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MARTIN H E I D E G G E R MARTIN HEIDEGGER

GESAMTAUSGABE ARISTOTELES, METAPHYSIK @ 1-3


VON WESEN UND WIRKLICHKEIT DER KRAFT
11. ABTEILUNG: VORLESUNGEN 1923-1944

BAND 33
ARISTOTELES, METAPHYSIK @ 1-5
Von Wesen und Wirklichkeit der Kraft

-
Hal
VITTORIO KLOSTERMANN VITTORIO KLOSTERMANN
FRANKFURT AM M A I N FRANKFURT AM M A I N
I INHALT

Freiburger Vorlesung Sommersemester 1931


herausgegeben von Heinrich Huni EINLEITENDER TEIL

I Dm Aristotelische Fragen nach der Vielfalt und Einheit des Seins


§ 1. Neben der Kategorienfrage gehort die Frage nach 86vapss
I und Evkeyesa in den Bezirk des Fragens nach dem Seienden
2. Die Vielfdtigkeit des Seins des Seienden . . . . . . .
I
§ 3. Die Gleichsetzung bzw. Unterscheidung von Seiendem und
Sein. Das Sein als das Eine bei Parmenides . . . . . .
§ 4. Vielfdtigkeit und Einheit des Seins . . . . . . . . .
§ 5. Einheit des Seins - nicht als Gattung, sondern als Analogie
I
S 6. Die Fragwiirdigkeit der Analogie des Seins . . . . . .

HAUPTTEIL

Erster Abschnitt

Metaphysik 8 I. Die Einheit des Wesens der 66vayr~x a ~ h


x l q a ~ v der
, auf Bewegung hin verstandenen Kraft

§ 7. Uberlegungen zum Gang der ganzen Abhandlung uber


66vap~5und Evkeyasa . . . . . . . . ' . . . . . .
$j8. Eine Untergruppe von zwei ubertragenen Bedeutungen:
66vay~; im Hinblick auf Geometrisches; 6vvac6v bzw.
&GCvatov im Hinblick auf die Aussage . . . . . . . .
S 9. Die Leitbedeutung der 66vapcq x a t h xlvqusv . . . . . .
a) Annaherungen an das Phanomen der Kraft und Abweis
der sogenannten Ubertragung . . . . . . . . . .
b) Das scheinbar Selbstverstiindliche der Kausalitat und die
Aristotelische Wesensumgrenzung der Kraft . . . . .
S 10. Weisen der Kraft . . . . . . . . . . . . . . . .
a) Ertragsamkeit und (vorrangig) Widerstandigkeit. Wirken
als Sein der Naturdinge (Leibniz) . . . . . . . . .
b) Das zur Kraft gehijrige Wie . . . . . . . . . . .
§ 11. Die Einheit der Kraft des Tuns und Ertragens: Der onto-
2., durchgesehene Auflage 1990 logische und der ontische Begriff der Kraft und ihre innere
@ Vittorio Klostermann GmbH Frankfurt am Main 1981 Verklammerung . . . . . . . . . . . . . . . .
Alle Rechte vorbehalten - Printed in Germany
Znhalt Znhalt VII

S 12. Kraft und Unkraft - das Beisichfuhren des Entzugs. Die S 22. Die & V ~ Q ~ xardr
E L ~ xlvqucv. Die Wirklichkeit des Vermogend-
erfiillte Leitbedeutung . . . . . . . . . . . . . . 106 seins ist mitbestimmt durch sein Wesen - zum Wesen gehort
hinzu seine Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . 214
Nachwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . 225
Zweiter Abschnitt

Metaphysik 8 2. Die Einteilmg der Gbvay~~xatdr X ~ V ~ U L V


zwecks Aufhellung ihres Wesens

§ 13. Ober A6yos (Kundschaft) und Seele. Die Einteilungen >kun-


-
dig --kundschaftslos<und pbeseelt unbeseelt< . . . . . 117
S 14. Das ausgezeichnete Verhaltnis von Kraft und Kundschaft in
der Gbvay~syecdr h6yo11,dem Vermogen . . . . . . . . 130
a) Dem Vermogen ist notwendig ein Bereich gegeben und
darin Gegenteiliges . . . . . . . . . . . . . . 132
b) Das Vermiigen des Herstellens: Der h6yog als innerstes
Geriist . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
§ 15. Die Gbvap~sxurdr x i q a ~ vals Vermiigen der strebenden Seele 148
S 16. Die innere Zwiespiiltigkeit und Endlichkeit der 8Gvay~sYET&
h6yov. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

Dritter Abschnitt

Metaphysik 8 3. Die Wirklichkeit der Glwayc~xarh xlvqu~voder


des Vermogens
§ 17. Stellung und Thema des Kapitels und sein Zusammenhang
mit der These der Megariker . . . . . . . . . . . .
18. Beginn der Auseinandersetzung des Aristoteles mit den Me-
garikem . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
a) Liegt die Wirklichkeit des Vermogens im Haben oder im
Vollziehen desselben? . . . . . . . . . . . . .
b) Der Widerstreit steht auf dem Boden des griechischen
Wirklichkeitsverstiindnisses . . . . . . . . . . .
§ 19. In-der-Obung-sein als Wirklichkeit des VemGgens. Die Pha-
nomene Ausiibung und Aufhijren . . . . . . . . . .
§ 20. Die Wirklichkeit des Wahmehmbaren und des Wahmeh-
mungsvemiigens . . . . . . . . . . . . . . . .
a) Das Problem des Wahmehmbaren und der Satz des Pro-
tagoras . . . . . . . . . . . . . . . . . .
b) Ausubung und Nichtausubung des Wahrnehmens. . .
S 21. Abschld der Auseinandersetzung: Die Megariker verfehlen
die zum Vermijgen gehorige Bewegung des Obergangs . . .
Der innere Wille dieser Vorlesung sei durch ein Wort von
Nietzsche gekennzeichnet:
aVielleicht, da13 man einige Jahrhunderte spater urteilen
wird, da13 alles deutsche Philosophieren darin seine eigent-
liche Wiirde habe, ein schrittweises Wiedergewinnen des
antiken Bodens zu sein, und daD jeder Anspruch auf )Ori-
ginalitat< kleinlich und lacherlich klinge im Verhaltnis zu
jenem hoheren Anspruche der Deutschen, das Band, das
zerrissen schien, neu gebunden zu haben, das Band mit den
Griechen, dem bisher hochst gearteten Typus ,Mensch<.<
(Der Wille zur Macht, Aph. 419)
EINLEITENDER TEII,

DAS ARISTOTELISCHE FRAGEN NACH DER VIELFALT


UND EINHEIT DES SEINS

$1. Neben der Kategorien;frage gehlirt die Frage nach 6-lwap~


und 8vkgyaia i n den Bezirk des Fragens nach d e m Seienden

Die Vorlesung stellt sich die Aufgabe, eine philosophischc


Abhandlung aus der griechischen Philosophie philosophierend
auszulegen. Diese Abhandlung ist uns uberliefert als IX. Buch
(0)der .Metaphysika des Aristoteles. Die fur sich selbstandige
und in zehn Kapitel aufgeteilte Abhandlung hat zum Gegen-
stand ihrer Untersuchung 6-kvaptq und Evkgyela, nach der latei-
nischen Ubersetzung potentia und actus, nach der deutschen
rvermiigen und Verwirklichungc bzw. >Moglichkeitund Wirk-
lichkeitc.
Was wird in dieser Untersuchung uber GCvay~gwnd ivk~yela
gesucht? Was drangt zu der Nachforschung uber rMoglichkeit
und Wirklichkeitc? In welchen umgreifenden Bezirk des Fra-
gens gehort diese Abhandlung des Aristoteles?
Die Antwort hierauf liegt zum Greifen nahe. Wir brauchen
nur auf den Zusammenhang zu achten, innerhalb dessen die
Untersuchung sich findet: das ist die ~Metaphysikccdes Aristo-
teles. Also ist die Abhandlung uber 6 6 v a p ~und
~ Evkgyela eine
rmetaphysischec. Diese Auskunft ist zwar billig und richtig,
aber sie sagt dafur auch gar nichts. Wissen wir denn, was das
sein soll, was wir da so gmeinhin rMetaphysikc nennen? Nein.
Wir erliegen heute nur dern Zauber dieses Wortes mit seinem
Anflug von Tiefsinn und ErlBsung. Aber die Auskunft, jene
Abhandlung des Aristoteles sei eine rmetaphysischec, bleibt
nicht nur nichtssagend, sie fuhrt zu allem noch irre. Und nicht
erst heute, sondern seit zwei Jahrtausenden. Denn Aristoteles
4 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ 1 . Der Bezirk der Frage nach GCvap~sund EYEQYELU 5
hat nie das im Besitz gehabt, was man spater unter diesem Der erste Satz stellt fest, dal3 uber die Kategorien, und zwar
Wort und seinem Begriff, unter ,Metaphysik<verstand. Aristo- uber die erste Kategorie gehandelt wurde, narnlich in einer
teles hat auch nie dergleichen gesucht, was man von altersher anderen Abhandlung. Der zweite Satz charakterisiert die Art
als >Metaphysilrcbei ihm zu finden glaubt. der Hin- und Ruckbeziehung aller der anderen Kategorien
Wenn wir uns aber von der Oberlieferung nichts aufreden auf die erste. Wir finden in diesem Satz dreimal: Abyos, Akyeta~,
lassen und wenn wir uns selbst nichts einreden wollen, wenn heybpsvov. Die Hin- und Ruckbeziehung der ubrigen Katego-
wir also auf die naheliegende Auskunft, die Abhandlung sei rien spielt sich ab als AEye~vim Abyos.'
eine ,metaphysischec, verzichten, was dann? Wie sollen wir Akys~vbedeutet ~lesenc- namlich zusammenlesen, sam-
anders den Fragebezirk festlegen, in den sie gehort? Oder sol- meln, das eine zum anderen legen, das eine zum anderen mit-
len wir das offen und unbestimmt lassen? Aber dann bliebe rechnen, darauf beziehen. Dieses Zusammenlegen ist ein Dar-
unser Bemuhen, in die Untersuchung einzudringen, d. h. mit legen und Vor-legen (ein Bei- und Dar-stellen), ein: gesam-
ihr zu suchen, auf lange hinaus ohne Richtung, ohne Fuhrung. melt einheitlich zuganglich machen. Und da sich ein solches
Wir brauchen im voraus Klarheit uber das Ziel der Abhand- sammelndes Dar- und Vor-legen vor allem abspielt im Erzah-
lung, uber die Abfolge ihrer Scliritte, uber die Tragweite ihres len und Sprechen (im Weiter-geben und Mit-teilen), bekommt
Ansatzes. In welchen Fragebezirk gehort also die Abhandlung? hbyoq die Bedeutung von zusammenlegender, darlegender
Sie selbst sagt es uns in den ersten Satzen. Rede. Der Abyos als Dar-legen ist zugleich dann Be-legen; und
schliekllich Aus-legen, E~yqvsia.Die Bedeutung von Abyoq als
nsei pBv o h to< nghtos iivtos xai ngcis 8 n6aa~ai 6Ma~ Beziehung (einheitliche Sammlung, Zusammenhalt, Regel) ist
xatqyo~ia~ to< 6vtos 6vacpEeovta~sipqta~,n s ~ tiis
i odoias. xatdr demnach ,friiherc als die von Rede (vgl. u. S. 121 f.). Wie kommt
ydrq rbv t& otaias Abyov Akyata~t8AAa Iivta, t6 TE noabv xai t b 1 6 ~ 0 sauch zur Bedeutung ,Beziehungc?, ist daher verkehrt
no~bvxai thMa th oiito Aeybpeva- ndrvra ydrg EEEL tciv tijs odaias gefragt, der Hergang ist vielmehr umgekehrt.
Abyov, ijane~eixopev Ev tois xehtoy Abyoy. ( O 1, 1045 b 27-32) Das samrnelnde Darlegen der Rede macht zuganglich, macht
nOber das in erster Linie Seiende also und das heil3t iiber das, offenbar. So sagt z. B. Heraklit (Frg. 93): b 6va5, 05 tci yavtsibv
worauf zuruck all die anderen Kategorien des Seienden hinbe- eat^ t0 Ev Aehcpois, 05ts hkys~05ts xe6nte~. . . ~ D eHerr,
r dessen
zogen werden, ist gehandelt worden, uber die odaia. Das an- das Orakel zu Delphi ist, s~richtweder aus noch verbirgt er.u
dere Seiende* - zu beachten: tci iiv: das Seiend (partizipial!) - Aus dieser nackten Gegenstellung des 1kyet.v zu XQGXTELV, zu
ndas andere Seiende namlich (was nicht als odaia verstanden verbergen, ist einfach und eindringlich klar: Akys~vist im Un-
ist) wird gesagt unter Hinblicknahme auf das im Sagen der terschied zum Verbergen das Entbergen, Offenbarmachen.
odaia Gesagte, das Wieviel sowohl als auch das Wiebeschaffen Positiv bringt das Plato zum Ausdruck, wenn er gegen Ende
und die anderen, die so gesagt werden. Alle die Seienden seines Dialoges ~Sophistesccdas innere Amt des Abyos als GqAoCv
namlich (die ubrigen Kategorien aul3er der odaia) mussen bei fa&, als Offenbarmachen. Abyos als Rede ist das zusammen-
sich und an sich haben das Sagen der odoia, wie wir das in legende Offenbarmachen im Sagen, die enthullende Aussage
den ersten Erorterungen (iiber die otaia) dargelegt haben.<c von etwas uber etwas.
(Zu xghtw;: die tragende und leitende Grundbedeutung vgl. I Uber h6yo5 vgl. anfangs der Sophistes-Vorlesung, Wintersemester
u. S. 42 f.) 1924125: unzureichend.
6 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ I . Der Bezirk der Frage nach S6vapis und Cvhey~ia T
Die Hin- und Ruckbeziehung der ubrigen Kategorien a d Es liegt nahe, und ist daher auch beliebt, gerade bei Dar-
die erste, von der Aristoteles spricht, spielt sich ab im A6yog. stellungen der antiken Philosophie spatere und neuere Lehrea
Wenn wir demgemaI3 in verkiirzter Kennzeichnung sagen, die fur das Verstkdnis zu Hilfe zu rufen. In der Frage nach den
Hin- und Ruckbeziehung der Kategorien auf die erste sei eine Kategorien des Aristoteles pflegt man Kant beizuziehen. Er
>logischec,dann bedeutet das allein: Die genannte Beziehung hat ja do& auch die Kategorien >logischc aus der Tafel der
grundet im Abyoq - dieses Wort im erlauterten Sinne genom- Urteilsformen, der Weisen des Aussagens, gewonnen. Allein
men. Alle die uberlieferten und ublich gewordenen Vorstel- hier und dort besagt nicht nur ,logischc und >logische etwas
lungen aber von ,logischc und >Logikc sind ein fur allemal Verschiedenes. Man ubersieht vor allem einen Grundcharakter
fernzuhalten, gesetzt, daB man sich uberhaupt etwas Bestimm- der Kategorien, wie Aristoteles sie versteht. Und dieser Grund-
tes und wahrhaft Gegriindetes bei diesen Worten >Logikcund charakter der Kategorien ist gerade an unserer Stelle eigens
>logis&<denkt. genannt: xatqyo~iaito5 iivtog, ~Kategoriendes Seienden*. Was
Und wenn nun gar das, was Kategorien heifit, nicht nur im ist damit gemeint: Kategorien, die sich auf das Seiende als ihr
h6yo5 vorkommt und nicht nur in der Aussage verwendet wircf: >Objektcbeziehen (genitivus objectivus), oder Kategorien, die
sondern in der Aussage dem Wesen nach beheimatet ist, d a m dem Seienden als >Subjektcangehoren (genitivus subjectivus)3
wird verstiindlich, warum die Kategorien eben >Kategorienc Oder ist beides gemeint? Oder keines von beiden? Wir mussen
genannt werden. das offenlassen.
Katqyo~~iv heifit anklagen, beschuldigen - also zunachst Jedenfalls ist damit abweisend schon gesagt: Die ubliche
nicht e k beliebiges Aussagen,sondern ein nachdriickliches,her- Vorstellung der Kategorien als >Denkformenc,als irgendwelche
ausgehobenes -, einem etwas auf den Kopf zu sagen: da13 er Hulsen, in die wir das Seiende stopfen, verfehlt den Tatbe-
der und der ist, daI3 es so mit ihrn steht. Auf Sachen und stand. Urn so mehr, als Aristoteles an unserer Stelle die Kate-
Seiendes uberhaupt ubertragen: ein solches Sagen, das in gorien sogar einfachhin nennt t&iivta, wdie Seiendenn, das,
einem betonten Sinne sagt, was dm Seiende denn eigentlich kt, was schlechthin in das Seiende gehort.
wie es mit ihm steht; ?tcctqyogla also ist ein so Gesagtes und Allein wir sagten doch zuvor und gerade in Auslegung des.
Sagbares. Wenn im A6yog die Kategorien beheimatet sind, zweiten Satzes des Aristoteles, die Kategorien seien im A6yog
dann heifit das: In jedem beliebigen Aussagen von etwas uber beheimatet. Der A6y0q aber, die Aussage, ist Aussage uber das
etwas liegt jenes ausgezeichnete Sagen, worin das Seiende Seiende, nicht das Seiende selbst. So haben wir das Doppelte:
gleichsam, und zwar mit Recht, auf das hin angeklagt ist, was Die Kategorien gehoren in den Abyoq - die Kategorien sincf
es ist. Aristoteles gebraucht nun zuweilen xatqyoeia auch in das Seiende selbst. Wie geht das zusammen? Die Antwort
einem weiteren, abgeblaI3ten Sinne: das im redenden Verhan- fehlt. Und wir bedenken fortan: Die Frage nach dem Wesen.
deln Gesagte, einfach Ausgesagte; besser (vgl. Physik B 1, der Kategorien fuhrt ins Dunkel.
192 b 17): der einfache An-spruch. das Zu-gesagte im eigent- (Das Wesen der Kategorien ist verwunelt im Abyog als sam-
lichen Sinne - der Name, das Wort und Verhaltnis zur Sache. melndem Offenbarmachen. Bedeutet dies Zusammen von Ein-
Was er aber im betonten Sinne ,Kategorienc nennt, ist solches, heit und Wahrheit: Sein? Wo es, bei Parmenides, zum erstea
was bei allem Aussagen in einer vorwaltenden Weise sagend Sagen des Seins kommt, da ist das BY der Charakter der Anwe-
(wenn auch nicht ausgesprochen) beteiligt ist. senheit [vgl. u. S. 231. Zu beachten ist der Zusammenhang
8 Dm Aristotelische Fragen nach dem Sein $' 1. Der Bezirk der Frage nach Girvapy und EvEey~~a 9

zwischen Bv als obaia, nag- und avvovaia und Ev, als Bei- und lichkeit und Wirklichkeit denken. Denn fur Kant vor allem
Zusammen, und h6yoc; als Gesammeltheit, Bei-gestelltheit, Zu- und seit Kant gehoren >Moglichkeitcund >Wirklichkeitc zu-
sammengezogenheit; und von daher die ~Kopulac,das >istc.) sammen mit ,Notwendigkeitc unter die Kategorien; und zwar
Der dritte aus Aristoteles angefiihrte Satz bestimmt dann bilden sie die Gruppe der Kategorien der >Modalitate;es sind,
noch, in welchem Sinne die obaia unter den Kategorien die wie man kurz sagt, die Modalitaten. Allein wir finden bei
erste ist. %Alldie Seienden namlich miissen bei sich und an sich Aristoteles in keiner seiner Aufzahlungen der Kategorien
haben das Sagen der oboia.cc Z. B. das no~bv,das Beschaffen- 66vapis untd Evk~yaia.Fur Aristoteles ist die Frage nach 66vapis
sein: dergleichen fur sich genommen, gibt es nicht; es ist ge- und Evkgy~~a, Moglichkeit und Wirklichkeit, keine Kategorien-
rade in seiner eigensten Bedeutung nicht gefafit, wenn dabei frage. Das ist entgegen allen iiblichen Deutungsversuchen ohne
nicht miterfafit ist: das Beschaffensein von etwas. Dieser Bezug Umschweife festzuhalten. Und diese - freilich wiederum nur
- won etwasc - gehort zum Gehalt der Kategorien. Diese wer- verneinende - Erklarung ist die erste Voraussetzung fur das
den also nicht erst gelegentlich und nachtraglich durch das Verstandnis der ganzen A b h a n d l ~ g . ~
Aussagen auf die erste Kategorie bezogen, als konnten sie Wohin geliort aber denn nun diese Untersuchung, wenn
sonst fur sich etwas bedeuten, sondern sie sind ihrem Wesen nicht in den Rahmen der Kategorienfrage? Das ist im folgen-
nach immer mitsagend die oboia. Und sofern die Kategorien den Satz (01, 1045 b 32-35) ganz klar gesagt:
die Seienden sind, sind sie mitseiend mit der odaia. Diese ist 'End 62 hkysta~t b 8v t b p2v t b ti 4 X O L ~ Vfi n006v, t b 8k %at&
immer schon zuvor gesagt und zuvor seiend, sie ist die erste 68vapiv xai ~ v ~ ~ h k ~xai
s i axat&
v t b Eeyov, 6ioeioopev xai A E Q ~
Kategorie und das heifit zugleich: das erste Seiende - t b 6w&psog nai Evtshsx~iac;..Da aber das Seiende gesagt wird
neGtwc; iiv. einmal (tb pEv) als das Wasseiende oder als das Sogeartet-
Soviel zur groben Erlauterung des Anfangs unserer Abhand- seiende oder Sovielseiende (kurz: im Sinne der Kategorien),
lung. Wir wollten aus den einleitenden Satzen jetzt nur erfah- dann aber (tb 66) im Hinblick auf 66vapic; und EvteAkxsia und
ren, in welchen Bezirk des Fragens sich die Abhandlung selbst 'E'gyov, so wollen wir denn auch iiber 66vapis und 6vtshk~sia
hineinstellt. 1st dariiber in den bes~rochenenSatzen etwas ge- eine begrifflich durchdringende Aufhellung vornehmen.cc
sagt? Nein - im Gegenteil, es wird lediglich zusammengefafit,
Hieraus wird deutlich: Die Frage nmach 66vapy und Evtshkx~~a
was in einer anderen Abhandlung erortert wurde. Eine Unter-
ist auch eine Frage nach dem Seienden als solchem, aber eine
suchung uber die Kategorien, und zwar iiber die erste Kate-
anders gerichtete. Sie bewegt sich also ebenso wie die Kate-
gorie, ist uns iiberliefert, und zwar als VII. Buch (Z) der
gorienfrage in d e m allgemeinen Bezirk des Fragens nach d e m
~Metaphysikcc.Aber vielleicht ist gerade an diese (gleichfalls
Seienden, welches Fragen den Aristoteles im Grunde einzig
fur sich geschlossene) Abhandlung iiber die odaia erinnert, urn
bewegt.
anzudeuten, dafi auch die folgende Abhandlung in den Bezirk
der Frage nach den Kategorien gehort; 86vapic; und Evkgysia, Tb Bv, das Seiende selbst mu13 demnach solchen Wesens sein,
dafi es die eine Erorterung (im Sinne der Kategorien) ebenso
von denen nunmehr gehandelt werden soll, sind dann auch
zwei Kategorien, die eine gesonderte Untersuchung erfahren. Hier wiiren auch Erortemgen einzuschalten iiber cb dn&exe~v,cb EF
Diese Meinung drangt sich auf, wenn wir an die spatere und dv&yxq~ und zb Ev8b~eufta~ ~ ~ & Q x EAnalytica
Lv, priora A 2, 25 a 1 f.; vgl.
heute ubliche Auffassung von 66vap~c;und ivkgy~ia,von Mag- De interpretatione Kap. 12 f.
10 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ 2 . Die Vielfaltigkeit des Seins des Seienden 11
zulal3t wie die andere (im Sinne von Gbvapis und Evk~ysia)- ja was da zur Ankundigung des Fragebezirkes der Abhandlung
nicht nur zulal3t, sondern vielleicht verlangt. Die Erorterung gesagt ist. Wir wollen deutlicher sehen, wonach bei Aristoteles
uber Gbvapy und 6vk~yaiaist also ein bestimmt gerichtetes, von gefragt ist und welche Wege dieses Fragen sich bahnt.
der Frage nach den Kategorien unterschiedenes Fragen nach
dern Seienden. Das Fragen jedoch, was das Seiende sei, sofern
es das Seiende ist - t i rb iiv 5 iiv, dieses Fragen ist, wie Aristo- $ 2 . Die Vielfaltigkeit des Seins des Seienden
teles mehrfach zeigt (z. B. Met. r 1 u. 2 und E IS), das eigent-
lichste Philosophieren (ngGtq cpihooorpia). Nun geht dieses auf Das Seiende wird gesagt und angesprochen einmal in der
das n ~ G t o <6v (die oiroia), - also gehort 66vapi~und Evkeyaia Weise der Kategorien und einrnal in der Weise von 86vapi~
nicht dazu? Oder ist die Zugehorigkeit gerade die Frage? - - Evkeyeia, also in zweifacher WQse, Gi~Lis,und nicht pova~35,
Sofern diese Frage nicht gestellt und noch weniger beantwor- nicht in einer einzigen und einfachen Weise. Woher stammt
tet ist, heiBt das: die Seinsfrage wird nicht bewaltigt. diese Unterscheidung; mit welchem Recht wird das Ansprechen
Nach 66vapy und Evkeyeia fragen, wie es in unserer Ab- und Sagen des Seienden so zweifach gefaltet? Aristoteles gibt
handlung geschehen soll, ist eigentliches Philosophieren. Wenn daruber weder hier noch anderswo eine Aufklarung und Be-
wir selbst somit Augen haben zu sehen und Ohren zu horen, griindung. Er fragt uberhaupt nicht nach dergleichen. Diese
wenn wir rechten Sinnes und wahrhaften Willens sind, dann Unterscheidung des iiv steht einfach da. Fast so, wie wenn wir
erfahren wir durch die Auslegung der Abhandlung, falls sie sagen: Unter den Tieren da gibt es einmal Saugetiere und so-
uns gelingt, was Philosophieren ist. Wir machen so eine Er- dann gibt es auch Vogel. Tb iiv kkyetai t b pkv - t b 615. Warum
fahrung mit dern Philosophieren und werden selbst darin viel- faltet sich das Seiende so zweifach auseinander? Liegt das am
leicht erfahrener. Seienden selbst; oder lie@ es an uns, daB wir Menschen diese
Die Abhandlung uber 6bva~yund Evk~ye~a ist eine der Fra- zweifache Sage des Seienden sagen mussen? Oder liegt es we-
gen nach dern Seienden als solchen. Mehr sagt Aristoteles hier der nur am Seienden selbst noch nur an uns Menschen? Und
nicht; er geht vielmehr nach den jetzt gelesenen Satzen sofort woran dann?
uber (1045 b 35 ff.) zur naheren Umgrenzung des Vorwurfes Wenn wir uns dergestalt auch nur roh in den Bezirk der
und zur Kennzeichnung des Gangs der ganzen Untersuchung. Frage nach dern Seienden vortasten, stehen wir alsbald wieder
Mehr sagt Aristoteles nicht. Aber es ist genug, ubergenug im Dunkeln. Aber die Ratlosigkeit steigert sich noch, da wir
fur uns, die wir weither und von a d e n kommen und nicht nicht stehen bleiben durfen bei dern nackten Entweder-Oder:
mehr den Boden haben, auf dern diese Untersuchung sich h a t , entweder ist das Seiende gesagt in der Weise der Kategorien
- ubergenug fur uns, die wir durch eine wahllose philoso- oder in der Weise von 86vapiq und Bvk~yeia,denn Aristoteles
phische Gelehrsamkeit verbildet sind und unsere Unkraft zum selbst belehrt uns eines anderen, und das eben in unserer Ab.
Philosophieren verbergen durch einen schlauen Betrieb. Daher handlung, namlich im Anfang des SchluBkapitels lo1. (Mit
bedarf es eines kleinen Aufenthaltes zur Besinnung uber das, diesem gelangt die Abhandlung in ihr eigentliches Ziel, ja das

8 Vgl. die Stellen in den iibrigen Schriften, wo nphcq cp~hoaocplage- 1 Vgl. die Auslegung von Met. 8 10 in der Vorlesung Sommersemester
nannt wird, im Kommentar von Bonitz, Prooem. S. 3 f. 1930.
12 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ 2 . Die Vielfaltigkeitdes Seins des Seienden 13
ganze Philosophieren des Aristoteles auf seinen >hochsten einfachhin angesprochen in vielfacher Weise gesagt wird,
Punktc.) Dieses Kap. 10 beginnt: ixel 68 t b 8v Abystai xai t b yT) davon das eine ist das Seiende im Hinblick auf das gerade
8v t b y8v xath th axfiyata tGv xaqyoeiGv, t b 68 xath 86vayiv 4 auch Mitvorhandenseiende, ein anderes aber das Seiende als
BvCgyeiav to6tov 4 tdrvavtia, t b 68 xveiGtata 8v cihq6Q~4 Wahres und das Nichtseiende als Unwahres, neben diesen aber
qsGSoq. . . (1051 a 34-b I) *Da aber das Seiende und das die Gestalten der Kategorien, so das Wasseiende, das Geartet-
Nichtseiende gesagt wird einmal gemaJ3 den Gestalten der seiende, das Wievielseiende, das Woseiende, das Wannseiende
Kategorien, sodann nach MGglichkeit und Wirklichkeit dieser und anderes, wenn es nach dieser Weise bedeutet; ferner neben
oder deren Gegensatzen (kurz: im Hinblick auf 86vayiq oder diesen allen das Seiende im Sinne von 66vapi~und Evkgysia;
&vk@y&ia), das voniiglichste Seiende aber das Wahr- oder Un- - da also vielfach das Seiende angesprochen wird, gilt es . . .u
wahrseiende ist . . . ~ c Ohne naher einzugehen auf all das, was Neben den drei aufgefuhrten Faltungen ist hier eine vierte
dieser Kapitelanfang gegenuber dem des 1. Kapitels Neues angefuhrt, und zwar zuerst genannt: das 8v xath ovpfispqxbs-
bringt, wir sehen das eine deutlich: Es handelt sich wieder um zufallig - das ist eine merk-
das zuftillige Seiende. Zvpfl~flqxbs:
die Faltung des Seienden; und wieder werden in derselben wiirdige Ubersetzung, sie ist eigentlich wiirtlich dem Griechi-
Reihenfolge genannt: das Seiende im Hinblick auf die Kate- schen nachubersetzt, trifft aber nicht den eigentlichen Aristote-
gorien und das Seiende im Hinblick auf 66vapis und EvEeysia. lischen Sinn; das Zufiillige ist zwar ein ovyflsflqxbg,aber nicht
Dazu aber kommt jetzt ein drittes: das Wahr- oder Unwahr- jedes ovpflsfiqnbsist zuflillig.
seiende. Das Seiende ist also nicht zweifach (6ixGq), sondern Die Folge der Aufreihung ist jetzt eine andere. Und sie ist
dreifach gefaltet (t~ixG5).So wird die Frage nach der Ausein- auch zunachst gleichgiiltig. Wichtiger ist die Art der Einfiih-
anderfaltung des Seienden und deren Ursprung zusehends ver- rung der vier Faltungen des Seienden, hier wie an den ubrigen
wickelter; der innere Zusammenhang der drei Faltungen unter Stellen: &vyEv, &egov 66, xaeh raCta 66, &tinag&taCza x&vta-
sich wird undurchsichtiger. einmal, dam, daneben, auBerdem. Es ist eine einfach hinstel-
Und wenn wir vollends uns danach umsehen, ob und wie lende Nebeneinanderreihung ohne jede Hinsicht der Gliede-
Aristoteles selbst das Fragen nach dem Seienden gliedert, dann rung und des Zusammenhangs und gar ihrer Begriindung.
zeigt sich: Gerade da, wo er eigens sich die Aufgabe stellt, die Nur das eine ist gesagt: zb 8v Akystai noAAaxB~- das Seiende
Faltung des Seienden in einem vollstandigen Uberblick zu wird in vielfaltiger Weise gesagt; und zwar in vierfacher.
kennzeichnen, da fiihrt er nicht eine dreifache Faltung auf Dieser Satz: t b 8v Akystai xoAAaxGs begegnet bei Aristoteles
(tgixGq), sondern eine vierfache (tetea~Gq).So im Anfang des wie eine stehende Formel. Aber es ist keine blol3e Formel, son-
Kap. 2 der Abhandlung, die wir als Buch VI (E) der ~ M e t a - dern in diesem kurzen Satz pragt sich aus die ganze funda-
physikc kennen: &Ah' Enei t b 8v t b &nAGq A~ybpsvovAE~ETUL mental neue Stellung, die Aristoteles in der Philosophie gegen-
noAAaxGq, 6v &v p8v qv t b xath uvpfi&fiqnb<, ZZEQOV 8Q t b 615 iiber seiner ganzen Vorzeit, auch Plato gegeniiber, sich erar-
ciAq685, xai zb p.;1iiv 6.15 qeC6oc;, xaeh taGta B'iari th axfipata beitet, nicht im Sinne eines Systems, sondern im Sinne einer
t q q xatqyogia~,olov t b pQvti, t b 68 xoibv, t b 68 ~oabv,t b 68 noC, Aufgabe.
t b 68 not$, xai si t i ZAAo oqyaivs~tbv tgbxov toiitov. ETL xagh *
taGta x&vta t b 8vv&p&inai 6v~gysig'E X E ~ 64 xoAAax8~AEystai Unsere Aufgabe ist die Auslegung von Met. 0, der Unter-
t b iiv, xgGtov . . . (1026 a 33-b 2) ~ A b e rda das Seiende, das suchung uber 86vapis und EvEeyeba. Damit wir imstande i n d ,
14 Das Aristotelische Pragen nach dem Sein $ 2 . Die Vielfaltigkeit des Seins des Seienden 15

mit der Untersuchung mitzusuchen, und nicht aus didaktishen Philosophie. Kap. 7 z a t die verschiedenen Bedeutungen des
Griinden, bedarf es einer unumgiinglichen Vorbereitung: der 6v auf: die vier, die wir eben kennen lernten aus E 2; hier in
Kennzeichnung und Umgrenzung des Fragebezirkes, in den A 7 wieder in einer anderen Reihenfolge.
hier hineingefragt wird. Aufschld dariiber erhalten wir aus Das Kapitel beginnt 1017 a 7: t b iiv Akyeta~. . . Bei der Ein-
der Abhandlung selbst. Sie beginnt mit dem Verweis auf eine fiihrung des iiv nach den Gestalten der Kategorien wird gesagt
andere Abhandlung, in der uber die Kategorien gehandelt (a 23 f.): daax8q y&@Akyeta~[t& 0~4pataZ ~ Sxatqyoeias, H.]
wurde. Die ~ a t e ~ o r i e-den
n im Abyo~,- sie sind t&h a , tooauza~8qt b E ~ V ~oqpaive~.
L *Wie vielfach narnlich gesagt
das Seiende selbst. Wie immer, die Frage nach den Kategorien werden die Gestalten der Kategorie, so vielfache Bedeutungen
ist eine solche nach dem iiv. Tb iiv wird aber auch gesagt %at& hat das Sein.cc Beilaufig der Hinweis: ti xaz~yoeia- der Singu-
8bvap~vxai Evkeye~av.Also soll dariiber jetzt eine Untersuchung lar hier bedeutet das ausgezeichnete Sagen des Seienden in
folgen. Der Bezirk ist t b iiv, das Seiende. Dieses wird hier zu- jeder einzelnen Aussage uber je dieses oder jenes Seiende; die
nachst zweifach unterschieden ( ~ L x ~spater
s ) , dreifach ( ~ Q L X ~ S ) Kategorie: die Sage des Seins im Aussagen (Abyo~)des Seien-
und schliel3lich vierfach (tatgax8~).Immer wieder sagt Aristo- den. Fiir t b iiv, das Seiende, steht im angefuhrten Satz t d elvat,
teles: t b BY Akysta~nohAa~8q.Es bleibt freilich bei einem Ne- das heil3t: t b 6v ist verstanden als t b Bv 8 iiv. Und so imglei-
beneinander. chen bei den iibrigen Weisen des iiv: EZL t b E I V aqpaivet
~L xai zb
Die programmatische Aussage der vierfachen Faltung des Eat~vBZL drAq8E~(a 31; eine Stelle von grol3er Bedeutung, wor-
Seienden (in E 2) ist insofern noch besonders wichtig, als sie auf wir aber jetzt nicht eingehen konnen.) ,Femer bedeutet
dem 6v, das hier gegliedert wird, eine niihere Bestimmung bei- das Sein auch das >istcim Sinne des ,es ist wahrc.~Wie wir ja
fiigt: a6 iiv - t b dnA8~Aeybp~vov:das Seiende - und zwar das auch sagen: etwas kt so - in der Betonung des ,ist< meinen
einfachhin an ihm selbst Angesprochene; das will sagen: das wir: es ist in Wahrheit so. Hier geht es also urn das Sein des
Seiende rein als es selbst, eben als Seiendes genommen: das Walirseienden. Und schliel3lich die Einfuhrung des iiv als
6v 5 iiv - das Seiende, sofern es ein Seiendes ist. Gbvapy und Evkgysur (a 35 f.): ETL t b d v a ~uqpaiv~~ xai zb iiv t b
Was fassen wir denn in den Blick, wenn wir das Seiende als p8v 8vv&p&~ [Gqtbv], t b 8)EvteA~x~iq.,Ferner meint das Sein auch
Seiendes ansprechen? Was konnen wjr und mussen wir vom das Seiende einmal ~ U V & ~ E L sodann
, ivzeA&~&iq.<<Tb &ha1
Seienden sagen, wenn wir es nur und gerade als Seiendes aqpaive~t b iiv: das Sein bedeutet das Seiende (eigentlich: das
nehmen? Wir sagen: das Seiende ist. Was Seiendes zu Seien- Seiend, und nicht: das Seiende). Sein (~lval)meint nichts
dem macht, ist das Sein. Wenn Aristoteles also von der Viel- anderes als das Seiende (iiv), sofern es dieses ist und nichts
fachheit der Faltung des Seienden als Seienden spricht, dann anderes.
meint er die Vielfalt der Faltung des Seins des Seienden. Das Der Bezirk des Fragens, in den unsere Abhandlung hinein-
Sein faltet sich auseinander. fragt, ist ,das iiv 8 6v: das Seienlde als Seiendes, das heiSt aber
DaS Aristoteles dabei auf das Sein des Seienden abzielt, jetzt: das Sein. Und gefragt wird je nach einer Weise des Seins,
kommt klar an den Tag in Kap. 7 des V. Buches (A) der *Me- das sich vierfaltig faltet, welche Faltungen einfach nebenein-
taphysik~c.Dieses Buch enthiilt nun uberhaupt keine unter- ander aufgefiihrt werden. Tb Bv Akyeta~noAAa~8~ besagt: t b
suchende Abhandlung, sondern ist eine Zusammenstellung der E I V ~(to5
L BVTOS) Akyeta~xoAAa~8q.Dieses nohAax3~,vom iiv bzw.
verschiedenen Bedeutungen von einzelnen Grundbegriffen der ~ l v agesagt,
~. meint meistens die genannten vier Weisen des
16 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein J 2. Die Vielfaltigkeit des Seins des Seienden 17

Seins, auch da, wo zuweilen nur zwei oder drei aufgeziihlt (das vorgenannte) ein Soundsogeartetes oder Soundsovieles ist
werden: noAAax6g = tetgax6g. und derglei6hen.a Das t b ybv - tb Sb gliedert so, da13 auf die
Das 6v xoAAa~6gAey6pevov hat freilich auch noch eine engere eine Seite allein die oirala zu stehen kommt, auf die andere
Bedeutung. Dann sind nicht gemeint die genannten vier Wei- alle die anderen Kategorien. Mit dern noMax6g ist jetzt ge-
sen, sondern eine unter ihnen, die sich immer wieder einen meint eine Vielfaltigkeit innerhalb ~ d e Kategoriecc;
r und zwar
gewissen Vorrang verschafft: t b 6v xatd td a~fipata t& hat diese Vielfaltigkeit eine gewisse Ordnung und Gliederung,
xatqyogiag - Sein im Sinne der Kategorien. Dieses ijv, d. h. das namlich die, die wir bereits kennen: die Hinordnung aller
d v a ~in diesem Sinne ist nicht nur eines unter dern noMax6g ubrigen Kategorien auf die erste (vgl. O 1 Anf.). Darauf
der vier, sondern es ist in sich selbst ein noAAax6g Aaybpevov, weist der folgende Satz (Z 1, 1028 a 13 ff.): tooavtax6g 66
namlich so vielfach als es Kategorien gibt; vgl. a 23 f.: 6aax6~ A~yoykvovto4 ljvtog cpaveebv iit~toCtov ng6tov iiv tb t i Eotiv, Bnee
ydg Abystai [q xatqyogia, H.] tooavmx6g zb dvai aqpaivei. Also ovpaiva~tqv oiroiav. .So vielfach aber das Seiende hier gesagt
dieses Ziv ist selbst ein noMax6g Aeybpsvov, und zwar deshalb, sein mag, (so ist es doch keine wirre beliebige Mannigfaltig-
weil hier das Akyeiv das ganz ausgezeichnete der xatqyogia ist, keit, sondern) offenbar ist von diesem das erste Seiende das
das in jedem beliebigen Abyog schon waltet. Wasseiende, was die oiraia bedeutet.cc Oiroia besagt nach obi-
Diesem Sachverhalt entspricht es, wenn die Abhandlung der gem also: t b bnAGg nghtog Aeybyevov, - bxA6g (einfach) aber
~Metaphysikcc,die die erste Kategorie, die oiroia, erortert und auch im Unterschied zum xoAAax6g in der weiteren Bedeutung.
eines der Kernstiicke der Aristotelischen Philosophie ausmacht, So haben wir innerhalb des weiteren noAAax6g (zetgax6g)
beginnt mit dern einfachen Leitsatz: tb 6v Adystai xoAAax6~ das noAhax6g der verschiedenen Kategorien. Das noAAax6g als
(Z 1,1028 a 10). Was nun im iiberlieferten Text folgt, namlich
xa6rlxne~ 6i~lA6p~6a. . . nooaxGg, kann nicht von Aristoteles tb ijv
stammen, ist spater dazwischengeschoben von den Leuten, die
einzelne Abhandlungen des Aristoteles zu einem sogenannten tb alva~
?
Werk zusammenzuleimen versuchten; entsprechend verhiilt es
sich mit dern SchluSsatz des voranstehenden Buche~.~ Buch Z
wird so, sachlich mit einem gewissen Recht, in den Bezirk des
vierfachen Fragens nach dern Ziv eingereiht. Aber das noAAax6~,
mit dern es beginnt, meint etwas anderes. Was, das wird im

1
folgenden Satz (a I1 ff.) klar gesagt: oqpaivai ydrg tb p8v
t i Eon xai tbse t i , ti) 68 iizi xoibv .ti noabv 4 t 6 v CAAwv Zxaotov
TQV03to xatqyo~ovpbvov.BESbedeutet namlich das Seiende
tij~xatqyoeiag 3 gvbgys~av I
xatdr tdr o~fipcttct xatdr 6.irvap~v BS bAq68g xatdr
qaG605 ovpfi~fiqxbs

einmal das Wasseiende und das Diesesseiende, sodann da13 es

Vgl. die Anmerkung von Christ zur Stelle (von Bonitz und Schwegler
nicht gesehen); freilich beachtet Christ nicht, was auch hier nicht seine
Aufgabe ist, den Grund dieser Unterscheidung: die engere Bedeutung des
rcobka~&~.
18 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $3. Seiendes und Sein. Das Sein als das Eine 19
solches ist selbst ein 8 ~ x 6lieybpevov,
~ wird zweifach gesagt. fang der abendlandischen Philosophie bei Parmenides: t&
Dieser Zusammenhang muI3 klar gesehen werden, nicht nur Ebvca und &ppeva~ (eine atere, lesbische Form)l. Diese Gleich-
um den Sprachgebrauch des Aristoteles kennen zu lernen, setzung ist aber doch auch zugleich eine verborgene und un-
sondern wenn die Aristotelische Frage nach dern iiv philoso- verstandene Unterscheidung, die nicht zu ihrem Recht kommt.
phisch begriffen werden soll. 1st also das ehrwiirdige Alter dieser Gleichsetzung schon ein
genugendes Zeugnis fur die Durchsichtigkeit des Gleichgesetz-
ten oder gar schon eine Be-dung des Rechtes, so zu reden?
$ 3. Die Gleichsetzung bzw. Unterscheidung von Seiendem Da13 wir so tun in der gewohnlichen Rede, ist nicht zu ver-
und Sein. Das Sein als das Eine bei Parmenides argen. DaB wir aber so tun da, wo wir nach dem Seienden
eigens fragen, ist doch zum mindesten merkdrdig. Oder
Wir sehen, die Frage: t i zb 3v - was ist das Seiende? ist das wird gar nicht wirklich nach dern Seienden gefragt? Aristo-
Fragen: t i zb e'tva~- was ist das Sein? Wie kann Aristoteles teles und die Philosophen vor ihm fragen aber doch ausdriick-
t b iiv und zb ~ ' t v aeinander
~ gleichsetzen? Warum denn, wenn lich danach. Oder ist es mit diesem einfachen Fragen nicht
nach dern Sein (e'tvai) gefragt ist, sagen, nacli dern Seienden getan? 1st es nur ein erster Anlauf, der seitdem ins Stocken
(iiv) sei die Frage? geraten ist? Das Seiende und das Sein - hier noch unter-
Diese Gleichsetzung ist auch heute bei uns noch ublich, frei- scheiden und gar eine Frage entwickeln wollen, ist das nicht
lich mehr im Sinne einer heillosen Verwirrung. SO spricht bodenlose und fruchtlose Wortklauberei? Das Seiende und
man oft in der Philosophie vom Sein und meint dabei das Seiendes, das kennen wir: es begluckt und bedrangt uns,
Seiende. Andererseits nennt man das Seiende und meint das macht uns zu schaffen und 1aBt uns im Stich; und wir selbst
sind ja Seiende. Bleiben wir beim Seienden. Was soll noch
Sein. Im Grunde begreift man weder das eine noch das andere.
das Sein?
Und doch verstehen wir etwas dabei; wenngleich beim Ver-
such des Zufassens alles in einem Nebel verschwimmt. Z. B. Steht es etwa so urn das Fragen nach dern Sein, wie
dieses Ding da, diese Kreide ist ein Seiendes, sie ,istc; das sa- Nietzsche (in seiner Friihzeit) meint, wenn er von Parmenides
gen wir von ihr, weil sie es uns gleichsam zuvor sagt. Ebenso sagt: ~Parmenideshat, wahrscheinlich erst in seinem hoheren
ist Seiendes mein Sprechen jetzt und Ihr Horen und Aufmer- Alter, einmal einen Moment der allerreinsten, durch jede
ken. Seiendes erfahren und fassen wir leicht und standig. Wirklichkeit ungetrubten und vollig blutlosen Abstraktion
Aber das ,Seine? Auch das verstehen wir in gewissem Sinne, gehabt; dieser Moment - ungriechisch wie kein andrer in den
aber begreifen es nicht. Wie sollen wir aber dann beides, das zwei Jahrhunderten des tragischen Zeitalters -, dessen Er-
Seiende - das Sein, auseinanderhalten und gar, was dazu- zeugnis die Lehre vom Sein ist, wurde fur sein eigenes Leben
gehort, in seinem inneren Bezug verstehen, wo all das nicht zum Grenzstein . . .a? (Die Philosophie im tragischen Zeit-
durchdrungen, ja nicht einmal eigens in Frage gestellt ist? alter der Griechen, 1873)2 Und hat so derselbe Nietzsche
DaB die Philosophen vom Seienden und vom Sein seit lan- Recht, wenn er in seiner letzten Zeit vom Sein sagt, es sei
gem reden, wer mochte das bezweifeln. Diese Gleichsetzung
von zb bv und t b e'tva~,das Seiende und das Sein, hat ein ehr- Vgl. Vorlesung Sommersemester 1932.
2 Gesarnmelte Werke. Musarionausgabe (hrsg, v. R. u. M. Oehler u.
wurdiges Alter. Wir treffen sie schon im entscheidenden An- F. Wiirzbach) Bd. IV, Miinchen 1921, S. 189.
20 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $3. Seiendes und Sein. Das Sein als das Eine 21
,der letzte Rauch der verdunstenden Realitatc? (Gotzen-Dam- t b iiv, ti) E I V ~1st
L ?denn die Summe alles Seienden, zu der wir
merung: Die ~Vemunft*in der Philosophie, § 413 durch Abzahlen und Zusammenzahlen der einzelnen Seienden
)Das Seinc: ein Gedanke, ungriechisch wie kein anderer - gelangen oder zu gelangen versuchen, d m Seiende? Machen
oder so griechisch?! ,Das Seinc: Dunst und Rauch - oder ist wir die Probe. Wir fangen an zu zahlen: dieses Seiende und
es die innerste verborgene Glut des menschlichen Daseins? dazu dieses und dazu jenes und anderes u. s. f. Und nehmen
Wir wissen es nicht, darum fragen wir, d. h. miihen uns, recht wir einmal an, wir k h e n ans Ende. Wobei haben wir an-
zu fragen. Wir wissen jetzt nur: Da, wo nach dern Seienden gefangen? Bei einem beliebigen Seienden. Also nicht beim
schon anfanglich gefragt wird, ist dieser Unterschied von Sei- Nichts, urn dieses eben durch die Aufzahlung alles Seienden
endem und Sein in der Gestalt einer Gleichsetzung da. Hier- aufzufiillen und so d m Seiende zu gewinnen. Wir fangen bei
bei ist wieder zu beachten: t b iiv bedeutet eigentlich das Sei- einem Seienden an, also doch bei einem Seienden. Wie das?
end (partizipial) und das Sein, (die Seiendheit). Wir versuchen Im Anfang, bevor es nicht durchgezat ist, haben wir doch
diesen merkwiirdigen Tatbestand des Unterschiedes von Sei- noch nicht d m Seiende, wenn anders das Seiende durch die
endem und Sein vorlaufig und eine Strecke weit aufzuhellen, Summe gebildet wird. Wir fangen aber so an. Wir fangen
um mindestens zu ahnen, da13 es sich hier nicht um eine nichts- demnach bei unserem Vorhaben, durch Ziihlen die Summe zu
sagende Willkiir des Sprachgebrauches handelt, zumal wenn gewinnen, bei der Summe an: Wir greifen aus der Summe,
die Sprache Wunel und Wunlder unseres Daseins ist und wir die doch der Voraussetzung nach d m Seiende ist, ein erstes
annelmen diirfen, da13 die Philosophie in ihrem Anfang oder heraus; aus der Summe - natiirlich als einer noch nicht durch-
in dern Augenblick, als der Mensch zur eigentlichen Existenz und, abgezahlten. Die Seienden haben ihre Surnme, die MaB-
kam, sich nicht versprochen hat. zahl dieser aber ist noch unbekannt, sie soll durch das Zahlen
Tb iiv = t b E~VUL:das Seiende = das Sein. Irgend ein Seien- bestimmt werden. Von der ungezihlten Summe gehen wir
des (iiv ZL),dieses und jenes Ding z. B., nennen wir nicht das aus und setzen bei einem einzelnen zu dieser Summe Geho-
Sein, auch nicht das Seiende, sondern ein Seiendes. Wir nen- rigen ein. Das also, von dern wir bei diesern Zahlen ausgehen,
nen es so, weil wir es so nehmen und erfahren. Wir erfahren ist die ungezahlte Summe; sie ist das erste. Das aber, bei dern
dieses und jenes Seiende - ohne uns daran weiter zu kehren, wir zahlend einsetzen und das wir als eins zahlen, ist gar
daB es und wie es ein Seiendes ist und deshalb unter das nicht das erste. Von der ungezwten Summe des Seienden
Seiende gehort. Das bleibt eine Selbstverstandlichkeit - so gehen wir aus, wenn wir Seiendes zahlen. Die ungezahlte
sehr, da13 wir diese Selbstverstandlichkeit nicht einmal kennen. Summe, was ist das? Das Soundsoviel, wobei das Wieviel der
Aber: das Seiende, schlechthin genommen, was meinen wir Hauptzahl nach unbestimmt bleibt.
damit? Dieses und jenes Seiende, die vielen seienden Dinge, Aber gehen wir denn wirklich von der zahlenrnaBig un-
Pflanzen, Tiere, Menschen, Menschenwerke, Gotter, alles bestimmten Sumrne aus bei diesem Zahlen des Seienden?
Seiende zusammen, die aufgezahlte vollstandige Summe des Meinen wir das Seiende, das, wovon wir ausgehen und woraus
einzelnen Seienden - meinen die Philosophen diese Vollzah- wir ein einzelnes aufgreifen, in dern genannten Charakter: der
ligkeit der einzelnen Seienden, wenn sie sagen: das Seiende - zahlenmaBigen Unbestimmtheit? Das Seiende, daraus wir
einzelnes Z a b a r e s auf- und herausgreifen, begegnet es uns
A. a. 0.Bd. XVII, Miinchen 1926, S. 71. als das zahlenrnaflig Unbestimmte? Meinen wir dergleichen
22 Das Aristotelische Fragen mch dem Sein $ 3 . Seiendes und Sein. Das Sein als das Eine 23
und nehmen wir das Seiende in der Bedeutung der zahlen- Das Seiende, was ist es? Als was gibt es sich und gibt es sich
mal3ig unbestimmten Summe, wenn wir etwa sagen: die Wis- uns? Als das, was wir das Sein nennen. Das Seiende ist, zuerst
senschaften erforschen das Seiende, verteilen sich auf einzelne und vor allem und fur alles andere, - das Seiende ist das
Gebiete des Seienden? Offenbar nicht. Das Seiende ist keines- Sein: zb 6v - t b E ~ V U L .Das Seiende ist, gerade dam, wenn wir
wegs das zahlenmal3ig Nichtbestimmte, sondern es begegnet es als das Seiende nehmen, es ist das Sein. So verstehen wir die
uns als das noch gar nicht in der Zahl, also auch nicht der un- Gleichsetzung: das Seiende - das Sein. Diese Gleichsetzung ist
bestimmten GefaBte. Wir meinen mit dern Seienden ganz bereits die erste entscheidende Antwort auf die Frage, was das
und gar nicht das Summenhafte, sei es bestimmt oder unbe- Seiende sei, - eine Antwort, die die ungeheuerste philoso-
stimmt. phische Anstrenpng verlangte, hinter der alles nachkom-
Und doch -: das Seiende ist uns so etwas wie das Insge- mende Bemiihen zuriickbleibt. Und so verstehen wir zugleich:
samte. Was meinen wir mit der Gesamtlleit dieses Insgesam- Wenn nach dern Seienden als solchen gefragt wird, wenn das
ten? Es begegnet uns nicht nach seiner bestimmten oder un- Seiende als solches in die Frage gestellt wird, dann ist gefragt
bestimmten Summe - wohl dagegen ,summarisch<.Und so nach dern Sein.
auch nehmen wir es und haben es standig schon so genom- Aber was ist das Seiende? Und das heiDt jetzt: was ist das
men. Summarisch: in der Hauptsache, uberhaupt; genommen Sein? Die Beantwortung dieser Frage ist doch erst die volle
in dem, was da das einzelne Seiende, vor aller Zahlung, uber Antwort auf die Frage nach dern Seienden. GewiD. Und der
alles Einzelne und Allgemeine hinweg ist. Wenn wir - und Erste, von dern wir wissen, da13 er so nach dern Seienden
das geschieht stiindig, solange wir existieren - das Seiende fragte, daf3 er das Sein zu fassen suchte, der hat auch die erste
vor uns, urn uns, in uns, iiber uns haben - das Seiende, wenn Antwort gegeben auf die Frage, was das Sein sei: Parmenides.
wir dessen innewerden, dann uberfallt uns da solches, was Und was bekommt er zu fassen, wenn er so fragend das
uber alles Seiende her sich an- und aufdrangt. Ja, ist es am Seiende in seiner Aufdringlichkeit sich aufdrangen 1a13t? Eben
Ende gerade diese in sich ruhende Aufdringlichkeit, die es dieses Eine (die aufdringliche Gegenwart), so da13 er nichts
macht, da13 wir das Seiende so ansprechen: das Seiende, ti, 6v, anderes zu sagen vermag und sagen mu13: ti, 8v ti, Ev - das
und sagen: es ist, und dabei eben das eigens meinen, was wir Seiende, das ist eben dieses Eine: das Sein; das Sein ist das
das Sein nennen, tb E & V Die~ L ?Gesamtheit des Gesamten (das Eine, was das Seiende als solches ist. Von diesem Einen lie13
Seiende) ist das ~rspriin~liche Geballte seiner Aufdringlich- er sich iibenvaltigen, und was noch gro13er ist: Diese Uberge-
Ireit. walt des Einen, des Seins, hat er ausgehalten und aus der ge-
Die einzelnen Seienden ergeben nicht erst durch Summa- sammelten einfachen Klarheit dieser 'Wahrheit alle Aussagen
tion das, was wir das Seiende nennen, sondern das Seiende ist uber das Seiende gesagt. (Vgl. spater Antisthenes: das Eine
das, wovon wir bei allem Abzahlen und Zusammenzahlen und der Abyoq. Zu 6v unld h6yoq vgl. ob. S. 7 f.)
immer schon ausgehen, mogen wir die Zahl bestimmen oder Parmenides hat die erste entscheidende Wahrheit der Philo-
unbestimmt lassen. Das Seiende - 1aI3t die Zahlbarkeit des sophie gesprochen, und seitdem geschieht im Abendland das
einzelnen Seienden zu; die Summe desselben macht aber nicht -
Philosophieren. Die erste Wahrheit nicht nur der Zeit nach,
und nicht erst das Sein aus. die zuerst gefundene, sondern die erste, die vor allen anderen
steht und durch alle weiteren hindurchscheint. Keine ~blutlose
24 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ 3 . Seiendes und Sein. Das Sein als das Eine 25
Abstraktion<< und Alterserscheinung, sondern die mit Wirklich- (Bewahrt ist sie allerdings nur, solange sie noch ein Fragen
keit uberladene Gesammeltheit des Denkens. Nietzsche, der so bewegt und tragt. Und doch - diese erste Wahrheit ist nicht
sicher ist im Aufspuren von Hintergriinden des Denkens und die des Wesens, sondern dieses ist darin notwendig entmach-
Urteilens, hat nie gesehen, wie sein ganzes Denken von dem tigt. Der Anfang verfangt sich sogleich im Sein qua Anwesen-
Mifiverstandnis gegenuber Parmenides her bestimmt ist. heit [Wirklichkeit]; sie ist das Unumgangliche [des Wesens]
Seit Parmenides ist der Kampf um das Seiende entbrannt, im ersten Anbruch.)
aber nicht als ein beliebiger Streit urn beliebige Ansichten, So muB jetzt deutlich geworden sein: Die Gleichsetzung von
sondern als y ~ y a v t o p q i a ,wie Plato sagt, als Kampf der Riesen t b iiv und t b ~ ' t v aist
~ keine zufdlige auBerliche Laune des
urn das Erste und Letzte im Dasein des Menschen. Und heute Sprachgebrauches, sondern der erste Ausspruch der Grundfrage
- haben wir nur noch ein literarisches Spiel von ehrgeizigen und Grundantwort der Philosophie.
und kluger gewordenen Zwergen, die zu sagen wissen, der
Satz des Parmenides - das Sein ist das Eine - sei ebenso
falsch wie prirnitiv, d. h. anfangerhaft unbeholfen und dem- Das Seiende, was ist es, was eignet ihm und nur ihm? Ant-
entsprechend ungenugend und von geringem Wert. Mit der wort: das Sein. Das Seiende ist hier gemeint im Sinne von: das
Falschheit einer philosophischen Erkenntnis hat es nun aller- Seiende als ein solches. " O v fi ijv - in diesem 271 iiv wird gleich-
dings eine eigene Bewandtnis; dariiber ist hier nicht weiter Sam das Seiende festgenornrnen und festgehalten, damit nur
zu handeln. Was das Primitive des Satzes: t b 8v t b Bv angeht, es selbst sich zeige und sage, wie es um es steht. Doch allzu-
so ist er freilich primitiv: anfanglich im strengen Sinne. In der weit sind wir mit dieser Erorterung nicht gekommen, im Ge-
Philosophie und so in allen letztwesentlichen Moglichkeiten genteil. Es wird hier vom Seienden das Sein unterschieden.
des menschlichen Daseins ist der Anfang das kunftig nie wie- Was unterscheiden wir da? Ein Seiendes von einem anderen
der zu erreichende Groflte, das durch das Nachkommende nicht Seienden unterscheiden - gewiS, aber vom Seienden das Sein?
nur nicht abgeschwacht und zuriickgesetzt werden kann, son- Was ist das fur eine merkwiirdige Unterscheidung? Es ist
dern das, wenn das Nachkommende echt ist, in seiner GroSe die alteste Unterscheidung, als welche es keine altere gibt.
wahrhaft groS und in seine GroBe ausdriicklich eingesetzt Denn wenn wir Seiendes von Seiendem unterscheiden, ist jene
wird. Jenes menschliche Tun aber, das auf Fortschritt sich ein- Unterscheidung bereits gefallen; ohne sie bliebe uns ja auch
richtet, dem wird freilich das Anfangliche und Friihere immer einzelnes Seiendes und seiende Unterschiede an ihm verbor-
geringer und unwirklicher, und das gerade Neueste ist auch gen. A ist von B unterschieden - mit dem >istchalten wir uns
schon das Beste. schon in der alteren Unterscheidung. Sie ist die immer altere,
Und wenn die abendlandische Philosophie bis zu Hegel uber die wir nicht erst zu suchen brauchen, sondern die wir finden,
den Satz des Parmenides: t b 8v t b BY trotz aller Wandlungen wenn wir nur zuriickgehen (Erinnern: bv&yvqay). Diese
im Grunde nicht hinausgekommen ist, dann bedeutet das kei- alteste Unterscheidung, sie liegt erst recht vor aller Wissen-
nen Mangel, sondern einen Vonug und das Zeichen, dafl sie, schaft und kann daher auch nicht erst durch die Wissenschaft
trotz allem, stark genug blieb, ihre erste Wahrheit zu be- und durch theoretisches Betrachten des Seienden eingefuhrt
wahren. werden. Sie wird vom theoretischen Erfassen nur aufgegriffen,
ausgebildet, als etwas Selbstverstandlich gebraucht und eben-
26 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ 4 . Vielfaltigkeit und Einheit des Seins 27
so in der alltaglichen Rede vollzogen. Jene Unterscheidung von 5%)ist tauschend, sie verdeckt das Wahre, namlich fi &xh6g
Seiendem und Sein ist so alt wie die Sprache, das heifit: so alt hap$&v~i ~b 6v hkyeo#ai, h~yopkvownohhax6g - Parmenides ver-
wie der Mensch. kennt das Wesen des Seins, sofern er annimmt, das Seiende
Doch rnit all dern erzahlen wir nur etwas uber diese Unter- werde &xh6~, einfachhin als das einfache Eine angesprochen,
scheidung und begreifen sie nicht. Stehen wir an der Grenze wo es doch in vielfacher Weise verstanden werden muB. Und
des Begreifbaren? 1st dieser Unterschied am Ende der erste als Beleg fur die Vielfaltigkeit des Seienden (des Seins) fiihrt
Begriff? Aber dann mu13 sich zum mindesten zeigen und fra- Aristoteles das xohha~6gder Kategorien an (A 2, 185 a 21 ff.),
gen lassen, wie gerade von dieser Grenze her das Begreifen, also das im engeren Sinne verstandene xohha~6c;; das gilt es zu
der Begriff in seiner Moglichkeit bestimmt wird. Aber selbst beachten; nicht als ob die ~Physikenicht das xohha~6gin der
dariiber wissen wir nichts; es ist noch nicht einmal danach ge- weiteren Bedeutung schon besalje, vgl. I' 1, 200 b 26 f., welche
fragt; im Gegenteil: wir bestimmen umgekehrt von Begriff Erorterung der xivqalg zuinnerst rnit dern Buch A zusammen-
und Aussage her das Sein. Es besteht seit langem die Irrlehre, hangt.
daB das Sein gleichbedeutend sei rnit dern >istcund das >istc Nach dern Gesagten verkennt und verleugnet also Aristo-
erst im Urteil gesagt sei, da13 so das Sein erst im Urteil und teles die erste entscheidende Wahrheit der Philosophie, wie
in der Aussage in unser Verstandnis gerate. Ich deute an, weil Parmenides sie ausgesprochen hat? Nein -: er gibt sie nicht
man sich dabei gern auf die Antike beruft (aus der eine Ab- auf, sondern ergreift sie erst eigentlich. Er verhilft namlich
handlung hier zu interpretieren unsere Aufgabe ist), dalj diese dieser Wahrheit dazu, eine wahrhaft philosophische Wahrheit
Irrmeinung sich nur rnit halbem Recht auf die Antike berufen zu werden, d. h. eine wirkliche Frage. Das nohAa~6gschiebt
darf und das heiBt: rnit keinem. ja das &vnicht einfach von sich weg, sondern es erzwingt viel-
mehr, daB das Eine im Vielfaltigen sich geltend macht als
$' 4. Vielfaltigkeit und Einheit des Seins das Fragwurdige. Man bleibt am AuBeren haften, wenn man
meint, Aristoteles habe lediglich zu einer Bedeutung des Seins
Das eine ist deutlich, warum auch Aristoteles fur das ~ l v adas ~, noch andere dazugetan. Aber nicht um eine Bereicherung nur
Sein, danach er fragt, setzt tt, 6v, das Seiende: namlich es steht handelt es sich, sondern urn eine Verwandlung der ganzen
fur t b iiv fi 6v - das Sein. Und das Sein ist das Eine, Ev. Aber Frage: Die Frage nach dern 6v als Cdv gewinnt jetzt erst ihre
sagt Aristoteles nicht, das Sein sei Vieles und Vielerlei, xohh& Scharfe. Freilich bedurfte es zuvor eines entscheidenden Schrit-
und demnach xohha~6g?Und ist dieser Satz nicht der Leitsatz tes gegenuber Parmenides, und den hat Plato getan - in einer
seines ganzen Philosophierens? Gehort er am Ende auch zu Zeit freilich, als der junge Aristoteles schon rnit ihm u ~ dasd
jenen, die die Erkenntnis des Parmenides nicht mehr verste- heifit immer: gegen ihn philosophierte. Plato hat die Einsicht
hen? Es scheint so. Ja es scheint nicht nur so, sondern es mu13 erkampft, daB das Nichtseiende, das Falsche, Bose, Bestand-
offenbar so sein, wenn wir bedenken, daB Aristoteles ausdriick- lose, also das Unseiende auch sei. Damit aber m u h e sich der
lich und in aller Scharfe ankampft gegen Parmenides. Aristo- Sinn des Seins wandeln, indem jetzt das Nichthafte selbst in
teles betont (Phys. A 3, 186 a 22 ff.): nebs IIa~p~viSqv - zu und das Wesen des Seins mithineingenornmen werden m d t e .
gegen Parmenides ist zu sagen, 4 h b u ~ g.. . ~ J E W S %
- seine Lo- Wenn aber das Sein von altersher das Eine ist (Bv), dann be-
sung (der Frage nach dern 6v; namlich das 6v, das ~'ivaisei deutet dieser Einbruclh des Nichthaften in die Einheit deren
28 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein 5 4. Vielfaltigkeitund Einheit des Seins 29
Ausfaltung in die Vielheit. Damit aber ist das Viele (Mannig- Doch behaupteten wir nicht schon gleich bei der ersten Auf-
faltige) nicht einfach mehr von dem Einen, Einfachen ausge- zahlung der vier Bedeutungen des Seins im Sinne des Aristo-
sperrt, sondern beide sind als zusammengehorig erkannt. teles, die Einheit dieser vier Bedeutungen bleibe bei Aristo-
Wir heutigen Knirpse, mit unseren kurz geratenen aber teles dunkd? Allerdings. Aber das schlieBt ja nicht aus, son-
urn so gerauschvolleren Entdeckungen, konnen kaum mehr dern bei einem Philosophen vom Range des Aristoteles gerade
ermessen, welche Kraft philosophischer Arbeit eingesetzt wer- ein, daB diese Einheit angesichts ihrer Vielfachheit das Beun-
den muBte, um dessen ansichtig zu werden, daB das Sein als ruhigende war. Wir brauchen nur zu beachten, wie Aristoteles
das Eine in sich Vieles ist. Aber es ist von dieser Einsicht das nollax5~erlautert.
Platos aus wieder ein ebenso entscheidender Schritt des Ari- So sagt er einmal (Met. K [XI] 3, 1060 b 32 f.): zb 6' 8v
stoteles, zu sehen, da13 diese Mannigfaltigkeit des Seins eine noAla~i3~ xai od xaW Eva lkyeta~tg6nov. ~ D a sSeiende wird
mehrfach gegliederte ist und daB diese Gliederung ihre eigene vielfaltig und also nicht gemal3 einer Weise gesagt.cc Aber er
Notwendigkeit hat. Daher die scharfe Au~einandersetzun~ des sieht auch sofort klar die Folge, die, aul3erlich genommen,
Aristoteles mit Plato gerade in dieser Hinsicht. Ob nun das dieser Auffassung entwachsen konnte: namlich der Zerfall des
Aristotelische noAAax5~nur eine Fortbildung der Platonischen 6v in viele z~6no1,eine Auflosung des Ev. Demgegenuber be-
Spatlehre darstellt, daI3 das Eine Vieles ist (Ev - nollci), ader tont Aristoteles: xavzbg TOG 3vtog ngbg Ev Z L xai xo~vbv4 Bvaywyt
ob umgekehrt das Platonische Ev - nohlci die Plato in seinem yiyvsta~. (1061 a 10 f.) ,Fur jegliches Seiende, fur alles
Alter allein noch mogliche Platonische Form der Bewaltigung Seiende jeglicher Bedeutung gibt es die Hinauf- und Zuruck-
des bereits erwachten Aristotelischen nohAax9~darstellt, das fuhrung zu einem gewissen Einen und Gemeinsamencc; und
werden wir wohl nie entscheiden. 1060 b 35: xath TL XOLV~V, >>ZUSO etwas wie einem Gemeinsa-

