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rausch_veraendert_das_bewusstsein_und_die_gesellschaft_int_drk_20211017_1430_79052e63.mp3

DATE
October 18, 2021

DURATION
9m 37s

2 SPEAKERS
Speaker1
Speaker2

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[00:00:02] Speaker1
Deutschlandfunk Kultur, Religionen, Rausch und Religion, Rausch und Gesellschaft In unserer heutigen Gesellschaft ist der Rausch
in Europa ja meistens der Alkoholrausch so alltäglich wie auch verpönt. Aber es gibt, wie wir gehört haben, ja auch den spirituellen
Rausch, das Aufgeben des Ichs, die Suche nach der Verbindung mit dem Universum, der großen Kraft, ja mit Gott. Ich habe mit
Lena Papa Sabbats vom Zukunfts Institut gesprochen. Die Kultur Anthropologin hat sich in einem sogenannten Zukunfts Report mit
Rausch beschäftigt. Frau Papa Sabbats. Wie unterscheiden wir denn am besten zwischen einmal sich einfach zudröhnen und zum
anderen wirklich etwas für die Bewusstseinserweiterung zu tun?

[00:00:49] Speaker2
Ja, das ist eine sehr interessante Frage, weil die Sachen ja auch nahe beieinander liegen können. Also ich glaube Rausch kann in
mehrere Funktionen haben. Ich würde sagen, es geht vor allem darum, was ich möchte. Damit möchte ich mich selbst optimieren.
Möchte ich das Bewusstsein erweitern oder möchte ich mich einfach selbst vergessen, dass es natürlich an bestimmte Substanzen
gebunden. Aber man kann auch mit der gleichen Substanz verschiedene Funktionen erfüllen. Beispielsweise LSD wird eingesetzt in
Mikro Doping dazu, sich zu optimieren, kreativer, leistungsfähiger zu machen. Aber auch für diese andere Sache der
Bewusstseinserweiterung. Also damit kann man auch eine total spirituelle Erfahrung haben und sich selber weiterentwickeln.

[00:01:33] Speaker1
Wenn wir in die Menschheitsgeschichte hineinschauen, da ging es ja nicht um Leistungssteigerung, sondern da geht es auch um
Trance, da geht es um Ekstase. Das gehört ja zur Menschheitsgeschichte dazu, dieser Rausch.

[00:01:45] Speaker2
Ja, das finde ich auch total spannend. Also inzwischen geht man davon aus, dass zu fast jeder Epoche Menschen diesen Rausch
gesucht haben. Man findet zum Beispiel auf jedem Kontinent so Höhlenmalereien, wo Symbole dargestellt sind, die sehr, sehr
wahrscheinlich auf den Gebrauch von Psychedelika hinweisen. Es gibt zum Beispiel so Menschen, die haben StAdten im Kopf,
haben die so einen Pilz? Und auf der Haut sind auch ganz, ganz, ganz viele kleine Pilze, die in alle Richtungen wachsen. Also das
scheint was ganz, ganz ur Menschliches zu sein, dass man über den Alltag, über das alltägliche Bewusstsein und Empfinden hinaus
möchte. Und das ist dann eben sehr oft verknüpft mit religiösen Erfahrungen. Aber heute in der modernen Welt sind ja weniger Leute
religiös. Da geht es dann einfach um selbst Erweiterung um ja so eine Neo Spiritualität auch das kann ganz unterschiedliche Formen
annehmen.

[00:02:42] Speaker1
Jetzt stehen wir ja in Deutschland wegen der wahrscheinlichen Regierungsbeteiligung von Grünen und FDP möglicherweise vor eine
Entkriminalisierung von Cannabis Produkten. Wie schätzen Sie denn da die Auswirkungen auf die Gesellschaft ein?

