel Mühe gekostet, ihn davon zu überzeugen, dass wir
uns schwärzester Magie bedient hätten und nicht das gewesen seien, was er
lange Zeit im Wahn geglaubt habe: albtraumhafte Gestalten, die nur vorgaben,
Menschen zu sein. Diesen Erfolg wolle er nicht gefährden! Außerdem
befürchte er den Verlust seines Seelenheils, wenn er mit uns spräche.
»Im Gegenteil!«, eröffnete ich ihm. Wenn er nicht augenblicklich mit der
Sprache herausrücke, so sei sein Seelenheil das Einzige, das noch von ihm
übrig bleibe.
Wie sich erwies, war Fadenbarts Kumpan äußerst empfänglich für
vernünftige Begründungen. Eifrig begann er zu erzählen. Sein Reden glich
einem munter plätschernden Bächlein – allerdings inmitten der Regenzeit.
Der Wortschwall war überwältigend und kaum zu ertragen. Nur
übermarusche Anstrengung, eiserne Entschlossenheit und gelegentliche
Ermahnungen, nicht zu ausschweifend zu werden, verhinderten, dass wir
unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwandten. Schließlich kamen wir
nicht umhin, Fadenbarts Kumpan jedes weitere Wort zu verbieten.
Tatsächlich hätte er sein Wissen in wenigen Sätzen ausdrücken können.
Fadenbart war nach der festen Überzeugung seines Kumpans zu einem Ort
mit dem eigentümlichen Namen Brabak geflohen, um dort das Efferdherz an
einen F'zzmech zu veräußern, der allgemein als »der Sammler« bekannt war.
Zwar hatte der Kapitän seinen Mitschurken nicht ausdrücklich von seinem
Vorhaben unterrichtet, als er ihn bestahl, doch hatte er den Namen »der
Sammler« in der Vergangenheit öfter fallen lassen.
Auf unsere Frage, ob er uns belüge, erklärte der Kumpan, dass er dazu
keinen Anlass habe. Der Kapitän habe ihn betrogen, jetzt solle jener dafür
büßen! Und wie er büßen solle! Er, sein verratener Gefährte, rate uns,
keinerlei Zurückhaltung zu üben und Fadenbart auf jede erdenkliche Weise zu
misshandeln. Sollte es uns an Einfällen mangeln, so werde er uns gern mit
Rat und Tat zur Seite stehen.
Als ich ihn fragte, ob er uns begleiten wolle, antwortete Fadenbarts
Kumpan abschlägig: »Bei allen guten und bösen Göttern: auf keinen Fall!«
Linksauge war neugierig: Wenn er, der Kumpan, so genau wüsste, wo sich
der Betrüger aufhielte, warum er dann nicht versucht hätte, den Edelstein
zurückzuerlangen.
Der Kumpan sah Lazzar erschrocken an: Das sei nicht möglich! Um nach
Brabak zu kommen, müsse man ein Schiff nehmen. Er könne kein Schiff
nehmen! Er könne nicht einmal in die Nähe eines Schiffes kommen! Jedes
Mal, wenn er eines sehe, dränge sich ihm der furchtbare Gedanke auf, dass
sich jeder an Bord von einem Augenblick auf den anderen in ein wildes,
reißendes Ungeheuer verwandeln könne. Danach müsse er sich stets
betrinken. Das ging ins Geld! Das könnte er sich nicht leisten! Ob wir nun,
bitteschön, über etwas anderes reden wollten?

Fadenbarts Kumpan nützte die erste Gelegenheit, sich unserer Anwesenheit


zu entziehen. Ein eigentümlicher Abschied! Zunächst rannte unser Bekannter
urplötzlich weg, dann kehrte er reumütig zurück und nötigte uns zu dem
Versprechen, dass ihm keiner von uns heimlich hinterschleichen würde. Erst
als wir ihm unser Wort gegeben hatten, war er bereit, seine Flucht
fortzusetzen.
Kaum war er entschwunden, stieß Valeria wieder zu uns.
Wir sollten uns nichts einbilden, verkündete sie, sie habe alles
mitbekommen.
Das sei gut, antwortete ich, da uns dadurch langweilige Erklärungen
erspart blieben.
Trotz ihrer Bekundung kam sie während des Heimwegs wiederholt auf
unsere Unterhaltung mit dem Kumpan ihres Onkels zurück: Zwar habe sie
alles ganz genau gehört, doch wolle sie gern nachprüfen, ob auch wir alles,
was er gesagt hatte, verstanden hätten.
Das hätten wir, beruhigten wir sie. Auch in ihr Gehör setzten wir volles
Vertrauen. Es gebe keinen Grund, die Angelegenheit zu bereden.
Wiewohl meine Antwort vernünftig war, war Valeria nicht mit ihr
zufrieden.

10.

Am nächsten Tag hielten wir Hof. Obwohl wir nicht alle Verschollenen
zurückgebracht hatten, galten wir als Helden. In der Tat herrschte der Glaube
vor, dass die, die noch vermisst wurden, freiwillig verschwunden sein
mussten. Den Alriks entging keiner! So ungefähr lautete die allgemeine
Einschätzung.
Man brachte uns Gaben und Geschenke, viele davon essbar, manche sogar
genießbar, was uns entzückte. Nach Einzahns Patzer hielten wir uns jedoch
mit dem Verzehr zurück. Klein-Imelde war nämlich mit einem Kuchen
erschienen; sie drängte den Vetter so lange, ihn zu versuchen, bis Rrual
nachgab und ihn mit einem einzigen Bissen verschlang. Danach war das Kind
etwas verstört.
Auch Fremde kamen. Meist waren sie Angehörige von Befreiten
benachbarter Viertel, doch auch Handwerker und Ladenbesitzerinnen
gehörten dazu. Sie baten uns darum, unsere Macht und unseren Schutz auf sie
auszudehnen, und überhäuften uns mit Kupferstücken, um unsere Gunst und
unser Wohlwollen zu erlangen.
Schließlich suchten uns noch die auf, die um nichts baten. Ihr Anliegen sei
es, über die Zukunft zu sprechen, beteuerten sie. Man könne über alles reden.
Man könne sich bestimmt friedlich einigen. Aber wichtig sei es, dass jeder
wisse, wer wo das Sagen habe.
Linksauge bezeichnete diese Besucher als Abgesandte örtlicher Tyrannen.
So jedenfalls nenne man sie im Ersten Recht.
Das erklärte uns, warum er die Fremden mit der Antwort entließ, noch
nicht über Tributzahlungen nachgedacht zu haben.
Wir betrachteten das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Zwar freuten
wir uns über die Geschenke, von denen einige sogar als spannende
Mitbringsel taugten, doch hatten wir mit unserem letzten Fall mehr Aufsehen
erregt als beabsichtigt. Zudem hatten die neuen Schützlinge noch nicht
gelernt, sich kurz zu fassen oder unterhaltsam zu reden. Sie fielen uns die
meiste Zeit zur Last. Das tat auch Valeria, die uns mit ungewohnter Ausdauer
misstrauisch beobachtete. Beinahe hätte man meinen können, sie sei eine von
uns.

Erst nachmittags gelang es uns zu entwischen.


Wir ertappten Zh'Urakrra dabei, wie er jemanden verscharrte. Jedoch war
mein Mentor nicht bereit, sich dieser Einschätzung anzuschließen. Angeblich
hatte er unser Kommen bemerkt.
Er sei schließlich ein Zim, erinnerte er uns.
Ich fragte ihn, was er treibe. Ob er sich Vorräte zulege? Ob er sich an den
Krokodilen und bissigen Fischen überfressen habe? Ich könne ihm auch
andere schmackhafte Speisen empfehlen. Er müsse sich nicht mit fadem
F'zzmech begnügen.
Mit Ernährung habe seine Tätigkeit nichts zu tun, erwiderte Zh'Urakrra.
Seine Forschungen seien gefährdet. Sein Experiment stehe kurz davor zu
scheitern. Ob uns bekannt sei, dass uns der Sklavenherr Luzindo nicht traue.
Das sei uns neu, gab ich zu. Allerdings seien wir ihm seither nicht mehr
begegnet. Was ihn, Zh'Urakrra, zu solchen Schlüssen veranlasse?
Mein Mentor deutete auf seinen fast verscharrten Bekannten: Luzindo habe
neue Häscher ausgeschickt. Wenn das so weitergehe, könne von einer
Vergleichbarkeit seiner Forschungen mit den Zuständen vor Ausrufung des
Vierten Rechts keine Rede mehr sein.
Das sei bedauerlich, das sei sehr gut, antworteten wir im Verhältnis eins
zu drei.
Ich fragte meinen Mentor, ob er noch immer das Efferdherz haben wolle.
So sei es, bestätigte er. Ob wir den Stein besäßen? Dann sollten wir ihn
gleich überreichen!
Ich sagte ihm, dass der Stein sich zwar nicht in unserem Besitz befinde,
wir aber wüssten, wo er hingebracht worden sei, nämlich an einen Ort mit
dem sonderbaren Namen Brabak, der jedoch eine weitere Schiffsreise
erforderlich mache.
Zh'Urakrra dachte geraume Zeit nach. Dann entschied er, dass ihm das
Erlangen des Steines wichtiger war als das Experiment.
Er könne uns nicht sofort begleiten, ließ er uns wissen, da er seinen
Jüngern erst noch Anweisungen hinterlassen müsse.
Die Worte hörte ich überhaupt nicht gern. Nein, ganz und gar nicht!
»Jünger?«, fragte ich denn auch misstrauisch und verletzt. Ich drängte
Zh'Urakrra, mir seine Jünger sofort zu zeigen, damit ich sie auf der Stelle
zerreißen könne.
Ich müsse mir keine Sorgen machen, beruhigte mich mein Mentor. Ihn
erfreue aber, dass ich zu kämpfen bereit sei, um meine möglicherweise
angeschlagene Stellung zu behaupten und auch künftig meine Bildung mehren
zu können.
Ich wisse nur, was sich gehöre, antwortete ich. Schließlich sei ich überall
als höflich bekannt. Was er übrigens mit »angeschlagene Stellung« meine?
Wie viele Jünger er denn habe? Wenigstens einen wolle ich kennen lernen,
um ihm lehrreiche Dinge über die Weltordnung beizubringen.
Ich solle mich nicht aufregen, unterbrach mich Zh'Urakrra. Er habe nur
einen kleinen Scherz gemacht. Überdies sei es einer Wiederaufnahme des
Experiments nicht zuträglich, wenn ich seine Jünger verspeiste.
Eine Wiederaufnahme des Experiments komme nicht in Frage, sprachen
wir im Chor. Selbstverständlich werde uns Zh'Urakrra nach der
Inbesitznahme des Steines unverzüglich nach Hause bringen.
Mein Mentor wiegelte ab: Er habe nicht gesagt, dass er seine Forschungen
in absehbarer Zeit fortsetzen wolle. Doch niemand kenne die Zukunft!
Vielleicht ergebe sich eines Tages die Gelegenheit dazu? Für diesen Fall
wolle er gewappnet sein. Nun bitte er, ihn zu entschuldigen. Er wisse, wo
wir zu finden seien. Wir könnten morgen oder übermorgen mit ihm rechnen.

11.

Als Zh'Urakrra zwei Tage später bei uns erschien, hatten wir bereits
herausgefunden, dass Brabak im Westen lag. Ein Schiff zu finden, das uns
dorthin brächte, war leicht. Der Ort wurde offenbar von jedem Schiff
angelaufen, das nach Sonnenuntergang segelte. Auch die Bibliothek hatten
wir schon abgeerntet. Mutter Adaqua hatten wir von unserer bevorstehenden
Abreise noch nichts gesagt, da wir verhindern wollten, dass sie unter dem
Siegel der Verschwiegenheit jedem davon erzählte. Dass Valeria Bescheid
wusste, war nicht zu vermeiden. Sie hatte uns schon ungeduldig und
angespannt erwartet, als wir von Zh'Urakrra zurückkehrten.
Mit einer Stimme, triefend vor Argwohn, fragte sie uns, wo wir gewesen
seien.
»Büttelgeschäfte«, erklärten wir ausweichend.
Beseelt von einer Ahnung, verkündete sie, sie werde nicht zulassen, dass
wir heimlich verschwänden.
Das hätten wir nicht vor, entgegnete ich.
Sie werde uns, komme was wolle, begleiten.
Damit rechneten wir, gab ich zurück.
Wir sollten uns bloß nichts einbilden.
Das täten wir nicht, sagte ich.
Sie wisse genau, dass wir das Efferdherz suchten.
Sie solle nicht langweilig werden, ermahnte ich sie.
Ob wir überhaupt wüssten, wie wir zum Aufenthaltsort ihres Onkels
gelangten?
Gewiss! Wir hätten uns schon im Hafen kundig gemacht.
»Im Hafen?«, sprach Valeria mit hoher Stimme. Dann müsse man
womöglich mit dem Schiff fahren?
Sie habe doch alles mit angehört, erinnerte ich sie.
Das habe sie! Sie wisse alles. Wann denn das Schiff auslaufen werde?
In drei Tagen, erklärte ich. Zu früher Stunde.
Ob sie jetzt Angst habe, fragte Linksauge. Schiffsreisen seien bekanntlich
gefährlich.
Hier zu bleiben und von Flaminios Häschern umgebracht zu werden sei
ebenfalls gefährlich, meinte Valeria schnippisch. Außerdem sei sie schon
einmal auf einem Schiff gewesen. Das habe ihr Spaß gemacht. Damals sei sie
um ein Haar nach Port Corrad gesegelt. Ob wir planten, in nächster Zeit Port
Corrad zu besuchen?
Ich wisse nicht einmal, was das sei, antwortete ich. Außerdem klinge der
Name verdächtig.
Wonach verdächtig, wollte unsere Reisegefährtin wissen.
Durch und durch verdächtig, flüsterte Schätzlein.
Damit sahen wir das Gespräch als beendet an. Valeria sah es anders:
Eines plage sie noch ...
Das treffe auch auf uns zu, erwiderte Linksauge. Das sei jedoch kein
Grund ...
Sie wisse nicht, wie sie die Reisekosten bezahlen solle, unterbrach ihn
Valeria. Bekanntlich habe sie uns ihren letzten Dirham gegeben.
Dann möge sie das hernehmen, was geklimpert habe, als sie uns den
letzten Dirham gegeben habe, riet ich ihr.
Valeria schwieg überrascht. Anscheinend hatte sie wirklich angenommen,
uns mit ihrer durchsichtigen List hereingelegt zu haben.
»Fremde Barb...!«, hörten wir sie schimpfen, als wir die Treppe zum
Keller hinabstiegen. Den nächsten Tag verbrachte unsere Reisegefährtin mit
Schmollen.

Der Gedanke an unsere näher rückende Abreise rief zwiespältige Gefühle in


uns hervor, da damit auch unsere Zeit als Büttel dem Ende zu ging. Zu Hause
war kein Bedarf an Bütteln. Wir kamen überein, dass wir vorschnell
gehandelt hatten, als wir Zh'Urakrra umgehend von unserem Wissen über den
Aufenthaltsort des Efferdherzes berichtet hatten. Denn etwas mehr Zeit hätte
uns die Gelegenheit verschafft, ein paar Schurken einzufangen, um sie nach
Maru-Zha zu verschleppen, damit wir auch weiterhin unsere Büttelpflichten
erfüllen könnten. Wir trösteten uns damit, dass die Schurken womöglich nicht
lange vorgehalten hätten. Zudem würde den anderen Marus mangels
Erfahrung der Sinn eingeführter Halunken entgehen.

