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Cristian. Kollmann: Die Tiroler Familiennamen. Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung. Bozen, 18. November 2021.

Sehr geehrte Zuschauer!

Folie 1: Grüßgott und herzlich willkommen zu meinem Online-Vortrag. Er trägt


den Titel „Tiroler Familiennamen: Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung“.
Kurz zu meiner Person: Mein Name ist Cristian Kollmann, und ich bin
Sprachwissenschaftler mit Schwerpunkt Namenforschung des Luxemburger
und des Tiroler Raumes.

Lassen Sie uns direkt zum Thema des Vortrages kommen. Dabei geht es um
Namen, im engeren Sinne um Familiennamen, und im noch engeren Sinne um
die Tiroler Familiennamen.

Wie ist mein Vortrag aufgebaut? Zuerst werde ich zu erklären versuchen, wie
Familiennamen entstanden sind. Da Familiennamen kein regionales
Phänomen sind, werden wir dabei natürlich über die Grenzen Tirols
hinausschauen müssen. Besonders am Herzen liegt mir dabei Luxemburg, zum
Einen deswegen, weil ich dort an einem Familiennamenprojekt mitgearbeitet
habe und zum Anderen deswegen, weil Luxemburg und Tirol mehr verbindet,
als Manche vielleicht gedacht hätten. Auf die wichtigsten Tiroler
Familiennamen werde ich dann in der zweiten Hälfte des Vortrages eingehen.
Ebenso werde ich da all jene Familiennamen erklären, die Sie als interessierte
Zuschauer zugeschickt haben und erklärt haben möchten. Gegen Ende des
Vortrages werde ich dann noch die wichtigsten Online-
Recherchemöglichkeiten überblicksmäßig darstellen. Hierbei handelt es sich
um Internetseiten nicht nur für sprachwissenschaftlich, sondern auch für
genealogisch Interessierte.

Wir wollen nun, ausgehend vom Titel des Vortrages, gleich beginnen. Im Titel
des Vortrages ist von „Geheimnis“ die Rede. Doch zu Recht wird sich wohl der
Eine oder Andere von Ihnen fragen: Was an den Familiennamen soll denn
schon geheimnisvoll sein? Nun, das Eine ist die sprachliche Herkunft und die
Bedeutung. Das Andere ist die genealogische Herkunft des
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Cristian. Kollmann: Die Tiroler Familiennamen. Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung. Bozen, 18. November 2021.

Familiennamenträgers. Mit der sprachlichen Herkunft und Bedeutung


beschäftigt sich die Sprachwissenschaft, insbesondere die historisch-
vergleichende Sprachwissenschaft, der ich mich zuordne. Mit der
genealogischen Herkunft des Familiennamenträgers, also der Person, die mit
Familiennamen eben so heißt wie sie heißt, beschäftigt sich die Genealogie
oder die Ahnenforschung. Die Genealogie ist leider nicht mein Fachgebiet,
und ich hoffe, dass ich nicht allzu Viele von Ihnen nun enttäuschen werde,
denn in meinem Vortrag geht es in erster Linie um sprachwissenschaftliche
Aspekte und nicht um genealogische, also nicht um Stammbaumforschung.
Dennoch werde ich Ihnen im Laufe des Vortrages einige wichtige
diesbezügliche Quellen nennen, die online zu konsultieren sind.

Die Tatsache, dass Sie, sehr geehrte Zuschauer, an meinem Vortrag Interesse
zeigen, lässt mich vermuten, dass Sie sich bestimmt schon gefragt haben, von
wo der eigene Familienname eigentlich herkommt. Familiennamen haben
schließlich auch immer etwas mit Identität zu tun, die die eigene
Familiengeschichte betreffen und somit auch den Hintergrund der eigenen
Sprache und Kultur. Spätestens an dieser Stelle können wir uns fragen: Warum
gibt es überhaupt Familiennamen? Wie sind Familiennamen entstanden?

Folie 2: In der Tausende von Jahren alten Geschichte unserer Sprachen sind
Familiennamen eigentlich ein recht junges Phänomen. Familiennamen gibt es
nachweislich nämlich erst seit dem Hochmittelalter. Entstanden sind sie aus
Beinamen. Beinamen erscheinen (laut Beschreibung von Duden, Lexikon der
Familiennamen, Seite 12) häufig erstmals zu Beginn des 9. Jahrhunderts in
Venedig, im 10. Jahrhundert in Verona und Florenz sowie in Südfrankreich, und
seit dem 11. Jahrhundert auch in der romanischen Schweiz, in Katalonien und
in Nordfrankreich.

Soweit halten wir also fest: Familiennamen sind aus Beinamen entstanden.
Doch was ist dann also ein Beiname? Ein Beiname ist, wie der Begriff schon
verrät, eine Zusatzbezeichnung für eine Person. Ein Beiname wurde (und wird
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eigentlich noch immer) vergeben, um eine Person, die einen bestimmten


Vornamen trug von einer anderen Person, die denselben Vornamen trug, zu
unterscheiden. Bei der Vergabe von Vornamen spielte ursprünglich in jeder
Sprache noch die Bedeutung des Namens eine Rolle (bei vielen Sprachen, zum
Beispiel dem Türkischen, ist dies heute noch so). Neugeborene wurden
sozusagen mit Wörtern benannt, das heißt, nach bestimmten Eigenschaften,
die man in sie hineininterpretierte oder die man sich von ihnen erhoffte (z.B.
lieb, berühmt, reich), sie wurden benannt nach bestimmten Dingen oder
Naturphänomenen, mit denen man sie verglich (z.B. Blume, Sonne, Feuer) oder
nach Orten (z.B. Wald, Grenze, Weg). Es gab also ein gewissermaßen
unendliches Spektrum, aus dem man wählen konnte – theoretisch den
gesamten Wortschatz. In den germanischen Sprachen, zu dem auch das
Deutsche und somit auch die Deutschtiroler Dialekte gehören, gab es
zusätzlich die Möglichkeit, bei der Benennung der Neugeborenen zwei Wörter
zu kombinieren, z.B. althochdeutsch diot ‘Volk’ und māri ‘berühmt’, woraus der
heutige männliche Vorname Dietmar, oder ahd. adali ‘edel’ und heid ‘Wesen’,
woraus der heutige weibliche Vorname Adelheid. Jede Sprachgeschichte
bringt es leider mit sich, dass Wörter außer Gebrauch kommen. Dasselbe gilt
natürlich auch für unsere Dialekte. Viele Wörter sind im Aussterben begriffen
bzw. sind schon ausgestorben. In Namen, nicht nur in Ortsnamen, sondern auch
in Vornamen, haben viele Begriffe, die als Wörter ausgestorben sind, jedoch
überlebt. Aber die Bedeutung dieser ehemaligen Wörter, z.B. von
althochdeutsch diot wie in Dietmar, erschließt sich uns leider nicht mehr aus der
Sicht der Gegenwart. Warum ist das so? Mit dem Verlust von Wörtern wurde
der Wortschatz, aus dem man für die Benennung von Neugeborenen schöpfen
konnte, immer kleiner. Dies führte dazu, dass Namen vielfach nicht mehr nach
der Bedeutung des Wortes bzw. einer Kombination von Wörtern vergeben
wurden, sondern einfach nach dem Klang oder nach der Beliebtheit oder
nach der Familientradition. Mit der Christianisierung im Mittelalter und dem
Aufkommen der Heiligenverehrung wurden ab dem Hochmittelalter dann
zunehmend Heiligennamen, die vielfach biblischen und somit nicht-deutschen
Ursprungs waren, vergeben. Dennoch konnte mit diesen fremdsprachigen
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Vornamen der Verlust des einheimischen Vornamenschatzes nicht kompensiert


