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Heft 2/2020

ISSN 0940-4163

Militärgeschichte im Bild: Stabsmusikkorps der Bundeswehr bei einem Protokolleinsatz in Berlin 2007

Militär und Musik


Kriegsende 1945 im Pazifik
Krieg als Spiel
US-General Winfield Scott (1786‑1866)

ZMS
Zentrum für Militärgeschichte
und Sozialwissenschaften der
Bundeswehr
Impressum Inhalt
Militärgeschichte
Zeitschrift für historische Bildung Militärmusiker
Herausgegeben Militärkapellen in Deutschland und 4
vom Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Frankreich im 19. Jahrhundert
durch Kapitän zur See Dr. Jörg Hillmann und
Jérémy Gaudais, geb. 1995 in
Oberst Dr. Frank Hagemann (V.i.S.d.P.)
Tours (Frankreich), M.A. Geschichtswissen­schaften
an den Universitäten Bochum und Tours
Verantwortliche Redakteure der aktuellen
Ausgabe:
Cornelia Grosse M.A.
Major Chris Helmecke M.A.

Redaktion:
Cornelia Grosse M.A. (cg) Das Ende des Zweiten
Oberleutnant Helene Heldt M.A. (hh)
Major Chris Helmecke M.A. (ch) Weltkrieges 1945 im Pazifik 10
Fregattenkapitän Dr. Christian Jentzsch (cj)
Oberstleutnant Dr. Harald Potempa (hp)
Oberstleutnant Dr. Klaus Storkmann (ks)
Dr. Takuma Melber, geb. 1983 in
Bildredaktion: Esther Geiger Schwäbisch Hall, Wiss. Mitarbeiter am
Lektorat: Dr. Aleksandar-S. Vuletić Heidelberg Centre for Transcultural Studies
Karte: Dipl.-Ing. Bernd Nogli
Layout: Carola Klinke
Anschrift der Redaktion:
Redaktion »Militärgeschichte«
Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Postfach 60 11 22, 14411 Potsdam Medium des banalen Militarismus?
E-Mail: ZMSBwRedaktionMilGeschichte@ Kriegsspiele im 19. und 20. Jahrhundert 14
bundeswehr.org
Homepage: www.zmsbw.de
Manuskripte für die Militärgeschichte werden Dr. Florian Greiner, geb. 1981 in Stuttgart,
an obige Anschrift erbeten. Für unverlangt ein- Wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und
gesandte Manuskripte wird nicht gehaftet. Durch Neueste Geschichte der Universität Augsburg
Annahme eines Manuskriptes erwirkt der He-
rausgeber auch das Recht zur Veröffentlichung,
Übersetzung usw. Die Honorarabrechnung er-
folgt jeweils nach Veröffentlichung. Die Redak­
tion behält sich Änderungen von Beiträgen vor.
Die Wiedergabe in Druckwerken oder Neuen
Medien, auch auszugsweise, anderweitige Ver- Winfield Scott
vielfältigung sowie Übersetzung sind nur nach Der »Grand Old Man« der 18
vorheriger schriftlicher Zustimmung erlaubt. Die modernen US-Armee
Redaktion übernimmt keine Verantwortung für
die Inhalte von in dieser Zeitschrift genannten
Webseiten und deren Unterseiten. Oberstleutnant PD Dr. Robert Riemer, geb.
1975 in Greifswald, Dozent für Militärgeschichte
Für das Jahresabonnement gilt aktuell ein Preis
an der Offizierschule des Heeres, Dresden
von 14,00 Euro inklusive Versandkosten (inner-
halb Deutschlands). Die Hefte erscheinen in der
Regel jeweils zum Ende eines Quartals. Die Kün-
digungsfrist beträgt sechs Wochen zum Ende des
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Das historische Stichwort:
An der Feuerwache 7, 49716 Meppen, Vom »Besprechungsplan« zur »Himmeroder Denkschrift« 22
E-Mail: info@druckhaus-plagge.de Neue Medien  24
© 2020 für alle Beiträge beim Lesetipps26
Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) Die historische Quelle 28
Druck: Geschichte kompakt 29
Druckhaus Plagge GmbH, Meppen Ausstellungen30
ISSN 0940-4163
Grußwort
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
zunächst hoffe ich, dass Sie und Ihre Fa-
milien, Ihre Angehörigen und Freunde
alle bei bester Gesundheit und trotz der
Militärgeschichte
schwierigen, Corona-bedingten Zeit eini-
germaßen munter und heiter sind.
im Bild
Nicht alle Bundeswehrdienststellen
können sich gleichermaßen stark in die Der Schellenbaum31
Pandemiebekämpfung einbringen, wie
derzeit unser Sanitätsdienst. Aber wir
alle haben viel Kreativität an den Tag ge-
legt, wie auch im Kleinen geholfen wer-
den kann. Dabei gilt unsere Sorge und
Solidarität vor allem denen, die lange
von ihren Angehörigen isoliert in Alten-
und Pflegeheimen die Wochen verbracht
haben oder allein zu Hause waren. Ange-
hörige der Bundeswehr haben beim Einkaufen unterstützt, für Abwechslung
durch Podcasts gesorgt oder »auf Abstand« vor Pflege- oder Altenheimen
musiziert. Dabei wurde deutlich, dass unsere Militärmusiker nicht nur
Marschmusik im Gepäck haben, sondern auch in der Unterhaltungsmusik
gut unterwegs sind; ob als Musikkorps, »Big Band« oder nur in kleinen Be-
setzungen als Quintett oder Quartett.
Wir erleben diese musikalische Vielfalt alljährlich am Tag der Bundeswehr Anmarsch des Stabsmusikkorps der Bundeswehr
oder bei anderen öffentlichen Auftritten. Wir mögen die Marschmusik bei und des Ehrenzuges des Wachbataillons beim
Gelöbnissen, beim Großen Zapfenstreich oder bei Kommandoübergaben, BMVg unter Leitung von Oberstleutnant Volker
den jährlichen Leutnantsbeförderungen an den Bundeswehruniversitäten Wörrlein zu einem Protokolleinsatz in Berlin
nicht missen – und wir brauchen die Musik als repräsentatives Instrument 2007. Oberstleutnant Wörrlein leitete das Stabs-
unserer Politik: bei Staatsbesuchen, Besuchen ausländischer Regierungschefs musikkorps der Bundeswehr siebzehn Jahre lang
oder bei Akkreditierungen neuer ausländischer Botschafter in der Bundesre- von 1996 bis zu seinem Dienstzeitende 2012.
Während seiner Dienstzeit dirigierte er mehr als
publik Deutschland.
300 Mal den Großen Zapfenstreich. Neben Wörr-
In dieser Ausgabe widmen wir uns mit einem Schwerpunktthema der Ge- lein marschiert ein Soldat mit dem Schellen-
schichte der Militärmusik. Zur musikalischen Untermalung empfehle ich Ih- baum, dem zentralen Symbol der deutschen Mi-
nen bei YouTube zu stöbern. Dort gibt es zahlreiche Einspielungen unserer litärmusik.
Musikkorps. Mein Lieblingsmarsch ist ebenfalls dabei: »Der Marsch der Foto: Sammlung des Zentrums für Militärmusik
Bundeswehr«. Und wenn Sie gerne wieder einmal ein militärisches Zeremo-
niell sehen möchten, werden Sie ebenfalls fündig. Besonders stark ist das
Wachbataillon vertreten, das mit dem Yorckschen Marsch seinen Traditions-
marsch gefunden hat. Märsche gehören zu jedem militärischen Zeremoniell.
Das hat etwas Verbindendes und stellt ein zentrales Element der Tradition in
Streitkräften dar.
In der Bundeswehr werden allerdings nicht alle Märsche gespielt. Dazu
zählen insbesondere Lieder und Märsche, die verfassungswidrige, men-
schenverachtende oder volksverhetzende Inhalte aufweisen oder mit Blick
auf die Grenzen unserer europäischen Nachbarländer revisionistische Ge-
danken erkennen lassen. Unabhängig vom Inhalt distanziert sich die Bun-
deswehr auch von Liedgut, dessen jeweiliger Verfasser oder Komponist
zweifelsfrei in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt war.
Genießen Sie unsere Militärmusik und erfreuen Sie sich an ihr. Die Militär-
musik der Bundeswehr trägt maßgeblich zu einem positiven Image der Bun-
deswehr bei – und daran sollten wir alle stets mitarbeiten.
Ich wünsche Ihnen eine informative und ertragreiche Lektüre und: Bleiben
Sie bitte alle gesund!

Es grüßt Sie sehr herzlich aus Potsdam

Dr. Jörg Hillmann,


Kapitän zur See und
Kommandeur des ZMSBw
Militär und Musik

akg-images
5Platzkonzert auf den Stufen des Denkmals Friedrich Wilhelms III., 1910.

Militärmusiker
Die Militärkapellen in Deutschland und
Frankreich im 19. Jahrhundert

W
enn angesichts der wechsel- Sie spielten Unterhaltungsmusik für rung trug zur Vergrößerung der An-
haften, von zahlreichen Krie- die Soldaten, aber auch für die Bevöl- zahl der Kapellen und der Instrumen-
gen belasteten deutsch-fran- kerung, und dienten so der engeren talisten im französischen sowie
zösischen Geschichte heute deutsche Anbindung der Bürgerschaft an das deutschen Militär bei.
und französische Musikkapellen bei Militär. Signale und Nachrichten zu Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts
Paraden und Militärmusikfestivals ge- übermitteln war zudem die Aufgabe förderten deutsche Militärkapellen die
meinsam auftreten, ist das ein besonde- von Spielleuten, die seit Jahrhunderten Beherrschung eines Streichinstruments
rer Ausdruck der engen deutsch-fran- die Armee im Kampf begleiteten. als Zweitinstrument für einen Teil der
zösischen Beziehungen. Militärmusik Die traditionellen Instrumente der Musiker. Am Ende des 19. Jahrhun-
spielte in beiden Ländern über die Jahr- Musikkorps ließen es nicht zu, ausge- derts fanden sich in Frankreich weitere
hunderte hinweg eine wichtige Rolle. klügelte Melodien zu spielen. Das än- Streichinstrumente in einigen Regimen­
Im Laufe des 19. Jahrhunderts ent- derte sich in der ersten Hälfte des tern. Durch grundlegende Reformen
wickelten sich die Militärkapellen und 19. Jahrhunderts, als Blechblasinstru- von Wilhelm Wieprecht in Preußen
nahmen sowohl in Frankreich als auch mente mit Ventilen, wie Trompeten, und Adolphe Sax in Frankreich wur-
in Deutschland einen festen Platz in Kornette und Hörner, Eingang in die den die deutschen und französischen
der Armee und in der Gesellschaft ein. Militärkapellen fanden. Diese Neue- Militärkapellen schließlich harmoni-

4 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


siert und nahmen eine fast bis heute ihren Sold aufzubessern. In der Praxis Dabei spielten die Musikkorps eine
noch gültige Instrumentation (Vertei- war dies jedoch nur den musikalisch wichtige Rolle für den Korpsgeist jedes
lung der Stimmen einer musikalischen besten vorbehalten. Regiments. Sie trugen zur Verstärkung
Komposition auf die verschiedenen In- Um die deutschen Musiker gemäß des Zusammenhalts, der Moral und
strumente) an. ihres Könnens in verschiedene Klassen der Disziplin der Soldaten bei. Für die
einteilen zu können, wurden sie jeden Soldaten waren sie ein integraler Be-
Ein Soldat wie jeder andere? Monat von einer Musikkommission standteil ihres Regiments, auf den sie
überprüft. Auch waren sie in der Regel stolz waren. Jedes Regiment machte
Dieser Harmonisierungsprozess führte niedrigen Dienstgraden zugeordnet. sich dabei zwei Märsche zu eigen: ei-
1887 in Preußen zur Schaffung der Preußische Hoboisten konnten bis zum nen Parademarsch und einen Präsen-
Stelle eines Armeemusikinspizienten Rang eines Unteroffiziers und Stabsho- tiermarsch. Das 1. Hannoversche In-
und 1897 zur reichsweiten Einführung boisten bis zum Rang eines Vizefeld- fanterie-Regiment Nr. 74 paradierte
des Normal-Instrumental-Tableaus webels aufsteigen. In Frankreich dage- zum Beispiel zum »Radetzkymarsch«
von Wieprecht. Außerdem erhielten gen konnten die Musiker immerhin und präsentierte sich mit dem »Zwei-
nun deutsche Militärkapellen den noch den Dienstgrad eines Hauptfeldwe- ten Marsch des kurhannoverschen
heute charakteristischen Schellenbaum bels, der chef de musique gar den des Garderegiments«.
(siehe dazu S. 31 dieser Ausgabe). Je- Unterleutnants erlangen. Auch bilde-
doch bestimmten die deutschen Mili- ten die Stabshoboisten, später auch Signal- und Nachrichten­
tärkapellen zunächst weiterhin selbst Musikmeister genannt, in den jeweili- übermittlung im Krieg
ihre Aufstellung und die Anzahl der gen Kasernen die neuen Instrumenta-
Musiker, zeitgenössisch als Hoboisten listen aus. Neben ihrer musikalischen Spielleute im Militär waren in erster
– aus dem französischen Wort für und militärischen Grundausbildung ­Linie keine Musiker, sondern Soldaten,
Oboe: Hautbois – bezeichnet. In Frank- wurden die neuen Rekruten zudem für die das Spiel eines Signalinstrumentes
reich vereinheitlichte Sax die Musikka- den Fronteinsatz als Krankenträger erlernten, um Musiksignale zu geben
pellen zwischen 1845 und 1855, deren ausgebildet. Einberufene, die bereits oder für Gleichschritt zu sorgen. Im
Aufstellung bis zum Ersten Weltkrieg im zivilen Leben ein Instrument spie- Krieg übermittelten sie Befehle, wäh-
keine weitere größere Veränderung er- len konnten, wurden für eine Dienst- rend die Hoboisten die Moral der
fuhr. stellung als Militärmusiker bevorzugt. Truppe aufrechterhielten. In einer fran-
Innerhalb der Armee nahmen die Durch Solderhöhungen und verbes- zösischen Zeitung schrieb ein nament-
Hoboisten eine Sonderstellung ein, serte Aufstiegsmöglichkeiten im lich nicht genannter General überspitzt,
sichtbar auch anhand besonderer Dienstgrad hatten sich in Deutschland dass »der Soldat darauf verzichten
Kennzeichen an ihren Uniformen: Die und Frankreich bis zum Ersten Welt- kann, zu essen, zu trinken und zu schla-
preußischen Musiker trugen beispiel- krieg Status und Lebensbedingungen fen. Aber er wird nicht ohne seine
weise an »Schwalbennester« erin- der Militärmusiker deutlich verbessert. Flagge oder seine Musikkapelle lau-
nernde Epauletten auf den Schultern. Jedoch versuchten beide Staaten zu- fen.« Selten kamen Musiker als bewaff-
Ein von den Musikern weniger ge- gleich Geld zu sparen – auch auf Kos- nete Soldaten an die Front, sondern
schätzter Unterschied: Sie bekamen ten der Militärmusik, wo die Anzahl wurden häufiger, wie erwähnt, als
weniger Sold als die regulären Solda- der Musiker pro Kapelle verkleinert Krankenträger oder -pfleger eingesetzt.
ten. Theoretisch durften aber in wurde. Stimmen in beiden Ländern Einige Musiker erlangten durch eine
Deutschland alle Musiker zusätzlich forderten sogar die generelle Abschaf- heroische Tat große Berühmtheit. Am
außerhalb ihres Dienstes spielen, um fung der Militärmusiker. 19. August 1870, zu Beginn des

Look and Learn/Bridgeman Images

Gruppenbild einer französischen Musikkapelle, Foto, koloriert, um 1900.

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Militär und Musik

Deutsch-Französischen Krieges, befand sche Funktion erfüllen konnten. Am bekannten Persönlichkeiten speziell
sich der preußische Spielmann August 14. Juli 1899 spielten etwa zwei Musik- für die Militärkapellen komponiert
Binkebank inmitten der Schlacht bei korps der Garde Républicaine, um die wurden. So hatte etwa Friedrich der
Mars-la-Tour. Als einzig verbliebenem Schreie und Pfiffe von nationalisti- Große den Mollwitzer-Marsch (1741)
Trompeter im Kürassier-Regiment Nr. 7 schen Gegnern des liberaldemokrati- komponiert.
gelang es ihm, unter fran­zösischem Be- schen französischen Präsidenten Émile
schuss, mit einer zerschossenen Trom- Loubet und seiner Regierung zu über- Vom »Kriegslied der
pete zum Sammeln zu blasen, damit tönen. Rheinarmee« zur »Marseillaise«
alle Soldaten zusammenkamen. Be- In Deutschland fingen Zeremonien
kannt als »Trompete von Mars-La- immer mit einem »Tagesreveil« oder Die Nationalhymnen bildeten sowohl
Tour« wurde ihm nach dem Krieg das dem »Großem Wecken« an. Um 6 Uhr in Deutschland als auch in Frankreich
Eiserne Kreuz verliehen. Ferdinand marschierten ein oder mehrere Musik- einen ersten Schritt zu einer neuen
Freiligrath widmete ihm ein Gedicht, korps durch die Straßen, um die Be- Symbolpolitik, bei der die Musik in be-
das auch als Lied vertont wurde. wohner der Garnisonsstadt zu wecken. sonderem Maße der politischen Kom-
Am Ende des Tages spielten die Mili- munikation diente. Die Verbindung
tärkapellen der Garnison zusammen zwischen den militärischen Inszenie-
einen Großen Zapfenstreich. rungen, der nationalen Hymne und
Militärkapellen waren Teil der öf- der Nationalflagge sollte die Emotio-
fentlichen Militärzeremonielle, bezie- nen des Publikums berühren.
hungsweise der militärischen Ehrun- Nach der Kriegserklärung Frank-
gen. Auch Staatsbegräbnisse wurden reichs an Österreich 1792, die zum Ers-
stets von Militärkapellen begleitet, so ten Koalitionskrieg führte, wurde der
auch für das Begräbnis des General- »Chant de guerre pour l‘armée du
feldmarschalls Helmuth von Moltke in Rhin« von Rouget de Lisle komponiert.
Berlin 1891. Da das Lied so beliebt war, verbreitete
Städtisches Museum Halberstadt
Das Musikregister beider Armeen es sich von Straßburg bis nach Mar-
war vielfältig. Es bestand aus Mär- seille. Besonders häufig wurde es von
Trompete von Mars-La-Tour schen und Hornsignalen, aber auch den dortigen Regimentern der Garde
aus Symphonien und Unterhaltungs- Nationale gespielt, sodass der Marsch
Instrument politischer musik, die teilweise sowohl von Mu- in »Marseillaise« umbenannt wurde.
Kommunikation sikmeistern als auch von berühmten 1795 wurde ­dieses Stück zur offiziellen
Komponisten, aber auch von anderen ­Nationalhymne Frankreichs erklärt,
Militärmusiker spielten auch während

akg-images
offizieller Empfänge, nahmen an Zere-
monien und Festen teil oder heiterten
die Bürger der Garnisonsstädte und ih-
rer Umgebung auf. Damit förderten sie
das Ansehen der Armeen in der deut-
schen und französischen Bevölkerung.
Die Militärkapellen beider Länder nah-
men an allen staatlichen Festen und Ze-
remonien teil, beispielsweise am
14. Juli, dem französischen Nationalfei-
ertag zur Erinnerung an den Sturm auf
die Bastille am Beginn der Franzö-
sischen Revolution 1789, oder am
2. September, dem deutschen »Sedan-
tag« zur Erinnerung an den Sieg in der
entscheidenden Schlacht während des
Deutsch-Französischen Krieges 1870.
Ihre Rolle im Rahmen dieser Veran-
staltungen war vielfältig. Sie struktu-
rierten die Formationen, verstärkten
die Gliederung zwischen den verschie-
denen Gruppen und animierten deren
Bewegungen. Am Rande solcher Ver-
anstaltungen fanden zudem häufig öf-
fentliche und kostenlose Konzerte und
Fackelzüge statt, die auch eine politi-

Notendruck der »Marseillaise«, erschie-


nen 1792, Bibliothèque nationale de
France, Paris.

