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SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles teilt Niederlage mit:

Sarrazin kann Mitglied der SPD


und also auch interessant für
die Medien bleiben.
So dumm wie Wolfgang Clement, nach dem sich seit
seinem Austritt aus der SPD kein Journalist mehr umdreht,
ist Thilo Sarrazin nicht. Er weiß gut genug, dass er alles,
was er war und ist, nur durch die SPD ist.

http://www.spd.de/aktuelles/News/11656/20110426_brief.html

Zur Entscheidung im Schiedsverfahren Dr. Thilo Sarrazin


Brief an die Funktionsträger der Partei
von Andrea Nahles • 26. April 2011

(Bild: Florian Jaenicke)


Liebe Genossinnen und Genossen,

der Parteivorstand hat mir in seiner Sitzung vom 13. September 2010 die Aufgabe als
Verfahrensbevollmächtigte im Parteiordnungsverfahren gegen Dr. Thilo Sarrazin
übertragen. Ich möchte Euch über den Ausgang des Schiedsverfahrens informieren.

Dr. Thilo Sarrazin hat mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ und anderen von
ihm öffentlich geäußerten Thesen eine politische Kontroverse in Deutschland ausgelöst.
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, darunter viele Mitglieder der SPD,
fühlten sich durch seine Aussagen auch persönlich verletzt.

Der Parteivorstand war und ist der Auffassung, dass einige seiner Aussagen sich
sozialdarwinistischer und diskriminierender Argumentationsmuster bedienen sowie ein
ökonomistisches Menschenbild beinhalten. Das verstößt gegen die Grundsätze der SPD.
Deshalb haben der Parteivorstand, ebenso wie andere Parteigliederungen aller Ebenen,
ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel des Parteiausschlusses gegen Dr. Thilo Sarrazin
eingeleitet. Das war richtig, um eine klare Grenze des innerparteilichen
Meinungsspektrums zu markieren.

Für einen Parteiausschluss gibt es ein vom deutschen Parteiengesetz festgelegtes faires
und ergebnisoffenes Verfahren vor einer unabhängigen Schiedskommission. Ein solches
Schiedsverfahren ist nicht gleichzusetzen mit einem Strafverfahren. Es dient auch nicht
der Klärung politischer Kontroversen innerhalb der SPD. Ein Schiedsverfahren kann
lediglich feststellen, ob ein Mitglied anhaltend gegen die Ordnung und die Grundsätze
der Partei verstößt, d.h. sich außerhalb des gemeinsamen Wertekonsens bewegt, den
eine politische Partei zwingend braucht.

Das Parteiordnungsverfahren gegen Dr. Thilo Sarrazin wurde am 21.04.2011 nach


fünfstündigen Verhandlungen vor der Schiedskommission der SPD Charlottenburg-
Wilmersdorf nach einer klarstellenden Erklärung von Dr. Thilo Sarrazin eingestellt.
Grundlage dafür waren ein Vorschlag zu einer gütlichen Einigung und der Textentwurf
einer Erklärung seitens der Kreisschiedskommission. Eine solche Initiative der
Schiedskommission kann nicht einfach ignoriert werden. Nach Meinung aller
Anwesenden war dies unter den gegebenen Umständen eine kluge Entscheidung.
Grundbedingung für eine solche Einigung war, dass sich Dr. Thilo Sarrazin von
sozialdarwinistischen und diskriminierenden Äußerungen distanziert. Dies hat er mit der
Unterzeichnung der Erklärung getan. Daraufhin zogen alle antragsstellenden
Gliederungen - von der Ortsvereinsebene bis zum Parteivorstand - ihre Anträge zurück.

Bereits bei Einleitung des Parteiordnungsverfahrens war allen Beteiligten klar, dass der
Ausgang dieses Verfahrens – unabhängig von seinem konkreten Ergebnis – so kontrovers
diskutiert werden würde, wie Thilo Sarrazins Thesen selbst.

Mit der Zustimmung zu der von der Schiedskommission vorgeschlagenen Einigung macht
sich die SPD die Ansichten von Thilo Sarrazin weder zu eigen noch rechtfertigt sie sein
Verhalten. Dies wird die SPD auch in Zukunft in angemessener Weise deutlich machen.

Das Parteiordnungsverfahren war notwendig und sinnvoll. Dr. Thilo Sarrazin hat sich in
seinem Verlauf zu den Grundsätzen der SPD bekannt und entstandene Verletzungen
bedauert. Beide Seiten haben klargestellt, dass sozialdarwinistische und diskriminierende
Ansichten sowie Forderungen nach einer selektiven Bevölkerungspolitik in der SPD
keinen Platz haben. Die Schiedskommission hat Dr. Thilo Sarrazin gerade zu dem
Einlenken bewegt, das mindestens notwendig war, um weiterhin Mitglied der SPD sein
zu können.

Innerhalb dieses Rahmens muss die Volkspartei SPD kontroverse Ansichten und Personen
aushalten können, auch wenn es ihr manchmal schwerfällt.