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FRANZ BRENTANO

Philosophische Untersuchungen
zu Raum, Zeit und Kontinuum

Aus dem Nachlaß mit Anmerkungen von


ALPRED KASTIL

herausgegeben und eingeleitet von


STEPHAN KÖRNER
und RODERICK M. CHISHOLM

FELIX MEINER VERLAG


HAMBURG
PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 293

Im Digitaldruck »on demand« hergestelltes, inhaltlich mit der ursprüng-


lichen Ausgabe identisches Exemplar. Wir bitten um Verständnis für un-
vermeidliche Abweichungen in der Ausstattung, die der Einzelfertigung
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isbn 978-3-7873-0356-4
ISBN eBook: 978-3-7873-2582-5

© Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg 1976. Alle Rechte vorbehalten.


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INHALT

Einleitung der Herausgeber . . . . . . . . VIII


Inhaltsübersicht zu Brentanos Abhandlungen .XXXV

Erster Teil: Das Kontinuum


I. Vom Kontinuierlichen 3
11. Vom Maß des Kontinuierlichen 56

Zweiter Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein


I. Was die Philosophen über die Zeit gdehrt
haben. . . . . . . . . . . . . . . . . 60
11. Vom Gedächtnis . . . . . . . . . . . . 86
III. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum
von Vorstellungs- und Anerkennungsmodi 95
IV. Unzulänglichkeit der Annahme eines
einzigen Präteritalmodus . . . . . 102
V. Reales = Temporalkontinuierliches.
Es gibt keine innere Proterästhese 105
VI. Gäbe es keine Dinge mehr oder nur einen zeit-
losen Gott, so wäre auch nichts gewesen 113
VII. Sachliche und modale Temporaldifferenzen 121
VIII. Das Zeitliche als Rdatives . . . . . . . . 124
IX. Zum Verständnis der Aristotelischen Lehre
von der Zeit . . . . . . . . . . . . . . 138
X. Unsere Zeitanschauung ist wie auch die Raum-
anschauung in bezug auf die absoluten spezi-
fischen Differenzen unbestimmt und nur
relativ spezifiziert . . . . . 153

Dritter Teil: Der Raum und die Zeit


I. Nativistische, empiristische und anoetistische
Theorie unserer Raumvorstellung 164
II. Die Undurchdringlichkeit der Körper im
Raume beruht darauf, daß die räumlichen
Bestimmungen substantielle und individuali-
sierende sind . . . . . . . . . . . . . . 178
III. Was über Raum und Zeit aus den entgegen-
gesetzten Irrtümern der Philosophen zu
lernen ist . . . . . . 185

Anmerkungen von Alfred Kastil 216


Register 233
VORWORT

Die Überlegungen, die uns bei der Herausgabe der Schrif-


ten dieses Bandes geleitet haben, sind in der Einleitung dar-
gelegt. Hier erfüllen wir die angenehme Pflicht, unseren
Dank für mannigfache Hilfe auszusprechen. Wir danken
insbesondere Herrn Dr. Reinhard Fabian von der Universi-
tät Graz für die genaue und gewissenhafte Weise, mit der er
Brentanos Manuskripte und unsere endgültige Auswahl
überprüft hat, und Herrn Dr. Georg Katkov, Oxford, für
wichtige Ratschläge während unserer Arbeit. Die Veröffent-
lichung wurde von der Pranz Brentano Foundation unter-
stützt.

Die Herausgeber
EINLEITUNG

Eine Analyse des Raum- und Zeitbegriffes sowie des all-


gemeineren Begriffes eines Kontinuums ist ein wesentlicher
Teil jeder Naturphilosophie und Phänomenologie. So ist es
nur natürlich, daß sich Brentano zeit seines Lebens mit die-
sen Fragen beschäftigte, beginnend mit seiner kritischen
Darlegung der Aristotelischen Philosophie, die ihn als erstes
zu einer eigenständigen philosophischen Position geführt
hatte, bis zu seinen letzten Lebensjahren, als er - bereits
völlig erblindet - seine späten Gedanken zur "deskriptiven
oder beschreibenden Psychologie", wie er sie nannte, dik-
tierte. Die Schriften, die nun in diesem Band zum erstenmal
veröffentlicht werden, bieten eine Auswahl aus den uns
erhaltenen Manuskripten Brentanos über Raum, Zeit und
Kontinuum, welche zusammen mit den anderen nachgelas-
senen Schriften in der Houghton Library an der Harvard
University aufbewahrt werden. Alfred Kastil, der gemein-
sam mit Oskar Kraus Verwalter von Brentanos literarischem
Nachlaß war, hatte beabsichtigt, einen Großteil von Bren-
tanos Arbeiten über Raum, Zeit und Kontinuum in einer
einbändigen Ausgabe zu publizieren, die auch ein ausführ-
liches Inhaltsverzeichnis, eine Einleitung und erläuternde
Anmerkungen enthalten sollte. Jedoch starb er vor Vollen-
dung seines Werkes. Der vorliegende Band stützt sich auf
eine Auswahl aus den von Kastil zusammengestellten Auf-
sätzen und den von ihm vorbereiteten Anmerkungen. 1 )

1) Kastil hatte, wie einer nachgelassenen Notiz zu entnehmen ist,


noch zur Zeit seiner Innsbrucker Lehrtätigkeit damit begonnen, alles
einschlägige Material zu dem Thema "Raum - Zeit- Kontinuum" aus
dem Nachlaß Brentanos zusammenzustellen. Nach längerer Unterbre-
chung ging er dann im Sommer 1943 daran, den Text der Manuskripte,
die für eine Veröflentlichung in Betracht kamen, sowie die zugehörigen
Inhaltsangaben und Anmerkungen vorzubereiten. Diese, von Kastil
redigierte Fassung der Brentano-Texte liegt den hier abgedruckten
Einleitung von S. Körner und R.M. Chisholm IX

Bei der Auswahl der Schriften wurde vor allem die Ab-
sicht verfolgt, diejenigen Erörterungen, in denen Brentano
die philosophischen Probleme von Raum, Zeit und Konti-
nuum behandelt, in den Vordergrund zu stellen, unnötige
Wiederholungen so weit wie möglich zu vermeiden und
besonderes Gewicht auf Brentanos späte Ansichten zu
legen, ohne deren historische Entwicklung im einzelnen zu
berücksichtigen. Ein solches Vorgehen hat sicherlich ge-
wisse Nachteile. Vielleicht werden sie aber dadurch aufge-
wogen, daß slch auf diese Weise ein Buch herausbringen
ließ, das nicht nur für Brentanoforscher, sondern auch für
jeden anderen an diesem Thema interessierten Philosophen
von Wert sein wird.
Unsere Einleitung zu dieser Auswahl ist vor allem für den
allgemein philosophisch interessierten Leser gedacht. Fol-
gende Themen werden darin zur Sprache kommen: (I)
Brentanos Theorie des Kontinuums und ihre Stellung in
seiner Philosophie; (II) seine Theorie des Zeitbewußtseins
und des Ursprungs unseres Zeitbegriffes; (III) seine Theorie
des Zeitlichen; und (IV) seine Theorie des Räumlichen.

I.

Die Grundzüge der Brentanoschen Kontinuumstheorie


finden sich im ersten Aufsatz ("Vom Kontinuierlichen").
Weitere Aspekte werden im zweiten Aufsatz ("Vom Maß
des Kontinuierlichen") ausgeführt. Um Brentanos Theorie
in ihren allgemeinen Umrissen zu verstehen, muß man sie
einerseits mit der Lehre des Aristoteles und andererseits mit

Schriften zugrunde. - Offensichtliche Versehen und Schreibfehler wur


den berichtigt, bibliographische Daten ergänzt oder vervollständigt.
Den Titeln der Aufsätze sind jeweils die Signaturen, durch die die
nachgelassenen Manuskripte Brentanos nach der im Jahre 1951/52
erfolgten Ordnung gekennzeichnet sind, in eckigen Klammern beige-
fügt. - Für eine kurze, einführende Beschreibung des wissenschaftli-
chen Nachlasses von Franz Brentano vgl. J.C.M. Brentano, "The
Manuscripts of Franz Brentano", in: Revue Internationale de Philosophie,
Jg. 20 (1966), s. 477-482.
X Einleitung

den klassischen Theorien Cantors und Dedekinds verglei-


chen. Der V ergleich mit Aristoteles ist erforderlich, weil
Brentano hier wie auch anderorts auf dessen Einsichten auf-
baut und weil sich nur so der Grad seiner eigenen Originali-
tät richtig beurteilen läßt. Der Vergleich mit den mathema-
tischen Theorien ist deshalb notwendig, weil gewisse Miß-
verständnisse in bezug auf deren Struktur und Funktion
beseitigt werden müssen, denen sogar Brentano gelegentlich
zum Opfer gefallen ist. Bei Brentano findet sich kein Hin-
weis darauf, daß er Brouwers intuitionistischen Konti-
nuumsbegriff kannte, der wohl seiner ganzen Konzeption
nach demjenigen des Aristoteles nähersteht als den Theorien
Cantors und Dedekinds. 2)
Die Kontinuumstheorie des Aristoteles beruht auf der
Annahme, daß alle Veränderung kontinuierlich ist und daß
ein Verständnis der Natur mit dem Verständnis des Wesens
der Veränderung zusammenfällt. Kontinuierliche V erände-
rungen der Qualität, Quantität und Lage, wie auch jedes
räumlichen oder zeitlichen Kontinuums sind nach Aristote-
les in der Wahrnehmung oder Anschauung gegeben, so daß
alle Widersprüche in der begrifflichen Beschreibung dieser
Phänomene entweder auf falsche Prämissen oder auf falsches
Schließen zurückzuführen sind. Diese Position macht es für
ihn erforderlich, Zenos Paradoxa der kontinuierlichen Be-
wegung zu widerlegen, mit denen die Behauptung des Par-
menides, daß alle Veränderung nichts als Täuschung sei,
gestützt werden sollte. Zenos Bewegungsparadoxa basieren
auf drei Voraussetzungen, nämlich: (I) jede Strecke besteht
aus einer unendlichen Anzahl von Punkten; (II) jeder klei-
nere Abschnitt dieser Strecke besteht ebenfalls aus einer
unendlichen Anzahl von Punkten, so daß sich die Punkte
zweier beliebiger solcher Abschnitte, so ungleich diese ihrer
Länge nach auch sein mögen, in eine ein-eindeutige Zuord-
nung zueinander bringen lassen; (111) bewegt sich ein Gegen-
stand entlang einer Strecke, so bewegt er sich entlang einer

1 ) Zu einer Darstellung der intuitionistischen Konzeption des Kon-


tinuums vgl. A. Heyting, lnltlitionism. An Introduction (Amsterdam,
1971).
Von S. Körner und R.M. Chisholm XI

unendlichen Anzahl unausgedehnter Punkte "in derselben


Art und Weise", wie er sich entlang einer endlichen Anzahl
von Streckenabschnitten (insbesondere von Abschnitten
von äußerst geringer Länge) bewegt. Nehmen wir diese
Voraussetzungen an, von denen die ersten beiden auch
heute noch in der klassischen Mathematik gemacht werden
und deren dritte mißverständlich oder unklar oder sogar
beides ist, dann ließe sich zum Beispiel behaupten, daß allem
äußeren Anschein zum Trotz ein Körper, der sich entlang
einer Strecke bewegt, dieselbe Zeit braucht, wie wenn er
sich entlang eines Teilabschnittes dieser Strecke bewegte;
denn in beiden Fällen muß er dieselbe (unendliche) Anzahl
von Punkten durchlaufen.
Unter der Voraussetzung der Widerspruchsfreiheit der
Mengentheorie (in einer ihrer modernen Fassungen) führen
die ersten beiden dieser Annahmen zu keiner Antinomie.
Aristoteles hingegen verwirft nicht nur die dritte, sondern
auch die ersten beiden, und zwar aus dem einfachen und
guten Grunde, daß sie nicht ein in der Wahrnehmung oder
Anschauung gegebenes Kontinuum kennzeichnen und daß
sie deshalb für eine Theorie eines solchen Kontinuums als
irrelevant zu betrachten sind. Denn Aristoteles möchte, wie
später auch Brentano, eine phänomenologische Darstellung
und nicht eine mathematische Theorie geben, weil letztere
die Phänomene der Wahrnehmung oder Anschauung nicht
beschreibt, sondern idealisiert.
Die Aristotelische Theorie besagt im wesentlichen, daß
ein Kontinuum - wie etwa eine kontinuierliche Strecke,
Zeitdauer oder Bewegung - sich ad infinitum in Kontinua
und nicht in das, was man "Diskreta" nennen könnte, auf-
teilen läßt. Genauer gesagt läßt sich eine Strecke in Strecken-
abschnitte, nicht aber in unausgedehnte Punkte unterteilen;
eine Zeitdauer in Zeitabschnitte, aber nicht in unausge-
dehnte Augenblicke; eine Bewegung in Bewegungsab-
schnitte, aber nicht in unausgedehnte "Stationen" (um einen
Ausdruck aufzugreifen, den Wicksteed und Cornford in
der Einleitung zu ihrer englischen Übersetzung der Physik
verwenden, vgl. The Loeb Classical Library, Londonj
Harvard 1952). Das bedeutet freilich nicht, daß sich eine
XII Einleitung

Strecke nicht an einem bestimmten Punkt teilen ließe, der


dann die Grenze und das Bindeglied zwischen den Teilen
der Strecke bildete. Es bedeutet nur, daß die Strecke nicht
in demselben Sinne aus solchen Verbindungspunkten zu-
sammengesetzt ist wie sie aus Streckenabschnitten besteht.
Um das Wesen eines solchen Verbindungspunktes, der
zwei Kontinua zu einem einzigen verknüpft, zu erklären,
unterscheidet Aristoteles zwischen verschiedenen Relatio-
nen, in denen Dinge derselben Art zueinander stehen kön-
nen: Dinge folgen in bestimmter Ordnung aufeinander,
wenn zwischen ihren Grenzen nichts Gleichartiges liegt; sie
schließen unmittelbar aneinander an, wenn sich ihre Gren-
zen berühren; sie sind zusammenhängend oder kontinuier-
lich, wenn ihre Grenzen eins sind. 3 ) Die gemeinsamen
Grenzen, durch die die Teile eines Kontinuums miteinander
verbunden sind, existieren nur potentiell, weil sie nur inso-
fern existieren, als sie die Teile eines Kontinuums verbinden;
und die Teile wiederum sind als Teile in ihrer Existenz von
der Existenz des Kontinuums abhängig. Das Kontinuum
selbst besteht somit nicht aus Punkten.
Während sich dieses Argument des Aristoteles implizit
auf bestimmte seiner metaphysischen Voraussetzungen
stützt, ist das folgende Argument direkter: Ein Kontinuum
kann nicht aus Punkten bestehen, weil zwei unausgedehnte
Punkte entweder völlig zusammenfallen oder völlig getrennt
sind. Im ersten Falle ergeben sie einen einzigen unausge-
dehnten Punkt, im zweiten zwei durch eine Lücke getrennte
Punkte.
Nun besteht nach den mathematischen Theorien, denen
wir uns kurz zuwenden müssen, ein Kontinuum tatsächlich
aus nicht-kontinuierlichen einfachen Einheiten- wenn auch
aus einer nichtabzählbaren aktualen Unendlichkeit solcher
Einheiten, von der aber nicht behauptet wird, daß sie in der

1 ) Aristoteles, Physik, V, 3. -Die Annahme, daß auch zwei räumlich


ausgedehnte Körper in diesem Sinne unmittelbar aneinander anschlie-
ßen könnten, ist schon durch Brentanos Auffassung vom Gesetz der
Undurchdringlichkeit ausgeschlossen. Vgl. Franz Brentano, Katego-
rien/ehre, hrsg. von A. Kastil (Hamburg: Felix Meiner, 1968), S. S<'r-90.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XIII

Wahrnehmung oder Anschauung auffindbar wäre. Bei der


Ausarbeitung seiner eigenen Theorie des Kontinuums
dachte Brentano vor allem an Dedekinds Theorie der reellen
Zahlen, die in einigen ihrer Züge von besonderer Relevanz
für diese Einleitung ist. 4 ) Wie Cantor nimmt Dedekind
(und jeder ihrer nicht-intuitionistischen oder nicht-kon-
struktivistischen Nachfolger) an, daß die natürlichen Zah-
len 1, 2, 3, ... nicht nur als eine unendliche Folge gegeben
sind, nämlich so, daß auf jede Zahl unmittelbar eine andere
folgt, sondern auch als eine vollständig gegebene Totalität.
Eine solche unendliche Totalität läßt sich in mancher Hin-
sicht wie eine endliche Totalität behandeln. Wegen auftre-
tender Widersprüche ist aber hierin Vorsicht geboten, die
in axiomatischen Formulierungen und damit verbundenen
Konsistenzbeweisen ihren Niederschlag findet.
Obwohl sich eine unendliche Totalität oder Menge ihrer
Größe nach nicht mit anderen endlichen oder unendlichen
Mengen durch Zählen vergleichen läßt, ist ein solcher Ver-
gleich mit Hilfe von ein-eindeutigen Zuordnungen möglich:
So sind zwei Mengen ihrer Größe nach äquivalent, wenn
sich zwischen ihren Elementen eine ein-eindeutige Zuord-
nung herstellen läßt; und eine Menge ist kleiner als eine
andere, wenn die erste Menge einer Untermenge aus der
zweiten, nicht aber eine Untermenge aus der ersten der
zweiten Menge äquivalent ist. Die sich daraus ergebende
Möglichkeit, unendliche Mengen ihrer Größe nach zu ord-
nen, ist dem phänomenologischen Ansatz von Aristoteles
und Brentano völlig fremd. Da keine endliche Menge einer
ihrer Untermengen äquivalent ist, wohl aber jede unendliche
Menge einer ihrer Untermengen äquivalent ist, läßt sich
diese Äquivalenz der ganzen Menge mit einer Teilmenge
(z. B. der Menge aller ganzen Zahlen mit der Menge aller
geraden ganzen Zahlen, aller Primzahlen, aller durch 7 teil-
baren ganzen Zahlen, etc.) als Wesensmerkmal unendlicher
Mengen verwenden.

C) Richard Dedekind, Stetigkeit und i"ationale Zahlen (Braunschweig,


1872). Vgl. Georg Cantor, Gesammelte Abhandlungen, hrsg. von E. Zer-
melo (Berlin, 1932).
XIV Einleitung

Ausgehend von der Annahme der Totalität aller ganzen


Zahlen definiert Dedekind die Totalität aller Brüche. Er
definiert einen Bruch (etwa 1/ 1) als ein geordnetes Paar
natürlicher Zahlen (d.L [1, 2], in dieser Reihenfolge), wobei
gefordert wird, daß zwei Brüche x 1 fx2 undy1/y1 genau dann
als äquivalent zu betrachten sind, wenn x 1 ·y1 = y 1 • x 2 (so
daß z.B. 1 / 2 = 2/ 4 = 3/ 8 etc.). Dann stellt er durch entspre-
chende Postulate und Definitionen die üblichen Bruchregeln
auf und definiert eine rationale Zahl als eine Klasse von
Brüchen, die einem gegebenen Bruch äquivalent sind. So
läßt sich jeder Bruch, dessen Zähler und Nenner keinen
gemeinsamen Teiler haben, als Repräsentant für die Klasse
aller mit ihm äquivalenten Brüche betrachten. Eine rationale
Zahl, deren Nenner gleich 1 ist, heißt eine ganze Zahl -
wobei die ganzen Zahlen den natürlichen Zahlen entspre-
chen (z.B. entspricht der Bruch 2/ 1 der ganzen Zahl 2).
Mathematisch ausgedrückt ist die Totalität der rationalen
Zahlen dicht, aber nicht kontinuierlich. Sie ist dicht in dem
Sinne, daß zwischen je zwei rationalen Zahlen mindestens
eine andere liegt (und damit unendlich viele andere liegen).
Sie ist nicht kontinuierlich, da sie nicht alle "reellen Zahlen"
enthält, so etwa V2, weil es keinen Bruch gibt, dessen Qua-
drat gleich 2 wäre. Dedekind erhält die fehlenden reellen
Zahlen, indem er den Begriff eines "Schnittes" für die Tota-
lität der rationalen Zahlen definiert. Ein Schnitt ist eine
Menge rationaler Zahlen, und zwar in der Weise, daß (I) die
Menge einige, nicht jedoch alle rationalen Zahlen enthält,
(II) jede zu der Menge gehörige rationale Zahl kleiner als
jede nicht zu ihr gehörige Zahl ist, und (III) die Menge
keine größte rationale Zahl enthält. Es läßt sich zeigen, daß
die Totalität aller Schnitte der Totalität aller "irrationalen"
Zahlen, wie etwa V2, entspricht. Es läßt sich weiters zeigen,
daß die Menge aller reellen Zahlen größer ist als die Menge
aller rationalen Zahlen, nämlich insofern als die Menge der
rationalen Zahlen ihrer Größe nach einer Untermenge der
Menge der reellen Zahlen äquivalent ist, während die Menge
der reellen Zahlen ihrer Größe nach keiner Untermenge aus
der Menge aller rationalen Zahlen äquivalent ist. Die kon-
tinuierliche Totalität der reellen Zahlen ist eine "größere"
Von S. Körner und R.M. Otisholm XV

Unendlichkeit- oder eine Unendlichkeit höherer Ordnung-


als die nur dichte Totalität aller rationalen Zahlen. Aristote-
les und Brentano verwerfen den Begriff einer unendlichen
Totalität und ebenso die Vorstellung, daß eine solche Tota-
lität "größer" oder von höherer Ordnung sein kann als eine
andere. Daher erkennen sie auch die Unterscheidung zwi-
schen Dichte und Kontinuität nicht an - im übrigen eine
Unterscheidung, die man kaum als phänomenologisch be-
zeichnen kann.
Brentanos Erklärung der Kontinuität und der verschiede-
nen Arten von Kontinua ähnelt derjenigen des Aristoteles
sowohl in ihrem allgemeinen Ansatz - wonach Kontinuität
als ein Wahrnehmungsphänomen und nicht als eine mathe-
matische Konstruktion aufzufassen ist - als auch in einigen
ihrer Einzelheiten. Die wesentlichen Unterschiede in den
metaphysischen Auffassungen sind darauf zurückzuführen,
daß nach Aristoteles die Teile eines Ganzen nicht wirklich
sein können, nach Brentano hingegen sie es sind. 5 ) Folglich
betrachtet Brentano nicht nur jene Teile eines Kontinuums,
die Kontinua sind, sondern sogar die Grenzen eines Konti-
nuums als wirklich. Die wichtigsten erkenntnistheoretischen
und psychologischen Unterschiede liegen in der höchst ori-
ginellen und bedeutsamen Relationstheorie Brentanos be-
gründet sowie in seiner Konzeption der Kontinua, die durch
eine besondere, zwischen Kontinuum und Kontinuums-
grenze bestehende Relation charakterisiert sind. Brentanos
Relationstheorie ist sowohl für seine Theorie des Konti-
nuums als auch für seine Intentionalitätstheorie von großer
Bedeutung.
Brentanos Theorie der Relationen, die auf den ersten
Blick wie eine unnötige Komplizierung der üblichen Theo-
rie der extensionalen Relationen anmutet, stellt in Wirklich-

1 ) Zu Brentanos Theorie vom Teil und Ganzen vgl. Kategorien/ehre,


S. 5-7, 51-67, 101-109. Brentano lehnt die Aristotelische Lehre ab und
vertritt demgegenüber die Meinung, daß "ein Teil von etwas sein" -
im Gegensatz zu "ein Ganzes sein" -als Jenominario extrinsera und nicht
als ein echtes Prädikat aufzufassen sei; denn es könne etwas aufhören
als Teil weiterzubestehen, ohne daß es sich dabei in irgendeiner Weise
ändere.
XVI Einleitung

keit eine Verallgemeinerung dieser Theorie dar. Wir können


hier Brentanos Konzeption nur in großen Zügen andeuten.
Nach der üblichen Auffassung der Relationstheorie be-
deutet die Vorstellung einer zweigliedrigen Relation - wie
sie z. B. in dem Umstand, daß Hans größer ist als Karl,
gegeben ist - nichts anderes als die Anwendung eines Attri-
butes ("x ist größer alsy") auf zwei Terme (Hans und Karl,
in dieser Reihenfolge), wobei die korrekte Anwendung des
Attributes die Existenz der Terme impliziert. Nach Bren-
tano gilt diese Bestimmung jedoch nur für einige Relations-
typen, weil z. B. die Tatsache, daß Hans größer als ein mythi-
scher Zwerg ist, nur die Existenz von Hans impliziert und
weil diese Bestimmung für intentionale Relationen nicht
gilt, da jemand sehr wohl die Existenz eines Gegenstandes
annehmen oder sie erwünschen kann, unabhängig davon, ob
jener Gegenstand tatsächlich existiert oder nicht. Deshalb
achtet Brentano nicht nur auf jeden einzelnen Term einer
Relation, sondern auch auf die Art und Weise, in der man
sich seiner bewußt ist. Seine Theorie ist somit weniger eine
Relationstheorie als vielmehr eine Theorie von den Relativa,
von solchen Dingen also, die in Relation zu anderen Dingen
stehen. 6 )
Nach Brentanos reistischer Theorie ist alles, was es gibt,
ein Konkretum oder ein Einzelnes. Denken wir an Hans,
insofern er größer ist als Karl, so denken wir nach Brentano
an das Relativum Hans, insofern es das Attribut des Größer-
als-Karl-Seins hat. Wir denken unmittelbar an Hans und
denken nur mittelbar an Karl; wir denken an Karl nur,
insofern wir Hans das Attribut des Größer-als-Karl-Seins
zusprechen. Hans ist das Fundament der Relation und wird,
wie Brentano sagt, modo recto gedacht. Karl ist der Terminus
der Relation und wird modo obliquo gedacht, d. h. nur indi-
rekt vermittels des Attributes, das Hans beigelegt ist. (Wenn
wir nun aber an Karl denken, insofern er kleiner als Hans
ist, dann bildet Karl das Fundament der Relation und wird

8 ) Brentanos Theorie der Relativa wird im 2. Teil dieses Bandes

(VIII. Aufsatz) genauer dargelegt. Man vergleiche auch die Darstellung


in der Kategorien/ehre, bes. S. 166-199.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XVII

modo recto gedacht, während Hans der Terminus ist und nur
modo obliquo gedacht wird.)
Es bedeutet also die Anerkennung der Existenz eines
Relativums zugleich die Anerkennung der Existenz des
Fundamentes, indem das Fundament durch ein Relations-
attribut gekennzeichnet wird, das den Terminus enthält.
Dieser Analyse zufolge können die Existenz des Fundamen-
tes und die Existenz des Terminus zusammenfallen, müssen
es aber nicht. Die Notwendigkeit, Möglichkeit oder Un-
möglichkeit der Koexistenz von Fundament und Terminus
einer Relation sind wichtige Kriterien für die Unterschei-
dung verschiedener Typen von Relativa. Bevor wir die
Kontinua kennzeichnen, die uns hier interessieren, empfiehlt
es sich, einige andere Typen von Relativa in bezug auf die
Existenz oder Nicht-Existenz ihrer Fundamente und Ter-
mini zu betrachten.
Für die intentionalen Relativa, die darin bestehen, daß ein
Denkender etwas denkt, folgt aus der Existenz des Funda-
mentes weder die Existenz noch die Nicht-Existenz des
Terminus (des Gedachten), es sei denn, jemand denkt evi-
denterweise an ein existierendes Objekt, das aufgrund der
Evidenz seines Gedacht-Werdens existieren muß. Ähnliches
gilt für komparative Relativa. Man kann etwa sagen, ein Pferd
sehe wie ein Einhorn aus, ohne sich damit auf die Existenz
eines Einhorns festzulegen. Oder man kann sagen, eine
Stadt mit 100000 Einwohnern sei nicht so dicht bevölkert
wie eine Stadt mit einer Milliarde Einwohnern - wiewohl
es keine Städte mit einer Milliarde Einwohnern gibt. Das-
selbe trifft auf kausale Relativa zu, die darin bestehen, daß die
Existenz eines Dinges von einer Ursache verursacht wird,
wobei die Wirkung noch andauern kann, nachdem die
Ursache schon zu existieren aufgehört hat. Bei temporalen
Relativa, die darin bestehen, daß einem gegenwärtigen Ereig-
nis ein vergangenes Ereignis vorausgeht, impliziert die Exi-
stenz des Fundamentes die Nicht-Existenz des Terminus;
denn das vorausgehende, vergangene Ereignis muß zu exi-
stieren aufgehört haben. (Im Gegensatz zu vielen zeitgenös-
sischen Philosophen nimmt Brentano das Tempus ernst.
Was existiert, fällt genau mit dem zusammen, was jetzt exi-
XVIII Einleitung

stiert.) Bei Relativa, die aus Teilen bestehende Ganze sind,


impliziert die Existenz des Ganzen die Existenz der Teile;
dagegen impliziert, was für uns hier wichtig ist, die Existenz
eines Teiles nicht die Existenz des Ganzen. (Die Existenz
eines Waldes impliziert die Existenz aller Bäume, während
die Existenz eines der Bäume- etwa nach einem Waldbrand-
mit der Nicht-Existenz des Waldes durchaus vereinbar ist.)
Alle bisher erwähnten Relativa werden auch von Aristo-
teles auf irgendeine Weise anerkannt; nach Brentanos Mei-
nung bedarf jedoch sein Verzeichnis der Relationen der
Ergänzung. Denn einerseits betrachtet Aristoteles sowohl
die Teile eines Kontinuums als auch dessen Grenzen als
gewöhnliche Teile eines Ganzen, und zudem noch als nicht
wirklich; und andererseits übersieht er die Eigentümlichkeit
des Relativums, das in einer ein Kontinuum begrenzenden
Grenze besteht, wobei die Grenze das Fundament und das
begrenzte Kontinuum der Terminus ist. Was die Koexistenz
oder Nicht-Koexistenz von Fundament und Terminus an-
geht, so impliziert die Existenz des Fundamentes die Exi-
stenz des Terminus, und die Existenz des Terminus impli-
ziert die Existenz des Fundamentes. In dieser Hinsicht
gleichen Fundament und Terminus denjenigen extensiona-
ler Relationen, während sie von dem Fundament und Ter-
minus intentionaler, kausaler, temporaler (genauer gesagt:
nicht-kontinuierlicher temporaler) Relativa und Teil-Ganze-
Relativa verschieden sind. Die Grenze eines Kontinuums
unterscheidet sich von den Fundamenten aller anderen, von
Aristoteles und Brentano erörterten Relativa dadurch, daß
sie nur als Grenze existieren kann. So existiert etwa ein
Denkender, wenn er einen bestimmten Gedanken denkt, als
Denkender unabhängig davon, daß er jenen bestimmten
Gedanken denkt. Dagegen ist eine Grenze, die ein bestimm-
tes Kontinuum begrenzt, in ihrer Existenz nicht unabhängig
davon, daß sie die Grenze jenes bestimmten Kontinuums
ist.
Wie kühn Brentanos Analyse ist, zeigt sich, wenn wir nun
diese Bestimmung einer Grenze auf seine Unterscheidung
von räumlichen und zeitlichen Kontinua anwenden. Wäh-
rend ein räumliches Kontinuum als Ganzes existiert, existiert
Von S. Körner und R.M. Chisholm XIX

ein zeitliches Kontinuum nur als Grenze. Was existiert, ist


nach Brentano identisch mit dem, was jetzt existiert; aber
das Jetzt ist eine Grenze zwischen Vergangenheit und Zu-
kunft. Daher existiert ein zeitliches Kontinuum nur in die-
ser Grenze. Dennoch würde die Grenze nicht existieren,
wenn sie nicht die Grenze eines zeitlichen Kontinuums
wäre, wobei das Kontinuum, das von ihr begrenzt wird, das
Wesen dieser Grenze vollständig bestimmt. So sagt Bren-
tano, (I) daß einerseits das zeitliche Kontinuum nur insofern
existiert, als seine Grenze existiert, und (II) daß andererseits
das zeitliche Kontinuum eine conditio sine qua non für die
Grenze ist. Aber die zweite dieser Thesen muß im Sinne der
Lehre von den Relativa verstanden werden. Die Grenze
würde nicht existieren, wenn sie nicht ein Relativum wäre,
das entweder die Vergangenheit oder die Zukunft oder auch
beide begrenzte. 7 )
Betrachtet man Brentanos Lehre vom Kontinuum im
Zusammenhang mit seiner Theorie der Relativa, so er-
scheint sie recht verschieden von der Aristotelischen Theo-
rie. Der bei Aristoteles zentrale Begriff einer Kontinuums-
grenze ist im Vergleich mit Brentanos erkenntnistheoretisch
und ontologisch klar gekennzeichneter Konzeption der
Grenze eher als eine Art Metapher aufzufassen. Die Origi-
nalität der Theorie Brentanos gegenüber der des Aristoteles,
deren Weiterentwicklung sie darstellt, zeigt sich besonders
in seiner Klassifizierung der Kontinua (vgl. vor allem den
ersten Teil der vorliegenden Auswahl) und an der Trag-
weite seiner Kontinuumsanalyse in seiner Theorie von
Raum und Zeit.
Brentanos Standpunkt gegenüber den mathematischen
7) Vgl. auch eine Stelle im zweiten Band der Psychologie vom empiri-
schen Standp1111kt, hrsg. von 0. Kraus (Hamburg: Felix Meiner, 1971):
"Um dieser Besonderheit des Falls Ausdruck zu geben, bedienen wir
uns auch der Redeweise, das Kontinuum sei nicht in vollkommener,
sondern in unvollkommener Weise, nicht seiner Totalität nach, son-
dern einer Grenze nach, was nicht bloß weniger besagt als total, son-
dern auch als partial, wenn man unter Teil einen ausgedehnten Teil,
der selbst wieder Teile habe, versteht. Aristoteles bezeichnet in Rück-
sicht darauf die Bewegung als eine unvollkommene Wirklichkeit"
(S. 258).
XX Einleitung

Kontinuumstheorien von Dedekind, Cantorund ihren Nach-


folgern schwankt zwischen der Überzeugung, daß sie als
unzureichend zu verwerfen sind, und dem Zugeständnis,
daß sie als Fiktionen betrachtet werden können. Der Grund
mag der sein, daß Brentano dazu neigte, mathematische und
physikalische Theorien für Beschreibungen der Erfahrung
und somit für "Fehlbeschreibungen" empirischer Phäno-
mene zu halten, statt sie als Idealisierungen zu sehen, die
zum Zwecke der wissenschaftlichen Erklärung und Progno-
se in gewissen Zusammenhängen so behandelt werden kön-
nen, als ob sie Beschreibungen wären. Wenngleich die
mathematische Behauptung, daß eine Strecke aus 2 No di-
mensionslosen Punkten besteht, nicht den Weg eines mate-
riellen Gegenstandes beschreibt (und auch gar nicht be-
schreiben soll) und wenn auch ein physikalischer Gegen-
stand kein Newtonsches Teilchen ist, das nur Impuls und
Lage hat, so ist doch die Identifizierung des physikalischen
Weges mit dem mathematischen und die des materiellen
Gegenstandes mit dem Newtonsehen Teilchen sehr wesent-
lich für die Anwendung der Newtonsehen Theorie auf die
raum-zeitliche Erfahrung. Ist einmal der Unterschied zwi-
schen mathematischen und phänomenologischen Kontinua
erkannt, so dürfte auch klar sein, .daß die Theorien der
empirischen Psychologie (im Sinne Brentanos) und die
Theorien der Mathematik (im Sinne Dedekinds) oder
mathematischen Physik (im Sinne Einsteins) in keinerlei
Widerstreit zueinander stehen.S)
Wenden wir uns nun zwei Grundbegriffen zu, die Bren-
tano in seine Lehre vom Kontinuum einführt. Er bezeichnet
sie mit den Termini ·"Plerose" und "Teleiose".

8) Der letzte, in diesem Band abgedruckte Aufsatz enthält einige


kritische Bemerkungen, die gegen Einsteins besondere Relativitäts-
theorie gerichtet sind. Brentano schreibt dieser Theorie die These zu,
daß die Zeit die vierte Dimension des Raumes sei, räumt jedoch ein,
daß es sich hier um eine Fiktion handle, die sich "in manchem Betracht
als unschädlich erweisen" wird. - Man sollte beachten, daß die meisten
der philosophischen Fragen im Zusammenhang mit Raum und Zeit,
mit denen sich Brentano beschäftigte, völlig verschieden sind von den
Fragen in der Physik, die von Einstein erörtert wurden.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XXI

Die Pierose einer Grenze ist eine Funktion der Anzahl der
Richtungen, nach denen hin sie eine Grenze ist. So kann
eine Grenze in einem zeitlichen Kontinuum nur eine Grenze
nach einer Richtung sein (wenn sie nämlich nur der End-
punkt von etwas Vergangenern oder der Anfangspunkt von
etwas Zukünftigem ist), oder sie kann eine Grenze nach
zwei Richtungen sein (wenn sie weder nur ein Endpunkt
noch nur ein Anfangspunkt ist). Aber die Grenze eines
räumlichen Kontinuums unterliegt nicht derselben Be-
schränkung in bezug auf die Anzahl der Richtungen, für die
sie eine Grenze sein kann. Eine Grenze, die eine Grenze
nach allen Richtungen ist, für die sie überhaupt eine Grenze
sein kann, existiert in "voller" Plerose; andernfalls existiert
sie nur in mehr oder weniger "partialer" Plerose. Brentano
meint, dieser Begriff ermögliche es, in einem gewissen Sinne
von den Teilen einer Grenze zu sprechen. Es macht nämlich
einen Unterschied aus, ob man von der Gegenwart als dem
Endpunkt der Vergangenheit oder als dem Anfangspunkt
der Zukunft spricht.
Mit Hilfe dieses Begriffs der Pierose versucht er, eine
Reihe philosophischer Probleme zu lösen, die mit der Kon-
tinuität zusammenhängen. Ein traditionelles Problem dieser
Art ließe sich etwa so formulieren: "Wenn ein Ding anfängt
sich zu bewegen, gibt es dann einen letzten Augenblick, in
dem es im Zustand der Ruhe, und einen ersten Augenblick,
in dem es im Zustand der Bewegung ist? Beides kann es
nicht sein; denn wenn dies zuträfe, dann müßte zwischen
den beiden Augenblicken eine Zeit liegen, in der sich das
Ding weder in Ruhe noch in Bewegung befände." Brentanos
Lösung lautet dahingehend, daß das betreffende Ding
genau in demselben Augenblick, in dem es zu ruhen aufhört,
sich zu bewegen beginnt. Die zeitliche Grenze des Ruhezu-
standes (das Ende seines In-Ruhe-Seins) ist identisch mit
der zeitlichen Grenze des Bewegungszustandes (dem Ein-
setzen seines In-Bewegung-Seins); aber die Grenze ist in
bezug auf ihre Pierose "zweiteilig". Die Grenze ist in halber
Pierose Ruhe und in halber Pierose Bewegung. Vielleicht
könnte man Brentanos Gedanken auch folgendermaßen
wiedergeben: Statt nur zu sagen, ein Ding bewege sich
XXII Einleitung

simpliciter, wollen wir sagen, es bewege sich "in bezug auf


seine Vergangenheit" oder es bewege sich "in bezug auf
seine Zukunft". Dann ließe sich von einem in Bewegung
befindlichen Ding sagen, es bewege sich sowohl in bezug
auf seine Vergangenheit als auch in bezugauf die Zukunft;
von einem Ding, das aufhört sich zu bewegen, könnte man
sagen, es bewege sich in bezug auf die Vergangenheit, aber
nicht in bezugauf die Zukunft; und von einem Ding, das
anfängt sich zu bewegen, könnte man sagen, es bewege sich
in bezug auf seine Zukunft. Dann läge kein Widerspruch in
der Behauptung, etwas bewege sich in bezug auf seine Zu-
kunft, nicht aber in bezug auf seine Vergangenheit (das
wäre ein Ding, das aufhört zu ruhen und anfängt, in Bewe-
gung zu sein). Und es wäre auch kein Widerspruch zu be-
haupten, etwas bewege sich in bezug auf seine Vergangen-
heit, nicht aber in bezug auf seine Zukunft (das wäre ein
Ding, das aufhört' sich zu bewegen und beginnt, in Ruhe zu
sein).
Eine ähnliche Lösung ließe sich auf ein anderes traditio-
nelles Problem, das Brentano aufgreift, anwenden. "Ange-
nommen, ein Körper wird senkrecht in die Luft gewoden
und durch kein Hindernis von seinem Weg abgelenkt.
Ruht er nun einen Augenblick lang zwischen dem Ende des
Steigens und dem Beginn des Sinkens (und wenn, wie
lange?), oder fängt er im selben Augenblick an zu sinken,
in dem er aufhört zu steigen?" Brentano meint: "Einen
Moment voller Ruhe kann man aber doch nicht annehmen,
vielmehr nur einen, wo der Anfang des Sinkens mit dem
Ende des Aufsteigens koinzidiert. " 9 ) Wie in dem vorigen
Beispiel würde er sagen, daß das Ding in diesem Moment
in halber Plerose ist in bezug auf das Steigen und in halber
Plerose in bezug auf das Sinken. Stimmt unsere obige
Erklärung, so könnten wir die Lösung auch so formulieren:
Wenn wir sagen, etwas steige, dann sollten wir genauer
sagen, es steige in bezug auf seine Vergangenheit und in

8) Dieses Zitat stammt aus einem kurzen, undatierten Manuskript


Brentanos mit dem Titel "Plerose" [ Meg 15]. Vgl. Kastils Anmerkun-
gen (in diesem Bande), Nr. 10.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XXIII

bezugauf seine Zukunft; sagen wir, etwas falle, dann sollten


wir genauer sagen, es falle in bezug auf seine Vergangenheit
und in bezug auf seine Zukunft. Dann wäre es kein Wider-
spruch, wenn man sagte, daß ein Ding genau in dem Augen-
blick, in dem es seine Richtung ändere, in bezug auf seine
Vergangenheit steige und in bezug auf seine Zukunft falle.
Der verwandte Begriff der Teleiose sei an zwei Beispielen
erläutert. V ergleichen wir erstens den Sinn, in dem man von
einem in Ruhe befindlichen Körper sagen kann, er sei an
einem bestimmten Ort, mit dem Sinn, in dem man von
einem in Bewegung befindlichen Körper sagen kann, er sei
an einem bestimmten Ort. Nach Brentano läßt sich von dem
ruhenden Körper sagen, er sei in einem so hohen Grade der
Vollkommenheit an einem Ort, wie es kein in Bewegung
befindlicher Körper sein könne; und in der Tat, je schneller
sich ein Körper bewegt, desto weniger kann man von ihm
sagen, er sei vollkommen an einem Ort. Nach Brentano ist
der ruhende Körper an einem bestimmten Ort in "vollkom-
mener" Teleiose, während der in Bewegung befindliche
Körper an einem bestimmten Ort nur in "unvollkomme-
ner" Teleiose ist: Je schneller die Bewegung, um so unvoll-
kommener die Teleiose.
Man betrachte zweitens eine Fläche, die an einem Ende
blau und an dem anderen Ende rot ist und deren dazwi-
schenliegende Stellen allmählich und gleichmäßig von Rot
nach Blau "übergehen". Die "Geschwindigkeit", mit der
sich dieser Übergang vollzieht, wird eine Funktion der
Länge der Fläche sein. Man kann nun von dieser Fläche
sagen, daß sie an keinem der zwischen ihren Enden liegen-
den Punkten in einem so "vollkommenen" Grade rot ist,
wie es etwa eine gleichmäßig rote Fläche wäre. Hat man aber
zwei Flächen, von denen die eine einen "schnelleren" Über-
gang von Rot zu Blau zeigt als die andere (wo also auf der
einen Fläche die rote Seite von der blauen nicht so weit ent-
fernt ist wie auf der anderen Fläche), dann werden die
Zwischenteile der ersten Fläche, auf der sich der Übergang
schneller vollzieht, ihre Farbe mit noch geringerer "Voll-
kommenheit" haben als die Teile der zweiten Fläche, auf der
der Übergang langsam vor sich geht.
XXIV Einleitung

Brentano sagt, die Teleiose sei die "Geschwindigkeit der


Variation eines sekundären Kontinuums". Ein sekundäres
Kontinuum ist ein Kontinuum, dessen Existenz ein anderes
Kontinuum voraussetzt. So setzt ein Farbenkontinuum von
der Art, wie wir es gerade erläutert haben, ein räumliches
Kontinuum voraus. Und eine kontinuierliche Bewegung
setzt sowohl ein räumliches als auch ein zeitliches Konti-
nuum voraus. Während Unterschiede in der Pierose für alle
Kontinua-Arten charakteristisch sind, ist eine Verschieden-
heit im Grad der Variation eines Kontinuums, d.h. eine
Verschiedenheit in der Teleiose, nur für sekundäre Konti-
nua kennzeichnend. So kann ein kontinuierliches Farben-
spektrum eine Fläche ausfüllen, die zweimal so groß ist wie
die von einem anderen Spektrum ausgefüllte Fläche; oder
eine kontinuierliche Bewegung kann auf ein und derselben
räumlichen Strecke doppelt so lange dauern wie eine andere
kontinuierliche Bewegung.
Brentano verwendet den Begrifl der Teleiose zur Bewälti-
gung jener Probleme, die Aristoteles dazu veranlaßt hatten,
Bewegung als "unvollkommene Entelechie" und als "Wirk-
lichkeit des in Möglichkeit Seienden als solchen" zu kenn-
zeichnen.1D)

li.

Die Aufsätze im zweiten Teil des vorliegenden Buches


behandeln philosophische Probleme der Zeit und des Zeit-
bewußtseins. Wir wollen nun auf Brentanos Theorie des
Zeitbewußtseins eingehen. Ein Verständnis dieser Theorie
setzt voraus, daß man zunächst versteht, was er in der ersten
Auflage seiner Psychologie vom empirischen Standpunkt meint,
wenn er schreibt: "Ich hebe hervor, daß diejenigen auf
falscher Fährte waren, welche den Ursprung unserer Zeit-
vorstellung und unsere Vorstellung von "Vor" und "Nach"
ganz so wie die unserer Raumvorstellung und von neben-,

10) Aristoteles, Phyrik, lll, 1-2. - Brentano erörtert diese Fragen im


einzelnen in der Kategorien/ehre, S. 68ff. u. 171-172.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XXV

über- und hinter-einander auf Unterschiede der Sinnesob-


jekte zurückführen wollten. " 11)
Unser Zeitbegriff entstammt nach Brentano der anschauli-
chen Erfahrung, die er "Proterästhese" nennt. Beispiele
hierfür sind das Hören einer Melodie oder das Sehen von
etwas in Bewegung Befindlichem. Immer erleben wir ein
Nacheinander (oder genauer gesagt: ein V areinander ), im
einen Fall einen Ton, der einem anderen Ton vorausgeht,
und im anderen Fall das sich bewegende Objekt, das bald
an diesem, bald an jenem Ort ist. Indem wir ein solches
Nacheinander erfahren, haben wir das, was man eine Ver-
gangenheitsempfindung nennen kann. Wir erfahren, wie
ein und dasselbe Objekt sich verändert; und wir können
natürlich auch erfahren, wie ein und dasselbe Objekt unver-
ändert weiterbesteht. Die Dauer einer solchen Proterästhese
ist nur kurz. In einer einzigen Erfahrung "sehen" wir einen
Teil der Kreisbewegung des Sekundenzeigers der Uhr, aber
wir sehen nicht die gesamte Kreisbewegung; und wenn die
Bewegung nicht schnell genug wäre, sähen wir sie gar nicht.
So kurz solche Erfahrungen aber auch sein mögen, sie rei-
chen doch aus, die Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft zu vermitteln, den Begriff des Vorher und
Nachher, sowie den Begriff eines zeitlichen Kontinuums,
das sich unendlich weit in zwei Richtungen ausdehnt.
Nehmen wir nun z.B. die Proterästhese beim Hören der
ersten drei Töne einer Melodie, sagen wir a, b und c. Damit
haben wir einen paradigmatischen Fall für die Erfahrung
einer Sukzession. Wir würden die Erfahrung so beschrei-
ben, daß wir sagen, "auf a folgt b, auf b folgt c". Die Erfah-
rung ist nicht angemessen beschrieben, wenn wir sagen:
"Wir erfahren a, und dann erfahren wirb, und dann erfah-
ren wir c." Denn letzteres könnte auch dann zutreffen,
wenn unsere Erfahrung sich nicht beschreiben ließe als:
"auf a folgt b, und dann folgt c auf b". Beim Hören dieser
drei Töne sind wir uns aller drei in einer einzigen Erfahrung
bewußt. Dennoch ist die Erfahrung einer Sukzession nicht
dieselbe, die wir haben, wenn wir uns dreier im Akkord

11) Psychologie 110111 empirilchen Standpunkt, Bd. II, S. 223.


XXVI Einleitung

erklingender Töne bewußt sind. Die drei Töne a, b und c


würden bei einem gleichzeitigen Erklingen eine Dissonanz
ergeben und nicht den Anfang einer Melodie.
Man ist versucht - was aber kaum den Tatsachen gerecht
wird -, die Erfahrung dadurch zu beschreiben, daß man
sich auf das Gedächtnis beruft. So könnte man sagen:
"Zuerst hören wir a, dann hören wir b und erinnern uns
zugleich daran, daß wir a gehört haben, und dann hören wir
c und erinnern uns daran, daß wir b gehört haben." In dem
Bewußtsein, daß diese Beschreibung immer noch etwas
ausläßt, fügt man vielleicht hinzu: "Indem wir c hören,
erinnern wir uns nicht nur daran, daß wir einfach b gehört
haben, sondern auch daran, daß wir b mit der Erinnerung
an a gehört haben." Die Erfahrung der Melodie würde somit
als eine Kombination einer gegenwärtigen Wahrnehmung
mit der Erinnerung an eine vergangene Wahrnehmung und
mit der Erinnerung an eine weitere vergangene Wahrneh-
mungserinnerung beschrieben werden. Dies stellt jedoch
kaum eine befriedigende Beschreibung der Erfahrung des
Anfangs einer Melodie dar. So ergibt sich unvermeidlich
der Schluß, daß wir c erfahren, insofern ihm erst a und dann
b vorausgegangen sind, daß wir also mit der Erfahrung
von c sowohl a als auch b als vergangen erfahren.
Nun erhebt sich jedoch eine metaphysische Frage. Wir
haben festgestellt, daß nach Brentano das, was existiert, mit
dem identisch ist, wasjetzt existiert. Wenn somit der Klang
des Tones c jetzt existiert und wenn der Klang des Tones a
und des Tones b nur in der Vergangenheit existiert, dann
existieren die letzten beiden Klänge überhaupt nicht.
Oder existieren sie in der Gegenwartmit dem Attribut des
Vergangenseins? Nun hat aber nichts das Attribut des Ver-
gangenseins. Wenn etwas ein bestimmtes Attribut hat, dann
existiert das Betreffende jetzt, und man kann von ihm nicht
sagen, es sei vergangen. Ja, das Adjektiv "vergangen"
könnte so aufgefaßt werden, daß es überhaupt kein echtes
Attribut ausdrückt, sondern vielmehr das, was Brentano
"ein modifizierendes Attribut" nannte. (Wenn wir von
jemandem sagen, er sei ein "schlanker König" oder ein
"weiser König", so implizieren wir, daß er ein König ist
Von S. Körner und R. M. Chisholm XXVII

und unsere Adjektive echte Attribute ausdrücken. Sagen


wir aber von etwas, es sei ein "scheinbarer König" oder ein
"angeblicher König" oder ein "gewesener König", so
implizieren wir nicht, daß es tatsächlich ein König ist, und
unsere Adjektive sind daher nur modifizierende.) Läßt sich
die hier in Diskussion stehende Erfahrung vielleicht dadurch
besser erklären, daß man annimmt, sie involviere nicht-
existierende Dinge, denen wir nur modifizierende Attribute
beilegen? Brentano hatte erst daran gedacht, in dieser Weise
an das Problem heranzugehen, doch erkannte er 1894 die
Unhaltbarkeit dieses Ansatzes. 12)
Er kam damals zu dem Schluß, daß sich der Ursprung
unseres Erfassens zeitlicher Prädikate nur dadurch verstehen
läßt, daß wir sie uns nicht aus den Objekten unserer Erfah-
rung, sondern aus der Art und Weise, in der wir sie erfahren,
abgeleitet denken. Die Lösung des Problems läßt sich nur
finden, wenn man das Wesen des psychischen Aktes selbst
ins Auge faßt.l3)
Brentanos endgültige Auffassung lautet etwa so: Es gibt
zeitliche Vorstellungsmodi. Wird ein Ton als gegenwärtig

11) In Edmund Husserls "Zur Phänomei'Wiogie des inneren Zeilbewußt-


seins" (Husserliana, Bd. X, Den Haag: Martinus Nijhoff, 1966) findet
sich eine Kritik an Brentanos früher Auffassung des Zeitbewußtseins
(vgl. S. 10-19). Husserl erwähnt nicht Brentanos spätere Auffassung,
wonach unser Zeitbewußtsein seinen Ursprung in den Vorstellungs-
modi hat. V gl. Oskar Kraus, "Zur Phänomenagnosie des Zeitbewußt-
seins", in: Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 75 (1930), S. 1-22.
Anlaß für den Aufsatz von Kraus war die Erstveröffentlichung von
"Edmund Husserls Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren
Zeitbewußtseins", herausgegeben von Martin Heidegger in Husserls
fahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, Bd. IX (1928),
S. 367-498. Wie Husserl anmerkt (vgl. S. XV der oben angeführten
Ausgabe von 1966), hatten Brentanos Vorlesungen ihn zur Beschäfti-
gung mit diesem Thema angeregt.
13) Dieser Schritt erinnert an Kants "kopernikanische Wende" und
an seine Lehre, daß die Zeit eine "Form des inneren Sinnes" ist. Aber
Brentanos Auffassung läßt sich kaum als kantisch bezeichnen. Das
wird deutlich an Brentanos weiter unten erörterten Lehren, wonach
(1) es keine innere Proterästhese gibt und (2) das Wirkliche genau mit
dem Zeitlichen oder "in der Zeit" Befindlichen zusammenfällt.
XXVIII Einleitung

vorgestellt, so ist das etwas anderes, als wenn er als vergan-


gen vorgestellt wird. (Es sei hier daran erinnert, daß ein
Vorstellungsobjekt nicht zu existieren braucht.) Aber die
Annahme, daß es nur einen Präteritalmodus gibt, genügt
nicht; die verschiedenen Vorstellungsmodi können selbst
ein Kontinuum bilden. Wird ein Ton als vergangen vorge-
stellt, so kann ein anderer als weniger vergangen und ein
dritter als noch weiter vergangen vorgestellt werden. Daher
sagt Brentano, die Proterästhese könne denselben Gegen-
stand wie die ursprüngliche .Ästhese haben; das a, dessen
wir uns jetzt in der Proterästhese bewußt sind, kann das-
selbe a sein, dessen wir uns bewußt waren, als wir es als
gegenwärtig wahrnahmen. Aber in der Proterästhese be-
ziehen wir uns in anderer Weise auf den Gegenstand, und
diese Weise variiert "kontinuierlich von der .Ästhese bis
zum fernsten Moment der Proterästhese". 14)
Wie sind nun unsere Urteile über Vergangenheit und Zu-
kunft beschaffen? Im dritten Aufsatz des 2. Teiles, der den
Titel trägt "Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum von
Vorstellungs- und Anerkennungsmodi", schreibt Brentano:
"Indem was vorerst als gegenwärtig gegeben war, mehr
und mehr vergangen erscheint, werden nicht andere Oijekte
als seiend anerkannt, sondern dasselbe Objekt wird in anderer
Weise, mit einem andern Modus des Anerkennens, aner-
kannt." Diese Stelle aus dem Jahre 1914 mag die Ansicht
nahelegen, daß es temporale Urteilsmodi gibt, die nicht auf
temporale Vorstellungsmodi zurückzuführen sind. 16) Aber
es gibt noch eine andere Möglichkeit der Interpretation. In
demselben Aufsatz .sagt er, daß die temporalen Modi zu-
It) Vom sinnlithtn tmd noelischtn Be111Nßt.uin, hrsg. von 0. Kraus
(Hamburg: Felix Meiner, 1. Auß. 1928), S. 49. Die 2. Auflage dieses
Werkes erschien 1968 unter dem Titel Psychologie vom empirischen Stand-
punkt. Dritter Band und wird daher auch zitiert als "Psychologie 111".
11) Im Jahre 1899 war Brentano noch davon überzeugt, daß die
temporalen Modi in erster Linie Urteilsmodi und nicht Vorstellungs-
modi seien. Er hatte diese Auffassung in einem nachgelassenen Aufsatz
"Neuer Versuch einer Analyse unseres Zeitbegrifles" [T 10a] dargelegt.
Eine klare Formulierung seiner späteren Ansicht findet sich in Psycho-
logie III, S. 45-52.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XXIX

nächst Vorstellung und daraufhin Anerkennung implizieren.


Was den Urteilen über Zeitliches- abgesehen von den ihnen
zugrundeliegenden Vorstellungen - eigen ist, ist die Tat-
sache, daß solche Urteile immer Urteile in modo obliquo sind.
So heißt es im Band II der Psychologie: "Wird etwas Zeitli-
ches anerkannt, so wird es, wenn es als gewesen oder zu-
künftig anerkannt wird, nur in modo obliquo, das heißt
eigentlich gar nicht anerkannt. Ein jetzt Bestehendes wird
als mehr oder minder in einer von zwei einander entgegen-
gesetzten Richtungen von ihm Abstehendes anerkannt"
(S. 271). Das "jetzt Bestehende", welches das Ich oder das
Subjekt der Erfahrung sein kann, wird somit als ein Rela-
tivum und deshalb in modo recto anerkannt, während das
"von ihm Abstehende" der Terminus der Relation ist und
nur in modo obliquo anerkannt wird. Wenn wir etwas als ver-
gangen anerkennen, so erkennen wir ipso facto auch immer
etwas - und dies im strengen Sinne - als gegenwärtig an,
und wir urteilen, daß das Gegenwärtige später als das V er-
gangene ist.
Es ist hier noch ein Aspekt der Brentanoschen Lehre zu
erwähnen, der für seine Theorie des Zeitbewußtseins von
entscheidender Bedeutung ist, nämlich seine Leugnung der
"inneren Proterästhese". Diese Leugnung läßt sich nur ver-
stehen, wenn man seine Unterscheidung zwischen dem
"primären Objekt" und "sekundären Objekt" der Wahr-
nehmung kennt, die er in der ersten Auflage seiner Psycho-
logie dargelegt hatte und die er sein ganzes Leben lang auf-
recht erhielt.
Wenn wir etwas wahrnehmen, so sind wir uns nach
Brentano nicht nur des Wahrnehmungsobjektes, sondern
auch unserer Wahrnehmung dieses Objektes bewußt. Im
Anschluß an Aristoteles bemerkt Brentano, daß wir uns,
wenn wir etwas sehen oder hören, zugleich mit dem Gegen-
stand, den wir sehen oder hören, "nebenher" auch unser
Sehen oder Hören vorstellen. In der ersten Auflage seiner
Psychologie sagt er: "Wir können den Ton das primäre, das
Hören selbst das sekundäre Objekt des Hörens nennen. " 18)

11) Psychologie, Bd. I (Ausgabe von 1973), S. 180.


XXX Einleitung

Und von dem Ich oder dem Subjekt der Erfahrung kann
man sagen, es sei in dem sekundären Wahrnehmungsobjekt
enthalten. Wenn ich mir unmittelbar eines Tones bewußt
bin, dann bin ich mir unmittelbar bewußt, daß ich mir unmit-
telbar eines Tones bewußt bin. Daher schreibt Brentano im
fünften Aufsatz: "Die innere Wahrnehmung aber erfaßt ja
die geistige Seele". Die innere Wahrnehmung gibt uns das
Recht zu der Behauptung, es sei gewiß, daß das Ich existiert.
Gibt es dann eine innere Proterästhese? Denken wir noch
einmal an das Hören des Anfangs einer Melodie- mein Hören
der Töne a, b und c (in dieser Reihenfolge). Wie schon
gesagt, diese Erfahrung bringt eine äußere Proterästhese
mit sich, nämlich eine Proterästhese in bezug auf das pri-
märe Wahrnehmungsobjekt. Brächte sie auch eine innere
Proterästhese mit sich, dann wäre ich mir auch meiner selbst
als eines Gegenstandes bewußt, der einer Veränderung
unterläge, d. h. eines Gegenstandes, der jetzt a härte, und
eines Gegenstandes, der jetzt b härte, und eines Gegenstan-
des, der jetzt c härte. Aber Brentano leugnet, daß es eine
solche innere Proterästhese gibt. So bemerkt er zu Beginn
des Aufsatzes "Vom Gedächtnis" (im zweiten Teil dieses
Bandes): In der Erfahrung der äußeren Proterästhese
"erscheine ich mir nicht als einer, der früher etwas als
gegenwärtig empfunden hat, sondern als einer, der etwas
jetzt als vergangen empfindet". Mein "vergangenes Selbst"
ist nie ein Objekt der inneren Wahrnehmung. Zwar existie-
re ich jetzt, aber ich kann nicht gewiß sein (obwohl ich
Grund haben mag, es zu glauben), daß ich vor einigen
Augenblicken existierte.l7) Brentano et;örtert die Implikatio-
nen dieser Lehre am Schluß des erwähnten Aufsatzes. Er
sagt dort, es sei die Hypothese, daß ich die ganze Zeit als
einheitliches Individuum weiterbestehe, mit der Hypothese
der Existenz einer körperlichen Außenwelt vergleichbar:
Sie kann nie evident sein, aber sie hat sich "schon so viel-

17) Husserl verwirft diese Auffassung ausdrücklich: "Die Beziehung


der Evidenz auf den Punkt des Jetzt muß eine Fiktion sein. Evidenz
der cogitatio ist doch schon Evidenz eines Dauernden als solchen" (op.
cit., s. 295).
Von S. Körner und R.M. Chisholm XXXI

fach bewährt, daß ich es nicht unvernünftig finden kann, ihr


auch ferner anzuhängen".

III.
Eine Theorie unseres Zeitbewußtseins ist als solche noch
keine Theorie der Zeit. Brentanos Theorie unseres Bewußt-
seins von der Zeit ist eine Theorie über das Wesen unserer
Erfahrung und über die Modi oder Weisen, wie wir Dinge
erfassen und beurteilen. Aber seine Theorie vom Wesen
der Zeit- oder genauer gesagt, seine Theorie des Zeitlichen-
ist eine ontologische Theorie, im strengsten Sinne des Wor-
tes "Ontologie".
Brentanos Theorie der Zeit läßt sich nur im Zusammen-
hang mit zwei anderen, sehr grundlegenden Lehren ver-
ständlich machen. Die eine ist seine Lehre vom Reismus,
derzufolge es nur solche Dinge gibt (und zwar im strengen
und eigentlichen Sinne von "es gibt"), die Konkreta oder,
wie er sie nennt, "entia realia" sind. 18) Die andere Lehre ist
jene, auf die bereits hingewiesen wurde: Die einzigen Dinge,
die es gibt, sind die in der Gegenwart existierenden, also
Dinge, die jetzt existieren.
Nehmen wir die erste dieser beiden ontologischen Lehren
an, so können wir nicht sagen, daß es zusätzlich zu den Din-
gen noch eine Zeit oder einen Raum gibt, in denen sich
diese Dinge befinden.
Nehmen wir die zweite der beiden Theorien an, so können
wir nicht sagen, daß Dinge in irgendeinem Sinne zeitlich
ausgedehnt sind, der dem analog wäre, in dem wir sagen
können, daß sie räumlich ausgedehnt sind. Denn das Jetzt
ist nicht zeitlich ausgedehnt, sondern existiert nur als
Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Oder, um

18) Brentano selbst verwendet nicht den Terminus "Reismus", der


1929 von Tadeus Kotarbinski eingeführt wurde. Kotarbinski ver-
gleicht Brentanos Auffassung mit seiner eigenen in "Franz Brentano
comme reiste", in: Revue Internationale de Philosophie, Jg. 20 (1966),
S. 459-476. Im Gegensatz zu Kotarbinski war aber Brentano nicht
auch ein "Somatist"; denn er hielt die Existenz immaterieller Substan-
zen für möglich, so etwa die Existenz der Seele.
XXXII Einleitung

es genauer zu sagen (denn das "Jetzt" bezieht sich auf kein


ens reale): Dinge, die existieren, d. h. Dinge, die jetzt existie-
ren, existieren nur als Grenze dessen, was existierte, oder
dessen, was existieren wird, oder als Grenzen beider. Und
wir können nicht sagen, daß Dinge zueinander in zeitlichen
Relationen stehen, so wie wir sagen können, daß Dinge in
räumlichen Relationen zueinander stehen.
So schreibt Brentano: "Es besteht nicht wahrhaft ein
Raum und eine Zeit, sondern nur Räumliches und Zeitli-
ches ... ". 19) Und das Zeitliche fällt mit dem, was ist, zu-
sammen. Alles Seiende existiert somit als eine Grenze.
Sogar Gott ist nach Brentano ein zeitliches Wesen. Bren-
tano hält den Beweis für möglich, daß es ein notwendiges
Wesen gibt und daß dieses Wesen der Ursprung aller Verän-
derung ist. Aber der Ursprung aller Veränderung kann nach
seiner Überzeugung selbst nicht ein wechselloses Wesen
sein. So bemerkt er über dieses erste notwendige Wesen und
seine Tätigkeit (im siebenten Aufsatz des 2. Teiles): "Indem
es nun fort und fort alles von ihm Verursachte bedingt und
erhält, tut es dies kontinuierlich einem andern und andern
Moment seines eigenen Verlaufes nach." Wie alle anderen
Dinge ist auch Gott "in der Zeit"; das heißt, er existiert
jetzt. 20)
Nach einer traditionellen Gottesauffassung kann Gott
etwas Geschehenes nicht ungeschehen machen. Im sechsten
Aufsatz ("Gäbe es keine Dinge mehr oder nur einen zeitlo-
sen Gott, so wäre auch nichts gewesen") führt Brentano
aus, daß sich aus dieser Lehre auch die Folgerung ergibt:
Gott kann nicht bewirken, daß nichts mehr gegenwärtig sei.
Denn, wie schon erwähnt, kommt die Behauptung, etwas
sei vergangen, strenggenommen der Behauptung gleich,
etwas Gegenwärtiges sei später als etwas V ergangenes.

11) Psychologie, Bd. II, S. 272.


10) Brentano sagt auch, die Behauptung, daß Gott nicht wechsellos
sei, folge aus der Annahme, daß er allwissend sei: Wenn das aristoteli-
sche erste Prinzip "nun allwissend ist, so muß es alle Wahrheit erken-
nen, und da nicht alles, was wahr ist, immer wahr ist, nicht immer er-
kennen, was es einmal erkennt" (Vom Dasein Gotter, hrsg. von A. Kastil,
Harnburg: Felix Meiner, 1968, S. 458). Vgl. auch Kategorien/ehre, S. 198 f.
Von S. Körner und R.M. Chisholm XXXIII

IV.

Brentanos Raumtheorie wird in den drei Aufsätzen des


3. Teiles dieses Bandes dargelegt und bietet keine besonde-
ren Verständnisschwierigkeiten für den Leser.
Der erste Aufsatz ist eine historische und zugleich kriti-
sche Erörterung der drei Hauptthesen über das Wesen der
räumlichen Wahrnehmung. Diese Thesen sind: (1) die "na-
tivistische" Position, derzufolge räumliche Ausdehnung
eine einfache Vorstellung ist; (2) die "rein empiristische"
Position, derzufolge es keine räumlichen Empfindungen
gibt; und (3) die "anoetistische" Position, derzufolge der
Raum eine synthetische Konstruktion aus nicht-räumlichen
Elementen ist. Nach dieser Klassifizierung gehören Locke
und Kant zu den Nativisten, Mill und Helmholtz zu den
Empiristen, und Poincare und Mach zu den Anoetisten.
Brentanos eigene Position stellt eine Version des Nativis-
mus dar.
Als Reist verwirft Brentano die Lehre, die er Reid und
Marty zuschreibt, daß nämlich ein Nichtreales existiere, das
der absolute Raum sei. "Die Lehre vom Raum", so heißt es
zu Beginn des zweiten Aufsatzes, "ist die Lehre von den
Körpern als im Raum befindlichen, d. h. als lokalisierten
und als lokalisiert ausgedehnten". So wie das Zeitliche mit
dem Realen oder dem Ding als solchem identifiziert werden
muß, so muß auch das Räumliche mit dem Körperlichen als
solchem identifiziert werden. Wir dürfen von dem Raum nur
dann sprechen, wenn wir diesen Ausdruck so verstehen,
daß er sich auf die Gesamtheit aller wirklichen Körper
bezieht.
Brentano hält den Begriff eines aktual Unendlichen (actu
infinitum) für absurd und meint, die Annahme, daß es eine
unendliche Anzahl von Dingen gibt, führe zu Widersprü-
chen. Daher zieht er auch gar nicht die Möglichkeit in
Betracht, daß der Raum, d. h. die Gesamtheit aller physikali-
schen Körper, seiner Ausdehnung nach unendlich sein
könne. In den beiden abschließenden Aufsätzen geht er auf
XXXIV Einleitung

die verschiedenen Aporien ein, die aus dem Raumbegriff


entspringen.
Im letzten Aufsatz erörtert Brentano seine Auffassung
von Raum und Zeit im Zusammenhang mit der Kontro-
verse zwischen Leibniz einerseits und Newton und Clarke
andererseits. Auch den Begriff der Substanz behandelt er
kurz. Für eine ausführlichere Darstellung dieses Begriffes
sei der Leser auf Brentanos Kategorienlehre verwiesen. 21)

Stephan Körner
Roderick M. Chisholm

21) In dem hier vorliegenden Band bleibt das umfangreiche, noch


unveröffentlichte Material in Brentanos Nachlaß, das sich auf seine
"Megethologie" (allgemeine Größenlehre) bezieht, unberücksichtigt.
INHALTSÜBERSICHT

ERSTER TEIL: DAS KONTINUUM

I. Vom Kontinuierlichen (1914)

1. Wie alle unsere Begriffe ist auch der des Kontinuierlichen


irgendwie aus Erfahrung gewonnen . . . . . . . . . . . 3
2. Alle unsere Begriffe sind entweder unmittelbar einer Anschau-
ung entnommen oder aus Merkmalen zusammengesetzt, die
selber aus Anschauungen abstrahiert sind. Manche meinen, der
Begriff des Kontinuierlichen gehöre zur zweiten Klasse. Ver-
suche, ihn als einen solchen, der synthetisch gebildet sei, zu
erweisen (Arithmetische lnterkalationstheorie) . . . . . . 3
3. Diese Ableitungsversuche verfehlen ihr Ziel. Wenn man aber
das Kontinuierliche auch nicht in definit unendlich viele Teile
zerlegen kann, wie dies jene Methode erfordert, so doch in in-
definit unendlich viele. Vielleicht liegt hier der Ursprung des
Begriffes? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
4. Nein, denn die Grenze der Merklichkeit liegt im Endlichen.
Wenn wir trotzdem selbst solchen kleinen Teilen Kontinuität
zuschreiben, die wir als Teile nicht bemerken können, so kann
"kontinuierlich sein" und "ins Unendliche teilbar sein" sich
nicht inhaltlich decken. - Der Ursprung des Kontinuitätsbe-
griffes muß vor allem über den des Begriffes der Grenze und
des Zusammenfallens von Grenzen Aufschluß geben . . . . 9
5. Der Begriff des Kontinuierlichen muß aus einheitlicher An-
schauung abstrahiert sein. In jeder Empfindung (Sensation)
schauen wir kontinuierlich Vieles und insbesondere nebenher
in der inneren Wahrnehmung kontinuierlich Vielfaches an . . 9
6. Einwendungen: Wenn die kleinsten Teile unmerklich sind,
woher wissen wir, daß sie ins Unendliche teilbar sind? Und
woher wissen wir, daß sie Grenzen und Koinzidenzen von
Grenzen enthalten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
7. Antwort: Auch bei den Mischfarben (Zwitterqualitäten), z.B.
Violett, können wir die einzelnen Elemente (z.B. das Rot und
das Blau) örtlich nicht mehr auseinanderhalten, und dennoch
bemerken wir, daß die Fläche an beiden teilhat. Analog können
XXXVI Inhaltsübersicht

wir im räumlichen Kontinuum die Grenzen und Koinzidenzen


von Grenzen nicht im einzelnen unterscheiden, aber bemerken
doch den allgemeinen Charakter des Grenzzusammenhanges.
Hinweis auf das Bemerken von Intensitätsunterschieden . . 12
8. Um einen klaren und deutlichen Begriff des Kontinuierlichen
zu gewinnen, müssen wir auf verschiedene Anschauungen hin-
weisen, die ihn gemeinsam enthalten, und auf andere, die ihn
entweder vermissen lassen oder doch in merklich anderer
Weise gegeben haben . . . • . . . 13
9. Nach diesen Unterschieden scheiden sich die Klassen des
Kontinuierlichen . . . . . • . . . 13
10. a) nach der Zahl der Dimensionen; . 13
11. b) je nachdem, ob das Kontinuierliche selbst nur Grenze eines
Kontinuierlichen ist oder keinem Kontinuierlichen als Grenze
zugehört. Ein Kontinuierliches, das bloße Grenze ist, kann
ebensowenig wie ein Punkt (Raum- oder Zeitpunkt) ohne Zu-
gehörigkeit zu einem Kontinuum von größerer Dimensionen-
zahl bestehen.
Die Grenzen sind entweder innere oder äußere, denn obwohl
die Grenze nicht ohne jeden Zusammenhang (Kontinuität)
bestehen kann, so kann dieser doch nach einer oder mehreren
Seiten (Richrungen) hin fehlen. So besteht z. B. mein jetziger
Lebensmoment als Endgrenze und Anfangsgrenze, der erste
Moment meines Lebens war nur Anfangsgrenze, der letzte
kann nur Endgrenze sein. Endgrenze und Anfangsgrenze sind
in halber Plerose, die inneren Momente sind Grenzen in voller
Plerose. Dieses Mehr oder Minder der Pierose ist der Unter-
schied in der Fülle oder Vollanteiligkeit, in der etwas nach
verschiedenen Riebrungen Grenze ist. Die Grenze hat selbst
in gewissem Sinne noch Teile, nämlich Kontinuitätsbeziehun-
gen, welche einer und derselben Grenze nach verschiedenen
Riebrungen zukommen können. Eine für sich bestehende
Grenze ist unmöglich, sie wäre ein Universale; . . . . . . 14
12. c) je nachdem, ob es sich um ein topisch oder chronisch Kon-
tinuierliches handelt. Das letzte besteht nur einer seiner Gren-
zen nach, den übrigen Grenzen nach ist es nicht, ohne jedoch
des Zusammenhanges mit anderen Grenzen zu entbehren.
Die temporalen Urteilsmodi, modus präteriti und modus futuri,
sind keine Negationen, sondern Modi des Anerkennens. Ver-
schiedene Meinungen über die Zeit . . . . . . o • • o • 17
13. Eigentümlichkeit des Topisch-Kontinuierlichen. Es ist als
Ganzes, d.h. allen seinen Teilen nach zugleich. Zum topisch
Kontinuierlichen gehört daher das oben unter 5. erwähnte
Inhaltsübersicht XXXVII

kontinuierlich Vielfache, die Empfindung (der Empfindende


als solcher) und die Anschauung des zeitlichen Nacheinander,
eben weil wir dieses Nacheinander zugleich vorstellen.
Das Chronisch-Kontinuierliche ist nie anders als einer Gren-
ze nach, die aber nie isoliert ist, da es auch jeder anderen
Grenze nach anzuerkennen ist, aber mit wechselndem Aner-
kennungsmodus, der sich nach zwei entgegengesetzten Rich-
tungen (Vergangenheit - Zukunft) vom Gegenwartsmodus
entfernt. Irrtum jener, die wie Marty glauben, daß die Weise
der Tatsächlichkeit für V ergangenes und Künftiges eine und
dieselbe sei. (Martys lnaktualitätsmodus). Die Temporalmodi
sind Vorstellungsmodi, die das Urteil infizieren. Nur bei gewis-
sen Veränderungen, z.B. bei der Bewegung, zeigt das Chro-
nisch-Kontinuierliche auch Objektsdifferenzen, nämlich ver-
schiedene Orte (Ortsveränderung). Weitere Belege dafür, daß
die temporalen Differenzen sich uns nicht als Objektsdifferen-
zen darstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
14. Nicht jede Bestimmung der Dinge, nicht alle ihre Merkmale
müssen in unserer Anschauung aufgenommen sein. Dies er-
hellt schon daraus, daß alle unsere Empfindungen und An-
schauungen allgemein sind und uns keine individuellen Be-
stimmungen zeigen. Es ist daher auch nicht a priori notwendig,
daß uns in der Anschauung temporal letzte, absolute Zeitbe-
stimmungen entgegentreten. Diese können transzendent
bleiben.
So ist es möglich, daß allen in einem und demselben Zeit-
punkte bestehenden Dingen gewisse spezifische temporale
Bestimmungen zukommen, die uns transzendent bleiben. Sie
sind einander spezifisch gleich, aber nicht individuell dieselben.
Nachweis solcher substantieller Veränderungen in der ersten
Ursache aller Dinge und folgeweise in allen von ihr schöpfe-
risch gewirkten Dingen. Infinitesimal wechselnder Verlauf
dieser absoluten Temporalbestimmungen in allen kreatür-
lichen Dingen. Die Zeit, d. h. zeitliche Bestimmtheit der
Dinge, ist nicht etwas außer ihnen. Trendelenburg . . . . • 25
15. Eine vierte Scheidung ist
d) jene auf Grund der Multiplizität. Es gibt multiple Konti-
nua. So ist die räumliche Fläche das primäre Kontinuum
gegenüber der sie modifizierenden Farbe. Bei Ruhe und Be-
wegung ist das zeitliche Kontinuum das primäre, der mit der
Zeit beharrende oder wechselnde Ort das sekundäre. Bei
Linien ist die Mannigfaltigkeit der Ortsspezies, die für die
Länge der Linie maßgebend ist, das primäre, das Richtungs-
XXXVIII Inhaltsübersicht

kontinuum das sekundäre Kontinuum . 28


16. Besonderheiten der primären im Gegensatz zu den sekundären.
So weist das primäre der Zeit einen Variationsgrad auf, der
ohne jedes Wachstum und ohne jede Minderung ist. Eine Zeit-
dehnung ist a priori ausgeschlossen. Trotzdem kann jener dem
zeitlichen Kontinuum zukommende, unveränderliche Varia-
tionsgrad sehr wohl als "Geschwindigkeit" bezeichnet wer-
den. Ebenso der Variationsgrad des Räumlichen als solchen,
denn wo Variation ist, muß auch ein gewisser Grad der Varia-
tion sein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
17. Das räumliche Kontinuum kann nur cum grano salis als pri-
märes Kontinuum bezeichnet werden, nämlich wenn man von
seinem Fortbestand in der Zeit abstrahiert, so also wie es etwa
der Geometer betrachtet. Berücksichtigt man seine zeitliche
Dauer, so muß das räumliche Kontinuum vierdimensional ge-
nannt werden. In seiner vierten Dimension ist es aber sekundär
kontinuierlich, wobei die Zeit das primäre Kontinuum abgibt. 32
18. Erläuterung des für die Synechologie grundlegenden Begriffes
der Teleiose am Beispiel einer Farbenvariation von Radius zu
Radius. Jeder Radius zeigt dabei auch eine solche vom Zentrum
zur Peripherie. Analogien zur Teleiose des Räumlichen in sei-
ner vierten, der zeitlichen Dimension, in der es, ruhend oder
bewegt, sekundär kontinuierlich ist. Zwischen der Länge
einer Zeit und der einer Linie im Raume besteht ein Verhältnis.
Auch unter den kontinuierlichen Größen sind benannte und
unbenannte zu unterscheiden . . . . . . . . . . . . . . 33
19. Primäre Kontinua, die nicht bloße Grenzen sind, sind einer
Krümmung nicht fähig. Eine Krümmung könnte der Raum
nur haben, wenn er dreidimensionale Grenze eines mehrdimen-
sionalen Topoids wäre. Dies ist von dem Raum, der unter den
Begriff fällt, den wir unmittelbar unserer Anschauung ent-
nehmen, absurd, schließt aber die Möglichkeit mehr als drei-
dimensionaler Topoide nicht aus . . . . . . . . . . . . 36
20. Zur korrekten Formulierung des Kontradiktionsgesetzes ge-
hört, daß man dem "zugleich" auch noch Gleichseitigkeit der
Pierose hinzufüge. - Vom Fall momentaner Ruhe im Zusam-
menhange mit infinitesimal beginnender und wachsender oder
infinitesimal endender und abnehmender Geschwindigkeit 38
21. Die Unterschiede der Teleiose verdeutlicht am Beispiel einer
rotierenden Kugel • . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
22. Weiterhin durch Analyse des Beispiels eines in die Höhe ge-
worfenen und in einem Grenzpunkte wieder zurückfallenden
Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Inhaltsübersicht XXXIX

23. e) Eine fünfte Scheidung ist die von kontinuierlich Vielem


und kontinuierlich Vielfachem. Indem Aristoteles verkannte,
daß die sinnliche Anschauung nicht kontinuierlich Vieles,
sondern kontinuierlich Vielfaches ist, kam er zu seinem
Semimaterialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
24. f) Eine sechste Scheidung ist die nach der Gattung des Kon-
tinuums (Raumkontinuum, Zeitkontinuum. Wären Qualitäts-
kontinua möglich, so nur sekundäre) . . . . . . . . . . 44
25. Die sog. Homogenität und Inhomogenität von Kontinuier-
lichem hängt mit der Teleiose zusammen. Primäre Kontinua
sind homogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
26. g) Eine siebente Scheidung ist die nach der Größe. Wie unbe-
nannte Zahlen gibt es auch unbenannte kontinuierliche Grö-
ßen. Darum sind grundsätzlich alle Kontinua, auch gattungs-
verschiedene, der Größe nach vergleichbar. Die Größe eines
sekundären Kontinuums entspricht immer genau der Größe
des zugehörigen primären. Abstände haben nicht im seihen Sin-
ne wie Kontinua Größe, werden aber mit Bezug auf die
Größe des eventuell dazwischenliegenden Kontinuums groß
genannt. Auch Abstände lassen sich mit unbenannten konti-
nuierlichen Größen multiplizieren. Größenvergleichungen
zwischen Ton-, Farben-, Richtungs-, Orts-, Zeitkontinuis 45
27. Die Apriorität der Geometrie besagt nichts anderes, als daß
alle Axiome Fälle des Kontradiktionsgesetzes sind. Die geo-
metrischen Begriffe sind empirisch . . . . . . . . . . . . 48

Nachtrag zur Abhandlung über das Kontinuierliche (1915)


1. Rückblick auf Poincares Konstruktionsversuch. Er selbst ver-
kennt nicht das Bleiben von Lücken . . . . . . . . . . . 49
2. Schon der Begriff eines transzendenten Verhältnisses setzt den
des Kontinuierlichen voraus . . . . . . . . . . . . . . 50
3. Ebenso der der algebraischen irrationalen Brüche . . . . . 50
4. Dedekind bestreitet nicht, daß uns die Anschauung den Be-
griff des Kontinuierlichen bietet, will ihn aber auch unabhängig
davon konstruieren . . . . . . . . . . . . . . . . 51
5. Bei seinen Schnitten verkennt er die Doppelseitigkeit der
Pierose jedes inneren Punktes einer Linie . . . . . . . . 51
6. Vergleich des Verhältnisses zwischen der Reihe der Dedekind-
schen Schnitte und einem wahren Kontinuum mit dem V er-
hältnis zwischen dem fiktiven Falle unendlich vieler Kugeln,
deren jede in bezug auf ihre Geschwindigkeit v'on jeder ande-
ren verschieden wäre, und dem reellen Fall eines echten Ge-
XL Inhaltsübersicht

schwindigkeitskontinuums bei einer rotierenden Kugel 52


7. Mit dem Nachweis der Anschaulichkeit des Kontinuums ist
auch seine Widerspruchslosigkeit dargetan. . . . . . . . . 53
8. Schlußbemerkung. Selbst wenn das Zahlenkontinuum her-
stellbar wäre, so wäre es doch nur ein sekundäres und setzte
ein anderes als primäres voraus • . . . . . . . . 53

II. Vom Maß des Kontinuierlichen

1. u. 2. Homogenität und unendliche Differenzierung jedes


Kontinuierlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
3. Differenzierung desselben Dinges in mehreren Gattungen
kontinuierlich . . • . . 56
4. So im Falle der Bewegung . • . . . . . . . . . . . . . 56
5. Analogien dazu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
6. Die Größe des Bewegungskontinuums wird nicht durch die
des durchlaufenden Raumes bestimmt, sondern durch die der
Zeit. Begriff und Unterschiede der Teleiose . . . . . . . . 57
7. Doppelkontinuum. Primäre und sekundäre kontinuierliche
Differenzierung. Beispiel eines Doppelkontinuums ist die Be-
wegung . . . . . . . . . . . . . . 57
8. Andere Beispiele . . . . . . . . . . o • • • • • • • • 58
9. Erfordernisse eines Doppelkontinuums . . . . . . . . . 58
10. In allen Teilen eines primären Kontinuums ist die Teleiose
gleich . . . . . . . . . . . 0 • • • • • • • • • o • o 58
11. So bei Raum und Zeit. Jedes stets in voller DimensionenzahL
In jedem Punkt Zusammenhang nach allen im Kontinuum
überhaupt möglichen Richtungen . . . . 0 0 • • • • • • 59

ZWEITER TEIL:
DIE ZEIT UND DAS ZEITBEWUSSTSEIN
I. Was die Philosophen über die Zeit gelehrt haben
1. Der Name Zeit ist allen leicht verständlich, doch wurde es
selbst den Metaphysikern schwer, den Begriff zu verdeut-
lichen. Beispiele von philosophischen Theorien über die Zeit: 60
2. Aristoteles . . . . . 61
3. Augustinus 62
4. Thomas von Aquino. 63
5. Suarez . . . . . . . 64
Inhaltsübersicht XLI

6. Bonaventura 64
7. Descartes. 66
8. Locke . 67
9. Leibniz 69
10. Hume . 72
11. Kant . 72
12. Schopenhauer 76
13. Herbart 79
14. Lotze . 79
15. Hege! . 82
16. Bolzano 82
17. Wundt 84
18. Renouvier 85

II. Vom Gedächtnis (1913)


I.Drei Fälle von Gedächtnis . . . . 86
II.Vollkommenheit des Gedächtnisses 87
III.Erinnern ist nicht Neuerleben 88
IV. Das Erinnerte ist primäres Objekt . 88
V. Als vergangen empfinden ist nie innere Sensation 88
VI. Was zur vollen Bestimmtheit des Gegenwartsmodus gehört. 88
VII. In welchem Sinne er der Bestimmtheit ermangelt . . . . 89
VIII.Schätzung von Zeitabständen für Erinnertes . . . . . . 90
IX. Wird zeitlich weiter Entferntes anschaulich temporal vor-
gestellt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
X. Guyaus empiristische Zeitlehre . . . . . . . . . . . 91
XI. Glaube an die Konstanz der psychischen Individualität . 92

Nachtrag
1. Die konstante Wiederkehr desselben Gegenwartsmodus, bzw.
desselben kurzen Modalkontinuums verführt zu der absurden
Rede, daß die Zeit immer dieselbe bleibe und nur die Dinge
in ihr wechselten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2. Auch bei sog. unverändertem Fortbestand findet eine konti-
nuierliche Variation statt. Steter realer Wechsel auch in der
ersten Ursache aller Dinge . . . . . . . . . . . . . . . 93
3. Wie beim Räumlichen häufig das, was angeschaut wird,
nicht deutlich von der Beurteilung räumlicher Verhältnisse
unterschieden wird, so werden auch hinsichtlich der Zeit
Unterschiede der Beurteilung auf Grund von Anhaltspunkten
vielfach mit anschaulichen verwechselt . . . . . . . . . . 94
XLII Inhaltsübersicht

III. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum


von Vorstellungs- und Anerkennungsmodi (1914)
1. Einteilung des Kontinuierlichen in topisch und chronisch
Kontinuierliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
2. Das chronisch Kontinuierliche besteht nur einer Grenze nach.
Es gibt einen Anerkennungsmodus, der nicht als bestehend,
sondern als gewesen oder künftig anerkennt. Er variiert kon-
tinuierlich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
3. Er ist keine dritte Art von Urteilsqualität neben Anerkennen
und Verwerfen, aber auch nicht dem Verwerfen gleichzu-
setzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
4. Der Unterschied von Gegenwärtig und Näher- und Weiter-
vergangen ist kein Unterschied im Objekt, sondern im Modus
der Anerkennung. Doch ist in Wirklichkeit, was vom Gegen-
wartspunkte mehr als ein anderes als vergangen absteht, seinem
absoluten Zeitpunkte nach davon verschieden. Dieses Maß des
Abstandes wird durch das modale Kontinuum repräsentiert . 97
5. Wie der Unterschied von Gegenwärtig und Vergangen keine
Objektsdifferenz ist, so auch nicht der von in verschiedenem
Maße Vergangensein. Jedes Maß dieses Abstandes vom Ge-
genwartspunkte wird durch einen anderen Modus repräsen-
tiert, somit muß die Zeitanschauung von solchen ein ganzes
Kontinuum umfassen. Gründe, die einen einheitlichen Prae-
teritalmodus als unannehmbar erweisen. . . . . . . . . . 98
6. Auch ruhiger Fortbestand ist ein kontinuierlicher Wechsel,
nämlich der - uns transzendenten - absoluten Zeitbestimmun-
gen. Er geht auf den notwendigen Wechsel im ersten, gött-
lichen Prinzip zurück . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
7. Die zusammenstehenden Dinge sind gleichzeitig, nicht einzeitig.
Es gibt nicht eine Gegenwartsbestimmung, die für alle Dinge
dieselbe wäre, wohl aber ist sie für alle die gleiche. Jenes liefe auf
pantheistische Einheit Gottes mit der geschöpfliehen Welt
hinaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101

IV. Unzulänglichkeit der Annahme eines einzigen


Präteritalmodus (1914)
1. Im Unterschiede von zwei Raumpunkten können verschiedene
Zeitpunkte nicht zusammen existieren. Sie mögen beide ver-
gangen sein, aber unmöglich waren sie zugleich gegenwärtig.
Sie sind also, obwohl beide als vergangen und mit einem Prä-
Inhaltsübersicht XLIII

teritalmodus anzuerkennen, doch nicht mit dem gleichen anzu-


erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2. Die zeitliche Variation als solche, wie sie selbst sonst in jedem
Betracht unverändert Fortbestehendem zukommt, d. h. die
absoluten temporalen Objektsdifferenzen sind uns transzen-
dent. Anschaulich gegeben ist nur die kontinuierliche Varia-
tion des Vorstellungs- und Anerkennungsmodus . . . . . 103
3. Auch die Interessephänomene weisen Unterschiede im Tem-
poralmodus auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