6 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


j­edoch nach der Rückkehr der Bour­ worden. Das Lied hatte denselben Ur- Aber auch nach 6 Uhr morgens gab
bonen auf den Thron 1815 wieder ver- sprung wie »Die Wacht am Rhein« und es ausreichend Gelegenheiten, Militär-
boten. bekam nach der Übernahme von Hel- musik zu hören. Wenn es das Wetter
Dieses Verbot blieb auch in Kraft, als goland – wo es auch verfasst wurde – erlaubte, spielten Musikkorps min-
die Dritte Französische Republik nach aus britischer Hand 1890 eine größere destens einmal pro Woche auf den
der Absetzung Kaiser Napoleons III. Bedeutung. In der Weimarer Republik Boulevards, in den Parkanlagen oder
errichtet wurde. Und dass ein Verstoß wurde 1922 das »Deutschlandlied« of- auf den Plätzen der Garnisonsstädte.
gegen dieses Verbot harte Konse- fiziell zur Nationalhymne erklärt. In großen Städten konnte man fast je-
quenzen nach sich ziehen konnte, den Tag Musik hören, und ab Mitte des
zeigte ein Vorfall 1878 in Nantes. Mili- Militärkapellen im Leben 19. Jahrhunderts wurden Musikpa-
tärkapellen hatten die »Marseillaise« der Stadt villons für die Kapellen gebaut.
im Stadttheater der Garnison gespielt. Zu allen Konzerten kam viel Publi-
Der Musikmeister wurde 15 Tage unter Für die Bewohner der Garnisonsstädte kum, boten sie doch Gelegenheit zu
Arrest gestellt und seine Musiker durf- beider Länder waren die Militärkapel- flirten, sich von der besten Seite beim
ten nicht mehr im Theater spielen. Fer- len allgegenwärtig. Indem sie meist Chef oder Nachbarn zu zeigen oder die
ner wurden alle Namen der anwesen- kostenlose Abwechslung und Unter- neuesten Gerüchte zu verbreiten. Die
den Soldaten dem Militär angezeigt. haltung boten, leisteten die Musiker ei- von den Militärmusikern gespielten
Der Generalkommandant der Garni- nen wichtigen Beitrag, die Akzeptanz Musikstücke dienten einerseits der
son der Stadt sprach von einem »re- der Regimenter an ihren Standorten zu Stärkung des Nationalismus. Anderer-
volutionären und anti­ s ozialen stärken. Dies war durchaus notwen- seits verbreiteten sie Musikstücke, zu
Skandal«. Obwohl noch immer auf dig, denn die Kasernen wurden auf denen die Bevölkerung sonst keinen
dem Index, wurde die »Marseillaise« Kosten der städtischen Budgets ge- Zugang gehabt hätte.
seit 1830, dem Jahr des Sturzes Karls X., baut. Zudem waren die Soldaten be- Die lokalen Behörden zogen aus der
wieder häufiger gespielt und in jeder sonders im pazifistischen Milieu nicht Präsenz der Militärmusikkorps eben-
von Not und Krise geplagten Periode immer beliebt. Die Kapellen trugen so- falls Nutzen, indem sie diese für lokale
sowie vom französischen Volk wäh- mit dazu bei, die Beziehungen zwi- Veranstaltungen heranzogen. So emp-
rend der Revolutionen wieder­belebt. schen dem Militär und den Bürgern zu fing eine Musikkapelle die Tour de
Schon ein Jahr später, 1879, wurde die verbessern. Mitunter führten sie aber France 1906 und 1907 in Grenoble. Die
»Marseillaise« schließlich erneut auch zu Konflikten. So musste der Militärkapellen blieben zudem nicht
Frankreichs Nationalhymne und im- Kommandant der Garnison in Regens- ausschließlich in ihrer Garnisonsstadt.
mer dann gespielt, wenn ein Komman- burg das Spiel der Militärmusiker vor Die Militärkapelle von Waldeck spielte
dant oder Minister die Truppen inspi- 6 Uhr morgens nach großen Protesten zum Beispiel regelmäßig, circa 100 Ki-
zierte. der Bevölkerung und des Ordens der lometer von ihrer Kaserne entfernt, in
Karmeliten verbieten. Das frühe Spiel Bad Pyrmont und die Militärfackel-
Ersatzhymnen störte die Nachtruhe der Bürger. züge marschierten musikalisch beglei-

In Deutschland gab es im 19. Jahrhun- akg-images

dert hingegen keine offizielle National-


hymne. Die Lieder »Die Wacht am
Rhein« und »Heil Dir im Siegerkranz«
dienten insbesondere im Deutschen
Kaiserreich ab 1871 als inoffizielle
»­Ersatzhymnen«. Ersteres entstand
während der Rheinkrise zwischen
Deutschland und Frankreich 1840 und
markier­te den Anspruch auf die Zug­
ehörigkeit der linksrheinischen Seite
zu Deutschland. »Heil Dir im Sieger-
kranz« wurde 1790 auf die Melodie von
»God save the King« getextet und von
mehreren damaligen deutschen Län-
dern als Hymne verwendet. Ab 1890
wurden die beiden Lieder nach und
nach vom sogenannten Deutschland-
lied ersetzt. Komponiert von Joseph
Haydn 1797, war der Text 1841 von
Hoffmann von Fallersleben verfasst

Dreikaisertreffen in Berlin, 5. bis


11. September 1872. Der Zapfenstreich
am Abend des 7. September Unter den
Linden. Holzstich, 1872, nach Zeich-
nung von Friedrich Kaiser (1815‑1890).

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 7


Militär und Musik
Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Anmarsch der Spielleute zum Großen Wecken bei der militärischen Neujahrsfeier in Berlin, Januar 1911.

tet oft auch durch die Vororte der Gar- Saarland. Andererseits brachten zahl- Die Musikkorps trugen auch maßge-
nison. reiche in ein militärisches Musikkorps blich zum »Folkloremilitarismus« bei,
Angehörige aller Schichten der Be- einberufene Musiker schon Erfahrun- wie der Historiker Jakob Vogel das
völkerung konnten die Musikkapellen gen aus Zivilkapellen mit. In Frank- Verhalten der Bürger gegenüber der
spielen hören. Die Kapellen dienten so- reich konnten die zivilen Musik­ka­ militärischen Kultur, aber auch die
mit auch als Kulturbotschafter, welche pellen ihren Mitgliedern einen Selbstdarstellung der Armee innerhalb
die musikalische Bildung des Volkes musikalischen Befähigungsnachweis der Gesellschaft bezeichnet hat. Ab
hoben. So setzte sich das Konzert­ geben, um deren Chancen zu erhöhen, 1870 nahm das Militär – und dadurch
programm der Militärmusiker von als Musiker zum Militär einberufen zu die Militärkapelle – in den Gesell-
Waldeck im Winter 1900/01 aus der werden. Mangelte es einer Zivilkapelle schaften beider Länder zusehends
5. Symphonie von Ludwig van Beetho- an Musikern, konnten militärische Ins- mehr Raum ein. Die populären Musik-
ven, aus Liedern und Ausschnitten aus trumentalisten einspringen. korps trugen mit ihrer nationalisti-
Opern von Wolfgang Amadeus Mozart, Zugleich aber konkurrierten Militär- schen und militaristischen Ausrich-
Richard Wagner und Franz Schubert und Zivilkapellen miteinander. Beson- tung zur politischen Beeinflussung der
sowie der Ouvertüre von »Ruy Blas« ders in Deutschland, wo die Militär- Bürger bei und machten die Armeen
von Felix Mendelssohn-Barthol­dy zu- musiker auch nach Dienst gegen Lohn attraktiver.
sammen. auftreten konnten, wuchsen die Kon-
flikte, denen manche zivilen Musik- Für das Prestige der Nation
Verhältnis zu den Zivilkapellen korps nicht gewachsen waren, sodass
sie sich wegen Geldmangel auflösen Die Musikkapellen trugen auch zum
Die Beziehungen zwischen den Zi- mussten. Als auch in Frankreich derlei Prestige der Nation bei. Die musiques de
vilkapellen und ihren militärischen Konflikte sichtbar wurden, verabschie- la Garde repräsentierten während ihrer
Pendants waren sehr ambivalent. Ei- dete die Regierung Gesetze, um das Reisen innerhalb Frankreichs, aber
nerseits spielten die Militärmusiker Spielen der militärischen Musiker zu auch im Ausland Kaiser Napoleon III.
nach ihrem militärischen Dienst auch beschränken. So durften zum Beispiel In Preußen erfüllten die Musikkapel-
in einer Zivilkapelle ihrer Stadt. Diese ab 1869 Militärkapellen im Theater, bei len der Gardekorps diese Funktion für
Kapellen übernahmen wiederum oft Bällen und Konzerten nur mit Erlaub- ihre Monarchen. Mit der Entstehung
die Uniformen, die Sprache und das nis des örtlichen Bürgermeisters spie- einer größeren gesellschaftlichen Mo-
Repertoire der Militärkapellen. Einige len. 1901 wurde in Paris eine gewerk- bilität nutzten die Regierungen die
Zivilkapellen waren sogar nur mit schaftliche Kammer gegründet, um die Musikkorps als kulturelle und friedli-
Veteranen besetzt, beispielsweise die Konkurrenz zwischen den Musikern che Botschafter ihrer Nation. Ab der
Werkskapelle der Völklinger Hütte im der Armee zu verhindern. zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts

8 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


reisten die Musikkorps beider Natio- Militärkapellen zu reformieren, wie es dem deutschen Konsul der Marine­
nen um die ganze Welt. französische Soldaten in Haiti oder stabshoboist Franz Eckert nach Japan
Bei internationalen Militärmusikfes- deutsche auf Hawaii versuchten. In Ja- geschickt, um die Musikschule der ja-
tivals trafen dabei die Militärkapellen pan konkurrierten ab 1860 Militärdele- panischen Marine zu leiten. Während
verschiedener Staaten aufeinander, so gationen europäischer Großmächte um seiner Tätigkeit führte Eckert Klavier-
zum Beispiel in Paris 1867. Die Farbe die Gunst der aufstrebenden und auf- unterricht ein – das Klavier war bis da-
der Uniformen, die traditionellen und wachsenden Armee des Shogunats hin in Japan unbekannt –, reformierte
populären Musikstücke und das Bild und ab 1868 um die des Kaisers. Einen die Kapelle und beteiligte sich an der
von friedlich zusammenspielenden Weg, sich diesen Einfluss zu sichern, Komposition der heute noch verwen-
Soldaten verschiedener Nationen tru- bot die Militärmusik. Ab 1867 schickte deten Nationalhymne. 1902 verließ er
gen zum Erfolg dieses Festivals bei. Frankreich mehrere Missionen nach Ja- Japan und ging nach Korea, wo er die
Nicht immer blieb es so friedlich: Im pan. Die heimische Militärmusik des erste Nationalhymne des Landes kom-
Jahr 1872 gerieten in Boston deutsche Heeres wurde unter der Leitung des ponierte. Die Militärdelegationen
und französische Militärmusiker bei- Franzosen Gustave Dragon und die stärkten nicht nur den Einfluss der bei-
nahe aneinander. Die Erinnerung an der Marine unter einen englischen Mu- den Staaten, sie halfen auch der Ver-
den erst ein Jahr zurückliegenden sikmeister gestellt. Als Dragon 1877 Ja- breitung europäischer Musik in Japan,
Krieg war noch sehr präsent und für pan verließ, wurde er für beide Teil- das sich bis dahin über Jahrhunderte
die Franzosen schmerzhaft. Um einen streitkräfte zuständig. Da aber die von fremden Einflüssen fast vollstän-
großen Eklat zu vermeiden, erschienen japanische Marine einen eigenen Mu- dig abgeschottet hatte.
die Franzosen beim offiziellen Emp- sikmeister an der Spitze ihrer Militär-
fang daher nicht. kapelle wünschte und der Ruf der Fazit
Militärkapellen wurden auch ins deutschen Militärmusik in Europa ge-
Ausland geschickt, um die dortigen stiegen war, wurde in Absprache mit »Militärjustiz ist für die Justiz, was Mi-
litärmusik für die Musik ist« stichelte
der französische radikaldemokratische
Look and Learn/Bridgeman Images

Politiker und spätere Ministerpräsi-


dent Georges Clemenceau Ende des
19. Jahrhunderts. Es wäre aber unge-
rechtfertigt, die Militärmusik auf diese
negative Wertung zu beschränken. Ihre
Bedeutung für die deutsche wie die
französische Gesellschaft ist nicht zu
unterschätzen. Militärkapellen ver-
stärkten nationale Gefühle und die Mi-
litarisierung der Gesellschaft. Sie wur-
den als Mittel der Diplomatie, als
Instrument der Kommunikation und
als Instrument der Vermittlung ge-
nutzt. Sie waren für die zivile Bevölke-
rung eine der wenigen kostenlosen
Möglichkeiten, vielfältige Musikstile
zu hören, und beeinflussten auch die
zivilen Kapellen stark.
Zahlreiche Innovationen der Militär-
musik werden noch bis heute genutzt.
So wäre ohne das Saxofon, eine Erfin-
dung des eingangs erwähnten ­Adolphe
Sax, der Jazz beispielsweise undenk-
bar.
 Jérémy Gaudais

Literaturtipps
Josef Eckhardt, Zivil- und Militärmusiker in Deutschland,
Potsdam 2008.
Bernard Höfele, Die deutsche Militärmusik. Ein Beitrag zu
ihrer Geschichte, Köln 2019.

Musiker der Republikanischen Garde


verlassen Turin, Petit Journal, 20. Juli
1902.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 9


Pazifikkrieg 1945

Das Ende des Zweiten Weltkrieges


1945 im Pazifik
akg-images

pan konnte zwar eine Kolonialherr-


schaft über das heutige Taiwan (seit
1895) errichten, Korea annektieren
(1905/10) sowie im Anschluss an den
Ersten Weltkrieg – Japan gehörte hier
zu den alliierten Siegermächten –
deutsche Besitzungen in Asien über-
nehmen. Doch blieben ihm erhoffte
größere territoriale Erweiterungen ver­-
wehrt.
Die internationalen Flottenkonferen-
zen von London und Washington der
1920/30er Jahre sollten einem weltwei-
ten Wettrüsten maritimer Mächte Ein-
halt gebieten. Sie waren aber zugleich
auch ein Instrument der USA und des
Britischen Empires, um eine stärkere
japanische Einflussnahme in Asien
und vor allem seines militärischen
Prunkstücks, der Kaiserlichen Japani-
schen Marine, zu verhindern.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise
von 1929 und ihrer Auswirkungen
auch auf Japan etablierte sich in Mili-
tär, Politik und Wirtschaft des fernöst-
lichen Inselstaats zunehmend die Hal-
tung, dass eine weitere territoriale
Expansion in Asien die damaligen Pro-
bleme lösen könne. Zu diesen zählten
die immer weiter anwachsende Bevöl-
kerung und deren Versorgung.
Ein innenpolitischer Wandel hin zum
Jubelnde Menschen versammeln sich am 14. August 1945 auf dem Times Square in Militarismus führte schließlich zu ei-
New York, um das Kriegsende zu feiern: küssender Marine­soldat. ner Ausweitung des japanischen
Kaiser­reichs auf dem asiatischen Kon-

A
m 8. Mai 1945 endete mit der pansionsbestrebungen und geriet tinent: Nach einem ersten expansionis-
Kapitulation der Wehrmacht dabei sowohl mit Russland als auch tischen Übergriff und der Bildung des
der Zweite Weltkrieg auf dem mit China in Konflikt: Im Kampf um in der Mandschurei gelegenen japani-
europäischen Kriegsschauplatz. Im die Vorherrschaft in Korea schlugen schen Marionettenstaates Mandschu-
asiatisch-pazifischen Raum wurde hin- die nach westlichem Vorbild moderni- kuo (1931) brach nach einem wahr-
gegen noch bis in den Sommer 1945 sierten Streitkräfte Japans das Kaiser- scheinlich vom japanischen Militär
hin­ein weitergekämpft. Erst mit der of- reich China im Ersten Chinesisch-Japa- provozierten Feuergefecht in Peking
fiziellen Unterzeichnung der Kapitula- nischen Krieg (1894/95) vernichtend. (Juli 1937) der Zweite Chinesisch-Japa-
tionsurkunde durch Japans Repräsen- Im Russisch-Japanischen Krieg von nische Krieg aus. Nach ersten raschen
tanten am 2. September 1945 ging der 1904/05 resultierte die Versenkung der militärischen Erfolgen und Eroberun-
Zweite Weltkrieg auch in Asien zu russischen Flotte in einem glorreichen gen, vor allem in Nordchina, fuhr sich
Ende. Was war bis dahin geschehen? Triumph über das Zarenreich, dem ers- die Front 1940 fest. Der Guerillakrieg
Bereits um die Wende vom 19. zum ten bedeutenden Sieg einer asiatischen der chinesischen Einheitsfront, beste-
20. Jahrhundert trat das moderne Ja- Nation über eine »westliche« Groß- hend aus den eigentlich im Bürger-
pan als neue aufstrebende Großmacht macht. krieg stehenden nationalchinesischen
in Asien in Erscheinung. Auf dem asia- Auf dem internationalen Parkett galt Einheiten der Kuomintang und der
tischen Festland unternahm das Kai- Japan nun als aufstrebende, ernstzu- Kommunisten sowie lokal operieren-
serreich im frühen 20. Jahrhundert Ex- nehmende Militärmacht in Asien. Ja- der Warlords, bereitete wegen Japans

