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Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Ratz und Mimi -Teil 2


Eine Geschichte von Franziska Gehm, mit Illustrationen von Fréderic
Bertrand , erschienen im Carlsen Verlag.
Hier kommt der zweite Teil der Geschichte!
Geheimnis aus der Flasche
Ratz reckt sich und zieht einen Gegenstand aus seinem Fell.

Es ist eine Flasche.

Sie ist braun und grün vor Algen und sieht sehr alt aus. Als wäre sie schon

Jahrhunderte im Fluss getrieben.

„Igitt, Müll“, kreischt Guapo. „Da fallen mir schon beim bloßen Anblick alle

Federn aus. Hinweg damit!“

Klimbim mustert die Flasche. Etwas schimmert durch die grün-braune

Algenschicht. „Wartet, da steckt was drin.“

„Ja, Keime, Bakterien, Bazillen …“, krächzt Guapo mit spitzem Schnabel.

„Mach doch mal auf“, meint Gunter.

Ratz seufzt. Eigentlich ist ihm egal, was in der Flasche ist. Aber seinen

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Freunden zuliebe zieht er am Korken.

Ratz muss sich mächtig anstrengen. Dabei ist Anstrengen total ungesund.

Weiß doch jeder.

Schließlich schafft es Ratz. Mit einem PLOPP zieht er den Korken aus der

Flasche.

Modriger Geruch steigt auf. Guapo wedelt sich mit einem Flügel Luft zu. Er

steht kurz vor der nächsten Ohnmacht.

„Riecht wie Waschbär-Durchfall“, findet Gunter. Er hat eine sehr feine Nase.

Ratz späht in die Flasche. Klimbim hat recht. Da steckt etwas drin.

Ratz versucht, eine seiner Krallen in die Flasche zu stecken. Aber die Kralle ist

zu dick.

„Lass mich mal“, sagt Mimi und fliegt auch schon in den Flaschenhals.

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Einen Moment hört man sie in der Flasche herumsurren. Dann ist plötzlich

alles still.

„Hoffentlich ist Madame Mimi nicht ohnmächtig geworden“, sagt Guapo.

„Oder eingeschlafen“, murmelt Ratz. Das wäre ihm passiert.

„Ich schlafe nicht, ich schiebe!“, schallt da Mimis Stimme aus dem

Flaschenhals.

Tatsache: Mimi schiebt und drückt den Inhalt der Flasche durch den engen

Hals.

Sie stemmt sich mit aller Kraft dagegen. Ihr kleiner Kopf wird ganz rot. Ihre

Flügel zittern vor Anstrengung.

Ratz hilft seiner Mitbewohnerin. Er zieht, sobald der geheimnisvolle Inhalt aus

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dem Flaschenhals ragt. Endlich haben sie es geschafft.

Das magische Tempofon


Rund um den Baum wird es still.

Neugierig bestaunen Klimbim, Gunter und Guapo, was Mimi aus der Flasche

geschoben hat.

Nur Ratz fallen schon wieder die Augen zu.

„Was ist das?“ Klimbim kratzt sich am Hinterkopf.

„So etwas wie eine Flaschenpost“, meint Gunter.

„Und dieses zusammengerollte Etwas?“ Guapo reckt den Hals. „Das sieht

irgendwie unheimlich aus.“

„Immerhin kein Waschbären-Durchfall“, stellt Klimbim fest.

Vor ihnen liegen ein vergilbter Zettel und ein seltsamer Gegenstand.

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Er sieht aus wie eine Tröte.

Aber keine lustige bunte

Geburtstagströte.

Der Rüssel dieser Tröte ist aus

bläulich glänzender Schlangenhaut.

Und das Mundstück aus einer

schaurigen Tierkralle!

Klimbim zeigt auf den Zettel. „Ratz, guck doch mal, ob da was steht.“

„Hö?“, macht Ratz. Er war gerade am Wegdösen. In aller Ruhe faltet er den

zerknitterten Zettel auseinander.

Mimi hüpft auf seinen Kopf und sieht gespannt auf das alte Stück Papier.

Langsam hebt Ratz den Zettel vors Gesicht. Er blinzelt dreimal in Zeitlupe und

beginnt schließlich zu lesen: „Ich …„Gähn. „… bin …“ Noch mal gähn. „… der …“

Extra langes Gäääähnen.

