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Ein Service von Stiftung Lesen und Deutsche Bahn Stiftung

Ich und meine Chaos-Brüder.


Alarmstufe Umzug - Teil 1
Eine Geschichte von Sarah Welk, mit Illustrationen von Alexander von Knorre,
erschienen bei arsEdition.
Hier kommt der erste Teil der Geschichte.
Wie Ben einmal Skeleton beim Pinkeln ein Bein abgebrochen hat
Ich bin Bela, und mein größter Wunsch auf der Welt ist endlich ein eigenes

Zimmer.

Im Moment habe ich nämlich eins zusammen mit Ben, das ist mein kleiner

Bruder, und der ist erst fünf.

Wenn ich einmal nicht gucke, nimmt er immer sofort Figuren aus meiner

Monstersammlung, die steht über meinem Bett auf einem Regal.

Und das will ich nicht, denn erstens sind das meine, und zweitens macht er

immer alles kaputt, weil er überhaupt nicht vorsichtig ist.

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Bei Skeleton hat er zum Beispiel

einfach die Beine nach oben gebogen

und jetzt ist sogar eins abgebrochen!

„Aber der musste aufs Klo, und das

geht nicht im Stehen!“, hat Ben gesagt,

und das fand ich noch blöder, weil das

auch noch gelogen ist.

Skeleton muss nicht aufs Klo, er ist nämlich ein Skelett, und da würde das

Trinken ja sofort rauslaufen. Und außerdem kann man wohl im Stehen Pipi

machen, nur Mama erlaubt das nicht.

Ben lügt echt immer und dabei guckt er dann auch noch so babyhaft, und das

hasse ich!

„Mann, Mama!“, brülle ich und stampfe mit dem Fuß auf. „Du hörst überhaupt

nicht zu!“

Endlich stoppt das Wasserprasseln und dann wird die Duschtür von innen

aufgerissen, und zwar so schnell, dass es quietscht.

„Bela und Ben!“, ruft Mama. Ihre Augen sind dabei zu, weil ihr nämlich

Shampoo über das Gesicht läuft. „Ich dusche! Und ich verstehe kein Wort!“

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„Ben hat Skeleton ein Bein abgebrochen!“, brülle ich in den Nebeldampf.

„Aber der musste Pipi, Mama!“, kreischt Ben.

„Jetzt ist Schluss!“, ruft Mama. „Mir ist gerade piepegal, dass Skeleton beim

Pinkeln ein Bein verloren hat! Ich will nämlich EIN MAL in Ruhe duschen! Nur

EIN EINZIGES MAL!!“

Und zack, knallt sie die Duschtür einfach wieder zu.

Das gibt es ja wohl nicht! Ben dreht sich mit Schwung auf dem Absatz um

und dann streckt er mir auch noch die Zunge raus und rennt einfach weg.

„Immer bist du für Ben!“, rufe ich, und auf einmal fühle ich mich richtig

schlecht, irgendwie ganz jämmerlich, und deshalb kommen nun sogar Tränen

in meine Augen.

„Mama“, schluchze ich. „Jetzt weine ich auch noch!“

Da geht die Duschtür wieder auf, aber diesmal langsamer, und Mama guckt

mich an. Dann atmet sie tief ein und wieder aus und schließlich seufzt sie:

„Bela.“

Ihre Stimme klingt jetzt nicht mehr genervt, sondern eigentlich ganz lieb.

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„Natürlich darf Ben nicht einfach deine Figuren nehmen. Wir besprechen das

gleich beim Frühstück und suchen eine Lösung, okay?“

Das finde ich jetzt in Ordnung, und deshalb ziehe ich die Nase hoch und renne

los, um Ben zu sagen, dass er gleich richtig Ärger kriegt.

Also die Lösung ist jetzt so: Ben muss mir fünfzig Cent von seinem

Taschengeld geben und Mama bezahlt noch 1,50 Euro dazu und dann darf

ich mir davon eine neue Figur kaufen.

„Und Ben“, sagt Mama und rührt in ihrem grünen Tee. „Du lässt ab sofort die

Finger von Belas Monstern. Verstanden?“

„Joa“, sagt Ben und nickt.

Aber ich weiß genau, dass er das nur so sagt und in echt doch wieder an

meine Sachen geht.

„Warum hat Henry eigentlich ein eigenes Zimmer und ich nicht?„, frage ich.

„Weil ich älter bin“, sagt Henry. Dabei lehnt er sich zurück, klemmt die Knie an

die Tischplatte und schiebt sich einen Löffel Joghurt in den Mund.

Und dann schmatzt er auch noch so ganz laut: „Tja. Pech gehabt."

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Henry tut immer so, als wäre er schon fast erwachsen, dabei ist er in Wahrheit

fast gar nicht älter als ich. Nämlich nur ein Jahr und vier Monate.

„Henry“, sagt Mama. „Du setzt dich jetzt richtig hin. Und Bela: Wenn wir

endlich eine größere Wohnung gefunden haben, kriegst du auch ein eigenes

Zimmer. Das weißt du doch.“

Mama und Papa suchen schon richtig lange eine neue Wohnung.

Früher war genug Platz, sagt Mama.

Das war aber, als wir alle noch nicht

auf der Welt waren. Da hatten Mama

und Papa ein Wohnzimmer, ein

Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer und

eine Küche und ein Bad.

Jetzt sieht unsere Wohnung so aus: Erst wurde Henry geboren, und da hatte

Papa kein Arbeitszimmer mehr.

Dann kam ich, und zack, war das Wohnzimmer weg, weil man in unserer

Küche auch wohnen kann, sagt Mama.

Das war natürlich super für mich. Tja, aber dann kam auch noch Ben, und da

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war leider kein Zimmer mehr übrig.

Henry und ich haben gesagt, dass Mama und Papa ja auch in der Küche

schlafen könnten, weil Papa dann super nachts arbeiten kann.

Und wenn sie mal Hunger haben, können sie einfach vom Bett aus Frikadellen

aus dem Kühlschrank holen.

