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Alexander Wettstein und Marion Scherzinger

Störungen im Unterricht wirksam begegnen

Zusammenfassung
Eine positive, respektvolle und störungsfreie Lernumgebung unterstützt das Lernen der Schülerinnen und Schüler. Stö-
rungen im Unterricht wirken sich ungünstig auf deren Entwicklung wie auch auf die Gesundheit der Lehrpersonen aus.
Bis heute werden Störungen nahezu ausschliesslich unangemessenem Verhalten der Kinder oder Jugendlichen zuge-
schrieben. Da Unterricht ein soziales System ist, greift eine solche einseitige Zuschreibung zu kurz. Wir verstehen Un-
terrichtsstörungen als interaktionales Problem und zeigen auf, wie Lehrpersonen Störungen im Unterricht durch eine
respektvolle Beziehung, eine effektive Klassenführung und guten Unterricht wirksam vorbeugen und begegnen kön-
nen.

Résumé
Un environnement pédagogique positif, respectueux et sans perturbations soutient l’apprentissage des élèves. Les
problèmes en classe ont des conséquences négatives sur le développement des élèves, mais aussi sur la santé des en-
seignant-e-s. À l’heure actuelle encore, on attribue ces problèmes presque exclusivement au comportement inappro-
prié des enfants ou adolescent-e-s. L’enseignement étant un système social, on ne peut se contenter d’une imputa-
tion unilatérale. Nous considérons les perturbations en classe comme un problème interactionnel, et chercherons à
montrer comment les enseignant-e-s peuvent efficacement prévenir et remédier à ces problèmes par une relation res-
pectueuse, une gestion efficace de la classe et un bon enseignement.

Störungen belasten mic & Brouwers, 2004). Doch Störungen be-


Die internationale TALIS Studie (OECD, einträchtigen nicht nur das Lehren, sondern
2014) macht deutlich, dass in mehr als der auch das Lernen und damit die kognitive,
Hälfte der teilnehmenden Länder eine von emotionale und soziale Entwicklung der
vier Lehrpersonen angibt, über 30 Prozent Schülerinnen und Schüler. Durch die ge-
ihrer Unterrichtszeit durch Störungen und sundheitliche Belastung der Lehrperson sin-
administrative Aufgaben im Unterricht zu ken die Unterrichtsqualität und somit auch
verlieren. Eine aktuelle Beobachtungs- die Motivation und die Leistung der Schüle-
studie (Wettstein, Scherzinger & Ramseier, rinnen und Schüler (Klusmann, Richter &
2018) zeigt, dass der Unterricht an Mittel- Lüdtke, 2016).
stufenklassen in der Schweiz im Durch-
schnitt alle 42 Sekunden gestört wird. Ob- Fehlschlüsse im Umgang
wohl Unterrichtsstörungen zum Schulalltag mit Störungen
gehören, sind diese Befunde bedenklich. Wie wir über Unterrichtsstörungen spre-
Denn das gehäufte Auftreten von Störun- chen, beeinflusst nicht nur unser Denken,
gen hat fatale Folgen für die Gesundheit der sondern auch unser Handeln. Ein unange-
Lehrpersonen. Störungen bilden den gröss- messener Sprachgebrauch kann Lehrperso-
ten Belastungsfaktor (Friedman, 2006) und nen im Umgang mit Störungen vor unlösba-
gelten als Hauptursache für Burnout und ei- re Aufgaben stellen und handlungsunfähig
nen frühzeitigen Berufsausstieg (Evers, To- machen. Aus historischer Sicht wurden Stö-

