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Die Streitenden Königreiche

IMPRESSUM
Verlagsleitung
Markus Plötz, Michael Mingers

Redaktion
Eevie Demirtel, Nikolai Hoch

Regeldesign
Markus Plötz, Alex Spohr, Fabian Talkenberg

Autoren
Florian Don-Schauen, Daniel Simon Richter
mit Texten von Eevie Demirtel und Alex Spohr

Lektorat
Eevie Demirtel

Korrektorat
Thorsten Most, Timo Roth, Bernd Teichert

Künstlerische Leitung
Nadine Schäkel

Coverbild
Ben Maier

Satz, Layout & Gestaltung


Thomas Michalski

Layoutdesign
Patric Soeder

Innenillustrationen & Pläne


DAEDALIC Entertainment GmbH, Hannah Böving, Sandra Braun, Steffen Brand, Anja Di Paolo, Tristan Denecke,
Christof Grobelski, Regina Kallasch, Nele Klumpe, Djamila Knopf, Jennifer Lange, Annika Maar, Ben Maier,
Julia Metzger, Hannah Möllmann, Nikolai Ostertag, Nathaniel Park, Luisa Preissler, Diana Rahfoth,
Janina Robben, Matthias Rothenaicher, Axel Sauerwald, Nadine Schäkel, Fabian Schempp, Wiebke Scholz,
Holger Schulz, Florian Stitz, Sebastian Watzlawek, Fabrice Weiss, Rabea Wieneke, Karin Wittig und Malte Zirbel
Copyright © 2016 by
Ulisses Spiele GmbH, Waldems.
DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR,
RIESLAND, THARUN und UTHURIA
sind eingetragene Marken der Significant GbR.
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elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der
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Mit Dank an Karl-Heinz Witzko und Frank W. Bartels, die diese Region über lange Zeit gestaltet und nicht nur einen
spannenden Hintergrund, sondern auch viele Anregungen und offene Enden hinterlassen haben, außerdem an Tim Frie-
ßinger, Tilo Hörter, Michael Masberg und Carolina Möbis für gemeinsame Planungen, gute Ideen und hilfreiche Kritik.
Danke an Reinhard Kotz für den Andergaster, an Marie Mönkemeyer für den entliehenen Kronenhirsch, und für ein ganz
besonders waches Auge möchten wir uns außerdem ganz herzlich bei Annelie Dürr, Björn Hinrichs, Norman Kobel, Tjor-
ven Müller, Philipp Neitzel, Fabian Sinnesbichler, Josch K. Zahradnik sowie Thorsten und Heike Most bedanken.
Für die zermürbende Indexerstellung gilt ewiger Ruhm und Dank
Thorsten Most, Philipp Neitzel, Bernd Teichert und Timo Roth.
Vielen Dank an alle Mitgestalter von Aventurien.
Inhaltsverzeichnis Spiel & Sport
Das ritterliche Turnier
74
75
Handwerk & Technik 82
Vorwort 6
Eine kurze Gebrauchsanleitung 6
Handel & Wandel 85
Währungen & Zahlungsverkehr 86
Die Streitenden Königreiche 7 Maße & Gewichte 86
Ein Überblick über die Streitenden Königreiche 8 Handel & Dienstleistungen 87
Das Königreich Nostria im Überblick 9 Preisliste 88
Das Königreich Andergast im Überblick 10 Recht & Gesetz 88
Medienhinweise für das Spiel in den Steuern & Zölle 90
Streitenden Königreichen 12
Geographie 13 Flora & Fauna 91
Klima & Wetter 14 Bestiarium der Streitenden Königreiche 93
Der Jahreslauf 14 Drachenlibelle 94
Das Wetter 14 Einhorn 95
Weg & Steg 15 Marwold 96
Reisen auf dem Wasser 15 Waldspinne 97
Flüsse Überqueren 15 Auerochse 98
Reisen über Land 15 Höhlenbär 99
Grenzen 16 Kronenhirsch 99
Wegstrecken 16 Riesenhirschkäfer 100
Schädeleule 100
Land & Leute 17 Smaragdnatter 101
Das Seenland 18
Teshkaler 101
Die Siebenwind-Küste 20
Waldwolf 101
Das Ingvaltal 21
Herbarium der Streitenden Königreiche 102
Die Waldwildnis 23
Hollbeere 102
Die Tommellande 25
Messergras 103
Thuranien 27
Mibelrohr 103
Der Steineichenwald 28
Tarnele 103
Die Steppen des Ostens 30
Städte und Dörfer der Streitenden Königreiche 32 Götter & Dämonen 104
Andergast, Hauptstadt der Holzfäller 32 Glaube in den Streitenden Königreichen 105
Joborn, Zankapfel der Streitenden Königreiche 38 Die Zwölfgötter in Andergast 106
Nostria, Hauptstadt der Fischer 41 Die Zwölfgötter in Nostria 107
Salza & Salzerhaven, die heimliche Hauptstadt Lokale Heilige & mystische Gestalten 108
Nostrias 45 Der Glaube im Alltag 108
Teshkal, Stadt der Steppenrösser 49 Die Widersacher 110
Hollerdonk – Ein Dorf in der Waldwildnis 51 Kirchen & Kulte 111
Preise & Dienstleistungen 52 Naturreligionen 112
Wichtige Örtlichkeiten 52 Zauberei & Hexenwerk 113
Die Nymphe Isayala 54 Zauberei & Alltag 114
Wichtige Meisterpersonen 55 Magische Traditionen 115
Kultur & Wissenschaft 57 Die Sumen Andergasts 115
Sitten & Gebräuche 58 Die Hexen Nostrias 115
Sprache & Schrift 59 Madakinder 116
Redensarten & Aberglaube 61 Die Magier der Streitenden Königreiche 116
Zeitrechnung & Jahreslauf 62 Ahnenzeichen 118
Gesellschaft & Stände 63 Rang & Namen 120
Anredenübersicht & Titel 68 Königin Yolande II. Kasmyrin von Nostria 121
Der Rat der Recken 69 Fürstedle Rondriane von Sappenstiel 121
Kleidung & Tracht 70 Edelgraf Albio III. Salis von Salza 122
Kampfkunst & Kriegsführung 70 Waldgraf Eilert II. Rheideryan von Mirdin 122
Essen & Trinken 73 Karlitta von Lyckweiden 123

4
Naringrath 123 Graumagier des Kampfseminars Andergast 144
König Wendelmir VI. Zornbold von Andergast 124 Weißmagier der Akademie von Licht und
Ossyra Rotbaum von Teshkal 124 Dunkelheit zu Nostria 145
Arbogast der Alte 125 Eulenhexe 146
Kusmin 125 Schlangenhexe 147
Yehodan 126 Mehrer der Macht 148
Der Rote Bulle 126 Sumudiener 148
Weitere Personen 127 Hintergründe für Helden aus den Streitenden
Königreichen 149
Mythos & Historie 130
Motivation 149
Die Geschichte der Streitenden Königreiche 131
Hintergrundereignisse 150
Geschichtsschreibung in Nostria und Andergast 131
Neue Waffen und Rüstungen 152
Die Frühzeit (bis etwa 900 v.BF) 133
Nahkampfwaffen 152
Die Besiedlung (ab 873 v.BF) 133
Fernkampfwaffen 152
Die Unabhängigkeit (ab 854 v.BF) 134
Rüstungen 154
Fast zwei Jahrtausende Feindschaft
(800 v.BF-heute) 134 Wesenszüge 154
Die Gegenwart (ab 1036 BF) 138 Neue Sonderfertigkeiten 156
Was weiß mein Held über die Streitenden Allgemeine Sonderfertigkeiten 156
Königreiche? 139 Allgemeine magische Sonderfertigkeiten 156
Die Lebendige Geschichte 140 Dolchrituale 158
Zaubertricks 159
Helden der Streitenden Königreiche 141 Neue Zaubersprüche 161
Weltliche Professionen 142
Rituale 168
Bogner 142
Ahnenzeichen 171
Deichbauer 142
Holzfäller 143 Index 173
Ritter der Streitenden Königreiche 144 Mysteria & Arcana 176
Zaubererprofessionen 144

Regeln & Tabellen Karten & Stadtpläne


Wegstrecken & Reisezeiten 16 Überblick 8
Jahreslauf & Feiertage 63 Politische Karte 11
Turnierwettkämpfe 79 Regionen der Streitenden Königreiche 13
Preisliste 88 Stadtpläne
Herrscher der Streitenden Königreiche 131 Andergast 33
Die Kriege zwischen Andergast und Nostria 132 Joborn 39
Chronik der Streitenden Königreiche 132 Nostria 43
Waffen & Rüstungen 153 Salza & Salzerhaven 47
Sonderfertigkeiten 160 Teshkal 50
Generische Meisterfiguren 189 Hollerdonk 53

5
Vorwort Hier findest du die gleiche Kapitelstruktur, und auch
Mit der Beschreibung der Streitenden Königreiche Nost- viele Abschnitte innerhalb eines Kapitels wirst du auf
ria und Andergast eröffnen wir den Reigen der aventu- Anhieb wiedererkennen.
rischen Regionalbeschreibungen für die 5. Edition von Die Beschreibungsdichte ist in diesem Band jedoch deut-
Das Schwarze Auge. lich höher, und du wirst zu vielen Themen Genaueres
Wir werfen in diesem Band einen genaueren Blick auf erfahren, das wir in der zugrundliegenden Weltbeschrei-
ein Setting, das lange Zeit als Einsteigerregion galt. Aber bung der besseren Übersicht halber aussparen mussten.
in diesem Band wollen wir zeigen, dass weit mehr hin-
ter Nostria und Andergast steckt, als zwei verfeindete Wo fange ich an?
Reiche, die all ihre Kräfte aufbieten, um den jeweiligen Am besten beginnst du ganz klassisch am Anfang des Bu-
Feind in die Knie zu zwingen. ches mit der Lektüre. Die Regionalspielhilfe beschreibt
Ihre Geschichte ist von ewiger Feindschaft geprägt, und zuerst das große Ganze und geht dann ins Detail, so dass
das ist beinahe schon fast alles, was man in anderen Teilen viele Grundlagen zu einem Thema am Beginn des Ban-
Aventuriens über die Streitenden Königreiche weiß. Weit- des oder eines Kapitels vermittelt werden. Du kannst
hin werden die Einwohner beider Länder für rückständig aber natürlich auch vom Inhaltsverzeichnis (Seite 4)
und zänkisch gehalten, allerdings gehören sowohl Nost- oder dem Index (Seite 173) ausgehend direkt zu beson-
ria als auch Andergast zu den ältesten, noch bestehenden ders spannenden Teilen blättern.
Reichen des Kontinents. Die Einheimischen halten unver-
brüchlich an uralten Traditionen fest, und die vielen Krie- Meisterinformationen
ge haben zwar für große Armut, aber auch für ausgepräg- Allein das Kapitel zu Mysteria & Arcana ab Sei-
ten Ideenreichtum beim Lösen von Problemen gesorgt. te 176 ist den Meistern vorbehalten oder sol-
Helden, die in die Streitenden Königreiche ziehen wol- chen Spielern, die mehr wissen wollen und gut zwischen
len, müssen sich vielen Herausforderungen stellen. In Spieler- und Heldenwissen unterscheiden können. Hier
der Wildnis des Andergaster Waldes oder den Sümp- werden viele Geheimnisse rund um die Welt, wichtige
fen des nostrischen Seenlands verbergen sich viele Ge- Meisterpersonen und Ereignisse enthüllt, die im Band je-
heimnisse aus alter Zeit, die es zu ergründen gilt. Neben weils mit einem Symbol gekennzeichnet sind: der Meister-
Entdeckungsreisen in urtümliches, unerforschtes Land maske. Damit Spieler außerdem nicht aus Versehen dort
kann man auch ritterliche Geschichten hier ansiedeln, landen, haben wir im Index keine Verweise in diesem Teil
Erzählungen rund um die alten Kulte und die eigentüm- des Buches gesetzt. Die Orientierung sollte dem Meister
lichen Naturreligionen des Landes, und auch die mäch- aber anhand der Meistermasken und der Überschriften
tige Magie oder der Einfluss der Hexen und Sumen mag dennoch leicht fallen.
ein eigenes Abenteuer wert sein.
Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre und hof- Was weiß mein Held?
fen, dass ihr viele aufregende Abenteuer in den Strei- Dieses Buch richtet sich vornehmlich an die Spieler, denn
tenden Königreichen erleben werdet. die meisten Aventurier verfügen nicht annähernd über
das Wissen, was in diesem Band zusammengetragen ist.
Daniel Simon Richter, Selbst Gelehrten oder weitgereiste Abenteurern erschlie-
an einem verregneten Märztag im Ruhrpott ßen sich viele der vorgestellten Fakten, Gerüchte und
Hintergründe nur teilweise im Laufe ihres Lebens. Natür-
Eine kurze Gebrauchsanleitung lich sollte aber ein Held, und sein Spieler umso mehr, mit
Die Streitenden Königreiche heißen dich willkommen! Informationen zu seiner Heimatregion und auch darüber
Wir gehen an dieser Stelle davon aus, dass du mit dem hinaus versorgt sein, um diese ins Spiel einbringen zu
Regelwerk von Das Schwarze Auge vertraut bis, und können. Über welche Informationen genau eure Helden
dir bereits dank der Lektüre des Aventurischen Alma- verfügen dürfen, sprecht ihr am besten gemeinsam mit
nachs einen Überblick über die Spielwelt Aventurien euren Mitspielern und dem Meister ab.
verschafft hast. Diese Regionalspielhilfe stellt dir nun Hilfestellung bietet außerdem der Abschnitt Was weiß mein
ein eigenes Spielsetting innerhalb dieser Welt vor, mit Held über die Streitenden Königreiche? auf Seite 139.
all seinen Ländereien, Geschichten, Orten, Personen und
Personen, mit denen ihr spielen könnt. Sie beschreibt Wie kann ich einfach losspielen?
den Hintergrund, vor dem eure Helden phantastische Du möchtest einfach direkt mit einem spielbaren Arche-
Abenteuer erleben können. typen ins Spiel starten, wie du sie aus dem Regelwerk
Auch in Die Streitenden Königreiche haben wir darauf kennst? Unter www.ulisses-ebooks.de findest du auch
geachtet, dass sich der Band sowohl an Meister wie auch für dieses Spielsetting eine Auswahl an passenden Hel-
Spieler richtet. Ihr könnt also auch als Spieler nach Her- den im praktischen PDF-Format.
zenslust im Band lesen, ohne dass ihr Gefahr lauft, euch Deinen eigenen Helden und seinen Hintergrund kannst
den Spielspaß zu verderben. du mit den Informationen im Kapitel Helden der Strei-
tenden Königreiche ab Seite 141 selbst erstellen oder
Wie ist der Band aufgebaut? einen verdienten Recken Neues lernen lassen. Hier fin-
Der Aufbau dieses Buches folgt dem des Aventuri- dest du neue Professionspakete, Sonderfertigkeiten,
schen Almanachs, damit du sich leicht zurechtfindest. Zauber und vieles mehr.

6
DIE STREITENDEN
KÖNIGREICHE
»Auch wenn wir den Streit nicht begonnen haben,
müssen wir immer wieder gegeneinander kämpfen. So
mancher behauptet, der Zwist läge im Land und den
Wesen begründet, die hier leben, ich jedoch glaube nicht
daran. Warum sollte man auch an etwas Überderisches
glauben, wo der Feind doch viel handfester ist? Diese
niederträchtigen Feiglinge haben uns zuerst überfallen
und genau das und nichts anderes ist die Wurzel des
Zwists. Wer verheert schon die Lande seines Nachbarn?
Wer vergreift sich an den Wehrlosen? Auf eine so dum­
me Idee konnten auch nur diese raffgierigen Tunichtgu­
te kommen. Aber da haben sie die Rechnung ohne uns
gemacht, denn wir werden nicht weichen. Wir werden
niemals weichen! Und wir werden uns immer das zu­
rückholen, was sie versuchen uns wegzunehmen, diese
elenden Kriegstreiber! Unser Herr zieht völlig zurecht
immer wieder in die Schlacht, irgendwer muss ja unser
Land schützen und verteidigen!
Es ist eine ewige Fehde, die zwischen unseren Völkern
herrscht, doch das Recht steht allein auf unserer Seite.
Und was Recht ist, muss schließlich auch Recht bleiben!
Was wären wir denn für Hasenfüße, wenn wir diesen Ab­
schaum gewähren lassen würden? So fürchte ich, dass es
niemals Frieden geben kann.
Und weil wir im Recht sind, müssen wir uns verteidi­
gen und unserem Land eine unbezwingbare Wehr sein.
Wenn unser Ritter ruft, dann stehe ich zur Stelle, so war
es schon immer und so soll es auch weiterhin sein. Dafür
nehme ich dann auch Bogen oder Axt in die Hand!
Allein unsere unbeugsamen Traditionen haben uns bis
heute erhalten. Wenn wir uns nicht gegen diese Wider­
linge zur Wehr setzten, dann würden unsere Nachkom­
men darunter leiden, wie schon unsere Vorfahren es ge­
tan haben. Allein, dieses Leiden muss aufhören und das
wird es nur, wenn diese ganze Brut bezwungen ist. Dann
– und nur dann – kann Frieden herrschen. Der Friede des
gerechten Siegers, so wie es die guten Götter gefügt ha­
ben! Daran führt kein Weg vorbei – da kannst du jeden
fragen.« ( 178)
—häufig gehörte Worte unter den wehrhaften Bauern
und Freien der Streitenden Königreiche, deren Inhalt
und Beleidigungen stets an den jeweiligen Feind ange­
passt werden

7
Ein Überblick über die Streitenden Königreiche
Südöstlich von Thorwal und dem Orkland und nördlich Die alte Feindschaft sowie neue Zwiste und Bedrohungen
des mittelreichischen Fürstentums Albernia liegen die haben die Bewohner der Streitenden Königreiche zu ei-
Königreiche Nostria und Andergast mit ihren jeweils nem mürrischen und verschlossenen Menschenschlag
gleichnamigen Hauptstädten. Seit nunmehr fast 2.000 geformt, der Neuerungen meist skeptisch gegenüber-
Jahren dauert der Zwist der beiden Reiche an, was dazu steht. So herrscht in beiden Königreiche die Ansicht,
geführt hat, dass die Länder in Aventurien als die Strei- dass allein althergebrachte Traditionen verlässliche
tenden Königreiche bekannt geworden sind. Größen sind und das Überleben sichern können. Daher
Getrennt werden die beiden von starrem Feudalismus ge- gelten beide Regionen als besonders rückständig, be-
prägten Königreiche durch die urwüchsige und schwer sonders im Vergleich mit dem Mittel- oder Horasreich.
zu bereisende Waldwildnis, in der vielerlei wilde Kreatu- In Andergast herrscht sogar die Meinung vor, dass Män-
ren leben und Menschen nur schwer Fuß fassen können. ner den Frauen in vielerlei Hinsicht überlegen seien,
Der Fluss Ornib bildet in der Waldwildnis die eigentliche was im größtenteils gleichberechtigten Aventurien für
Grenze zwischen den verfeindeten Reichen, jedoch er- großes Kopfschütteln sorgt.
kennen beide Königreiche diese nicht an. So kommt es
wiederholt vor, dass ein Dorf oder eine kleine Region von Der ewige Zwist zwischen Andergastern und Nostriern,
gegnerischen Kriegshaufen besetzt wird und so seine Zu- ständige Gefahr von Scharmützeln oder Krieg, erzkon-
gehörigkeit von einem zum anderen Reich wechselt. servativer Adel, das tiefe Misstrauen gegenüber allem
Das an der Küste gelegene Nostria muss sich zudem häu- Fremden und Neuem sowie die Urtümlichkeit der Wald-
fig der Thorwaler erwehren, einem Volk wagemutiger wildnis mit ihren vielen geheimnisvollen Wesenheiten
und verwegener Seefahrer, die immer wieder Dörfer und Orten sind die bestimmenden Elemente in diesem
überfallen oder sogar versuchen, Land an der Küste für Spielsetting. Rigorose Feudalherrschaft, traditionsver-
sich zu beanspruchen. Das im waldreichen Hinterland liebtes Rittertum, grundsätzliche Rückständigkeit und
liegende Andergast hat dafür häufiger mit Angriffen alte Naturreligionen sind weitere Schlagwörter, derer
der wilden und kriegshungrigen Orks zu kämpfen, die man sich bedienen kann, um die Region zu charakteri-
plündern und brandschatzen und dann meist schnell sieren, Abenteuer darin anzulegen oder Helden mit ei-
weiterziehen. nem Hintergrund auszustatten.

8 Die Streitenden Königreiche


Was ist ein Setting? Wichtige Städte: Nostria (6.000), Salza mit Salzerha-
Das Setting spiegelt das Leitmotiv einer Region wie- ven (4.000), Lyckmoor (680), Trontsand (750), Althagen
der, ist also quasi die Gesamtheit der Themen einer (540), Arraned (500)
Regionalspielhilfe. Die Helden agieren vor dieser (weit- Bevölkerung: etwa 42.000 Menschen, über 1.000 Gob-
gehend) gleichbleibenden Kulisse und werden dabei lins, wenige Hundert Orks
immer wieder mit entsprechenden Motiven konfron- Politische Zugehörigkeit: eigenständiges Königreich,
tiert. Um einen hohen Wiedererkennungswert und ein regiert von Königin Yolande II. Kasmyrin
gemeinsames Spielgefühl innerhalb eines Settings zu Regierungsform: Monarchie mit besonders fantasti-
gewährleisten, sollten Geschichten und Abenteuer in
schen Bezeichnungen für Adlige, die sich hochtrabend
einer Region idealerweise stets eines oder mehrere der
Bombasten und Wojwoden nennen
Themen des Leitmotivs aufgreifen. So müssen sich die
Einflussreiche Familien: Kasmyrin (Königshaus), Sa-
Erlebnisse der Helden in den Streitenden Königreichen
nicht zwingend immer um den Konflikt zwischen Nost- lis, Ingvalsrohden, Hyttenhau, Sappenstiel, Thuranshag,
ria und Andergast drehen, als Bedrohung im Hinter- Ansfinion
grund stärkt dieses Leitmotiv jedoch die Atmosphäre Götterverehrung: Vielgötterei mit starken Bezügen zu
und sorgt für ein spannendes Spielerlebnis. den Zwölfgöttern, vor allem Efferd, Travia und Boron;
Ein Setting lässt sich natürlich auch durch den Einfluss Verschmelzung diverser Götterbilder (Synkretismus);
der Nachbarsettings erweitern, also im Fall der Strei- besonders im Volk aber auch andere Götter und Natur-
tenden Königreiche vor allem um Einflüsse von Thor- geister, zu denen die Hexen vermitteln
walern und Orks, aber auch aus dem Fürstentum Al- Handelsgüter: Fisch (vor allem Salzarelen in jeder
bernia. Denn innerhalb der Spielwelt kommt es an den Form), Getreide, Holz, Kreide, Salz
Grenzen zwischen zwei unterschiedlichen Settings na- Irdische Vorbilder: Norddeutschland, die Niederlan-
türlich auch immer wieder zu Überschneidungen. de und Teile des Niederrheins im frühen Mittelalter
können als Vorbild für die Küstenregionen Nostrias
herhalten. Auch der Konflikt von Angeln und Sach-
sen in Großbritannien oder der Hundertjährige Krieg
Das Königreich Nostria im Überblick zwischen England und Frankreich können Anregun-
gen bieten. Motive und Handlung aus Grimms Mär-
»Endlich haben wir die Starre überwunden, die uns so chen oder tschechischen Märchenfilmen können gut
lange gefesselt hat. Vielleicht brauchte es wirklich ein in Nostria angesiedelt werden, wo der Adel unnach-
Zeichen der Götter und viel Opfermut unter den wackeren giebig ist, das einfache Volk ausgebeutet wird, und das
Nostriern.« Land mit Deichen mühsam dem Meer abgetrotzt wer-
—Rondriane von Sappenstiel, Marschallin der nostri­ den muss.
schen Wehr, neuzeitlich Ein Held aus Nostria: ein traditioneller Ritter alten
Schlags, eine gewitzte Söldnerin, ein Magier der nost-
»Unfassbar! Diese Söhne der Einfalt denken so eingefahren, rischen Akademie, eine neugierige Hexe aus den Tom-
obwohl sie sogar die Hexen um Rat fragen? Nur Schwarz melauen, ein wagemutiger Dammbauer oder eine uner-
und Weiß kennen sie, diese rückständigen Hinterwäldler, schrockene Sumpfgängerin
und dieses ewige Gefasel vom Andergaster Erbfeind geht Nostria im Spiel: Der Konflikt mit Andergast prägt
mir inzwischen ganz gehörig gegen den Strich.« Land und Leute, ebenso die Nachwehen der großen Seu-
—Mirhiban al’Orhima, tulamidische Feuermagierin che, die vor einigen Jahren in der Hauptstadt wütete.
Das verbindende Element mit Andergast ist die Wald-
wildnis, in welcher der Legende nach zwei Tierkönige,
Wegmarken: im Westen das Hirsch und Auerochse, um die Vorherrschaft kämpfen.
Meer der Sieben Winde, im Die Nostrier sind pragmatisch und wissen mit wenig
Norden und Osten Thorwal große Dinge zu bewerkstelligen, ein Erbe ihres steten
und Andergast; Die Grenze Kampfes gegen die Gewalten Efferds.
verläuft am Ingval bis Joborn,
folgt dem Ornib und zieht sich Die Bombasteien Nostrias
dann bei Nibquell ohne genaue Das Königsland Nostria (N01)
Festlegung durch die Waldwild- Wappen: auf Schwarz ein weißer Hirschkopf
nis bis zum südlichen Thuransee. Herrscherin: Königin Yolande II. von Nostria
Im Süden reicht Nostria bis vor Tom- Wichtige Städte: Nostria, Varnyth, Aspirg
meldomm am Tommel, die Grenze zu
Albernia verläuft dann durch das Seenland Die Seegrafschaft Siebenwind (N02)
bis zur Küste Wappen: auf Blau ein silbernes Fischerboot
Landschaft: Küste mit weiten Wattflächen und Marschen, Herrscher: Seegraf Hupart Hyttenhau von Siebenwind
das sumpfreiche Seenland, die nördlichen Tommellande, Wichtige Siedlungen: Trontsand
das untere Ingvaltal, Waldwildnis, Südthuranien

9
Die Edelgrafschaft Salza (N03) Wegmarken: im Süden und
Wappen: auf Rot ein silbernes Fischernetz Westen Nostria (die Grenze
Herrscher: Edelgraf Albio III. Salis von Salza verläuft durch den Thuransee
Wichtige Städte: Salza, Salzerhaven, Yoledamm, Lyck- und weiter durch den Wald bis
moor, Althagen zur Ornibquelle, dann etwas
westlich des Ornib und des Ing-
Die Altgrafschaft Ingvalsrohden (N04) val, ab Kalking bis Engasal in der
Wappen: auf Rot ein silberner Bär Mitte des Ingval), im Nordwesten
Herrscherin: Altgräfin Melanoth von Ingvalsrohden Thorwal (entlang des Andraval
Wichtige Städte: Nordvest, Vardall bis zum Steineichenwald), im Nor-
den der Steineichenwald (offiziell der
Die Waldgrafschaft Joborn (N05) nördliche, faktisch der südliche), im Nord-
Wappen: auf Grün drei silberne Kalkklippen osten der Thasch, im Osten die Messergrassteppe und
Herrscher: Waldgraf Eilert II. Rheideryan von Mirdin der Finsterkamm, im Südosten bis hinunter zu den Aus-
Wichtige Städte: Ingfallspeugen, Norddrakenburg, Mir- läufern des Kosch
din, Joborn (nur nominell) Landschaft: Steineichenwald, oberes Ingvaltal, Wald-
Besonderheit: Joborn wechselte mehrfach die Landeszu- wildnis, Nordthuranien, Teshkalien, Thuransee,
gehörigkeit und gehört seit 1018 BF zu Andergast. Messergrassteppe
Wichtige Städte: Andergast (6.500), Joborn (1.000), Te-
Die Waldgrafschaft Thuranshag (N06) shkal (900), Thurana (860), Eichhafen (800), Andrafall
Wappen: auf Silber ein roter Goblinkopf (720), Albumin (700)
Herrscherin: Waldgräfin Silia Ornibian von Thuranshag Bevölkerung: 38.000 Menschen, etwa 1.000 Goblins,
Wichtige Städte: Fiolbar, Seewiesen mehrere Hundert Orks
Regierungsform: eigenständiges Königreich unter Kö-
Die Grenzgrafschaft Tommellande (N07) nig Wendelmir VI. Zornbold
Wappen: auf Rot zwei gekreuzte silberne Holzfälleräxte Einflussreiche Familien: Zornbold (Königshaus), Ege-
Herrscherin: Grenzgräfin Elysthea von Sappenstiel und ling, Tatzenhain, Bärental, Langfurt, Rotbaum
vom Tommellande Götterverehrung: Vielgötterei mit starken Bezügen zu
Wichtige Städte: Harmlyn, Arraned, Elger, Gevinsbar den Zwölfgöttern, zahlreiche Verschmelzungen (Syn-
kretismus); Sumu wird als oberste Göttin verehrt, da-
Die Edelgrafschaft Kendrar (N08) neben vor allem Peraine, Firun, Travia und Rondra im
Wappen: auf Blau ein silberne, rotbewehrte, steigende Rittertum. Das Volk betet zahlreiche andere Götter und
Wildkatze Naturgeister an, und auch hier wird hat das Wort der
Herrscherin: Edelgräfin Silaleth Ansfinion von Ingvals- Sumen (Druiden) viel Gewicht.
rohden und Kendrar (im Kindesalter, derzeit nur Handelsgüter: Holz (vor allem Steineichen), Pelze,
nominell) Fleisch- und Lederprodukte, Leinentuche
Wichtige Städte: Kendrar Irdische Vorbilder: Die Wälder Mitteldeutschlands,
Besonderheit: Die Grafschaft ist derzeit von Thorwalern Polens und Tschechiens im frühen Mittelalter mit einer
besetzt. soliden Prise der Stimmung des Kalten Krieges können
als Vorbild für Andergast herhalten. Viele Geschichten
Das Königreich Andergast im Überblick aus Grimms Märchen oder deutschem Sagengut können
in Andergast angesiedelt werden, wo der Adel unnach-
»Der König ist stark und von altem Adel. Er wird sich giebig ist, Frauen kaum etwas zu sagen haben und das
auf die Traditionen besinnen, die Sumen stets um Rat einfache Volk unter der Knute der Ritter leidet.
fragen und uns so zu neuer Größe führen. Was soll Ein Held aus Andergast: ein traditioneller Ritter al-
ihm das Hexenweib jenseits der Grenze auch schon ten Schlags, ein Magier der Andergaster Akademie, ein
entgegensetzen?« eigenbrötlerischer Druide aus der Waldwildnis, eine
—Korwin Egelingsfenn, Graf von Thurana, neuzeitlich wagemutige Kundschafterin aus Teshkalien oder eine
kluge, aber in Gegenwart von Männern besonnen agie-
»Man kann sich nur wundern. Abgeschieden ist ein rende Adelsdame
Ding, aber derart rückständig und brachial, das ist was Andergast im Spiel: Die Andergaster sind konservativ,
ganz anderes. Wenn ich schon sehe, wie sie mit ihren aber erfindungsreich, wenn es Probleme mit wenigen
hübschen Frauen umgehen, da packt mich das kalte Mitteln zu lösen gilt. Die Feindschaft zu Nostria ist allge-
Grausen.« genwärtig. Geprägt wird das Leben in Andergast durch
—Carolan Calavanti, Vinsalter Streuner, neuzeitlich die Ungleichbehandlung der Frauen, die außerhalb von
Teshkalien kaum Einfluss auf das öffentliche Leben ha-
ben. Die Sumen, die druidischen Sumupriester, üben als
Ratgeber einen subtilen, aber starken Einfluss auf die
Politik aus.

10 Die Streitenden Königreiche


Die Freiherrschaften Andergasts
Die Freiherrschaft Andergast (A01) Legende
Wappen: auf Silber ein grüner Eichenast Die Bombasteien Nostrias
Herrscher: König Wendelmir VI. von Andergast N01 Das Königsland Nostria
Wichtige Städte: Andergast, Eichhafen N02 Die Seegrafschaft Siebenwind
N03 Die Edelgrafschaft Salza
Die Freiherrschaft Andrafall (A02) N04 Die Altgrafschaft Ingvalsrohden
Wappen: blau-silbern gespalten N05 Die Waldgrafschaft Joborn
Herrscher: Freiherr Waldomir von Bärental N06 Die Waldgrafschaft Thuranshag
Wichtige Städte: Andrafall, Anderstein, nominell auch N07 Die Grenzgrafschaft Tommellande
Engasal (N08 Die Edelgrafschaft Kendrar)

Die Freiherrschaft Teshkalien (A03) Die Freiherrschaften Andergasts


Wappen: auf Schwarz ein grüner Pferdekopf A01 Die Freiherrschaft Andergast
Herrscherin: Freiherrin Ossyra Rotbaum von Teshkal A02 Die Freiherrschaft Andrafall
Wichtige Städte: Teshkal A03 Die Freiherrschaft Teshkalien
A04 Die Freiherrschaft Albumin
Die Freiherrschaft Albumin (A04) A05 Die Freiherrschaft Thurana
Wappen: auf Silber ein schwarzes Tor A06 Die Freiherrschaft Orniber Lande
Herrscher: Freiherr Wenzeslaus der Ältere Zornbold A07 Die Freiherrschaft Joborn
von Andergast und Albumin
Wichtige Städte: Albumin

Die Freiherrschaft Thurana (A05) Wenn du kleinere Lehen für euer eigenes Spiel platzie-
Wappen: auf Blau übereinander zwei springende silber- ren willst, kannst du diese innerhalb der großen Frei-
ne Delphine herrschaften und Bombasteien setzen.
Herrscher: Freiherr Korwin Egelingsfenn von Thurana
Wichtige Städte: Thurana, Egelingsfenn, Thuranx

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Die Freiherrschaft Orniber Lande (A06) An Büchern möchten wir dir neben gängigen Ritter-
Wappen: auf Grün eine goldene Waldspinne sagen und Grimms Märchen vor allem Ottfried Preußlers
Herrscher: Freiherr Conrad von Tatzenhain Krabat und Theodor Storms Schimmelreiter ans Herz
Wichtige Städte: Beilstatt, Nibquell legen. Die Comicreihen Das verlorene Land und Ritter des
verlorenen Landes können ebenso als Inspirationsquelle
Die Freiherrschaft Joborn (A07) dienen.
Wappen: auf Grün eine blaue Holzfälleraxt
Herrscher: Freiherr Ruckus Langfurt von Joborn Für alle Gamer möchten wir zudem die Computerspie-
Wichtige Städte: Kalleth, Joborn le von DAEDALIC Entertainment empfehlen. Das klassi-
sche Point & Klick-Adventure Satinavs Ketten spielt zu
Die Bevölkerung der Streitenden Königreiche ist zu gro- großen Teilen in Andergast und Umgebung. Der Folge-
ßen Teilen einfach und bodenständig, der Adel hinge- titel Memoria greift den dort angefangenen Handlungs-
gen oft protzig und selbstherrlich. Dennoch weiß jeder, strang auf, führt dann jedoch in Raum und Zeit über die
wo sein Platz ist, und füllt ihn wacker und fleißig aus. Streitenden Königreiche hinaus.
Man kennt nur wenig von der Welt, denn man braucht
all seine Fertigkeiten und Kenntnisse, um sich des Fein- Publikationen von Ulisses Spiele
des zu erwehren, gleich ob Nostrier, Andergaster, Thor- • Mit der CD Sphärenklang – Die Streitenden Königreiche
waler oder Ork. liefert Komponist Ralf Kurtsiefer
Während Frauen in Nostria in allen Belangen dem Mann die passende Musikuntermalung
gleichgestellt sind, sieht es bei den Andergastern deutlich für das Spielsetting und lädt euch
anders aus. Sie behaupten, dass Frauen den Männern unter- auf eine musikalische Reise durch
legen seien und berufen sich dabei auf die Gesetze der Natur, Nostria und Andergast ein.
die ihnen durch die Lehren der Sumen vermittelt werden. • Im Roman Mehrer der Macht von Carolina Möbis er-
fährst du mehr über das Leben in Nostria und An-
Medienhinweise für das Spiel in den dergast, über den Aufstieg König Wendelmirs, die
Nöte Königin Yolandes mit aufmüpfigen Grafen
Streitenden Königreichen sowie die geheimnisvollen Sumen als Macht hinter
Im folgenden Abschnitt möchten wir dir einige Werke dem Andergaster Thron.
vorstellen, die in unseren Augen hervorragende Inspi- • Im Abenteuer Neue Bande & Uralter Zwist können
rationen für das Spiel in Nostria und Andergast bieten. die Helden den tiefsitzenden Zwist zwischen den
Viele dieser Bücher, Filme, Soundtracks und Spiele kön- beiden Reichen am eigenen Leib erleben. Eine
nen die Stimmung im Spiel enorm bereichern und sogar Hochzeit soll Frieden stiften, doch als die Braut
Anleihen für eigene Abenteuer bieten. entführt wird, droht ein neues Blutvergießen. Nun
liegt es allein an den Helden, den drohenden Krieg
Die Atmosphäre Nostrias und Andergasts wird von den zu verhindern.
folgenden Filmen und Serien gut eingefangen: • Auch zahlreiche Abenteuer früherer Regeleditionen
• Die Normannen kommen (mit Charlton Heston, 1965) führen die Helden in die Streitenden Königreiche,
• Ronja Räubertochter (nach dem gleichnamigen Buch so etwa der Klassiker
von Astrid Lindgren, 1984) Wald ohne Wiederkehr
• Taran und der Zauberkessel (Disney-Zeichentrick, von 1984, Im Bann Viele ältere Abenteuer
1985) des Eichenkönigs, Die und Romane sind in un-
• Robin of Sherwood (1983-85, englische Fernseh-Serie, Quelle der Geister, die serem Ebook-Shop unter
komplett auf DVD erschienen) zweiteilige Kampag- www.ulisses-ebooks.de
• Game of Thrones (seit 2011, amerikanische Fernseh- ne Der Weiße Berg (Die verfügbar.
serie von HBO nach George R.R. Martins Buchreihe Zuflucht, Der Fluch
A Song of Ice and Fire) von Burg Dragenstein)
Als Abenteueranregungen können auch The Fog (1979), oder die Solo-Aben-
Die Zeit der Wölfe (1984) und Sleepy Hollow (1999) dienen. teuer Liebliche Prinzessin Yasmina, Straßenballade so-
wie Die schwarze Eiche, Im Griff der schwarzen Eiche
Zur Musikuntermalung empfehlen wir: und Rückkehr zur schwarzen Eiche.
• Clannad: Legend (Soundtrack zur Serie Robin of • Auch einige ältere Romane aus der Welt des Schwar-
Sherwood) zen Auges spielen ganz oder teilweise in den Strei-
• Estampie: Ludus Danielis tenden Königreichen, so etwa Ina Kramers Zweitei-
• Michael Kamen: Robin Hood – Prince of Thieves ler Die Reise nach Salza (Im Farindelwald, Die Suche),
• James Horner: Willow Karl-Heinz Witzkos Klassiker Treibgut, oder die An-
• America: The Last Unicorn dergast-Romane von Dietmar Preuß.
• Carter Burwell: Rob Roy

12 Die Streitenden Königreiche


Geographie
Winde immer wieder aufgepeitscht wird, und das Land
»Wald, Wald, nichts als dichter Wald! Kaum Leute zu ertränken droht. Weil die Küste so flach ist und sich
hier zu treffen, und kommst du mal an die Küste, kaum nennenswerte Erhebungen finden, herrscht
dann kriegst du deine Stiefel kaum trocken. Morast häufig ein beißender Wind von seewärts vor, der im-
soweit das Auge reicht, eigentlich kannst du nur mer wieder auch Regenwolken vor sich hertreibt.
auf Dämmen laufen. Das ist doch echt kein Leben, Der obere Lauf des Ingval ist dicht bewaldet, eigent-
da nützt es auch nichts, das es hier auf allen Seiten lich sind nur die Flussufer gerodet und bewohnt. Nach
gutes Gold zu verdienen gibt.« Osten hin geht das Ingvaltal langsam in die dichten
—Geron Waisenmacher, Doppelsöldner Wälder der Waldwildnis über. Am Flussufer ist das Land
fruchtbar, hier leben viele Menschen von Ackerbau und
Die Streitenden Königreiche erstrecken sich über ein gro- dem, was sie der Natur abtrotzen können.
ßes Gebiet und umfassen dabei recht unterschiedliche Wie der garetische Reichsforst oder der Weidener Blau-
Landschaften. Nostria und Andergast liegen zwischen tann ist die Waldwildnis ein letztes Überbleibsel des gi-
dem mittelreichischen Albernia und dem Höhenzug des gantischen Mittwaldes, der in früheren Jahrtausenden
Steineichenwalds, im Osten begrenzt durch das Kosch- das Herz des gesamten Kontinents bedeckte. Für diese
gebirge, den düsteren Finsterkamm und die Messer- schwer zugängliche und weitgehend unerforschte Re-
grassteppe, im Westen durch das Meer der Sieben Winde. gion aus dichten und dunklen Wäldern haben selbst
Das Küstengebiet ist in weiten Bereichen sehr sumpfig seine Bewohner keinen eigenen Namen, sondern nen-
und wird von der Hauptstadt Nostria bis etwa Trontsand nen sie schlicht „den Wald“. Im Süden ist die Waldwild-
auch Seenland genannt. Es ist von vielen Seen und Bä- nis recht hügelig, während der Norden vergleichsweise
chen durchsetzt, und seine Landschaft ähnelt zu großen flach ist. Der Wald wird von urtümlichen, alten Bäumen
Teilen dem unteren Ingvaltal. beherrscht und ist nur schwer zu bereisen. Wilde Krea-
Nördlich davon verläuft die Siebenwind-Küste bis hin- turen, Goblins sowie einzelne Orkbanden machen ihn
auf nach Thorwal, die von weiten Wattflächen geprägt äußerst gefährlich. Der Fluss Ornib markiert die eigentli-
ist. Überall finden sich Dämme, mit denen die Menschen che Grenze zwischen Nostria und Andergast.
versuchen, dem Wasser zu trotzen, das durch heftige

13
Allerdings sind die Ornibquellen und der Verlauf des worden. Weit mehr als die Hälfte der Menschen Nostrias
Flusses schon seit jeher heiß umkämpft – und man kann und Andergasts haben sich an der Küste oder entlang
nie genau sagen, welches Reich gerade Anspruch auf sie der Läufe von Tommel und Ingval angesiedelt und alle
erhebt. größeren Städte, mit Ausnahme von Teshkal, liegen in
Die Waldwildnis geht schließlich in die steilen Hänge des den Auen dieser beiden Ströme.
Steineichenwalds über, der trotz seines Namens eine Berg- Im Osten des Waldes liegt das geteilte Thuranien, und
kette ist. Die Hänge und tiefen Schluchten des Gebirges mitten darin der größte Binnensee der Streitenden Kö-
sind dicht von uralten Steineichen und dunklen Föhren be- nigreiche: der fischreiche Thuransee. Das etwa 50 Mei-
standen, und es heißt, dass hier das größte Druidentreffen len lange und 30 Meilen breite Gewässer liegt genau
Aventuriens abgehalten wird. Eigentlich handelt es sich zwischen beiden Ländern und war häufig Schauplatz
beim Steineichenwald um den südlichen Ausläufer eines größerer Grenzscharmützel, und es kam es hier auch
Doppelgebirges. Der nördliche Teil ist allerdings so gut wie schon zu regelrechten ,Seeschlachten‘.
gar nicht erschlossen, weil hier ständig Übergriffe der Orks Zwischen dem Südlichen und dem Nördlichen Steinei-
drohen. Und auch wenn Andergaster Holzfäller im südli- chenwald liegen die Steppen des Ostens. Der östlichste
chen Steineichenwald ein gutes Auskommen haben, ist die Teil davon ist so stark vom scharfen Messergras bestan-
Gegend nur dünn besiedelt – was vermutlich nicht zuletzt den, dass man ihn kaum durchqueren kann. Hier lebt
daran liegt, dass hier auch Waldschrate und Höhlendra- ein rauer Menschenschlag, der gelernt hat, sich gegen
chen eifersüchtig über ihr Territorium wachen. Ork und Goblin ebenso durchzusetzen, wie gegen die
In den Tommellanden sind kleinere Gebiete gerodet Gefahren der Wildnis.
und damit für landwirtschaftliche Zwecke erschlossen

Klima & Wetter


»Das nennen die dann Wetter, pah! Ich nenne es Dauerregen. Das Wetter
Mal nieselt es nur, dann aber ist es, als hätte der Herr Efferd Da keine nennenswerten Anhöhen die Winde aufhal-
alle Schleusen geöffnet. Richtig trocken ist es selten und ten, die über dem Meer toben, wehen diese beständig
auch im Sommer reicht der Schein der Sonne kaum, um das und beinahe ungebremst bis weit ins Land hinein. Da-
Wams richtig zu trocknen. Kein Wunder, dass die hier alle so bei treiben sie häufig regenreiche Wolken vor sich her,
griesgrämig dreinschauen …« die Efferds Segen über das ganze Land verteilen. Auch
—Mirhiban al’Orhima, tulamidische Feuermagierin Stürme und Gewitter mit Blitz und Donner sind häufig,
aber selten so kräftig, dass sie Häuser beschädigen oder
Der Jahreslauf gar Bäume umwerfen. Die Regenfälle dauern vor allem
Die Sommer in der Region sind meist recht kurz, dafür im Frühling und Herbst immer wieder mehrere Tage an
aber durchaus warm und angenehm. Allerdings sind und verwandeln weite Teile des Landes in schmatzen-
längere durchgehende Sonnenperioden selten, beson- den Schlamm.
ders in Küstengebieten, wo der Wind auch bei warmer Das Reisen ist bei dieser Witterung nicht nur für Hel-
Witterung oft Regen übers Land trägt. In dieser Zeit ist den eine echte Herausforderung. Der häufige Regen ist
das Reisen am einfachsten, was aber viele Adlige auch nicht nur unangenehm, er bringt auch immer wieder
dazu verleitet ihre Fehden im Sommer auszutragen – Krankheiten wie Dumpfschädel oder die gefürchtete
ausgerechnet in der Jahreszeit, wo die meiste Arbeit auf Blaue Keuche mit sich, die 1027 BF beinahe die Stadt
den Feldern anfällt. Nostria entvölkerte (mehr zu diesen Krankheiten fin-
Der Herbst wird von heftigen Winden, viel Regen und dest du im Aventurischen Almanach auf Seite 162).
dichtem Nebel bestimmt. Wenn doch einmal die Sonne Insbesondere die Frühlingshochwasser sorgen in wei-
ausgiebig scheint, zeigen die herbstlichen Wälder ein ten Teilen der Region dafür, dass man kaum noch vor-
beeindruckendes Farbenspiel, das Nostrier wie Ander- ankommt, weil Straßen überspült sind oder der Bo-
gaster „Sumuspracht“ nennen. den so morastig wird, dass man bis zu den Knien im
Die Winter sind lang, hart und von knackiger Kälte. Be- Schlamm versinkt oder sein Pferd am Zügel führen
reits im Boron beginnt es zum Teil heftig zu schneien. muss. Durch heftige Schneefälle kann es im Winter
Das kalte Weiß bleibt auch meist bis weit in den Früh- passieren, dass ganze Landesteile von der Außenwelt
ling hin liegen, bis die Winde vom Meer erneut Regen abgeschnitten sind, weil die Wege ungangbar sind oder
bringen, der den Schnee auflöst. Die Schneeschmelze man sie unter der weißen Pracht schlicht nicht mehr
bringt nicht selten heftige Überschwemmungen mit findet. Dort, wo häufiger Wanderer entlang kommen,
sich. Flüsse und Bäche werden unberechenbar und ver- bilden sich außerdem häufig Eisflächen unter dem
wandeln die Straße und Wege in schlammige Pisten Schnee, die für Unaufmerksame leicht zu gefährlichen
oder überspülen sie und machen sie für eine Weile sogar Stolperfallen werden.
gänzlich unpassierbar.

14 Die Streitenden Königreiche


Weg & Steg
Das Reisen in den Streitenden Königreichen ist oft nicht Küste treiben lassen, stellen eine enorme Gefahr für die
leicht. Die größten Siedlungen der Königreiche liegen an Schifffahrt dar. Die Ingvalauen sind aber auch deswe-
schiffbaren Gewässern, denn genau entlang ihres Ver- gen gefährlich, weil sich der Fluss häufig ein neues Bett
laufs wurde das Land einst erschlossen. Abseits dieser sucht, sobald die Hochwasser vorüber sind. Dann müs-
natürlichen Reisewege gibt es nur wenige gut ausgebau- sen die Lotsen und Flussschiffer den neuen Lauf erst er-
te Straßen und die Witterung macht Reisenden oft das kunden, bis sie wieder alle Untiefen und Felsvorsprünge
Leben schwer. Aus genau diesem Grund sind auch nur sicher umschiffen können.
sehr wenige Einwohner der Streitenden Königreiche auf
eigene Faust unterwegs. Wer nicht gerade auf der Flucht Flüsse überqueren
ist, Handel treiben oder einen Händel ausfechten will, Auch wenn die Einwohner der Streitenden Königreiche
bleibt für gewöhnlich da, wo er aufgewachsen ist. sehr wohl Brücken und Dämme bauen können, ist es in
entlegeneren Gebieten oft zu teuer und aufwändig, sie
Reisen auf dem Wasser in Stand zu halten. Schon die nächste Schneeschmelze
Weil die beiden großen Flüsse der Region, Ingval und könnte sie unterspülen oder hinfort reißen. Reisende,
Tommel, die Lebensader der Region sind, überwindet die einen Fluss überqueren müssen, suchen also in der
man größere Strecken am besten auf ihren Läufen. Der Regel eine Furt und hoffen darauf, dass es in letzter Zeit
Tommel ist von der Mündung etwa bis zu seinem fünf- keine starken Regenfälle gegeben hat. Gerade im Früh-
ten Zufluss (dem Ambla) schiffbar, der Ingval bis zur ling ist es nicht selten, dass eine Furt mehrere Wochen
Stadt Andergast. Wer noch weiter will, braucht jedoch lang unpassierbar ist.
ein schmales Floß oder ein kleines Boot. An Orten, wo häufig genutzte Wege über größere Flüs-
Doch auch eine Flussfahrt ist ein langsames und ge- se führen, gibt es Fähren. Das Übersetzen kostet einen
fährliches Unterfangen, vor allem gegen die Strömung. Obulus, der meist an der Menge der transportierten Bei-
Überall lauern Felsen, die den Rumpf eines Bootes auf- ne festgemacht wird, was besonders bei Reittieren zu
reißen können, Untiefen, deren Gefahren man nicht Buche schlägt. Nicht alle Fähren sind stabil und groß
ohne genaue Ortskenntnis passieren kann, sowie ge- genug für Karren, sondern befördern oft nur Personen
fährliche Gegenströmungen, die das Schiff hin und her und Tiere. Bei zu starker Strömung wird häufig auch der
reißen, wenn man keinen erfahrenen Steuermann an Fährbetrieb gänzlich eingestellt.
Bord hat. Und wie alle anderen großen Flüsse Aventuri-
ens treten auch Ingval und Tommel nach den langen Re- Reisen über Land
genperioden im Frühling und Herbst sowie zur Schnee- Dort, wo kein Flusslauf zu finden ist, reist man meist zu
schmelze über die Ufer. Dann führen sie gefährliches Fuß. Fast ausschließlich Adel und reiche Händler können
Treibholz mit sich, das auch ein solides Schiff auf den sich in den Streitenden Königreichen Reit- oder Zugpfer-
Flussgrund senden kann, wenn man den schwer auszu- de leisten, weswegen vor allem in ländlichen Regionen ein
machenden Baustämmen nicht rechtzeitig ausweicht. Reiter oft für einen Ritter gehalten wird. Reisekutschen
Vor allem auf dem Ingval wird geflößt und die Baum- sind praktisch unbekannt, was vor allem daran liegt, dass
stämme, welche die Holzfäller mit der Strömung gen nur wenige Straßen für solche Gefährte passierbar sind.

15
Das Meiste wird auf einfachen Handkarren transpor- Wegstrecken
tiert, und auch Kiepenleute sind ein häufiger Anblick, Im Folgenden haben wir einige häufige Reisestrecken
gedungene Helfer, die Waren in Körben auf ihrem Rü- zusammengestellt. Bei Reisen zu Fuß und zu Pferd und
cken zum nächsten Marktflecken schleppen. Wohlha- zu Schiff auf dem Meeresweg werden die im Regelwerk
bendere Händler nutzen auch Esel als Lasttiere. Och- auf Seite 22 angegebenen Tagesstrecken für Berech-
senkarren sind weitaus langsamer und werden fast nungen herangezogen. Reisen die Helden auf dem Fluss,
ausschließlich für besonders schwere oder sperrige beträgt die zurückgelegte Distanz stromab 40, stromauf
Fracht genutzt. 20 Meilen am Tag

In der ganzen Region gibt es nur zwei Straßen, die ernst-

Entfernung
haft befestigt sind und den Standard von schlechten

zu Pferd

flussauf
Reichsstraßen (siehe Aventurischer Almanach Seite

zur See
flussab
zu Fuß
20) besitzen, doch selbst hier sind gute Gasthäuser sel-
ten. Die Nostrische Küstenstraße läuft von Nostria über Strecke
Trontsand nach Salza, und der Fürstenweg von Andergast Andergast-Albumin 155 5 3 – – –
führt über Thurana bis nach Greifenfurt.
Die meisten anderen Wege der Region sind Pfade und Andergast-Teshkal 170 6 3,5 – – –
einfache Karrenwege, die sich durchs Land schlängeln. Andergast-Joborn 120 4 2,5 – – –
Wo Gewässer, steile Hänge oder dichte Waldstücke im
Andergast-Joborn 120 – – 6 3 –
Weg sind, machen diese Wege häufig große Bögen, um
(Ingval)
die Hindernisse zu umgehen. Dazu kommt, dass sich
niemand um den Zustand solcher Wege kümmert. Nur Andergast-Winhall 235 8 5 – – –
in der Nähe von Ortschaften oder Burgen werden hin Andergast-Ander- 145 5 3 – – –
und wieder Schäden ausgebessert. Wo außerhalb der stein
Ortschaften keine Karren entlangfahren, sind die Wege
häufig nicht einmal breit genug, um zu zweit nebenein- Joborn-Salza 325 11 6,5 – – –
ander zu gehen. Joborn-Salza 400 – – 20 10 –
(Ingval)
Grenzen Joborn-Althagen 150 5 3 – – –
Die Grenzen der beiden Königreiche sind an vielen Stel-
len nicht exakt zu bestimmen, häufig nicht einmal in- Joborn-Thorwal 325 11 6,5 – – –
nerhalb ihrer eigenen Provinzen. Zwar finden sich an Nostria-Salza 190 6,5 4 – – –
häufig benutzten Wegen Grenzsteine oder -stelen, aber
auf die ist oft nur wenig Verlass. Immer wieder wurden Nostria-Salza 200 – – – – 2
sie versetzt, zerschlagen oder nach eigenem Ermessen (Seeweg)
neu aufgestellt. In der Wildnis ist ohnehin manchmal Nostria-Winhall 265 9 5,5 – – –
unklar, in welchem Königreich man sich befindet. Zoll-
Nostria-Winhall 260 – – 13 6,5 –
häuser, Schlagbäume, Grenzerhütten oder Ähnliches
(Tommel)
sucht der Reisende hier vergebens. Das allerdings hält
die lokalen Adligen nicht davon ab, Zölle oder Abgaben Nostria-Honingen 265 9 5,5 – – –
von Durchziehenden zu erheben – vor allem, wenn der Nostria-Fiolbar 120 4 2,5 – – –
Weg oder die Straße durch ihr Dorf führt. Den Mittel-
reicher mag dieses Vorgehen an das Gebaren von Raub- Salza-Thorwal 195 6,5 4 – – –
rittern erinnern, die Höhe solcher Abgaben ist jedoch Salza-Thorwal – – – – – 2
nicht zentral geregelt und obliegt allein den adligen (Seeweg)
Grundherren.

16 Die Streitenden Königreiche


LAND & LEUTE

»Niemand fordert uns ungestraft heraus! Wir sind


angetreten, die Grenze zu schützen, den König und
unsere eigene Haut. Unsere gepanzerten Schlachtreiter
haben sie niedergemacht, wie der Bauer mit der Sense
das Stroh mäht. Wir haben sie aufgescheucht wie der
wütende Ochse das verschreckte Federvieh, jawohl!
Zwei zu eins soll ihre Übermacht gewesen sein? Lächer­
lich! Verdammte Feiglinge sind das! Schießen lieber aus
der Ferne mit ihren heimtückischen Langbögen, diesen
elenden Elfenwaffen. Hatten uns aber trotzdem nicht viel
entgegenzusetzen, denn wir sind klingenden Stahl und
wehrhaftes Leder gewöhnt. So leicht bezwingt man uns
nicht! Selbst ohne mein wackeres Streitross ist dem Ge­
schmeiß noch beizukommen. So lange deren Hexenwei­
ber mich nicht verfluchen, schlage ich noch jedem der
elenden Nostriacken den Schädel ein. Scheiß auf ihre
Pfeile – Sumus Macht ist mit mir! Mein Knappe hat mir
den Andergaster gereicht, und dann hab ich aufgeräumt
mit diesem Abschaum!«
—der Andergaster Ritter Orngalf, als man ihn nach der
Schlacht von Tarlynshöh aus der verbeulten Rüstung
schnitt

»Diese Toren! Was immer sie bewogen hat, uns zu


überfallen, wir werden diese Andergaster Bastarde immer
wieder in ihre Schranken weisen. Unterzählig wollten sie
uns treffen, mit einem Heer, das sich wie Schmeißfliegen
auf unserem lieblichen Lande sammelte. Immer wieder
kamen sie angeritten wie die Wahnsinnigen. Unser
Fußvolk hat den ersten Zusammenstoß nur schlecht
überstanden, dank ihrer elenden Kavallerie. Aber dann
schossen wir Pfeil um Pfeil einen der ihren vom Pferd,
bevor sie sich zu unseren Schützen durchschlagen
konnten. Auf ihren schweren Schlachtrössern waren
sie langsam und ein einfaches Ziel dazu. Wir konnten
uns sogar Zeit nehmen, die farbenfrohsten Wappen
auszusuchen, die wir fällen wollten!
Und die immer mit ihren lächerlichen Helmen! Der
Schild dieses Ritters war pfeilgespickt, und er stürmte
immer noch wie von Sinnen auf uns ein, nachdem man
ihm das Pferd unterm Arsch weggeschossen hatte. Die­
ser Saubeutel musste meinen Stahl kosten! Mein Knappe
hat mir den Nostrianer gereicht und dann hab ich aufge­
räumt mit diesem Abschaum! «
—die nostrische Ritterin Erywyn, als man sie nach der
Schlacht von Tarlynshöh aus der verbeulten Rüstung
schnitt

17
Auch wenn man für gemeinhin einfach von den Strei- Gegenden umkämpft und es ist nicht immer klar, wo die
tenden Königreichen spricht, unterscheiden sich die Grenze zwischen den Reichen verläuft. Gerade am Ornib
beiden verfeindeten Regionen sehr. Wo Nostria vor al- kann man nie wirklich sicher sein, ob der Ort, durch den
lem von seiner Küste mit weiten Watt- und Marschflä- man vor einem Monat gezogen ist, immer noch demsel-
chen geprägt wird, bestimmen Wälder und die Grate ben Herrscher untersteht.
des Steineichenwaldes die Landschaft Andergasts. Aber Um die Unterschiede zwischen den einzelnen Gegenden
auch innerhalb der beiden Königreiche gibt es Regio- besser hervorzuheben, haben wir sie auf den folgenden
nen, die sich deutlich vom jeweiligen Kernland unter- Seiten mit ihren Besonderheiten beschrieben. Die Zuge-
scheiden und hervorstechen, so etwa die weiten Step- hörigkeit zu einem oder beiden Streitenden Königrei-
pen Teshkaliens. chen ist mit den folgenden Symbolen gekennzeichnet:
In der Waldwildnis und am Thuransee teilen sich die für Andergast
beiden Königreiche das Land. Immer wieder sind diese für Nostria

Das Seenland
Lage: südliches Nostria zwischen Trontsand und Die Deichbauern
der albernischen Grenze Ein althergebrachter Brauch im Seenland ist es, dass
Bevölkerung: 12.000 Menschen, einige Goblins derjenige frei ist und Land bewirtschaften darf, der
und 50 Auelfen den Deich pflegt und repariert, und somit das Land
Wichtige Städte: Nostria (6.000), Varnyth (350) und seine Bewohner schützt. Symbol der Freiheit ist
Besonderheiten: zahllose Seen, Teiche und kleine- die Deichgabel (oder ein Spaten), den jeder seenlän-
re Fließgewässer dische Freibauer vorweisen muss. Da immer wieder
Handelsgüter: Fischerei und Schafzucht Bauern von Sturm- oder Springfluten dazu gezwun-
Verkehrswege: Hafen in Nostria, Schiffsverkehr gen werden, ihren Hof aufzugeben, ist es oft recht
auf dem Tommel, Küstenstraße nach Salza, Küsten- einfach, freies Land zu finden. Es wird dadurch ge-
weg nach Havena, Dammweg nach Honingen, Tom- kennzeichnet, dass der aufgebende Freibauer seinen
melweg am Flusslauf entlang Spaten (oder seine Deichgabel) in den Deich stecken
muss, bevor er das Land verlässt. Ein jeder, der den
Spaten wieder aus dem Damm zieht, muss dann um-
Das Seenland grenzt im Süden an das mittelreiche Fürs- gehend den Deich reparieren – erst dann besitzt er
tentum Albernia und geht jenseits der Grenze nahtlos auch die Privilegien seines Vorgängers und gilt als
in das albernische Seenland über. Die Region trägt ih- freier Mann. Viele haben schon unterschätzt, wel-
ren Namen aufgrund der zahllosen Gewässer und dem chen Arbeitsaufwand es bedeutet, einen Deich in-
sumpfigen Boden. Gleich zweimal am Tag spült die Flut stand zu halten. Auch sind Neuankömmlinge in vie-
aus dem Meer der Sieben Winde weit ins Land hinein, len Gegenden nicht gut gelitten, sei es, weil sie als zu
und besonders bei Sturmfluten oder nach längeren Re- unerfahren angesehen werden, oder weil Zugezoge-
genperioden stehen große Teile des Seenlands unter ne grundsätzlich verdächtig sind. Wo sich die Altein-
Wasser. Aber auch im Landesinneren gibt es zahllose gesessenen untereinander bereitwillig helfen, ist ein
Seen, Tümpel und Bachläufe, deren Wasser immer salz- Neuling oft auf sich allein gestellt.
haltiger wird, je näher man der Küste kommt.
Über die Gewässer sind viele Legenden und Sagen im
Umlauf. Viele haben einen wahren Hintergrund, andere Flora & Fauna: Die Gewässer des Seenlandes sind fisch-
beruhen auf jahrhundertelanger Vermischung von reich, insbesondere die Salzarelen kommen vor der nost-
Märchen und Volksaberglauben. Richtig ist auf jeden rischen Küste in großer Zahl vor. An der Küste und den
Fall, dass es in einigen Gewässern Tore in Feenwelten Ufern der ungezählten Seen leben zahlreiche Vogelarten.
gibt, und so streifen manchmal Flusskobolde, Auf den wenigen Anhöhen wachsen kleine Haine, fast
Quellnymphen, Wassermänner oder noch viel ausschließlich Birken, die auch als Bauholz verwendet
fremdartigere Kreaturen wie Tiefenrösser durch die werden, ansonsten herrschen Sumpfpflanzen, Heide-
blauen Tiefen. ( 183) kraut und Marschgras vor. Je weiter man sich von der
Die Einheimischen versuchen schon seit Jahrhunderten, Küste entfernt, desto häufiger findet man Erlen- und
den Gewalten des Meeres zu trotzen. Mit hohen Deichen Kieferngehölze.
legen sie immer wieder kleinere Landstriche trocken, Weg & Steg: Waren werden am häufigsten auf Schiffen
doch stets holt sich das Meer bereits sicher geglaubtes oder Booten transportiert, da die Wege immer wieder
Land zurück. So werden die verstreut liegenden Gehöfte vom Wasser überspült oder gar weggerissen werden.
meist auf natürlichen oder künstlich angelegten Erdhü- Durch die zunehmende Versandung des Hafens von
geln errichtet, um auch bei Sturmfluten und Deichbrü- Nostria konnten hochseetaugliche Schiffe ihn lange
chen Efferds Zorn entgehen zu können. Jahre nur schwer ansteuern und wichen oft auf andere
Routen aus. Dank der Bemühungen der Königin und um-
fangreichen Bauarbeiten nimmt aber nun langsam auch
der Schiffsverkehr in der Hauptstadt wieder zu.

18 Land & Leute


Die Küstenstraße, die Nostria mit Salza verbindet wird hier über Wasser, und nostrisches Salzlamm ist eine be-
recht gut instandgehalten. Der Dammweg beginnt in Nost- liebte Delikatesse. An der Küste gibt es große Salzfelder,
ria und führt nach Osten ins Inland. Er läuft zu großen Tei- auf denen Meerwasser eingefangen wird, das in einem
len über einen aufgeschütteten Damm, der jedoch immer komplizierten Ablauf von Feld zu Feld geleitet wird und
wieder unterspült wird, sodass die Route zeitweise nicht unter den wärmenden Strahlen der Sonne verdunstet,
nutzbar ist. Der Tommelweg folgt im Groben dem Verlauf bis es schließlich in den Kristallteichen zu großen Salz-
des Flusses. Da der Tommel jedoch häufig sein Bett wech- kristallen wird. Die Salzernte beschränkt sich allerdings
selt, entfernt sich der Weg mitunter vom Flussufer. auf eine kurze Zeit im Sommer. Bei Ebbe ziehen die Al-
Bewohner & Siedlungen: In den Dörfern des Seenlan- gensammler aus, denn der vom Meer angespülte Seetang
des lebt ein mürrischer, abweisender Menschenschlag, eignet sich getrocknet vortrefflich als Brennstoff und
dessen Leben vom ewigen Kampf gegen Efferds Gewal- verleiht dem Räucherfisch eine einzigartige Note. Man-
ten geprägt ist. Fischer und Marschbauern streiten dar- che Tangarten werden sogar zu schmackhaften Salaten
um, wer die „wahren Herren über die Seenlande“ sind, verarbeitet. Weiter im Inland wird Torf gestochen, der als
und nur in den Hafenstädten ist man Fremden gegen- Bau- und Brennmaterial dient.
über etwas aufgeschlossener. Die Seenländer verehren
neben den Überderischen vielerlei seltsame und wahr-
scheinlich uralte Götzen und Feenwesen, die meist Be- Strandräuberei
zug zum Wasser haben oder darin heimisch sind. Klei- Manche Bewohner sichern sich an der Küste des Seen-
nere Siedlungen im Inland liegen fast immer auf kleinen lands und der Siebenwind-Küste mit Strandräuberei ein
Hügeln, sogenannten Warften, die größtenteils künst- Auskommen. Dabei muss es sich gerade im Seenland
lich aufgeschüttet wurden. Sie umfassen selten mehr als keineswegs um klassische Piraten handeln, viel öfter
ein Dutzend Häuser, und in dem größten davon wohnt sind es einfache Leute, die ein gutes Zubrot wittern oder
zumeist die örtliche Ritterfamilie. Hin und wieder scha- schlicht aus Verzweiflung handeln. Einige Dorfgemein-
ren sich die Häuser auch um eine Motte, eine auf einem schaften der Siebenwindküste haben sich sogar darauf
Hügel errichtete Turmburg, die das Umland überragt. spezialisiert, mit falschen Leuchtfeuern fremdländische
Wirtschaft & Handel: Der salzhaltige Boden des Seen- Schiffe auf Grund laufen zu lassen und zu überfallen.
landes eignet sich kaum für den Ackerbau, daher ist die Nach üblicher Rechtsauslegung gehört Strandgut hier-
Fischerei die wichtigste Einnahmequelle, insbesondere zulande nämlich dem jeweiligen Landbesitzer. Auch bei
die Salzarelenfischerei. Nur vor der nostrischen Küs- gestrandeten Schiffen ist es daher schon vorgekommen,
te treten die Plattfische in so großer Zahl auf, dass sie dass diese kurzerhand als solches deklariert wurden, da-
mit den regionstypischen Schleppnetzen gefangen wer- mit der Adel die Ladung einstreichen konnte oder zu-
den können, anstatt wie anderswo mühsam mit Grund- mindest einen Obulus für den unbehelligten Abtrans-
angeln oder gar Speeren. Die Salzarele versorgt nicht port der Güter erhielt. Dabei werden häufig nicht nur
nur die großen Städte des Königreichs, sondern wird die Güter geraubt, die ein Schiff transportiert, sondern
gepökelt auch ins benachbarte Albernia und darüber hi- oft wird das ganze Schiff auseinandergenommen, um
naus in alle Welt verkauft – nicht umsonst ist sie sogar das kostbare Holz als Baumaterial zu verwenden.
das Wappentier des Landes. Das Watt gilt hingegen nicht als Land in diesem Sinne,
Auf den durch mühsamen Deichbau gewonnenen Land- und wehe dem, der sich an einem der Fischerboote ver-
flächen wird nur in geringem Maße Landwirtschaft be- greift, die hier bei Ebbe liegen.
trieben. Vor allem die Schafzucht hält die Deichbauern

19
Die Siebenwind-Küste
Bewohner & Siedlungen: Der Einfluss des launischen
Lage: Küstenstreifen von Trontsand bis Kendrar Gottes der Meere hat die Menschen der Siebenwind-Küste
Bevölkerung: 11.000 Menschen, wenige Goblins ebenso mürrisch wie verschlossen gemacht. An der Küs-
Wichtige Städte: Salza/Salzerhaven (4.000), Tront- tenstraße ist man Fremde noch eher gewöhnt, abseits da-
sand (750), Yoledamm (400) von muss man jedoch vielerorts mit großem Misstrauen
Besonderheiten: große Wattgebiete, Thorwaler­ - und nur widerwillig gewährter Gastfreundschaft rechnen.
überfälle Wer auch nur in den Verdacht gerät, ein Thorwaler zu sein,
Handelsgüter: Fischerei, Handel muss sich sogar auf offene Feindseligkeiten einstellen. Zu
Verkehrswege: Hafen in Salzerhaven, Schiffsver- häufig haben Piraten aus dem Norden Dörfer überfallen,
kehr auf dem Ingval, nördliche Küstenstraße nach die Einnahmen geraubt und ganze Gemeinschaften Tod
Thorwal, südliche Küstenstraße nach Nostria, Ing- und Verderben überlassen. Die Bedrohung durch thor-
valstieg am Flusslauf entlang walsche Piraten hat dazu geführt, dass sich häufig meh-
rere Dörfer zusammenschließen. Sie errichten Palisaden
Ungebremst fegen die vom Meer kommenden Winde oder sogar Wallburgen an steileren Passagen der Küste, in
bis weit ins Inland und tragen Regen und Salzluft übers die alle Bewohner flüchten können, wenn die Nordleute
Land. Der eigentlichen Küste sind große Wattflächen kommen, um Beute zu machen. Bisher allerdings gibt es
vorgelagert, die vor allem die Navigation für große See- nur wenige dieser Burgen, und bis die Absicherung ausrei-
schiffe schwierig machen. Diese Landstriche fallen auf chend ist, um den Thorwalern ihre Überfälle zu vergällen,
Meilen vor der eigentlichen Küste bei jeder Ebbe tro- werden sicher noch viele Jahre ins Land gehen.
cken und zeigen eindringlich, wie flach das Meer der Auch an der Siebenwind-Küste folgen die Einheimi-
Sieben Winde vor der nostrischen Küste an vielen Stel- schen allerlei seltsamen und vermutlich uralten Göt-
len ist. Bei Ebbe blickt der Reisende auf eine schier end- zenkulten, die sich vornehmlich um Wesenheiten dre-
lose Fläche aus grau-braunem Sand. Diese von willkür- hen, die das Wasser beherrschen oder darin leben.
lichen Schlangenwellen durchzogene Ebene scheint bis Wattgänger, die sich mit den Prielen und den Gezeiten
an den Horizont zu reichen. Das Leben an der Sieben- auskennen, genießen hohe Verehrung. Sie stehen im
wind-Küste folgt dem wechselhaften, rauen Klima, aber Ruf, Efferd, den Winden oder anderen Kreaturen des
vor allem dem Lauf der Gezeiten, die ebenso gnadenlos Meers nahezustehen, und dienen nicht selten auch als
strafen, wie sie Milde gewähren können. Priester. Einige Dorfgemeinschaften beten zur Wasser-
Flora & Fauna: In den Küstengewässern tummeln sich gottgeit Karyba, der gnadenlosen Mutter Efferds, die
die Salzarelen, aber auch Wale und andere Meerestiere hauptsächlich aus Furcht vor den Gewalten des Meeres
wie Haie sind häufig genug, um Jagd auf sie zu machen. angerufen wird. ( 181)
An der Küste und in den Marschlanden leben zahlreiche Weiter im Landesinnern gelten auch Hexen als Mittle-
Vogelarten. Neben der typischen Küstenvegetation aus rinnen zu den Überderischen und werden furchtsam
Gräsern, Birken und Erlen, wie man sie auch im Seen- um Rat gefragt, bevor größere Unternehmungen getä-
land findet, wachsen im Inland Ahorn und Ulme. tigt werden.
Weg & Steg: An der Meeresküste entlang verläuft die Viele Häuser an der Siebenwind-Küste sind halbrund
Küstenstraße, die zu großen Teilen sehr solide ausge- gebaut, weil die Spanten von vor der Küste gestrande-
baut ist und instand gehalten wird. An einigen Stellen ten Schiffen als Träger dienen. Häufig findet man auch
erreicht sie sogar den Standard einer Reichsstraße. Der Gallionsfiguren über dem Eingang, die allerdings selten
tatsächliche Zustand hängt allerdings eindeutig vom noch ihren wirklichen Namen tragen. Stattdessen die-
jeweiligen Grundbesitzer ab. Bei Sturmfluten wird die nen sie oft der Anbetung von allerlei Meereskreaturen
Straße manchmal zu Teilen unterspült und ist dann oder feeischen Wesenheiten.
kaum passierbar, schon gar nicht für einen Karren.
Die seichten Gewässer vor der Küste sind auch bei Flut
für tiefgängige Schiffe nicht zu navigieren, daher haben
sich die Seeleute, vor allem aber die Fischer der Regi-
on mit ihren Schleppnetzkähnen, eine besondere Form
der Anlandung zu Eigen gemacht. Sie setzen ihre Käh-
ne, Schiffe und Boote auf den weichen Wattgrund und
lassen sie mit der Ebbe trocken laufen. Erst mit steigen-
der Flut werden diese Gefährte wieder flott. Jemand, der
sich an solch einem liegengelassenen Schiff vergreift,
wird gnadenlos von den Wattleuten gejagt und bestraft.
Eine Ausnahme stellt hier der Hafen von Salzerhaven
dar, der sich auch für tiefgängige und hochseetaugliche
Schiffe eignet.

20 Land & Leute


Kleinere Fischerdörfer haben selten mehr als 100 Ein- Gnade. Die Fischerei ist in der Region die wichtigste Ein-
wohner. Im Hinterland sind die Gehöfte kleiner, mit etwa kommensquelle, denn das Meer vor der nostrischen Küs-
50 Einwohnern, und liegen häufig versteckt, aber mit te ist voller Salzarelen, die man hier sogar mit Schlepp-
direktem Zugang zu einem tidenabhängigen Meereszu- netzen fangen kann. Den nostrischen Wappenfisch gibt
fluss. Eine Besonderheit dieser Gegend, die man jedoch es daher überall: geräuchert, gebraten oder als Einlage in
auch im wasserreichen Seenland finden kann, sind die einem deftigen Fischeintopf. Seltener wird hingegen auf
Warften: kleine, häufig künstlich aufgeschüttete Hügel, Wale Jagd gemacht, die nahe der Küsten gesichtet wer-
die sich hier sogar vor der eigentlichen Küste im Watt fin- den, denn die benachbarten Thorwaler drohen, jeden
den und kleinen Inseln gleichen. Auf den Warften vor der Walfänger gnadenlos zu bestrafen – und sein ganzes Dorf
Küste erhebt sich meistens nur ein einzelnes großes Ge- mit ihm. Es heißt, dass so manche Dorfruine auf eine Stra-
höft, welches selten mehr als 20 Bewohnern Platz bietet. fexpedition der streitbaren Nordleute zurückgeht, welche
Trotz der ständigen Gefahr durch Sturmfluten leben hier die Wale als heilige Tiere Swafnirs verehren. Einige we-
Fischer oder Freibauern, denn als Bewohner des Meeres nige Nostrier betreiben den Walfang daher jedoch umso
sind sie von den meisten Steuern befreit. Allein die Köni- trotziger, schon allein um ein Zeichen gegen die immer
gin kann ihnen befehlen, und sie dürfen ihre Waren so- wieder stattfindenden Überfälle zu setzen. Solche Walfän-
gar zollfrei nach Salzerhaven oder Nostria einführen. Die gersiedlungen liegen meist gut versteckt an zerklüfteten,
Warftbombasten, wie die wenigen Adligen hier genannt kaum zugänglichen Teilen der Küste, und die nostrischen
werden, sind überzeugt, dass sie die wichtigsten Grund- Walfänger gelten als besonders wagemutig, wenn sie mit
herren in Nostria sind – und bisher konnte ihnen zumin- ihren kleinen Ruderbooten ausfahren, um einen der Mee-
dest niemand das Gegenteil beweisen. resgiganten zu harpunieren. Die unerschrockenen Hai-
Wirtschaft & Handel: Die Küstenbewohner sind entwe- lanzer, die Jagd auf die berüchtigten Raubfische machen
der Fischer oder Marschbauern. Beide Gruppen kämpfen und ihre Beute (Haifleisch und -leder) feilbieten, kommen
auf ihre Art gegen Efferds Gewalten und hoffen auf seine an der Siebenwind-Küste hingegen deutlich häufiger vor.

Das Ingvaltal
Fallen für den unkundigen Flussfahrer.
Lage: Lauf und Ufer des Ingvals Das untere Ingvaltal ist von Morast und tückischen
Bevölkerung: 27.000 Menschen und einige Goblins Mooren bedeckt. Zahllose Seen, Tümpel, Bäche und die
Wichtige Städte: Andergast (6.500), Eichhafen Altarme des Flusses bilden einen Irrgarten aus Wasser-
(800), Engasal (250), Ingfallspeugen (400), Joborn flächen, Röhrichten, Hügeln und Sümpfen, der nur von
(1.000), Kalleth (450), Lyckmoor (680), Norddra- Einheimischen durchschaut wird. ( 183)
kenburg (300), Nordvest (300), Salza und Salzerha- Flora & Fauna: Der Fluss windet sich auf seinem Weg
ven (4.000), Vardall (420) durch die dichten Eichen- oder Weidenwälder der Wald-
Besonderheiten: der Totensumpf bei Lyckmoor, wildnis, deren Äste weit über das Wasser hinausragen.
die Kalkfelsen von Hallerû Die Altarme sind oft von dichtem Schilf umstanden.
Handelsgüter: Holz, Fleisch- und Lederprodukte, Hier tummeln sich Forelle und Stichling, und neben
Pelze, Honig, Kalk; Handel, Landwirtschaft Fröschen und Kröten fühlen sich auch Wasserschlangen
Verkehrswege: Ingval, Sâlweg, Ingvalstieg, Teshka- heimisch. Mancher Altarm ist sogar fast völlig überwu-
ler Weg chert, Mücken und Libellen surren durch die Luft über
den fauligen Wassern, die nicht selten in glucksendem
Obwohl der Ingval sich einen Weg durch die weitgehend Morast enden, statt wieder zum Hauptlauf zurückzu-
unerschlossene Waldwildnis bahnt, ist das Flusstal doch führen. Auch viele übernatürliche Wesen wie Baumdra-
eine der am dichtesten bevölkerten Regionen. Der Fluss chen, Nymphen, Dryaden oder Wurzelbolde sollen hier
ist eine der Lebensadern der Streitenden Königreiche, leben, und man erzählt sich mancherorts schaurige Ge-
seit von hier aus einst große Teile des Landes erschlossen schichten von Verschollenen, die noch heute als Was-
wurden. Viele kleinere Dörfer und Höfe liegen genau dort serleichen oder Totengeister umgehen sollen.
am Ingval, wo einst ein Entdecker sein Glück suchte. Weg & Steg: Kaum jemand bereist die Uferstraßen am
Am Oberlauf bahnt sich der Fluss immer wieder ein neu- Unterlauf des Ingval, ohne einen Sumpfgänger an seiner
es Bett. Hier finden sich auch eine Vielzahl an Altarmen Seite zu wissen. Sie dienen als Lotsen für Handelszüge
oder ehemals durch den Fluss gespeiste Seen. Je weiter und werden manchmal sogar auf Schiffen angeheuert,
man flussabwärts kommt, desto mehr gleicht die Land- um den Tücken der Altarme zu trotzen. Viele Flöße und
schaft dem Seenland. Die Hügel werden ab Rovamund Flusskähne sind schon im Uferschlamm steckengeblie-
flacher, der Ingval hingegen immer breiter und sein ben oder haben nie wieder einen Weg aus dem Labyrinth
Lauf ruhiger, bis die Wasser fast stillzustehen scheinen. an Abzweigungen und Sackgassen gefunden.
Ein trügerischer Eindruck, wie viele Uneingeweihte be- Der beste Reiseweg landeinwärts aber ist der Lauf des
reits feststellen mussten, und auch die zahlreichen Alt- Ingvals selbst.
arme des Ingval, die den Strom begleiten, sind tückische

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Er ist ein recht ruhiger Fluss, wenn nicht gerade Hoch- Die Kalkklippen von Hallerû
wasser herrscht. Bei Engasal, an den Kalkklippen von »Als einer der wunderlichsten Orte des gesamten
Hallerû, erschweren jedoch tückische Stromschnellen Flusses gilt den Einheimischen der Ingvalbogen.
das Weiterkommen zu Wasser. Bis hier kommt man Hier macht der Ingval eine große Schleife um
Flussaufwärts meist gut voran, oberhalb von Hallerû die Kalkklippen von Hallerû, überwindet dabei
kann man entweder auf dem Landweg oder auf klei- manche Stromschnelle und passiert Orte, die
neren Booten oder Flößen weiterreisen, die auch mit niemandem geheuer sind. An der wild rauschenden
Stromschnellen und Niedrigwasser zurechtkommen. Drachenschnelle sonnen sich häufig Baumdrachen,
Flussabwärts kann man sich auch mit den Flößern zu- die wenig Angst vor den Menschen zeigen und auf jede
sammentun, die das geschlagene Holz aus den Wäldern Gelegenheit lauern, glänzende Dinge zu erobern. Doch
Richtung Salza bringen. Vor allem das in Andergast ge- nicht jedes Boot, das hier im Wasser versinkt, ist an
schlagene Holz wird auf dem Ingval flussabwärts trans- den Klippen zerschellt, denn immer wieder wird von
portiert. Die andergastischen Flößer, die das Steinei- großen, schuppigen Leibern erzählt, die sich durch
chenholz in losen Verbänden den Fluss entlang flößen, das schäumende Wasser winden und unschuldige
sind ein beinahe alltäglicher Anblick. Schiffer in die Tiefe zerren.
Der Sâlweg folgt dem Flusslauf durch die Ingvaller Oben auf den steilen Klippen sieht man immer wieder
Marschen, wird aber immer wieder vom Hochwasser des Nachts Lichter umherhuschen, und schauriges Ge­
beschädigt, obwohl der Edelgraf von Salza ihn in gu- heul und Gelächter dringt von dort oben in die Täler,
tem Zustand hält. In Lyckmoor beginnt der Ingvalstieg, dass die Einheimischen Tür und Fenster verriegeln und
dessen Zustand ebenfalls recht passabel ist. Zwischen händeringend des Sonnenaufgangs harren. Es heißt
dem thorwalschen Ingvalla und dem Dörfchen Dreibir- nicht umsonst, dass sich zu den Tagundnachtgleichen
ken jedoch besteht er nur aus einem unsicheren Pfad zweimal im Jahr die Töchter Satuarias zur Hexennacht
durch die Sümpfe, den man ohne die einheimischen auf einem unzugänglichen Tanzplatz in den Kalkklip­
Sumpfgänger besser nicht nutzen sollte. In Dreibirken pen treffen. Hier beraten sie, feiern gemeinsam ihr He­
stößt der Reisende dann auf den Heidestieg, der wie die xenfest und man sagt, dass sie dabei auch die Hexensal­
Stadt Rovamund durch Kämpfer der thorwalschen Het- be brauen, mit der sie fliegen können. Und weil dieser
mannsgarde kontrolliert wird. Reisende und Händler, Ort so wunderlich und mächtig ist, glauben einige, dass
die zum oberen Ingvallauf gelangen wollen, ohne Abga- bei diesen Gelegenheiten besonders starke Flüche ge­
ben an die thorwalschen Krieger zu entrichten, sollten sprochen und große Rituale ausgeführt werden können.
auf dem Sâlweg bleiben, denn die Straße landein über Die Wälder rechts und links des Flusses sind erfüllt von
Althagen ist nicht nur kürzer, sondern auch insgesamt Wesen, die kaum von dieser Welt sind: Wurzelbolde,
in besserem Zustand. Allerdings lauern in den Wäldern Baumhirten, Einhörner, Pilzköpfe, Astlinge und Wind­
neben Goblins auch immer wieder Raubritter und ande- kobolde tummeln sich hier, sodass selbst Ork, Goblin
re Halsabschneider. und Thorwaler diese Gegend meist meiden! Außer den
Ab Nordvest wird der Ingvalstieg wieder zum Sâlweg, Hexen scheint niemand den Ort schätzen zu können.«
und führt im Anschluss bis nach Joborn. Um die als —aus den Erzählungen des Schatzsuchers Pulcus de
unheimlich geltenden Kalkklippen von Hallerû zu um- Parmese, 1025 BF
gehen, zweigt er bei Ingfallspeugen ab und kürzt die

22 Land & Leute


Flussschleife ab, um bei Kalking wieder auf den Fluss zu weit besser vom Handel als die meisten anderen Ad-
treffen. Hier kann man entweder dem Fluss weiter fol- ligen der Streitenden Königreiche. Am Fluss und auf
gen, ein Boot besteigen und flussaufwärts fahren oder den umliegenden Hügeln sind viele Ansiedlungen mit
sich mit der Fähre übersetzen lassen und dem neuen Palisaden geschützt. Besonders auf nostrischer Seite
Waldweg nach Kalleth folgen. Von Joborn aus wird der wird viel befestigt, denn schon zu oft haben Ander-
Weg am Fluss Fürstenstraße genannt und bis nach Ander- gaster Truppen in der Vergangenheit versucht, den
gast dank regelmäßiger Wartung meist gut befahrbar. Flusslauf als Einfallpforte zu nutzen. Die gebeutel-
Bewohner & Siedlungen: Am Oberlauf des Flusses le- ten Joborner haben im Lauf der Geschichte sogar so
ben vor allem Andergaster, am Unterlauf vor allem häufig die Herrschaft gewechselt, dass sie sich inzwi-
Nostrier. Doch sie alle haben recht viel Kontakt mit schen weder Andergast noch Nostria wirklich zuge-
Händlern des jeweils anderen Landes, sodass hier oft hörig fühlen.
weit größere Toleranz herrscht als andernorts. Hier Am Unterlauf des Ingval haben zudem zahlreiche Fluss-
kommen so häufig andergastische Holzflößer und nost- piraten und andere Tunichtgute ihr Quartier aufge-
rische Handelsreisende durch, dass man selbst Fremden schlagen, um immer wieder ahnungslose Reisende zu
gegenüber entlang des Ingvals deutlich aufgeschlosse- überfallen. Verfallene Ruinen zeugen davon, dass hier
ner ist als anderswo. so mancher Ritter sein Glück versuchte und entweder
Die meisten Dörfer haben sich um befestigte Motten vor Efferds Gewalten oder den Gefahren der Wildnis ka-
oder Gehöfte der örtlichen Ritter gebildet. Sie leben pitulieren musste.

Die Waldwildnis
das Unterholz ist fast undurchdringlich. In Senken sind
Lage: zwischen Seenland und Thuransee, Steinei-
allerdings auch sumpfige Regionen keine Seltenheit. Der
chenwald und Tommel
Norden ist eher flach, hier ist der Wald zumeist ein we-
Bevölkerung: 5.000 Menschen und etwa 800 Goblins
nig lichter. Dafür ist der Untergrund häufig sehr feucht,
Wichtige Städte: Althagen (540), Beilstatt (390),
und man gerät immer wieder in Sumpfgebiete. Nördlich
Fiolbar (330), Mirdin (450), Nibquell (360)
des Ingval beginnt das Land langsam anzusteigen und
Besonderheiten: dichte, unerforschte Wälder mit
ist trockener, wird aber auch immer wieder von tiefen
alten Goblinheiligtümern und vielen anderen
Furchen durchzogen, und steile Felswände kommen im-
Geheimnissen
mer häufiger vor, je näher man den Hängen des Steinei-
Handelsgüter: Holz
chenwalds kommt. Die Ausläufer des Gebirges sind fel-
Verkehrswege: fast nur auf den Wegen, die Fluss-
sig und steil, und Felsabbrüche von mehreren Dutzend
läufen folgen, außerdem der Thuranstieg von Nib-
Schritt Höhe sind keine Seltenheit. Die Täler schneiden
quell zum Thuransee, die Waldstraße von Harm-
sich tief in die Berghänge und Höhlen und überall kann
lyn nach Fiolbar, der Weg durch die Waldwildnis
man auf unterirdische Wasserläufe stoßen.
von Joborn über Mirdin nach Althagen
Flora & Fauna: Der größte Teil des Waldes ist ein Laub-
mischwald, dessen Boden dicht mit Büschen bewachsen
Der Wald. So nennen fast alle Einwohner der Streiten- ist. In einigen Tälern der Waldwildnis wachsen Wälder
den Königreiche die dichte und ungebändigte Wald- aus tausendjährigen Bäumen, eifersüchtig gehütet von
wildnis im Herzen der Region. Diese Gegend gilt als riesigen Waldschraten, die vermutlich kaum jünger
menschenfeindlich und gefährlich, und auf vielen Land- sind. Moose und Bartflechten unterstreichen den Ein-
karten wird sie lediglich als großer, bewaldeter Fleck druck dieses unglaublichen Alters noch. Die Angst der
dargestellt. Sie ist eines der Überbleibsel des urtümli- Menschen vor den unheimlichen Bewohnern der Regi-
chen Mittwaldes, der einst das Zentrum des aventuri- on ist groß. Die einfachen Leute fürchten den Einsamen
schen Kontinents bedeckte. Nur die Wagemutigsten Wanderer, eine Schreckgestalt, die des Nachts Kinder
oder Verzweifelsten dringen in seine Tiefen vor, und es stehlen soll und Baumschrate wie Wölfe auf die verzwei-
ist mittlerweile mehr als sicher, dass in seinen Schatten felten Waldbauern hetzt. Legenden machen die Runde
Geheimnisse schlummern, die nicht für die Augen der über das Einhorn Keldoran, das sich in stetem Kampf mit
Sterblichen gemacht sind. Die Menschen haben sich nur den waldbewohnenden Auerochsen befindet, sowie über
entlang der größeren Wasserläufe ausgebreitet und mit vielerlei Dryaden und Waldschrate. Man erzählt sich Ge-
Axt und Säge Orte geschaffen, an denen sie Platz zum schichten von der alten Kiefer Nornim, die das Treiben
Leben und für ihre Landwirtschaft finden. Jedoch wagen von Mensch und Tier beobachtet, sowie über den ver-
sich selbst Holzfäller und Fallensteller, die vom Wald le- lorenen Hort des mächtigen Höhlendrachen Karmunir,
ben, kaum tiefer als bis in die Randgebiete hinein. Denn der irgendwo im Dickicht verborgen liegen soll.
tief im Wald stirbt man einsam, wie eine verbreitete Neben den Menschen leben in der Waldwildnis auch
Weisheit verkündet. zahlreiche Goblins, die in den Hügeln zum Steineichen-
Der Süden der Waldwildnis ist hügelig und felsig. Kleine wald hin sowie im Quellgebiet des Ornib ihre alten Kult-
Bäche haben tiefe Einschnitte in den Boden gegraben, höhlen verteidigen. ( 184)

23
Jeder Nichtgoblin, der sich zu weit vorwagt, soll dem Die Grenzbewohner
Tod geweiht sein, denn die Rotpelze der Waldwildnis Mitten durch die Waldwildnis verläuft die Grenze
gelten nicht nur als Bewahrer uralter Traditionen, son- zwischen den Streitenden Königreichen. Nicht nur
dern auch als besonders angriffslustig. ( 180) Joborn, sondern alle Siedlungen entlang des Ornib
Weg & Steg: Wann immer möglich, weichen Reisende wurden im Laufe der Geschichte umkämpft und
auf die großen Flussläufe aus, denn bisher ist es den haben zahllose Male von nostrischen zu andergas-
Menschen kaum gelungen, längere Schneisen durch die tischen Herren (und umgekehrt) gewechselt. Die
Waldwildnis zu schlagen. Die Läufe von Ornib und Urfan streitbaren Grenzbewohner haben sich an dieses
sind jedoch nicht immer einfach zu befahren, da beide Schicksal gewöhnt und zeichnen sich durch eine
Flüsse zur Quelle hin unruhig werden und bei Starkre- enorme Anpassungsfähigkeit aus, die bisweilen ver-
gen oder zur Schneeschmelze tückisch sein können. Die störende Züge trägt. Manche Grenzländer geben
wenigen Versuche, echte Wege durch die Waldwildnis sich als flammende Patrioten, abhängig nur vom
anzulegen, sind heute kaum noch zu erahnen, zu schnell aktuellen Herrschaftsverhältnis. Andere hingegen
erobert sich das wuchernde Grün sein Gebiet zurück. haben völlig resigniert oder geben nur Lippenbe-
Am besten reist man auf den Gewässern. Ein gutes Bei- kenntnisse ab, sodass man sich ihrer Loyalität nie
spiel hierfür ist der schmale Waldpfad von Joborn über ganz sicher sein kann. Wünsche der neuen Herr-
Mirdin nach Althagen. Er ist wenig mehr als ein schma- schaft werden meist pragmatisch umgesetzt, ohne
ler, festgetretener Pfad durch das Dickicht, und nur sel- dass man jedoch sein privates Leben zu sehr um-
ten kann man weiter sehen als zur nächsten Biegung. krempelt. Selbst in Glaubensangelegenheiten sind
Mit Äxten wurde hier die Wildnis zurückgedrängt, doch viele Menschen hier flexibel geworden. Ob man den
immer wieder erobert sie Teile des Weges zurück und Sumen befragt oder eine Hexe, ist manchen mittler-
mit dem Karren muss man sich wegen der vielen Wur- weile leidlich egal, solange sie nur Hilfe bekommen.
zeln auf eine sehr holprige Fahrt einstellen.
Sehr einsam ist auch die nostrische Waldstraße, die von
Harmlyn nach Fiolbar führt. Ihr Bau war von vielen hier im Überfluss, meist ist sich jeder in der Waldwild-
merkwürdigen Ereignissen begleitet, und noch heute nis selbst der nächste. Man ist sparsam, was sich auch
meiden abergläubische Einheimische diesen Weg, der auf die Versorgung Fremder auswirkt. Gastfreundschaft
angeblich zu tief in das Gebiet böswilliger Waldgeister ist ein hohes Gut, doch man ist vorsichtig, wem man sie
führt. Es wird von eigentümlichen Opferungen während bedingungslos gewährt. Um das Vertrauen der Wald-
des Baus der Waldstraße und vielen kleinen Altären be- bewohner zu gewinnen, muss man sich einige Mühe
richtet, auf denen der Reisende seine Tribute lassen soll, geben, und man sollte tunlichst wenig reden, denn
damit er unbehelligt seiner Wege ziehen kann. Schwatzhaftigkeit wird hier nicht gerne gesehen.
Bewohner & Siedlungen: Bewohner in Flussnähe sind Die kleinen, palisadengeschützten Dörfer der Waldwild-
meist daran gewöhnt, dass Fremde durch ihr Land zie- nis liegen auf Rodungen, an denen karge Landwirtschaft
hen, weswegen sie nicht ganz so abweisend und ver- betrieben wird. Größere Siedlungen werden beinahe im-
schlossen sind, wie die Menschen, die in den kleinen mer von einem befestigten Rittergut oder einer kleinen
Siedlungen der Waldwildnis leben. Nur wenig gibt es Motte dominiert, Holz- oder Fachwerktürmen, die auf

24 Land & Leute


Der Einsame Wanderer den Baum, dass Borgast sie kaum wieder herausziehen konn­
»Unglück bringt’s, einfach in den Wald zu gehen und Bäume te. Lange mühte er sich und zerrte und zog. Als es ihm dann
zu schlagen, wie es einem gefällt. So war einst ein kräftiger endlich gelang, schnappte die Lücke in der Rinde wieder zu
Holzfäller, Borgast mit Namen, der kannte keine Angst. Und und klemmte seinen Bart ein. Die Axt aber flog in hohem Bogen
so scherte er sich auch nicht darum, als die Leute ihn warnten. zur Seite. Da stand er nun, der Borgast, und konnte sich nicht
Stattdessen ging er in den Wald und suchte sich die prächtigste mehr rühren, denn sein Barthaar steckte so fest im Holz, dass
Eiche, die er finden konnte. Die wollte er schlagen und für gute er es nicht zu lösen vermochte.
Münze verkaufen. ›Ich hatte dich gewarnt‹, murmelte der Fremde. ›Lass es dir
Doch gerade hatte er seine Axt zum ersten Schlag erhoben, da eine Lehre sein und höre auf mich, wenn ich dir etwas sage.‹
trat ein einsamer Wanderer aus dem Unterholz. Klein war er, Mit diesen Worten drehte er sich um und ging davon, zurück
trug keine Schuhe und nur eine Kutte aus grober, ungefärb­ in die Einsamkeit, aus der er gekommen war.
ter Wolle. Das wirre Haar reichte ihm bis zum Gürtel, der Bart Borgast aber schimpfte und jammerte, denn er steckte fest.
aber bis zu den Knien. Nicht einmal den Bart abschneiden konnte er, denn sein Mes­
›Borgast!‹, rief der Alte, und Borgast wunderte sich, woher er ser lag dort, wo er seine Sachen hingelegt hatte. So blieb ihm
wohl seinen Namen kannte. ›Borgast, halt ein mit deinem Tun. nur das Jammern und Schimpfen, doch niemand hörte ihn.
Die Zeit ist noch nicht gekommen für diesen Baum.‹ Schließlich wurde es Nacht in dem finsteren Wald, und mit
›Lass mir meine Ruhe‹, sprach da Borgast, denn er wollte sich der Nacht kamen auch die wilden Tiere. Ein Fuchs fraß sei­
die reiche Belohnung für das gute Holz nicht entgehen lassen. nen Proviant, Krähen pickten an seinen Ohren, und Spinnen
Als er seine Axt wieder erhob, rief jedoch der Alte erneut: ›Bor­ und Käfer krochen über seinen Leib. Dann trat ein gewalti­
gast, lass es sein. Dieser Baum soll noch nicht fallen!‹ ger Bär aus dem Wald, und der hätte ihn wohl mit Haut und
›Wer will mich daran hindern?‹, lachte Borgast spöttisch. Und Haaren aufgefressen, wären ihm nicht im letzten Moment
zum dritten Mal hob er die Axt. Und zum dritten Mal hob der mutige Recken zu Hilfe gekommen, die im Wald nach ihm
einsame Wanderer: ›Borgast, lass es dir gesagt sein: Dieser gesucht hatten.
Baum wird noch nicht sterben.‹ Seit dieser Zeit hat Borgast nie wieder einen Baum geschlagen,
Dieses Mal ließ sich Borgast nicht mehr stören, und tief biss ohne sich vorher die Erlaubnis des Waldes zu holen.«
das Blatt seiner Axt in die Rinde der Eiche. So tief fuhr sie in —Sage über den Einsamen Wanderer aus der Waldwildnis

Erdhügeln errichtet wurden. Viele dieser Ortschaften Nostrier sie hin und wieder aufsuchen und um Rat fra-
scharen sich um einen Dorfplatz, auf dem häufig ein alter gen, was von den Hexen Nostrias jedoch nicht immer
Baum steht. Üblich sind auch Backhäuser und Spinnstu- gerne gesehen wird. Auch sie haben es sich zur Aufgabe
ben, die von den Einwohnern gemeinsam genutzt werden. gemacht, als Mittler zwischen den Menschen und dem
Wer tiefer in den Wald vordringt, stößt hier auf ver- Wald aufzutreten, und schätzen die Einmischung der
schworene Gemeinschaften, in denen man höchstens Sumen wenig. Einige Töchter Satuarias sollen sich je-
alle paar Jahre mal ein fremdes Gesicht sieht. Dort be- doch mit ihnen arrangiert haben, und sogar von einigen
gegnet man allerlei Vorurteilen, die umso stärker aus- freundschaftlichen Banden ist mancherorts die Rede.
geprägt sind, je mehr man sich äußerlich von den Ein- Wirtschaft & Handel: Leben und Überleben in der
heimischen unterscheidet. Hier herrscht starker Waldwildnis ist eine Herausforderung, und so mag es
Aberglaube vor, der sich vor allem um Sumu als Le- nicht verwundern, dass die Vorräte oft knapp sind und
bensspenderin und um Waldgeister aller Art dreht. nur wenige Güter gehandelt werden. Der Wald nimmt
Auch über die legendären Tierkönige von Hirsch und und der Wald gibt, so lautet ein altes Sprichwort, und
Auerochse kennt man hier viele Legenden, sowie über darben muss niemand, wenn er sich nimmt, was er
den Pflanzenkönig der Eichen, dessen Standort unter braucht – aber eben auch nicht mehr. Die Holzwirt-
anderem hier vermutet wird. ( 177) schaft ist die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle
Sumen genießen großes Ansehen und vermitteln zwi- der Menschen, außerdem gibt es Köhler, deren Holz-
schen den Menschen und den Kreaturen des Waldes. kohle vor allem die Schmieden benötigen. Jäger erle-
Sie wählen die Gebiete aus, in denen Bäume geschlagen gen Pelztiere und Wildbret, um damit zu handeln oder
werden dürfen, sie erlauben oder verbieten die Jagd auf zur Versorgung der heimischen Dörfer, wo die Beute
Tiere. Es ist beinahe sicher, dass auch die ansässigen zu Pökelfleisch oder Dauerwürsten verarbeitet wird.