Aber Mama hat geantwortet, das kommt nicht infrage, und deshalb muss ich

mir jetzt ein Zimmer mit Baby-Ben teilen.

Und weil unsere Wohnung so klein geworden ist, frühstückt Papa jetzt gerade

auch nicht mit uns.

Er ist nämlich schon um sechs Uhr weggegangen, weil Björn gesagt hat, dass

er von Kerstin gehört hat, dass nur zwei Straßen weiter eine Fünf-Zimmer-

Wohnung mit großer Küche und Balkon frei wird und die noch keinen

Nachmieter haben.

Und deshalb hat Papa da angerufen, und jetzt guckt er sich die gerade an,

später ging nicht, weil die Leute dann zur Arbeit müssen.

Ich glaube aber nicht, dass die Papa aussuchen, weil, morgens kann er noch

nicht so gut reden. Er arbeitet nämlich nur nachmittags und nachts und ist

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deshalb morgens immer so müde, dass er fast nur grunzt.

Papa ist übrigens Softwareentwickler, und das ist ein richtiger Superberuf,

finde ich. Da kann man die ganze Zeit in der Küche sitzen und am Laptop

tippen. So lange man will!

Wenn ich am Wochenende manchmal Computerspiele mache, sagen Mama

und Papa immer sofort: „So, jetzt ist es genug!“

Auch wenn ich gerade erst angefangen habe.

Außerdem nimmt Papa den Computer manchmal sogar mit ins Café und

arbeitet da. Und dann trinkt er auch noch heimlich Cola.

Die gibt es bei uns zu Hause nie!

Also eins steht schon mal fest: Wenn ich groß bin, werde ich auch

Softwareentwickler.

Mamas Beruf ist nicht so toll.

Sie hat ein eigenes Geschäft, in dem sie ziemlich hässliche Anziehsachen

verkauft, die außerdem alle schon benutzt sind. Echt jetzt!

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Aber trotzdem gehen da ganz viele Erwachsene aus unserem Viertel hin und

manchmal auch Touristen, die andere Sprachen sprechen.

Und dann trinken die mit Mama Espresso und ziehen Trainingsjacken an und

so alberne Hosen, die unten weit sind, oder Lederjacken.

Und Mama sagt dann immer: „Einzelstück. Vintage. Das hat mal Rudi Völler

gehört.“

Und dann bezahlen die Leute richtig viel Geld dafür. Das ist doch total

bekloppt!

In der Innenstadt gibt es riesige Geschäfte mit richtig coolen Sachen, und die

sind alle neu und kosten trotzdem viel weniger als die bei Mama.

Also wenn ich mal erwachsen bin, dann gehe ich auf jeden Fall dahin zum

Einkaufen, und von dem ganzen Geld, das ich dann spare, bezahle ich richtig

gute Monsterfiguren.

Ich stopfe mir den letzten Löffel Joghurt in den Mund und springe so schnell

auf, dass mein Stuhl nach hinten an die Wand donnert.

„Los, Henry!“, rufe ich. „Wir müssen doch noch zu Lolo!“

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Weil, eins ist ja klar: Ich kaufe mir auf jeden Fall noch vor der Schule eine

Ersatzfigur für Skeleton.

„Bela“, sagt Mama mit strenger Stimme, quetscht sich am Tisch vorbei und

stellt den Stuhl wieder hin.

„Aber nicht trödeln! Ihr habt bei Lolo höchstens fünf Minuten Zeit. Ich will AUF

KEINEN FALL, dass ihr schon wieder zu spät zur Schule kommt! Sonst liefere

ich euch am Montag persönlich im Klassenzimmer ab. Und dabei ist mir

piepegal, ob euch das peinlich ist. Hast du das verstanden?“

„Hast du das verstanden?“ ist echt Mamas Lieblingsspruch.

Ich meine, Ben, Henry und ich haben doch keine Erbsen in den Ohren. !

Na ja, also außer einmal Ben, aber das ist schon richtig lange her und das war

auch nur, weil wir Arzt gespielt haben und Henry gesagt hat, er macht nur mit,

wenn er Ben auch operieren darf.

Es hat dann aber doch nicht so gut geklappt, kein Wunder. Man muss nämlich

richtig lange studieren, wenn man Kinderarzt werden will, hat Dr. Schill gesagt

und dabei ein Auge zugekniffen und die Erbse aus Bens Ohr geangelt.

Henry denkt echt immer, er kann alles, das nervt total!

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Aber jetzt im Moment ist mir das egal, ich will einfach los, und zwar auf der

Stelle. Deshalb schnappe ich mir meine Jacke und rufe nur schnell: „Geht klar,

Mama!“

Und dann flitzen Henry und ich ins Treppenhaus. Wir rasen alle fünf

Stockwerke in Turbotempo nach unten und kommen fast im selben Moment

im Erdgeschoss an.

Und bremsen tun wir dann genau gleichzeitig, weil wir nämlich in Papa

knallen.

„Langsam, langsam, Jungs!“, ruft er. „Was habt ihr denn vor?“

Das kann ich aber nur noch halb hören, weil ich schon beinahe auf dem

Bürgersteig bin.

„Wir müssen zu Lolo!“, brülle ich über die Schulter.

Dann bleibe ich doch noch mal stehen, aber nur ganz kurz. „Kriegen wir die

Wohnung, Papa?“, rufe ich schnell.

Papa verdreht die Augen und schüttelt genervt den Kopf.

O Mann, ey, ich wusste gleich, dass das nicht klappt. Irgendwie haben Mama

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und Papa das nicht besonders gut drauf mit der Wohnungssuche.

„Bis nachher!“, schreie ich, und dann rase ich wieder los, weil Henry schon

fast bei Lolo angekommen ist.

Lolos Kiosk ist echt der coolste Ort der Welt. Da gibt es alles.

Eis natürlich und Süßigkeiten und Zeitschriften und Brötchen, und dann aber

auch Spielzeugpistolen und Klebetattoos und vor allem richtig viele

Monsterfiguren.

