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Heft 3/2019

ISSN 0940-4163

Militärgeschichte im Bild: Läufer des paralympischen Marathons 2004 passieren die Statue von Pheidippides in Rafina.

Sport und Militär von der Antike bis heute


Geschichte des Versehrtensportes
Kriegstagebuch 1914–1918
Von Terroristen ermordet

ZMS
Zentrum für Militärgeschichte
und Sozialwissenschaften der
Bundeswehr
Impressum Inhalt
Militärgeschichte
Zeitschrift für historische Bildung »Schon das Spiel ist Kampf,
Herausgegeben Krieg im kleinen ...« 4
vom Zentrum für Militärgeschichte und Sport und Militär von der Antike bis heute
Sozialwissenschaften der Bundeswehr
durch Kapitän zur See Dr. Jörg Hillmann und
Dr. Peter Tauber, geb. 1974 in Frankfurt a.M.,

Tobias Koch
Oberst Dr. Frank Hagemann (V.i.S.d.P.)
Parlamentarischer Staatssekretär bei
der Bundesministerin der Verteidigung
Verantwortliche Redakteure der aktuellen
Ausgabe:
Cornelia Grosse M.A.
Major Chris Helmecke M.A.

Redaktion:
Cornelia Grosse M.A. (cg) Versehrtensport
Oberleutnant Helene Heldt M.A. (hh)
Major Chris Helmecke M.A. (ch) Zwischen Rehabilitation und 10
Fregattenkapitän Dr. Christian Jentzsch (cj) Invictus Games
Oberstleutnant Dr. Harald Potempa (hp)
Oberstleutnant Dr. Klaus Storkmann (ks) Dr. Berno Bahro, geb. 1977 in Eisenhüttenstadt,
Bildredaktion: Esther Geiger wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur
Lektorat: Dr. Aleksandar-S. Vuletić
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Universität Potsdam
Karten: Dipl.-Ing. Bernd Nogli
Layout: Carola Klinke
Anschrift der Redaktion:
Redaktion »Militärgeschichte«
Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr
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»Die Furchtbarste Stunde«
E-Mail: ZMSBwRedaktionMilGeschichte@ Gustav Weißheit: Kriegstagebuch 14
bundeswehr.org 1914‑1918
Homepage: www.zmsbw.de
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an obige Anschrift erbeten. Für unverlangt ein- geb. 1984 in Neubrandenburg,
gesandte Manuskripte wird nicht gehaftet. Durch Kompaniechef 5./Jägerbataillon 91
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Redaktion übernimmt keine Verantwortung für
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1964 in Hamburg, Forschungsprojektleiter
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Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) Die historische Quelle 28
Druck: Geschichte kompakt 29
Druckhaus Plagge GmbH, Meppen Ausstellungen30
ISSN 0940-4163
Grußwort
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Sport macht Freude. Gemeinsame Anstren­
gung verbindet Menschen und schützt die
Gesundheit. All dies können Soldatinnen
Militärgeschichte
und Soldaten auch während der Dienstzeit
im Rahmen der Ausbildung erleben.
im Bild
Die Bundeswehr ist eine Einsatzarmee.
Die physische, aber auch psychische Be­ Marathon –
lastbarkeit der Soldatinnen und Soldaten
Schlachtmythos und
sind von entscheidender Bedeutung für de­
ren Einsatzbereitschaft. Körperliche Leis­ moderner Sportwettkampf31
tungsfähigkeit ist unverzichtbar, um den
Anforderungen des Soldatenberufs gerecht
zu werden. Wir nehmen dies ab dem ersten
Diensttag in den Fokus und setzen auf ge­
zieltes, lebenslanges Training!
Die Abteilung Ausbildung Streitkräfte in
der Streitkräftebasis der Bundeswehr in
Bonn ist die zentrale fachliche Stelle für alle
Fragen des Sportes. Hinzu kommt die Koordination der Beteiligung der Bun­
deswehr an internationalen Militärsportwettkämpfen, vor allem unter der
Leitung der Internationalen Militärsportvereinigung unter dem Motto
»Freundschaft durch Sport«.
Ein weiteres bedeutendes Handlungsfeld ist die Förderung des Hochleis­
tungssportes in Deutschland. Auf Grundlage eines Beschlusses des Deut­
schen Bundestages von 1968 stellt die Bundeswehr als größter Förderer
Deutschlands derzeit 744 Förderplätze in 15 Sportfördergruppen zur Verfü­ Die blinden Läufer Yuichi Takahashi und Fabrizio
gung und schafft somit beste Rahmenbedingungen für Athletinnen und Ath­ Cocchi mit ihren Helfern beim Marathon wäh-
leten, damit diese sich auf ihre sportliche Laufbahn konzentrieren können. rend der Paralympics in Athen 2004. Beide lau-
Unsere Spitzensportlerinnen und Spitzensportler – vom Gefreiten bis zum fen durch den Hafen von Rafina an der Statue
Stabsfeldwebel – haben sich seit 1992 mit 601 Medaillen bei Olympischen des Pheidippides vorbei. Takahashi wird die
Spielen, und damit 45 Prozent des Gesamterfolges, als herausragende Bot­ Goldmedaille gewinnen. Auf Pheidippides geht
schafter Deutschlands und der Bundeswehr bewiesen. der Entstehungsmythos des Marathons zurück.
In diesem Sinn trägt die aktuelle Ausgabe der Militärgeschichte der beson­ Pheidippides war ein Tagesläufer (Hemerodro-
deren Verbindung von Sport und Militär in der Geschichte Rechnung und mos), der der Legende nach, während der
widmet sich im Speziellen auch der Entwicklung und Bedeutung des Ver­ Schlacht von Marathon zwischen den Griechen
und den Persern ­490 ­v.­Chr., von Marathon nach
sehrtensportes.
Sparta und zurückgelaufen sein soll, um Unter-
Soldatinnen und Soldaten, die im Einsatz, in der Ausbildung oder unter
stützung gegen die Perser zu holen.
anderen Umständen Schaden an Leib und Seele erlitten haben, verdienen un­ Foto: picture alliance/AP Photo
sere besondere Fürsorge. Sport kann dabei wesentlich zur Rehabilitation bei­
tragen. Seit 2014 bekommen einsatzgeschädigte, traumatisierte, verunfallte
und behinderte Soldatinnen und Soldaten die Möglichkeit, bei den Invictus
Games ihre Belange ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen und dar­
über hinaus durch den Sport bei der Rehabilitation unterstützt zu werden.
Die Bundeswehr bietet ihren Soldatinnen und Soldaten ein breites Angebot
an Möglichkeiten, ihre individuelle körperliche Leistungsfähigkeit zu erhal­
ten und zu steigern. Sport nutzt dabei sowohl dem Einzelnen als auch der
Truppe als Ganzes; alles mit dem Ziel: einsatzbereite Kräfte für die vielfälti­
gen Aufträge der Bundeswehr bereitzustellen.

Ihr

Georg Klein
Brigadegeneral
Abteilungsleiter Ausbildung Streitkräfte im Kommando Streitkräftebasis
Sport und Militär

Bundeswehr/Scheller
5Die Deutsche Meisterin im Modernen Fünfkampf: Annika Schleu beim Springreiten, 4. August 2019

»Schon das Spiel ist Kampf,


Krieg im kleinen ...«
Sport und Militär von der Antike bis heute

H
eute wird der Sport oft mit der Körperliche Leistungsfähigkeit Spiele der Antike als Stilisierung des
Idee der Völkerverständigung in der Antike wehrhaften griechischen Athleten
und des friedlichen Wettstreits kommen der Wahrheit also sehr viel
in Verbindung gebracht. Man betont Die Olympischen Spiele der Antike näher als die Legende des friedlichen
den Gedanken des Fair Play und seine waren kein Friedensfest, sondern ein Völkerfestes, wie sie die moderne
pädagogische Kraft für ein friedliches religiöses Fest zu Ehren des obersten olympische Sportbewegung, begrün­
Miteinander, für Toleranz und Integra­ griechischen Gottes Zeus. Sie sollten det am Ende des 19. Jahrhunderts
tion. Angesichts der politischen, gesell­ nicht Frieden stiften und Feindschaften durch Pierre de Coubertin, erzählt.
schaftlichen und ökonomischen Be­ beenden. Vielmehr war der verkündete Die Frage der Einsatzbereitschaft von
deutung des Sportes wird dabei aber olympische Friede lediglich ein zeitlich Soldaten war von jeher also nicht nur
gerne ausgeblendet, wie eng Sport und und örtlich begrenzter »Festfrieden«, geprägt von den Fähigkeiten im Um­
Militär in der Geschichte miteinander sodass die Krieger verschiedener grie­ gang mit Waffen und Kriegstechnik,
verbunden waren und bis heute sind. chischer Staaten unbehelligt zu den sondern mindestens ebenso sehr von
Nähern wir uns einer Verbindung, die Spielen gelangen konnten, um die körperlicher Belastbarkeit und einem
bis in die Antike zurückreicht. Wettkämpfe friedlich auszutragen. Die anerzogenen Willen zum Kampf.

4 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Archiv des Mainzer Turnvereins 1817
Sinnbild eines idealisierten und über­ stehenden Heeren ergab sich die Not­
höhten Kriegertums waren und sind wendigkeit, Ausbildung und Erzie­
bis heute die Spartaner. Ausdruck fand hung der Soldaten umfassender zu
dies auch in dem Film »300« aus 2007, denken und nicht nur auf das Waffen­
der den Opfertod 300 spartanischer handwerk zu reduzieren.
Krieger unter Führung ihres Königs
Leoni­das gegen eine persische Über­ Drill, Disziplin und Turnen
macht in der Schlacht an den Thermo­
pylen thematisiert. Eine körperliche So waren zwar in Preußen laute Klagen
Erziehung zur Härte und eine Willens­ zu hören, dass die Jugend nicht mehr
bildung, dargeboten in einer imposan­ wehrhaft sei. Doch noch in der Armee
ten und martialischen Bildsprache, ge­ des »Alten Fritz« im 18. Jahrhundert
hen der Schlacht im Film voraus und waren Turnen und Sport gänzlich un­
verarbeiten so den historischen Stoff. bekannt. Der Drill in der Handhabung
Da die spartanischen Krieger ihre Waf­ der Waffen, Disziplin und Gehorsam
fen beherrschen und körperlich gut standen im Vordergrund. Nur langsam
trainiert sind, scheinen sie unüber­ gab es erste zaghafte Versuche, gym­
windbar. Ihre Niederlage gründet nastische Übungen in den Ausbil­
dann auch auf Verrat. dungsbetrieb einzubeziehen. Und erst
Es wäre verfehlt, dieses Ethos im anti­ die schmachvolle Niederlage Preußens
ken Griechenland ausschließlich Sparta gegen Napoleon 1806 führte zu einem
zuzuschreiben und diesem Bild die Umdenken. Gründeten sich Disziplin
friedliebenden und nach geistiger Bil­ und Gehorsam bisher auf ein System
dung strebenden anderen griechischen teilweise drakonischer Strafen, so
Stadtstaaten gegenüberzustellen. Der trachtete man nun danach, die Kampf­
griechische Philosoph Flavius Philo­ kraft der Soldaten nicht nur körperlich,
stra­tos erinnerte ganz allgemein an den sondern durch eine »sittliche Erzie­
militärischen Zweck der athletischen hung« zu verbessern. In Deutschland
Erziehung: Die Menschen hätten »die entwickelte sich das Turnen, das von
Wettkampfspiele als eine Übung für Beginn an eine klare militärische Aus­ 5Turnen und Sport als Mittel zur Heran-
den Krieg und den Krieg als eine richtung hatte. bildung eines wehrfähigen Nach-
Übung für den Wettkampf« angesehen. So entstand eine Tradition, die körper­ wuchses, Postkarte des Mainzer Turn-
Wer meint, dass davon heute nichts liche und mentale Erziehung mit­ein­ vereins, 1918
mehr übrig ist, der täuscht sich. Wir ander verband. Als Friedrich Ludwig
»feiern« das griechische Kriegertum Jahn sein Erziehungskonzept des Tur­ Demokratie, aber auch soziale Forde­
heute noch regelmäßig – ohne dass es nens 1811 in der Berliner Hasenheide rungen auf dem Banner der Turnbewe­
uns bewusst ist: Als die Griechen ent­ mit der Eröffnung des ersten Turnplat­ gung. So wurden die Turner zu einem
gegen aller Erwartungen 490 v.Chr. ein zes der Öffentlichkeit präsentierte, wur­ Träger der 1848er Revolution. Voraus­
ihnen vielfach überlegenes persisches den Forderungen laut, Turnen und gegangen war eine Phase der Diffamie­
Heer besiegten, entstand der Mythos, Gymnastik zum festen Bestandteil der rung, die auch die Einbeziehung des
demzufolge Pheidippides von Mara­ militärischen Ausbildung zu machen. Turnens in die militärische Ausbildung
thon nach Athen gelaufen sei, um die Die Turner waren freiheitlich und na­ diskreditierte. Die Notwendigkeit ei­
Siegesbotschaft zu überbringen. Heute tional gesonnen. Der Gedanke der ner körperlichen Erziehung der Solda­
ist der Marathonlauf wohl einer der Wehrerziehung fiel bei ihnen auf ten war aber nicht zu leugnen und so
wichtigsten Wettkämpfe der Olympi­ fruchtbaren Boden. Die körperliche Er­ wurden gymnastische Übungen im­
schen Spiele, der Berlin-Marathon ist ziehung zur Disziplin, zur Harmonie mer mehr in den Ausbildungsbetrieb
ein Volksfest und für jeden Marathon­ der Bewegungsabläufe, zur Selbstbe­ integriert.
läufer ist die Überwindung der herrschung – des Körpers, aber auch Als die Turner ab den 1860er Jahren
42,195 Kilometer ein Wettkampf gegen des Geistes – entsprachen den Anforde­ wieder neuen Zulauf fanden, begann
sich selbst – ins Ziel kommen, ist die rungen an die Soldaten der entstehen­ sich zeitgleich die Gesellschaft durch
Siegesbotschaft (Siehe Militärge­ den Volksheere. Die Turnbewegung be­ die Industrialisierung zu verändern.
schichte im Bild, S. 32). ließ es aber nicht bei den kör­per­lichen Durch die Hinwendung zur National­
Für lange Zeit war nach der Antike Übungen. Vorträge, das Singen und die bewegung unter Verzicht auf ihre frei­
die körperliche Leistungsfähigkeit der Vermittlung von Werten waren fester heitlichen Ursprünge wurde das Tur­
Soldaten kein relevantes Thema. Die Bestandteil der turnerischen E­ rziehung. nen nun endgültig im Militär akzeptiert.
Ritterturniere des Mittelalters allein In den Freiheitskriegen (1813‑1815) ge­ So schien das Turnen wie sonst kein
unter dem Gesichtspunkt der körperli­ gen die na­po­leo­nische Herrschaft in Ausbildungskonzept geeignet, die Re­
chen Erziehung zu subsumieren, greift Deutschland kämpften viele Turner in kruten körperlich auf die Anforde­
deutlich zu kurz. Ihre Bedeutung ging den Freiwilligen­verbänden, etwa im rungen des Soldatenhandwerks vorzu­
weit darüber hinaus. Und die berühmten Lützower Freikorps. bereiten. Die Armee und dann im
Landsknechtheere der frühen Neuzeit Das Turnen war wie später der mo­ Kaiserreich vor allem die Marine nah­
kannten keinen »Dienstsport«. Erst im derne Sport politisch. Neben der Ein­ men turnerische Übungen nun in den
Zeitalter des Absolutismus mit seinen heit der Nation standen Freiheit und Dienstbetrieb auf.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 5


Sport und Militär

Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo sprung dieser Sportart spiegelt sich die


nationale Stimmung der Zeit und der
hohe Stellenwert des Militärs in allen
europäischen Gesellschaften. Für
Deutschland formulierte der Sport­
funktionär Carl Diem, dass der Mo­
derne Fünfkampf den »militärischen
Geist« atme und man in den fünf Diszi­
plinen »den vollkommenen Soldaten
der modernen Zeit« sehen könne.

Der Kaiser turnt und die Armee


spielt

Kaiser Wilhelm II. wusste sich eben­


falls sportlich in Szene zu setzen. Nicht
nur bei Autorennen und beim Tennis,
den ganz modernen Sportarten, waren
er und seine Familie zu sehen. Auch
das Turnen an Deck seiner Yacht »Ho­
henzollern«, das er selbst leitete, wurde
im Bild festgehalten und fand den Weg
in die Presse. Die 1868 als Dachver­
band der bürgerlichen Turnvereine ge­
gründete Deutsche Turnerschaft ver­
Matrosen turnen in Wilhelmshaven auf dem Deck eines Linienschiffes der Kaiser- körperte denn auch im wahrsten Sinne
lichen Marine, März 1916. des Wortes das Idealbild eines zur Ge­
meinschaft erzogenen Volkes.
Die moderne olympische der politischen und kommerziellen In­ Aufgrund der Rüstungsbestrebun­
Sportbewegung strumentalisierung erwehren. gen des Kaiserreichs war der Bedarf an
Anknüpfungen an das Militärische jungen und gut ausgebildeten Soldaten
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahr­ waren zudem schon sprachlich vor­ groß. Zugleich gab es wiederkehrende
hundert brachten britische Studenten, handen, etwa wenn weiter vom Wett­ Debatten über den gesundheitlichen
Handlungsreisende und Touristen die streit der Völker die Rede war. Bis in und körperlichen Zustand der Rekru­
»english sports« mit nach Deutsch­ die Regelübersetzung hinein bemühte ten, der als mangelhaft beschrieben
land. In Bad Homburg spielten Kur­ man die Sprache des Militärs. Beson­ wurde. Turnen und Sport versprachen
gäste Tennis, an den Universitäten ent­ ders deutlich wird dies beim Fußball, hier Abhilfe zu schaffen. Ziel war es,
standen Rudervereine und die Schüler wenn wir bis heute von Angriff, Sturm, die jungen Männer fit zu machen, be­
der Gymnasien lernten den Fußball Verteidigung, Strafstoß und Flanke vor sie als Rekruten auf dem Kasernen­
kennen und lieben. sprechen. Beispielhaft ist für die Wett­ hof standen. Der Zentralausschuss für
Nach der Wiedergeburt der Olympi­ kämpfe der Moderne Fünfkampf zu Volks- und Jugendspiele hatte kein
schen Spiele durch Pierre de Coubertin nennen, der erstmals 1912 auf dem sportliches Spiel nach heutigem Ver­
1896 entwickelte sich ein Wertekanon, olympischen Programm stand. Er um­ ständnis im Sinn, wenn er forderte, das
der auf den ersten Blick Sport und fasst wesentliche Elemente militäri­ Spielen in die schulische Erziehung zu
Krieg voneinander trennte. Coubertins scher Ausbildung vom Schießen über integrieren. Vielmehr dachte er dabei
Ideenwelt verknüpfte die sportlichen das Fechten, Schwimmen und Reiten an Kriegsspiele, bei denen zwei größere
Wettkämpfe vielmehr mit politischen bis hin zum Geländelauf. Angelehnt Parteien gegeneinander antraten und
Botschaften. Die Idee der Internationa­ wurde dieser an den antiken Pentath­ deren Sinn und Zweck es war, »auf die
lität und der Friedenserziehung nah­ lon, der aus den Disziplinen Kurzstre­ Kräftigung der Gesundheit, auf die
men bei ihm breiten Raum ein. Die ckenlauf, Weitsprung, Speerwurf, Dis­ Schärfung der Sinnesorgane, auf ange­
Presse griff das auf und betitelte die kurswurf und Ringkampf bestand. messene Abhärtung gegen Witterungs­
modernen Olympischen Spiele als Die Werte des modernen Sportes ent­ einflüsse und auf die Kräftigung der
»Friedensfest«. Doch ganz so eindeu­ sprachen dabei militärischen Bedürf­ Muskulatur« abzuzielen.
tig, wie man heute in der offiziellen nissen: Das Messen von Leistungen, Offenkundig war der Erfolg solcher
Geschichtsschreibung des Internatio­ die Leistungssteigerung, aber auch das Bestrebungen gering. Zeitgenössische
nalen Olympischen Komitees (IOC) Einüben von Regeln und Normen in­ Autoren führten laute Klage, welche
formuliert, war auch diese Bezeich­ klusive des Fair Play waren nicht nur »recht curiosen Anblicke« die Rekru­
nung nicht. Neben der martialischen Abbilder der modernen Industriege­ ten zunächst bieten würden. Ein uner­
Inszenierung des Körpers bei den 1936, sellschaft, sondern auch des modernen träglicher Zustand, der abzustellen sei:
unter nationalsozialistischer Herr­ Militärs, das deshalb den Sport nach »Jeder bildet sich aber ein, er steht sehr
schaft durchgeführten Olympischen und nach adaptierte. Der erwähnte gerade und sieht sehr schön aus, ein
Spielen in Berlin konnte sich die olym­ Moderne Fünfkampf wurde beispiels­ Irrtum, über welchen ihn die nächsten
pische Idee Coubertins bis heute nicht weise von Offizieren ausgeübt. Im Ur­ Wochen gründlich aufklären.« Die