Die Tommellande
Die Tommelauen sind die fruchtbarsten Ländereien
Lage: Tal von Nabla und Tommel von Arraned bis Elger Nostrias, und sie gehören zu den am längsten und am
Bevölkerung: 8.000 Menschen und einige Goblin- dichtesten besiedelten Regionen des Königreiches. Bis
sippen die ersten menschlichen Siedler kamen und sich mehr
Wichtige Siedlungen: Arraned (500), Elger (440), und mehr ausbreiteten, siedelten am Oberlauf auch
Harmlyn (400) mehrere Auelfensippen, von deren Präsenz heute je-
Besonderheiten: der Adler von Gevinsbar doch vielerorts nur noch alte Relikte künden.
Handelsgüter: Landwirtschaft, Forstwirtschaft; Handel
Verkehrswege: der Tommel, der Tommelweg

25
Die Quelle des Tommel liegt in den Ausläufern des Kosch- Flusswäldern gefällt und dann nach Nostria geflößt wird.
gebirges, nicht weit vom nordmärkischen Gratenfels Nicht selten können Schiffe einem der riesigen Holzflö-
entfernt. Bevor der Fluss bei Winhall nostrisches Gebiet ße nicht mehr rechtzeitig ausweichen, oder werden von
erreicht, ist er zu einem beträchtlichen Gewässer gewor- einzelnen Stämmen getroffen, die sich aus dem Verbund
den, das ab Aran auch schiffbar ist. Unterhalb von Fairn- gelöst haben, und kaum sichtbar im Wasser treiben.
hain durchquert er sumpfiges Land bis nach Nostria. Von Winhall bis Tommeldomm verläuft die Albernische
Auf dem schmalen Band zwischen Fluss und Waldrand Straße entlang des Tommelufers, die so heißt, weil sie
können Äcker und Felder angelegt werden. sehr häufig von Alberniern und anderen Mittelreichern
Flora & Fauna: In Ufernähe herrschen lichte Bruch- benutzt wird, die aus abergläubischer Furcht den sagen-
wälder aus Erlen und Weiden vor, dazwischen finden umwobenen Farindelwald umgehen wollen.
sich immer wieder Streifen von kultiviertem Land mit Zwischen Fairnhain und Tommeldomm ist die Straße in
bunten Äckern und Obsthainen. Die Nähe zum alberni- eher schlechtem Zustand und während der Frühlings-
schen Farindelwald, in dem viele Feen leben, sorgt auch hochwasser kann sie oft tagelang überhaupt nicht be-
hier für zauberhafte Naturschauspiele. So sieht man hin nutzt werden. Hinter Tommeldomm verengt sie sich zu
und wieder Quellgeister im Fluss neben kecken Forellen einem schlammigen Uferweg, der hauptsächlich von
springen, der Morgennebel formt schemenhafte Gestal- Treidelgespannen genutzt wird.
ten und manche Au des Tommellands scheint durch und Bewohner & Siedlungen: Alle größeren Siedlungen be-
durch von den Geistern der Natur beseelt. finden sich am Fluss, wo die Menschen fruchtbare Äcker
Weg & Steg: Seit Admiral Sanin einst seine Expeditions- bestellen. Oft wird viel aus stabilem Ahorn und Lehm
flotte den Tommel hinauf führte, wird der Fluss befahren. gebaut, und man findet flussauf, flussab immer wieder
Bis Fairnhain können selbst größere Segler passieren, Gehöfte und kleinere Siedlungen.
doch dort hindert eine Brücke Schiffe an der Weiterfahrt, Der Tommel ist nicht nur die Lebensader der Region,
die einen hohen Mast besitzen, den man nicht umlegen er bildet auch die Grenze zum Fürstentum Albernia
kann. Kleinere Boote können ihre Fahrt von hier aus al- im mächtigen Mittelreich. Erstaunlicherweise hat es
lerdings noch bis zur Furt beim albernischen Winhall entlang dieser Grenze bisher kaum ernst zu nehmen-
fortsetzen. Hier erhebt sich die mittlerweile neu errichte- de Konflikte gegeben. Die meisten Bewohner der Tom-
te Tommelbrücke, die sowohl auf Winhaller, wie auf nost- mellande kommen gut miteinander aus, egal unter
rischer Seite durch mächtige Torhäuser geschützt wird. wessen Herrschaft sie stehen. Durch den regen Kon-
Sie dienen als Zollstation und sollen die Angriffe von Orks takt ins Mittelreich gelten die Menschen hier als recht
abwehren, die einst die alte Brücke niedergebrannt ha- fortschrittlich, zumindest für nostrische Verhältnisse.
ben. Wessen Schiff unter der Brücke durchfahren kann, Der Zwölfgötterglauben ist dank dieser Weltoffenheit
und wem es gelingt, in den seichten Gewässern nicht auf deutlich stärker ausgeprägt als beispielsweise in den
Grund zu laufen, kann sogar mit Fluss- oder Treidelkahn Tiefen der Waldwildnis. Dank zahlreicher übernatür-
bis ins albernische Aran weiterfahren. licher Naturphänomene werden in den Tommelauen
Eine Fahrt auf dem Tommel ist trotz seiner ruhigen Was- jedoch auch Feenwesen verehrt, und besonders dem
ser nicht immer ungefährlich, denn der Fluss dient dem sagenhaften Flussfürst Tommel und seiner Nymphen-
Transport des nostrischen Ahorns, der überall in den schar begegnet man mit Ehrfurcht.

26 Land & Leute


Wirtschaft & Handel: Die meisten Schiffe auf dem andere Güter Pelze und Wilderzeugnisse. Auch im Tom-
Tommel fahren unter Albernischer Flagge, und so wird melland wird viel mit Holz gehandelt. Hier wird jedoch
rege mit dem Nachbarn gehandelt. Die Ernte wirft häu- statt Steineichen meist der nostrische Ahorn geflößt,
fig Überschüsse ab, und so werden allerlei Erzeugnis- der in der Gegend gerne verarbeitet oder in die Haupt-
se des Ackerbaus nach Nostria weiterverschifft, wo sie stadt transportiert wird, um ihn dort zu stabilen Möbeln
dringender gebraucht werden und gutes Geld einbrin- zu verarbeiten.
gen. Aus der Waldwildnis bezieht man im Tausch für

Thuranien
wurde. Nur selten patrouilliert heutzutage noch eines
Lage: rund um den Thuransee
der morschen Flöße, die lediglich einer Handvoll Bogen-
Geschätzte Bevölkerung: 12.000 Menschen,
schützen Platz bieten.
etwa 70 Zwerge und einige hundert Goblins
Nach Sonnenuntergang aber fährt kein Einheimischer
Wichtige Städte: Albumin (700), Egelings-
mehr freiwillig auf den See hinaus. Legenden künden von
fenn (420), Seewiesen (350), Thurana (860),
ruhelosen Toten in den dunklen Wassern, die einst Zeugen
Thuranx (300)
der zahllosen Schlachten am Ufer gewesen sein mögen.
Besonderheiten: Schauplatz von zahllosen
Flora & Fauna: Der Thuransee ist reich an Fisch und in
Schlachten und Scharmützeln
Schilf und Binsen summt, surrt und quakt es. Besonders
Handelsgüter: Fischerei, die Fürstenstraße
die Mücken sind im Sommer eine echte Plage, und das
als Handelsweg, Flachsanbau, Schweine- und
Surren der Drachenlibellen wird weithin gefürchtet. Man
Schafzucht, Holzfällerei
erzählt sich aber auch flüsternd von dämonischen Algen-
Verkehrswege: im Norden die Fürstenstraße,
teppichen, welche die Gelehrten Ulchuchui nennen, die
am Ostufer des Thuransees der Thuraner Uf-
versteckt im Uferschlamm auf Opfer lauern sollen. Auch
erweg, der im Süden zum Nablaweg wird
um das Fenn, die morastige Niederung am Westufer, ran-
ken sich allerlei Spuk- und Schauergeschichten. Wer sich
Die sumpfige Grenzregion Thuranien liegt um den na- ohne kundigen Führer hinaus ins Fenn wagt, und nicht
mensgebenden Thuransee, das größte Binnengewässer auf dem Bohlenweg bleibt, der gilt als verloren. Beson-
der Streitenden Königreiche. Vor allem im Norden und ders die Irrlichter gelten als gefährlich, denn immer wie-
Westen können die Grenzen zur unwirtlichen Wald- der lockt ihr Leuchten Wanderer so tief in den Morast,
wildnis kaum klar gezogen werden. dass sie nie zurückfinden oder versinken.
Seit Jahrhunderten schon ist Thuranien Schauplatz von Weg & Steg: Fähren oder einen regelmäßigen Schiffs-
Scharmützeln und Schlachten zwischen Nostria und An- dienst zwischen den Dörfern rund um den Thuransee
dergast. Es gibt Gegenden, in denen man mehr zerstör- sucht der Reisende hier vergebens. Wer über das rund 50
te Gehöfte findet, als solche, die bewirtschaftet werden. mal 30 Meilen messende Gewässer übersetzen will, der
Noch immer modern hier die Überreste der Andergas- muss selbst ein Boot besitzen. Ansonsten kann er nur da-
ter Thuranflotte vor sich hin, die im letzten Krieg vor rauf hoffen, einen Fischer zu finden, der ihn gegen ent-
über 30 Jahren für die Schlacht auf dem See ausgehoben sprechende Entlohnung an den gewünschten Ort bringt.

27
Am Nordufer führt die Fürstenstraße durch Thuranien Wirtschaft & Handel: Im Andergast zugehörigen Nor-
und verbindet die Region mit der Andergaster Haupt- den Thuraniens genießt zumindest ein Teil der Bewoh-
stadt im Westen. Richtung Osten führt sie gen Albumin. ner ein gewisses Maß an Wohlstand. Dieser ist beson-
Am Ostufer des Sees verläuft der Thuraner Uferweg, ein ders der Anbindung an die Fürstenstraße zu verdanken,
besserer Karrenpfad, nach Süden zum Fluss Nabla hin. die in die Markgrafschaft Greifenfurt führt und eine der
Dort trifft er dann auf den Nablaweg, der bis hinunter ins wichtigsten Handelswege zwischen dem nördlichen
albernische Winhall führt. Mittelreich und der Westküste ist.
Bewohner & Siedlungen: Viele Siedlungen rund um Zwischen dem Ufer des Thuransees und dem Waldrand
den Thuransee sind auf Pfählen errichtet, damit sie liegen zahlreiche verwilderte Weideflächen. Das Land
nicht im Ufermorast versinken oder bei Hochwasser ge- wird kaum bestellt, seit der Krieg die Menschen vertrie-
flutet werden. ben hat. Die Bewohner rund um den Thuransee leben
Verbaut wird alles, was das Land hergibt, und so sind meist recht gut von der Fischerei und dem Torfabbau
insbesondere die Fischerhütten oft auch aus Schilf oder am Rande des Fenns. Am Nord- und Westufer des Sees
Torf errichtet, und meist wird nur weiter entfernt vom wird außerdem Flachs angebaut und in beinahe jedem
See mit Eiche oder gar Stein gebaut. Haus zu Thuranischem Leinen gesponnen und verwebt,
Die Mentalität der Thuranier beiderseits der Grenze un- der weithin gehandelt wird. Hin und wieder nutzen
terscheidet sich kaum voneinander. Die Niedergeschla- auch wagemutige Schmuggler das Gewässer, um den
genheit, dass in dieser Region der Streit der Königrei- Zoll zwischen Nostria und Andergast zu umgehen, aber
che so häufig eskaliert, hat viele Bewohner der Gegend wirklich viel lässt sich damit nicht verdienen.
weltverdrossen gemacht. Man kümmert und sorgt sich Im nostrischen Süden Thuraniens, in erster Linie in
um die Seinen und schaut, dass man einigermaßen über den Tälern der Nabla, herrscht hingegen bittere Ar-
die Runden kommt. Allein im Norden sind die Thuranier mut. Die Leute leben neben der Flussfischerei vom Hol-
dank Handelsbeziehungen und hart erarbeitetem Wohl- zeinschlag, der Köhlerei und der Zucht von Schweinen
stand etwas weniger verdrossen und weltoffener. und Schafen. Handel wird hier meist nur mit Albernia
getrieben.

Der Steineichenwald
verändern, und auf Sonnenschein folgen nicht selten ur-
plötzlich Platzregen, Sturmböen oder heftige Gewitter.
Lage: das Gebirge nördlich der Waldwildnis
Um die Gebirge und ihre Gefahren ranken sich zahllo-
Bevölkerung: etwa 3.000 Menschen und wenige
se Legenden und Geschichten. Mehrere Goblinstämme
hundert Orks sowie einige Goblinsippen
haben sich in diese Gegend zurückgezogen, und das
Wichtige Städte: Anderstein (120), Andrafall (720),
Herz der Gebirge soll Drachenland sein. Bis auf die süd-
Orkenhort (einsames Wehrgehöft)
lichen Ausläufer gilt der Steineichenwald daher als un-
Besonderheiten: weitgehend unerschlossen und
erforscht, und die Menschen kennen kaum Namen für
schwer zugänglich, große Steineichenwälder
seine höchsten Gipfel. Steile Hänge, tiefe Schluchten
Handelsgüter: Holzfällerei, Pelze, Honig
und mehrere hundert Schritt aufragende Felswände
Verkehrswege: Andrastieg
prägen das Landschaftsbild. Enge Schluchten durchzie-
hen das Gebirge, und Bergbäche haben sich tief in den
Im Norden geht die Waldwildnis in ein steiles und kaum Fels gefressen.
zugängliches Gebirge über, das als natürlich Grenze Zwischen den beiden Bergketten liegt eine unwirtliche,
fungiert. Der Gebirgszug trägt den Namen jener Bäume, wenig erforschte Steppe, und neben einer äußerst müh-
die seine hauptsächliche Vegetation bilden: der Stein- samen Reise muss man hier auch mit größeren Orkrotten
eichenwald. Bei Ortsfremden führt diese Bezeichnung rechnen, die ihre Ansprüche auf das Land geltend machen.
immer wieder zu Irritationen, denn die meisten Reisen- Flora & Fauna: Bis zur Baumgrenze wachsen dichte
den nehmen anhand des Namens an, dass es sich um ei- Wälder aus Schwarzfichten, Föhren und Buchen in den
nen Wald handelt. Der Steineichenwald ist jedoch ein Tälern und an den Hängen. Berühmt und begehrt sind
echtes Gebirge, allerdings ein dicht mit Wald bestan- die großen, knorrigen Steineichen, denen das Gebirge
denes. Eigentlich handelt es sich genaugenommen um seinen Namen verdankt.
zwei unabhängige Gebirgszüge, die nur an ihrem west- Es gibt hier nicht nur Oger, Trolle, Orks und Goblins, die
lichen Ende aufeinandertreffen, und beinahe immer ist den Menschen das Leben schwer machen, sondern auch
der südliche Teil der Bergketten gemeint, wenn jemand wilde Tiere wie Waldspinnen, Wölfe und Bären. Aber auch
vom Steineichenwald spricht. Weiter kommen die meis- Todeshörnchen lauern manchmal im dichten Laubwerk,
ten Reisenden nämlich nie. um sich von oben auf vorbeikommende Wanderer zu
An den Südhängen des Steineichenwalds fangen sich stürzen und ihnen das spitze Horn auf ihrer Stirn in den
die Winde und peitschen heftig um die kargen Felsen. Schädel zu rammen. So mancher Reisende erzählt von
Binnen kurzer Zeit kann sich das Wetter dramatisch Kobolden, die allerlei Schabernack treiben und die Wesen

28 Land & Leute


Die Drachen des Steineichenwalds
Flammenauge, ein sehr alter und kluger Höh-
lendrache, gilt als Gebieter der Drachen des Stein-
eichenwaldes und hasst alle warmblütigen Zweib-
einer. Er soll seinen Hort im südlichen Teil des
Gebirges haben.
Delafir haust in den Wäldern nördlich von Enga-
sal. Sie versucht Flammenauge seine Herrschaft
streitig zu machen und ist von Eifersucht zerfres-
sen. Glücklicherweise kommt es aber nur selten
zu direkten Kämpfen zwischen den beiden.
Selbst unter Drachen gilt Lepitopir als wahnsin-
nig und unberechenbar. Der uralte Höhlendrache
unterhält mindestens drei Horte, zumeist soll er
aber in einer Höhle unter dem Zweigehörnten zu
finden sein, einem markanten Gipfel im zentralen
Steineichenwald. Lange Jahre soll er die legendä-
re zyklopische Klinge Gnorakir, auch Schwert der
Helden genannt, in seinem Hort verwahrt haben.
Seit ihm die Klinge 1014 BF von wagemutigen Re-
cken mit dem Segen des Fuchsgottes Phex geraubt
wurde, hasst er Menschen noch mehr und sein
Zorn ist weithin gefürchtet.

des Gebirges gegen einander aufbringen. Auch Drachen


leben im Steineichenwald, und vor allem Höhlendrachen
sollen ihre Horte tief in die Berge gegraben haben.
Weg & Steg: Echte Straßen sucht man im Steineichen-
wald vergebens, und nur wenige Pfade führen durch das
Gebirge. Allein verwegene Kundschafter kennen gang-
bare Pässe und Routen, die nicht ins Verderben führen.
Der Andrastieg ist der bekannteste davon, aber auch er
kann nicht mit Reittieren oder gar Karren genutzt wer-
den. Selbst bei gutem Wetter ist eine Reise gefährlich und
kräftezehrend, im Winter gilt er als unpassierbar.
Am Fluss und am Andrastieg finden sich immer wieder
kleine Schreine zu Ehren Andras. Seit sich die Frau des
ersten Fürsten Argos Zornbold hier dem Land zulie-
be opferte, tragen Fluss, Wasserfall und auch der Ort
Andrafall an seinem Fuße ihren Namen.

Alte Wälder An den Hängen des Gebirges und in seinen tiefen Tälern gibt
»Es ist dem Menschen nicht gegeben, den Steineichenwald zu es gewaltige Wälder aus Steineichen. Alt sind sie, so alt wie die
erobern. Zu viele Kreaturen hausen dort, die nur darauf warten, Welt, und zwischen ihren mächtigen Stämmen sind die Göt­
den Menschen zu erschlagen, zu verzaubern, in Drachenfeuer zu ter selbst schon spazieren gegangen, als sie noch über Dere
rösten oder in einen Baum zu verwandeln. Riesige Höhlendrachen wandelten. Turmhoch sind sie, die Ältesten der Eichen, und
gibt es dort, die auf ihren Horten sitzen und jeden verschlingen, unter den Ästen einer einzigen von ihnen könnte ein ganzes
der ihnen zu nahe kommt. Menschenfressende Bäume lauern Dorf errichtet werden. In ihrer Krone nisten Baumdrachen und
inmitten der dichten Wälder, und böse Waldgeister gehen um, Adler, und unter einigen ihrer riesigen Wurzeln hat ein Höh­
um jeden in sein Verderben laufen zu lassen. Waldspinnen lendrache seinen Hort angelegt. Manch einer dieser Bäume
spannen ihre gewaltigen Netze im Zwielicht auf, und Bär und starrt dich mit einem knorrigen Gesicht an. Manche sagen, ein
Wolf fallen über einsame Wanderer her. Auch Rotpelze findest solcher Baum sei einst ein Mensch gewesen, der wegen eines
du hier in großer Zahl, und manchmal wagen sich sogar die Frevels in eine Eiche verwandelt wurde. Ich aber glaube, dass
Schwarzpelze aus ihrem Land hervor. einige der uralten Bäume sprechen können. Viele Geheimnis­
Tief in den unzugänglichen Tälern hausen Kreaturen, die kei­ se kennen sie, aber sie mögen die Menschen nicht leiden. So
nen Namen haben, weil noch nie ein Mensch eine Begegnung gelingt es nur den holdesten Mägdelein, sie zum Sprechen zu
mit ihnen überlebt hat. Riesenoger gibt es dort, Harpyien und bringen. Wer aber gegen den Wald frevelt, ein Feuer entzün­
Steintrolle, Moosschrate, Felskatzen und gewaltige Riesen­ det, Äste abbricht oder sich gar mit der Axt an einem Baum zu
schlangen. Kein Weg führt durch die Berge, und wo du ent­ schaffen macht, der muss den Zorn des Waldes fürchten. Und
langkommst, landest du immer wieder vor unbezwingbaren nur mit Glück wird er diesen Tag überleben.«
Felswänden, bodenlosen Schluchten oder reißenden Bächen. —Andergaster Sage über den Steineichenwald

29
Bewohner & Siedlungen: In den unteren Ausläufern Häufig schon wurden ihre Mauern von Orks berannt.
der Berge leben einige Bergbauern, Hirten und Holz- Bisher ist es den Andergastern aber stets gelungen, die
fäller, die sich oftmals schon vor Jahrhunderten zu den Schwarzpelze abzuwehren, nicht zuletzt dank einiger
sogenannten Talschaften zusammengeschlossen haben. Magier des Kampfseminars, die hier ihren Dienst für die
Jeder verspricht dem anderen Schutz und Beistand und Krone verrichten.
aus der Mitte der Talschafter wird ein Schulze bestimmt, Wirtschaft: In den Randregionen des Steineichenwalds
der die Belange der Talschaft beim Freiherrn vertritt. gibt es vereinzelte Bergwerke, in denen vor allem nach Eise-
Dieses Amt wird meist vom Vater auf den Sohn vererbt, nerz geschürft wird. Die Arbeit in den Minen ist schwer und
sodass der Vorstand einer wohlhabenden Familie oft- gefährlich, aber man hat ein Auskommen. Aus dieser Ge-
mals wie ein adliger Ritter agiert. gend stammen fast die gesamten Erzvorräte der Region, die
Irgendwo zwischen den Gipfeln soll Burg Dragenstein mühsam bis nach Andergast gebracht werden müssen. Dort
auf dem Weißen Berg liegen, die von den Sumen Jahr- wird das qualitativ meist wenige hochwertige Erz zu Stahl
hundertelang aus der Welt entrückt worden sein soll. verarbeitet, aus dem viele Dinge des täglichen Bedarfs, aber
Ganz am Ende des Andrastiegs wacht die Feste Andra- auch Waffen wie der Andergaster gefertigt werden.
stein über die nördliche Grenze des Königreiches.

Die Steppen des Ostens


das Land sogar obendrein von einer Frau regiert.
Lage: langgezogene Ebene zwischen den beiden
Schon immer unterwarf man sich dort lieber den Ge-
Steineichenwäldern, Thasch und dem Finsterkamm
setzen der Steppe als denen aus der Hauptstadt, und
Bevölkerung: 4.000 Menschen, mehrere hundert
so haben sowohl das Patriarchat als auch der Einfluss
Orks und einige Goblinsippen
der Sumen hier nie dauerhaft Fuß fassen können. In
Wichtige Städte: Teshkal (900), Krayenhorst (ver-
der Vergangenheit konnte sich Teshkalien dank seiner
lassene Festenruine)
abgeschiedenen Lage immer wieder von Andergast los-
Besonderheiten: Messergrassteppe, kein Patriar-
sagen, ohne große Konsequenzen fürchten zu müssen.
chat, Pferderasse Teshkaler
Die stete Bedrohung durch Orks und andere Fährnis-
Handelsgüter: Pferdezucht, Rinder- und Schaf-
se zwang es jedoch schon mehrfach zum Wiederan-
zucht, Landwirtschaft
schluss an das Königreich, zuletzt 1010 BF.
Verkehrswege: Teshkaler Weg, Nordweg, Lialins-
Flora & Fauna: Der östliche Teil der Steppe ab Tesh-
weg, einzelne Pisten durch die Steppe
kal ist fast völlig unzugänglich, da er überwiegend vom
namensgebenden Messergras bewachsen ist. Das hüft-
Zwischen Steineichenwald, Thasch und Finsterkamm hohe, gelbgrüne Gras hat äußerst scharfkantige Blätter
erstreckt sich eine weite Ebene, auf der nur im Westen (siehe Seite 103). Meist durchbricht nur roter Mohn das
vereinzelt kleine Haine und Wälder vorkommen. Der Un- Meer der wogenden gelben Halme, gelegentlich wach-
tergrund ist karg, steinig und trocken, und nur manch- sen hier aber auch gedrungene Wacholderbüsche. Au-
mal trifft man noch auf die Ruinen längst verlassener Ge- ßer flinken Nagern und einigen Schlangenarten kön-
höfte. Der Mensch kann hier nur wenig ausrichten, wenn nen nur wenige Tiere hier überleben, und so ist hier
überhaupt, dann haben Orks und Goblins in der Einöde Wild rar. Eine Ausnahme stellt das mächtige Waren-
das Sagen, und es gilt das Recht des Stärkeren. nashorn dar, dessen dickem Panzer selbst die messer-
Je weiter man nach Osten kommt, desto öfter wächst scharfen Blätter nichts anhaben können, was es jedoch
jedoch das scharfe Messergras, und macht die Region gerade deshalb zur beliebten Jagdbeute macht.
noch unbewohnbarer. Östlich der Stadt Teshkal steht es Im Frühjahr müssen die Theshkalier dem sich ausbrei-
sogar so dicht, dass man gleich eine ganze Gegend nach tenden Messergras auf ihrem Land Einhalt gebieten.
ihm benannt hat: die Messergrassteppe. Hier endet das Mühsam und gefährlich sind die Arbeiten, zu denen
Königreich Andergast, denn niemand kann in dieser le- lange Sensen mit eisenverstärkten Stielen zum Einsatz
bensfeindlichen Umgebung siedeln. Schon eine Reise kommen, und so mancher Feldherr träumte bereits
durch das unwirtliche Gebiet gilt als lebensmüde. davon, sie in Feldschlachten einzusetzen. Brandro-
Faktisch wird daher nur Teshkalien, die Gegend um dung ist hingegen verpönt, weil so unbeherrschbare
Teshkal herum, wirklich von den Menschen be- Steppenbrände entstehen können. Das eigentliche
herrscht. Nicht nur in ihrer außergewöhnlichen Lage Problem wird so aber ohnehin nicht beseitigt, denn
unterscheidet sich die östlichste Freiherrschaft deut- Messergras hat sich als äußerst widerstandsfähig ge-
lich vom Rest des Königreichs. Es ist die einzige Region gen Feuer erwiesen.
Andergasts, in der kein strenges Patriarchat herrscht. Im äußersten Westen und Osten der Steppe gibt es klei-
Frauen sind hier, wie in den meisten Ländern Aventu- nere Waldgebiete, die zunehmen, je näher man den
riens, gleichberechtigt. Damit gelten viele Sitten und Bergen kommt. Auch hier ist der Boden jedoch trocken
Gebräuche, die sonst in Andergast Gang und Gäbe sind, und steinhart, sodass sich meist nur widerstandsfähi-
in Teshkalien nicht viel. Zum Ärger vieler Adliger wird ges Steppengras und zähes Buschwerk halten kann.

30 Land & Leute


Horndrachen werden häufiger über der Steppe gesich- Andergaster so lebensbestimmend ist. Ihre größte Lei-
tet, und auch Harpyien ziehen manchmal ihre Krei- denschaft gilt den Pferden sowie dem Erzählen und Er-
se, haben ihre Horste aber vermutlich im Thasch oder finden von spannenden Geschichten. Wenn ein Frem-
Finsterkamm. der zu Besuch ist, kann dieser durch Lob für das Ross
Immer wieder ziehen Orks über den nördlichen Stein- oder den Vortrag einer schönen Geschichte schnell
eichenwald durch die Steppe bis Anderstein oder so- Freunde unter den Einheimischen gewinnen.
gar ins Umland von Teshkal, wo es gute Beute zu ma- Bis heute verehren sie noch vor den Geistern der Steppe
chen gibt. Rahjas geflügelte Himmelsrösser Tharvun (Hengst der
In kleinen Schonungen leben zudem einige Goblinsip- Nacht) und Sulva (Stute des Tages), die über die weiten
pen, die von mächtigen Zauberfrauen angeführt wer- der Steppe preschen sollen. Abseits von Teshkal gibt es
den, und die neben ihren Göttern mächtige Steppen- keine größeren Siedlungen in der unwirtlichen Gegend
geister verehren. ( 180) im Osten. Einzig die für menschliche Bewohner zu groß-
Weg & Steg: Trotz aller Abgeschiedenheit gibt es eini- zügig geschnittene Feste Krayenhorst liegt inmitten des
ge Pisten durch die Messergrassteppe, von denen nur Messergrases, doch die hier hausenden Harpyien wa-
der Nordweg das von Messergras überwucherte Gebiet chen eifersüchtig über die lange verlassene Ruine.
durchschneidet. Er führt von Teshkal nach Norden in die Die wenigen Menschen, die in den westlichen Weiten
tiefen Trogtäler des Thasch. In den Höhen des Gebirges der Steppen leben, haben sich gezwungenermaßen mit
teilt sich der mühsam zu begehende Weg bei den Rui- den Orks arrangiert, auf die eine oder andere Art. Ver-
nen des lange verlassenen Örtchens Thaschkamm. Nach streut liegen kleine und gut befestigte Höfe, deren Be-
Nordwesten führt er ins Orkland, die andere Abzwei- wohner sich gegen die Schwarzpelze zu wehren wissen.
gung führt Richtung Nordosten durch die Thaschpforte In manchen Dörfern stehen hingegen sogar Schreine
ins Svellttal. Auf diesem Weg zogen die Orks im Jahr 1010 des Orkgottes Tairach, die immer wieder mit Blut geseg-
BF auf ihrem Weg ins Mittelreich durch Andergast. net werden. Die Sitten sind oft grob, und man fordert
Der Lialinsweg (manchmal auch Thaschweg) zweigt noch sein Recht schnell mit Gebrüll oder Fäusten ein. Wehr-
vor dem Gebirge nach Osten ab und liegt nur anfangs haft ist fast jeder, der sich hier lange genug gegen die
stellenweise im Messergras. Er schlängelt sich durch Gefahren der Wildnis behaupten konnte, und auch die
die Ausläufer des Thasch, am verfallenen Lialinsturm Frauen bilden da keine Ausnahme.
( 184) vorbei und durch das Trauerholz, passiert Wirtschaft & Handel: Die wenigen Äcker der Region
die Wehrburg Greyfensteyn in der Donnersmark und werfen oft gerade genug ab, um die dort lebenden Men-
führt schließlich nach Yrramis im Svellttal. schen und einige Nutztiere zu versorgen. Meist werden
Es gibt andere Pfade in der Messergrassteppe, die nur Schafe und genügsame Rinder gehalten. Rund um die
durch flache Steinmarkierungen erkennbar sind. Da einzige Stadt findet sich mühsam dem Messergras ab-
sie nur selten genutzt werden, wuchern sie jedoch getrotztes Land, das bestellt werden kann. Besonders
schnell wieder zu, und sich im Messergras zu verirren, stolz sind die Teshkaler auf ihre jahrhundertealte Pfer-
kann einen leicht das Leben kosten. dezucht, und so weiden viele der edlen Tiere rund um
Bewohner & Siedlungen: Die Teshkalier hassen die Stadt. Sie erzielen hohe Preise, und manch Adliger
die Schwarzpelze, scheren sich aber dafür nur we- nimmt den weiten Weg auf sich, um direkt vor Ort ein
nig um die Feindschaft zu den Nostriern, die für alle neues Kutschenpferd oder ein Schlachtross zu erstehen.

31
Städte und Dörfer der Streitenden Königreiche
Albumin Region: Hauptstadt des Königreichs Andergast, Frei-
Albumin (EW 700, 10% Zwerge) liegt an der Grenze zwi- herrschaft Andergast
schen Andergast und dem Mittelreich, östlich der Albu- Einwohner: 6.500
miner Pforte, dem hügeligen Durchlass zwischen Fins- Herrschaft: König Wendelmir VI. Zornbold, beraten
terkamm und Koschgebirge. Handel und Zolleinnahmen durch den Stadtrat der Zünfte
sind die wichtigste Geldquelle. Bemerkenswert ist, dass Tempel: Hesinde, Ingerimm, Peraine, Praios, Rondra,
der Freiherrensitz von den sogenannten Finsterzwergen Travia, Tsa; mehrere Schreine
aus dem Finsterkamm beschützt wird. Freiherr Wen­ Handel und Gewerbe: Umschlagplatz für Holz (beson-
zeslaus der Ältere Zornbold (*978 BF, schlohweißes Haar, ders Steineiche) und Holzprodukte, Erzeugnisse aus
graublaue Augen) lässt sie gewähren. Der Vater König der Schweinezucht, Kohle, Pferde (Teshkaler), Tor zum
Wendelmirs kümmert sich kaum um die Angelegenhei- Handel mit Thorwal sowie zwischen Nostria und dem
ten seiner Stadt, da ihn seine Aufgaben als Heermeister aventurischen Inland
und Recke Rondras häufig andernorts binden. Besonderheiten: trutzige Königsburg, dreckige, enge
Die mürrischen und wortkargen Zwerge lassen die Gassen, in denen Hunde und Schweine herumstreunen,
menschlichen Bewohner Albumins ihre Verachtung Kampfseminar Andergast (Magierakademie, grau, klas-
deutlich spüren. Im Ingerimm jeden Jahres kommt eine sische Kampfmagier), Ordenshaus des Alchimistenbun-
Abordnung des Zwergenkönigs Bonderik in die Stadt des vom Roten Salamander
und fordert für ihren Schutz Tribut, der von Jahr zu Jahr Stimmung in der Stadt: männerdominiert, auf
höher ausfällt. Allerdings haben die Orks Albumin bis- alte Traditionen pochend, allem Neuen gegenüber
her stets verschont, obwohl sie die Stadt mehrfach hät- misstrauisch, der Obrigkeit ergeben
ten plündern können. ( 184) Die Stadt im Spiel: Andergast ist die Hauptstadt und
jeder, der etwas auf sich hält, will hier, in der Nähe des
Althagen Königs, leben. Das Gerangel um Gehör bei Hofe ist groß
Althagen (EW 540) liegt inmitten einer der fruchtbars- und wird mit List und Tücke betrieben. Die Armut und
ten Regionen Nostrias. Dass es von Kriegszügen weitge- die fast uneingeschränkte Macht des Adels wird von vie-
hend verschont worden ist, obwohl der wichtige Sâlweg len Andergastern als gegeben hingenommen. Im Wider-
durch die Stadt führt, liegt am einflussreichen Hexenzir- streit dazu stehen die reichen Bürger und Handwerker,
kel der Althagener Schwestern, der in den Hügeln west- die mit ihren Zünften über großen Einfluss verfügen
lich der Stadt seinen Festplatz hat. Etwas außerhalb liegt und ihn auch zu nutzen wissen – zum großen Ärger der
das Gestüt Roswilden, dessen Besitzerin ebenfalls zu den Adligen. So üben die reichen Holzhändlerfamilien Och-
Althagener Schwestern gehört. Seine Pferde sind im nost- senbrecht und Birgelbaum insgeheim großen Einfluss
rischen Adel äußerst begehrt. Viel bekannter ist die Stadt auf die Zünfte aus, ebenso die Familie Hufferich, die vor
aber für die Althagener Puppen, lebensechte Figuren aus langer Zeit den Fürsten ein Salzmonopol abgetrotzt hat.
Holz und Stoff, die als beliebtes Kinderspielzeug gelten. Dem einfachen Volk hingegen ist es gleich, ob es nun
Es heißt, dass wahre Meister der Puppenkunst ihre Wer- von Rittern oder reichen Bürgern ausgenutzt wird.
ke zu magischem Leben erwecken könnten.
Nur einigen Gelehrten ist bekannt, dass Althagen viel- Andergast, die Hauptstadt des gleichnamigen König-
leicht die älteste Siedlung Nostrias ist. Denn bereits vor reichs, liegt inmitten ausgedehnter Wälder an der Mün-
Ankunft der Bosparaner hatten sich hier Nachkommen dung der Andra in den Ingval. Seine Mauern sind dun-
der Alhanier niedergelassen, die den Ort Yosulinheim kel, die holzhausgesäumten Gassen eng, das Gemüt der
nannten. Bis heute werden immer wieder Hügelgräber Einheimischen patriotisch ist und traditionsverhaftet.
dieser Altsiedler gefunden, die die Vorfahren der heuti- Von der trutzigen Festung inmitten der Stadt aus regiert
gen Norbarden sind. König Wendelmir VI., ein Ritter aus dem Geschlecht der
Zornbold, seine Untertanen mit harter Hand. Im Rond-
Andergast, Hauptstadt der Holzfäller ra platzt die Stadt zum großen Ritterturnier fast aus al-
»Wir sind das Bollwerk gegen len Nähten, ansonsten geht es zwar geschäftig, aber mit
die Orks und die elenden Nost­ Muße zu.
riacken, beständig und un­ Die Stadt wird von engen und verwinkelten Gassen do-
beugsam wie Steineichen!« miniert, von denen nur die wenigsten gepflastert sind
—ein Andergaster Ritter, 1039 BF und die sich zwischen meist zwei- bis dreistöckigen
Häusern hindurchschlängeln, sodass Ortsfremde sich
»Dreckig, sehr rückständig und schnell darin verlaufen können. Die oberen Stockwerke
frauenfeindlich. Nein, gefällt mir der Fachwerk- oder Holzhäuser sind meist ausladender
gar nicht!« gebaut als die unteren, sodass sie sich oben fast berüh-
—eine horasische Gelehrte, 1040 BF ren und kaum Tageslicht in die Gassen fällt.

32 Land & Leute


Nach Regenfällen, die hier häufig sind, verwandelt sich sind, sondern die „man halt kennt“. Außerhalb der
der Untergrund in klebrigen Schlamm, der sich mit Un- Zunftordnung stehen nur die Stadtmauer mit den To-
rat mischt. Bessergestellte benutzen sogenannte Trip- ren, der Flusshafen, die Königsburg und der Marktplatz
pen, Holzgestelle, die unter die Schuhe geschnallt wer- samt Rat- und Zeughaus sowie die Magierakademie, die
den können, um Schuhe und Rocksäume zu schonen. Wie allesamt von der Stadtwache, der Königsgarde, kontrol-
eine Glocke hängt der Geruch der Herdfeuer, in denen liert und bewacht werden.
Torf oder Holz verfeuert wird, über der Stadt und mischt
sich mit dem Gestank des Unrats. Im Sommer kann die Die Königsstadt (S01)
Luft so beißend sein, dass man kaum zu atmen wagt. Die Stadtmauer ist etwa vier Schritt hoch. Die Stadt-
Kunstvolle Holzarbeiten, Schweinezucht und Handel wachen patrouillieren ab und an auf dem zinnengekrön-
bestimmen den Alltag der meisten Städter, die deutlich ten Wehrgang und schauen nach dem Rechten. Die vier
weltgewandter sind als die andergastische Landbevöl- Stadttore sind tagsüber offen, nachts werden Fallgatter
kerung. Trotzdem werden auch sie von Fremden oft als herabgelassen und die Stadt ist dann faktisch unzugäng-
konservativ und fortschrittsresistent beschrieben. lich. Die Torwachen der Stadtgarde kontrollieren, wer
Andergast untersteht als Sitz des Königs direkt der ein- und ausgeht, und verlangen Zoll. Das Betreten der
Herrschaft von Wendelmir VI. Er lässt die Stadt jedoch Stadt kostet für Fremde 1 Heller pro Bein (auch für Reit-,
von einem Stadtrat regieren, da er Bürokratie nur wenig Last- und Zugtiere muss bezahlt werden), Stadtbewoh-
schätzt. Das Gremium setzt sich aus den Oberhäuptern ner und Menschen aus der näheren Umgebung können
der Handwerkerzünfte sowie Vertretern der wichtigen ebenso kostenlos passieren wie Andergaster Adlige und
Tempel und der Magierakademie zusammen. Der Rat ihr Gefolge. Personen mit „übergroßen Waffen“, „Gif-
tagt einmal pro Woche und muss all seine Beschlüsse ten“ oder anderen „gefährlichen Gerätschaften“ wer-
dem König vorlegen. Alle vier Jahre wird der Ratsspre- den nicht eingelassen – wie sich diese Begriffe definie-
cher neu gewählt. Wendelmir hält zudem unregelmäßig ren, hängt von der jeweiligen Torwache ab und kann
Audienzen ab, bei denen die Bürger der Stadt und alle durch ein kleines Trinkgeld beeinflusst werden.
freie Untertanen des Landes ihre Bitten vortragen kön- Die Königsburg (01) ragt trutzig über dem Zusammen-
nen. Frauen müssen hier jedoch einen männlichen Für- fluss von Andra und Ingval empor. Zwar ist sie nach mit-
sprecher vorschicken. telreichischen Maßstäben nur mittelgroß, aber die größ-
Jeder Sohn eines Andergaster Bürgers erhält mit Errei- te Festung Andergasts, deren tiefschwarzen Mauern man
chen des vierzehnten Lebensjahres das Bürgerrecht. das Alter von über tausend Jahren deutlich ansieht. Die
Zugezogene Männer, die seit zehn Jahren in der Stadt Keller sind wegen ihrer ständigen Feuchtigkeit verrufen,
wohnen und ein eigenes Haus besitzen, können für den doch auch der Rest der Burg ist kühl und zugig. Zwischen
stolzen Preis von 100 Dukaten den Bürgerbrief erwer- vier klobigen Türmen steht ein Mittelgebäude, davor
ben. Frauen können das Bürgerrecht nur erhalten, wenn liegt ein großer von der Burgmauer eingefasster Platz, an
sie Geweihte oder Magierinnen sind. Geweihte als auch dessen Rand sich Kräuter- und Gemüsebeete finden.
Magier erhalten das Bürgerrecht automatisch, wenn sie Neben dem König und seiner Familie leben hier viele
dauerhaft in der Stadt leben. Dienstleute, zu denen auch fast zwei Dutzend Ritter ge-
Die Stadtwache sorgt für Recht und Ordnung in der hören, die König Wendelmir auf seinen Reisen durchs
Stadt. Sie setzt sich in erster Linie aus landlosen Rittern Land begleiten oder von ihm mit besonderen Aufgaben
zusammen und nur wenige Bürger oder Söldner finden betraut werden.
sich in ihren Reihen. Da aber die Zünfte die Stadtvier- Im Westturm befindet sich eine Hesindekapelle (T01),
tel kontrollieren und eigene Wehren aufgestellt haben, die von Wendelmirs Tante Irinia (siehe Seite 128) be-
kommt es immer wieder zu Kompetenzstreitigkeiten. treut wird. Seit der Krönung Wendelmirs kommen al-
Kleinere Vergehen werden meist vom jeweiligen Zunft- lerdings kaum noch Gelehrte her, um mit Irinia über Re-
rat geahndet und mit Geldstrafen belegt. Sind Ortsfrem- ligion und die Welt zu philosophieren.
de oder höherrangige Personen betroffen oder handelt Eine fünfbogige Steineichenholzbrücke überspannt im
es sich um schwere Vergehen, wird der Fall in der Regel Süden den Ingval und stellt für große Schiffe ein Hin-
einem vom König berufenen, gestandenen Ritter über- dernis dar. Auf der Südseite werden Brücke und Stra-
geben. Nur bei besonders schweren Verbrechen, der ße von der Ingvalsfeste (02) bewacht, an der Vorbei-
Anklage eines Freiherrn oder ähnlich aufsehenerregen- ziehende Zölle entrichten müssen (nicht jedoch solche,
den Fällen lässt Wendelmir vor dem Rat der Recken ver- die in die Stadt wollen). In der Festung selbst leben die
handeln oder sitzt selbst zu Gericht. Ritter der königlichen Leibgarde. In der Mitte der Brü-
cke befindet sich ein Wachtor, an dem Reisende ihren
Stadtrundgang Zoll zahlen müssen, wenn sie die Stadt betreten wollen.
Die Stadt ist in Zunftviertel unterteilt. Hier treiben die Im Zentrum der Stadt bieten Tag für Tag auf dem Markt-
Zünfte die Steuern ein, gewährleisten den Schutz ge- platz (03) Einheimische und Händler von nah und fern
gen Feinde und Feuer, ahnden kleinere Vergehen und alles an, was die Andergaster so brauchen. Einmal wö-
schlichten Streitigkeiten. Es gibt zahlreiche Zunftre- chentlich wird ein Bauernmarkt abgehalten, zudem fin-
geln, die jedoch meist nicht schriftlich festgehalten det in der ersten Wochen des Perainemonds ein großer

34 Land & Leute


Viehmarkt statt. Während des jährlichen Königsturniers Der Tempelvorsteher Greifwin Heidenjäger stammt ur-
(jeweils Mitte Rondra) treffen hier meist die Kämpfer zu sprünglich aus Gareth und hat nur wenig für den Glau-
Fuß aufeinander, während die Reiterspiele und das Bo- ben an Sumu und den Einfluss der Druiden übrig.
genschießen außerhalb der Stadtmauern stattfinden. Im trutzigen Zeughaus (05) werden Waffen (vor allem
Am Marktplatz erhebt sich das altehrwürdige Rathaus Spieße und Kurzbögen) aufbewahrt, die im Fall eines An-
(04). In dem dunklen, aber reichverzierten Ratssaal tagt griffs ausgegeben werden. Hier sind auch die Wachstu-
der Stadtrat und kümmert sich um die Stadtgeschäfte. Es be der Stadtwache zu finden sowie in der ersten Etage
gibt eine Schreibstube, in der man gegen Gebühr Briefe die Quartiere der Waffenknechte und unverheirateten
diktieren und oder sich vorlesen lassen kann und in der Ritter. In den feuchten, kühlen Kellergewölben werden
Verträge aufgesetzt werden können. Ein Nebeneingang Vorräte für eine eventuelle Belagerung gehortet.
führt eine Treppe hinab in den Ratskeller (G01) (Q5/ Jeder Flusskahn auf dem Ingval muss am Hafen (06) anle-
P4/S–), eine Gaststätte für die Wohlhabenden, dessen gen, um seine Abgaben zu entrichten. Auch Fischer kom-
Wände mit Szenen aus der Stadtgeschichte bemalt sind. men hierher, um ihren Fang auf dem Markt oder mitunter
Neben dem Rathaus steht der Rondratempel (T02), ein direkt vom Boot aus zu verkaufen. An den Hafen schließt
prächtiges Steineichengebäude. Die halbierten Baum- sich eine kleine Werft (07) an, in der Fischerboote und
stämme wirken wegen der zahllosen Eisennägel und Flusskähne gebaut werden. In unmittelbarer Nachbar-
Dornen, die Gläubige als Gabe in sie hineingeschlagen schaft findet sich der unscheinbare Traviatempel (T04),
haben, äußerst brachial. Im Innern finden sich zahllose in dem die Armen ein Obdach finden, wenn sie dafür im
zerfetzte, blutverschmierte Banner, zerbrochene Schil- Haus oder einem der nahen Sägewerke helfen. Es gibt
de und geborstene Waffen. Die Geweihten sind sehr pa- aber auch zwei besser ausgestattete, nach Geschlechtern
triotisch eingestellt, und der Vorsteher, Schwertbruder getrennte Schlafsäle (Q3/P2/S20) für zahlende Gäste.
Ulfried Zornbold, ist ein entfernter Verwandter des Kö-
nigshauses. Er diskutiert gerne mit Gelehrten und Rit- Das Schmiedeviertel (S02)
tern über theologische Belange. Hier haben sich Huf-, Waffen- und Grobschmiede ange-
Der einzige Praiostempel (T03) in Andergast ist recht siedelt, aber auch Plättner, Drahtzieher und ein Gold-
prächtig gehalten. Seine Kuppel besteht aus glänzen- schmied – außerdem die örtlichen Töpfer. Seit einem ver-
dem Messing und zu jeder vollen Stunde wird in die- heerenden Brand darf in diesem Viertel kein Haus mehr
ser Kuppel ein weithin hörbarer Gong geschlagen. aus Holz oder in Fachwerkbauweise errichtet werden.

35
Im recht neuen Zunfthaus der Schmiede (08), einem (siehe auch Seite 116). Die Zauberschule ist traditions-
wenig verzierten Steingebäude, versammeln sich die verhaftet und nahm lange Zeit nur adlige Männer auf. In
Meister, um den Zunftmeister für die Ratssitzungen zu den letzten Jahren hat sich die Stimmung dank dem Ein-
beraten und ihre Interessen zu wahren. fluss des vorigen Königs Efferdan und einigen geschick-
Der Tsatempel (T05) wurde kurz nach dem Stadtbrand des ten Schachzügen der Grauen Gilde geändert. Heute
Jahres 952 BF errichtet. Als Gattin Efferds verehrt, ist sie die steht die Akademie auch Frauen offen und nimmt sogar
Einzige, die dessen Launen mildern kann, und selbst eine Nichtadlige auf. Gardisten des Ordens der Grauen Stäbe
Katastrophe wie ein großes Feuer gilt hier als Laune dieses bewachen das Gelände, auf dem die Schüler sehr streng
Gottes. Die Priesterschaft der Regenbogengöttin kümmert und militärisch geschult werden.
sich heute vor allem um die Waisenkinder der Stadt. Das Gasthaus Zum fetten Schinken (G05) (Q4/P5/S13)
In der Schänke Schwarz und Rot (G02) (Q2/P2/S–), ist das beste und mit Abstand teuerste. Hier steigen rei-
treffen sich die Söldner der Stadt. Der waffenge- che Händler und Adlige ab. So gibt es auch nur einen
schmückte Schankraum dient als Korschrein und Ort Schlafsaal für Bedienstete, während die eigentlichen
für die Auftragsvergabe zugleich und ist obendrein eine Gäste in Einzel-, Doppel- oder Vierbettzimmern unter-
recht derbe Kneipe. gebracht werden. ( 184)
Das Steinhaus der Werkstätten des Roten Salaman-
Das Tuchmacherviertel (S03) ders (12) mit den kleinen Fenstern und dicken Mau-
Hier leben und arbeiten vor allem die Weber, Tuchhänd- ern liegt am Rand des Marktplatzes. Über dem Eingang
ler und Schneider. Auch ein Seiler hat sich hier angesie- hängt ein Messingschild, das eine fette rote Eidechse
delt, und außerdem einige Kürschner, die sehr viel Wert darstellt, die sich auf einem Haufen Kohle räkelt.
darauf legen, nicht mit den weniger angesehen Gerbern Die Alchimisten bieten Arzneien und Elixiere an. Gifte
aus dem Ledererviertel in einen Topf geworfen zu wer- und gefährliche Stoffe werden, wenn überhaupt, nur
den. Das Zunfthaus der Tucher (09) ist ein bescheide- unter der Ladentheke verkauft. Die Qualität ist meist
nes Holzgebäude, das vor allem als Schrein für die bei- gut, da es aber weit und breit wenig Konkurrenz gibt,
den Schutzheiligen Ysinthe und Alruna dient. sind die Preise überdurchschnittlich.
An der Grenze zwischen Tuchmacher- und Schmiede-
viertel steht der Perainetempel (T06). Die Geweihten Holzwerkerviertel (S05)
kümmern sich um Kranke und Verletzte, die sich keinen Nicht nur Handwerker wie Schreiner, Bootsbauer, Figu-
teuren Heiler leisten können, und führen auch das hie- renschnitzer und Schindelmacher, sondern auch Koh-
sige Siechenhaus. Geleitet wird der Tempel vom greisen len- und Reisighändler sowie zwei Baumeister und der
Pfleger des Landes Atheldan, der als Recke Peraines reichste Holzhändler der Stadt gehören zu den Holzwer-
zum Rat der Recken (siehe Seite 69) gehört. kern. Das vollständig aus Steineiche errichtete Zunft-
In zwei großen Zubern kann man im Badehaus (10) ein haus der Holzwerker (13) dient der Repräsentation.
ausgiebiges Bad für 3 Silbertaler nehmen, streng nach Gedrechselte Säulen, reich beschnitzte Balken, filigrane
Geschlechtern getrennt. Wer seinen Zuber für sich ha- Fenstergitter aus Holz und Türen mit reichen Intarsien
ben will, zahlt ordentlich drauf (+2 Silber). Man kann zeugen von der Kunst der Andergaster Holzwerker. Die
Getränke und Speisen ordern und sogar einen Barden Eingangshalle wird von einer lebensgroßen Holzstatue
für Unterhaltung sorgen lassen. Die Besitzerin Dittlin­ einer Dryade geziert, die gerade aus einer Steineiche
de legt äußersten Wert darauf, dass keine Dirnen Zugang hervortritt. Fremde und junge Lehrlinge werden gerne
zu ihrem Haus erhalten. Außerdem versteht sie sich auf mit dem Märchen erschreckt, die Dryade würde mitun-
die Behandlung von kleineren Verletzungen und das ter Menschen verführen und in den Baum hineinziehen,
Entfernen schmerzender Zähne. den sie dann nie wieder verlassen könnten.
Das traditionsreiche Wirtshaus Zum Ochsen und Ein- Das einzige eingeschossige Gebäude des Viertels beher-
horn (G03) (Q3/P3/S14) ist bei Handwerken wie Reisen- bergt den kunstfertig mit Schnitzereien ausgestalteten
den beliebt. Der Schlafsaal gilt als überdurchschnittlich Ingerimmtempel (T07). Die Geweihten hier sind er-
sauber. Wirt Bernfried kennt sich sehr genau in der staunlich mystisch veranlagt, was häufiger zu Reiberei-
Stadt und unter ihren Bewohnern aus und kann für ein en mit den praktisch denkenden Zunftmeistern führt.
kleines Handgeld auch mancherlei Geheimnisse verraten.
Andrafall
Das Ledererviertel (S04) Andrafall (EW 720) ist die älteste Siedlung Andergasts.
Das Viertel ist bereits am Geruch zu erkennen, denn Ei- Bis heute ist sie die wichtigste Stadt an den Ausläu-
chengalle, Urin und andere Gerbsäuren verbreiten ei- fern des Steineichenwalds. Die Andra ist der Weg, um
nen elenden Gestank. Nur Einheimische wissen, dass in die mächtigen Steineichen, die hier im Überfluss zu
einem Nebenraum des Gasthofs Zur Ente (G04) (Q2/ wachsen scheinen, in andere Regionen zu flößen. Zwar
P2/S12) die Lederer ihre Versammlungen abhalten, muss der Wasserfall überwunden werden, aber durch
weswegen dieser als Zunfthaus gilt. ein Wehr und kräftige Zugtiere gelingt es den Flößern,
Direkt neben dem Osttor ist das Kampfseminar Ander- das kostbare Holz über einen gewundenen Pfad zum
gast (11) untergebracht, die hiesige Magierakademie Andrafaller Flößerhafen zu schaffen.

36 Land & Leute


Die Stadt wurde auf einer Lichtung errichtet, die sich Eichhafen
unterhalb einer 40 Schritt hohen Felswand ausbreitet, Der Ton in Eichhafen (EW 800) ist ebenso rau, wie
über die die Andra in die Tiefe stürzt und einen großen Fremde häufig sind. Holzfäller, Pelzjäger, Händler und
Teich speist. Tsagläubige messen dem Andrafall große Flößer kehren hier ebenso ein wie Thorwaler, Nostrier
Bedeutung bei, denn wenn die Sonne scheint, sind viele und sogar selbstbestimmte Frauen.
Regenbögen über dem See zu erkennen. Neben dem meist überfüllten Gasthaus gibt es fünf
Das Städtchen ist mit einer massiven Palisade aus Stein- Schenken, in denen Gäste gegen ein kleines Handgeld
eichenholz umgeben, und neben seinen Holzhäusern auch auf den Bänken der Gaststube nächtigen dürfen.
erhebt sich auf einem kleinen Hügel die uralte Festung, Dieses Angebot wird jedoch fast genauso häufig wahrge-
Sitz der Freiherrn von Andrafall. nommen wie die Dienste der Freudenmädchen, die hier
Traditionell treffen sich in jedem Praios in Andrafall ihren Leib feilbieten. Im Zentrum des Ortes stehen sich
Holzfäller, um in einem volksfestartigen Wettbewerb ein Firun- und ein Efferdtempel gegenüber, außerhalb
herauszufinden, wer einen Baumstamm am weitesten der Stadt findet sich im Wald verborgen eine Formation
schleudern kann. aus stehenden Steinen, die als Sumuheiligtum angese-
hen wird.
Arraned Im Wald nördlich von Eichhafen liegen mehrere ver-
Arraned (EW 500) ist die größte Siedlung der Tommel- steckte Raubritterburgen, deren Bewohner von Zeit zu
lande. Die Stadt ist ein gefährliches Pflaster, weil gelang- Zeit Reisende anhalten und Wegzoll verlangen.
weilte Söldner und verarmte Bauern schnell zu Knüppel
und Messer greifen, um ihren Willen durchzusetzen. Elger
Wenige Meilen nördlich der Stadt liegt die Feste Gor- Das Land um Elger (EW 440) ist fruchtbar und schön.
delyn, eine wehrhafte Burg, die den Weg vom Thuran- Bekannt geworden ist das Städtchen durch die Fürsten-
see in den nostrischen Süden bewacht. Berüchtigt ist die gärten von Elger, die sich auf einem Hügel unweit des
„Blutfeste“, weil sie einen großen Kerker besitzt, in dem Ortes erheben. Fürst Kasimir III. wollte um 840 BF hier
seit Jahrhunderten nostrische Adlige landen, die in Un- eine Sommerresidenz errichten. Das Vorhaben musste
gnade gefallen sind. Da viele Insassen spurlos ver- aber bald aufgegeben werden. Der Park, von Kasimirs
schwunden sind, heißt es, dass die Feste ein Eigenleben Gemahlin Perlminda angelegt, ist bis heute zu erken-
habe und Verrätern ein grausames Ende bereiten würde. nen. Es ist beinahe sicher, dass sich hier Feenwesen eine
Heimstatt gesucht haben, so anderweltlich wirkt der
Beilstatt Ort. Das sagenumwobene Gelände wird aber auch von
Beilstatt (EW 390) am Ornib ist häufig Schauplatz von Räubern und anderen finsteren Gesellen als Versteck
Kriegszügen und Schlachten. Daher wird es ständig von genutzt.
Hunger und bitterer Armut geplagt. Die Bewohner Beil-
statts sind verschlossener als die anderen Bewohner der Engasal
Waldwildnis und halten wenig von Fremden. Rund um Engasal (EW 250) ist ein unbedeutendes Örtchen im
das Dorf sieht man die Reste der einstigen Befestigung, Grenzgebiet von Nostria und Andergast, das schon
Wall und Graben, aber die Beilstätter haben es aufge- mehrfach in seiner Geschichte die Landeszugehörigkeit
geben, die Palisade immer wieder zu reparieren. Eine wechselte. Eines Tages erklärte dann der kriegsmüde
mächtige Brombeerhecke wächst heute auf dem Wall Söldnerführer Garf (*983 BF, dunkle Haare und Augen,
und ist ein durchaus ernstzunehmendes Hindernis. Auf realitätsfern bis größenwahnsinnig, meist betrunken,
der westlichen Flussseite, dem Dorf gegenüber, steht aber gut gelaunt) den Ort für von Andergast unabhän-
ein uraltes Gemäuer, das einst als Grenzfestung errich- gig. Er ernannte sich selbst zu Herzog Garf I. und bezog
tet wurde, aber unzählige Male zerstört und niederge- die örtliche Burg. Und da Engasal auf den Klippen nur
brannt wurde. In der Mitte des Städtchens stehen zwei schwer zu erreichen war, und man in Andergast Wich-
größere Schreine, einer für Firun, einer für Tsatuara, tigeres zu tun hatte, scherte es niemanden weiter. Kö-
von den Einheimischen stolz Tempel genannt. nig Wendelmir hat den Ort in seiner Zeit als Prinz sogar
mehrfach selbst aufgesucht, um sich mit seinen Kumpa-
Egelingsfenn nen im Bordell zu vergnügen und sich über den Herzog
Das kleine Städtchen Egelingsfenn (EW 420) liegt an von eigenen Gnaden lustig zu machen.
der Fürstenstraße am Ufer des Thuransees. Durch Han- Den lange verbotenen Rahjakult erhob Garf I. kurzerhand
del und Fischerei ist es zu bescheidenem Wohlstand ge- zur ‚Staatsreligion‘ und stiftete der Göttin einen Schrein.
kommen. Dominiert wird der Ort von der Wasserburg Er selbst sieht sich als ihr Auserwählter und zeugte mit sei-
Dachsenstein, dem Stammsitz des Freiherrn von Thura- ner Frau elf Kinder, darunter seinen Erben Prinz Alriklas
na. ( 184) und Firunislaus den Hübschen, die beide sehr nach ihrem
Vater kommen. Daneben ist er außerdem noch für gut ein
Dutzend Bastarde verantwortlich. Für seine Bediensteten
erfand er klangvolle Titel, Uniformen und Orden, die sei-
nen alten Erinnerungen an das Horasreich entlehnt sind.

37
Das Herzogtum Engasal
war ein liebevoll, aber nicht Den Bauern befahl er, zweierlei. Zum einen hat der wohl berühmteste Sohn
immer ganz aventurien- trotz des rauen Klimas, der Stadt, Praiost Marschenpadder, sich als kühner Ent-
kompatibel ausgearbeitetes
Wein anzubauen. En- decker einen Namen gemacht. Zum anderen ließen sich
Fanprojekt, das es als wie-
gasaler Wein ist seither hier einst Anhänger einer ketzerischen Boronsekte nie-
derkehrende, erheiternde
weithin bekannt, vor al- der. 1009 BF hatten die Visaristen direkt neben dem ört-
Anekdote auch in offizielle
Publikationen geschafft hat. lem jedoch für seine säu- lichen Boronanger mit dem Bau des Tempels des Heili-
Der kleine Operettenstaat erliche, essigähnliche gen Sanges begonnen, der aber keine fünf Jahre später
spielt daher keine gewich- Note. bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Seit
tige Rolle in der Geschichte Außerhalb der Stadt wer- einigen Jahren schon müht sich die stumme Boronge-
der Streitenden Königrei- den die Engasaler entwe- weihte Taia Marnion, Teile des Tempelgebäudes wie-
che, wenn eure Runde aber der für diesen Wahnsinn der aufzubauen und die geheimnisvollen Artefakte der
Spaß an einem solchen bemitleidet oder schlicht Sektierer zu katalogisieren.
Setting mit Augenzwinkern belächelt. Die Dienste
hat, könnt ihr euch hier des einzigen Gasthauses
nach Herzenslust austoben. Stutengleich (Q3/P3/
Joborn, Zankapfel der
S20), das auch als Freu- Streitenden Königreiche
denhaus fungiert, wer- »Wir sind zu oft besetzt
den von Durchreisenden, worden, als dass einer von uns
die einen Umweg von der regulären Reiseroute auf sich wirklich noch die Begeisterung
nehmen wollen, jedoch gerne in Anspruch genommen. aufbringt, für die eine oder
andere Seite lauthals ›Hurra‹
Harmlyn zu schreien. Ernsthaft, sollen sie
Fremde sind hier gern gesehen, denn Harmlyn (EW uns doch einfach leben lassen!
400) liegt an einem Handelsweg entlang des Tommels, Wir wollen ihnen ja nichts Böses.
der gerne auch von Alberniern benutzt wird. Über der Vielleicht wäre es sogar besser,
Stadt thront die Festung Harmlyn auf einem steilen Hü- wenn sie sich auf die Heilige Dorlen
gel, der Stammsitz der alten nostrischen Adelsfamilie besinnen würden, und die Gnade und
Sappenstiel. Die Wandbilder der Rondrakapelle dieser Ruhe, die uns für einen Augenblick das
stolzen Burg geben Gelehrten vielerlei Rätsel auf. Ein Liebeslicht verschaffen konnte.«
Fresko zeigt einen unbekannten, dreiäugigen Kriegs- —Fridulian Visserad, Vorsteher der Joborner Bäckerzunft,
gott, den nur Einheimische zu kennen scheinen. 1039 BF
Es heißt, dass sich vor Jahrhunderten der Herrscher Ha-
kon in den Magierkriegen mit dämonischen Mächten »Ich hätte ja etwas mehr Fröhlichkeit in der Stadt erwartet. Statt­
einließ. Seine eigene Gemahlin tötete ihn schließlich dessen sehe ich überall nur geschäftstüchtigen Pragmatismus.
und beendete seine grausame Herrschaft. Von den Ein- Sie könnten ruhig fröhlicher sein, diese Joborner! Sogar die frau­
heimischen wird Fiana daher bis heute als Heilige ver- enverachtenden Andergaster, die neuen Herren der Stadt, dulden
ehrt. Hakon wurde außerhalb der Stadt begraben, auf inzwischen den Rahjatempel, der zu Ehren der Heiligen Dorlen
einem Boronanger, der seitdem als verflucht gilt. Die erbaut wurde. Für den Sitz eines Metropoliten der Rahjakirche
uralten Grabmäler dort zeigen eigenartige Bilder, die hätte ich schon etwas mehr als Bier und Bretzeln erwartet …«
heute niemand mehr zu deuten vermag. —Carolan Calavanti, Vinsalter Streuner, 1039 BF
Am anderen Tommelufer erstreckt sich der sagenum-
wobene Farindelwald. Auch die Wälder auf der nostri- Region: Königreich Andergast, Freiherrschaft Joborn
schen Seite gelten als unheimlich, und nachts werden Einwohner: 1.000
sie von den Einheimischen gemieden, verschwinden Herrschaft: der Freiherr von Joborn (derzeit ein Ander-
dort doch immer wieder Menschen. gaster), beraten durch den Ratsherrn von Joborn (aus
den Vorstehern der Zünfte gewählt) und die höchsten
Ingfallspeugen Geweihten (derzeit fast immer der Rahjametropolit)
Die meisten Schiffsfahrten ingvalaufwärts enden in Tempel: Rahja (zwei Tempel, der Friedenskeller in der
Ingsfallspeugen (EW 400). Nur Boote und Flöße kön- Stadt und der Tempel der heiligen Dorlen vor der Stadt,
nen den Ingvalbogen bewältigen, daher verlassen viele hier wird das Liebeslicht von Joborn verwahrt), gemein-
Reisende in Ingfallspeugen den Fluss und wandern über samer Wehrtempel von Peraine und Travia, Schreine
Land bis nach Kalking. des Ingerimm und des Kor
Viele Einheimische leben davon, als Träger zwischen Kal- Handel und Gewerbe: Holzfällerei, Flößerei, Fischerei,
king und Ingfallspeugen zu pendeln. Auch Ochsenkarren, Ackerbau und Viehzucht; vielerlei Handwerker, vor al-
die man hier mieten kann, transportieren Waren. Aller- lem die berühmten Brezelbäcker
dings ist der Weg so schwierig, dass ein Karren für die Besonderheiten: Tempel der heiligen Dorlen vor der
Strecke etwa doppelt so lange braucht wie ein Wanderer. Stadt (Sitz des Metropoliten und Aufbewahrungsort
Über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist die Stadt für des Liebeslichts von Joborn), Hügel von Half (Walstatt

38 Land & Leute


unzähliger Schlachten), Kastell Joborn (Hochmotte und Joborn ist die Stadt in den Streitenden Königreichen, die
Sitz des Freiherrn), Glockenturm; Holzerkönig (der kräf- am häufigsten umkämpft wurde und die Herrschaft ge-
tigste Holzfäller der Gegend, erhält kostenlosen Schnaps wechselt hat, denn sie liegt direkt an der Grenze zwischen
in allen Schänken) Andergast und Nostria, an der Mündung des Ornib in den
Stimmung in der Stadt: pragmatisch und weitgehend Ingval. Die Joborner haben gelernt, mit diesem Zustand zu
unpolitisch, was die Kommentare zu den Streitenden leben, und eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit (oder
Königreichen anbelangt, Stolz auf die Rückkehr der Gleichgültigkeit) entwickelt, was ihren Grundherren be-
Rahjakirche in die Stadt, langsam hoffnungsvoll trifft. Je nach Bedarf können sie aufrechte Andergaster
Die Stadt im Spiel: Die Herrschaft in der Stadt hat in oder stolze Nostrier sein. Derzeit sind sie Andergaster,
der Vergangenheit häufiger zwischen Nostria und An- und ihrem Freiherrn ist schmerzlich bewusst, dass er sein
dergast gewechselt, und die Joborner sind des ewigen Lehen wahrscheinlich nicht auf Dauer halten kann, denn
Wechsels müde. Die Meister der Zünfte zur Steineiche der Gemahl der nostrischen Königin, der Waldritter Eilert,
(Holzfäller und Flößer), zum Ingval (Fischer und Fluss- erhebt Anspruch auf seinen alten Familienstammsitz.
schiffer) sowie der Ingerimmszunft (Handwerker) rin-
gen um die Vorherrschaft in der Stadt, da sie sich stets Stadtrundgang
auf einen anderen Freiherrn einstellen mussten. Da sie Die Stadt wurde direkt an die Hänge des berüchtigten
viele Aufgaben haben (Hafenbecken, Palisade und städ- Hügels von Half gebaut, auf dem zahllose Schlachten
tische Gebäude instand halten), brauchen sie immer zwischen den verfeindeten Königreichen gefochten
wieder Hilfe. Der Ratsherr, der beinahe immer aus der wurden. Auf seiner Spitze liegt das alte Kastell Joborn
Ingerimmszunft stammt, muss das Marktrecht durch- (01), eine Motte, in der der Freiherr mit seiner Familie
setzen und Streitigkeiten schlichten und greift auch auf und den Bediensteten wohnt. Noch innerhalb der Um-
Ortsfremde zurück, um eine gewisse Neutralität zu wah- friedung der Feste, direkt an dem Pfad, der den Hügel
ren. Dazu kommt, dass Brandredner von Andergaster hinaufführt, liegt der Wehrtempel Peraines und Tra-
wie nostrischer Seite immer wieder Unfrieden stiften, vias (T01), der für die Stadtbewohner häufig letzte Zu-
was dem Freiherrn ein Dorn im Auge ist. Er regiert mit flucht vor den Gräueln der neuen Besatzer sein musste.
harter Hand und weiß nur zu gut, dass er sich keinen Vor dem schmalen Glockenturm (02) am Fuße des We-
Aufstand der Nostrier leisten kann. ges zur Feste hält stets ein städtischer Türmer Wacht
gegen herannahenden Gefahren.

39
Die meisten Häuser Joborns sind Fachwerkhäuser, aber Lyckmoor
auch einfache Holzhütten sind zu sehen. Am Markt- Am Rand des Lycker Moors leben viele arme Torfste-
platz (03) in der Stadtmitte steht gegenüber dem Rat- cher, aber auch Bauern, die die Felder südlich und öst-
haus mit Ratskeller (04) (Q3/P4/S–) das Haus Joborn lich der Stadt Lyckmoor (EW 680) bestellen. Immer
(G01) (Q3/P4/S15), das beste Gasthaus am Ort, und am wieder finden die Torfstecher Spuren uralter Schlach-
Hafen findet sich die Herberge Ingvaller (G02) (Q4/P3/ ten, die nicht von Menschen gefochten wurden. Das
S20), die vor allem von Flößern gerne aufgesucht wird. Moor wird mit Billigung der nostrischen Hexenzirkel
Nahe dem Fischmarkt (05) liegen die Schänke König seit Jahrhunderten als Begräbnisstätte genutzt, und alle
Wendolyn (G03) (Q2/P2/S–) und die Fähre (06) über Siedlungen von Salzerhaven bis Althagen bringen ihre
den Ingval. Besonders der Hafen ist wichtig für Joborn, Toten hierher, um sie feierlich dem Moor zu übergeben.
denn hier werden im königlichen Zollhaus (07) die Ab- Doch längst nicht alle Toten finden hier die ewige Ruhe.
gaben für den Ingvalhandel eingetrieben. Vor allem die Gefallenen der Schlachten kriechen mit-
Die alte Wassermühle (08) am Ostufer des Ornib wur- unter aus dem Sumpf und verfolgen die Lebenden. Ganz
de lange Jahre vom inzwischen verstorbenen Hesinde- zu schweigen von den Ghulen, die sich hier am Fleisch
geweihten Hexander bewohnt, der später für kurze Zeit der Toten laben. Aber auch düstere Hexen und Zauber-
Oberhaupt der Kirche war und hier allerlei rätselhafte meister, die hier mit geheimnisvollen Ritualen bestattet
Elementarsymbole zurückgelassen hat. werden, machen den Einheimischen Angst. Niemand
In einer Seitengasse der Stadt liegt der Friedenskeller wagt sich bei Dunkelheit ins Moor, und Lyckmoor selbst
(G04) (Q4/P3/S–), der von Novizen des Rahjatempels ist von einer hohen und stabilen Palisade umgeben, an
betrieben wird. An den Schankraum schließt sich ein der viele Kratzspuren zu sehen sind. ( 183)
kleiner Schrein der Göttin an. Kein Wunder, dass Lyckmoor einen großen Borontem-
Die unauffällige Duftlampe aus Ton, das Liebeslicht der pel sein Eigen nennt, dessen düsterer Innenraum durch
heiligen Dorlen, wurde 1034 BF in den neuerrichteten zahlreiche Funde aus dem Moor geschmückt wird. Der
Tempel der Heiligen Dorlen vor den Stadtmauern über- schweigsame Priester und seine blasse Novizin verlas-
führt. Seither ist es Brauch, dass Pilger und Verehrer sen den Tempel häufig, um auf schmalen Pfaden durch
Rahjas, die in die Stadt kommen, einen Stein mitbringen, das Moor zu wandeln und nach Seelen zu suchen, denen
um das kleine Haus der Göttin nach und nach zu erwei- sie Ruhe bringen können.
tern und prächtiger zu gestalten. Vorsteher des Göttin-
nenhauses und Metropolit der Kirche ist der in Würde Mirdin
alternde und äußerst trinkfeste Geweihte Raitjan Ang­ Mirdin (EW 450) ist eine abgelegene Stadt am Rand der
mund (*994 BF, braune Haare und Augen, eher robust ge- Waldwildnis, die sich im Schutz einer ansehnlichen Burg
baut als klassisch schön, meisterlicher Sänger mit volltö- erstreckt. Hier residieren die Waldgrafen, wenn Joborn
nender Stimme), der als Hüter des Liebeslichts zu den wieder einmal in Andergaster Hand ist. Die Umgebung
Metropoliten der Kirche gehört. Er entdeckte einst den wird Mirdiner Land genannt, ist aber wenig erschlossen.
göttlichen Talisman wieder, der im Jahr 133 BF Frieden
zwischen den Heeren der Streitenden Königreiche stifte- Norddrakenburg
te, als sie wieder einmal um Joborn kämpften. Die Jobor- Das nur schwer zugängliche Norddrakenburg (EW 300)
ner Verbrüderung, die die Herzen aller mit Liebe statt mit am Fuße der Kalkklippen von Hallerû wird nur selten
Kampfeswillen erfüllte, ging in die Geschichte ein, sorgte von Fremden besucht. Hier wird vor allem zur Göttin
damals aber dafür, dass der Kult der heiteren Göttin Rah- Satuaria gebetet, was sicherlich damit zusammenhängt,
ja auf Jahrhunderte in Andergast verboten wurde. Am dass auf einem unzugänglichen Felsplateau oberhalb
Jahrestag dieses Wunders, dem Tag der Heiligen, dem 17. der Siedlung der wichtigste Tanzplatz der nostrischen
Boron, werden Gäste in Joborn kostenlos bewirtet. Hexen liegt. Hier versammeln sie sich zweimal im Jahr
an den Tagundnachtgleichen zu großen Festen. Die Woj-
Kalleth wodin Binula von Cres, ist selbst eine Hexe.
Im Zentrum von Kalleth (EW 450) steht eine uralte Stein-
eiche, die zur Hälfte verbrannt ist. Mahnung an den An- Nordvest
griff eines rachsüchtigen Kaiserdrachen aus dem Stein- Die gut befestigte Stadt Nordvest (EW 300) liegt etwas
eichenwald, dessen Hort zuvor von Menschen betreten abseits der gleichnamigen Burg, die auf einem Felssporn
worden war. Am Rand des kleinen Hafenstädtchens steht über dem Ingval erbaut wurde. Die Burg ist Stammsitz
das einzige Bethaus des Wüstengottes Rastullah in den der traditionsreichen Altgrafen von Ingvalsrohden, die
Streitenden Königreichen. Ali al’Rachmud, ein fahren- gerne gegen die Einflüsse des Königshauses in Nostria
der Söldner aus der Khôm, hat ihn im Jahr 1004 BF er- opponieren.
richtet. Die Einheimischen verstehen den Gott als einen Die Spornburg Nordvest ist ohne Zauberei oder Verrat
Rachegott, der ihren Hass auf die Nostrier teilt und sie ei- kaum einzunehmen, weswegen sie bisher nie gefallen
nes Tages zum Sieg führen wird. Von Kalleth aus führt ein ist. Immer wieder ruft Melanoth von Ingvalsrohden
gewundener Waldpfad nach Westen, der vor allen Dingen (siehe Seite 127) hier ihre Waldritter zusammen und
dazu dient, die Grenze rund um Joborn zu umgehen. schwört sie auf sich ein, um sie für den Kampf zu einen.

40 Land & Leute


Ihr Land hat besonders unter den Thorwalern zu leiden, einigen Stellen Umbauarbeiten im Gange, doch zumin-
die bereits Kendrar besetzt halten, das Melanoths Gat- dest ein Teil der lange leerstehenden Lagerhäuser füllt
ten als Lehen gehört und eines Tages ihrer Tochter zu- sich langsam wieder. Nostrias Kontore und Lager wer-
fallen soll. den zunehmend entstaubt und der Handel mit dem In-
land verstärkt, sodass es inzwischen auch einige Krämer
Nostria, Hauptstadt der Fischer gibt, die vor allem Güter von auswärts feilbieten. Am
»Unsere Königin wird uns zu altem Hafen und an den Stadttoren wird Zoll erhoben, dessen
Stolz zurückführen. Höhe sich am Wert und der Seltenheit der Waren ori-
Lang lebe Nostria!« entiert: Je dringender ein Gut in Nostria benötigt wird,
—ein nostrischer Großbürger, desto geringer ist der Zoll. Für normales Gepäck fällt
1038 BF kein Zoll an, aber was als Gepäck und was als Handels-
gut gilt, entscheidet allein der kontrollierende Zöllner.
»Hinter der vordergründigen Pracht
steckt eine tiefe Verunsicherung Das größte Elend dieser Stadt sind aber die Spuren der
und innere Zerrissenheit. Der Adel ist fürchterlichen Seuche, der Blauen Keuche, die im Jahre
zerstritten, die Königin zögerlich und das 1027 BF jeden vierten Einwohner dahinraffte und auch
Brauchtum geradezu archaisch.« die Königsfamilie schwer traf. Seit die junge und uner-
—ein horasischer Gelehrter, 1039 BF fahrene Magierin Yolande auf dem Thron sitzt, gehen
auch die Nostrier zunehmend voller Tatkraft an ihr
Region: Hauptstadt des Königreichs Nostria, Königs- Tagwerk, während der Adel sich bei Hofe mit Prunk und
land Nostria Protz zu übertrumpfen versucht und die vorsichtigen
Einwohner: 6.000 Schritte Richtung Fortschritt mit Argwohn beobachtet.
Herrschaft: Königin Yolande II. von Nostria, vertreten Als Königsstadt wird Nostria von Königin Yolande II. (sie-
durch eine Stadtvögtin he Seite 121) regiert, doch sie hat ihre frühere Lehrmeis-
Tempel: Boron, Efferd, Peraine, Rahja, Rondra, Travia, terin, die einarmige Magierin Satuwina Hyttenhau (siehe
Tsa; zahlreiche Schreine, darunter ein größerer Rondra- Seite 127) zur Stadtvögtin bestellt. Die unbestechliche Pe-
schrein in der Burg dantin hat den Kampf mit den kriminellen Banden aufge-
Handel und Gewerbe: langsam wieder aufblühender nommen, die lange Jahre die heimlichen Herrscher vieler
Seehandel, Fischerei, Bootsbau, zahlreiche Handwerks- Stadtteile waren. Die Zahl der Stadtwachen ist aber nicht
betriebe, täglicher Markt auf dem Freiheitsplatz groß genug, um die Stadt unter Kontrolle zu halten, und
Besonderheiten: Stein von Nosteria auf dem Freiheits- einige von ihnen sind von den alten Diebes-, Hehler- und
platz, verwirrend konstruierte und weitläufige Königs- Schmugglerbanden bestochen, die verzweifelt versuchen,
burg, etwas außerhalb die Akademie von Licht und Dun- ihre Pfründe zu sichern. Zehn Ritter und etwa die dop-
kelheit (Magierakademie, weiß, Objektmagier), verlassene pelte Anzahl an Waffenknechten stehen der Stadtvögtin
Straßenzüge und verfallende Bürgerhäuser überall zur Verfügung und müssen die Tore bewachen, Diebe und
Stimmung in der Stadt: erzkonservativ und rückstän- Schmuggler jagen und Streitigkeiten schlichten.
dig, patriotisch, Hoffnung schöpfend
Die Stadt im Spiel: Die Stadt ist von einer eigenartigen Stadtrundgang
Aufbruchsstimmung erfüllt. Wo zuvor nach der großen Am nördlichen Tommelufer ragt ein steiler, weißer Fel-
Seuche von 1027 BF Resignation herrschte, wird nun flei- sen über die Stadt, auf dem die Königsburg (01) errich-
ßig gewerkelt und gearbeitet. Die alten Wunden heilen tet ist, eine eigenartig verwinkelte Anlage, die im Lauf
langsam, die Stadt wird nach und nach wieder in Schuss der Jahrhunderte scheinbar ohne erkennbaren Plan im-
gebracht, und man sucht die Nähe der jungen Königin und mer wieder umgebaut und erweitert wurde.
ihrer Berater. Aber es gibt auch solche, denen die Verände- Schon aus der Ferne ist die trutzige Burg des nostrischen
rungen missfallen. Viel zwielichtiges Gesindel fürchtet um Herrscherhauses zu sehen, die 40 Schritt über dem Fluss
seine Macht und einige einflussreiche Adlige betrachten die einzig nennenswerte Erhebung weit und breit be-
die Entwicklung ebenfalls mit Misstrauen und versuchen herrscht, den Harodfelsen. Schon kurz nach der Ent-
sie zu unterbinden. Die Königin aber sendet immer wieder deckung der Tommelmündung ließ Fringlas Kasmyrin
Expeditionen aus, um die Vergangenheit des Landes zu er- dort eine Festung anlegen, die im Lauf der Jahrtausende
forschen, und empfängt häufig weit gereiste Gäste. immer wieder erweitert und umgebaut wurde. Auf diese
Weise ist eine labyrinthähnliche Anlage entstanden, die
Nostria liegt an der Mündung des Tommel ins Meer dem Geist eines Wahnsinnigen entsprungen sein könn-
der Sieben Winde. Auf den ersten Blick mag es stolz te und in der sich längst niemand mehr auskennt. Um
und beeindruckend aussehen, doch beim zweiten Blick mehrere große und kleinere Innenhöfe auf verschie-
erkennt man, dass häufig nur die Fassaden reich ge- denen Ebenen scharen sich ein großer und ein kleiner
schmückt sind. Der Hafen ist erst seit einer Weile wie- Palas, mehrere Gesindegebäude, Werkstätten, Speicher
der Umschlagplatz für vielerlei Güter, denn er war über und Fluchttürme, zum Teil verbunden durch lichtlose
Jahre hinweg langsam versandet. Noch immer sind an Passagen, steile Treppen, schmale Gassen und Tunnel.

41
Heute stehen große Teile der Burg leer. Nur der gro- Doch die Arsenale sind heute weitgehend leer, und einen
ße Palas am Haupthof und die umliegenden Gebäude Zeugmeister gibt es schon lange nicht mehr. Daher findet
werden bewohnt, während man in den anderen Teilen man nur in einigen feuchten Kellerräumen noch morsche
stundenlang durch lange Flure und muffige Säle irren Spieße, verrottete Schilde und unbenutzbare Bögen. In
kann, ohne einer Menschenseele zu begegnen, nur be- den oberen Geschossen haben daher Krämer und Dienst-
obachtet von Steinstatuen und verblichenen Ahnenge- leister ihre Räumlichkeiten eingerichtet und werden
mälden. Hinter brüchigen Wandteppichen, in kalten Ka- von der Stadtvögtin geduldet. Es gibt eine Medica, einen
minen und hinter seit Ewigkeiten verschlossenen Türen Schreiber, einen Barbier und Zahnreißer, einen Pfandlei-
mögen sich noch viele Geheimnisse verbergen. Einige her sowie eine Astrologin, die sich selbst großspurig Hof-
Räume wurden sogar irgendwann zugemauert, anders- astrologin nennt, obwohl Königin Yolande selbst noch
wo verlaufen vergessene Geheimgänge. Möglicherweise nie ihre Dienste in Anspruch genommen hat.
gibt es irgendwo längst vergessene Schätze zu heben, Gegenüber vom Zeughaus, an der Seite eines großen
doch vermutlich gibt es hier auch manches zu finden, Mietshauses, liegt der erstaunlich unauffällige Ein-
das besser in Vergessenheit bleibt. gang zum unterirdischen Rondratempel (T01). Er wird
Halle der Helden genannt, aber von Einheimischen
Rechtsstadt (S01) nur selten aufgesucht. In den engen Gewölben beten
Am Südufer des Tommel liegt im Norden der Stadt das hauptsächlich Waffenknechte sowie Reisende zur Him-
Viertel der Oberschicht. Die Kaspomirbrücke (2) führt melsleuin, während die einheimischen Ritter eher den
zum Kasmyrinplatz (3). Hier stehen neben dem besten Rondraschrein in der Königsburg aufsuchen. Nur wäh-
Hotel am Platz, dem Nostrischen Hof (G01) (Q5/P6/ rend des Königsturniers im Rondra jeden Jahres wird es
S40), prächtige Bürgerhäuser mit bis zu drei Geschos- eng in den Hallen, denn dann bitten viele Ritter aus dem
sen und prächtigen Fassaden. Die Treppenhäuser sind ganzen Land um Rondras Segen für die Wettkämpfe.
meist in einem eigenen, vorgelagerten Türmchen un-
tergebracht, die Bogenfenster sind reich verziert, über Alt-Nostria (S03)
den Regentraufen finden sich verspielte Figürchen. Die Der östliche Teil der Stadt wird Alt-Nostria genannt,
Straßen sind breit und gepflastert, allerdings sind die und hier sind die ältesten Gebäude der Stadt zu finden.
Zugänge zur Alten Kanalisation zugemauert, seit sich Sie sind nicht so schmuckvoll wie in der Rechtsstadt,
dort Gesindel und Ratten breitgemacht haben. Angeb- sondern häufig kleine, gedrungene Steinhäuser mit win-
lich hausen dort unten die sogenannten Rattenmen- zigen Fenstern. Die Gassen sind schmal und dunkel, und
schen, bei denen es sich aber vermutlich nur um bit- wenn nicht gerade ein Sturmwind hindurchfegt, riecht
terarme Stadtbewohner handelt, die in den Gängen der es nach Unrat und Fäkalien. Dieses Viertel wurde von
Kanalisation Zuflucht gefunden haben. der Seuche besonders übel heimgesucht, doch die meis-
In dem einstmals prächtigen Gebäude des Nostrischen ten Häuser sind inzwischen wieder bewohnt – nicht sel-
Uffizes (4) residiert der Königliche Majordomus Toran ten von Leuten, die diese Gebäude einfach übernommen
vom Lichte (siehe Seite 127), der die Aufgabe des könig- haben. In Alt-Nostria haben sich die Reste der alten Ban-
lichen Schatzmeisters und obersten Steuereintreibers den festgesetzt, und es herrscht ein verbissen geführter
innehat. Das gut bewachte Gebäude beherbergt zwar Kampf zwischen Stadtwache und Verbrechern um die
auch die Schatzkammern, doch die sind seit Jahren so Vorherrschaft.
leer, dass die Finanzmittel längst in einem Verlies tief Auf dem Freiheitsplatz (6), dem zentralen Platz in der
unter der Königsburg aufbewahrt werden können. Stadtmitte, erhebt sich die fünf Schritt hohe Säule des
Toran gibt sich alle Mühe, die Anweisungen seiner Steins von Nosteria, dem Wahrzeichen von Nostrias
Königin umzusetzen, doch häufig scheitert er, sehr Unabhängigkeit. Die Südostseite des Platzes nimmt das
zum eigenen Verdruss, an der gähnenden Leere des Fürstlich Nostrische Archiv (7) ein, das während der
Staatssäckels. Gemildert wird dies kurioserweise Seuche geplündert und gebrandschatzt wurde. Heute
durch die Tatsache, dass nach der Blauen Keuche auch erhält man nur mit königlicher Genehmigung Zutritt,
die Zahl der verwöhnten Hofschranzen, die sich auf oder wenn man den Archivar besticht. Nördlich des
der Königsburg durchfüttern ließen, auf ein beinahe Platzes an der Lysianenallee treten häufig Barden und
erträgliches Maß gesunken ist. Musikanten im Gasthaus Rohrdommel (G02) (Q3/P4/
Gerade in der Rechtsstadt ist zu bemerken, dass viele S–) auf.
Bewohner, die es sich leisten konnten, nach Salza ab- In diesem Viertel hält sich hartnäckig eine der alten
gewandert sind. Manche prächtigen Bürgerhäuser sind Banden, die Grünkappen. Ihr Anführer, Altvater ge-
unbewohnt und vom Verfall bedroht, aber ihre Zahl nannt, versucht von hier aus, ihren Einfluss auszuwei-
sinkt von Jahr zu Jahr. ten. Die Bande hat ihr Hauptquartier im prächtigen
In der Waffengasse, nicht weit vom Kasmyrinplatz (3), Fringlashof (8) bezogen, einem alten Adelstreffpunkt,
steht das Große Zeughaus (5), ein massiver, düsterer in dem auch heute noch intrigiert wird und Duelle auf
Steinbau. Hier wurden die Waffen gelagert, mit denen im Leben und Tod gefochten werden – nur eben unter an-
Kriegsfall die Bürgerwehr ausgestattet werden konnte. deren Voraussetzungen.

42 Land & Leute


In Alt-Nostria liegen auch das inzwischen nur noch we- Der Rahjatempel (T06) ist eine wohl einzigartige
nig genutzte Ordenshaus der Schlange der Erkennt- Kombination aus Brauerei und Badehaus. Wer das
nis (T02), eines weißmagischen Ordens, und der farben- Allerheiligste betreten will, muss zunächst ein Bad
frohe Tempel der zwei Schwestern (T03), welcher der im von den Geweihten betriebenen Badehaus (Q4/
Göttin Tsa geweiht ist. In seinem Innern befindet sich P4) nehmen, dem einzigen der Stadt. Es steht allen
ein Schrein der Satuaria, und die beiden Göttinnen wer- Bewohnern der Stadt offen, und auch mehrere Dir-
den hier in schwesterlicher Eintracht verehrt, daher der nen und Freudenjungen bieten hier mit Billigung
Name des Hauses. durch den Tempel ihre Dienste an. Auf der gegen-
überliegenden Straßenseite findet sich die Flinke
Verminshus (S02) Flunder (G03) (Q3/P3/S8), wo deftige Speisen auf
Im Süden, in Richtung Hafeninsel, stehen hauptsäch- den Tisch kommen.
lich Häuser aus Holz und Fachwerk, und hier haben die In einem Fachwerkhaus am Kanal liegt die Druckerei
meisten Handwerker der Stadt ihre Werkstätten. Tommelstomp und Tochter (9), die verzweifelt darum
Die Geweihten des Perainetempels (T04) haben durch bemüht ist, die Bedeutung früherer Jahre zurückzuer-
ihren aufopferungsvollen Einsatz während der Blau- langen, als sie noch eine Druckpresse mit beweglichen
en Keuche vielen Menschen das Leben gerettet. Der Lettern besaß. Der mühselige Holzletternsatz erlaubt je-
Tempel ist nicht zuletzt aus Dankbarkeit der meistbe- doch nur noch sporadisch den Druck solcher Pamphle-
suchte der Stadt und reicht alle Spenden sofort an Be- te wie der Nostrischen Kriegsposaune. Ganz in der Nähe
dürftige weiter. Mit der wachsenden Beliebtheit des Pe- treffen sich verwegene Gestalten in der Schenke Hügel
rainekults hat jedoch die Bedeutung des Traviatempels von Half (G04) (Q3/P3/S–).
(T05) abgenommen. Seit die Hohe Mutter der Blauen Am Südtor der Stadt, dem Lyngwyner Tor (10), er-
Keuche erlegen ist, kämpft ihr Witwer, Vater Darislaus, hebt sich das höchste Gebäude der Stadt, der rund 20
unverdrossen in seiner Armenküche gegen den Hunger Schritt hohe Wächterturm. Hier residieren die Stadt-
der ärmsten Nostrier. vögtin sowie die Ritter der Stadtwache. Im obersten
Geschoss lebt die Türmerin, deren Aufgabe es ist, he-
rannahende Feinde und in der Stadt ausbrechendes
Feuer zu melden.