werden. Kurzum: Im Hochmittelalter gab es immer mehr Menschen, aber immer
weniger Vornamen. Die Verwechslungsgefahr zwischen den Menschen war
also groß. Wie konnte man dieser Verwechslungsgefahr entgegenwirken? Die
Antwort lautet: Durch konsequente Zusatzbezeichnungen, also durch die
Vergabe von Beinamen. Gab es also zwei Personen namens Dietmar, wurden
diese beiden Personen voneinander unterschieden, indem man die eine
Person z.B. den Dietmar auf der Klamm nannte, weil er ebenda wohnte, und
die andere Person den Dietmar, der Müller, weil er eben die Tätigkeit als Müller
ausübte. Oder eine Adelheid wurde beispielsweise von einer anderen
Adelheid unterschieden, indem die eine Person z.B. die Kofler Adelheid hieß,
weil sie eben auf einem Kofel, d.h. an einem Felsvorsprung wohnte, oder die
lange Adelheid, weil sie eben groß war.

So weit, so gut. Das Problem, dass es nun auf Grund der Namengleichheit zu
Verwechslungen zwischen Personen kommen kann, ist gelöst – allerdings nur
vorerst. Im Hochmittelalter passierte nämlich etwas, was die Vergabe von
Beinamen obsolet, also nicht mehr zeitgemäß machte: Der Ausbau der
Verwaltung und die damit einhergehende rasante Zunahme der Schriftlichkeit
besonders im 13. und 14. Jahrhundert. Immer mehr Bürger wurden
verwaltungsmäßig erfasst, und in diesem Zusammenhang war es wichtig, dass
ein bestimmter Bürger immer mit demselben Namen aufscheint, sei es als Zins-
bzw. Steuerzahler, als Beteiligter an einem Kaufvertrag, an einem Testament
oder an einer sonstigen geschäftlichen Vereinbarung. Von der
verwaltungsmäßigen Schriftlichkeit wurden also immer breitere Schichten der
Bevölkerung erfasst, also auch kleinere Kaufleute, Handwerker, ebenso
Landbewohner. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass jene Personen,
die keine Rolle im öffentlichen Leben spielten, in spätmittelalterlichen Quellen
meist noch ohne Beinamen genannt werden, weil diese Bevölkerungsgruppe
im Allgemeinen – wir reden von Dienern, Mägden und Knechten – noch nichts
zu versteuern oder zu vererben hatte. Bei verwaltungsmäßig relevanten
Bürgern ergab sich indes immer mehr die Notwendigkeit die Abfolge der
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Generationen transparent zu halten. Und wie machte man das? Im Grunde


ganz einfach: Aus dem Beinamen wurde ein Familienname. Das heißt, der
Beiname des Elternteils (meistens war dies der Vater) wurde auf den Sohn oder
die Tochter übertragen – dies unabhängig von der Frage, ob die Bedeutung
des Beinamens auf den Sohn oder die Tochter ebenso zutrifft wie auf den
Elternteil.

Folie 3: Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen: der Sohn des vorhin
genannten Dietmar auf der Klamm – nennen wir ihn Bertram – wurde in den
Akten der Verwaltung mit dem selben Beinamen, d. h. auf der Klamm
versehen, obwohl er möglicherweise gar nicht mehr auf der Klamm wohnte,
sondern ganz woanders. Oder die Tochter der vorhin genannten und potenziell
alleinerziehenden langen Adelheid – nennen wir sie Edeltraud – wurde von der
Verwaltung mit demselben Beinamen wie ihre Mutter erfasst, d.h. die lange,
obwohl die Tochter möglicherweise gar nicht sonderlich groß, sondern
möglicherweise im Gegenteil, im Vergleich zur Mutter, klein war. Was ist also
passiert? Der Familienname ist geboren!

Familiennamen sind somit im Grunde nichts anderes als vererbte Beinamen.


Sicher werden Sie sich fragen: Wann genau war dies der Fall, dass
Familiennamen zu Beinamen wurden? Diesbezüglich kann man ganz klar
sagen: Familiennamen sind an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen
Zeiten entstanden. Sogar an ein- und demselben Ort sind Familiennamen nicht
zur gleichen Zeit entstanden. Was wir nach Ausweis der Quellen wissen, ist, dass
im 13. und 14. Jahrhundert, also im Spätmittelalter, ausgehend von den
Verwaltungszentren wie Städte im Allgemeinen und Gerichte, Beinamen
nachweislich an die nächste Generation weitergegeben wurden. Der sicherste
Beweis hierfür ist zum Beispiel dann erbracht, wenn zum Beispiel von einem
Dietmar Müller die Rede ist und gleichzeitig sein Beruf, beispielsweise Schneider,
angegeben ist. In derartigen Fällen können wir uns ganz sicher sein: Müller ist
hier kein Beiname mehr, sondern bereits Familienname. Dass Müller kein
Beiname ist, ist also daran ersichtlich, dass die gegenständliche Person namens
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Dietmar eben nicht den Beruf des Müllers, sondern des Schneiders ausübte.
Und noch etwas, was vorher immer wieder angeklungen ist, hat das genannte
Beispiel in aller Deutlichkeit gezeigt: Die Bedeutung eines Familiennamens spielt
überhaupt keine Rolle mehr! Ein Familienname besitzt einzig die Funktion zu
bezeichnen, und zwar eine zur Familie X gehörige Person. Damit sind wir auch
schon beim wichtigsten Merkmal, was ein Wort von einem Namen, egal, ob
geografischer Name (wie Orts- oder Flurname) oder ob Personenname (wie
Vor- oder Nachname) unterscheidet: Ein Wort bedeutet. Ein Name bezeichnet.