6 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


zeitgenössische Pädagogik sann mit­ siert, stand bald das runde Leder im man untätig den weiteren Kriegsver­
tels des Turnens und des Sportes auf Mittelpunkt. Entlang der Westfront lauf verfolgen musste, konnte man
Abhilfe. Vor allem die körperliche Er­ entstand sogar ein regulärer Ligabe­ durch den Sport die eigene Einsatzbe­
ziehung in der Schule geriet so in den trieb und auch an der Ostfront sowie in reitschaft aufrechterhalten, um – so
Blick des Militärs. Durch eine »harmo­ der Heimat spielte man Fußball. Das wurde es artikuliert – dann nach der
nische Ausbildung der geistigen und Turnen wurde nun regelrecht durch Rückkehr in die Heimat weiter am
körperlichen Kräfte dem Vaterlande den Sport verdrängt. Der Fußball Wohle des Vaterlandes mitzuwirken.
tüchtige Söhne zu erziehen,« müsse machte einfach viel mehr Spaß und war Aber nicht alle Soldaten konnten un­
das Ziel sein, so die Armee. viel besser als die disziplinierenden versehrt Sport treiben. In der Heimat
Mit der Königlichen Central-Turn- turnerischen Freiübungen geeignet, und in den Lazaretten wurden erst­
Anstalt hatte die Armee zudem inzwi­ sich vom Kriegsalltag zu erholen. mals gymnastische Übungen gezielt
schen eine Institution geschaffen, in Der moderne »englische« Sport genutzt, um die Genesung der ver­
der mehr als 200 Offiziere jährlich das setzte sich so bereits vor Ende des Ers­ wundeten Soldaten zu unterstützen.
notwendige Rüstzeug vermittelt beka­ ten Weltkrieges gegen das »deutsche« Ziel unserer Perspektive heute ist der
men, um die Rekruten körperlich Turnen durch. Man kann sagen, dass einzelne Soldat. Damals ging es darum
fernab des üblichen Drills zu erziehen. Deutschland den Krieg auf dem Gebiet – nicht nur aufgrund der hohen Zahl
So fand der Sport langsam Verbreitung der Körperkultur bereits 1916 verlor. von rund zwei Millionen Kriegsver­
in den Streitkräften. Die Soldaten wollten Fußball spielen sehrten –, ein möglichst hohes Maß an
Neben der Schule waren es dann vor und nicht turnen. Arbeitsfähigkeit und Produktivität zu
allem die Turn- und Sportvereine, die Im Laufe des Krieges entdeckte auch erreichen. In den Lazaretten wurden
sich der körperlichen Erziehung der die militärische Führung den Wert des dazu Übungsgruppen eingerichtet.
vor allem männlichen Jugend widme­ Spiels. Man sah im Fußball viel eher als
ten. Um die Jahrhundertwende begann in den starren körperlichen Übungen Nationalsozialismus und
der Sport immer mehr Menschen in des Turnens ein Abbild des sich wan­ Körperkult
seinen Bann zu ziehen. Die Gründung delnden Kriegsbildes. Die Fußball­
des Deutschen Fußball-Bundes im Jahr mannschaft wurde als spielerisches Im »Dritten Reich« fiel die Instrumen­
1900 war ein Meilenstein auf dem Weg Äquivalent zum infanteristischen Stoß­ talisierung des Sportes für militärische
zur Etablierung des modernen Sportes trupp beschrieben. In der Kriegsgefan­ Zwecke auf fruchtbaren Boden. Nach
in Deutschland. Die bereits erwähnten genschaft hatten die deutschen Solda­ der Niederlage im Ersten Weltkrieg
Olympischen Spiele trugen das Ihrige ten ebenfalls die Möglichkeit, Sport zu und dem Verbot der Wehrpflicht im
dazu bei. Seit 1908 ist Fußball auch eine treiben. Gerade in britischem Gewahr­ Versailler Vertrag hatten die Turn- und
olympische Disziplin und vor Beginn sam wurde Fußball gespielt und selbst Sportverbände nur zu bereitwillig ihr
des Ersten Weltkrieges kam es erstmals Tennisplätze standen den Gefangenen Tun als Ersatz für eben diese Wehr­
zur Austragung von deutschen Ar­ mancherorts zur Verfügung. Für Ge­ pflicht angeboten. Nach 1933 stellte
mee-Meisterschaften. fangene war die körperliche Ertüchti­ sich der organisierte Sport in einer
Folglich fand der Sport auch in den gung nicht nur Ablenkung von der Form der »Selbstgleichschaltung« un­
Vorschriften Erwähnung: In der »An­ monotonen Kriegsgefangenschaft, son­ vermittelt in den Dienst der neuen
leitung für den Betrieb des Turnens dern auch ein wichtiger Aspekt der ei­ Machthaber.
und der Spiele in der Armee« aus dem genen Selbstlegitimation. Nachdem
Jahre 1910 forderte der Autor Ober­
leutnant Walter Busolt, dass »an die

Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo


Stelle des Exerziermäßigen beim Tur­
nen das Sportmäßige« betont werden
müsse. Bis zur Etablierung des Sportes
im Ausbildungsbetrieb der Streitkräfte
sollte es aber noch dauern.

Fußballsport und
Erster Weltkrieg

Ob in der britischen Kriegsgefangen­


schaft, bei der Truppenbetreuung hin­
ter der Front oder in der Ausbildung:
Während des Ersten Weltkrieges ent­
deckten die deutschen Soldaten den
Sport und hier vor allem den Fußball
für sich. Hatten die Einheiten zu Be­
ginn des Stellungskrieges im Westen
noch Turnfeste in der Etappe organi­

Österreichische Soldaten beim Fußball-


spielen dicht hinter der Front während
des Ersten Weltkrieges, 1916

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 7


Sport und Militär

Die NS-Machthaber machten sich da­ wie Fußball, kam hierin nicht mehr vielmehr zur »höchsten Form des
bei die Sportbegeisterung der Weima­ vor. Stattdessen wurden wieder das Sportes« erklärt. Damit war der Sport
rer Republik zunutze. Nicht nur bei klassische Bodenturnen, gymnastische in der DDR ein Abbild und wesentli­
den Olympischen Sommerspielen Übungen und diverse Ballspiele pro­ ches Herrschaftsinstrument der sozia­
1936, sondern auch beim Deutschen pagiert, um den »ungelenken Rekruten listischen Diktatur zugleich.
Turn- und Sportfest 1938 in Breslau locker und geschmeidig« zu machen.
vermittelten die Nazis ihre Vorstellung Die Bundeswehr zwischen
eines »homogenen Volkskörpers«. Da­ Wehrsport in der DDR Sportförderung und
bei berief man sich auf ein vermeintlich militärischer Ausbildung
antikes Vorbild: »Wie einst das Volk Nach dem Ende des Zweiten Weltkrie­
der Griechen in den Olympischen ges bildete sich in den zwei deutschen In der Bundeswehr war Sport von Be­
Spielen ein Nationalfest sah, so sollte Systemen ein unterschiedlicher Um­ ginn an Bestandteil der Ausbildung.
jetzt ein deutsches Nationalfest ge­ gang mit Sport heraus. Sportwissenschaftler und Pädagogen
schaffen werden.« Und die Parole der In der DDR blieb es nicht bei der wandten sich der Frage zu, welche
Leibesübungen müsse »kraftvoll und sportlichen Ausbildung der Soldaten Sportarten geeignet waren und wie die
opferbereit« sein. im Rahmen des Dienstplanes. Im Brei­ Soldaten zum »außerdienstlichen
tensport war die Armee Sport« animiert werden könnten. Auch
Uwe Gerig/Süddeutsche Zeitung Photo
mit der sogenannten hier galt der Anspruch, nicht alleine
Ar­m ee­s port­v er­e ini­ den Körper auszubilden. Ganz explizit
gung Vorwärts (ASV) ging es um »die Erziehung des Men­
durch in den einzelnen schen in seiner leiblich-seelisch-geisti­
Garnisonsstädten ge­ gen Ganzheit zu einer charakterlich
gründete lokale Armee­ sauberen, lebenstüchtigen und wert­
sportgemeinschaften vollen Persönlichkeit innerhalb einer
und -klubs präsent. Die Gemeinschaft«, wie es im »Sportbuch
ASV war darüber hin­ für die Bundeswehr« hieß.
aus Mitglied im Dach­ Die Ausbilder erhielten »Lehrwinke«
verband des Sportes in für ihre Aufgabe. Das war offensicht­
der DDR und beteiligte lich notwendig, denn im Sport sollte
sich ebenfalls am Leis­ der übliche Kasernenhofton, der sich
tungssportsystem der vielerorts nicht wesentlich von dem
DDR, das erhebliche unterschied, was sich die Rekruten im
volkswirtschaftliche Krieg hatten anhören dürfen, außen
Kräfte band. Die sport­ vorbleiben.
lichen Leistungen soll­ Die damalige Zielsetzung war durch­
ten die Überlegenheit aus modern und unterschied sich nicht
des sozialistischen Sys­ von den Vorgaben der heutigen Sport­
tems belegen. Dass das ausbildung. Jeder Rekrut habe ein
»Sportwunder« der Recht darauf, so konnte man es im
kleinen DDR teuer er­ Sportbuch nachlesen, die Grenzen ge­
Segelflugzeugausbildung der Gesellschaft für Sport kauft wurde und teil­ sunder Leistung erlebt zu haben. Das
und Technik, 1980 weise auch auf instituti­ Heranführen an die persönliche
onalisiertem Doping Höchstleistung war das Ziel. Gedan­
Demzufolge galt die sportliche Erzie­ beruhte, offenbarte sich der Öffentlich­ ken der Inneren Führung, die durch­
hung in der neu aufgebauten Wehr­ keit erst nach dem Mauerfall. aus dem modernen Sport entsprechen,
macht einem klaren Ziel: »So bildet die Anders als in der Bundesrepublik fanden Ausdruck im entscheidenden
sportliche Ausbildung die Grundlage entwickelte die DDR ein System, in Lehrwink für die Ausbilder: »Denken
für den Waffendienst und die Erzie­ dem der Sport offen für die Wehrhaft­ Sie immer daran, dass Ihnen junge Sol­
hung zum nerven- und willensstarken machung der gesamten Gesellschaft daten anvertraut sind. Sie haben deren
Kämpfer. Denn nicht die Kriegsma­ instrumentalisiert wurde. Mit der Ge­ Eltern und unserem Volk gegenüber
schine, sondern die Nerven des Man­ sellschaft für Sport und Technik (GST), die Pflicht, sie nach bestem Gewissen
nes dahinter sind das Entscheidenste«, in der bestimmte Sportarten von den körperlich und charakterlich auszubil­
hieß es in der Schrift »Körperschule in Schützen über den Motorsport bis hin den. Dabei müssen alle einengenden
der deutschen Wehrmacht«, von Chris­ zum Fallschirmsport und dem Tauch­ Maßnahmen, die der Entwicklung zur
tian Strauch, Heeressportlehrer an der sport organisatorisch zusammenge­ Persönlichkeit hinderlich sind, vermie­
Heeressportschule in Wünsdorf. Die in fasst waren, verfügte das Regime zu­ den werden.«
der nationalsozialistischen Erziehung sätzlich über ein Instrument zur Vieles, was heute (wieder) gängige
völlig überhöhte Bedeutung des Wil­ Absicherung der eigenen Herrschaft. Praxis ist, war damals schon bekannt:
lens als kampfentscheidendes Momen­ Ganz offen wurde nicht nur in der GST »Psychologisch gesehen wäre es auf
tum wurde so auf die Sportausbildung der Sport als Instrument der Kriegs­ die Dauer unklug, Rekruten von zu
übertragen. Die Vorschrift war ein vorbereitung benannt. Der Wehrsport großem unterschiedlichem Können in
Rückschritt, denn Sport im eigentli­ war in der Theorie dabei nicht nur eine einen Topf werfen zu wollen. Dem gu­
chen Sinne, auch beliebte Sportarten Variante des Sportes, sondern wurde ten Sportler würde bald die Lust verge­

8 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Bundeswehr/Mackus Soldaten beim Dienstsport, Sportschule Sonthofen, Mai 1961

und Soldatinnen. Er steht Sport und Militär werden auch in


in enger Wechselbezie­ Zukunft in einem gegenseitigen Span­
hung zum Sport in der Ge­ nungsverhältnis stehen. Die Lebens­
sellschaft, ist mit dessen weise in der westlichen Welt bringt es
Strukturen sinnvoll ver­ mit sich, dass die schon zu Zeiten von
knüpft.« Und »Sport in der Sokra­tes und Bismarck geführten De­
Bundeswehr kann und batten heute aus wiederkehrenden,
darf daher durch keinen aber auch aus neuen Gründen neu auf­
anderen Dienst ersetzt flammen. »Das Übergewicht bei Kin­
werden!« Die Soldatinnen dern ist zu einer Frage der nationalen
und Soldaten sind ange­ Sicherheit geworden. Fast Food stiehlt
halten, mindestens zwei uns gute Rekruten!«, sagte der ameri­
Mal 90 Minuten pro Woche kanische Lieutenant General Norman
Sport zu machen, und von Seip. Darüber hinaus wird man die
diesen Vorgaben darf »nur Frage beantworten müssen, ob der Cy­
aus zwingenden dienstli­ bersoldat, der Hackerangriffe abwehrt,
chen Gründen und nach dieselbe körperliche Robustheit
Entscheidung des bzw. der braucht wie ein Infanterist.
nächsthöheren Diszipli­ Von einer breiten gesellschaftlichen
narvorgesetzten« abgewi­ Debatte über die Gesundheit der jun­
hen, wenn er immer mit den Schwa­ chen werden. Allerdings muss offen­ gen Generation sind wir in Deutsch­
chen in einer Gruppe üben und spielen bleiben, inwieweit dieser Vorschrift land noch entfernt. Bis dahin müssen
müsste. Für ihn würde kaum noch die gefolgt wird. die Streitkräfte versuchen, durch eine
Möglichkeit bestehen, seine Leistun­ Für viele Verwendungen reicht auch entsprechend modifizierte Ausbildung
gen zu steigern. Sein gesunder Ehrgeiz das derzeit vorgeschriebene Sportpro­ einer erkennbaren Fehlentwicklung
würde gedrosselt.« Was damals galt, gramm nicht aus. Zudem gibt es im­ entgegenzuwirken. Dazu gehört auch,
ist heute wieder Grundlage für den mer wieder neue Trends. Einer der das Kalorienangebot bei der Truppen­
Sport in der Truppe: Leistungsgruppen jüngsten ist Military Fitness. Diese ver­ verpflegung dem tatsächlichen Kalori­
sind fester Bestandteil des neuen bindet klassisches Ausdauer- und enverbrauch der Soldatinnen und Sol­
Grundausbildungskonzeptes. Krafttraining mit einem hohen Maß an daten anzupassen. Die Reduzierung
Intensität. Bücher wie »Trainiere wie des Zuckeranteils in Lebensmitteln,
Was muss ein Soldat heute ein Kampfschwimmer« oder »In acht der Hauptverursacher für Überge­
können? Wochen Seal fit« werden nicht nur von wicht, ist aber wohl mit Appellen allein
Soldaten gekauft und als Trainings­ nicht zu erreichen. Eine Zuckersteuer,
Der Sport als wichtiges Ausbildungs­ grundlage genutzt. In der Bundeswehr die in präventive Gesundheitsmaßnah­
element der Streitkräfte ist heute gibt es an der Sportschule in Waren­ men, in die Förderung des Breitenspor­
unum­stritten. Das Militär muss dabei dorf inzwischen einen entsprechenden tes investiert wird, wäre eine mögliche
allerdings auf gesellschaftliche Ent­ Lehrgang für Ausbilder in Military Fit­ Maßnahme, die es zu diskutieren gilt
wicklungen reagieren. Aufgrund der ness. Diesen Trend hat die Bundes­ und von der am Ende auch die Bun­
sinkenden körperlichen Robustheit der wehr schnell aufgegriffen. deswehr profitieren würden.
jungen Generation hat die Bundeswehr Aber auch dem Schicksal derjenigen, Das Thema Sport und Militär ist hier
im Heer ein neues Konzept für die die im Dienst für die Nation ihre Ge­ nicht abschließend erörtert worden. Es
Grundausbildung erprobt, bei dem die sundheit bereits eingebüßt haben, wid­ ist absehbar, dass auch in Zukunft
Rekruten zunächst mittels des Sportes met die Bundeswehr ihre Aufmerksam­ diese Verbindung bestehen bleiben
die notwendige körperliche Fitness keit. Deutschlands aktuelle Bewerbung wird. Der Sport als gesellschaftliches
aufbauen, die sie für den Soldatenberuf um die Ausrichtung der Invictus Games Phänomen der Moderne ist und bleibt
brauchen. Der Versuch in Hage­now 2022 folgt diesem Ziel. Es wäre wohl für Streitkräfte in Zukunft attraktiv
war so erfolgreich, dass er jetzt flächen­ das erste Mal, dass die deutsche Ge­ und wichtig.
deckend umgesetzt wird. Das be­deutet sellschaft, diesen Menschen die ver­  Peter Tauber
nicht nur, dass sich die Vermitt­lung der diente Aufmerksamkeit und Wert­
militärischen Fähigkeiten von der schätzung schenkt, die sie verdienen.
Grundausbildung in die Stammeinhei­ Die Politik hat für diese Soldaten zwar Literaturtipps
ten verlagert, sondern auch, dass für viel verbessert, aber es bleibt immer Sandra Heck, Von spielenden Soldaten und kämpfen-
die Zeit danach weitere An­strengungen noch genug zu tun, will man den Ve­ den Athleten. Die Genese des Modernen Fünfkampfes,
nötig sind, um Soldaten fit und damit teranen, gerade den Einsatzversehrten Göttingen 2013.
auch einsatzbereit zu halten. und Invaliden die verdiente ideelle Michael Krüger, Körperkultur und Nationsbildung. Die
In der entsprechenden Vorschrift und materielle Wertschätzung zuteil Geschichte des Turnens in der Reichsgründungsära –
zum Sport in der Bundeswehr ist klar werden lassen. Die Invictus Games sind eine Detailstudie über die Deutschen, Schondorf 1996.
definiert, worum es geht. Der Sport »ist hier eine neue Entwicklung, die die Ringo Wagner, Der vergessene Sportverband der DDR.
ein wichtiger Bestandteil der Erzie­ Verbindung von Militär und Sport neu Die Gesellschaft für Sport und Technik in sporthistori-
hung und Ausbildung der Soldaten prägt. scher Perspektive, Aachen 2006.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 9