Lolo sammelt die nämlich auch, und deshalb hat er vorne so einen großen

Tisch aufgebaut, auf dem mindestens 50 verschiedene Figuren stehen, das

sind die, die er doppelt hat.

„Moin, Jungs“, ruft Lolo.

Er sitzt hinter der Kasse auf einem Barhocker und beißt gerade in ein

Fleischsalatbrötchen.

Also ich glaube zumindest, dass er auf einem Barhocker sitzt, so richtig kann

ich das immer nicht sehen, weil Lolo so dick ist, dass rechts und links so ein

bisschen was von ihm am Stuhl runterhängt.

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Seine Finger glänzen von der Butter und nun streicht er sich mit der Hand eine

Haarsträhne hinter das Ohr. Dann deutet er mit dem Kinn auf den

Monstertisch.

„Neue Ware“, nuschelt er und stopft sich dabei den letzten Brötchenrest in

den Mund.

Aber das habe ich sowieso schon gesehen, ich kenne den Monstertisch

nämlich auswendig.

Also Skeleton kaufe ich auf jeden Fall kein zweites Mal, ich klebe das Bein

nachher einfach wieder an.

Lolo hat jetzt nämlich auch Monstrator und Xerwix. Monstrator ist so eine Art

Boss, der ist richtig groß und hat Zauberkräfte und eine schwarze

Gesichtsmaske, durch die man nur seine riesigen Augen sieht. Leider kostet

er aber 2,40 Euro.

Und Xerwix ist auch ganz gut, aber eben viel kleiner und eher so der Gehilfe.

„Du, Lolo„, sage ich. „Ich nehm Monstrator, aber ich hab nur zwei Euro.“

„So, so„, murmelt Lolo und greift in seine Schublade. Da liegt nämlich die

Liste.

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Also die Liste, auf der er einträgt, wenn jemand nicht genügend Geld hat und

bei ihm Schulden macht.

Er legt die Stirn in Falten und schmatzt ein bisschen mit seinen Lippen, die

sehen übrigens irgendwie wie Würste aus.

„Geht klar“, murmelt er. „Ich krieg irgendwann 8,70 Euro von dir. Gib sie mir,

wenn du sie hast.“

Dann hebt er die Augenbrauen und zeigt mit dem Bleistift auf Henry. „Und das

gilt auch für dich, Freundchen. Aber du bringst mir die Kohle bis Montag

vorbei! Und zwar 24,90 Euro.“

Zu mir ist Lolo meistens netter als zu Henry, wahrscheinlich weil ich auch so

gerne Monsterfiguren mag.

Henry kauft immer nur Spielzeugwaffen und Munition, obwohl ich überhaupt

nicht weiß, wann der schießt, weil, Mama verbietet Waffen ja total, und

deshalb liegt Henrys Sammlung ganz hinten in seinem Kleiderschrank unter

den Unterhosen.

„Geht klar, Lolo“, sagt Henry und guckt dabei ganz lässig.

Dann dreht er sich zum Ausgang und zieht mich hinter sich her.

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Ich schaffe es gerade noch, mir Monstrator zu schnappen und Lolo die zwei

Euro auf den Tisch zu legen.

„Montag!“, ruft Lolo hinter uns her. „Nicht vergessen!“

Und dann fällt die Tür ins Schloss und wir hören ihn nicht mehr.

„Wie willst du denn bitte bis Montag 24,90 Euro besorgen?“, frage ich. „Das ist

in drei Tagen!“

„Das ist in drei Tagen!“, äfft Henry mich mit so ganz alberner Stimme nach.

Dann zieht er die Nase hoch und spuckt ein bisschen Rotze auf den

Bürgersteig. „Das lass mal meine Sorge sein“, sagt er dabei zu mir. „Zerbrich

du dir mal nicht deinen kleinen Kopf.“

„Und du kannst mich mal“, zische ich und drehe mich um.

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Und da sehe ich es. Direkt vor meiner

Nase hängt ein winzig kleiner Zettel.

Einfach so. An einer Laterne.

Fünf Zimmer, Küche, Bad, Garten,

steht darauf und drum herum hat

irgendjemand ganz viele Blümchen

gemalt.

Lindenstraße 4. Besichtigung nur am

5. April um 9:30. Bei Hartmann klingeln.

„Guck mal, Henry“, sage ich und zeige auf das Blatt, das ganz leicht im Wind

weht.

„Klingt perfekt“, antwortet Henry, und dabei klingt seine Stimme gar nicht

mehr affig, sondern wieder ganz normal. „Das ist schon morgen. Das müssen

wir unbedingt Mama und Papa sagen.“

Und plötzlich weiß ich genau, was wir machen müssen, einfach so, wie aus

heiterem Himmel.

„Nein“, sage ich. „Da gehen wir selber hin. Und zwar ohne Mama und Papa.

Die vermasseln das bloß wieder.“

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Henry guckt mich an und seine Augen werden ungefähr so groß wie die von

Monstrator. Dann fängt er an zu grinsen.

„Geile Idee„, sagt er. „Nicht schlecht, Bela.“ Dabei streckt er die Hand aus.

„Also abgemacht“, antworte ich und klatsche ein. Dabei beiße ich auf meine

Unterlippe und mein Mund ist ein kleines bisschen trocken.

Aber gleichzeitig muss ich auch so grinsen, dass meine Ohren ein Stück nach

hinten rutschen.

Wie wir ganz alleine zur Wohnungsbesichtigung gegangen sind


Zum Glück ist heute Samstag und wir müssen nicht zur Schule.

Mama ist schon in ihrem Laden. !

Der heißt übrigens „Jos„, weil das fast so klingt wie diese Modemarke Cos

und Mama in Wahrheit eigentlich Jolanda heißt, aber alle sagen Jo zu ihr.

„Jolanda klingt so alt“, sagt Mama immer. „Das passt nicht zu mir. Ich fühl

mich einfach mehr wie Jo.“

Also ich finde das total bescheuert, weil, bei Jo denkt jeder, dass Mama ein

Mann ist, und das ist ja wohl noch schlimmer als alt!

