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Bewältigungen.

Politik und Politische Bildung im vereinigten Deutschland.

Hrsg. von B. Claußen und B. Wellie.


Hamburg: Krämer 1995

Das schon "Unzeitgemäße" des Umfangs des Buches (1015 S.) macht eine angemessene Besprechung in
der gebotenen Kürze unmöglich.
Wer zudem erhofft, nach der Lektüre dieses Buches mitreden zu können, sollte es beiseite legen.
Es ist daneben.
Es liegt nicht auf dem Highway des Mainstream (S.141/142). Die Autoren befinden sich vielmehr auf
dem Holzweg. Man stelle sich etwa das absurde Szenario vor: Hildegard Hamm-Brücher als
BundespräsidentIN und Günter Gaus als Leiter der Eppelmann-Kommission! Dann hätte es für
Deutschland vielleicht Anzeichen einer Wende gegeben, die schwer zu "bewältigen" und nicht nur zu
verdrängen (respektive in "mythologisierender Entmythologisierung" (S.157) als eine weitere nunmehr
sogar welthistorische "End-Lösung" zu verkündigen) wäre. Ein Buch, wie das vorliegende, das dem
Vorwort bereits ein Zitat von Gaus voran- und eine Äußerung von Hildegard Hamm-Brücher nachstellt,
ein Buch, herausgegeben von zwei West-Deutschen, in dem unter den 32 Autoren mehrheitlich Ost-
Deutsche zu Politik-Konsequenzen zu Wort kommen, könnte dann "Opinion Leadership" beanspruchen
und brauchte wohl auch nicht rezensiert werden.
Wer also (zunächst) nur denkend sich die gesamtdeutschen politischen Konsequenzen des zur Revolution
stilisierten Niedergangs des DDR-Systems (S.30), des als Beitritt vollzogenen Systemwechsels (S.36)
eines Teils Deutschlands erschließen will, dem sollte mithin zu diesem Buch geraten werden. Denn es ist,
wie bereits hervorgehoben, auf dem Holzweg, im wohlverstandenen Heideggerschen Sinne der Freilegung
des vielstimmig-volltönend monoton Verredeten und kapital Verschütteten.
Das Buch bildet eine ungewöhnliche Mischung aus monographisch-systematischen Abhandlungen
(überwiegend von Bernhard Claußen stammend) und facettenreichen Erörterungen von Detailproblemen,
dergestalt eine eigentümliche Rhythmik ausstrahlend von theoretischer Fokussierung auf Grundprobleme
einerseits und Erörterung empirischer Befunde sowie Reflexion von Teilaspekten andererseits, wobei
oftmals die Betroffenheit des Teilnehmers mitschwingt.

"Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.", heißt es
bekanntlich im Grundgesetz (14/2).
Daß diese Säule bundesrepublikanischen Selbstverständnisses als zentrales Paradigma (und wie bei
Paradigmen nicht unüblich, dem Theoretiker unbewußt) politikwissenschaftlicher und -didakatischer
Theoriebildung zugrunde gelegt (und für ein vielleicht einmal nicht nur provisorisch verfaßtes
Deutschland produktiv gemacht) wird, hat die volle Sympathie des Rezensenten.
Offene Parteinahme (S. 22 ff., 823 ff.) (von Weber gegenüber positivistisch verschleierter favorisiert und
dennoch heute obsolet) für die Mehrung des Eigentums, ausgedehnt und fokussiert auf die "Erweiterung
von (Selbst-)Verfügung der Menschen über die sie angehenden persönlichen und öffentlichen Belange"(S.
18, 117, 714) ist dem Ansatz der Aufklärung verpflichtet, sich gegen die "Vielfalt des Einfältigen"
(S.402) den Blick für das Ganze nicht zu verstellen und dem vergeistigten Beobachter seine Leiblichkeit
als Betroffener, Akteur und Gestalter zurückzugewinnen (wie dem oft kopflosen Teilnehmer ein Licht
aufzustecken).

Zur Fortführung des unvollendeten Programms Horkheimers (der unter der traumatischen Faschismus-
Erfahrung zeitweilig über sich selbst hinauswuchs) scheint es für einen von der Utopie nicht lassen
Wollenden (explizit bei Claußen, Stein, Zschieschang) noch keine Alternative zu geben, zumal sich auch
neue Denkansätze anzudeuten scheinen (etwa bei dem mehrfach zitierten Dieter Klein).
Wenn zudem Claußen in seiner fundierten theoretisch-systematischen Untersuchung der politischen
Konsequenzen der Einheit den hyperkomplexen Fundus sozialwissenschaftlicher Innovationen der
Neuzeit zu verspleißen versteht mit einer Denktradition, die man als dialektisch und wohl auch als
materialistisch zu benennen vermag - dem Ostdeutschen gruselt's, diese Worte auch nur zu lesen und, in
nach erfolgreicher Kolonialisierung sich unbewußt auferlegter Selbstzensur einer pluralen Virtuosität,
diese Tabu-Worte auch nur auszusprechen (selbst bei den kritischen ostdeutschen Autoren dieses
Sammelbandes kommen diese suspekten Termini nicht mehr vor) -, ist das intellektuelle Vergnügen an
dieser Schrift nur geschmälert durch den miserablen Gegenstand, die deutschen Zustände, auf den sie sich
bezieht.

