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ALMANACH1

für alle Jahre, die mit einem Dezember beginnen werden.


In der Form durchgezählter Lebensrandnotizen.

Durchgezählte Lebensrandnotizen I: Schwacher Dezember-Tobak

„Wo stehen deine Texte eigentlich?“- „An der Stelle von Fabeln.“

„Les Fables ne sont point tout-à-fait des Fables; ce sont des Histoires de temps
reculés, mais qui ont été défigurée. ou par l’ignorance des Peuples, ou par l’amour
qu’ils avoient pour le merveilleux, très-anciennes maladies des Hommes.“

Fontenelle

Für kurz oder lang

Wenn es aus Felsen, von innen, hämmert, ist


es seltsam. Zumal wenn man sich erinnert, dass
es da keinen Hohlraum gibt. Etwas hat es darauf
angelegt und abgesehen, dich zu irritieren.

Das ist klar. Und es klopft, zudem, es treibt dich


zu sagen: teppichzart. So, soll das heißen, als wäre
der Schlag von einem Teppich gemildert worden,
was zum Fehlen eines Hohlraums im

Felsen verunsichernd hinzutritt. Wie immer,


wenn die Unwahrscheinlichkeit einer Situation
wie eine bedenkliche Stelle in einem bisher für

makellos erachteten Marmorblock den nächsten


Schlag plötzlich stoppt. In einer kleinen Sekunde den
Takt der Welt, alles in allem, unterbricht.

1
„Ein Almanach (mittelniederländisch almanag aus mittellateinisch almanachus = (astronomisches) von der
arabischen Wurzel ‫ ﻣﻨﺢ‬manaḥa, auch Jahrbuch) ist eine periodische, meist einmal im Jahr erscheinende Schrift
zu einem thematisch abgegrenzten Fachbereich.“ (wikipedia)
2

Jouissance, ein Glashaus vernünftiger Gründe

Und zu sterben, wenn es gerade nicht passt,


davon solltest du ablassen. Es bedarf immer
einer gewissen Zartheit, wenn du dich auf etwas
einstellst. Auch wenn es der Mode gerade nicht

entspricht. Auf diesem Recht musst du bestehen.


Solange du es tust, legt dir irgendein Engel
seine rechte Hand auf die Schulter. Und das
ist doch etwas. Eine nette Harmonie der Gesten,

vielleicht sogar ein Privileg. Und du musst auf keine


Musik außer dir bestehen. Die Musik muss lernen,
auf dir zu bestehen, wenn sie von sich noch etwas
haben möchte. Jede Trüffel ist der Welt etwas schuldig.

Vergessen zu werden, das ist, man kennt das, gar nicht so


anstrengend. Bemüh dich nicht. Lass es über dich ergehen.

II
3

Die Adresse der Eingriffsschwelle

Es ist beruhigend, dass Name, Geschlecht


und Geburtsdatum genügen, um eine Iden-
tität zu haben, die du jederzeit vorlegen
kannst. Den ganzen Rest wollen sie gar nicht

wissen. Mehr braucht es ja auch nicht, damit


du ansprechbar bist. Jetzt bist du nicht mehr
fremd. Um das zu erreichen, könnten sie frei-
lich noch sparsamer sein, aber, denken sie,

eine gewisse Form muss gewahrt bleiben.


Der Form halber. Wie zum Beispiel eine Drei-
zahl wie Wer und Was und Wann. Mehr

braucht die Ordnung nicht, um geordnet zu


bleiben. Jedes Surplus würde sie stören und
aufwecken. Das wäre ihr Ende.

III
4

Eine Gebrauchsanweisung oder: Imagine!

Du nimmst den Anfang der Weltgeschichte


zwischen Daumen und Zeigefinger der linken
Hand und ihr Ende zwischen Zeigefinger und
Daumen der rechten Hand und beginnst, sie

in sich zu verknoten, was nicht leicht ist, weil


du dabei die beiden Extreme der Weltgeschichte,
ihr Ende und ihren Anfang, immer wieder kurz
fallen lassen musst, um nicht auch deine Hände

darein zu verwickeln. Im Grunde musst du


nur darauf achten, dass das nicht passiert,
weil es nicht zielführend, oder weil es fatal

wäre. Wenn das Ganze dann fest zu einem


winzigen Knoten geschnürt ist, nimm die
beiden Endchen wieder so wie anfangs und

IV
5

Postume Selbsterhaltungsstrategien
sind die einzigen Strategien, die etwas
versprechen

Wenn in deinem Kopf ein Specht zu klopfen


scheint, ist dein Denken nicht mehr so ganz
hell. Aber du lernst auch, dass Geschichten
erst dann tröstlich werden, wenn sie vorbei

sind. Das wird am Beispiel der Weltgeschichte


am deutlichsten werden. Dazu musst du sie aber
überleben. Und Erkenntniswille ist die beste Über-
lebensstrategie. Trotzdem fragte gestern einer:

Wohin fließt das Eis der Weltgeschichte, wenn


es schmilzt, nach ihrem Ende. Vorher hatte es noch
keinen Sinn. Darin sind wir uns noch einig. Und

solange fragt es auch niemand. Solche Fragen


kommen von Natur aus zu spät, sie wissen, dass
sie ausblieben, wenn sie nicht zu spät kämen.

V
6

Vive la présence!

Gewiss, nur Kathedralen zu bauen, das wäre eine


falsche Botschaft. Sie stünden aber doch für

eine Prise Transzendenz in der Welt. Sie wären


Zeugen einer gewissen Präsenz. Wenigstens

das. Aber wer will das denn noch, außer einer letzten
Handvoll von Baumeistern, die davon leben und

sich schon lange über mangelnde Aufträge beklagen.


Und befürchten, ihre Bauhütten werden bald veröden.

Und das wäre ja auch ein großer Verlust. Die es


nicht wissen, sollten aber doch wenigstens wissen, wie

substanzlos eine Luft ist, in der nichts mehr liegt,


aus der du also auch nichts mehr greifen kannst.

VI
7

Musica in fabula

Ja, die Welt ist so schön wie der Balztanz der


Großtrappe in ihr. Aber ist sie auch so überlegt?
Spürt sie, was sie will? Schwer zu sagen. Mir,
sagt er, scheint es, dass sie jeden Sinn für ihre

Instinkte verloren hat. Sie beobachtet sich wie


eine Fremde, der sie prinzipiell nicht vertrauen
mag. Was sie aber nicht stört, weil sie dennoch glaubt,
sich Gedanken über sich zu machen. Die Welt glaubt,

dass sie sich um sich kümmert. Dass sie es nicht tut,


das sei ihr erlaubt. Warum auch nicht? Aber dass sie glaubt,
sich im Blick zu haben, das wird ihr creator ihr nicht

verzeihen. Warum auch? Und wie auch? Das liegt nicht


einmal in seiner Kompetenz, geschweige denn in seinem
Interesse. Außerdem versteht er, glaubt er, die Lage auch nicht.

VII
8

„Stehe auf, Träumer, Joseph!“

Wenn du es dir bequem machen möchtest, warte nur


bis du stirbst, dann geht alles, ja, wie von selbst, vorher
gibt es keine Gelegenheit dazu. Und wenn dir das klar
wird, hast du schon lange genug gewartet. Dann geht alles,

wie manche sagen, auf, wie eine Wunde, wie ein Kuchen, wie
eine Rechnung. Oder auch auf ein Lot. Aber anscheinend schmerzt
die Menschen nie etwas genug, um es ernst nehmen zu können.
Zu wollen. Und die Idee, die Dinge vertragen zu können, überzeugt,

über das Jüngste Gericht hinaus. Aber wahrscheinlich war ja die


Idee, es zu können, wenn man es nur wolle, Evas letzte Entschuldigung
und Adams start-up. Und der Regenbogen bleibt der Geliebte der

Arche Noah. Bis heute. Für seine Botschaft. Es gibt keine Richtung,
die nicht verfehlt wäre. Denn wohin sollte es denn gehen? Immer
zur Wurzel des Regenbogens. Sie geht und geht dir voran. Die Wurzel.

VIII
9

Der Herr ist dein Schatten


über deiner rechten Hand

Wären wir noch klüger gewesen, hätten wir uns Ab-


und Auswege bereitet und gebahnt. Aber es ist
unsere Art, unsere Aufträge nicht ausreichend
zu interpretieren. Weil wir es lieben, uns über

unser Scheitern zu wundern. Wir halten das


Wundern für das Gesetz, das uns sagt, wer wir
sind. An Umwege haben wir uns längst gewöhnt.
Sie gehören in unser Repertoire. Und wir zeigen es

gerne herum. Wo wir unsere zu kleinen Hände doch


verstecken sollten. In Hosentaschen. Wir täuschen
uns nämlich, wenn wir glauben, dass niemand sie
anschaut. Denn sie wissen, woran man uns erkennt.

Sie kennen die Wege. Und sie durchschauen das


heimlichtuerische Schatten-Spiel unserer Hände.

IX
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Am not I / A flee like thee?

(Blake & Donne)

Vergesst eure Rätsel nicht, noch weniger aber eure Verbrechen.


Ihr werdet danach gefragt werden. Und nicht immer wird ein
Engel, nicht einmal einer, dabei sein, um für euch zu antworten.
Vergesst auch nicht, dass sie euch beim Wort nehmen werden,

einem jeden einzelnen. Ihr werdet sie mit durchs Nadelöhr ziehen
müssen. Ihr braucht Zeugen, weil eure Richter nicht dabei waren,
als ihr geschehen seid. Warum sollten sie euch glauben? Ohne
Zeugen, ohne Befragung schicken sie euch zurück oder in eine

andere Wüste. Und warum sollte das euch, gerade euch, nicht
geschehen? Ihr seid dafür wie gemacht. Wie gedacht. Rätselhafte
Automaten. (Änigmaten.) Ihr seid zwar Schalentiere und die Worte

sind eure Schalen, die ihr auf Pelerinenart um euch geworfen habt. Aber
sie werden euch untreu werden und verlassen. Und all euer Subkutanes
wird nackt und bloßgestellt dastehen. Sprachlos. Und ziemlich geniert.

X
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De duistere winkel

Wie kamt ihr auf den lächerlichen Gedanken, dort


Liebhaber finden zu können! Ihr wolltet, gewiss, das
spricht für euch und macht es endschuldbar, zeigen,
wie tief unter eurem Niveau ihr euch täuschen könnt.

Oder haltet ihr euch für Meisterdenker der Kriegsstra-


tegien? Dann allerdings solltet ihr nie in eine Schlacht
ziehen. Denn euch zieht keiner da wieder heraus, zurecht.
Dunkelheit schützt nur die Klugen unter den Feiglingen,

wenn überhaupt. Vielleicht versuchtet ihr aber auch


nur eine letzte Wiederholung. Das, immerhin, hat etwas
Rührendes, Verzeihliches. Das geben wir, wenn auch ungern,

zu. Ich erinnere mich an einen Ort in meinem Heimatdorf, wo


im dreißigjährigen Krieg die Kinder sich versteckt haben sollen. Es
stehen da Bänke und ein Kruzifix. Man nennt die Stelle die Mordschau.

XI
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Beim Einschlafen, sagt er, hofft er auf die


Tees, die er nicht getrunken, und beim Sterben
auf die Sünden, die er nicht begangen hat. Denn
Seelenruhe, sagt er, hätte man ihm ge-

sagt, sei das Wichtigste. Und er sei nun


einmal recht leichtgläubig. Das hätten sie ihm
dennoch nicht antun sollen, aber jetzt, sagt er,
ist es zu spät: Ich habe mich abgefunden, ohne

dies Wort wirklich zu verstehen. Die ganze


Semantik des ab sei ihm unverständlich. Er
bedaure die Menschen fremder Zunge, die

das zu lernen versuchten. Aber auch all die


Sprachen, die ohne sie auskommen müssen.
Und Abruf und Abweg sich anders denken.

XII
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Die Kommentare, die nach dem Ende der Zeit


publik werden, werden die lehrreichsten sein,
aber alle, denen sie noch etwa bedeuten könnten,
werden ihre Schuhe für Jerusalem schon gewechselt

haben, wie Pferde im oder auch neben dem


Fluss. Auch ich, sagte er, brauche die eine oder
die andere Utopie. Und mein Zerrissensein, das
braucht eure Ratifikation, so verlogen ihr auch seid.

Wer, zum Teufel, hat mir zugeflüstert, dass ich in


Vierzehnzeilern mit euch hadern soll? Zudem aus
einer merklich schlechten Position heraus? Der hat

es nicht sehr gut mit mir gemeint. Konnte selbst


aber der Notwendigkeit nichts entgegensetzen.
So bin ich beschäftigt. Und nehme noch hautnah teil.

XIII
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„Ich, an deiner Stelle, hätte mich nicht so vergessen,


ich wäre mir treu geblieben
und hätte es anders gemacht.“

Lass doch einmal, sage ich mir, eine Situation zu Wort


kommen, das wäre bequemer, weil - Situationen sprechen
für sich, und du brauchst dir nicht soviel auszudenken. Hat
nicht auch Apollinaire das gerne so gemacht? Andere, denke

ich, sehen das anders. Aber ich meine, meine Gründe zu


haben. Ein Augengefühl. Die Brücken. Die Bahnhöfe. Die
Geliebten. Indécis comme feuilles mortes. Mit geübten Finger-
Spitzen dem nachzutasten, das ist eine Freude, als wäre deine

ganze Haut eine höchst sensible und motivierte Fingerspitze, mit


der du die Blindenschrift der Welt (Schon wieder so ein gezwun-
genes Bild!) liest und wiederliest. (O, wie berauscht eine Haut doch

sein kann!) Man glaubt es nicht. Und braucht es deshalb auch nicht
zu glauben. Und wie laut die Wagenspuren im gefrorenen Schlamm zu
den Fingern sprechen. Mon verre s'est brisé comme un éclat de rire.

XIV
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Und doch, nicht beschreiben zu wollen, das ist,


wie mit allen Leserinnen und Lesern, die es nicht
gibt, verschworen zu sein. Man sitzt, gemeinsam, wie
Vogelbeobachter hinter einer für Vögel unauffälligen

Bretterwand und schaut und beobachtet durch die


ungeschickt positionierten Gucklöscher und Sehschlitze.
Wir hören die Welt, wie sie uns auslacht: „Ihr seid, lacht
sie uns in unsere Sinne, den Aufwand, der ich bin, nicht

wert. Es macht mir ein schlechtes Gewissen, so von euch


gesehen zu werden. Als wäre ich nicht gewarnt gewesen!“
Welten sind nicht selten zu gutmütig und lassen sich zu tief
in die Karten blicken. Vielleicht wissen sie, dass wir trotzdem

nichts sehen. Aber genug Situation ist es ja, um sie zu Wort kommen
zu lassen. Sei aber darauf gefasst, dass sie dich mit Lust denunziert.

XV
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Ein Schalt- oder Janus-Gedicht

Das Balzen des Zufalls, verkörpert im Teufel:


Wunder sind der Wildwuchs der Welt. Zu leise,
zu feige und zu unbegabt, das zu überspielen.
Deshalb die Bilder, die so tun, als wollten sie in

die Irre führen. Wunder sind die weißen Damen.


Unbefleckt empfangen. In ihren Gründen geradezu
vergraben, zu reich. Das Wunder ist ein Wunder,
wenn es nichts als Evidenz ist, wenn es zu viel erklärt.

Gerade an Wunder, sagt er, brauchst du nicht


zu glauben. Du brauchst nicht an das zu glauben,
was ist. Ein Wunder stellt sich nie als Frage. Es

spricht in Aussagesätzen. Man hat ihm keine anderen


beigebracht. Daher kann es auch nichts verbergen.
Es ist offen, eben eine Wunde. Nach zwei Seiten.

XVI
17

Szene 1

Ich stehe in einem großen, leeren, hell und


gleichmäßig ausgeleuchteten Bühnenraum.
Der Vorhang ist geschlossen. Ich höre, wie von
hinten etwas in losen Stiefeln gelaufen kommt.

Ein Kind (oder ein Zwerg). Es lässt sich am


Vorhang auf den Bretterboden fallen, schnürt
seine knallroten Lackstiefelchen und schnauft
dabei, als freute es sich. Dann steht es um-

ständlich auf, beugt sich wieder nieder, fasst


mit beiden Händen den Saum des Vorhangs wie
den Saum eines unermesslichen Kleids und

hebt ihn mit beiden Armen hoch, so hoch es


geht, verweilt sehr kurz und blickt ins Schwarze,
das sich ihm zeigt. Und tritt hinaus.

XVII
18

Du sagst: Deine Kämpfe sind Kämpfe in Samt. Das


gefällt mir und ist vielleicht auch dein Geheimnis.
Und ich sollte es dir deswegen auch gar nicht sagen,
weil es deine Sicherheit gefährden könnte. Du könnest

sie sogar verlieren. Aber du würdest ja in Samt fallen,


gewissermaßen. - Ich frage mich, wo du deinen kenner-
haften Schmelz herholst oder, vielmehr, herhast. Du
verengst die Macht des Herkömmlichen, mein Lieber,

wie ich dich dennoch nennen möchte, ein wenig, um


dich zu bestätigen. Ich meine, die Rede vom Samt gefällt
mir, weil sie, obwohl ich es nicht genau sehe, wie der
Samt denn eingefärbt sein könnte, entgegenkommendes

Wagnis ist. Was könnte denn wahr sein, das nicht doppelt Ist.
Nur was sich selbst zerlegt, bringt sich zusammen, so und so.

XVIII
19

Goldstaub bleibt, was er gerne wäre

Wo Rettung ist, wird es gefährlich. Was hast du da noch


zu tun und zu schaffen? Selbst die, die sonst den Verkehr
und die Übergänge regeln, bleiben da nur noch ratlos stehen
und winken, ein wenig betäubt, in die Landschaft. Das ist

schön und sinnlos. Aber ein eleganterer Abgang ist nicht


in Sicht. Und einige haben im Laufe der langen, langen
Zeit Goldstaub auf ihren Händen angesammelt, und können
den jetzt, bedächtig und überzeugt, in den unbegrenzten

Raum blasen. Einmal muss es ja einen unwirklichen Regen


geben. Alle anderen Regen kennen wir ja schon. Und nur
unwirklicher Regen kann definitiv sein. Er fasst alles zusammen.

vor allem das, was noch sein wird, was da noch niederregnen
wird. Wie ein Fingerschnippen. Ein Wolkenrecken. Ein Zuspät,
das das Zufrüh beim Kragen packen will. Und daneben greift.

XIX
20

Ins Jämmerliche dehnt sich nur, was zu viel sein möchte. Also
fast alles. Das Verzeihen des Universums scheint keine Grenzen
zu kennen. Dabei wäre es gut zu sagen: Schluss! Des Verzeihens
ist genug! - Welten, fallt euch in die Arme und sagt: Das war es!

XX
21

Literatur-Kritik

Tun sie also wirklich alle etwas dazu, die es sagen?


Schaben sie vom Horizont der Sprachen alle einen
Zugewinn? Fürs Jenseits, versteht sich, und werfen
es uns vor die Füße, die sensibelsten Dependenzen

unserer Ohren? Wir müssen stark dafür arbeiten, dass


diese Freundlichkeit uns nicht erstickt. Unsere sensiblen
Füße nicht erstickt. Wir dürfen nicht zulassen, dass auch
falscher Zauber versagt. Zu versagen, das gebührt, nach

so langer Legitimation, nur der Wahrheit, mit ihrem ge-


kauften Gesicht. Mit den munter vertrauten Augen, die
keine andalusische Klinge mehr verdienen. Verdienen?

Etwas nicht mehr verdienen ist gut. Viel mehr als etwas
verdienen. Lasst es mich so sagen: Nur der Verzicht auf
das schon ewig Verlorene rettet die Idee des Anspruchs.

XXI
22

Auch Dekadenz ist eine Frage


der Perspektive, was sonst?

Glaubst du, du kannst mir


auch diesen Hauch verderben,
den Rest von der göttlichen
Pest? Wozu, sagst du, sind

die vielen Anfänge da? Damit


sie sich ineinander rammen, wie
fehlgeleitete Güterzüge. Mit
den geschlossenen Augen der

Wagenlenker. Das Pech, im


Circus Maximus gegen die
Sonne fahren zu müssen, in

die Verblendung, mit der


Eleganz von Reitgerten,
ihrer Rolle eingedenk.

XXII
23

Wenn Reden sich gegenseitig


das Maul stopfen, wie es, wie
auch immer, sein muss.

Weltenherzstillstand, das klingt unpassend


und stimmt, als Bild daher. Vielleicht gibt es kein
genaueres. Wenn die Welt die Augen schließt,
das ist eine gute Botschaft, ruht sich zwangs-

läufig auch ihr blindester Fleck aus. Das ist sehr


bedeutungsträchtig. Aber doch keine deutliche
Aussage über die Zukunft. Da verschweigt sich
etwas, nachvollziehbar, aber, beim besten Willen,

nicht nachhaltig. Zeitgenossen verstehen sich gegen-


seitig allzu gerne falsch. Mag sein, dass das der
Kern der Kommunikation zwischen Zeitgenossen,

epochenmäßig unter sich Anwesenden, ist, deren Gegenwart,


ich weiß, dass ihr das jetzt zu hören erwartet, sich (soteriologisch)
dadurch auszeichnet, dass davon ja die Rede nicht sein kann.

XXIII
24

Rätsel, in Sand und Stand gesetzt


und schöngefärbt

Proteus mirabilis ist der Name


einer gramnegativen Bakterienart

wikipedia

Musik, so sagt er, ist von Proteus‘ Stamm.