Weil das Grundverhdtnis von Plato und Aristoteles aber men<. Irnmer begegnen wir diesem vorsichtigen und (was das
unentscheidbar ist, deshalb mu13 auch jene beliebte Schein- umgreifende Eine sei) offenlassenden TL (so etwas wie); in
philologie verworfen werden, die fur jeden Gedanken des dieser Form spricht Aristoteles von der letzten und hochsten
Aristoteles schnurstracks eine wenn auch noch so grobe und Einheit des Seins, vgl. in Met. I7 (IV) 1, 1003 a 27 (und viel-
weithergeholte Vorform bei Plato entdecken zu mussen glaubt. fach): zb iiv fi 3v, zb stva~als cpira~st i c - so etwas wie ein aus
Mit der albernen Frage >Van wem hat er's, was er da sagt?c, sich selbst und in sich selbst Waltendes.
mit der man die Philosophie der Philosophen zu erforschen Aristoteles betont demnach ausdrucklich: Das Sein wird ge-
glaubt, hat man sich schon ausgeschlossen aus der Moglich- sagt in Rucksicht auf etwas, was alleii vielfachen Weisen
keit, je von einer Philosophie betroffen zu werden. Jeder wirk- irgendwie gemein ist, was eine Gemeinschaft mit diesen pflegt,
liche Philosoph steht neu und allein inmitten derselben weni- so daB diese vielen alle desselben Stammes und derselben Ab-
gen Fragen, und so, da13 ihm kein Gott und kein Teufel helfen kunft sind. Das 6v geht durch das noAAax9~sowenig der Ein-
kann, wenn er nicht sich aufgemacht hat, selbst Hand anzule- heit verlustig, da/3 es vielmehr gar nie ohne das Zv sein kann,
gen an die Arbeit des Fragens. Erst wenn das geschehen ist, was es ist. Zwar sind das 6v und Bv dem Begriffe nach ver-
kann er von den anderen seinesgleichen lernen und so wirk- schieden, dem Wesen nach aber dasselbe, d. h. sie gehoren zu-
lich lernen, wie es der eifrigste Schiiler und Nachschreiber nie sammen. Aristoteles gibt dieser urs~riinglichenZusammenge-
vermag. horigkeit beider scharfe Pragungen. Z. B. in I7 2, 1003 b 22 f.:
30 Das Aristotelische Pragen nach dem Sein $ 4 . Vielfaltigkeit und Einheit des Seins 31

t b iiv xai ti, Ev tairtb xai yia ~ & S L t@


S &xohov8~Zv &AAilhot~.nDas sprunglichsten Stammesverwandschaft von Sein und Einheit
Sein und das Eine sind dasselbe und eine (einzige) q ~ i r a(ein ~~ fest; gewiI3, wird man weiterhin zugeben, Aristoteles beruft
Waltendes), namlich indem sie einander folgen.cc Aristoteles sich auch standig zugleich und daneben auf das noLAaxijs.
meint damit: Das eine lauft hinter dern anderen her und um- Allein damit ist noch nichts geschehen fur die Auflosung der
gekehrt, wo das eine ist, da hat sich auch schon das andere entscheidenden Frage: In welcher Weise ist denn nun das 6v
eingefunden (vgl. das nagaxoAowi3eSv in I 2, 1054 a 14). Ebenso (elva~)fi noAAax65~hey6yevov7 das Sein als vielfach Gesagtes,
in K 3, 1061 a 15 ff.: G~acphee~ 6' oCGbv t 4 v to6 SVZOS&vaywyqv xoivi)~t t , irgendwie gemeinsam fur die Vielen?
ngds t b ijv 4 ngb~t b &v yiyveu8a~.xai y h ~ei yq tairtbv Mho 1st dieses eine Sein etwas vor aller Entfaltung und das heil3t
6' Eativ, &vt~atghqe~ ye. t b te yhg &vxai 6v nos, 26 te 6v Ev. ,Es etwas fur sich Bestehendes und in dieser Eigenstandigkeit das
macht gar keinen Unterschied, ob die Ruckfarung des Seien- wahre Wesen des Seins? Oder ist das Sein seinem Wesen nach
den auf das Sein zu oder auf das Eine zu geschieht; denn nie unentfaltet, so daf3 die Vielfalt und deren Faltung gerade
wenn aucli beide nicht dasselbe (dem Begriff nach namlich), die eigentumliche Einheit des in sich Zusammengenommenen
sondern ein anderes sind, so wenden sie sich doch (namlich ausmacht? Teilt sich das Sein den einzelnen Weisen dergestalt
bei diesem Auseinandergehen) einander entgegen, denn das mit, daf3 es durch diese Mitteilung sich zwar verteilt, aber in
Eine ist irgendwie Sein und das Sein Eines.cc Zurn Wesen des dieser Verteilung gleichwohl nicht zerteilt mird, so daI3 es als
Seins uberhaupt gehort Einheit, und in Einheit liegt schon Zertrenntes auseinanderfiele und sein eigenes Wesen, die Ein-
immer Sein. Das Eigentiimliche dieses Verhdtnisses fal3t Ari- heit, verloren hatte? Besteht am Ende die Einheit des Seins
stoteles als &r,oAov8eiv cirAAilAo~~ (&xoAo86qot<),als gegenseitiges gerade in dieser sich mitteilenden Verteilung? Und wenn ja,
Einanderfolgen und als &VTL(JTQQ~~ELV(&vt~atgo(~fi), als Sichein- wje sol1 und kann dergleichen geschehen? Was waltet in die-
anderzuwenden; das iiv und das &v, beide lassen sich gewisser- sem Geschehen? (Das sind Fragen nach Sein und Zeitc!)
maBen niemals aus den Augen. Weder Aristoteles noch die vor ihm noch die nach ihm haben
Es mag schwer, ja fast aussichtslos sein, dieses Verhaltnis diese Fragen gestellt und gar fur diese Fragen als Fragen
in eine wirkliche Klarheit zu setzen mit Hilfe dessen, was uns eincn Boden gesucht. Vielmehr wurden spater nur die verschie-
von Aristoteles uberliefert ist. Aber ebenso unbestreitbar bleibt, denen Seinsbegriffe und ,Kategorienc gemaI3 der mathemati-
dal3 Aristoteles beides ineinander verwurzelt sein la&. Die when Idee der Wissenschaft in Systeme gebracht; vgl. die Be-
Einheit des Seins ist also nicht nur gegenuber seiner Mannig- merkung von Hegel in der zweiten Vorrede zur ~Wissenschaft
faltigkeit, sondern gerade fur diese gerettet; gerettet in dern der Logika: das Material - liegt bereit.
Sinne, wie Aristoteles und Plato das Wort verstehen: etwas in Und doch wurde auch Aristoteles von der Frage nach der
dem, was es ist, zur Geltung kornmen lassen, nicht entgleiten Einheit der noAAaxQq heyby~va offensichtlich umgetrieben.
und verdecken lassen durch das Geschwatz des gemeinen Ver- Denn wir finden bei ihm den Anlauf zu einer Beantwortung
standes, dern alles gleich fraglos ist. derselben. Und dieser Anlauf stof3t an die aul3erste Grenze
Und weil nun t b iiv und t b &v so zusammengehoren, des- dessen, was uberhaupt auf dern Boden des antiken Ansatzes
halb gilt: hfyaza~6' ioax6~t b iiv xai t b Ev. (I [XI 2, 1053 b der Frage nach dern Sein moglich wurde.
25) ,>DasSein und die Einheit werden gleichvielfaltig gesagt.cc Das sehen und verstehen wir freilich nur dann, wenn wir
GewiB, so kijnnte man sagen, Aristoteles halt an der ur- uns zuvor frei gemacht haben von dern Bild, das die nach-
32 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ J. Einheit des Seins - als Analogie 33
aristotelische Zeit bis in unsere Gegenwart sich von der Aristo- gedolmetscht worden. Diese vermeintlich transzendentalen Pra-
telischen Philosophie gemacht hat. Die verhiingnisvollste MiB- dikate der Dinge sind nichts anderes als logische Erfordernisse
deutung aber, die vor allem die mittelalterlichen Theologen und Kriterien aller Erkenntnis der Dinge uberhaupt, und legen
gefoadert haben, besteht in folgendem: Man hat die auBerst ihr die Kategorien der Quantitat, namlich der Einheit, Viel-
vorsichtigen und vorlaufigen Ansatze des Fragens innerhalb heit und Allheit, zum Grunde, nur daB sie diese, welche eigent-
der eigentlichen Leitfrage nach dern Sein umgebogen zu den lich material, als zur Moglichkeit der Dinge selbst gehorig,
ersten selbstverstandlichen Antworten und Hauptsatzen der genornmen werden miaten, in der Tat nur in formaler Redeu-
vermeintlichen Aristotelischen Philosophie. Die Frage nach tung als zur logischen Forderung in Ansehung jeder Erkennt-
Sein und Einheit wird zu einem gar nicht weiter erorterten nis gehorig brauchten, und doch diese Kriterien des Denkens
Axiom: ens et unum convertuntur - was ens ist, ist unum, und unbehutsamerweise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst
umgekehrt. Die Aristotelischen Abhandlungen werden so zu machten. E(
einer Fundgrube, besser: zu einem Grab solcher abgestorbener Kant w e 8 nur den einen Ausweg, diese Bestimmungen und
Satze gemacht. Verhaltnisse auf die formale Logik zuriickzuleiten. Nimmt
Die Folgen dieser ganzlichen Verschuttung des inneren man freilich Kant nicht im Sinne der Kantianer und bedenkt
Quellgrundes des Aristotelischen und antiken Philosopbierens man, daB fur ihn gerade zum hochsten Punkt der Logik die ur-
uberhaupt zeigen sich noch bei Kant, trotzdem gerade er ver- sprungliche Einheit der transzendentalen Apperzeption wurde,
sucht, dern genannten Lehrstuck der Schulphilosophie wieder und 1aBt man diese nicht einfach in der Luft schweben, son-
einen echten - wenngleich nicht urspriinglichen - Sinn zu- dern fragt man nach ihrer eigenen Verwurzelung, dann 1aBt
ruckzugeben. Vgl. >>Kritikder reinen Vernunftcc B 113 f.: .Es sich freilich zeigen, daB und wie Kant zum ersten Ma1 wieder
findet sich aber in der Transzendentalphilosophie der Alten seit Aristoteles im Anlauf zur wirklichen Frage nach dern Sein
noch ein Hauptstuck vor, welches reine Verstandesbegriffe ent- begriffen u7ar.l
halt, die, ob sie gleich nicht unter die Kategorien gezahlt wer-
den, dennoch, nach ihnen, als Begriffe a priori von Gegenstan-
den gelten sollten, in welchem Falle sie aber die Zahl der Ka-
tegorien vermehren wiirden, welches nicht sein kann. Diese
tragt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quod- $5. Einheit des Seins - nicht als Gattung, sondern
libet ens est m u m , verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch a l s Analogie
dieses Prinzips in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tau-
tologische Satze gaben) sehr kummerlich ausfiel, so, daB man Alle unsere bisherigen Oberlegungen dienen dazu, den Frage-
es auch in neueren Zeiten beinahe nur ehrenhalber in der bezirk zu durchmessen und sichenustellen, in den die Aristo-
Metaphysik aufzustellen pflegte, so verdient doch ein Ge- telische Abhandlung uber Girvap~~ und Evkeyeia hineinfragt.
danke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu Es ergab sich bisher: 1. Die Frage nach Gbvapi~und Evkeys~a
sein scheint, immer eine Untersuchung seines Ursprunges, und ist eine Frage nach dern 6v (dem Seienden). 2. Dieses Fragen
berechtigt zur Vermutung, daB er in irgendeiner Verstandes-
regel seinen Grund habe, der nur, wie es oft geschieht, falsch Vgl. Kant und das Problem der Metaphysik, Bonn 1929.
34 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein 5 5. Einheit des Seins - a l . Analogie 35
nach dern Seienden ist im Grunde das Fragen nach dern Sein da13 es bei aller Verschiedenheit ein gewisses Selbiges meint,
( ~ l v a ~3.
) . Das Fragen nach dern Seienden mu13 sich daher wenngleich wir es nicht fassen konnen. Das in den verschie-
naher bestimrnen als Frage nach dern Seienden als solchen denen Bedeutungen gesagte Sein ist keine blol3e Gleichheit
(6v 5 iiv). 4. Das Sein ist das erste entscheidende Eine, was vom des Wortlauts, sondern es liegt darin eine gewisse sich durch-
Seienden gesagt werden mu13, weshalb dieses selbst eben dann haltende Einheit der verstandenen Wortbedeutung. Und diese
das Eine ist (Ev). 5. Das Sein aber wird zugleich in vielfaltiger eine Bedeutung ist auf die einzelnen Seinsweisen als xoivbv t ~ ,
Weise gesagt (xoAAax6q). 6. Das xoAAaxQq seinerseits ist zwei- Gemeinsames, bezogen. Welchen Charakters ist nun dies.es
deutig: a) vierfaltig, b) zehnfaltig beziiglich des einen des Viel- xoivbv? 1st die xoivbzqq, das Gemeinsein des iiv etwa von der
faltigen (die Kategorien). Art, wie wenn wir z. B. sagen: >derOchse ist ein Lebewesenc
Nun erhebt sich die letzte Frage unserer vorbereitenden und >derBauer ist ein Lebewesenc? Beiden kommt das zu, was
Betrachtungen: Wie fal3t Aristoteles die Einheit des Seins als zu einem Lebewesen iiberhaupt gehort. >Lebewesencwird von
eines Vielfaltigen? Welches xoAAaxQ<,welche Art der Vielfal- beiden nicht dpwvbpw~(aequivoce) gesagt, sondern ovvwvbyos
tigkeit ist leitend fur die cjrvcrywyfi nebs t b &v, bei der Entschei- (univoce) - es ist nicht einfach eine Gleichheit des Namens
dung der Frage nach der Einheit der Vielfaltigkeit? Wie ist vorhanden, sondern beide haben den Namen gemeinsam, zu-
dabei das Sein verstanden? Wenn wir auf diese Fragen eine sammen, weil jedes sachlich durch dies Eine (Lebewesen) be-
Antwort beibringen konnen, d a m ist fur die Durchmessung stimmt, was der Name bedeutet. Der Bauer ist ein vernunf-
des Fragebezirkes - des 6v noAAaxOs ? , E ~ ~ ~ E V O-V die gesam- tiges, der Ochse ist ein unverniinftiges Lebewesen; dagegen ist
melte innere Perspektive gewonnen. der StrauB als Biindel von Blumen nicht eine Art Vogel.
Wenn das Seiende in vielfacher Weise angesprochen wird, Wie steht es nun mit dern Wort >Seine, wenn es kein blofies
dann ist das Sein entsprechend vielfach ausgesprochen. Dann dyhvuyov darstellt? 1st das Sein (iiv) ein solches ouvov6ywq
hat das Wort >Seine eine vielfache Bedeutung: Sein z. B. als A~ybp~vov? Das heil3t: ist das Sein die Einheit einer obersten
Wahrsein oder als Moglichsein, oder als Vorhandensein oder Gattung (yEvos), auf die man zuriickgehen kann, indem man
Zufalligsein - in jeder dieser Bedeutungen ist Sein gemeint. aus den verschiedenen Weisen des Seins das Gemeinsame zur
Oder ist hier nur noch der sprachliche Ausdruck >Seine das- Abhebung bringt? Nein, sagt Aristoteles, auch das ist unmog-
jenige, was die genannten Worte gemeinsam haben, wahrend lich. Die X O L V ~ T ~des
S 6v besteht nicht als ykvos. Warum nicht?
ihre Bedeutungen ganz und gar auseinanderfallen? So wie Den Beweis fur diese Unmoglichkeit, d. h. fur die nicht gat-
wir mit dem Wort >StrauSceinen Vogel, ein Bundel Bluinen, tungsmaaige Einheit des Seins und sonach fiir den nicht art-
einen Streithandel meinen. Hier ist nur das Lautgebilde und mafiigen Charakter der vielfachen Seinsweisen und des in
das Schriftgebilde jedesmal das gleiche, die Bedeutung und ihnen je gemeinten Seienden gibt Aristoteles in Met. B (111) 3.
die in ihr gemeinte Sache aber vijllig verschieden. Es besteht Der Beweis ist indirekt; warum er das ist, ja sein mu13, mu13
hier also nur eine Gleichheit des Wortlauts, eine dpoibtqg TOG sich spater zeigen. Der Beweis nimmt folgenden Gang: Es wird
6v6patoq. Lie@ auch im Wort >Seine nur eine solche blol3e gezeigt, was sich ergeben wurde, wenn das Sein die Einheit
Gleichheit des Namens, wird es nur in den vielen Bedeutungen und Allgemeinheit einer Gattung (wie Lebewesen) hatte; die
(wie Aristoteles sagt) dywvGywq gesagt? Offenbar nicht; wir Folge dieser Annahme erweist sich als eine Unmoglichkeit,
verstehen im Wahrsein und im Moglichsein das Sein derart, also ist auch die Annahme, von der ausgegangen wurde, un-
36 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein J 5. Einheit des Seins - ak Analogie 37
moglich; das hei13t: die Einheit und Allgemeinheit des Seins konnten sie ja die Gattung >Seine nicht bestimmen; wenn sie
kann nicht Gattung sein. aber etwas, ti, sind, dann sind sie solches, dem das Sein zuge-
Der Beweis im einzelnen: Also angenommen, das Sein sei hort. Mithin sind die artbildenden Unterschiede etwas Seien-
die Gattung fur die verschiedenen Weisen des Seins und damit des im weitesten Sinne, etwas, das durch das Sein bestimmt ist.
fur das einzelne Seiende, das in seinem Sein je durch eine Das Sein also, das sagbar ist von jeglichem, was nicht Nichts
solche Weise bestimmt wird. Was ist eine Gattung? Jenes All- ist, ja sogar von diesem, meint auch schon mit die artbilden-
gemeine und Gemeinsame fur Viele, das durch bestimmte den Unterschiede, das Wahre und das Mogliche als etwas, was
dazukommende Unterschiede sich in Arten unterscheiden und ist. Damit aber eine Gattung soll Gattung sein konnen, darf
gliedern 1a13t. Gattung ist wesenhaft auf Arten bezogen und sie noch nichts mitmeinen von dem Gehalt der artbildenden
damit auf artbildende Unterschiede, es gibt keine Gattung an Unterschiede. Da das Sein als das allgemeinste Sagbare das
sich. Eine Gattung ist z. B. gedacht im Begriff Lebewesen. Die aber mu13, kann es nicht den Charakter der Einheit fur Viele
Arten dieser Gattung sind Pflanze, Tier, Mensch. Von diesen haben in der Weise der Gattung; und die verschiedeneii Wei-
kann in gleicher Weise, d. h. im allgemeinen gesagt werden: sen des Seins konnen nicht als Arten gefa13t werden.
sie sind Lebewesen. Was zu einem Lebewesen uberhaupt ge- Sein kann nicht Gattung sein, kann nicht uvvwdyw< gesagt
hort, schliel3t noch nicht das in sich, was den Menschen als werden. Wir konnen diesen Satz des Aristoteles noch weiter
Menschen, das Tier als Tier, die Pflanze als Pflanze bestimmt. denken. Das Allgemeine, als Arten ermoglichende Gattung
Die Gattung kann dergleichen noch gar nicht in sich schliel3en. gefa13t und bestimmt, ist das, was man gemeinhin ,Begriff<
Lage der artbildende Unterschied schon in ihr, dann ware sie nennt Wenn das Sein keine Gattung ist, dann kann es auch
eben nicht Gattung. Lage z. B. der artbildende Unterschied, nicht als Begriff gefa13t und nicht begriffen werden. Nicht nur
der den Menschen zu einer Art von Lebewesen macht, die Ver- deshalb nicht, weil es keine hohere Gattung als die Gattung
nunftigkeit, schon in der Gattung Lebewesen, dann konnte des Seins gibt, sondern schon deshalb nicht, weil Sein uber-
Lebewesen nicht von Pflanze und Tier im allgemeinen ausge- haupt keine Gattung ist. Nennt man die Umgrenzung des Be-
sagt werden; versuchte man das, dann mul3te mit demselben griffes (den d~iup65)Definition, dann sagt das: Alles definito-
Recht gesagt werden konnen: die Pflanze ist Mensch. Der rische Bestimmen des Seins mu13 grundsatzlich versagen. Sol1
Sachgehalt der Gattung als solcher ist notwendig frei vom es uberhaupt gefaSt werden, dann in ganz anderer Weise. Wir
Sachgehalt des artbildenden Unterschieds, meint diesen not- werden dieser in der Abhandlung iiber tihapig und BvEgyeia
wendig nicht mit. ausdriicklich begegnen.
Angenommen also, das Sein habe den Charakter der Gat- Der Beweis des nicht-gattungsma13igen Charakters ldes Seins
tung, die unterschiedenen Weisen des Seins waren die Artep, sagt nur, welchen Charakters die Einheit des Seins nicht ist.
z. B. das Wahrsein und das Moglichsein. Dann ware das Wahre Wenn Aristoteles auch nur diese negative Antwort herausge-
bzw. das Mogliche dasjenige, was zur Gattung ,Seine hinzu- arbeitet hatte, ware es ein hinreichender Beleg dafur, daS ihm
kommen miil3te, um die Arten zu bilden. ,Wahr< und ,mag- die Frage nach der Einheit des Seins eine wirkliche Frage ge-
lichc mufiten also etwas zur Gattung Seine hinzubringen, was worden ist. Da nun fur Plato, den friiheren wie den spateren,
diese selbst noch nicht ist. Das Wahre und das Mogliche aber alle Bestimmungen des Seins und dieses selbst yivoq geblieben
sind nun doch nicht schlechthin nichts, sondern etwas, sonst sind, kundigt sich in der Aristotelischen Fragestellung schon
38 Das Aristotelische Pragen nach dem Sein 5. Einheit des Seins - als Analogie 39
eine grundsatzliche Ablehnung der Platonischen Seinsauffas- gesund, weil es in gewissen Fallen gesund macht (nol~iv).Wir
sung an. Und so schon ein entscheidender Schritt naher an das sagen aber auch: er hat eine gesunde Gesichtsfarbe. Hier ist
Wesen des Seins. (Ob der angefiihrte indirekte Beweis selbst nidit gemeint, daI3 die Gesichtsfarbe gesund und nicht krank
in sich stichhaltig ist, sei jetzt nicht erortert.) sei - eine Farbe kann weder gesund no& krank sein -, son-
Das Sein wird weder byov6yoq noch avvovbyo; gesagt. Und dern gemeint ist, die Gesichtsfarbe ist Anzeichen (aqp~iovE ~ V ~ L )
do& ist es jederzeit verstanden und gesagt als U O L V ~ Yt ~ ja , des Gesundseins im ersten Sinne, als Leibzustand verstanden.
Aristoteles sagt sogar (I 2, 1053 b 20 f.): cd BY nai cB EY xa.i)bAov Ferner sagen wir: ein Spaziergang ist ganz gesund; hier ist
xatqyoesita~pMlata ndrvtov. ~ D a sSein ist wie das mit ihm wieder nicht gemeint, der Spaziergang sei im Gegenteil nicht
zusammengehende Eine dasjenige, was am meisten uber das krank, auch nicht, der Spaziergang sei ein Anzeichen von Ge-
Ganze her (am meisten im allgemeinen von allem) gesagt sundheit, und auch nicht, er mache gesund; sondern er ist ge-
wird.<cEs ist das erste und letzte natqy6eqycc, ja, wie Aristote- sund, sofern er zur Erholung und Forderung des Gesundseins
les in diesem Kapitel sagt, das natqyb~qyapbvov, die allge- beitragt (cpvh&tts~v).,Gesundc ist so gesagt vom Herzen, vom
nleinste Gesagtheit und nur diese. Und doch, das ist zu beach- Heilkraut, von der Gesichtsfarbe, vom Spaziergang; alle vier
ten, bezeichnet Aristoteles niemals das Sein als eine Kategorie. sind gesund und doch nicht in demselben Sinne so nennbar. Ge-
Wohl aber ist das Sein dasjenige, was in der Kategorie waltet; sundsein (Gesundheit) wird von vielem Verschiedenen ausge-
4 nacqyoeia in fdemschon angetroffenen Sinne (A 7; ob. S. 15). sagt. Und doch ist es nicht die Gattung zu den Vielen, sonst
Aber wie sol1 dann der Bezug dieses allgemeinsten Einen zu muate das Gesundsein von den Vielen in gleicher allgemeiner
seinen vielen unterschiedenen Weisen gefal3t werden? Gibt es Weise ausgesagt werden. Es wird aber gerade (gegeniiber dem
uberhaupt eine andere Beziehung des Allgemeinen zu dem ybvog ein Eehewg ~ E Y ~ ~ E inYverschiedener
OY) Weise von Herz,
von ihm urnfafiten unterschiedenen Vielen als die Beziehung Heilkraut, Gesichtsfarbe, Spaziergang ausgesagt, so zwar, da13
der Gattung zu den Arten und zu den von diesen geeinten die in zweiter, dritter und vierter Stelle genannten Bedeutun-
Einzelnen? Dergleichen gibt es. Da13 dem so ist, zeigt nun gen von Gesundheit je verschieden auf das Gesundsein im
aber Aristoteles nicht und nirgends unmittelbar am Verhtiltnis ersten Sinne bezogen sind. Sie meinen dieses notwendig mit,
des Seins zu der Vielfachheit der Seinsweisen, sondern er lenkt das Heilkraut als Herbringen des Gesundseins, die gesunde
den Blick auf eine eigentiiniliche Art von Bedeutungen in der Gesichtsfarbe als Zeichen des Gesundseins, der Spaziergang
Sprache, die eine Einheit von Vielen meinen, ohne Gattung als Erhaltung des Gesundseins.
fur diese geeinten Vielen zu sein (I'2 Anf.). Wir entnehmen daraus zunachst, wie in der Sprache selbst
Z. B. das Wort ,Gesundheit<;das ist die allgemeine Bestim- schon eigentumliche Bezuge liegen, die scheinbar in einer logi-
mung des Gesunden als solchen. Wir sagen: jemand hat ein schen Form ausgedriickt werden. Wir ersehen aber aus der Art
gesundes Herz; ,gesundc meint hier den Charakter eines be- des Bedeutens, da13 hier die iibliche Logik schon versagt. Die
stimmten Zustands des Leibes. Der Leib ist gesund, sofern er Sprache selbst kann gar nicht logisch gefaI3t werden, - eine
diesen so genannten Zustand in sich aufgenommen hat und Einsicht, der wir erst heute langsam naherkommen. Wir mus-
uberhaupt haben kann ( ~ E ~ T LWir x ~ vsagen
). ferner: ein Heil- sen damit die Kategorien der Sprache losmachen aus der logi-
kraut ist gesund; wdbei wir nicht meinen, der Zustand der schen Fassung, wie sie sQt der Zeit der Alexandriner herrscht,
betreffenden Pflanze sei nicht krank; sondern das Heilkraut ist vorgebildet freilich bei Plato und Aristoteles. Wie sehr sich
40 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $5. Einheit des Seins - als Analogie 41

die Bedeutungsbezuge unter sich mannigfaltig gestalten, kann auf das Anzeigen von Gesundheit im ersten Sinne, entspre-
man sich klar machen an einer anderen Bedeutung von >ge- chend - nicht aber in gleicher Weise - ist der Spaziergang
sundc. Wenn wir sagen: eine Tracht Priigel ist zuweilen ganz gesund im Hinblick auf die Beforderung von Gesundsein im
gesund, so meint >gesundchier nicht eine den vier genannten ersten Sinne; dieses steht in verschiedenen Bezugen des Sich-
Bedeutungen gleichgeordnete fiinfte. Zwar ist eine Tracht zeigens, des Gefordertwerdens, und was hierzu gehort, ent-
Priigel auch auf den Leib bezogen, obzwar nicht gerade in spricht dem Gesundsein irgendwie. >Gesundc spricht nicht
dem Sinne, dal3 sie die Gesundheit forderte, im Gegenteil; direkt etwas aus uber den Leibzustand, sondern die Bedeutung
>gesundcmeinen wir jetzt als forderlich fur die Erziehung, und ent-spricht ihm, beriicksichtigt ihn, steht in einer Riicksicht zu
zwar gerade nicht so sehr die korperliche; >gesundc ist jetzt ihm; so wie wir auch sagen: ein Gesuch wird berucksichtigt, es
eine Obertragung derBedeutung, gemal3 der etwa ein Spazier- wird ihm entsprochen, stattgegegeben.
gang >gesundcgenannt wird. Dieses Entsprechen, &vahkysiv,ist in sich ein &va(pk~eiv nebs
Diese verschiedenen Bedeutungen von >gesundcstehen bei zb ngi3zov (vgl. r 2,1004 a 25), ein: die Bedeutung >>hintragen
ihrer Verschiedenheit doch in einer Einheit. Welchen Charak- auf das Erstecc und dort sie festmachen. Dieses ng6tov ist es,
ter hat sie? 65 08 t&&Aha$gtqtai, xai 61' 6 hkyovta~(1003 b 17), >>worandie
Aristoteles spricht einmal gelegentlich der Umgrenzung des iibrigen Bedeutungen aufgehangt (und festgemacht) sind und
Wesens der Selbigkeit (des tabtbv, A 9) auch kurz uber die durch welches hiiidurch die ubrigen (verstanden und) gesagt
Verschiedenheit und die zu ihr gehorige Einheit des Verschie- werden konnencc. Die Weise des Hin- und Zurucktragens der
denen. Da heil3t es (1018 a I2 f.): 616qoga hkyaza~60' Etsgdc eat^ Bedeutung auf das Erste ist je verschieden. Das Erste aber ist
@ ,4 ~ 1 64s ~
zb abt6 z~iivta, p t pbvov & ~ ~ 8 p&hh' ykvs~ iivahoyip. die tragende und leitende Grundbedeutung, es ist immer das,
>>Verschiedenist alles, was (unter sich) anders ist, dabei aber von wo aus die sich hintragende, ent-sprechende Bedeutung
doch gerade irgendwie selbig bleibt, nicht nur der Zahl nach, eigentlich zu sprechen vennag. Das Von-wo-aus ist im Griechi-
sondern der Art oder der Gattung nach oder nach Analogie.<c schen die &ex$;daher bestimmt Aristoteles allgemein das We-
Aul3er der zahlenmal3igen und artmaaigen und gattungsmal3i- sen der &vahoyia als hkyeiv nebs piav (vgl. 1003 b 5 f.).
gen Einheit von vielen Verschiedenen kennt Aristoteles noch Diese &ex4 ist das Einigende der vielen ihr Entsprechenden,
die Einheit der Analogie. Was ist damit gemeint? d. h. die die verschiedenen Weisen des jeweiligen Entsprechens
In der Bedeutung >gesundcliegt eine Einheit fur Verschie- tragende und leitende Bedeutung: ihr wird jeweils entspro-
dene, und zwar derart, da13 die erste Bedeutung - >gesundcals chen. Das hkye~vdes hbyos der &vaAoyiaist das hkyelv nebs t v -
Charakter des Leibzustands - die Funktion der Einigung der ze6tov. Dieses Ev nebs 6 ist dadurch ein xo~vbv,aber nicht das
ubrigen ubernimmt, indem sie diese ubrigen in je verschie- einfache xoivbv 'des ykvo~,sondern nolvbv TL - so etwas wie ein
dener Weise auf sich bezogen sein 1al3t. Diese verschiedenen Gemeinsames, was in sich dabei ist, als eine Weise des Selbi-
Bedeutungen entsprechen und genugen der ersten je in einer gen die Entsprechenden in einer Einheit zusammenzuhalten.
bestimmten Hinsicht. Die erste Bedeutung aber ist nicht die Dieses vorlaufig zur Erlauterung der Analogie als einer
Gattung der ubrigen; es gibt uberhaupt keine allgemeine Be- Weise der Einheit. Es wird spater Gelegenheit sein, sachlich
deutung >gesund<, die uber den genannten schwebte und noch naher auf das Wesen der Analogie einzugehen. Charakteristi-
etwas sagte. So wie die Gesichtsfarbe gesund ist im Hinblick scherweise hat also Aristoteles hier (I' 2) den Analogie-Cha-
42 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein 8 6. Die Fragwiirdigkeit der Analogie des Seins 43
rakter des 6v, des Seins, nicht direkt verdeutlicht, sondern selbst brauchen jetzt nur den ersten Satz von O 1, von dem unsere
wiederum durch eine Analogie. ganze einleitende Betrachtung ausging, mit einem geklarteren
Verstandnis zu lesen. negi pkv oev to5 nghzw~6mos xai nebs 8
ntioa~ai ciihhai xazqyoeiai zo5 iivtos &vacpkgovmia'ieqtai, neei t?jg
odoias. Wir iibersetzten damals vorsichtig: uber das in erster
Linie Seiende . . ., jetzt konnen wir so iibersetzen: ,,Ober die
$ 6 . Die Fragwurdigkeit der Analogie des Seirzs tragende und leitende Grundbedeutung des Seins, auf die alle
iibrigen Kategorien zuriickgetragen (&vacpBgovta~, wir kijnnen
Wir wollen heute die vorbereitenden Betrachtungen abschlie- auch sagen: &vaAkyovtai- zuruckgesagt) werden, ist gehandelt
Ben. Es galt allgemein den Fragebezirk zu umgenzen, in den worden, das ist die 06oia.u Die erste Kategorie ist die tragend-
unsere Abhandlung gehort: das Sein und die Mannigfaltigkeit leitende Grundbedeutung des Seins und als solche das ~ O L V ~ V ,
seiner Weisen. Die abschlieBende Frage war nun: Wie faat das sich allen anderen mitteilt, so da13 diese durch den Bezug
Aristoteles die Einheit des Seins als eines mannigfaltigen? zu ihm selbst Seinsbedeutung haben. Aber wohl zu beachten
Welches nohhax6~ist leitend fur die &vayoy$ ngbg zb &v?ES ist: Die odoia als dieses Zv und ng6zov ist nicht X O L V ~ Vim Sinne
galt zu zeigen, in welcher Weise uberhaupt eine Bedeutung der Gattung, die von den ubrigen Kategorien als Arten ge-
eine ist mit Bezug auf ihr zugehorige Viele: ob 6ywvbywg oder nannt und gesagt wird. Das Beschaffensein oder das Sovielsein
ovvwvbpwg, oder also (wenn auch dieser Ausdruck bei Aristote- ist nicht eine Art der odoia, sondern eine Weise des Bezugs zu
les nicht vorkommt) &vaAoy~xGg.Denn das 6v wird weder dleser.
'

6yov.iryog noch ovvovGyo~(wie das ykvo~)gesagt und ist doch Das Beschaffensein z. B. meint ein Sein; und sofern Beschaf-
als ~ O L V ~ Vallgemein
, gesagt, sogar xa66hov p&A~otan&vzov. fensein ist Beschaffensein von etwas, ist dieses Sein auf odoia
Wie ist nun die Einheit dieser Allgemeinheit des Seins als eine bezogen; das Beschaffensein ist aber nicht eine Art des odoia-
solche der Analogie zu fassen? Ein Beispiel fur die Analogie Seins, sondern xed5 zoiho, so zwar, da13 die odoia immer mit-
gibt die Einheit der Bedeutungen von ,gesundc. ,Seine bedeu- gesagt ist (so wie bei den verschiedenen Bedeutungen von >ge-
tet so, wie entsprechend bedeutet ,gesund<. sundc mitgemeint ist die erste).
Jetzt gilt es zu zeigen, wie Aristoteles die Einheit der Analogie Es m r d e bereits erwahnt, da13 Aristoteles mit seiner Frage
als diejenige Einheit ansetzt, nach der das 6v das &vund X O L Y ~ V nach der Einheit des Seins gegenuber Plato einen anderen Bo-
T L ist zu den n o h h a ~ 6hay6yava.
~ Das hkyea6a~dieser nohi,a~Gg den gewinnt und kritisch die Lehre von den Ideen als ykvq
haybyava ist das Akyeiv der hvahoyia. Demnach erhebt sich die ablehnen mu13. (Sofern bei Aristoteles die Ausdrucke ykvos und
Frage: nebs ti hkyeta~z& n o h h a ~ 9hsy6ysva
~ - mit Bezug auf a1605 eine Rolle spielen, haben sie eine verwandelte Bedeu-
was? Es mu13 ein ng6t.o~und eine &QX$ sein, und da es sich urn tung.) Die Tragweite dieser Stellungnahme zeigt sich z. B. in
das 6v handelt: das ng6tov iiv bzw. das 6v nehtwg Isy6yevov. der Behandlung der fur Plato entscheidenden Frage nach der
Also ist gesucht die tragende und leitende Grundbedeutung Idee des Guten. Aristoteles sagt: Es gibt keine Idee des Guten,
des 6v, des Seins, ngbg 6 zh Eihha Akysza~- mit Bezug worauf besser: das Gute ist nicht als Idee und hochstes yivog, es hat
die ubrigen gesagt werden. Welches ist diese? keinen Ideencharakter; denn t&ya6bv ioax6g hkyatct~t Q i i v t ~ ,
Wir haben es offenbar bereits zu wissen bekommen. Wir ~ d a sGute wird genau so mannigfaltig verstanden wie das
44 Das Aristotelische Pragen nach dem Sein $ 6 . Die Pragwurdigkeit der Analogie des Seins 45
Seincc (vgl. Nikomachische Ethik A 4, 1069 a 23 ff.) ; jetzt Ende) zusammengehen, oder eher dem: nach >Andogie<? Denn
werden die einzelnen Kategorien aufgezahlt, gemal3 denen wie im Leib das Auge, so ist in der Seele der vocg das Blickende
das, was wir gut nennen, gut ist und sein kann: so kann z. B. und also anderes in einem anderen.~ Hier ist das xat' ixvahoyiav
im Sinne des ti (des Wasseienden) gut sein Gott oder der vocq, (nach Analogie) durch das gleichstellende, aber ausschliel3ende
im Sinne des Beschaffenseins die &gstfioder im Sinne des Zur- 7 - 7 unterschieden von dern &cp' E v b ~(von Einem her; vgl.
zeitseins der xaigbs, der rechte Augenblick; und dann wird ge- EE 06 t&6AAa qgqtai, ob. S. 41) und von dern ngbs Ev ovmeheiv
sagt: Gijhov bq 06%a v E% xoivbv t i xa6bhov xai Ev, >>eswird dar- (auf Eines zu zusammengehen). Es ist also gerade an dieser
aus klar, da13 es kein Allgemeines und Eines gibtcc, namlich Stelle zu beachten, da13 hier ein anderer Begriff von Analogie
ein solches, das uber allem schwebte als oberste Gattung. Ari- vorliegt, der sich nicht deckt mit dern Kategorienverhaltnis
stoteles fal3t dieses Problem zusammen in einer Form, aus der (vgl. u. S. 58 f.).
deutlich wird, dal3 die ganze Frage auf die Einheit der Ana- So wenig all das im letzten durchsichtig sein mag, wir
logie des Seins orientiert ist: odx Botiv tiga t b ixya6bv xoivbv t i sehen, in welcher Richtung Aristoteles positiv die Einheit des
nath yiav iGiav. &Ah& n5q 64 hiyetat; od yhg Bo~xetoiq ye ixnb ijv zur Vielfachheit sucht. Und so durfte die Einheit des Frage-
t i r ~ qdyov-lryoig.
~ (1096 b 25 ff.) ~Nichtalso ist das Gute ein bezirkes bestimmt sein, d. h. das Wie, gemaI3 dern das 6v
irgendwie Gemdnsames (gemal3 einer) im Hinblick auf eine nohhaxc;j<bybyevov - Zv ist. Allein - wir erinnern uns: Aristote-
Idee. Doch in welcher Weise wird es denn also gesagt? Es les gebraucht das nohhax6~in einer weiteren und in einer
gleicht namlich nicht demjenigen, was nur zufallig namens- engeren Bedeutung. Was wir jetzt eben erorterten, war das
gleich ist.cc Dieser Gedanke ist wichtig, indem Aristoteles nohha~8qin der engeren Bedeutung, in der die Vielfachheit
hier betont: nicht blol3 kein dphvvpov, sondern kein dyhvvyov der Kategorien gemeint ist. Alle Kategorien aber zusammen
&nb z-lr~q~, kQne blol3e, zufallige Namensgleichheit. Dieses mit der ersten machen doch nur eines aus innerhalb des wei-
ixnb texqq (zufallig) steht hier, weil Aristoteles zuweilen (vgl. teren nohkaxGq als z s z g a ~ 6 ~ .
Met. A 12, 1019 b 8) in der Tat sagt: t b 6v dyov-lryoq Myetai Man hat aus dern obigen Satz von Met. O 1 Anf. schon im
- das Sein wird im Sinne einer Namensgleichheit gebraucht; Mittelalter geschlossen, die erste leitende Grundbedeutung des
dies sol1 zunachst nur negativ sagen: nicht ovvov-lryos, nicht Seins uberhaupt - auch fur die vier Weisen zusammen, nicht
als Gattung; und was nicht ovvwv-lryog ist, ist ein dyhvvyov. nur fur die eine und deren Mannigfaltigkeit - sei die odaia,
Dieses ist hier nun als ein solches zu verstehen, was doch was man mit >Substanzczu ubersetzen pflegt. Als mul3te auch
irgendwie bedeutet, als eine Bedeutung, die eben nicht das Moglichsein und Wirklichsein und Wahrsein auf das Sein
ovvwv-lrywq ist, aber doch eine sachliche Einheit des Be- im Sinne von Substanz zuriickgeleitet werden. Im 19. Jahr-
deutens hat. Das Sein ist kein schlechthinniges, zufkilliges hundert hat man (vor allem Brentano) dazu um so mehr ge-
6y.1Cjvvyov, sondern ein solches im Sinne der Analogie. Da- neigt, als inzwischen Sein, Moglichsein, Wirklichsein als Kate-
her die Frage: MA' &g& ye TI$ &cp' Evb; eivai 4 nebs Ev gorien erkannt worden waren. Es ist daher eine landllufige
6navta ouvteheiv, 4 y6hhov nat' ixvahoyiav; bq yhg Ev ohyat~ijqis, Meinung, die Aristotelische Lehre vom Sein sei eine >Substanz-
Ev 9~1x3 vocq, xai 1310 64 Ev tiAhq. (Eth. Nic. A 4, 1096 b 27 ff.) lehrec. Das ist ein Irrtum, zum Teil erwachsen aus der unzu-
>>Gleichtes (dieses Eine) vielmehr etwa dern Von-Einem-her- reichenden Auslegung des nohhax6g; genauer: man hat iiber-
sein oder dem, da13 alle (Bedeutungen) auf eine zu (als ihrem sehen, da13 hienn erst nur eine Frage vorbereitet ist. (Auf die-
46 Das Aristotelische Fragen nach dem Sein $ 6 . Die Fragzuiirdigkeit der Analogie des Seins 47

sem Grundirrtum ist auch die Konstruktion W. Jaegers uber spaterer Entwicklung ist er verschwunden, wenn er auch in
Aristoteles aufgebaut.) einer anderen Hinsicht in seinem Denken lebendig geblieben
Und so erhebt sich jetzt erst die entscheidende Frage: Wel- ist.) Der mittelalterlichen Theologie ist das Analogieproblem
ches ist die Art der Einheit, in der dieses weitere sloliAa~Qq auf dem Wege uber Plotin uberliefert worden, der es, schon in
zusammengehalten ist (d. i. t b 8v xath th a ~ q p a mt q q jener Umbiegung, in der VI. ))Enneadecerortert.
~ ~ V , q~~.ii8os,
xcttqyogiaq, xath 86vap~vjj ~ V ~ Q YbgE &hq9hq nath Das erste und letzte ngQtov Gv, nebs 6 tdc &AAa Akysta~,was
avpfi~gqxbs)?1st auch hier die Einheit eine solche der Analo- also die erste Bedeutung fur das noAAaxGq im weiteren Sinne
gie? Und wenn ja, was ist dann das xgGtov Gv, nebs 6 th sei, ist dunkel. Und deshalb ist die ngcjtq cplhooocpia, das eigent-
tkttaea hky~za~? Was ist darin die (pbo~sZ L ~ das
, von sich her liche Philosophieren in sich selbst in einem radikalen Sinne
sich Bestimmende und Waltende? Hier wird alles dunkel. Wir fragwiirdig. Das alles ist spater beseitigt durch die These: Das
finden nur immer die aufzahlende Nebeneinanderstellung und Sein ist das Selbstverstandlichste. (Diese Fragwiirdigkeit ist
daneben die Behauptung: Das iiv hat zu seiner Vielfachheit die weit entfernt von dem Bilde, das man gemeinhin von Aristo-
Einheit der Analogie. teles hat, wenn man sich seine Philosophie nach der Art der
Die Analogie des Seins - diese Bestimmung ist keine Lo- Gelehrtentatigkeit eines mittelalterlichen Scholastikers oder
sung der Seinsfrage, ja nicht einmal eine wirkliche Ausarbei- eines deutschen Professors vorstellt.)
tung der Fragestellung, sondern der Titel fur die harteste So wissen wir also auch nicht, wie das 6v als 86vapi~und
Aporie, Ausweglosigkeit, in der das antike Philosophieren und gvkgys~azu den ubrigen Bedeutungen steht und wie es mit
damit alles nachfolgende bis heute eingemauert ist. ihnen in der Einheit des Seins zusammensteht. Und gerade
Im Mittelalter hat die analogia entis - die heute wieder als hier mussen wir uns hiiten, kunstlich die Dinge zurechtzuschie-
Schlagwort verkauft wird - d n e Rolle gespielt, aber nicht als ben, um schliel3lich doch ein glattes >Systemczusammenzuzim-
Seinsfrage, sondern als ein willkommenes Mittel dazu, eine mern. Es gilt, alles offen und fragwiirdig zu lassen - und nur
Glaubensubeneugung mit philosophischen Ausdriicken zu for- so vermogen wir das ungeloste innerste Fragen des Aristoteles
mulieren. Der Gott des christlichen Glaubens, obzwar Schopfer und damit des antiken Philosophierens und damit unseres
nrnd Erhalter der Welt, ist schlechthin von dieser verschieden Philosophierens wirklich zu befreien und wachzuhalten. Was
und getrennt; er ist aber das im hochsten Sinne Seiende, das ist das Seiende als solches? Was ist das Sein, da13 es sich so
summum ens; seiend sind aber auch die von ihm unendlich vierfach faltet? 1st uberhaupt die Vierfdtigkeit, auf die Aristo-
verschiedenen Geschopfe, das ens finitum. Wie kann ens infi- teles die Seinsfrage ausrichtet, die urspriinglichste Vielfalt des
nitum und ens finitum beides ens genannt, beides im selben Seins? Wenn nicht, weshalb nicht? Warum stijljt Aristoteles
Begriff ,Seine begriffen werden? Gilt das ens nur aequivoce gerade auf diese Vierzahl? Wie ist in allem antiken Fragen
oder univoce, oder eben analogice? Man hat sich aus der das Sein verstanden, da13 es sich in die Fragebezirke ausbrei-
Schwierigkeit gerettet mit Hilfe der Analogie, die keine L6- tete, die wir da finden?
sung ist, sondern eine Formel. Der einzige, der die Losung In diesem Dunkel, in das wir mit diesen zuletzt gestellten
suchte, Meister Eckhart, sagt: Gott ,istc iiberhaupt nicht, weil Fragen hineintasten, steht die Abhandlung, die wir zum Ge-
1
Seine ein endliches Pradikat ist und von Gott gar nicht gesagt
werden kann. (Dies war.freilich nur ein Anlauf, in Eckharts ~
I genstand unserer Auslegung machen. Und wir tun das aus der
zunachst nicht begriindeten Uberzeugung, da13 gerade diese
48 D m Aristotelische Fragen nach dem Sein
Abhandlung, wenn wir ihr philosophierend folgen, uns am
weitesten in dieses Dunkel vordringen 1aDt - das heiDt: sie
zwingt uns zur Grundfrage der Philosophie, gesetzt, da13 wir HAUPTTEIL
stark genug sind, uns wahrhaft zwingen zu lassen.
ERSTER ABSCHNITT

METAPHYSIK O 1. DIE EINHEIT DES WESENS UER


DYNAMIZ KATA KINHZIN, DER AUF BEWEGUNG
HIN VERSTANDENEN KRAFT

$ 7 . Oberlegungen zum G a n g der ganzen Abhandlung iiber


GGvap~qu n d Evkeyeia

Die Abliandlung iiber Gicvapiq und Evk~ysia bewegt sich in


der Richtung der Leitfrage des Philosophierens: Was ist das
Seiende als solches? Sie will an ihrem Teil und in ihrer Weise
eine Aufklarung iiber das Sein gewinnen. Welchen Gang
nimmt die Untersuchung? Wobei setzt sie ejn? Das sagen die
folgenden Satze (1045 b 35-1046 a 4):
Kai n ~ 6 t o vZ E Q 6vv6psw~
~ .ij hEyetai pBv pcih~ataxveiwq, 08 pfiv
~ e q a i p qy' Eoti nebs 6 fiovA6pe6a VGV. Eni nA6ov y&e Eonv fi bicvapiq
xai 4 i v k e y s ~ atGv pbvov heyopkvwv xatdr xivqo~v.&Ah' einbvteq
xegi ~ a f i t q s6v
, tois n ~ e tijq
i ~ v e ~ y e i aGioe~opoiq
q 8qhhoopev xai
X E Q ~t 6 v fihAwv. ~ U n d zuerst (wollen wir handeln) iiber 6icvapiq
in der Bedeutung, in der man meistens eigentlich das Wort
gebraucht; freilich ist die so verstandene 66vapy wahrlich nicht
brauchbar fur das, was wir jetzt (in dieser Abhandlung) vor-
haben. Denn die Bdvapiq und die EvEgyeia (die eigentlich unser
Thema sind) erstrecken sich iiber mehr als die entsprechenden
Ausdriicke, die nur im Hinblick auf Bewegung genommen
werden.cc Nun ist stillschweigend mitzudenken: Wir handeln
also zuerst nur von der 66vapt.s in der gewohnlichen, nachst-
liegenden Bedeutung. ~ A b e rnachdem wir dariiber gehandelt
haben, wollen wir, und zwar in den Erorterungen iiber die
50 Met. O 1. Das Wesen der Girvap~sxazd xivqa~v $ 7 . Oberlegmgen zum Gang der ganzen Abhandlmg 51
EvEgyeia, auch uber die anderen (d. h. die weitertragenden Be- nhkov: 4 66vapi~xai 4 Evk~ye~a - die 6bvapy und die Evkgyeia,
deutungen der Gbvapis) einen AufschluB geben.cc im Singular, schlechthin gesagt und singular verstanden, ein-
Diese Satze sind entscheidend fur das Verstandnis des An- zig. 'Exi nhkov iibersetzten wir: die singular genommenen
satzes und des inneren Baus der Fragestellung der ganzen Ab- 66vapis und EvEeyeia erstrecken sich ~ i i b e rmehrcc. Das sagt
handlung. Wir erfahren zunachst ganz allgemein: Gbvapis und zunachst: iiber weitere Bereiche; doch gemeint kann nicht sein,
Evkgyeia sind einmal p&hiataxveios Aeybpeva - meist-vorherr- wir fanden aderhalb des Bezirkes des Bewegten auch no&
schend verstanden, sodann aber Exi xhkov - iiber mehr sich andere Kraftc und Tatigkeiten; sondern die 6Gvapis und die
erstreckend. Einmal genommen so, wie sie vorzuglich gemein- ivkgyeia im Singular meinen ein nhEov im Sinne des Hoheren,
I
hin, also jederzeit zunachst verstanden werden. Wie namlich? Wesentlicheren. Abvapig und Evkgyeia Eni xhkov besagt also
Antwort: xath xivqaiv (4 xath xiquiv hsyopkvq) - im Hinblicli nicht einfach eine Erweiterung des Anwendungsbereiches,son-
auf Bewegung. Wie ist das zu verstehen? dern eine wesentliche Urnwandlung der Bedeutung und da-
Wenn wir auf Bewegungen hinblicken, begegnet uns Beweg- durch freilich eine grundsatzlich weiterreichende. Dieses Eni
tes. Und wir sprechen dann (unwillkiirlich) von Kraften, die das nhEov ist das, 6 flovhbpe6a - was wir allererst herausstellen

~
Bewegtebewegen, und ebenso vonTatigkeiten, die am Werke, bei wollen. Und die Herausstellung der 6bvapy und Evkgyeia Eni
der Arbeit (Igyov) sind. Das griechische ggyov hat denselbenDop- nhkov ist gerade die entscheidende Grunderkenntnis des gan-
pelsinn, in dem auch wir das Wort >Arbeitcgebrauchen: 1. Ar- Zen Aristotelischen Philosophierens; 66vapis und Evkgyeia, sin-
beit als die Beschaftigung, wie wenn wir z. B. sagen: er hat die gular genommen, erhalten erstmals durch die philosophische
Arbeitszeit nicht ausgenutzt; 2. Arbeit als das in der Beschafti- ~htersuchungeine wesentlich andere, hijhere Bedeutung.
gung Gearbeitete und Erarbeitete, so etwa in der Rede: er hat Sie erwachst in einer philosophischen Untersuchung; diese
gute Arbeit geliefert. 'Evegyeiab sind die Tatigkeiten, die Wei- aber steht unter der Leitfrage: t i zd 6v 3 Bv - was ist das
sen des Arbeitens (Igya irn ersten Sinne), die bei einer Arbeit Seiende als solches? Die wesentliche Bedeutung von 6bvapis
(Igyov im zweiten Sinne) beschaftigt sind: die Weisen des Am- und Evkeyeia erwachst also, so kijnnen wir jetzt negativ sagen,
Werke-seins; es gilt den Doppelsinn herauszuhoren: gerade im nicht xath xivqaiv - nicht, wenn wir Bewegtes uns begegnen
I
Vollzug begriffen und so bei etwas Herzustellendem sein. lassen als Vorhandenes und dabei darauf achten, was dabei
Wenn uns Bewegtes begegnet, sprechen wir von Kraften und gemeinhin auch vorhanden ist, das heil3t: dieses vorhandene
Tatigkeiten; diese selbst sind auf Bewegung, auf Bewegen von Bewegte bezogen auf eine bewegende vorhandene Kraft, bzw.
Bewegtem bezogen: xath xiqaiv. Im folgenden sol1 die 6 h a p ~ s umgekehrt, von dieser aus gesehen. So sagt Aristoteles an ei-
xath xiqaiv bestimmt werden. Das %at&meint einen inneren ner spateren Stelle (Kap. 3, 1047 a 52): Goxei yhg [fi] Evkeyeia
Bezug der 66vapis selbst, xath heyopkq bedeutet dann: weil so p&h~ata 4 xivqois elvai - so wie Bewegung erscheint, ist sie so
seiend, deshalb auch in solcher Hinsicht ansprechbar. etwas wie ein >Am-Werke-seinc;der nachstallgemeine xiqais-
Jetzt ist nur noch zu beachten: Wir sprechen von Kriften Charakter ist Evkgye~a.Inwiefern? Wo etwas in Bewegung ist,
und Tatigkeiten im Plural (8vv&p&ig, 6ve~yeiai); es gibt vieler- sagen wir ja: es ist da etwas im Gang, es ist etwas los, etwas
lei solche Krafte und Tatigkeiten, die eben entsprechend dem am Werk; da ist eine Tatigkeit.
und so wie das vielerlei Bewegte auch vorhanden sind. Gegen- Die wesentliche Bedeutung von Gbvap1s und Evkgysia mdagegen
iiber diesen vorhandenen Kraften und Tatigkeiten ist nun Eni ergibt sich nicht wrzd xivqaiv, oder vorsichtiger: nicht xatd
52 Met. O 1. Das Wesen der 66vap~~
natb xivqa~v I $7. Uberlegungen zum Gang der ganzen Abhandlung 53

xivqo~vybvov - nicht nur im Hinblick auf Bewegung. Wie in einer >vorhandenencVielfalt; diese bleibt als solche unver-
sollen wir das verstehen? Was damit gemeint ist, wird noch standen und unbefragt.) - Unsere Interpretation setzt ein mit
dunkler, wenn wir bedenken, daI3 Aristoteles die wesentliche der Frage, wie Aristoteles den Ansatz und inneren Bau seiner
Bedeutung von 66vay~gund EvEgye~agerade an der xivqats ge- ~ E V ~ Q Y E Lkennzeichnet.
Untersuchung uber 8 6 v a y ~und ~ Wir
winnt, gerade im Blick auf sie; das zeigt sich ganz eindeutig haben zunachst folgende Unterscheidung: G6vap~sund Evbgysla
in der Untersuchung des Aristoteles uber die xivya~~, Phys. in der am meisten gebrauchlichen Bedeutung, in der sie zu-
I'1-3. gleich einen Plural haben, und daneben in einer weiteren,
d. h. hoheren und wesentlicheren Bedeutung, die nur im Sin-
gular gebraucht werden kann. Daraus entsteht eine doppelte
Der Fragehorizont der Untersuchung iiber Gdvay~~ un6 Schwierigkeit. Die gewohnliche Bedeutung wird xatdr nivqa~v
EvEgye~aist: das Sein und seine Einheit im noAAa~Bs.Die Ein- pbvov gebraucht: die Krafte, die wir bei vorhandenen Bewe-
heit des Seins wird angesetzt als Einheit der Analogie. Diese gungen mit vorfinden; sie ist fur das, was die Untersuchung
Einheit des Horizontes und damit die Auslegung des Seins eigentlich will 06 xgqoiyq, nicht brauchbar - und doch wird
verschwimmt im Dunkel. Denn: 1. ist das Wesen der Analogie gerade von ihr weitlaufig gehandelt. Die wesentliche Bedeu-
nicht eigens geklart. 2. Der analoge Charakter ist nicht aufge- tung von G6vay~~ und Ev6gye~aist 06 %at&xiqo~v,nicht wie
wiesen, sondern nur durch Analogie mit >gesundc u. a. ver- die gelaufige im Hinblick auf Bewegung verstanden - und
deutlicht; es ist nicht gezeigt, in welcher Weise das vierfach doch kommt sie gerade im Zusammenhang der Untersuchung
gegliederte Sein entsprechend zu einer herrschenden Leitbe- der xivqay, des Phanomens der Bewegung wieder zur Sprache.
deutung zu einen ist. 3. Nicht gezeigt ist, welche das unter Wie also, sol1 die singulare Bedeutung von Gdvapy und
den vier Bedeutungen ist. 4. Nicht gezeigt ist, warum das Evbgye~agleichwohl nicht xatd xivqo~v genommen werden?
Sein vierfach gegliedert ist. 5. Nicht gezeigt ist, warum es die Allerdings nicht. Denn xatdr nivqa~vfragen und die G6vapy
Einheit der Analogie haben m d ; bzw. nicht gezeigt ist, wes- als natdr xivqolv nehmen ist grundsatzlich verschieden vom
halb es dafur nur den indirekten Beweis von Met. B 3 geben Fragen xatdr x~vfioeco~(Genitiv), d. h. vom Fragen, ob mit der
kann. 6. Nicht gezeigt ist, daI3 und warum dieser Horizont des Bewegung als solcher 8 6 v a p ~etwas
~ zu tun hat; nicht nur so-
in sich analogen Seins notwendig der auI3erste ist. (7. Ober- f e n eine beliebige GGvaptq ein Bewegtes bewegt und Bewe-
haupt ist das Horizontproblem als transzendentales nicht da - , gung hervorruft; sondern ob die Bewegung als solche durch
das Seinsverstandnis ist nicht als solches gesehen; es gibt nur 66vayy bestimmt ist. Nehmen wir ein Beispiel, das Aristoteles
ein Nebeneinander von hbyo5 und dg~ay65,von xivqol~und oft gebraucht: Wenn ein Haus gebaut wird, ist allerlei in Be-
nagowaia, von tEAoq u. s. f.) - (Inwiefem ist die Charakteristik wegung, Steine und Balken schichten sich aufeinander und
des Seins als noAAax6q heybysvov denn eine Wesenscharakteri- zurn Werk zusammen, und dabei sind Krafte und Tatigkeiten
stik? 1st damit positiv gesagt, daI3 das Sein von sich aus viel- am Werlr; wenn wir dieser ganzen Bewegung zusehen und
deutig ist? 1st es vieldeutig an sich oder von uns her? Oder dabei vorhandene Tatigkeiten und Krafte feststellen, dann
beides nicht, sondern urspriinglicher, im Wesen, das freilich blicken wir %at&xivqotv und nehmen so auch Gvv&yey wahr,
beides mitbetrifft? Das noAAaxB5 also als Anzeichen der Ent- solches, was mit dem Bewegten, in Bewegung Vorhandenen auch
machtigung: Das Wesen verwcst, und deshalb besteht das Sein vorhanden ist. Wir blicken dabei aber nicht auf die Bewegung
I
54 Met. O 1. Das Wesen der 66vapy x a t h x i q a ~ v $' 7. uberlegungen zurn Gang der ganzen Abhandlung 55
als Bewegung, nicht auf das xiv06pevov fi X L V O ~ ~ E V Owir ~ , fra-
'
I
Von ihr weg 1iiBt sich der Schritt zur 66vctp~sEni xhkov voll-
gen nicht, was das Bewegtseiende als solches sei; wir nehrnen ziehen, von ihr aus der Absprung zum Eni nhkov gewinnen.
das x~vo6pevov nicht fi i;v und die x i v q a y nicht 8 etvai. Wir Aber wenn die Girvapiq xatdc xivqolv derart dienlich ist, war-
handeln nicht x a t h x~vflasos,nicht so von der Bewegung, dafi um wird dann die Untersuchung nicht gerade so angelegt,
sie als solche Thema ist. Fragen wir so, dann fragen wir nach daB von der 6 6 v a p i ~im gewohnlichen Sinne ubergegangen
einem ~ l v a nach ~, einem Sein, und dabei auch nach 66vapis wird zur 66vapis in der wesentlichen Bedeutung? Aristoteles
und Evkeyeia, aber in einem ganz anderen Sinn (Eni nhkov). geht anders vor, er sagt ja ausdriicklich (1046 a 3): Uber die
Wenn sonach in unserer Abhandlung die 6 6 v a p y un,d Evkeyeia 66vayiq im wesentlichen Sinne soll erst gehandelt werden Ev
Exi xhkov Thema der Untersuchung werden soll, so schlieot das zoiq xeei t q s Eveeyeias 8 i o ~ i a p o - i ~ erst in den Erorterungen
nicht aus, daB dabei die x i v q a ~ qim Blick steht; im Gegenteil: uber die E v k ~ y e i a .SO sagt er auch am Anfang von Kap. 6
sie mu13 im Blick stehen, aber nicht x a t h xivqoiv. (1048 a 25 f.): Exel 6k xsei t q q x a t h xivqaiv heyoykvqq 6vv6peo;
Und doch soll die Untersuchung zuerst von der 66vapiq han- e'igqtai, X E Q ~ Eveeyeias 6 1 0 Q i ~ 0 p ~~Nachdem
~. nun von der
deln x a t h x i v q a ~ v .Nicht nur das; sie soll davon handeln, trotz- 66vapiq x a t h xivqaiv (der 66vapiq in der gewohnlichen Bedeu-
1
dern diese 06 p4v xeqoipq (0 1, 1045 b 36) - wahrlich nicht tung) gehandelt ist, wollen wir die Untersuchung anstellen
brauchbar ist fur das, was die Untersuchung eigentlich vorhat. uber die t v k ~ y & i a . ~Geschieht
( also der Fortgang vom ersten
Eine merkwurdige Methode bei einem Aristoteles, dessen Si- Ansatz bei der gewohnlich verstandenen 86vapiq so, da13 von
cherheit und Schhfe des untersuchenden philosophierenden ihr zur wesentlichen Evkeya~aubergegangen wird? Das ist da-
mit nicht gesagt. Es bleibt die Moglichkeit, daB der Gang in
Fragens spaterhin keiner mehr erreicht hat, Kant ausgenom-
folgenden Abschnitten geht: Ausgang von der 6 6 v a p ~ q x a t h

~
men.
x i v q a ~ v , Fortgang zur Ev6gysia x a t h x i v q a n , Obergang zur
Wir haben jetzt folgende Sachlage: Ober die 66vapiq x a t h Evkeyeia x a t h xilri)aeoq, Ausgang zur 66vapiq x a t h X L V ~ ~ ~ E W < .
xivqaiv wird gehandelt, trotzdem sie unbrauchbar ist fur die
Damit ware der innere Gang der Untersuchung gekenn-
Aufhellung der 6.lrvap~s x a t h xivilaeoq. Die Erorterung uber zeichnet; vermutlich ist er von der Sache selbst gefordert. Ob
die 66vapis x a t h x i v q a ~ vwird also doch in irgend einem Sinne dem so ist, werden wir erst zu entscheiden haben, wenn diese
die eigentliche Untersuchung vorbereiten mussen. Was sich I Sache uns nahegebracht ist. Eine weitere Frage bleibt, ob sich
bezuglich dieser 86vapiq ergibt, ist zwar nicl~tzu brauchen 1 dieser Gang in Wirklichkeit iiberhaupt mit solcher Scheidung
fur die Girvayy im wesentlichen Sinne; es macht kein Bestim-
mungsstuck dieser aus; aber die Untersuchung ist doch nutz-
1 der einzelnen Abschnitte durchfiihren 1513t. Wenn nicht, wes-
I halb nicht?
lich und dienlich. Man darf also das 06 x ~ q a i p qkeinesfalls Wie immer aber der Gang in Wirklichkeit sein mag, es ist
interpretieren und iibersetzen mit: nicht dienlich, unniitz, son- zunlchst nicht verstandlich, warum die Untersuchung von
dern durch: nicht brauchbar, nicht verwendbar, nicht mit hin- 6 6 v a p ~ qund ivkeyeia uberhaupt bei der 66vapiq ansetzt. Weil
iiberzunehmen in den wesentlichen Begriff. Gerade weil die sie zu t h t p t v y v c j g ~ p a gehort (vgl. Z 3 gegen Ende)? Nur
B6vapis x a t h xivqaiv nicht verwendbar, aber doch Girvap~sist, deshalb? Genug - wir verfolgen jetzt diesen Ansatz.
und andererseits auf x i v q o t ~uberhaupt orientiert ist, gerade Es bedarf nur noch einer Vorbemerkung. Die Gvv&ps~q%at&
deshalb ist ihre Untersuchung dienlich fur das Entscheidende. xivqoiv sind die vorhandenen Krafte, von denen wir sprechen,
56 Met. O I. Das Wesen der Gljvapy xazdr xivqaav $8. Zwei iibertragene Bedeutungen 57
wenn uns Bewegtes irgendwelcher Art begegnet. Soll nun von sprechen von 6vvdrye~sxai nstfi xai inn~xfixai vavt~xfi,also von
diesen Gvvdtpey gehandelt werden, dann nicht in dem Sinne, Streitkraften (zu F d , zu Pferd, zu Schiff), oder in der Rede
daD Aristoteles einfach festzustellen versuchte, welche 6vvdrpaaq von den Heilkraften einer Pflanze, oder in den Ausdriicken
wirklich vorkommen; sondern es wird gefragt, was diese 66vaa6a~:eine Kraft haben bzw. dnCe 86vap~v:iiber die Kraft;
Gvvdrpe~~als solche sind: es wird gefragt xxsei 8vvdrpe0q. Auch so ist 66vayig zunachst verstanden. Die Erorterung beginnt
diese Voruntersuchung fragt schon nach einem Seienden als O 1,1046 a 4-11:
solchen und ist daher eine philosophische. Nicht etwa beginnt
die philosophische Untersuchung erst dort, wo 4 66vapiq xai "OtlpBv OSV noAhax6~Akyatai yataL 86vapisxai tbGirvacrSat, GaGeiataa
4 Ev6~yeiaExi xlkov (nach ihrer wesentlichen Bedeutung) ins 4piv gv &A)roa~. to6tov 6' 8oai pcSv byovbpcu~A6yovzai Gvvdrpey
Thema riicken. &cpeio6waav.Bvtai ydlg dpoabtqti T L V LAriyomaa [kein Komma, H.]
xa6dtneg Ev yeopsteiq- [hier Qn Strichpunkt, H.] xai Gvvath xai
hS6vata hkyopev t @efvai noq 4j yfi elvat. Baa1 8k x ~ b qtb aGtb
Das Verhaltnis von 66vapiq un,d Evk~ya~a xath xivqaav zu d8os, xGoai hexai t ~ v 6E ~~U L ,xai nebs nghtqv piav Akyovtai, .ii
4 86vapaq und 4 EvEgy~aa,die Eni nA6ov sind, dieser Obergang Eazlv petafioAqq Ev 6Mq1 4j fi 6hAo. .DaD nun >die Kraftc
ist nicht einfach das Auswechseln des einen gegen das andere, und das >cine Kraft habenc (vermogen, imstand sein zu) in
sondern er ist urspriinglich Eines: ein Entwurf mit FuDpunkt vielfacher Weise gesagt (verstanden) wird, wurde von uns in
in der 66vap~qund Ev6gyeaa xath xivqoiv. (Dieser ubergang anderen Erijrterungen dargestellt. Von diesen (vielfachen Wei-
ist also weder eine blol3e Erweiterung noch eine abstrakte sen) sollen (jetzt) weggelassen sein alle die, die nach der Na-
Verallgemeinerung, sondern die von der xivqoiq ausgehende mensgleichheit so genannt werden. Einige (Bedeutungen von
Verwandlung der Frage zur Frage nach etwas, was aus sich 6.irvapaq) werden namlich nach einer gewissen Gleichheit so
zu begrunden ist, d. h. aus dem Wesen des Seins als zu diesem gesagt wie in der Geometrie; auch sprechen wir (im Sinne ei-
gehorig.) Weshalb geht die Untersuchung aber in O 6 von der ner gewissen Namensgleichheit) von Kraftig- und Unkraftig-
66vapt.q xath xivqa~vgeradewegs zur EvEgyeaa Eni nA6ov und der sein, insofern etwas in gewisser Weise ist oder nicht ist. Alle
entsprechenden 66vapis EtB~coq?Welche Ev6~yeaaentspricht der die Bedeutungen von %raft< jedoch, die im Riickbezug auf ein
86vap~q%at&xivqoiv? 'Evkeyeia xath xivqoiv - was ktinnte das und dasselbe Aussehen so verstanden werden, haben alle den
sein? Charakter von so etwas wie beherrschend ausgreifenden Aus-
gangen, und sie werden (daher) so angesprochen im Ruckbe-
zug auf eine erste Weise des (Ausgang- bzw.) Kraftseins, und
5 8. Eine Untergruppe von zwei ubertragenen Bedeutungen: die besagt: Ausgangsein fur einen Umschlag (beherrschender
86vapiq im Hinblick auf Geometrisches; bvvat6v bzw. Ausgriff auf Umschlagen) in einem anderen oder sofern es
cirG6vazov im Hinblick auf die Aussage ein anderes ist.cc
Aristoteles beginnt mit einem Hinweis auf die Vieldeutig-
Wie sieht nun diese vorbereitende Untersuchung des Aristo- keit von 86vapiq (die anderswo - in A 12 - schon behandelt
teles iiber die 86vapiq xath xiquav aus? A6vap~qin der ge- wurde). Sodann werden zwei Hauptgruppen von Bedeutungen
wohnlichen Bedeutung ist gebraucht, wenn die Griechen z. B. geschieden: 8oai p6v (a 6) - 8aai 86 (a 9 ) . Die erste Gruppe
58 Met. O 1. Das Wesen der Girvayiq ltath xiqaiv $ 8 . Zwei iibertragene Bedeutungen 59