V. Reales = Temporalkontinuierliches. Es gibt


keine innere Proterästhese (1914)
1. Die Vorstellung von etwas als gegenwärtig unterscheidet sich
von der als vergangen modal, nicht dem Objekte nach . . . 105
2. Die temporale Variation der beharrenden oder sich verändern-
den Dinge aber ist eine sachliche. Unerläßlichkeit der Annahme
eines kontinuierlichen Wechsels in Gott selbst . . . . . . 105
3. Einfluß desselben auf die Kreatur . . . . . . . . . . . . 106
4. Wenn die Welt nicht wirklich wäre, so wäre sie doch möglich,
und auch dafür schon ist der notwendige Wechsel in Gott eine
Vorbedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
5. Transzendente Zeit = infinitesimaler, absolut gleichmäßiger
Wechsel, wie er allen, auch den sonst veränderungslosen Din-
gen zukommen muß. Auf ihm beruhen die zeitlichen Abstände
des Früheren vom Späteren . . . . . . . . . . . . . . . 107
6. Der Begriff des Realen fällt mit dem des Temporalkontinuier-
lichen zusammen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
7. Für das physische Reale sind uns die Temporalunterschiede
ebensowenig wie für jedes andere Reale als Objektsdifferenzen
gegeben, wohl aber ist die äußere Anschauung ein Kontinuum
von Temporaldifferenzen (Proterästhese). . . . . . . . . 108
8. Die Annahme einer analogen inneren Proterästhese führte zu
einer unmöglichen Komplikation . . . . . . . . . . . . 109
9. Ein vergeblicher Versuch, dieser zu entgehen . . . . . . . 110
10. Innere Proterästhese ist weder durch die Analogie zur äußeren
Wahrnehmung gefordert, . . . . . . . . . . . . . . . 110
11. noch würde ihr Fehlen das Objekt der inneren Wahrnehmung
zu einem isolierten, unmerklichen Punkte machen . . . . . 111
12. Obwohl die innere Wahrnehmung nur jeweils die Gegenwarts-
grenze evident erfaßt, ist sie doch nicht etwas für sich, sondern
wie alles Reale selbst Grenze eines zeitlichen Zusammenhan-
ges. Auch sie hat kein bloß momentanes Sein . . . . . . . 112
XLIV Inhaltsübersicht

VI. Gäbe es keine Dinge mehr oder nur einen zeitlosen


Gott, so wäre auch nichts gewesen (1915)
1. Wäre die übliche Meinung richtig, daß nach der Vernichtung
der Welt Gott, unzeitlieh und jedem Wechsel entrückt, fort-
bestände, so wäre der Satz, daß Geschehenes nie ungeschehen
werden könne, falsch . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
2. Denn in der Anerkennung von etwas als vergangen ist die An-
erkennung von etwas als gegenwärtig und als in bestimmtem
Maße später davon Abstehendes eingeschlossen . . . . . . 114
3. Bliebe aber Vergangenes auch nach Vernichtung von allem
weiter vergangen, so müßte es entweder gleich vergangen
bleiben oder immer mehr vergangen werden. Beides wäre aus-
geschlossen. Das erste, weil alles Zeitliche einen gleichmäßigen
Fortgang erheischt, das zweite, weil es keinen Zeitverlauf ohne
Dinge geben kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
4. Dasselbe würde gelten, wenn keine Welt, wohl aber Gott und
dieser ohne zeitlichen Wechsel bestünde. Aber die Voraus-
setzung absoluter Wechsellosigkeit des in sich notwendigen
ersten Prinzips ist unhaltbar . . . . . . . . . . . . . . 115
5. Einem unzeitliehen Gott wäre nichts gegenwärtig . . . . . 115
6. Während von örtlich Abstehenden beide sind, ist von zeitlich
Abstehendem nur das Gegenwärtige . . . . . . . . . . . 116
7. Vergleich der zeitlichen Relation mit der Denkrelation, des
bloß Gedachten mit dem Geschichtlichen . . . . . . . . 116
8. Auch Zeitabstände, von solchem, was nicht ist, untereinander
werden auf solches bezogen, was ist, d. h. auf Gegenwärtiges 117
9. Dem objektiv ausgezeichneten Gegenwartspunkt in der Zeit-
ar.schauung entspricht nichts Analoges in der Raumanschau-
ung, nur in ganz anderem Sinne und vornehmlich mit bezug
auf praktische Interessen kann von bevorzugten Teilen der-
selben gesprochen werden . . . . . .. . . . . . . . . . 117
10. Die temporalen Differenzen in unserer sinnlichen Anschauung
sind nicht gegenständliche, sondern modale . . . . . . . 119
11. Vergleich der Relation des Gegenwärtigen zum V ergangenen
und Vorvergangen und Vorvorvergangen u.s.w. mit der
Denkrelation zu einem Denkenden, der einen Denkenden
denkt, der einen Denkenden denkt usw. . . . . . . . . . 119
12. Das Fehlen sachlicher Temporaldifferenzen in unserer Zeitan-
schauung begünstigt den von vielen Philosophen geteilten
Irrtum, daß bei einfachem Fortbestand jede Variation fehle.
In Wahrheit kann die temporale Variation auch bei Fortfall
jeder qualitativen und lokalen nicht entfallen . . . . . . . 120
Inhaltsübersicht XLV

VII. Sachliche und modale Temporaldifferenzen (1915)


1. Das Zeitliche ist als solches ein substantielles Relatives . . . 121
2. Vom Substantiellen ist uns aber nur der allgemeine Begriff
gegeben, es wäre denn, daß auch das Örtliche als solches
Substanz wäre. Dies genügt aber, uns erkennen zu lassen, daß
beim Zeitlichen ein Verhältnis von Vor und Nach gegeben ist 122
3. Das Vor und Nach ist doppelt relativ, erstens analog dem
Nebeneinander, zweitens insofern nur das jeweils Gegenwär-
tige modo recto, alles andere modo obliquo vorgestellt wird.
Objektsdifferenzen sind nur das Relative im ersten Sinne. Das
zweite ist uns als ein wenig ausgedehntes, aber begrifflich be-
beliebig erweiterbares Kontinuum von Vorstellungsmodis
gegeben, das uns auf die transzendenten, kontinuierlichen
Differenzen des ersten hinweist . . . . . . . . . . . . . 122
4. Die Anschauung des temporalen Wechsels in specie würde die
Anschauung Gottes zur Voraussetzung haben . . . . . . 123

VIII. Das Zeitliche als Relatives (1915)


1. Gegenwärtig, vergangen, zukünftig sind Relative . . 124
2. Der allgemeine Charakter des Relativen . . . . . . 124
3. Klassen des Relativen. Von den Vergleichsrelationen und ihrer
Verwandtschaft mit den Denkrelationen insbesondere 124
4. Komplexe Relative . . . . . . . . . . . 126
5. Relativ und relativlieh . . . . . . . . . . . . . . 126
6. Komparative Relativität von "gegenwärtig" 126
7. Komparative Relativität von "vergangen" und "zukünftig" 127
8. Sie sind nicht sachliche Bestimmungen. War und wird sein
nicht = ist nicht. Was als vergangen vorgestellt wird, wird in
modo obliquo vorgestellt, wobei das in modo recto Vorge-
stellte das Gegenwärtige ist . . . . . . . . . . . . . . 127
9. Fälle, wo uns anschaulich ein Früher und Später gegeben ist . 128
10. Wie bei jedem Kontinuum ist auch beim zeitlichen keine Gren-
ze für sich apperzipierbar. Verbindende Grenzen, koinzidie-
rende Grenzen in unvollkommener Plerose, Grenzen ohne
Koinzidenz mit anderen . . . . . . . . . . . . . . . . 129
11. In der inneren Wahrnehmung ist nur die Gegenwartsgrenze
mit Evidenz erfaßt, aber als etwas, was mit Früherem oder
Späterem oder beidem in indefinit kleiner Kontinuität zu-
sammenhängt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
12. Vergleich des Falles, wo wir etwas als gegenwärtig und als
XLVI Inhaltsübersicht

später von Vergangenern und weiter und weiter Vergangenern


abstehend denken, mit dem Falle, wo wir einen Denkenden
denken, der einen Denkenden denkt, der einen Denkenden
denkt usw. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
13. Begriffliche Erweiterung der uns anschaulich gegebenen Zeit-
strecke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
14. Laien und Philosophen glauben an einen Fortbestand ohne jede
sachliche Variation, doch ist schon die zeitliche eine solche,
nur eben uns nicht anschaulich gegeben . . . . . . . . . 132
15. Während das räumlich Ausgedehnte allen Teilen nach irt, ist
das zeitlich Ausgedehnte nur einer Grenze nach, die einem
Kontinuum angehört, das allen anderen Grenzen nach nicht
ist, sondern war bzw. sein wird. Das Beharren ist ein konti-
nuierlich sich wiederholendes Endigen und Beginnen in der
jeweiligen Gegenwartsgrenze . . . . . . . . . . . . . . 135
16. Was in unserer Zeitanschauung an Abständen als früher und
später in Erscheinung tritt, sind nicht sachliche Differenzen . 136
17. Das Maß dieser zeitlichen Abstände ist in der Erscheinung nur
durch die Größe der kontinuierlichen Menge von Endigen
und Wiederbeginnen gegeben. Die Grenze, nach welcher das
zeitliche Kontinuum besteht, ist eine fließende, indem in ihr
ein Teil derselben endet und ein anderer zu sein beginnt . . 136

IX. Zum Verständnis der Aristotelischen Lehre


von der Zeit (1915)

A. Die Lehre
I. Kategorien und Topik . . . • • • • . . . . . . . . . • 138
IT. Phyrik . . • . . . . . • • • • • • . . . . . . . . • 139
1. Ob die Zeit zum Seienden oder Nichtseienden gehöre? 139
2. Sie ist nicht Bewegung, wohl aber etwas an der Bewegung 139
3. Sie ist die Zahl der Bewegung (und Ruhe) in bezug auf
das Früher und Später . . . . . . 139
4. Zeit im engeren und weiteren Sinne . . . . . . . 140
5. Zeit und Ewigkeit . . . • . . . . . . . . . . . 141
6. Warum Aristoteles die Bewegung anfangslos denkt 142
7. Eindimensionalität der Zeit . . . . . . . . . . . 143
8. Außerungen über dasjetzt . . . . . . . . . . . 143
9. Übersicht, die Thomas v. Aquin über die von Aristoteles
behandelten, die Zeit betreffenden Fragen gibt 145
ITI. Metaphyrik . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Inhaltsübersicht XLVII

IV. De anima • • • . • • . . . . 146


1. Ursprung der Zeitvorstellung 146
2. Zeit als Prädikat . . . . . 146
V. Parva naturalia, de ren.ru et rensibili, de memoria et reminircentia 141
1. Ursprung der Idee von Früher und Später 147
2. Zeit in innerer Wahrnehmung 147
3. Zeit als Empfindungsgegenstand. 147
4. Objekt des Gedächtnisses 148

B. Kritik der Lehre


1. Mangelhafte Aufklärung über den Ursprung des Zeitbe-
griffes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
2. Ungenügende Unterscheidung des historisch Tatsäch-
lichen von dem Nichtseienden . . . . . . . . . . . 148
3. Vernachlässigung des Gegenwartszentrums . . . . . . 148
4. Vernachlässigung der Lehre von den Schlüssen auf Ver-
gangenes und Künftiges aus Gegenwärtigem . . . . 149
5. Bedenkliche Bestimmungen über das Jetzt . . . . . . 149
6. Bedenkliche Bindung der Zeit an die Existenz der Seele . 150
7. Leugnung, daß die Bewegung einen ersten und letzten
Moment habe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
8. Verkennung des Sinnes, in welchem man von einer Ge-
schwindigkeit der Zeit sprechen kann . . . . . . . . 150
9. Unklarheit über den Unterschied von primär und sekun-
där Kontinuierlichem. . . . . . . . . . . . . . . . 150
10. Was für eine Vielheit liegt dem Früher-Später zugrunde? 151
11. Was ist das Maß der Bewegung? . . . . . . . . . . 151
12. Unvermögen, vom Fortbestand eines völlig Unveränder-
lichen Rechenschaft zu geben, an dessen Existenz er
gleichwohl glaubt . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
13. und von dem die Veränderung in der Welt abzuleiten er
sich vergebliche Mühe gibt . . . . . . . . . 151
14. Unzureichende Lehre über die Einheit der Zeit . . 151

X. Unsere Zeitanschauung ist wie auch die


Raumanschauung in bezug auf die absoluten
spezifischen Differenzen unbestimmt und nur relativ
spezifiziert (1916)
1. Unsere sprachlichen Zeitangaben bedeuten nicht alle spezifi-
sche Zeitbestimmungen, am ehesten scheinen solche bei gegen-
wärtig, vergangen, mehrvergangen intendiert . . . . . . . 153
XLVIII Inhaltsübersicht

2. Auch was die Philosophen über die Zeit sagen, weist auf die
Notwendigkeit hin, diese Ausdrücke zu verdeutlichen . . . 154
3. Nur was als gegenwärtig anerkannt wird, wird modo recto
anerkannt, als etwas, was als Früheres oder als Späteres von
dem in obliquo Vorgestellten absteht, das wir vergangen bzw.
künftig nennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
4. Die Eigenart des modus obliquus temporalis, veranschaulicht
am Beispiele desHörenseiner Melodie oder Wortfolge 156
5. Der Unterschied von solchem, was zeitlich absteht, kann nicht
bloß darin liegen, daß das Gegenwärtige ist, das V ergangene
oder Künftige nicht ist, denn damit wären die Abstandsgrade
und der Richtungsunterschied nicht zu erklären. Das zeitlich
Abstehende muß vielmehr schon als solches sachlich differen-
ziert sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
6. Diese sachlichen Differenzen sind absolute Zeitbestimmungen,
an welche sich die Abstandsunterschiede vom Gegenwarts-
punkte knüpfen. Nachweis, daß es solche in Wirklichkeit
geben muß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
7. Nachweis, daß sie nicht in unsere Anschauung fallen 159
8. Trotz ihrer Transzendenz sind uns zeitliche Abstände anschau-
lich gegeben, analog wie uns ja auch in unserer Raumanschau-
ung nicht die absoluten Ortsbestimmungen, sondern nur rela-
tive vor liegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
9. Hinweis auf metaphysische Aporien, die nur im Hinblicke auf
die Existenz und Transzendenz absoluter spezifischer Zeit-
bestimmungen zu lösen sind • . . • • . . . . . . . . . 163

DRITTER TEIL: DER RAUM UND DIE ZEIT

I. Nativistische, empiristische und anoetistische


Theorie unserer Raumvorstellung (1906)
1. Wie die antiken Psychologen dachte auch J. Locke schon ur-
sprünglich Raumvorstellungen mit den qualitativen Momen-
ten unserer sinnlichen Anschauung verbunden. Dieser Nati-
vismur hinderte sie nicht, von den phänomenalen Ortsbestim-
mungen die der uns umgebenden Außendinge zu unter-
scheiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0 0 0 164
o •

2. Auch Berkeley war kein extremer Empirist, denn nicht jede


räumliche Bestimmung kommt seiner Meinung nach erst nach-
träglich zu den Qualitäten hinzu, sondern nur solche, die sich
auf die lokalen Unterschiede der (vermeintlichen) Außen-
Inhaltsübersicht IL

dinge beziehen. Doch hat man ihn vielfach mißverstanden, als


lehrte er eine ursprünglich raumfreie Qualitätsanschauung,
und auf dieses Mißverständnis dürfte der englische Empirit-
mus in der Raumfrage (J. St. Mill) zurückgehen . . . . . . 165
3. Gewisse Momente bestärken in diesem Irrtum . . . . . . 166
4. In Deutschland entstand der Empirismus in Opposition zu
Kants Lehre von der reinen Raumanschauung a priori . . . 167
5. Bei Helmholtz spielt aber auch das von Herbart übernommene
Vorurteil eine Rolle, daß das ursprünglich Gegebene ohne
alle Komplikation sein müsse. Auch fand er es schwer glaub-
lich, daß unsere erworbenen Urteile über die Maßverhältnisse
im wirklichen Raume sich gegen schon ursprünglich gegebene
phänomenale Raumdaten hätten durchsetzen können, ein Be-
denken, dem er selbst in seiner Lehre vom simultanen Kontrast
nicht Beachtung schenkt . . . . o • o • • • o • • • 0 • 168
6. Haltbar ist nur der Nativismus, insofern er es nicht verab-
säumt, den der ursprünglichen Raumanschauung sich erfah-
rungsmäßig gesellenden Urteilen über die wirklichen Raum-
bestimmungen in der Außenwelt Rechnung zu tragen . . . 170
7. Weder Nativisten noch Empiristen zu nennen sind diejenigen,
die leugnen, daß wir überhaupt elementare Begriffe von
Räumlichem haben, und die die in der Geometrie verwen-
deten ausnahmslos durch Synthese aus unräumlichen Elemen-
ten konstruiert denken. Boltzmann, Mach, Poincare. Anoelisti-
sche Raumtheorie 0 • • o • • • • • • • • • • • • • 0 • 171
8. Hierher gehören die Versuche, das Kontinuum als unendliche
Punktmenge zu fassen. Sie führen zu Widersprüchen und wer-
den dem in unserer Anschauung gegebenen Momente der Be-
rührungnicht gerecht. (So u.a. auch der Versuch Bolzanos.) 173
9. Manche meinen freilich, Berührung lasse sich ohne unendliche
Feinheit der Apperzeption nicht wahrnehmen. Mit Unrecht . 175
10. Näheres über die oben (unter 6.) angedeuteten Zugeständnisse
an den Empirismus o ••• o o o o o ••••••••• 176
11. Die Raumbestimmungen der verschiedenen Sinne sind homo-
gen, nicht bloß analog . . . o o •• o o o • o • o ••• 176
12. Die nativistische Theorie ist nicht nur die richtige, sie kommt
auch der Auffassung des gesunden Menschenverstandes am
nächsten . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . 177
L Inhaltsübersicht

II. Die Undurchdringlichkeit der Körper im Raume


beruht darauf, daß die räumlichen Bestimmungen
substantielle und individualisierende sind (1915)
1. Die räumlichen Bestimmungen sind substantielle Differenzen
der Körper . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
2. Gründe, welche dafür zu sprechen scheinen, daß den Körpern
außer den räumlichen und zeitlichen Bestimmungen noch
substantielle Differenzen anderer Art zukommen . . . . . . 180
3. Gründe, welche dagegen sprechen. Es sind Dinge möglich,
die räumlich ausgedehnt, aber nicht qualitativ bestimmt sind 181
4. Die Undurchdringlichkeit der Körper im Raume ist nur unter
der Voraussetzung als logisch notwendig zu begreifen, daß
die Körper außer den räumlichen und zeitlichen keine sub-
stantiellen Bestimmungen haben, und daß die örtlichen Diffe-
renzen sie individualisieren . . . • . . . • . . . . . . . 182
5. Wenn von den chemischen und physikalischen Unterschieden
der Körper als "wesentlichen" gesprochen wird, so bedeutet
dies nicht soviel wie substantiell . . . . . . . . . • . • 184

III. Was über Raum und Zeit aus den entgegengesetzten


Irrtümern der Philosophen zu lernen ist (1917)
1. Ob zwischen Ort und Raum zu unterscheiden und ob eine ana-
loge Unterscheidung auch bezüglich der Zeit zu machen sei? 185
2. Raum und Räume. Raum und Ort. Wo, hier, dort; wann,
jetzt, dann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
3. In welchem Sinne die Philosophen von der Zeit als etwas Ein-
heitlichem sprechen. Der Chronos der Mythologen. Die ewige
gleichmäßige Rotation der obersten Himmelssphäre (Aristo-
teles), die Zeit als begriffliche Konstruktion (als etwas in unse-
iern Geiste künstlich Aufgebautes: Leibniz), die Zeit als natür-
liche Anschauungsform (Kant), die Zeit als ewige, undingliehe
Grundwahrheit und nichtreale Bedingung alles Realen (Reid,
Marty), die Zeit als Wesensattribut Gottes (Oarke, Newton). 186
4. In welchem Sinne die Philosophen von dem Raum als etwas
Einheitlichem sprechen. Der Raum als unbewegliche Welt-
grenze (Aristoteles), der Raum als fixes Koordinatensystem
(Physiker), der Raum als bloßes Phänomen, als Anschauungs-
form der äußeren Sinne (Kant), der Raum als an sich seiende
Bedingung aller Körper, wobei die einen ihn als etwas Ding-
liches, die andern als undinglich, die einen als endlich, die
Inhaltsübersicht LI

anderen als unendlich, die einen als unmittelbar notwendig,


die anderen als geschaffen denken. Vergleich der Lehren von
Clarke, Reid, Marty. Der Raum als Attribut Gottes (Oarke,
Newton), der Raum als endliche Ausdehnung, der Raum als
unendliche Ausdehnung, der Raum als Absolutes, der Raum
als bloß Relatives, der Raum als Vielheit unterschiedsloser
Orte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
5. Abweisung von Irrtümern, welche in diesem Streite der Mei-
nungen zutage treten: es gibt kein Individuum "der Raum"
und kein Individuum "die Zeit", weder an sich noch als Phä-
nomen. Gäbe es aber dergleichen, so wären sie nicht unding-
liehe Entitäten, sondern Substanzen. Die Gegenstände unserer
Raum- und Zeitanschauung können auch nicht Attribute Got-
tes sein, überhaupt nichts Unendliches und in sich Notwen-
diges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
6. Zu einer haltbaren Lehre kann hier nur psychologische Ana-
lyse führen. Unsere Raumans&htlllllflg zeigt uns Qualitatives
nicht individuell determiniert, sondern nur als eine kontinuier-
liche Vielheit von Teilen, die voneinander in verschiedenem
Maße und in verschiedener Richtung räumlich abstehen, Ver-
hältnisse, die sich in gleicher Weise in beliebiger Wiederholung
verwirklicht finden können. Dieser Relativität unserer Raum-
anschauung läßt sich durch eine Art Projektionstheorie Rech-
nung tragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
7. Unsere Zeitans&htlllllflg zeigt uns kein Jetzt in specie, sondern
bloß irgendein Zeitliches, das in modo recto angeschaut wird,
von anderem als Späteres bzw. Früheres abstehend, das in modo
obliquo angeschaut wird, ebenfalls ohne spezifische Temporal-
bestimmung. Während aber ein Ort, der von einem anderen
Orte räumlich absteht, ebenso i.rt wie dieser, ist von zeitlich
Abstehenden nur das, was jetzt ist . . . . . . . . . . . 199
8. Alles, was ist, hat gleiche Zeitbestimmung, nicht aber hat es
dieselbe Zeitbestimmung. Der Zeitpunkt aller gleichzeitigen
Dinge, als ein einziger gedacht, ist platonisierende Fiktion.
Ebensowenig wie zur Bewegung eines Körpers leerer Raum er-
forderlich ist, in den er sich hinein bewegt, ebensowenig ist eine
leere Zeit erfordert, damit etwas in sie hinein fortdauere . . 200
9. Die Irrtümer früherer Philosophen über Raum und Zeit gehen
nach verschiedenen Richtungen und, indem jeder beim andern
das Unhaltbare gewahrte, entfernte er sich selbst in einer
anderen Richtung von der Wahrheit. So dürften Leibniz, New-
ton, Euler zwar das Fehlen spezieller Zeit- und Ortsbestimmun-
gen in unserer Anschauung bemerkt haben, aber Leibniz ver-
LII Inhaltsübersicht

kannte, daß bloß komparative Bestimmungen nicht individua-


lisieren, Euler wurde am principium identitatis indiscernibi-
lium irre, Newton (wie in unseren Tagen Marty) unternahm
den undurchführbaren Versuch einer Trennung der Dinge
von ihrem Ort und ihrer Zeit . . . . . . . . . . . . . 202
10. Leibniz geriet durch die Leugnung absoluter Orte und Zeit-
punkte in den Fehler des Ultrarealismus und in Konflikt mit
seinem principium indiscernibilium. Doch gerade darin folg-
ten ihm viele moderne Physiker . . . . . . . . . . . . . 204
11. Wenn hier Orts- und Zeitspezies absolute Raum- bzw. Tempo-
ralbestimmungen genannt werden, so wird damit nicht ihr
Charakter als Kontinualrelative bestritten, wohl aber die Iden-
tifizierung des Ortes oder der Zeit eines Dinges mit seinem
örtlichen bzw. zeitlichen Abstand von einem andern abgelehnt. 206
12. Weder die eine noch die andere Relativität bedeutet Subjekti-
vität, doch scheinen manche Physiker diese Verwechslung be-
gangen zu haben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
13. Die neulich bei manchen Physikern aufgekommene Lehre, daß
die temporale Variation eine vierte Dimension der räumlichen
sei, ist, wörtlich verstanden, absurd, doch als Fiktion brauch-
bar, wie schon Lagrange bemerkt hat. Es besteht sogar zwi-
schen Zeitlängen und linearen Längen ein genaues Größen-
verhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
14. Nach Ausscheidung der in der Geschichte des Raum- und
Zeitproblems zutage getretenen Irrtümer ergibt sich als rich-
tige Lehre: das Räumliche fällt mit dem zusammen, was am
Körper das ihn individualisierende Substantielle ist, das Zeit-
liche aber mit dem Dinglichen überhaupt. Beide bestehen nur
in kontinuierlichem Zusammenhang, jenes mit solchem, was
ist, dieses mit solchem, was gewesen ist oder sein wird . . • 209
15. Einwände gegen diese Identifizierung von dem, was ist, mit
dem, was gegenwärtig ist, und von dem, was ein Ding ist,
mit dem, was ein zeitlich Bestimmtes ist:
a) Auch V ergangenes und Künftiges werden mit Recht an-
erkannt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
b) Es gibt solches, was ist und kein Ding ist, schon darum,
weil es allgemeine Gesetze gibt und sie geben würde,
selbst wenn keine Dinge wären . . . . . . . . . . . 210
c) Zum mindesten bildet Gott, weil absolut wechsellos,
eine Ausnahme von jeder zeitlichen Bestimmtheit . . . 211
Antwort:
ad a) Nicht sie werden anerkannt, sondern Gegenwärtiges
als von ihnen abstehend . . . . . . . . . . . . 210
Inhaltsübersicht LIII

ad b) Nicht ein Unding Gesetz wird anerkannt, sondern


Dingliches mit unvereinbaren Bestimmungen wird
apodiktisch und für alle Zeit als unmöglich verworfen 211
ad c) Die hergebrachte Lehre von der absoluten Wechsel-
losigkeit des unmittelbar Notwendigen ist falsch . . 212
16. Die Identifikation des zeitlich Bestimmten mit dem Dinglichen
überhaupt besagt nicht, daß die zeitliche Ausdehnung sich als
vierte räumliche Dimension zu Länge, Breite und Tiefe geselle,
sondern daß die spezifischen temporalen Differenzen den all-
gemeinen Begriff des Dinges in einer besonderen Serie und
zwar unmittelbar differenzieren. Die aristotelische Lehre vom
monoserialen Charakter der substantiellen Definition bedarf
der Korrektur. Andere Serien der Differenzierung des Ding-
begriffes . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . 213
FRANZ BRENTANO

PHILOSOPHISCHE UNTERSUCHUNGEN
ZU RAUM, ZEIT UND KONTINUUM
Erster Teil

DAS KONTINUUM

I. Vom Kontinuierlichen*
Diktat, 22. November 1914 [ Meg 24]

1. Die Frage nach dem Begriff des Kontinuierlichen kann


nicht in der Art gestellt werden, daß man in Zweifel zieht,
ob wir einen solchen Begriff wirklich haben, sonst würde
man sich, in anderer Beziehung darüber streitend, ja gar
nicht einmal verstehen. Damit ist denn auch entschieden,
daß er in irgendeiner Weise, in der wir überhaupt zu einem
Begriffe gelangen, gewonnen werde. Angestammt und von
vornherein gegeben kann er nicht sein, da dies von keinem
unserer Begriffe gilt. 1) Wir besitzen ihn aber längst, ehe wir
zu philosophieren beginnen und Gedächtnis und Erinne-
rung vermögen uns nicht mehr über sein erstmaliges Ent-
stehen zu berichten. Zum Glück gilt von unseren Begriffen
allen, daß sie in uns aktuell nicht ununterbrochen gegeben
sind, also der Prozeß ihres Entstehens sich auch heute noch
wiederholt. Wir können ihn wahrnehmen und, wenn er
frisch im Gedächtnis ist, analysieren. 2)
2. Alle unsere Begriffe werden entweder unmittelbar
einer Anschauung entnommen oder aus Merkmalen, die
dieser entnommen sind, kombiniert. 3) In neuester Zeit hat
man behauptet, daß die zweite Weise es sei, in der es zum
Begriffe des Kontinuierlichen komme. Man hat z. B. auf die
Fälle hingewiesen, in welchen wir zwischen zwei Zahlen,
zwischen 1 und 2 oder auch selbst zwischen 0 und 1 Brüche

*) Diese Abhandlung wurde von Kastil zum Zwecke der Druckle-


gung zweimal abgeschrieben (1943 und 1944). Die beiden Fassungen
unterscheiden sich durch leichte Textvarianten. Dem hier abgedruckten
Text liegt Kastils Abschrift aus dem Jahre 1943 zugrunde. [Anm. d.
Hrsg.]
4 1. Teil: Das Kontinuum

einschieben. Zwischen 0 und 1 z. B. 1/ 2 und dann, mit solchen


Halbierungen weiterschreitend, auch noch 1/ 4 und 3 / 4 und
weiter noch 1/ 8 , 3/ 8 , 6/ 8 , 1 / 8 , 1/ 18, 3/ 18 usw. Denke man sich
diese Halbierungen ins Unendliche durchgeführt, so zeige
sich nirgends mehr eine Lücke von endlicher Größe, und
das sei etwas, was man bereits als eine Art Beispiel von
Kontinuierlichem hinnehmen könne. Doch sei die Konti-
nuität eine unvollkommene, denn es bleiben noch immer
gewisse Größenverhältnisse, welche auch nach ganz durch-
geführter Halbierung durch keinen eingeschobenen Bruch
vertreten seien, wie z.B. das, welches der Bruch 1/ 3 bezeich-
net. So kommt es denn zu der weiteren Forderung, wie mit
2, auch mit 3, 5 und allen anderen noch nicht einschlußweise
benützten ganzen Zahlen zu verfahren. Daraufhin scheint
bereits etwas gewonnen, was sich viel mehr dem Beispiel
eines vollkommenen Kontinuierlichen annähert. Aber noch
zeigen sich die algebraischen irrationalen Verhältnisse unbe-
rücksichtigt, und so müsse man, um die unbesetzten Stellen
noch weiter auszufüllen, mit algebraischen irrationalen Zah-
len neue Einschiebungen vornehmen. Habe man dies getan,
so sei freilich nicht ausgeschlossen, daß nichts mehr einzu-
schieben bleibe, allein man sei bereits dem Gedanken des
Kontinuierlichen, welches keinen Platz für irgendwelche
Einschiebungen lasse, so nahe gerückt, daß man von dieser
Unvollkommenheit wohl absehen könne. Wenn man aber
dies nicht wolle, so könne man, indem man sich etwas
denke, bei welchem im Gegensatz zu allen diesen Beispielen
unvollkommener Kontinuität gar keine weitere Einschie-
bung mehr möglich wäre, den Begriff des vollkommenen
Kontinuums aufbauen. Man habe zu dem Behufe in der Tat
nichts anderes als ein dem bisherigen ganz analoges V erfah-
ren einzuhalten, denn schon die Halbierungen habe man
nicht sämtlich ausgeführt, sondern nur den Gedanken einer
Ausführung sich gebildet, die sich im Gegensatz zu den von
uns gemachten endlichen als unendlich unterscheide. So
bilde man sich denn jetzt im Gegensatz zu den von uns
gruppenweise gemachten Interkalationen aller Halbierungs-
brüche, aller echten rationalen Brüche, aller algebraischen
irrationalen Brüche, aller transzendenten Brüche usw. ins
I. Vom Kontinuierlichen 5

Unendliche fort, wo immer noch Stellen zu neuen Einschie-


bungen offen bleiben, den Gedanken eines Vollzuges der
sämtlichen möglichen Größenverhältnisse in vollendeter
Verwirklichung. Dann sei etwas gegeben, was als vollkom-
menes Beispiel eines Kontinuierlichen sich darstelle.
Der hier dargestellte Konstruktionsversuch ähnelt einem,
der sich unter anderem bei Poincare findet, 4) deckt sich aber
nicht mit diesem. Poincare beginnt allerdings mit der Ein-
schaltung aller rationalen Brüche zwischen zwei ganzen
Zahlen, wie z. B. zwischen 0 und 1. Dann geht er in der
Weise Dedekinds (s. Nachtrag) zur Einschaltung aller irra-
tionalen über und nennt die so erhaltene Reihe eine stetige
zweiter Ordnung. Dann meint er, es lasse sich in Rücksicht
darauf, daß man unendlich kleine Größen unterscheide, die
noch unendlich kleiner sind als andere (ein Punkt verhält
sich zu einer endlichen Linie wie diese zu einer endlichen
Fläche und diese zu einem endlichen Körper, und so ließen
sich ins Unendliche Größenverhältnisse zu unendlich grö-
ßeren denken), von einer dritten, vierten usw. Ordnung von
Stetigem sprechen. Dies letztere scheint Poincare eigentüm-
lich.
Bemerkenswert ist auch, daß er, obwohl er die Konstruk-
tion irgendwie gelten läßt, doch verrät, daß sie ihm mancher-
lei Bedenken erregt. Schon die Möglichkeit rationaler
Brüche, die sich ins Unendliche verkleinern, deutet er an,
mache die Voraussetzung, daß es Kontinua gebe. Dann
scheint sich ihm an den Übergang von den rationalen zu den
irrationalen Zahlen ein neues Bedenken zu knüpfen, indem
man sich erlaube, bloße "Symbole" einzuschieben. So wenn
man, nachdem man die Reihe der rationalen Brüche, welche
Quadratzahlen sind, in solche die kleiner als 1 / 2 und größer
als 1/ 2 unterschieden habe, dann für die Reihen ihrer Wur-
zeln konstatiere, daß dem einen Teil keine größte, dem an-
dern keine kleinste Zahl zugehöre. Infolge davon sollten sie
nicht aneinander, sondern an einen Schnitt grenzen, der
durch V1 / 2 symbolisiert werde. (In der Tat scheint es nicht
gerechtfertigt, wenn man behauptet, es könne wohl eine
Reihe ohne letztes Glied an eine Reihe mit erstem Glied,
nicht aber an eine Reihe ohne erstes Glied angrenzen. Nur
6 1. Teil: Das Kontinuum

durch eine solche Behauptung kommt aber Dedekind zur


Einschiebung der irrationalen Brüche. Nimmt man die
ganze Reihe der rationalen und irrationalen Brüche, so fin-
det man, daß keine zwei sich unmittelbar folgen, so daß sie
in dieser Beziehung sich gar nicht von der Reihe der exklu-
siv rationalen unterscheidet, und ich sehe nicht ein, warum
in dem einen Falle mehr als in dem andern es unzulässig sein
soll zu sagen, man könne eine Reihe in zwei Teile teilen, von
denen der eine kein erstes, der andere kein letztes Glied hat.
Nach Dedekind ließen sich aber wohl die rationalen, nicht
aber die irrationalen Brüche auf diese Weise in zwei Teile
zerlegen). Endlich macht Poincare die treffende Bemerkung,
daß es nicht anders als durch Übereinkunft festzustellen sei,
welche Größe dem Abstand eines Bruches von dem andern
zukommen soll. Bei einem wahren Kontinuum wäre die
Größe von der Übereinkunft unabhängig gegeben.
Auch der Gedanke an Stetigkeiten von verschiedener
Vollkommenheit der Ordnung scheint mit der wahren
Lösung des Konstruktionsproblems unverträglich. Erhebt
man die sämtlichen rationalen und irrationalen Brüche zwi-
schen 0 und 1 zu irgendwelcher Potenz, so bekommt man
genau dieselbe Reihe, aber mit Verschiebung, wieder, und
dasselbe gilt im Falle, wo alle Glieder, welche rational oder
irrational sind, auf eine gewisse Potenz erhoben werden.
So erscheinen die Größen der Abstände nicht durch die
Größe der Brüche bestimmt.
(Die zwei Ordnungen der Stetigkeit Poincares erinnern
an die zwei Mächtigkeiten Cantors. Allein der Umstand,
daß es unendlich kleine Größen höherer Ordnung gibt,
kann nicht als Beweis für eine höhere Mächtigkeit ange-
sehen werden, wie ja z. B. die Punkte einer Fläche von der-
selben Mächtigkeit sein sollen wie die Punkte einer Linie
usw.)
(Wie mag man nach Cantor die Gesamtheit der irrationa-
len Punkte einer Linie der Gesamtheit ihrer Punkte über-
haupt eindeutig zuordnen und wie die Gesamtheit der
transzendenten irrationalen Punkte der Gesamtheit der
algebraischen irrationalen?)
3. So würden wir denn dem Begriff des Kontinuierlichen
I. Vom Kontinuierlichen 7

einen Ursprung durch sehr künstliche und verwickelte


Denkoperationen zuzuschreiben haben. Doch schon auf
den ersten Blick scheint dies unannehmbar, denn wie sollte
er dann in dem Besitz des einfachen Mannes, ja des unent-
wickelten Kindes sich finden? Und weiter noch, wie be-
denklich muß es scheinen, wenn man die Halbierungen und
die späteren Teilungen deshalb, weil man ohne Absurdität
annehmen kann, daß sie eine beliebig bestimmte Grenze
überschreiten, als zu aktueller Unendlichkeit fortgeführt
und abgeschlossen denkt! Es ist nicht zu verkennen, daß
man hier etwas schlechthin Unmögliches annimmt.
Und wie man hier wirklich zur Aufstellung von etwas
ganz Absurdem gekommen ist, zeigt sich sofort, wenn man
die angebliche kontinuierliche Reihe der sämtlichen Brüche,
die zwischen 0 und 1 fallen, an irgendeiner Stelle in 2 Teile
zerlegt. Der eine von ihnen wird mit einem Bruche abschlie-
ßen, der andere aber könnte dies nur tun, wenn es einen
diesem Bruche nächsten Bruch in der Reihe gäbe, was aber
nicht der Fall ist. Womit also schließt der andere Teil der
Reihe ab? Etwa mit einer Vielheit von Brüchen statt mit
einem? Aber auch das ist unmöglich, da jeder mit jedem
verglichen sich durch ein Vor und Nach in der Reihe unter-
scheidet. Wenn aber nicht mit einem Bruch und nicht mit
einer Vielheit von Brüchen, mit was sonst, da doch nichts
als Einheiten und Vielheiten von Brüchen in der Reihe zu
finden ist? Wir hätten offenbar etwas, was endigte, ohne ein
Ende zu haben.
Man sieht, daß bei dieser ganzen vermeinten Konstruk-
tion des Begriffes des Kontinuierlichen die Absicht ganz
fehlgegangen ist, indem das, was für das Kontinuum vor
allem charakteristisch ist, nämlich der Gedanken der Grenze
im eigentlichen Sinne, an den sich die Möglichkeit einer
Koinzidenz von Grenzen knüpft, gänzlich vermißt wird.
So ist denn der V ersuch, den Begriff des Kontinuierlichen
durch Kombination einzelner aus Anschauungen gewonne-
ner Merkmale entspringen zu lassen, als ganz verfehlt zu
verwerfen, und damit ist zugleich gesagt, daß das Konti-
nuierliche uns in einzelnen Anschauungen gegeben vorlie-
gen und von ihnen abstrahiert sein muß.
8 1. Teil: Das Kontinuum

Doch vielleicht wird einer hier einwenden, daß das Miß-


glücken des hier dargelegten Versuches nicht ausschließe,
daß ein anderer besser gelingen könne, ja dabei den Vorzug
größerer Einfachheit besitze. Man könne sagen, ein Konti-
nuierliches liege da vor, wo ein Ganzes gegeben sei, das
zwar nicht in unendlich viele Teile, aber doch ins Unend-
liche in Teile zerlegt gedacht werden könne. Jenes sei
absurd und darum habe sich die vorige Theorie schon
durch den Gedanken des Abschlusses der Gesamtheit der
möglichen Halbierungen einer Absurdität schuldig ge-
macht; ließe es sich doch auch nachweisen, daß bei solchem
Abschluß der unendlichen Halbierungen die Größe von 1/ 3
erreicht sein müßte, während diese doch andererseits, wie
mit Recht betont wurde, nicht erreicht werden kann. Allein
nicht ebenso absurd sei der Gedanke einer Größe, die ins
Unendliche geteilt werden kann. Und nichts sei leichter als
zu zeigen, wie man zu ihm gelange, da er den kontradikto-
rischen Gegensatz zu etwas, was nur in eine endliche Zahl
von nicht weiter teilbaren Teilen zerlegt werden könne,
bilde. Auch begreife man leicht, wie man durch die Er-
fahrung belehrt, daß man bei der Teilung von Körpern
niemals zu einer Grenze komme, die nicht aller Wahrschein-
lichkeit nach noch überschreitbar ist, durch die Gewohn-
heit dazu geführt werde, ohne weiteres jeden Körper für
teilbar zu halten, und, so gewiß jede Teilung eines Kör-
pers zu Teilen, die selbst Körper sind, führt, an die Mög-
lichkeit einer Teilung ins Unendliche, wenn auch nicht
durch unsere eigene Kraft, zu glauben. Freilich sei diese
gewohnheitsmäßige Annahme als solche noch nicht wis-
senschaftlich gerechtfertigt, allein die Wissenschaft wider-
lege sie nicht bloß nicht, sondern bestätigte sie in ihrer
Weise, indem sie zeige, wie nur auf Grund der Hypothese
der Kontinuität des Räumlichen die Erscheinungen der
Erfahrung auf ganz einfache allgemeine Gesetze zurück-
geführt werden können. Ohne die Annahme der Konti-
nuität würde die eines Gesetzes der Trägheit hinfällig wer-
den und mit ihm die ganze bewundernswerte Macht unserer
Mechanik zusammenbrechen. So sei denn sowohl der
Ursprung des Begriffes des Kontinuierlichen als die
I. Vom Kontinuierlichen 9

Bedeutung, die man ihm für die wirkliche Welt zuschreibt,


erklärt.
4. Doch wenn man zugeben mag, daß diese Theorie
einige der gröblichsten Irrtümer jener früheren vermeidet,
so dürfte sie doch noch weit davon entfernt sein, allen For-
derungen gerecht zu werden. Demokrit hat an die Ausdeh-
nung seiner Atome, nicht aber an ihre physische Teilbarkeit
geglaubt, und daß wir, in Gedanken Teile unterscheidend,
bald zu einer Grenze kommen, ist eine altbekannte Sache
und jeder weiß, daß Körperehen wegen ihrer Kleinheit für
uns schon lange nicht mehr gesondert bemerklich sind,
wenn sie sogar physisch noch vielmals teilbar sein werden.
Trotzdem schreiben wir ihnen Kontinuität zu, und es
scheint darum unzweifelhaft, daß Kontinuierlichsein und
ins Unendliche Teilbarsein sich inhaltlich nicht decken.
Auch erinnern wir an das zuvor über die Eigentümlichkeit
der Grenze und die Möglichkeit der Koinzidenz von Gren-
zen Gesagte. Wer nicht zeigt, wie wir in unserem Denken
zu diesem gelangen, der darf sich auch nicht schmeicheln,
uns den Gedanken des Kontinuierlichen genugsam verdeut-
licht zu haben.
5. Und so behaupte ich denn nochmals und mit noch
weniger anfechtbarem Rechte, daß der Begriff des Konti-
nuierlichen nicht durch Kombination von Merkmalen, die
aus verschiedenen Anschauungen und Erfahrungen ent-
nommen sind, sondern aus einheitlichen Anschauungen
durch Abstraktion gewonnen werde.
Auch braucht man nicht lange nach diesen Anschauungen
zu suchen, da vielmehr, wie ich zu behaupten wage und
nachzuweisen versuchen will, jede unserer Anschauungen,
sowohl die der äußeren als die der begleitenden inneren
Wahrnehmung und infolgedessen auch die des Gedächtnis-
ses uns Kontinuierliches zu Erscheinung bringt. Beim Sehen
haben wir etwas nach Länge und Breite Ausgedehntes zum
Objekt, welches sich zugleich auch noch deutlich als etwas
zeigt, was eine Vorderseite und Rückseite unterscheiden
läßt und so als zweidimensionale Grenze von dreidimensio-
nal Ausgedehntem charakterisiert ist. Und indem sich uns
als Sehenden dieses Kontinuierliche als primäres Objekt
10 1. Teil: Das Kontinuum

darstellt, sehen wir sozusagen zugleich nebenher unser


Sehen selbst, d. h. wir sind uns unser als Sehende bewußt
und finden, daß jedem Teile der gesehenen körperlichen
Fläche ein Teil unseres Sehens entspricht, so daß wir auch
selbst als Sehende uns als etwas kontinuierlich Vielfaches
erscheinen. Ja, noch mehr, es erscheint uns primär Ruhe
und Bewegung, örtlicher Wechsel, und so auch qualitativ
ein Verharren oder ein sukzessiver Wechsel. Es geschieht
dies dadurch, daß wir in unserer Wahrnehmungsvorstel-
lung des primären Objekts zwar niemals denselben Ort zu-
gleich mit zwei Qualitäten erfüllt als gegenwärtig vorstel-
len können,*) wohl aber ihn zugleich mit der einen Qualität
als gegenwärtig, mit einer andern als jüngst vergangen und
wieder mit einer andern als länger vergangen vorzustellen
vermögen, wobei der Übergang von Gegenwart zu fernerer
Vergangenheit durchwegs kontinuierlich vermittelt ist. So
erscheinen wir denn auch, indem wir die phänomenalen
Qualitäten zeitlich kontinuierlich einander folgen oder auch
eine zeitlich kontinuierlich fortbestehen sehen, aufs neue
uns selbst als ein kontinuierlich Vielfaches.
Indem uns so in jeder Anschauung Kontinuierliches vor-
liegt, erscheint also die ganze Frage nach dem Ursprung des
Begriffes aufs einfachste erledigt. Haben wir doch erkannt,

*) Bei der Anschauung eines Körpers stelle ich ihn pri-


mär in recto vor. Ich kann ihn aber, indem ich dann primär
einen diesen Körper Vorstellenden vorstelle, auch noch in
obliquo vorstellen. Und so stelle ich ihn auch vor, wenn ich
eine Erinnerung an ein früheres .Erlebnis habe, welches
darin bestand, daß ich ihn wahrnehmend vorstellte. Daß ich
in solcher Weise, während ich in recto einen Ort mit Blau
erfüllt vorstelle, denselben Ort zugleich in obliquo mit Rot
erfüllt vorstellen könne, soll in dem, was ich im Texte sagte,
nicht geleugnet werden. Auch scheint es, als ob ich zugleich
denselben Ort in obliquo in mehrfacher Weise mit Farben-
qualitäten erfüllt zu denken vermöge, wie ich denn auch,
wenn ich etwas urteile, mehr als einen andern in verschiedent-
lich davon abweichender Weise über dieselbe Frage urtei-
lend zu denken vermag. 6)
I. Vom Kontinuierlichen 11

daß derselbe nicht durch einen verwickelten Kombinations-


prozeß, sondern durch einfache Abstraktion unmittelbar
aus den Anschauungen geschöpft wird.
6. Doch gegen das, was ich hier sagte, werden von acht-
barer Seite Einwendungen erhoben, die wir nicht unberück-
sichtigt lassen dürfen. Man sagt, daß es nach allgemeinem
Zugeständnis zur Natur des Kontinuierlichen gehöre, daß
es ins Unendliche in Gedanken weiter und weiter teilbar sei.
Nun sei es sicher, und wir selbst hätten es zuvor zugestan-
den, daß wir sinnlich Teilchen, die eine gewisse Größe nicht
erreichen, nicht mehr zu unterscheiden vermöchten. Nur in
Gedanken sollen wir also noch weiter halbieren und in
beliebig anderer Weise Teilungen vornehmen können. Aber
wer garantiert uns dafür, daß wir, bei solchem Denken ganz
ins Transzendente gehend, nicht in lauter Chimären uns ver-
lieren? Nur soweit wir sinnlich unterscheiden können, leistet
uns die Erfahrung Bürgschaft. Über das hinaus scheint sie
uns gänzlich zu fehlen. Unseren Denkapperzeptionen mag
phänomenal gar nichts mehr entsprechen und so die Teil-
barkeit keine wahre, sondern eine rein fiktive sein.
Ferner haben wir früher gesagt, für den Begriff des Kon-
tinuierlichen wesentlich sei der Begriff der Grenze und die
Möglichkeit der Koinzidenz von Grenzen. Gerade daß von
einer solchen Grenze und Koinzidenz von Grenzen bei dem,
wozu die oben besprochenen Kombinationsversuche ge-
langten, nichts zu finden war, sollte als Beweis für ihr
gänzliches Mißlingen gelten. Wenn nun aber dies, so muß
verlangt werden, daß der V ersuch, den Ursprung des Be-
griffes des Koqtinuierlichen durch Abstraktion von an-
schaulich Gegebenem zu erklären, nicht dem gleichen Man-
gel unterliege. Und doch scheint dies augenfällig, denn wenn
zugestanden wird, daß Teile von einer gewissen Kleinheit
nicht mehr merklich sind, so ist in diesem Zugeständnis
beschlossen, daß Punkte und ebenso andere Grenzen, die ja
alle nach gewissen Richtungen hin jeder Größe entbehren-
wie z. B. eine Linie keinerlei Breite haben soll - am allerwe-
nigsten in der Anschauung unterscheidbar sein können.
Somit scheint denn auch aus der Anschauung nicht ersehen
werden zu können, daß überhaupt in dem Angeschauten
12 1. Teil: Das Kontinuum

Grenzen und eine Koinzidenz von Grenzen vorkommen.


7. Die Einwände, die man hier macht, haben zunächst
etwas sehr Scheinbares, doch findet man das Mittel zu ihrer
Widerlegung, wenn man die Eigentümlichkeiten, welche
unserem Bemerken erfahrungsgemäß zukommen, genau
erforscht und in Rechnung zieht. Wenn wir uns ein Schach-
brett denken, bei welchem rote mit blauen Feldern wech-
seln, so haben wir etwas, worin die einzelnen roten und
blauen Quadrate sich deutlich in ihrem Nebeneinander
unterscheiden lassen, und ähnliches ist auch noch der Fall,
wenn wir jedes der vier Quadrate in vier kleinere, ebenso
zwischen den beiden Farben ·wechselnde geteilt denken.
Würden wir aber noch weiter mit solchen Verteilungen
fortschreiten, bis die Grenze der Merklichkeit für die einzel-
nen kleinen Quadrate überschritten wäre, so würde es nicht
mehr möglich sein, die einzelnen roten und blauen Felder
in ihrer besonderen Position zu erkennen. Würde man aber
dann gar nichts mehr sehen? Keineswegs, ja man würde das
Ganze des Schachbrettes als violett, d. h. als etwas erkennen,
was zugleich am Rot und am Blau partizipierte, natürlich
aber nicht an den im strengsten Sinne des Wortes gleichen
Stellen, da ja Rot und Blau, als entgegengesetzt, einander
ausschließen. Und so würde man denn zwar sagen können,
daß sowohl rote als blaue Stellen sich darin vorfänden, aber
über diese allgemeinere Bestimmung nicht so weit hinaus-
gehen können, daß man bis in die kleinsten Einzelheiten
hinein bestimmte, ob dieser Punkt zu den roten oder zu den
blauen gehöre. Wir sehen also, die Beschränkung unseres
Unterscheidungsvermögens, die hier unleugbar gegeben ist,
beraubt uns nicht der Möglichkeit, mit aller Sicherheit es
auszusprechen, daß die uns vorliegende Fläche stellenweise
rot und stellenweise blau sei.
Ganz Analoges gilt nun auch in unserem Falle. Gewiß
können wir in dem Kontinuum, welches sich uns darstellt,
die einzelnen Punkte und Grenzen nicht unterscheiden, wie
wir dort die einzelnen roten Stellen nicht unterscheiden
konnten, und doch behindert uns das nicht, mit aller Sicher-
heit zu erkennen, daß in dem Ganzen Grenzen und Koinzi-
denzen von Grenzen in Unzahl vorhanden sind. Der allge-
I. Vom Kontinuierlichen 13

meine Charakter des Kontinuierlichen wie dort der Charak-


ter von etwas, was am Rot und Blau partizipiert und darum
rötlich und bläulich zu nennen ist, bleibt vollkommen gesi-
chert. Auch der Hinweis auf die Intensitätsunterschiede bei
Sinneserscheinungen, wie sie z. B. bei Laut und Leise und
bei starkem und schwachem Geruch sich zeigen, könnte zur
Illustration dieser Gesetze der Merklichkeit angezogen wer-
den. Denn untersucht man genau, wie diese Intensitätsunter-
schiede zu begreifen sind, so findet man, daß es sich hier
sozusagen um eine Dichtigkeit der Erscheinungen im Sin-
nesfelde handelt, welches in unmerklich kleinen Teilen
erfüllt und leer, den durch das Leere gegebenen Mangel
nur im Ganzen als Schwächung der Erscheinung offenbar
werden läßt. Der Umstand, daß keine Lücke im einzelnen
zu unterscheiden ist, läßt hier nicht ebenso wie im einzelnen
auch im allgemeinen an dem Vorhandensein von Lücken
zweifeln. 6 )
8. Nachdem so der Ursprung des Begriffes des Konti-
nuierlichen erkannt ist, vermögen wir auf das leichteste ihn
uns klar und deutlich zu machen. Wir haben wie bei anderen
Begriffen, die nicht durch Kombination verschiedener
Merkmale, sondern durch Abstraktion aus einer einheitli-
chen Anschauung gewonnen werden, wie z. B. dem Begriff
des Farbigen, nur verschiedene Anschauungen, welche ihn
gemeinsam enthalten, vorzuführen und vielleicht, um noch
mehr auf den springenden Punkt aufmerksam zu machen,
andere ihnen gegenüberzustellen, wo das Merkmal ent-
weder gänzlich fehlt oder wenigstens nur in merklich ande-
rer Weise gegeben ist. Ich habe Grund, das letztere hinzu-
zufügen, weil ja, was den Begriff des Kontinuierlichen be-
trifft, wie ich schon sagte, keine Anschauung ganz von ihm
frei ist.
9. Dies führt uns naturgemäß zu der Frage nach den ver-
schiedenen Gesichtspunkten, unter welchen ein Kontinuier-
liches vom andern verschieden und eine Einteilung in Klas-
sen vorzunehmen sei.
10. a) Ein solcher Gesichtspunkt, undzwar ein jedermann
bekannter, ist der nach der Zahl der Dimensionen. Wir
unterscheiden eindimensionale, zweidimensionale, dreidi-
14 1. Teil: Das Kontinuum

mensionale, und in neuester Zeit gibt man zu, daß auch die
Annahme von mehr als dreidimensionalen Kontinuis kei-
neswegs eine unmögliche ist. Als eindimensional ist ein
Kontinuum zu bezeichnen, wenn es keine anderen als solche
Grenzen hat, die nicht selbst Kontinua sind. So ist z. B. eine
Zeit ein Kontinuum von einer Dimension, weil seine Gren-
zen so wie auch die Grenzen ihrer Teile selbst keine zeitliche
Ausdehnung besitzen. Wir nennen sie Zeitmomente oder
Zeitpunkte. Auch die räumliche Linie hat keine anderen als
unausgedehnte Grenzen, nämlich die räumlichen Punkte,
und Euklides hat darum den Punkt als dasjenige, was keine
Teile habe, definiert. Die Fläche dagegen gehört zu den
zweidimensionalen Kontinuis, da zu ihren Grenzen nicht
bloß Punkte, sondern auch Linien gehören. Und ein Körper
ist als dreidimensional zu bezeichnen, weil sowohl der ganze
Körper von einer Fläche begrenzt als auch jeder seiner
Teile vom anderen durch eine Fläche geschieden ist, die
eine zweidimensionale Grenze ist.
11. b) Dies führt uns sogleich zu einem zweiten Gesichts-
punkt für die Einteilung von Kontinuierlichem, nämlich
dem, wonach sich das Kontinuierliche in solches scheidet,
was nur als Grenze eines andern Kontinuierlichen besteht,
oder solches, was keinem andern als Grenze zugehört. Die
Linie und die Fläche liefern für das erste bekannte Beispiele.
Eine Zeit kann für die zweite Klasse als Beispiel dienen, und
auch ein Körper mag als zu dieser Klasse gehörig betrachtet
werden, obwohl, wie wir später sehen werden, einiges mit
Schein dagegen geltend gemacht werden kann. 7)
Ist ein Kontinuierliches eine bloße Grenze, so kann es nie
ohne Zusammenhang mit anderen Grenzen und ohne Zuge-
hörigkeit zu einem Kontinuierlichen von größerer Zahl
von Dimensionen bestehen, wie dies ja von allen Grenzen,
auch von solchen, die keinerlei Dimensionen besitzen, wie
den räumlichen Punkten und den Zeitmomenten und Bewe-
gungsmomenten, gesagt werden muß, daß eine Loslösung
von jedem Kontinuierlichen für sie schlechterdings unmög-
lich ist. Und das läßt recht klar die Verkehrtheit des oben
erwähnten Konstruktionsversuches des Begriffs des Konti-
nuierlichen durch Einschaltung von Zahlenbrüchen erken-
I. Vom Kontinuierlichen 15

nen, wo jeder Bruch ohne Zugehörigkeit zu einer Reihe von


Brüchen Bestand haben könnte.
Die Grenzen, und unter ihnen auch die kontinuierlichen,
unterscheiden sich aber als innere und äußere, wie denn z. B.
der Mittelpunkt einer Kugel eine innere, ein Punkt ihrer
Oberfläche eine äußere Grenze der Kugel ist und dasselbe
auch von dem obersten Punkt eines Conus gilt. Und so ist
auch jede Fläche, welche die Kugel in zwei Hälften scheidet,
eine innere, die Kugeloberfläche dagegen eine äußere
Grenze. Dieser Unterschied ist die Folge davon, daß für
eine Grenze zwar die Zugehörigkeit zu einem Kontinuier-
lichen, dessen Grenze sie ist, und ein Zusammenhang mit
anderen Grenzen dieses Kontinuierlichen zum Bestand ge-
fordert ist, daß es aber gleichwohl geschehen kann, daß der
Zusammenhang nach einer oder mehreren Seiten hin fehlen
kann. Es genügt, daß er nach den anderen nicht mangelt.
So gibt es für das Leben einen Anfangspunkt und einen
Endpunkt, deren erster nur als früherer mit späteren und
deren letzter nur als späterer mit früheren Momenten des
Lebens zusammenhängt, während bei den zwischen beiden
liegenden Momenten ein solcher Zusammenhang in beiden
Richtungen gegeben ist. Man kann ganz richtig sagen, daß
die inneren Lebensmomente sowohl als Endgrenze als
auch als Anfangsgrenze eines Tdles des Lebens existieren,
daß aber der erste Moment des Lebens nicht als Endgrenze,
sondern nur als Anfangsgrenze eines Teiles des Lebens sei,
und der letzte Moment des Lebens nur als Endgrenze eines
Lebensteiles sei, als Anfangspunkt eines Lebensteiles aber
nicht sei. Wir bezeichnen diesen Unterschied als den eines
Mehr und Minder der Pierose der Grenze und sagen von
dem Anfangspunkt und Endpunkt des Lebens, welche beide
eine mindere Pierose als die inneren Lebensmomente haben,
sie seien Grenzen nach verschiedenen und entgegengesetz-
ten Seiten hin. B)
In anderen Fällen ergibt sich für Grenzen, die punktuell
sind, eine noch mannigfaltigere Verschiedenheit hinsichtlich
der Seiten und des Maßes ihrer Plerose. Denken wir uns den
Mittelpunkt einer blauen Kreisfläche, so erscheint derselbe
als Grenze unzähliger gerader und krummer blauer Linien
16 1. Teil: Das Kontinuum

und beliebig vieler blauer Sektoren, in welche die Kreis-


fläche geteilt gedacht werden kann. Wenn aber die Kreis-
fläche aus 4 Quadranten besteht, von welchen der eine weiß,
der andere blau, der dritte rot, der vierte gelb ist, so sehen
wir den Mittelpunkt des Kreises in gewisser Weise in eine
Vierheit von Punkten zerlegt, denn insofern er die Spitze
des blauen Quadranten bildet, kommt ihm ein Viertel der
Pierose zu, die ihm als blauen Punkt zukam, da er Mittel-
punkt einer durchaus blauen Kreisfläche war, und er koin-
zidiert jetzt mit einem einer roten, einem einer gelben und
einem einer weißen Fläche zugehörigen Punkte, von wel-
chen jeder das gleiche Maß von Plerose, aber eine anderssei-
tige Pierose besitzt. Betrachten wir eine Grenzlinie des
blauen Quadranten, z.B. die gegen Weiß hin, so hat auch
sie eine geringere Pierose als eine gerade Linie, welche einen
Teil des blauen Sektors von dem andern Teil scheidet. Und
wenn wir von einer Linie reden, welche den Diameter einer
Kugel bildet, so werden wir auch von ihr in dem Falle, wo
das Ganze der Kugel von Gold ist, im Vergleich mit dem
Falle, wo die Kugel aus vier kongruenten Teilen besteht,
deren einer von Gold, der andere von Silber, der dritte von
Kupfer, der vierte von Zinn ist, die, einer dem andern
koinzidierend, sich in dem Diameter berühren, sagen, es
gelte hinsichtlich der Pierose des Diameters, soweit er
Grenze des Goldkörpers und selbst golden sei, ganz
Analoges wie hinsichtlich des Punktes der blauen Fläche,
je nachdem er ein innerer Punkt der blauen Kreisfläche oder
der äußerste Punkt an der Spitze des blauen Quadranten
war. 9)
Weil eine Grenze, auch wenn sie ein Kontinuierliches ist,
doch nie ohne Zugehörigkeit zu etwas Kontinuierlichem
von mehr Dimensionen bestehen kann, ja durch die Weise
dieser Zugehörigkeit erst ihren völlig bestimmten und
genau spezifizierten Charakter empfängt, ist sie, für sich
gedacht, nichts als ein Universale, dem, wie anderen Univer-
salien, mehreres entsprechen könnte. Und der Satz der
Geometer, daß zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie
denkbar sei, ist streng genommen falsch, wenn man sie als
Linien von unvollständiger Pierose faßt, deren Pierose nach
I. Vom Kontinuierlichen 17

verschiedenen Seiten geht, während sie doch miteinander


koinzidieren.lO)
Frage, ob bei der Rotation einer Kugel die Achse unbe-
wegt bleibt. Antwort: sie dreht sich, da sie der nach einer
Seite gehenden Pierose nach, später nach einer anderen Seite
gerichtet ist, bis sie schließlich in die erste Lage zurückkehrt.
So auch der Mittelpunkt einer drehenden Scheibe. 11)
12. c) Dies führt uns sofort zu einem dritten wichtigen
Gesichtspunkt der Einteilung des Kontinuierlichen. Wenn
wir eben sagten, daß ein Kontinuierliches, das Grenze ist,
nur in Zugehörigkeit zu einem Kontinuierlichen von grö-
ßerer Zahl von Dimensionen und in Zusammenhang mit
anderen seiner Grenzen bestehen könne, weil die Grenzen
überhaupt zu ihrem Bestand eine solche Zugehörigkeit und
einen solchen Zusammenhang forderten, so könnte einer
einwenden, daß es ja doch auch Grenzen gebe, welche exi-
stieren, während das von ihnen begrenzte Kontinuierliche
nicht bestehe, und hier könne denn doch von einer Zuge-
hörigkeit und einem Zusammenhang nicht gesprochen
werden, da ja nichts, wozu es gehören würde und was mit
ihm verbunden wäre, Existenz habe.
Der Einwand berührt die Eigentümlichkeit jener Klasse
des Kontinuierlichen, welche als die des chronisch Konti-
nuierlichen bezeichnet werden kann, und der eine andere,
die wir als die des topisch Kontinuierlichen bezeichnen
mögen, gegenübersteht. Von der ersten bildet jedes zeitlich
verlaufende Kontinuierliche, von der zweiten jedes in allen
seinen Teilen zugleich Bestehende, wie z. B. eine uns vor-
liegende Linie oder Fläche oder dreidimensionale Ausdeh-
nung, ein Beispiel. Die chronisch Kontinuierlichen sind
solche, welche nur einer ihrer Grenzen nach bestehen, und
das gibt zu dem eben erhobenen Einwand den Anlaß. Allein
er übersieht Wesentliches: wenn bei einem verlaufenden
Kontinuierlichen nur eine seiner Grenzen ist, während von
jeder andern gesagt werden muß, daß sie nicht sei, so sind
diese letzteren nur eben in dieser, nicht in jeder anderen
Weise zu leugnen. Den einen kommt eine geschichtliche,
den anderen eine nach entgegengesetzter Seite von der
Gegenwart entfernte Tatsächlichkeit zu. Auch wer sagt,
18 1. Teil: Das Kontinuum

etwas sei vor einem Jahre gewesen, erkennt es in gewisser


Weise an, nicht mit dem modus praesens, wohl aber mit
einem modus praeteritus oder futurus, und diese Modi der
Anerkennung stellen sich in ihrer Gesamtheit als etwas
Kontinuierliches dar, dem der Modus der Anerkennung als
gegenwärtig als einer seiner Grenzen angehört, und so ist es
ohne Widerspruch möglich, von dem kontinuierlich Ver-
laufenden zu sagen, daß es nur einer seiner Grenzen nach sei
und daß doch für die Grenze, nach der es ist, der Zusam-
menhang mit den übrigen Grenzen nicht fehle.
Von allen chronisch Kontinuierlichen ist die Zeit selbst
in ihrem Begriff hauptsächlich der Verdeutlichung bedürftig.
Die mannigfachsten Auffassungen bekämpften und be-
kämpfen sich noch heute, und vielleicht ist es keinem der
früheren Philosophen gelungen, eine völlig genügende und
die Frage erschöpfende Antwort zu geben.
Die alte Mythologie hat die Zeit, den Kronos, zu einem
Gott gemacht. Demgegenüber hoben andere hervor, daß
der Zeit als solcher gar kein wirkender Einfluß zukomme.
Manche und viele sagten, daß die Zeit vergehe, andere woll-
ten im Gegenteil, daß die Zeit selbst wechsellos bestehe und
nur die zeitlichen Dinge in ihrem Verlaufe sich durch sie
hindurchbewegten. Unter den neueren Philosophen schei-
nen Kant und Schopenhauer in solchem Gegensatz zu
stehen. Manche erklärten die Zeit für etwas Absolutes,
andere für nichts als die Gesamtheit der Relationen der
Dinge in bezug auf ihr Vor und Nach. Manche wollten in
der Zeit ein individuell Einheitliches erblicken, während
andere die Zeiten mit der Zahl des zeitlich Verlaufenden
vervielfältigten, wie z. B. Descartes, wenn er die Zeit mit
der Dauer identifizierte. Was zusammen besteht, besteht
nach diesen zu gleicher Zeit, nicht aber streng genommen
zu einer Zeit. Manche wollten die Zeit als eine völlig gleich-
mäßig verlaufende Veränderung fassen, welche das Maß für
alle anderen Veränderungen in bezug auf ihr Vor und Nach
und ihre wechselnde Geschwindigkeit sowie auch für die
Länge eines Stillstandes abgebe. Aristoteles meinte in die-
sem Sinne, die Rotation, die er der Sphäre des Fixstern-
himmels zuschrieb, insofern sie das Maß für Früher und
I. Vom Kontinuierlichen 19

Später abgebe, als die Zeit bezeichnen zu können, womit,


wenn man es einigermaßen erwägt, sein Ausspruch, wenn
die Seele nicht wäre, würde die Zeit nicht sein,12) nicht im
Widerspruch steht. Leibniz, der an diese ewige, gleichmä-
ßige Rotation nicht mehr glaubte, trug doch auch seiner-
seits dem Gedanken an die Zeit als einer gleichmäßig fort-
schreitenden Veränderung, welche als Maß für alle anderen
dienen könne, Rechnung, und da er unter dem Wirklichen
eine solche gleichmäßige Veränderung nicht vorhanden
glaubte, so sprach er in diesem Sinne der Zeit die wirkliche
Existenz ab und ließ sie nur in unserem Geiste als einen von
ihm gebildeten idealen Maßstab bestehen. Auch Augustinus
wollte in der Zeit ein Maß erkennen, dessen wir uns als
Kriterium für das Nacheinander des Geschehenden bedie-
nen. Dieses Kriterium sollte in letzter Instanz in dem Ge-
dächtnis gefunden werden, in welchem das, was nicht mehr
in Wirklichkeit sei, als gedacht noch fortbestehe und,
obwohl es als Nacheinander gedacht werde, doch zugleich
gedacht werde. So komme ihm dann als Gedachtem eine
Ausdehnung zu, während es sie in Wirklichkeit, da ja Ver-
gangenheit und Zukunft nicht in Wirklichkeit seien, die
Gegenwart aber keine Ausdehnung habe, nicht besitze.
Hinsichtlich der Frage, ob die Zeit ein individuell einheitli-
ches Kontinuierliches sei, müssen wir Augustinus zu denen
zählen, die dies verneinen. Einmal weil jeder andere sein
anderes, besonderes Gedächtnis hat, und dann, weil Augu-
stinus sagt, das Jahrhundert setze sich aus den Leben, die in
ihm verliefen, zusammen. Man könnte sagen, daß er dazu
neige, wie Descartes Zeit und Dauer zu identifizieren, doch
mit dem Zusatz, daß nach ihm diese Dauer, genau besehen,
nur im Gedächtnis und in der Erwartung von dem, dessen
Kenntnis sich auf das Geschehene und Kommende erstreckt,
Bestand hat. Wodurch, wenn sie zusammen bestehen,
Früheres und Späteres als solche charakterisiert sind, be-
rührt, so wichtig gerade dieser Punkt wäre, Augustinus mit
keinem Worte. Andere aber hielten, gewiß sehr mit Unrecht,
einen Intensitätsunterschied für das dafür Unterscheidende.
Wieder andere waren der Meinung, daß es wie für Punkte,
die auseinander im Gesichtsfelde bestehen, absolute lokale
20 1. Teil: Das Kontinuum

Differenzen, für die sozusagen in einem Zeitanschauungs-


felde als auseinander und so als nacheinander geschauten
Zeitpunkte absolute temporale Differenzen gebe. Und sie
zerfallen dabei in zwei Parteien, indem die einen der Ansicht
sind, daß, wie unser Sehfeld immer dieselben lokalen Be-
stimmtheiten zeige, auch unser zeitliches Anschauungsfeld
dies tue, weshalb denn auch das Gegenwartsmoment, wel-
ches eine der abschließenden Grenzen sei, von dem aus
unser Zeitanschauungsfeld sich eigentlich nur nach der
Vergangenheit hin erstrecke, immer als das gleiche er-
scheine;13) die anderen dagegen lehren, daß die temporalen
Differenzen sowohl für die Gegenwart als für die von ihr
abliegenden Zeitpunkte stetig wechselten, und daß es sich
daraus erkläre, warum, wenn uns frühere Erlebnisse in der
Erinnerung auftauchen, die einen als näher vergangen, die
anderen als ferner und sehr, sehr fern vergangen sich be-
merklich machten. Die Modifikation der temporalen Dif-
ferenzen für die Gegenwart erfolgt nach ihnen offenbar
immer in einem und demselben Sinne, so daß sie wie bei
einer Verschiebung in gerader Richtung stets wachsen und
allmählich außerordentlich bedeutend werden. Diese letzte
Ansicht haben wir Mach zuzuschreiben, während die erste
unter anderen von Marty bevorzugt worden ist. Beiden
steht gleichmäßig die Lehre von Aristoteles entgegen, wel-
cher, indem er die örtliche Bewegung als die erste zeitlich
verlaufende Kontinuität erachtete und dieselbe in jeder
anderen kontinuierlichen Veränderung mitbeschlossen
dachte, im Falle einfacher Fortdauer offenbar gar keinen
Wechsel als Objekt gegeben glaubt. Auch andere, z.B.
Leibniz, denken so wie er, daß etwas in jeder Beziehung sich
wechsellos erhalten könne und wohl auch ganz, wie es war,
sich erneuern könne, und somit die Vorstellung einer Fort-
dauer gar keine sukzessive Änderung des Objekts aufweise.
Suarez lehrte daraufhin, daß dem, was sich unverändert
erhalte, während anderes einem Wechsel unterliege, gar
keine innere Länge der Dauer, sondern nur eine äußere
zukomme. Man dürfe darum nur sagen, daß während der
Dauer ein bald größerer, bald kleinerer Teil einer gleich-
mäßigen Bewegung verlaufen sei. (Eine Lehre, die freilich
I. Vom Kontinuierlichen 21

eine der erstaunlichsten scholastischen Unterscheidungen


zum besten gibt.)
Immerhin enthalten die anderen ebenso Unhaltbares, was
aber nicht hindert, daß in jeder ein gewisser Hinweis auf die
richtige Lehre liegt, die alledem, was zu einer so großen
Meinungsverschiedenheit führte, gerecht werden muß und
die Motive für dieses so mannigfache Auseinandergehen der
Meinungen als vorbereitende Aporien benutzen kann.
13. Wenn wir fragen, was das topisch Kontinuierliche von
dem chronisch Kontinuierlichen gemeinsam scheide, so ist
es vor allem das, was wir schon hervorgehoben haben,
nämlich daß ein topisch Kontinuierliches, wenn es ist, als
Ganzes ist. So eine Linie, eine Fläche, ein Körper. In diesen
Fällen haben wir es mit einem räumlichen Nebeneinander
von Teilen zu tun. Doch greift das Bereich des topisch
Kontinuierlichen weiter und es gehören nicht bloß auch
Topoide von 4 oder mehr Dimensionen, 14) wie die Geome-
ter sie für denkbar erklären, und deren kontinuierliche
Grenzen, obwohl sie nicht eigentlich räumlich zu nennen
sind, dazu, sondern auch noch manches andere kontinuier-
liche Aneinander, wie z.B., wenn wir ein Bild schauen, den
Teilen des Bildes entsprechend auch unser Schauen Teile
unterscheiden läßt und da dies ebenso ins Unendliche geht,
auch unser Sehen als ein kontinuierliches und offenbar als
ein solches sich darstellt, welches allen seinen Teilen nach
zugleich existiert. Noch mehr, auch wenn wir eine Dauer
oder einen zeitlichen Wechsel uns vorstellen, entspricht
jedem Teile des Vorgestellten ein Teil des Vorstellens und,
obwohl wir die Teile als nacheinander vorstellen, so stellen
wir doch dieses Nacheinander zugleich vor, und so setzt
sich denn auch hier das Vorstellen aus zugleich bestehenden
Teilen zusammen und bildet ein Kontinuierliches, das wir
nicht zu den chronischen, sondern zu den topischen zu zäh-
len haben.
Die chronisch Kontinuierlichen sind im Gegensatz dazu
nie anders als einer bloßen Grenze nach, obwohl nach dem
früher Gesagten auch bei ihnen daran festgehalten werden
muß, daß die Grenze, nach der allein es ist, von dem Konti-
nuierlichen nicht isoliert besteht. Und dies wird dadurch
22 1. Teil: Das Kontinuum

erreicht, daß das Kontinuierliche auch jeder anderen Grenze


nach anzuerkennen ist, aber mit einem kontinuierlich vari-
ierenden Modus der Anerkennung, welcher sich nach zwei
entgegengesetzten Seiten weiter und weiter von dem Modus,
mit welchem die bestehende Grenze anzuerkennen ist, ent-
fernt. Die eine Seite ist die der Vergangenheit, die andere die
der Zukunft, die sich in der Gegenwart berühren.
Daß dem Geschichtlichen und dem, was da kommen wird,
eine gewisse Tatsächlichkeit zukomme, ist allgemein zuge-
standen. Ebenso aber auch, daß dieselbe von der, welche
wir dem Gegenwärtigen zuschreiben, zu unterscheiden ist.
Manche15) wollten dagegen allem Geschichtlichen samt
allem, was kommen wird, weil ihm das gemein ist, daß es
nicht ist, eine und dieselbe Weise der Tatsächlichkeit, die
der des Gegenwärtigen gegenüber als die geringere erschei-
ne, zuschreiben. Sie haben nicht bedacht, daß in solchem
Falle die Gegenwart als eine Grenze erscheine, die sich ohne
jeden Zusammenhang mit anderen und ohne Zugehörigkeit
zu einem Kontinuierlichen darstellen würde. Deswegen,
weil den krummen Linien sämtlich das gemein ist, daß sie
nicht gerade sind, sind sie doch nicht alle gleich gekrümmt,
ja eine mag von der anderen ganz ebenso wie diese von der
Geraden abweichen und in der Ebene die Abweichung
nach der entgegengesetzten Seite stattfinden. Und so ist es
denn offenbar auch bezüglich der Anerkennungsmodi, wel-
che etwas als nicht gegenwärtig anerkennen.
Es bleibt aber in bezug auf diese kontinuierlich verschie-
denen Anerkennungsmodi noch zu untersuchen, ob diesel-
ben, ähnlich wie der Gegensatz von Bejahung und V ernei-
nung, nur dem Urteil zukommen oder ob sie sich vielleicht
auch schon auf dem Gebiete des Vorstellens finden, indem
dann das Urteil, wie es auf dem Vorstellen beruht, ebenfalls
an diesen Unterschieden teilhat, wie ja auch die Differenzen,
welche Urteile, insofern sie sich auf verschiedene Objekte
beziehen, unterscheiden, auf dem Gebiete des V orstellens
schon ebenso vorhanden sind. Und da ist es denn unschwer
festzustellen, daß auch schon das Gebiet des V orstellens den
Unterschied solcher temporalen Modi zeigt, würden wir
doch sonst eine Bewegung nicht vorzustellen imstande sein.
I. Vom Kontinuierlichen 23

Und als eine Bestätigung mag es dienen, daß ein Unterschied


der Temporalmodi sich auch auf dem Gebiete des Gemütes,
dessen Beziehungen sich als dritte Grundklasse denen des
Vorstellens und Urteilens anreihen, zeigt, und zwar auch bei
solchen, welche mit keiner Urteilsbeziehung sich komplizie-
ren. So kann man wünschen, daß etwas geschehen sei, daß
es jetzt geschehe, oder daß es geschehen werde, ohne sich
im geringsten ein Urteil darüber zu bilden, ob der Wunsch
zu denen gehöre, welche der Erfüllung entbehren oder
nicht. 16)
Wenn nun aber der eben angegebene Zug für das chro-
nisch Kontinuierliche gegenüber dem topisch Kontinuier-
lichen einen vor allen charakteristischen Unterschied bildet
und von ihm gesagt werden muß, daß er nicht ein solcher
der Objekte des Vorstellens, sondern einer der Modi des
Vorstellens sei, welche ebenso zu dem V orstellungsinhalt17)
beitragen, so ist es doch offenbar, daß vielfach das chronisch
Kontinuierliche auch eine kontinuierliche Variation, die das
Objekt betrifft, uns zeigt. So z. B. bei der örtlichen Bewe-
gung. Die Orte, die ein bewegter Punkt sukzessiv einnimmt,
sind ebenso verschieden wie die, welche in einer Linie zu-
sammenbestehen, und nur außerdem noch mit anderem und
anderem temporalen Modus vorgestellt und anerkannt. Nur
da, wo etwas einfach als fortdauernd vorgestellt wird,
scheint es, als ob ein solcher zweiter Unterschied, der sich
als Unterschied des Objekts darstellte, fehle, und eben dies
scheint den Gegensatz zwischen Gleichbleiben und Sich-Ver-
ändern zu bilden. Er scheint auch, nachdem wir durch den
Hinweis auf den Unterschied der Temporalmodi genugsam
gezeigt haben, wie es zu einer chronischen Kontinuität
kommen kann, für unsere Vorstellung nicht mehr gefordert,
und der Umstand, daß sowohl die Laien als der bei weitem
größte Teil der Philosophen nicht an ihn glauben, scheint
der Ansicht, daß er wirklich in unserer Vorstellung nicht
vorhanden sei, zur Bestätigung zu dienen. Und dazu kommt
noch, daß diejenigen, welche einen solchen Unterschied der
Objekte auch im Falle des Fortbestandes in der Vorstellung
zu finden glaubten, durchwegs solche sind, welche den von
uns nachgewiesenen Unterschied der Vorstellungs- und An-
24 1. Teil: Das Kontinuum

erkennungsmodi bei dem chronisch Kontinuierlichen nicht


erkannt haben, weshalb für sie das Bedürfnis, irgend eine
Variation anzunehmen, unabweislich und nur durch die
Lehre von einer Variation dem Objekte nach zu befriedigen
schien. Da war denn die Versuchung, ein solches aller Er-
fahrung zum Trotz anzunehmen, in hohem Grade gegeben.
Auch spricht das gegen sie, daß sie, wie wir sahen, sich hin-
sichtlich der Objektsdifferenzen, die sie lehren, nicht zu
einigen vermögen. Ihr Gegensatz geht so weit, daß nach den
einen die Differenz, die das Objekt, das gegenwärtig ist, vor
denen, die vergangen sind, auszeichnet, allzeit die gleiche
sein soll, während nach den anderen die Eigentümlichkeit
des gegenwärtigen Objekts als solchen stetig wechseln und
im Lauf der Zeit die beträchtlichsten Differenzen aufweisen
würde. Und sieht man näher zu, so führt die eine wie die
andere Annahme zu Widersprüchen gegen die Erfahrung
oder zu noch größeren Ungereimtheiten. Nach denen, welche
an einen Wechsel der Differenz des Gegenwärtigen glauben,
müßte, wenn einer erwacht, sich ihm infolge des temporalen
Abstands der Unterschied, der das Gegenwärtige von dem
V ergangenen scheidet, als ein sehr beträchtlicher fühlbar
machen, und über die Länge des Schlafes könnte keine so
volle Unsicherheit bestehen, und noch weniger wäre es
möglich, daß in Fällen des sog. doppelten Bewußtseins bei
der Wiederkeht einer sog. normalen Periode die Anknüp-
fung an einen weitabliegenden Zeitmoment unbehindert
erfolgte. Die andere Ansicht aber, welche die temporale
Eigentümlichkeit aller gegenwärtigen Objekte für alle Zeit
gleich erscheinend denkt, muß sofort zugestehen, daß sie
dem, was von zeitlicher Eigentümlichkeit in Wahrheit den
bestehenden Dingen eignet, nicht immer entspreche und
aller Wahrscheinlichkeit nach durch einen enormen Abstand
sich davon unterscheide. Von diesem Abstand, eben weil er
ein beliebig großer sein könnte, wäre es aber ohne eine be-
sondere Künstlichkeit nicht anzunehmen, daß er bei allen
unseren Sinnen der gleiche sei, und doch macht sich nicht
der geringste Unterschied zwischen ihnen bemerkbar. Und
wiederum gerät man in Verlegenheit, wenn man neben der
äußeren Wahrnehmung, die der Evidenz entbehrt, die innere,
I. Vom Kontinuierlichen 25

die keine Täuschung zuläßt, berücksichtigt. Wenn wir uns


beim Sehen auch als Sehende wahrnehmen und zwar als
gegenwärtig Sehende, so kann uns da nicht statt der dem
jetzt Bestehenden eigentümlichen temporalen Differenz der
Objekte eine andere, fernabliegende vorgetäuscht werden.
Aber ebensowenig wie einer der Sinne, mit dem andern ver-
glichen, so wenig zeigt die innere und äußere Wahrnehmung
hier auch nur die mindeste Differenz. So sind denn die Anhän-
ger dieser Meinung zu weiteren über kühnen, ja aller Erfah-
rung widersprechenden Behauptungen genötigt worden, ja so
weit gegangen, der begleitenden inneren Wahrnehmung
ganz den Charakter der Wahrnehmung als gegenwärtig ab-
zusprechen oder gar sie selbst ganz und gar zu leugnen. Die
Notwendigkeit solcher Leugnung von dem, was vor allem
als gesichert feststeht, beweist genugsam, wie verzweifelt
die Lage ist, in welcher die Vertreter dieser Theorie sich
finden. So dürfen wir denn es als gesichert erachten, daß ein
Temporalunterschied als Unterschied der Objekte nirgends
vorliegt. 18)
14. Man muß aber das, was ich hier sage, nicht mißver-
stehen. Wenn ich es als erwiesen erachte, daß da, wo wir
etwas als fortbestehend vorstellen, keine Objektsdifferenzen
in der Vorstellung auftreten, sondern nur durch kontinuier-
liche Variation des temporalen Vorstellungsmodus der
Inhalt kontinuierlich variiert, so soll damit nicht gesagt sein,
daß der wirkliche Fortbestand eines Dinges ohne alle Varia-
tion seiner Realität statthaben könne. Nicht jeder reale Un-
terschied muß in der Vorstellung hervortreten, da ja diese
oft, wenn nicht immer, universell ist. Von uns selbst haben
wir sogar niemals eine Kenntnis in bezug auf das, was unsere
Individualität von jeder andern unterscheidet. Alle unsere
Vorstellungen, Urteile und Gemütsbewegungen, wie wir
sie in uns wahrnehmen, könnte ein anderer genau so haben
und in sich wahrnehmen. Ein substantieller Unterschied
zwischen ihm und mir muß bestehen, aber keinem von uns
ist auch nur die ihn selbst individualisierende substantielle
Differenz offenbar. So könnte denn, um auf unsere Frage
zurückzublicken, es recht wohl sein, daß allen in einem
Zeitmoment bestehenden Dingen gegenüber allen, die in
26 1. Teil: Das Kontinuum

irgendwelchen früheren bestanden haben oder in irgend-


welchen späteren bestehen werden, eine gewisse reale spezi-
fische Bestimmung zukäme, die uns gänzlich transzendent
bliebe. Ja, wir können zuversichtlich behaupten, daß solches
nicht nur möglich, sondern wirklich und notwendig ist. 19)
Vor allem will ich dies für jenes Wesen nachweisen, bei
dem man es gemeiniglich am meisten für ausgeschlossen
hält, nämlich für das erste, unmittelbar notwendige Prinzip
aller Dinge, als welches man schon im Altertum ein göttli-
ches Wesen erkannt hat, allwissend und allbestimmend. Als
allwissend muß es alle Wahrheit, kann aber doch natürlich
nicht mehr als alle Wahrheit erkennen, und wenn darum in
bezug auf die Wahrheit ein Wechsel eintritt, so muß auch
in dem göttlichen Verstande eine Änderung vor sich gehen.
So aber ist es, wenn überhaupt etwas sich ändert. Es ist
dann, was früher nicht war, und wer alles weiß, muß jetzt
wissen, daß es ist, während er früher nicht dies, sondern, daß
es sein werde, vermöge seiner Allwissenheit erkannt haben
muß. Man achte genau auf das, was ich sage: es genügt zu
Gottes Allwissenheit nicht, daß er die ganze Aufeinander-
folge der Weltereignisse kenne, ohne zu wissen, bis zu wel-
chem Moment der Entwicklung die Dinge gelangt sind und
welche Ereignisse schon der Vergangenheit angehören,
während andere noch als zukünftige der Verwirklichung
harren. So müssen wir denn von dem göttlichen Verstande
annehmen, daß er alles, was geschieht, von Ewigkeit vor-
stellt und anerkennt, aber mit einem stetig gleichmäßig infi-
nitesimal wechselnden Modus der Vorstellung und Aner-
kennung. Und dasselbe müssen wir von ihm als wollendem
Wesen sagen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit ist seine Bevorzu-
gung durchaus entschieden, aber was er einst als zukünftig
gewollt hat, will er später als gegenwärtig und wird es später
als vergangen bevorzugen, und auch bei diesem Wandel
handelt es sich um etwas, was von Ewigkeit zu Ewigkeit
in kontinuierlich gleichmäßigem Verlaufe sich vollzieht.
Nun gibt es bei Gott keine Zusammensetzung von Substanz
und Akzidenzien und somit ist jeder kontinuierliche Wech-
sel in Denken und Wollen als ein kontinuierlicher substan-
tieller Wechsel zu fassen. So findet sich denn zunächst hin-
I. Vom Kontinuierlichen 27

sichtlich der Gottheit meine Behauptung, daß die Dinge,


wenn auch noch so sehr sich gleichbleibend, einem steten
zeitlichen realen Wechsel unterliegen, vermöge dessen sie
nie in einem späteren Augenblick ganz so bestehen, wie sie
in einem früheren gewesen, vollkommen bewährt.
Hiermit ist aber dasselbe zugleich für alle anderen Dinge
dargetan, so wahr sie nur bestehen können, indem sie von
dem göttlichen Prinzip erhalten werden. Denn offenbar
werden sie in jedem anderen Augenblick ihres Bestandes
von der Gottheit dem ihnen gleichzeitigen Momente des
göttlichen Lebens nach erhalten, und das muß ihnen einen
eigentümlichen Charakterzug aufprägen, der allen gleich-
zeitigen Geschöpfen gemeinsam sein muß. So kommt es
denn zu einem realen temporalen Wechsel auch bei allen
kreatürlichen Dingen, der ganz entsprechend dem Verlaufe
des Nacheinander in Gott verläuft. In bezug auf ihn wech-
seln alle Dinge ebenso infinitesimal und völlig gleichmäßig
wie die Gottheit selbst, wenn sie auch in anderer Beziehung
sehr ungleichmäßige Variationen zeigen oder auch zeitwei-
lig allen Wechsel vermissen lassen mögen, wie wenn ein
Stillstand eine örtliche Bewegung unterbricht. Auch dieses
Kontinuierliche oder vielmehr auch diese Kontinuierlichen
gehören zu der Klasse der chronisch Kontinuierlichen und
sind als die zeitliche Eigentümlichkeit eines jeden Dinges
oder auch als die eigentümliche Dauer eines jeden zu be-
zeichnen. 20)
Im Gegensatz zu Aristoteles und anderen großen Den-
kern der älteren Zeit hat schon Trendelenburg erkannt, daß
ein schlechthin wechselloses erstes Prinzip nicht einen Wech-
sel in dem dadurch Bedingten hervorbringen könnte. Das
meinte er, wenn er sagte, daß vielleicht Bewegung zur
Ruhe, nicht aber Ruhe zur Bewegung führen könne. Indem
er solchen Ausdruckes sich bediente, beachtete er aber nicht,
daß die Ruhe selbst nicht ohne einen gewissen Wechsel zu
denken ist. Wir sprechen von längerer und kürzerer Ruhe
und von einer Ruhe, die früher, und von einer Ruhe, die
später beginnt und endet. Ihr Länger und Kürzer verlangt
eine Mehrheit der Teile und ohne Differenzen kann es nach
dem principium indiscernibilium zu einer Mehrheit nicht
28 1. Teil: Das Kontinuum

kommen. Für den früheren oder späteren Beginn würde


aber auch ohne Annahme einer Differenz in der Ursache die
ratio sufficiens ganz fehlen. Was wir soeben bezüglich des
ersten, göttlichen Prinzips auseinandergesetzt, löst das hier
vorliegende Rätsel, und es scheint dieser theistische Ge-
danke die einzige Möglichkeit zu seiner Lösung zu bieten.
So viel möge hier hinsichtlich der Zeit und hinsichtlich
des chronisch Kontinuierlichen in seinem Unterschiede vom
topisch Kontinuierlichen genügen.
15. d) Wir kommen nun zu einem sehr wichtigen Ge-
sichtspunkt der Einteilung des Kontinuierlichen. Es ist der,
welcher sich auf Grund der Multiplizität des meisten, wenn
nicht alles Kontinuierlichen ergibt. Denken wir uns z. B.
eine farbige Fläche, so haben wir in ihrer Farbe etwas,
wovon der Geometer abstrahiert. Für ihn kommt nur die
stetig wechselnde Mannigfaltigkeit der örtlichen Differenzen
in Betracht. Aber mit der räumlichen Fläche als solcher
erscheint auch deren Farbe ausgedehnt, mag sie nun wie ein
gleichmäßig sie erfüllendes Rot keinerlei spezifische Farben-
differenzen zeigen oder mag sie in ihrer Färbung variieren
und vielleicht wie die Fläche eines Rechtecks, das auf der
einen Seite mit reinem Rot beginnt und auf der gegenüber-
liegenden mit reinem Blau endigt, in gleichmäßigem Wech-
sel der Farbendifferenzen durch alle Nuancen von Violett
zum reinen Blau übergehen. In beiden Fällen haben wir es
mit einem multiplen Kontinuum zu tun, und es erscheint
dabei das räumliche Kontinuum als solches als das primäre,
das Farbenkontinuum als das ·sekundäre.21) .Ähnlich läßt
sich im Falle einer Bewegung von Ort zu Ort oder auch einer
Ruhe ein Doppelkontinuum nachweisen, bei welchem ein
zeitliches Kontinuum als solches als das primäre, der zeitlich
konstante oder variierende Ort als das sekundäre Konti-
nuum erscheint. Auch wenn man vom mathematischen
Körper als solchem eine Grenze betrachtet, z. B. eine gerade
oder krumme Linie, ist eine doppelte Kontinuität zu unter-
scheiden. Die eine stellt sich in der Gesamtheit der in der
Linie gegebenen örtlichen Differenzen dar, welche bei gera-
der, gebrochener und gekrümmter Linie stets gleichmäßig
wachsend für die Länge der Linie maßgebend ist; die andere
I. Vom Kontinuierlichen 29

besteht in der entweder konstanten oder wechselnden und


vielleicht kontinuierlich und bald mehr, bald minder stark
variierenden Richtung der Linie. Konstant finden wir sie
bei der Geraden, wechselnd bei der gebrochenen und konti-
nuierlich variierend bei jeder mehr oder minder stark ge-
krümmten Linie. Das Richtungskontinuum ist hier dem
früher besprochenen Farbenkontinuum und dem örtlichen
Kontinuum bei der Ruhe oder Bewegung eines körperlichen
Punktes in der Zeit zu vergleichen. Es ist bei dem Doppel-
kontinuum, das sich uns in der Linie darstellt, als das sekun-
däre, die Mannigfaltigkeit der Ortsdifferenzen als solche als
das primäre Kontinuum zu bezeichnen. 22)
16. Zwischen den primären und sekundären Kontinuier-
lichen bestehen bedeutsame Unterschiede, die nicht aus den
Augen gelassen werden dürfen. Ich hebe insbesondere her-
vor, daß bei den primären eine gewisse Regelmäßigkeit, die
bei den sekundären Kontinuis nur ausnahmsweise vorhan-
den ist, durchaus und notwendig gefunden wird. Wenn bei
einer Bewegung die örtliche Variation bald rapid, bald fast
unmerklich fortschreitet und bald auch durch eine vollstän-
dige Ruhe unterbrochen wird, die von den Physikern als
das Extrem der Verlangsamung noch mit zu den Bewegun-
gen gerechnet wird, so zeigt sich der zeitliche Wechsel,
welcher der Bewegung und Ruhe unterliegt, als solcher ohne
jedes Wachstum und jede Minderung des Variationsgrades.
Von alther hatte man dies ganz allgemein erkannt, und es war
erst der neuesten Zeit vorbehalten, sich durch Einstein an
dieser einleuchtenden Wahrheit irre machen zu lassen.
Nach dessen Meinung würden zwischen denselben zwei
Zeitpunkten und von dem einen bis zum andern reichend
zugleich Zeiten von sehr beträchtlich verschiedener Länge
verlaufen. Der gesunde Menschenverstand, der hier die Evi-
denz selber ist, hat wohl sogleich lebhaften Widerspruch
erhoben, aber noch dauert der Streit fort, was wohl nicht
der Fall wäre, wenn man den eigentümlichen Charakter, der
den primären Kontinuierlichen im Gegensatz zu den sekun-
dären zukommt, mehr beachtet hätte. Wenn zwischen zwei
Zeitpunkten Zeiten verschiedener Länge verlaufen könnten,
so könnten auch zwischen zwei Raumpunkten zwei gerade
30 1. Teil: Das Kontinuum