Folie 4: Die bis hierher beschriebene Geschichte der Entstehung der


Familiennamen gilt in erster Linie für den europäischen Raum. Der
Ausgangspunkt scheint dabei, wie vorhin erwähnt, Venedig als wichtiges
Handelszentrum gewesen zu sein, dies womöglich bereits im 9. Jahrhundert.
Von dort aus dürfte diese durchaus praktische Mode, also die Vererbung von
Beinamen, auf andere Städte und Länder übergeschwappt sein. Denkbar ist
auch, dass an manchen Orten Familiennamen auch ganz unabhängig von
dem, was gerade in Venedig passierte und von Venedig ausstrahlte,
entstanden sind. Die Entstehung von Familiennamen, also die fixe Praxis der
Vererbung von Beinamen, ist jedenfalls ein sehr langer Prozess, der sich über
Jahrhunderte hinwegzieht. Für Luxemburg lässt sich z.B. feststellen, dass dort
noch aus der Mitte des 18. Jahrhunderts Fälle bekannt sind, in denen Kinder,
die alle aus demselben Hause stammten, einmal nach dem Vornamen des
Vaters, einmal nach dem Vornamen der Mutter und ein drittes Mal nach dem
Namen des Hauses benannt werden konnten. Von einer fixen Vererbung von
Beinamen kann also im 18. Jahrhunderts, zumindest in Luxemburg, noch keine
Rede sein. Wenn wir einen Blick auf Europa in seiner Gesamtheit werfen, dann
stellen wir fest, dass je weiter wir nach Norden gehen, sich die Familiennamen
um so später durchgesetzt haben. So hatte in Norwegen und Schweden die
Landbevölkerung sogar noch bis in das späte 19. Jahrhundert hinein noch
keine Familiennamen angenommen. Zudem ist es z.B. in Schweden bis heute
viel einfacher, seinen Familiennamen zu ändern. Die Grundlage dafür bildet

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das schwedische Namengesetz von 1963, mit dem eine größere Vielfalt der
Familiennamenlandschaft erreicht werden sollte.

Folie 5: Bemerkenswert ist auch die Familiennamengebung in Island: In Island


sind die Familiennamen eigentlich immer noch Beinamen, denn sie werden
nicht vererbt, sondern von Generation zu Generation neu vergeben. Konkret
sieht das so aus: Sowohl der Sohn als auch die Tochter werden nach dem Vater
benannt. Ein konkretes Beispiel: Ein Vater namens Einar Jónsson hat einen Sohn
namens Ólafur und eine Tochter namens Gudrún. Der Sohn heißt dann Ólafur
Einarsson und die Tochter heißt Gudrún Einarsdóttir. Wenn die Geschwister also
unterschiedlichen Geschlechts sind, haben sie nicht denselben
Familiennamen, und keines der Geschwister hat den gleichen Familiennamen
wie der Vater. An diesem Beispiel sehen wir: Die isländischen Familiennamen
sind keine vererbten Beinamen, sondern entstehen bis heute immer wieder
neu: Die Neugeborenen werden einfach nach dem Vater, und zwar wie dieser
mit Vornamen heißt, benannt, also genau so, wie das ursprünglich unter
anderem auch in unseren Breiten der Fall war, als Familiennamen noch
Beinamen waren.

Folie 6: Der Fachbegriff für Familiennamen, die ursprünglich vom Vornamen des
Vaters stammen, nennt man Patronyme. Dieser Begriff bedeutet wortwörtlich
Vatersname. Wenn ein Familienname vom Vornamen der Mutter stammt (was
mitunter, wenngleich viel seltener vorkam), spricht man von Matronymen
(seltener auch: Metronymen), also Muttersnamen.

Folie 7: Familiennamen lassen sich hinsichtlich ihrer ursprünglichen Bedeutung,


die sie als Beinamen noch hatten, sozusagen typologisieren. Die allgemeinste
Unterteilung der Familiennamen hinsichtlich ihrer Bedeutung oder genauer
gesagt: hinsichtlich ihres Benennungsmotivs, erfolgt in drei Typen. So sagt ein
Familienname historisch etwas aus über 1. den geografischen Hintergrund; 2.
den genealogischen Hintergrund; oder 3. den biografischen Hintergrund des
Namenträgers. Diese drei Typen lassen sich in Untertypen unterteilen: Bei
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Familiennamen mit geografischem Hintergrund kann es sich um


Familiennamen nach der Herkunft oder nach der Wohnstätte handeln. In Tirol
ist dies meist der Hof. Bei Familiennamen mit genealogischem Hintergrund kann
es sich, wie gerade erwähnt, um Familiennamen nach dem Vater oder seltener
der Mutter handeln (genau genommen: nach deren Vornamen), und
schließlich kann es sich bei Familiennamen mit biografischem Hintergrund um
Familiennamen nach einer Tätigkeit (Beruf, Amt, Stand) oder nach einem
körperlichen oder charakterlichen Merkmal handeln (also um Übernamen im
klassischen Sinn).

Folie 8: Eine Typologisierung der Familiennamen am Beispiel Luxemburgs sehen


Sie in dieser Folie. Luxemburg habe ich deswegen ausgesucht, weil ich knapp
vier Jahre an einem Luxemburger Familiennamenprojekt mitgearbeitet habe.
Ein ähnliches Projekt wäre natürlich auch für Tirol ein Desiderat, doch dazu
später mehr. An dieser Folie soll veranschaulicht werden, dass man nicht nur
von Personen, sondern auch von den Familiennamen selbst einen Stammbaum
erstellen kann. Konkret habe ich dies im Rahmen des genannten Luxemburger
Projekts einmal an einem hypothetischen historischen Beispiel Till, der Schmied
versucht. Es geht jetzt nicht darum, hier die Details der Verästelungen des
Familiennamens zu erklären, sondern lediglich darum, bildlich aufzuzeigen, wie
sich die Beinamen der Nachfahren einer Person namens Till, der Schmied im
Laufe der Generationen, als Beinamen noch nicht vererbt wurden, ändern
konnten.

Folie 9: Und noch ein Beispiel aus Luxemburg möchte ich Ihnen nicht
vorenthalten. Es zeigt die zehn häufigsten Familiennamen. Was hier umgehend
auffällt, ist, dass die Mehrheit der häufigsten Familiennamen aus Berufsnamen
entstanden sind. Wir sehen Schmit, Müller, Weber, Hoffmann (für den Diener am
Hof eines Adeligen), Schmitz (Genitiv von Schmit), Schröder (Schröder gilt in
Luxemburg für den Metzger) und Reutter (meist zum Verb reuten, ausreuten,
also für eine Person, die urbar macht oder, seltener, für den Reiter bzw. Ritter).
In lediglich einem Fall handelt es sich um ein Patronym, d.h. um einen
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Vatersnamen, und zwar Till. Und in einem weiteren Fall handelt es sich um einen
Übernamen, nämlich Klein.