~
I

umfa13t die Bedeutungen, die nach einer gewissen Namens- 1 demnach eine Ubertragung des Verhiiltnisses von Auge und
gleichheit so heioen. Die zweite Gruppe betrifft die Bedeu- Sehen im Leiblichen auf ein Verhaltnis im Geistigen - eine
tungen von Girvapi~,die sachlich einheitlich zusammenhangen, Obertragung: eine pstacpoe6; jede >Metapher<ist eine >Analo-
weil sie ein und dieselbe Grundbedeutung meinen. giec (aber nicht im Sinne der analogia attributionis). Auge und
Die erste Gruppe sol1 fur die Untersuchung im Buch O bei- Auge sagt hier etwas Verschiedenes, aber es ist doch nicht eine
seite bleiben. Wir wollen daher auch nur soweit darauf ein- bloBe zufallige, ungegriindete Gleichheit des Namens, sondern
gehen, um uberhaupt zu sehen, was da aus der Untersuchung eine gewisse Entsprechung (dp0~6tq~ ti^) in der Sache.
uber die birvapig nat&xivqoiv ausgeschieden wird. Es sind, kurz In diesem Sinne wird nun auch Gbvapt~gebraucht, und die
so gebrauchten Bedeutungen erwahnt Aristoteles in der ersten

'
gesagt, diejenigen Bedeutungen, die zur Girvap~g dpwvfipw~
heyopkq gehoren, zu der Bedeutung von Kraft, die im Sinne Gruppe (Met. O 1, 1046 a 6-8). Wohl zu beachten ist: Er
einer Namensgleichheit gesagt ist. Aristoteles kann hier nicht spricht im Plural: 5oa~ph, Zviai yhe - es gibt unter den
dphvvya &zbtir~qgmeinen, also Bedeutungen, die nur zufallig
durch denselben Wortlaut bezeichnet werden, sonst aber, ihrem
1 bpovirpog, in einer gewissen Namensgleichheit, gebrauchten
Bedeutungen mehrere. Mehrere, darin liegt: auch das von
Sachgehalt nach, schlechterdings nichts miteinander gemein-
sam haben. Im Gegenteil: dpoi6tqti t ~ v hkyovzai
i - auf Grund
1 Sirvapi~abgeleitete Swvat6v bzw. dGCarov wird in einem mehr-
fachen Sinne gebraucht, also nicht nur in der Geometrie, son-
einer gewissen Gleichheit, einer Ahnlichkeit, namlich in der dern in einem weiteren, umgreifenden Bezirk, der den der
I Geometrie einschlie13t.
Sache. Aber trotvdem ist es wiedeiwm nicht das Verhaltnis der
Entsprechung, das in der zweiten Gruppe die verschiedenen Zum Text zuriick. Schon durch die Obersetzung habe ich
Bedeutungen sachlich zusammenhdt. Oder vorsichtiger gespro- angedeutet, wie der Text zu verstehen ist. AuBerlich gespro-
chen: es ist nicht die Art der >Analogiec,die wir bisher kennen chen: das Komma vor xab&neQmu13 gestrichen werden; statt
lernten (nebq n~Gtovgv; vgl. S. 41 ff.). dessen ist nach yeopeteiq ein Strichpunkt zu setzen; so las
Aristoteles kennt noch eine andere Form der Analogie, ob- schon Schwegler die Stelle, wenn auch ohne nahere Begriin-
zwar er beide Formen nicht eigens durch besondere Bezeich- dung1. Dadurch gewinnen wir, was die Sache fordert, zwei
nungen unterscheidet. Solche hat spater die mittelalterliche Satze; der erste (a 7) sagt: in der Geometrie wird Girvapig in
Scholastik eingefuhrt. Sie nennt die Form der Analogie, die einer ubertragenen Bedeutung gebraucht; der zweite (a 8)
wir bereits kennen, analogia attributionis - Entsprechung in sagt: iibertragen werden auch gebraucht Gvvatdt und Mirvam.
der Weise der Zuteilung zu einer ersten Leitbedeutung; Bei- DaB so zu lesen ist, verlangt nicht nur die nachher zu behan-
spiel: >gesund<.Die andere ist die analogia proportionalitatis delnde Sache; wir haben in der parallelen Erorterung in A I2
- Entsprechung in der Weise der Ahnlichkeit von Verhaltnis- ganz klar dieselbe Scheidung, nur in umgekehrter Reihenfolge.
sen; vgl. dazu Eth. Nic. E 6, 1131 a 10 ff. (uber das Ginaiov, Dem Satz O 1, 1046 a 7 entspricht A 12, 1019 b 33/34, hier ist
das Gerechte). Oder a. a. 0. A 4, 1096 b 28 f.: 65 y d r ~Ev ahpati ganz klar gesagt: xath petaipoehv 68 q Ev ti y&wp&tQiq hkyetat
Zqig, Ev V W X ~voGg. ~ W i esich das Sehen zum leiblichen Auge 8irvap~g;1046 a 8 entspricht die ausfuhrliche Eriirterung in A
verhalt, so (entsprechend) das geistige Vernehmen (die Ver- 12, 1019 b 23-33. Beide Untergnlppen der 66vautg dpwvfipw~
nunft) zum Auge der Seelecc; (@pa t f i ~ ~v ~ f iAuge
g , der Seele,
a. a. 0. Z 13, 1144. a 30). In dieser Entsprechung geschieht I Bd. IV,S. 157.
I
60 Met. O 1. Das Wesen der 8i)vap~gxatd xivqu~v $' 8. Zwei iibertragene Bedeutungen 61
3isyopkvq bzw. des zugehorigen Gvvatbv werden dann in A 12, und Raumgestalten, von y e a p p a i und o ~ q p a t a diese ; aber sind
3019 b 34 f. zusammengefal3t: t a i j z a jpbv o3v z h Gvvath - dazu nach Phys. B 2 (193 b 22 ff.): x o e l a t h n ~ l r ; l o e o ~Eivev, XLV$UEWS
gehort auch das Gvvatbv der 6 6 v a p y qua Potenz, s. u. - 06 x a t h - bewegungslos, also auch ruhelos: sie sind ganzlich aul3erhalb
L Verganzen:
G ~ V ~ ~zu , t q v x a t h x i v q o ~ vAeyopkvqv. Was ist nun von Bewegung und Ruhe.
sachlich mit den so unterschiedlichen und zusammen zugleich Das gilt nun auch fiir die zweite Untergruppe der G h a y ~ ~
von der 6 6 v a p ~ gx a z h n i q a ~ vausgeschiedenen Untergruppen I 6povi)pos heyopkvq, bzw. vom zugehorigen Gvvatbv x a i hG6vatov.
der 6 6 v a p ~ gob x a t h 8 6 v a p ~ vgemeint? Was damit gemeint ist, wird zwar Met. O I, 1046 a 8 gesagt:
Die in O 1 zuerst (1046 a 7) genannte ist die eigentlich
1 xai Gvvath x a i & 6 6 v a m Akyopev t @ e h a i x w ~fl pfi e t v a ~ .~ U n d
metaphorische Bedeutung von 6 6 v a p y , n a i c h (lateinisch) po- so sprechen wir auch von >kraftigund unkraftigc, insofern etwas
tentia, >Potenzc:die Potenzen einer Zahl; z. B. 32 (3 x 3). u n d in gewisser Weise ist oder nicht istcc; also mit Bezug auf ein
zwar werden in der griechischen Mathematik zunachst gerade gewisses Sein oder Nichtsein. Doch dieser kurze Satz ist fur
nicht die arithmetischen Verhiiltnisse so genannt (etwa 9 die sich genommen nicht verstandlich. Wir nehmen wieder die
Potenz von 3), sondern geometrische. Nach der Dberlieferung Parallelbehandlung in A I2 zu Hilfe. Hier gibt Aristoteles ein
sol1 diesen Gebrauch von 6 6 v a p ~ qzuerst eingefuhrt haben Hip-
pokrates von Chios (um die Mitte des 5. Jahrhunderts; niclit
1 Beispiel fur das, was er meint, und zwar ein solches aus der
Geometrie; was freilich nicht so verstanden werden darf, als sei
der Arzt). Das uber einer Strecke gemal3 dieser konstruierte die fragliche Bedeutung von Gvvazbv - &G.lrvatov gleichfalls,
Quadrat ist die GGvap~gdieser Strecke. Die 6 . i r v a p ~als ~ Potenz wie der Begriff der ,Potenzc, auf das Geometrische und Mathe-
I matische beschrankt; das ist nicht der Fall, und deshalb darf
ist das Quadrat; also 32 = 3 im Quadrat. DemgemaB ist die
iiAq G 6 v a p ~der~ Hypotenuse im rechtwinkligen Dreieck gleich in 1, 1046 a 7 das xa86nsg Ev Y E W ~ E T Q ~nicht, Q wie ublich, zu
den 8vv&p&~sder Katheten. Was zu dieser Bedeutung von Gvvazh x a i &GCvaza gezogen werden.
8 6 v a p ~ gfuhrte, ist nicht geklart und belegt. Wir konnen ver- Wir wissen jetzt nur: Das Bvvazbv - &Gbvatov und so der zu-
muten, daD hier 6 6 v a p y dasjenige genannt wird, wozu eine gehorige Begriff von 6 6 v a p y ist nicht n a t h x i v q o ~ v ,aber auch
Strecke aus sich selbst fur sich selbst die Kraft hat, was eine nicht xaz& t h p a 8 q p a t ~ x 6 ,t h & x i v q t a xa6' a i d . So erhebt sich
Strecke vermag, was sie aus sich selbst fur die Konstruktion die Frage: x a t h t i t b Gvvatbv h k y e t a ~- im Hinblick worauf ist
eines ebenen Gebildes, einer Raumgestalt hergibt; 6 6 v a p ~ g die angefuhrte Bedeutung skriiftigcc verstanden?
heil3t hier das, womit sich etwas machen 1aOt im weitesten Wir gewinnen die Antwort durch die Auslegung der breite-
Sinne, was also nicht nichtig ist. (Plato kannte gleichfalls schon ren Darstellung in A 12, 1019 b 23-30: &66vatov pCv 05 t b
diese Bedeutung von 66vapcq im Sinne von Quadrat, so Pol. Evavtiov 95 & v & y x q ~ &hq665, olov zb t q v G~dpstqov odppeteov
587 d und Tim. 31 c, auch Theait. 147 d.)2 e1-m~ &G~vazov, 8t1 q e i j 8 0 ~ t b ZOLOGTOV, 05 t b Evavtiov 06
Fiir uns ist nur wichtig zu sehen, weshalb diese Bedeutung pbvov Mq6Cg &Ah x a i &v&yuq &o6ppet@ov E ~ V ~ L @a ' T ~ 6i)pp~teov

von G6vapy aus der Erorterung ausscheidet: deshalb, weil sie 06 pbvov qeij805 &Ah& x a i EE & v & y x q ~qeijG05. t b 6' Evavtiov t o d r y ,
nicht x a t h x i q a ~ vist. Sie ist das nicht, weil sie es wesensmal3ig fi
t b G w a r b v , Krav pq & v a y w i o v t b Evavtiov qeijGos d v a c ofov i
nicht sein kann. Denn sie betrifft einen Sachverhalt von Linien x a 6 i j o 6 a ~8 v 6 ~ o x o vGvvazbv. 06 y h E5
~ tivciyxqg zb pq x a 6 i j o 8 a ~
qeijGoq. Eine zugleich erlauternde Ubersetzung: ~Unkraftig
Vgl. Ross Bd. I, S. 333.
1 heil3t hier das, dessen Gegenteil notwendig das ist, als was es
6% Met. O 1. Das Wesen der 66vap~qxazd xivqo~v 5 8. Zwei iibertragene Bedeutungen 63

offenbar ist; z. B. ist die Diagonale im Quadrat unkraftig dazu, heraus. Nichts anderes will Aristoteles sagen rnit der Ausschal-
rnit der Quadratseite dasselbe MaB zu haben; wir sprechen von tung der 66vapy dpov6pos hsyopkvy.
einem Unkraftigsein, weil dergleichen - dasselbe Ma13 zu Eines aber mussen wir uns zum Verstandnis bringen: in wel-
haben rnit der Quadratseite - verdeckt, namlich die Diago- chem Sinne und aus welchen Griinden auch und gerade im
nale in der ihr eigenen MeBbarkeit; denn daB sie im Gegen- Bereich der &rchcpava~~ von einer Gbvap~gund so von Gvvatbv
teil durch die Quadratseite nicht meBbar ist, das ist nicht nur und &Girvatov die Rede sein kann. Nur im Bezug auf die Erlau-
einfachhin offenbar, sondern es ist offenbar, daD sie notwendig terung dieses Zusammenhangs gebe ich eine kurze Auslegung
unmeBbar ist in der vermeinten Weise. Die Bestimmung der der Stelle aus A 12; sie in allen wesentlichen Hinsichten aus-
Meobarkeit durch die Quadratseite ist nicht nur tauschend, zuschopfen, ist jetzt keine Gelegenheit.
d. h. den Sachverhalt verdeckend, sondern sie ist sogar aus Aristoteles sagt: Die Diagonale ist unkraftig dam, rnit der
Notwendigkeit verdeckend. Das Gegenteilige aber zu diesem, Quadratseite dasselbe Ma13 zu haben - obppat~ovs l v a ~ .Dieses
zu dem so verstandenen Unkraftigsein, namlich das Kraftig- ist 4~sG805- es versteut, verdeckt das, was die Diagonale offen-
sein zu . . ., liegt dann vor, wenn keine Notwendigkeit besteht, bar ist. Wenn wir von der Diagonale die MeBbarkeit durch die
da13 die gegenteilige Bestimmung verdeckt; so z. B. ist ein Quadratseite aussagen, d a m lassen wir die Diagonale nicht zu
Mensch, der jetzt zwar steht, kraftig dazu zu sitzen; denn die Wort kommen in dem, was sie selbst in dieser Hinsicht sagt.
Bestimmung pnichtsitzendc verdeckt nicht notwendig das Was, Und was sagt sie, das h e a t : was ist sie selbst? Die Diagonale
das der Mensch ist.cc versagt es dem Aussagen iiber sie, von ihr die MeBbarkeit zu
Was ist hier gesagt? Zwei Beispiele; eines fur das &86vatov, sagen. Sie versagt, verbietet das, weil sie selbst in dieser Hin-
eines fiir das Guvazbv. Das erste Beispiel stammt aus der Geo- sicht, der versuchten Messung durch die Quadratseite, versagt;
metrie (die Diagonale); das zweite aus dem Felde des im wei- sie ist in sich unkraftig zu solcher Messung; sie vertragt eine
testen Sinne erfahrungsmaBig zuganglichen vorhandenen Sei- solche nicht. Sie ist unkraftig, dergleichen nicht vertragend,
enden (ein begegnender Mensch). Genauer besehen aber sind das heiBt: sie ist im Bezug auf Messung durch dasselbe MaB
als Beispiele herangezogen zwei Satze, Aussagen. Die eine unvertraglich rnit der Quadratseite. 'AGbvatov, unkraftig sein
Aussage sagt: die Diagonale hat rnit der Quadratseite dasselbe zu etwas heiBt jetzt: versagen in etwas; etwas nicht vertragen,
Ma13 (ist durch diese meBbar); die andere Aussage sagt: dieser solches namlich, was in einer Aussage zugesprochen werden
Mensch da sitzt. Daraus konnen wir entnehmen - negativ: die mochte. Was so, in seinem Was, seinem Sachgehalt nach in
fragliche Bedeutung von Gvvatbv und &Gbvatov ist nicht be- etwas versagt, es nicht ertragen kann, muB es der Aussage als
schrankt auf geometrisch-mathematische Verhaltnisse; positiv: Aussagbares versagen (verbieten). Die Diagonale versagt, nach
sie hangt irgendwie zusammen rnit hdem Charakter der Aus- dem, was sie selbst ist, darin, daB sie die MeBbarkeit durch
sage von etwas iiber etwas, der &nbrpavcris. Damit ist schon die Quadratseite ertragt. Daher versagt sie der Aussage iiber
angedeutet, da13 eine eingehende Erorterung der Bedeutung sie das Zusprechen der MeBbarkeit. - Wird ihr nun aber das
von Guvazbv und &Gbvazov nazh z$v &nbcpavalv eine weitlaufige Gegenteil dessen, worin sie versagt und was sie versagt (ver-
Erorterung dieser und des hbyoq iiberhaupt erforderte - vgl. bietet) zugesagt, also das Gegenteil der MeBbarkeit, d. i. die
daruber besonders de interpr. Kap. I 2 und 13 -, das aber fiillt UnmeBbarkeit durch die Quadratseite, dann ist dieses gegen-
aus dem Rahmen der Untersuchung der Gdvapiq %at& nivyoiv teilige Zugesagte solches, was die Diagonale vertragt, ja sogar:
M Met. @ 1. Das Wesen der 66vap~5xatd xLvqu~v $ 8 . Zwei iibertragene Bedeutungen 65
wonach sie verlangt; das so Zugesagte sagt also etwas, was die genstand Mensch versagt, verbietet es nicht, da13 ihm das Sit-
Diagonale in dem, was sie i,st, offenbar macht: &66vatov pEv zendsein zugesprochen wird; diese Bestimmung ist mit ihm
03 t b Evavtiov EE &v&yxqg&hqbkg. vertraglich.
Im folgenden miissen wir darauf achten, in welche Perspelr- Avvat6v und &66vatovbedeutet also ein Nichtversagen und
iive diese Bdeutung von 66vap~ghineinweist und warum sie, Versagen, ein Unvertraglichsein und Vertraglichsein; das heiBt
obgleich sie eine Seinsbedeutung ist, wie wir noch sehen wer- aber: ein Nichtzusammengehen bzw. Zusammengehen mit . . .,
den, aus der Eriirterung in Buch O, zunachst wenigstens, aus- ein Nicht-beisammen und Beisammen ( O ~ V - ~ als E Oein
L ~Beim-
)
geschieden wird. anderen-anwesend bzw. -nicht-anwesend, somit - d. h. im
griechischen Sinne - ein gewisses Sein bzw. Nichtsein (von
etwas in Einheit mit einem anderen). Kai Gvvat&nai &66va~a
Aristoteles beginnt die Untersuchung uber 66vapig und hkyop~vt$ dvai zwg 7 pfi d v a ~(O 1, 1046 a 8). ~Auchsprechen
Ev6~y~la mit der Erorterung der 66vapy %at&xivqo~v.Diese Er- wir von Kraftig- und Unkraftigsein, insofern etwas in gewisser
orterung selbst wird eingeleitet durch die Unterscheidung von Weise ist oder nicht ist.cc Dieses Sein und Nichtsein im Sinne
zwei Hauptgruppen von Bedeutungen des Wortes 66vay~g; des Vertraglich (6vvat6v) und Unvertraglich (h66vatov) begeg-
hiervon haben wir zwei Darstellungen: in O 1 und A 12. Die net uns zunachst und fast handgreiflich in der Aussage, die als
zweite Hauptgruppe umfaBt eben die 64vap~g%at&xivqaiv, die solche sagt: etwas ist das und das, bzw. ist es nicht. Das 6vvat6v
Thema werden soll. Die erste Hauptgruppe wird nur aufge- steht im Hinblick auf Aussage, &nbcpavoy.Wir haben hier die
fiihrt, urn ausgeschieden zu werden. Sie wird ausgeschieden, Bedeutung von 86vap~s- wie wir sagen diirfen - %at&tfiv
weil hier 66vap~gnicht ?tar&xivqatv fungiert. Die Behandlung dn6cpava~v.Zum Wesen dieser aber gehort es, entweder ent-
dieser auszuscheidenden Gruppe sagt negativ, was die 66vap~g deckend oder verdeckend sein zu konnen: &hqbCgoder 14~~ij805.
nath xivqoiv ist, und leistet so doch etwas fiir die Klarung des (Dies kennen wir bereits als eine Grunldweise des Seins.)
Themas. Diese erste Hauptgruppe selbst umfaBt zwei Bedeu- Also die tidvap~g,die die cpha~~, die Sage, den Spruch betrifft.
tungen von 66vap~g,die beide - von der zweiten Gruppe aus Und wir entnehmen hieraus, da13 es sich bei der Aufhellung
gesehen - in einem iibertragenen Sinne gebraucht werden: 1. des Gvvat6v und h66vatov in dieser Bedeutung um ein Evavtiov
64vapy xat& t&pahlpat~n&- die ,Potenzc, 2. 86vap~gqua handelt - was direkt und nicht zufdlig in die Definition des
6vvat6v (cQ dvai zag). Zu 2: Die Darstellung geht aus vom &66vatovaufgenommen ist -, urn das &vti,das Gegeneinander-
&Gbvatov,am Beispiel der UnmeBbarkeit der Diagonale durch liegende, um die cpha~gals hvticpaalq: die Sage, den Spruch als
die Quadratseite. 'A86vatov - Unkraftigsein bedeutet: nicht Gegen- und Widerspruch. Und deshalb finden wir im soge-
ertragen, versagen und daher verbieten. Das Versagen ist das nannten Satz vom Widerspruch das &66vatov.I'3, 1005 b 29 f. :
Verbieten einer Aussage - bzw. das Verlangen des Gegenteils &66vatovtipa bnohapfi&ve~v a ~ p+ E I V ~
t b v ahbv ~ l v nai t bLattb
derselben. - derselbe redende und verstehende Mensch als er selbst steht
Entsprechend ist nun das 8vvat6v zu verstehen. Was kraftig in der Unkraft, kann es nicht vertragen und zulassen, beziig-
ist zu etwas, versagt nicht, vermag zu ertragen. Der stehende lich ein und desselben Seienden zugleich vorwegzunehmen, es
Mensch hier versagt auf Grund dessen, was er als Mensch ist, sei und sei nicht. Wer dieses &6bvatovvon Grund aus versteht,
lteineswegs darin, daB er auch als sitzender existiert. Der Ge- das heil3t: nicht so dariiber herschwatzt, wie es die Logik und
66 Met. O 1. Das Wesen der 6Gvap~gxctzci xivqu~v $ 9 . Die Leitbedeutung der 6Gvap~gxath xivqu~v 67
Dialektik beziiglich des sogenannten Satzes vom Widerspruch deutung von b6vapy und bvvatbv im Sinne von Unvertraglich-
zu tun beliebt, der hat die Grundfrage der Philosophie begrif- keit und Ertraglichkeit sich herausgebildet hat, - ein Ereignis
fen. Aber dahin ist ein weiter und muhsamer Weg. Man ver- von der grol3ten Tragweite fiir die Grundfragen der Philoso-
sperrt sich diesen Weg von Anfang an, wenn man sagt, bei phie, vor allem in der Neuzeit (Leibniz und Kant - Moglich-
Aristoteles sei der Satz vom Widerspruch nicht nur ein logi- keit als Widerspruchslosigkeit und Vertraglichkeit). Die Frage
scher, sondern auch ein ontologischer; denn Aristoteles kennt nach den sachlich bestimmenden Grunden des auf die Wahr-
weder das eine noch das andere. Seine Fragestellung liegt ge- heit bezogenen bdvap~s-Begriffesist urn so dringender, als of-
rade vor dieser Erstarrung der Frage in Schulunterscheidun- fenbar diese iibertragene Bedeutung von 66vapy noch in einem
gen. Ebenso irrig ist es, von logischer Moglichkeit zu sprechen, - freilich dunklen - Zusammenhang steht mit der eigent-
sofem damnter die formale Widerspmchsfreiheit iiberhaupt lichen Bedeutung. Oder sollte erst die 86vap~q6x1 nAbov Aayoy6vq
gemeint wird, - gemeint ist hier vielmehr sachhaltiger Wider- (vgl. ob. S. 50 ff.) den Weg bereiten, um die eben zur Frage ge-
spruch. Auf der Strecke zum Verstandnis des sogenannten Sat- stellten Zusammenhange zu fassen?
zes vom Widerspruch lie@ zunachst das Verstandnis der 66vapy Aristoteles sagt abschliel3end 1019 b 34 f.: tacza, namlicll
iiberhaupt nach allen ihren Dimensionen. das in der angefiihrten Weise als bvvat&Angesprochene, taCta
Wenn nun Aristoteles die Erorterung der 66vapis m d des p8v 06v th 6vvath 06 xath GGvap~v,steht >>nichtim Hinblick auf
bvvatbv in der jetzt erorterten Bedeutung von seiner Unter- Girvapiscc, niimlich im gebrauchlichen und eigentlichen Sinne
suchung ausschliefit, dann heifit das keineswegs, die ausge- als b6vap~5xath xivqa~v,so daI3 zu erganzen ist: 06 xath
schiedenen Bedeutungen seien im Grunde ohne Bezug zur 66vap~vtfiv xath xivyuiv. Vielmehr ist Girvapis, Kraft und
Frage nach 66vapi~und EvE~y~ia; das Gegenteil trifft zu. Krafthaben fur. . ., von xivqois als der eigentlichen Heimat der
Fur eine wirkliche Auslegung dieser Stelle aus A I 2 sind Bedeutung hiniibergetragen auf 6hfi6~~a, wie eben das Beispiel
wir hier und wir Heutigen uberhaupt noch nicht vorbereitet. mit der Djagonale zeigte, und zwar ganz eindeutig: xazh
Es sei nur der eine Satz mehr als auI3erer Beleg angefuhrt, petacpo~hv68 Ev tq yewp~teipAEyetai 66vapis.
1019 b 30 ff.: t b p6v 06v bvvatdv &vap8v T Q ~ X O ~ UVX,E Qdeqtai,
~b pfi EE 6vdryxqs q~C605[ E I V H.] ~ L aqpaiv~i,3va 68 t b 6Aq46~
&hat.,&va88 t b ~ V ~ E X ~ ~ E 6Aq6Eq
V O V E % V ~ L ,,Das
. Kraftig-, Fiihig- $ 9 . Die Leitbedeutung der 66vapy xath xivqo~v
sein zu etwas bedeutet einmal das Nicht-notwendig-verdek- Unsere Abhandlung O schaltet also die iibertragene Bedeu-
kend-scin, dann das Entdeckend-sein, dann das Imstandsein tung von 86vap~qaus. Und was geschieht mit der gebrauch-
zu dem Fahigsein im Sinne des Entdeckend-seins.cc Wir sehen lichen und urspriinglichen,eigentlichen Bedeutung von 66vapis,
nur ganz grob: 66vapis steht hier xa6' &hfi9eiav,xa6' 6Aq6kq q Kraft? Sie zeigt gleichfalls eine Mannigfaltigkeit des Bedeu-
~ECBOS.Und nur beilaufig und ganz aus der Ferne erinnere ich: tens; aber keine beliebig auseinanderfallende, sondern die
Das iiv wird unter anderem gesagt xath 66vapiv w d dann verschiedenen Bedeutungen werden verstanden nebs zb a6tb
auch 61s 6Aq695; so riicken &AilS~ia, E ~ V und
~ L 66vap~s zusammen. ~180s(01, 1046 a 9) - in Bezug auf dasselbe Aussehen. Wir
Es verdient gefragt zu werden, warum in Bezug auf Ge- treffen hier wieder (vgl. ob. S. 41) auf das nebs - im Unter-
genstande der Mathematik und warum iiberhaupt in Bezug schied zum xazdr, das vorwiegenld eine Unterbringung unter
auf Wahrsein und Unwahrsein gerade eine iibertragene Be- einer Gattung, ybvo~,oder Art, E ~ ~ O meint.
S , Der Sinn unserer
68 Met. O 1. Das Wesen der GGvay~snard xivqutv $ 9 . Die Leitbedeutung der Ghctyis xardr xiquw 69
Stelle ist ganz verfehlt, wenn wir fur ~160s>Art<setzen; t i ~ q die
, Baukunst, eine solche 66vapy, d. h. also etwas, von
damit ware gesagt, die im folgenden zu erorternsden Weisen wo aus . . ., etwas, kraft dessen in den Steinen, den ZiegeIn,
der 66vapi~nath xiqoiv seien Unterarten zu einer hoheren; das dem Holz ein Umschlag erfolgt zu einem Haus; die Baukunst
ist aber nicht der Fall, sondern wir haben hier wieder ein Ver- als &ex4 ist selbst dabei nicht im gebauten Haus vorhanden.
haltnis der Analogie. Und so immer, wenn von 66vapy im besagten Sinne gespro-
Worin alle entsprechenden Weisen der 66vapy ubereinkom- chen wird. Sie ist als Ursprung, als &gxfi:Ev GAAq - in einem
i (a 9), sie sind so etwas wie
men, ist dieses: Alle sind & e ~ atives anderen; dieser Ausdruck Ev BAAq ist ursprunglich nicht auf
solches, wovon etwas ausgeht; und diese mannigfaltigen Be- petafioA4 zu beziehen (s. spater S. 86 f.). A ' AA' 4 iatgixfi 66vapy
deutungen von 66vapy entsprechen sich, indem sie in ihrer o8aa +n&e~oi Eiv Ev t@ iatgsvophvcp. ~ A b e rdie arztliche Kunst,
Bedeutung als ciexai alle zuriickgehen auf eine erste ~ 5 ~ xauf 4, obzwar sie eine 66vapi5 ist, durfte doch gelegentlich in dem
eine vor allem ins Spiel tretende Bedeutung von Gdvay~s.Dieses Verarzteten selbst vorhanden seincc; dann namlich, wenn der
ngi3tov 2v nebs 6 (vgl. a lo), dieses erste Eine, auf das zuriick A n t sich selbst als Kranken behandelt. Jetzt ist die &ex4- das,
alle entsprechenden Bedeutungen verstanden werden, nennen von wo aus der Umschlag des Krankseins zur Gesundung aus-
wir kurz die alles Entsprechen leitende oder die Leitbedeutung; geht - 06%Ev SiAAq: nicht in einem anderen, sondern Ev tabta:
vgl. A 12, 1020 a 4: 6 n6eios 6 ~ - 0 die
~ beherrschende Be- in ein und demselben Seienden, dieses aber, insofern der Arzt,
deutung. das Arztsein etwas anderes ist - 5 EA i Ao - als das Kranksein.
Diese Leitbedeutung besagt (O 1, 1046 a 10 f.): Ausgang Dieses, das Kranksein, geschieht im Arzt nicht, sofern er A n t
sein fur einen Umschlag, welcher Ausgang als solcher in einem ist, sondern sofern er Mensch ein Wesen, das einen Leih
anderen Seienden ist als das Umschlagende selbst, oder falls hat. Als Arzt kann dem Menschen nichts fehlen in dem
das ausgangliche Seiende und das Umschlagende dasselbe sind, Sinne, daI3 er krank ist; wohl aber kann ihm als Arzt etwas
sind sie das je in einer anderen Hinsicht. A I2 Anf. hat die fehlen, indem er ein Pfuscher ist.
Passung: n~vfiosogq p~rafiohij~4 Ev ErSeq 7 fi 'E'ts~ov.Wir Der Ansatz der Aristotelischen Untersuchung uber die
entnehmen aus diesen Fassungen der Leitbedeutung von 86vapy nut& xivqu~vzeigt schon, da13 er nicht auf ein blol3es
86vap~~, Kraft, zunachst folgendes: Sammeln von Wortbedeutungen ausgeht, urn diese nachein-
1. Kraft ist - Ausgang fur . . . 2. Wofur? Fur einen ander aufzuzahlen, auf kein >lexikalischescGeschaft, sondern
Umschlag, eine Bewegung: xiqois. 3. Der Ausgang fur den von vornherein auf das Verstandnis der gemeinten Sache ge-
Umschlag ist in einem anderen als der Umschlag, d. h. in richtet ist. Und diese Bestimmung des >Wesensc der Sache
einem Seienden, das nicht dasselbe ist wie das, was umschlagt. geschieht wieder nicht in Absicht auf die Festlegung einer
4. finden wir den Zusatz q fi EiAAo: oder (aber) sofern namlich brauchbaren >Terminologiec und Schulsprache, sondern um
das, worin der Umschlag hervorgerufen wird, dasselbe Seiende zugleich die Mannigfaltigkeit des Wesens, seine moglichen
ist wie das hervorrufende, (dann) geschieht das nur so, dal3 Abwandlungen vor Augen zu legen. Durch die Umgrenzung
dabei das ta.irtbv in einer anderen Hinsicht das Umschlagende der leitenden Bedeutung sind wir von vornherein in den Be-
ist, in einer anderen das den Umschlag Hervorrufende. reich des Fragens nach dem Wesen versetzt; Ausdriicke wie
A I2 Anf. bringt Beispiele: olov fi oho6op~xq66vapis Eoriv Fj hexfi, xivrpis, EiAAo, &EQOV, 5 EiAAo, 5 Btsgov deuten auf Wesens-
OGX d x d r ~ E i oino6opovp6vq - so ist z. B. die oixo6opix+l
~v~t@ momente. Freilich - die erste, leitende Bedeutung laI3t sich
70 Met. O 1. D m Wesen der GGvay~qxazd xivqo~v $ 9 . Die Leitbedeutung der 8Gvapig nard xivqa~v 71
nun gerade nicht fur sich abgelost abhandeln, sondern verlangt kelten Zusammenhangen, die in der Sprache langst zum Aus-
das Eingehen auf die von ihr geleiteten und ihr so botmd3igen druck gekommen sind und doch der begrifflichen Durchdrin-
und zugehorigen entsprechenden Sachzusammenhange. ,mg vollig entbehren. Daher ist nun auch der Sprachgebrauch
Aristoteles verweist selbst auf eine andere Behandlung der- je nach Sprachgefuhl und Geschmack ein wechselnder. Von
selben Frage nach dem Wesen det bdvayiq xatdl xivqa~v,in hier aus gesehen bleibt es dann willkurlich, bestimmte Aus-
A 12. Zunachst wird man zwischen beiden Behandlungen kei- drucke fur bestimmte Bedeutungen in Anspruch zu nehmen.
nen Unterschied finden; @ 1 ist knapper, A I2 breiter und mit Wir brauchen uns furs erste nur an das zu erinnern, was wir
erleuchtenden Beispielen angelegt. Trotzdem wird in @ 1 selbst bereits in dieser Hinsicht unternommen haben. Bei der
eine ganz bestimmte Absicht eigens mehrfach betont: namlich Obersetzung der Aristotelischen Stelle bezuglich der UnmeS-
zu zeigen, da13 und wie die alle Entsprechungen leitende Um- barkeit der Diagonale durch die Seite druckte ich das &bdvatov
grenzung der bdvapiq in allen diesen abgewandelten Be- im Deutschen aus durch das hier wohl befremdliche mnkraf-
deutungen irgendwie schon mitvorhanden ist - &v-&an,EY- tigc. Es geschah mit Absicht, um zunachst am Wortlaut bdvayig
v n h ~ o v o no5
i (1046 a 15 u. 18). Wir nehmen daher beide Be- - Kraft entsprechend festzuhalten. Die Diagonale ist unkraf-
handlungen so zusammen, da13 wir uns thematisch an @ 1 tig zu etwas; wir mochten ganz von selbst verbessern: unfahig,
halten, aus A 12 aber vor allem die aufhellenden Beispiele und und so statt Kraft Fahigkeit setzen; aber selbst dieses mochte
besondere Pragungen entnehmen. nicht ganz treffen, wenn wir sagen: die Diagonale ist unfahig
gemessen zu werden. Fahigkeit - da denken wir zuerst an
a) Annaherungen an das Phanomen der Kraft und Abweis der Leistungsfahigkeit, an ein Mittun, und sei es auch nur im
sogenannten Obertragung Ertragen und Durchhalten von etwas; so sprechen wir etwa
von der Tragfahigkeit einer Briicke; in einem derartigen Sinne
Doch zuvor wollen wir das Verstandnis der Sache selbst, um ist die Diagonale uberhaupt nicht fahig zu etwas. Und weiter
die es sich unter dem Titel bdvapiq xatdl x i q a ~ vhandelt, etwas bei der Erorterung der y~tafioh4 Ev &Ahq fl fi &Ah0 (des Um-
beweglicher und bestimmter machen, um so einen scharferen schlags in einem anderen oder sofern es ein anderes ist): Bei
Blick zu haben fur die Eigentumlichkeit des Aristotelischen dem Unterschied der Herstellung eines Hauses durch das Bauen
Ansatzes und Weges. Aber nicht nur dieses. Vielmehr gilt es, gegenuber der Herstellung der eigenen Gesundheit durch die
uns allererst vonubereiten, um erfahren zu konnen, da13 in eigene Tatigkeit des Arztes sprachen wir von Bau-kunst, Heil-
dem Text nicht einfach nur ein Spiel von Gedanken und Be- kunst; im letzten Falle also Gdvapiq nicht als Heil-kraft. Der
griffen ablauft ohne Widerstand, ohne Heimat, ohne Not, Arzt hat keine Heilkraft, die hat wohl eine Pflanze, ein Heil-
sondern da13 hier, wie in jeder wirklichen Philosophie, die kraut, sondern der Arzt hat die Heilkunst, der Baumeister die
Macht eines Daseins zur Freiheit der Welt drangt, da13 dieses Baukunst; bbvapiq fassen wir jetzt als Kunst oder Konnen.
Philosophieren noch da ist, da nicht in der schlechten Gegen- Jemand kann Geige spielen; hier heinen wir nicht nur, da13
wart eines vermeinten Aristotelismus, sondern da als unlosbare er dieses Konnen sich zugelegt hat, sondern da13 er eine Fahig-
Bindung und unerschopfliche Verpflichtung. keit ausgebildet hat - ausbilden konnte, weil er sie schon
Allerdings geraten wir mit einem solchen Versuch sogleich hatte; dieses Fahigsein verstehen wir als Begabtsein: 6dvapiq
auf ein ganz unwegsames Gebiet, mit einer Fulle von verwik- als Begabung. Wir sagen freilich nicht: die Eisenbahnbriicke
72 Met. O I . Das Wesen der 8Cvap~qxazdr xivqu~v $ 9 . Die Leitbedeutung der GGvapy xazdr xivqu~r 73
ist begabt fur das Tragen der schwersten Zuge. Dagegen: ein Was soll eine Summe fester Definitionen und daran festge-
begabter Mensch; und ebenso: ein fiihiger Mensch; ein Fahi- knii~fterund so eindeutig gemachter Worter? Freilich, das
ger ist befahigt; allein wer die Fiihigkeiten eines guten Lehrers ware der Verfall und Tod der Sprache. Doch es handelt sich
hat, hat damit noch nicht die Befahigung zum Lehren im fur uns nicht urn die Sprache als solche ~ m ddie Worte und
Sinne der Berechtigung. Dagegen sagen wir wieder fur Seh- Wortbedeutungen, sondern es gilt langsam zu sehen, daB in
kraft und Sehfahigkeit des Auges auch: Sehvermogen; wir der aufgezahlten Reihe von Worten etwas gemeint ist, was in
sagen: Seelenkrafte, Seelenvermogen, aber schon nicht: Seelen- gewisser Weise dasselbe m d doch je verschieden ist. All die-
fahigkeiten, hochstens: seelische Fahigkeiten. Und wieder ses Vielfdtige - ist es ein Beliebiges und Belangloses, oder
sprechen wir nicht von der Herrscherkraft eines Konigs, son- jenes, worin sich uns ein Grundwesentliches eines jeglichen
dern von seiner Herrschergewalt; und die Gewalt, die ein Ge- Seienden und jeglicher Weise des Seienden darbietet? Kraft
walttatiger ausubt, scheiden wir wieder von der Macht einer - die Krafte der materiellen Natur; was ware Natur ohne
Idee; obzwar wir andererseits die Gewalttatigen Machthaber Krafte? Fahigkeit - die Fiihigkeiten des Lebewesens; Vermo-
nennen, - Machthaber: weil sie die Macht nicht haben und so gen - das und die Vermogen des Menschen; Kunst - die
nicht gebrauchen konnen, sondern sie hochstens miBbrauchen, Kunst Michelangelos, van Goghs; was verstunden wir von
weil sie nur die Mittel der Ausubung der Gewaltsamkeit haben. beiden, wenn wir nicht Kunst verstehen? Gewalt - die Gewalt
So konnten wir fortfahren. Nur um die Vielfaltigkeit des Napoleons; Macht - die Macht des Gottlichen, die Macht des
Wortgebrauches zu zeigen? Nur wn darzutun, daB wir fur Glaubens.
dasselbe zugleich verschiedene Worte gebrauchen? Nein, son- In all dem, konnte man versucht sein zu sagen, liegt durch-
dern umgelcehrt, um zu sehen, daB wir gerade nicht ganz be- gangig ein Konnen; also handelt es sich um bestimmte Arten
liebig Worte gebrauchen wie Kraft, Fahigkeit, Kunst, Bega- des Konnens, und das Konnen ist der allgemeine Be&, unter
bung, Vermogen, Befahigung, E i g n ~ ~ nGeschicklichkeit,
g, Ge- den diese Arten fallen. Und was ist das Konnen? Das ist ein
walt, Macht; nicht beliebig - und selbst da, wo wir das eine Letztes und 1aBt sich nicht weiter definieren. Damit ist die
fur das andere setzen (etwa: Sehkraft, Sehfahigkeit, Sehver- Philosophie fertig. Es bliebe nur noch zu erwahnen, daB es
mogen), horen wir noch Unterschiede heraus. Wir verstehen nach dem heutigen Stand der Wissenschaft naturlich reine
unmittelbar gewisse Unterschiede der je genannten Sachen, Mythologie ist, von Kraften der Natur zu reden, oder von einer
und doch wie hilflos sind wir, wenn wir etwa auf den Kopf zu Fahigkeit, die die Biene hat, oder von Vermogen der mensch-
gefragt werden: Was verstehst du unter Macht? Was heil3t lichen Seele. Das sind >naive Hypostasierungenc, deren Ur-
Kraft? Was bedeutet Eignung? Kann man diese Ausdriicke sprung auch schon langst ausfindig gemacht ist: Der Mensch
iiberhaupt so ohne weiteres aus der hohlen Hand definieren? iibertragt namlich aus seiner inneren Erfahrung, worin ihm
1st die Sache, die sie meinen, iiberhaupt so ohnehin greifbar so etwas begegnet wie das Leisten und Leistenkonnen, auf die
wie das Messer auf dem Tisch und das Heft auf der Bank? Dinge draul3en. Subjektive Erlebnisse im Inneren der Seele
Wenn nicht, was gilt es dann zu suchen? Den Bezirk, inner- werden hinaus- und ubergetragen auf die Objekte. Von da her
halb dessen das so Bezeichnete bestimmbar ist! muB auch, sagt man, das Aristotelische Begriffspaar 66vapt.g
Aber wozu das alles? Lassen wir doch der Sprache dieses - EvCgye~aerklart werden. Es ist ein Begriffsschema, das einer
Unbestimmte, Schwebende, VerflieBende und Vielgestaltige! naiven Weltansicht seinen Ursprung verdankt und daher auch
74 Met. O 1. Das Wesen der BiJvayi~xath xlvquiv $ 9 . Die Leitbedeutung der BGvap~gxath xivqu~v 75

ohne Kritik uberall von Aristoteles angewendet wird. Man gen, Phhomene vergegenwartigt, die unter dem Titel BiJvapiq
spricht von dem Begriffspaar BGvap~s- B V ~ Q Y E L als ~ einem zu finden sind, und die wir bezeichnen mit: Kraft, Fkihigkeit,
,Universalmittel<, mit dem Aristoteles alle Fragen zu losen Befahigung, Anlage, Eignung, Begabung, Geschicklichkeit,
versuche. Fertigkeit, Vermogen, Macht, Gewalt. Das ist kein bodenloses
Wie es damit bestellt ist, wird sich zeigen. Wir haben im Herumstochern in Wortbedeutungen. In diesen Ausdriicken
folgenlden in acht Punkten uns dariiber klar zu weden, da13 liegt eine gewisse Zuordnung zu gewissen Bereichen des Seien-
diese Art von Erklarung des Ursprungs des Kraftbegriffes aus den, und wir sehen, da13 sie dafur Grundbestimmungen sind;
subjektiven Erfahrungen nicht nur nicht haltbar ist, sondern ohne sie konnen wir diese Bereiche gar nicht fassen. Formal
geeignet ist, die ganze Frage in eine Richtung zu drangen, die abstrakt konnte man alle diese Phanomene als ein ,Konnenc
endgLiltig von dem wirklichen Problem abzieht. Weshalb es zusammenfassen. Dieses fkillt uns zu durch ein >Erlebnisc
kein Zufall ist, da13 wir heute, trotz der langen Tradition die- unserer selbst: Wir erleben bei uns selbst das Konnen bzw.
ses Begriffspaares, nicht den geringsten ernsthaften Versuch Nichtkonnen. So da13 hier, in einer subjektiven Erfahrung, der
in der Philosophie haben, den Phanomenen, die hinter diesem Ursprung des Kraftbegriffes liegt. Von da wird er auf Dinge
Titel der 6 6 v a y ~liegen,
~ wirklich auf den Leib zu riicken. ubertragen, in sie ,eingefiihltc, - streng wissenschaftlich ge-
sehen zu Unrecht. Wie steht es mit dieser landlaufigen Er-
klarung des Ursprungs des Kraftbegriffes und des Wesens der
Die Untersuchung in O 1 beginnt mit der Erorterung der Kraft?
6Gvap~~ in der gewohnlichen Bedeutung; die hohere philoso- Wir fragen: Wird dadurch, dSa13 man die Ansetzung von
phische Bedeutung wird zuriickgestellt, genauer: sie ist no& Kraften in den Dingen, Objekten selbst auf eine ubertragung
gar nicht bekannt, sondern sol1 erst herausgestellt werden. subjektiver Erlebnisse hinaus in die Objekte zuriickfiihrt, wirk-
Abvapi~in der gewohnlichenBedeutung ist 8Gvapis xath xiquiv. lich etwas erklart? Oder ist diese beliebteErklarung ein Schein,
Zu einer ersten, ausgeschalteten Untergruppe gehoren solche d. h. zugleich solches, was seinerseits in jeder Hinsicht erklC
Abwandlungen, die in einem iibertragenen Sinne gebraucht rungsbedurftig und, wenn erklart, haltlos ist? Die genannte
werden: a) im mathematischen (Potenz), b) im logischen Sinne Erklarung ist in der Tat ein Schein. Wir versuchen, mit Ruck-
- ,logis&<, weil auf hbyo~,Aussage bezogen -: Vertraglich- sicht auf Spateres,das jetzt lediglich kenntlich zu machen durch
keit bzw. Unvertraglichkeit. Nebenbei entnehmen wir hieraus, Anfuhrung einiger Leitgedanken. Daraus wird ersichtlich, wie
da13 die Bedeutung im hoheren philosophischen Sinne sich die genannte Erklarung ihre eigenen Voraussetzungen ver-
nicht etwa deckt mit der im >logischenc, mithin noch etwas kennt.
anderes besagt; offen bleibt, wie beide zusammenhangen. Nun 1. Die genannte Erklarung setzt als selbstversthdlich vor-
ist Thema die 66vapbs xath xivqaiv in der gewohnlichen und aus, das, was wir im Inneren der Subjektivitat vorfinden, sei
eigentlichen Bedeutung. Sie zeigt wiederum mehrere Bedeu- leichter und sicherer zu erfassen als das, was uns von drauBen
tungen, aber nebs t b aCtb ~ 1 8 0 An ~ . 'dieser einen und selben, als Objekt begegnet.
leitenden Bedeutung hielten wir vier Punkte fest: 1. drgxfi, 2. 2. Man nimmt an, das Subjekt, das eigene Ich, sei dasje-
p~tapohfi,3. Ev tihhq, 4. q fi 6hAo. - Unabhangig von der Inter- nige, was uberhaupt zuerst erfahren werde und somit das
pretation haben wir uns, um zum Sachverstandnis vonudrin- jedeneit Nachste darstelle, aus dem d a m solches geschopft
76 Met. 0 1. Das Wesen der 6Cvay~gxazh x i q a ~ v J 9. Die Leitbedeutung der 66vay~sxath x l q u ~ v 77
werde, was einer Ubertragung auf die Objekte untenogen I Die Schwierigkeit der Wesenserfassung der unter dem Titel
wird. I >&aft< genannten Phanomene liegt nicht allein im eigenen
3. Die genannte Erklarung unterlal3t es, zu zeigen, warum Gehalt derselben, sondern mehr noch in der Unbestirnmtheit
uberhaupt eine solche Ubertragung von subjektiven Bestim-
mungen auf die Objekte vollzogen wird. 1 und Ungreifbarkeit der Dimension, in der sie eigentlich behei-
matet sind. Diese lal3t sich freilich nicht durch eine wilde Spe-
4. Im Besonderen wird gar nicht gefragt, ob denn am Ende kulation und Dialektik gewinnen.
die Objekte selbst eine solche Ubertragung subjektiver Bestim-
mungen auf sie fordern. b) Das scheinbar Selbstverstandliche der Kausalitat und die
5. Besteht aber eine solche Forderung, ist es nicht reine Aristotelische Wesensumgenzung der Kraft
Willkiir, dal3 wir z. B. die eine Landschaft heiter, die andere
schwermutig nennen, dann gilt es zu fragen, wie denn die Wir werden diesen Phanomenen gar nie naher kommen,
Objekte selbst vor der ubertragenden Erfassung und Einfuh- solange wir nicht den Versuch machen, frei von groben Vor-
lung solcher Stimmung gegeben sind, welches ihr Objektcha-
rakter sei, dal3 sie eine solche Ubertragung fordern.
! meinungen, wie die vorher genannten es sind, iiberhaupt ein-
ma1 eine erste Auslegung der in Rede stehenden Phanomene
6. Man bedenkt nicht, dal3 wenn die Objekte selbst ihrem zu versuchen, auf die Gefahr hin, da13 sie nicht weit genug
Sachgehalt und ihrer Seinsart nach eine solche Ubertragung fuhrt. Weil das Verstandnis fiir diese Fragen iiberhaupt nicht
verlangen, etwa als Krafte und Machte angesprochen zu wer- lebendig ist, fehlt auch jeder Sinn fur das, was Aristoteles in
den, daf3 dann ja eine Ubertragung gar nicht erst zu geschehen I dieser Hinsicht als erster geleistet hat. Uns, die wir langst
braucht; denn dann finden wir in ihnen selbst, was wir ihnen uberklug geworden sind und allzuviel wissen, fehlt die ein-
zusprechen. I fache Witterung fiir die GroIje und das Ertragnis eines wirk-
7. Das hemmungslose Erklaren gewisser objektiver Ding- lichen Zufassens. Allzubewandert in der Gelaufigkeit des Viel-
I
gehalte als subjektiver Ubertragungen, z. B. gerade der ding- fiiltigen und Verwickelten, vermogen wir nicht mehr die Be-
lichen Krafte und Wirkungszusarnmenhange und Fiihigkeiten, I fremdlichkeit zu erfahren, die alles Einfache bei sidi tragt.
bringt es mit sich, daf3 nun umgekehrt diejenigen Krafte, Fa- I Wie sollen wir da entgegennehmen und gar wiirdigen, was
higkeiten, Vermogen, die den Subjekten als solchen eigentiim- Aristoteles uns bietet?
lich sind, in ihrem Eigenwesen verkannt werden. I Am ehesten gelingt uns das no&, wenn wir eine Strecke
8. Dadurch und auf Grund all der genannten Versaumnisse
bleibt der Weg zu einer entscheidenden Frage verschlossen,
1 weit uns dem Verfahren uberlassen, mit Hilfe dessen wir
I zunachst glauben, solchen Phanomenen wie Kraft und derglei-
und die lautet: 1st am Ende das, was wir da Kraft, Fiihigkeit chen beizukommen. Wollen wir iiber so etwas wie Kraft mit
usw. nennen, im Wesen weder etwas Subjektives noch etwas 1 Sinn und Recht handeln, d a m mu13 dergleiihen, so scheint es,
Objektives? Wenn aber weder das eine noch das andere, wohin zuvor festgestellt sein. Also: wie stellen wir eine Kraft fest?
gehoren dann diese Phiinomene? Lassen sie sich uberhaupt Finden wir Krafte so einfach vor wie Baume, Hauser, Berge,
aus einem Ursprung bestirnmen? Welche Art von Erklarung Wasser oder wie Tisch und Stuhl? Wir sprechen z. B. von den
aber liegt dann in solcher Urspmgsbestimmung? Wasserkraften eines Eandes, eines Gebirges, von der Leucht-
I
kraft einer Farbe, von der Tragfahigkeit einer Briicke, von der
78 Met. O 1. Das Wesen der 8i)vap~qxazdl xiqatv $ 9 . Die Leitbedeutung der G h a y xatdl
~ ~ xivqa~v 79

Anziehungskraft der Erde, vom Fortpflanzungsvermogen der tat, d. h. des Ursacheseins und Verursachtseins des Seienden,
Organismen u.s.f. Haben wir hier je eine Kraft fur sich unmit- finden wir seiende Krafte und vermogen wir, Krafte etwa zu
telbar festgestellt und d. h. zuvor wahrgenommen? Naturlih messen. Kraft ist sonach ein Folgebegriff der Kausalitat (Kant,
nicht, werden wir entgegnen; denn die Tragkraft einer Briicke Kritik der reinen Vernunft A 204, B 249).
z. B. erfahren wir nur an dem, was sie leistet; ebenso fassen Aber ist nun damit etwas geklart, da13 wir sagen: Kraft ist
wir die Leuchtkraft der Farbe nur am Leuchten als ihrer Wir- I ein Folgebegriff der Kausalitlit? Damit ist allenfalls eine Auf-
kung und das Vermogen zu handeln am Erfolg bzw. MiBer- gabe gestellt und die Richtung gewiesen, aus der ein Auf-
folg. Krafte lassen sich nicht unmittelbar feststellen, wir finden schlulj uber das Wesen derKraft zu envarten ist. Die urspriing-
immer nur Leistungen, Erfolge, Wirkungen. Sie sind doch das lichere Frage ist dann: Was heiBt Ursache-sein? Die Frage
I
handgreiflich Wirkliche. Auf Krafte schlieBen wir nur ruck- wird so weiter und allgemeiner, aber um nichts leichter und
warts, und deshalb ist ja doch die Ansetzung von Kraften in durchsichtiger. Aber lassen wir uns einmal treiben von dem,
besonderer Weise standig dern Verdacht ausgesetzt. dern wir nachfragen.
Allein, finden wir denn unmittelbar rwirkungenc? Das Wir sind ausgegangen von der naheliegenden Frage, wie
Leuchten der Farbe, ist das ohne weiteres eine Wirkung, das wir uberhaupt eine Kraft feststellen. Es ergab sich: Krafte be-
>Fallen<des Steins ohne weiteres ein Angezogenwerden, eine gegnen uns nur im Lichte des Kausalverhaltnisses als Ursa-
Wirkung? Wir erfahren keineswegs etwas unmittelbar als &en. Ohne da13 wir schon ausldriicklich m ~ einfach
d fragten, was
Wirkung, im Unterschied zu einem nur mittelbaren Schlieljen die Kraft uberhaupt sei, haben wir am Ende auf dern Umwege
auf Krafte. Als Wirkung erfahren wir etwas nur, wenn wir es , uber die Frage, wie Kraft feststellbar sei, etwas uber das We-
nehmen als: gewirkt kraft eines anderen, also von der Kraft sen der Kraft erfahren. Denn die Feststellbarkeit der Kraft,
her als Ursache. Steht es aber so, dann mussen wir sagen: Die I der Zugang zu ihr, mu13 offenbar mitbestimmt sein durch das,
Erfahrungen von Kraften und Wirkungen sind gleich mittel- was sie an ihr selbst ist; d'ementsprechend entscheidet sie selbst
bar oder gleich unmittelbar, - gesetzt, dalj klar ist, was wir mit uber ihre eigene ErfaBbarkeit. Doch haben wir wirklich
mit dern Unmittelbaren meinen. Wirkungen fur sich sind etwas uber das Wesen der Kraft (8Z))vay~~) zur Kenntnis genom-
ebensowenig vorfindlich wie Krafte fur sich; Krafte sind nicht I men? Genau besehen nur dieses, daB sie im Lichte des Kausal-
weniger verstandlich als Wirkungen, bzw. diese gleich ratsel- verhkiltnisses feststellbar sei; das sagt aber doch noch gar nichts
haft wie jene. uber sie selbst. Oder doch?
Andererseits - wir erfahren beides in der alltaglichen Er- Kausalitat - als das Ursachesein von und fur etwas - ist
fahrung geradewegs; es bedarf keines Ruckschlusses von der I
eine Seinsbestimmung des Seienden, sofern es in Bewegung
Wirkung auf eine Kraft, denn Wirkungen erfahren heiBt ist bzw. in Bewegung sein kann. Entsprechend zeigt sich uns
schon: Kraften begegnen. Der Ruckschliisse, besser: der von uberhaupt nur dann etwas als Wirkung, wenn es uns hinsicht-
I
der Wirkung im einzelnen zur Ursache zuriicklaufenden Uber- lich seines Werdens zuvor schon irgendwie fraglich, also eben
legungen und Fragen bedarf es erst und nur zur naheren Be- in seinem Werden und Bewegtsein uberhaupt gegenstandlich
stimmung der schon als vorfindlich gesetzten Ursache. Dann geworden ist; fraglich werden, das heiBt hier: fragen nach . . .
steht aber das Begegnende schon im Verhaltnis von Ursache im Sinne von warum?, woher? Das Fallen der Blatter im
I
und Wirkung. Nur im Lichte dieses Verhaltnisses der Kausali- Herbst z. B. konnen wir doch auch nur als ein blol3es Herab-
80 Met. O 1. Das Wesen der 6Gvap~snard xlvqa~v $ 9 . Die Leitbedeutung der 6 G v a ~xazh
~ s xlvqolv 81
segeln nehmen - eben dieses Fallen und nichts weiter, und in dieser Wesensurngrenzung der 66vapc~auftauchen: & Q X ~ ,
ebenso das Aufsteigen des Rauches iiber einem Gehofte. Und p~tapohfi,tihho, ETEQOV - Woher, Veranderung, Andersheit oder
wenn schon erklart werden soll, dann ist nicht einmal notwen-
dig, gleich zu der uns gelaufigen Erklarungsart Ursache -
, Verschiedenheit, Beziehung; das sind lauter Grundbegriffe der
Aristotelischen bzw. antiken Philosophie uberhaupt. Inwie-
Wirkung zu fluchten, wir konnten auch auslegen, so wie Ari- fern? Sie weisen in letzte Horizonte, aus denen her die Antike
stoteles es sah: beildes ein Hingehen der Dinge an ihren Ort. das Sein des Seienden versteht und zu begreifen sucht. Wol-
(Eine Moglichkeit der Naturerklarung, die bis heute nicht im len wir die Aristotelische Wesensbestimmung der 66vap~qnach-
I
minidesten widerlegt, ja nicht einmal begriffen ist.) Erfahren verstehen, dann gelingt das nur, wenn wir sie urspriinglicher
wir aber Kraft als Ursachesein von etwas, dann ist Kraft in sich verstehen, und dals fordert, den durch (die genannten Grund-
auf Bewegtes und Bewegung bezogen, und zwar als solches, 1 begriff e angezeigten Horizonten nachzugehen und sie festzu-
was sich eben dabei von seinem Bewegten und der Bewegung machen. Das klingt wie eine selbstverstandliche Forderung -
unterscheidet, nicht ldiese selbst ist. U I I ~doch ist sie seit Aristoteles nie befolgt worden. Vielmehr
Wenn wir nun all das Gesagte uns nicht gleich wieder ent- nahm man die Aristotelische Wesensumgrenzung als eine
1
gleiten lassen oder, was Idasselbe ist, es allzuschnell nur I feste Definition, die man nie wirklich ausfragte oder gar hin-
als selbstverstandlich und daher nichtssagend nehmen, dann ter eie zuriickfragte. Daher blieb sie stumm und wurde trivial.
zeigt sich, dafi wir mancherlei gewannen. Die Kraft hat den Unter Verkennung ihres Gehaltes und ihrer anleitenden
Charakter des Ursacheseins; Ur-sache: eine urspriingliche, ent- Rolle stellte man am Beginn der neuzeitlichen Naturwissen-
springenlassende Sache, eine solche, von der aus etwas ist, schaft Anspruche an sie, denen sie nicht genugen konnte und
namlich als so und so Bewegtes und dieses wieder dergestalt, wollte. Man erklarte sie fur >wissenschaftlichcunbrauchbar,
daB dieses Bewegte in seiner Bewegung eine andere Sache ist wobei man unter Wissenschaft verstand: mathematisch-physi-
als die Ur-sache. Was wir da auf dem Umwege der inneren 1 kalisd~e Naturforschung. Womit philosophisch freilich gar
Entfaltung der Kausalitat an Einsichten uber das Wesen der nichts entschieden war. Es ist von jeher der sicherste und be-
Kraft gewannen, das hat Aristoteles in einem entscheidenden I quemste Weg, etwas unschadlich und ungewichtig zu machen
Wesensblick gesehen und ebenso eindeutig zu Wort und Be- I dadurch, dafi man es als etwas Selbstverstandliches ein fur al-
griff gebracht: 66vayy ilst && p ~ t a p o h ?i~v 6hAq q 5 6hho - lemal zugibt und anerkennt. Man hat dabei die begrundete
Ausgang fur einen Umschlag, welcher Ausgang in einem an- Aussicht auf allseitige Zustimmung. So steht es um BGvapcs
deren Seienden ist, als es das Umschlagende selbst ist, oder und BvL~ystaim Urteil der Geschichte der Philosophie. Und
falls das ausgangliche Seiende und das Umschlagende dasselbe so sind wir Spaten und Spatlinge in einer eigentumlichen
sind, sind sie das, was sie je sind, je als anderes Seiendes. I
Lage. Wir miissen uns das Selbstverstandliche erst wieder als
Eine durre Begriffsbestimmung, angesichts deren wir nur 1 Fra,gwiirdiges erobern.
vor der Wahl stehen, sie entweder als einen selbstverstand- Es gilt demnach, bei der Aristotelischen Definition als einer
lichen Gemeinplatz auf sich beruhen zu lassen oder aber als vermeintlichen Trivialitat auszuhalten und sie in ihrem We-
entscheidenden Schritt zur Bestimmung des Wesens der Kraft sensgehalt aufzulockern. Wenn wir uns diese Forderung auch
als Besitz uns zu erwerben. Der erste Weg verbietet sich nur einen Augenblick wirklich klargemacht haben, sehen wir,
von selbst. Wir brauchen nur auf die Begriffe zu achten, die daI3 Aristoteles, ~ m dso jede Philosophie, uns verschlossen
82 Met. O 1. Das Wesen der 8Gvap~sxazh xivqatv $ 9 . Die Leitbedeutung der 8Gvapy xazh xivqulv 83
bleibt, wenn wir sie nicht in Richtung auf ihre eigenen Ur- Witterung haben fur das Hochste des Geistes - was cder Kampf
sprunge und Fragen uberholen. Sol1 das geschehen, dann ist -, noch die innere Macht, cs zzlr Herrschaft zu bringen.)
leuchtet das AnmaBliche unserer Aufgabe von selbst ein. Nur wenn wir wahrhaft gering werden, envacht die Witte-
Allerdings. Aber Philosophieren ist je auch nichts anderes als rung fur das GroBe, und nur wenn dieses geschieht, vermogen
die groBte AnmaBung, die das auf sich selbst gestellte Dasein wir uns zu verwundern. Verwunderung aber ist Oberwindung
des Menschen wagt. des Selbstverstandlichen.
Es gilt somit, Aristoteles zu uberholen; nicht in der Rich- , Und das Selbstverstandliche der Aristotelischen Definition
tung nach vorwarts, im Sinne eines Fortschritts, sondern riick- I
der 6 6 v a p q soll uns jetzt zu schaffen machen: p~zaflohqs
warts in Richtung einer urspriinglicheren Enthiillung des von 1 Ev 6Ahq 4j .ij tihho. Es soll uns zu schaffen machen, uns daran
ihrn Gefal3ten. Damit ist weiter gesagt: Es handelt sich nicht
um eine Verbesserung der Definition, um ein freischwebendes
i hindern, bequem und durch Auswege damit in einer Schein-
iiberlegenheit fertig zu werden, uns erfahren lassen, dal3 sol-
Grubeln uber einzelne leblose Begriffe, sondern dieses Nach- che Auswege uns standig auflauern.
ruckwarts-uberholen ist zugleich in sich die Anstrengung, I Eine solche Falle des Selbstverstandlichen ist sogleich diese:
I
durch die wir uns wieder vor die Wirklichkeit bringen, die in Wir sahen bei der vorlaufigen Erorterung des Kraftbegriffes,
den fur die Uberlieferung abgestorbenen Begriffen im gehei- i daB dieser in einem gewissen Zusammenhang mit der Kausa-
men waltet. Ob uns hier diese ungeheure Aufgabe gelingt litat steht; nach Kant ist >Kraftcein Folgebegriff von >Ursachec.
oder nicht, ist eine spatere Sorge. Genug, wenn wir in der
Anstrengung um sie auch nur erfahren, daB wir zu schwach
I
1 Nun wissen wir, da13 Aristoteles oft fur auch a i t i a ge-
braucht, was wir mit Ursache ubersetzen. Und wir gewinnen
und zu unvorbereitet sind, das Aufgegebene zu bewaltigen. daraus die eindeutige Sachlage: Girvapy wird von Aristoteles
Es kann dann zum mindesten das eine envachen, was nun
zur AnmaBung des Philosophierens nicht weniger gehort und
woriiber nicht weiter zu reden ist: die Ehrfurcht vor den wirk-
I als eine Art >Ursachecgefal3t. Diese naheliegende Uberlegung
w e e nicht die Falle, als welche wir sie behaupteten, wenn
das eben Gesagte nicht vollauf >richtigcware. Doch mit dieser
lichen Werken des Geistes. richtigen Ansicht, in der Kant und Aristoteles ubereinstimmen,
I
(Von all dem sind wir heute so weit als moglich entfernt. wonach die Kraft eine Art Ursache ist, haben wir uns schon
Wir reden heute vom Akademikerproletariat. Man versteht , wegziehen lassen von dem, was Aristoteles sagt. Denn an der
darunter die Masse der beruflich nicht untenubringenden
Kopfarbeiter. Darin liegt die Meinung, das Proletariat sei
~ Aristotelischen Umgrenzung des Wesens der Girvapiq gilt es
gerade zu sehen, wie vordergriindlich und vorsichtig und somit
beseitigt, wenn dieser Masse Anstellungsmoglichkeiten be- I wie ganz offenen Auges sie ist. Es handelt sich noch gar nicht
1
schafft waren. Das akademische Proletariat aber herrscht in um ein Ursache-Wirkung-Verhdtnis,wobei wir gleich an
ganz anderer Weise. Man muI3 ohne Ubertreibung sagen: Kraftubertragung, Fernwirkung u. s. f. denken und uber ge-
Eine wissenschaftliche >Spitzenleistungc- um !diegrauenhafte heime Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung ratseln.
Wortzusammenstellung zu gebrauchen - braucht heute noch Vielmehr ist einfach und klar festgehalten: Kraft ist Ausgang,
lange nicht 'die Aristokratie des Geistes. Auch und gerade die das Von-wo-aus fur einen Umschlag und das derart, daB der
langst Versorgten sind langst Proletarier, weil sie sich in der Ausgang ein anderes ist als das Umschlagende. Wir mussen
Ohnmacht zur Aristokratie wohlfuhlen. 'Weil sie weder eine die hier genannten Rezuge moglichst einfach und ohne uber-
84 Met. O 1. Das Wesen der 66vayi; xatdr xivqaiv 5 9. Die Leitbedeutung der Bdvay~;xath xiquiv 85 ,
eilten Tiefsinn uns zu Gesicht bringen, urn dabei zu erfahren, Fundament griindet. Genauer besehen begegnen Wirkungen
wie in der Tat darin das festgehalten ist, was wir eine Kraft sowenig unrnittelbar wie Krafte; oder gleich unmittelbar. Wir
nennen. haben zugleich Ursache und Wirkung - das kausale Wir-
kungsverhtiltnis, und in seinem Lichte >&aft<;diese ist dem-
nach ein Folgebegriff. Die Frage nach ihrer Feststellbarkeit
erbrachte etwas uber die Kraft selbst: Sie hat den Charakter
Wir sind dabei, die Aufgabe einer Wesensbestimmung der des Ursacheseins, ist bezogen auf Bewegung, und zwar Bewe-
GGvapi~in ihrer Eigentumlichkeit und Schwierigkeit uns na- gung in einem anderen. Aristoteles hat das in einem ent-
herzubringen. Zu diesem Zweck sind wir eingegangen auf ein scheidenden Wesensblick gesehen und auf Begriffe gebracht.
beliebtes Verfahren, den Ursprung des Kraftbegriffes zu erkla- Diesen Ertrag gilt es festzuhalten und erst einmal wirklich
ren und damit die Weite und den Wurzelboden des Wesens auszuschijpfen. Wenn das Selbstverstandliche zum Fragwiirdi-
der Kraft zu verkennen; die acht Punkte brauchen wir nicht gen werden soll, dann ist notwendig: 1. bei der Interpretation
zu wiederholen. Die Zeit liegt noch nicht weit zuriick, in der der Aristotelischen Abhandlung einmal nicht vorzeitig abzu-
es als eine besondere Errungenschaft galt, selbst die Erschei- biegen, etwa in lder beliebten Form, daB wir auf Grund gewis-
nung der lebendigen Natur, die Lebewesen, mit Ausschaltung ser Ahnlichkeiten der Satze und Behauptungen mit spaterem
aller sogenannten Fahigkeiten und Krafte wissenschaftlich zu Denken uns beruhigen und die Frage fur erledigt halten;
erklaren. Ja noch heute ist es im Grunde der versteckte An- 2. aber positiv den Blick zu scharfen fur etwas Merkwiirdiges,
spruch der biologischen Wissenschaft, zunachst einmal doch - was uns in der Aristotelischen Behandlung der GGvctp~; be-
mechanistisch - ohne solche Annahmen von Kraften und Fa- gegnet.
higkeiten auszukommen; z. T. mit Recht, weil eben die Aus- Worauf wir da zu,achten haben, ist die Art und Weise, wie
arbeitung des Wesens des Lebens noch gar nicht dahin ge- Aristoteles diese Wesensumgrenzung der 8Gvapi; herausar-
bracht ist, wirkliche anders gerichtete Fragen zum Erfolg zu beitet, gleichsam plastisch macht. Abwehrend gesprochen: nicht
bringen. Als die Gegenbewegung zum Mechanismus entsteht dadurch, daB er einzelne Bestimmungsstucke (&ex$,pstafioh$,
der Vitalismus; freilich, dieser verbiirgt noch keineswegs das Ez~~ov) weiter und einzeln definiert, sondern indem er die ge-
rechte Verstandnis dessen, um was es sich im Grunde handelt. nannte Umgrenzung des Wesens als die Leitbedeutung fur
Darauf ist jetzt nicht einzugehen. (Solche biologischen An- entsprechende andere Bedeutungen sichtbar macht. So werden
schauungen sind besonders geeignet, einer Weltanschauung zwar in derselben einfachen, aufzeigenden Weise weitere
den Charakter zu geben.) - Es ergab sich das Unurngangliche: Bwdlysi; hingestellt, aber so, daB zugleich ihr Ruckbezug auf
Wir miissen wirklich einmal den Versuch machen, das Wesen die erste Leitbedeutung sichtbar wird und diese ihrerseits sich
der Kraft zu bestimmen, und dabei furs erste einem gewis- dadurch scharfer bestimmt.
sen naturlichen Weg folgen. Zuerst gilt es, so etwas wie Bevor wir den weiteren Gang der Bestimmung der BGvayi;
Kraft festzustellen. Wie stellen wir eine Kraft fest? Es schien: verfolgen, sei noch einmal auf eine D~p~eldeutigkeit in der
Kraft 1aBt sich nicht unmittelbar feststellen, nur ,Wirkungenc Aristotelischen Fassung der Leitbedeutung hingewiesen. Abva-
lassen sich finden. Eine These, auf lder z. B. auch Nietzsche pi; ist &ex4 pzafiohq< Ev aMq 4j 8 6hh.0. Man ist geneigt., das
seinen Willen zur Macht aufbaut und damit auf ein iniges so zu verstehen und zu ubersetzen: der Ausgang fur einen
86 &let. @ 1. Das Wesen der 62ivap~5xath xivqa~v 10. Weisen der Kraft 87
Umschlag in einem anderen; Beispiel: der Topfer an der Top- Anf.; und 3. verlangt, was wir gleich nachher sehen werden,
ferscheibe ist eine solche &ex4- das Von-wo-aus, das, von sei- das sachliche Problem der 6 b v a p ~toQ
~ nol~ivdiese Auslegung.
ten dessen ein Umschlag erfolgt: Ev CihAq, namlich im unge-
formten Lehmklumpen. Dieser Lehmklumpen ist das andere,
Cihho, worin der Umschlag zum gestalteten Gebilde, zum Krug, 10. Weisen der Kraft
erfolgt. Darin liegt aber nun, dalj das, von wo aus der Um- a) Ertragsamkeit und (vorrangig) Widerstandigkeit.
schlag erfdgt, ebenialls ein anderes ist: der Topfer. Wirken als Sein der Naturdinge (Leibniz)
Wir konnen die Definition jedoch auch so verstehen: Aus-
Nach der Vorgabe der Leitbedeutung von G6vayy fahrt Aristo-
gang eines Umschlags, welcher Ausgang in einem anderen
teles O 1,1046 a 11-16 fort:
ist; das Ev &My auf &ex4 bezogen. Und dann mulj petafioA4
'H pEv ydle to3 na6~ivEoti Gbvapl~,4 Ev ad@ tQ ndraxovt~&ex4
nicht genommen werden als Umschlag im Sinne des blol3en
petafiohq~xa6qt~xij~ 6n' 6AAov ?j f j C ~ A A O4~ 6b EELS &xa6~ias tijs
vorsichgehenden Umschwungs, der Veranderung, wie in der
&xit b xeieov nai 9 6 0 ~ r6i~j ~6n' CiAAov ?j fj CAi Ao bx' & e ~ peta-
ij~
Wendung ,das Wetter schlagt umc; sondern in der Bedeutung,
fihqt~nijs.Ev ydle tobtoy Evsat~x6o~toiq 6~01s8 tijq xeGtqq
die sie im Griechischen primar hat: Umsetzen, der Segel z. B.,
6vvbp~oqA6yoq. *Die eine (Weise des Kraftseins) ist namlich
Umsetzen von Waren; also in der ,aktivenc Bedeutung. Ich eine Kraft des Erleidens, das, was in dem Erleidenden selbst
entscheilde mich fur die letztere Auslegung: 66vapy ist das, von ist als Ausgang fur einen erleidbaren Umschlag, erleidbar von
seiten dessen eine Umsetzung erfolgt, so zwar, dalj dieses seiten eines anderen bzw. vom selben, sofern dieses ein anderes
Von-wo-aus ( & Q x in ~ ) einem anderen ist (Ev Mhq), als es das- ist. Die andere (Weise des Kraftseins) aber ist das Gehaben
jenige ist, was umgesetzt wird. Vgl. auch das Beispiel in A 12 (die Haltung) der Unduldsamkeit gegenuber einem Umschlag
Anf., dort heiljt es ganz klar: Die Baukunst (oixotiop~x.C1)ist ins Schlechtere und gegenuber einem Umschlag im Sinne der
eine tifivapiq, 7 odx irxdrexe~Ev zQ obo6opovp~vq- welche nicht Vernichtung von seiten eines anderen, oder sofern das Um-
vorhanfdenist im Gebauten, sondern eben Ev CiMq. Oder aber, schlagende ein anderes ist, von seiten des anderen eben als
wenn das, von wo aus die Umsetzung erfolgt, dasselbe ist wie eines Ausgangs fur einen moglichen Umschlag. In all diesen
das, worin der Umschlag erfolgt, dann ist die &ex4 nur 15~x4, Umgrenzungen (von Weisen des Kraftseins) liegt darin und
sofern eben das selbige Seiende in einer anderen Hinsicht zu Grunde ~das,was wir als die zuerstkommende, d. h. die
(fi Mho) genommen w i d ; der Mensch ist Ausgang der arzt- Leitbedeutung von G6vapiq ansprachen.cc (Vgl. auch A 12,
lichen Behandlung, nicht sofern er kranker Mensch ist, son- 1020 a 4: 8 x6e~oq8 ~ 0 5 - die herrschende, beherrschende Um-
dern sofern er als Mensch Arzt ist. Durch die Verschiedenheit grenzung.)
der Hinsicht in demselben Seienden wird ein eines und ein Zunachst also zwei Gvvdrpe~~: 1. 5 pEv 86vap15 TOG na8eiv -
anderes gewonnen. die Kraft, etwas zu erleiden von seiten eines anderen; 2. 4 6E
Sachlich scheint es zunachst keinen Unterschied zu ergeben, EELS &na6eia~tij5 Exi t b xeigov - das Gehaben der Unduldsam-
wenn das Ev 8hhq zu petafiohfi gezogen wird. Aber es gehort keit (Unleidigkeit) in Bezug auf einen Umschlag ins Schlech-
doch primar zu &~xfi: 1. mit Bezug auf die Bedeutung von tere oder gar im Sinne der Vernichtung von seiten eines
petafloh4, 2. gemalj der ausdriicklichen Formulierung in A 12 anderen.
88 Met. O I . Das Wesen der Girvap~sxazdr xivqa~v $10. Weisen der Kraft 89