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rungen oft einseitig den Schülerinnen und gen als gegeben und unveränderbar. Damit
Schülern zugeschrieben. Dabei wurden Be- wird jeder Versuch, Störungen zu bewälti-
griffe wie «führungsresistent» oder gen, ad absurdum geführt. Man kann nicht
«schwererziehbar» verwendet, wobei eini- verändern, was als unveränderbar ange-
ge dieser Begriffe weitaus mehr über das nommen wird. Unter diesen Vorzeichen er-
Gedankengut der Autorinnen und Autoren scheint jedes Handeln der Lehrperson sinn-
und den jeweiligen historischen Kontext als los. Dies unterminiert nicht zuletzt auch de-
über das Verhalten der Kinder aussagen. ren Selbstwirksamkeitserwartung.
Heute wird oft von «Disziplinschwierigkei-
ten» oder «Verhaltensstörungen» gespro-
Wie wir über Unterrichtsstörungen
chen. Der Begriff «Disziplinschwierigkei-
sprechen, beeinflusst nicht nur unser Denken,
ten» verortet die Störungen auf der Seite der
Lernenden. Es sind also die Schülerinnen sondern auch unser Handeln.
und die Schüler, welche den Unterricht stö-
ren. Unter dieser Perspektive trifft aller- Unterrichtsstörungen
dings die Lehrperson eine «Mitschuld», als interaktionales Problem
wenn ihr das Durchsetzen von Disziplin nicht Um Störungen im Unterricht wirksam vor-
gelingt. Der Begriff «Verhaltensstörung» zubeugen und zu begegnen, stellen wir
hingegen entlastet die Lehrperson. Es sind nicht allein das Verhalten von Schülerinnen
zwar immer noch die Lernenden, die stören, und Schülern oder individuelle Persönlich-
aber die Lehrperson ist nicht länger mitver- keitseigenschaften ins Zentrum, sondern
antwortlich, da die Schülerin bzw. der Schü- den «Unterricht als soziales System» (Her-
ler eine Verhaltensstörung hat. Obwohl die zog, 2006). Im Unterricht begegnen sich
bisher genannten Begriffe aus unterschied- zwei unterschiedliche Arten von Handeln-
lichen Zeitepochen stammen, teilen sie doch den. Auf der einen Seite die Lehrperson,
alle ein wesentliches Merkmal. Bei allen Be- welche ein Unterrichtsangebot plant und
griffen werden Störungen im Zusammen- versucht, Lernprozesse auszulösen. Auf der
hang mit relativ stabilen und kaum verän- anderen Seite die Schülerinnen und Schü-
derbaren Persönlichkeitseigenschaften von ler, die dieses Unterrichtsangebot nutzen
Kindern und Jugendlichen verstanden. Da- können und eine Mitverantwortung tra-
bei wird ein Kind oft nicht mehr in seiner gen. Das sogenannte Angebot-Nutzungs-
Ganzheit als Individuum wahrgenommen, modell (Fend, 2006), welches hier zugrun-
sondern auf eine Störungsdiagnose redu- de liegt, weist auf den interaktionalen Cha-
ziert (z. B. «ADHS-Kind»). Solche Etikettie- rakter von Unterricht hin und entlastet die
rungen beeinträchtigen nicht nur die weite- Lehrperson von der alleinigen Verantwor-
re Entwicklung der betroffenen Schülerin- tung für einen gelingenden Unterricht.
nen und Schüler (Winkel, 2005), sondern Denn das beste Unterrichtsangebot der
schaden auch der zuschreibenden Lehrper- Lehrperson ist wirkungslos, wenn dieses
son. Denn Aufgabe der Lehrperson ist es, von den Schülerinnen und Schülern nicht
bei den Schülerinnen und Schülern positive genutzt wird. In diesem Sinne werden Un-
Entwicklungen auszulösen. Geht man nun terrichtsstörungen in Anlehnung an Winkel
aber von stabilen Persönlichkeitseigen- (2005, S. 29) als eine Störung des Lehr-
schaften aus, erscheinen Verhaltensstörun- Lern-Prozesses definiert. Eine Unterrichts-

