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Depressionen und
Angststörungen
Die Komorbidität zwischen beiden Erkrankungen ist häufig,
die Diagnose und Therapie aber oft unzureichend

JOSEF HÄTTENSCHWILER1 Geschichtliches


PA U L H Ö C K 2 U N D D A N I E L E
FABIO ZULLINO3 Bereits Hippokrates von Kos (460–377
Merk-
v. Chr.) hat Krankheitsbilder beschrieben,
die wir heute den affektiven Störungen
sätze (1)
Depressionen und Angst- zuordnen. In seinem Werk «Corpus hip- ● Neue epidemiologische Studien
pocraticum», in dem er die Vier-Säfte- zeigen, dass Depressionen und
störungen sind sehr häufige, Lehre darlegt, schildert er die Melancholie Angststörungen oft nicht erkannt
(Schwarzgalligkeit) als traurige und mut- und unzureichend behandelt
allein oder zusammen auftre- lose Gemütsverfassung. In der ersten werden. Dies hat negative Aus-
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde mit wirkungen auf den Verlauf der
tende psychische Erkrankun- dem Begriff Depression allgemein eine Re- Erkrankung mit erhöhtem Risiko
duktion der psychischen Aktivität bezeich- für Suchtmittelabhängigkeit,
gen. Beide Störungen werden net. Emil Kraepelin (1865–1926) prägte erschwerter Behandelbarkeit und
den Begriff des «manisch-depressiven Ir- Chronifizierung.
leider oft nicht diagnostiziert reseins» und fasste die verschiedenen For-
● Wichtig für eine erfolgreiche
men der Melancholie richtungsweisend
Therapie ist, Angsterkran-
oder inadäquat behandelt. unter «depressiven Zuständen» zusam-
kungen früh zu erkennen, den
men. Damit beschrieb er eine traurige
Patienten über sein Leiden
Der vorliegende Artikel lie- oder ängstliche Verstimmung mit Hem-
gut aufzuklären und für eine
mung des Denkens und Handelns.
fachgerechte Behandlung zu
fert einen historischen Abriss Karl Jaspers kennzeichnete 1913 die De-
motivieren.
pression (von lat. deprimere = herunter-,
über die Begriffsgeschichte niederdrücken) als tiefe Traurigkeit und ● Eine adäquate Behandlung von
Hemmung allen seelischen Gesche- Depression und Angst besteht in
der affektiven Störungen so- hens (1). einer Kombination von Pharma-
Eugen Bleuler definierte 1916 die depres- kotherapie und Psychotherapie.
wie der Angststörungen, zu- sive Trias beziehungsweise die «Drei-Grup- Hierbei werden vor allem die
pen-Symptome»: depressive Verstimmung, SSRI als Behandlung erster Wahl
dem werden deren Diagnostik Hemmung des Gedankenganges, der Ent- eingesetzt, aber auch die neue-
schlussfähigkeit und des Handelns. Später ren Antidepressiva. Diese Sub-
und die Folgen der Komorbi- setzte sich der Begriff der manisch-depres- stanzen wirken sowohl auf die
siven Krankheit durch. Der Begriff der af- Depression als auch auf die
dität beschrieben. Die neues- fektiven Störungen wurde erst in neuerer Angstsymptomatik. Paroxetin
Zeit geprägt. Er fand seinen Niederschlag und Sertralin sind bezüglich der
ten epidemiologischen Ergeb- in den aktuellen Diagnosesystemen ICD- registrierten Indikationen zurzeit
10 (International Classification of Diseases am breitesten validiert.
nisse einer europäischen der Weltgesundheitsorganisation WHO)
und DSM-IV (Diagnostic and Statistical
Studie (ESEMeD) werden dar- Manual of Mental Disorders). Damit
wurde die klassische Unterscheidung zwi- jor Depression» im DSM-IV ersetzt. Die
gelegt und therapeutische schen endogenen und neurotischen De- gesamte Gruppe der depressiven Störun-
pressionen durch die Begriffe «depressive gen wird seitdem unter dem Kapitel der
Konsequenzen abgeleitet. Episode» im ICD 10 beziehungsweise «Ma- affektiven Störungen zusammengefasst.