10 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


Heer enorme Schwierigkeiten. Tokio die japanische Regierung für einen aus Der Pazifikkrieg
zielte nun auf eine Beendigung des ihrer Sicht »militärischen Befreiungs-
Krieges – entweder durch einen totalen schlag«: Am Morgen des 7. Dezember Eine Besonderheit des mit dem Kriegs­-
militärischen Sieg oder außenpolitisch 1941 beschädigten und versenkten die eintritt der USA im Dezember 1941 als
durch den diplomatischen Versuch, von einer Flugzeugträgerflotte gestar- Pazifikkrieg benannten Konfliktes in
eine internationale Anerkennung der teten japanischen Luftstreitkräfte Teile Asien und ein zugleich wesentlicher
bereits gemachten Eroberungen in der im Hafen von Pearl Harbor Unterschied zum europäischen Kriegs-
China zu erreichen. (­Hawaii) vor Anker liegenden US-Pazi- schauplatz war die Tatsache, dass der
fikflotte. Es handelte sich hier um eines Kampf zur See und die maritime Kon-
Angriff auf Pearl Harbor der größten Versäumnisse des US- trolle zentrale Aspekte der Kriegfüh-
Nach­richtendienstes, der den überfall­ rung darstellten. Es waren gerade
Obwohl die USA über die in China ver- artigen Angriff nicht hatte vereiteln Schlachten auf See, die das militärische
übten japanischen Kriegsverbrechen können. Die US-amerikanischen Flug- »Zünglein an der Waage« im Pazifik
wie etwa das Massaker von Nanking zeugträger hatten sich am Morgen des bildeten. Die Schlacht im Korallenmeer
(1937/38) informiert waren, sahen sie 7. Dezember allerdings nicht im »Per- (7./8. Mai 1942) und besonders die See-
primär ihre wirtschaftlichen, aber auch lenhafen« befunden und waren damit schlacht bei den Midwayinseln (4. bis
geopolitischen Interessen in China und der verheerenden Attacke entkommen. 7. Juni 1942) brachten die Kriegswende
im asiatisch-pazifischen Raum gefähr- Innerhalb weniger Wochen stießen zugunsten der Alliierten.
det. Nicht gewillt, eine japanische Vor- Japans Heer und Marine in die roh- Entscheidend war auch die Ent-
herrschaft in Asien zu dulden, verfolg- stoffreichen Regionen Südostasiens schlüsselung des japanischen Marine-
ten die USA und Großbritannien vor, die bereits im Frühjahr 1942 kom- funkcodes, wodurch der US-Nachrich-
zunehmend eine Embargopolitik ge- plett unter japanischer Besatzungs- tendienst nun über die militärischen
genüber Japan, das seinerseits im Sep- herrschaft standen. Gegenüber den Bewegungen des Feindes im Bilde war.
tember 1940 den Dreimächtepakt un- asiatischen Völkern versuchte Japan Bei der Schlacht um Midway, bei der
terzeichnet hatte und zur »Achse« dabei als Macht aufzutreten, die ganz auch der bei Pearl Harbor unversehrt
Berlin-Rom-Tokio gehörte. Das japani- Asien vom »westlichen Kolonialjoch« gebliebene Flugzeugträger USS Enter-
sche Kaiserreich fühlte sich in die Enge befreien wolle. Das Kaiserreich propa- prise eine entscheidende Rolle spielte,
getrieben. gierte »Asien den Asiaten« und die Er- verlor Japan vier und damit zwei Drit-
Die mehrmonatigen Verhandlungen richtung einer »Großostasiatischen tel seiner zu diesem Zeitpunkt zur Ver-
mit den USA führten zu keiner diplo- Wohlstandssphäre«, freilich unter ja- fügung stehenden Flugzeugträger. Ein
matischen Lösung. So entschied sich panischer Führung. weiterer Schlüsselpunkt im Pazifik war

Der asiatisch-pazifische Raum 1943 –1945


B E R I N G -
atka

M E E R
tsch

OCHOTSKISCHES 11.5.43
S O W J E T U N I O N Sowjetischer Angriff
KANADA
8.8. – 1.9.1945
Kam

MEER 28.7.43
Čita Attu en
Kiska ut
Al e Vancouver
Chabarovsk
en

ur Seattle
il

MANDSCHUKUO Sowjetischer Angriff


MONGOLEI K 8.8. – 1.9.1945
Hsinking
Mukden Vladivostok P A Z I F I S C H E R U S A
Peking Korea (jap.)
A N

Tientsin
Hiroshima Tokio San Francisco
C H I N ATsingtau 6.8.45
P

Sian Japan und Verbündete*


A

Nanking
TIBET Nagasaki (jap.M.=Japan. Mandate)
J

22.6.44 Shanghai 9.8.45


Delhi NE Hankow Bonin-In.
BHUTAN Chungking 7.4.45 Ryu-Kyu-In. Midway-In. (USA)
PA ( jap.) Japan. besetzte Gebiete*
L ( jap.)
Kunming Changsha 18.6.44 Okinawa Iwojima
Britisch-Indien Kanton 19.2.45
Kalkutta 4.4.44 Taiwan Okinawa Kazan-In. Alliierte und Kolonien*
Lashio Hawaii-In. (USA)
Nanning Hongkong 1.4.45 ( jap.)
Bombay Birma Hanoi Haiphong Wake Pearl Harbor
9.1.45 22.-25.10.44 Marianen (jap.M.) China*
(brit.)
3.5.45 THAILAND Hainan Philippinen
Bangkok Frz.- Manila (USA) 19./20.6.44 12.6.44 O Z E A N Neutrale Staaten*
Guam (USA) Marshall-In.( jap.M.) 31.1./
Saigon Indochina Palau-In.
1.2.44
( jap.M.) 21.7.44 Am 30.9.1943
Leyte Truk Kwajalein
19.10.44 festgelegte japanische
Palmyra (USA)
Ka M.) Verteidigungslinie
Ceylon Britisch-Malaya 15.9.44 r o l i n e n (ja p . Tarawa
20.11.43
27.5.44 21.4.44 Japanischer Macht-
S

Singapur Weihnachts-In. (brit.)


Gilbert-In.
u

Borneo bereich Anfang 43


m

Neug Bismarck- 1.11.43 30.6.43 (brit.)


a

Celebes
Ni

uinea Archipel
tr

Phoenix-In. (brit..) Alliierter Angriff


a
ed

2.10. Lae Salomonen


rl Java (brit.)
e

än 43 Tokelau-In.
Timor 3.– 4.3.43 Japanischer Angriff
Neu

di Buna Lagunen-In.
sc (neuseel.)
h-Ind en Santa-Cruz- (brit.)
e He

i Port Darwin Gesellschafts-In. 0 500 1000 sm


2.1.43 In. (brit.) (frz.)
Espiritu Santo Fidschi-In. Samoa-In.
brid

(brit.) (neuseel./USA) 0 1000 2000 km


INDISCHER OZEAN KORALLEN-
en

Cairns
Cook-In. * = Stand Dezember 1941
(br

MEER Tonga-In.
(brit.) (neuseel.)
it./

Neukaledonien
frz

(frz.)
.)

A U S T R A L I E N

Quelle: Chronological Atlas NEUSEELAND © ZMSBw


of the Second World War. 08337-04

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 11


Pazifikkrieg 1945

Der japanische Außenminister Mamo-


ru Shigemitsu bei der Unterzeichung
der Kapitulationsurkunde auf dem US-
Schlachtschiff »Missouri«, in der Bucht
von Tokio am 2. September 1945.

ten Vulkaninsel Iwo Jima im März 1945


durch die US-Streitkräfte. Damit wa-
ren erste Gebiete des japanischen Kern-
landes erobert worden. Mittels der an-
gelegten Bunker und der weitläufigen,
von einem Tunnelsystem durchzoge-
nen Verteidigungsanlagen konnten die
unter dem Kommando von General
Tadamichi Kurabayashi stehenden
Verteidiger der Insel der zahlenmäßig
fünffach überlegenen US-Streitmacht
zunächst Paroli bieten. Die US-Streit-
kräfte, vorneweg die Marines, erlitten
enorme Verluste und hatten am Ende
der Schlacht beinahe 7000 Tote zu be-
klagen. Mehr als 95 Prozent der rund
akg-images 21 000 japanischen Verteidiger fielen
auf Iwo Jima, darunter auch General
die auf Midway folgende Operation US-Streitkräfte nach heftigem Bombar- Kurabayashi. Auf Iwo Jima schoss der
»Watchtower«, die Schlacht um die Sa- dement, Artilleriebeschuss und erbit- Kriegsfotograf Joe Rosen­thal eines der
lomoneninsel Guadalcanal (Aug. tert geführten Häuserkämpfen die bedeutendsten Kriegsfotos des Zwei-
1942‑Feb. 1943). Hier gingen die USA Hauptstadt der Philippinen, Manila. ten Weltkrieges, als er die Inszenierung
im Pazifikkrieg auch zu Land erstmals Während dieser Kämpfe verübten die des Hissens einer US-Flagge auf dem
in die Offensive. Die heftig geführten japanischen Besatzer in Manila Kriegs- Vulkan Suribachi durch sechs US-Ma-
Kämpfe waren dabei auch von Rassis- verbrechen in großem Umfang an der rines mit seiner Kamera festhielt. (siehe
mus geprägt. Als Rache für Pearl Har- lokalen Zivilbevölkerung; beim Mass- hierzu auch Beitrag »Historische
bor machten Einheiten der US-Marines aker von Manila kamen schätzungs- Quelle« in diesem Heft)
teils keine Gefangenen. Dies versuchte weise 100 000 philippinische Zivilisten
Japans Kriegspropaganda für sich zu ums Leben. Kampf um Okinawa
nutzen, um innerhalb der eigenen
Truppen die Parole des Durchhaltens Kamikaze und Iwo Jima Während in Europa der Krieg zu Ende
bis zum Äußersten auszugeben und ging, führten die Kriegsparteien von
das Kapitulieren zu tabuisieren. Bei den Kämpfen um die Philippinen April bis Ende Juni 1945 erbitterte und
Dank der seit Midway stetig wach- setzte Japan in der Seeschlacht im Golf ebenfalls äußerst verlustreiche Kämpfe
senden Überlegenheit der US-amerika- von Leyte den Großteil seiner verblie- um das im Südwesten Japans gelegene
nischen Marine im Pazifik konnten die benen Flotte ein. Aus der Not der pu- Okinawa. Als die US-Streitkräfte am
Alliierten gerade in der Endphase des ren Verzweiflung im Angesicht der 1. April 1945 auf Okinawa landeten,
Krieges auf das Unterbrechen der drohenden Kriegsniederlage stürzten stießen sie zunächst auf nur wenig Ge-
feindlichen Nachschublinien und auf sich Piloten der Marineluftstreitkräfte genwehr. Knapp 120 000 japanische
eine zunehmende Isolation der japani- selbstmörderisch auf alliierte Schiffe. Soldaten hatten sich in den Norden
schen Mutterinseln von ihren erober- Der Einsatz der Tokko-Einheiten, im und Süden Okinawas zurückgezogen,
ten Besitzungen abzielen. Mit der Stra- Westen besser unter dem Begriff »Ka- um aus massiven Befestigungen her-
tegie des »Inselspringens« (»Island mikaze« bekannt, war Japans letztes aus die Insel zu verteidigen.
Hopping«) wurden Stützpunkte im Pa- militärisches Mittel. Dieser Einsatz Die intensiv geführten Kämpfe um
zifik errichtet, um sich militärisch wei- spiegelte die verzweifelte und militä- Okinawa bezahlten auf US-amerikani-
ter Schritt für Schritt Japan und der risch aussichtslose Lage Japans in den scher Seite rund 12 500 Mann mit dem
Hauptstadt Tokio zu nähern. Ein wich- letzten Kriegsmonaten wider und blieb Leben, während etwa 70 000 japanische
tiges Ereignis stellte die Eroberung der ein zentrales Element der japanischen Soldaten sowie circa 80 000 Angehörige
Marianeninseln und hier besonders Kriegführung im Jahr 1945. Bis zum der lokalen Zivilbevölkerung in der
des Stützpunkts Saipan Ende 1944 dar: Kriegsende verloren Tausende als »Ka- drei Monate andauernden Schlacht
Japan war nun in Reichweite der als mikaze« eingesetzte junge Piloten ihr starben. Viele der Einheimischen waren
»Superfortress« titulierten Boeing Leben, ohne dass ihr Einsatz den dabei von Japans Militär als lebende
B-29-Bomber der USA. Kriegsausgang zugunsten Japans be- Schutzschilde missbraucht oder zur
Ein weiterer Meilenstein des alliier- einflussen konnte. Selbsttötung gezwungen worden. Auch
ten Vorrückens auf Japan war die US-­ Einen großen psychologischen Effekt die Reste der japanischen Marine waren
amerikanische Rückeroberung der Phi- hatte die Eroberung der vergleichs- nun zerstört. Nach der Schlacht um
lippinen: Im Februar 1945 befreiten weise kleinen und nahezu unbesiedel- Okinawa war für die Alliierten der Weg

12 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


nach Japan endgültig frei, das seiner- Einsatz von Atombomben nion und damit als Vorbote des Kalten
seits de facto nun nahezu schutzlos war. Krieges zu interpretieren.
Bereits vor der Schlacht um Okinawa Unterdessen war in Washington im Über den Rundfunk wandte sich Ja-
waren Japans Hauptinseln verstärkt Anschluss an die blutig geführte pans Kaiser schließlich am 15. August
ins Visier von Luftangriffen geraten: Schlacht um Okinawa die Überzeu- – inzwischen war die chinesische Rote
Angefangen mit der Bombardierung gung gereift, dass die für die Jahres- Armee massiv in die Mandschurei vor-
Kobes am 4. Februar 1945, zielten die wende 1945/46 angedachte militärische gedrungen – an seine Untertanen, die
Alliierten mit systematischen Flächen- Invasion Japans (Codename »Opera- er dazu aufforderte, »das Unerträgli-
bombardements darauf ab, wichtige tion Downfall«) mit beträchtlichen Ver- che zu ertragen«. Als sich die Nach-
Standorte der Kriegs- und Rüstungsin- lusten einhergehen würde. Schätzun- richt von Japans Kapitulation in den
dustrie zu zerstören, aber auch die Mo- gen US-ameri­­kanischer Militärexperten USA verbreitete, brach, wie etwa auf
ral der Zivilbevölkerung durch Bom- zufolge würde der Einmarsch in Japan dem Times Square in New York, ein Ju-
bardements von Städten zu brechen. rund 250 000 US-Soldaten, aber auch belsturm der Freude aus. Der Zweite
hunderttausenden Japanern das Leben Weltkrieg war beendet, was mit der
US-amerikanische Luftangriffe kosten. Diese Hochrechnungen stellten Unterzeichnung der Kapitulationsur-
für US-Präsident Harry S. Truman das kunde am 2. September 1945 auf der
In der Nacht vom 9. auf den 10. März Hauptargument dar, um den Einsatz USS Missouri in der Tokioter Bucht be-
1945 kam die im Wesentlichen auf ma- von Atombomben zu rechtfertigen. siegelt wurde.
terieller und technischer Überlegenheit, Dass es im Rahmen der Tests einen
besonders der Radartechnologie, basie- bahnbrechenden Erfolg im geheimen Japans Kapitulation
rende alliierte Kontrolle des Luftraums militärischen Forschungsprojekt zur
voll zur Geltung. Die von Curtis LeMay Entwicklung von Nuklearwaffen, dem Auch 75 Jahre nach Kriegsende sind
entsandten rund 300 B-29-Bomber leg- »Manhattan-Projekt«, gegeben hatte, die Nachwirkungen des Pazifikkrieges
ten einen aus über 1600 Tonnen Bom- erfuhr der US-Präsident auf der Pots- im asiatisch-pazifischen Raum noch
ben bestehenden Bombenteppich über damer Konferenz im Juli 1945. In der immer deutlich spürbar: Ganz allge-
Tokio, der einen Feuersturm und ein Erklärung von Potsdam forderten die mein hat Japan nach 1945 nur unzurei-
wahres Flammen­ inferno in Japans Alliierten die »bedingungslose Kapitu- chend seine Kriegsvergangenheit auf-
Hauptstadt auslöste. In der Bomben- lation der japanischen Streitkräfte«. gearbeitet. Aktionen der Versöhnung
nacht von Tokio, der Bombardierung Über die Annahme oder Ablehnung mit den Nachbarn sind nicht in ausrei-
mit den meisten Opfern im Zweiten der Deklaration von Potsdam wurde in chender Form erfolgt, sodass beispiels-
Weltkrieg, starben zwischen 80 000 und Tokio im Hochsommer 1945 diskutiert, weise territoriale Konflikte zwischen
120 000 Menschen. wobei es aus Sicht kaisertreuer Militärs Japan und China, Südkorea und Russ­
Nach dem Angriff auf Tokio folgten und Politiker oberstes Gebot war, Ja- land bis heute existieren. Personen, die
weitere Angriffe auf japanische Küsten- pans monarchische Staatsform zu be- als Zwangsarbeiter oder Zwangspros-
und Industriestädte: Beispielsweise wahren. Zeitgleich gab es japanische tituierte unter japanischer Herrschaft
wurde Osaka, wo Schwerindustrie, Versuche, über sowjetische Vermitt- gelitten haben, stellen Entschädigungs-
Rüstungsbetriebe und Waffenarsenale lung zum Frieden zu gelangen. forderungen. Auch die US-amerika-
angesiedelt waren, über 50 Mal bom- nisch-japanische Freundschaft wird
bardiert. In den Monaten Juni und Juli Hiroshima und Nagasaki dadurch getrübt, dass wechselseitig
1945 erlitt Osaka vier schwere Flächen- auf eine Entschuldigung und ein
bombardements und hatte bis Kriegs­ In diese Situation hinein warf am 6. Au- Schuldeingeständnis für Pearl Harbor
ende aufgrund der konventionellen gust ein B-29-Bomber die erste Atom- beziehungsweise Hiroshima/Nagasaki
Luftangriffe der Alliierten 15 000 Tote bombe »Little Boy« auf Hiroshima ab. gewartet wird. Es bleibt abzuwarten,
zu beklagen. In ganz Japan fielen 1945 In Folge der Explosion und des damit wie die Generation der Nachkriegsge-
Hunderttausende den US-amerikani- einhergehenden Feuersturms starben borenen in Japan mit der Geschichte
schen Luftangriffen zum Opfer. 70 000 bis 80 000 Menschen. Bis Jahres­ des Pazifikkrieges in Zukunft weiter
Inwieweit die Flächenbombarde- ende 1945 stieg die Opferzahl auf über umgehen wird.
ments für eine kriegsentscheidende 140 000 an. Zwei Tage später brach die
Minderung der japanischen Kriegs- Sowjetunion das gegenüber Japan seit  Takuma Melber
wirtschaft sorgten, wird kontrovers April 1941 bestehende Neutralitätsab-
diskutiert, lag Japan doch bereits im kommen, erklärte dem Kaiserreich den Literaturtipps
Frühjahr 1945 militärisch am Boden Krieg und setzte seine Soldaten auf Gerhard Krebs, Japan im Pazifischen Krieg. Herrschafts-
und litt unter großen wirtschaftlichen dem asiatischen Kontinent für eine system, politische Willensbildung und Friedenssuche,
und logistischen Engpässen. Trotz der Großoffensive in Bewegung. Ein zwei- München 2010.
sich abzeichnenden Kriegsniederlage ter US-amerikanischer Atombomben- Takuma Melber, Pearl Harbor. Japans Angriff und der
signalisierte Tokio aber keine Kapitula- abwurf erfolgte am 9. August 1945 auf Kriegseintritt der USA, München 2016.
tionsbereitschaft. Vielmehr setzten ja- die Stadt Nagasaki, Zentrum der Mitsu-
panische Militärs und Politiker ihre bishi-Rüstungsbetriebe. 70 000 bis
Hoffnung darauf, dass die Alliierten 80 000 weitere Tote waren die Folge.
angesichts des von japanischer Seite Der Abwurf der zweiten Atombombe
mit Fatalismus bis zum letzten Atem- ist heute auch als zeitgenössischer Fin- Im Hintergrund: Atompilz über Nagas-
zug geführten Krieges in einen Ver- gerzeig, als Demon­stration militäri- aki. Abwurf der zweiten Atombombe
handlungsfrieden einlenken würden. scher Stärke gegenüber der Sowjetu- über Japan am 9. August 1945. akg-images

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 13


Krieg als Spiel

akg-images/INTERFOTO/TV-Yesterday
5Spiele als Propagandainstrument. Patriotisches Brettspiel über den Krieg im Westen gegen Frankreich, 1915.