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störung liegt dann vor, «wenn der Unter- Unterbrechung des Lehr-Lern-Prozesses
richt gestört ist, d. h. wenn das Lehren und führt. Da der Unterricht ein soziales System
Lernen stockt, aufhört, pervertiert, uner- bildet, in dem alle Mitglieder in gegenseiti-
träglich oder inhuman wird». ger Abhängigkeit stehen und sich wechsel-
seitig beeinflussen, kommt auch individuel-
len Störungen immer ein sozialer Charakter
Aus einer anfänglich isolierten Störung
zu.
kann sich eine gestörte Interaktionsepisode
entwickeln. Wie reagieren Lehrpersonen
auf Störungen?
Wer löst nun solche Störungen im Unter- Wie eine Lehrperson auf eine Störung re-
richt aus? Diese können ihren Ursprung agiert, betrifft nicht nur einzelne Schülerin-
durchaus in störendem Verhalten der Ler- nen und Schüler, sondern wirkt sich auf die
nenden haben, indem beispielsweise Schü- ganze Klasse aus. Weinstein (2002) zeigte,
lerinnen und Schüler tagträumen, der Lehr- dass bereits Kinder der Unterstufe sehr auf-
person nicht zuhören und sich mit anderen merksam beobachten, wie die Lehrperson
Dingen beschäftigen. Dieses Verhalten be- ihre Mitschülerinnen und Mitschüler behan-
hindert zwar vorerst nur den individuellen delt. Lehrpersonen handeln unter Druck
Lernerfolg der betroffenen Schülerinnen und oft weitaus weniger rational als ge-
und Schüler. Doch aus solchen vorerst stil- meinhin angenommen. Sie müssen sich in
len, passiven Störungen können in der Fol- komplexen Umgebungen zurechtfinden
ge sehr rasch aktive Störungen entstehen: und in Sekundenschnelle Entscheidungen
Die betroffenen Kinder und Jugendlichen treffen. Dabei tun sie dies in 60 bis 70 Pro-
wissen in den anschliessenden Arbeitsauf- zent der Fälle unbewusst. Dies kann dazu
trägen nämlich nicht, was zu tun ist und sie führen, dass Probleme durch ungünstige
stören durch Schwatzen oder Hineinreden Bewältigungsversuche der Lehrperson nicht
aktiv den Unterricht. Störungen können ih- gelöst, sondern weiter verschärft werden.
ren Ursprung aber auch in unangemesse- Weder das Ignorieren von Störungen noch
nem Verhalten der Unterrichtenden haben. das Androhen oder die Durchführung von
Studien (Wettstein, Scherzinger & Ramsei- Strafen sind sinnvolle Mittel im Umgang mit
er, 2018; Wettstein, Ramseier & Scherzin- Störungen im Unterricht. Ignorieren wird
ger, 2018) zeigen, dass auch Lehrpersonen unter Umständen als Zustimmung aufge-
den Unterricht stören, indem sie z. B. fasst. Drohungen, lange Zurechtweisungs-
schlecht vorbereitet oder zu spät zum Un- monologe und Strafen führen oft nur zu ei-
terricht erscheinen, unklare Aufträge ertei- ner Ausweitung der Störungen. Als Grund-
len oder die Schülerinnen und Schüler in satz gilt: Eine Reaktion der Lehrperson auf
konzentrierten Arbeitsphasen unterbre- eine Störung sollte nie mehr stören als die-
chen. Aus einer anfänglich isolierten Stö- se selbst.
rung kann sich zudem eine gestörte Interak- Als weitaus wirksamer erweisen sich
tionsepisode entwickeln, indem beispiels- Interventionen mit sparsamen Mitteln, in-
weise die Lehrperson auf eine Verweige- dem die Lehrperson früh und niederschwel-
rung mit einer Drohung reagiert, welche zu lig reagiert und das betroffene Kind kurz
einer längeren Auseinandersetzung und ermahnt. Erfolgreiche Lehrpersonen zei-