Folie 10: Ganz anders ist dagegen die Situation in Tirol, wie wir bald sehen
werden. Doch bevor wir zu Tirol kommen, möchte ich eine Brücke zwischen
Luxemburg und Tirol bauen. In Luxemburg gibt es eine Reihe von
Familiennamen, die Tiroler Wurzeln haben. Zu Recht kann man sich fragen: Was
ist dafür der Grund? Der Grund ist, dass sich von etwa 1650 an Tiroler
Handwerker, meist Bauhandwerker in Luxemburg niederließen. Nach dem
Dreißigjährigen Krieg (der bekanntlich von 1618 bis 1648 dauerte), war auch
Luxemburg arg verwüstet worden und es galt, das Land neu aufzubauen. Über
die Tiroler Auswanderer in Luxemburg – die meisten von ihnen stammten aus
der Landecker Gegend – wurden bereits mehrere Abhandlungen
geschrieben. Es ist historisch erwiesen, dass die Tiroler Handwerker besonders
aus dem Bauwesen wie Zimmersleute, Maurer, Steinmetze und Architekten in
Luxemburg sehr gefragt waren. So hat in Luxemburg so manche Kirche einen
Tiroler Baumeister. Zudem kamen manche Tiroler auch als Kaufleute nach
Luxemburg. Einige Tiroler Familien gelangten auf Grund ihrer Tüchtigkeit in
Luxemburg zu großem Ansehen. Beispielsweise die Baumeisterdynastie
Munggenast, die aus Quadratsch stammte. Ein Sigmund Munggenast zog im
Jahr 1729 im Alter von 34 Jahren als Baumeister nach Luxemburg. Zu den
Nachkommen dieser Familie zählten Bürgermeister und Gerichtspräsidenten,
und sogar ein Luxemburger Finanzminister hieß Mongenast. Oder ein anderes
Beispiel: Die Tschiderer in Luxemburg, die aus Ischgl stammten: 1755 kam ein
Johann Tschiederer nach Luxemburg, 1777 ein Joseph Tschiederer. Ein
Nachfahr der Tschiederer gründete in Luxemburg ein Bankhaus namens
„Tschiderer & Beck“, das bis 1941 existierte. Die Tschiderer haben zweimal einen
Bürgermeister hervorgebracht. Einer von ihnen wurde später Abgeordneter
und der Andere brachte es sogar bis zum Landwirtschaftsminister. Es ist
bekannt, dass die Tiroler Einwanderer in Luxemburg untereinander enge
Freundschaften pflegten, untereinander heirateten und Paten bei ihren

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Landsleuten standen. Einige Tiroler Familiennamen haben bis zum heutigen Tag
in Luxemburg überlebt.

Folie 11. Zum Beispiel der Familienname Zangerle (zwei Personen namens
Zangerle sind um 1700 herum als Kaufleute, die aus Ischgl und Kappl stammten,
in Tirol bezeugt) oder der Familienname Kintzele (Einwanderer namens Kintzele
sind um 1740 in Luxemburg als Baumeister erfasst). Werfen wir einen Blick auf
den Luxemburger Familiennamennatlas, auf dem die Verbreitung von Zangerle
und Kintzele kartiert werden kann.

Folie 12: Als Ergänzung und Vertiefung zum Luxemburger Familiennamenatlas


gibt es auch ein Buch, das „Luxemburger Familiennamenbuch“. Bei diesem
Buch, das 2016 erschienen ist, handelt es sich um das Ergebnis eines fast
vierjährigen Projektes an der Universität Luxemburg.

Folie 13: In diesem Zusammenhang möchte ich zudem auf ein weiteres Werk
verweisen: Duden, Lexikon der Familiennamen, erschienen 2008. Dieses Buch
ist das Standardwerk für Familiennamen im gesamten deutschen Sprachraum.

Folie 14: Und was noch in diesem Zusammenhang interessant ist: Das Digitale
Familiennamenwörterbuch Deutschland (DFD). Hierbei handelt es sich um ein
Langzeitprojekt an der Universität Mainz und ist online konsultierbar.

Folie 15: Kommen wir nun zu Tirol. Im Gegensatz zu Luxemburg und Deutschland
gibt es weder für Österreich noch für Tirol einen eigenen Familiennamenatlas.
Da Tirol keine verwaltungsmäßige Einheit bildet, gibt es leider auch nicht eine
Datenbank, die dahingehend aufbereitet wäre, so dass sie umgehend für
Häufigkeitsstatistiken aufbereitet werden könnte. Sowohl eine einzige
Familiennamendatenbank für ganz Tirol als Grundlage für einen Tiroler
Familiennamenatlas wäre also ein großes Desiderat! Diesbezügliche
etymologische Vorarbeit wurde dabei schon längst geleistet. Für Tirol gibt es
nämlich, und das ist das Erfreuliche, ein solides Buch über Tiroler
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Familiennamen. Es stammt aus dem Jahr 1978 und wurde verfasst vom Tiroler
Germanisten Karl Finsterwalder. Finsterwalders Buch über die Familiennamen
gilt bis heute als Standardwerk, wenn man etwas über die Etymologie des
eigenen Tiroler Familiennamens erfahren will.

Folie 16: Und was speziell Südtirol betrifft, so gibt es immerhin eine Studie des
Südtiroler Landesinstituts für Statistik aus dem Jahr 2010 über die Häufigkeit der
Familiennamen in Südtirol. Im Jahr 2010 waren die zehn häufigsten
Familiennamen in Südtirol demnach folgende: Mair, Hofer, Pichler, Kofler,
Gruber, Pircher, Gasser, Thaler, Egger, Gamper.