Ad 1: die Kraft zum Erleiden. Wir diirfen hierbei noch nicht Charakteristik sti5St; umgekehrt liegt es bei der Art von Kraft,
denken an das Erleiden im Sinne des schmerzlichen Erduldens; die Aristoteles im AnschluS daran auffuhrt: die &EL<dma%eias.
Erleiden nicht als Leiden und gar als Leid, sondern Erleiden Ad 2: Dies Nichtleiden, Nichtdulden ist Widerstehen, Sich-
in dem Sinne von >erleidet es nichtc: er 1aBt es nicht gern zu. behaupten, Aus- und Durchhalten gegenuber jeder Schadi-
Erleiden im Sinne von Zulassen. Der Lehmklumpen erleidet gung und Herabsetzung und gar Vernichtung, also Wider-
etwas, er 1aBt die Gestaltung zu, d. h. er ist bildsam; Bildsam- standigkeit uberhaupt.
keit als eine Weise der Kraft. Bei diesem Zulassen ist der Ertragsamkeit (Bildsamkeit und Briichigkeit) und Wider-
Lehmklumpen selbst in eigener, positiver Weise beteiligt; er standigkeit - beide als Weisen der Gdvapis. Aristoteles will
leidet die Formung, weil er sie gleichsam leiden kann, von zeigen: Ev ydrg rodtoi~2veot~ ~ G U Lt o i ~i i g o ~6~ tijg ng6tqs
sich aus eine gewisse Sym-pathie dafur hat. Dieses Leiden ist ~ W V & ~ E O hbyos
S (01, 1046 a 15 f.). Wir fragen uns: Welches
ein Ertragen, nicht im Sinne von >ertragreichc,von >Ertragals ist demnach diese Grundbedeutung der nghtq 86vap~2,die in
Ergebnisc, sondern im Sinne des Zulassens, - diese Weise der den genannten beiden schon liegen muB? Bisher wurde nur
Gdvap~skonnen wir im Deutschen festhalten mit dem Wort: gesagt: & Q X ~petafiohij~ - Von-wo-aus fur den Umschlag; jetzt:
Ertragsamkeit. Eine besondere Art der Ertragsamkeit ist das von wo aus der Umschlag zugelassen, bzw. von wo aus ihm
Aushalten, die Aushaltsamkeit. Das Zulassen der Gestaltung wilderstanden wird. Darin liegt auch eine Beziehung auf Um-
ist aber zugleich ein Nicht-dagegen-sein im Sinne von: nichts schlag, so zwar, da13 der erstgenannte Bezug (&ex4p&tafiohq<)
dagegen tun, es einfach mit sich geschehen lassen; eine 66vapy schon mitgesetzt ist. Wie? Das kommt gerade rucklaufig von
im Sinne eines pfi 8dvaoS.a~( vgl. A 12, 1019 a 28-30); diese dem jetzt angefuhrten Wesen der 6dvap~~ her an den Tag. Denn
Art von Kraft wird deutlich bei solchem, was durch den Um- das, was Ausgang ist fiir ein Widerstehen, das Widerstehende,
gang mit ihm in gewisser Weise einen Schaden erleidet; sol- ist in sich, von Hause aus - nicht beilaufig - bezogen auf ein
ches, was zerbrochen wird (xhiiza~)oder zerrieben (ovvzgifieta~) gegen es Anlaufendes, auf solches, was ihm etwas antun, was
oder was verbogen wird (xhpnretal). Hier ist das Erleiden, das an ihm etwas tun will und soll (no~siv).Imgleichen: das Brii-
Nicht-aus- und -durchhalten ein Beschadigtwerden, ein Ver- chige, das nicht standhat, verdirbt, ist dabei >ausgesetztc-
lieren. Dagegen bei der Umgestaltung des Lehms zum Topf einem anderen, das an ihm arbeitet. Die Gitvap~qto6 na8eiv
geht sder Klumpen auch seiner Form verlustig, aber er verliert hat einen in ihrer eigenen Verfassung gelegenen Bezug auf
im Grunde die Formlosigkeit, er gibt einen Mange1 auf, und eine 8 w a p ~ to6
~ noieiv, des Tuns. Und so wird deutlich: In der
daher ist hier das Erleiden zugleich positiv Mitbeitragen zum Leitbedeutung - 6 ~ x 4petaflohij<- ist das Ansgangsein solches
Werden eines Hoheren. fur ein no~eiv,ein Tun; das he&: petafiohfimu13 in aktivem
Was die Gitvap~sto6 naS.eiv hat, im Sinne der Ertragsamkeit, Sinne verstanden werden; & Q X ~to6 Z O L E ~ Vbzw. to6 no~ovpkvow.
ist n a h t ~ x 6-~solehes, dem iiberhaupt etwas zustoSen, ,pas- ' A Q x pezafiohijs
~ heil3t also: Ausgang sein fur ein umsetzendes
sierenc kann. Dies ist demgemaB ein Nichtwiderstehen, sol- Her-stellen, Hervor-bringen, Bei-bringen von etwas, heifit:
ches, bei dem Widerstand ausbleibt; t b pq 8dvaoS.a~xai Ausgang sein fur die Her-gestelltheit, Bei-gebrachtheit. Dem-
Ehhaixs~vtiv6~(ebd.). Das ist Briichigkeit in einem weiten Sin- entsprechend wird auch alsbald im folgenden (Z. 19/20) von
ne, nicht nur Zerbrechlichkeit, sondern das Nichthaltbare. Zu 66vapiq to6 xoieiv xai n&ox&iv gesprochen.
beachten ist, daB die Erlauterung des na8eiv auf eine negative
90 Met. O 1. Das Wesen der GCvapy xatri xiquiv $10. Weisen der Kraft 91

Aber in der Vorgabe der Leitbedeutung von 66vapig spricht Und das ist nicht zufdlig. Zwar gibt Aristoteles keine niihe-
Aristoteles gleichwohl nicht von 86vay~gTOG noi~iv(und 15~x4 re Begriindung dafur. Er folgt einfach dem natiirlichen Zwang
noi~jrs~~g).Das ist nun kein Versaumnis und keine Ungenau- der Sachen. Inwiefern? Avvdrp~isim Sinne der Ertragsamkeit,
igkeit; sondern die vermeintliche Unbestimmtheit der Fas- Aushaltsamkeit, der Bildsamkeit und Briichigkeit bekunden
sung 15~x4p~taflolrqgbekundet gerade die ganze Hellsichtig- in sich den Charakter des Widerstandes bzw. des Unwider-
keit und begriffliche Scharfe des Aristotelischen Denkens. Da- standes. Das Widerstehende ist die erste und nachste Gestalt,
durch, d& die Bestimmung n o ~ i vwegbleibt, ist sie nicht aus- in der wir eine Kraft erfahren. Gemeint ist: wir erfahren
geschlossen; stunde sie da, dann ware umgekehrt dem Mia- nicht zuerst den Widerstand als solchen, wohl aber ein Wider-
verstandnis Vorschub geleistet, als gelte es nur zu erzahlen: stehendes und durch es hindurch solches, von wo aus irgend
es gibt erstens Krafte des Tuns und dann zweitens auch solche ein Umschlag erfolgt bzw. nicht erfolgt, d. h. eine Kraft.
des Leidens und drittens des Widerstehens. Die Charakteristik Hieraus mochte man entnehmen, daS es am Ende doch seine
~Ausgangseinfur einen Umschlagcc will gerade in ihrer schein- Richtigkeit hat mit dem, was wir fruher zuriickgewiesen ha-
baren Unbestimmtheit den inneren Bezug der 86vaycq TOG ben: da13 wir Krafte primar nur in Bezug auf das Subjekt -
na6~ivauf die 66vapig TOG ~ O L E ~und
V umgekehrt nicht vonei- u s e r eigenes Tun - erfahren, und zwar sie erfahren aus den
tig zerschneiden, sondern ihm eine Statte bieten. Wirkungen. Allein wir stehen jetzt vor einer ganz anderen
Der ganze Zusammenhang ist demnach so zu begreifen: Sachlage: Wenn wir im Erfahren von Widerstandigem durch
Die Leitbedeutung meint nicht eine isolierte Art von 66vayig dieses hindurch wirkende Krafte erfahren, dann ist der Wider-
fur sich (no~~iv), neben die dann weiterhin andere gereiht wer- stand nicht als Wirkung einer dahintersteckenden Ursache
den, sondern die anderen stehen zur ersten in einem verfas- genommen und erklart, sondern das Widerstehende selbst ist
sungsma13igen Bezug, so zwar, da13 eben dieser Bezug umge- das Kraftige und die Kraft.
kehrt auch der Leitbedeutung allein Sinn und Halt gibt. Die Und weiter: wenn bei dieser unmittelbaren Erfahrung von
n g h ~ q66vayis ist der GrundriS des Wesens, in den der volle Kraften wir selbst als Subjekte beteiligt sind, dann zeigt der
Gehalt erst eingezeichnet werden soll; erst die ausgezeichnete unvoreingenommene Blick auf dieses unser Erfahren gerade
Zeichnung kennzeichnet das ganze Wesen der 86vay~gund dieses eine: Es lie@ darin nichts von einer Ubertragung sub-
damit auch den vollen Gehalt der Leitbedeutung. jektiv erlebter Krafte auf die einwirkenden Dinge, sondern
Man darf also nicht sagen, die 86vayig to5 noieiv sei die umgekehrt: im Widerstandigen dringen die Krafte auf uns
erste und maogebende, als seien die anderen ihr nachgebildet; ein. Wir erfahren das Krafthafte gerade nicht zuerst im Sub-
sondern mal3gebend ist sogleich der Bezug der 86vapiq to5 jekt, sondern am widerstehendenObjekt. Und an seinem Wider-
XOLE~V, der Kraft des Tuns, des Herstellens zur 66vayiq TOG stand zunachst das Nichtkonnen, das Gehemmtsein und erst
naa~iv,der Kraft des Ertragens und Widerstehens. Und zwar darin das Konnen-wollen und Konnen-mogen und Konnen-
wird dieser Bezug gerade nicht von der 66vayig to5 noi~ivher sollen; das darf allerdings nicht so verstanden werden, als
deutlich gemacht, sondern von der 66vayiq to5 na6eiv her. Die- wiirde nun umgekehrt der Kraftbegriff von den Objekten
se wird zuerst genannt; zuerst im Sinne der ausfuhrenden drauSen auf das Subjekt im Innern iibertragen.
Charakteristik. Aber auch so ist die Sachlage noch rnil3verstandlich dar-
gestellt. Man konnte sagen: Zugegeben, die Krafte werden
92 Met. 6 1. Das Wesen der 62rvap~gxazd xivqaw $10. Weisen der Kraft 93
nicht als subjektive Erfahrnisse hinaus- und übergetragen auf Die Leitbedeutung der 8 h a p y ist: pstaßoA.ri< Ev ähhq
die Dinge; zugegeben,Kräfte begegnen uns unmittelbar im Wi- fi äMo. Wir suchten zu zeigen, wohin das &V äMq gehört,
derständigen; so gilt doch das eine, daß wir die so erfahrenen nämlich zu 15~x4.Für das Verständnis dieser Leitbedeutung
Kräfte, also das Wirkungsverhältnis von dinglichen Kräften und für die Auswirkung der Aristotelischen Leistung ist ein
zu uns, von Objekten zu Subjekten, nun auch übertragen auf Doppeltes zu beachten und nachzuvollziehen: 1. der ganz vor-
das Verhältnis von Objekten unter sich. Beispielsweise: wir dergründliche und mit weit ausgreifenden Theorien nicht be-
sprechen nur deshalb von Kräften in der Natur und wechsel- lastete Ansatz; 2. die Durchführung der ganzen Umgrenzung
weisen Wirkungszusarnmenhängen von Kräften unter sich (d~~opos); es handelt sich jedenfalls nicht um eine Auflösung
- Stoß und Gegenstoß etwa -, weil wir das Verhältnis der in Elemente - das Verfahren läßt sich positiv nicht mit einem
Gegenwirkung der Dinge auf und zu uns gleichsam hinaus- Wort kennzeichnen, es ist die fortschreitende Auszeichnung ei-
und hineindrehen in die Beziehung der Dinge unter sich. nes Grundrisses. Die eigentliche Betrachtung beginnt mit der
Damit wird gesagt: Wir erfahren nicht unmittelbar innerhalb Unterscheidung von zwei Weisen der 66vapt5: 1. 4 p2v toV
der uns umgebenden Dinge, in den Beziehungen unter ihnen naa~iv- die Ertragsamkeit, Aushaltsamkeit (bzw. Brüchig-
so etwas wie die Beziehung von Widerstand und dagegen keit), 2. $ 6E E& tinaasias - die Widerstänidigkeit. Beides sind
anlaufendem Wirken. Und doch ist das der Fall. Und doch Weisen des Von-wo-aus für einen Umschlag, davon, von wo
müssen wir dieses sehen lernen, um die Ebene zu gewinnen, aus ein solcher bestimmt ist. Von diesen wird nun gesagt als
auf der sich die Aristotelischen Betrachtungen halten. entscheidende Charakteristik: Evsat~8 t q q nehtq~;8uv&psoq
Es handelt sich also um das Vernehmen und Erfassen von hoyoq. Wie das? Es fällt auf, daß Aristoteles mit der Erörte-
Kräften und Gegenkräften in der Natur selbst, unter den rung der 66vapis zoZ, aa8siv beginnt; mit dem X&OXELV, dem
Naturdingen als solchen, nicht nur insofern sie Gegenstände Leiden. Der geläufige Gegenbegriff ist das nouiv, das Tun;
für uns und d. h. irgendwie Widerstände sind. Wir wollen doch davon ist gar nicht eigens die Rede; auch später nicht.
dabei gar nicht eingehen auf die vorwissenschaftliche und Wo davon gesprochen wird, da so, als sei diese Weise der
außerwissenschaftliche Erfahrung der Natur, auf das, was 86vap~qschon eingeführt. Und sie ist es auch, wenn in der
im sogenannten Naturgefühl sich offenbart. Abgesehen von Leitbedeutung dieses Aktiv mitschwingt. Wenn das aber so
der Schwierigkeit, diese Art der Offenbarkeit der Natur ist, dann ist das Bvsivai dieses n o ~ ~ in
i v dem jetzt eigens ge-
wirklich philosophisch zu fassen und zu begreifen, lassen wir nannten na6siv nicht so zu denken, als wäre es die Gattung;
diese Zusammenhänge schon deshalb beiseite, weil diese Art denn das Tun ist nie und nimmer die Gattung zum Leiden
Erfahrungen besonders von einem landläufigen Verdacht um- als einer vermeintlichen Art des Tuns. Sondern der Bezug
lauert sind. Man meint, es handle sich hier im Grunde ledig- der 8"iIap~qtoi na6siv zur n ~ h 6"oap~q
q ist ein anderer und
lich um Einfühlung subjektiver Erlebnisse und Stimmungen wesentlicher: Widerständiges ist in sich bezogen auf. . ., Aus-
in die Dinge, die an sich und in Wahrheit nur ein Geschiebe haltendes ist in sich bezogen auf solches, was sich an ihm zu
und eine ständige Verlagerung letzter Materieteilchen dar- schaffen macht. Die Leitbedeutung gilt nicht so, daß sie weder
stellten. noisiv (Tun) noch nab~iv(Ertragen) ist, sondern sie sagt sehr
wohl die 86vap~sZOG no~sivmit, aber so, daß sie offen bleibt
für die Einbeziehung des wesentlichen Bezugs der G6vapi~toG
94 Met. O 1. Das Wesen der GGvup~gx c r d xivqa~v $ 1 0 . Weisen der Kraft 95
na6~ivauf sie selbst. Das ist auch der Zug der folgenden Er- Bestimmung angesetzt? Dafür ist mlaßgebend eine kritische,
örterung, daß wir im Fortgang durch die verschiedenen Wei- negative und eine positive Absicht zugleich; negativ: gegen die
sen der 86vapy nicht von der Leitbedeutung weg-, sondern im- I
Naturerklärung der mittelalterlichen Scholastik, gegen die An-
mer auf sie zurückgehen. - An dem Sachverhalt, wie wir nahme von verborgenen Kräften; positiv: in Absicht darauf,
Kraft erfahren, zeigt sich ein gewisser Vorrang des Wider- für die Bestimmung der Naturdinge und der Vorgänge, ihrer
stehenden. Es gilt nun zu sehen, daß wir auch unmittelbar im Bewegung, solche Charaktere zu gewinnen, die eine wissen-
gegenseitigen Bezug der Dinge unter sich so etwas wie Wider-
stand und Anlaufen, Stoß und Gegenstoß erfahren.
, schaftliche Erkenntnis und entsprechende Beweis- und Be-
stimmbarkeit zulassen. Wissenschaftliche Erkenntnis aber ist
Daher wollen wir sogleich in einem Bezirk der Naturer- mathematische. Und so fragt Descartes: Wie muß die Natur
fassung uns umsehen, der dem Verdacht bloßer subjektiver angesetzt werden, damit sie wissenschaftlich, mathematisch
Stimmungseinfühlung nicht ohne weiteres ausgesetzt ist. Ich erkennbar ist?
meine das Feld der mathematisch-physikalischen Naturfor- Voran und voraus geht als leitend die Idee einer schlechthin-
schung. Aus diesem Bezirk greifen wir eine Frage heraus, die nigen Gewißheit, der absoluten unbezweifelbaren Erkenntnis.
geschichtlich und sachlich im engsten Bezug mit der Aristoteli- Ihr, d. h. der ihr zugehörigen Idee des Erkanntseins muß das
schen Unterscheidung von 86vapi~und EvE~ysicrsteht: es ist die genügen, was überhaupt soll sein können, u m als Seiendes
Einführung des Kraftbegrifes in die mathematische Physik ansprechbar zu werden. Diese Idee des Wissens und der Ge-
durch Leibniz; ein Schritt, der sich in ständiger Auseinander- wißheit hat Descartes entwickelt in seinen »Regulae ad direc-
setzung mit Descartes und dem Cartesianismus vollzog, ein 1 tionem ingeniia; das Grundgebende ist der intuitus (die An-
Schritt, der, in seiner nächsten Abzweckung jedenfalls, darauf schauung), d. h. eine experientia (Erfahrung), die den Charak-
zielte, eine zureichende Bestimmung der Dimension für die ter einer praesens evidentia (einer unmittelbaren Evidenz) hat.
mögliche Messung von Kräften im Bewegungszusammenhang Das ist die Konstruktion einer Idee der Erkenntnis, die sich
der materiellen Natur zu gewinnen, ein Schritt freilich, der in erster Linie im Mathematischen darstellt. Weil nun mathe-
seine leitenden Antriebe nicht aus Fragen der Physik erhält, matische Erkenntnis primär angewiesen ist auf Räumliches,
sondern aus der Grundfrage der Philosophie nach der Wesens- wird die Ausdehnung als der ursprüngliche Charakter der Sub-
i
bestimmung des Seins überhaupt und als solchen. Aus dem stanz angesetzt.
vielschichtigen Ganzen der hierhergehörigen Fragen sei nur Die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur umfaßt das-
eine Oberlegung herausgehoben. Sie betrifft die grundsätzliche jenige, was notwendig und allgemein von den Naturdingen
Frage nach der Charakteristik des Seins des naturhaft Seien- ausgesagt werden muß; dieses Ausgesagte ist die Wahrheit
den, der für sich vorhandenen, vorliegenden Naturdinge, der I iiber die Natur, d. h. das, was und wie die Natur in Wahrheit
I
>Substanzen<. ist. Die Frage der möglichen wissenschaftlichen Erkennbar-
Descartes sagt: Das Auszeichnende der res naturae ist die
extensio, die Ausdehnung; das Naturding ist res extensa. Die
/ keit der Natur ist in dieser Fassung zugleich die Frage nach
dem wahren Sein des Seienden, das wir Natur nennen.
räumliche Ausbreitung ist unbestreitbar ein Charakter, der zu Leibniz wendet sich gegen diese Bestimmung des Seins
den uns erfahrbaren Naturdingen gehört; warum aber hat der Naturdinge und sagt: Das Sein dieser Substanzen liegt
I
Descartes diesen so ausgezeichnet und als die grundlegende nicht in der Ausdehnung (extensio), sondern im Wirken (actio,
96 Met. O 1. Das Wesen der B2jvap~~
xazci x i q u ~ v $ 1 0 . Weisen der Kraft 97

agere). Bei dieser neuen Fassung des Seins der Naturdinge (resistens), die actio ein nisus und conatus, eine Geneigtheit
aber ist ein Doppeltes zu beachten: 1. Leibniz will damit die und ein Streben. Hic nisus passim sensibus occurrit, et meo
Bestimmung der extensio nicht beseitigen; diese bleibt erhal- judicio ubique in materia ratione intelligitur, etiam ubi sen-
ten, aber so, daß sie als gegründet auf eine iirsprünglichere sui non patet. (Ebd.) Dieser Charakter des Seins der Sub-
Bestimmtheit des Seins im Sinne des Wirkens erkannt wird. stanz: Streben, Gegenstreben, Widerstehen »begegnet zuwei-
2. Dieser Begriff des Wirkens wird nun gerade im Felde des len unmittelbar der Erfahrung (wir treffen solches Seiendes
vorliegenden Problems sogleich in einer Weise gefaßt, daß an), und auch dort, wo er sich der sinnlichen Erfahrung nicht
das so bestimmte Sein ebenfalls und erst recht eine mathema- offenbart, wird er meines Erachtens überall durch Uberlegung
tische Bestimmbarkeit zuläßt. So kommt es, daß ein viel enge- als zur Materie gehörig eingesehene. Dergleichen wie Wider-
rer sachlicher Zusammenhang zwischen der mathematischen stand der Dinge unter sich und gegen sich ist erfahrbar oder
Methode der Bewegungsmessung (Infinitesimalrechnung.) und aber als notwendig den Dingen zugehörig einsichtig zu ma-
der Seinsart des zu Erfassenden möglich wird als bei Descartes; chen. Widerstand aber ist nicht einfache Gleichgultigkeit ge-
worauf hier nicht einzugehen ist. gen Bewegung, kein bloßes >sie nicht mitmachen<, sondern
Leibniz hat die hierhergehörigen Oberlegungen bei ver- Gegenstreben, d. h. ein Eigenes, von wo aus sich im anderen
schiedenen Gelegenheiten und in wiederholten Auseinander- Ding etwas bestimmt. Nehmen wir an, das Wesen der Sub-
setzungen mit dem Cartesianismus dargestellt, am klarsten in stanzen und damit ihre Bewegung sei allein und zuerst durch
seinem »Specimen dynamicum pro admirandis naturae legibus extensio bestimmt, es sei also kein Widerstand (renisus), dann
circa corporum vires et mutuas actiones detegendis et ad suas wäre nicht einzusehen, warum z. B. ein großer Körper nicht
causas revocandis*, 1695l. durch die Bewegung eines weit kleineren, der auf ihn stößt,
In diesem »Probestück aus der Lehre der Dynamik« sagt mitgerissen werden sollte, ohne daß der kleinere dabei eine
Leibniz knapp und klar: Quando agere est character sub- Verzögerung erlitte; der anlaufende Körper müßte diese Wir-
stantiarum, extensioque nil aliud quam jam praesuppositae kung voll erreichen (vgl. S. 241). Mit anderen Worten: wir
nitentis renitentisque id est resistentis substantiae continua- erfahren beim Wahrnehmen des Aufeinanderstoßens im vor-
tionem sive diffusionem dicit, tantum abest, ut ipsammet sub- hinein mehr an Seinsgehalt von diesen Körpern als eine bloße
stantiam facere possit. (A. a. 0. S. 235) »Wirken ist nämlich Anderung der Ausdehnungs- und Lageverhältnisse, mehr als
das ursprünglich eingezeichnete und sie so auszeichnende die Descartessche Theorie von der extensiio zulassen möchte.
Wesen (character) der Substanzen, Ausdehnung jedoch besagt Wir erfahren das Aufgehaltenwerden des einen Körpers durch
nichts anderes als stetige Wiederholung bzw. Ausbreitung ei- einen anderen, das Sichstoßen a n . . . Es gehört zum Körper-
ner schon im vorhinein gesetzten Substanz als einer strebenden sein eine vis, und hier eine besondere vis passiva - die deri-
und widerstrebenden, d. h. widerstehenden; so weit ist die vativa, im Unterschied zur primitiva (vgl. S. 236 f.).
Ausdehnung davon entfernt, das Wesen der Substanz selbst Leibniz hat ein ganz klares Wissen von der grundsätzlichen
ausmachen zu können.« Das agens ist nitens und renitens Tragweite der neuen Fassung des Seins der Substanzen - aller
Substanzen, d. h. alles Seienden, nicht nur der materiellen
Naturdinge. Und er war zugleich der ubeneugung, damit der
Leibnizens Mathematische Schriften; hrsg. V. C. I. Gerhardt, Berlin
U. Halle 1849-63. Bd. VI, S. 234-46 (pars I). bisher verkannten Aristotelischen Lehre von 86vapc und Evkg-
I

98 Met. 63 1. Das Wesen der 8fivap~s~ a t xiyalv


d I
$10. Weisen der Kraft 99
yela zu ihrem Recht und ihrer wahren Bedeutung zu verhel- eigenen Könnens; und es ist weiterhin die Frage, ob dadurch,
fen. Et quemadmodum Democriti corpuscula, et Platonis ideas, daß die Erfahrbarkeit des Stoßes und Gegenstoßes der Dinge
et Stoicorum in optimo rerum nexu tranquillitatem nostra unter sich auf gewisse Bedingungen angewiesen ist, die Ob-
aetas a contemtu absolvit, ita nunc Peripateticorum tradita jektivität des Erfahrenen angetastet wird.2
de Formis sive Entelechiis (quae merito aenigmatica visa sunt Wie immer diese Fragen zu stellen und zu entwickeln sind,
vixque ipsis Autoribus recte percepta) ad notiones intelligibiles Vorbedingung für ihre Bearbeitung bleibt, daß wir allererst
revocabuntur. (S. 235) »Und so wie die Lehre Demokrits von wieder hellsichtig werden für die Phänomene, die uns dabei
den kleinen Körperchen und die Lehre Platos von den Ideen über den Weg kommen. Und dazu gehören vorzüglich die
und die der Stoiker von der Ruhe des Gemüts, die aus der zwei Weisen der GVvap~s,die wir kennen lernten (C3 1, 1046 a
Einsicht in die beste Ordnung der Dinge entspringe, so wie I I1 ff.) : die Kraft des Ertragens (66vapy tos xab~iv)und des
all diese Lehren in unserem Zeitalter von der Verachtung Widerstehens (E& & x a b ~ i a ~
Wir
) . sahen dabei, wie die eigen-
befreit wurden, so werde nun auch hier die überlieferte Lehre
der Peripatetiker von 'den Formen und Entelechien auf ein- I
1 ste Verfassung dieser 8vvdlp~lqin sich und bei sich trägt den
Bezug auf die 84vapy, die Aristoteles in erster Linie anführt.
sichtige Begriffe gebracht, eine Lehre, die mit Recht als rät- ! Auf die Herausstellung dieses inneren verfassungsmäßigen
I
selhaft angesehen wurde und auch von den Autoren selbst Bezugs zur Leitbedeutung kommt es nun auch Aristoteles an
bisher kaum richtig erfaßt war.« bei der Nennung einer weiteren Weise der 64vap~qxatd xivqa~v.
Für uns ist von Bedeutung zu sehen, wie die Erneuerung
der Aristotelischen Lehre von 64vapbs und EvEeyela sich auf be- 1 b) Das zur Kraft gehörige Wie
stimmte Tatbestände in der Verfassung des Seienden selbst 1
1046 a 16-19: n&Aw 6' a 3 t a ~AEyovsa~ Ovv&p~is ZOG ~ O V O V
beruft; und dazu gehört die mögliche Erfahrbarkeit des An- ! xolijaal 71 [toi?]nabeiv 71 toi? xalioc, 6ats xai Ev toY t04twv A O ~ O L S
laufens und Zurückprallens eines Körpers von einem anderen,
I Evmcig~ovalnoq oi t6v ngotEeov Gvv&peov A6yol. »Wiederum
mithin der Widerständigkeit der Dinge unter sich und gegen
wedden nun die bereits angeführten (6vv&p~y) Kräfte genannt
sich. Darin liegt zunächst nur eine Anweisung dafür, einfache I
und als solche verstanden entweder nur einfach in Bezug auf
Grundbestände des Erfahrenen nicht vorzeitig wegzuerklären, I das, wozu sie Kräfte sind, zum Tun bzw. Leiden, oder aber in
bzw. überhaupt zu übersehen zugunsten irgendwelcher Theo-
Bezug auf das >in der rechten Weise<,so daß auch im Ver-
rien.
stehen dieser Bedeutung von 64vapt.q in gewisser Weise darin
Wenn wir sagten: Widerstände sind erfahrbar nicht nur mitverstanden sind die Bedeutungen der v0rgenannten.q
innerhalb der Bezogenheit der Dinge auf uns, innerhalb des I
Bezirkes unserer Betreffbarkeit durch die Dinge, sondern auch
unter den Dingen selbst in ihren gegenseitigen Beziehungen, i Das n&A~vnimmt (diebisher erörterten Bedeutungen auf, um
an ihnen wiederum einen Charakter herauszuheben, der in der
dann ist damit noch nicht darüber entschieden, ob nicht auch Leitbedeutung gegründet ist unld diese zugleich von einer neuen
diese Offenbarkeit des Strebens und Widerstrebens der Dinge I
I Seite und damit vollständiger bestimmt. Was gemeint ist,
unter sich unter ganz bestimmten Bedingungen unseres Da- I
seins steht. Trifft das zu, dann heißt das längst noch nicht, der Gehemmtsein - Ausrichtung auf Enthemmtsein: es gehen lassen
um.. .; Umwillen, Sorge. flber Widerstandserfahrungvgl. Sein und Zeit I,
Begriff der Kraft entspringe aus subjektiven Erfahrungen des 1
Halle a. d. S. 1927, S 43, S. 200 ff.
100 Met. 8 1. Das Wesen der Glivap~~
xatd xivqaw $10. Weisen der Kraft 101

sagt A I 2 (1019 a 24ff.) durch ein Beispiel: Eviote to+s rückzuführen auf das Leitphänomen und als ihm verfassungs-
p6vov 6v nogedEvtas 4 ~ b 6 v l ap4
~ , xahG~6E 4 p4 OS ngosihovlo, mäßig zugehörig zu begreifen. Damit verschärft sich der Ein-
06 qapsv GCvaa6a~hEye~v4 ßasi<e~v.*Zuweilen sagen wir näm- blick in den vollen Gehalt der 66vapi~als 13~x4petaßoh?jq. Das
lich von solchen, die zwar gehen oder reden, aber nicht in der &g~+Sein,Ausgangsein f ü r . . . meint eben nicht gleichsam
rechten Weise bzw. nicht so, wie sie es sich vorgenommen ein Ding oder eine Eigenschaft, davon etwas ausgeht, sondern
hatten, 04 66vaa6a~- sie können nicht gehen bzw. reden.« das Ausgangsein für etwas anderes ist in sich ein Ausgehen
Also von einem schlechten Redner sagen wir: er kann nicht zum anderen. Dieses Ausgehen nach. . . kann in dem, worauf
reden; obzwar er, die Sache einfachhin genommen, gewiß es geht, gelingen oder versagen, - es muß sich schon immer
redet und vielleicht übergenug redet; ebenso von einem Läu- auf eine bestimmte Art und Weise seiner selbst einrichten.
fer, der zwar eifrig die Beine bewegt und auch von der Stelle Das xahG~bedeutet nicht eine Zugabe, sondern zeigt einen
kommt, sagen wir trotzdem: er kann nicht laufen; es fehlt Charakter an, der - in sich wandelbar - zum Wesen der
ihm die rechte Weise und Ausdauer, er wird - und so ieder 66vapis gehört. Kraft zu etwas ist daher immer ein Nicht-
andere mit anderem - mit seiner Sache nicht fertig. Kraft- zurückbleiben hinter einem bestimmten Wie. Im Wesen der
haben-zu heißt hier: in der rechten Weise fertig werden kön- Kraft liegt gleichsam ein Anspruch an sich selbst, sich zu über-
nen mit etwas; Können im Sinne von Meistem, Meister sein treffen.
über. . ., von Meisterschaft. Von einem guten Redner sagen Sprechen wir daher nur einfachhin von einer 66vay15, von
wir einfachhin: er ist ein Redner. Das Sein bedeutet hier: in einem pbvov 66vaa6ai, dann sehen wir ab von dem Charakter
der rechten Weise kräftig sein zu dem, was aufgegeben bzw. des ilaAG~,genauer: wir lassen das wesensmäßig zugehörige
vorgenommen ist. Kräftig zu etwas ist eine Kraft erst eigent- Wie unbestimmt, indifferent; wir nehmen nicht den vollen
lich, wenn sie es in der rechten Weise ist. Wesensbestand der 64vapiq in den Blick.
Zum Kräftigsein zu etwas gehört notwendig ein Wie, das
sich so und so abwandeln kann, in sich aber den Anspruch
trägt auf eine mögliche Vollendetheit - xaAGs En~teleiv.Auch Es wurde versucht, in einem knappen Hinweis zu zeigen,
und gerade im Begriff der G6vayt.s xat& xivqaiv liegt demnach wie gerade die Zuweisung der Kraft als eines Grundcharakters
ein verfassungsmäßiger Bezug auf tEhos; damit ist nicht der- auch der materiellen Naturdinge sich beruft auf erfahrbare
gleichen wie >Zielstrebigkeit<gemeint, sondern: innere Zu- Grundverhältnisse des Stoßes und Gegenstoßes der Dinge un-
ordnung von etwas auf Ende, Abschluß, Fertigkeit. In der ter sich. Leibniz hat aber zugleich diese Fassung der substan-
84vay~~ liegt daher das Moment des Unterwegs-zu, des aus- tia als actio nicht nur gegen Descartes' Bestimmung der
gerichteten Strebens, ausgerichtet auf ein Ende und Fertig- extensio verteidigt, sondern auch grundsätzlich philosophisch
werden - lind daher gehört zum inneren Rau der 64vapiq der begründet durch die Lehre, die man unter dem Namen »Mo-
Charakter des >so und so<, >so oder anders, kurz: das Wie. nadologie« kennt. Gewöhnlich, auch in philosophischen Be-
Das gilt nun ebenso von der 64vapy to6 nolciv wie von der richten, sieht man den Gehalt dieser Lehre darin, daß Leibniz
mC na8eiv und der FELS &na6siaq. eine sogenannte Beseelung aller Dinge annimmt: Jegliches,
Die unter nah~vangeführte Bedeutung von 66vapy ist nicht was ist, ist kraftbegabt, - die Kräfte sind dann so eine Art
eine neben den anderen stehende neue Art, sondern sie ist zu- Ungeziefer und Bakterien, die überall sich festgesetzt haben.
102 Met. O 1. Das Wesen der 6zivayis xacd xiqaiv
In Wahrheit aber ist nach dem monadologischen Prinzip nicht $ 1 1 . Die Einheit der Kraft des Tuns und Ertragens:
das einzelne Seiende kraftbegabt, sondern umgekehrt: Die Der ontologische und der ontische Begriff der Kraft und ihre
Kraft ist das Sein, das erst ein einzelnes Seiendes als solches innere Verklammerung
sein läßt, damit es allenfalls mit etwas begabt ist. Die Kraft
ist dabei gefaßt als Tendenz, als nisus (nitens und renitens).
Im Prinzip ist nun die Ansetzung der Naturkörper als krafte- Was jetzt im Text folgt ( O 1, 1046 a 19-29), sieht zunächst
bestimmter nur eine Wesensfolge der Bestimmung der Sub- aus wie eine wiederholende Zusammenfassung. .
stanz als Monade, vis. - Leibniz beruft sich ausdrücklich auf
den Zusammenhang seiner Lehre mit der des Aristoteles, die @avegbvo6v ÖTL Eot~pEv Os pia 66vapc5 toG nocaiv xui n&axa~v
so zu ihrer Wirksamkeit gebracht werden soll. Es wäre ein (Gwvatbv y&e Eati xai T@ Exaiv aGtb 66vap~vZOG nu8eiv xai T@
Mißverständnis, wollten wir Leibniz darüber belehren, daß ähho 3n' aGtoü), Eot~6'62 ähhy. 4 pEv y &Ev~ T@ X&~XOVTL'81&y&g
seine Auffassung des Aristoteles unrichtig und unhistorisch t b E X E ~ Vt t v & &gxr)v,xai eivac xai t 4 v Ghqv & Q X ~ ) V t ~ v aJIOICXEL
, tb
sei, wollten wir ihm vorrechnen, daß er vielmehr nur seine nolaxov xai ähho 6n' ähhov- t b Ainaebv pEv y & xawotOv, ~ ZO 8'
eigene monadologische Lehre vom Sein in die Philosophie des 6nelnov O6i 8AaatOv- dpoiws 6E xai Eni t 6 v ähhwv. 4 6' Ev TC)
Aristoteles zurückdeute. Die Leibnizsche Auffassung des Ari- ~OLOGVTL, xai 4 obotiop~nr),
O ~ O Vt b 8e~pbv 4 phv Ev t@8egpavtlx@,
stoteles ist freilich nicht richtig, aber keineswegs in dem Sinne, 4 6' Ev T@ oix08opix@.81O 5 ovpnEi~vn~v, oG6Ev nolaxec a6tO Vq)'
daß sie unrichtig wäre. Denn >richtigund unrichtig<ist über- EavtoG. Ev y & xai ~ o& äMo. »Offensichtlich wird nun also fol-
haupt kein Maßstab wahrhafter historischer Erkenntnis. Wohl gendes: Eine Kraft zum Tun und zum Erleiden ist das einmal
aber ist die Leibnizsche Auffassung des Aristoteles eine we- (in einer Hinsicht) so, daß eine einzige (als ein und dieselbe)
sentliche - und damit echt historische: eine solche, die der beides ist, . . . sie ist sodann so, daß die eine von beiden je eine
Vergangenheit etwas zu entgegnen hat, worauf allein diese andere ist (daß sie beides als je eine andere in einem anderen
dann antwortet und sich ausspricht. Was wir der Leibnizschen ist).« Jetzt die Erläuterung für die erste Möglichkeit (66vapis 6s
Berufung auf die Erfahrbarkeit von Stoß und Gegenstoß ent- pia): »Kräftigsein zu etwas (zum Ertragen) besagt nämlich
nehmen, ist dieses: Es bedarf nicht des Rückgangs auf das sowohl: selbst die Kraft haben zum Erleiden, als auch: diese
>Subjekt<, um den allgemeinen Grundriß des Wesens der Kraft Kraft dadurch haben, daß ein anderes von dem leidet, was
zu fassen. - Die Phänomene der Kraft: Ertragsamkeit (66vapic kräftig ist, etwas zu tun.« Nun folgt mit 4 pEv (Z. 22) und
toG na8aiv) und Widerstand (2515 &na8aiuq)sind deshalb von 4 66 (Z. 26) die Erläuterung der zweiten Möglichkeit (66vapis
Aristoteles zuerst genannt, um den inneren Bezug auf die Os ähhq): »Die eine 66vapy ist in dem Ertragenden, denn auf
Kraft des Tuns oder Gestaltens (86vapc~ZOG ~ O L sichtbar E ~ ) Grund dessen, daß es so etwas wie einen Ausgang, Anfang hat
zu machen und damit die 6.Ovapiq als & Q X ~pataßoh?jcim akti- für etwas anderes und auf Grund dessen, daß auch der Stoff
ven Sinne zu verdeutlichen. Auf diese Rückbeziehung kommt so etwas wie ein Ausgang, Anfang für etwas ist, auf Grund
es nun auch beim xaA6q Enitaheiv an. Aber die innere Begrün- dessen also erträgt das Ertragende etwas und das als das eine
dung der notwendigen Zugehörigkeit des Wie zur Kraft über- von seiten des anderen. Das Fette nämlich ist brennbar und
haupt ist noch nicht ausdrücklich erörtert (vgl. U. S. 156 f.). das so und so Nachgebende ist brechbar; und so in gleicher
Weise bei anderen. Die andere 86vaycs aber ist in dem Her-
104 Met. O I . Das Wesen der 66vapbq xatd xivqaiv $12. Ontologischer und ontischer Begriff der Kraft 105

stellenden vorhanden, z. B. das Warm in dem Wärmenden, die Aristoteles sagt einfach: (GVvap~qtoV xoiaiv xai n&uxsiv)Eoti
Baukunst in dem Baukundigen. - Deshalb erleidet, sofern das pEv OS pia . . . Eot~6'6s äWlq (1046 a 19, a 21/22). Es ist also
Herstellende (Tuende) und das Ertragende (Leidende) zusam- ausdrücklich auf eine Zweideutigkeit im Wesen und Begriff
men vorhanden sind als ein und dasselbe Seiende, dieses Sei- der 86vap~qabgehoben. Die 66vap~qtoij ~ O L E ~xaiV ~ & < T X E L ist
V in
ende selbst nichts von seiten seiner selbst; denn es ist (dann) gewisser Weise eine. Das heißt: die Kraft ist in sich Kraft zum
Eines und nicht das eine zu einem anderen.« Tun, Herstellen; in der Ausrichtung auf Herzustellendes lies -
der Bezug auf Herstellbares; das Herstellbare ist solches aus
Was will Aristoteles mit diesen Sätzen sagen, die er der etwas; dieses Woraus ist eine Weise des Von-wo-aus: das Er-
Charakteristik verschiedener 6uv&paqanfügt? In der Tat ist es trag- und Bildsame, z. B. irgend ein Stoff. Im Wesen der Kraft
auf den ersten Blick nur eine zusammenfassende Wiederho- als Kraft zum Herstellen ist das Woraus der Herstellbarkeit in
lung, wobei wir erfahren, 66vapy ist einmal eine solche des gewisser Weise mitumgriffen; das Woraus der Herstellbarkeit
Tuns, Herstellens und eine solche des Leidens, Ertragens; und von etwas aber ist SVvapy toV X ~ ~ X E L Diese
V. 66vap~q(als &ex.;l,
das Tuende muß je ein anderes sein als das Leidende, bzw. als das, von wo aus etwas herstellbar wird) ist in das Wesen
wo es dasselbe ist, wie im Beispiel vom sich selbst behandeln- der OUvap~qtoV xoi~ivmiteinbezogen, und das nicht nur so
den Arzt, da ist beides, der Handelnde, der Arzt, und der Be- überhaupt, sondern jedes bestimmte Herstellen, z. B. das einer
handelte, der Kranke, derselbe Mensch zwar, aber in verschie- Axt, ist bezogen auf Stein, Bronze, Gußeisen und dergleichen,
dener Hinsicht - der Mensch einmal als eine einen Beruf aber nicht etwa auf Wasser oder Sand oder Holz; umgekehrt
ausübende Person und sodann als ein der Bedrohung ausge- liegen in all den genannten Stoffen als möglichen bildsamen
setztes Lebewesen. bestimmte Bezüge zu solchem, was aus ihnen durch eine be-
Nun ist es an sich nicht auszuschließen, daß eine solche Zu- stimmte Herstellensart herstellbar ist, und damit Bezüge zu
sammenfassung gegeben wird; wir finden sie sogar sehr oft im bestimmten Weisen des Herstellens und Umgehens damit; ob
Buch A, vgl. A 12. Aber der in Rede stehende Absatz hat eine wir das im einzelnen ausdrücklich wissen oder nicht, ist fürs
so ausgeprägte gedankliche Gliederung, daß wir der Aufforde- erste nicht entscheidend.
rung nicht ausweichen dürfen, den ausgedrückten Gehalt auch Aus all dem ergibt sich: Kraft ist in sich der Bezug der & Q X ~
entsprechend scharf herauszuheben. Von der 66vaylq toC X O L E ~ V toij ~ O L E auf
~ V eine & Q X ~toV x6ox~~v
und umgekehrt. Das Wesen
xai X&OXELV wird gesprochen. Davon war bisher in dieser Form der Kraft ist in sich, aus dem eigenen Wesen her und in Bezug
überhaupt noch nicht die Rede. Diese Redewendung trägt nun auf dieses, in einer ursprünglichen Weise in zwei Kräfte aus-
aber schon das Problem in sich, das Aristoteles im folgenden einadergegangen. Das meint freilich nicht, eine gerade vor-
auflösen will. handene, bestimmte einzelne Kraft bestehe aus zwei Kräften,
Denn es ist die Frage: Sind mit der 66vapy des Tuns und sondern die Kraft in ihrem Wesen, d. h. das Kraftsein als sol-
Ertragens zwei Ouv&p~iq,zwei Weisen von 8"Oapiq gemeint ches ist dieser Bezug des xoleiv auf ein ndro~elv:das Kraftsein
oder nur eine? Wenn eine, in welchem Sinne ist dann 86vap~q ist beides als eines - hq pla. Der Bezug ist Einbezug; und ein-
verstanden? Wenn zwei, wie ist dann 66vapy einheitlich zu beziehend ist die Kraft mit auf Grund ihres Ausgerichtetseins
fassen? und nertreffens. >Kraft<so genommen, verstanden als Kraft-
sein, ist der >ontologische<Begriff der Kraft; >ontologisch<-
106 Met. 63 1. Das Wesen der GGvay~sx a d x i q a ~ v $ 1 1 . Ontologischer und ontischer Begngnffder Kraft 107

der überlieferte Ausdruck meint: das Sein des Seienden; hier: So wird aus dem Wesen der Kraft erst klar, warum sie als
das Kraftsein jeglicher so oder so seienden bzw. möglicherweise & Q X ~notwendig E v äAAq bzw. 5 tiMo sein muß.
seienden Kraft. Das Kraftsein besteht nicht aus zwei vorhan- Der Satz, der den eben behandelten Abschnitt schließt
denen Kräften; sondern sofern eine Kraft vorhanden ist, liegt (a 27 ff.: 61b fi tsvpnEcpvicev . . .), kann, wenn überhaupt, nur mit
in diesem Vorhandensein die einbeziehende Ausrichtung auf Rücksicht auf das Dargelegte verstanden werden, d. h. mit
die entsprechende Gegenkraft, weil dieser ausgerichtete Ein- Rücksicht darauf, daß Aristoteles die innere Verklammerung
bezug zum Kraftsein der Kraft gehört. des ontologischen und ontischen Kraftbegriffes kenntlich ma-
Wird dagegen 6 6 v a p ~nicht
~ pia, sondern OS fihhq, n h - chen will. Der Satz ist gar nicht in seinem Gehalt gefaßt, wenn
lich so verstanden, daß damit je die eine oder die andere der man ihn nur, wie die Ausleger tun, als eine Umschreibung des
beiden zum Kraftsein gehörigen Kräfte als für sich vorhandene fi 6hAo nimmt. Aristoteles will sagen: Wenn das Kraftsein be-
sagt: ursprünglich einheitlicher, einbeziehender Wechselbezug
einzelne Diese gemeint ist, dann hat der Ausdruck GGvap~s,
des Ausgangseins zum Tun und Leiden, dann ist mit dieser
wie wir sagen, eine ontische Bedeutung; er meint nicht das
ontologischen Einheit des Wechselbezugs nicht gemeint die
Kraftsein als Sein, sondern er meint ein bestimmtes Seiendes, ontische Einheit und das Zusammengewachsensein der seien-
dieses, das Ausgang ist für ein Tun, oder dieses, das Ausgang den Kräfte von wechselweise verschiedenem Charakter. Faßt
ist für ein Leiden. Wir meinen jetzt je ein Seiendes, dem das man diese Einheit so (ontisch), dann kann dieses »Eine« so
Kraftsein in einer bestimmten Hinsicht zukommt, aber wir wenig die Stätte bieten für ein Kraftsein und damit für ein
meinen nicht dieses Kraftsein selbst, sondern das, dem es zu- Verhältnis, daß dieses »Eine« nicht einmal selbst von seiten
kommt (das subjectum). seiner selbst etwas zu erleiden vermag, d. h. mit Bezug auf es
Aristoteles will nun nicht lediglich sagen, im Sprachgebrauch selbst auch kein Tuendes ist. Die Einheit des Kraftseins muß
hat 66vapy bald die ontische, bald die ontologische Bedeutung; vielmehr dahin verstanden werden, daß sie als Einheit des
sondern es gehört zum Wesen dessen, was wir Kraft nennen, rück- und einbezüglichen Bezogenseins gerade fordert die
daß es in dieser Zweideutigkeit verstanden werden muß. Wenn ontische Verschiedenheit bzw. Unterschiedenheit des Seienden,
wir eine bestimmte vorhandene Kraft, z. B. eine Kraft zum das da je im Charakter des Kraftseins steht, d. h. >Subjekt<der
Herstellen von etwas, erfahren oder pflegen, dann verstehen Kraft ist. Also eine Kraft besteht nicht aus zwei Kräften, son-
wir im vorhinein schon das Kraftsein, und sofern wir dieses dern wenn das Kraftsein in einem Seienden ist, ist das Seiende
verstehen, meinen wir solches mit, woraus sich etwas herstel- in zwei Kräfte gespalten.
len, solches, womit sich etwas anfangen läßt; was also selbst Aus der Interpretation dürfte klar geworden sein, warum
dabei in gewissem Sinne Anfang, 6 ~ x 4ist, nämlich &QX+O< Aristoteles nicht einfach der Reihe nach einzelne >Arten<von
naasiv. Umgekehrt, wenn wir das Kraftsein in seinem Wesen, Kräften definiert, anfangend von der Kraft zum Tun usw., um
d. h. in dem wechselweisen Einbezug der aufeinander ausge- dann das Allgemeine dieser Arten zu suchen. Daß er nicht so
richteten Ausgänge verstehen, dann wissen wir auch schon, verfährt, hat seinen Grund in der erwachten Einsicht in das
daß eine seiende Kraft je eine solche des Tuns oder Erleidens zwiespältige einfache Wesen des Kraftseins, d. h. darin, daß
ist, so zwar, daß das Tuende ein anderes Seiendes ist als das ihm der Schritt in die ontologische, philosophische Auslegung
Leidende, bzw. wo es dasselbe ist, dieses in anderer Hinsicht. des Wesens gelungen ist.
108 Met. O 1. Das Wesen der BUvapiq xatd xivqa~v $ 1 2 . Kraft und Unkraft 109
$ 1 2 . Kraft und Unkraft - das Beisichführen des Entzugs. Zunächst ist da gesagt: Neben Kraft gibt es auch Unkraft,
Die erfüllte Leitbedeutung jim-potentia<, Nicht-kraft. Dieses Nicht- und Un- ist jedoch
keine bloße Verneinung, sondern meint das Entzogensein, das
)in einem Entzug stehenc - otEeqay. Dieses aber wird in ver-
Nunmehr wird (in dem, was jetzt noch das Kapitel bringt) schiedener Weise verstanden, entsprechend den möglichen Ab-
scheinbar wieder in einer nur lockeren Anfügung eine weitere wandlungen der Bezüge, die zu einem Entzugsverhältnis gehö-
Wandlung des Wortes Gfivap~erläutert: Kraft im Sinne der ren. Soweit ist alles klar und verständlich. Wenn wir nicht
Unkraft. weiter gehen, bleiben wir freilich auch außerhalb des ontolo-
1046 a 29-35: xai 4 66vvapia xai t b 66fivatov ij tfi toiafitn gisch-philosophischen Begreifens des Sachverhaltes, den Aristo-
~ W & ~ EEvavtia
L ozEeqai~Eotbv, Gate toG a6to.u xai xat& t b a6tb teles hier herausheben will. Um diesen zu fassen, beginnen
näaa ijfivapy &6wvapia[nicht &bvvapiq,H.]. 4 6k atEgqaic AEyatai wir mit der Erläuterung der atEeqoi~,und zwar nur eben so
noAAax6c- w i yde t b pfi Exov xai t b nscpwxbc; &&V pfi EX^, 4 weit, wie Aristoteles sie an dieser Stelle selbst einführt. (Vgl.
ÖAwc $ öte nEqvxav, xai .ti 06i, olov navtaAW5, 4 x&vdnwaoiiv. En' sonst A 22 und 1.) Wir erläutern das Wesen der atEeqo~g,in-
Eviov 6' E&v neqwOta EXELV pfi EX^ ßiq, Eatsgijo6ai tacta A6yopsv. dem wir das von Aristoteles Gesagte an einem Beispiel bele-
*Und die Unkraft (Unkräftigkeit) und demzufolge auch das gen, und zwar wählen wir ein Beispiel, das oft gebraucht wird
>unkräftigcist als das der 6Vvapic; im besagten Sinne Gegen- und das zugleich schon auf das Phänomen bezogen ist, um das
überliegende ein Entzug; daher ist jede Kraft, wenn sie zur es sich handelt (6fivapi~,Kraft), also etwa die Kraft des Sehens,
Unkraft wird, d. h. als Unkraft je in Bezug auf dasselbe und das Gesicht bzw. die Unkraft zum Sehen.
in Gemäßheit desselben (bezüglich worauf die Kraft eine Kraft Etwas steht im Entzug (EateeqpEvov) in verschiedener Weise
ist, ist jegliche Kraft Unkraft). Der Entzug aber wird in viel- ( O 1, a. a. 0.);einmal: t b pfi EXOV - wenn es einfachhin etwas
facher Weise verstanden und gesagt. Etwas steht im Entzug anderes nicht hat, z. B. die Kraft zu sehen der Stein; sodann
{ist von einem Entzug betroffen, durch ihn hindurchgegan- ist Eut~gqpEvov:t b H E ~ V X O CE&v pfi Exn - wenn etwas ein anderes
gen), wenn es einfachhin etwas anderes nicht hat; sodann, nicht hat, obzwar es dasselbe, das Entzogene, seinem Wesen
wenn es etwas nicht hat, obzwar es dasselbe (das Entzogene) nach haben sollte; z. B. der Mensch, dem die Kraft zum Sehen,
seinem Wesen nach haben sollte. (Und dieses Nichthaben wie- das Gesicht wesentlich eignet, kann in der Un-kraft zum Sehen
derum ist in verschiedener Weise und Hinsicht möglich:) Ent- sein. Dieses an zweiter Stelle genannte Nichthaben (des Men-
weder indem das, was vom Entzug betroffen ist, das Entzogene schen) ist seinerseits nun noch in verschiedener Weise mög-
überhaupt nicht hat, oder wenn es dasselbe nicht hat zu der lich; einmal ÖAoq - schlechthin ganz ist die Kraft zu sehen
Zeit, da es es haben könnte, oder wenn es das Entzogene in dem Menschen entzogen, wenn der Mensch ein Blindgeborener
gewissem Ausmaß nicht hat, z. B. ganz und gar nicht, schließ- ist; dann öts nEqwx~v- wenn er die Kraft zu sehen zu der Zeit
lich, wenn es das Entzogene in irgend einer Weise nicht hat. nicht hat, da er sie haben könnte; z. B. wenn ein wachender
Einiges nennen wir auch im Entzug stehend, wenn es das, was und um sich blickender Mensch nicht sehen kann auf Grund
es von Natur aus haben könnte und sollte, durch Gewalt, auf einer Augenkrankheit; xai $ cj6i - oder wenn der Mensch das
Grund erlittener Gewalt nicht hat.« (Die Parallelbehandlung Entzogene in dem und dem Ausmaß nicht hat, z. B. ein Ein-
in A 12,1019 b 15-91.) äugiger; $ x8v Bnoaoüv - wenn er das Entzogene in irgend
110 Met. 8 1. Das Wesen der 6dvapy xazd x l q a t v 5 12. Kraft und Unkraft 111

einer Weise nicht hat; wenn der Mensch nicht sehen kann, Phänomens der 8Vvapy. In der Fassung GVvapis toG noiaiv xai
z. B. weil es gerade dunkel ist oder weil das zu Sehende sonst- n h a ~ ~ ikommt
v eine Zweideutigkeit zum Ausdruck. Danach
wie verdeckt ist. meint 86vapis 1. WS pia - als eine einheitliche: ein Sein, 2. WS
Es sei noch einmal betont, daß mit dieser Anführung von äMq - als je die eine und die andere: das bestimmte Seiende.
Beispielen für die mannigfachen Weisen der atEeqais über Ad 1. Die Kraft des Tuns und Leidens als eine: Die eine 6 ~ x 4
das Wesen dieser noch gar nichts gesagt sein kann. Ja wenn einbeziehend die andere - erst dieser einbeziehend-wechsel-
selbst die ausdrückliche Behandlung der atEeqatg als solcher bezügliche a~~fi-charakter füllt das Wesen der 86vapts aus.
bei Aristoteles und in der Antike überhaupt nur in einem Ad 2. Wenn eine solche Kraft seiend wird, dann notwendig als
spärlichen Maße erfolgt ist, dann darf darüber nicht vergessen zwei Kräfte, bzw. als ein Seiendes in zwei verschiedenen onti-
werden, welche Bewegung die Entdeckung dieses Phänomens schen Hinsichten. Dieser Abschnitt meint also gerade nicht das
in das Philosophieren (bis Hegel) brachte. (Die Exaktheit der ontische Zusammenvorhandensein zweier vorhandener Kräfte
zusammenfassenden, nachkommenden Definition ist allemal als gleichsam einer. Weiterhin wird von der Kraft die Unkraft
etwas Sekundäres - und die Bemühung darum wird zum unterschieden; auch hier ist wieder die Frage, ob nur eine Ab-
Verhängnis, wenn sie erfolgt, ohne daß zuerst die volle Wirk- wandlung daneben gestellt wird oder ob rückbezüglich für
samkeit und Auswirksamkeit des Gedankens wirklich gesche- die Erfassung des ganzen Wesens gefragt wird. Die atE~qay,
hen ist; bzw. längst nicht mehr geschieht.) der Entzug der Kraft bedeutet 1. pil EXOV - einfaches Nicht-
Was soll nun aber in unserem Fragezusammenhang bezüg- haben, 2. t b necpuxbg Eav p4 - wenn etwas das, das es ha-
lich der 84vapy die Beiziehung der utE~qoi~? Geschieht diese ben sollte, nicht hat; und zwar in verschiedener Hinsicht und
lediglich, um zu zeigen, daß es eben neben der Kraft auch die Weise.
Unkraft gibt? Nein. Was Aristoteles vielmehr zeigen will, Die entscheidende These (a 30131) lautet: »Jede Kraft ist
ist etwas anderes; er faßt es kurz in dem Satz Z. 30 f.: toG Unkraft in Bezug auf dasselbe und gemäß desselben.« Damit
aVtoG uai xat& t d a h d näaa Ghapig dGvvcupia. »In Bezug auf ist ausgesprochen, daß die Unkraft in den Bereich der Kraft,
dasselbe und in Gemäßheit desselben ist jegliche Kraft Un- die ihr entzogen bleibt, gleichwohl gebunden ist. Dasjenige,
kraft<<.Damit ist auch der Text klar; es bedarf nicht der Ver- dem etwas entzogen ist, wird in und durch diesen Entzug
besserung in den Dativ drGuvapi~.Betont soll werden der Rück- gerade auf das Entzogene bezogen. Und dieser entzughafte
bezug der Un-kraft auf dasselbe, wozu die Kraft Kraft ist; Bezug ergibt, trotz des negativen Charakters der Entzogen-
betont soll werden die verfassungsmäßige Zugehörigkeit der heit, für das, was im Entzug steht, je eine eigene positive
Unkraft zur Leitbedeutung der Kraft - als eine innere Ab- Charakteristik gemäß der Weise des Entzugs (die bezüglich
wandlung dieser, und zwar in verschiedenen Hinsichten, die ein und desselben selbst noch verschieden ist). Aristoteles führt
mit der Kraft zu etwas je nach ihrem Sachgehalt schon vor- in h I 2 (1019 b 18 f.) ein bezeichnendes Beispiel an: oV y&g
gegeben sind. bpoiq Civ ( ~ a i p ~
&SVva~ov
v ~ivaty~vv&v nai8a uai äv8ea xai &G-
vo'u~ov.»Denn nicht in dem gleichen Sinne möchten wir un-
kräftig zur Zeugung nennen den Knaben, den Mann und
Was 1046 a 19-29 aussieht wie eine bloße Wiederholung, den Verschnittenen.« An diesem Beispiel lassen sich die Ab-
ist erst der Schritt zur einheitlichen Wesensbestimmung des wandlungen des Entzugs und die damit gegebenen Weisen
II2 Met. O 1. Das Wesen der 86vap~qxat&xiqo~v I $12. Kraft und Unkraft 113

eines positiven Seins leicht belegen und so das Wesen der nichts. Allerdings nicht. Und doch müssen wir dieser Frage
otEgqaic als eine Abwandlung des Besitzens und Habens ver- eine Strecke weit nachgehen, nicht nur, weil sie von weittra-
deutlichen. Wir gebrauchen auch heute noch den Ausdruck gender Bedeutung für das mögliche Wesensverständnis der
>impotent<(unkräftig) in einem ausgezeichneten und betonten 86vap~sxat& xivqa~vist - und noch mehr für die 84vaptc Eni
Sinne mit Bezug auf die Zeugungskraft. Das deutet auf einen nAEov -, sondern weil das in dieser Frage Berührte unmittel-
besonderen Zusammenhang zwischen >Kraft<und >Leben< bar überleitet zu dem, was Aristoteles im folgenden Kap. 2
(als einer bestimmten Weise des ~fvai,des Seins), ein Zu- I
erörtert.
sammenhang, den wir aus der alltäglichen Erfahrung und Wir sahen: Die 84vap~sist in sich zugleich 64vap~qZOG noisiv
dem gewöhnlichen Wissen kennen, ohne sein inneres Wesen I mi nha~s~v, ZU Wesensbau der Kraft gehört der Bezug zum
und den Grund zu durchschauen. I Ertragsamen, Aushaltsamen, Widerständigen. Nicht daß je
Und am Ende ist nun auch die Abwandlung der Kraft zur schon bestimmt und je unmittelbar feststellbar wäre, welches
Un-kraft, d. h. die Abwandlung von Besitz und Habe zum Seiende gerade im Charakter des Ertragsamen einer Wirkkraft
Entzug im Felde der Kraft eine wesentlichere als in anderen I standhält; worauf es ankommt, ist dieses: Irgendwie Ertrag-
Phänomenen. Die 8 4 v a p ~ist~ in einem vorzüglichen Sinne der sames gehört zum Bereich einer Kraft des Herstellens; jede
atEeqoLs ausgesetzt und verhaftet. solche Kraft verzeichnet für sich einen Bereich, innerhalb des-
Doch man wird demgegenüber darauf hinweisen, daß die sen sie das beherrscht, wozu sie ist, was sie ist, eben Kraft. Die
Abwandlung zum Entzug in vielen anderen Bezirken ebenso Kraft also beherrscht in einem eigentümlichen Sinne immer
vorkommt; z. B. ist für die Bewegung das im Entzug stehende I sich selbst. Jede Kraft hat demnach einen in der hinreichenden
entsprechende Phänomen die Ruhe; und dieses Verhältnis Allgemeinheit schwer zu fassenden Charakter des Besitzern,
wird gerade oft und gern als charakteristisches Beispiel der eben diese einbeziehende Umzeichnung des Bereiches. Diesem
ozhgqa~sangeführt. Vgl. auch Aristoteles selbst, Phys. A 12, Charakter des Besitzens vermag daher in einem betonten Sinne
221 b I2 f.: 06 y&gniiv t O Bxivq~ovS Q E ~BhA&
E ~ ,zO EazegqpEvov ein Verlieren zu entsprechen und daniit eine ausgezeichnete
x~wjaeo~ xscpvxOc 86 x~veio8a~. »Denn nicht ist jegliches Unbe- Weise des Entzugs. Der steretische Wandel der Kraft zur Un-
wegliche ein Ruhendes, sondern ruhend nennen wir nur das kraft ist ,demnach ein anderer als etwa der von Bewegung zur
Unbewegliche, das unbeweglich ist als beraubt der Bewegung, Ruhe, nicht nur, weil überhaupt Kraft und Bewegung dem
so zwar, daß dieses Beraubte seinem inneren Wesen nach die Sachgehalt nach verschieden sind, sondern weil der der Kraft
Eignung hat, bewegt zu werden.« (Vgl. das früher über T& eigene Besitzcharakter dem Verlust und Entzug innerlicher
pa8qpat~xhGesagte: Bxivqta - unbeweglich ist das Mathema- verhaftet ist.
tische, sofern es außerhalb der Möglichkeit der Bewegung Mit dem Aristotelischen Satz: niioa 86vapte BGuvapia
überhaupt und erst deshalb auch der der Ruhe ist.) Ebenso ist (s. S. 110) wird nicht gesagt: wo eine Kraft vorhanden ist, da
oxbtos, Finsternis, atEeqa~sfür cpos, das Licht (de an. B 7,418 b ist notwendig faktisch auch eine Unkraft vorhanden, sondern:
18 f.), das Schweigen eine o t k ~ q o ~des
s Redens, Stille eine jede Kraft ist, wenn sie Unkraft wird, das Verlieren ihres Be-
at6gqa~sdes Lärms. Man sieht also nicht, daß und inwiefern sitzes. Sie ist Unkraft eben desselben und einen, dessen die
Kraft und Unkraft in einem vorzüglichen Sinne das >Stere- Kraft kräftig ist. Zwar, um es zu wiederholen, gilt das allge-
tische<Verhältnis bei sich führen. Aristoteles sagt darüber auch mein von jeder I J T ~ Qsie ~ ~betrifft
L ~ , immer ein 8~;~~ixOv - sol-
I I4 Met. O 1. Das Wesen der 66vorpy xazh xiqalv
&es, was etwas an sich nehmen und bei sich haben kann;
I 5 12. Kraft und Unkraft 115
darüber erfahren, inwiefern die behandelte 86vap~snun gerade
allein das 6Ex~a8at,das An-sich-nehmen ist eben der Gwapts 64vaPt<xatdr xivqa~vist. Davon war doch nicht die Rede. Ge-
in einem ausgezeichneten Sinne eigen; so sehr, daß in der wiß, Aristoteles handelt nicht von der petaßohfi als solcher -
griechischen Sprache 64vao8a~und 6Exeo8a~zuweilen gleichbe- aber von ihr gerade, sofern die 86vapt~als ihre bestimmt
deutend werden. wird. Denn was heißt es: 84vapt~ist das Von-wo-aus, das das
Rückläufig sehen wir aber jetzt, daß auch die Nennung der Ertragsame in sich, in den eigenen Bereich einbezieht? Das
&6vvapia und des &64va~ovsowenig wie die vorherige Anfüh- sagt eben, daß die Kraft, auf Grund dieses ihres Wesens, d e m
rung der 66vapy r0.U na8eiv und der E& &na8~ia< nur eine Umschlag von etwas zu etwas überhaupt erst eine mögliche
>Aufzählung<irgend einer Art von Kraft bedeutet, sondern Stätte bietet. Daß ein Aushaltsames in sich ausgesetzt ist sol-
ebenso wie jene ein für das volle Wesen notwendiges Baustüclr chem, was sich an ihm zu schaffen macht, das sagt eben:
sichtbar macht.
In diesem Wechselbezug ist schon m d notwenaig mitge-
Wenn wir kurz hintereinander alle wesentlichen Stücke noch
meint dergleichen wie Umschlag: das zur Gesoalt Bildsame
einmal nennen, dann sind es diese: Zur Kraft gehört das Von-
ebenso wie die bildende Herstellung. MezaßoA.i1 meint daher
wo-aus eines Ausseins-auf, der wechselweise Bezug zum Er-
in der vollverstandenen Leitbedeutung nicht mehr nur einsei-
tragsamen im weitesten Sinne, und beides zeigt den Charakter
tig das aktive Umsetzen, aber auch nicht das passive Ertragen
der einbeziehenden Umzeichnung, die als vorzüglich besitz-
dazu, sondern den Wechselbezug beider als solchen. In diesem
hafte die Möglichkeit des Verlustes und Entzugs bei sich führt.
Sinne ist die petaßoh4 schon in dem Bisherigen miterörtert; sie
Der ausgerichtete Einbezug steht so in einem so oder so be-
fällt so wenig zwischendurch, daß gerade die Aufweisung der
stimmten bzw. gleichgultigen Wie. Das Ev ahq, das als Be-
Bezüge - 86vautq toU noleiv xai ?I&GXELV W S pia - sie in den
stimmung zu & ~ ~ t j g e h ösoll
r t , die so gefaßte Kraft nicht ein-
Blick bringt.
fach bezeichnen als ein dinglich irgendwo anders vorhandenes
Seiendes, sondern meint gerade dieses: Obzwar das Von-wo-aus Und jetzt verstehen wir auch erst recht, was besagt: m dr
in einem anderen ist, ist dieses so bestimmte Andere eben xivqatv, auf Bewegung hin verstandene Kraft. Es bedeutet
gerade solches, was in sich den verhältnishaften und bereich- nicht lediglich, wie es anfänglich schien, daß es sich um eine
besitzenden Bezug hat, also eine Reich-weite. Alle die gewon- Kraft handelt, die nur an einem in Bewegung Befindlichen
nenen Charaktere der Kraft müssen wir beim vollen Verstehen festgestellt werden könne. Sondern die 6 4 v a p ~xat&
~ xiqotv ist
der vorgegebenen Leitbedeutung in diese zurück- und hinein- diejenige, deren Wesensbau in dem Grundphänomen der
verlegen, um dem Verständnis zu genügen, das Aristoteles ver- petaßohfi, eben in dem Wechselbezug von 86vapy zoC nolciv
langt, wenn er sagt: Die Gvv&pet~xatdr xiqotv werden neos und toU H & ~ X E L Vmitgegeben ist, von solcher Bewegung her -
t b ahb 81805 - n g b ~nehzqv yiav angesprochen (vgl. Met. Q 1, auf solche Bewegung hin verstanden ist. Kein Zufall, daß Ari-
1046 a 9 f.). stoteles dort, wo er eigens von der Bewegung spricht, ausdrück-
Aber wie steht es mit der Bestimmung der p~taßohfi,die doch lich auf das Verhältnis von noiqotq und n&tbqatc (bzw. noiqpa
auch in der Leitbedeutung (13~x4petaßohq~)vorkommt? Sie ist und n&8og)zu sprechen kommt (vgl. Phys. I? 3).
bei der ganzen Erklärung des Wesens der Kraft gleichsam zwi- Während so in dem behandelten 1. Kapitel nicht eine Auf-
schendurchgefallen. Und demgemäß haben wir auch nichts zählung und Gruppierung von Arten von Kräften beabsich-
116 Met. C3 1. Das Wesen der ij6vapy xatd xivqalv
tigt ist, sondern gerade die Einheit des gegliederten Wesens-
baus der Kraft überhaupt das Thema ist, so zielt jetzt das
folgende 2. Kapitel auf eine Einteilung der 8vv&pel~xat& ZWEITER ABSCHNITT
xivya~v.
METAPHYSIK O 2. DIE EINTEILUNG DER DYNAMIZ
KATA KINHZIN ZWECKS AUFHELLUNG IHRES WESENS

