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Befremdliches Befrienden?

Philosophische Anregungen für Freundschaft on- und offline

Philosophische Anregungen für Freundschaft on- und offline re:publica 2011 Berlin Björn Haferkamp philoblog.de

re:publica 2011 Berlin

Björn Haferkamp philoblog.de

Philosophische Anregungen für Freundschaft on- und offline re:publica 2011 Berlin Björn Haferkamp philoblog.de

Philosophie der Freundschaft

Philosophie der Freundschaft Aristoteles, Cicero etc. (Totes Holz) Wisdom of the crowd -2.0 vs. 2.0 Björn

Aristoteles, Cicero etc. (Totes Holz)

Wisdom of the crowd -2.0 vs. 2.0

Björn Haferkamp : philoblog.de
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Die Diskussionen um reale menschliche Beziehungen wie Freundschaft im Internet sind hinlänglich bekannt:

1)Kritiker beklagen Entpersönlichung und Realitätsverlust. 2)Dem steht ein Enthusiasmus über die Potenziale der Digitalisierung des Analogen gegenüber.

Auch wenn das Internet eine Erweiterung unserer Interaktionsoptionen ist, so kann man ganz allgemein die Frage stellen, was Freundschaft überhaupt ist. Philosophische Reflexionen dazu können als Schema für ein besseres Verständnis dienen. Freundschaft – egal ob on- oder offline – ist ein wichtiges Element des menschlichen Lebens.

– egal ob on- oder offline – ist ein wichtiges Element des menschlichen Lebens. Björn Haferkamp
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Was ist eigentlich Freundschaft?

Was ist eigentlich Freundschaft? Freundschaftsvorstellungen in der Philosophie Wahre Freundschaft bei Aristoteles … und

Freundschaftsvorstellungen in der Philosophie Wahre Freundschaft bei Aristoteles … und Cicero Eine skeptisch-realistische Note bei Schopenhauer „Bekanntschaft“ mit Georg Simmel

Note bei Schopenhauer „Bekanntschaft“ mit Georg Simmel Freundschaft in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 &
Note bei Schopenhauer „Bekanntschaft“ mit Georg Simmel Freundschaft in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 &
Note bei Schopenhauer „Bekanntschaft“ mit Georg Simmel Freundschaft in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 &
Note bei Schopenhauer „Bekanntschaft“ mit Georg Simmel Freundschaft in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 &
Note bei Schopenhauer „Bekanntschaft“ mit Georg Simmel Freundschaft in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 &

Freundschaft in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 & Realität Beispiele und Bewertung

in der wahren Wirklichkeit Web 2.0 & Realität Beispiele und Bewertung Björn Haferkamp : philoblog.de 4
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Freundschaft bei Aristoteles

Freundschaft bei Aristoteles Akzidentell (beiläufig) Nicht weil er der ist, der er ist, wird der Befreundete

Akzidentell (beiläufig)

Nicht weil er der ist, der er ist, wird der Befreundete geschätzt, sondern insofern er irgendeine Lust / Nutzen verschafft.

Solche Freundschaften gehen leicht auseinander, sie sind auch gar nicht auf ein Zusammenleben eingestellt.

Angenehm finden sich solche Befreundete nur, soweit Aussicht auf einen Vorteil besteht.

Vollkommen

Dies sind die echtesten Freunde. Jeder liebt des anderen Wesensart (seine Person, seinen Charakter).

Hier wünscht einer dem anderen das Gute, weil sie die Person "an sich" schätzen.

Bei dieser Freundschaft sind alle Grundvoraus- setzungen der Freundschaften zusammen gegeben.

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Echte Freundschaft entsteht nicht schnell: „ Menschen, die rasch die äußeren Formen der Freundschaft bekunden,

Echte Freundschaft entsteht nicht schnell:

Menschen, die rasch die äußeren Formen der Freundschaft bekunden, möchten zwar Freunde sein, sind es aber nicht, außer sie sind liebens- wert und wissen darum: der Wunsch nach Freundschaft entsteht rasch, die Freundschaft aber nicht.“ (Aristoteles)

Realismus? – „Was die Menschen wollen“

Menschen in Zweckgemeinschaften nennen sich Freunde:

„Also müssen wohl auch wir solche Beziehungen als "Freundschaft" bezeichnen.“ (Aristoteles)

Angewandt auf Web 2.0:

„Allgemein bitte ich darum, die penetrante Frage nach dem 'Warum?' zu allen möglichen Sozialen Netzwerken und Plattformen nicht mehr zu stellen. Die einzige mir sinnvoll erscheinende Antwort darauf lautet 'Weil Menschen es wollen'.“ (Sascha Lobo, Die Facebook-Fan-Falle)