Zh'Urakrras Ankunft wurde uns von Mutter Adaqua gemeldet. Sie brüllte,
dass ein wilder Wudu uns zu sprechen wünsche.
Da wir nur einen wilden Wudu kannten, wussten wir umgehend, von wem
die Rede war. Wir eilten vom Keller nach oben, wo wir meinen Mentor an
der Spitze eines gleichschenkligen Dreiecks stehend vorfanden. Die anderen
Eckpunkte wurden von Mutter Adaqua und Valeria eingenommen, die vor
dem Haus zu beiden Seiten des Eingangs auf Stühlen saßen. Valeria hatte
Mutter Adaquas Gewohnheit zu deren Missfallen am Vortag angenommen, um
stets unterrichtet zu sein, wenn wir das Haus verließen. Taten wir es, so
räumte sie wortlos ihren Platz und folgte uns in vorwurfsvollem Schweigen.
Die erste Frage meines Mentors lautete, in welcher Beziehung wir zu der
Schildkröte stünden.
Sie sei keine Schildkröte, belehrte ihn Rrual, sondern unsere Vermieterin.
Überdies sei sie beliebt bei uns, da sie sehr putzig sei. Er dürfe ihr nichts
antun!
Auch wenn keine unserer Türwächterinnen von der Unterhaltung wusste,
fühlte sich Mutter Adaqua in diesem Augenblick bemüßigt, ihre Putzigkeit
durch missbilligendes Zischen vorzuführen. Valeria sah das als Zeichen, ihr
Schweigen zu brechen. Sie fragte mit Blick auf Zh'Urakrra, ob wir uns einen
Sklaven und Diener zugelegt hätten.
Ich verneinte. Das sei unser Bekannter Alrik, erklärte ich. Er werde bis
morgen bei uns bleiben.
»In meinem Haus?«, fragte Mutter Adaqua spitz.
»In unserem Keller«, beruhigte ich sie.
Valerias Antwort beschränkte sich auf ein mit jeder Silbe eindringlicher
klingendes »Aha! Aha! Aha!«. Das fiel auch Zh'Urakrra auf. Wir erklärten
ihm, wer sie war: Reisegefährtin und neuerdings Schützling.
Trotz unserer Erklärung, dass mein Mentor kein Diener sei, begann
Valeria ihm schon bald allerlei Anweisungen zu geben. Zh'Urakrra hörte eine
Zeit lang geduldig zu, dann brachte er seine Erwiderung vor. Sofort entfernte
sich Valeria zügigen Schritts. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kehrte sie
abgekämpft und mit Schrammen verziert zurück. Anscheinend hatte ihr
jemand eingeredet, sie müsse den Gipfel des Berges erklimmen, an dessen
Hängen die Stadt erbaut war. Unsere Reisegefährtin war so erschöpft, dass
sie sich unverzüglich zur Ruhe begab, wodurch wir die Gelegenheit
erhielten, die letzten ungewöhnlichen Dinge unbeobachtet aus dem Keller zu
schaffen, nachdem wir schon einen großen Teil des Tages mit dem Packen
unserer Habe und dem Verwischen der Spuren unseres Aufenthalts verbracht
hatten.

Am nächsten Tag setzten wir Mutter Adaqua von unserer bevorstehenden


Abreise in Kenntnis. Sie war davon gar nicht angetan.
Was nun werden solle, fragte sie. Sobald bekannt werde, dass das Viertel
nicht mehr der Alrik-Bande gehöre, würden die alten Zeiten und Mächte
erneut Einzug halten: Büttel, die Schutzgeld von Handwerkern und Händlern
erpressten, Strolche, die sich nicht scheuten, die ärmsten und einfältigsten
Fanas zu übervorteilen und einzuschüchtern! Ob wir daran gedacht hätten?
Das hätten wir nicht, gestand ich ein. Doch wisse ich keinen Rat, wie zu
verfahren sei, da uns neue Aufgaben erwarteten.
Unvermittelt forderte uns Zh'Urakrra auf, ihm das Gespräch zu überlassen.
Wir stimmten erst zu, als er Vetter Einzahn versprochen hatte, Mutter Adaqua
nicht aufzufressen, zu beißen oder anderweitig zu misshandeln.
Mein Mentor wechselte nur wenige Worte mit unserer Vermieterin.
Danach war sie zufrieden. Sie schien jedoch nicht unter der Macht eines
Zaubers zu stehen.
Angesprochen darauf, was er ihr gesagt habe, erklärte Zh'Urakrra, dass es
im Wesentlichen das gewesen sei, was er auch seinen Jüngern hinterlassen
habe. Er habe ihr versprochen, dass wir eines fernen Tages zurückkehren
würden, wenn die Zeiten sehr schlimm und die Verhältnisse schier
unerträglich seien.
Was der Unsinn solle, fragten wir ihn erbost. Ein solches Versprechen sei
keine Empfehlung!
Das sehe er genauso, stimmte Zh'Urakrra zu. Doch habe er bei seinen
Forschungen gelernt, dass F'zzmechs gegenteiliger Ansicht seien. Aus nicht
nachvollziehbaren Gründen erfreue es sie zu erfahren, dass sie jemanden in
Zeiten wieder sehen würden, die kein vernünftiges Geschöpf erleben wolle,
schon gar nicht am Ort des Unheils. Es gebe viele Legenden über solche
unerfreulichen Wiederkünfte, die gern weitererzählt würden. Er wisse auch
nicht, warum.

Wen wir jedoch nicht mehr vorfanden, war Valeria. Sie hielt sich nicht im
Haus auf, und als wir später durch die Gassen unseres Viertels liefen, war
sie auch dort nirgends zu entdecken. Wie uns Zh'Urakrra versicherte, war sie
ebenfalls nicht damit beschäftigt, einen neuen Berg zu erklimmen. Valerias
Abwesenheit war gleichermaßen Rätsel und Missklang. Nach unseren
Schwierigkeiten, Fadenbarts ehemaliger Wirtin durch unsere Beschreibung
zu verdeutlichen, wen wir suchten, hätten wir es nützlich gefunden, sie in
Brabak bei uns zu haben. Nun würde sich die Suche nach dem Kapitän
schwieriger gestalten.
Die Gassen unseres Viertels waren nicht leer. Die kurze Spanne, die wir
mit der Suche nach unserer Reisegefährtin verbracht hatten, reichte Mutter
Adaqua und ihren Freundinnen aus, das ganze Viertel von unserem Weggang
in Kenntnis zu setzen. Möglicherweise kannten die Anwohner jedoch auch
eine altüberlieferte Weissagung, die ihren verhieß: Erscheint der fünfte
Alrik, so endet die Herrschaft der anderen vier.
Allenthalben erblickten wir vor den Häusern unsere bisherigen
Schützlinge. Wir sahen den Wirt, der feierlich versprach, unser Sachwalter
zu sein und Jahr für Jahr unseren Tribut aufzubewahren, den Zecher Tarquino
mit Nachkommen und Weib sowie deren Feindin, die Schlampe Almira, der
wir ebenfalls den Gefährten zurückgebracht hatten. Selbst unser
Lieblingshändler war zugegen, um uns einen lange vorenthaltenen Hasen zu
übergeben, dessen würziger Duft höchste Genüsse versprach. Der Zecher
Tarquino bestand darauf, dass wir seinem Nachwuchs unseren Segen
erteilten. Nachdem wir verstanden hatten, was er wollte, tätschelten wir –
ihm und vielen anderen zuliebe – die Köpfe zahlreicher Kinder. Darunter
auch einen mit dem Fell einer Stinkratte. Wir nützten die Gelegenheit, den
anderen Kindern noch einmal Klein-Imelde als Verkünderin unserer Lehre
anzuempfehlen.
Erst als wir das Viertel hinter uns gelassen hatten, erkundigte sich
Zh'Urakrra, was »unsere Lehre« sei. Wir erklärten ihm, dass sie alles
beinhalte, was den hiesigen Nestlingen bisher entgangen sei, vornehmlich die
Freude am Stehlen, Plündern und Rauben.
Erst beim Hafen meldete sich mein Mentor wieder zu Wort. Er räumte ein,
sich dem falschen Experiment gewidmet zu haben. Es wäre womöglich
ergiebiger gewesen, uns in den Mittelpunkt seiner Forschungen zu stellen.
Wir antworteten ihm, dass wir wie so oft nicht wüssten, wovon er redete.
Efferds Fluch

1.

Das einzige Bewegende an unserer Reise nach Brabak war der Wind, der die
Segel blähte und das Schiff nach Westen trieb. Da sein Kapitän nicht
übermäßig viel verlangte, konnten wir es uns leisten, ihn zu bezahlen.
Am zweiten Tag ereignete sich ein unbedeutender Zwischenfall, als die
Seeleute eine blinde Passagierin aufstöberten: eine kleine Frau, die uns nur
zu gut bekannt war!
Der erste Gedanke des Kapitäns war, sie über Bord zu werfen. Er hielt
nicht viel von unbekannten Mitreisenden. Daher baten wir Zh'Urakrra, tätig
zu werden. Ich begleitete ihn zum Kapitän, da mein Mentor Zweifel äußerte,
ob jener ihn als einen Angehörigen der Wudu-F'zzmechs empfangen werde.
Tatsächlich hatte der Kapitän keine Vorbehalte.
Er sei Mittelreicher, erklärte er beim Anblick Zh'Urakrras. In seiner
Heimat fröne man nicht den verwerflichen Sitten der barb... Al'Anfaner. Man
halte keine Sklaven. Er habe nichts gegen Mohas. Solange der ungebildete
Wilde keine Ungehörigkeiten begehe, sei er ihm so lieb wie jeder andere.
Was unser Begehr sei?
Unser ungebildeter Wilder erklärte unser Anliegen: Ob sich der Kapitän
nicht erinnere, dass wir die Reisekosten Valerias schon beglichen hätten?
Der Kapitän schrak zusammen: Jetzt falle es ihm wieder ein! Wie hätte
ihm dieses Wissen nur entfleuchen können? Das sei ihm überaus peinlich!
Mit hochrotem Kopf bat er unsere erneute Reisegefährtin um Verzeihung.
Sie nutzte die Gelegenheit, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, das damit
endete, dass Valeria in die Kajüte des Kapitäns zog. Vermutlich war es nur
der Beengtheit des Schiffes zuzuschreiben, dass er nicht das Schicksal von
Mutter Adaquas Untermieter teilte und auch weiterhin in seiner Unterkunft
bleiben durfte.
Zh'Urakrra fand Valerias zielstrebiges Vorgehen bemerkenswert, zumal sie
– wie er uns versicherte – nicht zauberkräftig sei. Man könne viel von ihr
lernen.
Wir entgegneten, dass wir uns dieser Gefahr nicht aussetzen wollten, da
Valeria dazu neige, widerwärtige Anträge zu ekligem Gerangel zu machen.
Zh'Urakrra solle sich vor ihr hüten!
Bei erster sich bietender Gelegenheit fragten wir Valeria, wo sie am Tag
unseres Aufbruchs abgeblieben sei.
Sie sei schlauer als wir dächten, behauptete sie. Wohl ahnend, dass wir
sie zurücklassen würden, sei sie zu früher Stunde zum Hafen aufgebrochen,
um sich über auslaufende Schiffe kundig zu machen. Dabei habe sie zwei
Schiffe in die engere Wahl gezogen. Die richtigen Fragen an der richtigen
Stelle hätten sie ihre Entscheidung treffen lassen. Nun sei sie hier, was wir
bestimmt nicht erwartet hätten.
Rrual antwortete, er wolle sich nicht schon wieder von seinem Vetter und
seinem Bruder beleidigen lassen. Deshalb gebe er lieber freiwillig zu, dass
sie noch durchtriebener sei als er. Doch eines wolle er wissen: Wie passe es
ihrer Ansicht nach zusammen, dass wir, die wir sie doch gar nicht bei uns
haben wollten, dafür verantwortlich seien, dass man sie nicht im Meer
ersäuft habe?
»Nüchterne Berechnung«, antwortete Valeria, ohne zu zögern. Wir
wüssten genau, dass wir ohne sie hilflos wären.
Das habe er vergessen. Das müsse demnächst berücksichtigt werden,
erwiderte Einzahn.

Wie wir schon auf See erfuhren, galt der Ort Brabak als wichtiger
Umschlagplatz für Waren und Güter, die von Westen nach Osten oder in
umgekehrter Richtung verschifft werden sollten. Das hörten wir gern, da wir
hofften, dass ein häufig angelaufener Hafen viele Gelegenheiten böte, ein
geeignetes Schiff zu finden, das uns nach Hause brächte.
Brabak war sehr viel kleiner als der Ort Al'Anfa. Die Stadt erstreckte
sich entlang eines Küstenstreifens und an beiden Ufern einer Flussmündung.
Sie war von weitem Sumpfland umgeben, das die Bewohner aufgrund der
Unzulänglichkeiten ihrer Art und sicher auch mangels besseren Wissens
mieden. Die hiesigen Fanas, die ebenfalls mangels besseren Wissens und
damit einhergehender Weltunerfahrenheit behaupteten, nicht so genannt zu
werden, lebten nicht wie die Bewohner unseres alten Viertels in niedrigen
Häusern, sondern lieber in hohen von zweifelhafter Standfestigkeit. Wegen
Zh'Urakrras Anwesenheit verzichteten wir darauf, uns einen Vorwand
auszudenken, um sie zu betreten. Stattdessen beschränkten wir vier uns auf
wissende Blicke voller Begehrlichkeit.

Nachdem sich Valeria vom Kapitän überschwänglich verabschiedet hatte,


drängte sie uns, den Hafen schleunigst zu verlassen, da es möglicherweise
bald Geschrei geben könnte.
In der Annahme, dass Valeria ihren zeitweiligen Wohngefährten besser
kennen gelernt hatte als wir, folgten wir ihrem Ersuchen. Außerhalb des
Hafens fragte uns die Reisegefährtin nach unseren weiteren Plänen.
Sie wisse es doch längst, erwiderte ich. Ihren Onkel suchen und von der
Last des Steines befreien.
»Und danach?«, meinte Valeria. Jetzt, fernab von Flaminios Zugriff und
seiner Häscher ledig, bestehe kein Grund mehr, ihm den Stein zurückzugeben.
Das hätten wir doch hoffentlich nicht vorgehabt? Wie wir uns erinnerten, sei
es ursprünglich ihr Plan gewesen, den Stein gemeinsam zu verschachern. Ein
kluger Plan, der nur unseretwegen gescheitert sei. Deshalb – nähme man es
genau – hätten wir es verdient, dass die Beute bestenfalls halb und halb
geteilt würde. Sie wolle jedoch großzügig sein und stimme zu, dass jeder den
gleichen Anteil erhalte. Ausgenommen der Wudu selbstredend. Was wir mit
dem wollten, sei ihr ohnehin ein Rätsel. Er sei weder Sklave noch Diener,
sondern nur ein Klotz am Bein.
Man werde sehen, tat ich kund.
Valeria brauchte noch nicht zu wissen, dass der Klotz am Bein alles
bekommen sollte. Unerwartet gab sie sich mit der Antwort zufrieden.
Wohin wir jetzt gingen, lautete ihre nächste Frage.
Wir wollten durch den Ort Brabak schlendern, erklärte ich, um Ausschau
nach ihrem Onkel zu halten und gelegentlich jemanden nach ihm zu fragen.
Das sei unser ganzer Plan?, rief Valeria aufgebracht.
Was sie daran auszusetzen habe, erkundigte ich mich. Man könne ihn sich
leicht merken und wisse, was zu tun sei, wenn er erfolgreich wäre.
Valeria wurde ausfallend: Ob uns fremden Barb... Grasschädeln
irgendwann der Gedanke gekommen sei, dass ihr Onkel möglicherweise seit
etlichen Wochen nicht mehr in Brabak weile? Sie habe gedacht, wir hätten
gesichertes Wissen über seinen Aufenthaltsort.
»Woher denn?«, gab ich zurück. Doch wenn es sie beruhige: Es gebe noch
einen zweiten Namen, den wir auskundschaften wollten, obwohl wir nicht
wüssten, wie sein Träger aussähe. Hierbei handle es sich um den Namen des
Käufers, der allgemein als »der Sammler« bekannt sei.
Wir wollten also tatsächlich in der Stadt herumstreunen, um nach dem
»Sammler« zu fragen, erwiderte Valeria.
Ich antwortete mit einer Gegenfrage: Ob Valerias hoch gelobtes Gehör
kürzlich Schaden erlitten habe? Genau das hätte ich doch eben gesagt.
»Welche Einfalt«, seufzte unsere Reisegefährtin. Es müsse uns doch
einleuchten, dass sich hinter einer Person, die nur als »der Sammler« bekannt
sei und Gegenstände zweifelhafter Herkunft erwerbe, niemand verberge, der
mit vollem Namen »Hal-Alrik Sammler« hieße. Das sei zweifellos ein
Deckname, unter dem er Eingeweihten bekannt sei. Wir könnten uns fürwahr
glücklich schätzen, unter ihrer Obhut zu stehen! Sie wisse wie immer eine
einfachere Möglichkeit, um etwas über den Gesuchten herauszufinden.
Was ihr vorschwebe, erkundigte ich mich.
Valeria senkte die Stimme: Ich solle nicht so dumm fragen! Sie wolle sich
bei Herrn Phex kundig machen.
»Herrn Phex?«, warf Linksauge hochgradig unauffällig ein. Ob Valeria
kürzlich von ihm gehört habe? Es gehe ihm doch gut? Ihm fehle doch
hoffentlich nichts ... Wichtiges?
Valeria wies ihn erzürnt zurecht: Er möge sein heidnisches Gewäsch für
sich behalten. Auch von uns anderen wolle sie kein Wort hören!
Da es nach Valerias Auskunft unangebracht war, wenn wir sie begleiteten,
verabredeten wir einen Treffpunkt mit ihr. Geeignet hierfür schien uns ein
schwarzes, hoch aufragendes Gebäude zu sein, das von der Stadt aus zu
sehen war. Wegen seiner wenigen Lichtschlitze kamen wir zu dem Urteil, es
könne eine ansprechende Wohnstätte sein.
Kaum war Valeria weg, schalt Schätzlein den Vetter: Er habe ihm doch
erläutert, dass »Herr Phex« ein F'zzmech-H'Ranga sei. Wozu also die Frage?
Weil er nicht ganz überzeugt von der Antwort gewesen sei, verteidigte
sich Linksauge. Er sei es immer noch nicht. Weitere Nachforschungen seien
nötig.
Einzahn mischte sich ein: Ob es seinem Bruder nicht reiche, sich mit dem
Fischgott angelegt zu haben? Ob er mit allen F'zzmech-Göttern Streit
anfangen wolle?
Die Warnung sei angebracht, erwiderte Linksauge. Das müsse gründlich
überdacht werden.
Heimlich erkundigte sich mein Mentor, ob der Vetter noch immer sein
Gebrechen habe.
Ich müsse das leider bestätigen, erwiderte ich. Eine Besserung sei nicht
abzusehen.
Zh'Urakrra schüttelte nur den Kopf.