$ 1 3 . ober hbyos (Kundschaft) und Seele. Die Einteilungen


)kundig - kundschaftslosc und )beseelt - unbeseeltc

1046 a 36-b 2: Exei 6'ai pEv EY t o i ~& ~ ~ X O LEVVJC&QXOW(JLV


S &exai
L SEv qqfi m i t i j ~qvxijs Ev T @
to~aijmr,ai 6' EY t o i ~E ~ ~ ~ X Oxai
hbyov EXOVTL, Gfjhov 6 t xai
~ t 6 v Gwv&pewvai pEv & ( J O V T ~ ~L A O Y O Lai
6E PET& Abyov. »Da nun die einen (von den auf Bewegung hin
verstandenen Kräften) in dem seelenlosen Seienden als dazu-
gehörig und es mit ausmachend vorhanden sind, die anderen
aber in dem beseelten, und zwar in der Seele als solcher, und
zwar in dem Seelenhaften, was in sich ein Reden hat, so ist
offenbar, daß auch von den Kräften die einen redelos sind, die
anderen aber mit einem Reden (geführt durch ein solches).«
Das Kapitel mimd also ganz deutlich eröffnet mit einer Eintei-
lung der BVV&~ELC, und offenbar soll es eine vollständige Ein-
teilung aller möglichen Kräfte sein: at pEv - ai 66. Und welches
ist das Richtmaß der Einteilung? Kurz gesagt: ein Hauptunter-
schied der Bereiche des Seienden, denen je Kräfte zugehören;
EV~JC&QXO~ISLV, dieser A u s h c k meint nicht einfach das Vorkom-
men und bisweilige Auftauchen von dieser oder jener Kraft in
diesem oder jenem Gebiet, sondern in dieser knappen griechi-
schen Prägung liegt die Bedeutung: die Kräfte gehören mit
zum Seinscharakter des betreffenden Seinsbereiches und ma-
chen dessen Sein mit aus; dementsprechend kann die Eintei-
lung der Kräfte am Leitfaden der Einteilung der Seinsbereiche
vollzogen werden. Es ergibt sich eine Einteilung der Kräfte in
Uhoyol
~ I J V & ~ E L ~ und Gvvdrpe~cpet& hbyov: redelose und redege-
führte Kräfte; diese selbe Einteilung bzw. der entsprechenden
118 Met. Q 2. Die Einteilung der Guvapbs xacd xiqabv $ 1 3 . Ober Abyog (Kundschaft)und Seele 119
in b 22 f.: T& Uvev Aoyov Gwvath- ohne Rede, eh xae& Aoyov
G.~vata wesentlich für den Menschen; er kann auch ohne Motorrad
Gwvath- in Anmessmg an Rede (ebenso später 1048 a 3 ff.). existieren. Seiendes, das beseelt ist, kann das Seiende, das es
Diese Einteilung erfolgt gemäß der Einteilung der Bereiche ist, überhaupt nicht sein ohne Beseeltheit. Aber gilt nicht das
des Seienden in seelenloses L X P ~ beseeltes. Und doch decken gleiche vom motorradbesitzenden Menschen? Dieser kann doch
sich die beiden Einteilungen nicht ohne weiteres. Um hier ein solcher auch nicht sein, ohne motorradbesitzender Mensch
durchzusehen und die Bedeutung der Einteilung für die Auf- zu sein. Gewiß, aber er kann doch, falls er ein Motorrad nicht
gabe der Wesensbestimmung der B d v a p ~xath ~ xivqo~vabzu- besitzt, immer noch das sein, was er, ob motorradbesitzend
sehen, gilt es, mehreres, wenn auch kurz, zu erörtern. oder -nichtbesitzend, schon ist, ein Mensch, also dieses, was er
Zunächst die Einteilungen und das Einteilen. Die Scheidung sogar überhaupt sein muß, um dergleichen wie ein Motorrad
des Seienden in unbeseeltes und beseeltes scheint klar zu sein; besitzen zu können. Wenngleich in beiden Einteilungen auf
sie ist aber, scheint es, auch ebenso nichtssagend wie jede nega- den Besitz und Nichtbesitz von etwas hin eingeteilt wird, so
tive Einteilung als Zweiteilung, Dichotomie. Diese Art Eintei- hebt doch im ersten Fall der Nichtbesitz (des Motorrads) das
lung hat zwar den Vorzug, jederzeit richtig und vollständig zu Sein des Besitzenden nicht auf; das, was da im Besitz ist, stellt
sein; so ist etwa die Einteilung sämtlicher Menschen unseres keine Wesensbestimmung dessen dar, was da eingeteilt wird,
Planeten in motorradbesitzende und motorradnichtbesitzende der Menschen. Bei der zweiten Einteilung dagegen wird auf
ebenso vollständig wie richtig. Wir merken sofort, daß diese Besitz und Nichtbesitz von solchem hin eingeteilt, was zur
Einteilung nicht viel besagt, weil wir beliebig viele andere Seinsverfassung des betreffenden Seienden überhaupt gehört,
dieser Art ins Endlose vorlegen können. Beschränken wir demgemäß das Nichtbesitzen, das Entzogenbleiben nicht un-
den Einteilungsbezirk nicht auf die Menschen, sondern er- wesentlich, die Negation eine wesentliche ist. Aber man könnte
weitern wir ihn auf alles Seiende, dann scheint es, daß mit doch sagen, wenn Seiendes Beseeltheit nicht besitzt, dann kann
Bezug auf dieses die Einteilung in unbeseeltes und beseeltes es doch noch Seiendes bleiben und sein. Gewiß, aber was es
bzw. lebloses und lebendiges denselben zweifelhaften Charak- dann noch ist, ist gerade nicht mehr das, was es zuvor war als
ter hat wie die genannte Einteilung aller Menschen: Seiendes, Seiendes. Läge der eiste Fall ebenso, dann müßte durch den
was Seele nicht besitzt, und solches, was dergleichen besitzt, Verlust des Motorrads der Mensch zu einem Tier oder sonst-
unbeseeltes - U q q o v und beseeltes - Ey$wxov. Die Weise des welchem andersartigen Seienden werden. Aus dem Fehlen
Einteilens, die Form, das Formale ist dasselbe; nur das Was eines Motorrads bei einem Menschen kann sich vielerlei in un-
des Eingeteilten ist ein anderes. bestimmter Weise ergeben; z. B. daß der Betreffende vielleicht
Und doch ist diese letzte Einteilung, die in die beiden Seins- nicht das nötige Geld zur Anschaffung hatte, oder daß er ein
bereiche, eine andere als die in motorradbesitzende und motor- solches Fahrzeug nicht braucht, oder daß er ein solches Ding
radnichtbesitzende Menschen, ganz abgesehen vom Charakter überhaupt geschmacklos findet, oder daß er gar nicht auf den
und der Weite des eingeteilten Bezirkes. Obzwar in beiden Gedanken kommt, über Besitz oder Nichtbesitz mit sich zu
Fällen formal so etwas vorliegt wie eine negative Zweiteilung, Rate zu gehen. Dagegen ist mit dem Nichtbesitz der Beseelt-
so fragt sich doch noch, wie das, woraufhin eingeteilt wird, heit notwendig ganz Bestimmtes gegeben. Durch Beseeltheit
sich zu dem verhält, was eingeteilt wird. So ist der Mo- ist ein Seiendes ein Lebendes. >Leben<aber ist eine Weise des
torradbesitz zwar eine Bestimmung des Menschen, aber nicht Seins; wenn also diese Weise des Seins überhaupt fehlt, das-
120 Met. O 2. Die Einteilung der G'Ovapbsxazd xivqa~v $' 13. Ober Abyog (Kundschaft) und Seele
jenige aber, dem sie fehlt, gleichwohl doch als seiend ange- Eine Einteilung darf nicht von außerhalb herangebracht
sprochen wird, so ist damit die Anweisung auf jene Bestim- werden an das Einzuteilende; als etwas, was zum Sein des Ein-
mungen gegeben, die notwendig dieses leblose Seiende als geteilten gehört, muß dasjenige, woraufhin eingeteilt wird,
Seiendes im Unterschied zum Lebendigen in seinem Sein be- herausgenommen werden aus dem, was eingeteilt werden soll.
stimmen. Wir werden darauf aufmerksam, daß das Leblose Was ist nun mit der Einteilung der Guv&yeiqin redelose und
etwas anderes ist als das Tote; ein Stein ist nie tot, nicht des- , redegeführte? Ferner: wie verhält sich diese Zweiteilung zu
halb, weil er ständig lebt, sondern weil er überhaupt nicht lebt der Zweiteilung in das seelenlose und beseelte Seiende? Es
und daher den Tod überhaupt nicht kennt. Die zweite Eintei- scheint sich um eine einfache Deckung zu handeln, doch dieses
lung ist, obzwar formal mit dem ersten Beispiel gleich, doch Verhältnis ist keineswegs ohne weiteres klar, wie sich zeigen
von anderem Charakter, sie sagt mehr, d. h. zu ihrem Vollzug wird.
verlangt sie wesentlich mehr: den Blick auf die Seinsverfas- Wir gehen von der ersten Frage aus: Was heißt 84vay~q
sung des betreffenden Seienden als solchen. iXAoyo5 bzw. PET& hbyov? Was meint hier Abyoq? Wir übersetzen
Mit all dem haben wir nur für unsere nächsten Zwecke zwei mit »Rede«. Was hat aber gerade das Reden mit der Kraft
Fälle des Einteilens nebeneinandergehalten. Diese überlegun- zu tun, so daß mit Bezug auf Abyoq eine Wesenseinteilung der
gen scheinen trivial, und doch verbirgt sich dahinter ein ent- ~ U Y & ~ E Lzustande
S kommt?
scheidendes Problem. Was die Einteilung des Seienden in Über die ursprüngliche Bedeutung von hbyoq haben wir
wesensmäßige Bereiche anbetrifft, im Unterschied zu dem gleich zu Anfang dieser Vorlesung gehandelt. AEYELV: lesen,
gewöhnlich vollzogenen Einteilen eines Gebietes von Gegen- zusammenlesen, sammeln, das eine zum anderen legen und so
ständen, was hier >Bereich<überhaupt sagt, das umschließt das eine zum anderen in ein Verhältnis setzen; und damit
eigentümliche Fragen, die wir bisher in der Philosophie noch dieses Verhältnis selbst setzen. Abyog: die Beziehung, das Ver-
viel zu leicht genommen haben; so daß wir auch weder das hältnis. Das Verhältnis ist das, was die darin stehenden zusam-
Wesen noch den Rechtsgrund der hier vollzogenen Einteilung menhält. Die Einheit dieses Zusammen beherrscht und regelt
hinreichend klargestellt haben. die Beziehung der sich Verhaltenden. Abyoq ist daher Regel,
Wenn Aristoteles daher die Einteilung der 8vv&pElqauf eine Gesetz, und zwar nicht als über dem Geregelten irgendwo
solche wesentliche Einteilung der Seinsbereiche zurückbezieht, schwebend, sondern als das, was das Verhältnis selbst ist: die
also auf eine Einteilung der Seinsweisen, und wenn, wie wir innere Fügung und Fuge des in Beziehung stehenden Seien-
hörten, die 8vv&p~iq als solche je zum Wesen des Seins gehören, den. A6yoq ist das regelnde Gefüge, die Sammlung des unter
dann erfahren wir mit dieser Einteilung der Gvv&palqzugleich sich Bezogenen.
etwas Wesentliches über die 84vapy überhaupt und ihre We- Ein solches Sammeln, das nun die Bezüge der Bezogenen
sensmöglichkeiten. Dann aber ist auch die Erörterung des 2. und damit diese selbst, also die einzelnen Dinge einsammelt,
Kapitels in dieselbe Ebene zu bringen wie die des ersten. Wir zugänglich macht und bereithält und so zugleich beherrschen
haben daher nicht minder auf das zu achten, was sich an We- läßt, ist das Gefüge, das wir )Sprachec nennen, das Sprechen;
sentlichem über die Giivayiq xat$ xivqo~vüberhaupt ergibt, als aber dieses nicht so sehr verstanden als Verlautbarung, sondern
auf ihre Abwandlungen in den genannten Seinsbereichen. im Sinne des sprechenden Etwas-sagens, Etwas-meinens: von
* etwas, über etwas zu jemandem, für jemanden reden. Abyoq
122 Met. O 2. Die Einteilung der 6'uvap~qxat&xivqu~v $13. Ober h6yoq (Kundschaft) und Seele 133
ist die Rede, das sammelnde Darlegen, einigende Kundmachen schaft ist in dem, was es ist und wie; ohne Kundschaft: ohne
von etwas; und zwar in 'dem weiten Sinne zunächst, der auch die Möglichkeit, eine Kunde zu nehmen, zu vernehmen bzw.
das Bitten, 'die Bittrede, das Gebet, das Fragen, das Wünschen, zu geben und daher erst recht außerstande, etwas zu erkunden
das Befehlen und dergleichen umfaßt. Eine Weise der so weit und in einer Sache kundig zu sein. MET&hbyov dagegen ist
verstandenen Rede ist die einfache Aus-sage über etwas, wobei solches, das in dem, was es ist und wie es ist, mitdabeihat
die Rede dieses leistet, daß sie das, wovon 'die Rede ist, in einem Kundschaft: die Möglichkeit der Kundnahme und Kundgabe
betonten Sinne kundmacht, nämlich das, worüber die Rede und damit die Möglichkeit des Erkundens imd Kundigwerdens
ist, einfach an ihm selbst sehen Iäßt. Aber auch das Fragen und so des Kundigseins.
ist ein Kundmachen im Sinne des Er-kundens; das Gebet ist Aristoteles teilt also, wie wir hörten, die Gvv&ye~gnat&icivqaiv
ein Kundmachen im Sinne des Bekundens und Bezeugens, ein in redelose und redegeführte, kundschaftslose und kundige.
ebenso der Wunsch, oder die Weigerung, in dem Sinne, daß Und zwar gewinnt er die Einteilung im Rückgang auf eine
wir etwas absagen, versagen u.s.f.; auch die öffentliche Rede Einteilung des Seie den in äqvxa (seelenloses) und Epqvxa
ist ein Ankündigen, Verkünden und Künden. Abyog ist also
Rede in dem ganzen weiten Sinne des mannigfaltigen Kund-
1
(beseeltes). Also ents richt das ähoyov dem äqvxov und das
PET& hbyov dem Ip~vXo'Y. Allgemein entsprechen sich hbyo; und
machen~und Kundgebens, der ,Iiundschaftc. qvxq, Seele. Wo Abyog, da qrvxq, und wo W V X ~und Epqvxov, da
Die geläufigen ubersetzungen von hbyog als Vernunft, Urteil, hbyos und PET& hbyov. Oder gilt dieses letztgenannte Verhältnis
Sinn treffen nicht den entscheidenden Bedeutungsgehalt: des nicht ohne weiteres? Sehen wir zu.
sammelnden Fügens und Kundmachens; sie verfehlen das ur- Im Hinblick worauf sind ä~#vxovund Epqvxov unterschieden?
sprünglich, eigen Antike und damit zugleich Wesentliche des Aristoteles in »De anima« B 2, 413 a 20 ff.: AEyop~v.. .
Wortes und Begriffes. Ob nun in der Ursprungsgeschichte des 6~weio6aizb Epqvxov toC &~.Vxov T@ cijv. »Wir sagen, daß unter-
Wortes Abyog sogleich die Bedeutung des sammelnden Fügens schieden, ausgegrenzt sei das Beseelte gegen das Unbeseelte
zusammengeht mit der Bedeutung des sammelnden Sagens, durch das Leben, Lebendigsein.« Allein diese Auskunft sagt
das die Sprache immer schon übernommen hat, und zwar in nicht viel, weil\Aristoteles sofort anmerken muß: nhaovaxo~
der Weise der Kundschaft, ob sogar gleich anfänglich Sprache 6E TOU cijv AeyopEvov, »Leben wird in vielfacher Weise verstan-
und Rede als die nächste sowohl wie eigentliche Grundweise den«. Was Lebendes zu solchem macht, im Wesen als soseien-
des sammelnden Fügens erfahren wurde, oder ob erst die Be- des bestimmt, kann Mannigfaltiges sein. Pflanze, Tier, Mensch
deutung des Zusamrnenlesens und -fügens auf die Sprache meinen alle Seiendes, das lebt, und gleichwohl ist die Weise
nachträglich übertragen wurde, vermag ich nach meiner ihres Seins verschieden. So haben z. B. weder Pflanze noch
Kenntnis der Dinge nicht zu entscheiden; gesetzt, daß die Tier, obzwar bestimmt als twq, doch keinen ßiog, kein Leben
Frage überhaupt entscheidbar ist. (In jedem Falle finden wir im Sinne einer Lebensgeschichte, d. h. nicht die Möglichkeit
innerhalb der Philosophie bei Heraklit schon die Vielfältigkeit eines freigewählten und gestaltbaren Daseins, das sich in dem
der Bedeutungen von hbyog.) hält, was wir Haltung nennen, - und demgemäß auch nicht
Was besagt also jetzt, auf Grund dieser Klärung des Wortes die Möglichkeit eines haltlosen Draufloslebens. Trotzdem kann
hbyog, die Bestimmung ähoyos und PET& AOyov? "Ahoyog: redelos: und muß gefragt werden, ob nicht doch überhaupt ein Unter-
ohne Kundschaft; damit ist solches gemeint, was ohne Kund- schied festzulegen sei zwischen solchem, was ist in der Weise
121 Met. O 2. Die Einteilung der G'uvap~
xazh niqa~v 5 13. Ober A6yos (Kundschaft) und Seele 195
des Lebens, unbesehen der Unterschiede innerhalb des Leben- ähoyov - koyov E ~ o vnicht. Mithin gibt es auch innerhalb der
den, und solchem, was ist in der Weise des Leblosen. &pqv~a, der beseelten Lebewesen, ähoya (Pflanze, Tier).
Aristoteles gibt in der Tat, und zwar in derselben Abhand- Wo q w ~ f i ,da "cht schon h6yo~.Damit stimmt zusammen,
lung einen solchen Unterschied an und sagt damit zugleich, was Aristoteles in der ~NikomachischenEthik« Z 2, 1139 a 4
was die Seinsweise im Sinne des Lebens als solche auszeichnet sagt: 66' E I V ~ L ~ t r qv~ijs,
pk~q j ~ TE hbyov EXOV nai zb ähoyov.
(de an. A 2,403 b 25 f.): zb Epqqov 64 TOG &1#6xovGwoiv p&h~oza »Es gibt zwei Teile der Seele, einen solchen, der bestimmt ist
~ ~ ~ ( P ~ Q~ EOL U
VXE~L ,~ ~ TE
E L xai T@ aio&iveo6a~. »Durch zwei als redegeführt, und einen solchen, der redelos ist.« Eine Un-
Charaktere scheint sich das Beseelte vom Unbeseelten am mei- terscheidung innerhalb des Seelischen, die auch Plato schon
sten und ehesten zu unterscheiden: durch Bewegung und kennt. Wenn aber der Bereich des ähoyov sich in den des
Wahrnehmen.« Mit xlvqa~sist hier gemeint das Sich-bewegen, E ~ ~ V X Ohineinerstreckt,
V dann kommt in den Begriff des ähoyov
nicht nur im Sinne des Ortswechsels, sondern im Sinne der eine Doppeldeutigkeit: ähoyov ist sowohl ein Stein als auch
Nahrungsaufnahme, des Wachstums und Verfalls. Was aber eine Rose; vgl. Met. Q 5, 1048 a 3 ff., hier wird ausdrücklich
das Lqv pbvov - das Nur-dahin-leben, >Vegetieren<,unterschei- ..
gesagt: T& ähoya . Ev &pqoiv- das redelose, kundschaftslose
det gegen das @ov- das Lebewesen im Sinne des Tieres, ist Seiende findet sich nämlich in beiden: im Unbeseelten und im
dieses, daß dem >nur Lebenden< das fehlt, was dem S@ov Beseelten; aber Stein und Rose sind äAoya in einem verschie-
eignet: a'io6qo~~ (n~hzos) - das Wahrnehmen. denen Sinne, und wir können hier sogleich anwenden, was
Lebendes ist immer umgeben, bezogen auf Umgebung, wo wir über die verschiedenen Weisen der o ~ E ~ q ogehört
y haben.
das Umgebende in irgend einer Weise sich gibt; in einer Weise So sehen wir, das Aoyov E~ovist zwar notwendig ein Epqvxov,
freilich, deren Bestimmung eigenste Schwierigkeiten hat und aber nicht jedes Epqwxov ist notwendig ein hoyov E~ov.Aber
zudem der Gefahr ausgesetzt ist, überbestimmt zu sein. Grund- hier erhebt sich wieder die Schwierigkeit, die wir bereits streif-
form der a'io+qo~g,des Verhältnisses zur Umgebung als solcher ten. Zum Wesen des Tierseins (der Tierheit) gehört a"l6quy
ist die tzcpfi, das Berühren, Betasten, Greifen (sodann die ande- (das x~~z~xov). Ist das nicht schon eine Weise des hoyos, der
ren Formen bis hin zur (iq~s). Kundschaft? Und so ist am Ende das Tier doch r@ov h6yov
Pflanze und Tier sind also beseelt, Epqwxa. Das LQov hat Exov? Allein dem steht gegenüber, daß diese Bestimmung ge-
sogar die Möglichkeit des Nehmens dessen, was sich in der rade die Wesensdefinition des Menschen ist. Hier zeigt sich
Umgebung gibt, hat zb X Q L T L ~ ~(IV' 9 Anf.): die Möglichkeit eben: Die Frage, ob das Tier auf Grund der a'io6qo~snicht
des Heraus- und Abhebens von etwas, z. B. das Erspähen der doch auch hoyos habe, kann nur dann entstehen, wenn wir
Beute, das Auflauern, das Kundigsein, Kennen der Beuteplätze, Aoyos als Kundschaft fassen, statt uns an die altbekannte und
<dasSichschützen gegen Angreifer u.s.f. Dem Tier eignet also eindeutige Auffassung und Obersetzung von Aoyos qua Ver-
das Erkunden. Also ist das Tier p ~ z & hoyou? Doch nicht, denn nunft zu halten. Tun wir das, dann wird alles mit einem
es gilt gerade als auszeichnende Definition des Menschen im Schlage klar: Das Tier mag zwar eine gewisse Weise des Erkun-
Unterschied zum Tier, daß er S@ovhoyov E ~ o vist - dasjenige dens und Wahrnehmens haben, es bleibt doch unvernünftig,
Tier, das über Kundschaft verfügt. Demnach ist dann das Tier im Unterschied zum Menschen, der das vernünftige Tier ist;
Q o v ähoyov; aber qua L@ov doch Epqvxov, mithin nicht ä~pw~ov. wie Kant es faßt: das Vieh kann nicht >ich<sagen, es hat kein
Also decken sich die Einteilungen von äqv~ov- Epqvxov und Selbst. Gewiß wird so alles einfach ixnd glatt - aber die Frage
126 Met. O 2. Die Einteilung der G'uvap~qxazh xiquiv $13. ober hbyoq (Kundschaft) und Seele
bleibt, ob wir so der Aristotelischen Fragestellung im Kern zeichnet. Dabei lasse ich die schwierige Stelle de an. B 12,
nahe bleiben und ob wir so den ursprünglichen antiken GehaIt 424 a 26 ff. beiseite, wo die a'io6qcrLq direkt als hbyoc t y bezeich-
des hbyos-Begriffes festhalten. Dabei sehen wir ganz ab von 1 net wird. Man darf hier hbyoi; weder nur fassen als Verhältnis
der Schwierigkeit, zu sagen, was da Vernunft bedeutet, in wel- noch als Vernunft oder Rede im Sinne von Sprache, sondern
chem Sinne >Vernunft<verstanden werden soll. Wir müssen gemeint ist eben in dem h b y o ~TLS das vernehmende Erkunden
uns fürs erste an das halten, was Aristoteles an Tatbeständen I und kundehabende Sichbeziehen a u f . . ., der kundenehmende
aufweist: daß eben das Tier aia6qt~xbv,xeit~xbvist - in der Bezug zu Umgebung, zu dem, was in der Umgebung als Ent-
Weise des Abhebens, und ebensowenig dürfen wir die entfal- 1 gegenliegendes, als Bvr~xrip~vov sich darbietet.
tete Bedeutung von A6yos im Sinne von Kundschaft beiseite I
Damit ist das Verhältnis der beiden Einteilungen äqvxov -
schieben. Dann fordert es freilich die Sache, daß wir dem Tier Epqqov und ähoyov - Abyov E~ovso weit geklärt als für uns
nicht ohne weiteres den Abyos absprechen - bzw. die Frage nötig. Zurück zu unserem Text (Met. O 2, 1046 a 36 ff.). Wir
offen lassen. Und genau das ist die Stellungnahme des Aristo- sind jetzt imstande, schärfer zu lesen und zu beachten, daß
teles, der de an. I' 9, 432 a 30 f. ganz eindeutig sagt: t b Aristoteles all dem vorher Gesagten schon Rechnung getragen
nio6qt~xbv,Ö ocw hg ähoyov octe 6s hbyov gxov 6 ~ i q&V aLc I hat. Mit ai pEv - ai 6E setzt er nicht einfach 6 1 ~ v x aund
gq6ioc. »Keiner möchte leichthin bezüglich des Wahrnehmen- E p q q a , Unbeseeltes und Beseeltes einander gegenüber, son-
könnens ausmachen, ob das ein erkundungsloses oder ein kun- dern er bestimmt näher, in welcher Hinsicht er die Epquxa
diges Vermögen ist.« Diese Vorsicht der Entscheidung und des meint, indem er sagt: xai Ev q v x n (a 37) - und zwar das Be-
Fragens muß auch heute noch für uns vorbildlich bleiben, 1 seelte, d. h. beseelte Leibliche lediglich nach seiner Beseeltheit
ganz abgesehen von der weiteren Frage, wo die Wesensgrenze genommen (»in der Seele als solcher«). Damit ist also ausge-
zwischen Tier und Mensch verläuft. I schaltet das Leibliche, das zwar mit dem Körperlichen im Sinne
Abyog heißt nicht Vernunft. Das Aristotelische Problem hat der Verfassung eines materiellen Naturdings sich nicht deckt,
überhaupt nur Sinn, wenn hbyog mit a'iu8quy eine gewisse aber eben doch Vorgänge, z. B. >chemisch-physikalische(zeigt;
innere Verwandtschaft hat, die in dem liegt, daß beide, das die, ohne die Beseeltheit zu beachten, in gewissen Grenzen
Erkunden ~ u i dKunde-haben ebenso wie das Wahrnehmen, I faßbar sind; in diesem ausgeschalteten, aber zum Beseelten
etwas, wozu sie sich verhalten, irgendwie aufdecken, unverbor- I gehörigen Bereich gibt es ähoya. Aber auch Ev ti q v x n ist noch
gen haben; airr6qo~csteht ebenso wie hbyoq im Zusammenl~ang keine eindeutige Bestimmung; Beseeltheit ist auch die spezi-
mit U ~ ~ ~ E (was
~ E Lzunächst
V mit Erkennen im Sinne des theo- fische Lebendigkeit des Pflanzlichen, die (wenngleich Seeli-
retischen Erfassens und Meinens gar nichts zu tun hat). t
sches) immer noch ähoyov ist. Nur wenn das Beseelte in seiner
Wie sehr Aristoteles daran denkt, auch dem Tier in gewis- Beseeltheit in einer ganz bestimmten Weise genommen wird
ser Weise hbyoc zuzusprechen, Kundschaft im Sinne des um-
I
- als jenes Seelische, das hbyov Exov ist, nur dann ist das
sichtigen Sichauskennens, das zeigt Met. A 1, wo Aristoteles F p ~ v x o vder Gegenbegriff zum ähoyov.
einigen Tieren die Möglichkeit des rpgov~pGtegov (980 b 2l), Das Seelische, das hbyos hat, ist dabei nicht so gemeint, als
also eine gewisse cpebvqa~s- so etwas wie eine Umsicht zu- habe es den hbyog, die Kundschaft (Rede) nur als Beigabe, son-
spricht; wobei zu beachten ist, daß rpebvqay sonst das sittlich- dern dieses E X E ~ V , dieses Haben meint ein Sein: in der Weise
I
praktische Verhalten, die Selbstbesinnung des Menschen be- dieses Habens und auf Grund seiner sich so und so gehaben,
128 Met. 8 2. Die Einteilung der GGvay~gxata xiqaiv I?. ober Aoyos (Kundschaft) und Seele 129
halten und verhalten; dieses Exeiv meint Haben als Verfügen Welt im Anruf des Gottes. Heute dagegen sieht man die
über.. ., in Kraft sein zu und vor allem durch Kundschaft Sprache primär von dem aus, was man Konversation und Ge-
(Abyo~),meint: in sich, von sich aus kundig sein. schwätz zu nennen hat; entsprechend dem ist auch die Zuge-
Dieses Abyov E ~ o vist wieder gedoppelt (Eth. Nic. Z 2, 1139 a hörige Philologie.
12) in das h~aqpov~xbv und das Aoy~atixbv;Eniatfipq: sich ver-
stehen auf etwas, etwas kennen und erkannt haben; hoy~apbc:
umsichtige Berechnung, Uberlegung und damit bezogen auf Kap. 2 beginnt mit einer Unterscheidung der Gvv&pei~. Die-
Wahl und Entscheildung. Beides gehört zum hbyoc als Kund- ser Unterschied ist durchlaufendes Thema, und zwar in der
schaft, auf Grund davon der Mensch kundig ist in den Dingen, Absicht, von da ein ursprüngliches Verständnis der 82jvapi~
sie erkundet, aber zugleich kundig ist über seine eigenen Mög- m t &xivqaiv überhaupt zu gewinnen. Die Einteilung in QAoyov
lichkeiten und Notwendigkeiten, - diese Kundschaft ist in und petd Abyov wird zurückgebracht auf die von äqv~ovund
einem Ansprechen und Besprechen der Dinge ein: sich mit sich Epi~,v~ov.Wir gewannen folgende Klärungen: 1. Abyo~- von
selbst und anderen besprechen, mit sich zu Rate gehen, sich ACyeiv: sammeln, in Beziehung und Verhältnis bringen - heißt
zur Rede stellen, >ich<sagen. >Sprache<jetzt in dem ganz wei- Verhältnis, Beziehung, Regel, Gesetz, regelndes Gefüge, >Spra-
ten Sinne des Abyoq als kündender Sammlung, Gesammeltheit che<im Sinne von Rede, Kundschaft. 2. Der Unterschied von
des Seienden in >Einem<; im Dasein, das zugleich Zerstreuung tihoyov und petta hbyov bedeutet demnach: kundschaftslos und
ist. kundig. 3. Der zugrundegelegte Unterschied Epqv~ov- tiqv~ov
So verstehen wir die Bestimmung: Der Mensch ist S@OV wird getroffen in Hinsicht auf das Q v (das Lebendigsein) und
Abyov E~ov- das Lebende, das so lebt, daß sein Leben als Weise deutlicher noch durch die Charaktere xivqa~qund alo8qaic bzw.
zu sein ursprünglich bestimmt ist durch das Verfügen über die x~itixbv(durch sie läßt sich auch vom Ciiv pbvov das c@ovunter-
Sprache. Das ursprüngliche Verständnis der Sprache und ihrer scheiden). Die a'ia9qay als hbyo~TL< ist kundmachender und
fundamentalen Bedeutung für die Wesensbestimmung des -gebender Bezug zur Umgebung. Nicht leicht festzusetzen ist,
Mensclien kommt im' Griechischen dadurch zum Ausdruck, daß ob das Tier tihoyov oder Abyov E ~ o vist; indem a'ia8qoi~ein Ver-
es kein Wort gibt für Sprache in unserem Sinne, sondern so- hältnis zur Umgebung, ein Kundnehmen ist, ist nicht gesagt,
fort dasjenige, was wir >Sprache<nennen, als Abyoq bezeichnet daß das, was sich da kundgibt, als Seiendes vernommen wird.
wird, als Kundschaft. Der Mensch »hat das Wort«; es steht bei Der Mensch aber ist das S@ov Abyov E~ov,dasjenige Lebewesen,
ihm selbst, wie er sein Sein sich kundgemacht hat und wohin das seinem Wesen nach und für sein Wesen die Sprache hat,
er sich im Ganzen des Seienden gestellt sieht (vgl. Plato, Kra- besser: die Rede, genommen in dem ursprünglichen Sinne des
tylos 399 C). Sein in Kraft der Sprache -; Sprache dabei frei- Sichaussprechens über die Welt und zu der Welt in der Dich-
lich nicht lediglich als Mittel des Aussagens und Mitteilens, tung. Aus diesem Begriff von Abyo~ist zu entnehmen, was
was sie zwar auch ist, sondern Sprache als dasjenige, worin die >Logik<bedeutet, nämlich eine philosophische Erkenntnis des
Offenbarkeit und Kundschaft der Welt überhaupt aufbricht Abyo5 - etwas ganz anderes, als was wir unter Logik, sei es
und ist. Sprache ist daher ursprünglich und eigentlich in der formale oder transzendentale Logik, zu verstehen pflegen.
Dichtung, diese freilich nicht genommen als Beschäftigung Das Seiende, das im eigentlichen Sinn pet& Abyov ist, d. h.
von Schriftstellern, sondern in der Dichtung als Ausruf von existiert, sind wir selbst, der Mensch. Im Text (Met. 0 2,
130 Met. O 2. Die Einteilung der 8itva~tsxazh xivqa~v 5 14. Die 6Vvayy PET& h6yov 131
1046 a 37) bedeutet also das zweimalige: xai, xai nach EV tois Aus allem ersehen wir, wie überhaupt der griechische Begriff
Epq6xoy eine fortschreitende Einschränkung und damit zu- der Erkenntnis wesentlich von da her bestimmt ist, nämlich
gleich Erläuterung dessen, was mit Epquxov gemeint ist. Damit aus dem menschlichen Grundverhältnis zum Werk, zum
ist zugleich zugestanden, daß der Bereich des ähoyov sich mit Vollendeten, Voll-endlichen. Freilich hat das gar nichts zu tun
dem des Eyqvxov überschneidet und daß dessen Bereich sich mit einem >primitiven<Weltverständnis in einem kunsthand-
nicht deckt mit dem des peth hbyov. werklichen Hoilizont, im Unterschiled zu unserem vermeintlich
höheren mathematisch-physikalischen. Den inneren Zusam-
menhang des griechischen Erkenntnisbegriffes und damit des
$14. Das ausgezeichnete Verhältnis von Kraft und Kundschaft Wesens des hbyoc mit dem Werk werden wir noch deutlicher
i n der SVvap~qPET& Abyov, d e m Vermögen verstehen, wenn wir nach dem Verhältnis von 6"iiayLq und
hbyoq fragen.
Die Einteilung in äAoya und 6vta PET& hbyou 'so11 nun in sich Wir nennen nun diejenigen ~ W V & ~die E Lzwar
S , Epquxa aber
aufnehmen eine solche der zugehörigen ~ I J V & ~ E L SGenauer
. ge- doch ähoya sind, bzw. eine Zwischenstufe zwischen ähoya und
sprochen: was yez& hbyov ist, hbyov EXOV - verfügend über.. ., hbyov Exovta, Fähigkeiten. Allein diese Unterscheildungen und
das ist in sich schon in Kraft zu etwas, so zwar, daß eben diese Festsetzungen von zugehörigen Benennungen mögen sehr
Kraft zu. . . nur ist, was sie ist, indem Kundschaft zu ihr dienlich sein, sie bleiben leer und gefährlich, solange sie nicht
gehört. Kundige Kraft - 8 6 v a p ~PET&
~ hbyov; wir wählen für mit dem zugehörigen Sachverständnis erfüllt sind. Und so ist
diese Weise von Kräften den Ausdruck )Vermögcnc. denn überhaupt die Frage wieder aufzunehmen, ob hier Ari-
Aristoteles sagt 1046 b 2-4: SLO ni'ioa~ ai tkxva~ xai ai stoteles lediglich Bereiche einteilen und Arten von Kräften
no~qt~nai in~ozijpa~
6vv&y&is Eiaiv. &gxaiy&gyetaßAyt~xai~ioiv&V aufzählen will oder ob auch hier seine Absicht auf anderes
3 h h q rj fi älho. »Daher sind alle Fertigkeiten und Weisen des zielt. In der Tat gilt das letztere.
Sichverstehens auf Herstellung von etwas Kräfte (in unserem Schon bei einer rohen Lesung fällt auf, daß im folgenden
Sinne also Vermögen); denn sie sind solches, von wo aus als in ständig vom hbyos die Rede ist, und zwar in Bezug auf 66vapy.
einem anderen dieses ausgerichtet ist auf ein Umsetzen- Die leitende Absicht geht dahin, durch Aufhellung des ausge-
können.« zeichneten Verhältnisses zwischen 8.Clvap~~und Abyo~das 'Wesen
der O6vap~qnoch eindringlicher sichtbar zu machen und vor
Die xo~yttxfiEn~otfipqist ein Sichverstehen auf noiqors, auf allem eine Frage vorzubereiten, die in innerem Zusammen-
Herstellen und Werk, und nicht bloße En~otqpq,nur ein Sich- hang mit der Frage nach der 6 6 v a p ~xat& xivqa~vsteht, die
auskennen, ein Kennen; solches Sichauskennen in den Dingen Frage nach der Evkgyeia xat&xivqo~v(vgl. Met. O,Kap. 3-5).
macht sich nicht auch an ihnen zu schaffen, sondern läßt sie Dieses Verhältnis von hbyo~und SUvap~qgewinnt dadurch seine
stehen, wie sie sind, um lediglich das zu erkunden und in dem Aufhellung, daß die SVvapy PET& Abyow ständig abgehoben
kundig zu sein, was und wie sie sind. Diese Weise der Kund- wird gegen die OGvap~qtihoyo~.Die 66vapy pet& hbyov selbst
schaft ist die Wissenschaft, die En~atfipqnolqtlxfi (dagegen ist verlangt eine neue Erörterung des schon berührten Zusam-
zkxvq. (Vgl. Eth. Nic. Z 3 U. 4) Aber auch zkxq kann die Be- menhangs zwischen 66vap~cund ozkgqo~q(vgl. S. 154 ff.).
deutung des einfachen Sichauskennens in den Dingen haben.
152 Met. O 2 . Die Einteilung der 6Gvay~qxath xiqalv $ 1 4 . Die 64vapy pet6 Abyov 133
a) Dem Vermögen ist notwendig ein Bereich gegeben und Unterschied in der Reichweite des Bereiches der beiden Kräfte.
darin Gegenteiliges Und Aristoteles ist im Irrtum. Allein, will er überhaupt das
sagen, was wir durch die eben angestellte uberlegung zu
Wir zerlegen die folgende Betrachtung in einzelne Schritte. bestreiten versuchten? Sollen wir darauf aufmerksam werden,
daß bei der 6"Oap~qpetd AOyov in Bezug auf das, worauf sie
1046 b 4-7: nai ai pkv petd A6yov näua~tOv Evav~iwvai
sich richtet, nur mehr vorkommt als bei der 86vayy ähoyog?
L Evbq, oSov t O ~ E Q ~ Otot
actai, ai 6' ~ A O ~ Oyia V Iq~~yaive~v
pbvov, Oder soll nicht vielmehr gezeigt werden, daß in der 66vapy
fi 6' iate~xilv600v xai 6y~eiag.»Und zwar gehen nun die Kräfte, pet& A6yov auch das Gegenteil vorkommt dessen, worauf sie
die in sich kundig sind, alle je als dieselben auf das Entgegen-
sich bezieht? Aber weshalb wird bei der Erwärmung das Ge-
liegende, die kundschaftslosen aber als eine auf ein Einziges, genteil verschwiegen, Beseitigung und Verschwinden der Kälte
z. B. das Warme einfach nur auf das Erwärmen, die ärztliche
und damit diese selbst? Das Gegenteil der Wärme spielt hier
Kunst aber auf Krankheit und Gesundheit.«
doch auch eine Rolle. Mit welchem Recht sagt aber trotzdem
Es wird jetzt verdeutlicht, was der Kundschaftscharakter Aristoteles: fi 66vayy yetd Abyov tOv Evavtiwv, fi 66vap~gähoyo~
einer 86vay~qbedeutet, was sich damit für das 'Wesen der EvOg ybvov - die in sich kundige Kraft, das Vermögen, geht
66vay~qergibt, und das wird geklärt durch eine Abhebung der auf das Entgegenliegende, die kundschaftslose nur auf eines?
Kundschaft besitzenden gegen die nichtbesitzenden GVV&~EY. Doch sehen wir zu! Dergleichen sagt Aristoteles ja gar nicht;
Das In-sich-kundig-sein (petd Abyov) einer Kraft bringt es mit sondern sein Gedanke ist: 4 6 6 v a p ~yet&~ A6yov tOv Evavtiwv fi
sich, daß eine solche Kraft auf mehr ausgerichtet ist als die actfi und fi 66vay~qäAoyog yia Evbg - die in sich kundige Kraft
kundelose; der Herrschaftsbereich ist weiter: ldort nur auf geht als ein und dieselbe, die sie ist, auf das Entgegenliegende
Wärme, Wärmebereiche gerichtet, hier dagegen auf Krank- (d. h. das eine und sein gegenliegendes anderes), die kunde-
heit unfd dazu Gesundheit. Doch man kann bezweifeln, ob lose aber geht als die eine, die sie ist, nur auf eines.
diese Abhebung des Erwärmens gegenüber dem stich- Also nicht um die größere oder geringere Weite des Be-
haltig ist. Denn die ärztliche Kunst geht zwar in erster Linie reiches und nicht darum, ob auch das Gegenteilige eine Rolle
auf das Kranksein - wäre Krankheit nicht, bedürfte es nicht spielt oder nicht, handelt es sich, sondern darum, daß eben
des Arztes -, und durch Beseitigung der Krankheit stellt sich das Ausgerichtetsein der ärztlichen Kunde als Heilen von
Gesundheit ein. Aber dasselbe Verhältnis liegt doch vor bei der Krankheit in sich schon, und zwar notwendig, ausgerichtet ist
Erwärmung, die von einem warmen Körper ausgeht auf ei- auf Gesundheit; und daß dagegen das Erwärmen, das von
nen anderen; durch die Uberführung von Wärme in einen einem heißen Körper ausgeht, dieses Abgeben von Wärme
anderen Körper wird in diesem Kälte beseitigt. Die Erwär- an einen anderen in sich nicht im vorhinein und nicht not-
mung ist ebensosehr Beseitigung von Kälte wie das Heilen als wendig eigens ausgerichtet zu sein braucht auf Kälte und de-
Herstellung von Gesundheit Beseitigung der Krankheit. Ent- ren Verschwinden. Gewiß betrifft dieser Unterschied beider
weder muß man also sagen: auch das Erwärmende geht auf 8vv&y~~q auch eine Verschiedenheit ihrer Bereiche, aber nicht
ein Zweifaches (wie das Heilen), oder aber man muß sagen: so sehr nach der größeren Weite oder Enge, sondern vor allem
die Heilkunst geht eigentlich auch nur auf ein Einziges (wie in Bezug auf die Art und Weise, wie bei beiden Weisen der
die Erwärmung), auf die Krankheit. Es besteht demnach kein Kraft deren Bereich für diese gegeben ist und wie diese Be-
134 Met. O 2. Die Einteilung der 62ivap~qxar&xiqu~v 14. Die 62ivaps PET& hOyov 135
reichgegebenheit zum Wesen der Kraft gehört. Das Auszeich- (das eine und dessen anderes) sich beziehen, in anderer Hin-
nende der 6Uvapy PET& hbyov ist dieses, daß ihr, ihrem eigen- sicht aber auf das eine des Gegenliegenden, und zwar von sich
sten Kraftsein gemäß, überhaupt und notwendig ihr Bereich aus (unmittelbar, gemäß ihrer Ausrichtung), auf das andere
gegeben ist, während für die 6Uvap~qtihoyoq der Bereich nicht nicht in der genannten Weise; denn auch die Kunde geht auf'
nur verschlossen bleibt, sondern überhaupt außerhalb jeder das eine an ihm selbst, auf das andere gewissermaßen nur bei-
Möglichkeit des Aufgeschlassenseins und der Verschlossenheit läufig. Durch Absprechen nämlich und Wegbringen macht
liegt. Und doch können wir auch wieder nicht einfach sagen, sie das Gegenliegende offenbar; das Gegenliegendel ist näm-
es fehle überhaupt der Bereich; denn worauf sich ein heißer lich das in erster Linie Entzogene, dieses aber ist der Wegtrag
Körper als erwärmender richtet, ist nichts Beliebiges, er richtet des anderen (gegenüber dem einen). «
sich z. B. nicht auf Beziehungen von Zahlen untereinander,
ebensowenig wie auf einen Satz einer Wissenschaft oder der- Das Gesagte bietet zunächst keine Schwierigkeiten. Aristo-
gleichen. teles führt die Offenbarkeit und das damit gegebene Gegen-
Und weil nun die Geöffnetheit des Bereiches der Kraft für teilige, worauf sich gewisse Kräfte beziehen, auf den hbyo<
diese im und durch den ihr zugehörigen hoyoq geschieht, des- zurück. Die Kundschaft ist nicht nur die Stätte der Offenbar-
halb ist der offene Bereich nicht nur überhaupt weiter, sondern keit, sondern zugleich Sitz der Offenbarkeit des Gegenteiligen.
innerhalb seiner ist notwendig Gegenliegendes in den Bezugs- Dieses wird dann noch einmal ausdrüclrlich auf die Enlotfipy
bereich der Kraft gestellt. Das wird im folgenden erläutert: pird h6yov angewendet, so zwar, daß erneut der schon berührte
Charakter des hoyoq und das Wesen des damit zusarnmenhän-
1046 b 7-15: altlov 6E 821 hoyoq Eotiv fi Enlotilpq, 6 6E hoyoq genden Gegenteiligen zur Sprache kommt. All das vollzieht
d a6tbs Gqhoi t6 neoiypa xai tijv otE~qo~v, nhtv o 6 ~hoa.jtwq, xai sich in wenigen klaren Schritten der Darstellung. Und doch
Eotlv &C &pcpoiv,Eatl 6' OS TOÜ V ~ ~ ~ X O Vpoihhov.
~ O S Oot' &volyxy verbirgt sich dahinter ein weitreichender Zusammenhang we-
xai t & q tolaUta~Enlotfipaq ~IvaipEv t 6 v Evavtiwv, E ~ V 6E
~ L toU sentlicher Fragen der Philosophie, in die das antike Denken
pEv xa6' aVtdq ZOG 6E pq xa6' aVtolq. xai y&ed hoyoq toU pEv ""6' langsam das erste Licht und greifbare Unterschiede brachte.
aUtI5, TOU 8E reonov t ~ v &xatd ovpß~ßyx6q.&nocpolosl yde xai Wir finden, wenn wir den Sachgehalt unserer Stelle über-
&nocpo~@ Gyhoi t 6 Evavtiov- $ y&e otE~qalsfi neWzy t d Evavtiov, blicken, einmal den Zusammenhang von 6Uvap~qxat& xivqa~v
aütq 6' &nocpoe&6atEeov. »Der Grund dafür (daß gewisse und hbyo~,sodann den Zusammenhang beider mit der otE~qolq
Gvvhpey auf Gegenliegendes gehen) ist der, daß das Sichver- und wiederum den Zusammenhang dieser mit der Verneinung
stehen-auf-etwas (in sich) eine Kundschaft (Kunde) ist; die Er- und dem Gegenteiligen, dem Entgegen und dem Nicht.
kundigung aber, und zwar ein m d dieselbe, macht offenbar Es bedürfte hier weitgreifender Betrachtungen, um die
das, womit man es je zu tun hat, und den Entzug; freilich das innere Verklammerung und gemeinsame Verwurzelung der
nicht in derselben Weise; in gewisser Weise nämlich zwar be- angerührten Fragen einigermaßen zu durchschauen. Es be-
trifft die Erkundung beides, in gewisser Weise aber mehr das dürfte ebenso eingehender Auslegungen anderer Aristote-
(je schon) Vorliegende. Daher die Notwendigkeit, daß auch lischer Abhandlungen, um zugleich zu sehen, wie die antike
die so beschaffenen (Aoyos-geführten) Weisen des Sichverste-
hens-auf-etwas in einer Hinsicht zwar auf Gegenliegendes Vgl. Bonitz, Commentarius S. 383; cb Evav~lovist das subjectum expli-
candum.
136 Met. 8 2. Die Einteilung der GCvap~sxatd xiqu~v $14. Die 66vapy FEX^ Gabyou 137
I
Fragestellung alle die genannten Fragen in einer ganz be- Wir können uns diesen Tatbestand zunächst allgemein nä-
stimmten Ebene hält und damit dem, was später und heute her bringen durch den Hinweis auf ein Beispiel, etwa die
(und auch bei Hegel) >Logik<he5ßt, ein ganz bestimmtes Töpferei. Der ganze Verlauf des Herstellens von Krügen, von
Schicksal gegeben hat. Von all dem sei hier jetzt nur so- der Zurechtlegung des Lehms über die Bestimmung seiner
viel gesagt, als es die Aufhellung der Abhandlung über die Feuchtigkeit und die Regelung der Drehung der Scheibe bis
GVvap~5unmittelbar fördert. zur Oberwachung des Brennofens, ist gleichsam durchsetzt mit
dem: dieses - nicht jenes, so und nicht anders. Das Herstellen
b) Das Vermögen des Herstellens: Der A6yo~ ist in sich, in der ihm zugehörigen Weise seines Vorgehens
als innerstes Gerüst ein Tun und Lassen, ein Tun von etwas und Lassen des Ge-
Zunächst über den Abyos, der offensichtlich im Mittelpunkt 1 genteils. Weil Herstellen so in sich Tun und Lassen zurnal ist,
der Aristotelischen Oberlegungen steht. Wir haben schon deshalb ist das, worauf es bezogen ist: Evavtla.
mehrfach versucht, das Wesen des so bezeichneten Phänomens Allein es gilt nun, diesen roh gefaßten Zusammenhang
näher zu bringen. Am fruchtbarsten bleibt es, wenn als we- zwischen Herstellung (En~utfiyq noqt~xfi)und dem, worauf sie
sentlichster Charakter des A6yo~das festgehalten wird, was wir sich bezieht als einem Gegenteiligen, schärfer zu sehen, d. h.
Kundschaft nennen. Wir stoßen jetzt aber doch zweifellos auf aus der inneren Verfassung des Wesens der Herstellung zu
eine engere Bedeutung des Wortes A6yo5, und es fragt sich, begreifen. Die Griechen, Plato und Aristoteles, haben nun
wie das dabei Gemeinte mit dem Grundphänomen zusamrnen- nicht nur die Interpretation dieses Phänomens der Herstellung
hängt. In welchem Sinne ist die angetroffene Bedeutung von durchgeführt, sondern die Grundbegriffe der Philosophie sind
I6yoq eine engere? Der A6yo~wird in Beziehung gebracht mit aus dieser und in dieser Interpretation erwachsen. (Warum
Zn~atfipq,bzw. umgekehrt. Es wird gesagt: Das Sichverstehen- das so ist und was das alles bedeutet und warum die antike
auf-etwas ist A6yo~;A6yoc ist demnach auch noch auf anderes, Philosophie gerade doch nicht die Philosophie der Schuster
nicht nur auf EnlatSyq bezogen. Die Frage entsteht: Welcher- und Töpfer is.t,das ist hier nicht zu erörtern.)
gestalt zeigt sich der A6yoq in der Enlutfipq, und zwar gemeint
als nolqt~nfi(etwas herstellend)?
Die These lautet: Die En~otqyqnolqt~xfigeht als je ein und Was die Griechen als Enlotfipq no~qt~nfi begriffen haben,
dieselbe nicht nur auf ein einziges, sondern gerade als ein und war für ihr Weltverständnis selbst von prinzipieller Bedeu-
dieselbe wesensmäßig (notwendig) auf das eine und das an- tung. Man muß sich darüber klar werden, was das bedeutet,
dere: aWv Evavtiov. Warum? Weil die Enlotfiyq no~qt~xfi - daß der Mensch zu den Werken, die er herstellt, ein Verhältnis
h6yo~ist. Inwiefern ist die Enlotfiyq no~qt~nfi - A6yos? Was ist hat. Deshalb ist in einem gewissen Buch »Sein und Zeit« von
überhaupt Encotfipq no~qtixfi?Inwiefern kann von ihr gesagt 1 Umgehen mit dem Zeug die Rede; nicht um Marx zu korri-
werden, daß sie auf Gegenteiliges geht? Was ist denn damit gieren oder um eine neue Nationalökonomie aufzustellen,
gemeint? Dieses: das Herstellen geht zwar immer auf eines, noch auch aus einem primitiven Weltverständnis.
das Herzustellende (der Schuster macht Schuhe und nicht Was ist also Bn~utfipqno~qt~xfi,Herstellung? Was hergestellt
Töpfe), dieses aber eben so, daß dabei ein Gegenteiliges mit- wird, hergestellt werden soll, ist das E~yov.Dieses ergibt sich
beachtet ist. nicht von ungefähr und beliebig aus irgend einer Hantierung
138 Met. 8 2. Die Einteilung der 66vap15 xazd xivqalv $ 1 4 . Die S'ovaptg p ~ ~OYOZ)
~ d 139
w d Beschäftigung; denn es ist je solches, was da-stehen, zur hen, nicht aus diesem und jenem, sondern nur aus z. B. Metall.
Verfügung stehen soll, was so und ,so aussehen muß, diesen Sofern ein Herstellen immer ist Herstellen von etwas aus et-
bestimmten Anblick bietet. Ja dieses, wie das Werk aus- was, dieses Woraus aber nur je durch und in Ausschließung
sehen wird, sein Aussehen, muß bei der Herstellung und für von anderem bestimmt wird, breitet sich die Ausgrenzung im
diese im voraus schon erblickt sein. Das Aussehen, ~1605,ist im Herstellen selbst aus.
vorhinein schon gesehen, und zwar nicht nur so überhaupt Allein sie betrifft nicht nur denjenigen Stoff, der nicht in
und im allgemeinen, sondern gerade in dem, worauf es am Frage kommt, sondern betrifft zugleich und gerade denjeni-
Ende ankommt, wenn es voll-endet und beendet sein soll. Mit gen, der geeignet ist; denn dieser ist als solcher, etwa als Eisen,
dem ~180sdes Eeyov ist im voraus schon seine Be-endetheit als Metall, gerade noch nicht das, was aus ihm werden soll;
vorweggenommen, die Enden, die es umschließen. Das ~1805 er ist vielmehr vom ~1605,vom tEAos her gesehen das Cnsleov,
des E~yovist tEhos. Das beendigende Ende aber ist seinem We- das Grenzenlose, das noch nicht in Grenzen Gebrachte, aber
sen nach Grenze, nEeag. Etwas herstellen, das ist in sich: etwas zugleich das zu Begrenzende. Gerade weil so der bestimmt aus-
in seine Grenzen schlagen, so zwar, daß im voraus schon diese gezeichnete Stoff zugeschnitten ist auf das E ~ ~ O Cgerade
, des-
Umgrenztheit im Blick steht, mithin all das, was sie um- halb steht er diesem zugleich als das Un-begrenzte gegenüber.
schliept und ausschliept. Jedes Werk ist seinem Wesen nach Beide sind voneinander weg und doch aufeinander zu gerich-
>exklusiv<(ein Tatbestand, für den wir Barbaren längst kein tet; also ein Gegenüber, und zwar ein notwendiges beider
Organ mehr besitzen). gegeneinander, - eine Nachbarschaft, und zwar die am wei-
Es gilt jetzt deutlicher zu sehen, wo diese Ausschließlichkeit testen auseinandergehende. Das ist der Begriff des grie-
ihren Ursprung hat und wie sie sich in dem ganzen Gescheh- chischen kvavtiov: einander gegenüber, im Angesicht liegen
niszusammenhang und damit in die Wesensverfassung der und stehen; die Evavz~btq<(Gegensätzlichkeit), die eigentlich
Herstellung ausbreitet. Denn nur wenn eingesehen ist, inwie- erst Aristoteles völlig in ihrem Wesen geklärt hat: nicht ein-
fern das Herstellen eines Werkes in sich ausschließend ist, wird fach, was auseinanderliegt, sich nichts angehend, nur ver-
klar, warum eben dieses Herstellen auf das Gegenteil, eben schieden ist, sondern was sich gegenüber liegt. Das ~180:
auf Ausgeschlossenes wesensmäßig bezogen ist und in welcher als tEhos und nEeag verschafft sich notwendig ein solches Ge-
Weise. genüber als fin~~eov; das E ~ ~ Owird
S so im begrenzten 6naleov
Ausgrenzend m d ausschließend ist das Herstellen in erster (der Ghq) zu dessen po~rp(.Forma - materia, das ist heute ein
Linie deshalb, weil dasjenige, woran gleichsam das ganze abgegriffenes Schema in der Philosophie, aber es ist nicht SO
Geschehen des Herstellens festgemacht ist, das vorweggenom- vom Himmel gefallen, als daß man nach Belieben damit han-
mene Aussehen des Eeyov qua E ~ ~ O SzEAos,
, nEeas ist. Aber wie tieren könnte. Unld erst 'daraus, daß diese Nachbarschaft von
macht sich nun die hier sitzende Ausschließlichkeit geltend? ~ 1 8 0und
~ ühq im Wesen des Herstellens liegt, entspringt die
Zunächst und zugleich im vorzüglichen Sinne darin, daß das Notwendigkeit, daß das Herstellen in den einzelnen Stadien
~180sin sich die Anweisung gibt auf einen ganz bestimmten seines Verfahrens ständig ausschließend ist, fügend - einfü-
Stoff (8111) als dasjenige, woraus das Herzustellende hergestellt gend und zugleich weglassend.
werden soll; z. B. eine Säge, mit der Holz durchgesägt wer- Somit ist deutlich geworden, in welcher Weise die En~atfipq
den soll, kann nicht aus Wolle oder Gleichartigem beste- noqnxfi auf die Evamia bezogen ist. Allerdings; aber das ge-
140 Met. 8 2. Die Einteilung der 8wapi5X ~ T &~ i q u i v I
I $ 1 4 . Die Ghapi~peth hbyov 141
I
I
schah auch ohne die geringste Bezugnahme auf den Abyos. So des Menschen nicht nur, sondern als einer entscheidenden
daß wir jetzt sagen können: Weil die Exlatfipq xoiqti~fiihrem Existenzbestimmung des antiken Daseins.
Wesen nach auf Evavtia geht, deshalb muß auch der Abyos, Um aber den inneren Zusammenhang zwischen ~t60sund
der zur Exiatfipq gehört, auf das Gegenteilige bezogen sein.
Allein - damit kommen wir genau zum gegenteiligen Ergeb-
nis wie Aristoteles; denn Aristoteles sagt doch umgekehrt: Die
abciadlpq noiq~ixfiist auf Evavtia bezogen, weil sie Abyos ist.
Dieser ist der Grund der inneren Gegensätzlichkeit des Her-
I
I
Abyos zu fassen, müssen wir uns zuvor völlig freimachen von
all den Umdeutungen und Veräußerlichungen, denen diese
beiden Worte inzwischen unterlegen sind. Von da her gesehen
ist freilich das, worum wir uns bemühen, keine ernsthafte
Frage, denn Abyos heißt, das weiß alle Welt, bei Aristoteles da
stellen~,und nicht umgekehrt ist die Gegensätzlichkeit des I
>Begriff<,und ~180sheißt >Art<. Arten sind bestimmte Klassen
Abyos eine Folge des Wesens der Exiatqpq, der er zugehört. Auf von Begriffen im Unterschied von Gattungsbegriffen. Begriff
welcher Seite steht die Wahrheit? Oder lassen sich die beiden und Artbegriff sind im Grunde dasselbe. Was soll da über das
Thesen vereinigen? Wenn das möglich sein soll, wie liegt dann Verhältnis von ~1605 und hbyos noch eine Frage bestehen? Das
das Verhältnis von E3tiatqpq noiqzixfi und Aoyos? ist nicht nur einleuchtend, sondern entspricht auch dem phi-
DaIS unsere Auslegung der Wesensverfassung des Herstel- lologisch exakten Verfahren, das sich an Tatsachen hält. EBoc
als >Aussehen<übersetzen und Abyos als >Kundschaft<,das ist
l e n ~zutrifft, läßt sich nicht bezweifeln. Oberdies entspricht sie
jenes unwissenschaftliche Verfahren, das auf Grund einer ge-
ja dem, was die Griechen selbst über das Verhältnis von
wissen Philosophie, die gerade Mode ist, heutige Auffassun-
noiqay, E ~ O S ,t6Aos und 5Aq meinen. Aber ebensowenig ist zu I gen in die Antike hineindeutet. Weil alle Philosophiehistoriker
bestreiten, daß Aristoteles mit aller Eindeutigkeit sagt: Die
es einander nachreden und alle Welt glaubt, Abyos heiße >Be-
Exiot.Clpq noiqtixfi geht auf die Evavtia, weil sie Abyos ist. Darin 1 griff<, und vor allem, weil niemanjd sich dabei etwas denkt,
liegt doch die These: Der Abyog als solcher ist Grund und Ur- deshalb entspricht es natürlich den Tatsachen, wenn man so
sprung der Evamibtqs. Wir sehen aber aus der Wesenserläute- übersetzt. Aber mit den historischen Tatsachen hat es eine ei-
rung der xoiqais, daß die Gegensätzlichkeit ihren Sitz im gene Bewandtnis. Und erst recht mit dem, was man so >Histo-
~160s hat. Wenn beide Thesen zu einer Einheit kommen sollen, riker< nennt. Wir meinen ja längst, jeder geweckte Schreiber
dann muß der Sache nach ein innerer Bezug zwischen ~160s - und wer schreibt heute nicht -, jeder Schreiber, der über
und Abyos bestehen und das wiederum so, daß das ~t8osAbyos Gewesenes sich ausläßt, sei ein Historiker. Also geben wir in
ist und deshalb Sitz der Gegensätzlichkeit und Nachbarschaft; aller Ruhe zu, was wir da machen, sei historisch, d. h. nach
denn nur in diesem Falle bleibt die Aristotelische These ge- den Urteilen der angestellten Philosophiehistoriker, falsch. Wir
wahrt, daß die Exiat.ilpq qua Abyos auf die Evamia geht. wollen jetzt nur die eine Sache verstehen: inwiefern das, was
Wie steht es also mit dem Zusammenhang von ~1605und Aristoteles Abyos nennt, mit dem ~1605 zusammenhängt und in-
\
Abyos? Wir müssen versuchen, diese Frage nicht durch eine wiefern der Abyoq der Grund dafür ist, daß sich die Exl~tfipq
beliebige Spekulation über Begriffe und Worte zu entscheiden, auf Gegenteiliges bezieht.
sondern auf eben dem Boden, auf dem all diese Fragen uns Beim Herstellen steht das Herzustellende - obzwar noch
erwachsen sind: im ständigen Hinblick auf die Wesensverfas- nicht fertig, ja nicht einmal angefangen - notwendig im Vor-
sung der Herstellung des Werkes - als einer Grundverhaltung blick; es ist im eigentlichen Sinne nur erst vor-gestellt, aber
142 Met. O 2. Die Einteilung der G'uvap~g
xatd xiqatv $14. Die G'uvup~qp ~ t dhbyov 143