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Cicero über Freundschaft

Cicero über Freundschaft Cicero, De amicitia Handschrift, 15. Jahrhundert Quelle: Wikimedia Commons Was (echte)

Cicero, De amicitia Handschrift, 15. Jahrhundert Quelle: Wikimedia Commons

Was (echte) Freundschaft nicht ist:

basiert nicht auf Vorteilssuche

geht über ein Augenblicksbedürfnis hinaus

Basiert nicht auf Heuchelei

Was (echte) Freundschaft ist:

entsteht aus Zuneigung

basiert auf gegenseitigem Wohlwollen

beweist Übereinstimmung in Handlungen und Überzeugungen

ist beständig, weil auf Entschluss (!) beruhend

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Vorteile der Freundschaft (Cicero):

Mit Freunden kann man reden wie mit dem eigenen Ich.

Das Glück ist erfreulicher, das Unglück erträglicher

Ohne Freunde ist das Leben kaum lebenswert

Freundschaft macht zuversichtlich

lässt nicht zu, dass der Mut sinkt

Für die Loyalität ist der Charakter wichtig:

Zuverlässigkeit statt Leichtfertigkeit

Keine Verleumdungen glauben oder erheben

Nicht so bierernst: ein gewisses „Quantum Liebens-würdigkeit“

Man soll „liebreich, heiter und ungezwungen“ sein

Gleichstellung

Dem weniger Glücklichen zu mehr Erfolg verhelfen

Keine Vorhaltungen machen.

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Zusammenfassung Aristoteles und Cicero

Echte Freundschaft:

Übereinstimmung in Werten und Ideen

nicht zum eigenen Vorteil; solche Freundschaft geht vorbei, sobald der Nutzen nicht mehr besteht

Solidarität: Gefahren auf sich nehmen; für das Gute des anderen einsetzen

braucht Zeit, Vertrautwerden

Akzidentelle Freundschaft

besteht entweder in einem bestimmten Nutzen, oder besitzt nicht das Ausmaß der Verbundenheit, der Loyalität

ist zwar unvollkommen; Beständigkeit nicht sicher; kann aber „Freude spenden“

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Die Gefährdungen der Freundschaft

Irrtum in der Freundschaft

Die Heuchelei

Die Täuschung

Die Verleumdung

Ausbleiben von Zuneigung

Ausbleiben von Wohlwollen

Verleumdung ● Ausbleiben von Zuneigung ● Ausbleiben von Wohlwollen Björn Haferkamp : philoblog.de 1 0
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Schopenhauer Natürlicher Egoismus „ dass wir in Jedem, der uns begegnet, wie instinktmäßig, zunächst nur

Schopenhauer

Natürlicher Egoismus

dass wir in Jedem, der uns begegnet, wie instinktmäßig,

zunächst nur ein mögliches MITTEL zu irgend einem unserer stets zahlreichen Zwecke suchen. Bei jeder neuen Bekanntschaft ist meistens unser erster Gedanke, ob der Mann uns nicht zu irgend etwas nützlich werden könnte: wenn er dies nun NICHT kann, so ist er den Meisten, sobald sie sich hiervon überzeugt haben, auch selbst NICHTS.“

 

(aus: Die beiden Grundprobleme der Ethik)

Ideal

versus

Realität

„Wahre echte Freundschaft setzt eine starke, [völlig unegoistische] Teilnahme am Wohl und Wehe des anderen voraus und diese wieder ein wirkliches Sich-mit- dem-Freunde-Identifizieren.“

„[Was Jeder] an und für sich, also als Mensch vermöge seiner persönlichen Eigenschaften sei, kommt nur ausnahmsweise zur Sprache und wird von jedem, sobald es ihm bequem ist, also [meistens], beiseite gesetzt und ignoriert.“

Björn Haferkamp : philoblog.de
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Georg Simmel

1. Auswirkung von Täuschung und Lüge auf den Bestand von Beziehungen

Verträglichkeit von Täuschung

Antipoden
Antipoden

Nähe,

Intensität

2. Das Innere der Persönlichkeit und Diskretion

Das Verborgene ist für den modernen Menschen eine Entlastung, die die Existenz einer zweiten, privaten Welt ermöglicht.