Medium des banalen Militarismus?


Kriegsspiele im 19. und 20. Jahrhundert

S
pielen ist eine zentrale menschli- eine Gelegenheit, mit nahezu mathe- Kriegsspiel als militärische
che Kulturtechnik. Das Medium matischer Exaktheit Verläufe von Kriegsschule
Spiel ist durch eine Vielzahl an Schlachten zu rationalisieren, die
Verwendungsmöglichkeiten gekenn- durch das menschliche Handeln ei- Historisch war es denn auch nicht zu-
zeichnet. Doch es ist kein Zufall, dass gentlich ein hohes Maß an Unbere- letzt das Militär selbst, das ein Eigenin-
es früh Kriege, Schlachten und Armeen chenbarkeit aufweisen. Die Auswahl teresse an derartigen Spielen hatte –
waren, welche die Rahmenhandlung eines konkreten Ausschnitts eines krie- und wesentlich zu ihrer Entstehung
prägten. Vorläufer militärischer Plan- gerischen Konflikts für ein Kriegsspiel beitrug. Anfang des 19. Jahrhunderts
spiele finden sich bereits in der Antike. klammert zwar viele der unvorherseh- entwickelten deutsche Militärstrategen
Die Möglichkeit zum kontrafakti- baren Friktionen aus, macht einen be- das sogenannte Kriegsspiel. Hierbei
schen Ausspielen von bestimmten grenzten operativen Teil aber zugleich handelte es sich um eine ausgefeilte
Szenarien und zur Kontrolle der Er- spielbar. Das Entscheiden in bestimm- militärische Spielform, die die preußi-
gebnisse durch Abänderung einzelner ten militärischen Situationen kann so sche Armee in einer durch den Kriegs-
Variablen machen Spiele zu einem ge- auf abstrakte Weise geformt sowie mit- rat Georg Leopold von Reiswitz adap-
radezu idealen Werkzeug der militäri- tels der im Spiel gegebenen Möglich- tierten und 1824 von seinem Sohn
schen Operationsplanung und Kon- keit der Wiederholung überprüft wer- perfektionierten Form zur Schulung
fliktsimulation. Kriegsspiele bieten den. von Offizieren einsetzte. Tatsächlich

14 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


spielten vorrangig die Königsfamilie Geringerer als der Schriftsteller und Beschränkungen des Versailler Vertra-
und hohe Militärs die im Laufe des bekennende Pazifist H.G. Wells An- ges zu unterlaufen.
19. Jahrhunderts nach und nach weiter­ fang des 20. Jahrhunderts mit den Bü- Auch im Nationalsozialismus dien-
entwickelten Kriegsspiele, wenngleich chern Floor Games (1911) und Little ten Spiele dem Regime zur Erziehung
sich mancherorts eigens gegründete Wars (1913) ein literarisches Denkmal der »Volksgemeinschaft«. Über Wür-
Clubs wie der »Berliner Kriegspiel-Ver- setzte. fel-, Karten- und Gesellschaftsspiele
ein« (1828) um Weiterent­wicklungen Während die frühen Kriegsspiele all- wie Der Siegeslauf des Hakenkreuzes
des Spielformats und Regelwerks be- gemein zur Kategorie der Tabletop-­ (1933), das Führer-Quartett (1934) oder
mühten. Strategiespiele (miniature wargames) das antisemitische Juden raus! (1938)
Hierbei entstanden zahlreiche Spiel- zählen, setzte der Siegeszug des Gen- verbreitete sich die NS-­Ideologie. Das
mechanismen, die sich trotz des kom- res in eine breitere Öffentlichkeit erst enorm populäre Kriegsspielzeug und
pletten Wandels der technischen und mit der Umwandlung ins praktikab- zahlreiche Kriegsspiele bereiteten die
medialen Grundlagen zum Teil bis lere Brettspielformat ein. Das preußi- Bevölkerung wiederum speziell auf
heute finden lassen: beispielsweise das sche Kriegsspiel war auch in seiner den nahenden Krieg vor. Nach Kriegs­
Prinzip der Unterteilung des Spielfel- modifizierten Variante nicht zuletzt in- beginn trugen Bomben auf England
des in ein Gittersystem oder die Be- folge der großflächigen topogra­fischen (1939) oder das Adler-Luftverteidigungs-
schränkung auf zumeist zwei Konflikt- Karten, die oft einen Maßstab von spiel (1941) den Kriegsverlauf in die
parteien. In vielen Varianten dienten 1:8000 erreichten, schlicht zu teuer für Wohnzimmer der »Heimatfront« – dies
Würfel dazu, das Schlachtverläufen ei- die Massenproduktion. galt freilich gleichfalls für ähnlich
gene Moment des Zufalls zu simulie- Im Ersten Weltkrieg waren Brett- und propagandistisch aufgeladene Spiele
ren. Detaillierte Regelwerke, die ein Kartenspiele überaus populär, mit de- wie Blockade – A Game for Armchair Ad-
hohes Maß an militärischer Genauig- nen die Schlachten in den Wohnzim- mirals (1941) oder Bomb Berlin! (1944)
keit möglich machten, etablierten sich mern der »Heimatfront« nachgespielt auf alliierter Seite.
früh als Standard. Dies führte zu häufi- wurden. Dabei konnten zugleich mili-
gen Klagen über die zu große Kom- tärische Aspekte verdeutlicht und Den Kalten Krieg spielen
plexität der Spiele. So besaß bereits der Kriegsbegeisterung geschürt werden.
von Reiswitz im Jahre 1812 – auf dem Tatsächlich waren bereits vor 1914 im Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte
Höhepunkt der Napoleonischen Deutschen Kaiserreich Kriegsspiele in es einige Zeit, bis Kriegsspiele ihr
Kriege – entworfene Prototyp des unterschiedlichster Form ein wichtiges Comeback feierten – und zwar nun
Kriegsspiels eine 60-seitige Anleitung. Mittel, um Feindbilder und Obrigkeits- stark kommerzialisiert als Teil des ex-
Außerhalb Preußens verbreiteten denken zu verbreiten und das Volk an pandierenden Brettspielmarktes und
sich die Kriegsspiele erst nach dem gewaltsame Konfliktlösungen und mit einem anderen räumlichen Zen-
Deutsch-Französischen Krieg von speziell die Möglichkeit eines Präven­ trum, nämlich den USA. Als Pionier
1870/71, dessen Ausgang viele Beob- tiv­krieges zu gewöhnen. Die hochpoli- des »Militainment« gilt der US-ameri-
achter auch auf die gute, spielerisch tische Bedeutung von Kriegsspielen kanische Spielentwickler Charles S.
vermittelte Vorbereitung auf deutscher zeigte sich auch in der Zwischenkriegs- Roberts, dessen 1952 gegründetes Un-
Seite zurückführten. Gerade an den zeit, als sie von der Reichswehr zur ternehmen Avalon Hill erfolgreich ein
englischen Eliteschulen hielten die Modernisierung ihrer strategischen neues Geschäftsmodell für Kriegs-
Kriegsspiele nun rasch Einzug – und so und taktischen Planungen benutzt spiele etablierte. Roberts verwendete
war es nur folgerichtig, dass ihnen kein wurden. Damit halfen sie letztlich, die dabei vorgefertigte Spielbretter und Fi-
guren sowie Rahmenhandlungen, die
picture alliance/dpa

wahlweise völlig fiktiv oder realen Er-


eignissen nachgestellt waren. Rasch
zeigte sich das Vorhandensein eines
Massenmarkts für Konfliktsimulatio-
nen (Cosims), einer beschönigenden
Umschreibung für Kriegsspiele, die
nicht zufällig in jenen Jahren gerade im
deutschsprachigen Raum Verbreitung
fand. Im angespannten Klima des Kal-
ten Krieges war das Ausspielen kriege-
rischer Handlungen automatisch eine
ebenso brisante wie ernste Angelegen-
heit. Zugleich entsprach es offenbar
den gesellschaftlichen Interessen: So
stiegen die Verkaufszahlen von Kriegs-
spielen zwischen 1964 und 1980 von

Ein Mann betrachtet im Deutschen


Spielzeugmuseum in Nürnberg das
Brettspiel Oh, welche Lust Soldat zu
sein! aus dem Jahr 1935, Foto Januar
2007.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 15


Krieg als Spiel

Ein Klassiker unter den Strategiespie- Noch vernichtender war die Kritik
len: das Brettspiel Risiko. im Fall des Kriegsspiels Fulda Gap
(1977) der Firma SPI. Es bot eine ex-
Genre und gab die Rahmenhandlung trem detailreiche und exakt recher­
vieler Spiele vor. Er schuf eine latente chierte Darstellung einer sich in der
Bedrohungslage, die nicht zuletzt die Talschneise entlang des Grenzbeob-
potenzielle militärische wie politische achtungspunktes Point Alpha abspiel-
Bedeutung der Cosims verdeutlichte. enden Schlacht zwischen der NATO
Darüber hinaus bot er eine klare und dem Warschauer Pakt: ein Szena-
Freund-Feind-Einteilung, großflächige rio, das durchaus den damaligen
und komplexe militärische Szenarien NATO-Verteidigungsplänen ent-
sowie die Nuklearwaffen als extreme sprach. Bekannt und beliebt war das
Waffengattung, die der fiktiven Eskala- Spiel zunächst primär bei den US-ame-
tion eine besondere Qualität zu geben rikanischen Soldaten, die entlang der
imago images/imagebroker/hohenacker

versprach. Manche dieser Spiele waren innerdeutschen Grenze stationiert wa-


dabei sogar von der US Army mitfi- ren.
nanziert worden. Diese setzte die Auf der Nürnberger Spielemesse
Cosims auf Empfehlung der militärna- 1982 präsentierte SPI das Spiel erst-
hen Denkfabrik RAND Corporation mals einer breiteren westdeutschen Öf-
mittlerweile ebenfalls zu Übungs- fentlichkeit – und provozierte damit ei-
zwecken ein. nen wahren Proteststurm. Mit dem
Die Wahrnehmung der Brettspiele Grauen dürfe man keine Geschäfte ma-
hing allerdings stark von den jeweili- chen, hierin war sich die Presse in der
gen nationalen Rahmenbedingungen Bundesrepublik einig. Und somit war
ab. In den USA resultierte ihre unhin- es nun die Friedensbewegung, in der
62 000 auf knapp 2,2 Millionen Exem- terfragte Beliebtheit nicht zuletzt aus sich Fulda Gap Mitte der 1980er Jahre
plare sprunghaft an. Alleine der US- einer grundsätzlichen, überparteili- rasant verbreitete. Sie nutzte es als Be-
Spiele-Verlag SPI vertrieb über die chen und gesellschaftlichen Anerken- leg für eine fehlgeleitete US-amerikani-
Zeitschrift Strategy & Tactics, deren nung des eigenen Militärs in Zeiten des sche Militärdoktrin, die vorsah, einen
Aus­gaben jeweils eine Cosim beilag, in Kalten Krieges. Dies führte – unge­ Dritten Weltkrieg im hochmilitarisier-
jener Zeit im Schnitt über 40 Spiele für achtet der zunehmenden inneren ten osthessischen Niemandsland aus-
37 000 Abonnenten pro Jahr. Zahlrei- ­Konflikte im Zuge des Vietnamkrieges fechten zu lassen.
che Bücher und Druckschriften gaben – dazu, dass breite Bevölkerungs-
den Spielern Tipps und boten schichten den Ost-West-Konflikt und Digitale Kriegsspiele
Hintergrund­informationen. eine mögliche Anwendung von Gewalt
Das Spielformat erreichte auf diese zur Eindämmung des Kommunismus Dass der Markt für Brettspiel-Cosims
Weise neue und vielfältige Zielgrup- als gegeben akzeptierten. zu diesem Zeitpunkt nicht nur in der
pen und etablierte sich über den mili- In Westdeutschland blieben Kriegs- Bundesrepublik, sondern sogar in den
tärischen Bereich hinaus. Neben fach- spiele – auch in der sprachlich ent- USA komplett eingebrochen war, hatte
lich Interessierte traten zunehmend schärften Variante der Konfliktsimula- jedoch andere Gründe. Denn der ein-
Personen, die einfach eine spielerische tion – zwar populär, aber zugleich setzende Siegeszug digitaler Spiele
Herausforderung suchten. Hinzu ka- umstritten. Angesichts der militärisch schlug sich gerade auf dieses Genre
men politische Aktivisten, die mittels prekären Lage des Landes im Kalten nieder. So erwiesen sich digitale
des Nachspielens einer kriegerischen Krieg sowie der nationalsozialistischen Kriegs­spiele rasch als deutlich benut-
Eskalation des Kalten Krieges deren Vergangenheit sahen sich Cosims in zerfreundlicher im Vergleich zu ihren
Kon­sequenzen aufzeigen wollten. Tat- der Bundesrepublik einer starken Kri- oft überkomplexen analogen Pendants:
sächlich war für das Aufblühen der tik ausgesetzt, die vor allem auf die Sie waren einfach zu bedienen, waren
Kriegsspiele gerade der zeithistorische vermeintlich kriegsverherrlichende mittels Spielkonsolen oder PC leicht
Kontext verantwortlich. Obschon viele Absicht abzielte. Dies zeigte sich etwa zugänglich und boten neue technische
Cosims Schlachten des Amerikani- in der Indizierung des populären Möglichkeiten insbesondere bei der Vi-
schen Bürgerkrieges, der Napoleoni- Spiels Risiko im Jahr 1982 durch die sualisierung des Kampfgeschehens.
schen Kriege oder des Zweiten Welt- Bundesprüfstelle für jugendgefähr- Nicht nur die US-Streitkräfte, die sich
krieges nachstellten, wiesen immer dende Medien: Trotz der sehr abstrak- von Atari eine für militärische Übungs-
mehr Spiele einen Bezug zum Kalten ten Konfliktdarstellung und sprachli- zwecke aufbereitete Version der Arca-
Krieg auf. cher Anpassungen des Herausgebers de-Panzersimulation Battlezone (1980)
Es war also kein Zufall, dass die Blü- für den westdeutschen Markt (aus der entwickeln ließen, erkannten dies früh.
tezeit der Cosims und der »Zweite »Eroberung« von Regionen machte die Auch der führende Kriegsspiel-Her-
Kalte Krieg« – jene Phase der erneuten deutsche Spielausgabe etwa deren »Be- steller Avalon Hill brachte ab Anfang
Verschärfung des »Säbelrasselns« zwi- freiung«) wurde die Indizierung erst der 1980er Jahre verstärkt Videospiele
schen den Supermächten ab den spä- nach einem langjährigen Rechtsstreit wie den textbasierten Flugsimulator B1
ten 1970er Jahren – zeitlich zusammen- infolge eines Urteils des Oberverwal- Nuclear Bomber (1980) heraus. Inner-
fielen. Der Ost-West-Konflikt wurde tungsgerichts Münster rückgängig ge- halb weniger Jahre liefen digitale
nun zum beliebtesten Thema in diesem macht. Cosims den nun veraltet erscheinen-

16 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


Das Konfliktsimulationsspiel Fulda Gap Point Alpha Stiftung

von 1984.