Versehrtensport
REUTERS/Mark Blinch

Mitglieder der deutschen Delegation während der Eröffnungszeremonie der Invictus Games am 23. September 2017 in Toronto,
Kanada

Versehrtensport
Zwischen Rehabilitation und Invictus Games

D
ie Geschichte des Sportes für den schnell als »unnütz« und belas­ Mit dem Eintritt in das Erwachsenen­
Menschen mit Behinderung ist tend ausgegrenzt und in abgelegenen alter und damit verbunden dem Ende
fast so alt wie die deutsche Verwahranstalten untergebracht. Die der Ausbildung in den Bildungsanstal­
Turn- und Sportbewegung. Lange weiteren betroffenen Kinder und Ju­ ten ging in der Regel ein Abbruch jeder
fand eine körperliche Betätigung je­ gendlichen sollten entsprechend ihrer sportlichen Betätigung einher. Dies
doch in getrennten Bildungseinrich­ Einschränkung eine ihnen gemäße Bil­ wurde zwar intern beklagt, aber für Er­
tungen und abgeschlossenen Vereinen dung und Ausbildung erhalten, mit wachsene entstanden entsprechende,
statt. So wurden Leibesübungen für der sie später eine ihren Fähigkeiten allerdings seltene Angebote – abgese­
Kinder und Jugendliche mit Behinde­ entsprechende Arbeit ausüben konn­ hen vom Gehörlosensport – zumeist
rung zunächst in staatlichen oder ten. Dazu zählte – wie in den Regel­ nur durch Eigeninitiative.
kirchlichen Fürsorge- und Bildungs­ schulen – eine körperliche Ertüchti­
anstalten angeboten, die Mitte des gung, die allerdings an den Rahmen Kriegsversehrtensport und
19. Jahrhunderts für Blinde, Gehörlose des Möglichen angepasst wurde. Eine Erster Weltkrieg
und Körperbehinderte gegründet wor­ Integration in den regulären Arbeits-
den waren. Arbeits- und Bildungsfä­ und Bildungsmarkt blieb zwar ver­ Der Erste Weltkrieg konfrontierte nicht
higkeit des Einzelnen galten als Bedin­ wehrt, aber Menschen mit Behinde­ nur die deutsche Gesellschaft erstmals
gung für soziale Teilhabe. Menschen, rung wurde damit zumindest teil­ mit Kriegsversehrten als einem Mas­
die überhaupt als nicht arbeits- und weise die Chance zu Arbeit und Parti­ senphänomen. Schätzungen gehen von
bildungsfähige Personen galten, wur­ zipation gegeben. insgesamt zwei bis drei Millionen

10 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


deutschen Kriegsverletzten aus. Diese der nur wenige tausend Betroffene sport geschaffen oder die bereits in der
ungeheure Zahl überforderte die me­ profitierten. Bei diesen wenigen Ver­ Weimarer Republik gegründeten
dizinische Versorgung ebenso wie die sehrtensportlern handelte es sich vor Gruppen ausgebaut. Dies erfolgte al­
staatliche Fürsorge. Das Bild des ver­ allem um ehemalige Turner und Sport­ lerdings nicht aus humanitären Grün­
wundeten Kriegsheimkehrers sollte ler, die versuchten, an ihre positiven den. Vielmehr sollten so die staatliche
Gesellschaft und Staat über Jahre hin­ Erfahrungen anzuknüpfen, deren Ak­ Fürsorge systematisch entlastet und
weg prägen und beschäftigen. Wie tivitäten aber selten über Maßnahmen zusätzliche Arbeitskräfte bereitgestellt
schon im Kaiserreich stand auch in der im Sinne einer Rehabilitation hinaus­ werden. Sport wurde so Mittel zum
Weimarer Republik bei allen Maßnah­ gingen. Zweck und ordnete sich in die vielfäl­
men die Re-Integration in die Arbeits­ tigen Kriegsvorbereitungen ein. Die­
welt im Vordergrund. Die geringen Nationalsozialismus und jenigen Menschen mit Behinderung,
Versorgungsleistungen erreichten nie Zweiter Weltkrieg die als an­geblich erbbelastet, jüdisch
das Niveau einer Grundsicherung. So oder arbeitsunfähig galten, wurden
sollte auch verhindert werden, dass Auf Basis der nationalsozialistischen hingegen systematisch ausgegrenzt, in
sich Kriegsversehrte auf einer lebens­ Rassenideologie gab es ab 1933 einen Verwahranstalten verbracht und er­
langen Zuwendung »ausruhten«. In völlig neuen Umgang mit Menschen mordet.
Anbetracht der wirtschaftlichen Her­ mit Behinderung. Dieser war durch Anders als noch im Ersten Weltkrieg
ausforderungen der Nachkriegszeit – eine extreme Polarisierung zwischen wurde nun, gestützt auf die umfang­
Inflation, Wirtschaftskrise, hohe Eingliederung und »Ausmerzung« ge­ reichen Vorbereitungen seit 1933,
Arbeits­losenzahlen – war an eine nach­ kennzeichnet. Während auf der einen durch das Oberkommando der Wehr­
haltige und ehrgeizige Kriegsversehr­ Seite aus ökonomischen Gründen eine macht bereits kurz nach Kriegsbeginn
tenpolitik ohnehin nicht zu denken. Förderung und Eingliederung von für die Reservelazarette flächende­
Der allgemeine Aufschwung, den die »gemeinschaftstüchtigen« Behinderten ckend Verwundetensport eingeführt.
Turn- und Sportbewegung in der Wei­ in den »schaffenden Volkskörper« be­ Weil die Kranken und Verwundeten
marer Republik erfuhr, erfasste auch trieben wurde, stand dieser positiven möglichst schnell wieder für das Re­
den Sport für Menschen mit Behinde­ Entwicklung die Ausgrenzung, Ver­ gime nutzbar gemacht werden sollten,
rung. Der 1919 gegründete »Selbsthil­ wahrung und letztlich Ermordung von ging man dabei über die bisherigen
febund der körperbehinderten Men­ Menschen mit Behinderungen und medizinischen Rehabilitationsmaß­
schen«, später umbenannt zum psychischen Erkrankungen im Rah­ nahmen deutlich hinaus. Die Versehr­
»Reichs­ bund für körperbehinderte men der »Euthanasie« gegenüber. ten sollten – wenn möglich – sogar wie­
Men­schen«, forderte das allgemeine Die »Machtergreifung« durch die der zu Leistungsträgern aufgebaut
Recht auf Selbstbestimmung jenseits Nationalsozialisten 1933 hatte eine werden, auch wenn ihr Einsatz unter
der Kasernierung in »Krüppelfürsor­ sukzessive Gleichschaltung und Zu­ Umständen nur noch am Schreibtisch
geanstalten« und die völlige Gleich­ sammenfassung aller Organisationen erfolgen konnte. Nebenher konnten
stellung mit nichtbehinderten Men­ für Menschen mit Behinderung zur auf diese Weise erhebliche Finanzmit­
schen. Folge. Diese Maßnahmen wirkten sich tel eingespart werden, die sonst für die
Trotz der positiven Erfahrungen mit auch auf den lange vernachlässigten deutlich ausgebaute Versorgung der
Turnen und Sport in der sogenannten Sport für Blinde, Gehörlose, Körperbe­ Invaliden hätten bereitgestellt werden
zivilen Krüppelfürsorge, blieben Initia­ hinderte und Kriegsversehrte aus, der müssen.
tiven zum Einsatz von Leibesübungen nun vereinheitlicht und gezielt geför­ Bis 1941 konnten im Grunde fast alle
für die Rehabilitation von ehemaligen dert wurde. Bis 1939 wurden flächen­ regulär betriebenen Sportarten und
Soldaten eine Randerscheinung, von deckende Angebote zum Versehrten­ Disziplinen auch als Versehrtensport­
variante ausgeübt werden. In Tausen­
akg-images/Sammlung Berliner Verlag/Archiv

den deutschen Lazaretten mussten je­


doch Millionen verwundeter Soldaten
versorgt werden. Und um den Versehr­
tensport im Rahmen der »Heilpläne«
der Lazarette umzusetzen, bedurfte es
zahlreicher, in speziellen Kursen ge­
schulter Lehrkräfte. Dafür wurden ne­
ben Heil- und Kranken­gymnastinnen,
Vereinsübungsleiter, Turn- und Sport­
lehrer, auch Hochschulsportlehrer re­
krutiert, die aus den verschiedensten
gleichgeschalteten Organisationen
stammten: aus dem Nationalsozialisti­
schen Reichsbund für Leibesübungen,
dem damaligen Dachverband des

Beinamputierte Soldaten der Wehr-


macht bei der Gymnastik mit dem
Medizinball, August 1943

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 11


Versehrtensport

deutschen Sportes, aus der Deutschen halteparolen Zuversicht verbreiten Versehrten- und Behinderten-
Arbeitsfront oder der NS-Gemein­ wollten, konnte über die Realitäten sport nach 1945
schaft »Kraft durch Freude«. Man be­ nicht hinwegtäuschen. Die räumlichen
mühte sich, die mit dem Fortschreiten und materiellen Bedingungen in den Der Versehrtensport entwickelte sich
des Krieges auftretenden personellen Lazaretten verschlechterten sich mit nach 1945 in den beiden deutschen
Engpässe mit Hilfssportlehrern, ehe­ der Dauer des Krieges zunehmend und Staaten unterschiedlich. In der DDR
maligen (verwundeten) Sportlern, Ver­ immer weniger geschultes Personal legte man von Anfang an Wert auf eine
einsübungsleitern, zuletzt auch mit stand zur Verfügung. Parallel erhöhte grundsätzliche Gleichbehandlung von
Schwesternhelferinnen des Deutschen sich der Druck auf die Heeresleitung, Zivilgeschädigten und Kriegsversehr­
Roten Kreuzes zu überbrücken. Die die Verwundeten möglichst rasch zu ten, auch wenn die SED-Führung den
praktischen Maßnahmen begleiteten rehabilitieren. Vor diesem Hintergrund Kriegsversehrten immer wieder »Mili­
medizinische Forschungen und auch wurde 1942 ein auf (Höchst-)Leistung tarismus« und »Revanchismus« unter­
die Weiterentwicklung von Prothesen, orientiertes Versehrtensportabzeichen stellte. Von der Intensivierung der
worauf der Versehrten- und Behinder­ eingeführt, das bis 1945 immerhin Leistungssportförderung für ausge­
tensport nach dem Krieg aufbauen mehr als 10 000 Versehrte ablegten. wählte Sportarten ab Ende der 1960er
konnte. Durch eine stärkere Ausrichtung am Jahre konnte der Versehrten- und Be­
Darüber hinaus nahm sich auch der leistungsmäßig betriebenen Sport ver­ hindertensport in der DDR nicht profi­
Propagandaapparat der Kriegsversehr­ suchte das NS-Regime letztlich zur tieren. Die Teilnahme von versehrten
ten an, der sie aufwendig in Drucksa­ Erringung des vermeintlichen »End­ Sportlerinnen und Sportlern an inter­
chen und Filmen als »vollwertige Glie­ sieges« kriegsversehrte Soldaten mög­ nationalen Wettbewerben sah die
der in Familie, Volk und Wirtschaft« lichst schnell und reibungslos für die Staatsführung nicht gern, sie blieb da­
inszenierte. Dass die propagandisti­ Arbeit und zuletzt sogar für den einge­ her die Ausnahme. Sportliche Erfolge,
schen Darstellungen Wertschätzung schränkten Kriegsdienst »wiederherzu­ auch als Zeichen der Überlegenheit des
vermittelten und mittels Durch­ stellen«. Sozialismus, sollten von Nicht-Behin­
derten vor allem bei Olympischen
United Archives/TopFoto/Süddeutsche Zeitung Photo

Spielen errungen werden.


In der Bundesrepublik war die Ent­
wicklung durch eine extreme Zersplit­
terung gekennzeichnet. Unterschiedli­
che Verbände und Interessengruppen
rangen um Kompetenzen und Zustän­
digkeiten ebenso wie um die Vertei­
lung finanzieller Mittel für Körper­
behinderte, Querschnittsgelähmte,
Blinde und Gehörlose. Allen gemein­
sam war aber das Ziel, Gleichberechti­
gung und Teilhabe durchzusetzen, was
sich etwa in der Teilnahme an interna­
tionalen Wettkämpfen wie den Para­
lympischen Spielen widerspiegelte.

Die paralympische Bewegung

Als Beginn der paralympischen Bewe­


gung gelten die Stoke Mandeville Games,
die auf Dr. Ludwig Gutmann zurück­
gehen. Der Neurologe war wegen sei­
ner jüdischen Herkunft 1933 als Chef­
arzt am Wenzel-Hancke-Krankenhaus
in Breslau entlassen worden und kurz
vor Kriegs­beginn 1939 nach Großbri­
tannien emigriert. Dort erhielt er 1943
von der britischen Regierung den Auf­
trag, die erste Spezialklinik für Wirbel­
säulenverletzte im Stoke Mandeville
Hospital in Aylesbury aufzubauen. Die
Initiative ging von der Royal Air Force
aus, um die Behandlung und Rehabili­
tation der wirbelsäulenverletzten Pilo­
ten zu gewährleisten. Guttmann entwi­

Bogenschützen trainieren im Stoke


Mandeville Hospital 1949.

12 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


ckelte bis heute gültige Methoden zur unbesiegt) verweist auf eines der picture alliance/empics Chris Donovan

Behandlung von Querschnittgelähm­ Hauptmotive für Prinz Harrys Initia­


ten und verwendete dazu auch sportli­ tive. Die Spiele sollen hauptsächlich
che Übungen. dazu dienen, die versehrten Solda­
Guttmann rief 1948 die Stoke Mande- tinnen und Soldaten wieder in die Ge­
ville Games ins Leben, die parallel zu sellschaft zu integrieren und darauf
den Olympischen Spielen in London aufmerksam machen, zu welchen Leis­
stattfanden. 16 kriegsversehrte Roll­ tungen Menschen mit Beeinträchti­
stuhlfahrer, Männer und Frauen mit gung in der Lage sind. Anders als bei
Rückenmarksverletzungen, nahmen Paralympischen Spielen stehen weni­
dabei an einem Wettbewerb im Bogen­ ger sportliche Höchstleistungen und
schießen teil. Erste internationale Wett­ Medaillen im Fokus, sondern insbeson­
kämpfe unter Beteiligung mehrerer dere eine stärkere Anerkennung, wech­
Länder hatten aber bereits in den selseitige Wertschätzung sowie das
1920er Jahren stattgefunden, etwa 1924 Miteinander. Darüber hinaus soll an
die Weltspiele für Gehörlose in Paris. Aus den militärischen Einsatz der Briten in
diesen gemeinsamen Anfängen entwi­ Afghanistan erinnert und diese Erinne­
ckelten sich größere Ereignisse, wie die rung auch nach dem Beginn des Trup­
ersten Weltspiele der Gelähmten, die we­ penabzugs 2011 wachgehalten werden.
nige Wochen nach den Olympischen Prinz Harry stellte die Idee am
Spielen 1960 in Rom stattfanden und an 6. März 2014 zusammen mit dem da­
denen schon 21 Nationen mit etwa 400 maligen Londoner Oberbürgermeister
Sportlerinnen und Sportlern teilnah­ Boris Johnson und dem britischen Ver­
men. Andere internationale Veranstal­ teidigungsminister Philip Hammond
tungen wie die International Wheelchair auf einer Pressekonferenz vor. Als Ort Prinz Harry hält die Krücken von Tho-
and Amputee Sports World Games wur­ der Vorstellung diente die Copper Box mas Stuver, Bronzegewinner bei den
den nur für Rollstuhlfahrerinnen und Arena, eine Mehrzweckhalle, die Aus­ Invictus Games 2017.
-fahrer sowie Amputierte organisiert. tragungsort von verschiedenen Wett­
Bei den folgenden Großsportveran­ kämpfen im Rahmen der Olympischen Kanada, Neuseeland, den Niederlan­
staltungen stieg die Zahl der Teilneh­ und Paralympischen Spiele 2012 in den und den USA zugegen.
merinnen und Teilnehmer stetig an, London gewesen war. Seit der Premiere 2014 fanden die
ebenso der Anteil der Nicht-Kriegsver­ Ein halbes Jahr später – vom 10. bis Spiele noch drei weitere Male statt: im
sehrten. 14. September 2014 – fanden die ersten Mai 2016 in Orlando/Florida, im Sep­
Erst 1989 übernahm das neu gegrün­ Invictus Games in London statt. An der tember 2017 in Toronto/Kanada und
dete Internationale Paralympische Ko­ Eröffnungszeremonie nahm auch der im Oktober 2018 im australischen Sid­
mitee (IPC) die Organisation der damalige britische Premierminister ney. Dabei hat sich das Teilnehmerfeld
Spiele, die seit 1992 regelmäßig nach David Cameron teil. Die Austragung stetig erweitert: zuletzt nahmen etwa
den Olympischen Spielen am selben der Wettbewerbe erfolgte in Sportstät­ 500 Athletinnen und Athleten aus
Austragungsort und mittlerweile so­ ten, die schon für die Olympischen 18 Staaten teil.
wohl im Sommer als auch im Winter Spiele 2012 genutzt worden waren, vor Für 2022 hat sich Deutschland mit
stattfinden und das weltweit größte allem im Queen Elizabeth Olympic Düsseldorf für die Austragung der
Sportevent für Menschen mit Behinde­ Park und im Lee Valley Athletics Cen­ Invictus Games beworben. Im Septem­
rung darstellen. ter. Nicht nur durch die prominente ber 2019 reiste dazu eine Delegation
Unterstützung erfuhren die Spiele eine um Staatssekretär Dr. Peter Tauber
Invictus Games große Aufmerksamkeit. Die BBC über­ und Düsseldorfs Oberbürgermeister
trug die Veranstaltung im britischen Thomas Geisel nach London. Die deut­
Seit 2010 findet jährlich in den USA die Fernsehen. sche Bewerbung, die gute Chancen auf
Multisportveranstaltung Warrior Games Finanziert wurden die Spiele unter Erfolg hat, läuft unter dem Motto
für verletzte und gehandicapte Ange­ anderem durch die »Royal Founda­ A Home for Respect. Eine endgültige
hörige der Steitkräfte statt, u.a. U.S. tion« und das Verteidigungsministe­ Entscheidung wird noch für diesen
Army, Navy und Küstenwache, U.S. rium, die jeweils eine Million britische Herbst erwartet.
Marine Corps und Air Force. 2013 wur­ Pfund zur Verfügung stellten.  Berno Bahro
den erstmals auch britische Soldaten An den offiziellen Wettkämpfen im
eingeladen. Der seinerzeit als Hub­ Bogenschießen, Rollstuhl-Basketball, Literaturtipps
schrauberpilot im Rang eines Captains Hallenrudern, Radfahren, Roll­ Sebastian Schlund, »Behinderung« überwinden? Organi-
dienende Prinz Harry, Duke of Sussex, stuhl-Rugby, Schwimmen, Sitzvolley­ sierter Behindertensport in der Bundesrepublik Deutsch-
eröffnete in diesem Jahr die Warrior Ga- ball und in leichtathletischen Diszipli­ land (1950‑1990), Frankfurt a.M. 2017.
mes und nahm auch aktiv teil, um das nen nahmen rund 300 Athleten aus Bernd Wedemeyer-Kolwe, Vom »Versehrtenturnen« zum
Event zu unterstützen. Dies motivierte 13 Nationen teil. Neben Athletinnen Deutschen Behindertensportverband (DBS). Eine Ge-
ihn nach eigenen Aussagen dazu, eine und Athleten aus Großbritannien wa­ schichte des deutschen Behindertensports, Hildesheim
ähnliche Veranstaltung für Großbritan­ ren Teilnehmende aus Afghanistan, 2011.
nien ins Leben zu rufen: die Invictus Ga- Australien, Dänemark, Deutschland, Steve Bailey, Athlete first. A history of the paralympic
mes. Schon der Name »invictus« (lat. Estland, Frankreich, Georgien, Italien, movement, Chichester u.a. 2008.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 13


Kriegstagebuch 1914‑1918

Privatbesitz Weißheit
5»Der Kaiser überreicht mir das EK 1.« Gustav Weißheit (mit Stahlhelm) vermerkte dies auf der Rückseite des Fotos nach der
Übergabe des Eisernen Kreuzes I. Klasse durch Kaiser Wilhelm II. am 22. September 1917 in Rumänien. Seine Tage zuvor erlitte-
ne Verwundung am rechten Oberarm wurde unter der Uniform versteckt.