Blut- und Wasserquelle, ist Sandsturm, ist
Schmerz und Trost, mit Fugenrecht auf
diesen oder jenen Kontrapunkt gebracht.

Bei kommunizierenden Röhren denkt er


ans Orgelspiel. Ein Spieler pfeift mit seinen
Fingern. Instrumentalisten erkaufen Ausdruck
und Wirkung teuer mit ihrer Stummheit. Der

Geiger ganz anders als der Organist. Und


Sänger sind Zikaden. Sie entäußern sich. Sie
kippen ihre Seelen in den Raum. Die Musik,

so natürlich sie uns scheint, ist die größte Merk-


würdigkeit, die wir uns geschaffen haben. Hör- und
wunderbare Vermehrung aller gegebenen Rätsel.

XXIV
25

Bester und billigster Rat

Intensität erkennst du, unter anderem, an dem Grad,


der dazu noch fehlt. Oder du stürzt hinein, weil du
eine Stufe betrittst, von der du meintest, dass sie da
sei, aber sie war es nicht, weil du dich getäuscht

hattest. Das zeigt auch, dass Intensität im Grunde


immer eine Überraschung ist oder im Angebot
hat. Und das ist ein guter Kauf, den du nicht tätigst.
Intensität tätigt sich selbst und hat nicht das Zeug

zum Kauf. Aus solch einfachem Grund ist sie nicht


verkäuflich. Daher ist es nicht nur vergeblich, sondern
auch dumm, sie käuflich erwerben zu wollen. Arbeite

lieber an dem Grad, der dazu immer noch fehlt, aber


so, als arbeitetest du nicht, ähnlich, wie die Bibel dir
zu haben rät. Stets als hättest und würdest du nicht.

XXV
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Nahverhältnis, Heimweh

Szene 2

Seit ich über mich hinaus bin, verspreche


ich mir nichts mehr, am wenigsten von mir
selbst. Mein Fortschritt ist, dass ich mich
hinter mir gelassen habe. Wie ein Schmetter-

ling die Raupe, die er war. Das Schönere


ist nicht immer das Gemeinte. Keiner ist
von Kopf bis Fuß auf sich selber eingestellt.
Eher das gar nicht. Was sich selbst erfüllt,

ist nur schneller als die Gefahr, dass etwas


geschieht. Die selbstverfügte Vermeidung der
Überraschung. Jede Libido ist klug, wenn sie

sich rechtzeitig mit Selbstblindheit stählt und straft.


Was sich unerfüllt bleibt, wird mit Dauer belohnt. Und
nimmt sich bei der Hand und zieht sich über die Berge.

XXVI
27

Staying unmatched.

Die Dinge, endlich auf eine andere Sprachebene


bringen. Nicht immer nur in eine neue andre
Variante einwickeln und packen. In welcher
Sprache auch immer. Das sei schon lange sein

Traum. Und die Nährlösung seiner Verzweiflung.


Nährender von Tag zu Nacht und Nacht zu
Tag, denn manche nutritive Lösungen seien
äußerst boshaft, enceinte de désespoir. Aber

trivial gefasst liegt die Welt ja schon so zahlreich


vor, dass es keiner weiteren Doubletten (von
Doubletten) mehr bedarf. Ihr stöhnt, aber

nicht, weil ich das schon wieder sage, sondern weil


es, das wisst ihr, stimmt. Und auch nicht so
harmlos ist, ihr wisst es, wie ihr glaubt.

XXVII
28

Unverblümt kautschukzapfen! - das war der


seltsame Befehl im Traum. Es war schwer,
dem nachzukommen. Ganz ehrlich, ich sah
und fand keinen Kautschukbaum und es war mir

auch nicht klar, wie ich unverblümt etwas


hätte zapfen können. Wenigstens standen
diese Unauffindbarkeit eines Baums und diese
Undenkbarkeit eines Tuns in einem nach-

vollziehbaren Zusammenhang miteinander.


Und im Traum noch lobte ich mir seine innere
Logik. Wieviel mehr aber noch lobte ich mir
seine zärtliche Art der Unterrichtung und

Belehrung. Seither, merci au rêve, weiß ich, dass


ein Paradox, nur, etwas traumhaft Verschränktes ist.

XXVIII
29

Die umgekehrten Schlemihle, verwaist

Nimm es, ungeniert, doch einmal persönlich.


Und rette die Ereignisse. Und auch das Budget
deiner Erinnerungen. Und um noch weiter zu
gehen: lass deine Fähigkeit zur Nostalgie nicht

aus. Sie würde der Landschaft und auch der


Jahreszeit zu sehr fehlen. Und Charakteristika
dürfen nicht mehr fehlen. Das ist vorbei. Die
Erkennbarkeit fordert ihre Rechte. Auch so

weit sind wir schon längst. Ich hatte gedacht,


das sei eine Erfahrung, die wir erst im Purgatorium
machen werden. Aber die Ungeduld der

Menschen wollte schon längst vor ihrer Zeit


sprichwörtlich werden. Sie haben sich verkauft
und nur ihre Schatten zurückbehalten.

XXIX
30

Milchhäute - Santa Lucia

(Für Triåkel, Umeåmordet)

Vom Eigenwert der Turbulenzen zu sprechen, das


wäre zu genau und würde die anderen Passagiere
nur verschrecken. Aber nur das wäre es nicht wert.
Es sind die kleinen Klopftöne von innen gegen die

Haut, mit denen die Animation der Welt beginnt. Bis


die Gedankenfelsen, so grau wie nicht anders erwartet,
über den Milchmeeren schweben, dunkelen Schluchzens.
Ich scheue mich nicht vor Zitaten. Vor keiner plötzlichen

Sonnenfinsternis, die helfen soll, plötzliche Unsichtbarkeit


um dich herum herzustellen, dass eine heitere Stimme,
ein nordisches Tanzlied, mit schwarzen Girlanden geschmückt,
dich brutal zu wirbeln zwingen kann, dass du glaubst, dass

du es gewollt hast. Dass du dich plötzlich als


Eigenwert und Derivat anerkennst. Und schämst.

XXX
31

Das, was ist, das ist das Wenigste an dem, was ist.
Je mehr von dem, was es nichts ist, von ihm weg-
genommen wird, desto weniger bleibt übrig, von
dem, was es ist. So verhält es sich mit der Dialektik

oder auch nur der Bilanz des Alltäglichen. Welche


Jungfrauen könnten unter solchen Bedingungen denn
noch Recht behalten? Die törichten? Oder die anderen?
Oder doch nur niemand mehr? Ich denke, niemand, aber

nur unter der Bedingung, dass auch darin eine wie auch
Immer geartete Dialektik versteckt ist, die sich bei einer
der Gelegenheiten, bei denen sie sich zeigen, zeigen

wird, unprätentiös, als schlichte Alltagsdialektik, als eine


aus zwei Schultern, die, wie es ja nun einmal ist, nur
dazu da sind, geschüttelt zu werden, als verlegene Antwort.

XXXI
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier II

Wie (oder auch wo) zählt man eigentlich Übergänge?


In Janusköpfen?

1 (32)

Er hat, sagt er, zurzeit keinerlei Beziehung mehr


zur Zukunft. Daher fehlen auch Vorfreude, Anspannung
oder Angst. Und irgendwann ziehen wir die
Grundakkorde, die uns erzeugt haben, mit uns

weg. So sind Lieder eben gestaltet. Immer anders


und radikal gleich. Ob du von Eisbären singst
oder von Salamandern. Siebe stellen sich in
Ohren auf, tanzen und tun so, als könnten sie

jede Arbeit übernehmen. Du schaust zu und


weißt nicht, von woher. Aber warum auch. Sei
dir nur der anderen sicher. Warum sollte dir

das nicht genug sein? Wenn die Abwege sich in


sich selbst veräußern, was bleibt denn dann noch
zu tun? - Die Zeit zu jäten, Stück um Stück.

XXXII
2 (33)

Jede Einsamkeit, was sagst du, ist ziemlich toll.


Welt- und zeitenweise geübt, aber immer wieder
toll und neu, oder wagt sich jemand zu wider-
sprechen? Der wäre dumm. Und würde gelyncht.

Da ist plötzlich die ganze Spürbarkeit der Existenz


zusammengepresst auf ihren bedeutendsten Punkt.
Im Gefühl seines Gegenteils kommt er endlich zu sich
selbst. Was verbindet ihn denn mit allem außer seiner

Einsamkeit? Die Illusion, dass es nicht so wäre. Wie


doch die Menschheit für sich sorgt, wie sie sich klein
macht, um sich groß zu machen. Das Leiden ist die

soteriologische Eitelkeit der Menschen. Mein


Gott, als ob es kein Leiden gäbe! Wie schafft ihr
das? So verschüttet, im babylonischen Turm.

XXXIII
3 (34)

Seit Descartes denken wir, solang wir denken,


unbestritten. Dann ändert sich die Situation aber
schlagartig. Aber das merken wir, wir können nicht
anders, immer nur einen Gedanken zu spät, also

viel zu spät, als das wir daran noch etwas ändern


könnten. Und viel zu früh, als dass wir wissen könnten,
was? Und obendrein geschieht es zugleich. Auch Skylla
und Charybdis brauchen einander jeweils gegenseitig

und wohlkalkuliert abwechselnd als Zuspät und


Zufrüh. Wie beste Freundinnen es eben tun. Wenn alles
so an seinem Ort steht, was braucht es da noch

die Idee der Schwerkraft? Die Idee der Selbsterhaltung


des Anderen reicht da völlig aus. Und bedarf auch nur
selten einer kosmetischen Nachtarierung, hier oder da.

XXXIV
4 (35)

Zeug, wie das zu träumen

Das Aug sei, sagt man, des Herzens Zeug, das


verstand ich erst einmal anders. Dann dachte
ich, das ist eine Lesart, mit der komm ich nicht
durch. Dann kam mir der seltsame Satz, die

Augenzeugen seien eines Tathergangs Zeug,


in den Sinn und der überzeugte mich dann doch.
Und wer glaubt denn noch an Eindeutigkeiten!
Und traut sich noch, sie zu äußern? Das käme

einem Selbstverrat gleich. Und ich habe eben


leider recht, Alle, die Zeugen eines Vorfalls sind,
können nicht anders als auch das Zeug des-

selben zu sein. Sie machen sich aus dem, was


sie sehen. Daher ihre geringe Glaubwürdigkeit
Und ihre stabile Seins-Substanz.

XXXV
5 (36)

Carmen habere cereum nasum, und die drehe es sich selbst!

So sollte kein Gedicht, mit welcher Form es auch spielt,


anfangen: Darum steht es hier erst in der dritten Zeile:
Je schlechter das Gedächtnis, desto besser fühlt sich das Ge-
wissen. - Er möchte fast sagen, sagt er: Nur in einem miserablen

Gedächtnis luxuriert das Gewissen wie ein germanischer Gott in


Frankreich und erst recht wie ein Fisch im Wasser, weil die logische
Form dieses Bilds sich präzise mit der gemeinten Tatsache, dem
wellness-Status des Gewissens, deckt. Das erschließt sich allen,

die adäquat denken können, oder so tun können, als könnten sie
adäquat denken. - Auch das gehört zwar eigentlich auch nicht in
ein Gedicht, wir befinden uns hier aber in einem Hybrid-Sonett oder

auf einem Blocksberg der Strukturen. Das macht unsere Sprachfiguren


gelenkig, geläufig und läufig, Und an Hexensabbatruhe ist erfahrungs-
gemäß nicht zu denken. Und kein Gewissensbiss schlüge hier an.

XXXVI
6 (37)

Szene 3

Bellae figurae, figurae belli

Sie drückt einen in den Schlaf,


die Gewissheit, nicht schlafen
zu können. Sie macht sich stell-
vertretend lustig über die Welt.

Teufel, ich kriege dich mit, auch


wenn ich nichts über dich weiß.
Du nutzt meinen Schmerz, sonst
hättest du keine Chance. Ich bin

das Elend, das du dir überwirfst,


um zu sein, Bergsteiger, Tennis-
Held, eschatologischer Chirurg,

Seins-Visagist. So kommt die Welt


zu sich. Verfällt sich. Dem Ideal,
dem wohlgeformten Exkrement.

XXXVII
7 (38)

La Chasse au flow

Die Menschen, ach, begegnen ihrem Leben


völlig unvorbereitet. Dann probieren sie es aber
durch, unter anderem als Frauen, als Männer, sie
erleben die Welt durchs Prisma des Rauschs, in

den Nesseln des Begehrens, auf den Sesseln ihrer


Motorräder, offensten Sinns in jeder Ecke der Welt,
bereit, wirklich alles, alles, zu erfahren, um einmal
davon erzählen zu können. Darum geht es letztlich

ja. Und wenn sie dann wirklich alles, alles, erlebt


haben, bleiben sie zuhaus in der Fremde oder
kehren mit exklusivsten Mantren heim.

Und irgendwann schreiben sie dann alle, alle,


weil sie müssen, Autobiographien. Über
das brutal Außergewöhnliche ihrer Existenz.

XXXVIII
8 (39)

Abgefeimtes Asyl (Zitat!)

Es hatte ihn zulange gleichsam


geistig behindert, dass er der
Überzeugung war, die Dinge
seien gar nicht so möglich, wie

sie zu sein schienen. Dann


entschloss er sich aber doch,
die gelegentlichen Schmerzen
in seinen Zehen mit Gedanken

zu bekämpfen. Denn dass das


möglich sei, das hatte er immer
geglaubt und deshalb nie zu

versuchen für nötig gehalten. Er dachte,


welche Fehler man doch macht, wenn
man dem Denken verfallen und hörig ist!

XXXIX
9 (40)

Defamiliarizations I

Er hätte es nicht so mit der Vollendung.


Die Götter hätten ihm keinen rechten
Begriff davon mitgegeben. Und wenn er
die Welt so ansähe, wäre es auch besser

so. Wenn die Welt aber ein sensibler


Körper sei, dann wüsste er gerne, wie
sie empfindet. Hat sie Schmerzen? Sogar
auch Phantomschmerzen? Wenn sie geht,

wie teilen sich ihr ihre Sohlen mit? Und


an wen sind ihre Zeichen gerichtet? Wenn
sie, zum Beispiel, mit dem Finger vor ihrem

Mund zum Schweigen einlädt? Und kann sie


sich entspannen? Hat die, wenn die Vorstellung
erlaubt ist, ein Laken, das sie zu tragen vorgibt?

XL
10 (41)

Defamiliarizations II

Ich huldige, sagt er, der Idee der Poren.


Wo führen sie hin? Sie kichern ständig:
Folgt uns! Und sagen nicht, wohin. Wenn
ich sie mir vorstelle, verkörpern sie die

offenste Verschlossenheit und die verschlossenste


Offenheit, die sich denken lässt. Aber wie sind
sie das? Nein, nicht dermatologisch ge-
sehen, frage ich, sondern als Idee. Sie

haben etwas von Scheintüren. Sie laden


ein und sagen zugleich: Glaubt ja nicht, dass
wir euch einlassen. Es schert uns nicht, wenn

ihr uns für frigide haltet. Da sind wir wie


die Tore von Jerusalem. Aber wenn ihr
anklopft, klopfen wir bestimmt zurück.

XLI
11 (42)

Brilliance is such a thing. Du weißt nichts


davon, bevor es herkommt, nicht einmal, wenn
es ankommt. Es ist eine Art Verdampfungs-
Vorgang mitten hinein in die Existenz,

wo es dann vorgibt, da zu sein, wie ein


Wort, das sagt, Fleisch geworden zu sein:
Ich, sagt das Wort dann, bin. Ich bin Fleisch
geworden. Ein fleischliches Schwingen der

Sehnen der Luft. Und Gottes Atem ist ja


auch eine Luft. Ein ruach, wie es heißt, ein
Hauch, ein Dampf, auch wenn es so gesagt

nicht so schön klingt. Aber es ist ja wahr. Auch wir


sind nur in schweres Sein verdampftes Gotteswort.
Fleisch unter Fleisch. Eine Herde von Inkarnaten.

XLII
12 (43)

Die Idee ist, sich wachzuschlafen,


als wär das Leben tätig

Ein Leben nicht richtig gemacht zu haben,


nach welchen Kriterien auch immer, lacht,
das ist nicht gut. Schon deshalb, weil es bei
den Unwissenden nicht gut ankommt. Denkt

nur an den armen Mozart. Was hat er schon


von sich gehabt. Fast nichts. Wir ein bisschen
mehr. Aber das tut zu unsrer Sache nichts. Also
zurück zum Wesentlichen. Es geht, aber

daneben. Was für ein Glück, für das, was sich


ereignet. Zurzeit ist es zwar so, dass es sich
nicht gehört, was sich ereignet. Das klingt

wienerisch, aber es ist so gnadenlos existenziell,


dass man weinen könnte, du und ich, zum
Beispiel. Wir ziehen es aber vor, es nicht zu tun.

XLIII
13 (44)

Das ständig Außerwerktägliche

Meine eigenen seltsamen Sonette gehen


an mir vorbei. Sie sind so entschieden und
so klug. Ich habe nichts in der Hand. Gegen
sie. Was wär das auch für eine verrückte

Vorstellung. Langsam. Eine Vorstellung wäre


es schon. Aber eine völlig bedeutungslose. Sie
gäbe nichts her. In ihrer Arroganz. Und ich säße
da, so spät im einundzwanzigsten Jahrhundert

und müsste mich rechtfertigen. Ich wäre völlig


freigesetzt. Ich könnte fliegen und herumschreien
ohne Zweck und Ziel. Alles wäre gut. So gut. Ich gehe
durch. Ich habe euch nie gebraucht. Wir brauchen

aber noch, wie bei Shakespeare, ein gereimtes Couplet:


Wir zählen eins und zwei und vier, und keinem tut es weh.

XLIV
14 (45)

Hört doch auf, zwischen Tag und Nacht


gibt es keine Naht! Wie zwischen Docht
und Kerze nicht. Ihr dürft uns trotzdem
kurz verweilen lassen. Als wären wir in

einem Gespräch. Wo soll das hinführen.


Wenn der Atem, ja, explodiert, so klein
das Feuer auch sein mag. Lasst mich doch
einfach verlassen zurück im Unlösbaren, so

anspruchsvoll bleibe ich. Bin ein Hölder-


lin, den keiner merkt, wie ihn selbst schon
nicht. Wenigstens singt es sich gut in

Türmen. Mit Zimmern. Mit Aussicht. Auf


Inseln. Auf Alleen. Auch hier ist manchmal
Mittag oder Siesta, zur hellsten Mitternacht.

XLV
15 (46)

Hommage à un archange

Gehorsam, sagt er, ist eine Gnadengabe. Manche


erheben darauf Anspruch. Sie nennen sich Charis-
matiker. Und haben sich geübt zu glauben, zu besitzen,
was ihnen niemand schenken kann. Er wäre selbst

überrascht. So sind wir alle. Ohne zu wissen, wie,


schreiben wir uns uns zu. Auch du bist der Vollzug
dieses Misslingens. Schon es beschreiben zu wollen, ist
Verlegenheit. Als könnten Dinge willkürlich schweben.

Das will keiner für möglich halten, selbst wenn er


sich selbst für möglich und in unmöglicher Schwebe
hält. Das ist der Trick, den wir beim Schritt über

die Schwelle Edens gelernt haben. Vom Flammenschwert


des Erzengels, der schon ein erster vorzüglicher Lehrer
und Türsteher und Wegweiser war. Ganz ohne es zu sein.

XLVI
16 (47)

Réflexions sur la fin de l'année (I)

Wenigstens, sagt er, brauch ich euch nicht zu bitten, manisch


sein zu dürfen. Das ließe er sich einfach, ungefragt. Es sei
gut, nicht um Erlaubnis fragen zu müssen, wenn man sich
schade. Dieses Privileg sei einem von jedem Anfang an

gewährt. Und würde einem vor keinem Ende genommen.


Eines der wenigen Fundamente der Humanität. Vielleicht
das Einzige von absoluter Geltung. Das daher nie festge-
schrieben werden musste. Weil es da ist, immerdar da.

In Schaum stürzt Wasser leise, als machte er es nachdenklich.


Das ist merkwürdig genug, dass Wasser leiser stürzt, je nach-
denklicher es ist. Merkwürdiger noch, wenn du es bemerkst

und sagst. Das Wasser selbst würde sich wundern, und es dir
mitteilen, in einem seltsamen Blick: Weißt du nicht, wie
geräumig es da ist? In dieser Inward-facing outwardness?

XLVII
17 (48)

Réflexions sur la fin de l'année (II)

La sabbia delle urne. Die Krume Licht.

Die innere Nacht der Seele. Ich danke dir


für dieses schöne und einfache Wort. Nur
aus schwarzem Lichtsand keimt doch diese
Krume andren Lichts. Unser Licht, das mehr

ist, schon und nur wegen seiner Herkunft. Aus


einer Art Aschenkasten, der so genannten Seelen-
nacht, dem Ideal eines Gemüsebeets. Aus dem
Nahrhaftes sprießt, bei geschlossenen Augen.

Dass es immer noch so schwer fällt, Identitäten


zu sehen, da wo sie besonders deutlich sind! Die
Identität von Sand und Licht, von Nacht und

Aschensubstanz, von Kasten und Seelenbehältnis, von


Ideal und Treibhaus. Und warum sollte ein Paraklet
nicht auch noch einen grünen Daumen haben!