Linien von verschiedener Länge liegen, und die Methode


der Geometer, die Kongruenz von Dreiecken durch
Deckung aufeinander gelegter Flächen zu ermitteln, wäre
ganz hinfällig geworden. Sie ist es nur darum nicht, weil die
kontinuierliche Punktmannigfaltigkeit, welche sich uns in
den Raumlinien und Raumflächen darstellt, ebenso wie die
Mannigfaltigkeit der Momente einer Zeitstrecke zu den
primär Kontinuierlichen gehört.
Verbreiteter als der Irrtum Einsteins ist die Meinung, daß
man bei der Zeit gar nicht von Geschwindigkeit sprechen
könne, indem dieser Begriff nur auf eine Veränderung ande-
rer Art Anwendung habe. Diese, in der Zeit verlaufend,
werde, je nachdem die Zeit, in der sie verlaufe, länger oder
kürzer sei, schneller oder langsamer genannt. Um eine Ge-
schwindigkeit zu haben, müßte darum, meint man, eine Zeit
nicht eine Zeit, sondern in einer Zeit sein. Allein unter der
Geschwindigkeit ist im letzten Grunde nichts anderes als
der Grad der Variation zu verstehen, und es kann nicht
bestritten werden, daß, wo überhaupt Variation besteht,
dieselbe auch in irgendwelchem bestimmten Grade bestehen
müsse, sei es in konstantem und notwendig konstantem und
ausnahmslos gleichem, sei es in bald höherem, bald niede-
rem Grade. Bei der Zeit besteht nun eine Variation. Wenn
etwas Rotes eine Stunde lang besteht, so hat es als Rotes
keine spezifische Änderung erlitten, aber als Zeitliches diffe-
riert es von dem, was es früher war, um eine ganze Stunde.
Somit ist denn auch an einem Grad der zeitlichen Variation
nicht zu zweifeln, und nur zu leugnen, daß er ähnlich wie
der Grad anderer Variationen erhöht oder herabgesetzt
werden könne. Und ganz Ähnliches gilt vom Räumlichen
als solchem. Denn unleugbar variiert auch dieses, und die
rote Fläche, die als rote auch bis zur entferntesten Distanz
nicht die geringste Abweichung zeigt, zeigt sich der örtli-
chen Bestimmtheit nach, wenn ich Anfang und Ende ver-
gleiche, sehr beträchtlich verschieden. Und so gewiß hier
überhaupt eine Variation besteht, muß auch ein bestimmter
Grad der Variation ihr zukommen, und man darf sich nicht
darum an seiner Anerkennung beirren lassen, weil er, keiner
Erhöhung oder Erniedrigung fähig, durchwegs als der
I. Vom Kontinuierlichen 31

vollkommen gleiche erscheint. Da der Raum im Unter-


schiede von der Zeit eine Mehrheit von Dimensionen auf-
weist, da er Grenzen unterscheiden läßt, die selbst Kontinua
sind und in mannigfach verschiedenen Richtungen und bald
gerade, bald gekrümmt verlaufen, so ist hier noch ausdrück-
lich beizufügen, daß der Grad der Variation in jeder Rich-
tung und gleich viel, ob es sich um gerade oder gekrümmte
Grenzen handelt, noch immer ausnahmslos gleich ist. Bei
geraden Linien besteht darum, wenn ihre Länge gleich ist,
der gleiche Abstand zwischen dem Anfangs- und dem End-
punkte. Bei krummen Linien ist dies nicht der Fall, allein
wenn ich sie in immer kleinere und kleinere Teile zerlegt
denke, so nähert sich die Größe der Linie ins Unendliche
der Größe der Summe der als Sehnen zwischen den Tei-
lungspunkten gezogenen geraden Linien, und dies beweist,
daß der Variationsgrad bei den krummen Linien genau der-
selbe wie bei den geraden sein muß. Keine, auch nicht die
kleinste Differenz ist anzugeben, welche sich nicht als eine
übertrieben große herausstellen würde.
Wie ganz anders zeigen sich die Verhältnisse bei sekundär
Kontinuierlichen! Wir verwiesen eben zum Vergleich auf
die oft mächtigen Unterschiede der Variationsgrade für die
Richtung von Linien und Flächen und ebenso auf die der
Geschwindigkeit einer Bewegung. Auch die Unterschiede
der Variationsgrade, welche eine farbige Fläche als farbig
zeigen kann, möge dem, der, wie es gemeiniglich geschieht,
hier wirklich an kontinuierliche Variation glaubt, als an-
schauliches Beispiel dienen. Bei einem Rechteck, das auf der
einen Seite mit reinem Rot beginnend, nachdem es eine kon-
tinuierliche Reihe von Nuancen des Violett durchlaufen, mit
reinem Blau abschließt, kann dieser Verlauf bald schneller,
bald langsamer sein, und wenn er selbst von rechts nach
links ganz gleichmäßig wäre, so würde die Fläche doch hin-
sichtlich des Grades der Variation in dieser Richtung im
Vergleich mit der Richtung von oben nach unten eine so
starke Differenz zeigen, daß hier der Grad der Variation den
Nullpunkt aufwiese. Jede in schiefer Richtung verlaufend
gedachte Linie, z. B. eine Diagonale, würde aber bereits
einen geringeren Variationsgrad zeigen und unregelmäßig
32 1. Teil: Das Kontinuum

würde der Grad der Variation bei gekrümmten Linien


wechseln.
17. Wir haben außer dem Zeitlichen als solchem auch das
Räumliche als solches für das primär Kontinuierliche als
Beispiel angeführt, dann aber, da wir von Bewegung und
Ruhe sprachen, die örtliche Variation der zeitlichen gegen-
über als sekundär bezeichnet. Hierin könnte einer einen
Widerspruch erblicken. Allein wir hatten zuerst von dem
Räumlichen, wie es der Geometer betrachtet, gesprochen,
der von seinem Fortbestande in der Zeit abstrahiert und
dem Körper darum 3 Dimensionen zuschreibt, während er,
wenn er die Zeit seines Bestandes mitberücksichtigte, wie
schon Lagrange bemerkte und neuerlich wieder von ande-
ren hervorgehoben wurde, ihn 4-dimensional nennen müßte.
Üben wir diese Abstraktion nicht, so werden wir aber noch
weiter sagen müssen, daß der Körper in der vierten, ihm so
zugewachsenen Dimension nicht wie in den drei anderen als
primär kontinuierlich, sondern als sekundär kontinuierlich
erscheine, indem die Zeit in ihrem Verlaufe das primäre
Kontinuum für die Ausdehnung des Körpers vom Anfang
bis zum Ende der Zeit als ruhenden oder mehr minder
bewegten abgibt. Alle Charakterzüge des sekundären Kon-
tinuums weist er hinsichtlich dieser seiner zeitlichen Dimen-
sion auf, während ebenso deutlich hinsichtlich der drei Di-
mensionen, die er schon in jedem einzelnen Moment besitzt
und denen also keine zeitliche Länge als Unterlage dient, die
Charakterzüge des primären Kontinuums bei ihm hervor-
treten. Auf den ersten Blick mag dies befremden. Es ist dies
aber ebenso widerspruchslos möglich, wie daß eine Eigen-
schaft, die, aufgefaßt wie sie in einem Augenblick gegeben
ist, gar keine Ausdehnung zeigt, dann in ihrem zeitlichen
Fortbestand betrachtet als ausgedehnte und zwar als sekun-
där kontinuierliche erscheint. 83)
Das Räumliche zeigt Unterschiede des Variationsgrades,
hat eine variable Teleiose (Geschwindigkeit des Wechsels)
nur in Rücksieht auf seine 4. Dimension, als Grenze dersel-
ben, nicht aber in Rücksicht auf die Weise, in welcher der
Zusammenhang innerhalb der drei Dimensionen, nach wel-
chen der Körper gegenwärtig ist, besteht. Es gilt dies ähn-
I. Vom Kontinuierlichen 33

lieh wie bei dem in der horizontalen Richtung variierenden,


in der vertikalen konstanten Farbenrechteck in vertikaler
Richtung von voller Teleiose gesprochen werden kann, ob-
wohl die vertikalen Linien in jedem Punkte, insofern er
nach anderen Richtungen hin Grenze ist, eine unvollkom-
mene Teleiose aufweisen. So hat denn der Körper in den 3
Dimensionen, nach welchen er gegenwärtig ist, in der Tat
den Charakter eines primären Kontinuums.
Immerhin wird man, wenn es sich um höchste Genauig-
keit der Bestimmung handelt, dem zeitlichen Kontinuum
im Vergleich mit dem räumlichen zugestehen müssen, daß
es als solches im eminenten Sinne primäres Kontinuum ist
und zwar nicht allein wegen der Beschränkung des primären
Charakters des Räumlichen auf 3 seiner Dimensionen,
welche es, insofern es primär kontinuierlich ist, eigentlich
nur als dreidimensionale Grenze eines Vierdimensionalen
erscheinen lassen, sondern auch wegen eines gewissen man-
nigfach verschiedenen Variationsgrades, der ihm, eben weil
es in ihm nur als Grenze besteht, auch in dem einzelnen Mo-
mente noch zukommen kann. Es besteht auch im einzelnen
Momente in nicht ganz gleicher Weise, wenn es als Grenze
von etwas besteht, was bleibt, oder von etwas, was in allmäh-
lichem Vergehen begriffen ist, und, nach der Seite der Ver-
gangenheit betrachtet, als etwas, was ganz ebenso bis dahin
bestanden hat oder in allmählichem Wechsel dazu überge-
gangen ist. Es sind das gewisse Unterschiede zeitlicher
Teleiose, welche auch für die einzelne Zeitgrenze Bedeu-
tung haben.
18. Es ist notwendig, daß wir diesen Begriff der Teleiose,
der für das Verständnis des Kontinuums und insbesondere
für die Erscheinungen bei den multiplen Kontinuis von
höchster Wichtigkeit ist, uns ähnlich wie früher den Begriff
der Pierose klar machen. Jetzt sei, um doch sogleich eini-
germaßen erkennen zu lassen, worum es sich handelt, nur
noch folgende Frage aufgeworfen: Wenn eine farbige
Kreisfläche von einem Radius zum andern in der Art gleich-
mäßig variierte, daß man nach durchlaufenem Halbkreis von
reinem Rot zu reinem Blau und dann wieder von diesem
reinen Blau zum reinen Rot zurückgelangte, würde dann
34 1. Teil: Das Kontinuum

jeder Radius vom Zentrum bis zur Peripherie eine vollkom-


men gleiche oder eine irgendwie variierende Farbennuance
zeigen? Man scheint gemeiniglich der Meinung, die Farben-
nuance sei für jeden Radius vom Zentrum bis zur Peripherie
dieselbe und nennt z. B. einen der Radien rein rot und einen
rein blau vom Zentrum bis zur Peripherie. Allein eine ge-
nauere Untersuchung zeigt, daß eine solche Meinung mit
Widersprüchen behaftet ist und daß sie dem Umstande
nicht Rechnung trägt, daß jede Grenze, weil sie, was sie ist,
nur im Zusammenhang mit dem Kontinuum ist, dem sie als
Grenze zugehört, wo dieses Kontinuum Differenzen zeigt,
auch selbst Unterschiede an sich tragen müsse, daß also das
Rot als Anfang einer langsameren oder schnelleren Varia-
tion zum Blau hin nicht in gleicher Vollkommenheit und
noch weniger so vollkommen rot sein könne wie in dem
Falle, wo es als Grenze einer gleichmäßig roten Fläche an-
gehörte. Und so ist denn auch ein Körper nicht in gleicher
Vollkommenheit an einem Orte, wenn er ihn schneller oder
langsamer durchläuft, als wenn er an ihm ruht.
Da bei zwei Kreisen die Peripherien in demselben Grö-
ßenverhältnis zueinander stehen wie die Radien, so wäre es
unmöglich, mit der Gesamtheit der Farbennuancen, wie sie
die von uns beschriebene Scheibe auf der Peripherie des
Kreises in halber Distanz vom Zentrum zeigt, die äußerste
Peripherie mehr als einer Hälfte nach zu füllen, während
man umgekehrt von den Farbennuancen der äußeren Peri-
pherie nur die Hälfte in dem mittleren Parallelkreis unter-
bringen könnte. Ihre Quanta verhalten sich also wie 2 : 1,
während sie, wenn die einzelnen Nuancen die gleichen wä-
ren, da jeder Nuance des einen eine Nuance des anderen ent-
spricht, ganz offenbar als gleich sich darstellen müßten.
Immerhin sind sie, so gewiß sie ungleich sind, doch auch
nicht mehr als infinitesimal voneinander verschieden. Sonst
könnte bei der unendlichen Vervielfältigung, welche im
Laufe der Peripherie gegeben ist, für die Peripherie der bei-
den Parallelkreise nicht ein endliches Größenverhältnis sich
ergeben. 24)
Fragen wir, ob eine Linie mit wechselnder Teleiose, wie
sie bei der besprochenen Kreisscheibe die Linie des roten
I. Vom Kontinuierlichen 35

Radius zeigt, ihrer Länge nach einer, die von demselben


örtlichen Punkt beginnend bei demselben örtlichen Punkte
mit ihr endigte und einer rein roten Fläche als Grenze zuge-
hörte, gleich sei, so werden wir die Frage zu bejahen haben,
und so ist denn auch ein Körper, der ruhend oder in beliebig
starker Bewegung begriffen den Raum erfüllt, seinem Kör-
perinhalte nach gleich zu nennen, und dies genügt, um die
Abstraktion des Geometers von der Differenz eines in seiner
Größe konstant beharrenden oder ab- oder zunehmenden
Körpers der Teleiose nach zu rechtfertigen. Und so glauben
wir denn auch ohne Nachteil, wenn wir den Raum als pri-
märes Kontinuum gelten ließen, von dem, was ihm, genau
besehen, daran fehlt es zu sein, absehen zu dürfen. (Wir
werden uns ja vielleicht auch nicht scheuen, bei dem Recht-
eck, das mit einer roten Linie beginnend in gleichmäßigem
Wechsel bei einer gegenüberliegenden blauen Linie endigt,
zu sagen, daß es in senkrechter Richtung der Farbe nach in
voller Teleiose sich zeige und ebenso, daß bei der bespro-
chenen farbigen Scheibe jede Farbennuance von der Peri-
pherie bis zum Zentrum sich in voller Teleiose darstelle,
indem was von wechselnder Teleiose für die Linie gegeben
ist, sie nur wegen ihrer Zugehörigkeit zur Fläche nach der
Richtung der Breite betrifft.)25)
Um die unterscheidende Eigentümlichkeit der berührten
4. Dimension des Körpers vollkommener zu würdigen,
beachte man auch noch, daß sie bei dem gradlinig bewegten
Körper in ihrer Größe in keiner Weise der Distanz des Ortes,
zu dem die Bewegung führt, von jenem, von dem sie aus-
geht, sondern immer der Länge der Zeit, innerhalb deren
die Bewegung statthat, entspricht. Bei sehr schneller Bewe-
gung wird die örtliche Distanz des Endpunktes vom An-
fangspunkt relativ groß, bei langsamer klein und bei voll-
kommener Ruhe sogar Null sein, und dennoch kommt dem
Körper in seiner 4. zeitlichen Dimension genau die gleiche
Ausdehnung zu.
Da die Bewegung eines Körpers hinsichtlich ihrer Ge-
schwindigkeit stetig variierend und sowohl bis zum vollen
Stillstand sich verlangsamend als auch ins Unendliche sich
der Schnelligkeit nach wachsend und vervielfachend ge-
36 1. Teil: Das Kontinuum

dacht werden kann, so ist klar, daß jeder Grad der Teleiose
bei dieser 4. Dimension des Körpers denkbar ist und damit
auch der, welcher ihm in jeder seiner anderen Dimensionen
zukommt. Dann muß bei gleichem örtlichen Abstand des
Anfangs vom Ende, wenn er in gerader Richtung sich be-
wegt hat, die Ausdehnung des Körpers in dieser seiner 4.
Dimension auch dem örtlichen Abstand der Grenzen ent-
sprechen, und so stellt sich heraus, daß dieser örtliche Ab-
stand dem zeitlichen Abstand des Anfangs vom Ende der
Bewegung gleich wäre. Somit ist es unzweifelhaft, daß zwi-
schen einer Zeit und einer Linie von einem Längenverhält-
nis gesprochen werden kann, und dies führt zu der Erkennt-
nis, daß ähnlich wie bei Zahlen von benannten und unbe-
nannten Zahlen auch bei kontinuierlichen Größen von be-
nannten und unbenannten kontinuierlichen Größen gespro-
chen werden kann. Ahnlieh wie man sagen kann, die Zahl
von 3 Bäumen sei die, welche der Gläubige den 3 Personen
der Gottheit zuschreibt, kann man in aller Wahrheit sagen,
daß eine gewisse Zeit genau die Länge eines Meters habe,
womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß wir die betref-
fende Zeit mit dem Meter zu messen vermögen.26)
19. Wir haben als auszeichnend für das primär Kontinuier-
liche eine Gleichmäßigkeit hervorgehoben, die ihm immer
und notwendig hinsichtlich des Grades seiner Teleiose zu-
kommt. Dieser ist nie der einer vollkommenen Teleiose,
steht aber von ihm immer und notwendig im gleichen Maße
ab. Wir haben aber auch noch auf eine andere Gleichmäßig-
keit aufmerksam zu machen, ·welche sich bei allen primär
Kontinuierlichen, soweit sie nicht bloße Grenzen sind, zeigt.
Sie besteht darin, daß sie gerade, oder, wie man sich aus-
drückt, ebene Kontinua sind. So verläuft die Zeit als solche
in der Art, daß der Abstand von Anfangs- und Endpunkt
wie bei einer geraden Linie genau dem Verhältnis der Länge
der Zeit entsprechend wächst. Jedermann zeigt sich sofort
geneigt, dieser Behauptung zuzustimmen, und auch hier
war es erst unseren Tagen beschieden, sie anzuzweifeln
unter Hinweis darauf, daß auch in andern Fällen eine tat-
sächlich vorhandene leichte Krümmung unbemerkt bleibe.
Allein, das ist etwas, was nur bei Grenzen zu einer gewissen
1. Vom Kontinuierlichen 37
Unsicherheit führen kann. Handelt es sich um das Innere
eines Kontinuums, so kommt jedem Punkte die volle Pie-
rose zu, d. h. ein Zusammenhang in jeder bei dem betreffen-
den Kontinuum überhaupt an irgendeiner Stelle denkbaren
Richtung. Jeder Zeitpunkt im Ionern einer Zeit hat nun, da
die Zeit nur eindimensional verläuft, nur eine zweiseitige
Plerose, und somit können auch nur nach zwei Richtungen
Zeitpunkte von ihm abliegen. Dies wäre aber nicht der Fall,
wenn sie gekrümmt verliefe, da bei jeder krummen ein-
dimensionalen Größe wie bei einer krummen Linie unend-
lich viele Punkte zu unterscheiden sind, von denen jeder
von dem Anfangspunkte in einer andern Richtung absteht.
Täten sie dies nicht, so läge ja jeder der vermittelnden
Punkte genau zwischen dem Anfangs- und Endpunkt, was
das unterscheidende Merkmal der Geraden ist. Also kann
eine Zeit, so gewiß sie keine bloße Grenze ist, und darum
jeder Punkt im Inneren einer Zeit die volle Pierose besitzt,
nicht anders als ein vollkommen gerades Kontinuum sein.
Ganz ähnlich läßt es sich erweisen, daß der Raum ein ebenes
Kontinuum ist, wenn anders er ebenso wie die Zeit nicht als
bloße Grenze einem vierdimensionalen Kontinuum zuge-
hört. Nun haben wir freilich gesehen, daß dies genau ge-
nommen der Fall ist, indem ihm in Rücksicht auf seinen
Fortbestand in der Zeit eine vierte Dimension zuwächst,
nach welcher er als sekundäres Kontinuum erscheint. Allein
es ist offenbar, daß er nach dieser vierten Dimension zu den
chronisch Kontinuierlichen gehört, welchen es eigen ist, daß
sie nur einer Grenze nach bestehen. Und diese Grenze bildet
das, was in seine Gegenwart fällt. Da nun diese für alle
Punkte des geometrischen Körpers eine und dieselbe ist, so
kann in Rücksicht darauf, daß der Körper als Grenze mit
später oder früher Bestehendem zusammenhängt, keine
Ungleichmäßigkeit hineinkommen, und er muß, wie hin-
sichtlich seiner Teleiose vollkommen gleichmäßig, auch
hinsichtlich der Anordnung seiner Teile vollkommen eben
sein, wie wenn er ohne jeden Zusammenhang mit Früherem
und Späterem isoliert bestände und in seinen drei Dimen-
sionen bereits der vollen Pierose teilhaftig wäre. Bei der
jetzt so viel erörterten Frage, ob der Raum eben sei, nimmt
38 1. Teil: Das Kontinuum

man auch darum auf seine Ausdehnung in der Zeit gar keine
Rücksicht.
Um jedes Mißverständnis auszuschließen, bemerke ich
noch ausdrücklich, daß ich, wenn ich behaupte, daß der
Raum nicht anders als eben sein könne, weit davon ent-
fernt bin, zu verkennen, daß es ebensogut wie 3-dimensio-
nale Körper auch Topoide von anderer Zahl der Dimensio-
nen geben könnte. Bestände eines von 4 oder mehr Dimen-
sionen, so würden in ihm und an ihm 3-dimensionale Gren-
zen sich finden, die ebensowohl gekrümmte als ebene Kon-
tinua sein könnten. Aber sie wären wegen ihrer 3 Dimensio-
nen sowenig Körper als eine Linie wegen ihrer einen Dimen-
sion eine Zeit ist. Sie beständen ja nur als Grenzen eines
nicht chronisch, sondern topisch Kontinuierlichen, was für
einen Körper nicht ohne Widerspruch angenommen werden
kann.
20. Daß bei den sekundär Kontinuierlichen von der eben
besprochenen Gleichmäßigkeit sowenig als von der Gleich-
mäßigkeit der Teleiose gesprochen werden kann, ist ein-
leuchtend, kommt ihnen doch im Falle vollkommener
Teleiose eine spezifische Variation nicht einmal in einer
einzigen der denkbaren Richtungen zu. Nur das kann von
ihnen wie von den primären gesagt werden, daß sie, sowohl
wenn sie in vollkommener wie wenn sie in unvollkommener
Teleiose gegeben sind, nie in der Art in ihrer Ausdehnung
beschränkt sein können, daß sie wie isolierte Grenzen sich
darstellen. Es kann also z. B. nicht bei einer ruhenden Kugel
die Oberfläche allein mit der Geschwindigkeit von 1 m in
der Sekunde rotieren oder einer von den auf dieser Ober-
fläche zu unterscheidenden Kreisen es tun. Es kann auch nicht
geschehen, daß ein Körper einen Augenblick ruht, während
er sich bis zu diesem Augenblick mit der Schnelligkeit von
1 m in der Sekunde bewegt hat, und von diesem Augenblick
an mit der Geschwindigkeit von 1 m in der Sekunde in ent-
gegengesetzter Richtung sich zurückbewegt. Vielmehr müs-
sen wir in dem letzteren Fall sagen, daß die beiden Bewe-
gungen in entgegengesetzter Richtung sich zeitlich berüh-
ren und in demselben gegenwärtigen Moment, dessen
Pierose doppelseitig ist, zwei entgegengesetzte Bewegungen
I. Vom Kontinuierlichen 39
in halber Pierose und jede in andersseitiger Pierose dem
Körper zukommen. Dies enthält keinen Widerstreit, viel-
mehr muß zu den anderen Klauseln, die man in die Fassung
des Satzes des Widerspruchs aufnimmt, bei der Bestimmung
"zugleich" auch noch die der Gleichseitigkeit der Pierose
des Zugleich beigefügt werden. 27) Aristoteles und nach ihm
die Scholastiker haben dies nicht erkannt und es hat sie dies
wohl zu anderen höchst verwickelten, aber noch immer
ungenügenden und gänzlich willkürlichen Aufstellungen,
insbesondere auch zu der geführt, daß es keinen ersten und
letzten Punkt einer Bewegung gebe. Der Ruhe sollten sie
nicht fehlen, woraus die absurde Folgerung gezogen wurde,
daß ein emporgeworfener und wieder herabfallender Kör-
per zwischen der Zeit des Aufsteigens und Herabfallens eine,
wenn auch für uns unmerklich kleine Zeit in voller Ruhe
verharre. Wenn etwas, was ist, aufhört, so behauptete man,
es gebe einen letzten Moment, in dem es sei, aber keinen
ersten, in dem es nicht sei. Man hätte bei besserem Ver-
ständnis der Eigentümlichkeit der partialen Pierose sagen
müssen, daß es in demselben Momente in partialer Pierose
sei und in voller Pierose nicht sei,28) weil es bis zu ihm, von
ihm ab aber nicht mehr sei, also der Zeitpunkt nur als
äußere, nicht als innere Grenze ihm zukommt. Das wird dann
auch für Bewegung und Ruhe ganz gleichmäßig gelten
müssen.
21. Ehe wir die Erörterung über die primären und sekun-
dären Kontinua und über die Unterschiede der Teleiose
schließen, wollen wir kurz noch bei einer Frage verweilen,
welche, richtig beantwortet, etwas mehr Licht zu geben
geeignet ist. Denken wir uns eine Kugel, die an einem Ort
bald vollständig ruht, bald innerhalb seiner Grenzen rotiert.
Im ersten Falle besteht offenbar die Kugel, was ihre zeitliche
Dimension anlangt, in voller örtlicher Teleiose; was aber
sollen wir von dem andern Falle sagen? Offenbar müssen
wir gerade so urteilen, wie wenn nur eine der Kreisflächen,
welche durch die Achsenlinie in zwei Hälften geteilt wird,
in gleich schneller Rotation wie jetzt die ganze Kugel begrif-
fen wäre. Die örtliche Teleiose erscheint also in der zeitli-
chen Dimension bei der sich drehenden Kugel als eine un-
40 1. Teil: Das Kontinuum

vollkommene und mit dem Grade der Schnelligkeit der


Rotation nimmt diese Unvollkommenheit zu. Dennoch steht
gewiß die rotierende Kugel hinter der ruhenden in keiner
Weise der örtlichen Realität zurück; allein daß ihre örtliche
Bestimmtheit für jeden Teil und darum auch für das Ganze
der Kugel durchwegs eine andere ist, ist unleugbar. Die
Ortsbestimmtheit jedes einzelnen Punktes ist nicht dem
Maß der Realität nach, aber doch der Spezies derselben nach
geändert. Die Änderung aber ist von der Art, daß, soweit
sie der Ortsbestimmtheit des betreffenden Punktes zur Zeit
der Ruhe unähnlicher wird, die anderer ihm ähnlicher
wird.* Und so stellt sich, wenn man auf das Ganze der Ku-
gel achtet, auch etwas dar, was der Ortsbestimmtheit nach
der Kugel, wie sie ruhte, ganz gleich scheint, aber vielleicht
besser nicht sowohl gleich als aequivalent zu nennen ist.
Man sieht, die Teleiose hat eine Beziehung zu der Genesis
und der Ursache, woraus etwas wird. Fortwährendes Sich-
Erhalten und fortwährendes Erneuert-Werden bei fortwäh-
rendem Vergehen ergeben für die Teleiose nicht dasselbe.
22. Wir haben gesagt, die Behauptung der Scholastiker,
ein nach oben geworfener Körper müsse, ehe er wieder
herabfalle, eine kleine Zeit hindurch ruhen, sei unstatthaft.
Dagegen ist es richtig, daß er einen Augenblick ruht. Ein
solcher Augenblick der Ruhe kann recht wohl stattfinden,
im Zusammenhang mit einer infinitesimal beginnenden und
wachsenden sowie mit einer infinitesimal endigenden und
abnehmenden Geschwindigkeit der Bewegung. Der Mo-
ment der Ruhe wird in dem Sinne ein Moment der Ruhe
sein, wie eine rote Linie in einer Farbenfläche, welche gleich-
mäßig vom Blau zum Rot und dann vom Rot zum Blau
variiert, wahrhaft rein rot zu nennen ist. Daß sie sich gleich-
wohl noch von einer rein roten unterscheidet, welche als

*) Zur Deutung dieser Stelle vgl. A. Kastil, Die Philosophie Fran:(_


Brenlanos (hrsg. von F. Mayer-Hillebrand, Bern: A. Francke, 1951),
S. 156: "Die Ortsbestimmtheit jedes Punktes ist nicht dem Maß der
Realität nach, aber doch spezifisch geändert, und die Anderung ist von
der Art, daß, soweit sie der Ortsbestimmtheit des betreffenden Körper-
punktes während der Ruhe ähnlicher wird, die Ortsbestimmtheiten
anderer Punkte ihr unähnlicher werden." [Anm. d. Hrsg.]
I. Vom Kontinuierlichen 41

innere Grenze einer rein roten Fläche zugehört, bleibt darum


nicht minder richtig. Ja, gewisse Unterschiede werden
auch noch in der Ruhe des auf solche Weise ruhenden Kör-
pers bestehen, je nachdem die zu ihr führende und von ihr
sich entfernende Bewegung einer stärkeren oder minder
starken Beschleunigung unterliegt. Man denke in dieser
Beziehung an das, was wir von dem rein roten Radius einer
Scheibe gesagt haben, die gleichmäßig von einem rein blauen
Radius zu ihm übergeht und von ihm zum rein blauen zu-
rückgelangt. Der Radius ist zwar rein rot, aber doch kommt
ihm die rote Farbe in größerer Vollkommenheit an der
Peripherie als in der Mitte des Radius zu und erfährt auch
von da bis zum Zentrum noch eine stete Abnahme. Das ist
die Abnahme der Vollkommenheit seiner Teleiose, und
ähnlich kann man, wie wir sehen, auch bei dem, was wahr-
haft ruht, noch von größerer und geringerer Vollkommen-
heit der Teleiose sprechen. Es ist, wenn es momentan ruht,
zwar wahrhaft ruhend, aber in unvollkommenerer Teleiose
ruhend, als wenn es eine Zeitlang ruht, und die Vollkom-
menheit seiner Teleiose nimmt auch bei dem momentan
Ruhenden noch ab, wenn die Bewegung, zu der sie in infi-
nitesimaler Weise übergeht, von Anfang an eine sich stärker
beschleunigende ist. Würde die Erde mit doppelter Kraft
anziehen, so würde der Moment der Ruhe zwischen Auf-
und Absteigen eine nur halb so große Teleiose besitzen.
Würde die Rückbewegung, wie etwa im Falle eines Stoßes,
sofort mit endlicher Geschwindigkeit eintreten, so bestände
die für den Moment erlangte Ruhe nicht bloß in unvoll-
kommener Teleiose, sondern auch in unvollkommener
Plerose. Die zweite Hälfte derselben fehlte und es wäre statt
ihrer die Bewegung in halber Pierose gegeben.
23. e) Wieder unter einem andern wichtigen Gesichtspunkt
scheidet sich das Kontinuierliche in solches, was ein kon-
tinuierlich Vieles, und solches, was ein kontinuierlich Viel-
faches ist. Wir wollen zunächst durch Beispiele diesen bedeu-
tungsvollen Unterschied klar machen. Für das kontinuier-
lich Viele gibt ein Körper ein Beispiel, für das kontinuierlich
Vielfache gibt es einer, der etwas Räumliches anschaut,
insofern er dies tut. Der Körper ist eine Einheit, die sich in
42 1. Teil: Das Kontinuum

eine Vielheit zerlegen läßt, ja es könnte nach Vernichtung


des einen Teils der andere ganz als das, was er war, weiter-
bestehen. Man könnte ihn darum schon jetzt ebensogut eine
Zweiheit als eine Einheit nennen, ja man könnte sagen, daß
er hundert, tausend und eine beliebig größere Zahl von
Körpern sei, nur daß er unendlich viele sei, scheint man
nicht sagen zu können, so gewiß jeder Körper eine Aus-
dehnung und eine Ausdehnung von bestimmter endlicher
Größe haben muß. Jeder von den bei einer solchen Zerle-
gung unterschiedenen Teilen hat mit den anderen nichts
gemein, er kommtalsoals etwas total Neues in wahrer Addi-
tion zu ihnen hinzu. Ganz anders verhält es sich in dem Falle
eines ein räumlich Ausgedehntes Anschauenden. Der ein
Räumliches Anschauende ist nicht etwas Einfaches, sondern
etwas Vielfaches, insofern er nicht bloß einen, sondern viele
Teile eines Kontinuums schaut und fortfahren könnte, den
einen zu schauen, während er den andern zu schauen auf-
hört, aber er stellt sich nicht, insofern er den einen Teil an-
schaut, als etwas total anderes dar, als insofern er den andern
anschaut. Wir haben nicht eine Zweiheit vor uns wie in dem
Falle, wo es ein anderer wäre, welcher diesen, und ein ande-
rer, welcher jenen Teil schaute. Bei der Vereinigung beider
ist nicht der den einen Teil Schauende als etwas total Neues
und anderes zu dem den andern Teil Schauenden hinzuge-
kommen, wie es bei der Addition von Einheiten sein muß.
Wenn a und b 2 sind und b und c ebenso 2 sind, so ergibt
nicht die Vereinigung von a .und b und von b und c eine
Vierheit, wie es bei der Addition von einem 2 mit einem
total anderen 2 der Fall ist. Und so ergibt denn auch bei der
Vereinigung des den einen Teil des räumlich Kontinuierli-
chen Schauenden mit dem den andern Teil des räumlich
Kontinuierlichen Schauenden sich nicht eine wahre Zwei-
heit von Anschauenden. Es könnte nun einer meinen, man
habe es dennoch hier nicht bloß mit einem kontinuierlich
Vielfachen, sondern mit einem kontinuierlich Vielen zu tun,
sobald man nicht von dem das Räumliche Anschauenden in
concreto, sondern in abstracto von der Anschauung des
räumlich Kontinuierlichen spreche, welche sich dann ganz
rein in total verschiedene Einheiten zerlegen lasse. Allein
I. Vom Kontinuierlichen 43

hier wird übersehen, daß schon die Loslösung der Anschau-


ung in abstracto von dem Anschauenden in concreto
schlechterdings unmöglich ist, weder in Wirklichkeit noch
auch nur in Gedanken vollziehbar. Nur einseitig kann die
Person des Anschauenden noch fortbestehend gedacht wer-
den, nachdem sie aufgehört hat anzuschauen. Allein daß
dieselbe individuelle Anschauung noch bestände, wenn
diese Person nicht mehr besteht, ist eine Sache der Unmög-
lichkeit, und auch in Gedanken kann man nicht diese An-
schauung festhalten, ohne den Gedanken der Person darin
einzuschließen. Und da nun dies bei beiden Teilen der
Anschauung gleichmäßig gilt, so habe ich es nicht in jedem
der beiden Teile, die ich unterscheide, mit etwas total ande-
rem zu tun, und somit kann man auch nicht von einer Viel-
heit von Einheiten, sondern nur von der Vielfachheit eines
Einheitlichen sprechen. Als ein anderes Beispiel bietet sich
einer, der eine Tonfolge denkt. Auch er denkt mehreres und
nacheinander Folgendes in einem und demselben Momente
und ist eine Einheit, aber nicht eine einfache Einheit. Er ist
eine vielfache Einheit, aber keine Vielheit. Wir dürfen ihn
nicht ein zeitliches Kontinuum nennen, weil er ein zeitlich
Verlaufendes denkt, denn er denkt das Nacheinander zu-
gleich. Wir dürfen ihn aber auch überhaupt nicht zu den
Kontinuis, d. i. zu den kontinuierlich Vielen zählen, weil
ganz so wie bei dem das räumliche Kontinuierliche An-
schauenden eine Zerlegung in total verschiedene Einheiten
und also eine Auffassung als eine wahre Vielheit unmöglich
ist.
Diesem Unterschied von kontinuierlich Vielem und kon-
tinuierlich Vielfachem hat Aristoteles nicht genugsam Rech-
nung getragen, wenn er aus der räumlichen Ausdehnung
der Sinnesobjekte auf eine räumliche Ausdehnung des
Empfindenden schloß. Der Blick auf das, was bei demjeni-
gen, der im gleichen Moment ein zeitliches Kontinuum vor-
stellt, gegeben ist, hätte ihn vor dem Fehlschluß bewahren
können. Nicht jeder Teil des angeschauten Kontinuums
muß von einem andern Teil eines anschauenden Konti-
nuums angeschaut werden, ja es läßt sich nachweisen, daß
etwas Derartiges zur Einheit des Bewußtseins nicht ausrei-
44 1. Teil: Das Kontinuum

chen würde. Sollte selbst das das Kontinuum Anschauende


ein Körper sein, so müßte, ähnlich wie in einer roten Fläche
das Rot sich in jedem Teil und Punkt wiederholt, auch das
ganze einheitliche Bewußtsein jedem Teil und Punkt des
anschauenden Körpers wieder und wieder zukommen.
Aristoteles hat aber nicht bloß gefehlt, indem er hier der
Eigentümlichkeit des kontinuierlich Vielfachen gegenüber
dem kontinuierlich Vielen nicht genügend Rechnung trug,
sondern er hat auch die Kontinua selbst nicht richtig aufge-
faßt, indem er sie nicht als Einheiten faßte, die ebensogut
zugleich Vielheiten genannt werden können, sondern
meinte, daß nie etwas, was Einheit, zugleich Vielheit zu
nennen sei außer in Möglichkeit und umgekehrt. 29)
Nicht ebenso wie beim topisch besteht beim chronisch
Kontinuierlichen die Unterscheidung von kontinuierlich
Vielem und kontinuierlich Vielfachem zu Recht. Hier gibt
es nur kontinuierlich Vieles. Doch darf natürlich nicht die
Eigentümlichkeit des chronisch Kontinuierlichen außer
acht gelassen werden, vermöge deren es nur einer Grenze
nach besteht. Man könnte meinen, diese Eigentümlichkeit
schließe hier den Bestand von Vielheit gänzlich aus, doch
ist dies nicht der Fall wegen der Doppelseitigkeit der zeitli-
chen Plerose. Und dann kommt ja auch bei dem chronisch
Kontinuierlichen nicht bloß das Bestehende, sondern auch
das mit anderen Temporalmodis als tatsächlich Anzuerken-
nende in Betracht.
24. f) Nur ganz kurz sei ein anderer Einteilungsgrund
erwähnt, der sowohl auf dem Gebiete des kontinuierlich
Vielen als dem des kontinuierlich Vielfachen von Bedeutung
ist. Es ist der nach der Gattung des Kontinuierlichen. Von
anderer Gattung ist der kontinuierliche Wechsel von Zeit-
differenzen und örtlichen Differenzen, während das sekun-
däre örtliche Kontinuum, mag es nun in voller oder in
mehr minder unvollkommener und gleichmäßiger oder
ungleichmäßiger Teleiose bestehen, mit dem örtlich primä-
ren zu einer Gattung zu rechnen ist. Auch die örtlichen
Kontinua, welche bloße Grenzen sind, werden mit denen,
die es nicht sind, zu einer Gattung gezählt. Zu einer anderen
Gattung gehören auch die Farbenkontinua, Temperatur-
I. Vom Kontinuierlichen 45

kontinua und dgl., mögen sie nun bald in voller, bald in


mehr minder unvollkommener Teleiose als sekundäre Kon-
tinua gegeben sein oder, was vielleicht im Gegensatz zur
jetzt gemeinüblichen Meinung steht, nur in voller Teleiose
vorkommen. Sie sind immer sekundäre, unterscheiden sich
aber, insofern sie bald topisch, bald chronisch kontinuierlich
sind, in welchem letzten Falle sie auf der Zeit als primärem
Kontinuum beruhen. Auch der Fortbestand jeder Substanz
und Eigenschaft von anderer und anderer Gattung ergibt ein
Kontinuum, das von anderer Gattung ist. So erscheint auch
unser Geist in seinem Fortbestand als ein sekundäres Kon-
tinuum von eigentümlicher Gattung. Natürlich ist auch das
chronische Kontinuum, als welches sich, obwohl uns trans-
zendent, das göttliche Leben erkennen läßt, ein Kontinuum
sui generis und dieses ist primär.
25. Es ist hier der Ort, von dem zu sprechen, was man
gemeiniglich Homogenität eines Kontinuums zu nennen
pflegt, indem man insbesondere fragt, ob der Raum ein
homogenes Kontinuum sei. Wenn man hier nur an das
denken wollte, was wir eben Gattung genannt haben, so
würde es widersinnig sein, von einem Kontinuum oder
kontinuierlich Vielfachen zu reden, welches nicht homogen
wäre. Allein man denkt dabei an mancherlei andere Gleich-
mäßigkeiten, von denen wir im Vorausgehenden sahen, daß
sie nicht bei allen Kontinuierlichen gegeben sind. Eine
Linie, welche ihre Richtung wechselt und namentlich, wenn
sie es in unregelmäßiger Weise tut, würde danach kein
homogenes Kontinuum sein, und ebenso auch nicht eine
örtliche Bewegung, die in der Richtung oder Geschwindig-
keit unregelmäßig variierte. Es handelt sich, wie man sieht,
wesentlich um Eigentümlichkeiten der Teleiose. Im Rück-
blick auf das zuvor Erörterte werden wir leicht erkennen,
daß die Frage nach der Homogenität, wenn sie in bezugauf
Zeiten als solche oder geometrische Körper aufgeworfen
wird, entschieden mit Ja beantwortet werden muß. Der
primäre Charakter dieser Kontinua liefert uns dafür die volle
Bürgschaft.
26. g) Ein anderer leicht verständlicher Gesichtspunkt
der Einteilung ist der nach der Größe. Wir sagten schon, daß
46 1. Teil: Das Kontinuum

im Gegensatz zu dem, was man gemeiniglich glaubt, zwi-


schen jedem und jedem Kontinuum ein Größenverhältnis
besteht, womit aber nicht gesagt sein sollte, daß wir es
immer zu ermitteln vermögen. Die Behauptung verliert ihr
Paradoxes, wenn man sich einmal davon überzeugt hat, daß
man ebenso wie von benannten und unbenannten Zahlen
auch von benannten und unbenannten kontinuierlichen
Größen sprechen kann. Wenn man von einer Quadratfläche,
deren Seite ab ist, sagt, ihre Größe sei ab2, so darf man nicht,
wie in einem unwachsamen Augenblick Helmholtz sagte,
dies so denken, als werde die benannte Größe ab mit der
benannten Größe ab multipliziert. Benannte Größen können
nicht multipliziert werden, vielmehr multipliziert man, wie
man bei "3 mal 3 Äpfel" die der benannten Zahl gleiche
unbenannte mit der benannten multipliziert, auch hier die
der benannten kontinuierlichen Größe gleiche unbenannte
mit ihr. Ich habe schon gezeigt, wie man infolgedessen nicht
bloß sagen kann, daß es Linien gebe, welche die gleiche
Länge haben, sondern auch, daß gewisse Zeiten gewissen
Linien der Länge nach genau gleich sein müssen. Es ist klar,
daß infolge davon auch gesagt werden kann, daß die Größe
einer gewissen Zeit genau der Wurzel aus der Größe einer
gewissen Fläche gleich sein müsse und dgl. Es liegt in der
Konsequenz dieser Betrachtung, daß es keine zwei Konti-
nua geben könne, wie immer sie der Gattung nach verschie-
den seien, welche nicht in einem Größenverhältnis sich fin-
den. Ja, in gewissem Sinne steht auch kontinuierlich Vieles
und kontinuierlich Vielfaches in einem Größenverhältnis.
Wir sprechen von 7 Menschen und sprechen von 7 Eigen-
schaften eines Menschen und können in gewissem Sinne
sagen, daß wir hier Menschen und Eigenschaften von glei-
cher Zahl in Betracht ziehen, und doch sind nur die Men-
schen eine Vielheit, die Eigenschaften dagegen eine bloße
Vielfachheit. Ganz ähnlich können wir auch bezüglich kon-
tinuierlicher Größen uns ausdrücken.
Ich habe auch noch auf etwas anderes schon früher auf-
merksam gemacht, nämlich daß die Größe sekundärer Kon-
tinua immer genau der des betreffenden primären Konti-
nuums entspreche. Das sekundäre örtliche Kontinuum
I. Vom Kontinuierlichen 47
einer Bewegung ist in seiner Größe nicht nach dem Abstand
ihres Ausgangspunktes im Raum von ihrem Zielpunkt im
Raum, sondern nach der Länge der durchlaufenen Zeit zu
beurteilen, und so ist sie selbst einer während der Zeit be-
standenen Ruhe ihrer Länge nach völlig gleich zu setzen.
Wenn man statt von Größen der Kontinua von Größen
der Abstände spricht, so hat man es nicht mit dem gleichen
Größenbegriff zu tun, doch ist die Homonymie keine zufäl-
lige, vielmehr eine Homonymie durch Beziehung, wie sie
zwischen der Gesundheit im eigentlichen Sinne und der Ge-
sundheit besteht, die man einer Gegend zuschreibt. Nicht
der Abstand eines Punktes von einem andern Punkte, son-
dern die zwischen ihnen zu denkende gerade Linie hat eine
Länge und läßt Teile unterscheiden. Der Abstand des Aus-
gangspunktes vom Endpunkte einer geradlinigen Bewe-
gung entspricht in seiner Größe der durchlaufenen Raum-
strecke, der Größe der durchlaufenen Zeitstrecke aber nur,
wenn man auf die Teleiose, in welcher die verschiedenen
örtlichen Bestimmungen sukzessiv dem bewegten Körper
zukommen, Rücksicht nimmt. Wäre diese Teleiose vonAn-
fang bis Ende die gleiche, aber bei einer von zwei Bewegun-
gen, welche dieselbe Raumstrecke durchlaufen, doppelt so
groß, so würde bei gleichem Abstand der Endpunkte die
Länge der Bewegung die doppelt so große sein.
Die Modifikation des Begrifles der Größe, wenn man von
Abständen spricht, hindert nicht, daß man in ebenso modi-
fiziertem Sinne von doppeltem, dreifachem usw. Abstand
reden kann. Und so kann auch ein Abstand mit einer unbe-
nannten kontinuierlichen Größe multipliziert werden. Der
Abstand der Richtung einer gewissen Kreislinie von der
der Tangente in dem Berührungspunkte ist mit der Größe,
welche dem vierten Teil der Peripherie zukommt, multipli-
ziert, gleich dem, in welchem die beiden Schenkel eines
rechten Winkels sich voneinander unterscheiden. Auch der
Abstand, welchen zwei Farben, z. B. reines Rot und reines
Blau, der Qualität nach haben, muß zu jedem andern Ab-
stand, z. B. zu dem von zwei Tönen, ja auch von zwei Rich-
tungen von Linien oder von zwei Raum- oder Zeitpunkten,
in einem ganz bestimmten Verhältnis stehen, welches wir
48 1. Teil: Das Kontinuum

freilich hier sehr begreiflicherweise nicht festzustellen ver-


mögen. Doch das eine ist klar, daß wenn der Übergang von
reinem Rot zu reinem Blau in der Zeit kontinuierlich in
jedem denkbaren Grade der Teleiose vollzogen werden
kann, sich darunter auch jener befinden muß, welcher dem
primären Kontinuum der Zeit durchweg eigen ist, und daß,
wenn man sich denkt, daß ein Violett in eben diesem Grade
der Teleiose gleichmäßig in einer gewissen Zeit von Blau zu
Rot gelange, der qualitative Abstand von Blau zu Rot genau
dem zeitlichen, also auch dem Abstande zwischen dem An-
fangspunkte der durchlaufenen Zeit selbst und ihrem End-
punkte der Größe nach entsprechen müsse.
Wie der Größe nach, so können kontinuierliche Größen
auch der Gestalt und Lage nach zueinander in mannigfa-
chen Verhältnissen stehen. Es scheint aber unnötig, hierbei
eingehend zu verweilen.
27. Lieber werfen wir am Schlusse dieser Betrachtung
noch einen Blick auf die Frage nach dem empirischen oder
apriorischen Charakter der Geometrie. Es ist selbstverständ-
lich, daß, wie alle unsere Vorstellungen und sogar die der
Zahl, auch die geometrischen einen empirischen Ursprung
haben, und wenn es sich um die Erkenntnis handelt, daß es
einen Raum von 3 Dimensionen gebe, so ist dieselbe unzwei-
felhaft eine empirische und, was immer man auch dagegen
gesagt habe, mit der, daß es Körper gebe, identisch. Es kann
sich also, was die Frage nach der Apriorität der geometri-
schen Erkenntnis anlangt, nur darum handeln, ob, wenn die
betreffenden Vorstellungen und die Erkenntnis der Existenz
von Körpern gegeben sind, aus der Analyse der Vorstellun-
gen die Axiome sich ergeben und somit sie alle Fälle des
Kontradiktionsgesetzes sind. In Rücksicht auf das von uns
Dargelegte muß diese Frage entschieden bejaht werden. So
gewiß der Körper keine bloße Grenze eines gegenwärtig
bestehenden vierdimensionalen oder mehrdimensionalen
Kontinuums ist, so gewiß muß er das sein, was man einen
ebenen Körper genannt hat. Und so gewiß er ein primäres
Kontinuum ist, so gewiß können keine Unregelmäßigkeiten
hinsichtlich der Teleiose sich darin finden. Er ist also das,
was man homogen nennt. Namentlich auch in bezug auf das
I. Vom Kontinuierlichen 49

Axiom, daß es zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie


gibt, kann, wenn die Linie in voller Plerose gedacht wird,
nicht gezweifelt werden, daß es aus den Vorstellungen ein-
leuchtet, und ebensowenig die apriorische Evidenz des viel
umstrittenen 11. Euklidischen Axioms. So gewiß die Summe
der Winkel, deren Scheitel sich in einem Punkte der Ebene
berühren, gleich 4 R ist, so gewiß ist es auch die Summe der
3 Außenwinkel eines Dreiecks, und da diese mit den 3 Win-
keln des Dreiecks 3 Paar Nebenwinkel bilden, also als Sum-
me 6 haben, so gewiß muß die Summe der Dreieckswinkel
gleich 6 R - 4 R, also 2 R sein, womit auch die Wahrheit
des 11. Euklidischen Axioms dargetan ist. Daß die Geome-
trie auch hypothetisch angenommene Topoide von mehr
als drei Dimensionen in Rechnung ziehen und die bei ihnen
denkbaren unebenen dreidimensionalen Grenzen behandeln
kann, steht außer Zweifel, aber sowenig wird sie dann das
11. Euklidische Axiom umstoßen, daß sie vielmehr auch
hier es bei ihren Rechnungen zu Hilfe nehmen wird.

Nachtrag zur Abhandlung über das Kontinuierliche


Diktat, 16. Dezember 1915

1. Bei der Frage nach dem Ursprung des Begriffes des


Kontinuierlichen bekämpften wir die Mathematiker, welche
zu diesem Begriff nicht durch Abstraktion aus Anschauun-
gen, sondern durch Induktion gelangen wollen: Wir ver-
weilten insbesondere bei Poincare, welcher in der Sinnes-
psychologie den extremen Empiristen sich anschließend,
nicht glaubt, daß uns eine kontinuierliche Raumanschauung
gegeben sei, und aus der ganzen Art seines Verfahrens er-
kennen läßt, daß er uns auch den Besitz einer kontinuierli-
chen Zeitenschauung abspricht. Wir sahen ihn zwischen 0
und 1 zunächst die sämtlichen Brüche, die eine ganze Zahl
zum Zähler und eine ganze Potenz von 2 zum Nenner haben,
einschieben. Dann ließ er in ähnlicher Weise die echten
Brüche, deren Nenner eine ganze Potenz von 3 ist, und
50 1. Teil: Das Kontinuum

ebenso die, deren Nenner eine ganze Potenz irgendwelcher


anderer ganzen Zahl ist, einschieben und bekam so eine aus
den sämtlichen rationalen Brüchen gebildete Reihe, der, wie
er sagte, schon eine gewisse Stetigkeit zukomme. Dann
schob er auch noch die sämtlichen echten Brüche, deren
Nenner eine Wurzel aus einer Zahl, welche sich nicht als eine
entsprechende Multiplikation mit sich selbst darstellt, ist,
und so eine Reihe von irrationalen Brüchen ein. Zu ihnen
käme dann noch eine zweite Klasse von irrationalen Brü-
chen, welche sich als Brüche mit komplizierteren Nennern,
wie z. B. 1f V2 + 1V2, darstellen, hinzu, bei welchen aber die
Nenner noch immer durch Zahlen und Funktionszeichen
auszudrücken sind. Durch solche Einfügungen, meinte er,
komme man dann zu einer Reihe von noch größerer Stetig-
keit. Dazu kamen dann noch Reihen von Brüchen mit trans-
zendenten Verhältnissen, wie eines z. B. zwischen Radius
und Peripherie besteht. Poincare gab zu, daß man so zu kei-
nem eigentlichen Ende komme, indem nach Berücksichti-
gung eines oder mehrerer transzendenter Verhältnisse immer
noch andere unberücksichtigt geblieben seien, glaubte sich
aber mit den schon gemachten Einschiebungen zufrieden
geben zu können. Nichts ist einleuchtender, als daß hier ein
Bekenntnis vorliegt, daß der Versuch, zu einem wahren
Kontinuum zu gelangen, gescheitert ist.
2. Aber nicht bloß der Nachweis bleibender Lücken zeigt
dies klar, sondern auch der Umstand, daß der Begriff eines
transzendenten Verhältnisses gar nicht gedacht werden
kann ohne Benützung des Begriffes des Kontinuums. Ist es
doch ein solches Verhältnis, welches durch Zahlen und
Funktionen von Zahlen sich nicht ausdrücken läßt. Das 7t,
welches das Verhältnis der Peripherie zum Diameter dar-
stellt, läßt keinen entsprechenden Zahlenausdruck zu. Der
unendliche Dezimalbruch 3,1416 ... ist nur eine beliebig
weitgehende Annäherung. So muß hier der Begriff des Kon-
tinuums zu Hilfe genommen werden, der doch noch nicht
in unserem Besitz sein soll.
3. Auch bei den algebraischen irrationalen Brüchen zeigt
sich schon das Fehlerhafte des ganzen Unternehmens. Ist
doch ähnlich wie die negative Zahlengröße auch jeder echte
I. Vom Kontinuierlichen 51

Bruch eine absurde Fiktion, die nur darum anstandslos zu-


zulassen ist, weil zu dem Bruch eine Benennung hinzukom-
men kann, welche die Teilbarkeit besitzt, die dem Zähler
des Bruches mangelt, wie z. B. ein halb Dutzend. Eine solche
Benennung kann bei rationalen Brüchen eine Zahl sein, bei
irrationalen aber muß sie ein Kontinuum sein. Da ich nun
das Kontinuum erst konstruieren will, so entbehre ich jeder
Möglichkeit einer Benennung, welche den irrationalen
Bruch trotz seiner Absurdität zulässig machte. Und so zeigt
sich schon hier jene Erschleichung, welche bei der Berück-
sichtigung der transzendenten irrationalen Brüche noch ein-
facher hervorgetreten ist.
4. Poincare ist bei seinem Konstruktionsversuche etwas
von Dedekind, der als der erste gilt, dem ein solcher Kon-
struktionsversuch gelungen sei, in einzelnen Punkten abge-
wichen. Dedekind unterscheidet sich schon dadurch von
Poincare, daß er nicht bestreiten will, daß wir die Anschau-
ung eines Kontinuums besitzen; nur benützen will er sie
nicht. Dazu kommt, daß er sich um die transzendenten irra-
tionalen Verhältnisse gar nicht kümmert. Gewiß ist das kein
Vorteil, wenn es auch dazu dient, das Scheitern des Versu-
ches nicht so deutlich hervortreten zu lassen.
5. Gemeinsam bleibt es der Dedekindschen und Poin-
careschen Konstruktion, daß sie den wesentlichsten Charak-
ter des Kontinuums, nämlich den, daß es Grenzen unter-
scheiden läßt, welche für sich nichts sind, aber dennoch in
Vereinigung mit anderen einen Beitrag zum Kontinuum
liefern, nicht kennt. Dedekind meint, die Zahl Yz bilde ent-
weder den Anfang der Reihe Yz bis 1 und die Reihe 0 bis Yz
entbehre dann eines letzten Gliedes, d. h. eines zu ihr gehöri-
gen Endes, oder umgekehrt. So ist es aber bei einem wahren
Kontinuum nicht, vielmehr kommt bei der Teilung einer
Linie jedem Teil ein Anfangspunkt, aber in halber Pierose
zu. Die Erklärung Euklids, daß ein Punkt das sei, was keine
Teile habe, wurde schon von Galilei als irrig erkannt, als er
darauf aufmerksam machte, daß der Mittelpunkt des Kreises
so viele Teile unterscheiden lasse, als die Peripherie Punkte
enthalte, indem er gewissermaßen ein anderer sei als Aus-
gangspunkt jedes andern Radius. Wenn eine rote und eine
52 1. Teil: Das Kontinuum

blaue Fläche aneinanderstoßen, so koinzidieren eine rote und


eine blaue Linie in anderer und anderer Plerose, und wenn eine
Kreisfläche aus 3 Sektoren, einem roten, blauen und gelben
sich zusammensetzt, so ist der Mittelpunkt ein Ganzes, das
aus einem roten und blauen Teil gleichmäßig besteht. Nach
Dedekind wäre er nur einer der drei Farbenflächen ange-
hörig, und wir müßten auch sagen, daß er von dieser abge-
trennt werden könne, während im übrigen der Quadrant
erhalten bliebe. Und so wäre denn auch die ganze Kreis-
fläche mit einzigem Mangel eines Mittelpunktes denkbar,
wie Dedekinds Zahlenreihe mit einzigem völligen Entfall
der Zahl Y2· Im Hinblick auf den wahren Begriff des Kon-
tinuums, den wir durch Abstraktion von einer Anschauung
gewinnen, erkennt man dies sofort als absurd, und so ist
denn die ganze Konstruktion verfehlt.
6. Um dies noch durch eine andere Betrachtung zu ver-
deutlichen, wollen wir für einen Augenblick das eigentlich
absurde Zugeständnis machen, es könnte in dem unendli-
chen Raum zugleich eine Menge von Kugeln sich finden,
von welchen jede mit einer andern Geschwindigkeit sich
bewege. Bei einer sei diese 0, bei einer andern habe sie die
Größe von 1 Meile in der Stunde, bei einer dritten die von
Y2 Meile in der Stunde, und so sei jede mittlere Geschwin-
digkeit zwischen 0 und 1 Meile in der Stunde, welche über-
haupt denkbar ist, möge sie ein rationales oder irrationales
Verhältnis zeigen, durch die Geschwindigkeit irgendeiner
Kugel vertreten. Fragt man, ob man es dann mit einem
Kontinuum von Geschwindigkeiten zu tun habe, so wäre
die Frage nach Dedekind zu bejahen, in Wahrheit aber wäre
sie zu verneinen, wogegen in dem Falle einer in der Art sich
drehenden Scheibe, daß die Geschwindigkeit in der äußer-
sten Peripherie die einer Meile in der Stunde wäre, während
das Zentrum sich nicht verrückte, ein wirkliches Kontinuum
von Geschwindigkeiten vorläge. Der Unterschied zwischen
dem einen und dem andern Fall ist der, daß in dem letzten
jede der Geschwindigkeiten als Grenze erscheint, welche
für sich genommen nichts ist, wohl aber mit dem Konti-
nuum der Geschwindigkeiten vereinigt, einen Beitrag zu
ihm liefert. Bei jener Menge von Kugeln wäre dagegen die
1. Vom Kontinuierlichen 53

Geschwindigkeit einer jeden etwas für sich, und eben dies


stände damit im Widerspruch, daß sie mit den übrigen ein
wahres Kontinuum bildete.
7. Der Nachweis, daß wir Anschauungen von Kontinuis
besitzen, während die Existenz eines wirklichen Kontinu-
ums, wie z. B. eines räumlich ausgedehnten Körpers, nicht
unmittelbar gesichert ist, ist von hoher Bedeutung für die
Erledigung der Frage, ob der Begriff des Kontinuums mit
Widersprüchen behaftet sei. Bekannt ist, daß vieles in die
Versuchung führen kann, es für widersprechend zu erklä-
ren. Das "solvitur ambulando" ist nicht anwendbar, da das
wirkliche ambulari in Frage steht. Allein die Anschauung
eines Kontinuums muß zum mindesten zugestanden werden,
wenn der Begriff durch Abstraktion aus ihr gewonnen wird
und Widersprechendes kann nicht bloß nicht sein, sondern
auch nicht anschaulich vorgestellt werden, so z. B. kein roter
Schimmel, während wir durch Komposition und attributive
Verbindung recht wohl zum Begriffe eines roten Schimmels
und zu andern absurden Begriffen gelangen können. So
haben wir denn eine sehr einfache und zwingende Widerle-
gung der behaupteten Unmöglichkeit eines Kontinuums,
die uns in dem Falle, daß sein Begriff das Resultat einer
Konstruktion wäre, nicht zu Gebote stände.

Schlußbemerkung
8. Um sich darüber klar zu werden, daß der Konstruk-
tionsversuch Dedekinds und aller anderen Mathematiker,
welche durch Interkalation von Brüchen zu einem Konti-
nuum von Brüchen gelangen wollen, total verfehlt ist,
scheint es dienlich, auch folgendes zu erwägen. Wie es zur
Natur eines Kontinuums gehört, daß seine Teile aneinander
grenzen, so auch, daß ihm ein Variationsgrad zukommt. Bei
der Zeit und dem Raum, wie dieser bei Gleichzeitigkeit der
Teile besteht, ist er konstant und darum entspricht der Ab-
stand zweier Punkte in der Zeit genau der Länge der zwi-
schen ihnen verlaufenden Zeit und der Abstand Zweier
Raumpunkte der Länge der zwischen ihnen liegenden gera-
den Linie. Bei anderen Kontinuis, wie z. B. bei der Bewe-
54 1. Teil: Das Kontinuum

gung, ist er dagegen variabel. Verschiedene Bewegungen


haben sehr verschiedene Geschwindigkeiten und bei einer
ununterbrochenen Bewegung können auch noch die Teile
in mannigfach verschiedenem Grade variieren. So kann denn
auch bald eine sehr lange, bald eine sehr kurze geradlinige
Bewegung von demselben Punkt zu demselben Punkt füh-
ren und die Größe des Abstandes der beiden Punkte zu der
Größe der Bewegung in beliebigem Verhältnis stehen.
Wenn nun durch die Interkalation von Brüchen, wie die
Mathematiker sie vornehmen wollen, um ein Kontinuum
zwischen 0 und 1 zu konstruieren, wirklich ein solches
Kontinuum hergestellt wäre, so müßte offenbar auch dieses
einen gewissen Variationsgrad besitzen, und dieser müßte
entweder wie beim Raum und bei der Zeit als ein konstanter,
schlechterdings invariabler oder, wie bei der Bewegung, als
ein beliebig wechselnder gefaßt werden. Im ersten Falle
würde die Länge des Kontinuums genau der Größe des
Abstandes von 0 zu 1 entsprechen, im letzteren wäre dage-
gen von einer fixen Beziehung nicht die Rede. Seltsam ge-
nug haben die Mathematiker ganz und gar versäumt, sich
die Frage vorzulegen. Wenn nun aber wir ihnen die Frage
stellen, was werden sie antworten? Ich glaube, daß darüber
kein Zweifel sein kann. Sie werden sagen müssen, daß kein
fixer Grad von Variation gefordert, sondern jeder beliebig-
gleich denkbar sei. In der Tat könnte man ja, wenn über-
haupt eine vollständige Aufzählung aller Brüche zwischen
0 und 1 möglich wäre, durch eine Aufzählung von beliebi-
gem Grad der Geschwindigkeit von 0 zu 1 gelangen, ähnlich
wie eine Bewegung von beliebiger Geschwindigkeit vom
Orte A zum Orte B führen kann. Sehen wir nun aber zu,
welches die allgemeine Bedingung für ein solches Konti-
nuum von beliebig wechselndem Grade der Variation ist,
so zeigt sich, daß es ein sekundäres Kontinuum sein muß,
dem ein anderes unterliegt, bei welchem der Grad der
Variation notwendig konstant ist und bei dem darum, wenn
es in seiner Richtung nicht variiert, die Länge des Konti-
nuums und die Größe des Abstandes der Extreme sich
genau entsprechen.
Hieraus ergibt sich, daß das Zahlenkontinuum, das man
I. Vom Kontinuierlichen 55

hergestellt haben will, jedenfalls ein sekundäres Kontinuum


wäre, welches den Gedanken eines vor ihm gegebenen pri-
mären Kontinuums einschlösse, und somit zeigt sich auch
aus diesem Grunde, daß man eben das, was man durch
Konstruktion gewinnen zu können glaubte, ohne es zu be-
merken schon als gegeben vorausgesetzt hatte. Das Wider-
spruchsvolle des ganzen Unternehmens tritt so aufs neue in
eklatantester Weise zutage.
Wollte einer sagen, er denke bei seiner Zusammenstellung
aller Zahlen zwischen 0 und 1 nicht an eine Aufzählung,
sondern an ein einfaches Zusammenbestehen aller dieser
Brüche, so müßte man ihn fragen, ob den Brüchen bei die-
sem Zusammenbestehen nicht eine gewisse Dichtigkeit zu-
kommen müsse und ob diese einen konstanten, von vorn-
herein einzig denkbaren Grad habe und welchen etwa? Da
bei einer sich stetig beschleunigenden Bewegung oder bei
einer, in stetig wechselndem Grad der Variation von einer
rein schwarzen Linie zu einer rein weißen übergehenden
grauen Ebene alle Grade der Variation irgendwo vertreten
sein können, so müßte man, wenn es einleuchtend wäre, daß
bei dem kontinuierlichen Zahlenübergang nur ein Grad der
Dichtigkeit denkbar sei, auch anzugeben vermögen, welcher
Grad der Variation, der in irgendeinem Zeitpunkt der Bewe-
gung oder in irgendeiner Raumlinie der grauen Ebene eig-
nete, der des aus den Brüchen konstruierten Kontinuums
sei. Es ist klar, daß auf diese Frage keine Entscheidung zu
geben wäre, die auch nur einen Schein von vernünftiger
Begründung zuließe.
So ist denn in mehrfacher Weise für den ganzen Versuch
der Fehler einer petitio principii erwiesen. Das angeblich
gewonnene Kontinuum entbehrt der Grenze und entbehrt
jedes Grades der Variation.
56 1. Teil: Das Kontinuum

II. Vom Maß des Kontinuierlichen


[Meg 30}

1. Jedes Kontinuum ist ins Unendliche differenziert, und


darum homogen.
2. Dasselbe Ding kann unter mehrere Gattungen fallen,
und daraufhin können zwei Dinge, die bloß in einer Gattung
spezifisch differenziert sind, in allen anderen gleich sein, und
die Teile eines Kontinuums können, während sie sich in
einer Gattung allein kontinuierlich differenzieren, in ande-
ren gleich sein oder eine endliche Zahl von Differenzen zei-
gen. Beispiele: A dauert eine Zeit lang. A und B, einander
folgend, dauern zusammen eine Stunde.
3. Es kann aber auch geschehen, daß sich die Teile eines
Kontinuums in mehreren Gattungen kontinuierlich differen-
zieren. Was ich hier meine, sind nicht solche Fälle, wo sich
etwas zwar als ein Kontinuum von mehreren Gattungen,
aber nicht so darstellt, daß dieselben Teile von denselben in
beiden Gattungen differenziert sind, sondern in der einen
exklusiv von diesen, in der andern vielmehr von jenen, wie
z. B. wenn eine Kugel eine Stunde lang ruht. In diesem Falle
einer ruhenden Kugel haben wir ein Räumlich-Zeitliches,
in welchem räumlich die obere von der unteren Kugel sich
unterscheidet, dagegen zeitlich die in der ersten Hälfte der
Stunde von der in der zweiten Hälfte bestehenden, und so
in infinitum. Vielmehr meine ich Fälle wie den der Bewe-
gung eines indefinit klein gedachten Punktes von a nach b
vom Zeitpunkt ot bis ß.
4. Nur dieser Fall zeigt Analogie mit dem Fall, wo bei
sukzessivem Bestand von A und B sich das Bestehende so-
wohl zeitlich als qualitativ, nur bloß in einer Beziehung kon-
tinuierlich, in der anderen diskret differenziert, während
jener andere dem Fall, wo A und B eine Zeitlang zusammen
bestehen, zu vergleichen wäre.
5. Darum käme es auch in jenem Falle zu einem Wachs-
tum des Kontinuums wie beim vereinigten Bestand von A
und B. Wenn bei ihm eine Addition, wäre bei jenem zwei-
fach Kontinuierlichen eine Multiplikation auszuführen, um
li. Vom Maß des Kontinuierlichen 57

die Gesamtgröße des räumlich-zeitlich Kontinuierlichen zu


bestimmen. In unserem Falle aber wäre eine solche Multi-
plikation schlechthin nicht am Platz, und überhaupt könnte
von einem Wachstum der kontinuierlichen Größe durch das
Hinzukommen eines Kontinuums zum andern nicht gespro-
chen werden. Man vergleiche nur den Fall des sukzessiven
Bestandes von A und B. Das Kontinuum erfährt hier nicht
wie beim gleichzeitigen beider eine Verdoppelung der
Größe.
6. Aber welche wird diese Größe sein, die des durchlau-
fenen Raumes oder die der durchlaufenen Zeit? Schon die
Analogie mit dem Fall der diskreten Differenzierung von A
und B spricht dafür, daß die der Zeit, und es bestätigt sich
dies durch die Erwägung, daß bei Ruhe wie Bewegung und
bei schnellerer wie langsamerer Bewegung die Zeit mit
gleicher Vollkommenheit ausgefüllt erscheint, während jede
Raumbestimmung um so unvollkommener dem durch sie
Lokalisierten zukommt, je geschwinder die Bewegung ist.
Denken wir zwei Parallelkreise vom Radius r und R = 2r
und in jeder der Peripherien einen Bogen von gleicher
Länge ab und a'b' in besonderer Weise differenziert. Wird die
Ebene um den Mittelpunkt gedreht, so daß in einer Stunde
die Drehung vollzogen ist, so war ab in dieser Stunde in der
ganzen kleinen Peripherie ihm gleich in der ganzen großen
Peripherie, aber so, daß, wenn jene den nten, diesen den
2nten Teil der Peripherie erfüllte.
Wir wollen diese Unterschiede der Vollkommenheit mit
Aristoteles als Unterschiede der Teleiose der räumlichen Be-
stimmung (Lokalisation) bezeichnen. Da bei wachsender
Geschwindigkeit die durchlaufenen Räume in eben dem
Maße wachsen als die Vollkommenheit der Partizipation an
der Raumbestimmung abnimmt, so kompensiert sich das
eine durch das andere und wir erlangen immer das gleiche
Maß von Differenzen dem Raume (der Bewegung) wie der
Zeit nach, d. h. der doppelt, zeitlich wie räumlich, differen-
zierten Menge.
7. In dem Doppelkontinuum, welches uns im Falle einer
Bewegung vorliegt, nennen wir die Kontinuität der Zeit-
differenzen die primäre, die der Ortsdifferenzen, als sukzes-
58 1. Teil: Das Kontinuum

siver, seine sekundäre Kontinuität. Sie könnte selbst eine


vielfache und das Doppelkontinuum zu einem Tripelkon-
tinuum werden, insofern die Geschwindigkeit, statt einför-
mig, differenziert und kontinuierlich differenziert sein kann,
was wieder in einförmiger oder in differenzierter Weise
möglich ist. Und wiederum, insofern die Richtung der Be-
wegung gleich oder differenziert und kontinuierlich differen-
ziert sein kann, wie bei der krummen Bewegung usw.
8. Auch eine als simultanes Nebeneinander gegebene
Linie (eine räumliche Länge von indefinit kleiner Breite und
Tiefe) ist ein Doppelkontinuum. Hier ist das primäre die
Raumlänge, das sekundäre die Krümmung. Wie das Maß
der Geschwindigkeit bei der Bewegung kann das Maß der
Krümmung bei der Linie verschieden sein, beim Kreis mit
halbem Radius ist es doppelt so groß. Sie zeigt kontinuier-
lich differenzierte Richtungen in unvollkommener Teleiose,
wogegen die Tangenten diese Richtungen in vollkommener
zeigen. Die räumliche Länge ist die Größe des Kontinuums,
und diese ist bei stark wie schwach gekrümmter wie gerader
Linie die gleiche, obwohl das eine Mal nur eine, das andere
Mal viele Richtungen und eine größere oder geringere
Menge, aber je größer diese, um so geringer ist die durch-
schnittliche Teleiose.
9. Man erkennt leicht, daß, damit es zu einem Doppel-
kontinuum komme, kontinuierliche Differenzen möglich
sein müssen, welche zwei verschiedenen primären Konti-
nuis oder einem primären von mehreren Dimensionen ange-
hören. So bei der Bewegung Zeit und Raum, bei der Krüm-
mung der Linie der Raum mit mehreren Dimensionen.
10. Während die Teleiose des sekundären Kontinuums
mannigfach sein kann, ist die der primären immer und über-
all die gleiche. Während dort die Geschwindigkeit der Dif-
ferenzierung sich ins Unendliche steigern und ins Unend-
liche abnehmend der vollen Teleiose beliebig nähern kann,
erhält sich das primäre immer ein und dasselbe Maß der
Aufeinanderfolge der Differenzierung, soweit nur immer
das Kontinuum sich erstreckt. Es ist klar, daß nirgends ein
undifferenziertes an die Stelle der Differenzierung tritt. Alles
ist im Obergang zu spezifisch Verschiedenem. Aber wenn
IT. Vom Maß des Kontinuierlichen 59

so kein Realisieren einer einzelnen Spezies in voller Teleiose,


so ist auch kein Herabsinken von der allen primären Konti-
nuis gemeinsamen, für sie als notwendig charakteristischen
Teleiose möglich. Wir nennen sie die primäre Teleiose. So ist
sie denn notwendig einer der Teleiosen, die bei sekundären
Kontinuis vorkommen können, gleich.
11. Raum und Zeit, beide primäre Kontinua, haben also
dieselbe Teleiose, obwohl nicht homogen. Noch größere
Gleichförmigkeit zeigen wegen der Homogenität Zeiten
mit Zeiten und Räume mit Räumen verglichen.
Zeitliches und Räumliches haben immer Dimensionen und
jedes hat stets dieselbe Zahl der Dimensionen. Es kann kei-
nen Zeitpunkt im Sinne eines ausdehnungslosen Momentes
geben, keinen Raumpunkt, keine Linie, keine Fläche, wenn
nicht im Sinne indefinit und s.z.s. rudimentär gewordener
Dimensionen in gewisser Richtung.
Nicht bloß Differenzen in ebensoviel Richtungen, sondern
auch in derselben Richtung sind für jeden Punkt möglich.
Kein noch so kleines Kontinuum, in welchem nicht Ab-
stände und Zusammenhänge in allen in dem Kontinuum
möglichen Richtungen wirklich gegeben sind.
Zweiter Teil

DIE ZEIT UND DAS ZEITBEWUSSTSEIN

I. Was die Philosophen über die Zeit


gelehrt haben30)
Vor 1902[T4}

1. Was ist die Zeit? Kein anderer Name ist, der uns ge-
läufiger und keiner, der zugleich uns dunkler wäre. Wo wir
ihn in der Rede anwenden, erwächst dem Verständnis keine
Schwierigkeit und leicht auch und sicher vermögen wir zu
sagen, ob eine besondere Bestimmung eine zeitliche sei oder
nicht, und doch wird bei unserer Frage gar mancher mit der
Antwort zögern und zuletzt vielleicht wie Augustinus in
einer berühmten Stelle seiner Confessiones bekennen, daß
er es nicht wisse. Das eine ist mit dem andern durchaus ver-
einbar, wie denn auch die Schulkinder beim Unterrichte im
ABC gar wohl verstehen, wovon die Rede ist, obwohl sie
erst durch Einführung in die Helmholtzsche Klanganalyse
über die Natur jedes Buchstabens Aufschluß erhalten würden.
Die Mechaniker, für welche der Begriff der Zeit zu den
ersten und wichtigsten ihrer Wissenschaft gehört, haben es
sich an jener Gemeinverständlichkeit des Ausdrucks genü-
gen lassen. Weder Arehirnedes noch Galilei fühlten das Be-
dürfnis, in Forschungen über die Natur der Zeit einzugehen,
wohl aber haben Psychologen und Metaphysiker sich wie-
derholt in ausführlichen Erörterungen um eine Klärung des
rätselhaften Begriffes bemüht.
Die Metaphysiker! Ich brauche das Wort nur auszuspre-
chen, um bei der Mißachtung, unter der eine vormals so
gefeierte Wissenschaft in unseren Tagen leidet, das ungün-
stigste Vorurteil zu wecken. Ist die Untersuchung eine
metaphysische, wird man sagen, so ist sie auch schon als
aussichtslos gekennzeichnet. Und blicken wir auf die Ge-
schichte, so scheint das Ungenügende der Bestimmungen,
l. Die Philosophen über die Zeit 61

das schier jeden großen Denker zu seinen Vorgängern in


Widerspruch treten und noch die Gegenwart zu keiner Eini-
gung kommen läßt, wenig geeignet, das Mißtrauen zu mil-
dern.
2. Aristoteles gibt folgende Erklärung der Zeit: sie sei die
Zahl der Bewegung der obersten Himmelssphäre, insofern
diese das Maß für das Früher und Später alles anderen
Wandels und Beharrens abgebe. Beseitigt man das Irrtüm-
liche, das dieser Bestimmung infolge ihres Zusammenhangs
mit der vorkopernikanischen Astronomie anhaftet, so be-
sagt sie nichts anderes, als daß die Frage "Wann?" mit Be-
stimmungen, die sich auf den wechselnden Stand der Ge-
stirne beziehen, beantwortet zu werden pflegt. Aristoteles
verfährt hier ähnlich wie dort, wo er den Raum ('r07toc;) als
die nächste ruhende Grenze des Umgebenden bezeichnet,
weil wir auf die Frage "Wo?" mit relativen Bestimmungen
zu antworten pflegen, die an eine (wenigstens in bezug auf
den Teil der Körperwelt, dervornehmlich für uns zu berück-
sichtigen ist) ruhende Grenze anknüpfen. Wo ist er?- Im
Zimmer. Wo ist das Zimmer? - Im Hause. Wo ist das
Haus? - In der Stadt Florenz. Und diese in der Provinz
Toskana und diese im Königreich Italien.
Zu glauben, es sei durch jene Aristotelische Bestimmung
uns ein Einblick in die Natur der Zeit eröffnet, wäre ebenso
lächerlich, als wenn einer sagte, das Wesen der Wärme
bestehe im Thermometer, insofern dieses das Maß für das
Mehr und Minder der Temperatur abgebe. So hat denn
Aristoteles hier nicht sowohl das Wesen von Raum und
Zeit bestimmt als dasjenige genannt, woran wir, indem wir
es selbst in seiner räumlichen und zeitlichen Bestimmtheit
als genügend bekannt voraussetzen, weitere relative Raum-
und Zeitbestimmungen knüpfen.
Ein andermal sagt er von der Zeit, wenn keine Seele
wäre, so würde auch keine Zeit sein, und manche hatten
nicht übel Lust, ihn daraufhin als einen Vorläufer Kants in
bezug auf die Lehre, daß die Zeit eine subjektive apriorische
Form sei, in Anspruch zu nehmen. Aber offenbar ist jener
Satz nichts anderes als eine Konsequenz des früheren. Wenn
kein denkendes Wesen wäre, so würde nach Aristoteles
62 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

zwar allerdings noch die Bewegung des obersten Himmels


fortdauern, aber sie diente dann nicht mehr als Maß für
Bleiben oder Wechsel in bezugauf das Früher und Später.
Für die Frage, was die Zeit sei, ist bei ihm nur etwa ein Aus-
spruch von einer gewissen Bedeutung, obwohl darin die
Zeit gar nicht erwähnt wird, ich meine die Stelle in den
Büchern Von der Seele, wo er von den Gegenständen der
Sinne handelnd zwischen exklusiv eigenen Sinnesobjek-
ten (den sinnlichen Qualitäten) und gemeinsamen Sinnesob-
jekten unterscheidet und unter diesen auch Bewegung und
Ruhe anführt. Da diese Phänomene nicht ohne Vor und
Nach zu denken sind, glaubt also Aristoteles offenbar in
unserer ursprünglichen Anschauung etwas gegeben, was
zum Ausgangspunkte der Erklärung des Zeitbegriffes dienen
könnte. Die Analyse, die eine solche Klärung böte, hat er
aber nicht gegeben.
3. Wenn wir von dem größten Denker des heidnischen
Altertums zu dem größten Denker der patristischen Zeit
uns wenden, so finden wir, daß Augustinus mit echt philo-
sophischem Staunen an die Frage über das Wesen der Zeit
herantritt. Er erzählt, daß ihm ein gelehrter Mann erklärt
habe, sie sei die Bewegung der Gestirne. Es wird ihm aber
nicht schwer zu zeigen, warum diese Bestimmung, die sicht-
lich mit der aristotelischen zusammenhängt, unannehmbar
ist. Doch minder glücklich ist er, wenn er dann selbständig
eine Lösung des Problems anstrebt.
Unzweifelhaft dünkt ihm, ·daß die Zeit eine Ausdehnung
und meßbar sei. Indem er aber weiter fragt, wessen Ausdeh-
nung sie sei, kommt er zu einem Ergebnis, das sich kurz
etwa so zusammenfassen läßt: sie sei eine Ausdehnung, die
den geschöpfliehen Dingen zukomme, insofern sie unserem
geschaffenen Geiste vorschweben als etwas, worauf er als
vergangen zurückblickt, als gegenwärtig hinschaut oder was
er als zukünftig erwartet. An und für sich, und darum auch
in der Erkenntnis Gottes, lehrt er, haben die vergänglichen
Dinge eine solche Ausdehnung nicht. Andernfalls würde,
meint er, die Gottheit nicht frei von Wechsel sein, was ihm
schlechthin unannehmbar dünkt. Hienach müssen wir Au-
gustinus wirklich als einen Vertreter der Subjektivität und
I. Die Philosophen über die Zeit 63

rein phänomenalen Wahrheit der Zeit ansehen, womit es


dann freilich in schneidendem Widerspruch steht, daß er
auch von Dingen an sich als veränderlichen und vergängli-
chen spricht.
4. Das lebhafte Interesse, das der große Kirchenvater für
unsere Frage bekundete, und die ablehnende Kritik, die er
hierin an der höchsten philosophischen Autorität des Mittel-
alters übte, mußten auf die Scholastiker anregend wirken.
Nach Thomas von Aquino wäre daran festzuhalten, daß die
Zeit die Zahl oder das Maß der Bewegung in bezug auf
Früher und Später sei, es zeigt sich aber, daß er unter "Be-
wegung" jede Art der Aufeinanderfolge versteht und für
diese nicht eines, sondern mehrere Maße gelten läßt. Er
unterscheidet insbesondere zwischen innerer und äußerer
Zeit. Eine innere Zeit ist jede Aufeinanderfolge, sofern eine
Ordnung von Früher und Später in ihr zu finden ist, es gibt
deren also viele. Als äußeres Maß dagegen nimmt er, wenig-
stens für alle körperlichen Bewegungen, ein Einheitliches an
und zwar soll dies, wie bei Aristoteles, die Bewegung der
obersten Himmelssphäre sein. Verrät sich hierin wie ander-
wärts seine Abhängigkeit von dem großen Griechen, so
dürften gewisse Neuerungen, in denen er über diesen hin-
ausstrebt, wohl durch die von Augustinus geübte Kritik
angeregt worden sein. Sie sind freilich durch sehr bedenk-
liche Konsequenzen belastet, von denen Thomas selbst
schon einige ausdrücklich gezogen hat. Da die Veränderun-
gen sehr verschiedenartig sind, sollen auch die Zeiten in
ihrer Natur sehr verschiedtn sein. Dies führt ihn so weit,
von den Engeln zu behaupten, daß ihre Zeit nicht ein Kon-
tinuum, sondern, da ihr Denken in diskreter Reihe ruck-
weise sich ändere, ein Diskretum aus unendlich vielen un-
ausgedehnten Phasen sei.
Da auch die Bewegungen der Körper teils ganz zum Still-
stand kommen, teils unregelmäßig sich verlangsamen oder
beschleunigen, hätte er hier ebenso große und absonder-
liche Zeitvarianten annehmen müssen, hat sich das nur nicht
klar gemacht. Für Gott aber, dessen Tätigkeit er, wie schon
der Kirchenvater, jede Sukzession abspricht, will er gar kein
Analogon unserer Zeit anerkennen.
64 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Handgreiflich verkennt eine solche Lehre die Natur der