»Die Furchtbarste Stunde«


Gustav Weißheit: Kriegstagebuch 1914‑1918

Der Unteroffizier Gustav Weißheit no- nach Ende des Ersten Weltkrieges ver­ gen Ukraine, zwischen den Betonkup­
tierte am 6. Dezember 1917 in Rumänien mittelt es dem heutigen Leser einen peln der Festung Kowno (Kaunas im
in sein Tagebuch: »Waffenruhe. Auf der Eindruck vom Erfahrungshorizont ei­ heutigen Litauen), vor den Mauern
ganzen Front kein Schuß. Prächtig. Ziem- ner ganzen Generation. Ein Kriegsta­ Mitaus (Jelgava, Lettland), an den
lich kalt.« Es war sein vierter Winter in gebuch gibt dem Krieg ein Gesicht. Flussufern von Wilejka (Weißruss­
diesem Krieg. Den Winter des Vorjahres Das im Folgenden dargestellte Tage­ land). Genauso erfuhr er die Monoto­
verbrachte er am anderen Ende Rumäni- buch gehörte Gustav Weißheit. Er nie und die Gräuel des Stellungskrie­
ens, den Winter 1915/16 in Russland, den diente den gesamten Krieg hindurch, ges in unzähligen Schützengräben in
davor in Frankreich. Als der Krieg 1914 vom Range des Gefreiten bis zum Vize­ Lothringen, in der Champagne und im
begann, war Gustav Weißheit 24 Jahre alt. feldwebel, in der 5. Kompanie des Re­ Elsaß sowie an den Ufern der Somme
Als der Krieg endete, stand Weißheit kurz serve-Infanterie-Regiments 40. Seine und der Marne.
vor seinem 30. Lebensjahr. Dienstzeit als Infanterist in der 115. In­
fanterie-Division »von Kleist« – einer Vor dem Krieg

E
in überliefertes Kriegstagebuch »fliegenden Division« – führte Gustav
stellt eine aufschlussreiche histori­ Weißheit an fast alle Schauplätze des Gustav Weißheit wurde am 18. Dezem­
sche Quelle dar. Es gewährt einen Ersten Weltkrieges. Er erlebte die Dy­ ber 1889 in Themar als Landeskind des
unmittelbaren Einblick in das Schicksal namik des Bewegungskrieges in den Herzogtums Sachsen-Meiningen im
eines Soldaten, in seine Gedanken so­ Weiten der Walachei Rumäniens, in Süden des heutigen Thüringen gebo­
wie seine Wahrnehmungen. 100 Jahre den Sümpfen Wolhyniens in der heuti­ ren. Als zweites von vier Kindern des

14 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Wagnermeisters Friedrich Weißheit schenformat, feinsäuberlich in Sütter­

Privatbesitz Weißheit
(1854 ‑ 1930) und dessen Ehefrau lin mit Bleistift im Schützengraben
Emma (1860‑1927) wuchs er in einfa­ geschrieben und noch heute lesbar.
chen Verhältnissen auf. Seine Kindheit Dabei legte Gustav Weißheit vor al­
war durch schwere Arbeit im elterli­ lem Wert auf die Schilderung von mili­
chen Handwerksbetrieb und in der tärischen Episoden. Den Hauptinhalt
kleinen familiären Landwirtschaft ge­ der stichpunktartigen Aufzeichnungen
prägt. Gustav hatte drei Geschwister: stellen, neben ausführlicheren Ge­
Lina, Friedericke und Hermann (gefal­ fechtsschilderungen, Szenen der Rou­
len 1916). Nachdem er den Beruf des tine des soldatischen Alltags dar. Dazu
Wagners beim Vater erlernt hatte, leis­ gehörten der Graben- und Arbeits­
tete er von 1909 bis 1911 seinen Wehr­ dienst, das Schanzen, das Patrouillie­
dienst bei den »95igern« (6. Thüringi­ ren, das Exerzieren, das Entlausen,
sches Infanterie-Regiment Nr. 95) in lange Märsche, das Suchen und Bezie­
der nahegelegenen Garnison Hildburg­ hen von Quartieren sowie das Zele­
hausen. In den folgenden Jahren ver­ brieren von Kaiser- und Herzogsge­
schlug es den jungen Handwerker zu­ burtstagen.
nächst berufsbedingt in das heute Sachlich und nüchtern werden zu
bayerische Coburg und später nach Kriegsbeginn abenteuerliche Begeben­
Stuttgart, wo er bei einem Karosserie­ heiten des täglichen Kriegserlebens
bauer arbeitete. Am 1. August 1914 er­ geschildert. So schrieb Gustav Weiß­
eilte ihn der Ruf zur Fahne und er heit etwa am 2. Oktober 1914: »Bis Mit­
rückte nach Heidelberg ein, wo das tag Wache. Abgelöst auf dem Heu­
II. Bataillon des Reserve-Infanterie-Re­ schober. Heu zur steilen Wand gestellt.
gimentes 40 aufgestellt wurde. Klett zum Austreten. Plötzlich Schrap­
nell, wir überschüttet mit Splittern
Das Tagebuch und Heu. Klett und Deckert verwun­
det. Im Herrenhaus aufgebahrt. Brief. Gustav Weißheit vermutlich zu Kriegs-
An diesem ersten Tag der Mobilma­ Familienbild. Abschied.« Fast sarkas­ beginn, undatiertes Foto
chung begann Gustav Weißheit mit sei­ tisch formulierte er am 31. Dezember
nen täglichen Tagebucheintragungen, desselben Jahres: »Sylvester. Um Neben dem unmittelbaren Kriegsge­
die erst vier Jahre später endeten. Am 12 Uhr nachts schoss die deutsche Ar­ schehen protokollierte Gustav Weiß­
Ende waren fast 400 Seiten in vier Bü­ tillerie das neue Jahr an. Die französi­ heit weitere brenzlige Situationen. So
chern entstanden – alle im Brustta­ sche dasselbe.« dokumentierte er am 27. Dezember
1915, nachdem er von seinem ersten
Heimaturlaub nach eineinhalb Kriegs­
Privatbesitz Weißheit

jahren zurück an die Ostfront gekom­


men war: »Letzter Urlaubstag. Schwe­
rer Abschied [...] Mit Urlaubszug nach
Wilna 1245 in Berlin abgefahren. Ziem­
lich schnell vorwärts [...] Plötzlich um
0345 Uhr morgens entgleiste der Zug
in Bentschen bei Posen. 28. Dez: Wir
entstiegen unseren Wagen u. sehen
dann das große Unglück. Die Ma­
schine war einen m tief in der Erde.
Tender u. Packwagen aufgefahren. 2. +
3. Wagen aufgefahren. Mittelste Wägen
lagen rechts und links umgekippt [...]
Unser Wagen war mit dem vorderen
rechten Rad etwa 80 cm tief in die Erde
eingedrückt. Mit dem hinteren linken
Rad war er etwa ebenso viel vom Erd­
boden hochgestellt. Dadurch hatten
wir einen schrägen Stoß erhalten und
Tornister, Gewehr u. Leibriemen flo­
gen natürlich auf uns. Aber wir waren
mit heiler Haut davongekommen.«
Weißheit erwähnte nicht, dass der
Vorfall als »Eisenbahnunfall von Bent­

Auszug aus Gustav Weißheits Tage-


buch

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 15


Kriegstagebuch 1914‑1918

schen« in die Geschichte einging. französischen Graben. Handgranaten. vorbereitete Angriff brach binnen kür­
24 Menschen starben, 46 weitere wur­ Links gehts vor. Graben geräumt. Pio­ zester Zeit unter enormen Verlusten
den zum Teil schwer verletzt. nierleutnant verwundet. Plötzlich links zusammen. Gustav Weißheit notierte
2 Maschinengewehre. Flankenfeuer. außer Bedauern um die Verluste kei­
Die Darstellung Hinlegen. Links alles tot. Mit 2 Pionie­ nerlei Urteil.
ren in Granatloch bis 11 Uhr, dann zu­ Außer der Artikulation von Trauer
Detailliert berichtete Weißheit über rück. Schießen von unseren Kamera­ um gefallene Kameraden sind Gustav
zahlreiche Gefechte. Ein Beispiel stellt den. ›Nicht schießen. Zurück in den Weißheits Schilderungen weitgehend
der Sturmangriff auf die französische Graben.‹ Im Unterstand. Posten ste­ emotionslos. Ängste, Zweifel oder Ur­
Ortschaft Neuville am 22. Mai 1915 hen. Sehr wenige Kameraden der teile bezüglich Politik, Taktik oder ope­
dar: »21. Mai: Sturmkolonne wird aus­ 5. Kompanie zurückgekommen.« rativer militärischer Entscheidungen
gesucht. Ich bin auch dabei [...] Nach Der beschriebene Angriff scheiterte: erlaubte er sich nicht. Inwiefern dies
Vimy. Daselbst Handgranaten und Die eigenen Minenwerfer hatten zu der Angst vor Repressionen oder Zen­
Sandsäcke empfangen. Nach Neuville. kurz geschossen. Die auf Angriffsbe­ sur geschuldet war, ist nicht dokumen­
Am Eingang des König-Ludwig-Weges ginn wartenden, auf engstem Raum tiert. Sein nüchterner Schreibstil mag
Granaten. (Tote Pferde, Wagen, Men­ massierten deutschen Sturmtruppen nicht zu ihm passen. Den Erzählungen
schen, Bäume usw.) [...] 22. Mai: Im lagen unter stundenlangem eigenem seines Sohnes und seiner Kameraden
Schützengraben in Neuville [...] Nach­ Feuer. Die Drahtverbindung zur eige­ nach war Gustav Weißheit ein empathi­
mittags 7‑ 8 Minen [...] Furchtbarste nen Artillerie zum Lenken des Feuers scher, warmherziger Mann, der für sei­
Stunde, Graben zittert. Zwei Leutnante war abgerissen. Pünktlich zum befoh­ nen Intellekt bekannt war.
verschüttet. Hoffmann von Minen zer­ lenen Angriffsbeginn liefen die fast Die Versorgungs- und Bedürfnislage
rissen. Härter verbrannt. Netzger ver­ aufgeriebenen Truppen in die französi­ der Soldaten thematisierte Gustav
schwunden. Um 8 Uhr Angriff. Bis an schen Maschinengewehre. Der lange Weißheit nur marginal. Einen Einblick

NORWEGEN
Routen des Infanterieunteroffiziers Gustav Weißheit während des Ersten Weltkrieges 1914 –1918

Mittelmächte Pleskau
SCHWEDEN
Entente N o r d se e Riga
DÄNEMARK 08
zeitweise Verbündete der Mittelmächte
Witebsk
zeitweise Verbündete der Entente Ostsee
07
neutrale Staaten/Gebiete Kiel
Wilna Minsk
GROSSBRITANNIEN 04
Hamburg
UND IRLAND 20
NIEDER- Ludwigslust
LANDE DEUTSCHES
LONDON Brest-
BERLIN 06 Warschau Litowsk RUSSLAND
BELGIENYpern 19 Bentschen
18 REI CH 05
11
03
21 Breslau
Kiew
Themar
PARIS 10 09
01 Prag
LUX.
1. Tagebuch (1914/15)
Heidelberg
16 2. Tagebuch (1915/16)
02 München 3. Tagebuch (1916 –1918)
ÖSTERREICH-
FRANKREICH WIEN
UNGARN 4. Tagebuch (1918)

Genf SCHWEIZ
Budapest
Lyon Odessa

Mailand Zagreb

12 15
RUMÄNIEN
ITALIEN BUKAREST 17 14 Schwarzes
Marseille Belgrad
Sarajevo 13 Meer
Mittelmeer SERBIEN
Adr ia BULGARIEN © ZMSBw
08842-03
01 1.8.1914: Einberufung 06 28.12.1915: Zugunglück
MONTENEGRO
11 9./10.11.1916: Anschluss 17 Ab 6.4.1918: zurück zur Truppe
02 August/September 1914: an die eigene Truppe SOFIA
07 Dezember 1915 bis Juli 1916: 18 1918: Einsatz im Raum Antwerpen
Grenzschlachten ROM
Einsatz bei Postawi 12 November 1916: Offensive zu Fuß KONSTANTINOPEL
19 April/Mai 1918: Erkrankung an TBC,
03 Oktober 1914 bis August 1915: 08 August 1916: Einsatz 13 Dezember 1916 bis Februar 1918: Lazarettaufenthalt
Flandernschlachten im Raum Riga ALBANIEN
Einsatz in Ost-Rumänien 20 Juni 1918: Lazarettaufenthalt in
04 August bis Dezember 1915: Offen- 09 September/Oktober 1916: 14 31.8.1917: Verwundung Ludwigslust Ankara
siven gegen Kowno, Wilna und Minsk Kämpfe umNeapel
Kowel 15 22.9.1917: EK I. Kl. Saloniki 21 Juli bis November 1918:
05 Dezember 1915: Heimaturlaub 10 Oktober 1916: Heimaturlaub Heimatnaher Lazarettaufenthalt
16 Februar 1918: Heimaturlaub
OSMANISCHE

16 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


geben seine ebenfalls erhaltenen Feld­ lich kein Wort Französisch, Russisch und hatte es verstanden, die deutschen
postbriefe: Neben Banalitäten und Le­ oder gar Rumänisch sprach, schrieb, Angreifer in den scheinbar geräumten
benszeichen (»Mir geht es gut«) und was er auf Schildern las oder meinte zu Ort hineinzulocken und ihm empfind­
»zensiert«- oder »kontrolliert«-Stem­ verstehen. Heraus kamen eigentüm­ liche Verluste zuzufügen. Dabei wurde
peln finden sich ab und an Zeilen des lich gemalte Buchstaben, die in ihrer der Feind von Zivilisten (sog. Frankti­
Dankes für den Inhalt des letzten Päck­ Summe nur ab und an den tatsächli­ reurs) aufs beste unterstützt. Der bru­
chens oder Bitten um einzelne Gegen­ chen damaligen Ortsbezeichnungen tale Widerstand wurde ebenso hart
stände. entsprechen. niedergeschlagen. Die Hilfe unserer
Gustav Weißheit beschrieb in seinen M.G.-Abteilung mit ihrer wuchtigen
Der Heimatschuss Aufzeichnungen sporadisch die Bevöl­ Macht erwies sich dabei recht wirk­
kerung der eingenommenen Orte. sam.«
Gustav Weißheit dokumentierte zu­ Meist fanden diese Ausführungen im Den Soldaten erschien dies als ange­
dem ein von Zeitgenossen tabuisiertes Kontext derjenigen Einwohner statt, bei messene Reaktion, denn sie betrachte­
Thema – die Selbstverstümmelung: denen die Kompanie gerade im Orts­ ten den zivilen Griff zur Waffe als Ver­
Auffällig detailliert beschrieb er den quartier lag. Die »Quartierleute«, bei stoß gegen das Kriegsrecht. Ob oder in
»Heimatschuss« eines Soldaten am denen Weißheit oft zusammen mit Ka­ welcher Weise Weißheit dabei an mög­
31. Mai 1916: »In Stellung. Früh 02:10 meraden unterkam, charakterisierte er lichen Kriegsverbrechen beteiligt war,
erhielt Landwehrmann Pfaff einen meist als »gute Leute«. In seinen Auf­ lässt sich aus dem Tagebuch nicht re­
Nahschuß in die linke Hand. Zur Kom­ zeichnungen finden sich keinerlei konstruieren.
panie-Schreibstube: Tatbestandauf­ ­Ausdrücke der Feindschaft gegen die
nahme.« Acht Tage später schrieb er: einheimische Bevölkerung. Oft be­ Nach dem Krieg
»Mit Ersatzreservist Neck u. Land­ schreiben sie ein friedliches Bild des
sturmmann Friedrich in Jodowze beim Austauschs: Die Soldaten gaben Kin­ Gustav Weißheit überlebte das Ende
Gerichtsoffizier der 115. Inf. Div. we­ dern Schokolade, handelten mit der Be­ des Krieges 1918 schwer erkrankt im
gen der Sache des Landwehrmann völkerung, sangen die Kinder in den Lazarett. Zwischen 1914 und 1918
Pfaff [...] Nahschuß mit Gewehr? Zum Schlaf, erlebten lange gemeinsame wurde er zweimal verwundet und
Ort der Verwundung. War es ein Quer­ Abende oder teilten ihr Essen. Die Er­ durfte drei Mal auf Heimaturlaub.
schläger? Leere Hülse gefunden. zählung einer französischen Quartier­ 1919 heiratete er und weitere fünf Jahre
Schwur.« Eine eigene moralische Ein­ frau, deren Mann als Sanitäter in der später wurde sein einziger Sohn ge­
ordnung dieser Episode der Selbstver­ französischen Armee diente, fand sogar boren.
stümmelung, die der Landwehrmann Eingang in Weißheits Tagebuch. Einige Welche Rolle das Erleben des Ersten
offenbar vollzog, um der Front zu ent­ Adressen dieser Quartiere notierte Weltkrieges in Weißheits späterem Le­
fliehen, blieb der Tagebuchautor dem Gustav Weißheit in Notizbüchern – of­ ben spielte, lässt sich nur erahnen. Er
Leser schuldig. fenbar wollte er in Verbindung bleiben. verhielt sich sein Leben lang unpoli­
Die genannte positive Beschreibung tisch. Von ihm wurde der Satz überlie­
Land und Leute der lokalen Bevölkerung findet sich in fert: »Geh mir nur nicht in eine Partei.
Bezug auf alle Länder, in denen Weiß­ Wenn es mal wieder andersrum
Dem gelernten Handwerker schienen heit im Einsatz war. Lediglich am kommt, bist du fein raus.«
Phasen des handwerklichen Arbeits­ Rande erwähnte er die wahrgenom­ Den Zweiten Weltkrieg erlebte
dienstes offenbar vertraut genug, um mene auffällig niedrige ökonomische Gustav Weißheit krankheitsbedingt in
sie nicht umfangreich thematisieren zu Situation der rumänischen und der der Heimat. Vom Kriegsbeginn erfuhr
müssen. Sie wurden in den ansonsten russischen Bevölkerung. er am 1. September 1939 aus dem Ra­
lückenlosen Tagebucheinträgen über Eine Ausnahme in der Darstellung dio. Er konnte nicht fassen, dass je­
mehrere Tage zusammengefasst. Be­ bildet die Bevölkerung der französi­ mand, der selbst das Grauen des Schüt­
sondere landwirtschaftliche Erfindun­ schen Dörfer Vexaincourt und Senones zengrabens erlebt hatte, einen Krieg
gen und vor allem unbekannte oder etwa drei Wochen nach Kriegsbeginn: vom Zaun brach.
überraschende Eindrücke von der Na­ »Marsch zum dritten Dorf, namens Während des Krieges hörte Weißheit,
tur, die er zudem fotografisch festhielt, Vexacurt. Daselbst wurde von Zivilis­ mittlerweile durch einen Arbeitsunfall
beschrieb Gustav Weißheit ausführlich ten auf deutsche Soldaten geschossen. halb erblindet, heimlich auf dem Dach­
und emotional. So kommentierte Weiß­ Darauf wurden der Pfarrer und Bür­ boden »Radio London«. Aufgrund
heit beispielsweise eine Fotografie germeister erschossen und das Dorf seiner Kriegserfahrungen schenkte er
flüchtender rumänischer Dorfbewoh­ angezündet. Neben Schuldigen viele den deutschen Frontberichten keinen
ner mit einem Ochsengeschirr mit: »Ei­ Unschuldige.« Drei Tage später schrieb Glauben.
genartig ist es, wie die Ochsen, ohne er: »Essen. Plötzlich Granaten. Alarm. Am 28. Dezember 1960 starb Gustav
Stränge, nur mit Joch, ziehen. Das ist Ausrücken zur Höhe. Vorrücken, von Weißheit im Alter von 71 Jahren.
Krieg, von dem Gott sei Dank Deutsch­ links Maschinengewehrfeuer vom
land nichts weiß.« Er dokumentierte Dorf. Dorf absuchen und anbrennen.  Janis Weißheit
diese Wahrnehmungen offenbar, um Zurück abends nach Senones. Daselbst
den Daheimgebliebenen von kriegs­ unter brennenden Häusern auf dem Literaturtipps
mangelbedingten agrarischen Kuriosi­ Marktplatz. Schlafen.« Janis Weißheit (Hrsg.), Gustav Weißheit. Kriegstagebuch
täten zu berichten. Auch die Regimentschronik ver­ 1914‑1918, Berlin 2017.
Auffällig sind die Ortsbezeichnun­ schweigt diese Kapitel nicht: »Der Wilhelm Gallion, Das Reserve-Infanterie-Regiment 40 im
gen: Weißheit, der höchstwahrschein­ Franzose war Meister im Dorfkampf Weltkrieg, Mannheim 1936.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 17