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Papa sitzt am Frühstückstisch und hat noch sein Schlaf-T-Shirt an, das mit

dem grünen Wildschwein drauf, auf dem „Hurricane Festival 2015“ steht, und

seine Haare stehen in alle Richtungen ab.

Also Henry und ich sehen auf jeden Fall besser aus als Papa.

Henry hat sogar ein Hemd angezogen, mit Knöpfen und Kragen, das hat er

mal für Opas Geburtstag gekriegt. Leider hat er auch noch die hässliche

Krawatte umgebunden.

„Die sieht total affig aus“, flüstere ich.

„Kleider machen Leute, Spacko“, antwortet Henry. „Das lernst du noch!“

Ich grapsche schnell nach seiner Krawatte und ziehe daran, aber nur einmal

kurz mit Ruck, weil, wenn wir jetzt Streit kriegen, kommen wir vielleicht zu

spät zur Wohnungsbesichtigung.

„Papa!“, rufe ich dabei. „Henry und ich gehen auf den Spielplatz, okay?“

„Hmmm“, antwortet Papa. Dabei tippt er weiter auf seinem Laptop herum.

„Tschaui!“, ruft Henry deshalb ganz schnell, aber leider klingt seine Stimme

dabei noch ein bisschen quetschig, weil er nämlich gerade erst wieder den

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Krawattenknoten nach unten zieht und nur so halb Luft bekommt.

Jetzt guckt Papa leider doch hoch.

„Wie siehst du denn aus?“, fragt er Henry.

Zum Glück kippt genau in der gleichen Sekunde Bens Kakao um. Papa springt

auf, als hätte ihn eine Biene in den Po gestochen, und reißt seinen Computer

in die Luft.

„Mann, Ben“, ruft er dabei. „Jetzt pass doch mal auf!“

„’tschuldigung, Papa!“, antwortet Ben und klettert von seinem Stuhl. „Ich will

auch mit zum Spielplatz!“

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wir können Ben auf keinen Fall mitnehmen,

der verdirbt wieder alles, das weiß ich genau!

„Neee“, rufe ich deshalb schnell. „Henry und ich müssen vorher auch noch zu

Lolo!“

Der Spielplatz ist nämlich genau vor unserem Haus, da darf Ben mit uns

zusammen auch ohne Mama und Papa hin.

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Aber Lolos Kiosk ist ein Stück weiter die Straße runter, und das ist für

Fünfjährige zu weit, sagt Mama.

„Was wollt ihr da denn schon wieder?“, fragt Papa und runzelt die Stirn.

„Lolo ist heute gestrichen. Ihr nehmt Ben mit zum Spielplatz, dann kann ich

hier endlich in Ruhe arbeiten. Ende der Diskussion.“

Also ich flippe gleich aus. Aber wenn wir jetzt mit Papa streiten, geht unser

ganzer Plan schief.

Henry und ich gucken uns kurz an und dann ruft Henry: „Also meinetwegen.

Aber gib Schub, Ben, wir haben Termine!“

Mann, der kann doch nicht sagen, dass wir Termine haben! Auf dem

Spielplatz! Was soll denn das sein? Vielleicht Rutsche putzen um neun Uhr?

Zum Glück hört Papa aber gar nicht mehr zu, er starrt schon wieder auf

seinen Bildschirm.

„Spätestens um elf seid ihr wieder oben“, sagt er dabei und fängt an zu

tippen.

„Hör zu, Stöpsel“, sagt Henry zu Ben, als wir unten auf der Straße stehen. „Wir

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gehen nicht auf den Spielplatz. Wir besorgen jetzt eine neue Wohnung.

Entweder bleibst du alleine hier auf dem Bürgersteig und wartest. Oder du

kommst mit. Aber dann hältst du DIE GANZE ZEIT die Klappe. Verstanden?“

Ben reißt die Augen auf, und gleichzeitig breitet sich in seinem Gesicht ein

Grinsen aus, das ungefähr vom Kinn bis zu den Ohren bis zu den Haaren

reicht.

Dann hebt er den Daumen, nickt wie ein Wahnsinniger und rast einfach los.

„Falsche Richtung, Bennibaby!„, ruft Henry ihm nach und dreht sich zu mir um.

„So macht man das“, sagt er, und dabei guckt er total lässig.

Beinahe tut es mir schon wieder leid, dass ich ihm den Zettel vor Lolos Laden

überhaupt gezeigt habe. Ich weiß echt nicht, warum der immer so angeben

muss!

Da holt Ben uns aber schon wieder ein und schiebt strahlend und hopsend

eine Hand in meine und die andere in Henrys.

„Dann also los!“, rufe ich.

Und schon flitzen wir zu dritt den Bürgersteig entlang, dass die anderen Leute

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nur so nach links und rechts zur Seite hopsen.

„Aber wo ist das denn jetzt?", keucht Ben und springt ganz aufgeregt

zwischen uns in die Luft.

„Klappe halten“, schnauft Henry und starrt auf die Klingelschilder vor uns.

Obwohl wir richtig schnell gelaufen sind, ist es jetzt leider doch schon 9.45

Uhr.

Das ist natürlich schlecht, hoffentlich sind die Leute nicht so streng wie

Mama, weil, die hasst es nämlich wie die Pest, wenn wir auch nur eine kleine

Minute zu spät kommen!

Da streckt Henry den Finger aus und drückt auf den Klingelnamen

„Hartmann“. Und fast in der gleichen Sekunde summt schon die Tür und wir

drücken sie auf und stürmen ins Haus.

Direkt vor uns steht eine Wohnungstür offen. Wir können aber leider nicht

reingehen, weil sich dort so viele Leute quetschen, dass da noch nicht mal

eine Zwerggurke wie Ben durchpassen würde.

Die ganzen Erwachsenen, die da rumstehen, drehen sich im Kreis und sagen

mit so ganz albernen Stimmen: „Ach, was für ein schönes Licht!“, und:

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„Natürlich würden wir hier auf eigene Kosten renovieren, ist doch klar!“, und:

„Die Einbauküche ist ja toll, die würden wir Ihnen auf jeden Fall abkaufen!“

„So ein Mist!“, zischt Henry und beißt sich auf die Unterlippe. Doch plötzlich

breitet sich ein Grinsen in seinem Gesicht aus.