2.

Auf dem Weg zum linken Flussufer, wo der Markt liegen sollte, warnte uns
Zh'Urakrra vor Valeria. Er traue ihr nicht. Vermutlich beabsichtige sie, uns zu
übertölpeln.
Das könne man verhindern, erwiderte ich. Wir müssten eben viel mehr
stehlen als nur den Stein. So viel, dass Valeria mit dem Rest zufrieden sei.
Mein Mentor war nicht beruhigt: Er glaube nicht, dass jemand hinreichend
viel rauben könne, um unsere Reisegefährtin zufrieden zu stellen. Er werde
sich beizeiten um sie kümmern.
Mir schien es ratsam, Zh'Urakrra daran zu erinnern, dass Valeria eine
Bekannte von uns war. Keine Bekannte, die man zum Essen einlud und die
anschließend nicht mehr auf eigenen Beinen fortging, sondern eine, mit der
man auch nach dem Mahl noch reden konnte.
An die angedeutete Möglichkeit habe er gar nicht gedacht, erklärte
Zh'Urakrra. Er werde sich etwas einfallen lassen, womit alle zufrieden
wären.

Der Markt Brabaks wurde nicht auf einem Platz abgehalten, sondern auf einer
breiten Straße, die sich durch die gesamte linksseitige Stadthälfte zog. Er
war langweilig. Lebende Tiere waren kaum zu finden. Meistens handelte es
sich bei ihnen sowieso um solche, die aus dem Meer gefischt worden waren.
Wie jeder bestätigen wird, der einmal über längere Zeit tote Fische, Krebse
und Muscheln beobachtet hat, handelt es sich hierbei um eine sehr
unerquickliche Tätigkeit. Wir frönten ihr deshalb nicht lange, obwohl uns
dieses Mal niemand vertrieb.
Erst nach einiger Zeit entdeckten wir die wahren Schätze: unbekannte,
spannende Gegenstände ungewisser Bestimmung. Da wir einen erheblichen
Teil unseres Vermögens für die Schiffsreise ausgegeben hatten und
befürchteten, durch vermögensfreie Inbesitznahme Aufsehen zu erregen,
ersuchten wir Zh'Urakrra, tätig zu werden. Er weigerte sich: Er sei nicht
gewillt, jeden zweiten Händler zu verzaubern, nur damit wir uns
irgendwelchen Plunder aneignen könnten.
Zh'Urakrra ließ sich erst erweichen, nachdem wir ihm abermals in
düstersten Farben die schon bald versiegende Lebensfreude unserer zu Hause
weilenden Verwandten vor Augen geführt hatten.
Unerwartet lernten wir die Grenzen von Zh'Urakrras Zauber kennen, und
zwar durch einen Gegenstand, den die Händlerin, in deren Besitz er sich
befand, mit dem verlockenden Begriff »Bernsteinbrille« bezeichnete. Der
Gegenstand wurde im Gesicht getragen und verlangte das Vorhandensein von
Ohrmuscheln und einer verkümmerten Nase.
Zh'Urakrras Zauber täuschte Gegebenheit vor, aber er erschuf sie nicht.
So war es der Händlerin gänzlich unbegreiflich, warum die Bügel der
Brille ständig herabfielen, sie aber seltsamerweise trotz des fehlenden Halts
unverrückbar auf Schätzleins Nasenrücken hing. Vorsichtshalber packten wir
unsere neue Erwerbung schnell weg, bevor der Frau die nahe liegende
Erklärung aufging. Damit sie nicht zu lange über die Merkwürdigkeit
nachdachte, nahmen wir einen weiteren Gegenstand mit: ein längliches
Messinggefäß mit mehreren Schläuchen. Wir fragten nicht, wozu es diente, da
wir das Gefühl hatten, die Händlerin erwartete, dass jeder wüsste, worum es
sich handelte. Außerdem gingen wir davon aus, dass uns schon noch ein
Verwendungszweck einfallen werde.
Danach wollte mein Mentor nicht länger auf dem Markt weilen. Er ging
mit großen Schritten voraus. Wir folgten ihm stolz und zufrieden. Herrliche
Mitbringsel!
Etwas abseits des Marktes kamen wir an einem Wirtshaus vorbei. Auf der
Türschwelle saß der Wirt mit zerrauften Haaren. Er sah so bekümmert aus,
dass wir augenblicklich in unsere alten Büttelgewohnheiten zurückfielen und
ihn fragten, ob er das Opfer abwechslungsreicher Schurken geworden sei.
Er verneinte. Er habe sich leider einige unleidliche Gäste eingehandelt,
die ihm alle anderen vertrieben. Kaum beträte jemand sein Haus, verließe er
es auch schon wieder. So könne es nicht weitergehen!
Mitfühlend erkundigte ich mich, worin sich die Unleidlichkeit der
Schurkengäste ausdrücke. Ob sie andere Zecher schlügen, bissen oder
verspeisten?
Der Wirt sah mich finster an und erklärte, er sei nicht in der Stimmung,
sich an meinen launigen Anwandlungen zu beteiligen. Außerdem lasse sich
die Unleidlichkeit gar nicht so einfach beschreiben.
Es gebe Gäste, die sich stundenlang mit einem Becher Wasser begnügten.
Die seien ihm nicht lieb. Dann gebe es Gäste, die so verstockte Schweiger
seien, dass man ihnen nicht den Rücken zuwenden wolle, da einen sonst das
Gefühl beschliche, als öffnete sich ein bodenloser Abgrund hinter einem, der
einen beim kleinsten Fehltritt verschlänge. Solche Gäste seien ihm auch nicht
lieb. Dann wiederum gebe es welche, deren finsteren Mienen man sofort
ansehe, dass sie auf Krawall aus seien, und dass es ausreiche, ihren Blick zu
kreuzen, um Prügel zu beziehen. Auch die seien ihm nicht lieb.
Um auf die gegenwärtigen Gäste zurückzukommen: Auf die treffe all das
zu, sowie noch etliches, das er gar in Worte fassen könne.
Wir seien Büttel, sagte Linksauge, reisende Büttel, um genau zu sein. Falls
der Wirt Hilfe wünsche: Für Gold täten wir alles!
Von Gold könne nicht die Rede sein, erwiderte der Wirt. Doch wenn es
uns gelänge, die beiden Burschen und das Frauenzimmer aus seiner Schenke
zu prügeln, ohne die Einrichtung zu beschädigen, so werde das unser
Schaden nicht sein.
Das sei auch das Mindeste, das man erwarten könne, hielt Zziriff dem
Wirt vor. Der verbesserte sich: Er habe damit ausdrücken wollen, dass er
uns allen eine Mahlzeit ausgeben werde. Übrigens sei unsere Wasserpfeife
ein schönes Stück.
Es sei nett, dass er das sage, erwiderte ich, auch wenn wir nicht wüssten,
wovon er rede.
Ohne auf Zh'Urakrras kleinliche Einwände zu achten, traten wir ein. Da
die Schankstube wie geschildert leer war, waren die unleidlichen Gäste
unschwer auszumachen. Sie sahen aus, als hätten sie die letzten Monde in
einem Dornendickicht verbracht und davor und danach jeweils eine blutige
Schlacht geschlagen.
Sie starrten uns an.
Wir starrten sie an.
Dann sprachen wir alle gemeinsam: »Ich bin da und habe Hunger!«
Ych'Iraa, Ch'Oorr'ck und Dh'Errnu forderten uns angesichts drohender
Gefühlsduselei zur Zurückhaltung auf. Rührseliges Verhalten könne
unerwünschtes Aufsehen erregen!
Ihre Besorgnis war nachvollziehbar. Daher verzichteten wir darauf,
unsere unverhofft wieder gefundenen Gefährten freundschaftlich zu beißen,
setzten uns zu ihnen und erkundigten uns, wie es ihnen ergangen sei.
Sie hatten Spannendes erlebt. Während sie berichteten, sah der Wirt
herein, der Lärm, Schmerzensschreie und andere übliche Geräusche eines
Raufhändels vermisste. Als er entdeckte, dass wir einträchtig beisammen
saßen und ihm gelassen entgegen sahen, stieß er mit schriller Stimme aus:
»Jetzt sind sie zu acht!« und taumelte rückwärts nach draußen. Auf das
versprochene Mahl kam er nicht mehr zurück.