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Depressionen und Angststörungen

Tabelle 1: Symptome der depressiven Episode nach ICD-10


Merk-
sätze (2) Hauptsymptome
1. Gedrückte Stimmung
2. Interessen-/Freudlosigkeit
● Ziel der Behandlung ist die voll-
3. Antriebsstörung
ständige Remission, auch wenn
diese nicht in allen Fällen er- Andere häufige Symptome
reicht werden kann. Bei fehlen- 1. Erhöhte Ermüdbarkeit
dem oder unzureichendem 2. Vermindertes Denk- oder Konzentrationsvermögen
Ansprechen auf eine Behandlung 3. Verlust von Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl
4. Unbegründete Selbstvorwürfe
innerhalb von vier bis sechs
5. Hemmung/Unruhe
Wochen sollte fachärztliche Hilfe
6. Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid oder suizidales Verhalten
beigezogen werden.
7. Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden
● Es ist von grösster Bedeutung, 8. Schlafstörungen (Ein- und Durchschlafstörungen sowie Früherwachen)
dass die Behandlung von ausrei- 9. Störungen des Appetits
chender Dauer ist, um Rückfällen 10. Libidostörungen
11. Gewichtsverlust
und Rezidiven vorbeugen zu
können: Nach eingetretener Bes-
serung soll die Pharmakothera-
pie mit der wirksamen Dosis
während sechs bis zwölf Mona-
ten weitergeführt werden. Erst Tabelle 2: Unterteilung der depressiven Episode nach ICD-10
danach erfolgt der langsame Ab-
F32.0 Leichte depressive Episode
bau der antidepressiven Medika- Gefordert werden mindestens 2 Hauptsymptome und 2 andere häufige Symptome. Be-
tion unter sorgfältiger Kontrolle troffene leiden unter den Symptomen und haben Schwierigkeiten, die normalen beruf-
des Patienten. Diese Empfehlung lichen und sozialen Aktivitäten fortzusetzen, geben aber die alltäglichen Aktivitäten
gilt jedoch nur für Patienten mit nicht vollständig auf.
einer Erstepisode einer Angst-
störung oder einer Depression. F32.1 Mittelgradige depressive Episode
Gefordert sind mindestens 2 Hauptsymptome und mindestens 3, besser 4 andere, häu-
Für alle anderen Fälle gilt grund-
fige Symptome. Einige Symptome sind in ihrem Schweregrad besonders ausgeprägt. Die
sätzlich eine längere, jahrelange,
betroffene Person kann nur unter erheblichen Schwierigkeiten soziale, häusliche und
manchmal lebenslange Behand-
berufliche Aktivitäten fortsetzen.
lungsdauer.
F32.2 Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
Alle 3 Hauptsymptome sowie 4 oder mehr andere häufige Symptome mit z.T. besonders
schwerer Ausprägung sind vorhanden. Es besteht meistens erhebliche Verzweiflung
Ängste wurden lange Zeit als Symptome
oder Agitiertheit (Ausnahme bei gehemmten Formen). Typischerweise treten Verlust des
der Depression und nicht als eigenstän- Selbstwertgefühls und Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld auf. Suizidgedanken und
dige Syndrome aufgefasst. So beobach- -handlungen kommen häufig vor.
tete bereits Hippokrates, dass Angst und
Verstimmtheit in der Melancholie gemein- F32.3 Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen
sam auftreten können. Eine schwere depressive Episode, wie unter F32.2 beschrieben, in der aber Halluzinatio-
Max Hamilton ordnete verschiedene kog- nen, Wahnideen oder ein depressiver Stupor auftreten. Alltägliche soziale Aktivitäten
werden unmöglich. Cave: Suizidalität, ev. mangelhafte Flüssigkeits- und Nahrungsauf-
nitive und somatische Angstphänomene
nahme. Halluzinationen und Wahn können, müssen aber nicht synthym sein.