Folie 17: Im Gegensatz zu Luxemburg fällt bei Südtirol umgehend auf, dass die
häufigsten Familiennamen nicht aus Berufsnamen, sondern aus Standesnamen
und Wohnstättennamen stammen. Beginnen wir mit dem in Südtirol am
häufigsten auftretenden Familiennamen Mair, der in sehr vielen
Schreibvarianten auch sonst im deutschen Sprachraum extrem häufig ist. Beim
Namen Mair handelt es sich um einen Namen, der auf einen biografischen
Hintergrund weist. Konkret handelt es sich um einen Standesnamen zu
mittelhochdeutsch meier, auch mit g geschrieben, meiger ‘Oberbauer, der im
Auftrag des Grundherrn die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führt,
in dessen Namen die niedere Gerichtsbarkeit (die sich also in der Regel mit
geringeren Delikten des Alltags befasst) ausübt’. In einem zweiten Moment
konnte Meier auch die Bedeutung ‘Großbauer’ annehmen. Der Standesname
Meier selbst ist lateinischer Herkunft. Er geht zurück auf die lateinische
Steigerungsform māior ‘größer’, das ist die Steigerungsform des
Eigenschaftswortes māgnus ‘groß’. In der lateinisch beeinflussten
Verwaltungssprache des Mittelalters wurde das Wort māior ins Deutsche
entlehnt, wo es speziell den sozialen Status einer Person bezeichnete und somit
ursprünglich ‘der Größere, Angesehenere, Höherstehende’ bedeutete. Es fällt
auf, dass es in fast jedem Tiroler Dorf einen Hof Maier oder Maierhof gibt. Sehr
oft handelt es sich dabei tatsächlich um einen großen Hof. Dies lässt darauf
schließen, dass Meier nicht nur die Bedeutung ‘Oberbauer’, sondern auch
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bereits ‘Großbauer’ hatte. So gesehen ist der Familienname Mair (inklusive der
zahlreichen Schreibvarianten) nicht nur ein Standesname, sondern auch ein
Wohnstättenname. Der Meier ist also der Oberbauer, dann der Großbauer und
dann der am gleichnamigen Hof Wohnende. Besonders ersichtlich wird diese
Bedeutung in der Zusammensetzung Maierhof und in der Ableitung Maierhofer.
Kommen wir vom Maierhofer zum Hofer. Dieser Familienname ist in Südtirol der
zweithäufigste. Auch hierbei handelt es sich, wie bei Mair, ursprünglich um
einen Standesnamen. Der Hofer ist nämlich ursprünglich nicht einfach nur ‘der
am Hof Wohnende’, sondern ‘der Inhaber eines Hofes’. Nur in wenigen Fällen
ist Hofer Wohnstättenname, beispielsweise in Passeier zum Weilernamen Hofa,
mundartlich af Houfe, in Ulfas (in der Katastralgemeinde Platt der Gemeinde
Moos). Von diesem Hofa stammt auch der Urahn des Passeirer
Freiheitskämpfers Andreas Hofer.

Nun weiter zu den Familiennamen mit einer Häufigkeit von 3 bis 10: Pichler,
Kofler, Gruber, Pircher, Gasser, Thaler, Egger, Gamper. Bei all diesen Namen
handelt es sich um Wohnstättennamen. Pichler bedeutet somit ursprünglich
‘der auf dem Pichl Wohnende’, Kofler ‘der auf oder am Kofel, d.h. auf dem
Felsvorsprung Wohnende’, Gruber ‘der in oder bei der Grube Wohnende’,
Pircher ‘der im Pirchach, d.h. dort, wo viele Birken vorkommen, Wohnende’,
Gasser ‘der in der Gasse Wohnende’ (eine Gasse ist in der Mundart ein Weg
zwischen zwei Zäunen, der dem Ein- und Austrieb des Viehs auf das Feld dient’,
dann Thaler ist ‘der im Tal Wohnende’ (man beachte die archaische
Schreibweise des Familiennamens mit Th), der Egger ist ‘der am Egg, d.h. der
am Geländevorsprung Wohnende’ und schließlich Gamper ist ‘der auf dem
Gampen Wohnende’. Bei Gampen handelt es sich um ein typisches Tiroler
Wort, das in der Mundart Gåmpm lautet und ursprünglich einen ebenen Boden
im Gelände, meist einen Almboden bezeichnet. Es ist eines der vielen
Lehnwörter aus dem Alpenromanischen und geht letztlich auf lateinisch
campus ‘Feld’ zurück.

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Folie 18: Nun möchte ich auf jene Tiroler Familiennamen eingehen, um dessen
Deutung eigens für diesen Vortrag gebeten wurde. Darunter sind Deutschtiroler
wie auch einige Welschtiroler Familiennamen. In alphabetischer Auflistung sind
dies folgende: Alber, Antretter, Beer, Behrens, Berloffa, Botzner, Cappelletti,
Ennemoser, Fritz, Gasteiger, Hanspeter / von Hanspeter, Huber, Kaserer,
Eberhöfer, Köck, Leiter, Schöllberger, Liberi, Lorenzi, Mores, Oberlechner,
Liensberger, Außerhofer, Piffrader, Pircher, Platzer, Sartori, Schrott, Stieler,
Unterthurner (Hofname Außerzaisolt). Was man als Erstes tun kann, ist diese
Namen typologisch zusammenfassen, das heißt, sie einem Benennungstyp
zuordnen. Dabei fällt auf, dass manche Namen, je nach Etymologie, mehrfach
zuordenbar sind. Es ergibt sich folgendes Bild.

Botzner: ‘der aus Bozen Stammende’, ‘der aus Bozen Zugezogene’. Das
historische Verbreitungsgebiet dieses Familienamens laut Finsterwalder ist das
mittlere Etschland. Zudem soll es einst in Vöran einen gleichnamigen Hof
gegeben haben. Bemerkenswert ist hier die archaische Schreibweise des
Familiennamens mit tz, genau so wie dies früher mitunter beim Ortsnamen
Bozen < Botzen der Fall war. Doch die Schreibung mit einfachem z ist
phonetisch korrekter, weil der Vokal davor ja lang ist.

Antretter: ‘der auf dem oder der Antrett Wohnende’. Antrett oder Antratt,
Antritt ist ursprünglich ein Flurname, der wortwörtlich ‘das vom Weidevieh
Angetretene’ bedeutete. In der Tiroler Mundart heißt es die oder das Antratt.
Entsprechend oft kommt dieser Begriff auch als Hofname in Tirol vor. Laut
Finsterwalder gehören zum ursprünglichen Verbreitungsgebiet des
Familiennamens Antretter der Bezirk Kufstein und das Brixental.

Außerhofer: ‘der am Außerhof, d.h. am äußeren Hof Wohnende’. Das


historische Verbreitungsgebiet laut Finsterwalder ist Ramsberg (Ortsteil von
Ramsau im Zillertal), Überetsch und das Pustertal. Einen Außerhof gibt es
beispielsweise in Luttach, Pflersch und in Sankt Pankraz.

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Eberhöfer: Wohnstättenname aus althochdeutsch zi demo oberin hove ‘beim


oberen Hof’. Dieser Name ist deswegen interessant, weil er zweimal Umlaut
zeigt: Ober wurde über Öber zu Eber, und -hofer erscheint als -höfer. Neben
Eberhöfer finden wir auch den Eberhofer. Dessen Verbreitungsgebiet ist laut
Finsterwalder der Vinschgau und Martell. Letzterer ist historisch tatsächlich als
Öberhof bezeugt.