Auch Ych'Iraa, Ch'Oorr'ck und Dh'Errnu hatten angenommen, die einzigen


Überlebenden des Schiffbruchs zu sein. Doch im Gegensatz zu uns anderen
hatten sie nicht den Weg nach Al'Anfa oder Mirham eingeschlagen, sondern
waren ins Landesinnere vorgedrungen, wo sie nach langer Wanderung auf
eine Stadt der Altvorderen gestoßen waren. Sie trug noch immer ihren alten
Namen H'Rabaal, obwohl von der einstigen Größe nicht mehr viel übrig
geblieben war: eine Hand voll Pyramidenbauten, die nach der vor
Jahrhunderten erfolgten Zerstörung des Entwässerungssystems Jahr für Jahr
tiefer im sumpfigen Boden versanken. Der Rest der Stadt, ehedem von
zehntausenden Geschuppter unterschiedlicher Rassen bewohnt, war verfallen
und vom Urwald überwuchert. Nach Ch'Oorr'cks Vermutung war es nur
einigen noch wirksamen Zaubern und noch nicht erloschenen Pakten
zuzuschreiben, dass überhaupt ein Bauwerk die Jahrtausende überdauert
hatte.
Wie nicht anders zu erwarten, wurde H'Rabaal auch nicht mehr von einem
Beinahegott beherrscht. Der Ort war heutzutage eine kleine Siedlung mit
wenigen hundert Bewohnern, vorwiegend F'zzmechs, deren neu erbaute
Wohnstätten inzwischen von beträchtlichem Alter waren.
Vorwiegend?
Das beiläufig gefallene Wort weckte unsere Neugier. Zu Recht! Denn wie
wir erfuhren, lebten im Ort H'Rabaal nicht nur F'zzmechs, sondern auch
einige Dutzend Abkömmlinge zweier echsischer Völker: Angehörige des
schmierigen Achazvolkes und der unerträglich geschwätzigen Ziliten, den
mutmaßlichen Erfindern der niederträchtigen Kunst des Zu-Tode-Redens.
Diese Eröffnung veranlasste uns Büttel zu der Zwischenfrage, ob es denn
stimmte, was die Altvorderen berichteten, nämlich dass den liederlichen
Achaz das Schurkentum ins Gesicht geschrieben stünde?
Bestätigen könnten sie das nicht, meinte Ch'Oorr'ck. Doch womöglich
liege das daran, dass sie die Gesellschaft der Achaz gemieden hätten. Deren
Schamanen seien zwar nicht allzu befähigt, doch hätten er und die anderen
beiden Mentoren nicht das Wagnis einer Entdeckung eingehen wollen. An
diesen Beschluss hätten sie sich eisern gehalten – vorwiegend jedenfalls.
Übrigens könnten wir auch hier, im Ort Brabak, einzelnen Achaz begegnen.
Völlig zutreffend seien jedoch die Behauptungen über die Ziliten. Wer einmal
einem dieser elenden Plappermäuler und Blubbermünder begegnet sei, der
begreife sofort, warum die Beinahegötter verbieten mussten, dass ein Maru
einen Ziliten einzig mit der Begründung auffraß, es habe die unmittelbare
Gefahr bestanden, dass jener das Wort ergreife.
Dieses Mal sah sich Zh'Urakrra veranlasst, nach der Bedeutung des
Wortes »vorwiegend« zu fragen.
Umständehalber seien Feindseligkeiten erforderlich gewesen, erklärte
Ych'Iraa.
Wie er sich solche »Umstände« vorzustellen habe, wollte Zh'Urakrra
wissen.
Das sei leicht erklärt, antwortete sie. Er möge sich nur das Bild dreier
aufmerksamer Marus vor Augen führen, denen aufgefallen sei, dass eines der
alten Bauwerke von ansässigen Achaz bewacht werde, und die daraufhin
beschlossen hätten, aus Wissensdrang in das Gebäude einzudringen. Zwar
behandelten die Achaz mehr oder weniger jedes Trümmerstück als heiliges
Zeugnis ihrer Vergangenheit – und zwar ausschließlich ihrer –, doch habe
dieses Bauwerk den Eindruck erweckt, als beherberge es Wichtiges, etwa
die Hinterlassenschaft eines Sskrrechs.
Man habe es zuerst im Guten versucht und um Einlass gebeten. Der sei
ihnen – als scheinbaren F'zzmechs – verwehrt worden. Darauf habe sie,
Ych'Iraa, in wahrer Gestalt einen neuen Versuch unternommen. Bevor wir zu
zetern begännen, wolle sie anmerken, dass es in der Gegend Marus gebe. Das
sei doch überraschend, nicht wahr?
Ich warf ein, dass wir uns sogar mit einigen unterhalten hätten. Ob sie jetzt
beeindruckt sei?
Ych'Iraa überging meine Frage und fuhr fort: Auch dieses Herangehen
habe nicht zum Erfolg geführt. Mehr noch, die Achaz hätten dumme Reden
geschwungen, ihr sogar Vorschläge unterbreitet, die noch waghalsiger und
abwegiger gewesen seien als die von vier anwesenden halbwüchsigen
Kriegern.
Einzahn und ich sahen uns an. Wir waren uns stillschweigend einig, dass
Ych'Iraa diese Bemerkung für sich hätte behalten können. Allerdings mussten
wir beinahe zwangsweise unsere Blicke auf Schätzlein richten, der leider
immer noch keine Anzeichen einer bevorstehenden Veränderung aufwies. Er
blieb eben unser Gefährte, wo er doch lieber unsere Gefährtin hätte werden
sollen. Zziriff, unsere Blicke richtig deutend, erwähnte, dass es bisweilen
vorkomme, dass jemand aus reinem Trotz sein Familienerbe nicht anträte und
für immer dasselbe Geschlecht beibehielte. Außerdem sollten wir uns nicht
so aufführen! Er höre Ych'Iraas Worte ebenfalls nicht gern.
Die Genannte klopfte, Aufmerksamkeit heischend, auf den Tisch: Ob sie
nun fortfahren könne? So ähnlich sei das Gespräch mit den Achaz auch
verlaufen. Sie sei zu Ch'Oorr'ck und Dh'Errnu zurückgekehrt und Ersterer
habe dann beschlossen, Entwachungsmaßnahmen einzuleiten. Danach habe
man das alte Gemäuer ungestört betreten können. Jedoch seien sie gleich
hinter dem Eingang auf ein Gewirr von Gängen gestoßen.
Fallen und Sicherungen erwartend, hätten sie sich auf die Gültigkeit von
»Sz'Trrks Vermutung« verlassen, was sich als richtige Entscheidung erwiesen
habe. Denn so seien sie anfänglich gefahrlos vorangekommen.
Ich unterbrach Ych'Iraa und fragte sie, was Sz'Trrk vermutet habe.
Da müsse sie so weit ausholen, antwortete Rruals Mentorin, dass sie nicht
vorhersagen könne, ob ihr ihr eigenes Gerede nicht langweilig werde. Der
Begriff »Sskrrim-Schergen« sei uns vermutlich nicht geläufig?
Ob sie scherze, antwortete Einzahn. Wir seien Sskrrim-Schergen, auch
wenn wir letzten und neuesten Inhaber dieses Amtes heutzutage die
Bezeichnung »Büttel« vorzögen.
Als hätten sie sich abgesprochen, blickten Ych'Iraa, Ch'Oorr'ck und
Dh'Errnu gleichzeitig zu Zh'Urakrra. Er starrte zurück. Keiner von ihnen sagte
ein Wort. Anscheinend waren sie alle sehr beeindruckt.
»Nun ... gut«, fuhr Ych'Iraa nach einigen Augenblicken des Schweigens
fort. Die Beinahegötter hätten es gelegentlich für nötig befunden, Sskrrim-
Schergen in ihren Wohnstätten zu empfangen. Klug und kundig in den
Eigenarten unseres Volkes, hätten sie sich für Vorfälle gewappnet wie diesen,
der mit den geheimnisvollen Dingen zusammenhing, die sich gegenwärtig
unter dem Tisch abspielten ...
Ich, die Vettern und Schätzlein beugten uns unverzüglich unter den Tisch,
um herauszufinden, wovon Ych'Iraa sprach. Wieder einmal stießen unsere
Schädel unsanft zusammen. Unter dem Tisch spielte sich nichts
Geheimnisvolles ab! Vorwurfsvoll starrten wir die Mentorin an: Wir
wussten, was sie meinte. Allerdings hätte sie uns das auch sagen können,
ohne uns vorab bitter zu enttäuschen.
Dann sei es gut, erwiderte Ych'Iraa herzlos. Sz'Trrks Vermutung besage
im Wesentlichen, dass der kürzeste Weg zur Wohnstatt eines Beinahegottes
der langweiligste sei. Der, auf dem es nichts gebe, das die Neugier eines
Marus wecken könne oder dazu herausfordere, es kaputt zu machen.
Die Vermutung müsse von nun an – wie erwähnt – als bewiesen gelten.
Nach einiger Zeit guten Vorankommens habe ihnen ein durch Zauberkraft
geschütztes Tor den Weg versperrt, das sie allerdings wegen »Chrr'Vtts
Untrüglicher Erkenntnis« nicht lange aufgehalten habe.
Wer Chrr'Vtt schon wieder sei und was er erkannt habe, begehrte Zziriff
zu wissen.
Das sei schnell erklärt, antwortete Ych'Iraa. Nicht nur die Altvorderen
hätten die Sskrrim als götterähnliche Wesen betrachtet, sondern die Sskrrim
hätten sich auch selbst als solche gesehen. Also hätte man sich nur überlegen
müssen, was ein mächtiger und völlig von sich eingenommener Sskrrech von
seinem Gefolge erwartete.
Die Antwort sei nicht schwer gewesen. Und so hätten sie, Ch'Oorr'ck und
Dh'Errnu alsbald laut und in absichtlich fehlerhafter Ausdrucksweise
verkündet, sie seien armselige Marus, unterwürfige Diener, nichtswürdiges
Gewürm, streitsüchtige Einfaltspinsel und so weiter, die den allmächtigen,
alles durchschauenden, strahlenden, erhabenen und prächtigen Sskrrech zu
sprechen wünschten.
In Wirklichkeit habe es allerdings erheblich länger gedauert, bis sich das
Tor geöffnet habe. Das Ganze sei eine durch und durch erniedrigende
Erfahrung gewesen, zumal das schmachvolle Vorgehen bei jedem Tor habe
wiederholt werden müssen – geschlagene sieben Mal! Ihr sei es ein Rätsel,
wie ein Sskrrech einen Besuch seiner Untergebenen unbeschadet habe
überstehen können. Denn sie drei seien nach Erreichen der Schatzkammer –
darum habe es sich bei dem Ziel gehandelt! – so gereizt gewesen, dass sie
einem gegebenenfalls dort wartenden Beinahegott den Unterschied zwischen
»beinahe« und »ganz« unverzüglich beigebracht hätten. Mangels eines in
winzige Stücke zerreißbaren Sskrrechs hätten sie sich darauf beschränken
müssen, die Kammer in unwichtigen Teilen, aber dort ganz erheblich, zu
verwüsten, um ihre Selbstachtung zurückzugewinnen.
Da die Kammer – eher ein verzweigtes Gewölbe – überreich bestückt
gewesen sei, sodass man unmöglich alles hätte rauben können, seien sie
gezwungen gewesen, sorgfältig zu überlegen, was sie mitnehmen könnten.
Die Auswahl sei auf Tafeln mit Schriftzeichen gefallen.
Sie aus Gold zu fertigen habe zwar für ihre Haltbarkeit gesorgt, sei aber
beim Stehlen, insbesondere beim Wegtragen, sehr lästig gewesen. Zum Glück
seien ihnen auf dem Rückweg weitere Demütigungen erspart geblieben.
Draußen, vor dem Bauwerk, hatten allerdings erneut Achazwachen gewartet,
die gar nicht erfreut gewesen waren, drei vermeintliche F'zzmechs beim
Rauben mutmaßlich heiliger Gegenstände zu überraschen. Daher habe
Ch'Oorr'ck erneut ausgiebige Entwachungsmaßnahmen ergreifen müssen.
Danach habe man schleunigst das Weite gesucht, bevor der stete Schwund
der ortsansässigen Achazbevölkerung zu viel Aufsehen erregt hätte. Das sei
also mit »vorwiegendem Einhalten« ihres Beschlusses, die Achaz zu meiden,
gemeint gewesen.
Ych'Iraas Bericht hatte zwei Fragen zur Folge.
Die erste stammte von Zh'Urakrra, der wissen wollte, ob die anderen
Mentoren schon wüssten, was auf den Tafeln verewigt worden sei.
Ch'Oorr'ck, Ych'Iraa und Dh'Errnu verhielten sich eigentümlich
ausweichend: Es bedürfe Monde, womöglich Jahre, die Bedeutung der
Schriftzeichen zu entschlüsseln.
Hätten sie denn gar nichts herauszufinden versucht, hakte mein Mentor
nach.
»Nun ja«, räumte Dh'Errnu ein. Das hätten sie, doch das Ergebnis sei
enttäuschend gewesen. Frei heraus: veraltet und auf irrigen Annahmen
beruhend. Das müsse aber nicht so bleiben. Hoffe er jedenfalls. Ganz
bestimmt wäre es jedoch lohnend, eines Tages zurückzukehren, um noch mehr
zu bergen.
Das treffe sich gut, meinte Zh'Urakrra. In dem Falle könne er
möglicherweise sein Experiment fortsetzen.
Unerwartet stellte Linksauge die zweite Frage: Etwas fehle in dem
Bericht. Wenn die Mentoren nach dem Verlassen der Pyramide schleunigst
das Weite gesucht hatten, was war dann aus den erlegten Achazwachen
geworden? Ob sie etwa nicht aufgegessen worden seien?
Diese Frage beantworteten die Mentoren sichtlich ungern.
Dh'Errnu äußerte sich zögernd: Dafür sei keine Zeit gewesen, da die
Gefahr bestanden habe, dass weitere Achaz erschienen. Der Verzehr hätte
sich dadurch leicht zu einem Fass ohne Boden entwickeln können. Linksauge
solle sich das so vorstellen: Eben wäre man noch am Speisen, schon käme
der Nachschlag.
Er wisse, was ein Fass ohne Boden sei, entgegnete mein Mitbüttel streng.
Wie viel von der erbeuteten Nahrung sei mitgenommen worden?
Widerwillig sagte Dh'Errnu aus: In Anbetracht dessen, dass sie mit
schweren Goldtafeln beladen gewesen seien, laute die Antwort
möglicherweise: nichts.
Das war empörend! Bevor wir unserer Entrüstung Ausdruck verleihen
konnten, kam mein Mentor Dh'Errnu zu Hilfe: Er überlege sich schon lange,
ob manche unserer Bräuche nicht erst in Maru-Zha entstanden seien. Ob sie
an einem anderen Ort als unserem Tal womöglich überhaupt nicht sinnvoll
wären. Wie wir wüssten, hätten die Altvorderen manche Schlacht
geschlagen. Er frage sich, ob die Vorfahren tatsächlich immer das
vollständige gegnerische Heer verspeist hätten.
Meine stets wachen Büttelsinne kannten für das Gehörte nur ein Wort,
aber das gleich in der Mehrzahl: Ausflüchte!
Argwohn regte sich. Alles war so offensichtlich. Nicht länger mehr ließ
sich übersehen, was uns gleich hätte auffallen sollen. Scheinheilig und ohne
ein Gefühl der Reue stellte ich Zh'Urakrra die Fangfrage, wie viele Häscher
der Sklavenherr Luzindo zuletzt auf ihn angesetzt habe.
»Drei«, antwortete er, ahnungslos in die heimtückisch gestellte Falle
tappend.
Durchdringend starrte ich meinen Schurkenmentor an: Ob er uns
weismachen wolle, dass er in der kurzen Zeit, die verstrichen sei zwischen
seiner Ankunft bei Mutter Adaqua und dem Augenblick, als wir ihn beim
Verscharren seiner Bekannten überraschten, drei ausgewachsene F'zzmechs
gegessen habe?
Das habe er auch nicht, gestand Zh'Urakrra, begreifend, dass Leugnen
zwecklos war.
Dieses unerhörte Verhalten, von dem wir nur zufällig erfahren hatten, ging
zu weit! Ich überschüttete unsere Mentoren mit heftigen Vorwürfen: Ihr
Betragen könne man nur als kindlich bezeichnen! Doch während man es
einem Marukind noch nachsehen könne, wenn es wahllos Beute machte und
sie überall verstreute, so sei dasselbe Benehmen bei einem erwachsenen
Maru weder entschuldbar noch duldbar! Obendrein sei es gleich
dreizehnfach verwerflich, da uns seit Tagen schreckliche Gewissensbisse
plagten wegen des Nichtverzehrs von Tar Honak und seinen Kumpanen,
obwohl wir nicht einmal alle erlegt hätten, sondern ein nennenswerter Teil
von ihnen unseren Untertanen zum Opfer gefallen sei. Linksauge habe
vermutlich weniger Gewissensbisse gehabt als wir anderen, da er seines
Leidens wegen aus schierer Gewohnheit ständig am Essen sei, doch
immerhin habe er welche gehabt! Bei unseren Mentoren springe mir jedoch
nur Verstocktheit und fehlende Reue ins Auge.
Nach Augenblicken bleiernen Schweigens erkundigte sich Dh'Errnu, was
Linksauge fehle.
Der Vetter schilderte ihm in ergreifenden Worten, wie es um ihn bestellt
sei.
Abermals schien ein geheimer Befehl erteilt worden zu sein, da Ych'Iraa,
Ch'Oorr'ck und Dh'Errnu erneut gleichzeitig zu Zh'Urakrra sahen. Wie zuvor
blieb er stumm. Dieses Mal hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass die
Mentoren schwiegen, weil sie beeindruckt waren.
Zh'Urakrra rächte sich bitterlich, als er auf sein Experiment zu sprechen
kam. Das, was wir befürchtet hatten, als er es zum ersten Mal erwähnt hatte,
trat ein. Ich übertreibe nicht, wenn ich erwähne, dass man mich schütteln
musste, um mich aus der Erstarrung zu befreien, in die ich freiwillig vor der
Eintönigkeit und Langatmigkeit seines Vortrags geflüchtet war.
Dann waren wir an der Reihe, von unseren spannenden und
unterhaltsamen Erlebnissen zu berichten.
Zziriff übernahm das Reden. Da ich alles kannte, was er erzählte, weil ich
dabei gewesen war, gab ich mich einer entspannten Schlummerstimmung hin.
Ich schreckte auf, als Schätzlein berichtete, wie wir heimlich in eine
Wohnstatt nach der anderen eingedrungen seien, um dort ungehörige,
unanständige, gar widerliche Dinge zu treiben.
Ich fragte ihn, warum er diese Lügenmären verbreite.
Ich solle unsere Mentoren ansehen, meinte er nur.
Ich mochte es nicht glauben: Sie hörten nicht zu!
Die unverschämte Übernahme unserer Gepflogenheit ließ die Welt
wanken. Mir war, als hätten unheimliche Mächte klammheimlich die
natürliche Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt.

3.

Mittlerweile war es Zeit geworden, Valeria zu treffen. Wir erhoben uns und
gingen einer nach dem anderen zur Schenke hinaus. Der Wirt saß immer noch
draußen: nicht mehr auf der Schwelle, sondern neben der Tür. Er war nicht
allein. Eine Frau hockte bei ihm und hielt seine Hand. Wegen seines
gesenkten Blicks bemerkte er unser Gehen möglicherweise nicht einmal.
Wir überquerten den Markt sowie die Brücken, die den Fluss
überspannten, und erreichten schließlich das schwarze Haus, das als
Treffpunkt vereinbart worden war. Unterwegs unterrichteten wir unsere
Gefährten von unserem Vorhaben. Da auch sie nach dem Verlust unserer
Ausrüstung nichts anderes im Sinn hatten, als mit ihrer Beute nach Hause
zurückzukehren, waren wir uns einig, dass die Inbesitznahme des
Efferdherzes unser letztes Abenteuer in der Fremde sein sollte.
Aus der Nähe sah das schwarze Haus nicht mehr ganz so einladend aus.
Seine schweren Bronzetüren waren mit hässlichen Gesichtern von zweifellos
noch hässlicheren Wesen verziert. Man konnte nur hoffen, dass es solche
Geschöpfe nicht wirklich gab und sie allein der lebhaften Einbildungskraft
der F'zzmechs entsprangen. Denn wenn die Wunderbare Weltordnung
tatsächlich jemanden dazu verdammte, sich von solch widerlich
anzusehender Beute zu ernähren, so war derjenige bestimmt nicht zu
beneiden.
Überdies wies die Tür keinen Klopfer oder eine vergleichbare
Vorrichtung auf, mittels derer sich ein Einlass Begehrender hätte bemerkbar
machen können. Offenbar wollten es die Hausbewohner möglichen
Besuchern nicht leicht machen.
Als wir uns wegen der unerfreulichen Gedankenverknüpfung ein Stück
von dem Gebäude entfernten, öffnete sich dessen Tür und zwei F'zzmechs
traten heraus, von denen Zh'Urakrra behauptete, sie seien Zauberkundige. Die
beiden gingen an uns vorbei, ohne uns zu beachten. Jedoch fiel auf, dass wir
die Einzigen waren, die bei ihrem Anblick keine Schutzzeichen in die Luft
malten. Anscheinend waren sie im Ort Brabak nicht sehr beliebt.
Wer in Häusern mit solchen Türen wohnt, sollte sich darüber eigentlich
nicht wundern.