der Depression zu (2). Erst seit Ende des
19. Jahrhunderts werden Angststörungen
als eigenständige Syndrome verstanden
(3), wobei der Aufsatz von Sigmund Freud tionssystemen ICD und DSM durch «Angst- der Regel gut behandelbar sind, kommen
über die «Angstneurosen» (1895) über störung» ersetzt, und seither wird zwi- leider noch heute Betroffene aus Mangel
Jahrzehnte hinweg den Angstbegriff prägte. schen verschiedenen Angststörungen, die an Information oder aus Scham nur selten
Anfang der Neunzigerjahre wurde der Be- unten besprochen werden, differenziert. oder (zu) spät in Behandlung – meist erst
griff der Angstneurose in den Klassifika- Obwohl Angststörungen mittlerweile in dann, wenn bereits Komplikationen auf-

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getreten sind. Angststörungen sind inzwi- von Symptomen können wir nach ICD-10 die Angststörungen noch heute der
schen recht gut erforscht – dennoch wer- eine leichte (F32.0), mittelgradige (F32.1) Gruppe der neurotischen, Belastungs- und
den sie noch immer unzureichend dia- und schwere Episode unterscheiden, wo- somatoformen Störungen zugeordnet und
gnostiziert und selbst im Fall einer bei letztere mit oder ohne psychotische finden sich in den Untergruppen phobische
korrekten Diagnosestellung häufig un- Symptome (F32.2, F32.3) auftreten kann Störungen (F40) und andere Angststörun-
genügend behandelt. (Tabelle 2). Für die Diagnosestellung wird gen (F41). Tabelle 3 gibt die wichtigsten
eine Symptomdauer von mindestens zwei Angststörungen nach ICD-10 gekürzt
Wochen gefordert. Kürzere Zeiträume wieder.
Definition und Diagnose
sind bedeutsam, wenn die Symptome Bei Komorbidität von Angst und Depres-
Unter Affektivität versteht man zum einen ungewöhnlich schwer oder abrupt auf- sion soll neben der Abklärung der kausa-
kurz andauernde starke Gefühlszustände treten. len Beziehung zwischen den zwei Syndro-
wie Zorn, Wut, Hass oder Freude. Es Obwohl der Begriff der Angstneurose men (Angst vor der Depression oder
gehören aber auch Stimmungen dazu, die durch die Bezeichnung Angststörung er- umgekehrt, oder beides gleichzeitig?)
über einen längeren Zeitraum anhalten, wie setzt und das Konzept der Neurose im auch nach möglichen somatischen Ursa-
etwa Depressionen. Bei Störungen der Af- ICD-10 nicht beibehalten wurde, werden chen der psychischen Symptome gesucht
fektivität sind Gefühlsausdruck und -emp-
finden sowie die Stimmungslage verändert.
Die Veränderung der Stimmungslage wird Tabelle 3: A n g s t s t ö r u n g e n nach ICD-10
fast immer von einer Reduktion oder Stei-
F40.0 Agoraphobie
gerung des Aktivitätsniveaus begleitet.
Angst vor gewissen Orten oder Situationen, an denen im Falle einer Angstattacke
Affektive Störungen werden in bipolare
eine Flucht schwer möglich wäre oder peinliches Aufsehen erregen könnte. Am häu-
Störungen und depressive Störungen
figsten treten Angstanfälle in Menschenmengen, öffentlichen Verkehrsmitteln oder
unterteilt, wobei letztere häufiger sind.