den Brettspielen den Rang ab: eine Ent-


wicklung, die mit einer weiteren Ex-
plosion der Absatzzahlen einherging.
Einzelne Titel verkauften sich fortan in
einem sechsstelligen Bereich.
Infolge der neuen Darstellungsmög-
lichkeiten digitaler Spiele verschärfte
sich auch die Problemwahrnehmung
in der europäischen Öffentlichkeit, zu-
mal viele frühe digitale Kriegsspiele
wiederum den Ost-West-Konflikt the-
matisierten. Spiele wie NATO Comman-
der (1983), Germany 1985 (1983), Refor-
ger ’88: NATO Defense of the Fulda Gap
(1984), Baltic 1985: Corridor to Berlin
(1984), Combat: Conflict Simulation
(1985), der auf dem Roman von Tom
Clancy basierende U-Boot-Simulator
The Hunt for Red October (1987) oder
Conflict: Europe (1989) visualisierten
letztlich bildgewaltig die Zerstörung ware Markt zeigte sich entsetzt, dass 19. und 20. Jahrhunderts transformierte
Europas. »alle Welt von Frieden und atomarer sich das Genre und es wurde öffentlich
So löste etwa Theatre Europe (1985), Abrüstung« spreche und gleichzeitig zugänglich. Zwar blieben Kriegsspiele
das einen Dritten Weltkrieg auf euro- die Nachfrage nach »Wargames« im- stets für die militärische Ausbildung
päischem Boden simulierte, eine breite mer weiter steige. Und in seltener Ei- relevant, doch erhielten sie zunehmend
Welle der Entrüstung aus, die in Finn- nigkeit lehnten in Großbritannien so- eine neue Funktion: Sie dienten dazu,
land zu einer Parlamentsdebatte, in der wohl die nationale Friedensbewegung der breiten Bevölkerung militärische
Bundesrepublik immerhin zur Indizie- als auch die Boulevardzeitung The Sun Zusammenhänge zu erläutern und auf
rung des Spiels führte. Eine Bespre- das Spiel als kriegsverherrlichend ab. spielerische Weise Wissen über Waffen
chung in der Zeitschrift Aktueller Soft- Deutlich entspannter war die Lage in oder Kriegstaktik zu vermitteln. Der
den USA: In der 40-seitigen Anleitung Krieg entwickelte sich zu etwas, das in
von North Atlantic ´86 (1983), einem den Kinder- und Wohnzimmern auf
hochkomplexen, textbasierten »opera- der ganzen Welt nachstellbar wurde.
https://img.zeitgeschichte-digital.de/CIP/preview/image/ZZF_online_images/4892

tional level game«, war zwar Platz für Dadurch wurde der Krieg, wie Kritiker
die genauen Reichweiten der einzelnen bis heute bemängeln, zugleich normali-
Flugzeugtypen oder umfangreiche Da- siert, veralltäglicht und verharmlost. Es
ten zu den Flottenverbänden, aber kein sind gerade diese Formen eines »bana-
Raum für moralische Abwägungen – len Militarismus«, die seit den 1970er
obwohl das Szenario mit der Besetzung Jahren zunehmend problematisiert
Westeuropas durch die Rote Armee be- werden.
gann. Die US-Computerspielzeitschrift Die weiterhin bestehende Bedeutung
Computer Gaming World bewertete das der digitalen Kriegsspiele für die mili-
Spiel schlicht als »enjoyable«, da es in tärische Ausbildung unterstrich hinge-
einer »more or less plausible future« gen der Rezensent eines von einem frü-
spiele. Einzig die Frage, ob das Spiel so heren Navy-Soldaten entwickelten
realistisch sei, dass es sich zu Fortbil- Seeschlacht-Simulators 1990 mit der
dungszwecken an der Marineakademie Feststellung: »This reviewer learned
in Annapolis eigne, verneinte der Re- more from his first six hours of playing
zensent mit Blick auf die aus NATO- Harpoon than he did in a one-year se-
Sicht prekäre Ausgangssituation: »No, minar of ›Maritime Operations‹ in the
at least I hope not.« Naval War College.«
Kriegsspiele dienten seit jeher der mi-
litärischen Ausbildung. Sie täuschen  Florian Greiner
den Ernstfall vor und erlauben es, oft
sehr detailreich Kriege und einzelne Literaturtipps
Konfliktszenarien zu simulieren. Mit Philipp von Hilgers, Kriegsspiele. Eine Geschichte der
dem medialen Wandel im Laufe des Ausnahmezustände und Unberechenbarkeiten, Mün-
chen 2008.
Anzeige für das Computerspiel Theatre Christopher G. Lewin, War Games and their History,
Europe von 1985. Stroud 2012.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 17


US-General Winfield Scott

akg-images
Der Einzug von Winfield Scott in Mexiko-Stadt. Lithografie von Adolphe Jean-Baptiste Bayot nach einer Zeichnung von Carl
Nebel, 1851.

Winfield Scott
Der »Grand Old Man« der modernen US-Armee

A
ls 1861 der Amerikanische Bür- of the Army«. 20 Jahre lang war er von England, zugleich Jakob VII. von
gerkrieg nach jahrelangen poli- »Commanding General of the United Schottland. Nach seiner Beteiligung an
tischen Unruhen begann, States Army« (Oberbefehlshaber des einem Aufstand gegen die englische
schied Generalleutnant Winfield Scott US-Heeres) und über sechs Jahrzehnte Krone 1745/46 flüchtete er anschlie-
(1786‑1866) aus der US-Armee in den der einzige Militär, der den Rang eines ßend nach Nordamerika und war dort
Ruhestand aus. »Old Fuss and Feath- Generalleutnants bekleidete. Offen- als Rechtsanwalt tätig. Winfield Scotts
ers« (dt.: »alter Wichtigtuer«; gemeint sichtlich hatte Scott Leistungen für die Vater wurde bereits in Amerika gebo-
war damit sein Hang zu Eitelkeit und Armee erbracht, die diese Wertschät- ren; er schuf in Virginia als Farmer den
Unruhestiftung), wie man ihn despek- zung rechtfertigten. großen Familienbesitz, der den Scotts
tierlich nannte, schien ein Relikt aus ei- den Aufstieg in die führenden Kreise
ner anderen Zeit zu sein, zu alt und zu Herkunft und Ausbildung der Kolonie ermöglichte, und kämpfte
krank, um auf einem Pferd von vorn zu im Amerikanischen Unabhängigkeits-
führen. Zudem erschien er manchem Der Name »Scott« deutet seine Her- krieg (1775‑1783) in der Kontinental-
geistig verwirrt, da er scheinbar völlig kunft an. Sein Großvater stammte aus armee unter George Washington.
abwegige Vorstellungen vom begin- Schottland, war ein Gegner der briti- Nach dem Krieg wurde Winfield
nenden Bürgerkrieg verbreitete. Seine schen Krone, die Schottland im Verei- Scott auf Laurel Branch, der Familien-
militärischen Leistungen trugen Scott nigten Königreich mitregierte, und als farm, geboren. Er war das jüngste von
jedoch auch einen durchaus ehrenvol- Jakobit Anhänger des ehemaligen Kö- insgesamt acht Geschwistern und erst
len Spitznamen ein: »Grand Old Man nigs aus dem Hause Stuart, Jakob II. 17 Jahre alt, als beide Eltern starben. Da

18 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


die Farm von seinem ältesten Bruder akg/sciences scoure
General Winfield Scott (1786‑1866),
übernommen wurde, musste Scott sei- Porträt.
nen Lebensunterhalt anderweitig ver-
dienen und schrieb sich 1805 trotz bis Oberbefehlshaber der Konföderation
dahin eher unzureichender Schulbil- im Bürgerkrieg einen ruhmreichen Na-
dung am College of William & Mary men erwarb.
(»W&M«) in Virginia ein. Dort richtete Die folgenden Jahrzehnte waren in
sich sein akademisches Interesse rasch erster Linie durch die Kämpfe der wei-
auf die Rechtswissenschaften; zugleich ßen US-Amerikaner gegen die »india-
erweiterte Scott seine Allgemeinbil- nischen« Ureinwohner geprägt, die
dung mittels der Lektüre historischer sukzessive nach Westen und Norden
und philosophischer Schriften. Hier oder in Reservate verdrängt wurden,
beschäftigte er sich ebenfalls erstmals die ihnen kaum Existenzmöglichkeiten
mit den Leistungen antiker Militärs, boten. An diesen Kämpfen und Depor-
wobei er sich nicht auf deren rein mili- tationen war Scott als Kommandeur
tärische Aktivitäten beschränkte, son- größerer Truppenkontingente persön-
dern auch das politische Wirken seiner lich beteiligt: Black-Hawk-Krieg 1832,
Protagonisten studierte. Bereits 1806 Zweiter Seminolenkrieg 1835‑ 1842,
bekam er eine Stelle als Anwalt in einer »Umsiedlung« der Creek 1836/37 und
Kanzlei in Petersburg. der Cherokee 1838. Auf dem »Pfad der
Nur ein Jahr später begann Scott Tränen« (»Trail of Tears«), der Depor-
seine militärische Karriere. Er wurde tation von nordamerikanischen »In­
als Kavallerie-Korporal Teil der virgi- dianern« aus ihren ursprünglichen
nischen Miliz. Abgesehen von Kriegs- riet sowie als Stabschef eines Generals Siedlungsgebieten in ein Territorium
zeiten – etwa im Unabhängigkeitskrieg und als Regimentskommandeur im heutigen Bundesstaat Oklahoma,
oder im Bürgerkrieg – wurde die diente, wurde er im Frühjahr 1813 zum starben tausende Männer, Frauen und
US-Armee aus politischen Gründen Oberst befördert. Er kritisierte inzwi- Kinder.
vergleichsweise klein gehalten, um schen offen einige seiner Vorgesetzten,
den potenziellen Missbrauch der die aus seiner Sicht aufgrund ihrer In- Der Weg zum Oberbefehlshaber
Truppe als »persönliches Werkzeug« kompetenz trotz eigener zahlenmäßi- der US-Armee
des Präsidenten und der Bundesregie- ger Überlegenheit die Briten in Kanada
rung in Washington D.C. gegen die nicht zu schlagen vermochten. Seine Als Spitzenmilitär war Scott in dieser
Einzelstaaten zu verhindern. Die Ver- Beliebtheit steigerte Scott auf diese Zeit – er diente insgesamt unter 14 Prä-
teidigung der Bundesstaaten oblag der Weise nicht, aber die Politik wurde auf sidenten – auch in politische Angele-
jeweiligen Staatsmiliz, sodass im Rück- ihn aufmerksam. genheiten eingebunden, etwa die soge-
blick der Beginn der militärischen Kar- Der Präsident schien den kritischen nannte Nullifikationskrise von 1832/33:
riere Scotts als Mitglied der Miliz von Geist Scotts zu akzeptieren und beför- Der Streit zwischen den industriell ge-
Virginia nicht ungewöhnlich erscheint. derte ihn 1814 zum Brigadegeneral, prägten nördlichen und den agrarisch
Der spätere US-Präsident Abraham dem jüngsten des US-Heeres. Wenige geprägten südlichen Bundesstaaten
Lincoln nahm beispielsweise ebenfalls Wochen später gelang es Scott mit sei- um Zollgesetze drohte damals, also be-
als Hauptmann der Miliz von Illinois ner Brigade, in der Schlacht bei Chip- reits drei Jahrzehnte vor dem Bürger-
1832 während des Black-Hawk-Krie- pewa eine etwa gleichstarke britische krieg, in einer staatlichen Spaltung zu
ges an einem Feldzug gegen die Urein- Truppe zu schlagen. Mehrere Wochen enden.
wohner des Landes, die »Indianer«, intensiven Trainings sowie seine Be- Nach 27 Jahren Dienst als Brigadege-
teil. mühungen, die Gesundheit seiner Sol- neral im Rang eines Generalmajors (eh-
daten zu verbessern, trugen hier sicht- renhalber) wurde Scott 1841 zum regu-
Erste militärische Erfolge bare Früchte. lären Generalmajor befördert, dem
Scott war nach Ende des »Krieges damals höchsten Dienstgrad in der
1808 übernahm die US-Armee den jun- von 1812« einer der von den US-Ame- US-Armee, und zum Oberbefehlshaber
gen Scott als Hauptmann – und in die- rikanern gefeierten Helden, was ihm des US-Heeres (Commanding General)
ser Armee verbrachte er das nächste nicht nur die Chance auf eine weitere berufen. In dieser Funktion komman-
halbe Jahrhundert seines Lebens. Er Karriere in der Armee eröffnete, son- dierte er im folgenden Mexikanisch-
beschäftigte sich inzwischen intensiv dern auch die Möglichkeit bot, seine Amerikanischen Krieg (1846‑ 1848),
mit dem Studium von Strategie und Vorstellungen von einem professiona- eine der beiden US-Armeen, die in Me-
Taktik, um seine Kenntnisse des Militä- lisierten Offizierkorps und einer stan- xiko einmarschierten. Die US-Amerika-
rischen autodidaktisch zu vertiefen. dardisierten Ausbildung in die Praxis ner waren im Zuge ihrer Expansion
Nur vier Jahre später, bei Ausbruch umzusetzen. Damit prägte er künftige nach Westen in Konflikt mit Mexiko ge-
des Britisch-Amerikanischen Krieges Generationen von US-Offizieren ent- raten, wobei der potenzielle Zugriff der
1812, war Scott bereits im Alter von scheidend, darunter auch einen der be- USA auf die zehn Jahre zuvor von Me-
26 Jahren zum Oberstleutnant aufge- deutendsten US-amerikanischen Gene- xiko abgespaltene Republik Texas und
stiegen. Innerhalb weniger Monate, in rale des 19. Jahrhunderts, Robert E. der Streit um Kalifornien eine zentrale
denen er an Schlachten teilnahm und Lee, der jahrzehntelang unter Scott Rolle spielten. Nach rund eineinhalb
kurzzeitig in Kriegsgefangenschaft ge- diente und sich später als General und Jahren Krieg war dieser mit dem Ein-

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 19


US-General Winfield Scott

marsch der US-Truppen in Mexiko- zu diesem Zeitpunkt bereits jahrzehn- Prozeduren, Traditionen und Regeln
Stadt im Herbst 1847 gewonnen. Aller- telang Erfahrungen im Kampf gegen sowie Aspekte des militärischen Le-
dings gab es während des Krieges auf Napoleon gesammelt. bens in der US-Armee zusammen. Auf
US-amerikanischer Seite trotz der jahr- Der Kongress reagierte noch wäh- Basis dieser Regularien verfasste Scott
zehntelangen Bemühungen Scotts, die rend des Krieges auf diesen festgestell- in den nächsten Jahrzehnten weitere
sanitären und hygienischen Verhält- ten Mangel und berief Scott an die Beiträge zu Organisation und Verwal-
nisse zu verbessern, über sechsmal Spitze einer kleinen Kommission, die tung der Armee, Vorschriften und mili-
mehr Tote durch Krankheiten als durch ein neues einheitliches System von Vor- tärische Abhandlungen (etwa zu Infan-
Kampfhandlungen. schriften, Regeln und Bestimmungen terietaktiken) und überarbeitete selbst
für Ausbildung, Training, Disziplin noch 1861 am Beginn des Bürger­
Politische Ambitionen und Taktik des US-Heeres ausarbeiten krieges seine »General Regulations«
sollte. Die Kommission orientierte sich zum wiederholten Mal.
Wie andere seiner Kameraden ent- vor allem am Vorbild der französischen
wickelte auch Scott politische Ambi- Armee und legte Anfang 1815 ihre Er- Der »Anakonda-Plan«
tionen. Er trat gleich bei mehreren Prä- gebnisse vor, die der Kongress bestä-
sidentschaftswahlen in Erscheinung, tigte und in der Armee einführte. Eine Als der Amerikanische Bürgerkrieg be-
kam jedoch 1840 und 1848 nicht über weitere Kommission, der Scott eben- gann, war Scott 75 Jahre alt, krank und
die innerparteilichen Vorwahlen hin- falls angehörte, kümmerte sich um die stark übergewichtig. Ein neuerliches
aus. 1848 unterlag er Zachary Taylor, Verkleinerung und die Reorganisation Engagement an der Spitze der Unions-
der sich bei der Wahl zum Kandidaten des Heeres nach dem Krieg gegen die truppen im Feld kam daher nicht mehr
der Whig-Partei durchsetzte und nach Briten, da das Milizsystem aus politi- infrage, sodass Scotts Zeit als Com-
seinem Sieg in der Präsidentschafts- schen (und finanziellen) Gründen be- manding General an der Spitze des
wahl in das Weiße Haus einzog. Vier vorzugt wurde. US-Heeres nach zwei Jahrzehnten zu
Jahre später, 1852, gewann Scott die Eine Europareise in den Jahren Ende ging. Der inzwischen zum Oberst
Vorwahlen der inzwischen im politi- 1815/16 führte Scott nach Frankreich, avancierte Lee galt nicht nur nach
schen Abstieg befindlichen Whig-Par- wo er im gelehrigen Austausch mit Scotts Meinung als der künftige Ober-
tei, verlor aber die Präsidentschafts- französischen, britischen, russischen befehlshaber des Heeres, sodass Scott
wahl gegen den Kandidaten der und preußischen Militärs trat, darun- ihn bei Präsident Lincoln als seinen
Demokraten, Franklin Pierce. Obwohl ter dem Marquis de La Fayette, der auf Nachfolger empfahl. Die Sezession der
Scott aus Virginia stammte, lehnte er amerikanischer Seite im Unabhängig- Südstaaten und der ausbrechende Bür-
die Sklaverei ab, was ihn im Süden keitskrieg gekämpft hatte. Aus dem gerkrieg sorgten allerdings dafür, dass
wichtige Wählerstimmen gekostet dort gesammelten Wissen und eigenen Lee sich aus Verbundenheit zu seinem
hatte, während seine Partei insgesamt Überlegungen entstanden 1821 die Heimatstaat Virginia mit dessen Aus-
die Sklaverei befürwortete, womit »General Regulations«, ein umfas- tritt aus der Union gleichfalls – und da-
man wiederum in den bevölkerungs- sendes Werk von allgemeinen Vor- mit abweichend vom ebenfalls aus Vir-
reichen Nordstaaten aneckte. schriften und Bestimmungen für Offi- ginia stammenden Scott – auf die Seite
Dennoch blieb Scott Oberkomman- ziere und Soldaten. Es fasste alle der Konföderierten stellte. Nachfolger
dierender und unter Präsident Pierce

akg-images/Universal Images Group/Universal History Archive


erfolgte seine Ernennung zum Gene-
ralleutnant (ehrenhalber). Scott war
weiterhin populär, wenngleich seine
negativen Charaktereigenschaften
ver­mut­lich ihren Teil zu seinem politi-
schen Scheitern beitrugen. Seine Eitel-
keit, der Drang, sich in den Vorder-
grund zu spielen, und kritische
Bemerkungen gegenüber Vorgesetz-
ten hatten ihm zahlreiche Feinde ein-
gebracht.

Modernisierung der Armee

Bleibende Verdienste erwarb sich Scott


durch die Modernisierung der Armee
im 19. Jahrhundert, die noch im Briti-
sch-Amerikanischen Krieg (1812‑1815)
das eigene Personal auf der Basis von
Vorschriften und Regularien aus dem
Unabhängigkeitskrieg (1775 ‑ 1783)
ausbildete. Die britische Armee hatte

Der sogenannte Anakonda-Plan, Kari-


katur, um 1861.

20 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


akg/John Parrot/Stocktrek Images

General Winfield Scott als Berater im Kabinett des US-amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, Washington D.C., 1861.