noch nicht als Vorhandenes bei- und her-gestellt. Dieses vor- dem Weg gehen, ,da<, in eigentümlicher Weise offenbar;
blickende Vor-stellen des Eeyov in seinem ~180sist gerade der zwar nicht an ihm selbst - das zu Vermeidende ist nicht das-
eigentliche Anfang des Herstellens, nicht etwa erst die Ver- I
jenige, womit der Töpfer sich beschäftigt -, sondern beiläufig,
fertigung im engeren Sinne des Handanlegens. Dieses In-den- aber nicht zufällig beiläufig, sondern notwendig mitlaufend.
Blick-nehmen des Aussehens ist in sich das Bilden eines An- 1 Demgemäß betrifft der hbyos beides: neäypa und otQello~s, frei-
blicks, das Bilden des Vorbildes. Damit aber wird etwas kund: 1 lich nicht in derselben Weise - o 6 3oa4tos
~ (b 815).
Dieses Bilden des Vorbildes kann nur geschehen als Um- Auf diese Weise ist deutlich, inwiefern der hbyoc der Ur-
I
grenzen dessen, was zu ihm gehört; es ist ein Auslesen, ein sprung des Evavtiov, des Gegenüberliegenden ist, genauer: der
auslesendes Sammeln des Zusammengehörigen, ein AEy~iv.Das Grund dafür, daß die Evavtia als solche zugleich sich in allem
I
~180s ist ein so zusammengelesenes Ausgelesenes, ein ~ E Y ~ ~ E V O V , Herstellen kundgeben.
es ist hbyoc. Und das si8os ist tEAos - das be-endende Ende, Allein gegen diese Auslegung erhebt sich ein Bedenken.
tEA~iov- das Vollkommene, das Vollendete, Erlesene, Auserle- Man möchte darauf hinweisen, daß Aristoteles die Sache weit
sene; tihoc ist seinem Wesen ntach immer ausgelesen: hbyoq. einfacher und klarer sieht. Die Evavt~btq5ist deshalb mit dem
Das E % O ~ ist hOyos aber in eben dem Sinne, den wir bei Abyos gegeben, weil dieser sowohl xaz&<paayals auch &x&paa~q,
Abyoc zugleich mitverstehen, wenn Ibyos Rede, Sprache, Spruch sowohl Bejahung als auch Verneinung ist. Das will sagen:
besagt. Das ~180sist nur, was es ist, sofern mit ihm und hbyos ist Urteil; und nun gibt es positive und negative Urteile.
durch es etwas, das Herzustellende, in dem angesprochen ist, Weil aber die Eniotfipq no~q~tnfi eben Bx~azfipq,d. h. doch Er-
als was es nachher vorhanden sein soll. Auslese ist Ansprechen I kenntnis ist, alles Erkennen aber nach landläufiger Auffassung
als . . ., AEysiv. Das Ansprechen als . . ., genauer: dieses >als< Urteilen, deshalb gehört das Urteil mit seinen zwei gegensätz-
selbt hfat den Charakter des >alsdas oder als das<.Das Als ist I lichen Formen zur En~atfipqund bringt in diese den Bezug
immer irgendwie nach einer Hinsicht auslesend. zum Gegensätzlichen hinein. Das ist >logisch<ganz richtig
Das d8os sagt, was das Herzustellende sein soll. Dieses gedacht, und diese Uberlegung ist für viele nicht nur einleuch-
e%os, das so so, als das und das Angesprochene, das tend, sondern sogar scharfsinnig. Sie hat nur den einen Nach-
in sich anderes ausschließt, beansprucht nun im Ganzen des teil, daß sie nichtssagend und blind ist. Diese Erklärung er-
Herstellungsvorgangs die Führung, es ist das Maßgebende, klärt nichts. Sie setzt das zu Erklärende voraus. Denn was soll
Regelnde und sagt, was regel-mäßig ist, von sich aus - xa8' das heißen, wenn man sagt - und es steht in jeder >Logik<
aVt6 (1046 b 13); aber dieses immer so, daß es anderes aus- zu lesen -: >esgibt positive und negative Urteile<?>Gibt<es
schließt. Dieses andere aber ist ständig das Mitvorhandene, denn das ebenso, wie es zur Sommerzeit junge Vögel und
I
Bei-läufige - xat&c~pßsßqxbs(ebd.), sofern der Stoff und alle auch Ungeziefer gibt? Und gesetzt auch, es gibt eben positive
Umstände, in denen das Herstellen je steht, ständig Gelegen- und negative Urteile, warum werden dann beim Herstellen
1
heit zu Fehlgriffen und Fehlschlägen, zu Un-regelmäßigem von etwas auch die negativen Urteile vollzogen? Die können
geben. So ist der hbyos, das Ausgelesene und vor allem Ange- doch unterbleiben, und dann gibt es lda nur positive und so nur
sprochene ständig das Ausschließende, d. h. aber das das Ge- die eine Seite der Evavt~6tqg- das heißt: gar keine.
genteilige Miteinschließende. Das will sagen: das Gegenteilige Warum gehört denn zum hbyoc diese Zwiespältigkeit der
ist gerade im Vermeiden desselben, dadurch, daß wir ihm aus I Bejahung und Verneinung? Das ist die Frage, um die wir uns
144 Met. O 2. Die Einteilung der bGvap~~
xacdr x l y u ~ v $ 1 4 . Die GUvayig PET& Abyov 145
nicht herumdrücken dürfen, wenn wir überhaupt den ganzen immer das andere bleibt; teil-weise, das heißt: je in einer, in
Zusammenhang zwischen GCvapy pstd hbyov unjd Entut?jpr) dieser oder jener Hinsicht, je als das oder das. Mit diesem Als
xoiqtinil begreifen wollen, der Aristoteles vorschwebt bei der ist je das und das entschieden und ausgeschieden. Warum
weiteren Entfaltung des 8Cvap~s-Problems. also gehört das Als zum Abyog? Weil die Kundgabe zur Kund-
schaft gehört und Kundschaft ursprünglich einem Erkun~den
antwortet. Erkunden aber ist notwendig Weg-einschlagen, je
Das innere Verhältnis von 8Cvapi~und hbyog beschäftigt uns Wahl des einen Weges unter Aufgabe des anderen, und ist
an der GVvapic petd Abyov. Das Kennzeichen dieser ist, daß sie zugleich Obernehmen eines Standortes und Aufgabe des an-
auf ~vavziageht. Was heißt das, und inwiefern zeichnet das deren. Zur Kundschaft gehört diese innere Grenze. Das Ein-
die 86vapi5 pszd hbyov, d. h. die Eniotqpq noiqzinil aus? Die schlagen des einen Weges der Erkundung und damit die
Ex~ozSpqnoiq~~nfi ist das Sichverstehen auf ein Herstellen von gleichzeitige Geburt des Unerkunldetbleibens des anderen.
etwas, auf etwas in seiner Herstellbarkeit, noch besser: in sei- Diese innere Grenze der Kundschaft ist zugleich ihre eigenste
ner Hergestelltheit, als E~yov.Bestimmend für dieses Werk- Macht. In ihr liegt die mögliche Bürgschaft der Größe des
verhältnis sind ~18og,TEAOS, nEeag - das Bilden des Vorbildes Einsatzes menschlicher Existenz.
als In-Grenzen-schlagen. Darin liegt eine Vorzeichnung von Allein das eben Gesagte ist nur ein Hinweis auf die Rich-
Ghq; diese selbst ist ständig, indem sie zugeschnitten wird, doch tung des Fragens und die Art der Aufgabe, in deren Auflö-
das, was noch nicht ist, noch ab-steht, - das änsieov. Ständig sung sich uns das zwiespältige Wesen des hbyoq klärt. Dadurch
geschieht so ein Ausschließen, Weglassen, Vermeiden, d. h. ein aber wird zugleich auch dieses einsichtig, daß und wie der
Sichbeziehen auf Evavtia. Aber das alles scheint ohne Myo~ Abyog in eins mit seiner Zwiespältigkeit in die Vielfältigkeit
vorsichzugehen; dagegen soll es nach Aristoteles sich umge- des auseinanderlegenden Sagens und Aussagens auseinander-
kehrt verhalten; wenn das aber so ist, dann geht es jetzt um
gehen muß, oder besser: sich immer schon in eine solche Zer-
den Bezug zwischen ~180sund A6yo~.Nun ist das >Vor-stellen<
splittert und zerflattert vorfindet. Die Einheit der Kundschaft
des ~180saber ein Auslesen und also ein kundgeben (Abyog).
ist immer Rückeroberung.
Das zEAos ist auserlesen, und so angesprochen beansprucht es
die Führung im Herstellen, es ist das Regelnde; und zwar in- Alles AEyeiv, Lesen, ist Auslesen, Sichbeziehen auf eines und
dem es ausschließt. Aber ist der ganze Zusammenhang bei damit auf anderes, sei es auf das eine und das andere, sei es
Aristoteles nicht einfacher gesehen, insofern zur Eniotfipq, also auf das eine oder das andere. Weil ursprünglich auslesend ist
zur Erkenntnis doch das Urteil gehört und d. h. eben positives der hbyoc die Grundhandlung in allem Bezug zum Eeyov als
und negatives Urteil? dem je Auserlesenen, dem r6Ao~.Und nur weil im ~1805dieses
Warum gibt es aber im hbyo~diese Gegensätzlichkeit des Auserlesene des Zusammengehörigen gesammelt ist und von
Positiven und Negativen? Weil sein Wesen Kundgabe ist, und sich aus einen gleichfalls auszulesenden Stoff und bestimmte
weil dieses Kund-geben notwendig Geben von etwas als etwas Wege zu ihm, zu seiner Bearbeitung vorzeichnet, deshalb ist
ist; das ist notwendig. Warum? Weil alles Geben auf neh- alles Herstellen in sich, in dem, wie sein eigenster Sinn steht,
mendes Nichthaben antwortet; dieses Nehmen als nichthaben- gesammelt. Nur weil die Gesammeltheit auf das Eine zu je-
des ist nur teil-weise In-Besitz-nehmen, weil das zu Besitzende dem Werk gehört, und sei es noch so abgelegen und gering,
146 Met. 0 2. Die Einteilung der Bhap~sxad xiqa~v 1 14. Die GGvayy y ~ t hbyov
& 147
nur deshalb kann die Herstellung zerstreut, lässig und das folgend, ihm nachgehend und von ihm geführt - vom Aoyoq;
Werk liederlich, d. i. ein Unwerk sein. daher die Ubersetzung: redegeführt.
Diese Gesammeltheit des Herstellens aber schwingt in der Es bleibt noch die Frage zu beantworten (vgl. ob. S. 136),
Sammlung (AEys~v){des Durchsprechens und durchsprechen- inwiefern hier der hbyo(; in einem engeren Sinne gefaßt ist.
den Kundhabens dessen, was sich gehört und nicht gehört. Aoyo(; bedeutet in erster Linie Kundschaft und Offenbarkeit
Dieses Durchsprechen ist jenes Sichsagen, das meistens gerade dessen, was her-gestellt werden soll, das Aussehen des Vor-
schweigend verläuft oder als jenes ins Werk verlorene Vor- wurfs, das E ~ ~ O Szugleich
, aber dann das Durchsprechen des
sichhinsagen, oft nur in - äußerlich gesehen - abgerissenen Plans und der Ordnung der Maßnahmen seiner möglichen
Worten. Das Herstellen ist in sich ein Sichsagen und Sich- Durchführung; dieses kann in die Form von Aussagen ge-
sagenlassen. Sich etwas sagen, das heißt gerade nicht: Worte bracht werden. Diese Bedeutung von hbyo~als Aussage ist
machen, sonldern: so und so vorgehen wollen, d. h. schon vor- die abgeleitete gegenüber der von Abyoq als si8oq. (Vgl. Met.
gehen. Z 7, 1032 b 2/3) Das Erkunden drängt auf das einzelne Durch-
Die maßgebende Kunde ermöglicht nur dann ein Herstel- sprechen dessen, was zuvor im Ganzen offenbar sein muß.
len, wenn sie sich selbst entfaltet zur Erkundung der einzel- Aber andererseits ist diese verengte Bedeutung des Abyoq gera-
nen Vorkehrungen und Schritte, die in bestimmter Reihen- de wieder die nächstliegende und am meisten antreffbare und
folge getan werden müssen, um die Herstellung zu ihrem somit auch diejenige, die in allen verschiedenen Verhaltungs-
Ende zii führen. Dieses Sichentfalten der Kunde aber ist das, weisen, nicht nur im Herstellen, eine bestimmte Aufgabe der
Leitung übernimmt. Die dem Wesensursprung nach verengte
was wir ,die Oberlegung nennen, als Bei-sich-{durchgehenund
und abgeleitete Fassung des Aoyoq als Aussage ist dem Ge-
-durchsprechen von etwas. Dieses Durchsprechen ist die innere
brauch und der Herrschaftsweite nach die weiteste. In unserem
Entfaltung des Aoyoq und selbst h6yoq. Diese (stillschweigende)
Zusammenhang hat Aristoteles beide Bedeutungen im Auge,
Oberlegung führt die einzelnen Schritte des Herstellens, und
und der innere Zusammenhang beider kann nur begriffen
dieses bedarf der Führung, weil es seinem Wesen nach ein werden, wenn man den ursprünglichen Wesenscliarakter zu-
Tun ist, das zuvor schon das zu Tuende, Herzustellende in den vor festhält: Kundschaft, Offenbarkeit. Man verlegt sich aber
Blick genommen hat. sofort alles Verständnis, wenn man den Aoyoq logisch faßt,
Das Herstellen ist also keineswegs nur begleitet und über- >logisch<im landläufigen Sinne, wonach Aoyos Urteil, Aussage
lagert mit einer Abfolge von ausgesprochenen Sätzen, noch bzw. Aussageelement, Begriff bedeutet.
ist die Elt~atfiyqno~q~~11"i)leichsam nur eine Aufreihung von Nur erwähnt sei der nicht seltene Gebrauch von hbyoq, in
Sätzen und Aussagen; sondern sie ist eine Grundstellung zur dem die Bedeutung des Wortes aus dem Johannesevangelium
Welt, d. h. zu einer geschlossenen Offenbarkeit des Seienden. und aus gnostisch-orientalischen Weisheitslehren mitschwingt,
Wo Welt - da Werk, und umgekehrt. was den ursprünglichen griechischen Gehalt des Wortes gänz-
'Enbuzqyq xo~qttxfiist 84vay~qPET& hOyow. Dieses PET& be- lich verkehrt.
deutet nicht das unbestimmte >mit<im Sinne des >in Beglei- Für das Verständnis des ganzen vorliegenden Zusammen-
tung von<,>unterBeigabe von<.Diese Enlatfiyq ist ihrem inne- hangs ist noch einmal zu betonen: Wir dürfen nicht mit den
ren Wesen nach PET&, das meint: hinter etwas her und diesem Vorstellungen eines Professors, der sich auf ein Lehrbuch der
148 Met. 8 2. Die Einteilung der 6irvap15 xath xiqatv S1.f. Das Vermögen der strebenden Seele 149
Logik beruft, das Wesen des hbyos aufklären und bestimmen als 66vap~s,d. h. als & Q X ~p~taßohijsEv 6hhq. Wie eine solche
wollen, auch dann nicht, wenn an unserer Stelle (02, 1046 b seelische 66vapy gebaut ist und wie in diesen Wesensbau der
13/14) von h6cpaa~qdie Rede ist. Nicht Urteile und Urteils- Abyoq notwendig hineingehört, das versucht Aristoteles in den
formen sind gemeint, sondern die innere Beweglichkeit und folgenden Sätzen zu zeigen.
Gesetzlichkeit, die in der Offenbarkeit der Welt liegt und die
sich für die Griechen zuerst unjd wesentlich im Abyo~und als 1046 b 15-22: Esl~i6E td Evamla 06n Eyyiyveta~;V T@ a h @ ,4
hbyoq darstellt. Erst aus all dem lassen sich die Gebilde heraus- G'En~azSpq66vap~gt@hbyov EXELV, xai fi 9 ~ x x~wioews 4 EXEL & Q X ~ ~ V ,
lösen, die dann die Logik und Grammatik als sogenannte t b phv ~ ~ L E L VVyi~~av
~ V p6vov ? I O L E ~xai t b 8sQpaw~xbv 6~~pbtqta
>Denkformen<und grammatische Formen eingeführt hat. Die- xai zb w t ~ x b v~ v x ~ 6 t q t6a 6'
, En~atSpwvtipcpo. Myog y & Eat~v ~
ses und vieles andere hat dahin geführt, daß wir dem Wesen &pcpoiv pEv, OVX dpoiwq 8E, xai Ev qqn fj EXEL X L V S U&QX~)V* E~~
dessen, was wir Sprache nennen, hilflos gegenüberstehen und Uat' 6pqw &nbT ~ aGtfj5S & ~ ~ i~LVSUEL
jq 3 t ~ b jt b a h b owdrqaaa.
zuinnerst entfremdet sind. Daher auf der einen Seite die in- »Da das in der äußersten Nachbarschaft Liegende sich nicht
nere Verwahrlosung der Sprache unld die Mißachtung ihrer (zugleich) einbildet in dasselbe Seiende, das Sich-auf-etwas-
Würde und auf der anderen Seite die Vergötzung eines abge- verstehen aber eine Kraft ist auf Grund des Geführtseins durch
lösten Klanggebildes und irgendwo daneben noch eine Sprach- Rede, Kundschaft, und da die Seele einen Ausgang für Bewe-
wissenschaft, die in einem ständigen Leerlauf ihre zahllosen gung in sich sich vor-hält, so kann zwar das Gesunde lediglich
Entdeckungen macht, ohne im ganzen den Weg zur Sprache Gesundheit befördern, das Warmgebende Wärme, das Küh-
zurückzufinden. lende nur Kühle, dagegen bezieht sich das, das sich auf etwas
versteht, auf beides (das Entgegenliegende). Denn eine Kunde
geht immer auf beides, aber nicht in gleicher Weise, und sie
J!, 15. Die 66vap~sxatd xiqaiv als Vermögen gehört (ihrer Seinsart nach) in eine Seele, die selbst (als solche)
der strebenden Seele ein Von-wo-aus für Bewegung in sich sich vor-hält. Daher wird
sie beides in Bewegung bringen, und zwar ausgehend von
Nur wenn der Abyo5 in der dargestellten Bedeutung zu- demselben Ausgang und so, daß sie beides auf solches, was
grundegelegt wird, versteht man den inneren Zusammenhang als dasselbe erkundet ist, zusammen zurücknimmt.«
des h6yoq mit der Gesamtverfassung der 86vaplq, der er zuge-
hört. Wir sahen: 66vapy p ~ t dhbyov ist nur da, wo Epwov, Zunächst, im rohen dasselbe Thema wie oben, auf den er-
wo überhaupt Seele und Beseeltes ist. Allein dieses Verhältnis sten Blick nichts Neues, sondern in breiter Wiederholung die
darf man sich nun nicht einfach so zurechtlegen: Erkunden Feststellung, daß im Abyoq die 66vapy sich auf Evavtia als
und Aussagen sind seelische Vorgänge, also muß eben eine tipcpw beziehe. Und doch dürfen wir über zwei wesentliche
84vayiq PET& hbyov notwendig ein seelisches Vermögen sein. neue Bestimmungen nicht hinweglesen: Einmal ist ausdrück-
Die Sache liegt anders und in gewissem Sinne umgekehrt: lich die Rede von ~ v x f isodann,
, was für die schwebende Frage
Wenn eine 66vapy eine solche ist, die in das Seinsgebiet des nach der 66vap~qnicht minder wesentlich ist, von xivqa~q.Ge-
Seelischen gehört, dann ist sie nicht nur durch einen hbyoc ge- nauer ist davon gesprochen, daß die WS, die Seele, &QX$V
führt, sondern ihr ganzer Charakter als 66vay~~ ist ein anderer; x~v+pswsEXEL - in sich hat, hält und sich vorhält solches, von
150 Met. C9 2. Die Einteilung der 86vap~gxacd ~ i q u ~ v $15. Das Vermögen der strebenden Seele 152
wo aus ihr eigenes Sichbewegen geschieht. Und mit diesem worum es geht, ist notwendig ein 6eexzbv, ein Erstrebtes (r10,
Sachverhalt wird der hbyo~und seine geschilderte Leistung 433 a 28).
zusammengebracht. Nun gibt Aristoteles allerdings keine nä- Um diese Zusammenhänge kurz zu verdeutlichen: Ein
here Aufklärung über ~ v ~und f i xivqot~und den Zusammen- 6~~xtb istv ein in ein Streben Gestelltes, durch das Streben als
hang des Seelischen oder Lebendigen mit dem Sichbewegen; solches Vor-gestelltes. Das Streben ist in sich: einem Etwas
er spricht davon als von einem Bekannten, nicht an sich Be- nach-stellen, und als solches schon Vor-stellen; dieses Verhalten
kannten, sondern bekannt und geklärt durch das, was er oft kann aber gleichsam das Nach-stellen abstellen und ist dann
und auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Hinsichten nur noch Vor-stellen. Alles, was wir >Vorstellen<,>Anschauen<
darüber in seinen Vorlesungen gesagt hat. In welcher nennen, ist in sich ein >nurnoch Vorstellen<;es ist nicht etwa
Hinsicht er nun genauer die Frage nach der I/JVXS als dre~fiv umgekehrt: zuerst vorgestellt und dann erstrebt. Dabei gibt
x~v(aeo; E~ovoaverstanden haben will, das ergibt sich eben es mannigfaltige Weisen, in denen nun das 6eanzOv fi 6~extbv
daraus, daß die Erwähnung dieses Zusammenhangs in engster offenbar ist.
Verknüpfung mit der Frage nach Abyog und 86vapy erfolgt. Dieses 6~sxtbvaber ist in jedem Falle drex;i: das, von wo aus
Auch wir müssen bei unserer Auslegung davon absehen, die- und in Bezug worauf zurück alles Bemühen, wozu auch das
sen Zusammenhang weitläufig zu erörtern. Es seien lediglich Oberlegen, Durchsprechen des rechten Weges und der rechten
die Untersuchungen genannt, in denen Aristoteles eingehend Mittel gehört, in Bewegung gesetzt wird. Daher: t b O~sxtbv. . .
die Frage behandelt: Met. Z 7-9, Eth. Nic. Z, de an. F, be- y d ~xlvsi (433 b 11/12) - das Erstrebte als solches ist das ei-
sonders Kap. 9 ff. gentlich Bewegende; es ist die dre~fider xivqo~g,welche die
In 'der Abhandlung I'i~ei~vxijqwird (natürlich) die Frage Seele hat. Die Seele hat diese & ~ ~sofern f i , die Seele als wesen-
als eigenstes Thema behandelt. Yvxfi ist dasjenige, was das haft strebende, als ~ Q E ~ L(I' G 9, 432 b 7) auf ein beextbv bezo-
Sein eines S&enden vom Charakter des Lebenden ausmacht. gen ist. Das Haben, EXELV (vgl. ebenso hbyov E~ov)meint also
ITeei ~vxijgist nicht eine Abhandlung über Psychologie, son- nicht einfach: an sich haben als irgendwelche Eigenschaft,
dern eine Ontologie des Lebendigen überhaupt. Was lebt, hat sondern etwas haben in der Weise des Sich-dazu-verhaltens;
den Grundcharakter des Sichbewegens, was nicht notwendig wobei dasjenige, worauf das Verhalten geht, in diesem und
heißt Ortsveränderung. Auch die Pflanze, die ihren festen durch dieses Verhalten selbst irgendwie kund-gemacht ist.
Standort hat, bewegt sich - als wachsende und sich emähren- (Deshalb ist es ja doch für Aristoteles eine wichtige Frage, ob
de. Die Bewegung des Lebenden ist ein Sichbewegen, und nicht auch dem unvernünftigen Tier, oder was wir so nennen,
zwar vor allem deshalb, weil drei 4 xivqalg Tj cp~6yovtogq h b y o ~zugesprochen werden muß.)
G~hxovtbqzi Eaziv (de an. I' 9,432 b 28 f.) - weil die Bewegung Wo nun also das Sichverhalten und Sichbewegen ein Her-
immer ist die eines Fliehenden oder Verfolgenden (cpvyfi bzw. stellen, noiqa~cist, und zwar eine En~at(pqno~qz~xfi, ein mensch-
OiwS~g),das aber bedeutet: sich in Schutz bringen vor etwas liches Tun, da ist die dieses Tuns nicht nur und erst, wie
bzw. sich in Besitz bringen von etwas. Die Bewegung des Le- wir bisher darstellten, das dsoq, der hbyog - der Entwurf des-
bendigen ist drei Evex& t~voq(vgl. b 15 ff.) - immer umwillen sen, was da hergestellt werden soll, das Kundmachen des Aus-
von etwas; von solchem, darum es am Ende geht, was das sehens, sondern in eins damit, ja früher schon ein besmbv; als
Ende, tEAos ist; was zu erledigen ist - das neaxcbv. Solches, Streben z. B. nach einem Gebrauchsgegenstand, der es ermög-
152 Met. 8 2. Die Einteilung der Ghapy xatk xivqa~v $' 16. Innere Zwiespältigkeit und Endlichkeit 153
licht, Wasser aufzubewahren w d zu befördern. Für das xoteiv und zusammen zurückbezogen auf das Eine hin, von wo aus
xatd t*iJv En~ot~$qv,für das Herstellen bedarf es daher >außer< die ganze Herstellung in Bewegung gesetzt und gehalten wird,
dem hbyoc noch BtEgow z~vbsxwgiow - noch eines anderen, was das ßesxtbv xgaxtbv.
herrscht (Kap. 9 Ende), einer anderen &exfi:des Verfügenwol- Dieser Zusammenhang ist es, den Aristoteles mit den jetzt
lens z. B. über einen solchen Gebrauchsgegenstand. Nur dieses besprochenen Sätzen mehr in Erinnerung bringen als an die-
Bedürfen, Wollen führt zu einer Herstellung, d. h. ist das ser Stelle ausdrücklich erläutern will. Wir sahen, wie die
Von-wo-aus für (das Herstellen als eine Bewegung - &gxfi 86vaptg ystdr Abyow und in welchem Sinne einem Beseelten
petaßokij~.Das Bedürfnis ist nicht nur Anstoß, auftauchender (Epmov) zugehörig ist. Wir sahen zugleich,daß hier Seele nicht
und verschwindender Reiz, sondern das Bedürfen selbst hat irgend ein Ding ist, das in einem Leib wirkt und sich geltend
in sich schon seine Reichweite und Richtung, und mit diesem macht, sondern daß Aristoteles eine ganz bestimmte Grund-
lenkt es das Herstellen, bis zur Vollendung des Werkes. So Struktur des Lebendigen herausstellt und in diese selbst als ein
gibt es gl&chsam zwei &gxaiund doch wiederum nur eine (zum dazugehöriges Geschehen den Vollzug des Aßya~vund des Abyog
x b ~Kap. 9 ff.).
voCg x ~ a x t ~ vgl. einbaut.
Von hier aus wird das Nebeneinander von Abyos und
x~v+ssoqan unserer Stelle (Met. O 2, 1046 b 15 ff.) verständ-
lich. Die &gxWer 66vap.t~yetd hbyov ist ein bgextbv neax~bv
A E Y ~ ~ E V O-
V ein Erstrebtes, #dashergestellt werden soll und als $ 1 6 . Die innere Zwiespältigkeit und Endlichkeit
das und das angesprochen ist, und als dieses auf die Evavtia der 66vap~gp~tdrAbyow
bezogen ist; weil ~ Q E ~ notwendig
L S 8ioEtc oder cpwyil ist.
Und nun läßt sich erst in aller Schärfe fassen, was Aristoteles Halten wir fest: Die innere Zwiespältigkeit des Myos ist der
(a. a. 0.) sagen will: Er beginnt mit dem Hinweis, daß die Ursprung und die Wurzel der Ausbreitung in einzelne Abyo~;
Evavtia, von denen ja vorher schon ausführlich die Rede war, diese kommen zunächst nicht als geprägte Auslegungen, son-
nicht zugleich in einem und demselben hergestellten Seienden dern im >Sichsagen<des Herstellens vor. Die Gesammeltheit
zusammen vorhanden sind. Aber andererseits ist nun auch des Herstellens entspringt aus dem Wesen des Abyoc qua
bei der 66vayy yetdr Abyow nie nur eines der Gegenliegenden Sammlung. Von da her ist auch das ystdr (hbyow) zu verstehen.
da. Also doch beide. Gewiß. Aber die Frage ist eben: wie? Bei all dem gilt es, den Abyoc nicht aus der >Logik<zu begrei-
Nicht als Vorhandene, Hergestellte, sondern in der Herstellung fen, sondern umgekehrt vorzugehen. - Nunmehr kommt die
und für diese. Indem diese ausgeht von (&nb,Z. 21) solchem, 66vay1~yet& hbyou als xivqa~szur Sprache. Wie ist sie auf
was hergestellt sein will und soll, ist mit diesem einen Aus- xivqo~~ bezogen? Die Bewegung ist hier eine solche des Leben-
gang als erstrebtem schon mitgegeben das Gegenteilige, was digen, der 9 ~ x 4 diese ; hat die &gx;i der Bewegung - &gxfiv
in diesem Streben vermieden werden muß; die zu einem Her- X L V ~ ~ U E O SZXEL. Die Bewegung der Seele besteht in Streben,
stellen gehörige Sorgfalt vereinigt eben beides in sich: das ÖeeEtg, und ist entweder Flucht oder Verfolgen. Das Erstrebte
Einhalten des rechten Weges und das Vermeiden der Abwege selbst, das Ogexzbv, ist nicht ein bloßer Gegenstand, der vorge-
und Mißgriffe. Beides, was auf dem rechten Weg und auf dem stellt ist, sondern dasjenige, was bewegt; und dies als Aeybpevov
Abweg begegnet, beides ist dabei ständig zusammengesehen ~160s.(Derselbe Grundzusammenhang von xivquig und O~sxtbv
154 Met. O 2. Die Einteilung der 6itvapy xatd xivqa~v $16. Innere Zwiespältigkeit und Endlichkeit 155
liegt im letzten, abschließenden Buch der »Physik« vor; das Der Satz ist, so wie er dasteht, undeutlich gefaßt und daher
erste Bewegende bewegt Eghysvov [vgl. Met. A 7, 1072 b 31; zweideutig. Das redegeführte Vermögende tut das Gegenteil
Egws charakterisiert eine spezifisch Platonische Weise, die le- zum redelosen, das sagt zunächst: es geht nicht wie dieses auf
bendige Art der Bewegung zu sehen, was bei Aristoteles in ein einziges, sondern im Gegenteil auf ein eines und sein an-
verwandelter Form wiederkehrt.) Die bgxfi, das, von wo aus deres und d. h. auf Gegenteiliges. Weil das redegeführte Ver-
alles Lebendige in Bewegung gesetzt wird, wird also von der mögen von Hause aus auf Gegenteiliges sich bezieht, deshalb
Seele gehabt und gehalten ExopQvq),und zwar in ver- ist es als Ganzes in sich zugleich gegenteilig zum redelosen
schiedenen Bezügen, zu kennzeichnen durch die Phänomene Vermögen; in dem X O L E ~ Vt&vavtia ist beides zusammengezo-
~1805,tEho~,Og~xtbvund h6yos. Diese bestimmen ein und die- gen: sich auf Gegenteiliges beziehen und deshalb gegenteilig
selbe &QxS,auf die das ganze Geschehen und die innere Ver- sich verhalten im Unterschied zur 66vapis iivev h6yov. Sach-
fassung der 86vapi~zurückgenommen ist. lich bringt der Satz nichts Neues; nur die Fassung ist bemer-
Jedes Herstellen von etwas, überhaupt jede 8-Iivay~~ petd kenswert, wie der Abyoc die einige, einzige genannt wird,
h6yov bereitet sich selbst, und zwar notwendig, durch ihr eige- worin sich eben bestätigt, daß er in der noiqais und Ex~atfipq
nes Vorgehen die ständig mitgehende Gelegenheit zum Fehl- xoiqtixfi keine Begleiterscheinung ist, sondern das innerste Ge-
greifen, Versäumen, Ubersehen und Unterlassen, und damit rüst ausmacht; dadurch ist das PET& eigens bestimmt.
trägt jede Kraft in sich und für sich die Möglichkeit des Ab- Auch der Schlußsatz des ganzen Kapitels bringt einen schon
sinkens in die Un-kraft. Dieses Negativum steht nicht einfach gestreiften Gedanken, und auf den ersten Blick sieht man nicht
als das Gegenteil neben dem Positiven der Kraft, sondern recht, was die Anfügung dieses Satzes hier überhaupt noch soll.
lauert dieser in ihr selbst auf und dies deshalb, weil jede der-
artige Kraft ihrem Wesen nach mit der Zwiespältigkeit und
1
I
1046 b 24-28: cpav~eOv8E xai ÖTL tfj pEv toii E; BUV&~EL
&xohov6siq toC pbvov n o ~ q a aq~na6siv 86vapi~,ta6tn 8' Ex~ivq
also mit einem >Nicht<versehen ist. Doch das sind Fragen,
denen nachzugehen für Aristoteles und die Antike zunächst
keine wesentlichen Anstöße gegeben waren, sofern für die
Griechen die Frage nach dem Sein vor allem erst einmal über-
1 06%aiei. &v&yxqy&e tbv ES noioüvza xai Z O L E ~ V , tOv 8E pbvov
mioCvta o h &v&m xai ESnoisiv. »Offenbar ist nun auch, daß
dem In-rechter-Weise-kräftigsein nachfolgt die Kraft, einfach-
hin etwas zu tun oder zu ertragen, daß aber dieser jenes nicht
haupt ein Verständnis des Gefragten bereitstellen mußte. immer nachfolgt; denn notwendig muß der in der rechten
Met. O 2, 1046 b 22-24 gibt die Anwendung der Klänuig Weise Herstellende auch (überhaupt) herstellen, der einfachhin
der 86vapy ver& hbyou und iivev hbyov auf den Begriff des nur Herstellende aber nicht notwendig auch in der rechten
Gvvatbv: Weise herstellen.«
Aib T& xatd hbyov Guvatd toic iivsv hbyou Guvatois noiei Der Gedanke ist klar: Die Kraft zum Herstellen in der
t&vavlia-piij y & &gxfj
~ ~ E Q L ~ X E Z@
Z ~ ~hbyq,
, »Daher das in Ge- rechten Weise setzt voraus, daß überhaupt eine Kraft zum
mäßheit zu einer Rede Kräftige (das Vermögende) das Ge- Herstellen da ist; aber nicht umgekehrt bringt diese schon
genteilige vollzieht zu dem redelos Kräftigen; denn (das Ver- jene mit. Damit ist deutlich, in welchem Sinne Aristoteles
mögen,de) wird durch einen (einzigen) Ausgang umgriffen, hier den Ausdruck &xohod&iv versteht. Das Oberhaupt-etwas-
dieser eine ist die Kunde.« vermögen »folgt« dem In-der-rechten-Weise-vermögen; wir
156 Met. O 2. Die Einteilung der Bfivap~~
nad X ~ ~ U W $16. Innere Zwiespältigkeit und Endlichkeit 157
würden umgekehrt sagen. Aber &xoAov8eivheißt hier >folgen< sen wurde, so war es nur ein Hinweis, noch keine eigentliche
im Sinne von >ständighinter her gehen<, >immerschon mit- Begründung - jetzt, gerade auf Grund der Erörterung des
gehen mit etwas<;von diesem letzteren aus gesprochen bedeu- hbyoc; und seiner Zugehörigkeit zur 64vap~c;begreifen wir erst,
tet es, daß dieses letztere, dem etwas ständig nachfolgt, dieses worin das zur 64vapy gehörige EO seine Wurzel hat. Warum
immer schon mit sich und bei sich führt. Und zwar in dem gehört zu einer Kraft das >inder rechten Weise<- und das
ganz bestimmten Sinne, daß dieses, was immer schon mitgeht, heißt doch auch: das >inunrechter Weise<,das >ingleichgültiger
die Bedingung lder Möglichkeit ist für (des, mit dem es geht, I Weise<?Warum gehört zu einer Kraft notwendig das >je so
dem es folgt. Das ist wichtig, sich klar zu machen. Wir haben oder so<,allgemein: das Wie? Weil die Kraft als 6 4 v a p ~petd
~
in diesem Ausdruck des Folgens, griechisch verstanden, die hbyov von Hause aus zwiegerichtet und zwiespältig ist. Und
I
Fassung des Verhältnisses, das wir gelehrt ausldrücken als das weil nun die redegeführte Kraft in einem ursprünglichen Sinne
des apriorischen Bedingungszusammenhangs. Folgen heißt nichtig, d. h. mit diesem Nicht und Nein durchsetzt ist, des-
hier: vorangehen, nicht: nachher erst kommen. Was nebte~ov halb ist für sie das Wie nicht nur überhaupt wesensnotwendig,
qVoe~ist - der Sache nach früher, das hat selbst nichts mehr sondern demzufolge immer entscheidend. Das Wie gehört für
im Rücken, wohl aber steht es immer schon im Rücken dessen,
eine solche Kraft, d. h. für das Vermögen, mit in den beherr-
was es der Sache nach bedingt, und geht so hinter ihm her.
schenden Bereich dessen, was sie vermag; das Wie ist nicht
Aber eben auch wo das &ilohov8eiv>nachfolgen<bedeutet im
eine begleitende Eigenschaft, sondern solches, worüber im
Sinne des Darauffolgens, ist nicht das Später-kommen in der
Vermögen und mit dem Vermögen mitentschieden ist.
Zeit gemeint, jedoch auch nicht die sogenannte >logische<Folge,
sondern die Wesensbedingtheit. Dieses &xoAov8aiv spielt z. B. Bei der redelosen 62rvapy ist die Sachlage eine andere; zwar
eine große Rolle bei Aristoteles in seiner Lehre vom Wesen I sprechen wir auch hier von einem E.;,daß etwas Erwärmendes
der Zeit. Hier besteht eine Folge und ein Aufbauverhältnis gut Wärme gibt oder schlecht. Aber das >gut<und >schlecht<
zwischen pEye80<,xiqoy und xebvo~,Ausdehnung, Bewegung gehört dieser Kraft ganz anders zu als bei der redegeführten
und Zeit. Hier w i ~ ddas &noAov6e~v zwar im umgekehrten Rich- 64vapcc;. Doch das sind Zusammenhänge, die nicht mehr im
I
tungssinn gemeint, als >folgenauf<;aber keineswegs im Sinne Bezirk des Aristotelischen Fragens liegen.
der logischen Folge oder gar des wirklichen Entstehens, son- Daß aber Aristoteles den Blick auf den inneren Zusammen-
dern in Bezug auf die Ordnung des begründenden Aufbaus hang zwischen dem Wie einer Kraft und der in ihr gelegenen
des Wesens der Zeit; diese ist gegründet auf Bewegung und Zwiespältigkeit lenken will, das sagt eben das cpaveedv 66 xai
diese ihrerseits auf Ausdehnung überhaupt. Ob so oder so,
~ (und so ist nun auch offenbar; O 2, 1046 b 24). Die Zwiespäl-
gebraucht wird das &xohov8siv im Sinne der Wesenszugehö-
rigkeit; vgl. Met. A 1,981 a 24 ff.
Der obige Satz ist so seinem Gehalt nach durchsichtig; aber
~
I
tigkeit fehlt nicht bei der 64vap~c;Qhoyoc;;sie ist nur eine ganz
andere gemäß dem Wesen dieser Kraft; sofern jede redelose
Kraft pia Evbq - auf ein Einziges geht (b 6), ist sie von allem
gerade weil er das ist, fragen wir uns, warum er da steht. Er anderen so ausgeschlossen, daß sie zwar das andere Gegen-
hat doch mit der Leitfrage des ganzen Kapitels nichts zu tun. teilige nicht kund und im Herrschaftsbereich hat; aber ein
Und doch - wenn auch schon früher auf diesen Zusammen- Ausschluß bestimmt gleichwohl die Einzigkeit dessen, dessen
hang des 67) (in der rechten Weise) und des xo~eivhingewie- sie kräftig ist. Und dieser Ausschluß gibt wieder den Hinweis
I
158 Met. 0 2. Die Einteilung der b6vapy xazd x i q a ~ v 8 16. Innere Zwiespältigkeit und Endlichkeit 159

auf die innere Wesenszugehörigkeit des Entzugs und der Nich- einheitlichen Aufbaus der ganzen Abhandlung in den Weg
tigkeit zum Wesen der Kraft. legt. Wie meist, hängen die Entscheidungen über Zugehörig-
Das aber ist, über alle einzelnen Erörterungen hinweg, der I keit und Nichtzugehörigkeit zum Aufbau einer Abhandlung,
entscheidende Gehalt des 2. Kapitels, daß darin die wesen- über Angemessenheit und Unangemessenheit gewisser Stücke
hafte Nichtigkeit und das will sagen: die innere Endlichkeit von dem je erreichten Grade des sachlichen Verständnisses ab.
jeder Kraft als solcher aufleuchtet. Gemeint ist damit nicht Und das gilt besonders für das folgende Kapitel, das man bis-
das Anstoßen gegen äußere Grenzen und Schranken und das I
her viel zu leicht genommen hat und zu leicht nehmen mußte,
Nichtweiterkommen, auch nicht das einfache schließliche Er- weil ja die ganze Abhandlung, in der es steht, längst mit
lahmen, sondern die innere, wesentliche Endlichkeit jeder Hilfe abgegriffener Schulschlagworte gemein gemacht und
8 l j v a p ~liegt
~ in der von ihr selbst geforderten und zu ihrem unser Sinn für die darin behandelten Fragen stumpf gewor-
Vollzug gehörigen Entscheidung nach der einen oder anderen den ist.
Seite. Wo Kraft und Macht, da Endlichkeit. Daher ist Gott
nicht mächtig, und >Allmacht<ist, recht gedacht, ein Begriff,
der wie alle seine Genossen sich in Dunst auflöst und nicht zu
denken ist. Oder aber, wenn der Gott mächtig ist, dann ist er
endlich und jedenfalls etwas anderes als das, was die gemeine
Vorstellung von Gott denkt, der alles kann und so zu einem
Allerweltswesen herabgewürdigt wird.
Die Interpretation des 2. Kapitels - zusammengerafft -
führt uns weit weg von dem anfänglich sich bietenden Bild,
wonach es sich lediglich um eine Einteilung von bvv&p&i~ ZU
handeln schien. Jetzt muß klar geworden sein: Es handelt sich
um die Aufhellung des Wesens der 8ljvap~qnat& niqaiv über-
haupt, um die Beantwortung der Frage: was ist diese 6ljvap~q,
was macht ihr Was-sein aus? Die beiden ersten Kapitel schlie-
ßen sich so zu einer einheitlichen und eindeutigen Untersu-
chung zusammen. Und es mag förderlich sein, beide Kapitel
in einem Zuge, aber nun im Lichte des gewonnenen Ver-
ständnisses noch einmal durchzugehen; was dem Einzelnen
überlassen bleibe.
Aus dieser gesammelten Durchdringung des Wesens der
Gljvap~nat& nivyaiv werden wir nun durch den Beginn des
folgenden 3. Kapitels und durch dieses selbst herausgerissen.
Wir stoßen !damit zugleich auf das erste große Hindernis,
das sich nach diesem verlockenden Anfang dem Verfolg eines
$ 1 7 . Stellung und Thema des Kapitels 161

84vapis xath xivqaiv noch nicht zu Ende geführt. Denn in dem


folgenden 3. Kapitel ist ja nun plötzlich die Rede von der
DRITTER ABSCHNITT Evkgy~~a.
Ist dadurch die Brücke von der GUvapi~xath xivqotv zur
METAPHYSIK O 3. DIE WIRKLICHKEIT DER DYNAMIZ
$~dgysia geschlagen? Allein - daß so vor Kap. 6 überhaupt von
KATA KINHXIN ODER DES VERMOGENS
Evk~ye~a die Rede ist, das muß man nach der ausdrücklichen
Bemerkung von Kap. 6 Anf. als schwere Verletzung der Dispo-
$17. Stellung und Thema des Kapitels und sein sition anmerken. So wird 'die Stellung des Kap. 3 und ebenso
Zusammenhang mit der These der Megariker des Kap. 4 ganz zweideutig.
Dazu kommt die weitere Oberraschung, daß Aristoteles
Es sei zunächst kurz an den H~auptaufrißder ganzen Abhand- plötzlich, wie der Anfang von Kap. 3 zeigt, auf eine Ausein-
lung erinnert. Es gilt, die beiden Phänomene 8Uvapi~und Evkg- andersetzung mit gegnerischen Fragen sich einläßt. Wer Ari-
yeia nach ihrer gewöhnlichenBedeutung zuerst zu erörtern, um stoteles kennt, weiß, es ist eine für ihn charakteristische Ge-
dann überzugehen zu der Behandlung von GUvapy und wohnheit, eine Frage zuerst auf dem Wege einer Auseinander-
E~kgye~a Eni nAEov - nach der eigentlich philosophischen Be- setzung mit anderen und früheren Meinungen einzuführen.
deutung (vgl. ob. S. 49 ff.). Außer der Vorzeichnung dieses Und zwar ist das nicht eine beliebige Kritik und Zurückwei-
allgemeinsten Aufrisses zu Beginn von Kap. 1 finden wir zu sung, um den eigenen Standpunkt ins rechte Licht zu setzen,
Beginn von Kap. 6 noch eine weitere ausdrückliche Bemerkung sondern diese Auseinandersetzungen sollen den sachlichen Ge-
zum Aufriß der Abhandlung. Hier heißt es: Enei 6E negi tijs halt der Frage entwickeln und dartun, inwiefern die bisheri-
xath xivqoiv heyopL.Evq~6uv&p&0~ eigqta~- da nun gehandelt gen Versuche auf Wegen gehen, auf denen nicht durchzukom-
worden ist über die 64vaptq xatb xivqo~v. . . Hieraus ist zu men ist: es sind Wege, ohne Auswege ins Freie zu sein -
entnehmen, daß Kap. 1 bis 5 einschließlich von der 64vapis &nogiai. Diese Erörterungen der Aporien zeigen schon, und
xat& xivqa~vhandeln. Schon eine rohe Nachforschung zeigt, zwar mit Absicht, in gewissen Grenzen den positiven Gehalt
daß dann Kap. 6 ff. von der Evkgysla, unld zwar 11 Evk~yeuxEni der Frage auf (&nogia- Gianogsiv - ~Gnogia).Sie sind weder
dEov, gehandelt wird. Die Evkgye~a xatd xivqaiv aber und nur negativ kritische Klopffechtereien, noch aber für sich ab-
ebenso die 64vapq QninAEov kommen gar nicht eigens zur Er- gelöst Gegenstand einer 'sogenannten für sich stehenden >Apo-
örterung. retik<,die blindwütig nur Widerstreite und Antinomien auf-
So sieht es zunächst aus. Und wir haben den merkwürdigen zeigt und eine Lust daran hat, diese dann stehen zu lassen
Tatbestand, daß so gesehen überhaupt kein Obergang von der und gar zu an sich bestehenden Antinomien aufzusteigern und
64vapy xatd xivqu~vzur 64vapy Eni nMov und entsprechend zu hypostasieren. Die Aporien sind nur der Hinweis auf die
von der Evkgysta xatd xivqaiv zur Evkgy~ia6ni nhEov vollzogen nicht zureichende Ursprünglichkeit der Fragestellung und d. h.
wird. Von der 64vap~sgeht es gleich zur Evkgyeta. Was soll aber Anweisungen zur notwendigen Wiederholung der Frage.
das heißen, daß auf die Erörterung der 64vaps xath xivqo~v Im vorliegenden Falle aber ist die Untersuchung gar nicht
die der Evkgyeta Eni nhkov folgt? Das ist ein unmöglicher durch solche Auseinandersetzungen eingeleitet, sondern diese
Sprung. Aber bisher haben wir ja auch die Erörterung der treten erst in Kap. 3 auf. Hier kommt eine bestimmte Auf-
I
162 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 66vay~~
xaz&xivqow / $ 1 7 . Stellung und Thema des Kapitels 163
fassung der Megariker bezüglich der 66vay~~zur Sprache. Doch dersetzung mit diesen stand ja auch das Platonische Philoso-
warum soll Aristoteles nicht einmal den umgekehrten Weg phieren, ebenso das Aristotelische, mit welchen beiden die
einschlagen und die aporetische Erörterung der eigentlich the- I
Megariker gleichzeitig waren. Eine, oder gar die zentrale
1
matischen Untersuchung nachfolgen lassen bzw. sie zwischen- Frage aller drei Richtungen war die nach dem Wesen und
drin einschalten? Gewiß, das ist durchaus möglich. Doch be- der Möglichkeit der Bewegung und das heißt in gewissem
vor wir darüber entscheiden m d überhaupt über den weite- Sinne: die Frage nach dem Sein des Nichtseienden, und dieses
ren Fortgang lder Untersuchung und dessen Angemessenheit I
I
wieder will sagen: nach dem Wesen des Nicht und des Seins
an die Hauptgliederung etwas ausmachen, wollen wir ganz 1 überhaupt. Daß die Megariker um diese Fragen sich bemüh-
einfach einmal klarzustellen versuchen, wovon denn in dieser I
ten, daß Aristoteles an so ausgezeichneter Stelle und ebenso
Auseinandersetzung mit den Megarikern die Rede ist. 1I Plato in seinem »Sophistes« (246 b U. ff.) auf sie eingehen,
zeigt, daß es nicht beliebige Wortemacher waren, die sich mit
1046 b 29-33: eioi 66 TLVES 01 (PauLv, ofov oi M~yaelxoi,Ötav
I Hilfe von Trugschlüssen und leeren Sophistereien ein Ansehen
Eveeyn pbvov 66vau9.a~~ Ötav 6k y4 E V E Q ~ob
~ 66vao9.a~,olov I
tbv y4 oinidoyoijvta 05 6.itvao9.a~oixo6oysiv, &Aha t b v oixo- I zu verschaffen suchten. Dieses ist die übliche Darstellung, die
I meist geschöpft ist aus Berichten über die spätere Zeit ihrer
Goyoijma ötav 0ixo6opfj- dyoiws 6E xai Esli zGv 6hhwv. 01s ta
Schule, wobei man nur vergißt zu sagen, daß die späteren
ovyßaivovta titosla ob xaheslbv i6eiv. »Es gibt aber gewisse
Schulangehörigen des Plato und Aristoteles mei,st nicht viel
Leute, wie z. B. die Megariker, die sagen, nur wenn eine
mehr taugten als die späteren Megariker. Offenbar aber hat-
Kraft am Werke sei, dann sei das Kräftigsein zu etwas vor- 1
1 ten die mit Plato und Aristoteles gleichzeitigen den gleichen
handen, wenn sie aber nicht am Werke sei, dann sei auch kein
Rang, obwohl sie das Schicksal haben, in der Geschichte ver-
Kräftigsein, z. B. der nicht bauende (Baumeister) sei nicht
kräftig des Bauens, wohl aber der bauende, wenn er baut; 'II gessen zu sein.
imgleichen gelte das auch von den anderen Kräften. Daß das,
was mit dem Gesagten sich einstellt, nirgends unterzubringen
ist, das ist nicht schwer zu sehen.« Das vorige Mal haben wir die Auslegung des 2. Kapitels zu
I
Ende gebracht. Es galt dabei, auf ein Doppeltes hinzuweisen:
I
Die Untersuchung nimmt ihren Fortgang, indem Aristoteles 1. Jede Gfivap~~ bereitet sich selbst je die Gelegenheit zum
eine These der Megariker einführt. Wer sinld diese? Das müs- Fehlgehen und Versäumen vor, in ihr selbst ist die Möglich-
sen wir z. B. aus eben dieser Aristotelesstelle entnehmen. Denn keit des Absinkens in die Unkraft beheimatet; diese steht nicht
es sind uns von ihnen keine Schriften überliefert. Bei den I daneben, als etwas anderes. 2. Das Bedingungsverhältnis von
Stoikern, bei Sextus Empiricus, Alexaader von Aphrodisias, no~eivund E$ slo~~iv: diesem folgt jenes (nicht umgekehrt);
Simplicius sind zuweilen bruchstückhafte Lehren und Sätze &noAodsiv heißt: hinter-her-gehen, immer schon im Rücken
\
von ihnen erwähnt. Es ist eine philosophische Richtung und stehen; es gilt von dem, was nie zu umgehen ist. Es wird auch
Schule, die, wie Plato, von Sokrates ausgeht; der Begründer ist in der umgekehrten Folgerichtung gebraucht (vgl. des Aristo-
Euklid von Megara (nicht der Mathematiker). Sie versuchten teles' Zeitabhandlung), aber immer ist gemeint das Verhält-
eine Verbindung des Sokratischen Philosophierens mit der I
nis des Aufbaus von Wesensbedingungen und Bedingtem;
Lehre der Eleaten (Parmenides und Zeno). In der Auseinan- I
also zunächst nicht die logisch reduzierbare Folge und gar
164 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 66vapl~xath xivqulv $ 1 7 . Stellung und Thema des Kapitels 165

nicht ein zeitliches Aufeinanderfolgen. Der Ursprung der Die Megariker leugneten die Möglichkeit der Wirklichkeit
Notwendigkeit des Wie eines Vermögens liegt in der inneren, der Bewegung, gemäß dem eleatischen Grundsatz über das
wesenhaften Zwiespältigkeit desselben. - Kap. 1 und 2 haben Seiende, wonach nur das Seiende ist, das Nichtseiende aber
beide zum Thema das Wesen der aVvap~~, d. h. die Definition nicht ist; Nichtseiendes jedoch ist alles Seiende, das in irgend
dessen, was sie ist. Jetzt, mit Kap. 3 kommt die erste große einer Weise vom Nicht angetastet und durchsetzt ist, also so-
Störung; mindestens nach der landläufigen Auffassung der wohl das Noch-nicht-Seiende als auch das Nicht-mehr-Seiende.
Ausleger und nach dem, was sich zunächst darbietet. Merk- Was aber in Bewegung ist, schlägt um, tritt aus dem einen
würdig ist in der Tat, daß Aristoteles mitten in der Erörte- heraus in das andere, ist jenes nicht mehr und dieses noch
rung eine kritische Auseinandersetzung mit anderen beginnt. nicht; das Bewegte ist so das >nachzwei Seiten<Nicht-Seienlde,
Die Frage ist, ob diese Auseinandersetzung erst nach Kap. 1 ist je noch nicht, was es sein wird, und je nicht mehr, was
und 2 nachkommt oder vor etwas anderem und für etwas es war. Seiend ist nur das Anwesende, Vorhandene.
anderes steht. Es ist der Brauch des Aristoteles, eine Erörterung Nun müssen wir annehmen, daß die Megariker nicht ein-
mit einer Aporetik zu beginnen. Eine solche hat für ihn posi- fach die alten Thesen wiederaufnahmen, sondern in der Aus-
tive Bedeutung: nicht um eine bloße Nichtentscheidbarkeit einandersetzung mit Plato und Aristoteles und deren Lehre
der Frage geht es, sondern darum, auf den rechten Weg zu von der Bewegung die eleatischen Thesen zu behaupten ver-
führen (blanoesiv) und zu einer ~Zinoeia.Eine These der Mega- suchten. Nicht nur das; und was ich jetzt sage, ist zunächst
riker wird an den Ausgang der Betrachtung gestellt. Wer für Sie eine leere Behauptung, für mich eine persönliche Uber-
sind die Megariker? An Schriften ist nichts überliefert. Sie Zeugung, dieses nämlich: Es darf mit Grund in Zweifel ge-
waren Zeitgenossen von Plato und Aristoteles, Sokratiker, zogen werden, ob Plato und Aristoteles wirklich die zentralen
>eleatische<.Ihre Hauptfrage ging auf Wesen und Möglich- Einwände der Megariker begriffen und überwunden haben.
keit der Bewegung. Dabei mag gleichfalls offen bleiben, ob die Megariker selbst
Daß nun aber in der Frage nach Wesen und Möglichkeit ihrerseits wußten, was sie im Grunde wollten. Alles wirkliche
der Bewegung eine Verschiedenheit der Auffassungen auch und große Wollen weiß nie eigentlich begrifflich sagbar, was
noch gegenüber Plato und Aristoteles bestehen konnte und es gewollt hat; das festzustellen ist ein Geschäft der Späteren.
mußte, das geht einem leicht ein, wenn man auch nur ein Aber dieses nachkommende Besserverstehen gibt kein Recht
geringes Verständnis hat von der ungeheuren Anstrengung, zur Oberlegenheit. Inwiefern dieser Zweifel (ob Plato und
die diese Denker, Plato und Aristoteles, auf sich nehmen muß- Aristoteles die megarischen Einwände wirklich überwunden
ten, um überhaupt nur irgendwie innerhalb dieses dunklen haben) zu Recht besteht und ausgesprochen werden muß, das
und schwebenaden Fragebezirkes Fuß fassen zu können. Die soll die folgende Interpretation ergeben. Auch wenn, wie Ari-
Frage, was unld wie Bewegung >sei<,hatte damals, und stoteles an unserer Stelle sagt, die Widerlegung der Megari-
im Grunde heute noch, ihre besondere Schwierigkeit nicht nur ker keine Schwierigkeiten macht, so bleibt immer noch die
in dem rätselhaften Wesen der Bewegung als solcher, sondern Frage, ob Aristoteles die letzte (d. h. erste) Schwierigkeit so
in der Auffassung und dem Verständnis des Seins, im Lichte faßte, ja überhaupt fassen konnte, daß daldurch das megarische
dessen man sich um das Sein der Bewegung bemühte. Argument in seinem vollen Gewicht zur Geltung kam.
166 Met. O 3. Die Wirklichkeit der GIivayt~xath xlvqutv $' 17. Stellung und Thema des Kapitels 167
Doch fragen wir jetzt bestimmter, eben in Bezug auf unsere versuchen jetzt vielmehr, das Ganze rein aus dem Text von
Abhandlung: Welchen Zusammenhang hat die megarische Kap. 3 zu entfalten. Wir nehmen an, wir wüßten nichts von
Lehre überhaupt mit dem Thema des Aristoteles? Dieses be- den Megarikern; ja wir brauchen das gar nicht erst anzuneh-
trifft die 86vapy, und zwar die 86vap~qxat& xivqutv. Diese men. Wir lassen uns von Aristoteles jetzt etwas über sie be-
66vap~shat einen Wesensbezug zur xivqa~~, sofern die 8 w a p ~ ~ richten.
ist, was sie ist: d r ~ ~ yetaßohrjs.
r( Wenn nun die pataßohfi in sich Aus dem übersetzten Text ergibt sich das eine, daß die Me-
wesensunmöglich ist, dann gilt das auch und erst recht von gariker bereits auf die Aristotelische Lehre von der 86vap~c
dem, was als psmßohrjg angesprochen wird. Ein Ausgang antworten, so zwar, daß sie etwas ganz Bestimmtes bestreiten.
für das, was in sich überhaupt nicht sein kann, ist selbst etwas Mit dieser Bestreitung aber rühren sie an ein zentrales Pro-
Sinnloses. Soll aber die 815vap~seine solche h ~ x f sein,
i dann blem. (Das ist zunächst wieder unsere Behauptung.) Auf etwas
kann sie überhaupt nicht sein. Damit schwindet schon die aber ist noch hinzuweisen: Aristoteles führt nur die These der
erste Befremdlichkeit bezüglich des Zusammenhangs von Kap. Megai-iker an, nicht aber die Begründung, die sie dafür offen-
3 mit den vorigen. Allein die entscheidende Frage ist: Beab- bar gehabt haben.
sichtigt die Aristotelische Erörterung des megarischen Ein- Um was handelt es sich? Um die 86vapy xat& xivqu~v;als
wands nur eine polemische Klärung und nachträgliche Siche- Beispiel ist angeführt eine Ex~otfipqxo~qt~xfi, nämlich die
rung des in Kap. 1 und 2 Herausgestellten, oder aber setzt oix08optxfi, die Baukunst; es handelt sich also, in unserem
mit Kap. 3 eine neue Frage ein? Nimmt also die Abhandlung früher festgelegten Sprachgebrauch, um ein Vermögen. Ge-
ihren Fortgang und wenn ja, welchen? nauer handelt es sich um die Frage, ob und wann und wie ein
Man sieht leicht, von mrelch ausnehmender Wichtigkeit es solches Vermögen wirklich vorhanden sein könne, eben als
bleibt, daß zuvor Klarheit besteht über Fragestellung und Er- das Vermögen, das es ist. Die megarische These lautet (1046 b
gebnis der Kap. 1 und 2. Die übliche Scheinauslegung und 29/30): Ötav E v e ~ y jp6vov 86vao6a~,d. h. 86vaptv V~&QXELV.Ich
Popularisierung dieser zwei Kapitel hat es aber bisher ver- habe übersetzt und lege darauf die entscheidende Bedeutung:
hindert, für das Verständnis des Folgenden die zureichende »Wenn eine Kraft am Werke ist, dann allein ist das Kräftig-
Vorbereitung zu schaffen. Und so kommt es, daß die Ausle- sein zu etwas vorhanden.« Das Ausschlaggebende und für das
gungen, sofern man sie überhaupt so nennen darf, die Ver- Verständnis und die Auslegung des ganzen Kapitels Leitende
wirrung der Fragen noch steigern, die Verwirrung, die eben ist die Ubersetzung des Evegyj. ' E V E Q ~heißt:
E ~ V am Werke sein
in der damaligen Erörterung (zur Zeit des Aristoteles) nicht (nicht einfach: wirklich sein). Wenn ein Vermögen zu etwas
zufällig bestand, sondern in der maßlosen Schwierigkeit des >amWerke ist<,d. h. bei der Herstellung dessen, wozu es Ver-
Sachgehaltes der Frage begründet war und noch ist. Es bedarf mögen ist, beschäftigt, dann, sagen wir kurz, >verwirklicht<
daher der äußersten Vorsicht und Schärfe gerade in der Ent- sich das, was vordem nur etwas Mögliches war.
faltung der schwebenden Frage. Es handelt sich also hier um die Frage nach der Wirk-
Um nicht den Verdacht zu verstärken, als suchten wir ge- lichkeit des Möglichen, um die Evbeyata, von der ja dann in
waltsam nach einem Zusammenhang zwischen Kap. 3 und diesem Kap. 3 auch mehrfach die Rede ist. Von der Evb~ya~a
Kap. 1 und 2, lassen wir jetzt auch den vorhin gegebenen soll aber doch erst nach Kap. 5 gehandelt werden, also ver-
Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang beiseite. Wir dirbt sich Aristoteles schon hier die Disposition. Auch ein so
168 Met. O 3. Die Wirklichkeit der S6vap~
xatd xiqaw $ 1 7 . Stellung und Thema des Kapitels 169
sorgfältiger Beobachter wie Bonitz sagt das. Ad definiendam ist das, was das in Kap. 1 und 2 herausgestellte Wesen hat,
86vap~viam hoc loco adhibet notionem EvegyBiaq, de qua infra wirklich vorhanden, wenn es wirklich ist? Die Megariker su-
demum, inde a cap. 6, uberius disputabit.l Die Frage ist eben, chen dieses Vorhandensein eines Vermögens in der Verwirk-
1. ob hier Thema ist die Definition der 8 6 v a p ~-~ oder etwas lichung, d. h. im Vollzug des Vermögens. Wenn das Vermögen
anderes; 2. ob hierzu der Begriff der Evkeysla Eni nlkov schon nicht im Vollzug begriffen ist, dann ist es gar nicht. Bloße
herangezogen wird. Es genügt nicht, einfach äußerlich das nicht vollzogene Vermögen sind nicht nur faktisch nicht, sie
Vorkommen von Evfeys~afestzustellen und es schnurstracks können gar nicht sein. Aus dieser megarischen These müssen
mit dem späteren Begriff gleichzusetzen, wo doch im Anfang wir zunächst entnehmen, daß in der Aristotelischen Lehre die
der ganzen Abhandlung mit Nachdruck in aller Klarheit ge- Frage nach dem Wie des Vorhandenseins einer 86vapy qua
sagt ist, daß der spätere philosophische Begriff erst gewonnen b6vab~yentweder unzutreffenld oder unzureichend oder über-
werden soll. haupt nicht beantwortet, ja die Frage nicht einmal gestellt
Gewiß, gleich im ersten Satz des Kap. 3 taucht das Eveeysiv wurde. Andererseits ist klar: Wenn (die Frage nach der Art
auf, und das muß uns aufhorchen lassen. Aber die Frage ist und Weise des Vorhandenseins von 8"liap~squa 86vap~qge-
gerade: Ist es die Evfeyeia von Kap. 6 ff., d. h. die Evf~ys~a Eni stellt wird, dann kann sie nur im Hinblick auf das Wesen der
dkov, die Wirklichkeit im Unterschied zur Möglichkeit? Oder 86vap~qbeantwortet werden. Wie etwas ist, bestimmt sich
ist es am Ende die von den Auslegern immer vermißte 6vkeyet.a wesentlich mit aus dem, was es ist. Ich sage nicht ohne Be-
nat& ~ C I ~ Odas
L VAm-Werke-sein
, im Unterschied - ja nun: dacht: bestimmt sich mit aus dem Wesen; also nicht allein aus
wozu? Zum Vermögen, zum bloßen Vermögen? Allerdings! diesem. In jedem Falle, das Wie des Vorhandenseins läßt sich
Und eben dies, ob ein solches >nurVermögen<>sein<kann und nicht aus dem Wesen einfach deduzieren, schon deshalb nicht,
wie, das ist die Frage. In der Gestalt dieser Frage kommt weil das Wesen seinerseits nur faßbar ist im Durchgang durch
überhaupt die Evfeye~anat& niqo~vzur Sprache. Warum so ein Vorhandenes seines Wesens bzw. durch ein als vorhanden,
allein und warum Aristoteles dafür keinen eigenen Abschnitt, wie wir sagen, >Gedachtes<.
keine Obergangsstelle anmerkt, das ist in der Sache tief be- All das soll nur darauf hinweisen, daß die Antwort auf die
gründet. Daß andererseits die Erklärer das ganze Problem Frage nach dem Wie der Vorhandenheit des Vermögens als
verwirren, ist nicht zufällig, sondern ist gleichfalls in der Dun- Vermögen nicht ohne Hinblick auf das in den vorigen Kapi-
kelheit der Sache begründet. Es gilt daher, den eigentlichen teln herausgestellte Wesen gewonnen werden kann.
Sitz der Grun~dschwierigkeiterst einmal aufzufinden und von Doch - so müssen wir endlich entschlossener fragen: In-
verschiedenen Seiten her dieselbe Frage aufzulockern. wiefern hat denn die Frage nach dem Vorhandensein von
Die von Aristoteles angeführte These der Megariker sagt: Kräften eine solche Verfänglichkeit, daß sie diese umständ-
Eine GUvapis ist nur, wenn sie sich verwirklicht. Die These be- lichen Erörterungen veranlaßt? Vermögen gibt es doch unzäh-
trifft demnach nicht so sehr das Was-sein der 66vapy, das, lige, und sie begegnen uns ständig und unauffällig. Wir ken-
was man gemeinhin das Wesen, die essentia zu nennen pflegt nen den Schuster, Bäcker, Töpfer, Tischler; mit ihnen sind
und was in der >Definition<gefaßt zu werden pflegt, sondern doch ganz bestimmte Vermögen vorhanden. Der Töpfer z. B.
das Wie ihres Vorhandenseins, die existentia. In welcher Weise ist es, der in der Schenke sitzt; er ist der, der Krüge her-
Commentarius S. 387. stellen kann, er ist der Herstellenkönnende. Mit ihm ist ein
170 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 86vapy xacd xiqa~v $17. Stellzuzg und Thema des Kapitels 171