44 Land & Leute


Hafeninsel (S04) Der Stein von Nosteria
Durch einen kleinen Meeresarm ist die Hafeninsel von »Inmitten der Stadt steht ein uralter Stein, bedeckt mit
der Stadt getrennt. Zwei alte Steinbrücken führen auf eigenartigen Zeichen und Bildern. Die Einheimischen
die Insel, auf der neben Speicherhäusern vor allem die verehren ihn als Stein von Nosteria. Unter der Herrschaft
kleinen und ärmlichen Hütten der Fischer und Schauer- der fünf Bürgermeister wuchs und gedieh das Land Nostria.
leute stehen. Auch hier ist deutlich zu sehen, dass es mit Doch während der Zeit Kasparyns wollte ein harter Winter
der Stadt bergauf geht, denn auch die Speicher an der gar nicht mehr weichen, und die Menschen litten argen
Siebenwindigen Promenade (11), einer schmale Stra- Hunger. Kasparyn sah die Not seines Volkes und ging zu
ße am westlichen Ufer, die lange Zeit leer standen, wer- seiner Frau Nosteria, um sich mit ihr zu beraten, denn sie war
den nach und nach wieder in Betrieb genommen, und an eine mächtige Zauberin. So ließ sie einen großen Stein in der
den Kais legen immer häufiger Schiffe aus fernen Län- Stadt aufstellen, der jederzeit große Schwärme von Salzarelen
dern an. In der Nähe der Promenade liegt die üble Ab- herbeiruft. Ihr zu Ehren wird noch heute in jedem Jahr eine
steige Zum Holzbein (G05) (Q1/P2/S10). Fischerkönigin gekürt, die am Stein von Nosteria ein Bad in
Das gedrungene Zollkastell (12) ist eines der ältesten den salzigen Fluten nimmt, so wie es einst Nosteria selbst tat.
Gebäude der Stadt, und mit seinen zwei Schritt dicken Das Volk jedoch war dem Bürgermeister so dankbar, dass
Außenwänden stark befestigt. Lange Zeit hatten die es beschloss, ihn zum Fürsten zu machen. Da versammel­
Zöllner hier ein sehr ruhiges Leben, doch inzwischen ten sich alle Nostrier an dem Zauberstein und bejubelten
nimmt die Arbeit zu, und die Stadtvögtin versucht mit Kasparyn I. und seine Frau Nosteria. Noch am gleichen
wachsender Strenge, die Bestechlichkeit der Zöllner Tag schworen sie, sich nie wieder dem Kaiser im fernen Sü­
einzudämmen. den zu unterwerfen, sondern immer ein stolzes Volk frei­
In den Gebäuden des Werftenquartiers (13) am Süden- er Nostrier zu sein. Dieser Schwur am Stein von Nosteria
de der Hafeninsel herrscht seit einigen Jahren wieder begründete das Reich Nostria, das bis heute Bestand hat.
Betrieb. Im südlichen Gebäude gehen Magier ein und Jedes Jahr in der ersten Neumondnacht des Efferd bringt jeder
aus, und aufmerksame Ritter achten darauf, dass nie- Fischer der Stadt und auch viele andere, die sich davon Glück
mand unbefugt die Werkstätten betritt, denn hier wird erhoffen, eine frisch gefangene, aber noch lebende Salzarele
unter strengster Bewachung das erste durch Ahnenzei- herbei und wirft sie in einen gewaltigen Zuber mit Salzwasser,
chen verstärkte Fischerboot gebaut. der zu diesem Behufe neben dem Stein aufgestellt wird. Eine
Vor etwa 500 Jahren wurde im Sturm ein Schiff auf das Jungfrau wird nun als Fischkönigin gekürt, die nimmt ein Bad
Südende der Hafeninsel gespült. Da sich Abbilder von inmitten all der zappelnden Fische und beginnt sie dann mit
Meereswesen, Delfinen, Walen, Nixen und Neckern da- einem Messer zu schlachten, bis sich das Wasser tiefrot ver­
rauf fanden, erklärten die Nostrier es kurzerhand zum färbt hat. Auch ihr eigenes Blut vergießt sie in das Becken, um
Efferdtempel (T07). Im Lauf der Jahrhunderte wurde dann, nackt, wie Tsa sie geschaffen hat, aber schaurig
der Bau ständig erweitert, dennoch ist die Grundform blutüberströmt, aus dem Zuber zu steigen und mit dem bluti­
des Schiffsrumpfs erhalten geblieben. gen Wasser die Bilder und Zeichen auf dem Steine nachzu­
zeichnen – unter dem Jubel der Nostrianer. Dann beginnt ein
Vor der Stadt großes Volksfest, bei dem Salzarelen in großen Mengen ver­
Etwas außerhalb der Stadt liegt der verhältnismäßig speist werden. Und wer besonderes Glück hat, bekommt sogar
große Borontempel (T08). Auf seiner Rückseite findet ein Stück von den im Zuber geschlachteten Fischen zu essen.
sich ein beschaulicher Boronanger mit zahlreichen ver- Die Einheimischen sehen das als Dienst an Efferd, mir erscheint
witterten Grabsteinen aus vielen Jahrhunderten. Nach es jedoch eher wie ein archaisches Götzenritual.« ( 183)
der Seuche ist nördlich davon ein gewaltiges Massen- —die Legende und die Tradition um den Stein von Noste­
grab hinzugekommen, in dem alle Seuchenopfer unab- ria, aus dem Buch der Schlange des Hesinde-Geweihten El­
hängig von Stand und Reichtum eilig verscharrt wur- derin von Lowangen, 901 BF
den. Heute wird die gesamte Anlage von einer Hecke in
Form eines gebrochenen Rades umfasst. Salza & Salzerhaven, die heimliche
Die Akademie von Licht und Dunkelheit (14), Nost- Hauptstadt Nostrias
rias Magierakademie, liegt etwa drei Meilen flussauf »Salza ist die wahre Hauptstadt
am Tommelufer. Hier werden die Eleven in ein klar ge- des Landes, fortschrittlich und
ordnetes dualistisches Weltbild aus Gut und Böse ein- weltoffen. Aber nur dank
geführt. Die Ausbildung ist streng akademisch und wis- Salzerhaven kann es so be­
senschaftlich, weswegen die Zusammenarbeit mit den deutungsvoll wie bisher bleiben.«
einflussreichen Hexen ausgeschlossen ist. Vor kurzem —ein Salzarener Großfischer, 1038 BF
erst hat Königin Yolande ein Edikt erlassen, das die Un-
tersuchung archaischer Zauberei in den Mittelpunkt »Das am wenigsten rückständige
der Forschungen rückt. Das gefällt nicht allen Lehrmeis- Städtchen der Streitenden
tern, doch bisher wagt es niemand, dem Wort der Kö- Königreiche. Hier lässt es sich recht
nigin offen zu widersprechen, zumal sie selbst eine Ab- gut aushalten.«
gängerin dieser Akademie ist. —eine horasischer Gelehrte, 1039 BF

45
Salza & Salzerhaven Macht an sich zu reißen. Doch scheiterten seine hoch-
Region: Nostria, Edelgrafschaft Salza trabenden Pläne erst kürzlich an den klugen Schachzü-
Einwohner: 4.000 (davon ein Drittel in Salzerhaven) gen der jungen Königin Yolande, die er offenbar völlig
Herrschaft: Edelgraf Albio III. von Salza, in beiden Städ- unterschätzt hatte.
ten durch Stadtvögte vertreten
Tempel: Ingerimm, Travia, Hesinde in Salza, Efferd in Stadtrundgang Salza
Salzerhaven; in beiden Städten zahlreiche Schreine Der Stadt Salza ist ihr hohes Alter nicht anzusehen,
Handel und Gewerbe: wichtigste Handelsstadt an der denn ihre Einwohner haben den Reichtum, den der
nostrischen Küste, viele Betriebe, die Steineichenholz Handel mit sich bringt, dazu genutzt, viele alte Häuser
verarbeiten, blühender Seehandel, Fischerei, Schiffs- durch neuere zu ersetzen. Üblich sind schmale, zwei-
bau, Sankta Elida ist die hoch verehrte Stadtheilige in oder dreigeschossige Fachwerkhäuser mit einer reprä-
Salzerhaven sentativen Prunkstube für den Empfang von Gästen,
Besonderheiten: Ordenshäuser der Anconiter und Dra- und an jedem zweiten Haus steht in einer Wandnische
coniter außerhalb der Stadt eine Statue der Heiligen Elida. Diese Sitte spricht aller-
Stimmung in der Stadt: bürgerlich, starke Konkurrenz dings weniger für die Frömmigkeit der Einheimischen,
zu Nostria, nicht ganz so weltoffen wie von sich selbst sondern hat sich vor längerer Zeit aus Trotz entwickelt.
behauptend; Zumindest Salzerhaven ist so weltoffen, Damals sollte jeder Hausbesitzer für eine Laterne, die er
wie Salza es gerne wäre, und hat regen Kontakt mit an seinem Haus anbrachte, eine Steuer bezahlen. Eine
Reichen aus aller Welt. findige Bürgerin aber ließ eine Heiligenstatue anferti-
Die Stadt im Spiel: Salza hält sich für die eigentli- gen, die eine Laterne in der Hand hielt. Es gelang ihr mit
che Hauptstadt des Königreiches und Graf Albio lässt Unterstützung der Efferdkirche zu erreichen, dass diese
wenig unversucht, um seinen Einfluss zu mehren. Im Teil einer Andachtsstätte sei – und somit abgabenfrei.
Kommandanten der Salzfeste hat er einen erbitterten Es dauerte nicht lange, bis andere Einwohner ihrem fin-
Widersacher, der seinerseits versucht, seinen eigenen digen Vorbild folgten, und so hat sich dieser Brauch bis
Einfluss nach Kendrar zu vergrößern. Dazu kommen heute erhalten.
allerlei Handelshäuser, die einander argwöhnisch be- Alle größeren Straßen Salzas sind gepflastert, ebenso
obachten und stets versuchen, den größten Profit zu die Straße nach Salzerhaven, an der sich viele Hand-
machen. Doch gerade dank dieser widerstreitenden werksbetriebe angesiedelt haben. Dort wird das auf dem
Interessen braucht es immer wieder Helden, um die Ingval herangebrachte Steineichenholz verarbeitet:
größeren und kleineren Aufgaben unter dem Mantel Zimmerleute, Schreiner, Drechsler, Figurenschnitzer,
Phexens zu erledigen. Knopfschneider und dergleichen mehr arbeiten hier.
Das Herz der Stadt bildet der Marktplatz (01), auf dem
Obwohl Salza und Salzerhaven streng genommen zwei zweimal im Jahr große Holzauktionen stattfinden. Di-
Städte sind, werden sie beinahe immer als Einheit be- rekt am Marktplatz stehen das reichgeschmückte
trachtet. Das liegt daran, dass sie nur zwei Meilen vonei- Stadthaus (02), in dem der Vogt residiert, eine erst vor
nander entfernt liegen, und wirtschaftlich und politisch wenigen Jahren errichtete Markthalle (03) nach ho-
so eng verwoben sind, dass Salzerhaven oft nur als abge- rasischem Vorbild, eine Niederlassung der Nordland-
legener Stadtteil von Salza wahrgenommen wird. bank (04) sowie mehrere Kontore vornehmlich horasi-
Ursprünglich jedoch wurde Salzerhaven erbaut, um scher Handelshäuser. Hier findet sich auch das völlig
dem traditionell wiederborstigen Salza den Zugang zum überteuerte Hotel Goldener Ingval (G01) (Q4/P6/S25).
Meer zu erschweren. Salza begrub daraufhin vorerst Die reiche Holzhändlerin Dardane Brusik ist die einzi-
seine Unabhängigkeitsbestrebungen. In der Folgezeit ge Einheimische, die sich ein Privathaus am Marktplatz
wuchsen die beiden Städte mehr und mehr zusammen. leisten kann.
Was einst als Einschränkung gedacht war, führte nun Vom Marktplatz aus nach Süden führt die Nostrische
dazu, dass Salza Zugang zu einem Hafen erhielt, der sich Straße durch ein kleines Schmiedeviertel, in dem auch
für große Schiffe aus Havena oder Grangor viel besser ein Ingerimmtempel (T01) steht. In den hiesigen
eignete als der schlecht gewartete Hafen der Haupt- Schmieden werden vor allem Anker, Metallbeschläge
stadt. So wurde Salzerhaven schließlich zum wichtigs- und anderes Schiffszubehör angefertigt, sogar ein Glo-
ten Fernhandelshafen des Landes, sehr zum Leidwesen ckengießer findet sich hier. In der Nähe des südlichen
Nostrias. Durch geschicktes Taktieren gelang es dem Stadttores findet sich die Taverne Die Tränke (G02)
Vater des jetzigen Edelgrafen sogar, die Erlaubnis zu er- (Q1/P1/S–), eine rechte Kaschemme.
halten, selbst in Kriegszeiten mit Andergast zu handeln. Vom Marktplatz aus nach Norden führt die Kendrarer
Alle Versuche der nostrischen Fürsten und Könige, Salza Straße zur Fähre (05), die Reisende für 1 Heller pro Bein
zur Räson zu rufen, scheiterten seitdem spätestens ab oder Rad über den Ingval setzt. Unweit des Fähranle-
dem Moment, als der Graf damit drohte, Salza und Sal- gers steht das Wirtshaus Zum Tanzenden Seepferd-
zerhaven erneut in die Unabhängigkeit zu führen. Graf chen (G03) (Q4/P3/S–). Der sechseckige Hesindetem-
Albio sah sich lange Zeit auf dem besten Wege, Salza zur pel (T02) liegt ebenfalls in der Nähe der Fährstation auf
neuen Hauptstadt des Königreichs zu machen und die dem nach ihm benannten Hexagon-Platz.

46 Land & Leute


Richtung Osten verläuft vom Marktplatz aus die Lyck- Eine Meile außerhalb der Stadt steht die Salzfeste (12),
moorstraße. Etwas nördlich davon liegt der bescheidene eine kleine, heruntergekommene Festung. Hier sind
Traviatempel (T03). Direkt an der breiten Straße steht mehrere Ritter und Waffenknechte der Königin unterge-
die prächtige Grafenresidenz (06). Graf Albio hat kei- bracht, welche die Salzarener – bisher mit wenig Erfolg
ne Kosten gescheut und ließ mehrere alte Häuser abrei- – daran erinnern sollen, wer ihre eigentliche Herrin ist.
ßen, um sein Domizil um einen Flügel zu vergrößern. Es
gilt vielen als prächtigstes Gebäude in ganz Nostria, das An der Straße nach Kendrar steht ein Kloster der Anco-
dennoch wehrhaft ist. In unmittelbarer Nachbarschaft niter (T05), eines Ordens von Heilmagiern. Das Gebäude
steht die Alte Vogtei (07), in der die Ritter der Stadt- mit angeschlossenem Hesindetempel wurde im bospa-
wache und ihr Gefolge untergebracht sind. ranischen Baustil erbaut und ist weithin für seine beein-
druckend schöne Architektur bekannt. Seine Bewohner
Stadtrundgang Salzerhaven sind hervorragende Heiler, deren Dienste allerdings ih-
In Salzerhaven geht es verglichen mit Salza noch deutlich ren Preis haben. Außerdem betreiben sie das Gasthaus
geschäftiger zu, denn hier werden die großen Schiffe aus Stube der Weisheit (Q3/P3/S12), das gerne von Gelehr-
fernen Ländern be- und entladen. In großen Werften liegen ten aufgesucht wird.
ständig neue Handelsschiffe auf Reede, die von Auftragge- Folgt man der Straße weiter, passiert man eine klei-
bern aus unterschiedlichen Ländern bestellt wurden. Be- ne Ansammlung von Langhäusern in thorwalschem
rühmt ist die Stadt vor allem für den Bau mehrmastiger Stil, die das Ordenshaus der Draconiter (T06) be-
Koggen nach Art der bornländischen Holken. herbergen. Der Erzhort der Westlande wird von sei-
Der südlichste Teil des Hafens wird Drachenmeile (08) nen Bewohnern Vidagard genannt, und der Abt
genannt, denn in diesem extra ummauerten und von Fabius Toren ist ein ausgezeichneter Botaniker. Da
Kämpfern der thorwalschen Hetgarde bewachten Be- es hier spuken soll, meiden jedoch nicht nur Thor-
zirk stehen die Speicher der thorwalschen Händler. waler die Anlage. Aufgrund seiner abgeschiedenen
Doch die Drachenmeile verblasst im Vergleich zu der Lage wird das Gelände aber häufig für Geheimver-
Kontorinsel (09) am Rand der Ingvalmündung, die handlungen zwischen Graf Albio und dem Hetmann
der Horaskaiserlich Priviligierten Nordmeer-Compag- von Kendrar benutzt.
nie (HPNC) gehört. Hohe Backsteinmauern und mit Ge-
schützen versehene Türme sorgen für die Sicherheit der Seewiesen
Horasier und ihrer Waren. Beide Areale stehen außer- Die nördlichste Siedlung Nostrias, Seewiesen (EW 350)
halb der nostrischen Gewalt, denn Graf Albio hat sowohl am Thuransee, wurde wegen des moorigen Untergrunds
Thorwalern wie Liebfeldern vollständige Autonomie ge- komplett auf Pfählen errichtet. Der Ort wurde im Lau-
währt – und er verdient gut daran. fe der Zeit häufig belagert, aber wegen des schwierigen
Zentrum der Stadt ist der Efferdplatz, in dessen Zent- Geländes ist er beinahe nie gefallen. Viele Einwohner
rum der prächtige Efferdtempel (T04) steht. Obwohl Ef- sind Torfstecher, die das begehrte Brennmaterial ab-
ferd in der Küstenregion meist als höchster aller Götter bauen und zum Großteil nach Andergast verkaufen.
angesehen wird, ist der Kult in Salzerhaven doch weit- Obwohl ein wichtiger Handelsweg, der Winhall mit der
gehend an die Ansichten der Zwölfgötterkirche ange- Fürstenstraße verbindet, direkt an dem Ort vorbeiführt,
passt. Auffällig ist der große Altar zu Ehren der Heiligen wollen die wortkargen und eigenbrötlerischen Seewie-
Elida, die als Schutzpatronin von Salza und Salzerha- sener vor allem für sich bleiben. Das einzige Gasthaus
ven gilt und Pilger aus verschiedenen Ländern anlockt. liegt deswegen direkt an der Straße und nicht im Städt-
Auch der besonders von Thorwalern verehrte Gottwal chen selbst.
Swafnir hat einen eigenen Altar. Um den Tempel herum Etwas nördlich von Seewiesen erheben sich zwei klei-
haben sich mehrere Gasthäuser für die zahlreichen Mat- ne Grenzfestungen, im Volksmund die Zänkischen ge-
rosen und Schauerleute angesiedelt. Hier geht es häufig nannt, und drohen einander über das Moor hinweg.
etwas rauer zu, die Preise aber sind niedrig. Das Gast- Jeder Reisende wird von den meist missgelaunten Be-
haus Dicker Walfisch (G04) (Q3/P3/S10) liegt südwest- satzungen eingehend kontrolliert, bevor es weiterge-
lich des Efferdplatzes, die Spelunke Roter Heller (G05) hen kann. Handelsgüter müssen hier nach willkürlichen
(Q1/P2/S8) im Nordosten. Auch Hurenhäuser sind nicht Sätzen verzollt werden. Ein kleiner Extrabetrag be-
weit und tragen so zur Atmosphäre einer typischen Ha- schleunigt das Verfahren jedoch enorm und verringert
fenstadt bei. Etwas versteckt in einer Seitengasse liegt die Gründlichkeit der Untersuchung.
die Werkstatt des weithin berühmten Bilderstechers Immer wieder finden die Torfstecher eigenartige Din-
Bragan Vaermhager (10). Der Halbelf versteht es, Tä- ge im Moor: mumifizierte Leichname unterschiedlicher
towierungen von unnachahmlicher Schönheit und Bril- Spezies, versunkene Gebäude oder erstaunlich gut er-
lanz anzufertigen, weswegen sogar Rahjageweihte aus haltene Gegenstände. Die abergläubischen Seewiesener
dem ganzen Land zu ihm eilen sollen, wenn sie sich ein bringen das meiste zurück, nur wenige wertvolle Ge-
neues Hautbild wünschen. genstände werden bis an die nostrische Magierakade-
Am nördlichen Flussufer erhebt sich ein Leuchtturm mie oder verstärkt auch an Dienstleute des Königshau-
(11), der die Ingval-Mündung markiert. ses in Nostria verkauft.

48 Land & Leute


Teshkal, Stadt der Steppenrösser durch die Orks und schließlich die Plünderung durch
»Wir sind die Wacht der Schwarzpelze im Jahr 1010 BF bewegte die Freiherrin
Menschen in der Steppe. Wir dazu, sich wieder der Andergaster Krone zu unterwer-
kennen unsere Wege und der fen. Mit dem letzten König Efferdan schien sich das Ver-
Schwarzpelz fürchtet unsere hältnis auch deutlich zu entspannen, doch seit Wen-
Pferde. Und das ist gut so. Nur delmirs Krönung spielt Freiherrin Ossyra von Teshkal
dieser frauenhassende König im (siehe Seite 124) immer dringlicher mit dem Gedanken,
Süden, auf den gebe ich wenig.« sich trotz aller Bedrohungen von Andergast loszusagen.
—eine Teshkaler Steppenwache, Als königliche Stallmeisterin sitzt sie jedoch auch als
1038 BF Reckin Rahjas im Rat der Recken, und findet so immer
wieder Gehör beim König. Da sie dank diesem Einfluss
»Sie verehren eigenartige Gestalten, die Autonomie ihrer Freiherrschaft weitgehend erhal-
züchten hervorragende Pferde – und du ten konnte, hat sie zumindest bisher von allzu harschen
kannst dich stets auf das gegebene Wort eines Maßnahmen abgesehen.
Teshkalers verlassen.«
—Geron Waisenmacher, Doppelsöldner, 1039 BF Stadtrundgang
Die Architektur Teshkals ist von der Tradition der Step-
Region: Andergast, Freiherrschaft Teshkalien pe geprägt. Fast jedes Gehöft versammelt sich um ei-
Einwohner: 900 nen zentralen Holzturm, in dem das Familienoberhaupt
Herrschaft: Freiherrin Ossyra Rotbaum von Teshkal wohnt. Die Häuser sind oft aus Lehm gebaut und mit
(einzige weibliche Herrscherin in Andergast) Grasdächern, die fast bis zum Boden reichen, gedeckt.
Tempel: Rahja (Tempel der Heiligen Himmelsrösser), Oft liegen runde Grabhügel innerhalb der Höfe, in de-
gemeinsamer Wehrtempel von Rondra, Travia und Pe- nen Generationen von Bewohnern beigesetzt wurden.
raine; Orvai- und Tairachschrein Kleine Palisaden oder Zäune umgeben jede dieser Sip-
Handel und Gewerbe: Pferdezucht, Rinder- und Schaf- penburgen, sodass Teshkal in zahllose Parzellen unter-
zucht, Landwirtschaft teilt ist. Die Stadt ist wegen häufiger orkischer Angriffe
Besonderheiten: Freiherrliches Gestüt mit der Zucht ebenfalls von einer besonders stabilen Palisade und ab-
der Pferderasse Teshkaler weisenden Pfählen umgeben.
Stimmung in der Stadt: stets abwehrbereit und betont Das Stadtbild wird von der Freiherrlichen Motte (01)
eigenständig auf die Kultur der Steppe bedacht, wach- auf ihrem Hügel beherrscht. das Gebäude ist von einem
sender Unmut über die Bevormundung durch den neu- Wassergraben umgeben und tags wie nachts hält ein
en Andergaster König Türmer mit einem Langbogen Wacht.
Die Stadt im Spiel: Teshkal ist eine Stadt, in der sich Schon von Weitem kann man die weiten Koppeln des
auch Andergaster Frauen beweisen dürfen, und die Step- Freiherrlichen Gestüts (02) vor der Stadt sehen, denn
pe gibt ihnen auch alle Möglichkeiten dazu. Es gilt Wege Teshkal ist besonders wegen seiner Pferdezucht und der
zu erkunden, die Orks auszukundschaften oder das Waf- nach ihr benannten Pferderasse bekannt. Die robusten,
fenhandwerk oder die Pferdezucht zu erlernen. Und glänzend schwarzen Kaltblüter werden von vielen An-
weil Teshkal die einzige Stadt in der Messergrassteppe dergaster Rittern gerne erworben, da sie kräftig und
ist, finden sich immer auch weitgereiste Händler ein, ausdauernd sind. Welche Tiere gekreuzt werden, obliegt
die häufig Schutz für die Weiterreise suchen. Erstaunli- dabei einzig der Entscheidung der Freiherrin, und sie
cherweise gibt es nur wenig Zwist zwischen den Sippen setzt fest, zu welchem Mindestpreis die Rösser verkauft
und Familien der Stadt, allerdings versuchen die alten werden dürfen. Natürlich erhält sie von jedem Handel
Familien aus der Steppe, das Joch des Andergaster Kö- ihren Anteil, sodass bereits die Großmutter der jetzigen
nigs abzuschütteln. Freiherrin die bedeutendste Pferdebesitzerin der Stadt
war. Das Teshkaler Zuchtbuch gilt als ältester Nachweis
Die Steppenstadt liegt südöstlich des Steineichenwaldes gezielter Pferdezucht Aventuriens.
und damit fern vom Herz Andergasts inmitten der Mes- Jedes Jahr im Ingerimm wird auf dem zentralen Platz ein
sergrassteppe. Manch konservativer Ritter wagt sogar zu großer Pferdemarkt (03) abgehalten, zu dem viele Leute
bezweifeln, dass Teshkal wirklich zum Königreich gehört. von nah und fern herbeieilen und in der Herberge Zur
Es unterscheidet sich in seinen Sitten stark von dem, was Trutz (G01) (Q4/P3/S20) unterkommen. Am Rand dieses
in Andergast als gut und richtig angesehen wird. Vor al- Platzes steht neben dem Gasthaus Rahjas Ehre (G02) (Q5/
lem die Tatsache, dass Stadt und Baronie von einer Frau P4/S12) der stolze Tempel der Himmelsrösser (T01), der
regiert werden, sorgt immer wieder für Kopfschütteln. der Rahja geweiht ist. Die Göttin wird hier als Mutter der
Allgemein gelten Frauen hier in der Steppe als gleichbe- Himmelsrösser Tharvun und Sulva verehrt, die auf wei-
rechtigt, was hartgesottene Andergaster gern als nost- ten Schwingen durch die Luft fliegen. Es heißt, der Hengst
rische Unsitte verdammen. So ist es kein Wunder, dass Tharvun beherrsche die Nacht, und der Morgentau sei
Teshkal im Laufe der Zeiten immer wieder unabhän- der Schaum aus seinem Mund nach langem Flug über die
gig vom Königreich war. Doch die ständige Bedrohung Steppe, während Sulva den Glanz des Tages bringe.

49
Ewig verfolgt werden die beiden von den Drachen des abgelegen an der Mauer und wird von den meisten Ein-
Gestern, welche die Welt verschlingen wollen. Doch das wohnern gemieden. Dennoch bringen einige Teshkaler
können die Drachen nur, wenn sie vorher die Himmelrös- immer wieder furchtsam Opfer dar, und sei es nur, um
ser besiegt haben, die ihnen jedoch noch immer entkom- von den Orks verschont zu bleiben.
men konnten. Jedes Jahr zur Sommersonnenwende am 1.
Praios wird dieses Rennen von der Priesterschaft nach- Thurana
gestellt, wenn ein ausgewählter Einheimischer zwölfmal Die größte Stadt am Thuransee ist Thurana (EW 860).
die Stadt mit dem Tempelstreitwagen umrundet. Bei die- Hier laufen der Nablaweg von Winhall und die Fürs-
sem Fest werden aber auch zahlreiche Pferde- und Wa- tenstraße zusammen. Die beiden hiesigen Bootsbauer,
genrennen abgehalten. Darüber hinaus veranstaltet der die eigene Werften am Hafen unterhalten, haben fast
Tempel ein Wagenrennen von Lowangen oder Joborn jedes größere Fischerboot auf dem See hergestellt. Fi-
nach Teshkal, das jeweils Ende Rahja beginnt und bis zum scherei und Flachsanbau sind weitere Einnahmequellen
1. Praios dauert. Obwohl es als besondere Glaubensprü- der Stadt am Hirmbach und der dadurch erwirtschafte-
fung gilt, weil es während der Namenlosen Tage stattfin- te Wohlstand ist den Häusern Thuranas anzusehen. Das
det, nehmen viele Wagenfahrer daran teil. Stadtbild ist geprägt von schmucken, weiß gekalkten
Der Wehrtempel Rondras, Travias und Peraines Fachwerkhäusern, und eine echte Stadtmauer schützt
(T02) wird von den Rondrageweihten geschützt, die oft die Einwohner vor feindlichen Angriffen.
auch tapfer Lowanger Tor (04) und Andergaster Tor
(05) mit verteidigen, wenn Orks die Stadt bedrohen. Thuranx
Vorsteherin des Tempelkomplexes ist jedoch eine jun- Die meisten Einwohner des Dorfes Thuranx (EW 300) am
ge Perainegeweihte, die bereits jetzt als herausragende Thuransee leben von Fischfang und Ackerbau. Im letzten
Tierheilkundige gilt. großen Krieg zwischen den Streitenden Königreichem im
Die Schreine Orvais (T03) und Tairachs (T04) erstau- Jahr 1010 BF wurde das Örtchen zu großen Teilen nieder-
nen viele Reisende. Nahe des Pferdemarkts, auf dem gebrannt und bis heute findet man verkohlte Ruinen im
einmal in der Woche auch ein Markt abgehalten wird, Ort, die niemand wieder aufgebaut hat.
findet sich unter der uralten Föhre die Statue des an-
sonsten vornehmlich von Goblins verehrten Jagdgottes. Trontsand
Das Standbild zeigt ihn als kräftigen Mann mit Hirsch- Der Sitz des Seegrafen von Siebenwind ist Trontsand
geweih, der von Fremden meist als Firun gedeutet wird. (EW 750), eine größere Fischerstadt an der Küstenstra-
Der Schrein des orkischen Totengottes Tairach steht ße. Trontsand ist deswegen so bedeutsam, weil das Meer

50 Land & Leute


an dieser Stelle tief genug ist, dass auch Schiffe mit nor- Als der uralte Baum schließlich trotz aller Bemühung
malem Tiefgang in den Hafen fahren können, ohne bei darbte und starb, soll sie ihre angestammte Heimat ver-
Ebbe auf dem Watt trocken zu laufen. Auch wenn die lassen haben, um in den Farindelwald zu ziehen. Bis
Küstenstraße bei widrigen Wetterverhältnissen bei heute ist die Alte Rysvik ein Ort, an dem Varnyth, die
Kaufleuten ohnehin eine beliebte Route ist, erleichtert hier als Göttin des Waldes gilt, verehrt wird. Und immer
der zugängliche Hafen den Handel und ermöglicht zu- wieder hoffen die Menschen darauf, dass sie von Zeit zu
dem Salzarelenfischerei mit schweren Schleppnetzen. Zeit die Weide aufsucht und ihnen Heil spendet.
Das stabile und schwere Trontsander Tuch, das die We- In der Stadt werden außerdem Rahja und Satuaria ge-
ber herstellen und die Wollfärber mit allen erdenklichen meinsam angebetet, und an den beiden Tagen vor
Farben versehen, wird bis in ferne Länder gehandelt. den Sonnenwenden und den Tag-und-Nacht-Gleichen
Die alte Holzpalisade der Stadt wird gerade durch eine werden übermütige Feste zu Ehren der Göttinnen
wuchtige Stadtmauer aus Stein ersetzt, weil die Thor- veranstaltet.
waler bereits mehrfach versucht haben, die Stadt zu
überfallen und zu plündern. Der Hafen und die Seeseite Yoledamm
der Stadt sind bereits geschützt, allerdings werden bis Bis 1027 BF erhob sich der größte Borontempel Nostrias
zum Abschluss der Befestigung auf der Landseite wohl über einem Hügel in Yoledamm (EW 400), einem einfa-
noch mehrere Jahre ins Land gehen. chen Fischerdorf. Dann jedoch wurde das Heiligtum von
Piraten aus Thorwal geplündert und niedergebrannt,
Vardall und heute pfeift nur noch der Wind durch die Ruine des
Vardall (EW 420) ist ein kleiner Ort am mittleren In- Küstenheiligtums. Für diesen Frevel soll der „Goldghul“,
gval, vor dessen Toren der Sâlweg verläuft. Die durch wie die Einwohner den gierigen Anführer der Nordleute
eine stabile Palisade und einen Wassergraben geschütz- nennen, mit seinem Schiff auf dem Meer versenkt wor-
te Siedlung wird immer wieder von Überfällen durch den sein. Bei diesem Raubzug und der anschließenden
Andergaster und Orks oder wilden Tieren aus den Wäl- Brandschatzung ging ein wichtiger Teil der nostrischen
dern heimgesucht. Der Graben ist auch eine Brutstätte Geschichtsschreibung verloren, der hier verwahrt wor-
von allerlei summenden, stechenden und beißenden den war. Kein Schriftstück überstand den Brand, allein
Insekten, die im Sommer und Herbst als Plage über die eine mächtige Basaltplatte im Heiligtum blieb erhalten,
Stadt herfallen. auf der die Namen der wichtigsten Helden seit der Sied-
lerzeit eingemeißelt sind.
Varnyth Jahr für Jahr versammeln sich im Boron junge Frauen
Varnyth (EW 350) liegt am Rand des Seenlands. Im sei- und Männer und erwählen einen der ihren als Namens-
nem Zentrum steht eine abgestorbene Boronsweide, hüter für das folgende Jahr. Dieser hat die ehrenvolle
welche die Alte Rysvik genannt wird. Der Baum war lan- und manchmal nicht ungefährliche Aufgabe, Ruine und
ge Jahrhunderte Heimstatt einer Dryade, nach der die Namensstein instand zu halten und zu beschützen.
Stadt benannt ist. Einst gewährte sie den ersten Siedlern
ihren Schutz.

Hollerdonk – Ein Dorf in der Waldwildnis


Hollerdonk ist ein typisches Dorf in der Waldwildnis
Hollerdonk liegt in unmittelbarer Nähe des Ornib, in ei-
und kann sowohl zu Nostria wie auch zu Andergast
gehören, denn es liegt beinahe genau auf der Gren- ner sumpfigen und baumbestandenen Ebene, direkt an
ze der Streitenden Königreiche. Die Beschreibung des einem kleinen See, der als Dorfweiher und Quelle für fri-
Dorfes ändert sich je nach Landeszugehörigkeit nicht. schen Fisch dient. Eine kleine, dichtbewaldete Insel ragt
Um echtes Andergaster bzw. nostrisches Flair aufkom- aus den Wassern des Sees empor und wird von der Be-
men zu lassen, musst du lediglich bei zwei Örtlichkei- völkerung argwöhnisch gemieden, weil sie als von Feen
ten die jeweils passenden Meisterpersonen auswählen. verflucht und von Geistern heimgesucht gilt. Immer
Dies ist beim Gasthof Zur weißen Bache (G01) und dem wieder behaupten die Hollerdonker, dass eine Nymphe
Kräuterhäuschen (09) jeweils in einem Meisterkasten im See lebe, deren trauriger Gesang den Unvorsichtigen
vermerkt. Es lohnt sich aber, beide Beschreibungen zu in ein nasses Grab locken soll.
lesen, da beinahe alle Figuren in etwas anderer Rolle in Das Dorf selbst ist von einem schützenden Erdwall um-
Hollerdonk auftauchen können. geben, der von einer Palisade gekrönt wird. Zwei Tor-
türme aus massiven Holzstämmen gewähren Einlass
»Der ganze Ärger fing an, als der Ritter von Hollerieth sein und der Weg führt direkt auf den Dorfanger.
Herz verlor und ins Wasser ging. Seitdem ist nichts mehr, wie Durch das Erdgeschoss zweier Tortürme mit zwei dop-
es mal war – und wir sind zum Spielball geworden zwischen pelflügligen Eichentüren können Reisende Hollerdonk
Königen und ihren Schergen.« betreten. Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel, wenn
—ein Bewohner Hollerdonks, neuzeitlich wieder einmal eine Fehde herrscht oder der Feind droht,

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Region: Waldwildnis (Grenzgebiet am Ornib) bis zu 12 Reisenden auf einfachen Strohsäcken Platz. Es
Einwohner: etwa 100 gibt sogar zwei Einzelzimmer, die jedoch keinesfalls den
Herrschaft: Schulte Jindrich Appelbrandter (An- Komfort bieten, den ein adliger Reisender aus dem Mit-
dergast) / Schulzin Helasine Visserad (Nostria) telreich erwarten mag.
Tempel: Firun- und Traviaschrein Am Abend kann man hier die meisten Bewohner des
Handel und Gewerbe: Schmied, Tischler und Ortes treffen, die sich ihre spärliche Freizeit mit diver-
Zimmermann sen Kneipenspielen bei einem durchaus trinkbaren Bier
Stimmung im Dorf: Man hat sich gut mit der Wald- vertreiben.
wildnis arrangiert und ein solides Auskommen,
wenngleich niemand wirklich reich zu nennen ist.
Hollerdonk war häufig Zentrum von Kämpfen zwi-
schen Nostriern und Andergastern, da es seit Jahr-
Preise & Dienstleistungen
hunderten keinen adligen Grundherren mehr gibt.
Krug Eichenbier 16 Kreuzer
Seither erheben die Ritter und Freifrauen der Um-
Krug Wasser 6 Kreuzer
gebung allesamt Anspruch auf das Dorf.
Becher Wein 3 Heller
Das Dorf im Spiel: Die Bewohner kennen viele Le-
Becherchen Apfelbrannt 2 Heller
genden und Sagen um die Waldwildnis, insbeson-
dere über den Einsamen Wanderer (siehe Seite 25).
Roggengrütze 1 Heller
In der Umgebung wachsen viele Hollbeeren, daher
Rosprik (Gemüseeintopf) 3 Heller
auch der Name des Dorfes. Im See lebt eine Nymphe,
Schweinebraten 7 Heller
die einsame Isayala, die in der Dämmerung immer
Gänsebraten 7 Heller
wieder versucht, mit ihrem betörenden Gesang
Fischsuppe 6 Heller
junge Männer anzulocken – und diese dabei häufig
Brotteller 5 Heller
in ein nasses Grab befördert.
Strohsack im Schlafsaal 6 Heller
Einzelzimmer 3 Silbertaler
hält ein Büttel oder einer der Bewohner in der ersten
Etage Wache und kontrolliert die Ankommenden.
Am Dorfanger, auf dem sich fast immer einige Schwei-
ne tummeln, liegt das einzige Gasthaus des Dorfes: die Dorfhalle (02)
Weiße Bache, wie ein weiß gestrichenes Holzschild in Ebenfalls am Dorfanger findet sich die Dorfhalle Hol-
Wildschweinform über der Eingangstür verkündet. Die lerdonks, die eigentlich kaum mehr ist als ein Dach auf
übrigen Häuser sind fast allesamt aus Holz erbaut und acht mächtigen, mit feinen Schnitzereien verzierten
gruppieren sich mehr oder minder wahllos innerhalb Holzsäulen. Hier finden sich eigentümliche Darstellun-
der Palisade. Fast alle besitzen einen kleinen Garten mit gen der Zwölfgötter und anderer mythischer Wesen, die
Obstbäumen und Gemüsebeeten, der von kleinen He- das Leben der Bewohner der Waldwildnis bestimmen.
cken umrahmt wird. Die Dorfhalle mit ihrer großen Feuerstelle dient als Ver-
sammlungsort und als Platz, an dem reisende Händler
Wichtige Örtlichkeiten ihre Waren feilbieten können. In Hollerdonk wird ein-
mal im Monat ein kleiner Markt abgehalten, während
Dorfanger (01) dem das Örtchen förmlich aufzublühen scheint.
Der Dorfanger wird von einer mächtigen Steineiche
beherrscht, um die sich in einem Halbkreis vier dunk- Großbauer Ochsenbrecht (03)
le Steinblöcke von etwa 2,5 Schritt Größe erheben. Da- Auf dem mit Abstand größten Hof Hollerdonks lebt die
zwischen findet sich im Westen der Firunschrein des kinderreiche Familie Ochsenbrecht, die außerhalb der
Dorfes, eine lebensgroße Holzstatue, die den Jagd- und Palisade die meisten Felder der Gegend bewirtschaftet.
Wintergott als kräftigen Mann mit einem Hirschgeweih Viele Freibauern und Leibeigene arbeiten auf den Fel-
darstellt und die einen echten Bärenfellumhang trägt. dern und man zeigt sich zufrieden. Denn obwohl der
Patriarch der Familie, Niobald (*985 BF, 1,78 Schritt,
Gasthof Zur weißen Bache (G01) dichtes graues Haar,
Der Gasthof ist das größte Gebäude des Ortes, ein zweige- wettergegerbt und auf-
schossiges Fachwerkhaus. Die Schankstube ist groß und brausend), im Ruf steht,
Andergast: Wirtin ist die
gemütlich, und über dem riesigen Kamin, in dem immer ein harter Hund zu sein,
Schulzin Helasine Visserad
wieder auch ganze Schweine gegrillt werden, findet sorgt er doch dafür, dass (Seite 55).
sich der kleine Traviaschrein Hollerdonks. Eine reich alle ihm Anvertrauten Nostria: Wirt ist der Schul-
geschmückte Schnitzarbeit zeigt die Göttin als Herrin einigermaßen über die te Jindrich Appelbrandter
der Gastfreundschaft, deren warmes Licht Wanderer an Runden kommen. (Seite 56).
den Herd einlädt. Der Schlafsaal im Obergeschoss bietet

52 Land & Leute


Schweinebauer Onderbruk (04) Tischlerei und Holzlager (06)
Die Familie Onderbruk ist sicherlich eine der wohlhabends- Die meisten Häuser im Ort wurden von der Familie Hau-
ten in Hollerdonk. Im Dorf trifft man überall auf freilaufen- beiler erbaut. Bogumil (*987 BF, 1,73 Schritt, Glatze,
de Schweine, die alles und jeden um Futter anbetteln, wenn kräftig und kompakt gebaut mit flinken Fingern und
sie nicht gerade zur Mast in die Wälder getrieben werden, einem scharfen Blick, bedächtiger Handwerker), der äl-
um sich an den Eicheln satt zu fressen. Die Schweinehirten teste und erfahrenste der Hollerdonker Tischler, ist im
der Onderbruks sind gern gesehene Gäste, die ihre Münzen gesamten Flusstal für seine hervorragenden Schnitzar-
häufig in der Weißen Bache auf den Kopf hauen. Sie gelten beiten bekannt.
allenthalben als raue und streitbare Gesellen.
Im Dorf flüstert man hinter vorgehaltener Hand, Fischer (07)
dass jeder, der den Onderbruks krumm kommt oder Die Familie Islavia fängt im See schon seit Generationen
ihre Bedingungen nicht akzeptiert, als Schweinefut- Fische, und sie ist bekannt dafür, dass sie einen verbor-
ter endet. Besonders mit dem Alten Jasse (*976 BF, genen Ablauf kennt, über den die Holzfäller ihre Stäm-
1,68 Schritt, weiße Haare, gichtverkrümmt und spin- me auf den Ornib bringen können, um sie in den Städ-
deldürr, schweigsam und berechnend), dem Ober- ten am Fluss gewinnbringend zu verkaufen. Dass sie als
haupt der Familie, sollte man es sich besser nicht Führer auf dem See fungieren, bringt ihnen einen guten
verscherzen. Nebenverdienst ein, sorgt aber auch dafür, dass die Fami-
lie bei den Hollerdonkern als Nymphenfreunde angese-
Schmiede (05) hen und mit einigem Argwohn betrachtet wird. Es heißt,
Die Schmiede wurde nah am See errichtet, weil hier dass die Töchter der Familie außerordentlich hübsch und
die Feuergefahr am niedrigsten erschien. Zudem ist es hervorragende Sängerinnen sind, weil angeblich etwas
hier ein Leichtes, Ton aus dem Boden zu gewinnen, der Nymphenblut in ihren Adern fließt. Um die Geister des
für bestimmte Härteprozesse beim Schmieden und den Sees zu besänftigen, opfert die Familie jedes Jahr eine Sil-
Bau der Öfen benötigt wird. Zwar verfertigen die Hol- bermünze in den Ruinen auf der Insel Hollerieth.
lerdonker Schmiede keine Meisterstücke der Waffen-
schmiedekunst, aber dafür gibt es kaum etwas, das sie Obsthain (08)
nicht reparieren könnten. Besonders die Pfeilspitzen, In dem offenen Hain steht ein knappes Dutzend Apfel-
die hier hergestellt werden, gelten als hervorragende bäume, aus deren Früchten der Gastwirt einen ausge-
Handwerksarbeit. zeichneten Apfelbrannt herstellt. Hier findet sich häufig
eine lauthals schnatternde Gänseschar.

53
Die Nymphe Isayala dritten Sphäre verweilt, kann sie nicht
Die Nymphe erscheint immer als überweltlich schöne, über eine Regenerationsphase Le-
alterslose Frau. Seit ihrer Unterdrückung durch den bensenergie zurückgewinnen.
Freiherrn von Hollerieth jedoch trägt sie eine Wunde Schmerz +1 bei: 18 LeP, 12 LeP, 6 LeP, 5
am Hals, die wie ein algenverkrusteter Wulst um ihren LeP oder weniger
Hals verläuft. Seitdem trägt sie den Beinamen die Ein-
same, denn andere Feenwesen meiden sie. Ihr Zorn gilt Vom Wesen der Feen
den Landbewohnern, sodass sie immer wieder versucht, Feen stammen aus Globulen, die durch den Limbus
junge Männer Hollerdonks in die Tiefen des Sees zu lo- schweben. Dere besuchen diese magischen Wesen meist
cken, wo das Tor in ihre Heimstatt liegt. durch Feentore, weshalb sie hier körperlich existent sind.
Aus ihrer magischen Existenz und Herkunft ergeben
Nymphe sich einige Besonderheiten:
Größe: 1,60 bis 2,00 Schritt Körpergröße • Feen können ganz regulär durch Zustände beein-
Gewicht: 40 bis 65 Stein trächtigt werden.
MU 13 KL 13 IN 15 CH 16 • Durch einen niedrigen LeP-Stand erleiden Feen Zu-
FF 14 GE 13 KO 11 KK 11 standsstufen Schmerz (siehe Regelwerk Seite 34).
LeP 24 AsP 100 KaP – INI 13+1W6 • Feen sind körperlich auf Dere existent. Hierdurch
AW 7 SK 4 ZK 0 GS 8 sind sie entsprechend verletzlich.
Waffenlos: AT 8 PA 5 TP 1W6 RW kurz • Werden Feen getötet, bleibt eine Leiche zurück. In
RS/BE 0/0 manchen Fällen mag jedoch die Seele der Fee zu-
Aktionen: 1 rück in ihre Globule wandern, um dort wieder auf-
Vorteile/Nachteile: Gutaussehend II, Wasserlebewesen* zuerstehen. Zudem kann es beim Tod einer Fee zu
Sonderfertigkeiten: Unterwasserkampf ungewöhnlichen und bisweilen gefährlichen ma-
Talente: Betören 15 (13/16/16), Einschüchtern 4 gischen Phänomenen kommen, da ihr Körper und
(13/15/16), Menschenkenntnis 3 (13/15/16), Klet- Geist stark von Magie durchdrungen sind.
tern 4 (13/13/11), Körperbeherrschung 12 (13/13/11), • Angriffe mit profanen, geweihten und magischen
Handel 2 (13/15/16), Kraftakt 3 (11/11/11), Schwim- Waffen verursachen regulären Schaden.
men 14 (13/11/11), Selbstbeherrschung 3 (13/13/11), • Angriffe durch Zauber und Liturgien wirken manch-
Sinnesschärfe 7 (13/15/15), Überreden 7 (13/15/16), mal stärker und manchmal schwächer als üblich.
Verbergen 10 (13/15/13), Willenskraft 6 (13/15/16) • Feen sind immun gegen Zauber mit dem Merkmal Il-
Zauber: Bannbaladin 15 (13/15/16), Salander 14 lusion, da sie stets auch die magische Natur der Dinge
(13/15/11), Satuarias Herrlichkeit 16 (13/15/11), Was- sehen.
seratem 18 (13/15/11) und weitere (jeweils in der Tra- • Feen sind immun gegen Gifte und Krankheiten.
dition der Feen) • Feen können üblicherweise aus Liturgien Nutzen ziehen.
Anzahl: 1 Hier mag es jedoch einige wenige Ausnahmen geben.
Größenkategorie: mittel • Feen regenerieren durch Regenerationspha-
Typus: Fee, humanoid sen wie üblich. In ihren Feenwelten regenerie-
Beute: keine ren sie deutlich schneller (etwa 5W6 LeP pro
Kampfverhalten: Nymphen versuchen Kämpfe zu ver- Regenerationsphase).
meiden. Lieber fliehen sie oder setzen ihre Zauber-
kräfte ein, um einer Bedrohung entgegenzuwirken. *Wasserlebewesen
Flucht: individuell Wesen, deren natürlicher Lebensraum das Wasser ist,
Sphärenkunde (Sphärenwesen): haben einen Körper, der an diese Umgebung angepasst
• QS 1: Nymphen sind Feenwesen, die sich Seen (oder ist. Sie können sich besser im Wasser bewegen, als dies
Flüsse, oder andere Gewässer) als Heimstätte ausge- Landlebewesen vermögen.
sucht haben. Sie verführen Menschen und bringen Regel: Wesen mit diesem Vorteil erhalten automatisch
sie in die Feenwelt. die Sonderfertigkeit Unterwasserkampf (die Kosten der
• QS 2: Nicht jede Nymphe verführt Menschen, aber SF sind in diesem Vorteil einberechnet). Wasserlebewe-
ihre Schönheit bringt Männer dennoch schnell um sen können unter Wasser atmen. Außerdem können sie
den Verstand. sich im Wasser mit Leichtigkeit fortbewegen, da es sich
• QS 3+: Unweit ihres Aufenthaltsortes gibt es Feento- um ihr natürliches Element handelt. Sie müssen keine
re, und die Verführten folgen ihnen. So gelangen sie Proben ablegen, damit sie nicht ertrinken.
oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten wieder zurück. Voraussetzungen: Spezies, Kultur oder Profession
Sonderregeln: muss Wasserlebewesen als automatischen oder empfoh-
Lebensbindung: Jeden Tag, den eine Nymphe auf Aven- lenen Vorteil aufweisen.
turien verbringt, kostet sie 1 LeP. Solange sie in der AP-Wert: 15 Abenteuerpunkte

54 Land & Leute


Kräuterhäuschen (09) Wichtige Meisterpersonen (Nostria)
Immer wieder suchen die Hollerdonker die einfache
und etwas windschief anmutende Hütte auf, um den Be- Schulzin Helasine Visserad
wohner um Rat oder Tat zu bitten. Ein beeindrucken- Helasine ist die Wirtin der Weißen Bache und pflegt als
der Kräutergarten gehört zum Häuschen, der von einer Akoluthin der Göttin Travia auch den Schrein im Inne-
mächtigen Ulme beschirmt wird, von der die Dorfkinder ren des Gasthofs. Die stämmige und pausbäckige Wirtin
behaupten, dass sie immer wieder nach ihnen schlage. ist hoch angesehen im Dorf und kümmert sich vor al-
Und tatsächlich stimmt das, denn es handelt sich um lem um die Dorfgemeinschaft. Der ausgeschenkte Apfel-
einen Marwold (siehe Seite brannt ist in der Region hochgeschätzt, und die Holler-
96), einen von einem Geist donker haben ihre große Gänseschar schätzen gelernt
Andergast: Hier lebt der beseelten Baum. Hin und – und das nicht nur, weil immer wie-
Sume Ludewich (Seite 56). wieder wird er übermütig der Gänsebraten auf der Speise-
Nostria: Hier wohnt die und versucht, das Kräuter- karte der Weißen Bache steht.
Hexe Iringrath (Seite 54). häuschen gegen vermeintli- Vielmehr geben die Tiere, die
che oder echte Eindringlin- sich bevorzugt im Obsthain
ge zu verteidigen. tummeln, hervorragende
Wachtiere ab, die so manchen
Insel Hollerieth (10) heimlichen Überfall vereitelt
Auf der Insel erhob sich vor Jahrhunderten die stolze haben.
Motte Hollerieth. Bis heute heißt es, es gingen die Geis- Helasine, die sich müht
ter der bei einer großen Schlacht Gefallenen dort um. zu allen freundlich zu
Und tatsächlich hat diese Geschichte einen wahren Kern: sein, fährt nur dann
Der Freiherr von Hollerieth ließ sich vor Jahrhunderten aus der Haut, wenn die
mit dunklen Kräften ein, um die Macht der Fee Isayala zahlreichen Wildgän-
für sich nutzen zu können. Er war außerdem ein eifer- se, die sich im Winter
süchtiger Ehemann, der seine Frau stets im höchsten am See einfinden,
Turm der Feste einsperrte, wenn er ausritt. in ihrer Ruhe ge-
Die benachbarten Adligen neideten dem Freiherrn die stört werden. Sie ist
neugewonnene Macht, die ihm außerdem ewige Jugend besonders stolz auf ihre jüngste Tochter Franja (16
beschert haben soll. Schließlich taten sich mehrere Rit- Jahre, blonder und braunäugiger Wildfang, nur selten
ter zusammen, setzten auf die Insel über und erschlugen ohne ihre Schlange anzutreffen), bei der sich Madas
den Freiherrn sowie seine Waffenknechte, die bis zuletzt Gabe zeigte und die heute als Schülerin der Satua-
erbitterten Wiederstand geleistet hatten. Seine Frau aber riastochter Iringrath im Kräuterhäuschen lebt. Ihr äl-
fanden sie verhungert in ihrer Kemenate, das ganze Zim- tester Sohn Jaromir (22 Jahre, braunhaarig, etwas fül-
mer mit eigenartigen Symbolen aus Blut beschmiert. lig und ausnehmend ruhig) geht Helasine im Gasthof zur
Von ihren Ketten befreit, forderte die Nymphe Isayala Hand und wird das Haus wohl eines Tages übernehmen.
ein jährliches Opfer, damit sie die Hollerdonker nicht für
das erlittene Unrecht betrafen würde. Die Ritter brann-
ten die Motte Hollerieth nieder und ließen kurzerhand Helasine Visserad (Mitte 50, 1,75 Schritt, braune
einen ortskundigen Waffenknecht zurück, um das ge- Zöpfe, braune Augen, gutmütig und aufgeschlossen;
wünschte Opfer zu erbringen. Da die Nymphe ihm jedoch Handel 6 (12/12/13), Lebensmittelbearbeitung 9
offenbar nicht nach dem Leben trachtete, ließ er sich in (12/13/13), Pflanzenkunde 6 (12/13/13), Überreden
Hollerdonk nieder. Er wurde Fischer und der Ahnherr 6 (12/12/13), Willenskraft 4 (12/12/13); SK 1)
der Familie Islavia. Es heißt, dass er mehrere Jahre in der
Anderwelt verbracht habe, aber nicht einmal die Fischer
wissen, ob das den Tatsachen entspricht. Bis heute aber
soll der Geist der Freifrau von Hollerieth auf der Insel um- Iringrath, Tochter Satuarias
gehen und auf Rache an allem Lebenden sinnen. Manche Iringrath ist so alt, dass die meis-
Dörfler vermuten, dass bis heute die dunklen und arka- ten Hollerdonker sie von Kindesbei-
nen Geheimnisse des Freiherrn in den Ruinen ihrer Ent- nen an als „die alte Frau“ kennen.
deckung harren, denn bisher konnte niemand sie finden. Die verschrobene Schlangenhexe
trägt ihren Vertrauten, die Nat-
Boronanger (11) ter Graukopf, stets in einem
Mehrfach der Ort großer Schlachten, besitzt Hollerdonk gepolsterten Körbchen
einen großen Boronanger vor der Nordseite der Palisa- umher, kichert gerne
de. Eine große Trauerweide markiert den Eingang und und ist eine versierte
eine große Steinplatte, auf die ein Rabe gemeißelt wur- Kräuterkennerin.
de, kennzeichnet den Ort als eine Zone der Ruhe.

55
Sie vermag allerlei Tränke und Tinkturen zu brauen, für Ein wenig in Sorge ist er um seine älteste Tochter Ru­
die immer wieder auch Fremde den Weg in das Dorf auf sena (22 Jahre, blonde, gertenschlanke Schönheit mit
sich nehmen. Ebenso bekannt wie ihre Erzeugnisse sind braunen Augen, tatkräftig und exzellente Langbogen-
Iringraths seltsame Forderungen, mit denen sie sich von schützin), für die er immer noch auf der Suche nach einer
Zeit zu Zeit entlohnen lässt. So soll sie etwa eine große geeigneten Partie ist.
Sammlung von Haarbüscheln ihr eigen nennen. Viele
Hollerdonker sind überzeugt davon, dass sie eine Auser-
wählte des Hirschkönigs ist. Fakt ist, dass ein 14-endiges Jindrich Appelbrandter (57 Jahre, 1,84 Schritt, ge-
Geweihende über ihrer Türschwelle hängt. pflegtes dunkelblondes Haar und Vollbart, braune
Augen, hochgewachsen und energiegeladen; Han-
del 6 (12/12/13), Pflanzenkunde 6 (12/13/13), Tier-
Iringrath (84 Jahre, 1,65 Schritt, weißhaarig und kunde 9 (12/12/13), Überreden 6 (12/12/13), Wil-
grünäugig, schlank und agil, wissbegierig; Alchimie lenskraft 4 (12/12/13); SK 1)
10 (14/14/13), Heilkunde Krankheit 8 (14/14/12),
Heilkunde Wunden 7 (14/13/13,) Magiekunde 8
(14/14/14), Pflanzenkunde 7 (14/13/12), Überreden
3 (14/14/15), Willenskraft 6 (14/14/15); Balsam 6 Ludewich der Sume
(14/14/13), Große Gier 8 (14/14/15), Hexengalle 7 Ludewich ist so alt, dass
(14/14/12); SK 2) die meisten Hollerdon-
ker ihn von Kindes-
beinen an als „den
alten Mann“ kennen.
Wichtige Meisterpersonen (Andergast) Der verschrobene Su-
mudiener gilt zwar als
Schulte Jindrich Appelbrandter eigensinnig, ist aber
Jindrich ist der wohlhabendste Bauer im Dorf und ein ein recht offenherziger
Mann von anpackendem Gemüt. und versierter Kräuter-
Er verachtet Menschen, die den kenner, der allerlei
ganzen Tag faul auf der Haut Tränke und Tinktu-
herumliegen, oder ihre Zeit ren zu brauen ver-
mit Dingen vertrödeln, die der mag, für die immer
Gemeinschaft nicht nützen. wieder auch Frem-
Jindrichs Steckenpferd sind sei- de den Weg ins Dorf auf
ne Hunde, die er zu Jagd- oder sich nehmen. Ebenso bekannt
Wachhunden ausbildet und wie seine Erzeugnisse sind Ludewichs seltsamen Forde-
die häufig im Dorf herum- rungen, mit denen er sich von Zeit zu Zeit entlohnen
stromern. Seine Tie- lässt. So soll er etwa eine große Sammlung von Haar-
re sind so begehrt, büscheln ein eigen nennen und sogar schon dem Au-
dass viele Adlige der erochsenkönig persönlich begegnet sein.
Region bei Jindrich
ihre Meuten kaufen,
was dem Großbauern Ludewich (84 Jahre, 1,65 Schritt, weißhaarig und
in den Augen seiner Mitdörfler grünäugig, schlank und agil, wissbegierig; Alchimie
ein beinahe adliges Ansehen verschafft. 10 (14/15/13), Heilkunde Krankheit 8 (14/14/12),
Sein ganzer Stolz jedoch ist sein jüngster Sohn Holmar Heilkunde Wunden 7 (15/13/13), Pflanzenkunde 7
(16 Jahre, braunhaariger und braunäugiger Bursche, der (15/13/12), Magiekunde 8 (15/15/14), Überreden
ausnehmend gutmütig und humorvoll ist), in dem sich 3 (14/14/14), Willenskraft 6 (14/14/14); Atemnot 7
Madas Gabe zeigt und der als Schüler des Sumen Lude- (15/14/12), Pestilenz erspüren 6 (14/15/14), Sumus
wich im Kräuterhäuschen lebt. Elixiere 8 (15/14/14); SK 2)

56 Land & Leute


KULTUR &
WISSENSCHAFT
»Der Weg in die Streitenden Königreiche ist einfach,
denn es locken viele Geheimnisse und Schätze in
der Region. Auch Kriegsvolk ist hier immer herzlich
willkommen, denn man pflegt seit Jahrhunderten nur
Krieg, Verheerung und Verachtung. Mir aber will nicht
so ganz einleuchten, wo genau sich die Streitenden
Königreiche so stark voneinander unterscheiden, wie es
hierzulande gern behauptet wird. Sicher, Frauen genie­
ßen in Nostria dieselben Rechte wie überall sonst, außer
vielleicht bei den Novadis, und in Andergast sieht man
das nicht so. Hier herrscht die Ansicht vor, dass Männer
den Frauen überlegen seien, und so sind Frauen weitge­
hend vom öffentlichen Leben abgeschnitten, zumindest
was das Kämpfen und Regieren anbelangt. Dass sich die
Nachbarn Nostria und Andergast aber ansonsten derart
drastisch unterscheiden sollen, wo doch ihre Ansichten,
was Tradition und das Verhaftetsein in alten Werten an­
geht, so ähnlich sind, kann ich so nicht bezeugen. Rück­
ständig sind beide Seiten nämlich auch gleichermaßen
und wollen die Neuerungen nicht akzeptieren, die uns
die Götter geschenkt haben – und einlenken wollen sie
schon gar nicht. Auch Naturgeister und allerlei seltsa­
me Götzen verehren beide, und leihen ihr Ohr Zauberern
oder Zauberinnen, die sich Sumu oder ihrer Tochter Sa­
tuaria nahe fühlen.
Auch die Feindschaft zum jeweils anderen verbindet auf
gewisse Weise, und scheint Nostriern wie Andergastern
wohl in die Wiege gelegt. Selbst die Tierkönige der un­
durchdringlichen Waldwildnis, die eine fließende Grenze
zwischen Andergast und Nostria darstellt, sollen einan­
der spinnefeind sein. Ich müsste einen Experten der Tier­
kunde befragen, ob Hirsch und Auerochs sich auch sonst
nicht wohlgesonnen sind. Je länger ich aber durch die
Region streife, desto mehr glaube ich an die Legende ei­
ner Wurzel des Hasses, von der ich hinter vorgehaltener
Hand erzählt bekommen habe. Wie dem auch sei, als
Auswärtiger sollte man sich am besten einfach nicht ein­
mischen. Denn solange man nicht dem verfeindeten Kö­
nig oder der verfeindeten Königin die Treue geschworen
hat, kommt man einigermaßen durch, auch als Frau.
Nur Position zu beziehen, das sollte man im Guten wie im
Schlechten tunlichst vermeiden, wenn man sich nicht
Anfeindungen oder Schlimmeren ausgesetzt sehen will.«
( 178)
—aus dem Buch der Schlange des reisenden Hesindege­
weihten Irian Nandurion von Abilacht, 1037 BF

57
Sitten & Gebräuche
zwischen den beiden Regionen erneut aufflammt.
»Elende Sturköpfe, die keinerlei Ideen übernehmen
Das hat einerseits zu einem gehörigen Ausmaß an Fata-
können, die sie nicht selbst gehabt haben. Es gibt
lismus geführt, der Nostrier wie Andergaster prägt. An-
einen Unterschied zwischen Traditionsbewusstsein
dererseits haben sie aber auch gelernt, immer das Beste
und Dummheit, aber den kennt hier wohl niemand.
aus einer Situation zu machen. Sie lassen sich selbst von
Kein Wunder, dass die so rückständig sind! Wenn
harten Schicksalsschlägen nicht entmutigen, sondern
mir nur nicht deren Halsstarrigkeit irgendwie
rappeln sich jedes Mal wieder auf. Nicht umsonst genie-
imponieren würde …«
ßen die Bewohner der Streitenden Königreiche den Ruf,
—Arbosch Sohn des Angrax, ambosszwergischer Meisterschmied
dank ihrer Gewitztheit selbst mit mangelhaftem Werk-
zeug und schlechtem Material in Alltag wie Handwerk
Die Menschen in Nostria und Andergast stammen ur- erstaunliche Ergebnisse zu erzielen.
sprünglich von Siedlern aus dem Bosparanischen Reich Eine Besonderheit ist auch, dass hierzulande bei Weitem
ab. Von diesem Erbe ist jedoch recht wenig bis heute er- nicht alle Bewohner in den Zwölfgötterglauben initiiert
halten, denn schon vor rund zweitausend Jahren sagten sind. Da das Zwölfgötteredikt des Silem-Horas weder in
sie sich von der alten Hauptstadt los. Nicht zuletzt aus Andergast noch in Nostria anerkannt wurde, haben sich
diesem Grund hat sich ihre Kultur in manchen Berei- viele alte Formen der Götterverehrung erhalten, sogar
chen deutlich anders entwickelt als etwa im Horas- oder solche, die anderswo gezielt verfolgt und ausgerottet
Mittelreich. Einige Dinge werden aber auch hier gleich wurden. Auch wenn der Zwölfgötterkult insbesondere
gehalten, so gilt ein Mann (und nur in Nostria eine Frau) in den letzten 20 Jahren deutlich an Ansehen gewonnen
mit 21 Jahren als volljährig. In Nostria wird bei einer hat, sieht man davon gerade abseits der Städte oft recht
Vermählung immer der Name der einflussreicheren Fa- wenig. Insbesondere in ländlichen Regionen setzen Ad-
milie übernommen. Im streng patriarchischen Ander- lige wie Gemeine von alters her auf die Vermittlung von
gast hingegen kann der Mann hierüber entscheiden. Sumen oder Hexen. So haben sich auch einige besonders
Mit Sicherheit am prägendsten für die Kultur ist bis heu- urtümliche Traditionen rund um Geburt und Sterben
te die ewige Feindschaft zwischen den beiden Königrei- bis heute erhalten. Weit häufiger als Geweihte spenden
chen, die bereits kurz nach ihrer Gründung ihren Anfang hier weise Männer und Frauen des Waldes oder Gezei-
nahm und bis heute andauert. Selbst dort, wo es Handels- tenleser Segen. Statt sie borongeweihter Erde oder der
beziehungen zwischen den beiden Ländern gibt, sind sie reinigenden Kraft des Feuers zu übergeben, bestattet
häufig von tiefem Misstrauen geprägt und werden von man Tote auch gerne bei den Wurzeln mächtiger Bäu-
Vorurteilen und Hass überschattet. Zahllose Kriege und me oder übergibt sie Meer oder Moor.
Schlachten haben beide Reiche ausbluten lassen, sodass Besonders in den nostrischen Küstenregionen und im
sie bis heute zu den ärmsten Regionen des Kontinents Seenland gilt Efferd als überaus mächtiger Gott, der den
gehören. Doch genau dieser Zwist ist auch ungemein Menschen wenig wohlgesonnen ist. Hier wird das Leben
identitätsstiftend, und selbst wenn es einmal zu Kriegs- als ewiger Kampf gegen die Widrigkeiten von Wind und
müdigkeit kommt, dauert es nie sehr lange, bis der Hass Wetter begriffen, und es gilt, den launischen Wassergott

58 Kultur & Wissenschaft


zu besänftigen und sein Gefolge sowie die Ahnen milde unterstellt werden. Den Sumen hingegen, die sich
zu stimmen. In Andergast hingegen werden die Drui- ebenfalls in die Einsamkeit der Wildnis zurückzie-
den, dortzulande Sumen genannt, als Mittler angerufen, hen, tritt man in Andergast mit ängstlichem Respekt
um den Segen der Geister des Waldes und der mächti- entgegen. Ganz ähnlich verhält es sich in Nostria mit
gen Erdmutter Sumu zu erbitten. den Töchtern Satuarias, den Hexen, die ebenfalls ger-
An kleinen Altären bringen die Menschen Opfer für die ne unter sich bleiben. Wer freiwillig in die weite Welt
Überderischen dar, um sie gütlich zu stimmen oder um zieht, um Abenteuer zu erleben, der hat entweder
ihren Schutz zu bitten. Diese mächtigen Wesen müssen nicht genug zu tun, kann nicht ganz richtig im Kopf
jedoch nicht immer Götter sein, oft handelt es sich um sein oder muss Opfer eines bösen Zaubers geworden
Wesenheiten, die in Fluss, See oder Wald zu Hause sind. sein – so denken zumindest hierzulande viele.
So erfahren viele Feen, Dryaden, Nymphen oder Wald-
schrate große Verehrung. Dieser Argwohn gegenüber Fremdem setzt sich fast
Verbreitet ist besonders in Andergast auch der Glau- überall in der Ablehnung von Veränderungen oder Neu-
be, dass man dem Land selbst Opfer bringen müsse. Mal em fort, die tief im Wesen der Menschen verankert ist.
verschüttet man hierzu einfach nur einen Schluck sei- Schon allzu oft im Lauf der Geschichte wurden leere
nes Bieres, mal haben Dorfgemeinschaften entschie- Versprechungen gemacht, und doch hat kaum eine Än-
den, dass alle Jahrzehnte wirklich einer aus ihren Rei- derung der Lebensweise auch wirkliche Verbesserun-
hen für das Land sterben muss. Solche Bräuche mögen gen mit sich gebracht. Besonders der letzte Andergaster
auf Außenstehende schon merkwürdig bis gefährlich König, der ursprünglich aus dem Horasreich stamm-
anmuten, noch deutlich irritierender wirkt häufig die te, musste diese Lektion schmerzvoll lernen. Viele der
Verschmelzung des Zwölfgötterglaubens mit der Natur- mühsam eingeführten Reformen Efferdans I. wurden
religion oder die Einbindung gänzlich fremder Kulte. So vom Volk angezweifelt und vom andergastischen Adel
wird der orkische Todesgott Tairach gemeinhin als Fins- behindert oder gleich rundheraus abgelehnt. Als sein
termann gefürchtet, der in der Nacht jeden holen kann. Nachfolger Wendelmir einige Jahre später viele dieser
Ein vermeintlicher Firunschrein kann sich als Kultstät- Beschlüsse außer Kraft setzte, hatte er sich damit zum
te des Waidmanns Kurim entpuppen, dessen Verehrung ersten Mal echte Sympathie im Volk erworben, das seit-
bereits vor Jahrhunderten von den Goblins übernom- dem über seinen harten Herrschaftsstil hinwegsieht.
men wurde. Taktisch geschickter geht zumindest bisher die nostri-
Die Menschen in Nostria und Andergast sind aber sche Königin Yolande vor. Sie scheint die Ängste ihres
nicht nur vom andauernden Zwist und dem steten Volkes zu beschwichtigen und sie mit sanften Verände-
Kampf gegen die Kräfte der Natur geprägt, sondern rungen an neue Ideen heranzuführen. Doch auch sie hat
auch von ihrem überaus starken Gemeinschaftssinn. mit dem konservativen Stimmen im Land zu kämpfen,
Die Dorfgemeinschaft gilt fast überall als höchs- die ihr Herrschaft und Einfluss neiden.
tes Gut, denn ohne die Hilfe der Nachbarn wäre das Die Bewohner der Streitenden Königreiche sind sich im
Überleben weitaus schwieriger. Wer sich freiwillig Übrigen sehr wohl bewusst, dass sie in manch anderem
oder unfreiwillig von einer solchen Gruppe abson- Land als rückständig und primitiv angesehen werden.
dert, wird daher mit äußerstem Misstrauen betrach- Und nicht selten setzen sie dem alles an Unglaube, Tra-
tet. Das gilt oft auch für fahrende Händler, Pelzjäger ditionsbewusstsein und Trotz entgegen, was sie aufbie-
oder Köhler, die als unstet und unzuverlässig gel- ten können.
ten und denen nicht selten sogar finstere Absichten

Sprache & Schrift


»Sprache nennen sie das? Dieses elende Gekritzel je weiter ein Reisender sich von den häufig benutzten
mit obskuren Lehnwörtern kann doch kein Handelswegen entfernt, desto schwerer fällt es ihm für
normaler Mensch lesen. Und das obwohl ich gewöhnlich, die Einheimischen zu verstehen.
mehr als fünf Sprachen und sicherlich acht An der nostrischen Küste und nahe der Grenze zu Thor-
Schriften beherrsche. Es ist zum Verzweifeln!« wal haben viele thorwalsche Lehnwörter Eingang in den
—Nacladora Berlînghan, hesindegeweihte Wortschatz gefunden, im Süden ist der weichere alberni-
Draconiterin sche Einfluss unüberhörbar, und in den nördlichen Wäl-
dern oder den Steppen des Ostens gibt es sogar Klänge,
Die Sprache der Streitenden Königreiche ähnelt eindeu- die an das orkische Ologhaijan erinnern. Gelehrte können
tig dem Garethi. Aber wie in vielen entlegenen Gebie- in manchen hinterwäldlerischen Orten über Wortbildun-
ten des ehemaligen Bosparanischen Reiches, hat sich gen stolpern, die dem Bosparano entstammen und sich
die Sprache eigenständig weiterentwickelt und ist heut- bis heute unverfälscht erhalten haben. In Nostria hat die
zutage mit dem gelehrten Hoch-Garethi kaum zu ver- Hofsprache noch viele bosparanische Einschläge behal-
gleichen. Überall haben sich Dialekte entwickelt, und ten, weswegen sie oft hochtrabend und gestelzt klingt.

59
Allgemein kann man sagen, dass die Sprache an der Küs- den Beruf dazu: Gerswide von Ladewichs Hof, Havel
te weicher und für Fremde vergleichsweise gut verständ- von den Köhlern. Manchmal werden Ruf- oder Spitzna-
lich ist, während sie im Inland härter und konsonanten- men einfach als Teil des Namens mitgenutzt, ohne dass
reicher klingt und man gerne Silben verschluckt, Wörter man auf eventuelle Vorlieben oder Familienvorbehalte
zusammenzieht und Sätze möglichst kurz und einfach Rücksicht nimmt.
formuliert. In Teshkalien hingegen ist die Sprache eigen- In Städten hingegen legen sich die meisten Leute einen
artig kehlig, was gerne mit der Nähe zu den Orks begrün- Nachnamen zu, oft ein reiner Rufname oder eine Berufsbe-
det wird. Sprachkundler fühlen sich aber auch an das zeichnung (Holda die Bäckerin, Gunar Flößer), der nicht an
Alaani der Norbarden erinnert, was dazu passt, dass die die eigenen Kinder weitergegeben wird. Nur Familien, die
Teshkaler zu blumigen und bildhaften Flüchen und Be- sich als besonders traditionsreich empfinden, haben einen
leidigungen neigen, wie sie bei Norbarden, aber auch bei Familiennamen. Oft behaupten solche Leute, in direkter Li-
tulamidischen Völkern verbreitet sind. nie von Gefährten des Admirals Sanin abzustammen, der
vor gut 2.000 Jahren das Land erschlossen hat.
»Komische Leute! Statt von den Göttern, reden sie hier Nostrische Namen
immer von den Überderischen, und meinen damit Nostrier geben ihren Kindern gerne lange und umständ-
auch Satuaria oder die Waldgeister. Als würde es liche Namen, die im Hausgebrauch dann oft verkürzt
Unglück bringen, wenn ich ›Efferd‹ sage …« werden, etwa Adarilanda zu Ada oder Haldorion zu Rion.
—Rovena aus dem Überwals, bornländische
Katzenhexe Männliche Vornamen
Kurzform: Basilio, Bosper, Cargo, Dolfer, Esindio(n), Et-
Nur die wenigsten Menschen in den Streitenden König- tel, Franio, Gero, Halvo, Jasper, Melcher, Murro, Pipo,
reichen können überhaupt lesen. Weder der Adel noch Polter, Ukko, Yeto
einfaches Volk gibt sich übermäßig mit den Tugenden Mögliche Zusammensetzungen aus: Ab(la)-, Al(rik)-, Anda-,
Hesindes ab, daher sind Schreiber und Vorleser als ei- An(s)-, Arn-, Belen(o)-, Bla-, Bös-, Cordo-, Dro(de)-, El-, Ferd(i)-,
genständige Berufe sogar in den größeren Städten ver- Fren(g)-, Frin(g)-, Gaspa-, Haldo-, Ingva-, Kar-, Kas(i)-, Kaspar-,
breitet. Da es kaum Schulen gibt, und es in Andergast Linn(e)-, Mo-, Nio-, Ora(s)-, Orni-, Per-, P(e)rain-, Rig-, Rod(e)-,
sogar verboten ist, dass Praiostagsschulen Mädchen un- Rud(e)-, Salvy-, Saper-, To-, Tomme-, Travi-, Urfa-, Valto-,
terrichten, hat es nie eine größere Schicht gegeben, die Wald- // -bald, -bian, -bio(n), -eryn, -finion, -fold, -gar, -grimm,
in der Lage ist, auch nur einfachste Sätze aufzuschrei- -las, -lian, -lion, -mir(yn), -mo, -myr(d)in, -no, -r(i)an, -ri(c)k, -ri-
ben. Menschen, die des Lesens und Schreibens mäch- gion, -r(i)on, -ryn, -silas, -sion, -sius, -tyn, -val, -van, -vert, -win
tig sind, gelten daher schnell als Gelehrte oder von den
Überderischen Auserwählte. Diese Tatsache machen Weibliche Vornamen
sich auch einige Sumen, Hexen und Priester zunutze, Kurzform: Ala, Brea, Dina, Elle, Frada, Girte, Hetta, Idra,
um zu größerem Ansehen zu kommen – wenn sie selbst Linai, Lynia, Mona, Ovine, Pea, Selma, Zanya
denn lesen und schreiben können. Mögliche Zusammensetzungen aus: Ada(ri)-, Al(g)-,
Amen-, Ala(ra)-, Ara-, Asmo-, Bal-, Bele(na)-, Brin-, Caris-,
Anreden Dali(d)-, Delu-, Effer(d)-, Eli-, Elys-, Finn-, Firu-, Fran(i)-,
Die Ehrerbietung und Schicksalsergebenheit der Bevöl- Ger(t)-, Gir-, Gyl(t)-, Hara-, Hela-, Ingva-, Isla-, Jels-, Jo-,
kerung schlägt sich in den Anreden der Adligen, Priester Kas(my)-, Lys-, Mar-, Mis(a)-, Nora-, Nos(tri)-, Nuri-, Pe-
und anderen Offiziellen nieder. Landesherrscher wer- ra(n)-, Ro-, Nori-, Sel-, Sene(bi)-, Thala-, Tomme-, Tra-
den immer mit „königliche Majestät“ angeredet, Frei- vi(e)-, Tr(i)um-, Urme-, Wili-, Yan(n)-, Yas-, Yn- // -ai, -ane,
herren oder Bombasten mit „Hochwohlgeboren“. Ritter -bet(h), -da, -dette, -dis, -fine, -ike, -je, -lais, -landa, -lant(h)
und andere Adlige werden mit „Hochgeboren“ tituliert. a, -leth(a), -lia(n)e, -linde, -lind(i)a, -lin(k)e, -loth, -ke, -mai,
Priester genießen die Anrede „Euer Gnaden“, Sumen -mina, -mine, -nai(a), -nia, -nette, -nke, -pet(h), -ra(i), -rike,
und Hexen werden manchmal je nach Vorliebe mit „Va- -s(i)a, -sine, -sin(e), -thea, -tje, -tris, -vi(n)a
ter“, „Mutter“, „Bruder“ oder „Schwester“ angeredet.
Die gängige Grußformel führt den Namen den Herr- Beispiele für Familiennamen
schers an: „Des Königs Gnade!“ oder „Der Königin Se- Damme, Dieckmann, Fangeysen, Ingvaler, Kirschner,
gen!“ sind derzeit äußerst beliebt. Selten nur werden Koyner, Linneweber, Marschenpadder, Nietendeeler,
die Namen der Zwölf angeführt, häufiger ruft man un- Notfink, Oskin, Pernstyn, Styper, Theuermeel, Turmer,
bestimmt „die Überderischen“ an. Viskoppen, Visserad
Mögliche Zusammensetzungen aus: Brach-, Bram-,
Wie heißt du? – Namensgebung Darb-, Deick-, Elg(e)-, Gar(s)-, Hugen-, Köpen-, Krennel-,
Das einfache Volk auf dem Land kennt keine Nachna- Lieken-, Riet-, Rik-, Try-, Wilm- // -dam(m), -hart, -holt,
men. Jeder hat nur einen Vornamen, und wenn eine -hork, -husen, -inger, -ming(er), -moler, -ryn, -siek, -stek,
weitergehende Unterscheidung notwendig werden soll- -vard, -vind, -wind
te, dann nennt man den Herkunftsort oder eventuell

60 Kultur & Wissenschaft


Andergaster Namen Wal(d)-, Wende- // -ana, -ane, -dela, -eria, -gard(a), -gart,
Andergaster haben eine Vorliebe für althergebrachte -gret(e), -gund(e), -hild(e), -huta, -lieb, -lind(e), -line, -mila,
Namen, die häufig bereits ein Vorfahre getragen hat. -mine, -neld(a), -purga, -rada, -rella, -rena, -ria, -rike, -sena,
Zur Unterscheidung noch lebender Familienmitglieder -seni, -ta, -traud(e), -traut, -trud(e), -vana, -wena, -wid(e),
mit gleichem Namen oder für allzu lange Bezeichnun- -wiga, -wige, -wind(e)
gen wird gern eine Kurzform ersonnen.
Beispiele für Familiennamen
Männliche Vornamen Auer, Beutler, Bodiak, Dreub(n)er, Eichenfeller, Fass-
Kurzform: Alf, Brin, Cord, Detter, Dolf, Firunz, Fran, bender, Flöß(l)er, Haubeiler, Joborner, Karden, Krück,
Gilm, Gwinnling, Havel, Holk, Jarl, Kalle, Menzl, Niffl, Meeltheuer, Peutler, Straub, Wulfen
Ogo, Rickl, Seff(e)l, Trauto, Ulf, Wenzl Mögliche Zusammensetzungen aus: Alriks-, Birgel-,
Mögliche Zusammensetzungen aus: Adal-, Al-, An(d)-, Bork-, Eich-, Holz-, Kuh-, Ochsen-, Ros(s)-, Seff(e)l-, Seg-
Ar(g)-, Arn-, Bar(n)-, Bär-, Bartis-, Bins-, Bir(n)-, Biro-, Blat-, ge(n)-, Tann- // -baum, -bauer, -brecht, -gruber, -hauser,
Blathis-, Blatt-, Bogu-, Bork-, Boro-, De-, Die(t)-, Edel-, Eich-, -huber, -inger, -kop(p), -meister, -mund, -wald, -wall
El-, Emmer-, Erl-, Eul-, Firn-, Firunis-, Gas-, Ger-, Gilm-, Gis-
, Gost-, Hart-, Hol-, Hos-, Jago(s)-, Jin(d)-, Jo-, Kru-, Ladis-, Beleidigungen
Lude-, Mar-, Mis-, Od(e)-, Odo-, Ol-, Olde-, Oldi-, Os-, Se-, Sta- Jedes Reich hat seine eigenen Bezeichnungen für das
nis-, Stein(is)-, Sumu-, Tro-, Uhl-, Ul(l)-, Uri-, Urich(s)-, Wald- jeweilige Gegenüber. In Nostria schimpft man oft und
, Wende(l)-, Wendo-, Wenge-, Wenze(s)-, Yarus- // -bald, gerne über die „wankelmütigen Joborner“ und das
-bart, -bert, -bold, -bolf, -brand, -brecht, -erich, -fing, -fr(i)ed, „Andergaster Geschmeiß“. Bewohner des anderen Kö-
-gar, -gor, -gos, -ganz, -grimm, -hard, -helm, -laus, -lin, -lyn, nigsreichs werden häufig als „Andergarstige“, „Steinei-
-mann, -mar, -mil, -mislaus, -pert, -pold, -ran, -rat, -r(a)us, chenschädel“, „Holzköpfe“, „Schweinsnasen“ , „Eichel-
-rich, -rik, -ring, -ruk, -sold, -wald, -ward, -wein, -wich, -wulf fresser“ oder „Waldbarbaren“ tituliert.
Die Andergaster hingegen nennen die Einwohner Nost-
Weiblich Vornamen rias gerne „Nostrioten“, „Nostriacken“, „Flunderfres-
Kurzform: Albi, Andra, Bari, Birsel, Core, Eigi, Fira, Gine, sen“, „Deichstarrer“, „Deichspaten“, „Moorleichen“
Gund(e)l, Hala, Hilda, Hilde, Ilme, Kari, Koscha, Larja, oder „elende Fischköpfe“.
Lina, Mi(n)a, Nia, Pia, Renzi, Rosi, Stine, Traute, Vera Auch an der Heraldik sind die Animositäten nicht ganz
Mögliche Zusammensetzungen aus: Adal-, Al-, A(r)n-, spurlos vorübergegangen. Seit dem Krieg des Stolzes (713-
Doro-, Erd-, Erl-, Erm-, Far(n)-, Ger(s)-, Had-, Hild-, Hildi-, 735 BF) führen die Andergaster Ritter als Schmähwappen
Hilm-, Hold-, Ifir(n)-, Ilda-, Immen-, In-, Inge-, Irmen-, Lud- eine Salzarelengräte und die nostrischen Reihen einen
, Kun-, Mirn-, Ro(t)-, Ru-, Sil-, Sumu-, Trave-, Travi-, Va-, Steineichenstumpf ihren Heerhaufen voran.

Redensarten & Aberglaube


»Was? Ich soll keinen Fisch mit einem andern • „Wer es weit im Leben bringen will, der soll nicht mit
erschlagen? Ich bin ein Zwerg und meine Axt ist der Salzarele nach der Gnitze werfen. Sonst steht er
mir genug, bei Angroschs Schmiedefeuer! Die am Ende ganz ohne Fischsuppe da.“ (Nostria)
sollen mir nicht mit ihrem komischen Gerede • „Auch aus einer kleinen Eichel wächst ein mäch-
kommen, das so fadenscheinig ist, wie der Rauch tiger Baum – oder ein kleines Schwein wird dick
aus Väterchens Aromboloschs Pfeife.« daran.“ (Andergast)
—Arbosch Sohn des Angrax,
ambosszwergischer Meisterschmied Als Glücksbringer tragen viele Nostrier einen Anhänger
in Fisch- oder gleich Salzarelenform. Auch Flusskiesel
mit kreisrundem Loch, einen sogenannten Hexenstein,
Neben der Eigenart, den Feind bei jeder sich bietender sieht man häufig. Andergaster bevorzugen hingegen Ta-
Gelegenheit zu schmähen, ist Nostriern wie Andergas- lismane in Form eines Eichenblatts, sie veredeln Eicheln
tern ein Hang zu eigensinnigen Redensarten und Sprich- mit Ziermetallen oder fassen sie in Schmuckstücke.
wörtern eigen, die nur in den Streitenden Königreichen Auch das Glücksschwein, aus Holz geschnitzt oder Stein
gebräuchlich sind. Dabei berufen sich die Nostrier meist geschlagen, ist sehr beliebt. Die passende Redewendung
auf die allseits beliebte Salzarele oder den vielverehrten „Schwein gehabt!“ ist in Aventurien zwar auch andern-
Hirsch. Die Andergaster ziehen hier den Auerochsen vor orts verbreitet. In Andergast soll sie jedoch auf einen
und bemühen insbesondere bei Vergleichen gerne die Überfall der Nostrier in einem der frühen Kriege zu-
unverwüstliche Steineiche. Während solche Sinnbilder rückgehen. Wer damals sein Schwein hatte retten kön-
sich fast jedem Einheimischen automatisch erschließen, nen, der war nicht bloß mit heiler Haut davongekom-
wirken nicht wenige Redewendungen auf Außenstehen- men. Es ging ihm auch danach noch verhältnismäßig
de konstruiert oder sogar reichlich absurd: gut, denn er war zumindest fürs Erste versorgt.

61
In Andergast fürchtet man mancherorts Hexen, die man Flussgeister oder die Winde, sie mögen die Sicht klären.
als weibliches Gegenstück zu den Sumen mit gegentei- In der Waldwildnis kennt man unzählige Bräuche, um
ligen Zielen in Verbindung bringt, wenn man sie nicht den verschiedensten Übeln der Natur zu begegnen. Die
ohnehin gleich als Dienerinnen des Feindes ansieht. Aufmerksamkeit missliebiger Waldgeister wendet man
Andernorts bringt es hingegen Glück, wenn man einer etwa ab, indem man ein Büschel Gräser verknotet und
Hexe begegnet, solange man sie nur vernehmlich grüßt. mit einem Stein beschwert. Nur während sie versu-
Wer dies hingegen unterlässt, den trifft womöglich der chen, den Knoten wieder zu lösen, kann man als Wan-
Hexenschuss oder anderes Unheil. Ähnliche Befürch- derer unbehelligt durch die Wildnis ziehen.
tungen und Bräuche sind auch rund um die Andergaster Der Andergaster klopft außerdem gern auf Holz, um Un-
Sumen überliefert. heil jedweder Art abzuwenden.
An der nostrischen Küste drehen sich zahllose Aberglau- Und nicht nur der kluge Holzfäller spuckt auf seine Axt,
ben rund um die Gezeiten, den Deichbau oder die zahl- bevor er die Eiche fällt, auch so mancher Ritter netzt
reichen Leuchtfeuer. Erlischt eines der Küstenlichter, seine Klinge vor dem Kampf, damit sie nicht bricht.
so verdammt man die Mannschaft eines dem Untergang In beiden Ländern wird interessanterweise auch das
geweihten Schiffs auf ewig. Wenn der Deich zu brechen weibliche Geschlecht oft zum Ziel von Aberglauben.
droht, muss man dem Herrn Efferd oder den Gischt- In Andergast behauptet man, dass Frauen dem Mann
nymphen opfern, und manche behaupten sogar, dass ein in körperlicher wie geistiger Hinsicht unterlegen sei-
Deich nur standhalten kann, dessen Fundament auf den en. Besonders Launenhaftigkeit wird bei Frauen daher
Gebeinen eines Tier- oder gar Menschenopfers steht. schnell als Zeichen von Schwäche gewertet – und gleich
Vermutlich aus Thorwal stammt ursprünglich der Aus- auch als Beweis dieser Annahme.
spruch „Der Nebel bringt nichts Gutes!“, und manch In Nostria hingegen gelten Frauen, die mit Madas Gabe
Nostrier fürchtet den grauen Dunst bis heute. Nur die gesegnet sind, als besonders noble Wesen, und man
mutigsten Seefahrer laufen daher bei Nebel aus. Auch sagt, dass ihnen sogar weit häufiger Magie innewohne
viele Flussschiffer legen lieber eine Pause ein und bitten als Männern.

Zeitrechnung & Jahreslauf


Die gängigste Zeitrechnung in Aventurien ist die nach keine einheitliche
dem Fall Bosparans, in welcher der Untergang der Bezeichnung für die Bei geschichtlichen Da-
ten in diesem Band sind
Hauptstadt des bosparanischen Imperiums das Jahr Null Monate. In den Städ-
Jahreszahlen der besseren
markiert. Die Zeitrechnung vieler unabhängiger Reiche ten und unter Gelehr-
Übersicht halber mit vor
basiert auf besonderen Ereignissen ihrer eigenen Ge- ten ist die Benennung
oder nach Bosparans Fall
schichte oder auf dem Zeitpunkt ihrer Lossagung von nach den Zwölfgöttern angegeben, es sei denn, es
Bosparan. Letzteres ist auch bei Nostria und Andergast üblich, beginnend im handelt sich explizit um
der Fall, beides ehemalige Vasallenreiche. Sommermond Praios. inneraventurische Quellen.
Das Jahr 854 v.BF gilt in beiden Reichen als Jahr 0, das Hier wird jedoch meist
Jahr der Unabhängigkeit. Die Umrechnung erfolgt ge- von entsprechenden
mäß der Formeln: Götterwochen gespro-
chen, und nicht von einem Mond. Regional sind die orts-
Jahr nach Bosparans Fall + 854 = Jahr der Unabhängigkeit üblichen Namen meist stark von lokalen Gottheiten oder
Wetterphänomenen geprägt.
Da sich in den letzten Jahren aber auch in den Streitenden
Königreichen zunehmend die in Gelehrtenkreisen übliche • Praios: Hitzemond, Praioswochen
Zählung nach Bosparans Fall durchgesetzt hat, findet man • Rondra: Apfel- oder Kornmond, Rondrawochen
auf neueren Urkunden häufig beide Angaben. • Efferd: Erntemond, Boronwochen
• Travia: Zehntmond, Travienswochen
• Boron: Nebelmond, Phexenswochen
»Jahr der Unabhängigkeit? Sie haben damals • Hesinde: Kurzer Mond (wegen der kurzen Tage),
doch weder auf Seiten Asralion Sommertaus Hesindewochen
noch mit dem Murak-Kaiser gekämpft. Welche • Firun: Eismond, Firunwochen
Unabhängigkeit meinen sie also? Sie werden • Tsa: Hoffnungsmond, Perainwochen
wohl kaum ins Licht getreten sein.« • Phex: Blütenmond, Efferdwochen
—Layariel Wipfelglanz, elfische Auenläuferin • Peraine: Regenmond, Tsawochen
• Ingerimm: Saatmond, Ingerimmwochen
Monatsnamen • Rahja: Hexenmond, Rahjenswochen
Da in den Streitenden Königreichen nicht das Silem-Ho- • Namenlose Tage: Sturmtage, die leeren Tage, Dun-
ras-Edikt gilt, das einst die einzig wahren Zwölfgötter fest- keltage, Geistertage
gelegt hat, haben sowohl Nostrier als auch Andergaster

62 Kultur & Wissenschaft


Wochentage und Stundenzählung Efferd
Zwar werden die Tage auch hierzulande in Wochen ge-
1. Königinnentag in Nostria
rechnet, allerdings hat vielerorts nur der siebte Tag ei-
ner Woche einen Eigennamen: Sumutag, Praiostag, Ef- 1. Neumond Wahl der Fischkönigin am Stein von
ferdtag oder einfach Ruhetag. Nosteria
Im ländlichen Gebiet ist eine Unterteilung des Ta- 30. Fischerfest (vor allem in Salza und
ges in Stunden unbekannt (von Minuten gar nicht zu Salzerhaven)
sprechen). Man rechnet in Morgen, Vormittag, Mittag, Boron
Nachmittag, Abend und Nacht, und das reicht meist
völlig aus. In den Städten, in denen Tempelglocken 22. Namensfest in Nostria (Gedenktag der
oder -gongs geschlagen werden, orientiert man sich an gefallenen Helden)
der üblichen Einteilung gemäß der Zwölfgötter (siehe Firun
Aventurischer Almanach, Seite 100). 1. Wintersonnenwende, Tag der Jagd
(Erhängen des Winterunholds, Win-
Der Jahreslauf terjagd des Adels)
Der Jahreslauf folgt im Groben dem der zwölfgöttlichen
Lande und orientiert sich teilweise auch an dort üblichen 11. Tag des Hirsches in Nostria (häufig
Festen. Ganz besonders wird der Beginn von Sommer und mit Bognerfesten verbunden)
Winter gefeiert. In vielen Gegenden werden zudem loka- Tsa
le Feiertage begangen, die ihren Ursprung in alten Bräu- 1.Vollmond Tag von Andras Opfer in Andergast,
chen und Kulthandlungen haben. Häufig kreisen diese Gedenkfeier in Andrafall
auch um den Wechsel der Jahreszeiten, Wind und Wetter
Peraine
oder, besonders in Küstennähe, um die Gezeiten.
In Andergast werden diese maßgeblich von den Sumen 1. Woche großer Viehmarkt in Andergast
bestimmt und mitgestaltet. Ingerimm
1. Vollmond Bukenbrinn (Sumu-Feiertag, Ehrung
Praios der Sumen, Wacht gegen böse Geister)
1. Sommersonnenwende, Königstag in Pferdemarkt in Teshkal
Andergast, Pferde- und Wagenrennen
in Teshkal Rahja
Anfang Holzfällerspiele in Andrafall Ende Wagenrennen von Lowangen nach
Teshkal (bis zum 1. Praios)
Rondra
Namenlose Tage
13./14. Königsturnier in Andergast
Sturmzeit Gebete an die Efferdheilige Elida, be-
13./14. Ritterturnier in Nostria sonders in Küstenregionen und Salza

Gesellschaft & Stände


Auch in den Streitenden Königreichen gehören Grund Familie nicht genommen werden. Diese kann aber sehr
und Boden einschließlich aller Bodenschätze und allem, wohl vom Herrscher dazu gezwungen werden, es an ein
was darauf steht, dem König beziehungsweise der Kö- anderes Familienmitglied weiterzugeben.
nigin. Das Land ist in Lehen aufgeteilt, die an hochad- Da alles Land den Monarchen gehört, kann es nicht ver-
lige Familien verliehen werden, die Teile davon an nie- kauft werden. Rein rechtlich gesehen gehört dem König
deradlige Familien geben, die wiederum Teile an Bauern also auch jedes einzelne Haus in jeder Stadt, egal wer es
verpachten, die dafür Abgaben zahlen müssen. errichtet hat.
Jeder Lehensnehmer hat die Verpflichtung, dem Lehns-
geber zu gehorchen, sich dessen Richtspruch zu unter- Der Stand eines Nostriers
werfen, ihm im Krieg zur Seite zu stehen und natürlich Ein Nostrier wird als Adliger oder Gemeiner in einen
jährliche Abgaben zukommen zu lassen. Dies sind hier- Stand hinein geboren und kann aus diesem Gefüge in
zulande üblicherweise keine Geldzahlungen, sondern der Regel auch ein Leben lang nicht ausbrechen. In den
Naturalien. Augen der Nostrier ist dies von den Göttern so gefügt
Allerdings kann der Lehnsherr ein Lehen nicht zu- worden, und kaum ein Nostrier käme daher auf die Idee,
rückfordern. Es vererbt sich innerhalb der Familie des es zu hinterfragen. Eine Erhebung in den Adelsstand
Lehensnehmers, und selbst wenn ein Lehensnehmer ist üblicherweise nicht vorgesehen, und auch eine Hei-
durch Verrat oder andere drastische Verbrechen nicht rat zwischen Angehörigen unterschiedlicher Stände
mehr würdig ist, sein Land zu verwalten, kann es seiner kommt äußerst selten vor.

63
Nur innerhalb eines Standes kann man meist die Positi- Der nostrische Hochadel
on wechseln, und besonders Eheschließungen zwischen Neben den Kasmyrins gibt es weitere Familien, die
Bombastenkindern und den Nachkommen von Wojwo- den nostrischen Hochadel bilden. Ihre Oberhäupter
den sind üblich. Ob dabei der Bombast in den Niedera- werden Bombasten genannt und herrschen über
del abrutscht oder der Wojwodenachfahr hochadlig eine der acht Bombasteien:
wird, hängt vom Einzelfall ab. Ist einer der beiden Herr- Die Edelgrafen von Salis zu Salza gelten nach der
scher über ein Lehen, dann passt sich der Stand des Ehe- Königsfamilie als die zweitmächtigste Familie Nost-
partners an, ansonsten erhalten beide den niedrigeren rias, und seit Jahrhunderten arbeiten sie mehr oder
Rang. So wird gewährleistet, dass die Zahl der Hochadli- weniger offen daran, die mächtigste zu werden.
gen immer begrenzt bleibt. Bisher sind sie immer wieder in die Schranken ver-
Eine Sonderstellung kommt in Nostria zaubermächti- wiesen worden, doch hat es der Vater des heutigen
gen Frauen zu. Sie werden in der Erbfolge nicht selten Edelgrafen durch geschickte Handelspolitik ver-
sogar bevorzugt. Auch dass jetzt eine Magierin auf dem standen, Salza und Salzerhaven ein wirtschaftliches
Königsthron sitzt, wird von vielen einfachen Leuten als Gewicht zu verleihen, von dem die Stadt Nostria nur
gutes Omen gewertet. träumen kann.
Dass Trennung von Adel und Nichtadel in anderen Län- Die Familie Ingvalsrohden behauptet, von der Gro-
dern weniger streng gehandhabt wird, wird allgemein ßen Amilia abzustammen, der Bordmagierin Admi-
mit Unverständnis betrachtet. Ein ausländischer Adli- ral Sanins, als er den Ingval erforschte. Unbenom-
ger wird standesgemäß behandelt – sollte sich jedoch men aber ist, dass die Familie sehr alte Wurzeln hat
herausstellen, dass er auf keinen generationenlangen und daher auch den Titel der Altgrafen trägt.
Stammbaum adliger Vorfahren zurückblicken kann, Die Rheideryans haben die undankbare Aufgabe,
sinkt er deutlich im Ansehen. über die Waldgrafschaft Joborn zu herrschen, deren
Hauptstadt immer wieder, und so auch zur Zeit, un-
Die nostrische Adelshierarchie ter Andergaster Kontrolle liegt. Daher haben sie es
auch längst aufgegeben, eine Burg in Joborn zu be-
Die Königin wohnen, sondern residieren in Mirdin.
An der Spitze der Hierarchie steht der König oder die Kö- Das Geschlecht der Hyttenhau war vor langer Zeit
nigin (bis zum Jahr 999 BF Fürst oder Fürstin). Seit Grün- sehr wichtig und einflussreich, viele erfolgreiche
dung des Reiches liegt dieses Amt durchgehend in Hän- Heerführer sind aus ihm hervorgegangen. Heute
den der Familie Kasmyrin. Die schwere Seuche im Jahr liegt ihr Stammsitz bei Trontsand.
1027 BF hätte diese Dynastie fast beendet, wäre nicht die Die Sappenstiels sind eine weit verzweigte Fami-
junge Yolande gewesen. So kam es, dass eine staatsmän- lie, deren Mitglieder sich selten in den Vordergrund
nisch völlig unerfahrene und den Traditionen nur wenig drängen und deswegen von Außenstehenden kaum
verhaftete Magierin zur neuen Königin wurde. wahrgenommen werden. Doch sie haben viele gute
Ihre mangelnde Erfahrung wurde von vielen Mitglie- Strategen hervorgebracht, und manche Berater der
dern anderer Adelsfamilien zum Anlass genommen, Fürsten und Könige stammten aus der Grenzgraf-
eigene Politik zu machen und die Königsmacht zu schaft Tommellande. Ihre Weisheit wird allerdings
unterlaufen. mitunter von dem tief verwurzelten Hass auf alles
Erst nach und nach begriffen ihre Gegner, dass Königin Andergastische überdeckt.
Yolande einen wohldurchdachten Plan verfolgte, des- Die Familie Ornibian herrscht in der Waldwildnis,
sen Ziel es ist, das Land aus seinem jahrhundertealten aber weite Teile ihres Anspruchsgebiets gehören
Elend herauszuführen. Natürlich macht sie sich damit derzeit zu Andergast. So gibt es zwar eine kleine
viele Feinde, doch seit erste Erfolge sichtbar werden, er- Burg in Fiolbar, die als Familiensitz gilt, aber zu-
blüht in der Stadt Nostria langsam eine Aufbruchsstim- meist hält sich die ganze Familie am nostrischen
mung, die sich zögerlich auch auf das Umland ausdehnt. Hof auf und überlässt die Verwaltung der Grenz-
Naturgemäß ist der konservative Adel nicht sonderlich grafschaft ihren Vögten.
erpicht auf Neuerungen irgendeiner Art. Doch zumin- Die Ansfinions gehören erst seit 879 BF zum Hoch-
dest bisher hat Yolande es geschafft, sich gegen alle Wi- adel, weswegen sie von den anderen Bombasten
derstände durchzusetzen. bis heute als Emporkömmlinge belächelt werden.
Seit die Bombastei Kendrar und ihre Hauptstadt
Der Niederadel 1001 BF von Thorwalern erobert wurde und die
Es gibt etwa 100 niederadlige Familien, die im Rang un- Ansfinions ihr Herrschaftsgebiet verloren, hat die
ter den Bombasten stehen. Sie sind entweder mit Woj- Familie an Einfluss eingebüßt. Nachdem ihr Ober-
wodschaften belehnt (und werden dann als Wojwoden haupt Muragio wegen der Beteiligung an einem
bezeichnet) oder gehören zum Gefolge eines Wojwo- Mordkomplott 1036 BF in die Feste Gordelyn ge-
den oder Bombasten und heißen dann Ritter. Diejenigen sperrt wurde, gibt es kaum noch jemanden, der
Wojwoden, die direkt vom König belehnt sind, werden viel auf diese Familie gibt.
Fürstedle genannt.