XLVIII
18 (49)

D‘une race spéciale

Es kann sein, obwohl man nie in einer anderen Haut


lebte, dass es nicht die eigene ist. Und dass man, bevor
man es hätte merken können, umgefüllt wurde. Das
klingt skurril, ist aber denkbar. Und sicher auch sehr oft

geschehen. Das würde viele der Irritationen in späteren


Lebensjahren erklären. Die Geschichte von Wald- oder
Wolfskindern ist ein ähnliches, aber doch viel harmloseres
Format. Die können, wenn man es ihnen erklärt, sich mit

ihrer heiklen Identität irgendwie abfinden, auch wenn das


eine seltsame Vorstellung ist. Aber wir, diese Umgefüllten,
sind eine Brut ohne Basis. Nicht rückführbar. Einfach in

herkunftslose Gegenwart eingeschlossen, wie in eine perfekte


Wursthaut, von makelloser Unzerstörbarkeit. Mit einer Matrix
von reiner Rätselhaftigkeit. Und unbedrohter Selbstgewissheit.

XLIX
19 (50)

Réflexions sur la fin de l'année (III)

So etwas muss immer schnell dahin geschrieben sein,


sonst kommt das nächste Jahr nicht. Dann ist es nichts mit
einen nächsten Weltenumlauf unter unzähligen anderen Um-
läufen. Und die summende Begleitung der Planeten wäre

auch nicht sichergestellt. Es wäre lächerlich, soviel Trotz


aufzubieten, mit dem Ergebnis, doch nur stille sein zu
können, wenn alles in den trocknen Wirbel eingebrochen
ist. Und Gott sich die Hände reinigt, sich endlich von ihnen

löst, wie ein Leprakranker. Hat denn nicht auch der Kosmos
begonnen, sich ins Kleinste und Heißeste abzulegen, weil er
bei all seiner Originalität nicht sterben kann. Ein ständiger

Ursprung kann sich nicht loswerden. Dagegen konnte der


Ahasver noch hoffen. Das hätten die Galaxien sich früher
überlegen müssen, das mit der Laktoseintoleranz.

L
20 (51), konzipiertt am 31. Dezember 2020

Glottaler Plosiv, aber gedehnt

Immer wieder rettet die Zäsur. Den Satz, die


Zeit. Das Leben, die Welt, die Neigung, vor
allem aber die Musik. Hier sekundiert ihr ihre
courtoise Zwillingsschwester, die Fermate.

Wenn der springende Punkt von der Braue


eines schwarzen Regenbogens (oder ist es
ein Querschnitt durch das Himmelsrund?)
gebannt wird. Und zur Ruhe eines tournant

gebracht wird. Dem Wendepunkt der Schwer-


kraft. Stillstand in einer Zeitschleife. Ein
Absprung muss sich erst sammeln. Das

verstehen wir oft falsch. Und häufiger noch


machen wir es falsch. Überhaupt geht es
immer daneben, wenn wir uns einmischen.

„Zerstörter Polarwirbel“

Daher, heißt es, kehre doch ein Winter ein.


Den kann man nicht draußen stehen lassen.

LI
21 (52), am 1. Januar 2021

Brain waste

Ist Leichtfüßigkeit, fragte er, nicht das eigentliche


Dauerstolpern? Ich hatte einen Lehrer, der
sein Leben lang versuchte, ganz leichtfüßig, das
heißt zum Beispiel ohne Kraftaufwand,

nahe dem Schweben (also vielleicht doch


mit energischem Kraftaufwand), die Treppen
hochzusteigen, indem er sich dabei so nach vorne beugte und die
Fallenergie zu nutzen versuchte, um gleichsam

auf die nächste Stufe hochzustolpern (und so weiter


auf der Himmelsleiter). Er glaubte, so die Gravitation zu
hintergehen und umzukehren und in gazellenhaft leichtfüßigen

Stolperschritten, ganz ohne Kraftaufwand, höher und


höher zu gelangen. Er erprobte eine jede Treppe, und
es schien ihm fast, als wollte es gelingen.

LII
22 (53)

Aus dem Leben der Fiktionen (I)2

Kommunikation. Ein wüstes Ballspiel mit


Konventionen. Nicht aus böser Absicht. Wir
haben nichts anderes, uns zuzuwerfen und
rückzuerstatten. Und: wir können mit Bällen

ja wenigstens auf verschiedene Art spielen.


Und es gibt ja auch sehr verschiedene Bälle,
harte, weiche, runde, fast ovale und, nicht
zuletzt, große und ganz kleine. Und es bleibt

erstaunlich, aus welch verschiedenen Stoffen


Konventionen bestehen können. Aber immer
sind es Bälle, die wir uns zuwerfen und rück-

erstatten, wie es die Konvention verlangt. Wir werfen


und können nicht anders. Sie fliegen und können
nicht anders. Nur manchmal fliegen sie ins Aus.

2
Angeregt auch durch die Lektüre von Catharine Abells “Fiction. A Philosophical Analysis“

LIII
23 (54)

Aus dem Leben der Fiktionen (II)

Koordination muss sein, sonst kollidieren wir


miteinander. Es darf nicht sein, dass ich dir
den Weg versperre, den du gehen willst, nicht
wahr? Freilich gilt das umgekehrt ja auch.

Deshalb braucht es Koordination. Aber sie


setzt auch so viel voraus, dass ich mich immer
wieder wundere, wenn sie einmal gelingt. Genauer:
Sie wundert mich, ich kann nur an sie glauben.

Denn es gelingt damit ja auch, dass wir unsere


Imaginationen irgendwie kommunizieren.
Deshalb geht man auf einer Promenade

jemandem aus der Weg. Und verneigt sich


bisweilen sogar, oder lüftet den Hut, wenn man
einen trägt. Das ist doch nahe dem Wunder?

LIV
24 (55)

Aus dem Leben der Fiktionen (III)

Man kann auch sagen: Eine Erwartung erfüllt


die andere. Gleichsam traumwandlerisch. Sonst
ginge es daneben. Nur das Traumwandelnde kennt
den richtigen Weg. Das können die Psychologen

ihm nicht erklären und nicht nehmen. Das ist auch


sehr gut so. So bringen sie es nicht zum Straucheln
und nicht zu Fall. Nur so bleibt das Leid aus, phänomenologisch,
also abgehoben, gesehen. Wenn der vorgängige

Austausch nicht gelingt, hat alles Spätere


keine Chance. Dann versperrt man sich nicht
gegenseitig die Wege, sondern steht sich

selbst und allem anderen im Weg. Das


dokumentieren die allmorgendlichen Nachrichten,
die news, fake oder nicht, aber aus aller Welt.

LV
25 (56)

Aus dem Leben der Fiktionen (IV, hier über einen statistisch häufigen Fall)

Das sind, sagt er, alles nur Bilder, die ich sehe oder
Bilder für das, was ich sehe. Mehr ist nicht, mehr
kann ich auch nicht sagen. Darin bin ich, praktisch,
allen gleich. Offensichtlich macht aber genau das

den Unterschied. Es ist wir beim Tanz. Man tanzt


gemeinsam Walzer oder Polka (das Beispiel stammt
bewusst aus früheren Zeiten), zur selben Melodie
aus demselben Lautsprecher und jede und jeder hat

einen eigenen Schwung und Schritt. Auch wenn sie ihn ge-
meinsam erlernt haben. Aber, im Vertrauen, schon das Lernen
zielt ja nicht auf dasselbe, es kann, praktisch, für das faktisch

Erlernte, wenn es einmal sichtbar wird, gar nichts mehr. Alle


Folgen und Ergebnisse, und seien sie nur Effekte oder
Nebenwirkungen, sind ihrer Spezies nach Überraschungen.

LVI
26 (57)

Gedankennotizen für Kantaten die


Keiner mehr schreibt So müssen sie
Sich auch selbst unverständlich bleiben
Obgleich hüpfende Flötentöne und die

Tiefe Besorgnis der Oboen gut dazu


Passen würden Aber so geht es wohl
Jeder Ambivalenz wenn sie im Zentrum
Steht Jeder himmelhoch jauchzenden

Betrübnis muss es so gehen Aus göttlicher


Konzilianz Aber kann man denn wirklich nicht
Wollen was die Augen aus ihren Winkeln zu

Wollen vorgeben Gott brauchte da nicht so


Streng zu sein und könnte seiner Konzilianz
Einen Ruck geben In eine andere Richtung

LVII
27 (58)

Wenn man eine irgendwie kulinarische


Beziehung zu sich hat, muss ich sagen:
ich habe es vergessen. Was man sagen
könnte, ich habe es vergessen. Ich weiß

aber, dass das Leben sich durch Unüber-


tragbarkeit auszeichnet. Die Wahrheit spitzt
sich zu. Der Delphin spielt mit einem Ball.
Der Delphin springt über eine Brücke. Der

Delphin schreibt einen Roman. Ich weiß es.


Die indischen Großkönige, hört man, haben
keine politische Macht. Sie verwalten nur

den Reichtum des Landes. Die Segel ihrer


Bote waren Leichentücher. Und ihre Köche
geben Empfehlungen, wie man verführt.

LVIII
28 (59)

Er sagte, es sei gut, im Schlafe eine Sonnenbrille zu tragen.


- Wozu das denn gut sei?
- Versucht es nur!

Dagegen ist es nichts mehr wert, ein


trauriges Gesicht zu haben und nachts
an Fenster zu gehen und auf die Straße
zu schauen, ob es geschneit hat.

Und was nutzt das Plaudern dem, dem


die französischen Kamine fehlen und der
eh keine Lizenz zum Feuern hat. Und wer
Kalendersprüche schreibt, das ist doch

leicht zu verstehen, muss viel schneller


als die Zeit sein; eigentlich muss er ihr
immer voraus sein. Gelegentlich eine

Ewigkeit. Es ist, sagt er, schwer, zur


Riesenkohorte der Einsamen zu gehören und
deren Gesamt zu repräsentieren. Glückauf!

LIX
29 (60)

Du sagst, das Dasein sei grundsätzlich eine


Prophylaxe. Ich stimme dem zu und frage
zugleich: Ist sie nicht ein wenig zu aufwendig
für das, was da verhindert werden soll, und

ist sie überhaupt effektiv? Oder kann man


darüber noch gar nichts sagen oder mutmaßen?
Du antwortest, halb zu meiner Überraschung:
Ja, sie ist zu aufwendig und es lässt sich über das,

was kommt oder nicht kommt, auch noch gar


nichts sagen. Aber, sagst du, vergesst doch nicht,
dass dahinter keine Absicht stand oder gar steht!

Das Dasein ist, das Wort sei hier erlaubt (und du


erlaubst es dir ja auch): eine Prophylaxe, die vom
Himmel fiel, als rundum gesättigte Unvorhersehbarkeit.

LX
30 (61)

Mir gefällt es, dass Diderot sagt: Zum Raum wird


hier das Wissen, weiter und unerschließbarer von
Augenblick zu Augenblick. Einen befreienderen
Fortschritt in die Arme Gottes können wir uns nicht

denken. Es gibt aber nichts zu gewinnen. Es gibt dabei


noch weniger zu verlieren. Um es klar zu sagen: jeder
wirkliche Satz geht über die Sprache des Gebrauchs.
Mehr als je.

LXI
31 (62)

Er, sagt er, er verzeiht sich trotzdem niemandem.


Dann schweigt er und knickt eine Geranie. Dieses
Jahr fällt kein Schnee. Nur in den innersten Kammern.
Da gefrieren ein paar Wolkenfetzen. Um es in alte,

fast modrige Bilder zu bringen. Zum Aufstand fehlt


das Urvertrauen, das ihn voraussetzt. Und wenn es
nicht schneit, wie kann dann ein Schnee die Äste
biegen? Wenigstens braucht der Wind nicht zu

frösteln. Vielleicht gewinnt der Begriff der Homöo-


stase noch einen adventlichen Sinn. Ein Jahr, das
mit dieser Erwartung beginnt, wird lang. Seine

Gelassenheit ist so stark, weil ihr jede Motivation


fehlt. Kann man einen Patrouille denn auch
phänomenologisch beschreiben? -

LXII
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier III

1 (63)

Was brächte was wem und was hülfe es,


wenn er keinen Schaden nähme? Was wäre
er und wie stünde er da? Unter unseren
Umständen muss das offen bleiben. Die

Semantik des „ver“ wirkt beim Wort Ver-


antworten besonders akut. Wohin verwirkt
sich hier was? Als ich aufwachte, hielten
dich drunten, vor dem Fenster, auf der

Straße, noch Worte von Kameltreibern


auf. Die gaben dem Morgen etwas von Wüste,
und der Winter darum gab vergnügt

nach. Ich sah gelbe Zelte und Forschungs-


reisende, die sich, eine Spiegelscherbe in der
einen Hand, auf primitive Weise rasierten.

LXIII
2 (64)

Es scheint wirklich so, dass die Dinge


der Profit sind, der aus der Sprache springt.
Unmittelbarer, fast unbekümmerter noch
als die Denker es sich denken. Und was

machen wir? Wir sehen den Dingen ihre


Herkunft nicht an oder machen sie ihnen
zum Vorwurf. Und glauben noch, das sei
dasselbe. Statt dass wir uns belehren

lassen von den Dingen, dem Auswurf der


Sprache. Nach den Regeln der Mundgerechtigkeit.
Aber immer in leicht verschobener Symmetrie.

Man sieht geradezu den vorausgesetzten


Demiurgen, wie er die Elemente taxiert und
verschiebt, mit seinen angestaubten Händen.

LXIV
3 (65)

Venezianischer Tau - ἐπιφάνεια I

Und in der Nacht, als die drei endlich


ankamen, hatte es wirklich geschneit,
und es stand ein Mond darüber und
war zurückhaltend und gefasst.

Und die Drei waren, ich habe das aus


verlässlicher Quelle, äußerst verlegen,
weil sie fanden keine Stelle, ihre Gast-
geschenke abzulegen. Denn ihr Hände

verlangten zu grüßen. Und wollten dabei


leer sein. Die Situation amüsierte sogar den
Mond ein wenig. Aber der Stern, dem sie

so blind gefolgt waren, wundert sich, dass sie


so schwer von Begriff sind und schüttelt den Kopf,
dass es rieselt. Nur das ist deutlich zu hören.

LXV
4 (66)

Dresdner Pappe - ἐπιφάνεια II

Die verlässliche Quelle, von der ich sprach,


das bin ich selber. Ich war dabei. Ich war
der Mohr, den ich nicht mehr so nennen
darf. Und trug eine schöne Kopfbedeckung.

Mir sah er am wenigsten an, wie ich errötete.


Dass er lächelte, das geschah nur deswegen.
Das schmeichelte mir, dafür schäme ich mich
seither. Dass ich so teilnahm und unbemerkt blieb.

Aber es war unleugbar eine sonderbare


Situation. Sonderbar, wie wir da standen,
sonderbar die ganze Konstellation. Was

hier wirklich am Platz war, das war nur


unsere Verlegenheit. Nichts anderes konnte
bezeugen, dass wir hier waren. Und sonst nirgends.

LXVI
5 (67)

Aurores boréales - ἐπιφάνεια III

Es bleibt verräterisch, mit wem du


vorgibst, reden zu wollen. Die beab-
sichtigten Inhalte behalte, bitte, für
dich, besser noch: bei dir. Dann fällt

der Verrat geringfügiger aus und


es kommt zu keinen Verfolgungen.
Vor Jahrhunderten schon erzählten
Zeugen des Nordlichts von Schlachten-

Getöse, das sie dabei gehört haben.


Aber wir meinen ja immer, dass die Welt
nur bei blauem Lichte besehen klingt.

Und wissen aber keine Antwort, wenn


wir gefragt werden, ob denn nun das
Licht klingt oder nur der Klang leuchtet.

LXVII
6 (68)

Universale Echokammer, pour N. Porpora

Keine Tat ist reine Tat. Jede ist eingebettet


in die sie ermöglichende Eitelkeit. Ihr werdet
mich nicht dazu bewegen, darin eine moralische
Aussage zu sehen. Sie ist eher einem alten

Handbuch für werdende Galgenvögel, Scharfrichter


oder Inquisitoren entnommen. Oder einem Schlüssel-
Roman für wirklich jede Art merkantilistischen Mäzenaten-
und Schmarotzertums. Eine Anleitung zum virtuosen und

natürlichen Sosein des Vermaledeiten. Verstehen


Sie uns bitte richtig: Auch wir besitzen nicht
die Spur einer Moral. Auch wir sind federleicht

und kennen unseren nächsten Gedanken nicht,


auch unser Herz und Hirn sind Schmiedekammern
des Malheurs. Aber mit graziöseren Refrains. Ècoutez!

LXVIII
7 (69)

Vom Ton her, könnte alles zwar schon früher


geschehen sein. Und doch ist es auch ein
ganz eigenes Genre. Hast du, fragt ein
Seraphim einen anderen, es schon einmal

genau so gehört? - Ich, ich kann mich nicht


erinnern. Aber du weißt ja, mein Vermögen
ist ungenau, obgleich der Text von Anbeginn
an nicht sehr kompliziert ist. Und es ist ja

gut, dass sich nicht alles immer wieder


ins Immergleiche umsetzt. Der Andere:
Ja, das Verfahren ist, unserem Gott sei

Dank!, das der Hostienmühle. Das hast du


doch nicht auch vergessen? Die verwandelt
das Selbe nämlich ins jeweils ganz andere.

LXIX
8 (70)

Und wieder incipit vita nova - Binnenerzählung I

Verschlossene Veranstaltungen

Wenn einer sagt: Welt, wir schauen dich


mit deinen Augen an, dann bekennt er,
dass wir nichts sehen. Der blinde Fleck
ist aber auch eine geschlossene Blüte.

Das mag nicht überzeugen und nicht


nötig sein, bietet aber einen Ausgangs-
Punkt. Und es ist ein kritischer Unterschied,
wie wir ihre Knospe benennen, und ob

wir ihre Morphologie verstehen. Je nachdem,


verspricht es eine große Ausbeute. Ein
Gewitter von Übergängen. Je gelenkiger,
desto heller wird es in den blinden Flecken.

So gesehen, gestalten sie sich gerne aus,


wie die Musik, in Funken und Diminuationen.

LXX
9 (71)

Hier! Nimm das Fadenende! Denke Dir, entweder


ist es eine Farbe oder ein Ton. Nichts ist
geeigneter zur Feier vermiedenen Nichtstuns.
Oder, mehr noch, gravitätischer Anachronismen.

Oder zur Verkettung von widerborstigen


Systemen. Und es stiftet Gemeinsamkeit,
fasst schier Unfassbares im Handum-
drehen zusammen. Nimm das Fadenende,

also, hier! Erinnere dich dabei an den König,


der einen Beweis dafür haben wollte, dass das
Horn eines Einhorns Wunder wirkt: einer seiner

Diener musste, zu diesem Zweck, Gift aus einem


solchen Horn trinken. Er fiel sofort tot um. Womit
schnell bewiesen wurde, dass das Horn nicht echt war.

LXXI
10 (72)

Spiel aus Paletten, herzige Veilchen

Es ist seltsam zu leben und doch nicht. Der


Moment stimmt nie, weil er ja nicht stimmen
kann. Der eitle Aufstand der Realität, der
keine Chance hat. Und bitte, macht mir

zum Vorwurf, dass das alles nicht stimmt, gelingt


euch das? Sterben gilt als lustiger, weil es soviel
vorhergesehener ist. Danke für die Botschaft, dass
die Dinge keinen Sinn haben, wieviel weniger, dass

ich bin, darüber nachzudenken. Aber ja, ich tu es. Aber


verrate erst einmal, ein paar Zeilen lang, nichts mehr.

LXXII
11 (73)

Binnenerzählung II

Seht ihr, sagt er, viele Gedanken müssen


erst in Bilder implodieren, um denkbar zu
werden. Jetzt, wo ihr es erlebt habt, solltet
ihr es auch zugeben. Nicht wahr! In biblischer

Rede redet man davon, Gerechtigkeit wider-


fahren zu lassen. Oder nicht? Aber wir brauchen
eine solche Schützenhilfe und Rückenstärkung
gar nicht. Wir stehen auch ungestützt gerade.

Für alles. Und wir lehnen uns nicht an. An nichts. Wir
lassen unsre Bilder einfach in die Denkbarkeit
implodieren. Das ist eine Geste der Bereicherung
des Universums, die ihr uns lassen müsst,

weil ihr sie uns nicht nehmen könnt. Sie liegt


außerhalb eurer Reichweite. Die Ranküne hat
selbstgefällige, aber sehr kurze Arme.

LXXIII
12 (74)

Klingelwerk fallender Zapfen

(Stifter)

Wir gehören nicht dazu. Brauchen trotzdem der


Orgel nicht ihren Wind zu nehmen. Wir sind weiter.
Und schwanken. Über die Planken, die dich, wie es
dir vorkommt, knarrend fragen, was eine Verankerung

denn noch sein könnte. Du antwortest, der Theodizee bei-


springend: Schon gut! - Was sollest du an dieser Stelle
denn sonst sagen? Es gibt nichts Erschreckenderes als
Diminutive. Ich stehe dir trotzdem zur Seite. Und bringe

mich von meinen Vorhaben ab. Alles kurzzeitig eingeschlossen


in einen koketten Umschlag. (Noch nie gemerkt, wie kokett Um-
schläge sind?) Und wer Tagebücher schreibt, braucht nicht

mehr soviel Hegel zu lesen. Und die Tür geht auf, Tische scheinen
gedeckt zu werden, Lampen drohen. Liebe versucht sich zu rechtfertigen.
Man sieht nicht, welche Beine sicherer stehen. Die der Tische? Deine?