Zeit. So schwierig es sein mag, vom Zeitbegriffe deutlich
Rechenschaft zu geben, so kommen ihm doch nach dem
Urteil jedes gesunden Verstandes gewisse Bestimmungen
unleugbar zu. So nicht bloß, daß es, wo eine Zeit, auch ein
Früher und Später geben müsse- das erkennt auch Thomas
an-, sondern auch die, daß im Verlauf der Zeit keine Unter-
schiede der Geschwindigkeit vorkommen können. Alle
Physiker machen von dieser Einsicht Gebrauch, wenn sie
die Geschwindigkeit durch die Formel v = sft ausdrücken.
Könnte die Zeit selbst bald schneller, bald langsamer ver-
laufen, so verlöre diese Formel jede Bestimmtheit.
5. Pranz Suarez, ein von Grotius und Leibniz hochge-
schätzter Denker, der die Ansicht des Thomas noch wesent-
lich teilt, zieht ungescheut auch noch folgende absurde
Konsequenzen. Wenn von zwei Geistern, die gleichzeitig
geschaffen werden, der eine nach einem Jahre, der andere
nach hundert Jahren oder gar nicht vernichtet würde, so
bestünde, meint er, der eine, was seine innere Dauer an-
langt, nicht minder lang als der andere, nur das äußere Maß
ihrer Dauer würde verschieden sein, insofern der eine einer
kürzeren, der andere einer längeren Bewegung koexistieren
würde (Disputationes metaphysicae, 50., sect. 5). Ebenso be-
hauptet er unbedenklich, wenn der eine vernichtet worden
sei und dann noch einmal geschaffen würde, so würde die
Dauer, die ihm nach der zweiten Schöpfung zukäme, seine
Gesamtdauer nicht verlängern, vielmehr mit seiner ersten
Dauer individuell dieselbe sein. Endlich erklärt er geradezu,
jede einzelne Zeit könne als individuell dieselbe beliebig oft
wiederkehren, da eine und dieselbe Bewegung sich beliebig
oft wiederholen könne. Es kann also individuell derselbe
Tag, der sich eben schließt, neu wiederbeginnen. Ja, mich
dünkt, daß Suarez konsequent sagen müßte, daß dies tat-
sächlich so geschehe, sooft Tag dem Tage folgt, und von
jeder einzelnen Stunde des Tages müßte er sagen, daß sie
individuell dieselbe sei, vor wie hinter jeder "anderen".
6. Schier alle Scholastiker stimmen in dieser seltsamen
Ansicht über die Zeit, die dem allen zugrunde liegt, nahezu
überein, 31) nur Bonaventura und einige wenige von ihm
I. Die Philosophen über die Zeit 65

beeinflußte Denker machen eine Ausnahme und zeigen eine


wesentlich verschiedene Auffassung. Nach Bonaventura ist
alles außer Gott, der nicht zeitlich, sondern ewig ist, einem
steten Wechsel unterworfen. Selbst wenn etwas Kreatürli-
ches unverändert fortbesteht, erleidet es doch eine stete
Änderung in seinem Sein, insofern es fort und fort von Gott
erhalten, d. h. neu verursacht wird. Je nachdem diese sich
ununterbrochen fortsetzenden Erhaltungen eine längere
oder kürzere Kette bilden und früher oder später beginnen
und enden, ist die zeitliche Dauer und zeitliche Lage des
Dinges verschieden.
Außer Frage sind dadurch viele der Absurditäten, die der
im Mittelalter üblicheren Auffassung von Zeit und Dauer
anhaften, bei Bonaventura vermieden, aber eine Schwierig-
keit bleibt und an ihr muß auch dieser Versuch scheitern.
Gott soll unveränderlich sein; wenn nun auch etwas, was
von ihm ausgeht, in dem, was und wie es ist, unverändert
ist, wie soll das Ausgehen dieses Unveränderten von jenem
Unveränderten ein anderes und anderes sein? Man könnte
darauf vernünftigerweise nur antworten: wenn auch in
allem andern einander gleich, so ist doch das eine Ausgehen
vom andern der Zeit nach verschieden, und darum ist das
eine früher, das andere später, und es kommt zu einer kür-
zeren oder längeren Sukzession eines solchen Früher oder
Später, d.h. eben zu den Unterschieden der Dauer. Aber
sobald man dies sagte, würde die ganze Erklärung deutlich
zu einem idem per idem werden32) und so offenbar werden,
daß der Begriff der Zeit nicht im allermindesten geklärt ist.
Und auch das erschiene unbegreiflich, wie, wenn die Zeit
die Sukzession von Vorgängen33) wäre, die sich gänzlich
unserer Anschauung entziehen, wir alle ohne viel Nachden-
ken davon genügende Kenntnis haben und so, wie jeder-
mann es tut, mit Leichtigkeit von den verschiedensten Zeit-
bestimmungen Genügendes erfassen können, um sie in täg-
licher Rede anzuwenden.
So erweisen sich denn auch die Bemühungen der Schola-
stik als ganz unzureichend.
Eines sei noch, indem wir vom Mittelalter scheiden, be-
merkt: Der Versuch, zu dem Augustinus sich gedrängt fand,
66 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

ohne ihn aber konsequent durchzuführen, nämlich die Auf-


fassung der Zeit als etwas rein Subjektives, ist von keinem
Scholastiker erneuert worden. Wir sehen sie im Gegenteil
bemüht, die Paradoxa, die Augustinus einer solchen An-
nahme geneigt gemacht hatten, unter Benutzung der Lehre
des Aristoteles von der Bewegung als actus imperfectus als
logisch möglich darzutun.
7. Blicken wir auf die Neuzeit. Nach Descartes ist die Zeit
ein Attribut der Substanz. Sie ist dasselbe, welches wir auch
als Dauer bezeichnen. Die Dauer ist das Beharren im Sein.
Sie kann ganz die gleiche sein bei Ruhe wie Bewegung;
sonst müßte es unmöglich sein, daß in der gleichen Zeit ein
Körper ruht, ein anderer sich weiterbewegt. Doch messen
wir die Dauer von etwas, indem wir uns der Dauer einer
möglichst gleichmäßig fortschreitenden Bewegung als Maß-
stab bedienen. Und die relative Größenbestimmung, welche
einer Dauer zukommt, wenn wir sie an solchem gemeinsa-
men Maßstab messen, ist die Zeitbestimmung. So sind Zeit
und Dauer der Sache nach eins und nur in unserer Auffas-
sung verschieden.
Hier ist manches, was an die Bestimmungen der Schola-
stik erinnert. Manches Irrige ist abgestreift. Doch eines ist
nicht deutlich ausgesprochen, ob nämlich Descartes sich das
Beharren eines ruhenden Dinges ohne jede innere Verände-
rung, ohne jede Sukzession verschiedener Teile denkt. An-
genommen sie fehle, wie sollte es dann zu einer kontinuier-
lichen Ausdehnung kommen? Angenommen, sie sei vor-
handen, was ist das, was sich folgt?- Das Sein? Folgt Teil
des Seins dem Teil?- Sie müssen, um viele zu sein, verschie-
den sein, aber wodurch sind sie verschieden ?34) Descartes
rechnet die Dauer zu dem, was uns von den Dingen zur
Erscheinung kommt. Aber er macht nicht genug deutlich,
worin die inneren Differenzen, die wir hier finden sollen,
bestehen. Sind es Gewesensein und Gegenwärtig- und
Zukünftigsein und, was das Gewesensein anlangt, Stufen
des Gewesenseins u.s.f.? Und ist das Gewesensein wirklich
in dem dauernden Ding wie das Gegenwärtigsein?- Augu-
stinus wenigstens würde Bedenken tragen, ihm dies zuzuge-
stehen. Wir können aber nicht einmal bestimmt sagen, ob
I. Die Philosophen über die Zeit 67
er dies oder anderes behaupten wollte. Auch die Weise, wie
die Begriffe Dauer und Zeit zueinander in Verhältnis gesetzt
werden, erscheint bedenklich. Descartes behandelt sie, als
wenn sie sich ähnlich wie Größe und Größenmaß verhielten,
tatsächlich scheinen sie sich aber vielmehr wie Volumen und
Ort zueinander zu verhalten. 35)
8. Wenn Descartes' Bestimmungen noch etwas an die des
Mittelalters erinnerten, so kann dies von denen Lackes
nicht wohl mehr gesagt werden. Die ganze Tendenz seines
berühmten Werkes An essay concerning human understanding
bringt es mit sich, daß bei ihm die Begriffsbestimmung der
Zeit in engste Beziehung zur Frage nach dem Ursprung
dieser Begriffe gebracht wird.
Die Idee der Sukzession empfangen wir eigentlich von
den Sinnen, doch konstanter wird sie uns von den inneren
Ereignissen dargeboten (B. II, Ch. 7, § 9). Jeder erfaßt mit
Evidenz, sobald er auf sich reflektiert, eine Reihe von Ideen,
die beständig einander folgen, solange er wach ist. Dies gibt
uns die Idee der Sukzession (Ch. 14, § 3). Auch bemerken
wir Abstände zwischen ihren Teilen, und dies führt zum
Begriff der Dauer. Denn während wir mehrere Ideen nach-
einander empfangen, erkennen wir, daß wir fortbestehen,
und unser Fortbestand ist jener Sukzession kommensurabel.
Die Sukzession der Ideen kann nur geringe Unterschiede
zeigen. (Bei größerer Geschwindigkeit würden die sich fol-
genden Eindrücke ununterscheidbar, bei größerer Langsam-
keit würden sie nicht mehr zugleich im Bewußtsein sein.)
Der Teil der Dauer, der gerade eine der sich folgenden
Ideen in uns ist, heißt Augenblick. Daraufhin wird eine
beständige regelmäßige Aufeinanderfolge von Ideen im
wachen Menschen das Maß für alle anderen Sukzessionen.
Mitteist der Sinne beobachten wir gewisse, wie es scheint in
ihrer Aufeinanderfolge gleich weit abstehende Erscheinun-
gen. So unterscheiden wir regelmäßige Perioden von be-
stimmter Länge der Dauer, Minuten, Stunden, Tage, Jahre
und dgl. Unsere Phantasie überschreitet, indem sie es nach
Belieben vervielfältigt, das Wahrgenommene. So kommen
wir zur Idee von Morgen, nächstem Jahr, 7 Jahren, die
dem gegenwärtigen Augenblick folgen werden (Ch. 14,
68 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

§ 31). Und weiter noch zur Idee einer anfangslosen und


endlosen Dauer, d. i. der Ewigkeit. Die Zeit aber ist nichts
anderes als ein Teil dieser unendlichen Dauer, wenn die-
selbe in abgemessene Perioden eingeteilt gedacht wird.
(Ebenda.)
Anderwärts nennt er auch das Ganze der Dauer, die in
gewisse Epochen von gleichem Maß zerlegt wird, die Zeit
(Ch. 14, § 17). Und wieder an einer anderen Stelle sagt er,
die Zeit sei für die Dauer, was der Ort für die räumliche
Ausdehnung. Sie sind, sagt er, ebensoviele Portionen in die-
sen zwei unbegrenzten Ozeanen der Ewigkeit und Uner-
meßlichkeit (Ch. 15, § 5).
Indem Locke zur Erklärung des Zeitbegriffes auf gewisse
Anschauungen hinblickt, in welchen der Begriff konkret
erscheint, bekundet er eine sehr richtige methodische Ober-
zeugung. Aber daß er in der Ausbeutung dieser Anschau-
ungen sich geschickt gezeigt, kann man ihm nicht nachrüh-
men. 38) Daß es sich bei der Zeit um Sukzession handle, hatte
auch schon Descartes und hatte mancher andere vor ihm
gesagt. Nur was das sei, was37) in der Zeit sich folge, und
was für spezifische Differenzen die verschiedenen Größen
der Abstände mit sich führten, hatte er im unklaren gelas-
sen, damit aber auch den ganzen Begriff der Zeit, wie, wenn
einer unklar ließe, welcher Gattung die spezifischen Diffe-
renzen seien, die den Abstand von Rot und Blau, Schwarz
und Weiß bildeten, der Begriff der Farbe im unklaren gelas-
sen wäre. Man möchte schier manchmal glauben, daß jede
Art von Differenzen, manchmal, daß insbesondere die der
sich folgenden Ideen als solcher38) die Abstände bildeten.
Aber wie könnte das sein, da dieselben zwei Ideen bald
unmittelbar, bald vermittelt und bald schnell, bald in länge-
ren Abständen aufeinander folgen können? Bei so geringer
Klarheit über die Idee der Zeit erscheint es auch ganz unbe-
rechtigt, wenn Locke sie für kontinuierlich hält, zumal er
bekennt, daß er in dem Bestand gewisser Ideen gar keine
Sukzession zu bemerken vermöge. Wenn er die Zeit des
Bestandes der einzelnen Idee in ihrem gleichmäßigen Flusse
einen "Augenblick" nennt, legt er es fast nahe, daß er die
Zeit für eine diskrete Reihe von Momenten gehalten habe.
I. Die Philosophen über die Zeit 69

Jedenfalls bestätigt er dadurch noch mehr, was ich eben


sagte, daß er kein Recht gehabt habe, sie für kontinuierlich
zu erklären. Und ebensowenig scheint er berechtigt zu be-
haupten, daß sie sich zu einer Ewigkeit erweitern könne.
Er selbst lehrt anderwärts, daß wir keine positive Vorstel-
lung von solcher Unendlichkeit hätten. So stützt er sich
denn auch hier nur auf die Möglichkeit, in der Phantasie
eine gegebene Zeitdauer sich wiederholend zu denken. Doch
ähnlich könnte einer meinen, die Intensitätsreihe nach oben
und unten, die Reihe der Graunuancen nach Hell und Dun-
kel, die Tonhöhen und Tiefen in neuen und neuen Skalen
ins Unendliche in der Phantasie fortsetzen zu können. Er
würde aber schlechterdings irren, wenn er hier jede unüber-
schreitbare Grenze leugnete. 39) Wir haben gesehen, wie die
meisten Lehrer des Mittelalters gewissen Dingen einen Fort-
bestand unter innerer Sukzession von differenten Teilen,
anderen einen Fortbestand ohne solche innere Sukzession
zuschrieben. Die innere Dauer dieser Dinge sollte nach
ihnen infolge davon keine Länge haben, was sie aber nicht
abhielt, mit offenbarer Absurdität zu behaupten, daß sie an
einer ihnen äußeren Sukzession, die mit jenen Dingen be-
ginne und endige, gemessen sich als gleich erwiesen. Auch
Locke, scheint es, schreibt gewissen Dingen ein in jeder
Beziehung unverändertes Beharren zu, während bei anderen
Sukzession statthat (wie z.B. der Substanz unserer Seele).
Hat auch er jenen keine innere Länge der Dauer und doch
Gleichheit der Dauer mit einer gleichzeitigen äußeren Dau-
er, die eine Länge hat, zugeschrieben? Oder hat er ihnen
zwar auch eine innere Länge der Dauer zugeschrieben, aber
ohne Aufeinanderfolge innerer Teile? Das wäre nicht min-
der absurd. Wenn nun auch hier eine gleiche Länge
und gleiche Vielheit aufeinanderfolgender gleicher Teile,
welche die gleiche Länge ausmachen, vorliegen muß, von
welcher Natur sind diese Teile und deren Differenzen?'«')
Offenbar hätte er mit solcher Frage auf die Zeit selbst gezielt,
von der er, indem er die Frage nicht aufwirft, nicht bemerkt,
wie sie wesentlich von ihm unverdeutlicht geblieben ist.
9. Leibniz, indem er Blatt für Blatt in seinen Nouvear1x
Essais den Untersuchungen von Locke folgt, wird dazu ge-
70 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

führt, sich in ihnen auch über das Wesen der Zeit auszuspre-
chen. Und er tat dies, indem er zugleich an Lockes Bestim-
mungen Kritik übt. Da finden wir denn die Kontinuität der
Zeit klar ausgesprochen und scharf betont; der Gebrauch
des Ausdrucks "Augenblick" ("l'instant") für die Dauer des
Bestandes wird als mehr profan denn wissenschaftlich abge-
lehnt und ihm ein Analogon des räumlichen mathematischen
Punktes substituiert. Nur ist ihm die Zeit selbst nicht ein
Analogon des dreidimensionalen Raumes, sondern vielmehr
einer geraden Linie. Sie ist eine vollkommen regelmäßige
Aufeinanderfolge, die in keinem Teile schneller und in kei-
nem langsamer verläuft. Der Fluß unserer Ideen dagegen
ist nicht vollkommen gleichmäßig schnell, ja auch nicht
einer vollkommen gleichmäßigen Aufeinanderfolge so an-
genähert, wieLocke glaubte. Sie findet sich überhaupt nicht
im Reiche der wirklichen Welt, vielmehr wird nur unser
Verstand im Hinblick auf die mehr und minder großen
Annäherungen an volle Regelmäßigkeit dazu geführt, sich
die Idee einer vollkommen gleichmäßigen Aufeinanderfolge
zu bilden, die ihm dann als Maßstab für die Messung aller
wirklichen Sukzessionen dient. Und dieser Maßstab ist die
Zeit. Sie ist also ein Ideal vollkommen regelmäßiger Sukzes-
sion, das kein äußerer oder innerer Sinn uns fertig aufweist,
sondern das eine Schöpfung unseres Geistes ist.
V erhält es sich nach Leibniz doch auch ähnlich mit der
Idee des Raumes. Leibniz nennt diesen die Ordnung des
Koexistierenden. Manchmal aber spricht er, als ob er darun-
ter vielmehr an einen Maßstab denke, der jedem von den
Koexistierenden seine bestimmte Stelle anweist. Vieles, ja
man kann mit Wahrscheinlichkeit sagen alles ist in Bewe-
gung, nur das eine mehr, das andere minder. So kommen
wir zum Gedanken absoluter Ruhe. Und diese nur gedach-
ten absolut ruhenden Dinge sollen dann das sein, in bezug
worauf jede Stellung, jede Veränderung in der räumlichen
Lage sich mißt. Ob wir die Messung genau vollziehen kön-
nen, darauf kommt es nicht an, absolut gesprochen, an und
für sich, ist dies der natürliche Maßstab, der Anhalt aller
Ordnung.
Vergleichen wir, was Leibniz hier an Locke ausstellt, mit
I. Die Philosophen über die Zeit 71

unserer obigen Kritik, so finden wir sehr wesentliche Mo-


mente nicht berührt, weil eben Leibniz selbst sich von den
wesentlichen Mängeln, mit denen Lockes Auffassung der
Zeit behaftet ist, nicht frei gemacht hat. Wenn von den Ver-
änderungen, die in der wirklichen Welt vorkommen, tat-
sächlich keine ganz gleichmäßig verläuft, so widerspricht
es doch nicht, daß dies bei einer der Fall wäre. Und wäre
eine vollregelmäßige Aufeinanderfolge irgendwo gegeben,
wäre diese dann eine Zeit? - Offenbar nicht, denn die Zeit
ist von solcher Natur, daß eine Beschleunigung oder Ver-
langsamung bei ihr undenkbar ist. Wenn nun aber wir im
Hinblick auf die wirklich in der Erfahrung gegebenen Ver-
änderungen uns eine andere erdenken, welche vollkommen
regelmäßig fortschreitet, so wird sie offenbar der allgemei-
nen Natur nach jenen empirischen gleich und nur als ein aus-
gezeichnetes Normalexemplar von uns gedacht sein. Also
kann auch dies die Zeit nicht sein. In der Erscheinungswelt
muß uns etwas gegeben sein, dem die Regelmäßigkeit des
Verlaufs der Natur nach notwendig ist; und dies Moment
gilt es durch Abstraktion zu erfassen.
Man erwäge auch dies. Unsere Zeitidee soll die einer ideal
regelmäßigen Aufeinanderfolge sein. Was gehört zu einer
solchen? Offenbar darf sie keinerlei Unterbrechungen länge-
rer oder kürzerer Art, ja gar keine Unterbrechungen erlei-
den. Aber Lückenlosigkeit genügt nicht. Eine Bewegung
kann, wenn ununterbrochen, doch immer noch in den ein-
zelnen Teilen von sehr ungleicher Geschwindigkeit sein.
Wäre sie bei jeder Geschwindigkeit eine Zeit?- Dann gäbe
es schnellere und minder schnelle Zeiten. Wäre sie nur bei
einer Geschwindigkeit Zeit?- und warum gerade bei dieser?
Doch nicht etwa darum, weil sie gleichmäßig wäre.
Man sieht aus allem, daß das Ausgezeichnete der Zeit vor
anderen Veränderungen in noch etwas anderem als in der
vollen Regelmäßigkeit liegen muß. Und wir sehen wieder,
daß Leibniz dieselbe wesentliche Lücke gelassen hat, die
wir bei Locke rügten. Er gibt nicht die Natur der spezifi-
schen Differenzen an, welche die Abstände in der Zeit be-
dingen, und läßt so auch den ganzen Begriff der Zeit im
unklaren.
72 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

10. Auch David Hume hat in manchem wichtigen Punkt


an Locke Kritik geübt, wie er denn z. B. in seiner Erörte-
rung des Begriffes Ursache Fehler aufdeckte, die er dann,
freilich nicht gar glücklich,41) zu verbessern suchte. An der
Erörterung Lackes über die Zeit nimmt er aber keinen An-
stoß. Er erkennt an, daß wir, wenn kein Hervorbringen,
sicherlich ein Nacheinander von Ereignissen wahrnehmen.
Was alles aber in einer solchen Wahrnehmung Bemerkens-
wertes liege, erörtert er nicht weiter, offenbar zufrieden mit
dem, was Locke gegeben.
11. Kant dagegen stellt sich hier sowohl Locke als Leib-
niz im wesentlichen mißbilligend gegenüber.
Dieser Philosoph bietet bekanntlich dem Verständnis
große Schwierigkeiten,42) können doch heute, nach 100
Jahren, seine Kommentatoren sich nicht einigen. Und dies
hat teils wohl in seiner unbeholfenen Schreibweise und in
der Fülle neuer Termini seinen Grund, von denen er bei
größerer Gewandtheit im Ausdruck viele hätte entbehren
können, teils aber und vorzüglich darin, daß er, obwohl er
in der kühnen Energie seiner Konstruktionen und Systema-
tisationen eine bedeutende Geisteskraft bekundet, nur ge-
ringe Fähigkeit zur psychologischen Beobachtung besaß.
Um dies zu verkennen, muß man mit einer bei seinen Ver-
ehrern allerdings nicht seltenen Blindheit geschlagen sein,
infolge deren sie noch unfähiger sind, die Eigenheiten ihres
Meisters als dieser die psychologischen Tatsachen zu beob-
achten. Wenn man nun, wie so natürlich, beim Studium
eines Autors wie auf seine Worte zugleich auch ebenso auf
den Gegenstand, von dem er handelt, blickt und doch nichts
findet, worauf sie passen, so fängt man an, an deren Sinn
zweifelhaft zu werden und zu versuchen, ihn mannigfach
umzumodeln, was dann zu hundert Meinungsverschieden-
heiten und schließlich zu allgemeiner Unsicherheit führt.
Auch von der sogenannten transzendentalen Ästhetik, wor-
in seine Auffassung von Zeit und Raum niedergelegt ist,
gilt, was ich sage. Dabei kommt es uns zugute, daß wir von
der Betrachtung von Locke und Leibniz, mit denen Kant
sich jahrelang beschäftigt und unter deren Einfluß er gestan-
den hatte, ehe er seine Kritik der reinen Vernunft schrieb, zu
I. Die Philosophen über die Zeit 73

ihm übergehen. Denn wie der Blick auf die Gegenstände, so


dient auch der Blick auf die Lehre der Vorgänger oft nicht
wenig dem Verständnis.
Locke wie Leibniz hatten in der Zeit ein Prinzip der Ord-
nung der Sukzessionen, ein einheitliches Maß für die Be-
stimmung der Abstände zwischen Früherem und Späterem
gesucht. Locke glaubte es in letzter Instanz in dem Ideen-
fluß zu finden, de!: so gut wie gleichmäßig stattfinde. Leibniz,
indem er dies bestritt, substituierte ihm ein Ideal, welches
das Produkt unseres begrifflichen Denkens sein soll, da ihm
außerhalb des Verstandes nichts vollkommen Regelmäßiges
entspreche. Der eine wie andere dachte es als etwas, was von
uns nach Früher wie Später ins Unendliche erweitert werde.
Die Zeit ist somit nach Leibniz kontinuierlich eindimensio-
nal, ähnlich einer unendlichen geraden Linie. Wie Lackes
ist aber auch seine Auffassung der Zeit mit dem großen
Bedenken behaftet, daß auch eine vollkommen regelmäßige
und kontinuierliche Aufeinanderfolge noch großen Diffe-
renzen unterliegen kann. So kann ein vollkommen stetiger
und gleichmäßig rascher Übergang von Blau zu Rot durch
die übergangsstufe des Violett (Blaurot) bald halb, bald
doppelt so schnell stattfinden. Eine Ordnung in bezug auf
sie43) wäre darum noch immer keine letzte Bestimmung der
zeitlichen Abstände, da vielmehr sie selbst in bezug auf ihre
Geschwindigkeit noch gemessen werden müßte. Man denke
sich ein wiederhohes Übergehen von Blau zu Rot und um-
gekehrt. Alle könnten ganz gleichmäßig und doch jedes
andere in anderer Zeit44) stattfinden, obwohl sie dieselben
Farbenabstände verbänden. Die Übergänge sind also in der
Zeit, setzen sie voraus, sind aber nicht die Zeit.
Was tut nun Kant? Er hält einerseits den Gedanken fest,
daß die Zeit ein einheitlicher Maßstab der Ordnung der Auf-
einanderfolge sei, andererseits aber soll sie selbst keine Ver-
änderung sein,46) vielmehr von jeder solchen vorausgesetzt
werden, indem diese in der Zeit stattfinde. Anderes, insbe-
sondere die Einheit und Unendlichkeit des Maßstabes läßt
er bestehen.
Daraufhin kommt er nun zu folgenden weiteren Bestim-
mungen: die Zeit kann kein Begriff, sondern muß eine An-
74 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

schauung sein, sonst wäre sie nicht individuell einheitlich.


Wir haben also in ihr eine unendliche Anschauung. Wie
könnte sie auch, wäre sie ein Begriff, der von der immer
endlichen Menge von Erfahrungsgegenständen abstrahiert
wäre, fertig unendlich sein? Wie könnte sie anders als in
ihnen verwirklicht sein, während sie vielmehr das ist, worin
sie sind und was ihnen zugrunde liegt? Indem unsere kon-
kreten Erfahrungsgegenstände in der Anschauung mit die-
sem oder jenem, mit denselben oder verschiedenen Teilen
der Zeit verknüpft sind, bekommen sie ihre zeitliche Posi-
tion, ihre wechselseitige zeitliche Ordnung, ihr Zugleich
und ihr Früher und Später in bestimmten Abständen.
Als vor der Erfahrung der zeitlichen Dinge gegeben, ist
die reine Zeit rein subjektiv. An sich bestehen keine zeitli-
chen Dinge. Erscheinen die Dinge uns zeitlich, so danken sie
diesen zeitlichen Charakter unserer Subjektivität. Und so
nennt denn Kant die Zeit auch die Form des inneren Sinnes.
(Freilich sehr wenig passend und darum für viele irrefüh-
rend, da sie nicht selbst der zeitliche Charakter der Dinge,
sondern nur der Grund des zeitlichen Charakters der Dinge
sein soll; denn sie selbst hat nicht Aufeinanderfolge, nicht
zeitliches Beharren oder Veränderung, sondern nur die
Dinge in ihr haben sie. Wäre sie Form nach hergebrachtem
Wortgebrauch, so wäre sie eher Begriff als Anschauung.)
Daß die Zeit zu unserer Subjektivität gehört, soll dann nach
Kant zur Folge haben, daß die Anwendung von syntheti-
schen Erkenntnissen a priori berechtigt und so eine phäno-
menale Naturwissenschaft möglich wird.
So wenig Grund Kant hatte, mit den Zeittheorien seiner
Vorgänger zufrieden zu sein, so wenig Grund haben wir
zur Befriedigung über die seine. Denn diese ist geradezu
monströs, sowohl was das angewandte radikale Heilmittel
als das Ergebnis anlangt, und es i.st ein bemerkenswertes
Zeugnis für die geringe Fähigkeit tonangebender Professo-
ren, wenn ihnen diese Lehre von der Zeit (ebenso wie die
vom Raum) als ein vollgesicherter und als einer der wert-
vollsten Teile der Kantischen Philosophie gilt.
Die Zeit und der Raum sollen rein fiir sich Anschauungen
sein. Es ist jedem, der irgendwie beobachten kann, offenbar,
I. Die Philosophen über die Zeit 75
daß wir keine reine Raum- und Zeitanschauung haben. Was
wir von Raum- und Zeitbestimmungen wahrnehmen, sind
nichts als aioST]Ta Kotva im Sinne von Aristoteles.
Die Zeit und der Raum sollen unendliche Anschauungen
sein? Wir haben keine unendlichen Anschauungen oder An-
schauungen von Unendlichem, sowie auch keine unendli-
chen positiven Begriffe,46) wie Locke schon sehr richtig
erkannt und Leibniz ihm beipflichtend energisch betont hat.
Wenn Locke und Leibniz die Zeit, als Maß der Verände-
rungen, selbst für eine Veränderung halten, so tut Kant das
Gegenteil. Die ganze unendliche Zeit ist, natürlich nicht an
sich, sondern phänomenal, und ist unveränderlich. Aber
alle phänomenalen Dinge sollen in dieser unveränderlichen
Zeit sein und ihr Werden und Vergehen und jede ihrer Ver-
änderungen erleiden und in ihr voneinander abstehen. Aber
wie kann etwas in etwas sein, was ist, und selbst nicht sein?
Wenn nun also etwas in einem Teil der Zeit, welcher zu den
Teilen fernster Vergangenheit oder Zukunft gehört, ist
(denn die Zeitanschauung besteht doch wohl aus Vergan-
genheit, Gegenwart und Zukunft), so muß er, da dieser Teil
nach Kant so gut ist wie der gegenwärtige, auch ebenso gut
sein wie das, was in der Gegenwart ist; somit mag es Verän-
derungen in der Zeit geben, aber sie können nur in einer zeit-
lichen Verschiebung, keineswegs aber in einem Entstehen
oder Vergehen bestehen. Das zeitlich kürzere Bestehen ist
ähnlich wie ein minder ausgedehntes räumliches Bestehen
in allen Teilen gleich wirklich, jedes Ding ist anfangs- und
endlos in seinem Sein beharrend, nur mit steter zeitlicher
Verschiebung. 47)
Es wäre unnütze Weitschweifigkeit, wo so grobe Ver-
stöße nachgewiesen sind, die Kritik noch weiter zu führen.
Sonst könnte ich hervorheben, daß evidentermaßen ist,
daß nicht bloß phänomenal sondern auch an sich jegliches
schlechterdings in der Zeit bestehen müsse, wie denn auch
daß Zeitliches in innerer Wahrnehmung mit Evidenz erfaßt
wird. Und weiter noch, daß es auch unter Nachweis der
apriorischen Subjektivität der Zeit logisch unberechtigt
wäre, gewisse subjektive Vorurteile, die Kant unter dem
Namen der synthetischen Erkenntnisse a priori zur Basis
76 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

aller Wissenschaft machen möchte, zur Grundlage zu ma-


chen bei der Erforschung des zeitlichen Verlaufes unserer
Phänomene. 48)
Kant macht zugunsten der Subjektivität von Zeit wie
Raum insbesondere noch geltend, daß die Annahme ihrer
Existenz an sich zu wahren Monstris führen würde. Unend-
lich große Dinge und diese weder Substanzen noch Akzi-
denzien! Er hat nicht unrecht; aber wie kommt er dazu, sie
für Monstra zu erklären? Offenbar doch nur im Vergleich
mit anderem, was er als existierend anerkennt. Aber er er-
kennt ja nichts als existierend an als Phänomene. Auch als
phänomenal, als bloß subjektiv betrachtet, müßten sie dar-
um den Eindruck von Monstren machen. Und in Wahrheit,
erscheint nicht der einheitliche unendliche Raum in allen
Zeiten und die einheitliche unendliche Zeit in allen Räu-
men? Und wie wäre dies ohne Wiederspruch denkbar, wenn
die Zeit nicht räumliche Vervielfältigung der Teile empfin-
ge? Wenn aber Kant einschränkt "ohne Substanz und ohne
Akzidenz zu sein", so scheint dies nach dem alten Sprachge-
brauch von Substanz nicht richtig, denn nach diesem bedeu-
tet das Wort nichts anderes als etwas, was für sich ist, nicht
als Eigenschaft in einem andern. Zeit und Raum sollen ja
reine Anschauungen sein, also für sich angeschaut werden.
Diese Zeitsubstanz hätte auch Akzidenzien, sofern sie in
allen Teilen des Raumes wäre. Es käme ihr ein Hier und
Dort zu (und der Raumsubstanz umgekehrt) 49) und auch
unendliche räumliche Ausdehnung in drei Dimensionen.
Das alles zeigt aber, wie gesagt, daß die reine Zeit und der
reine Raum, wie Kant sie schildert, nicht bloß an sich, son-
dern auch schon als subjektive Anschauungen monströs
sind. Und so ist denn in Wahrheit eine solche Zeit und ein
solcher Raum auch in der Anschauung nicht vorhanden.
12. Das Ungeheuerliche von Kants transzendentaler
Ästhetik hat nicht gehindert, daß sie viele Anhänger fand.
Auch Schopenhauer schätzt Kants Lehre von Raum und
Zeit hoch und hält sie fest, wenn auch mit einigen, vielleicht
nicht einmal klar bewußten Modifikationen und einigen
Ergänzungen. Die Empfindungen, die Kant von Anfang an
nur in Raum- und Zeitform möglich erachtete, sollen nach
I. Die Philosophen über die Zeit 77

Schopenhauer zuerst für sich phänomenal auftreten und


dann erst räumliche und zeitliche Positionen sozusagen
assoziieren, wobei die Raschheit, mit der sich der Prozeß
vollzieht, ihn unserer Aufmerksamkeit entzieht. Er denkt
sich die Empfindungen wie ein Empirist seine Qualitäten,
nur daß es nicht empirische, sondern apriorische Momente
sind, die damit verschmolzen werden. Auch soll nicht mit
den Empfindungen aller Sinne der Raum sich verbinden.
Die des Gehörs gehen die Verbindung nicht ein, während
andererseits die Verbindung mit der Zeit, die bei ihnen
primär ist, bei dem Raum nur sekundär sein soll. Die ganze
Absicht Kants wird hier mißverstanden und das Unmög-
liche wird sozusagen in höherer Potenz unmöglich gemacht.
Von der Zeit, die nach Kant das, worin alle Veränderung
vorgehe, aber als etwas, was selbst sich nicht verändere, sein
soll, lehrt Schopenhauer (und hier scheint's ohne seinen
Gegensatz zu Kant zu bemerken), daß sie selbst in stetem
rastlosem, gleichmäßig fortschreitendem Fluß sei. Nicht
bloß in ihr ist ein Ding nach dem andern, auch von ihr ist
ein Teil nach dem andern. Er nähert sich hier (wenn auch
infolge der verschiedenen Grundauffassungen sehr ent-
fernt) Locke und Leibniz. Auch haben wir gesehen, wie
Kant infolge der gegenteiligen Behauptungen50) dem An-
griff besondere Blößen gibt. Aber wenn Schopenhauer die
Charybdis vermeidet, so fällt er in die Scylla. Wenn die Zeit
nicht unveränderlich ist, so wird sie ja eine andere und
andere. Es gibt also sukzessiv nicht bloß andere und andere
Zeitteile, sondern eine andere und andere Zeit als Ganzes. 51)
Und also nacheinander viele Zeitanschauungen. Oder glaubt
Schopenhauer, es könne sich etwas ändern, ohne ein ande-
res zu werden? - Möglich wäre es, glaubt er doch auch, daß
die Zeit zwar viele Teile hat, aber daß keiner vom anderen
verschieden sei. (Dies sagt er ausdrücklich, dem Kontradik-
tionsgesetz zum Trotz.)
Sehr befremdend ist es auch, wenn Schopenhauer, der
daran festhält, daß die Zeit eine Anschauung sei (sie ist, sagt
er, anschaubar), hinzufügt: aber nur als eine unendliche
gerade Linie. Es erinnert mich an ein Buch, welches sagt, die
Seele schaue im Traum den Leib, aber nicht als Leib, son-
78 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

dern als etwas ganz anderes. Und ganz besonders befremd-


lich, wenn die Zeit als fließend erlaßt werden soll. Wenn die
Zeitanschauung eine Linie zeigt, so zeigt sie keine V erände-
rung.
Von den Erweiterungen, die Schopenhauer den so modifi-
zierten Kantischen Ausführungen über die Zeit gegeben, sei
eine als wesentlichste hier namhaft gemacht. Schopenhauer
erklärt die Zeit für das Individuationsprinzip. Daß die
Konsequenzen dieses Satzes mit dem Rest seiner Bestim-
mungen nicht im Einklang sind, hat er sich nicht klar
gemacht. Jeder, der nur einigermaßen in bezug auf die
Universalienfrage orientiert ist, weiß, daß kein Universale
für sich ist, sondern daß es nur individualisiert, d. h. in voller
Identität mit Individuen in Wirklichkeit bestehen kann.
Weiter ist es unzweifelhaft, daß man mit der Frage nach dem
Individuationsprinzip nicht auf ein äußeres Prinzip des
Dinges (wie etwa wirkende Kraft und Zweck), sondern auf
ein inneres Prinzip zielt; es handelt sich, ähnlich wie bei dem
spezifizierenden Prinzip um eine differentia specifica, hier
um eine differentia individualis des individuellen Dinges
von anderen spezifisch gleichen, aber individuellen Dingen.
Somit muß in den Dingen, wie die spezifische Differenz so
vielmal ist als Dinge sind, die an ihr teilhaben, auch das
Individuationsprinzip so vielmal bestehen als Dinge da-
durch individualisiert sind. Aber es ist nach Schopenhauer
nur eine Zeit, also kann sie unmöglich das Prinzip der indi-
viduellen V ervielfältigung sein. 52)
Vielleicht sagt einer, der Schopenhauer hier verteidigen
will, wohl ist die Zeit eine, aber ihre Teile sind viele und
anderen Individuen kommen individualisierend andere
Zeitteile zu. Doch die Antwort entspricht nicht, da ja auch
gleichzeitig vieles besteht, wie z.B. auch im jetzigen Augen-
blick. Sie können also nicht durch die Zeit individuell
gegeneinander differenziert sein. Wären sie es aber, so ge-
hörte das Jetzt zu jedem der individualisierten Dinge und
so gäbe es gleichzeitig ebensoviele Jetzt als jetzige Dinge. 53)
Zu alledem ist für den, der sich in der Individuations-
frage genügend Kenntnis verschafft hat, ausgemacht, daß,
wenn die Zeit das Individuationsprinzip für die Akziden-
I. Die Philosophen über die Zeit 79

tien, sie die Substanz der Akzidentien sein müßte (was schon
Aristoteles eindringlich hervorgehoben hat).
13. So ist denn Schopenhauer weder durch Modifikatio-
nen noch Zutaten zu der Kantischen Lehre von der Zeit zu
etwas Haltbarern gekommen. Und ähnliches mußte jedem
begegnen, der nicht völlig von der Grundauffassung, die
Kant der Zeit gegeben, sich frei gernacht hat. So hat insbe-
sondere Herbart nichts getan, um die phänomenale (subjek-
tive) Zeit, die er von Kant übernimmt, gegen den Vorwurf
von Widersprüchen zu schützen. Die intelligible Zeit, die
er als real annimmt, zeigt die phänomenale so umgearbeitet,
daß es als die reine Aquivokation erscheint, wenn er auch sie
"Zeit" nennt. Und bei ihr, meint er, bestehe kein Wider-
spruch. Bei etwas, was bloß phänomenal besteht, aber hält
er es recht wohl für möglich, daß es sich selbst widerspre-
che. Dies aber ist ein großer und für ihn folgenschwerer
Irrtum. Widersprechendes ist zwar in Begriffen, in einheit-
licher Anschauung aber so wenig als in Wirklichkeit mög-
lich.
14. Weit mehr als Schopenhauer und Herbart hat Lotze
in seiner Auffassung der Zeit sich von Kant entfernt. So
behauptet er, daß wir gar keine Zeitanschauung besitzen
und daß die Zeit nicht bloß phänomenal, sondern an sich
wirklich sei. Die auf die Zeit bezüglichen Antinomien Kants
machen ihm keinen Eindruck. Wenn gegen irgendeine, so
würden sie auch gegen die phänomenale Wirklichkeit der
Zeit Gültigkeit haben. "Vergangen" heißt für Lotze soviel
als "das Gegenwärtige einseitig bedingend", "zukünftig"
soviel als "vorn Gegenwärtigen einseitig bedingt". Nächst-
vergangen heißt soviel als unmittelbar, länger vergangen
soviel wie nur mittelbar das Gegenwärtige bedingend.
Ahnlieh unterscheidet sich nächst und später zukünftig,
und wir kommen zum Gedanken einer unendlichen und (in
Anbetracht einer bloß möglichen Fortsetzung der Bedin-
gungsseite) zu dem einer leeren Zeit.
Vergangenes und Zukünftiges sind nur als vorgestellt
wirklich, das Gegenwärtige aber auch an sich wirklich. Die
Sukzession des Wirkens ist die eigenste Natur des Wirkli-
chen, denn das Wirkliche darf nicht in Wesen und Sein,
80 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Inhalt und Wirklichkeit zerpflückt werden. So ist denn nach


Lotze die Zeit, genau gesagt das Jetzt, die Natur und das
Sein der Dinge und Ereignisse selbst. Freilich fühlen wir
uns, meint Lotze, in einer rätselhaften Weise gedrängt, auch
das wirkliche Werden in den Umfang einer bleibenden Wirk-
lichkeit einzuschließen, aber für dieses Rätsel kann nur die
Religionsphilosophie mit dem Hinweis auf die Gottheit die
Lösung geben.
Auch in seinen Grundzügen der Psychologie sagt er: Gar keine
Einwirkung eines Elements auf ein anderes ist wirklich
ohne Widerspruch denkbar außer wenn wir sie alle nur als
unselbständige, stets aufeinander bezogene Modifikationen
eines einzigen wahrhaft seienden Wesens betrachten, wel-
ches in ihnen allen der Grund ihrer Existenz ist und der
Grund, um dessentwillen sie unter bestimmten Bedingun-
gen Bestimmtes wirken müssen, und der Grund dafür, daß
sie es wirken können.
Der Szenenwechsel ist beträchtlich! Mit den Kantschen
Auffassungen hat die Lotzes so gut wie nichts gemein, mit
der Schopenhauers nur etwa die Ablehnung der Kantschen
Unveränderlichkeit der Zeit. Wir glauben uns in die Zeit des
Mittelalters zurückversetzt, wo von einer inneren Zeit jedes
natürlichen Dinges gesprochen wurde und Bonaventura sie
als die Sukzession des Seins der geschaffenen Dinge defi-
nierte. Freilich dessen Scheidung von Sein und Wesen hätte
Lotze nicht gebilligt, vielmehr sich hier an Suarez und an-
dere angeschlossen, die Sein und Natur des Seienden identi-
fizierten, aber damit hätte er sich zunächst nur soweit von
Bonaventura entfernt, daß er, was dieser nur für einen Teil
der Dinge64) angenommen hatte, eine Sukzession auch in
ihrer Natur, auf alle ausgedehnt hätte. Auch zu einem Wir-
ken finden wir die Zeit schon von Bonaventura in Beziehung
gebracht und zwar, worauf auch Lotze wenigstens in letzter
Instanz seinen Blick richtet, zu dem des schöpferischen
Gottes.
Noch etwas anderes erinnert an die Scholastik, nämlich
daß sich Lotze in seiner Metaphysik von gründlichen psy-
chologischen Untersuchungen dispensieren zu dürfen glaubt.
Nur spärlich sieht er sich veranlaßt psychologische Bemer-
I. Die Philosophen über die Zeit 81

kungen einzumengen (wie z. B. daß Anschauung und Vor-


stellung von wesentlich verschiedenem Charakter seien; daß
es widersprechend wäre, in einer Anschauung eine Verände-
rung erlaßt zu denken, da sie sonst ein gewisses Stadium der
Veränderung darstellen müßte, was Sache der Vorstellung
sei u. dgl. ), und dieser Mangel an psychologischer Vertie-
fung trug nicht wenig zum Fehlschlagen seines Versuches
bei. Was kann verfehlter sein, als in den allgemeinen Zeitbe-
griff den Begriff des Wirkens einzumengen und zu sprechen,
als ob jedes unmittelbar Vorangehende, als Vorangehendes,
schon bedingend für jedes unmittelbar Nachfolgende wäre.
Wenn im seihen Augenblick, wo hier auf der Kegelbahn die
Kugel den Kegel erreicht, ein Prinz in China geboren wird,
so ist das deutlich ein Vor und Nach, aber sicher nicht, we-
nigstens nicht unmittelbar deutlich, ein Bedingendes und
Bedingtes, selbst wenn eine tiefsinnige religionsphiloso-
phische Spekulation unter Berücksichtigung des einen ein-
heitlichen Wesens aller Dinge sie uns vielleicht glaubhaft
machen wollte. Es gibt heute Positivisten genug, die den
Ursachebegriff überhaupt in Frage stellen, an der Tatsache
der zeitlichen Sukzession aber festhalten, und wer könnte
behaupten, daß sie sich damit selbst widersprächen?
Das Prekäre des psychologischen Unterbaues macht sich
bei Lotze immer wieder geltend. Wenn die Anschauung nur
das Gewirkte erfaßt, die Vorstellung nur das Wirkende,
Bedingen und Bedingtwerden aber doch unmöglich jedes
für sich erfaßt werden kann, so könnte uns dies weder an-
schaulich noch vorgestellt gegeben sein. Und ebendarum
ist es auch nicht abzusehen, wie, da wie vom Sich-Erinnern-
den unmittelbar Vergangenes, vom Erwartenden Nächst-
zukünftiges vorgestellt wird, diese beiden sich inhaltlich
unterscheiden sollen.66)
Darin, daß die Dinge an sich zeitlich sind, bin ich mit
Lotze einverstanden, aber· da er jede evidente Anschauung
eines Vor und Nach preisgegeben hat, beruht bei ihm die
Demonstration ihrer Wirklichkeit an sich auf reiner Er-
schleichung.
Bedenken, die früher gegen scholastische Lehren erhoben
wurden, möchte ich hier nicht wiederholen. Es sei nur noch
82 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

bemerkt, daß wie eine Bewegung auch eine Einwirkung


widerspruchslos langsamer und schneller verlaufen kann,
während der Verlauf der Zeit in allen Teilen gleichmäßig
sein muß.
So ist denn auch der Versuch Lotzes gescheitert und da-
mit wohl der letzte seriöse Versucb, uns einen tieferen Ein-
blick in die Natur der Zeit zu gewähren.
15. Was Hegel über die Zeit sagt, habe ich nicht in diese
Reihe aufgenommen, da seine ganze Philosophie von kei-
nem, der selbst ernst zu nehmen ist, heute mehr ernst ge-
nommen werden dürfte. Doch da Windelband hierüber
anders urteilt, sei ihm zum Genügen und dem Leser zum
Vergnügen der eine oder andere seiner Weisheitssprüche
zitiert: "Die Negativität, die sich als Punkt auf den Raum
bezieht und in ihm ihre Bestimmungen als Linie und Fläche
entwickelt, ist aber in der Sphäre des Außersichseins eben-
sowohl für sieb ... , dabei aber als gleichgiltig gegen das
ruhige Nebeneinander erscheinend. So für sich gesetzt ist
sie die Zeit" (Sy1tem der Philo1ophie, /I. Teil, § 257). Sie ist
"die negative Einheit des Außersichseins". "Sie ist das
Sein, das, indem es ist, nicht ist, und indem es nicht ist, ist."
Er nennt sie "ein schlechthin Abstraktes, Ideelles" und im
selben Atemzug "das angeschaute Werden" (§ 258). Es er-
scheint überflüssig, hier ein Wort der Kritik zu verschwen-
den. Solche Aufstellungen richten sich selbst.
16. Eher hätte unter den Denkern vor Lotze, die sich mit
der Erklärung der Zeit- beschäftigten, Bolzano namhaft
gemacht werden können, der seinerzeit wenig berücksich-
tigt, neuerdings von den Mathematikern, wo sie das philo-
sophische Grenzgebiet betreten, besonderer Beachtung
gewürdigt wird und der über Zeit und Raum eine sehr ei-
gentümliche Lehre vertritt.
In seinen Paradoxien du Unendlichen 56 ) behauptet er von
beiden, sie seien an sich, aber sie existierten nicht, 67) seien
keine Wirklichkeiten. Sie seien keine Substanzen und keine
Beschaffenheiten an den Substanzen, sondern Bestimmun-
gen an ihnen. Von der Zeit im besondern erklärt er, daß sie
nichts Veränderliches und daß sie diejenige an jeder verän-
derlichen (d.i. abhängigen) Substanz befindliche Bestim-
I. Die Philosophen über die Zeit 83

mung sei, deren Vorstellung wir zur Vorstellung dieser


Substanz hinzufügen müssen, um von zwei widersprechen-
den Beschaffenheiten b und nicht-b ihr die eine in Wahrheit
beilegen, die andere absprechen zu können.
Daß weder die vergangene noch die zukünftige Zeit Exi-
stenz habe, macht ihm keine Schwierigkeit sie als unendli-
ches Kontinuum zu denken, hat doch, sagt er, selbst die
Gegenwart keine Existenz. Aber daraus folgt nicht, daß die
Zeit Nichts sei. Sind doch auch Sätze und Wahrheiten an
sich Etwas, obwohl sich niemand einfallen lassen wird, sie
für etwas Existierendes zu halten.
Aus dieser Zeitlehre will Bolzano auch die Lehre der
Raumwissenschaft objektiv ableiten und z. B. zeigen, daß
und warum der Raum drei Dimensionen habe u.a.m. Dabei
faßt er den Raum als den Inbegriff aller Orte, an welchen
sich die geschaffenen Substanzen befinden. Die Orte aber
als diejenigen Bestimmungen an ihnen, welche den Grund
abgeben, warum sie bei dem Besitz ihrer Beschaffenheiten
in einer gewissen Zeit gerade diese Veränderungen inein-
ander hervorbringen.
Mancher wird hier zunächst nicht wissen, was er bei einer
Bestimmung, die weder substantiell noch eine Beschaffen-
heit von Substanzen, aber doch an ihnen sei, denken solle.
Doch vielleicht kann man dies durch Beispiele wie "ge-
dacht", "geliebt" genugsam erläutern. Es kommt einem
wirklichen Dinge, das ich denke, die Bestimmung zu, daß es
gedacht, einem, das ich liebe, daß es geliebt wird. Aber eine
reale Eigenschaft wird man es nicht nennen. Und ebenso-
wenig hat etwas, dem die Bestimmung zukommt, mein
Eigentum oder verheiratet zu sein, darin eine reale Eigen-
schaft an sich; aber wenn die realen Bestimmungen die glei-
chen bleiben, können solche nicht real zu nennende einem
Dinge nicht bald zukommen, bald nicht zukommen. Von
den zeitlichen und räumlichen lehrt dies aber Bolzano und
ich muß darum bestreiten, daß, was er über Raum und Zeit
sagt, ohne Widerspruch denkbar sei. Man sagt, damit einem
Dinge eine solche nicht-reale Bestimmung zukomme oder
verloren gehe, müsse sich, wenn nicht an ihm selbst, doch
in einem andern Ding etwas real ändern. So kann etwas
84 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

nicht anfangen, gedacht zu werden, wenn nicht ein Denken-


des es zu denken beginnt. Aber ich frage, wo ist bei Ände-
rungen der Zeitbestimmungen dieses andere? Bolzano
müßte es, um die Natur der Zeit zu erklären, aufweisen. Er
hat es nicht getan und konnte es nicht tun, denn es leuchtet
ein, daß ein Ding seine Zeit auch dann ändern würde, wenn
außer ihm nichts existierte. 58) Also scheint diese Zeitbestim-
mung etwas Reales an dem Dinge zu sein oder doch nicht
bei Gleichheit alles Realen in ihm selbst verschieden sein zu
können.
Von dem Versuche Bolzanos, auf Grund solcher Auffas-
sung von Raum und Zeit die drei Dimensionen des Raumes
aus der Natur der Zeit abzuleiten, können wir von vorn-
herein sicher sein, daß er ebensowenig gelingen konnte wie
alle V ersuche, die Leibniz, Kant, Regel, Lotze und andere
gemacht haben, Topoidevon mehr als drei Dimensionen als
unmöglich zu erweisen.
17. Unter den Philosophen nach Lotze und denen, die
noch unsere Zeitgenossen sind, dürfte insbesondere Wundt
es sein, nach dessen Meinung man fragen wird. Hat er doch
mit schier übermenschlicher Fruchtbarkeit, wie einst die
Wolken der Sintflut ihre Wasser ergossen, mit seinen Bü-
chern den philosophischen Markt überschwemmt und
natürlich auch zu dieser Frage sich vernehmen lassen. Er
denkt darüber sehr originell. Es scheint ihm nicht unmög-
lich, daß die Zeit, die man sich gemeiniglich in gerader
Richtung verlaufend denkt, eine leichte Krümmung habe.
Aber wer seinen gesunden Menschenverstand nicht auf dem
Altar dieser Autorität zum Opfer bringen will, wird den
Einfall, daß derselbe Zeitpunkt sowohl vor als hinter uns
liegen könne, als Unsinn ablehnen. Jedenfalls zeigt er seinen
Urheber ganz vom wahren Begriffe der Zeit abgekommen.
Doch Wundt ist sich dessen nicht bewußt und rechnet so
ernsthaft mit dieser Möglichkeit, daß er mit Hilfe ihrer An-
nahme der Folgerung des allgemeinen Wärmetodes, zu dem
das von ihm anerkannte Gesetz der Entropie zu führen
droht, entrinnen zu können glaubt. Dabei zeigt es sich, daß
er über die Weise, wie dieses Entrinnen stattfinden soll,
ganz im unklaren. ist. Man überlege: das Gesetz der Entro-
I. Die Philosophen über die Zeit 85
pie führt, wenn kein Wärmetod eintritt, in alle Zukunft zu
neuer und neuer Abnahme der Wärme,69) also von dem
Moment A, wenn dieser ebenso wie in der Gegenwart in
der Zukunft liegt. Da nun aber Widersprechendes nicht zu-
gleich, also nicht in demselben Moment A sein kann, so
müßte dem Gesetz der Entropie entgegen, um das Gesetz
des Widerspruchs nicht zu verletzen, 60) die Wärmemenge,
die jetzt ist, beim neuen Eintritt des Moments A sich wie-
derherstellen.
Ich nannte den Einfall originell, und doch gilt auch hier:
nichts Neues unter der Sonne! War doch schon Suarez
der Meinung, daß Gott individuell dieselbe Zeit wiederkeh-
ren lassen könne, so daß schier Wundt diesmal als eine Art
Neuscholastiker erscheint, denen er sonst, nicht eben um sie
zu empfehlen, andere und zusammen mit John Locke auch
mich als verwandt bezeichnet, ohne freilich weder von unse-
rem noch von dem scholastischen V erfahren genügende
Kenntnisse zu besitzen, um zu solchem Vergleiche berech-
tigt zu sein.
18. So steht es also, was die Zeitfrage anlangt, mit dem
gerühmtesten der zeitgenössischen deutschen Philosophen.
Blicken wir nach Frankreich hinüber, so finden wir hier ein
angesehenes Schulhaupt eine eigenartige Lehre über die Zeit
verkündend. Renouvier, ein Monadologe und in vielem von
Leibniz beeinflußt, verläßt ihn doch darin, daß er zwar der
phänomenalen Zeit und dem phänomenalen Raum Konti-
nuität zugesteht, die wirkliche Zeit und den wirklichen
Raum, d. h. die, welche er an sich bestehend denkt, für
diskret hält. Eine Stunde besteht nach ihm aus einer endli-
chen Zahl von Zeitpunkten. Was ihn dazu geführt hat,
waren synechologische Schwierigkeiten. Es entging ihm,
ebenso wie Herbart, daß Widersprechendes nicht nur in der
Welt, die an sich ist, sondern auch nicht in der Anschauung
gegeben sein kann. Daß aber eine Zeit nicht aus einer
endlichen Zahl diskreter Punkte bestehen kann, erhellt
schon aus der Forderung, daß Ursache und Wirkung sich als
Vor und Nach zeitlich berühren, was bei Diskretion der
Zeit unmöglich wäre. Auch ist jeder Gedanke eines wahren
Vor und Nach, losgetrennt von dem Gedanken einer wirk-
86 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

liehen oder möglichen Kontinuität, eine contradictio in


terminis. Auf die physikalischen Unzuträglichkeiten, die
sich aus der Annahme einer fixen Punktezahl in Zeitlänge
und räumlicher Länge für die größere und kleinere Ge-
schwindigkeit von fortschreitenden Bewegungen ergeben
würden, brauche ich unter solchen Umständen nicht erst ein-
zugehen. Renouvier flüchtet sich hier in seine unkörperliche
Monadologie. Es ließe sich aber nachweisen, wie er bei sol-
cher Flucht die ganzen reichen Schätze der Naturwissen-
schaft im Stiche zu lassen genötigt ist.

li. Vom Gedächtnis


Diktat, 23. April 1913 [ Ps 10]

I. Vielheit dessen, was man Gedächtnis nennt


Was das Gedächtnis anbelangt, so ist eine Mehrheit von
Geschehnissen wohl auseinander zu halten:
1. Wenn etwas als vergangen empfunden wird,
2. wenn etwas gewohnheitsmäßig sich erneuert,
3. wenn man instinktiv den richtigen Glauben hat, etwas
früher erlebt zu haben.
1. Der Fall, wo wir, wie wir sagen, eine Rede oder Melo-
die hören, eine Bewegung oder Ruhe sehen oder fühlen und
überhaupt Wechsel oder Fortbestand empfinden. Hier er-
scheinen uns Phänomene in einer gewissen zeitlichen Suk-
zession, wie gewisse andere uns in lokalem Nacheinander
erscheinen, nur sind die Unterschiede dort durch modale
Unterschiede des Vorstellens (und darauf gegründeten An-
erkennens), hier durch solche der vorgestellten Objekte
gegeben. 81)
In diesem Falle des Gedächtnisses erscheine ich mir nicht
als einer, der früher etwas als gegenwärtig empfunden hat,
sondern als einer, der etwas jetzt als vergangen empfindet.
2. Ein wesentlich anderer Fall von Gedächtnis liegt vor,
wenn ich imstande bin, frühere Gedanken in mir zu repro-
II. Vom Gedächtnis 87

duzieren, wie es gewohnheitsmäßig nach den Gesetzen der


Assoziation geschieht. So sagt man ein auswendig gelerntes
Gedicht wieder her, ohne vielleicht daran zu denken, daß
man es früher gehört habe. Oft mag man bei einer Melodie,
die einem kommt, unsicher sein, ob sie originell sei oder
nicht. Nur wenn sie es nicht ist, handelt es sich um einen
Fall des Gedächtnisses, und es ist derselbe, auch wenn es
einer ist, nicht als solcher charakterisiert. Hier so wenig als
im vorigen Fall stelle ich mich als einen vor, der früher etwas
erlebt habe.
3. Dagegen gibt es andere Fälle, wo ich bei der Repro-
duktion auch den Glauben, ja die volle Überzeugung habe,
daß es sich um eine Reproduktion von früher Erlebtem
handle.
Hiebei finden noch mannigfache Unterschiede statt.
Manchmal ist der Glaube mit einem gewissen Zweifel ver-
bunden (man sagt: ich meine, das sei mir schon bekannt),
manchmal nicht. Und wieder bleibt mir bei meinem Glau-
ben manchmal ungewiß, ob die Zeit, in welcher ich es schon
erlebt haben will, nah oder fern liege, ja ob ich einmal oder
öfter und wie oft etwa die Erscheinung gehabt habe. Manch-
mal aber, wie z.B. bei einem Refrain oder dem Anklang
einer Melodie an eine frühere Stelle desselben Stückes, weist
mein Glaube der früheren Erscheinung eine nahezu be-
stimmte Zeitdistanz an.

II. Größere und geringer Vollkommenheit des Gedächtnisses


Wie in dieser Beziehung von einer größeren oder geringe-
ren Unvollkommenheit geredet werden kann, so auch in
Ansehung der Genauigkeit und Vollständigkeit in bezug
auf das, was mir, wie man sagt, im Gedächtnis zurückkehrt.
Wer meine Rede gehört hat, vermag vielleicht sie dem
Hauptgedanken nach, nicht aber verbatim zu wiederholen.
88 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

III. Zum Sich-Erinnern ist nicht erfordert, daß man das


Ereignis wenigstens in schwächerer Weise neu erlebt
Man muß nicht glauben, daß es, um sich an etwas zu erin-
nern, nötig sei, es nochmals in schwächerer Weise in sich zu
erleben. Wer ein früheres Wollen bereut, erinnert sich des-
selben, ist aber weit davon entfernt, dasselbe, was er gewollt
zu haben beklagt, in einem gegenwärtigen Wollen zu er-
neuern. Ebensowenig falle ich in einen Irrtum zurück, wenn
ich ihn mir und anderen, um ihn zurückzunehmen, in Erin-
nerung bringe. So teile ich ja auch nicht das Urteil eines
Gegners, während ich es bekämpfe.

IV. Das psychische Verhalten, dessen ich mich erinnere,


erscheint nicht als sekundäres, sondern als primäres Objekt
Und der Glaube, daß ich früher so gewollt und geurteilt
habe, kann unmöglich eine Beziehung auf etwas als sekun-
däres Objekt sein, vielmehr muß hier von einer Beziehung
auf etwas als primäres Objekt gesprochen werden, wenn-
gleich dieses hier etwas Psychisches ist. Die Beziehung zum
sekundären Objekt vollzieht sich durchwegs im modus
praesens, der modus praeteritus geht ausschließlich die Be-
ziehung zum primären Objekt an.

V. Wenn ich als vergangen empfinde, so ist dies nicht Sache


der inneren Sensation
Auch wenn ich einen Ton als vergangen empfinde, ist
eben nur ein vergangener Ton, nicht aber ein vergangenes
Hören Gegenstand meines Empfindens.

VI. Was mit voller Bestimmtheit62) als gegenwärtig vorge-


stellt wird, muß als beginnend oder endigend oder fortbe-
stehend vorgestellt werden
Die Gegenwart kann nur sein als Grenze der Vergangen-
heit oder der Zukunft oder beider, und wenn etwas, was
gegenwärtig ist, mit voller Bestimmtheit des Temporal-
modus vorgestellt wird, so scheint es unzweifelhaft, daß
li. Vom Gedächtnis 89

auch vorgestellt werden muß, daß es als Grenze der Vergan-


genheit oder Zukunft oder beider uns vorliegt. Doch wie
eine solche feine Unterscheidung stattfinden soll, ohne daß
auch nur der kleinste Teil von Vergangenheit oder Zukunft
mitvorgestellt wird, ist schwer zu fassen, und die Beobach-
tung ist schlechterdings unmöglich, wie denn überhaupt
zwischen innerer Beobachtung und innerer Wahrnehmung
zu unterscheiden ist.
Doch nachweisbar ist bei anderer Pierose und anderer
Teleiose wie jede Strecke auch jeder Punkt verschieden.
Diese Unterschiede treflen jeden einzelnen Punkt. Sonst
könnte nicht in derselben Zeit die eine Bewegung zu einem
entfernteren Punkte führen als die andere, indem bei schnel-
lerem und langsamerem Durchlaufen einer Strecke die
Menge der Ortsbestimmungen mit der Zeit abnimmt und
wächst. Auch könnte nicht die Länge der einen und andern
Circurnferenz in zwei konzentrischen Kreisen verschieden
sein.
Wenn wir schließen, so bewirkt das Denken der Prämissen
das Denken des Schlußsatzes und wir bemerken es. 63) Das
aber besagt, daß wir bemerken, wie sich beide zeitlich berüh-
ren, denn Wirkendes und Bewirktes treflen wie Endigendes
und Beginnendes in der Zeit zusammen, nur daß ihre zeit-
liche Berührung und das Bewirken des einen durch das
andere selbst eine ganze Zeit hindurch stattfindet (Erläute-
rung durch einen Körper, der einen andern vor sich her
schiebt, indem er auch räumlich kontinuierlich an ihn an-
grenzt).

VII. In welchem Sinne der Gegenwartsmodus nicht


bestimmt wird
Seine genaue64) Bestimmung verlangt nicht die spezifi-
zierte und individualisierte Vorstellung des als gegenwärtig
gedachten Gegenstandes.
90 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

VIII. Frage nach dem, was für die Schätzung von Zeitab-
ständen beim 3. Fall des Gedächtnisses maßgebend ist
So leicht es ist, anzugeben, wie sich, wenn man ein Nach-
einander empfindet, die Temporalunterschiede darstellen, so
schwer ist es, von der Weise Rechenschaft zu geben, wie sich
diese in anderen Fällen verraten. 66) Ist es ja doch auch eine
verwickelte Sache, darzulegen, was alles uns bei der Bestim-
mung oder Schätzung von räumlichen Distanzen des Gese-
henen als Anhaltspunkt dient. Hier wie dort mögen die
mannigfachsten Momente zusammenwirken.
Und auch noch in anderer Beziehung treten hier für
Räumliches und Zeitliches analoge Fragen auf. Man fragt
beim Gesichtssinn, ob in der Anschauung selbst die lokalen
Bestimmungen immer dieselbe Fläche zeigen und nur in
unserem Urteil über die wirklichen äußeren Verhältnisse
andere Schätzungen für Tiefe, ja, wie z. B. bei der Zöllner-
sehen Figur, auch für die Länge oder Breite eintreten. Ahn-
lieh könnte man auch fragen, ob unsere Zeitanschauung
immer dieselbe zeitliche Strecke von der Gegenwart rück-
wärts zeige, während nur das Urteil über die zeitliche Ent-
fernung der wirklichen geschichtlichen Geschehnisse vari-
iere, so zwar, daß wir bei der Bestimmung als vor oder nach
dazu kommen, etwas auch nach der Gegenwart zu denken
und als zukünftig zu erwarten. (Vielleicht ist die letzte An-
sicht die richtige.)

IX. Kehren die Gedächtniserscheinungen des dritten Falles


im modus praesens in die Anschauung zurück und werden
sie nur durch Urteile für der Vergangenheit angehörend
erklärt? Läßt sich ebensowenig wie das räumliche Sehfeld
das sinnliche Zeitfeld anschaulich verändern und erweitern?
Wenn es richtig ist, daß wir unfähig sind, die uns ur-
sprünglich gegebenen Temporalmodi durch andere nach der
Vergangenheit oder Zukunft hin zu bereichern, sondern
nur in Analogie zu dem, was gegeben ist, Distanzverhält-
nisse ins beliebige zu erdenken, so ergibt sich aus der Tat-
sache, daß nur die äußere Wahrnehmung ein Kontinuum
von Temporalmodis aufweist, die innere aber, was sie zeigt,
li. Vom Gedächtnis 91

einzig und allein mit dem modus praesens zeigt, die Un-
möglichkeit, uns selbst und unsere psychischen Tätigkeiten
anders als mit dem modus praesens anschaulich vorzustel-
len.68)
Vielleicht meint einer, das stimme doch gar schlecht dazu,
daß wir von vergangenen Zeiten unseres Lebenslaufes spre-
chen und das eine Ereignis, von dem uns das Gedächtnis
berichtet, einer früheren, das andere einer späteren Zeit zu-
weisen. Allein die durchgängige Gleichheit des Anschau-
ungsmodus verträgt sich ebensogut mit der größten V er-
schiedenheit zeitlicher Schätzung der Ereignisse wie eine
Verschiedenheit innerhalb relativ sehr enger Grenzen. Ein
Vergleich mag dies erläutern. Wir sagten bereits, daß wir
unsere eigene Substanz nicht nach irgendwelchem substan-
tiellen Unterschiede, sondern nur nach dem ganz allgemein
gedachten Begriffe der Substanz erfassen. So erscheinen wir
denn uns selbst der Substanz nach gar nicht anders als irgend-
eine andere Menschenseele, und wenn wir Gründe haben
akzidentelle Differenzen anzunehmen, z. B. zu glauben, daß
ein anderer anders urteile oder wolle als wir, so ließe sich
doch ohne Widerspruch eine Gleichheit in allen diesen Be-
ziehungen hergestellt denken. Dennoch würden wir die
Substanzen als differente Substanzen anerkennen. So erach-
ten wir denn auch zwei Ereignisse unseres Lebens, wenn-
gleich wir sie mit demselben zeitlichen Anschauungsmodus
vorstellen, als verschiedenen Zeiten zugehörig, und dies
kann auch sein, wenn wir in beiden Fällen uns in gleicher
psychischer Tätigkeit begriffen denken. Ja, wir können, je
nach den Anhaltspunkten, dem, was sich anschaulich ganz
gleich zeigt, sehr weit voneinander abstehende Stellen in
der Zeit mit unserem Urteil anweisen.

X. Guyaus empiristische Zeitlehre


Interessant ist die Meinung von Guyau, welcher räum-
liche Distanzen bei der Beurteilung zeitlicher Verhältnisse
verwendet denkt und u.a. darauf aufmerksam macht, daß
man von der Zukunft sage, sie liege vor uns, von der V er-
gangenheit, sie liege hinter uns. Wenn Guyau in bezugauf
92 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

die Zeit einem extremen Empirismus huldigt, der nicht


einmal anerkennt, daß anschaulich zeitliche Differenzen vor-
liegen, wenn ich eine Melodie häre oder ein gesprochenes
Wort erfasse, so ist er unverkennbar im Irrtum. Der Raum
dürfte nur in ähnlicher Weise dazu kommen, uns bei zeitli-
chen Urteilen Dienste zu leisten, wie geschriebene Zeichen,
welche wir für sprachliche Zeichen setzen. Die Dienste,
welche sie beim Rechnen leisten, sind bekannt genug.

XI. Der Glaube, daß die Ereignisse, die uns das Gedächtnis
zeigt, ein und demselben individuellen Leben angehören
Unter den verschiedenen Fällen von Gedächtnis, die wir
unterschieden haben, fand sich einer, in welchem wir des
Glaubens sind, daß wir früher etwas erlebt haben. Ein jeder
denkt sich dabei als ein einheitliches Individuum, eine ein-
heitliche individuelle Substanz, welche mit der diese Sub-
stanz denkenden identisch ist. Dies gäbe zu keinerlei Be-
denken Anlaß, wenn jeder von uns sich selbst in seiner
inneren Wahrnehmung seiner individuellen substantiellen
Differenz nach erschiene und sich auch im Gedächtnis durch
diese individuelle substantielle Differenz determiniert an-
schaute. Das aber ist keineswegs der Fall. Doch die Schwie-
rigkeit löst sich auch so, wie die Verhältnisse liegen, ohne
viel Mühe. Wenn das Ich sich im Gedächtnis nur seiner
allgemeinsten substantiellen Bestimmung nach schaut, so
ist dies analog, wie wenn es sich in innerer Wahrnehmung
bloß seiner allgemeinsten substantiellen Bestimmung nach
erfaßt. Und wenn dies nicht verhindert zu erkennen, daß die
erfaßte Substanz eine individuelle, einzige und mit der des
sie Erfassenden identisch ist, so fehlt es auch im Falle des
Gedächtnisses nicht an Anhaltspunkten für den Glauben,
daß es sich um ein einziges Individuum handelt, und daß
dieses mit der Substanz dessen, welcher den Glauben an sie
als geschichtliche Substanz und ein gewisses von ihr erfah-
renes Akzidenz hat, identisch sei. Eine ganze Reihe von
solchen Gedächtniserscheinungen stellt sich mir wie zu
einem Lebenslauf gehörig zusammen. Eine Evidenz hat man
freilich hier weder für die Wahrheit der einzelnen Tatsachen,
II. Vom Gedächtnis 93

noch und um so weniger für die Identität aller dieser mir


erscheinenden Substanzen. Doch wenn wir zum Bewußtsein
darüber kommen, daß wir hier von einem blinden Drang
geleitet sind, so hat sich die durch die Natur nahegelegte
Hypothese, ähnlich der Hypothese der körperlichen Außen-
welt, schon so vielfach bewährt, daß ich es nicht unvernünf-
tig finden kann, ihr auch ferner anzuhängen.

Nachtrag
1. Da bei der Sensation die zeitlichen Differenzen, die
empfunden werden, nur das primäre Objekt betreffen, so
ist leicht ersichtlich, was geschieht, wenn man eine lange
Fortdauer von Empfindungen hat. Das kleine Zeitfeld der
äußeren Wahrnehmung bleibt immer gleich und wird nur
anders und anders erfüllt. Die innere Wahrnehmung aber,
die immer den einen Modus der Gegenwart zeigt, hält diesen
für die verschiedenen sich folgenden Ereignisse fest. Das hat
manchen zu der Behauptung geführt, die Zeit bleibe immer
dieselbe und nur die Dinge wechselten in derselben Zeit.
Was heißt das aber: sie wechseln in derselben Zeit? Doch
wohl: Vor und Nach sind in derselben Zeit verschiedene
Dinge. Aber wie kann in derselben Zeit ein Vor und Nach
sein? Heißt das nicht von der Zeit annehmen, daß sie in
einer andern Zeit dauernd bestehe?67)
Ihr sagt, die Zeit vergeht,
Weil ihr es nicht versteht,
Es bleibt die Zeit
Und ihr vergeht.
Offenbare Absurdität, zu welcher man durch die Konfusion
einer bleibenden Eigentümlichkeit unserer sinnlichen An-
schauung, die immer mit denselben Zeitmodis vorstellt, mit
der Zeit selbst geführt worden ist! Richtig auch ist es, daß
immer etwas gegenwärtig ist und in jedem Moment der
Zeit bestanden hat und bestehen wird, aber nicht dasselbe.
2. Es tritt die Frage auf, ob sich etwas in jeder Beziehung
unverändert erhalten kann. Es würde dann zugleich mit
einem Quantum von Zeitmodis gleichmäßig als wahr anzu-
94 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

erkennen sein, dessen Größe dem Abstand des ersten dieser


Modi vom letzten entspräche. Sein Fortbestand wäre kein
Verlauf. Wäre er eine Ruhe? Oder verlangt die Ruhe selbst
einen Wechsel in einer Beziehung, während alles übrige in
diesem Wechsel sich erhält? Wäre sonst ein größeres und
geringeres Maß der Ruhe zu unterscheiden? Es läßt sich
nachweisen, daß in Gott, der ersten Ursache aller Dinge,
selbst ein steter infinitesimaler realer Wechsel statthat und
daß dies einen steten realen Wechsel in allem durch Gott
Bedingten zur Folge haben muß. Man muß sich hüten, diese
realen Differenzen mit den gleich regelmäßig wechselnden
Zeitmodis der richtigen Anerkennung derselben Tatsache
zu verwechseln.
3. Man bringt sich oft den Unterschied von Anhaltspunkt
und dem, wofür er Anhaltspunkt ist, nicht zu klarem Be-
wußtsein. So glaubt man z. B. die Lokalisation der Hand
phänomenal verändert, wenn man sie herabhängen läßt oder
emporhebt, an den Mund führt usw. Sie bleibt in allen diesen
Fällen dieselbe, aber das Verhältnis der wirklichen Lage der
Hand zu der des übrigen Körpers wird anders beurteilt.
Diese Verwechslung hatte auch am Streit über die Tiefen-
dimension des Gesichts einen Anteil. Manche meinen, sie
trete erst beim binokularen Sehen auf und unterliege für
dasselbe Nervenende infolge verschiedenartigen Zusam-
menwirkens der Augen beträchtlichen Veränderungen. Un-
terschied des Eindruck~ stereoskopischer Bilder von Ge-
mälden mit perspektivischer Zeichnung und Färbung, auch
wenn monokular geschaut. Dennoch ist meiner Meinung
nach die Lehre, die zu unsagbaren Verwicklungen führt,
nicht haltbar, vielmehr handelt es sich um einen Fall mäch-
tigster Urteilstäuschung. Verfangen des Urteils beim Bild
einer von oben oder unten gesehenen Stiege, eines mit einem
Auge gesehenen Hohlreliefs.
So begreift es sich, wenn man auch hinsichtlich der Zeit
oft für anschauliche Unterschiede nimmt, was nur als Unter-
schied der Beurteilung auf Grund von Anhaltspunkten zu
begreifen ist, die man sich in ihrer Besonderheit gar nicht
deutlich gemacht hat, die sich aber doch aufs mächtigste
bestimmend erweisen.
III. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum usw. 95

III. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum


von Vorstellungs- und Anerkennungsmodi *
Diktat, 2. November 1914 [T 14]

1. Unter mehrfachen Gesichtspunkten läßt sich das Kon-


tinuierliche einteilen. Einer der wichtigsten ist der, unter
welchem es in solches zerfällt, welches dem Ganzen nach,
und solches, weiches nur einer Grenze nach existiert. Ein
Kontinuum der ersten Klasse ist z. B. ein Körper als räum-
lich ausgedehnt, ein Kontinuum der zweiten aber ist alles
zeitlich Verlaufende als solches. Wir wollen die einen als
topisch, die anderen als chronisch Kontinuierliche bezeichnen.
Jedes Ding, insofern es dauert und entweder eine Zeit hin-
durch in irgendwelcher Beziehung ganz unverändert sich
verhält oder kontinuierlich wechselnd verläuft, erscheint als
ein chronisch Kontinuierliches. So denn auch jeder Körper,
nicht zwar in Ansehung der drei Dimensionen, nach wel-
chen er ganz in jedem Momente existierend ist, aber inso-
fern er einen zeitlichen Fortbestand hat, mag dieser nun mit
irgendwelchem Wechsel oder ganz wechsellos verlaufen. 68)
Zu den topisch Kontinuierlichen gehören nicht bloß die
Körper und die an ihnen zu unterscheidenden Flächen und
Linien, sowie die ihnen in irgendwelcher Ausdehnung zu-
kommenden Qualitäten und etwa sonst noch zukommenden
Eigenschaften, sondern auch Topoidevon einer andern Zahl
von Dimensionen, wie solche ja nach dem allgemeinen Ur-
teile der Mathematiker ohne Widerspruch denkbar sind.
Und dann natürlich auch ihre Grenzen, welche noch selbst
eine Ausdehnung aufweisen. Ferner die Anschauungen
nicht bloß von räumlich Ausgedehntem, sondern von zeit-
lich Verlaufendem, insofern ein solches als Ganzes uns ge-
genwärtig ist. 89) Eine Bewegung von Ort zu Ort, obwohl in
gewissem Sinne räumlich zu nennen, ist dagegen doch, weil
sie zeitlich verläuft und nicht ihrer ganzen Ausdehnung
nach, sondern nur einer Grenze nach existiert, nicht zu dem

*) Der Text der folgenden Abhandlung ist eine von A. Kastil ge-
kürzte Fassung des Originaldiktates. [Anm. d. Hrsg.]
96 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

topisch, sondern zum chronisch Kontinuierlichen zu zählen.


2. Die Eigentümlichkeit dieses chronisch Kontinuierli-
chen sowie auch die Vorstellung, die wir von ihm haben, ist
es nun, die ich hier näher in Betracht ziehen möchte.
Daß jede Bewegung nicht dem Ganzen, sondern nur einer
Grenze nach sei, ist offenbar. Es scheint, daß Aristoteles
dieser Wahrheit Ausdruck geben wollte, wenn er die Bewe-
gung eine unvollkommene Wirklichkeit nannte und von ihr
in paradoxer Ausdrucksweise als der Wirklichkeit des Mög-
lichen als Möglichen oder der Wirklichkeit des in Möglich-
keit Seienden als solchen sprach.70) Das sei, fügt er bei,
schwer zu fassen, aber dennoch nicht absurd. In der Tat ist
die Bewegung in der Mitte ihres Verlaufes weder ihrer ersten
Hälfte nach noch ihrer zweiten Hälfte nach, sondern nur
nach jenem Moment, in welchem die beiden Hälften sich
berühren und der den Zusammenhang zwischen ihnen her-
stellt. Doch ist diese Charakteristik sehr mangelhaft. Wir
würden nicht sagen können, daß eine Bewegung von a nach
c vor sich gehe, wenn nur richtig wäre, daß sie einem gewis-
sen Momente nach, z. B. dem, wo sie den Punkt b passiert,
und keinem andern Momente nach sei; wir müssen auch
sagen können, daß sie in jedem der Punkte zwischen a und b,
in dem einen vor längerer, in dem andern vor kürzerer Zeit
gewesen sei, und in jedem der Punkte zwischen b und c, in
dem einen in näherer, in dem andern in fernerer Zeit sein
werde. Es liegt darin eine gewisse Anerkennung von tatsäch-
lichen Geschehnissen, nur nicht als seiend oder gegenwär-
tig, und es zeigt sich hier, daß es ein Anerkennen gibt, wel-
ches nicht als bestehend anerkennt, aber doch alles Ge-
schichtliche und Kommende von dem, was nie ist, noch war,
noch sein wird, scheidet. Indem was vorerst als gegenwärtig
gegeben war, mehr und mehr vergangen erscheint, werden
nicht andere Objekte als seiend anerkannt, sondern dasselbe
Objekt wird in anderer Weise, mit einem andern Modus des
Anerkennens, anerkannt.
Dieser Modus 71) ist aber nicht ein einheitlicher, sondern
entsprechend der Kontinuität der Zeitanschauung ein Kon-
tinuum von Modis und zwar zunächst des Vorstellens und
daraufhin des Anerkennens. Es wird ja das Vergangene
III. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum usw. 97

nicht alles als gleich vergangen, sondern als mehr und min-
der vergangen vorgestellt.
3. Es fehlt allerdings nicht an Versuchen, die Annahme
eines solchen modalen Kontinuums entbehrlich zu machen.
So höre ich Äußerungen, die dahin gehen, daß jene Aner-
kennung, wie sie Geschichtlichem zukomme, gar nicht ein
Anerkennen, sondern eher ein Verwerfen zu nennen sei,
oder daß man sich entschließen müsse, hier von einer dritten
Qualität des Urteils zu sprechen.
Das letzte wäre geradezu die Preisgabe des Satzes vom
ausgeschlossenen Dritten.
Wenn aber bei Geschichtlichem und Zukünftigem von
Verneinung statt von Anerkennung zu sprechen wäre, so
würde damit das Fundament für die Relation des Früheren
zum Späteren aufgehoben und der Relation selbst könnte
dann keine Wahrheit mehr zukommen. Wir sagen aber doch
mit Recht, wir seien um hundert Jahre später als die, welche
vor 100 Jahren gewesen sind, und diese seien um 100 Jahre
früher gewesen, als wir sind. Ja, nicht bloß dies, sondern
auch, daß alles, was vor 100 Jahren gewesen ist, früher
gewesen sei als etwas, was vor 10 Jahren gewesen ist, und
daß alles, was gewesen ist, früher gewesen sei als etwas, was
sein wird. 72)
4. Ein anderer Versuch, ohne ein solches modales Konti-
nuum auszukommen, will an dessen Stelle ein Kontinuum
von Objektsdifferenzen setzen. Man sagt, es sei wohl zuzu-
geben, daß die vergangeneo und zukünftigen Teile der Be-
wegung nicht mit demselben Modus wie ihr augenblicklich
bestehendes Moment anerkannt werden, aber der davon
abweichende Modus sei ein einheitlicher und allen vergange-
nen und zukünftigen gemeinsam. Die Differenz von Ver-
gangen und Zukünftig und Näher- und Fernvergangen,
Näher- und Fernerzukünftig seien dagegen sämtlich Ob-
jektsdifferenzen. Es erscheine etwas je nach seinem Abstande
von der Gegenwart nach der einen oder anderen Seite hin
als ein anderes Objekt. Wie jede andere Position im Raume,
so sei auch jede andere Position in der Zeit etwas, was das
Objekt irgendwie affiziere und determiniere. Und so hätten
z. B. alle im Augenblick der Geburt Christi bestehenden
98 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Dinge eine gemeinsame besondere Determination, als in


diesem Augenblick sich findende. Ähnlich die in den um
100 Jahre späteren Augenblick fallenden.
Allein, was immer darin Wahres sein möge, keinesfalls
decken sich die Differenzen, von denen man hier spricht,
mit denen von zukünftig, gegenwärtig, vergangen, ferner
zukünftig, näher zukünftig, näher vergangen, ferner ver-
gangen usw., da ja vielmehr der Augenblick der Geburt
Christi und so jeder andere sukzessiv bald zu den zukünfti-
gen gehört, bald gegenwärtig zu nennen ist, bald in die
Klasse der vergangeneo fällt. Wenn uns ein Ton in einer
Melodie zunächst als gegenwärtig, dann als jüngstvergangen
erscheint, so glauben wir nicht, daß er zwei zeitliche Positio-
nen habe oder die eine mit der andern wechsle, sondern nur,
daß er für uns, die wir in der Zeit fortbestanden haben, in
anderer Weise anzuerkennen ist. Er ist für uns aus einem
gegenwärtigen zu einem mehr und mehr fernen geschichtli-
chen geworden.
5. Es ist also die Annahme modaler Unterschiede nicht
zu umgehen. Auch genügt keineswegs außer dem Gegen-
wartsmodus für alles V ergangene und Zukünftige ein ein-
heitlicher Temporalmodus. Denn ein ähnlicher Unterschied
der Anerkennungsweise wie für das, was ist, gegenüber
etwas, was war oder sein wird, findet sich auch zwischen
solchem, was früher oder später war und früher oder später
sein wird.
a) Darauf weist schon die Sprache hin, wenn sie neben
dem Perfekt auch ein Plusquamperfekt und neben dem
Futurum ein Futurum exactum kennt. Es ist freilich wahr,
daß alles V ergangene und Zukünftige das gemein hat, daß
es nicht ist und daß der Modus der Anerkennung nicht der
modus praesens ist. Allein das beweist so wenig dagegen,
daß es auch noch innerhalb des V ergangenen und Zukünf-
tigen Unterschiede des Anerkennungsmodus gebe, als der
Umstand, daß alle krummen Linien darin übereinstimmen,
nicht gerade zu sein, nicht beweist, daß für sie der Krüm-
mungsmodus nicht ein verschiedener ist, je nachdem sie
stärker oder weniger stark und nach einer oder nach ent-
gegengesetzter Seite gekrümmt sind.
111. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum usw. 99

b) In der Tat ist nicht bloß die Vorstellung einer Bewe-


gung im Unterschiede von der einer räumlichen Strecke
nicht ausführbar ohne zwei Vorstellungsmodi, deren einer
als gegenwärtig vorstellt, der andere nicht, sondern sie ver-
langt auch eine Kontinuität spezifisch verschiedener Vor-
stellungsweisen. Stelle ich die ganze Bewegung als vergan-
gen vor, was ich ja offenbar kann, so wäre ja überhaupt von
einem Unterschiede der Modi des Vorstellens und eventuell
des Anerkennens sonst gar nicht mehr die Rede.
c) Vielleicht macht folgende Erwägung das Gesagte noch
deutlicher. Man meint manchmal, ein einziger Raumpunkt
könne nicht bestehen, wenn nicht ein Körper bestehe, zu
dem er gehöre. Dies ist, so wahr nur Gegenwärtiges besteht,
nicht richtig. Man denke sich z. B. die Spitze einer Pyramide,
die von Gott allmählich von der Basis aus vernichtet würde,
wo dann der oberste Punkt allein im Momente sich vollen-
dender Vernichtung vorhanden wäre. Es genügt, wenn, wie
in diesem Falle, ein Körper, zu dem er gehört, vorbestanden
hat oder nachbestehen wird, denn Gott könnte auch die
Pyramide sukzessiv, mit dem höchsten Punkte allein anfan-
gend, werden lassen. Wenn nun aber kein Unterschied in
der Anerkennungsweise eines zeitlich von der Gegenwart
weiter Abstehenden wie zeitlich ihr Nächstliegenden wäre,
so sollte man meinen, ein einziger gegenwärtiger und also
einzig aktueller räumlicher Punkt könnte ebensogut als
Endpunkt einer vor einem Jahre bestandenen und allmäh-
lich vernichteten Pyramide sein wie einer unmittelbar vor
ihm bestandenen. Es ist dies aber nicht der Fall, und das
hängt damit zusammen, daß jede Grenze in ihrer Natur
durch ein Begrenztes bestimmt wird, zu dem sie als innere
Grenze, nicht als bloßer terminus extrinsecus sich verhält.
Diese Bestimmung wird von Gleichzeitigem nicht bloß,
sondern auch, wie wir in dem erbrachten Beispiel sehen, von
Früherem und Späterem gegeben. Allein dieses Frühere oder
Spätere muß in unmittelbarer zeitlicher Nähe gewesen oder
zukünftig sein. Wie sollte dies sich damit vertragen, daß die
Weise der Anerkennung bei etwas, was unmittelbar vor der
Gegenwart und 1000 Jahre von ihr entfernt war, ganz die
gleiche sein soll? 73)
100 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

d) Man muß der Theorie, welche nur einen einzigen Mo-


dus der Vergangenheit annimmt, den Vorwurf machen, daß
sie die Vorstellung eines zeitlichen Verlaufes geradezu in
die eines Topoids von einer Dimension verwandelt. Sie
erlaubt sich zwar noch von Vor und Nach zu sprechen,
allein sie verwandelt dieses Vor und Nach in ein Analogon
des räumlichen Nebeneinander, wie es jedem Topoid, was
immer die Zahl seiner Dimensionen sein möge, zukommen
würde. Nur wer eines Vorstellens mit verschiedenen Modis
und eines kontinuierlich wechselnden Vorstellungsmodus
fähig ist, kann eine Vorstellung von Ruhe und Bewegung,
von Fortbestand oder Verlauf haben. 74)
Die Analogie von Zeit und Raum darf eben nicht über-
schätzt werden. So wäre ein Chronoid von anderer Zahl der
Dimensionen unmittelbar absurd, und ebensowenig wäre
ein Zeitliches denkbar, das durch die Zeitbestimmung
selbst schon als real und individuell sich zeigte. Es erschiene
ganz ohne Objektgehalt,75) während das räumlich Ausge-
dehnte als solches von Descartes mit der Substanz des Kör-
pers gleichgesetzt worden ist.
6. Mit der Feststellung, daß die Differenzen als gegenwär-
tig und näher und ferner vergangen nicht als Differenzen
zeitlicher Objekte erscheinen analog den lokalen Differen-
zen, soll nicht geleugnet werden, daß es in Wirklichkeit
wahre temporale Analoga jener lokalen Differenzen gebe
und daß das Fortbestehen in der Zeit auch bei denkbar
vollkommenstem Gleichbleiben nie ohne eine sachliche
kontinuierliche Umwandlung zu denken sei. Dies leuchtet
ein, wenn man bedenkt, daß jede Ruhe eine gewisse Länge
hat, diese aber, so wahr sie eine Größe ist, eine Mehrheit
von Teilen unterscheiden lassen muß. Keine Mehrheit aber
ohne Verschiedenheit. Also keine sukzessive Mehrheit ohne
Variation.
Man erwäge es auch in folgender Weise. Sicher gibt es
Veränderungen in der Welt. Diese Veränderungen mögen
nun von etwas anderem bewirkt sein, was uns nicht direkt
in der Erfahrung gegeben ist. Allein wie immer es transzen-
dent zu nennen sein mag, eines steht von ihm fest: daß es
selbst irgend welchen Veränderungen unterliegen muß, denn
111. Unsere Zeitanschauung ist ein Kontinuum usw. 101

wie aus Bewegung vielleicht Ruhe, nimmermehr aber aus


Ruhe Bewegung sich ergeben kann, so kann auch ein völlig
Wechselloses nimmermehr das Prinzip für etwas Wechseln-
des werden. So weist denn das unmittelbar Notwendige
selbst einen steten realen Wechsel auf, der dann allem davon
Bedingten einen entsprechend wechselnden Charakterzug
aufdrückt. Und darum muß alles Zusammenbestehende,
also alles Gegenwärtige, und ebenso auch alles, was in einem
gewissen Maße vergangen oder zukünftig ist, einen gemein-
samen realen Charakterzug tragen, wenn. uns dieser auch
nicht anschaulich vorliegt. Man könnte sagen, daß wenn er
uns anschaulich vorläge, das erste Prinzip aller Dinge uns
mitanschaulich sein müßte. Wir müßten also, wenn dieses
erste Prinzip ein göttlicher V erstand ist, die Anschauung
desselben haben. (Freilich pflegt man es für ausgemacht zu
halten, daß Gott ohne allen Wechsel sei, indem ein solcher
Wechsel einen Übergang von minder Gutem oder zu minder
Gutem bedeuten würde; allein man hat hier sehr oberfläch-
lich geurteilt und nicht erwogen, daß derjenige, der alle
Wahrheit erkennt, so gewiß, um dies fort und fort zu tun,
einem Wechsel unterliegen muß, als nicht alle Wahrheiten
ewige sind. Man könnte mit Rücksicht darauf, daß das gött-
liche Leben selbst eine stetige Variation ist, die Gottheit in
erhabenstem Sinne mit dem Namen der Zeit benennen und
die alte Mythologie, die von dem Kronos als dem Urwesen
und ersten göttlichen Prinzip spricht, scheint sich dadurch
irgendwie mit der Wahrheit zu berühren.)
7. Manche sprechen von der Zeit wie von einem unendli-
chen, einheitlichen Unding, einem unrealen Etwas, das die
Dinge in eigentümlicher Weise von außer her bedinge. 78)
Sie betrachten das, was zugleich besteht, nicht sowohl als
gleichzeitig, denn als einzeitig. Dem soll, meint man, schon
die Sprache Zeugnis geben, indem gesagt wird, die Dinge
seien in derselben Zeit. Nach uns tritt an die Stelle dieses Un-
dings Zeit der allerhaltende Gott. Sein Bedingen ist sein
Wirken, und der Wirkungen sind so viele als der gewirkten
Dinge. Da nun das Wirken Gottes, je nach dem Momente
des göttlichen Lebens, nach welchem es besteht, einen
gewissen, allem Gewirkten gleichartigen Charakter gibt, so
102 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

sind nach uns die Dinge, die zusammenbestehen, nicht ein-


zeitig, sondern gleichzeitig zu nennen. In dieser Gleichzei-
tigkeit alles Bestehenden etwas wie eine prästabilierte Har-
monie zu finden, wäre eine ganz unpassende Charakteristik,
denn es läßt sich ja gar nicht ohne Widerspruch denken, daß
die Dinge, die von demselben Moment des göttlichen
Lebens gewirkt werden, den Charakterzug eines von einem
andern Momente des göttlichen Lebens Gewirkten als sol-
chen tragen.