Klimbim rutscht ungeduldig von einer Pobacke auf die andere.

Schließlich reißt er Ratz den Zettel aus der Hand. „Entschuldige, män. Lass

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mich mal.“ Er beginnt laut zu lesen:

Ich bin der Gott RUH.

Ich bin alt,

meine Kräfte schwinden.

Daher schicke ich meinen wertvollsten Besitz auf Reisen:

Das magische Tempofon.

Gelingt es dem Finder,

es zum Klingeln zu bringen,

so ist er der Auserwählte.

Gelingt es ihm nicht,

darf er es nicht sein Eigen nennen.

Sonst wird er auf ewig verflucht sein

und großes Unheil wird über ihn kommen.

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„Ein magisches Telefon!“, ruft Gunter. „Sind da Spiele drauf? Gibt es coole

Klingeltöne? Können wir ein Selfie machen?“

„Nicht Telefon, TEMPOFON!“, kreischt Guapo und schnappt es sich mit einem

Flügelschlag. „Wer, wenn nicht ich, das schönste Tier der Welt, sollte der

Auserwählte sein?“

Guapo plustert sich auf, klemmt sich das Mundstück in den Schnabel und

pustet hinein. Die Kopffedern stehen ihm zu Berge. Doch das Tempofon

entrollt sich nicht. Bis auf ein Keuchen von Guapo ist kein Ton zu hören.

„Das verstehe ich nicht! Dieses Tempofon muss defekt sein!“, schimpft

Guapo.

Als Nächstes versucht Klimbim sein Glück. Er umklammert das Mundstück

mit beiden Händen.

So kräftig er nur kann, pustet er hinein. Zuerst ist nichts zu hören. Klimbim

strengt sich noch mehr an. Er bläst die letzte Luft aus seinem Körper.

Tatsächlich! Ein Ton erklingt!

Doch der kommt aus Klimbims Po.

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Mit roten Ohren reicht Klimbim das Tempofon an Gunter weiter.

„Immerhin“, sagt Gunter und klopft seinem Freund tröstend auf die Schulter.

Dann stülpt er sein spitzes Maul über das Mundstück.

Er bläst hinein und lauscht. Nichts. Weder rollt sich das Tempofon aus noch

ist auch nur der leiseste Ton zu hören.

Mimi hockt im Faultierfell und blinzelt nachdenklich.

Plötzlich sind ein Zischeln und Fauchen zu hören. Jedes Tier im Dschungel

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kennt und fürchtet dieses Geräusch.

Schiela, die Schlange, reckt ihren Hals zwischen den Farnen empor.

„Ihr Kokosköpfe! Seht ihr nicht, dass dieses magische Instrument aus

Schlangenhaut ist? Die Auserwählte kann nur ich sein!“

Von einer Sekunde auf die andere schnellt Schiela in die Höhe. Sie schnappt

sich das magische Tempofon und bläst hinein.

Schwarz-goldener Blitz
Der Einzige, den das alles nicht die Kakaobohne interessiert, ist Ratz.

Er hat den anderen eine Weile zugesehen. Doch dann ist er dabei … natürlich,

eingeschlafen.

Jetzt hängt Ratz friedlich an seinem Ast. Sein Mund steht offen. Ein leises

Schnarchen dringt heraus.

Er bekommt nicht mit, wie Schiela immer angestrengter in das Tempofon

bläst. Ihre Pupillen drehen sich wie Spiralen, ihre Schuppen glänzen.

Sie zischelt verzweifelt – aber das Tempofon gibt keinen Ton von sich.

„Von wegen Auserwählte“, murmelt Klimbim.

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„Nur außer Puste ist sie gleich“, flüstert Gunter.

Auf einmal knackt ein Ast am

Waldboden, ganz in der Nähe des

Baumes. Im nächsten Moment schießt

etwas wie ein schwarz-goldener Blitz

aus dem Gebüsch.

Es ist Morto, der Jaguar! Der gefürchtetste Jäger des Dschungels.

Von seinem Versteck aus hat er alles beobachtet: Die Tiere haben die sichere

Baumkrone verlassen und sich auf die unteren Äste gewagt. Vor lauter

Tempofon haben sie jegliche Vorsicht vergessen.

Doch Morto sollte man nie vergessen!