Scotts wurde daher der 40 Jahre jün- denen jedoch der größere Teil an charakterisierenden Truppe eine Be-
gere George B. McClellan, der sich als Krankheiten und nicht unmittelbar im rufsarmee, die den Grundstock für die
glänzender Organisator und Motiva- Kampf starb) und wurde letztlich mit erfolgreichen Armeen in den kommen-
tor, aber als schlechter Kämpfer (»zau- Hilfe der Seeblockade, der Kontrolle den Kriegen bis weit in das 20. Jahr-
dernder Napoleon«) entpuppte und des Mississippi und Feldzügen auf hundert hinein bildete.
sich auf Dauer nicht halten konnte. Südstaatenterritorium gewonnen. Der Professionalisierung auf allen Ebe-
Was der alte General Scott jedoch Frieden wurde nicht verhandelt, son- nen, eine einheitliche Ausbildung und
noch leisten konnte, war der Entwurf dern durch bedingungslose Kapitula- Training, eine praxisorientierte Fas-
des letztlich kriegsentscheidenden tion nach dem militärischen Sieg er- sung der Vorschriften sowie eine effek-
Plans, wie die Südstaaten zu besiegen reicht. Obwohl inzwischen Pensionär tive Verwaltung sind mit Scotts Namen
wären. Scott ging von einem zwei Jahre und General im Ruhestand, erlebte verbunden. Das sichtbarste Zeichen
dauernden Krieg aus und lag mit die- Scott diesen letzten Triumph noch. der Wertschätzung seiner Verdienste
ser Meinung völlig abseits der meisten um die US-Armee war sicherlich die
Politiker und Militärs der Union, die Geistiger Vater der Verleihung des Ranges eines General-
an einen nur wenige Wochen dauern- professionellen Armee leutnants im Jahr 1855. Zu erwähnen
den Krieg glaubten. So wurden die ers- sind aber auch zahlreiche Auszeich-
ten knapp 100 000 Freiwilligen ledig- Scott war eine körperlich und geistig nungen, unter anderem zwei Goldene
lich für drei Monate verpflichtet. beeindruckende Gestalt: Mit über Ehrenmedaillen des Kongresses und
Scotts sogenannter Anakonda-Plan 1,90 Meter Größe überragte er seine zwei Ehrendoktorwürden.
sah eine Blockade der Küste der Süd- Zeitgenossen deutlich, er beherrschte Umso erstaunlicher ist es, dass Scott
staaten und die Besetzung wichtiger Französisch, Griechisch und Latein, heutzutage kaum bekannt ist und bei
Hafenstädte vor, um der Wirtschaft der war wissbegierig und strebte nach Ver- Umfragen unter US-Amerikanern nach
Konföderierten zu schaden sowie de- vollkommnung seiner Bildung. Seine bedeutenden Schlachten und US-Kom-
ren potenzielle Unterstützung aus Beschäftigung mit Taktik und Strategie mandeuren im 19. Jahrhundert nur
Großbritannien und Frankreich zu ver- hob ihn auch hinsichtlich seiner mili- sporadisch auftaucht. In der Bevölke-
hindern. Vorgesehen war in seinem tärtheoretischen Kenntnisse weit aus rung sind eher die Schlachten des Bür-
Plan weiterhin eine Kontrolle des Mis- der Masse seiner Kameraden heraus. gerkrieges und deren Helden präsent.
sissippi, um die Konföderation zu Als nachteilig wirkten sich seine Eitel- Dabei wird zumeist vergessen, dass
spalten. Einen Frieden auf dem Ver- keit, sein Hang zur Verschwendung Scotts zunächst geschmähter und kriti-
handlungsweg lehnte Scott ab, da er und sein Geltungsdrang, der zu Pro- sierter Plan wesentlich dazu beitrug,
der Ansicht war, dieser wäre nicht von blemen mit Vorgesetzten führte, aus. den Sieg über die Südstaaten zu errin-
langer Dauer. Dennoch gilt Scott bis heute zu Recht gen. Darüber hinaus stand die Not-
Der Plan und die Überzeugung als einer der bedeutendsten US-ameri- wendigkeit einer schlagkräftigen und
Scotts von einem jahrelangen Krieg kanischen Militärs in der Mitte des gutgerüsteten Armee als unverzichtba-
wurden zunächst spöttisch aufgenom- 19. Jahrhunderts. Der »Grand Old res politisches Instrument für ihn nie
men, und nach den ersten Niederlagen Man« diente über ein halbes Jahrhun- zur Debatte.
der Unions-Armee – unter anderem in dert in der US-Armee, war 47 Jahre  Robert Riemer
der Ersten Schlacht von Bull Run – trat lang General und 20 Jahre Oberkom- Literaturtipp
Scott zurück. Gleichwohl wurden seine mandierender des US-Heeres. Vor al- John S.D. Eisenhower, Agent of Destiny. The Life and Ti-
Vorstellungen real: Der Krieg dauerte lem formte er mit seinen organisatori- mes of General Winfield Scott, Norman/Oklahoma 1999.
schließlich mehr als vier Jahre, kostete schen und verwaltungstechnischen
weit über eine halbe Million Tote (von Maßnahmen aus einer eher als Miliz zu

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 21


Service Das historische Stichwort

Wikipedia
5Jagdhaus der Familie Opel im Taunus: Die deutsch-amerikanische Unternehmerfamilie stellte der US-Regierung in deren Besat-
zungszone Liegenschaften zur Nutzung durch die CIA zur Verfügung. In diesem Haus wurden die Grundlinien der kommenden
bundesdeutschen Verteidigungspolitik bereits 1949 erörtert.

Vom »Besprechungsplan« zur


»Himmeroder Denkschrift«

D
ie Aufstellung der Bundeswehr Oppositionsführerin SPD – gefordert leutnant a.D. Hans Speidel stand
war ein zentraler Baustein zur und gefördert. diesem Schattengeneralstab vor und
Erlangung staatlicher Souverä­ Bereits vor Gründung des »Amtes stimmte das weitere Vorgehen mit der
nität. Das verteidigungspolitische Kon- Blank« (Herbst 1950), das dem Bundes­ US-Besatzungsmacht wie auch mit der
zept der Bundesrepublik zielte darauf kanzler direkt unterstand und der Bundesregierung ab.
ab, den westlichen Teil Deutschlands Vorläufer des Bundesministeriums für Unmittelbar nach dem Besuch des
als gleichberechtigten Partner inner- Verteidigung war, bestand ein als US-Außenministers Dean G. Acheson
halb der Allianz der NATO zu etablie- »Schattengeneralstab« zu bezeichnen- am 17. November 1949 wurden die ers-
ren. Auf diese Weise sollte in der exis- des Netzwerk. Dieses Netzwerk ba- ten konzeptionellen Überlegungen für
tenziellen Frage der Verteidigung sierte auf einem organisatorischen eine westdeutsche Streitmacht ange-
(West-)Deutschlands als zentrales Rahmen der US-amerikanisch geführ- stellt, welche die spätere Bundeswehr
Schlachtfeld eines potenziellen Dritten ten deutschen militärgeheimdienstli- prägten.
Welt­krieges ein Höchstmaß an Mit- chen »Organisation Gehlen«. Mit Hilfe Bereits eine Woche später, am 24. No-
sprache erreicht werden. Diese Kon- von aus US-Gefangenschaft entlasse- vember 1949, entstand als erste Diskus-
zeption hatten ehemalige Offiziere der nen deutschen Generalstabsoffizieren sionsgrundlage ein »Generalstabsme-
Wehrmacht bereits vor der Staatsgrün- wurde es unter US-amerikanischer morandum« mit dem Titel »Ge­­dan­ken
dung 1949 vorbereitet. Sie wurde zum Förderung ab 1947 gezielt ausgebaut. zur Remilitarisierung«. Diese Denk-
frühestmöglichen Zeitpunkt mit der Dort entstanden sukzessive die schrift war eine Gemein­schafts­leistung
Bundesregierung abgestimmt und Grund­strukturen für militärische Or- der ehemaligen General­stabsobersten
durch die USA im Dialog mit dem »of- ganisation, Operation und das militä- Eberhard Graf von Nostitz und Johann
fiziellen Bonn« – einschließlich der rische Nachrichtenwesen. General- Adolf Graf von ­Kielmansegg.

22 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


Mit dem von den ehemaligen Gene- der Familie Opel im Taunus, das als formal mit einer »militärischen Abtei-
ralen Hans Speidel, Adolf Heusinger Symbol für die Anfänge westdeutscher lung« unter Leitung Heusingers ausge-
und Hermann Foertsch vereinbarten Sicherheitspolitik betrachtet werden stattet werden konnte. In diese wurde
»Besprechungsplan« vom 5. Januar kann. das bei der Organisation Gehlen »ge-
1950 entstand auf Grundlage des Me- Während der Besprechungsplan und parkte« Schlüsselpersonal aus dem
morandums ein erstes Eckpunktepa- die daraus folgende Augustdenkschrift ehemaligen Generalstab der Wehr-
pier, das der Bundesregierung überge- vom 7. August 1950 Konzeptionen auf macht sukzessive übernommen. Dabei
ben wurde. Dieser Besprechungsplan Ebene des Bundeskabinetts darstellten, garantierte eine inhaltliche Mitwir-
legte die Grundsätze künftiger west- markierte die sogenannte Himmero­­ kung am bisherigen Konzeptionie-
deutscher Streitkräfte hinsichtlich ihrer der Denkschrift vom 9. Oktober 1950 rungs- und Planungsprozess keines-
Fähigkeiten sowie deren Eingliede- den Übergang der Planungen in den wegs eine Übernahme in die spätere
rung in den freiheitlich-demokrati- ministeriellen Bereich. Sie fasst den Bundeswehr (wie etwa bei Hermann
schen (west)deutschen Staat fest. Die- Moment, an dem eine begrenzte militä- Foertsch, Hans Seidemann, Eberhard
ses inoffizielle Arbeitspapier bildete rische Fachöffentlichkeit über den Godt, Eberhard Graf von Nostitz, Kurt
fortan die Grundlage für alle Wieder- Stand der Dinge informiert wurde. Fett).
bewaffnungsbestrebungen der Regie- Die von der Forschung lange als Der »Besprechungsplan« legte den
rung Adenauer. Startschuss für einen westdeutschen Grundstein für die Bundeswehr als eine
Auf acht Seiten in Spiegelstrichauf- Ver­t eidigungsbeitrag wahrgenom- auf den Totalen (atomaren) Krieg vor-
zählung fanden Foertsch, Speidel und me­ne Konferenz fand im abgelegenen bereitete Massenarmee. Ihren Kern bil-
Heusinger dort wesentliche Antworten Eifel­kloster Himmerod statt. Die im deten drei Panzerkorps (eigentlich Pan-
zur »Klärung der Frage eines Wehrauf- Anschluss durch von Kielmansegg zergruppen oder Panzerarmeen) mit
baus in Westdeutschland im engsten verfasste Denkschrift stellt somit nicht angebundener Begleitluftwaffe (eigent-
Rahmen«. Von anderen Denkschriften das zentrale Gründungsdokument der lich Fliegerkorps). Die Bundeswehr
unterschied sich dieses Arbeitspapier Bun­deswehr dar. Sie war vielmehr der wurde somit teilstreitkraftübergreifend
zum einen durch den unmittelbaren »ministerielle« Auftakt zur Auspla- (joint) konzipiert, um aufgrund ihres
Auftrag der Bundesregierung in der nung künftiger Streitkräfte auf der Umfangs, ihrer Aus­rich­tung und ihrer
Person des zum »Schattenverteidi- Grundlage des strategisch formulier- Grundstruktur militärische Entschei-
gungsminister« auserkorenen Eber- ten »Besprechungsplans«. dungen politischer Relevanz auf den
hard Wildermuth. Zum anderen waren Das Ziel eines nationalen Verteidi- Gefechtsfeldern herbeiführen zu kön-
die Inhalte bereits durch die mit Remi- gungsministeriums war zum Zeit- nen. Diese Fähigkeit ermöglichte der
litarisierungsangelegenheiten beauf- punkt der Tagung in Himmerod (5. bis Bundesrepublik Deutschland ange-
tragte Dienststelle 35 der Organisation 9. Oktober 1950) bereits seit knapp drei sichts eines drohenden Dritten Welt-
Gehlen abgestimmt. Der ehemalige Monaten via Organisation Gehlen und krieges auf dem »Schlachtfeld Deutsch-
General der Artillerie Horst von Mel- CIA an die US-Regierung kommuni- land« ein Höchstmaß an Mitsprache
lenthin hatte sich mit maßgeblichen ziert und von dieser bereits vor der Ta- und somit ein politisch weitestgehend
Vertretern des verbotenen Generalsta- gung gutgeheißen worden. Ein ande- souveränes Handeln. Dazu wurde die
bes, der Wehrmachtsteile und der res Vorgehen wäre auch angesichts der Bundeswehr – ein militärpolitisches
Veteranenverbände geeinigt. Als Ort alliierten Besatzungsrechte gar nicht Novum in der deutschen Militärge-
für diese Entstehungs- und Abstim- denkbar gewesen. Es sollte indes noch schichte – 1955 schließlich in die Struk-
mungsprozesse diente das Jagdhaus bis 1952 dauern, bis das »Amt Blank« turen der NATO unter Verzicht auf ein
nationales Oberkommando integriert.
picture alliance/imageBROKER

Zugleich war die Bundeswehr auf-


grund ihres Umfangs, ihrer Struktur
und ihrer operativen Befähigung in der
Lage, mittels ihrer luftunterstützten
Panzergruppen militärische und somit
politische Macht abzubilden. Es war
diese militärische Macht, die gemein-
sam mit den transatlantischen Verbün-
deten den Frieden in Europa sicherte.
Ohne die Bundeswehr in der im
»Besprechungsplan« durch Speidel,
­Foertsch und Heusinger entworfenen
Form wäre die Geschichte der Bundes-
republik ungleich anders – nämlich
vermutlich weniger frei – verlaufen.

Agilolf Keßelring und Thorsten Loch

Das Eifelkloster Himmerod: Hier wurde


der »Besprechungsplan« der Generale
Speidel, Foertsch und Heusinger zur mi-
nisteriellen Planungsgrundlage erweitert.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 23


Service Neue Medien

ARD-Anstalten. Zusätzlich kommen Killed in Action


zu einzelnen Themen immer wieder

Sicherheitspolitik
Experten zu Wort. Die genutzten For-
mate umfassen dabei klassische Repor-
tagen, Interviews und Kommentare.
K arfreitag 2010: Während die Bevöl-
kerung in der Heimat den Feiertag
begeht, tobt tausende Kilometer ent-
Auch für thematische Vielfalt ist ge- fernt in Isa Khel/Afghanistan das
sorgt. Von A wie Atomwaffensperrver- schwerste Gefecht der Bundeswehrge-
trag bis Z wie Zukunftskrieg wird eine schichte. Am Abend desselben Tages
Vielzahl an sicherheitspolitischen The- sind drei deutsche Soldaten tot, acht
men bedient. Abrufbar sind die einzel- weitere teilweise schwer verwundet.
nen Episoden über die Homepage von Die Ereignisse dieses Tages haben
NDR Info sowie über die ARD-Audio- Deutschland und die Bundeswehr ver-
thek. ändert, mehr als den meisten Beteilig-
Der Podcast »Sicherheitshalber« exis- ten zum damaligen Zeitpunkt bewusst
tiert erst seit 2018, hat seitdem aber be- gewesen sein dürfte.
reits über 30 reguläre Folgen zu sicher- Die von NDR-Info produzierte
heitspolitischen Themen veröffentlicht. sechsteilige Podcast-Reihe »Killed in
Hinzu kommen diverse Sonderfolgen Action – Deutschland im Krieg« der
mit teilweise hochkarätigen Gästen beiden ehemaligen ARD-Afghanistan-
(etwa dem Generalinspekteur der Bun- korrespondenten Christoph Heinzle

E s gibt sie inzwischen zu beinahe je-


dem Thema, ob Omas Kochrezepte,
»König Fußball« oder zur deutschen
deswehr).
Im Gegensatz zu »Streitkräfte und
­Strategien« diskutieren in »Sicherheits-
und Kai Küstner stellt genau diese Ge-
schehnisse in das Zentrum einer Re-
portage über den Einsatz der Bundes-
Geschichte – die Rede ist von Podcasts. halber« die Wissenschaftlerin Dr. Ul- wehr in Afghanistan seit 2001. Im
Auch in der sicherheitspolitischen rike Franke vom European Council of selben Zug werden die Geschichte und
Community erfreut sich das Format Foreign Relations in London, die Wis- die Entwicklung der deutschen Aus-
seit einiger Zeit einer zunehmenden senschaftler Professor Dr. Carlo Ma- landseinsätze seit den frühen 1990er
Beliebtheit, wie man anhand des Er- sala und Dr. Frank Sauer, beide von der Jahren sowohl aus rechtlicher als auch
folgs der Podcasts »Streitkräfte und Universität der Bundeswehr in Mün- aus politischer Sicht thematisiert.
­Strategien« und »Sicherheitshalber« chen, sowie der Journalist Thomas »Killed in Action« nähert sich den Er-
sehen kann. Wiegold vor allem tagesaktuelle au- eignissen des Karfreitagsgefechts über
»Streitkräfte und Strategien« ist ßen- und sicherheitspolitische The- die Biografien von Maik Mutschke,
streng genommen kein Podcast, son- men. Diese reichen von der Frage nach Philipp Pordzik und Alex: drei Solda-
dern vielmehr ein klassisches journa- dem Nachfolgemodell für den Kampf- ten, die das Gefecht hautnah erlebten
listisches Reportage-Format. Die Sen- jet »Tornado« über die Auswirkungen und teilweise bis heute mit ihren Er-
dereihe des Norddeutschen Rundfunks des Endes des INF-Vertrages bis zu den fahrungen und deren Folgen ringen.
(NDR) erscheint bereits seit 1968 alle sicherheitspolitischen Ambitionen Maik Mutschke überlebte den Angriff
zwei Wochen und behandelt in jeder Chinas. Die Folgen sind nicht nur in- der Taliban schwer verwundet und
rund 30-minütigen Folge zwischen formativ und lehrreich, sondern im- kämpfte sich in den folgenden Jahren
zwei und drei Themen aus dem Be- mer wieder auch höchst unterhaltsam. zurück ins Leben und in die Truppe.
reich der aktuellen Sicherheits- und Nützlich ergänzt wird der Podcast Philipp Pordzik rückte damals mit sei-
Militärpolitik. Im Mittelpunkt stehen durch eine umfangreiche Social-Me- nem Zug als Verstärkung aus und er-
dabei häufig die Bundeswehr, ihr Tra- dia-Begleitung der Protagonisten, vor lebte in eigenen Worten »Chaos pur«.
ditionsverständnis, ihre Rüstungsbe- allem auf Twitter. Die einzelnen Folgen Und Alex, ein Feldjäger, kämpft bis
schaffung, aber auch Themen der so- dauern 60 bis 90 Minuten und sind heute gegen eine schwere posttrauma-
zialen Absicherung von Soldaten. Die kostenlos über alle gängigen Portale tische Belastungsstörung (PTBS). Die
fundiert recherchierten Berichte bedie- abrufbar. Autoren lassen gleichfalls ranghohe
nen sich aus dem weltumspannenden Militärs, Wissenschaftler und Politiker
Korrespondenten-Netzwerk der Carsten Siegel zu Wort kommen, die das Geschehen
in einen größeren Kontext einordnen,
darunter die ehemaligen Verteidi-
gungsminister Karl Theodor zu Gut-
tenberg und Franz Josef Jung.
Die einzelnen Folgen der überaus ge-
lungenen Reportage-Reihe »Killed in
Action« dauern 34 bis 46 Minuten und
sind kostenlos über die Homepage von
NDR Info sowie die ARD-Audiothek
abrufbar.