Eine ganze Stunde verstrich, bis wir Valerias ansichtig wurden. Sie blieb in
einiger Entfernung stehen und winkte. Ich winkte ebenfalls. Valeria winkte
noch stärker, worauf sich Schätzlein und die Vettern meinem Winken
anschlossen. Plötzlich hörte Valeria auf zu winken, zog eine Grimasse und
kam widerwillig zu uns.
Im Flüsterton und mit misstrauischem Blick auf unsere Gefährten fragte
sie, wer die drei Strolche seien.
Das seien keine Strolche, widersprach ich. Jedoch hinge die Einschätzung
davon ab, wessen man sie bezichtige.
Ich solle nicht um den heißen Brei herumreden, drängte mich unsere
Reisegefährtin. Sie wolle wissen, wer die drei seien.
Sie ließ mir nicht die Zeit, etwas zu sagen, da sie urplötzlich die Antwort
zu kennen schien. Leider wurde Valeria wieder einmal Opfer ihrer bekannt
voreiligen Schlussfolgerungen, da sie missdeutete, warum Ch'Oorr'ck und
Dh'Errnu bei Zh'Urakrra standen.
Es sei zwar löblich, sagte sie, dass wir den wilden Wuduwaldmenschen
endlich verkaufen wollten, doch sollten wir das nicht unbedingt an einem
öffentlichen Platz wie vor der Magierakademie tun, da Sklaverei in Brabak
unsinnigerweise verboten sei.
Sie müsse sich nicht aufregen, beruhigte ich Valeria. Wir hätten nicht vor,
unseren wilden Wudu zu verkaufen. Die drei seien gute Bekannte von uns und
hörten auf die Namen Alrik, Alrik und Alrik. Ob sie nun verstünde?
Valeria war überrascht: Ich wolle doch damit nicht andeuten, dass die
beiden mutmaßlichen entlaufenen Kettensträflinge ebenfalls Maraskaner
seien?
Das sei so, bestätigte ich.
»Die eingebildete Zicke etwa auch?«, rief Valeria empört. Anscheinend
hatte sie Vorurteile gegen Ych'Iraa.
Auch die, sagte ich. Doch da wir gerade dabei seien: Ob ihr denn am
Namen unseres wilden Wudus nichts aufgefallen sei?
Wie denn, erwiderte Valeria. Sie wisse nicht einmal, wie er heiße.
Sie solle raten, schlug ich vor.
Das sei albern, antwortete Valeria. Vermutlich trage der Waldmensch
einen Namen, der sich sehr götterlästerlich anhöre, der aber – wenn man ihn
übersetze – irgendetwas ganz Dämliches bedeute, wie zum Beispiel »Der,
der lachend hinter einen Baum springt«.
Das sei falsch, meinte ich. Er heiße ebenfalls Alrik.
»Alrik, der lachend hinter einen Baum springt?«, fragte Valeria verwirrt.
Ich riet ihr zu einem weiteren Versuch.
»Oh!«, rief Valeria, als sie verstand. Der Wilde sei doch nicht etwa ein
maraskanischer Wudu?
Das komme der Wahrheit recht nahe, antwortete ich.
Valerias Erstaunen hielt nicht lange vor. Die Stirn in Falten gelegt,
erklärte sie, dass von vornherein klar sein müsse, dass unsere drei Bekannten
nichts von der Beute abbekämen. Sie habe das Ganze nur mit uns geplant. Für
weitere Mitwirkende sei kein Platz. Wenn wir anderer Ansicht wären, so
sollten wir sie von unserem Anteil auszahlen.
Anders sei es nie gedacht gewesen, beschwichtigte ich sie. Nun möge sie
berichten, was sie herausgefunden habe.
»Eine ganze Menge!«, verkündete Valeria stolz. Ihr Onkel, dieser
verlogene Schuft, dieser gemeine Halunke, dieser verfluchte Betrüger, dieser
elende ... Autsch! Ich solle aufhören sie zu zwicken! Sie komme doch gleich
zum Wesentlichen ... Ihr Onkel sei wie erwartet längst über alle Berge. Doch
habe er tatsächlich den »Sammler« aufgesucht. Jener sei ein angesehener
Herr, dessen Familie beträchtlichen Einfluss in Brabak besitze. Er bewohne
ein Anwesen außerhalb der Stadt, das angeblich gut gesichert sei.
Ich fragte sie, was darunter zu verstehen sei.
»Wachen, vielleicht Hunde«, erklärte Valeria. So genau habe sie sich nicht
erkundigen wollen, um nicht später mit dem Verschwinden des Steins in
Verbindung gebracht zu werden. Man wisse nie, wie weit der Arm der
Mächtigen reiche. Ein Flaminio auf den Fersen sei ihr genug. Sie wolle sich
das Anwesen im Laufe des morgigen Tages ansehen. Das sei aber nur der
Anfang, da dürften wir unser keiner Täuschung hingeben! Solange wir nicht
wüssten, wo der »Sammler« wertvolles Gut aufbewahre, oder zumindest
einen Hinweis besäßen, bräuchten wir mit der Unternehmung gar nicht erst zu
beginnen.
Wie sie sich das Erlangen solcher Kenntnisse vorstelle, fragte ich.
Valeria antwortete lächelnd, ich könne zum Beispiel einer Magd den Kopf
verdrehen und sie zum Plaudern verleiten.
»Nein, nicht wünschenswert!«, gab ich zurück. Bei einem solchen
Vorgehen könne man schnell beunruhigenden und ekelhaften Anträgen
ausgesetzt werden. Mein Vetter als Ältester von uns sei sicher geeigneter als
ich.
Linksauge fühlte sich zu Recht angesprochen: Da erst kürzlich von einer
gewissen Person bezweifelt worden sei, dass er der Älteste sei, müsse sein
Bruder gemeint sein, was ihn erleichtere, wie er zugeben müsse.
Das sei alles richtig, meinte Einzahn. Doch er als Ältester vertrete die
Ansicht, dass man dem Jüngsten Gelegenheit geben müsse, sich zu bewähren.
Das sei zweifellos Schätzlein.
Zweifellos sei er das nicht, wehrte sich Schätzlein. Und selbst wenn er es
wäre, müsse man bedenken, dass die Jüngsten dadurch auffielen, dass sie nie
taten, was man von ihnen erwartete. Er sei sehr auffällig!
Ob es nun genug sei, fragte Valeria gereizt. Vielleicht gebe es noch andere
Möglichkeiten. Doch irgendetwas müssten wir zum Gelingen des Vorhabens
beitragen.
Wann sie sich das Anwesen anzusehen gedenke, fragte ich sie.
Warum ich das wissen wolle, erwiderte Valeria argwöhnisch. Sie werde
allein gehen! Deshalb sei es ohne Belang, wann sie aufbreche. Zunächst
werde sie sich eine Unterkunft suchen, die möglichst nicht dieselbe sein solle
wie unsere. Nicht dass sie unsere Gesellschaft leid sei. Doch hätten wir
neuerdings so viel Zeit miteinander verbracht, dass eine zeitweilige
Trennung gut sei. Sie wolle schließlich keine falschen Hoffnungen in uns
wecken.
Ich überging die Bemerkung und antwortete, dass es weder klug noch
weise sei, wenn Valeria alleine zur Wohnstatt des »Sammlers« ginge.
Solches Misstrauen habe sie nicht verdient, nach allem, was sie für uns
getan habe, antwortete Valeria spitz und anscheinend auf der Schwelle zum
Tränenvergießen.
Nicht Misstrauen, sondern Sorgen leiteten mich, gab ich ihr zu verstehen.
Ich wolle nur verhindern, dass ihr etwas zustieße.
Was ihr denn zustoßen solle, erkundigte sich unsere Reisegefährtin.
Ein Ungeheuer könne aus dem Sumpf kommen und sie auffressen, schlug
ich vor.
Welches Ungeheuer denn?, fragte Valeria.
Ob der Name wichtig sei, erwiderte ich. Reiche es nicht, wenn das
erwähnte Ungeheuer ein großes Maul und viele Zähne habe? Müsse sie dann
noch wissen, dass es etwa als Sumpfquappe bekannt sei?
Und ich bildete mir ein, ein solches Unglück gegebenenfalls verhindern zu
können, meinte Valeria spöttisch.
Alles andere würde mich überraschen, behauptete ich. Wozu sei die Welt
schließlich wunderbar geordnet?
Ich solle sie bloß mit meinen maraskanischen Weisheiten in Frieden
lassen, bat Valeria, die Augen verdrehend.
Immerhin leistete sie nun nicht mehr länger Widerstand, sondern erklärte
sich bereit, sich am nächsten Vormittag außerhalb des Orts Brabak
einzufinden.
4.

Valeria war wirklich nicht leicht zufrieden zu stellen. Das zeigte sich bei
dem abgesprochenen Treffen am folgenden Tag, als sie gleich zu Anfang
ihren Unwillen zum Ausdruck brachte: Sie habe sich vorgestellt, dass sie
einer von uns beim Auskundschaften begleite, aber nicht gleich alle vier, und
schon gar nicht habe sie uns ermutigt, den Waldmenschen, die
Kettensträflinge und die hochnäsige Zicke mitzubringen. Das Ausforschen
von Örtlichkeiten in der Absicht, ihnen später einen heimlichen Besuch
abzustatten, sei eine geheime Tätigkeit. Man übe sie allein aus, vielleicht
auch zu zweit, aber sicherlich nicht in Rotten oder Rudeln!
Während sie weiter schimpfte, fragte mich Ych'Iraa stumm, was Valeria
gegen sie habe. Sie habe doch noch kein einziges Wort mit ihr gewechselt.
Das wisse ich auch nicht, gab ich zurück. Mutter Adaqua habe immer
gezischt, wenn ihr jemand fremd und unlieb gewesen sei. Womöglich sei
diese Angewohnheit, Unmut auszudrücken, abhängig vom Alter und Valeria
werde auch eines Tages zischen. Ob ich sie danach fragen solle?
Das sei nicht nötig, meinte Ych'Iraa.

Indessen hatte sich Einzahn Valerias angenommen: Es sei völlig richtig, was
sie sage. Doch da das jeder wisse, sei Unauffälligkeit auffällig. Falle man
dagegen sofort auf, so handle man unauffällig. Das sei doch einsichtig, klug
und zudem weise. Außerdem kenne man Ähnliches von mancherlei Getier,
wo die Schwachen und Wehrlosen häufig vortäuschten, stark und wehrhaft zu
sein. Daher könne der kluge Jäger angesichts eines gefährlich aussehenden
Tieres sogleich vermuten, dass es schmackhaft sei.
Er solle nicht ihre Worte verdrehen, erwiderte Valeria verstimmt.
Ausspionieren sei keine Geschmacksfrage. So etwas wie unsere
Massenauskundschaftung habe sie noch nie erlebt!
Valeria ahnte nicht, wie oft sie noch ähnliche Sätze sagen sollte.
Ein Weg an der Küste führte uns zum Anwesen des »Sammlers«. Auch
unbehindert durch Valerias langsame Gangart hätten wir eine Stunde dafür
benötigt. In der Nähe des Anwesens suchten wir uns eine erhöhte Stelle, von
der aus wir es ungestört beobachten konnten. Viel gab es nicht zu sehen: ein
großes Haus mit einer großen Mauer drum herum.
Da wir Büttel erklärte Gegner des Gebäudebetrachtens waren, überließen
wir das Ausspähen unseren Gefährten und widmeten uns unserem seit Tagen
vernachlässigtem Spiel »Sagen oder Schlagen«. Unsere Mentoren störten
sich nicht daran, da sie keine Hilfe von uns erwarteten. Valeria dagegen
vermutete Stiche und Bisse von Ungeziefer, wenn einer von uns unter einem
unsichtbaren Schwanzschlag zusammenzuckte.
Allzu viel brachte das Beobachten nicht: Das Haus war wie erwartet
bewohnt. Zwei Wächter standen am Tor der umgebenden Mauer.
Während des Nachmittags schlich sich Regen an. Er kam heimlich mit
winzigen, trippelnden Tropfen, die wir anfänglich für Einbildung hielten.
Doch dann beschloss der Regen, dass ihm nicht der Sinn nach Leisetreterei
stehe, sondern nach herzhaftem Trampeln. Die winzigen Trippeltröpfchen
wichen großen, platschenden, laut prasselnden Tropfen, die sich zu Banden
und Horden zusammenschlossen, die Büsche, Bäume, Hügel und das
Anwesen des »Sammlers« mit milchigen Schleiern verhüllten, damit nichts in
der Welt – gar nichts mehr! – vom wilden, besessenen Trommelschritt des
Regens ablenke.
Valeria war davon so wenig angetan, dass sie ebenfalls geräuschvoll,
nämlich quiekend, unter einen Baum flüchtete. Dort hielt es sie nicht lange.
Als sie bemerkte, dass wir ihr nicht folgten, sondern ungerührt ausharrten,
insgeheim erfreut über den angenehm matschig werdenden Boden, kehrte sie
zurück. Wahrscheinlich befürchtete sie, wir könnten geheime Absprachen
treffen oder beunruhigende Pläne ausbrüten.
Im Gegensatz zu vorher blieb sie mit zusammengepressten Lippen und am
Kopf beziehungsweise Körper klebenden Haaren und Kleidern stehen,
während Bäche und Ströme an ihr herabflossen: ein Bild von
Heldenhaftigkeit wie auch von Jammer.
Wir waren nicht die Einzigen, die sie so sahen.
Eine Tür des Hauses wurde geöffnet. Vier Bewohner sprangen heraus,
eilten durch das Tor und rannten in großer Hast, fluchend und mit
verkniffenen Gesichtern auf uns zu.
Was wir hier trieben, verlangten sie, gegen das Prasseln des Regens
anschreiend, zu wissen.
Linksauge antwortete gelassen, dass er wegen des Unwetters kein
Rätselraten veranstalten wolle und freiheraus bekenne: Wir säßen im Regen.
Warum wir im Regen säßen, hieß die nächste, eilig vorgebrachte Frage.
Weil wir kein Dach über dem Kopf hätten, erwiderte Schätzlein voller
List und Hintergedanken. Ob sie uns vielleicht ins Haus einladen wollten?
Das komme nicht in Frage! Er empfehle uns zu verschwinden, stieß einer
der mutmaßlichen Bewacher des Anwesens hervor, beherrscht von dem
Wunsch, all seine flüchtenden Worte nicht hintereinander, sondern möglichst
gleichzeitig in die Welt zu entlassen, damit die wässrigen Heerscharen keine
Einfallpforte fänden.
Das wollten wir gern tun, erwiderte Schätzlein gemächlich. Doch könnten
wir den Wunsch wegen des Unwetters nicht gleich erfüllen, sondern müssten
abwarten, bis es aufgehört habe zu regnen.
Die triefenden Wachen mit ihren zwischen den Schultern versenkten
Köpfen sahen ihn an, den freundlichen Gastgeber zahlloser Sturzbäche und
stolzen Herrn winziger Wasserfälle, blickten sich an, gepeinigte Opfer
allesamt, und hetzten verwirrt und gebeugt zurück ins rettende Trockene.
Schätzleins schillernder Pfiffigkeit waren sie nicht gewachsen.
Als der Regen müde wurde, zogen wir uns zurück. Valeria war noch eine
ganze Zeit lang zu keiner anderen Äußerung fähig als: »Wirre Maraskaner!«
Nachdem der Wind und die Sonne des alternden Tages die Nässe
weitgehend vertrieben hatten, wurde Valeria gesprächiger. Sie war wegen
der Wachen besorgt. Die Umstände, unter denen sie uns angetroffen hatten,
zählten ihrer Ansicht nach allenfalls auf einer barb... fremden Insel, deren
Namen sie nicht nennen müsse, zum Alltäglichen. Überall anderswo gälten
sie als auffällig, merkenswert und des Weitererzählens würdig. Womöglich
hätten sich die vier unsere Gesichter eingeprägt. Geschahen gleich nach dem
Sichten einer Horde Verwirrter noch weitere Seltsamkeiten, so drängte sich
der Schluss auf, dass das eine mit dem anderen zu tun habe.
Zusammengefasst: Unsere dumme Weigerung, uns während des Wolkenbruchs
unterzustellen, wie es vernünftige Leute täten, führe nun dazu, dass wir
unsere Unternehmung verschieben müssten.
An welche Frist sie denke, erkundigte sich Zh'Urakrra.
Valeria war sich uneins, ob sie ihm, dem wilden Wudu maraskanischer
Herkunft, überhaupt eine Antwort geben sollte. Sie rang sich durch zu einem
knappen: »Zwei Wochen, ein Mond.«
Darüber müsse man nachdenken, erwiderte mein Mentor.
Eine halbe Stunde später verkündete Ych'Iraa, dass wir uns einig seien,
den Einbruch noch heute zu tätigen.
Valeria war außer sich: Wie wir uns einig sein könnten, wenn wir kein
Wort gewechselt hätten?
Sie irrte, da sie unser eifriges Gespräch nicht mitbekommen hatte. Jedoch
war Ych'Iraas Versprecher ein schwer wiegendes Versehen.
Zh'Urakrra versuchte den Fehler zu übertünchen: Wenn man sich gut genug
kenne, dann sei es nicht nötig, viele Worte zu wechseln. Der eine wisse, was
der andere zu sagen habe. Ob ihr das unbekannt sei?
Ihr sei nur eines bekannt, nörgelte Valeria, nämlich dass eine
Unternehmung, die – sehr verwunderlich! – urplötzlich allem Anschein nach
von einem Wilden und einer fremden Barb... Zick... Person geleitet werde, zu
nichts Gutem führen könne. Ob wir nicht gehört hätten, was sie uns erklärt
habe? Sie sei diejenige mit Erfahrung in solchen Dingen und sie sage: Nein!
Nein!
Einzahn sprach sie an: Sie müsse uns nicht begleiten. Ob sie sich jedoch
schon einmal überlegt habe, warum etwa Hühner, in deren Stall ein
gefräßiger Räuber eingebrochen sei, sich niemals später zusammenrotten, um
den Missetäter zur Rechenschaft zu ziehen?
»Weil sie dumm sind!«, antwortete Valeria unnötig laut und schrill.
Das Gegenteil sei der Fall, widersprach der Vetter. Hühner seien schlaue
Vögel. Sie wüssten, was sie tun dürften, aber noch besser, was sie lieber
bleiben lassen sollten. Also stelle sich die Frage, ob die Wächter so schlau
seien wie Hühner.
Valeria starrte ihn an, offenbar um eine passende Antwort verlegen.
Plötzlich fiel ihr etwas ein: Wieso uns begleiten? Wer wir seien?
Wir alle, klärte ich sie überflüssigerweise auf.
Valeria hielt den Hinweis nicht für unnötig: Alle? Alle! Das hätte sie noch
nie erlebt, dass die Einbrecher in hellen Scharen kämen!
Sie müsse nicht mitkommen, meinte ich.
Das werde sie auch nicht, antwortete Valeria. Doch, das werde sie!
Nein, sie müsse nicht, wiederholte ich.
Doch, sie werde uns begleiten, beharrte sie.