64 Kultur & Wissenschaft


Wie einflussreich die Volksversammlung im Vergleich
Beispiele für nostrische Adelsprädikate: Altgraf/ zum Bombasten ist, ist völlig unterschiedlich. Manch-
gräfin, Deichgraf/gräfin, Edelgraf, Enormität, Er- erorts darf der Bombast das Wort in der Versammlung
zedle(r), Fischgraf/gräfin, Freiritter(in), Fürsted- nicht erheben, andernorts ist er an die Beschlüsse des
le(r), Junker(in), (Erz-)Komtur(in), Waldkapitän(in), Rats gebunden, an wieder anderen Orten dient die Ver-
Rondrast(in). Horasischen Einflüssen folgend sind sammlung eher dem geselligen Beisammensein und
vor allem bei den Rittern in Salza und Umgebung dem Arrangieren möglicher Ehen.
außerdem Titel wie Kavalier, Komptano und Mar-
queso in Mode gekommen. Die niederen Stände in Nostria
Da es keine offizielle Titulatur für Wojwoden und Rit- Beamtentum
ter gibt, sind hier sehr viele unterschiedliche Bezeich- Neben den erblichen Adelstiteln gibt es Ämter, die je-
nungen gebräuchlich. Doch keine dieser hochtrabenden weils an fähige Personen vergeben werden. Mit einige
Bezeichnungen sagt Genaueres über Rang oder Einfluss dieser Ämter werden ausschließlich Adlige betraut, an-
ihres Trägers aus. dere werden auch Freien oder Bürgern übertragen.
Das bekannteste Amt ist das des Deichgrafen. Er wird
Die nostrische Volksversammlung von der Königin damit betraut, den Deichbau an der
In einem Punkt weichen die nostrischen Bräuche vom Küste zu überwachen und voranzutreiben. Da dies
üblichen Schema des adelsgeprägten Feudalismus ab. eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe ist, muss jeder
Durch thorwalsche Hjaldings und albernische Baihîre Deichgraf dem Adel entstammen.
beeinflusst, hat sich die Sitte der Volksversammlung In manchen Burgen gibt es einen Majordomus, der für
verbreitet: Etwa zweimal im Jahr kommen alle (reise- das Personal verantwortlich ist und die Hauswirtschaft
fähigen) Einwohner einer Bombastei oder Wojwoden- leitet. Eigentlich obliegen diese Aufgaben traditionell
schaft zusammen und halten Rat. Der Versammlungs- dem Ehegatten des jeweiligen Adligen, doch es mag sein,
ort ist zumeist ein Dorfplatz, eine Gerichtseiche, ein dass der Adlige unverheiratet ist oder der Gatte andere
Steinkreis oder ein anderer traditionsreicher Ort. Ge- Aufgaben vorzieht, zum Beispiel in den Krieg zu ziehen.
leitet wird die Versammlung meist von einem Ältesten, In einem solchen Fall wird meist jemand aus der weite-
manchmal aber auch von anderen Respektspersonen ren Verwandtschaft oder dem niederen Adel ausgewählt,
wie etwa Geweihten oder einflussreichen Hexen. der sich zu dieser Aufgabe berufen fühlt. Ein Majordomus
Auf solchen Versammlungen werden Konflikte und Strei- muss von Adel sein, und in manchen Haushalten füllt er
tigkeiten unter den Anwesenden verhandelt und möglichst gleich mehrere Ämter aus, so etwa auch Toran vom Lich-
beigelegt, es können Klagen und Vorschläge geäußert wer- te (siehe Seite 127) am nostrischen Königshof.
den, die an den Bombasten weitergeleitet werden. Über An größeren Höfen gibt es einen Herold, der sich bes-
viele Entscheidungen wird sogar abgestimmt, wobei nur tens mit Wappen und Familienverhältnissen aller nost-
das Oberhaupt jeder Sippe oder jedes Hofes Stimmrecht rischen Adligen auskennt und möglichst auch mit denen
besitzt. Jeder und jede Freie aus der betreffenden Bombas- des benachbarten Auslands. Er berät seinen Herrn in al-
tei hat Rede- und Klagerecht. Wer unfrei ist oder nicht aus len Belangen der Etikette und Tradition, außerdem ge-
dieser Provinz stammt, braucht einen Fürsprecher. hören solche entscheidenden Details wie Sitzordnungen

65
bei Empfängen oder das Ausrichten von Turnieren zu bewirtschaften, wo sie ein Haus bauen dürfen und wen
seinen Aufgaben. Nur in sehr seltenen Fällen kann ein sie heiraten. Unfreie Bauern erhalten üblicherweise
Nichtadliger zum Herold aufsteigen. zwei Äcker Land und müssen dafür Abgaben zahlen. Sie
Ein weiterer Beamter ist der Uffiziale, was hierzulan- müssen Fronarbeit leisten und dürfen das Land nur mit
de nichts anderes bedeutet als Schriftkundiger. Er ver- ausdrücklicher Erlaubnis oder auf Befehl ihres Herren
fasst Briefe und Urkunden und liest dem Adligen und verlassen – und auch dann nur vorübergehend. Unfreie
anderen Höflingen Schriftstücke vor, die bei ihnen ein- müssen allerdings keine Schwertfolge leisten.
treffen. Außerdem ist er für die Berechnung der Abga- Üblicherweise dürfen Unfreie kein Handwerk erlernen,
ben zuständig, und zwar sowohl der Abgaben, die die in Ausnahmefällen kann ein Herr aber die Erlaubnis
Lehnsnehmer an den Hof zu zahlen haben, als auch der- dazu geben. Der Lehrling wird dabei zum Mündel des
jenigen, die an den Lehnsgeber weiterzureichen sind. Meisters, und nach Abschluss seiner Lehrzeit wird er
Damit ist diese Position natürlich sehr verantwortungs- freigesprochen.
voll, denn nicht nur das wirtschaftliche Wohl eines Hau- Will ein Unfreier sich freikaufen, muss er seinem Herrn
ses kann von den Berechnungen abhängen. Der Uffiziale eine Summe zahlen, die dieser nach Belieben festlegen
kennt nämlich auch alle Geheimnisse, die in schriftli- kann. Es kommt aber hin und wieder vor, dass ein gü-
chen Botschaften weitergegeben werden. Es ist daher tiger Herr einen besonders verdienstvollen Unfreien in
auch kein Wunder, dass diese Position fast ausschließ- die Freiheit entlässt, zum Beispiel weil dieser ihm das
lich an Adlige vergeben wird – wer vertraut schon je- Leben gerettet hat. Heiraten Freie und Unfreie unterei-
mandem aus dem einfachen Volk solche Aufgaben an? nander, so sind alle Kinder dieses Paars unfrei.
Reichere Familien leisten sich Hofmagier, die als Ge-
lehrte Berater des Herrschers sind und hin und wieder Das Bürgertum
auch gleichzeitig das Amt des Uffizialen übernehmen. Eine Sonderrolle innerhalb des freien Volks hat das Bür-
Für das Seelenheil ist mitunter der Hofpriester zustän- gertum der Städte Nostria, Salza und Salzerhaven. Denn
dig. Welchem Gott er anhängt, ist sehr unterschiedlich durch ihre wirtschaftliche Macht haben die reicheren
und eine Frage des betreffenden Adelshauses. Es ist je- Händler und Handwerker den direkten Machtanspruch
doch keineswegs sicher oder auch nur notwendig, dass des Adels zum Teil abschütteln können. Durch finan-
der Amtsträger geweiht ist und über Karma verfügt. Sa- ziellen Druck haben sie erreicht, dass es in diesen bei-
tuariapriester sind häufig Hexen, aber auch andere Pries- den Städten einen Rat gibt, der sich aus einflussreichen
ter bedienen sich mitunter magischer Kräfte. Auch der Bürgern zusammensetzt und in allen Belangen, die die
Hofpriester kann die Aufgabe des Uffizialen übernehmen. Stadt betreffen, mitreden oder sogar -bestimmen kann.
Wie im Adel sind unter Gelehrten ebenfalls hochtrabende Um Bürger einer Stadt zu werden, muss man dort gebo-
Titel und Anreden beliebt, wie beispielsweise Fantast(in), ren sein oder eine jährliche Abgabe von 10 Dukaten ent-
Fulminanz, Astralität, Kompetenz, (Erz-)Evidenz oder richten. Nur Bürger können Zunftmitglieder werden.
Responsibilität. Alle in der Stadt wohnhaften Priester sowie Absolven-
ten von ortsansässigen Magierakademien zählen auch
In einem Dorf, in dem es keinen Adligen gibt, wird ein ohne Abgaben zu entrichten als Bürger. Jeder Tempel
Vogt oder Schulze bestellt, der als Sprecher und Führer hat außerdem Anspruch auf einen oder mehrere Sitze
der Bewohner fungiert und Ansprechpartner des Adli- im Stadtrat. Außerhalb der drei genannten Städte gibt
gen ist. Ein Vogt wird vom adligen Herrn bestimmt, ein es kein Bürgertum.
Schulze ist meist der einflussreichste Freibauer des Dor-
fes. Dementsprechend sind beide nicht adlig, sondern Der Stand eines Andergasters
meist Bauern mit einer besonderen Aufgabe. Auch in Andergast, wo Althergebrachtes einen hohen
Stellenwert besitzt, bleibt der Adel meist unter sich, der
Freie Freibauer ein stolzer Freibauer und der Unfreie seinem
Freie haben das Recht, sich Wohnort und Ehegatten Grundherrn treu. Die Ständegesellschaft ist daher ähn-
selbst auszusuchen. Sie pachten Land vom Grundherren, lich undurchlässig, wie in Nostria auch. Gerade die Tra-
also in der Regel vom örtlichen Ritter. Aber im Gegensatz ditionsversessenheit der Andergaster hat aber durch-
zum Unfreien haben sie das Recht, dieses Pachtverhältnis aus ihre Vorteile, denn auch ein sozialer Abstieg wird
wieder aufzukündigen. Sie müssen ihrem Herrn eine so deutlich erschwert. Ein Adliger kann sich also selbst
jährliche Abgabe leisten und sind im Kriegsfall zur dann noch auf seine Standesrechte berufen, wenn er
Schwertfolge, also dem Waffendienst, verpflichtet. Oft völlig verarmt ist.
bilden die Freien in den Dörfern eine eigene Fraktion, die Auch wenn manche Gegenteiliges behaupten, richtet
nur untereinander heiratet und die unfreien Bauern mit sich das Andergaster Erbrecht keineswegs ausschließ-
Verachtung und Arroganz behandelt. lich nach dem Mann. Stattdessen erlangt man stets den
Stand des höherrangigen Partners, heiratet aber auto-
Unfreie matisch auch in dessen Familie ein. Ein besonders pro-
Weniger glücklich sind jene, die Mündel des Grund- minentes Beispiel ist Efferdan, der durch seine Hochzeit
herren sind, denn er allein legt fest, welches Land sie mit der Königstochter Varena einst die Krone erlangte.

66 Kultur & Wissenschaft


Allerdings kommen gerade durch diesen Umstand nur der Orniber Lande außerordentliche Befürworter des
wenige Ehen zwischen Adligen und Gemeinen zustan- gewachsenen Einflusses der Sumen, und in ihrem Land
de, denn der Adel schätzt seine Privilegien und bleibt wurde schon immer höchster Wert auf das Wort der
gern unter sich. Einflussreiche Emporkömmlinge (also druidischen Berater gelegt.
Neuadlige) aus anderen Ländern werden in Andergast Die Familie Greifenhall, welche die Freiherren von Al-
jedoch uneingeschränkt mit allen Rechten anerkannt, bumin stellte, gilt als ausgestorben und die Langfurts
ganz im Gegensatz zu Nostria. werden von keiner hochadligen Familie wirklich ernst
genommen.
Die Andergaster Adelshierarchie Die Familie Rotbaum nimmt ebenfalls eine Außensei-
Auch wenn die Titulatur in Andergast anders lautet, un- terrolle im andergastischen Adel ein. Es ist ein offenes
terscheidet sich das Ständesystem nur wenig vom dem Geheimnis, dass sie sich nur dem König unterwarf, um
in Nostria. Der König ist die Spitze der Adelspyramide, dessen Unterstützung gegen die Orks zu erhalten, die
darunter stehen der Hochadel, der Niederadel, das Be- immer wieder durch Teshkalien marodieren. Und ge-
amtentum und unten das einfache Volk. Eine Sonderrol- nauso bekannt ist, dass die Könige nicht sonderlich viel
le spielen die Sumen, die großen Einfluss haben und zur von den Rotbaums halten, denn diese können dem stren-
Gänze außerhalb des Ständesystems stehen. gen Patriarchat in Andergast nur wenig abgewinnen.

Der König Der Niederadel in Andergast


Nur ein Mann kann Herrscher Andergasts sein, so verlangt Etwa vierzig weitere adlige Familien, die alle irgendwie
es von alters her das geltende Recht. Seit der Reichsgrün- miteinander verwandt sind, unterstehen dem Hochadel.
dung durch Argos Zornbold stellt seine Nachkommen- Die meisten von ihnen herrschen über nicht viel mehr
schaft den Herrscher Andergasts. Im Laufe der letzten Jahr- als ein Rittergut, auch wenn viele davon voller Stolz
hunderte haben fast alle Herrscher aus dem Haus Zornbold Freiherrschaft genannt werden. Im Gegensatz zu Nost-
adlige Frauen aus fremden Reichen geheiratet, häufig aus ria gibt es in Andergast keinen Überfluss an Titeln: Man
Albernia, aber auch aus anderen mittelreichischen Provin- unterscheidet nur zwischen Rittern und Freiherren.
zen und dem Horasreich. Ein Grund dafür könnte die üppi- Dabei ist an der Bezeichnung Ritter nicht zu erkennen,
ge Mitgift sein, die diese Frauen jeweils in die Ehe gebracht ob der Betreffende ein eigenes Lehen hat oder in den
haben, gleichzeitig erhoffen sich die Zornbolds hierdurch Diensten eines anderen Ritters oder Freiherren steht.
aber auch außenpolitischen Rückhalt.
Die Sumen
Der Andergaster Hochadel Außenstehende halten die Sumen, wie die Andergaster
Neben den Zornbolds gehören die Familien der Freiher- Druiden genannt werden, meist für verschrobene Wald-
ren zum Andergaster Hochadel. zauberer, die sich als Priester eines eigenartigen Sumu-
Auch wenn es noch zahlreiche kleinere Freiherrschaf- kults aufspielen. Die Sumen verfügen in der andergas-
ten gibt, die meist eher die Größe eines Ritterguts ha- tischen Gesellschaft jedoch über großen Einfluss, der
ben, liegt doch die wahre Macht in Andergast in den nicht immer offensichtlich ist. Schon seit Jahrhunderten
Händen einiger weniger Familien. Besonders großen geschieht in Andergast kaum etwas, das nicht den Segen
Einfluss besitzen die Herrscher der sieben großen oder zumindest die Duldung der Sumen hat. Wenn ein
Freiherrschaften. Sume seinen Widerspruch gegen die Entscheidung eines
Nach dem Königshaus sind die Egelings, die Freiherrn Adligen einlegt, dann ist diese kaum durchsetzbar. Da vie-
von Thurana, die größte und mächtigste Familie in An- le der weisen Männer aber recht wenig Interesse an Politik
dergast. Sie sind sehr traditionsverbunden und vater- und Herrschaft aufbringen, kommen solche Widersprü-
landstreu, weswegen sie zu den zähesten Gegnern von che selten vor. Die meisten Sumen leben zurückgezogen
König Efferdan zählten, und nun eifrig hinter dem neu- im Wald und melden sich nur in Belangen zu Wort, bei de-
en König Wendelmir stehen. nen es zum Beispiel um Rodung von Waldflächen, die Jagd
Da die Stammburg der Familie Bärental in Andrafall oder andere Eingriffe in Sumus Reich geht.
steht und dies die älteste Siedlung Andergasts ist, gelten Derzeit sind die Sumen so einflussreich wie seit langer
die Bärentals als uraltes und schon deswegen ehrenwer- Zeit nicht mehr. Sie sind nicht nur von allen Abgaben
tes Haus. Die Freiherren hassen die Nostrier weniger als befreit, sondern nehmen auch im Recht Andergasts eine
viele andere Andergaster Adlige, was aber wohl daran besondere Stellung ein. (Siehe Seite 88).
liegt, dass sie in ihren Wäldern häufiger mit Goblins und
Orks zu tun haben und daher wenig Kraft für den Hass Die niederen Stände in Andergast
gegen die Nostrier aufbringen können.
Die Familie Tatzenhain gilt selbst unter Andergastern Beamtentum
als erzkonservativ. Sie gehörte zu den entschlossensten Auch in Andergast gibt es wichtige Positionen mit spe-
Kritikern an allem, was König Efferdan bestimmte, und ziellen Aufgaben. Für den Majordomus, den Herold, den
ist dementsprechend mit der Krönung Wendelmirs äu- Uffizialen und den Vogt gilt alles, was dazu auf Seite 65f.
ßerst zufrieden. Als streng sumugläubig sind die Herren über die entsprechenden Ämter in Nostria gesagt wird,

67
auch in Andergast. Der Unterschied besteht darin, dass Der Grund für diesen Sonderstatus liegt jedoch im
diese Ämter ausschließlich an Männer vergeben wer- Dunkel der Geschichte verborgen.
den. Alleine Hofmagierinnen oder Hofpriesterinnen Das Verhältnis zu Frauen aus anderen Ländern ist
werden von Zeit zu Zeit berufen. Hofpriester sind hier schwierig, denn auch die Andergaster können die Augen
besonders häufig Sumen. nicht davor verschließen, dass Frauen von ihren Gefähr-
ten und Mitreisenden behandelt werden, wie es sich –
Das Bürgertum nach Andergaster Ansicht – nur für einen Mann gehört.
Erst in den letzten dreißig Jahren hat sich auch in der Entschlossen auftretenden Frauen aus der Fremde be-
Stadt Andergast ein Bürgertum etabliert, die örtlichen gegnet der Andergaster daher entweder mit Trotz oder
Zünfte und der Stadtrat sind ebenso jung. Um Bürger großer Verunsicherung, und billigt ihnen nicht selten
Andergasts zu werden, muss man männlich sein, seit 10 sogar Rechte zu, wie eine Magierin oder Geweihte sie
Jahren in der Stadt wohnen und 100 Dukaten Bürgergeld genießen würde.
zahlen. All das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen,
dass in manchen andergastischen Familien die Frauen
Die Stellung der Frau in Andergast großen Einfluss ausüben. Als starke Persönlichkeiten
In Andergast wird Frauen unterstellt, dass sie nicht in können sie die eigentlich bestimmende Kraft sein. Aber
der Lage sind, eigenständige und vernünftige Entschei- das geschieht meist nur innerhalb der Familie, zumin-
dungen zu treffen. Daher hat jede Frau einen Vormund: dest nach außen hin muss der Mann auch weiterhin
zunächst den Vater, später dann den Ehemann. Stirbt als Patriarch erscheinen, soll die Familie nicht zur Ziel-
der Vormund, geht die Verantwortung auf einen Erben scheibe von Hohn und Spott werden.
über: den Bruder des Vaters, den eigenen Bruder oder
den ältesten Sohn.
Eine Frau kann nach alter Rechtsauffassung selbst kein
Eigentum besitzen. Auch eine etwaige Mitgift, die sie in Das Spiel mit der Ungleichberechtigung
eine Ehe einbringt, geht auf ihren Mann über. Wenn ihr Für Spielerinnen (oder Heldinnen) kann das Klischee
Gatte stirbt, dann erbt ihr ältester Sohn, ist dann aller- der frauenverachtende Andergaster schnell lästig wer-
dings auch dazu verpflichtet, sich um ihr Wohlergehen den. Wer ständig diskriminiert und als Mensch zweiter
zu kümmern. Bei öffentlichen Versammlungen (zum Klasse behandelt wird, dem vergeht vermutlich bald je-
Beispiel Gerichtsverhandlungen) haben einheimische der Spaß am Spiel.
Frauen kein Rederecht, sondern müssen sich einen Für- Als Spielleiter solltest du daher den männerdominier-
sprecher suchen, zumeist natürlich ihren jeweiligen ten Blick der Andergaster eher behutsam und zweckge-
richtet einsetzen. Viele Andergaster haben sich daran
Vormund.
gewöhnt, Frauen aus fernen Ländern als Respektsper-
Eigenartigerweise gilt das zuvor gesagte weder für
sonen zu akzeptieren. Sollte eine Andergasterin daher
Frauen, deren magisches Potenzial ihnen eine Aus-
mit „unweibischer“ Entschlossenheit auftreten, so ist
bildung an der Magierakademie ermöglicht, noch für nicht ausgeschlossen, dass sie zwar Erstaunen erntet,
Geweihte. Auch wenn sie häufig mit Vorurteilen zu aber auch Respekt.
kämpfen haben, werden ihnen praktisch alle Rechte
zugestanden, die für Männer gelten.

Anredenübersicht & Titel


»Praiosverbiete und Rondrahilf! Das kann und Derzeit gibt es nur einen einzigen Edelgrafen, den Gra-
darf nicht deren Ernst sein. Bombast? Für wen fen von Salza. Er gilt als höchstrangiger Adliger nach
hält sich der Hinterwäldler? Für der Grafen von der nostrischen Königin. Es folgen die Altgrafen, die
Mendena? Ich will doch wohl nicht hoffen für See- und Waldgrafen, dann erst die Grenzgrafen. Al-
den Fürstkomtur?« lein die Deichgrafen haben eine Sonderstellung, denn
—Geron Waisenmacher, Doppelsöldner nur manche von ihnen werden zum Hochadel gerech-
net. Die genannte Rangfolge ist bei den Bombasten al-
lerdings massiv umstritten und führt häufig zu Konflik-
Wo die meisten Reiche Barone oder Grafen trennt sich ten in den Familien des Hochadels.
der nostrische Adel in zwei Lager: die niederadligen In Andergast kennt man hingegen keine solche Ti-
Wojwoden und die hochadligen Bombasten. Hoch- telflut. Hier bilden die stolzen Freiherren und ihre Fa-
trabende Titel (siehe Seite 65) sind verbreitet, doch milien den Hochadel, während der Niederadel aus der
sagen sie zumeist wenig über den eigentlichen Ein- Gemeinschaft der Ritter besteht. Freiherren werden mit
fluss ihres Trägers aus. Bombasten werden mit „Hoch- „Hochwohlgeboren“ angesprochen, Ritter mit „Hoch-
wohlgeboren“ angeredet, Wojwoden und Ritter mit geboren“. Jedes Mitglied des Rats der Recken hat zudem
„Hochgeboren“. Anspruch auf die Anrede „Exzellenz“.

68 Kultur & Wissenschaft


Der Rat der Recken und so findet ihr Rat nur selten Gehör. Einen ähnlich
Eine besondere Stellung in Andergast nimmt der Rat schwierigen Stand hat die Reckin Rahjas, die für die
der Recken ein, der den König ständig berät. In diesen Pferdezucht zuständig ist: Ossyra von Teshkal (siehe Seite
Rat werden Adlige, Priester und entgegen der sonstigen 124) wurde einst von ihrem Vorgänger zur königlichen
Gepflogenheiten im Königreich auch Bürgerliche beru- Stallmeisterin gemacht, um die Freiherrin enger ans
fen: Voraussetzung ist, dass sich die jeweiligen Recken Königshaus zu binden. Nur weil er die Teshkaler Pferde
in irgendeiner Weise um das Reich verdient gemacht braucht, hat König Wendelmir ihr den Titel bisher nicht
haben und (mehr oder weniger) als Vertreter eines Got- entzogen.
tes gelten können. Jedem Recken wird im Volksmund Eine Sonderrolle nimmt der Recke Sumus ein. Im Lauf
eine besondere Nähe zu den Tugenden des jeweiligen der Geschichte haben immer wieder einflussreiche Su-
Unsterblichen zugeordnet. Welche Überderischen im men diesen Titel beansprucht, aber oft blieb diese Po-
Rat vertreten sind, hat sich im Lauf der Zeiten immer sition auch unbesetzt. Seit seiner überraschenden
wieder gewandelt, je nach Glauben des Königs. Rückkehr führt nun der junge Kusmin (siehe Seite 125)
diesen Titel, und aufgrund seiner Ausbildung beim Su-
Die Recken men Arbogast dem Alten beharrt er darauf, dass er bei
Die Position des Recken Praios’ ist dem König selbst allen Entscheidungen das letzte Wort hat. Von diesem
vorbehalten, er nimmt aber nur in wichtigen Fällen an Vorrecht macht er allerdings so gut wie nie Gebrauch,
Ratssitzungen teil. Ansonsten werden die Ratssitzun- sodass Wendelmir nicht allzu sehr um seine Position
gen vom Recken Travias geleitet, seit mehreren Jahr- oder seinen Ruf als uneingeschränkter Herrscher fürch-
zehnten der königliche Majordomus Bogumislaus von tet. Stattdessen nutzt der König die Etablierung des Re-
Neuendorf. Eher zwiespältig gesehen wird die Ehre, Re- cken Sumus bisher geschickt, um seine Herrschaft zu
cke Rondras zu werden, gilt die Gemahlin Praios’ doch stützen.
als ebenso zänkisch wie kämpferisch. Derzeit bekleidet
dieses Amt der Heermeister und Vater des Königs, Wen­
zeslaus der Ältere Zornbold (siehe Seite 32), der trotz sei-
ner hohen Abstammung nie selbst Ambitionen auf den
Thron gezeigt hat.
Aus ganz anderem Holz ist hingegen der königliche Rüs-
tmeister geschnitzt, der als Recke Ingerimms* seine
Autorität unterstreichen kann.
Aus dem bürgerlichen Lager kommen der Recke Simias*,
der Gildenleiter der Andergaster Schmiede, der im Rat
der Recken die Interessen aller Handwerksgilden ver-
tritt, sowie der Recke Firuns* ein Sprecher aller Holz-
fäller und Jäger, aber vor allem der Holzhändler. Er liegt
im ständigen Widerstreit mit dem Recken Sumus (siehe
unten).
Der Recke Efferds* ist für den Handelsverkehr auf dem
Ingval verantwortlich und muss vor allem Streitereien
mit Holzflößern schlichten.
Die Grundsätze des Glaubens werden durch den obers-
ten Perainegeweihten Andergasts vertreten, der seit
über vierzig Jahren der Recke Peraines und zuständig
für das Siechen- und Armenhaus der Stadt ist, den grei-
sen Pfleger des Landes Atheldan (siehe Seite 36).
Die hesindegeweihte Tante des Königs, Irinia Zornbold
(siehe Seite 128), darf sich zwar Reckin Hesindes nen-
nen, aber Wendelmir hört kaum auf ihre Ratschläge,

Ein Platz im Rat der Recken


Alle mit einem Sternchen (*) markierten Positionen sind Du kannst diese aber auch an verdiente Spielerhelden aus
im Moment nicht offiziell besetzt, werden aber in künfti- deiner Runde oder solche Meisterpersonen verleihen, zu
gen Publikationen möglicherweise als Bauer oder Sprin- denen deine Spieler eine besondere Beziehung haben.
ger (Aventurischer Almanach Seite 204) gesetzt.

69
Kleidung & Tracht
Damit es aber nicht gar so trist aussieht, greifen die Be-
»Es ist mir völlig egal, ob man das hier so macht! wohner von Nostria wie Andergast auf Verzierungen
Bei Swafnirs Flukenschlag, ich ziehe mir doch kein zurück. Zierknöpfe, bunte Borten oder gestickte Mus-
Röckchen an, wie so ein Andergaster Püppchen!« ter sind weit verbreitet. Dabei wird häufig auch auf die
—Tjalva Garheltdottir, Premer Hetja Landesfarben zurückgegriffen, so finden sich an der
nostrischen Küste und in Hauptstadtnähe besonders
viele blaue Zierden, Richtung Waldwildnis und Ander-
Die übliche Bekleidung einfacher Leute ist beiderseits der gast dominiert vielerorts grün.
Grenze schlicht, zweckmäßig und ähnelt einander stark.
Üblicherweise trägt man eine lange Hose oder Beinlinge, Bunte Stoffe und aufwändigere Schnitte oder gar im-
ein Schlupfhemd und ein Wams darüber, wenn es win- portierte Stoffe wie Bausch oder Samt sind ein Zeichen
det oder kalt ist. Bei Frauen kommen je nach Profession von Reichtum. Sie sind meist Adligen, wohlhabende-
auch lange Röcke vor. Darüber tragen sie gerne bunt be- ren Städtern und Händlern vorbehalten, ebenso der
stickte Schürzen und Hauben. In Andergast gilt es jedoch Besatz mit Pelzen von Maulwurf, Biber, Dachs oder
als unschicklich, wenn eine Frau Hosen trägt. Außerhalb Kaninchen. Adlige beider Reiche tragen farbenfrohe
Teshkals wird daher meist auf Kleider oder mindestens Kleidung, wenn sie es sich leisten können, häufig edel
unterschenkellange Röcke bestanden. bestickt oder mit fein gewebten Borten verziert. Pelz-
Über Beinkleid und Hemd trägt man auch gerne Westen besätze, Knöpfe aus Gold oder Silber und Säume mit
oder im städtischen Umfeld Schoßröcke. Auf dem Land Gold- oder Silberfäden sind ebenfalls Statussymbole.
ist hingegen die Heuke beliebt, ein knielanges Überge- Häufig werden reich verzierte Gambesons oder ein
wand, oder der Schecke, eine geknöpfte Jacke. Schuhe Tappert getragen, ein knöchellanges, ausgepolstertes
sind meist aus Holz oder Leder gefertigt, und häufig Gewand mit üppigen Ärmeln.
vervollständigt eine Mütze, Filzkappe oder ein Hut mit Edelfrauen aus Andergast und auch manche adlige
schmaler Krempe die alltägliche Ausstattung. Nostrierinnen kleiden sich in ein langes Untergewand
Die Kleider des einfachen Volkes bestehen aus Wolle mit engen Ärmeln, Cotte genannt. Darüber tragen sie
oder grobem Leinen und sind entweder gar nicht oder ein fast ebenso langes Übergewand mit Ärmellöchern,
in erdigen Grün- und Brauntönen gefärbt. Auch ge- das bis zum Gürtel hinabreichen kann.
deckte Farben wie Schwarz oder Graublau werden ger- Ritter, und in Nostria auch Ritterinnen, tragen bei offi-
ne getragen, manchmal auch ein kräftiges Blau oder ziellen Anlässen gerne Kettenhemd oder Brünne, oft mit
leuchtendes Grün. dem Wappen der Familie verziert.

Kampfkunst & Kriegsführung


»Da erzählen einem die hochgeborenen Blechdosen jedes der Streitenden Königreiche eigene Gardetruppen
immer von Ehre im Krieg. Dabei haben die alle unterhalten würde. Dabei sind echte Soldaten oder Gar-
nicht mehr Ehre im Leib als eine al’anfanische disten in Nostria und Andergast eher selten.
Hafenhure. Und die Zahlungsmoral eines Allein die Königshäuser halten heutzutage ständig eini-
besoffenen al’anfanischen Hafenhurenkunden.« ge Männer, und Nostria auch Frauen, unter Waffen. Die
—Geron Waisenmacher, Nostrische Wehr unter dem Befehl Rondriane von Sap-
Doppelsöldner penstiels wurde nach dem letzten Krieg jedoch stark ver-
kleinert und hat sich nach weiteren Verlusten im Jahr der
Blauen Keuche nie richtig erholt. In Ander-
Obwohl die Kriege aus der Geschichte der Streitenden gast hat König Wendelmir erst
Königreiche nicht wegzudenken sind, haben weder kürzlich die lange verges-
Nostria noch Andergast je dauerhaft ein stehendes Heer sene Eichengarde wieder
unterhalten. ins Leben gerufen. Die
Die meisten Schlachten wurden stets von adligen Rit- freien Männer, die
tern und ihren Lanzen (das heißt ihren Knappen, Waf- hier Waffendienst
fentreuen und Beratern) geschlagen. Häufig jedoch ha- leisten, fordert er
ben diese Ritter Waffenknechte und eine größere Schar von den Freiher-
schlecht ausgerüsteter Bauern ohne Ausbildung an der ren ein.
Waffe in den Kampf geführt. Da die Truppen meist in den
Landesfarben Blau oder Grün in die Schlacht zogen, und
nicht selten das jeweilige Landeswappen auf der Brust
trugen, schlossen nicht wenige Beobachter daraus, dass

70 Kultur & Wissenschaft


Der Andergaster erstaunlichen Manövern genutzt werden. Mit einer
Der Andergaster ist ein riesiges Zweihandschwert von Hand an seiner Fehlschärfe gegriffen, ermöglicht sie
zwei Schritt Länge, das spöttisch auch „Schwert zu drei die Ausführung überraschend schneller und kräftiger
Händen“ genannt wird. Ob die Waffe wirklich, wie be- Stoß- und Hebelbewegungen. Werden diese mit Ring-
hauptet wird, für die Verteidigung von schmalen kampf-Attacken, Schlägen und Tritten kombiniert,
Wegen oder Brücken entwickelt wurde, kann bis erinnert der Kampfstil schon an den mancher
heute kein Gelehrter mit Sicherheit sagen. Aller- Schwertgesellen aus anderen Ländern. So mag es
dings verstehen Meister der Waffe sich auf Verteidi- auch nicht verwundern, dass der Andergaster seine
gungstechniken, die Kämpfer mit kürzeren Waffen größte Verbreitung in fernen Ländern gefunden hat:
kaum umgehen können. bei almadanischen und horasischen Doppelsöldnern.
Diese mächtige Waffe wird nur von speziell dafür In Nostria gibt es dieses Zweihandschwert ebenfalls,
ausgebildeten Kämpfern geführt, deren Sold um vie- hier allerdings wird es Nostrianer genannt, eine Be-
les höher ist als der gewöhnlicher Waffenknechte. zeichnung, die sich außerhalb Nostrias jedoch nie
Ihre Aufgabe ist es vor allem, gegnerische Ritter auf- durchgesetzt hat.
zuhalten, indem sie deren Schlachtrössern die Beine Beide Reiche kennen außerdem eine überlange Versi-
zerschlagen. Der Einsatz solcher Waffenknechte wird on dieser Waffen. Der nostrische Harmlyner und der
vor allem in stark ritterlich oder rondrianisch gepräg- Eichhafener aus Andergast sind beide etwa einen Spann
ten Regionen nicht gern gesehen, und außerhalb der länger.
Streitenden Reiche ist ihr Ruf vielerorts schlecht. Die
Kampfkunst eines guten Andergaster-Kämpfers ist al- Spielwerte für den Andergaster (Nostrianer) findest du
lerdings durchaus beeindruckend, und trotz ihrer Län- im Regelteil auf Seite 153.
ge und ihres Gewichts kann die gewaltige Waffe mit

Diese leisten jedoch dem königlichen Befehl nur sehr wi-


derwillig Folge, denn so fehlen weniger begüterten Frei- Der Nostrische Langbogen
herren helfende Hände auf den Äckern oder in den eige- Der Langbogen, so wie er meist in Nostria gebaut
nen Truppen. Zudem sehen sie es nicht allzu gern, wenn wird, ist der Vorläufer des modernen Kriegsbo-
eine solche Macht in der Hand des Königs vereint ist und gens. Er ist eine Waffe für geübte Schützen und
er sich in ihre Angelegenheiten einmischt. wird aus Eiben- oder Eschenholz gefertigt. Seine
Meist sind die Soldaten im direkten Auftrag der Krone Nutzung setzt allerdings große Kraft voraus,
unterwegs oder übernehmen repräsentative Ausgaben. dafür können mit ihm verschossene Pfeile
Zum Einsatz mit voller Mannstärke kommen beide Ein- aber auch eine Plattenrüstung durchschla-
heiten jedoch so gut wie nie, wenn nicht gerade Not am gen. In Andergast wird der Bogen selbstver-
Mann ist. Die nostrische Wehr hat sich aber beispiels- ständlich einfach nur Langbogen genannt,
weise auch schon bei der Sicherung von Notdeichen be- unterscheidet sich aber nicht von seinem
währt, während die Mitglieder der Eichengarde derzeit nostrischen Gegenstück. Auch viele Ritter
in alle Himmelrichtungen verstreut den Willen des Kö- üben sich im Umgang mit dem Langbo-
nigs durchsetzen. Sowohl für Nostria als auch Andergast gen, sie nutzen ihn allerdings eher für die
gilt jedoch, dass sie ihre Truppen eher schlecht als recht höfische Jagd (vor allem die Treibjagd)
ausrüsten können. als für den Krieg, da er vom Pferd aus
Prägend für die Ausrüstung der meisten Kämpfer ist der nicht eingesetzt werden kann.
vergleichsweise hohe Stahlpreis in den Streitenden Kö- Der Langbogen verbindet die langen
nigreichen. Die wenigen Bergwerke im Steineichenwald Wurfarme eines Elfenbogens mit der
fördern kein sehr hochwertiges Eisenerz zutage, und so Kraft eines Menschen, der ihn zu span-
können daraus meist nur massive und schwere Klingen nen vermag. Der Nostrische Langbogen
geschmiedet werden. Importierter Stahl hingegen ist ist daher keine Waffe, die man zur nor-
teuer, und so müssen sich selbst die meisten Ritter mit malen Jagd im dichten Unterholz oder zu
Waffen begnügen, die nicht vollständig aus Metall be- einer Attacke in heißer Wut nutzt.
stehen: Statt Schwertern benutzen sie häufig Streitkol- Schützenreihen jedoch, die einen Pfeil-
ben, -äxte und -hämmer. Auch Plattenrüstungen sind hagel auf Angreifer loslassen, haben sich
eine Seltenheit, und es gibt genau zwei Schmiede in den als außerordentlich effektiv erwiesen, weil
Streitenden Königreichen, die überhaupt in der Lage selbst die Panzer der Schlachtreiter und Ritter
sind, solche Rüstungen herzustellen oder auch nur an- der Wucht der spitzen Pfeile nichts entgegen-
gemessen zu reparieren: Meister Emmerfried in Ander- zusetzen haben.
gast und Meisterin Nia Tannenkober in Salza. Um sich
angemessen zu schützen, tragen diejenigen, die es sich Werte für den Nostrischen Langbogen findest du im Re-
leisten können, Kettenhemden, die jedoch häufig viel- gelteil auf Seite 153.
fach geflickt sind.

71
Ererbte Schuppenpanzer sind ebenfalls nicht selten. Die Knappen
meisten Kämpfer ziehen jedoch mit einem wattierten Die Ausbildung eines Ritters in den Streitenden König-
Waffenrock in die Schlacht, häufig mit aufgenähten Rin- reichen unterscheidet sich wenig von der in anderen
gen verstärkt. Eine bedrohliche Gefahr für Berittene und Regionen. Nachdem ein Kind ab einem Alter von etwa
ihre häufig schwer gerüsteten und mit langen Waffen sechs Jahren als Page höfischen Benimm erlernt hat,
ausgestatteten Waffenknechte sind Schützen. Armbrüste wird es im Alter von etwa 12 Jahren zu einem befreun-
sind in den Streitenden Königreichen unerschwinglich, deten Ritter zur Ausbildung gegeben und dann Knappin
aber der Langbogen ist eine beinahe ebenso furchteinflö- oder Knappe genannt.
ßende Waffe, die zudem deutlich schneller zu laden ist. Die Aufgabe des Knappen ist es nicht nur, sich um Pferd,
So wie der Andergaster zum Synonym für ein überlanges Waffen und das Wohlergehen seines Herrn zu kümmern,
Schwert wurde, ist der Nostrische Langbogen zum Inbe- sondern auch, ihn im Kampf zu beschützen, wenn er
griff des aventurischen Kriegsbogens geworden. selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Sollte also ein Rit-
Die Reihen der Andergaster werden zudem durch Zau- ter schwer verletzt am Boden liegen, muss der Knappe
berer verstärkt. Die Absolventen der Andergaster Ma- herbeieilen und verhindern, dass er getötet wird. Dazu
gierakademie sind fähige Kampfzauberer – und nicht stehen ihm nur ein Kurzschwert und ein kleiner Schild
selten gibt ihr Einsatz den Ausschlag, ob eine Schlacht zur Verfügung, es ist aber nicht unüblich, in einem sol-
gewonnen geht oder verloren. chen Moment die Waffen des Ritters zu ergreifen.
Jeder Ritter, der etwas auf sich hält, hat einen Knappen
Die Ritter an seiner Seite, und unterrichtet ihn auch in ritterli-
Ritter – in Nostria auch Ritterinnen – sind adlige Schlacht- chen Tugenden und den Grundlagen des Herrschens.
oder Panzerreiter. Sie tragen die Hauptlast der Kämpfe in Lesen und Schreiben gehören ausdrücklich nicht dazu,
den Streitenden Königreichen und führen auch meist die sehr wohl aber lokale Gesetze, Heraldik, Waffenpflege
Heerhaufen an. Viele Ritter tragen einfache Kettenhem- und das Wissen über Traditionen und die eigenen Vor-
den und -beinlinge, nur die reichsten unter ihnen ver- fahren. Erst nach vielen schweißtreibenden und harten
fügen über Schuppenpanzer oder echte Brünnen Jahren ist die Knappin oder der Knappe bereit und
mit Arm- und Beinplatten. Dazu kommt ein Topf- berechtigt, mit der Schwertleite zum Ritter erho-
helm oder ein offener Helm mit Nasenschutz. Oft ben zu werden. Ein Ritterschlag ehrenhalber, vor
sind diese Rüstungen seit mehreren Generatio- allem für Nichtadlige, ist hierzulande völlig un-
nen in Familienbesitz und häufig ausgebessert und denkbar. Ein Knappe trägt im Kampf oder bei
an den neuen Träger angepasst worden. In wichtigen Anlässen einen Gambeson, also
traditionsreichen Familien trägt das Ober- einen wattierten Waffenrock, und darü-
haupt ab und an eine beson- ber einen Wappenrock mit dem Wap-
ders aufwändig geschmückte pen seines Herrn.
Brünne in die Schlacht, die
schon mehrere Jahrhunderte Waffenknechte
gesehen hat, und deren Symbo- Hat ein Ritter genug Geld und den
lik jedem Kämpfer (gegnerisch oder Bedarf, kann er Söldner in seine
befreundet) ein Begriff ist. Dienste nehmen. Sind aber genügend
Die typische Waffe für den Ansturm Ritter ohne eigenes Lehen vorhanden,
ist die Kriegslanze, danach wird im wird er lieber solche verpflichten,
Getümmel zur Seitenwaffe gegriffen: gelten Waffenknechte doch im Allge-
Streitaxt oder Streitkolben, selte- meinen als ehrlos. Dennoch heuern
ner das Schwert oder der Morgen- vor allem die Königshäuser gern auch
stern. In der Linken trägt der Rit- erfahrene Soldkämpfer an, die sie
ter seinen Reiterschild, auf dem schnell überall einsetzen können, wo
das Wappen prangt. Wenn der sie gerade gebraucht werden.
Ritter weiß, dass er auf dem Waffenknechte sind beinahe nie be-
Boden kämpfen muss, dann ritten, sie kämpfen oft mit Stan-
rüstet er sich meistens mit ei- genwaffen wie Hellebarden oder
nem Großschild anstelle des Speeren, mit denen sie Ritter vom
Reiterschilds aus, in Ander- Pferd werfen können, um sich
gast gerne einen aus Stein- dann in Überzahl auf den Gestürzten zu
eiche. Auch zweihändig werfen und ihn zu überwältigen.
geführte Waffen sind bei Rit- Andere kämpfen mit Langbogen, Zweihand-
tern selten, da sie in der Regel nicht schwertern oder seltener mit großen Äx-
vom Pferd aus eingesetzt werden können ten. Besonders berüchtigt, und deutlich
und Großschwerter wie Andergaster und besser bezahlt, sind die Waffenknechte, die
Zweihänder teuer und kostbar sind. mit dem Andergaster umzugehen wissen.

72 Kultur & Wissenschaft


Das Bauernaufgebot Nicht-Adligen geführt werden. Gerade deswegen ist der
Die zum Krieg verpflichteten Bauern tragen für gewöhn- Bogen recht verbreitet, der keiner Einschränkung un-
lich keine echten Kriegswaffen, sondern nur das, was sie terliegt und von vielen Bauern zur Jagd auf Niederwild
selbst mitbringen konnten: Dreschflegel, Sensen, Äxte, genutzt wird.
Dolche und Knüppel. Dreschflegel werden dann auf die Die „Waffenausbildung“ eines Bauernaufgebots dau-
Schnelle zu Kriegsflegeln aufgerüstet und Knüppel mit ert selten länger als ein oder zwei Tage. So mag es
Nägeln versehen. Reichere Bauern haben vielleicht ei- kaum verwundern, dass der Blutzoll solcher Trup-
nen guten Dolch oder sogar ein Kurzschwert von ihren pen sehr hoch ist, die Moral entsprechend niedrig.
Vorfahren geerbt. Gerne werden Waffenknechte in der Schlacht hinter
Waffen, deren Klinge länger ist als ein Kurzschwert, den Bauern aufgestellt, um diese an einer vorzeitigen
dürfen weder in Nostria noch in Andergast von Flucht zu hindern.

Essen & Trinken


im Binnenland Forelle, Hecht, Zander und Gnitze.
»Bei Angroschs Bart! Habt ihr denn nichts als Dennoch ist das Essen (außer in besonders harten Win-
Salzarele auf der Speisekarte? Es muss ja nicht tern) nur selten eintönig. Die Jahreszeiten bringen
gleich ein Braten sein, im Augenblick reicht mir unterschiedliche Zutaten und Kräuter, mit denen die
schon ein anständiges Stück Käse.« Speisen gewürzt werden. Andergaster wie Nostrier sind
—Arbosch Sohn des Angrax, äußerst erfindungsreich, und wissen auch mit wenigen
ambosszwergischer Meisterschmied Zutaten zahllose unterschiedliche Speisen zu bereiten.

In den Streitenden Königreichen wird gegessen, was Spezialitäten


man dem Land abtrotzen kann. Das bedeutet vor allem, Die nostrische Küche kennt unzählige Fischgerichte und
dass der Speiseplan sehr von der Region und noch mehr rund 217 Arten, die nostrische Salzarele zuzubereiten, z. B.
von der Jahreszeit bedingt wird. gepökelt, im Bierteig oder mit unterschiedlichsten Soßen
Die Haltbarmachung von Lebensmitteln ist eine schwie- oder Beilagen. Verbreitet sind auch Falsche Salzarelen, in
rige und riskante Kunst, daher sind die meisten Gemüse- Essig eingelegte Gurken. An der Küste nimmt man gerne
und Obstsorten sowie Pilze nur jeweils kurze Zeit erhält- das Trontsander Frühstück ein, einen Brei aus zerhacktem
lich. Sauerkraut und Äpfel bilden dabei eine Ausnahme. Fisch und Zwiebeln. Rosprik ist in der gesamten Region ein
Getreide kann zwar über längere Zeit aufbewahrt wer- Sammelbegriff für meist schmackhafte Gemüseeintöpfe,
den, doch seit der Blauen Keuche in Nostria ist man dabei deren Zutaten beliebig abgewandelt werden.
sehr vorsichtig geworden, weil häufig Ratten und Mäuse Bekannte Schnäpse sind Wachholdergeist und der schar-
über das Lagergut herfallen und so vielerlei Krankheiten fe Lyckschnaps, von dem Andergaster gerne behaupten,
verbreiten. Das Essen wird im Winter immer karger und die Nostrier würden ihn aus Moorleichen destillieren.
eintöniger, und lange oder harte Winter führen schnell In Nostria wird zudem das Gemüsebier Knat aus Spinat
zu Hungersnöten beim einfachen Volk. gebraut, das jedoch kaum einem Fremden mundet. Al-
In Andergast ist die Schweinezucht sehr verbreitet, da lein an der Küste kennt man ein etwas schmackhafteres
sich in den Wäldern viele Eicheln für die Mast finden. Bier, das helle, hopfige Dünensud.
Bei Winteranbruch werden überall in Andergast große In Andergast labt man sich an allen Erzeugnissen, die
Schlachtfeste gefeiert, da meist das Futter nicht aus- die Schweinezucht hergibt. Eichelmastschinken und
reicht, um die Tiere durch die kalte Jahreszeit zu brin- unzählige Variationen von Schmalz, mal mit Grieben-
gen. Dann wird mehrere Tage lang in Schweinefleisch, stückchen, mal mit Äpfeln, sind in Andergast genauso
Speck, Blutwurst und vielen anderen Spezialitäten ge- alltäglich wie Blutwurst oder Blutkuchen aus Graupen
schwelgt. Ein großer Teil der geschlachteten Schweine und Schweineblut. Feiner Speck und Schweinebraten
wird zu Dörrfleisch, Räucherschinken, Griebenschmalz landen jedoch weit öfter nur auf den Tafeln des Adels.
oder Hartwurst verarbeitet, damit man für den Winter Vor dem Drakenburger Steinkuchen sollte man sich
vorbereitet ist. in Acht nehmen, da er staubtrocken und hart ist. Da-
Geflügel wie Hühner oder Gänse ist ebenfalls beliebt. für hält er sich aber wochenlang und ist besonders als
Meist haben es die Bauern aber auf die Eier abgesehen. Reiseproviant beliebt. Um ihn zu genießen, trinkt man
In Nostria mit seiner Küste und dem Seenland landet dazu süffiges Malzbier oder einen der zahllosen Kräu-
Fisch im Alltag am häufigsten auf dem Tisch. Insbeson- teraufgüsse, die hierzulande als bitterer Eicheltee oder
dere an der Küste des Meeres der Sieben Winde und am Hollbeertee angeboten werden. Ebenfalls eigenwillig im
Thuransee fahren die Fischer selbst im Winter raus. Ne- Aroma, aber gut genießbar, ist das Eichenbier, das aus
ben der berühmten Salzarele, einem gut einen halben Eicheln hergestellt wird und daher immer wieder auch
Schritt langen Plattfisch, der vor der nostrischen Küste Eichelbier genannt wird.
in riesigen Schwärmen zu finden ist, werden im Meer
vor allem Aal, Thunfisch und Olporter Hering gefischt,

73
Spiel & Sport
In den waldreichen Regionen der Streitenden König-
»Ist eher überschaubar, was die Leute hier so reiche sind auch Holzfällerspiele, wie beispielsweise
zum Zeitvertreib spielen. Es finden sich sogar in Andrafall, verbreitet. Dabei werden Wettbewerbe im
nur wenige, mit denen es zu würfeln lohnt. Und Stammdurchsägen, dem Baumfällen mit der Axt, dem
selbst die haben meist zu wenige Münzen im Entrinden mit dem Rindenmesser oder auch das Werfen
Beutel, als dass es richtig Spaß machen würde.« von dünneren Bäumen, die sich für gewöhnlich dabei
—Carolan Calavanti, überschlagen müssen, durchgeführt. Alle diese Wettbe-
Vinsalter Streuner werbe dienen der Erprobung von Geschicklichkeit und
Kraft – und wie beim Bogenschießen können sie auch als
Übung verstanden werden, weswegen der Adel das einfa-
Das Leben in den Streitenden Königreichen ist hart und che Volk bei solchen Belustigungen, die schnell zu Volks-
die Leute hier haben wenig Muße, sich einem Zeitvertreib festen ausarten, gewähren lässt. An der Küste gibt es ähn-
wie dem Spielen hingeben zu können. Ausgefeilte Spiele liche Spiele, die sich häufig um die Fischerei drehen und
wie etwa Garadan oder Rote-und-Weiße-Kamele sind hier das Werfen von Netzen, das Treffen eines kleinen Ziels
so gut wie unbekannt. Nicht einmal Boltan wird in den mit Angelhaken und Schnur oder das Seilziehen mit di-
Gasthäusern besonders häufig gespielt, was vermutlich cken Schiffstauen beinhalten. An der Küste und im Seen-
daran liegt, dass es kaum Inrahkarten in den Streitenden land ist auch das thorwalsche Imman durchaus beliebt.
Königreichen gibt – und natürlich daran, dass Schänken Der Adel der Streitenden Königreiche frönt für ge-
oder Gasthäuser ohnehin eher rar gesät sind. wöhnlich zwei Zeitvertreiben. Der Jagd und dem Tur-
Die meisten Bauern besitzen jedoch Würfel aus Holz nierwesen. Die höfische Jagd ist dabei immer eine Jagd
oder Knochen, mit denen die gängigen Würfelspiele wie zu Pferd, bei der ein besonderes Wild (Wildschwein,
Andergast (oder Nostria) in Flammen (Gareth brennt), Hirsch oder Bär) ausgewählt wird und dann in einer
Schratzaun (Ogermauer) oder 21 Kreuzer gespielt wer- Art Wettkampf von den Teilnehmern erlegt werden
den. Beliebt ist auch das nostrische Zapfenklickern, bei muss. Bögen sind bei solchen Jagden verpönt, denn es
dem man mit Tannenzapfen oder leicht spindelförmi- gilt sich mit der Kreatur zu messen und ihr ins Auge
gen Holzkugeln eine weitere Kugel über eine Linie be- zu sehen, wenn sie erlegt wird. Das ist keineswegs un-
fördern muss. gefährlich, denn auch wenn viele zum Frondienst he-
Durch die zahlreichen Waffenknechte hat sich auch das rangezogene Bauern oder Holzfäller bei diesen Jagden
sogenannte Radmühlenspiel einigermaßen verbreitet, mit von der Partie sind, können die wilden Tiere für
das auf einem kreisrunden Spielbrett gespielt wird, das die Jäger eine echte Bedrohung darstellen. Gerade wil-
an ein Rad mit vier Speichen erinnert, genau wie ein ge- de Keiler oder Bären sind bekannt dafür, dass sie ihre
wöhnliches Karrenrad. Auf vielen Schänkentischen ist Häscher gezielt angreifen, und so mancher Adlige hat
das Spielfeld einfach mit einem Messer in die Tischplat- das Freizeitvergnügen nicht schadlos überstanden. Das
ten geritzt oder mit Kreide aufgemalt worden. Jeder Spie- prominenteste Beispiel für die Gefahren ist sicher der
ler erhält drei gleiche Spielsteine unterschiedlicher Form letzte Andergaster König Efferdan, der 1036 BF bei der
oder Farbe. Zu Beginn werden diese Steine abwechselnd Jagd zu Tode kam.
auf die Schnittpunkte von Rad und Speichen gesetzt, Die Beizjagd, wie sie im mittelreichischen Garetien ge-
auch die Nabe ist dabei offen. Sind alle Steine gesetzt, pflegt wird, ist wie der Einsatz von Bögen unter den kon-
werden sie abwechselnd entlang der Speichen oder dem servativen Adligen der Streitenden Königreiche gering
Kreis des Rades zur nächsten freien Position gezogen. Das angesehen - ganz abgesehen davon, dass es sich kaum
Überspringen von Steinen ist nicht erlaubt, ebenso ist je- ein Adliger leisten kann, einen Falkner zu unterhalten.
der Spieler gezwungen einen Stein zu ziehen. Das Spiel Dafür ist die Wildschweinhatz ist in den Streitenden
ist beendet, wenn es einem Spieler gelingt, eine Mühle zu Königreichen umso beliebter. Für gewöhnlich werden
setzen, also drei Spielsteine in eine Reihe zubringen, die hierbei einer adligen Jagdversammlung Treiber mit ei-
über die Nabe in der Mitte läuft. ner Hundemeute vorangeschickt, die das Wild aufstö-
Ebenso beliebt ist das Eichelspiel, das mit einer wech- bern und aus seiner Deckung treiben sollen.
selnden Anzahl von Eicheln gespielt wird, über die man Die Andergaster haben dafür sogar eigene Jagdwaffen
sich im Vorhinein einigt. Dabei lassen die Spieler Ei- entwickelt: Die Saufeder ist eine besondere Art von Stoß-
cheln auf einer etwas schiefen Ebene entlangkullern. speer, der sowohl vom Pferd also auch zu Fuß eingesetzt
Trifft man die Eichel des Gegners, darf man sie vom werden kann. Das breite Stichblatt mit Knebel verhindert,
Spielfeld nehmen. Gewinner ist, wer die meisten Eicheln dass der Spieß zu tief in den Leib des Tieres eindringt, um
in seinem Hort hat. es auf Distanz zu halten. Der stabile Griff ist häufig mit
Viele Zunftangehörige in den Städten machen aus den Leder umwickelt und mit Nägeln versehen, um die Grif-
Übungen im Bogenschießen ebenfalls einen Wett- figkeit zu erhöhen. Dass die Saufeder auch im Krieg von
kampf. So gelingt es ihnen die Pflicht mit ein wenig Un- Waffenknechten eingesetzt wird, hat ihrer Beliebtheit als
terhaltung zu verbinden. Jagdwaffe des Adels keinen Abbruch getan.

74 Kultur & Wissenschaft


Der Eberfänger ist ein Dolch von beinahe kurzschwert- verdiente Treiber. Aus diesem Grund besitzt auch so
artigen Ausmaßen, und seine Klinge ist nahe der Spitze mancher Bauer eine dieser Waffen, die dann eifersüch-
etwas breiter als am Heft. Viele Adlige besitzen als Sei- tig gepflegt und weitervererbt wird und die als Kriegs-
tenwaffe eine äußerst prächtig verzierte Anfertigung. waffe schon in unzähligen Schlachten Blut vergossen
Eberfänger sind außerdem ein beliebtes Geschenk für haben mag.

Das ritterliche Turnier


»Was für eine Pracht. Der gesamte Adel des Königreiches hat manchmal sogar ausschließlich Adlige antreten.
die feinsten Rüstungen angelegt, die besten Pferde ausgesucht Für den Adel ist das Turnier körperliche Ertüchtigung wie
und die edelsten Waffen gegürtet. Der Wettstreit um den Zeitvertreib, es dient aber vor allem auch dazu, Konflik-
besten Ritter Andergasts kann nun beginnen – und ich bin te beizulegen. Auch wenn außerhalb der Wettbewerbe
stolz verkünden zu können, dass seine Majestät, Wendelmir der Turnierfrieden gilt, konnte bereits so manche Fehde
VI. aus dem ruhmreichen Hause Zornbold, selbst in die auf dem Turnierboden beigelegt werden, ohne dass dabei
Schranken reiten wird, um seine Untertanen wissen zu lassen, Land und Leute zu Schaden gekommen wären. Stets gilt
aus welchem Holz ihr Herrscher geschnitzt ist. Nicht weniger hier: Der Sieger eines Waffengangs hat Recht. Als beson-
als steineichenharte Kämpfe können wir also erwarten und dere Form des Götterurteils kann ein Turniergang auch
der Ruhm des Siegers wird bis in alle Zeiten fortbestehen!« dazu dienen, vor dem Gesetz und den Überderischen sei-
—der Andergaster Turniermarschall und Wappenkönig Wolo­ ne Redlichkeit unter Beweis zu stellen.
rion von Kolburg, beim Königsturnier 1039 BF Es hat eine lange Tradition in den Streitenden Königrei-
chen, bei Turnieren auch Adlige des verfeindeten Reichs
»Sie ist eine wahre Naturgewalt! Wie sie in ihrer eisernen antreten zu lassen. Auf der Anreise stehen sie ab Grenz-
Brünne auf dem Schlachtross sitzt, den Streitkolben in der übertritt unter ausdrücklichem Schutz der Krone (dem
Hand, wie Rondra selbst. Wenn ich könnte, würde ich ein Lied sogenannten Königsfrieden) und werden häufig sogar
zu ihren Ehren schreiben, aber Hesindes Gaben bleiben mir von einem Herold begleitet, der diesen Schutz einfor-
wohl auf ewig ein Rätsel. Immerhin findet sie mich offensicht­ dert. Das heißt aber natürlich nicht, dass das Publikum
lich auch recht achtbar. Morgen reite ich mit einem Gunst­ solche feindliche Recken nicht während des Turniers
band in den Farben Blau und Silber ins Gestech, und sie hat mit lauten Spottgesängen verhöhnt.
meinen Wimpel genommen, in Grün und Schwarz. Da ist es
mir völlig einerlei, ob sie eine Siebenwinderin aus Nostria ist. Der Ablauf
Sie ist die Frau, deren Gunst ich gewinnen werde!« »Wo ist das Zelt des Turniermarschalls? Bis Sonnenuntergang
—der Andergaster Ritter Odoring Rotbaum von Teshkalien, 1039 BF muss ich für alle Disziplinen gemeldet sein. Ich will doch nicht,
dass der olle Tatzenhainer ohne mich am Gestech teilnehmen
Turniere sind vielerorts ein beliebtes Steckenpferd kann, nur weil er sich zeitig für den Kampf mit Schwert und Schild
des Adels, und das gilt auch in den Streitenden König- beworben hat. Ich will ihn unbedingt aus dem Sattel stoßen!«
reichen. Zugangsbeschränkungen machen ein solches —der Andergaster Ritter Odoring Rotbaum von Teshkalien, 1039 BF
Spektakel jedoch deutlich exklusiver als die Arena-
spiele, die in Al’Anfa oder anderen Regionen des Südens Turniere dauern selten weniger als zwei Tage, das aller-
abgehalten werden. Unfreie sind von vorneherein von dings liegt in der Hand der Adligen, die solche Spektakel
der Teilnahme ausgeschlossen, je nach Disziplin dürfen ausrichten.

75
angereisten Adligen ihre Zelte auf, in denen sie mitsamt
Ein beispielhafter Tag
Gefolge für die Zeit des Kräftemessens unterkommen.
Üblicherweise beginnt ein Turniertag bei
Man nächtigt entweder im Turnierzelt oder versucht,
Sonnenaufgang mit einem lauten Fanfarensignal.
bei einem anderen angereisten Hochadligen unterzu-
Eine Stunde später finden die ersten Wettkämpfe
kommen. Nur die wichtigsten Gäste beziehen auf der
statt, zu denen sich die Zuschauer auf Tribünen oder
Burg des Ausrichters Quartier, und noch weniger keh-
an den Schranken des Turnierfeldes versammeln.
ren in einem Gasthaus ein, wo sie sich auch mit dem ge-
Nach einer längeren Pause zur Mittagszeit ruft
meinen Volk abgeben müssen. Häufig werden Turniere
erneut ein Fanfarensignal zu den weiteren
von Volksfesten begleitet, bei dem Gaukler auftreten
Wettkämpfen.
und Barden ihre Weisen zum Besten geben. Auch Märk-
Des Abends versammeln sich die Teilnehmer von
te werden manchmal parallel zu Turnieren abgehalten,
Stand und wichtige Gäste im Rittersaal der Burg
denn sie locken für gewöhnlich eine große Zahl von
oder in einem eigens errichteten, meist prächtig
Schaulustigen an und sorgen für prall gefüllte Geldsä-
geschmückten Festzelt, um ein gemeinsames Mahl
ckel bei den Händlern.
einzunehmen. Anschließend sitzt man bei Bier und
Wein zusammen, und lässt sich von Musikanten
und Gauklern unterhalten.
Die Anmeldung
Die Teilnahme an Turnieren in den Streitenden Kö-
Zuschauer und viele teilnehmende Nichtadlige su-
nigreichen erfordert üblicherweise das Entrich-
chen für ihr Gelage ein Gasthaus oder einen der zah-
ten einer Startgebühr. So ist bereits gutes Geld in
leichen Stände auf, wo gezecht wird bis in die Mor-
die Kassen manch eines Lokaladligen geflossen, der
genstunden. Auch auf der Festwiese gibt es meist
kurz zuvor noch Steuerschulden beim König hatte.
ein buntes Unterhaltungsprogramm und es wird
Die Entscheidung darüber obliegt jedoch allein dem
bis spät in die Nacht mit Musik und Tanz gefeiert.
Turnierausrichter.
Aufgabe des Turniermarschalls und seiner Bedienste-
Eine Fest- und Kampfwiese wird in der Regel außerhalb ten ist es, die Teilnehmer an den einzelnen Wettbewer-
der Burg oder Stadt liegen, in der das Turnier statt- ben zu notieren und aufkommende Fragen nach bestem
findet. Hier werden die Schranken, also das eigentli- Wissen und Gewissen zu beantworten. Sie konsultieren
che Turnierfeld aufgebaut, und hier stellen auch die außerdem die Wappenrolle und prüfen anhand von

76 Kultur & Wissenschaft


Angaben der angereisten Kämpfer, ob sie auch in den gilt in beiden Reichen daher keinesfalls als ehrenrührig.
ritterlichen Disziplinen teilnehmen dürfen. Je älter eine Nicht selten dient dies auch dem Zweck, alte und gut
Familie ist und je mehr Ritter sie in ihren Reihen hatte, gepflegte Erbstücke für einen möglichen Krieg zu scho-
desto höher ist meist auch ihr Ruhm. Dank ihrer langen nen. Am kostspieligsten ist sicher die Königsdisziplin,
Erblinien sind Königsfamilien und Hochadel die wich- das Lanzenreiten. Für eine solche Turnierausrüstung
tigsten und ehrenvollsten Gegner in einem Kräftemes- kommen schnell mehrere hundert Dukaten zusammen,
sen bei der Turney. das Pferd nicht eingerechnet.
Die Turnierschreiber legen sehr viel Wert darauf, jeden Je nach Geschmack des Turnierausrichters wird im Vor-
entsprechend seines Standes zu behandeln. Ritter aus feld entschieden, ob mit stumpfen Turnierwaffen oder
fernen Landen werden meist sehr zuvorkommend be- mit der eigenen Klinge gekämpft werden darf.
handelt, da sie den Glanz einer solchen Veranstaltung
deutlich mehren können. Im patriarchischen Andergast
Schwarze, Weiße und Grüne Ritter
dürfen jedoch auf den meisten Turnieren nur Kämpfe-
Auf manchen Turnieren tritt einer der Teilnehmer
rinnen aus Teshkalien oder von außerhalb antreten.
als Schwarzer Ritter an. Anstatt eines Wappen-
Bei der Anmeldung muss sich jeder Teilnehmer ver-
schildes führt er einen komplett schwarzen Schild,
bindlich eintragen lassen. Eine Nachmeldung ist nur in
der ebenfalls an der Turnierbahn aufgestellt wird.
gut begründeten Ausnahmefällen möglich. Bei Freien
Häufig wird sein Pferd auch mit einer schwarzen
und Bürgern wird oft nur der Rufname in die Listen auf-
Schabracke ausgestattet. Der Schwarze Ritter muss
genommen, bei Wettkämpfen wie der Tjoste oder dem
allein dem Turniermarschall seine Identität offen-
Kampf mit Schwert und Schild werden Familienname,
baren, darf ansonsten aber mit geschlossenem Vi-
Titel und Wappen festgehalten.
sier einherreiten. Viele Hochadlige nehmen auf
Die Familienbanner der adligen Teilnehmer werden
diese Art unerkannt an kleineren Turnieren teil,
an den Rändern des Turnierfeldes aufgezogen und die
um sich vor zu vielen Herausforderungen zu schüt-
Wappenschilde an der Turnierbahn aufgestellt. Paarun-
zen. Aber auch verfemte Raubritter können in Ge-
gen oder Wettkampfreihenfolge werden entweder ge-
stalt des Schwarzen Ritters ihre Tugend beweisen
lost oder vom Turniermarschall festgelegt. Die Teilneh-
oder zumindest das ausgelobte Preisgeld kassieren,
mer der Tjoste dürfen ihren Gegner selbst auswählen,
wenn sie sich wacker schlagen.
indem der Herausforderer mit der Lanze den Wappen-
Ein Weißer Ritter streitet nie für seinen eigenen
schild seines Kontrahenten berührt.
Ruhm, sondern reitet als Stellvertreter im Namen eines
anderen auf das Turnierfeld. Vor allem in Andergast,
Die Turnierausrüstung wo Frauen in der Regel nicht selbst in die Schranken
Die höchste Einstiegshürde beim Turnier ist oft die Aus-
reiten dürfen, sind solche Ritter häufiger gesehen. Sie
rüstung, denn für gewöhnlich muss ein Ritter Waffen,
treten für die Ehre hochadliger Damen ein oder für
Rüstung und Streitross selbst mitbringen, um bei den
jene, die sich nicht selbst verteidigen können. Man-
Wettkämpfen zugelassen zu werden. Viele Niederadlige
cher befreundeter Ritter sprang so auch schon einem
der Streitenden Königreiche können die nötigen Sum-
Nichtadligen zur Seite, um seine Ansprüche durchzu-
men jedoch kaum aufbringen und nehmen für eine Teil-
setzen. Der Weiße Ritter trägt immer das Gunstband
nahme hohe Schulden in Kauf. Fehlende Ausrüstungs-
desjenigen, in dessen Namen er in die Schranken rei-
gegenstände für die Dauer der Wettkämpfe zu leihen
tet. Auch er muss allein dem Turniermarschall seine
Identität preisgeben, der dann über die Zulässigkeit
Gunstbänder seiner Teilnahme und des entsprechenden Anliegens
Es ist bei Turnieren üblich, dass Edeldamen oder entscheidet. Vor jedem seiner Kämpfe wird verlesen,
Edelherren dem auserwählten Streiter ihres Herzens wofür er einsteht, weswegen seine Auftritte beim ein-
ein Gunstband in den eigenen Farben oder mit ih- fachen Volk äußerst beliebt sind.
rem Wappen überreichen. Beim Lanzengang wird es Der Grüne Ritter hat mit dem erstarkenden Ein-
dann an Lanze, Helm, Gürtel oder Panzerhandschuh fluss der Sumen in Andergast Einzug in die Turniere
befestigt. Ein solches Band ist ein Zeichen der gehalten. Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch
Sympathie, nicht unbedingt gleich ein Liebesbeweis. um eine wiederbelebte alte Tradition. In anderen
Begehrt sind besonders die Gunstbänder der Reichen sind grüne Ritter schon lange Gang und
Königsfamilien oder solche von unverheirateten Mit- Gäbe, und auch in Andergast gibt es Geschichten
gliedern des Hochadels. Das Tragen eines solchen be- aus alter Zeit über sie. Ein Grüner Ritter wird stets
sonderen Gunstbandes erhöht nicht selten sogar das von der Sumenschaft entsandt. So rächt er meist
Ansehen eines Streiters, da die Augen des Publikums Schmähungen an Wald und Land oder tritt für die
auf ihm ruhen. Und es gibt weniger, was die Schau- Sache der Sumen ein. Als einziger Streiter muss
lustigen mehr schätzen, als tragische oder glückliche er niemandem seine Identität offenbaren – und es
Liebesgeschichten, die sich aus der Überreichung ei- heißt, dass so mancher nicht von adligem Geblüt ist
nes Gunstbandes ergeben haben. oder je den Ritterschlag empfangen hat.

77
»Das nennt man ein Turnier nach Pervalschen Turnier nach Pervalschen Regeln
Regeln, wenn man mit scharfen Klingen Benannt nach dem für seine Grausamkeit berüchtig-
Kämpft. Kaiser Perval hat nämlich 935 BF beim ten ehemaligen Herrscher des Mittelreiches, Kaiser
Kaiserturnier in Gareth Blut sehen wollen, und Perval, gibt es noch eine Form von Turnier, in der
stumpfe Waffen kurzerhand verboten. Mir soll die Regeln zum Schutz des Gegners nicht gelten. Bei
beides recht sein, solange mich diese Laffen nur einem Turnier nach Pervalschen Regeln werden kei-
zulassen. Bin ja schließlich nicht von Stand.« ne Turnierwaffen verwendet, sondern scharfe Klin-
—Geron Waisenmacher, Doppelsöldner gen. Auch hier gelten die üblichen Turnierregeln,
jedoch kommt es unter diesen Umständen häufiger
Alle Waffen werden durch die Bediensteten des Tur- zu schweren Verletzungen oder gar zum Tod eines
niermarschalls geprüft und für tauglich oder anstößig Teilnehmers. Außerdem hat der Sieger nach einer
befunden. Ritter, die ohne passende Rüstung oder ein solchen Begegnung das Recht, Rüstung und Pferd
Streitross erscheinen oder keine entsprechenden Waf- des Verlierers zu behalten oder zu veräußern. Der
fen vorweisen können, müssen fehlende Ausrüstungs- Unterlegene darf jedoch stets als erster ein Angebot
gegenstände gegen Gebühr leihen. Bei Bedarf können machen, um seinen Besitz zurückzuerlangen, damit
Bögen, Pfeile oder Wurfäxte in der Regel auch vom Aus- nicht gleich die nächste Fehde entbrennt.
richter der Wettkämpfe gestellt werden.

Turnierwaffen und -rüstungen Die Wettkämpfe


Die Turnierlanze ist aus Holz und so gebaut, dass sie bei Drei Wettkämpfe bilden meist den Hauptteil des Turnier-
einem wuchtigen Aufprall zersplittert. Im Gegensatz spektakels: der Kampf mit Schild und Einhandwaffe, der
zur Kriegslanze verfügt sie nicht über eine Spitze aus Kampf mit zweihändig geführten Waffen und die Tjoste,
Metall. Das Turnierschwert ist entweder auch aus Holz das Lanzenreiten. Die ausschließlich vom Adel bestritte-
oder stumpfen Metall, weswegen es relativ brüchig, ne Tjoste ist auch in den Streitenden Königreichen der
dafür aber preisgünstiger ist. Es gibt natürlich auch Wettkampf, den das Volk mit der größten Begeisterung
zweihändig geführte Schwerter, die sogenannten Tur- verfolgt. Eher ungewöhnlich ist hingegen der Buhurt, das
nierzweihänder. Die Preise für Turnierwaffen belaufen freie Lanzenreiten mit anschließendem Kampf zu Fuß von
sich etwa auf die Hälfte dessen, was eine scharfe Waffe ganzen Rittergruppen, wie es z. B. in Weiden üblich ist. Oft
gleicher Machart kosten würde. werden neben den klassischen Disziplinen auch Spiele für
Tjoster tragen idealerweise eine der seltenen maßange- die einfachen Leute ausgerichtet. Bogenschießen, das tra-
fertigten Turnierrüstungen. Diese Plattenrüstung bie- ditionelle Andrafaller Baumstammwerfen, Geländeläufe
tet einen herausragenden Schutz, ist jedoch deutlich oder Schuss- und Wurfwettbewerbe stehen dabei im Vor-
schwerer. Die Fortbewegung am Boden ist äußerst an- dergrund. Besonders Knappen und Gemeine versuchen
strengend und die Beweglichkeit stark eingeschränkt. sich auch gern im Ring- oder Schildstechen gegen einen
Werte dieser Ausrüstungsgegenstände findest du im Ab- Holzalrik, eine gewappnete, drehbare Ritterfigur.
schnitt Neue Waffen und Rüstungen (siehe Seite 152),
die Kosten kannst du auch einfach aus der Preisliste auf
Seite 88 ersehen.

78 Kultur & Wissenschaft


Die Wettkämpfe in Regeln Voraussetzungen: entsprechende Waffe und eventuell
Die folgenden Turnierregeln könnt ihr nach Belieben Schild; Einige Turniere lassen nur bestimmte Waffeng-
im Spiel nutzen, um so Helden in die Wettkämpfe einzu- attungen zu.
binden. Hier findest du alles zu Zugangs- und Siegbedin- Teilnahmegebühr: 5 Dukaten
gungen, Vorschläge für eine übliche Teilnahmegebühr
und die entsprechenden Regeln der Wettbewerbe. Tur- Baumstammwerfen in Regeln
nierpreise, die genaue Dauer eines Turniers, maximale • Jeder Teilnehmer hat einen Versuch. Dieser Wurf
Teilnehmerzahl und weitere Details kann der Meister je entscheidet über Sieg oder Niederlage.
nach Austragungsort beliebig festlegen und ausgestal- • Um den Baumstamm möglichst weit zu werfen, muss
ten. Bei den meisten Wettbewerben können beliebig eine Probe auf Kraftakt (Heben & Stemmen) gelingen.
viele Streiter teilnehmen, allein bei Wettkämpfen, die • Wer am meisten QS erzielt, hat die größte Weite er-
paarweise ausgetragen werden (Zweikämpfe oder die zielt und gewinnt den Wettbewerb.
Tjoste), sollte die Anzahl der Teilnehmer gerade sein. • Eine misslungene Probe bedeutet, dass der Baum-
stamm nicht weit genug geworfen wurde, damit
Turnierdisziplinen das Ergebnis gültig ist. Der Werfer hat keine Chance
Bei großen Turnieren werden meist viele unterschied- mehr auf den Sieg.
liche Disziplinen angeboten, bei kleinen und regionalen • Haben mehrere Teilnehmer die höchste QS erzielt,
Veranstaltungen sind es hingegen oft nur zwei bis drei. würfeln sie erneut eine Probe auf Kraftakt (Heben &
Kaum ein Turnier kommt jedoch ohne die Tjoste aus, Stemmen) und addieren die erreichte QS auf ihren
die als ritterlichste und prestigeträchtigste gilt. Nach- bisherigen Punktestand auf. Herrscht immer noch
folgend sind die bekanntesten Turnierdisziplinen auf- Gleichstand, wird solange weitergewürfelt, bis ein
geführt. In manchen Ortschaften mag es noch weitere Sieger feststeht. Dem Sieger ist es gelungen, seinen
geben wie beispielweise waghalsige Wagenfahrten oder Baumstamm ein paar Halbfinger weiter zu werfen
einen fordernden Geländelauf. als seine Gegner.
Ein Teilnehmer kann jederzeit freiwillig aus einem
Wettbewerb ausscheiden, ein Kämpfer im Zweikampf Bogenschießen und Axtwerfen in Regeln
durch Aufgabe. • Bei Schuss- und Wurf-Wettbewerben wird auf den
FK-Wert von Bögen oder Wurfwaffen gewürfelt, je
Baumstammwerfen nach Art des Wettbewerbs.
Teilnehmer: keine Einschränkung (für Adlige eher unüblich) • Der Wurf wird wie üblich durch die Entfernung und
Voraussetzungen: keine die Größe des Ziels modifiziert. Es gibt 3 Durchgän-
Teilnahmegebühr: 1 Silbertaler ge mit je 3 Schüssen/Würfen. In jedem Durchgang
befinden sich die Zielscheiben in einer der drei
Bogenschießen und Axtwerfen Reichweitenkategorien der entsprechenden Waffe,
Teilnehmer: keine Einschränkung und nach jedem Durchgang werden sie eine Katego-
Voraussetzungen: Bogen bzw. Wurfaxt rie weiter weggestellt (nah/mittel/weit). Die Ziel-
Teilnahmegebühr: 1 Dukat scheibe gilt als kleines Ziel. Wird die Mitte anvisiert,
so ist dies ein winziges Ziel.
Schild- und Ringstechen • Jeder Treffer zählt 1 Punkt. Wurde auf die Mitte ge-
Teilnehmer: keine Einschränkung zielt und getroffen, gibt es 2 Punkte. Ein Kritischer
Voraussetzungen: Pferd, Lanze Erfolg ergibt immer 1 Extrapunkt.
Teilnahmegebühr: 2 Dukaten • Haben alle ihre Würfe ausgeführt, werden die Ziel-
scheiben in die nächstgrößere Reichweite verlegt.
Tjoste • Derjenige mit den meisten Punkten gewinnt. Sollte
Teilnehmer: Ritter oder von Stand (Vorteil Adel mindes- es am Ende Punktgleichheit geben, kommt es auf die
tens I) Turnieregeln an, was geschieht. Bei einigen Turnieren
Voraussetzungen: Pferd, Platten- oder Turnierrüstung gibt es ein Unentschieden, bei anderen wird solange
(teilweise sind auch Kettenrüstungen erlaubt), Schild weitergeworfen, bis ein Mitspieler das Ziel verfehlt.
und Turnierlanzen; Sonderfertigkeit Berittener Kampf,
Lanzengang Ringstechen in Regeln
Teilnahmegebühr: 20 Dukaten • Dieser Wettkampf wird durch Proben auf AT der
Kampftechnik Lanzen abgehandelt.
Zweikampf (Einhandwaffe und Schild oder • In 3 aufeinander folgenden Durchgängen treten die
Zweihandwaffen) Reiter nacheinander an. Sie können Punkte ansam-
Teilnehmer: Adlige (Vorteil Adel mindestens I), Krieger- meln, indem sie Ringe auf ihre Lanze auffädeln. Die
brief, Waffenknecht eines Adligen oder sehr guter Leu- Hälfte der Teilnehmer mit den meisten Punkten er-
mund (z. B. als Held bekannt) reichen den nächsten Durchgang.

79
• Ein Wettkampf hat üblicherweise 3 solcher Durch- Lanzengangs treffen die Gegner aber gleichzeitig
gänge und ein Finale, ausgetragen über zwei Tage. aufeinander.
Nach einem Durchgang fängt die Punktzählung von • Es ist keine Probe auf Reiten notwendig, um an-
neuem am. zugaloppieren und die Pferde aufeinander zu zu
• Der Reiter kann man pro Durchgang dreimal versu- lenken.
chen, einen der Ringe aufzuspießen. Die einfachs- • Der Tjoster mit der höheren INI der Pferde würfelt
ten Ringe zählen 1, die mittelschweren 2 und die eine AT auf die Kampftechnik Lanzen.
ganz schweren 3 Punkte. Um sie zu erwischen, ist • Bei Misslingen der Probe verfehlt der Angrei-
die Attacke um 0/–2/–4 erschwert (von leichten fer seinen Gegner bzw. der Treffer hat keine
Ringen zu schwereren Ringen). Gelingt dies nicht, Auswirkungen.
wird der Versuch mit 0 Punkten gewertet. • Bei Gelingen der Attacke kann der Getroffene eine Pa-
• Derjenige mit den meisten Punkten im Finale gewinnt. rade mit dem Schild ausführen. Ist sie erfolgreich, redu-
Sollte am Ende Punktgleichheit herrschen, kommt es ziert sie den Schaden des Treffers auf die Hälfte der SP.
auf die Turnieregeln an, was geschieht. Bei einigen Tur- • Beide Teilnehmer nutzen eine Turnierlanze, mit
nieren gibt es Unentschieden, bei anderen folgen weite- der ein Treffer 1W6+8 TP verursacht. Alle Modifi-
re Durchgänge, bis sich ein Teilnehmer absetzen kann. katoren, die den Schaden beeinflussen, sind bereits
eingerechnet.
Schildstechen in Regeln • Ein getroffener Reiter muss eine Probe auf Reiten
• Diese Disziplin kennt keinen Sieger und dient (Kampfmanöver) erschwert um die SP x 2 bestehen,
hauptsächlich der Profilierung von Rittern vor dem um sich im Sattel halten zu können. Bei Misslingen
Turnier, denn hier wird bereits um die Gunst des stürzt er vom Pferd. Die Erde ist weich, sodass die
Publikums gebuhlt. Aber auch Knappen und Gemei- TP bei Stürzen um 2 verringert sind (siehe Regel-
ne wollen sich häufig im Schildstechen beweisen. werk Seite 340).
• Der Angriff auf den Schild eines hölzernen Ritters • Bei einem Treffer mit einer Turnierlanze erhält
(„Holzalrik”) wird mit einer Proben auf AT der der Reiter durch die Wucht des Aufpralls zudem
Kampftechnik Lanzen abgehandelt. eine Stufe Betäubung. Durch die QS der vorherge-
• Hat man erfolgreich getroffen hat, muss man dem henden Probe auf Reiten (Kampfmanöver) kann die
sich drehenden Ziel mit einer Probe auf Reiten Dauer der Betäubung reduziert werden. Ein Tjost-
(Kampfmanöver) ausweichen. Bei Misslingen erleidet durchgang dauert etwa 30 Sekunden. Wie lange
man 1W6+2 TP und stürzt vom Pferd (siehe Regel- eine Pause zwischen zwei Durchgängen ist, kommt
werk Seite 340). auf die Verfassung der Reiter an. Manchmal geht
• Hat ein Ritter erfolgreich am Schildstechen teil- es sofort weiter, manchmal dauert es noch ein paar
genommen, so kann er in der Tjoste Höhergestell- Augenblicke, die dazu genutzt werden, zerbroche-
te besser herausfordern. Für die Probe auf Etikette ne Lanzen zu ersetzen oder Verletzungen zu über-
(Benehmen) erhält er bei der Teilprobe auf CH einen prüfen. Mehr als weitere 30 Sekunden gewährt der
Bonus von +1. Turnierrichter aber nicht. Dauert es länger, wird
• Verfehlt er hingegen mit seiner Lanzen-Attacke der für die Verzögerung verantwortliche Teilneh-
oder wird er vom Holzalrik getroffen, so ist die ge- mer disqualifiziert.
samte probe auf Etikette (Benehmen) zum Fordern in
der Tjoste um 1 erschwert. Qualitätsstufe Dauer der Betäubung
Die Tjoste in Regeln QS 1 3 Stunden
• Regeltechnisch folgt die Tjoste dem Reiterkampf QS 2 30 Minuten
(siehe Regelwerk Seite 239 ff.). Teilnehmer müs- QS 3 3 Minuten
sen über das Manöver Lanzenangriff und damit auch
QS 4 60 Sekunden
Berittener Kampf verfügen.
• Eine Probe auf Etikette (Benehmen) entscheidet, ob QS 5 10 Sekunden
es dem Helden gelingt, erfolgreich einen Höher- QS 6 1 Kampfrunde
gestellten zu fordern. Dazu muss eine QS mehr er-
reicht werden als die zweifache Differenz der Stufe • Die Turnierlanze zerbricht bei 11 oder mehr TP. Für
des Sozialen Standes des Herausgeforderten beträgt einen Fortgang des Kampfes wird eine neue Tur-
(siehe Regelwerk Seite 338). Ranggleiche oder Geg- nierlanze gebraucht. Die Kosten betragen 30 Silber-
ner mit niedrigerem Stand kann der Held ohne Pro- taler pro Lanze.
be erfolgreich herausfordern. Bei Misslingen der • Um sich bei Turnieren vor den Lanzen zu schützen,
Probe lassen sich am Turniertag nur Gegner finden, gibt es spezielle, maßangefertigte Turnierrüstun-
die einen niedrigeren Sozialen Stand aufweisen. gen. Sie besitzen einen RS von 8 und eine BE von 5.
• Die Initiative der Reittiere bestimmt, welcher Spie- Die Kosten einer solchen Turnierrüstung betragen
ler zuerst für den Angriff würfelt. Während des mindestens 3.000 Silbertaler.

80 Kultur & Wissenschaft


• Der Teilnehmer mit der niedrigeren INI verfährt Wichtige Termine
wie sein Kontrahent. Die beiden bekanntesten Turniere in den Streitenden
• Die Angriffe erfolgen zeitgleich, es kann also passie- Königreichen sind die vom jeweiligen Königshaus aus-
ren, dass beide Kämpfer getroffen werden und vom gerichteten Veranstaltungen Mitte Rondra:
Pferd stürzen. • 13.-14. Rondra: Ritterturnier in Nostria
• Die Durchgänge werden wiederholt, bis einer der • 13.-14. Rondra: Königsturnier in Andergast
Reiter vom Pferd stürzt, Handlungsunfähig ist oder Weitere Turniere finden häufig an besonderen Festta-
aufgibt. gen statt, so etwa anlässlich einer Vermählung oder ei-
• Sieger einer Begegnung ist der Ritter, der am längs- ner Beerdigung.
ten im Sattel bleibt. Bei einem Unentschieden wird
der Durchgang in der Regel wiederholt, bis ein Sie- Tjosten gegen den König
ger feststeht. Es ist immer ein ganz besonderes Ereignis, wenn der
König oder ein Mitglied der Königsfamilie bei der Tjos-
Zweikämpfe in Regeln te selbst in die Schranken reitet. Besonders vom der-
• Führe den Kampf nach den üblichen Kampfregeln zeitigen König von Andergast ist bekannt, dass er als
durch. Prinz gerne Turniere bestritten hat – und häufig auch
• Das Turnierschwert verursacht 1W6+1 TP (Kampf- als Gewinner aus der Tjoste hervorging. Niemand er-
technik Schwerter, Schadensschwelle GE/KK 16, wartet jedoch, dass der Andergaster König oder gar die
AT/PA-Modifikator 0/0, RW mittel). Bei 7 oder nostrische Königin wirklich selbst in die Schranken
mehr erzielten TP mit nur einem Schlag zerbricht treten, denn sie sind viel zu wichtig für ihr Land, um
es, was einen Wechsel der Waffe erforderlich macht ihr Leben wegen Nichtigkeiten zu riskieren. Es steht
und dem Gegner 1 Punkt einbringt. Pro unverteidig- ihnen ohne Gesichtsverlust frei, einen Stellvertreter
ten Treffer erzielt man 1 Punkt. zu benennen, und ein jeder gestandener Ritter ist be-
• Wer beim einhändigen Kampf zuerst 5 Punkte er- reit, für seinen obersten Lehnsherrn in die Schranken
zielt, gewinnt den Kampf. zu treten. Jeder überlegt es sich zweimal, bevor er ei-
• Beim zweihändigen Waffengang werden eben- nen König wegen einer bloßen Kränkung zum Lanzen-
falls stumpfe Waffen verwendet, meist ein Tur- gang herausfordert.
nierzweihänder (1W6+3 TP, Kampftechnik Zwei­
handschwerter, Schadensschwelle GE/KK 16, AT/ Der König selbst kann fordern, wen auch immer er
PA-Modifikator 0/–2, RW mittel). Bei 9 oder mehr will. Um aber als Turnierteilnehmer ein Mitglied der
erzielten TP mit nur einem Schlag zerbricht die Königsfamilie oder den Herrscher selbst herauszufor-
Klinge, was einen Wechsel der Waffe erfordert und dern, muss der Fordernde selbst von hohem Adel sein
dem Gegner 1 Punkt einbringt. Pro unverteidigten (Vorteil Adlig mindestens III).
Treffer erzielt man 1 Punkt. Oft wird eine Herausforderung an den Herrscher mit
• Wer beim Zweikampf mit Zweihandwaffen zuerst 3 einem bestimmten Anliegen des Fordernden ver-
Punkte erzielt, gewinnt den Kampf. knüpft, z. B. der Rücknahme oder Bestätigung eines
Richtspruchs, eine öffentliche Rüge für einen Konkur-
Preise renten oder aber der Rehabilitierung, wenn etwa die
Geldpreise bei Turnieren präsentiert man dem Sieger Familie des Fordernden in Ungnade gefallen ist. Es gibt
meist in Form von Gold- und Silberstücken in einer aber auch kühne Geschichten von Rittern, die so den
reich verzierten Börse. Weit häufiger werden jedoch königlichen Segen für eine nicht standesgemäße Ehe
prächtige Waffen oder Rüstungen überreicht, und der einforderten, für einen geliebten Menschen eintra-
Sieger bekommt ein kostbares Schwert, einen exzellent ten oder lediglich eine Privataudienz wünschten. Das
gefertigten Bogen, einen besonders stabilen Schild oder Anliegen sollte persönlicher Natur sein, schon allein
eine feinverzierte Brünne. Dazu kommen für gewöhnlich damit kein nostrischer Bombast vom Andergaster Kö-
symbolträchtige Trophäen, etwa ein goldener Stirnreif nig etwa das Ende des Krieges oder die Übergabe ei-
oder ein Silberpfeil. nes Landstrichs verlangen kann. Über die Zulässigkeit
Es mag auch vorkommen, dass der Gewinner der Tjoste einer solchen Forderung entscheidet der Turniermar-
mit einem weiteren Titel oder sogar einem Lehen aus- schall, dessen Herolde sie auch verlesen. Allein der
gezeichnet wird. Solche Turnierpreise sind aber selten Herrscher bestimmt jedoch über deren Gewährung.
und werden nur zu besonderen Anlässen vergeben, bei- Dass die Fürsten von Nostria oder Andergast je gegen-
spielsweise wenn ein Landesherr die Ehe eingeht oder einander in die Schranken geritten wären, ist bis heute
sein Erbe geboren wird. übrigens nicht dokumentiert. Das mag aber auch dar-
an liegen, dass beide Königsturniere stets zum selben
Zeitpunkt abgehalten werden.

81
Handwerk & Technik
feinen Schnitzereien, welche die Handwerker anfer-
»Sie können mit wenigen Mitteln beinahe alles tigen, seien es kunstvolle Gallionsfiguren in Nostria
wieder reparieren, das muss ich ihnen lassen. oder prächtige Bildersäulen in Andergast. Es gibt
Gut, vielleicht keine Zinsspindel aus Xorlosch, kaum einen Gebrauchsgegenstand, der nicht aus Holz
aber wozu sollten sie die auch brauchen? Wie gefertigt und mit höchster Kunstfertigkeit verziert
der Junge das Karrenrad zusammengeflickt hat, wird. So sind auch reich ornamentierte Schilde aus
nötigt mir größten Respekt ab. Bei Angroschs Bart Steineichenholz bei Kriegern und Rittern des gesam-
und Krug! Wenn ich jemanden brauchte, der mir ten nördlichen Aventuriens hoch begehrt. Berühmt
schnell und effektiv zur Hand geht, dann würde ich jemanden aus geworden und als Geschenke beliebt sind Erzeugnis-
den Streitenden Königreichen wählen. « se aus dem Kunsthandwerk wie Nostrische Nusskna-
—Arbosch Sohn des Angrax, ambosszwergischer Meisterschmied cker (klassische Nussknacker in Form eines Jägers),
Althagener Mirhamionetten (Marionetten, die im-
Die Streitenden Königreiche sind im aventurischen mer einen Ritter, ein Burgfräulein und einen bösen
Vergleich nicht die fortschrittlichsten Regionen und Zauberer darstellen), die Albuminer Pfeifenmännlein
haben daher nur wenige technische Finessen zu bie- (Pfeifen, deren Köpfe Figuren aus Märchen der Strei-
ten. Oft fehlt es an Zeit und finanziellen Mitteln, um tenden Königreiche abbilden), Trontsander Holz-
zu forschen oder sich einer neuen Idee zu widmen, schiffchen (kleine, aber sehr detaillierte Modelle von
die von den Mitmenschen ohnehin als moderne Schiffen, die mit einem Bindfaden in einer Flasche
Spinnerei abgetan würde. Vielerorts wird dies sogar aufgerichtet werden können) oder die Thuranischen
als Zeitverschwendung angesehen, denn meist gibt Buchenbengel (kleine, knorrige Schreckfiguren, die
es dringlichere Probleme zu lösen, wenn gerade der schratigen Feenwesen ähneln).
Deich zu brechen droht oder der verhasste Feind mit Die Lust am Verzieren setzt sich in der Stickerei
einer Handvoll Waffenknechten vor der Tür steht. fort. Viele Kleidungsstücke sind mit kunstvol-
Eine gewisse Resistenz gegen den Fortschritt mag len Motiven geschmückt und beinahe jeder
aber auch im Wesen der Menschen begrün- Gambeson trägt das eingestickte Wappen des
det liegen, die alles Neue und Fremde mit Grundherrn oder Königreiches. In Andergast
Argwohn betrachten. Und so finden nur ist auch die Lederrüstung weit verbreitet und
äußerst selten Einflüsse aus den Schmie- beinahe jedes Stück ist mit kunstvollen Verzie-
den und feinmechanischen Werkstätten rungen versehen.
der Zwerge oder aus dem hochmodernen Eine ganz eigene Kunstform ist der Dammbau,
Horasreich dauerhaft ihren Weg in die und obwohl die Nostrier Meister dieses Fachs
Streitenden Königreiche. Allein Nost- sind, wissen auch die Andergaster Straßen auf
ria zeigt sich unter seiner jungen Kö- soliden Knüppeldämmen anzulegen. Dazu ha-
nigin etwas aufgeschlossener, doch ben die Bewohner der Streitenden Königreiche
der nostrische Altadel tut sein zahlreiche Werkzeuge entwickelt, die fast immer
Möglichstes, solche Einflüsse auch als Waffen eingesetzt werden können.
gering zu halten. Die Deichgabel etwa ist ein etwa 60 cm lan-
Vielleicht gerade deshalb sind ger Holzstiel mit flacher Eisenspitze,
Andergaster wie Nostrier wahre stumpfer Schneide und einem stem-
Meister der Improvisation und lö- pelförmigen Kopf. Sie gilt als Zeichen
sen beinahe jedes Problem einfach, aber eines Freien an der Küste und wird mit
auf kreative Weise. Mangelt es an passendem Werk- Stolz getragen. Die Stakaxt hat einen lan-
zeug, behilft man sich mit den einfachen Dingen, gen Bart und ein Hammerende und kommt bei der
die der Alltag hergibt. Fehlt ein Rohstoff, so wird er Bearbeitung der Deichwände zum Einsatz, und für
kurzerhand durch etwas Ähnliches ersetzt. So kam die Torfstechergabel hat ein findiger Geist einen
es zum Beispiel dazu, dass das in Andergast beliebte schmaler Spaten mit einer Sägekante und zwei Dor-
Eichenbier entstand – es wurde kurzerhand aus den nen versehen. Zur Jagd setzt man bevorzugt einen
reichlich vorhandenen Eicheln gebraut. eigens für diesen Zweck entwickelten Jagdspieß na-
Auch das traditionelle Handwerk hat in den Streiten- mens Saufeder ein oder den Eberfänger, einen über-
den Königreichen einen hohen Stellenwert. großen Dolch.
Über die Grenzen hinaus sind Waffen wie der In einem Landstrich mit derart vielen Gewässern wer-
Andergaster, ein mächtiges Zweihandschwert, oder den vielerorts Kähne gebaut, die selbst auf flachen
der Nostrische Langbogen bekannt und berüchtigt. Gewässern benutzt werden können. Große Schiffe,
Doch diese Waffen sind bei Weitem nicht das einzige, die auch hochseetauglich sind, werden allerdings
was in den Streitenden Königreichen hergestellt nur in Nostria oder Salza auf Kiel gelegt. Auf Geheiß
wird. Bekannt sind beide Länder besonders für die der Königin wird in der Hauptstadt sogar seit kurzem

82 Kultur & Wissenschaft


gerüchteweise mit alten Zauberglyphen experimen- Ein irdischer Vergleich
tiert, die den Schiffsrumpf verstärken oder dafür sor- Andergast und Nostria haben in etwa den Stand der
gen sollen, dass ein Segler bessere Fahrt macht. Auch Technik, den das Mittelalter in Deutschland oder
der Fischfang wurde vielerorts mit Angeln, Netzen den Niederlanden hatte. Manche Dinge, so zum Bei-
und Reusen perfektioniert und man ist um kaum eine spiel die modernere Deichbaukunst oder das Tro-
findige Lösung verlegen. Dass die Nostrier Schlepp- ckenlegen ganzer Regionen am Meer, sind in Europa
netze, die mit schweren Holzkanten versehen wer- zwar erst später entwickelt worden, aber auch sie
den, entwickelt haben, um Salzarelen zu fangen, ver- sind mit den Methoden Aventuriens zu erreichen.
steht sich da fast schon von selbst. Die Magie der Sumen und Hexen sowie Götterwir-
ken kann hier zudem einen deutlichen Unterschied
machen, auch was die Formung und Beeinflussung
von Land, Wetter und anderen Widrigkeiten angeht.