„Seid ihr bereit?“, flüstert er.

Keine Ahnung, was das jetzt wieder heißen soll. .

Ben nickt aber schon wie so ein Aufziehhase, und bevor ich noch irgendwas

sagen kann, brüllt Henry: „Entschuldigung! Können wir bitte mal durch,

meinem Bruder ist schlecht, der muss spucken!!“ Und dabei schubst er Ben

einfach nach vorne.

Ben presst sich die Hand auf den Mund und rast wie eine Rakete auf die

ganzen Erwachsenen zu.

Und obwohl ich nicht geglaubt hätte, dass das geht, drängeln die sich jetzt so

rasend schnell zur Seite, dass wirklich mitten im Flur ein kleiner Gang

entsteht, durch den wir einfach durchsausen können, und zwar in dieser

Reihenfolge: ganz vorne Ben, dann Henry und als Letztes ich.

Am Ende des Flurs steht eine Frau, die uns ganz besorgt anschaut, aber so

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genau kann ich das nicht erkennen, weil wir so schnell sind.

Sie reißt eine Tür auf und dahinter sehe ich schon die Kloschüssel, und wir

drei zischen an ihr vorbei und knallen ‒ zack! ‒ die Tür hinter uns wieder zu.

Henry dreht sich um und schließt ab.

„Das hätten wir schon mal“, sagt er.

„Kurze Lagebesprechung. Also. Der Plan ist jetzt so: Wir gehen gleich wieder

raus und reden nur noch mit der Frau, die uns die Tür aufgehalten hat. Weil,

der gehört die Wohnung, sonst wüsste die ja gar nicht, wo hier das Klo ist. Ich

regle das alles. Wichtig ist nur, dass ihr die Klappe haltet!“

Der tickt ja wohl nicht richtig. Jetzt soll nicht nur Ben den Mund halten,

sondern auch noch ich? Das kann er total vergessen.

„Das kannst du total vergessen“, zische ich. „Ich hab den Zettel gesehen, und

deshalb kann ich in meiner Wohnung reden, mit wem ich will.“

Henry zieht die Augenbrauen hoch. „Also dann: Abstimmung“, sagt er und

streckt die Hand in die Luft.

„Wer ist für meinen Plan?“ Und dabei grinst er Ben an und zwinkert ihm zu.

Und der hebt natürlich sofort den Arm Richtung Decke und kichert.

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War ja klar.

„Zwei zu eins, also hältst du die Klappe“, sagt Henry zu mir.

Und bevor ich überhaupt noch ein Wort sagen kann, dreht er schon wieder

den Schlüssel im Schloss herum.

„Geht es dir besser?“ Die Frau steht immer noch direkt vor der Tür und sieht

Ben ganz besorgt ins Gesicht.

Ben nickt langsam und guckt dabei mit so Hundeaugen.

„Wo ist denn eure Mama?“, fragt die Frau jetzt. „Soll ich die mal eben

suchen?“

„Das geht leider nicht“, antwortet Henry und seine Stimme klingt ganz ernst.

„Unsere Mama ist mit ihrem neuen Freund in ein anderes Land gezogen. Und

uns hat sie einfach hiergelassen.“

„Oh“, sagt die Frau und macht ein erschrockenes Gesicht.

„Wir wohnen jetzt ganz alleine bei Papa“, fährt Henry fort, und dabei guckt er

so, als würde er langsam selber glauben, was er da gerade erzählt.

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„Der ist aber leider sehr arm und verkauft deshalb den ganzen Tag

Fleischsalatbrötchen an der U-BahnStation. Und deshalb hat er gesagt, dass

wir ganz alleine hierherkommen sollen, um uns die Wohnung anzugucken.“

Was redet der denn da? Papa sitzt in

seinem Schlaf-T-Shirt in der Küche und

tippt am Computer, der steht doch

nicht an der U-Bahn-Station und

verkauft FLEISCHSALATBRÖTCHEN!

Irgendwie sieht die Frau jetzt auch so

aus, als würde sie ihm nicht mehr

recht glauben, aber Henry merkt mal

wieder überhaupt nichts, der kommt jetzt erst richtig in Fahrt.

„Mein kleiner Bruder kann übrigens nicht sprechen“, sagt er und legt Ben den

Arm um die Schultern.

„Das ist für Papa ganz schön schwer. Ben ist ja schon fünf, und keiner weiß,

warum er immer nur nickt und nie ein Wort sagt.“

Ben lässt sein Kinn jetzt so rasend schnell rauf und runter wackeln, als wäre

hinten an seinem Kopf ein Gummiband angebunden.

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Und da halte ich es nicht mehr aus.

„Das stimmt doch alles gar nicht!“, rufe ich ganz laut, und dabei klopft mein

Herz so doll, dass ich es sogar an meiner Stirn fühlen kann. .

„Papa ist Softwareentwickler und Mama hat sogar ein eigenes Geschäft, und

die wohnt überhaupt nicht woanders! Henry, Ben und ich sind nur deshalb

alleine hierhergekommen, weil unsere Eltern es nämlich nicht schaffen, eine

größere Wohnung zu finden, die machen das immer irgendwie verkehrt!“

Ich klappe den Mund wieder zu und gucke die Frau an. Ich kann sehen, dass

ihre Mundwinkel plötzlich ein ganz klein bisschen zucken und außerdem ihre

Augen so aussehen, als müsste sie vielleicht gleich lachen.

Deshalb drehe ich mich rasend schnell auf dem Absatz zu Ben um und zeige

mit dem Finger auf ihn: „Und übrigens“, sage ich. „Mein Bruder kann wohl

reden. Der kann sogar Witze erzählen.“

Jetzt lehnt die Frau sich nach hinten an ein Regal und verschränkt die Arme.

„Na dann lass mal hören“, sagt sie und grinst und guckt Ben dabei direkt ins

Gesicht.