Klimbim hält sich schnell die Augen zu. Gunter rollt sich zusammen. Guapo

klappt ohnmächtig vom Ast. Alle erstarren. Zum Fliehen ist es zu spät.

Schiela ist selbst eine erfahrene Jägerin. Sie hat Morto sofort aus den

Augenwinkeln wahrgenommen.

Bevor Morto zum Angriff übergehen kann, zuckt Schiela zusammen und

faucht. Das Tempofon schießt aus ihrem Mund nach oben in die Baumkrone.

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Es segelt durch die Luft, dreht sich mehrmals um sich selbst und landet im

schnarchenden Maul von Ratz.

KLONK!

Ratz reißt die Augen auf. Zum zweiten Mal an diesem Tag wird er unsanft

geweckt.

Dabei war er gerade erst eingeschlafen und hatte von saftigen Blättern

geträumt. Doch statt Blättern hat er auf einmal dieses seltsame Tempofon im

Mund. Wo kommt das her?

Ratz schielt am Tempofon vorbei nach unten. Was er dort sieht, lässt ihn von

einer Sekunde auf die andere hellwach werden: Morto setzt mit blitzenden

Zähnen zum Sprung an. Er will sich auf die Freunde stürzen!

„Ratz, jetzt aber ratzfatz!“, schreit Mimi aus seinem Fell.

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Die Zeit steht still


Ratzfatz?, denkt Ratz. Ich? Ich kann doch nur schubidu.

Ratz weiß, dass er seinen Freunden nicht zu Hilfe eilen kann. Er ist viel zu

langsam und käme viel zu spät.

Trotzdem muss er etwas tun! Ratz holt tief Luft, um einen lauten Warnruf

auszustoßen.

Doch statt zu rufen, pustet Ratz in das Tempofon. Schön langsam und

gleichmäßig.

Die Schlangenhaut vom Tempofon erzittert und bläht sich auf. Schließlich

entrollt sie sich in ganzer Länge. Ratz schielt erstaunt auf den langen Rüssel

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vor seinen Augen.

Im nächsten Moment erklingt ein sonderbarer Ton.

Es ist ein langes, tiefes Pfeifen, in dem alle Geräusche des Dschungels

gefangen zu sein scheinen.

Der Ton kitzelt in Ratz’ Ohren und dröhnt in seinem Bauch. Sein Fell steht vor

Gänsehaut zu Berge. So einen Ton hat Ratz noch nie zuvor gehört.

Er ist unheimlich und zauberhaft zugleich.

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Doch nicht nur das. Die ganze Welt um Ratz herum scheint auf einmal wie

verwandelt.

Doch nicht nur das. Die ganze Welt um Ratz herum scheint auf einmal wie

verwandelt.

Kein Blatt regt sich mehr in den Bäumen, kein Grashalm auf dem Boden. Die

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Blattschneiderameisen auf dem Ast stehen still.

Morto mitten im Sprung, Schiela mit ausgestreckter Zunge und Klimbim mit

weit aufgerissenem Mund – alles steht still!

Als wäre die Welt um Ratz herum in einer Seifenblase der Zeit gefangen. Eine

Zeitblase!

„Das magische Tempofon zeigt seine Macht“, haucht Mimi. „Ratz, du bist der

Auserwählte!“

Ratz wäre lieber der Ausgeschlafene.

Mimi hüpft ungeduldig im Fell herum. „Mach schon, nur du kannst deine

Freunde jetzt retten!“

Ratz kratzt sich am Bauch. Mimi hat recht. Er kann sich bewegen.

Ausgerechnet er! Da muss er wohl tatsächlich mal etwas unternehmen.

Langsam hangelt sich Ratz an den erstarrten Blattschneiderameisen vorbei.

Hoppla, im Vergleich zu den anderen gehe ich ab wie Schmidts Katze!, stellt

er fest.

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Zur Sicherheit bläst Ratz noch einmal in das Tempofon. Damit der Ton nicht

nachlässt. Dann steckt er es in sein Fell.

In aller Ruhe klettert Ratz vom Baum. Am Boden sieht er sich einen Moment

um. „Ratz, du suchst doch jetzt nicht etwa ein gemütliches Plätzchen für ein

Schläfchen?“ Mimi zieht die Augenbrauen zusammen.