Kunst & Musik


hierzulande meist ein gutes Auskommen, zumindest
»Gut, mit der Oper in Vinsalt können sie es nicht dann, wenn sie sich auf ihre Kunst verstehen und das
aufnehmen, aber ich habe noch nicht erlebt, Publikum begeistern können. Einige Vertreter dieser
dass sich nicht wenigstens ein Bänkelsänger Zunft sind sogar zu besonders nachhaltigem Ruhm
gefunden hat, der ein anständiges Liedchen zu gelangt.
Wege bringen würde. Und das Beste ist, dass In Nostria spielt man etwa noch heute die Klänge der
ich dafür keinen horrenden Eintritt bezahlen Bardin Delusia Pernstein, die für Gassenhauer wie Am
muss! Meist reicht es schon, dem Betreffenden ein Steine von Nosteria, das fröhliche Es springt die Flunder keck
Gläschen auszugeben.« vor Übermut oder die todtraurige Ballade Hielt einst fest
—Carolan Calavanti, Vinsalter Streuner den Ingval verantwortlich zeichnete.
In Andergast hallt der Ruhm des legendären Steinrich
Zwar haben die Menschen in den Streitenden König- von den Hügeln bis in die Gegenwart nach, der im 15.
reichen oft nur wenig Muße, aber Musik und Tanz sind Krieg in der Schlacht am Thuransee sein Leben ließ. Un-
dennoch verbreitet und äußerst beliebt. Die gebräuch- vergessen sind bis heute seine patriotischen Stücke wie
lichsten Instrumente sind Flöten, Trommeln oder eine Reitet ihr Ritter, Die Eiche niemals fällt, Sumus Kinder oder
Sackpfeife. Saiteninstrumente sind eher selten, aber Frühwerke wie Der Fall der holden Frau Andra.
viele Andergaster Edeldamen (oder -knaben in Nost-
ria) verstehen sich darauf, die Harfe zu spielen. Auch Die hohe Kunst des Minnesangs
die Leier oder die Laute sind beliebte Instrumente. Die
Tänze sind einfach, aber herzlich, denn Überaus beliebt ist auch der
meistens freuen sich die Menschen Minnesang, bei dem eine Dame Ziel
schlicht an der Nähe, die sie in ausge- einer schwärmerischen Verehrung
lassenen Momenten mit den anderen wird. In Vers und Melodie gegossen,
teilen. kann ein solcher Vortrag nicht
Neben patriotischen Weisen und nur den Ruhm der Angebeteten
dem Minnesang haben auch Spott- mehren, sondern auch der
lieder ihren festen Platz in der Musik Werbende selbst kann an Ansehen
der Streitenden Königreiche. Kaum et- hinzugewinnen. Auch manch
was verbindet mehr, als das gemeinsame nostrische Ritterin wird eigens
Lästern über den, dem man übel gesonnen das Lautenspiel erlernen, um dem
ist. Spottlieder zielen stets darauf ab, dass Jüngling ihres Herzens unsterbliche
alle Zuhörer sie schnellstmöglich mit- Verse zu weihen. Manchmal soll der
grölen können, und auch wenn es Angebetete der Minnenden ob ihres
üblich ist, einen Fehdegegner oder beharrlichen Bemühens auch durchaus
unliebsamen Adligen derart zu ver- mehr als nur seine Huld gewährt
spotten, so richtet sich doch ein haben. Was der Adel als hohe Kunst der
Großteil des Repertoires gegen den Werbung vorlebt, hat sich teilweise auch bis in
jeweiligen Erzfeind. die unteren Stände verbreitet, und so verehren auch
Besonders in Adelskreisen genießt die künstlerische Kaufmannssöhne oder Töchter freier Bauern das Ziel
Darbietung jedoch auch große Achtung, und kaum eine ihrer Begierde teils auf ähnliche Art.
Feierlichkeit muss ohne Musik und Gesang auskom-
men. So haben reisende Bardinnen und Bankelsänger

83
Nicht immer ist die Minne jedoch auf eine spätere Ehe- Nostria, Land der stolzen Ritter!
schließung ausgerichtet. Vielmehr handelt sich um die Hört den Klang der stolzen Klingen,
höchste Form der Überhöhung einer verehrten Per- seht wie tapfer sie dort streiten.
son, und nicht selten bleibt eine solch öffentliches Seh- Will ich ihren Mut besingen,
nen und Anbeten auch unerfüllt. Selbst wenn das Ob- seh ich sie zum Feind hin reiten.
jekt der Begierde bereits den Traviabund eingegangen
ist, lässt daher ein Gatte oder eine Gattin die Minne Nostria, Land des Herrn der Hirsche!
oft zu. Dennoch kommt es manchmal auch zu heftigen Götters Liebling musst du sein,
Eifersuchtsdramen. gesegnet von der Hohen Wille.
Darüber, ob ein Vortrag die möglichen Schwieger- Land und Leute sind so rein.
eltern von der eigenen Redlichkeit zu überzeugen ver- Gedenk ich dir in stolzer Stille.«
mag, entscheiden neben dem künstlerischen Können —Ode an das schöne Nostria der Bardin Delusia Pernstein,
nicht selten auch alte Feindschaften und die alltägliche etwa 1005BF
Heiratspolitik. Insbesondere im Rittertum kann eine
solche Minne auch schnell mehr bedeuten als bloße
Verehrung. So kann der Minnende nicht auch nur den Kunsthandwerk
Hauch eines Makels auf der Ehre seiner Erwählten dul- Vor allem im Winter, wenn die Feldarbeit ruht, widmen
den, und es wird erwartet, dass er notfalls auch mit dem sich viele Andergaster oder Nostrier der Schnitz- oder
Schwert in der Hand für ihren guten Ruf eintritt. Stickarbeit. Der Wunsch, Gebrauchsgegenstände mög-
lichst schön zu gestalten, scheint allen Bewohnern der
»O wunderschönes Andergast, Land der stolzen Eichen! Sumus Streitenden Königreiche zu Eigen zu sein. So entstehen
größter Stolz auf Deren! wahre Kunstwerke aus Alltagsgegenständen, die auf-
Wind rauscht über das erhabene Land, in dem stolze Ritter mit wändig verziert werden und beinahe immer Szenen aus
Lanze und Schwert in der kräftigen Hand dem Schwarz- und der Mythologie oder Geschichte darstellen. Kunstvoll
Rotpelz nachsetzen. gestaltete Rüstungen und Waffen, prächtige Wandtep-
Dein Wasser rauscht durch erhabene Täler und bringt dem piche und Truhen bleiben nicht selten in Familienbe-
Bauer gute Ernte, dem Fischer volle Netze und dem Flößer sitz, so manches Stück würde jedoch sicher auch Abneh-
die Kraft, das unvergleichliche Holz über Meile und Meile zu mer finden, die gutes Gold für solche Arbeit bezahlen.
tragen.
Deine hohen Berge, gekrönt von uneinnehmbaren Burgen, dei­
ne blühenden Wiesen, auf denen sich Schwein und Rind Speck
anfressen, deine beschaulichen Dörfer, in denen stolze Recken
ihre Kraft zeigen und anmutige Maiden den Blumenkranz
winden – welches Land kann sich mit dir messen?
Seit Fürst Argos hier die erste Stadt gründete, seit Andra sich
für das Land opferte, liegen Sumus Liebe und Fürsorge auf dir.
Von den unergründlichen Höhen des Steineichenwaldes bis
zum blauen Glanz des Thurans, von der Koschpforte bis zum
plätschernden Ornib, nirgendwo auf Sumus Leib ist solche An­
mut mit Wildheit gepaart, Schönheit mit Pracht.
O Andergast, du schönstes aller Länder!«
—Ode an Andergast des Ritters Osgar von Otternpfot, vorge­
tragen anlässlich der Krönung seines Freundes Wendelmir
1036 BF

»Nostria, Land der Seen und Flüsse.


Efferds Segen an den Küsten,
glitzernd Ströme durch das Land,
die das Land so lieblich küssten,
vom tiefen Wald bis zu des Meeres Rand.

Nostria, Land der edlen Menschen!


Jeder Jüngling eine Pracht,
jede Maid ein Augenstern,
stolzes Werk von Göttermacht,
muss dich preisen, muss dich ehrn.

84 Kultur & Wissenschaft


HANDEL & WANDEL

»Es ist nicht immer einfach, genau das zu finden, was du


brauchst. Vor allem, wenn man außerhalb von Städten
wie Nostria, Salza, Joborn oder Andergast unterwegs ist.
Manche Dinge, die in Gareth oder Khunchom völlig all­
täglich sind, stellen die größte Herausforderung dar.
Und ich rede nicht etwa von exotischen Kleinodien, aus­
gefalleneren Waffen oder Werkzeugen, alchimistischen
Tränken oder magischem Firlefanz.
Was hier aber an Waren oder Spezialisten fehlt, das ma­
chen die Leute durch ihre Hilfsbereitschaft wieder wett.
Und sie haben diese Gabe, alles selbst mit einfachsten
Mitteln wieder instand setzen zu können. Leider habe ich
bisher noch immer niemanden finden können, der mein
Fernrohr reparieren kann. Einen Linsenschleifer scheint
es wohl in der gesamten Region nicht zu geben.
Aber einfallsreich sind sie, die Bewohner der Streitenden
Königreiche, das muss ich ihnen lassen – Nostrier wie
Andergaster gleichermaßen! Mal ehrlich, wer kommt
denn sonst auf die Idee, ein Bier aus Spinat oder Eicheln
zu brauen? Ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber des­
wegen sollte man es nicht gleich schlechtreden.
Einen Fehler allerdings darfst du niemals machen: ein
Ding beim falschen Namen nennen! In Andergast heißt
das Zweihandschwert Andergaster, aber sag das bloß nie
in Nostria. Hier nennt man dieses übergroße Mordinst­
rument nämlich Nostrianer. Nein, das ist nicht der Ein­
wohner dort, der heißt Nostrier!
Das gilt übrigens auch für den nostrischen Langbogen.
Nenn ihn in Andergast besser einfach nur Langbogen,
sonst machst du dir ernsthaft Feinde.
Ich habe schon oft gehört, dass bestimmte Waren nur
in den jeweiligen Königreichen angeboten werden. Vie­
le Dinge bekommt man aber auch auf der anderen Seite
der Grenze.
Frag einfach nach einem Althagener Wachholder­
schnaps, anstatt das Original aus Teshkal zu verlangen,
wenn du in Nostria unterwegs bist. Du wirst schon sehen!
Und selbstverständlich fragst du nach einem Andrafal­
ler Holzpüppchen und nicht nach einem Althagener,
wenn du durch Andergast reist.«
—der Perainegeweihte Bruder Hilbert zu einem Aben­
teurer, neuzeitlich

85
Am Warenangebot bemerkt der Reisende in den Strei- Höhepunkte im Dorfleben. Auf solche Angebote müs-
tenden Königreichen schnell, dass die meisten Leute sen auch Helden immer wieder zurückgreifen, wenn
hier von Landwirtschaft oder Fischerei leben. Es wird sie sich ausrüsten wollen und Dinge zu erwerben su-
meist nur hergestellt, was auch wirklich gebraucht chen, die im Ort nicht selbst hergestellt werden kön-
wird, und spezialisierte Handwerker sucht man außer- nen. Schon ein guter Dolch ist manchmal schwer zu
halb der großen Städte oft vergebens. Allerdings kön- bekommen, wenn es nicht zufällig einen Schmied gibt,
nen die meisten Landbewohner mit Hammer und Am- der sein Handwerk versteht.
boss eine Sense oder eine Pflugschar zurechtdengeln, Beinahe alle Familien backen Brot, brauen Bier, spin-
oder mit einfachen Schnitzwerkzeug und einer Axt ein nen Wolle und verweben sie zu Tuch. Auch das Le-
Wagenrad reparieren. dergerben, der Möbelbau, die Flachsgewinnung oder
Auffällig ist, dass Krämer besonders auf dem Land sel- Tonbrennerei wird fast überall ausgeübt. Kein Wunder
ten sind. Fahrende Händler, die alle paar Wochen mit also, dass die Bewohner der Streitenden Königreiche
einer Warenkiepe, einem Handkarren oder mit ei- zwar als rückständig gelten, aber wahre Meister darin
nem Ochsengespann durchreisen, sind daher echte sind, über die Runden zu kommen.

Währungen & Zahlungsverkehr


»Was denn? Du gibst mir einen Andrataler? Willst und in Umlauf zu bringen, zumal sie ohnehin nie kleinere
du mich auf den Arm nehmen? Wir haben um Geldstücke als Krone und Taler geschlagen haben.
eine Goldmünze gewettet! Das heißt, du gibst mir Selbstredend sollte man es beiden Ländern ohnehin
einen blitzenden Dukaten mit dem Antlitz des tunlichst vermeiden, mit der Währung des Feindes zu
Horas oder der Kaiserin darauf. Zur Not nehme zahlen. Daher ist die gebräuchlichste Währung in den
ich aber auch zwei Andrataler. Denk immer dran: Streitenden Königreichen tatsächlich die in Mittel- und
Spielschulden sind Ehrenschulden, bei Phex!« Horasreich gängige: 1 Golddukat entspricht 10 Silberta-
—Carolan Calavanti, Vinsalter Streuner lern, 100 Bronzehellern oder 1.000 Eisenkreuzern. Die
Münzen beider Großeiche werden vorbehaltlos von Krä-
Münzen sind in vielen abgelegenen Gegenden der Strei- mern, Händlern oder Handwerkern akzeptiert.
tenden Königreiche Mangelware. Hier ist stattdessen Durch die Nähe der Streitenden Königreiche zu den
Tauschhandel üblich, bei dem eine Partei das anbietet, Thorwalern hat sich ebenfalls der Brauch durchgesetzt,
was sie zu viel hat oder was ihr Gegenüber gerade braucht. Hacksilber als Währung zu akzeptieren. Dabei wird Sil-
Immer wieder haben die Könige und Königinnen der ber zerhackt, je nach Betrag abgewogen und später wie-
Streitenden Königreiche versucht, eigene Währungen in der eingeschmolzen. Meist wird die Barschaft dort in
Umlauf zu bringen. Aber Goldmünzen wie der Andrata- Form von Ringen oder Armreifen mitgeführt, die bereits
ler oder die Nostrische Krone haben einen so geringen entsprechende Sollbruchstellen aufweisen, um auch
Goldgehalt, dass sie selbst im eigenen Land nur mit dem ohne Waage schnell zahlen zu können.
Gegenwert von 5 Silbertalern angenommen werden. Au- Wechselscheine, wie sie etwa die Nordlandbank ausgibt,
ßerhalb der Streitenden Königreiche werden diese Mün- sind in den Streitenden Königreichen so gut wie unbe-
zen meist gar nicht akzeptiert oder lediglich zu noch viel kannt. Nur in Salza gibt es eine Niederlassung der born-
schlechteren Konditionen getauscht. Mittlerweile haben ländischen Bank und nur hier können entsprechende
beide Königshäuser es aufgegeben, Münzen zu prägen Wechsel eingelöst werden.

Maße & Gewichte


»Ja, habe ich verstanden. Also eine Thuranische Elle hat Liter). Dabei ist es wichtig darauf zu achten, dass man auch
50 Halbfinger, wenn sie für Leinen verwendet wird. Und von der richtigen Elle, dem richtigen Pfund oder dem rich-
sehe ich es richtig, dass das Thuranische Tuch dann eine tigen Krug spricht, da diese Maße sich von Region zu Regi-
Kantenlänge von 2 Ellen hat? Ja? Gut, dann kann ich in on oder sogar von Dorf zu Dorf unterscheiden können.
Rechtschritt rechnen!« Thuranische Elle und Teshkaler Elle stehen im Verhält-
—ein verzweifelter Händler aus Greifenfurt, 1039 BF nis von 1:3 zueinander, das heißt, dass die Teshkaler Elle
1,5 Schritt lang ist. Der Nostrische Krug war früher grö-
Die Maßreform des mittelreichischen Reichsbehüters Ro- ßer (0,4 Liter), aber die Rahjakirche hat sich behutsam
hal hat sich nie richtig durchsetzen können. Wo die Maße für die Angleichung an den mittelreichischen Standard
in Mittel- und Horasreich kaiserliches Gesetz sind, kann in eingesetzt. Die harmoniebedürftigen Geweihten waren
Nostria und Andergast jeder Grundherr eigene Maße und offenbar die Verwirrung und ständigen Zankereien von
Gewichte festlegen. Bekannt geworden sind dabei das Mir- einheimischen mit fremdländischen Händlern leid. Und
diner Pfund (das 10 Unzen entspricht, also 250 g), die Thura- nicht zuletzt profitiert davon auch der Handel, beson-
nische Elle (die einen Halbschritt lang ist, also 50 cm) oder ders in den großen Städten. Ältere Nostrier kann man
der Nostrische Krug (der einem Schank entspricht, also 0,25 daher öfter auf „den halbleeren Krug“ fluchen hören.

86 Handel & Wandel


Viele nuscheln jedoch dabei oder sind so betrunken, Reisende hier so weit verbreitet, dass man kaum auf
dass es eher klingt wie „ Lederkrug“. Probleme stößt. Nichtsdestotrotz gibt es Schreiber
In den größeren Städten, bei vielen Handwerkern und in den größeren Städten, die für teures Geld Umrech-
bei Fernhändlern, ist das von Rohal eingeführte Maß- nungstabellen an Fremde verkaufen. Diese Berechnun-
system von Schritt (1 m), Stein (1 kg) und Maß (1 l) je- gen müssen jedoch nicht immer stimmen, manchmal
doch auf den Druck der ausländischen Kaufleute und bevorzugen sie sogar einheimische Händler.

Handel & Dienstleistungen


Städten ist diese Praxis mittlerweile seltener geworden,
»Dafür, dass diese Langbögen von in kleineren Dörfern ist sie hingegen fast alltäglich.
Menschenhand gefertigt wurden, sind Gerätschaften des Alltags wie Geschirr (meist kunst-
sie herausragend. Wirklich gute Arbeit, voll verziert und aus Holz oder Ton), einfaches Werk-
wenngleich man über enorme Kraft verfügen zeug (Messer, Äxte, Sägen, etc.), Seile, Kerzen, Ruck-
muss, um diese Waffe auch sinnvoll einsetzen säcke oder Jagd- und Fischereiausrüstung, wie Messer,
zu können. Ich bin trotzdem froh, meine Sippe Kurzbögen, Saufedern, Netze oder Speere sind beinahe
aufsuchen zu können, deren Bogenbauer natürlich überall zu finden. Auf dem Land gilt, dass die Preise für
sehr viel besser sind. Aber echte Elfenbögen sind eben rar solche Güter meist etwas höher sind als in der Stadt.
gesät. Diese Bögen hier kann ich einem kräftigen Menschen jedoch Regional ausgefallenere Werkzeuge wie die Deichgabel
uneingeschränkt empfehlen.« oder Flößerhaken, die auch als improvisierte Waffen ein-
—Layariel Wipfelglanz, elfische Auenläuferin gesetzt werden können, lassen sich in größeren Ortschaf-
ten der jeweiligen Gegend ebenfalls problemlos finden.
Anders als auf dem Land findet der Reisende in den
Städten meist auch spezialisierte Handwerker. Aller- Handelswaren, die die Streitenden Königreiche expor-
dings sind Dienste von Rüstungsbauern, Zimmerleuten, tieren, sind vor allem Holz- und Holzprodukte. Beson-
Alchimisten oder Baumeistern sind oft kostspielig. ders Erzeugnisse aus dem Holz der Steineiche, das we-
In den Streitenden Königreichen werden zudem häufig gen seiner Härte begehrt ist, oder dem nostrischen
Kleidungsstücke, die meisten Rüstungen und vor allem Ahorn werden häufig gehandelt. Gerade bei der
Klingenwaffen wie Kurzschwerter oder Andergaster Holzbearbeitung zeigt sich die Fertigkeit der Kunst-
Großschwerter fast ausschließlich auf Bestellung handwerker, die ausgefeilte Schnit-
angefertigt. Die Nachfrage ist vielerorts einfach zereien herzustellen vermögen.
nicht groß genug, um sie auf Vorrat herzustellen Auch der hohe Standard des Bo-
oder in Größen, Farben und Formen, die niemand genbaus, besonders der aus Nost-
haben will. Auch der Hang, Kleidung mit feinen ria, ist über die Grenzen hinaus
Stickereien oder Lederrüstungen mit kunstvollen bekannt, und die Waffen wer-
Prägungen zu verzieren, macht es erforderlich, den sowohl in den Norden
dass der Handwerker seinen Kunden im Vorfeld als auch bis ins Mittelreich
kennt, um seine Vorlieben einschätzen zu können. verkauft.
Das Metallhandwerk lebt
In größeren Städten wie Andergast, Nostria, Salza und neben Alltagswerkzeugen
Salzerhaven finden sich außerdem Krämerläden, in hauptsächlich von Waf-
denen Waren standardmäßig feilgeboten werden, und fenherstellung und Rüs-
hier kann ein Held seinen zerbrochenen Säbel durch tungsbau. Das Erz aus dem
eine (vermutlich gebrauchte) Waffe schnell ersetzen. Steineichenwald gilt jedoch
In solchen Geschäften angebotene Waren unter Kennern als eher min-
sollen meist einen großen Kundenkreis derwertig und der daraus her-
ansprechen. Insbesondere Nahrungsmit- gestellte Stahl als bruchanfällig,
tel und Proviant für Reisende sind daher ohne sodass sich Schmiede und Plätt-
Probleme verfügbar, vor allem Hartwürste, Schin- ner in großen Städten meist mit
ken, Käse, Schmalz oder Brot sind Material aus anderen Ländern
eigentlich immer und überall zu behelfen. Aus diesem Grund
erwerben. werden in den Streitenden Kö-
Manchmal ist die Forderung des nigreichen meistens auch eher
Verkaufenden jedoch nicht klingen- Hiebwaffen wie Streitkolben
de Münze, sondern er erwartet Hil- oder Streitaxt gefertigt, deren
fe bei einem Problem oder einen Stiele aus dem harten Stein-
Gegenstand, den er selbst gerade eichenholz hergestellt
dringend braucht. In den großen werden.

87
Preisliste Turnierschwert 20 Silbertaler
Turnierschild 50 Silbertaler
Waffen Turnierzweihänder 40 Silbertaler
Andergaster / Nostrianer 400 Silbertaler
Druidendolch (Feuerstein) 15 Silbertaler Werkzeuge
Eberfänger 60 Silbertaler Deichgabel 30 Silbertaler
Eichhafener/Harmlyner 440 Silbertaler Flößerhaken 5 Silbertaler
Hirschfänger 100 Silbertaler Holzfälleraxt 80 Silbertaler
Kriegsflegel 50 Silbertaler Säge 12 Silbertaler
Kriegslanze 100 Silbertaler Sense 40 Silbertaler
Langschwert 200 Silbertaler Schnitzwerkzeug 20 Silbertaler
Nostrischer Langbogen 100 Silbertaler Spaten 8,5 Silbertaler
Saufeder 100 Silbertaler Stakaxt 40 Silbertaler
Streitaxt 105 Silbertaler
Streitkolben 105 Silbertaler Kunsthandwerk
Sturmsense 60 Silbertaler Albuminer Pfeifenmännlein 8 Silbertaler
Zauberstab aus Steineiche (lang) 380 Silbertaler Althagener Puppen 3 Silbertaler
Nostrischer Nussknacker 5 Silbertaler
Turnierausrüstung Thuranischer Buchenbengel 5 Silbertaler
Turnierlanze 30 Silbertaler Trontsander Holzschiffchen 15 Silbertaler
Turnierrüstung 3000+ Silbertaler

Recht & Gesetz


»Fünf Silberstücke, weil ich ihn einen aufgeblasenen nostrischen Hexen ist kein solches Vorrecht überlie-
Popanz genannt habe? Das meint Ihr nicht fert, dennoch sind auch hier die Richter oft vorsichtig,
ernst, Raffzahn. Nein, nein … hier, nehmt denn niemand will es sich mit den Töchtern Satuarias
dieses Goldstück, diesen Andrataler. Ich will auf Dauer verscherzen.
keinen weiteren Ärger mit Euch oder Euren Priester oder Geweihte der Zwölfgötter genießen dage-
Waffenknechten, Hochgeboren.« gen keinen besonderen Rechtsstatus. Oft werden gerin-
—Geron Waisenmacher, Doppelsöldner gere Vergehen jedoch als lässlich angesehen, Kapital-
verbrechen hingegen werden mit Verbannung oder je
Gesetzeswerke, die in den meisten anderen Reichen nach Schwere wie üblich geahndet.
Aventuriens gelten, wie etwa der Codex Raulis, das Ius Magier sind in Andergast dem gewöhnlichen Recht un-
Concordia (das Herrschaft und Kirchen trennt) oder das terstellt, in Nostria wird jedoch der Codex Albyricus zum
Garether Pamphlet (das Magiern die Herrschaft ver- Schutz der Gildenmagier anerkannt. Allerdings verhän-
bietet), gelten in den Streitenden Königreichen nicht. gen die Vertreter der Gilden vor Ort oft besonders dras-
Recht wird hier vom Adel gesprochen, der sich dabei tische Strafen, um dieses Privileg nicht zu verlieren.
auf Traditionen und sein persönliches Rechtsempfinden Gehört ein Beschuldigter dem Hochadel an, oder han-
verlässt. Daher gibt es auch bis auf wenige Ausnahmen delt es sich bei dem Verbrechen um Hochverrat oder
keinen Grund, Gesetze zu verschriftlichen. Rebellion, führt stets der Monarch die Verhandlung und
Der König oder die Königin hat in allen Rechtsfragen spricht das Urteil.
die höchste Autorität inne. Der Herrscher ist von den Anders als im Mittelreich können sich Elfen und Zwer-
Göttern eingesetzt und daher mit der Macht ausgestat- ge in den Streitenden Reichen übrigens nicht auf den
tet, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Nur Tralloper Vertrag oder die Lex Zwergia berufen, son-
das Urteil direkt vom Herrscher erhobener Adliger hat dern unterliegen dem gleichen Urteil wie die Menschen.
ähnlich großes Gewicht. In größeren Städten gibt es oft
berufene Richter, die den Stadtherren diese Pflicht ab- Vergehen
nehmen. Solche Richter sind meist adlig und gelten als Je nach Art des Verbrechens urteilt der Richter sofort
direkte Amtleute des Herrschenden. und ohne Verhandlung, etwa bei Diebstahl, Raub, Ver-
leumdung oder Betrug. Jeder Ritter oder adlige Amt-
Die Sumen stehen in Andergast über dem Gesetz und mann kann solche geringen Vergehen selbst ahnden.
fungieren manchmal auch als Richter, Berater oder Eine öffentliche Gerichtsverhandlung wird einberufen, um
Schöffen in einem Verfahren. Sollte einer der ihren ei- über Kapitalverbrechen zu verhandeln, die der Blutgerichts-
ner Untat verdächtigt werden, wird der Rat der Sumen barkeit des Hochadels unterstehen. Mord, Verrat, Brandstif-
darum gebeten, ihn angemessen zu bestrafen. Von den tung, Siegelfälschung oder Tempelschändung gehören dazu.

88 Handel & Wandel


In vielen Gegenden ist auch der Besitz von Klingenwaf- Richtschwert. Die meisten anderen Delinquenten wer-
fen, die länger als ein Kurzschwert sind, für Nichtadli- den gehängt, aber auch Pfählen oder Rädern ist bis heu-
ge verboten und wird mit Geldstrafen geahndet. In der te Gang und Gäbe. Vor allem im Seenland werden Fah-
Praxis gibt es hier jedoch viele Ausnahmen. Bauern er- nenflüchtige und Verräter aber häufig einfach im Sumpf
klären ihre Sense kurzerhand zum Werkzeug, es werden versenkt, und manch einer findet dabei keine Ruhe und
stattdessen Waffen geführt wie die Streitaxt, die einen kehrt als Untoter zurück. Verbrannt werden üblicher-
großen Holzanteil aufweist. Auch Waffenknechte, die weise nur Tempelschänder oder Priestermörder.
keinen Kriegerbrief oder eine ähnliche Legitimation Auch Götterurteile sind keine Seltenheit in beiden Kö-
vorweisen könne, kommen kaum ohne ihr „Arbeitsge- nigreichen. Neben einem Zweikampf auf Leben und Tod
rät“ aus, und selbst der Adel hat hier meist ein Einsehen. sind in Nostria das „Verschicken“ oder das „Verwinden“
Ein besonderes Privileg des Adels ist auch die Jagd auf üblich (siehe unten). In Andergast sind die gängigsten
Hochwild, Wilderer werden aber sehr unterschiedlich Methoden die „Hatz in die Wälder“, bei der ein Verur-
hart verfolgt und bestraft. Auch die Sumen ahnden teilter nur mit einem Leinenwams bekleidet in die Wald-
Waldschändung und Wilderei, da sie sich als Wächter wildnis getrieben wird, oder das perfide „Dachsen,“ bei
von Sumus Leib und Kreaturen verstehen. Ihrem Urteil der der Delinquent für einen Tag und eine Nacht über
liegt jedoch häufig ein gänzlich anderes Rechtsempfin- den Ausgang eines Dachsbaus gebunden wird.
den zugrunde als dem herrschenden Adel, denn sie ur-
teilen nach den unerbittlichen Gesetzen der Natur. Besondere Hinrichtungsarten
Beim Eichen (Andergast) wird der Verurteilte mit sie-
Urteil & Strafen dendem Eichenteer übergossen, mit Eichenknüppeln
Wie bei anderen offiziellen Versammlungen haben nur zu Tode geprügelt oder so lange mit schweren Eichen-
einheimische Freie bei Gericht Rederecht. Jeder ande- scheiten beworfen, bis er sich nicht mehr regt.
re benötigt einen Fürsprecher oder darf nur nach aus- Beim Verwinden (Nostria) wird der Schuldige während
drücklicher Aufforderung sprechen. In Andergast gilt heftiger Gewitter oder Stürme in einen Eisenkäfig ge-
dies auch für Frauen, unabhängig von ihrem Stand. Aus- steckt, der meist an einer Kaimauer aufgehängt wird.
genommen hiervon sind nur Priesterinnen und Gilden- Beim Verschicken (Andergast & Nostria) bindet man
magierinnen, die selbst frei sprechen dürfen. den Verurteilten an einen Baumstamm und übergibt
Der Ablauf einer Gerichtsverhandlung ist ebenso ein- ihn dem Fluss.
fach wie formlos. Der Kläger trägt seine Klage vor, bevor
der Beklagte sich dazu äußern darf. Manchmal werden
zur Klärung eines Sachverhalts Zeugen angehört oder
Beweise vorgelegt, dann berät sich der Richter gege-
benenfalls und fällt im Anschluss das Urteil. Mit einem
Schuldspruch wird auch die Strafe verkündet.
Kerkerstrafen sind unüblich, da sich niemand damit be-
lasten will, einen Häftling versorgen zu müssen. Die Aus-
nahme sind Schuldner, bei denen man hofft, dass Ver-
wandte oder Freunde sie freikaufen – und die obendrein
auch die Kosten für Nahrung und Unterbringung während
der Haft begleichen. In Nostria werden verräterische Adli-
ge auf der Feste Gordelyn eingekerkert, wo sie schmachten
müssen, bis sie sich auf einem Kriegszug beweisen oder als
Lockvögel und Schwertfutter nützlich sein können.
Kann man den geforderten Betrag bei verhängten Geld-
strafen nicht aufbringen, muss man den Gegenwert beim
Geschädigten abarbeiten oder in Naturalien zahlen. Rich-
ter verhängen solche Strafen mitunter am häufigsten, da
sie einen Teil der Summe selbst einstreichen können.
Leibesstrafen werden zur Abschreckung in aller Öf-
fentlichkeit vollzogen. Sie umfassen Stockschläge, das
Untertauchen in einem Fluss oder See oder die Zur-
schaustellung am Pranger. Extremere Methoden sind
Verstümmelungen sowie Brandmarkung und Blendung.
Diebe müssen mit dem Verlust einer Hand rechnen,
Betrüger mit einer Tätowierung auf der Stirn oder der
Wange.
Mörder, Räuber und Hochverräter erwartet hingegen
die Hinrichtung. Allein Adlige haben Anrecht auf das

89
Steuern & Zölle
Königliche Zollhäuser und Grenzerhütten gibt es nur an
»Ich soll mein Schwert einwickeln und über den
den größten Handelswegen. Meist bekommt der Reisen-
Rücken schnallen? Und du willst einen Silbertaler
de nicht einmal mit, dass er in einem anderen Reich ist.
dafür, dass ich es behalten kann? Das sind ja
Zu selten sind vielerorts echte Grenzsteine, -stelen oder
Sitten hier! Wieso hat mir das dein Kollege an der
-wappen und gerade in den Streitenden Königreichen
letzten Brücke eigentlich nicht gesagt? Hier, nimm
kann man sich auf ihre Angaben nur selten verlassen.
diesen Andrataler, das sind doch fünf Silber, bevor
Die Höhe der verlangten Abgaben ist sehr unterschied-
dein Zollpreis sich noch verdoppelt.«
lich, von 1 Heller für einen Bauern, der die Grenze pas-
—Geron Waisenmacher, Doppelsöldner
sieren will, über 10 Silbertaler für Krieger und Söldner,
bis zu 5 Dukaten für Gildenmagier und Adlige fremder
Es ist das Vorrecht des Adels, nach eigenem Gutdünken Reiche. Geweihte und Adlige, die unter dem Königsfrie-
festzulegen, welche Steuern oder Zölle erhoben wer- den reisen, sind von diesen Zahlungen ausgenommen.
den, in welcher Form sie eingetrieben werden und zu Oftmals werden auch Töchter Satuarias in Nostria und
welchem Zeitpunkt. Er kann auch willkürlich festlegen, Druiden in Andergast von derartigen Zahlungen befreit,
welche Waren wie hoch verzollt werden oder ob be- so sie ihren Stand glaubhaft belegen können.
stimmte Dinge sogar ganz verboten sind. Händler müssen etwa 5% des Warenwertes, den sie mit
Meist beträgt die Steuer eines Freien etwa 10% dessen, sich führen, an Einfuhrzöllen entrichten. Abseits der
was er in einem Jahr erwirtschaftet. Doch nur selten großen Handelswege werden jedoch nur sporadisch
fließt Geld, die meisten Landbewohner entrichten ihre Zölle erhoben. Dort setzen die lokalen Grundherren
Abgaben stattdessen in Naturalien. Die Freien und Bür- oder Waffenknechte der Königshäuser den Willen der
ger der Städte hingegen müssen mit klingender Münze Herrscher durch. In Verbindung mit der alleinigen Ent-
zahlen. Steuern werden immer an den Grundherren ge- scheidungsgewalt über die Höhe der Abgaben, machen
zahlt. Ein Landbewohner entrichtet Steuern gewöhnlich sich einige Grundherren dies zunutze, um sich in bes-
an einen Ritter und dieser wiederum zahlt Abgaben an ter Raubrittermanier die Taschen zu füllen. Und na-
seinen Freiherrn. Die Freiherren schließlich sind es, die türlich hält das echte Raubritter auch nicht davon ab,
dann einen Teil dieser Abgaben an den Herrscher wei- sich als Vasallen der legitimen Herren des Landes aus-
terleiten. Beide Königshäuser beziehen zudem Einkünf- zugeben, um ebenfalls ein paar Münzen aus Reisenden
te aus den von ihnen selbst verwalteten Ländereien. herauszupressen.
Was ein Unfreier erwirtschaftet, fällt immer direkt Grenzpatrouillen sind rar, königliche Gardisten oder
seinem jeweiligen Herren zu und zählt zu dessen Ritter finden sich nur vor Ort, wenn es gilt, Aktivitä-
Gewinn. Ausgenommen von Zahlungen sind Geweihte ten oder Vergehen des jeweiligen Erzfeindes zu unter-
und Priester, ebenso Hexen in Nostria und Sumen in An- suchen. Dann aber ist mit ihnen nie gut Kirschenessen,
dergast, so sie sich offen als solche zu erkennen geben. denn sie erwarten Angriffe und Hinterhalte. Als Orts-
Immer wieder erheben die Grundherren oder Stadträ- fremder, der sich an der Grenze herumdrückt, kann
te auch willkürlich Tor- und Straßengelder, die für man zu solchen Zeiten durchaus mit Ermahnungen,
gewöhnlich einen Kreuzer pro Bein und einen Heller willkürlichen Geldstrafen oder Vorwürfen der Spionage
pro Rad betragen. Wer nicht zahlt, muss damit rech- oder gar des Hochverrats rechnen.
nen, dass man ihm Ritter oder Waffenknechte hinter-
herschickt. Ähnliches gilt für Dammwege oder Brücken,
unter denen man in abgelegenen Gegenden tatsächlich
noch Brückentrollen begegnen kann. Diese geben sich
meist jedoch mit einem Topf Honig oder Süßigkeiten
zufrieden.
Dazu entrichten viele einen Tempelzehnt, um sich der
Hilfe und der Unterstützung der Überderischen zu ver-
sichern. Dieser kommt in den Streitenden Königreichen
aber nicht nur den Zwölfgöttlichen Kirchen zu Gute, son-
dern auch den jeweiligen Priestern der Naturreligionen.
Die Grenzen der Streitenden Königreiche sind lang und
einsam, Kontrollen entsprechend selten.

90 Handel & Wandel


FLORA & FAUNA

»Es ist der Lauf von Sumus Welt, dass wir uns um Tiere und
Pflanzen kümmern müssen, deren Stimmen nicht bis an
die Ohren der meisten gewöhnlichen Menschen dringen.
Vielleicht reden nur die wenigsten von ihnen überhaupt
mit uns, aber wir können dennoch ahnen, was der Wald
braucht, was ein Baum braucht. Und wir können sehen,
was einem Tier hilft und was es verletzt. Sumu selbst hat
die ersten unserer Gemeinschaft mit der Wacht und dem
Schutz dieser besonderen Wälder betraut. Aber nicht
nur uns, sondern es gibt weitere und ältere Kräfte, die
den Wald ebenfalls schützen. Denke dabei nur an die
unterschiedlichen Baumhirten, die meist Waldschrate
genannt werden. Es ist unsere Aufgabe, zwischen ihnen
und den Menschen zu vermitteln, denn einen Kampf
mit diesen Urmächten könnten die Menschen niemals
gewinnen. Und letztlich sind sogar die Bürger der Städte
nichts anderes als Kinder Sumus.
Hier in der Waldwildnis kannst du den ewigen Kampf
der Reiche erkennen, mein junger Schüler. Du kannst die
Kraft erahnen, die ihm innewohnt. Betrachte nur die no­
belsten Bewohner der Wildnis, die unsterblichen Könige
von Auerochs und Kronenhirsch, deren Fehde ebenso alt
ist, wie die zwischen Andergast und Nostria.
Aber du kannst auch viel von den Waldschraten lernen
– und glaub nicht, dass ein Schrat dem anderen gleicht.
Ihr Gemüt ist so verschieden, wie die Bäume Gestalt ha­
ben, und es gibt einen guten Grund, warum sie Baumhir­
ten genannt werden. Einen Waldschrat zu verärgern ist
ein großer Fehler, aber ich werde dich lehren, wie du die­
se Wesen besänftigen kannst. Nur dann kannst du von
ihnen erfahren, welchen Holzfällern du deinen Segen ge­
ben kannst und wem du ihn verwehren solltest, welche
Bäume man schlagen kann und welche niemals gefällt
werden dürfen. Und bevor du fragst: Selbst mir hat sich
bisher noch nicht erschlossen, ob die Marwolde, die be­
seelten Bäume, ursprünglich von den Waldschraten er­
schaffen wurden. Manchmal bin ich mir nicht einmal
sicher, ob die Seelen Verstorbener von diesen Gehölzen
angelockt werden, düstre Feen oder Geister des Humus.
Ich glaube darüber werde ich mir jetzt Gedanken ma­
chen. Und du solltest das auch tun.«
—der Sume Arbogast der Alte zu seinem Schüler Kusmin
Zornbold, 1034 BF

91
Wo sich wie in den Streitenden Königreichen das wurden. Und wo wenig Ackerbau betrieben wird, da
Land seine Urtümlichkeit bewahrt hat und es nur we- sprießen die duftenden Kräuter von Wäldern und
nige Menschen gibt, da ist die Tier- und Pflanzenwelt Auen im Überfluss. Auch die Jagdgründe in den Strei-
üppig. Besonders die undurchdringliche Waldwild- tenden Königreichen sind reichhaltig, aber nicht im-
nis bietet vielen Kreaturen eine Heimat, die andern- mer ist auf den ersten Blick ersichtlich, wer Jäger und
orts längst von den Städten der Menschen verdrängt wer Gejagter ist.

Flora und Fauna der Streitenden Königreiche


»Dem Alten vom Berge ist es einerlei, ob Hirsch oder Auerochse Hier sind auch die Binnengewässer fischreich, in den
von meinem Speer gefällt wird. Da können die Sumen reden, so Flüssen und Seen tummeln sich nicht nur Fischotter
viel sie wollen, auch sie verstehen nur einen Teil dieser Welt. und Biber, sondern auch Ferdoker Forelle, Wasserwolf,
Ich jage, weil so der Lauf der Welt geformt wurde, und ich bin Angbarer Rondrahecht, Flussbarsch, Angbarsch und
derjenige, der am Ende überleben wird.« Flusskarpfen, denen der Mensch nicht selten mit Netz
—Kurwamir, Firungeweihter, neuzeitlich und Speer zu Leibe rückt.
Laubwälder, deren Äste weit über das Wasser hinaus-
Die Streitenden Königreiche sind eine abgelegene Regi- ragen, sind an Ingval und Tommel weit verbreitet. Das
on, und so haben sich hier in den urtümlichen Wäldern lichte Grün aus Weiden, Erlen und Ulmen geht zuneh-
und einsamen Gewässern viele Tiere und Kreaturen be- mend in urwüchsige Wälder über, die schließlich die
hauptet, die in zivilisierteren Gegenden Aventuriens Waldwildnis bilden. Eichen dominieren diese Gegend,
seltener geworden sind. Und nicht wenige von ihnen vor allem die mächtigen Steineichen, deren Holz beson-
stellen für den Reisenden eine echte Gefahr dar. ders hart ist. Aber auch Rotbuchen, nostrischer Ahorn
und Rosskastanien werden hier häufig geschlagen, sel-
Das Meer der Sieben Winde ist äußerst fischreich. tener sind Weißtanne und Thuranfichte.
Salzarelen, aber auch Olporter Heringe, Dorsche, Spro- Je tiefer man in den Wald vordringt, desto gewaltiger
tten und Schellfische werden häufigsten gefischt. Vor und respekteinflößender sind die Bäume und desto
allem aber die Salzarelen, am Meeresboden lebende dichter wird das Unterholz. An vielen Stellen gibt es
Plattfische, können hier mit tieflaufenden Schleppnet- kaum ein Vorankommen.
zen gefangen werden. Seltener sind Wale in der Regi- In einigen Tälern der Waldwildnis wachsen ganze Hai-
on, vornehmlich kann man Olport-, Pott-, Zwerg- und ne von tausendjährigen Bäumen, eifersüchtig gehütet
Grünwale antreffen. Aufgrund der Nähe zu den Thorwa- von riesigen Waldschraten, die vermutlich kaum jün-
lern, die den Gottwal Swafnir verehren, ist der Walfang ger sind. Moose und Bartflechten unterstreichen den
in der Region jedoch eher selten. Hammer- und Tiger- Eindruck dieses unglaublichen Alters. Joruga und Lu-
haie hingegen werden von mutigen Hailanzern gejagt. lanie kann man an den Waldrändern entdecken, wenn
Aber auch Efferds heilige Tiere, die Delphine, sowie man ein kundiger Kräutersammler ist. Neben dem übli-
Krakenmolche, eindrucksvolle Dekapusse und sogar die chen Jagdwild wie Rehen, Kronenhirschen, Auerochsen,
unheimlichen Seeschlangen werden hin und wieder ge- Wildschweinen und Hasen lauern in diesen Wäldern
sichtet. An der Küste leben außerdem zahlreiche Vögel auch Waldspinnen, Baumdrachen, mehrere Bärenarten
wie Blau-, Löffel- und Raubmöwen, Fischräuber, Sturz- sowie Waldwölfe und Wildkatzen. Auch auf Goblinsip-
flieger und Sturmvögel, seltener die großen Albatrosse pen kann man stoßen, die sich in die Abgeschiedenheit
und die kleinen Goldregenpfeifer. der Wälder zurückgezogen haben. Allerdings ziehen die
Rotpelze auch immer wieder aus, um schnell und heim-
Im Seenland tummeln sich zahlreiche Tiere im sanft lich Beute bei den Menschen zu machen.
bewaldeten Hügelland und den häufig vorkommenden In den Randgebieten der Waldwildnis kann man Jagdge-
Sumpfflächen und Gewässern. Pfeifhasen, Rotpüschel, sellschaften des Adels begegnen, die einen besonders
Gänseluchse, Gelbfüchse, Rebhühner, Trappen und prächtigen Hirsch oder Bären erlegen wollen. Und es
Wildkatzen haben hier ihre Heimat. In den Sümpfen heißt, dass in der Waldwildnis auch die Tierkönige von
muss man immer wieder damit rechnen, es mit Kreatu- Hirsch und Auerochse anzutreffen sind, die einander
ren wie dem Sumpfkrakenmolch, Morfus oder Springe- genauso spinnefeind sein sollen, wie Andergast und
geln zu tun zu bekommen. Und insbesondere eine Be- Nostria. Tief in der Wildnis, südlich von Nibquell, kom-
gegnung mit Irrlichtern endet nicht selten tödlich für men auffällig viele Riesenhirschkäfer, Rempelkäfer,
den Reisenden. Gräser wie Schwingel, Fuchsschwanz Gruftasseln und andere Insekten vor. ( 181)
und Flatterbinse sowie eigentümliche Kräuter wie Mi- In der Waldwildnis soll es zudem unheimliche Bäume
belrohr und Hollbeere wachsen hier. geben, die furchtsam Marwolde genannt werden. Sie
Die Wälder bestehen überwiegend aus Birken, Erlen, sollen von Geistern, Feen oder den Seelen längst Ver-
Weiden, Ulmen und dem nostrischen Ahorn. Wird der storbener besessen sein und schlagen aus Zorn immer
Boden sandiger, kommen auch Kiefern hinzu. wieder mit den Ästen nach unachtsamen Wanderern.

92 Flora & Fauna


Oberhalb der Baumgren- des Messergrases so scharfkantig sind, dass sie selbst
ze des Steineichenwaldes durch robustes Material wie Leder fast mühelos schnei-
ist das Land karg. Hier leben den. Reisende sollten die wenigen erschlossenen Routen
Steineichen-Gämsen, Gebirgs- in dieser Region gut kennen, um nicht plötzlich in einer
böcke und Murmeltiere, Berg- tödlichen Sackgasse zu enden. Eine große Bedrohung
adler ziehen ihre Kreise, und sind außerdem Orks, die immer wieder über
vereinzelt können Westwinddra- den Nördlichen Steineichenwald
chen, aber auch Harpyien, Hippo- nach Süden vordringen.
griffe und sogar echte Greifen gesichtet Im westlichen Gebiet der Step-
werden. In tiefer liegenden Gebieten des pe gibt es kleinere Waldgebie-
Gebirges sind die Hänge und Täler mit dich- te, aber meist ist der Unter-
ten Laubwäldern bedeckt. Am berühmtesten grund so trocken, dass sich
sind die Steineichenwälder, die teilweise aus auch hier nur widerstandsfä-
uralten, gewaltigen Bäumen bestehen. Hier gibt higes Steppengras und zähes
es viele Grimwölfe, Berglöwen und Buschwerk halten kann. Ne-
Höhlenbären, aber auch einige ben kleineren Herden von Ka-
Tatzelwürmer, und Höhlenspin- renen und Halmarantilopen
nen haben sich in den zahlrei- sind dort vor allem Hasen und
chen Kavernen eingenistet. Im Karnickel zu finden, die von
Herzen des Urwalds vermutet Wölfen, Füchsen und Luchsen
man auch den Ort, an welchem gejagt werden. Auch Borken-
sich der Pflanzenkönig der Eichen erhe- und Orklandbären kommen vor,
ben soll, ein uralter und beseelter Baum, der als und manchmal begegnet man War-
König der Wälder über alle Wesen der Region gebietet. zen- oder Wollnashörnern oder den deutlich selteneren
Horndrachen.
Südlich des Steineichenwalds beginnen die Steppen des
Ostens, häufig auch Messergrassteppe genannt. Wäh- Über die Grenzen der Region bekannt sind neben den
rend sich westlich von Teshkal nur vereinzelte Flecken Andergaster Schweinen auch die Teshkaler Rösser,
des namengebenden Messergrases finden, bedeckt das Kaltblutpferde mit glänzend schwarzem Fell. Sie werden
hüfthohe, gelbgrüne Gras ein großes Areal im Osten bis in den Steppen im Osten Andergasts gezüchtet und
hin zu den Gebirgen Finsterkamm und Tasch. Durch- stammen von Svellttaler und robusten Orklandponys
brochen wird es nur vereinzelt von rotem Mohn und ab. Teshkaler sind nicht nur verlässliche Reittiere, sie
Wacholderbüschen, und nur wenige Tiere können hier gelten auch als exzellente Wagenpferde, die so manche
überleben. Der östliche Teil der Steppe ab Teshkal ist Prunkkarosse ziehen. In den Streitenden Königreichen
beinahe gänzlich unzugänglich, da die robusten Blätter werden sie auch als Schlachtrösser eingesetzt.

Bestiarium der Streitenden Königreiche


Ergänzungen zu den Kreaturen
»Eigenartiges Viechzeug haben die hier. Ligorne*
und vor allem viel Krabbelvieh, Schröter, Libellen Die Tradition (Einhorn) als Sonderfertigkeit
und Spinnen. Da sollte man seine Axt immer • Ein Einhorn muss keine Gesten ausführen oder For-
schön scharf halten.« meln aufsagen.
—Arbosch Sohn des Angrax, ambosszwergischer • Nur Einhörner können diese Tradition erlernen.
Meisterschmied Andersherum können Einhörner keine weiteren
Traditionen erlernen.
Im folgenden Bestiarium haben wir Ungeheuer und • Wenn Einhörner Zaubersprüche modifizieren, sind
Tiere zusammengestellt, denen Helden in Andergast Erschwernisse bei Zaubermodifikatoren halbiert.
und Nostria häufiger begegnen können. Einige der We- • Zauber mit den Merkmalen Heilung und Hellsicht
sen sind auch in anderen Regionen anzutreffen und sind für Einhörner um 1 erleichtert.
machen den Helden auch dort das Leben schwer. Aus- • Einhörner können keine Zauber mit dem Merkmal
drücklich ausgenommen haben wir Kulturschaffende, Dämonisch erlernen.
nämlich Orks und Goblins, deren Beschreibung sich im • Die Leiteigenschaft der Tradition ist Intuition.
Aventurischen Almanach auf den Seiten 150f. und Voraussetzungen: Zauberer muss ein Einhorn sein
154f. finden. AP-Wert: 120 Abenteuerpunkte

* Rogolan: Einhorn

93
Sturmangriff auszuführen, der aber nicht beim Hel-
Angriff auf den endet. Das Wesen stürmt einfach weiter, selbst
ungeschützte Stellen (Spezialmanöver) wenn es den Helden erwischt hat.
Mittels dieser Sonderfertigkeit kann eine Attacke ge- Regel: Das Manöver Überrennen kann nur durchge-
gen eine ungeschützte Körperstelle erfolgen. führt werden, wenn der Angreifer eine Anlaufstrecke
Regel: Wenn die AT des Wesens gelingt und die Verteidi- von mindestens 8 Schritt hat und über eine GS von
gung des Ziels misslingt, kann Rüstungsschutz, der durch mindestens 4 verfügt. Dieser Angriff kann regulär ab-
Kleidung und Rüstungen zustande gekommen ist, igno- gewehrt werden. Sollte das Überrennen misslingen,
riert werden. Gegen diesen Angriff kann man sich normal erhält der Verteidiger Gelegenheit für einen Passier-
verteidigen. Die Attacke ist um 2 erschwert. Magischer, schlag, dieser ist aber zusätzlich um 4 erschwert. Ist
karmaler oder natürlicher Rüstungsschutz kann nicht das Überrennen-Manöver erfolgreich, so ist eine Atta-
umgangen werden und schützt weiterhin. cke gegen das Wesen durch den Angegriffenen in die-
Erschwernis: –2 ser KR um 2 erschwert. Am Ende der KR ist das Wesen,
Voraussetzungen: Wesen verfügt automatisch über die SF wenn es dies will, bis zu GS/2 Schritt von seinem Op-
fer entfernt, unabhängig davon, ob es mit dem Angriff
getroffen hat oder nicht. Dieses Spezialmanöver kann
Überrennen (Spezialmanöver) nicht mit dem Basismanöver Finte kombiniert werden.
Erschwernis: 0
Eines der einfachsten Mittel, einen Gegner anzugreifen
Voraussetzungen: Wesen verfügt automatisch
und viel Schaden zu verursachen, ist das Überrennen.
über die SF
Die Kreatur versucht in diesem Fall einfach, eine Art

Drachenlibelle Drachenlibelle
»Fast einen Halbschritt können diese Kreaturen erreichen, Größe: 0,30 bis 0,40 Schritt
die aus gutem Grund auch Feuerfliegen genannt werden. Sie Flügelspannweite
treten stets in Schwärmen auf, die besonders zur Sommerzeit Gewicht: 0,20 bis 0,30 Stein
über Mensch und Vieh herfallen. Selbst das Wild bleibt nicht MU 17 KL 8 (t) IN 13 CH 12
von ihnen verschont. Der Biss einer Drachenlibelle schmerzt FF 12 GE 14 KO 10 KK 8
wie die Berührung mit Feuer, und ihre Flügel glitzern wie knis­ LeP 5 AsP – KaP – INI 16+1W6
ternde Flammen, wenn sie sirrend aufsteigt, um ihren Durst VW 7 SK 2 ZK 0 GS 5
nach Blut zu stillen.« Berührung, Bisse und Stiche: AT 7 TP 1W3
—Haldoryn Salis, Jagdmeister des Edelgrafen von Salza, 1039 BF RW kurz
RS/BE 0/0
Aktionen: 1
Sonderfertigkeiten: Angriff auf ungeschützte Stellen,
Flugangriff
Talente: Einschüchtern 4 (17/13/12), Fliegen 7
(17/13/14), Körperbeherrschung 3 (14/14/10),
Kraftakt 1 (10/10/8), Selbstbeherrschung 11
(17/17/10), Sinnesschärfe 6 (8/13/13), Verbergen 4
(17/13/14), Willenskraft 4 (17/13/12)
Anzahl: 1W20
Größenkategorie: klein
Typus: Tier, nicht humanoid
Beute: 1 Ration Fleisch (ungenießbar)
Kampfverhalten: Drachenlibellen jagen in Schwär-
men und greifen dabei auch menschengroße Wesen
an. Sie versuchen, ihre Beute durch zahlreiche Be-
rührungen, Bisse und Stiche zu töten.
Flucht: Verlust von 50 % der LeP
Jagd: –2
Tierkunde (Ungeheuer oder Wildtiere):
• QS 1: Drachenlibellen greifen in Schwärmen von
bis zu 20 Tieren an.
• QS 2: Die Libellen betrachten menschengroße We-
sen als Beute und stürzen sich auf sie.
• QS 3+: Je wärmer es ist, desto wahrscheinlicher ist
ein Angriff auf Menschen.
Schmerz +1 bei: 4 LeP, 3 LeP, 2 LeP, 1 LeP

94 Flora & Fauna


Einhorn
Größe: 2,20 bis 2,80 Schritt lang;
Drachenlibellen sind Insekten, die meist an Seen und 1,50 bis 1,70 Schritt Schulterhöhe
Flüssen oder in Sümpfen leben und die eine erstaunli- Gewicht: 500 bis 600 Stein
che Größe von bis zu 40 Halbfingern erreichen können. MU 14 KL 14 IN 15 CH 16
Vor allem im Sommer steigen ganze Schwärme von bis FF 10 GE 15 KO 23 KK 25
zu zwanzig Tieren auf, um in der Sicherheit der Mas- LeP 80 AsP 60 KaP – INI 15+1W6
se auf die Jagd nach Blut und Fleisch zu gehen. Solche VW 8 SK 4 ZK 3 GS 12
Tritt: AT 15 TP 1W6+5 RW mittel
Schwärme können auch für ausgewachsene Menschen
Biss: AT 12 TP 1W6+1 RW kurz
rasch lebensgefährlich werden. Horn: AT 13 TP 1W6+3 RW kurz
Drachenlibellen brauchen Brutteiche, damit sich ihre Überrennen: AT 14 TP 2W6+4 RW mittel
Larven entwickeln können. Sie kommen in ganz Aven- RS/BE: 0/0
turien nördlich einer Linie von Havena bis Perricum vor Aktionen: 1
und galten lange Zeit in Zentralaventurien als ausge- Vorteile/Nachteile: Zauberer / Schlechte Eigenschaf-
rottet, nachdem die Klugen Kaiser ihre ursprünglichen ten (Neugier)
Brutreviere hatten trockenlegen lassen. Seit einigen Sonderfertigkeiten: Mächtiger Schlag (Tritt), Tradi-
Jahren sind die Drachenlibellen jedoch zurück, einge- tion Einhorn, Überrennen (Überrennen), Zu Fall brin-
schleppt aus den Steppen des Orklands. gen (Tritt)
Den Großteil ihres Lebens verbringen sie als kleine Lar- Talente: Einschüchtern 2 (14/15/16), Klettern (keine
Probe erlaubt; Einhörner können nicht klettern), Kör-
ven. Im Frühling schlüpfen die Larven und entwickeln
perbeherrschung 4 (14/14/23), Kraftakt 8 (23/25/25),
sich bald zu riesenhaften Libellen. Im Sommer wer- Schwimmen 4 (14/23/25), Selbstbeherrschung 4
den die Tiere gierig und fallen auch Menschen an. Das (14/14/23), Sinnesschärfe 4 (14/15/15), Verbergen 2
vielflüglige Sirren und Dröhnen der Drachenlibellenflü- (14/15/15), Willenskraft 10 (14/15/16)
gel und das Funkeln ihrer Leiber löst häufig Panik un- Zauber: Armatrutz 10 (14/15/10), Balsam 10 (14/15/10),
ter Bauern oder Waffenknechten aus. Es gibt Berichte Blitz dich find 10 (14/15/16), Nebelwand 12 (14/15/16)
aus dem Seenland, dass Schlachten urplötzlich zu Ende und weitere Zauber in der Tradition der Einhörner
gingen, weil die Kämpfer beider Seiten hektisch um sich Anzahl: 1 oder 2
schlagend das Weite suchten, als ein riesiger Schwarm Größenkategorie: groß
Feuerfliegen über die Kampfstätte hereinbrach. Typus: Magisches Wesen, nicht humanoid
Beute: 300 Rationen Fleisch, Fell (400 Silbertaler), Tro-
phäe (Horn, 2.000 Silbertaler)
Einhorn Kampfverhalten: Einhörner fliehen meist vor Men-
»Die stolzen Rösser mit dem goldenen, zwiefach gewundenen schen. Wenn sie aber in die Enge getrieben werden und
Horn auf der Stirn, schneeweißem Fell, langer Mähne und sei­ sich verteidigen müssen, dann greifen sie mit Über-
digem Schweif sind gar wundersame Kreaturen aus alten Zei­ rennen-Angriffen an. Sind sie in einen Nahkampf ver-
ten, neugierig und scheu gleichermaßen. Einhorn ist die ver­ wickelt, setzen sie sich auch mit ihrem Horn, Tritten
breitetste Bezeichnung. Unicornu nennen es die Gelehrten, die oder Bissen zur Wehr. Sie werden aber dennoch ver-
Angroschim kennen es als Ligorn und die Elfen als Valdra. suchen, bei der nächstbesten Gelegenheit zu fliehen.
Man sagt, dass sie klug sind, auch wenn sie nicht mit Worten Flucht: siehe Kampfverhalten
kommunizieren. Sie sollen mit der Kraft der Götter gesegnet Jagd: –5
sein. Es heißt, dass diese unsterblichen Wesen nichts mehr lie­ Magiekunde (Magische Wesen):
ben als die Reinheit und nichts tiefer hassen als Auerochs und • QS 1: Einhörner sind scheue, aber neugierige ma-
gische Wesen, die extrem selten sind. Sie sollen
Schwarzpelz.«
eine Verbindung zu Feenwesen haben.
—aus dem Groszen Aventurischen Almanach, Vinsalter Aus­ • QS 2: Ihr Horn, das sogenannte Alicorn, ist ein be-
gabe, 998 BF gehrtes magisches Artefakt.
• QS 3+: Einhörner leben angeblich in den Feenwel-
ten, doch hin und wieder durchstreifen sie auch
Aventurien. Sie lieben alles Reine und Schöne.
Sonderregeln:
Feentore: Einhörner wissen, wo sich Feentore zur Feen-
welt befinden und können diese in der Regel öffnen
und durchschreiten.
Natürliche Verbotene Pforten: Einhörner können, wenn
sie keine AsP mehr übrig haben, mit ihren LeP im Ver-
hältnis 1 zu 1 weiterzaubern.
Schnelle Regeneration: Einhörner regenerieren schnell:
Nach jeweils 5 Minuten erhalten sie 1W3 LeP und 1W3
AsP zurück.
Telepathie: Einhörner können mit anderen Wesen tele-
pathisch kommunizieren.
Schmerz +1 bei: 60 LeP, 40 LeP, 20 LeP, 5 LeP oder
weniger

95
Einhörner sind selten und scheu. Die meisten von ihnen Ihre Gestalt ist die eines gewöhnlichen Baumes, der viel-
können zaubern, dabei gleicht ihre Magie vielfach der leicht etwas größer als seine Artgenossen ist, und mehr
der Elfen. Vor allem die Merkmale Hellsicht, Einfluss Äste aufweist. Bezeichnend für diese Gehölze ist eine
und Illusion scheinen bei Einhörnern weit verbreitet magische Aura, welche von der Wesenheit stammt, die
zu sein, und sie vermögen Gedanken zu lesen und sich mit dem Baum einst zum Marwold verschmolzen ist.
durch Bilder und Gefühle mitzuteilen, die sie direkt in Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind von Drya-
den Kopf ihres Gegenübers projizieren. Mühelos eröff- den bewohnte Bäume keine Marwolde. Mindergeister,
net sich ihnen auch der Zugang zu Feenwelten, wes- Dämonen, Elementargeister und echte Geister jedoch
wegen Einhörner beinahe spurlos auftauchen und ver- können mit Bäumen zu einem solchen Wesen ver-
schwinden können. schmelzen und durch diese Einheit einen „bösen Baum“
Als Fokus für die Magie dient das Horn auf ihrer Stirn, bilden. Besonders häufig scheinen Ulmen und Blutul-
das Alicorn genannt wird, und bei Magiern und Alchi- men von dieser Besessenheit befallen zu werden.
misten als mächtiger Zauberfokus und potentes Alchi- Ein Marwold ist meist vom Zorn auf alles Lebende be-
mikum angesehen wird. seelt und versucht, Menschen wie Tiere durch Ast-
Einhörner leben in ganz Aventurien, bevorzugen aber schläge oder Zweigpeitschen zu treffen. Es heißt, dass
die Abgeschiedenheit der wilden und unberührten Na- Waldschrate, mächtige Druiden oder skrupellose He-
tur. Am häufigsten werden sie im Norden angetroffen, xen solche Wesen in langwierigen Ritualen erschaffen
in Wäldern, die auch von Elfen oder Feen bewohnt wer- und unter ihren Willen zwingen könnten, sodass sie als
den. Dabei sind sie ausgesprochene Einzelgänger und Wächter dienen können.
anscheinend gibt es nur männliche Einhörner, weswe-
gen sie häufig als Unsterbliche gelten.
Üblicherweise gehen Einhörner Kämpfen aus dem
Weg, doch sie verteidigen sich entschlossen, vor allem,
wenn der Angreifer ein Auerochse oder Ork ist. Beide
verfolgen sie mit unerklärlicher Raserei.
Einhörner gelten in der zwölfgöttlichen Mythologie als
Symboltiere des Nandus. Die außerordentlich seltenen
schwarzen Exemplare werden als Sendboten des Dä-
monenmeisters Borbarad interpretiert.

Marwold
»Marwold, Geistergehölz, das sind bösartige Wesen, eine
Mischung aus Baum und einer sphärischen Kreatur.
Unklar ist, ob diese Besessenheit von Mindergeistern,
Dämonen, Feen oder echten Geistern hervorgerufen
wird. Selbst die Sumen Andergasts scheinen nicht
zu wissen, ob die Marwolde von den Waldschraten
geschaffen wurden, oder ob sie auch durch andere
arkane Phänomene, wie zum Beispiel dem Wuchs
eines Baumes auf einer magischen Kraftlinie, ent­
stehen können. Mir wurde berichtet, dass die Su­
men, aber auch wenige Hexen in Nostria, solche
Wesen durch ein kompliziertes Ritual erschaffen
können. Ein Marwold kann sich nicht vom Fleck
bewegen, jedoch sind die Schläge seiner Äste äu­
ßerst bedrohlich.«
—Nacladora Berlînghan, hesindegeweihte Draco­
niterin, 1036 BF

In den Streitenden Königreichen sind Marwolde ver-


breitet. Die Geistergehölze sind Bäume, die durch ein
anderssphärisches Wesen beseelt wurden. Sie finden
sich in vielen aventurischen Wäldern und können
gezielt mit Ästen und Wurzeln nach Lebewesen
oder Dingen in ihrer Umgebung schlagen. In den
Streitenden Königreichen kommen sie jedoch beson-
ders häufig vor, ebenso wie in den ehemaligen Heptar-
chien der Schattenlande.

96 Flora & Fauna


Waldspinne
Marwold
»Von den Waldspinnen: Die widerwärtigen Kreaturen
Größe: 3,00 bis 6,00 Schritt
versammeln sich in den Wäldern zu regelrechten
Gewicht: 400 bis 2.000 Stein
Jagdgesellschaften. Das Gewirr ihrer Netze und Fangleinen
MU 15 KL 10 IN 11 CH 11
ist im Unterholz kaum auszumachen, und auch die
FF 11 GE 11 KO 28 KK 28
Waldspinnen selbst wissen sich geschickt zu verbergen. Aus
LeP 160 AsP – KaP – INI 12+1W6
dem Hinterhalt fallen sie dann ihre Opfer an und schneiden sie
VW 6 SK 1 ZK 10 GS 0
mit ihren kräftigen Beißzangen langsam bei lebendigem Leib
Hieb: AT 14 TP 2W6+4 RW lang
auseinander. Jeder Reisende in den Wäldern von Nostria und
Tritt: AT 12 TP 3W6+6 RW mittel
Andergast sollte sich also dringlich davor hüten, in die Fallen
RS/BE: 4/0
dieser Schrecken zu geraten.«
Vorteile/Nachteile: Angst vor Feuer III
—aus Prems Tierleben, überarbeitete Auflage von 923 BF
Aktionen: 1
Sonderfertigkeiten: Mächtiger Schlag (Hieb), Schild-
Waldspinnen sind von einem dichten schwarzen Pelz
spalter (Hieb, Tritt), Wuchtschlag I (Hieb, Tritt), Zu
bedeckt und erreichen eine Größe von etwa einem
Fall bringen (Hieb, Tritt)
Schritt. Zum Glück sind sie nicht giftig, vielmehr span-
Talente: Einschüchtern 12 (15/11/11), Klettern 4
nen sie Netze und Fangleinen aus, in denen sich ihre
(15/11/28), Körperbeherrschung 2 (11/11/28),
Opfer verheddern. Sobald das Opfer gefangen ist, eilen
Kraftakt 11 (28/28/28), Menschenkenntnis 3
die gefräßigen Räuber herbei und beginnen es mit ihren
(10/11/11), Schwimmen 9 (11/28/28), Selbstbeherr-
kräftigen Beißzangen zu zerteilen. Nur Wesen, die hef-
schung 12 (15/15/28), Sinnesschärfe 7 (10/11/11),
tige Gegenwehr leisten, werden zunächst getötet. Wald-
Überreden 2 (15/11/11), Verbergen 7 (15/11/11),
spinnen können auch ihre Beine geschickt einsetzen,
Willenskraft 7 (15/11/11)
um ein Opfer niederzudrücken.
Anzahl: 1 oder 1W6+1 (Baumgruppe)
Vor allem in den abgelegenen Waldgebieten Nordaven-
Größenkategorie: riesig
turiens kommen diese Kreaturen vor, so auch in Nostria
Typus: Übernatürliches Wesen, nicht humanoid
und Andergast und ganz besonders in der Waldwildnis.
Beute: Holz (1 bis 30 Silbertaler, je nach Art)
Für gewöhnlich sind sie Einzelgänger, aber es gibt Ge-
Kampfverhalten: individuell
biete, in denen sie Jagdgemeinschaften bilden und ein
Flucht: Marwolde sind unbeweglich und können da-
weitreichendes Gewirr aus Netzen, Fang- und Signallei-
her nicht fliehen.
nen aufspannen. Das Opfer bekommt es dann häufig mit
Pflanzenkunde:
mehreren Waldspinnen zu tun. Einige Spinnen liegen
• QS 1: Marwolde sind Baumungeheuer, die man
auf der Lauer, um ihre Jagdgenossen zu warnen. Bisher
leicht für Bäume oder Waldschrate halten kann.
ist den Gelehrten Aventuriens jedoch völlig unklar, wie
Sie kommen vor allem in Nostria und Andergast
genau sich die Räuber verständigen, ob sie kaum sicht-
sowie in den Schattenlanden vor.
bare Fäden gesponnen haben oder ob sie eventuell so-
• QS 2: Marwolde sind feuerempfindlich. Da sie auf-
gar über eine Form der Gedankenübertragung verfügen.
grund ihrer Unbeweglichkeit nicht fliehen kön-
Hasen, Rehe und ähnliche Tiere sind die bevorzugte
nen, ist ihnen damit recht schnell beizukommen.
Beute der Waldspinnen. Sie sind aber groß genug, dass
• QS 3+: Bei ihnen soll es sich um Bäume handeln,
sie auch Menschen oder größere Tiere angreifen, die
die durch ein außersphärisches Wesen belebt
sich in ihren Netzen verfangen, vor allem dann, wenn
wurden. Allerdings ist nicht klar, ob es sich um ein
sie als Jagdgemeinschaft auftreten.
Feenwesen, einen Dämon oder etwas ganz anderes
handelt.
Sonderregeln:
Empfindlichkeit gegenüber Feuer: Schaden durch Feuer
wird verdoppelt.
Tarnung: Wenn Marwolde bewegungslos im Wald ste-
hen, sind sie sehr leicht mit normalen Bäumen zu
verwechseln. Sie erhalten in diesem Fall eine Er-
leichterung auf Verbergen (sich Verstecken) von 3.
Laufender Marwold: Neben den stationären Marwol-
de gibt es auch noch seltenere Varianten, die sich
wie Waldschrate bewegen, allerdings sehr lang-
sam (GS 4).
Schmerz +1 bei: 120 LeP, 80 LeP, 40 LeP, 5 LeP oder
weniger

97
Auerochse
Das Fell der Auerochsen ist dunkelbraun oder schwarz
Waldspinne mit zottiger Mähne. Sie tragen beeindruckende, leicht
Größe: 0,30 bis 0,50 Schritt hoch; geschwungene Hörner und erreichen eine Schulterhö-
1,00 bis 1,20 Schritt lang he von 2 Schritt. Auerochsen greifen jeden an, der sie
Gewicht: 20 bis 30 Stein in irgendeiner Weise bedroht und hassen Einhörner
MU 11 KL 9 (t) IN 14 CH 8 zutiefst. Meist treten sie in Gruppen von 3 bis 5 Tieren
FF 12 GE 15 KO 12 KK 14 auf. Da der Auerochse als besonders kraftvolles Tier gilt,
LeP 26 AsP – KaP – INI 13+2W6 mag dies auch der Grund sein, weshalb das Andergaster
VW 5 SK 1 ZK 0 GS 8 Königshaus ihn als Wappentier führt.
Biss: AT 13 TP 1W6+2 RW kurz
RS/BE: 2/0
Auerochse
Aktionen: 1 Größe: 1,80 bis 2,00 Schritt (ohne
Vorteile/Nachteile: Dunkelsicht I, Herausragender Schwanz); 1,85 bis 2,10 Schritt
Sinn (Tastsinn) (mit Schwanz); 1,50 bis 2,00
Sonderfertigkeiten: keine Schritt Schulterhöhe
Talente: Einschüchtern 7 (11/14/8), Klettern 16 Gewicht: 800 bis 1.000 Stein
(11/15/14), Körperbeherrschung 12 (15/15/12), MU 12 KL 9 (t) IN 12 CH 12
Kraftakt 7 (12/14/14), Schwimmen 2 (15/12/14), FF 10 GE 12 KO 18 KK 23
Selbstbeherrschung 10 (11/11/12), Sinnesschärfe 12 LeP 80 AsP – KaP – INI 12+1W6
(9/14/14), Verbergen 14 (11/14/15), Willenskraft 5 VW 6 SK –4 ZK 4 GS 9
(11/14/8) Hörnerstoß (Bulle): AT 9 TP 1W6+6 RW kurz
Hörnerstoß (Kuh): AT 9 TP 1W6+4 RW kurz
Anzahl: 1W6 (Spinnennest)
Überrennen: AT 8 TP 2W6+5 RW kurz
Größenkategorie: mittel RS/BE 0/0
Typus: Tier, nicht humanoid Aktionen: 1
Beute: 25 Rationen Innereien (ungenießbar) Sonderfertigkeiten: Überrennen (Überrennen), Zu
Kampfverhalten: Waldspinnen lauern in Bäumen auf Fall bringen (Hörnerstoß)
ihre Opfer und warten, bis diese sich in ihrem Netz Talente: Einschüchtern 8 (12/12/12), Klettern (keine
verfangen haben. Gelegentlich greift eine Waldspin- Probe erlaubt; Auerochsen können nicht klettern),
ne auch am Boden an, wenn man ihr zu nahe kommt. Körperbeherrschung 4 (12/12/18), Kraftakt 12
Generell werden Wesen bis zur Größe eines Men- (18/23/23), Schwimmen 6 (12/12/23), Selbstbeherr-
schen als Beute betrachtet. schung 6 (12/12/18), Sinnesschärfe 6 (9/12/12), Ver-
Flucht: Verlust von 50 % der LeP bergen 2 (12/12/12), Willenskraft 12 (12/12/12)
Anzahl: 1 Bulle + 1W3+1 Kühe (eventuell noch 1W3
Jagd: –2
Kälbchen)
Tierkunde (Ungeheuer oder Wildtiere): Größenkategorie: groß
• QS 1: Waldspinnen spannen Netze, in denen sich Typus: Tier, nicht humanoid
selbst Menschen verfangen können. Beute: 450 Rationen Fleisch, Fell (2 Silbertaler), Tro-
• QS 2: Sie greifen auch Menschen an, aber sie sind phäe (Hörner, 2 Silbertaler)
zum Glück nicht giftig. Kampfverhalten: Auerochsen versuchen Menschen
• QS 3+: Manchmal verflechten mehrere Waldspin- in der Regel zu Überrennen, geben ihnen nach ei-
nen ihre Netze zu einem großen Netzwerk, dass nem Angriff aber genug Zeit, um wieder auf die Bei-
sich über mehrere Bäume erstreckt. ne zu kommen und zu fliehen.
Sonderregeln: Flucht: Verlust von 50 % der LeP
Netz: Helden können sich im Netz der Spinne verfan- Jagd: –1
Tierkunde (Wildtiere):
gen. Um das Netz zu entdecken, ist eine Probe auf
• QS 1: Menschen werden zwar von Auerochsen
Sinnesschärfe (Wahrnehmen) erschwert um 1 erfor- nicht als große Bedrohung wahrgenommen, aber
derlich. Bei Gelingen wird das Netz rechtzeitig ent- wenn sie in ihr Revier eindringen, kann es passie-
deckt. Bei Misslingen verfängt sich der Held darin. ren, dass sie angreifen.
Er erhält den Status Fixiert. Um sich aus dem Netz • QS 2: Ihre Angriffe sind ungestüm und wenig über-
zu befreien, muss eine Sammelprobe auf Körperbe­ legt. Oft kämpfen sie einige Augenblicke mit einem
herrschung (Entwinden) gelingen (es müssen 10 QS Feind, lassen dann aber unerwartet von ihm ab.
angesammelt werden, Zeitintervall 1 Kampfrunde, 7 • QS 3+: Auerochsen hassen Einhörner und jagen sie.
erlaubte Proben; danach ist der Held entweder frei Sonderregeln:
oder schafft es nicht mehr aus eigener Kraft). Verabscheuungswürdige Einhörner: Auerochsen verspü-
Schmerz +1 bei: 20 LeP, 13 LeP, 7 LeP, 5 LeP oder ren einen regelrechten Hass auf alle Einhörner. So-
bald ein solch verhasstes Wesen in Sichtreichweite
weniger
gelangt, wird der Auerochse angreifen und versu-
chen, es zu töten.
Packesel: Auerochsen können ein Gewicht von bis zu
220 Stein tragen.
Schmerz +1 bei: 60 LeP, 40 LeP, 20 LeP, 5 LeP oder weniger

98 Flora & Fauna


Höhlenbär Kronenhirsch
Höhlenbären haben lichtempfindliche Augen, daher Kronenhirsche haben hellbraunes Fell, lange Nacken-
verstecken sie sich bei Tag in Höhlen oder Kavernen. Sie haare, einen langen Bart und ein prächtiges Geweih.
haben ein zotteliges, graues Fell, das sie gut vor Kälte Die Kühe leben mit den Jungen in kleinen Gruppen, die
schützt und eine hervorragende Tarnung bei schlech- Männchen sind Einzelgänger. Besondere Verehrung ge-
ten Lichtverhältnissen bietet. Höhlenbären werden bis nießt der Kronenhirsch in Nostria. Vermutlich haben
zu 3 Schritt groß, sind Einzelgänger und haben es für seine Schnelligkeit und Ausdauer dafür gesorgt, dass das
gewöhnlich nur auf Kleintiere abgesehen. nostrische Königshaus ihn als Wappentier gewählt hat.

Höhlenbär Kronenhirsch
Größe: 3,30 bis 4,00 Schritt Größe: 1,60 bis 3,00 Schritt Länge;
Schulterhöhe 1,30 bis 1,70 Schritt Schulterhöhe
Gewicht: 600 bis 750 Stein Gewicht: 180 bis 260 Stein
MU 14 KL 12 (t) IN 12 CH 12 MU 13KL 11 (t) IN 12 CH 15
FF 11 GE 11 KO 20 KK 23 FF 11 GE 14 KO 14 KK 16
LeP 80 AsP – KaP – INI 13+1W6 LeP 45 AsP – KaP – INI 14+1W6
VW 6 SK 0 ZK 6 GS 10 VW 7 SK –3 ZK 0 GS 16
Tatze: AT 12 TP 1W6+6 RW mittel Stoß: AT 11 TP 1W6+3 RW kurz
Biss: AT 10 TP 2W6+3 RW kurz Überrennen: AT 9 TP 2W6+2 RW mittel
RS/BE: 1/0 RS/BE 0/0
Aktionen: 2 (max. 1 x Biss) Aktionen: 1
Vorteile/Nachteile: Dunkelsicht II, Herausragender Sonderfertigkeiten: Überrennen (Überrennen), Zu
Sinn (Geruch) / Lichtempfindlich, Schlechte Eigen- Fall bringen (Stoß)
schaften (Neugier) Talente: Einschüchtern 4 (13/12/15), Klettern 1
Sonderfertigkeiten: Wuchtschlag I (Biss, Tatze), Zu (13/14/16), Körperbeherrschung 10 (14/14/14),
Fall bringen (Tatze) Kraftakt 9 (14/16/16), Schwimmen 5 (13/14/16),
Talente: Einschüchtern 11 (14/12/12), Klettern 7 Selbstbeherrschung 7 (13/13/14), Sinnesschärfe 7
(14/11/23), Körperbeherrschung 4 (11/11/20), (11/12/12), Verbergen 8 (13/12/14), Willenskraft 6
Kraftakt 13 (20/23/23), Schwimmen 7 (11/20/23), (13/12/15)
Selbstbeherrschung 13 (14/14/20), Sinnesschärfe 8 Anzahl: 1 oder 2W6+2 (Herde)
(12/12/12), Verbergen 2 (14/12/11), Willenskraft 5 Größenkategorie: mittel
(14/12/12) Typus: Tier, nicht humanoid
Anzahl: 1 Beute: 110 Rationen Fleisch, Fell (10 Silbertaler), Tro-
Größenkategorie: groß phäe (Geweih, 15 Silbertaler)
Typus: Tier, nicht humanoid Kampfverhalten: Hirsche fliehen zunächst bei Be-
Beute: 150 Rationen Fleisch, Fell (25 Silbertaler), Tro- drohung. Nur wenn sie in die Enge getrieben wer-
phäe (Zähne und Klauen, 15 Silbertaler) den oder ein Jungtier schützen müssen, verteidigen
Kampfverhalten: Wird der Höhlenbär provoziert sie sich mit Stößen, bis sich eine Möglichkeit zur
oder angegriffen, stellt er sich auf die Hinterbeine, Flucht bietet. Gelegentlich versuchen sie bei sol-
greift mit Hieben seiner Tatzen an und versucht, sei- chen Ausbruchsversuchen, den Gegner einfach zu
nen Gegner zu beißen. überrennen.
Flucht: Verlust von 50 % der Lebenspunkte; Ist er in Flucht: Verlust von 50% der LeP
Raserei, dann kämpft er bis zum Tod. Jagd: –1
Jagd: –3 Tierkunde (Wildtiere):
Tierkunde (Wildtiere): • QS 1: Der Kronenhirsch ist die größte Hirschart
• QS 1: Ein Höhlenbär wittert seine Beute bereits Aventuriens. Während der Brunftzeit sollte man
aus der Ferne. Man kann ihnen daher am besten sich vor Kronenhirschen hüten, denn sie reagie-
ausweichen, indem man gegen den Wind läuft. ren dann auch auf Zweibeiner aggressiv.
• QS 2: Er kann in Raserei verfallen, wenn er ver- • QS 2: Am Kinnbart eines Kronenhirsches kann
letzt wurde oder seine Jungtiere in Gefahr sind. man sein Alter bestimmen. Je länger und grauer,
• QS 3+: Der Höhlenbär ist lichtscheu und kämpft desto älter und damit auch stärker ist das Tier.
nur ungerne, wenn er dem Sonnenlicht ausgesetzt Kronenhirsche bleiben bis ins hohe Alter gesund.
ist, da ihn die Helligkeit blendet. • QS 3+: Laut einigen Legenden mögen Kronenhir-
Sonderregeln: sche keine Katzenwesen. Es soll sogar schon zu
Berserker: Jedes Mal, wenn ein Bär eine Stufe des Zu- einem Kampf zwischen einem alten Hirsch und
stands Schmerz erhält oder seine Jungtiere in Gefahr einem Jagdgepard gekommen sein, den der Kro-
sind, muss zu Beginn der KR eine Probe auf Willens­ nenhirsch gewann.
kraft gewürfelt werden. Bei Misslingen verfällt er in Schmerz +1 bei: 34 LeP, 23 LeP, 11 LeP, 5 LeP oder weniger
Raserei und erhält den Status Blutrausch. Der Status
endet nach dem Tod des Gegners oder spätestens
nach 1 Stunde.
Schmerz +1 bei: 60 LeP, 40 LeP, 20 LeP, 5 LeP oder weniger

99
Riesenhirschkäfer Schädeleule
Der Riesenhirschkäfer ist ein Einzelgänger und wird Die Schädeleule kann eine Spannweite von bis zu drei
bis zu zweieinhalb Schritt groß. Er wird Menschen nur Schritt erreichen. Ihren Name verdankt sie dem schwar-
dann gefährlich, wenn sie ihm zu nahe kommen. Wenn zen Schnabel und den schwarzen Flecken im ansonsten
er angegriffen wird, kämpft er wild und lässt erst von weißen Gesicht, die an einen Totenschädel erinnern.
seinem Gegner ab, wenn er schwer verletzt ist. Riesen- Berüchtigt ist sie für ihre Jagd auf größere Beutetiere,
hirschkäfer können so abgerichtet werden, dass sie als welche sie unbeobachtet aus dem Hinterhalt im Schlaf
Lasttiere oder als Ersatz für einen Wachhund taugen. überfällt und schnell verschwindet, sobald sie ein Stück
Fleisch aus ihrem Opfer herausgerissen hat.

Riesenhirschkäfer
Größe: 2,40 bis 2,60 Schritt
Schädeleule
Körperlänge
Größe: 0,60 bis 0,80 Schritt Kör-
Gewicht: 50 bis 70 Stein
pergröße; 2,80 bis 3,20 Schritt
MU 15 KL 9 (t) IN 11 CH 8
Flügelspannbreite
FF 13 GE 13 KO 16 KK 14
Gewicht: 8 bis 10 Stein
LeP 40 AsP – KaP – INI 12+1W6
MU 12 KL 14 (t) IN 14 CH 13
VW 7 SK 0 ZK 2 GS 3
FF 12 GE 13 KO 12 KK 12
Biss: AT 16 TP 1W6+2 RW kurz
LeP 22 AsP – KaP – INI 13+1W6
Zangen: AT 12 TP 1W6+4 RW mittel
VW 7 SK 0 ZK 0 GS 1/15 (am Boden / in
RS/BE 5/0
der Luft)
Aktionen: 1
Schnabel und Krallen: AT 12 TP 1W6+2 RW kurz
Sonderfertigkeiten: Wuchtschlag I (Biss, Zange), Ver-
RS/BE 0/0
beißen (Biss)
Aktionen: 1
Talente: Einschüchtern 6 (15/11/8), Klettern 4
Vorteile/Nachteile: Dunkelsicht II, Herausragender
(15/13/16), Körperbeherrschung 4 (13/13/16),
Sinn (Sicht)
Kraftakt 7 (16/14/14), Schwimmen (keine Probe er-
Sonderfertigkeiten: Angriff auf ungeschützte Stellen,
laubt; Riesenhirschkäfer können nicht schwimmen),
Flugangriff
Selbstbeherrschung 12 (15/15/16), Sinnesschärfe 7
Talente: Einschüchtern 6 (12/14/13), Fliegen 7
(9/11/11), Verbergen 7 (15/11/13), Willenskraft 8
(12/14/13), Körperbeherrschung 5 (13/13/12),
(15/11/8)
Kraftakt 4 (12/12/12), Selbstbeherrschung 4
Anzahl: 1 oder 2 (bei der Paarung)
(12/12/12), Sinnesschärfe 12 (14/14/14), Verbergen
Größenkategorie: mittel
12 (12/14/13), Willenskraft 4 (12/14/13)
Typus: Tier, nicht humanoid
Anzahl: 1 oder 2
Beute: 40 Rationen Fleisch, Trophäe (Zangen, 15
Größenkategorie: klein
Silbertaler)
Typus: Tier, nicht humanoid
Kampfverhalten: Menschen weicht der Riesenhirsch-
Beute: 4 Rationen Fleisch, Trophäe (Federn, 7
käfer normalerweise aus. Wenn sie aber überra-
Silbertaler)
schend aufeinander treffen, greift er solange an, bis
Kampfverhalten: Schädeleulen greifen größere Beu-
er schwer verletzt ist.
tetiere, auch Menschen, in der Nacht an und hacken
Flucht: Verlust von 75% der LeP
ein Stück aus ihnen heraus. Dann ziehen sie sich
Jagd: –
wieder zurück.
Tierkunde (Ungeheuer oder Wildtiere):
Flucht: Verlust von 50 % der LeP
• QS 1: Riesenhirschkäfer betrachten menschengro-
Jagd: +1
ße Wesen zwar nicht als Beute, aber als Gefahr. Sie
Tierkunde (Wildtiere):
greifen deshalb an, wenn man einander begegnet.
• QS 1: Der Anblick einer Schädeleule kann einem
• QS 2: Ihre Panzerung ist am Bauch deutlich
Menschen Angst einjagen.
schwächer.
• QS 2: Diese Eulenart ist wie die meisten Eulen ein
• QS 3+: Junge Riesenhirschkäfer lassen sich abrich-
nächtlicher Jäger und tagsüber nicht sonderlich
ten und können an der Leine geführt werden (so
aktiv.
vor allem in Gareth). Auch als Wachtiere werden
• QS 3+: Schädeleulen greifen auch menschengroße
sie gelegentlich eingesetzt.
Wesen an, aber nur in der Nacht.
Sonderregeln:
Sonderregeln:
Empfindliche Stelle: Am Bauch hat der Riesenhirschkä-
Einschüchterndes Aussehen: Wer eine Schädeleule zum
fer nur RS 2, an Gelenkansätzen RS 0. Das zielgenaue
ersten Mal sieht, dem muss eine Probe auf Willens­
Treffen dieser Zonen wird als Fokusregel im Aven-
kraft (Bedrohungen standhalten) gelingen oder er erlei-
turischen Kompendium vorgestellt. Ohne die Fo-
det für 1 Tag den Nachteil Angst vor Schädeleulen I.
kusregeln können diese Stellen mit einer um 2 bzw.
Der Nachteil verschwindet ebenfalls, wenn die Eule
4 erschwerten AT getroffen werden.
aktiv in die Flucht geschlagen oder getötet wurde.
Packesel: Riesenhirschkäfer können ein Gewicht von
Schmerz +1 bei: 17 LeP, 11 LeP, 6 LeP, 5 LeP oder weniger
bis zu 40 Stein tragen.
Schmerz +1 bei: 30 LeP, 20 LeP, 10 LeP, 5 LeP oder weniger

100 Flora & Fauna


Smaragdnatter Pferd (Teshkaler)
Die Schuppen der Smaragdnatter glänzen in einem tie- Größe: 2,20 bis 2,80 Schritt lang;
fen Grün und weisen auch goldene Sprenkel auf. Die 1,50 bis 1,70 Schritt Schulterhöhe
ungiftigen Tiere gelten als klug und gerissen, werden Gewicht: 400 bis 600 Stein
bis zu 2 Schritt lang und können üble Bisswunden ver- MU 10 KL 9 (t) IN 12 CH 12
ursachen. Sie werden häufig von Hexen der Wissenden FF 8 GE 14 KO 23 KK 25
Schwesternschaft als Vertrautentiere gewählt. LeP 80 AsP – KaP – INI 13+1W6
VW 7 SK 0 ZK 0 GS 12
Tritt: AT 15 TP 1W6+5 RW mittel
Smaragdnatter
Biss: AT 12 TP 1W6+1 RW kurz
Größe: 1,80 bis 2,20 Schritt
Niederreiten: AT 14 TP 2W6+4 RW mittel
Gewicht: 4,00 bis 6,00 Stein
RS/BE: 0/0
MU 11 KL 14 (t) IN 13 CH 13
Aktionen: 1
FF 10 GE 12 KO 10 KK 8
Vorteile/Nachteile: keine
LeP 10 AsP – KaP – INI 12+1W6
Sonderfertigkeiten: Mächtiger SchlagAAL149 (Tritt)
VW 3 SK 2 ZK 0 GS 3
Talente: Einschüchtern 2 (10/12/12), Klettern (kei-
Biss: AT 13 TP 1W6+1 RW kurz
ne Probe erlaubt; Pferde können nicht klettern),
RS/BE 0/0
Körperbeherrschung 4 (14/14/23), Kraftakt 8
Aktionen: 1
(23/25/25), Schwimmen 4 (14/23/25), Selbstbeherr-
Sonderfertigkeiten: Angriff auf ungeschützte Stellen
schung 4 (10/10/23), Sinnesschärfe 4 (9/12/12), Ver-
(Biss), Finte I (Biss)
bergen 2 (10/12/14), Willenskraft 3 (10/12/12)
Talente: Einschüchtern 6 (11/13/13), Klettern 4
Anzahl: 1 oder 3W20 (Herde)
(11/12/8), Körperbeherrschung 8 (12/12/10), Kraftakt
Größenkategorie: groß
3 (10/8/8), Schwimmen 15 (12/12/8), Selbstbeherr-
Typus: Tier, nicht humanoid
schung 7 (11/11/10), Sinnesschärfe 7 (14/13/13), Ver-
Beute: 300 Rationen Fleisch, Fell (20 Silbertaler)
bergen 9 (11/13/12), Willenskraft 7 (11/13/13)
Kampfverhalten: Teshkaler Pferde versuchen immer
Anzahl: 1
zu flüchten. Können sie nicht fliehen oder werden
Größenkategorie: klein
sie erschreckt, treten sie nach vorne oder hinten
Typus: Tier, nicht humanoid
aus. Manche Pferde haben zudem die schlechte An-
Beute: 2 Rationen Fleisch, Haut (9 Silbertaler)
gewohnheit, Menschen zu beißen.
Kampfverhalten: Smaragdnattern greifen menschen-
Flucht: siehe Kampfverhalten
große Ziele nur an, wenn sie sich bedroht fühlen. Dies
Jagd: –2
geschieht vor allem, wenn ein Reisender die Schlan-
Tierkunde (domestizierte Tiere):
ge nicht bemerkt und damit auch nicht ihre warnende
• QS 1: Pferde sind Fluchttiere. Man sollte sich ih-
Haltung.
nen nicht von hinten nähern.
Flucht: Verlust von 50 % der LeP
• QS 2: Hafer ist ein gutes Kraftfutter für Pferde.
Jagd: –2
Sollen sie schwer arbeiten, benötigen sie bis zu 5
Tierkunde (Wildtiere):
Stein Hafer pro Tag.
• QS 1: Smaragdnattern gelten als kluge, hesindege-
• QS 3+: Bucheckern, Kastanien und Efeu sind für
fällige Schlangen.
Pferde giftig.
• QS 2: Trotz ihrer Größe und den langen Zähnen
Sonderregeln:
sind Smaragdnattern ungiftig.
Packesel: Teshkaler Pferde können ein Gewicht von bis
• QS 3+: Einige dieser Schlangen dienen den Hexen
zu 200 Stein tragen.
als Vertrautentier.
Schmerz +1 bei: 60 LeP, 40 LeP, 20 LeP, 5 LeP oder weniger
Schmerz +1 bei: 8 LeP, 6 LeP, 4 LeP, 2 LeP oder weniger
Anmerkung: Ein Teshkaler ist ca. 1.000 Silbertaler
wert.

Teshkaler
Teshkaler Rösser sind besonders als Kutschenpferde be- Waldwolf
liebt und gelten als kraftvoll und schnell, aber eigenwil- Waldwölfe sind die intelligentesten Wölfe Aventuri-
lig. Die glänzend schwarzen Kaltblüter sind schlank und ens, und man sagt ihnen sogar nach, dass sie eine ei-
muskulös, Mähne, Schweif und Fesselbehang fallen lang gene Sprache haben. Sie leben das ganze Jahr über in
und dicht. Echte Teshkaler haben ein besonderes Brand- Rudeln zusammen, die stets von einer jagderprobten
zeichen auf dem rechten Oberschenkel, ein geschwun- Wölfin angeführt werden. Waldwölfe erreichen eine
genes T mit einer Königskrone daneben. Schulterhöhe von beinahe einem Schritt und haben
ein tiefschwarzes Fell.

101
Waldwolf Revier bedroht fühlen. Sie haben kei-
Größe: 1,30 bis 1,40 Schritt Körperlänge ne Angst vor Feuer. Angeführt werden
Gewicht: 50 bis 60 Stein sie von einer Alphawölfin, und wenn sie
MU 12 KL 15(t) IN 13 CH 12 getötet wird, flieht der Rest des Rudels.
FF 14 GE 13 KO 13 KK 13 Wenn man über das Wissen verfügt, dass
LeP 18 AsP – KaP – INI 14+1W6 es ein Alphatier gibt, kann man dieses mit
VW 7 SK –1 ZK 0 GS 12 einer Probe auf Sinnesschärfe (Wahrnehmen) unter
Biss: AT 13 TP 1W6+3(+Krankheit)* RW kurz den anderen Wölfen ausmachen.
RS/BE: 0/0 Flucht: Verlust von 50 % der LeP; oder bei Tod der
Aktionen: 1 Alphawölfin
Vorteile/Nachteile: Dunkelsicht I, Herausragender Sinn Jagd: –2
(Geruch) Tierkunde (Wildtiere):
Sonderfertigkeiten: Verbeißen (Biss) • QS 1: Waldwölfe haben im Gegensatz zu anderen
Talente: Einschüchtern 7 (12/13/12), Klettern 0 Wölfen keine Angst vor Feuer.
(12/13/13), Körperbeherrschung 7 (13/13/13), Kraftakt • QS 2: Waldwölfe können Krankheiten übertragen.
5 (13/13/13), Schwimmen 7 (13/13/13), Selbstbeherr- • QS 3+: Wenn man die Alphawölfin tötet, dann flieht
schung 4 (12/12/13), Sinnesschärfe 7 (15/13/13), Verber- der Rest des Rudels.
gen 7 (12/13/13), Willenskraft 4 (12/13/12) Sonderregeln:
Anzahl: 1 oder 1W6+2 (kleines Rudel) *) Krankheit: Waldwölfe können Krankheiten übertragen.
Größenkategorie: klein Für je volle 10 SP wird mit 1W20 gewürfelt: 1-16 (keine
Typus: Tier, nicht humanoid Krankheit), 16-20 (TollwutAAL129). Ist der Held infiziert,
Beute: 15 Rationen Fleisch (zäh), Fell (5 Silbertaler) muss er eine Krankheitsprobe ablegen (siehe Regelwerk
Kampfverhalten: Waldwölfe greifen üblicherweise nur Seite 343).
an, wenn sie der Hunger treibt oder sie sich in ihrem Schmerz +1 bei: 18 LeP, 11 LeP, 6 LeP, 5 LeP oder weniger

Herbarium der Streitenden Königreiche


»Natürlich hat die Herrin Peraine auch ein wachsames Auge auf
die Regionen Nostrias und Andergasts, denn die Menschen hier Bei der Suche nach Hollbeeren muss man sich entscheiden,
ob man nach Heil- oder Giftpflanzen sucht. Je nach Ent-
erleiden genug Übel, und die Pflanzen und das Leben gedeihen
scheidung zählt ein anderes Anwendungsgebiet bei Pflan-
hier gut. So hat sie den Geplagten allerlei Gewächse an die Hand
zenkunde. Die erste Anwendung, die man so findet, muss
gegeben, die beruhigen und Wunden heilen können. Einfach dann für das Brechmittel (Giftpflanzen) oder die Regeneration
mögen sie nicht zu finden sein, aber wenig gibt die Herrin (Heilpflanzen) verwendet werden. Weitere gefundene An-
Peraine ohne harte Arbeit, so wie es sich geziemt.« wendungen dürfen dann nach Belieben genutzt werden.
—aus dem Folianthen der Kreutherkunde, zusammengestellt
von der Schwesternschaft der Mada, Grangor, 1005 BF

Die Streitenden Königreiche sind reich an Kräutern, die zur


Heilung, aber auch als Gifte dienen können. Nur dem Pflan- heftiges Erbrechen auslösen (keine nächtliche Regenera-
zenkundigen erschließt sich dabei jedoch, wo diese Gewäch- tion). Werden sie vergoren, dann stellen sie ein potentes
se zu finden und wie sie am besten anzuwenden sind. So- Brechmittel dar.
wohl die Sumen Andergasts, wie auch die Hexen Nostrias Die Blätter der Hollbeerenstrauchs ergeben ge-
gelten als ausgesprochene Kenner auf diesem Gebiet. trocknet und aufgebrüht einen Tee, der zu ru-
higem und erholsamem Schlaf führt. Ein
Hollbeere Sud aus 1 Anwendung erlaubt die Wie-
Hollbeeren sind etwa so groß wie Kirschen, aber von derholung des LeP-Wurfs während der
satt-rosaner Farbe. Sie wachsen an dunkelgrünen, bis nächsten Regenerationsphase
zu hüfthohen Büschen. Die Hollbeeren wachsen vor al- (wobei das höhere Ergebnis
lem in Nostria und Albernia an Waldrändern und –lich- des Wurfs zählt).
tungen. Im Volksmund gelten sie als Schutz gegen das Preis: 4 / 8 Silbertaler
unerlaubte Eindringen von Feenwesen.
Suchschwierigkeit: –2 Hollbeerenbrechmittel
Bestimmungsschwierigkeit: –1 Das Gift der Hollbeere sorgt für leichte
Anwendungen: 1/1/1/2/2/3 Übelkeit. Das Opfer muss sich übergeben und es er-
Wirkung: Bei jeder gefunden Anwendung der Hollbee- holt sich nur langsam.
re muss entschieden werden, ob es sich um Beeren oder Stufe: 4
Blätter handelt. Die Beeren sind leicht giftig und können Art: Einnahmegift, pflanzlich

102 Flora & Fauna


Geringe Menge einer Anwendung
Sollten die Helden die Menge einer Anwendung eines
Heilkrauts aufteilen wollen, so entfaltet es keine Wir-
Widerstand: Zähigkeit
kung. Beispielsweise muss ein Held den gesamten Tee
Wirkung: Opfer übergibt sich, keine nächtliche Regene-
einer Anwendungsmenge von Mibelrohr trinken, da-
ration / Opfer übergibt sich
mit dieser seine Wirkung entfaltet.
Beginn: 1 Minute
Dauer: 5 Minuten (Brechen), bis zum Ende der nächsten
Regenerationsphase Seenland, vornehmlich an Seeufern sowie in Auen und
Kosten: 100 Silbertaler Sümpfen. Klarheit und Geschicklichkeit soll der Mibel-
tee verleihen, in zu hohen Dosen oder regelmäßig ein-
Messergras genommen, führt er allerdings zur Sucht.
Das gefürchtete Messergras wird bis zu einem Schritt Suchschwierigkeit: –3
hoch und hat gelbgrüne Blätter, die scharf wie Ei- Bestimmungsschwierigkeit: –2
senklingen sind. Wer sich im Messergras verirrt, ist Anwendungen: 1/1/2/2/2/3
deshalb meist so gut wie tot. Es verträgt keine Feuch- Wirkung: Kolben und Stängel müssen zermah-
tigkeit, weswegen es meistens nur in trockenen Step- len und aufgekocht werden. Beim Trinken
pengebieten zwischen Riva und Mengbilla vorkommt. des Tees wird eine Anwendung verbraucht.
Besonders häufig ist es in der nach ihm benannten Nach 5 Minuten entfaltet Mibelrohr sei-
Messergrassteppe westlich von Thasch und Fins- ne Wirkung. Der Tee bringt für die Wir-
terkamm, aber auch im Hochland und in den kungsdauer einen Bonus von +1 auf
Randgebieten der Wüste Khom kann es KL oder FF bei der ersten Teilprobe
vorkommen. Das Gras widersteht Feu- einer Fertigkeitsprobe, die auf eine
er, sogar ganzen Steppenbränden, dieser beiden Eigenschaften abgelegt
und breitet sich danach umso mehr wird. Die Wirkung hält 2W6 Mi-
aus. nuten an.
Einige Nagetiere und Schlangen er- Preis: 12 / 24 Silbertaler
nähren sich davon, ansonsten ist
nur das Warzennashorn aufgrund Tarnele
seiner dicken Haut gegen das Messer- Bis zu einem haben Schritt hoch werden die Stängel der
gras gefeit. Als oft einzig andere Pflan- löwenzahnähnlichen Tarnele, die leuchtend rot blüht.
ze wächst Mohn zwischen den harten Von wenigen Schuppen abgesehen ist der Stängel blatt-
Halmen. los, und die spannlangen, mattgrünen Blätter mit vielen
Orks und Goblins vermögen Härchen bilden eine Rosette am Boden. Zerrieben oder
aus Messergras feuerfeste Mat- als Salbe verarbeitet wirkt sie schmerzlindernd und
ten zu flechten, und in den Step- heilkräftig.
penregionen werden oft Palisaden mit den Die Tarnele liebt schattige Plätze und wächst zwischen
harten Blättern gespickt, um diese fast unüberwindbar Gerasim und Mengbilla bevorzugt auf dichten Wiesen
zu machen. und in Flussauen. Auch in Wald und Sumpf ist sie hei-
Suchschwierigkeit: –2 misch, in Hochebenen hingegen eher selten.
Bestimmungsschwierigkeit: 0 Suchschwierigkeit: 2
Anwendungen: – Bestimmungsschwierigkeit: 0
Wirkung: Die Berührung von Messergras an der scharf- Anwendungen: 1/1/2/2/3/3
kantigen Seite verursacht zwischen 1W6–1 und 1W6+1 Wirkung: Auf eine Verwundung aufgetragen, bringt
TP. In der Regel möchte der Held aber durch eine gan- eine Tarnele +1 LeP bei der nächsten Regenerationspha-
ze Wiese oder Steppe mit Messergras und versucht den se. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Brei der Tarnele
gefährlichen Pflanzen auszuweichen. Pro Meile, die ein frisch auf die Wunde aufgetragen wurde oder eine halt-
Held durch Messergras geht, erleidet er 1W6+3 TP. Er barere Tarnelensalbe zum Einsatz kommt. Weitere An-
kann eine Probe Körperbeherrschung (Akrobatik, Balance wendungen erzielen jedoch keinen zusätzli-
oder Springen) ablegen. Jede QS verringert den Schaden chen Effekt.
um 1 TP. Messergras eignet sich nicht als Waffe. Tarnele kann außerdem für 1 Stunde
Preis: – die Auswirkungen von 1 Stufe Schmerz
unterdrücken. Dies funktioniert nur,
Mibelrohr solange der Held unter ma-
An Seeufern oder in Sümpfen findet man zwischen ge- ximal 1 Stufe Schmerz lei-
wöhnlichem Schilf immer wieder das Mibelrohr. Ein det. Bei mehr als 1 Stu-
langer Stängel trägt eine kolbenförmige blass-lila und fe setzt die schmerzlindernde
weiß gebänderte Blüte, die von spitz zulaufenden Blät- Wirkung nicht ein oder endet
tern geschützt wird. Mibelrohr wächst an der aventuri- umgehend.
schen Westküste zwischen Salza und Mengbilla. In den Preis: 3 / 6 Silbertaler
Streitenden Königreichen findet man es besonders im

103
GÖTTER &
DÄMONEN
»Die Menschen hier sind aufgeschlossen und freundlich,
und darüber hinaus begierig, das wärmende Herdfeuer
unserer Herrin in ihrer Gemeinschaft teilen zu dürfen.
Ich wurde also bestens aufgenommen, Eure Eminenz,
danke für Eure herzerwärmenden Worte. Getreulich
will ich nun dem Auftrag folgen, ihnen den das Ideal
der Familie der Gläubigen nahezubringen, so wie Ihr es
wünscht.
Ja, ich weiß, die guten Leute hier sind eigen, besonders
aufgrund des tiefsitzenden Zwists in diesen Landen.
Aber vielleicht vermag ich diese Wunden ja zu lindern
und Freund wie Feind unter Travias Segen in eine ge­
meinsame Heimstatt zu überführen. Mögen alle am hei­
mischen Herd einkehren, Familien und Fremde – ganz so,
wie die Gütige Göttin es will und wie wir es leben. Mir ist
sehr wohl bewusst, was das für eine Kraftanstrengung
bedeuten wird – und ich weiß, dass mein Wunsch und
Bestreben außerordentlich hehr ist.
Der tiefsitzende Zwist der Streitenden Königreiche ist
aber bei Weitem nicht alles, was ich hier befremdlich fin­
de. Deutlich irritiert bin ich auch von dem Gewicht, das
die Einheimischen den Geistern des Waldes beimessen.
Da werden Opfergaben an stehende Steine gebracht, Sil­
berstücke im Moor versenkt und Bäume des schier end­
losen Waldes mit Schmuck behängt. Das kann einfach
nicht richtig sein! Und sie reden stets nur von den Über­
derischen, als ob man die guten Götter mit solchen We­
senheiten wie Feen verwechseln könnte oder sollte. Wenn
sie es doch nur besser wüssten! Ich werde also wohl eine
ganze Menge Bekehrungsarbeit zu leisten haben. Jetzt
verstehe ich Eure Entscheidung mich gerade hierher zu
entsenden deutlich besser, Eminenz. Denn ich bin sicher,
dass der Ruf Pandlarils, der feengleichen Herrscherin
von Fluss und See im heimischen Weiden auch bis hier­
her gedrungen ist. Wer sollte auch nicht das nagende Ru­
fen jener Holden vernommen haben, selbst wenn es Herz
und Seele nicht annähernd zu entflammen vermag, wie
die Güte der Herrin Travia. Ich jedoch vermag mit der
Kenntnis Pandlarils einen Weg zu finden, mir auch unter
den Waldbewohnern Gehör zu verschaffen. Auch sie ken­
nen Flüsse und Seen, sie wären töricht meine Geschich­
ten nicht zu hören.
Wir aber dienen zuvorderst der Herrin des Herdfeuers!
Die Familie der Gläubigen wird immer bestehen. Travias
Gastfreundschaft wird uns am Ende auch hier der größ­
ten Gefolgschaft versichern. Verlasst Euch auf mich.«
—Brief der jungen Traviageweihten Avonella an die Vor­
steherin des Tempels zu Baliho, 1039 BF

104 Götter & Dämonen


In den Streitenden Königreichen gibt es nur wenige seltener innerhalb von Gemeinschaftsgebäuden wie
Tempel der Zwölfgötter, die ihrem Namen gerecht wer- etwa Dorfhäusern oder den Schänken und Gasthäusern
den, und solche Häuser stehen meist in den größeren eines Ortes. Viele solche Schreine, vor allem solche für
Städten. Dafür gibt es an vielen Orten Schreine und hei- Feen, Waldgeister, Nymphen oder andere Kreaturen der
lige Orte, für Götter, Halbgötter oder Heilige, die nur Wälder und Seen, wurden auch an Quellen, auf Hügel-
selten der reinen Lehre der Zwölf folgen. Viele davon kuppen, an Wegkreuzungen oder anderen markanten
finden sich an den Dorfrändern oder in Burgkapellen, Orten errichtet.