LXXIV
13 (75)

Was kann ein Kirchendiener aus dem


Alten Rom, der die überkuppelten Grotten
in den Katakomben mit besonderen Kerzen
erleuchtete und pflichtbewusst auskehrte,

mit unserer Gegenwart noch anfangen, nach


fast zweitausend Jahren als concièrge der
Weltgeschichte? Die Tarnung half ihm nichts,
auch wenn er nicht starb. Er litt nicht immer

und, ja, wurde klug. Auch wenn sie ihn jetzt als
seltsam beschreiben, wie er, die Hand auf sein
Wasserglas gelegt, herausfordernd lächelnd,

an diese heimlichen Messen, damals, denkt, als


Jesus ihm, am Eingang, Schirm und Pelerine gab:
Verwahr sie mir, bis gleich, wie einem Messias!

LXXV
14 (76)

Der Versuch, in eine niedere Ordnung


zu schlüpfen und sie gänzlich zu
vergegenwärtigen. Der wäre doch
gut. Denn die Typen, sagt er, sind

sich alle so gleich, und es käme doch


darauf an, ein wenig neu zu denken, zu
sein. Wie würde das die Welt entspannen!
Und Kinder, hört auf, den Krampf zu

performen, den ihr Jugend nennt. Wir


sind schon so spät in der Zeit. Auch für
euch bleibt nicht mehr viel. Unsere Zeilen
müssen uns überspringen. Sich dann noch

kurz einmal umzusehen, das ist vielleicht


nicht ganz verfehlt, still telling what is told.

LXXVI
15 (77)

Sind wir uns nicht zugeflogene Vögel?

Ja es ist sehr wirkmächtig aber


auch unsäglich reduziert Wahr-
scheinlich ja auch nur wirkmächtig
weil so reduziert Oder nur in seiner

Reduziertheit wirkmächtig Deswegen


auch nicht angreifbar Es ist das Maß
ihrer Identität Warum sollten sie sich
dafür kritisieren lassen Sie sind es ja

und haben es nötig lebensnotwendig


(was für ein Wort und stets bereit
zum Seitensprung Man muss ihm

gram sein) Der kleinste Nenner ihrer


Gemeinschaft Sowas muss man hüten
und beschreien und sich gönnen

LXXVII
16 (78)

Das müsste ausgearbeitet werden,


um zu überzeugen, sagt er mir (und dir).

Vieles, was viele gemacht haben, das


war gut, wir sollten es wiederholen, aber
weniger affektiert. Wir sollten der Natur
die Möglichkeit geben, ihren blonden

Kopf auf die eigene Schulter zu legen


und auf die Wirkung zu warten. Ohne
die Bedeutung des Tanzes, die er ja
unbestritten hat, zu übertreiben. Denn

die Eitelkeit ist ein Faden in einer Zucker-


Lösung. Lasst die Kristalle anschießen. Auch
jetzt wieder weniger affektiert. Aber fragt

nicht nach einer Essenz. Mit euren immer-


gleichen Tänzergesichtern. Mit diesem Masken-
Stolz. Ihr widerlegt euch schon mit euren Körpern.

LXXVIII
17 (79)

Sie sollten sich dennoch das Denken


nicht entgehen lassen. Denken entgeht
nie allein. Und es nimmt mit, was seiner
Fürsorge wert ist. Und das ist viel. Seid

also nicht überrascht über den großen


Schwund. Der Undank der schwindenden
Dinge ist von herrlicher Konsequenz. Und
Denken und Dinge entgehen Hand in

Hand. Und plötzlich ist die unendliche


Landschaft wieder leer. „Eine leere
Landschaft? Das gibt es doch nicht!“

Wenn das euer letzter Gedanke ist, ist der


Vorhang im Tempel erneut zerrissen. Dann könnt
ihr nur noch nähen und stopfen lernen. Mit Eisnadeln.

LXXIX
18 (80)

Das Nichtverstehen ist eine Spielart


der Versöhnung. Daher bleibst du von
Anfang an versöhnt mit all dem Rauschen
und Zwitschern in der Luft, in der Nacht,

im Selbstgespräch. Das Nichtverstehen


ist die einzige Fremde, die wärmt, weil
sie dir die Nähe vom Leib hält. Es trägt

nicht die Last des Gesagtseins. Und


schlägt, gefällig, allen Unmut in den
Wind. Was aber bleibt, sagen auch andre,

das bleibt in der Schwebe, ist also, wie


wieder andere sagen, nirgends. Das ver-
fremdete Kleid der Gottheit, denn auch der
Webstuhl der Zeit weiß nicht, was er tut.

LXXX
19 (81)

Er sprang wirklich unvermutet auf und


schrie: Wie kann ich diesen Zustand nur
gespürten Allwissens ins Wort bringen?

Zumal ich mit niemandem konkurrieren


will. Nur meinen Teil leisten an der Demontage
der Welt. Da braucht ihr doch nicht so geizig

und kleinlich zu sein. Ich begnüge mich mit


einem kleinen Stück, kaum größer als das,
das ich eingebracht habe. Wenn ihr euch
alle so wenig nähmet, bliebe sicher etwas

zurück. Das wäre doch eine gute Aussicht.


Wir sind so barbarisch miteinander verknüpft
und verzettelt, dass ein Entzug, ja nur eine
Entnahme eine merkliche Befreiung wäre.

LXXXI
20 (82)

Klischee, Matrix, Prägeform. Alles in Ordnung.


Lass nur das kurze Endchen Ich draußen vor.
Dann geht dir Orpheus kurzfristig aus der

Quere. Und du gehst hin, nach Italien oder


irgendwo, versicherst dich, dass dich keiner
sieht, hältst dir die Hand vor die Augen und
suchst die blendenden Steinbrüche auf und

tröstest sie. Das wird noch die marmornen


Engel rühren, die wissen, woher sie kommen,
und der Engel und du, nein, bitte, sage es
nicht, sonst machst du die Sprache unglücklich,

ihr seid zwei lang gedehnte geschmeidige Tränen


aus marmornem Jugendstil, Delphine, zwei
flinke Praktikanten der höheren Fließkunde.

LXXXII
21 (83)

Bachs Flecht- und Fluchtwerke


(Hier BWV 32)

Ich habe es gerne, wenn die Worte


verständlich sind, nicht nur, wenn ich
Kantaten höre. Es geht mir geradezu
immer so. Denn wenn Worte die Herkunft

haben, die wir, unter anderen ja auch ich,


Ihnen nachsagen, ist das Verstehen der
einzige Respekt, den wir üben können,
auch wenn es ausbleibt oder sich in

Tonschleifen verfängt, vornehmlich in denen,


die Geigen und Oboen in die Luft binden, in
meisterlichem Doppelsinn, verstehst du? Schleifen

und Bänder halten, schmücken und verhelfen,


zu erschwindelter Schwerelosigkeit. Erleichtern
aber nicht, das zu verstehen. Selbst in der Musik.

LXXXIII
22 (84)

Ergänzende Binnenerzählung

Wahrheit sei der Abstand zum erwiesenen Gegenteil.


Wer das verfügt hat, war ein kluger, aber hilfloser
Gesetzgeber. Daher wissen wir nicht einmal mehr
seinen Namen. Und seine Gesetzestafeln lagern

im Archiv für Apogryphen. Dabei wurde sein Stil


oft wiederholt, auf Kosten der Vernichtung seines
Inhalts. So wie man sichergestellte Drogen vernichtet.
Es ist erstaunlich, dass Denkmuster so dehnbar sind,

in alle Richtungen und fast bis ins Unendliche. Einen


gewissen rasierklingenscharfen Humor kannst du dem
Universum deshalb wirklich nicht absprechen, nein,
im Gegenteil. Es stellte sich heraus, dass der Humor

seine entscheidende Autoimmunkrankheit bezeichnet.


Körpereigene Säure ist, zum Zweck der Selbstzersetzung.

LXXXIV
23 (85)

Endogenie

Ach, die Armut der Spätgeborenen, seufzte der dritte


Seraphim, dass sie sich nicht mehr selbst erfinden können!
Denn knapp bis in die neueste Neuzeit hinein, war es das
Privileg der Genies, sich selber zu erfinden. Es war sogar

so, dass sie es keinem anderen überlassen konnten. Ihr


lest richtig: Sie durften es nicht nur nicht, sie konnten
es nicht, wenn sie sich nicht verfehlen wollten. Damals
hieß es noch: Selbst ist das Genie! Später hieß es dann,

bedeutend entwertet, es sei selbst der Mann. Da wurde


die Kümmernis zur Schutzheiligen der Welt. Und es wuchsen
ihr Haare, zum kümmerlichen Eigenschutz und -schmuck.

Aber nur ein Geigerlein wird ihrer zwei güldenen Pantoffeln


würdig gewesen sein. Und ledig der Bande und des Eisen
vergnügt seiner Straßen ziehn. Ohne zu wissen, wohin?3

3
Brüder Grimm, Die heilige Frau Kümmernis

LXXXV
24 (86)

Maskierte Kaltfronten

Immer gibt es Gedanken, die keiner hat,


auch Gedankenbesitzverhältnisse sind prekär.

Wenn deine Gedanken mal klein sind,


auch das hat Gründe. Sie sind dein
Anteil, aber nicht an dir. Sie sind dein
Anteil an der Welt. In ihnen zahlt sie sich

dir aus. In barer Münze. Auch als Zeit.


Zeit und Gedanken locken sich aus dem
Hinterhalt. Und stellen sich dir aus. Und
du trägst sie zu Markte, wäschst sie

wie Früchte im Fluss. Vergibst sie. Und


gibst sie nicht auf. Teilst sie und teilst
sie nicht auf. Schenkst sie sich, wie

Tod sich dem Leben schenkt, im Tausch


für nichts und dann wieder nichts. Sie
gehen dann auf wie Blüte und Rechnung.

LXXXVI
25 (87)

Paradiesvorrat

Wie schade, dass Stimmung sich nicht


akkumulieren lässt. So ein dichter Wolken-
haufen wäre doch ein tolles Kapital. Eine
kompakte Stimmungsbörse, ein Lebens-

Kompressat, das alle Sinnsuche stillstellen


würde, dankenswerterweise. „Wären dann
auch das Ach und der Schmerz rationiert?“
Ich denke doch. Aber es handelt sich ja nur

um eine Hypothese, eine Trostübung. Also


um einen Ersatz für das, was nicht ist oder
nicht sein kann. Es zeigt aber wenigstens,

wie weit sich unsere Gedanken manchmal


hervorwagen. Ihr Sprungpotenzial überrascht
mich immer wieder. Um die Stelle ist mir aber bang.

LXXXVII
26 (88)

Monothéisme à deux

Er besteht aus zwei abgespaltenen Teilen


seiner selbst. Das sei eine ausgesprochen
stabile Konstruktion. Wie das Verhältnis
zweier Nachbarn, die sich nicht leiden

können, sich in diesem Zustand aber souverän


eingerichtet haben. Das enge die Bewegungsfreiheit
zwar ein, aus verschiedenen Gründen, ließe aber
missgünstige Beobachtung zu. Im Mittelpunkt

stünde die gegenseitige Grenzerfahrung. Ihr


Berührungspunkt sei das voneinander Abgespaltensein,
das ihre Identität definiere. Die Nähe sei so

unüberwindbar, dass sie ferner nicht gedacht


werden könne. Um für diese Gesamtkonstellation
von Herzen danken zu können, teilen sie sich einen Gott.

LXXXVIII
27 (89)

Moritat (?)

So schiebt er das Vorbeisein


Als Bürde vor sich her
Drin sammelt er sein Dasein
Drum bleibt die Bürde leer

Das ist ein subtiles


Arrangement
Es erspart vor allem zu vieles
Raisonement

Doch so immer
Dem Vorbei hinterher
Macht die Beine bleiern schwer

Und doch wäre es schlimmer


Ohne Vorbei
Denn dann wärs noch mehr Einerlei

LXXXIX
28 (90)

Alle Motive werden sich als beiläufig erweisen.


Darum ist es besser, viele kleine Gedanken zu
denken, als Romane zu schreiben, Opern oder
Traktate. Das ist jedoch absurd widersprüchlich.

Du presst die Finger gegen die Stirn und weißt


nicht einmal, was das bedeutet, warum du das tust.
Dabei ist es doch nur eine aufgesetzte, eine auf viele
andere aufgesetzte Geste, - die glaubte, ernten zu

können, eine herbstliche zu sein. Vielleicht ist es ja


besser, ein unmotivierter Engel zu sein als auf einen
mit Motiven zu warten. Nur so können wir uns schützen

vor seinem größeren Dasein. Und brauchen erst einmal


nicht zu vergehen. Aber selbst dieser Gewinn, erscheint,
wie ich es mir denke, nicht menschengemäß.

XC
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier IV

1 (91)

Valse monologique, triste (I)

Das All darf nicht, sagt er, so klein sein,


wie wir es seit langer Zeit mit allen unseren
Mitteln zu machen versuchen, mit Denken,
Rechnen, Imaginieren. Befreit das All wieder

von uns! Und seinen kümmerlichen Repräsen-


tationen. Es will uns nicht in den Kopf, und
wir kriegen es nicht in den Kopf. Drehen wir
also die Pfeile der Zeit und des Raums wieder

um! Zum Überdruss Geübtes bedarf immer


wieder der Korrektur. Nur der Korrektur. Sonst
hat es ja alles. Er behauptet, ich fange auch

erst an, das zu verstehen, die Immanenz sei


so etwas wie die Obertonskala der Transzendenz.
Wir hätten verlernt, ihre Grundtöne zu hören,

XCI
2 (92)

Têtes de bobble

Wir tun so als ob, das ist lobenswert, aber wissen


wir wie? Nehmt das doch mit, wenn ihr wissen wollt,
wie das ist, zurückgelassen zu werden. Wer wird
der Erste sein, der so spät und so dauernd sucht:

in den Ecken das noch nicht verfütterte Stroh, an


den Decken die Reste der mühsam abgerissenen
Tapeten. Wer, der so spät und so dauernd sucht,
wird der Erste sein? Die Zeit hat sich mit ihm und

mir vertan, mit mir und ihm verrechnet. Wir erschraken,


als wir nicht wussten, auf welcher Seite des Spiegels
wir uns befinden. Dabei sind wir doch lang geübte

Entzifferer und Hieroglyphendeuter; nur mit uns


selbst waren wir überfordert. Noch wenn wir die
Wackelköpfe zusammenstecken und mutmaßen.

XCII
3 (93)

Er gab den Ratschlag, man solle im Stil alter oder


auch neuerer Weisheitslehren schreiben, wenn
einem Popularität etwas bedeute. Als Beispiele
nannte er Sätze wie: „Die Ruhe tut vor allem gut,

wenn du sitzt. Die Bewegung tut vor allem gut,


wenn du gehst. Das Stehen ist ein Zustand der
Unentschiedenheit. Und das Liegen ist zweideutig,
weil es immer die Folge einer richtigen oder einer

falschen Entscheidung ist.“ Es sei überdies vorteil-


haft zu behaupten, es handele sich um eine Inter-
linearübersetzung aus einer sehr alten oder einer

sehr fremden Sprache, eine Übersetzung, die im übrigen auch


noch umstritten sei. Und der Exegese große Freiheiten ließe,
ja: aufbürde. Und daher die Schulenbildung nicht behindere.

XCIII
4 (94)

Bouche à oreille

Bisweilen gibt es etwas mehr Zeit, dann


gerät die Sprache zusehends unter Druck.
Treffender wäre es aber zu sagen: in
Zugzwang. Druck lässt sich leichter um-

münzen. Er ist wie Leumund, das kann ein


Zug nicht leisten. Auch lässt sich Zwang nicht
wie Münzen einschmelzen, um Neues zu
prägen. Und ist selbst auch mit nur einem

geflüsterten Leumund nicht zu vergleichen.


Der bietet eine Substanz von ganz anderem
Kaliber. Was nun einmal so ist, das sollte

kein Publikum zu leugnen versuchen. Es


liefe sonst Gefahr, nicht zu erfahren, wo ein
nächster Jahrmarkt stattfindet; mit Gauklern.

XCIV
5 (95)

Ein Kunstwerk, ich nenne es pauschal


einmal so, ist ein gelungener Stoffwechsel.
Und manchmal muss man Künstler mit
Macht zurückhalten. Sie werden es dir

danken und sagen: wir sind noch einmal


davongekommen, sonst wäre es zu einem
Fall echter Notzucht geworden: Eine recht
alte Windmühle. Und wieviel Flügel hatte

sie? Was für ein Engel war sie also? Nicht etwa
doch ein Cherubim? Wenn ich richtig zähle.

Auch wer zählen kann, gerade der, sollte


seine Zahlen geheimhalten. Vor den Mühlen
und der Notzucht, vor dem jeweils nächsten
Morgen. Man kann das lernen. Ziffernsturz.

XCV
6 (96)

Détournement

Ein sehr kleiner, aber fast echter Engel, mehr


Murillo als Botticelli, der sagt: Es ist keine kleine
Kunst sich so über sich selbst zu täuschen, aber
noch viel größer die, nicht zu wissen, warum es

so ist. Die Insichbefangenheit eines jeden Augen-


blicks, das ist doch die Unrettbarkeit an sich. Oder?
Und dass er sich auch noch entgeht, der Augenblick, das
wiederum ist der Inbegriff des Unvermeidbaren, das

ist, anders gefasst, das schlanke Ideal der Ironie. Die


Idee des Atems, eingefangen in einen Glassturz. Ihr
habt es nur deshalb so gut und so falsch gemacht, um

uns zu beschämen. Mich hat dieses venezianische Café in


Tôkyô, mit den halbblinden Spiegeln an der Decke und den
schrecklichen Wundertässchen, pink, bleibend veruntreut.

XCVI
7 (97)

Keiner kommt nach. An den Räumen ist niemand


interessiert. Dass das Unvollkommene vor allem eine
Einladung ist, wer begreift das noch? Alle Stöckelschuhe
der Märchen, rot, giftgrün und die anderen, in Beton

gesteckt, kopfüber, und zu einem Fakirbett verfeinert.


Ganz ruhig! Vor langer, langer Zeit nannte man sie Pfennig-
Absätze. Rücken und Po und Schenkel und Waden bleiben
heil, wie es ja jedes Fakirbett, schon sui generis, versprícht.

Es ist eine seltsame Absprache, um Welten von sich selbst


entfernt. Weil sie in Tränen ersaufen, sind die Dinge noch
immer so wohlgemut. Und ihr, ihr kommt daher, und denkt

darüber nach, welche Qualität diese Verse haben? Und kommt


so furchtbar spät? Und traut euch diese Frage zu? Kann euch nicht
beistehn. Ich arbeite nicht bei der Post oder einem online-Dienst.

XCVII
8 (98)

Erschrecke doch, du allzu sichre Seele!

(BWV 102)

Man kann sich Immer nur an das


kümmerliche Ende andocken, wo
nichts sich andocken will. Das ist,
ohne Zweifel, eine weltgeschichtliche

Peinlichkeit. Man könnte es auch anders


nennen. Aber wir halten uns zurück, aus
Solidarität mit den armen Göttern, die
sich, anders als wir, jeden Tag neu

verantworten müssen. Ja, wir haben Glück,


dass wir, anders als die Götter, aus dem Takt
geraten sein dürfen. Das Menschliche überwiegt

eben unsere Fehlleistungen. Für diesen Zustand


gibt es kein Wort. Rammelkammer könnte
noch herhalten, um die Apokalypse zu ersetzen.

XCVIII
9 (99)

Bei Warten ist Gefahr; willst du die Zeit verlieren?

(BWV 102)

Wenn du den Mühlstein von den Schultern über den


Kopf abzustreifen versuchst, merkst du, dass dein Kopf
zu groß ist. Oder die Öffnung im Mühlstein zu klein.
Das kommt auf dasselbe heraus. Du wirst ihn nicht

los. Und du musst dich mit seiner Anwesenheit zufrieden-


geben, wenn nicht gar begnügen. Eine gewisse Bodenhaftung
verdankst du ihm ja. Auch dass du dich vorsichtiger bewegen
musst. Beim Hinsetzen und beim Aufstehen bietet er

freilich keine Vorteile. Er ist nur da und stört. Beim Essen


auch. Dass die Halskrause der Patrizier auch Mühlstein-
kragen genannt wurde, bietet keinen Trost, macht die

Sache aber auch nicht schlimmer. Sie ist aber auch kein Privileg
mehr. Dass die Vögel deinen Mühlstein manchmal, ganz kurz, mit
einem Brunnen verwechseln, braucht dich nicht zu enttäuschen.

XCIX
10 (100)

Viele Sätze sind dir nur so lange unverständlich,


bis du sie plötzlich vor dir siehst, an einem Tag,
in einer Nacht, draußen oder in einem Haus. Da
sind sie plötzlich und erweisen sich als wahr. Du

hättest es nicht gedacht, weil du es nicht denken


wolltest. Und doch stachen oder fielen sie dir plötzlich
in die Augen. Und dann die Lider zu schließen, ist zu
spät. Du würdest die plötzlich wahrgenommenen

Sätze nur einschließen, in einen Augensarg, in eine


Augenpyramide. (Du weißt nicht und brauchst nicht zu
wissen, dass sie jede ewige Augennacht überstehen, in

jedem ewigen Augenwinter überwintern können. Sätze, die


sich so als wahr erwiesen haben, plötzlich, wann und wie
und wo auch immer, sind und sind wie Asphalt und Asbest.)

