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SPIEGEL ONLINE - Druckversion - Umstrittene These: Lassen Forscher d…ll schneller sterben? - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft 25.03.

3.10 00:36

23. November 2007, 13:32 Uhr

Umstrittene These

Lassen Forscher das All schneller sterben?


Von Holger Dambeck

Die Theorie klingt bizarr: Durch die Beobachtung einer Supernova im Jahr 1998 sollen
Wissenschaftler die Existenz des Universums verkürzt haben. Das zumindest behaupten zwei
US-Physiker - und stoßen damit auf das Befremden ihrer Fachkollegen.

Dass die Wissenschaft die Welt verändert, ist eine Binsenweisheit - zu erkennen an zahlreichen
Alltagsgeräten von der Glühbirne über das Auto bis hin zum Computer. Natürlich waren auch einige
weniger schöne Dinge darunter - wie etwa die Erfindung des Schwarzpulvers, ganz zu schweigen von der
Atombombe.

Doch all das wirkt geradezu unbedeutend neben dem, was


Wissenschaftler nun angerichtet haben sollen: Die Lebenszeit des
Universums haben Astronomen geschmälert, behaupten zwei US-
Physiker in der aktuellen Ausgabe des Magazins "New Scientist". "So
unglaublich es auch erscheint, unser Nachweis der Dunklen Energie
könnte die Lebenserwartung des Universums verkürzt haben", sagte
Lawrence Krauss von der Case Western Reserve University in Cleveland.

Krauss und sein Kollege James Dent begründen ihre bizarre These damit,
dass der Mensch als Beobachter das Vakuum beeinflussen könne - und
damit das ganze Universum. Dass Forscher mit einer Messung das zu
untersuchende System verändern, ist prinzipiell keine neue Erkenntnis,
Schaller / NASA / MSFC
sondern eine Konsequenz der Quantentheorie. Das Licht beeinflusst ein
Urknall (Zeichnung): Schnelleres beobachtetes mikroskopisches Objekt. Das Ergebnis der Messung
Ende des Universums wegen spiegelt deshalb nicht den Zustand wieder, der vor der Messung
menschlicher Beobachtungen? geherrscht hat.

Krauss und Dent haben den Phasenübergang von sogenanntem falschen


in echtes, energiefreies Vakuum betrachtet, der auch dem Urknall zugrunde liegen soll. Die bei diesem
Übergang freigesetzte Energie hat der Theorie zufolge Materie erzeugt, die sich stark aufgeheizt hat und
schließlich explodiert ist. Die Entdeckung der Dunklen Energie und die Tatsache, dass das Universum
immer schneller expandiert, erklärten sich Krauss und Dent damit, dass das Vakuum nicht alle Energie
verloren habe, sondern in einen anderen Zustand falschen Vakuums gelangt sei. Im Vakuum sei also
noch Energie verblieben, welche die Expansion des Universums beschleunige.

Fatale Folgen einer Beobachtung?

Krauss glaubt, dass das verbliebene falsche Vakuum im Prinzip jederzeit zerfallen könnte - wie vor dem
Urknall. Auf diese Weise könnte es einen neuen Urknall auslösen und das Universum auslöschen.
Beruhigenderweise geht das Forscherduo davon aus, dass uns das erspart und das All im gewohnten
Zustand bleibt. Die Theorie besagt aber auch, dass Beobachtungen und Messungen fatale Folgen haben
könnten: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Universum ganz bleibt, könne durch das Treiben der
Astronomen mit der Zeit exponentiell schrumpfen.

Kraus und Dent beziehen sich auf den sogenannten Quanten-Zeno-Effekt aus der Quantenmechanik. Der
besagt, dass etwa der radioaktive Zerfall eines Atoms allein durch die Beobachtung verhindert werden
kann. Die Beobachtung des Lichts einer Supernova im Jahr 1998, mit deren Hilfe die Existenz Dunkler
Energie bewiesen wurde, könne die innere Uhr des Vakuums auf Null zurückgesetzt haben - zu einem
Punkt, ab dem die Wahrscheinlichkeit eines Fortbestands des Alls exponentiell sinke. "Kurz gesagt,
könnten wir die Möglichkeit eines längeren Überlebens des Universums eliminiert haben", sagte Krauss.
Ohne Messung würde die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich langsamer sinken als exponentiell.
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Ohne Messung würde die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich langsamer sinken als exponentiell.

"Sehr gewagte Interpretation"

Andreas Müller, Astrophysiker an der TU München, hält die Arbeit seiner beiden US-Kollegen keinesfalls
für Spinnerei. Krauss habe überzeugende Arbeiten in der Kosmologie publiziert, sagte Müller im Gespräch
mit SPIEGEL ONLINE. Allerdings warnte er vor übereilten Schlüssen: Der Zweig der Quantenkosmologie
werde zwar intensiv erforscht, aber handfeste Ergebnisse, die gut mit Beobachtungen übereinstimmten,
gebe es nicht. "Die Aussagen der Quantenkosmologie sind deshalb mit Vorsicht zu genießen", so Müller.
Das gelte auch für die neue These von Krauss und Dent. Die Interpretation der Forscher halte er zudem
für "sehr gewagt".

Max Tegmark vom Massachusetts Institute of Technology verwies gegenüber dem "New Scientist"
darauf, dass der Quanten-Zeno-Effekt nicht zwangsläufig Menschen erfordere. "Galaxien haben die
dunkle Energie schon 'gesehen', bevor es uns gab", sagte er. "Wenn wir Menschen Licht ferner Galaxien
beobachten, dann verändert das nichts außer unserem eigenen Wissen."

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