Glaube in den Streitenden Königreichen


»Sie sind einander derart entzweit, dass sie nicht einmal alle Gemeinde den Segen ihrer Gottheiten. Dabei ist es meist
Zwölf gleichermaßen als Götter anerkennen. Wo die Andergaster völlig unerheblich und für das einfache Volk wie den Adel
den Alten vom Berge, die milde Peraine und die himmlische nicht erkenntlich, ob ein Priester tatsächlich mit karma-
Leuin verehren, beten die Nostrier zum launischen Efferd und ler Kraft ausgestattet ist. Eine größere Zahl von Priestern
dem schweigsamen Herrn Boron. Gemein scheint mit mir eine nichtzwölfgöttlicher Kulte sind Magiedilettanten, die es
Verehrung der Urgöttin Sumu zu sein, einerlei, ob sie von den verstehen, bemerkenswerte Effekte hervorzurufen, deren
Sumen vorangetrieben wird, wie sich in Andergast die Druiden Wirkung auf den ersten Blick nicht von göttlichen Mira-
nennen, oder den Töchtern Satuarias, den Hexen in Nostria. keln oder Liturgien zu unterscheiden ist. Oft kennen nicht
Selbst die liebliche Rahja verehrt man in Nostria weit mehr als einmal sie selbst den Unterschied zwischen Zauberei und
in Andergast, war ihr harmonischer Kult dort doch lange Jahre liturgischem Wirken und führen ihre (magische) Gabe auf
per königlichem Erlass verboten. Herrin Hesinde, steh’ uns bei!« die von ihnen verehrte Wesenheit zurück.
—Nacladora Berlînghan, hesindegeweihte Draconiterin, 1038 BF Nicht wenige Geweihte aus dem mittleren Aventurien
sind durch diese synkretistische Verehrung der Götter
Als Silem-Horas im Jahr 98 v.BF das Zwölfgötteredikt irritiert oder fühlen sich sogar vor den Kopf gestoßen.
verkündete und damit festlegte, welche Götter in sei- Manch einer von ihnen reagiert auch mit Unwillen auf
nem Reich angebetet werden sollten, waren Nostria und die Einflüsse, die ihren Weg in die Kulte der Streitenden
Andergast bereits unabhängige Fürstentümer. Und so Königreiche gefunden, und diese somit von den eigenen
gilt das Silem-Horas-Edikt, das Gesetz, welches in vie- Kirchen deutlich entfremdet haben. Welchen Göttern auf
len Reichen Aventuriens den Geweihten der Zwölf die welche Weise gehuldigt wird, ist in den Streitenden Kö-
Vorherrschaft in Glaubensdingen sichert, hierzulande nigreichen sehr unterschiedlich. Man spricht auch nur
nicht. Besonders der letzte Andergaster König, Efferdan selten von den Göttern, sondern meist von den Überde-
I., hatte sich vergeblich für die Stärkung des Zwölfgöt- rischen. Diese umfassen nicht nur die Zwölfe, sondern
terglaubens eingesetzt, war damit jedoch immer wieder auch ganz andere Wesenheiten, denen die Macht zuge-
an altem Volksaberglauben, dem traditionsverhafteten sprochen wird, das Schicksal der Menschen zu beeinflus-
Altadel und dem Einspruch der Sumen gescheitert. sen. Rahja zum Beispiel wird in Nostria als Herrin des Bie-
Die Herrscher der Region dulden die Verehrung beina- res geschätzt, in Andergast hingegen war der Kult lange
he jeder Wesenheit, die den Menschen Seelenheil oder verboten, obwohl sie besonders in Teshkal als Mutter der
Schutz verspricht, solange sie die Position des Adels Pferde verehrt wird. Mit dem freudenvollen Kult anderer
nicht gefährdet – und sie nicht explizit dem Feind zuge- Regionen hat aber beides nur wenig gemein.
rechnet wird. Daher haben sich sowohl alte Verehrungs-
formen von längst vergessenen Göttern erhalten, als Oft werden die Überderischen anstatt in Tempeln an
auch solche ausgebildet, in denen göttliche Wesenhei- Quellen, verborgenen Waldteichen, in Steinkreisen oder
ten mit ähnlichen Aspekten miteinander verschmelzen. an markanten Felsformationen oder alten Bäumen ver-
Diese Form der Götterverehrung nennt man Synkretis- ehrt. Zwar kennt man solcherlei auch im Mittelreich,
mus. In den Streitenden Königreichen kann man dieses zum Beispiel in Form des Flussvaters im Großen Fluss in
Konzept gut am Beispiel von „Mutter Erde“ erklären, hin- Albernia oder der Weidener Herrin des Neunaugensees,
ter der sich meist Sumu verbirgt. Diese wird häufig auch Pandlaril. Da in Nostria und Andergast die Zwölfgötter
unter dem Namen Peraisumu oder als Tsatuara angerufen, jedoch nicht im Vordergrund stehen, haben sich hier
mal als Urmutter allen Lebens, mal als Göttin der Frucht- alte und zum Teil äußerst krude Glaubensvorstellungen
barkeit. Ein weiteres Beispiel ist Firun, der Alte vom Ber- und Riten erhalten, die seit dem Untergang des Bospara-
ge, den man mancherorts mit dem goblinischen Orvai Ku- nischen Reiches weithin in Vergessenheit geraten sind.
rim zusammenbringt, und als Kurim den Jäger verehrt. Auch der Dualismus, wie er in Lowangen gepredigt wird,
findet hierzulande Anklang. Dabei werden die Götter in
Viele Geweihte betreuen keinen eigenen Tempel, sondern gebende und nehmende Überderische unterteilt, und so
wandern zwischen mehreren Orten hin und her und la- stehen Praios, als Lichtbringer und Gott der Sonne, und
den dort regelmäßig zu Götterdiensten. Bei Hochzeiten, Boron, als Gott des Todes und der Nacht, einander ge-
Geburten oder Todesfällen erflehen sie für eine größere genüber und gelten als Herren der Götter.

105
In dieser Weltsicht sind alle anderen Götter jeweils Va- Dabei entspricht das Bild, das die Einheimischen von
sallen dieser beiden Widersacher. Gerade diese dualis- den Göttern haben, keineswegs dem, das die zwölfgöttli-
tische Vorstellung kommt dem Schwarz-Weiß-Denken chen Kirchen verbreiten. Zu sehr bedienen die genann-
in Bezug auf den jeweiligen Erbfeind sehr entgegen. In ten Götter offenbar eigenwillige Vorstellungen.
Nostria ist der Dualismus durch die Magierakademie Trabina, die nostrische Göttin von Familie und Herd,
von Licht und Dunkelheit in der Hauptstadt geprägt, aber auch von Treue und Gesetz, wird manchmal auch
und wird häufig mit der Überzeugung verbunden, das als Adlerin mit der Sonnenscheibe in den Krallen dar-
Gleichgewicht im Kampf zwischen gut und böse bewah- gestellt, was sowohl Praios- als auch die Traviapriester-
ren zu müssen. Auch manche Sumen folgen einer ähn- schaft nachdenklich stimmt. Die Aspekte, die den ein-
lichen Sicht, die den Ausgleich zwischen den Mächten zelnen Göttern zugesprochen werden, sind eigenwillig,
fördert, wenngleich die Ansichten darüber, was Gut und es gibt zahlreiche mindere Götter und Halbgötter, die
was Böse ist, deutlich voneinander abweichen können. die Aufgaben von Heiligen oder Alveraniaren überneh-
men. Hinzu kommt, dass auch allerlei Naturgeister wie
Die Götterwelt der Streitenden Königreiche zum Beispiel Nymphen oder Waldschrate beinahe gött-
In den Streitenden Königreichen haben sich viele alte Kulte liche Verehrung genießen können. Die sind dann zwar
und Religionen erhalten, die im Bosparanischen Reich und regional sehr bekannt und hoch geschätzt, aber ihre Be-
später dem Mittelreich schon vor langer Zeit verboten und kanntheit ist meist lokal begrenzt. So haben etwa Ein-
zerschlagen wurden. So verehrt man in Teilen Nostrias ei- heimische, die viel mit Thorwalern zu tun haben, häufig
nen dreiäugigen Kriegsgott in mächtiger gebänderter Rüs- Swafnir in ihr Pantheon aufgenommen.
tung als Herrn von Krieg, Kampf und Ehre. ( 181) Diese Vielfalt an Gottheiten hat jedoch zu recht großer
Einflüsse uralter Glaubensrichtungen sind ebenso vor- religiöser Toleranz geführt. Niemand beansprucht die
zufinden wie Verehrungsformen, hinter denen sich nor- alleinige Wahrheit für sich, und wenn der Nachbar zu
bardische, thorwalsche, orkische oder goblinische Ein- einem anderen Gott betet, so stört das in der Regel nie-
flüsse verbergen – oder sogar solche dämonischer und manden – wenn man die betreffende Gottheit nicht ge-
namenloser Natur. Auch manche Naturgeister werden rade für finster und böswillig hält. Aber auch das ist oft
als Götter verehrt. Schon deshalb redet man lieber von kein Grund, sie nicht zumindest zu fürchten.
„den Überderischen“, anstatt von „den Göttern“ oder
„den Zwölfen“, schließlich will man die übrigen überna- Die Zwölfgötter in Andergast
türliche Wesenheiten weder verärgern noch erzürnen. In ganz Andergast gilt die größte Verehrung Sumu. Die
Vor allem jedoch kommt Sumu, als allbringende Göttin Urriesin wird als Mutter allen Lebens und aller Götter
in Andergast, und Satuaria, als Heilerin Sumus in Nost- und damit als höchste Gottheit überhaupt angesehen.
ria, höchste Verehrung zu. Beinahe alle anderen Götter Ihr sind alle anderen Götter untertan. Der Auerochse
müssen sich diesen beiden unterordnen oder gelten, in wird als ihr Bote und Verkünder ihres Willens verehrt,
Satuarias Fall, als mindere Geschwister. vor allem der in der Waldwildnis lebende Auerochsen-
Aber es gibt auch neben Sumu als Erschafferin keine könig, der geradezu göttliche Anbetung erfährt.
einheitliche Götterwelt, und selbst in Nachbardörfern Aus diesem Grund sind die Sumen, die druidischen Su-
werden oft unterschiedliche Gottheiten angebetet. mudiener, besonders hoch angesehen in Andergast.

106 Götter & Dämonen


Anstelle von Tempeln bevorzugen sie jedoch Steinkrei- was aber ursprünglich eine sehr viel ältere Traditi-
se, Bäume und Quellen als heilige Orte, an denen sie ihre on hat. In Joborn hingegen kennt und schätzt man die
geheimnisvollen Rituale vollziehen. Herrin der Pferde auch als Göttin von Geselligkeit und
Nach Sumu folgen in der Vorstellung der Andergaster an Bierbraukunst.
zweiter Stelle Sumus Söhne, denen unterschiedliche Auf-
gaben zugeordnet werden - und mit ihnen deren Pries- Die Zwölfgötter in Nostria
ter. Dabei ist für den Außenstehenden schnell klar, dass Gerade an den Küsten gilt Efferd (auch Ephard) als Herr
es sich hier um Übertragungen der Zwölfgötter handelt, der Götter, der unbarmherzig durch Stürme und Blitze
selbst wenn ab und an andere Namen benutzt werden. seine Strafen unter die Menschen trägt. Ihn gilt es unter
Sumus erstgeborenem Sohn Praios (der häufig auch Bra- allen Umständen zu besänftigen, bevor er einen holen
jan genannt wird) werden die Aspekte Sonne, Herrschaft kommt. Viele vermeintliche Efferdschreine dienen hier
und das von alters her überlieferte Gesetz zugeordnet. allerdings der Verehrung der Winde aus Efferds Gefolge,
Boron gilt als Sumus Zweitgeborener und seine Aspek- allen voran dem stetigen Beleman, der beinahe immer
te sind Nacht, Tod und Traum. Er ist auch unter dem al- über die Küste weht, der ruhigen Nebelbringerin Nui-
ten Namen Bruun bekannt, gilt dann aber als Herr des anna und dem ungestümen und zornigen Rondrikan, in
Schicksals und vor allem als Bringer von allerlei Unglück. dem viele Nostrier mal Efferds Vasallen, mal Rondras
Phex ist der Drittgeborene, der für List, Spott und Aben- Vertrauten zu erkennen glauben.
teuerlust steht. Der viertgeborene Firun, der auch als der Als Efferds Gemahlin wird Peraine verehrt, die
Alte vom Berg oder als Eisherr bekannt ist, verkörpert auch als warmherzige Zwillingsschwester des grim-
Kälte und Eis aber auch die Jagd. Als Jagdgott wird er häu- men Eisherrn Firun gilt. Ihre Aspekte sind vor allem
fig mit Hirschgeweih dargestellt und dann als Kurim der Fruchtbarkeit und Heilkunst. Rondra ist Efferds jün-
Jäger oder Orvai bezeichnet. Dem fünftgeborenen Efferd gere Schwester, und sie wird als ungebändigte und
(auch Ephar genannt) wird die Herrschaft über Wasser mutige Herrin der Schlachten angerufen.
und Wind zugeordnet und er soll über ein großes Gefol- Boron, dem in Nostria weithin Ehrfurcht entgegenge-
ge von Nymphen und Sylphen verfügen. Ingerimm (der bracht wird und dessen Bezeichnung als „der Unge-
hier auch Angrosch genannt wird) ist der Sechstgeborene nannte“ immer wieder zu Verwirrung führt, gilt als un-
und seine Aspekte sind Handwerk und Bergbau. erbittlicher Herr des Todes, aber auch der Seelenruhe.
Die Göttinnen gelten als untergeordnete Ehefrauen, Firun ist der Bringer von Kälte und Dunkelheit, aber
Schwestern oder Töchter der Söhne Sumus. Beinahe im- auch der Herr der Jagd. Auch in Nostria wird er häufig
mer wirken sie ebenso unauffällig im Hintergrund, wie als geweihtragender Waidmann Kurim dargestellt. In-
es der gemeine Andergaster von einer menschlichen gerimm wird als der Herr von Handwerk und Kunst-
Frau erwartet. Travia, gerne auch Trabia genannt, gilt fertigkeit verehrt, er gilt jedoch besonders an der Küs-
als Gemahlin des Boron, und ihr werden Häuslichkeit te auch als Schutzherr der Dämme und Deiche. Seinem
und Ordnung zugeordnet. Hesinde (auch Heschint), der göttlichen Bruder Phex hingegen schreibt man die As-
Ideen und Wahrträume zugeordnet sind und die wenig pekte Handel, List und Verschlagenheit zu.
Beachtung findet, und Peraine (auch Perin), als Göttin Hesinde (auch Heschina), die als Bringerin von Wissen
von Ackerbau und Pflanzen, gelten als Gemahlinnen des und Zauberei angerufen wird, gilt als jüngere Schwester
eisigen Firun. Tsa, oder Tsatuara, ist die Gemahlin Ef- Travias. Die Göttin wird besonders unter Zauberern und
ferds und sie wird um Ruhe und Sanftmut angerufen. Gelehrten verehrt, und häufig wird die weitaus bekann-
Rondra (auch Rondarra genannt) gilt häufig als Ge- tere Mondgöttin Mada als Bringerin der Magie mit ihr
mahlin oder Erstgeborene des Praios. Ihr werden, un- in Verbindung gebracht, zumeist als ihre Tochter oder
gewöhnlich für eine weibliche Gottheit in Andergast, Schwester. Praios (gerne auch Brajos) wird als Beschüt-
die Aspekte Mut und Kampf zugesprochen. Es ist nie zer der Götterfeste Alveran angesehen, weswegen er un-
ganz klar, warum sie diese Sonderrolle einnimmt, mal ter anderem als Schutzherr der Sonne gilt und Zauberei
ist sie die streitbare Gemahlin eines anderen Sumusoh- vereiteln kann. Seine Gemahlin ist Travia (häufig Trabi-
nes, mal ist sie in der Mythologie diejenige, wegen der na genannt), der Ordnung, Gastfreundschaft, Häuslichkeit
eine Fehde entbrennt. Beeinflusst von der Verehrung, und das stete Herdfeuer zugeordnet werden. Mancherorts
die sie als Sturm- und Kampfgottheit in anderen Regio- wird sie auch als Herrin von Treue und Recht angerufen.
nen genießt, hat sich Rondras Einfluss vor allem durch Rahja ist als Göttin von allen Freuden und der Leiden-
die Ritter verbreitet, die sie als höchste Minnherrin an- schaft hoch geehrt. Sie gilt auch hier als Patronin des
sehen und gerne mit einem blutroten Gunstband für die Bieres und wird oft als jüngere Schwester Satuarias be-
Leuin in die Schranken reiten, sollten sie selbst keines zeichnet. In diesen Umkreis gehört auch Tsa, die vielen
erhalten haben. Rahjas familiäre Verhältnisse bleiben als Frühlingsgöttin gilt.
meist ungeklärt. Bis vor etwas über 20 Jahren war ihr Satuaria gilt als große Heilerin, die vor allem von He-
Kult in Andergast verboten, und nur langsam findet sie xen und weisen Frauen angerufen wird, und sie ist
ihren Weg zurück in die Herzen der Menschen. In Tesh- auch die größte Mittlerin zwischen den Überderischen
kal wurde sie seit dem Verbot kurzerhand als göttliche und den Menschen. So wird sie bei der einfachen Be-
Mutter der Himmelsrösser Tharvun und Sulva verehrt, völkerung gerne auch Zatura oder Tsatuara genannt,

107
und soll Glück und Schönheit bringen. Mit Satuaria ver- Das Liebeslicht von Joborn
bindet sich häufig auch eine Verehrung Levthans, des »Als der Andergaster Fürst Timodes II. schließlich das
widderköpfigen Mannes. Und ebenso wird die Mondgöt- nostrische Dorf Joborn erobern wollte, trat ihm seine
tin Mada geschätzt, weil sie die Gezeiten beherrschen engste Vertraute und Geliebte, die Rahjageweihte
soll, Zauberei bringen und Träume erfüllen kann. Dorlen, in den Weg. Obgleich der Fürst schimpfte
und tobte wie ein echter Zornbold, wollten ihm seine
Lokale Heilige & mystische Gestalten eigenen Ritter nicht folgen, als Dorlen das Schlachtfeld
mit dem tönernen Liebeslicht erleuchtete, welches die
Viele Helden der Mythologie werden ähnlich verehrt Göttin ihr gesandt hatte. Die wackeren Streiter bra­
wie Götter oder gar als Götterkinder betrachtet, und so chen den Angriff ab, bevor auch nur ein Tropfen Blut
besitzen viele auch eigene Schreine. Beispiele auf nost- geflossen war, und fielen einander als Versöhnte in die
rischer Seite sind der tapfere Asquenzio, der den Dra- Arme. Warum die Andergaster die Joborner Verbrüde­
chen Karmunir erschlug, oder der listige Alrigio Sohn rung als echten Krieg zählen, vermag wohl nur jemand
des Alrigio, der angerufen wird, wenn jemand einen verstehen, der so verworren denkt wie sie.«
besonders schlauen Plan schmieden will. Im Mirdiner —nostrische Aufzeichnung, um 200 BF
Land wird Aerling verehrt, der einst als Einsiedler im
Wald lebte und dessen Schrecken erforschte und zähm- »Welchen Einfluss weibische Torheit auf den Verlauf
te. In Salza ist die Heilige Elida als Beschützerin der Fi- der Geschichte haben kann, ist überdeutlich an der
scher und Seefahrer bekannt und beliebt. Eine der we- Schlacht von Joborn zu sehen. In jener Zeit herrschten
nigen Andergaster Heiligen ist Andra Zornbold, die die Nostriacken mit grausamer Dummheit über das
Gemahlin des Landesvaters Argos. Sie gilt als Inbegriff Dorf. Es war Fürst Timodes II., der mit seinen treuen
von Treue, und es heißt, dass sie ihr Leben gab, um ein Rittern gen Joborn zog, um es zu befreien. Dort lebte
geheimnisvolles Bündnis mit dem Land zu schließen. zu dieser Zeit eine verblendete Maid, die der Göttin
Wo die Andergaster häufig Wesen verehren, die man an- von Unzucht und Untreue huldigte. Als diese Dorlen
dernorts als Alveraniare begreift, wie Bishdariel, Kor nun die Ritter nahen sah, fürchtete sie, dass ein Kampf
oder Rethon, haben die Nostrier auch Örtlichkeiten und ihren eitel hergerichteten Tempel beschädigen würde.
Gegenständliches in ihr Glaubensbild aufgenommen. In ihrer Einfalt rief sie die Hilfe ihrer Göttin herbei,
Verehrt wird etwa Alveran als Heimstatt der Überde- ohne die Folgen zu ahnen. So geschah es, dass tapfere
rischen, Praios’ Sonnenwagen Ukoring oder Rondras Männer, die eben noch Klinge an Klinge gegeneinander
Schwert und Schild, Sok(r)amor und Mithrida. gestanden hatten, sich Rüstung und Wams vom Leib
Manchmal wird die Göttin Tsa in Nostria durch Ingval rissen und auf solche Weise übereinander herfielen,
ersetzt, die ebenfalls als Eidechse dargestellt wird. Be- wie jene Göttin es ihnen befahl. Zwar kämpfte unter
sonders entlang des Flusstals ist die Ingvalverehrung den Nostriacken auch manches grobe Weib, wie es bei
weit verbreitet. Auch dem Tommel wird eine Seele zu- diesen Leuten Sitte ist, doch die von dem göttlichen
geordnet, die in Form des Flussfürsten hoch geschätzt Wirken Verwirrten achteten nicht mehr auf Geschlecht
wird, der zudem eine große Gefolgschaft an Nymphen oder Herkunft. Selbst manch brave Maid, die bis dato
besitzen soll. Auch viele weitere Naturgeister und in Joborn ein sittsames Leben geführt hatte, verlor an
Feenwesen verschmelzen auf diese Art mit den Göt- diesem Tag ihre Unschuld.
tern zu einer neuen Wesenheit. In den Flüssen und Der Fürst aber raufte sich die Haare, als er erkannte,
den Wäldern leben viele Dryaden, Nymphen und Feen, dass er Joborn nicht befreien konnte. Ihm blieb nichts
die argwöhnisch darüber wachen, dass ihre Vereh- anderes, als das Weib Dorlen aus seinem Reich zu ver­
rung bei den Menschen nicht zu kurz kommt. Auch bannen und die Verehrung der eitlen Göttin zu ver­
Wesenheiten wie die Tierkönige von Auerochs und bieten, auf dass es nie wieder zu einem solchen Scha­
Kronenhirsch ( 177) gelten als wichtigste Send- bernack käme. Joborn aber blieb weiterhin unter der
boten der Überderischen. Und so ist es kein Wunder, harten nostrischen Knute, zum großen Leid seiner
dass man auch an abgelegenen Orten wie Quellen und Bewohner.«
Wegkreuzungen, auf Hügeln und unter uralten Bäu- —Andergaster Aufzeichnung, um 200 BF
men kleine Altäre findet, die häufig liebevoll gestaltet
und mit reichlichen Opfergaben versehen sind.

Der Glaube im Alltag


»Ich soll was? Einen Schluck meines guten Bieres auf den Größere Tempel mit vielen Geweihten und Novizen
Boden schütten? Verdracht, bist du denn irre? Das soll die sind in den Streitenden Königreichen selten. Stattdes-
Geister des Waldes besänftigen? Bei Angroschs Hammer, das sen werden meist Schreine für eine einzelne oder gleich
kann doch nicht dein Ernst sein!« mehrere Gottheiten errichtet. Auch gemischte Tempel,
—Arbosch Sohn des Angrax, ambosszwergischer Meisterschmied die von zwei oder mehr Kirchen gemeinsam unterhalten

108 Götter & Dämonen


werden, kommen vor, so etwa Wehrtempel, die Peraine, Herrscher, sowie Rondra als Göttin von Ehre und Streit-
Travia und Rondra geweiht sind. barkeit. Dabei wird sie in Andergast oft in Verwandt-
Reisende Helden sehen sich in den Streitenden König- schaft zu Praios gesetzt, und man achtet eifersüchtig
reichen zudem oft mit eigenartigen Verehrungsformen darauf, dass Frauen dieser kämpferischen Sonderrolle
der Götter konfrontiert. Selten reicht es hier aus, einen nicht allzu viel Gewicht beimessen, oder sie gar selbst
Tempel aufzusuchen und ein paar Münzen in den Opfer- einzunehmen gedenken.
stock fallen zu lassen, und auch die Geweihten in Nost- Kein Andergaster Adliger jedoch würde eine schwer-
ria und Andergast haben sich nicht selten weit von den wiegende Entscheidung fällen, ohne vorher den Rat ei-
Lehren der Kirche in anderen Reichen entfernt. So ver- nes Sumen eingeholt zu haben Viele nostrische Adlige
ehren sie ihre Gottheit möglicherweise unter gänzlich konsultieren hingegen Hexen, um sich eines erfolgrei-
anderen Gesichtspunkten oder sogar mit einem völligen chen Vorhabens zu versichern. Allgemein wird in den
anderen Ritus. Streitenden Königreichen sehr stark auf die Zeichen der
Dabei entspringt manch kultische Handlung, die hierzu- Umgebung – sprich die Natur, mit all ihren Geistern –
lande üblich ist, aus der Vergangenheit. So hat in eini- geachtet. Manch ein hartes Urteil wurde auch deshalb
gen Gebieten der Landesherr oder die Landesherrin die gefällt, weil man glaubte, das Land verlange nach einem
Pflicht, sich jeden Frühling mit einer Priesterin oder ei- Blutopfer zur Sühne.
nem Priester einer lebensspendenden Göttin zu verei- Eine wichtige Rolle spielt auch, welche Schutzgottheit
nen, um damit die Fruchtbarkeit des Landes zu wecken. sich eine Familie auserkoren hat und wie lange sie diesen
In einigen Regionen Andergasts wird auch Andras Op- Glauben bereits betreibt. So ist die Familie Sappenstiel in
fer zelebriert, bei dem eine Frau als Stellvertreterin der Nostria bekannt dafür, dass sich in ihrer Burgkapelle der
Urgöttin Sumu rituell getötet wird. Oft finden sich sogar Schrein eines dreiäugigen Kriegsgottes findet, der noch
Freiwillige, die diese Bürde zum Wohle der Welt auf sich aus grauer Vorzeit zu stammen scheint. ( 181)
nehmen. Meist handelt es sich um eine ältere Frau, die Nicht selten vereiteln solch altertümliche und unter-
bereits mehrere Kinder zur Welt gebracht hat, es kann schiedliche Glaubensvorstellungen sogar die Heirat von
aber auch ein junges Mädchen sein. Andergastern und Nostriern mit Angehörigen horasi-
In Nostria werden Verbrecher gerne an Geweihte über- scher oder mittelreichischer Familien.
stellt und den Sümpfen übergeben. So will man dank
dem Segen der Überderischen sicherstellen, dass ihre Der Glaube des Volkes
rachsüchtigen Geister nie wieder hinaus finden und auf Das einfache Volk kennt vielerlei unterschiedliche We-
ewig gebunden bleiben. senheiten, die es zu besänftigen gilt oder die es um Hil-
fe bitten will. Travia und Peraine sind unter den Zwölf
Der Glaube des Adels sicher die beliebtesten Göttinnen, selbst wenn sie in ei-
Traditionell beruft sich der Adel darauf, von den Über- gentümlichen Formen verehrt oder angerufen werden.
derischen eingesetzt worden zu sein, und sieht es da- So werden sie häufig als Trabina in Gestalt einer son-
her als sein Recht an, alle Macht auf sich vereinen zu nenscheibentragenden Adlerin verehrt, oder als Perai-
dürfen. Aus diesem Grund sind zwei Gottheiten aus sumu, die allumfassende Lebensspenderin.
dem Pantheon der Zwölf unter Adligen besonders be- Der Glaube, dass Sumus Leib die Welt ist, auf der man
liebt, Praios, der Sonnengott und Schutzpatron der lebt, ist tief verankert. Nicht zuletzt daher fragt man oft
jene um Rat, welche Sumu und ihrem Wesen besonders
nahe sind. Auch das einfache Volk wendet sich daher bei
kleinen und großen Problemen des Alltags oft hilfesu-
chend an Sumen (Andergast) oder Hexen (Nostria).
Das heißt aber lang nicht, dass die Zwölfgötter gänz-
lich unbekannt wären. Boron als Herr des Todes ist so
gut wie jedem ein Begriff. Hesinde als Herrin der Ge-
lehrsamkeit ist hingegen außerhalb von Magier- und
Gelehrtenkreisen deutlich unbekannter. Firun wird
in unterschiedlicher Form in fast allen Waldregionen
verehrt. Mal ist er der Alte vom Berge, mal Orvai oder
Kurim, je nachdem wie hoch der Anteil der Goblins ist.
Meist wird er als unerbittlicher Jagdmann mit einem
Hirschgeweih angerufen.
Efferd genießt besonders in Nostria große Verehrung.
Als Herr von Wasser und Wind gilt er als Weltenschaf-
fer, dem alle anderen Götter Untertan sind – wie bei
den Thorwalern wird ihm keine Gestalt zugeschrie-
ben, sondern er gilt als Urgewalt, die es zu besänfti-
gen gilt.

109
Die Widersacher
»Es ist schwierig auseinanderzuhalten, wen die Einheimischen Lokale Schauergestalten
als Widersacher fürchten oder als eigene Gottheit verehren. Alle Hinter vielen Naturschauspielen vermuten die Be-
Wesenheiten gilt es offenbar gleichermaßen zu besänftigen. Da wohner der Streitenden Königreiche eine Seele
ich erfahren musste, dass der Alte vom Berge einer archaischen oder das Wirken eines Überderischen. Die Läufe
goblinischen Jagdgottheit gleichgesetzt wird, bin ich erleichtert von Ingval und Tommel gelten als beseelt, mal als
zu hören, dass die blutsaufenden Götzen der Orks auch in den Flussfürst, mal als Verkörperung Tsas oder Tsatua-
Streitenden Königreichen fast immer als Feinde der Menschen ras. Wo die Überderischen so nahe sind, finden sich
gelten. Würde doch nur unsere weise Herrin höher geschätzt! immer auch Schauergeschichten, wie die über den
Wenig wissen sie hier über den Goldenen Drachen, was vermut­ roten Hahn Güldenkamm, der Feuerbrände bringt
lich auch besser so ist. Aber sie fallen nur zu leicht den Versu­ oder unaussprechliche Krankheiten. Bilwis ist ein
chungen des Namenlosen anheim, denn der verspricht Macht Geist des Korns, der nachts über die Felder zieht,
und Ansehen. Bisher sind allerdings nur wenige aufgefallen, die um sie zu verwüsten oder die Ernte zu verderben.
offene Dämonenverehrung praktizieren oder etwa den tödlichen Ein Butz ist ein Geist, der in die Menschen einfährt
Irrlehren der Borbaradianer anheimgefallen sind.« und sie krank macht oder in ihren Häusern für Un-
—Eno Kariolinnen, hesindegeweihter Erzabt der Draconiter, in ruhe sorgt. Druden saugen Schläfern die Lebens-
einem Bericht an seinen Abtprimas im horasischen Thegûn, kraft aus, gelten aber in Form der Harpyie auch als
1037 BF wahnsinnige Vermittler des göttlichen Willens. In
der Waldwildnis soll der Einsame Wanderer Kin-
Auch wenn in den Streitenden Königreichen viele Geis- der rauben und die Kreaturen des Waldes auf die
ter, Wesen oder Götter verehrt werden, die im Mittel- Leute hetzen.
reich die Inquisition auf den Plan rufen würden, gilt der Andere Wesenheiten, die im Aberglauben gefürch-
Namenlose als Widersacher, den es zu bekämpfen und tet werden, sind der Schnapper, der Wegkreuzun-
dessen Anbetung es zu verhindern gilt. gen unpassierbar machen soll, der Schwarze Hund,
Von seinen Anhängern wird der Dreizehnte hierzulan- der seine Opfer grausam zu Tode hetzt, oder Neha-
de meist als gesichtsloser Mann dargestellt, dessen Haut lennia, die Dunkle Herrin der Nachtmahre. Sie soll
aus schierem Gold zu bestehen scheint. Sein Henkers- darüber entscheiden, ob ein Toter aus seinem Grab
strick macht ihn zum Richter und gibt ihm Gewalt über aufsteigt, und kann nur durch Sümpfe oder andere
die Sterblichen. Auch in den Streitenden Königreichen Pfuhle getäuscht werden. Kopflose Reiter, aus un-
agieren die Geweihten des Namenlosen aus dem Ver- gezählten Schlachten hervorgegangen, sind eben-
borgenen, und trachten nicht selten danach, Hass und falls Kreaturen, die jemanden heimsuchen, der mit
Unfrieden zu schüren, um den Einfluss der anderen Göt- Fehl und Tadel behaftet ist, ebenso wie Ahnfrauen
ter einzudämmen. oder Ahnherren, die als Geister die Lebenden quä-
Manchmal gelingt es seinen Priestern sogar, sich zwi- len, wenn sich die Familie gegen sie wendet.
schen Aberglaube und alter Götterverehrung so ge- Eine der bekanntesten Rachegestalten der nostri-
schickt zu positionieren, dass ihre kruden Glaubensvor- schen Vergangenheit, die auch heute gern noch als
stellungen gänzlich unentdeckt bleiben. Kinderschreck bemüht wird, ist der Schwarze An-
dergaster. Der Legende nach entsprang er der Ver-
»Einerlei, ob sie dem orkischen Stier oder dem bindung einer Menschfrau und eines Dämons (oder
goblinischen Eber anhängen, ob sie Feen umgekehrt) und hielt auf einem schwarzen Ross
fürchten oder Schrate verehren. Wir werden oder Einhorn blutige Ernte unter den Nostriern.
sie uns holen wie reife Früchte, wenn ihre Zeit
gekommen ist. Zunächst aber bezwingen wir
die Geweihten der zwölf falschen Götter. Alles
andere fällt uns dann in den Schoß! Sumen und vermischt sich hier die Verehrung, oder der Zwölfgott
Satuarienstöchter sind keine Gefahr für uns, die wir dem allein wird gar zur Gänze verdrängt. Selbst der gefährliche
Wahren dienen.« Übergang zur Verehrung des eisigen Jägers, des Erzdä-
—Arraloth Westfal, Hand des Namenlosen, 1038 BF monen Nagrach, ist an manchen Stellen fließend, ohne
dass es den Gläubigen so recht bewusst ist. Die Geweih-
tenschaft der Kirchen Firuns und Ifirns versuchen eini-
Besonders in abgelegenen Regionen der Königreiche ges, um diesen Aberglauben zu beenden, was ihnen bis-
haben sich immer wieder auch fremde Kulte mit dem her aber kaum gelingt.
Volksglauben durchmischt. Orvai und Kurim beispiels- Kultischen Charakter hat auch das Versenken von Ver-
weise sind Interpretationen des goblinischen Gottes brechern in den Mooren Nostrias. Um vor der Rache der
Orvai Kurim, der für Kampf und Jagd steht. Er bean- Totengeister verschont zu bleiben oder gar ein untotes
sprucht ähnliche Aspekte wie Firun, und vielerorts Weiterleben als Wiedergänger zu vermeiden, bringt

110 Götter & Dämonen


man Opfer an die Überderischen, be- Menschen jedoch aus Unkenntnis
sonders die finstere Nehalennia (sie- über die Riten der Schwarzpelze
he unten). Schnell sind auch zwei kaum auffällt. Altäre aus alter Zeit,
Wesenheiten zur Stelle, die solche als die Orks noch Herrscher der Lan-
Verstorbenen in ihren eigenen Rei- de waren, zeigen den schwarzen
hen wissen wollen: der Knochen- Stier des Todes (Tairach) oder den
mann Thargûn und die Wasser- goldenen Stier der Sonne (Brazo-
frau Karyba. ( 181) ragh), die heute meist als Darstel-
lungen des Auerochsenkönigs in-
Die Anbetung des Auerochsenkö- terpretiert werden. Dass man sie
nigs in Andergast ist nicht allein auf gelegentlich mit Blut reinwäscht,
den Willen der Sumen zurückzufüh- um den missliebigen Blick der Über-
ren. Tatsächlich weisen die mancher- derischen abzuwenden oder um ihren
orts üblichen Stierkulte oft Ähnlichkeit Zorn zu besänftigen, mag manch Zwölf-
zum Glauben der Orks auf, was den meisten göttergläubigem allerdings zu denken geben.

Kirchen & Kulte


»Rondrasdonnerhallnocheins! Diese Verwirrten wollen mir haben. Ihr Einfluss aber hängt maßgeblich davon ab, ob
einfach keinen Waffensegen spenden, weil ich nicht Bürger der Grundherr die Verehrung einer Gottheit gutheißt
ihres Reiches bin. Zum einen verfluche ich sie hiermit bis und somit begünstigt. Allein Travia und Peraine finden
ins letzte Mark. Zum anderen gelobe ich, in der Löwenburg weithin Verehrung, die in Form und Funktion dem Ideal
Perricums Zeugnis abzulegen über das Gebaren hier, sollte ich der Kirchenoberen aus Rommilys und Ilsur sehr nahe ist.
– nach der Himmelsleuin Willen – diesen Kriegszug überstehen. Geweihte beider Kulte sind in den Streitenden Königrei-
Der blutsaufende Kor sei mein Zeuge!« chen gerne gesehen und werden bereitwillig aufgenom-
—Thalevia, Uhdenberger Doppelsöldnerin, 1010 BF men. Tsa wird meist in ihrer Eigenschaft als Wandlerin
verehrt, jedoch haben viele Geweihte Probleme, die Leh-
Erst nach und nach hat der kulturelle Einfluss von Horas- ren der Göttin neben dem Glauben an Ingval zu behaup-
und Mittelreich die Zwölfgötterkulte in den Streitenden ten. Phex wird abseits der großen Städte kaum als Gott
Königreichen an Einfluss gewinnen lassen. Immer wie- des Handels wahrgenommen, und seine Kirche agiert
der wurden Geweihte ausgesandt, um den Bewohnern meist im Verborgenen.
dieser „rückständigen Lande“ den „wahren Glauben“ zu Praios und Boron werden häufig als göttliches Wider-
bringen. Je mehr Kontakt die Einheimischen zu Fremden sacherpaar verehrt, so wie der Lowanger Dualismus es
haben, desto näher ist ihr Glaube meist auch am Zwölf- lehrt. Praios ist dann der Gott des Lichts und des Lebens,
götterglauben, wie er beispielsweise im Horas- oder Mit- Boron der des Todes und der Dunkelheit – eine Eintei-
telreich praktiziert wird. Häufig werden Tempel, in de- lung, mit der sich keiner der beiden Kulte bis heute so
nen eine wirklich orthodoxe Sichtweise auf die Zwölf recht abfinden kann. Die alten Götter der Elemente, Ef-
gelehrt wird, sogar durch die unterschiedlichen Kirchen ferd als Gott von Wasser, Wind und Fischerei, Ingerimm
mit finanziellen Mitteln unterstützt und gefördert. als Gott von Feuer und Handwerk, und Firun als Gott von
Ansonsten funktionieren die meisten Kirchen und Kulte Eis und Jagd, genießen hohes Ansehen – und ihre Kirchen
in den Streitenden Königreichen fast immer ein wenig sind unterschiedlich genug, dass die meisten der Vereh-
anders als in anderen Regionen Aventuriens. Eine Aus- rungsformen Platz finden. In letzter Zeit nimmt sich auch
nahme bilden die größeren Orden, die sich hier nie- die Kirche der Ifirn zunehmend der Tempel und Schreine
dergelassen haben. Ihre Ordenshäuser orientieren sich Firuns an und betreut diese.
auch hier stark an den Leitlinien der jeweiligen Gemein- Mancherorts gelten die Elementargötter und ihr Gefol-
schaft, sie sind jedoch meist von geringer Bedeutung ge wie Winde, Strömungen oder Wälder sogar als derart
und haben wenig Zulauf. Die Draconiter, Mitglieder mächtig, dass man ihnen Menschenopfer bringt, eine Pra-
des hesindianischen Wissensordens, sowie die Anconi- xis, die in den meisten anderen Reichen unter Bann steht.
ter, Mitglieder des magischen Heilerordens, gelten als Rondra, die Göttin von Mut, Ehre, Schlachtenglück und
die einzigen, denen es gelungen ist, hier dauerhaft und ehrenvollem Kampf, wird als Beschützerin angerufen,
nachhaltig Fuß zu fassen. Gerade die Draconiter, die sich und ihre Geweihten haben einen guten Ruf. Dass Frauen
der Göttin des Wissens verschworen haben, und ein gro- in Andergast aber die Befähigung für das Kriegshand-
ßes Haus in der Nähe von Salza unterhalten, können da- werk abgesprochen wird, und die Göttin dort oft Praios
von ein Lied singen, denn Hesinde wird außerhalb von als Gemahlin oder Tochter beigestellt wird, hat in der
Gelehrtenkreisen kaum angerufen. Kirche schon für reichlich Verstimmung gesorgt.
Einige Tempel der Zwölf mögen zwar prächtig ausgestat- Allein die Kirche Rahjas, die in Joborn einen ihrer
tet sein, andernorts mögen sie nur einen kleinen Schrein Metropoliten weiß, nimmt die Abweichungen in den

111
Streitenden Königreichen mit stoischer Ruhe hin. Ob großes Anliegen war den Oberen jedoch die Aufhebung
nun die Himmelsrösser Tharvun und Sulva verehrt wer- des Glaubensverbots. Der Rahjakult war in Andergast
den, oder Rahja als Spenderin von Bier und Geselligkeit, bis 1022 BF unter Strafe verboten, weil er sich durch die
scheint im horasischen Belhanka, wo der Hauptsitz der Verbrüderung von Joborn (siehe Seite 108) in die Politik
Kirche liegt, kein Grund für Beunruhigung zu sein. Ein des Adels eingemischt hatte.

Naturreligionen
Die Sumen, so nennt man in Andergast die Druiden, neh-
»Ich höre, dass in den Streitenden Königreichen, so men dort häufig eine Rolle als Priester ein und über-
werden Andergast und Nostria gerufen, die Zwölfe nehmen so viele Aufgaben im alltäglichen Leben. Wo
nicht so geachtet werden, wie es ihnen gebührt. man in anderen Ländern Geweihte der Zwölfgötter
Dort würden Druiden und Hexen als Priester oder ihrer Kinder bei Geburt, Eheschließung oder um
angesehen, die den Willen der Unergründlichen den Segen ihrer Gottheit bittet, tragen viele Ander-
verkünden. Großspurig nennen sie sich Sumen oder gaster solche Anliegen an die Sumen heran. Sie gelten
Töchter Satuarias, und erdreisten sich, im Wetter die als die einzigen, die den Willen Sumus in seiner Gesamt-
Zukunft zu lesen, in Wind, Grund und Wasser die Vergangenheit heit deuten können. Aus genau diesem Grund stehen sie
und aus dem Wuchs von Pflanzen oder dem Wildwechsel der Tiere auf der einen Seite über den Gesetzen, auf der anderen
über das Jetzt zu bestimmen. Sie sollen sich sogar bemüßigt fühlen, Seite gestalten sie diese mit, indem sie als Berater des
als Entscheider über Recht und Unrecht aufzutreten. Adels tätig werden. Da ohnehin kaum ein Bewohner der
Vielleicht wohnt ihrem Glauben ja ein Funke Wahrheit inne, das Streitenden Königreiche unterscheiden könnte, ob die
kann ich erst beurteilen, wenn ich ihn selbst erlebt habe. Aber es Wunder, die ein Sume wirkt, durch göttliches Karma
ist grundsätzlich falsch, die göttergegebene Ordnung derart zu oder Astralkraft in die Welt treten, gelten sie immer als
untergraben, und den Tempelzehnt etwa darauf zu verwenden, einen Mächtige, und damit als Respektspersonen. Sie sind die
Baum oder See zu besänftigen, erscheint mir in der Tat wenig weise.« Auserwählten, denen die Waldschrate ihr Ohr leihen,
—Nacladora Berlînghan, hesindegeweihte Draconiterin und gelten somit als letzte menschliche Instanz, die
über das Recht gebietet, Bäume zu schlagen oder Tiere
zu erlegen. Der Rat der Sumen ist daher das wichtigste
Das einfache Volk verehrt in den Streitenden Königrei- Priestergremium in Andergast. Mit dem Recken Sumus
chen vielerlei Dryaden, Nymphen oder anderer Feenwe- stellen sie auch den wichtigsten geistlichen Berater des
sen, den Tierkönig von Auerochs und Hirsch sowie das Andergaster Königs.
traurige Einhorn Keldoran oft deutlich höher als die In Nostria gilt ähnliches für die Hexen, die Töchter
Zwölfgötter. Auch der Eichenkönig, das legendäre We- Satuarias. Der innere Zirkel der Hexen von Hallerû ist
sen, das hierzulande als erster Spross Sumus verehrt eine Quelle der Macht, die im Volk eine derartige Ver-
wird, und das gerüchteweise in der Waldwildnis haust, ehrung genießt, dass auch eine gebildete und durchaus
genießt große Achtung, und wird sowohl von Sumen als hesindefürchtige Königin wie Yolande kaum Entschei-
auch Hexen zur Vermittlung angerufen. ( 177) dungen treffen kann, die ihnen zuwiderlaufen.

112 Götter & Dämonen


ZAUBEREI &
HEXENWERK
»Sicher gibt es solche Zauberwirker, du wirst sie Magier
nennen wollen, die sich allein darauf versteifen, dass
jedes arkane Wirken durch den Kopf geprägt sein muss,
durch das Verstehen und Durchdringen des Zaubers.
Dazu nutzen sie immer wiederkehrende Gesten und
Formeln, um Madas Gabe zur Entfaltung zu bringen.
Völliger Unfug! Sie vergessen dabei nämlich, dass es
manchmal jähe Leidenschaft braucht, um überhaupt
den ersten Funken für den Einsatz von Magie zu entfa­
chen. Sie sind den Sumen nicht ganz unähnlich, im stu­
ren und ausschließlichen Weltbild, das sie da pflegen. Die
Druiden glauben nämlich auch, zu Höherem berufen zu
sein, obwohl auch sie nur zaubern. Und immer wollen sie
im Geheimen wirken, beinahe so, als wollten sie in einem
Gebet an die ganze Welt die Macht des Mondes auf das
Land entfesseln. Als ob sie sich ganz durch die Kraft ihrer
Seele auf Mada einlassen. Ich gebe ihnen, dass sie leiden­
schaftlich sein können, aber ich habe auch schon Magier
über Büchern weinen sehen. Und das genaue Beobachten
ist auch mir nicht fremd.
Wo wir unsere Stäbe und Fässer und Besen haben, die
mit Hexensalbe bestrichen, famose Fluginstrumente
sind, haben die Sumen ihre Steindolche oder Wachspup­
pen – und vermögen damit so einiges anzustellen. Nie­
mand soll mir was erzählen! Selbst die Magier haben ihre
Stäbe, manche sogar Kristallkugeln. Ach, wüssten sie ihr
Handwerkszeug nur besser einzusetzen. Aber wo sich die
einen durch schiere Hesindemacht lenken lassen, sind
die Sumen in ihrer Glaubenswelt gefangen. Und genau
da liegen sie falsch. Ihr Leib muss nicht beschützt wer­
den, Sumu selbst muss wiedererweckt werden! Genau
das hat Satuaria erkannt und uns deswegen auserwählt.
Madas Macht durchdringt uns dank ihr, und so können
wir Dinge vollbringen, wie sonst kaum jemand. Aber ver­
gessen wir deswegen, wer wir sind? Wie Satuaria uns
geformt hat? Nein, denn daran hindern uns schon die
Vertrauten, und ich schwöre, dass mein getreuer Farlion
weit besser weiß als ich, was der Wind flüstert oder was
die Wasser wispern. Doch ist mein Zorn erweckt, dann
wird er das Verderben bringen, auf schweigsamen Flü­
geln. Ich lasse mir meine Geheimnisse nicht entreißen
und in einem staubigen Buch niederlegen, damit ein
Stadtkind sie als Ammenmärchen lesen kann, mit Si­
cherheit nicht!«
—Naringrath, verschwiegene Schwester aus dem Zirkel
der Hexen von Hallerû, 1039 BF

113
Viele Einwohner der Streitenden Königreiche fürchten als Rohal der Weise das Gesetzeswerk zu Magie und
die Macht der Zauberkundigen, die sich ihnen oft als den Gilden erließ, gilt der Codex Albyricus hierzulande
großes Mysterium darstellt. Druiden und Hexen werden nicht. Die Nostrier erkennen ihn lediglich an, weil ihre
daher nicht selten Geweihten als gleichrangig angese- Akademie sich der Denkschule Rohals verbunden fühlt.
hen. Deutlich unterscheidet sich hier auch Ansehen und In den Augen des Andergaster Adels sind seine Paragra-
Rang eines Gildenmagiers von den übrigen Reichen. Da phen jedoch keiner Beachtung wert und finden daher
die Streitenden Königreiche bereits unabhängig waren, nur höchst selten in der Rechtsprechung Anwendung.

Zauberei & Alltag


Viele Wesen in Wald und Fluss, See, Teich oder Meer sind das Gleichgewicht der Welt, und sehen sich als Vermitt-
zaubermächtig. Wesen wie Dryaden, Nymphen oder Mar- ler zwischen den Menschen und dem Wald und allem,
wolde sind oft auch Quelle für Angst und Aberglauben, was darin lebt. Nicht einmal der konservative Ander-
sodass die Menschen lieber auf ihren Äckern oder aus- gaster Adel würde es wagen, Holzfäller in den Wald zu
getretenen Holzfällerpfaden bleiben. Waldschrate und schicken, ohne vorher den Segen eines Sumen einge-
Einhörner sind für sie nicht nur Sagenfiguren, sondern holt zu haben. Auch bei vielen anderen Entscheidungen
können über ihr Überleben entscheiden. So mancher des Adels wird zuvor der Rat eines Weisen des Waldes
Holzfäller, der den falschen Baum schlagen wollte, wurde eingeholt.
von einem Marwold zu Tode geprügelt, mancher Fischer Ähnlich hoch angesehen sind in Nostria die Hexen, die
von einer Nymphe in ein nasses Grab gelockt. Die Sagen sich selbst Töchter Satuarias nennen. Auch sie werden
und Legenden zu tragischen Vorfällen mit übernatürli- in vielen Dingen um Rat gefragt, gelten aber mehr noch
chen Wesenheiten sind schier zahllos. Niemand möchte als Heilerinnen und weise Lehrerinnen.
im Streit der Tierkönige von Auerochs und Kronenhirsch Gildenmagier, die als Gelehrte in allen anderen Reichen
zwischen die Fronten geraten, oder dem Einhorn Keldo- hoch geschätzt werden, zählen hier hingegen meist nur
ran, das in der Waldwildnis Jagd auf Auerochsen macht, wenig, weil Bildung eher als unnütz angesehen wird.
in die Quere kommen. Es heißt, dass der Eichenkönig Ihrer Zaubermacht begegnet man misstrauisch, aber
Schmähungen ebenfalls nicht gut aufnimmt. mit Ehrfurcht. In den Streitenden Königreichen sind sie
eher selten, da es nur in den beiden Hauptstädten Aka-
In der Welt vieler Nostrier und Andergaster vermischen demien gibt, und magiebegabter Nachwuchs deutlich
sich Glaube und Zauberei. So mancher Dryade wird an öfter als anderswo zur Ausbildung zum örtlichen Sumen
ihrem Baum an einem kleinen Altar ein Opfer darge- oder einer Tochter Satuarias gegeben wird. Vereinzelt
bracht, damit sie nicht auf die Idee kommt, die Wald- ziehen sich jedoch durchaus Zauberer aus anderen Re-
schrate auf die Holzfäller zu hetzen. Aus Nostria ist auch gionen in die Einsamkeit zurück, um die Geheimnisse
bekannt, dass immer wieder Münzen in Seen und Flüsse der Streitenden Königreiche zu erforschen oder einfach
geworfen werden, um die dort hausenden Nymphen zu nur, um in Ruhe ihrem Tun nachgehen zu können.
besänftigen oder reichen Fischfang zu ermöglichen. Es In den Streitenden Königreichen gibt es außerdem eine
mag daher kaum verwundern, dass die einfachen Men- große Zahl an Magiedilettanten, die Madakinder ge-
schen der Streitenden Königreiche große Stücke auf nannt werden. Dabei handelt es sich um Menschen, de-
diejenigen halten, die ihre Zauberkraft zum Wohl der nen zwar Magie innewohnt, deren Talent jedoch nie
Menschen einsetzen, oder auf solche, die versuchen, das ausgebildet wurde. Das mag an einer minderen Bega-
schadhafte Wirken von Dryaden, Nymphen und ande- bung liegen, daran, dass sich zur rechten Zeit kein Lehr-
ren Naturgeistern zu mildern. Da kaum ein Bewohner meister fand, oder die Gabe wurde aus
der Streitenden Königreiche lesen kann, werden Furcht oder Aberglaube zu lange unter-
Heils- und Schauergeschichten durch den Volks- drückt, als dass sie sich noch voll entfal-
mund immer weiter verfremdet. Selbst Gelehr- ten könnte. Manche von ihnen sind hoch-
te vermögen daher oft nicht mehr zu erkennen, geschätzt, sei es weil sie ihre Magie als
welche Wesenheit wohl hinter einer bestimmten herausragende Handwerker in ihre Arbeit
Geschichte steckt. In den zahlreichen Sümp- einfließen lassen, auf geheimnisvolle
fen, in denen immer wieder auch übelwoll- Weise stets die richtigen Pfade in der
ende Magiewirker begraben werden, wim- Wildnis entdecken, zornige Natur-
melt es von Geistern und Ghulen. geister zu besänftigen wissen oder
die geheimnisvollen Ahnenzei-
Die Andergaster Druiden nennen sich selbst chen zu deuten vermögen, die
Sumen und betrachten sich als Priester der Schutz vor allerlei Unbill ver-
Urgöttin. Sie fühlen sich verantwortlich für sprechen. ( 182)

114 Zauberei &


Hexenwerk
Magische Traditionen
»Ja, sie haben Goblinhexerinnen und Orkpriester hier, aber die Vom gemeinen Volk Andergasts werden übrigens alle
brauchst du nicht zu fürchten. Das ist nichts, was anständiger Druiden ehrfürchtig Sumen genannt, ganz gleich, ob es
Stahl nicht sofort beseitigen kann. Mehr Sorge bereiten mir sich wirklich um einen Sumudiener handelt, oder er ei-
diese Sumen und Satuarienstöchter. Die kann man nicht ner anderen Denkschule angehört. So kann es durchaus
einfach so erschlagen, dazu achtet das Volk und sogar der Adel geschehen, dass ein Mehrer der Macht oder ein Hain-
sie hier eindeutig zu hoch.« druide von außerhalb ebenfalls als Sume tituliert wird.
—ein Koscher Ritter zu seinem Knappen, 1037 BF Auch unter den Andergastern folgen nicht alle Sumen
der gleichen Lehre, so ist Yehodan (siehe Seite 126) ein
Die Sumen Andergasts Mehrer der Macht, wohingegen Arbogast der Alte (siehe
Die Magie der Sumen ist sehr urtümlich und gleicht mit Seite 125) nach seiner Profession ein waschechter Su-
ihrer Gewalt so manches Mal den Mächten der Natur. mudiener ist.
Legenden besagen, dass sie im Krieg der Bäume einst
nostrischen Zauberern Einhalt geboten, die mit Dämo- Der Rat der Sumen
nenhilfe ins Andergaster Land eingedrungen waren. Su- Der Rat der Sumen blickt auf eine uralte Tradition zu-
men sollen die uneinnehmbare Feste Ysraeth durch ein rück. Die fünf (oder je nach Erzählung auch drei oder
Erdbeben vernichtet haben ( 183), und man sagt, sieben) mächtigsten Druiden kommen darin zusammen,
sie waren es, die einst Burg Dragenstein am weißen Berg und sie gelten als Sprecher des Auerochsen, der als Su-
aus der Welt entrückten. Selbst ein Andergaster Fürst mus Bote verstanden wird. Der Rat legt fest, wohin die
soll schon ihren Zorn zu spüren bekommen haben, als er gemeinsamen Bemühungen der Sumen zielen sollen.
den Ingval verseuchen wollte, um in Nostria eine Hun- Es ist unbekannt, wie häufig und wo dieser Rat zusam-
gersnot auszulösen (siehe Seite 136). menkommt. Die meisten Außenstehenden ahnen noch
nicht einmal, dass er überhaupt existiert, gelten doch
In der Philosophie der Sumen sind Menschen nur ein viele Druiden als Einzelgänger. Mitglieder werden nicht
kleiner Teil der Schöpfung und in keiner Weise darüber gewählt, sondern müssen sich durch die Bewältigung
erhaben. Sie sehen es als ihre Aufgabe, das Gleichgewicht mystischer Aufgaben bewähren, um ihre Einblicke in
zwischen Menschen und Natur oder auch zwischen un- das Wesen Sumus unter Beweis zu stellen.
terschiedlichen Aspekten der Natur aufrechtzuerhalten Derzeit gehören Arbogast der Alte und sein ehemaliger
oder herzustellen. Daraus folgt, dass sie in der Regel we- Meisterschüler Yehodan dem Rat an und verkörpern
der Menschenfreunde sind, noch zwingend auf der Seite zwei stark unterschiedliche Denkrichtungen. Die ande-
des Schwächeren stehen. In ihrer Weltsicht ist es völlig ren Ratsmitglieder bewegen sich zwischen diesen bei-
normal und legitim, dass der Wolf das Schaf reißt, oder den Positionen. ( 181)
dass der kräftige Baum dem kleineren das Licht nimmt.
Manchmal wird sogar behauptet, sie würden wie eine Die Hexen Nostrias
Naturgewalt selbst keinerlei Mitleid kennen. In Nostria ist auch im einfachen Volk der Glaube an Sa-
In der Nähe der Adelssitze gibt es meist einen Sumen, tuaria weit verbreitet. Hexen werden als Günstlinge der
denn in vielen Belangen der Natur, insbesondere beim ersten und wichtigsten Sumutochter betrachtet und
Holzschlag und der Jagd, holen Adlige gern den Segen gelten in allen Belangen, die das Land und die Menschen
eines Sumen ein. Es gibt aber auch zahlreiche Einsiedler betreffen, als kluge Ratgeberinnen. Es gibt zahlreiche
unter ihnen, die den Kontakt zu anderen Menschen mei- Dörfer, in denen eine Tochter der Erde, eine Seherin von
den und sich tief in die Wildnis zurückgezogen haben. Heute und Morgen oder eine Verschwiegene Schwester
Alle Sumen sind männlich, was an ihrer Herkunft aus lebt, wobei sich insbesondere die Eulenhexen besonders
dem patriarchalisch geprägten Andergast liegen mag, häufig als Satuariapriesterinnen sehen.
und es hat eine lange Tradition, dass ausschließlich be-
gabte Jungen ausgebildet werden. In unregelmäßigen Auch Hexen aus der Schwesternschaft der Wissenden,
Abständen treffen sie sich an einem verborgenen Ort in die häufig die Schlange als Vertrautentier haben, sind
den Ausläufern des Steineichenwalds, um Wissen aus- verbreitet, und sammeln vor allem Wissen über Zauberei
zutauschen, Rat zu halten und die Hierarchien zu bestä- in all ihren Aspekten. Sie gelten häufig auch als Mittle-
tigen oder neu zu ordnen. Zu diesen Treffen kommen rin zur Mondgöttin Mada und werden von Fischern und
häufig sogar Druiden anderer Schulen* und beteiligen Seeleuten aufgesucht,
sich an langwierigen Ritualen, denen große Macht zuge- um die besten Zeiten
schrieben wird. Auch die überaus seltenen Druidinnen für das Auslaufen oder Mehr über die verschie-
sind zu diesen Zusammenkünften zugelassen. Anlanden zu erfahren. denen Schwesternschaften
Diese Hexen bilden der Hexen erfährst du im
Die Denkschulen der Druiden ähneln den Schwesternschaf- den Kern der nostri- Regelwerk oder im
ten der Hexen und vereinen Gleichgesinnte. Mehr dazu er- schen Gelehrtenschaft, Aventurischen Almanach
fährst du im Aventurischen Almanach auf Seite 195. auf Seite 194.

115
denn sie bewahren ihre Über- Beide Königreiche haben ihre eigenen Grundsätze, was
lieferungen und die Geschich- die Ausbildung von Gildenmagiern anbelangt – und die
ten des Landes und geben diese könnten unterschiedlicher kaum sein. Während Nost-
an ihre Schülerinnen weiter. In ria den Codex Albyricus anerkennt, der Gildenmagier
den Städten Nostria und Salza vor der gemeinen Rechtsprechung schützt und der Gil-
leben auch einige Schöne der dengerichtsbarkeit unterstellt, genießt selbst ein Magi-
Nacht. Es halten sich zudem hartnäckige er mit Akademiesiegel in Andergast keine besonderen
Gerüchte, dass es irgendwo in der Waldwildnis eine Ge- Vorrechte, solange er nicht in Diensten eines Adligen
meinschaft böswilliger Hexen gibt, die den Kontakt zu oder gar des Königs steht.
ihren Schwestern verweigern.
Zweimal im Jahr treffen sich die nostrischen Töchter Der Magier aus Andergast
Satuarias an den Tagundnachtgleichen zur Hexennacht. »Nur wer weiß, was gehorchen heißt, sollte befehlen dürfen!«
Auf einem kaum zugänglichen und von Marwolden be- —die Andergaster Spektabilität Aljawa Walsareffnaja, neuzeitlich
wachten Tanzplatz auf den Kalkklippen von Hallerû
beraten sie sich, feiern gemeinsam und brauen die He- Seit seiner Gründung ist das Kampfseminar zu Ander-
xensalbe. Bei diesen Gelegenheiten können auch beson- gast, ein unverzichtbares Werkzeug der Herrscher. Un-
ders starke Flüche und Rituale ausgeführt werden, für zählige Scharmützel und so manchen Kriegszug gegen
welche die Kraft der Gemeinschaft erforderlich ist. das verhasste Nostria haben die fähigen Kampfmagier
zugunsten der Andergaster entschieden.
Die hohen Drei Lange Zeit war es Pflicht, dass die Abgänger ganze zwölf
Der Zirkel von Hallerû ist einer der mächtigsten He- Jahre der Krone dienten, und vielerorts wird noch im-
xenzirkel Aventuriens, auch wenn er vielleicht nicht so mer erwartet, dass ein dort ausgebildeter Zauberer sich
bekannt ist, wie die Hexen des garetischen Reichsforts ganz und gar auf das Königreich einschwört. Bis heute
oder des Weidener Blautanns. Die Hohen Drei, die im- bildet die Akademie daher kriegserfahrene und wildnis-
mer unterschiedlichen Schwesternschaften entstam- kundige Magier für den Monarchen aus, die als magie-
men müssen, stehen dem Zirkel vor und werden auf den kundige Kämpfer und Heiler an den Adelshöfen oder in
großen Hexenfesten gewählt oder im Amt bestätigt. Die den Heerhaufen Andergasts dienen. Diese enge Bindung
Katzenhexe Karlitta von Lyckweiden (siehe Seite 123) an das Königreich brachte der Schule außerhalb der
ist eine von ihnen, und in der Eulenhexe Naringrath Landesgrenzen jedoch den Ruf ein, engstirnige, gewalt-
(siehe Seite 123) hat sie eine streitbare Gegenspielerin verliebte und halbgebildete Magier hervorzubringen.
gefunden. Während Karlitta die nostrischen Hexen in Die traditionsverhaftete Akademie hat erst unter der
eine moderne und gelehrte Zukunft führen will, hält Na- Herrschaft König Efferdans einige lang debattierten
ringrath ihr Tradition und Verschwiegenheit entgegen. Änderungen im Lehrplan umgesetzt. Seither wird ver-
stärkt auch Wert auf Taktik gelegt, die magische For-
Madakinder schung wurde zaghaft ausgebaut und die Verbindungen
»Wie die Sonne am Himmel zieht, scheint auch die Mondfrau zur Grauen Gilde wurden gestärkt. Im Austausch für
über uns. Aber einigen gewährt ihr silbriges Licht Gaben, die Formeln wie den mächtigen IGNISPHAERO werden nun
allen anderen verwehrt bleiben.« die Regelungen des Codex Albyricus konsequenter von
—weithin gehörter Ausspruch in den Streitenden Königrei­ der Akademie umgesetzt, als zuvor. Dies führt aber nicht
chen, neuzeitlich selten zu Konflikten, da das Gesetzeswerk in Andergast
nicht anerkannt wird, und Absolventen sich daher nicht
In vielen Dörfern gibt es besonders erfolgreiche Fischer auf die entsprechenden Rechte berufen können.
oder Holzfäller, die keinen Waldschrat fürchten. Manch- Nicht wenige Absolventen ziehen seither aber auch eine
mal handelt es sich bei jenen Menschen um Magiedi- Verpflichtung bei der Gilde dem inzwischen nicht mehr
lettanten, die in den Streitenden Königreichen meist obligatorischen Militärdienst vor. Für sechs Jahre kön-
Madakinder genannt werden. Auch gibt es Handwerker nen sich die frischgebackenen Adepten beispielsweise
mit übersinnlichen Fähigkeiten oder Sänger, deren Lie- beim Ordo Defensores Lecturia (ODL), einem kämpferi-
der sogar die Geister besänftigen können. Auch wenn schen, graumagischen Orden, oder bei einer beliebigen
sie von allerlei Aberglauben umrankt sind, müssen sie grauen Akademie verdingen.
sich hierzulande meist nicht verstecken oder ihre Kräf-
te verbergen. Stattdessen werden Madakinder häufig Der Ton an der Akademie ist rau und es wird viel Wert
als Priester angesehen, oder sie gelten als von den Über- auf praktische Fähigkeiten gelegt. Lektionen im Stab-
derischen Auserwählte, deren Rat man achten sollte. fechten, der Umgang mit dem Hirschfänger, sowie gute
Kenntnisse in Wildnisleben bereiten die Zöglinge auf das
Die Magier der Streitenden Königreiche harte Leben außerhalb der Akademiemauern vor. Kör-
»Das nennen diese Söhne der Einfalt Magie? Lächerlich!« per und Geist werden oft gleichermaßen gestählt, und so
—der Magiersultan von Gorien, Hasrabal ben Yakuban, vermittelt das Schwimmen in unterkühlten Gewässern
neuzeitlich den Zöglingen zugleich die nötige Selbstbeherrschung.

116 Zauberei &


Hexenwerk
Absolventen, die ihre Prüfung mindestens mit cum lau­ Das Kampfseminar Andergast in der Übersicht
de (Bosparano: mit Lob, gut) bestehen, erhalten neben Vollständiger Name:
ihrem Gildensigel zudem eine eigens für sie gefertig- Königlich Andergastsche
te Waffe. Dieser Hirschfänger, eine schwerere Versi- Lehranstalt des Arkanen
on des Eberfängers, der als Kurzschwert geführt wird, Kampfes zum Trutz wider
misst in der Länge rund 3 Spann, eine Waffenlänge, die Nostria
vom Codex Albyricus für Magier gerade noch gestattet Standort: Stadt Andergast
wird. Ihre Fähigkeiten an der Waffe müssen die Zöglin- im Königreich Andergast
ge nicht nur in Übungseinheiten, sondern oft auch in Gilde: Große Graue Gilde
der Praxis im Kampf gegen Nostrier, Gesetzlose oder des Geistes
Goblins unter Beweis stellen. Ein Großteil der Ausbil- Spezialgebiet: Kampfmagie
dung findet direkt in der Wildnis und in Gesellschaft der Bevorzugte Merkmale: Einfluss, Elementar,
Waffenknechte des Adels statt, damit die Eleven lernen, Verwandlung
wie sie am besten in einer Schlacht eingreifen können. Spektabilität: Aljawa Walsareffnaja
Die meisten Abgänger der Akademie sind daher körper- Fachliche Reputation: Die Abgänger der Akademie
lich recht robust und wissen auch, viele Pflanzen und sind abgehärtete Kampfmagier mit einem großen
Tiere des Waldes zu bestimmen. Während die theoreti- Repertoire an Schadenszaubern. Viele Andergaster
sche Ausbildung selbstredend unter so viel Praxis leidet, Magier treten in den Dienst des andergastischen
wird jedoch größter Wert auf die Wappenkunde gelegt. Adels, der Gilde oder suchen neue Herausforderun-
Gerade im Grenzland leistet die Heraldik unschätzbare gen auf Abenteuerreisen.
Dienste, um Freund und Feind zu unterscheiden.

Die Spektabilität Aljawa Walsareffnaja (*989 BF, 1, 78 den Bleikammern tatsächlich einige druidische Artefak-
Schritt, blauschwarze Haare, dunkler Hautton, spitze te unter Verschluss gehalten. Traurige Berühmtheit un-
Ohren) ist eine norbardischstämmige Halbelfe und gilt ter den Abgängern erlangte der Bastardbruder König
als begnadete Wildniskundige, die bereits in jungen Jah- Wendolyns, Asmodeus von Andergast. Er stand im Krieg
ren ihre Prüfung ablegte. Sie hat die Akademie auch für auf Seiten des Dämonenmeisters Borbarad und paktierte
Frauen geöffnet, was ihr besonders in Andergast nicht mit dem Erzdämonen Lolgramoth. Bevor er sein Ende
nur Freunde gebracht hat. durch Heldenhand fand, verfluchte er mit seinem letzten
Legenden besagen, dass die Gründung der Zauberschule Atemzug Rohaja, die Kaiserin des Mittelreichs.
auf das gemeinsame Wirken von Sumen und bosparani-
schen Magiern zurückgehen soll, und noch heute wird Die Magierin aus Nostria
angeblich loser Kontakt zu den Weisen des Waldes ge- »Licht ist nichts anderes als die Abwesenheit von Dunkelheit. Und
halten. Einige wollen sogar wissen, dass die Akademie Dunkelheit nichts anderes als die Abwesenheit von Licht. Beides ist
seit dem Fall des Feste Ysraeth im Jahre 615 BF dem ein Teil des Lebens, verwunden und untrennbar. Ausgleich muss
obersten Sumen noch einen großen Gefallen schuldet, das Streben aller Wesen sein, sie sollen die Dunkelheit und das
den er jederzeit einfordern könne. ( 183) Auch Licht gleichermaßen lieben. Zu fürchten ist nur die Finsternis.«
wenn beides nicht belegt werden kann, werden wohl in —Rohal der Weise

117
selten eine magische Begabung seines Nachwuchses, ist
Die Akademie von Licht und Dunkelheit in der Madas Gabe doch anders als im Mittelreich kein Hinde-
Übersicht rungsgrund für die Herrschaft über Land und Leute. Und
Vollständiger Name: Arka- auch viele Städter wünschen sich heimlich, dass ihre
ne Lehr- und Forschungsan- Töchter und Söhne einst an der Akademie studieren, dem
stalt vom Dualismus zwischen Beispiel der klugen Königin folgend.
Licht und Dunkelheit zu Nost- Die Ausbildung in Nostria ist bei Weitem nicht so streng
ria; Königlich-Nostrisches reglementiert wie in anderen weißmagischen Akademi-
Lehrinstitut der Zauberei en. Es wird zudem großer Wert auf solide handwerkliche
Standort: Stadt Nostria im Fertigkeiten gelegt, denn man sagt, dass man Magie eben-
Königreich Nostria so gründlich und gewissenhaft wirken sollte, wie man
Gilde: Bund des Weißen Pentagramms ein Werkstück mit den eigenen Händen oder Werkzeug
Spezialgebiet: Veränderungen von Objekten; Licht- formt. Arbeitseifer und Selbstansporn gelten daher als
und Dunkelheitsmagie; neben Magie auch profanes wichtige Voraussetzungen, um den Lehrplan zu bewäl-
Handwerk tigen. Dieser ist an den Idealen des großen Rohal ausge-
Bevorzugte Merkmale: Elementar, Objekt richtet, und stellt Selbsterkenntnis in den Vordergrund.
Spektabilität: Caibre Arnstätter Tugendhaftigkeit, Bescheidenheit und Bodenständig-
Fachliche Reputation: Innerhalb der Weißen Gil- keit gelten als erstrebenswerte Ziele und machen eine
de gelten die nostrischen Magier als moralische, nostrische Magierin zu einer verlässlichen Begleiterin.
aber tolerante Stütze. Von anderen Gildenmagiern Die meisten Absolventinnen sehen sich als Streiterin-
werden sie oft belächelt und man traut ihnen nur nen des Lichts, und treten der Dunkelheit entschieden
zu, ihr Spezialgebiet wirklich zu beherrschen. Wei- entgegen, die sie im Übermaß zu erkennen glauben und
terhin gelten sie als praxisorientiert und hand- als Bedrohung begreifen. Nicht zuletzt aufgrund dieser
werklich begabt, aber auch als Gildenmagier, die Überzeugung versuchen sie, stets für das Gute zu kämp-
sich zumindest bisher nur wenig in der akademi- fen, selbst wenn sie das von Zeit zu Zeit hinter philoso-
schen Forschung bewährt haben. phischen Äußerungen verstecken.
Ungewöhnlich für das ansonsten recht undemokratische
Nostria ist auch, dass alle Magister und Adepten gemein-
Die Akademie von Licht und Dunkelheit, wie die arkane sam über die Akademieleitung entscheiden. Derzeit hat
Lehr- und Forschungsanstalt vom Dualismus zwischen Caibre Arnstätter (*1002 BF, 1,79 Schritt, graue Augen und
Licht und Dunkelheit zu Nostria gemeinhin genannt lange blonde Haare) das Amt der Spektabilität inne. Die
wird, ist eine götterfürchtige Zauberschule der Weißen junge Magierin wurde 1039 BF gewählt, nachdem ihr Vor-
Gilde. Der Mangel an eigener Forschung wurde bis vor gänger als Kopf einer Verschwörung von Anhängern des
kurzem zwar immer wieder belächelt, aber die Abgän- Namenlosen enttarnt wurde. Die hübsche Havenerin gilt
ger der Akademie sind aufgrund ihrer Toleranz und Of- als hilfsbereit und anpackend sowie als Kennerin vieler
fenheit an allen weißen und sogar vielen grauen Akade- finsterer Kulte. Caibre unterstützt die Suche der Königin
mien gern gesehen. Magierinnen aus Nostria gelten als nach den Relikten der Vorzeit, besteht ansonsten aber
tugendhaft, fleißig und verantwortungsvoll. Lange Jah- auf der politischen Neutralität der Akademie.
re wurde der Lehrplan streng vom Dualismus geprägt,
einer kleinen Glaubenslehre, die einen Gegensatz und Ahnenzeichen
doch Einklang von Licht und Dunkelheit predigt. Die »Eure Exzellenz, Wir brauchen Euren Rat, denn Wir haben
Abgänger der Akademie verbinden damit jedoch nicht Ungeheuerliches in der Vergangenheit Unseres Landes entdeckt,
die Ausprägung des Lowanger Dualismus, die Praios und das kein Pflanzenkundler und kein Schöngeist zu enträtseln ver­
Boron als Gegensatzpaar begreifen und fürchten, son- mag. Auch Wir sind an die Grenzen Unserer Kenntnisse und der
dern wollen das Gleichgewicht der Welt erhalten, so wie Unserer Lehrmeister gestoßen. Ahnenzeichen wurden entdeckt
es der weise Rohal gepredigt hat. von ungeahnter magischer Macht, die Wir nicht zu deuten ver­
Anders als die Andergaster Magier, sehen sich die nost- mögen. Nicht einmal die Schrift wissen Wir recht zu deuten, in
rischen Adepten als neutral im Kampf der Streiten- der das Geheimnis niedergelegt ist. Der gesamte Hort des Immer­
den Königreiche an. Hier ist man überzeugt, Magie nur währenden Wissens lobt Euch für Eure Expertise, und Wir selbst
zum Wohle der Menschen zu wirken, selbst wenn diese wissen, dass Ihr mehr über Schriften und Sprachen gelernt habt,
es nicht immer zu schätzen wissen. Aus diesem Grund als dass Ihr je vergessen könntet, welche Zaubermacht den alten
kennt man an der nostrischen Akademie auch keinerlei Zeichen innewohnt. Da sei die gute Göttin Hesinde vor! Wir wer­
Standesdünkel. Viele Abgänger ziehen hinaus in die Welt, den Recken entsenden, um weitere dieser Ahnenzeichen aufzu­
um die Forschungen der Königin voranzutreiben. An- spüren und mehr Wissen zu sammeln, doch Wir sind dringend
dere wiederum verpflichten sich eine Zeit lang bei dem auf Eure Hilfe angewiesen.«
weißmagischen Heilerorden der Anconiten oder beglei- —Brief der nostrischen Königin Yolande II. Kasmyrin an den
ten die Mephaliten auf der Suche nach neuen Zöglingen draconitischen Erzabt des Nordens, Wulfhelm Tannhauser,
für weißmagische Schulen. Selbst der Adel schätzt nicht 1037 BF

118 Zauberei &


Hexenwerk
In Nostria werden sie Ahnenzeichen genannt, in Thorwal manch altes Erbstück noch funktionierende Ahnenzei-
gelten sie als Runen, während Norbarden sie Zauberzei- chen aufweist, die theoretisch reaktiviert werden kön-
chen nennen und Magier sie als Arkanoglyphen bezeich- nen, kennt jedoch niemand mehr die alten Worte, um
nen. All diesen Schriftzeichen ist gemein, dass sie magi- dies zu bewerkstelligen. Besonders der Adel ließ solche
sche Wirkung entfalten, wenn ihr Erschaffer mit Madas Symbole aus Tradition auch in neuerer Zeit noch auf
Gabe gesegnet war und die richtigen Techniken oder Ri- Wappenschild, Rüstung oder Wandteppich anbringen,
tuale bei ihrer Erschaffung zu nutzen wusste. magische Wirkung entfalteten sie jedoch schon lange
nicht mehr.
Unter aventurischen Gelehrten ist bis heute umstrit-
ten, wer einst die ersten Zauberzeichen erfunden hat, Eine Expedition der Draconiter, die auf Wunsch der
denn beinahe jede Traditi- Königin Yolande das Land bereiste, entdeckte die ers-
on kennt ähnliche Symbo- ten Inschriften auf alten Gemäuern. Seither verzwei-
Damit ist die Sonder- le, etwa in Form von Bann- felt die Gelehrtenschaft an der Lösung des Rätsels, denn
fertigkeit Zauberzeichen oder Schutzkreisen. Belegt auch wenn die Schrift selbst lediglich Elemente aus
(Regelwerk, Seite 285) ist, dass bereits Drachen in dem Bosparanischen und Alhanischen vereint, so fin-
gemeint.
lange vergangenen Zeital- den sich doch immer wieder auch Anlehnungen an das
tern ihren Willen in magi- Hjaldingsche. Die Wortbedeutung ist äußerst schwer zu
schen Symbole niederleg- entschlüsseln, je nachdem, welche Sprache man zur Be-
ten, welche ihre Festungen und vor allem ihre Horte trachtung heranzieht. Erschwerend hinzu kommt, dass
schützten. Von den Drachen sollen echsische Kristallo- viel altes Wissen nur in Überlieferungen des Volkes zu
manten diese Fertigkeit erworben haben, es heißt aber finden ist, und für viele Gelehrte stellen diese als unwis-
auch, dass die Trolle in ihrer komplizierten Raumbild- senschaftlich verschrienen Quellen eine besonders gro-
schrift solche Zauberzeichen setzen konnten. Von den ße Hürde dar.
Elfen weiß man, dass einige ihrer feinen Ornamente
und Stickereien magische Fähigkeiten entfalten. Bei Fortschritte
den Menschen gelten neben den tulamidischen Ma- Außer den zauberkräftigen Symbolen selbst wurden
giern interessanterweise die Vorfahren der Norbarden bisher keinerlei Aufzeichnungen entdeckt, und da das
als versierte Nutzer von Zauberglyphen. Die Legen- alhanisch-norbardische Erbe Nostrias längst im Dun-
den besagen, dass sich die Göttin Hesinde den Stam- kel der Vergangenheit verlorengegangen ist, muss Kö-
mesführern der Al’Hani und Beni Nurbad offenbarte, nigin Yolande bei ihrer Suche beinahe ganz von vorne
aus denen einst die Norbarden hervorgingen. Auf dem beginnen. Immer wieder entsendet die Königin deshalb
Berge Aschub schenkte sie ihnen eine zaubermächtige Recken und Gelehrte, um neuen Spuren nachzugehen.
Schrift –die erste menschliche Schrift überhaupt. Bis Zwar sind inzwischen die meisten Zeichen des alten Al-
heute vermögen die norbardischen Zibiljas daher wir- phabets bekannt, doch nicht alle können einzeln verzau-
kungsvolle Zauberzeichen zu erschaffen, wie man es bert werden. Manchmal braucht es dazu ganze Wörter
auch von Thorwaler Runenschnitzern, transysilischen oder Ligaturen, die Verschmelzung mehrere Zeichen.
Bannzeichnern oder den Magiern der Tulamidenlande Da aber nur die wenigsten Nostrier schreiben können,
kennt. Im Gegensatz zu anderen Traditionen, die die- bringen diese Expeditionen häufig alte Gebrauchsge-
se Kunst bis heute pflegen, sind die Ahnenzeichen in genstände mit, auf denen sich ein oder vielleicht zwei
Nostria jedoch beinahe zur Gänze in Vergessenheit ge- verschliffene Symbole finden. Diese Zeichen werden
raten. Nur sehr wenige Zauberkundige, darunter auch dann mühsam analysiert und die Technik, mit der man
einige Hexen und Madakinder in entlegenen Dörfern, sie auf Gegenstände aufgebracht wurden, erforscht.
verstehen sich noch auf die alte Kunst und können Bisher ist es lediglich gelungen, ein Ahnenzeichen voll-
wirksame Bannkreise schaffen oder ein Werkstück mit ständig zu entschlüsseln: den Windfang. Seither setzt
Zauberei versehen. die Königin alles daran, um das Zeichen von Madakin-
Ein solches Zauberzeichen muss entgegen der landläu- dern in den besten Webereien der Stadt in große Segel
figen Meinung nicht immer auf einen Gegenstand ge- weben zu lassen. So können diese Segel die Sylphen ge-
malt werden, um seine Wirkung zu entfalten. Kundige nannten Windgeister einfangen, auf dass sie mit gutem
können die Ahnenzeichen mit einer besonderen Flecht- Wind besonders schnell die Küste entlangsegeln kön-
oder Webtechnik in ein Stoffstück einweben, in Kör- nen. Aber obwohl das Ahnenzeichen seine Wirkung ent-
be binden oder sie sogar mit dem Meißel in den Stein faltet, stellen sich immer wieder neue Herausforderun-
treiben. gen, und bisher soll keines der Schiffe das erste
Wahrscheinlich wurden sie deshalb so lange nicht ent- Auslaufen überstanden haben. ( 182)
deckt, weil sie sich hervorragend in Ziermuster, Schnör-
kel und Bebänderungen einfügen. Vermutlich konnten Mehr zu den Ahnenzeichen erfährst du im Regelteil die-
solch wirksame Zeichen überhaupt nur deswegen ent- ses Bandes auf Seite 171.
stehen, weil hier das Wissen handwerklicher und ma-
gischer Traditionen aufeinandertraf. Während also

119
RANG & NAMEN

»Du musst stets wissen, mit wem du es zu tun hast,


denn viele Herren von Adel werden versuchen, dich für
sich einzunehmen. Erliege nie ihren Verlockungen! Sie
werden dir erst Mädchen versprechen und Geld, dann
Einfluss und Macht. Aber lausche immer deiner inneren
Stimme, halte Rat mit den Kräften Mutter Sumus. Und
zögere nie, die Einsamkeit zu suchen, um deine Gedanken
zu ordnen, wenn die vielen Worte und Schmeicheleien
der Freiherren dich bedrängen. Du bist der Recke Sumus
und musst dich den gewöhnlichen Menschen nicht
erklären. Du tust, was dir beliebt, und du tust es, wann
es dir beliebt. Nutze diese Tage in den Wäldern, um das
Wesen Sumus zu ergründen und deine Seele zu stärken,
für die Auseinandersetzungen im Rat der Recken – denn
die werden kommen, so sicher wie die Sonne am Morgen
aufgeht. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, ich wollte
dir über den Adel Andergasts berichten, damit du diese
Kräfte einschätzen kannst.
Die Zornbolds sind nicht einfach nur die Herrscher die­
ser Region. Sie besitzen eine Macht, die ihnen von Göt­
tern und Geistern gegeben wurde. Und völlig zurecht gel­
ten sie als Auserwählte des Auerochsen, den sie stolz in
ihrem Wappen führen. Das Haus ist weit verzweigt und
hat Linien neben der des Königs, wie zum Beispiel den
Herren von Albumin oder den Vorsteher der Alchimisten
vom Bund des Roten Salamanders.
Vier weitere Familien aus dem Hochadel Andergasts
genießen das besondere Wohlwollen des Königs. Die
Freiherren von Thurana sind die Egelings, das zweit­
mächtigste Geschlecht. Dann folgen die Freiherren von
Andrafall, die Bärentals. Die Tatzenhainer, die Freiher­
ren der Orniber Lande, regieren die älteste Siedlung
im Land und die Langfurter haben die ehrenhafte wie
schwierige Aufgabe, Joborn zu halten. Und ja, die Rot­
baums muss ich auch erwähnen, denn sie regieren Tesh-
kal und lassen sogar Frauen an die Macht. Du wirst si­
cher die Freiherrin Ossyra kennen, die Reckin Rahjas.
Wichtig ist aber vor allem auch, dass du unsere
Widersacher kennst. Ganz besonders das Haus Kasmyrin,
aus dem die Königin Nostrias entsprang, die mit der
Gabe Madas beschenkt wurde. Sie ist jedoch keine
Tochter Satuarias, wie man vermuten könnte, sondern
eine Zauberin mit dem Siegel der weißen Gilde. Sie kann
also äußerst gefährlich werden!«
—Arbogast der Alte zu Kusmin, seinem Meisterschüler,
1037 BF

120 Rang & Namen


Yolande II. Kasmyrin Fürstedle Rondriane von Sappenstiel
Königin von Nostria Nostrische Marschallin

»Wir müssen uns auf die Geschichte unseres Landes besinnen, »Reiß dich zusammen Kerl! Ich kann ja wohl erwarten, dass du
wenn wir wachsen wollen. Aber nicht, um darin zu verharren, für einen Augenblick deine eigenen Bedürfnisse zurückstellst.
sondern um aus ihr zu lernen und den richtigen Weg zu wählen!« Denk an das größere Wohl Nostrias! So viel Ehre wirst du doch
wohl im Leib haben, oder?«
Die zierliche Yolande kam völlig unerwartet auf den
Thron, nachdem die Blaue Keuche das Königshaus Nost- Rondriane lebt bereits seit ihrer Jugend am Königshof von
rias fast ausgerottet hatte. ( 184) Da sie als Magierin Nostria. Seit 1027 BF steht sie der unerfahrenen Königin Yo-
über Madas Gabe verfügt, war das Volk voller Hoffnung. lande als Marschallin der Nostrischen Wehr und Beraterin
Zunächst jedoch war die junge Frau mit der hohen Poli- zur Seite und galt lange als heimliche Herrscherin Nostrias.
tik überfordert, sodass Marschallin Rondriane von Sap- In den letzten Jahren musste sie jedoch erkennen, dass die
penstiel sie unter ihre Fittiche nahm. Fast zehn Jahre junge Yolande ganz eigene Vorstellungen von der Herr-
regierte die Königin zurückhaltend, bis sie im Jahr 1036 schaft hatte. Die Königin mischte sich gegen ihren ausdrück-
BF endlich selbst das Zepter ergriff. lichen Rat in eine Auseinandersetzung zwischen dem Edel-
Bereits seit ihrer Krönung opponierte Edelgraf Albio von grafen Albio von Salza und dem Waldgrafen Eilert ein und
Salza recht offensichtlich gegen ihre Herrschaft. Als es zur beendete so den Konflikt. Als die Königin die Ehe einging,
Fehde zwischen dem Edelgrafen und dem Waldgrafen Ei- verlor die Marschallin binnen kürzester Zeit viel Einfluss,
lert kam, reiste die Königin gegen den ausdrücklichen Rat denn Yolandes Gatte Eilert entzieht sich mit seinen Waldrit-
ihrer Marschallin nach Salza und handelte einen Frieden tern fast vollständig ihrer Kontrolle. Zwar ist sie weiterhin
aus. Albios Position wurde so deutlich geschwächt, zumal offiziell Marschallin und Beraterin der Königin, doch inzwi-
Yolande danach ausgerechnet seinen Gegner ehelichte. schen weiß sie, dass Yolande ihre Ratschläge nicht ungeprüft
Die Königin gilt für eine nostrische Adlige als erstaunlich lässt. Diese Entwicklung will die Fürstedle nicht akzeptieren,
aufgeschlossen und frei von Standesdünkeln. Das macht denn schon unter König Kasimir wurde damals ihr Vertrau-
ihr jedoch wenig Freunde unter den Bombasten, die ihre en in einen Herrscher bitter enttäuscht. So sucht sie verzwei-
alten Pfründe bedroht sehen. Vor allem ihre kluge und be- felt nach Wegen, um ihren Einfluss und ihren Macht zurück-
sonnene Art mag im Zusammenspiel mit ihrem mädchen- zugewinnen – und wenn es bedeutet, insgeheim dem
haften Aussehen dazu führen, dass der nostrische Hocha- erzkonservativem Adel den Rücken zu stärken, gegen den sie
del sie oft wegen ihrer neumodischen Ideen belächelt. die Königin zuvor immer verteidigt hatte. ( 185)

Volkes Stimme: Volkes Stimme:


+ »Was hätte uns wohl Besseres passieren können, als eine + »Sie hat ihrer Familie große Ehre gemacht! Kampferprobt
Zauberin auf dem Thron? Jetzt geht es endlich wieder und befehlsgewohnt, genau solche Leute braucht es, um
aufwärts.« Andergast in die Knie zu zwingen.«
– »Sie lässt die Geschichte unseres Landes erkunden, aber – »Anstatt sich zu grämen und zurückzuziehen, sollte sie auf
achtet sie die alten Traditionen? Wappnet sie sich gegen die Bombasten hören und endlich dafür sorgen, dass die Köni­
den ewigen Feind? Das kann nicht gut gehen, sage ich.« gin sich offen gegen diesen vermaledeiten Zornbold wendet!«

121
Edelgraf Albio III. Salis von Salza Waldgraf Eilert II. Rheideryan von Mirdin
Der Ränkeschmied Prinz von Nostria

»Wir stehen an der Grenze, und weil wir das tun, müssen wir »Es geht darum, die Stadt aus den Klauen der Andergaster zu
uns selbst die nächsten sein. Niemand wagt es, uns zu drohen. befreien und ihr endlich wieder zu ihrem angestammten Platz
Solange wir frei und unabhängig bleiben, sind wir stark! « zu verhelfen. Joborn war einst Heimstatt der Waldgrafen – und
wird es wieder sein!«
Albio von Salza ist ein geschickter Politiker und meisterli-
cher Intrigant, der sich eher in Handelshäusern und Ver- Der Waldgraf von Joborn, dessen Familie ihren Stammsitz
handlungsstuben bewährt hat, als auf dem Schlachtfeld. an Andergast verlor, ist eher Ritter als Edelmann und Prunk-
Sein großer Traum ist Salza zur Freistadt zu machen, und sucht liegt ihm nicht. Er wurde erst zum Erben, nachdem Va-
es ist kein Geheimnis, dass der nostrische Edelgraf die ter und Bruder an der blauen Keuche gestorben waren und
Unabhängigkeit seiner Bombastei anstrebt. Man munkelt sein verbliebener Bruder einem Raubritter zum Opfer fiel.
sogar, dass er sich selbst zum König von Nostria erheben Seit er bei Kendrar gegen die Thorwaler Besatzer kämpfte,
und Salza zur neuen Hauptstadt machen will. verläuft eine entstellende Narbe durch sein Gesicht. Um sei-
In der Fehde mit dem Waldgrafen Eilert von Mirdin ver- ne Ziele zu erreichen, sind ihm viele Mittel recht, doch die
lor er nicht nur seinen Erben, Albio den Jüngeren, son- Armut seiner Untertanen war für ihn zunächst das dringli-
dern wurde von der Königin durch geschicktes Taktie- chere Problem. Als er 1036 BF Königin Yolande um Hilfe er-
ren sogar zu einem Friedensschluss gezwungen. Diese suchte, wurde er vom Edelgrafen Albio von Salza spöttisch
Niederlage hat seine Pläne ins Stocken gebracht, und als „Bettelwojwode“ verlacht. Daraus entwickelte sich die
derzeit muss Albio dabei zusehen, wie die Königin ihre sogenannte Bombastenfehde, die in der Schlacht im Schnee
Hauptstadt langsam zum Erblühen bringt und damit der gipfelte (siehe Seite 138). Die Königin selbst griff ein, handel-
Vormachtstellung Salzas empfindlich schadet. Man te einen Frieden aus, und bot dem verdutzten Waldgraf Ei-
sagt, er schare jedoch insgeheim Gleichgesinnte um lert die Ehe an. Obwohl er nun Prinz von Nostria ist, hält
sich, die die Reformen der Königin ebenfalls ablehnen. er sich selten bei seiner Gemahlin auf. Stattdessen reist
Es bleibt wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Edelgraf er oft in ihrem Namen durchs Land und kümmert sich
die nächste Gelegenheit nutzt, um die Herrschaft der um seine Grafschaft. Von einigen neumodischen Vorha-
Königin erneut zu schwächen. ( 182, 185) ben der Königin hält er zwar nicht viel, ist aber meist
besonnen genug, sich das nicht anmerken zu lassen.
Volkes Stimme:
+ »Ein kluger Herrscher, der weniger auf den Hass und das Volkes Stimme:
Schwert setzt, sondern auf schöne Worte und klingende + »Jetzt wo er der Prinzgemahl ist, wird er nicht ruhen, bis er
Münze. Er hat Salza zur Blüte geführt. Wohl uns, solange Joborn zurückerobert hat. Und auf dem Schlachtfeld ist er
der Edelgraf die Zügel in der Hand hält!« erfahren genug, um das auch zu erreichen.«
– »Ein eitler Narr, der sich einbildet, er könne selbst König – »Was für ein Wichtigtuer! Was weiß er schon vom Herr­
werden. Da hat er die Rechnung aber ohne uns gemacht, schen? Er kann nicht ernsthaft glauben, dass es ihm ge­
die wir ständig die Schlachten schlagen, welche es braucht, lingt, die Händler Salzas als Unterstützer zu gewinnen.«
um das Land vor Andergast zu schützen.«