C
11 (101)

Hypokrisis

Wenn du abends dasitzt, wie vielleicht, nein, ganz


sicher der alte Benn und, als gäbe es den Vorwurf,
völlig veraltet zu sein, nicht, und wie ein Irrer, hätte
man früher gesagt, dich darüber amüsierst, wie der

Rotwein deine Zunge pelzig macht. Pelzig, was für ein


fürchterliches Wort! Dahinter können alle Weltver-
hältnisse, wenn sie es nur wollten, verschwinden. Aber
warum sollten sie es denn wollen? Wie uns die Muster

aber rühren. Schrecklich, wie die Muster unsere Schalt-


kreise beherrschen. Wie ein letztes Spiel, eine letztes
Gespräch, ein Abschied, und sei er noch so trivial und

willkommen, zu Tränen rührt, dabei muss es gar nicht


so gut inszeniert sein. Als wären die Muster dazu da, uns
ganz zu verfälschen, und Tränen und Herzblut zu vergiften.

CI
12 (102)

Faire tourbilloner

Es machte ihn panisch, als ihm klar wurde, dass auch er keine
Hörgewohnheiten hatte. Das erschreckte ihn unsäglich. Was
hätte er noch sagen können? Und wie sollte er beteuern, dass
er etwas nicht hätte? Und welche Gewohnheiten konnte er

den anderen noch zugestehen? Würden sie ihm zuhören?


Könnten sie es überhaupt noch? Und warum sollten sie es
wollen? Es war plötzlich offensichtlich, dass Münder nur noch
dazu da sind, Fragen zu stellen. An die, die von Lippen lesen

können. Eine marode Kommunikationssituation. In vollem


Lauf. Noch längst nicht ausgezählt. Solange der Stillstand
anhält, sollte das auch nicht möglich sein. Oder? Dann

beweis es mir! Dann lies es mir von den Lippen. Denn auch ich
will es hören mit meinen leergeputzten Ohren. Gib mir die Chance
weiter. Du brauchtest den haltlosen Wirbel nur umzukehren.

CII
13 (103)

„Die Lichter in den Häusern ausgetan... die kleine Not des Lebens.“

(Storm)

Ein ungläubiger Blick, und er sagte: Das scheint mir gewollt, fast
zu gewollt. Das hieß für ihn: Wenigstens den bitter erarbeiteten
und wahren Gedanken nicht mehr aufgeben, dass Gedanken keine
Repräsentationen sind, sondern das insgesamte Gegenteil davon.

Gedanken sind die hausgemachten Elemente einer Parallelwelt, aus


denen die (mit Lust zum Vorläufigen so genannte) wirkliche Welt zu
bestehen versucht (und sich dabei des Komforts und auch der Lust
der Vergeblichkeit bedient und erfreut). Also: Fertiges sind sie auch

nicht und herleitbar erst recht nicht. Sie sind ja, damnés!, ihre Herleitung. -
Aber das hat er schon so oft gesagt und gerufen, ohne dass die Welt ihn hören
wollte, dass er es neulich endlich aufgegeben hat. Und trotzdem, die Angst

ist ihm, der nie einen Hund besaß, treu geblieben, sie schläft auf dem Läufer vor
seinem Bett und bewacht, die Treue, seinen Schlaf. - Welche Angst? Die Angst vor der
Art des Denkens der Andersdenkenden. (Sagt es niemand, auch den Weisen nicht.)

CIII
14 (104)

Forme perdue

Er fühle sich, sagt er, dauergefährdet durch die Welt und wisse
nicht, wodurch er das verdient habe. Das hätte schon damals, mit
der Genesis angefangen, aber sei auf eine Weise außer Kontrolle
geraten, die keine Lobby mehr rechtfertigen könne. Er wolle doch

nichts anderes, als die Autoimmunität der Besserwisserei ein wenig


in Frage zu stellen. Das würde Zeit, jetzt, so spät. Und die Eloquenz
überließe er gern anderen Körpern. Aber gegen die gut vernetzte
Irrelevanz, was könnte er da noch tun? (Sei ganz beruhigt, man

macht ja keine Gedichte, man hält sie nur nicht auf, wirft sich ihnen
nicht einmal in den Weg. Man sei einfach nur auf keine Störung
bedacht. So brichst du der Matrix auch kein Stückchen Wahrheit

vom Leib. Und muss nicht, trotz allem, soviel Redlichkeit noch sein?
Das heißt, heute, die Dinge durchzuwinken, es bei dem Selbstversuch
der Schöpfung zu belassen. Es dabei belassensein zu lassen.)

CIV
15 (105)

Une vraie girouette

In der Schwebe. Also bin ich (doch)? Das fragst du so


leicht. Und doch schleicht deine Stimme, like a dial-
hand, durch die Luft und schleift sie ab. Wie, ja, wie
Motorengeräusch, das Geräusch der Stapfen

im Schnee, das du nicht abstellen kannst. Wie


du ja nichts abstellen kannst, das als Vogelruf
verlarvt vor der Zeit wegfliegt. Und dazwischen, ja,
immer wie herzzerreißend, ich gebe es, abwehrend,

gerne zu: dieses leichte Stampfen lockerer Kinder-


Stiefel auf Asphalt, in den Kieseln, auf Schnee.
Die Windsbräute stopfen ihr wucherndes Haar
in Kappen und Mützen, auch das macht Geräusch.

Wie, ja, wie ein Räuspern. Und es verliert sich


irgendwo, in der aufgegebenen Ferne, wo es herkommt.

CV
16 (106)

Er sei so gespickt mit Grenzerfahrungen, dass er


nie lange nachdenken müsse. Die anderen, denen
es nicht so ginge, wüsste er beinahe zu bedauern.

Man sollte im Leben doch wenigstens die Erfahrungen


machen, auf die man nicht vorbereitet sei. Daraus
ergäbe sich ein intensives Verhältnis aus Misstrauen

und Spannung. Könnte es in Bezug auf das eigene


Leben ein vollkommeneres geben? Außerdem rüste
es einen für den immer nächsten Augenblick. Und es
stähle die Instinkte für das Unvorhersehbare, steigere

geradezu das Verlangen danach. Er rät aber, keinesfalls


darüber nachzudenken und erst recht, nicht darüber
zu sprechen: Es sei besser zu lernen, wie man Zöpfe
flicht, Steingärten anlegt und wilde Orchideen sucht.

CVI
17 (107)

(20. Jänner)

Die große Kränkung des Geborenseins. Das


ist eben doch die größte und bleibendste. Und
es lässt sich nicht korrekt beschreiben. Weil die
Kategorie der correctness hier überhaupt nicht

passt oder greift. Die Idee ist alt, ja, soll schon von
Anfang an dabei gewesen sein. Wir hatten also
lange Zeit, uns daran zu gewöhnen. Deshalb will
es etwas heißen, dass es uns, allen, nicht gelungen

ist. Die Entscheidung, uns abzulenken, indem


wir uns davon ablenken, ist nicht klug. Und rächt
sich. Wir rächen uns damit an uns und unserem
Geborensein. Und halten uns dabei für gut beraten.

Aber wir gehen leider nicht auf den Händen, und


weniger noch durchs Gebirg, und das selbst heute.

CVII
18 (108)

„Was ist Denken?“ - Ja, was ist das? - Eine Bilanz?

Zurückgewichen wieder vor der Mauer stehen, gegen die


man stieß, die man aber nicht mehr sehen kann, weil
das Blut, das von der Stirn tropft und kommt, über die
Augen fließt, es verhindert. Dass Blut steigt aber auch in

den Augen, von ihren Glasgründen her. Die Zisternen,


darunter, die es bisher dürstig auffingen, sind nämlich voll
und gesättigt. So schwärzt sich der Blick also auch von
innen, mit gewerblicher Insistenz. Dass sich Hände, auch die

des Bluts, ohne dass es sie gibt, so professionell aneinander


vergreifen können, das muss Anerkennung finden, nein, das kann der
Anerkennung nicht entgehen. Das wäre mir eine schöne Anerkennung,

der das entginge! Sie verlöre sofort ihren Auftrag. Andererseits:


ist denn Anerkennung nicht immer ein Trümmer ihres Auftrags? Ein
entlaufenes Kind, das, aus Versehen, nach Hause zurückgekehrt ist.

CVIII
19 (109)

Pourquoi la possibilité surpasse l‘hypocrisie

„Die Möglichkeit ist das, was grade nicht


der Fall ist. Darauf kann ich wetten, sagt
der Teufel. Das aussichtslose Markieren
einer Scharade ist aber die Form der Welt.“

Aber wieso und warum denn? - „Das sind zwar


zu viele Fragen auf einmal, aber gut: Wenn
die Welt eine Nachahmung wäre, wäre es ja
gut, aber sie ist nur eine geheuchelte Pantomime,

und das ist, denke ich, nicht gut. Das ist


keine kritische Form. Wie wenn du Schmerzen
markierst. Da ist die Möglichkeit, sagen wir:

als verlorene Form belastbarer. Das,


was grade nicht der Fall ist, übertrifft jede
Heuchelei. Ontisch gesehen.“ - Ontisch?

CIX
20 (110)

Ihm geht es, sagt er, wie einem Schöpfer,


der zum ersten Mal von einer Schöpfung
träumt und nicht weiß, wie er es anfangen
soll. Allwissend wie er sei, wisse er auch,

dass er nicht wissen könne, wie die Dinge


der Welt sein werden, sondern nur, wie er
sie denkt. Das sei etwas unendlich anderes.
Dazwischen läge ein Kluft, mindestens so

weit und breit wie die zwischen Sein und


Nichts. Er wisse, wovon er spricht. Das sei
ihm ja wesenseigen. Wir Geschöpfe hätten

es da wesentlich leichter. Für uns wären


die Dinge, so hätte er es eingerichtet, ewig
so, wie wir von ihnen sprächen, egal wie.

CX
21 (111)

In Ausrollung, stille Notizen

Offene Ohren und trockene Tücher. Details


bleiben ungeklärt, viele sind noch nicht be-
kannt. Entwicklungen können nur beobachtet
werden. Wollt ihr denn nicht erkennen, dass

die Welt ein Selbstläufer ist. Die Traumdeuter


leiden, nicht weniger leidet die kulturelle Vielfalt.
Vor diesem Hintergrund muss das Operative in
die Schranken gewiesen werden. Das Umfeld

stimmt. Die Akribie der Ohnmacht, die Kasuistik


der Utopien. Der universale Autismus der Hände,
Der hohe Ton der Verzweiflung, dieser hier. Die

Energien sind gut untergebracht. Über Gewissen


und Genießen spricht man in nanotechnischen
Kategorien. Ansprüche sind Vergrößerungsgläser.

CXI
22 (112)

Föhn-Ende. Geigen schweigen, hängen aber


trotzig im Himmel.

Abonnements sind den Göttern eine Zumutung. Sie


bauen auf die Unzugänglichkeit hängender Gärten.
Wer Verantwortung schafft, weiß, erfahrungsgemäß,
nie, was das ist; und lässt sie hängen, wie Gärten.

Götter sind übergroße gatsbies. Was können sie dafür?


Auch sie müssen sich in ihre Rolle finden. Sie müssen
sich in ihrer Rolle finden. Auch Götter haben sich nicht
geschrieben. Sie müssen ihre Rollen studieren und, wie

bei den Menschen, wird sich herausstellen, dass ihre


rehearsals ihre Existenz gewesen sein werden, aus denen
sie, wie die Menschen, nicht heraustreten konnten. Jede

Selbstverwirklichung, auch unter den Göttern, ist Fremd-


Verwirklichung, immerhin das. Es gibt also eine allumfassende,
matte, Gleichheit der Schicksalsdramatik. (Qualität)

CXII
23 (113)

Die Welt ist ein traditionelles Einsatzgebiet. Für das sich,


sagt eine Zyniker, der Einsatz nicht lohnt. Aber auch Einsatz-
Gebiete nähren. Ihre Nährstoffe erhalten, bis zum Tod. Sie
sind Allegorien, die keiner fremden Hilfe bedürfen. Von

wunderbarer coolness und Stille. Wie die Schönheit, in den


Augen der Beobachter. In einem bestimmten, vorausgesehenen
Augenblick macht der Beobachter einen Handstand und be-
obachtet, wie das Einsatzgebiet, die Allegorie versinkt, freilich

wie ein Schiff; aber weil der Bobachter auf seinen Händen steht,
versinkt es im Himmel, in dessen grauen, nassen Wolkenwellen:
Was jetzt? Und wie jetzt weiter? - Wieder fest auf seinen Füssen

stehend, steht er wieder da und ist sehr traurig, denn alles ist
ihm nach oben hin verloren gegangen. Und alles heißt hier viel,
eben Alles. Aber das wird ihm, es gibt Gnade, nicht aufgehen.

CXIII
24 (114)

Dolore de la perdita

Immer wieder kommt man nicht umhin, sich zu schämen, weil


man Mensch ist, weil man (wie gerade ich) ein Mann ist, oder
überhaupt irgendwo dazugehört. Ein Geschmack wie bittere Himbeer-
soße. Trotzdem musst du deinen Opportunismus zur Lebenskunst

stilisieren, um ihn ernst nehmen zu können. Nur weil es real ist, ist
es noch nicht glaubwürdig. Aber wir leben abgründig tief unter unserer
Erkenntnis. Ist es dennoch wert, von einem Mythos zu sprechen? Wenn
man dies liest, glaubt man es vielleicht nicht, aber ich bin völlig

unsentimental, geradezu immun. Aber was hilft es. Kitsch und Schrott
sind dasselbe. Und frische Luft hilft nicht immer. Es gibt, höre ich, so
genannte Steuernde Zentraltiefs, vor denen man nicht einfach davonlaufen

kann. Es sei denn, man besitzt erprobte Hilfsmittel. Oder eine tanzerprobte
Körperlichkeit. Fandango. La folia. Tarantella. Immer wieder kommt man nicht umhin,
ein Mensch zu sein oder irgendwo hinzuzugehören, um sich schämen zu können.

CXIV
25 (115)

Gott wird sagen: Ich habe euch immer


weniger Arbeit gemacht als mir selbst.
Das gibt mir ein gewisses Recht über
euch, auch wenn ihr das nicht verstehen

könnt. Aber ihr könnt vergleichsweise


unbesorgt bleiben, weil auch ich es nicht
gelernt habe, euch zu verstehen. Ich
habe ein Ingredienz eures Wesens mit-

erschaffen, das ich nicht kannte, und das


mir unbekannt blieb, bis zu den letzten Tagen
und bis heute. Es gibt etwas, was Teil der

Allwissenheit ist und doch nicht dazugehört.


Das macht es mir, unerwartet, schwerer,
die Weltgeschichte auch nur zu beenden.

CXV
26 (116)

Habent sua fata stulti provocantes

Wenn deine Schreie nicht muschelartig


gekrümmt sind, passen sie in kein übliches
Menschenohr und werden schon auf halbem
Wege ab- und zurückgewiesen werden. Es

gibt Vorgaben, die nicht anzuerkennen, bedeutet,


nicht wahrgenommen und übersehen zu werden.
Mit einer Brutalität, die der Nichtanerkennung der
Vorgaben völlig angemessen ist und in nichts nach-

steht. Und ich sage dir, im Vertrauen, dass du auf


keinen Beistand hoffen oder pochen darfst. Ohne
die geforderte Krümmung stehst du allein, ungehört,
übersehen, mitten im Wüstensturm. Und denkst:

Hätte ich meine Schreie der Krümmung der Muschelohren


doch angepasst, stünde ich woanders und ganz anders da.

CXVI
27 (117)

Wie man sei

Trotz allem sähe er sich noch vor sich,


ja, böte sich geradezu noch Identifikations-
Möglichkeiten. Zwar nur schattenhaft in
einem weit ausgebreiteten Gelände. Unter

den Sohlen ein schwer nur bestimmbares


Material. Er möchte sagen: versteinerter
Schnee. Seine ihm wie schon immer un-
sichtbaren Augen können nicht entscheiden,

ob sie andere Schatten seiner Art sehen.


Er könnte allein sein, zu zweit, oder ein
gewaltiger unzählbarer Schattenschwarm.

Das Gelände sei übrigens schräg, er möchte


sagen, einer Rampe vergleichbar. Da kommt
schon die nächste Lawine aus Sternenschutt.

CXVII
28 (118)

„Und herein traten zwei bunte Masken.“

(Tieck)

Ungezügelte Schlittenhunde fragen sich nicht,


ob das Eis etwa hauchdünn sein könnte. Gesunder
Hundeverstand fragt sich gar nichts. Statt mit
zögernder Pfote zu tasten, verdienen wir uns

den Geruch der Gefahr. Wir kennen keine


Witterung. Witterung ist uns ein fremdes Gerücht.
Wir riechen nämlich gar nichts. Alle Gerüche
der Welt sind unseren feinen Nasen zu stark.

Und wenn ihr meint, uns heulen zu hören, dann


meinen wir nicht den Mond. Es ist dann, als wollten
wir uns eine Seele aus dem Leib weinen oder

schreien. So hauchdünn wie Eis, so kalt wie


vielleicht ein Mond. So hilfreich wie vielleicht
ein Duft sein kann. Und schmerzlich wie Zügel.

CXVIII
29 (119)

Federleichtes Bleilot
Ungesehenes Textil

Konformität ist der dienlichste Name


für die Einheit von Verschiedenen, er
bezeichnet eine Art Ähnlichkeit, an der
alle Verschiedenen teilhaben, die aber

als solche nirgendwo ist, sie ist das vereinende


Unsichtbare im Schwarm des Sichtbaren,
gleichsam das Kon der Konformen, sit venia
verbo. Das einheitsstiftende Wunder der

Beobachtung, der Zaubertrick des Blicks,


der aus der unendlichen Summe der Ab-
weichungen das Eine zieht, das Allen

eignet, weil Keines es hat, aber ein Jedes


trägt, als hilfreiches Merkmal, analog viel-
leicht nur zu des Kaisers abwesendem Kleid.

CXIX
30 (120)

Was du auch nicht wissen kannst, das ist,


was der Traum nicht kann. Vielleicht hat
er sehr gute Gründe, es dir nicht zu zeigen.
Und anvertrauen wird er es dir erst recht nicht.

Außerdem ist euer Verhältnis generisch


äußerst vertrackt. Was immer sonst du zu
entwirren versuchst, es ist einfacher. Und
wenn es gelänge, es wäre fatal. Es wäre

euer Ende. Unabhängig davon, an welcher


Stelle ihr euch gerade befändet. Dasein
gibt es nicht anders als Verstricktsein (das

ist nicht schicksal- oder schuldhaft gemeint,


sondern schlicht sachlich). Ihr seid euer beider
Verstricktsein, und alles das, was ihr könnt.

CXX
31 (121)

(Ein Schiff, geladen. Allegorie der einen Art.)

Er sagte, er müsse eingestehen, dass ihm


Tamarisken in voller Blüte weniger gefielen.
Aber immer, wenn er bei den Tamarisken ist,
geht es ihm nicht um das Gefallen. Hier

empfindet er die Dichte der Welt wie ohne


Gewicht und als wäre sie kein Dickicht. Und
Die Bäume hier haben zwar Augen, können
aber nicht schreien. Und von ihren Tränen

schmeckt man nur das Salz in der Luft und


der Erde. So wie man, sagt er, als wäre das
klar, die Schritte der Engel nur am Schwingen

des Bodens erkennt. Hier sagt wirklich alles


etwas. Und es lacht dich auch gleich aus,
weil du ihm alles glaubst und abnimmst.

CXXI
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier V

1 (122)

(April is the foolishest month. Eine


Allegorie der anderen Art.)

Wenn die Welt, wie Alices berühmte Katze,


nur aus Lippen bestünde, wäre sie meine
Favoritin, und ich pfiffe auf den Rest. Es
wäre alles gut bestellt. Vielleicht nicht bis

in die letzte Hochzeitslade, aber wir brauchen


ja nicht alle zu öffnen. Einige lassen wir in
den Mundwinkeln ruhn, zusammen mit dem
bösen Blick, der da blitzt und blinkt. Mit

rechten Dingen gehts nur beim Leinentuch


zu. Mit letzten Dingen, sagt der Witz, der hier
die Szene beherrscht, könnt ihr euch nur bei mir

eindecken. Stellt euchs nur vor: eine makellose


Decke aus allerletzten Dingen deckt die Welt, die
nur aus Lippen besteht, die auf den Rest pfeifen.

CXXII
2 (123)

Wenn einer nicht kann, was er von sich fordert,


wie konnte er es dann von sich fordern? Misskannte
er denn seine Kräfte? Eher doch nicht. Wollte er
sich denn nicht nur eine Gelegenheit geben, eine

Gelegenheit, zu glänzen? Also einen Wink? Es


stiftet einen zarten Selbstbezug, sich einen Wink
zu geben. Keiner sollte ihn enttäuschen. Einen
Wink enttäuschen und Gelegenheiten nicht zu

ergreifen, sind Dinge, die ihr euch ersparen müsst, der


Liebe und der Güte wegen, die es zu schonen gilt, wenn
sie schon einmal an einem Wegrand stehen und warten,

stolz, aufgeputzt und herausfordernd. Denn dann haben


sie eigens geübt, wohl auch Stunden genommen. Alle
Abgestimmtheit der Weltenelemente ist reichlich gefährdet.

CXXIII
3 (124)

Was Allsympathie ermöglicht

Blödsinn ist reich; er hält sich selbst aufrecht.


Und gegen Egozentrismus ist nichts zu sagen. Da
haben wir uns längst verständigt. Wir bleiben auf
der Ebene des Trotzes. Und jedes Chaos ist ein

ganz Vertrautes. Auch die Distanz zu uns selbst


bleibt sich überlassen. Wer falsch anfängt,
muss falsch weitermachen und wird falsch
enden. Das ist gut und zwangsläufig. Ist doch

das Falsche das Wirkliche. Hier gibt es keine


Außenseite, keine Außenseiter. Götter haben
zwar Kollagenhände und würden Schatten gerne
haften lassen. Aber das dürfen sie nicht wollen,

solange das Spiel der Kontretänze noch möglich


bleiben soll. Sympathie braucht fraglosen Abstand.