Das Maß des Einblicks in das Individuelle der Persönlichkeit als Grad der Beziehung

Zweckvereinigungen

Bekanntschaft

Freundschaft

Offenbarung des Inneren
Offenbarung des Inneren
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Bekanntschaft ● man kennt vom Anderen nur das, was er nach außen hin ist ●

Bekanntschaft

man kennt vom Anderen nur das, was er nach außen hin ist

nicht die innerliche Schicht, sondern nur die der Welt zugewandten

Respekt vor dem Willen des Anderen, Persönliches zu verbergen.

Freundschaft

baut auf der ganzen Breite der Persönlichkeit auf

Das ganze, ungeteilte Ich tritt in das Ver- hältnis -> Vertrautheit

Löst die Verschlossenheit

Definitionsvorschlag: Differenzierte, moderne Freundschaft

Vertrautheit wird immer schwieriger

Nur je eine Seite der Persönlichkeit offenbart sich

Die anderen Interessengebiete bleiben verschlossen

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Willkommen Internet

Die Menschen sind dieselben.

Die Sehnsucht nach Idealen bleibt.

Menschen sind dieselben. Die Sehnsucht nach Idealen bleibt. Hugh MacLeod - gapingvoid.com Björn Haferkamp :

Hugh MacLeod - gapingvoid.com

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„Falsche“ Freunde gab es schon immer.

Bürgerliches Freundschaftsideal z.B. im Wilhelminismus:

Bürgerliches Freundschaftsideal z.B. im Wilhelminismus: Von Werner – Amicitia Quelle: Wikimedia Björn Haferkamp
Von Werner – Amicitia Quelle: Wikimedia Björn Haferkamp : philoblog.de
Von Werner – Amicitia
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Das Internet – Einsamkeitsmaschine oder Erweiterung der sozialen Realität? Menschen müssen als solche ein gutes
Das Internet – Einsamkeitsmaschine oder Erweiterung der sozialen Realität? Menschen müssen als solche ein gutes

Das Internet – Einsamkeitsmaschine oder Erweiterung der sozialen Realität?

Menschen müssen als solche ein gutes Sozialverhalten lernen („Charakter“ bei Aristoteles und Cicero). Das Internet erweitert nur die Ausdrucks- und Kontaktmöglichkeiten.

Fremdheit und Täuschung sind ein Problem der Realität als Ganzes.

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Freundschaft real und Web 2.0

Stärke der Beziehungen off- und online

real und Web 2.0 Stärke der Beziehungen off- und online Schenk et al., Universität Hohenheim, 2010
real und Web 2.0 Stärke der Beziehungen off- und online Schenk et al., Universität Hohenheim, 2010

Schenk et al., Universität Hohenheim, 2010

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Stärke der Beziehungen off- und online

Stärke der Beziehungen off- und online Schenk et al., Universität Hohenheim, 2010 Schenk et al., Universität

Schenk et al., Universität Hohenheim, 2010

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Fazit: Soziale Interaktion im Internet

Sowohl Kritikern als auch Enthusiasten muss man eine Ent- mystifizierung des Internet entgegenhalten.

Das Internet ist eine Erweiterung unserer Handlungsoptionen. Es muss als zusätzlicher Handlungsbereich verstanden werden.

Aber auch nicht mehr. Es gelten im Prinzip dieselben Anforderungen an soziale Interaktion wie in anderen realen Handlungsbereichen.

Maßstab dieser Anforderungen sind die anthropologischen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Verletzlichkeiten von Menschen.

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Freunde haben können

1. Wir brauchen die Fähigkeit, quali-

tativ wertvolle Beziehungen aufzu- bauen und zu pflegen. Dazu gehört auch, verschiedene Grade von Nähe einerseits, Diskretion und Respekt andererseits unterscheiden zu können.

2. Dieser psychologische Imperativ gilt

on- und offline.

3. Die Kriterien bleiben sich prinzipiell

gleich.

offline. 3. Die Kriterien bleiben sich prinzipiell gleich. Stefan Ringeling – Kaffee

Stefan Ringeling – Kaffee http://stefanringeling.blogspot.com/

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Literatur:

Aristoteles, Nikomachische Ethik, Hamburg: Meiner

Cicero: Laelius – Über die Freundschaft, Stuttgart: Reclam

Schopenhauer, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Zürich: Haffmanns

Schopenhauer, Arthur: Aphorismen zur Lebensweisheit, Zürich: Diogenes

Scheiko, Ljewin; Uzler, Christine; Schenk, Michael: Wandel der Struktur persönlicher Netzwerke durch die Web 2.0-Nutzung, Universität Hohenheim 2010.

Simmel, Georg: Soziologie der Freundschaft. In: ders.: Soziologie. Frankfurt.

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