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gen den Schülerinnen und Schülern mit ei- vielmehr darum, dass Lehrpersonen lernen,
nem Blick, einer Geste oder einer kurzen Bewältigungsstrategien situationsange-
Ermahnung, mit welchem Verhalten sie passt einzusetzen: Bei grundsätzlich verän-
rechnen. Sie bestrafen das unerwünschte derbaren Situationen empfiehlt sich eine
Verhalten also nicht, sondern machen aktiv-problemlösende Strategie. In Berei-
durch ihr präsentes Auftreten klar, was er- chen, auf die die Lehrperson kaum Einfluss-
wartet wird. möglichkeiten hat, hilft die Fähigkeit, nicht
Ebenso wirksam sind sozial-integrative veränderbare Situationen tolerieren zu
Massnahmen, indem die Lehrperson ermu- können.
tigt, sich in das Kind einfühlt und falls nötig
einen Kompromiss vorschlägt. Solche Inter- Unterrichtsstörungen verstehen
ventionen sind durchaus wertvoll. Gleich- und wirksam vorbeugen
zeitig unterbrechen sie natürlich auch den Lehrpersonen können viel bewirken. Sie ha-
Unterrichtsfluss. Grundsätzlich sind beide ben einen sehr grossen Einfluss auf die ko-
Strategien sinnvoll. Letztendlich muss die gnitive, emotionale und soziale Entwick-
Lehrperson situativ entscheiden, ob sie kurz lung ihrer Schülerinnen und Schüler. Die
und knapp mit sparsamen Mitteln auf eine Hattie Studie (2013) zeigt, dass die Lehrper-
Störung reagiert und den Unterricht rasch son den Unterschied ausmacht. Bis zu
wieder aufnimmt, oder ob sie der Klärung 30 Prozent der Differenzen in den Leistun-
einer Störung mehr Raum gibt und mit einer gen der Schülerinnen und Schüler sind auf
sozial-integrativen Intervention einen Lern- die Lehrperson zurückzuführen.
prozess bei den Schülerinnen und Schülern
auslöst.
Eine Reaktion der Lehrperson
auf eine Störung sollte nie mehr stören
Bewältigungsstrategien
Einige Lehrpersonen reagieren ungünstig als diese selbst.
auf Störungen, indem sie diese ignorieren
oder verleugnen und dadurch die Klasse In unserem neuen Buch «Unterrichtsstörun-
nicht ausreichend führen. Ebenso wenig gen verstehen und wirksam vorbeugen»
hilfreich sind ständiges Grübeln, aber welches demnächst im Kohlhammer Verlag
nichts tun, Resignation oder soziale Abkap- erscheinen wird (Wettstein & Scherzinger,
selung. In einigen Fällen versuchen Lehr- im Druck) gehen wir der Frage nach, wie
personen, die Kontrolle über den Unterricht Unterrichtsstörungen entstehen und zeigen
über minutenlange Steuerungsmonologe auf, wie Lehrpersonen diese erfolgreich be-
zurückzugewinnen oder gar die ihnen ent- wältigen können. Dabei nähern wir uns Un-
gleitende Autorität durch Repression zu er- terrichtsstörungen aus einer interaktional-
setzen. Als weitaus hilfreicher erweisen verstehenden Perspektive und verdeutli-
sich Bewältigungsstrategien, die darauf ab- chen, wie Lehrpersonen Unterrichtsstörun-
zielen, die Probleme aktiv zu lösen, soziale gen durch diagnostische Kompetenz, eine
Unterstützung in Anspruch zu nehmen und gute Beziehung zu den Lernenden, Klassen-
sich nach dem Unterricht auch mal etwas führung und eine störungspräventive Un-
Gutes zu gönnen. Dabei gibt es nicht die ei- terrichtsgestaltung wirksam begegnen
ne optimale Bewältigungsstrategie. Es geht können.

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Störungen als aktiv zu gestalten. Ist diese Beziehung von