Die Konsequenzen der Analyse der Einheit klingen banal: Wenn durch die alte Bundesrepublik nicht ein
Ruck geht, wird der Anschluß der DDR den Untergang (nicht nur) der guten alten Bundesrepublik
einleiten. Die verpaßten Chancen der Einheit werden zum Menetekel nur schwer abwendbarer übel
letztlich globaler Dimension. Man ist an Marx' "18. Brumaire" erinnert, lesbar als Nostradamus-Text der
friedlichen Revolution: "Hegel bemerkte irgendwo," so beginnt Marx, "daß alle großen
weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen
hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce."(MEW,8,S.115)
Ein Schalk, wer da nicht an die zweite deutsche Einheit, (den zweiten deutschen Bismarck), das zweite
deutsche Wirtschaftswunder und die zweite deutsche Kolonisation denkt: Selbst einige der ersten
gutwilligen bundesdeutschen Missionare mußten, analog zur Historie, wegen Ossifizierung (dieser West-
Terminus ist verbürgt) zurückbeordert werden.
Wenn Marx zudem fortfährt: "Was sie (die republikanische Fraktion - H.-J.P) als das revolutionärste
Ereignis sich vorgestellt hatte, trug sich in Wirklichkeit zu als das konterrevolutionärste"(ebenda, S.125),
kann dies als Fingerzeig auf die Tendenz eines Prozesses gedeutet werden, die es abzuwenden gilt.
Hierzu aber ist ein theoretisches Vorgehen gefordert, das in prinzipiengeleiteter Offenheit und fernab von
Objektivismus die Entwicklungen in beiden Teilen Deutschlands, vor und nach der Einigung, befragt
nach zivilisatorischen Ansätzen, die, trotz oder dank der jeweiligen Systeme, sich entfalteten und die in
ihrer Synthese - nicht aber der Summation von Plus und Minus - sich eignen, einem neuen
Zivilisationstypus entgegenzuarbeiten, in dem der Mensch sein eigen sein kann, - zumindest aber für eine
Entwicklung dienstbar gemacht werden könnten, lebenswürdige Alternativen nicht unmöglich zu machen.
Diesem Anliegen fühlen sich die Autoren durchgängig verpflichtet. Die Einheit erwies sich hierbei für die
alte Bundesrepublik als ein janusköpfiges Geschenk, geeignet, die "gestockten Widersprüche" (Fühmann)
der eigenen Entwicklung als historische Überlegenheiten zu kaschieren. Die eigentliche
Transformationsleistung einer nicht nur nachholenden (und damit möglicherweise zynisch-
apokalyptischen) Modernisierung des Ostens, sondern einer doppelten, nicht von Rezepten geleiteten,
sondern durch Konzepte der Erweiterung materialer Demokratie gestützten doppelten Modernisierung von
West und Ost steht noch aus (113 ff.).

Mit einer Fülle von Belegen, die diesen Band zu einer Fundgrube weiterführender Untersuchungen
werden lassen, werden aus den Verlaufsqualitäten der politischen Entwicklung der beiden deutschen
Staaten Chancen und Risiken der weiteren Ausformung der Einheit seziert und politik-didaktische
Konsequenzen abgeleitet, wobei mit vielen Klischees sozial-wissenschaftlicher Forschung gebrochen
wird. Besonders beeindruckend und für einen Ostdeutschen teilweise beschämend ist hierbei jenes bereits
bei Gaus zu verzeichnende Phänomen, daß es westdeutsche Autoren gibt, die den Prozeß der Einheit,
seine Voraussetzungen und seinen Verlauf, fundierter zu erfassen vermögen als authentische ostdeutsche
Teilnehmer.

Auf die einzelnen Aufsätze des Sammelbandes kann leider nicht näher eingegangen werden. Besonders
die ostdeutschen Beiträge seien dem westdeutschen Leser anempfohlen, da sich zwar theoretischer
Anspruch, nicht aber Perspektive, Sprache und Befindlichkeit mit westdeutschen decken, über-Setzung
mithin produktiv sein kann. Eine Ausnahme bildet hier nur der Beitrag von Michael Brie, der in der
Virtuosität der Beherrschung neudeutscher Terminologie eine gewisse Beklemmung erzeugt. Wenn
Sprache auch Weltbild ist, dürfte dies, worauf Indizien verweisen, nicht folgenlos sein.

Der Sammelband ist als Exempel "konkreter" Utopie möglichen Umgangs von Ost und West eine schöne
Episode im Traum von der deutschen Einheit.
Grass drüber.
Potsdam, 3.10.1995 Hans-Joachim Petsche