Oberstleutnant von Mirbach

picture-alliance/dpa Fotoreport
5Das durch die Explosion mehrerer Sprengladungen zerstörte Gebäude der westdeutschen Botschaft in Stockholm, 24. April 1975

Von Terroristen ermordet


Oberstleutnant Andreas Baron von Mirbach

L
angsam und sehr vorsichtig schritt schwedische Polizei auf Zeit, um sie zu Oberst­leutnant i.G. Andreas Baron von
er voran, immer in Richtung Trep­ Fehlern zu verleiten oder möglicher­ Mirbach, und trafen ihn fünf Mal in Rü­
penhaus. Er hatte den Befehl erhal­ weise auch um sie zu ermüden. Im cken, Kopf und Beine. Schließlich stie­
ten, der schwedischen Polizei klar zu Laufe der seit Stunden andauernden ßen sie ihn kopfüber die Treppe hinun­
machen, dass nur die unverzügliche Besetzung der bundesdeutschen Bot­ ter. Die Terroristen hinderten die vor
Freilassung von 26 namentlich benann­ schaft in Stockholm waren die sechs Ort befindlichen Rettungskräfte daran,
ten, in bundesdeutschen Strafanstalten westdeutschen Terroristen zu der Mirbach zu behandeln. Eine qualvolle
einsitzenden Mitgliedern der »Roten Überzeugung gelangt, endlich ein Stunde blieb er in seinem eigenen Blut
Armee Fraktion« (RAF, siehe Info­ deutliches Zeichen setzen zu müssen. liegen.
kasten auf Seite 20) die Unversehrtheit Die sich nur ein Stockwerk tiefer be­ Die Verletzungen, die Andreas von
der zwölf in Geiselhaft befindlichen findliche Polizei, aber vielmehr noch Mirbach im Flur und Treppenhaus der
Botschaftsangehörigen garantieren die Bundesregierung im fernen Bonn, Stockholmer Botschaft am 24. April
würde. Gleichzeitig aber steigerte sich sollten endlich begreifen, dass sie es 1975 auf dramatische Weise hinter­
von Minute zu Minute die Nervosität mit ihren Forderungen ernst meinten, rücks zugefügt worden waren, führten,
der sechs, allesamt recht jungen Geisel­ todernst. wie die Gerichtsmedizinische Abtei­
nehmer des selbsternannten »Kom­ Gegen 14.00 Uhr Ortszeit setzten die lung des Karolinska Krankenhauses
mandos Holger Meins« (siehe hierzu Terroristen dieses Zeichen auf brutale der Universität Stockholm nur wenige
Infokasten auf Seite 21). Deren Wahr­ Weise: Feige schossen sie von hinten Stunden später nüchtern feststellte,
nehmung nach spielte nämlich die auf den deutschen Militärattaché, zum Tod durch »Vulnus sclopetarium

18 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


picture-alliance/dpa Fotoreport
regio captitis« (Schussverletzung in der ren die meisten männlichen Familien­
Kopfregion). Mirbach war als Reprä­ angehörigen preußische und russische
sentant des von den Geiselnehmern Offiziere, Staatsbedienstete oder Juris­
verhassten staatlichen Systems der ten. So wurde beispielsweise Mirbachs
Bundesrepublik Deutschland kaltblü­ Großvater väterlicherseits, Reinhold
tig hingerichtet worden. Er hinterließ Baron von Mirbach, Vizeadmiral der
seine Frau und zwei Kinder. zaristischen Marine. Sein Vater, Ernst
Baron von Mirbach, arbeitete zunächst
Christliche Erziehung und viele Jahre als Justitiar für den Rigaer
Prägung Hypothekenverein und ab 1940 als Ju­
rist für deutsche Reichsbehörden. Da­
Bisher ist recht wenig über den ersten rüber hinaus engagierte sich seine Fa­
bekannten Soldaten geläufig, der in milie seit der Gründung der Republik
der Ausübung seines Dienstes für die Lettland im Jahre 1918 in verschiede­
Bundeswehr ermordet wurde. Ledig­ nen deutsch-baltischen Vereinen und
lich anlässlich der jeweiligen Gedenk­ Gruppierungen. Mirbachs Großvater
tage des Überfalls auf die bundesdeut­ setzte sich aufgrund seiner herausge­
sche Botschaft in Stockholm wird hobenen militärischen Position äußerst
zu­meist beiläufig über den ermordeten tatkräftig für die evangelisch-lutheri­
Militärattaché berichtet. Aber wer war schen Gemeinden in Russland ein. Die
er wirklich? Welchen familiären Hin­ Verwurzelung im christlichen Glauben Militärattaché Oberstleutnant Andreas
tergrund hatte er? Warum sprach er so beeinflusste seinen Enkel Andreas spä­ Baron von Mirbach (undatiert)
gut Schwedisch? Und was hat ihn dazu ter so stark, dass verschiedene Vorge­
bewogen, sich ohne Zögern seinen spä­ setzte bei der Bundeswehr seine »star­ bei Eckernförde an die Ostküste des
teren Mördern als Vermittler zur Ver­ ken ethische Bindungen« und eine Landes.
fügung zu stellen? »tiefreligiöse Einstellung« auffiel. Wie Von Mai 1946 bis August 1952 be­
Am 9. April 1931 erblickte Andreas nahestehende Personen einvernehm­ suchte Mirbach das Jungeninternat des
Ernst Baron von Mirbach in der letti­ lich berichteten, besaß Mirbach konse­ Carl-Hunnius-Internats in Wyk auf
schen Hauptstadt Riga als zweitältester quenterweise ein sehr stark ausgepräg­ Föhr und schloss dort seine schulische
Sohn der insgesamt vier Kinder von tes Gottvertrauen. Ausbildung mit dem Abitur ab. Diese
Ernst Baron und Erica von Mirbach das Seine ersten Lebensjahre verbrachte private christliche Ausbildungseinrich­
Licht der Welt. Die Familie gehört nach Mirbach in einem deutsch-baltisch ge­ tung war im Mai 1946 von Baltendeut­
eigenen Angaben zum rheinischen prägten Umfeld in Riga. Auch wenn schen gegründet worden, mit dem Ziel
Uradel mit gleichnamigem Stammhaus seine Eltern nicht wohlhabend waren, die eigenen Kinder im Sinne der alten
bei Hillesheim in der Eifel. Bereits im gehörten sie doch der bürgerlich-intel­ baltischen Ordensgemeinschaften und
16. Jahrhundert waren Mirbachs Vor­ lektuellen Gesellschaft der Stadt an. deren Traditionen zu erziehen. In den
fahren aus dem Rheinland in das Her­ Im Dezember 1939, wenige Wochen ersten Jahren seines Bestehens nahm
zogtum Kurland ausgewandert und vor der absehbaren sowjetischen Be­ das Internat überwiegend Flüchtlings­
hatten zwischen den Städten Windau setzung Lettlands, siedelte die Familie kinder auf, deren Tagesablauf hier
und Pilten (heute lettisch: Ventspils nach Posen über und nahm die reichs­ streng geregelt war. Neben der guten
und Piltene) verschiedene landwirt­ deutsche Staatsbürgerschaft an. Hei­ inhaltlichen Ausbildung wurde, wie
schaftliche Güter erworben. Später wa­ misch wurde die Familie in der von Je­ Ehemalige betonen, sehr viel Wert auf
suiten geprägten Stadt Disziplin, gute Manieren und Kame­
jedoch nie. Im Früh­ radschaft unter den jungen Menschen
jahr 1945 flohen die gelegt. Diese außergewöhnliche, diszi­
Mirbachs wieder vor plinierte Gemeinschaft junger Männer,
der herannahenden aber auch das familiäre Umfeld, die
Ro­ten Armee, dieses starke christliche Prägung, die wieder­
Mal in Richtung des holte Flucht vor den Streitkräften der
evangelisch geprägten Sowjetunion aus der Heimat werden
Schleswig-Holstein. Mirbachs Persönlichkeitsentwicklung
Der erste Wohn­ o rt sicherlich in hohem Maße beeinflusst
war die Hallig Süde­ haben.
roog. Später verlang­
ten die beruflichen Generalstabsdienst und
Ver­pflichtungen des Lehrtätigkeit
Vaters einen Umzug
nach Hemmelmark Nach Abschluss seiner schulischen
Ausbildung absolvierte Mirbach zu­
nächst eine Lehre als Geflügelzüchter
Bekennerschreiben in Nizza und Ludwigsburg. Nach er­
des Kommandos folgreichem Abschluss ging er im Feb­
»Holger Meins« ruar 1955 auf Empfehlung seiner Ver­

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 19


Oberstleutnant von Mirbach

Der schwer verletzte Mirbach wird


picture alliance/TT News Agency Pressens Bild

aus der Botschaft abtransportiert.

den immer wieder seine »taktische[n]


Fähigkeiten, Lehrtalent und sehr guten
Sprachkenntnisse« herausgestellt, die
frühzeitig seinen weiteren Werdegang
vorzeichneten.
Dementsprechend wurde Mirbach
für den 6. Generalstabslehrgang an der
Führungsakademie der Bundeswehr
ausgewählt. Während der zweiein­
halbjährigen Ausbildung nahm er mit
dem Stab des III. Korps im September
1964 an der NATO-Stabsrahmenübung
FALLEX 64 teil. Die Übung war für die
NATO aufgrund der weltweiten politi­
schen Entwicklungen in jenen Jahren
von herausragender Bedeutung, so­
dass sogar Teile des Nordatlantikrates
mit übten. Hierbei lernte Mirbach früh­
wandten nach Schweden, um dort in Noch als Leutnant heiratete Mirbach zeitig im internationalen Rahmen auf
der Staatlichen Landwirtschaftsanstalt am 26. Juli 1958 Christa von Roth, die höchster Ebene zu agieren und zu
in Wiad unweit von Stockholm erste ebenfalls ihre Kindheit im Baltikum kommunizieren.
Berufserfahrungen zu sammeln. Diese verbracht hatte. Mit ihr sollte er zwei Aufgrund der Vorbewertung und des
Ausbildung lässt sich nur mit der Ge­ Kinder – die Zwillinge Clais Oluv und Lehrgangsergebnisses gehörte Mirbach
flügelzucht-Tradition in der Familie er­ Inga Verena – bekommen. jedoch nicht zu den besonders förde­
klären, denn die beruflichen Neigun­ Seine Vorgesetzten sahen in Mirbach rungswürdigen Offizieren seines Jahr­
gen des jungen Mirbach waren anders von Anfang an einen »ernsten, gefestig­ gangs. Folglich war seine erste Verwen­
gelagert. Bereits zwölf Monate später ten Charakter mit festen Grundsätzen«, dung als Generalstabsoffizier ab dem
kehrte er nach Deutschland zurück, »gesundem Ehrgeiz und bescheide­ 1. Oktober 1965 die des Logistik-Stab­
um sich als einer der ersten ungedien­ nem, höflichen Auftreten«. Gleichzeitig soffiziers (G4) des Deutschen Anteils
ten jungen Männer am 1. Februar 1956 bescheinigten sie ihm »gute geistige im Hauptquartier der Northern Army
freiwillig als Eignungsübender zur Anlagen«, ein »klares, logisches Denk­ Group der NATO (NORTHAG) in
Bundeswehr zu melden, wobei er sich vermögen«, einen »Blick für das We­ Mönchengladbach-Rheindahlen. Um
auch als Offizieranwärter bewarb. Am sentliche«, »großen Fleiß« sowie einen seine Verwendungsbreite zu vergrö­
1. Mai 1956 wurde Mirbach dann in die »knappen und verständlichen Wortge­ ßern, erhielt er genau zwei Jahre später
4. Kompanie des Panzergrenadier­ brauch«. Körperlich zeigte er sich wäh­ die Position des Planungs-Stabs­
lehrbataillons nach Munster versetzt, rend seiner gesamten Dienstzeit über offiziers (G3) der Panzerbrigade 28 in
um seine Offizierausbildung zu begin­ als »schlank, sehnig, widerstandsfähig Donauwörth und zum 1. Oktober 1969
nen. In den nachfolgenden Monaten und unerschrocken«. Insgesamt wur­ die eines Lehrstabsoffiziers für den
durchlief er die normale militärische
Ausbildung zum Truppenoffizier der
Panzergrenadiertruppe an der Heeres­ »Rote Armee Fraktion« (RAF)
offiziersschule I in Hannover und der Die RAF war eine im Jahr 1970 u.a. von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst
Panzergrenadierschule in Munster. Be­ Mahler und Ulrike Meinhof gegründete linksextremistische terroristische Ver­
reits nach einem Jahr erfolgten die Be­ einigung in der Bundesrepublik Deutschland. Sie zeichnete verantwortlich für
förderung zum Leutnant und wenig nachweislich 34 Morde an Führungskräften aus Politik, Wirtschaft und Verwal-
später die Ernennung zum Berufssol­ tung, deren Fahrern, an Polizisten, Zollbeamten sowie bundesdeutschen und ame-
daten, auch weil die Bundeswehr in ih­ rikanischen Soldaten. Darüber hinaus gingen mehrere Geiselnahmen, Banküber-
rer Aufbauphase sehr schnell junge fälle und Sprengstoffattentate mit über 200 Verletzten auf ihr Konto. Die
und engagierte Offiziere benötigte. ursprünglich als Stadtguerilla nach lateinamerikanischem Vorbild gegründete
Zum 1. Juni 1957 wurde Mirbach Zug­ Gruppe beabsichtigte, »als Teil des internationalen Antiimperialismus den bewaff-
führer im Panzergrenadierbataillon 15 neten Kampf gegen den US-Imperialismus auch in Westeuropa zu führen«. Die
in Wetzlar und ab dem 1. August 1958 auch »Baader-Meinhof-Bande« genannte Terrorgruppe ließ sich jedoch sehr bald
zusätzlich der S 1-Offizier des Batail­ mit der palästinensischen Fatah und später auch mit dem Staatssicherheitsdienst
lons, bevor er dann am 13. Januar 1960 der DDR als Verbündete ein, mit der Absicht, die bundesdeutsche Gesellschaft zu
– nach noch nicht einmal vier Jahren in destabilisieren und die politischen Verhältnisse grundlegend zu verändern. Aber
der Bundeswehr – als Oberleutnant für die massive Gewalt und die offensichtlichen Kontakte nach Ost-Berlin führten
die kommenden drei Jahre die 2. Kom­ dazu, dass die anfängliche Unterstützung der RAF durch linke Kreise wieder verlo-
panie in dem mittlerweile zum Panzer­ ren ging. Im März 1993 verübte die RAF ihren letzten Anschlag und am 20. April
grenadierbataillon 133 umbenannten 1998 erklärte sie ihre Selbstauflösung.
Verband übernahm.