CXXIV
4 (125)

Mich haben die Äste und die Lianen nie so


überzeugen können. Ich wollte mich nicht
tragen und wollte mich nicht ersticken lassen,
nicht nur von ihnen. So verzichtete ich eben

auf das Leben. Wenn ich den Erzählungen trauen


soll. Es ist ihre Art, immer so wissend belehren
zu wollen. Und das würde ich doch lieber selbst.
Aber das Leben, ich sagte es gerade, hat vor mir

einen Haken geschlagen. Das war seine übermütige


Rache an mir, und ich frage mich, warum es mich
so ernst nahm, so ernst, dass es mir übermütig ent-
glitt. Nur weil mir nicht danach war, nach den Lianen,

diesen oder auch jenen. Seither muss ich mir vom Leben
erzählen lassen, wie es trägt und auch den Atem nimmt.

CXXV
5 (126)

Das 7. Siegel

Entpuppte graue Eminenzen. Diese schwarzen Schatten


am Horizont, auf der Bergeskette, die du gerade noch sehen
kannst. Von einem Tod und einem Teufel geführt und gezogen.
Scherenschnitte, von einer flink klappernden Schere aus dem

unteren Rand des Himmels geschnitten. Dankenswert, dass er


dafür herhielt, uns Gestalt zu geben. Der Teufel, hört man, läuft
sich immer so ins Ungewisse voran. Als Schattenriss, oder
ähnlich, mit sehr schmalen Füßen einen klingenscharfen

Bergscheitel entlang. Ohne Gedanken zu verschwenden. Sie


sind zu wertvoll. Denken sie. Aber wer etwas verhehlt, macht
nicht notwendig Gewinn. Auch verhehlte Gedanken hecken

nicht. So gerne sie es täten. So klug sind sie, dass sie sich
auf solche Tricks nicht einlassen. Verborgenes
lässt nicht mit sich wuchern. - Denke ich.

CXXVI
6 (127)

Gymnopädisch fällt ein Schnee.


Er meint es sicher gut. (Allegorie)

Er hatte plötzlich, ungefähr mitten in der Nacht,


das Bedürfnis, hinunter und auf die Straße zu
gehen, eine Handvoll Schnee von den zugeschneiten
Autos zu nehmen, und damit seine Augen zu

kühlen und auch zu trösten, ihnen gutzutun. Es gelang


und trotz der unspektakulären Umstände wurde es
zu einem beglückenden Augenblick. - Obwohl er
es gar nicht tat. Er ging die Treppen nicht hinunter.

Aber der Schnee war da. Und blieb an seiner Stelle.


Die Autos blieben ungestört in ihrem Schlaf. Die
Nacht blieb still und rein. Und niemand musste

auf dem Weg verwundert innehalten und sich


fragen: Was tut denn der da? Glaubt er denn wirklich, so
etwas gutmachen zu können an der Welt?

CXXVII
7 (128)

Doch keine Zeile zuviel, anders als erwartet.

Wären Untaten doch ungetane Taten, wie


Komplizen, die sich nicht umgarnen lassen. Mit
ihnen stiehlst du keine Pferde. Und der Garten
des Nachbarn darf der Ruhe und der Süße

seiner Kirschen bis auf weiteres ungestört


und alleine genießen. Solcherart Untaten
haben zurecht einen guten Ruf. Sie ersparen
der Welt wenigstens eine weitere Wunde. Sie

erlauben es den Helden, einmal zu verschlafen.


Damit sich die Welt, wenn auch kurz, der nächsten
Wunde, die man ihr schlägt, ein wenig, entgegenheilen

kann. Die Sekunden, die Götter, schauen sich, fast


lächeln sie, gegenseitig an und nutzen die Zeit, im
Spiegel der Tränen der anderen, sich ihrer zu versichern.

CXXVIII
8 (129)

Es dauert, bis du hörst, was du siehst.


Das liegt am Tempo des Schalls.

Ein Dichter sagte sich: Es ist zwar zu spät,


aber von vollkommener Niedlichkeit zu sein,
das ist wenigstens kein Vergehen. Und wenn
es eine Kriegshandlung wäre. Ein Kopfkissen

kann einen Kopf hufeisenförmig umschließen,


und wenn seine Enden es ein wenig zu eng
miteinander halten, schenkt es dem Kopf ganz
sonderbare Träume von Umwundenheit oder

anderen herrlich weiten Aussichten in die


Landschaft. Es dauert Sekunden, bis du hörst,
wie die eisernen Stangen, wohl Schienenteile,

die die Arbeiter, die Gleisbauer, in der Ferne von


den Pritschen werfen, klangvoll auf die Erde schlagen,
hier oben, in heller Luft und unter schöner Sonne.

CXXIX
9 (130)

Incarnatum et incantatum

Anders gesagt: auch Worte verspäten sich immer


aus den Mündern. Gleichgültig, wie schnell Zunge
und Lippen sie auch formen. Weil sie Schall sind
und Hauch, die ihren Weg zurücklegen müssen. Der

ist ihnen unumgänglich. Auch Wörter müssen, das


wissen wir, erinnert euch, aus der Genesis, den Weg
des Fleisches gehen, bis sie irgendwelchen Ohren,
gleichsam zeugend, sich einwohnen können. Das

ist immer schwer, und fällt ihnen schwer, weil sie


vom Gehen des Wegs erschöpft und geschwächt
sind. Und kaum mehr ihrer selbst inne. Das ist nun

mal so, weil alles, das in die Welt geschickt ist, ent-
schuldigt den ältlichen Kalauer, ein Schicksal tragen muss,
peinlich schwer. Und Wörtern geradezu verdrießlich.

CXXX
10 (131)

Vision sans titre, un peu impossible

Er wagte es wirklich, zu sagen: Wenn ihr der Welt


doch noch einen Sinn abtrotzen wollt, bleibt euch
nur, es auf dem Weg der Selbstbefriedigung zu ver-
suchen. Oder, sagen wir, zumindest nach ihrem

Modell. Oder ihr müsst die Stimme eurer Seele so


vollkommen ausbilden, dass sie Porporas Placidetti
zefiretti zur eigenen Zufriedenheit und Lust mit sich
selbst singen kann. Wenn sie dann, wenn der Gesang

geendet hat, von der Zeit von der Stelle weggerissen


wird, sich nach sich umdreht und nach sich umhört,
wird ihr Blick von sich so schmerzlich erfüllt sein, wie

es nie der des Narziss war. Und ihr Ohr so schmerzlich von
der eigenen Stimme schier unendlich geweitet, wie es nie
das Ohr der Echo war: Et Voilà! - Jetzt geschieht der Welt Sinn.

CXXXI
11 (132)

„Ich kann dir auf diese Ebene nicht folgen.“ - Wer


sagt denn, dass es eine Ebene ist? Du solltest das
anders sehen, dann bist du schon da. - Siehst du!
Du brauchtest nur überhaupt etwas wollen. Das

Genügte schon, um bei mir zu sein.

CXXXII
12 (133)

Das Bild vom Pferd, das sich aufbäumt, wurde


doch von mir nicht aufgebracht! Pferde liegen
mir auch nicht nahe. Ich lag einfach nur wach
und ließ mir, wie man sagt, die Welt durch den

Sinn gehen. Da sah ich es erschreckend nah


vor mir. Und hatte nichts einzuwenden. Aber
nur seine Nähe war erschreckend, nicht das
Bild. Und nicht das Pferd. Und die Wucht seines

Aufbäumens war schrecklich, weil ich sah, wie


es vor sich selbst erschrak und maßlos scheute
vor dem Bild in seinem inneren Spiegel, vor

diesem Aufbäumen, das es nicht wollte, gegen


das es sich aufbäumen musste, um nicht
gegen den Rand der Zeit zu prallen.

CXXXIII
13 (134)

Zitat

Das Heilige, sagt er, ist etwas, das du auslesen


können musst. Für einen Analphabeten, unter
anderen, ist es nicht zuhaus. Eine Säule hingegen
oder ein Reliquiar seien zwar achtbare Requisiten,

aber fast ein wenig zu demonstrativ (eine


Monstranz würden sie freilich ausnehmen, die
sei doch was Erwähltes, wie die Sonne es sei).
Im Grunde sei ihm alles Ausgestelltwerden

fremd. Wie könne denn das, das etwas irgendwie


hat, ausgestellt werden. Es sei ja doch gar
nicht sichtbar. Es sei ja nur, wenn überhaupt, so

lange wie der Versuch, es zu entblößen. Gleichsam:


die erfüllte Leere zwischen den Atomen eines
Etwas, eben das, was ausgelesen werden müsse.

CXXXIV
14 (135)

Das Verstehen ist die Synthese des Traumas (bzw. wäre es)

Das Knäuel aus Himmelsleitern, aus den Resten


meiner früheren Elogen auf diese Sonderformen
der Gnade, bemüht sich in aller ihm zu Gebote
stehenden Form, meinem ungetrübten Trachten

beizustehen und mir die souveräne Ironie des


Erlösungsweges augenzwinkernd darzulegen. Wohin
geht es des Wegs in einem Knäuel, auch wenn es
aus Himmelsleitern besteht? Immer auf die Gipfel

der Berge des Herzens. Vorbei an den Kiosken


der steilen Passstraßen. Wo du dich, hier, mit
Erkenntnisproviant versorgst. Das Szenarium verlangt
eine gewisse Schlüssigkeit der Assoziationsketten. -

In der dünnen Luft klingen die Gebetsmühlen wie


kleines Gedankengeröll, das wieder nach unten will.

CXXXV
15 (136)

Wenn man wissen will, was kostspielig bedeutet,


muss man doch wissen, was ein Kostspiel ist, und
was darauf steht. Vielleicht sogar eine schwere Strafe.
Denn wenn du die Normalität nicht anerkennen willst,

hast du schon im Vorfeld jeder Möglichkeit auf jegliche


Anerkennung Verzicht geleistet. Dein Glück ist jedoch,
dass sie nichts von der Herr-Knecht-Dialektik verstehen.
Und ganz so von allen Geistern verlassen, wirst du am

Ende nicht dastehn. Nein, das soll kein Trost sein. Der
steht dir trotz allem nicht zu. Und ich, ich habe auch
keinen zu bieten. Kein Gran (65 Milligramm) und vor
allem kein Quentchen (4 Gramm). Aber, ja, so ganz allein

wirst du am Ende nicht dastehn. Und als Zeugen für die


hiesigen Zustände werdet ihr noch unverzichtbar sein.

CXXXVI
16 (137)

Ach, dieses Atems wonniges Weh‘n

(Siegfried)

Mit allem Gerede, sagt er, überfordert er


das Schweigen und macht es klein. Zwar zu
einem Komplizen, aber einem sehr kleinen,
der ihm nichts mehr zu sagen hat. Es taugt

Ihm gerade noch dazu, bei seinen Raubzügen


zu assistieren. Die Aufgabe des Schweigens sei
es, seine Schuldigkeit getan zu haben. Dann
dürfe es bleiben. Wie ein erbrochenes Siegel.

Das Schweigen weiß um seine Abhängigkeit,


weiß, dass es, sagt er, nur bezeugen kann,
dass es gebrochen wurde. Wenn du ein Schilf-

rohr knickst, hörst du den Laut, der um


das Schweigen klagt. Und Klagen, sagt
er, wiederum, ist definitives Verwehen.

CXXXVII
17 (138)

A fountain pen filled with blood

Er glaubte, Komponisten gute Ratschläge


geben zu müssen, und sagte ihnen: „Achtet
darauf, dass sich eure Musik nicht so komponiert
anhört und nicht so aussieht. Sonst habt ihr etwas

falsch gemacht. Es gibt eine Kunst, die sich


selbst verübelt. Und das geschieht ganz un-
willentlich. Eine Rache an sich selbst, die mitten
durch sie hindurchschlägt. Das kann sie nicht

aufhalten, wenn es geschieht, denn es geschieht


wie ein Machtwort, als würfe Zeus einen Donner-
keil, mltten ins Getriebe der Welt.“ - Er glaubt, es

so sagen zu müssen. Er sagt, das sei eben die Art,


wie sich die Welt stellen muss. Wie sich ihm die
Wörter stellen. Mit offenen entzündeten Händen.

CXXXVIII
18 (139)

Sag nichts Unbedenkliches. Es soll doch


für alle Fälle gelten.

Eine (sehr) kleine philosophische Blasphemie

Werft ein paar Worte aus seinen Haupt-


Werken in einen Topf oder eine Urne, benennt
eine Jungfrau, daraus Worte wie Lose zu ziehen
und bittet sie, wenn sie es kann, zu lesen:

„Geworfen bin ich bis zum Tod,


zuhanden, im Geviert.
Helfen könnt er zwar, der Gott.

Solange ihn das Seyn geniert,


wendet er, aber, keine Not.
So bleibt das Man, ganz ungerührt,

verfallen dem Gerede

das niemals zum Ereignis führt und wird.


Denn wenn es einmal wäre,
verdürb‘ es jede Kehre.“

CXXXIX
19 (140)

Dann kannst du alles andere absagen

Wenn du, mit dem Ziel, es selbst zu


verstehen, die Seinsweise der Schöpfung
einen Zungenschlag nennst, dann machst
du sie klein und verdichtest sie unendlich:

Dein Wort ist eine Lupe, auf der einen Seite


ihrer Linse das ganze All, aufgestellt zu einem
Gruppenphoto, wie vor einer Kamera Nadars,
auf der anderen Seite wartet ein absolutes

Papier auf die Spitze des universalen Strahlen-


Bündels, das es entzündet, du kennst das
Kinderspiel, das mit Sonne, Lupe und Papier oder

Hand und Bleistift und Papier, das, zum Brennen


gebracht, das schwarze Auge mit seinem
rötlichen Rand weitet, ad infinitum, sagt er.

CXL
20 (141)

Es ist wie bei großen Opernbällen der


Weltgeschichte: nicht allen stehen sie
offen, aber viel Geschehen kann sich
darum gruppieren. Und jedes hat sein

Motiv. Und keines ist untergeordnet. Alle


tanzen um ihr Leben, ums Privileg der leeren
Mitte. Rundherum ist ja nicht schwer. Und
dennoch, sagt er im traurigen Augenblicken,

fehlt nicht doch eine beschwingte System-


Theorie des Opernballs? Die Antwort darauf,
warum die Dinge nicht anders vergehen? Es

könnte ja sein, dass jüngstens und letztlich die


Frage entscheidet, warum uns keine würdigeren
Wege zu vergehen zu finden gelungen ist.

CXLI
21 (142)

Le lendemain du jugement dernier, revisité.


- Eine Meditation vor einem kalten Kamin -

(Bei einer Re-Lektüre Ernst Blochs)

Wir hören endlich leer auf. Wir haben lange genug darauf
gewartet. Wir sind im Noch-Nicht, dem Sumpf, nur zu all-
mählich versunken, und hielten es jetzt für Meeresstille,
dann für glückliche Fahrt. Und hatten uns stets zu viel,

um werden zu können. Aber das Durchspielen aller denk-


baren und unbedachten Unarten des Daseins hielt uns in
Atem, hielt uns in Schach. Und hielt uns stets munter, hielt
uns unter und über Wasser- und Blütenfall. Und wir, wir

hielten noch das Ende für Übergang und glaubten noch beim
letzten Stolperschritt, die Schwelle Jerusalems zu meinen.
Im Verwechseln von Farben waren wir ja immer wie geübt.

Und ob das nun wirklich ein Surplus an Gnade, ein verspätet noch
zugesteckter Gnadenjoker ist, dass wir den Tag nach dem Letzten
Gericht noch einmal besuchen dürfen, das muss wieder offen bleiben.

CXLII
22 (143)

Die Zeit, jederzeit unbeschreiblich


(würde zu einem Werbetext taugen)

Wenn jede einzelne Schneeflocke eine Silbe


ist, ist keine Silbe des Winters wirklich betont.
Und wenn etwas rieselt, rieselt es wie die Zeit.
Und widersetzt sich überhaupt jedem Ton.

Deswegen kannst du es nur sehen, wenn ein


Schneefall endet. Aber auch nur, wenn du dabei
genau bist. Und dir der Wahrheit getreu auch

einbildest, dass du es siehst. Und den Schnee-


Sturm, den du hörst, darfst du mit dem Schnee
nicht verwechseln. Das wäre dilettantisch. Die

Schneesilben zählen, so, wie sie sind, unbetont, weiße


Zähleinheiten der Zeit, die, wie du siehst, fallen,
als wollten sie umkehren, ohne es zu betonen.

CXLIII
23 (144)

Auch das Nirvana, sagt er, ist eine Endlösung,


wie ich sehe, die der seltsamsten Art. Es sagt,
ich bin das, das ich nicht bin. Dass auch ihr das
euch denken könnt, nenne ich mich Verlöschen.

Ihr habt das von mir übernommen und wiederholt


es gern, mit einem feinen verwehenden Schimmer
in euren Augen, als spiegele sich darin etwas,
das euch verrät. Ihr denkt, ihr dächtet, was

nicht zu denken ist. Und schaut der unendlichen


Appetitlosigkeit mit größtem Appetit ins
Gesicht. Unternehmerisch seid ihr gut

beraten, den Pudding zu essen, den ihr


nicht habt. Das Nirvana sei, sagt er,
aber nicht geeignet zum Verzehr.

CXLIV
24 (145)

Strange Fruits

Solange du mir keines gibst, habe ich kein Programm


zu sein. Solange gibt es auch nichts zu stürzen. Keine Statue.
Keine Säule, wie es so oft geschehen ist. Ohne Programm
kommt es nicht dazu. Ohne Programm hast du eine

gewisse Sicherheit zu sein. Du folgst deinem Dasein wie


mit einem Finger auf einer Landkarte, die unter deiner
Fingerspitze entsteht. Und beim nächsten Schritt schon
nicht mehr erkennbar ist. Aber das liegt ja nicht in deinem

Interesse. Es kommt dir nicht einmal in den Sinn, dich zu


fragen, wie andere, die neben dir, das machen. Und wenn es
dir in den Sinn käme, würdest du darauf verzichten. Du bist,

das weißt das du, zum Zwangstaufen nicht berechtigt. Aus


Furcht vor den Folgen würdest du auch ohne Lizenz darauf
verzichten. Nur vage Seinszustände haben nichts zu klagen.

CXLV
25 (146)

Rätselkiste Alltag

Wer fängt die Sätze auf, von denen du sagst,


dass sie ins Leere gehen? Oder besteht hier eine ganz
anders geartete Hoffnung? Verstehst du denn,
wenn er wieder, im Traum, sagt, dass die

Aufgabe sei, doch endlich einen großen Stil


zu finden als Morgengabe für alles, dass es
auf seine Weise, endlich, sein könne. Dass es
zusammentrocknen könne auf das Maß einer

Vertraulichkeit mit den Göttern, sagte er wieder,


im Traum, ohne einen Schlüssel beizulegen,
oder einen Spielzeugregenbogen, als

Verständnishilfe. Wie sollen wir da Schiff-


und Systemzusammenbrüche zu irgend
einem Nutzen deuten können?

CXLVI
26 (147)

Rätselkiste Alltag (!)

Wer fängt die Sätze auf, von denen du sagst,


dass sie ins Leere gehen? Oder besteht da eine ganz
anders geartete Hoffnung? Verstehst du denn,
wenn er wieder, im Traum, sagt, dass die

Aufgabe sei, doch endlich einen großen Stil


zu finden, als Morgengabe für alles, dass es
auf seine Weise, endlich, sein könne. Dass es
zusammentrocknen könne auf das Maß einer

Vertraulichkeit mit den Göttern, sagte er wieder,


im Traum, ohne einen Schlüssel beizulegen,
oder einen Spielzeugregenbogen, als

Verständnishilfe. Wie sollen wir da Schiff-


und Systemzusammenbrüche zu irgend
einem Nutzen deuten können?

CXLVII
27 (148)

Spektralanalyse

oder

Was magische Mimesis nun doch einmal vermag


und auch bewerkstelligt.

Nur wenn wir füreinander Phantome sind


und uns gegenseitig anerkannt haben, können
wir, bei geschlossenen Augen, unseren Händen
vertrauen und glauben, dass wir uns ertasten,

ob wir nun das eine oder das andere ertasten.


Das bleibt unentscheidbar: blind Phantome
voneinander zu unterscheiden, nur mit den
Augen der Hände, bedarf einer Routine, die

in unserer Zeit kaum zu erwerben ist. Und so


doch unvermittelt gegenseitig Medium zu
sein, kann sich mit jeder anderen Art von

Verlegenheit messen. Aber, das


Seinsgefühl, das es vermittelt, übersteigt
das eines jeden denkbaren Cogito.

CXLVIII
28 (149)

Cortège

Das wird alles nur zu leicht vergessen, weil


Phantome, wenn sie sich gegenseitig bezeugen,
auch deplatzieren. Sie fürchten sich voreinander,
wie auch Zwillinge, wenn auch weniger sichtbar,

es tun. Nur Nähe ist die notwendige


Bedingung von Entfremdung. Der Schrecken, der
der Einsicht folgt, einander erzeugt zu haben,
und sei es nur durch die zeugende Kraft der

Einbildung, ist der nicht die Urgestalt des


Traumas? Ein jedes ist der Geleitzug seiner
selbst. Unberührbar. Das Nächste, außer
Reichweite. Der Kipppunkt des Zwielichts.