Ben legt den Kopf schief und beißt sich auf die Unterlippe, aber nur ganz kurz.

„Was ist in der Erde und stinkt?“, fragt er dann.

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„Keine Ahnung“, antwortet die Frau.

„Eine Furzel“, ruft Ben und muss dabei so lachen, dass er beinahe auf den

Boden plumpst.

Und in der gleichen Sekunde fängt die Frau auch an zu lachen.

Erst ein bisschen und dann immer mehr, und schließlich lacht sie so laut und

dröhnend, dass ihr sogar Tränen in die Augen kommen.

„Jetzt passt mal auf, ihr kleinen Granaten“, japst die Frau, als sie endlich

wieder Luft bekommt. „Ihr schreibt mir jetzt eure Telefonnummer auf. Ich

entscheide mich bis morgen. Und dann rufe ich euch an.“

„Abgemacht“, sage ich schnell und schüttle der Frau die Hand.

Und dabei muss ich so grinsen, dass sogar meine Ohren ein Stück nach

hinten rutschen.

Wie wir einmal einen Snackautomaten gebaut haben und dann endlich die
Frau anruft
Eigentlich finde ich Sonntagsfrühstück gut, weil Papa da immer Schoko-

Croissants kauft. Also für uns, er selber trinkt nur schwarzen Kaffee.

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Und Mama mag am liebsten Smoothies, das sind so zermatschte Beeren mit

Gemüse, und manchmal tut sie sogar SALAT mit in den Mixbecher, pfui

Teufel.

Einmal mussten wir probieren, aber dann hat Ben aus Versehen den ganzen

Mundvoll an die Wand geprustet, und deshalb essen wir jetzt morgens wieder

normale Sachen.

Heute dauert mir das Sonntagsfrühstück aber irgendwie zu lange. Weil, die

Frau ruft bestimmt gleich an und Henry und ich wollen vorher unbedingt noch

einen Snackautomaten bauen.

„Den stellen wir in der neuen Wohnung in den Flur“, hat Henry gesagt, und ich

finde, das ist eine richtige Superidee, denn da haben wir dann ja ganz viel

Platz.

Mama und Papa haben wir übrigens nichts von der Besichtigung erzählt, nicht

den allerkleinsten Piep. Das war ganz schön schwierig, aber sonst wäre es ja

keine Überraschung mehr.

„Vielleicht sollten wir aufs Land ziehen“, sagt Mama gerade und nimmt einen

großen Schluck aus ihrem Glas.

„Da könnten wir uns sogar ein großes Haus mit Garten statt einer

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Miniwohnung ohne Balkon leisten. So wie Julia und Thomas!“

Julia ist Mamas Schwester. Die hat auch Kinder, die heißen Mimi und Flo und

Nina, das sind aber alles Mädchen.

„Und dann am besten noch Hühner züchten und Zucchini-Marmelade

kochen“, knurrt Papa. „Nur über meine Leiche.“

„Iiihhh! Zucchini-Marmelade!!“, kreischt Ben und macht ganz laute

Würgegeräusche.

„Ben, bitte!“, sagen Mama und Papa genau gleichzeitig.

„Und ich muss übrigens Pipi“, quiekt Ben und schon rast er los.

„Ben!“, ruft Mama und springt auch auf. „Lass das Croissant hier, ich hab dir

schon tausendmal gesagt, dass auf der Toilette nicht gegessen wird!“

„Bela und ich wollen auch aufstehen“, ruft Henry. „Sonst ist das ungerecht.“

Mama sagt dazu aber nichts, weil sie sich nämlich gerade zwischen Tisch

und Fensterbrett durchquetscht, um Ben zu schnappen.

Und dann kippt das Basilikum um, und zwar genau auf die Zitronenmelisse,

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und Mama flucht: „Ich dreh noch durch in dieser Zwergenwohnung!“

Papa seufzt nur: „Gemütlich hier!“

Er lässt sich in seinem Stuhl nach hinten sinken und nimmt den letzten

Schluck aus seiner Kaffeetasse, aber das ist ja auch gar keine richtige

Antwort.

Und deshalb nicken Henry und ich uns einfach zu und flitzen in sein Zimmer.

Henry hat unten in seinem Regal ein richtiges Lager mit Sachen, die man noch

gebrauchen kann.

Zum Beispiel Kartons und eine Radkappe von einem Auto, die hat er mal auf

dem Bürgersteig gefunden, und dann auch noch Nägel und Schrauben und

sogar einen echten Hammer von Opa.

Unter seinem Bett bewahrt er außerdem noch ein paar Geheimteile auf, das

sind die aus dem Mülleimer.

Mama wirft nämlich ganz oft Sachen weg, die man noch richtig gut

gebrauchen kann!

Zum Beispiel eine Hose von Papa, die nur ein winzig kleines Loch hatte. Und

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gestern hat Henry im Badezimmerabfall einen Schraubtopf mit Deckel

gefunden, der war noch halb voll mit Creme!

„Die können wir super als Schmiere für unseren Snackautomaten benutzen“,

sagt Henry und hält ihn mir unter die Nase.

Vor ihm steht außerdem der größte Karton aus seiner Sammlung, und

daneben liegen ziemlich viele Socken.

Die sind nicht aus dem Müll, sondern aus seinem Schrank, aber Henry sagt, er

hat sowieso zu viele, weil, die kann man nämlich auch mehrere Tage

nacheinander anziehen.

„Hier machen wir ein Loch", murmelt Henry und zeigt oben auf den Karton,

und ich kann sehen, dass er dabei nachdenkt.

„Und dann kleben wir eine Socke dahinter, und da fällt dann das Geld rein.“

„Und darunter schneiden wir einen Schlitz, der ist für die Scheine“, schlage ich

vor, und das findet Henry auch gut.

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Leider halten die Socken nicht an der

Pappe. Meine Hände sind schon ganz

voll mit Klebstoff und der Fußboden

auch, weil, die Socken plumpsen

irgendwie immer runter.

Aber dann fällt mir ein, dass Papa so

einen Tacker hat, und den können wir uns ja kurz ausleihen, denn Papa räumt

sowieso gerade die Küche auf und guckt gar nicht.