[00:02:56] Speaker2
Also bei Cannabis hat sich ja gezeigt, dass es gar nicht so relevant ist, ob es legal ist oder illegal. Die Leute konsumieren das ja so
oder so. Ich denke, dass sich natürlich der Kreis von Menschen, die Cannabis Produkte konsumieren, erweitert sich schon durch die
Legalisierung. Das haben wir in den USA erlebt. Da gibt es ja alle möglichen Produkte in allen möglichen Formen, vom Mund Spray
bis zum Gummibärchen. Kann man da THC haltige Produkte erwerben? Das führt natürlich schon dazu, dass da auch mal andere
Leute sind. Also eine 45 jährige Hausfrau, die jetzt damit sonst nicht so in Kontakt gekommen wäre. Ich glaube, dass die
Legalisierung nicht so viel daran ändert, dass Leute die Droge konsumieren. Ein positiver Effekt, der sich aber einstellen kann, ist
eben, dass mehr Aufklärung geleistet wird, dass Kinder schon in der Schule mehr verstehen. Was ist das eigentlich für eine Droge?
Was gibt es für Risiken? Was macht die mit mir? Ab wann ist ein Konsum bedenklich? Wann muss ich mir Sorgen machen? Wie
gehe ich damit um? Also ich sehe das eher als etwas, was positive Effekte auf die Gesellschaft haben wird.
[00:03:59] Speaker1
In der Leistungsgesellschaft, in der Arbeitswelt hat ja ein Rausch natürlich nichts verloren. Dafür rutscht er dann ein bisschen an den
Rand oder ins Wochenende. Ich bin jetzt dann doch noch mal bei der großen Droge in Deutschland, beim Alkohol nach einem
stressigen Tag sich selber mit ein, zwei Bier runter regulieren, das kennen wahrscheinlich viele. Wie schauen Sie denn auf dieses
Verhalten als Kulturanthropologie hin?

[00:04:22] Speaker2
Ja, der Alkohol ist da das Mittel der Wahl. Das liegt vor allen Dingen daran, weil es bei uns kulturell so stark verankert ist,
angefangen von der Bibel bis hin zum Oktoberfest oder so ist es halt so ein ganz wichtiger Teil von vielen europäischen Kulturen.
Und das wird er auch nicht in irgendeiner Weise als verpönt angesehen. Wenn ich jetzt sagen würde Ach ja, am Wochenende guck
sich mir erst mal ein paar Lines und dann kann, geht es mir erst richtig gut, dann komme ich erst runter. Das wäre ja total undenkbar
in sehr vielen Kreisen. Alkohol ist einfach. Wird eigentlich gar nicht so als. Droge gesehen, sondern vielmehr als Genussmittel.
Dadurch kommt es zustande, dass wir es als komplett normal empfinden und natürlich dadurch, dass es legal ist. Ob das jetzt gut
oder schlecht ist, also eine Substanz an sich ist ja nicht gut oder schlecht. Mit einigen Ausnahmen würde ich das behaupten. Es gibt
schon Substanzen, die glaube ich wirklich sehr schädlich sind, aber an sich ist es nicht die Substanz, die das ausmacht. Also Alkohol
ist für unsere Gesellschaft sehr, sehr schädlich. Sehr viele Leute sterben daran, sehr viele Verbrechen werden begangen, Gewalt,
Autounfälle, das ist Fakt. Wenn man es so sehen würde, wenn man sich die Zahlen anschaut, müsste man sagen, das müsste illegal
sein. Diese Droge schadet uns ganz stark als Gesellschaft. Aber auf der anderen Seite ist es ja auch so, dass ganz viele Leute
davon profitieren. Und das ist eine sehr schöne Party Droge. Es ist eine schöne. Er hat schöne Effekte, es hat eine schön
Enthemmung X-Factor. Also es ist wirklich eine Frage, wie geht man damit um als Gesellschaft und auch als Individuum?

[00:05:56] Speaker1
Schauen wir noch mal in den spirituellen Bereich, wenn man sein Bewusstsein erweitern will, das Ego aufgeben, eins sein werden
will, ganz im Jetzt sein, wenigstens für kurze Zeit. Das geht ja auch ohne Drogen, mit Meditation zum Beispiel, mit Kontemplation im
Gebet. Es ist natürlich einfacher, sich mit irgendwelchen Substanzen meditieren zu lassen, als sich selber hinzusetzen und sich zu
versenken. Sind denn solche Meditations Zustände nach ihrer Definition solche Trance Zustände? Sind die auch Rausch?