Gute Idee, findet Ratz und denkt kurz über Mimis Vorschlag nach. Dann

schüttelt er den Kopf und brummt: „Eile mit Weile.“

Er muss sich etwas überlegen. Das kann einen Moment dauern. Oder zwei

Momente.

Knoten im Kopf
Nach drei Momenten entdeckt Ratz ein paar Lianen im Unterholz.

Er hat eine Idee. Ratz reißt die Lianen ab. Eine nach der anderen und schön

gemächlich. Mimi seufzt und verdreht die Augen.

Vorsichtig nähert sich Ratz dem Jaguar. Morto hängt in der Luft, alle vier

Pfoten von sich gestreckt.

Ratz fesselt sie. Langsam und gründlich. Dann geht er zu Schiela und macht

ihr in aller Ruhe einen Knoten in den Körper.

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„Ratz, ich glaube, der Ton wird leiser.“ Mimi knabbert vor Aufregung am

Faultierfell.

Ratz lauscht. „Nö“, murmelt er. Aber sicher ist er sich nicht. Besser, er beeilt

sich.

Von dem ganzen Gefessel und Geknote ist Ratz mächtig außer Atem. Wer

weiß, ob er noch genug Puste hat, um das magische Tempofon erneut zum

Klingen zu bringen?

Leider ist Ratz im Beeilen nicht besonders gut.

Als Erstes hebt Ratz Guapo auf einen Ast. Als Zweites hievt er sich Klimbim

auf den Rücken und klemmt sich die Kugel Gunter unter den Arm.

Mühsam, Stück für Stück, klettert Ratz den Baumstamm wieder hinauf. Auf

einem Ast in der Baumkrone setzt er seine beiden Freunde wieder ab.

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Ratz schnauft. So viel wie heute hat er sich in seinem ganzen Leben noch

nicht bewegt. Das kann nicht gesund sein.

„Du hast es geschafft!“, ruft Mimi.

„Ich bin geschafft“, keucht Ratz.

Der magische Ton wird tatsächlich leiser. Er flimmert noch einen Moment wie

heiße Luft über dem Dschungel. Dann löst er sich auf und verklingt nach und

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nach.

Erst bewegt sich die Welt um Ratz herum wie in Zeitlupe. Je leiser der Ton

wird, desto schneller werden die Bewegungen. Bis er schließlich ganz

verklungen ist.

Schon rackern die Blattschneiderameisen wieder wie aufgezogen. Morto

landet mit gefesselten Pfoten auf Schielas Schwanz, die sofort faucht:

„Runter von meinem Hinterteil, du jämmerlicher Jaguar!“

Morto sieht sich verwirrt um und knurrt: „Was wird hier gespielt? Wo ist mein

Mittagessen hin? Wer hat mich gefesselt?“

„Hock nicht da und guck, als hätte dir eine Seekuh auf den Kopf gemacht!“

Die Schlange funkelt ihn böse an. „Zisch ab, sonst endest du als mein

Mittagessen!“

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Morto befreit sich mit ein paar geschickten Bissen von den Lianen-Fesseln.

„Ich bekomme schon noch heraus, wer das war. Keiner ist mächtiger als ich!“,

droht er. „Und du, Schiela, sieh erst mal zu, wie du den Knoten aus deinem

Hinterteil bekommst.“ Mit diesen Worten verschwindet Morto im grünen

Dickicht.

„Knoten?“ Schiela klappt vor Schreck die Zunge raus, als sie den Knoten

entdeckt. Wütend schlängelt sie sich samt Knoten davon.

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Ein seltsamer Traum


Klimbim und Guapo blicken dem Jaguar und der Schlange hinterher. Sie

reiben sich die Augen und schütteln ungläubig die Köpfe.

„Ist er weg?“, fiept Gunter und streckt vorsichtig die Schnauze aus der Kugel.

„Äh, Leute … hat jemand eine Ahnung, was da eben los war?“, fragt Klimbim.

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„Ich habe wohl ein Schönheitsschläfchen gemacht“, trällert Guapo und zupft

seine Federn zurecht.