CXLIX
29 (150)

Utopische Szene

Jede Ordnung ist eine Falle. Aber die Fallen


werden geräumiger von Ordnung zu Ordnung,
in aufsteigender Folge. Und das Denken wird
aufatmender von Stufe zu Stufe, wenn das zu

sagen erlaubt ist. Und Wahrheit und Freiheit,


beginnen, sich einander aufzusammeln und
zurückzugeben. Nur ihre Zungen: erst fanden
sie die nicht, und jetzt wollen sie nicht recht

anwachsen. Sie befürchten, wieder wider ihren


Willen aussagen zu müssen. Sie fürchten sich dabei
weniger vor dem Zwang, als vor den Aussagen,
zu denen sie gezwungen werden könnten. Es sind

ja die Zungen, die am meisten gesehen haben. Und


sie denken jetzt: Wir passen in keinen Mund mehr.

CL
30 (151)

Furta sacra

Nein, nicht der Rest der Natur, die Natur des


Rests, das Stück Gottes, das er uns aus seinem
Fleisch riss, der Fetzen, den er uns aus dem
Wort riss, das er einmal gewesen sein soll, -

dieser Rest also, wie aus dem Ossarium der Welt


geraubt, wenn er plötzlich auf unserer Hand liegt,
wie Diebesgut, ohne dass wir uns unserer Schuld
erinnern. (Wir sollten es auch nicht.) Dann sind

wir im Vollbesitz unserer Ratlosigkeit. Und es hegt


uns der Verdacht: Gott hat sich das überlegt, wenn
auch nicht zu unserem Vorteil und Existenzgenuss.
Aber es ist ein außerordentliches Geschenk, das hilft.

CLI
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier VI

1 (152)

Das andre, das andre verschweig‘ ich, obgleich es die


Welt nicht weiß

Wir übertreiben die Unterscheidung der Dinge. Ob dies


oder das, das ist nicht wichtig. Wichtig ist, zu erkennen,
was es bedeutet, dass du diesen oder jenen Part spielst.
Welchen, wie gesagt, das ist nicht bedeutsam. „Ich, für

meinen Teil, sagt er, übersetze gerne morgens ein chine-


sisches Gedicht, auch einmal zwei, lese später in einem
scholastischen Traktat, und frage mich dann noch, was Kant
oder Napoleon denn nun tatsächlich für die Weltgeschichte

bedeuten. Mittags aber, ob nicht doch ein gewisser Sinn


darin bestände, täglich ein haiku zu schreiben, wenn irgend
möglich auf Japanisch. Ein, zwei Stunden später geht es mir

unweigerlich durch Kopf und Sinn, ob ich Rameaus Genie nicht


doch (ein wenig) überschätze. Und ob ich das Café Procope nicht
doch zu Unrecht für die bedeutendste aller Weltbühnen halte.“

CLII
2 (153)

L'artiste de la vie parle,


toujours d'une voix empruntée

A dateless lively heat,


still to endure,

Shakespeare, Sonett 1

„Meine Lebenstechniken sind durch und durch grobianisch. Die


brauchte ich nicht zu erlernen. Sie haben anderen vieles voraus.
Und schützen mich vor Bewunderung und Mitleid. Sie kommen
daher, als wären sie weit verbreitet, dabei sind sie nichts weniger

als das. Ihnen eignet das routinierteste Alleinstellungsmerkmal,


das du, zumal du, dir denken kannst. So sehr du es auch leugnen
magst. Lebenslinien entspringen dem technischen Wissen, dass es
sie erst einmal geben muss, um sich kappen zu können. Es ist

immer wieder überraschend, wieviel Klugheit vorausgesetzt ist,


um überhaupt anfangen zu können. Auch Lebenslinien sind Lianen,
die sich durch den Dschungel der wuchernden Stunden schlingen,

den sie wie ein dichtes Gewebe aus armdicken Fäden aus sich heraus-
spinnen und -drehen, mit dem gefräßigen Klassenziel, sie zu kappen, aber,
unbedingt, noch, sei’s auch noch so knapp, vor dem Ende aller Zeiten.“

CLIII
3 (154)

Aber warum sollten denn Werkzeuge nicht


nicht nur dem dienen, das zu zerstören, was
sie bilden? Sie müssen es. Sie sind nur dazu
da. Sie führen sich selbst nur aus in allem,

was sie tun. Was sie bilden und formen, auch


das, was sie zerschlagen, zeugt und zeigt nur
das, was sie sind. Im Marmor, den die zerhauen,
treiben sie sich hervor, bis zum letzten Schlag,

in dem sie tonlos verwehen in ihre nun endlich


gewordene Gestalt. Die hängt jetzt, wie Michel-
Angelos berühmte Haut, nur um vieles substanz-

befreiter - luftig-untastbares Glas, geeicht für jede


Falte des Unendlichen, nur grenzenlose Formbarkeit -
am Kleiderhaken im Garderobenraum Jerusalems.

CLIV
4 (155)

Nur eine Frage an die Theodizee

Wie kamen sie darauf, dass das Glück


geschmiedet werden könne? Oder gar
geschmiedet werden müsse? Wenn also
das Glück nur eine Option des Schicksals ist,

ist jedes Schicksal ein Geschmeide, das im


Widerspiel von Hammer, Amboss und zwei
Händen entsteht. Aber wie, wo und woraus?
Und nach welchem Modell? Und in welchem

Takt? Aus Quecksilber kann es nicht sein, wie


Ihr seht. Und wirkliches Eisen taugt hier auch
nicht. Wahrscheinlich, so schwer es auch fällt,

sich das zu denken: wenn wir dabei bleiben, dass das


Schicksal geschmiedet wird, kann es doch nur die Zeit
sein, die da unterm Hammer auf dem Amboss sprüht?

CLV
5 (156)

Schicksal wäre also reine geformte (geschmiedete) Zeit In


einem Nomadenzelt einer Wein- oder Bauernstube
einem Arbeitsplatz auf einem Fußballfeld einem Schnell-
Boot in einer Mönchsklause einem Biergarten einer Zelle

oder einer Hirnwaschanlage an einem Drehtisch in einer


Drehtür einem links- oder rechtsdrehenden Wirbel und
einem Sommerressortegoismus einem Kuckucksnest
einem Glocken- und auf einem Richter- und Kaiserstuhl

einer (und das nicht zuletzt) Kirchenempore einer Polizei-


oder Paketstation in einem Abgeordnetenhaus oder
-sessel einer Babyklappe einem Klapperschlangennest

auf einer Traum- und Pappelinsel in einem Schilfversteck auf


einem Schlachtfeld und in einem Schlachthaus einem Seifenopern-
Foyer auf einem Wachturm an einer Schlafstelle einem Schlusspunkt

CLVI
6 (157)

Da der Mai nun einmal gekommen sei, er käme


ja mit jedem Schlusspunkt, sei es an der Zeit, wie
man sagte, sich neu zu orientieren. Und zwar schnell,
bevor die Sprache, samt Sache, einem fortliefe. Das ließe

uns nämlich schuldig (was nicht weiter schlimm wäre),


aber eben auch sprachlos zurück. Und es wäre nichts
mehr da, das sich neu oder überhaupt auch nur
orientieren ließe. Zu jeder Orientierung gehöre ein

Subjekt. Manche meinten sogar, es wäre vorausgesetzt.


Aber das kann so nicht stimmen. Denn was würde mit
einem solchen Subjekt passieren, wenn es neu orientiert
würde? Ihm würde der Kopf verdreht. Seine Nase und

seine Ohren würden in eine äußerst schmerzhafte


Steillage versetzt. Et tout, tout tournait sous ses yeux.

CLVII
7 (158)

Sie hat sich, sagt er, weiß Gott, überschrieben.


Sie hat sich, ganz konventionell, eine Haut aus
Milch und Schnee gemacht, aus den Zeichen,
die darauf geschrieben stehen. Wenigstens das

Wunder, darauf schwört sie, musste, sagt sie, ich


vollbringen. Das war, als wäre ich eine Schlange,
die sich aus euren Häuten und Schläuchen windet
und, hört nur, befreit. Meine neue Haut ist

ein sprödes Rieseln von Staub. Ihr seht, ich


entwand mich ins Unüberwindbare. Und eines
könnt ihr mir nicht mehr antun, das, was euch
das Liebste es, meine Haut zu brandmarken.

Für glühende Eisen ist sie nicht mehr zuhause.


Vielleicht, dass sie sich einem Sekretär anbietet.

CLVIII
8 (159)

Heute sah sie, vom Fenster aus, eine Allegorie:


Ein großes, ungenutztes Trampolin im Hinterhof,

im Schnee. Als Bestätigung lag auf der Mauer


davor, wie immer, diese metallene Himmelsleiter.

Sie dachte: Nein, das Paradies ist nicht verloren,


es ist verkommen, viel mehr als nur verloren.

Deswegen kann es auch nicht dahin zurückgehen.


In den Sumpf gibt es nur ein Vorwärts, ho!

CLIX
9 (160)

Vielleicht ist Präzision wirklich das Ende


der Ideologie, der Schlusspunkt, an dem
die reine Genesis beginnt. Wo, du kannst
nichts dagegen ausrichten, du nur etwas

Wahres sagst. Und du erkennst es daran,


dass du dafür Kopfschütteln erntest. Weises
Kopfschütteln. Reiche Ernte, die dich so
manches lehrt. Mit der Wahrheit verhält es

sich wie mit dem Mystischen. Sie zeigt sich


oder zeigt sich nicht. Und zu dem, was sie ist,
lässt sie sich nicht erklären. Dazu hat sie sich

nicht herabgelassen. Dass sie sich in ihrem


Zeigen, wie geniert, auch verbirgt, ist für sie
Koketterie, für uns Dilemma und Schicksal.

CLX
10 (161)

Points de passage

Schlusspunkte sind die eigentlichen Kreuzungs-


Punkte auf allen Seinsplateaus. Und die Grenz-
Linie des Universums besteht aus einer einzigen
endlosen Linie aus solchen Kreuzungspunkten.

(„Das kann man ja gut beobachten, weil von jeder


Stelle aus sichtbar und jederzeit überprüfbar. Es
gehört zu den Tatsachen, die man nur zu benennen
braucht.“ Aber das spricht er nur zur Seite, als schäme

er sich dafür.) Wird denn auch etwas gekreuzigt, an


dem Punkt, wo es sich kreuzt, und fixiert? (Weißt denn
du das nicht? Gerade du weißt das nicht?) Was sich

kreuzt und fixiert, das sind immer nur Sinn und Be-
deutung, worauf ihr Ehrgeiz auch gehen und zielen
mag. Nur gekreuzigt geben sie sich, geschlagen.

CLXI
11 (162)

Perlages l

Die Elite derer, die delirieren, legen es darauf


an, den Teufel aus seiner Küche heraustreiben
und verzichtet dabei bewusst darauf, sich zu
fragen, was geschieht, wenn er aber geht.

Aber laufen werden sie dann auch nicht. Logik


und Absurdität verbindet eine Scheidelinie, auf
der sich bequem balancieren lässt. Hier staut
sich zwar das Leben, aber es hat gelernt, sich

anzupassen und zu gedulden. Du fragst, in


welcher Form? - Es schaut sich an und versucht,
zum Zeitvertreib, sich von sich zu erzählen.

Der Gefahr, seiner Einbildungskraft zu ver-


fallen, konnte es nicht entgehen. Der Stau dauert
schon zu lange. Und es sucht darin sein Glück.

CLXII
12 (163)

Perlages ll

Die Delirierendsten unter ihnen, die uns am


nächsten sind, wurden zusammen mit uns
vergessen. Manche reden noch von Untergang;
denen schließen wir uns aber nicht an.

Es ist, wie auf diesem schönen Bild, nicht


entscheidbar, ob es zwischen Ästen auf
Spinnenfäden aufgehängte Staubtropfen
sind oder die kleinen perlenhaften Hohlräume

im Champagner. Es ist ihnen, um das Mindeste


zu sagen, gleichgültig. Sie gehören zu allem,
was sich zufrieden gibt mit seinem Dass. Der

Rest wäre eine erstickende Zutat, wenn nicht


ein tödliches Attribut. Erst erstickte es ihren
Glanz, dann ihr Leben, dann ihr Hiersein.

CLXIII
13 (164)

Petrographie

Wenn er sich doch nur, klagt er, wie andere


Dichter, mit unproblematischen Wahrheiten
abspeisen könnte. Er wäre, sagt er, immer
satt und seine Karambolagen mit der Welt

blieben überschaubar, vielleicht sogar abzähl-


bar. Sich in einem solchen grünen Bereich
aufhalten zu können, das wäre um eine Welt ange-
nehmer. Geist und Seele hätten bisweilen Zeit,

ihre Hämatome auszuheilen. Er könne aber,


freilich, nicht mehr darauf hoffen. Überhaupt,
Hoffnung das sei ein no go, wie es heute so

präzise genannt werden könne. Früher, sagte er noch,


stand man allein in einer Wüste oder auf einem
Schafott. Heute zum Abschuss in einem Eiskanal.

CLXIV
14 (165)

Fest im Mondgeflecht, das er mit keinem


teile, zwar jeder Bewegung verschlossen,
steht er doch, ständig sturzgefährdet, wie
damals, mit ausgebreiteten Armen, auf der

geteilten Stufe des Tempeltors auf Naxos, wo


ich, sagt er, den Wind, der mich doch wegtragen
wollte, unbedacht auffing. So kam es mir vor. Dabei
versäumte der Sturmgott nur, mich zu stürzen

und mich auf seinem Felsenaltar sich zu opfern.


Ich weiß jetzt warum. Er hatte mich nicht
bemerkt. Überm Meer, noch weit vor dem

Tor, hat er sich umgewendet, um das zu sehen,


was er nun sieht: das Meer aus Sonne, die Sonne aus
Meer. Er teilt meinen Blick und sieht mich daher nicht.

CLXV
15 (166)

Perlages III (Auch: Genealogie des Stucks)

Manchmal treiben sie aus einem Punkt und in einem


solchen Tempo hervor, dass ich sie nicht mehr unter-
scheiden, geschweige denn zählen kann. Sie sind dann
wie das zweideutige Verhältnis von Kontinuität und Dis-

kontinuität, überhaupt. Wie alles, ins Einzelne gesteigert.


Aber eben keine Singularitäten, das ganz und gar nicht.
Singulär sind sie nur als Schwarm, und eher noch als ein
Schwarm aus Schwärmen. (Einem klirrenden Festgelage.

Sprach man nicht einst von bacchantischen Schwärmen?)


Stell sie dir vor, ins Unzählige getunkt, in den Punkt also,
wo einzig ihre Einsamkeit sie nicht unterscheidet. Eins in

alles eingeregelt, universelles Schiefergestein. Zur Starre


nur überredeter Schlamm. Aber das genügt ja. Nun ist es zu
allem geeignet. Als Baumaterial, das trägt, oder auch schmückt.

CLXVI
16 (167)

Aber preisen, Rilke, das wär‘s nun doch wirklich nicht mehr. Das hat
sich verausgabt. Und steht nun mit heiserer Kehle wie eine tau-
frische, gerade erbaute Ruine da. In einem Rahmen aus Geräusch,
das vom Atlantik herkommt, um den Hals einen flatternden Schal,

einen gelben Piratenschal, der nichts von der Härte dieses Berufes
an sich hat oder zu spüren gibt. Das Taufrische als Ohrenschmaus.
Als Schmaus, der sich den Ohren, ihren feinen Reißzähnen, al dente,
anbietet. Ein wenig zu promiskue für Ohren, die sich ihrer Ehre, mehr

noch ihres Standes, er möchte sagen: phantomschmerzlich bewusst


sind. Was überlebt ist, bildet sich allzu gerne ein, überlebt zu haben.
Dabei behaupten sie doch, man könne nicht das Gegenteil sein von dem,

was man zu sein behauptet. Aber wer seiner Konsequenz keine Grenzen
zieht, der hat keine. Um ob l’embarras eine belastbare Existenzform ist, ist
nicht einmal erforscht. Und Überstehn, Rilke, das ist nun doch auch nicht alles.

CLXVII
17 (168)

„Das Phantom hat mehr als einen Streich auf Lager.“

(Leroux)

Du kannst dich nicht zum Lachen bringen.


Du kannst dich nicht selbst genießen. Lachen
und Genuss sind keine Selbstverhältnisse. Und
Selbstbezüge nur, wenn du dir dabei unvermerkt

fremd bleibst. Beim Genießen und beim


Lachen. Das Genießen lässt sich allein mit dir,
und das Lachen leckt sich von den eigenen
Lippen. Der Mangel ist seine ausgerollte

Zunge. Und im Lecken löst sich die Order


auf. (Ich mach es deutlicher: Lachen gibts
nur, wo es nichts zu lachen gibt. Das ist fast

bekannt. Und Genuss gelänge nur, wenn ein


Gesetz zu übertreten wäre. das ist viel weniger als
bekannt. Jeder Niesbrauch ist schrecklich komplex.)

CLXVIII
18 (169)

Un jeu d'échecs étrangement créatif. Le rien va plus.

Das Reale ist, wenn einer, mitten im Spiel matt! ruft und
damit Recht hat. Das Ziel ist erreicht. Nichts geht mehr, einer-
seits. Du zählst die Grenzen zusammen, die du überschritten
hast, und bewertest deine Leistung. Und sagst dir, in deinem

sinnenden Haupt: Das war gar nicht so leicht, so weit zu kommen.


In diesem unwirtlichen Gebiet, dem ja du erst seine Konturen
geschenkt hast, die Spuren eines Flaneurs, der mit größter Mühe
zu zeigen versucht, dass er gar nicht flaniert. Er schafft. Er schafft

mit seinen Spuren den Schnee. Mut seinem Wein die Krüge. Mit
seinen Fäden das Gewebe. Mit seinen Fenstern und Türen das
Haus. Von den Worten gar nicht zu reden. Von wo die kommen,

weiß noch keiner zu sagen. Vielleicht: aus der Retorte, hier etwa
eines Schachspiels. Mit jedem Wort wird einem König der Ausweg
versperrt. Und endlich bleibt er. Tief eingelassen ins Spiel.

CLXIX
19 (170)

Ses regards laissaient une traîne


D’etoiles dans les soirs tremplants
Dans ses yeux nageaient les sirénes
Et nos baisers mordus sanglants
Faisaient oleurer nos fées marraines

Apollinaire

Perlages IV. Quel est l'intérêt d'être pointilleux ?

Wenn er ans Meer geht, geht er, um Fische zu riechen. Mit


geschlossenen Augen. Nur so sieht er das Meer, sagt er, auf
seine leicht versetzte Art. Er steht nie auf irgendwelchen Stellen,
er trägt sie immer mit sich. So steht er immer auf nur seiner

Stelle. Ich stehe, sagt er, auf meiner Stelle immer auf meinem
Gebetsteppich. Wo immer ich stehe, ist ein Ort der Anbetung.
Der Weltanbetung. Hier einer Libelle, dort einer Wasserperle.
und da eines Kohlenstaubs. Ich begebe mich auf meinem Teppich

dahin und schließe die Augen, um zu sehen. Und, gegebenenfalls,


zu riechen. Den Staub, die Perlen, die so schwer nur lesbaren
Insektenflügel. (Libellen stehen, das ist sehr hilfreich, länger hinter

geschlossenen Lidern als woanders.) Für eine solche Wahl der Welt-
beobachtungspunkte, klagt er, braucht es eine unsägliche Geduld. Eine
Geduld, die einen vor der Zeit noch mit der Ewigkeit vertraut macht.

CLXX
20 (171)

Billiger Rat, eine neue Moritat (für die es (echt) Zeit wurde)

Nur für den einen Prinzen Vogelfrei!

Mit der Ewigkeit vertraut, noch in der Zeit?


Schwindet dir, Zeit, da nicht alle Lust?
Was empfindet eine Welt, wie zugeschneit,
und von verbrannten Stunden angerußt?

Je mehr der Ewigkeit vertraut,


verliert die Zeit an Schlag und Takt,
verlernt auch, wie sie Pausen haut
und in das Fließen Risse nagt.

So vertraut sein, das zahlt sich nicht aus.


Es schadet nur deinem eignen Bestand,
dem einzig Lobenswerten, dem Vergehen.

Also, Zeit, halte dich zurück, besser aber noch heraus,


vertraue, auch um die Synkopen zu retten, dem Sanduhrensand,
willst du ewig und artgemäß, still, im Stand, verwehen.

CLXXI
21 (172)

Pragmaphantomatik, mit Fried und Freud (BWV 125)

Legato und Rubato sprechen mit einer Stimme: Nur wenn


sich unsere Stimme in Stimmen trennt, sprechen oder gar
singen wir mit einer. Nur so können wir zeigen, wie eins
wir sind, im Auseinandertriften, zart und rauh, hart und

weich. (Folie explosive et explosive enfermée dans une


ligne.) Wie konnte die Welt nur darauf kommen, dass wir
trennbar wären? Sie haben es versucht, und schon haben
sie nichts mehr gehört, nichts mehr gehört als die Unhör-

barheit, die sich eingebrockt haben. Falsche Ideen führen


zu falschem Handeln, falsches Handeln führt zu nichts als
Unhörbarkeit, Unsichtbarkeit, zum erschreckten Verwundern

darüber, dass das Reh plötzlich weg ist. Dass der Dunst sich
verzogen hat. Dass vom Glücksversprechen nichts als der
kichernde Zipfel eines Windsbrautkleids in Erinnerung bleibt.