Vermögen wirklich da. Gut; aber wie denn? Wo und wie ist Vorhandensein des Vermögens betrifft. Unbestreitbar ferner,
denn das Vermögen? In seiner Tasche trägt er es nicht mit, daß das nur in der Einübung seiende Vermögen so etwas wie
wie sein Taschenmesser; dann wäre die Frage leicht entschie- das >Mögliche<gegenüber dem ausgeübten als verwirklichtem
den. Im anatomischen Bau seines Körpers ist das Vermögen Wirklichen darstellt. Aber, so kann mit Recht gesagt werden,
auch nicht aufzutreiben. Vielleicht haben seine Hände eine das nicht ausgeübte Vermögen ist nicht nur etwas Mögliches,
eigentümliche Form; aber dann ist das höchstens eine Folge sondern eben doch auch schon etwas Vorhandenes. Ein mög-
davon, daß in ihm das Vermögen ist, aber nicht dieses selbst. liches Vermögen ist etwas anderes als ein wirkliches Vermögen;
>Inihm<sei das Vermögen, sagen wir. Wo innen? Im Gehirn? ein wirkliches Vermögen braucht aber nicht, um solches zu
Da würden wir vergeblich suchen. In der Seele natürlich! Aber sein, im Vollzug, in seiner Verwirklichung begriffen zu sein.
was heißt >Seele<? Und wie ist denn die Seele vorhanden? Damit hat sich uns die entscheidende Frage schon etwas
Was anfänglich so selbstverständlich schien, daß mit dem näher bestimmt: W i e )ist< ein Vermögen, das nicht n u r als
in der Schenke sitzenden Töpfer eben das Vermögen, Krüge mögliches gedacht, sondern wirklich vorhanden ist, obzwar
herzustellen, vorhanden sei, ist jetzt ganz dunkel geworden. nicht sich verwirklichend? Gibt Aristoteles auf diese Frage
Zwar werden wir uns auch jetzt noch nicht davon abbringen eine Antwort? Wie begegnet er der These der Megariker?
lassen, daß das Vermögen da ist, denn sonst wäre ja der Töpfer Wird sie ihm zur Veranlassung einer positiven Lösung oder
nicht da; oder hat er, solange er zum Schoppen geht, das Ver- zum mindesten einer Ausarbeitung der Frage? Erfährt die
mögen zu Hause gelassen? Daß die Megariker hier eine Frage Aufhellung des Wesens der GVvap~qnach nivya~vdamit eine
finden und gestellt wisisen wollen, dürfte jetzt schon eher Förderung? Wie ist dementsprechend der Fortgang der Un-
einleuchten. Ja sogar die Antwort, die sie auf die Frage nach tersuchung zu verstehen? Bleibt Aristoteles in der eingeschla-
der Art und Weise des Vorhandenseins eines Vermögens geben, genen Bahn oder gerät ihm, wie die Ausleger meinen, schon
ist gar nicht von der Hand zu weisen. Sie ist jedenfalls ein nach dem 2. Kapitel die ganze Disposition aus den Fugen?
Zeugnis dafür, daß sie dieser Frage ernstlich nachgegangen Auf diese Fragen muß die Auslegung des Textes antworten.
sind: Ein Vermögen ist jedenfalls vorhanden, d. h. wirklich, Ja mit diesen Fragen gewinnen wir überhaupt nur einen Ein-
wenn es sich verwirklicht. Und es verwirklicht sich, wenn es blick in das, was Aristoteles sagen will.
das vollzieht, was es vermag. Wenn es nur erst vermögend Aber zuvor gilt es noch, all die aufgeführten Schwierigkei-
ist zu etwas, was wirklich sein könnte, dann ist das Vermögen ten, die in der Sache selbst liegen, um eine weitere und ganz
eben nur ein Mögliches zu einem Wirklichen. Das Mögliche entscheidende zu vermehren. Ein Vermögen ist nur, nach der
aber ist das Noch-nicht-Vorhandene. Vorhanden, mithin sei- megarischen These, wenn es im Vollzug begriffen, öcav Ev~gyai
end, kann ein Vermögen nur genannt werden, wenn es im - wenn es am Werke ist. Am-Werke-sein be'deutet: beim Her-
Vollzug begriffen ist. Nur der bauende Baumeister ist ein stellen beschäftigt, in ihm aufgehend; hier aber ist das Werk
vermögender. selbst noch nicht Werk, das ist es erst, wenn es fertig ist. Wenn
In dieser Oberlegung geht Wahres und Falsches durcheinan- es aber dies ist, dann ist ja das Herstellen seinerseits über-
der. Unbestreitbar ist, daß zwischen dem Vermögen als einem flüssig geworden und ist nicht mehr. Das Vorhandensein des
nur eingeübten und einem ausgeübten ein Unterschied be- Vermögens ist das Herstellen selbst als noiyoy, d. h. als xivyoy.
steht. Unbestreitbar, daß dieser Unterschied irgendwie das Wenn aber die Megariker hierin, in der Bewegung des Her-
17'2 Met. O 3. Die Wirklichkeit der SZjvap~s~ a t ~a i v q a ~ v
stellens die Wirklichkeit des Vermögens sehen, dann wider- $' 18. Beginn der Auseinandersetzung des Aristoteles
spricht das ihrer Grundauffassung des Seins und der Wirk- mit den Megarikern
lichkeit, die doch die eleatische sein soll, wonach Bewegung
gerade nicht und nie ist: das Nichtseiende. Wenn man aber
den Megarikern diesen Widersinn nicht zumuten kann, daß a) Liegt die Wirklichkeit des Vermögens im Haben
sie eben da, wo es sich um die Wirklichkeit von etwas (näm- oder im Vollziehen desselben?
lich der 86vayy) handelt, gerade das als Wirklichkeit in An-
spruch nehmen, wovon sie grundsätzlich sagen, es sei das Aristoteles beginnt das Kap. 3 mit einer kritischen Auseinan-
Nichtwirkliche schlechthin, dann ist die überlieferte Auffas- dersetzung. Sie richtet sich gegen die Megariker. Deren Haupt-
sung der Philosophiekistoriker bezüglich der eleatischen Grund- anliegen ist die Frage nach der Möglichkeit der Wirklichkeit
artung der Megariker nicht haltbar. der Bewegung. Und diese Möglichkeit leugnen sie. Dahinter
Doch besteht noch eine Möglichkeit, die nämlich, daß die verbirgt sich eine Grundfrage des Philosophierens. Welchen
Megariker zwar die Wirklichkeit des Vermögens im Vollzug Zusammenhang hat (die megarische Lehre mit dem Thema
finden wollten, aber gerade auf Grund ihrer eleatischen Orien- des Aristoteles? Dieses ist allgemein die G 6 v a p ~xatci
~ xivqa~v,
tierung außerstande waren, das Wesen des Vollzugs zu fassen, genauer: deren Wesen, wie es in Kap. 1 und 2 herausgestellt
vielmehr gezwungen waren, es zu mißldeuten. wurde. Wenn die Megariker die Möglichkeit der Bewegung
Wenn aber überhaupt die Art und Weise des Vorhanden- leugnen, dann wind damit das Wesen der 66vapi~xatd xivtlo~v
seins der 66vapy in der Bewegtheit ihres Vollzugs liegen soll- hinfällig. Also wäre Kap. 3 eine nachträgliche Sicherung der
te, dann ist es gerade Aristoteles, der zum ersten Mal und Wesensbestimmung. Allein, handelt es sich darum? Schon
entscheidend über diese Art des Seins gehandelt hat, sofern er der erste Satz sagt uns etwas anderes: Er spricht nicht von der
die Aufhellung des Wesens der Bewegung gerade in der Ab- Was-Frage, sondern von dem Wie des Vorhandenseins. Worin
sicht unternahm, die Bewegung und Bewegtheit als eigene ist (dasgelegen? Nach den Megarikern im Evseyaiv. Also ist die
We'ise des Wirklicheins sichtbar zu machen und zu bestim- EvEgysia Thema. Aber wie? Nicht als Störung der Disposition,
men. Wenn jedoch die Weise des Vorhandenseins der 8 6 v a p ~ ~ sondern als Fortführung des Problems. In Kap. 3 geht es dem-
nicht, wie die Megariker wollen, im Vollzug des Herstellens, nach nicht mehr um eine Definition, sondern um die EvEeyaia,
also nicht in der Bewegtheit liegt, wenn andererseits wieder aber noch nicht wie in Kap. 6 ff., sondern um die 6vbeyat.a xatd
der Vollzug eines Vermögens nicht ohne Bezug zum Wesen des xivqaiv. Was bedeutet nun die These der Megariker in Bezug
Vermögens ist, dann könnte gerade die Bewegtheit als Art auf dieses Thema? Die Wirklichkeit der BZivapy wird gesehen
der Wirklichkeit einen Leitfaden hergeben, um die Frage im Vollzug; hier liegt die >Verwirklichung<des Vermögens,
nach der Seinsart des unvollzogenen, aber gleichwohl wirk- sonst ist es nur erst >vermögend<,>in der Möglichkeit<;das
lichen Vermögens zum mindesten zu stellen. Mögliche aber ist noch nicht das Wirkliche. Aber ein Ver-
Mit all diesen Oberlegungen haben wir in der Hauptsache mögen, das nicht im Vollzug ist, ist das nur ein mögliches?
den Umkreis dessen abgeschritten, was zur Erarbeitung eines Oder schon auch wirklich, obgleich nicht im Vollzug? So ist
philosophischen Verständnisses des Kap. 3 erforderlich ist. die Frage nach der Wirklichkeit des Vermögens schärfer be-
* stimmt. Doch nun wird andererseits die These der Megariker
174 Met. 8 J. Die Wirklichkeit der 66vap~gxazd xivqa~v 5 18. Die Auseinandersetzung mit den Megarikern 175

unverständlich, gesetzt, daß sie Bewegung leugnen. (Aber Voll- der 64vapy die Frage nach dem Vorhandensein derselben
zug ist vielleicht etwas anderes?) scheinbar für entschieden; die Megariker leugnen auf Grund
Wir sehen uns jetzt zunächst danach um, wie Aristoteles I
des einzig möglichen Vorhandenseins einer 6dvapy i m Grunde
der These der Megariker begegnet. Eines wissen wir schon: deren Wesen.
Er bespricht nicht die These selbst, sonldern fragt nach dem, Dieser Widerstreit ist offenbar durch eine formale Ober-
was sich ergibt, wenn die These angenommen wird. Diese legung nicht aufzulösen. Es bedarf eines erneuten Eingehens
Folgen der Annahme jedoch lassen sich nirgends unterbringen, I auf die Sache, die zur Verhandlung steht. Geschieht das und
sie sind nicht haltbar, und deshalb muß die These selbst als in welcher Weise? Will Aristoteles den Megarikern nur die
unhaltbar aufgegeben werden. Aristoteles betont überdies, I Widersinnigkeit der Folgen ihrer These vor Augen halten, oder
die so gezeigte Unmöglichkeit der megarischen These sei leicht I
zielt er auf etwas anderes?
einzusehen. Um diese Fragen im voraus allgemein zu beantworten:
I
Aristoteles läßt sich in der Tat nirgends auf eine lediglich for-
1046 b 33-36: 6ijAov y&g ö t ~o3t' oino66poc Eotat Edv p1) male Widerlegung der Megariker ein, sondern auch da, wo
oino6opi. tb y&g oinotibycp elvai tb Guvat@elvai Eot~voix060p~iv~ I es so aussieht, als erschöpfe sich seine Widerlegung in einer
Opoioq 6E xai Eni t 6 v ähhov T E X V »Denn
~ V . es ist klar, daß auch
billigen Konsequenzmacherei, gerade da drängt Aristoteles
(unter Voraussetzung der megari,schen These) kein Baumeister
auf die Herausarbeitung ganz bestimmter Phänomene. Nicht
sein könnte, wenn er nicht baut. Denn das Baumeistersein be-
genug - die ganze kritische Auseinandersetzung ist nur die
sagt doch, vermögend sein zu bauen; gleicherweise gilt das
I Vorbereitung einer positiven Aufhellung des Guvatbv elva~hin-
auch von den anderen Weisen des Herste1lens.u
sichtlich der Art und Weise seines elvai (im Sinne der Wirk-
Im Sinne der megarischen These existierten Baumeister nur I lichkeit). Und dieses wiederum in einer Weise, durch die ein
dann, wenn sie im Bauen begriffen sind bzw. insofern sie das I wesentlicher Fortgang in die Untersuchung kommt. Diese
sind. Um diese Folge uns noch zu verdeutlichen: Es wäre also Weiterführung der Frage aber ist kein Herausfallen aus der
ganz unmöglich, einem Baumeister einen Auftrag zum Haus- Disposition im Sinne einer unberechtigten Vorwegnahme des-
bau zu geben, denn er ist ja gar nicht ein Baumeister, wenn 1 sen, was erst später, Kap. 6 ff., zur Sprache kommen soll, viel-
er noch nicht baut. Dem entgegnet Aristoteles: Baumeister mehr stoßen wir in diesem Kapitel hier auf die eigentliche
sein heißt gerade und zuerst: vermögend sein zum Bauen. Vorbereitung und Begründung des Obergangs von der 8Vvap~~
Aber ist das eine Antwort auf die in der megarischen These xal Evßeyeiaxat& xlvqaiv zur EvEgyeia xai Bdvap~qEni XAEOV.
liegende Frage? Mag das Baumeistersein eben darin sein I Wir zerlegen dementsprechend das Ganze der thematischen
Wesen haben, vermögend zu sein zum Bauen, so ist damit ja Erörterung in zwei Stadien. 1046 b 36-1047 a 20: d'ie vor-
noch nicht bestimmt,in welcher Weise ein solches mögliches Ver- I bereitende kritische Auseinandersetzung mit der megarischen
I
mögendsein wirklich ist. Gerade weil diese Wirklichkeit nichts I These auf Grund ganz verschiedener Argumente. 1047 a 20-
anderes sein kann als die Verwirklichung im Vollzug, gerade b 2: die positive Erörterung und Bestimmung des 6uvathv d v a ~
deshalb leugnen die Megariker die Wesensbestimmung des und der Evigye~axat& xivqa~v(S. 214 ff.). Diese zwei Stadien
Aristoteles. Und so stehen sich die beiden Auffassungen schroff 1 zerlegen wir wieder zum Zwecke der klaren Abhebung der
gegenüber: Aristoteles hält auf Grund der Wesensbestimmung 1 Schrittfolge der Gedanken in einzelne Abschnitte.
3.76 Met. 0 3 . Die Wirklichkeit der GGvayiq xatdr xiquiv $18. Die Auseinandersetzung mit den Megarikem 177
1046 b 36-1047 a 4: si 07v &66vatovtixg toia6tac EXELV tExva~ Was bringt Aristoteles hier zur Sprache? Das Haben w d
p;i pavb&vovt&xots xai Aaßovca, xai p4 EXELV p~)&noßaAovtanotE Nichthaben einer 86vapiq, ferner das Aneignen und Verlieren
(V ydg A461 q n&6~iT L V ~+j XQOV<E)* 06 yixg 84 TOV ys xg&ypatoq derselben. Was hat das mit der leitenden Frage zu tun?
cp6a~Evtog,si [statt &si, H.] y & Eotiv),
~ ESEL
ötav na6oqta~,o 6 ~ Diese fragt nach der Weise, wie eine 86vap~sals solche wirk-
t 4 v TEXV~V, x&Aiv 8' ~666soOixoOopficrs~OS Aaßhv; »Wenn es lich ist. Aber Vermögend-sein zu etwas heißt eben: die 8.oYap~
nun unmöglich ist, die dergestaltigen Weisen des Sichverste- haben, und das entsprechende Nichthaben besagt: nicht ver-
hens auf etwas zu besitzen, ohne sie je einmal (zuvor) gelernt mögend sein. Dieses Haben und Nichthaben birgt in sich das
und angeeignet zu haben, und wenn es ebenso unmöglich ist, Wirklichsein und Nichtwirklichsein der 66vap~~. Wird also
sie nicht mehr zu besitzen, ohne sie je einmal zuvor weggege- das Haben als ein Sein gefaßt? Offenbar ist hier das EXE~V
ben zu haben - was geschehen kann entweder durch Verges- und p4 EXELV in ganz bestimmtem Sinne verstanden.
sen oder durch Mißgeschick oder durch die Zeit; also freilich Die Megariker dagegen sehen das Wirklichsein der G6vapy
nicht dadurch, daß das, womit das Herstellen es je zu tun hat, im Vollziehen derselben. Also muß ein Unterschied bestehen
vernichtet ist, wenn es nämlich gerade ist -«, wenn also das zwischen Haben einer 86vapi~und Vollziehen einer 86vap~~.
Besitzen und Nichtbesitzen der 86vap~qin gleicher Weise un- Ein Unterschied beider freilich derart, daß nun auch ein Zu-
möglich 'st ohne das Angeführte, *wie soll dann, wenn der sammenhang vorliegt; denn sonst könnte nicht beides in An-
Besitzende (mit dem Herstellen einfach nur) aufhört, er dies spmch genommen werden für die Aufhellung des Vorhanden-
Sichverstehen auf das Herstellen nicht mehr haben, umgekehrt seins der 86vap~~. Beide Bestimmungen, Exsiv und Evegyeiv
aber, wie soll er es sich wieder angeeignet haben, wenn er sollen der GVvap~szusprechbar sein. 'Wir können uns das so
sogleich wieder anfangen soll zu bauen?< näher bringen: Nach Aristoteles ist eine 86vap~qda, wirklich,
wenn sie gehabt wird; nach den Megarikern ist die 86vap~;
Wir wollen zunächst das, was Aristoteles hier in der Form wirklich, wenn sie vollzogen wird. Gefragt ist nach der Wirk-
einer hypothetischen Frage den Megarikem entgegnet, wis lichkeit des G6vao6ai qua 66vao6a~.
in eine Folge von Behauptungen auseinanderlegen, die gemäß
dem Sinne, wie Aristoteles fragt, ohne weiteres einsichtig GVvaa6a~?
sind. Die vorgenommene Anderung im Text - &ei in si - und 4' \\
die Ubersetzung von xgäypa muß sich aus dem sachlichen -
GVvap~v&XELV Evsgysiv
Zusammenhang rechtfertigen. (Aristoteles) (Megariker)
Das EXELV einer TEXT ist gebunden an ein vorheriges Ler-
nen und Aneignen; das Nicht-mehr-besitzen, p4 EXELV, an ein
Weggeben. Ist dem so, dann ist aber auch das Folgende ein- b) Der Widerstreit steht auf dem Boden des griechischen
leuchtend: Das bloße Aufhören im Vollzug einer TEX^ braucht Wirklichkeitsverständnisses
keineswegs schon ein Nicht-mehr-haben zu bedeuten - und
umgekehrt: Das Sofort-anfangen mit dem Vollzug kann Aristoteles und die Megariker unterscheiden sich darin, daß
nicht bedeuten ein Allererst-aneignen, sondern setzt umge- sie das, was sie unter Verwirklichung und Wirklichkeit von
kehrt schon Aneigung voraus. etwas - hier der B6vayis - verstehen, in Verschiedenem (ein-
178 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 6itvayi5 x a d xiqu~v $18. Die Auseinandersetzung mit den Megarikern 179
mal im Haben und dann im Vollziehen) bewährt und belegt Wie steht es also mit Bezug auf die konkrete Frage dieses
finden. Oder verstehen gar beide überhaupt unter Wirklich- Kapitels mit der Auffassung des Wesens des Seins überhaupt
keit, d. h. Vorhandensein von etwas, etwas Verschiedenes? und der Wirklichkeit im besonderen? Stoßen zwei verschie-

I
Das ist der entscheidende Fragepunkt, der die ganze Aus- dene Auffassungen von Vorhandensein überhaupt aufeinan-
einandersetzung durchherrscht, ohne daß er eigens und aus- der, oder sind Aristoteles und die Megariker und die Grie-
drücklich zur Erörterung käme, weder bei Aristoteles noch chen alle darin einig, so zwar, daß eben auf Grund dieser
bei den Megarikern. Und es i~stdie Sachlage, dile wir in der Einigkeit erst ein Streit erwachen kann, was es 'denn nun
Antike und seitdem in der Philosophie überall antreffen und sei, was das Vorhandensein gerade der 61ivapis als solcher aus-
dies gar bezüglich der Fassung und Bearbeitung ihrer Grund- mache? Wir wollen hier zu Anfang gleich das Wesentliche
frage: Was ist das Seiende? Denn die in unserem Fall auf- vorivephmen, und zwar in zunächst notwendig allgemeinen
tauchende Doppelfrage - 1. Was wird überhaupt unter Wirk- Sätzen, die sich ihrerseits aus den konkreten Erörterungen des
lichkeit (Vorhandensein) verstanden? 2. Was ist Kriterium Aristoteles den Beleg verschaffen sollen.
und Bewährung dieser allgemeinen Idee von Wirklichkeit
an einer GGvap~s?- gehört in die Grundfrage nach dem
1
I
Aristoteles und die Megariker sind sich ganz darüber einig,
was Wirklichkeit überhaupt, Vorhandensein von etwas, be-
Seienden und hält das Philosophieren in Atem. Die Unter- deutet; es bedeutet >Anwesenheit von etwas<. Das möchte
scheidung jener beiden Fragen tritt nicht heraus; aber die eine sehr abstrakte, leere und dünne Erklärung sein. Und
Vielfältigkeit des Fragegehaltes ist zunächst so übermächtig, doch nicht! Mit Absicht haben wir bei der Auslegung des
daß fürs erste nur bleibt, sich ihr in dieser oder jener Rich- vorigen Kapitels das ganze Phänomen des Herstellens und
tung zu überlassen. Darin liegt nun zugleich die große Ober- damit das Werkverhältnis ausführlicher besprochen; eben in
legenheit, daß wirklich gefragt wurde und nicht nur und der Absicht, das jetzige gehörig vorzubereiten. Wir haben
nachträglich über die Frage nachgesonnen. am >Werk<,B~yov,Mannigfaches unterschieden: E ~ ~ O tEho5,
S,
Daß die Erörterungen des 3. Kapitels und damit die der nEea~,hbyoq. Das Werkhafte des Werkes ist bestimmt durch
ganzen Abhandlung aufs innigste mit der Grundfrage der das Aussehen. Und zwar soll das Aussehen als in sich beende-
Philosophie verwachsen sind, das sollen wir eben langsam tes Fertiges in einem einzelnen, entsprechenden Werk zuwege
durch die Auslegung aus dem eigensten Sachgehalt des The- gebracht, her-gestellt werden. Her-stellen, das heißt: zur Ver-
mas entnehmen. Wir dürfen uns nicht mehr, wie zu Anfang, fügung anwesend machen (nicht nur: machen). In Her-ge-
bei einer äußerlichen Einfügung der Frage von 6Gvap~sund stelltheit liegt erstens das Verfertigtsein, zweitens in eins da-
Evkeyeia in ein Schema der verschiedenen Bedeutung des mit das >nunmehrzur Verfügung sein<.Diese Her-gestelltheit
Seienden beruhigen. ist die Wirklichkeit des Werkes; was sich dergestalt bekundet,
Ob zwei verschiedene Vorstellungen von Wirklichkeit vor- >ist<.Und jenes gar, was dergestalt ist und dabei nicht erst
liegen oder die eine und selbe antike, d. h. die der Anwesen- durch menschliche Herstellung hindurchgegangen sein muß,
heit, und ob diese in engerem, massivem Sinne oder einem das wesenhaft Herstellungsunbedürftige, vor allem Herstell-
weiteren, das blieb ungeklärt -, so zwar, daß eben gerade baren schon Zugestellte: die Natur und die Götter, das ist
das Fragen nach 6Vvap~~ n a ~ dn1quiv und EvE~ye~a die Vor- sogar in einem ursprünglicheren Sinne; ursprünglicher, das
bereitung für eine Bewältigung der ganzen Frage darstellt. heißt: nicht wesentlich anders. Denn auch das Herstellungs-
I
180 .Met. Q 3. Die Wirklichkeit der BGvayi~xatd xivquiv 1 $18. Die Auseinandersetzung mit den Megarikern 181
unbedürftige und gerade es wird hinsichtlich seines Seins aus Ist man allerdings schon stillschweigend unter sich über-
dem Wesen der Hergestelltheit verstanden. Das ist der Sinn eingekommen, wie unsere Philosophieprofessoren und -histo-
des Grundfaktums, daß solche Begriffe wie EIGOS,tEAo5, nEeas riker, daß hier jetzt längst gelöste Fragen unbeholfen, aber
als Grundmomente des Seienden nicht beschränkt sind auf sophistisch hin und her gezerrt werden, dann sieht man nicht
die hergestellten Dinge, sondern allseitig das Seiende betref- ein, warum für (die Auslegung dieser veralteten Streitereien
fen. irgendwelche Anstrengung aufgebracht werden soll. Aber
Wenn wir jetzt sagen: Anwesenheit ist Hergestelltheit, wir wollen das auch nicht verlangen. Es wäre schon zuviel
dann muß das Angeführte alles mitgedacht wenden, um dem verlangt, wenn diese fortgeschrittenen Herren nur eingeste-
griechischen Grundbegriff des Seins, der oMa, die volle Be- hen sollten, sie verstünden nicht, was da steht. Aber wir ver-
deutung zu lassen als na~ovaia,Gegenwart (und als Gegen-
begriff zu OInovaia, Abwesenheit).
I stehen heute ja alles.
Warum sieht Aristoteles das Wesen der Wirklichkeit von
Das Gesagte kann zunächst auch genügen für die vorliegen- etwas ebenso wie die Megariker in der Anwesenheit? Das
de Streitfrage. Denn jetzt verstehen wir erst Sinn und Recht
der megarischen These. Eine 8.Civap~~ ist nur dann wirklich 1
I
ist eine Frage, zu deren Beantwortung die Philosophie ihr
Letztes hergeben muß. Wir müssen uns hier damit begnügen,
vorhanden, wenn sie auf die Verwirklichung eines Werkes das Faktum anzuerkennen und die Frage gestellt zu haben.
bezogen ist, das sagt aber: wenn sie selbst vollzogen wird. Wir suchen uns jetzt Klarheit darüber zu verschaffen, in-
Denn nur das Herstellen im Vollzug läßt sehen, daß jemand wiefern gleichwohl eine verschiedene Bedeutung der >Anwe
etwas kann und was er kann. Hier allein ist sein Können senheit<für Aristoteles und die Megariker nahegelegt ist.
selbst zur Verfügung des unmittelbaren Anblicks gestellt; im
*
Vollzug bekundet die Ghapig ihre Anwesenheit, im Vollzug
ist die Giivapi~als wirklich vorhandene. Wir dürfen, ja wir
müssen sogar Stagen: Diese megarische Auffassung der Wirk-
~ Zu Anfang der Vorlesung haben wir nur aus allgemeinen
Festsetzungen entnommen, daß es sich in irgend einer Weise
lichkeit einer G.Civayi5 ist gut griechisch gedacht; ja nicht nur in der Abhandlung C3 um die Frage: zi zd Öv - was ist das
das, es ist - eben bis zu dem neuen Schritt, den Aristoteles Seiende? handeln muß. Wir haben uns zunächst verständigt
tut - die einzig mögliche Deutung des Vorhandenseins eines durch Hinweis auf das vierfache nohAa~W~ des Seienden. In
Vermögens. dieses gehört auch dlas Öv Gvv&pei und kv~~yeiq. Dies aber
Was zunächst aussieht wie ein ausgefallener Eigensinn und leitet zunick auf das Problem von 6dvayiq und EvEeyaia. Da
eine bewußt verdrehte, willkürliche Behauptung, das zeigt war zunächst aufzuklären, was aZivapy xaz& xivqaiv ist. Jetzt
sich bei lebendigem Verständnis der griechischen Seinsfrage zeigt sich durch die megarische These eine eigentümliche
als innere Notwendigkeit und Größe einer klaren Folgerich- Verkettung von Gbvapis und b E ~ y ~ i aja, im Grunde eine
tigkeit (und Wucht einer Hartnäckigkeit), die sich nicht durch Gleichsetzung. Die Erörterung dieser These selbst, die ver-
bloße Ahnungen und aufdämmemde Schwierigkeiten beirren handelte Sache führt schließlich auf die genannte Frage nach
läßt. Freilich, die Aufgabe des Aristoteles bekommt so erst dem Seienden. - Auf die Frage, wie ein Vermögen überhaupt
ihren Hintergrund und ihre eigene Größe. I wirklich sei (Thema des Kap. 3), antworten die Megariker:
( irn Vollzug desselben. Wie begegnet Aristoteles dieser These?
182 Met. O 3 . Die Wirklichkeit der Bzivapis x a ~ &x i q u ~ v $19.Zn-der-Ubung-sein:Wirklichkeit des Vermögens 183
Scheinbar nur so, daß er diese These auf unmögliche Folge- Hergestelltheit stracks gegenübersteht, nämlich um die 66vapy;
rungen hinaustreibt. Doch damit wäre die Aufklärung der dann darf offenbar das Vorhandensein der 66vayis nicht ohne
Sache nicht gefördert. Der Form nach genommen, sieht es weiteres als Anwesenheit des E ~ y o vbzw. des Herstellens ge-
so aus; aber recht besehen, dringt gerade diese kritische Aus-
einandersetzung auf die Herausarbeitung bestimmter zentra-
ler Phänomene. Damit wird zugleich die positive Erörterung
vorbereitet. Wir teilen daher das Ganze in zwei Stadien; der
Schnitt verläuft bei 1047 a 20. Das erste Stadium spricht eine
Reihe.von Argumenten durch. Das erste haben wir uns aus-
1 nommen werden. Aristoteles sieht die Anwesenheit der 66vay~s
als solcher im EXEGV; was gehabt wird, ist im Besitz und als
Besessenes verfügbar, vorhanden. Allein diese' Anwesenheit
der 66vapis als solcher im Sinne des Gehabtseins ist nun eben
nicht die G6vay~sim Vollzug.
I Die G6vapy als solche ist schon wirklich vorhanden vor der
einandergelegt: Das E X E ~ V einer GUvapis ist gebunden an ein Verwirklichung, wenn wir darunter den >Vollzug<verstehen.
Aneignen, das pfi E X E ~ V an ein Weggeben; wobei bloßes Auf- 1 h 6 v a p ~ vCXELV heißt: Das Vermögende ist vermögend, indem
hören im Vollzug nicht schon ein Nicht-mehr-haben des Ver- es ein Vermögen »hat«: sich in diesem Vermögen hält und
mögens ist, entsprechend Anfangen im Vollzug nicht gleich mit diesem Vermögen an sich hält, - also gerade nicht voll-
Allererst-aneignen. Vermögend sein heißt nach Aristoteles: zieht. Dieses Ansichhalten zeigt sich uns nun schon deutlicher
B6vap~v EXELV; nach den Megarikern dagegen: Eve~ys'iv.Also als eine Art des Seins. Das Ansichhalten ist aber zugleich ein
verschiedene Antworten auf die Frage nach der Wirklichkeit Aufbehalten f ü r . . . (das Vollziehen selbst). All das müssen
des Vermögens. Das bringt uns auf die Frage: Liegt beider- wir hier aus dem griechiden ~ X E L Vheraushören. - Die Bedeu-
seits eine verschiedene Auffassung von Wirklichkeit über- tungen, die ich hier nannte, kommen auch im entsprechenden
haupt vor, oder ist die Auffassung dieser dieselbe und nur Ausdruck ESLS zur Geltung.
die Deutung der Wirklichkeit des Vermögens verschieden? Wenn wir jetzt die Auseinandersetzung zwischen Aristote-
Wir sahen: Die Megariker und Aristoteles sind einig in der les und den Megarikern weiterdenken, dann müssen wir fra-
Auffassung von Wirklichkeit überhaupt. Beide verstehen sile gen: Wie antworten die Megariker auf diese These des Ari-
als Anwesenheit; oduia als xagovuia oder, $im Blick auf das stoteles, wonach das Vorhandensein der 66vapis im Gehabt-
Frühere: Hergestelltheit. Ja von hier aus wird die megarische
Antwort erst begreiflich; sie ist gut griechisch. Und doch -
warum ist diese Lösung nach Auffassung des Aristoteles nicht
' werden besteht? Gehabt werden, so könnten sie entgegnen,
das ist in der Tat so etwas wie zur Verfügung stehen; aber
machen wir doch die Augen auf und behalten wir den klaren
ausreichend? Weshalb bringt er eine andere? Sinn dessen, was Vorhandensein qua Anwesenheit besagt, -
1 in diesem >bloßen<Gehabtwerden ist eben die G6vapis gerade
nicht zur Verfügung gestellt,sie ist nicht hier-her-hergestellt,so
19. In-der-Ubungsein als Wirklichkeit des Vermögens. daß sie jedermann als wirkliche vernehmen kann. Wir haben
Die Phänomene Ausübung und Aufhören die 66vapis als wirkliche nur vor uns, wenn sie sich im Ange-
sicht von uns vollzieht und im Vollzug sich selbst her- und dar-
Am Ende ist eben Anwesenheit verschieden je nach dem stellt. Nur im Vollzug kommt sie zum Vorschein, >präsentiert<
Charakter ,des Seienden, das da anwesend sein soll. Nun han- sich, wird anwesend. Was nicht diese Hergestelltheit zeigt,
delt es sich vollends um ein Seie~des,das dem Eeyov und seiner ist eben nicht; eine nichtvollzogene 86vapi5 ist nicht vorhan-
1844 Met. G J. Die Wirklichkeit der ~ ~ V O Lxaz&
~ L Sxivqa~v 1 d19.Zn-der-ubung-sein:Wirklichkeit des Vermögens 185
den. Weil Anwesenheit einer 6 6 v a p y bedeutet Vollzug dersel- rade in ihrem Sinne sein, das Wesen von Vollzug und Nicht-
ben, deshalb ist Nichtvollzug gleichzusetzen der Abwesenheit. vollzug recht eindringlich ins Auge zu fassen.
Aristoteles kann dieser These nur so begegnen, daß er Vollzug ist nie und nimmer nur das Auftauchen von etwas,
zeigt: Nichtvollzug einer 6 6 v a p y ist nicht schon Abwesenheit; was zuvor schlechthin weg war, und umgekehrt ist auch
und umgekehrt: Vollzug ist nicht einfach nur Anwesenheit. Nichtvollzug nicht ldas schlechthinnige Weg-sein von etwas,
Darin liegt grundsätzlich: Das Wesen der Anwesenheit rnuß was da war. Vollzug ist Ausübung, a60 Anwesenheit von
voller und wandelbarer und nicht nur in der bisherigen wei- Obung und Geübtheit, Anwesenheit von In-der-13bung-
ten und unbestimmten Allgemeinheit verstanden werden, sein, von solchem, was schon anwesend ist. Obzwar Vollzug
wie das von seiten der Megariker geschieht. Das Wesen des Anwesenheit ist, so doch nicht Anwesenheit des zuvor ein-
Seins verlangt eine ursprünglichere Aufhellung und Fassung; Each Abwesenden, sondern umgekehrt Anwesenheit eines ge-
das ist die innerste Tendenz des ganzen Kapitels. rade auch schon Anwesenden; das heißt aber: keine beliebige
Wir fragen genauer: Wie begegnet nun Aristoteles der unbestimmte Anwesenheit überhaupt, sondern eine eigentiim-
meganischen Gleichsetzung von Wirklichkeit einer Kraft und 1 liche und ausgezeichnete. Andererseits - das In-der-ubung-
Verwirklichung derselben im Vollzug; auf welchem Wege sein ist eine Weise des Anwesendseins, das offensichtlich nicht
zeigt er, daß Nichtvollzug nicht schon Abwesenheit ist? Durch 1 der Ausübung bedarf, das heißt: es braucht sich nicht not-
den Hinweis auf ein Phänomen, das allererst erlaubt, das wendig ausübend darzustellen. Umgekehrt: das Nichtaus-
Wesen des Vollzugs recht zu fassen und damit die in ihm lie- üben als Nichtvollzug ist nicht das schlechthinnige ,weg<,ein-
gende Anwesenheit der Kraft nach ihrem Eigentümlichen zu fach Abwesenheit; wäre es das, dann wäre Nichtausüben
umgrenzen. Dieses Phänomen ist das des Lernens und Ver- gleichzusetzen mit Aus-der-Obung-sein; was ganz und gar
lernen~im weitesten Sinne. Was hat das mit unserer Frage nicht zutrifft; im Gegenteil, ein Nicht-mehr-vollziehen, Im-
zu tun? Vollzug-aufhören kann sogar bedeuten: jetzt erst eigentlich in
Gehen wir von der negativen Seite der megarischen These die Obung gekommen sein, wenn anders Einübung und Ein-
aus. Danach ist Nichtvollzug des Vermögens gleich Abwesen- geübtsein nur durch Ausübung geschieht und sich bildet.
heit, gleich Nichtvorhandensein desselben. Angenommen, das Die Megariker fassen demnach das Wesen der Anwesen-
träfe zu, dann müßte der Vermögende jedesmal im Nicht- I heit zu eng, sie lassen es nur bewährt und dargestellt sein
vollzug das Vermögen verlieren. Der Nichtvollzug in sich durch solches, was wie das Eeyov vorhanden ist; sie fassen
wäre ein Verlernen. Doch was hat der Nichtvollzug mit Ver- demnach den Vollzug lediglich als das Auftauchen von etwas,
das bei und neben dem Werk, wie dieses, auch vorhanden
lernen zu tun? ~Ebensovielund ebensowenig als der Vollzug
mit dem Lernen zu tun hat. Aristoteles will sagen: Lassen
I ist. Auf Grund dieser engen Fassung von Anwesenheit entgeht
wir den Megarikern ihre These und bleiben wir nur gerade ihnen das Wesen des Vollzugs, der als Am-Werke-sein den
bei dem, worauf sie abheben, bei Vollzug und Nichtvollzug. Charakter der Ausübung hat. Imgleichen aber verdeckt ih-
Aber dabei wollen wir nun auch wirklich bleiben, d. h. uns nen dieselbe enge Fassung der Anwesenheit den Blick dafür,
klarmachen, was zu Vollzug gehört bzw. zu Nichtvollzug daß Nichtvollzug als Nichtausübung in sich ist ein In-der-
nicht gehört. Wenn nach den Megarikern im Vollzug das Obung-sein, mithin Anwesenheit von etwas; um ein Nicht-
Wesen der Wirklichkeit einer 8 6 v a p ~ qliegt, dann muß es ge- ausübender sein zu können, muß ich gerade eingeübt sein.
I
186 Met. O 3 . Die Wirklichkeit der 86vap~qxath xivqu~v $19. In-der-Vbung-sein:Wirklichkeit des Vermögens 187

Der Nichtvollzug, das Aufhören mit dem Vollzug ist etwas dem Sinne, daß mit den Megarikern gesagt werden könnte:
anderes als Aufgeben und Verlieren des Vermögens. Derglei- es ist einfach weg; es ist nur in gewisser Weise nicht mehr
chen kann geschehen (vgl. 1047 a 1) durch Vergessen, hljaq; [ vorhanden.
dadurch sinkt das vordem Gehabte in die Verborgenheit; wir Nichtvollzug, Aufhören ist schließlich auch deshalb noch
sagen: ich weiß nicht mehr, wie man das macht; dieses Nicht- kein Verlernen, weil dazu zum mindesten Zeit gehört; >mit
mehr-wissen ist ein Sich-nicht-mehr-darauf-verstehen; das der Zeit<,xeovcp, kommen wir aus der Obung. Aber das Auf-
Sichverstehen-darauf ist verschüttet. Das Aufhören im Voll- I hören der Ausübung im Sinne des Abbrechens des Vollzugs
zug als Nichtvollzug ist aber sowenig ein Vergessen, daß wir geschieht nie mit der Zeit, sondern je zu einem bestimmten
gerade im Aufhören der >Ausübung<das Vermögen, d. h. das Zeitpunkt, der es gar nicht zulassen kann, daß wir dadurch
I
Ausübenkönnen, das Eingeübtsein in einer eigentümlichen schon aus der Ubung kommen.
Weise in uns zurücknehmen und eigens für andere Fälle und Das Vorhandensein des Vermögens ist zu verstehen als das
Gelegenheit aufbehalten. Aufhören ist nicht Wegwerfen, son- In-der-Vbung-sein; dergestalt sein, das drückt gerade die
dern Ansichnehmen. eigenste Wirklichkeit des Vermögens als Vermögen aus. Die-
Das Aufhören qua Nichtmehrvollziehen eines Vermögens ses Sein ist gewiß Nichtvollzug des Vermögens; aber der
meint eine völlig andere Seinsart, als es die ist, die wir etwa Nichtvollzug ist nicht Verschwinden des Vermögens; dazu
vor uns haben, wenn wir das Aufhören des Regens feststel- sind ganz andere Charaktere des Seins und Geschehens er-
len; da ist zunächst, wenn wir nur auf Vorhandenes sehen, fordert (hfi6q, nOl6oq, ~ebvoq).Ebensowenig aber wie die An-
Regen nicht mehr vorhanden - und damit Schluß. Das Auf- I wesenheit des Vermögens 'als solche abhängig ist vom Voll-
hören eines Vermögens dagegen ist ganz anders zu nehmen zug und Nichtvollzug, ebensowenig ist sie abhängig von dem
und ist zugleich in sich noch mehrdeutig, was kurz erwähnt Vorhandensein und Nichtvorhandensein des im Vollzug her-
sei. Aufhören im Vollzug kann bedeuten: 1. Unterbrechung zustellenden oder gar hergestellten Werkes, genauer: dessen,
- darin liegt erst recht das Bereithalten der Obung für nach- worauf die 64vayy in sich bezogen ist, womit sie es zu tun
her; 2. Fertiggewordensein - hier ist wiederum angelegt, das hat - das neäypa (1047 a 2). Die Wirklichkeit der Giivayy
Bereithalten und Aufbehalten für ein anderes; 3. aber: etwas als solcher bleibt von der Wirklichkeit dessen, was sie vermag
lassen, künftig nicht mehr ausüben - das besagt: völlig sich - ob es wirklich hergestellt, ob halb fertig oder überhaupt
und d. h. das Vermögen zurückziehen, einbehalten; es cha- noch nicht angefangen -, ganz unabhängig; wir sagen mit
rakterisiert die Seinsart dessen, der das, was er könnte, läßt. Bedacht: von der Wirklichkeit dessen, was das Vermögen
Ebensowenig ist der Nichtvollzug als Einstellung der Aus- vermag; denn daß das Vermögen etwas vermag, Vermögens-
I
übung das Verschwinden des Vermögens; das kann eintreten, bereich und Reichweite, das gehört zu einem wirklich vor-
wenn der Töpfer etwa durch einen Unglücksfall, 7~6605,beide handenen Vermögen - freilich so, daß nun offen bleibt, was
I
Hände verliert. Dann sagen wir: es ist aus mit der Töpferei; sich darin und wie und wie weit es sich verwirklicht.
aber dieses Auswein ist ein ganz anderes Geschehnis als etwa Auch wenn das, womit das Vermögen zu tun hat (x~äyya),
das Aufstehen des Töpfers von der Scheibe und das Weg- noch nicht hergestellt ist, ist schon das Vermögen als solches
gehen aus der Werkstatt. Ja selbst mit jenem Verlust der wirklich; und ebenso bleibt das Vermögen wirklich vorhan-
Hände ist d'as Vermögen nicht schlechthin verschwunden, in den und verschwindet nicht, wenn etwa die Sache, mit der
188 3 3. Die Wirklichkeit der 66vayis xatd xiquiv
Met. C $ 1 9 . In-der-Ubung-sein: Wirklichkeit des Vermögens 189
das Vermögen zu tun hat, verschwindet; gesetzt nämlich, daß Fragestellung nach die Rede von der EvEeyela Eni nhEov; ja der
diese Sache schon vorhanden oder gar fertig ist (das bedeutet Ubergang zu dieser soll hier vorbereitet werden. Doch dieses
das si Y&@ Ea~iv).SO ist der Gedanke 1047 a 2 ganz klar; das wollen wir nicht vorwegnehmen, 'wohl aber den Blick schär-
&E; hat gar keinen Sinn und erst recht nicht die gezwungenen fen für den inneren Gedankenzug dieses grandiosen Kapi-
Erklärungen, die die Ausleger daran geknüpft haben. tels. Daher verweilten wir mit Absicht länger bei dem ersten
Wenn wir nicht nur darauf achten, ob und wie weit Ari- Argument des Aristoteles, zumal da die folgenden sich in der-
stoteles in dem jetzt ausgelegten Stück die Megariker wider- selben Hauptrichtung bewegen.
legt oder nicht, sondern wenn wir zuvor darauf abheben, was Auf die Gefahr hin, daß Sie des Gesagten schon überdrüssig
Aristoteles dabei positiv zur Sprache bringt, so tritt ein Mehr- geworden sind (weil Sie es vermeintlich schon längst einge-
faches zu Tage: 1. Es gilt ihm, allererst den Blick zu öffnen sehen haben), wiederhole ich die Darstellung des entscheiden-
für die eigene Art des Wirklichseins einer O6vayiq; das ge- den Sachverhaltes, auf daß Sie lernen, gegen das Selbstver-
schieht durch die Betonung des 66vayiv EXE~V, des Habens ei- ständliche mehr und mehr empfindlich zu werden und seine
nes Vermögens. 2. gilt es zu zeigen: Dieses Haben ist hin- innerste Fragwürdigkeit zu spüren. Die Wirklichkeit eines
durchgegangen durch ein Einüben (vgl. &La,1047 a 3); das Vermögens besteht nicht in seiner Verwirklichung. Die Rede
>Haben<ist ein Verwalten des Vermögens und in diesem von Verwirklichung eines Vermögens ist überhaupt mehrdeu-
Sinn: Eingeübtsein. 3. gilt es zu sehen: Dieses Eingeübtsein tig. >Ein Vermögen zu etwas verwirklicht sich<kann heißen:
aber muß unterschieden werden von der erst auf seinem 1. Was volldem nicht da war, kommt zustande; z. B. daß einer
Grund möglichen Ausübung - 'dem Vollzug. 4. Das Eigen- eingeübt ist in der Töpferei, was er vorher eben nicht war. Das
tümliche des Vollzugs qua Ausübung wird erst faßbar auf Vermögen ist in diesem Sinne wirklich, auch und gerade wenn
dem Grunde des Phänomens der Ubung, des In-Ubung-seins, es sich nicht verwirklicht im 2. Sinne - das bedeutet: wenn
also auf G m l d der rechten Einsicht in die Art des Wirklich- das Eingeübtsein ausgeübt, vollzogen wird. 3. Ein Vermögen
seins des Vermögens als Vermögen. verwirklicht sich, wenn das, was es vermag, selbst fertig ge-
Aristoteles leugnet nicht das Evegyeiv, das Am-Werke-sein worden und hergestellt ist; z. B. der Krug als zur Verfügung
als eine Weise, wie die GVvapiq wirklich ist, aber er leugnet, stehender, vorhandener. Zwischen diesen drei Grundbedeu-
daß dieses die einzige und die grundlegende Weise der Wirk- tungen von >Verwirklichungeines Vermögens<ergeben sich ei-
lichkeit einer Kraft ist. Im Gegenteil, das Evegys~v- die gentümliche Beziehungen, auf die ich noch zurückkommeii
Evhgysia uatd ?tivquiv- wird erst im Gegenhalt zum Geübtsein werde.
faßbar. Von vornherein ist für die Absicht des ganzen Kapitels *
das festzuhalten, daß Aristoteles damit, daß er sich gegen die Die These der Megariker ist - gerade im Licht des antiken
Gleichsetzung von Verwirklichung der Kraft im Vollzug mit Seinsverständnisses gesehen - gar nicht so aus der Luft ge-
Wirklichkeit der Kraft wehrt, nicht das Evsgysiv beiseite griffen und befremdlich, wie es zunächst scheint: Die Wirk-
schieben, sondern gerade erst in seinen Bereich einschränken, lichkeit eines Vermögens liegt im Vollzug, darin stellt es sich
eingrenzen und dadurch bestimmen will. dar und her. Aristoteles entgegnet: Die Wirklichkeit eines
Das heißt aber: in Kap. 3 ist die Ev6gysia u a ~ dxiv~uivmit Vermögens als Vermögen liegt im EXELV, im Haben. Die Ab-
zentrales Problem und gerade sie; und noch gar nicht ist der sicht der Aristotelischen Widerlegung geht nun nicht einfach
190 Met. O J . Die Wirklichkeit der 86vap4 ~ a t ~& i q a ~ v 19.Zn-der-Vbung-sein: Wirkliclzkeit des Vermögens 191

dahin, zu zeigen: die Wirklichkeit des Vermögens liegt nicht ihr gehört, bis zum Ende durchgegangen ist, es wirklich zum
im Vollzug, sondern er will im Grunde zugleich dartun: die Werk und dieses zu->stande<gebracht hat. Doch das nur erst
Megariker setzen die Wirklichkeit nur dahin, weil sie das als Hinweis darauf, daß es mit dem Eingeübtsein, obzwar es
Wesen des Vollzugs selbst nicht hinreichend zu fassen ver- nicht im Ausüben besteht, hinsichtlich des Zusammenhangs
mögen. Es geht dabei um die Einbeziehung eines bisher über- mit der Ausübung doch eine eigentümliche Bewandtnis hat.
sehenen Phänomens in die Untersuchung. - Vollzug ist Aus- Doch venetzen wir uns wieder in die megarische These zu-
übung, Nichtvollzug ist Nichtausübung - und nicht: aus der rück und beachten wir ihre in gewisser Weise rechtmäßige
Obung soin, das Vermögen verlieren; dazu, zum Verlieren, ge- Veranlassung und Begründung; denn nur so ist sie der Er-
hört ganz anderes als zum Einstellen der Ausübung (vgl. die örterung wert und der Abänderung bedürftig. Das Eigen-
Bemerkung zu Aqh, rr;&8os, X Q I ~ V O S ) . Aufhören ist also nicht tümliche dieser megarischen These, das muß jetzt hinlänglich
Weggeben, soadern Ansichnehmen; gemäß dem EXELV als: klar geworden sein, besteht nicht einfach darin, daß die Me-
ansichhalten, einbehalten und aufbehalten für. . . Die Wirk- gariker die Wirklichkeit der Vermögen ausschließlich in den
lichkeit der 8-lrvay~cist aber nicht nur unabhängig vom Voll- Vollzug setzen, sondern darin, daß sie deren Vollzug selbst
zug, sondern auch von der Anwesenheit des xqiiypa (bzw. des einseitig und nicht in seinem vollen Wesen fassen.
Egyov). >Verwirklichung eines Vermögens< hat selbst einen Der Vollzug ist zwar Anwesenheit und Nichtvollzug Ab-
mehrfachen Sinn: 1. Das Vermögen ist einfach da; 2. es ist wesenheit; aber beides gilt nicht einfachhin; vielmehr ist der
im Vollzug; 3. es stellt sich dar durch das, was es im Vollzug Vollzug Ausübung und als solche, wenn überhaupt, Anwesen-
herstellt. heit von Einübung. Allein auch diese Erklärung bleibt unzu-
Zwischen den drei Arten der Verwirklichung bestehen nun reichend, denn wir sehen leicht und entgegnen sofort: An-
eigentümliche Bedingungsverhältnisse. Ein Vermögen kann wesenheit von Eingeübtsein braucht gerade nicht Vollzug zu
im 2. Sinne wirklich sein, d. h. im Vollzug, ohne daß es dieses sein. Weshalb nicht? Was fehlt? Das anwesende Eingeübt-
im 3. Sinne ist, also sich verwirklicht hat, wie wir auch sagen: sein ist Ausübung erst, wenn es dahin gekommen ist; das Ein-
sich verewigt in einem Werk. Die Verwirklichung eines Ver- geübtsein >kommt<aber nur zur Ausübung, wenn es dahin
mögens im 3. Sinne aber setzt sowohl die Wirklichkeit im 1. übergeht, übergeführt wird. Dabei wird das Eingeübtsein
Sinne voraus als sie auch durch 2 muß hindurchgegangen sein. nicht hinübergenommen in etwas anderes, was je vorhanden
Dagegen ist die Wirklichkeit eines Vermögens im 1. Sinne, wäre, sondern das Eingeübtsein führt sich über in solches,
das Eingeübtsein, unabhängig von 2 und 3. was sich in der und durch die Oberführung erst bildet und
Aber das bedarf einer näherenBestimmung. Es kann jemand was wir Ausführung und Ausübung nennen. Dieses Sichüber-
als ein in der Töpferei Geübter wirklich sein, ohne daß er die führen des Vermögens in Vollzug bedarf seines eigenen Spiel-
t E ~ v qausübt und ohne daß von ihm hergestellte Töpfe vor- raums. Dieser ist aber durch die früher (vgl. S. 113 f. U. 132 ff.)
handen sind. Das Wirklichsein des Vermögens besteht nicht gekennzeichnete Reichweite des Vermögens gegeben, dadurch,
in der Verwirklichung im Sinne von 2 und 3. Allein, besteht daß jedes Vermögen als solches etwas beherrscht, welches Be-
es nicht doch ,aus( diesen? Wie kann einer eingeübt sein, herrschen selbst das Beherrschbare sich mit vorbildet, derart,
ohne ausgeübt zu haben? Einübung wird durch Ausübung. daß es sich als ausübend in die Ausübung hineinbildet und
Und Ausübung ist wirklich, was sie ist, wenn sie das, was zu dabei verwandelt.
192 Met. C3 3. Die Wirklichkeit der 66vay~gxatd xivqo~v $ 2 0 . Das 14'alzrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 193
Das ist ein ganz wesentliches Moment der Verwirklichung folgenden Absatzes hängt ganz ab vom Grade der verstehen-
eines Vermögens im Unterschied von jeder anderen Art von den Durchdringung des ganzen Zusammenhangs der in Rede
Verwirklichung. Wenn ein Mögliches, z. B. ein Tisch, wirk- 1 stehenden Phänomene. '
lich wird, so bedeutet das: dieses im allgemeinen Vorgestellte
ist es, was sich verwirklicht und eben als das hier und jetzt
anwesend wird. Wenn dagegen ein Vermögen sich verwirk- 8 20. Die Wirklichkeit des Wahrnehmbaren und des
licht, dann wird nicht, gleich dem Möglichen, dieses Vermö- 1 T/tahrnehmungsvermögens
gen selbst wirklich, sondern was dann verwirklicht wird, als
was das Vermögen sich und wie es sich verwirklicht, das ist
das andere seiner selbst.
1I a) Das Problem des Wahrnehmbaren und der Satz des
Protagoras
Eine Ausführung und Ausübung nun kann nur sein, in-
dem das Vermögen anhebt in der Weise des Sichüberfüh- 1047 a 4-7: xai td ä ~ v x a6q dpoiwc. oGte yde $vx~Ov o c t ~
rens. Das nichtvollzogene Vermögen ist daher wirklich der- 6~gpbvo3ts yhvx.V o k s ÖAos aio6qrbv o%Ev 'Eotal pq aaio6a-
I vopEvwv~Woae COV IT~wtayOgovAOyov ovpßfio~ta~ A E ~ E L Va6toS~.
art, daß zu seiner Wirklichkeit positiv das Noch-nicht-anheben
gehört, das, was uns bereits näher kam als (das Ansichhalten. »Und mit dem seelenlosen Seienden ist es denn also ebenso
Die Oberführung wird dem Vermögen nicht erst als etwas bestellt; weder kalt nämlich noch warm, weder süß noch &er-
Neues dazugeschoben, sondern ist als Aufbehaltenes in diesem haupt wahrnehmbar wird etwas sein, wenn nicht Wahrneh-
Ansichhalten. I men in Ausübung ist; so muß es denn dahin kommen, daß
Auf dieses Phänomen der Oberführung, des Obergangs
zielt daher Aristoteles von Anfang an ab, wenn er in der
!1 sie (die Megariker) die Lehre des Protagoras mitmachen.«
I Der Satz soll offensichtlich ein weiteres Argument gegen
Auseinandersetzung auf das Anfangen und Aufhören, Ler- die megarische These vorbringen; es ist knapp gefaßt, bei-
nen und Verlernen hinweist. Es handelt sich nicht um den nahe wie eine Zwischenbemerkung, die auf Bekanntes und
Gemeinplatz, der angibt, daß bei einem Vollzug überhaupt vielfach Erörtertes mehr hinweist als daß sie es darlegt. Dar-
eben einmal angefangen werden mußte - sondern um das hier I aus dürfen wir nicht schließen, es sei damit ein weniger wich-
wesentliche Wie des Anfangs und um seine Herkunft gerade tiges Argument vorgebracht, sondern ganz im Gegenteil: Wir
aus dem Vermögen. haben hier die Hinweisung auf einen Zusammenhang von
Wir müssen uns diese Phänomene immer von neuem ver- Fragen, der nicht nur für die späteren Teile der ganzen Ab-
gegenwärtigen und das ganze Wunder, das in ihnen liegt, zur handlung von großer Bedeutung ist, sondern überhaupt in
Auswirkung kommen lassen. Wenn wir dabei über das bei Ari- den Auseinandersetzungen über die Grundfragen der antiken
stoteles Gesagte hinausgehen, so geschieht das nicht, um das Philosophie eine hervorragende Stelle einnimmt.
1
dort Gesagte zu verbessern und dergleichen, sondern zunächst Der Form nach ist die Argumentation dieselbe, nämlich
einzig darum, um es überhaupt erst zu verstehen; wobei gänz- wieder der Hinweis auf das ovpßaive~v - das Sichergeben einer
lich gleichgültig ist, in welcher Weise und Form [derAusdrück- in sich unmöglichen Konsequenz aus der Annahme der mega-
lichkeit Aristoteles seinerseits ldie hier notwendigen Betrach- rischen These; die nicht annehmbare Folge begegnet uns die-
tungen durchgeführt haben mag. Gerade das Verständnis des sesmal als die Lehre des Protagoras. Die Erwähnung dieses
1944 Met. O 3. Die Wirklichkeitder Gdvapls xatd xiqa~v
Philosophen oder Sophisten und seiner Lehre gibt einen wich-
i $20. Das Wahrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 195
sfvai ZU verstehen sei. Allein unentschieden ist jetzt, mit Bezug
tigen Fingerzeig dafür, in welchen allgemeinen Fragebezirk auf welche 66vapi~SO gefragt wird; im vorigen Argument han-
wir das jetzt angeführte Argument zu stellen haben; genauer delte es sich u d die 66vayis PET& AOyov; also geht es jetzt, wor-
gesprochen: wir gewinnen dfarauseine Handhabe dlafür, wie auf das äqvxa hinzeigt, um eine 66vapis ävsv Abyov? Aber wir
das verstanden werden muß, was Aristoteles hier T& ä q q a sehen, daß davon nicht die Rede ist; mithin weder von zkxvq,
nennt. noch von 66vapis äbyos. Gibt es denn noch andere 6wdyisls?
Zunächst freilich scheint das klar zu sein. Im vorigen Argu- Sehen wir uns den Text an.
ment war die Rede von den zExvai; das sind, wie wir aus Aristoteles sagt: Bei Annahme der megarischen These ist
Kap. 2 vor allem wissen, die 6vv&psis pez& Abyov (bzw. die das Wahrnehmbare nur wirklich beim Vollzug des Wahrneh-
Zpqvxa); jetzt folgt >eine<Oberlegung, ja wie das bpoios mens; also handelt es sich um Vollzug und Wirklichkeit der
andeutet: dieselbe, bezüglich der 6qvxa. Wir sahen ja, Aristo- a'iaaqay. Und die a"la9ya~sist in der Tat eine 66vap~sund wird
teles verteilt die möglichen Ovv&psisauf die beiden Felder des auch als solche ausdrückliich gefaßt: Sie ist eine 86vapis, die zur
9
Zpqvxov und äqvxov. Gefragt muß jetzt sein: Wie steht es um
die Wirklichkeit von Kräften im Felde des seelenlosen Seien-
1 qvxfi gehört, und zwar zur qvxfi TOV <&ov (vgl. de an.
Anf.); entsprechend VOGS und 61&voia als ~ E W Q ~ ~66vayis L U ~ ~
I
den? Besteht deren Wirklichkeit, wie die Megariker wollen, in (B 2, 413 b 25), als Vermögen des bloßen Betrachtens. Hier
dem Wirken, oder sind sie gerade in ihrem Kräftigsein zu haben wir also eine 62iYapis, und zwar ausdrücklich als ein
etwas eigentlich wirklich, wenn sie nicht wirken - vielmehr auf I p ~ o v aber
; gleichwohl keine T E X V ~ , k"n Vermögen zum
I
dem Sprunge liegen, etwa als aufgespeicherte Kraft (soge- Herstellen eines an sich vorhandenen Werkes. Sondern? Die
nannte >potentielleEnergie<)?In der Richtung dieser Frage alo6qay ilst ein Vermögen des &A@E~ELv, des Offenbarmachens
muß man zunächst das xai T& äqvxa 6q bpoiws verstehen. Das und Offenbarhaltens, ein Vermögen des Erkennens im weite-
Nächstgegebene in der Entfaltung der entsprechenden Frage sten Sinne. Doch - wenn es sich um ein fraglos seelisches Ver-
bezüglich des seelenlosen Seienden ist dann offenbar, daß ge- mögen handelt, was soll dann die Einführung des ganzen
zeigt wird, wie etwa ein nur materielles Ding auf ein anderes Argumentes mit xai T& äqvxa bpoiws, womit eindeutig ge-
der gleichen Art wirkt; also etwa, um frühere Beispiele aufzu- ! sagt ist, daß es sich jetzt um das seelenlose Seiende handelt?
nehmen, wie ein warmer Körper einen anderen erwärmt; von Es handelt sich in der Tat um beides, um ilqvxov und
qvxebv und 6 ~ ~ p bistv ja auch in der Tat die Rede. So wäre Epqwpv, aber nicht als zwei nebeneinandergestellte Bereiche,
die Frage zu erörtern, ob das Warmsein des erwärmenden innerhalb deren entsprechende 8w&psissich vorfinden, sondern
Körpers nur darin besteht, daß er wirklich einem anderen um jene 86vapiq, die ihrem Wesen nach nichts anderes ist als
Wärme abgibt, oder ob der warme Körper auch ist, und zwar der Bezug und das Verhältnis eines bestimmt gearteten
als erwärmenkönnender, wenn er einen anderen Körper nicht Epqqov ZU dem bestimmten, in bestimmter Hinsicht gefapten
erwärmt. äqvxov. Beachten wir wohl: Ich sage nicht &nfach, es handle
Aber davon ist im Text gar nicht die Rede. Zwar handelt sich um eine 86vapy, die in sich das Verhältnis des Zpqvxov
es sich überhaupt um die leitende Frage, nämlich um die nach zum äqvxov darstellt; denn Epqvxov ist auch eine Pflanze, aber
dem Wirklichsein eines Vermögenden als solchen, um das shai sie hat nicht die 66vapis, um die es sich hier handelt, die
des 66vao6a~,bzw. um die Frage, wie das slvai beim 6vvazbv aiatkqais. Von dieser freilich sagt Aristoteles in ein und dem-
196 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 66vap15 xatd xivqaw $20. Das Wahrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 197
selben Satz (B 12, 424 a 27 f.; vgl. ob. S. 127), sie sei hoyos anders als das des Menschen. Der Mensch verhält sich wahr-
TLS xai 66vapy - als 86vap~sso etwas wie ein Verhältnis zu. . . nehmend zu Seiendem, was das Tier nie vermag; auch wenn
anderem. Aber auch nicht wieder zu einem beliebigen äqvxov es etwa bezüglich des Sehens, der Adler z. B., unvergleichlich
und zu diesem in beliebiger Hinsicht, sondern zu einem äqvxov schärfer wahrnimmt als der Mensch. In diesem Verhältnis des
vom Charakter der im Text (Met. O 3, 1047 a 5) angeführten: Wahmehmens bestimmt sich also mit, und in einer gewissen
6eepbv, ~ V X Q ~ .V..- warm, kalt, süß; farbig, tönend, duftend; Weise, der Bezug des Menschen zum Seienden bzw. von diesem
solche äqvxa also, sie demnach in bestimmter Hinsicht genom- Z U jenem.
men: als aiobqtb, als Wahrnehmbares. Mit dem neuen Argument, das 1047 a 4 so befremdlich und
Diese Art Gijvap~s,nämlich die a?o6qoy, ist zwar wie jede scheinbar mißverständlich mit ltai T& &vxa eingeleitet wird,
66vapy als Kraft zu etwas auf etwas bezogen. Allein dieser werden wir so in der Tat in denjenigen Zusammenhang ge-
Bezug ist hier bei der a'ia6yo~~ ein ganz ausgezeichneter und drängt, der im Mittelpunkt der Lehre des Protagoras steht.
eigener; darin liegt es, daß nun auch das, was auf sogeartete Auf diese Lehre kommt Aristoteles öfters zu sprechen, am aus-
SVV&~ELG beziehbar ist, einen eigenen Charakter hat; also nicht führlichsten und schärfsten in der Widerlegung, die in Met.
etwa gleichgestellt werden darf mit dem, worauf sich eine I? 5 sich findet. Aber auch Plato hat seine eigenen Anschauun-
tE~vqbezifeht:das E~yov.Genauer: das Eeyov der a'io6qay als gen mehrfach in der und durch die Auseinandersetzung mit
66vapls ist kein hergestelltes vorhandenes Ding als hergestell- Protagoras geklärt und gesichert. So ist das erste Hauptstück
tes und verfertigtes. Durch das Wcahrnehmen stellen wir nicht des Dialogs »Theätet«, der zum Thema hat: E.n~ot4pqti Eot~v
Dinge her; etwa so und so gefärbte - das vollziehen wir durch - was ist Erkenntnis?, ganz der Auseinandersetzung mit Pro-
Anstreichen; oder so und so tönende - das vollziehen wir tagoras gewidmet. Diese dient uns als wesentliche Quelle. Bei
etwa durch das Spannen und Schlagen von Saiten. Das Eeyov Plato finden wir auch den Hauptsatz des Protagoras angeführt
der aio6qoy ebenso wie der v6yots ist die aAfi6e~a- die Offen- (Theait. 152 a): cpyoi y&g nov »n&vtov x~qpbtov ~ETQOV<(
barkeit des Seienden, und im besonderen die Wahrgenom- Oiv8~wnove'tva~,»tGv pbv OVTOV EOTL, t 6 v 8b pfi ~ V T W V Os 06%
inenheit der Dinge - dieses, daß sie sich uns zeigen in ihrer Eot~v«.»Aller Dinge Maß ist der Mensch, der Seienden, daß
Farbigkeit, in ihrem Tönen. sie sind, der Nichtseienden, daß sie nicht sind.« Und dieser
Zur Verhandlung steht die alo6yo~s qua 86vapy. Die Satz ist begründet auf das Wesen der a"liYqo~s, 152 a 6 ff.:
a'io6qa~sist ein Verhältnis des Offenbarmachens zu solchem, ota pEv Zltao~aEpoi cpaiv~ta~ to~aijtapbv Eat~vEpoi, oia 66 ooi,
was der Offenbarkeit teilhaftig werden kann, d. h. zum Seien- to~aijta6E a5 ooi. »Als welches jegliches mir sich zeigt, solches
den in seinem So-und-so-sein bzw. Oberhaupt-sein. Die ist es mir, als welches aber dir, solches wiederum ist es dir.«
a'io6yoy als dieses charakterisierte Verhältnis bestimmt auch Und weiter (b 11): t b 66 ye »cpaiveta~«aia9&vea6aiEot~v.»Das
das Lebende, das wir Mensch nennen. Die Wahrnehmung ist >eszeigt sich<bedeutet nichts anderes als: es ist wahrgenom-
ein Vermögen auch des Menschen. Dabei wäre es irrig, zu men, in der Wahrnehmung offenbar.« (Nämlich im Zusam-
meinen, daß der Mensch dann außerdem noch )die Eigen- menhang der Auffassung, die Protagoras von der kn~ot.ilpq
schaft des Denkens und der Vernunft besitzt, so daß wir diese überhaupt hat.) Soviel zur allgemeinsten Orientierung über
nur abzuziehen brauchen, um das zu haben, was das Tier hat. die Lehre des Protagoras.
Das Wahrnehmen des Tieres ist vielmehr von Grund aus
198 Met. O 3. Die Wirklichkeit der Gijvap~~
xazd xEvqu~v $20. Das Wahrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 199
Es muß aber zugleich und mit Nachdruck betont werden, auszulesen, das ist nicht zufällig. Damit mag es zusammen-
daß es nicht leicht ist, gerade auch bei den Erörterungen Pla- hängen, daß uns vorwiegend die Seite überliefert ist, die das
tos dasjenige, was eigenste Meinung d a Probagoras ist, zu Wesen der Erkenntnis im Sinne der Wahrnehmung faßt. Aber
scheiden von dem, was Plato an Folgerungen und Weiterun- die Aristotelische Auseinandersetzung in Met. 5 verrät eben
gen hineinlegt. Es ist al'so nicht ohne weiteres klar, was deutlich, daß mehr und Wesentlicheres hinter dieser Lehre
Protagoras mit seiner 'AAfi6~~a gemeint hat; und für alle Fälle stand, was durch die überragende Bedeutung von Plato und
inuß man sich hüten, diese Lehre in einem groben, soge- Aristoteles im allgemeinen Urteil allzuleicht hinbangehalten
nannten sensualistischen Sinne auszudeuten und Protagoras' wird.
Lehre zu einer sogenannten erkenntnistheoretischen Schul- Uns kann hier freilich nur die eine Frage beschäftigen: Was
meinung zu stempeln, von der im Handumdrehen für jeden hat die Frage nach der Art der Wirklichkeit der Oijvap~~ qua
nicht geralde Schwachsinnigen überzeugend gezeigt werden Gijvap~~ mit dem Satz des Protagoras zu tun? Genauer: inwie-
kann, daß sie zum sogenannten Skeptizismus führt; denn wenn fern führt (die megarische These, die das Vorhandensein einer
jeweils nur das wahr ist und so wahr ist, was und wie es jedem ~ iveeyeiv sucht, mit Bezug auf die 8 i j v a p ~vom
B 6 v a p ~irn ~ Cha-
gerade e~cheint,dann ist natürlich eine allgemein gultige, ob- rakter der a'ia6qay zur Lehre des Protagoras, diese aufgefaßt
jektive Wahrheit nicht möglich. Diese billige Argumentation als eine Leugnung der Möglichkeit der Erkenntnis des Seien-
wollen wir hier nicht weiter besprechen;nur auf eines muß hin- den selbst?
gewiesen weden: Sie steht auf der Annahme, daß die Wahrheit *
nicht Wahrheit sei, wenn sie nicht für jedermann gelte. Aber Im Sinne der Lehre des Protagoras ist immer nur das, was
diese Annahme ist gar nicht begründet, bzw. man macht sich gerade wahrgenommen wird, und es ist je nur so, wie es wahr-
gar nicht klar, was es heißt, diese Annahme zu begründen. genommen wird. Wir erkennen also nie das Seiende, wie es
Man wrgißt zu fragen, ob nicht das eigentliche Wesen der für sich, d. h. unwahrgenommen, als nicht in eine Wahrge-
Wahrheit gerade darin besteht, daß sie nicht für jedermann nommenheit eingegangen, ist. Verschiedene Menschen können
gilt - und daß Jedermannswahrheiten das Nichtigste sind, sich über ein und dasselbe Seiende nie einig werden, da jeder
was sich im Felde der Wahrheit auftreiben läßt. Oberlegt und es in seiner Weise ansieht. Was dem einen warm ist, ist dem
fragt man aber so, dann ergibt sich die Möglichkeit, daß der anderen kalt, ja ein und derselbe Mensch findet je nach seinem
vielverlästerte Satz #desProtagoras, an dem sich jeder Anfän- leiblichen Befinden etwas bald sauer, säuerlich, bald süß.
ger in der Philosophie vergreifen darf, eine große, ja am Ende Wenn man schon solche Folgerungen aus der Lehre des Pro-
eine der fundamentalsten Wahrheiten enthält -, die man tagoras herleitet, muß man noch weiter gehen. Verschiedene
freilich nicht so im allgemeinen und ohne jede Bedingung Menschen können sich über ein und dieselbe Sache nicht nur
einsehen kann, sondern die nur der Einzelne als Einzelner je nicht einig werden, sie können sich streng genommen nicht
für sich einzusehen vermag, vorausgesetzt, daß er philoso- einmal über ein und dieselbe Sache un-einig sein; es gibt also
phiert. auch keine Möglichkeit des Streites. Voraussetzung dafür ist
Daß freilich der Satz des Protagoras schon in der Antike doch offenbar ein Selbiges, ein Wahrgenommenes, das von
durch Plato und Aristoteles eine ganz bestimmte Auslegung mehreren als ein und dasselbe überhaupt gemeint wird; ein
erfuhr, die es gestattete, skeptische Folgerungen aus ihm her- Selbiges,wofür etwa der eine, aber wogegen der andere spricht.
200 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 8zivapy xatU xivqo~v $20. Das Wahrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 201
Und die noch weiter zurückliegende Voraussetzung hierfür nen wahrnehmenden Menschen. Um so mehr und um so siche-
wiederum ist, daß es ein Wahrnehmbares überhaupt gibt. rer müssen dann die Megariker zur Lehre des Protagoras
Was ist damit gefordert? Nichts Geringeres als ein solches kommen.
Seiensdes, das für sich und von sich aus, vor aller Wahrgenom- Worauf Aristoteles also die Megariker mit ihrer These in
menheit, kräftig ist (8vvatbv), wahrgenommen zu werden. ihrer Folge hinausdrängt, ist, wie die Nennung des Protagoras
Dieses Wahrnehmbare,rd. h. Wahrgenommenwerdenkönnende, sagt, ebensosehr die Auflösung der Möglichkeit der Wahrheit
muß als solches Könnendes >sein<,wirklich sein, wenn über- wie der eigenständigen Wirklichkeit des Vorhandenen; #das
haupt ein Wahrnehmen und Offenbarmachen soll geschehen letztere wird damit angedeutet, daß das jetzt besprochene Ar-
können. (Vgl. die Kantische Lösung für die Möglichkeit dieses gument die ä q v ~ abetrifft. Die 'Wirklichkeit des Vorhandenen
>Seins< - das Geschehen von Gegenständlichkeit.) als eines Eigenständigen ist für die Einsicht nur dann geret-
Gilt nun aber die megarische These, dann wird die Wirk- tet, wenn gezeigt werden kann, dafl die Wirklichkeit des
lichkeit eines solchen Seienden, des Wahrnehmbaren als sol- Wahrnehmbaren als eines solchen nicht im Vollzug der Wahr-
chen, untergraben. Inwiefern? Wenn die Wirklichkeit eines nehmung liegt.
Vermögenden und Kräftigseienden zu etwas im Vollzug liegt, Damit ist eine Aufgabe gestellt, die Aristoteles nicht positiv
dann >ist<ein Wahrnehmbares als solches dann und nur dann löst, die er vielmehr nur in ihrer Unumgänglichkeit zeigt. Die
wirklich, wenn es gerade und solange es eben wahrgenommen ganze nachkommende Geschichte der Philosophie aber ist ein
wird, im, wie wir sagen, >aktuellen<Wahrgenommenwerden. Zeugnis dafür, wie wenig die Lösung dieser Aufgabe gelun-
Also, schließt Aristoteles weiter, wenn kein Wahrnehmen im gen ist. Der Grund für dieses Mißlingen liegt weniger darin,
Vollzug ist, dann ist auch dergleichen wie Farbiges und Farbe, daß man den Weg nicht fand zur Antwort, sondern daß im-
Tönendes und Ton nicht vorhanden. Die bunte Mannigfaltig- mer noch, bis zum heutigen Tage, die Frage als solche zu
keit dieser nächsten, sinnlichgegebenen Welt muß mit jedem leicht genommen wird. Wir müssen hier darauf verzichten,
Vollzug einer Wahrnehmung je neu anfangen und wieder diese Frage allseitig auseinanderzufalten und dabei zu zeigen,
aufhören, unld was da entsteht und vergeht, ist dabei selbst wie bei Aristoteles und in der Antike überhaupt noch Wesent-
nichts an sich Vorhandenes. Noch mehr: die Megariker müssen liches fehlt, um auch nur die Frage als Frage ins reine zu
ihrer These zufolge nicht nur zu dieser Auffassung des zu- bringen, daß aber andererseits gerade durch Aristoteles im
nächst wirklich Gegebenen kommen, sie müssen überhaupt (die Zusammenhang unseres leitenden Themas ein entscheidender
Möglichkeit eines an sich und für sich vorhandenen Seienden Schritt zur rechten Fassung der Frage getan wurde.
leugnen, denn dieses kann überhaupt nur zugestanden wer- Was nun die rechte Fassung der Frage andererseits verhin-
den, wenn sich einsichtig machen läßt, daß das Vorhanden- dert hat, das ist uns in dieser ganzen Betrachtung ständig
sein des Vorhandenen als eines Wahrnehmbaren nicht einzig entgegengetreten, ohne daß wir es eigens deutlich genug be-
abhängig bleibt vom Vollzug einer Wahrnehmung. So ergibt griffen. Es ist nichts Geringeres als eben die Doppelheit des
sich: Die megarische These geht in ihren Folgen noch viel Themas, die sich in dem jetzt besprochenen Argument gel-
weiter und greift sogar die wesentlichen Bedingungen der tend macht. Die Rede soll sein von den ä v ~ aund, doch wieder
Möglichkeit des Wahrnehmbaren an. Sie beruft sich nicht nur nicht, sondern von der aIo8qo~gals 8Vvapig. Aber auch wieder
auf die faktisch bestehende Verschiedenheit der je verschiede- von ihr nicht, sofern sie einfach ein &p+~ovist im Sinne des
202 Met. 0 3. Die Wirklichkeit der O'uvapis xatd xivqa~v $20. Das Wahrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 203
seelisch Vorhandenen. Vielmehr ist die Rade von den t i ~ v x a des Ortes, an dem wir je als Menschen stehen. Und nur wenn
qua aia*t& - und von der a"L8qais qua aia%&vea8ait&tiquxa. wir diesen Ort in seiner ganzen Ortlichkeit durchschritten
Nicht ist gefragt, wie die seelenlosen, vorhandenen materiel- haben, vermögen wir in Klarheit zu entscheiden, was titonog
len Dinge unter sich zu einander sind, sondern wie sie an sich ist - ohne Ort und nicht unterzubringen innerhalb dessen,
als an sich Seiendes offenbar sein können, unbeschadet dessen, was überhaupt seinen Ort haben kann.
daß das Geschehen des Offenbarseins in sich an die Wirklich- So verstanden gewinnt der Satz des Protagoras eine ganz
keit des Beseelten, des Menschen, gebunden ist. neue Bedeutung, diejenige nämlich, die ihn zum obersten
Aristoteles vermag nicht - sowenig wie jemand vor ihm Grundsatz alles Philosophierens erhebt. »Aller Dinge Maß ist
und nach ihm - das eigene Wesen unfdSein dessen zu fassen, der Mensch, der Seienden, daß sie sind, der Nichtseienden,
was eben dieses Zwischen - zwischen aia8ytbv als solchem daß sie nicht sind.« Elin Grundsatz - nicht als billige und
und aia8qoy als solcher - ausmacht und was in sich gerade beliebig gangbare Aussage, sondern als An- und Einsatz der
das Wunder vollbringt, daß es, obzwar auf das eigenständig Frage, in der sich der Mensch auf den Grund seines Wesens
für sich Seiende bezogen, durch diesen Bezug diesem nicht die geht. Dieses Fragen aber ist die Grundhandlung alles Philo-
Eigenständigkeit nimmt, sonldern 'dem sich darauf Beziehen- sophieren~.
den gerade ermöglicht, sich dieser Eigenständigkeit in Wahr- Das nunmehr geklärte Argument des Aristoteles bezüglicli
heit zu versichern. der G q v ~ aweist in eine Grundfrage der Philosophie. Daraus
Dazu aber muß gehören, daß wir überhaupt die Möglich- ist zu entnehmen, in welchem wesentlichen Zusammenhang
keit haben, etwas als wirklich Vorhandenes zu verstehen, auch sich die thematische Frage überhaupt bewegt.
und gerade dann, wenn dieses Vorhandene vorhanden ist als
ein so und so Könnendes, hier: Wahrgenommenwerdenkön- b) Ausübung und Nichtausübung des Wahrnehmens
nendes. (Das ist die mögliche Weltzugehörigkeit des Seienden,
in der es erst Seiendes >wird<und so sich herausstellt als jenes, Wie sehr wir die tiqvxa fassen mü,ssen als aia8qt13, in ihrem
das auch vordem nicht nichts war.) Die Unabhängigkeit der Wahrgenommensein, aber gleichwohl so, daß nun nicht (die
vorhandenen Dinge von uns Menschen wird dadurch nicht a'ia8qay allein abgelöst für sich in Frage kommt, das zeigt uns
angetastet, daß eben diese Unabhängigkeit als solche nur das folgende Argument (Met. O 3).
möglich ist, wenn Menschen existieren. Das Ansichsein der 1047 a 7-10: &hA&p4v 066' aiablaiv ESELoVBEV Eirv pq aiu8&vq-
Dinge wird nicht nur etwa unerklärbar, sondern völlig sinnlos t a i pq6' Eveeyn. ~i o6v tvcphbv tI3 p v x o v Öqiv, n e c p d ~OE xai Ötc:
ohne die Existenz des Menschen; was nicht heißt, daß die nEcpuxe [xai] E t i WS [ich lese W S statt Öv, H.], oi a6toi tvcphoi
Dinge selbst vom Menschen abhängig seien. Eaovtai nohh&xi~tij~r\pEeaq xai xwcpoi. »Ja sogar nicht einmal
Um aber diese Grundverhältnisse und Grundwahrheiten Wahrnehmung könnte (ein Lebendes) >haben<,wenn es nicht
wirklich ganz eindeutig und d. h. allseitig auseinanderzulegen (solange es nicht) im Wahrnehmen begriffen und also nicht
und vor allem in den Grenzen und der Art ihrer Gewißheit zu am Werke ist. Wenn nun blind das ist, was nicht das Gesicht
umschreiben, dazu bedarf es wieder der ganzen Arbeit einer (Sehvermögen) hat, obzwar es dazu von Natur geeignet ist,
Philosophie. Und immer nur so durchmessen wir das Ganze und zu der Zeit, wenn es diese Eignung hat, und ferner in
204 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 66vayhs xard xivqu~v $20. Das Wahrnehmbare und das Wahrnehmungsvermögen 205
der Weise, wie es geeignet ist, so müßten dieselben Menschen werden (dann nehmen wir nicht mehr wahr). Da es nach den
*öftersam Tage erblinden (und ebenso taub werden [wahr- Megarikern eine eigene Wirklichkeit des Vermögens als sol-
scheinlich ein Zusatz]).« chen nicht gibt, kann das Nichtwahrnehmen nur besagen:
nicht mehr sehen können, in dem Sinne, daß das Vermögen
Dieses Argument wird auf dem Wege einer Steigerung ein- überhaupt weg und nicht ist.
geführt: &Al& pfiv 0666. Darin liegt ein Bezug zum vorigen.
Genau besehen dürfte Aristoteles nicht einmal mit dem
Dort ist gesagt: Läge die Wirklichkeit eines Vermögenden als Erblinden argumentieren, so wie er es tut; denn die Theorie
solchen in seinem Vollzug, also die Wahrnehmbarkeit des der Megariker läßt nicht einmal zu, daß jemand blind ist.
Wahrnehmbaren im Wahrgenommenwerden, dann gäbe es Denn wirklich blind sein heißt ja doch, wirklich ein Nicht-
kein Wahrnehmbares, nichts solches, was wir als eigenständig sehenkönnender zu sein - also eine bestimmte, privative Weise
an ihm selbst uns auch nur vorstellen könnten. Es gäbe - so des Könnendseins. Ein >wirklichnicht Könnenden sein, wirk-
ist der Zwischengedanke - allenfalls Wahrnehmen. Ja selbst lich ein solcher sein, ist doch grundverschielden von dem:
.dieses - so fährt jetzt Aristoteles fort - könnte nicht wirklich überhaupt nicht ein Könnender zu sein, wie etwa ein Stück
sein, es sei denn, daß es ständig im Vollzug begriffen ist. Holz; dieses müßte aber die SUvapis zu sehen gerade haben
Wir sehen, jetzt ist in der Tat eigens nach der aTa8qa~c,dem
können, müßte durch ein Geeignetsein und Kräftigsein zu
W a h r n e h m e n und seiner Wirklichkeit als SVvapis gefragt, etwas ausgezeichnet sein, um auch nur blind bleiben zu kön-
ohne dabei den zwar wesentlichen Bezug auf das aioihltbv ins nen. Doch Aristoteles genügt es hier, darauf hinzuweisen, daß
Auge zu fassen. Damit kommt allerdings der eigene Charakter offensichtlich ein Unterschied besteht zwischen Aussetzen mit
dieser S6vapig zur Sprache, sofern sie keine TEX^ ist, kein einem Wahrnehmen und Erblinden.
Xgyov herstellt als für sich vorhandenes Seiendes; gleichwohl Zwischen Wirklich-sehen und Blindsein liegt das Nicht-
ist auch hier die Rede vom ivagyeiv, Am-Werke-sein irn Sinne sehen im Sinne des Nichtvollziehens von Gesichtswahrneh-
des Vollzugs dessen, was die 66vapiq vermag, - hier ist das mung, welches Nichtvollziehen aber in sich ist und wirklich
Am-Werke-sein das &Aq8eb~iv: der Verborgenheit entnehmen ist als >jederzeitvollziehen können<. Weil die Megariker die-
als wahr-nehmen. 'Evegyeiv, EvCgyaia haben hier schon nicht sem Tatbestand nicht gerecht werden können, sind sie dazu
mehr die ursprünglich ganz enge Bezogenheit auf Egyov, aber gezwungen, den Ubergang vom aktuellen Nichtwahrnehmen
immer doch die Bedeutung des Vollzugs. zum Wahrnehmen als eine übergangslose Auswechslung von
Hinsichtlich dieser 6bvapy, der aio&qay, deren Egyov die Blindsein und Sehendsein darzustellen. Strenggenommen ist
&Aq6~ia, die Offenbarkeit ist, wird nun auf dem entsprechen- wie gesagt der hier notwendig sich ergebende Sprung jedes-
den Wege zu einer Folgerung fortgegangen, deren Unmög- mal ein noch anderer: eben der des stänldigen Wechsels
lichkeit sich damit erweist, daß sie sich an festen und unleug- von einem Stein oder Holz oder dergleichen zum Tier oder
baren Tatbeständen unseres Daseins stößt. Bei der aE~vqmußte Mensch, bzw. umgekehrt die Rückkehr von diesen in jene.
der Baumeister mit dem Aufhören im Bauen auch auf- Was Aristoteles nun allerdings nicht bespricht, ist der Zu-
hören im Baumeistersein. Entsprechend müßte jetzt ein Wahr- sammenhang dieses dritten Arguments mit dem vorgenannten
nehmen mit den Augen etwa nicht mehr sein, sobald es nicht zweiten. Das geht auch über die nächste Absicht derselben
eigens vollzogen wird, sobald also etwa die Augen geschlossen hinaus. Andererseits ist es gerade dieser Zusammenhang, aus
206 Met. O 3. Die Wirklichkeit der Gi~vap~q
xazd xivquiv
I 207
1 $21. Die Megariker verfehlen das obergehen
dem sich erst die Möglichkeit einer positiven Aufhellung der Geltung. Daher ist die megarische These nicht nur unhalt-
angerührten Fragen ersehen läßt. Ich meine: Das Vorstellen bar, sonldeni auch sachlich unzureichend.
des 6~epbvU. s. f. als aiuüqt&gründet eben darin, daß das Wahr-
nehmen auch noch da sein kann in der Weise des noch nicht
bzw. nicht mehr sich vollziehenden Könnens. Nichtvollzug I $21. Abschlufi der Auseinandersetzung:
bedeutet nicht völliges Fehlen von dergleichen wie Wahrneh- Die Megariker verfehlen die z u m Vermögen gehörige
men. D'as Vollziehenkönnen als daseiendes aber ist geralde die ßewegu.ng des Ubergangs
Haltung, in der solches vorgestellt wind, was wahrgenommen
werden könnte bzw. wahrgenommen gewesen ist, aber gerade Wie nun 1047 a 10 das ETL verrät, ist die Aristotelische Argu-
in dem charakteristischen Wissen, daß das so Wahrnehmbare mentation noch nicht abgeschlossen. Allein es gilt zu fragen:
für sich nicht angewiesen ist auf ständiges Wahrgenommen- Wird jetzt mit dem ETL,»ferner«, nur ein weiteres Argument
werden. Das Sichzurückziehen aus der Ausübung des Wahr- angefügt in derselben Richtung, also mit Bezug auf die schon
nehmen~ist kein bloßm Abbrechen und Verschwinden dieser, verhandelten Phänomene und in Richtung auf die angeführte
sondern hat den Charakter des Uberlassens des Wahrgenom- Hauptthese der Megariker, oder ist die Argumentation inhalt-
menen an es selbst als ein nunmehr Wahrnehmbares. So kann lich eine andere, und zwar deshalb, weil auch ein neues Argu-
und muß gesagt werden: Die eigenständige Wirklichkeit des ment der Megariker zur Sprache kommt? Das letztere ist
Wahrnehmbaren wird im Grunde gar nicht im jeweilig wirk-
I der Fall.
lichen Vollzug der Wahrnehmung erfahren, sondern erst im
eigentümlichen Nicht-mehr- und Noch-nicht-Vollzug. (Dies I
I
1047 a 10-13: ETL ~i & ~ ~ V ~ Zt Ob V6Ut&QT)pkvov
~VV&~E TbOPT)S ,
weist auf einen inneren Zusammenhang zwischen Wahrheit y&vbp&vov&8batov zota~ yevku6a1, ~6 8'&86vaTov ~ E V ~ U ~6 U L