Ennemoser: Wohnstättenname zu Ennemoos. Einen Weiler Ennemoos gab es in


Längenfeld im Ötztal. Bei Ennemoos handelt es sich ursprünglich um einen
Flurnamen mit dem mittelhochdeutschen Adverb oder der Präposition ënent
oder iënent ‘jenseits’ (vgl. tirolerisch entn ‘drüben’). Ennemoos bedeutet somit
‘jenseits des Mooses’. Das historische Verbreitungsgebiet des Familiennamens
Ennemoser ist laut Finsterwalder das östliche Oberinntal, Paznaun, Kaunertal,
Pitztal und Passeier.

Gasteiger: Wohnstättenname zu Gasteig. Dieser Name ist eine


Zusammensetzung von althochdeutsch gāhi ‘jäh’ und stīg ‘Anstieg’ und
bedeutet somit ursprünglich ‘jäher Anstieg’. Ein geografischer Name Gasteig
begegnet in Tirol sehr häufig, z.B. in Kirchdorf im Bezirk Kitzbühel oder zu Füßen
des Jaufenpasses. Historisch verbreitet ist der Familienname Gasteiger laut
Finsterwalder im unteren Inntal, besonders im Bezirk Kitzbühel, westlich von
Sterzing, sowie in Kiens, Pfalzen, Taufers, Mühlwald.

Huber: Wohnstättenname zu Hube. Eine Hube ist ein halber Hof. Zum
Kerngebiet des Familiennamens Huber gehöret laut Finsterwalder die Gegend
um Innsbruck. Aber als Hofname kommt Huber in ganz Tirol häufig vor.

Leiter: ‘der in der Leite oder der bei der Leite, d.h. in oder bei einem
Bergabhang Wohnende’. Historisch verbreitet ist der Familienname Leiter
wiederum laut Finsterwalder im Ötztal, im Vinschgau, um Meran, Sarnthein, um
Bruneck. Als Hofname erscheint Leiter u.a. in Algund, Ulten und Sarnthein.

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Liensberger: Wohnstättenname zum Hof Liensberg in Kniepaß (Sankt Lorenzen).


Die historische Verbreitung des Familiennamens ist laut Finsterwalder Toblach
und das untere Pustertal. Der Hofname bzw. ursprüngliche Flurname Liensberg
beinhaltet eine Kurzform von Vornamen mit Lien- (z.B. Lienhard), das auf
althochdeutsch leo ‘Löwe’ zurückgeht. Finsterwalder äußerst allerdings Zweifel
an dieser Etymologie, die jedoch meines Erachtens unbedenklich sind.

Oberlechner: Wohnstättenname zu einem Hof Oberlechen, der ‘oberes Lehen’


bedeutet. Einen Hof Oberlechen (in der Mundart Oberleachn) gibt es in
Fieberbrunn und in Lappach. Dementsprechend historisch verbreitet ist der
Familienname Oberlechner im unteren Inntal, besonders im Bezirk Kitzbühel,
sowie u.a. im Pustertal.

Piffrader: Wohnstättenname zum Hof Pifrad in Villanders. Historisch verbreitet ist


der Familienname Piffrader im unteren Eisacktal und in Gröden. Der Hofname
Pifrad wird von Finsterwalder auf ein altladinisches pera forada ‘durchlöcherter
Stein’ zurückgeführt. Pifrad entspräche somit etymologisch dem Gadertaler
Hofnamen Peraforada, das zu Palfrad eingedeutscht wurde und den
Familiennamen Palfrader ergab.

Pircher: Wohnstättenname ‘der im oder beim Pirchach Wohnende’, d.h. dort,


wo viele Birken vorkommen. Dieser Familienname tritt, wie bereits erwähnt, in
Tirol sehr häufig auf.

Platzer: Wohnstättenname ‘der am Platz Wohnende’. Laut Finsterwalder ist der


Familienname Platzer in ganz Südtirol oberhalb von Bozen verbreitet.
Entsprechend häufig erscheint Platz bzw. Platzer als Hofname.

Schöllberger: Wohnstättenname ‘der auf dem Schöllberg Wohnende’. Das


erste Element in Schöllberg lässt sich auf das althochdeutsche Wort skelo
‘Bespringer’ zurückführen. Konkret gemeint damit war ein Zuchthengst. Im

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Cristian. Kollmann: Die Tiroler Familiennamen. Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung. Bozen, 18. November 2021.

Vinschgau sagt man dafür Bschöller. Auch gab es einst in Tirol, zum Beispiel im
Zillertal, das Mundartwort Schöllbock für den Steinbock.

Schrott: Wohnstättenname zu einem Tiroler Substantiv, das Bedeutungen


aufweist, die mit ‘Fels’ oder ‘Stein’ im Zusammenhang stehen. So heißt es z.B. in
Kiens der schrote ‘felsige, unwegsame Gegend’, aber auch im übertragenen
Sinn ‘plumper Mensch, unförmiges Tier’; in Lusern die schrot ‘Boden, aus dem
Steine hervorragen’, in Welschnofen die schrot ‘Fels, Geschröfe’, also
‘Felsartiges’. Auf dem Regglberg heißt es des Öfteren auf der Schrott für Fluren
mit felsigem Untergrund. Als Hofname erscheint Schrott u.a. in Villnöss, in
Deutschnofen, in Pflersch, in Feldthurns, und extrem häufig kommen, zumindest
in Südtirol, Flurnamen mit Schrott vor.

Stieler: Wohnstättenname zu einem Hof, der in Oberbozen z.B. im Jahr 1406 als
‘ze Stille’ dokumentiert ist und der heute Mitterstieler heißt. Der Familienname
Stieler hat somit nichts mit dem Stiel zu tun, sondern mit unserem
Eigenschaftswort still. Mit ‘in der Stille’ konnte eine ruhige Gegend oder ein
ruhendes Gewässer, d.h. ein Stillwasser im Sinne von ‘Altwasser (das vom
Fließgewässer abgeschnitten ist)’ gemeint sein. Unweigerlich denkt man dabei
an den Mitterstillersee. Vielleicht ging sogar von diesem die ursprüngliche
Benennung aus und erst dann auf den Hof über und dann vom Hof zurück zum
See. Zum historischen Verbreitungsgebiet des Familiennamens Stieler gehören
laut Finsterwalder Mölten und Bozen.