5.

Auf Valerias Rat hin schwärzten wir uns die Gesichter mit Erde und
warteten, bis es dunkel war, jedoch nicht so lange, wie sie es gern gehabt
hätte. Unserer Absichtserklärung, nun zur Tat schreiten zu wollen, weil uns
langweilig sei, begegnete sie mit Unverständnis. Leise murmelnd trottete sie
hinterher, als wir im Schein von M'Darrs leuchtendem Ei auf die Stelle der
Mauer zuhielten, die Valeria fachkundig als die günstigste für unser Anliegen
auserwählt hatte. Dort angekommen, übernahm Valeria die Führung, wie sie
es sich ausbedungen hatte. Sie sprang, zog sich mit den Händen an der
Mauerkrone hoch, warf einen Blick auf die andere Seite, stieß einen
Schreckensschrei aus und purzelte wieder herunter.
Was immer sie gesehen hatte, konnte sie uns nicht mehr mitteilen, da als
Antwort auf ihren Schrei Rufe von der anderen Seite der Mauer ertönten.
Diejenigen, die sie ausstießen, hatten zwar nicht mitbekommen, was
eigentlich vorgefallen war, hielten es aber für angebracht, herbeizueilen und
sich zu sammeln, um Fragen und Drohungen in die Nacht zu brüllen. Ein
Wechsel unseres Aufenthaltsort erschien wünschenswert. Er wurde tatkräftig
von Zh'Urakrra und Ch'Oorr'ck eingeleitet, die flink davonstürmten.
Wissend um Valerias behäbige Art der Fortbewegung, packten Linksauge
und ich ihre Arme und schleiften sie unseren Gefährten hinterher.
Wie schon mehrmals erwähnt, können wir Marus schneller rennen als
F'zzmechs, weswegen unsere Reisegefährtin mit anderen Dingen beschäftigt
war, als sich unserer Hilfe zu erwehren.
Ch'Oorr'ck und Zh'Urakrra entfernten sich keineswegs von dem
Grundstück. Stattdessen hasteten sie außen an der Mauer entlang, während
sich unsere Verfolger abmühten, auf der anderen Seite Schritt zu halten.
Urplötzlich blieben unsere Anführer stehen. Rechtzeitig gewarnt, folgten wir
anderen ihrem Beispiel. Wir warteten einige Herzschläge lang und – siehe
da! – auch die Wächter hielten inne, um sich erneut auf der uns
gegenüberliegenden Mauerseite zu versammeln.
Ch'Oorr'ck blickte Zh'Urakrra an und meinte, so viel Einfalt gehöre
bestraft.
Beide Zims wandten sich zur Mauer. Sie streckten die Unterarme aus, und
zwar so, dass ihre Handflächen zum Himmel zeigten, und hoben sie langsam.
Ich kannte den Zauber. Er ist sehr nützlich, wenn man eine Grube graben
möchte. Ein Zim kann einem dabei sehr viel Arbeit abnehmen, wenn er –
sozusagen mit seiner Zauberschaufel – das lästige Erdreich mit einem Mal
aus dem Untergrund löst, um es dann neben das dabei entstehende Loch zu
werfen.
In diesem Fall ging es nicht um das Ausheben einer Grube. Deshalb
entstand auch kein Loch, sondern ein etwa fünf Schritt breites Stück trennte
sich krachend vom Rest der Mauer, ebenso vom Boden, und schwebte
scheinbar schwerelos aufwärts.
So erhielten wir einen ersten Blick auf unsere Gegenüber. Wir sahen ihre
Füße, Unterschenkel, Knie und Oberschenkel. Dann brach das an, was man in
Anlehnung an Einzahns Beispiel als die »Stunde der Hühner« bezeichnen
könnte. Die Wachen mussten beweisen, ob sie es an Klugheit mit dem
Federvieh aufnehmen konnten.
Sie bestanden die Prüfung, da sie wegliefen und nicht darauf warteten,
dass Ch'Oorr'ck und Zh'Urakrra das Mauerstück dorthin warfen, wo sie eben
noch gestanden hatten.
Wir schritten durch die Bresche und hielten auf das Haus zu. Dabei fragte
ich meinen Mentor, wie es um die Zurückhaltung in Zaubereien bestellt sei,
von der er mir im fernen Tuzak gepredigt hatte.
Wir seien weit weg von zu Hause und schon bald weit weg von hier,
erwiderte er. Solange niemand die Ursache eigenartiger Vorgänge ergründen
könne, müssten wir uns keine Gedanken deswegen machen.
In diesem Augenblick gab die ungewohnt schlaff und willenlos zwischen
mir und Linksauge hängende Valeria einen neuerlichen Laut von sich. Sie
hatte am gestrigen Tag die Befürchtung geäußert, die Wohnstatt des
»Sammlers« könne von Wachen und Hunden beschützt sein. Nun erblickten
wir das Wesen, das ihren erschrockenen Ausruf verursacht hatte. Es war kein
Hund, sondern ein großes Katzenvieh, das blitzschnell auf uns zugeschossen
kam.
Ein Panther, wie wir später erfuhren.
Als das Tier dicht genug heran war, um zu erkennen, dass wir mehrheitlich
ganz oder gar nicht das waren, was wir schienen, hielt es inne und fauchte.
Ich ließ Valerias Arm los, um mich den Vettern anzuschließen, die dem
Panther entgegengingen.
Wir müssten das Katzentier wichtige Dinge lehren, erklärte ich ihr.
Katzen sind schlauer, als man gewöhnlich denkt. Wiewohl ich feststellen
muss, dass unsere erste Begegnung mit einem Parder auf dem Weg nach
Tuzak nicht eben geeignet war, meine Aussage zu stützen, da wir
herausfanden, dass der Parder in schwere Gewissensnöte geriet, wenn in
seiner Sichtweite, doch hinreichend weit von einander entfernt, vier
Beutestücke um ihn herum ausgelegt wurden.
Hätte Zh'Urakrra uns damals nicht befohlen aufzuhören, das Katzentier zu
foppen, so hätten wir uns womöglich noch tagelang daran ergötzt, wie der
Parder, in dem aussichtslosen Versuch, alle vier Beutestücke gleichzeitig vor
uns zu schützen, die Seiten eines Rechtecks entlangrannte.
Der Panther war schlauer. Auch wenn der leckere Geselle wahrscheinlich
nicht zählen konnte – »ein Maru, zwei Marus, drei Marus, vier Marus« –, so
kam er dennoch zu dem richtigen Ergebnis: zu viele Marus!
Nach dieser Erkenntnis folgte er dem Beispiel der Wachen.

Nun galt es, einen Eingang ins Haus zu finden. Wir gingen erst eine Seite des
Gebäudes ab, dann die zweite, gelegentlich Wachen oder den Panther
aufscheuchend. Auf der dritten Seite hatten wir Erfolg: Wir entdeckten einen
Torbogen, der in einen Innenhof führte. Als wir ihn durchschritten und uns
nach einer Tür umschauten, fanden wir keine. Anscheinend war der Hof vom
Haus aus gar nicht zu betreten.
Er sei das Suchen leid, verkündete Ch'Oorr'ck.
Den Einwand, dass die Tür sicher auf der vierten Seite des Hauses sei,
wollte er nicht gelten lassen. Unzufrieden antwortete er, er sei ein Maru und
keine Wanderameise.
Ch'Oorr'ck streckte die Hand aus, deutete auf die nächstbeste Wand und
brüllte eines seiner Zauberworte. Kurz darauf war das Rieseln kleiner und
kleinster Steine zu vernehmen: Die Wand zerbröckelte. Plötzlich befand sich
in der Hausmauer ein winziges Loch, aus dem Licht fiel. Es vergrößerte sich
so rasch, dass man kaum folgen konnte, und wurde bald groß genug, dass wir
bequem hindurchgehen konnten.
Da Valeria beim Klang von Ch'Oorr'cks voller Stimme heftig
zusammengezuckt war, hielt ich es für erforderlich, ihr gut zuzureden: Das sei
nur Zauberei gewesen. Da Magie stets auf Einschüchterung und Nötigung
beruhte, mussten auch Zaubersprüche gewalttätig klingen. Kein Grund,
deswegen zu erschrecken. Ob sie noch nie von fremden maraskanischen
Barb-Zauberern gehört habe?
Sicher habe sie das, antwortete sie. Doch dass jemand das Wort
»einbrechen« so wörtlich auslegen könne, habe sie noch nie erlebt.