Mitteilungen verstehen einem freundlichen Umgangston, wechsel-
Wettstein und Scherzinger (im Druck) ma- seitigem Respekt, Herzlichkeit, Wärme, Nä-
chen deutlich, dass störendes Verhalten he, Sicherheit und Vertrauen geprägt, ist sie
nicht bedeutungslos ist. Es ist wichtig, dass authentisch und kann auch mal gelacht
die Lehrperson versteht, weshalb Schülerin- werden, wirkt sie sich positiv auf die Moti-
nen oder Schüler so handeln (Montuoro & vation (Wentzel & Wigfield, 2009), die Leis-
Lewis, 2015). Erfolgreiche Lehrpersonen se- tung (Hughes, 2012) und die soziale Ent-
hen in herausforderndem Verhalten nicht wicklung der Schülerinnen und Schüler aus
nur eine Belastung. Jedes Verhalten hat ei- (Obsuth et al., 2017). Eine gute Beziehung
nen Grund, auch wenn es auf den ersten zwischen Lehrperson und Lernenden steht
Blick noch so unsinnig erscheinen mag. So dabei nicht in Widerspruch zu Autorität,
kann beispielsweise ein Ausraster oder eine sondern ermöglicht diese erst.
Schimpftirade eines Kindes oder Jugendli-
chen als Ausdruck schulischer Überforde- Klassenführung
rung interpretiert und weniger als persönli- Oft denken wir bei Störungen im Nach-
cher Angriff gegen die Lehrperson gesehen hinein darüber nach, wie wir darauf hätten
werden. Deshalb ist es wichtig, dass die reagieren können. Der Ansatz der Klassen-
Lehrperson verschiedene Hypothesen bil- führung legt hingegen den Akzent darauf,
det, welche Gründe dem Verhalten der wie wir bereits von vornherein verhindern
Schülerinnen und Schüler in der jeweiligen können, dass Störungen überhaupt auftre-
Situation zugrunde liegen und dabei auch ten (Emmer & Sabornie, 2015). Die Kunst
nach positiven Interpretationen sucht. der Klassenführung liegt nicht darin, Prob-
Wenn es der Lehrperson gelingt, Störungen leme zu beheben, sondern diese soweit als
als Mitteilungen zu verstehen und produk- möglich gar nicht erst entstehen zu lassen.
tiv zu nutzen, kann sie souveräner damit Lehrpersonen können viel zur Vermeidung
umgehen. von Störungen beitragen, …
… wenn sie ihren Blick nicht nur auf einzel-
ne Schülerinnen und Schüler richten,
Eine gute Beziehung zwischen sondern die ganze Klasse im Auge be-
Lehrperson und Lernenden beugt halten,
Störungen effektiv vor. … verschiedene Bedürfnisse erkennen und
effizient auf diese reagieren,
… Verzögerungen im Unterrichtsfluss ver-
Beziehung zwischen meiden,
Lehrperson und Lernenden … angemessen herausfordernd unterrich-
Es gibt wahrscheinlich nichts, was Störun- ten und
gen so effektiv vorbeugt wie eine gute Be- … dafür sorgen, dass sich die Lernenden
ziehung zwischen Lehrperson und Lernen- aktiv am Unterricht beteiligen können.
den. Es ist deshalb wichtig, dass sich Lehr-
personen die Zeit nehmen, ihre Beziehung Dabei ist es hilfreich, wenn Lehrpersonen
zu den Schülerinnen und Schülern wie auch gegenüber der Klasse ihre Erwartungen
diese unter den Schülerinnen und Schülern früh kommunizieren, zeitsparend und nie-

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derschwellig auf unerwünschtes Verhalten red. School Psychology International, 25,