Carsten Siegel

»Streitkräfte und Strategien« von NDR Info und »Sicherheitshalber«

24 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


neue scheidungen treffen, die in der Gruppe
Befürworter, aber auch Gegner finden.
Die Gegner der Entscheidung können
die Moral der Widerstandsgruppe
nachhaltig negativ beeinflussen. Ent-
scheidet man sich in einer Situation
zum Beispiel, ein jüdisches Geschäft
nicht vor der Plünderung zu schützen,
rettet dies vermutlich dem Charakter
das Leben, jedoch werden moralische
Fragen über die Vermeidung der Kon-
fliktsituation laut.
Zu den wichtigsten und elementaren
Unternehmungen, die sich im Lauf des
Spiels wiederholen, gehört unter ande-
rem das Sammeln von Spenden, das
»Killed in Action – Deutschland im Krieg« von NDR Info
nisationen wie die »Swing Jugend«, wiederum den Kauf von Papier für
die »Edelweißpiraten« oder der »Sperr- Flugblätter oder den Erwerb von Infor-
Kreis« leisteten zivilen Widerstand mationen ermöglicht. Oder das Spre-
und sind heute weniger bekannt oder chen mit diversen, realistisch darge-
in Vergessenheit geraten. Diesen Orga- stellten Gruppierungen wie etwa den
nisationen gibt das PC-Spiel, »­Through Kommunisten, christlich-liberalen An-
the Darkest of Times«, entwickelt von hängern oder den Kirchen. Das erhöht
Through the Darkest of Times Paintbucket Games aus dem Entwick- die Zahl der Unterstützer der eigenen
lerkollektiv »Saftladen Berlin«, ein Ge- Widerstandszelle.

M it dem Widerstand im Dritten


Reich verknüpfen viele die Atten-
tatsversuche von Claus Schenk Graf
sicht. Dabei soll das Gefühl vermittelt
werden, wie dieser zivile Widerstand
abgelaufen sein könnte. Der Spieler
Ein Tipp für jeden, der jetzt gleich
losspielen will: Das Sammeln von
Spenden ist von zentraler Bedeutung
von Stauffenberg oder von Georg El- wird in die Rolle des Anführers einer für den Erfolg der Widerstandsgruppe.
ser, die beide durch die Anwendung Widerstandszelle im Berlin der 1930er Denn mit Geld wird die Gruppe am
von Gewalt das NS-Regime zu Fall Jahre versetzt. Die Entwickler des Leben erhalten. Durch die Spenden
bringen wollten. Dabei waren die For- Spiels rücken besonders die Zerrissen- kann man frei zwischen unterschiedli-
men des Widerstands vielfältig. Orga- heit zwischen den verschiedenen poli- chen Widerstandsaktionen wählen.
tischen Richtungen Diese müssen jedoch mit Bedacht vor-
und die damit ver- bereitet werden. Dabei kann bereits zu
bundenen negativen Beginn eine einfache Flugblattaktion
Folgen für den orga- in einem Fiasko enden, wenn Spitzel
nisierten Widerstand der SA den Kauf von Papier und Farbe
ins Bild. aufklären. Das Aufsuchen eines abseits
Spielerisch ist gelegenen Geschäfts kann daher trotz
»­Through the Darkest eines erhöhten Aufwands für den Er-
of Times« eine Hom- folg der Gesamtaktion zielführender
mage an die Text-Ad- sein. Auch sollte jedes Mal gut abge-
ventures der 2000er wogen sein, ob man sich nicht auch
Jahre. Das Haupt- mal als Mitglied einer Widerstand-
menü ist die Zentrale, gruppe zu erkennen gibt. So kann sich
in der man seine ak- zum Beispiel der Mut auszahlen, bei
tuell wichtigsten Wi- der Bücherverbrennung seine ableh-
derstandskämpfer, nende Haltung zu zeigen.
sitzend, lesend oder Das Spiel »Through the Darkest of
fragend sieht. Hier Times« erschafft eine realistische und
werden durch das dadurch auch bedrückende Darstel-
Anklicken der Cha- lung der NS-Diktatur. Den Machern
raktere auch Teile der des Spiels gelingt dabei der Balance-
Geschichte vorange- akt, sowohl ein ansprechendes Spiel
trieben und über Er- entwickelt zu haben als auch den Zeit-
folg und Misserfolg geist der 1930er Jahre in Deutschland
diskutiert. Ja! Disku- realitätsnah zu vermitteln.
tiert. Denn immer
wieder muss man Severin Pleyer
auch moralische Ent-

PC-Spiel, Saftladen Berlin, Paintbucket games, bei Steam 14,99 Euro

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 25


Service Lesetipps

Deutsche Geschichte in Metropolen der Antike Hellenismus


Karikaturen
Sie sind uns fern und doch ganz nah, Der Globalisierungsbegriff wird ten-
Nicht weniger als eine »visuelle Ge- denn sie befinden sich in unserem kul- denziell immer als ein Produkt der
schichte der Bundesrepublik« soll die turellen Gedächtnis – die Metropolen Moderne betrachtet. Doch bereits die
»Deutsche Geschichte in Karikaturen« der Antike: Der Turm zu Babel stürzte griechisch-römische Antike wies klare
sein. Hierzu hat Herausgeber Ulrich ein, der Stammvater Abraham kam aus Anzeichen einer Globalisierung auf,
Schnakenberg aus einem Quellenkor- Ur, Cato der Ältere wollte Karthago wie der Althistoriker Angelos Chanio-
pus von über 30 000 Zeichnungen 115 zerstören, die Heimat Hannibals. Jesus tis eindrucksvoll zeigt. Ihm gelingt es,
ausgewählt, um die wichtigsten Weg- wurde unweit von Jerusalem gekreu- eine sehr komplexe Epoche auch ei-
marken der Geschichte der Bundesre- zigt. Der Apostel Paulus schrieb Briefe nem weniger althistorisch vorgebilde-
publik vom Ende des Zweiten Welt- an die Gemeinden in Korinth, Ephesos ten Leserkreis verständlich zu präsen-
krieges bis in die Gegenwart (die letzte sowie Rom, und Asterix schließlich er- tieren.
Karikatur datiert von 2016) darzustel- lebte Abenteuer in Athen, Lyon sowie Der neuzeitliche Begriff »Hellenis-
len. Olympia. mus«, der die Zeit zwischen dem Tod
Schnakenberg wählte mit den Kari- Tatsächlich aber gab es im Altertum Alexanders des Großen (323 v.Chr.)
katuristen Fritz Behrendt und Horst aber noch sehr viel mehr dieser großen und der Schlacht bei Actium (31 v.Chr.)
Haitzinger nicht nur Autoren, die teil- Städte mit Zentralfunktionen von beschreibt, stellt eine facettenreiche
weise über 50 Jahre die Geschichte der 2500 v.Chr. bis ins 5. Jahrhundert ­n.­Chr. Epoche dar. Diese Zeit war durch stän-
Bundesrepublik kommentierten und Der vorliegende Band lädt dazu ein, dig wechselnde Bündnisse und Herr-
deren Arbeiten in renommierten Zei- nicht weniger als 80 von ihnen zu ent- scher auf dem von Alexander dem
tungen veröffentlicht wurden. Ergänzt decken. Gegliedert ist die Sammlung Großen eroberten Territorium geprägt.
wird der Band durch die Karikaturen nach den heutigen Staaten bzw. Nach seinem Tod wurde es in langjäh-
von Alfred Beier-Red, welche die Per- Großräumen, wobei sowohl die heuti- rigen Kämpfen unter seinen ehemali-
spektive eines der führenden Karikatu- gen als auch die antiken Bezeichnun- gen Generalen und deren Nachkom-
risten aus der DDR beisteuern und den gen genannt werden. men in die Reiche der Ptolemäer,
Horizont des Bandes auf einen Die Zusammenschau verdeutlicht Seleukiden und Antigoniden dreige-
deutsch-deutschen Blickwinkel erwei- eindrucksvoll, wo sich antike Großrei- teilt.
tern. che mit ihren Zentren bildeten, wie Doch Chaniotis‘ Monografie endet
Neben mehrheitlich politik- und sehr sie sich um das Mittelmeer grup- nicht mit einer einfachen Zusammen-
wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten pierten und wie spät sich das Europa fassung der Geschichte des Hellenis-
finden sich unter den Karikaturen auch nördlich der Alpen kulturell ent- mus, sondern setzt sich über die Römi-
solche zu gesellschaftspolitischen The- wickelte: Vorderer Orient (8 Metropo- sche Republik bis zur Herrschaft
men, wie etwa der sogenannten Wehr- len), Ägypten (17), Griechenland (7), Kaiser Hadrians (117‑138 n.Chr.) fort.
machtsausstellung von 1997. Türkei (7), Italien und Kroatien (8), Dieser Schlusspunkt ist vom Autor
Der Band eröffnet einen spezifischen Nordafrika (17), Spanien und Portugal klug gewählt, da Kaiser Hadrian mit
geschichtskulturellen Blickwinkel auf (5), Frankreich (12), Deutschland und Sicherheit der »griechischste« aller rö-
die Geschichte der Bundesrepublik. In die Schweiz (5). mischen Kaiser war und er sein »Phil-
Karikaturen geht es eben nicht darum Alle Großstädte werden mit Lage- hellenentum« auch in der Wahl seiner
zu zeigen, »wie es eigentlich gewesen und Detailkarten, Bauzeichnungen in äußerlichen Erscheinung zelebrierte.
ist«, sondern es handelt sich bei ihnen Form von Aquarellen, Beschreibungen, Die Vernetzung der antiken Welt
explizit um Kommentare zu zeitgenös- Verweisen auf die antiken Quellen, die wird verständlich erläutert und setzt
sischen Themen. Sie können somit neue Forschungsliteratur und die ar- die Argumentation des Autors ge-
Ausgangspunkt für Diskussionen und chäologische Situation vorgestellt. So- konnt fort: Der hellenisierte und später
Denkanstöße sein, die auch und gerade mit kommen sie uns trotz der Ferne romanisierte Mittelmeerraum war be-
in der heutigen Zeit helfen, Informatio- noch näher, als sie uns dank Asterix, reits globalisierter, als dies heute oft
nen und deren Urheber kritisch zu hin- der Bibel und dem Latein- sowie Ge- vermutet wird.
terfragen. schichtsunterricht ohnehin schon sind.
Lucas Michaelis
cg hp

Ulrich Schnakenberg
(Hrsg.),
Deutsche Geschichte
in Karikaturen.
Eine visuelle Geschichte Angelos Chaniotis,
unserer Demokratie. Jean-Claude Golvin, Die Öffnung der Welt.
Von 1949 bis zur Metropolen der Eine Globalgeschichte
Gegenwart., Frank- Antike, 2., erw. Aufl., des Hellenismus,
furt a.M. 2019. ISBN Darmstadt 2019. ISBN Darmstadt 2019. ISBN
978-3-7344-0881-6; 978-3-8053-5184-3; 978-3-8062-3993-5;
176 S., 12,90 Euro 240 S., 48,00 Euro 528 S., 35,00 Euro

26 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


Judenhass Brandts Ostpolitik Weltgeschichten

Im Oktober 2019 verübte ein Rechtsex- Der Kalte Krieg ist vorbei. Diese Aus- Was ist das Wesen der Geschichte?
tremist an Jom Kippur, dem höchsten sage steht für eine Wahrnehmung, die Eine Frage, die man immer wieder neu
jüdischen Feiertag, in Halle (Saale) ei- viele Zeitgenossen seit dem Ende der stellen kann, auch als emeritierter Ge-
nen Anschlag auf die Synagoge. Nur 1960er Jahre teilten. Bipolarität, Block- schichtsprofessor. Ein solcher, nämlich
zwei Monate später, es war die Cha- disziplin und Abgrenzungspolitik der Neuzeithistoriker Wolfgang Rein-
nukka-Woche, griff in Monsey (New schienen sich mehr und mehr aufzulö- hard, hat nun ein kleines Bändchen
York) ein Mann jüdische Feiernde mit sen. Diesem Diktum folgend wirft vorgelegt, in dem er in 15 essayisti-
einem Messer an. Beide Vorfälle sind auch Gottfried Niedhardt, emeritierter schen Gedankengängen seine Antwort
Auswüchse eines gewaltsamen Juden- Professor der Universität Mannheim formuliert: Geschichte ist Konstruktion
hasses. Diesem Phänomen widmet sich und ausgewiesener Ostpolitik-Experte, und vor allem bestimmt von Gewalt
das vorliegende Buch. einen Blick »durch den Eisernen Vor- (im Sinne von violence und power).
Die 32 chronologischen Kapitel kön- hang«. Zum Beweis unternimmt Reinhard
nen im Großen und Ganzen das einhal- Kenntnis- und detailreich schildert er einen Parforceritt durch die Epochen
ten, was der Untertitel verspricht, wo- diese Dekade deutscher Außenpolitik, von der Antike bis zum Mauerfall, bei
bei der zeitliche Schwerpunkt auf dem in der »Wandel durch Annäherung« dem er am Wegesrand mit manch po-
19. und 20. Jahrhundert und der geo- die politische Praxis prägte. Kommuni- pulären Irrtümern aufräumen möchte.
grafische auf Europa liegt. Den Auto- kation stand der These des Buches fol- Germanen? Hat es nie gegeben, nicht
ren gelingt es eindrucksvoll zu ver- gend im Zentrum dieser Politik, die ge- als »ein« Volk und schon gar nicht als
deutlichen, wie widersprüchlich, kennzeichnet war durch Gipfeltreffen, »unsere deutschen Vorfahren«. Inquisi-
irrational, sich wiederholend und per- wirtschaftliche Kooperationen und Ge- tion? Ursprung des modernen Rechts-
fide die verschiedenen Formen des Ju- heimdiplomatie. Gleichzeitig war es wesens, keine katholische Willkür.
denhasses waren und sind. weiterhin eine »antagonistische Ko- Französische Revolution? Vorreiter des
Gleichzeitig weisen sie auf die Ge- operation«. Die Gegensätze des totalen Staates im 20. Jahrhundert.
fährlichkeit und Wirkmächtigkeit von Ost-West-Konflikts blieben bestehen. Das macht Lust auf mehr, auf Vertie-
antijüdischen Einstellungen, Maßnah- Die neue Bereitschaft zur Kooperation fung. Leider fehlen weiterführende Li-
men, Traditionen und Vorurteilen hin. gab dem Systemgegensatz bis zu sei- teraturhinweise völlig. Zudem sind 15
So erfährt der Leser etwas zur typi- nem Ende jedoch eine andere Gestalt. kurze Weltgeschichten leider doch 15
schen Täter-Opfer-Umkehrung, der Niedhardt gelingt es durch seinen kurze West-Mitteleuropageschichten –
gängigen Praxis, Juden kollektiv für lebhaften Schreibstil, die Lesenden auf was auch der Autor freimütig zugibt.
tatsächliche oder vermeintliche Verge- seine Reise durch den Eisernen Vor- Als Titel war das wohl zu sperrig. Aber
hen einzelner haftbar zu machen, oder hang mitzunehmen. So hat man nicht als Kolonialismusexperte lässt Rein-
zum Umstand, dass viele Juden nach selten das Gefühl, zusammen mit den hard zumindest diesen Aspekt durch-
1945 ihre jüdische Identität verschwie- Handelnden in einem Raum zu sein, scheinen, sodass ein wenig Welt aus
gen, um sich und ihren Angehörigen wenn etwa Willy Brandt und Leonid zentraleuropäischem Blickwinkel den-
mögliche Stigmatisierungen und Be- Breschnew sich in Oreanda die Hand noch nicht fehlt.
nachteiligungen zu ersparen. Auch mit schütteln oder Egon Bahr das Weiße Anders als der schmale Umfang und
dem sich bis heute haltenden Vorurteil, Haus durch den Haupteingang ver- die populärwissenschaftliche Aufma-
dass die Juden im Mittelalter ein Mo- lässt, um es durch einen Nebeneingang chung vermuten lassen, handelt es sich
nopol im Geld- und Kreditwesen be- erneut zu betreten und Henry Kissin- bei dem Bändchen keinesfalls um Ein-
sessen hätten, wird aufgeräumt. ger für geheime Gespräche im Unter- steigerlektüre. Dafür ist es viel zu dicht
In ihrem Vorwort mahnen die Verfas- geschoss wiederzutreffen. geschrieben, mit Anspielungen und
ser an, dass die »Geschichte, die zwi- Vorkenntnisse sind für die Lektüre Nebensätzen gespickt, die ein sehr soli-
schen diesen Buchdeckeln erzählt von Vorteil, da das Buch keinem streng des Grundwissen voraussetzen. Wer
wird«, nicht abgeschlossen sei, was die chronologischen Aufbau folgt. Eine an- dies mitbringt, wird schnell merken:
eingangs genannten Fälle erneut bele- gehängte Zeittafel bietet jedoch Hilfe- Vieles, was ich bisher zu wissen
gen. stellung und ermöglicht jedem Interes- glaubte, stellt sich in Frage. Und ist es
sierten einen spannenden Einstieg in nicht genau das, was wir vom Studium
Victor Marnetté die Thematik. der Geschichte erwarten?

cg Friederike Höhn

Michael Butter u.a., Gottfried Niedhart,


Judenhass. Die Ge- Durch den Eisernen Wolfgang Reinhard,
schichte des Antisemitis- Vorhang. Von Mächten und
mus von der Antike bis Die Ära Brandt und das Menschen.
zur Gegenwart, Göttin- Ende des Kalten Krieges, 15 kurze Weltgeschichten,
gen 2019. ISBN 978-3- Darmstadt 2019. ISBN Freiburg 2019. ISBN
525-36743-8; 768 S., 978-3-8062-3998-0; 978-3-451-07215-4;
50,00 Euro 304 S., 28,00 Euro 160 S., 12,00 Euro