Jenseits des Lochs wartete ein Zimmer, das mich in seiner Ausstattung an das
Gemach des Reichserztruchsesses in Mirham erinnerte.
An einem Tisch saßen ein Mann und seine Gefährtin sowie drei
mutmaßliche Kinder, die zum Glück gegenwärtig nicht verhätschelt oder
gefüttert wurden, sodass uns ein unliebsamer Anblick erspart blieb. Ein
weißhaariger F'zzmech mit goldverziertem Gewand füllte eben in gebeugter
Haltung den Teller des sitzenden Mannes, der – wie ich hoffte – der Sammler
war, während zwei unvollständig bekleidete weibliche F'zzmechs den am
Tisch Sitzenden mit Fächern aus Federn frische Luft zuwedelten. Unser Loch
machte ihre Dienste überflüssig. Die beiden Frauen und den Diener sahen
wir nicht lange, da alle drei geistesgegenwärtig durch eine zweiflügelige Tür
entschwanden.
Der vermutliche »Sammler« fuhr bei unserem Eintreten hoch, erstarrte
jedoch zwischen Stehen und Sitzen in einer eigentümlich gekrümmten
Haltung. Die Frau hob die Augenbrauen, was, wie wir gelernt hatten,
Missbilligung ausdrückte. Allein die Kinder benahmen sich dem Anlass
entsprechend: Sie rissen die Münder auf und zeigten uns ihre Zähnchen.
Wie jeder kluge Gewalttätige weiß, zaudert man nicht nach dem ersten
Schritt. Daher stellte Zh'Urakrra sogleich die brennende Frage: Ob der Mann
der Sammler sei? Falls ja, möge er uns das Efferdherz übergeben!
Wie nun andererseits jedes kluge Gegenüber gewalttätiger Besucher
wissen sollte, zaudert man ebenfalls nicht nach deren erster Frage. Der
Sammler kannte die Regel nicht.
»Warum?«, entgegnete er zögernd.
Ich hätte ihm manche Antwort anbieten können, doch plötzlich besann ich
mich einer Bemerkung unseres Bekannten Alrik, des Reichserztruchsesses.
Ich sprach zum Sammler: Ob er noch nie gehört habe, dass auf dem
Efferdherz ein Fluch liege? Wir seien der erwähnte Fluch, Efferds Fluch
sozusagen.
Drei Dinge mögen den Sammler von meiner Glaubwürdigkeit überzeugt
haben: erstens, dass er und seine Familie allein mit uns waren, zweitens das
beachtliche Loch in seiner Wand, von dessen Rändern noch immer
vereinzelte Steinchen rieselten, oder drittens, dass sich keiner seiner
Wächter wegen der wunderbaren, nichts verhüllenden Klarheit und
Geradlinigkeit unseres Vorgehens blicken ließ. Eben diese, vor allem aber
Ch'Oorr'cks kurz entschlossenes Zerstören der Wand, ließ Zweifel in mir
keimen, ob uns die drei Mentoren wirklich die ganze Bedeutungsvielfalt ihrer
»vorwiegend vermiedenen« Berührung mit den Achaz H'Rabaals offen gelegt
hatten. Möglicherweise hatten sie zu erwähnen vergessen, dass es die Stadt
»vorwiegend« nicht mehr gab. Wer konnte das schon nachprüfen?
Wie erwähnt ließ sich der Sammler überzeugen. Doch ein neues
Hindernis gab sich zu erkennen, als er mit Zh'Urakrra, Ch'Oorr'ck und
Dh'Errnu im Gefolge das Zimmer verlassen wollte. Die Tür ließ sich nicht
öffnen!
Als sich unser neuer Bekannter dagegen warf, sie sich einen winzigen
Spalt weit öffnete und laut wieder zuschlug, wurde erkenntlich, dass die Tür
nicht klemmte, sondern von der anderen Seite zugehalten wurde.
Nach einem Fingerzeig Zh'Urakrras gab es nichts mehr, das man hätte
zuhalten können.
Und nun erblickten wir die Verantwortlichen für die unnachgiebige Tür:
Diener und Wächter unseres unfreiwilligen Gastgebers. Auch deren
Bekanntschaft genossen wir nicht lange, da sie nicht erfahren wollten, was
als Nächstes geschähe.
Damit stand der Erfüllung unseres Wunsches nichts mehr ihm Wege. Der
Sammler und unsere Gefährten entfernten sich. Dass das Efferdherz nicht in
einem benachbarten Raum aufbewahrt wurde, sondern in einem weiter weg
liegenden, konnten wir aus dem gelegentlich zu hörenden Krachen, Bersten,
Splittern und Prasseln aus den Tiefen des Hauses ableiten.
Damit waren wir mit unseren restlichen neuen Bekannten allein. Noch
immer ließ der Gesichtsausdruck der weiblichen F'zzmech Missbilligung
vermuten, noch immer zeigten die Kinder höflich ihre Zähne. Nun konnten
wir dem nachgehen, was uns beim Besuch unseres Mirhamer Bekannten
Alrik vorwiegend verwehrt gewesen war: Neugier und natürlichem
Wissensdurst.
Binnen kurzem gab es keine Truhe, keinen Schrank, der nicht geöffnet,
durchwühlt und von der Wand gerückt, keine Vase, kein sonstiges Gefäß, das
nicht geleert und auf verborgene Geheimnisse untersucht worden war. Wir
schritten schnell und zügig zur Tat, da wir nicht wollten, dass unsere
verbliebene Mentorin sich die Frage stellte, ob unser Handeln in allen
Feinheiten gesittetem Benehmen entsprach. Nach einiger Zeit halfen uns
sogar die lernwilligen Kinder bei unserer Arbeit, während ihre Mutter mit
der schweren Entscheidung rang, ob ihr zu schreien gestattet sei oder nicht.
Einzig Valeria hielt sich anfänglich zurück, da unsere Art der Erkundung und
Inbesitznahme anscheinend nicht ihrer üblichen Herangehensweise entsprach.
Nach hinreichendem Zögern begann sie jedoch silberne Gabeln, Löffel und
Messer einzusammeln.
Zziriff-Schätzlein und ich hatten es auf die Wandteppiche abgesehen,
annehmend, dass niemand Wände verhängte, wenn es dort nichts zu
ergründen gab. Als wir den zweiten Teppich herunterrissen, wurde unser
Forscherdrang belohnt: Eine Tür befand sich dahinter! Erst als wir sie ruck-
zuck mit den Schwertern eingeschlagen hatten, kam uns der Gedanke, dass
wir sie vielleicht mit der Hand hätten öffnen können. Auch den besonnensten
Forschern unterlaufen gelegentlich Fehler.
Wir folgten dem kurzen, mit Kerzen erleuchteten Gang, der hinter der
Türöffnung lag, und erreichten eine weitere Tür. Schlauer als bei der ersten,
öffneten wir sie friedlich. So gelangten wir in eine karg eingerichtete
Kammer.
Ausgestreckt auf einem Diwan lag eine vermummte Gestalt, die sich
rekelte. Bei unserem Eintreten erhob sie sich. Viel war nicht von ihr zu
erkennen, da ihr Körper unter einem weiten, grauen Gewand verborgen war.
Fluten von Stoff umspielten ihn, bildeten Falten, die wie hundert Bäche
fielen. Ein Tuch von gleicher Farbe bedeckte Gesicht und Kopf. Kurzum: Das
Wesen sah aus wie ein großer, mit Stoff verhüllter Kegel.
Verständlicherweise war mein erster Gedanke, der Gestalt den Schleier
vom Kopf zu reißen. Doch sie wich behände aus.
Unter den Lagen von Tuch hervor erklang eine zischende, lispelnde und
trotzdem hohl klingende Stimme: Wir hätten hier nichts zu suchen, selbst
wenn wir Gäste seines Neffen wären. Aber das seien wir nicht. Wir seien
Abschaum, die Brut von Abschaum, niedriges Gewürm, das lieber
davonrennen solle, bevor man es zertrete!
»Kriechen«, verbesserte Schätzlein. Gewürm, vor allem niedriges, kröche
oder ringle sich. Niemals renne, springe oder hüpfe es frohgemut durch die
Welt. Es sei denn, man denke bei Gewürm an die Raupe des Garonienfalters.
Die hüpfe tatsächlich, sei jedoch wegen ihres friedfertigen Wesens nicht mit
uns vergleichbar.
Der Verhüllte, der seine Worte mit Gesten unterstrichen hatte, war
während Zziriffs Belehrung in der Bewegung erstarrt. Ein Ärmel seines
Gewandes verrutschte und entblößte bisher verhüllte Finger. Da sie
gleichzeitig fremd und vertraut aussahen, ergab sich die Notwendigkeit,
blitzschnell ein zweites Mal nach dem Verhüllten zu langen, um ihm den
Schleier zu entwenden. Jetzt hatte ich Erfolg.
Doch mein bester Einfall war das nicht gewesen, denn unter dem Tuch
kam ein grauenhaftes Gesicht zum Vorschein. Nicht das eines F'zzmechs,
auch nicht das eines Echsenmanns, sondern das Ergebnis der Vermischung
von beidem!
Die Stirn unseres Gegenübers war leicht fliehend, seine Nase platter als
bei jedem F'zzmech, den wir bisher gesehen hatten. Die Nasenlöcher waren
winzige Schlitze. Dafür ragten Unter- und Oberkiefer leicht aus dem Gesicht
vor; allein, das half nicht, das Aussehen des Fremden zu verbessern. Er hatte
keine Zähne. Dort, wo sie hätten sein sollen, umgeben von Fleisch, sah alles
verhornt aus.
Einzelne gekräuselte Haarbüschel wuchsen auf dem kahlen Schädel, der
winzige Ohrmuscheln aufwies. Nicht hübsche Schuppen bedeckten das
Wesen, sondern schuppige Haut, die an Verfall gemahnte.
Mir sprang ins Gedächtnis, womit uns Valeria zwischen Mirham und
Al'Anfa ohne ein Quäntchen von Scham und bar jeden Taktgefühls belästigt
hatte: ihre anzüglichen Geschichten von F'zzmechs, die sich mit Geschuppten
paarten, was zumal in Brabak – Brabak! – gang und gäbe sei!
Da blieb es nicht aus, dass das schreckliche Bild, das zu vergessen ich
mich bemüht hatte, wieder vor meinem inneren Auge erschien: der Albtraum
von dem armen Echsenmann, der sich – einem Zauberbann unterworfen –
hilflos und verzweifelt dem nackten Madenwesen nähern musste, das sich
wollüstig auf dem Diwan rekelte!
»Flieht, solange ich es euch erlaube!«, befahl unser Gegenüber zischend
und starrte uns einschüchternd und durchdringend an.
Wir starrten genauso zurück.
Da der nun nicht mehr Verhüllte offenbar aus Gewohnheit erwartete, dass
wir alsbald den Blick abwenden würden, zeigte er nach einiger Zeit erste
Anzeichen von Beunruhigung, weil wir mit dieser Gewohnheit brachen.
Nun schien ein günstiger Augenblick gekommen zu sein, seine
unfreundliche Anrede zu beantworten. Gleichzeitig beendeten Zziriff und ich
das Schweigen und erklärten, noch nie einen hässlicheren Echsenmann
gesehen zu haben.
Er sei kein Echsenmann, widersprach der Echsenmann empört, sondern
ein Mensch!
Ich wollte ihn schon fragen, ob er denke, dass das auch nur einen Deut
besser sei, als mich Schätzlein bat, über meine Worte nachzudenken, bevor
ich sie äußerte, auch wenn ich das bekanntlich nicht gern täte.
Damit hatte er Recht. Mit dem Ersten jedenfalls.
Schätzlein log sogleich unverblümt: Menschen seien bekanntlich schöne
und anmutige Geschöpfe ...
Dann kam er zur Wahrheit: Auch Echsen seien bekanntlich schöne und
anmutige Geschöpfe. Wo unser Gegenüber in Anbetracht dieser
Beschreibungen eigentlich seinen Platz sähe?
Hochmütig, doch nicht mehr ganz so von sich überzeugt, erwiderte der
Angesprochene, er sei ein Abkömmling von Königen und Kenner göttlicher
Geheimnisse, bedeutend und mächtig, furchtbar in seinem Zorn!
Das könne jeder behaupten, stellte Schätzlein fest. Doch da er unser
Gegenüber nicht der Lüge bezichtigen wolle, werde er einstweilen nicht
widersprechen. Jedoch möge man ihn entschuldigen, wenn er, Schätzlein,
folgere, dass die erwähnten Könige überaus hässliche Könige gewesen sein
müssten. Zweifellos sei auch das Wissen um die göttlichen Geheimnisse bloß
darauf zurückzuführen, dass es sich um die Geheimnisse besonders
widerwärtig anzusehender Götter handle, mit denen sich noch nie jemand
freiwillig habe abgeben wollen. Wenn jemand hässlich genug wäre, so fiele
es ihm – gleichgültig ob Echsenmann oder Gott – sicherlich nicht schwer,
Geheimnisse zu hüten. Denn wer wolle sie schon kennen lernen?
Wahrscheinlich sei dieser jemand sogar gezwungen, sie lauthals anzupreisen,
gar Gefangene zu nehmen, um wenigstens einen einzigen Mitwisser zu
erlangen. Denn jeder, der recht bei Sinnen sei, würde sich doch lieber die
Ohren zuhalten als die widerwärtigen Geheimnisse hässlicher Gestalten
kennen zu lernen. Ob unser neuer Bekannter nicht zustimme?
Da der hässliche Echsenmann nichts darauf zu sagen wusste, nahmen wir
uns die Zeit, ihm gründlich auseinander zu setzen, warum wir seine
Erscheinung widerlich fanden. Da er unsere Erklärung beim ersten Mal noch
nicht einsehen wollte, wiederholten wir sie siebenmal. Schließlich,
überzeugt von unseren Ausführungen, ließ er sich erschüttert auf sein Lager
sinken.
Er könne nichts für sein Äußeres, meinte er schwächlich.
Wir stimmten ihm zu. Sein Aussehen könne man sich wirklich nicht
aussuchen. Leider ändere das überhaupt nichts an den Tatsachen.
In diesem Augenblick trat Zh'Urakrra ein, um zu fragen, was wir trieben.
Wir sollten kommen, da wir das Efferdherz nun besäßen.
Plötzlich stutzte er und fragte, was das für ein Ekel erregender F'zzmech-
Achaz-Bastard sei. Da könne man ja seine ganze Fresslust verlieren!
Mir verschlug es die Sprache! Bislang hatte ich nicht geahnt, dass mein
Mentor solche unflätigen Äußerungen überhaupt kannte.
Da wir Zh'Urakrra nicht warten lassen wollten, verabschiedeten wir uns
von dem Echsenmann: Wir müssten nun leider gehen.
Hören konnte er uns nicht, da er die Arme um den Kopf geschlungen hatte.

Wieder im Esszimmer, reichte ein Blick, um zu erkennen, dass in dem


Gemach unmöglich noch irgendetwas versteckt sein konnte. Trotzdem fuhren
die Kinder des Sammlers mit dem fort, was sie uns abgeschaut hatten.
Sinnloses Tun, wie man sagen muss. Ihre Eltern standen dicht beieinander.
Wegen unserer blanken Waffen trauten sie sich nicht, dem Wirken ihrer
Nachkommen Einhalt zu gebieten.
Ich trat auf den Sammler zu. Auf die eingeschlagene Tür deutend – die
von Schätzlein und mir eingeschlagene Tür –, sprach ich in vertraulichem
Ton zu ihm: Wenn das hässliche Geschöpf dort drinnen sein Verwandter sei,
so möge er gelegentlich über seine eigene Zukunft nachdenken und darüber,
was ihn noch erwarte. Er wisse doch selbst, dass es Tage gebe, die man nicht
erleben wollte, wüsste man vorher um sie.
Mit diesem gut gemeinten Rat verließen wir das Haus, gingen zur Bresche
in der Mauer und entfernten uns zügig.

6.

Uns war bewusst, dass wir nicht ohne weiteres zurück in die Stadt konnten.
Zum einen waren die Tore nachts geschlossen, zum anderen war nicht
abzusehen, was der Sammler unternehmen würde, wenn er sich von der
Überraschung unseres Besuchs erholt hatte. Einige Vorkehrungen mussten
getroffen werden. Daher beschlossen wir, im Freien zu nächtigen.
Valeria war dagegen.
Sie sei nicht gewillt, mitten im Sumpf zu übernachten, beteuerte sie ein
ums andere Mal. Hier werde sie kein Auge zutun.
Hinweise, dass von »mitten im Sumpf« nicht die Rede sein könne, ließen
sie unberührt.
Dann fing auch Linksauge an zu nörgeln: Er könne ebenfalls nicht hier
schlafen, da er wegen Valerias Gezeter keine Ruhe fände.
Damit er nicht allein mit seiner Meinung dastehe, unterstützten wir
anderen drei ihn: Auch uns sei es unmöglich einzuschlafen. Erfolg war uns
jedoch keiner beschieden, da unsere Mentoren die Behauptung als Scherz
abtaten. Von dieser Fehleinschätzung waren sie nicht abzubringen.
Schließlich meinte Ch'Oorr'ck, wir sollten sorgenlos einschlummern, da
er und Zh'Urakrra ...
Mehr bekam ich nicht mehr mit.

Am nächsten Morgen war Valeria verschwunden. Ihre silbernen Löffel,


Gabeln, Messer und Kellen hatte sie dagelassen. Dafür fehlten eine Menge
anderer Beutestücke, darunter auch das Efferdherz.
Der Verlust war ärgerlich, da er bedeutete, dass wir unsere Reisegefährtin
suchen mussten, um ihr den Stein wieder abzunehmen. Das hätte eine weitere
Verzögerung unserer Heimreise bedeutet, wiewohl wir uns dachten, dass
unsere langsame Valeria mit ihren kurzen Beinen nicht sehr weit gekommen
sein könne.
Zh'Urakrra und Ch'Oorr'ck beruhigten uns. Sie beide seien gelehrte Zim
und schließlich in Kindertagen nicht übermäßig häufig auf den Kopf gefallen.
Daher hätten sie Valerias Absichten vorausgesehen. Sie besitze das
Efferdherz gar nicht! Das, was sie gegenwärtig fälschlich dafür hielte, werde
ihr noch viel Freude bereiten. Der Rest dessen, was sie mitgenommen habe,
sei für uns ohnehin nicht von Wert. Edelsteine für die Zauber seien
vorsorglich zusammen mit dem echten Efferdherz beiseite geschafft worden.
Was Zh'Urakrra und Ch'Oorr'ck Valeria untergeschoben hatten, wollten sie
uns nicht verraten.
Ein kleiner, harmloser Zaubererscherz, kicherten sie.

Alles Vergängliche endet, auch wenn nicht alles Erdenkliche seinen


Abschluss findet. Der Krieger führt den letzten Streich. Der Jäger erlegt die
Beute. Der Kampf ist vorbei, genauso die Jagd. Damit wird jedes weitere
Wort überflüssig. Wer wissen will, was danach geschieht, verlangt nach
einer neuen Geschichte. Sie handelt in beiden Fällen vom Essen.
Wir fanden in Brabak ein Schiff, dessen Zielhafen der Ort Sinoda an der
Südspitze Maraskans war. Unsere Zweifel, ob wir von dort aus den Weg
nach Hause fänden, wussten unsere Mentoren auszuräumen. Das sei nicht
schwer!
Die Kapitänin war freundlich, aber geschwätzig und hieß uns nach Art der
F'zzmechs unserer Insel herzlich als »Bruderschwestern« willkommen. Da
wir beschlossen hatten, sie zu bezahlen, um keine weiteren Schiffbrüche
leichtfertig heraufzubeschwören, fragten wir sie, ob sie Silber in Zahlung
nehme.
Als sie verwundert bejahte, stellten wir unsere Frage etwas genauer: Ob
es auch Silberlöffel sein könnten?
Daraufhin ließ sich die Kapitänin unseren Schatz zeigen.
Versonnen erklärte sie, dass sie in diesem Gewerbe heutzutage nicht mehr
tätig sei. Wenn es sich um Diebesgut handle, so wolle sie als ehrbare
Kapitänin nichts davon wissen. Jedoch wolle sie nicht voreilig urteilen. Es
könne schließlich sein, dass zu Zeiten der ungerechten kaiserlichen
Herrschaft über Maraskan ein diebischer kaiserlicher Soldat uns oder dem
maraskanischen Volk im weitesten Sinne die Löffel, Gabeln und Messer
gestohlen habe. Wenn man solches Gut wieder an sich bringe, in dem man es
einem »verdammten Mittelreicher und barb... Garethja« abnehme, so sei das
überhaupt kein Diebstahl, sondern eine heldenhafte Rückeroberung zum
Nutzen aller Bruderschwestern. Ob es sich vielleicht so verhielte?
Da wir nicht die geringste Ahnung hatten, wovon sie überhaupt sprach,
sagten wir: Genauso sei es!
Die Antwort machte die Kapitänin glücklich und uns in den Augen ihrer
Mannschaft zu verdienten Streitern des maraskanischen Volkes. Dennoch hielt
die Herrin des Schiffs es für angebracht, bei einem Zwischenaufenthalt im
Hafenort Sylla, an dem wir unterwegs vorbeikamen, das zum Nutzen aller
Maraskaner im weitesten Sinne heldenhaft zurückeroberte Silberbesteck
gegen andere Wertgegenstände einzutauschen.
Während der Reise erfuhren wir, dass unsere Mannschaft die Herren des
Orts Tuzak und die dortigen Stadtkrieger über alle Maßen verabscheute. Man
müsse das dämonenverehrende »Haffaxgesindel« einen nach dem anderen
totschlagen, war ihre Meinung.
Linksauge und ich fühlten uns dadurch angespornt zu berichten, dass wir
bereits damit begonnen hätten. Allerdings hielten wir uns bei dem Bericht
nicht ganz an die Wahrheit, sondern nur vorwiegend. Dennoch war es ein
großer Fehler, da wir nun immer wieder von unserem Kampf nach dem
Tavernenbesuch erzählen mussten. Der Mannschaft wurde es nicht
langweilig, die Geschichte zu hören. Bei uns sah das anders aus.
Immerhin wurde unsere Langmut damit belohnt, dass man uns in Sinoda an
ein Schiff verwies, das uns heimlich zu einer Bucht in der Nähe Tuzaks
bringen sollte. Dieselbe Bucht, die auch Fadenbart angelaufen hatte. Offenbar
ein unter allen Geheimniskrämern bekannter Ort.
Kurz nach der Heimkehr nach Maru-Zha wurde unser Tal von einer nie
gesehenen Welle von Verbrechen überrollt. Meist handelte es sich um
Diebstähle und Entführungen. Die Diebereien flauten bereits nach wenigen
Tagen wieder ab, da es niemandem einleuchtete, warum er nützliche Dinge,
die er gestohlen hatte, nicht verwenden, und unnütze gestohlene Dinge, mit
denen er sonst nichts anzufangen wusste, nicht wenigstens stolz herumzeigen
durfte. Dieses Unverständnis machte die Arbeit für uns und die anderen
Büttel nicht sonderlich spannend.
Entführt wurde immerhin einen ganzen Mond lang. Dann waren die
Schurken es leid, sich ständig Absagen einzuhandeln: Sie möchten bitteschön
jemand anderen entführen! Man selbst habe gerade keine Zeit für solche
Narreteien und sei auch schon einmal verschleppt worden. Das reiche!
Danach kehrte alles zum Gewohnten zurück. Wir lagen in der Sonne,
ertrugen die Belehrungen unserer Mentoren und stellten wie früher,
vorwiegend erfolglos, Chrr'Chrr und ihren Schwestern nach. Der einzige
Unterschied bestand darin, dass sich Schätzlein nun daran beteiligte. Trotz
gelegentlicher Ermahnungen war er immer noch nicht gewillt, sein
Familienerbe anzutreten.
Personen

DIE JUNGEN KRIEGER:

K'Kessu – der Erzähler


Lazzar, auch Linksauge genannt – K'Kessus Vetter
Rrual, auch Einzahn genannt – Lazzars Bruder
Zziriff, auch Schätzlein genannt – Opfer großer Erwartungen

DIE MENTOREN:

Ch'Oorr'ck – Maru-Zauberer
Dh'Errnu – weit mehr als ein Gärtner
Ych'Iraa – vergeblich umschwärmte Maru
Zh'Urakrra – Maru-Zauberer und Mentor des Erzählers

MENSCHEN:

Flaminio – Sohn des Reichserztruchsesses von Mirham in Nöten


Huntas – Reichserztruchsess von Mirham
Klein-Imelde – ein Mädchen aus Al'Anfa
Luzindo Bonnareth – al'anfanischer Sklavenhalter, ebenfalls in Nöten
Mutter Adaqua – eine Vermieterin aus Al'Anfa
Valeria – eine Diebin

Zeittafel Maru-Zhas

Vor langer Zeit: Das Echsenreich des Drachen Pyrdacor zerfällt in


rivalisierende Nachfolgestaaten. Es gibt keinen erdenklichen Grund, sich an
diese Zeit zu erinnern.