IV. Unzulänglichkeit der Annahme eines


einzigen Präteritalmodus
Diktat, 15. November 1914 [T 16]

1. Gemein ist dem topisch und topoid 77) aneinander Ge-


reihten mit der Zeit und dem zeitlich aneinander Gereihten,
daß es als kontinuierlich erscheint. Bei jenen aber haben wir
es mit Kontinuis zu tun, die dem Ganzen nach sind, bei die-
sen mit Kontinuis, die nur einer Grenze nach sind, während
sie dem ganzen Rest nach nicht bestehen, sondern bestanden
haben oder bestehen werden, und auch dies nicht so, daß sie
jemals mehr als einer Grenze nach bestanden hätten oder in
Zukunft bestehen würden, sondern vielmehr als eine konti-
nuierliche Folge von Vorbestandenem, Vorvorbestandenem,
Vorvorvorbestandenem usw. oder Kommendem, Nach-
kommendem, Nachnachkommendem usw. Nicht nur sind
niemals zwei seiner Grenzen zusammen, es sind auch nie-
mals zwei seiner Grenzen zusammen gewesen und niemals
werden zwei seiner Grenzen zusammen sein.
Dies läßt erkennen, daß es sich bei dem zeitlich Kontinu-
ierlichen nicht nur um zwei Modi der Anerkennung (ein als
aktuell und ein als nicht aktuell Anerkennen) handelt, son-
dern um einen kontinuierlichen Wechsel des Anerkennungs-
modus, so zwar daß der Modus der Anerkennung als dop-
pelt so fern vergangen von dem der Anerkennung als halb
so fern vergangen sich im seihen Grade wie dieser von dem
IV. Unterschiede im Präteritalmodus 103

als gegenwärtig anerkennenden unterscheidet. Die Vereini-


gung von Hier und Dort in einer Vergangenheit oder Zu-
kunft ist für einen Körper durch den Satz des Widerspruchs
ebenso ausgeschlossen wie ihre Vereinigung in der Gegen-
wart; nur mit verschiedenen Modis des Anerkennens können
sie beide ihm widerspruchslos zugeschrieben werden. 78)
2. Wenn wir den Verlauf einer Bewegung mit einer gleich-
zeitigen Ruhe vergleichen, so ist offenbar, daß dort ein
Mehr, hier ein Weniger von Veränderung dem Objekte
nach sich zeigt. Ortsunterschiede treten hier nicht ein, viel-
mehr bleiben die örtlichen Bestimmungen ganz unverändert,
bei den temporalen Anerkennungs- und V orstellungsmodis
aber zeigt sich in beiden Fällen eine ganz gleichmäßige Va-
riation. Nehmen wir an, daß in dem einen und andern Falle
noch eine andere Variation und zwar eine solche, die in
ihrer Modifikation des Objekts besteht, in Wirklichkeit ge-
geben sei, so wäre es doch nicht ausgeschlossen, daß diese
nicht mit in Erscheinung trete und dann würden wir bei
örtlicher Bewegung sowohl eine Variation dem Objekte
nach als eine solche dem Temporalmodus nach, bei der
Ruhe aber nur die zweite gewahr werden. Und alles spricht
dafür, daß dem so sei. Der Laie glaubt darum begreiflicher-
weise an die Möglichkeit eines schlechthin unveränderten
Sich-Erhaltens in der Zeit. Wenn er aber die Zeit selbst als
etwas sich gleichmäßig Veränderndes denkt, so macht er sie
nicht zu einem Merkmal des Dinges, das in der Zeit besteht
- würde er doch sonst so viele Zeiten als Dinge annehmen
müssen - sondern denkt sie als ein besonderes Objekt für
sich, welches in steter, vollkommen gleichmäßiger Verände-
rung begriffen uns als Maß für das Vor und Nach jeder an-
deren, bald schnelleren, bald langsameren Veränderung
diene. So wurde von Philosophen des Altertums die Zeit
geradezu als die Bewegung des obersten Himmelsgewölbes,
insofern diese uns das Maß für das Vor und Nach bei allen
anderen Bewegungen abgehe, definiert. Das zeigt deutlich,
daß diese Denker in der einfachen Fortdauer eines Objektes
an und für sich keinerlei Veränderung zu finden vermochten.
Ja, nicht wenige wollten von dem, was sich nicht bloß nicht
ändert, sondern nicht einmal die Fähigkeit sich zu ändern
104 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

hat, gar nicht sagen, daß es zeitlich ist. Nachweisbar aber


gibt es nun gar nichts dieser Art, vielmehr ist das göttliche
Leben selbst, dem man doch vor allem Unveränderlichkeit
zuschreiben möchte, selbst in einem notwendigen, ewigen,
völlig gleichmäßigen Wechsel begriHen, insofern Gott den
Verlauf der geschichtlichen Ereignisse nicht bloß sonst in
jeder Beziehung, sondern auch in bezug darauf, was davon
gegenwärtig oder bereits vergangen oder erst zukünftig ist,
erkennt und will. In dieser ewigen göttlichen Variation liegt
nun die Ursache dafür, daß auch alles Geschöpfliche, wie
unverändert es auch sonst verharren möge, einem entspre-
chenden Wechsel unterliegen muß. Da es von Gott einem
andern Momente seines göttlichen Lebens nach erhalten
wird, gibt ihm Moment für Moment einen andern Charak-
ter. Auch ist es einleuchtend, daß dieser Charakter für alles
jeweils Gegenwärtige der gleiche sein muß. So sicher wir
aber diesen erschließen können, so sicher ist es auch, daß er
in unserer Anschauung nicht zutage tritt. Er könnte dies
nur, wenn wir zugleich Gott selbst schauten. Und so ist
denn die Behauptung, daß, was wir von temporalen Diffe-
renzen wahrnehmen, nur Differenzen der Modi des Vor-
stellens, Anerkennens und Gemütes seien, aufs neue ge-
rechtfertigt.
3. Wenn manche meinten, man habe nur zwischen einem
Modus der Anerkennung für das Gegenwärtige und einem
solchen für das NiChtgegenwärtige zu unterscheiden und
dürfe von einem kontinuierlich variierenden Anerkennungs-
modus, sowohl nach der Seite der Vergangenheit als nach
der Seite der Zukunft hin, nicht sprechen, so ist es vielleicht
nicht undienlich, sie darauf aufmerksam zu machen, daß
auch das Wollen temporal dem Modus nach variiert. Es ist
etwas anderes, etwas de praesenti zu wollen, und etwas an-
deres, es sich vorzunehmen, und so gewiß diese Differenz, so
gewiß ist auch die zwischen einem für die nächste Zeit und
einem für später Sich-Vornehmen modal verschieden. 79)
V. Reales = Temporalkontinuierliches 105

V. Reales = Temporalkontinuierliches.
Es gibt keine innere Proterästhese
Diktat, 1914 [T 50]

1. Frühere Untersuchungen von mir haben ergeben, daß


die Unterschiede von gegenwärtig, vergangen, zukünftig
und die unzähligen Differenzen der beiden letzten keine Un-
terschiede des Objekts sind, sondern verschiedene Modi, wie
wir etwas vorstellen, glauben oder leugnen, lieben oder
hassen. Urteil und Gemütstätigkeit werden temporal modi-
fiziert, weil sie auf dem Vorstellen beruhen.
2. Ich habe aber auch schon seit langem die Behauptung
aufgestellt, daß alles, was ist, in Wesen und Eigenschaften
einer gewissen gleichmäßigen realen Umwandlung unter-
liege. Diese liegt allen Zuständen von Beharren und Wechsel
zugrunde, ähnlich wie die Variation der Raumbestimmung
dem gleichmäßigen Sich-Ausehnen oder Variieren von Far-
ben, Tönen etc. im Raume unterliegt.
Ich möchte diese These nochmals ein wenig beleuchten
und erinnere darum vor allem an den Nachweis, daß, so
gewiß überhaupt eine Veränderung besteht, eine solche
auch in Gott angenommen werden müsse, hinsichtlich sei-
nes Erkennens sowohl als seiner Gemütstätigkeit. Wenn
etwas sich ändert, so sind nicht alle Wahrheiten ewig. Gott
erkennt alle Wahrheit, also auch die, welche nur heute sind.
Diese aber konnte er gestern nicht erkennen, da damals
nicht sie, sondern statt ihrer andere bestanden. So erkennt
er z. B., daß ich diesen Gedanken niederschreibe, gestern
aber erkannte er nicht dies, vielmehr statt dessen, daß ich
ihn später niederschreiben werde, und ähnlich wird er mor-
gen erkennen, daß ich ihn niedergeschrieben habe, alles in
schönstem Einklang, obwohl die eine Erkenntnis nicht die
andere ist, so wahr ein verschiedener Temporalmodus eine
Verschiedenheit des Urteilsinhaltes ausmacht.
Ähnliches gilt für seinen Willen. In bezug auf dasselbe
Ereignis ist sein Wille einmal ein Vorsatz, es in Zukunft zu
bewirken oder bewirken zu lassen, ein andermal ein Wille,
der es für den Augenblick selbst will und so die Ursache
106 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

seines Eintritts wird, und dann folgt eine Gemütstätigkeit,


welche an dem Ereignis als geschehenem Wohlgefallen hat.
Also nochmals : Gott selbst unterliegt einem mehrfachen
Wechsel, wenn auch keinem, der ihn mit sich selbst in
Widerstreit bringt, keinem der ihn vervollkommnet oder
verunvollkommnet, da er vielmehr das ist, was allein ihn in
stets gleicher Vollkommenheit erhält; keinem auch, der jäh
und unvermittelt eine Differenz setzte, da er vielmehr infini-
tesimal und mit einer immer ganz gleichmäßigen Geschwin-
digkeit fortschreitet. Denn was Gott vorgestern als in zwei
Tagen künftig, das hat er gestern als in einem Tage künftig
gewollt, will es heute als gegenwärtig und wird morgen
daran als vor einem Tag geschehen Gefallen haben, über-
morgen als vor zwei Tagen geschehen und so fort von
Ewigkeit zu Ewigkeit.BO)
3. Es liegt nahe, daß dieser Wechsel in Gott von Einfluß
auf die jeweiligen Kreaturen sein müsse. Was Gott heute
schafft, wird gegenüber dem, was er gestern geschaffen hat,
durch eine modifizierte schöpferische Ursache bedingt sein.
Nur diese konnte zu dieser Zeit das Dasein geben und ohne
sie war das Ereignis nicht möglich. Das wird für die krea-
türlichen Wesen und alle ihre Eigenschaften selbst eine
irgend wie modifizierende Bedingung sein. Überlegt man
dies recht, so kommt bereits in alles kreatürliche Reale eine
Art Wechsel hinein, der allem Beharren und allem Wechsel
anderer Art zugesellt ist und gleichmäßig in infinitesimalen
Differenzen sich vollzieht.
4. Diese Betrachtung läßt sich noch vertiefen. Jener
Wechsel in Gott ergab sich uns aus der empirischen Tat-
sache einer Veränderung überhaupt. Aus dieser Tatsache
ist aber noch mehr zu erkennen, nämlich daß in Gott auch
dann ein Wechsel sein werde, wenn er es vorgezogen hätte,
eine möglichst unveränderte oder auch gar keine Welt zu
schaffen. Wie jetzt verschiedene Wirklichkeiten, so würden
dann verschiedene Möglichkeiten aufeinanderfolgen. Es
wäre ja für Gott möglich, gleiche Ereignisse für früher oder
später sich vorzusetzen oder früher oder später als gegen-
wärtig zu wollen, und an die Stelle des entfallenden positi-
ven Denkens wäre eine kontinuierliche Reihe von negativen
V. Reales = Temporalkontinuierliches 107

Dekreten, welche gleichmäßig das Eintreten ausschlössen,


getreten.81) Diese Reihe, anfangslos und endlos, von einer
jedes endliche Maß übertreffenden Länge, könnte diese
Länge nicht haben ohne Differenzen für die einzelnen
Punkte in ihr, und diese Differenzen ergäben in ihrer Ge-
samtheit einen kontinuierlichen infinitesimalen Wechsel.
Ein solcher läge also zweifellos für die göttliche Realität
auch vor, wenn kein anderes Reales wäre, das einer Verän-
derung unterläge; ist aber ein solches, so besteht er notwen-
dig ebenso in ihm und bildet bei möglichst gleichmäßigem
Beharren die Vorbedingung für eine Länge und größere
oder kleinere Länge der Dauer. Wo immer ein Größer und
Kleiner ist, muß es sich um eine Mehrheit von Teilen han-
deln, und die Teile können nicht mehrere sein, ohne vonein-
ander differenziert zu sein.
5. Aus alledem glaube ich zu erkennen, daß es dem Rea-
len als Realem zukommen muß, zeitlich ausgedehnt zu sein.
Es liegt dies in seinem Begriff. Und ich sage damit nicht
etwa, daß es ihm zukommen muß, wenn mit einem Tempo-
ralmodus, mit einer Kontinuität von Temporalmodis wahr
zu sein, sondern ich behaupte, daß dasjenige Objekt, wel-
ches in einer solchen Kontinuität von Temporalmodis wahr
ist, als Ding einem gewissen infinitesimalen Wechsel unter-
worfen sein muß, der während der ganzen Zeit seines Be-
standes gleichmäßig infinitesimal fortschreitet, so daß, unter
diesem Gesichtspunkt betrachtet, jedes später bestehende
Moment von jedem früher bestehenden der Länge des Be-
standes entsprechend weiter und weiter verschieden ist,
ähnlich wie bei einer geraden Linie im Raume jeder folgende
Punkt weiter als ein ihm vorangehender Zwischenpunkt
vom Anfangspunkt abliegt. Das ist es, was ich schon früher
als Differenzen der transzendenten Zeit bezeichnet habe. Sie
haben das eigene, daß zwei spezifisch verschiedene nicht mit
demselben Temporalmodus zu affirmieren sein können.
6. Man kann fragen, ob der Begriff des Realen, wie wir
ihn tatsächlich besitzen, nicht etwas von diesem transzen-
denten Zeitbegriffe einschließe, und wenn dies, ob er nur
seine allgemeinste Bestimmung oder auch mehr von ihm
enthalte. Dies möchte einer von jenem untrennbar glauben,
108 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

weil der transzendente Zeitbegriff der eines Kontinuums


ist, von welchem jeder Teil in indefinitumviele Teile, jeder
von anderen spezifisch verschieden, unterscheiden läßt, und
von dem auch jede Grenze nur als Grenze eines Konti-
nuums und darum nicht losgelöst von dem Gedanken
indefinit vieler Teile, deren jeder seine spezifische Besonder-
heit hat, gedacht werden kann.
Es scheint mir in der Tat, daß der transzendente Zeitbe-
griff in seiner Allgemeinheit in dem Begriffe des Realen
vorliege. Ferner scheint es mir eine unabweisliche Folge da-
von, daß er auch als Begriff eines Kontinuums, also von
etwas, was unendlich viele transzendente Zeitdifferenzen
einschließe, gegeben sei. Weiter aber nichts, und so insbeson-
dere nicht eine absolute, bestimmte spezifische transzendente
Zeitbestimmung und damit im Zusammenhang die Vorstel-
lung von anderen und unendlich vielen anderen spezifisch
verschiedenen absoluten Zeitbestimmungen. Der Fall
scheint mir analog dem, wo ich im allgemeinen den Gedan-
ken eines Raumpunktes habe, abstrakt von absoluter spezi-
fisch räumlicher Bestimmtheit, aber doch mit dem allgemei-
nen Gedanken eines räumlichen Kontinuums verbunden,
dessen Grenze der Punkt sei.S2)
7. Nur in dieser Allgemeinheit besteht die transzendente
Zeitvorstellung auch für das psychische Reale, als welches
wir uns selbst erfassen und das uns nicht wie physisches
Reales in einer durch verschiedene Temporalmodi ausge-
dehnten Vorstellung gegeben ist. Wo immer wir eine sog.
äußere Wahrnehmung haben, z. B. etwas sehen oder hören,
nehmen wir etwas als beharrend oder als wechselnd wahr.
Dies geschieht in der Weise, daß von uns, während wir etwas
neu im Sinn Aufgenommenes als gegenwärtig vorstellen,
früher darin Aufgenommenes mit Temporalmodis der Ver-
gangenheit vorgestellt wird, die sich in kontinuierlichem
Übergang von der Gegenwart zu einer wenig abstehenden
Vergangenheit erstrecken.
Nun haben wir zugleich mit der äußeren Wahrnehmung
auch eine in demselben Akt inbegriffene innere Wahrneh-
mung. "Das Sehen", sagt mit Rücksicht darauf schon
Aristoteles, "geht nebenher auf sich selbst". Und so nehmen
V. Reales = Temporalkontinuierliches 109
wir uns denn mit Evidenz sowohl als etwas als gegenwärtig,
als auch als etwas als jüngst vergangen und als länger ver-
gangen vorstellend wahr. Erscheint uns dabei wie das pri-
märe Objekt auch das sekundäre Objekt, nachdem es uns
als gegenwärtig erschienen, auch als vergangen? Die Ana-
logie scheint dafür zu sprechen, auch könnte einer meinen,
daß andernfalls die innere Wahrnehmung nicht merklich
sein würde, wäre sie doch dann auf einen einzigen Zeit-
punkt beschränkt und entbehrte, was das Objekt betrifft,
aller Ausdehnung, während sogar eine allzu geringe Aus-
dehnung schon die Merklichkeit hinderte. Ja, es könnte
einer noch weiter gehen und sagen, wie ein Punkt nicht für
sich, sondern nur im Zusammenhange mit etwas, dessen
Grenze er ist, bestehen könne, so könne er auch nicht für
sich wahrgenommen werden, sondern nur zusammen mit
etwas, dessen Grenze er ist.
8. Diese Annahme, daß auch die innere Wahrnehmung,
ähnlich der äußeren, eine Proterästhese habe, wovon die
Wahrnehmung als gegenwärtig nur die abschließende
Grenze sei, unterliegt indes großen Schwierigkeiten. In einer
solchen inneren Proterästhese müßte uns ein früheres Wahr-
nehmen als früher erscheinen, aber als auf etwas wie gegen-
wärtig gerichtet. Wir müßten also indirekt auch dieses
jüngst gewesene äußere Objekt als gegenwärtig vorstellen,
wie direkt als jüngst gewesen. Ferner, da auch die innere
Wahrnehmung, die uns jetzt als vergangen erscheint, auf
eine innere Wahrnehmung als jüngst vergangen gerichtet
war, so müßte auch diese innere Wahrnehmung und mit
demselben Temporalmodus, mit welchem sie uns früher
direkt erschienen war, nunmehr indirekt gegeben sein. Und
wenn dies, dann zweifach indirekt auch ihr primäres Objekt
mit dem Temporalmodus der Gegenwart. So wäre dies wei-
ter zu verfolgen und die Verwicklung würde, da uns in der
Proterästhese eine Reihe von kontinuierlich sich folgenden
Wahrnehmungen gegeben wäre (nicht nur eine wie in der
auf den gegenwärtigen psychischen Akt gerichteten, sie
abschließenden Wahrnehmung), zu einer unendlichen und
zu einer unendlichmal unendlichen Komplikation führen,
1a zu einer unendlichen Komplikation in unendlichster
110 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Potenz, was denn doch kaum als möglich zugestanden wer-


den dürfte.S3)
9. Oder läßt sich diese Konsequenz vermeiden? Viel-
leicht sagt einer, die innere Wahrnehmung, die uns mit
einem Temporalmodus der Vergangenheit erscheint, zeige
uns in demselben Temporalmodus der Vergangenheit auch
das primäre Objekt, und dementsprechend seien auch die
Temporalmodi der früheren inneren Wahrnehmung, die sie
uns zeigt, modifiziert, d. h. sie zeige uns diejenige, welche in
bezug auf sie in der Vergangenheit liegt wie sie selbst zur
gegenwärtigen, in fernerer Vergangenheit liegend, nicht in
einer Vergangenheit wie die, in welcher sie selbst erscheint.
Infolge davon werde es nicht zu jener unendlichen Ver-
wicklung kommen, da ja vielfach die indirekten Erschei-
nungen des früheren Momentes sich mit den direkten des
jetzigen vollkommen deckten.
Ich halte diesen Ausweg nicht für gangbar. Die frühere
innere Wahrnehmung zeigte ja etwas, dessen primäres Ob-
jekt zum Teil mit dem Temporalmodus der Gegenwart und
daran anschließend in anderen Teilen mit Vergangenheits-
modis erschien, die sich infinitesimal von jenem entfernten.
Würde sie nun nicht in der Proterästhese in denselben Wei-
sen auf dasselbe Objekt in seinen einzelnen Teilen gerichtet
erscheinen, so erschiene sie als etwas anderes, als was sie
gewesen ist. M.a.W. sie erschiene falsch, und da die innere
Wahrnehmung der Gegenwartsgrenze die innere Wahrneh-
mung von etwas ist, was, wie dies in der Natur der Grenze
liegt, durch die Natur des Begrenzten mitbedingt ist, so
könnte nicht einmal diese richtig sein. Aber wenn irgend
etwas unzulässig ist, so ist es die Behauptung, daß die die
psychischen Akte begleitende innere Wahrnehmung, inso-
fern sie auf diese, wie sie gegenwärtig bestehen, gerichtet ist,
falsch sein könne.
10. Trachten wir also auf eine andere Weise aus der
Schwierigkeit herauszufinden. Da wir uns zu jener unend-
lichmaligen unendlichen Komplikation doch auch nicht
wohl verstehen können, so ergibt sich die Aufgabe, die Ob-
jektion dagegen, daß die innere Wahrnehmung der Proter-
ästhese entbehren könne, als unstichhältig zu erweisen.
V. Reales = Temporalkontinuierliches 111

Das erste Argument, daß die Proterästhese für die innere


Wahrnehmung durch die Analogie zur äußeren gefordert
fand, ist offenbar nicht zwingend. Die innere Wahrnehmung
unterscheidet sich auch durch anderes, insbesondere durch
die Evidenz. Evidenz könnte der inneren Proterästhese
ebensowenig zukommen wie der äußeren Wahrnehmung.84)
Was für diese gilt, daß sie nämlich der Evidenz ebenso ent-
behre für die Gegenwartsgrenze wie für die der Proter-
ästhese zufallenden Teile, würde somit für die innere
Wahrnehmung nicht gelten. Kommt noch dazu die Unver-
meidlichkeit jener unendlichen Verwicklung, die hier, im
Gegensatz zur äußeren Wahrnehmung, durch die Proter-
ästhese entstehen müßte, so wird die Neigung, bei so ver-
schiedenen Verhältnissen einen Analogieschluß zu wagen,
gewiß entfallen.
11. Bedeutender könnte das Argument erscheinen, wel-
ches sagt, daß das Objekt der inneren Wahrnehmung der
Ausdehnung entbehren würde, falls es keine innere Pro-
terästhese gäbe, während doch schon bei sehr verringerter
Ausdehnung eine Erscheinung unmerklich werde. Auch
darauf ist aber die Antwort leicht. Infolge Kleinheit oder
Reduktion auf einen Punkt können nur solche Objekte un-
merklich werden, die, wie die körperlichen, ihrer Natur nach
ausgedehnt sind; die innere Wahrnehmung aber erlaßt ja die
geistige Seele.S6) Und dann ist zu sagen, daß sie diese in
gewisser Weise nicht ohne Ausdehnung erlaßt. Obwohl
substantiell einheitlich, ist sie doch den Akzidentien nach
vielfach, ja kontinuierlich vielfältig und zwar doppelt. Ei-
nerseits weil die empfindenden Tätigkeiten, auf räumlich
ausgedehnte Objekte bezüglich, sich den Teilen dieser
Objekte entsprechend in akzidentelle Vielheiten scheiden
lassen; andererseits weil dieselben, eine Proterästhese mit
der Grenzempfindung, die das primäre Objekt als gegen-
wärtig empfindet, verbindend und auch dadurch kontinu-
ierlich vielfach geworden, nach dieser ganzen kontinuierli-
chen Vielfältigkeit Objekt der inneren Wahrnehmung wer-
den.
Wenn das Argument irgendwelche Kraft hätte, so würde
es selbst beim Vorhandensein einer inneren Proterästhese
112 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

noch immer angewandt werden können, um zu fordern, daß,


wie die innere Wahrnehmung überhaupt, auch die Evidenz
der inneren Wahrnehmung sich nicht bloß auf das Gegen-
wärtige, sondern auch auf das V ergangene, soweit es in ihre
Proterästhese fällt, erstrecke. Denn wenn für sich unmerk-
lich, so könnte das Gegenwärtige auch nicht für sich Gegen-
stand eines evidenten anerkennenden Urteils werden. Nun
ist aber die Ausdehnung der Evidenz über die Gegenwart
schlechterdings unmöglich.*) Das Argument würde also
zu viel beweisen und beweist darum nichts.88)
12. Hiemit ist auch schon die Lösung des dritten Argu-
ments angebahnt. Wie ein Punkt, sei es ein räumlicher, sei
es ein zeitlicher, nicht losgelöst für sich sein kann, weil er
bloß Grenze ist, so kann auch das Wahrnehmen unmöglich
für sich in einem isolierten einzigen Zeitpunkt und reduziert
auf ein zeitlich punktuelles Wahrnehmen bestehen; aber
dennoch ist kein früheres Wahrnehmen mit dem jetzigen
Wahrnehmen zugleich, sondern es bestand bis zu diesem
hin, und dies genügt, um das gegenwärtige Wahrnehmen
nicht mehr losgelöst und isoliert erscheinen zu lassen. So
besteht ja auch alles andere Zeitliche nur einem Punkte
nach, ohne daß es diesem Punkte nach isoliert bestände,
wegen des Zusammenhanges mit Vergangenern oder Zu-
künftigem in infinitesimalem Übergang.
Erfaßt aber kann etwas einem Zeitpunkt nach werden,
ohne daß eine vorausgehende oder nachfolgende Zeit-
strecke miterfaßt ist, wie immer der Zeitpunkt ohne V arbe-
stand oder Nachbestand nicht sein kann. Können doch auch
Universalien ohne individuelle Differenzierung nicht in
Wirklichkeit sein und trotzdem ohne sie erfaßt werden.
Dabei mag sich immerhin der eigentümliche Charakter des
Universalen, seine Unbestimmtheit, verraten, welche in
Wirklichkeit eine nähere Determination verlangt, und ähn-
lich beim Punkt sein Grenzcharakter, welcher die Zugehö-

*) Das Argument von Descartes kehrt ja wieder: wir


könnten mit unserer inneren Wahrnehmung, wie sie gegen-
wärtig ist, von Gott geschaffen sein, in welchem Falle die in
ihr etwa enthaltene Proterästhese falsch wäre.
VI. Gäbe es keine Dinge mehr usw. 113

rigkeit zu einem Begrenzten erkennen läßt. Aber dieser


Grenzcharakter verlangt keinerlei bestimmte Größe einer
Ausdehnung, ja nicht den Bestand eines bestimmten, noch
so nahen zweiten Zeitpunktes. Und so wird das Erfassen
recht wohl auf das Gegenwärtige beschränkt sein können,
wie es ja - wir hoben es eben erst hervor - schon um der
Evidenz willen, dann aber auch wegen der drohenden un-
endlichen Komplikation darauf beschränkt sein muß.

VI. Gäbe es keine Dinge mehr oder nur einen


zeitlosen Gott, so wäre auch nichts gewesen8 7)
Diktat, 4. Februar 1915 [T 20]

1.
"Denn dieses eine ist sogar dem Gott versagt,
daß ungeschehn er mache die vollbrachte Tat."
Diese Worte des Agathon führt Aristoteles in seiner Niko-
machischen Ethik (VI, 2) an und spendet ihnen Beifall. Auch
dürften wenige sein, die nicht ohne weiteres das, was hier
selbst für die Gottheit unmöglich genannt wird, als etwas
sich selbst Widersprechendes erachten. Unter diesen glau-
ben aber wohl viele an einen Anfang der Welt und alles
Zeitlichen, denn von Gott lehrt man gemeiniglich, daß er
nichts Zeitliches sei, indem in seinem Leben kein Verlauf
und kein Vor und Nach sich finde. Ausdrücklich wird
darum geleugnet, daß die Ewigkeit eine Zeit sei, der nur im
Unterschiede von anderen Zeiten weder ein Anfang noch
ein Ende zukomme. Die Frage, ob die Welt, die nach ihnen
einen Anfang, aber kein Ende haben soll, nicht, wenn es
Gott gefiele, wie sie begonnen, auch aufhören könnte, wür-
den sie bejahen; denn nur weil Gottes Allmacht sie fort und
fort erhalte, sinke sie nicht in das Nichts zurück.
Ich möchte nun den Nachweis erbringen, daß, wenn diese
Ansichten, die ich in einem sehr wesentlichen Punkte nicht
114 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

teile, richtig wären, der Satz, daß Gott Geschehenes nicht


ungeschehen machen könne, sich nicht halten ließe.
2. Um dies darzutun, mache ich vor allem darauf auf-
merksam, daß alles, was vergangen oder zukünftig ist, die-
ses nur ist, insofern es zum Gegenwärtigen in einem gewis-
sen Verhältnis steht. Jede Erkenntnis eines Vergangeneo
oder Zukünftigen ist also eigentlich die Erkenntnis des
Gegenwärtigen als eines von dem betreffenden Ding nach
vor oder zurück Entfernten.
Dies wird ganz besonders leicht einleuchten, wenn man
bedenkt, daß das, was gewesen ist, jedenfalls in einer genau
bestimmten zeitlichen Entfernung von dem Gegenwärtigen
gewesen ist (z.B. eine Stunde davon entfernt oder ein Jahr).
Eine Unbestimmtheit ist in dieser Beziehung wie in jeder
anderen schlechthin ausgeschlossen. Und dasselbe gilt auch
von jeglichem, was sein wird. Es wird in einer bestimmten
zeitlichen Entfernung von dem Gegenwärtigen sein. Wenn
nun aber alles Zeitliche vernichtet würde, könnte dann noch
weiter von einem Gegenwärtigen gesprochen werden?
Sicher nicht. Dann könnte aber auch nichts vor einer Stunde,
vor einem Jahr und überhaupt vor irgendeiner bestimmten
Zeit gewesen sein. Es ist also klar, daß im Falle der Vernich-
tung alles Zeitlichen nicht bloß nichts mehr gegenwärtig,
sondern auch nichts mehr gewesen wäre.88)
3. Um sich noch leichter mit diesem vielleicht zunächst
befremdlichen Ergebiüs zu befreunden, erwäge man fol-
gende Frage: Angenommen, das Gegenteil wäre richtig,
d. h. es wäre auch nach der Vernichtung alles Zeitlichen und
zeitlich Verlaufenden noch etwas gewesen, würde es dann
immer gleich lang vergangen gewesen sein oder immer
länger und länger vergangen werden ?89) Das letzte hieße
annehmen, daß die Zeit noch immer weiter liefe, obwohl
nichts Zeitliches mehr bestünde, was denn doch ganz offen-
bar absurd ist; das erste aber widerspräche der Natur des
Gewesenen wie alles Zeitlichen, das ja einen steten gleich-
mäßigen Fortgang erheischt. Was Schiller über die Zeit
sagt, daß ihr Schritt ein dreifacher sei, indem die Zukunft
zögernd herangezogen komme, das Jetzt dagegen pfeil-
schnell verfließe und die Vergangenheit ewig still stehe, ist
VI. Gäbe es keine Dinge mehr usw. 115

gründlich falsch. Jeder Augenblick der Zukunft ändert seine


Entfernung von dem ] etzt so schnell, als dieses verfliegt;
jeder Augenblick der Vergangenheit entfernt sich genau in
demselben Verhältnis und wird länger und länger vergan-
gen, als jeder Augenblick der Zukunft sich nähert und in
immer geringerem Maße von der Gegenwart absteht.90)
4. Wenn man mich fragt, was denn an der herkömmli-
chen Lehre von Gott ich beanstände, weil es den Satz, daß
auch Gott Geschehenes nicht ungeschehen machen könne,
aufhebe, so antworte ich: ich leugne nicht wie sie, daß auch
das göttliche Leben einen Verlauf habe und ein Vor und
Nach und einen Wechsel zeige. 91) Wäre dem so, so könnte
Gott auch keinen Wechsel bewirkt haben. Schon Aristote-
les, der in dem Irrtum befangen war, daß bei Gott als un-
mittelbar notwendigem Wesen keinerlei Wechsel denkbar
sei, war sich der großen Schwierigkeit bewußt, aus dem völ-
lig Unveränderlichen die Veränderung begreiflich zu ma-
chen. Er nahm als nächste Wirkung eine völlig gleichmäßige
Veränderung und zwar eine Kreisbewegung an. Diese, als
Kreisbewegung einer in besonderer Ordnung mit Sternen
besetzten Sphäre, sollte dann in ihrer Einwirkung auf anöere
Sphären und auf die niederen Elemente eine größere Man-
nigfaltigkeit des Wechsels erzeugen. Aber es genügt eine
mäßig scharfe Kritik, um zu erkennen, daß alle die vermit-
telnden Glieder nicht ausreichen würden, den Zufall auszu-
schließen, was doch die Absicht des Aristoteles war. Die
oberste Himmelssphäre soll mit Sternen besetzt sein- schon
das nimmt der Bewegung dieser Sphäre die angestrebte
volle Gleichmäßigkeit. Wenn man fragt, warum dieser ein-
zelne Stern in seiner steten Bewegung jetzt gerade hier und
nicht dort sei, so gibt es keine andere Antwort als: "Weil er
zuvor, z. B. vor einer Stunde, an einem gewissen andern
Punkt sich befunden hat." Aber die Frage wiederholt sich
dann für jeden Punkt und führt so zu einem regressus in
infinitum, dem jede aufklärende Kraft fehlt.
5. Man sagt vom Standpunkt derer, die im göttlichen
Leben keinen Verlauf annehmen, für Gott sei alles gegen-
wärtig. Man sieht aber nicht, daß, wenn hier aus der Unzeit-
lichkeit Gottes gefolgert wird, daß für ihn nichts vergangen
116 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

und nichts zukünftig sei, ebenso gefolgert werden müßte,


daß für ihn nichts gegenwärtig sei.
6. Manche, die den Satz in Erwägung zogen, daß die
Wahrheit die Übereinstimmung des Gedankens mit dem
Dinge sei, fanden eine Schwierigkeit darin, daß es auch
wahre Sätze gibt, die sich auf Gewesenes und Zukünftiges
beziehen, während man doch nicht sagen könne, daß hier
etwas außerhalb des Denkens gegeben sei, womit das Den-
ken übereinstimme. Sie hatten aber nicht erkannt, daß, wer
etwas als gewesen oder zukünftig behauptet, immer etwas
als gegenwärtig behauptet, welches im ersten Falle als später,
im zweiten als früher als das einer andern Zeit Zugewiesene
anerkannt wird und daß dieses-außerhalb des Denkens be-
steht. Fände einer dies nicht genügend und verlangte auf
Grund der Analogie mit dem Nebeneinander, wo, wenn
etwas über dem andern ist, das andere unter ihm sein muß,
auch, daß beim Nacheinander, wenn das eine später ist, das
andere früher sei und umgekehrt, so verlangt er Unmögli-
ches. Es kann nicht Früheres und Späteres zusammen exi-
stieren.
7. Die Beziehung von Früher und Später ist in gewissem
Sinne der des Denkenden zum Gedachten zu vergleichen,
wo das Denkende im eigentlichen Sinne, das Gedachte aber
nur als gedacht ist. Wäre auch dies ein Sein im eigentlichen
Sinne, so würde auch Widersprechendes sein können. So
ist denn auch, wenn etwas gewesen oder zukünftig ist,
immer etwas gegenwärtig, und dieses wird im eigentlichen
Sinne, als ein Früheres als das Zukünftige oder als ein
Späteres als das V ergangene anerkannt, das Zukünftige und
Vergangene selbst aber sowenig im eigentlichen Sinne als
das Gedachte. Man darf, was ich hier sage, aber nicht miß-
verstehen, als behauptete ich, daß das V ergangene und Zu-
künftige, weil es nur in einem uneigentlichen Sinne ist, in
demselben uneigentlichen Sinne sei wie ein bloß Gedachtes.
Es besteht gar wohl ein Unterschied zwischen einem V er-
gangenen und einem als vergangen Gedachten.92) Zeitliche
Verhältnisse sind keine psychischen Beziehungen zu einem
Objekt, wenn sie auch das mit ihnen gernein haben, daß bei
beiden nicht ebenso wie dem Fundament der Relation auch
VI. Gäbe es keine Dinge mehr usw. 117

ihrem Terminus ein Sein im eigentlichen Sinne zukommt.


Wir können sie geschichtliche Relationen nennen, indem wir
das Wort Geschichte so allgemein fassen, daß es auch das,
was in Zukunft geschehen wird, in sich begreift. Auch das
ist, wenn unsere Erörterung richtig ist, bei diesen zeitlichen
Relationen ähnlich wie bei den psychischen Beziehungen
zum Objekt zu sagen, daß das Fundament allein in modo
recto, der Terminus in modo obliquo vorgestellt und aner-
kannt wird. Das, was in modo recto anerkannt wird, ist im-
mer das Gegenwärtige.
8. Vielleicht wendet einer ein, wir sprächen doch nicht
allein von einem Früheren und Späteren in bezug auf die
Gegenwart, sondern ebenso in bezug auf V ergangenes und
Zukünftiges, indem wir sagen, es sei etwas früher oder
später als ein anderes gewesen oder werde früher oder später
als ein anderes sein. Wo sei also dann das in modo recto
Anerkannte? Doch ich antworte, daß hier zweimal eine Be-
ziehung des Gegenwärtigen zu Nicht-Gegenwärtigem ge-
dacht werde, die eine zu etwas mehr, die andere zu etwas
minder zeitlich Abstehendem. Diese beiden letzteren werden
nur in modo obliquo und in der Art von Geschichtlichem,
aber doch nicht beide mit einem völlig gleichen modus
obliquus anerkannt, wie ja überhaupt für ihn die mannig-
fachsten Unterschiede bestehen.
9. Stumpf spricht in seiner Tonpsychologie 93) von gewissen
Mannigfaltigkeiten, die immer um eine Einheit als Zentrum
gruppiert würden. Eine solche sei die Mannigfaltigkeit der
Zeitdifferenzen, und der Punkt, um den hier alle Differenzen
sich gruppierten, sei das Jetzt. Ähnlich sei es bei den Raum-
differenzen, die alle um das Hier gruppiert würden. Indem
er so Zeit und Raum einander analog erscheinen läßt, ist er,
fürchte ich, wie viele andere, zu weit gegangen. Bei der Zeit,
die nach einer einzigen Grenze des Kontinuums besteht, ist
dieser Punkt der Sache nach ein ausgezeichneter. Beim
Raum gibt es keinen Punkt, der in ähnlicher Weise sich der
Sache nach unterschiede. Nur subjektiv kann gesagt werden,
daß ein gewisser Teil des Raumes das vor anderen voraus-
habe, daß er allein phänomenal in unserer Sinnesanschau-
ung uns gegeben sei. Diese subjektive Auszeichnung hat
118 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

also eine ganz andere Bedeutung, und ein weiterer Unter-


schied liegt darin, daß es sich hier nicht um einen Punkt,
sondern um ausgedehnte Strecken handelt. Freilich haben
manche innerhalb dieses phänomenalen Gebietes noch einen
ausgezeichneten Punkt finden wollen, um den alles grup-
piert werde, und ihn als die Stelle bezeichnet, welche unse-
rem Ich im Raume zukomme. Die Leute sagen ja gemeinig-
lich, sie sähen etwas vor sich, sie härten etwas links und
etwas anderes rechts oder unten oder oben. Würden wir
unser Ich örtlich erfassen, so würden wir es in innerer
Wahrnehmung so erfassen, und da die innere Wahrneh-
mung evident ist, so müßten wir jede Verrückung im
Raume in innerer Wahrnehmung bemerken, was nicht der
Fall ist. Erwägt man daraufhin die wirklich gegebenen Er-
scheinungen, so wird man erkennen, daß es sich um nichts
anderes handeln kann als darum, daß bei dem beschränkten
Umfang unserer räumlichen Anschauung natürlich gewisse
Teile mehr in der Mitte und andere mehr an den Grenzen
derselben liegen. Und wiederum, daß es auch noch in ande-
rem Sinne gewisse Stellen gibt, welche hauptsächlich für
uns Bedeutung haben, so daß anderes als nebensächlich er-
scheint. Dies gilt wohl in gewisser Weise von den Ein-
drücken, die uns durch die Sinnesorgane des Kopfes zu-
kommen, und wieder was die Gesichtseindrücke anlangt,
von der Stelle des deutlichsten und am besten lokalisierten
Sehens.
Es ist aber hier auch noch hinzuzufügen, daß unser phä-
nomenaler Raum für uns vor allem Bedeutung hat, insofern
er uns gewisse, wenigstens relative Kenntnisse in bezug auf
den wirklichen Raum ermöglicht. 94) Dies ist in so überwie-
gendem Maß der Fall, daß wir, die phänomenalen Raumver-
hältnisse nicht sowohl als solche, als als Anhaltspunkte für
die Beurteilung der wirklichen Welt beachtend, die assozi-
ierten, auf den wirklichen Raum bezüglichen Gedanken mit
Momenten des phänomenalen Raumes verwechseln und
konfundieren. Da sich nun unser Körper an einer besonde-
ren Stelle des wirklichen Raums befindet und alles, was wir
sonst von dem im wirklichen Raum Befindlichen kennen-
lernen, uns durch Einflüsse kund wird, welche die Organe
VI. Gäbe es keine Dinge mehr usw. 119

dieses Leibes erfahren, so ist es ganz natürlich, daß die Stelle


des Raumes, wo unser Leib sich befindet, und nächst ihr
diejenigen, welche ihm benachbart sind, in ausgezeichneter
Weise uns interessieren und daß so im wirklichen Raum
nicht zwar ein Punkt, aber doch eine relativ wenig umfang-
reiche Stelle vom Standpunkt unseres subjektiven Interesses
als eine solche zu bezeichnen ist, um die alles übrige im
Raum Befindliche sich gruppiert. 95)
10. Man sieht, wieviel hier an einer tiefer gehenden Ana-
logie mit der Zeit fehlt. Und eine solche mangelt insbeson-
dere, insofern beim räumlichen Nebeneinander, wo alle
Teile gleichmäßig im eigentlichen Sinne sind, die von uns
gedachten Differenzen nichts anderes als Objektsdifferenzen
sind, ob wir von denselben nun eine absolute Kenntnis oder
eine bloß relative haben mögen. Bei der Zeit dagegen, wo
nur ein einziger Punkt im eigentlichen Sinne ist, alle anderen
im undgentliehen Sinne sind, und auch diese insofern nicht
im gleichen, als für jeden Punkt der modus obliquus je nach
der Richtung und Größe der Entfernung von dem Jetzt
wechselt, machen sich vor allem diese Differenzen der Modi
des Seins im undgentliehen Sinne in unserer Erfahrung
bemerklich. Ja, wenn man die Sache genau untersucht, so
findet man, daß sich die zeitlichen Unterschiede in unserem
Vorstellen, Urteilen und in unserer Gemütstätigkeit zu-
nächst ganz auf diese modalen Unterschiede beschränken.
Beim Vorstellen einer Dauer scheint das Objekt als solches
ganz unverändert und nur neben seiner Anerkennung im
eigentlichen Sinne auch noch mit einer Kontinuität von
Anerkennungen im undgentliehen Sinne und mit stetig
variierendem modus obliquus anerkannt zu werden.
11. Noch auf eine weitere Ähnlichkeit zwischen den ge-
schichtlichen Beziehungen und den psychischen Beziehun-
gen ist aufmerksam zu machen. Bei den modis obliquis der
psychischen Beziehungen kann es geschehen, daß etwas in
einer den Vorstellungen im modus rectus näher stehenden
und in einer ihnen ferner stehenden Weise in modo obliquo
vorgestellt wird. Es ist dies dann der Fall, wenn ich mir
einen Denkenden vorstelle, der selbst wieder einen Denken-
den und zwar einen Denkenden Denkenden vorstellt und
120 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

so in noch mehrmaliger Wiederholung. Nur ein Denkender


wird von mir hier in modo recto vorgestellt, alle anderen in
einem modus obliquus, aber auch von diesen nicht jeder in
gleicher Weise, indem vielmehr der eine modus obliquus
dem modus rectus näher steht als der andere. Etwas in
gewissem Maß dem Ähnliches findet sich nun bei gewissen
Vorstellungsreihen, wo Verschiedenes oder auch das Glei-
che mit verschiedenen, immer mehr von dem modus rectus
sich entfernenden geschichtlichen modis obliquis vorgestellt
und anerkannt wird. Nur ist die Reihenfolge hier eine stetige,
dort eine diskrete, und auch das bildet einen Unterschied,
daß hier etwas in einem entfernteren modus obliquus mit
Elision der näheren modi obliqui und in einziger Kombina-
tion mit dem modus rectus gedacht werden kann, während
bei den psychischen Beziehungen mit einem entfernten
modus obliquus nicht bloß etwas in modo recto, sondern
auch etwas in jedem der näheren modi obliqui in unserem
Denken beschlossen sein muß.
12. Ich habe gesagt, daß wir, wo wir etwas als dauernd
denken, wie die sprachlichen Ausdrücke selbst es andeuten,
es als völlig unverändert beharrend denken. Wir sagen oft,
daß etwas sich ganz so erhalten habe, wie es gewesen sei.
Hier gibt das gemeine Bewußtsein dafür Zeugnis, daß beim
Denken der einfachen Dauer keine Objektsdifferenz zwi-
schen dem, was gewesen und dem, was ist, sich zeigt. Und
damit stimmt das Zeugnis der bedeutendsten Philosophen
des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit überein.
Man kann dafür unter den griechischen Philosophen Aristo-
teles, unter den Scholastikern Thomas von Aquino und
Suarez und unter den modernen Leibniz vergleichen. Die
anerkannte Schwierigkeit anzugeben, was denn die Zeit sei,
hängt damit zusammen.
Freilich glaube ich klar zu erkennen, daß alles, was dauert,
sowenig es sich auch nach etwas, was in unsere Vorstellung
fällt, ändert, doch einem transzendenten kontinuierlichen
Wechsel unterliegen muß und daß es ohne einen solchen zu
Unterschieden in der Länge der Dauer nicht kommen
könnte. Was ein Suarez über Fälle sagt, wo nur von einer
äußeren Länge der Dauer, aber nicht von einer inneren
VII. Sachliche und modale Temporaldifferenzen 121

Länge derselben zu sprechen sei, oder doch bei innerer


Gleichheit der Länge von äußerer Verschiedenheit, ist
handgreiflich absurd.
Fragt man, worin dieser objektive transzendente Wechsel
bestehe, so wird eine tiefer gehende Untersuchung zu dem
Ergebnis gelangen, daß er darauf beruhe, daß das, was
dauert, fort und fort einem Einfluß des durch sich selbst
notwendigen ersten Prinzips unterliege, und daß dieses, in
stetem gleichmäßigem Wechsel begriffen, dem, was es in
einem gewissen Momente erhält, gemeinsam den besonde-
ren Charakter des entsprechenden Momentes seines eigenen
Bestandes aufprägen muß. Es folgt daraus, daß die tempo-
ralen Objektsdifferenzen uns nur dann anschaulich sein
könnten, wenn uns das erste unmittelbar Notwendige an-
schaulich wäre. Solange dies nicht der Fall ist, ist unsere
Anschauung von zeitlichen Differenzen ganz auf die Diffe-
renzen des das Zeitliche Denkenden beschränkt, insofern er
etwas in modo recto, anderes aber in geschichtlichen modis
obliquis vorstellt und beurteilt.

VII. Sachliche und modale Temporaldifferenzen


Diktat, 7. Februar 1915 [T 22}

1. Daß es sich bei der Zeit um Reales handelt, ist für jeden
von vornherein gesichert, der da weiß, daß alles, was im
eigentlichen Sinne ist, real ist. Es ist aber auch leicht zu
erkennen, daß dieses Reale etwas Substantielles sein muß,
denn dann wird es das Akzidentelle mitbetreffen, während
nicht umgekehrt, wenn es etwas Akzidentelles wäre, auch
die Substanz davon betroffen würde. Von der Substanz
wissen wir, daß sie ebensowenig wie etwas anderes univer-
sell existieren kann, also nicht ohne spezifische und indivi-
dualisierende Differenzen. Denkbar ist es vo.n vornherein,
daß sie eine Mehrheit von Serien der Differenzierung hat,
welche sich kreuzen, da dies auch bei den Akzidenzien der
Fall ist.") Und denkbar ist es auch, daß unter diesen Serien
relative Bestimmungen sind, denn es widerspricht keines-
122 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

wegs, daß etwas substantiell und relativ sei, wenn man das
Relative so weit faßt, daß man alles das, wobei eine Vorstel-
lung in obliquo zu seiner Vorstellung in recto gehört, mit-
einbezieht, wie dies z. B. bei einem Denkenden und bei
einem Kontinuierlichen der Fall ist.
2. Allein so viele und so vielfache Differenzen eine Sub-
stanz auch haben mag, nichts scheint besser gesichert, als
daß wir diese nicht zu erkennen und anschaulich vorzustel-
len vermögen. Pascal schon bemerkte, daß wir uns selbst
und andere Denkende nicht anders als hinsichtlich akziden-
teller Bestimmungen, wie z. B. nach Verschiedenheit des
Glaubens oder Begehrens, zu unterscheiden vermögen.
Bezüglich des Räumlichen wäre es nur dann etwa denkbar,
daß wir etwas von substantiellen Differenzen kennten, wenn
die örtlichen selbst solche wären, in welchem Falle der Wech-
sel des Ortes als ein substantieller aufzufassen wäre, was
gemeiniglich nicht geschieht. Auch dann bliebe aber, was
über mangelnde Kenntnis substantieller Differenzen gesagt
wurde, für alles Geistige gesichert, insbesondere für uns
selbst.
Wir haben also von der (psychischen)97) Substanz keinen
andern Begriff als den der Substanz im allgemeinen, und
dieser wird darum auch der einzige Begriff sein, den wir
vom Zeitlichen haben, welches sich uns als ein Kontinuier-
liches, das eindimensional und nur einer Grenze nach ist, im
Zusammenhang mit solchem darstellt, was wir ebenso nur
seinem allgemeinsten Begriffe nach kennen. Wir wissen
wohl, daß es irgendwie von dem Begrenzten spezifisch ver-
schieden sein muß, können aber die Besonderheiten des
einen und anderen nicht angeben. Nur daß dabei ein Ver-
hältnis von Vor und Nach gegeben sei, liegt in der allgemei-
nen Bestimmung des Dinglichen selbst.
3. Dieses Vor und Nach hat das Eigentümliche, daß es
nicht ohne eine Vielheit von Vorstellungen vorstellbar ist,
und in dieser Beziehung unterscheidet sich das Denken des
Nacheinander von dem Denken des Nebeneinander. Nicht
als ob es nicht auch beim Denken des Nebeneinander in
gewisser Weise einer Mehrheit von Vorstellungsmodi be-
dürfte, da bei jedem Relativen nicht bloß etwas in recto,
VII. Sachliche und modale Temporaldifferenzen 123

sondern auch etwas in obliquo vorgestellt wird; aber beim


Vorstellen des Zeitlichen kommt zu dieser Mehrheit der
Vorstellungsweise unabweislich noch eine andere hinzu, 98)
denn was nebeneinander ist, ist neben einem, das ist, wenn
aber etwas, was ist, nach einem andern oder vor einem
andern ist, so ist dieses andere nicht, sondern es war oder
wird sein. Die Anerkennung involviert nicht die Anerken-
nung des andern, womit es zusammenhängt, in derselben,
sondern in einer anderen, ja kontinuierlich anderen Weise.
Dieser kontinuierlichen Mannigfaltigkeit der Weise, in
welcher wir das Zeitliche als solches denken müssen, sind
wir uns wohl bewußt, während wir uns der substantiellen 99)
Differenzen zwischen dem mit dem einen und andern Modus
Gedachten nicht bewußt sind. Und wenn wir selbst auch
nur in beschränkter Anzahl eine Mannigfaltigkeit von Vor-
stellungsmodis bei unserem Denken aufweisen, so erkennen
wir doch, daß diese Mannigfaltigkeit über jede beliebige
Grenze hinaus variieren könnte. Die Variation ist ja eine
vollständig gleichmäßige.
Diese Variation bringt die Unterschiede von Vergangen-
heit, Gegenwart und Zukunft mit sich, welche keine Unter-
schiede der Objekte sind, da vielmehr jedes Objekt sowohl
als vergangen als auch als gegenwärtig und zukünftig ge-
dacht werden kann. Es weist aber auf einen, uns nicht in sei-
nen spezifischen Differenzen anschaulichen dinglichen und
insbesondere substantiellen Wechsel hin, welcher ebenso
kontinuierlich gleichmäßig zu denken ist und bei allen Sub-
stanzen mit gleicher Geschwindigkeit sich vollzieht.
4. Und dieser Wechsel ist in seiner Allgemeinheit nicht
anders als dadurch zu begreifen, daß das Erste, durch sich
selbst Notwendige, wenn es Ursache von Veränderung ist,
nicht selbst wechsellos sein kann, aber in seinem Wechsel
schlechterdings harmonisch und gleichmäßig sein muß.
Indem es nun fort und fort alles von ihm Verursachte be-
dingt und erhält, tut es dies kontinuierlich einem andern
und andern Moment seines eigenen Verlaufes nach. Und so
ist das Abhängigkeitsverhältnis als Abhängigkeitsverhältnis
von etwas in gewisser Weise stets anderem selbst ein konti-
nuierlich wechselndes, und dies macht die zeitliche Differenz
124 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

der zugleich bestehenden gegenüber den in gewissem glei-


chen Abstand gewesenen und künftigen Dingen aus.
Ich brauche nicht zu wiederholen, daß alle diese zeitlichen
Differenzen des Kreatürlichen, die, obwohl selbst substan-
tiell, relativ zum ersten, unmittelbar notwendigen Wesen
sind, uns völlig transzendent sind. Damit sie einem anschau-
lich seien, müßte er den sukzessiven Verlauf des unmittelbar
notwendigen Wesens mit erschauen. So gewiß dieses als
Gottes Wesen zu denken ist, müßte also ein solcher der An-
schauung Gottes teilhaftig sein.100)

VIII. Das Zeitliche als Relatives


Diktat, 13. Februar 1915 {T 24}

1. Es kommt vor allem darauf an, darzutun, was Aus-


drücke wie "gegenwärtig", "vergangen", "zukünftig" be-
deuten. Klar sind sie für jedermann, aber nichts weniger als
deutlich. Sie alle sind relative Bestimmungen in bezug auf
den, der spricht. Gegenwärtig bedeutet ein mit ihm Zu-
gleich, vergangen bedeutet, daß der Sprechende später ist,
zukünftig, daß er früher ist.
2. Um die Eigentümlichkeit dieser Relativa noch mehr
zu verdeutlichen, empfiehlt es sich, zuerst auf das zu achten,
was allem Relativen gemeinsam ist. Bei jedem Relativ wird
etwas in recto und etwas in obliquo vorgestellt, bzw. aner-
kannt und geleugnet.
3. Von altersher unterschied man mehrere Klassen:
Denkrelationen, Kausalrelationen und komparative Relatio-
nen.101) Jede der Klassen zeigt mehrfache Spezies. Die
Denkrelation ist eine andere bei Vorstellen, Anerkennen und
Leugnen, Lieben und Hassen und zeigt noch andere,
diesen untergeordnete Differenzen. Zu den Kausalrelatio-
nen102) gehört alles, was das Sein eines Dinges irgend wie
bedingt oder von ihm bedingt wird. So die Teilursache, weil
das Ganze ohne den Teil nicht sein würde. Man hat sie auch
manchmal materielle Ursache genannt. Hierher gehört u. a.
VIII. Das Zeitliche als Relatives 125

auch die Substanz, welche als Subjekt in der Natur des


Akzidenz als Teil enthalten ist, und jedes einem andern
Akzidenz subsistierende Akzidenz. Nicht aber, genau bese-
hen, ein logischer Teil, da in der Sache das Universale indi-
vidualisiert ist. 103) Ferner die Kontinualursache. Bei Räum-
lichem ist, soweit nicht Kontiguität besteht, das kontinuale
Verursachen ein gegenseitiges zwischen Grenze und Be-
grenztem. Ferner die wirkende Ursache, mit welcher ver-
wandt ist etwas, woraus sich ein anderes bei seinem Ent-
stehen entwickelt. Manche mochten auch das, was ein auf-
nehmendes Vermögen hat, als Vorbedingung der Verwirk-
lichung hieher rechnen, während ein anderer es den Partialur-
sachen zurechnen könnte.104) Eine besondere Erwähnung
verlangt auch der Verlauf nach dem Gesetz der Trägheit
und anderer Arten von Beharren. Die komparativen Relativa
wechseln mit dem tertium comparationis und mit dem
Unterschied von Übereinstimmung und Differenzen, die im
Gegensatz kulminieren. Wenn wir die Kontinualbeziehung
zu den kausalen rechneten, so werden wir die Kontiguitäts-
beziehung zu den komparativen zu zählen haben. 105)
Von den komparativen Relationen ist es offenbar, daß sie
ein Verhältnis zwischen zwei Realen betreffen, welches eine
Beziehung zu unserer vergleichenden Tätigkeit voraussetzt.
Gäbe es niemand, der vergleichen könnte, so würde auch die
Vergleichbarkeit und Möglichkeit als gleich oder ungleich
befunden zu werden, entfallen. Sollte man daraufhin viel-
leicht sagen können, daß die komparativen Relationen den
Denkrelationen näher stünden als die kausalen? Der Um-
stand, daß die Relation des Früheren und auch die des Spä-
teren nur dem Fundament nach im eigentlichen Sinne ist, ist
etwas, was an die Denkrelation erinnert.
Freilich könnte einer sagen, auch bei gewissen Kausal-
relationen, wo Ursache und Wirkung zeitlich aneinander
grenzen, sei ähnliches der Fall. Doch, genau besehen, ist
dies nicht richtig, vielmehr müssen wirkende Ursache und
Wirkung zugleich sein,106) wenigstens in dem Sinne, daß sie
wie Endigendes und Anfangendes zeitlich koinzidieren.
Dauert das Wirken eine Zeit lang fort, so ist die volle
Gleichzeitigkeit von Wirkung und Ursache noch auffälli-
126 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

ger, und bei der Verschiebung eines völlig starren Körpers


findet die Bewegung des entfernten Körperendes mit der
seiner uns nächstliegenden Teile völlig gleichzeitig, aber
unter Vermittlung durch eine Kontinuität von Zwischen-
gliedern statt. Wenn bei anderen komparativen Relationen
Fundament und Terminus beide real sind, so ist dies etwas,
was auch bei gewissen Denktätigkeiten vorkommt, wie z. B.
wenn etwas mit Evidenz anerkannt wird. Dann muß ja auch
der Terminus der Relation ebenso im eigentlichen Sinne
sein wie das Fundament. Eher könnte zur Annäherung
auch der kausalen Relation an die Denkrelation darauf hin-
gewiesen werden, daß wie das Denken nur etwas in dem
Denkenden setzt, nicht aber in dem Gedachten, auch die
Kausalrelation nur etwas in dem Gewirkten setzt, nicht aber
in dem Wirkenden. Die komparative Relation setzt aber in
beiden nichts besonderes Neues, nur von dem Vergleichen-
den selbst kann gesagt werden, daß der Vergleich in ihm
etwas Neues setze. Das Vergleichen gehört aber zu den
Denktätigkeiten, und so führt dies wieder auf den Gedan-
ken einer besonderen Verwandtschaft dieser beiden Klassen
zurück. 107)
4. Auf das einfache bauen sich verwickelte Relative auf.
So wenn einer einen etwas Denkenden denkt, oder wenn
gesagt wird, Gaius ist größer als Du Dir ihn vorstellst. Hier
mischt sich das Denkrelativ mit dem komparativen.
5. Die angeführten Klassen von Relativen zeigen einen
bedeutsamen Unterschied. Bei den einen ist, wenn das Fun-
dament ist, auch der Terminus, und diese können als Rela-
tiva im engeren Sinne bezeichnet werden. So "Gaius ist
größer als Titus", was soviel heißt wie "größer als Titus
ist". Nicht ebenso in anderen Fällen, wie z.B. "Gaius denkt
einen Zentauren". (Statt Relative könnte man diese auch
Relativliehe nennen. Die .Ähnlichkeit mit dem Relativen im
engeren Sinne besteht darin, daß hier wie dort außer etwas
in recto auch etwas in obliquo vorgestellt wird.)108)
6. Wenden wir uns nun dem Falle von Relativen zu, deren
Verdeutlichung unsere besondere Aufgabe bildet. Vor allem
ist es außer Zweifel, daß es sich um komparative Relationen
handelt. Beim Gegenwärtigen um ein Verhältnis der Über-
VTII. Das Zeitliche als Relatives 127

einstimmung, in welcher der Sprechende zu dem, wovon er


spricht, steht, und das tertium comparationis ist die zeitliche
Bestimmung. Das "gegenwärtig" Genannte ist mit dem
Sprechenden zu gleicher Zeit. Wie dieser jetzt ist, so auch
jenes. Auch ist es klar, daß man es mit einem Relativen im
engeren Sinne zu tun hat. Der Sprechende nicht bloß, son-
dern auch das, was er gegenwärtig nennt, muß sein, damit
er mit diesem zugleich sei.
7. Eigentümlich anders ist es, wenn es sich um V ergan-
genes und Zukünftiges handelt. Auch hier haben wir es mit
Komparativen zu tun, aber wenn es sich um V ergangenes
handelt, so ist der Sprechende später als das, wozu er als
Vergangenern in Beziehung steht, und dieses Vergangene
ist nicht. Man kann auch nicht sagen, daß es früher sei als
der Sprechende, sondern nur, daß es früher gewesen sei als
das Sprechende, und von diesem, daß es später sei, als jenes
gewesen sei. Ahnlieh ist es bei der Beziehung zum Zukünf-
tigen. Hier ist der Sprechende ein Früheres, aber nicht ein
Früheres als etwas, was ist, sondern als etwas, was sein
wird.
8. Was ist nun von diesem Unterschied zwischen ist, war,
wird sein zu sagen? Scheidet er sachlich das, was ist, von
dem anderen? Wird dadurch ein anderes reales Attribut als
die, welche der Sprechende hat, dem, wovon er spricht, bei-
gelegt?109) Und ist dieses, wenn kein absolutes, wenigstens
ein relatives? Das erste wird sich kaum halten lassen, eher
vielleicht das zweite, da, wie wir schon sagten, es sich bei
Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft um eine Beziehung
und zwar um eine komparative zum Sprechenden handelt.
Allein wir sagten auch noch des weiteren schon, daß diese
Beziehung, wo es sich um Vergangenes und Zukünftiges
handelt, keine Relation im engeren Sinne sei. Das V ergan-
gene und Zukünftige wird also nicht ebenso wie der, wel-
cher zu ihm in Beziehung gesetzt wird, anerkannt. Wenn
dieser ist, so ist jenes nicht, also auch nicht mit einem beson-
deren sachlichen Attribut, das diesem fehlt. 110) Auch enthält
das Wörtchen "ist" für den Sprechenden selbst kein reales
Prädikat, und wenn in jenem "war" oder "wird sein" etwas
von dem "ist" Verschiedenes ausgedrückt wird, so doch
128 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

wohl etwas ihm Beigeordnetes, und dies weist darauf hin,


daß es auch kein sachliches Attribut namhaft mache.
Was aber ist dem "ist" als Ausdruck beigeordnet? Hier
wäre vor allem das "ist nicht" zu nennen, doch die einfache
Verneinung ergibt gewiß nicht dasselbe wie das "war" oder
das "wird sein", wenn auch das, was war, insofern es war,
nicht mehr ist, und das, was sein wird, insofern es sein wird,
noch nicht ist. Sollen wir es, wenn von etwas gesagt wird,
es sei gewesen, oder, es werde sein, zu den Bejahungen oder
zu den Verneinungen rechnen?
Wie schon festgestellt, handelt es sich bei den Bestimmun-
gen als gegenwärtig, vergangen, zukünftig um relative und
insbesondere um komparative Bestimmungen des Sprechen-
den zu dem, worüber er spricht, beim Gegenwärtigen um
Übereinstimmung, um Gleichheit der Zeit nach, beim Ver-
gangenen und Zukünftigen um Differenzen der Zeit nach,
in beiden Fällen um eine Differenz von etwas, was ist, in
bezug auf etwas, was nicht ist, aber doch in dem einen und
andern Fall um Differenzen im entgegengesetzten Sinne,
indem das eine Mal das, was ist, als das Spätere, das andere
Mal als das Frühere gegenüber dem, was nicht ist, bezeich-
net wird. Wenn man nun den Sprechenden, der ist, als später
als etwas oder als früher als etwas anerkennt, so wird, wie
überall, wo es sich um eine relative Bestimmung handelt,
außer dem, was in· recto vorgestellt und anerkannt wird,
auch etwas in obliquo vorgestellt und anerkannt. Dies ist
auch dann der Fall, wo es sich nicht um Relatives im enge-
ren Sinne, sondern um bloß Relativliebes handelt, und so
können wir denn sagen: wenn etwas als gewesen oder künf-
tig vorgestellt und anerkannt wird, wird es in obliquo vor-
gestellt und anerkannt, infolge der Anerkennung in recto
von etwas, was in der komparativen Relation des Späteren
bzw. des Früheren dazu steht.
9. Es bleibt uns nun noch das eine zu untersuchen, was
dieses Spätere und Frühere bedeute. Der Verdeutlichung
wird es am besten dienen, wenn wir uns Beispiele vorführen,
wo es uns anschaulich gegeben ist. Als ein solches dürften
die meisten geneigt sein, die örtliche Bewegung namhaft zu
machen. So den Fall, wo wir, wie man sagt, "sehen", daß
VIII. Das Zeitliche als Relatives 129

sich etwas vor unseren Augen bewege. Doch genau unter-


sucht, zeigt sich, daß man hier eine Bewegung eigentlich
nicht sieht. Das Ding, das sich vor den Augen bewegt, reizt
sukzessive verschiedene Stellen der Netzhaut und jeder Reiz
einer anderen Stelle gibt eine lokal andere Empfindung,
welche, solange sie überhaupt besteht, als lokale unverän-
dert ist, also eher eine Empfindung von Ruhe als von Bewe-
gung ist. Allein diese für uns unmerklich kleinen Zeiten der
Ruhe stellen in ihrer Mannigfaltigkeit sich doch als ein
Nacheinander dar. Und ähnlich ist es bei den Tönen, die wir
in einer Melodie und in einer Rede hören. Die Töne, die
Worte und Silben in der Rede erscheinen als ein Nachein-
ander, als eine Mannigfaltigkeit von Früherem und Späte-
rem. Wir selbst als Sehende und Hörende werden von uns
als etwas, was ist, erkannt, die Töne der Melodie, die Worte
und Silben und Buchstaben der Rede, der eine als gegen-
wärtig, andere als vergangen vorgestellt und vielleicht auch
anerkannt, doch ohne logische Berechtigung, es sei denn in
modo obliquo wegen unserer Beziehung als Empfindenden
zu ihnen. Der eine wird aber dann als als gegenwärtig emp-
funden, der andere als als vorgegenwärtig und als vorvor-
gegenwärtig empfunden, m.a.W. als als vergangen und vor-
vergangen, d. h. länger vergangen empfunden oder als frü-
her als gegenwärtig und noch früher als ein Gegenwärtiges
empfunden anerkannt.
10. Bekanntlich sind wir nicht imstande, in einem Kon-
tinuum Teile von einer gewissen Kleinheit im einzelnen zu
unterscheiden, und noch weniger reicht unsere Fähigkeit
zur Unterscheidung einer einzelnen Grenze im Kontinuum
aus. Dies verhindert aber nicht, daß wir den Charakter des
Kontinuums im allgemeinen recht wohl bemerken und
deutlich erkennen. Und wir können daraufhin schließend
feststellen, daß es ins Unendliche aus kleineren und kleine-
ren Teilen zusammengesetzt ist, und wiederum, daß diese
in nulldimensionalen Grenzen, Punkten, sich berühren,
welche nicht denkbar wären, ohne etwas zu begrenzen. Diese
Grenzen können bei einem eindimensionalen Kontinuum
nach den zwei entgegengesetzten Richtungen hin innere
Grenzen sein und sind dann Verbindungspunkte. Sie kön-
130 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

nen aber auch nach bloß einer Richtung des Begrenzten


innere sein, nach der andern äußere und sind dann schei-
dende Grenzpunkte, eigentlich nicht einer, sondern zwei
von halber Plerose, welche koinzidieren. Und wiederum
kann es geschehen, daß eine Grenze einseitig begrenzt, ohne
daß ein anderer einseitig begrenzender Punkt, der mit ihr
koinzidierte, vorhanden wäre.
11. Obwohl unsere innere Wahrnehmung, welche mit
Evidenz erfaßt, ganz auf ein einziges Jetzt beschränkt ist
und uns nur eine Grenze als gegenwärtig mit Sicherheit bie-
tet, zeigt sie diese doch auch als Grenze, zu deren Natur es
gehört, daß sie Grenze eines von ihr begrenzten Kontinuums
ist, welches, da es sich um Zeitliches handelt, nur als ein
früheres oder späteres oder auch sowohl früheres als späteres
gedacht werden kann. Trotz der Beschränkung der inneren
Wahrnehmung auf den einen Punkt wird also in ihr nicht
nur der Punkt in recto vorgestellt und anerkannt, sondern
auch in obliquo eine Zeitstrecke, für welche der Punkt eine
Grenze ist. Fragt man, in welcher Länge die Strecke in
obliquo vorgestellt und anerkannt werde, so ist zu antwor-
ten: in gar keiner bestimmten Länge. Und dies stimmt dazu,
daß wir uns in der inneren Wahrnehmung überhaupt nicht
individuell determiniert und in jeder Beziehung spezifiziert
erscheinen. Keiner kann sagen, was seine substantielle,
individuelle Eigentümlichkeit sei, die ihn von andern Gei-
stern unterschiede, d. h. aber, da jede Individualisation
durch Spezifikation gegeben ist, daß wir auch nicht das, was
uns spezifisch substantiell von andern Geistern unterschei-
det, erkennen. Wir erfassen bloß, daß wir Substanzen sind,
welche gewisse Denktätigkeiten als Akzidenzien an sich
haben und einem substantiellen zeitlichen Kontinuum an-
gehören. Das aber ist nichts, was nicht ebenso von jeder
Substanz, ja nachweisbar auch von der Gottheit gesagt
werden kann.l 11) Auch von den substantiellen Differenzen
des Begrenzten, welches als früher oder später in obliquo
vorgestellt und anerkannt wird, erfahren wir nicht das min-
deste.112) Wir stellen auch es wie das in recto Vorgestellte,
was seine Substanz anlangt, nur als Ding im allgemeinen vor.
Obgleich die innere Wahrnehmung uns das Begrenzte,
VIII. Das Zeitliche als Relatives 131

das sie uns außer der Grenze, die sie uns in recto zeigt, in
obliquo zeigt, nicht in einer bestimmten Länge zeigt, so
sagt sie uns doch, daß es eine Länge habe und daß, wie bei
jeder Länge, ins Unendliche kleinere und kleinere Teile
darin gegeben sind, von welchen die einen der Grenze näher,
die anderen der Grenze ferner sind, so daß diese als spätere
als alle vergangenen, aber von den einen um ein weniger,
von den anderen um ein mehr als später abstehend besteht,
von den zukünftigen aber in analoger Weise als ein mehr
minder Früheres.
12. Was dieses Mehr-Minder besage, kann man wohl am
besten durch den Vergleich mit dem, was bei der Denkrela-
tion in obliquo vorgestellt ist, erklären. Stellt ein Denkender
einen Denkenden vor, der selbst einen Denkenden denkt
und so in zehnfacher Wiederholung, so erfaßt der, der ihn
in recto vorstellt, die von ihm gedachten Denkenden in
obliquo, den einen aber als in erster Linie in obliquo, den
andern als in zweiter Linie in obliquo und den letzten als in
zehnter Linie in obliquo. Man kann darum in bezug auf die
weiteren von einer größeren Mittelbarkeit sprechen, welche
sie in gewissem Sinne mehr davon entfernt, in recto vorge-
stellt zu werden. Ganz ähnlich ist es nun im Falle des früher
Gewesenen und später Seinwerdenden, indem, wie dort
etwas, als von einem Gedachten gedacht, von dem in recto
Gedachten, als in obliquo gedacht, weiter absteht, hier aber
als früher als ein Früheres von dem als später in recto Ge-
dachten, oder als später als ein Späteres von einem in recto
gedachten Früheren. Natürlich bleibt der Unterschied zwi-
schen dem einen und andern Fall, daß bei dem, der einen
Denkenden denkt u.s.w., die größere Entfernung durch
eine Zahl diskreter Einheiten gemessen ist, wogegen bei
dem Späteren das Spätere als ein Früheres, welches später
als ein Früheres etc. gewesen ist, oder bei dem Früheren als
ein Späteres, das früher als ein Späteres sein wird u.s.w., die
Entfernung von dem in sensu recto Vorgestellten eine kon-
tinuierlich wachsende ist. 113)
13. Wenn es uns hiemit gelungen sein sollte, den Ur-
sprung der Begriffe "Später-als-ein-Gewesenes" und "Frü-
her-als-ein-Seinwerdendes" aus der Anschauung nachzuwei-
132 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

sen, so wird es unschwer zu verstehen sein, wie sich ein


Gegenwärtiges in beliebig vergrößertem Abstand von
einem länger und länger V ergangenen und ferner und ferner
Zukünftigen abstehend denken läßt. Es wird dies ganz ähn-
lich geschehen können, wie wir auf Grund einer eng be-
grenzten räumlichen Anschauung zu Erweiterungen der
räumlichen Ausdehnung in jeder der drei Dimensionen den-
kend gelangen. Auch unsere Raumanschauung ist ja be-
schränkt, was die dritte Dimension, die Tiefe, anlangt sogar
vielleicht auf eine infinitesimal kleine Größe, die nur im
allgemeinen eine Ausdehnung auch in dieser Dimension
sichert, ohne daß aber auch nur eine einzige nach vorn oder
hinten abliegende Grenze im einzelnen phänomenal gege-
ben wäre. 114)
14. Dabei bleibt aber zwischen dem einen und andern
Fall eine höchst bedeutsame Differenz. In unserer Anschau-
ung von Räumlichem zeigt sich jeder von einem andern ab-
stehende Punkt in sachlich verschiedener Spezi6kation. 115)
Wie ein Farbiges von einem Andersfarbigen, z. B. ein Rotes
von einem Blauen, sich qualitativ abstehend zeigt, so auch
ein Örtliches hier von einem Örtlichen dort. Anderes bei
etwas, was als früher und später einen Abstand zeigt. Zwar
mögen auch da zugleich solche Abstände auftreten, welche
sachliche Differenzen betreffen, wie wenn z. B. in einer Me-
lodie ein Übergang von einem Ton zu einem andern und
vielleicht in der Tonleiter weit abstehenden bemerkt wird,
allein ein solcher sachlicher Unterschied trägt dann gar nichts
zum zeitlichen Abstand bei und kann auch ganz entfallen.
Sowohl die Aussagen der Laien als auch die der namhaf-
ten Philosophen geben dem Zeugnis. Wie der Laie denkt,
das verraten eine Menge der gebräuchlichsten sprachlichen
Ausdrücke. Man spricht im Gegensatz zum Verlauf eines
Umwandlungsprozesses auch von einem Fortbestand, ei-
nem Beharren, einem völlig unverändert Sich-Erhalten und
man glaubt nichts Widersprechendes zu sagen, wenn man
sagt, daß etwas, was jetzt ist, ganz als dasselbe und ganz so,
wie es jetzt ist, auch schon früher gewesen sei und auch noch
später als ganz dasselbe und ganz so, wie es jetzt ist, bestehen
werde, wenn nichts störend eingreift. Es wird von einem
VIII. Das Zeitliche als Relatives 133

Bestehen gesprochen, und das ist sehr bezeichnend dafür,


daß man nicht glaubt, es bei der zeitlichen Verschiebung mit
etwas der räumlichen Verschiebung Analogem zu tun zu
haben. Sonst müßte man eher von einem Fortgehen als von
einem Fortbestehen reden. Auch glaubt man gemeiniglich,
es könne etwas, was aufgehört hat zu sein, ganz als dasselbe,
was es gewesen, und auch in jeder Beziehung so, wie es ge-
wesen, in einer späteren Zeit wiederhergestellt werden,
wenn nicht durc.h menschliche, so doch jedenfalls durch
göttliche Macht.
Was aber die Ansicht der Philosophen betrifft, so haben
die älteren jonischen Naturphilosophen ganz so gedacht wie
unsere Laien. Glaubten doch Thales, Anaximander, Anaxi-
menes, Heraklit, Parmenides, Empedokles an eine periodi-
sche Wiederkehr genau des alten Zustandes mit Aufhebung
jeder realen Differenz, zu welcher also der zeitliche Abstand
nicht gerechnet wurde. Die gereifteste griechische Philoso-
phie, wie namentlich die des Aristoteles, welche den Höhe-
punkt darstellt, urteilte auch nicht anders. Neben der Bewe-
gung kennt er auch einen Zustand der Ruhe und des
schlechthin Gleichbleibens. Daß aber bei einer noch so lan-
gen Dauer ihm durch die Dauer selbst keine reale Änderung
gegeben schien, erkennt man daraus, daß er nur drei Arten
von Umwandlungen annimmt, die lokale, die qualitative
und die substantielle, und unter diesen die lokale für die
erste und bei den anderen immer mitbeteiligte erklärt. Er
scheint zwar die Zeit manchmal in engste Beziehung zur
örtlichen Bewegung zu bringen und zwar zu der seiner
obersten Himmelssphäre, aber wer genau achthat, findet,
daß er ausdrücklich dagegen protestiert, daß man die Zeit
selbst für diese Bewegung halte, da sie vielmehr nur etwas
sei, was an dieser sich finde, nämlich die Zahl der Bewegung
in bezugauf das Vor und Nach. Auch erklärt er, wenn die
Seele nicht wäre, so wäre zwar noch immer die Bewegung
mit ihrem Vor und Nach, nicht aber wäre eine Zeit, weil
nichts wäre, was zählte. Da diese Addition immer in dersel-
ben Richtung fortschreitet, so ist nach Aristoteles die Zeit
weniger den Rotationen des Himmels, die bei der Zeitmes-
sung gezählt werden, vergleichbar als einem geradlinigen
134 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Fortschreiten. Auch alle anderen Äußerungen des Aristote-


les stimmen dazu, daß er in der Fortdauer für sich allein
keinerlei sachliche Anderung erblickte. So die, wo er die
Reden der gemeinen Leute bespricht, wonach die Zeit etwas
zerstöre, hervorbringe, und ihr seinerseits jeden wirkenden
Einfluß abspricht, wie er denn auch von der Wiederkehr
ganz gleicher Bedingungen spricht, wo dann wohl niemand
entgegengesetzte Folgen erwarten werde. Das bloße Später-
sein hält er also wohl nicht für einen sachlichen Unterschied,
da er ja doch sonst an eine Rückkehr der Zeit selbst glauben
müßte für den Fall, wo sachlich ganz dasselbe zum zweiten-
male gegeben ist. In der folgenden sinkenden Zeit der anti-
ken Philosophie zeigen die Stoiker, indem sie die Physik des
Heraklit erneuern, dadurch genugsam an, daß sie nicht
anders über die Zeit gedacht haben.
Auch in den Untersuchungen, die Augustinus in seinen
Confessiones über die Zeit anstellt, verrät sich in keiner Weise
eine Abweichung. Wenn er sich lebhaft gegen Aristoteles
erklärt, so nur in dem irrtümlichen Glauben, dieser habe die
Zeit mit einer der himmlischen Bewegungen identifiziert.
Hinsichtlich des Mittelalters genügt es die Disputationes
metaphysicae des Suarez zu vergleichen, der am Ende der
Scholastik auf alle seine Vorgänger zurückblickt. Charak-
teristisch für seine eigene Auffassung ist seine These, daß
ein Zustand vollkommener Ruhe, in sich betrachtet, keine
Unterschiede in der Länge der Dauer aufweise, nur in Rück-
sicht auf die Bewegung und Veränderung, die während des
völlig unveränderten Bestandes eines Dinges statthätten,
habe es einen Sinn zu sagen, die Ruhe habe in einem Falle
1000 Jahre, im anderen nur einen Tag gedauert.
Auch Äußerungen neuerer Philosophen ließen sich an-
führen, die zu denen der alten Zeit stimmen. Descartes iden-
tifiziert die Zeit eines Dinges mit seiner Dauer, die es offen-
bar nach ihm noch als dasselbe erscheinen läßt. 118) Hume
erwartet unter den gleichen sachlichen Umständen dasselbe,
mögen sie in noch so großer zeitlicher Entfernung sich wie-
derholen. Die zeitliche Lage dünkt ihm also sachlich als gar
keine Differenz. Leibniz erkennt, wie schon Aristoteles, daß
die zeitlichen Differenzen selbst sich gar nicht merklich
VIII. Das Zeitliche als Relatives 135

machen. Nur das, was in der Gegenwart geschieht, nicht sie


als solche, zeige irgendwelche Differenzen. Geschieht fort
und fort dasselbe, so ergibt sich gar kein Unterschied.
(Schon Aristoteles hatte in dieser Hinsicht die Unterbre-
chung des Wachens durch einen tiefen Schlaf hervorgeho-
ben: bei der Wiederkehr des Bewußtseins macht sich kein
Abstand des ersten Zeitmoments von dem letzten vor dem
Einschlafen bemerkbar.)
15. Was hätten wir hiernach von der Erscheinung einer
zeitlichen Ausdehnung im Gegensatz zu einer räumlichen
zu sagen? Die erstere ist einem Kontinuum zugehörig, das
nur einer Grenze nach ist und früher ist als ein Teil, später
als ein anderer Teil des Kontinuums. Von diesen Teilen ist
der eine nicht, wird aber sein und wird in jeder anderen
Grenze in anderem Maß von der bestehenden Grenze ent-
fernt sein; der andere Teil ist ebenfalls nicht, sondern ist
gewesen und ist in jeder anderen Grenze von der Grenze,
nach welcher er ist, ferner abstehend gewesen. Die Grenze
aber, nach der er besteht, bleibt nicht eigentlich, da sie sich
ja sonst als ausgedehnt zeigen würde. Wenn ein Ding, das
besteht, beharrt, so geschieht dies durch ein kontinuierlich
sich wiederholendes Sich-Erneuern; denn wie die bestehen-
de Grenze das Ende des gewesenen und der Beginn des
kommenden Teils des Kontinuums ist, so ist jede frühere
Grenze das Ende eines gewesenen und der Beginn eines
kommenden Teils des Kontinuums gewesen, und jede künf-
tige Grenze wird das Ende eines kommenden Teils des Kon-
tinuums und der Anfang eines kommenden Teils des Kon-
tinuums sein. So erscheint denn im Falle vollendeter Fort-
dauer dasselbe Ding mit demselben in zeitlichem Zusam-
menhang stehend, sein Fortdauern aber wie ein kontinuier-
lich sich wiederholendes Enden und Beginnen ein und des-
selben in ein und derselben Grenze. Bei dem unveränderten
Beharren erscheint dasselbe als Späteres und Früheres, als es
selbst gewesen scheint und sein werdend scheint, und er-
scheint von sich selbst als gewesenem und als zukünftigem
in verschiedenen Maßen abstehend. Es erscheint einmal in
modo recto und kontinuierlich vielmal in modo obliquo und
zwar in kontinuierlich anderem Modus obliquus.
136 2, Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

16. Damit soll nicht gesagt sein, daß zwischen dem Ding,
das uns als gegenwärtig, und dem, das uns als gewesen oder
zukünftig erscheint, keine sachliche Differenz gefunden
würde und gefunden werden müßte, wenn uns das Ding in
seiner vollen, individuellen Eigentümlichkeit erschiene.
Dies ist ja, ich wiederhole es, niemals der Fall. Was die
Substanz anlangt, erfassen wir uns sogar nur ganz im allge-
meinen,U'l) und das hat, da die Akzidenzien durch die Diffe-
renzen der Substanz mitdifferenziert sind, zur Folge, daß
wir uns auch unseren Akzidenzien nach nur im allgemeinen
erfassen. So könnte es denn sein, daß zwar tatsächlich sach-
liche Abstände zwischen zeitlich Früherem und Späterem als
solchem bestehen, uns aber wegen der unvollständigen Er-
fassung der substantiellen Eigentümlichkeiten der Dinge
nicht erscheinen. Diejenigen Abstände, die uns zwischen
Früherem und Späterem erscheinen, sind keine sachlichen.
Man begreift auch auf Grund der vorausgegangenen Erör-
terungen, warum hier das Erfassen von Abständen und die
kontinuierliche Ausdehnung ohne Erfassen sachlicher Dif-
ferenzen möglich ist, während eine solche Möglichkeit auf
räumlichen Gebieten ganz ausgeschlossen ist. Bei dem Räum-
lichen, wo das ganze Kontinuum jeder seiner Grenzen nach
ist, würde ja mit dem Entfall der sachlichen Differenzen und
Abstände jeder Abstand überhaupt entfallen. Auf dem zeit-
lichen Gebiete aber haben wir es mit einem Kontinuum zu
tun, das nur einer Grenze nach besteht, nach jeder andern
Grenze aber teils nach verschiedenen Seiten, teils wenigstens
in verschiedenem Maße davon entfernt ist, zu bestehen,
und so kann denn dieser Abstand vorgestellt werden, indem
das Fundament der Relation in recto, der Terminus in
obliquo vorgestellt wird und dadurch eine Kontinuität ohne
alle sachlichen Differenzen anschaulich gegeben ist. 118)
17. Kurz gesagt: ein zeitliches Kontinuum ist ein solches,
welches einer einzigen Grenze nach existiert, die aber trotz-
dem zu dem Kontinuum, das im übrigen nicht besteht,
gehört und für den einen und anderen seiner Teile in ent-
gegengesetzter Richtung die Grenze abgibt. Es kann dies
nur sein, insofern die Grenze sozusagen eine fließende
Grenze ist, eine Grenze, in der ein Teil des Kontinuums
VIII. Das Zeitliche als Relatives 137

endet (aufhört) und ein anderer zu sein beginnt, wie denn


auch alle anderen Grenzen, von welchen diese nach der
einen Seite absteht, fließende Grenzen gewesen sind, indem
in ihnen ein Teil des Kontinuums geendet und ein anderer
begonnen hat und ebenso alle Grenzen, von denen die
Grenze nach der andern Seite hin absteht, einen Teil des
Kontinuums endigen und einen Teil beginnen werden. Die
Grenze, nach welcher das zeitliche Kontinuum besteht,
kann punktuell oder auch ausgedehnt, ja mehrdimensional
sein. Beim Körperlichen, das ja auch als zeitlich besteht, ist
sie dreidimensional und Grenze eines vierdimensionalen
zeitlichen Kontinuums, von dem sie einen Teil als End-
grenze, einen andern als Anfangsgrenze begrenzt, während
andere Grenzen desselben vierdimensionalen Kontinuums,
die ebenso dreidimensional zu denken sind, ebenfalls als
Endgrenzen einen Teil des Kontinuums begrenzt haben und
von einem andern die Anfangsgrenzen gebildet haben und
wieder andere ebenso dreidimensionale einen Teil des vier-
dimensionalen Kontinuums als Endgrenze, einen andern als
Anfangsgrenze begrenzen werden. Dieses vierdimensionale
zeitliche Kontinuum kann sich in jeder seiner dreidimen-
sionalen, in allen ihren Teilen zugleich bestehenden Grenzen
sachlich verschieden zeigen, wie z. B. wenn ein Körper sich
örtlich bewegt. Es kann aber auch in den verschiedenen
dreidimensionalen Grenzen, welche allen ihren Teilen nach
zugleich sind oder zugleich waren oder zugleich sein wer-
den, sachlich völlig unterschiedslos zeigen, wo dann in je-
dem der Zeitpunkte, die gewesen sind, soweit die Sache in
unserer Vorstellung sich darstellt, dasselbe, was in ihm
geendet hat, auch wieder begonnen hat, so daß es sich er-
neuert hat, was wir ausdrücken, indem wir sagen, es habe
fortbestanden, es habe sich erhalten, es sei dasselbe geblie-
ben. In der Grenze, nach welcher es besteht, soweit sie in
unserer Vorstellung erfaßt wird, endigt und beginnt auch
zugleich dasselbe, so daß es sich erneuert hat, was wir auch
durch "fortbesteht", "sich erhält", "bleibt" bezeichnen.
Und in allen Grenzen, von welchen nach der andern Seite
dieser bestehende Moment abliegt, wird, soweit es in unsere
Vorstellung tritt, dasselbe Dreidimensionale einen Teil des
138 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Kontinuums endigen und einen andern beginnen. Die in die


Erscheinung tretenden Abstände zeigen sich in bezug auf
das Maß ihrer Grenze also nicht durch Differenzen sachli-
cher Attribute bestimmt, sondern durch die Größe der kon-
tinuierlichen Menge von Endigen und Wiederbeginnen,
gleichviel, ob noch eine sachliche Variation mitgegeben sei
oder, soweit es in die Erscheinung tritt, ein und dasselbe
zugleich endigend und wiederbeginnend diesen Prozeß der
Selbsterneuerung in solchem Maße der Häufigkeit der Wie-
derholung vollzogen hat, vollzieht und vollziehen wird.

IX. Zum Verständnis der Aristotelischen Lehre


von der Zeit*
Diktate, März/April 1915

A. Die Lehre
In den Darstellungen der Lehre des Aristoteles über die
Zeit wird meistens nur das berücksichtigt, was er darüber im
vierten Buche der Physik sagt; um seine Gedanken zu diesem
Gegenstande gründlicher kennenzulernen, müssen aber
auch die Äußerungen in den anderen Schriften herangezo-
gen werden. So bringen schon

I. Kategorien und Topik


dort, wo die Kategorie aufgezählt werden, Beispiele des
Wann.