20 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Auswahllehrgang Heer an der Füh­ Kommando »Holger Meins«
rungsakademie. Gut drei Jahre lang Holger Meins (1941‑1974), Sohn wohlhabender Eltern, radikalisierte sich im Rah-
war Mirbach in Hamburg für die takti­ men der Studentenbewegung 1968 und schloss sich im Oktober 1970 der RAF an.
sche Ausbildung von angehenden Stab­ Nach der Beteiligung an verschiedenen Anschlägen wurde er zusammen mit
soffizieren des Heeres zuständig. Andreas Baader und Jan-Carl Raspe infolge einer Schießerei am 1.  Juni 1972 in
Aufgrund seiner ausgezeichneten Frankfurt a.M. verhaftet und inhaftiert. Im Januar 1973 ging Meins aus Protest ge-
Kenntnisse der schwedischen Sprache gen die Haftbedingungen zusammen mit anderen Gefangenen zum ersten Mal in
und Kultur nahm er ab Januar 1973 an den Hungerstreik. Die RAF-Gefangenen wollten zudem zusammengelegt werden
der Militärattaché-Ausbildung in Bad und beanspruchten den Status als Kriegsgefangene für sich. Der dritte Hunger-
Ems teil. Trotz dieser sehr guten Vor­ streik endete am 9. November 1974 tödlich. Meins war zu diesem Zeitpunkt trotz
bildung, die sicherlich auch ein Krite­ Zwangsernährung auf 39 kg abgemagert. Ein Foto des ausgemergelten Meins ge-
rium für seine darauffolgende Aus­wahl langte an die Öffentlichkeit und machte ihn sehr schnell zum Märtyrer verschiede-
zum künftigen Verteidigungsat­taché ner linker Gruppierungen. Die Terrorgruppe, die am 24. April 1975 die Stockhol-
an der Botschaft der Bundes­republik mer Botschaft der Bundesrepublik überfiel, nannte sich in seinem Andenken
Deutschland in Schweden war, be­ »Kommando Holger Meins«, denn die RAF bezeichnete ihre Terrorkommandos im-
mühte sich Mirbach, auch weiterhin mer nach zuvor verstorbenen Mitstreitern. Die Stockholmer Geiselnehmer waren
sein Sprachniveau deutlich zu verbes­ RAF-Mitglieder der sogenannten 2.  Generation, namentlich: Karl-Heinz Dellwo,
sern. Spätere Vorgesetzte nutzten seine Siegfried Hausner, Hanna Krabbe, Bernhard Rössner, Lutz Taufer, Ulrich Wessel und
Sprachkenntnisse im Rahmen wichti­ Stefan Wisniewski.
ger Verhandlungen, aber eben auch die
Terroristen im April 1975.
Geiselnahme von Stockholm Innerhalb der Bundeswehr wird Mir­
Verteidigungsattaché in bach durch die Nennung im Ehrenmal
Schweden Als das Terrorkommando »Holger der Bundeswehr in Berlin und durch
Meins« am 24. April 1975 in den Mit­ das Mirbach-Beck Zimmer an der Offi­
Mit Wirkung vom 1. August 1973 tagsstunden die bundesdeutsche Bot­ zierschule des Heeres in Dresden ge­
wurde Oberstleutnant i.G. Andreas schaft in Stockholm erstürmte und würdigt. Zudem hat sich der 26. Offi­
Baron von Mirbach vom Bundesminis­ zwölf Geiseln nahm, fragten die Gei­ zierlehrgang des Militärfachlichen
terium der Verteidigung an das Aus­ selnehmer sofort nach dem Militärat­ Dienstes im April 2007 den Beinamen
wärtige Amt abgeordnet. Sehr schnell taché: »Wer ist von Mirbach?« Er gab »Oberstleutnant i.G. Andreas Baron
arbeitete er sich in seine neue Aufgabe sich ohne zu zögern zu erkennen. von Mirbach« gegeben.
als Verteidigungsattaché ein und Nicht nur, dass er für sie das offen­ Aus heutiger Sicht erscheint der Um­
knüpfte Netzwerke zur schwedischen sichtlichste Symbol des im RAF Jargon gang mancher seriöser deutscher Me­
Verwaltung sowie zum Militär. Aber sogenannten Schweinesystem BRD dien mit den Morden der RAF und den
auch innerhalb der Botschaft in Stock­ war, vermutlich wussten sie auch von Tätern recht bedenklich. Die durchaus
holm schaffte »er es mit seiner offenen, seinen Sprachkenntnissen: Sie zwan­ intensive Beschäftigung hiermit, insbe­
sachlichen und fairen Art in außeror­ gen ihn, umgehend die Verhandlun­ sondere im Zusammenhang mit der
dentlich kurzer Zeit mit den übrigen gen mit der schwedischen Polizei zu 68er-Generation hat dazu geführt, dass
Arbeitseinheiten eine problemlose Zu­ führen. Laut Zeugenaussagen tat Mir­ die Täter häufig bekannter sind und
sammenarbeit zu erreichen«. Botschaf­ bach dies in den folgenden Stunden mehr Aufmerksamkeit erhalten als die
ter Heinz Dietrich Stoecker war von ­ruhig und gelassen. Der damalige Ver­ Opfer und deren Angehörige. Der Fall
der Persönlichkeit, der Arbeit und der teidigungsminister Georg Leber ord­ Andreas von Mirbach ist hierfür ein of­
Urteilsfähigkeit Mirbachs so beein­ nete dieses Verhalten später wie folgt fenkundiges Beispiel. So wird zum Bei­
druckt, dass er »häufig das Gespräch ein: »Der Soldat Andreas von Mirbach spiel einem seiner Mörder, Karl-Heinz
mit ihm auch auf den der politischen stellte sich. Er muss wohl gespürt habe, Dellwo, die Motivation für seine terro­
Berichterstattung vorbehaltenen Ge­ das zuerst gar nicht er als Person her­ ristischen Taten unter anderem als
bieten gesucht hat«. Der für Mirbach ausgefordert, gefordert und gemeint »Akt des Widerstandes gegen staatli­
zuständige Stabsabteilungsleiter im war, sondern herausgefordert war das, che Gewalt« ausgelegt. Es fällt schwer,
Bonner Verteidigungsministerium wofür er als Person gerade stand.« diese erstaunlich wohlwollende Inter­
vermerkte in seinem Beurteilungsbei­ Nach Ablauf eines Ultimatums wurde pretation nachzuvollziehen.
trag: »Oberstleutnant v.M. ist ein Offi­ Mirbach durch die Schüsse der Terro­
zier, der für die Aufgabe als Militärat­ risten schwerverletzt und konnte erst  Dieter H. Kollmer
taché besonders geeignet und befähigt eine Stunde später von der Polizei ins
ist. Eine Beförderung zum Oberst in Krankenhaus gebracht werden. Zu
dieser Position wäre wünschenswert. spät wie sich herausstellte. Wenig spä­
Sie wurde vom Botschafter gefordert ter erschossen seine Mörder auch noch
und wird durch das Auswärtige Amt den bundesdeutschen Wirtschaftsat­
und mir uneingeschränkt befürwor­ taché Heinz Hillegaart. Andreas Baron Literaturtipps
tet.« Mirbach war offensichtlich eine von Mirbach starb gegen 18 Uhr des­ Michael März, Die Machtprobe 1975. Wie RAF und Bewe-
ideale Besetzung auf diesem Dienst­ selben Tages im Karolinska-Universi­ gung 2. Juni den Staat erpressten, Leipzig 2007.
posten zwischen Militär und Diploma­ tätsklinikum. Er wurde am 30. April Anne Siemens, Für die RAF war er das System, für mich
tie. Wenig später sollte ihm dies zum 1975 im Beisein von Verteidigungsmi­ der Vater – Die andere Geschichte des deutschen Terro-
tödlichen Verhängnis werden. nister Leber in Eckernförde beigesetzt. rismus, München 2007.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 21


Service Das historische Stichwort

picture-alliance/akg-images
5Nacht vom 9. auf den 10. November 1989: Berliner aus beiden Teilen der Stadt stürmen die Mauer am Brandenburger Tor.

»Die Tore in der Mauer


stehen weit offen!«
Der Mauerfall am 9. November 1989
»Dieser 9. November ist ein historischer monströse Mauer, die seit dem 13. Au­ tär der Kommunistischen Partei der
Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre gust 1961 Berlin, Deutschland und die Sowjetunion (KPdSU), Michail Gorbat­
Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet feindlichen Blöcke von Ost und West schow, in der Sowjetunion (UdSSR) ab
sind. Die Tore in der Mauer stehen weit of- teilte, zu einem Bauwerk der Vergan­ 1985 mit Glasnost und Perestroika einen
fen!« Das verkündete um 22.43 Uhr der genheit erklärte. grundlegenden Wandel forcierte, war
Chefmoderator der ARD-Tagesthemen, Auch das eilte dem Geschehen vor­ der Ostblock im Umbruch begriffen. In
Hanns Joachim Friedrichs. aus. Doch Medienberichte wie diese Ungarn betrieben Reformkommunis­
wurden zur »self-fullfilling prophecy«, ten die Liberalisierung. In Polen gab es

D
ie unumstößliche Aussage war die den Lauf der Ereignisse so voran­ nach halbfreien Wahlen im Juni 1989
voreilig, wie die Liveschaltung trieben wie die längst zur Ikone jenes erstmals eine nichtkommunistische
nach West-Berlin zeigte. Un­ welthistorischen Epochenjahrs 1989 Regierung. Doch in der DDR verhin­
spektakulär stand Reporter Robin Lau­ gewordene Pressekonferenz: Am sel­ derte die Altherren-Riege der Sozialis­
tenbach vor dem weiterhin geschlosse­ ben Tag, gegen 19 Uhr, hatte SED-Polit­ tischen Einheitspartei (SED) unter
nen Grenzübergang Invalidenstraße. büromitglied Günter Schabowski hier Staats- und Parteichef Erich Honecker
Doch drei ihn umringende West-Ber­ den entscheidenden, wenn auch unbe­ jegliche Reform.
liner schilderten als Augenzeugen vor absichtigten Anstoß zur Mauer-Öff­ Seit Juni 1989 flohen tausende, vor al­
einem Millionenpublikum, am Grenz­ nung gegeben. lem junge DDR-Bürger in den Westen,
übergang Bornholmer Straße hätten zunächst über Ungarn. Als Budapest
DDR-Bürger ohne Komplikationen mit Massenflucht und Oppositions- im September die Grenzen für
ihrem Personalausweis in den Westen bewegung DDR-Flüchtlinge öffnete, verbot das
passieren können – tränenüberströmt SED-Regime Reisen ins sozialistische
und von Emotionen überwältigt. Dies Der 9. November 1989 war dramati­ Bruderland. Daraufhin überschwemm­
höre man auch von anderen Orten, be­ scher Höhepunkt einer langen System­ ten Flüchtlinge die westdeutschen Bot­
tonte Lautenbach, der kurzerhand die krise der DDR. Seit der Generalsekre­ schaften in Prag und Warschau, um so

22 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Günter Schabowski bei der Pressekon- gerade begonnenen, mit viel Spannung
picture-alliance/dpa Wolfgang Kumm

ferenz am 9. November 1989


erwarteten Polen-Besuch zu unterbre­
chen, um nach Berlin zu eilen – das
Stoph zurück, am 8. November folgte warnende Beispiel Adenauers vor Au­
das Politbüro. gen, der 1961 erst Tage nach dem Mau­
In dieser unübersichtlichen Situation erbau am Ort des Geschehens erschien.
sollte eine Neuregelung der Reisebe­ All das wirkte medial zurück in die
stimmungen Entlastung bringen. Doch DDR.
ein Gesetzentwurf vom 6. November In Ost-Berlin hatten sich bis 20 Uhr
enttäuschte. Dieser sah nur einen be­ an die hundert Menschen an den
grenzten Reisezeitraum von maximal Grenz­übergangsstellen eingefunden.
30 Tagen im Jahr vor und enthielt Unter Verweis auf Schabowskis Mittei­
­darüber hinaus kaum überprüfbare lung begehrten sie Durchlass. Die Kon­
»Versagensgründe«, die der Behörden­ trollstellen hatten keinerlei klare Wei­
willkür freie Hand ließen. Selbst von sung. Die alarmierten Vorgesetzten der
Parteimitgliedern hagelte es Kritik. Grenztruppen der DDR blieben ratlos
Schnellstmöglich musste eine Alterna­ – und politische Verantwortliche un­
tivregelung her. auffindbar auf Tauchstation. Unterdes­
Ein hastig am Morgen des 9. Novem­ sen wuchs die Zahl der Wartenden und
ber erstellter neuer Entwurf sah vor, deren Ungeduld. Um 21.30 Uhr ließen
dass fortan Privatreisen ins Ausland DDR-Grenzer erstmals »provokative
ohne das bislang erforderliche Vorlie­ Querulanten« passieren, wobei sie de­
gen von Reiseanlässen oder Verwandt­ ren Ausweise ungültig stempelten und
schaftsverhältnissen beantragt werden die Betroffenen so ohne deren Wissen
in die Bundesrepublik zu gelangen. Da könnten und kurzfristig genehmigt ausbürgerten. Doch diese als Entlas­
die SED am 7. Oktober ungestört den würden. Die zuständigen Pass- und tung gedachte »Ventil-Lösung« ver­
40. Jahrestag der DDR feiern wollte, er­ Meldestellen der Volkspolizeikreisäm­ schärfte die Situation eher, da die in­
laubte sie am 30. September 1989 die ter hatten darüber hinaus Visa zur zwischen unübersehbare Menge
Ausreise der über 6000 Botschafts­ Ständigen Ausreise zu erteilen. Das mitbekam, dass anderen der Grenz­
flüchtlinge. Das blieb keine einmalige sollte ab Freitag, 10. November, be­ übertritt erlaubt wurde – ihnen aber
Aktion, da in die Botschaften der Bun­ kanntgegeben werden, sodass übers nicht. Gegen 23.30 Uhr war der Druck
desrepublik sofort neue DDR-Flücht­ Wochenende ausreichend Vorberei­ so stark, dass die Verantwortlichen an
linge strömten. Dies erzwang am tungszeit geblieben wäre. Noch am der Grenzübergangsstelle Bornholmer
4./5. Oktober eine noch größere Ausrei­ Mittag segnete das SED-Zentralkomi­ Straße den Schlagbaum öffneten. Un­
sewelle, am 4. November die dritte. Da tee (ZK) diese Regelung ab. Politbüro­ kontrolliert strömten tausende Men­
die ČSSR nun die Grenze zur Bun­ mitglied Schabowski, der selbst nicht schen durch die sonst nicht überwind­
desrepublik für DDR-Bürger offen bei der Beratung anwesend war, gab baren Kontrollanlagen. Bis Mitternacht
ließ, nutzten weiter Tausende dieses die ihm kurzfristig zugesteckte Ent­ öffneten sich nun alle Grenzübergänge
Schlupf­loch im einst undurchdringli­ scheidung am Ende einer langatmigen zwischen beiden Stadthälften.
chen Eisernen Vorhang. Mauer und Pressekonferenz in reichlich chaoti­ Wildfremde aus Ost und West lagen
Stacheldraht an der innerdeutschen scher Weise bekannt. Sichtlich überfor­ sich jubelnd und tränenüberströmt in
Grenze verloren faktisch jeden Sinn. dert, antwortete Schabowski auf die den Armen. »Wahnsinn« war das Wort
Frage, ab wann dies gelte: »Das tritt dieser hochemotionalen Stunden; zu
Vergebliche Wendemanöver nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, wundersam und unfassbar schien es,
unverzüglich.« Damit trat der ZK-Se­ dass das menschenverachtende Grenz­
Ab 1961 hatte der Mauerbau brutal, kretär eine Lawine los, die das bishe­ regime der DDR, ihr brutales Kennzei­
aber effektiv die ständige Abwande­ rige DDR-Grenzregime und damit den chen und ihre Lebensgrundlage, im
rung von DDR-Bürgern gestoppt. Nun gesamten SED-Staat unter sich begra­ Wortsinn über Nacht auch dank der
drohte der DDR erneut das Ausbluten ben sollte. besonnenen Reaktion der Grenztrup­
durch Massenflucht. Zudem gewann pen friedlich und ohne jedes Blut­
in der DDR, aller Repressionen zum »Wahnsinn!« vergießen kollabierte. In den unbe­
Trotz, selbst die Opposition rapide an schreiblichen Szenen dieser Nacht,
Zulauf. Der parteiinterne Sturz Hone­ Innerhalb von Minuten verbreiteten insbesondere in den auf der Mauer
ckers am 18. Oktober änderte daran weltweit Nachrichtenagenturen und tanzenden Menschen vor dem Bran­
nichts. Auch seinem Nachfolger Egon Fernsehsender die Sensationsmel­ denburger Tor, ist ein welthistorischer
Krenz fehlte die Glaubwürdigkeit. dung. In Bonn unterbrach der Bundes­ Moment fotografisch und im kollekti­
Dies verdeutlichte am 4. November die tag seine Beratung und würdigte ge­ ven Gedächtnis eingefangen. Tatsäch­
größte nicht-staatlich gelenkte De­ gen 20.45 Uhr in einer Sondersitzung lich symbolisiert der Mauerfall wie
monstration auf dem Alexanderplatz, das historische Ereignis. In unnach­ kein anderes Ereignis das Ende des
wo die Sprecher politische Forderun­ ahmlicher Symbolik sangen die Abge­ Kalten Krieges und veränderte die Ent­
gen wie freie Wahlen und Reisefreiheit ordneten am Ende stehend die Natio­ wicklung Deutschlands und Europas
stellten. Am 7. November trat die Re­ nalhymne. In Warschau entschied sich für immer.
gierung von Ministerpräsident Willi Bundeskanzler Helmut Kohl, seinen Tim Geiger

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 23


Service Neue Medien

tory« sind zwischen 28 und 41 Minu­ Zu diesem Anlass hat der Kunstbei­
ten lang und kostenlos über die rat des Deutschen Bundestages den
Homepage von Dlf Nova, der ARD-Au­ Künstler Simon Schwartz um ein Auf­
diothek, Apple Podcast sowie Spotify tragswerk gebeten: Lebensläufe und
Eine Stunde History abrufbar. Wirken von Parlamentarierinnen und
Parlamentariern in Comicstrips.