Vor 3250 Jahren: Erstes erinnerungswürdiges Datum der Geschichte. Das


Gelege des Langen Schattens verbreitet seine Erkenntnisse: Krr'Thon'Chh
genießt unser Leid!

Vor 3000 Jahren: Raschtul einigt die noch sehr barbarischen tulamidischen
Stämme und wird ihr erster Herrscher. Unter seiner Führung erringen die
Menschen bedeutende Siege gegen die echsischen Hochkulturen.

Vor 2750 Jahren: Raschtuls Nachfolger Bastrabun vertreibt die Echsen aus
der Gegend des heutigen Khunchom, des Ongalo-, Mhanadi- und
Thalusimgebiets nach Maraskan. Dort brechen alsbald blutige Machtkämpfe
unter den überlebenden Echsenherrschern aus.

Vor 2650 Jahren: Angesichts einer drohenden Niederlage flüchtet einer der
streitenden Echsenherrscher in ein Tal der Maraskankette, das später den
Namen Maru-Zha tragen wird, und entrückt es aus der Zeit. Ein Aufstand
von Marukriegern, unter denen sich zahlreiche Anhänger der Lehre des
Langen Schattens befinden, führt zur Entmachtung des Echsenherrschers.
Offenbar schon damals unterschwellig magisch begabte Marus entreißen ihm
während des folgenden Jahrhunderts seine Kenntnisse über Zauberei. In der
Folgezeit entwickelt sich – begünstigt durch die Entdeckung der Stummen
Sprache – eine eigenständige Maru-Zivilisation. Sie steht wegen des
Blutrausches, der in Abständen die Bevölkerung Maru-Zhas ergreift, ständig
am Rand der Selbstvernichtung.

Vor 210 Jahren: Das Zusammenwirken von K'rzz und dem H'Ranga-Arran
befreit die Marus von Maru-Zha von Krr'Thon'Chhs Erbe.1 Ende des
Blutrausches – möglicherweise einem Rahjawunder zuzuschreiben. Wegen
der unerwarteten Ankunft des H'Ranga-Arran beschäftigen sich die Zims mit
Möglichkeiten, ihr Heimattal zu verlassen. Sie sind nach etwa einem
Jahrhundert erfolgreich.

Vor 80 Jahren: Die ersten Späher werden entsandt und leben unerkannt unter
Menschen.
Gegenwart (30 Hal): Westwärts!
Erklärung aventurischer Begriffe

Menschliches Zwölfgötter-Pantheon und Monate2

1. Praios = Gott der Sonne und des Gesetzes – entspricht Juli


2. Rondra = Göttin des Krieges und des Sturmes – entspricht August
3. Efferd = Gott des Wassers, des Windes und der Seefahrt – entspricht
September
4. Travia = Göttin des Herdfeuers, der Gastfreundschaft und der ehelichen
Liebe – entspricht Oktober
5. Boron = Gott des Todes und des Schlafes – entspricht November
6. Hesinde = Göttin der Gelehrsamkeit, der Künste und der Magie –
entspricht Dezember
7. Firun = Gott des Winters und der Jagd – entspricht Januar
8. Tsa = Göttin der Geburt und der Erneuerung – entspricht Februar
9. Phex = Gott der Diebe und Händler – entspricht März
10. Peraine = Göttin des Ackerbaus und der Heilkunde – entspricht April
11. Ingerimm = Gott des Feuers und des Handwerks – entspricht Mai
12. Rahja = Göttin des Weines, des Rausches und der Liebe – entspricht Juni

Maße, Währungen, Gewichte

Meile = 1 km
Schritt = 1 m
Spann = 20 cm
Finger = 2 cm

1 Dublone = 20 Oreal = 40 Kleine Oreal = 200 Dirham

Unze = 25 g
Stein = 1 kg
Quader = 1 t

Begriffe, Namen, Orte


Achaz = Echsenvolk, häufig auch Echsenmenschen genannt
Al'Anfa = Stadtstaat im Süden Aventuriens
Alrech = maraskanische Form von Alrik
Alrik = einer der häufigsten Vornamen Aventuriens
Arivor = Stadt im Horasreich
Bastrabun = legendärer (menschlicher) Held, Herrscher und Heerführer
Belhalhar = Erzdämon und Staatsgottheit Schwarzmaraskans mit einer
Vorliebe für Blutrausch und wahlloses Gemetzel
Bidenhocker = Kamel
Bosparans Fall = der Untergang des Bosparanischen Reiches vor rund 1000
Jahren gilt vielerorts als Basis der Zeitrechnung
Brabak = Stadtstaat im Süden Aventuriens
Brabaki = südaventurischer Dialekt des Garethi
Charyb'zz = auch: Charyb'Yzz; alte Echsengottheit, die oft mit dem
Erzdämon Charyptoroth gleichgesetzt wird
Chrmk = vereinfachte, jüngere Form der Chuchasschrift
Chuchas = altechsische Schrift
Delfin = Symboltier Efferds
Ei des Ungeschlüpften = Vollmond
Fanas = Angehörige der unteren (freien) Bevölkerungsschichten Al'Anfas
F'zzmech = Maruwort: Kot, Erbrochenes; auch: Mensch
Garethi = übliche Sprache in weiten Teilen Mittel- und Nordaventuriens
Gelege = kleinste soziale Einheit der Marus
Golgari = ein Rabe, der in der zwölfgöttlichen Mythologie die Seelen der
Verstorbenen ins Jenseits trägt
Granden = die herrschenden Familien Al'Anfas
Helme Haffax = despotischer Herrscher Schwarzmaraskans
Horasreich = südwestlich an das Neue Reich angrenzender Staat, der sich
als Nachfolger des Bosparanischen Reiches sieht
H'Ranga, H'Rangarim = Maruwort: heiliges Wesen; in etwa: Gottheit
H'Ranga-Arran = Marubezeichnung für den maraskanischen König Dajin
VII.
H'Rastul = Maruname für Raschtul, den ersten Tulamidenherrscher und Vater
Bastrabuns
Krr'Thon'Chh = altechsischer Kriegsgott, der von den Marus als Schöpfer
angesehen wird
K'rzz = Herrscher(in) Maru-Zhas
K'Strabun = Marubezeichnung für Bastrabun
Langer Schatten = ein Gelege prophetischer Marus
Maraskan = eine große Insel vor der südostaventurischen Küste. Bis vor
etwa 30 Jahren unabhängiges Königreich, danach ständig rebellierende
Provinz des Neuen Reiches. Im Zuge der borbaradianischen Eroberungen
wurde M. Teil der Schwarzen Lande. Eine erfolgreiche Invasion
exilmaraskanischer Kräfte nach der Trollpfortenschlacht führte zur
teilweisen Befreiung und zur Schaffung Weißmaraskans.
Maru-Zha = 1. Tal in der Maraskankette 2. Gottwesen der Marus, sozusagen
die Seele des Landes; auch: die Adoptivmutter
M'Darr = der Mond
M'Darrs Kralle = Halbmond
Mohas = Waldmenschenstamm, dessen Name im Norden Aventuriens
gelegentlich als Sammelbegriff für alle Waldmenschen verwendet wird
Nackter Tod = auch: Hruruzat; waffenlose Kampftechnik der Waldmenschen
Neues Reich = auch Mittelreich oder Kaiserreich genannt, größter Staat
Aventuriens
Noiona = Schutzheilige der geistig Verwirrten
Rastullah = Eingott der Wüstenvölker
Schwarze Lande = Gesamtheit der Nachfolgestaaten, die aus dem Reich des
Zauberers und Dämonenmeisters Borbarad hervorgingen
Shoy'Rina = Mirhamer Adelsgeschlecht
Sinoda = Stadt in Südmaraskan; Hauptstadt Weißmaraskans
Sskrrech, Sskrrim = Marubezeichnung für Ssrkhrsechim; altechsische,
schlangenleibige Magierrasse
Sturmfels = überaus häufiger aventurischer Nachname, der in Verbindung mit
dem gleichfalls häufigen Vornamen Alrik gern als Deckname verwendet
wird
Tasfarelel = Erzdämon, als dessen Domäne Geiz und Gier betrachtet werden
Templer = auch Bluttempler; ehemaliger Rondraorden; gegenwärtig Herren
Schwarzmaraskans
Trollpfortenschlacht = bedeutendste Schlacht der Gegenwart; bewirkte das
Ende Borbarads und das Entstehen der Diadochenstaaten der Schwarzen
Lande
Tulamiden = südaventurisches Urvolk
Tuzak = westmaraskanische Stadt
Wudus = Waldmenschenstamm, dessen Name im Süden Aventuriens
gelegentlich als Sammelbegriff für alle Waldmenschen verwendet wird
Ziliten = amphibisches Echsenvolk
Zim = Maruzauberer
Z'Navv = Maruname für Satinav, den Geber der Zeit
1. Band: Ulrich Kiesow, Der Scharlatan · 06/6001
2. Band: Uschi Zietsch, Túan der Wanderer · 06/6002
3. Band: Björn Jagnow, Die Zeit der Gräber · 06/6003
4. Band: Ina Kramer, Die Löwin von Neetha · 06/6004
5. Band: Ina Kramer, Thalionmels Opfer · 06/6005
6. Band: Pamela Rumpel, Feuerodem · 06/6006
7. Band: Christel Scheja, Katzenspuren · 06/6007
8. Band: Uschi Zietsch, Der Drachenkönig · 06/6008
9. Band: Ulrich Kiesow (Hrsg.), Der Göttergleiche · 06/6009
10. Band: Jörg Raddatz, Die Legende von Assarbad · 06/6010
11. Band: Karl-Heinz Witzko, Treibgut · 06/6011
12. Band: Bernhard Hennen, Der Tanz der Rose · 06/6012
13. Band: Bernhard Hennen, Die Ränke des Raben · 06/6013
14. Band: Bernhard Hennen, Das Reich der Rache · 06/6014
15. Band: Hans Joachim Alpers, Hinter der eisernen Maske · 06/6015
16. Band: Ina Kramer, Im Farindelwald · 06/6016
17. Band: Ina Kramer, Die Suche · 06/6017
18. Band: Ulrich Kiesow, Die Gabe der Amazonen · 06/6018
19. Band: Hans Joachim Alpers, Flucht aus Ghurenia · 06/6019
20. Band: Karl-Heinz Witzko, Spuren im Schnee · 06/6020
21. Band: Lena Falkenhagen, Schlange und Schwert · 06/6021
22. Band: Christian Jentzsch, Der Spieler · 06/6022
23. Band: Hans Joachim Alpers, Das letzte Duell · 06/6023
24. Band: Bernhard Hennen, Das Gesicht am Fenster · 06/6024
25. Band: Niels Gaul, Steppenwind · 06/6025
26. Band: Hadmar von Wieser, Der Lichtvogel · 06/6026
27. Band: Lena Falkenhagen, Die Boroninsel · 06/6027
28. Band: Barbara Büchner, Aus dunkler Tiefe · 06/6028
29. Band: Lena Falkenhagen, Kinder der Nacht · 06/6029
30. Band: Ina Kramer (Hrsg.), Von Menschen und Monstern · 06/6030
31. Band: Johan Kerk, Heldenschwur · 06/6031
32. Band: Gun-Britt Tödter, Das letzte Lied · 06/6032
33. Band: Barbara Büchner, Das Galgenschloß · 06/6033
34. Band: Karl-Heinz Witzko, Tod eines Königs · 06/6034
35. Band: Hadmar von Wieser, Der Schwertkönig · 06/6035
36. Band: Barbara Büchner, Schatten aus dem Abgrund · 06/6036
37. Band: Barbara Büchner, Seelenwanderer · 06/6037
38. Band: Hadmar von Wieser, Der Dämonenmeister · 06/6038
39. Band: Christel Scheja, Das magische Erbe · 06/6039
40. Band: Linda Budinger, Der Geisterwolf · 06/6040
41. Band: Momo Evers, Und Altaia brannte · 06/6041
42. Band: Barbara Büchner, Blutopfer · 06/6042
43. Band: Lena Falkenhagen, Die Nebelgeister · 06/6043
44. Band: Karl-Heinz Witzko, Die beiden Herrscher · 06/6044
45. Band: Bernhard Hennen, Die Nacht der Schlange · 06/6045 (Hardcover)
46. Band: Barbara Büchner, Das Wirtshaus »Zum lachenden Henker« · 06/6046
47. Band: Karl-Heinz Witzko, Die Königslarve · 06/6047
48. Band: Tobias Frischhut, Geteiltes Herz · 06/6048
49. Band: Hadmar von Wieser, Erde und Eis · 06/6049
50. Band: Britta Herz (Hrsg.), Gassengeschichten · 06/6050
51. Band: Heike Kamaris & Jörg Raddatz, Sphärenschlüssel · 06/6051
52. Band: Alexander Huiskes, Die Hand der Finsternis · 06/6052
53. Band: Martina Nöth, Zwergenmaske · 06/6053
54. Band: Gun-Britt Tödter, Koboldgeschenk · 06/6054
55. Band: Heike Kamaris & Jörg Raddatz, Blutrosen · 06/6055
56. Band: Ulrich Kiesow, Das zerbrochene Rad: Dämmerung · 06/6056
57. Band: Ulrich Kiesow, Das zerbrochene Rad: Nacht · 06/6057
58. Band: Jesco von Voss, Der Letzte wird Inquisitor · 06/6058
59. Band: Olaf Flatergast, Druiden-Rache · 06/6059
60. Band: Alexander Wichert & Christian Thon, Blakharons Fluch · 06/6060
61. Band: Karl-Heinz Witzko, Westwärts, Geschuppte! · 06/6061
62. Band: Thomas Finn, Das Greifenopfer · 06/6062
63. Band: Alexander Lohmann, Die Mühle der Tränen · 06/6063
64. Band: Sarah Nick (Hrsg.), Aufruhr in Aventurien · 06/6064
65. Band: Thomas Baroli, Lichter Tag · 06/6065
66. Band: Thomas Baroli, Die Schwärze der Nacht · 06/6066
67. Band: Alexander Wichert, Sand und Blut · 06/6067
68. Band: Alexander Huiskes, Der geheime Pfad · 06/6068

Sonderausgabe des 15., 19. und 23. Romans in einem Band:


Hans Joachim Alpers, Die Piraten des Südmeers · 06/9185

Sonderausgabe des 12., 13. und 14. Romans in einem Band:


Bernhard Hennen, Drei Nächte in Fasar · 06/9197

Weitere Bände in Vorbereitung


1 Vgl. Zweiter Band der Dajin-Trilogie: Die beiden Herrscher (Heyne 06/6044)
2 Im Kontext des maraskanischen Rur & Gror-Glaubens sind die Zuständigkeiten der Zwölfgötter
teilweise anders dargelegt.

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