Mit den Tackerklammern hält die Socke jetzt richtig gut. Deshalb schneiden

wir als Nächstes das Bein von Papas alter Hose ab und heften es an der Seite

fest, das ist die Ausgaberöhre.

Danach holen wir noch meinen Malkasten und malen den Automaten blau an,

und Henry zeichnet oben noch einen Hamburger drauf und schreibt „Pro

Stück 50 Euro“ neben den Schlitz.

„Mann, Henry!“, rufe ich. „Das muss Cent heißen!“

„Bei dir piept’s wohl!“, zischt Henry und zeigt mir einen Vogel. „Dann müssten

wir ja 49 Hamburger in den Karton stopfen. Die passen doch überhaupt nicht

rein!“

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Also jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Henry verdreht genervt die Augen.

„Mann, Bela“, sagt er dann und seine Stimme klingt mal wieder, als wäre er

der Schlaueste der ganzen Welt.

„Wenn ein Hamburger nur 50 Cent kostet, müssten wir 49 Stück verkaufen,

damit ich morgen bei Lolo meine Schulden bezahlen kann. Wenn ein Burger

aber 50 Euro kostet, haben wir sogar noch 25 Euro über, das sind für jeden

von uns 12,50 Euro!“

„Du tickst wohl nicht ganz richtig!“, rufe ich. „Wenn wir einen 50-Euro-Burger

verkaufen, kriege ich 25 Euro und nicht 12,50 Euro!“

Henry denkt manchmal wirklich, ich bin total bescheuert. Solche Tricks kann

er vielleicht mit Ben machen, aber doch nicht mit mir!

„Gut“, sagt Henry und zieht die Augenbrauen hoch. „Dann machst du eben

nicht mehr mit. Ist sowieso besser, dann kann ich mir von dem Restgeld noch

eine Nerf-Gun bei Lolo kaufen.“

Und damit dreht er sich um und pinselt einfach weiter an unserem

Snackautomaten herum. Der tickt ja wohl nicht richtig.

„Dann verrate ich Mama, dass du unter deinen Unterhosen Waffen

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versteckst“, sage ich, und dabei grinse ich, aber nicht echt, sondern so ein

bisschen gefährlich.

Das habe ich extra mal vor dem Spiegel geübt, man muss dafür einfach die

Mundwinkel nach oben ziehen und die Stirn in Falten legen, und die Augen

dürfen sich am besten gar nicht bewegen.

„Das machst du nicht!“, zischt Henry, und dabei dreht er sich so schnell um

und haut mir mit beiden Armen an die Schultern, dass ich das Gleichgewicht

verliere und nach hinten plumpse.

Ich springe auf wie eine Rakete und rase auf ihn zu.

Henry steht da wie ein Stier und sieht mich mit richtig wütenden Augen an.

Dann streckt er seine Hände nach mir aus, und die sehen genauso aus wie die

von Monstrator, irgendwie wie Krallen.

Und genau in dem Moment geht die Tür auf und Papa guckt um die Ecke.

„Was ist denn hier schon wieder los?!“, fragt er und seine Stimme klingt

ziemlich genervt.

Ich mache eine Vollbremsung und Henry grapscht nach mir, aber nicht mehr

mit Krallenhänden, sondern er hält mich, damit wir nicht zusammen in den

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Snackautomaten krachen.

Und dann machen wir so einen Wirbel, ich kann das nicht richtig erklären, also

auf jeden Fall drehen wir uns zusammen im Kreis und kommen genau vor

Papa zum Stehen.

„Nichts“, sagt Henry mit ganz unschuldiger Stimme. „Was soll denn los sein?“

„Du darfst hier nicht einfach reinkommen, Papa“, rufe ich schnell und

versuche, mich ganz groß zu machen, damit er den Snackautomaten nicht

sieht.

„Wir bereiten nämlich gerade eine Superüberraschung für euch vor.“

„Aha“, sagt Papa, und irgendwie sieht er nicht so aus, als würde er uns

glauben.

„Umso besser. Hier ist jemand am Telefon, der dich sprechen will, Bela.“ Und

damit reckt er mir den Hörer entgegen, und mein Herz fängt so an zu rasen,

dass es beinahe oben aus meinen Ohren springt.

„Katja Hartmann, Bela, bist du das?“, höre ich, als ich mir das Telefon an das

Ohr presse.

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Ich nicke, so doll ich kann, aber dann fällt mir ein, dass die Frau das ja gar

nicht sehen kann.

„Ja“, krächze ich deshalb, und dabei sehe ich, wie Henry Papa in den Flur

schiebt und die Tür hinter ihm zumacht.

„Ich rufe wegen der Wohnung an“, sagt die Frau.

„Ja“, sage ich wieder.

„Wollt ihr die noch haben?“, fragt die Frau.

„Ja!“, antworte ich.

„Dann würde ich vorschlagen, dass ihr zusammen mit euren Eltern bei mir

vorbeikommt“, sagt die Frau. „Könnt ihr in einer halben Stunde hier sein?“

„Ja!!“, rufe ich und hopse fast bis zur Decke. „Ja, ja, ja!!!“

„Alles klar“, antwortet die Frau und lacht. „Dann bis gleich.“

Ich sage noch einmal „Ja“, aber da hat die Frau schon aufgelegt.

„Und?“, kräht Henry mit ganz aufgeregter Stimme. „Was hat sie gesagt?“

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„Wir sollen kommen“, schreie ich. „Jetzt sofort! Und zwar zusammen mit

Mama und Papa!!“

Genau 29 Minuten später stehen wir vor dem Haus von Frau Hartmann.

„Könnt ihr uns jetzt bitte endlich sagen, was los ist?“, seufzt Mama und

strubbelt sich mit der Hand durch die Haare, die sind nämlich noch ganz nass,

weil sie keine Zeit mehr zum Föhnen hatte.

„Nö“, kräht Ben.

„Überraschung“, sagt Henry.

„Klingelt mal bei Hartmann“, rufe ich.