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 27


Service
Service Die historische Quelle

Pulitzer-Preis für Fotografie 1945

»Raising the Flag at Iwo Jima«

U
nweit des Potomac-Flusses in Virginia erhebt lungen die US-amerikanischen Landungstruppen. Um
sich neben dem US-Nationalfriedhof Arlington die Bunkeranlagen entbrannte ein verlustreicher und blu-
mit seinen unzähligen schlichten weißen Kreu- tiger Nahkampf.
zen eines der größten Bronzedenkmale der Welt. Dieses Vier Tage nach der Landung, am 23. Februar, erreichten
zeigt sechs US-Marines beim Aufrichten des Sternen- Marines des 28. Regiments die Spitze des Berges und his-
banners. Es handelt sich dabei um das US Marine Corps sten ihre Nationalflagge. Dieser Moment wurde durch
War Memorial, das allen gefallenen Marines gedenkt. den Fotografen Louis R. Lowery auf Zelluloid festgehal-
Feldzüge und Schlachten des Corps sind in einer In- ten. Doch es wurde der Befehl gegeben, eine größere
schrift am schwarzen Granitsockel in goldener Schrift Flagge zu setzen. Als diese Vorbereitungen liefen, befan-
angebracht. Sie beginnen mit dem Unabhängigkeits- den sich drei Kriegsfotografen auf dem Weg zur Spitze
krieg (1775‑1783) und schließen mit den noch ohne des Vulkans. Einer von ihnen war Rosenthal. Sie wussten,
Enddatum versehenen Afghanistan- und Irakkriegen. dass sie für den historischen Moment zu spät kamen,
Bekannter als das Denkmal selbst ist die darauf dar- doch wollten sie wenigstens den Ausblick genießen. Als
gestellte Szene, die zugleich die wahrscheinlich am sie auf dem Gipfel ankamen, begannen die Vorbereitun-
häufigsten veröffentlichte Fotografie der Geschichte ist. gen zum Aufrichten der neuen Flagge. Bill Genaust filmte
Aufgenommen wurde sie von dem Kriegsfotografen den Moment und Rosenthal machte überrascht den
Joe Rosenthal am 23. Februar 1945 auf der japanischen Schnappschuss, der in die Geschichte einging. Sein Foto
Insel Iwo Jima. Noch im selben Jahr erhielt er dafür den wurde dann vom Militärpressezentrum in Guam bearbei-
Pulitzer-Preis. tet und über Funk in die USA gesendet. Dort traf sein Bild
Wegen ihrer strategisch günstigen Lage für Luftan- den Nerv der Zeit. Bereits zwei Tage später war es in vie-
griffe auf Japan erschien den USA eine Einnahme der len Sonntagsausgaben der Zeitungen auf der Titelseite.
Insel notwendig. Am 15. Februar 1945 begann der An- Die US-Amerikaner sehnten sich nach dem Sieg über ihre
griff auf Iwo Jima mit einem dreitägigen Beschuss Feinde und da erschien dieses Foto wie eine Ikone des
durch die Schiffsartillerie sowie Bombardements. Am Ruhms. Sechs Marines richten dynamisch das Sternen-
19. Februar landeten Soldaten der 4. und 5. Marine-In- banner auf, das wie ein Siegeszeichen gen Himmel weist.
fanteriedivision. Mit mehr als 500 Toten war dies einer Flagge hissen auf fremden Boden galt gemeinhin als ein
der verlustreichsten Tage in der Geschichte des Marine Akt der Besitznahme und diese erfolgte auf dem Suriba-
Corps. Als beherrschender Geländepunkt thront der er- chi nun erstmals auch auf japanischem Boden.
loschene Vulkan Suribachi 169 Meter über dem Meeres- Noch während dieses Bild in der Heimat seine Presse-
spiegel. Von dort aus beschoss die japanische Artillerie karriere durchlief, starben auf Iwo Jima sechs der elf an
aus gut gesicherten und mit Tunneln verbundenen Stel- beiden Flaggensetzungen beteiligten Soldaten. Insgesamt
verloren im Laufe der Schlacht ca.
5900 Marines ihr Leben. Deshalb
akg-images

ist sie bis heute die verlustreichste


Kampfhandlung des Corps. Seine
Popularität verdankte das Foto
nicht zuletzt seiner medienwirk-
samen Verwendung auf Briefmar-
ken, Werbepostern für die letzte
Kriegsanleihe und Merchan­dise-
Produkten. Deshalb und auf-
grund der Bedeutung von Iwo
Jima für die Marines wählte das
Corps dieses Motiv für das 1954
eingeweihte Denkmal. Es ist bis in
die Gegenwart stilbildend für die
US-amerikanische Gedenkkultur.

Christian Jentzsch

3US-Marines richten auf dem


Berg Suribachi am 23. Februar
1945 die zweite US-Flagge auf.
Foto von Joe Rosenthal.

28 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


Geschichte kompakt

2. August 1945 12. September 1990


Potsdamer Abkommen Zwei-plus-Vier-Vertrag

D A
er Zweite Weltkrieg hatte ein »unnatürliches Bünd- m 12. September 1990 unterzeichneten Bundesau-
nis« geschmiedet. Um die Gefahr des nationalsozia- ßenminister Hans-Dietrich Genscher und Lothar de
listischen Deutschlands einzudämmen, schlossen Maizière, der letzte Ministerpräsident und Außen-
sich, ungeachtet eines grundlegenden politischen und ideo- minister der DDR, zusammen mit den Außenministern der
logischen Gegensatzes, die Regierungen Großbritanniens vier für Deutschland als Ganzes verantwortlichen Sieger-
und der USA mit der Sowjetunion zu einer »Anti-Hitler- mächte des Zweiten Weltkrieges, James A. Baker (USA),
Koalition« zusammen. Zunächst war dieses Bündnis durch Douglas Hurd (Großbritannien), Roland Dumas (Frank-
Zugeständnisse und Kooperation geprägt. »Wir müssen reich) und Eduard A. Schewardnadse (Sowjetunion), in
Hitler schlagen, jetzt ist nicht die Zeit, sich zu streiten«, be- Moskau den »Vertrag über die abschließende Regelung in
tonte der britische Premierminister Winston S. Churchill bezug auf Deutschland«. Das
noch 1943. Auf Konferenzen in Teheran (28.11.‑1.12.1943) meist schlicht »Zwei-plus-
und Jalta (4.‑11.2.1945) gelang es, erste Regelungen für die Vier-Vertrag« genannte Ab-
Nachkriegsordnung zu treffen. Doch die politischen und kommen ist das außenpoliti-
ideologischen Gegensätze waren einfach zu groß. Bereits sche Gründungsdokument
im Mai 1945 hielt Churchill angesichts der massiven territo- des vereinten Deutschlands.
rialen Vereinnahmungen und Unterdrückungen, die der Es markierte das Ende der
sowjetische Diktator Josef Stalin in Osteuropa vornahm, in Teilung des Landes wie auch
einem Brief an den US- Präsidenten fest: ein »eiserner Vor- das Ende des Kalten Krieges.
hang« sei in Europa niedergegangen. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag
Überdeutlich wurden die Friktionen auf der unmittelba- stellt die Endgültigkeit der
ren Nachkriegskonferenz der Alliierten, die vom 17. Juli bis bestehenden deutschen Gren- picture alliance
zum 2. August 1945 im Schloss Cecilienhof in Potsdam statt- zen, insbesondere der Oder-
fand. Teilnehmer waren unter anderem der gerade gewählte Neiße-Grenze, fest (Art. 1). Er Der 2+4-Vertrag – seit 2011
US-Präsident Harry Truman sowie Stalin und Churchill. Im bekräftigt Deutschlands Ver- UNESCO-Welterbedokument.
Kern sollte hier über die Zukunft Deutschlands entschieden pflichtung, eine Friedenspoli-
werden. Trotz der aufbrechenden Gegensätze gelang den tik zu betreiben (Art. 2). Fixiert wurde, dass Gesamt-
Teilnehmern noch eine Einigung auf zentrale Punkte, die als deutschland auf Herstellung, Erwerb und Besitz atomarer,
»Potsdamer Abkommen« veröffentlicht wurden. biologischer und chemischer Waffen verzichtet. Dies und
Als Minimalkonsens einigte man sich auf die sogenannten die bereits im August 1990 bei den Wiener Verhandlungen
vier D: Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisie- über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) verkün-
rung und Demokratisierung. Deutschland sollten alle Mög- dete, hier wiederholte Verpflichtung, gesamtdeutsche
lichkeiten genommen werden, Streitkräfte auf maximal 370 000 Mann zu begrenzen
erneut einen Krieg zu begin- (Art. 3), waren vor allem für die Sowjetunion zentral. So
nen. Zu diesem Zweck verein- konnte Moskau der fortdauernden Mitgliedschaft Deutsch-
barte man die Zerschlagung lands in NATO und EG zustimmen, die sich implizit aus
aller militärischen Strukturen. dem in Artikel 6 verbürgten »Recht des vereinten Deutsch-
Eine erneute Bewaffnung land, Bündnissen mit allen sich daraus ergebenden Rechten
Deutschlands schien zu die- und Pflichten anzugehören«, ergab. Artikel 5 regelte den
sem Zeitpunkt noch völlig un- Abzug der sowjetischen Truppen vom DDR-Gebiet bis
wahrscheinlich. Auf der ande- Ende 1994, aber auch, dass dieses Territorium dauerhaft
ren Seite sollte eine »politische atomwaffenfrei blieb. Bis zum Abzug der Sowjets durften
Umerziehung« dafür Sorge dort nur nicht-NATO-integrierte Truppen der Territorial-
tragen, dass demokratische verteidigung stehen; eine Stationierung nichtdeutscher
akg-images

Traditionen Fuß fassen konn- ­NATO-Streitkräfte blieb dauerhaft ausgeschlossen. Arti-


ten. Doch welches Deutsch- kel 7 gab Deutschland die »volle Souveränität über seine in-
land territorial überhaupt ge- neren und äußeren Angelegenheiten« und beendete die
V.l.: Churchill, Truman, Stalin. meint war, war unter den Vier-Mächte-Rechte und -Verantwortlichkeiten für Berlin
Konferenzteilnehmern bereits und Deutschland als Ganzes. Die Schlussbestimmungen re-
umstritten. Sie konnten sich nicht abschließend auf Grenzre- gelten Ratifizierung und Inkrafttreten des Vertrages. Dies
gelungen einigen und so blieb die »deutsche Frage« offen. erfolgte am 15. März 1991, als mit der sowjetischen Ratifika­
Insgesamt kann Potsdam somit nur als Abschluss­ tionsurkunde die letzte der Teilnehmerstaaten vorlag.
konferenz für das Ende des Krieges gegen das national­ Allerdings hatten Frankreich, Großbritannien, die Sowjetu-
sozialis­tische Deutschland gewertet werden. Die tatsächli- nion und die USA bereits am 1. Oktober 1990 erklärt, ihre
che Friedenskonferenz für und mit (Gesamt-)Deutschland Rechte mit der deutschen Vereinigung zu suspendieren, so-
fand erst 1990 mit den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen statt. dass Deutschland de facto seit dem 3. Oktober 1990 wieder
souverän war.
Cornelia Grosse Tim Geiger

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 29


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ehemaligen Wie das deutsche
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Tel.: 0 30 / 25 45 09 0 Tel.: 02 28 / 91 65 40 08 Anmeldung Tel.: 03 51 / 82 32 80 3
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April bis Oktober 2020 Dauerausstellung stiftung-bg.de 16. Juli 2020 bis
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ermäßigt: 5,00 Euro Nationaal Militair
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Karlshorst. 3768 MX Soest
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Dienstag bis Sonntag
10.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt frei

30 Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020


Militärgeschichte im Bild

Der Schellenbaum

D
er Schellenbaum ist als Symbol lenbaum verlor damit seine ursprüng-

dpa/ddrbildarchiv.de/Klaus Morgenstern
für die deutsche Militärmusik lich ausschließliche Funktion als Teil
geläufig. Wer, wie auf dem der (türkischen) Kriegsmusik.
Coverbild beim Stabsmusikkorps der Im 18. Jahrhundert fand man Schel-
Bundeswehr, heutzutage einen Schel- lenbäume bereits in fast allen europäi-
lenbaum sieht, macht sich wahrschein- schen Heeren. In den Freiheitskriegen
lich kaum Gedanken darüber, dass die- (1813‑1815) wurden zahlreiche Schel-
ses Musikinstrument eigentlich gar lenbäume erbeutet und im Anschluss
keine abendländische Errungenschaft bei den preußischen Regimentsmusi-
ist. Im Ursprung war er ein zur soge- kern eingeführt.
nannten Janitscharenmusik gehören- Die Formen des Schellenbaums wa-
des Musik- bzw. Rhythmusinstrument. ren seit jeher vielfältig und reichten
Janitscharenmusik bezeichnet osmani- von sehr einfachen Mustern bis hin zu
sche Militärmusik, die durch die Ver- filigran verzierten Prunkstücken der
wendung zahlreicher Schlaginstru- jeweiligen Regimenter. Vielfach waren
mente, wie unter anderem Trommeln, neben farbigen Rossschweifen auch
Becken und Triangel, als besonders lär- dynastische Symbole wie Adler oder
mend charakterisiert werden kann. Löwen, eine Lyra oder eine kleine ge- Eine Ehrenformation des NVA-Wach­
regiments »Friedrich Engels« zieht zum
Der Schellenbaum erhielt daher auch stickte Standarte an den Schellenbäu-
Großen Wachaufzug vor die Neue
die Bezeichnung »türkischer Hut«, men angebracht. Zudem wurde gere- Wache in Berlin, aufgenommen 1974.
»Halbmond«, oder »Glockenhut«. gelt, welche Einheiten einen Schellen-
Seit dem 15. Jahrhundert wurden baum mitführen durften, welche nicht. werden. In Bayern waren die Schellen-
diese musikalischen Ausstattungsstü- So durften Schellenbäume beispiels- bäume hingegen bereits 1826 abge-
cke der türkischen Streitmacht im weise in Preußen nur bei den Regi- schafft worden.
Zuge der sogenannten Türkenkriege mentsmusikern der Infanterie- und Eine einheitliche Regelung für Schel-
als Kriegsbeute in die europäischen Fußartillerie-Regimenter sowie der Ei- lenbäume in deutschen Armeen gab es
Armeen übernommen und der Schel- senbahn-Regimenter Nr. 1 bis 3 geführt erst seit 1902, wobei als Sonderfälle
beispielsweise die Führung des 1815
bpk/Kunstbibliothek, SMB/Knud Petersen

bei Belle Alliance eroberten franzö-


sischen Schellenbaums durch das In-
fanterieregiment Nr. 75 in Bremen und
eines »traditionellen Halbmondes«
durch das Infanterieregiment 92 in
Braunschweig zugelassen wurden.
Mit Weisung vom 7. September 1938
wurde dann in der Wehrmacht für das
Heer ein einheitliches Schellenbaum-
muster eingeführt. Es durften jedoch
vorhandene ältere Stücke, versehen
mit den neuen Schellenbaumflaggen
und schwarz-weiß-roten Rossschwei-
fen, weitergeführt werden.
Der Schellenbaum überdauerte den
Zweiten Weltkrieg. Die Armeen beider
deutscher Staaten führten in ihren Mu-
sikkorps jeweils standardisierte Schel-
lenbäume. Der Schellenbaum kann da-
mit als ein jenseits von politischen
Systembrüchen symbolisches »Feldzei-
chen« der deutschen Militärmusik gel-
ten.
Manfred Heidler

Ein Schellenbaumträger im Garde-


Füsilier-Regiment, Lithografie von
C.F. Schindler, 1875.

Militärgeschichte · Zeitschrift für historische Bildung · Ausgabe 2/2020 31


Neue Publikationen des ZMSBw
Matthias Rogg, Kompass Militärgeschichte. Ein historischer Überblick für Einsteiger.
Hrsg. vom ZMSBw, Freiburg i.Br., Berlin, Wien: Rombach 2013, X, 384 S., 19,80 Euro
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Die Garnisonkirche Potsdam. Zwischen Mythos der Moderne),
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Rombach 2013, 120 S., 10 Euro ISBN: 978-3-15-011271-7
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»Vom Einsatz her denken!« Bedeutung und Nutzen von Militärgeschichte zu Beginn
des 21. Jahrhunderts. Mit Beiträgen von Donald Abenheim, Eberhard Birk,
Bernhard Chiari, Antje Dierking, Axel F. Gablik, Winfried Heinemann, Hans-
Hubertus Mack und Peter Andreas Popp. Im Auftrag des ZMSBw hrsg. von
Mit Unterstützungals
Geschichtsbewusstein desDieter
MGFA:H. Kollmer, Potsdam: ZMSBw 2013, 107 S. (= Potsdamer Schriften zur
Kernkompetenz. Historische Militärgeschichte, 22), 9,80 Euro
Bildung in der BundeswehrISBN 978-3-941571-26-6
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Frank Hagemann und Sven Lange
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Potsdam: ZMSBw 2020 Die »Militärgeschichte. Zeitschrift für
(= Potsdamer Schriften des historische Bildung« finden Sie auch
ZMSBw, 30), 315 S., 24,00 Euro, in der Media-App der Bundeswehr
ISBN 978- 3-941571-37-2 (kostenfrei).
Piraterie in der Geschichte. Mit Beiträgen von Robert Bohn, Martin Hofbauer, Teresa
Modler, Gorch Pieken und Martin Rink. Im Auftrag der Deutschen Kommission für
Militärgeschichte sowie des ZMSBw hrsg. von Martin Hofbauer, Potsdam: ZMSBw 2013, V,
85 S. (= Potsdamer Schriften zur Militärgeschichte, 21), 9,80 Euro
ISBN 978-3-941571-25-9 www.zmsbw.de
www.mgfa.de

Abonnement Timo Alexander Graf


The Clash of Perceptions
Jahresabonnement: 14,00 Euro Testing the »Clash of Civilizations« Die neue Podcast-Reihe des ZMSBw
inkl. MwSt. und Versandkosten with Global Survey Data, Berlin: finden Sie auf unserer Internetseite:
(innerhalb Deutschlands, Berliner Wissenschafts-Verlag www.zmsbw.de/html/aktuelles/liste
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des ZMSBw, 20), 295 S., 37,00 Euro,
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Kündigungsfrist: 6 Wochen zum
Ende des Bezugszeitraumes.

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