G eschichte ist mehr als Zahlen und


Fakten und ja, es ist möglich aus
ihr manchmal auch etwas für die Ge­
Carsten Siegel Schwartz hatte in seiner Serie »Vita
Obscura« für die Wochenzeitung »Der
Freitag« bereits gezeigt, wie komplexe
genwart und Zukunft zu lernen. Dies Biografien in einem einseitigen Format
beweist anschaulich und bereits seit inhaltlich und grafisch außergewöhn­
Mai 2016 jeden Montag aufs Neue der lich umgesetzt werden können. Für
Podcast »Eine Stunde History« von Das Parlament »Das Parlament« wählte er nun aus der
Deutschlandfunk Nova. In bisher über fast unüberschaubaren Zahl deutscher
100 Folgen widmet sich das Format ei­ Abgeordneter seit der Frankfurter
nem breiten Spektrum historischer Nationalversammlung von 1848/49
­
und politischer Themen. Diese reichen 45 Per­sonen aus, die ihm und seinem
von der Schlacht auf dem Amselfeld Auftraggeber geeignet schienen, die
1389, über die Entstehung des deut­ Viel­fältigkeit demokratischer Partizi­
schen Grundgesetzes 1949, bis hin zum pation durch parlamentarische Arbeit
Militärputsch in Brasilien 1964. Aber darzustellen.
auch eher unkonventionellen Themen, Die Zeitreise beginnt mit Friedrich
wie etwa der Neunten Sinfonie von Siegmund Jucho (1805‑ 1884), dem
Beethoven, wurde bereits eine Folge Schriftführer des ersten demokrati­
gewidmet. Schließlich findet sich in schen Parlaments in der Frankfurter
diesem Stück die Melodie, die zur Eu­ Paulskirche und endet mit der DDR-
ropahymne wurde. Der Redaktion Bürgerrechtlerin und Volkskammer­
rund um den Historiker und Journalis­ abgeordneten Regine Hildebrandt
ten Matthias von Hellfeld geht es dabei (1941‑2001). Dazwischen versammeln
nicht allein um die Darstellung der his­ sich Männer und Frauen aller Parteien,
torischen Ereignisse und Fakten. Viel­ die sich um die parlamentarische De­
mehr verfolgt der Podcast anhand sei­ mokratie in Deutschland in fünf politi­
ner Themen das Ziel, Vergangenheit schen Systemen verdient gemacht ha­
und Gegenwart auf informative Art Simon Schwartz, Das Parlament. 45 Leben für die ben. Nicht immer sind es große
und Weise miteinander zu verbinden. Demokratie, Berlin 2019. ISBN 978-3-96445-006-7; Namen, die eine Würdigung erfahren –
So thematisiert beispielsweise die 112 S., 20,00 Euro für die Auswahl entscheidend war, die
Folge über den Großmufti von Jerusa­ Pluralität des deutschen Parlamenta­
lem nicht nur dessen Wirken und seine
Verbindungen zum Nationalsozialis­
mus, sondern erweitert das Thema um
I n diesem Jahr feiert der Deutsche
Bundestag sich selbst – zu Recht.
Denn vor 70 Jahren, am 7. September
rismus abzubilden. Ihnen allen wird
auf einer Seite ein aus Text und Grafik
kombiniertes Denkmal gesetzt, jedes
den politischen und religiösen Antise­ 1949 traten 402 Abgeordnete erstmals einzelne Porträt spiegelt die Individua­
mitismus der Gegenwart. Zu Wort im Bonner Bundeshaus zusammen. lität der Biografien wider. Für den eher
kommen dabei in jeder Folge Histori­ Vier Jahre nach Kriegsende begann der hippiemäßig aussehenden Grünen-Ab­
ker, Journalisten und diverse Experten, Wiederaufbau des deutschen Parla­ geordneten Walter Schwenninger
wo möglich auch Zeitzeugen. mentarismus, der am 24. März 1933 (1942‑2010) etwa wählte Schwartz eine
Die einzelnen Folgen des überaus ge­ mit der Annahme des Ermächtigungs­ Darstellung in allen Farben des Regen­
lungenen Podcast »Eine Stunde His­ gesetzes faktisch geendet hatte. bogens. Das Porträt des Mediziners
Rudolf Virchow (1821‑1902) ist in eine
anatomische Darstellung des mensch­
lichen Kopfes eingepasst.
Selbstverständlich kann in den weni­
gen Bildern, die auf einer Druckseite
Platz finden, nicht ein komplettes Le­
ben komprimiert dargestellt werden.
Das ist auch nicht das Anliegen des
Künstlers. Er konzentriert sich auf her­
ausragende, bisweilen auch skurrile
Charakterzüge, die die Persönlichkeit
der porträtierten Person deutlich und
deren politisches und parlamentari­
sches Denken und Handeln verständ­
lich machen. Schwartz gelingt es, die
bunte und vielfältige Geschichte des

24 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


deutschen Parlamentarismus als ein
Kaleidoskop unterschiedlicher und in­
spirierender Persönlichkeiten zu zei­
gen, das dem geläufigen Bild der anzug­
uniformierten Juristinnen und Juris­ten
auf anregende Art widerspricht.
neue New IRA macht sich diese Stimmung
zunutze. Bombenanschläge häufen
sich, Ende April 2019 kam bei Aus­
schreitungen eine Journalistin ums Le­
ben.
Wie hat das alles begonnen? Die Se­
rie »Rebellion« führt zurück in die
Friederike Höhn Jahre des Ersten Weltkrieges. In dieser
Zeit radikalisierte sich der irische Wille
zur Unabhängigkeit und manifestierte
sich nicht mehr allein in Schriften und
Orte der Erinnerung

https://memorialmuseums.org

D as Gedenkstättenportal zu Orten
der Erinnerung in Europa ist ein
Projekt der Stiftung Denkmal für die
Pamphleten, sondern im gewaltsamen europäischen Juden Europas. Anhand
Kampf gegen die als Besatzer wahrge­ ausgewählter Beispiele ermöglicht es
nommenen Briten. unterschiedliche Einblicke in die viel­
Irische Unabhängigkeit Vom Politiker bis zum Straßenjun­ fältige Erinnerungskultur. Das Portal
gen, vom Mädchen aus den Elends­ informiert über Gedenkstätten für die
quartieren bis zur Bankiersgattin: Der durch die Nationalsozialisten und ihre
Wunsch nach Freiheit durchzog alle Helfer ermordeten europäischen Ju­
sozialen Schichten und vereinte die den. Es geht auch auf andere Opfer­
Iren zu einer Nation. So erzählt es die gruppen des Nationalsozialismus und
Serie anhand ihrer vielfältig und sorg­ des Zweiten Weltkrieges ein.
sam ausgewählten Protagonistinnen Die Startseite des Portals ist eine in­
und Protagonisten, deren Geschichten teraktive Europakarte mit Länderna­
zu einem erzählerischen Netz verwo­ men. Dies ermöglicht eine schnelle
ben werden. Da sind die geschickten Orientierung und zielgerichtete Suche
Verhandler, die das Gespräch mit dem nach Orten der Erinnerung. Die einzel­
»Feind« suchen, die militanten nen Länder sind mit ausgewählten Ge­
IRA-Kämpfer, für die es kein zu großes denkstätten verknüpft. Zu jedem Land
Opfer gibt. Da sind die Frauen und gibt es ausführliche Hintergrundinfor­
Männer, die Geld verdienen müssen mationen. Zu jeder verzeichneten Ge­
und in der britischen Verwaltung ar­ denkstätte lassen sich verschiedene
beiten – manche loyal, manche mit Reiter aufrufen, die eine Einführung,
Hintergedanken oder Nebenaufgaben. Ausführungen zur Geschichte, zu den
In der ersten Staffel stehen drei junge Opfern, zu den Formen der Erinne­
Frauen im Mittelpunkt, die in ganz un­ rung und Bildmaterial enthalten. Die
terschiedlicher Weise die Rebellion un­ Rubrik »Service« nennt die Adresse,
terstützen, die 1916 im Osteraufstand, die Öffnungszeiten und verweist auf
unterstützt vom Deutschen Reich, ih­ mögliche Angebote vor Ort. Alle Infor­
Rebellion. 2 Staffeln mit jeweils 5 Folgen. Zu sehen ren Höhepunkt erreichte. Die zweite mationen lassen sich gebündelt aus­
u.a. bei Netflix Staffel spielt zur Zeit des Irischen drucken, sodass sich das Portal gut für
Unabhängigkeitskrieges (1919‑1921). die Vorbereitung eines Gedenkstätten­

W ie ein dunkler Schatten aus der Zen­trale Figur ist Jimmy Mahan, IRA-
Vergangenheit taucht ein Kürzel Soldat, der bereits in der ersten Staffel
in letzter Zeit immer häufiger wieder eine Rolle spielt.
besuchs eignet. Sie sind auch in engli­
scher Sprache abrufbar.

in den Medien auf: IRA. Die Irish Re­ Die Sympathien – nicht unbedingt Esther Geiger
publican Army, gegründet 1919 mit die Moral – der erzählten Geschichten
dem Ziel der – zur Not gewaltsamen – liegen ganz klar auf Seiten der Iren. Die
Loslösung Irlands aus dem Vereinigten Briten werden weniger vielschichtig
Königreich. Dies gelang für die Repub­ gezeigt, ohne Hader, gnadenlos ihr
lik Irland. Nordirland blieb beim briti­ Recht durchsetzend. Einzig der irische
schen Königreich. Fast 80 Jahre lang, Polizist Patrick Mahan, Jimmys Bruder,
bis zum sogenannten Karfreitagsab­ durchbricht diese Logik.
kommen 1998 bestimmte der Kampf Insgesamt besticht die Serie durch
der radikalen, katholischen Republika­ ihre hervorragende Ausstattung, die
ner mit ihrem politischen Zweig, der historische Haltbarkeit des Erzählten
Sinn Féin-Partei, gegen die mehrheit­ und ihre sehr guten Darstellerinnen
lich protestantischen Unionisten, vor­ und Darsteller. Die vielen Handlungs­
nehmlich in Nord­irland die Geschichte stränge und Figuren können durchaus
der grünen Insel. Seit dem Brexit-­ verwirren, dagegen hilft Binge-Wat­
Beschluss der Briten ist die Irland- ching. Eine dritte Staffel folgt hoffent­
Frage wieder aktuell und Knackpunkt lich bald.
der Austrittsverhandlungen zwischen
London und Brüssel. Die sogenannte Friederike Höhn

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 25


Service Lesetipps

Europas Kriege Zweiter Weltkrieg Queen Victoria

Krieg als Gestaltungskraft – das ist die Vor 80 Jahren begann der Zweite Welt­ Die wohl bekannteste Königin Groß­
Idee des Buches von Dieter Lange­ krieg in Europa. Solch ein historischer britanniens und Irlands bestieg im Al­
wiesche. In einer differenzierten Ana­ Jahrestag bedeutet in der Regel auch ter von 18 Jahren 1837 den Thron. Am
lyse europäischer Kriege wie auch ih­ eine Konjunktur des Themas auf dem Anfang ihrer Regentschaft, die letzt­
rer Typen und Entwicklungen seit dem Büchermarkt. Nun erschien in deut­ endlich 63 Jahre andauern sollte, traute
18. Jahrhundert analysiert der Autor scher Übersetzung eine bereits vor ihr jedoch kaum einer zu, ein Land wie
die europäische Kriegsgeschichte un­ zehn Jahren von dem britischen Histo­ Großbritannien zu regieren und ein
ter den Gesichtspunkten Revolution, riker Andrew Roberts verfasste Ge­ Weltreich zu beherrschen. Tatsächlich
Nationalstaat und Kolonialismus. Ab­ samtdarstellung des Zweiten Weltkrie­ prägte ihre Herrschaft ein ganzes, das
schließend öffnet er den Blick für ge­ ges. Roberts schließt sich damit Ian Viktorianische Zeitalter.
genwärtige Entwicklungen wie »hu­ Kershaw und Anthony Beevor an, die Die Autorin des vorliegenden Bu­
manitäre Interventionen« und den bereits ähnliche Werke vorgelegt ha­ ches, Karina Urbach, ist eine renom­
Kampf gegen den Terrorismus sowie ben. Auffällig dabei ist: Aus einer deut­ mierte Historikerin für die britische
für die Perspektive der Europäischen schen Feder sind solche populären Ge­ Monarchie des 19. Jahrhunderts. In ih­
Union als Friedensprojekt. samtdarstellungen des Krieges noch rer unterhaltsam und gleichzeitig in­
Das Buch regt zu kontroversen De­ immer eine Rarität. formativ geschriebenen Biographie er­
batten an. Langewiesche bezieht dabei Roberts‘ »Feuersturm« ist keine neue zählt sie eine vielschichtige Geschichte
Stellung, maßt sich aber nicht an, zu Geschichte des Zweiten Weltkrieges, der britischen Königin.
richten. Er fragt, wie Menschen damals aber eine gut geschriebene und leicht Victoria, die zugleich Mutter von
das Geschehene wahrgenommen ha­ lesbare. Das liegt vor allem an der Fülle neun Kindern war, sicherte durch eine
ben, warum Kriege für notwendig ge­ von geschilderten Ereignissen und geschickte dynastische Diplomatie,
halten wurden und in welcher Art und Anek­doten, die eine spannende Dyna­ den Fortbestand der britischen Monar­
Weise sie geführt werden sollten. Hat mik entstehen lassen. Dahinter muss chie. Sie inszenierte das britische Em­
der Krieg die Einstellungen der Men­ dann aber teilweise eine tiefgründige pire und machte es zum wichtigsten
schen, ihr Handeln, ihren Weg in die Analyse zurücktreten. Das Besondere Symbol für seine Bevölkerung. Ganz
Zukunft verändert? Warum glaubten an dem Buch ist, wie Roberts mit dem nebenbei wurde sie sogar zur Kaiserin
und glauben Regierungen sowie auch Kontrafaktischen gedanklich spielt. von Indien gekrönt.
die Staatengemeinschaft der Vereinten Immer wieder dekliniert er an Schlüs­ Urbach beschreibt die britische Köni­
Nationen, auf den Krieg als ultima ratio selentwicklungen des Zweiten Welt­ gin mit all ihren Emotionen. Victoria
nicht verzichten zu können? Warum krieges denkbare andere Handlungs­ soll ihr Umfeld durch regelmäßige
setzen Menschen, die die Welt verbes­ möglichkeiten durch. Wutausbrüche und einen ausgepräg­
sern wollen, auf ihn? Für den Interessierten bietet das ten Egoismus geplagt haben. Demge­
Im Rückblick der letzten drei Jahr­ Buch einen guten Überblick zum Zwei­ genüber sei sie aber auch großzügig,
hunderte kommt Langewiesche bei al­ ten Weltkrieg. Das Spiel mit kontrafak­ mitfühlend und vor allem charmant
lem Abwägen zu einem Schluss, wel­ tischen Spekulationen kann Spaß ma­ gewesen: alles in allem, eine schil­
cher der Behaglichkeit, in der sich chen. Doch Ereignisse und vor allem lernde Person, die in diesem wirklich
unsere heutige Gesellschaft eingerich­ deren Ursachen sind oft weitaus kom­ gut geschriebenen und auf Quellen ba­
tet hat, entgegensteht. Europas Kriege plexer, als eine verkürzte Analyse er­ sierenden Buch zum Leben erweckt
haben die Welt verändert: Ohne Krieg scheinen lässt. Diese Vorsicht im Hin­ wird.
kein Nationalstaat, ohne Krieg keine terkopf behaltend, bereitet Roberts‘ Das Buch ist ein Muss für jeden, der
siegreiche Revolution, ohne Krieg kein Darstellung des Zweiten Weltkrieges sich für die britische Monarchie inter­
Erfolg im globalen Wettbewerb. großes Lesevergnügen. essiert, und ganz besonders für jeden
Queen-Victoria-Fan.
Friederike Hartung ch
hh

Dieter Langewiesche, Karina Urbach,


Der gewaltsame Andrew Roberts, Queen Victoria.
Lehrer. Europas Feuersturm. Die unbeugsame
Kriege in der Mo- Eine Geschichte des Königin. Eine Biogra-
derne, München 2019. Zweiten Weltkriegs, phie, München 2018.
ISBN München 2019. ISBN ISBN 978-3-406-
978-3-406-72708-5; 978-3-406-70052-1; 72753-5, 283 S.,
512 S., 32,00 Euro 896 S., 39,95 Euro 24,95 Euro

26 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Verschwörungstheorien Aufklärung Zeitenwende 1979

Verschwörungstheorien haben Kon­ Armut und Ungleichheit nehmen zu, Ereignete sich vor vierzig Jahren eine
junktur und im Internet herrscht kein der Raubbau an der Natur zerstört un­ Zeitenwende? Das hängt von der Pers­
Mangel an ihnen. Die Zahl von Wissen­ sere Lebensgrundlagen und selten zu­ pektive ab. Frank Bösch zeigt mit sei­
schaftlern, die sich mit den Entste­ vor gab es auf der Welt so viele gewalt­ nen zehn Fallstudien, dass neben 1945
hungsursachen der Verschwörungsthe­ same Konflikte? Im Gegenteil, sagt der und 1989 auch 1979 ein Jahr histori­
orien professionell auseinandersetzen, amerikanische Evolutionspsychologe scher Umbrüche war: Im Iran verlieh
ist dagegen sehr übersichtlich. Einer Steven Pinker. eine Revolution dem islamischen Fun­
von ihnen ist Michael Butter. Pinker ist nicht dafür bekannt, dünne damentalismus eine neue Gestalt. Die
Butter, Professor für Amerikanische Bretter zu bohren. In seinem neuen Auslandsreisen des polnischen Papstes
Literatur- und Kulturgeschichte in Tü­ Buch geht es um die Fragen: In wel­ Johannes Paul II. stärkten die Rolle der
bingen, widmet sich dem Phänomen chem Zustand befindet sich unsere Religion und trugen dazu bei, das
Verschwörungstheorien in anspruchs­ Welt, wohin hat sie sich in den letzten ideologische Fundament des Kalten
voller Weise und beschreibt deren Cha­ Jahrhunderten entwickelt und was er­ Krieges zu erschüttern. Eine Revolu­
rakteristika, Argumentationsstrategien wartet uns in der Zukunft? tion von linken Sandinisten in Nicara­
und Eigenschaften. Pinker wendet sich vehement gegen gua erhielt ebenso Unterstützung in
Wie man verschiedene Verschwö­ die sowohl im linksliberalen als auch im der westlichen Welt wie die Aufnahme
rungstheorien unterscheidet und von­ rechtskonservativen Spektrum tief ver­ von Flüchtlingen aus dem kommunis­
einander abgrenzt, erläutert er akri­ ankerte Annahme, dass es um die Welt tischen Vietnam.
bisch und detailliert. Ausführlich schlecht bestellt sei. Er tut das mit dem Der sowjetische Einmarsch in Afgha­
werden die bekanntesten wissenschaft­ einfachsten und dabei wirksamsten nistan zeigte die Grenzen militärischer
lichen Theorien und deren Geschichte Mittel: Er prüft, ob sie stimmt. Und da­ Machtpolitik auf. China leitete eine
vorgestellt, diskutiert sowie systemati­ für schaut er in die Daten. Pinker breitet grundlegende wirtschaftliche Umorien­
sche Überlegungen an konkreten Fall­ ein überwältigendes Panorama aus: tierung ein. Im Westen führte zeitgleich
beispielen verdeutlicht. Reichtum und Wohlstandsverteilung; die zweite Ölkrise zu politischen Aus­
Butter positioniert sich dabei von An­ Demokratie und Menschenrechte; Res­ ein­andersetzungen mit den arabischen
fang an als Gegner von Verschwö­ sourcenverbrauch, die Abholzung der Ölförderstaaten. Die Wahl Margaret
rungstheorien. Zugleich strebt er an, Wälder und Öltankerhavarien; Terro­ Thatchers zur britischen Premierminis­
das Phänomen als solches zu erklären, rismus, Krieg, Hassverbrechen und Au­ terin leitete die wirtschaftspolitische
dessen Entstehung begreifbar zu ma­ tounfälle; Stressbelastung, Ernährung Wende zum Neoliberalismus ein – mit
chen und aufzuzeigen, ob und wann und Einsamkeit; Kinderarbeit, Kin­ Auswirkungen für ganz Europa.
Verschwörungstheorien zum Problem dersterblichkeit und Intelligenz-Quoti­ In der Bundesrepublik formten sich
werden können. enten – Stichwort für Stichwort schlägt neue politische Pole aus, zwischen Li­
Butter bietet auch praktische An­ er seinen intellektuellen Gegnern die beralen und der neuen Partei der Grü­
sätze, wie Verschwörungstheorien, die Argumente aus der Hand. nen. Die Ökologiebewegung erhielt
aktuelle politische Debatten beeinflus­ Am Ende stehen zwei Erkenntnisse. zudem großen Auftrieb durch den Un­
sen, begegnet werden könne. Dafür sei Erstens: Die Annahme einer Krise un­ fall des Atomkraftwerks im US-ameri­
die Schulung bestimmter Kompeten­ serer Wirtschafts-, Gesellschafts- und kanischen Harrisburg. Zuletzt zeigt
zen sowie sozialwissenschaftliche Bil­ Weltordnung ist ein Mythos. Zweitens: Bösch auf, wie die Fernsehserie Ho­
dung notwendig. Diese soll Menschen Ein Blick in die Daten kann auch locaust zu einer intensiven, kritischen
dazu befähigen, vereinfachende Per­ scheinbar selbstverständliche Annah­ Beschäftigung mit den NS-Verbrechen
spektiven nicht vorbehaltlos einzuneh­ men widerlegen. Die Welt befindet sich beitrug. Zeitgeschichte ist die Ge­
men und Verschwörungstheorien auf im rasanten Wandel hin zum Besseren schichte der Mitlebenden. Das Jahr
ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. und unsere verbleibenden Probleme 1979 zeigt, wie sehr Geschichte in die
sind lösbar. Gegenwart hineinwirkt.
Markus Pede
Julius Heß Martin Rink