und Zeit.) Erst von dem Phänomen aus, das im letzten Argu- I AEyov 7 E ~ V U 7L ~ &rea.ita~qe6ueta~. zb y&e &86vatov tocto
ment über die 86vapiq indirekt gefordert wird - dem Wahr-
I
E U ~ ~ ~ U L V E.Ferner,
V. wenn unvermögendseiend das ist, dem ein
nehmenkönnen als einem unvenvirklichten unld doch wirk- Vermögen entzogen ist, so muß das, was nicht zum Vollzug
lichen -, ermöglicht sich die Freigabe des aia6qtbv als eines gekommen ist (PT)y~vbpwov),unvermögend sein, zum Vollzug
solchen, das von sich aus dem Wahrgenommenwerden sich zu kommen; wer aber sagt, das, was unvermögend sei, zum
darbieten kann; in dieser Eignung zur Betroffenheit durch Vollzug zu kommen, sei oder werde sein, der belügt sich selbst,
Offenbarkeit liegt (dasAnzeichen der eigenen Unabhängigkeit. denn das Unvermögendsein bedeutet eben dieses.«
Die bisherige Argumentation des Aristoteles gegen die Me- Der Art des Vorgehens nach wieder das Hinausarbeiten auf
gariker betraf dreierlei: 1. die 86vap~qPET& hbyov (die TEX^); eine unmögliche Folge; jetzt i,st es das Sichselbsibelügen: das
2. das tivvatbv einer 86vap~sim Sinne der aiu6qa~q (das als wahr ausgeben und behaupten, wovon zugleich gewußt
aia6qt6v); 3. die a i a 6 q u ~selbst.
~ Jedesmal wurde ein Doppeltes wird, daß es unwahr sei. Inhaltlich aber besteht gegenüber
gezeigt: a) die These der Megariker führt bezüglich des je zur den vorigen Argumenten ein Unterschied, und zwar in dop-
Sprache gebrachten Phänomens zu unmöglichen Folgerungen; peltem Sinne: 1. Zur Sprache kommt jetzt nicht 62ivap~sund
b) die Phänomene selbst werden in ihrem eigentlichen Wesen 8uvatbv und 86vaa4a~,sondern das &86vatov ~ l v a ~ 2. ; dieses
nicht erfaßt, sie kommen in ihrem vollen Gehalt nicht zur aber in der Weise, daß zugleich ein anderes Argument der
208 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 8Gvap~sxazd xivqa~v 21. Die Megariker verfehlen das obergehen 209
Megariker angeführt wird; die Stelle si &8Gvatov... Iatal Wie schon die Ubersetzung des 6wat6v und &86vatov mit
ysvEa8a~ist so zu verstehen; das ergibt sich nicht allein aus der >möglich<und >unmöglich<anzeigt, ist hier, was aus dem Ge-
ganzen Form des Satzes, wir können es auch {direktbelegen, halt der ganzen Argumentation sich belegen läßt, die Bedeu-
daß Aristoteles hier ein offenbar ganz zentrales Argument der tung des Vermögens und Kräftigseins-zu und die entspre-
Megariker zur Sprache bringt. chende steretische zusammengeworfen mit der Bedeutung von
möglich und unmöglich. So etwas muß offenbar auch schon
in der Erörterung der Megariker in der Frühzeit vorgelegen
In diesem Absatz 1047 a 10 ff. finden wir den Inhalt eines haben; wobei ~r freilich beachten müssen, daß damals beide
megarischen Satzes, der ob seiner Bedeutung in der späteren
Bedeutungen noch nicht zusammengemischt werden konnten,
Zeit der Schule nachgewirkt hat und den Inhalt abgab zu
weil sie noch gar nicht geschieden waren. Die klare Scheidung
einem in der hellenistischen Zeit berühmten Schluß des Me- und zugleich >Ableitung<der einen aus der anderen vollzieht
garikers Diodoros, welcher Schluß wegen seiner Unwiderleg- sich ja erst in unserer Aristotelischen Abhandlung.
lichkeit immer >Herrblieb<und deshalb den Namen X W Q L E ~ ~ V
Der Hinweis auf Diadoros und sein Argument wurde einge-
trug1. Der Inhalt dieses A15yos xvg~s6wvist kurz folgender:
flochten, um darzutun, daß hier noch durchscheint, was in un-
>,Wennetwas möglich wäre, was weder ist noch sein wird, so
serem Aristotelischen Text (1047 a 11) als das entscheidende
würde aus einem Möglichen ein Unmögliches folgen; nun
Stück der megarischen Argumentation Mar zum Ausdruck
kann aber aus einem Möglichen kein Unmögliches folgen;
gebracht ist: das pq ~ E V ~ ~ E V- O VNicht-zum-Vollzug-Gekom-
also ist nichts möglich, was weder ist noch sein wird.«Wer
mene. Alles Nicht-zum-Vollzug-Gekommene ist das Nicht-
Obersatz in diesem Schluß (Wenn etwas möglich wäre, was
wirkliche; da aber nach der Hauptthese auch das Vermögende
weder ist noch sein wird, so würde aus einem Möglichen etwas
nur ist als Verwirklichtes, ist das Nicht-zum-Vollzug-Gekom-
Unmögliches folgen) fand seine Begründung in der These:
mene zugleich das Unvermögende. Das Nichtvollzogene lassen
zäv X C ( Q ' E A ~ ~ ~ &A$Eg
OS &vay~aiovE I V ~(a.a.0.
L bei Epiktet).
die Megariker nicht etwa als das Vermögende und Vermö-
Tritt bei zwei sich gegenseitig ausschließenlden Fällen der eine
geedseiende stehen, sondern müssen es gemäß ihrer These
ein, wird das eine Mögliche (8wvat6v) wirklich, dann ist das
als dasjenige ansprechen, was das Nichtvermögendseiende ist.
andere Mögliche unmöglich (U86vatov) geworden; denn »alles,
was einmal geschehen ist, ist notwendig«, nämlich notwendig Allein, entgegnet Aristoteles, es geht gar nicht an, zu sagen,
vorbei; das nicht zum Vollzug Gekommene ist jetzt unmöglich das Nichtgewordene, Nicht-zum-Vollzug-Gekommene sei un-
und kann daher auch früher nicht möglich gewesen sein; denn vermögend oder werde solches sein; denn unvermögend heißt
sonst wäre ja, nach der Meinung Diodors, aus einem Mög- ja in sich: schlechthin nicht seiend. Um also in ihrem Sinne
lichen jetzt ein Unmögliches hervorgegangen. darzutun, tdaß das Nichtgewordene das Unvermögendseiende,
das heißt für sie: das überhaupt Nichtwirkliche sei, bedürfen
Vgl. 'Aeerrivou z6v 'Erc~xzfieouBrargrß6v ßrßlia zbaaap, Buch 11, die Megariker nicht erst des Satzes, daß alles Vergangene not-
Kap. 19 Anf. (Epicteti Dissertationes ab Arriano digestae . . ., itenun rec. wendig sei, sondern das Unvermögende ist ohne weiteres und
H. Schenkl; Leipzig 1916). erst recht das Unwirkliche, weil ja schon das Vermögende es
L Vgl. E. Zeiler: über den xue~~dwv des Megarikers Diodorus. Sitzungs-
berichte d. Königl. Preuss. Akad. d. Wiss. zu Berlin, Berli 1883; S. 151-59. selbst ist und nur sein kann als das Wirkliche.
S. 153.
210 Met. 0 3. Die Wirklichkeit der 86vapi~xatd xivyatv $' 21. Die Megariker verfehlen das Ubergehen 211
So sehen wir auch hier leicht, wo der sachliche Mangel der gar ihr wesenhaftes Nichtsein und somit Nicht-zum-Sein-
megarischen Auffassung vom Vorhandensein des Vermögens gehören zu behaupten.
liegt, - eben 'darin, daß sie auch hier am Phänomen des 1047 a 15-17: aiei y d t6
~ T E Ea~qxbqEozfiEetai xai tb xa8fipevov
Unvermögens nur die bloße Negation des Vorhandenseins, des xa8e8eita~.06 ydg &vaatfiaeta~Edv xa8irqta~-&86vatov y&e Eatai
Vollzugs qua Anwesenheit sehen und kein Auge haben dafür, ttvaatrjvai ö ys p.4 ,86vata~&vaatrjva~.»Immer nämlich wird
daß das Unvermögende gerade wirklich ist, indem es nicht sowohl das Stehende stehenbleiben als auch das Sitzende sit-
d e n Obergang findet zum Vollzug. Nicht den Obergang fin- zenbleiben; nicht nämlich wird es sich aufrichten, wenn es sich
den z u . . .: das ist nicht nichts, sondern kann die Eindring- gesetzt hat; denn es ist unvermögend, daß es 'aufstehe, was das
lichkeit unid Wirklichkeit höchster Bedrängnis haben und so Vermögen aufzustehen gar nicht hat.«
das eigentlich Drängende sein.
Hlieraus wird noch deutlicher das doppelte Sichversehen am Dieses Beispiel bedarf nach allem Gesagten keiner Erläu-
Phänomen: 1. Die Megariker fassen das Un- als bloße Nega- terung mehr; zwischen Stehen und Sitzen liegen je die Weisen
tion - statt als eigentümliche Privation. 2. Das, was negiert des Ubergangs, das Sichsetzen und Sichaufrichten. Und ge-
wird, den Vollzug selbst fassen sie nur als Anwesenheit von nauer: diese liegen nicht zwischen jenen beiden, so wie ein
etwas - statt den Obergang, d. h. die xiqaiq zu sehen. Stein zwischen zwei anderen vorhanden ist, vielmehr ist das
Nunmehr faßt Aristoteles alle angeführten Argumente ge- Sitzen ein Sichgesetzthaben und das Stehen ein Sichaufgerich-
gen die Megariker zusammen. tethaben; der #bergang gehört zu diesen Phänomenen als das,
wodurch sie je in verschiedener Weise hindurchgegangen sein
1047 a 14: Gaze 06~01oi Aoyo~Etai~oGainai nivqoiv xai ykveaiv. müssen bzw. hindurchgehen werden. Das Vermögendsein-zu
>Und so bringen diese Lehren sowohl Bewegung wie Werden ist in seiner eigensten Wirklichkeit mitbestimmt durch dieses
auf die Seite.« Phänomen des Obergangs. - Zu beachten ist, daß dieses Bei-
Aristoteles will sagen: Die Megariker lassen diese Phäno- spiel bei der positiven Erörterung des Leitproblems erneut
mene nicht zur Geltung kommen, und zwar nicht nur zur Sprache kommt (Z. 26 ff .); abgesehen von Kap. 6 ff.
so überhaupt nicht, sondern eben da, wo sie über die Aristoteles hat jetzt ein Doppeltes klargemacht: 1. die unan-
66vapiq xatd xivqa~vund deren Evi~ysia,deren Am-Werke-sein, nehmbaren Fol'gen der megarischen Thesen und 2. zugleich
das Versäumnis des Zugreifens in Richtung auf ein zentrales
also über die Evk~yebaxatd xivqaiv etwas ausmachen wollen.
Phänomen - die Bewegung als Obergang und Umschlagen.
Diese Einsicht des Aristoteles bekommt nur dann ihr ganzes
Nunmehr zeigt er umgekehrt, was bei Vermeidung von beidem
Gewicht, wenn man festhält, daß dieses Kapitel immer noch
einsichtig werden muß.
und gerade von der 66vapiq als & Q X ~xtvfiaeoq, als Giivay~qxazd
xiqoiv handelt, in einer Fragerichtung allerdings, die not- 1047a 17-20: ei obv p.4 Ev6kxeta~tai7ta hkyeiv, cpave~dvÖTL
wendig die Evkeysla xatd xiqoiv in den Blick bringt. 66vap.15 xai Evk~yeiaETEQOV EUTLV. ~ X E ~ V O8'0i
L M ~ O 66vap.i~
L xai
Aristoteles beleuchtet im Anschluß hieran noch ausdrück- Evkeysiav ta6tb noioija~v,61d xai 06 pix~ovT L t,qtoGa~vdrval~eiv.
lich an einem Beispiel, was es bedeutet, die Bewegung als »Wenn es nun nicht angeht, diese Sätze aufzustellen, dann
wesentliches Baustück der 8wap.y nicht sehen zu wollen und wird damit offenbar, daß Vermögen und Am-Werke-sein (ge-
23 2 Met. O 3. Die Wirklichkeit der GGvapcs xacd xirqa~v $ 2 1 . Die Megariker verfehlen das obergehen 213
genseitig) etwas anderes sind; jene Sätze jedoch lassen beides, Rechnung getragen (a 19/20). Offensichtlich hängt das, was
Vermögen und Am-Werke-sein in ein und dasselbe zusam- da beidemal aufgehoben wird, zusammen. Die Beseitigung
menfallen und versuchen so, gar nichts Geringes aufzuheben.« der Verschiedenheit von 6.ovap~cund Evßeyeia ist in sich eine
Nach unserer Gliederung des ganzen Kapitels (vgl. S. 175) Beseitigung der nivqo~s.Das kann aber nur dann der Fall sein,
bildet dieser Absatz den Schluß des ersten Teils, also der wenn eben die beiden, deren Verschiedenheit gewahrt bleiben
kritischen Ausainandersetzung. Wie wir jetzt sehen, enthält er soll, wesenhaft auf xiqotg bezogen sind. Ist diese gerettet,
zugleich die Oberleitung zum folgenden zweiten Teil, der dann ist auch 'der Unterschied zwischen 66vapis und EvEeysia
positiven Auflösung der Leitfrage. Die megarische These muß gesichert.
fallen; das bedeutet: das Vorhandensein des 66vao6ai qua Damit ist aber doch so handgreiflich wie möglich ausge-
66vcro6ac kann nicht im Vollzug gesucht werden; geschieht sprochen: 6wapy und Evfeyela sind hier, in Kap. 3, xatd
das, dann ist die Evßgye~adie wirkliche 6.Vvayc~,beides ist ein xivqa~vgenommen. Es besteht nicht nur keine Veranlassung,
und dasselbe, so zwar, daß die 6.Vvapcs als ein mögliches Eigen- auf eine zu frühzeitige Hereinziehung des späteren Themas
wirkliches überhaupt verschwindet; sie kommt gar nicht zu der Evßep~aEai nAEov zu schließen, es wird zu allem Oberfluß
ihrem Recht. Die Frage nach dem Vorhandensein der 86vapy klar gesagt: Es handelt sich um die Evß~yeurxatd x i q u ~ vWenn
.
qua Giivapis und nicht qua Evßeyeia hat gar keinen Boden. es darum geht, geralde den Unterschied dieser Evßeyela xatd
Wiild also die megarische These aufgegeben, dann ist jeden- x i q o ~ vgegenüber der 66vap~sx a ~ dx i q o ~ vherauszuheben,
falls das eine gewonnen: Das Blickfeld auf die Phänomene dann liegt doch darin zugleich: Eigenstes Thema ist mit der
ist nicht durch eine gewaltsame Theorie verdeckt, sondern mau 86vap~qdie i v ß ~ y e ~natd
a xiqoiv.
sieht: Vermögendsein zu etwas und Am-Werke-sein eben da- Allerdings müssen wir jetzt fragen: 1. Wie hängt die Wah-
bei, das ist je etwas anderes ('Eteeov).Soll demnach die EvEeyeia rung der Andersartigkeit von B6vap~sxata xiqacv und Evkeyeca
selbst in der rechten Weise bestimmt werden, dann müssen xatd x i q o ~ vzusammen mit der Rettung des Phänomens der
wir gerade umgekehrt die 6wapcg und ihre Art des Vorhan- xivqoig? 2. Wie hängt diese Rettung ihrerseits zusammen mit
denseins in ihrem Eigenwesen zu retten versuchen, um dage- der rechten Auflösung der von uns festgelegten Leitfrage des
gen die EvCeyeia ihrerseits abheben zu können. 3. Kapitels, d. h. mit der Frage nach dem 170rhandenseinder
So entnehmen wir ganz eindeutig aus dem Text: Es kommt 66vapig qua 86vapig, des Vermögens als Vermögen vor aller
in diesem Kapitel gerade auf die Herausarbeitung der Anders- Verwirklichung im Vollzug? Die Antwort auf diese Fragen
artigkeit der G6vapc~gegen die Evßgyeca an und umgekehrt. muß sich aus der Auslegung der nun folgenden positiven Er-
Also handgreiflich ein Fortgang der Untersuchung. Gewiß, örterung und Bestimmung des Bvvatbv Sv fi av und der Evß~yeca
könnte die übliche Auslegung sagen, ein Fortgang wohl, aber xatd xivqo~vergeben.
von welcher Art? Nun, auch das ist schon ganz eindeutig ent-
schieden. Aristoteles spricht in den zuletzt angeführten Ab-
sätzen zweimal davon, daß die megarische These etwas besei-
tige, aufhebe, nicht zur Geltung kommen lasse. Einmal sagt
er: die xivqa~gkommt nicht zu ihrem Recht (a 14); das andere-
mal: der Verschiedenheit von G6vali.i<und hvbgy~cawird nicht
214 Met. 8 3. Die Wirklichkeit der 6Vvap~sxatk xiqaiv JS 22. Die Evk~y~ta
xack xivqaiv 915
$22. Die EvEeyeia xatd xivyatv. Die Wirklichkeit des das, was sie ist, zur vollen Umgrenzung. So wird die Aufgabe
Vermögendseins ist mitbestimmt durch sein Wesen - zum der Charakterisierung des Gvvatbv Öv fi Öv zugleich zur Auf-
Wesen gehört hinzu seine Wirklichkeit I gabe der Charakteristik der EvEeyeia fi EvEeye~a,d. h. des Mach-
weises, daß sie und wie sie xa.cd x i q a ~ ist.
v
Doch bevor wir die Auslegung fortsetzen, versuchen wir das Aus dieser in )derSlache selbst gelegenen Verkoppelung kön-
zur Verhandlung stehende sachliche Problem noch einmal kurz nen wir im voraus entnehmen, daß Aristoteles seinerseits das
auf seinen wesentlichen Kern zusammenzudrängen, und zwar I
Gvvatdv Öv nicht ohne Bezug auf die EvEgyaia umgrenzen wird.
an Hand einer Schwierigkeit, die jetzt recht nahe liegt. Auf Aber 1. bedeutet dieses >nichtohne Bezug auf EvEeyet.a<keines-
der einen Seite soll die These der Megariker abgelehnt wer- wegs eine Gleichsetzung von Wirklichkeit des Vermögens mit
den durch die Gegenthese: Die Wirklichkeit des 6Uvaa9ai als Verwirklichung im Vollzug. Und 2. liegt gerade in der rechten
eines solchen ist nicht im Eveeysiv zu suchen. Auf der anderen Fassung des notwendigen Bezugs auch der BUvapic zur EvEeyeia
Seite soll gerade jetzt für die positive Bestimmung der Wirk- die Sicherung einer angemessenen Bestimmung der Wirklich-
lichkeit des 6Uvao6ai als eines solchen die Evkgys~a mit ins keit des Vermögenden als eines solchen.
Thema kommen. Wie geht dieses beides zusammen? Wir gliedern auch den zweiten Abschnitt der ganzen Erör-
Die einleuchtende Folge aus der Zurückweisung \der mega- terung in einzelne Absätze.
rischen These wäre, daß nun auch Aristoteles seinerseits die
EvEgye~aaus dem Spiel läßt. Doch wenn wir so rechnen, setzen 1047 a 20- 24: Oat' E V ~ ~ X E T6vvatbv
~L pkv t i eivai pr) &hat8E,
wir voraus, die Megariker seien mit ihrer Beiziehung des xai Gvvatbv pq elvai alvai 6E, iipoio< 6E xai Exi tGv &hhov
Evegyeiv für die Erklärung des elvai der GUvapiq qua GUvap~5 xatyyogi6v Gvvatbv ßa6iqa~v Öv pr) ßaSiSe~v, xai pr) ßaSiSov
Gvvatbv E ~ V U Lßa6i(eiv. »So kann also der Fall eintreten, daß
auch schon im Besitz der rechten Einsicht in das Wesen der
Evkgyaia gewesen. Aber gerade dies bestreitet Aristoteles.
etwas zwar als vermögend zu etwas wirklich ist und dabei
doch nicht wirklich das ist, wozu dieses wirkliche Vermögende
Daß die Megariker sich auf das Evegyeiv stützten, beweist
als solches vermögend ist, und ebenso kann der Flall eintreten,
noch gar nicht, daß sie den rechten Begriff davon hatten; im
Gegenteil, sie sahen gerade nicht, Ndaß die EvEgye~aqua EvEeys~a daß ein Vermögendes nicht wirklich ist als Vermögenldes und
Evkgys~axaza xivya~vist. Und sie mußten diesen Grundbezug doch gerade wirklich ist das, was es vermag; in gleicher Weise
übersehen, weil ihnen überhaupt der Blick verstellt war auf gilt das auch in Hinblick auf das andere, was.vom Seienden
gesagt werden kann (xatyyogial im ganz allgemeinen Sinne);
das Wesen $derxiqais. Aber auch nur wenn deren Wesen zur
Klarheit gekommen ist, wird es möglich, die 6Uvapiq in ihrem z. B. was als Zu-gehen-Vermögendes wirklich ein Seiendes
(vorhanden) ist, geht in Wirklichkeit gar nicht, und was wirk-
vollen Gehalt zu fassen und damlit die Weise ihres eigensten
Wirklichseins zu umgrenzen. Die GUvapiq ist ja (nachKap. 1und lich nicht geht, ist gleichwohl als vermögend zu gehen wirk-
lich vorhanden.«
2) & Q X ~petaßohfjs (bzw. xiv.ilaew$) - das, von wo aus ein Um-
schlag und Obergang geschieht. Wie dergleichen wirklich ist, Wenn wir den griechischen Text beachten, sehen wir ganz
läßt sich nur ausmachen, wenn ständig dem Rechnung getra- hart neben- und gegeneinanderstehen ~ l v a-~yr) elva~,Sein
gen wird, was es ist. Andererseits kommt erst durch die zurei- - Nichtsein, und umgekahrt, und zwar wird beides zugleich
chende Fassung dessen, wie GUvapi~qua bUvapis ~ r k l i c hist, vom Selben gesagt. Soll das, formal argumentiert, überhaupt
216 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 66vay~sxatd xivqan g 22. Die E v r i ~ y ~xatd
~a xiqu~v 217
möglich sein, dann nur so, daß &hab und E ~ V hier~ L je in ver- genden als solchen? Z. B. ,der Zu-gehen-Vermögende, der das
schiedener Hinsicht gemeint ist. Das trifft zu. Wir haben das Gehen nicht vollzieht, ist als dieser Vermögende wie wirklich?
in der Ubersetzung zum Ausdruck gebracht. Schon in den vor- Nicht-gehen, von Bewegung aus gesehen, ist Ruhen, Still-
ausgehenden Betrachtungen drückten wir das so aus, daß wir stehen. Doch läßt sich Stillstand ohne weiteres als die charakte-
das Sein der G6vap~gqua 66vapig als >Wirklichkeit<faßten und ristische Vorhandenheit (griechisch: Anwesenheit) eines Ver-
das Sein im Sinne der Wirklichkeit (dessen,wozu das Vermö- mögenden als solchen fassen? Gewiß, das ist für unseren Fall
gende vermögend ist, als >Verwirklichung<. Das Verwirklichte ein notwenldiges Moment, aber es reicht nicht hin. Jeder
hat dabei gleichfalls Wirklichkeit. Gehenkönnende, aber nicht wirklich Gehende steht still, be-
Aristoteles leitet den Gedanken ein mit einem Outs: so also wegt sich nicht; aber er kann doch im fahrenden Schiff sitzen
kann der Fall eintreten, nämlich wenn der Andersartigkeit und ist auch so wirklich als elin Gehenkönnender, obgleich er
von Gljvctyt~und Evkeysta Rechnung getragen wird. Was bedeu- in Bewegung ist und nicht in Ruhe. Daß der Gehenkönnende
tet das für die Auflösung der Leitfrage? Dem Unterschied von als solcher ruht, ist offenbar gemeint als Weise derjenigen
GVvap~gund EvEgye~aRechnung tragen, heißt versuchen, die Bewegtheit, zu der er als Vermögender vermögend ist. Die
Wirklichkeit der 86vapy nicht schnurstracks zu ersetzen durch Wirklichkeit des Vermögenden bestimmt sich also mit aus der
EvEeys~aund so die GWapy zu beseitigen, sondern zu sehen, vermögbaren Wirklichkeit, die sich im Vollzug einstellt; be-
daß und wie die 86vap~gals solche ihre eigene Wirklichkeit stimmt sich von daher mit; ist aber nicht dasselbe.
hat. Dessen versichert sich Aristoteles zunächst durch den all- Wie sollen wir diese Mitbestimmtheit fassen, dieses, daß
gemeinen Satz, der dann sogleich durch ein Beispiel beleuch- gleichsam der vermögbare Vollzug in der Weise seiner Wirk-
tet wird: Wir stoßen auf wirklich Siendes, das zu gehen ver- lichkeit hineinstrahlt in die Wirklichkeit des Vermögenden als
mögend ist (Gwatbv ßaGite~vöv), als dieses Vermögende ein solchen? Können wir uns das aus der unmittelbaren Erfahrung
Seiendes, öv, ist, aber gleichwohl noch nicht bzw. nicht mehr aufdringlich vergegenwärtigen? Allerdings.
geht. Betrachten wir einen Läufer, der etwa zum Hundertmeter-
Mit diesem Hinweis begnügt sich Aristoteles. Aber dieses lauf (wie wir sagen:) angetreten ist, unmittelbar vor dem
Hinweisen auf ein eigenständiges Phänomen ist zunächst das Loslaufen. Was sehen wir? Einen Menschen, der nicht in Be-
Entscheidende. Und wir dürfen nicht vergessen, daß Aristote- wegung ist; in kniender Haltung; doch das können wir eben-
les bereits in der kritischen Auseinandersetzung einen wichti- s o p t und mit mehr Recht von einer alten Bäuerin sagen, die
gen Fingerzeig gegeben hat; danach kann die rechte Ausein- vor einem Wegkreuz kniet; mit mehr Recht, denn wir sehen
anderhaltung von 86vap~gund EvEgysta nur geschehen unter an dem Läufer nicht einfach einen nichtbewegten knienden
vorheriger und ständiger Festhaltung der x i q u y . Was bedeu- Menschen; was wir da >knien<nannten, ist gar kein Knien im
tet das? Nichts Geringeres als: das Vorhandensein des Vermö- Sinne des Sichniedergelassenhabens; im Gegenteil, diese Hal-
genden als solchen in gleicher Weise wie die Wirklichkeit im tung ist weit eher die des >wegvon der Stelle<.Das eigentüm-
Sinne des Vollzugs sind Weisen des In-Bewegung-seim, auf lich lockere Aufliegen der Hände, der Fingerspitzen auf der
dieses in sich bezogen und nur von daher zu fassen. Erde ist schon fast der Abstoß und das Hintersichbringen des
Folgen wir dieser Anweisung; was gewinnen wir dann für gerade noch eingehaltenen Platzes. Gesicht und Blick hängen
die Klärung un,d Bestimmung der Wirklichkeit eines Vermö- nicht verträumt zu Boden oder schweifen ungehalten von
218 Met. O J. Die Wirklichkeit der BUvap~sxat&nivqu~v $' 22. Die kve~ye~a
xat&xivqu~v 219
einem zum anderen, sondern sind gespannt in die Bahn nach Vermögende sich ins Zeug legt, der Vollzug wahrhaft Aus-
vorn gehalten, so daß es so aussieht, als sei diese ganze Hal- ü b u n g ist und nur dieses. Er ist nichts anderes als Sich-ins-
tung von dem her, was da vorn liegt, gestrafft. Nein, es sieht Zeug-legen - Evkgye~a;('Egyov:das Werk oder das Zeug).
nicht nur so aus, es ist so, und - was ebenso entscheidend ist zu Jetzt wird auch deutlicher, wie die Wirklichkeit des 66vao6a~
bedenken - wir sehen das unmittelbar so; was nachhinkt und vom EXELV, vom Haben, Halten aus (vgl. ob. S. 183) zu fassen
unzureichend oder noch gar nicht ernsthaft versucht ist, das ist, nämlich als: sich in Bereitschaft, das V e r m ö g e n selbst in
ist eben die angemessene Aufhellung dles Wesens der Wirk- Bereitschaft halten. Diese Gehaltenheit ist seine wirkliche An-
lichkeit dieses so Wirklichen. wesenheit. Bei dem als Beispiel genannten Töpfer, der beide
Was sich uns darbietet, ist nicht ein stillstehender Mensch, Hände verloren hat, ist das Moment der Oberführung, des
sondern ein solcher, der im Stand ist loszulaufen; er ist im Obergangs in gewisser Weise nicht mehr vorhanden und die
Stand dazu, und er ist das ganz und gar, so daß wir sagen - Gehaltenheit nicht mehr vollständig; die Bereitschaft ist unter-
und es sagen, weil wir es sehen, ihm ohne weiteres ansehen -: brochen.
Er ist im Stand loszulaufen, es braucht nur noch des Rufes Wenn Sie dieser ganzen Aufhellung des Wesens des wirk-
>los!<.Es bedarf nur noch dieses Rufes, dann ist er auch schon lich vorhandenen Vermögenden mit dem ständigen Blick auf
losgelaufen, im Lauf, d. h. im Vollzug. Was sagt das aber? das Phänomen (des Läufers unmittelbar vor dem Loslaufen)
Dann ist all das anwesend, was er da vermag; er läuft, und gefolgt sind, dann darf Ihnen die >Definition<,die jetzt Ari-
es bleibt nichts zurück, was er nicht vermöchte; laufend führt stoteles vom Gvvatbv d v a ~gibt, nicht mehr befremdlich sein.
er das Vermögen aus. Diese Ausführung des Vermögens aber 1047a 24-26: Eot~6.2 Bvvatbv toVto, 4 Edv E~xOLQE~4 EvEgy~~a
ist nicht 'das Beseitigen des Vermögens, das Verschwinden- 05 Akyeta~EXELV tqv OVvap~v,068Ev Eota~&86vatov.»In Wirklich-
lassen desselben, sondern das Hinausführen des Vermögens keit vermögend aber ist dieses, dem nichts mehr unausführbar
selbst in das, wozu es selbst als Vermögen drängt. Der Voll- ist, sobald es sich in das Zeug legt, als wozu es das Zeug zu
ziehende ist eben der, der in Rückbezug auf das Vermögen haben angesproch,enwird.«
nichts unausgeführt läßt, für den es jetzt im Laufen wirklich
nichts mehr gibt, was er nicht vermag. Das freilich ist nur Wir haben hier wieder eine der unerhört gesehenen und
dann der Fall, wenn er als Vermögender in der vollen Bereit- geprägten Wmenserkenntniae vor uns, durch Jie Aristoteles
schaft zum Laufen antritt, sich in dieser Bereitschaft voll aus- zum ersten Mal in bisher dunkle Bezirke Licht gebracht hat.
breitet. Darin liegt aber: Er ist nur dann eigentlich im Stand An diesem knappen Satz ist jedes Wort von Bedeutung. Mit
zum Laufen, wenn er gut im Stand, vollkommen im Stand ihm ist die größte philosophische Erkenntnis der Antike aus-
ist, in voller Bereitschaft stehend. gesprochen, eine Erkenntnis, die bis heute in der Philosophie
I m Stand sein z u . . ., das bedeutet erstens: er ist ausgerüstet unausgewertet und unverstanden geblieben ist.
f ü r . . .; aber nicht nur das, sondern zugleich zweitens: er unter-
steht sich, hat sich bereits entschlossen. Wirklich-vermögend-
sein ist das bereitschafterfüllte Im-Stand-sein-zu, dem nur Es bedarf jetzt gar nicht mehr umständlicher Wiederholun-
noch die E n t h e m m u n g in den Vollzug fehlt, so daß, wenn gen, um Ihnen nahezubringen, wie die ganze voranstehende
diese vorhanden ist, sich eingestellt hat, das heißt: wenn der Untersuchung auf diesen einen Satz hinarbeitet, so daß er
220 Met. O 3. Die Wirklichkeit der 66vap~sxazd xiwlaiv $22. Die kvEgyeia xazd xivqa~v 221
gleichsam herausspringen muß. Nur auf einige Momente nicht unmöglich ist. Mit dieser Weisheit ist allerdings das Un-
dieser >Definition<sei eigens hingewiesen. Das Erste ist schon möglichste möglich geworden, wie das fast in den üblichen
das erste Wort: Eon. Das darf nicht einfach genommen werden I Auslegungen der Philosophie die Regel zu sein scheint. Ich
als das >ist<im Sinne des Was-seins, so daß wir übersetzen muß es Ihnen selbst überlassen, diese überkluge Schulmeisterei
dürften: vermögend aber ist das, dem. . . Es handelt sich dem zurückzuweisen.
ganzen Thema des Kapitels entsprechend ja nicht um das, was Nur einige Fingerzeige, wobei im Grunde schon Gesagtes
wir unter Vermögendsein zu verstehen haben; das ist in Kap. 1 nur zu wie~derholenist: 1. Es handelt sich überhaupt nicht um
und 2 gesagt; sondern es ist Aufgabe, zu bestimmen, worin die Definition des Möglichen, sondern um die des Vermögen-
das Sein des Vermögenden, seine Wirklichkeit - das ~ivaides den; was nicht dasselbe ist. 2. Es handelt sich auch nicht um
unmittelbar voranstehenden Satzes - besteht. Schon dieses die Definition des Vermögenden in seinem Wasgehalt, sondern
wird in allen Auslegungen und Obersetzungen - soweit ich hinsichtlich der ihm wesensmäßig eigenen Wirklichkeit. 3. Es
sehe - völlig verkannt; damit aber wird jede Aussicht auf ein wird nirgends einfach gesagt: Guvat6v = zb 04% M6vatov; son-
Verständnis der Definition von vornherein beseitigt. I
dem wenn vom Gvvat6v das 06%&66vatov gesagt wird, dann
Das Zweite, was angemerkt werden muß, ist dieses: Aristo- I
so, daß dieses o b . &62ivatovbezogen ist auf die Erfüllung der
teles spricht nicht einfach von ~ ~ E Q YAm-Werke-sein,
EL~, Sich- Bedingung des E&v 6nci~S-nTi EvEey~ia;also es wird das >nicht
ans-Werk-machen, ins-Zeug-legen, sondern ganz eindeutig unvermögend<nicht einfach vom >vermögend<ausgesagt, son-
von jenem Sich-ins-Zeug-legen, wozu das in Rede stehende dem wenn schon von diesem, dann von seiner Wirklichkeit.
Vermögen das Zeug hat. Damit kommt ein wesentlicher Unter-
I Und wenn man sich schon auf die leere Regel der Schullogik
schied gegenüber der megarischen These zum Ausdruck. Wir
sehen, daß auch Aristoteles in die Umgrenzung der Wirklich-
I zurückziehen will, wonach bei einer Definition nicht das defi-
niendum in das definitum aufgenommen werden dürfte, dann
keit des Gvvaz6v qua Gvvat6v die EVEQYEL~einbezieht, aber nicht muß dem eben entgegengehalten werden, welche Art von
in dem allgemeinen Sinne des aus dem Nichts auftauchenden Definition wir hier vor uns haben: Ob es da gilt, Tisch, Stuhl,
Vollzugs, sondern in der je bestimmten Bezogenheit auf das Haus, Ochs und Esel zu definieren, oder solches, was von all
jeweilige Vermögen. I dergleichen weit abliegt, so weit, daß W allem überlegenen
Das Dritte aber ist das rechte Verständnis des 6 oGG&v Eazai
rl66vatov. Das muß so verstanden werden, daß es auf die
EvEgy~~a bezogen bleibt, und es will sagen: Als völlig und wirk-
I
I
Scharfsinn bis zum heutigen Tage unerreichbar geblieben ist.
Das Gesagte soll Sie zugleich zur Einsicht bringen, daß es
nichts hilft, wenn wir die Aristotelische Definition in einer rein
abstrakten Uberlegung durchdenken; so bleiben wir blind und
lich im Stand ist nur jenes vorhanden, das im Vollzug nichts
unausgeführt zu lassen braucht. sehen nicht das, wovon die Rede ist, noch sehen wir, wie Ari-
Es lohnt sich wirklich nicht, all dem leeren Scharfsinn der stoteles in einer unerhörten Sicherheit das Gesagte aus dem
Ausleger nachzugehen, die mit einem gewissen versteckten geschöpft hat, was sich dem wahrhaft philosophierenden Blick
Triumphgefühl meinen, hier endlich den großen Aristoteles bei darbietet.
einem Kapitalfehler ertappt zu haben. Denn bitte, sieht das Aristoteles fügt der Definition noch eine Veranschaulichung
nicht jedes Kind, was für eine famose Definition Aristoteles 1 bei; die Beispiele können dazu dienen, das umgrenzte Wesen
uns da anbietet? Auvaziv - ö o& &66vazov: möglich ist, was I an mannigfaltigen anschaulichen Gestalten zu belegen.
222 Met. O 3. Die Wirklichkeit der Gfivap~~
xazd xlvqa~v $22. Die EvEey~~a
xazd xivqu~v 223
1047 a 26-29: AEyw 6' oiov, ei Gvvazbv xa6fio6a~xai E V ~ E X E ~ L keit ist hier ohne Bedeutung. Aber das ist zweideutig - und
xa6fio6a~,zo4zq E&v .ii3r&~E9 t b xa6fio6a~,o6GEv Eota~&64vazov- die Philosophie ist dieser Zweideutigkeit zum Opfer gefallen;
xai ~t x~vq6fivaiTL fl x~vqoa~ fl o~?jva~fl otfioa~fl elva~ fl f denn sie hat es meist verabsäumt, zu fragen, was denn das
yiyvso6at, fl pfi E ~ V fl
~ Lpfi Y ~ Y V E G
bpoiw~.
~ C ( L »Ich
, verstehe das Wesen auch der Wirklichkeit sei; wo die Frage gestellt ist, da
aber so: Wenn einer vermögend ifst zu sitzen, so zwar, daß geschieht es gerade so, daß Wirklichkeit, existentia, in einem
er das Sitzen auf sich nehmen kann, so wird ihm, wenn es weiten, allumfassenden Sinne genommen wird, - das Wirk-
zum Sitzen kommt, nichts unausgeführt bleiben. Und das liche ist dann das Vorhandene; man (sieht nicht, daß eben
gleiche gilt, wenn etwas vermögend ist, bewegt zu werden gerade auch die Wirklichkeit wesenhaft sich wandelt mit dem
oder zu bewegen, zu stehen oder etwas zum Stehen zu bringen, Wesen im engeren Sinne, worin nur das Was-sein ausgedrückt
zu sein oder zu werden, nicht zu sein oder nicht zu werden.« ist. Das volle Wesen eines Seienden aber, das müssen wir erst
lernen zu verstehen, betrifft sowohl das Was eines Seienden
Bemerkenswert für die Auslegung ist hier #dasnai EVOEXEZ~L,
als das Wie seiner möglichen bzw. wirklichen Wirklichkeit.
das dem Gvvatbv Eot~vangefügt wird; das (deshalb, weil zu-
Gewiß muß das, was ein Ding ist, bmtimmt werden unter
nächst 66vao6a~ und Ev6Exso6a~ gleichbedeutend gebraucht Absehen davon, ob es gerade wirklich ist oder nicht; die We-
werden. Ich habe das E V ~ E X E O ~hier
~ L übersetzt gemäß dem, was sensbestimmung eines Tisches gilt auch für einen möglichen
sich uns als charakteristische Bestimmung des Wirklich-ver- b7w. nicht mehr vorhandenen Tisch. Allein Absehen davon, ob
mögend-seins ergeben hat: das In-voller-Bereitschaft-sein, das das Was-sein wirklich ist oder nicht, darf keineswegs bedeuten,
Auf-sich-nehmen-können; das xai ist dabei 'als erläuterndes es sei nun auch gleichgültig, ob gefragt werde, wie diese Wirk-
,und<zu nehmen - >undzwar in 'der Weise, daß<.Wir werden lichkeit ihrem Wesen nach ist, die dem so unld so bestimmten
übrigens dem kv8Ex~o6a~ in Kap. 8 unserer Abhandlung wie- Was-sein selbst vorgezeichnet ist.
der begegnen. Die Anfügung des EvbEx~o6a~ ist ein weiterer Freilich hat Aristoteles in unserem Zusammenhang diese
Beleg dafür, daß die Frage nach der Wirklichkeit des Ver- Frage der vollständigen Wesenserkenntnis nicht ausdrücklich
mögens steht und nicht nach dem, was das Vermögen ist. aufgerollt; obzwar er in der Tat 'die Umgrenzung des Wesens
Aber andererseits sehen wir eben jetzt: Das, was das Ver- der Wirklichkeit in den engsten Zusammenhang gebracht hat
mögen ist, nämlich Orgxfi xn+~ews- auf Umschlagen z u . . . mit der Bestimmung dessen, was ein Vermögen ist. Aus Grün-
und damit auf Vollzug bezogen, das bestimmt mit die Art den aber, die in der antiken und abendländischen Auffassung
und Weise der Wirklichkeit des 64vao6a1,, das Wesen seines des Seins und damit des Was-seins beschlossen liegen, ist auch
Vorhandenseins. So können wir jetzt sagen: Die Frage nach später nicht dieses zentrale Problem der bisherigen Wesens-
dem Wesen der 84vap~sist erst damit vollauf gestellt und frage gestellt worden.
beantwortet, wenn auch das Wesen der zugehörigen 'Wirk- Wir sagen: Die Leitfrage bezüglich der Wirklichkeit der
lichkeit mitbestimmt ist. 64vapi~nat&xivqo~vzwingt dazu, die EvEeye~axat&xivqo~vmit
Gemeinhin faßt man in der Philosophie und meist sogar in den Blick zu nehmen und für die Definition dieser Wirk-
unter Berufung auf die Antike die Wesensfrage so, daß in ihr lichkeit beizuziehen; zwar nicht wie die Megarilrer, aber ge-
nur die Rede ist von dem, was etwas ist, vom Was-sein, ganz rade so, daß der Bezug der EvEQyelazu xivqot< und damit zu
abgesehen davon, ob es wirklich ist older nicht; 'die Wirklich- 64vap~~ heraustritt. Nur wenn die EvEey~~a in dieser Weise not-
224. Met. O J. Die Wirklichkeit der GGvayy xard xlqaiv
wendig mit ins Thema gehört, hat es aber Sinn, daß nun
Aristoteles noch ausdrücklich auf das Wort und die Wortbe-
deutung zu sprechen kommt. Und die Art, wie das geschieht, I NACHWORT DES HERAUSGEBERS
muß vollends jeden Zweifel über das Thema des Kap. 3 be-
seitigen.
1047a 30-32: EhShv6~6' 4 Evk@y&ia toCvopa, 4 XQOS t r v »Interpretationen aus der antiken Philosophie; Di Do 5-6«
Evt~hkx~~av UVVTL~E xai~ Eni ~ ,ähla Ex t 6 v X L Y ~ ~ U E O ~V~ ~ A L U T C L '
E YT& lautete die Ankündigung für das Sommersemester 1931 (Uni-
ooxsli y d r ~[4] EvE~ys~a
pciliata 4 n i q a ~ qdva~.»Es ist aber der versität Freiburg i. Br.). Heidegger begann am 28. IV. und
Name und die Bedeutung von EvEeye~a- Am-Werke-sein, eine schloß am 30. VII. Sein Manuskript *Interpretationen zur
Bedeutung, die in sich ausgerichtet ist auf die Evtehkxe~a- das antiken PhilosophielAristoteles, Metaphysik @.(C besteht wie-
Sich-in-Fertigkeit-halten, auch auf das andere Seiende über- der aus Folioblättern im Querformat, einseitig auf der linken
gegangen, nämlich aus dem vorwiegenden Gebrauch in Bezug Hälfte mit dem fortlaufenden Text beschrieben, auf der rech-
auf Bewegungen; denn am meisten und ehesten zeigt sich die ten mit Einfügungen und Verbesserungen, Erweiterungen und
Bewegung als solches, wobei etwas >im Gang<, etwas arn zusätzlichen Anmerkungen. Die Seitenzählung mit verschiede-
Werke, etwas los ist.« nen Unteroltdnungen geht bis 47, ausgezählt sind es 56 Seiten;
hinzu kommen noch gut halb so viele Beilagen und Zettel,
(Ein Doppeltes ist gesagt: 1. der Zusammenhang mit vor allem mit den Notizen zu den Rekapitulationen. Der Vor-
EyteMx~la;2. der Sachverhalt des Eni tdr ähha; womit nicht das J

trag der Vorlesung endete S. 219 unten.


Eni nhkov gemeint ist, sondern das, wovon der vorige Satz Die Herausgabe des Manuskriptes erfolgt nach Heideggers
spricht. Vollziehen ist nicht nur auf Bewegenkönnen unfddann 1
Leitlinien, wie sie auch in den von ihm selbst edierten Vor-
auf Bewegung bezogen, sondern das Wesen des Vollzugs ist lesungen verwirklicht sind. Vor allem wurde der gesamte Ma-
Am-Werke-sein, Sich-ins-Zeug-legen. Darauf verweist auch nuskripttext in eine vollständige und buchgerechte Abschrift
EvteliExeta; vgl. das früher zu E ~ y o v und tEhoq Gesagte: übertragen. Vom Herausgeber einzurichten war dann die Un-
Evtehkxe~a:das Ende, Vollenldetheit besitzen als ausgeführte, 1
tergliederung der vorgegebenen Vierteilung samt allen dazu-
sich in ihr halten - eigentlich: Hergestelltsein.) gehörenden Oberschriften. Ein Sternchen (*) markiert die
Stundenenden, darauf folgen, je in einem Absatz zueammen-
gefaßt, die Rekapitulationen (für die beiden letzten Stunden
gab es keine mehr). Heideggers Erläuterungen und Verbes-
serungen dm Aristoteles-Textes sind in eckigen Klammern
eingefügt und als seine gekennzeichnet; die verschieden-
artigen Zusätze in seinen Obersetzungen sind dagegen ein-
heitlich in runde Klammern gesetzt. - Eine erste Abschrift
des Manuskriptes von H. Feick - noch ohne entschiedene
! -
Zu- und Anordnungen war bei vielen Wort-Entzifferungen
und -Bestätigungen sehr hilfreich. Dasselbe gilt für zwei
226 Nachwort des Herausgebers Nachwort des Herausgebers 227

äußerst verständige Vorlesungsnachschriften (die eine knapper, ches im Zusammenhang mit seinem Schlußkapitel ein Aus-
die andere mitteilsamer), die zudem beim Auflösen der Re- gangspunkt gegeben ist, so ist zugleich einer weiteren und wei-
kapitulationsnotizen, zur Vervollständigung der Obersetzun- terreichenden Durchdringung der griechischen Philosophie vor-
gen, zu gelegentlichen Abrundungen und zur Absicherung des gearbeitet; in diesem Sinne wird der ursprüngliche Obertitel zu
Gedankengangs herangezogen wurden. nehmen sein. Gleichwohl schien ein enger und deutlicher ge-
Der »Metaphysik«-Textist angeführt nach: Aristotelis Meta- faßter Titel für den vorliegenden Band angebracht.
physica, recognovit W. Christ, Leipzig 1886, nova impressio Aufrichtigen Dank möchte ich Herrn Professor Dr. Klaue
correctior 1895 U. ö. Wieder abgedruckt in: Aristoteles' Meta- Held sagen. Seine vorbehaltlose Unterstützung und Förde-
physik, griechisch-deutsch, Ubers. V. H. Bonitz, neu bearb., mit rung hat mir diese Herausgeberarbeit erst ermöglicht. Für
Einl. U. Komm. hrsg. V. H. Seildl, (2 Bde., Philos. Bibl. 307 U. Empfehlungen zu Fragen 'der Textgestaltung habe ich Herrn
308) Hamburg 1978/80. - Die weiteren Hilfsmittel: Aristotelis Dr. Hermann Heidegger und Herrn Professor Dr. Friedrich-
Metaphysica, recognovit et enarravit H. Bonitz, Bd. 1 (Text) Wilhelm V.Herrmann zu danken.
U. Bd. 2: Commentarius, Bonn 1848/49; Nachdruck des Kom-
Wuppertal, November 1979 H. Hüni
mentars Hildesheim 1960. Die Metaphysik des Aristoteles,
Grundtext, Obersetzung U. Commentar nebst erläuternden
Abhandlungen V. A. Schwegler, (4 Bde.) Tübingen 1847/48;
Nachdruck in 2 Bdn. Frankfurt a. M. 1968. Aristotle's Meta-
physics, a revised text with introduction and commentary by
W. D. Ross, (2 Bde.) Oxford 1924; with corrections 1953 U. ö.
W. Jaeger: Aristoteles. Grundlegung einer Geschichte seiner
Entwicklung, Berlin 1923; 3. Aufl. DublidZürich 1967.
Die nun zugängliche Vorlesung zeugt von der Suche nach
einem verbindenden Horizont für die Auseinandersetzung mit
dem von Aristoteles Vorgedachten. Der Eingangsteil entwirft
einen Grundriß des Aristotelischen Philosophierens überhaupt.
In diesen hinein gehört auch die Frage nach Dynamis und
Energeia, erörtert in Buch IX der »Metaphysik«. Die Satz
für Satz interpretierten drei ersten Kapitel dieses Buches han-
deln von Wesen und Wirklichkeit der Kraft. Das 'dabei in
seiner Wandelbarkeit eingehend zur Sprache gebrachte Phä-
nomen der Kraft oder #desVermögens wird die Keimzelle zu
einer Aufspaltung des allgemeingriechischen Seinsbegriffes
der Anwesenheit - und wird leitend werden für Heideggers
Bestimmung der in diesem Seinsbegriff sich auswirkenden
Wahrheit. Wie somit nun dem Verständnis des ganzen IX. Bu-

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