engen Räumen auf. Angst vor dem Alleinsein kommt ebenfalls häufig vor. Zwei For-
Hauptmerkmal der bipolaren Störungen
men werden unterschieden:
sind eine oder mehrere manische oder
– Agoraphobie ohne Panikstörung in der Anamnese
hypomanische Episoden, zudem findet
– Panikstörung mit Agoraphobie
sich meist eine depressive Episode in der
Vorgeschichte. Zyklen von hypomanischen F40.1 Soziale Phobie (Soziale Angststörung)
und leichten depressiven Symptomen wer- Angst, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, z.B. Sprechen in der Öffent-
den als Zyklothymie bezeichnet. Haupt- lichkeit oder vor Vorgesetzten. Befürchtung, sich peinlich oder ungeschickt zu ver-
merkmale einer depressiven Störung sind halten oder negativ beurteilt zu werden. Es kommt in der Regel zu einem Vermei-
eine oder mehrere Phasen einer Depres- dungsverhalten.
sion ohne manische oder hypomanische
Episoden. Eine leichtere depressive Ver- F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien
stimmung, die während mindestens zwei Die Angst resp. Furcht bezieht sich auf einzelne, klar umschriebene Situationen oder
Jahren anhält, aber nie die Diagnosekrite- Objekte wie z.B. bestimmte Tiere, Höhe, Fliegen, geschlossene Räume, Anblick von
rien einer depressiven Episode erfüllt, wird Blut. Führt auch zu Vermeidungsverhalten.
als Dysthymie bezeichnet. Entwickelt sich
F41.0 Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst)
dabei zusätzlich eine depressive Episode,
Nicht auf spezifische Situationen begrenzte, anfallsartig auftretende Angstattacken
sprechen wir von einer «Double Depres-
mit psychischen und körperlichen Symptomen. Typisch sind plötzlich, aus heiterem
sion». Alle diese Störungen neigen zur
Himmel auftretendes Herzrasen, Druck auf der Brust, Erstickungsgefühle, Schwindel,
Chronifizierung.
Zittern, Schwitzen, Entfremdungsgefühle (Depersonalisation oder Derealisation),
Tabelle 1 zeigt die Leitsymptome einer
Angst, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder sterben zu müssen.
depressiven Episode nach ICD-10. Die Dia-
gnose wird anhand von Hauptsymptomen F41.1 Generalisierte Angststörung (GAD)
und zusätzlich auftretenden Symptomen Hauptsymptom der GAD ist eine übersteigerte Ängstlichkeit und Besorgtheit, die sich
gestellt. Für die Diagnosestellung ist es sehr auf die allgemeinen oder besonderen Lebensumstände bezieht. Das Auftreten dieser
wichtig, dass neben den Hauptsymptomen Angst ist situativ nicht umschrieben, sondern sie ist fast ständig vorhanden. Die per-
auch die zusätzlich auftretenden Sym- manente Anspannung führt zu Nervosität, Konzentrationsstörungen, Schlafstörun-
ptome, die nicht minder wichtig sind, sorg- gen sowie verschiedenen körperlichen Symptomen wie Zittern, Muskelspannung,
fältig erfragt werden, weil sonst die Diag- Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühlen, Verdauungsbeschwer-
nose verpasst werden kann. den oder Durchfällen.
Durch die Anzahl sowie die Ausprägung

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werden. Eine allgemein-körperliche, inter- bei einer Person in einem definierten Zeit- mord (21). Die Suizidrate bei Patienten mit
nistische und eventuell eine neurologische raum (10). Die hohen Komorbiditätsraten komorbider Depression und Panikstörung
Untersuchung sind wichtige Bestandteile von Angststörungen und Depressionen ist indessen um 70 Prozent höher als bei
jeder Abklärung (4). werden durch epidemiologische Studien schwerer Depression und viermal höher
belegt (11). So zeigte die GAD-P-Studie als bei einer Panikstörung allein (20). Eine
(Generalized Anxiety and Depression in im Jahr 2002 veröffentlichte Untersuchung
Epidemiologie
Primary Care) [12]), dass 42 Prozent der zur Komorbidität von Generalisierter Angst-
Depressionen und Angststörungen sind Personen mit einer Angststörung gleich- störung und Depression kommt zu ähn-
weit verbreitet (5). Gemäss einer Studie zeitig an einer schweren Depression und lichen Befunden (22). Darüber hinaus be-
der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 36 Prozent der Depressiven gleichzeitig an steht auch eine hohe Komorbidität von
aus dem Jahr 1998 litten 12 Prozent der einer Generalisierten Angststörung leiden. Angst und Depression mit Suchterkran-
Befragten zum Zeitpunkt der Untersu- Gemäss ESEMeD-Studie (9) leiden 42 Pro- kungen (14).