*) Dieser Abhandlung liegen fünf Diktate Brentanos zugrunde,


nämlich das Diktat vom 11./12. März 1915 [T Jf], vom 31. März 1915
[T JJ], vom 2. April 1915 {T J4], vom 4. April 1915 [T J5), und ein
undatiertes Diktat mit der Signatur [T 41]. Kastil hat diese Diktate
jedoch nicht in ihrem ursprünglichen Wortlaut übernommen, sondern
durch Zusammenziehung der jeweils wichtigsten Inhaltsteile eine
völlig neue Textfassung hergestellt. [Anm. d. Hrsg.]
IX. Aristoteles über die Zeit 139

II. Physik
Das vierte Buch der Physik handelt in seiner zweiten Hälfte
von der Zeit. Aristoteles wirft hier die Frage nach der Exi-
stenz und die nach der Natur der Zeit auf.
1. Gehört sie zum Seienden oder vielmehr zum Nichtseienden?
Manches scheint eher für das zweite zu sprechen. V ergan-
genheit und Zukunft sind nicht, nur die Gegenwart ist. Die
Zeit soll teilbar sein, aber die Teile von ihr, nämlich Ver-
gangenheit und Zukunft, sind nicht, und das, was von ihr
ist, das Jetzt, ist nicht eigentlich ein Teil von ihr zu nennen,
sonst würde es ein Maß haben.
Wie Aristoteles sich die Lösung dieser Aporie denkt,
wird nicht genug deutlich. Vielleicht glaubt er sie dadurch
gelöst, daß die Gegenwart der Zeit als eine Grenze zugehöre
und daß die Zeit an dem Charakter der Bewegung teilnehme,
welche nach ihm eine unvollendete Wirklichkeit ist.
2. Auf die Frage nach der Natur der Zeit will er nicht mit
früheren Philosophen, über deren Lehren er Bericht erstat-
tet, die Antwort geben, daß sie eine Bewegung sei, nämlich
die Rotation des Fixsternhimmels. Schon darum nicht, weil
Bewegungen Grade der Geschwindigkeit haben. Auch sind
Bewegungen von verschiedener Gattung, die Zeiten aber
nur von einer. Offenbar denkt Aristoteles hier an das, was
wir unter Zeit verstehen, wenn wir eine gewisse Stunde,
einen gewissen Tag, ein gewisses Jahr, ein gewisses Jahr-
hundert eine Zeit nennen, die gesamte Reihe derselben, das
Ganze, zu dem sie sich zusammensetzen, aber "die Zeit".
Unverkennbar scheint ihm, daß alle diese Bestimmungen
auf astronomische Bewegungen und insbesondere auf die
am meisten regelmäßig scheinende Rotation des Fixstern-
himmels sich beziehen. Doch ist die Zeit nicht selbst Bewe-
gung, wenn sie auch nicht ohne Bewegung oder doch nicht
ohne ein Bewegliches (Veränderliches) ist. Sie ist etwas, was
sich an Bewegung und Ruhe unterscheiden läßt, wobei das
Wort Ruhe auf das tatsächliche unveränderte Beharren von
solchem zu beschränken ist, was einer Veränderung fähig ist.
3. Die Zeit ist die Zahl der Bewegung (und Ruhe) in bezug
auf das Früher und Später. Eine nicht ganz leicht zu deu-
140 .z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

tende Definition. Man mag sie sich in folgender Weise ver-


ständliche machen. Bei einer gleichmäßig rotierenden
Scheibe nimmt die Geschwindigkeit mit der Größe des
Radius zu, aber die Dauer der Bewegung ist für die ferner
und näher gelegene Peripherie die gleiche. So können wir
uns erlauben zu sagen, die kontinuierliche Vielheit der Be-
wegungsmomente sei bei allen diesen ungleich geschwinden
Bewegungen die gleiche. Dasselbe gilt aber dann auch für
die Vielheit der Momente einer Ruhe oder einer unregel-
mäßig variierenden Bewegung, welche zugleich mit jener
gleichmäßigen Rotation stattfindet (z. B. einer die Scheibe
umgebenden Fläche). Diese können in bezug auf ihr Früher
und Später beziehungsweise in bezug auf die sukzessiv ein-
genommenen Positionen an der Größe des betreffenden
Teiles der kontinuierlichen Vielheit der regelmäßigen Bewe-
gung gemessen werden.
Unter Zahl ist also hier das Gezählte oder Zählbare zu
verstehen, und das sind die Sukzessionen, welche die ganze
Dauer der Bewegung oder Ruhe ausmachen. Dabei muß
wohl die Dauer in gleiche Teile geschieden gedacht werden.
Bei der Bewegung handelt es sich um wirkliche Sukzessio-
nen, um eine Folge wirklicher Veränderungen, bei der Ruhe
um eine solche von bloßen Möglichkeiten.
Daß Aristoteles die Zeit nicht sowohl das Maß als viel-
mehr die Zahl der Bewegung nennt, begreift sich in Rück-
sicht auf die gemeinübliche zahlenmäßige Datierung (am
1. Tage des 3. Monats des 2. Jahres der 30. Olympiade) und
wohl auch im Hinblick auf eine Stelle in Platons Timaios.
Die Zeit ist als angewandte Kardinalzahl zu betrachten
und jede Antwort auf die Frage "Wann?" als Ordnungszahl.
Mit dieser Definition der Zeit, als gezählter Vielheit der
Sukzession einer Bewegung oder der Möglichkeiten solcher
in einer Ruhe, hängt wohl der Ausspruch zusammen, daß
es keine Zeit gäbe, wenn keine Seele wäre. Nur der Verstand
kann zählen. (Nach Thomas genügte die Möglichkeit eines
Verstandes.)
4. Zeit im engeren und im weiteren Sinne. In gewisser Weise
kann man in jeder Bewegung oder Ruhe Zeit unterscheiden,
insofern jede ihre eigene Dauer hat. Im engeren Sinne ist die
IX. Aristoteles über die Zeit 141

Zeit die Zahl der Bewegung des obersten Himmels in bezug


auf deren Früher und Später. Sie ist anfangslos und endlos.
Von Bewegungen und Zuständen der Ruhe, die Anfang
und Ende haben, sagt man, daß sie in der Zeit seien, insofern
sie mit einem gewissen Teil der Bewegung des obersten
Himmels zugleich beginnen und endigen.
Die Zeiten im weiteren und die Zeit im engeren Sinn sind
kontinuierlich und lassen darum ins Unendliche kleinere
und kleinere Teile unterscheiden. Die Grenzen, worin diese
sich berühren, sind aber, wie schon gesagt, nicht selbst
Teile einer Zeit zu nennen.
Die Zahl, als welche die Zeit zu definieren ist, ist also eine
kontinuierliche Zahl.
5. Zeit und Ewigkeit. Von der Zeit ist die Ewigkeit zu
unterscheiden, worunt;er Aristoteles den anfangs- und end-
losen Bestand von solchem versteht, was schlechthin unverän-
dert ist. Hier gibt es weder eine Sukzession von wirklich
variierenden Momenten noch von Möglichkeiten. Es wird,
sagt er, in seinem unveränderten Bestand nicht durch die
Zeit gemessen. Solche Zeitlosigkeit kommt Gott, den
Sphärengeistern und den Gestirnen zu, den letzten aber nur
ihrer Substanz, nicht dem Orte nach. Auch der menschliche
Geist ist seiner Substanz nach unveränderlich und wird
darum von Aristoteles ewig genannt, obwohl er einen An-
fang hat. Dies hängt damit zusammen, daß zunächst nicht
der Geist entstanden ist, sondern der Mensch, der seiner
Form nach teilweise geistig ist und nach der Auflösung des
Körpers seinem Geiste nach erhalten bleibt. (Doch enthält
das 4. Buch der Physik von dieser speziellen Lehre noch
nichts.)
Zum Ewigen werden auch Wahrheiten wie die mathema-
tischen gerechnet.
Zeit findet sich nach Aristoteles also nur da, wo etwas
aus Wirklichkeit und Möglichkeit zusammengesetzt ist. Ein
solches, solange es ruht, zeigt sich zwar ebenso unverändert
wie das Ewige, d. h. das, was nicht bloß faktisch, sondern
ohne jede Möglichkeit der Veränderung beharrt, aber es ist
doch der eine Fall vom andern wesentlich verschieden. Beim
Ruhenden ist der Fortbestand ein Fortbestehen von solchem,
142 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

was auch aufhören könnte, und so eine stetig wiederkehrende


Verwirklichung einer Möglichkeit. Seine Ruhe stellt sich als
kontinuierliche Erneuerung eines und desselben dar, und so
ist auch sie ein Fluß zu nennen, nur eben ein solcher, wobei
das Abfließende durch das Zufließende in voller Gleich-
mäßigkeit ersetzt wird. Kein solcher Abfluß und Zufluß
aber ist der Bestand des Unvergänglichen, denn es ist reine
Aktualität, frei von jeder Möglichkeit, und wo keine Potenz
ist, kann sich auch keine wiederholt aktualisieren.
Wie es zu verstehen ist, daß das Veränderliche, auch dann
wenn es gerade ruht, eine Zahl von Sukzessionen aufweise,
zeigen gewisse Stellen, wo Aristoteles von einem Leiden
spricht, das nicht eine Korruption sei, sondern eine Aktuali-
sierung von etwas in bloßer Möglichkeit Gegebenem und
so eine Vervollkommnung. So in den Büchern Von der Seele.
Speziell von den Affekten und den noetischen Tätigkeiten
wird im 10. Buche der Nikomachischen Ethik und anderwärts
gesagt, daß sie ein solches Leiden seien, welches ohne suk-
zessive Veränderung verlaufe und fortbestehe, indem sich
ein und dasselbe durch den permanenten Einfluß einer wir-
kenden Ursache erneuere.
Die Lehre des Aristoteles, wonach nicht nur das erste,
unmittelbar notwendige Prinzip ohne alle Sukzession ewig
bestehe, sondern auch den geschaffenen Sphärengeistern
und Sphären in ihrem Fortbestande jede Sukzession und
Zeitlichkeit abzusprechen ist, hat die Metaphysik bis in
unser Jahrhundert beeinflußt. (Man vergleiche insbesondere
die Neuplatoniker, die Kirchenväter, die Scholastiker mit
ihrer Unterscheidung von aeternitas, aevum und tempus.
Ferner Leibniz.)
6. Da die Himmelskörper wohl ihrer Substanz, nicht
aber dem Orte nach unveränderlich sind, fragt es sich, war-
um Aristoteles ihre Bewegung anfangslos denkt. Es hängt dies
mit der von ihm erkannten Schwierigkeit zusammen, aus
dem schlechthin unveränderlichen ersten Prinzip, der Gott-
heit, Veränderungen als Folge begreiflich zu machen. Da
sich das Prinzip nicht ändert, fordert der Determinismus
des Aristoteles, daß immer dasselbe als Folge von ihm ein-
trete. Dies sei der Fall, meint er, wenn die nächste Wirkung,
IX. Aristoteles über die Zeit 143

insofern diese eine Bewegung ist, eine so regelmäßige ist,


daß immer Gleiches an die Stelle von Gleichem tritt, und
dies sei nur bei einer Kreisbewegung, die sich auch in ihrer
Geschwindigkeit nicht ändert, möglich. So müsse denn die
Bewegung des obersten Himmels, deren Zahl die Zeit ist,
von absolutem Gleichmaß und ohne Anfang und Ende sein.
Ähnliches ergibt sich ihm auch für die Bewegung der
anderen Himmelssphären und ihre Zahlen, die sich Aristo-
teles ebenfalls als Wirkungen schlechthin unveränderlicher
geistiger Substanzen denkt. Mittelbar komme es dann durch
den Einfluß der an den Sphären haftenden Gestirne auf die
korruptiblen Elemente der niedern Welt in dieser zu V erän-
derungen, die mannigfach differieren.
7. Eindimensionalität. Die Zeiten verlaufen eindimensio-
nal und sind einer geraden Linie vergleichbar, insofern die
Distanz der Endpunkte immer der Länge der dazwischen-
liegenden Zeit entspricht, wie immer die Bewegung, an wel-
cher die Zeit unterschieden wird, gekrümmt sein möge. Im
Gegensatz zur räumlichen Ausdehnung bestehen die Zeiten
nur einer Grenze, dem Jetzt, nach.
8. Bezüglich des Jetzt wirft Aristoteles mehrere Fragen
auf. Ob es immer dasselbe bleibe? Wenn eines vergeht, ver-
geht es in ihm selbst oder in einem andern? Berührt ein Jetzt
das andere?
Er scheint aber das Jetzt in doppeltem Sinne zu nehmen. Ein-
mal im Sinn des gegenwärtigen Augenblicks, dann im Sinn
eines bestimmten Moments, der als derselbe gedacht wird,
mag er der noch kommenden Zeit angehören oder schon
der vergangenen, und der seine Entfernung von anderen
nicht ändert.
Das Jetzt im ersten Sinne bildet Anfang und Ende einer
Zeit. Ende der vergangenen, Anfang der künftigen.
Das Jetzt im zweiten Sinne bewegt sich durch die Zeit, es
bildet die Einheit, mit der die Zahl, welche die Zeit ist, ge-
messen wird. Es scheint also die Zeit eine kontinuierliche
Zahl von Jetzt, wobei der Ausdruck Zahl in eigentümlich
erweitertem Sinne gebraucht wird, indem die Länge der
Dauer deren Zahl genannt wird. Sie ist das kontinuierlich
vielfache Jetzt. Dieser zweite Gebrauch von Jetzt ist nicht
144 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

gemeinüblich. Der Ausdruck "irgendeinmal" würde besser


entsprechen. Man sagt zwar von etwas Gewesenem, daß es
gegenwärtig gewesen sei, von etwas Zukünftigem, daß es
gegenwärtig sein werde, von einem gewesenen Jetzt oder
von einem künftigen Jetzt aber zu sprechen klänge be-
fremdlich.
Das Verhältnis zwischen dem Jetzt und der Zeit setzt Aristo-
teles in sehr bedenklicher Weise gleich dem zwischen Be-
weglichem und Bewegung. Wie das Bewegliche während
der Bewegung sachlich dasselbe sei, aber begrifflich ein an-
deres werde, so sei auch das Jetzt während der Dauer der
Bewegung der Sache nach dasselbe, dem Begriffe nach aber
ein anderes. Hier scheint darauf gezielt, daß von einer konti-
nuierlichen Reihe von Momenten jeder sukzessive gegen-
wärtig wird, aber es ist verfehlt, unter dem Gegenwärtigen
die Substanz zu verstehen und unter der Vielheit der Mo-
mente wechselnde akzidentelle Bestimmungen, welche die-
ser Substanz zukommen. Nicht bloß Substanzen, auch Ak-
zidenzien sind gegenwärtig, und wenn eine sich während
einer Bewegung unverändert erhalten sollte, so wäre es von
ihr inmitten der Bewegung zugleich wahr, daß sie gewesen
sei, sei und sein werde.*)
Auch bedient sich Aristoteles bei der Frage, ob das Jetzt
in jedem Augenblick der Dauer immer dasselbe sei oder ein
anderes, des Vergleiches mit einem Punkt, durch dessen
Fortbewegung die Geometer eine räumliche Linie konstru-
ieren. Der Punkt sei wesentlich derselbe, ändere aber seine
örtliche Bestimmung. So sei auch das Jetzt sachlich eines,

*) Thomas v. Aquin, der an dem, was Aristoteles über das


Jetzt sagt, keine Kritik übt, benützt die Identifikation des-
selben mit der Einheit der bewegten Substanz, um den Ge-
danken der Ewigkeit zu verdeutlichen, welche da gegeben
sein soll, wo eine Substanz keinem Wechsel unterliegt. An
die Stelle der Zahl der Bewegung tritt die Einheit. Auch dies
ist ganz verfehlt, zumal für Gott selbst ein kontinuierlicher
infinitesimaler Wechsel nachgewiesen werden kann, der dann
als substantieller gelten muß, wenn man bei Gott eine Zu-
sammensetzung aus Substanz und Akzidenzien ausschließt.
IX. Aristoteles über die Zeit 145

wechsle aber, indem es aus einem Früheren ein Späteres


werde. Hier scheint schon der Vorgang, der zum Vergleiche
herangezogen wird, nicht genügend verstanden.
9. Dies im wesentlichen die Lehre, wie sie im vierten
Buche der Physik sich findet. Thomas von Aquino in sei-
nem Kommentar dazu ordnet die von Aristoteles behandel-
ten Fragen in folgender Übersicht:
I. Ob die Zeit sei und ob in ihr ein Jetzt oder viele?
II. Die Zeit sei nicht Bewegung, aber nicht ohne Bewe-
gung.
III. Weitere Darlegung dessen, was an der Bewegung die
Zeit sei.
IV. In welchem Sinne das Jetzt in der Zeit dasselbe sei
und in welchem nicht und wie es die Zeiten verbinde
und scheide.
V. Was für eine Zahl der Bewegung die Zeit sei.
VI. Was es heiße "in einer Zeit sein" und wem es zu-
komme, in der Zeit zu sein, und wem nicht.
VII. Erklärung der Begriffe: jetzt, dann, schon, eben, einst,
plötzlich.
VIII. Daß die Zeit mehr Ursache des Entstehens als des
Vergehens, welches nur per accidens stattfinde.
IX. Erörterung der Frage nach der Existenz und der Ein-
heit der Zeit.
III. Metaphysik
Eine Stelle im 10. Buche, von Thomas mehrfach berück-
sichtigt: 1053a 8. Das 12. Buch, wo es sich um die Unmög-
lichkeit eines Anfangs der Zeit handelt, weil vor der Zeit
auch nicht von einem Nichtsein gesprochen werden könne
(6. Kap., 1071 b). Die Behauptung, daß darum der Himmel
ewig sein müsse und seine Bewegung. (Die Bewegung kann
weder entstehen noch vergehen und ebenso die Zeit, denn
wo es keine Zeit gibt, kann es kein Früher und Später
geben.) Eine solche findet sich in der Physik nicht, ja die
Bemerkung dort, daß es, wenn es keine Seele gäbe, auch
keine Zeit geben würde, scheint eher die Möglichkeit eines
Anfangs der Zeit einzuschließen. Welche der beiden Erörte-
rungen erscheint als die reifere?
146 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

IV. De llflima
1. Sehr wichtige Bestimmungen finden sich in den Bü-
chern Von der Seele. Das zweite Buch enthält Bedeutsames
über den Ursprung der Zeitvorstellung. Schon insofern, als dort
Bewegung und Ruhe unter den gemeinsamen Sinnesobjek-
ten aufgezählt werden (418a 17). Keine Bewegung und keine
Ruhe soll ja ohne Zeit sein und so erscheint die Zeit in den
sensibilia communia beschlossen. Sie ist in den Gegenstän-
den der äußeren Wahrnehmung enthalten.
2. Im 6. Kapitel des dritten Buches wird von Urteilen ge-
sprochen, die sich auf Vergangenes und Zukünftiges beziehen
(430b 1). "Handelt eine Behauptung von etwas, was gewe-
sen ist oder sein wird, so wird die Zeit hinzugedacht und
mitgesetzt". Aristoteles scheint sagen zu wollen, daß auch
diese Sätze affirmative Urteile ausdrücken und zwar katego-
rische mit der Zeit als Prädikat. Beides befremdet. Wie soll
"Etwas war" oder "Etwas wird sein" affirmativ sein, wenn
die Vergangenheit nicht mehr, die Zukunft noch nicht ist?
Und wie sollen "gewesen" und "künftig" echte Prädikate
sein und dabei einem Subjekt zukommen, das selbst nicht
mehr oder noch nicht ist? Es ist klar, daß Aristoteles in der
Stelle De anima III, Kap. 6, wonach in jedem Satze, wo von
einem "war" oder ."sein wird" gesprochen wird, die Zeit
dazu hineingedacht werde, nicht von Zeit im Sinne einer
Beziehung zur Bewegung des obersten Himmels sprechen
kann. Sollte er hier die Zeit in weiterem Sinne nehmen, in
welchem sie sich mit jedem veränderlichen Objekt verviel-
fältigt, oder sollte er überhaupt nicht an ein Gezähltes den-
ken und an ein Zählbares als solches, sondern nur an ein
Früher und Später als das Gegenwärtige? Das "war" und
"wird sein" sind die einfachen Ausdrücke für vergangen
und zukünftig, scheinen aber nur von Entfernungen von
der Gegenwart in entgegengesetzter Richtung, nicht aber
von Maßen dieser Entfernungen zu sprechen.
Im seihen Kapitel wird von der Verbindung des Prädikats
mit dem Subjekte gesagt, sie - also die Prädikation - erfolge in
einer Zeitgrenze. Der Gedanke des Subjekts gehe voran, der
des Prädikats folge nach und ihre Verbindung vollziehe sich
IX. Aristoteles über die Zeit 147

zwischen beiden Zeiten in dem Jetzt, welches, als Ende der


einen und Anfang der andern, eine gewisse Doppelheit
habe, analog einem Punkte in der Linie.

V. Paroa naturalia, De sensu et sensibili,


De memoria et reminiscentia
1. In diesen kleinen Schriften finden sich weitere interes-
sante Aussprüche. Paroa naturalia gibt Auskunft über den
Ursprung der Idee von Früher und Später und über die einzige
Weise, diese sich zu verdeutlichen. Versteht man dann, was
Früher und Später in Bewegung und Ruhe ist und was der
Ausdruck Zahl besagen will, so ist die Definition der Zeit
in allen Teilen verdeutlicht.
2. Aus der Schrift De sen.ru et sensibili ersehen wir, daß
nach Aristoteles die Zeit, welche nach De anima II in den
äußeren Sinnesobjekten enthalten schien, auch in der inneren
Wahrnehmung durch die Empfindung erfaßt wird. Er wen-
det sich nämlich gegen die, welche meinen, daß es Zeiten
gebe, die zu klein seien, um sinnlich wahrnehmbar zu sein.
Dann könnten wir, meint er, ja nicht wahrnehmen, daß wir
sind. (Offenbar, da die Gegenwart nur auf einen Moment,
also auf eine ganz unausgedehnte Zeit beschränkt ist und
wir nur in der Gegenwart sind.)
3. Indem Aristoteles hier von einer Empfindung der Zeit
spricht, entfernt er sich von der Lehre im vierten Buche der
Physik, wonach die Zeit nicht wäre, wenn keine intellektive
Seele wäre. Nach dieser Lehre könnte den Tieren keine
Kenntnis von der Zeit zukommen. Wohl aber nach De sensu
et sensibili (Kap. 7, 448a 19ff.) und ebenso nach De memoria,
wo auch von einem sensitiven Erfassen der Zeit gesprochen
wird. Es kommt nach 449b 29 den Tieren zu, insofern sie
Gedächtnis haben. Auch vorn Zukünftigen haben sie eine
sensitive Vorstellung, wenn sie nämlich etwas erwarten.
Es ist hier offenbar zu den beiden Bedeutungen von Zeit
(Zahl der ersten Bewegung und Zahl irgendwelcher Bewe-
gung und Ruhe) eine dritte hinzugekommen, bei der das
Moment der Zählung entfällt. In diesem Sinne mangelt
auch den Tieren die Kenntnis der Zeit nicht.
148 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

4. Da man beim Gedächtnis das Bewußtsein eines eigenen


früheren Erlebthabens hat, so ist das sinnliche Objekt hier
ein prychisches (450a 21), wogegen die Zeit, wie sie nach De
anima li in der Bewegung und in der Ruhe erfaßt wird, ein
Objekt des äußeren Sinnes ist.

B. Kritik der Lehre


Schon in der Darstellung der Lehre mußte zuweilen zum
besseren Verständnis eine kritische Bemerkung eingeschal-
tet werden. Noch manches wäre nachzutragen, denn wie
immer Interessantes und Bedeutsames die Gedanken des
Aristoteles auch zu diesem Gegenstande enthalten, gar vie-
les ist unzulänglich, ja ganz und gar verfehlt.
1. Vor allem ist die Frage, aus welcher Anschauung der Zeit-
begriff stamme, nicht klargestellt. Er sagt einmal, man
empfinde etwas als früher oder als später. Wie aber? Scheint
doch die Empfindung auf Gegenwärtiges allein zu gehen.
Und so könnte einer meinen, es müsse die Erinnerung
zuhilfe genommen werden. Doch wie zeigt sich in ihr das
Frühere?
Die Erscheinung der Sukzession in Melodie, Rede u.s.w.
ist nirgends erörtert.
Die Erscheinung der Gegenwart als doppelte Grenze ist
zwar so charakterisiert, aber es wird nicht untersucht, was
dabei von Nichtgegenwärtigem mit erscheinen müsse.
Nirgends ist gesagt, daß die Differenzen von Gegenwart,
Vergangenheit und Zukunft das einzige uns anschaulich
Gegebene sind, und nirgends wird der Verschiedenheit von
Vorstellungsmodis, die hier gefordert sind, Erwähnung
getan.
2. Aristoteles sagt, daß nur die Gegenwart sei, V ergan-
genheit und Zukunft nicht seien. Worin aber das historisch
Tatsächliche und das Kommende sich einerseits von ande-
rem Nichtseienden, andererseits untereinander unterscheide,
das untersucht er in seinen oft subtilen Erörterungen in
keiner Weise und so bleibt denn das Allerwesentlichste un-
verdeutlicht.
3. Er hebt nicht einmal hervor, daß wir, um etwas als in
IX. Aristoteles über die Zeit 149

irgendeiner Vergangenheit oder Zukunft zu denken, etwas


als gegenwärtig denken müssen und dieses als in einem gewissen
Abstande von jenem Nichtseienden, jenes aber in verschie-
dener Weise je nach der Richtung und dem Maße des Ab-
standes.
4. Auch dabei verweilt er nicht, daß alles Vergangene
oder Zukünftige, das wir erkennen, in letzter Instanz aus
Gegenwärtigem erschlossen wird, aber in verschiedener Weise.
Denn schließen wir auf V ergangenes, so erschließen wir es
als solches, wodurch das Gegenwärtige unmittelbar oder
mehr oder minder mittelbar bestimmt ist. Schließen wir auf
Zukünftiges, so erschließen wir es als etwas, worauf das
Gegenwärtige mehr oder minder mittelbar einen bestim-
menden Einfluß nimmt. Man weiß, in welch enge Bezie-
hung manche die Frage nach dem Begriff der Ursache mit
dem der Zeit bringen wollen, und in der Tat scheint, wenn
Vergangenheit und Zukunft sich in der Gegenwart berüh-
ren, bei dieser Berührung immer nur das V ergangene oder
Endigende auf das Zukünftige oder Anfangende einzuwir-
ken.
5. Sehr interessant, aber nicht unbedenklich sind die
Bestimmungen über das Jetzt. Das Jetzt soll kein Teil der
Zeit sein, sondern den Zusammenhang von Teilen herstel-
len. Es soll wohl einem Zeitverlauf als Grenze zugehören,
wie er denn ausdrücklich sagt, ohne das Jetzt würde die Zeit
nicht sein und ohne die Zeit nicht das Jetzt. Wie es aber,
selbst ohne Ausdehnung, zur Länge der Zeit einen Beitrag
liefern soll, wird nicht deutlich, und doch scheint es ausge-
macht, daß nur durch Beiträge, welche die Augenblicke für
die Zeit liefern, das, was als Länge der Zeit irgendwie anzu-
erkennen ist, zustande kommen kann. Aristoteles erblickt
in dieser Schwierigkeit einen Hinweis darauf, daß die Zeit
an dem Charakter der Bewegung partizipiere, welche nach
ihm eine unvollendete Wirklichkeit ist.
Zu den interessantesten, aber mit Bedenken behafteten
Bemerkungen gehört die, daß das Jetzt sich als Ende und
Anfang von Verschiedenem darstelle und so die Zeit als
wechselnd erweise und als etwas, was anfangslos und endlos
sich erstrecke.
150 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Interessant auch die Aporie, ob das Jetzt in ihm selbst


vergehe oder in einem andern und dann notwendig in einem
durch eine Zeit, die unendlich viele andere Jetzt enthält,
getrennten Jetzt. Ich finde die Aporie nicht gelöst, wie auch
nicht die, daß es keine Zeit zu geben scheine, weil weder
Vergangenheit noch Zukunft seien. Will er sie dadurch lösen,
daß die Gegenwart beiden als Grenze zugehört? Die obige
Bemerkung über das gegenseitige Bedingtsein von Jetzt
und Zeit würde darauf deuten.
6. Höchst merkwürdig ist auch die Bemerkung, daß,
wenn keine Seele wäre, auch keine Zeit wäre. Man könnte ver-
sucht sein zu folgern, daß, wenn keine Seele wäre, auch
keine Bewegung wäre, denn zu jeder Bewegung gehöre Zeit.
7. Aristoteles leugnet auch mit Unrecht, daß es einen
ersten und letzten Moment der Bewegung geben könne. Ferner,
daß entgegengesetzte Bewegungen unmittelbar aufeinander
folgen können. Ferner, daß in einem Moment für sich eben-
sowenig von Ruhe als von Bewegung die Rede sein könne,
daß aber bei einer Zeitstrecke, während welcher sich etwas
bewegt, ebenso jedem Moment Bewegung zukomme wie
in einer Zeit der Ruhe jedem Moment Ruhe zukommt.
Eine geradlinige Bewegung hin und her ist nach ihm keine
einheitliche Bewegung. Warum nicht? Etwa nur darum
nicht, weil er, irrtümlich, der Ansicht ist, es müsse eine
Ruhe dazwischen liegen? Die Kreisbewegung ist eine und
scheint es bei noch so häufiger Wiederholung zu sein, wenn
keine Unterbrechung eintritt. Wie steht es aber mit Bewe-
gungen in unregelmäßiger Kurve? Ist auch hier, wenn keine
Ruhe unterbricht und die Bewegung fortbesteht, die Bewe-
gung eine? Und wie steht es mit dem Falle der Beschleuni-
gung?
8. Er erkennt, daß man von Unterschieden der Geschwin-
digkeit bei der Zeit nicht sprechen könne, verkennt aber, daß
sie doch eine gewisse konstante Geschwindigkeit haben
müsse, die, mit denen von Bewegungen verglichen, langsa-
mer als die einen, schneller als die anderen ist.
9. Er hat an den Unterschied zwischen primärem und
sekundärem Kontinuum gerührt, ihn aber nicht vollauf begrif-
fen und verdeutlicht.
IX. Aristoteles über die Zeit 151

10. Daß Früheres und Späteres Gegensätze seien und so


hier eine Vielheit gegeben sei, anerkennt er, aber was für eine
Vielheit dies sei, wird nicht klar. Eine substantielle scheint
er nicht anzunehmen.
11. Aristoteles sagt, die Bewegung folge der Größe (und
meint hier wohl räumliche Ausdehnung, Länge der Bahn)
und die Zeit folge der Bewegung. Auch scheint er zu erken-
nen, daß das Maß der Zeit das Maß der Bewegung sei, es ist
aber nicht sicher, daß er nicht auch das Maß des Raumes als
Maß der Bewegung angesehen habe, was zu dem Widersinn
führen würde, daß bei verschieden schnellen Bewegungen
zwei einander ungleiche Größen ein und derselben dritten
gleich wären.
12. Einer der bedenklichsten Punkte der Lehre ist das,
was sie über den Fortbestand eines völlig Unveränderlichen sagt.
Obwohl ein solches während des Verlaufes einer Bewegung
fortbestehen mag, schreibt er seinem Fortbestand doch
keine zeitliche Länge zu. Er scheint ihn nicht für eine Dauer
zu halten oder doch für keine Dauer, die Teile habe. Eine
Verschiedenheit und Vielheit von Wirklichen bestehe hier
nicht, sondern ein Wirkliches und eine Verschiedenheit und
Vielheit von Möglichen auch nicht, weil es ja reine Wirklich-
keit ist.
13. Das führt ihn dann zu der Aufgabe, begreiflich zu
machen, wie aus einem absolut unbeweglichen ersten Prinzip die
Veränderung in der Welt sich erklären lasse. Er hat nicht be-
merkt, daß die Aufgabe falsch gestellt ist. Es ist nämlich
nicht richtig, daß das erste Prinzip schlechthin unbeweglich
gedacht werden muß. Richtig ist nur, daß es jederzeit unmit-
telbar notwendig ist. Aristoteles übersah, daß nicht jede
Veränderung der unmittelbaren Notwendigkeit entbehren
muß und hat infolgedessen verkannt, daß es absurd ist, aus
einem ersten unbeweglichen Prinzip die Veränderung zu
erklären.
14. Auch die Weise, wie er von der Einheit der Zeit Re-
chenschaft zu geben sucht, hält der Kritik nicht stand. Er
findet sie im wesentlichen darin, daß jede Bewegung und
jede Dauer von Beweglichem zugleich mit einem Teile der
Bewegung des Fixsternhimmels ist.
152 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Fragt man, ob es zu dem so gefaßten Begriff der Zeit


stimme, wenn wir Vergangenheit und Zukunft als Zeiten
bezeichnen, so scheint dem im Wege zu stehen, daß wir
dabei nicht ebenso an astronomische Bewegungen denken,
wie wenn wir sagen, es sei etwas in einem gewissen Jahre,
an einem gewissen Tage, in einer gewissen Stunde gewesen.
Freilich sprechen wir auch hier von der Vergangenheit und
ebenso von der Zukunft als einer Einheit. Ebenso wenn wir
sagen: jüngst, neulich, einst, vor langer Zeit.
Dies könnte Zweifel daran erwecken, ob die Einheit der
Zeit, von der man sagt, daß alle Veränderungen und alle
Ruhe in sie fallen, darum eine Einheit sei, weil die schein-
bare Bewegung des obersten Himmels das einheitliche Maß
abgebe für die Bestimmung der Ordnung von allem, was
geschieht, in bezugauf Früher und Später.
Man möchte meinen, die Auffassung der Zeit als einer
Einheit hänge damit zusammen, daß alles, was geschieht, in
völlig gleichmäßiger Sukzession alle Grade von Zukünftig
bis zum Gegenwärtigsein durchlaufe und dann weiter noch
alle Grade von Vergangen, wobei jedes Ereignis eine
gewisse zeitliche Position zu jedem andern habe und wahre,
sei es als zugleich mit ihm, sei es als früher und später in
gewissem Maße von ihm abstehend. Die Unterscheidung
von Vergangenheit und Zukunft in der Zeit werde dann in
Rücksicht auf den Augenblick, der ist, gemacht, zu welchem
die Vergangenheit als früher, die Zukunft als später in Be-
ziehung steht.
Man könnte auch sagen, die Einheit der Zeit beruhe
darauf, daß wir alles, was wir vorstellen und anerkennen,
wenn wir es nicht als existierend denken, mit einem Tempo-
ralmodus der Vergangenheit oder Zukunft denken, welche
alle einer und derselben kontinuierlichen Reihe von Modis
des Denkens angehören. Auch was als gegenwärtig gedacht
wird, kann nur als gegenwärtig endigend oder gegenwärtig
beginnend oder gegenwärtig fortbestehend oder verlaufend
gedacht werden.
X. Relativität der Zeit- und Raumanschauung 153

X. Unsere Zeitanschauung ist wie auch die Raum-


anschauung in bezugauf die absoluten spezifischen
Differenzen unbestimmt und nur relativ
spezifiziert*
Diktat, 1916 [T 3]
1. Was ist unter Zeit zu verstehen? Zunächst scheint es
angezeigt, Beispiele von solchem, was eine Zeit genannt
wird, uns vorzuführen. Als solche gelten eine Stunde, ein
Tag, ein Jahr, ein Jahrhundert und das eine wird eine kür-
zere, das andere eine längere Zeit genannt. Sind das nun
Zeitdifferenzen der Art, daß alle Stunden spezifisch gleiche
Zeiten bedeuten? Sie scheinen zwar alle von gleicher Länge,
aber eine Stunde kann von der anderen zeitlich sehr ver-
schieden sein, ähnlich wie auch räumlich gleich Ausgedehn-
tes räumlich sehr ungleich sein kann, indem das eine sich
hier, das andere an einem tausend Meilen entfernten Orte
sich befindet.
Bieten vielleicht "jetzt", "vormals", "dereinst" und etwas
präziser "jüngst", "alsbald", "gestern", "voriges Jahr" Bei-
spiele von solchem, was zeitlich spezifisch verschieden ist?
Sie antworten nicht auf die Frage "Wie lange?", sondern auf
die Frage "Wann?" und diese scheint recht eigentlich auf die
Besonderheit der Zeit sich zu beziehen. Es gibt aber noch
andere Fragen nach der Zeit, die man nicht mit einem "jetzt",
oder "gestern", oder "voriges Jahr" beantworten kann.
"Wieviel Uhr ist es?", "Welcher Tag im Monat ist es?"
Daß das, was ist, jetzt ist, steht außer Zweifel und doch wün-
schen wir noch zu erfahren, wie wir an der Zeit seien.
Untersucht man die Sache genauer, so findet man, daß im
zweiten Falle nach einem Ereignis gefragt wird, welches die
Bewegung der Gestirne betrifft. Nach der Achsendrehung
der Erde und nach ihrer Bewegung um die Sonne, die wir
als annähernd regelmäßig erkannt haben, ordnen wir die

*) Kastil hat die zweite Hälfte dieser Abhandlung gegenüber dem


Originaldiktat verkürzt wiedergegeben und dafür zwei Abschnitte aus
einem Diktat vom 4. Jänner 1915 [T 17] eingefügt. [Anm. d. Hrsg.]
154 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

Ereignisse in bezugauf ihr Früher und Später, und so ord-


nen wir auch jene Grenze im Verlaufe unseres Lebens, nach
welcher es ist, in die Gesamtordnung der Weltereignisse in
bezugauf ihr Früher und Später ein. Gäbe es jene astrono-
mischen Bewegungen nicht, so wäre gleichwohl das, was
jetzt ist, seiner Zeit nach ebenso, wie es jetzt ist, und somit
können in jenen Beziehungen zu astronomischen Ereignis-
sen keine spezifischen Zeitangaben gefunden werden.
Liegen sie uns vielleicht in den Bestimmungen als jetzt,
vormals, dereinst oder in den Bestimmungen als gegenwär-
tig, vergangen, künftig mit mehr Wahrheit vor? Wenn man
sagt "gestern", "morgen", "vor einem Jahre", "in einem
Jahre", so ist darin einerseits eine Bestimmung als gewesen
bzw. zukünftig enthalten, andererseits wird ein Versuch
gemacht, durch Rücksicht auf den Verlauf eben jener
astronomischen Ereignisse das Maß, in dem ein Gewesenes
oder Zukünftiges von dem Gegenwärtigen absteht, präziser
zu bestimmen. So scheinen denn die Bestimmungen als
gegenwärtig, vergangen, zukünftig und mehr oder minder
lang vergangen, mehr oder minder fern zukünftig noch am
meisten Anspruch zu haben, als Beispiele spezifischer Zeit-
bestimmungen zu gelten. 119)
2. Wenn wir uns nach dem umsehen, was die Philosophen
gesagt haben, um den Begriff der Zeit zu verdeutlichen, so
finden wir, daß Aristoteles, wo er seine Kategorie des 7tOTE
durch Beispiele verdeutlichen will, einige der eben genann-
ten anführt, nämlich "gestern", "vor einem Jahre". Natür-
lich hätte er ebensogut "morgen" oder "in einem Jahr"
wählen können. Vielleicht hätte auch "gegenwärtig" seinem
Sinne entsprochen, doch scheidet er im 6. Kap. des dritten
Buches Von der Seele unter den prädikativen Urteilen dieje-
nigen, welche Subjekt und Prädikat mit der Kopula "ist"
verbinden, von denjenigen, welche ihre Verbindung durch
"war" oder "wird sein" herstellen, und hebt als etwas diesen
Eigentümliches hervor, daß sie die Zeit dazu hineindenken
und damit zusammensetzen. Er scheint also geglaubt zu
haben, es handle sich dabei um etwas, was im engeren Sinne
Zeitbestimmung sei.
Descartes bestimmt die Zeit als die Dauer und Locke ist
X. Relativität der Zeit- und Raumanschauung 155

ihm darin gefolgt. Dabei bildete sich dieser den Gedanken


eines anfanglosen, endlosen, völlig gleichmäßigen Verlau-
fes, in bezug auf den der Dauer jedes endlichen und minder
regelmäßigen Verlaufes in der Weltordnung eine Stelle als
früher oder später anzuweisen sei. Leibniz glaubte nicht an
einen solchen absoluten, regelmäßigen wirklichen Verlauf
und wollte in der Zeit keine absoluten, sondern nur relative
Bestimmungen anerkennen. Sie war ihm die Ordnung aller
geschehenen Dinge in bezug auf ihr Früher und Später.
Hier stand ihm Newton gegenüber, der an eine absolute Zeit
glaubte, die anfanglos und endlos, als Ewigkeit gedacht, von
ihm für ein Attribut Gottes gehalten wurde. In bezug zu ihr
käme jedem endlichen Kreatürlichen eine Position zu, die
auf einer absoluten Besonderheit beruhe. Auch Reid, der,
wie Descartes und Locke, für den Namen "Zeit" auch den
Namen "Dauer" setzte, glaubte, daß wir die Anschauung
der absoluten Zeit besäßen, doch sei uns diese nicht durch
Wahrnehmung gegeben, sondern durch die Konstitution
der menschlichen Natur suggeriert. Indem wir vormals
Erlebtes im Gedächtnis wiedererwecken, weisen wir ihm
einen Platz in dieser Zeitanschauung an, die zwar an und für
sich nur eine beschränkte Spanne darstellt, aber von uns
durch Analogie nach rückwärts und vorwärts ins Unend-
liche ausgedehnt werden könne. Auch Kant läßt die Zeitan-
schauung infolge unserer Subjektivität zu dem, was der
innere Sinn zeigt, nicht wie ein empirisches Datum zu ande-
ren hinzukommen, sondern als eine von vornherein bereit-
liegende apriorische Form. Doch denkt er sich unsere Zeit-
anschauung nicht wie Reid endlich, sondern unendlich.
Während nach Kant die Zeit nicht eigentlich fließt, sondern
die Phänomene es sind, die durch sie hindurchfließen, lehrt
Schopenhauer wieder, wie dies zumeist geschieht, einen
Fluß der Zeit selbst.
Man sieht wohl: keiner von diesen Philosophen hat uns
andere zeitliche Unterschiede namhaft machen können als
die von gegenwärtig, vergangen und kürzlich oder länger
vergangen ~owie zukünftig und näher und ferner zukünftig,
und so müssen wir denn, wenn wir über die Zeit Aufschluß
bekommen wollen, an diese Differenzen uns halten.
156 2., Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

3. Da ist nun vor allem unverkennbar: nichts von dem,


wovon man sagt, es sei gewesen, es werde sein, wird, inso-
fern es als gewesen oder als zukünftig gedacht wird, als
etwas gedacht, was im eigentlichen Sinne ist. Insofern es
gewesen ist, war es, aber es ist nicht mehr, und insofern es
zukünftig ist, wird es sein, aber ist noch nicht.
Ferner, wer von etwas sagt, daß es gewesen sei oder daß
es zukünftig sei, anerkennt zwar nicht dieses selbst, wohl
aber etwas anderes, das gegenwärtig ist und, indem es
gegenwärtig ist, als später von einem Gewesenen und als
früher von einem Zukünftigen absteht, und zwar bald in
geringerem, bald in größerem Maße, auch wenn wir diese
Größe nicht genau und mit voller Bestimmtheit angeben
mögen. Wir haben es also, sooft wir etwas als gewesen oder
zukünftig bezeichnen, mit der Anerkennung eines von jenen
Relativen zu tun, die selbst im eigentlichen Sinne sind, wäh-
rend der Terminus, auf den sie sich beziehen, nicht im ei-
gentlichen Sinne ist. Wie wir z.B., einen Gespenstergläubi-
gen anerkennend, die Gespenster, auf die er sich als solcher
bezieht, nicht eigentlich anerkennen und dann auch wohl
sagen, wir erkennten sie bloß als von ihm geglaubt an, so
verhält es sich auch in unserem Falle. Sagen wir von etwas,
es sei vor einem Jahre gewesen, so anerkennen wir nicht in
eigentlichem Sinne das Ereignis, sondern gegenwärtig be-
stehende Dinge als um ein Jahr nach jenem bestehend und
sagen dann wohl aber auch, wir erkennten das Ereignis als
vor einem Jahre gewesenes an. So handelt es sich also bei
der Vorstellung von etwas als vergangen oder als zukünftig
nicht um eine Vorstellung davon in rnodo recto, sondern in
modo obliquo. Alles, was von einem in modo obliquo Vor-
gestellten im allgerneinen gilt, trifft bei ihm zu. 120)
4. Dabei hat es aber wie jede andere Art von modus
obliquus auch seine besonderen Eigenheiten und bei ihrer
Betrachtung müssen wir noch etwas eingehender verweilen.
Wir halten uns dabei an gewisse Beispiele, wo die Beziehung
zu etwas in einem solchen modus obliquus besonders deut-
lich ist. Wir hören eine Folge von musikalischen Klängen
oder von Silben und Worten einer Rede. Was geschieht da?
Ein Ton wird als gegenwärtig gehört und erscheint darauf
X. Relativität der Zeit- und Raumanschauung 157

als vergangen, zunächst als jüngst vergangen, dann als etwas


ferner vergangen, dann als noch ferner vergangen u.s.w. bis
er uns ganz entschwindet. Nach dem soeben Erörterten ist
der Vorgang so zu begreifen: Vom ersten Auftreten bis zu
diesem Verschwinden des Tones wird immer etwas als
gegenwärtig von uns wahrgenommen, zuerst der Ton
selbst, dann etwas, was als später, und so sukzessive etwas,
was als ferner und ferner in der Weise des Späteren von ihm
absteht. Nicht also der Ton selbst wird dann mehr wahrge-
nommen - das Wort Wahrnehmung im eigentlichen Sinne
verstanden, -wohl aber ein als Späteres von ihm Abstehen-
des als solches. Wir mögen daraufhin sagen, der Ton werde
jetzt nicht als gegenwärtig, sondern als kürzlich gewesen
von uns wahrgenommen. Dies gilt gleichmäßig, wenn auf
den Ton ein anderer Ton folgt oder der gleiche Ton anhal-
tend erneuert wird oder auch eine Pause eintritt. Immer wird
etwas als Gegenwärtiges durch die Beziehung von Späterem
zu Früherem die Vorstellung des Tones in modo obliquo
in sich schließen. Die gleiche Erklärung liegt für das Hören
einer Rede, das Sehen einer Bewegung nahe.
5. Doch ein Rätsel bleibt noch zu lösen: Wie kann etwas
mit etwas verglichen und bei diesem Vergleiche von ihm
verschieden befunden werden, wenn nicht es selbst und das,
wovon es verschieden ist, noch einer besonderen Bestim-
mung nach, die ihm an und für sich zukommt, vorgestellt
wird? Ist dies unmöglich, so fragt es sich, welches denn, wo
wir sagen, eines sei später oder früher als das andere, die
Bestimmungen sind, vermöge deren sich die zeitlich ausein-
anderliegenden Dinge oder Phasen eines Vorganges unter-
scheiden. In welchem Betracht steht der zum dritten Male
wiedergekehrte Ton c von seinen sachlich ganz gleichen
Vorgängern als späterer ab, und zwar z. B. von dem einen
doppelt soweit als von dem andern?
Sagt man, das Spätere stehe von dem Frühergewesenen
und das Frühere von dem, was später seiri wird, der Zeit
nach ab und dies in genau entgegengesetztem Sinne, so sagt
dies wohl soviel wie: was als Späteres oder Früheres von
etwas abstehe, stehe als Zeitliches, welches ist, von ihm als
anderem Zeitlichen, welches nicht ist, ab und dies in einer von
158 2.. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

zwei entgegengesetzten Richtungen und in irgendwelchem


geringeren oder größeren Maße. An und für sich scheint
aber z. B. von dem zum dritten Male wiedergekehrten Tone
c nichts gesagt, was nicht auch den beiden vorangegangenen
zukäme, außer, daß der eine ist, die anderen nicht sind. Da
scheint es nun schwer faßlich, wie das gegenwärtige c von
dem einen der beiden vergangeneo c halb soweit abstehen
könne wie von dem anderen, da es doch zwischen Sein und
Nichtsein kein Drittes gibt. Ja, auch das Abstehen in ent-
gegengesetzter Richtung scheint absurd, wenn es sich nur
um den Unterschied von Sein und Nichtsein handelt.
Wir sehen uns hier offenbar auf das Vorhandensein zeitli-
cher Unterschiede hingewiesen, die sich mit denen von
gegenwärtig, gewesen und künftig nicht decken. Das Ge-
wesensein gibt dem früher gehörten, jetzt gewesenen Ton
keine neue Eigenschaft und das Gegenwärtigsein kann nicht
wohl als eine Eigenschaft angesehen werden, wenigstens
nicht als eine, die es von anderem Seienden scheidet. Gegen-
wärtigsein und Sein besagt dasselbe, und so kann man von
jedem, das gewesen ist, auch ebensogut sagen, daß es ge-
genwärtig gewesen ist.
6. Worum es sich bei diesen zeitlichen Bestimmungen,
auf welche die Relationen der in verschiedenem Maße zeit-
lich Abstehendeli als solchen sich gründen, handelt, dürfte
durch die folgenden Erwägungen deutlicher werden. 121)
Wir sprechen von Ruhe und Bewegung, von Wechsel und
Beharren, von Veränderung und von unverändertem Fort-
bestand, von Anfangen, Aufhören, Fortdauern. Durch die
Bezeichnungen "Ruhe", "Beharren", "unveränderter Fort-
bestand", "wechsellose Dauer" wollen wir Unterschiede
ausschließen, die im Falle von Bewegung, Veränderung,
Beginn und Ende für das Vor und Nach gegeben sind.
Allein aller Unterschied kann damit nicht ausgeschlossen
sein, und dies ist selbst sprachlich schon durch Worte wie
"Fortdauer", "Fortbestand" angedeutet, indem das "fort"
ein gewisses Verlassen des alten Zustandes ausdrückt. Der
Gedanke läßt sich verallgemeinern: So wie die Bewegung
hat auch die Ruhe und so wie die kontinuierliche Verände-
rung hat auch das kontinuierliche Beharren, die Dauer, eine
X. Relativität der Zeit- und Raumanschauung 159

Länge, d.i. eine Größe, deren Mehr und Minder nicht ohne
eine Vielheit der Teile und diese wieder nicht ohne Differenz
der Teile denkbar ist. Es muß also auch im Falle eines unver-
sehrten zeitlichen Bestandes eine reale Änderung sich voll-
ziehen, mag uns diese in sich selbst anschaulich werden oder
nur in Reflexion auf andere Veränderungen, die wir als Maß
für die Länge der Dauer benützen, zum Bewußtsein kom-
men.
7. Wären uns diese temporalen Differenzen direkt an-
schaulich gegeben, so würde es sich ohne weiteres erklären,
wie wir solches, was in anderem Betrachte sachlich nicht
differiert, dennoch als zeitlich abstehend erfassen können.
Sie sind uns aber in Wahrheit nicht anschaulich gegeben,
wie sich ergibt, wenn man folgendes erwägt:
a) Wenn wir einschlafen und nach langer Zeit erwachen,
vermögen wir den Abstand des nunmehr gegebenen Augen-
blicks von dem vor dem Einschlafen nicht anzugeben.
b) Wir erkennen, daß alles, was ist, hinsichtlich seiner
zeitlichen Besonderheit übereinstimmen und von dem, was
nach früher, sowohl als von dem, was nach später in glei-
chem Maße von ihm abliegt, durchwegs in gleichem Maße
verschieden sein muß, daß also in dieser Gattung von Be-
stimmungen verschiedene spezifische Differenzen inkom-
patibel sind, nicht nur im seihen Subjekt, sondern auch in
verschiedenen Subjekten. 122) Ebenso erkennen wir, daß
wohl andere Bestimmungen sich im seihen Subjekt erneu-
ern können, niemals aber die gleiche spezifische temporale
Eigenheit wiederkehren kann. Kein Bleiben gibt es für sie
und keine Wiederkehr. So ist denn für alles, was ist, die Zu-
gehörigkeit zu einer gewissen Spezies dieser Gattung
schlechterdings notwendig und die Zugehörigkeit zu einer
anderen Spezies dieser Gattung schlechterdings unmöglich.
Es wäre absurd, wenn jetzt etwas wäre, was nicht diese be-
stimmte Eigentümlichkeit hätte. Würden wir nun diese
Eigenheit wirklich anschaulich vorstellen, so müßte uns
diese Notwendigkeit aus der Vorstellung erkennbar sein,
und würden wir eine andere Spezies der Gattung anschau-
lich vorstellen, so müßte sie sich als absurd zu erkennen
geben. Wie die Erfahrung zeigt, haben wir aber weder von
160 z. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

solcher Notwendigkeit noch von solcher Absurdität in


bezug auf irgendeine uns in der Anschauung gegebene
Bestimmung ein Bewußtsein.123) So bleibt denn nichts übrig,
als zu sagen: so sicher es ist, daß der zeitliche Verlauf als
solcher einen gewissen kontinuierlichen Wechsel involviert,
er ist uns transzendent.
c) Angenommen, das uns Unanschauliche wäre uns an-
schaulich gegeben, wie müßte dann jene Erkenntnis als not-
wendig bzw. als unmöglich aussehen? Die Erkenntnis als
unmöglich müßte von der Art, wie wir sonst etwas als un-
möglich erkennen, durchaus abweichen. Es müßte uns ja,
wenn uns solche Bestimmungen vorlägen, eine und dieselbe,
ganz gleich erscheinend, bald als notwendig, bald als absurd
sich zu erkennen geben. Als notwendig freilich nicht in dem
Sinne des durch sich selbst Notwendigen. Da kein Ding,
wie die Erfahrung es uns zeigt, durch sich selbst notwendig
ist, so kommt ihm auch die Zeitbestimmung nicht als etwas
durch sich selbst Notwendiges zu. Wenn es nicht wäre, so
würde es ja auch an dieser Bestimmung nicht teilhaben.
Wohl aber würde diese Bestimmung, wenn sie uns anschau-
lich wäre, auf ein wirkendes Prinzip des vorliegenden zeit-
lichen Dinges hinweisen, aus dessen Eigentümlichkeit sich
die Zeitbestimmung des von ihm Gewirkten als notwendige
Folge erklärte. Dieses wirkende Prinzip müßte offenbar sein
erstes wirkendes Prinzip sein und das erste wirkende Prinzip
auch für alle anderen zugleich bestehenden Dinge. Es müßte
aber selbst Moment eines notwendigen, gleichmäßig fort-
schreitenden Wechsels sein, der darum einen kontinuierli-
chen Wechsel aller von ihm bedingten Dinge zur Folge
hätte. Ein solcher wäre gegeben, wenn jenes erste Prinzip
allwissend, allwollend und mit seiner Macht alles ent-
scheidend zu denken wäre. Sein Wissen würde ja wie die
Wahrheit wechseln und sein Wollen würde mit steter zeitli-
cher Verschiebung wollen und wirken. 1114)
8. Kehren wir zu der im § 5 aufgeworfenen Frage zu-
rück. Wir haben erkannt, daß zwischen einem Ton c, der als
gegenwärtig, und jedem, der als vergangen und in geringe-
rem und größerem Maße als vergangen von einem Hören-
den vorgestellt wird, nicht nur der Gegensatz besteht, daf}
X. Relativität der Zeit- und Raumanschauung 161

der als gegenwärtig vorgestellte als seiend, die anderen als


nichtseiend gedacht werden. Es scheint vielmehr dem Ge-
genwärtigen eine relative zeitliche Bestimmung zu ihnen
zukommend und zu jedem von ihnen eine andere, ja viel-
leicht eine, die in einem genau anzugebenden Verhältnis der
Abstandsgrößen steht.l25) Damit aber reduziert sich unsere
Frage darauf, ob uns denn überhaupt zeitliche Abstände
und insbesondere auch in ihren Größenunterschieden vor-
stellbar sein könnentrotzder Transzendenz der ihnen zu-
grundeliegenden absoluten spezifischen Zeitbestimmungen.
Man könnte versucht sein, dies in Abrede zu stellen, wenn
man sich nur etwa daran hielte, daß uns auf dem Gebiete
der sinnlichen Qualitäten niemals Abstände ohne die ent-
sprechenden absoluten spezifischen Differenzen anschaulich
gegeben sind, so z. B. weder Unterschiede von Tonhöhen
ohne die Vorstellung gewisser absoluter Töne noch Far-
benabstände ohne die Vorstellung von Farbenspezies. Es
wäre aber unberechtigt, die Forderung zu verallgemeinern.
Man wird dies sofort verstehen, wenn man daran denkt, daß
wir auch sonst vielfach Größenverhältnisse ohne die absolu-
ten Größen, zwischen denen sie bestehen, uns zur Erkennt-
nis bringen. Hat man mir z. B. mitgeteilt, daß ein Mann dop-
pelt so viel Vermögen besitze als ein anderer, so ist damit
über die absolute Größe des Vermögens des einen und
andern gar nichts bestimmt. Das Beispiel ist allerdings nur
ein solches für begriffliches Wissen, aber man braucht nur
vergleichend auf das räumliche Gebiet zu blicken, um zu
erkennen, daß uns auch in echter sinnlicher Anschauung
Abstände gegeben sind ohne entsprechende absolute ört-
liche Positionen. Wenn wir hinausschauen, so erkennen wir,
wofern uns nicht frühere Erfahrungen einen Anhaltspunkt
bieten, nichts über die Distanz der Gegenstände von uns.126)
In seiner Tiefendimension erscheint uns der Ort des Gese-
henen ohne alle absolute spezifische Bestimmtheit. Erscheint
er uns aber dann wenigstens nach Länge und Breite als abso-
lut bestimmt? Viele haben dies behauptet und zu dem Be-
hufe für genügend erachtet, daß uns in der Tiefendimension
alles zwar ohne absolute, aber mit einer gewissen relativen
Bestimmtheit erscheine, nämlich in voller Gleichheit. Aber
162 2. Teil: Die Zeit und das Zeitbewußtsein

beweist dies nicht gerade das Gegenteil? Da auch nach der


Breite und Höhe ganz andere spezifische Ortsdifferenzen
und Abstände den einzelnen Grenzen voneinander zukom-
men würden, so erscheint uns der Gegenstand in bezug auf
das Wo jedes einzelnen Punktes durch keine absoluten Orts-
bestimmungen, sondern nur durch relative spezifische diffe-
renziert. Jeder einzelne Punkt ist für sich durch nichts spezi-
fiziert, allein in seiner Hinordnung zu einem andern er-
scheint jeder von jedem und in anderer und anderer Rich-
tung abstehend. Dem einzelnen Punkt kommt nur die Be-
stimmung zu, ein räumlicher Punkt zu sein, worin liegt, daß
er Punkt eines dreidimensionalen Kontinuums ist, der in
voller Pierose eine Mannigfaltigkeit von Richtungen unter-
scheiden läßt, die achtfach größer ist als die des Eckpunktes
eines Kubus als Scheitel seines stereometrischen Winkels.
Im Vergleich verschiedener Punkte miteinander erkennen
wir den einen als von dem andern abstehend und den einen
und andern als von einem dritten mehr oder minder, z.B.
doppelt oder halb so weit, abstehend oder in verschiedener
Richtung abstehend, aber mit allen diesen Bestimmungen
ist über die absolute spezifische Ortsdifferenz der Raum-
punkte gar nichts ausgesagt.l27)
Ahnlieh ist es denn auch hinsichtlich der Zeit. Wir erken-
nen, indem wir etwas als zeitlich erkennen, es absolut ge-
nommen nur nach seiner allgemeinen Bestimmung als zeit-
lichen Punkt, der als solcher Grenze eines eindimensionalen
Kontinuums ist und bei voller Pierose in zwei einander ent-
gegengesetzten Richtungen Grenze ist, als späterer und als
früherer, und das ist nichts, was nicht einem Zeitpunkt,
wenn er ist, ganz ebenso wie jedem andern eigen wäre. Es
liegt darin, daß er von indefinit anderen Zeitgrenzen eines
indefinit kleinen Kontinuums, welches keiner dieser Gren-
zen nach ist, in indefinit mannigfacher Weise absteht. Das
also zeigt gleichmäßig jeder Zeitpunkt im einzelnen.
Die innere Wahrnehmung, welche ihren Gegenstand mit
Evidenz erlaßt, ist ganz auf ein einziges Jetzt beschränkt.
Sie zeigt uns dieses als Grenze, zu deren Natur es gehört, ein
Kontinuum zu begrenzen. Wir schauen also in innerer
Wahrnehmungtrotz dieser Beschränkung auf das Jetzt nicht
X. Relativität der Zeit- und Raumanschauung 163

nur einen Punkt in recto an, sondern auch in obliquo eine


Zeitstrecke, aber diese, was ihre Länge betrifft, ohne alle
nähere Bestimmtheit. Dagegen stellen wir in der äußeren
Wahrnehmung nicht bloß einen Zeitpunkt in recto mit
zugehörigem indefinit kleinem Kontinuum in obliquo vor,
sondern auch noch andere Punkte, indem wir den in recto
vorgestellten zwar ebenso wie diese ohne absolute spezifi-
sche Bestimmtheit vorstellen, aber doch als in definiten
Maßen von jenen abstehend.
9. Ist die Existenz der absoluten spezifischen Zeitbestim-
mungen einerseits, ihre Transzendenz andererseits erkannt,
so bietet sich uns damit der Schlüssel zur Lösung schwieri-
ger Fragen, von denen gar mancher Forscher perplex und
verzweifelt abließ. So läßt sich die Wahrheit und Evidenz
der inneren Wahrnehmung ganz wohl damit in Einklang
bringen, daß alles, was als gegenwärtig erscheint, ohne jede
zeitliche Differenzierung, jede Gegenwart als solche völlig
gleich jeder früheren sich darstellt, während doch ein steter
Wechsel der absoluten zeitlichen Bestimmtheit so sicher ist,
wie daß Zeitlichsein ein Endigen und Beginnen ist. Auch die
Ansicht der Philosophen wird begreiflich, die an gar keine
anderen zeitlichen Differenzen als an relative glauben woll-
ten. Ebenso die Identifikation der Zeit mit der Dauer und
ihr Ausschluß von den sensibilia communia. 12B) Ganz beson-
ders aber erwächst dem Metaphysiker eine Hilfe, wenn er
durch die Frage beunruhigt wird, weshalb der einen Zeitlage
der Welt der Vorzug vor jeder anderen gegeben worden
sein mag. 129)
Dritter Teil

DER RAUM UND DIE ZEIT

I. Nativistische, empiristische und anoetistische


Theorie unserer Raumvorstellung1ao)
1906[TS 2}

1. Woher unsere Raumvorstellung?


Wie kommt es, daß diese Frage überhaupt ernstlich in der
Wissenschaft aufgeworfen wird, da doch selbst der gemeine
Mann sie ohne Zögern beantworten zu können glaubt? Ich
sehe Räumliches, ich taste es, ja ich unterscheide Örtliches
in jedem Sinne, selbst mit dem Gehör, wo ich wenigstens
das Brausen im rechten und linken Ohr daraufhin leicht aus-
einanderhalte.
So hat denn auch die antike Psychologie (Aristoteles)
hier keinen Skrupel gekannt. Sie glaubt die Raumvorstel-
lung aus der Sensation gewonnen und in jeder vorliegend,
denn diese zeige uns nicht etwa reine Qualitäten, sondern
qualitative, räumlich ausgedehnte, gestaltete, ruhende und
bewegte Konkreta, also deutlich mannigfache Momente,
die die Raumvorstellung involvieren und ihre Abstraktion
ermöglichen. Wie also ist es geschehen, daß hier Zweifel
aufkamen, die, ich bekenne es, nach meiner Überzeugung
sich schließlich als durchaus unberechtigt erweisen?
Nicht bloß das Mittelalter hielt, von Aristoteles' Autori-
tät beherrscht, hier an der Auffassung des gemeinen Mannes
fest, auch Locke, als er seinen berühmten Versuch über den
menschlichen Verstand ausführte, zeigte sich im Ergebnis hier
wesentlich mit ihm einig. Die räumliche Ausdehnung zählt
er zu den einfachen Ideen, die, im Unterschied von der
sinnlichen Qualität, uns durch mehrere Sinne vermittelt
werden. Unverkennbar denkt er dabei nicht an eine reine
Raumempfindung, sondern an Empfindung von Konkretis,
I. Theorien unserer Raumvorstellung 165

an welchen wir räumliche wie qualitative Bestimmungen


finden. Denn wie hätte er sonst bestreiten können, daß es
angeborene Ideen gebe, da ja doch der Mensch nicht
empfindungslos und insbesondere nicht ohne Tastempfin-
dung und Gesichtsempfindung (sehen wir doch auch bei
geschlossenem Auge das Dunkel des Sehfeldes) war, als er
zur Welt kam. Aber in ihnen war alles konkret, also nichts
wie das, was Locke einfache Ideen nannte und aus denen er
dann die zusammengesetzten erwachsen ließ.
Dabei verhehlte sich aber Locke keineswegs, daß die
Raumbestimmungen der wirklichen räumlichen Welt, an
deren Existenz er nicht zweifelte, mit den in den sinnlichen
Bildern gegebenen sich nicht durchgängig decken. Das weiß
ja auch der gemeine Mann, wenn er einen Stab im Wasser
gebrochen sieht, und wenn er sagt, ein gewisser Körper
erscheine darum kleiner als ein anderer, weil dieser nahe,
jener ferner sei. Und Aristoteles hatte ausdrücklich hervor-
gehoben, daß die Sinne, die er bei normalem Zustand der
Organe hinsichtlich der "eigentümlichen Sinnesobjekte"
für verläßlich hielt, wie hinsichtlich der "zufälligen Sinnes-
objekte" (es vermeint einer, der Salz vor sich hat, Zucker,
also etwas Süßes, zu sehen) so auch hinsichtlich der "ge-
meinsamen Sinnesobjekte" (also Bewegung, Ruhe, Größe,
Gestalt) vielfach, ja diese am allerhäufigsten Täuschungen
unterlägen.
2. Es war darum nur ein kleiner Schritt, den Berkeley
tat, als er zu der Behauptung weiterging, daß, selbst die
Wirklichkeit einer räumlich ausgedehnten Welt vorausge-
setzt, keiner der Sinne und insbesondere auch nicht das Auge
die wahren Raumverhältnisse uns auch nur in irgendeinem
Falle zeigten, und daß es darum nur etwa die Erfahrung sein
könnte, die uns darüber unterrichtete. Nur auf Grund ihrer-
schon Locke hatte dies erkannt - können wir angeben,
welche räumliche Tastempfindung einer gewissen räumli-
chen Gesichtsempfindung entsprechen werde, in wieviel
Schritt Entfernung dieser, in wieviel jener gesehene Gegen-
stand sich finde, und daß z. B. ein oval erscheinender Ring
vielmehr ein kreisrunder Reif sei und sich in anderer Stel-
lung auch tatsächlich als solcher dem Auge bieten würde. So
166 3. Teil: Der Raum und die Zeit

sagt denn Berkeley, die Vorstellungen, die wir uns von den
Raumverhältnissen der wirklichen Außenwelt (oder viel-
mehr derjenigen, an welche der Nichtidealist, im Gegensatz
zu ihm selbst, irrig glaube) bildeten, würden uns nicht un-
mittelbar durch die Sinneseindrücke, sondern nur auf Grund
von Erfahrungen gegeben.
Daß er damit im Rechte war, ist unbestreitbar, und wenn
die sog. Empiristen in Ansehung unserer Raumvorstellun-
gen nicht mehr sagen wollten als Berkeley hier lehrte, so
müßten wir uns ihnen zugesellen. Allein sie gehen bekannt-
lich weiter, indem sie in den Sinneseindrücken und insbe-
sondere auch in denen des Auges nicht untereinander und
mit der Wirklichkeit in ihrer Besonderheit übereinstimmen-
de Raumvorstellungen, sondern überhaupt keine gegeben
glauben.
In England schreiben Anhänger dieser Meinung sie
Berkeley selbst zu. J. St. Mill, ein ausgezeichneter Vertreter
des extremen Empirismus, nennt sich und seine Meinungs-
genossen "Berkeleyaner". Das ist ein Mißverständnis. Ber-
keley war so sehr von dem räumlich konkreten Charakter
der Sinnesvorstellungen überzeugt, daß er eine davon freie
Farbenvorstellung z. B. geradezu für unmöglich hielt, wie er
ja überhaupt die Abstraktion von Universalien in Abrede
stellte. Aber eine Lehre wirkt so, wie sie verstanden wird,
und wohl möglich, daß aus diesem Mißverständnis Berke-
leys der ganze englische Empirismus auf dem Gebiete der
Raumvorstellungslehre seinen Ursprung genommen hat.
3. Er mußte aber noch dadurch eine Unterstützung fin-
den, daß wir, wenn die räumlichen Maßverhältnisse, die in
Sinneseindrücken vorgestellt werden, nicht dieselben sind
wie die in der Außenwelt, durch unsere an diesen vollzoge-
ne Messung keineswegs jene mitmessen. Auch stehen uns
für das Phänomen selbst nicht die Mittel zur Verfügung,
deren wir uns wesentlich bei Messungen der Außendinge
bedienen. Insbesondere kein fester, übertragbarer Maßstab.
Denn die Länge einer Hautstrecke ist nicht die von de.r
Tastempfindung vorgestellte Länge. Im Gesichtssinn kön-
nen wir zwar vielleicht Eindrücke, die wir durch ein Auge
empfangen, mit solchen, die wir durch das andere Auge
I. Theorien unserer Raumvorstellung 167

empfangen, großenteils zu phänomenaler Deckung bringen,


doch nie eine Vertikale mit einer Horizontalen. Wir sind
auf Schätzungen oder die keineswegs einwandfreie Methode
der Zählung eben merklicher Unterschiede angewiesen, und
bei diesen Schätzungen geht man zudem sehr oberflächlich
vor, ja unterläßt sie zumeist ganz, da sich das Interesse aus-
schließlich den Raumverhältnissen der wirklichen Welt,
nicht den in unserer Sinnesvorstellung als solcher zukehrt.
Der Gedanke an jene, wenn sie gewohnheitsmäßig fest
assoziiert sind, drängt sich so spontan auf, daß mancher sich
verleiten läßt, sie für etwas im Sinneseindruck Mitvorge-
stelltes zu nehmen, und gar nicht bemerkt, daß noch etwas
davon verschiedenes Räumliches vorliegt, was, in seinen
Maßverhältnissen unbestimmt geblieben, doch darum nicht
minder Größenverhältnisse in sich schließt und ganz andere
als die, welche wir jetzt, weil wir sie unter Anknüpfung
daran erkennen, in ihm enthalten wähnen.
Die sog. Berkeleyaner hatten also vollkommen recht,
wenn sie von den Vorstellungen von Raumverhältnissen,
die der gemeine Mann den Sinneseindrücken selbst zu-
schreibt, behaupten, daß sie vielmehr an diese assoziiert und
gewohnheitsmäßig gebildet seien. Dafür war ihnen der
exakte Nachweis ein leichtes Spiel. Damit schien dann aber,
da die wirklich in den Sinneseindrücken vorgestellten Grö-
ßenverhältnisse schier ohne jede Maßbestimmung geblie-
ben, überhaupt die Vorstellung von Räumlichem aus den
Sinneseindrücken eliminiert.
4. Doch nicht bloß in England, auch in Deutschland ist
ein extremer Empirismus, der den Sinneseindrücken als
solchen jede Vorstellung von Räumlichem abspricht, eine
Zeitlang vorherrschend geworden. Und noch heute hat er
einflußreiche Vertreter. Hier hat er nicht in mißverstehender
Weise an Berkeley angeknüpft, sondern ist aus einer sehr
berechtigten Opposition gegen die Lehre Kants von einer
apriorischen reinen Raumanschauung erwachsen, die als
subjektive Form ein Rezipient für alle Phänomene des äuße-
ren Sinnes werden sollte. Denken wir sie alle weg, so bleibt
nach dieser Lehre der Raum unendlich in Länge, Breite und
Tiefe als schlechterdings nicht wegzudenken.
168 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Das war nun etwas durchaus anderes, als was im Altertum


Aristoteles und in neuer Zeit Locke gelehrt hatte. Ihnen
handelt es sich bei dem Räumlichen wie Qualitativen um
empirische Tatsachen, und Locke glaubte nicht bloß nicht
an eine a priori gegebene, unendliche, reine Raumanschau-
ung, sondern überhaupt nicht an die Möglichkeit, einen
unendlichen Raum anders als etwa negativ zu denken,
indem man in indefinitum die Grenzen verschiebt und er-
weitert. Kant hatte hier als Psychologe schlecht beobachtet
und war auch im Unrecht, wenn er die Möglichkeit geome-
trischer Argumentation von der Beschränkung auf Betrach-
tungen von ebenen Kontinuis von drei Dimensionen ab-
hängig machte. Die Mathematik hat seit Riemann diese
Schranke unbeachtet gelassen und gezeigt, daß Topoidevon
beliebiger Zahl von Dimensionen der Rechnung unterwor-
fen werden können.
Allein wenn die Raumvorstellung nicht im Kantischen
Sinne a priori ist, muß sie darum in dem Sinne der Empiri-
sten erst durch Erfahrungen gegeben sein? Warum denn
sofort zum andern Extrem übergehen und nicht lieber wie-
der zu der Lehre Lockes zurückkehren, daß die Sensation
konkrete, räumlich wie qualitativ determinierte Eindrücke
uns biete?
5. Helmholtz, der Führer des deutschen Empirismus in
der Raumlehre,131) ist aber auch noch von einem andern
Philosophen und von diesem positiv beeinflußt. Herbart,
der das Kontinuum überhaupt für einen widerspruchsvol-
len Erfahrungsbegriff hielt und alles auf eine Vielheit
schlechthin einfacher Seiender zurückführen wollte, konnte
sich weder mit dem Gedanken eines Konkretums von meh-
reren Merkmalen, noch überhaupt mit einer andern Sinnes-
lehre befreunden als einer solchen, die die Sensationen aus
einer Vielheit schlechthin einfacher Qualitäten bestehen
läßt. Daran werden wir erinnert, wenn wir Helmholtz in
seiner Physiologischen Optik bekennen hören, das, was ihn vor
allem gegen die nativistische Theorie einnehme, sei die für
ihn selbst ganz unübersteigliche Schwierigkeit, sich vorzu-
stellen, wie eine einzelne Nervenerregung ohne vorausge-
gangene Erfahrung eine fertige Raumvorstellung zustande
I. Theorien unserer Raumvorstellung 169

bringen könne. Kompliziertsein und dennoch unmittelbares


Datum sein erscheint ihm offenbar wie ein Widerspruch.
Immerhin fügt er bei: "Ich erkenne aber an, daß dieser Ein-
wand vielleicht von zu metaphysischer Natur ist, um auf
naturwissenschaftlichem Boden gehört zu werden" .132) Er ist
sich also bewußt, daß ein solches Argument nicht allen einen
gleich mächtigen Eindruck mache. So werden denn auch
wir ungescheut bekennen dürfen, daß wir selbst zu diesen
gehören. Und es mußten überhaupt andere Argumente
dazukommen, um die empiristische Lehre von Helmholtz
annehmbarer zu machen.
Die unterläßt denn Helmholtz auch nicht, uns darzule-
gen, und wir finden hier wesentlich dieselbe Berufung auf
Assoziation und Macht der Gewohnheit, der wir auch bei
den englischen Empiristen begegneten. Die spontane Macht,
mit welcher sich assoziierte Vorstellungen zudrängen, die
Leichtigkeit, mit der sie sich einstellen und nach jeder
Richtung hin denkend von uns verfolgt werden, soll das
sein, was die Anschauung - d. h. die anschaulichen Assozia-
tionen - von anderen unterscheidet. Ja er erklärt, bei der
Fertigkeit, die er für Untersuchungen betreffs mehr als drei-
dimensionaler Kontinua erlangt hat, geradezu, daß er auch
solche sich anschaulich vorzustellen vermöge.
Daß in den Sinneseindrücken selbst schon ursprünglich
Raumvorstellungen gegeben seien, scheint ihm eine nicht
bloß entbehrliche, sondern erschwerende Hypothese. Denn,
meint er, diese müßten dann durch die Erfahrung überwun-
den und verdrängt werden, damit die der Erfahrung ent-
sprechenden sich statt ihrer geltend machten.
Freilich kommt er bei der Überlegung der Frage, woran
denn eigentlich die durch die Erfahrung gegebenen Raum-
vorstellungen assoziiert werden, in nicht geringe Verlegen-
heit. Es müßten, bekennt er mit Latze, Lokalzeichen da
sein. Da diese in sich selbst uns nicht weiter interessierten,
würden sie gewohnheitsmäßig übersehen und die Neigung,
sie zu übersehen, schließlich so mächtig, daß sie nicht mehr
überwunden werden könne. So vermöchten wir denn nicht
anzugeben, was diese Lokalzeichen in sich selbst seien. Nur
eines gehe aus der großen Leichtigkeit, mit der sich Blind-
170 3. Teil: Der Raum und die Zeit

geborene in die räumlichen Verhältnisse hineinfinden, her-


vor, daß sie in ihrer Aufeinanderfolge eine analoge Ordnung
der Unterschiede zeigten, wie sie im Räumlichen selbst
bestehen.
Seltsam! Wenn Helmholtz so kein Bedenken trägt, zu er-
klären, die Verhältnisse seien wie die räumlichen, die abso-
luten Bestimmungen aber kenne er nicht, warum läßt er
dann nicht auch die Hypothese zu, daß diese gewohnheits-
mäßig übersehenen Vorstellungsmomente des Sinnesein-
drucks geradezu selbst räumliche Bestimmungen seien?
Der Grund, den er angibt, ist ganz unzureichend. Er meinte,
die im Sinneseindruck von Natur gegebenen Raumvorstel-
lungen könnten, wenn sich die durch Erfahrungen über den
wirklichen Raum zu den Sinneseindrücken gesellten, sich
nicht erhalten, sondern müßten in diese umgewandelt oder
ausgetrieben werden. Ganz anders hat er selbst an anderem
Orte über die Qualitätsvorstellung geurteilt, wo er insbe-
sondere hinsichtlich der Erscheinungen des simultanen
Kontrastes sogar viel zu weit geht, indem er mit der Erhal-
tung desselben Grau je nach Umständen die Vorstellung
von Grün, Rot u.s.w. sich so lebhaft assoziieren läßt, daß
das Grau durch Urteilstäuschung in sie verwandelt geglaubt
wird. Nichts also natürlicher als die hier von mir angedeu-
tete Wendung, welche aber, man erkennt es leicht, vom
Empirismus zur wahren Berkeleyschen Lehre, die der von
Locke und Aristoteles sehr nahesteht, zurückführen würde.
6. So ist denn ohne Zweifel in dem Streite, den die sog.
Nativisten mit den sog. Empiristen über den Ursprung
unserer Raumvorstellung führen, dem Nativismll.f der Vor-
zug zu geben, nicht freilich dem Nativismus in gewissen
unwissenschaftlichen Gestaltungen, wo dem Anteil von
Assoziation, Gewohnheit und Erfahrung bei unserer Beur-
teilung von Maßverhältnissen des wirklichen Raumes und
der Feststellung der Äquivalenz verschiedener räumlicher
und qualitativer Sinneseindrücke als Anhaltspunkte für die
Assoziation der gleichen Bestimmungen des wirklichen
Raumes nicht genügend Rechnung getragen wird, sondern
jenem geklärten und gemäßigten, wie er sich schon bei
Locke vertreten findet.
I. Theorien unserer Raumvorstellung 171

7. Doch ist in neuester Zeit dem Nativismus noch ein


anderer und keineswegs verächtlicher Gegner erstanden.
Nach ihm würde der Nativismus so wenig als der Empiris-
mus im Rechte sein und zwar darum, weil wir überhaupt
keine wahre Raumvorstellung besitzen sollen. Vielleicht
erscheint diese Bemerkung verwunderlich und im Wider-
spruch damit, daß wir doch vom Raume sprechend nicht
sinnlos reden und Raumbegriffe es sind, mit denen eine so
weit ausgebildete Wissenschaft wie die Geometrie sich zu
befassen vorgibt. Allein sprechen wir nicht in der Arithme-
tik von Billionen und Trillionen, ohne daß je einer eine so
große Menge sich wahrhaft vorstellig machen kann? Und
geschieht es nicht ähnlich, daß die Theologie Gott, von dem
sie handelt, nicht wahrhaft vorstellen zu können bekennt?
Sie sagt darum, er sei eigentlich unnennbar, weil dem Worte,
damit es zum Namen werde, der betreffende Begriff gesellt
werden müßte. In dieser Weise also könnte man glauben,
ohne Widersinn annehmen zu können, daß die wahre Raum-
vorstellung uns gänzlich fehle und ähnlich wie die wahre
Gottesvorstellung, ja die wahre Vorstellung sehr großer
Zahlen durch Surrogatvorstellungen ersetzt werde. So hat
zwar niemand ausdrücklich über die Raumvorstellung sich
ausgesprochen, allein, genau besehen, läuft die Lehre man-
cher ansehnlicher Forscher auf nichts anderes hinaus. Zu
ihnen dürfen wir eigentlich alle zählen, die den Raumbegriff
mit Widersprüchen behaftet denken (und das sind nicht
wenige, wie neulich in Frankreich Renouvier und seine
Schule und unter den deutschen Physikern z. B. Boltzmann),
dann wenigstens, wenn sie der Ansicht sind, daß Widerspre-
chendes, wie nicht in Wirklichkeit, auch nicht in anschau-
lich einheitlicher Vorstellung gedacht bestehen könne.
Obwohl sich Ernst Mach selbst als einen Nativisten von
besonderer Färbung erachtet, halte ich ihn doch nicht wahr-
haft den Nativisten zugehörig. Allerdings spricht er von
"Raumempfindungen", allein was er "physiologischen
Raum" nennt, entspricht dem wahren Raumbegriff nicht,
denn dieser verlangt Kontinuität in drei Dimensionen. Mach
aber sagt von seinem physiologischen Raum, daß er nicht
kontinuierlich sei, sondern sich aus einer endlichen Zahl von
172 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Qualitäten zusammensetze. Nun soll aber aus dem physiolo-


gischen Raum auch der Begriff des physischen Raumes ent-
wickelt werden, indem nur an die Stelle von absoluten
Bestimmungen bloß relative, ein Nebeneinander, natürlich
ähnlich wie es in jenen besteht, gesetzt wird. Somit fehlt
auch dem physischen RaumMachs dieKontinuität, m.a.W.
er entspricht nicht der Vorstellung, die mit dem Namen
"Raum", wie er in der Geometrie angewandt wird, zu ver-
binden wäre.
Nach Mach würde offenbar ein dreidimensionales räum-
liches Kontinuum, wie es zum wahren Raum wesentlich
gehört, nicht bloß in keiner einzelnen Sensation, sondern
auch nicht in vielen zusammen und ebensowenig in allen
daran zu assoziierenden Vorstellungen (die ja zudem nur
schwächere Wiederholungen von Sensationen sein sollen)
vorliegen. Sie alle zusammen ergeben unmöglich eine kon-
krete Erscheinung, welche dem, was wir unter Raum ver-
stehen, wahrhaft entspräche. Und wie sollte dann ein allge-
meiner Begriff von Raum sich davon abstrahieren lassen?
Es ist dies überhaupt und insbesondere nach Mach unmög-
lich, der an keine universellen Vorstellungen glaubt, und die
angebliche Raumvorstellung überhaupt würde zu Chi-
märe.l33)
Daß keine Sensation (und ebenso natürlich keine Repro-
duktion derselben), weder einzeln noch verbunden, eine
wahre Kontinuität zeige, lehrt und betont insbesondere
auch Poincare mit Nachdruck. Der Wahn, daß dem so sei,
meint er, vergehe sofort, wenn man erwäge, daß niemand
eine Teilung ins Unendliche durchgeführt habe. Im Gegen-
teil erkenne man leicht, daß man schon gewisse höhere Zah-
len bei der Teilung nicht erreiche. Aber ohne Kontinuität
keine wahre Raumgröße. Somit liege in unserer Anschauung
nirgends ein Raum vor. Und daraufhin macht Poincare sich
daran, uns die Weise auseinanderzusetzen, in welcher sich
der Kontinuitätsbegriff, wie wir ihn eben haben, aufbaue.
Er hebt mit den ganzen Zahlen an, fährt fort, indem er die
rationalen Brüche zwischen ihnen einschiebt, und kommt
schon so zu einer Art "alldichter" Zahlenreihe. Nirgends
ist eine eigentliche Lücke, denn zwischen je zwei Gliedern,
I. Theorien unserer Raumvorstellung 173

wie nahe sie auch einander stehen, findet sich immer noch
ein drittes. Wir haben dann eine Kontinuität erster Ordnung.
Ähnlich schiebt er dann die irrationalen Zahlen ein und
kommt zu einem Kontinuum zweiter Ordnung. Wieder
folgt dann die Einschiebung der transzendentalen Zahlen
und ergibt ein Kontinuum dritter Ordnung. Und so könnte
nach Poincare ins Unendliche fort immer wieder eine neue
unendliche Zahlenmenge eingeschoben und ein Kontinuum
höherer und höherer Ordnung hergestellt werden.
Nur solche Verstandesarbeit, nicht Sinnesanschauungen,
versichert er, könnte zur Kontinuitätsvorstellung führen.
Somit müßten wir in ihr die Vorarbeit auch für die Raum-
vorstellung selbst erblicken. Aber wie? Ist irgend eine der
von Poincare hier angeführten Kontinuitäten dem, was der
Geometer unter Raum zu denken fordert, entsprechend?
Sicher nein! Hier fehlen ja immer noch Punkte, im Raum
dagegen wäre nirgends eine punktfreie Stelle. Und wie wä-
ren diese Lücken auszufüllen? Offenbar nur etwa durch
Negation, wie bei der Idee des Unendlichen nach Locke und
der Gottes nach den Theologen in ihrer Lehre von der
theologia negativa. Denn wir müßten sagen, wenn einer ins
Unendliche fortfahrend in der Poincareschen Weise Punkt-
mengen einzufügen, alle umfassen würde, dann würde er in
seinen Gedanken zu jenem Kontinuum gelangt sein, welches
mit gewissen anderen Merkmalen, insbesondere auch der
Dreidimensionalität, verbunden der wahren Idee des Rau-
mes entsprechend wäre. Und so sehen wir denn das bestä-
tigt, was wir zuvor sagten: nach Poincare fehlte uns die
wahre positive Raumvorstellung und es stünde uns nur eine
negative Surrogatvorstellung von etwas, was einheitlich in
aller und jeder Art geteilt werden kann u.s.w., zur Verfü-
gung.
So wären denn Nativismus und Empirismus in gleicher
Weise oder der erste mehr noch als der zweite im Unrecht.
8. Doch dem ist nicht so, vielmehr ist eine solche Substi-
tution unendlicher Punktmannigfaltigkeiten für das, was wir
Kontinuum nennen, durchaus abzulehnen. Schon Stallo
protestierte dagegen in seinem berühmten Buche The concepts
and theories of modern physics, unbeirrt durch die Autorität
174 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Riemanns. Eine Anschauung, z. B. einer Linie, kann sich


nie aus Ausdehnungslosem zusammensetzen. Wäre dies der
Fall, so würde sich - um nur auf eine der absurden Konse-
quenzen hinzuweisen - ergehen, daß die kleinere Linie mit
der größeren zur Deckung gehracht werden könnte, denn,
wie Cantor zeigt und heute alle Mathematiker lehren, kön-
nen die Punkte einer kleineren Linie den Punkten einer grö-
ßeren Linie und umgekehrt eindeutig zugeordnet werden,
die der halben also z.B. denen der ganzen. Es ist klar, daß,
wenn die Linie in den Punkten bestände, durch die so Stück
um Stück zur Deckung gehrachten Punkte die Linien selbst
zur Deckung gehracht wären, was unmöglich ist. Und auch
folgendes sei noch erwogen: Die Geometrie lehrt, daß eine
Linie, wenn man sie halbiert, in einem Punkte halbiert werde.
Die Linie a b c also im Punkte b. Und weiter, daß
man dann die eine Hälfte auf die andere legen könne, z. B.
so, daß &b auf ba falle, mit dem Punkt &den Punkt b und mit
dem anderen Ende den Punkt a deckend. Nach dieser Lehre
würden dagegen die Teilungen der Linie nicht in Punkten
geschehen, sondern absurderweise hinter einem Punkt und
vor allen anderen, von denen doch keiner dem Schnitt am
nächsten läge. Die eine der beiden Linien, in welche die
ganze bei der. Teilung zerfiele, hätte also einen Endpunkt,
die andere aber keinen Anfangspunkt. Dies hat Bolzano134)
ganz richtig gefolgert und wurde dadurch zu seiner mon-
strösen Lehre verleitet, daß es Körper mit und ohne Ober-
flächen gehe und daß der einen Klasse so viele wie der ande-
ren Klasse angehören, indem eine Berührung nur zwischen
einem Körper, der eine Oberfläche habe, und einem andern,
der keine Oberfläche habe, möglich sei. Er hätte aber viel-
mehr durch solche Konsequenzen darauf aufmerksam wer-
den sollen, daß die ganze Auffassung der Linie und anderer
Kontinua als Punktmengen dem Begriffe der Berührung
zuwiderläuft und darum das, was gerade das Wesen des
Kontinuums ausmacht, aufhebt. Der Begriff der Berührung,
wie wir ihn alle besitzen, kann daher unmöglich aus den von
Poincare hergestellten Gebilden gewonnen werden, ja wir
hätten ihn sicher nicht, wenn er uns nicht durch Sensation
oder Reflexion in irgendwelchem Phänomen gegeben wäre.
I. Theorien unserer Raumvorstellung 175

9. Man irrt sehr, wenn man glaubt, daß eine solche in der
Sensation gegebene Berührung von uns gar nicht bemerkt
werden könnte, weil dies eine unendlich feine Unterschei-
dung jedes noch so kleinen Teiles voraussetzen würde.
Wenn wir bei einem Schachbrett mit roten und blauen Fel-
dern jedes Feld wieder in 64 abwechselnd rote und blaue
kleinere Felder zerteilen und diese Teilung noch beliebig oft
wiederholen würden, so kämen wir schließlich zu einer
gewürfelten Fläche von so kleinen roten und blauen Fel-
dern, daß wir keines im einzelnen mehr zu bemerken ver-
möchten. Dagegen würden wir immer noch das Gesamtfeld
bemerken und nicht bloß dies, sondern auch seine Teilnah-
me an Rot und Blau. Es erschiene uns also violett, d.i. rot-
blau. Und wenn die Hälfte der Felder statt blau schwarz
wäre, so erschiene es uns als rotbraun, d.i. als dunkelrot.
Und bestände nicht für den Gesichtssinn jenes Gesetz der
Ausfüllung der unbelichteten Teile des Sehfeldes mit
Schwarz, so würden wir das Rot statt abgedunkelt als reines,
aber wenig intensives Rot, analog einem leisen Ton, gege-
ben haben. Wir bemerken die einzelnen Teilchen Rot ja
auch nicht, wenn wir die intensiv mit reinem Rot gefüllte
Fläche bemerken, bemerken aber doch, daß diese rot ist.
Ähnliches gilt nun auch von dem Bemerken der Berüh-
rung. Wir bemerken nicht, daß sie an dieser oder jener klein-
sten Stelle besteht, da wir ja die kleinste Stelle selbst nicht
bemerken, wir bemerken aber, daß sie in dem Ganzen, das
wir sehen, nicht bloß einmal oder in kleinem Quantum,
sondern allen in allem in sehr beträchtlicher Quantität
gegeben ist, also daß sie wahrhaft gegeben ist und eben den
eigentümlichen unterscheidenden Charakter des Konti-
nuums ausmacht.
So widerlegt sich denn der Einwand völlig. Wäre er rich-
tig, so würde er nicht bloß gegen die Möglichkeit einer
Wahrnehmung von Kontinuität, sondern auch gegen die
der Wahrnehmung eines Rot oder überhaupt irgendwelcher
Sinnesqualität gültig sein.
Hiemit sehen wir die letzte Schwierigkeit behoben. Von
den drei einander bestreitenden Auffassungen, von denen
wir die zuletzt dargelegte als anoetistische, die beiden anderen
176 3. Teil: Der Raum und die Zeit

mit den hergebrachten Namen als die empiristische und die


nativistische bezeichnen mögen, ist die erste ganz falsch,
die zweite nur zu kleinem Teil berechtigt, insofern die Vor-
stellungen, die wir uns von den Raumverhältnissen der
wirklichen Körperwelt auf Grund unserer Sinneswahrneh-
mung bilden, von den räumlichen Vorstellungen in den
Sinneseindrücken selbst verschieden und durch die Erfah-
rung erworben sind. Die dritte aber ist, mit dieser dem
Empirismus geschuldeten Konzession bereinigt, als die
richtige und gesicherte Lehre anzusehen.
10. Dem Empirismus kann nur so viel zugestanden wer-
den, daß an die in der Empfindung gegebenen Raumbestim-
mungen, ja nicht an sie allein, sondern unter vielfacher Mit-
bedingung durch qualitative Dillerenzen (Farbenperspek-
tive, Abnahme der Tonstärke in der Entfernung) davon
verschiedene Raumbestimmungen assoziiert werden, welche
infolge der Gewohnheit mit gleichsam instinktiver Natur-
gewalt sich einstellen und uns für die Beurteilung der räum-
lichen Verhältnisse in der wirklichen Welt maßgebend wer-
den. Es geschieht dies zugleich mit Vorstellungen sehr ver-
schiedenen Inhalts, z. B. von Bewegungen, Muskelempfin-
dungen, die wir dabei haben, was aber alles nicht dazu ver-
leiten darf, die Raumvorstellung selbst mit ihnen zu ver-
wechseln oder durch irgendwelche imaginäre psychische
Chemie sie mischend aus ihnen zusammensetzen zu wollen.
11. Man hat von Seiten mancher Nativisten in Zweifel
gezogen, ob die lokalen Differenzen des einen und andern
Sinnes einander homogen seien. Es genüge ja eine Analogie.
So z. B. Stumpf. Da wir in der Physik und Geometrie es nur
mit relativen, nicht mit absoluten Größenverhältnissen zu
tun haben, so könnte dies in der Tat ohne Nachteil angenom-
men werden. Doch ist der Zweifel nicht berechtigt. Für Ge-
schmack, Geruch, Wärme und Tastsinn, welche gemeinig-
lich für verschiedene Sinne gehalten werden, wäre es absurd,
die Homogenität der lokalen Differenzen zu leugnen, da
diese ja sogar vielfach spezifisch gleiche sind. Diese Quali-
täten verdrängen und vermischen sich wie Farbe Farbe
verdrängt und mit ihr sich mischt. (Kalte Speisen, rauhe
und glatte Speisen, z. B. gebrockte oder geschnittene Kar-
I. Theorien unserer Raumvorstellung 177

toffel, schneidend scharfe Gerüche etc.) Aber auch für die


lokalen Differenzen des Farben- und Tonsinns untereinan-
der und gegenüber den anderen Sinnen vermögen wir den
Nachweis zu erbringen. Man schließe die Augen und errege
durch Einatmen der kalten Luft ein Kältegefühl in der Nase.
Die Gesichtserscheinung erscheint dann über der Kälteer-
scheinung. Man errege bei geschlossenem Auge durch An-
drücken bald des rechten, bald des linken Ohrläppchens
ein Brausen. Die Gehörserscheinung erscheint das eine Mal
mehr links, das andere Mal mehr rechts von der Gesichts-
erscheinung lokalisiert. Daß es nicht wohl angeht, dies auf
die Kenntnis der anatomischen Lage von der Nase und den
Ohren zu dem Auge zurückzuführen, dürfte daraus hervor-
gehen, daß man gar nicht versucht ist, der Gesichtserschei-
nung selbst eine zweifache Lokalisation wegen der getrenn-
ten Lage der beiden Augen zu geben. Die Empiristen ken-
nen alle auch nur eine Gattung von Lokalisation, würde es
aber für die Differenzen, die für die assoziierten die Quelle
sind, mehrere geben, so wäre zu erwarten, daß auch die
assoziierten lokalen Differenzen von verschiedener Gattung
seien. 136)
12. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß die nativisti-
sche Auffassung unter den drei konkurrierenden diejenige
ist, welche der des gemeinen Mannes am nächsten kommt.
Ja, wir könnten in gewisser Weise ähnlich wie Laplace uns
äußern, wenn er sagt, daß die Wahrscheinlichkeitsrechnung
die Rechtfertigung des gesunden Menschenverstandes sei.
Auch in der Lehre vom Ursprung der Raumvorstellung
zeigt es sich, daß das Urteil des gesunden Menschenver-
standes wesentlich im Rechte war. Wie hinsichtlich der
induktiven Schlüsse nicht die Skepsis Humes, so konnte
hinsichtlich des Ursprungs der Raumvorstellung weder der
Empirismus von Helmholtz, noch gar der Anoetismus von
Poincare und anderen das letzte Wort sein. Und heute
schon, denke ich, würde es mit Entschiedenheit zugunsten
des Nativismus gesprochen sein, wenn die Anhänger der
verschiedenen Richtungen immer auch von den Argumen-
ten der Gegner genügend Kenntnis zu nehmen sich ange-
legen sein ließen.
178 3. Teil: Der Raum und die Zeit