[00:06:29] Speaker2
Ja also wie gesagt, Rausch ist ja total offen definiert. Rausch kann ja diese ganzen verschiedenen Zustände meinen und es ja es gibt
diese Möglichkeiten auch ohne Substanzen, also nicht durch Substanz induzierten Rausch herzustellen. Sie haben schon gesagt
meditieren ist natürlich super langwierig, da muss man dranbleiben. Das es schafft auch nicht jeder. Da ist die Abkürzung durch
irgendwie ne eine Pille oder eine Puppe natürlich sehr verlockend, aber es gibt auch andere Möglichkeiten wie durch bestimmtes
Licht. Da gibt es so Lampen, die können so LSD artige Zustände erzeugen oder durch bestimmte Atemtechniken tatsächlich, so
Holtrop atmen nennt man das, die auch totale Rausch Wirkung haben können. Also das ist schon ganz spannend und spannend
finde ich auch, dass eigentlich jede Form von Rausch zunimmt. Also es ist nicht so, dass man sagen kann wir sehen jetzt einen
Zuwachs nur an Opiaten oder Cannabis oder aufputschen den Mitteln oder nicht Drogen induzierten Rauschen, sondern alle diese
Formen nehmen zu. Also die Menschen sind insgesamt gerade sehr sehr interessiert dabei. Natürlich gibt es auch viel mehr
Möglichkeiten durch das Internet, viel mehr Zugänge, aber alle von diesen von Ihnen angesprochenen Arten von Rausch nehmen zu
werden, populärer, interessanter für immer mehr Leute.

[00:07:50] Speaker1
Was hat denn die Arbeit am Thema Rausch mit Ihnen ganz persönlich gemacht? Konsumieren Sie jetzt bewusster mehr denn je
weniger oder geht sogar in Richtung Askese?

[00:08:00] Speaker2
Ähm, es hat sehr viel auch mit mir gemacht. Also erstmal die Erkenntnis, dass die Frage, ob eine Substanz legal ist, gar nichts damit
zu tun hat, ob die Substanz für mich schädlich ist oder nicht. Das fand ich eine sehr interessante Erkenntnis, weil man ja irgendwie
doch von dem Zusammenhang ausgeht, dass man irgendwie denkt Okay, was verboten ist, es ist schlecht und was erlaubt ist, ist
irgendwie weniger schädlich. Also das würde ich jetzt so gar nicht mehr unterschreiben. Das sind ganz andere, oft auch
wirtschaftspolitische Hintergründe, die da dazu führen. Ja, bewusster auf jeden Fall. Ich sehe zum Beispiel Alkohol jetzt auch einfach
mehr als eine Droge an, was interessant ist, dass manchmal wirklich auch noch mal so zu betrachten. Insgesamt bin ich auch sehr
neugierig geworden durch die Erkenntnis jeder Kultur, hat ihre Drogen, hat ihre Rauschmittel mit verschiedenen Settings,
verschiedenen Funktionen, Zeremonien, Substanzen. Das finde ich sehr, sehr spannend. Wir in Europa kennen das gar nicht so,
man denkt, es gäbe irgendwie Cannabis, Koks, Alkohol und MDMA. Aber es gibt noch eine unglaubliche Vielzahl an verschiedenen
Kräutern, Baumrinde, Blumen und was weiß ich. Ganz, ganz, ganz viele Sachen, die auch total interessante Zustände herbeiführen
und verschiedene Funktionen. Wie gesagt, in Gesellschaften haben es sehr, sehr oft eben auch religiöse, spirituelle.

[00:09:22] Speaker1
Da haben Sie ja quasi schon zu unserem nächsten Berichte aus Lateinamerika kommt hinüber moderiert. Vielen Dank Lena Papa
Sabbats, das ist die Kulturanthropologie vom Zukunfts Institut in Frankfurt am Main. Danke Ihnen sehr gerne.

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