chung an einer Depression und 10 Pro- zent der Patienten mit schwerer Depres-
zent an einer Angststörung (6). Eine deut- sion und 65 Prozent derjenigen mit einer Daraus ist zu folgern, dass die
sche Untersuchung von 1998 ergab eine Generalisierten Angststörung unter min-
frühzeitige Diagnose und eine an-
Zwölf-Monats-Prävalenz für schwere De- destens einer weiteren psychischen Stö-
pressionen von 8,3 Prozent und für rung. Zusätzlich besteht eine beträchtliche gemessene Behandlung von zen-
Angststörungen von 15 Prozent, wobei Komorbidität zwischen den verschiedenen traler Bedeutung für die Prog-
spezifische Phobien eine Prävalenz von Angststörungen. nose sind und nur so das Risiko
7,6 Prozent, die Generalisierte Angst-
einer komorbiden Störung und
störung von 1,5 Prozent und Panikstö-
Bedeutung der Komorbidität weiterer Komplikationen verhin-
rungen von 4,3 Prozent zeigten (7). Zu
von Depression und Angst-
vergleichbaren Ergebnissen kamen Unter- dert werden kann (9).
störungen
suchungen aus den USA (8).
Besonders hervorzuheben sind die Resul- Die hohe Komorbidität von Angststörun-
tate der ESEMeD-Studie (European Survey gen und Depression führt zur Frage der
Aktuelle Behandlungs-
of Epidemiology of Mental Disorder [9]). Zusammenhänge und der Bedeutung die-
situation
Diese aktuelle und auf europäischen Daten ser Erkrankungen. Verschiedene epide-
basierende Kooperationsstudie der Euro- miologische Studien zeigen, dass depres- Der Bundes-Gesundheitssurvey 1998 in
päischen Kommission, GlaxoSmithKline und sive Störungen vielfach als Folge von Deutschland ergab, dass lediglich 36,4
der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Angsterkrankungen auftreten (13, 14). Prozent der psychischen Störungen be-
wurde am 16. Kongress des European Col- handelt wurden, was auf eine deutliche
lege of Neuropsychopharmacology (ECNP) Angsterkrankungen und Unterversorgung hinweist (7). Ähnliche
im September 2003 in Prag präsentiert. Die Daten sind aus den USA bekannt (8).