Unterthurner: Wohnstättenname ‘der unter dem Turn Wohnende’. Ein Turn


verweist oft auf einen adeligen Ansitz. Der Familienname Unterthurner (man
beachte auch hier wie bei Thaler die archaische Schreibweise mit th) geht laut
Finsterwalder von Lana aus. Die Person, die den Namen Unterthurner erklärt
haben wollte, wohnt, wie sie in Klammern anmerkte, auf einem Hof namens
Zaisolt. Bei diesem Hofnamen handelt es sich um die Benennung nach dem
Besitzer, der einst Zeishold hieß. Wir haben es mit einem typisch germanischen
zweigliedrigen Vornamen des Typs Dietmar oder Adelheid zu tun. Das erste
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Glied von Zeisold entspricht dem mittelhochdeutschen Eigenschaftswort zeiʒ


‘zart, anmutig, angenehm, lieb’ (vgl. das Tiroler Eigenschaftswort zoas
‘empfindlich’), das zweite dem althochdeutschen Zeitwort waltan ‘herrschen’,
so wie es auch in Gerald, Gerold, Harald, Reinhold und natürlich auch in Walter
vorkommt.

Nicht nur Hofnamen wie Zaisolt, sondern auch viele Familiennamen stammen,
wie bereits gesagt wurde, von Vornamen ab. Kommen wir also zu jenen Typen
von Namen, die in der Fachsprache als Patronyme bezeichnet werden.

Alber: Es handelt sich um eine Kurzform aus althochdeutsch Albero zu Namen


wie Albrecht aus Adalbrecht. Das Element Adal- geht auf voralthochdeutsch
*adalja- ‘edel’ zurück. Historisch verbreitet ist der Familienname laut
Finsterwalder im Sarntal, in Wangen und in Eyrs. Als Hofname erscheint Alber
auch in Vals am Brenner.

Beer: Dieser Name ist etymologisch mindestens zweideutig. Einerseits kann er


eine Kurzform zu Namen mit Ber-, Bern- wie in Berwein, Bernhard sein.
Andererseits kann es sich um einen Übernamen zu althochdeutsch bero ‘Bär’
für einen kräftigen, tapferen Mann handeln. Doch unabhängig davon, welche
Etymologie letztendlich zutrifft: Auch die Namen Berwein und Bernhard
beinhalten letztendlich das Wort für Bär. In der Schreibweise Beer kommt der
Familienname in Tirol nicht vor, sehr wohl dagegen als Peer, d.h. mit hartem P,
z.B. im Wipptal.

Behrens: Auch dies ist kein typischer Tiroler Familienname, sondern er


konzentriert sich besonders im mittleren und nördlichen Teil des westlichen
Deutschlands. Es handelt sich um eine Genitivform zu Berend, das seinerseits
aus Bernd zerdehnt ist. Dieses wiederum stammt aus Bernhard, beinhaltet das
althochdeutsche bzw. altsächsische Wort bero ‘Bär’ und althochdeutsch harti
‘hart, kräftig, stark’ bzw. altsächsisch hard ‘hart, kühn’.

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Fritz: Hierbei handelt es sich um eine Kurzform von Namen mit Friedrich. Das
erste Element des Vornamens Friedrich entspricht dabei dem
althochdeutschen Wort fridu ‘Friede’. Beim z in Fritz handelt es sich um ein
sogenanntes Kosenamensuffix, das z.B. auch in Heinz für Heinrich oder Kunz für
Konrad vorkommt. Das Kerngebiet des Familiennamens Fritz in Tirol ist laut
Finsterwalder das Stanzertal und die Gegend um Prutz.

Hanspeter / von Hanspeter: Das es sich bei diesem Familiennamen um ein


Patronym handelt, wird besonders dadurch deutlich, dass es auch die Variante
von Hanspeter gibt. Wie ich festgestellt habe, ist der Familienname Hanspeter
höchst selten. Bei Hanspeter haben wir es ursprünglich wir es mit einer Person
zu tun, die mit Vornamen Peter und deren Vater mit Vornamen Hans hieß. Der
Hanspeter war somit ‘vom Hans der Peter’. Hans ist dabei eine Kurzform von
Johannes. Dieser Vorname ist hebräischen Ursprungs, gehört also zu den
zahlreichen biblischen Namen, und bedeutet ursprünglich ‘Jachwe hat Gnade
erwiesen’. Der Vorname Peter geht letztlich auf lateinisch Petrus zurück. Dieses
ist aus griechisch Pétros entlehnt, das seinerseits vom Substantiv pétra ‘Fels’
abgeleitet ist.

Lorenzi: Dieser Name ist Patronym zu dem im Italienischen sehr häufigen


Vornamen Lorenzo. Patronyme enden im Italienischen in den meisten Fällen
auf -i. Dabei handelt es sich um das lateinische Genitiv-s, also Nominativ (1. Fall,
Wer-Fall) Laurentius, Genitiv (2. Fall, Wes-Fall) Laurentii. Der Vorname Laurentius
ist vom Namen der Stadt Laurentum abgeleitet. Sie befand sich einst südöstlich
von Rom direkt am thyrrenischen Meer. Gedeutet wird sie als Lorbeerstadt,
doch kann es sich dabei auch um eine Volksetymologie handeln.

Mores: Dieser Name bereitet mir insofern Schwierigkeit, als ich dazu in den mir
vorliegenden Quellen nichts finden konnte. So kann ich nur mutmaßen.
Möglicherweise handelt es sich um ein Patronym zum Vornamen Maurus.
Maurus bedeutet ursprünglich ‘der aus Mauretanien Stammende’ und hat

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auch unser Wort Mohr ergeben und natürlich ferner den Vornamen Mauritius,
woraus im Deutschen Moritz entstand.

Kommen wir nun zum nächsten Namentyp: die Berufs-, Amts- und
Standesnamen. Zufälligerweise betrifft dies von den eingeschickten
Familiennamen nur die Welschtiroler Familiennamen.

Cappelletti: Hierbei handelt es sich meiner Meinung nach am ehesten um


einen Standesnamen. Zum Begriff Cappelletti schreibt die italienische
Wikipedia: „I Cappelletti, Stradiotti reclutati dalle regioni dalmate, erano
cavalleggeri al servizio della repubblica di Venezia. Venivano così chiamati per
via di un caratteristico copricapo che indossavano.“ Frei übersetzt bedeutet
dies: Die Cappelletti waren Söldnereinheiten, die aus dem dalmatinischen
Regionen rekrutiert waren und als Kavalleristen im Dienste der Republik
Venedig eingesetzt wurden. Ihr Name rührt daher, dass sie einen
charakteristischen Kopfschmuck (italienisch cappelletto ‘kleiner Hut’) trugen.