Papa und Mama gucken sich an.

„Also dann“, murmelt Papa, streckt seinen Finger aus und presst ihn auf den

Knopf.

Nur eine Sekunde später fängt die Tür an zu summen, und ich drücke sie auf,

so schnell ich kann.

Im Flur ist es ein bisschen dunkel, erst kann ich gar nichts so richtig erkennen,

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aber dann öffnet sich schon die Wohnungstür und Frau Hartmann steht da.

Hinter ihr scheint die Sonne durch ein Fenster, und zwar genau auf ihre Haare,

und deshalb leuchten die ungefähr so wie von einem Engel. Also von einem

ziemlich großen und dicken Engel mit so einer Frisur bei der die Strähnen in

alle Richtungen abstehen.

„Tach, Jungs“, ruft Frau Hartmann, und ihre Stimme klingt ein bisschen rau,

so als hätte sie heute Morgen noch nicht so viel geredet.

„Und Sie sind also die Eltern von diesen kleinen Granaten?“, fragt sie und

dreht sich dabei zu Mama und Papa.

„Ja“, sagt Papa und räuspert sich. „Entschuldigung.“

Dann sieht er uns und danach Mama und dann wieder Frau Hartmann an.

„Ehrlich gesagt wissen wir gar nicht, was wir hier machen.“

„Na dann: Erzähl doch mal, Bela“, grinst Frau Hartmann und verschränkt die

Arme vor der Brust.

Und da lege ich los. Ich erzähle alles ganz genau, und dabei bin ich so

aufgeregt, dass ich auch noch ein bisschen hopsen muss.

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Wie wir den Zettel gesehen haben und dass wir ganz alleine zur Besichtigung

gegangen sind und dass richtig viele Leute da waren, aber dass Frau

Hartmann uns trotzdem am nettesten von allen fand.

Mamas und Papas Augen werden immer größer, und während ich rede, kann

ich sehen, dass Mama sich auf die Zehenspitzen stellt und in den

Wohnungsflur guckt, und zwar immer so hin und her, vom Parkettboden zu

den Riesenfenstern und dann zu den hohen Türen und am Ende zu den

Verzierungen an der Decke, und plötzlich sind ihre Augen nicht nur riesig,

sondern auch noch ganz glänzig, ungefähr so wie an Weihnachten.

Und als ich dabei ankomme, dass Frau Hartmann mich heute Morgen

angerufen hat, schnappt Papa nach Luft und guckt hektisch zwischen Frau

Hartmann und mir hin und her, und dann flüstert er mit ganz krächziger

Stimme: „Und wie hoch ist die Miete?“

Als er Frau Hartmanns Antwort hört, tauscht er mit Mama einen Blick, und

dann greift er nach Mamas Hand und drückt sie ganz fest, und dann sehen

sie sich an und Papa fängt so an zu grinsen, dass seine Haut sich über den

Ohren kräuselt.

„Sie können die Wohnung haben, wenn wir uns einig werden“, sagt Frau

Hartmann.

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Und da reißt Papa plötzlich die Arme nach oben wie ein Fußballer nach dem

Tor, und zack, springt er nach vorne und hebt Frau Hartmann einfach hoch

und schleudert sie rundherum im Kreis, und Frau Hartmann japst erst vor

Schreck, aber dann lacht sie und ruft: „Heben Sie sich bloß keinen Bruch!“

„Ich kriege ein eigenes Zimmer“, schreie ich und recke die Faust in die Luft.

Dabei hopse ich, so hoch ich kann, und als ich runterkomme, umarme ich

Mama und Papa und Frau Hartmann gleichzeitig und sie mich, und da

machen Henry und Ben auch mit und wir springen wie ein verrückt

gewordener Hopsekreis durch den ganzen Flur.

„Es kommt mir vor wie ein Wunder“, sagt Mama, als wir zusammen nach

Hause laufen. „Alles passt: der Preis, die Lage, die Wohnung. Und dieser

unfassbar niedliche Garten!“

„Tja“, sagt Henry.

„War gar nicht schwer“, ergänze ich.

„Guckt mal, da ist Lolos Laden!“, kräht Ben. „Können wir reingehen und

Süßigkeiten kaufen?“

„Nein“, sagt Papa und grinst schon wieder.

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Henry, Ben und ich bleiben stehen und sehen ihn an.

„Ihr könnt reingehen, und heute darf sich mal jeder von euch aussuchen, was

er will!“

„Auch ein Monster?“, rufe ich.

„Sogar zwei“, antwortet Mama.

Und das ist ja wohl das Beste der Welt.

„Auch eine Nerf?“, fragt Henry.

„Sogar zwei“, sagt Papa, aber ich glaube, er weiß gar nicht, was eine Nerf ist.

„YESS!!“, schreit Henry und stürmt in den Kiosk, und Ben und ich rennen

hinterher.

Und dann kriege ich wirklich zwei Supermonster, Krusader und Roxana, und

dazu sogar noch eine Monsterhöhle, und Ben nimmt Flummiknete und

Schleim zum Selbermachen und Henry greift sich eine Nerf aus dem Regal.

„Die andere hab ich schon zu Hause“, ruft er und flitzt wieder nach draußen,

bevor Mama und Papa irgendwas fragen können.

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„Die müsst ihr nur noch eben mitbezahlen, Lolo weiß Bescheid.“ Und das

machen sie. Sie schimpfen kein bisschen deswegen, sondern sind heute

einfach nur glücklich.

Sie schimpfen kein bisschen deswegen, sondern sind heute einfach nur

glücklich.

Und ich, ich muss so grinsen, dass sogar meine Ohren ein Stück nach hinten

rutschen.

Das war der erste Teil der Geschichte. Noch mehr Chaos gibt es im zweiten
Teil ... Viel Spaß!

Ich und meine Chaos-Brüder. Alarmstufe Umzug -


Teil 1
Geschichte aus: Ich und meine Chaos-Brüder: Alarmstufe
Umzug
Autor: Sarah Welk
Illustration: Alexander von Knorre
Verlag: arsEdition
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-8458-3348-4

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