Depressionen sind für sich allein
Untersuchung wurde in sechs EU-Ländern Im Rahmen der ESEMeD (9) wurden nicht
(Italien, Frankreich, England, Holland, Spa- schon sehr belastende, zur nur die Prävalenz, sondern auch die Nut-
nien, Deutschland) durchgeführt und schloss Chronifizierung neigende Erkran- zung und Qualität der therapeutischen
über 22 000 Personen ein. Die ESEMeD- kungen (5). Eine als Komplikation Ressourcen in den letzten zwölf Monaten
Studie zeigte, dass 25 Prozent der über vor der Befragung erfasst. Die Resultate
der Angsterkrankung auftretende
18-jährigen Europäer mindestens einmal zeigen, dass Depressionen und Angst-
im Leben an einer psychischen Störung lei- Depression führt zu einem erkrankungen durch Ärzte häufig nicht
den. Einer von sieben leidet an einer affek- ungünstigeren Krankheitsverlauf diagnostiziert werden. Ein weiteres Problem
tiven Störung und jeder Siebte an einer beider Störungen (15–18). ist, dass Depressive und Angstkranke viel-
Angststörung. Die Zwölf-Monats-Prävalenz fach keinen Arzt aufsuchen: 63 Prozent
für schwere Depressionen beträgt gemäss der Befragten mit Depressionen bezie-
ESEMeD-Studie 4 Prozent und für Angst- Die Komorbidität vermindert die Lebens- hungsweise 74 Prozent mit Angststörun-
störungen 6 Prozent. qualität zusätzlich, verstärkt die soziale gen gingen trotz erheblicher Beschwer-
Isolation, erhöht die Anfälligkeit für soma- den nicht zum Arzt. 6 Prozent sowohl der
tische Erkrankungen sowie das Suizid- Depressiven als auch der Angsterkrankten
Hohe Komorbidität
risiko (19, 20) und führt zu höheren Hos- erhielten auch nach ärztlicher Untersu-
psychischer Störungen
pitalisationsraten (17). Bis zu 15 Prozent chung keine Behandlung. Lediglich 14 Pro-
Unter Komorbidität versteht man das Vor- der wegen einer depressiven Störung hos- zent der Depressiven beziehungsweise
handensein von mehr als einer Störung pitalisierten Patienten begehen Selbst- 8 Prozent der Angsterkrankten erhielten

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Depressionen und Angststörungen

eine medikamentöse Therapie, und 5 Pro- liche Wirksamkeit in der Behandlung von Literatur:
zent begannen eine Psychotherapie. Nur Angsterkrankungen, wie sie von den oben 1. Jaspers K: Allgemeine Psychopathologie.
12 Prozent der Depressiven und 7 Prozent erwähnten SSRI bekannt ist. 9. Auflage ed. Berlin, Heidelberg, New York
der Angsterkrankten erhielten eine Be- Die modernen Antidepressiva können 1993; Springer.
handlung in Form einer Kombination aus meist einmal pro Tag verabreicht werden, 2. Hamilton M: Symptoms and assessment
Medikation und Psychotherapie. was die Behandlung vereinfacht und sich of depression. In: Paykel ES (ed.): Hand-
auf die Compliance günstig auswirken book of Affective Disorders. Edinburgh,
Insgesamt erhielten also viele Pa- kann. Eine Einmaldosis ist allerdings nicht London, Churchill Livingstone 1982; 3–11.
gleichbedeutend mit der Einnahme nur ei- 3. Berrios GE: The history of mental sym-
tienten entweder keine Therapie,
ner Tablette. Meist muss im Verlauf der ptoms. Descriptive psychopathology since
oder sie wurden mit falschen Behandlung die Dosierung angepasst the nineteenth century. Cambridge, New
oder mit nicht primär indizierten werden, sodass viele Patienten eine York, Melbourne 1996; Cambridge Uni-
Medikamenten behandelt. höhere als die Einstiegsdosis benötigen, versity Press.
um auf die Behandlung anzusprechen. 4. Hättenschwiler J, Höck P: Angststö-
rungen. Diagnostik. Schweiz Med Forum
Von den Patienten mit schweren Depres- Da Antidepressiva eine Wirk- 2002; 6: 125–129.
sionen erhielten 20 Prozent ein Anxio- 5. Hättenschwiler J: Depression – Angst-
latenz haben und zu Beginn der
lytikum in Monotherapie, nur 5 Prozent störungen und Schlafstörungen. Editorial.
ein Antidepressivum in Monotherapie, Behandlung die Angstsymptoma- Medizin Spektrum. Erkenntnisse aus der
13 Prozent ein Antidepressivum und ein tik verstärken können, sollten Forschung für die Praxis 2002; 4: 1–2
Anxiolytikum sowie 4 Prozent ein Anti- Antidepressiva in den ersten zwei 6. Lecrubier Y: The impact of comorbidity
depressivum und ein Antipsychotikum. on the treatment of panic disorder. J Clin
bis drei Behandlungswochen mit
Psychiatry 1998; 59 (suppl 8): 11–14.