Liberi: Hierbei handelt es sich um einen Standesnamen zu italienisch libero ‘frei’


bzw. lateinisch liber. In Brixner Urkunden kommt seit dem 10. Jahrhundert oft der
Begriff Liber, d.h. „frei“ vor, besonders im Eisacktal. Ursprünglich waren damit
einerseits die Edelfreien gemeint, also die in einer adeligen Dynastie ganz oben
Stehenden und die keiner anderen adeligen Dynastie untergeordnet sind.
Andererseits bezog sich liber oder frei auf bäuerliche Leute, die frei von der
Leibeigenschaft waren, also nicht von einem Adeligen oder einem Stift
abhängig waren.

Sartori: Hier haben wir es mit einem Berufsnamen zu altitalienisch sartore bzw.
italienisch-mundartlich sartor ‘Schneider’ zu tun. In Deutschtirol, besonders in
Tramin und in Pfatten, erscheint der Familienname auch als Dissertori.

Kommen wir nun zum letzten Typ, den Familiennamen aus Übernamen.

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Cristian. Kollmann: Die Tiroler Familiennamen. Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung. Bozen, 18. November 2021.

Beer: Wie bereits erwähnt: Dieser Name ist zweideutig. Es kann sich um ein
Patronym zu Namen mit Ber-, Bern- wie Berwein und Bernhard handeln oder um
einen Übernamen zu Bär.

Berloffa: Hierbei handelt es sich meiner Meinung nach am ehesten um einen


Übername für eine Person mit einer auffälligen Lippe oder einer sonstigen
Auffälligkeit im Gesicht. Berloffa wäre demnach eine Variante des italienischen
Begriffs sberleffo, was unter anderem ‘Narbe’ bedeutet. Darüber hinaus bietet
sich ein Vergleich an mit dem altfranzösischen Wort barleffre ‘Hängelippe’, das
seinerseits aus altfränkisch bal-lëfs ‘hervorstehende Lippe’ entlehnt ist.

Köck: Hier haben wir es mit einem Übernamen zu mittelhochdeutsch këc oder
quëc ‘frisch, wohlgemut, munter; mutig’ zu tun, woraus neuhochdeutsch quick
bzw. queck wie in Quecksilber. Die ursprünglichste Bedeutung des Adjektivs ist
‘lebendig’ (vgl. die verdeutlichende Zusammensetzung quicklebendig). Laut
Finsterwalder ist der Familienname Köck in den Bezirken Kufstein und Kitzbühel
besonders verbreitet. Einen Hofnamen Köck gibt es in Walchsee, also im Bezirk
Kufstein, in Mühlwald, in Kiens, auf dem Ritten und in Mölten. Die Variante
Köcken tritt auf in Reith im Alpachtal und in Pill, also im Bezirk Schwaz. Auch
erscheint Köcken für eine Höfegruppe in Truden.

Folie 19: Sehr geehrte Zuschauer. Ich hoffe, dass Sie nun einiges Neues über die
Familiennamen erfahren konnten. Freilich gäbe es noch sehr Vieles zu sagen,
nicht nur zu sprachwissenschaftlichen Aspekten, sondern – und das könnte für
Sie vielleicht noch interessanter sein – zu genealogischen. Doch
bedauerlicherweise bin ich kein Genealoge, und genealogische
Untersuchungen können unter Umständen viel aufwendiger sein als
sprachhistorische. Was sich aber in Zeiten des Internets als durchaus praktisch
erweist, ist, dass bestimmte genealogische Datenbanken und sogar bestimmte
historische Archive mittlerweile auch online konsultierbar und im Idealfall
durchsuchbar sind. Die wichtigsten möchte ich Ihnen nun nennen:

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Cristian. Kollmann: Die Tiroler Familiennamen. Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung. Bozen, 18. November 2021.

Für Welschtirol gibt es die Seite „Nati in Trentino“. Auf dieser Seite kann für den
Zeitraum zwischen 1815 und 1923 nach den Geburtseinträgen suchen. Diese
werden jedoch nicht im Original angezeigt, sondern erscheinen auf einer
eigens erstellten Karteikarte.

Wenn man sich für das Original interessiert, wird man mit etwas Glück auf
„FamilySearch“ fündig, und zwar nicht nur, wenn es um Welschtirol geht,
sondern um ganz Tirol sowie um überhaupt viele Länder der Welt.

Die originalen Pfarrmatriken in ihrer Gesamtheit speziell für das Gebiet des
heutigen Nord- und Osttirol findet man online, wenn man nach „Matriken Tirol“
sucht. Das Bundesland Tirol hat sämtliche Pfarrmatriken online zur Verfügung
gestellt, wenngleich die Durchsuchung etwas umständlich und zeitaufwendig
ist. Das Land Südtirol hält sich mit einer Online-zur-Verfügung-Stellung leider
immer noch zurück.

Folie 20: Und hier sehen Sie überblicksmäßig die wichtigsten Seiten, auf denen
man Familiennamen kartieren kann.
Luxemburgischer Familiennamenatlas.
Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD).
Familiennamen Verteilungskarten von Österreich.
Territoriale Verteilung von Nachnamen in Südtirol.
Gens Italia.

Folie 21: Abschließend möchte ich auf etwas zurückkommen. Im Titel meines
Vortrages ist von „Geheimnis“ die Rede. Ich hoffe, dass auch für Sie das eine
oder andere Geheimnis nun gelüftet ist. Vieles bleibt natürlich noch im
Unklaren. Aber ein letztes Geheimnis soll zum Abschluss noch gelüftet werden.
Es geht um das Bild auf der Titelfolie. Hierbei handelt es sich um den Taufeintrag
des Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer. Versuchen wir nun gemeinsam, ihn zu
lösen. Wortwörtlich heißt es:

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Cristian. Kollmann: Die Tiroler Familiennamen. Das Geheimnis ihrer Herkunft und Bedeutung. Bozen, 18. November 2021.

Die 22 ″ [ ″ = Novembris 1767]

Andreas Nicolaus fil[ius] leg[itimus] honest[orum] coniug[ium] Josephi Hofer


Würth auf dem Sandt et Mariae Aignetlerin Bapt[izatus] est â[= ab eodem]
A.[nno] D.[omini] Andrea Krafft coop[erator], sub patrino Joanne Pichler
Juvene auf der Möhrr zu Täll.

Übersetzung ins Deutsche

Tag 22 des November

Andreas Nicolaus, ehelicher Sohn der ehrbaren Eheleute, des Josephs Hofer,
Wirt auf dem Sand, und der Maria Aignetlerin, wurde getauft von ebenda im
Jahr des Herrn Andreas Krafft, Kooperator, unter dem Taufpaten Johannes
Pichler dem Jungen auf der Mörre zu Tall.

So. Ich hoffe, dass für jeden etwas dabei war, ich bedanke mich für Ihre
Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg bei Ihren eigenen
Recherchen!

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