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Horst Pöttker

Nachrichten und ihre kommunikative Qualität

Nachrichtenform: „umgekehrte Pyramide“

- im Laufe des 19. Jhd. ausgebildet (hat ihren Ursprung im amerikanischen Journalismus)
- unterläuft die Selektivität der Medienrezeption: das Wichtigste steht am Anfang
-> Rezipient entscheidet, ob er fortsetzen oder abbrechen will
- Objektivität einer Nachricht nur bei chronologisch aufgebauten Nachrichten zu finden, nicht
bei denen der umgekehrten Pyramide (da Rezipient direkt selbst über Relevanz entscheidet)
das Wichtigste steht im Lead-Satz oder Schlagzeile (Wer? Wann? Wo? Was? evtl. Wie?
Warum?)
- Informationen in abnehmender Relevanzfolge und zunehmender Quantität, unwichtige
Details am Ende
-> Vorteile: - rasche Rezipierbarkeit
- Nachricht von hinten her beliebig kürzbar bspw. Bei Zusammenstellen einer
Zeitungsseite
- Pyramidenform ist nicht zufällig, sondern stellt eine kommunikative Zweckmäßigkeit dar
- in den deutschen Zeitungen wurde Auslöser des ersten Weltkrieges 1914 noch chronologisch
beschrieben
- in Amerika war Pyramidenform da bereits selbstverständlich

4 Thesen zur Entstehung der umgekehrten Pyramide


Die technologische These

- Pyramidenform während des amerikan. Bürgerkriegs entstanden: Telegrafenverbindungen


noch sehr störanfällig
-> Nachrichten in zwei Abschnitte aufgeteilt (1. Lead, Nachrichtenkopf; 2. Body,
Nachrichtenkörper)
-> Wichtigstes im Lead
- fraglich, ob Pyramidenform zwischen 1850 und 1870 in amerikan. Zeitungen zugenommen
hat
- warum ist Nachrichtenform nach Ausreifung des Telegrafen nicht aus Journalismus
verschwunden?

Die politologische These

- manche US-Autoren vertreten These, dass Pyramidenform im Nachrichtenjournalismus auf


die Anfälligkeiten der Telegrafentechnik zurückgeht
- Mitchell Stevens Kriegsreporter im Civil War für Entwicklung der Pyramidenform
verantwortlich
- amerikanische Journalismushistoriker bezweifeln technologische These
- Mott geht von direkterem Stil als zuvor aus, aber von üblicher chronologischer Struktur
- Schudson bezweifelt Relevanz des Bürgerkrieges für Pyramidenform, auch Standardwerk zur
amerikanischen Pressegeschichte (Emery&Emery) setzt die Entwicklung eines objektiven
Nachrichtenstils erst nach dem Bürgerkrieg an -> Ermordung Lincolns 1865 als Ausgang der
Entwicklung
- Politiker Stanton bevorzugte Pyramidenform, weil sich mit ihr die öffentliche Meinung im
Sinne der Regierungspolitik beeinflussen ließ
- durch erhöhte, autoritative Position macht Pyramide das Publikum für öffentliche
Einflussnahmen empfänglich -> versteckte regierungskonforme Beurteilungen erhöhten
deren Wirkung auf Publikum -> Regierung beeinflusst was Publikum für wichtig hält
(Wichtige am Anfang)
- laut Mindich, Aufkommen der Pyramidenform auf Steuerungsinteressen und -fähigkeiten von
Politikern (z.B. Stanton) zurückzuführen
- Interesse von Regierungen und Herrschern den Informationsfluss zu steuern, blieb auch nach
Stantons Abtritt erhalten
- jedoch autoritäre Politiker schon vor Stanton? Warum Pyramide erst mit ihm?
- wenn Pyramide mit politischen Steuerungsabsichten zusammenhängt, dann am häufigsten in
autoritären Systemen und totalitären Diktaturen (DDR; NS-Regime) -> Widerspruch, durch
Erfahrung belegt, dass nicht so ist

Die kulturwissenschaftliche These

- zwischen 1880 und 1910 (“Progressive Era“)


- durch Analyse willkürlich ausgewählter Tageszeitungen zwischen 1860 und 1910 -> zwischen
1890 und 1900 signifikanter Anstieg von Nachrichten mit zusammenfassenden Leadsatz und
am Aufbau der umgekehrten Pyramide orientiert -> bis 1920 wurde der Trend vom
„summary news lead“ zur Regel und von Lehrbüchern des Nachrichtenschreibens empfohlen
- zurückzuführen auf Bildungsexpansion (schneller Rückgang des Analphabetismus) und
Paradigmenwechsel vom klassisch-humanistischen zum pragmatisch-technischen
Bildungsideal der „Progressive Era“ -> Kulturwandel
- Wandel der Erwartungen und Fähigkeiten der Journalisten und Publikum -> Wechsel vom
weichen, narrativen zum harten, knappen auf Relevanz setzenden Stil
- jedoch in der Studie von Errico nur längere Texte (über 5 Sätze) berücksichtigt ->
Nachrichtenmaterial was Kürze/Prägnanz zu Geltung bringt unbeachtet
- außerdem fehlte „New York Herald“ in Auswahl, bekannt für Innovation im amerikanischen
Journalismus -> Ausbreitungsgrad der Pyramidenform unterschätzt
- Theorie zur Kausalität (Ursache, Wirkung) zwischen Bildungswandel Ausbreitung der
Pyramidenform im Journalismus fehlt in Studie

Der ökonomische Erklärungsansatz

- Pyramidenstil weist mehrere ökonomische Vorteile auf:


 hohe Übertragungskosten von „wire news“
 Einsparung von Korrespondenten und Nutzung von Nachrichtendiensten
 zeitsparendes Lesen
 Kürzbarkeit von hinten
- kapitalistisch geprägtes System (Nachrichten werden zum Geschäft) beflügelt die
Durchsetzung journalistischer Professionalität
- kommerziell geprägte „Penny Press“ gab es ab 1830 -> wieso setzte sich die Pyramidenform
so spät durch?

Empirische Untersuchung

- Pöttker untersuchte Artikel im „New York Herald“ immer am gleichen Tag in


unterschiedlichen Jahresabständen
- differenzierte zwischen Artikel mit unter und über 50 Wörtern -> ab 1895 rapider Anstieg der
Pyramidenformnutzung bei längeren Artikeln
- Trends zwischen 1875 und 1895:
 Überschriften setzen sich durch
 Zeichnungen unterstützen Artikelaussage
 Einteilung in Ressorts
 Gestaltung der Zeitung orientiert sich an den Wünschen des Lesers

- -> Wahrnehmungspsychologische These


- Vorteile der Pyramidenform:
 fördert Ankommen der Information beim Leser
 ermöglicht zeitsparendes Lesen
 erleichtert Rezeption
-> verbessert kommunikative Qualität

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