Steven Pinker,
Aufklärung jetzt.
Michael Butter, Für Vernunft, Wissen- Frank Bösch,
»Nichts ist, wie es schaft, Humanismus Zeitenwende 1979.
scheint«. Über Ver- und Fortschritt. Eine Als die Welt von heute
schwörungstheorien, Verteidigung, Frank- begann, München
Berlin 2018. ISBN furt a.M. 2018. ISBN 2019. ISBN
978-3-518-07360-5; 978-3-10-002205-9; 978-3-406-73308-6;
271 S., 18,00 Euro 736 S., 26,00 Euro 512 S., 28.00 Euro

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 27


Service
Service Die historische Quelle

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr Flugplatz Berlin-Gatow

Messerschmitt Me 163B »Komet« – Zwischen Fortschritt und Verbrechen

Die Messerschmitt Me 163 »Komet« war weltweit das truktion dennoch wegweisend: Im Jahre 1947 durchbrach
schnellste Flugzeug des Zweiten Weltkrieges. Angetrie­ der US-amerikanische Testpilot Chuck Yeager in dem ra­
ben von einem Raketenmotor durchbrach sie als erstes ketengetriebenen Experimentalflugzeug Bell X-1 zum
Flugzeug der Welt die 1000 km/h-Grenze. Da es sich ersten Mal die Schallmauer. Die X-1 war nach dem Prin­
beim Raketenjäger Me 163 um ein Geheimprojekt der zip der Me 163 konstruiert.
Luftwaffe handelte, konnte der Weltrekord jedoch erst Eine originale Me 163B befindet sich in der neuen Dau­
nach Kriegsende veröffentlicht werden. Mit ihrem erausstellung des Militärhistorischen Museums (MHM)
Zweiflüssigkeitsraketentriebwerk stieg die Me 163 in der Bundeswehr Flugplatz Berlin-Gatow. Das innovative
dreieinhalb Minuten auf 12 000 Meter Höhe. Die pro­ Flugzeug steht nicht nur für den Fortschritt in der Mili­
pellergetriebenen Standardjäger der deutschen Luft­ tärtechnik zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Auch die
waffe, wie die Messerschmitt Bf 109 oder die Focke- Verbrechen der deutschen Luftwaffenrüstung im Natio­
Wulf Fw 190, brauchten, um ihre Einsatzhöhe zu nalsozialismus sind Teil seiner Entstehungsgeschichte.
erreichen, in etwa die vierfache Zeit. Ab Sommer 1944 Damals waren für die luftmedizinische Forschung die
wehrten Me 163 im Einsatz als Objektschutzjäger – auf­ körperlichen Auswirkungen von rasanten Flügen in gro­
grund ihrer geringen Reichweite und des Treibstoffvor­ ßen Höhen weitgehend unerforscht. Die deutsche Luft­
rates für wenige Minuten wenig erfolgreich – Bomber­ fahrtmedizin sollte Verfahren entwickeln, Flugzeugbesat­
angriffe auf Raffinerien in Mitteldeutschland ab. zungen bei plötzlichen Druckabfällen aus Höhen über
Trotz der spektakulären Leistungsdaten blieb die 12 000 Meter zu retten. Auch die Entwicklung der Me 163
Me 163 eine Sackgasse auf dem Weg der Jägerentwick­ »profitierte« von dieser höhenphysiologischen For­
lung. Innerhalb von wenigen Minuten verbrauchte sie schung. Weil die bisherigen Forschungsergebnisse vor al­
zwei Tonnen Treibstoff und war dann als Gleiter ihren lem auf Tierversuchen beruhten und kaum auf den Men­
Verfolgern antriebslos ausgeliefert. Eine der Ursache, schen übertragen werden konnten, kam die Idee der
warum die Me 163 kein schlagkräftiger Jäger zur Zer­ Menschenversuche mit Häftlingen aus Konzentrationsla­
störung von Feindbombern wurde, war die unpas­ gen auf: Im Frühjahr 1941 erfuhr der Münchener Reser­
sende Bordbewaffnung. Viele Piloten hatten aufgrund ve-Sanitätsoffizier und SS-Untersturmführer Sigmund
der hohen Geschwindigkeit das Gefühl, beim Anvisie­ Rascher bei einem ärztlichen Auswahlkurs der Luftwaffe
ren der langsameren Bomber gleich wieder abdrehen von den Problemen der Höhenflugexperimente. Er
zu müssen, um nicht mit ihnen zu kollidieren. wandte sich mit der Bitte um Häftlinge für Menschenver­
Großbritannien, die USA und die Sowjetunion ver­ suche in einem persönlichen Brief an den Reichsführer-SS
fügten nach Kriegsende über erbeutete Me 163 und ent­ Heinrich Himmler. Kurze Zeit später genehmigte Himm­
wickelten in Anlehnung daran eigene Hochleistungsjä­ ler Unterdruckversuche an Insassen des Konzentrations­
ger. Keiner dieser Staaten führte Raketenjäger in seine lagers Dachau. Die Luftwaffe stellte die Versuchsanlagen
Einsatzverbände ein. Als Rekordbrecher war die Kons­ zur Verfügung. Insgesamt missbrauchten Rascher und
seine Mitarbeiter 200 Personen in
mehreren Versuchsreihen. Min­
MHM Gatow

destens 70 Menschen überlebten


die Menschenexperimente in der
Unterdruckkammer nicht.

Stephan Horn

Buch- und Filmtipps


Ralf Schabel, Die Illusion der Wunderwaffen, Dü-
senflugzeuge und Flugabwehrraketen in der Rüs-
tungspolitik des Dritten Reiches, München 1994.
Botho Stüwe, Peenemünde-West, Die Erpro-
bungsstelle der Luftwaffe für geheime Fernlenk-
waffen und deren Entwicklungsgeschichte, Mün-
chen 1995.
Das Kraftei, Raketenjäger Me 163B Komet, Regie:
Volker Schröder, Deutschland 2004.

3Messerschmitt Me 163B »Komet«


im MHM Gatow

28 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Geschichte kompakt

18. Brumaire 1799 23. Oktober 1954


Napoleon wird Erster Konsul Pariser Verträge

N D
ach der Schreckensherrschaft und der unbeliebten ie Erfolgsgeschichte der Pariser Verträge beginnt mit
Direktoriumsregierung, die unfähig war, die politi­ einer Niederlage: dem Scheitern der Ratifizierung
schen Krisen zu meistern, sehnte sich das revolutio­ des EVG-Vertrages 1954. Dessen Ziel war ein neuer
näre Frankreich nach Ruhe und Sicherheit. Dies verstand (west)deutscher Verteidigungsbeitrag im Rahmen einer eu­
ein machtbewusster General geschickt für sich zu nutzen: ropäischen Armee. In Frankreich gab es jedoch starke Vor­
Napoleon Bonaparte (1769‑1821), erfolgreicher Feldherr, behalte gegen eine westdeutsche Wiederbewaffnung, so­
kehrte im Oktober 1799 aus Ägypten nach Frankreich zu­ dass die Ratifizierung der Verträge im Sommer 1954 in der
rück. Der Fehlschlag seines dortigen Feldzugs hatte seinem französischen Nationalversammlung scheiterte.
Ansehen, das er 1796/97 mit militärischen Siegen in Italien Letztlich erwies sich dies aber als Glücksfall für die Bun­
errungen hatte, nicht geschadet. Die Menschen sahen in desrepublik, die nun neue und bessere Möglichkeiten er­
ihm den Retter ihres bankrotten Landes, das von außen hielt, die Sicherheits- und Souveränitätsfrage zu verhan­
durch eine antifranzösische Koalition bedroht wurde. deln. Die USA und Großbritannien sahen ohne einen
Napoleon organisierte einen Staatsstreich. Am 9. Novem­ deutschen Verteidigungsbeitrag die Sicherheit des Westens
ber 1799, nach geltendem revolutionären Kalender der massiv gefährdet. Daher trat man schon 1954 erneut in Ver­
18. Brumaire, wurden das Direktorium gestürzt und die handlungen ein. Auf zwei Konferenzen in London und Pa­
Abgeordneten durch Napoleons Soldaten verjagt. Der ris wurde vereinbart, die Bundesrepublik mit einem eige­
neuen provisorischen Regierung gehörten drei Konsuln an: nen Truppenkontingent in die NATO aufzunehmen. Die
Napoleon, Emmanuel Aufstellung deutscher Streitkräfte sollte europäisch kon­
picture-alliance/akg-images

Joseph Sièyes und Ro­ trolliert werden. Dazu trat die Bundesrepublik der WEU
ger Ducos. bei. Im Rahmen der Vertragsschlüsse wurde auch der deut­
Am 15. Dezember sche Verzicht auf die Herstellung und Besitz atomarer, bio­
verkündete Napoleon: logischer und chemischer Waffen erklärt, der bis heute Gül­
»Bürger! Die Revolu­ tigkeit besitzt.
tion ist zu den Grund­ In Paris ist darüber hinaus eine revidierte Fassung des
sätzen zurückgekehrt, Deutschland-Vertrages verabschiedet worden. Der Bundes­
von denen sie ausging; republik wurde »die volle Macht eines souveränen Staates
sie ist zu Ende.« Inner­ über ihre inneren und äußeren Angelegenheiten« zuer­
halb kurzer Zeit war kannt. Einzig auf ihre Notstandsrechte bestanden die West­
es ihm gelungen, seine mächte weiterhin. Diese gingen erst 1968 mit der Notstands­
Mitkonsuln auszuboo­ verfassung in den deutschen Verantwortungsbereich über.
ten und eine Verfas­ Die Pariser Verträge traten am 5. Mai 1955 in Kraft. Bun­
sung absegnen zu las­ despräsident Theodor Heuss ernannte Theodor Blank zum
sen, die ganz auf ihn ersten Verteidigungsminister der Bundesrepublik. Am
zugeschnitten war: 6. Mai trat die Bundesrepublik der NATO bei. Als Reaktion
Gewählt für zehn darauf wurde die DDR Teil des östlichen Warschauer Pak­
Jahre und ausgestattet tes. Diese Entwicklungen zementierten zwar die deutsche
mit weitgehenden Teilung, führten aber auch mittelfristig zu einer Entspan­
Napoleon Bonaparte als Erster Vollmachten, stand er nung in den Ost-West-Beziehungen. Vor allem war durch
Konsul. Gemälde von François
nun als Erster Konsul die Pariser Verträge eine wesentliche Etappe der Westinteg­
­Gérard, Musée Condé im Schloss
Chantilly
an der Spitze des Staa­ ration und der nationalen Selbstfindung der Bundesrepu­
tes. Nur er konnte Ge­ blik abgeschlossen. Die Bundesrepublik war, zehn Jahre
setzesvorschläge ein­ nach dem Untergang des NS-Staates, zu einem anerkannten
bringen und Beamte, Richter und Offiziere ernennen. Bündnispartner der westlichen Mächte geworden.
Exekutive und Legislative lagen in seiner Hand, wobei  Cornelia Grosse­
Volksentscheide seine Herrschaft zunächst noch demokra­
picture-alliance/dpa
tisch erscheinen ließen. 1802 wurde Napoleon zum Konsul
auf Lebenszeit gewählt, 1804 sogar zum Kaiser der Franzo­
sen. Frankreich war wieder eine Monarchie. Die politische
Freiheit der Revolution war beseitigt. Die bürgerlichen Er­
rungenschaften hingegen – wie persönliche Freiheit und
Gleichheit vor dem Gesetz – wurden im Code civil festge­
schrieben. Napoleons Siegeszug um die Vorherrschaft in
Europa begann.
Esther Geiger

Die Regierungschefs und -vertreter unterzeichnen die Pari-


ser Verträge im Palais de Chaillot.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 29


Service Ausstellungen

• Berlin Fotografien der • Dresden • Köln


Verfolgung der Juden.
asisi Panorama Berlin Die Niederlande Deutsches Sport- und
Die Mauer 1940‑1945 »Der Führer Olympiamuseum
Checkpoint Charlie Stiftung Topographie Adolf Hitler ist tot.« Im Zollhafen 1
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Tel.: 03 41 / 35 55 34 0 10963 Berlin 20. Juli 1944. www.sportmuseum.de
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Dauerausstellung www.topographie.de zivil-militärischen Dienstag bis Freitag
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täglich Eintritt: 6,00 Euro Brandenburg
10.00 bis 18.00 Uhr ermäßigt: 3,00 Euro Bilder und Geschichten
Eintritt frei Haus der Brandenbur­
gisch-Preußischen
Ost-Berlin. Die halbe Geschichte
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Museum Ephraim-Palais
Am Neuen Markt 9
Poststraße 16
14467 Potsdam
10178 Berlin
Tel.: 0 30 / 24 00 21 62 Tel.: 03 31 / 62 08 55 0
www.stadtmuseum.de/ www.fontane-200.de
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11. Mai bis 30. Dezember 2019
9. November 2019 Dienstag bis Donnerstag
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Monat Eintritt frei Tel.: 02 28 / 91 65 40 0 Republik
www.hdg.de Forum für Demokratie
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8. März 2020 99423 Weimar
Dienstag bis Freitag Tel.: 03 64 3 / 82 75 71
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10.00 bis 18.00 Uhr täglich
Eintritt frei 9.00 bis 19.00 Uhr
Eintritt: 5,00 Euro
ermäßigt: 3,50 Euro

30 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019


Militärgeschichte im Bild

Marathon – Schlachtenmythos
und moderner Sportwettkampf

D
ie Sonne brennt auf der »klassi­ wusste sich erfolgreich bei Salamis und teste Lesart über den Ursprung des
schen« Wegstrecke von Mara­ Plataiai zu wehren. Athen stieg zur He­ Laufs geht auf Plutarch und Lukian zu­
thon nach Athen. Marathonläu­ gemonialmacht auf. rück. Die Historiker der römischen Kai­
fer geben bei den Paralympics 2004 al­ Die Kriege gegen die Perser entfalte­ serzeit berichten im 1. und 2. Jh. ­n.­Chr.,
les. Im Vordergrund reckt Pheidippi­ ten eine breite Wirkungsgeschichte. also wesentlich später, von einem Läu­
des kraftvoll seine Fackel in den Schon der antike Dichter Aischylos fer, der von Marathon nach Athen lief,
Himmel. Die Statue nach antikem Vor­ hob in seinem Drama »Die Perser« um den Sieg der Griechen zu verkün­
bild erinnert an den Boten, welcher der (472 v.Chr.) die Ereignisse auf eine hö­ den. Plutarch nennt ihn Theisppos
Überlieferung nach die Kunde vom here Deutungsebene: Die Siege von Sa­ oder Eukles, bei Lukian heißt er Philip­
Sieg der Athener über die Perser in der lamis oder Plataiai standen ganz allge­ pides und verschmilzt mit Herodots
Schlacht bei Marathon nach Athen mein für den Kampf der Griechen um Pheidippides.
brachte und dort vor Erschöpfung tot Freiheit. Mit der Zeit wurde jedoch vor Nach Ausgrabungen auf dem histori­
zusammenbrach. Das Foto ist eine ge­ allem die Schlacht bei Marathon zum schen Schlachtfeld von Marathon und
schickte Momentaufnahme. Die Statue Symbol für die Perserkriege und diente in Erinnerung an die angebliche Leis­
des legendären Boten verbindet den der griechischen Selbstdarstellung: tung des Pheidippides kam die Idee
Schlachtenmythos mit dem modernen Freiheit und Zivilisation gegen Unter­ auf, den Langstreckenlauf bei den ers­
Sportwettkampf, der weltweit Wett­ drückung und Barbarei. Diese Schlag­ ten Olympischen Spielen der Neuzeit
kämpfer begeistert. Doch was ist dran worte funktionierten auch losgelöst 1896 in Marathon starten und im ca.
am Mythos »Marathon«? vom historischen Ereignis. 40 km entfernten Athen enden zu las­
Bekannt ist, dass im August 490 v.Chr. Soviel zum historischen Hinter­ sen. Der Marathonlauf wurde seither
eine persische Armada bei Marathon in grund. Mit Blick auf die Sportdisziplin zur festen olympischen Disziplin, ob­
Attika landete. Großkönig Dareios I. Marathon überrascht eines: Die Per­ gleich es das vermeintliche antike Vor­
hatte 20 000 Mann ausgesandt, um Ra­ son, die als historisches Vorbild für den bild so nie gegeben hat. Boten, auch
che für die Unterstützung der Athener Marathonlauf diente, hat mit ziemlich »Tageläufer« genannt, absolvierten
für einen Aufstand griechischer Unter­ hoher Wahrscheinlichkeit nie existiert. zwar Strecken, die weitaus länger, teil­
tanen des Perserkönigs zu nehmen. Zeitgenossen und erste Historiker, die weise sogar bis zu 100 Kilometer lang
Die Athener boten 8000 schwerbewaff­ über die Schlacht berichten, kennen sie waren, aber nicht unter Wettkampfbe­
nete Hopliten auf. Durch geschickte nicht. Erst bei Herodot (5. Jh. v.Chr.) dingungen. Die heutige Länge von
Kriegführung zwangen sie die persi­ taucht ein Eilläufer namens Pheidippi­ 42,195 Kilometern erhielt der Lauf bei
sche Supermacht zum Rückzug. Zehn des auf. Er lief in der Erzählung von den Olympischen Spielen von London
Jahre später griffen die Perser unter Athen nach Sparta, um die Spartaner 1908. Sie entspricht allerdings nicht der
Großkönig Xerxes I. erneut an. Die Ko­ aufzufordern, sich dem antipersischen Entfernung vom Schlachtfeld bis nach
alition griechischer Stadtstaaten Bündnis anzuschließen. Die bekann­ Athen, sondern der Entfernung von
Schloss Windsor bis zur königlichen
Trustees of the British Museum/CC BY-NC-SA 4.0
Loge im damaligen Londoner Olym­
pia­stadion.
Nicht zuletzt durch den modernen
Sport ist die Schlacht bei Marathon bis
heute geläufig. Dass dabei ein Ereignis
gewürdigt wird, das in dieser Form gar
nicht stattgefunden hat, tut dem My­
thos Marathon und seiner großen An­
ziehungskraft als Massensport keinen
Abbruch.

Esther Geiger/Harald Potempa

Antike Darstellung des sogenannten


Dolichos, eines dem heutigen Mara-
thon ähnlichen Langstreckenlaufs. Die-
ser hatte allerdings »nur« eine Länge
von 3845 Metern.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 3/2019 31


Neue Publikationen des ZMSBw
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Hrsg. vom ZMSBw, Freiburg i.Br., Berlin, Wien: Rombach 2013, X, 384 S., 19,80 Euro
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Hubertus Mack und Peter Andreas Popp. Im Auftrag des ZMSBw hrsg. von
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Wagner, Berlin: be.bra Verlag 2019, Die »Militärgeschichte. Zeitschrift für
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Modler, Gorch Pieken und Martin Rink. Im Auftrag der Deutschen Kommission für
Militärgeschichte sowie des ZMSBw hrsg. von Martin Hofbauer, Potsdam: ZMSBw 2013, V,
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