II. Die Undurchdringlichkeit der Körper im


Raume beruht darauf, daß die räumlichen Bestim-
mungen substantielle und individualisierende sind*
Diktat, 7. Februar 1915 {TS 6]

1. Die Lehre vom Raum ist die Lehre von den Körpern
als im Raum befindlichen, d. h. als lokalisierten und als
lokalisiert ausgedehnten. Das sind ohne Zweifel reelle Be-
stimmungen, da es ja anderes als Reales nicht im eigentlichen
Sinne gibt. Eine andere Frage ist, ob sie substantielle Be-
stimmungen sind. Darüber sind die Ansichten geteilt. Des-
cartes sah in der räumlichen Ausdehnung das Wesen der
körperlichen Substanz. Dagegen hat er den Ortswechsel
wohl nicht als einen substantiellen angesehen, was dem
vorigen widerspricht, da die Ausdehnung, so gewiß sie eine
räumliche ist, die Örtlichkeit in ihrem Begriffe einschließt,
ähnlich wie eine Zeitlänge den Begriff der Zeitlichkeit. Doch
urteilte er ja ähnlich oberflächlich, als er das Wesen des Gei-
stes in das Denken setzte, aber den Wechsel des Denkens
doch nicht als einen Wechsel der Substanz anerkannte. Im
Gegensatz zu Descartes haben andere die Ausdehnung nicht
als eine substantielle Bestimmung angesehen, die einen,
indem sie diese zu den Akzidenzien des Körpers rechneten,
die anderen, indem sie sie als etwas deuteten, was weder
Substanz noch Akzidenz sei und weit über die Körper hin-
aus ins Unendliche sich erstreckend für sich bestehe und die
Voraussetzung für die Existenz der Körper bilde. Dieser
Ansicht waren Locke und Newton. Sie ist offenbar nicht zu
halten, denn ein Ding wie der Lockesche Raum, was wäre
er anderes als eine besondere Art von Substanz? Die Dien-
ste, die sie leisten soll, sind aber ganz überflüssig. Ein leerer
Raum braucht sowenig etwas Positives zu sein als der Man-
gel eines Tones in einer Tonreihe, wenn beim Abspielen

*) Von dieser Abhandlung hat Kastil zwei Abschriften hergestellt,


wobei er in der zweiten, offensichtlich späteren Abschrift vor allem den
Abschnitt 4 und den ganzen Anmerkungsteil wesentlich veränderte.
Diese umgearbeitete Fassung ist auch hier zum Abdruck gebracht.
[Anm. d. Hrsg.]
li. Die Undurchdringlichkeit der Körper im Raume 179

einer Skala ein Ton übersprungen wird. Zu denen, die die


räumliche Ausdehnung als ein Akzidenz des Körpers an-
sahen, gehört Aristoteles. Nicht er, aber viele seiner mittel-
baren Schüler haben dann der Ausdehnung noch ein Subsi-
stenzverhältnis zu anderen körperlichen Akzidenzien, wie
insbesondere zu den sinnlichen Qualitäten, gegeben, wovon
scholastische Theologen bei der Lehre vom Altarsakrament
Anwendung machten. Da nachweisbar wirklich gewisse
Akzidenzien Subjekt anderer Akzidenzien werden, so wäre
das, von dieser Seite betrachtet, nichts Undenkbares. Fragt
man aber, warum Ausdehnung und Ort als nicht substan-
tielle Differenzen erachtet wurden, so ist der Grund wohl
darin zu finden, daß die Ortsveränderung den Körper, für
sich betrachtet, in seinen Eigentümlichkeiten so gut wie
unverändert läßt, nur seine Nähe und Ferne zu anderen
Körpern wird dadurch geändert. So erscheint die Ortsver-
änderung sozusagen als die geringste, die ein Körper erlei-
det, während man sich unter einer substantiellen V erände-
rung eine besonders bedeutungsvolle vorzustellen pflegt,
die einen tiefgreifenden Wechsel in seinen Bestimmungen
zur Folge hat. Da etwas Derartiges bei der chemischen Um-
wandlung eintritt, so neigt man dazu, diesen Wechsel für
einen substantiellen Wechsel des Körpers zu halten. Ja, J.
St. Mill hat geradezu den Begriff der Substanz dadurch von
dem eines Akzidenz unterscheiden wollen, daß an ihn eine
nicht zu erschöpfende Mannigfaltigkeit besonderer, durch
spezielle Beobachtung festzustellender Eigentümlichkeiten
sich knüpfe. Doch ist dies die wahre Definition einer Sub-
stanz nicht, wenn sie dem Namen seine ursprüngliche Be-
deutung wahren soll, und um darüber zu entscheiden, ob
etwas eine substantielle oder akzidentelle Bestimmung sei,
bedarf es ganz anderer Kriterien. Darin, Subjekt eines andern
zu sein, erschöpft sich der Begriff der Substanz nicht, denn,
wie gesagt, auch Akzidenzien gibt es, die Subjekt von ande-
ren Akzidenzien sind. Vielmehr kommt es darauf an, daß es
selbst kein weiteres Subjekt hat. Woran läßt sich dies aber
erkennen? Ich antworte: Es darf nicht entfallen, ohne daß
eine andere Spezies derselben Gattung an seine Stelle tritt.
So ist denn z. B. das Denkende als solches keine substantielle
180 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Differenz, weil ein Denkfähiges, auch ohne wirklich zu den-


ken, noch existieren könnte und noch immer dasselbe Ding
bliebe.l36)
Die Entscheidung der Frage, ob Ort und Ausdehnung
zur Substanz des Körpers gehören, hängt also davon ab, ob
das örtliche und ausgedehnte Ding noch dasselbe Ding sein
könnte, wenn es sich an gar keinem Orte befände und gar
keine Ausdehnung hätte. Niemand wird dies bejahen, und
wir müssen offenbar die örtlichen Differenzen und darauf-
hin auch die der Ausdehnung als substantielle gelten lassen.
2. Damit ist aber zunächst noch nichts darüber entschie-
den, ob die örtlichen Differenzen des Körpers seine einzigen
substantiellen seien. Das Gegenteil wird schon dargetan
sein, wenn nachgewiesen wird, daß bei jedem Dinge die
Zeitbestimmung ebenfalls zu den substantiellen Differenzen
gehört.
So steht denn auch die Frage noch offen, ob nicht viel-
leicht auch noch Differenzen, die einer dritten Serie ange-
hören, bestehen und substantielle sein könnten,137) oder ob
wir Gründe haben, dies auszuschließen. Wenn wir den Raum
unseres Gesichtsfeldes betrachten, so finden wir ihn in der
Tat in allen seinen Teilen qualitativ erfüllt, denn wenn kein
Licht ihn erfüllt, wozu außer dem Weiß auch die Farben im
engeren Sinn wie Rot, Gelb, Blau und ihre Mischungen zu
rechen sind, so erfüllt ihn ein Schwarz, und dieses ist nicht
etwa dem Mangel aller Qualität gleichzusetzen, sondern
ebenso eine positive Qualität wie das Weiß. Im Unterschiede
vom Gesicht entfallen bei den anderen Sinnen oft und bald
teilweise, bald ganz die Qualitäten, und mit diesem Unter-
schiede hängt eine andere Eigentümlichkeit zusammen,
nämlich die, daß alle Sinne mit Ausnahme des Gesichtssin-
nes eine bald größere, bald geringere Intensität der Erschei-
nung aufweisen. Die Verringerung der Intensität ist aber
auf nichts anderes als auf unmerklich kleine qualitative
Lücken zurückzuführen. Wenn nun bei diesen Sinnen ein-
mal gar keine Qualität gegeben ist, so ist auch nichts vön
Ort und Ausdehnung zu bemerken. Würde z. B. nie eine
Geruchsqualität erregt werden, so hätten wir auch keine
Ahnung vom Geruchsfelde. Dies könnte darauf schließen
II. Die Undurchdringlichkeit der Körper im Raume 181

lassen, daß ein Raum ohne Qualität gar nicht als Phänomen
möglich sei. In Analogie dazu möchte einer dann aber ver-
muten, daß zu einer körperlichen Substanz außer derzeit-
lichen und örtlichen Differenz unumgänglich noch eine
Differenz dritter Serie gehöre, die ähnlich wie die qualita-
tive im Sinnesraum zu der Ortsbestimmung hinzukäme.
Ohne ein solches Analogon der Qualität, könnte man sagen,
würde man einP.n leeren Raum haben, der nichts Positives
und Reales mehr wäre. Dazu stimmte dann sehr wohl auch
die Tatsache, daß nirgends ein Körper ohne alle weiteren
Eigenschaften als die der Zeitlichkeit und Örtlichkeit ge-
funden wird. Sie sind physikalisch und chemisch mannig-
fach spezifiziert, und selbst wenn man auf solches achtet,
was allen Körpern gemein ist, so ist vieles darunter, was sich
nicht durch Analyse im Ort oder in der Ausdehnung finden
läßt. So haben die Körper z. B. alle eine gewisse Elastizität
und diese ist ohne einen gewissen besonderen Zusammen-
hang der Teile und eine Betätigung durch Anziehen und
Repulsion nicht denkbar, wovon aber in den Vorstellungen
von Ort und Ausdehnung nichts enthalten scheint. 13B) Das
also könnte zugunsten einer dritten substantiellen Serie
sprechen, wenn nicht einer Mehrzahl solcher. Freilich haben
wir von ihren spezifischen Differenzen keine Anschauung;
wir haben ja weder ein Recht, die sinnlichen Qualitäten der
wirklichen Welt angehörig zu denken, noch machen wir
uns von einem Analogon dazu eine Vorstellung. Aber dies
verschlägt wenig, da wir ja auf dem geistigen Gebiete, wo
wir die Substanz nur ihrem allgemeinsten Begriffe nach er-
fassen, darum nicht minder von dem Vorhandensein spezi-
fischer substantieller Differenzen überzeugt sein müssen.
3. Doch auch für das Gegenteil lassen sich Gründe gel-
tend machen. Vor allem ist unleugbar die örtliche Bestim-
mung etwas Positives. Auch schon für sich allein, so daß,
selbst angenommen, es gebe irgendwo etwas örtlich Be-
stimmtes ohne Hinzufügung einer qualitativen Bestimmung,
wir doch nicht von einem schlechtweg leeren Orte sprechen
dürften. Denn von absoluter Leere ließe sich erst sprechen,
wenn eine mögliche Örtlichkeit in Wirklichkeit ganz fehlte.
Darum ist die Berufung darauf, daß bei unseren Sinnen,
182 3. Teil: Der Raum und die Zeit

wenn die Örtlichkeit nicht mit einer Qualität verbunden


erscheint, sie überhaupt nicht erscheint, nicht beweiskräf-
tig.139) Faktisch ist es hier so, aber von vornherein wäre das
Gegenteil so gewiß denkbar, als es geschehen kann, daß wir
Örtliches und Ausgedehntes abstrakt von jeder Qualität
uns vorstellen und zum Gegenstand geometrischer Unter-
suchungen machen. Auch hat nicht bloß Descartes dafür
gehalten, daß die ganze Substanz des Körpers in der räum-
lichen Ausdehnung, die jedem positiv eigen ist, bestehe,
sondern auch Locke, da er ihn bekämpft, weiß nichts ande-
res als die "Solidität" hinzuzufügen, d.h. die Undurch-
dringlichkeit,140) um den Begriff des Körpers im Unterschiede
von einem Raume, der nicht von einem Körper erfüllt ist,
zu vollenden. Man beachte, daß er auch den leeren Raum
für etwas Positives und Reelles, nicht aber Undurchdring-
liches gehalten hatte. Freilich mutet diese Vorstellung vom
Raum seltsam an. Wenn er etwas wäre und verschiedene
Teile unterscheiden ließe und keiner davon undurchdring-
lich wäre, warum sollte nicht ein Teil in den andern, indem
er verschoben wird, eindringen können? Es wird hier,
scheint es, eine Undurchdringlichkeit eines Teiles des Rau-
mes für den andern vorausgesetzt, womit dann die Unbe-
weglichkeit eines jeden von ihnen zusammenhänge, ähnlich
wie für den Körper die Undurchdringlichkeit mit anderen
Körpern, aus der einer ja auch ihre Unbeweglichkeit fol-
gern möchte für den Fall, daß Körperliches lückenlos und
endlos nebeneinander gegeben wäre.
4. Hiezu kommt noch ein anderes nicht unwichtiges
Moment. Man fragt sich, ob die Undurchdringlichkeit der
Körper, einer der gesichertsten Lehrsätze der Physik, uns
nur durch die Erfahrung verbürgt sei oder schon a priori
einleuchte. Vielleicht sind manche geneigt, sich für das
erstere zu entscheiden, doch wäre es dann ein logischer
Fehler, die Undurchdringlichkeit der Körper in ihrer Allge-
meinheit für gesichert zu halten. Ein Schluß von den pe-
kannten Fällen auf einen neuen Fall im einzelnen mag dar-
aufhin sogar mit unendlicher Wahrscheinlichkeit gezogen
werden, aber einen Schluß auf das ausnahmslose allgemeine
Gesetz gestattet eine solche inductio per enumerationem
II. Die Undurchdringlichkeit der Körper im Raume 183

simplicem nicht. Schon der Schluß auf zwei neue Fälle wäre
minder wahrscheinlich als der auf einen. Bei dem Schluß auf
eine Vielheit von neuen Fällen, welche hinter der der
beobachteten nicht zurückstünde, würden die Wahrschein-
lichkeiten pro und contra einander die Waage halten, und
wenn man dann auf eine grenzenlose Vielheit neuer Fälle
schlösse, so würde es sich sogar ergeben, daß trotz unserer
imposanten inductio per enumerationem simplicem die
Wahrscheinlichkeit des Gesetzes verschwindend gering
wäre.
Ganz anders im Falle einer Evidenz a priori. Wie aber
soll eine solche verständlich sein? Wie soll in der Durch-
dringung Zweier Körper ein Widerspruch liegen? Ich ant-
worte: Wenn zur Natur des Körpers außer der Zeitlichkeit
und Räumlichkeit auch noch eine andere Serie von Bestim-
mungen gehörte, welche dann mit jenen anderen sich kreu-
zend die substantielle Individualität mitbedingten, in gar
keiner Weise! Recht wohl aber, wenn in jenen beiden Serien
alles zur Individualität der Substanz Gehörige gegeben ist.
Denn dann bürgt das principium identitatis indiscernibilium
dafür. Es würde ja dann die Behauptung, daß zwei Körper
die gleiche örtliche Bestimmtheit hätten, nichts anderes
sagen, als daß sie zwei seien, ohne in irgendeiner Bestim-
mung sich zu unterscheiden, was schon lange, ehe Leibniz
sein principium indiscernibilium formuliert hatte, von Ari-
stoteles als absurd erkannt worden war. Man denke sich,
um das Argument besser zu verstehen, zwei körperliche
Substanzen an verschiedenen Orten, die sowohl in der
Zeitbestimmung als auch nach allen anderen sonst noch
substantiellen Serien übereinstimmen (ähnlich wie zwei
rote Flecken zugleich an verschiedenen Orten des Gesichts-
feldes). Warum könnte nicht der eine in den anderen ein-
dringen? Weil zur Durchdringung die Zweiheit der Sub-
stanzen gehörte, diese Zweiheit aber sofort aufgehoben
wäre, wenn die Verschiedenheit der örtlichen Bestimmung
aufhörte. Sie wären ja dann völlig unterschiedslos, also
nicht mehr zwei. Anders, wenn diese beiden zeitlich glei-
chen, örtlich verschiedenen Substanzen auch in bezug auf
eine andere .substantielle Serie differierten. Da dann nicht
184 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Ort und Zeit allein die Individualität bestimmten, sondern


im Zusammenhange mit ihnen auch diese dritte substantielle
Bestimmung individualisierend wirkte, so kann man nicht
mehr sagen, daß nach Aufhebung der örtlichen V erschie-
denheit auch die Zweiheit aufgehoben wäre. Es läge also kein
Widerspruch in ihrer gegenseitigen Durchdringung. Allein
die Erfahrung zeigt die Undurchdringlichkeit bei Körpern
von verschiedener Beschaffenheit nicht minder als bei sol-
chen von gleicher und somit wäre die Undurchdringlichkeit
nicht mehr aus dem principium indiscernibilium abzuleiten,
falls wir bei irgendeiner zu Ort und Zeit hinzukommenden
Beschaffenheit etwas fänden, was diese als substantiell
kennzeichnete.
5. Wenn aber in den physikalischen und chemischen Ei-
genschaften der Körper sehr bedeutungsvolle Unterschiede
sich zeigen, so bietet dies keinen Einwand dagegen, sie als
bloß akzidentelle Unterschiede der Körper zu fassen. Diese
können ungleich wichtiger als ihre substantiellen Unter-
schiede sein, wie ja auch, um mich eines Vergleiches mit dem
Geistigen zu bedienen, das wirkliche Denken, das als Akzi-
denz zu einer Seele hinzukommt, ungleich bedeutender ist
als die Substanz der Seele selbst. Hier finden sich die Gegen-
sätze von Erkenntnis und Irrtum, edler Liebe und Bevorzu-
gung des Schlechten, und Aristoteles konnte sagen, daß ein
Geist ohne wirkliches Denken, in ewigen Schlaf versenkt,
aller Würde bar und ledig wäre. Auch läßt es sich unschwer
erweisen, daß alle physikalischen und chemischen Erfah-
rungen sich ebenso leicht unter der Hypothese begreifen
ließen, daß es sich dabei um bloße akzidentelle Verhältnisse
und Umwandlungen handle. Ja, es ist dies sogar zu wenig
gesagt, und man könnte auf gewisse, in neuester Zeit fest-
gestellte Tatsachen hinweisen, welche unsere Physiker bis-
her vergeblich miteinander in Harmonie bringen wollten,
die aber auf Grund der neuen Hypothese sofort ohne Wi-
derspruch vereinbar erscheinen.141)
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 185

III. Was über Raum und Zeit aus den entgegen-


gesetzten Irrtümern der Philosophen zu lernen ist
Diktat, 23. Februar 1917 [TS 7]

1. Unsere Sprache besitzt die beiden Ausdrücke Ort und


Raum, denen im Lateinischen locus und spatium entsprechen.
Der Franzose s2.gt lieu und espace, hat aber auch die Namen
endroit und place, ähnlich unseren Stelle und Platz.
Dem Raum stellt man die Zeit gegenüber, doch wohl dem
Worte Zeit auch das Wort Ort. Die Griechen stellten topos
und chronos einander gegenüber, und ich weiß nichts darüber,
daß sie neben dem toposauch noch einen anderen Terminus
verwendet hätten wie die Lateiner neben locus auch spatium.
Haben sie nun topos in zweifachem Sinne gebraucht oder
bedeuten Ort und Raum dasselbe? Und wenn dies, geht die
Frage Wo auf den Ort oder auf den Raum? Und ist auch der
analoge Ausdruck Zeit nicht eindeutig? Und geht die Frage
Wann auf die Zeit nur in einer von den den Namen zukom-
menden Bedeutungen?
2. Man spricht bald von dem Raum wie von einem Einen
und Einzigen, bald auch von Räumen. Was Ort anlangt, so
scheint nur das zweite üblich, es müßte denn einer, ähnlich
wie von anderen allgemeinen Begriffen, fingieren, daß der
Begriff Ort als Universale existiere. 142). Ist nun vielleicht
Ort gleichbedeutend mit Raum, wenn man von einer Viel-
heit von Räumen spricht? Oder besteht noch ein anderer
Unterschied, insofern auch bei einem bloßen Punkt von Ort,
nicht aber von Raum gesprochen wird, indem man bei die-
sem Wort immer an den Ort eines Ausgedehnten, ja eines
Ausgedehnten in Länge, Breite und Tiefe denkt? Man
spricht von großen Räumen und viel Raum, nicht aber von
großen Orten und viel Ort. Daß man im Deutschen an
einem Ort und in einem Raum zu sagen pflegt, scheint von
geringer Bedeutung, da die Franzosen dans un lieu und die
Lateiner in loco sagen. Das Hier geht auf das, was an einem
Ort und was in einem Raum ist, nicht aber auf das, was in
dem Raum ist, wenn er einheitlich gefaßt wird. So auch das
Dort. Ähnliches gilt von dem Jetzt in bezugauf Zeiten und
186 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Zeitpunkte im Gegensatz zur einheitlichen Zeit. Und so


auch vom Dann, dem Dann entspricht das Wann, dem
Dort das Wo.
3. Was meint man, wenn man von dem Raum und der
Zeit als etwas Einheitlichem spricht? Es scheint, daß auch
da verschiedene Begriffe im Spiele sind. So wurde ja die
Zeit - freilich nur sie, nicht auch der Raum - zu einer
mythologischen Figur, zur Gottheit Chronos. Man schrieb
ihr ein Wirken zu, ein Erzeugen und Aufzehren ihrer Kin-
der. Andere dachten unter der einheitlichen Zeit eine an-
fanglos und endlos völlig gleichmäßig sich vollziehende
Bewegung, insofern es diese uns möglich mache, die V er-
hältnisse von Früher und Später zahlenmäßig zu bestimmen.
Die Bewegung einer obersten Himmelssphäre, an deren
ewig gleichmäßige Rotation man glaubte, sollte, insofern
sie das Maß für das Früher und Später abgebe, die Zeit sein.
Andere wieder, die an dem Gedanken einer ewig gleich-
mäßigen Veränderung als Maß für eine zahlenmäßige Be-
stimmung des Früher und Später zwar festhielten, doch
keine solche in Wirklichkeit gegeben glaubten, leugneten
eine wirkliche einheitliche Zeit und meinten, daß eine solche
nur in uneigentlichem Sinne, nämlich in unserem Geiste
bestehe. In ihm hätten wir sie künstlich aufgebaut. Hiemit
waren aber andere nicht einverstanden, obwohl auch sie
nicht glaubten, daß eine solche einheitliche Zeit wirklich
oder, wie sie sagten, an sich bestehe. Sie meinten vielmehr,
sie sei eine unserem inneren Sinn von vornherein gegebene
Anschauungsform. Was immer wir mit dem inneren Sinn
anschaulich vorstellten, stellten wir als in dieser einheitlichen
Zeit bestehend vor. So Kant und andere, die sich von ihm
beeinflußt zeigen.*) Wieder andere glaubten dagegen an

*) Sehr häufig geschah und geschieht es noch heute, daß


man das Gedächtnis zum inneren Sinn rechnet, was grund-
falsch ist, denn das Gedächtnis ist keine Wahrnehmung,
eine innere sowenig als eine äußere. Hat es doch auch nicht
die Evidenz der inneren Wahrnehmung. Nicht das, dessen
wir uns erinnern, sondern nur jenes eigentümliche Glauben,
es sei etwas gewesen und von uns erlebt worden, d. h. unser
TII. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 187

den Bestand einer solchen einheitlichen, anfanglosen und


endlosen Zeit als nicht bloß phänomenal, sondern an sich
bestehend und glaubten, daß uns ihr Bestand unmittelbar
von vornherein als notwendig einleuchte. Fragte man aber,
was diese Zeit sei, so gingen die Ansichten auseinander; die
einen sagten, sie sei kein Ding, wohl aber eine Vorbedin-
gung für alle Dinge, etwas, was wie ein Gefäß sie aufnehme.
So Reid und in neuester Zeit wieder Marty: Die Weise des
Bedingens sei nicht weiter zu erklären; sie sei ganz eigen-
tümlich und werde von uns unmittelbar in ihrer Eigentüm-
lichkeit begriffen. Auch Gott sei dadurch bedingt. Andere
dagegen wollten die so gedachte einheitliche Zeit als etwas
Reales fassen und da sich dies Reale uns als unmittelbar not-
wendig darstellte, so meinten sie, es müsse ein Attribut Got-
tes, nämlich seine Ewigkeit sein. So ausgesprochenermaßen
Clarke, vielleicht aber auch Newton. Wollte man fragen, wie
sich dies Attribut zum Wesen Gottes verhalte, so könnte die
Antwort wohl keine andere sein, als daß es kein akziden-
telles, sondern ein wesentliches Attribut Gottes sei und so
hätte man es denn hier mit der Natur Gottes, d.i. mit Gott
selbst zu tun, der nur vielleicht in einer unbestimmten, nicht
erschöpfenden Weise erfaßt würde. Clarke wollte darauf
einen Beweis des Daseins Gottes gründen und insbesondere
sollte durch den Hinweis auf die unmittelbare, schlecht-
hinige Notwendigkeit der Zeit die Behauptung Humes wi-
derlegt werden, daß kein Ding unmittelbar notwendig sein
könne, da die einfache Leugnung eines Dinges keinen Wi-
derspruch involviere, vielmehr ein solcher nur zwischen
Anerkennung und Leugnung bestehen könne. 144)
Zu allen den erwähnten Auffassungen standen jene christ-

Erinnern, nehmen wir wahr. Kant hat vermutlich dieselbe


Verwechslung begangen und ist so dazu gekommen, die
Zeit zu einer Anschauung des inneren Sinns zu machen.
Sicher ist, daß, wenn wir sehend oder hörend eine Ruhe
oder Bewegung, ein Anhalten eines Tones oder eine Ton-
folge in Rede und Melodie bemerken, Farbiges und Tönen-
des uns wie in räumlichen so auch in zeitlichen Abständen
äußerlich anschaulich wird.l43)
188 3. Teil: Der Raum und die Zeit

liehen Denker im Gegensatz, die wie Augustinus lehrten,


daß die Zeit einen Anfang gehabt habe und bei der Schöp-
fung der Welt von Gott mitgeschaffen worden sei. Gott
selbst als einem völlig unveränderlichen Wesen kommen
nach ihm keine zeitlichen Bestimmungen zu. Von einer
Länge des göttlichen Lebens und einer Fortdauer desselben
kann man nach ihm nicht sprechen; ohne Verschiedenheit
keine Mehrheit und ohne Mehrheit der Teile keine Länge.
Mit der veränderlichen Welt hat also die Zeit begonnen,
von früheren leeren Zeiten kann man nicht sprechen. Soll-
ten wir sagen, die Zeit sei ein einheitliches Ding, das bei der
Schöpfung der Welt so wie die anderen Dinge geschaffen
worden sei? Es scheint nicht wohl anzugehen, Augustinus
eine solche Meinung zuzuschreiben. Vielleicht meinte er,
die Dauer der veränderlichen Welt sei die Zeit der Welt,
welche etwas die Dauer aller einzelnen Geschöpfe in sich
Begreifendes, sie einheitlich Umfassendes sei. Sie würde so
gewissermaßen zu einem Attribut der Welt wie sie nach
Clarke zu einem Attribut Gottes werden sollte. Gar man-
ches bleibt dabei aber im unklaren. Fragen wir insbesondere,
ob nach Augustinus die Zeit eine eigentümliche, ganz
gleichmäßig fortschreitende Veränderung sei, an der jedes
in irgendwelcher Beziehung veränderliche Ding, solange es
bestehe, teilhabe, so sind wir bereits überfragt. Und ebenso-
wenig scheint es möglich, mit Sicherheit zu bestimmen; ob
jene altchristlichen Denker sich unter der Zeit, welche sie
mit der Welt beginnen und geschaffen sein ließen, etwas
Absolutes oder etwas bloß Relatives gedacht hätten.
Wir rühren hier an einen Gegensatz, in welchem die An-
sichten von Newton, Clarke, Euler u.v.a. und andererseits
die von Leibniz und vielen Naturforschern des heutigen
Tages auseinandergehen. Leibniz erklärte die Zeit für etwas
bloß Relatives. Sie soll nach ihm nichts anderes als die Ord-
nung des Nacheinander der Dinge sein. Ein solches Nach-
einander wäre ohne Vielheit des sich Folgenden undenkbar
und somit wäre ein Einzelnes für sich ohne alle zeitliche
Bestimmtheit. Dementgegen behauptet die andere Partei, so
verschieden sie auch sonst über die Natur der Zeit denken
mag, jedes Einzelne habe auch schon für sich eine absolute
fll. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 189

zeitliche Bestimmung, eine zeitliche Position, indem es in


einem absolut bestimmten Punkt der absolut gedachten
Zeit bestehe. Merkwürdigerweise unterscheiden sie sich
aber auch noch untereinander in der Art, daß die einen glau-
ben, jeder Zeitpunkt sei an und für sich betrachtet den ande-
ren ganz gleich, sie seien zwar viele, aber es gelte hier nicht
der Satz, daß diese Vielheit durch Besonderheiten von
Merkmalen, die den Einheiten zukämen, gegeben sei. Das
principium indiscernibilium habe hier keine Geltung. Die
anderen wollen dagegen von einer solchen Ausnahme nichts
wissen. Clarke dürfte zu den ersteren zu rechnen sein, wäh-
rend Marty entschieden zu den letzteren zählt. 146) Man
könnte aber auch bei denen, welche an keine einheitliche
Zeit glauben, sondern nur an viele Zeiten, von welchen
jede mit der Dauer des betreffenden zeitlich Bestehenden
zusammenfällt, einen entsprechenden Unterschied der Mei-
nungen gegeben glauben, indem die einen keinem Moment
des dauernden Bestandes ein besonderes, ihn auszeichnendes
Merkmal zuschrieben, während die anderen dieses tun.
4. Ganz Analoges wie hinsichtlich der Zeit ist nun auch
hinsichtlich des Raumes und der ihn betreffenden Meinun-
gen zu sagen. Diejenigen, welche von einem einheitlichen
Raum sprechen, denken dabei manchmal an etwas, was bei
allen örtlichen Bestimmungen als Anhalt dienen könne. Wie
sie unter der Zeit eine vollkommene, gleichmäßig fortschrei-
tende Bewegung, zu welcher relativ alles in bezug auf sein
Früher und Später zahlenmäßig bestimmt werden könne,
verstanden wissen wollten, so unter dem Raum etwas
schlechthin Ruhendes und mit Vorliebe eine ruhende um-
gebende Grenze. So sollte nach Aristoteles die äußerste
Grenze der körperlichen Welt eine nie sich verrückende
Kugelfläche sein. Sie galt ihm als der topos, in welchem die
räumlichen, zur Welt gehörenden Körper sich finden. Ein
anderer könnte aber recht wohl sagen, daß in einer Vierzahl
fixer Punkte ein solcher Anhalt gegeben sein könne, indem
mit der Angabe der Entfernung eines beliebigen anderen
Punktes von jedem dieser drei eine Bestimmung seiner ört-
lichen Lage zu gewinnen sei. Für den topos des Aristoteles
hat sich herausgestellt, daß er nicht wahrhaft besteht, und
190 3. Teil: Der Raum und die Zeit

auch für schlechterdings ruhende körperliche Punkte läßt


sich nichts in unserer Erfahrungswelt geltend machen. Die
Fixsterne selbst entsprechen nicht dem, was zu ihrer Benen-
nung geführt hat. Gemeiniglich denken aber auch die,
welche in neuerer und neuester Zeit von einem einheitlichen
Raume sprechen, nicht an etwas schlechthin ruhendes Kör-
perliches als Anhalt für zahlenmäßige Maßbestimmung des
Nebeneinander, sondern verbinden damit eine ganz andere
Vorstellung, welche eine weitgehende Analogie mit dem
zeigt, was sie sich unter der einheitlichen Zeit denken. Und
sahen wir bei diesen die Mt!inungen weit auseinandergehen,
so bietet sich uns in betreff des Raumes dasselbe Schauspiel.
Manche lehren, daß, wie die Zeit eine von vornherein gege-
bene Anschauung des inneren Sinnes, der Raum eine von
vornherein gegebene Anschauung des äußeren Sinnes sei.
Was immer wir mit dem äußeren Sinn anschaulich vorstell-
ten, stellten wir als in diesem einheitlichen Raume bestehend
vor. So Kant und spätere, die von ihm beeinfl.ußt sind. In
drei Dimensionen und in jeder derselben unbegrenzt be-
stände nach ihnen ein solcher einheitlicher Raum phänome-
nal und könnte gar nicht weggedacht werden, nicht aber an
sich; selbst unbeweglich, liegt er allen Phänomenen von
Bewegung zugrunde.
Andere aber glaubten an einen solchen allem Körperli-
chem zugrundeliegenden Raum als nicht bloß phänomenal,
sondern an sich bestehend, und glaubten, daß uns sein Be-
stand unmittelbar von vornherein als notwendig einleuchte.
So z. B. Clarke und Reid. Fragte man aber, was dieser Raum
sei, so gingen die Meinungen auseinander. Die einen sagten,
er sei kein Ding, wohl aber eine Vorbedingung für alle kör-
perlichen Dinge, die darin wie in einem Rezipienten enthal-
ten seien. So Reid, dem sich in neuester Zeit wieder Marty
nähert, welcher den Raum zwar in anderen Stücken und
insbesondere auch hinsichtlich der Unendlichkeit und Un-
beweglichkeit ganz ebenso denkt, aber sich dadurch, daß er
ihn erschaffen glaubt, von Reid unterscheidet. Die Refl.e:x;ion
auf die Denkbarkeit von Topoiden von beliebig anderer
Zahl der Dimensionen hat ihn zu dieser Abweichung ge-
führt. So soll denn auch Gott, den Marty von der Zeit
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 191

ebenfalls bedingt glaubt, vom Raum nicht bedingt werden.


Die Weise der Bedingung aber soll beim Raum wie bei der
Zeit eine ganz eigentümliche und darum weiter nicht be-
schreibliche sein.146) Andere dagegen wollten den einheitli-
chen Raum, den sie als Vorbedingung für die Körper, ja für
alles, was überhaupt zur Welt gehöre, betrachten, als etwas
Reales ansehen, und da sie zu denen gehören, welche glau-
ben, daß sein Bestand unmittelbar als notwendig einleuchte,
so meinten sie, auch dieser Raum müsse ein Attribut Gottes,
nämlich seine Unermeßlichkeit sein. So Clarke. Newton
erlaubte sich sogar den Raum das Sensorium Gottes zu nen-
nen, ein Ausdruck, der Leibniz sehr anstößig erschien und
dessen Beschönigung Clarke viel Mühe machte. Das Attri-
but könnte natürlich sowenig als das der Ewigkeit ein akzi-
dentelles sein und so würde man es auch hier wieder mit
Gott selbst, der nur nicht ganz vollkommen erlaßt würde,
zu tun haben. Wie die Notwendigkeit der Zeit, will Clarke
auch die Notwendigkeit des Raumes für den Beweis der
Existenz Gottes verwerten. Reid trägt Bedenken, sich ihm
hier anzuschließen; ist doch nach ihm der Raum wie die Zeit
zwar an sich und nicht bloß phänomenal notwendig, aber
doch nicht ein Ding, nicht eine Substanz und nicht ein
Akzidenz. Der Umstand, daß nach Reid der Gesichtssinn
das Räumliche nur in zwei Dimensionen ausgedehnt zeigen
soll und nur der Tastsinn uns zum Vorstellen und zu der
Erkenntnis der dritten Dimension führt, erscheint ihm nicht
als ein Widerspruch, da es nur auf eine unvollständigere
Erfassung des Raumes beim Gesichtssinn hinweise; das aber
führt ihn auf den Gedanken, daß wohl auch die dreidimen-
sionale Vorstellung des Raumes noch in der Art unvollstän-
dig sein könne, daß ihm an und für sich wohl auch noch
eine vierte und wer weiß, ob nicht auch noch manche andere
weitere Dimension zukommen möge, was dann (wenn ein
Anhänger Clarkes darauf einginge) auch Erweiterungen des
Gedankens der Unermeßlichkeit Gottes nach sich ziehen
würde. Wie Clarke, so hielt auch Reid den Raum für nicht
erschaffen, aber für ein nicht erschaffenes Nichtding.
Wie wir bei der Zeit gewisse altchristliche Denker da-
durch mit anderen im Gegensatz fanden, daß sie der einheit-
192 3. Teil: Der Raum und die Zeit

liehen Zeit einen Anfang zuschrieben, so auch hinsichtlich


des einheitlichen Raumes dadurch, daß sie ihn in seinen
Dimensionen endlich dachten. Über eine gewisse Grenze
hinaus erstreckt sich der von den Körpern erfüllte Raum
nicht und wie es vor der Zeit, in der die Welt ist, keine leeren
Zeiten gab, so sind auch jenseits der Grenzen des Raumes,
den die Körper einnehmen, keine leeren Räume vorhanden.
Hinsichtlich der Frage aber, was denn der von den Körpern
erfüllte Raum sei, ob etwas für sich oder etwas den körper-
lichen Substanzen Akzidentelles, etwa aus der Gesamtheit
ihrer Ausdehnungen sich Ergebendes, darüber bekommen
wir keine befriedigenden Aufschlüsse. So denn auch nicht
darüber, ob es etwas Absolutes oder Relatives sei, doch ist
vielleicht das erstere wahrscheinlicher. Wie Gott keine Zeit,
so kommt ihm auch kein Raum zu, ja auch die Geisterwelt
ist nicht so wie die körperliche im Raum. Hiemit rühren wir
in betreff des Raumes an einen analogen Gegensatz der Mei-
nungen wie wir ihn hinsichtlich der Zeit gefunden haben,
indem viele Modernen, wenn sie von einem einheitlichen
Raum sprechen, damit etwas Absolutes, andere aber etwas
bloß Relatives zu bezeichnen glauben. Newton hielt ihn,
wie gesagt; für etwas Absolutes, das an sich, Kant für etwas
Absolutes, das nur phänomenal bestehe. Leibniz erklärte
ihn dagegen für nichts anderes als die Ordnung der Körper
hinsichtlich ihres Nebeneinander. Ein Zweifel, ob er nicht
vielleicht etwas bloß Relatives sei, war aber schon Newton
aufgestiegen, der ihn dann dadurch behoben glaubte, daß
bei der Achsendrehung eine Zentrifugalkraft sich bemerk-
lich macht, welche, wenn die Kugel feststände und alles sie
Umgebende sich in entgegengesetzter Richtung drehte, nicht
ebenso gegeben sein würde. Auch Euler widersprach Leib-
niz, indem er betonte, daß es ein Unterschied sei, ob ein ein-
zelner Körper oder die Gesamtheit der übrigen bewegt
werde, wenn auch die eine und andere Bewegung zu glei-
chen relativen Lagen führten. Hiemit verbindet er aber noch
eine eigentümliche Lehre, welche ihn bis zu einem gewissen
Maß der Meinung von Leibniz nahebringt. Leibniz hatte
geleugnet, daß irgendeinem Punkt eine absolute Raum-
bestimmtheit zukomme, wenn aber mehrere beständen, so
111. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 193

sollten trotz des Mangels absoluter Bestimmtheiten und


Besonderheiten für jeden einzelnen zwischen ihnen räumli-
che Differenzen und Abstände bestehen. Euler, wenn er an
absolute Ortsbestimmtheiten glaubt und darum auch, wenn
ein einzelner Punkt bestände, ihm einen Ort zukommen
ließe, meint doch, daß der Ortsbestimmtheiten zwar viele
seien, aber daß keine von ihnen ein besonderes, ihn distin-
guierendes Merkmal habe. Das principium indiscernibilium
besteht also nach ihm für die absoluten Ortsbestimmtheiten
nicht. Clarke hatte in seiner polemischen Korrespondenz
mit Leibniz ihm sein principium indiscernibilium überhaupt
nicht als einleuchtend zugestehen wollen, da Gottes All-
macht völlig Gleiches in beliebiger Vielzahl schaffen könne.
Jedes würde dann ein anderes, aber keines ein durch irgend-
ein Merkmal von den anderen Verschiedenes, vor ihnen
Ausgezeichnetes sein. Auch hier ist zu bemerken, daß die-
jenigen, welche hinsichtlich des Raumes so dachten, es
analog auch hinsichtlich der Zeit getan haben. Jeder Zeit-
punkt ist nach ihnen zwar ein anderer, aber ohne jede ihn
auszeichnende Eigentümlichkeit. Wenn er gegenwärtig ist,
so zeigt sich einer ganz so wie der andere. Der Umstand,
daß er ein absoluter und ein anderer absoluter Punkt ist,
scheint es also nach ihnen nicht mit sich zu bringen, daß er
eine absolute, ihn auszeichnende Eigentümlichkeit hat.
5. Wir könnten bei dieser Übersicht über die von den
Philosophen ausgesprochenen Meinungen über Raum und
Zeit noch ausführlicher werden, doch genügt das Gesagte,
um eine Vorstellung von der Uneinigkeit zu geben, die hier
besteht und bei oberflächlicher Betrachtung die Besorgnis
erwecken könnte, als sei hier überhaupt keine Sicherheit zu
gewinnen. Dem aber ist nicht so. Im Gegenteil kann von
gar vielen der vorgeführten Ansichten, so achtbar auch die
Forscher, welche siCh zu ihnen bekannt haben, gewesen
sind, gezeigt werden, daß sie mit klaren Tatsachen oder mit
sich selbst im Widerspruch stehen, und indem die Irrwege
als Irrwege erkannt sind, wird auch der Weg, welcher allein
zur Wahrheit führt, offenbar geworden sein. 147)
So sage ich denn vor allem, daß unter dem Raum und der
Zeit, von denen wir sprechen, wenn wir sagen, daß alle
194 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Körper im Raum seien und daß alles, was geschieht, in der


Zeit geschehe, nicht ein irgendwo ruhendes Körperliches,
sei es eine Himmelssphäre, die nie ihren Ort verläßt, sei es
eine Zahl fester Punkte oder unverrückbarer Koordinaten,
welche uns für alle anderen örtlichen Bestimmungen als
Anhalt dienen könnte, zu denken sei und daß ebensowenig
an eine ewig gleichmäßig sich vollziehende Bewegung, wie
Aristoteles sie in der Rotation einer obersten Himmels-
sphäre gegeben glaubte, als Anhalt für die Bestimmung der
Ordnung von Früher und Später gedacht werden darf.
Solche absolut ruhende Körper und solche absolut gleich-
mäßige Bewegungen liegen uns in der Erfahrung nicht
vor.
Ich sage noch mehr. Auch die Ansicht derjenigen ist zu
verwerfen, welche meinen, unter dem Raum sowohl als
unter der Zeit sei ein bloß phänomenal bestehendes, ausge-
dehntes, in jeder Richtung unendliches Individuum zu ver-
stehen. Ein solches phänomenales Bestehen liefe auf nichts
anderes hinaus als auf das Ansichbestehen eines eine An-
schauung Habenden, und da die Lehre für jeden von uns
gelten soll, so hieße dies nichts anderes, als daß es eine große
Vielheit von solchen gebe, welche die gleichen Anschau-
ungen hätten.
Was aber heißt es, wenn gesagt wird, diese Anschauungen
gäben eine Form für alles ab, was sonst von ihnen angeschaut
wird und was bei verschiedenen verschieden und bei jedem
einzelnen mannigfach kontinuierlich wechseln mag? Auch
solche Verschiedenheiten und Veränderungen auf phäno-
menalem Gebiete können nichts anderes als Verschieden-
heiten und Veränderungen sein, welche nicht wahrhaft und
eigentlich bestehen. Was eigentlich besteht, ist eine Ver-
schiedenheit und Veränderung des Anschauenden.
Somit geht es nicht an, das Zeitliche (und kaum auch das
Räumliche) auf bloß phänomenalem Gebiete zu suchen.
Vielmehr ist, wenn etwas phänomenal in der Zeit ist, sicher
auch etwas an sich in der Zeit.
Das hatte denn auch vor Kant Thomas Reid behauptet
und zwar sowohl von der Zeit als vom Raum. Aber wenn
er beide in grenzenloser Ausdehnung an sich bestehend
m. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 195

glaubte, so sollten sie doch nicht etwas Reales sein, nicht


selbst Dinge, sondern nur Rezipienten für Dinge. Hier,
kann man wohl sagen, liegt einer der Fälle vor, wo die
Begriffe fehlen und ein Wort zur rechten Zeit sich einstellt.
Wenn Zeit und Raum keine Dinge sind, wie können sie dann
unter den Begriff eines Rezipienten fallen, ja wie überhaupt
unter einen Begriff fallen? Ist doch der Begriff eines Dinges
von ausnahmsloser Einheit für alle Gegenstände unseres
Denkens. Jeder, der denkt -das Wort in Cartesianischer
Weite genommen- denkt etwas, und wenn der Begriff des
Denkens, so muß auch der Begriff dieses Etwas ein einheit-
licher sein und wir bezeichnen ihn in einheitlicher Bedeu-
tung mit dem Namen eines Realen. So hatte denn auch schon
Leibniz, wo er in seiner Korrespondenz mit Clarke die Frage
von Raum und Zeit berührt, treffend bemerkt, der einheit-
liche unendliche Raum und die einheitliche unendliche
Zeit, welche Newton allen anderen Dingen zugrunde legen
wollte, würden nichts anderes als reale Subjekte, reale Sub-
stanzen sein, die alles übrige als Eigenschaften an sich hät-
ten. So ist denn Reids Gedanke eine unmögliche Fiktion,
und mit seiner Lehre ist dann auch die damit im wesentli-
chen übereinstimmende Lehre von Marty gerichtet, der,
wenn er den unendlichen Raum, obschon er nichts Reales
sein soll, von Gott geschaffen denkt,148) auch hiedurch noch
und besonders deutlich zeigt, daß er ihm den Charakter des
Realen zuschreibt, obwohl er ihm diesen in einem Atem
abspricht.
Newton und Clarke dachten sich ebenso wie Reid Raum
und Zeit als individuelle Einheiten, in jeder Richtung unbe-
grenzt und notwendig bestehend, aber sie hielten sie für
etwas Reales, vermieden also die Absurdität, welche in der
Annahme von etwas, was ist und doch kein Ding ist, liegt.
Aber was soll das Reale sein, dem unmittelbare Notwendig-
keit zukommt? Sehr begreiflicherweise wurden Newton
und Clarke zu dem Glauben geführt, es hier mit Attributen
des ersten Prinzips aller Dinge zu tun zu haben; aber ist es
nicht eine starke Zumutung, daß uns solche göttlichen
Attribute· anschaulich vorliegen sollen? Und wie soll es
dazu kommen? Sind sie Erfahrungsgegenstände, so wie das,
196 3. Teil: Der Raum und die Zeit

was wir in der sog. äußeren und in der inneren Wahrneh-


mung erfassen?
Reid, der eingehendere Erwägungen darüber angestellt
hat, wie wir zur Vorstellung und Erkenntnis jenes einheitli-
chen Raumes und jener einheitlichen Zeit kommen, verneint
dies entschieden. Vielmehr assoziiere sich der Gedanke des
einen und andern in eigentümlicher Weise dem, was wir
wahrnehmen, wobei aber dann Raum und Zeit, nicht wie die
Wahrnehmungsgegenstände selbst bloß als bestehend, son-
dern als notwendig bestehend erfaßt würden. Aber sind das
mehr als Einbildungen? Was mich anlangt, so muß ich be-
stimmt in Abrede stellen, daß mir die Existenz eines unend-
lichen Raumes und einer unendlichen Zeit als unmittelbar
notwendig einleuchte, sowie auch daß ich vom einen oder
andern eine Anschauung besitze. Und daß das, was von mir
gilt, auch dem Bewußtsein anderer entspricht, sieht man
daraus, daß sehr bedeutende Denker die Notwendigkeit,
ja die Existenz einer anfanglosen Zeit und eines in jeder
Richtung unendlich sich erstreckenden Raumes geleugnet
haben. Aristoteles dachte sich den Raum begrenzt. Augusti-
nus lehrte einen Weltanfang und auch Leibniz hielt einen
solchen für möglich. Damit war aber ein Anfang der Zeit
selbst als möglich erklärt, da nach Leibniz Gottes Leben
ohne zeitlichen Verlauf und die Zeit nichts anderes als die
Ordnung des Nacheinander in der Welt sein sollte. Und wie
keine Zeit, so hätte nach ihm auch kein Raum anfanglos
bestanden.
Ich brauche kaum zu bemerken, daß auch David Hume
dagegen protestiert haben würde, daß uns Zeit oder Raum
als unmittelbar notwendig einleuchten. Solche Notwendig-
keit würde nach ihm nichts anderes besagen, als daß in der
Leugnung ein Widerspruch läge, eine Leugnung könne
aber nur einer Behauptung widersprechen und an dieser
fehle es hier gänzlich. Kant macht sich einmal diesen Rume-
schen Gedanken zu eigen, und wenn er gleichwohl Raum
und Zeit eine gewisse Notwendigkeit zuzuschreiben scheint,
so zeigt sich, genau besehen, daß er dies nicht im eigentli-
chen Sinne tut, denn Raum und Zeit bestehen ja nach ihm
gar nicht an sich, sondern nur phänomenal.
ID. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 197

Wir haben es also, ich wiederhole es, hier mit nichts als
mit Einbildungen zu tun. Keine Anschauung von unendli-
chen göttlichen Attributen, wie Clarke sie in Zeit und Raum
zu besitzen meinte, steht uns zu Gebote. Und wie wäre auch
das Verhältnis solcher göttlichen Attribute zu den kreatür-
lichen Dingen, die wir wahrnehmen, zu denken? Sollen sie
im Verhältnis von Subjekt zu Eigenschaften des Subjekts
stehen? Dann müßten wir Schmerz und Irrtum und Bosheit
als Eigenschaften in das Göttliche hineintragen. Aber wel-
ches andere Verhältnis sollte es sein, da doch Clarke sicher-
lich an kein bloßes Ursachverhältnis dachte?
Hier kann nichts anderes als die Erneuerung und Verbes-
serung der ganzen psychologischen Analyse helfen.
6. Blicken wir vorurteilslos auf das, was uns in den Emp-
findungen und in der inneren Wahrnehmung sowie im Ge-
dächtnis anschaulich gegeben ist. Man hat gesagt und sagt
es oft noch heute, daß uns hier etwas individualisiert er-
scheine.149) Berkeley behauptete sogar, daß wir nie etwas bloß
im allgemeinen vorzustellen vermöchten und hat nicht
wenige zu der gleichen nominalistischen Überzeugung ge-
führt. In Wahrheit ist aber das Gegenteil der Fall. So gewiß
jeder Denkende ein individuell anderer ist, so gewiß ist es
doch, daß keinem Denkenden, indem er sich seiner bewußt
ist, seine individuelle Besonderheit sich offenbart. Es läge
kein Widerspruch darin, wenn zwei, die sich ihrer selbst als
Denkende bewußt sind, in jedem Betracht übereinstim-
mende Wahrnehmungen hätten. Das Individualisierende
liegt in der Substanz, und diese erfassen wir in der Selbst-
wahrnehmung zwar nicht, wie manche meinen, gar nicht,
wohl aber nur in solcher Allgemeinheit, daß Zweifel darü-
ber möglich werden, ob die denkende Substanz körperlich
oder ein unausgedehntes Wesen sei.· Nicht anders steht es
mit der Empfindung primärer Objekte. Nehmen wir z. B. die
des Gesichtssinnes, der die Untersuchung besonders begün-
stigt, da er durch Deutlichkeit vor anderen ausgezeichnet
ist. Hier glauben manche, daß wir die individuelle Anschau-
ung von bestimmt lokalisierten farbigen Gegenständen
hätten. Der roten Punkte mögen viele sein, aber von gleich
lokalisierten roten Punkten kann es nur einen geben, und so
198 3. Teil: Der Raum und die Zeit

scheinen sie individuell determiniert. Allein bei genauerem


Studium findet man etwas sehr Merkwürdiges. Johannes
Müller sagte, daß die gesehenen Objekte beim Sehen nach
außen projiziert würden. Das ist wahr, verlangt aber gar
sehr eine Verdeutlichung. Wenn etwas projiziert wird, so
heißt das hier, daß es in einem gewissen Abstand befindlich
vorgestellt wird. Aber wenn dies, so natürlich in einem Ab-
stand von etwas, was selbst einen Ort hat. Und was ist dies
in unserem Falle? Ist es auch etwas, was farbig qualifiziert
erscheint? Offenbar nicht. Petronievics150) ist daraufhin auf
den Gedanken verfallen, daß es ein Punkt sei, an welchem
wir uns selbst als Sehende befindlich vorstellen.*) Richtiger
dürfte es sein, daß wir einen gewissen Punkt ohne alle Qua-
lifikation in modo recto vorstellen und die farbigen Objekte
nur in modo obliquo, d. h. als etwas, wovon dieser Ort in
gewisser Richtung und in gewissem Maße absteht. Das halte
ich für die genaue Beschreibung von dem, was unter jener
Projektion zu verstehen ist. 161)
Erwägen wir das Gesagte, so stellt sich heraus, daß bei
der Frage, ob die Gesichtswahrnehmung uns etwas indivi-
duell zeige oder nicht, alles darauf ankommt, ob jener Ort,
welcher in modo recto ganz unqualifiziert vorgestellt wird,
irgendwie örtlich durch eine absolute Bestimmung speziali-
siert und ganz genau determiniert erscheine oder nicht. Und
da zeigt sich denn das zweite: er erscheint uns nur ganz
allgemein als ein örtlicher Punkt,162) der zu den anderen in
gewissen Verhältnissen der Richtung und des Abstandes

*) Anatomische Versuche haben die Meinung Descartes',


welche wohl auch Leibniz zugeschrieben werden muß und
die noch Herbart festhielt, daß nämlich ein bestimmter ein-
zelner Punkt des Gehirns der Sitz der Seele, d. i. des Sub-
jekts unseres Empfindens und Denkens sei, unwidersprech-
lich widerlegt. Der Flourenssche "Lebensknoten" ("noeud
vital"), den man einmal mit mehr Schein als andere Organe
als solchen betrachten wollte, hat sich ganz ebenso wie die
Großhirnhemisphäre als paarig erwiesen, ja es gelang nach
seiner völligen Extirpation das psychische Leben noch tage-
lang zu erhalten.
ID. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 199

steht, die für jeden örtlichen Punkt im Vergleich mit gewis-


sen anderen gleichmäßig vorkommen. So genau spezialisiert
diese Verhältnisse gedacht werden mögen, können sie doch
eine Individuation nicht geben. Wer nur weiß, um wieviel
einer einen andern an Reichtum übertrifft, weiß doch viel-
leicht nicht, wieviel der eine und wieviel der andere hat.
7. Etwas Ähnliches wie hinsichtlich des Ortes zeigt sich
auch hinsichtlich der zeitlichen Bestimmtheit. Wir sehen,
sagt man, daß etwas ruht oder daß sich etwas mit einer ge-
wissen Geschwindigkeit bewegt. Es erscheint uns das eine
Mal früher und später, vormals und jetzt am selben Ort, das
andere Mal an anderen und anderen sich zu befinden. Hier
erscheint das Jetzt von einem Vormals wie ein Späteres von
einem Früheren abstehend. Aber erscheint uns außer dieser
relativen Bestimmung auch noch eine absolute Besonderheit
des Jetzt und des Damals? Keineswegs, das Gewesene ist
jetzt gewesen, und ein Zeitmoment, welcher zukünftig ist,
wird einmal gegenwärtig sein und dann ganz ebenso wie der
jetzige erscheinen. Es gilt also in zeitlicher Beziehung ganz
dasselbe, was wir in räumlicher festgestellt haben. Jede abso-
lute Differenzierung163) fehlt, während relative mannigfach
gegeben sind; und dabei erscheint ein Punkt, nämlich der
der Gegenwart, allein als in modo recto vorgestellt, jeder
andere in modo obliquo, weshalb denn auch von dem, was
gewesen ist, sowenig wie von dem, was gedacht ist, gesagt
werden kann, daß es im eigentlichen Sinne sei. 154) Denn das
ist für die Weise des zeitlichen Abstehens im Unterschiede
von der des räumlichen Abstehens charakteristisch, daß nur
das Fundament, nicht aber ebenso der Terminus der Rela-
tion existiert. Und so gehört denn auch das Jetzt zwar immer
als Grenze einem zeitlichen Kontinuum zu, das mit ihm
beginnt oder mit ihm endigt oder in ihm fortdauert, allein
immer nur einem Kontinuum, das einzig und allein dieser
Grenze nach wirklich ist. Man hat dies für etwas Unmögli-
ches gehalten, indem man sich an das hielt, was beim räum-
lichen Kontinuum stattzufinden pflegt. Damit eine Grenze
als Grenze einem Kontinuum zugehöre, meinte man, müsse
dieses Kontinuum seiner Gänze nach und nicht bloß dieser
Grenze nach sein. Allein, daß dies nicht bloß möglich, son-
200 3. Teil: Der Raum und die Zeit

dern wirklich ist, zeigt uns gerade die Erfahrung des zeitli-
chen Jetzt mit unmittelbarer Evidenz. Ja, auch ein räumli-
cher Punkt könnte einmal in Zugehörigkeit zu einem räum-
lichen Kontinuum existieren, das nicht als Ganzes noch
einem ausgedehnten Teile nach, sondern nur dieser punk-
tuellen Grenze nach bestünde. So wäre es z. B., wenn ein
Conus von der Basis aus sukzessive vernichtet würde, im
Moment seiner vollständigen Vernichtung, sei es, daß diese
endgültig wäre, sei es, daß eine neue Schöpfung in entgegen-
gesetzter Sukzession sich unmittelbar daran anschlösse, wo
dann der oberste Punkt der einzige wäre, der nicht vernich-
tet würde, indem er vielmehr dem neu entstehenden Conus
als erster wie dem vergehenden als letzter zugehörte.
8. Nochmals sei gesagt: wir erkennen nicht die spezifische
absolute Eigentümlichkeit des gegenwärtigen oder eines
andern Zeitmoments, von welchem jener als späterer von
Früherem oder als früherer von Späterem absteht, sondern
nur sein relatives Verhalten zu ihm. Ja, es ist dies das
einzige, was wir hier vorzustellen vermögen. Wie wir trotz
so beschränktem V arsteilungsvermögen recht wohl sagen
können, daß der gegenwärtige Moment von einem andern
sich mehr als von einem dritten entfernt zeige, so auch, daß
er sich von den Zeitpunkten Zweier Ereignisse in derselben
Richtung und in gleicher Entfernung zeige und daß er für
alles Gegenwärtige spezifisch gleich sei. Ich sage gleich, nicht
aber ein und dasselbe; was zugleich besteht, besteht gleich-
zeitig, nicht aber, wenn ich mir den Ausdruck erlauben
darf, einzeitig, ähnlich wie man ja auch von zwei gleichmäßig
roten Dingen sagen sollte, daß sie gleichfarbig, nicht aber
daß sie von einer Farbe seien, und daß sie eine ganz gleiche
Röte, nicht aber daß sie eine und dieselbe Röte hätten.
Wer außer den zeitlichen Dingen auch noch ein Zeitliches
für sich und außer den jetzigen Dingen ein Jetzt für sich
annehmen wollte, der würde einem ähnlichen Fehler ver-
fallen wie Platon in seiner Ideenlehre. Weder die unmittel-
bare Erfahrung zeigt derartiges, noch suggeriert s-ie uns
einen solchen Gedanken als notwendig, noch läßt er sich
legitim erschließen. Wir wissen nur, daß sehr viele, ja alle
Dinge zeitlichen Bestimmungen, wie wir sie als absolute
Ill. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 201

nur in höchster Unbestimmtheit und Allgemeinheit und mit


vielfacher relativer Differenzierung haben, unterliegen.
Ganz ähnliches gilt auch von den räumlichen Bestimmun-
gen. Absolut spezifizierte besitzen wir gar keine, wohl aber
besitzen wir die Vorstellung von etwas räumlich Bestimm-
tem im allgemeinen und eine Mannigfaltigkeit von relati-
ven räumlichen Differenzbestimmungen. Weder jene noch
diese sind aber zu hypostasieren, als bestünde außer den
Körpern und dem Körperlichen ein einheitliches, nach
Länge, Breite und Tiefe unendlich ausgedehntes Wirkliches,
das, selbst immobil, körperliche Substanzen und Eigen-
schaften in sich aufnehme und ihnen, je nachdem es dies
diesem oder jenem Teile nach tut, ihre absolute lokale Be-
schaffenheit gebe.
Man hat gesagt, damit ein Körper sich bewege, müsse
doch ein leerer Raum da sein, in den er sich hineinbewege.
Dies war so zwingend, als wenn einer sagen wollte, damit
etwas sich verfärbe, müsse doch schon eine Farbe für sich
da sein, die es dann bei der Verfärbung annimmt.*) Genügt
es zur Verfärbung, daß etwas vorhanden ist, was fähig ist,
die Farbe zu haben, so bei der Bewegung, daß etwas da ist,
was fähig ist, in solcher Weise örtlich bestimmt zu werden.
Wie der sich verfärbende Körper, so erleidet auch der sich
fortbewegende eine Veränderung, nur nach einer andern
Gattung der Bestimmungen.l05)
Man vergleiche auch, zu welchem Widersinn man ge-
langte, wenn man wie für das, was sich räumlich fortbe-
wegt, einen leeren Raum, so für das, was fortdauert, eine
leere Zeit als vorhanden fordern wollte, in die es, indem es
fortdauert, eintrete. Müßte dies doch eine leere Zukunft
sein, allein nichts, was zukünftig ist, ist im eigentlichen
Sinne, und somit muß von der zukünftigen leeren Zeit
ebenso gesagt werden, daß sie noch nicht ist, wie von einem
zukünftigen Menschen oder jedem andern zukünftigen
Dinge.

*) Warum nicht auch, damit jemand in eine Ehe trete,


müsse diese Ehe schon vorher vorhanden sein?
202 3. Teil: Der Raum und die Zeit

9. Wenn wir nun aber nach allem, was wir gefunden, auf
die Meinungen zurückblicken, die von berühmten Denkern
über die Zeit und den Raum ausgesprochen worden sind,
so werden wir zwar keine billigen können, aber die begange-
nen Fehler doch wohl begreiflich finden. Es fehlte nicht an
besonderen Versuchungen dazu, manche verführerische
Analogie bot sich dar, nach entgegengesetzten Seiten konnte
von der richtigen Bahn abgegangen werden, und jeder, der
in einen Fehler fiel, tat es, indem er einen anderen Fehler als
solchen erkannte und sich davon freizuhalten bestrebt war.
Wenn Leibniz die Zeit für die bloße Ordnung des Nach-
einander und den Raum für die bloße Ordnung des Neben-
einander der Dinge erklärte, so bekundete dies die richtige
Einsicht, daß es nicht angehe, die Zeit und den Raum als
etwas außer dem Zeitlichen und Räumlichen Bestehendes
zu denken, sei es als zwei Dinge von unermeßlichem Aus-
maße, sei es, doppelt absurd, als zwei Undinge, die alles
Dingliche vorbedingen. Auch war es ihm nicht entgangen,
daß uns die Anschauung in keinem Falle etwas zeitlich oder
räumlich absolut Differenziertes biete, sondern allenthalben
nur relative Determinationen. Dies müssen wir ihm zum
Verdienste anrechnen und mögen es darum mit Nachsicht
beurteilen, wenn er, wo ihm die Erfahrung nichts als rela-
tive Spezifikationen bot, glaubte, wir dürften annehmen,
daß hier in Wahrheit nur relative Spezifikationen beständen.
Ist uns mit der relativen Spezifikation des Verhältnisses von
Rot zu Blau auch die absolute Differenz sowohl des Roten
als des Blauen gegeben, so sollte man meinen, würden auch
beim Örtlichen und Zeitlichen, falls auch hier nicht bloß
relative spezifische Differenzen, sondern auch absolute
bestünden, uns diese wie jene gegeben sein. Da sie es nun
nicht sind, schließt Leibniz, sie seien auch in Wirklichkeit
gar nicht vorhanden.
Merkwürdigerweise zogen auch seine Gegner, wie New-
ton und Euler, die Annahme zunächst als nicht unmöglich
in Betracht und entschieden sich erst auf Grund besonderer
Erfahrungen für die Anerkennung absoluter, insbesondere
räumlicher Differenzen. Euler fand dabei ihr Fehlen in der
Anschauung so auffallend, daß er, obwohl er eine absolute
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 203

Vielheit voneinander abstehender Orte für gesichert hielt,


für sie zugleich eine Ausnahme vom principium indiscerni-
bilium in Anspruch nahm. Er verkannte die Absurdität,
Vielheiten anzunehmen als Grundlage für mehr minder
große Abstände, wenn jene nur viele und gar nicht spezifi-
ziert sind. Freilich liegt die gleiche Absurdität schon in
Leiboizens Lehre. Wie kann es Abstände geben, wenn nicht
jedes der Abstehenden ein spezifisch anderes ist? Das Her-
beiziehen von besonderen Erfahrungen, zu welchen Euler
und Newton gegriffen, war hier zur Widerlegung der
bloßen Relativität gar nicht nötig.
Newton verfiel aber, indem er sich von dem Irrtum des
Leibniz freihielt, in einen entgegengesetzten und kaum min-
der großen, indem er, wie wir sahen, mit dem Gedanken an
absolute Zeit- und Raumbestimmungen den Gedanken an
einen absoluten, für sich bestehenden Raum und eine abso-
lute, für sich bestehende Zeit unlöslich verknüpft hielt.
Umsichtigere Überlegung zeigt den Schluß als hinfällig.
Es handelt sich vielmehr nur um absolute Eigenheiten der
räumlichen und zeitlichen Dinge, die diese so wenig ent-
behren können, daß die Annahme jener für sich bestehen-
den Absoluten zu nichts als zu einer unnützen Verdoppe-
lung führte. Wenn wir einen musikalischen Ton als c be-
zeichnen, so weisen wir ihm damit eine bestimmte Stelle in
der Skala an, doch wir glauben nicht, daß außer ihm und
den ihm gleich erklingenden Tönen eine Tonleiter für sich
bestehe, mit deren einem Elemente die einzelnen erklingen-
den Töne übereinstimmen und dadurch bedingt sein müs-
sen, so daß der Ton zweimal gegeben wäre, das eine Mal als
Element der Skala, das andere Mal in einem einzelnen er-
klingenden Ton. Ebensowenig dürfen wir aber in den Feh-
ler verfallen, zu glauben, es müsse, damit einem Körper eine
räumliche Eigentümlichkeit und einem beliebigen Dinge
eine zeitliche Eigentümlichkeit zukomme, die gleiche Ei-
gentümlichkeit auch dem Element eines andern Dinges oder
Undinges zukommen, welches dasselbe mit unendlich vie-
len anderen bleibend und notwendig in sich befasse und die
Teilnahme an der betreffenden Eigenheit, in irgend geheim-
nisvoller Weise sie vorbedingend, erst ermögliche. Ganz die
204 3. Teil: Der Raum und die Zeit

gleiche Eigentümlichkeit, welche das Element jenes fingier-


ten Dinges oder Undinges konstituierte, käme auch dem
angeblich von ihm Bedingten zu. Es unterschiede sich von
ihm durch nichts als negative Bestimmungen und durch die
Behauptung, daß es unmittelbar notwendig und ewig sei,
wie Aristoteles dies von den Ideen Platons und deren Ver-
hältnis zu den entsprechenden einzelnen Dingen gesagt
hatte. In der Tat würde eine Kugel an sich nicht runder als
eine wahre einzelne Kugel und das Rote an sich nicht röter
als ein einzelnes wahrhaft Rotes sein.
10. Es ist vielleicht nicht überflüssig, das hier über Zeit
und Raum Gesagte noch gegen gewisse Einwände zu schüt-
zen. Die Meinung, daß es sich beim Räumlichen und Zeitli-
chen um nichts Absolutes, sondern nur um Relatives handle,
ist ja heute bei Naturforschern sehr verbreitet und viele
sagen, man dürfe nicht behaupten, daß etwas sei, wenn man
es nirgends in der Erfahrung vorfinde. Nun hätten wir selbst
zugestanden, daß uns nichts als nur relative räumliche und
zeitliche Bestimmungen gegeben seien, also habe man kein
Recht, irgend etwas mit absoluten räumlichen oder zeitli-
chen Eigenheiten ausgestattet zu denken. Allein ganz ähn-
lich könnte einer argumentieren, keine Anschauung zeige
uns etwas individualisiert, und darum dürfte man nicht an-
nehmen, daß es überhaupt individuelle Differenzen gebe,
sondern nur Universalien als Universalien für wirklich hal-
ten. In diesen Fehler ist aber meines Wissens noch niemand,
außer etwa in gewisser Weise der alte Parmenides verfallen,
der aber daraufhin das Seiende gar nicht mehr als ein Allge-
meines, sondern als ein Einzelnes, weil Einziges, faßte. Nur
daß es sowohl einzelne Dinge als auch Universalien gebe,
wurde behauptet, und auch dieser Irrtum ist längst wider-
legt. Wenn ich erfahren habe, daß jemand einen Hund
besitzt, darf ich zwar daraufhin nicht behaupten, er besitze
eine Dogge oder einen Spitz oder einen Pudel oder einen
Hund von sonst mir genau bekannter Art; allein, daß es
nicht bloß ein Hund im allgemeinen sei, sondern ein irgend-
wie spezifizierter Hund, das darf ich unbesorgt behaupten.
Und ähnliches muß für jedes Universale gelten. Ebenso
haben wir nun auch hinsichtlich des Vorhandenseins irgend-
111. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 205

welcher absoluter Determinationen zu urteilen, wenn uns


nur relative Bestimmungen gegeben sind. Weiß ich, daß
jemand doppelt soviel Vermögen hat als ein anderer, so mag
ich in Unkenntnis über die absolute Höhe seines Eigentums
sein, aber daß sein Vermögen irgendein bestimmtes Maß
habe, ist für mich dessenungeachtet eine ausgemachte Sache.
Wer es leugnen würde, verfiele geradezu in den Fehler jener
Ultrarealisten, welche für sich bestehende Universalien leh-
ren. Denn das doppelte Vermögen kann ebensogut einem
zukommen, der Millionen, als der nur Tausende oder Hun-
derte besitzt. Die verschiedensten absoluten Spezifikationen
sind denkbar, aber der Mangel jedweder spezifischer abso-
luter Größe ist undenkbar. So ist mir denn immer jene Be-
hauptung bloßer Relativität von Zeitlichem und Räumli-
chem bei den Physikern grotesk erschienen.
Noch seltsamer aber fand ich, daß Leibniz, der Philosoph,
der schon bei seiner Doktordisputation nicht-individuali-
sierte Universalien als unannehmbar verworfen hatte, in
einen solchen Fehler verfallen ist und keine von den nahelie-
genden absurden Konsequenzen bemerkt hat. So sollte nach
ihm Gott zwar ebensowohl eine anfanglose Welt als eine
solche, die einen Anfang hat, haben schaffen können, dage-
gen sollte er zwischen einem Früher oder Später des An-
fangs keine Wahl gehabt haben. Wenn man Leibniz gefragt
hätte, ob es in Gottes Macht stehe, diese Welt endigen und
eine andere tausend Jahre später neu beginnen zu lassen, so
hätte er aber diese Frage bejahen müssen. Es wäre ja dann in
dem zeitlichen Abstand der beiden Welten eine relative zeit-
liche Bestimmung gegeben. Absolut aber würde sich der
zweite Weltverlauf vielleicht gar nicht von dem ersten unter-
scheiden, und so schiene denn durch den einfachen Entfall
des ersten der zweite in ihn verwandelt. Sein Anfangspunkt
wäre zum Anfangspunkt des ersten, sein Endpunkt zum
Endpunkt des ersten geworden, welcher doch schon vor
tausend Jahren gewesen ist und für den keinerlei Möglich-
keit mehr besteht. Leibniz, der große Feind aller Indeter-
miniertheit, geriet hier unvermerkt in die Absurditäten des
Indeterminismus und Clarke fühlt sich in seiner Korrespon-
denz mit ihm hier mit Recht als Sieger.
206 3. Teil: Der Raum und die Zeit

11. Indes ist noch vor einem Mißverständnis zu warnen.


Wenn wir sagen, daß es sich bei Zeit und Raum nicht bloß
um relative, sondern auch um absolute Eigenheiten handle,
so meinen wir damit nicht, daß ein Zeit- oder Raumpunkt
ohne jede Beziehung zu andern sein könne. 168) So glauben
wir ja auch nicht, daß einem, der irgend etwas denkt, des-
wegen, weil er selbst als Denkender absolut bestehe, die
relative Beziehung zu etwas als Gedachtem fehle. Nie kön-
nen räumliche und zeitliche Punkte, die in Wirklichkeit
bestehen, ohne jede räumliche und zeitliche Relation sein.
Dies wäre geradezu ein Widerspruch. Sind sie doch immer
bloß als Grenzen und als solche gewissen Kontinuis zuge-
hörig und von unzähligen anderen Raum- und Zeitpunkten,
mögen diese sein oder nicht sein, mehr und minder abste-
hend. Was wir also behaupten, ist nicht der Mangel relativer
Bestimmungen, sondern wir protestieren nur gegen die
Lehre von der absoluten Unbestimmtheit, welche mit den
Raum- und Zeitpunkten nicht anders verfährt als einer mit
den ganzen Zahlen verfahren würde, wenn er behauptete,
es könne eine solche geben, welche nur spezifische Größen-
verhältnisse zu anderen Zahlen, aber keine absolute spezi-
fische Zahlenbestimmtheit besitze, also weder 1 noch 3,
noch 100, noch irgendeine andere spezielle Vielheit sei,
sondern nur eine relative zu ebenso spezifisch unbestimmten
Mengen, so daß sowohl sie als jede von diesen, absolut ge-
nommen, nur Zahl im allgemeinen wäre.
12. Neuere Physiker sind noch auf einen absonderlichen
Gedanken verfallen. Nachdem sie den Bestand von allen
spezifisch unterschiedenen, absoluten räumlichen und zeitli-
chen Eigenheiten geleugnet und nur relative Spezifikationen
hatten gelten lassen, kamen sie dazu, diese Relation mit de-
nen, worin ein Empfindender zu dem Empfundenen, einer,
der ein Phänomen hat, zu diesem Phänomen steht, zu kon-
fundieren. Nicht bloß keine absoluten zeitlichen und räum-
lichen Eigenheiten, sondern auch keine relativen Spezifika-
tionen sollen an sich bestehen. Das Relative sollte nicht mehr
für die Dinge an sich, sondern nur für die Dinge, wie sie
einem Wahrnehmenden erscheinen, Existenz haben. So
könne je nach dem Wahrnehmenden dasselbe zugleich
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 207

räumlich und zeitlich näher und ferner, ausgedehnter und


weniger ausgedehnt sein, was alles durch das früher gegen
Kant Bemerkte unmöglich gemacht ist.
13. Und noch eine andere seltsame Lehre ist aufgekom-
men, daß nämlich die Zeit nichts anderes als eine vierte
Dimension des Raumes sei. Räumlich und Zeitlich sollten
gar keine verschiedenen Begriffe mehr sein. Ein einheitlicher
Begriff- wir mögen ihn den des Räumlich-Zeitlichen nen-
nen - von etwas, was vier Dimensionen hat, soll an die
Stelle treten. Man bildet sich viel auf diese vermeintliche
Entdeckung ein und fühlt sich nicht im mindesten zu der
Frage angeregt, wie es denn dann dazugekommen sei, daß
zwischen Zeit und Raum unterschieden wurde und daß alle
Völker, die die Geschichte kennt, dies getan haben. In
Wahrheit liegt der Grund eben darin, daß der Unterschied
für jeden zutage liegt, wie man schon daraus sieht, daß zeit-
lich nichts, was ist, von etwas, was ist, abstehen kann. Nur
das Gegenwärtige ist im eigentlichen Sinne anzuerkennen,
und kein Gegenwärtiges steht von einem andern Gegen-
wärtigen zeitlich ab, sondern nur von einem V ergangenen
oder Zukünftigen, von welchen das eine nicht mehr, das
andere noch nicht ist, von denen also keines im eigentlichen
Sinne anzuerkennen ist, sondern nur in modo obliquo, in
welcher Weise auch etwas als gedacht anerkannt werden
kann, obwohl das, was gedacht ist, vielleicht absurd und im
eigentlichen Sinne unmöglich ist (z. B. ein rundes Viereck).
Ganz anders verhält es sich mit räumlichen Abständen. Von
zwei Städten, die 1000 Meilen voneinander entfernt liegen,
ist die eine ebensogut im eigentlichen Sinne anzuerkennen
wie die andere.
Daß man mit dieser Konfusion von Räumlichem und
Zeitlichem keinen glorreichen Fortschritt, sondern einen
betrüblichen Rückschritt gegenüber dem, was schon allge-
mein erkannt war, gemacht hat, geht hinreichend schon
daraus hervor, daß etwas wohl ohne räumliche Ausdehnung
und Position und überhaupt ohne Zugehörigkeit zu etwas
räumlich Ausgedehntem, als ein geistiges Wesen, oder auch
als zugehörig zu einem Topoid von beliebiger Dimensionen-
zahl bestehen könnte, nichts aber der Zugehörigkeit zu
208 3. Teil: Der Raum und die Zeit

einem zeitlich Ausgedehnten, welches eindimensional ver-


läuft, entbehren kann.
Kurzum, das Verhältnis von Vor und Nach mag zwar
mancherlei Analogien mit dem von örtlichen Abständen
aufweisen, ist aber doch unverkennbar nicht das gleiche.
Wenn wir räumlich senkrecht zueinander drei Koordinaten
errichten, so ist es ganz gleichgültig, in welcher Richtung wir
die einzelnen verlaufen lassen. Wollten wir die Zeit als wahre
vierte raum-zeitliche Koordinate gelten lassen, so müßte
deren Verschiebung anstandslos zugelassen werden, ja sich
ebenso konsequent und notwendig mit den anderen Ver-
schiebungen verknüpfen, wie diese unter sich verknüpft
sind. Der Ortspunkt des Hier ist nicht identisch mit dem
Zeitpunkt des Jetzt und der eines Dort mit dem Zeitpunkt
eines Dann, wenn auch dasselbe hier und jetzt ist und dort
und dann. Der Ortspunkt ist Grenze für ein Räumliches in
vielen, ja vielleicht in allen denkbaren räumlichen Richtun-
gen, aber niemals Grenze in einer der beiden zeitlichen Rich-
tungen, und vom Zeitpunkt gilt das Umgekehrte.
Wäre die Zeit die vierte Dimension des Raumes, so
könnte ganz ebenso, wie auf einer Ebene in einem Punkt ein
Lot errrichtet werden kann, ein solches Lot auch auf einem
gegenwärtigen dreidimensionalen ebenen Raum errichtet
gedacht werden, das eine Zeit von gewisser Länge wäre.
Diese Zeit würde mit jeder von dem Fußpunkte des Lots
ausgehenden geraden Linie einen rechten Winkel bilden,
und man könnte von einem Endpunkte derselben nach der
Spitze des zeitlichen Lots eine Hypotenuse gezogen denken,
die dann wohl ähnlich einer Bewegung zu denken wäre,
welche kontinuierlich gleichsam lokal und temporal vari-
ierte. Es wären dies aber nicht zwei Variationen, sondern
eine Variation vom gleichen Grade, wie er der reinen Zeit-
linie und der reinen unzeitliehen Raumlinie, den beiden
Katheten, zukäme. In das alles denkt man sich schwer hin-
ein, da es schon absurd war, eine unzeitliehe Raumlinie in
einem Scheitelpunkt mit einer unräumlichen Zeitlinie, wie
sonst Raumlinie mit Raumlinie, aneinander grenzen und
eine gebrochene longitudinale Größe bilden zu lassen.
Nichtsdestoweniger wird sich die Fiktion, als sei die Zeit
ITI. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 209

die vierte Dimension des Raumes, in manchem Betracht als


unschädlich erweisen. Schon Lagrange hat dies hervorgeho-
ben und es zulässig gefunden, daß der Mechaniker die Zeit
wie eine vierte Dimension des Raumes behandle. Ja, es läßt
sich nachweisen, daß zwischen Zeitlängen und linearen
Längen ein genaues Größenverhältnis bestehen muß und
daß z. B. ohne Absurdität gesagt werden kann, daß die Ge-
genwart von einem gewissen Punkte der Vergangenheit
genau um einen Meter abstehe. (Nur darf man sich nicht
einbilden, diesen durch Messung in der Geschichte ausfin-
dig machen zu können.)
14. Was ist nach alledem, was wir teils positiv festgestellt,
teils polemisch abgewiesen haben, von dem Zeitlichen und
Räumlichen zu sagen?
Vor allem, daß es sich bei den beiden um Reales handelt.
Ferner um etwas, was zwar in Wirklichkeit immer absolut
determiniert, spezifiziert und individualisiert, für uns aber
nach keinem seiner absoluten spezifizierenden Merkmale,
sondern nur mit relativen Spezifikationen anschaulich und
begrifflich denkbar ist. Nur seinem allgemeinsten absoluten
Begriff nach liegt das Zeitliche wie das Räumliche uns vor.
Nach diesem erscheint das Räumliche sowohl als das
Zeitliche als etwas, was nur in kontinuierlichem Zusam-
menhang bestehen kann. Ihre letzten Elemente sind Gren-
zen, welche als solche nichts für sich, wohl aber in Zugehö-
rigkeit zu einem Kontinuum sind. Und zwar gehört die
räumliche Grenze immer einem dreidimensionalen Konti-
nuum, die zeitliche einem eindimensionalen an.
Dieses Kontinuum fällt beim Räumlichen mit dem Kör-
perlichen als solchem zusammen. Dazu gehört Akzidentelles
und Substantielles. Wenn wir etwas Farbiges sehen, so pro-
jizieren wir es, wie schon gesagt, m.a. W. wir stellen einen
Punkt als in gewisser Richtung und Entfernung von ihm
abstehend vor, ohne diesen Punkt selbst farbig vorzustellen.
Wir dürfen wohl sagen, daß wir in ihm etwas vorstellen, was
sich zu einem eben dort gedachten Farbigen wie zu einem
Akzidenz eines Subjekts, das dem Fundament der Relation
homogen ist,157) verhält. Und so dürfen wir sagen, daß ein
Räumliches als solches nicht bloß ein Reales sei, sondern
210 3. Teil: Der Raum und die Zeit

etwas Substantielles, dessen substantielle Bestimmung dann


auch in die Bestimmung der Akzidenzien eingehe, für
welche die Substanz Subjekt ist.
Vergleichen wir damit das Zeitliche. Wie das Räumliche
mit dem Körperlichen, so fällt das Zeitliche mit dem Ding-
lichen überhaupt zusammen, und wie es unmöglich ist,
etwas anderes als Reales vorzustellen, ist es darum auch un-
möglich, etwas anderes als Zeitliches vorzustellen, also auch
unmöglich, etwas anderes als Zeitliches anzuerkennen. Und
somit ist es gesichert, daß nichts ist, außer, was zeitlich
beziehungsweise gegenwärtig ist.
15. Dagegen wird man wohl mancherlei Einwände erhe-
ben, aber sie lassen sich leicht widerlegen.
a) So könnte einer sagen, auch vom Zeitlichen selbst wird
manches nicht als gegenwärtig, sondern als vergangen oder
zukünftig anerkannt, wie geschichtliche Tatsachen und
astronomische und viele andere Ereignisse, die wir voraus-
sehen können.
Allein, genau erwogen, heißt etwas als vergangen aner-
kennen sowenig es im eigentlichen Sinne anerkennen, als
wenn man etwas als gedacht anerkennt. Erkennt man hier
eigentlich einen Denkenden an, so erkennt man dort im
eigentlichen Sinne die wirklich bestehenden Dinge als wie
Späteres von Früherem abstehend an, wobei, wie gesagt,
nach der Eigentümlichkeit des zeitlichen Abstehens das,
wovon etwas absteht, nicht ebenso wie dieses selbst ist.
b) Ein anderer Einwand mag dahin gehen, daß es Gesetze
gebe, die so allgemein sind, daß sie jede zeitliche Beschrän-
kung ausschließen. Sie hätten ewige Geltung, nicht zeitliche.
So könne z. B. das "ist" im Pythagoreischen Lehrsatze nicht
durch ein "ist gegenwärtig" interpretiert werden.
Allein man erkennt leicht, daß man es auch bei Verhältnis-
sen von Quadraten mit solchem zu tun hat, was den zeitli-
chen Dingen zugehört. Und noch deutlicher mag es werden,
wenn man beachtet, daß ebenso wie von ewigen geometri-
schen wohl auch von ewigen mechanischen Gesetzen ge-
sprochen wird, wie wenn man z. B. das Gesetz der Trägheit
für ein solches erklärt. Daß aber diese, indem sie auf Ruhe
und Bewegung, auf solches gehen, was nicht anders als zeit-
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 211

lieh sein kann, ist doch selbstverständlich. Ist aber dies


erkannt, so ergibt der Rückblick auf die Lösung des ersten
Einwandes auch die Lösung dieses zweiten. Der Pythago-
reische Lehrsatz besagt nichts anderes, als daß das Gegen-
wärtige weder ein rechtwinkliges Dreieck enthalten könne,
bei welchem die Gleichheit der Summe der Quadrate über
den beiden Katheten mit dem Quadrat über der Hypotenuse
fehlt, noch von einem Dreiecke abstehen könne, welches
dieser Gleichheit ermangelt habe oder ermangeln werde.
c) Noch ein dritter Einwand dürfte nicht ausbleiben. In
alter wie neuer Zeit haben sich namhafte Denker dahin aus-
gesprochen, daß es, wenn nicht viele, doch wenigstens ein
Wesen geben müsse, das, weil unmittelbar notwendig, auch
völlig dem Wechsel entrückt und darum auch ohne jedes
zeitliche Vor und Nach sei. Aristoteles lehrte dies von der
Gottheit, ja er schrieb auch den Sphärengeistern und der
Substanz der Sphären selbst, welche er für unwandelbar
hielt, zeitlose Existenz zu. Auch die Neuplatoniker lehrten
die Zeitlosigkeit ihres urersten Einen, und die spekulativen
Kirchenväter, wie insbesondere Augustinus, erklärten
ebenso Gott für absolut wechsellos und darum ohne alles
Vor und Nach. So erhielt sich denn diese Lehre auch im
Mittelalter, und wir finden sie selbst bei Leibniz wieder.
Die dem Christentum ebenso zugetanen englischen Denker
Newton, Clarke und Reid anerkannten dagegen zwar die
Ewigkeit Gottes als ein anfang- und endloses Vor und Nach,
näherten sich aber immerhin jenem Gedanken der Zeitlosig-
keit in seltsamer und meines Erachtens absurder Weise, da
nach ihnen jeder Augenblick der göttlichen Dauer ein
unterschiedslos anderer sein sollte. Weist man mit Leibniz den
Widerspruch, der hierin liegt, nach, so mag dies wieder
dazu führen, die Zeitlichkeit Gottes überhaupt zu leugnen.
Von denen, die dies tun, haben nun allerdings viele zugleich
bestritten, daß Gott mit den anderen Dingen unter den Be-
griff des Realen falle. Ihm komme gar kein Begriff gemein-
sam mit etwas, was wir uns vorzustellen vermögen, zu, und
so bliebe es auch nach Ausschluß der Gottheit vom Zeitli-
chen immer noch denkbar, den Begriff des Realen mit dem
des Zeitlichen zu identifizieren.
212 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Allein ein so weitgehender Agnostizismus hat den ganzen


Theismus dem Spotte Humes preisgegeben, der nicht ohne
Schein bemerkte, daß, ihm verfallen, sich die Theisten gar
nicht mehr von den Atheisten unterscheiden. Und so sehen
wir denn auch Leibniz nichts weniger als geneigt zu leug-
nen, daß Gott wahrhaft ein Reales und wohl auch ein Er-
kennendes und das Gute Liebendes und Bevorzugendes sei.
Da er trotzdem jeden zeitlichen Verlauf in Gott leugnet, fin-
den wir also bei ihm die von uns behauptete Identität von
Realem und Zeitlichem ganz in Abrede gestellt. Offenbar
hatte er sich die Konsequenzen nicht klar gemacht. Trende-
lenburg, ein großer Verehrer Leibnizens, erklärt es für ein-
leuchtend, daß, wenn auch vielleicht Ruhe aus Bewegung,
doch niemals Bewegung aus Ruhe sich ergeben kann, was
noch gesicherter erscheint, wenn wir es so fassen, daß völlig
Wechselloses nicht Ursache von Wechselndem sein kann.
Nun aber ist Wechsel in der Welt, also muß auch das erste
Weltprinzip ein wechselndes Dasein haben. Aristoteles, der
das Gegenteil lehrte, hat doch die Schwierigkeit einer sol-
chen Lehre besser als Leibniz bemerkt und sich viel Mühe
gegeben, den Abstand zwischen dem schlechthin Wechsel-
losen und dem mannigfachen Wechsel Unterworfenen zu
überbrücken. Der erste Wechsel sollte in einer Rotation
bestehen, welche in steter Gleichmäßigkeit verlaufend,
immer das, was sie aufhebt, ersetzt. Leicht läßt sich zeigen,
daß das, was er so künstlich konstruiert, nicht ausreicht,
denn seine oberste Fixsternsphäre setzt bei ihrer Drehung
so gewiß nicht Gleiches an die Stelle von Gleichem, als sie
nicht durchwegs leuchtet und die an ihr leuchtenden Fix-
sterne unregelmäßig verteilt sind. Aber auch sonst ist die
Erklärung unzureichend. Sein erstes bewegendes Prinzip
soll, da es nicht Bewegung sein kann, ein allerkennender
und ordnender V erstand sein. Aber dieser V erstand wäre
wahrlich nicht allerkennend, wenn ihm zwar die ganze
Weltordnung in ihrem Verlaufe bekannt wäre, aber verbor-
gen bliebe, was davon ist oder schon war oder erst sein
wird. M.a. W. so gewiß das Sein der Welt, so gewiß wech-
selt auch die darauf bezügliche Wahrheit, und da das allwis-
sende Wesen alle Wahrheit erkennt, aber doch nichts darü-
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 213

her hinaus erkennen kann, so muß es als erkennendes so


gewiß in einem Wechsel begriffen sein, als die Wahrheit
selbst, d.h. die Dinge andere und andere werden. Weit ent-
fernt, mit sich in Widerspruch zu treten, wird der Allerken-
nende sukzessiv etwas für zukünftig, gegenwärtig und ver-
gangen halten und der mit seinem Willen allmächtig Bestim-
mende etwas sukzessiv als zukünftig und gegenwärtig wol-
len und dann als früher geschehen gutfinden. So zeigt sich
denn, daß wir uns nicht in jenen nichtigen Agnostizismus
hineindrängen lassen müssen, wenn wir Zeitliches und Rea-
les identifizieren. Der, welcher Gott mit unter dem Zeitli-
chen begreift, weil er ihn unter dem Realen begreift, begeht
nichts Ungereimtes, da vielmehr, so gewiß es ist, daß Gott
nicht sein kann ohne ein Reales zu sein, er auch nicht Prinzip
einer der Veränderung unterliegenden Welt sein kann, ohne
daß sein Leben in einem zeitlichen Verlauf besteht, der,
weit entfernt, der unmittelbar notwendigen göttlichen
Vollkommenheit Eintrag zu tun, vielmehr gerade das ist,
was sie ermöglicht und mit sich selbst in Harmonie erschei-
nen läßt.
So ist denn auch der letzte Einwand gefallen. Die These,
die dadurch gegen Bedenken geschützt worden ist, gibt aber
die Erklärung dafür, warumtrotzdes extravaganten Urteils
mancher Philosophen die Laienwelt mit ihrem einfachen
gesunden Menschenverstand darin einig ist, daß Sein und
Gegenwärtigsein auf dasselbe hinauslaufen.
16. Kommen wir aber nicht mit uns selbst in Widerspruch,
wenn wir allem Realen als solchem die Zugehörigkeit zum
Zeitlichen zuerkennen, für das Räumliche aber die Zeit als
vierte Dimension in Abrede stellen, da doch jedes Räum-
liche ein Reales ist und somit ein Zeitliches sein würde?
Dies bleibt zu erwägen. Wir werden die Lösung wohl
darin zu suchen haben, daß der Begriff des Zeitlichen sich
zu dem des Räumlichen als ein übergeordneter verhält und
daß er Spezies unter sich begreift, welche aller räumlichen
Kontinuität ermangeln. (Auch der Begriff der sinnlichen
Qualität, welcher den Begriff der Farbe als Spezies enthält,
hat darum nichts von dem Charakter der Farbendifferenz
als solcher an sich.)
214 3. Teil: Der Raum und die Zeit

Die völlige Klärung dieses Punktes ist indes nur durch


ein Eingehen in noch andere wichtige ontologische Fragen
zu erreichen,1 &8) mit welchen schon Aristoteles sich befaßt
hat, ohne sie aber meines Erachtens in jedem Betracht
glücklich zu beantworten. Er hat erklärt, daß es beim Defi-
nieren niemals zu einer Kreuzung von Differenzen kommen
könne, vielmehr jede Definition vom obersten Gattungs-
begriff bis herab zur letzten spezifischen Differenz mono-
stoichetisch (universal, einreihig) verlaufe. Die letzte spezi-
fische Differenz ist dem Ganzen der Definition inhalts-
gleich. Auf dieser Einheitlichkeit der Reihe sollte die Ein-
heitlichkeit des Seins168) beruhen. Aber diese Lehre ist nicht
haltbar. Wie Aristoteles im Unrecht war, als er eine Vielheit
von Realen nicht selbst auch als ein Reales gelten lassen
wollte, so auch als er meinte, jede Vielheit gleich unmittel-
barer Differenzen sei bei dem Begriff eines einheitlichen
Realen ausgeschlossen. Und wie bei anderen Begriffen eine
Mehrheit nicht bloß von einander untergeordneten, sondern
auch gleich unmittelbaren spezifischen Differenzen, die ver-
schiedenen Reihen der Spezifikation angehören, möglich ist,
so ist dies auch schon beim allumfassenden Begriff des Realen
selbst der Fall. 180) Wir sagten, daß er mit dem des Zeitlichen
zusammenfalle und daß alles Reale, das ist, gegenwärtig ist.
Wir sagten auch, daß es von dem, was gewesen oder zu-
künftig ist, durch keine absoluten spezifischen Bestimmun-
gen, wohl aber durch relative unterschieden erscheine und
daß diese Abstände auf absolute spezifische Differenzen hin-
weisen, welche unserem Vorstellen völlig transzendent
seien. In ihnen haben wir also die spezifischen Differenzen
zu erkennen, welche dem Realen in einer Serie seiner Spezi-
fikation unmittelbar zukommen. In bezug auf diese Serie
werden wir das Reale insbesondere ein zeitliches nennen.
Es ist ein zeitlich sich Spezifizierendes. Dies aber schließt
nicht aus, daß es ebenso in anderen Serien unmittelbar spe-
zifierende Differenzen aufweise. Eine solche Differenz mag
darin gefunden werden, daß das eine Reale ein Kollektiv
von Realen oder überhaupt ein plurales Reales, das andere
aber ein vereinzeltes, ein singuläres ist.l81) Und wieder kann
eine solche darin gefunden werden, daß das eine Reale ein
III. Irrtümer der Philosophen über Raum und Zeit 215

substantielles, das andere ein akzidentelles und dieser oder


jener akzidentellen Kategorie angehöriges ist. 162) Wiederum
könnte man daran denken, eine solche unmittelbare Diffe-
renzierung darin zu suchen, daß es sich bei dem Realen
einmal um etwas Geistiges, ein andermal um etwas Körper-
liches, einem räumlich Ausgedehnten Zugehöriges, und wie-
der ein andermal um ein einem Topoid von anderer Zahl der
Dimensionen Zugehöriges handelt. Und auch das könnte in
Frage gezogen werden, ob man nicht Unterschiede als
unmittelbar differenzierend für das Reale im allgemeinen
erklären soll, wonach ein Reales entweder fiir sich oder als
nur zugehörig zu einem andern Realen, welches ist, real ist.
Denn fänden wir auch, daß kein Reales anders denn als
Grenze und als zugehörig zu einem Realen sein könne, weil
es sonst nicht zeitlich sein würde, so wäre dies doch nicht
die Zugehörigkeit zu etwas anderem, was ist, wenn nicht
etwa dieser selben einzigen Grenze nach. Doch vielleicht
haben diese mehrseitigen Spezifikationen nicht gleichmäßig
das Recht, als unmittelbare Spezifikationen des Begriffes des
Realen im allgemeinen zu gelten, und wir wollen uns hier
nicht in eine Untersuchung darüber einlassen, wie in dieser
Hinsicht über die Differenzierung von Geistigem und Kör-
perlichem und anders dimensionierten Topoiden zu urteilen
sei. Wie man sich auch hierüber entscheiden möge, eines ist,
denke ich, klar dargetan: der Umstand, daß jedes Körper-
liche, einem Dreidimensionalen Zugehörige auch einem
zeitlich Ausgedehnten zugehörig ist, darf nicht dafür gel-
tend gemacht werden, daß die Zeit als eine vierte Dimen-
sion des Raumes anzusehen sei. So entfällt denn dieses Be-
denken gegen das, was schon früher positiv erwiesen wor-
den war. 183)
Anmerkungen
Von Alfred Kastil

1) Die Frage, ob uns Begriffe angeboren seien, galt Brentano als


längst negativ entschieden. In der Tat haben Aristoteles, Locke, Hume
und er selbst darüber alles Nötige gesagt. Vgl. F. Brentano, Versuch
über die Erkenntnis (hrsg. von A. Kastil, 1. Aufl. 1925, 2. Aufl. 1970),
I. Teil; Psychologie vom empirischen Standpunkt, II. Band (hrsg. von 0.
Kraus, 1925), Register unter "Begriff", "Kategorien", "Stammbe-
griffe".
2) Vgl. F. Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkt, I. Band
(hrsg. von 0. Kraus, 1924), Einleitung des Herausgebers über innere
Wahrnehmung und Beobachtung.
8) Vgl. Psychologie II, S. 145ff. (S. 146, Z. 22 ein sinnstörender
Druckfehler: statt "weißes Tuch" lies "weißes Weißes".) Mit dem Satz,
daß alle unsere Begriffe entweder unmittelbar aus Anschauungen ab-
strahiert oder aus so geschöpften Merkmalen kombiniert seien, ver-
wirft Brentano auch alle "apriorischen Stammbegriffe der Vernunft".
In diesem Sinne lassen wir ihn gerne als einen "Psychologisten" gelten.
Vgl. Psychologie 11, Register unter "Psychologismus".
') H. Poincare, La Science et /'Hypothese (Premiere Partie, Chap. IT).
Vgl. auch F. Brentano, Versuch IJber die Erkenntnis (2. Aufl. 1970),
s. 209-212, 233-236.
Mit ·einer Konstruktion Dedekinds setzt sich der "Nachtrag" aus-
einander. Doch vielleicht war es den genannten Mathematikern nicht
so sehr um eine Ableitung des Kontinuumbegriffes als um ein Zeichen-
system zu tun, so geartet, daß jeder erreichbare Punkt eines Konti-
nuums dadurch benannt wird. Was Poincare betrifft, so scheint er
allerdings verkannt zu haben, daß alle unsere Sinnesqualitäten schon
ursprünglich das Datum Ort einschließen. Einem extremen Empiri-
sten, der Raum erst aus Qualität ableiten will, läge der Gedanke, daß
der Begriff des Kontinuums kein anschaulicher sei, allerdings nahe. In
einer Abhandlung "Warum der Raum dreidimensional ist" (in: H.
Poincare, Letzte Gedanken, Akad. Verlagsgesellschaft, Leipzig 1913,
S. 76) heißt es: "Es scheint also, daß man den Raum aus der Betrach-
tung gleichzeitiger Empfindungen nicht aufbauen kann, daß es viel-
mehr notwendig ist, Reihen aufeinanderfolgender Empfindungen zu
betrachten." Und weiterhin auf S. 80: Alles, was zur Konstruktion
eines physischen Kontinuums gebraucht werde, seien "Reihen von
Muskelempfindungen".
5) Im Text sollte es genauer heißen, es könne nicht derselbe Ort mit
zwei Qualitäten zugleich als gegenwärtig vorgestellt werden, falls er
mit beiden in recto vorgestellt wird. Diese Einschränkung wird in der An-
merkung vorgenommen. Zum vollen Verständnis beachte man noch
folgendes: Schon wer etwas als gedacht denkt, denkt es mit einem
modus obliquus; wer etwas als vergangen gedacht denkt, denkt es aber
Von A. Kastil 217

noch mit einem zweiten modus obliquus, denn auch der modus praete-
riti ist ein modus obliquus.
6 ) Vgl. F. Brentano, Untem1chungen zur Sinnesprychologie (Leipzig:

Duncker & Humblot, 1907), S. Slff.