122 Rang & Namen


Karlitta von Lyckweiden Naringrath
Schöne der Nacht Verschwiegene Schwester

»Wichtig ist nicht, ob es eine Magierin ist, die die Geheimnisse unseres »Das Land birgt Geheimnisse, die bewahrt werden wollen.
Landes erforscht. Die Frage ist, was die Königin mit diesem Wissen Es ist einerlei, ob sie gegen die Andergaster geschützt
tun wird. Meine Unterstützung jedenfalls hat sie, denn was wir zu werden müssen oder die Neugier einer Königin, die keinerlei
gewinnen haben, kommt auch unserer Schwesternschaft zugute.« Verständnis für das Gewachsene aufbringt!«

An einem kleinen See, etwa zehn Meilen südlich von Lyck- Immer wieder taucht die düster wirkende Hexe an den
moor, steht eine unscheinbare Hütte, in der eine der mäch- verschiedensten Orten Nostrias auf. Niemand außer ihrer
tigsten Hexen Nostrias lebt. Karlitta von Lyckweiden ist eine jungen Schülerin weiß, wo genau ihre Heimstatt liegt, die
Schöne der Nacht, deren Forschungsdrang und Weltoffen- in den Birkenhainen des Seenlands vermutet wird. Auch
heit der einer Schlangenhexe jedoch kaum nachzustehen Naringrath gehört zu den Hohen Drei, den Oberhexen des
scheint. Als eine der Hohen Drei steht sie dem einflussrei- Hexenzirkels von Hallerû, und wird als eine einflussrei-
chen und weithin gefürchteten Hexenzirkel von Hallerû vor. che Gegnerin von Karlitta von Lyckweiden angesehen.
Ihre Tränke und Salben sind nicht nur in der Umgebung Sie gilt als eine der vehementesten Beschützerinnen der
begehrt. Besonders für ihre Verjüngungstinkturen, die Geheimnisse des nostrischen Landes, als Erwählte des
die über 50jährige ganz offensichtlich zu brauen versteht, Hirschkönigs oder als vom Ingval Geküsste. Sie selbst ge-
nehmen viele einen weiten Weg auf sich. Wenigstens ein- nießt die Aura des Auserwähltseins, äußerst sich aber nur
mal im Monat reist sie mit ihrem Kater Larion nach Salza, selten dazu. Weitaus öfter redet sie darüber, was im Ver-
wo sie ein Haus besitzt, das zwischenzeitlich angeblich borgenen bleiben sollte und was offenbart werden darf.
von ihrer blutjungen Geliebten gehütet wird. ( 185) Die verschwiegene Schwester gilt als das Gewissen von
Dort empfängt sie Kunden, lädt aber auch Gelehrte aus fer- Wind, Fluss und Wald, und sie nutzt diesen Nimbus, um
nen Ländern zu sich ein, um mit ihnen über Philosophie ihre Mahnungen mit eindringlichen Worten vorzubrin-
und Religion zu diskutieren. Erst kürzlich hat sich sogar gen. Missachten die Menschen ihre Ratschläge, müssen
Königin Yolande mehrfach mit ihr getroffen, was von ande- sie mit einem der gefürchteten Flüche rechnen, die ihr
ren Hexen mit deutlichem Misstrauen beobachtet wird. Sie Vertrauter, die Schädeleule Farlion, überbringt.
fürchten, dass Karlitta dadurch zu noch größerem Einfluss
gelangt oder womöglich Geheimnisse der Hexen verrät. Volkes Stimme:
+ »Als der Rondrikan kam, habe ich sie um Rat gefragt. ›Grä­
Volkes Stimme: me dich nicht, sprühe Brandt in die Luft‹, sagte sie. Und
+ »Es gibt wenige, die sich besser mit den Kräutern der Re­ siehe da: Mein Haus ward verschont. Sie weiß schon, auf
gion auskennen als Karlitta. Man sagt, sie unterstütze die welche Stimmen man lauschen muss!«
Königin in ihrem Bestreben, die Geheimnisse der Vergan­ – »Der Ingvalschlamm erdrückt uns noch! Hätten wir bloß
genheit wiederaufleben zu lassen.« auf die Königin gehört, die einen neuen Deich wollte. Das
– »Du musst von Sinnen sein! Die Hexen von Hallerû sind Opfer der Schafe hat den Fluss keineswegs milder gestimmt.
undurchschaubar, und ihre Oberhexe Karlitta umso mehr. Nein, die weiß nichts von uns!«
Wenn du klug bist, lässt du die Finger davon, sonst krümmt
dich bald ein Hexenschuss.«

123
Wendelmir VI. Zornbold Ossyra Rotbaum von Teshkal
König von Andergast Freiherrin Teshkaliens und Reckin Rahjas

»Wenn sie aufmucken, sorg dafür, dass sie damit aufhören. »Was interessiert es mich, ob er ein Rittersmann mit gutem
Wenn sie sich auflehnen, entsende Ritter, um dem ein Ende Wappen ist? Er hat die Frau beleidigt und wird den Preis dafür
zu machen. Vor allem widersprich mir nicht wieder, sonst zahlen – so ist das Recht der Steppe. Zu schade für ihn, dass er
bekommst du meine Faust zu schmecken!« nicht an den Hof nach Andergast fliehen kann.«

Weit abgeschlagen in der Thronfolge zog Wendelmir als Die gealterte Freiherrin ist nicht nur kräftig und ener-
draufgängerischer Prinz mit seinen Saufkumpanen gisch geblieben, sie ist bis heute auch eine ebenso frei-
durch die Wirtshäuser. Er tyrannisierte das einfache heitsliebende wie dickköpfige Herrscherin. Andernfalls
Volk und beugte das Recht, wie es ihm gefiel. Erst als hätte sie sich wohl kaum im männerdominierten An-
ihm der Auerochsenkönig, der Schutzpatron Ander- dergaster Adel durchsetzen können. Sie gilt als überaus
gasts, erschien und ihn leitete, war er bereit zu herr- gerissen und hart im Verhandeln. Nicht nur als Pferde-
schen. ( 177 f.) händlerin und -züchterin, deren Macht und Reichtum
Mit den Jahren ist Wendelmir gereift, doch er gilt noch sich vor allem auf das älteste Zuchtbuch Aventuriens
immer als selbstherrlich, brutal und unbelehrbar. Zu- gründet, führt sie eine geschliffene Rede. Auch bei den
mindest den Rat der Sumen scheint er inzwischen an- Versammlungen des Andergaster Adels, an denen die
zunehmen, allerdings hat er viele Neuerungen seines königliche Stallmeisterin als einzige Frau Rederecht be-
Vorgängers wieder rückgängig gemacht, denn er hält sitzt, weiß sie sich durchzusetzen.
große Stücke auf alte Traditionen. Von Zeit zu Zeit geht Langsam jedoch fordert das Alter seinen Tribut, und Os-
sein Temperament mit ihm durch, und er lässt sich zu syra hat viele Pflichten bereits ihrer ältesten Tochter
Gelagen mit alten Freunden hinreißen, feiert in Huren- Sulvina übertragen, die ihrer Mutter in vielen Belangen
häusern oder zeigt bei Versammlungen des Adels offen, sehr ähnelt. Derzeit hält die Freiherrin Ausschau nach
wie wenig er von Freiherren hält, die ihm Widerworte einem brauchbaren Gatten für Sulvina, und man mun-
geben. Erstaunlich ist, dass er den Knaben Argos zur Er- kelt, dass sie dabei vor allem nach jemandem sucht, der
ziehung an seinen Hof geholt hat und man munkelt von Teshkalien seine alte Freiheit zurückgeben kann.
einer politischen Geisel oder gar einem Bastardsohn.
Volkes Stimme:
Volkes Stimme: + »Reich und einflussreich ist sie geworden, und das aus
+ »Es braucht einen unbeugsamen Herrn, um das aufrüh­ gutem Grund. So, wie sie es versteht ihre Pferde auszubil­
rerische Nostria zu zerschmettern. Er ist wie die Urgewalt den, so versteht sie es auch sich bei den sturen Freiherrn
des Auerochsen, der nicht zu Unrecht als Schutzpatron der durchzusetzen!«
Zornbolds gilt.« – »Das kann nicht sein, dass eine Frau die Herrschaft über
– »Er ist wahrlich kein Freund der Zwölfgötter. Stur ist er und eine Freiherrschaft innehat. Wo soll das denn hinführen?
jähzornig – all das, was ein Herrscher nicht sein darf. Ein Kö­ Da könnten wir ja gleich auch alle anderen Werte über Bord
nig sollte wissen, wann er seine Vasallen zu belohnen hat.« werfen!«

124 Rang & Namen


Arbogast der Alte Kusmin
Sprecher des Sumenrats Schüler Arbogasts und Recke Sumus

»Die Belange der Menschen sind zweitrangig. Das Wesen und »Der Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Menschen und den
die Gestalt Sumus zu erhalten steht an erster Stelle. Doch Notwendigkeiten des Waldes ist es, den wir anstreben müssen!«
täusche dich nicht, mein Schüler! Die Menschen gehören dazu,
deswegen musst du lernen abzuwägen.« Sein Lehrmeister Arbogast rettete dem totgeglaubten
Sohn König Efferdans einst das Leben und zog ihn heim-
Der greise und inzwischen halb blinde Arbogast war lan- lich als Sume auf. Trotz seiner Jugend hat Kusmin bereits
ge Zeit der mächtigste aller Sumen. Er vertritt den alten tiefen Einblick in die Geschicke der Welt und genug Ge-
Weg, sich nicht in menschlichen Belange zu verlieren duld, seine Pläne langfristig auszulegen. Dank Arbogasts
und lehnt jegliche Einmischung in den Zwist zwischen Unterstützung wurde er nach seiner Rückkehr in die Öf-
Andergast und Nostria ab. Seit er darüber in Streit mit fentlichkeit zum Recken Sumus ernannt, dem einfluss-
seinem Schüler Yehodan geriet, zog er sich in die Ein- reichsten Berater des Königs. Seither muss der Adel für
samkeit der Wälder zurück. Nach der Krönung Wendel- Entscheidungen, die den Wald oder die Tiere darin be-
mirs jedoch führte er überraschend seinen neuen Schü- treffen, die Erlaubnis eines örtlichen Sumen einholen.
ler in den Thronsaal und verlangte eine Audienz unter Weder König noch Freiherren sind damit immer sonder-
sechs Augen. Sein Zögling Kusmin, der totgeglaubte lich glücklich, und viele Adlige mutmaßen, dass er den
Sohn König Efferdans, wurde der Recke Sumus und ein- Herrscher mehr oder weniger sanft nach dem Willen der
flussreichster Vertreter der Sumenschaft am Königshof Sumenschaft lenkt. Im Volk glauben hingegen viele, dass
– und somit hat Arbogast trotz aller Bedenken großen die Menschen ihm ebenso sehr am Herzen liegen wie das
Einfluss auf die Geschicke der Menschen. Land selbst, und er genießt viel Bewunderung, besonders
Aufgrund seines Alters unternimmt der Sume selbst für seinen Thronverzicht. Ob es Kusmin gelingen kann,
kaum noch Reisen, sondern verbringt die meiste Zeit sich zwischen hoher Politik und seiner Berufung als Sume
in einer einsamen Waldhütte, etwa eine Tagesreise von zu behaupten, wird wohl nur die Zeit zeigen. Als mögli-
der Stadt Andergast entfernt. Kusmin berät er als weiser cher Nachfolger für Arbogast wird er unter den Sumen
Lehrer, und unter den Sumen bestehen wenige Zweifel, jedoch schon länger gehandelt, was von dessen altem
wer sie nach Arbogasts Tod einst führen wird. Meisterschüler Yehodan, der zuvor großen Einfluss beim
König genoss, mit Missgunst und Neid verfolgt wird.
Volkes Stimme:
+ »Er ist ein weiser Fürsprecher bei den Überderischen, stets Volkes Stimme:
um Ausgleich zwischen den Wesen des Waldes und uns + »Er mag jung an Jahren sein, aber er ist weise! Der weiß
Menschen bemüht. « schon, warum er nicht herrschen will. Aber als Sume dient
– »Verschroben und zurückgezogen? Dass ich nicht lache! er dem Volk ohnehin viel besser.«
Tattrig und machtbesessen ist der Alte. Warum sonst hat er – »Statt sich darum zu kümmern, wie wir das Hexenweib
den König gezwungen, einen Recken Sumus zu ernennen?« in Nostria bezwingen können, will er dem Land Gutes tun!
Nein, der wär sicher kein guter König gewesen.«

125
Yehodan Der Rote Bulle
Mehrer der Macht Der Raubritter

»Sollen sie sich doch hassen aufs Blut, diese Toren! Es kann »Es ist mir Einerlei, ob du Andergaster oder Nostrier bist. Deine
kein Gleichgewicht geben, denn nur die Starken setzen sich Münzen sind alles, was mich interessiert. Du hast keine? Dann
durch. So ist nun mal der Lauf der Dinge. Ich werde schon wirst du leider sterben müssen …«
dafür sorgen, dass der Auerochse die Oberhand behält.«
Der Rote Bulle trägt seinen Namen, weil er stets in einer
Der ehrgeizige Meisterschüler Arbogasts sah sich schon rot lackierten Rüstung auftritt. Manche behaupten so-
als Anführer der Andergaster Sumen. Da er aber im- gar, dass die Farbe vom frischen Blut seiner Gegner
mer wieder den Konflikt zwischen den Reichen schür- stammt. Er ist der wohl gefürchtetste Raubritter der
te, überwarf er sich schließlich mit seinem Lehrmeister, Grenzlande und gilt als gieriger und gewalttätiger Mann.
und galt lange als Sprecher der Unzufriedenen unter Auch wenn er manchmal unter dem Schutz des Turnier-
den Sumen, denen Arbogast als zu nachgiebig erschien. friedens an Wettkämpfen teilnimmt, gibt er nichts auf
Heute sieht sich Yehodan um den Erfolg seiner Bemü- ritterliche Ideale. Man munkelt, dass er ein Bastard aus
hungen betrogen, schließlich war Yehodan es, der den Albernia sei, der in den Streitenden Königreichen sein
neuen König erst krönte. ( 187) An seiner Stelle be- Glück machen will. Seine Ziele scheinen sich darauf zu
kleidet nun aber dank Arbogasts Eingreifen der junge beschränken, eine Menge Gold zusammenzuraffen und
Kusmin als Recke Sumus das Amt, welches er einst selbst durch schiere Brutalität ein gehorsames Gefolge aufzu-
anstrebte. Seine ehemaligen Anhänger aber sahen auch bauen. Wo die Häscher der Königin Yolande dabei versa-
durch Kusmin den Einfluss der Sumen gestärkt, und ha- gen, seinem Wirken Einhalt zu gebieten, sind die Land-
ben sich größtenteils von Yehodan abgewandt. Seither wachen und Waldadligen König Wendelmirs anscheinend
wird der finstere Sume nicht müde, den Hass zwischen erfolgreicher. Zumindest gelingt es ihnen immer häufi-
den Reichen auf eigene Faust zu schüren. Er verbittet ger, den Roten Bullen und seine Schar in die Schranken
sich eine Einmischung des Adels in die Belange der Su- zu weisen, denn er wird meist auf der nostrischen Seite
men, die in seinen Augen die wahren Diener des Landes der Grenze gesehen. Habhaft geworden sind sie seiner
sind. Große Hoffnung setzt er auch in seinen Schüler aber bisher ebenso wenig wie die Andergaster, denn im-
Melanor (siehe Seite 129). mer wenn es hieß, er sei getötet worden, wurde er er-
neut gesichtet. ( 187)
Volkes Stimme:
+ »Recht hat er, der Sume! Die Nostriacken sollen verrecken, Volkes Stimme:
sie verdienen dieses Land nicht! Wenn nur der König ihn + »Er erschlägt jeden, der nicht für ihn ist, oder solche, die
zum Recken Sumus gemacht hätte und nicht dieses halbe sich ihm in den Weg stellen. Gut so, denn das ist der Weg,
Hemd Kusmin!« wie wir ihn schon lange hätten gehen sollen.«
– »Nicht mal sein Lehrmeister gibt noch was auf seine An­ – »Ein so grausamer Herr, das wird auf die Dauern nicht gut
feindungen. Er sollte besser auf die Geister des Landes hö­ gehen. Er vergießt zu viel Blut von Freiherren und Bombas­
ren, als sich eitlen Machtgelüsten hinzugeben.« ten, als dass der Adel ihn noch lange gewähren lassen kann.«

126 Rang & Namen


Weitere Personen
»Nicht immer sind es die Großen eines Reiches, Der kleine und überaus steife Toran vom Lichte (*989
die den Ton angeben. Häufig braucht es gerade BF, 1,55 Schritt, weißer Backenbart) ist ein altgedien-
kleine Hände, die das Nötige tun.« ter Höfling, dem die Blaue Keuche die gesamte Fami-
—Bruder Hilbert, Perainegeweihter lie geraubt hat. War er schon zuvor gewissenhaft, lebt
er inzwischen nur noch für sein Amt. Als Majordomus
steht er dem Uffiz vor, wie die nostrische Verwaltung
Im Folgenden sind einige Figuren versammelt, die du genannt wird. Ihm untersteht ein Gefolge aus zahlrei-
im Spiel nutzen kannst, um eine Szenerie zu berei- chen Kanzleischreibern, Steuereintreibern und Zöll-
chern, oder aber um eigene Abenteuer um sie herum nern, das im Volk den Spitznamen „die habgierige Hun-
zu stricken. dertschaft“ bekommen hat. An die Herrschaft einer so
unerfahrenen Königin musste er sich zuerst gewöhnen,
Meisterpersonen aus Nostria inzwischen schätzt er aber sowohl den Scharfsinn als
auch den Langmut Yolandes sehr.
Die lebenslustige und stets gut gekleidete Altgräfin
Melanoth von Ingvalsrohden (*1004 BF, 1,74 Schritt, Lyssandra della Pallyo (*1005 BF, 1, 67 Schritt, hell-
grüne Augen und rote Haare) musste sich Zeit ihres Le- braune Haare, graue Augen) ist eine horasische Gelehrte
bens gegen Neider durchsetzen, die ihr die Herrschaft von der Universität Methumis, die im Auftrag der Kö-
über die traditionsreiche Bombastei nicht zutrauten. nigin Yolande durch die Streitenden Königreiche zieht,
Erst als sie den landlosen, aber angesehenen Edelgrafen um alte Relikte und Schriften zu erforschen. Sie hat gute
Muragio Ansfinion von Kendrar ehelichte, stieg ihr An- Kontakte zu den Draconitern in Salza, bei denen sie häu-
sehen. Sie nahm an der Belagerung Salzas 1036 BF teil, fig unterkommt, um ihre Fundstücke wie Bronzewaffen
um Edelgraf Albio Einhalt zu gebieten, dabei wurde ihr oder Steinidole zu lagern und zu katalogisieren. Da sie
Gatte jedoch eines Mordkomplotts überführt und in der aber schon häufiger in die Netze von Waldspinnen ge-
Feste Gordelyn eingekerkert. Trotz seiner Inhaftierung riet und sogar von Goblins gefangen wurde, heuert sie
bemüht sie sich weiterhin um gute Beziehungen zur Kö- auch gerne Helden an. Besonders in Andergast bekommt
nigin. Unter den Ingvalsrohdener Wojwo- sie als Frau häufig Probleme, wenn die Bürgerliche nicht
den behaupten jedoch einige, dass gerade das Glück hat, aufgrund ihres
sie seither nicht mehr auf exotischen Namens für eine
die Hilfe der Krone ver- fremdländische Adlige ge-
traut und ganz auf die halten zu werden.
Stärke ihrer Waldritter
setzt. Melanoths Augens- Seit bald 150 Jahren lebt
tern ist ihre älteste Tochter Edelprinzessin Lise von
Silaleth, die dereinst Herrin Sappenstiel (*865 BF,
über Ingvalsrohden und das 1,74 Schritt, grüne Augen
verlorene Kendrar werden soll. und rote Haare), die einem Seiten-
zweig der Familie entstammt, bereits
Die einarmige Magierin Satuwi- am Hof der Grenzgrafen, und hat doch
na Hyttenhau (*991 BF. 1,90 Schritt, weder in der Familie noch in der nostri-
braune Augen, ergraute, blonde Haare) schen Hexenschaft je allzu große politi-
ist heute Stadtvögtin von Nostria. Geboren sche Ambitionen entwickelt. Obwohl sie noch
wurde sie als dritte Tochter eines unbedeu- immer wie Anfang Dreißig wirkt, wird die al-
tenden Seitenzweigs der Familie, die man zur terslose Eigeborene überall nur „die Alte“ genannt,
Ausbildung an die nostrische Magierakademie gab. was sie mit einem sardonischen Lächeln zur Kenntnis
Im Kampf gegen Andergast verlor sie den linken Arm, nimmt. Die Menschen haben gehörigen Respekt vor der
später kehrte sie als Dozentin an die Schule zurück. Dort mächtigen Hexe, nicht wenige begegnen ihr auch mit
unterrichtete sie auch die junge Yolande, die als Königin abergläubischer Furcht. Lise ist beides recht, und an-
schließlich ihre ehemalige Lehrmeisterin zur Stadtvög- scheinend bereitet es ihr große Freude, sich mit einer
tin ernannte. Satuwina gilt als überaus ehrgeizig und ist Aura des Mystischen zu umgeben. Als einflussreiche
ebenso pedantisch wie unbestechlich. Sie schätzt ritter- Tochter Satuarias sichert sie der Familie derer von Sap-
liche Tugenden und als aufrechte Nostrierin ist sie der penstiel zudem wichtige Verbindungen zu den nostri-
Königin treu ergeben. Mit dem Majordomus Toran vom schen Hexen.
Lichte, der häufig mit ihr um Yolandes Aufmerksam-
keit und Gunst wetteifert, verbindet sie eine intensive
Hassliebe.

127
Deichgraf Haldur Vesselbek (*996 BF, 1,73 Schritt, Die Tante des Andergaster Königs, Prinzessin Irinia
kahlköpfig, braune Augen) stammt ursprünglich aus Zornbold (*1003 BF, 1,70 Schritt, braune Augen, nuss-
dem Horasreich und ist von niederer Geburt. König Ka- braune Haare), wurde aufgrund ihrer großen Begabung
simir gab dem damals blutjungen Sohn ei- bereits als Sechsjährige nach Kuslik gesandt und
nes berühmten Baumeisters die verwitwe- dort zur Hesindegeweihten ausgebildet.
te Base des Edelgrafen von Kendrar Zurück in Andergast errichtete sie ihrer
zur Frau, wodurch Haldur in den Göttin eine Kapelle in der Königsburg
Hochadel aufstieg. Seither unterste- und widmete sich der Bildung des ein-
hen dem korpulenten Deichgrafen fachen Volkes. Nach seiner Krönung be-
zahlreiche Deich- und Sielmeister reitete Wendelmir dem jedoch schnell
sowie die Koyer genannten Arbeiter, ein Ende. Nachdem sie einen Flucht-
die er gnadenlos aus der Überzeugung versuch unternommen hatte, weil sie
heraus antreibt, dass allein unerbitt- um ihr Leben fürchtete, verbot er Iri-
liche Bemühungen vor Efferds Zorn nias Unterricht und beschränkte ihre
schützen. ( 188) Obwohl er selbst Freiheit auf Kapelle und Königsburg.
eine eigentümliche Sichtweise auf die Obendrein schloss er sie und ihre mög-
Verbindung von Land und Wasser lichen Erben von der Thronfolge aus.
pflegt, hat er nur wenig Verständnis
für den Aberglauben der Nostrier. Das Varena II. Zornbold (*1001 BF, 1,63
macht die Zusammenarbeit an den Deichen Schritt, braune Augen und weiße Haare),
häufig schwierig, und auch die Adligen ak- die Witwe des letzten Andergaster Königs,
zeptieren den sachkundigen Baumeister of- war schon zu Lebzeiten durch den Verlust
fenbar nur widerwillig. von Vater und Brüdern schwer am Geiste
gezeichnet. Nach dem gewaltsamen Tod al-
Asmodette Tryming (*1011 BF, 1,78 Schritt, ler möglichen Erben bestieg mit ihrem horasi-
dunkelbraune Haare, zum Zopf geflochten, wetter- schen Gatten Efferdan ein Fremder den Thron,
gegerbte Haut) ist die wohl berüchtigtste Strandpira- da eine Frau in Andergast nicht herrschen darf. Ei-
tin an der nostrischen Küste. Obwohl sie aus Yoledamm nen gemeinsamen Sohn verlor Varena an ein tücki-
stammen soll, wird ihr Name mit vielen falschen Leucht- sches Fieber. Seit sie bei einem tragischen Unglück
feuern an der gesamten Küste von Salza bis Nostria in auch noch ihren ältesten Sohn Kusmin verloren glaub-
Verbindung gebracht. Sie soll über Seeungeheuer ge- te, ist sie geistig vollkommen umnachtet und scheint
bieten, und schaurige Gesänge anstimmen, damit ein in Traumwelten gefangen, in die ihr niemand folgen
Schiff auf Grund läuft. Niemand weiß genau, wie viele kann. Den späteren Tod ihres Gatten bei einem Jagdun-
Schiffe sie bereits zum Anlanden brachte und plünderte. fall nahm sie kaum mehr zur Kenntnis, und selbst die
Man ist sich aber einig, dass Asmodette und ihrer Bande gesunde Rückkehr Kusmins an den Hof hat ihren Zu-
Gnade fremd ist und sie keinen Zeugen am Leben lassen. stand nur kurzzeitig bessern können. Nur selten ver-
Es heißt auch, dass sie in einer versteckten Höhle bei lässt sie ihre Kemenate in der Andergaster Burg, und
Trontsand einen riesigen Schatz angehäuft hat, den je- das abergläubische Personal fürchtet sich vor der zar-
doch bis heute noch niemand bergen konnte. ten, blassen Gestalt, die dem Tod näher zu sein scheint
als dem Leben.
Meisterpersonen aus Andergast
Bogumil von Langenmar (*1008 BF, 1,83 Schritt,
Wolorion von Kolburg (*972 BF, 1,78 Schritt, blaue rothaarig und -bärtig, graue Augen) ist der Bastard-
Augen, schütteres, braunes Haar, markant knochiges Ge- bruder des Königs und heute der Freiherr von Buchen-
sicht) entstammt dem niederen Adel, hat sich aber als burg im Steineichenwald. Am Anfang sah Wendelmir
oberster Turnierherold, Wappenmeister und Berater in in ihm lediglich einen willfährigen Handlanger. Mitt-
Fragen der Tradition das Vertrauen der Andergaster Kö- lerweile aber ist Bogumil dank seiner Bauernschläue
nige erarbeitet. Empfand der junge und ungestüme Wen- zu einem engen Vertrauten des Königs geworden,
delmir seine Ratschläge zu Beginn seiner Herrschaft als für den er immer wieder delikate Aufgaben erledigt.
einschränkend, ist der Turniermarschall inzwischen zu Da seine Mutter eine einfache Magd war, unterhält
einer Art moralischen Instanz hinter dem König gewor- er gute Kontakte zum einfachen Volk. Er gilt als um-
den. Zwar ist er den Traditionen streng verhaftet, hat gänglich und kann als Vermittler dienen, wenn man
aber einen wachen Blick für innen- und außenpolitische dem König etwas zutragen möchte. Bogumil ist ein
Entwicklungen. Dank seiner diplomatischen Art weiß er, Pragmatiker, der auch dann die Ruhe bewahren kann,
seine Ratschläge beim König so anzubringen, dass dieser wenn er beleidigt wird. Er führt eine weitaus geschlif-
sie ohne Gesichtsverlust annehmen kann. Bei Turnieren fenere Rede als sein Bruder, und wählt seine Worte
oder anderen Festivitäten gelingt es ihm zudem stets, stets mit Bedacht.
Worte zu finden, die auch das einfache Volk versteht.

128 Rang & Namen


Wenzeslausia Zornbold von Joborn (*1002 BF, 1,74 Der umstrittene Ritter Dairon von Grywhick (*985
Schritt, blonde Haare und braune Augen) ist die Schwes- BF, 1,79 Schritt, braune Augen, schwarze Haare) aus dem
ter des Königs und ist ähnlich dickköpfig wie er. Als Norden Andergasts hat im Kampf gegen die Schwarzpel-
Frau wird sie häufig nicht ganz ernstgenommen, doch ze bereits mehrfach die Seiten gewechselt. Mal mach-
sie hat im Lauf der Zeit gelernt, die Männer in ihrer te er gemeinsame Sache mit den Orks, dann wieder be-
Umgebung durch wohldosierte Schmeicheleien, Ver- kämpfte er sie erbittert, etwa als er half, ein Komplott
sprechungen und klare Worte zur rechten Zeit in ih- gegen König Efferdan aufzudecken, um sich seiner Gna-
rem Sinne zu manipulieren. Zudem gilt sie als äußerst de zu versichern.
schwer einzuschüchtern und es heißt, dass sie Lange Zeit totgeglaubt, lassen seine jüngsten
große Pläne für sich und ihre Nachkommen Aktionen vermuten, dass er nun doch die
verfolgt. Ihre Heirat mit dem Freiherrn Orks als Herrscher des Grenzlands zu
Ruckus Langfurt von Joborn (*988 Andergast sehen will, worunter beson-
BF, 1,75 Schritt, rote Haare und grü- ders Teshkalien leidet. Inzwischen
ne Augen) wird als kluger Schachzug soll er sogar ein treuer Anhänger der
bewundert. Orkgötzen Tairach und Brazoragh
geworden sein. Manch Anderer be-
Silvana von Gnitzenbach (*1015 hauptet jedoch, dass Dairons Loyali-
BF, weizenblonde Haare, blaue Augen) tät allein einem gilt – ihm selbst.
entstammt als Tochter eines einfachen Seine Geliebte Caldre (*1005 BF, 173
Landritters dem niederen Adel Ander- Schritt, braune Augen und Haare) war
gasts. Die launenhafte Schönheit war bis zu lange eine Gefangene der Schwarzpelze und
Wendelmirs Krönung seine Geliebte und bei Hof hat sich nur dadurch retten können, dass sie ihnen
wird gemunkelt, dass sie die Mutter des Knaben Argos als Kundschafterin diente. Sowohl auf Dairon wie auf
sei, den Wendelmir in der Königsburg erziehen lässt. Caldre ist ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, doch bisher
Man hat sie jedoch schon lange nicht mehr bei Hofe ge- kehrte keiner lebend von der Suche nach beiden zurück.
sehen und ihre letzten Begegnungen mit dem König wa-
ren stets von gegenseitiger Verachtung geprägt. Wäh- Die holde Hulda von Thurana (*1012 BF, 1, 72
rend manch einer sie sogar für tot hält, wird hinter Schritt, blaue Augen, goldblondes Haar) ist eine An-
vorgehaltener Hand auch behauptet, dass Silvana den dergaster Edelfrau, die beunruhigend regelmäßig in
König heute abgrundtief hasst und daher für die Nost- Not gerät. Mal muss sie vor einem ihrer zahlreichen
rier spioniert. ( 189) Ehemänner gerettet werden, mal aus den Händen von
Räubern, Schwarzpelzen oder vor den Nachstellungen
Melanor (*1018 BF, 1,75 Schritt, braune Augen und einer liebestollen nostrischen Ritterin. Zumindest bis-
aschblonde Haare, schmächtige Statur) wollte einst her ist es ihr aber immer gelungen, mit heiler Haut da-
Schüler von Arbogast dem Alten werden. Heute nennt vonzukommen und sich ein neues Leben aufzubauen.
er jedoch Yehodan seinen Meister und er gilt als ganz
und gar kompromissloser und berechnender Sume. Der Ulward Dreubner (*1009 BF, 1,68 Schritt, dunkelro-
junge, aber erstaunlich mächtige Druide scheint keiner- te Haare, hellblaue Augen) ist ein Ingvalflößer, der mit
lei Skrupel zu kennen und betrachtet Menschen ledig- allen Wassern gewaschen ist. Er gilt als einer der weni-
lich als Werkzeuge ( 189), um den Willen Sumus zu gen, denen es gelungen ist, den Ingval auf ganzer Länge
vollstrecken. Selbst unter seinesgleichen ist er als „der zu befahren. Der gestandene Andergaster aus Eichhafen
Freundlose“ bekannt, sein Lehrmeister aber hält große kennt den Fluss, seine Auen und die Zuflüsse wie seine
Stücke auf ihn. Derzeit untersucht er die Folgen des Westentasche und kann sogar die Stromschnellen un-
Sternenfalls, den er als beunruhigendes Zeichen für die terhalb der Kalkklippen von Hallerû bezwingen. Man
Zukunft deutet. sagt ihm nach, dass er bereits mehrfach die dortigen He-
xenfeste besucht haben soll. Bei den Holzfällerspielen in
Andrafall konnte er mehrfach den Sieg einheimsen und
ist ein gefürchteter Gegner.

129
MYTHOS &
HISTORIE
»Es ist schier zum Verzweifeln! Ich frage mich langsam
ernsthaft, ob eine derartige Aufgabe überhaupt zu
bewältigen ist. Königin Yolande II. von Nostria hat mich
beauftragt, eine Chronik der Streitenden Königreiche zu
erstellen. Ein Werk will sie haben, das alle geschichtlichen
Ereignisse zusammenfasst. Aber wie soll das möglich
sein, wenn sich Andergaster und Nostrier noch nicht
einmal darüber einigen können, wie viele Kriege ihre
Königreiche nun überhaupt miteinander gefochten
haben. Die Ersteren zählen 16 Kriege, die Letzteren
hingegen nur 15. Klangvolle Namen wie ›der Elende
Krieg‹ sind ja schön und gut. Aber wie soll man denn das
in eine sinnvolle, richtige Ordnung bringen, die zugleich
auch noch verständlich und lesenswert ist?
Ohnehin sind Aufzeichnungen spärlich gesät, denn in
der Region bringen viele Hesinde nur wenig Achtung
entgegen – dementsprechend kann kaum jemand lesen,
geschweige denn schreiben. Auf solche Machwerke wie
den Andergaster Almanach oder die Gloria Kasmyria will
ich mich lieber nicht verlassen. Selbst wenn ich herum­
reise, um auf den Burgen nach schriftlich Niedergeleg­
tem zu forschen, dürfte es schwierig werden. Denn an
den Tatsachen oder gar der Wahrheit sind die Freiherren
und Bombasten überhaupt nicht interessiert. Sie wollen
bloß ihren eigenen Ruhm mehren und die Taten ihrer
Ahnen beweihräuchern. Woher soll ich also wissen, dass
die jeweiligen Chroniken nicht sogar zur Gänze erfun­
den sind? Wie oft musste ich beim Besuch auf einer Burg
feststellen, dass der Burgherr nicht einmal ordentliche
Steuerlisten geführt hat. Gut, die größeren Städte haben
Chroniken, die mir einigermaßen verlässlich erscheinen.
Aber die Tempel auf dem Land sind meist zu klein, als
dass sie anständige Tempelbücher hätten. Ich muss wohl
nicht erwähnen, dass es ohnehin nur eine nennenswerte
Kultstätte der Hesinde in der Region gibt? In Salza näm­
lich, in Andergast hat man dafür wohl sogar nur eine Ka­
pelle in der Königsburg!
Bei den beiden Magierakademien bin ich mir auch recht
sicher, dass ihre Aufzeichnungen stark politisch gefärbt
sind, wenn sie auf die Geschichte eingehen. Zu sehr sind
beide dem Zwist verbunden, der Nostrier und Andergas­
ter entzweit, da können sie noch so oft Gegenteiliges be­
haupten. Herrin Hesinde, steh mir bei!«
—Lyssandra della Pallyo, Geschichtskundige von der
Nandus-Schule zu Methumis, 1039 BF

130 Mythos &


Historie
Die Geschichte der Streitenden Königreiche ist vom ewi- Königreiche auch nur verklärt bekannt. Von vielen
gen Widerstreit geprägt, von unzähligen Schlachten und Schlachten wird daher in beiden Ländern eher in Legen-
Scharmützeln und dem unbändigen Hass der Bewoh- denform berichtet, um die exakte Wiedergabe der histo-
ner Nostrias und Andergasts aufeinander. Daher sind rischen Fakten geht es meistens nicht.
viele Ereignisse auch den Einwohnern der Streitenden

Die Geschichte der Streitenden Königreiche


und Legenden über berühmte Helden der Vergangen-
Geschichtsschreibung in Nostria und heit, aus denen aber nur selten hervorgeht, wann genau
Andergast diese Heroen gelebt haben, oder ob es sie überhaupt je-
Die Geschichte der Lande an Ingval und Ornib reicht noch mals gegeben hat. Sie sollen vermutlich die Hoffnung
deutlich weiter zurück, als das Bestehen der Streitenden stärken, und Ansporn sein, dass auch das Tun des Ein-
Königreiche. Bisher ist davon jedoch nur wenig erforscht, zelnen über den Ausgang einer Schlacht entscheiden
denn die häufigen Kriege in der Region lassen nur wenig kann. Für Helden mag dies sogar zutreffend sein, für das
Zeit für historische Forschungen, die oft als unnützer einfache Volk sind sie jedoch oft nicht mehr als überlie-
Zeitvertreib abgetan werden. Gerade daher gibt es heut- ferte Durchhalteparolen.
zutage noch viel zu entdecken. Expeditionen des Kusliker
Hesindetempels auf den Spuren von Admiral Sanin haben Die Herrscher Nostrias
eigenartige Steinidole in den Wäldern entdeckt, Bronze- In Nostria herrscht seit fast 2.000 Jahren das Geschlecht
waffen im Flusssand und große Rundturmfundamente der Kasmyrin.
in den Steppen. Die Bosparaner waren sicher nicht die um 859 v.BF Pirgermeister Fringlas Kasmyrin
ersten Siedler und vielleicht wüssten Goblins, Orks oder 854 v.BF Fürst Fringlas Kasmyrin
Trolle auch aus einer Zeit zu berichten, über die es gar ab 704 v.BF Fürst Kasparyn I.
keine menschlichen Aufzeichnungen gibt. 229 BF Fürst Andaryn II., danach Elysmine
unter gleichem Namen
Seit vielen Jahrhunderten bestimmten nun schon die ab 291 BF Fürst Kasimir I., genannt der Große
Menschen die Geschicke des Landes. Auf echte Ge- ab 431 BF Fürstin Yasminas II., genannt die
schichtsschreibung legen jedoch weder die Herrscher Großmütige
von Andergast noch von Nostria sonderlich großen ab 600 BF Fürstin Lysiane II.
Wert. Die wenigen Aufzeichnungen sind meist reine undatiert Fürst Kasparbald, genannt der Kurze
Propaganda, wie man sie unmittelbar nach der Schlacht undatiert Kasimir II., genannt der Dicke
in einer Taverne oder im Kreise seiner Mitkämpfer hö- um 735 Fürstin Yasemin
ren würde. Jeder versucht jeden zu übertrumpfen und um 840 BF Fürst Kasimir III., genannt der Weise
es wimmelt von Schmähungen gegen den Feind. Die ei- 962 BF – 999 BF Fürst Kasimir IV.
genen Taten werden hingegen glorifiziert, als habe man 999 BF – 1027 BF König Kasimir IV.
es mit dem Namenlosen höchstselbst aufgenommen. Da seit 1027 BF Königin Yolande II. Kasmyrin
die meisten Bewohner der Streitenden Königreiche aber
ohnehin nicht lesen können und den Wert des geschrie- Die Herrscher Andergasts
benen Wortes nur wenig schätzen, stört dieser Umstand In Andergast herrscht seit fast 2.000 Jahren das Ge-
auch niemanden groß. schlecht der Zornbold.
um 859 v.BF Bürgermeister Argos Zornbold
Als große Geschichtswerke der Region gelten der An- 854 v.BF Fürst Argos Zornbold
dergaster Almanach und die Gloria Kasmyria, die bei- um 363 v.BF Fürst Wendolyn I., genannt der
de 1001 BF nach dem Fall von Kendrar an die Thorwa- Prunksüchtige
ler verfasst wurden. Beide sind von den Schreiben der um 133 BF Fürst Wendelmir V.
Fürsten immer wieder redigiert und geschönt worden, um 480 BF Fürst Wendolyn III., genannt der
sodass sie mit den Tatsachen nur noch wenig zu tun ha- Traurige
ben. Ganz ähnlich verhält es sich mit vereinzelten Burg- 715 BF – 717 BF Fürst Argos IV., genannt der Frevler
chroniken, die in feuchten Kellern oder zugigen Türmen ab 717 Fürst Bogumil I.
vor sich hin rotten. bis 994 BF Fürst Wendolyn VI.
Die einzigen einigermaßen gesicherten Aufzeichnungen 994 BF –999 BF Fürst Wendolyn VII.
sind Tempelannalen, vor allem die des Hesindetempels 999 BF –1021 BF König Wendolyn VII.
zu Salza. Aber auch hier muss man sich der Tatsache 1021 BF König Wenzeslaus der Jüngere
bewusst sein, dass Daten ungenau sein können, und die 1022 BF –1036 BF König Efferdan I.
Interpretation der Ereignisse ist ebenfalls weitgehend seit 1036 BF König Wendelmir VI.
Auslegungssache. Stark verbreitet sind jedoch Sagen

131
Die Kriege zwischen Andergast und Nostria
Es ist recht unerheblich für den Fortlauf der Ge-
Es ist unbekannt, wie viele Schlachten genau es zwi- schichte, ob eine solche Schlacht vor 200 oder 300
schen Andergast und Nostria gegeben hat, und von ei- Jahren stattfand, und Streit darüber, was genau als
nigen Kriegen sind nicht einmal Daten überliefert. Krieg gezählt werden sollte, ist in den Streitenden Kö-
Etwa 340 BF notierte ein Schreiber am Andergaster nigreichen durchaus üblich. Auch wir haben manche
Hof erstmals die Abfolge der Kriege, um den Ruhm des Auseinandersetzungen daher nicht fest datiert und
Fürstenhauses zu mehren. Nur wenige Jahrzehnte spä- benannt. Diese könnt ihr im Spiel nach Belieben so
ter entstand am nostrischen Hof eine ähnliche Chronik, zeitlich verorten, wie es am besten in eure eigene Ge-
die jedoch aufgrund der Joborner Verbrüderung (siehe schichte passt.
Seite 108) an einer Stelle abwich, im Siebenten Krieg.

Beinamen Jahr(e)
4 v.BF Schlacht am Hügel von Half (beim heuti-
1. 1. Erster Krieg 853 v.BF gen Joborn)
2. 2. Krieg um die verlorene um 754 v.BF 133 BF Ein Wunder der Göttin Rahja führt zur
Kolonie Joborner Verbrüderung.
229 BF Friedensbemühungen Andaryns II. von
3. 3. Schwarzer Krieg um 700 v.BF
Nostria enden mit seiner Entmachtung.
4. 4. Krieg der Tränen 504-324 v.BF ab 607 BF Blaue Keuche und Blutiger Rotz suchen
5. 5. Schlacht am Hügel von 4 v.BF die Streitenden Königreiche heim.
Half 999 BF Beide Fürsten erheben Anspruch auf die
Königswürde.
6. 6. – undatiert 1001 BF Der thorwalsche Hetman Eldgrimm
7. – Siebenter Krieg* um 133 BF Oriksson erobert Kendrar.
1010 BF Thorwaler besetzen Salza, Joborn fällt an
8. 7. – undatiert
Andergast.
9. 8. – undatiert 1015 BF Geistererscheinungen während der
10. 9. Elender Krieg 607-609 BF Schreckensnacht von Salza veranlassen
die Thorwaler zum Rückzug aus der be-
11. 10. Krieg des Stolzes 713-735 BF setzten Stadt.
12. 11. – undatiert 1021 BF Andergaster Thronraub: Prinz Wenzes-
laus ergreift die Macht, nachdem er Va-
13. 12. – undatiert
ter und Bruder ermordet hat.
14. 13. – 989-992 BF 1022 BF Die Kaiserreiche erkennen Nostria und An-
15. 14. Kampf um den 1001-1006 BF dergast als unabhängige Königreiche an,
Thuransee als der Horasier Efferdan von Hussbek-Ga-
lahan den Thron in Andergast besteigt.
16. 15. Der Sieg / Die Schmach 1010 BF 1027 BF Jahr des Unglücks. Die Blaue Keuche wü-
von Joborn tet in Nostria und löscht dabei auch fast
die gesamte Königsfamilie aus. Königin
* von Nostria nicht gezählt, nachfolgend abweichende wird die Magierin Yolande II. In Ander-
Zählung gast verunglückt Kronprinz Kusmin.
1036 BF Die Bombastenfehde von Salza hält Nost-
Chronik der Streitenden Königreiche ria in Atem, bis die Königin selbst einen
873 v.BF Admiral Sanin der Ältere erkundet das Frieden aushandelt. König Efferdan
Land über die Läufe von Ingval und stirbt bei einem Jagdunfall, sein Nach-
Tommel. folger wird Wendelmir VI. Zornbold. Ku-
ab 873 v.BF Gründung von Nostria, Andrafall und ei- smin, der totgeglaubte Erbe Efferdans,
ner Siedlung beim heutigen Salza als Ko- kehrt als Sume an den Hof zurück und
lonien des Bosparanischen Reiches. wird zum Recken Sumus ernannt.
854 v.BF Die Fürstentümer Nostria und Andergast 1037 BF Wendelmir VI. schafft viele Neuerungen
erklären ihre Unabhängigkeit. Die Gesand- seines Amtsvorgängers wieder ab und be-
ten des Horaskaisers werden vertrieben. treibt eine äußerst traditionsverhaftete
754 v.BF Suche nach der Verlorenen Kolonie beim Politik.
heutigen Salza 1038 BF Königin Yolande II. fördert zunehmend
um 700 v.BF Einfall der Orks Bildung und Forschung im eigenen Land.
330 v.BF In der verlustreichen Schlacht von Tarlyns- Die Umsetzung vieler Pläne scheitert je-
höh fallen im Krieg der Tränen beide Fürsten. doch an den konservativen Bombasten.
257 v.BF Andergast schließt ein Abkommen mit 1039 BF Die Nostrische Königin Yolande heiratet
den Orks. Waldgraf Eilert.

132 Mythos &


Historie
Die Frühzeit (bis etwa 900 v.BF) niemand erklären kann. Es handelt sich wohl um die
Wenig ist bekannt darüber, was zwischen Seenland und Spuren einer uralten Schlacht, doch die Waffen und
Steineichenwald geschah, bevor sich die ersten Teil- Pfeilspitzen sind fremdartig geformt und bestehen häu-
nehmer an Admiral Sanins Entdeckerreisen hier nie- fig nicht einmal aus Metall, sondern aus unbekannten
derließen. Was in Aventurien manchen Gelehrten und Materialien. Niemand weiß zu berichten, wer hier einst
Wissenden bekannt ist, nämlich dass vor der Zeit der gegen wen gekämpft hat. Auch im Uferschlick des Ing-
Menschen in mehreren Zeitaltern andere Wesen über val kann man mitunter alte Bronzewaffen finden, die
die Welt geherrscht haben, wird in Andergast und Nost- nicht für menschliche Proportionen angefertigt zu sein
ria nur in Legendenform erzählt. Dennoch gab es auch scheinen. In den Tiefen des Steineichenwaldes gibt es
hier, lange bevor der erste Mensch das Land betrat, alte Höhlen, deren Boden mit den Panzern toter Insek-
schon Städte, Festungen und Kriege. ten bedeckt ist. Angeblich erinnern diese Höhlen nicht
Würde man in den Legenden und Überlieferungen von nur an gigantische Insektenbauten, sondern in ihren
Trollen, Elfen, Orks und Goblins forschen, könnte man Tiefen soll es die sterblichen Überreste von sechsbeini-
auf Erzählungen stoßen, dass all diese Völker vor lan- gen Wesen geben, die groß wie Trolle sind. ( 181)
ger Zeit in diesem Gebiet gesiedelt haben. Doch Kriege In den Steppen des Ostens trotzen einige steinerne
oder andere widrige Umstände haben sie im Lauf der Rundtürme den Jahrtausenden, von anderen sind nur
Zeit dazu bewogen, sich anderswo niederzulassen, noch noch Fundamente zu sehen. Ihre ohne Mörtel aufge-
bevor die ersten Siedler aus Bosparan das Land erschlos- schichteten Steinmauern erinnern auf den ersten Blick
sen und für sich beanspruchten. an die Trollfestungen, aber Größe und Form von Fens-
tern und Türen lassen auf Erbauer von menschlicher
An einigen unzugänglichen Orten in den finsteren Tie- Gestalt schließen.
fen des Steineichenwaldes finden sich große Haufen be-
mooster Felsblöcke, die vom kundigen Auge als Reste Die Besiedlung (ab 873 v.BF)
gewaltiger Bauwerke erkannt werden können. Niemand Im Jahr 873 v.BF segelte Admiral Sanin der Ältere mit
weiß, wer diese Felsen vor langer Zeit bearbeitet hat, seinem Schiff von Bosparan aus die Westküste entlang
und nur, wer schon einmal eine der geheimnisvollen nach Norden. Als er die Tommelmündung entdeckte,
Trollfestungen gesehen hat, kann gewisse Ähnlichkei- erforschte und kartographierte er weite Teile des Fluss-
ten erkennen. Mancherorts stößt man mitten im Wald laufs und wenig später auch den des Ingval. Über diese
auch auf merkwürdige Steinfiguren von skurriler Ge- Fahrten sind mehrere Berichte aus späteren Zeiten er-
stalt, die möglicherweise einmal alte Gottheiten darge- halten, die sich jedoch in manchen Punkten widerspre-
stellt haben, vielleicht aber auch nur als Landbegren- chen. So ist heute nicht mehr genau festzustellen, was
zung oder Wegemarke gedient haben. Ihre Gesichtszüge die bosparanischen Entdecker wirklich erlebten und
und Hauer lassen darauf schließen, dass sie von Orks was späterer Legendenbildung entstammt.
oder Goblins aufgestellt wurden, aber es gibt auch wel- Als gesichert kann der Überfall auf ein Nachtlager gel-
che, die kleinen, stämmigen Menschen ähneln. ten, der von „behaarten Zweibeinern“ ausgeführt wur-
Bauern in der Nähe des Thuransees stoßen beim Pflügen de – sehr wahrscheinlich von Goblins, möglicherweise
manchmal auf Gegenstände, deren Herkunft sich aber auch von Orks.

133
Ob es hingegen wirklich eine Begegnung mit einem Rie- die Tommelmündung dabei auch sehr verändert hatte,
sen gab, oder ob es sich bei dabei um die übertriebene konnte er keinerlei Spuren einer Besiedlung finden, ge-
Beschreibung eines Trolls, Waldschrats oder Ogers ge- schweige denn Überlebende.
handelt hat, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Recht bald entstanden allerlei Gerüchte um diese ver-
Dem Expeditionsbericht zufolge befanden sich Siedler schwundene „dritte Kolonie“. Man sagte, sie sei angeb-
an Bord des Schiffs, die Sanin an drei Orten in kleinen lich durch Truppen aus Bosparan zerstört, von Zau-
Gruppen zurückließ, um das Land für Bosparan in Besitz berern der Welt entrissen oder von geheimnisvollen
zu nehmen und urbar zu machen. An diesen Orten ent- Ungeheuern verschlungen worden. Da sowohl Nost-
standen die Vorläufer jener Städte, die heute als Salza, rier als auch Andergaster Kundschafter aussandten,
Nostria und Andrafall bekannt sind. um nach der verschollenen Siedlung zu suchen, kam
Es dauerte etwa drei Jahre, bis Sanin erneut in diese Ge- es schnell zu Auseinandersetzungen – der zweite Krieg
gend reiste und die jungen Ortschaften mit weiteren hatte begonnen.
Siedlern und Ausrüstung versorgte. Auf dieser zweiten
Expedition begegnete er am Oberlauf des Tommel 870
v.BF auch erstmals Auelfen. »Hochinteressant! Offenbar haben die Nostrier
Obwohl Sanin den Siedlern versprach, sie bald wieder es in der Frühzeit mit Andrafallern zu tun
aufzusuchen, kam es erst einmal nicht dazu, denn die gehabt. Erst später wurde rund um die Feste
politische Lage in Bosparan erforderte die Anwesenheit Andergast gesiedelt, wenn ich das hier richtig
des Admirals. Erst 854 v.BF erreichten zwei Schiffe aus interpretiere. Aber ach, es ist wohl auch so
Bosparan Nostria. Doch die Einheimischen, die so lange schon schwierig genug zwischen diesen Söhnen
vergeblich auf Nachricht aus dem Süden gewartet hat- der Torheit, Andrafaller hin oder her.«
ten, waren inzwischen zu der Überzeugung gekommen, —Mirhiban al’Orhima, tulamidische Feuermagierin
sehr gut alleine zurechtzukommen. Sie verweigerten
den Abgesandten des Kaisers daher jeden Respekt. Als
die Bosparaner den verblüfften Nostriern mitteilten, Fast zwei Jahrtausende Feindschaft
der Kaiser erwarte nachträgliche Steuerzahlungen für (800 v.BF-heute)
die vergangenen sechzehn Jahre von ihnen, da schar- Konkurrenzdenken und Zwist prägte die Geschichte
te der Dorfvorsteher Fringlas Kasmyrin seine Leute um der folgenden Jahrhunderte. Zwar war der Kampf ums
sich und ließ die Abgesandten mit Schimpf und Schande Überleben herausfordernd genug, doch die Feindschaft
aus der Siedlung werfen. Diese Nachricht sprach sich bis schweißte die Reiche intern zusammen. Zeiten eines
zur Ingvalmündung herum, und so bissen die Bospara- unruhigen Friedens wurden immer wieder durch Er-
ner auch hier auf Granit – die Mühe, es in Andrafall zu eignisse unterbrochen, die als Anlass für neue Kriegs-
versuchen, machten sie sich erst gar nicht mehr. erklärungen dienten, auch wenn sie auf Außenstehende
eher lächerlich wirken mochten. Der Begriff ‚Krieg‘ ist
Die Unabhängigkeit (ab 854 v.BF) hierbei mit Vorsicht zu verwenden, denn häufig wur-
Die Nostrier waren stolz darauf, die kaiserlichen Ge- den die so bezeichneten Scharmützel mit bloßen Fäus-
sandten verjagt zu haben, und kürten ihren Anführer ten ausgetragen und nur im schlimmeren Fall mit Holz-
Fringlas zum Fürsten über das Land von Ingval und fälleräxten, Forken und Dreschflegeln oder gar echten
Tommel. Um ihre Eigenständigkeit noch zu unterstrei- Kriegswaffen.
chen, führten sie eine eigene Zeitrechnung ein, in der
sie das Jahr 854 v.BF zum Jahr 0 der Unabhängigkeit Die Orks und der Schwarze Krieg (704 v.BF)
erklärten. Obwohl Andergast nicht allzu weit vom Orkland entfernt
Als diese Kunde nach Andrafall drang, erklärte sich liegt, hielten sich die Konflikte zwischen Menschen und
der dortige Anführer Argos Zornbold trotzig zum Fürst Schwarzpelzen zunächst in Grenzen. Es kam zwar zu
des Steineichenwalds. Um seinen Anspruch durchzu- vereinzelten Überfällen, aber die Beute dieser Raubzü-
setzen, sammelte Fringlas seine Anhänger, doch Argos ge war kaum der Mühen wert. Das änderte sich im Jahr
Zornbold machte seinem Namen alle Ehre und erwies 704 v.BF, als die orkischen Besatzer aus Albernia ver-
sich als äußerst hitzköpfig. Aus dem entstehenden jagt wurden. Die überlebenden Schwarzpelze flüchteten
Streit wurde eine handfeste Prügelei, die bis heute als nach Norden und gerieten dabei auf nostrisches und an-
erster Krieg zwischen den Reichen gilt, und beide Fürs- dergastisches Gebiet. Aller Feindschaft zum Trotz ver-
ten schworen einander noch auf dem Schlachtfeld ewi- bündeten sich Nostrier und Andergaster gegen die Ein-
ge Feindschaft. dringlinge und bekämpften sie Seite an Seite. Doch als
Die dritte Siedlung an der Ingvalmündung, an deren die Feinde zerstreut und aufgerieben waren, entbrannte
Stelle heute Salza liegt, unterwarf sich zunächst den ein Streit um die Beute, denn die Orks hatten manchen
Nostriern. Doch auch hier war der Kontakt nicht sehr Schatz aus Albernia zu retten versucht. Der Schwarze
eng, und als im Jahr 811 v.BF ein Bote das Dorf aufsu- Krieg, wie er später genannt wurde, war die erste wirk-
chen wollte, fand er es nicht mehr vor. Eine schwere lich blutige Auseinandersetzung zwischen Nostria und
Sturmflut hatte die Siedlung völlig zerstört, und da sich Andergast, denn die Kämpfer trugen noch die Waffen in

134 Mythos &


Historie
der Hand, mit denen sie zuvor die Orks niedergemacht dem er sich zu Tributzahlungen in Form von Waffen
hatten. Es gab in dem anderthalb Jahre dauernden Krieg und Werkzeug verpflichtete. Er musste den Schwarzpel-
über hundert Tote, was zu der damaligen Zeit eine be- zen außerdem das Recht auf Handel und freien Durch-
achtliche Zahl war, dazu unzählige Verwundete. zug gewährte. Derart gestärkt und ausgerüstet, ließen
Der Andergaster Fürst zog kurze Zeit danach von die Schwarzpelze von Andergast ab und zogen nach Os-
Andrafall in die Festung von Andergast, das seitdem die ten, wo sie später Baliho eroberten. ( 179)
Hauptstadt des Landes ist.
Der Niedergang (133-630 BF)
Die Dunklen Zeiten (504-257 v.BF) Von dem bescheidenen Reichtum der frühen Siedlungs-
Nach einem Missverständnis über die angeblich aus- zeit war nichts mehr geblieben. Je größer die Not war,
gebliebene Bezahlung für eine Holzlieferung kam es desto größer der Hass auf das jeweils andere Volk. So
im Jahr 504 v.BF zum Krieg der Tränen. Erbost über riefen die Fürsten ihre Untertanen häufig zu den Waf-
Dreistigkeit der Andergaster, einen geschlossenen fen, auch wenn diese gerade mit Aussaat oder Ernte be-
Handel nicht einzuhalten, zogen die Nostrier den In- schäftigt waren. Daraus resultierten häufige Hungers-
gval hinauf, beanspruchten das Mündungsgebiet des nöte, und wer die Möglichkeit dazu hatte, verließ das
Ornib für sich und errichteten dort eine kleine Holz- Land.
festung. Doch die Andergaster akzeptierten den Ge- Doch kein Fürst wollte diesen Niedergang eingestehen,
bietsanspruch nicht, belagerten die Festung und hun- und so wurde viel Zeit und Energie darin investiert, zu-
gerten die Nostrier aus. Nachdem sie vor den Palisaden mindest den Anschein von Macht aufrechtzuerhalten,
mehrere Gelage mit duftenden Braten über großen der doch nur ein Abglanz früherer Zeiten war. Weiter-
Lagerfeuern veranstaltet hatten, brach die Moral der hin kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, jedoch
Nostrier zusammen und sie gaben auf. Ihre Befehlsha- wurden die Abstände zwischen den Kriegen von Mal zu
ber wurden hingerichtet, die Soldaten mussten ohne Mal größer. Bemühungen, die ewige Feindschaft zu be-
Ausrüstung und Waffen in ihre Heimat zurückkehren. enden, zeigten dennoch nie nachhaltigen Erfolg.
Den Marsch der Tränen durch die Wildnis überlebte Der berühmteste derartige Fall ist wohl die Joborner
nur ein Drittel von ihnen. Die Andergaster aber über- Verbrüderung: Als die Rahjageweihte Dorlen im Jahr
nahmen die Festung und bauten sie aus – und so ent- 133 BF Zeugin einer brutalen Schlacht um das Grenz-
stand damals Joborn. dorf Joborn wurde, rief sie ihre Göttin um Beistand an.
Auf einmal ließen alle Beteiligten ihre Waffen sinken.
Kurios ist, dass es in Nostria einige Jahrhunderte spä- Im Schein des göttlichen Liebeslichts der Rahja, welches
ter zu einem Schreibfehler der Chronisten kam: Statt sie ihrer Dienerin sandte, vergaßen die Kämpfenden ih-
350 d.U. überlieferten sie das Jahr 530 d.U als Jahr des ren Hass und ihre Befehle und sanken einander in die
Krieges. Als mittelreichische Gelehrte um 500 BF her- Arme. Daraufhin wurde in dem kleinen Ort ein großes
um erstmals versuchten, eine vollständige Chronik der Freudenfest abgehalten. Während dieser Vorfall in der
Streitenden Königreiche zu erstellen, stolperten sie nostrischen Geschichtsschreibung weitgehend totge-
über die unterschiedlichen Zahlen. Statt einen Fehler in schwiegen wird, soll Fürst Wendelmir V. von Andergast
Betracht zu ziehen, nahmen sie für den Krieg der Trä- über diesen Vorfall so in Rage geraten sein, dass er die
nen die unglaubliche Dauer von 180 Jahren an. In ihrer Verehrung Rahjas in seinem Reich unter Strafe stellte.
Zeitrechnung fand die Auseinandersetzung somit von In Teshkal, das damals zu Andergast gehörte, wurden
504 bis 324 v.BF statt, und diese Daten gelten seitdem seither die Himmelsrösser besonders stark verehrt, und
in der aventurischen Gelehrtenschaft und auch in An- auch in der zeitweisen Unabhängigkeit hat sich diese
dergast und Nostria als gesetzt. Kultform bis heute erhalten.
Tatsächlich kam es in dieser Zeit aber wohl besonders Weil er vage Andeutungen machte, ein dauerhafter
häufig zu Scharmützeln und kriegerischen Begegnun- Frieden mit dem Nachbarland sei möglich, wurde der
gen, weswegen auch wir diese Daten in die Liste der junge nostrische Fürst Andaryn II. im Jahr 229 BF sogar
Kriege übernommen haben. Herausragend in dieser Zeit von seiner eigenen Schwester vom Thron gestürzt. Aus
ist die Schlacht von Tarlynshöh, die um 330 v.BF viele ihrer Sicht war bereits die Friedensabsicht Hochverrat,
Opfer forderte, unter anderem beide Fürsten. und große Teile des nostrischen Adels stimmten ihr zu.
Danach kehrte offenbar ein gewisser Frieden ein, da bei- Zeichnete sich die Ausrüstung der Kämpfer schon bis
de Seiten sehr geschwächt waren. Dies blieb bei den dahin nicht durch großen Reichtum aus, wurde sie in
Orks nicht unbemerkt, die etwa ab 300 v.BF immer wie- der Zeit der ständigen Auseinandersetzungen immer
der tief ins Land vordrangen. Von ihren blutigen Raub- schlechter. Unter großen Opfern für die Bevölkerung
zügen blieb kaum eine Ortschaft verschont. Im Jahr 257 ließ die nostrische Fürstin Lysiane II. schließlich um
v.BF stand schließlich eine große Zahl Schwarzpelze 600 BF die Feste Ysraeth erbauen, um dem Feind zu
vor der Burg Andergast, und der darin eingeschlossene trotzen. Als uneinnehmbar galt die Burg an der Grenze
Fürst wusste, dass die Mauern der Burg einem solchen bei Mirdin, und die Andergaster berannten ihre angeb-
Angriff nicht lange standhalten würde. Also ließ er sich lich mit mächtigen Ahnenzeichen gestärkten Mauern
notgedrungen auf ein Abkommen mit den Orks ein, bei vergeblich.

135
Als in den Jahren 607 bis 609 BF der Blutige Rotz und Nostrier in Andergast einfielen, die Vergeltung für die
die Blaue Keuche in Nostria grassierten und ein Drit- Siechen und Hungernden wollten, die das Fischsterben
tel der Bevölkerung Salzas dahinrafften, nutzten die zurückgelassen hatte. Über zwanzig Jahre lang wogte
Andergaster die Gelegenheit, über den geschwächten der Krieg hin und her, und nicht nur Joborn wechselte
Gegner herzufallen. Zuerst konnten sie schnelle Erfol- in dieser Zeit etwa ein Dutzend Mal den Herrscher.
ge verbuchen, doch dann erkrankten immer mehr ih-
rer eigenen Leute, sodass sie sich schließlich in ihr Land Die Königreiche (ab 999 BF)
zurückschleppen mussten und die Krankheit dadurch Die Fürsten beider Länder verloren im Lauf der Zeit
dorthin mitnahmen. Dieser Krieg wurde später der Elen- immer mehr den Bezug zur Wirklichkeit. Immer wich-
de Krieg genannt, weil die meisten Waffenknechte statt tiger wurde die Fassade, der Schein des Erfolgs, sodass
mit dem menschlichen Feind mit der Seuche ringen die wirklichen Nöte der Bevölkerung kaum mehr Be-
mussten. Leichen von Seuchenopfern wurden in Brun- achtung fanden. Wendolyn VII. Zornbold, der im Jahr
nen geworfen oder Tücher mit ihrem Blut, Schweiß und 994 BF zum Herrscher über Andergast gekrönt wurde,
Auswurf in gegnerische Vorratslager geschmuggelt. Ob- hegte einen geradezu unbändigen Hass gegen Fürst Ka-
wohl die eigentlichen Kriegshandlungen 609 BF ende- simir IV. Kasmyrin von Nostria. Und obwohl sie einan-
ten, vermutlich aus Erschöpfung, kam es nie zu einem der noch nie begegnet waren, dauerte es nicht lange, bis
Friedensschluss. Fürst Kasimir diesen Hass ebenso inbrünstig erwiderte.
Im Jahr 615 BF brachte der Andergaster Fürst den Su- Um dem Erzfeind seine Überlegenheit zu demonstrie-
menrat schließlich dazu, gegen die als uneinnehmbar ren, beschloss Wendolyn 999 BF, sich zum König krö-
geltende Feste Ysraeth im Grenzland der Waldwildnis nen zu lassen. Vermutlich ließ er sich hierbei vom Glanz
vorzugehen. Was genau er den Sumen berichtete, ob des mittelreichischen Kaisers Hal inspirieren – und das
von einer Gefahr für das ganze Land, finsterer Magie Volk verehrte ihn dafür. Not und Elend waren in dieser
oder gar Dämonenbündelei, bleibt im Dunkel der Ge- Zeit so groß wie selten zuvor, aber die Andergaster ließ
schichte verborgen. Unklar ist bis heute auch, was ge- sich gerne blenden und fühlten sich an frühere Zeiten
nau Ysraeth zerstörte. Die Legenden berichten jedoch der angeblichen Größe erinnert. Doch auch sein Konkur-
vom Zorn der Sumen, der die Erde beben ließ und klaf- rent Kasimir reagierte schnell, und kaum eine Woche,
fende Spalten im Boden auftat, bevor der Wald den Bo- nachdem ihn diese Neuigkeit erreicht hatte, erklärte er
den zurückeroberte. ( 183) Danach kehrte Ruhe sich zum König von Nostria. Die Krönungsfeierlichkeiten
ein, und 630 BF einigte man sich endlich darauf, die wollte der findige Neumonarch dazu nutzen, den nostri-
Kampfhandlungen ruhen zu lassen. So galt zumindest schen Adel nach mittelreichischem Vorbild umzugestal-
vorerst ein brüchiger Frieden. ten. Aufgrund seines übertriebenen Selbstbewusstseins,
oder schlichtweg falschen Informationen von außer-
Krieg mit allen Mitteln (713-735 BF) halb, verlieh König Kasimir in der Folge zahlreiche pom-
Doch der Frieden zwischen den Reichen sollte nicht län- pöse Ämter und Titel, die eher der Feder eines Singspiel-
ger als zwei Generationen währen, und war wohl ohne- schreibers zu entstammen schienen. Horasreich und
hin nur der Tatsache geschuldet, dass Andergaster wie Mittelreich weigerten sich indessen zunächst standhaft,
Nostrier ausgeblutet waren. Die alte Feindschaft jedoch die beiden kleinen Länder als Königreiche anzuerken-
flammte schon bald wieder auf. Dabei kann den Kon- nen. Erst 1022 BF akzeptierten sie den neuen Status.
trahenten eine gewisse Kreativität nicht abgesprochen
werden, denn die Mittel der Kriegsführung waren mit- Landverluste und -gewinne (1001-1010 BF)
unter recht ausgefallen. So ließ der Andergaster Fürst Von dem selbsterzeugten Prunk geblendet, kam es für
Argos IV. im Krieg des Stolzes (713 bis 735 BF) große König Kasimir völlig überraschend, dass die Thorwaler
Mengen Mist bei Kalleth in den Ingval schütten. Ziel war 1001 BF in sein Land einfielen und die gesamte Edel-
es, an der nostrisch beherrschten Küste ein Fischsterben grafschaft Kendrar besetzten. Die Eldgrimm-Ottajasko
auszulösen, das eine Hungersnot mit sich bringen soll- unter Hetmann Eldgrimm Oriksson erklärte die Graf-
te. Ein Teil des Mistes erreichte die Mündung aber gar schaft zu thorwalschem Land – und unter der neuen
nicht erst, sondern versank oder blieb im Uferbewuchs Herrschaft erging es den meisten Bewohnern sogar bes-
hängen. Das Fischsterben traf zwar die nostrische Küste ser als zuvor. Abgesehen von einer kurzen Rückerobe-
viel härter als Andergast, aber auch das Wasser unter- rung (1023-1025 BF) im Laufe des Seekriegs zwischen
halb von Kalleth moderte vor sich hin. Die Sumen ver- Thorwal und dem Horasreich, ist Kendrar seitdem fest
dammten diese Form der Kriegsführung, und als sich in Thorwalscher Hand.
der König nicht reumütig zeigte, wurde Andergast zwei Den Andergastern war natürlich nicht entgangen, dass
Wochen später von heftigen Stürmen heimgesucht. Da- die Nostrier angegriffen worden waren, und sie nutzten
raufhin hatte auch Argos ein Einsehen, den man seither diesen Moment der Schwäche, um ihrerseits den Thuran-
jedoch den Frevler nennt. Er gewährte den Sumen in see samt umliegender Ländereien zu annektieren. Dar-
der Folge große Freiheiten, um ihren Zorn zu besänfti- aufhin ließen die Nostrier von den Thorwalern ab und
gen und verzichtete zugunsten seines Sohnes sogar auf widmeten sich ganz dem Erzfeind. Dass die einheimi-
die Krone. Es dauerte aber nicht lang, bis die tobenden schen Chronisten einige dieser Auseinandersetzungen

136 Mythos &


Historie
als Seeschlacht bezeichnen (1006 BF), da sie auf den von Bruder und Vater gewesen, und erst einige aufrech-
Wassern des Thuransees stattfanden, wird außerhalb te Recken konnten seiner Herrschaft ein Ende bereiten
dieser Region eher mit Befremden vermerkt. Die und ihn erschlagen.
Kriegsschiffe waren hauptsächlich Zum Schrecken der traditionsbewuss-
eilig zusammengebaute Flöße und ten Andergaster fiel die Königskro-
Ruderboote, die Schiffsbewaff- ne daher 1022 BF an den horasi-
nung bestand aus Langbögen und schen Adligen Efferdan von
Wurfspeeren. Hussbek-Galahan, den Gemahl von
Gerade einmal vier Jahre herrschte Wenzeslaus’ ältester Schwester Vare-
Frieden, als die Thorwaler ihren Land- na. Es wurde Efferdan I. nicht leicht
gewinn mit der Eroberung von Salza gemacht, sein neues Amt auszuüben,
krönen wollten. 1010 BF eroberten sie vor allem da er versuchte, Andergast aus
die Stadt an der Ingvalmündung und nostri- der finsteren Rückständigkeit in eine neue Epoche
sche Küstengebiete bis kurz vor Trontsand. Wieder zogen zu führen. Er hob 1022 BF das jahrhundertealte Verbot des
die Andergaster nach und eroberten ihrerseits Joborn und Rahjakults auf und förderte den Glauben an die Zwölfgöt-
Südthuranien. Ihr Vordringen konnte vor Harmlyn durch ter. Er galt jedoch vielen als schwacher König, und dass er
die Ritter und das Bauernaufgebot der nostrischen Mar- 1026 BF sogar ein Orkheer durch Andergast ziehen ließ,
schallin Rondriane von Sappenstiel aufgehalten werden, welches infolge dessen in Weiden und Albernia einfiel,
und in den folgenden Monaten wurden die Andergaster sorgt bis heute bei Geschichtskundlern für Kopfschütteln.
nach und nach bis an den Thuransee zurückgedrängt. Manche vermuten jedoch, dass diese Entscheidung auf den
Auch den Thorwalern war es wohl zu aufwändig, die alten Pakt mit den Orks während der Gründerzeit Ander-
jüngst eroberten Gebiete dauerhaft zu kontrollieren, und gasts zurückgeht. ( 179)
nach ihrem Abzug sorgte die Marschallin auch dort wie-
der für nostrische Ruhe und Ordnung. Nur Salza blieb vor- Das Jahr der Schicksalsschläge (1027 BF)
erst noch in thorwalscher Hand. Im Jahr 1027 BF traf König Efferdan ein schwerer Schick-
Im gleichen Jahr begann auch der Dritte Orkensturm, salsschlag: Nachdem bereits sein jüngerer Sohn an ei-
doch die Schwarzpelze umgingen die Streitenden Kö- nem Fieber verstorben war, und seine Gemahlin Varena
nigreiche auf ihrem Weg ins Mittelreich. Allein die freie zunehmend in Schwermut versank, verlor er nun auch
Stadt Teshkal wurde von den Schwarzpelzen überfallen seinen Erben. Kronprinz Kusmin wurde nach einem Un-
und geplündert, woraufhin ihre Bürger sich gezwungen fall von den reißenden Fluten des Ingval verschluckt.
sahen, sich wieder einmal der Andergaster Krone zu un- Der Leichnam konnte zwar nie geborgen werden, den-
terstellen. Die Andergaster mussten sich im Gegenzug noch wurde der Junge kurze Zeit später für tot erklärt.
jedoch wohl oder übel mit einer Frau als Freiherrin ar- Im gleichen Jahr brach in der Stadt Nostria die Blaue
rangieren – Ossyra Rotbaum von Teshkal. Keuche aus und raffte jeden vierten Einwohner dahin.
Der nostrische Hofstaat schloss sich auf der Königsburg
Borbarads Rückkehr (1015-1021 BF) ein, doch hier konnte sich die Krankheit besonders
Wohl niemand in Nostria oder Andergast ahnte, dass un- schnell ausbreiten, und so starb fast der gesamte Hoch-
terdessen der Dämonenmeister Borbarad 1015 BF nach adel binnen weniger Wochen. Da weder der König noch
Aventurien zurückgekehrt war. Die Ursache der Geiste- seine Söhne lebend aufgefunden wurden, bestimmte
rerscheinungen in Salza und des ungewöhnlich schwe- man eine junge Frau aus einer unbedeutenden Nebenli-
ren Sturms über dem Thuransee blieben ungeklärt. Die nie zur Erbin. ( 183) Yolande Kasmyrin war zu die-
abergläubischen Thorwaler nahmen die Spukerschei- ser Zeit Schülerin an der außerhalb der Stadt gelegenen
nungen jedoch zum Anlass, die Besetzung Salzas aufzu- nostrischen Magierakademie, was ihr vermutlich das
geben, und sich wieder nach Kendrar zurückzuziehen. Leben rettete. Da sie bis zu ihrer Krönung keinerlei poli-
Das Jahr 1021 BF war wohl das verhängnisvollste in der tische Erfahrung aufzuweisen hatte, nahm der nostri-
jüngeren Geschichte des Andergaster Königshauses. Es sche Adel die unerfahrene Königin zunächst nicht ernst.
begann damit, dass Prinz Wendolyn der Ältere, der seit Vor allem Graf Albio von Salza sah sich begünstigt, plan-
längerer Zeit von einem Friedensschluss mit Nostria re- te er doch schon lange, seine Stadt in die Unabhängig-
dete, vom König für unzurechnungsfähig erklärt und keit zu führen. Doch noch musste er sich gedulden,
aus der Hauptstadt verbannt wurde. Nur wenig später denn Marschallin Rondriane von Sappenstiel nahm sich
wurde er bei Eichhafen ermordet aufgefunden. Dann der jungen Magierin an und führte sie in die Kunst des
wurden in Andergast sowohl König Wendolyn als auch Herrschens ein. In Teilen des einfachen Volkes wurde
drei Praiosgeweihte innerhalb einer Nacht umgebracht. Yolandes Krönung als gutes Omen gesehen, denn Frau-
Erst ein halbes Jahr nach der Krönung von Wenzes- en, die mit Madas Gabe gesegnet sind, sagt man in Nost-
laus dem Jüngeren stellte sich heraus, dass der Thron- ria auch beim Regieren eine glückliche Hand nach. Fast
folger selbst es war, der sich gemeinsam mit seinem zehn Jahre lang überließ Yolande II. jedoch viele Ent-
Oheim, dem Borbaradianer Asmodeus von Andergast, scheidungen der Marschallin und war lediglich eine
verschworen hatte. Wenzeslaus selbst war der Mörder blasse Herrscherin.

137
Die Gegenwart (ab 1036 BF) zu vermitteln. Dann kam es in Eilerts Lager zum Mord am
Das Vorgehen Albios erfuhr erst im Jahr 1036 BF eine Grafen Firundûr von Thuranshag, und alles deutete auf
Wendung. Lange hatte der Edelgraf von Salza seine Am- Albio von Salza als Hintermann hin. Doch Yolande ließ
bitionen durch Rondriane von Sappenstiel bremsen las- sich nicht täuschen, und bald stellte sich heraus, dass
sen, doch sein Ziel war noch immer dasselbe. Als Eilert Edelgraf Muragio den Mord in Auftrag gegeben hatte, um
II. bei einem Hoftag vor die Königin trat und um Unter- einen Friedensschluss zu verhindern.
stützung für die hungerleidende und von Überfällen Nach dieser Enthüllung willigten alle Beteiligten ein,
geplagte Bevölkerung der Waldgrafen bat, verspottete die Waffen ruhen zu lassen. Muragio wurde seines Ti-
Albio ihn als Bettelwojwoden. Wie von ihm erhofft, es- tels enthoben und in der Blutfeste Gordelyn eingeker-
kalierte die Situation und einer von Eilerts Rittern for- kert, der abtrünnige Graf von Salza musste seine Unab-
derte ihn zum Duell, was der Edelgraf jedoch lachend hängigkeitsbestrebung vorerst ruhen lassen. Noch viel
zurückwies. Als Albio abreiste, folgte ihm besagter Rit- überraschender als der Ausgang der Bombastenfehde
ter, erreichte Salza aber sogar noch vor ihm, da der war für viele jedoch die anschließend verkündete Ver-
Edelgraf für Geheimverhandlungen einen Umweg ins lobung der Königin mit dem Waldgrafen Eilert, den sie
von den Thorwalern besetzte Kendrar nahm. Im Streit einige Jahre später auch ehelichte.
tötete Eilerts Gefolgsmann ausgerechnet Albios ältesten
Sohn und wurde daraufhin festgesetzt und hingerichtet. In Andergast kam König Efferdan im Herbst 1036 BF bei
Nun sah sich Eilert gezwungen, offiziell die Fehde aus- einem Jagdunfall zu Tode. Da er ohne Erben starb, bestieg
zusprechen und nach Salza zu ziehen. Ihm zu Hilfe ka- der für seine Launen berüchtigte Enkel von Wendolyn VI.
men Edelgraf Muragio von Kendrar und dessen Gemah- den Thron. ( 186) Als Prinz war der neue Herrscher
lin, Gräfin Melanoth von Ingvalsrohden. Wendelmir VI. eine wahre Landplage gewesen. Seine Re-
Die erste Schlacht der sogenannten Bombastenfehde gentschaft scheint zwar deutlich Bedachter, aber er
konnte Eilert für sich entscheiden und es gelang ihm, herrscht mit äußerst harter Hand. Viele durch seinen
Salza mitsamt Albios Truppen einzukesseln. Hier zeigte Vorgänger mühsam etablierte Neuerungen mussten auf
Königin Yolande zum ersten Mal ihre Herrscherquali- sein Wort hin alten Traditionen weichen. Die Zwölfgötter
täten, und löste sich aus der Bevormundung ihrer Mar- sieht er anscheinend nur als Vollstrecker von Sumus Wil-
schallin. Inkognito reiste sie an der Seite fähiger Unter- len, und allein die Sumen sollen Einfluss auf seine Ent-
händler persönlich nach Salza, um zwischen den Parteien scheidungen haben.

138 Mythos &


Historie
Bei seiner Thronbesteigung wurde er noch von Yeho- In der Gegenwart sind die Streitenden Königreiche und
dan begleitet, heute sieht man jedoch meist den jungen ihre Herrscher weiter voneinander entfernt als jemals
Sumen Kusmin an seiner Seite. Der lange totgeglaubte zuvor: Auf der einen Seite eine gebildete Magierin, die
Erbe König Efferdans hat all seinen Ansprüche auf den ihr Reich schützen und in die Neuzeit führen will, auf
Thron entsagt und dient stattdessen als Sume Land und der anderen Seite ein traditionsverhafteter, jähzorniger
Leuten, seit Arbogast der Alte ihn als Berater an den Hof König, der sich als auserwählten Gebieter des Landes
sandte. sieht. Ob vor diesem Hintergrund ein dauerhafter Frie-
den möglich ist, oder ob die Reiche auf die nächste Kon-
frontation zusteuern, ist gegenwärtig ungewiss.

Was weiß mein Held über die Streitenden Königreiche?


Viele der Themen, die bisher im Band behandelt wur- geschlagen, in Nostria werden die berühmten Salzarelen,
den, sind Helden aus den Streitenden Königreichen eine Plattfischart, gefangen. Die Grenze zwischen Nostria
durchaus bekannt. Ein Nostrier wird einige Dinge zwar und Andergast verläuft grob durch die undurchdringli-
anders sehen als ein Andergaster, doch auch wenn ein che Waldwildnis, entlang den Flüssen Ingval und Ornib.
Bewohner der Waldwildnis wahrscheinlich mehr über 3 QS – Viele Schlachten und Kriege haben die Grenze je-
die Sumen weiß als ein Seenländer, erhalten Einheimi- doch immer wieder verschoben, und manchmal wech-
sche beider Reiche eine Erleichterung von 3 Punkten bei seln sogar ganze Dörfer von einem Königreich zum
den folgenden Proben. Du kannst aber auch in Abspra- anderen. Unmittelbare Nachbarn der Streitenden Kö-
che mit dem Meister entscheiden, über welche Informa- nigreiche sind Thorwal im Norden, das Mittelreich im
tionen dein Charakter verfügt. Für ortsfremde Helden Süden und Osten sowie Orkland und Svellttal im Norden
gelten die Probenzuschläge wie angegeben. und Nordosten.

Probe auf (Götter & Kulte) Probe auf Etikette (Klatsch & Tratsch)
1 QS – Die Zwölfgötter spielen außerhalb der Städte eine 1 QS – Der nostrische Adel unterteilt sich in Wojwoden
weniger gewichtige Rolle. Der Glaube ist besonders auf (Niederadel) und Bombasten (Hochadel). In Andergast
dem Land stark von alten Kulten und der Verehrung der bilden die Ritter den Niederadel unter den mächtigen
Erdmutter Sumu durchdrungen. Freiherren, und Frauen sind aufgrund des starken Patri-
2 QS – In Andergast sucht man auch in Glaubensfragen archats nicht gleichberechtigt.
oft den Rat der Sumen, so nennt man hierzulande die 2 QS – Die nostrische Königin Yolande Kasmyrin hat bis
Druiden. In Nostria wendet man sich hilfesuchend an zu ihrer Heirat mit einem Waldgrafen nur indirekt re-
die Töchter Satuarias, offen auftretende Hexen. Beide giert. Die wahre Macht lag bei der Marschallin, Rond-
gelten als weise Heiler, Seher und Mittler zu den Über- riane von Sappenstiel. Der Andergaster König Wendel-
derischen, wie die Götter und Geister genannt werden. mir Zornbold ist ein harter und jähzorniger Herrscher,
Viele Ritter folgen Rondras Idealen. An der nostrischen der viele Neuerungen durch seinen Vorgänger Efferdan
Küste werden Efferd und Boron hoch verehrt. In Ander- wieder abgeschafft hat.
gast sind die Zwölfgötter vielerorts der Erdgöttin Sumu 3 QS – Wendelmir VI. soll nur wenig auf die Zwölfgötter
untergeordnet. geben, und das obwohl er dem Rat der Recken als Recke
3 QS – Das Silem-Horas-Edikt, das die wahren zwölf Praios vorsteht. Ihm ist es zu verdanken, dass die Sumen
Götter festlegt, hat hierzulande keine Gültigkeit. In An- stark an Einfluss gewonnen haben. Selbst der eigentli-
dergast war sogar der Rahjakult jahrhundertelang ver- che Erbe König Efferdans dient als Sume an seinem Hof.
boten. Götterbilder verschmelzen miteinander (Syn- Yolande II. sieht in der Bildung den Weg zum Aufbruch
kretismus), Feenwesen, Naturgeister und Wesen wie in neue, bessere Zeiten, kämpft jedoch mit erbittertem
Nymphen oder Waldschrate werden verehrt und an al- Widerstand der Bombasten, die um ihre Macht fürch-
ten Altären mit Opfern beschwichtigt. ten. Besonders die Unabhängigkeitsbestrebungen des
Edelgrafen Albio von Salza machen ihr zu Schaffen.
Probe auf Geographie (Nostria oder Andergast)
Probe auf Geschichtswissen (Nostria oder Andergast)
1 QS – Nostria und Andergast sind unabhängige König-
reiche (früher Fürstentümer) im Norden Aventuriens, 1 QS – Seit fast 2.000 Jahren herrschen Missgunst und
die seit Jahrhunderten miteinander im Streit liegen. Krieg zwischen den Reichen. Seit etwa 40 Jahren wer-
Nostria liegt am Meer der Sieben Winde, das waldreiche den beide von Königen regiert, zuvor waren beide lange
Andergast weiter im Landesinnern. Jahrhunderte unabhängige Fürstentümer.
2 QS – Beide Länder gelten als traditionsverhaftet und 2 QS – Seit 1027 BF herrscht in Nostria Königin Yolande
rückständig, die Bevölkerung als zutiefst abergläu- II. Kasmyrin, eine gebildete Gildenmagierin. Andergast
bisch. In Andergast wird das begehrte Steineichenholz wird seit 1036 BF König Wendelmir VI. Zornbold regiert.

139
Beim letzten Krieg 1010 BF–1018 BF eroberte Nostria im Namen des Bosparanischen Reichs gegründet wur-
Teile Südthuraniens, verlor die Stadt Joborn aber an den. Der Held kennt einige der wichtigsten Herrscher
Andergast. und Kriege der Vergangenheit (Listen siehe Seite 136 f.)
3 QS – Ursprünglich haben sich beide Reiche aus Siedlun- und kann sie zeitlich zumindest grob einordnen.
gen entwickelt, die einst von Admiral Sanin dem Älteren

Die Lebendige Geschichte


Aventurien besitzt eine fortlaufende Geschichte, die wir • Den Andergaster König Wendelmir konnten Helden
auch als Lebendige Geschichte bezeichnen. Dank ihr in der Abenteuerreihe um den Weißen Berg (Die
unterliegt die Welt ständiger Veränderung, denn stets Zuflucht und Der Fluch von Burg Dragenstein)
kommen neue Geschichten hinzu sowie Ereignisse, die kennenlernen, und das nicht immer nur von seiner
durch das Zutun von Helden ein (glückliches) Ende fin- besten Seite.
den. Es kann jedoch auch vorkommen, dass findige Hel- • Die Bombastenfehde um Salza wurde im Aventuri-
den alte Geheimnisse zutage fördern, und so ein neues schen Boten begleitet (Ausgabe162-164). Helden
Licht auf bereits Vergangenes werfen. konnten den hier geschilderten Ausgang des Streits
Wir möchten daher gern Meister wie Spieler ganz ge- nachhaltig beeinflussen. Außerdem können in an-
zielt dazu einladen, mögliche Widersprüche oder be- deren Ausgaben Ereignisse wie die Krönung Wen-
schriebene Gegensätze als Anreiz zu begreifen, und sie delmirs (Nr. 166) oder die Hochzeit von Königin
als Inspiration für ihre eigene aventurische Geschichte Yolande und Waldgraf Eilert (Nr. 177) nachgelesen
zu verstehen. werden.
Natürlich wird es für besonders große Ereignisse meist • In den drei Solo-Abenteuern rund um die Schwarze
auch eine offizielle Lesart geben, aber wir lassen häufig Eiche muss ein Held wirklich alles in die Waagscha-
gezielt Lücken, in denen ihr eure eigene Fantasie spielen le werfen, damit kein erneuter Krieg zwischen den
lassen könnt. Reichen droht.
Bei der Frage, welche Figuren wichtig für die Lebendi- • Der Roman Mehrer
ge Geschichte sind, hilft euch das Garadan-System, mit der Macht von Caro-
Der Aventurische Bote
dessen Figuren Meisterpersonen in unseren Publikati- lina Möbis behandelt ist das Begleitmagazin zu
onen versehen sind (siehe Aventurischer Almanach die letzten großen Das Schwarze Auge, in
Seite 204). Veränderungen in dem sich viele inneraven-
In den Streitenden Königreichen ist vieles so angelegt, Nostria und Ander- turische Berichte finden,
dass sich auf Dauer wenig verändert. Aufgrund des jahr- gast. In der Geschich- welche die Lebendige Ge-
hundertelangen Zwists und der Wichtigkeit alter Tra- te spielen neben den schichte belgleiten. Mehr
ditionen in beiden Reichen, kehrt das Setting beinahe aktuellen Herrschern Informationen gibt es unter
immer zum hier beschriebenen Grundton zurück – un- beider Reiche auch www.ulisses-spiele.de.
geachtet möglicher Erfolge und Rückschläge für die eine die Sumen eine be-
oder andere Seite. So können sich Spieler wie Helden in deutende Rolle.
Nostria wie Andergast auch nach längerer Abwesenheit • Das Abenteuer Neue
zu Hause fühlen. Bande & Uralter Zwist führt die Streitenden Kö-
nigreiche an den Rand eines neuen Krieges, als eine
vermeintlich friedensstiftende Hochzeit in Joborn
völlig aus dem Ruder läuft.

140 Mythos &


Historie
HELDEN DER STREITENDEN
KÖNIGREICHE
»Der Einwohner der Streitenden Königreiche? Ah, das
kann man so generell gar nicht sagen. Natürlich herrscht
das Bild vor, dass jeder Andergaster ein verwegener
Holzfäller wäre und jeder Nostrier ein stoischer Fischer,
aber das stimmt eben nur sehr eingeschränkt. Eine nost­
rische Ritterin aus der Waldwildnis hat sicherlich mehr
mit einem Andergaster Ritter derselben Region gemein,
als mit einem Deichbauer von der Küste. Eine Sumpfgän­
gerin aus dem Seenland hat eine gänzlich andere Persön­
lichkeit, als eine Tuchmacherin aus der Stadt Nostria.
Ebenso hat die Steppenwache Teshkaliens nur wenig ge­
mein mit einem Andergaster Schmied. Und dass die Su­
men und die Hexen gänzlich unterschiedlich sind, liegt
ja auf der Hand. Ebenso unterschiedlich sind auch die
Magier der Streitenden Königreiche, Rohalsschüler hat
es da in Nostria und robuste Kampfmagier in Andergast.
Ich sage Euch, man darf die feinen Unterschiede, die
sich aus der Landschaft der unterschiedlichen Regio­
nen ergeben, nicht unterschätzen. Ein tiefer, dunkler
Wald bringt einen anderen Menschenschlag hervor, als
eine weite Wattfläche am Meer. Auch die Glaubensvor­
stellungen sind oft alles andere als gleich. Wo die einen
Dryaden kennen und fürchten, haben die anderen es mit
Efferds Gewalten zu tun. Tückische Sümpfe schüren an­
dere Ängste als scharfes Steppengras.
Sowohl Nostria als auch Andergast sind, abgesehen von
ihren Hauptstädten oder etwa Salza, recht abgeschie­
den und schon so lange unabhängig, dass sich hier die
eigenartigsten Kultvorstellungen gehalten haben. Das
verbindet beide Reiche miteinander, auch wenn die Ein­
wohner das nicht gerne hören. Man verlässt sich lieber
auf die Tradition und lehnt Dinge ab, die Veränderun­
gen bringen. Starrköpfig, das sind wohl alle Einwohner
der Streitenden Königreiche. Aber sie sind auch Meister
der Improvisation, denn die Mittel sind knapp und die
Länder arm.
Wäre da nicht dieser tief verwurzelte Hass, könnten sie
gemeinsam vielleicht Großes erreichen. Vorausgesetzt
natürlich, dass sie ein wenig mehr Wert auf Hesindes
Gaben legten, denn Lesen oder gar Schreiben kann hier
kaum jemand. Und natürlich müssten die Andergas­
ter von ihrer eigenartigen Geringschätzung der Frauen
lassen.«
—Lyssandra della Pallyo, Geschichtskundige von der
Nandus-Schule zu Methumis, 1039 BF

141
Weltliche Professionen
Bogner Bogner
Der Bogner hat sich auf die Herstellung von Bögen spezi- Professionspaket
alisiert. Um eine solche Waffe herzustellen, braucht man
Kenntnisse über die verschiedenen Holzsorten und deren AP-Wert: 183 Abenteuerpunkte
Verarbeitungsmöglichkeiten. In den Streitenden König- Voraussetzungen: keine
reichen sind besonders die nostrischen Langbögen ge- Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für ins-
gesamt 4 Abenteuerpunkte, Fertigkeitsspezialisie-
fürchtet, deren Reichweite noch größer ist als die eines
rung Holzbearbeitung
herkömmlichen Bogens. Bogner sind angesehene Leute,
Kampftechniken: Bögen 12, Dolche 8, Raufen 8
denn nicht jeder versteht sich auf die Kunst, aus Holz und Talente:
Sehnen eine schusstaugliche Waffe herzustellen. Körper: Kraftakt 3, Sinnesschärfe 4
Nicht jedes Holz ist für Kurz- und Langbögen gleicher- Gesellschaft: Menschenkenntnis 2, Überreden 2, Wil-
maßen geeignet. Ein guter Bogner achtet bei der Wahl lenskraft 2
des Holzes neben der richtigen Beschaffenheit außer- Natur: Fährtensuchen 4, Fesseln 3, Orientierung 3,
dem darauf, wie stark und groß der Schütze ist, für den Pflanzenkunde 5, Tierkunde 5, Wildnisleben 3
die Fernkampfwaffe gedacht ist. Neben Bögen stellen Wissen: Götter & Kulte 2, Kriegskunst 4, Rechnen 2,
Bogner üblicherweise auch die passenden Pfeile her. Sagen & Legenden 2
Handwerk: Handel 5, Holzbearbeitung 8, Malen &
Zeichnen 2
Ausrüstung und Tracht Empfohlene Vorteile: Entfernungssinn, Herausra-
Ein Bogner ist meist selbst ein passabler Bogenschüt- gender Sinn (Sicht)
ze und führt eines seiner eigenen Werkstücke als Empfohlene Nachteile: keine
Waffe mit sich. Darüber hinaus ist er ein Handwer- Ungeeignete Vorteile: Adel
ker wie jeder andere auch, der normalerweise nicht Ungeeignete Nachteile: Blind, Eingeschränkter Sinn
viel mehr als einen Dolch für den Nahkampf besitzt. (Sicht), Unfähig Holzbearbeitung, Verstümmelt
Rüstungen trägt er während seiner Arbeit nicht und
auch bei einer Abenteuerreise ist es für ihn eher
unüblich, sich mit schwerer Last zu behängen. Ein Deichbauer
Gambeson oder eine Lederrüstung sind meist das An den Küsten Aventuriens, insbesondere in Nostria,
Schwerste, was der Bogner bereit ist überzustreifen. braucht die Bevölkerung Deiche. Sie sorgen dafür, dass Fel-
der und Häuser nicht überflutet werden, wenn Efferd einen
launigen Tag erwischt hat. Der Deichbauer kümmert sich

142 Helden der Streitenden Königreiche


um die Errichtung von Sommer-, Winter- und Notdeichen Holzfäller
und schützt die Küstenbewohner so vor den ärgsten Ge- Einer der wichtigsten Baustoffe der Aventurier ist das
fahren einer Überschwemmung. Zwar reicht es manchmal Holz. Egal ob Fichte, Buche oder Steineiche – aus Holz kön-
aus, einen einfachen Erdwall aufzuschütten, doch um einen nen Gebäude, Waffen und Schiffe gefertigt werden und
am Wasser gelegenen Schardeich zu errichten, gehört gro- ohne Holz würden viele Menschen im Winter erfrieren.
ßes Verständnis vom Deichbau und den Gezeiten dazu. Bei Dennoch ist der Beruf des Holzfällers außerhalb von An-
Weitem nicht jeder Küstenbewohner ist dazu in der Lage, dergast oft nicht sonderlich angesehen. Besonders in der
einen wirklich sicheren Deich zu errichten, dafür braucht aventurischen Wildnis kann das Leben eines Holzfällers
es schon einen echten Deichbauer und die Jahrhunderte al- jedoch sehr abenteuerlich sein. Goblins und Räuber ma-
ten Überlieferungen seiner Zunft. Die nostrischen Legen- chen viele Wälder unsicher, Wildtiere können zur Gefahr
den künden von Deichbauern, die bei ihrer Arbeit einen werden, und so manches Ungeheuer oder gar magisches
Schatz fanden oder ein Feenwesen aufstöberten – und in Wesen lauert tief im Dickicht, wo die besten Bäume stehen.
einigen dieser Märchen steckt ein Funken Wahrheit. Sie Gerade in abgelegenen und menschenleeren Gegenden
wählen zwar nur selten das Abenteuerleben, aber es ist gut wie dem Steineichenwald müssen die Holzfäller zusam-
möglich, dass sie als Wandergesellen ausziehen. Manchen menhalten, um den örtlichen Gefahren zu trotzen. Des-
treibt auch das Schicksal oder ein Richtspruch des Herrn halb sind sie eine verschworene Gemeinschaft, oftmals
Efferd hinaus in die Welt, und jede Heldengruppe wird sei- abergläubisch und Fremden gegenüber verschlossen.
ne anpackende Art zu schätzen wissen. Wer aber die Freundschaft eines Holzfällers gewinnen
kann, der kann sich auf ihn und seine Axt verlassen,
Ausrüstung und Tracht wenn es hart auf hart kommt.
Wahrlich, der Deichbauer ist kein Krieger. Er ist in
der Regel ein freier Handwerker und manchmal so- Ausrüstung und Tracht
gar nur zeitweise am Deich selbst tätig, wenn Not Wer Bäume fällen kann, der kann auch Menschen
am Mann ist. Er trägt eine Stakaxt und kann eine fällen. Ein Holzfäller weiß mit einer Axt vorzüglich
Deichgabel als improvisierte Waffe einsetzen, da- umzugehen, denn in Wäldern muss er sich oft gegen
rüber hinaus ist es aber mit seinen Kampfkünsten Wildtiere, Räuber und Orks durchsetzen. Und auch
nicht weit her. Eine Rüstung hat er vermutlich noch andere Waffen, etwa eine Armbrust oder ein Kurz-
nie getragen, da sie ihn in Watt und Wasser ohne- schwert, kann man gelegentlich im Gepäck eines
hin nur stört. Dafür hat der Deichbauer ein ganzes Holzfällers vorfinden. Rüstungen braucht er nicht –
Arsenal an Ausrüstung dabei: Spaten, Hammer und sie sind ihm zu teuer und würden ihm bei seiner Ar-
Nägel können sich während einer Abenteuerreise beit nur stören. Stattdessen trägt er einfache, prak-
als nützlich erweisen. tische Kleidung aus Wolle oder Leder.