„Sonst träume ich immer nur von mir. Aber dieses Mal habe ich geträumt,

Ratz ist blitzschnell vom Baum geklettert und …“

„… hat Morto gefesselt und voll den Knoten in Schiela gemacht?“ Klimbim

schaut sich um. „Das habe ich auch geträumt!“

„Von wegen Traum!“ Mimi flattert aufgeregt durch die Baumkrone. „Ratz hat

euch alle gerettet! Er hat das magische Tempofon zum Klingen gebracht. Er

ist der Auserwählte. Er ist ein Held. Er ist Super-Ratz, der Superheld!“

„Och nö“, murmelt Ratz. Auf Superheld hat er so gar keine Lust. Er ist jetzt vor

allem supermüde.

„Ratz ist ein Superheld? Und Schiela ein Gartenschlauch, oder was? Tsts, so

ein Unfug!“, plustert sich Guapo auf.

„Superschläfer ist er auf jeden Fall“, sagt Gunter. Er sieht, dass Ratz die

Augenlider schwer werden.

„Ich war doch dabei!“, beharrt Mimi. „Ich bin nicht erstarrt wie ihr. Vielleicht,

weil ich die ganze Zeit bei Ratz im Fell gesessen habe. Oder einfach, weil ich

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auch magisch bin. He, genau, Leute: Mimi, die magische Motte!“

Außer ihr glaubt das zwar keiner, aber Mimi strahlt von einem Flügel zum

anderen. „Und was sagt man, wenn einem jemand das Leben gerettet hat?“

„Schwein gehabt“, meint Gunter.

„Danke, Super-Ratz, voll cool, män!“ Klimbim klopft Ratz auf den Rücken, der

davon wieder wach wird.

Guapo wirft Ratz eine Kusshand – oder einen Kussflügel – zu und

anschließend sich selbst ein Küsschen im Spiegel. „Um mich wäre es aber

wirklich sehr schade gewesen.“

„Und jetzt„, verkündet Mimi, „ist es höchste Zeit!“ Ratz blinzelt selig. Jawohl,

Zeit für ein Schläfchen.

Mimi fliegt einen Looping und ruft: „Für PARTY!!!“

Echt jetzt?, denkt Ratz.

„Darf ich die Discokugel sein?“, fragt Gunter.

„Oh Gott, was soll ich nur anziehen?“, schrillt Guapo.

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Party mit Popcorn


Die Freunde hängen Girlanden aus leuchtenden Blüten in den Baum.

Guapo spendiert ein paar bunte Federn zum Dekorieren. Mimi stellt das Radio

und die Popcornmaschine auf einen Ast. Gunter poliert seinen Panzer, damit

er als Discokugel richtig glänzt.

„Jetzt kommen die Beats von DJ Motte, kommt alle raus aus eurer Grotte!“

Mimi schaltet das Radio an.

Die Musik wummert aus dem Lautsprecher, dass die Äste wackeln. Die

Blattschneiderameisen rackern im Takt weiter.

Klimbim wirft Discokugel-Gunter in die Höhe. Guapo nickt mit dem Kopf im

Rhythmus. Vornehm schwingt er die Flügel und zwinkert sich im Spiegel zu.

Ratz vergräbt das magische Tempofon tief in seinem Fell. Er sieht seinen

Freunden beim Tanzen und Feiern zu.

Er wippt ein paarmal zur Musik, dann gähnt er. Party feiern, das kann ich im

Schlaf, findet Ratz.

Ratz blinzelt noch einmal, schon fallen ihm die Augen zu. Wie immer huschen

Ratz beim Einschlafen die Gedanken wie Sternschnuppen durch den Kopf.

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Bisher war da immer nur ein Gedanke gewesen: der Gedanke an das nächste

leckere Fresschen.

Doch jetzt ist alles anders … Diese Mimi. Ist bei mir eingezogen und hat mein

Leben ganz schön durcheinandergebracht.

SCHÖN durcheinander. Ratz lächelt im Schlaf.

Und dieses magische Tempofon … Bin ich wirklich der Auserwählte? Aber

wozu wurde ich auserwählt? Hoffentlich zum Schlafen. Und wer ist dieser

Gott Ruh?

Und wie schmecken wohl die saftigen Blätter auf dem Ast über mir …

ZZzzzzzzzzzz

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Ratz und Mimi -Teil 2


Geschichte aus: Ratz und Mimi 1
Autor: Franziska Gehm
Illustration: Fréderic Bertrand
Verlag: Carlsen
Alterseinstufung: ab 5 Jahren
ISBN: 978-3-551-65541-7

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