einem beruhigenden, angstlösen- 7. Wittchen HU & Jacobi F: Die Versor-
Therapie unter Berücksich-
den und schlafanstossenden Mit- gungssituation psychischer Störungen in
tigung der Komorbidität
tel aus der Gruppe der Benzodia- Deutschland – Eine klinisch-epidemiolo-
Als «State of the Art» der Behandlung ko- gische Abschätzung anhand des Bundes-
zepine kombiniert werden (26).
morbid auftretender Depressionen und gesundheitssurveys 1998. Bundesgesund-
Angststörungen gilt zurzeit eine Kombi- heitsblatt 2001; 44: 993–1000.
nation aus Psychotherapie und antide- Das Benzodiazepin soll aber nach Wir- 8. Kessler et al.: The Epidemiology of
pressiver Medikation (23, 24). Die kogni- kungseintritt des Antidepressivums, in der Major Depressive Disorder. JAMA 2003;
tive Verhaltenstherapie ist aktuell sowohl Regel nach zwei bis drei Wochen, lang- 289: 3095–3105.
für Depressionen als auch für Angst- sam reduziert und dann abgesetzt wer- 9. Lepine J-P, Nutt D et al.: Improving de-
störungen die am besten validierte Psy- den. Im weiteren Behandlungsverlauf ist pression and anxiety: ESEMeD leads the
chotherapieform (25). eine Monotherapie mit einem Antidepres- way. Symposium am 16th congress of the
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sivum meist ausreichend. European College of Neuropsychophar-
und neuere Antidepressiva (z.B. Venlafaxin, Die Behandlungsdauer sollte bei gutem macology (ECNP) 20.–24.09.2003 Prag.
Efexor®; Mirtazapin, Remeron®; Reboxetin, Ansprechen (Response) mindestens 10. Burke JD, Wittchen H-U, Regier DA,
Edronax®) sind Substanzen erster Wahl bei zwölf Monate betragen. Geddes et al. Sartorius N: Extracting information from
der medikamentösen Behandlung sowohl (27) haben in einer systematischen Re- diagnostic interviews on co-occurence of
von Depressionen als auch von Angster- view von 31 Studien mit insgesamt 4410 symptoms of anxiety and depression. In:
krankungen. Von den heute erhältlichen Patienten das Rückfallrisiko unter Anti- Maser JD, Cloninger CR (eds.): Comor-
SSRI Fluoxetin (Fluctin®), Sertralin (Gla- depressiva-Langzeitmedikation untersucht. bidity of mood and anxiety disorders.
dem®, Zoloft®), Paroxetin (Deroxat®), Cita- Das Resultat zeigt, dass eine fortgesetzte Washington, American Psychiatric Press
lopram (Seropram®), Fluvoxamin (Floxy- Antidepressiva-Therapie (sog. Erhaltungs- 1990; 439–462.
fral®) und Escitalopram (Cipralex®) sind therapie) die Wahrscheinlichkeit für einen 11. Kessler RC, McGonagle KA, Zhao S et
Sertralin und Paroxetin bezüglich Angst- Depressionsrückfall um etwa 66 Prozent al.: Lifetime and 12-month prevalence of
störungen am besten untersucht. Paroxetin reduziert. Dies entspricht einer Reduk- DSM-III-R psychiatric disorders in the Uni-
ist zurzeit das einzige SSRI, welches die Zu- tion des absoluten Rückfallrisikos um ted States. Results from the National
lassung zur Behandlung aller Angsterkran- etwa 50 Prozent. ● Comorbidity Survey. Arch Gen Psychiatry.
kungen hat. Allerdings zeigen Studien für 1994; 51: 8–19.
die neueren Antidepressiva (Venlafaxin, 12. Generalized Anxiety and Depression
Mirtazapin) und für andere SSRI eine ähn- in Primary Care: Prevalence, Recognition

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Depressionen und Angststörungen

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