Deichbauer Holzfäller
Professionspaket Professionspaket

AP-Wert: 197 Abenteuerpunkte AP-Wert: 228 Abenteuerpunkte


Voraussetzungen: keine Voraussetzungen: keine
Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für ins- Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für
gesamt 4 Abenteuerpunkte, Fertigkeitsspezialisie- insgesamt 2 Abenteuerpunkte, Fertigkeitsspezia-
rung Steinbearbeitung, Sonderfertigkeit Deichbauer lisierung Holzbearbeitung
Kampftechniken: Hiebwaffen 8, Raufen 8, Kampftechniken: Dolche 8, Raufen 10, Hiebwaffen 8,
Zweihandhiebwaffen 10 Zweihandhiebwaffen 10
Talente: Talente:
Körper: Klettern 6, Körperbeherrschung 5, Kraftakt Körper: Klettern 5, Körperbeherrschung 4, Kraftakt 6,
6, Schwimmen 6, Sinnesschärfe 4 Schwimmen 2, Selbstbeherrschung 3, Sinnes-
Gesellschaft: Menschenkenntnis 2, Überreden 2 schärfe 3, Zechen 2
Natur: Fischen & Angeln 4, Orientierung 4, Pflanzen- Gesellschaft: Einschüchtern 4, Willenskraft 3
kunde 2, Tierkunde 3, Wildnisleben 2 Natur: Fährtensuchen 3, Orientierung 5, Pflanzen-
Wissen: Geographie 3, Götter & Kulte 3, Mechanik 4, kunde 6, Tierkunde 4, Wildnisleben 5
Rechnen 4, Sternkunde 3 Wissen: Götter & Kulte 2, Sagen & Legenden 5
Handwerk: Boote & Schiffe 3, Holzbearbeitung 4, Ma- Handwerk: Fahrzeuge 2, Heilkunde Wunden 3, Holz-
len & Zeichnen 4, Steinbearbeitung 6 bearbeitung 7
Empfohlene Vorteile: Entfernungssinn, Kälteresis- Empfohlene Vorteile: Begabung (Holzbearbei-
tenz, Richtungssinn, Zeitgefühl tung), Hohe Zähigkeit
Empfohlene Nachteile: Schlechte Eigenschaften Empfohlene Nachteile: Niedrige Seelenkraft, Per-
(Aberglaube), Verpflichtungen (Grundherr) sönlichkeitsschwächen (Unheimlich, Weltfremd),
Ungeeignete Vorteile: Adel, Reich Schlechte Eigenschaften (Aberglaube)
Ungeeignete Nachteile: Blind, Kälteempfindlich, Ungeeignete Vorteile: Adel
Krankheitsanfällig, Niedrige Zähigkeit Ungeeignete Nachteile: Niedrige Zähigkeit

143
Ritter der Streitenden Königreiche Ritter der Streitenden Königreiche
In wenigen Region Aventuriens ist das traditionelle Professionspaket
Rittertum noch so verbreitet wie in den Streitenden
Königreichen. Während in Andergast bis auf wenige AP-Wert: 280 oder 293 Abenteuerpunkte (je nach
Ausnahmen nur Männer den Ritterschlag erhalten, gewählter Variante, eine Variante muss gewählt
ist in Nostria der Anblick einer Ritterin wahrlich kei- werden)
ne Seltenheit. Voraussetzungen: GE 13 (für die SF Finte I), KO 13
Die Ritter der Streitenden Königreiche zeichnet eine (für die SF Belastungsgewöhnung I), KK 13 (für die
besonders starke Verbundenheit zu ihrem Königreich SF Wuchtschlag I), Adel (5 AP), Kultur Andergas-
aus sowie eine Skepsis und bisweilen offene Feind- ter oder Nostrier
Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für
schaft gegenüber dem alten Feind jenseits der Grenze.
insgesamt 4 Abenteuerpunkte, Fertigkeitsspezia-
In Andergast nennt man die Streiter der waldreichen
lisierung Reiten, Belastungsgewöhnung I, Finte I,
Regionen passenderweise Waldritter. Sie kennen sich Wuchtschlag I
gut in der Wildnis aus, denn um vom einen Ort zum Kampftechniken: Lanzen 10, Raufen 10, Schwer-
nächsten zu gelangen, müssen sie teilweise lange Stre- ter 11, Zweihandschwerter 11, eine der folgenden
cken durch die Andergaster Wälder auf sich nehmen. Kampftechniken 10: Bögen, Hiebwaffen, Ketten-
In Nostria hingegen nennt man die Ritter der Küste waffen, Zweihandhiebwaffen
Seenritter. Neben ihren ritterlichen Tugenden kennen Talente:
sie sich auch bestens mit dem Deichbau und dem Fisch- Körper: Körperbeherrschung 5, Kraftakt 5, Reiten 8,
fang aus, so wie fast jeder Bewohner der nostrischen Schwimmen 3, Selbstbeherrschung 4,
Küste. Gesellschaft: Etikette 3, Menschenkenntnis 3, Wil-
lenskraft 3
Ausrüstung und Tracht Natur: Fährtensuchen 3, Orientierung 3, Tierkunde 3,
Wildnisleben 2
Ein Ritter der Streitenden Königreiche trägt meis-
Wissen: Geschichtswissen 2, Götter & Kulte 3, Kriegs-
tens die klassischen Waffen des Rittertums mit sich: kunst 4, Sagen & Legenden 6
Schwert, Zweihänder, Streitkolben. Gelegentlich Handwerk: –
können sie auch mit dem berüchtigten Andergas- Empfohlene Vorteile: Hohe Lebenskraft, Reich, Ver-
ter oder Nostrianer umgehen, einem Zweihand- besserte Regeneration (Lebensenergie), Zäher Hund
schwert, das nochmal deutlich schwerer und länger Empfohlene Nachteile: Persönlichkeitsschwächen
ist als der gewöhnliche Zweihänder. Ärmere Ritter (Arroganz, Eitelkeit, Vorurteile gegen Andergas-
– und davon gibt es einige in den Streitenden König- ter oder Nostrier), Prinzipientreue I-III (Ritterko-
reichen – tragen statt teurem Stahl manchmal auch dex; ehrenhaftes Verhalten, Schutz der Schwa-
nur Streitaxt oder Morgenstern. Allein beim Pferd chen), Schlechte Eigenschaften (Aberglaube),
kann in Anschaffung und Unterhalt nicht gespart Verpflichtungen II (Lehnsherr)
werden, ist doch ein Reittier das, was einen echten Ungeeignete Vorteile: keine
Ritter ausmacht. Ungeeignete Nachteile: Blutrausch, Fettleibigkeit,
Schlechte Regeneration (Lebensenergie)
Varianten:
• Seenritter/in (280 AP): Fischen & Angeln 6 statt 0,
Steinbearbeitung 5 statt 0
• Waldritter/in (293 AP): Wildnisleben 5 statt 2,
Holzbearbeitung 6 statt 0

Zaubererprofessionen
Graumagier des Kampfseminars eingestellt sind. Zwar stimmt es, dass dies auf viele Absol-
Andergast venten zutrifft, aber längst nicht jeder Andergaster Magi-
er neigt zu diesen Ansichten. Zwar ist die Magierakademie
Das Kampfseminar Andergast bietet eine harte Ausbildung nicht mit der größten Bibliothek der Grauen Gilde ausge-
an, bei der die Schüler nicht nur die Zauberei, insbesonde- stattet, aber zumindest erfahren die Schüler so viel über
re die Kampfmagie, erlernen. Auch körperlich verlangt die die Welt, dass sie sich ihre eigene Meinung bilden können.
Lehrzeit ihnen einiges ab. Die Andergaster Magier dienen Den Andergaster Kampfmagier kann es aber nach dem
oftmals in der Armee des Königreiches, was lange Jahre so- Ende seiner Ausbildung auch in die Ferne verschlagen.
gar Pflicht war, oder treten dem kämpferischen Magier- Nicht wenige Andergaster ziehen das Leben als Lohn-
orden der Grauen Stäbe (ODL) bei. Man sagt ihnen nach, magier oder als freier Abenteurer dem harten Alltag in
dass sie konservativ, ein wenig hinterwäldlerisch und Diensten von Krone, Adel oder auf der Grenzfeste An-
misstrauisch gegenüber Nostria und den dortigen Magiern derstein vor.

144 Helden der Streitenden Königreiche


Graumagier (Kampfseminar Andergast) Wo kann ich mich einschreiben?
Professionspaket Noch heute ist es üblich, dass Abgänger des Kampf-
seminars sich für einige Jahre freiwillig der Krone
AP-Wert: 368 Abenteuerpunkte oder dem Adel unterstellen und als magiekundige
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer (25 AP), Son- Kämpfer, Heiler oder Hofmagier dienen.
derfertigkeit Tradition (Gildenmagier) (155 AP) Von Stipendiaten der Grauen Gilde und Studieren-
Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für
den aus anderen Reichen wird dies nicht erwartet,
insgesamt 10 Abenteuerpunkte, Bindung des
aber dennoch gern gesehen. Das Studium in Ander-
Stabes
Kampftechniken: Dolche 8, Raufen 10, Schwerter 8, gast kann selbst aus einem Fremden einen glühenden
Stangenwaffen 11 Patrioten machen. Bei Frauen hingegen reagiert man
Talente: hierzulande mit Unverständnis bis Bestürzung, sollten
Körper: Klettern 4, Körperbeherrschung 5, Schwim- sie tatsächlich eine solche Karriere anstreben wollen.
men 3, Selbstbeherrschung 4, Sinnesschärfe 3, Doch in Andergast wird letztendlich jeder Mann ge-
Verbergen 1, Zechen 2 braucht – selbst wenn er gar keiner sein sollte.
Gesellschaft: Etikette 3, Menschenkenntnis 2, Wil- In Absprache mit dem Meister kannst du natürlich
lenskraft 3 auch anstelle eines frischgebackenen Adepten einen
Natur: Orientierung 3, Pflanzenkunde 4, Tierkunde 4, Veteranen ins Spiel führen, der sich längere Zeit einem
Wildnisleben 2 Dienstherrn verpflichtet hat. Wähle in diesem Fall bei
Wissen: Geographie 1, Geschichtswissen 2, Götter & der Generierung einfach einen höheren Erfahrungs-
Kulte 3, Kriegskunst 6, Magiekunde 5, Rechnen 4, grad, z. B. Kompetent. Die AP kannst du in entspre-
Sagen & Legenden 4 chend höhere Eigenschaftswerte, Fertigkeiten oder
Handwerk: Alchimie 1, Heilkunde Wunden 2, Holzbe-
Zauber investieren, die zur ehemaligen Position dei-
arbeitung 3, Lederbearbeitung 2, Malen & Zeich-
nes Helden passen und seine Erfahrung widerspiegeln.
nen 2, Stoffbearbeitung 2
Zauber: einen Zaubertrick aus folgender Liste: Feu-
erfinger, Glücksgriff, Waffensäuberung, Armat-
rutz 5, Attributo (Körperkraft) 4, Balsam 4, Blitz 6,
Duplicatus 5, Fulminictus (Elfen) 4, Ignisphaero 6
Weißmagier der Akademie von Licht
Empfohlene Vorteile: Entfernungssinn, Hohe See- und Dunkelheit zu Nostria
lenkraft, Richtungssinn, Verbesserte Regenerati-
on (Astralenergie), Zäher Hund Unweit von Nostria-Stadt liegt die einzige Magierakade-
Empfohlene Nachteile: Schlechte Eigenschaften mie des Landes. Die Akademie von Licht und Dunkelheit
(Neugier, Vorurteile – vor allem gegen Nostrier ist eine pragmatische Zauberschule, die ihre Absolven-
und Frauen, Weltfremd), Verpflichtungen II (Aka- ten nicht nur in der Kunst der Magie schult, sondern
demie, Gilde, Königreich Andergast) auch Wert darauf legt, dass sie praktische Erfahrung in
Ungeeignete Vorteile: keine einem Handwerk erhalten.
Ungeeignete Nachteile: Blutrausch, Niedrige See- So verwundert es nicht, dass ein nostrischer Magier sich
lenkraft, Schlechte Regeneration (Astralenergie) geschickt mit Werkzeugen anstellt, in der Magietheorie
jedoch ein paar Lücken aufweist. Die Forschung nimmt an
der Akademie keinen großen Stellenwert ein, sieht man
Ausrüstung und Tracht von der kürzlichen Wiederentdeckung der Ahnenzeichen
Die Magier aus Andergast tragen neben Stab, einmal ab. Dafür halten sich die Nostrier an die Regulari-
Hirschfänger und Magierobe meistens noch einen en der Weißen Gilde, ohne sie jedoch allzu streng auszu-
Gambeson, um sich besser zu schützen. Zwar sind legen. Ihr Spezialgebiet ist die Veränderung von Objekten
die Andergaster Kampfmagier, aber sie tragen den- und Zauberei, die Licht und Dunkelheit beeinflusst. Aus
noch keine schweren Waffen, da dies in der Gilde den Konflikten zwischen Nostria und Andergast versu-
ohne entsprechenden Dispens nicht geduldet wird. chen sie sich herauszuhalten, was ihnen nicht immer ge-
Nur ganz selten gibt es eine Sondererlaubnis, vor al- lingt und beim nostrischen Adel bisweilen Unmut auslöst.
lem dann, wenn der Magier in den Dienst der Armee
tritt. Dank ihrer Zauberkräfte brauchen sie jedoch Ausrüstung und Tracht
auch keine weiteren Waffen, um auf dem Schlacht- Die Magier aus Nostria halten sich fast alle an die Klei-
feld weithin gefürchtet zu sein. dervorschriften des Codex Albyricus. Sie tragen ein
einfaches, weißes Gewand, einen Zauberstab und ab
und an einen Magierhut. Außer vielleicht noch einem
Dolch haben sie keine Waffen bei sich. Rüstungen
kommen in der Regel nicht in Frage. Da man aber um
die Gefahren der nostrischen Wildnis weiß, stattet
sich so manch ein Absolvent auf Abenteuerfahrt mit
einem Gambeson aus, um Leib und Leben zu schützen.

145
Weißmagier In Teilen Andergasts und vielen anderen Reichen leben
(Akademie von Licht und Dunkelheit sie jedoch häufig verborgen unter den Menschen und
verfolgen Feinde der Hexen mit allen zur Verfügung
zu Nostria) stehenden Mitteln. Selbst gegenüber Freunden wer-
Professionspaket
den sie nicht selten ihre Tarnidentität aufrechterhal-
ten, denn für allzu schnelle Offenheit sind sie einfach
AP-Wert: 321 Abenteuerpunkte zu misstrauisch.
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer (25 AP), Son-
derfertigkeit Tradition (Gildenmagier) (155 AP)
Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für
Eulenhexe (Schwesternschaft:
insgesamt 10 Abenteuerpunkte, Bindung des Verschwiegene Schwesternschaft)
Stabes Professionspaket
Kampftechniken: Dolche 8, Raufen 8, Stangenwaffen 8
Talente: AP-Wert: 430 Abenteuerpunkte
Körper: Schwimmen 3, Selbstbeherrschung 4, Sin- Voraussetzungen: Vorteil Zauberer (25 AP), Son-
nesschärfe 3 derfertigkeit Tradition (Hexe) (135 AP)
Gesellschaft: Etikette 3, Überreden 1, Willenskraft 3 Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für ins-
Natur: Orientierung 3, Pflanzenkunde 5, Tierkunde gesamt 4 Abenteuerpunkte, Flüche für insgesamt 12
3, Wildnisleben 2 AP, Flugsalbe, Vertrautenbindung, Aura verbergen
Wissen: Geographie 2, Geschichtswissen 2, Götter & Kampftechniken: Dolche 11, Hiebwaffen 10, Raufen
Kulte 4, Kriegskunst 3, Magiekunde 5, Rechnen 4, 11, Wurfwaffen 10
Sagen & Legenden 6, Sternkunde 4 Talente:
Handwerk: Alchimie 2, Boote & Schiffe 3, Malen & Körper: Fliegen 7, Klettern 5, Körperbeherrschung 4,
Zeichnen 5, Heilkunde Wunden 3, Holzbearbeitung Sinnesschärfe 4, Tanzen 4, Verbergen 6
3, 6 AP zum Steigern anderer Handwerkstalente Gesellschaft: Einschüchtern 3, Menschenkenntnis 4,
Zauber: ein Zaubertrick aus folgender Liste: Ab- Überreden 3, Verkleiden 6, Willenskraft 4
kühlung, Feuerfinger, Leselampe, Analys 5, Arma- Natur: Fährtensuchen 3, Orientierung 5, Pflanzen-
trutz 5, Caldofrigo 5, Corpofrigo 5, Dunkelheit 6, kunde 4, Tierkunde 4, Wildnisleben 4
Flim Flam 4, Nebelwand (Elfen) 4 Wissen: Götter & Kulte 3, Magiekunde 4, Sagen & Legenden 5
Empfohlene Vorteile: Hohe Seelenkraft, Verbes- Handwerk: Alchimie 2, Heilkunde Wunden 3, Holzbe-
serte Regeneration (Astralenergie) arbeitung 3, Lederbearbeitung 2, Stoffbearbeitung 2
Empfohlene Nachteile: Schlechte Eigenschaften Zauber: ein Zaubertrick aus folgender Liste: Bauch-
(Neugier, Weltfremd), Verpflichtungen II (Aka- reden, Hexenblick, Kehrbesen, Schnipsen, Tro-
demie, Gilde, Königreich Nostria oder Orden der cken, Würze, Harmlose Gestalt 6, Hexenholz 4,
Schlange der Erkenntnis) Hexenknoten 5, Hexenkrallen 6, Krötensprung 4,
Ungeeignete Vorteile: keine Radau 5, Spinnenlauf 4
Ungeeignete Nachteile: Angst vor … (Dunkelheit), Empfohlene Vorteile: Altersresistenz (nur bei Ei-
Blutrausch, Lichtempfindlich, Nachtblind, Niedri- geborenen), Verhüllte Aura
ge Seelenkraft, Persönlichkeitsschwächen (Arro- Empfohlene Nachteile: Keine Flugsalbe, Kein Ver-
ganz, Eitelkeit), Schlechte Eigenschaften (Gold- trautentier, Schlechte Eigenschaften (Jähzorn,
gier), Schlechte Regeneration (Astralenergie) Neugier, Rachsucht)
Ungeeignete Vorteile: keine
Ungeeignete Nachteile: keine
Eulenhexe
Hexen treten nicht immer offen auf, wurden sie doch
in der Vergangenheit von einigen Kirchen, der Inquisi-
tion oder selbsternannten Hexenjägern verfolgt. Noch Ausrüstung und Tracht
heute begegnet man den Töchtern Satuarias mancher- Wie die meisten Töchter Satuarias haben die Eu-
orts mit Furcht, Aberglauben und aus Neid geborener lenhexen neben einem Fluggerät auch ein Vertrau-
Feindseligkeit. Auch wenn Hexen besonders in Nostria tentier an ihrer Seite. Dies kann jede Eulenart sein,
eine Sonderrolle als Mittlerinnen zur Erdmutter Sumu auch besondere Arten wie die Schädeleule sind be-
einnehmen, ist genau dies der Grund für die Existenz liebt. Meist ist die Eulenhexe unauffällig gekleidet
der Verschwiegenen Schwesternschaft, zu der auch die und passt sich ihrem Lebensraum an, so kann sie
Eulenhexen gehören. Sie verstehen sich als wehrhafte beispielsweise für eine Bäuerin, Jägerin oder Wald-
Beschützerinnen ihrer Gemeinschaft und haben es sich läuferin gehalten werden. Mit Waffen weiß sie um-
zur Aufgabe gemacht, Hexenjäger und andere Feinde zugehen, schließlich muss sie ihre Feinde bekämp-
der Töchter Satuarias erbittert zu bekämpfen. fen können.
Die meisten Eulenhexen sind nächtliche und überaus
stolze Jägerinnen, die ihre Beute mit Zaubern und Flü-
chen das Fürchten lehren können. Die streitbaren Frau-
en treten in Nostria meist offen auf.

146 Helden der Streitenden Königreiche


Schlangenhexe Schlangenhexe (Schwesternschaft:
Die Schwestern des Wissens, so auch die Eigenbezeich- Schwesternschaft des Wissens)
nung der Schlangenhexen, bemühen sich stets um die Professionspaket
Vertiefung und Erweiterung ihres magischen Könnens.
Anders als viele Hexen pflegen sie häufig gute Kontakte AP-Wert: 351 Abenteuerpunkte
zu Zauberkundigen anderer Traditionen und zu manch Voraussetzungen: Vorteil Zauberer (25 AP), Son-
hesindegefälligem Orden, wie etwa der Schwesternschaft derfertigkeit Tradition (Hexe) (135 AP)
der Mada. Obwohl kaum eine Schlangenhexe geheime Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für
Zaubersprüche oder Rituale der Töchter Satuarias leicht- insgesamt 10 Abenteuerpunkte, Flüche für insge-
fertig weitergibt, ist ihre Offenheit nicht selten Anlass für samt 10 AP, Flugsalbe, Vertrautenbindung
Streit mit ihren Hexenschwestern. Manchmal verdäch- Kampftechniken: Dolche 8
tigt man sie eines zu offenen Umgangs mit hexischen Ge- Talente:
heimwissen oder wirft ihnen gar Verrat vor. Körper: Fliegen 5, Tanzen 3, Verbergen 3
Wahr ist, dass Schlangenhexen wohl die wissensdurs- Gesellschaft: Betören 2, Etikette 2, Menschenkennt-
tigsten und gelehrsamsten unter den Hexen sind, und nis 6, Überreden 4, Willenskraft 4
manchen wohnt ein Forscherdrang inne, der dem ei- Natur: Orientierung 3, Pflanzenkunde 3, Tierkunde 3
Wissen: Geographie 3, Geschichtswissen 4, Götter &
nes Magiers gleichkommt. Sie beschäftigen sich mit Be-
Kulte 4, Magiekunde 6, Rechnen 3, Sagen & Legen-
schwörungen, aber bisweilen auch mit Antimagie und
den 5, Sternkunde 4
den klassischen Hexenformeln der Verwandlung und Handwerk: Alchimie 3, Malen & Zeichnen 4, Lebens-
Beherrschung. Oft zieht es sie daher in die Städte der mittelbearbeitung 2, Stoffbearbeitung 2
Menschen, wo sie ihren Forschungen besser nachgehen Zauber: ein Zaubertrick aus folgender Liste: Duft,
können als in der Einsamkeit der Wildnis. Hexenblick, Lockruf, Kehrbesen, Ängste lindern
4, Blick in die Gedanken 6, Disruptivo 4, Harmlose
Gestalt 5, Hexenknoten 4, Schlangenruf 6, Vipern-
blick 5
Empfohlene Vorteile: Altersresistenz (nur bei Ei-
geborenen), Verhüllte Aura
Empfohlene Nachteile: Keine Flugsalbe, Kein Ver-
trautentier, Schlechte Eigenschaften (Jähzorn,
Neugier, Rachsucht)
Ungeeignete Vorteile: keine
Ungeeignete Nachteile: Angst vor Schlangen

Ausrüstung und Tracht


Wie die meisten Hexen besitzt auch die Schlangen-
hexe ein Fluggerät und ein Vertrautentier (z. B.
eine Smaragdnatter). Waffen trägt sie üblicherwei-
se nicht, denn körperliche Auseinandersetzungen
gehören meist weniger zu ihren Stärken. Ihre Klei-
dung und Ausrüstung entspricht der Rolle, die sie
in der Gesellschaft übernimmt. Liegt ihre Berufung
in der Heilkunst, wird ihre Kleidung die einer Medi-
ca sein, als Gelehrte trägt sie beispielsweise die Ge-
wänder einer Sternkundlerin. Außerhalb der Strei-
tenden Königreiche und in Teilen von Andergast ist
eine solche Rolle zudem häufig auch Tarnidentität –
denn nicht überall wird den Hexen so viel Achtung
entgegengebracht wie in Nostria.

147
Mehrer der Macht Ausrüstung und Tracht
Nicht alle Druiden meiden die Menschen und die großen Die Ausrüstung und Kleidung eines Mehrers der
Städte. Die Mehrer der Macht stellen eine Fraktion der Macht kann stark variieren, je nachdem ob er be-
Druiden dar, die sich der Erforschung des menschlichen siedelte Regionen oder die Wildnis als Lebensraum
Geistes verschrieben haben. Sie beobachten Menschen, vorzieht. Wenn er unauffällig bleiben will, kleidet er
studieren ihr Verhalten und setzen sie gerne starken sich in Städten ähnlich wie ortsansässige Bürger, er
Emotionen oder Situationen aus, in denen sie ihre wah- scheut ansonsten aber auch die klassische und be-
ren Gefühle zur Schau stellen. quem geschnittene Gelehrtenrobe nicht. Den obli-
Viele Mehrer der Macht sehen es zudem als ihre Auf- gatorischen Druidendolch aus Feuerstein, dunklem
gabe an, die Geschicke einer Person, einer Region oder Granit oder Vulkanglas, so dieses verfügbar ist, be-
des ganzes Landes zu lenken – entweder zu dessen Wohl sitzen auch die Mehrer der Macht. Wie alle Druiden
oder Untergang. Sie sind Meister der Beherrschungsma- meiden sie Metall und besonders im Stadtalltag mag
gie, dafür sind sie, anders als viele Druiden, meist weni- es eine echte Herausforderung sein, nicht damit in
ger den Elementen verbunden. Mehrer der Macht gie- Berührung zu kommen.
ren nicht zwingend nach Einfluss, sie zeichnet vielmehr
Ehrgeiz und enorme Selbstbeherrschung aus. Sie bevor-
zugen es, unerkannt in der Umgebung ihrer Studienob- Sumudiener
jekte, der Menschen, zu leben. In Andergast nehmen sie In Andergast leben zahlreiche Sumen, wie die Druiden
jedoch teilweise eine sehr deutlich öffentliche Rolle ein hier genannt werden, meist in der Waldwildnis und den
und gelten, nicht ganz zu Unrecht, als besonders ein- angrenzenden Gebieten. Sie treten als weise Ratgeber,
flussreiche Sumen. Heiler und Wächter der Wälder in Erscheinung, und wer
den Rat eines solchen Sumudieners sucht, der kann sie
Druide im Wald, einem heiligen Hain oder in ihrer Hütte am
Rand eines Dorfes aufsuchen. Sie schätzen die Natur
(Denkrichtung: Mehrer der Macht) und die Menschen gleichermaßen, und ihr hehres Ziel
Professionspaket

AP-Wert: 343 Abenteuerpunkte Druide (Denkrichtung: Sumudiener)


Voraussetzungen: Vorteil Zauberer (25 AP), Son- Professionspaket
derfertigkeit Tradition (Druide) (125 AP)
Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für ins- AP-Wert: 330 Abenteuerpunkte
gesamt 4 Abenteuerpunkte, Bindung des Dolches Voraussetzungen: Vorteil Zauberer (25 AP), Son-
Kampftechniken: Dolche 8, Raufen 8 derfertigkeit Tradition (Druide) (125 AP)
Talente: Sonderfertigkeiten: Sprachen und Schriften für ins-
Körper: Selbstbeherrschung 4, Sinnesschärfe 4 gesamt 4 Abenteuerpunkte, Bindung des Dolches
Gesellschaft: Einschüchtern 4, Menschenkenntnis 5, Kampftechniken: Dolche 8
Überreden 2, Verkleiden 5, Willenskraft 5 Talente:
Natur: Pflanzenkunde 4, Tierkunde 4, Wildnisleben 3 Körper: Selbstbeherrschung 3, Sinnesschärfe 4
Wissen: Geographie 3, Geschichtswissen 5, Götter & Gesellschaft: Bekehren & Überzeugen 4, Menschen-
Kulte 4, Magiekunde 5, Rechnen 6, Rechtskunde 4, kenntnis 4, Überreden 4, Willenskraft 5
Sagen & Legenden 4, Sternkunde 3 Natur: Pflanzenkunde 6, Tierkunde 6, Wildnisleben 5
Handwerk: Alchimie 3, Heilkunde Krankheit 3, Heilkun- Wissen: Geschichtswissen 5, Götter & Kulte 4, Magie-
de Seele 5, Holzbearbeitung 3, Steinbearbeitung 6 kunde 5, Rechnen 3, Rechtskunde 6, Sagen & Le-
Zauber: ein Zaubertrick aus folgender Liste: Bart- genden 5, Sternkunde 5
wuchs, Trocken, Signatur, Große Verwirrung 6, Handwerk: Alchimie 3, Heilkunde Krankheit 4, Heilkun-
Horriphobus 6, Odem 4, Respondami 5, Sensibar de Seele 2, Holzbearbeitung 3, Steinbearbeitung 6
4, Zunge betäuben 5, Zwingtanz 4 Zauber: ein Zaubertrick aus folgender Liste: Bart-
Empfohlene Vorteile: Hohe Seelenkraft, Krank- wuchs, Beeren & Nüsse, Lockruf, Trocken, Atem-
heitsresistenz, Richtungssinn, Verbesserte Rege- not 5, Elementarer Diener 6, Herr über das Tier-
neration (Astralenergie), Zeitgefühl reich 6, Manifesto 10, Pestilenz erspüren 4, Sumus
Empfohlene Nachteile: Schlechte Eigenschaften Elixiere 4, Zunge betäuben 5
(Neugier) Empfohlene Vorteile: Hohe Seelenkraft, Krank-
Ungeeignete Vorteile: Eisenaffine Aura heitsresistenz, Richtungssinn, Verbesserte Rege-
Ungeeignete Nachteile: Blutrausch, Niedrige See- neration (Astralenergie), Zeitgefühl
lenkraft, Schlechte Regeneration (Astralenergie) Empfohlene Nachteile: Lästige Mindergeister,
Schlechte Eigenschaften (Neugier)
Ungeeignete Vorteile: Eisenaffine Aura
Ungeeignete Nachteile: Blutrausch, Niedrige See-
lenkraft, Schlechte Regeneration (Astralenergie)

148 Helden der Streitenden Königreiche


ist, dass beide im Gleichklang miteinander leben. Zwar
sind die Sumudiener eng mit ihrer Heimat verbunden,
manch einer nimmt aber gerade in jungen Jahren auch
lange Reisen durch Aventurien auf sich, um mehr Weis-
heit zu erlangen, die Wunder Sumus zu entdecken oder
die Magie der Elemente zu studieren. Sie lauschen stets
den Stimmen und Wesen des Waldes, als höchste aber
verehren sie die Erdgöttin Sumu. Nicht selten werden
sie in den Streitenden Königreichen sogar als ihre Pries-
ter angesehen, obwohl sie Zauber wirken.

Ausrüstung und Tracht


Die Gewandung eines Sumudieners entspricht weit-
gehend der Vorstellung, die ein Aventurier von ei-
nem Druiden hat: eine einfach Kutte aus Leinen oder
Wolle, die bis zu den Knien reicht, dazu meist eine
Kapuze, mit der er sich nicht nur vor Regen schützt,
sondern seiner Gestalt obendrein etwas Mysteriöses
verleiht. Der Druidendolch ist mangels Vulkanglas
in Andergast meist aus Feuerstein, aber auch ande-
re feste Gesteine sind beliebt. Kein Sumudiener wür-
de jedoch Metallgegenstände bei sich tragen, und so
vervollständigen Tragetasche und eine Auswahl an
Kräutern meist seine Ausrüstung.

Hintergründe für Helden aus den Streitenden Königreichen


Motivation hat. Ebenso kann natürlich eine Adeptin aus Nostria
»Wieso ich umherziehe? Ist Aves’ Ruf denn nicht genug? Schau an einer auswärtigen Akademie forschen, um ihre
dir die Welt doch an, es gibt noch so viel zu entdecken, so viel Kenntnisse über die Ahnenzeichen zu vertiefen. Dabei
zu tun und unsterblichen Ruhm zu gewinnen.« wird ihre Neugier auf den Rest der Welt geweckt.
—eine unbekannte Abenteurerin aus dem nostrischen Seen­ • Einen Sumen kann die Vorstellung reizen, andere Wäl-
land, neuzeitlich der kennenzulernen oder den Kontakt zu anderen Tier-
königen zu suchen, etwa zu der Eulenkönigin Oropheïa
Es gibt viele Gründe für Helden aus den Streitenden Kö- im mittelreichischen Herzogtum Weiden. Hierbei wird
nigreichen, in die Welt hinauszuziehen. Neben Abenteu- er damit konfrontiert, dass Druiden bei Weitem nicht
erlust mögen auch Armut oder Kriegsmüdigkeit einen überall so hoch angesehen sind wie in Andergast. Wo-
Anlass bieten, die Heimat zu verlassen, und sein Glück möglich motiviert ihn dies, fortan weiter durch Aven-
anderswo zu versuchen. Neben den hier vorgestellten turien zu reisen und auch andere Völker und Kulturen
Ideen findest du auf den Folgeseiten noch weitere Inspi- den Respekt vor Sumus Gaben zu lehren.
ration für den Start ins Heldenleben. • Hexen aller Schwesternschaften kennen Erzäh-
lungen von anderen mächtigen Zirkeln. Vielleicht
• Ein Ritter aus Nostria oder Andergast gibt seinen möchte die hoffnungsvolle Junghexe in der Ferne
Spross als Knappen zu einem befreundeten Adligen Erfahrung sammeln und von anderen Schwestern
in eine benachbartes Reich. Hier blickt der Knappe lernen, um dereinst in der Heimat einen Platz un-
zum ersten Mal über den Tellerrand hinaus und be- ter den Hohen Drei im Zirkel von Hallerû einzufor-
schließt, fortan als fahrender Ritter Erfahrungen zu dern. Insbesondere bei mächtigen Hexen wie Raxan
sammeln, bevor er in seine Heimat zurückkehrt. Schattenschwinge aus dem Reichsforst (Aventuri-
• Ein Magier des Kampfseminars Andergast entscheidet scher Almanach Seite 210) oder der Thorwalerin
sich für den Dienst im graumagischen Orden der Grau- Tula von Skerdu bietet der Preis für ihr Wissen Stoff
en Stäbe (ODL) und wird in wichtiger Mission in die für ein ganz eigenes Abenteuer.
Fremde geschickt. Dabei findet er Gefallen am Reisen • Ein Holzfäller oder eine Deichbauerin könnten auf-
und den Herausforderungen, die Aventurien zu bieten grund von dunklen Vorzeichen, altem Aberglauben

149
oder als unbequeme Querdenker aus ihrer Gemein- Sie sind als Inspiration für die Ausgestaltung deines Hel-
schaft verstoßen werden. Nun müssen sie ein neues den gedacht und können auch in den Werten nieder-
Auskommen suchen. Auch wenn sie nicht die ge- schlagen, wenn du bei der Generierung z. B. passende
selligsten Zeitgenossen sind, sollten sie leicht An- Fertigkeiten oder Vor- und Nachteile wählen möchtest.
schluss finden, da sie fest anpacken können und
sich durchaus ihrer Haut erwehren können. Besondere Umstände bei der Geburt (1W20)
• Bogenschützen und Waffenknechte könnten die Nase 1 Eine Eule (bei Nacht) oder ein Rabe (bei Tag)
voll haben von der schlechten Moral ihrer Truppe, dem kreist über dem Haus und fliegt mit einem lauten
knausrigen Ritter oder der ewigen Warterei auf den Krächzen nach der Geburt davon.
Feind. Sie träumen schon lange davon, sich einer aus- 2-3 Ein plötzlicher Wetterumschwung (Sonne nach
wärtigen Söldnerschar anzuschließen, um ihren Ein- Dauerregen, früher Wintereinbruch, Sturm oder
satz endlich mit gutem Gold vergolten zu bekommen. Hagelschauer) tritt ein.
• Eine Heldin aus Andergast ist es leid, sich ständig be- 4-5 Die nächtliche Geburt ist von Löwensternen (Ko-
vormunden zu lassen. Andauernd will sie jemand klein meten) und Sternschnuppen begleitet.
halten, kritisiert ihre für eine Frau ungewöhnliche 6 Die Gerichtseiche der Gegend vergießt blutro-
Ausbildungswahl oder versucht gar, sie in eine arran- tes Harz (Andergast), an der nahen Küste bricht
gierte Ehe zu zwingen. Sie will endlich ernst genom- während der Flut ein Deich (Nostria).
men werden und sucht daher ihr Glück in der Fremde. 7 Nach der Geburt findet man an der Türschwelle
• Ein Vorfahr des Helden kämpfte auf Seiten des ver- ein verendetes Tier, dessen Wesenszüge viele im
schollenen Prinzen Kasparbald auf der Insel Maraskan Neugeborenen erkennen wollen.
(Nostria) oder in der 3. Dämonenschlacht (Andergast) 8 Hexenlocke oder Sumusmal: Das Kind hat eine
gegen die Borbaradianer. Seine Erzählungen haben Locke, die eine sichtbar andere Haarfarbe auf-
den Helden tief beeindruckt und ließen in ihm schon weist, oder ein großes und borkig wirkendes Ge-
früh den Wunsch reifen, ferne Länder zu sehen und ei- burtsmal. Beides gilt als Zeichen, dass Sumu oder
gene Heldentaten zu begehen. Satuaria gnädig auf das Kind schauen.
• Der Held hat seit der Nacht des Sternenfalls Visionen, 9 Der Vater zweifelt die Vaterschaft an und be-
die ihm keine Ruhe lassen: eine rotschwarzgelb ge- schuldigt die Mutter wütend oder enttäuscht,
punktete Riesenspinne mit Stachel in einem gewal- eine Affäre mit dem Erzfeind gehabt zu haben.
tigen Dschungel; eine himmelhohe Eiche, die von 10-11 Die Bäume der Gegend rauschen und knarzen be-
einem gehörnten Holzfäller mit blutroter Axt gefällt sonders laut (Andergast), die Wasser von Fluss und
wird; Tausende tote Fische, die auf dem Meer in pur- See sind aufgewühlt wie selten zuvor (Nostria).
purnem Schaum schwimmen; Dutzende Eichen, die 12 Ein (reisender) Zwölfgöttergeweihter spendet
sich erheben und plündernd durch das Land ziehen. seinen Segen für das Neugeborene.
Niemand kann ihm so recht bei der Deutung helfen, 13 Das Neugeborene fällt bei einem Scharmützel
sodass er sich selbst auf die Suche macht, um den tie- (kurzzeitig) in Feindeshand.
feren Sinn seiner inneren Bilder zu ergründen. 14-15 Ein örtlicher Sume/ Die örtliche Hexe … (2W6)
• Ein Großteil der Familie des Helden wurde von der 2 prophezeit großes Unheil.
letzten blauen Keuche dahingerafft (Nostria) oder 3 prophezeit eine große Zukunft.
von marodierenden Orks erschlagen (Andergast) 4 prophezeit große Heldentaten.
und lebt seither in bitterer Armut. Ihm bleibt keine 5-9 spendet Segen.
andere Wahl, als sein Glück entweder als Tagelöh- 10 spricht danach wochenlang wirr.
ner oder als Abenteurer zu versuchen. 11 bricht in schallendes Gelächter aus.
• Der nostrische Held ist von den kulturellen Segnungen 12 stirbt am selben Tag.
der Zivilisation seines Landes so überzeugt, dass er es 16 Ein prächtiger Hirsch oder ein Einhorn (Nostria),
als seine moralische Pflicht ansieht, auch andere Län- ein Waldschrat oder Auerochse (Andergast) zeigt
der an diesen Errungenschaften teilhaben zu lassen. sich am Rande des Dorfes.
17 Ein naher Verwandter fällt in einem Grenzschar-
Hintergrundereignisse mützel gegen den Erzfeind.
Die Persönlichkeit eines Helden ist maßgeblich auch durch 18 Der dickste Fisch seit Jahren geht ins Netz (Nost-
Ereignisse geprägt, die er vor seinem Leben als Abenteurer ria), die fetteste Sau wirft sechs putzmuntere
erlebt hat. Das können ungewöhnlicher Begebenheiten bei Ferkel (Andergast).
seiner Geburt sein, durch die der Held besonders behan- 19 Ein schwerer Sturm trifft / verschont nur das
delt wurde. Es mögen auch Schicksalsschläge in der Kind- Haus des Neugeborenen.
heit sein, wie der Verlust eines Familienmitglieds durch 20 Eine Mond- oder Sonnenfinsternis zeigt sich am
Unfall oder Krieg, oder prägende Ereignisse in der Jugend, Himmel.
wie die Begegnung mit einem Waldschrat, eine Rauferei
mit tödlichem Ausgang oder eine erste Schwärmerei. In der Kindheit (1W20)
Aus den folgenden Tabellen kannst du solche Ereignisse 1 Das Kind begegnet einem Tierkönig (Andergast:
wählen oder ganz einfach die Würfel entscheiden lassen. Auerochse, Nostria: Kronenhirsch).

150 Helden der Streitenden Königreiche


2-3 Dank einer besonderen Begabung oder Neigung oder erhält ein Stipendium für eine der beiden
nimmt ein Erwachsener das Kleine unter seine Magierakademien.
Fittiche, beschützt es und bringt ihm einiges bei. 5-6 Er trifft auf eine berühmte Persönlichkeit (siehe
Der Mentor ist … (1W6) Kapitel Rang & Namen ab Seite 120) und ist von
1 ein Sume oder eine Hexe. ihr sehr beeindruckt.
2-3 ein Waffenknecht. 7-9 Der jugendliche Held verliebt sich unsterblich …
4-5 Flößer, Holzfäller, Fischer oder Waldläufer. (2W6)
6 Geweihter oder Magier. 2-3 aber der Standesunterschied ist zu groß.
4 Das Kind trifft eine Dryade (Andergast) oder eine 4-7 stößt jedoch nicht auf Gegenliebe.
Nymphe (Nostria) in der Nähe seiner Wohnstätte (1W6): 8-11 und stößt auf Gegenliebe.
1-2 Es fürchtet sich fortan vor diesen Wesen (emp- 12 doch sein Schwarm stammt aus dem ver-
fohlener Nachtteil: Angst vor … auf Stufe I). feindeten Reich.
3-4 Die Begegnung bleibt eine Anekdote ohne 10 Der jugendliche Held entwickelt eine besondere
Folgen. Leidenschaft für ein Handwerk (z. B. Holzschnit-
5-6 Es beginnt eine Freundschaft mit dem Wesen, zen, Kunststicken, Bogenbau, Instrumentenbau).
die es zu den unmöglichsten Zeiten pflegt. Er … (1W6)
5 Die Eltern werden vom Landesherrn für eine be- 1-3 frönt ihr noch heute in seiner Freizeit.
sondere Tat belohnt (empfohlener Vorteil: Adel). 4-6 hat diese jedoch wieder aufgegeben.
6 Der Überfall eines Raubritters lässt die Familie 11-12 Der junge Held soll bei einer Mutprobe ein benach-
des Helden mittellos zurück (empfohlener Nach- bartes Grenzdorf mit Schmähwappen (Salzarelen-
teil: Arm). gräte oder Baumstumpf) verunzieren. Dabei …
7-9 Ein alter Recke unterweist das Kind im Lesen und 1-2 scheitert er grandios und wird hart bestraft.
Schreiben (empfohlene Sonderfertigkeit: Schrift I). 3-4 scheitert er, kommt aber recht glimpflich
10-13 Ein alter Waffenknecht erzählt von seinen Aben- davon.
teuern und Heldentaten. Das Kind ist davon sehr 5-6 ist er erfolgreich und wird frenetisch ge-
beeindruckt und eifert ihm fortan nach. feiert.
14-15 Orks (Andergast), Thorwaler (Nostria) oder der 13 Ein Freund oder Familienmitglied wird vom
Erzfeind plündern den Heimatort des Helden. Bei Feind oder wegen Verrats auf besonders brutale
1 oder 2 auf 1W6 kommt ein Familienmitglied da- Weise exekutiert. Der jugendliche Held wird Zeu-
bei zu Tode. Dies ist … (1W6) ge der Hinrichtung und ist in der Folge längere
1 der Vater. Zeit tief verstört.
2 die Mutter. 14-15 Dem jugendlichen Helden erscheint ein im Krieg
3-6 ein Bruder oder eine Schwester. verstorbener Ahn und …(1W6)
16-17 Das Kind zerstreitet sich mit einem Familienmit- 1 starrt ihn anklagend an.
glied (Tabelle zur Bestimmung unter 13-15). 2-4 warnt ihn vor einer großen Gefahr.
18 Das Kind wird für etwas bestraft, das es nicht ge- 5 erschreckt ihn fast zu Tode.
tan hat. Der Richter …(1W6) 6 weiht ihn in ein grausames Familienge-
1-4 lässt dank eines Fürsprechers (Sume oder heimnis ein.
Hexe) Milde walten. 16-17 Der jugendliche Held hat einen Rivalen. Dieser …
5-6 bleibt aufgrund eines Rats (durch Sume (1W6)
oder Hexe) hart. 1-2 ist ein alter Familienfeind.
19 Das Kind verirrt sich in der Waldwildnis oder den 3-4 ist neidisch auf den jugendlichen Helden.
Sümpfen des Seenlands. Es überlebt schwer verletzt. 5-6 war zuvor gut mit ihm befreundet.
20 Ein Familienmitglied stirbt (Tabelle zur Bestim- 18 Der Held wird Zeuge des alljährlichen Rittertur-
mung unter 13-15) an einer heimtückischen niers in Andergast oder Nostria und entwickelt
Krankheit, etwa der Blauen Keuche. Bei 1-2 auf in der Folge starke patriotische Gefühle.
1W6 wird das Kind selbst von der Krankheit be- 19 Der jugendliche Held soll verheiratet werden.
fallen, überlebt aber. Ihm gefällt der zukünftige Ehepartner aber nicht.
Er …(1W6)
In der Jugend (1W20) 1-2 akzeptiert murrend das Votum seiner
1-3 Der jugendliche Held durchlebt eine Phase der Familie.
Frömmigkeit. Er sucht die Nähe von Sumen, He- 3-4 bricht mit der Familie und schlägt sich fort-
xen oder Geweihten. Nach dieser Zeit …(1W6) an allein durchs Leben.
1-3 bleibt er eiserner Verfechter dieses Glaubens. 4-6 kann die Heirat abwenden, hat sich damit
4-6 wendet er sich von diesem Glauben ab. aber Feinde gemacht.
4 Aufgrund einer besonderen Begabung wird der 20 Eltern und Geschwister kommen bei einem Angriff
junge Held als Schüler eines berühmten Rit- von Orks, Goblins (Andergast), Thorwalern (Nost-
ters, eines Sumen oder einer Hexe angenommen ria) oder des Erzfeinds ums Leben.

151
Neue Waffen und Rüstungen
An dieser Stelle sind weitere Nah- und Fernkampfwaf- Sturmsense (Kampftechnik Stangenwaffen): eine Wei-
fen aufgeführt, die jene aus dem Regelwerk (ab Seite terentwicklung der einfachen Sense zur Kriegswaffe;
366) ergänzen. Eine Tabelle mit Preisen für Ausrüstung Über 2 Schritt lang, wird das rechtwinklig abstehende
sowie die vorgestellten Waffen und Rüstungen findest Klingenblatt der Sense in gerader Linie als Verlänge-
du in diesem Band auf Seite 88 und 152 f. rung des Schaftes wieder an selbigem befestigt. Dieser
Umbau durch einen kundigen Grobschmied erhöht die
Nahkampfwaffen Effektivität der Waffe im Kampf immens.
Andergaster / Nostrianer (Kampftechnik Zweihand­ Turnierlanze (Kampftechnik Lanzen): Anstatt einer
schwerter): ein überlanges Zweihandschwert mit langer Spitze weist die Turnierlanze nur einen stumpfen Kopf
Fehlschärfe und ausladender Parierstange, häufig auch auf, der einen Gegner aus dem Sattel stoßen soll, ohne
Greifringe; außerhalb der Streitenden Königreiche vor ihm ernsthaften Schaden zu zufügen.
allem bei almadanischen und horasischen Doppelsöld- Turnierschwert (Kampftechnik Schwerter): ähnelt dem
nern verbreitet Langschwert, hat aber stumpfe Schlagkanten und eine
Druidendolch (Kampftechnik Dolche): Das prägende abgerundete Spitze, um ernsthafte Verletzungen bei
Ritualinstrument der Druiden ähnelt einem schweren Turnierkämpfen zu verhindern
Dolch mit breiter Klinge und wird häufig aus Feuerstein Turnierzweihänder (Kampftechnik Zweihandschwer­
oder Vulkanglas hergestellt. ter): eine Waffe, die dem normalen Zweihänder ähnelt,
Deichgabel (Kampftechnik Hiebwaffen): eigentlich ein aber stumpfe Schlagkanten aufweist; Auch die Spitze ist
Werkzeug, aber auch eine improvisierte Waffe, die aus abgerundet, sodass bei Turnierkämpfen ernsthafte Ver-
einem Holzstiel mit einem runden, breiten und sie- letzungen verhindert werden.
gelstockartigen Ende besteht; An der anderen Seite ist
ein Eisensporn mit einer flachen Klinge und einer dop- Fernkampfwaffen
pelt gezackten Spitze befestigt. Neben neuen Nahkampfwaffen stellen wir dir auch noch
Eberfänger (Kampftechnik Dolche): schwerer Dolch eine neue Fernkampfwaffe vor.
ohne Parierstange, der eine annähernd tropfenförmi-
ge Klinge mit zwei Schneiden besitzt und eine beliebte Nostrischer Langbogen (Kampftechnik Bögen): ein Bo-
Jagdwaffe ist gen aus Esche oder Eibe, meist so lang wie der Schütze
Hirschfänger (Kampftechnik Schwerter): Der Hirsch- und von enormem Zuggewicht, dafür aber hoher Reich-
fänger hat etwa die Länge eines Kurzschwerts und äh- weite und Durchschlagskraft
nelt mit seinen breiten und leicht geschwungenen
Schneiden einem überlangen Eberfänger.
TP: Trefferpunkte
Holzfälleraxt (Kampftechnik Zweihandhiebwaffen): ei-
L+S: Leiteigenschaft und Schadensschwelle
gentlich ein Werkzeug, mit einer Klinge am Axtblatt,
AT/PA-Mod: Modifikator für Attacke und Parade
das aber ebenso effektiv als improvisierte Waffe im
der Waffe
Kampf eingesetzt werden kann
RW: Reichweite
Kriegsflegel (Kampftechnik Stangenwaffen): eigent-
LZ: Ladezeit in Aktionen
lich kaum mehr als ein Dreschflegel, dessen Griff und
Munitionstyp: Welche Art von Munition verwen-
Schlagkopf mit Eisenbändern und Nägeln verstärkt sind
det die Waffe?
Kriegslanze (Kampftechnik Lanzen): vom Rücken eines
Gewicht: Gewicht der Waffe in Stein
erprobten Schlachtross aus eingesetzt, eine furchtbare
Länge: Länge der Waffe in Halbfinger
und todbringende Waffe, die selbst die härteste Rüstung
Preis: Preis der Waffe in Silbertalern
zu durchdringen vermag; Eine Kriegslanze hat etwa
2H: Eine Waffe, die zweihändig geführt werden
3 Schritt Länge, weist einen Handschutz auf und eine
muss. Damit ist die Nutzung eines Schilds, ei-
scharfe, für gewöhnlich dreieckig geformte Speerklinge.
ner zweiten Waffe für den beidhändigen Kampf
Saufeder (Kampftechnik Stangenwaffen): ein Jagdspieß
oder die zusätzliche Nutzung einer Parierwaffe
mit breiter Stoßklinge und Knebeln, die das zu tiefe
ausgeschlossen.
Eindringen der Waffe verhindern sollen; Der Schaft ist
i: Die Waffe gilt als improvisiert. Bei Attacke und
meist mit Eisen verstärkt.
Parade reicht bereits eine gewürfelte 19 des Helden
Sense (Kampftechnik Stangenwaffen): eigentlich ein Ern-
aus, damit ein Bestätigungswurf für einen Patzer
tewerkzeug der einfachen Bauern, mit einer langen, ge-
erfolgen muss (sprich: es ist wahrscheinlicher, ei-
bogenen Klinge und einer Schneide; wird bei Landweh-
nen Patzer zu erleiden). Gegen improvisierte Waf-
ren gern auch als improvisierte Waffe genutzt
fen erhält der Verteidiger einen Bonus von 2 auf
Stakaxt (Kampftechnik Zweihandhiebwaffen): ein Werk-
seine Verteidigung.
zeug für die Bearbeitung von Stakwänden bei Deichen,
mit langgezogener, bartförmiger Klinge und einem
Hammerende

152 Helden der Streitenden Königreiche


Kampftechnik Dolche
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Druidendolch 1W6+1 GE 15 –1/0 kurz 0,5 Stein 30 Halbfinger 60 Silbertaler
Eberfänger 1W6+2 GE 14 0/–1 kurz 1 Stein 40 Halbfinger 60 Silbertaler

Kampftechnik Hiebwaffen
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Deichgabel (i) 1W6+2 KK 15 –1/–2 mittel 0,5 Stein 60 Halbfinger 30 Silbertaler

Kampftechnik Lanzen
Anmerkung Diese beiden Waffen können nur bei einem Lanzenangriff eingesetzt werden.
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Kriegslanze 2W6+6 – – – 3,75 Stein 300 Halbfinger 100 Silbertaler
Turnierlanze 1W6+8 – – – 3 Stein 300 Halbfinger 30 Silbertaler
Anmerkung Bei 11 oder mehr erzielten TP mit nur einem Angriff zerbricht die Turnierlanze.

Kampftechnik Schwerter
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Hirschfänger 1W6+2 GE/KK 14 0/–1 kurz 1 Stein 60 Halbfinger 100 Silbertaler
Turnierschwert 1W6+1 GE/KK 16 0/0 mittel 0,5 Stein 100 Halbfinger 20 Silbertaler
Anmerkung Bei 7 oder mehr erzielten TP mit nur einem Angriff zerbricht das Turnierschwert.

Kampftechnik Stangenwaffen
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Kriegsflegel (2H) 1W6+4 GE/KK 15 –1/–1 lang 2 Stein 200 Halbfinger 50 Silbertaler
Saufeder (2H) 1W6+5 GE/KK 15 0/–1 lang 1,75 Stein 200 Halbfinger 100 Silbertaler
Sense (2H, i) 1W6+3 GE/KK 16 –2/–1 lang 3,5 Stein 200 Halbfinger 40 Silbertaler
Sturmsense (2H) 1W6+5 GE/KK 16 –1/–1 lang 1,75 Stein 200 Halbfinger 60 Silbertaler

Kampftechnik Zweihandhiebwaffen
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Holzfälleraxt (2H, i) 2W6+1 KK 13 0/–4 mittel 4 Stein 110 Halbfinger 80 Silbertaler
Stakaxt (2H, i) 1W6+4 KK 13 0/–2 mittel 3 Stein 100 Halbfinger 40 Silbertaler

Kampftechnik Zweihandschwerter
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Andergaster/ 2W6+5 KK 14 0/-4 mittel 3,25 Stein 200 Halbfinger 400 Silbertaler
Nostrianer (2H)
Turnierzweihänder 1W6+3 GE/KK 16 0/–2 mittel 2,25 Stein 160 Halbfinger 40 Silbertaler
Anmerkung Bei 9 oder mehr erzielten TP mit nur einem Schlag zerbricht der Turnierzweihänder.

Kampftechnik Bögen
Waffe TP LZ RW Munitionstyp Gewicht Länge Preis
Nostrischer 1W6+8 2 Aktionen 20/120/180 Pfeile 1 Stein 200 Halbfinger 100 Silbertaler
Langbogen
Anmerkung Um den Nostrischen Langbogen einsetzen zu können, benötigt der Schütze eine KK von 14.

153
Rüstungen Turnierrüstung: Eine schwere und sperrige Plattenrüs-
Für den Schutz in der Tjoste wurde diese spezielle tung, die speziell für den Kampf auf dem Pferderücken
Turnierrüstung entwickelt. gedacht ist. Ein Fußkämpfer kann diese Rüstung nicht
sinnvoll tragen. Turnierrüstungen sind häufig prachtvoll
gehalten und reich verziert. In den Streitenden Königrei-
chen sind sie sehr selten, da nur wenige Hochadlige das
Geld besitzen, eine solche Rüstung anfertigen zu lassen.

Rüstungen
Art Rüstungsschutz Belastung (Stufe) zusätzliche Abzüge Gewicht Preis
Turnierrüstung 8 5 – 40 Stein 3.000+ Silbertaler
Anmerkung Auf einem Pferd können bei der Turnierrüstung von der BE 2 statt nur 1 abgezogen werden.

Wesenszüge
Die vorliegende Regel ist eine Fokusregel der Stufe I für Wesenszüge Nostria & Andergasts
den Themenkomplex Kulturen. Typische/r Andergaster/in (Stufe I)
Um die Eigenheiten der
aventurischen Kulturen Baumliebhaber: Als Bewohner eines Waldkönigreichs
Sollte dir die Regel für regeltechnisch abzubil- kennen sich Andergaster hervorragend mit Bäumen
Wesenszüge zu kleinteilig den, kannst du auf We- aus. Sollte ein Andergaster Held eine Probe auf Pflanzen-
sein, kannst du sie einfach senszügen zurückgrei- kunde ablegen und es geht dabei um Bäume, so erhält er
ignorieren – so wie jede fen. Wesenszüge sind bei der Teilprobe auf KL eine Erleichterung von 1.
Fokusregel. kleine Eigenarten, wel- Sturkopf: Andergaster sind stur und lassen sich nur
che die Bewohner unter- schwer von Neuerungen,
schiedlicher Regionen Fortschritt und Verbesse-
charakterisieren. rungen überzeugen. Der Diese Probe sollte nicht
• Wesenszüge kosten nur in Ausnahmefällen Aben- Meister kann Proben auf immer zum Einsatz kom-
teuerpunkte. Meist heben sich ihre Vor- und Nach- Überreden (Schmeicheln) men, sondern wirklich nur
teile punktetechnisch auf. verlangen, damit ein An- bei passenden Gelegen-
• Jeder Spieler kann für seinen Helden passende We- dergaster sich von seinen heiten und wenn es die
senszüge wählen, wenn er die Voraussetzungen Gefährten überzeugen lässt, Situation bereichert. Es ist
erfüllt. Dinge nicht auf die gewohn- eher als lustige Eigenart zu
• Wesenszüge sind in Stufen eingeteilt, welche den te Art und Weise zu erledi- verstehen und sollte nicht
Spezialisierungsgrad auf eine Region anzeigen. Ein gen. dazu führen, dass der An-
Held kann jeweils nur einen Wesenszug einer be- Feindschaft mit Nostria: dergaster Held nicht mehr
Andergaster erhalten gegen- spieltauglich ist.
stimmten Stufe besitzen. Er muss aber nicht die
niedrigere Stufe besitzen, um den Wesenszug einer über Nostriern bei Gesell-
höheren Stufe zu wählen. Man kann also durchaus schaftstalenten (außer auf
den Wesenszug Steppen des Ostens (Stufe II) neh- Einschüchtern, Menschenkennt-
men, ohne vorher Typische/r Andergaster/in (Stu- nis und Willenskraft) eine Erschwernis von 1 bei der ersten
fe I) wählen zu müssen. Teilprobe auf CH.
Voraussetzungen: Der Held gehört der Kultur Ander-
Beispiel: Norla, eine Heldin aus Nostria, bekommt von ihrer gaster an.
Spielerin den Wesenszug Typische/r Nostrier/in (I) verlie­
hen. Die Voraussetzung Kultur Nostrier erfüllt sie. Der We­ Typische/r Nostrier/in (Stufe I)
senszug kostet sie in diesem Fall keine AP. Da Norla zudem
gebürtige Seenländerin ist und ihre Spielerin auch gerne die Fischkenner: Die Nostrier kennen sich im Allgemeinen
Eigenarten der Seenländer ausspielen möchte, entscheidet hervorragend mit Speisefischen aus und sind talentiert
sie sich zusätzlich für den Wesenszug Seenland (II). Auch darin, sie zu fangen. Sollte ein Nostrier eine Probe auf
dieser kostet keine AP. Fischen & Angeln ablegen müssen und es geht um Speise-
Sie hätte sich aber auch entscheiden können, ihre Heldin aus­ fische, so erhält er bei der Teilprobe auf FF eine Erleich-
schließlich mit Seenland (II) auszustatten und auf Typische/r terung von 1.
Nostrier/in (I) zu verzichten. Zwischen Seenland (II) und Ing­ Hochtrabende Redner: Nostrier verwenden auch im
valtal (II) hätte sie jedoch wählen müssen, da Norla nur einen alltäglichen Sprachgebrauch gern umständliche For-
Wesenszug der Stufe II besitzen darf. mulierungen und neigen zu Übertreibungen. Berichte

154 Helden der Streitenden Königreiche


und Erzählungen eines Nostriers dauern meist doppelt Steineichenwald (Stufe II)
so lange wie üblich. Bei passenden Sammelproben kann
der Meister das Zeitintervall um bis 10 % erhöhen, da Holzfäller: Es gibt kaum einen Bewohner des Steinei-
der typische Nostrier durch Reden Zeit verliert. chenwaldes, der nicht schon einmal einen Baum ge-
Feindschaft mit Ander- fällt hat. Sie wissen damit umzugehen und sich auch
gast: Nostrier erhalten ge- gegen Räuber, Orks und Trolle zu wehren. Eine Holz-
Diese zusätzliche Zeit genüber Andergastern bei fälleraxt hat in ihren Händen einen um 1 besseren
muss nicht bei jeder Gesellschaftstalenten (au- PA-Modifikator.
Sammelprobe anfallen. Ei- ßer auf Einschüchtern, Men- Hinterwäldler: Im Steineichenwald gibt es keine grö-
nige Tätigkeiten führt man schenkenntnis und Willens- ßeren Ansiedlungen. Sollte ein Bewohner des Steinei-
auch ohne zu sprechen aus kraft) eine Erschwernis von chenwalds eine Probe auf Gassenwissen (Informationssu-
und nicht immer sind 1 bei der ersten Teilprobe che oder Orteinschätzung) in einer Ortschaft mit mehr
Nostrier am Reden. auf CH. als 300 Einwohnern ablegen müssen, so erhält er bei der
Voraussetzungen: Der Held Teilprobe auf IN eine Erschwernis von 1.
gehört der Kultur Nostrier an. Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Andergaster/in

Ingvaltal (Stufe II) Steppen des Ostens (Stufe II)


Flößer: Ingvaltaler kennen sich gut mit Flößen aus. Bei Pferdekenner: Das Pferd ist das Fortbewegungsmittel
einer Probe auf Boote & Schiffe erhält er bei der Teilprobe der Wahl in den östlichen Steppen. Sollte ein Steppenbe-
auf GE eine Erleichterung von 1, wenn es um das Steu- wohner eine Probe auf Tierkunde ablegen müssen und es
ern von Flößen geht. geht dabei um Pflege oder Zucht von Pferden, so erhält er
Höriger Untertan: Die Ingvaltaler haben sich daran ge- bei der Teilprobe auf CH eine Erleichterung von 1.
wöhnt, dass sie von Höhergestellten oder Stärkeren be- Raue Sitten: Die Bewohner der östlichen Steppen leben
herrscht werden. Bei gelungenen Vergleichsproben auf Ein- seit langer Zeit in Kontakt mit den Orks und haben sich
schüchtern (Drohen oder Verhör) erzielen ihre Gegner +1 FP. mit diesen arrangiert. Allerdings sind auch ihre Sitten
Kombinierbar mit: Stufe I: Typische/r Nostrier/in oder daher manchmal entsprechend rau. Sollte ein Steppen-
Typische/r Andergaster/in bewohner eine Probe auf Etikette (Benehmen) ablegen
müssen, so erhält er bei der Teilprobe auf IN eine Er-
schwernis von 1.
Seenland (Stufe II)
Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Andergaster/in
Deichbauer: Das Seenland wird oft überschwemmt und
jeder Seenländer kennt sich deshalb mit dem Bau von Thuranien (Stufe II)
Deichen aus. Hilft ein Seenländer mittels Steinbearbei-
tung (Deichbau) beim Errichten oder Instandsetzen eines Weltoffen gegenüber Andergast/Nostria: Die Thura-
Deichs, so erhält er bei der ersten Teilprobe auf FF eine nier sind für Bewohner der Region verhältnismäßig
Erleichterung von 1. weltoffen. Gegenüber Angehörigen des benachbarten
Mürrischer Geselle: Die Seenländer sind ein mürrisches Königreichs Andergast/Nostria sollte es bei Gesell-
Volk. Müssen sie eine Vergleichsprobe in Überreden schaftstalenten keine Erschwernisse aufgrund der un-
(Manipulieren) ablegen, gilt ihre Probe bei einem Un- terschiedlichen Kultur oder der alten Feindschaft beider
entschieden immer als misslungen. Reiche geben.
Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Nostrier/in Kriegsmüdigkeit: In kaum einer Region der Streiten-
den Königreiche gab es so viele Scharmützel wie in
Thuranien. Der Thuranier ist deshalb kriegsmüde ge-
Siebenwindküste (Stufe II)
worden und oft ist ihm allein die Aussicht auf ein be-
Salzspezialist: Die Küstenbewohner sind Meister der vorstehendes Gefecht zuwider. Proben, etwa auf Kriegs-
gesalzenen Speisen. Sollte ein Küstenbewohner mittels kunst oder Überreden, die dem Thuranier bei Kämpfen,
Lebensmittelbearbeitung bestimmen wollen, mit welcher Schlachten und Scharmützeln Vorteile bringen, sind um
Salzart ein Gericht zubereitet wurde, so erhält er bei der 1 erschwert, gleich ob er selbst oder jemand anderes die
Teilprobe auf IN eine Erleichterung von 1. Zudem sind Probe abgelegt.
sie so erfahren im Salzen, dass bei Proben auf Lebensmit- Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Nostrier/in oder
telbearbeitung (Haltbarmachung) die Haltbarkeit von ge- Typische/r Andergaster/in
salzener Nahrung um +1 QS steigt.
Mürrischer Geselle: Die Küstenbewohner sind ein Tommellande (Stufe II)
mürrisches Volk. Müssen sie eine Vergleichsprobe in
Überreden (Manipulieren) ablegen, gilt ihre Probe bei Ruhiges Blut: Obwohl sie zu den Bewohner der Strei-
einem Unentschieden immer als misslungen. tenden Königreiche gehören, sind die Tommelländer
Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Nostrier/in ein ruhiger und friedlicher Menschenschlag. Wenn
gegen sie eine Probe auf Einschüchtern (Drohung oder

155
Provokation) abgelegt wird, kann der Spieler verlangen, unter normalen Umständen stets zurück nach Hause.
dass die Teilprobe auf MU noch einmal gewürfelt wird. Sollte extrem schlechtes Wetter vorherrschen (Orkan,
Das zweite Ergebnis ist bindend. Schneesturm) oder sollten Situationen eintreten, die
Feenglaube: Die Tommelländer verehren neben den dem Orientierungssinn schaden, funktioniert das Ge-
Göttern zahlreiche Feen und sind leichter durch diese spür der Waldbewohner solange nicht mehr, bis sich die
beeinflussbar. Feenwesen erhalten bei gelungenen Pro- Situation wieder ändert.
ben auf Gesellschaftstalente +1 FP gegen Tommelländer. Hinterwäldler: In der Waldwildnis gibt es keine größe-
Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Nostrier/in ren Ansiedlungen. Sollte ein Bewohner der Waldwildnis
eine Probe auf Gassenwissen (Informationssuche oder Or­
Waldwildnis (Stufe II) teinschätzung) in einer Ortschaft mit mehr als 300 Ein-
wohnern ablegen müssen, so erhält er bei der Teilprobe
Heimatsinn: Auch wenn man sich in der Waldwildnis auf IN eine Erschwernis von 1.
schnell verlaufen kann, Bewohner der Gegend finden Kombinierbar mit: Stufe I Typische/r Nostrier/in oder
erstaunlich leicht wieder zurück. Sofern sie 10 oder we- Typische/r Andergaster/in
niger Meilen von ihrem Dorf entfernt sind, finden sie

Neue Sonderfertigkeiten
Allgemeine Sonderfertigkeiten Deicharten
Gegen besonders hohe Wellen wird der sogenannte
Deichbauer
Winterdeich errichtet. Im Sommer wird meist weniger
An den Küsten Nostrias sind Deiche ein gewohnter An- hoher Wellengang erwartet und so sind diese niedrige‑
blick, bieten die Erdwälle doch Sicherheit vor den regel- ren Deiche auch als Sommerdeiche bekannt. Schardei‑
mäßigen Überschwemmungen. che werden direkt an der Küste gebaut und sind schwie‑
Regel: Durch diese Sonderfertigkeit erwirbt der Held rig zu erbauen, schützen aber besonders gut. Der
das neue Anwendungsgebiet Deichbau im Talent Stein- Vorlanddeich liegt hingegen weiter von der Küste ent‑
bearbeitung. Er kann fortan Deiche bauen. Einige Dei- fernt und lässt einen guten Teil des Strands ungeschützt.
che sind jedoch komplex und erfordern ein entspre- Der Notdeich, wie der Name schon andeutet, wird nur
chendes Berufsgeheimnis. errichtet, wenn es fast schon zu spät ist. Er hat auch sel‑
Voraussetzungen: Steinbearbeitung 4 ten Bestand, sondern überdauert aufgrund der schnel‑
AP-Wert: 2 Abenteuerpunkte len Bauweise nur kurz.
Komplexität von Deichen
Allgemeine magische Sonderfertigkeiten
Deichart Komplexität
Abgeschwächter Zauber Notdeich einfach
Gelegentlich kann es sinnvoll sein, nicht seine ganze Schardeich komplex
Kraft in einen Zauber zu legen. Dies mag der Fall sein, Sommerdeich einfach
wenn man seinen Gegner lediglich verletzen und nicht
gleich töten will, oder um eine kürzere Wirkungsdauer Vorlanddeich einfach
zu erzielen. Winterdeich komplex
Regel: Der Held kann nach dem Ablegen einer Zauber-
Berufsgeheimnisse
probe QS zurückbehalten und muss nicht alle erziel-
ten QS einsetzen. Hat er beispielsweise 3 QS erreicht, Berufsge- Voraussetzungen AP-Wert
kann er sich auch dafür entscheiden, dass der Zauber heimnis
nur mit einer QS von 2 oder 1 wirken soll. Schardeich Mechanik 4, 2 Abenteuer‑
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft Steinbearbeitung 8 punkte
der Tradition 13
AP-Wert: 5 Abenteuerpunkte Winterdeich Steinbearbeitung 8 1 Abenteuer‑
punkt

Astrale Meditation eine mindestens 5 Minuten dauernde Meditation


durchführen und eine Probe auf Selbstbeherrschung
Eine der bekanntesten Techniken erfahrener Zauberer
(Störungen ignorieren) bestehen. Er kann maximal QS
ist die Astrale Meditation. Durch sie kann ein Zauberkun-
x 3 LeP in AsP umwandeln. Allerdings verliert er am
diger seine Lebenskraft in astrale Energie umwandeln.
Ende der Meditation zusätzlich 1W3 LeP – egal ob die
Regel: Der Zauberer ist durch die Astrale Meditation in
Meditation erfolgreich war oder nicht.
der Lage, LeP in AsP umzuwandeln. Er muss sich dazu
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft
in stiller Umgebung aufhalten (z. B. in einem abge-
der Tradition 13
schiedenen Waldstück oder einem ruhigen Zimmer),
AP-Wert: 15 Abenteuerpunkte

156 Helden der Streitenden Königreiche


Magie wirken können.
Die Tradition (Druide) als Regel: Die Reichweite eines Zauberspruchs kann um
Sonderfertigkeit weitere 50 % vergrößert werden, wenn die Zaubermo-
difikation Reichweite erhöhen eingesetzt wird. Fern-
• Ein Zauber der druidischen Tradition erfordert Sicht
zaubern muss vor dem Wirken des Zauberspruchs
auf das Ziel und eine magische Geste. Je nach Denk-
angekündigt werden. Als Grundlage der veränderten
schule sind auch gesprochene Worte Teil des Zaubers,
Reichweite gilt die Reichweite des Zauberspruchs nach
aber sie sind nicht zwingend notwendig.
der Zaubermodifikation Reichweite erhöhen. Reicht
• Druiden erhalten eine Erleichterung von 2 statt nur
ein Zauberspruch mit erhöhter Reichweite beispiels-
von 1, wenn sie die Modifikation Erzwingen bei einem
weise 16 Schritt, so kann er mit Fernzaubern bis auf 24
Zauber ausführen.
Schritt gewirkt werden. Der Zauberspruch kostet aller-
• Starker Bann des Eisens: Körperkontakt mit verhütte-
dings auch 50 % mehr AsP. Diese SF kann nur für Zauber-
ten Metallen wirkt sich negativ sowohl auf die Rege-
sprüche, nicht aber für Rituale genutzt werden.
neration von AsP als auch auf das Wirken von Zaubern
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, KL 15, Leiteigen-
aus. Pro angefangenem Stein verhütteten Metalls, die
schaft der Tradition 13
der Druide trägt oder berührt, ist das Wirken von Zau-
AP-Wert: 15 Abenteuerpunkte
bern um je 1 erschwert. Trägt er eine solche Menge
mehr als eine halbe Stunde mit sich herum, sinkt die
Regeneration von AsP pro Regenerationsphase um 1 Improvisiertes Ritual
pro angefangenem Stein Metall. Diese Regel ersetzt die
sonst für Zauberkundige geltende Regel für Bann des Nicht immer herrschen optimale Bedingungen bei Ritu-
Eisens (siehe Regelwerk Seite 256). alen. Ein Zauberer kann jedoch mit der nötigen Erfah-
• Druiden können spezielle druidische Traditionsarte- rung über einige widrige Umstände hinwegsehen.
fakte herstellen und nutzen (z. B. den Druidendolch). Regel: Ein Zauberer kann die Erschwernis von 3 für den
• Die Leiteigenschaft der Tradition ist Klugheit. falschen Ritualplatz abmildern. Der Abzug beträgt
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, kein Vorteil Ei- stattdessen nur noch 2 (siehe Regelwerk Seite 260).
senaffine Aura Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, IN 13, Leiteigen-
AP-Wert: 125 Abenteuerpunkte schaft der Tradition 13
AP-Wert: 5 Abenteuerpunkte

Druidenrache
Konzentrationsstärke
Diese druidische Fähigkeit erlaubt es ihrem Anwender,
all seine Kraft zu konzentrieren, leichter zu zaubern und Ablenkungen sind beim Wirken von Magie mehr als
auch die letzten verfügbaren Energiereserven anzuzap- nur hinderlich und können schnell dafür sorgen, dass
fen. Allerdings kostet das den Anwender auch das Leben. ein Zauber misslingt. Wer aber verschiedene Techniken
Regel: Der Druide wendet sich 1 Minute mit gespreiz- beherrscht, um seine Konzentration zu bewahren, der
ten Beinen und ausgestreckten Armen nach Osten und wird durch Störungen weniger beeinflusst.
nimmt Abschied von der Welt, denn von nun an hat er Regel: Wird der Held in seiner Konzentration beim Wir-
maximal noch 1 Stunde zu leben. Nach Ablauf dieser Zeit ken von Zaubern gestört, sind die nötigen Proben auf
stirbt er und sein Körper zerfällt unwiederbringlich zu Selbstbeherrschung (Störungen ignorieren) durch diese
Staub oder Asche. Sonderfertigkeit um 1 erleichtert.
Alle Zauber, die er in dieser Zeit wirkt, haben eine Erleich- Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, MU 13, Leiteigen-
terung von 3. Zudem erhöht sich die QS von erfolgreich schaft der Tradition 13
gewirkten Zaubern um 1 (bis hin zu einem Maximum von AP-Wert: 8 Abenteuerpunkte
6). Der Druide kann zudem zum Zaubern auf seine LeP zu-
rückgreifen. Er darf sie im Verhältnis 1 zu 1 als AsP nutzen Magische Regeneration I
und kann beim Zaubern beliebig AsP als auch LeP einset-
zen. Zusätzlich erhält der Druide noch AsP in Höhe seiner Durch spezielle Techniken, Konzentrationsübungen
Leiteigenschaft hinzu. Seine Astralenergie kann in diesem oder Einstimmung auf die Kraftströme der Umgebung
Fall auch den Maximalwert des Druiden übersteigen. sind einige Zauberer dazu in der Lage, ihre astralen
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, Sonderfertigkeit Tra- Kräfte schneller wieder aufzufrischen.
dition (Druiden), MU 15, Leiteigenschaft der Tradition 15 Regel: Durch diese SF regeneriert der Held bei jeder Regene-
AP-Wert: 10 Abenteuerpunkte rationsphase 1 AsP zusätzlich. Dieser Bonus ist kumulativ
mit dem Vorteil Verbesserte Regeneration (Astralenergie).
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft
Fernzaubern der Tradition 15
Zaubersprüche unterliegen einer Begrenzung der Reich- AP-Wert: 12 Abenteuerpunkte
weite, doch gibt es Zauberkundige, die ihre Technik so
verfeinert haben, dass sie auch über diese Grenzen hinaus

157
Magischer Gedankenschutz Dolchrituale
Auch Druiden verfügen über ein Traditionsartefakt, den
Zauberer können ihre Gedanken mit den richtigen Übun-
Druidendolch. Er wird bevorzugt aus Vulkanglas gefer-
gen besser gegen Beherrschungs- und Hellsichtmagie ab-
tigt. In Gegenden, wo dieses nicht vorkommt, sind aber
schirmen. Dafür müssen sie allerdings große Konzentra-
auch Klingen aus Feuerstein, Granit oder anderen robus-
tion aufbringen und es erschöpft sie mit der Zeit.
ten Gesteinsarten verbreitet. Wie der Stab eines Magiers
Regel: So lange der Held sich entsprechend darauf
kann dieser Dolch gebunden werden und dadurch eine
konzentriert, ist seine Seelenkraft gegen Zauber mit
Reihe von Dolchritualen aufnehmen. Jedes Dolchritual
den Merkmalen Einfluss und Hellsicht um 1 verbes-
verbraucht dabei einen Teil des Volumens, über das der
sert. Zum Aktivieren ist eine freie Aktion notwendig.
Dolch verfügt. Das Gesamtvolumen beträgt 15 Punkte.
Durch die nötige Konzentration sind währenddessen
Dolchrituale können allein von dem Druiden gesprochen
für den Helden alle weiteren Proben um 1 erschwert.
und ausgelöst werden, der den Dolch auch magisch gebun-
Der Gedankenschutz kann so lange aufrechterhalten
den hat. Üblicherweise werden die Rituale in der Wildnis
werden, wie es dem Helden gelingt, sich zu konzent-
gewirkt, was mehrere Stunden Vorbereitung benötigt.
rieren. Im Zweifelsfall muss er eine Probe auf Selbstbe-
Mit mehrtägigem Aufwand können jedoch auch ande-
herrschung (Störungen ignorieren) ablegen. Auch wenn
re magische Orte, wie beispielsweise Knotenpunkte von
er schläft, den Status Bewusstlos erhält oder die Kon-
Kraftlinien, so hergerichtet werden, dass sie für ein Ritu-
zentrationsphase freiwillig abbricht, endet der Gedan-
al geeignet sind. Nach entsprechender Vorbereitungen
kenschutz. Nach Ende der Wirkungsdauer erhält der
ist das eigentliche Wirken des Rituals auf den Dolch zwar
Held eine Stufe Betäubung aufgrund der Anstrengung.
für den Druiden von großer persönlicher Bedeutung, aber
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, MU 13, Leiteigen-
nicht mehr allzu aufwändig. Eine Probe für die Verzaube-
schaft der Tradition 13
rung ist daher nicht nötig. Regelseitig gelten Dolchrituale
AP-Wert: 10 Abenteuerpunkte
als Sonderfertigkeiten und werden auch so erlernt.
Die Aktivierung eines Dolchrituals erfordert 1 Aktion, so-
Routinierte Zauberwiederholung fern die Wirkung nicht immer aktiv ist. Die Aktivierung
einiger Dolchrituale kostet zudem AsP. Für Belange wie
Fehlschläge beim Zaubern irritieren den Spruchwirker beispielsweise Antimagie oder magische Analysen gelten
schnell so stark, dass eine Wiederholung des Zaubers sie als Zauber mit einer QS von 2. Das angegebene Merk-
schwer fällt. Wer sich jedoch eine gewisse Routine erarbei- mal ist ebenfalls für antimagische Gegenmaßnahmen re-
tet hat, kann mit solchen Fehlschlägen besser umgehen. levant. Dolchrituale können vom Druiden jederzeit wil-
Regel: Mit Hilfe dieser SF kann ein Zauberer die Er- lentlich beendet werden. Dies kostet eine freie Aktion.
schwernis von 1 durch Wiederholungsproben bei Zau-
bern ignorieren. Misslingt der Spruch erneut, kann Die Dolchrituale im Detail
der Held wie üblich weitere Wiederholungsproben Bindungskosten sind die Kosten an permanenten AsP
ablegen, die dann aber erschwert sind, beginnend bei für die Bindung des Dolches. AsP-Kosten beziehen sich
einer Erschwernis von 1 (siehe Regelwerk Seite 25). jeweils auf die Aktivierung eines Dolchrituals.
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, KL 13, Leiteigen-
schaft der Tradition 13
AP-Wert: 10 Abenteuerpunkte Bindung des Dolches
Wirkung: Die Bindung des Dolches ist stets das erste Ri-
Zauber abbrechen tual, das auf einen Druidendolch gewirkt wird. Mit ihm
wird die Klinge an den Druiden gebunden und dadurch
Nicht immer ist es gut, wenn ein Zauber zu lange wirkt. unzerbrechlich. Einzig elementares Feuer, das heißer
Einige Zauberkundige haben deshalb die Fähigkeit ent- brennt als ein Drachenodem oder ein Ignifaxius, oder
wickelt, die Wirkungsdauer früher aufzuheben. aber gezielte Antimagie können ihn fortan zerstören.
Regel: Der Zauberer kann jeden seiner gewirkten Zau- Der Dolch gilt von nun an als magische Waffe und kann
ber zu einem beliebigen Zeitpunkt der Wirkungs- nicht auf anderem Weg, wie etwa dem ARCANOVI, mit
dauer beenden. Er muss also nicht bis zum Ende der weiteren Zaubern belegt werden. Ein Druide kann im-
Wirkungsdauer warten, ehe die Auswirkungen enden. mer nur einen Vulkanglasdolch besitzen. Das Binden
Um einen seiner Zauber abzubrechen, muss der Held eines Dolches kostet ihn
1 freie Aktion aufwenden. einmalig 2 permanen-
Voraussetzungen: Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft Soll der Druide bei der
te AsP. Der Druide kann
der Tradition 15 Heldenerschaffung die Bin-
sich entscheiden, seine
AP-Wert: 12 Abenteuerpunkte dung des Dolches bereits
Verbindung zum Dolch vollführt und die perma-
zu lösen, beispielsweise nenten AsP zurückgekauft
um einen neuen Dolch haben, kostet diese Sonder-
an sich zu binden. Nach fertigkeit 14 AP.
dem Tod eines Druiden

158 Helden der Streitenden Königreiche


verliert der Dolch nach 24 Stunden die permanent ge- AsP-Kosten: 4 AsP
speicherten AsP und jegliche Magie. Merkmal: Heilung
Voraussetzungen: Druide (Tradition) AP-Wert: 10 Abenteuerpunkte
Volumen: 0 Punkte
Bindungskosten: 2 permanente AsP
Merkmal: Objekt
Sicht im Dunkeln
AP-Wert: 10 Abenteuerpunkte Wirkung: Der Druide fügt sich eine kleine Schnittwun-
de zu, vorzugsweise an der Stirn, was 1 LeP kostet.
Danach kann er in der Dunkelheit so gut sehen, wie
Dolch-Apport
am helllichten Tag. Sichtmodifikatoren durch Dun-
Wirkung: Der Dolch kann vom Druiden zu sich gerufen kelheit können ignoriert werden. Andere Sichtmo-
werden. Er fliegt auf dem kürzesten Weg mit Geschwin- difikatoren, etwa aufgrund von Nebel, bleiben aller-
digkeit 15 zum Druiden und umfliegt selbstständig Hin- dings bestehen. Das Ritual wirkt auch gegen magische
dernisse. Fenster durchschlägt der Dolch, Wände aus Holz Dunkelheit, nicht jedoch gegen Dunkelheit, die durch
oder Stein halten ihn jedoch auf. Der Druide muss für den Liturgien oder Zeremonien verursacht wurde.
Einsatz des Dolch-Apports seinen Dolch nicht sehen. Voraussetzungen: Bindung des Dolches
Voraussetzungen: Bindung des Dolches Volumen: 4 Punkte
Volumen: 3 Punkte AsP-Kosten: 4 AsP (Aktivierung) +2 AsP pro 5 Minuten
AsP-Kosten: 1 AsP Merkmal: Verwandlung
Merkmal: Telekinese AP-Wert: 10 Abenteuerpunkte
AP-Wert: 15 Abenteuerpunkte
Wegweiser
Kraft aus der Erde
Wirkung: Wird der Dolch aufgehängt oder auf eine ebe-
Wirkung: Der Druide steckt den Dolch 5 Minuten lang in ne Fläche gelegt, zeigt er nach einem kurzen Augen-
die Erde. Wenn er ihn danach wieder herauszieht, kann blick in die Richtung des Ortes, an dem die Bindung
er zwischen den beiden folgenden Vorteilen wählen: des Dolches durchgeführt wurde. Dadurch sind Proben
Entweder fließt Lebenskraft aus der Erde über den Dolch, auf Orientierung für den Druiden um 3 erleichtert.
und der Druide erlangt auf der Stelle 1W6 LeP zurück. Er Voraussetzungen: Bindung des Dolches
kann alternativ aber auch entscheiden, eine Stufe eines Volumen: 3 Punkte
beliebigen Zustands (außer Belastung) aufzuheben. AsP-Kosten: 1 AsP
Voraussetzungen: Bindung des Dolches Merkmal: Telekinese
Volumen: 5 Punkte AP-Wert: 5 Abenteuerpunkte

Kampftechnik Dolche
Waffe TP L+S AT/PA-Mod RW Gewicht Länge Preis
Druidendolch 1W6+1 GE 15 –1/0 kurz 0,5 Stein 30 Halbfinger 60 Silbertaler

Zaubertricks
Die folgenden neuen Zaubertricks ergänzen jene aus Wirkungsdauer: sofort
dem Regelwerk auf Seite 286. Sie funktionieren nach Zielkategorie: Kulturschaffende
den gleichen Regeln. Unter Anmerkungen findest du Merkmal: Verwandlung
einen Eintrag, bei welcher Tradition dieser Trick übli- Anmerkung: Druiden
cherweise vorkommt. Aber auch Helden anderer Tradi-
tionen können den Zaubertrick erwerben, es sei denn,
es steht explizit dabei, dass nur eine bestimmte Traditi- Beeren & Nüsse
on darüber verfügen kann. Mit Hilfe dieses Zaubertricks sendet der Druide einen Be-
Bartwuchs fehl an ein nahes, kleines Tier (z. B. Eichhörnchen, Am-
sel), das ihm eine Nuss oder einige Beeren bringt. Zum
Der Druide kann seinen Bart augenblicklich auf bis zu Sattwerden reicht dies jedoch nicht aus, erst 30 Anwen-
1 Schritt Länge wachsen lassen. Normales und magi- dungen des Zaubertricks ergeben eine Ration Nahrung.
sches Haar unterscheidet sich optisch nicht voneinan- Reichweite: 64 Schritt
der. Schneidet der Druide den durch den Zaubertrick Wirkungsdauer: sofort
gewachsenen Bart ab, lösen sich die abgeschnittenen Zielkategorie: Tiere
Haare sofort auf. Merkmal: Einfluss
Reichweite: selbst Anmerkung: Druiden

159
Sonderfertigkeiten in der Übersicht
Sonderfertigkeit Voraussetzungen AP-Wert
Profan
Deichbauer Steinbearbeitung 4 2 Abenteuerpunkte
Magisch
Abgeschwächter Zauber Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft der Tradition 13 5 Abenteuerpunkte
Astrale Meditation Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft der Tradition 13 15 Abenteuerpunkte
Druidenrache Vorteil Zauberer, Sonderfertigkeit Tradition (Druiden), 10 Abenteuerpunkte
MU 15, Leiteigenschaft der Tradition 15
Fernzaubern Vorteil Zauberer, KL 15, Leiteigenschaft der Tradition 13 15 Abenteuerpunkte
Improvisiertes Ritual Vorteil Zauberer, IN 13, Leiteigenschaft der Tradition 13 5 Abenteuerpunkte
Konzentrationsstärke Vorteil Zauberer, MU 13, Leiteigenschaft der Tradition 13 8 Abenteuerpunkte
Magische Regeneration I Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft der Tradition 15 12 Abenteuerpunkte
Magischer Vorteil Zauberer, MU 13, Leiteigenschaft der Tradition 13 10 Abenteuerpunkte
Gedankenschutz
Routinierte Vorteil Zauberer, KL 13, Leiteigenschaft der Tradition 13 10 Abenteuerpunkte
Zauberwiederholung
Zauber abbrechen Vorteil Zauberer, Leiteigenschaft der Tradition 15 12 Abenteuerpunkte
Druide (Tradition) Vorteil Zauberer, kein Vorteil Eisenaffine Aura 125 Abenteuerpunkte

Sonderfertigkeit Voraussetzungen Volumen AP-Wert


Dolchrituale
Bindung des Dolches Druide (Tradition) 0 Punkte 10 Abenteuerpunkte (oder 14 AP ohne perma-
nente AsP-Kosten bei der Heldenerschaffung)
Dolch-Apport Bindung des Dolches 3 Punkte 15 Abenteuerpunkte
Kraft aus der Erde Bindung des Dolches 5 Punkte 10 Abenteuerpunkte
Sicht im Dunkeln Bindung des Dolches 4 Punkte 10 Abenteuerpunkte
Wegweiser Bindung des Dolches 3 Punkte 5 Abenteuerpunkte

und größer aus dem Weg zu gehen. Wird der Besen be-
rührt, endet der Zaubertrick augenblicklich.
Hexenblick Reichweite: 8 Schritt
Mittels Hexenblick kann eine Hexe herausfinden, ob Wirkungsdauer: 30 Minuten
eine andere Person ebenfalls die hexische Tradition be- Zielkategorie: Objekte (Besen)
herrscht. Sollte das ausgewählte Ziel die Tradition besit- Merkmal: Telekinese
zen, so leuchten ihre Augen kurz Purpur auf, was aber Anmerkung: Hexen
nur für die zaubernde Hexe sichtbar ist.
Reichweite: 8 Schritt
Leselampe
Wirkungsdauer: sofort
Zielkategorie: Kulturschaffende Aus dem rechten Zeigefinger des Magiers leuchtet ein
Merkmal: Hellsicht schwaches Licht. Das Licht ist nicht hell genug, um
Anmerkung: ausschließlich Hexen Sichtmodifikatoren zu ändern, aber es reicht aus, um in
der Dunkelheit ein Buch zu lesen.
Reichweite: 1 Schritt
Kehrbesen Wirkungsdauer: 30 Minuten
Die Hexe kann einem beliebigen Besen innerhalb der Zielkategorie: Kulturschaffende
Reichweite befehlen, den Boden in einem Radius von 8 Merkmal: Elementar
Schritt zu kehren. Der Besen weicht dabei Hindernissen Anmerkung: Gildenmagier
aus und versucht Lebewesen der Größenkategorie klein

160 Helden der Streitenden Königreiche


Zielkategorie: Objekte (Waffen)
Pflanzenempathie Merkmal: Objekt
Berührt der Druide eine Pflanze, kann er sich ein Bild Anmerkung: Gildenmagier
von ihrem Gesundheitszustand machen und herausfin-
den, ob sie von Schädlingen befallen, vergiftet wurde
oder Ähnliches.
Würze
Reichweite: Berührung Die Hexe kann mit diesem Zaubertrick eine einfache
Wirkungsdauer: sofort Speise, etwa eine Suppe, würzen, auch ohne über pas-
Zielkategorie: Pflanzen sende Gewürze wie Salz und Pfeffer zu verfügen. Ob die
Merkmal: Hellsicht Speise gut gewürzt ist oder z. B. versalzen, hängt weiter-
Anmerkung: Druiden hin von den Kochkünsten der Hexe ab. Die Hexe kann
nur den Geschmack von Gewürzen erzeugen, die sie
selbst schon einmal gekostet hat.
Waffensäuberung Reichweite: 1 Schritt
Dieser Zaubertrick reinigt eine beliebige Waffe, die der Wirkungsdauer: sofort
Zauberer berührt, vollständig von Flugrost, Blut und an- Zielkategorie: Objekte (Essen)
deren Verschmutzungen. Merkmal: Illusion
Reichweite: Berührung Anmerkung: Hexen
Wirkungsdauer: sofort

Zaubertricks in der Übersicht


Zaubertrick Reichweite Wirkungsdauer Zielkategorie Merkmal Anmerkung
Bartwuchs selbst sofort Kulturschaffende Verwandlung Druiden
Beeren & Nüsse 64 Schritt sofort Tiere Einfluss Druiden
Hexenblick 8 Schritt sofort Kulturschaffende Hellsicht Hexen (kei-
ne anderen
Traditionen)
Kehrbesen 8 Schritt 30 Minuten Objekte (Besen) Telekinese Hexen
Leselampe 1 Schritt 30 Minuten Kulturschaffende Elementar Gildenmagier
Pflanzenempathie Berührung sofort Pflanzen Hellsicht Druiden
Waffensäuberung Berührung sofort Objekte (Waffen) Objekt Gildenmagier
Würze 1 Schritt sofort Objekte (Essen) Illusion Hexen

Neue Zaubersprüche
Reichweite: Berührung
Ängste lindern Wirkungsdauer: sofort
Hexen verfügen über einen Zauberspruch, der einer Zielkategorie: Kulturschaffende
Person ihre Ängste nimmt. Damit können sie zwar echte Merkmal: Einfluss
Phobien nicht dauerhaft heilen, aber kurzzeitig kann je- Verbreitung: Hexen
mand so wieder seinen Mut zurückerlangen. Steigerungsfaktor: B
Probe: MU/IN/CH
Wirkung: je nach QS können mit diesem Zauberspruch
Stufen von Furcht augenblicklich abgebaut werden.
Atemnot
Die Wirkung ist nicht kumulativ, es gelten die Auswir- Dieser Zauberspruch verursacht bei einem Opfer schwe-
kungen der höchsten QS. re Atemnot, wodurch ihm viele Handlungen deutlich
QS 1: 1 Stufe Furcht schwerer fallen.
QS 2: 1 Stufe Furcht, +1 MU für 1 Minute Probe: KL/CH/KO (modifiziert um ZK)
QS 3: 2 Stufen Furcht, +1 MU für 1 Minute Wirkung: Der Verzauberte leidet augenblicklich unter
QS 4: 3 Stufen Furcht, +1 MU für 1 Minute Atemnot. Er erhält eine Stufe des Zustands Betäubung.
QS 5: 4 Stufen Furcht, +1 MU für 1 Minute Zauberdauer: 1 Aktion
QS 6: 4 Stufen Furcht, +2 MU für 1 Minute AsP-Kosten: 4 AsP
Zauberdauer: 4 Aktionen Reichweite: 8 Schritt
AsP-Kosten: 8 AsP Wirkungsdauer: QS in Kampfrunden

161
Zielkategorie: Lebewesen
Merkmal: Einfluss
Corpofrigo
Verbreitung: Druiden Der Corpofrigo senkt die Körpertemperatur des Opfers und
Steigerungsfaktor: B verursacht dadurch erheblichen Schaden und steife Muskeln.
Probe: KL/CH/KO (erschwert um ZK)
Wirkung: Der Corpofrigo erzeugt je nach QS Schaden
Attributo (Körperkraft) und Stufen von Paralyse.
Der aventurische Formelkanon kennt verschiedene Va- QS 1: 1W6 TP
rianten des Attributo. Je nach Einsatz kann man damit QS 2: 1W6+2 TP
jemanden klüger, gewandter oder ausdauernder ma- QS 3: 1W6+2 TP, 1 Stufe Paralyse
chen. Die häufigste Variante sorgt dafür, dass der Ver- QS 4: 1W6+4 TP, 1 Stufe Paralyse
zauberte Bärenkräfte erlangt. QS 5: 1W6+6 TP, 1 Stufe Paralyse
Probe: KL/IN/KK QS 6: 1W6+6 TP, 2 Stufen Paralyse
Wirkung: Durch den Attributo (Körperkraft) kann der Rüstungen schützen nicht vor diesem Zauber. Der
Zauberer ein Ziel stärker und zäher machen. Für jede Zauberspruch trifft sein Ziel automatisch und der
QS bekommt der Verzauberte einen Bonus. Die Boni Gegner kann weder ausweichen noch parieren.
sind kumulativ, das heißt bei QS 3 hat der Träger ins- Zauberdauer: 2 Aktionen
gesamt KK +2 und ZK +1. AsP-Kosten: 8 AsP (Kosten sind nicht modifizierbar)
1 QS: +1 KK Reichweite: 16 Schritt
2 QS: +1 ZK Wirkungsdauer: sofort
3 QS: +1 KK Zielkategorie: Lebewesen
Der Bonus auf KK und ZK 4 QS: +1 ZK Merkmal: Elementar
verändert keine abgeleite- Verbreitung: Gildenmagier
5 QS: +1 KK
ten Werte. Eine Verbesse-
6 QS: +1 ZK Steigerungsfaktor: B
rung der KK erhöht dem-
entsprechend auch nicht
Zauberdauer: 8 Aktionen
AsP-Kosten: 8 (Aktivie-
zusätzlich die ZK. Eine ver-
rung des Zaubers) + 4 AsP
Dunkelheit
besserte KK kann allerdings
z. B. zu mehr TP durch das pro 10 Minuten Diese Magie erzeugt einen Bereich voller Dunkelheit.
Überschreiten der Scha- Reichweite: Berührung Nur der Zauberer selbst kann sehen, als wäre sie nicht
densschwelle führen (siehe Wirkungsdauer: vorhanden.
Regelwerk Seite 235). aufrechterhaltend Probe: MU/KL/CH
Zielkategorie: Wirkung: Um den Zaubernden herum bildet sich eine
Kulturschaffende Kugel aus Dunkelheit mit einem Durchmesser von QS
Merkmal: Heilung x 2 in Schritt. Pro QS erschweren sich die Sichtverhält-
Verbreitung: Gildenmagier nisse um eine Stufe. Weder natürliche noch überna-
Steigerungsfaktor: B türliche Lichtquellen können diese Dunkelheit erhel-
len. Für den Zaubernden werden die Sichtverhältnisse
durch den Zauber nicht erschwert, bestehende Sicht-
Claudibus modifikatoren gelten allerdings weiterhin. Der Zau-
Der Claudibus ist eine bekannte Zauberformel, die dazu bernde muss vor dem Wirken des Zaubers entscheiden,
eingesetzt wird, Schlösser magisch zu verschließen. ob die Zone der Dunkelheit an Ort und Stelle verbleiben
Probe: KL/IN/FF oder sich mit ihm als Zentrum bewegen soll.
Wirkung: Durch diesen Zauberspruch verschließen sich Zauberdauer: 8 Aktionen
Schlösser automatisch und es wird schwerer, sie wie- AsP-Kosten: 16 AsP (Aktivierung des Zaubers) + 8 AsP
der zu öffnen oder zu knacken. Pro QS werden Proben pro 5 Minuten
auf Schlösserknacken (Bartschlösser oder Kombinations- Reichweite: selbst
schlösser) und Kraftakt (Eintreten & Zertrümmern) gegen Wirkungsdauer: aufrechterhaltend
das Schloss um 1 erschwert. Zielkategorie: Zone
Zauberdauer: 2 Aktionen Merkmal: Elementar
AsP-Kosten: 4 AsP Verbreitung: Druiden, Gildenmagier
Reichweite: Berührung Steigerungsfaktor: B
Wirkungsdauer: 30 Minuten
Zielkategorie: Objekte (Schlösser)
Merkmal: Objekt
Ecliptifactus
Verbreitung: Gildenmagier, Hexen Dieser Zauberspruch belebt auf dämonische Weise den
Steigerungsfaktor: B Schatten des Zaubernden. Er nimmt feste Form an und
kämpft an der Seite des Zauberers.
Probe: MU/IN/CH

162 Helden der Streitenden Königreiche


Wirkung: Der Schatten des Zauberers wird durch die-
sen Zauberspruch belebt und kämpft für ihn. Mit dem
Schatten
Ecliptifactus kann der Magier immer nur einen Schat-
MU 15 KL 12 IN 13 CH 12
ten heraufbeschwören. Erst nach Ablauf der Wir-
FF 12 GE 13 KO 13 KK 14
kungsdauer kann er den Zauber erneut wirken.