7) Brentano denkt hier an die zeitliche Dimension, die dem Körper
zukommt, insofern er fortbesteht oder sich bewegt. Aber diese zeit-
liche Ausdehnung kommt auch Nulldimensionalem zu und ist nicht
eine vierte Dimension des Räumlichen als solchen zu nennen. V gl.
Abschnitt 17.
8) Dieser Begriff der Pierose (dem mathematischen Begriff des Ufers
verwandt) ist neben dem der Teleiose einer der wichtigsten in der
Synechologie (Lehre vom Kontinuum) Brentanos. Das Wort, vom
griechischen 'ltA~Qwm~, bedeutet Fülle, das Mehr oder Minder der
Pierose also das Mehr oder Minder von Richtungen, nach denen eine
Grenze in Kontinualbeziehungen steht. In früheren Arbeiten hatte
Brentano von Holoklerie (Vollanteiligkeit) und Meroklerie (Teilantei-
ligkeit) gesprochen.
") In dem Durchmesser dieser vierteiligen Kugel koinzidieren also
vier Linien von je Y4 Plerose. (Koinzidenz durch Berührung im Unter-
schiede von Koinzidenz durch Kontinuität.)
10) Anmerkungsweise sei zu dem hier über Pierose Gesagten noch
ein so betiteltes Diktat [ Meg ts] als Nachtrag beigefügt:
,.Gegen die Lehre von der Pierose einer Grenze und insbesondere
auch eines Punktes scheinen sich aus gewissen Fällen Schwierigkeiten
zu ergeben. So z.B. aus dem Fall, wo man von mehreren Linien, die
einander parallel laufen, die eine in der Ebene dreht. Sie schneidet
dann, unendlich gedacht, in ihrer Richtung vom ersten Moment an die
anderen, aber in keinem ersten Punkt. Denke ich nun die zuerst ruhende
Parallele von einem gewissen Moment an bewegt, so scheint die Bewe-
gung nur einen teeminus extra als Anfang zu haben, und das ist die
ruhende Linie, während sie nach der Lehre von der Pierose auch einen
terminus intra haben müßte, welcher mit dem terminus extra koinzi-
dierte.
Doch dieser terminus intra ist auch wirklich vorhanden, allerdings
nicht als eine Linie, welche die Parallellinien schnitte, aber als eine
Linie, welche in ihrer Eigentümlichkeit durch die folgende Kontinuität
von sukzessiven Schnitten mitbedingt und so von einer Linie, welche
den Anfang einer ruhenden Ebene bilden würde, wesentlich verschie-
den ist. Wenn gar keine Ruhe voranginge, sondern gleich vom ersten
Moment der Schöpfung eine drehende Bewegung gegeben wäre, fehlte
der terminus extrinsecus ganz, und unverkennbar muß es dann jedem
werden, daß ein terminus intrinsecus hier nicht fehlen kann. Ebenso
aber auch, daß dieser, obwohl nicht die Parallellinien schneidend, doch
als Anfang der kontinuierlich sich folgenden Schneidungen eigentüm-
lich charakterisiert ist und anders, je nachdem diese langsamer oder
rascher variieren.
Auch der Fall, wo entgegengesetzte Bewegungen unmittelbar auf-
einanderfolgen, dient zum Beleg. Es ist klar, daß Aristoteles und die
Scholastiker unrecht haben, wenn sie solches für schlechterdings un-
218 Anmerkungen

möglich erklären. Bei einem Körper, der, geradlinig emporgeworfen,


geradlinig wieder herabfällt, ist derselbe gegeben, allerdings mit infi-
nitesimaler Abnahme und Zunahme der Geschwindigkeit. Einen
Moment voller Ruhe kann man aber doch nicht annehmen, vielmehr
nur einen, wo der Anfang des Sinkens mit dem Ende des Aufsteigens
koinzidiert. Für sich allein kommt in diesem Moment der Körper weder
nach oben noch nach unten, im Zusammenhang aber mit dem Voraus-
gehenden und Folgenden steigt er zugleich in ihm und fällt."
11 ) Diese Zwischenbemerkung ist nicht etwa durch A. Einsteins
Scheibenbeispiel in Die Grrmdlage der allgemeinen Relativitätstheorie
(Leipzig: J.A. Barth, 1916; § 3) hervorgerufen, denn Brentano hat
diesen Teil der Relativitätstheorie (1916) nicht mehr kennengelernt.
Der Sinn der Stelle ist: Die Achse ist eine Grenze, als solche nichts für
sich, und so ist es selbstverständlich, daß das Begrenzte, wenn es rotiert,
auch seiner Achse nach rotiert, d. h. daß auch diese ihre Richtung kon-
tinuierlich ändert, denn darin besteht ja die absolute Rotation. Denkt
man sich die Kugel aus vier Teilen zusammengesetzt, aus Gold, Silber,
Kupfer und Zinn, und in Drehung begriffen, so koinzidieren in der
Achse sich berührend vier Diameter mit je ein Viertel Plerose, und man
kann sagen, daß die Achse dem Viertel Pierose nach, das Gold ist, jetzt
dorthin gerichtet sei, wohin eben erst das silberne Viertel gerichtet
war etc. Analog auch, wenn etwa ein Viertel fehlt.
12) Ein Zeitmaß setzt ja eine messende Seele voraus.
18) Vgl. Psyrhologie II, S. 20011.
14) Brentano nennt diese vierdimensionalen Gebilde Topoide und

die dreidimensionale Oberfläche eines vierdimensionalen Topoids gele-


gentlich einen "Oberkörper".
11) Gemeint ist A. Marty.
18) Man könnte hier wohl auch ein Denken in obliquo annehmen und
sagen, der Wunsch, daß etwas geschehe oder geschehen sein möge,
schließe, wenn auch nicht das Urteil, so doch die Vorstellung eines
etwas als gewesen oder künftig anerkennenden Urteils ein.
17) So wie Brentano von zwei Urteilen, deren eines etwas anerkennt,
was das andere verwirft, sagt, sie hätten bei gleichem Objekt verschie-
denen Inhalt, so sagt er auch, daß zwei Vorstellungen, die eine etwas
als gegenwärtig vorstellend, die andere als gewesen, sich dem Inhalte
nach unterschieden.
18) Die Polemik richtet sich gegen Anton Marty, Raum und Zeit

(hrsg. von J. Eisenmeier, A. Kastil und 0. Kraus, Halle a. S.: Max


Niemeyer, 1916).
18) Vgl. F. Brentano, Vom sinnlirhen und noetisrhen Bewußtsein, hrsg.
von 0. Kraus (1. Auf!. 1928, Leipzig: Felix Meiner), S. 84, 113. (Die
2. Auflage dieses Werkes erschien 1968 unter dem Titel Psyrhologie vom
empirisrhen Standpunkt. Dritter Band. Vom sinnlifhen und noetisi:hen Be-
wußtsein, und wird daher im folgenden zitiert als "Pychologie III".)
10) Hiemit ist deutlich ausgesprochen, daß es nach Brentano soviel
Zeitkontinua als Dinge gibt. "Die Zeit" als einheitliches Wesen (oder
Unwesen) hat in seiner Ontologie keinen Platz. Es lassen sich darum
an seine Lehre, daß auch das Sein Gottes ein zeitlicher Verlauf sei, nicht,
Von A. Kastil 219

wie dies C. Stumpf und E. Seiterieb gemeint haben, pantheistische


Folgerungen knüpfen. Kein Denker stand einem Zugeständnis an den
Pantheismus ferner als der Theist Brentano.
21) Nur als Fiktion, die zur Veranschaulichung nützlich sein mag,
spricht Brentano von kontinuierlichen Farbenübergängen. Die Zwi-
schenfarben sind nach ihm in Wahrheit Mischfarben. Er distanziert sich
denn auch unten ausdrücklich von der üblichen Auffassung.
22) Zum besseren Verständnis der Erörterungen dieses Absatzes und
des vorhergehenden § 15 mag ein Diktat vom 21. November 1914
[ Meg 22] dienen, das den Unterschied zwischen primärem und sekun-
därem Kontinuum, wie folgt, erläutert: "Ich sage, daß eine Linie hin-
sichtlich ihrer Länge ein primäres Kontinuum, hinsichtlich ihrer Rich-
tung ein sekundäres sei. Für die Länge kommt nur die Menge der Über-
gänge von Ort zu Ort in Betracht. Wenn ich ins Unendliche kleinere
und kleinere Abstände in zwei Linien und bei der einen und andern
jedesmal gleich große unterscheide, so ist diejenige Linie länger, bei
welcher die Zahl solcher Abstände schließlich die größere ist. Die
Variation von Ort zu Ort hat hier kein Mehr und Minder des Grades,
und das Nächstangrenzende ist immer dem Orte nach spezifisch ver-
schieden. Man kann sagen, die Länge der Linie ist gleich der Größe der
Mannigfaltigkeit der Ortsunterschiede. Ganz anders verhält es sich mit
der Richtung der Linie. Sie hat in jedem Punkt eine Richtung, und so
kann man sagen, daß sie kontinuierlich eine Richtung habe. Allein es
ist ebensogut möglich, daß die Richtung, die sie in dem einen Punkt
hat, der Richtung, die sie in den anderen hat, durchwegs spezifisch
gleich ist, als daß sie in einem einzelnen Punkte die Richtung wechselt,
ja daß sie durchwegs der Richtung nach variiert, wie dies bei krummen
Linien der Fall ist. Und wo sie variiert, kann sie mehr oder weniger
stark variieren, manchmal plötzlich um eine endliche Größe, manchmal
infinitesimal und auch dies wieder in sehr verschiedenen Graden.
Ein anderes Beispiel ist etwas eine Zeit hindurch Bestehendes. Hier
ist die Länge der Zeit zu unterscheiden, in der es besteht, und vermöge
ihrer erscheint es als ein primäres Kontinuum einem durchaus gleich-
mäßigen Wechsel unterliegend. Allein es kann der Punkt eines Körpers
sein, der in der Zeit entweder ruhig verharrt oder mehr minder schnell
und mehr minder regelmäßig sich fortbewegt. Hinsichtlich der örtli-
chen Veränderung, der er während der Zeit unterliegt, ist er auch ein
Kontinuum, aber ein sekundäres, und hier lassen sich wieder ein Kon-
tinuum hinsichtlich der Variation der Zuwächse der Länge der durch-
laufenen Linie und hinsichtlich der Richtung derselben unterscheiden.
Auch könnte der Körper, der in der Zeit besteht, während dieser
qualitativ gleich bleiben oder mehrfach, ja kontinuierlich wechseln, und
dies bald mit wechselndem Grad und wechselnder Richtung der quali-
tativen Anderung, bald ohne solche Variation. Das alles wären darum
sekundäre Kontinua.
Auch wenn wir uns eine Fläche dächten, die entweder gleichmäßig
rot wäre oder gleichmäßig oder ungleichmäßig und mehr oder minder
rasch vom Rot zum Blau variierte, hätten wir in der Fläche selbst als
räumliche Größe ein primäres Kontinuum in ihr, insofern sie eben oder
220 Anmerkungen

gebrochen oder krumm ist, ein sekundäres Kontinuum und ebenso,


insofern sie farbig ist, wiederum ein sekundäres Kontinuum zu unter-
scheiden.
Wenn wir die Beispiele von sekundären Kontinuis, die ich eben
gegeben habe, näher ins Auge fassen, so finden wir, daß die einen nur
bei Grenzen auftreten können, die selbst keine kompletten Kontinua
sind. Bei einer Linie und bei einer Fläche kann es sich um Richtungs-
änderung handeln, während bei einem Körper eine solche ganz ausge-
schlossen ist, da er vielmehr Teil für Teil an allen Richtungen teilhat,
die überhaupt in Körpern möglich sind. Hinsichtlich der Qualität eines
Körpers und hinsichtlich der Ruhe und Bewegung desselben ist es aber
offenbar, daß es sich hier um etwas nicht für bloße Grenzen Geltendes
handelt.
(Streng genommen müßte man, glaube ich, sagen, daß das primäre
Kontinuum räumlicher Ausdehnung auch nur als in einer Grenze
bestehend erscheine; denn, wenn ich es nicht bloß, wie es momentan
gegeben ist, sondern, wie es in der Zeit fortbesteht, betrachte, so be-
harrt es entweder unverändert, indem es ruht, oder variiert im Falle der
Bewegung, und so erscheint es als ein sekundäres zeitliches Konti-
nuum.)"
23) Z. B. ein begrifflicher Denkakt.
24) Es ist eben beim roten Radius das Rot im Peripheriepunkt in
doppelt so großer Teleiose wie in seinem Mittelpunkt. Die Variation
von Rot durch Violett zu Blau wäre ja an der Peripherie langsamer als
gegen die Mitte zu und daher nimmt der Radius als Grenze des Variab-
len an diesem Variationsunterschiede teil. In Anwendung dieses fikti-
ven Beispiels auf das reelle der Bewegung heißt es im Diktat "Über die
Möglichkeit eines Kontinuums" von 1914 [ Meg 25]: "Bei geringerer
Teleiose deckt sich die Gesamtheit der Punkte der größeren Bahn mit
demselben Quantum der Zeitpunkte, mit welchem sich bei größerer
Teleiose die Gesamtheit der Punkte der kleineren deckt."
2•) Die von mir eingeklammerte Stelle soll nicht irre machen. Nur
insofern bei der roten Grenzlinie des Rechtecks von dem Zusammen-
hange abgesehen wird, könnte man von voller Teleiose sprechen. Das
ist aber Abstraktion im Sinne einer Fiktion. So können wir auch beim
Räumlichen von seiner Zeitlichkeit "abstrahieren" und dieser Wider-
spruch mag, weil er vereinfacht, sich unseremZwecke dienlich erweisen.
26 ) Im Jargon der modernen Poincareisten wäre diese These "sinn-

los" (un mot vide de sens) nach dem Wahlspruch: Was man nicht mes-
sen kann, sieht man als nicht vorhanden an.
27 ) Es bedarf, wie man dem Folgenden entnimmt, außer diesem

"zugleich" noch weiterer Bestimmungen. Zur Gleichzeitigkeit muß


auch die Gleichseitigkeit der Pierose treten und Unterschiede der
Teleiose müssen beachtet werden. Sonst könnte etwas gleichzeitig sein
und nicht sein. So ist denn nicht nur der Irrtum Kants zu berichtigen,
der, um den Satz des Widerspruchs als analytisches Urteil aufrecht zu
halten, den Zeitbegriff herauszureißen für nötig fand- wo die Zeit, als
die Form des inneren Sinnes, mitspielt, haben wir es nach Kant mit
synthetischen Urteilen a priori zu tun -, sondern es müssen auch
Von A. Kastil 221

manche Differenzen mitberücksichtigt werden, die selbst der sonst so


vorsichtige Aristoteles außer acht gelassen hatte.
18) Versteht man unter dem Punkt einen solchen in partialer Plerose,
dann ist er anzuerkennen, versteht man darunter einen in voller Plerose,
so ist er zu verwerfen.
18) Vgl. F. Brentano, Vom Dasein Gottes (hrsg. von A. Kastil, Harn-
burg: Felix Meiner, 1929), S. 423ff.
80) Anhaltspunkt für die Datierung: schöne Handschrift, also län-

gere Zeit vor der Erblindung. Der die Neuzeit betreffende Teil dürfte,
auf Grund einer Bemerkung in einem Briefe an Marty vom 12. Februar
1903, in diese Zeit zu versetzen sein.
Zur Geschichte des Zeitproblems vgl. auch Psychologie II, S. 262ff.
81) Daß nämlich die Zeit etwas den Dingen gegenüber Außeres sei.
81) Die Frage ist ja, wie etwas schlechthin Wechselloses von einem
ihm Gleichen und ebenfalls Wechsellosen sich dadurch unterscheiden
kann, daß es zu einer anderen Zeit ist.
81) Gemeint ist das sich stetig wiederholende Gewirktwerden durch
Gott.
lkl) Der Gedanke findet sich ausgeführt in der folgenden Kritik
Lockes.
85) Wie zwei Körper von gleichem Volumen dem Orte nach, so
können zwei Dinge von gleicher Dauer der Zeit nach verschieden sein.
88) Denn er hat kein Kontinuum spezifischer Zeitdifferenzen nachge-
wiesen.
87) Ergänze "selbst bei wechsellosem Fortbestand".
88) Ergänze "nicht deren absolute zeitliche Positionen".
89) Vgl. Untersuchungen zur Sinnespsycho!ogie, S. 71, 160.

' 0 ) Wenn die Dauer einer Ruhe gleich lang wie die einer gleichzeiti-
gen Veränderung ist, ein Farben- oder Ortswechsel, so muß die Länge
sich aus Differenzen einer von Farbe und Ort verschiedenen Art zu-
sammensetzen.
&1) Vgl. die an Humes Kausalbegriff geübte Kritik in: F. Brentano,
Versuch über die Erkenntnis, 1. Abt., IV. Teil; Vom Dasein Gottes,
s. 129f.
'") Vgl. Brentanos Kant-Kritik in: Verruch über die Erkenntnis,
1. Abt., I. Teil; Vom Darein Gottes, S. 77ff.
&8) Nämlich in bezug auf diese Farben.
&e) D.h. hier bald schneller, bald langsamer.
' 6) Was sie nach Brentano ist, da ihm Fortbestand selbst ein konti-
nuierlicher Wechsel ist.
'") Gemeint ist: kein positiver Begriff von Unendlichem.
") Weil nach Kant das Ganze der Zeit in allen seinen Teilen zusam-
menbestehen soll, ähnlich wie der Raum. Das Gewesene und das Künf-
tige sollen ebenso sein wie das Gegenwärtige, nur in anderen Teilen der
Zeit.
U) Denn als Prinzipien der Erkenntnis kommen nur evidente Urteile
in Betracht, was nach Kants eigenem Zugeständnis seine synthetischen
Erkenntnisseapriori nicht sind. V gl. Versuch über die Erkenntnis, 1. Abt.,
I. Teil (Nachtrag); Vom Darein Gottes, S. 79ff.
222 Anmerkungen

'") D. h. der Zeitsubstanz käme ein Hier und Dort, der Raumsubstanz
ein Vor und Nach zu.
50) Nämlich von wechsellosem Beharren der unendlichen Zeitlinie.
51 ) Da sie ja doch als Ganzes allen ihren Teilen nach existieren soll.
62) Die differentia individualis unterscheidet sich von einer differen-

tia specifica dadurch, daß sie nur in einem einzigen Dinge verwirklicht
sein kann. Jedes andere muß eine andere, ebenfalls einmalige haben.
Die Gattung, der diese individualisierenden Merkmale als letzte Diffe-
renzen zukommen, darf also nicht weniger solche haben als es ihr ange-
hörige Individuen gibt, bzw. geben kann.
53) Was bei Brentano zutrifft, aber von Schopenhauer, weil er die
Zeit als Einheit betrachtet, nicht zugegeben werden kann.
5') Nämlich für die geschaffenen Dinge.
55 ) Wenn nämlich zeitlicher Zusammenhang nichts anderes besagen
soll als Redingen und Bedingtsein.
56) B. Bolz:mo, Paradoxien des Unendlkhen, Hamburg: Felix Meiner,
1920 (Phi!. Bibliothek, Bd. 99).
67) Vgl. F. Brentano, Kategorienlehre (hrsg. von A. Kastil, 1933),
s. 26.
58) Einfach, indem es selbst fortbesteht. Man denke an die verwandte

Frage, ob mit der Vernichtung von allem Gegenwärtigen auch alles


Frühere aufhörte gewesen zu sein. Vgl. A. Kastil, "Zeitanschauung
und Zeitbegriffe", in: Natll1'wissenschaft und Metaphysik (Veröffentli-
chunf!.en der Brentano-Gesellschaft, Brünn u. Leipzig: Rudolf M. Rohrer,
1938), s. 101.
••) D. h. es müßte, damit kein Wärmetod eintritt, jedesmal sobald der
Wärmevorrat ein Maximum erreicht hat, der Prozeß eine Umkehr er-
fahren.
60) Um der Folgerung zu entgehen, daß die Wärmemenge dann zu-
gleich abgenommen und nicht abgenommen hätte.
61 ) Später berichtigt. V gl. nächstes Kapitel.
62 ) In welchem Sinne der Gegenwartsmodus unbestimmt sein kann,
wird unter VII. gesagt.
83) Worauf hier als Beispiel dafür verwiesen wird, daß der Gegen-
wartsmodusder inneren Wahrnehmung doppelseitig, d.h. nach beiden
Richtungen der Zeit, Grenze sein kann.
64) Seine genaue Bestimmung. Gemeint ist seine genaue relative,
denn zur vollen Bestimmtheit gehörte, daß uns die jeweilige absolute
Temporaldifferenz anschaulich wäre. Diese ist uns aber schlechthin
transzendent.
85) V gl. Nachtrag unter 3.
88) Vgl. P~ychologie III, S. 84f.
"') Der Gedanke ist: Wenn ganz gleiche Dinge an verschiedenen
Stellen der Zeit sind, so müssen eben diese Stellen der Zeit selbst sich
irgendwie unterscheiden. Und natürlich nicht wieder durch ihre ver-
schiedene Position in einer weiteren, die Zeit in sich aufnehmenden
Zeit. Also muß der zeitliche Fortbestand schon in sich selber ein Wech-
sel sein.
68) Gleichwohl wäre es nicht zu billigen, die Zeit als vierte Dirnen-
Von A. Kastil 223
sion des Raumes zu bezeichnen, schon darum nicht, weil auch Unräum-
liches zeitlich bestimmt ist.
88) Da aber Brentano lehrte, daß wir den Begriff des Zeitlichen aus
einem gleichzeitig in seinen Teilen gegebenen Kontinuum von Vor-
stellungs- bzw. Anerkennungsmodis gewonnen hätten, ergibt sich die
Paradoxie, daß der Begriff des chronisch Kontinuierlichen der An-
schauung von topisch Kontinuierlichem entnommen sei. Eine Konse-
quenz, die zur Fortbildung der Lehre drängen mußte. Ansätze dazu
finden sich dort, wo Brentano den allgemeinen Begriff des Dinges mit
dem des Zeitlichen identifiziert. (Vgl. Psychologie III, S. 120.)
70) V gl. Brentano, Kategorien/ehre, S. 68.
71) Von dessen Unterordnung unter die modi obliqui hier noch nichts
verlautet.
72) Hier wird angenommen, daß auch, was als gewesen anerkannt
wird, mit einem modus rectus - nur eben nicht mit dem modus prae-
sens - anerkannt werde. Wäre aber, wie Brentano später annahm, nur
das jeweils Gegenwärtig modo recto anerkannt, Vergangenes aber in
obliquo, so würde .,etwas ist vor 100 Jahren gewesen" gar nichts ande-
res heißen als .,Gegenwärtiges ist um 100 Jahre später", Es lägen nicht
zwei Sätze, von denen der eine aus dem andern zu folgern wäre, vor,
sondern nur zwei verschiedene Ausdrucksweisen für die Anerkennung
des Gegenwärtigen als um 100 Jahre, im Sinne des Späteren vom Frü-
heren, abstehend.
73) Dieser Absatz ist einem Diktat vom 24. Januar 1915 [T 19] ent-
nommen.
?t) In einem Diktat vom 24. Januar 1915[T 19], wo ebenfalls gegen-
über dem Nebeneinander im Raume die Eigentümlichkeit des Nachein-
ander hervorgehoben wird, heißt es: .,Die Ordnung von Rechts und
Links und von Links und Rechts sind gleichwertig, die von Vor und
Nach und von Nach und Vor keineswegs. Bei Vor und Nach kann nur
das eine angrenzend einen Einfluß üben, das andere nicht, bei Links
und Rechts gleichmäßig jedes von beiden."
75) Vgl. dagegen Brentanos spätere Identifizierung des Begriffes des
Zeitlichen mit dem des Dinges im allgemeinen (s. oben Anm. 69). Rich-
tig bleibt aber, daß auch die absoluten Zeitbestimmungen keine indi-
vidualisierenden sind, denn beliebig Vieles kann zeitlich gleich sein, ja
muß es sein, indem es zugleich ist.
78) Brentano denkt hier an Martys Zeittheorie.
77) Z.B. ein Vierdimensionales.
78) Der Gedanke ist der: wären von zwei zeitlich voneinander Ab-
stehenden das eine und das andere mit dem gleichen modus praeteriti
anzuerkennen, so könnte es uns nicht einleuchten, daß sie nicht zusam-
men gegenwärtig gewesen sein können. Die Gleichheit des Modus
würde vielmehr das Gegenteil besagen, es fehlte jene Differenzierung,
vermöge deren uns einleuchtet, daß zwei Zeitpunkte nicht nur im sei-
hen, sondern auch in verschiedenen Dingen inkompatibel sind.
78) Bei solchem Wollen kommt aber wohl eine ungleich größere
Zeitdifferenz zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was erwartet wird,
in Betracht, als dem kleinen anschaulichen Kontinuum von Temporal-
224 Anmerkungen

modi entspräche, falls wir überhaupt, wie eine Rückschau, auch eine
Vorschau im eigentlichen Sinne besäßen. Wenn ich mir etwas für mor-
gen vornehme, so stelle ich diese zeitliche Entfernung nicht anschau-
lich vor, sondern erweitere in unanschaulichem Denken die Grenzen
meiner ursprünglichen Zeitanschauung, ähnlich wie wir uns auch
Raumstrecken über die Grenzen unserer Sinnesfelder hinaus unan-
schaulich erweitert denken. Gäbe es einen besonderen Modus für die
Vorstellung von etwas als nach 24 Stunden eintretend, so müßte dies,
da eine bloße Grenze nicht isoliert vorkommen kann, ein Stück
modales Kontinuum sein, das aber dann gar nicht an den Gegenwarts-
modus anschlösse. So etwas kann Brentano gewiß nicht gemeint haben.
Es muß sich also um ein unanschauliches Denken handeln, aber wie
dabei der von Brentano hier erhobenen Forderung nach kontinuierli-
cher Differenzierung des modus futuri genügt werden könnte, ist nicht
abzusehen. Über die Weise, wie Brentano sich das unbestimmte Vor-
stellen zeitlicher Abstände gedacht hat, vgl. Psychologie III, S. 43.
80) Vgl. Vom Dasein Gottes, S. 408, 457.
81) Das ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob die Nichtexistenz
von etwas ebenso einer V erursachung bedürfe wie sein Eintreten oder
seine Erhaltung. Der Gedanke scheint vielmehr nur der, daß ein allwis-
sendes und sittlich vollkommenes Wesen nicht nur erkennen und billi-
gen müßte, was ist, sondern auch von dem, was nicht ist, aber in sich
möglich wäre, erkennen und billigen, daß es nicht ist.
82) Hier folgen im Diktate die Worte: "Merkwürdig freilich, daß wir,
wenn wir von räumlichen Punkten uns eine solche allgemeine Vorstel-
lung bilden, dies nur tun, indem wir zugleich eine spezifisch bestimmte
Vorstellung von irgendwelchen räumlichen Kontinuis haben, während
hier diese fehlen und jene allgemeine Vorstellung des transzendenten
Zeitpunktes und Kontinuums unabhängig uns gegeben ist." Die Stelle
wurde von mir mit Rücksicht auf ihre spätere Berichtigung (z. B. in
Ps_vchologie /I, S. 200 u. 212) gestrichen.
83) Vgl. Psychologie III, S. 51.
SC) Vgl. Psychologie I/I, S. 6.
85 ) Aber nicht als geistig, sondern nur im allgemeinen als Ding. S.
Vom Dasein Gottes, S. 418, womit die in der Katej!,orienlehre, S. 158, aus-
gesprochene Ansicht, daß das psychische Subjekt als nulldimensional
evident erfaßt werde, berichtigt erscheint.
8 6 ) Vgl. Psychologie III, S. 4, 14.
87) Das Diktat trägt als Überschrift nur "Zur Lehre von der Zeit".
Der von mir gewählte Titel gibt die Hauptthese wieder. Der Beweis-
versuch dafür beruht, wie in den folgenden Anmerkungen gezeigt wer-
den soll, auf einem Paralogismus, verursacht durch den Doppelsinn des
Satzes, daß Geschehenes nicht ungeschehen werden könne.
88) Der Satz "Wenn etwas einmal gewesen ist, so kann es niemals
aufhören gewesen zu sein " kann bedeuten:
a. Es wird immer etwas gegenwärtig sein, was davon als Späteres
absteht.
b. Es wird niemals etwas gegenwärtig sein können, was nicht als
Späteres davon absteht.
Von A. Kastil 225

Nur der zweite dieser Sätze leuchtet a priori ein, und er behält seine
Gültigkeit auch für den Fall, daß alles vernichtet würde, weil er eben
keine positive Aussage über etwas, was ist oder sein wird, enthält.
Brentano scheint die beiden Bedeutungen nicht deutlich genug geschie-
den und darum das Vergangensein, von dem es uns einleuchtet, daß es
nie als solches aufhören könne, an die Existenz von etwas gebunden
geglaubt zu haben. Der Paralogismus ist ähnlich demjenigen, den
Brentano selbst im ontologischen Argument für das Dasein Gottes
nachgewiesen hat. (Vom Dasein Gottes, S. 45.)
88) Richtig ist das zweite. Was heute ist, würde auch nach Vernich-
tung aller Dinge gewesen sein und immer weiter vergangen werden,
freilich würde dann kein Ding sein, daß als Späteres davon abstünde,
aber es würde unmöglich sein, daß ein Ding, falls es wäre, nicht als
Späteres von dem, was heute ist, abstehen würde. Nur in diesem Sinne
liefe die Zeit weiter.
80) Der stete gleichmäßige Wechsel der Zeit besagt nur, daß die
einander folgenden Gegenwartspunkte kontinuierlich andere und
andere sind, nicht aber besagt er eine Anderung des in der Vergangen-
heit liegenden absoluten Zeitpunktes als solchen. Nicht das, was ehe-
dem gegenwärtig war und jetzt gewesen ist, würde, wenn wir es voll-
ständig, d. h. auch seiner absoluten spezifischen Zeitbestimmung nach
vorzustellen vermöchten, diese sukzessiv verändert zeigen, sondern
das, was jeweils als gegenwärtig erscheint, würde kontinuierlich andere
Zeitbestimmungen aufweisen und darum auch wachsende Abstände
vom gleichen vergangeneo Zeitpunkt. Gleichwohl würde dieser mehr
und mehr vergangen werden in dem Sinne, daß es keine aufeinander-
folgenden Gegenwartspunkte geben könne, von denen nicht jeder
folgende weiter von jenem abstünde als jeder frühere.
91) Wie aus dem a priori einleuchtenden Satze, daß Gewesenes nie
aufhören kann gewesen zu sein, keine positive Anerkennung künftiger
Dinge zu folgern ist, so auch keine eines temporalen Wechsels in Gott.
Es folgt nur der negative Satz, daß es auch Gott nicht ohne temporalen
Wechsel geben könne. Ich hebe dies hervor, damit sich niemand durch
das hier gekennzeichnete Übersehen Brentanos zu einem Versuche
ermuntert fühle, das ontologische Argument für das Dasein Gottes in
einerneuen Form wieder aufzunehmen.
••) Von etwas, was bloß als vergangen gedacht wird, steht das Gegen-
wärtige nicht als Späteres ab, sondern wird nur als davon abstehend
gedacht.
88) C. Stumpf, Tonp.rycho/ogie, Bd. I (Leipzig: S. Hirzel, 1883), S. 131.
84) Phänomenaler Raum= das Ortskontinuum, das wir anschauen;
wirklicher Raum = das Ortskontinuum, das wir als existierend er-
schließen.
95) Brentano hat später in den (im zweiten Band der Psychologie ver-
öffentlichten) Diktaten vom 6. Januar und 21. Februar 1917 dem Ge-
danken eines Zentrums unserer Raumanschauung noch eine andere
Deutung gegeben. Danach würde immer etwas Örtliches, aber nur im
allgemeinen und ohne qualitative Bestimmtheit in modo recto ange-
schaut und zwar als etwas, was in verschiedene Richtungen und Maßen
226 Anmerkungen

von den in obliquo angeschauten qualifizierten Orten der Sinnesfelder


abstehe. Sogefaßt bekäme das "Raumzentrum" immerhin eine gewisse
Analogie zu dem in modo recto vorgestellten und anerkannten Gegen-
wartspunkt. S. Psychologie 11, S. 201f. und 270. Vgl. auch die Anmer-
kung des Herausgebers in Psychologie Ill, S. 164f.
18) Serien akzidenteller Differenzierung z.B. beim Urteil Qualität

(in Anerkennen und Verwerfen), Modalität (in assertorisch und apo-


diktisch) und eine dritte Serie, nach der es sich in evidentes und blindes
differenziert. Sie kreuzen sich: einAnerkennen kann evident oder blind,
ein evidentes Urteil kann anerkennend oder verwerfend, ein verwer-
fendes assertorisch oder apodiktisch, ein assertorisches verwerfend oder
anerkennend sein u.s.w.
17) Von mir eingefügt, denn was das Örtliche als solches anlangt, so

gehört Brentano selbst zu denen, die es für ein Substantielles halten.


18) Im Gegensatz zu vielen vorhergehenden Außerungen, wonach in

unserer Zeitanschauung überhaupt nichts von temporalen Objekts-


differenzen sich finden soll, wird hier zugestanden, daß sie zweifach
Relatives enthalte, nämlich Abstände von Früher und Später, die kon-
tinuierlich verschieden sind, und als zweites die Unterschiede von
gegenwärtig, vergangen und künftig, die man als das zu dem, was ist,
als solchem relative bezeichnen könnte. Jene sind Objektsdifferenzen,
dies modale. Doch ist Brentano nach wie vor davon entfernt, uns die
Anschauung der objektiven Zeitdifferenzen in specie zuzuschreiben.
Das, was wir anschauen, sind lediglich kontinuierliche zeitliche Ab-
standsdifferenzen, m.a.W. wir schauen solches an, was sich vom Ge-
genwartspunkte weiter und weiter entfernt hat, ohne daß sich an die-
sem selbst phänomenal etwas ändert. Dies ist ohne Widerspruch mög-
lich, weil die phänomenale Gleichheit aller einander folgender Gegen-
wartspunkte nur die Folge ihrer spezifischen Unbestimmtheit ist. Die
Anschauung ist eben nicht, wie nach der üblichen Meinung der Philo-
sophen, eine Individualvorstellung, sondern das am mindesten unbe-
stimmte Universale.
11) Soll heißen: der relativen substantiellen Differenzen; denn auch

zeitliche und örtliche Abstände sind nicht akzidentelle, sondern sub-


stantielle Bestimmungen.
100) Um einer Verwechslung vorzubeugen, sei darauf aufmerksam
gemacht, daß nicht das, was ehedem gegenwärtig war und jetzt gewe-
sen ist, bei vollständig bestimmter Erfassung seiner absoluten Zeitbe-
stimmung sukzessive verändert erschiene, sondern vielmehr das, was
jeweils gegenwärtig ist. Dieses würde kontinuierlich andere und andere
absolute Zeitbestimmungen aufweisen und darum auch wachsenden
Abstand vom gleichen vergangeneo Zeitpunkt.
1°1) V gl. Kategorien/ehre, Register unter "Relativa".
102) V gl. Kategorien/ehre, S. 182ff. .
103) Als .,logischer Teil" ist z.B. der Gattungsbegriff Farbiges im
Speziesbegriffe Rotes enthalten. Um ein Teilverhältnis im eigentlichen
Sinne handelt es sich dabei natürlich nicht, was man schon daran er-
kennt, daß man wohl von einem Roten sagen kann, es sei ein Farbiges,
nicht abervoneinem Ganzen, es sei sein Teil. Auchwenn Röte ein Teil
Von A. Kastil 227

des Roten genannt würde, wäre dies nur ein Bild. V gl. über den Sinn
solcher Abstrakta Kategorien/ehre, S. 60ff.
104) Vgl. Kategorien/ehre, Register unter "Umwandlung".
105) Vgl. über komparative Relativa Psychologie II, S. 273, ferner
Kategorien/ehre, S. 236f., 242, 252, 283. Kontiguität wird hier wohl
darum zu den Komparativen gezählt, weil den sich Berührenden an der
Berührungsstelle gleiche, wenn auch nicht gleichseitige Orts- bzw.
Zeitbestimmungen zukommen.
106) Vgl. Kategorien/ehre, S. 170, 19411.
107) Man kann von einer sachlichen Bestimmung sagen, sie enthalte
gegenüber einer anderen schon bekannten nichts Neues, wenn sie in
dieser enthalten ist. So erfährt, wer ein Ding als rotes kennt, nichts
Neues, wenn er hört, es sei farbig. Beides sachliche Bestimmungen, die
eine spezieller, die andere allgemeiner und diese aus jener zu abstrahie-
ren. Einen andern Sinn aber hat es, wenn gesagt wird, gegenüber dem
Satze "A denkt B" enthalte der Satz "B wird von A gedacht" nichts
Neues, und ebenso, wenn gesagt wird, gegenüber dem Satze "B wird
von A gewirkt" enthalte der Satz "A wirkt B" nichts Neues. Hier wird
nämlich von den korrespondierenden Sätzen nicht der eine aus dem
andern erschlossen, sondern sie sagen mit anderen Worten dasselbe.
Sie sind dem Sinne nach identisch, und nicht beide, Denkendes und
Gedachtes, nicht beide, Gewirktes und Wirkendes, sind sachliche Be-
stimmungen, sondern nur in jedem Paar das erste Wort, während Ge-
dachtes und Wirkendes nicht echte Namen, sondern synsemantisch sind.
In welchem Sinne soll nun die komparative Relation in beiden Ver-
gleichsgegenständen nichts Neues setzen? Brentano hat anderwärts
(z.B. Kategorien/ehre, S. 243, 252) die komparativen Bestimmungen
unter die universellen gezählt. An unserer Stelle legt der Hinweis auf
"gedacht" und "wirkend" eine andere Deutung nahe. Es hat den An-
schein, als solle es sich nicht um ein sachliches Prädikat, weder vom
Fundament noch vom Terminus, handeln, sondern nur die Vergleichs-
tätigkeit selbst eine sachliche Bestimmung und zwar dessen, der sie übt,
sein. In Wahrheit entspricht es Brentanos Meinung aber wohl besser,
wenn man sagt, die Komparative vereinigten beides miteinander. Es
werde in recto eine Tätigkeit des Vergleichens ausgesagt und in obliquo
gewisse mehr minder universelle Bestimmungen sachlicher Art von den
Dingen gegeben.
108) Diese Terminologie scheint nicht zweckmäßig. Würde doch
dann ein Denkender, ohne daß sich an ihm etwas änderte, bald relativ,
bald relativlieh sein, je nachdem das, was er denkt, ist oder nicht ist.
Brentano spricht denn auch lieber überall, wo modus rectus mit modus
obliquus verbunden, von Relativem.
101) Lies: ein anderes Attribut als die, welche der Sprechende als
gegenwärtiger hat.
110) Wohl aber hatte das, was jetzt gewesen ist, zur Zeit seiner Exi-
stenz eine gewisse zeitliche Bestimmung, die ich, der es als gewesen
beurteilt, nicht habe. Es sind dies die absoluten und transzendenten
Zeitdifferenzeil., die Brentano im Gegensatz zu den Bestimmungen
gegenwärtig, vergangen, künftig zu den sachlichen zählt.
228 Anmerkungen

111) Nämlich einem zeitlichen Kontinuum zugehörig.


112) Brentano denkt hier an die absoluten, spezifischen Zeitdilleren-
zen, die er für substantielle, aber unserer Anschauungunzugängliche hält.
lll) Vgl. Psy&ho/ogie II, S. 219.
m) Da es einen unbestimmten Temporalmodus nicht geben kann,
wohl aber Temporalmodi im allgemeinen vorgestellt werden können,
so müßte, falls wir in unserer Anschauung weder absolute noch relative
sachliche Temporaldifferenzen gegeben hätten, die Vorstellung eines
zeitlich ferneren Ereignisses wohl so zu denken sein, daß man sich den
Gedanken eines Kontinuums von Temporalmodis zurechtlegt, das das
anschauliche an Länge übertrifft, und das betreffende Ereignis als ein
solches denkt, das mit einem dieser entfernteren Temporalmodi vorzu-
stellen bzw. anzuerkennen sei. Vgl. Psy&ho/ogie II1, S. 71.
115) Dagegen Psy&hologie 11, S. 200, 269, und Psy&hologie 111, S. 113f.
116) D. h. amEndeseiner Dauer als dasselbe wie zu Beginn.
11") D. h. weder als Körper noch als Geist, sondern nur allgemein als
ein Ding. S. Vom Dasein Gottes, S. 418.
118) Die letzten beiden Abschnitte und wohl auch schon Abschnitt
10. und 11. zeigen Brentano um die Lösung einer Schwierigkeit be-
müht, die aus der Voraussetzung erwachsen war, daß Abstände nicht
angeschaut werden können ohne die anschauliche Vorstellung abso-
luter zugehöriger Positionen. Mit dem Nachweise der Transzendenz der
absoluten spezifischen Zeitbestimmungen schien ihm darum auch der
Entfall der eigentlichen Vorstellung zeitlicher Abstände und damit aller
sachlichen Temporaldifferenzen, absoluter sowohl als relativer, erwie-
sen und die Annahme nahegelegt, daß unsere sog. Zeitanschauung in
Wahrheit ein bloßes Surrogat sei. Ein solches glaubte er in dem moda-
len Kontinuum, bzw. in der "kontinuierlichen Menge von Endigen
und Beginnen" gefunden zu haben. Aber die ganze Voraussetzung
ward hinfällig, als Brentano schließlich zu der Erkenntnis gelangt war,
daß nicht nur unsere Zeitanschauung, sondern auch die Raumanschau-
ung der Bestimmtheit ermangle. Daß wir gleichwohl räumlich Ausge-
dehntes und darin voneinander in verschiedenem Maße und mannigfa-
chen Richtungen Abstehendes anschauen, war ebensowenig zu verken-
nen wie daß es sich dabei um sachliche Unterschiede handle. So sah
sich denn Brentano in der letzten Phase seiner Beschäftigung mit dem
Zeitproblem dazu gedrängt, auch in unserer Zeitanschauung, wie in der
Raumanschauung, sachliche Differenzen und zwar hier wie dort nur
relative Bestimmungen anzuerkennen. Damit entfällt für das modale
Kontinuum die Aufgabe eines Surrogates für die transzendenten sach-
lichen Differenzen, was seine Bedeutung in Hinsicht der Modifikation
des "ist" nicht beeinträchtigt.
119) Was aber Brentanos eigener Ansicht nicht entspricht. Nicht

gegenwärtig, vergangen, zukünftig hält er für spezifische Zeitl:iestim-


mungen (so wie etwa rot, blau für spezifische Qualitäten), wohl aber
meint er, daß, was gegenwärtig gewesen ist, sich von dem, was gegen-
wärtig ist oder gegenwärtig sein wird, notwendig durch eine spezi-
fische Zeitbestimmung unterscheiden muß. Die einander folgenden
geschichtlichen Ereignisse sind zeitlich durch absolute spezifische Zeit-
Von A. Kastil 229
bestimmungen voneinander unterschieden, aber jedem davon kommt
es in gleicher Weise zu, einmal künftig gewesen, dann gegenwärtig,
dann vergangen zu sein, so daß diese Bestimmungen als solche nicht als
spezifische gdten können.
110) Nachdem noch ein Diktat vom 18. Januar 1915 [T 18] die Sub-
sumtion der Temporalmodi unter die modi obliqui in Frage gestdlt
hatte, entscheidet sich hier Brentano für sie.
121) Die Abschnitte 6 und 7 sind einem Diktat vom 4. Januar 1915
[T 17] entnommen.
111) Im Unterschic-.de von den Ortsbestimmungen, die sich nur im
seihen Subjekte ausschließen.
111) Vgl. Psythologie ///, S. 101.
1K) Vgl. Psy&ho/ogiell, S. 225, wo es heißt, um den temporalen Wech-
sd zu erfassen, bedürften wir der Anschauung Gottes.
125) Damit hat Brentano wohl die lange vertretene, noch im Diktat
vom 13. Februar 1915 ("Das Zeitliche als Rdatives") festgehaltene
Lehre. daß unsere Zeitanschauung lediglich modale Differenzen ent-
halte, aufgegeben. Sie soll nun doch auch sachliche zum Gegenstande
haben, wenn auch nicht absolute Positionen, so doch rdative, nämlich
Richtungs- und Abstandsunterschiede.
118) Gemeint ist vom Orte unseres Leibes.
11 ) Hier wird die Rdativität unserer Raumanschauung nicht in dem
in Psytho/ogie II, S. 201, dargdegten Sinne erläutert, wonach alle Teile
als abstehend von einem in modo recto vorgestellten unqualifizierten
und nicht absolut spezifizierten Ort angeschaut werden sollen. Jene
Abhandlung trägt das Datum 21. Februar 1917, ist also das letzte Wort
Brentanos zu dieser Frage. Vgl. Psy&ho/ogie //, S. 270, und Psytho/ogie ///,
s. 164.
118) In Psy&ho/ogie //1, S. 117, heißt es: Wo Aristotdes "die sensibilia
communia aufzählt, hören wir ihn nicht von Ort und Zeit, wohl aber
von Ausdehnung und Gestalt, Ruhe und Bewegung sprechen, welche
gleich sein können, an wdchem Ort immer sie sich befinden und zu
welcher Zeit immer sie verlaufen, wenn nur die Ortsverhältnisse und
Zeitverhältnisse gleich sind. So stimmt, was er hier tut, auf das beste
zu der Auffassung, daß die sinnliche Anschauung keine absoluten
Orts- und Zeitdifferenzen, sondern nur Orts- und Zeitverhältnisse uns
darbietet."
111) Vgl. Vom Dasein Gottes, S. 488.
180) Als Entwurf einer umfassenderen Darstellung gedacht, die
Martys Schüler Dr. Josef Eisenmeier hätte ausführen sollen. Ahnlieh
hatte Brentano schon im Jahre 1873 Stumpfs Buch Ober den psythologi-
s&hm Ursprung der Raumvorstellung richtunggebend beeinflußt.
111) Von Helmholtz stantmt auch die Bezeichnung der beiden Theo-
rien als "empiristische" und "nativistische". V gl. H. von Helmholtz,
Handbu&h der Physiologis&hen Optik (2. Aufl. 1896, Harnburg u. Leipzig:
Leopold Voss), S. 608f.
182) Op. cit., S. 963.
188) Über Machs Raumtheorie vgl. dessen Erkenntnis und Irrtum
(Leipzig: Joh. Ambrosius Barth, 1905), S. 331-440, und Die Analyse
230 Anmerkungen

der Empfindungen tmd das Verhältnis des Physisrhen :(_um Psyrbisrhen (4. Aufl.
1903, Verlag von G. Fischer in Jena), Kap. VI. und VII.
1 Bt) Vgl. B. Bolzano, Paradaxien des Unend/irben (Hamburg: Felix
Meiner, 1920).
136) Die Abschnitte 10 und 11 sind einem Vorentwurf entnommen.
136) Über Substanz-Akzidenz vgl. die ausführlichen Untersuchungen

in Brentanos Kategorien/ehre; Register unter "Substanz-Akzidenz".


137) Es war dies früher auch Brentanos Meinung. V gl. Kategorien-
lehre, S. 109, 117 f., 125, 148.
138) Über Elastizität vgl. Kategorien/ehre, S. 87f., 196, 331.
130) Wogegen natürlich die Substantialität des Qualitativen als sol-
chen von vornherein feststünde, falls der Ort nichts Positives wäre.
140) Ergänze: die offenbar keine Qualität im eigentlichen Sinne, ja
überhaupt nichts Positives ist.
141) Vgl. Kategorien/ehre, S. 296ff.

uo) D. h. daß es einen Ort an sich gebe in dem Sinne, daß er zwar
Ort, aber nicht ein bestimmter Ort sei.
143) Aus dieser Bemerkung ist ersichtlich, daß Brentano in der letzten
Phase seiner Untersuchungen über die Struktur unserer Zeitanschau-
ung die von uns angeschauten temporalen Differenzen nicht auf die
Unterschiede von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft beschränkt
hat, sondern auch temporale Objektsdifferenzen und zwar als Gegen-
stände des primären Bewußtseins anerkannt hat. Nur seien es keine
absoluten Zeitpunkte, sondern bloß Abstände im Sinne des Früheren
und Späteren. Man vergleiche damit frühere Außerungen, die eine
gewisse Ahnlichkeit mit der Lehre Kants aufweisen, insofern dieser die
Zeit dem inneren Sinn zugewiesen hatte. So in Psyrhologie III, S. 52: In
einer Weise, die Kant selbst sich nicht zur Klarheit bringen konnte,
heißt es hier, "ist es wahr, daß, was wir von zeitlichen Differenzen
sinnlich empfinden, alles vom inneren Sinn und allein von ihm wahr-
genommen wird. Sind doch die Differenzen, die wir wahrnehmen,
nicht Differenzen der Objekte, sondern der Empfindungsweise der
äußeren Empfindung, welche ohne Vorhandensein einer inneren Wahr-
nehmung nicht erfaßt würden." AufS. 69f. werden darum Ruhe und
Bewegung nicht zu den äußeren Sinnesobjekten gerechnet. Es sind
dies Außerungen aus den Jahren 1914 und 1915. In einem Diktat
("Von der phänomenalen Zeit") aus dem Jahre 1914[T 4J] wird eben-
falls gesagt, daß die Zeit, weil die Modi des Anerkennensund die ihnen
zugrundeliegenden Vorstellungsmodi nur Gegenstand der inneren
Wahrnehmung sind, in gewissem Sinne nur auf dem Gebiete des inne-
ren Sinnes gefunden wird. Erst die Erkenntnis, daß zur Anschauung
von Räumlichem relative Objektsdifferenzen genügen, hat dann auch
der Annahme temporaler Objektsdifferenzen die Bahn frei gemac;:ht.
1") V gl. Vom Dasein Gottes, S. 28 u. 55.
146) Marty gibt dem principium identitatis indiscernibilium eine von
Brentano abweichende Deutung. Vgl. A. Marty, Raum tmd Zeit (hrsg.
von J. Eisenmeier, A. Kastil und 0. Kraus, Halle a. S.: Max Niemeyer,
1916), s. 187 ff.
u•) Vgl. Marty, a.a.O., S. 183f., 245f.
Von A. Kastil 231
1'") Der folgende Teil dieses Diktates wurde schon in den Kant-
Studien (Bd. XXV, 1920, S. 1-23) unter dem Titel "Zur Lehre von
Raum und Zeit" von 0. Kraus veröffentlicht (nach einer nicht fehler-
freien Abschrift).
1ts) In Martys zitiertem Buche ist dies nicht ausgesprochen, aber es
war seine Lehre.
148) Was Brentano selbst lange verkannt hatte. Erst in Diktaten aus
seinem letzten Lebensjahr wird der gegenteiligen Erkenntnis Ausdruck
gegeben. S. Psychologie Il, S. 200, 205; Psychologie III, S. 111 ff.
150) B. Petroniev!cs, Principien der Metaphysik, I. Bd., 2. Abt. (Heidel-
berg 1912), S. 109.
161) Die hier für die Gesichtsempfindungen aufgestellte Lehre wird
in Psychologie II, S. 199, auf alle Sinnesfelder ausgedehnt. (Diktat vom
21. Februar 1917, dort irrtümlich mit 21. November angegeben und in
Psychologie III, S. 165, unrichtig korrigiert.) Diese Projektionstheorie
Brentanos hat nichts mit der von F. Rillebrand (Lehre von den Gesichts-
empfindungen, Wien 1929, S. 112ff.) abgelehnten zu tun, welche von
dem Hinausprojizieren so spricht, als müßte von uns mit den Farben-
qualitäten erst irgendetwas vorgenommen werden, damit sie eine
Lokalisation als irgendwie entfernt bekämen. 0. Kraus lehnt in seinen
Bemerkungen zu einer Stelle in Psychologie III, S. 71, auch die Projek-
tionstheorie Brentanos ab. M. E. mit nicht zureichender Begründung.
Bei der Beurteilung dieser Lehre muß man sich vor allem darüber im
klaren sein, was sie eigentlich leisten soll. Will sie erklären, wie uns
Ortsunterschiede sinnlich anschaulich gegeben sein können, ohne daß
uns Orte in speeie gegeben sind? Dazu, glaube ich, bedürfte man ihrer
nicht; denn warum sollte, wenn solches überhaupt möglich ist, eine
psychologische Organisation mit dem Effekt, daß sich uns ohne abso-
lute Ortsbestimmungen räumliche Differenzen der Qualitäten unter-
einander darbieten, von vornherein weniger wahrscheinlich sein als
eine solche, vermöge deren Ortsabstände der Qualitäten von etwas
Unqualifiziertem angeschaut würden? Hingegen fragt es sich, ob diese
Projektionslehre Brentanos nicht als eine gute Beschreibung des mir
gesichert scheinenden psychologischen Tatbestandes gelten darf, daß
uns in der sinnlichen Anschauung die Raumbestimmungen durchwegs
"von einem gewissen Standpunkt aus" gegeben erscheinen und daß die
Qualitäten der verschiedenen Sinne, trotz des Auseinanderfallens der
Sinnesfelder, schon ursprünglich eine bestimmte Lage zueinander auf-
weisen, derart, als seien sie alle um ein Zentrum gruppiert. Doch würde
ich die Bemerkung, daß die qualifizierten Orte nur in modo obliquo
vorgestellt werden, auf die Empfindungen beschränken, in Phantasie
und begrifflichem Denken stellen wir sie wohl auch in modo recto vor.
168) Streng genommen kann man einen Punkt für sich nicht an-

schauen, aber es soll sich ja auch nicht um die Vorstellung eines speziel-
len Ortes handeln, sondern um die eines Ortlichen in genere. Statt
Punkt hieße es, glaube ich, besser "irgendein Ort".
163) Doch fehlt nicht, wie beim räumlichen Zentrum, jede qualitative
Determination. Was wir jeweils als gegenwärtig anschauen, hat immer
noch eine andere sachliche Bestimmung.
232 Anmerkungen von A. Kastil

16•) Das ist nicht so gemeint, als hätte nichts von dem, was wir in
obliquo vorstellen, ein wirkliches Dasein. Es kann ja dasselbe zugleich
in obliquo und in recto gedacht werden. Niemals kann aber etwas, was
mit Recht in recto anerkannt wird, ein bloß Gedachtes sein.
166) Das ist vom Standpunkt der üblichen Meinung gesprochen, daß
die Materie aus körperlichen Subllanten bestehe, die bald ruhend einen
Ort einnehmen, bald von Ort zu Ort sich bewegen. Brentano gibt aber
einer andersartigen Auffassung den Vorzug, nach der nämlich- an die
Stelle des Aethers - eine ruhende, einheitliche Substanz, die Raumsub-
stanz selbst, träte, und an Stelle von dem, was man früher als Substanz
der körperlichen Materie betrachtete, Akzidenzien, welche an der
Substanz haftend, von einem Teil auf den andern sich übertrügen. Von
diesem Standpunkte aus gewönne die Forderung eines leeren Raumes,
d.h. nicht mit Qualität erfüllter Orte, zur Ermöglichung der Fortbe-
wegung einen diskutableren Sinn. Über Brentanos Theorie der Materie
vgl. Kateg~~rien/ehre, S. 296!1., und 0. Kraus, "Über die Mißdeutungen
der Relativitätstheorie" (in: Nalllr'IIJimnuhaft 111111 Metaphysik, Brünn u.
Leipzig: Rudolf M. Rohrer, 1938, S. 64ff.).
166) Vgl. Kategorien/ehre, Register unter "Infinitesimalursächlichkeit".
167) D. h. der in recto angeschaute unqualifizierte und auch nicht als

solcher spezifizierte Ort ist im selben Sinne Ort und im selben Sinne
Substanz wie der Ort, der uns farbig, aber ebenfalls als Ort nicht spezi-
fiziert, im Gesichtsfelde erscheint.
158) Vgl. Kateg~~rien/ehre, S. 51, 64.
151) Ergänze: derselben Kategorie. Denn auf Bestimmungen ver-
schiedener Kategorien angewandt, ist der Name des Seienden nach
Aristoteles homonym. Vgl. Kateg~~rien/ehre, S. 101!1., 107ft.
180) Vgl. Kategorien/ehre, Register unter "Differenzierung, mono-
stoichetische und heterostoichetische".
181) Eine wichtige Bemerkung, gegen Versuche gerichtet, den Be-
griff des Kollektivs irgendwie aus dem des Einzeldinges abzuleiten oder
gar dem Kollektiv als solchem die Realität abzusprechen.
181) Brentanos Kategorientafel s. Kateg~~rienlehre, S. 405.
183) D. h. gegen die Identifizierung von Seiendem (Realem) mit Zeit-
lichern im Sinne eines irgendwie zeitlich Bestimmten.
Register
Abstand (Abstehen) 36, 47, 53, Ausdehnung42,43,135,164,178,
132, 136, 149, 161, 187, 198, 179, 180, 181, 207
199, 203, 207 Außenwelt 93, 166
zeitlicher 24, 36, 48, 53, 90, 132,
161, 187, 199, 210 Begriffe 67
Abstandsgrößen 47, 54, 161 Begriffsbildung 3, 53
Agnostizismus 212, 213 Beharren 132, 135, 158 (s.a. Fort-
Akzidenz(ien) 76, 79, 92, 121, bestand)
125, 130, 136, 144, 178, 179, Berkeley, George 165, 166, 167, 170,
184,210 197
Analogie von Zeit und Raum 70, Berkeleyaner 166, 167
100,208 Berührung 89, 174, 175 (s.a•
.Anaximanti4r 133 Kontiguität)
.Anaxime111s 133 Bestand (Bestehen) 133
Anerkennungsmodus 18.23f., 96, sukzessiver 56, 57
98, 102, 103, 123, 128, 156, zeitlicher 75, 159, 219 (s.a.
207 Fortbestand)
Differenzen des A. 104 Bestimmung
kontinuierlich variierender 22, räumliche s. Raumbestimmung
104,119 relative 124, 128, 204, 205, 206,
Anoetismus 175, 177 214
Anschauung(en) 3, 9, 10, 11, 42, zeitliche s. Zeitbestimmung
43, 68, 74, 81, 91, 93, 95, 132, Bewegung 27, 29, 32, 35, 38, 39,
161, 194, 204 (s.a. Raum, 41, 47, 54, 55, 57, 58, 70, 86,
Räumliches, Zeit) 89, 95, 96, 101, 103, 140, 150,
Arehimedes 60 151, 158, 187, 201, 208
Aristoteles 18, 20, 27, 39, 43, 44, Geschwindigkeit einer B. 31,
57, 63, 66, 79, 96, 108, 113, 35, 40, 54, 58, 71
115, 120, 133, 134, 135, 154, örtliche 20, 23, 45, 128, 129
164, 165, 168, 170, 179, 183, Vorstellung einer B. 99, 100
184, 189, 194, 196, 204, 211, Beziehung s. Relation
212, 214, 217, 229 Bolt~mann, Ludlllig 171
Lehre von der Zeit 61-62, 138- Bol~ano, Bmtart/82, 83, 174
152 Bona11111tNra 64-65, 80
Assoziation 87, 169, 170
ARgustit~~~.t 19, 60, 62, 63, 65, 66, Cantor, Georg 6
134, 188, 196, 211 Chronoid 100
234 Register

Clarke, Samue/187, 188, 189, 190, Empirismus 169, 170, 171, 173,
191, 193, 195, 197, 205, 211 176
Conus 15, 200 (s.a. Pyramide) deutscher 168
englischer 166, 169
Dauer 19, 21, 27, 66, 67, 68, 69, extremer 92, 166, 167
70, 120, 151, 155, 158, 159, Empirist 49, 166, 168, 170, 177
163, 188 (s.a. Fortdauer, Entropie 84, 85
Zeit) Erinnerung 88
innere, äußere 20, 64, 69 erstes (notwendiges) Prinzip 26
Dedekind, Richard 5, 6, 51, 52, 53 27, 28, 101, 121, 123, 124,
Definieren 214 142, 151, 160, 195, 211, 212
Demokrit 9 (s.a. Gottheit)
Denkapperzeptionen 11 Buklid 14, 51
Denkender 116, 126, 131, 197, elftes Euklidisches Axiom 49
206 Eu/er, Leonhard188, 192,193,202,
Vorstellung eines D. 119, 120 203
Denkrelation 125, 126, 131, 206 Evidenz 111, 112
Descartes, Rene 18, 19, 66, 67, 68,
100, 112, 134, 154, 155, 178, Farbe 201
182, 198 Farbenabstände 47, 48, 73, 161
Differenzen (Unterschiede) Farbendifferenzen 28, 68, 213
absolute 19, 20, 161, 202, 214 Farbenkontinuum 28, 29, 44
akzidentelle 91, 184 Farbenqualitäten 10, 180
Farbendifferenzen 28, 68, 213 Farbensinn 177
Objektsdifferenzen 24, 25, 97, Farbiges 13, 132
100, 119, 121 Fläche 17, 21, 59, 220
örtliche (lokale) 19, 28, 29, 44, als 2-dimensionales Kontinuum
57' 100, 162, 176, 177, 178, 14
180, 181 farbige 28, 30, 31, 40, 44, 52,
spezifische 159, 181, 202, 214 219
substantielle 25, 92, 122, 123, Flourenssche Lebensknoten 198
130, 136, 179, 180, 181, 184 Fortbestand (Fortbestehen) 25,
temporale (zeitliche) 20, 25, 44, 32, 45, 69, 86, 95, 100, 132,
57,90,92, 117,121,124,128, 133, 135, 137, 151, 158
153, 155, 158, 159, 181, 229 Fortdauer 20, 103, 135, 158 (s.a.
Differenzierung 58, 199 Dauer)
Früheres und Späteres 19, 37, 73,
Eigentümlichkeit s. Spezifikation 99, 117, 127, 128, 131, 135,
Einheit(en) 42, 43, 44 136, 151, 154, 157, 186; 199,
Emsehaltung s. Interkalation 200,210
Einstein, Albert 29, 30 Relation des F. zum S. 97, 116,
Elastizität 181 125, 128
Empedokles 133 Fundament s. Relation
Register 235
Ga/i/ei, Ga/ileo 51, 60 115, 124, 130, 187, 188, 191,
Gedächtnis 3, 9, 19, 87, 91, 92, 197, 205, 211, 212, 213 (s.a.
186, 197 erstes Prinzip)
verschiedene Fälle von G. 86, kontinuierlicher (temporaler)
87,90 Wechsel in G. 27, 94, 106,
Gegenwart 19, 22, 75, 83, 90, 104, 144
115, 123, 127, 148, 163, 199, Gottesvorstellung 171
209 Grenze 7, 9, 11, 14, 15, 16, 17, 18,
gegenwärtig 66, 88, 98, 105, 117, 31, 33, 34, 36, 37, 51, 95, 99,
124, 127, 128, 149, 152, 154, 102, 108, 110, 129, 130, 131,
156, 158, 210, 213, 214 135, 136, 137, 162, 199, 209,
Gegenwärtiges 22, 24, 79, 101, 220
104, 112, 114, 116, 117, 126, äußere 15, 39
132, 144, 148, 149, 154, 157, Bestehen einer G. 17, 21
200 dreidimensionale 33, 137
Anerkennung von G. 96, 207 innere 15, 39, 41, 99, 129
Gegenwartsgrenze 22, 37, 88, isolierte 38
148, 150 Koinzidenz von G. 7, 9, 11, 12
Gegenwartsmodus 89, 93, 98,110 kontinuierliche 21
Gegenwartsmoment 20, 200 punktuelle 15
Gegenwartspunkt 199 zweidimensionale 9, 14
Gehörserscheinung 177 Größe(n)
Gemüt 23, 25, 119 absolute 161, 176
Geometrie 48, 49 Abstandsgrößen 47
Geruchsfeld 180 eindimensionale 37
Geschichtliches (geschichtlich) 22 kontinuierliche 36, 45, 46, 47,
96,97 48,57
modi obliqui 117, 120, 121 unendliche 5
Geschwindigkeit 30, 54, 58 (s.a. Grotiu.r, Hugo 64
Bewegung) GI(Jau, Jean Marie 91
Kontinuum von Geschwindig-
keiten 52 Hege/, G. W.F. 82, 84
Gesichtsempfindung 165 Helmholtz, Hermann v. 46, 60, 168,
Gesichtserscheinung 177 169, 170, 177
Gesichtsfeld 180 Heraklit 133, 134
Gesichtssinn 90, 166, 180, 191, Herbart ,Job. Friedrich 19, 85, 168,
197 198
Gewesenes s. vergangen, V er- Holoklerie 217
gangenes Homogenität 45, 176 (s.a. Kon-
Glaube(n) 87, 88, 92, 186 tinuum, Körper)
Glied 5, 6, 51 Homonymie 47
Gott(heit) 26, 27, 62, 63, 65, 99, Hume, David 12, 134, 177, 187,
101, 104, 105, 106, 113, 114, 196, 212
236 Register

Indeterminismus 205 Konstruktion(sversuch) eines


Individualisation 130 K. 5, 6, 7, 14, 51, 53, 55
Individualität 183, 184 primär(es) 29, 30, 32, 36, 38
Individuation 78, 199 räumliches 42, 43
inductio per enumerationem sim- sekundär(es) 29, 31, 32, 38
plicem 182, 183 topisch 17, 21, 28, 38, 44, 45,
Intensität 180 95, 96, 102
Intensitätsreihen 69 topoid 102
Intensitätsunterschied 13, 19 Ursprung des K. 7, 8, 10, 11,
lnterkalation von Brüchen 4, 14, 12, 13,49
49, 53, 54 Zugehörigkeit zu einem K. 16,
17,22
Jetzt 78, 80, 114, 117, 119, 130, Kontinuität 4, 8, 9, 57, 58, 85, 86,
143, 144, 149, 150, 162, 185, 126, 136, 172, 173 (s.a. Kon-
199, 200, 208 tinuierliches, Kontinuum)
Kontinuum 5, 12, 34, 53, 54, 55,
Kanl, lmmalll/e/ 18, 61, 77, 78, 79, 56, 59, 102, 129, 130, 135,
80, 84, 155, 167, 168, 186, 136, 173, 174,220 (s.a. Kon-
187, 190, 192, 194, 196, tinuierliches)
207 angeschautes 43, 44
Lehre von der Zeit 72-76 Anschauung von Kontinuis 53
Kausal.relation 124 Begriff des K. 52, 53, 108
Kollektiv 214 Charakter des K. 7, 51,129,175
Kongruenz 30 Doppelkontinuum 28, 29, 57,
Kontiguität 125 (s.a. Berührung) 58
Kontinualursache 125 dreidimensionales 13f., 162,
Kontinuierliches (s.a. Konti- 172,209
nuum) ebenes (gerades) 36, 37, 38, 168
als (bloße) Grenze 14, 16, 17, eindimensionales 13, 14, 129,
21,44 162,209
Anschauung von K. 42, 43, 49 Farbenkontinuum 28, 29,
aus Kombination von Merk- 44
malen 3, 7, 9, 11, 13 gekrümmtes 38
Begriff des K. 3, 6, 7, 9, 11, 13, Größe(nverhältnis) eines K. 45,
50 46, 47, 54, 57, 58
Beispiel von K. 4, 5, 17 homogenes 45, 56, 59
chronisch 17, 18, 21, 23, 24, 27, inneres 37
28, 37, 38, 44, 45, 95, 96, 102 K. von höherer Ordnung 173
durch Abstraktion 9, 11, 13, 49, mehrdimensionales 14, 48, 137
52 modales 97
Einteilungen von K. 13, 14, 17, multiples 28, 33, 56
28, 41, 44, 45, 95 örtliches 29, 44, 46
Gattung des K. 44, 45, 46 primäres 28, 29, 32, 33, 35, 39,
Register 237
45, 46, 48, 55, 58, 59, 150, Kronos (Chronos) 18, 101, 186
219,220 Kugel15, 16, 52, 56
räumliches 28, 33, 172, 199, Rotation einer K. 17, 39, 40
200,224 Kugeloberfläche 15, 38
Richtungskontinuum 29 künftig s. zukünftig
sekundäres 28, 29, 32, 37, 39,
44, 45, 46, 54, 55, 58, 59, 150, Lagronge, Joreph Louir 32, 209
219,220 Laplace, Pierre Simon 177
Teile eines K. 56, 129, 135, 137 Leibniz, Gottfried Wi/he/m 19, 20,
Temperaturkontinuum 44f. 64, 72, 73, 75, 77, 84, 85, 120,
vierdimensionales 37, 48, 137 134, 142, 155, 183, 188, 191,
Zahlenkontinuum 54 192, 193, 195, 196, 198, 202,
zeitliches 33, 43, 130, 136, 137, 203, 205, 211, 212
199,220 Lehre von der Zeit 69-71
zweidimensionales 13 Linie 11, 17, 21, 59, 174, 219, 220
Körper 21, 32, 33, 35, 38, 41, 42, gerade 15, 16, 28, 29f., 31, 49,
44, 48, 89, 95, 137, 174, 178, 58, 70, 107
179, 180, 181, 182, 183, 184, krumme 15, 22, 28, 31, 37, 58,
189, 194, 201, 203, 217, 219, 98, 219
220 Länge einer L. 28, 29, 31, 35,
als Grenze 37 46, 47, 53, 219
Anschauung eines K. 10 mit varüerender Richtung 29,
Ausdehnung des K. 36 31, 45, 219
bewegter 35, 38, 39, 47 mit wechselnder Teleiose 34,
ebener 48 35
emporgeworfener 39, 218 räumliche 14, 30, 58, 208
Existenz von Körpern 44, 48, schneidende 217
178 Teilung einer L. 51, 174
geometrischer 37, 45 Locke, fohn 70, 71, 72, 73, 75, 77,
homogener 48 85, 154, 155, 164, 165, 168,
mathematischer 28 170, 173, 178, 182
Oberkörper 218 Lehre von der Zeit 67-69
starrer 126 Lokalzeichen 169
Substanz des K. 100, 180, 182 Lotze, Hermann 19-82, 84, 169
Teilung eines K. 8 Lücke 13, 50, 172, 173
Undurchdringlichkeit eines K.
182 Mach, Ernst20, 171, 172
vierte Dimension des K. 32, Morty, Anion 20, 187, 189, 190,
35,36 195
Kreisbewegung 150 Maßverhältnisse 166, 167, 170
Kreisfläche (farbige) 15, 16, 33- Melodie 87, 98, 129, 132
35, 41,.52 Merklichkeit 11, 12, 13
Kreislinie 47 Meroklerie 217
238 Register

Mill,]ohn Stuart166, 179 PoiNarl, Henri 5, 6, 49, 50, 51,


Modus s. Anerkennungs-, Tem- 172, 173, 174, 177
poral-, Vorstellungsmodus prästabilierte Harmonie 102
Moment s. Gegenwarts-, Zeit- principium identitatis indiscerni-
moment bilium27,183, 184,189,193,
Monadologie 86 203
Müller,]ohannes 198 Prinzip s. erstes
Proterästhese 109, 110, 111, 112
Nacheinander 86, 90, 116, 122, Punkt 6, 11, 51, 109, 112, 144,
188, 202, 223 174, 192, 198, 219
Nativismus (nativistisch) 168, als Grenze 112, 129, 130
170, 171, 173, 176, 177 ausgezeichneter 117, 118, 119,
Nebeneinander 21, 58, 100, 116, 193
119,172,190,202,223 örtlicher 29, 198, 199
Newton, Isaak 155, 178, 187, 188, räumlicher 14, 59, 99, 108, 162,
191, 192, 195, 202, 203, 211 189, 200, 224
zeitlicher s. Zeitpunkt
Objekt (s.a. Sinnesobjekt) Punktmannigfaltigkeit 30, 173
primäres 9, 10, 88, 93, 109, 111, Pyramide 99 (s.a. Conus)
197 Pythagoreischer Lehrsatz 210,
sekundäres 88, 109 211
Objektsdifferenzen s. Differenzen
Ort 180, 181, 185 Raum 31, 53, 59, 172, 178, 182,
Örtlichkeit 181, 182 185, 189-197, 202, 206, 207
Ortsbestimmtheit 40, 193 (s.a. Räumliches, Analogie)
Ortsbestimmung 162, 181, 183 als Absolutes 192, 203
als (reine) Anschauung 74, 75,
Parallelkreise 34, 57 76
Parallellinien 217 als homogenes Kontinuum 45
Parmenides 133, 204 als primäres Kontinuum 35,
Partialursache 125 59
PasGal. Blaise 122 als Reales 191, 209
Petronievks, B. 198 als Unding 202
Platon 140, 200, 204 Begriff des R. 171, 172
Pierose 15, 16, 17, 33, 52, 89, ebener 37, 38
217 einheitlicher 186, 189, 190, 191,
Gleichseitigkeit der P. 39 192, 195
halbe 39, 41, 51, 130 leerer 178, 181, 182, 19~, 201
partiale 39 phänomenaler 85, 118, 190,
unvollkommene 41 194, 196
volle 37, 39, 49, 162 physiologischer 171, 172
zweiseitige (doppelseitige) 37, unendlicher 76, 168, 195
38,44 wirklicher 118, 119, 170
Register 239
Raumanschauung 49, 132, 168, Relativliebes 126, 128
169 RenoUIIier, Charle.r 85, 86, 171
Raumbestimmung 165, 170, 176, Riemann, Bernhard 168, 174
178, 201, 203, 204 Ruhe 27, 29, 32, 39, 40, 41, 57,
Raumempfindung 171 70, 86, 94, 103, 129, 150, 158,
Räumliches 30, 31, 32, 59, 90, 187
122, 125, 167, 194, 202, 204,
205,207,209,213 (s. a. Raum) Schachbrett (farbiges) 12, 175
Anschauung von R. 41-43, 132 Schätzung 90, 91
identisch mit Körperlichem Scheibe 17 (s. a. Kreisfläche)
209,210 Schiller, Friedrich 114
Raumpunkt s. Punkt Schließen 89
Raumverhältnisse 165, 167, 170, Scholastik(er) 39, 40, 63, 64, 65,
176 66, 80, 81, 85, 142
Raumvorstellung 166, 168-170, Schopenhauer, Arthur 76-79, 80,
171, 172, 173, 176, 191 155
Ursprung unserer R. 164, 170, Sehen 9, 10, 21, 25, 108, 128, 129,
177, 182 198
Reales 84, 106, 107, 108, 121, 125, mono-, binokulares 94
178, 195, 209, 210, 213, 214 Projektion beim S. 198, 209
Differenzierungen des R. 214- Sehfeld 90, 175
215 Sensation 172, 174, 175
identisch mit Zeitlichem 211, innere 88, 93
212, 213 sensibilia communia 163, 229
Reid, Thomas 155, 187, 190, 191, Serie (substantielle) 181, 183
194, 195, 196, 211 simultaner Kontrast 170
Relation Sinn(e) 25, 176, 180
Denkrelation 124, 125, 126 Sinneseindrücke 166, 167, 169,
Fundament der R. 116, 117, 170, 176
125, 126, 136, 199 Sinnesfeld 13
geschichtliche 117, 119 Sinnesobjekte 43, 62, 165
Kausalrelation 124, 125, 126 Sinnesqualitäten 181, 216
komparative 124,125,126, 127, Sinnesvorstellung 166, 167
128 Solidität 182
psychische 119, 120 Späteres s. Früheres
Terminus der R. 126, 136, 156, Spezies einer Gattung 159
199 Spezifikation
Relativ (Relativa) 124, 126 substantielle 130, 136
Klassen von R. 126 absolute 205, 206, 209
komparative 125, 128 relative 202, 206, 209
R. im engeren Sinne 126, 127, Stallo, ]ohn Bernhard 173
128 Stetigkeit 5, 6, 50
Relatives 122, 156 Stoiker 134
240 Register

Stumpf, Carl 117 Ton 98, 129, 132, 156, 157, 158,
Suarez, Francisco 20, 64, 80, 85, 160,178,179,187,203
120, 134 Tonempfindung 88, 129
Substanz 76, 79, 82, 83, 91, 92, Tonfolge 43, 187
121, 122, 125, 130, 136, 144, Tonskala 179, 203
178, 181, 183, 184, 197, 210 Tonvorstellung 157, 160, 161
körperliche 178, 181, 183, 192, Topoid 21, 38, 49, 84, 95, 100,
201 168, 190, 207, 215
Sukzession 63, 65, 66, 67, 68, 69, Trägheitsgesetz 8, 125, 210
70, 73, 80, 81, 86, 140, 148 transzendent 11, 26, 45, 100, 107,
Synechologie 85, 217 108, 120, 121, 124, 160, 163,
214,224
Tastempfindung 165, 166 Trendelenburg, Adolj27, 212
Tatsächlichkeit 17, 22, 148
Teilbarkeit (teilbar) 9, 11 Undurchdringlichkeit 182, 184
Teilung 7, 11,51 Universalien (Universale) 16, 78,
in' Um•ndliche 7, 8, 172 112, 125, 166, 204, 205
Teleiose 32, 33, 35, 39, 40, 45, 47, Unterschiede s. Differenzen
48, 57, 58, 59, 89, 217, 220 Ursache 124, 125, 149
Gleichmäßigkeit der T. 38, 44 Urteil(en) 22, 23, 25, 119
Grad der T. 36, 48 Urteilstäuschung 94
Unterschiede der T. 39
unvollkommene 33, 38, 39f., Variation
41, 44, 45, 58 dem Objekte nach 24
volle 33, 35, 44, 45, 58, 59 kontinuierliche 23, 25, 31
vollkommene 36, 38, 41 örtliche 29, 32
wechselnde 34, 35 ungleichmäßige 27
Temporalmodus 22, 23, 44, 88, zeitliche 30, 32
90, 93, 94, 98, 108, 110, Variationsgrad 29, 30, 31, 32, 33,
152 34, 53, 54, 55
Kontinuum von Temporal- vergangen (gewesen) 66, 79, 97,
modi 90, 107 98, 105, 124, 128, 152, 154,
Terminus s. Relation 156, 158, 210
terminus extra (intra) 217 V ergangenes (Gewesenes) 24, 79,
terminus extrinsecus (intrinsecus) 98, 114, 116, 117, 127, 132,
99, 217 149, 154, 207, 214
tertium comparationis 125, 127 Vergangenheit 19, 22, 33, 89, 90,
Thales 133 91, 104, 115, 123, 127, 148,
Theismus 212 149
theologia negativa 173 Temporalmodus der V. 100,
Tbomas von Aquino 63, 64, 140, 108, 110
144, 145 Vieles (kontinuierlich) 41, 42, 43,
Tiefendimension 94, 161 44,46
Register 241

Vielfaches (kontinuierlich) 10, 41, Ursprung der Z. 48


42, 43, 44, 45, 46 (s.a. Interkalation)
Vielheit 43, 44, 46, 140, 151, 183 Zahlenkontinuum 54
Vor und Nach 18, 62, 81, 85, 93, Zahlenreihe 5, 6, 7, 15, 50, 52, 172
100, 103, 122, 158, 208, 223 Zeit 18, 19, 31, 36, 37, 59, 60, 93,
Vorstellen 22, 23, 119 94, 103, 113, 114, 149, 153,
Vorstellung(en) 23, 26, 48, 81, 162, 185, 187-189, 193-197,
172 201,202,206,207 (s.a. Zeit•
in (modo) obliquo 10, 117, liches, Zeitlichkeit, Analogie)
122, 128, 130, 131, 156, 163 absolute (als Absolutes) 18,
in (modo) recto 10, 117, 122, 155, 189, 203
128, 130, 131, 156, 163, als Anschauung(sform) 74,~75,
198 76, 77, 186, 187
Vorstellungsmodus 23, 24, 26, 86, als Dauer 18, 19, 66, 68
91, 99, 103, 104, 120, 122 als eindimensionales Konti-
Kontinuum von Vorstellungs- nuum 14, 37,73
modi 96, 100 als Maß von Veränderungen
18, 19, 75
Wahrnehmen 112, 157 als Reales 121, 187, 209
Wahrnehmung 163, 175 als regelmäßige Aufeinander-
äußere 9, 24, 25, 90, 93, 108, folge 71, 73
111, 163, 186 als 4. Dimension des Raumes
innere 9, 24, 25, 75, 89, 90, 92, 207, 208, 209, 213, 215
93, 108, 109, 110, 111, 112, als Unding 101, 203
118, 130, 162, 163, 186, 197 Begriff der Z. 60, 67, 68, 81, 152
Wärmetod 84, 85 Einheit der Z. 151, 152
Wechsel 20, 21, 27, 29, 94, 95, einheitliche 18, 186, 187, 190,
105, 106, 120, 158, 163, 178, 192, 195
212,219 Geschwindigkeit der Z. 71, 150
infinitesimaler realer 94, 107 innere 63, 80
kontinuierlicher 44, 160 phänomenale 85, 194, 196
kontinuierlich substantieller 26, Subjektivität der Z. 62f., 66,
123 74, 76,79
Wollen 88, 104 transzendente 107, 108
göttliches 26, 105, 213 unendliche 76, 195
Wünschen 23 Zeitanschauung 49, 77, 78, 90,
Wmult, Wilhelm 84, 85 96, 148, 155
Zeitanschauungsfeld 20
Zahlen 36, 206 Zeitbestimmung 154, 157, 158,
Einschiebungen von Z. 4, 5, 6, 160, 180, 183, 204
50, 172 absolute 108, 161, 163, 188f.,
Halbierungen von Z. 4, 7, 8 200,203
unbenannte, benannte 36, 46 spezifische 154, 163
242 Register

Zeitdifferenzen s. Differenzen Zeitmoment 14, 25, 28, 200


Zeitfeld 90, 93 Zeitpunkt 14, 37, 59, 109, 112,
Zeitlängen 29, 46, 47, 85, 131, 130, 137, 162, 163, 186, 189,
178, 208, 219 193, 200, 206, 208, 220, 224
Zeitliches 32, 59, 90, 100, 112, Zöllnersehe Figur 90
114, 122, 123, 130, 157, 194, Zukunft 19, 22, 89, 90, 91, 104,
200, 202, 204, 205, 207, 209, 115, 123, 127, 148, 149, 152
210, 213, 223 (s.a. Zeit) zukünftig (künftig) 66, 79, 97,
identisch mit Dinglichem 210 98, 105, 124, 128, 152, 154,
identisch mit Realem 211, 212, 156, 158, 210
213,214 Zukünftiges 79, 97, 98, 114, 116,
Zeitlichkeit 178, 181, 183 117, 127, 132, 149, 154, 207,
Zeitmodi s. Temporalmodus 214

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