reagieren und gleichzeitig auch angemesse- 131–148.
nes Verhalten in der Klasse anerkennen. Fend, H. (2006). Neue Theorie der Schule:
Einführung in das Verstehen von Bil-
Unterrichtsgestaltung dungssystemen. Wiesbaden: VS Verlag
Schliesslich zeigen Wettstein und Scherzin- für Sozialwissenschaften.
ger (im Druck) auf, wie Lehrpersonen durch Friedman, I. A. (2006). Classroom Manage-
einen anregenden und ausreichend indivi- ment and Teacher Stress and Burnout. In
dualisierten Unterricht Störungen vorbeu- C. M. Evertson & C. S. Weinstein (Eds.),
gen können. Wenn es der Lehrperson ge- Handbook of Classroom Management.
lingt, die unterschiedlichen Lernvorausset- Research, Practice, and Contemporary
zungen der Kinder ausreichend zu berück- Issues (pp. 925–944). Mahwah: Erlbaum.
sichtigen, wenn sie im Unterricht klar Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen.
kommuniziert und strukturiert und die Zeit Baltmannsweiler: Schneider.
nutzt, können viele Störungen vermieden Herzog, W. (2006). Zeitgemässe Erziehung.
werden. Wenn Lehrpersonen Störungen Die Konstruktion pädagogischer Wirklich-
nicht mehr als unveränderbare Eigenschaft keit. Weilerwist: Velbrück Wissenschaft.
von Schülerinnen und Schülern, sondern als Hughes, J. N. (2012). Teacher-student relati-
veränderbares interaktionales Problem des onships and school adjustment: Progress
Unterrichts verstehen, eröffnen sich zahlrei- and remaining challenges. Attachment &
che Handlungsmöglichkeiten für einen pro- Human Development, 14 (3), 319–327.
duktiven Umgang damit. Gleichzeitig er- Klusmann, U., Richter, D. & Lüdtke, O. (2016).
weist sich die Idee, mit ausreichendem pä- Teachers‘ emotional exhaustion is nega-
dagogisch-didaktischem Wissen und Kön- tively related to students’ achievement:
nen liesse sich ein störungsfreier Unterricht Evidence from a large-scale assessment
produzieren, als Illusion. Unterricht ist kom- study. Journal of Educational Psychology,
plex und läuft nie völlig störungsfrei ab. 108 (8), 1193–1203.
Lehrpersonen müssen deshalb ein Gleich- Montuoro, P. & Lewis, R. (2015). Student per-
gewicht zwischen gesunder Selbstkritik und ceptions of misbehaviour and classroom
einem gelassenen Umgang mit unvermeid- management. In E. T. Emmer & E. J. Sabor-
lichen Unzulänglichkeiten in der Unter- nie (Eds.), Handbook of classroom ma-
richtsgestaltung finden und lernen, auch nagement (2nd ed.) (pp. 344–362). New
kleine Erfolge zu schätzen. York: Routledge.
Obsuth, I., Murray, A. L., Malti, T., Sulger, P.,
Literatur Ribeaud, D. & Eisner, M. (2017). A non-bi-
Emmer, E. T. & Sabornie, E. J. (2015). Introduc- partite propensity score analysis of the ef-
tion to the second edition. In E. T. Emmer fects of teacher–student relationships on
& E. J. Sabornie (Eds.), Handbook of class- adolescent problem and prosocial behavi-
room management (2nd ed.) (pp. 3–12). or. Journal of Youth and Adolescence, 46
New York: Routledge. (8), 1661–1687.
Evers, W. J. G., Tomic, W. & Brouwers, A. A. OECD (2014). Talis 2013 Results: An Interna-
(2004). Burnout among teachers: Stu- tional Perspective on Teaching and Lear-
dents’ and teachers’ perceptions compa- ning. doi.org/10.1787/9789264196261-en

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Weinstein, R. S. (2002). Reaching higher. Har- Wettstein, A. & Scherzinger, M. (im Druck).
vard University Press. Unterrichtsstörungen verstehen und wirk-
Wentzel, K. R. & Wigfield, A. (2009). Hand- sam vorbeugen. Stuttgart: Kohlhammer.
book of motivation at school. New York: Wettstein, A., Scherzinger, M. & Ramseier, E.
Routledge. (2018). Unterrichtsstörungen, Beziehung
Wettstein, A., Ramseier, E. & Scherzinger, M. und Klassenführung aus Lehrer-, Schüler-
(2018). Eine Mehrebenenanalyse zur und Beobachterperspektive. Psychologie
Schülerwahrnehmung von Störungen im in Erziehung und Unterricht, 65 (1), 58–74.
Unterricht der Klassen- und einer Fach- Winkel, R. (2005). Der gestörte Unterricht.
lehrperson. Psychologie in Erziehung und Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Ho-
Unterricht, 65 (1), 1–16. hengehren.

Prof. Dr. habil. Alexander Wettstein Dr. Marion Scherzinger


Leiter des Schwerpunktprogramms Co-Leiterin des Schwerpunktprogramms
Soziale Interaktion der PHBern Soziale Interaktion der PHBern
alexander.wettstein@phbern.ch marion.scherzinger @phbern.ch

PHBern
Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation
Schwerpunktprogramm Soziale Interaktion
Fabrikstrasse 8
3012 Bern
phbern.ch/fe/soziale-interaktion

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