CLXXII
22 (173)

Ich sitze im Bad mit eingeschäumten Haaren,


als ich aufwache, sind sie ausgewaschen und
trocken, ich denke, wie schnell das geht, es

geschieht kein Übergang, es ist der Übergang,


von einer Seite einer Zeit zu ihrer anderen Seite,
einer der Klappzeitpunkte, deren wie Fischschuppen

schimmernder Schwarm die Zeit ja ist, in unseren


Augen, jetzt kippe ich, auf oft erlebte Weise, auch mal
eine Zeile auslassend, aus dem Traum mit den trocknen

Haaren in diesen Zustand, in dem ich das alles gerade


beschreibe, lieber chinesischer Schmetterling, ich
muss sagen, ihr machtet es euch zu leicht, oder wart

ihr wirklich nur erst zwei, zwar traumhaft überkreuz?

CLXXIII
23 (174)

L’impossibilité. Chanson simple

Es fühlt sich an und weiß nicht wie.


Es hat Gefühl und traut ihm nicht.
Es sagt zu sich: Du kriegst mich nie,
ich kenne dich und dein Gesicht.

Du täuschst mich nicht mit mir.


(Diese Kunst ist mir bekannt.)
Du tust, als wärest du hier,
und stehst in einem fernen Land.

Es ist ja ein Spiel aus Nähe und Ferne,


das, freilich, weißt auch du,
doch geht es um mehr als nur erreichte Sterne,
es geht darum, im diesem Nu,

was niemals geht, in Gang zu bringen,


und frech der Zeit in ihren Lauf zu springen.

CLXXIV
24 (175)

In Wirklichkeit klatscht immer nur die eine Hand

Kletze und Tödlein, Birnengeburten, sozusagen.


Von je sehr anderer Art. Aber, wie im Kosmos, stets
aus demselben Stoff. Der Weg durch einen Frühling
ist vorgeschrieben, wie du es im Rückblick auch

sehen magst. Wenn Haut und Knochen sich einander


zeigen. Mit großzügiger Geste: Bitte, gehe du voran! Es
geht auch mit Haut und Fruchtfleisch. Dann mit einem über-
raschenden Beistand, der fordernd durch die Luft greift.

Mit untastbarer Leichtigkeit. Eulenspiegel hatte solche Schuhe.


Der andere verschafft sich Gehör mit einer unsichtbaren
Schellenkappe, allein schon mit dem Versprechen eines Klangs,

dem du nichts abschlagen kannst. Am wenigsten dich selbst.


Je unhörbarer der Ton, desto fester sein Griff. Und du hältst deine
Hingabe für Dank. Auch das ein Effekt der Unabwendbarkeit.

CLXXV
25 (176)

Tempus clausum, kleine Fasten-Redoute

Eine Singularität sei das, bei dem die


Mischung stimmt. Aber wer entscheidet das?
Mischungen entstehen auch, wenn du dich
verhumpelst. Aber die werden keine

Singularitäten sein. Nur eingeschlossene


Zeit. Mottenlöcher der Ewigkeit. (Mir gefällt
es, das so zu sagen, und ich bitte euch nicht
darum, es so sagen zu dürfen.) Und wenn,

wie schon zermürbend oft erkannt wurde, nur


das Gemischte darauf Anspruch hat, eins zu
sein, fährt sich die Fragestellung obendrein

unverschämt in die Parade. Ich habe verstanden, sagst


du dann, bitte ohne das Fingerzeichen zu vergessen,
das versichert, dass du lügst, vorsichtshalber.

CLXXVI
26 (177)

„...denn sie waren noch immer


und vor allem meerbefahrene Leute.“

(Theodor Strom)

Figuralprosa, Schwerefelder und Korollaria

Wo denn bloß die Adjektive bleiben werden, so auf erwartbare Dauer?


Der Zwang, zu qualifizieren, nimmt spürbar ab, von Gedanke zu
Gedanke, das heißt, von Wort zu Wort. Merkt ihr denn nicht auch,
wie Würde und Würze des Seins ausdünnen von Tag zu Tag? - Nicht?

Eure größte Zungenfertigkeit war doch, die Welt zu schmecken. Oder


habe ich euch auch darum umsonst beneidet? Und hätte stattdessen
zornig sein sollen, wie ein Gott, der aufs Glatteis geführt wurde? Mit
doppelter Täuschungsabsicht? Dass mir die Lust vergangen ist, zu

qualifizieren, müsste euch, jedenfalls, unmittelbar verständlich sein. Ja,


ihr müsstet, wenn es mit rechten letzten Dingen zuginge, mich auch
noch darum betrügen wollen. Um meine letzte vergangene Lust, die
letzte Zeugin, die graphitgraue Gestalt, eure getreueste Phantomskizze. -

(Dass auch dieser Schritt noch nötig war, die Adjektive zu rauben, entkleidet
die Schöpfung, will ihm scheinen, noch ihrer liebsten und fremdesten Kontur.)

CLXXVII
27 (178)

Ricochet

Er küsst eines der Lider, ein kleiner Stein,


vorbildlich zart, auf seinem Weg, den er
springt über den See. Er wird indes nicht
ankommen, soviel Schwung er sich auch

bei den Lidern leiht. Das wissen sie, und


geben ihm nicht zuviel ab von sich und
behalten sich im richtigen Maße zurück.
Und nehmen sich auch nicht zuviel für

sich, von den zarten Küssen des Steins,


die sie irritieren. Warum tut er das? Es
ist auch ein geradezu (die Lider schauen

sich komplizenhaft an) zu zigeunerhaftes


Verhalten für einen Stein! Er gehört doch
einer anderen Seinsspezies an, eindeutig.

CLXXVIII
28 (179)

(Intratopie? (M.L.))

Der Mond, jetzt schaut er tatsächlich noch so, als wollte


er die Zufälle des Tags mit sich nehmen. Hat er denn eine
Schulter? Ich habe sie noch nie gesehen. Ich vertraue ihm
meine Zufälle nicht an. Ich opfere sie lieber der Fontäne

in diesem verwahrlosten Stadtpark, was sie auch damit


anfangen mag. -

CLXXIX
29 (180)

Diskursiver Defekt, en marche

Noch einmal nicht Schluss machen. Das


Ist zwar ein bleibend interessanter Ansatz.
Der aber daran leidet, dass er so gar
Nicht neu ist, vor allem aber immer wieder

Gerechtfertigt werden muss. Es ist, als würde


Jedem Sonnenuntergang ein Goldplättchen
Übergezogen, dass er sich erhole davon,
Wieder nicht der Letzte gewesen zu sein.

Solange die Zeit dabei bleibt, eine Klangmalerei


Zu sein, etwa die eines Sandsturms, können
Wir keinen Begriff von Fortschritt oder Erfüllung

Gewinnen. Und der Goldglanz, der Rattenfänger,


von dem wir uns führen lassen, ist ein Nach-
Glühen (nur) des einen verpassten Anfangs.

CLXXX
30 (181)

Fremdartige, ja seltsame Immunitäten

Es sei, sagt er, keine Selbstschädigung


denkbar, die nicht mutwillig sei, das mache
überhaupt ihre Schönheit aus. Jede Selbst-
schädigung reihe sich ein in die Reihen des

Unbegründbaren, des Freien, des Heroischen,


und bestehe auf die Schönheit, die ihnen zu-
geschrieben wird. - Der höchste Anspruch solcher
Art verdichtet sich aber in dem Wort Freitod,

dem beschwörendsten aller beschwörenden


Wörter, denen dennoch immer alles verweigert
wird. Denn es passt zu gut (in diese Welt). Es
garantiert, dass ihm vorenthalten wird, was es

fordert. - Frage an die Pädagogen: Wie implantiert


ihr diese Mutwilligkeit in die armen Seelen?

CLXXXI
31 (182)

Den richtigen Ton nicht zu finden, das verrät


Nähe zum Gesagten, eine geradezu körperliche
Vertrautheit. Wie sie aus Umarmungen spricht,
die doch nicht sagen können, was sie meinen.

Denn nur erratische Wahrheiten besitzen und


verraten übertragbare Qualitäten. Sie sind wie
Ladungen, die bei der Reibung zweier oder auch
vieler Ineffabilien entstehen. Findlinge auf

horizontlosen Ebenen sind ähnlicher Natur und


Herkunft. Wenn sie auch die Rätsel der Genesen
bedenklich bereichern - oder auch nur

erweitern. Rätsel bleiben sich in ihrer Qualität


und Artung ja gleich. Das Problem ihrer Zähl-
barkeit, freilich, wächst und wächst, zusehends.

(182. 1, für Schaltjahre, zum Gebrauch am jeweiligen 29. Februar:

Wieder einmal nach Mallarmé

Der lastenden Wolke verschwiegene


Basis für Basalt und Lava
Bei den versklavten Echos
Aus dem stummen Nebelhorn

Welch ein grabesstiller Schiffbruch (Du


weißt es, Schaum, aber vertuschelst es)
Ein Höchstes unter den Trümmern
abgetakelter entblößter Mastbaum

Oder auch dass wild vor Wut und so


ganz ohne ernsten Verlust der Abgrund
mit vergeblich vollem Aufwand

im weißen Haar wie es da treibt


geizig ertränkt die
Kinderflanke der Sirene)

CLXXXII
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier VII

1 (183)

Existenz, diese Art, sagt er, von milder


Schlaflosigkeit, die dich immer neu überkommt,
in ungeduldigen Schüben gebetsartiger
Ziellosigkeit, Dahinwollen, Impetus am

Pranger, und als seien sie (nur), um Finger


zu haben, dich zu verweisen, dich deiner
Schlaflosigkeit zu verweisen, während die
Galeere doch unterbesetzt ist, und eine

Umverteilung im Gange sei, die das alles


gar nicht zuließe, zumal keine Schlaflosigkeit,
und auch das Milde sei längst in Verruf, du seist

eher ein Instrument, dem keine Läufe mehr


liegen, einem Mangel verfallen, zum Verzehr
durch ein fernes Signalfeuer sehr geeignet.

CLXXXIII
2 (184)

Pirouettes et pèlerins, en route

Zu welchen Versatzstücken ein Leben


gezwungen ist, das sich des Reims enthalten
will. Vor allem wenn es, wie manche Sprachen,
keine Reime kennt. Dabei sind Pirouetteneffekte

nicht ausgeschlossen. Es gibt Gründe, warum


Worte einmal schneller, einmal langsamer fallen,
das haben sie mehr im Griff als Blätter, oder auch
Steine. Die verneinende Gebärde spielt dabei

keine große Rolle. Verneinungen sind keine Pirouetten.


Verneinungen wollen sich durch Schaukeln erhalten,
selbst wenn sie seekrank sterben, bevor sie das Heilige

Land erreichen. Versteht ihr diese mittelalterlichen Pilger,


die weit und gefährlich reisten und mit ihren Händen im Brunnen-
wasser wischten, um die Schreie aus dem Fegefeuer zu hören.

CLXXXIV
3 (185)

Über das Triviale wird mir, sagt er, heute zu trivial


gesprochen. Der eigentliche Gewinn wäre, wieder auf die
Bahn zurückgefunden zu haben. Denn nur Abspurigkeiten
können auf ihrem Weg nachweislich etwas aufsammeln.

Wie alles aus der Spezies des Gemeinen Wahnwitzes.


Wie alles, das zum Überleben eine trocknere Umgebung
braucht als ein Pharaonengrab in seiner Pyramide. Wie
etwa auch Dattelkerne. - Das bedeutet: Wer Glück hat,

auf dem Weg ins Paradies, kriegt noch die Übergänge mit,
aber keine Gelegenheit, sie zu taxieren. Das wird ein sehr
schaler Rest im Paradies sein, der nicht zu erwarten war,

also sehr schwer wiegen wird. Aber wenigstens kein Dreck


mehr in der Luft, auf der Straße, am Stecken. Es ist einfach
so wie jeder Sex, der ja nur in Szene gesetzt werden kann.

CLXXXV
4 (186)

Die Maske ist der Rest der Puppe, als die du auf die Welt
kamst. Es ist gut, dass dir dieser Rest von dem, was du
warst, geblieben ist. Wie könntest du sonst die anderen
täuschen und so tun, als käme deine Stimme von irgendwo-

her? Ja, du selbst musst ihr dankbar sein, denn sie ist das,
was du von dir siehst, wenn du einmal in den Spiegel schaust,
ja, ich verstehe die Gründe, warum du das nicht gerne tust.

So ist die Maske, wie dir viele sagen, tatsächlich ein Zeichen,
und ein Zeichen, das zahllose Pfeile schießt, durch die Räume,
die es erfindet, durchquert und ermisst. Und sie finden, frage

uns nicht wie? auch tatsächlich zurück und legen die Welt als
Ernte und Beute sachlich vor dir ab. Siehst du, wie die Maske
sich verschämt umdreht, in der Hoffnung, dass da niemand steht
und neugierig ist, was du damit denn nun anfängst, pauvre enfant.

CLXXXVI
5 (187)

Im beginnenden Sommer führe nur leichte Wortschatzschwimmübungen


Durch um nicht zu erschöpft zu sein wenn die Hitzewellen kommen
Und dich zwingen zu zeigen was du kannst Es kommt dann vieles
Zusammen und was ihr euch entgegenbringt ist nicht leicht als

Das zu erkennen was es in Wirklichkeit ist Denn was sich dir zum
Beispiel als Vertrauen anbietet ist der Wellen reine Existenzangst
Wenn kein Schwimmer sie ratifiziert bedrohen sie ihre Zweifel wie
Wellenbrecher und die Schwimmer tun gut daran sich die Sorgen

Der Wellen zunutze zu machen weil es das Gute ist das sie sich selbst
Antun müssen um als Schwimmer bestätigt zu werden Denn ihre Hände
Sind es welche die Wellen ballen zu rhythmisch pulsierendem Teig Um

Dies nicht zu gefährden führe im beginnenden Sommer (so um diese Tage)


nur behutsame Übungen durch als wäre alles eine Hauptprobe bei der es
genügt den anderen vorzumachen dass du den Text schon beherrschst

CLXXXVII
6 (188)

Hungerflüchtlinge, stress marker

Warum kommt eine Besserwisserei


besser an als eine andere? Lässt sich,
sagt er, nicht fast alles auf diese Frage
reduzieren? Ob plötzlich doch Wölfe unter

den Lampenschirmen stehen, ist eine zweit-


rangige Frage, die aber die Aufmerksamkeit
erhält, die zur Aufrechterhaltung des Betriebs
unumgänglich ist. (Diese langen Wörter, die

in einen Vierzehnzeiler eindringen, bringen diese


schöne Form wirklich in Gefahr. Darüber muss
man aber seelenvoll hinweggehen. Das ist keine

Frage.) Wir müssen uns solidarisieren mit


denen, die glauben, es könnte trotz all
dem vertanen Wolfsbluts noch gutgehen.

CLXXXVIII
7 (189)

Träge Lebensverdauung. Träge Schicksalsverdauung...


Ihr damaliges Lächeln
hat sich in ihr Gesicht zurückgezaubert.

(Hermann Broch)

Nein, er erinnert sich nicht, er weiß es, es


ist ein dunkler Wechsel auf das Künftige,
ein Zwang loszufahren, ohne Grund und
Garantie. Als sähe er einen verwitterten

Wegweiser vor sich, der sich nun wirklich


nicht lesen oder auch nur entziffern ließe.
Und wenn er es, schlau wie ein Sklave, mit
geschlossenen Augen läse, riefe es ihm zu:

Warte einfach! Eine deutlichere Weisung


könne es doch nicht geben, sagt er sich dann
(fast dankbar) und fügt sich (das ist das erste

Mal, dass er es sich so sagt). Er macht es sich


also bequem und beobachtet den Zwang, den
Wechsel, das Kommende. Bis in die Seel hinein.

CLXXXIX
8 (190)

Sie bauen den Babelturm neu. Diesmal wird es


gutgehen, weil sie mit Ziegeln bauen, die wenigstens
eine Erfahrung als Trümmer hinter sich haben, und
alle wissen, wie es ist, einen himmelhohen Sturz

überlebt zu haben. Und gerade deshalb keine Angst


mehr kennen und keine Hybris mehr brauchen. Sie
sind bescheiden genug, um an den Himmel rühren

zu dürfen, und wenn sie es klug anfangen, springen


ihnen Zeit und Raum hilfreich bei. Wie die zwei Hände
eines Demiurgen. (Es können aber auch mehr sein.) Aus

der Ferne gewinnt man den Eindruck, als würde aus einem
unendlichen Trümmerfeld ein Spiralwirbel in die Höhe
wachsen, der sich nicht denken kann, einmal Ruhe finden
zu wollen. Und das ist, bei allem, ein lobenswerter Ehrgeiz.

CXC
9 (191)

Vom Wetter geht gerade die Rede, es sei


extrem mild. Wie lange die Sprache geübt
haben muss, um es so zu sagen! Als würden
sich die Höhlen in der Lava erst allmählich

bilden, noch lange nachdem sie erstarrt ist. Auch


die Sprache brauchte eine Elfenbeauftragte. Um
zu erfahren, was Gott in ihr vor den Menschen
versteckt, weil Eva es vor ihm versteckt hat.

Mir scheint, sagt er, das ist verkraftbar, weil


Worte nicht wie die Musik in die Tiefe, sondern
nur in die Weite gehen. Ihre Funktion ist wie

Vogelflug. Nur schwieriger zu deuten. Gedanken


vergreifen sich im sichtbaren Himmel zu leicht.
Und verwischen seine klaren Botschaften.

CXCI
10 (192)

Was man so moderate Töne nennt...

Nein, Leute, niemandem ist das Maul gewachsen, und


weniger noch der Schnabel, und hold schon einmal
gar nicht. Und Unflat ist immer teuer erkauft. Und
überhaupt nur an besonders ausgewiesenen Orten zu

erwerben. Die Möglichkeit an sich ist ein großes Privileg.


Ein metabolisches Ereignis, wie jedes Wunder. Seinen
eigentlichen Platz kann es nur in Mirakelbüchern finden. In
denen Wunder interesselos und ganz nüchtern nur aufgelistet

werden. (Und konnte wieder gehen. Und konnte wieder sehen.


Und stand am dritten Tage wieder auf. Geschehen am siebenten
Tag nach Epiphanias im Jahr des Heils, etc.) Diese Nüchternheit

Ist uns längst verlorengegangen und abhandengekommen. Und


wir sind es der Welt, zu gleichen Teilen. Und. trotzdem: Keine ruhm-
volle Lage das, in die wir die Sprache gezogen und gebracht haben. -

CXCII
11 (193)

Auch wenn du ihnen grollst, soweit Heutige noch grollen können,


du kannst nicht einfach hingehen und die Sirenen belangen oder
gar töten. Da stellen sich, auf sehr verschiedenen Ebenen, Hindernisse
in den Weg, von denen nicht wenige gar nicht oder nicht als solche

erkennbar sind. Aus Erfahrung, eigener und fremder, weißt du, dass
es schwer ist, Hindernisse zu überwinden, die man nicht sieht, oder
von denen man nicht weiß, ob es Hindernisse sind, und, zum Beispiel,
keine Hilfsangebote. - Wenn Wissen sich nicht selbst überlegen und

entgangen ist, ist es, ich bleibe, verzeiht, dabei, kein Wissen.

CXCIII
12 (194)

Daseinsvorgabe, prekär

Er könne nicht umhin, sagt er, mit jedem Wort


in die Zukunft zu bauen, als wollte er sich einmal
erinnern. Das sei die einzige zwingende Vorgabe, von
der er aber nicht wisse, woher sie komme. Und ob

sie nötig sei, das wisse er auch nicht. Wie ja alle


Notwendigkeiten unbeweisbar blieben. Es sei
also so, dass die Worte, die wir in die Zukunft
bauen, künftiger Erinnerung dienen, auf diese

oder jene Weise. Worte bauen, wie es kein anderer


kann, Gedächtnistheater, so große, dass niemand
sie wird nützen können, und nicht nur ihrer Größe

wegen. Mehr noch liegt es an der Anlage, dem


Labyrinth, in Raum und Zeit. Wir wissen schon jetzt
nicht, wo wir stehen oder ob wir gehen. - Gehen?

CXCIV
13 (195)

Carapace et ectoplasme

Des Hermes erste schöpferische Tat war, wie es heißt,


ein Totschlag. Er erschlug eine Schildkröte, um aus ihrem
Panzer eine Leier zu bauen. Er entfernte dann das, das zu
schützen der Panzer nur dagewesen war, spannte darüber

eine Rinderhaut und auf zwei Hölzer, die in gebohrten Löchern


staken, zog er Tiergedärm. Und nannte das vielleicht auch selbst
schon Chelys, was aber nicht hierher gehört. Ich möchte vielmehr,
sagt er, nur fragen: Ist das nicht ein seltsamer Mythos von

der Geburt einer so leisen Leier? Aus mutwilligen Totschlag,


ausgekratztem Krötenpanzer, Gedärm von Schafen, Holz
und Kuhhaut? Das alles dem Apoll geschenkt als Sühne für

den gemeinen und genialen Diebstahl seiner Herde? Doch


hatte die Musik jetzt einen Gott. Und Hermes
schnitzte sich eine Flöte.

14 (196)

CXCV
Übersetzungspraktische
und leicht verkürzende
Randnotizen

Schon in dem Augenblick, in dem ich eine


Fremde Sprache lese, lese und verstehe ich
Mit meinen Augen, und mit der Sprache, die
Ich gelernt habe, der ich nicht entgehen konnte.

Schon in meinen Augen und in meinen Hirn-


Schädel verwandelt sich das Fremde, das ich
Lese in ein anderes, das sich doch auch gleich
Bleibt. Und doch auch wieder nicht. Denn was

Ist sich denn gleich? Ich möchte nur sagen: die


Gedanken eines Autors, finden sich, schon wenn
Sie in meinen Kopf eintreten (und der ist sehr gast-

freundlich) gleichsam wie enteignet vor und wieder. Aber


(nur) wie ihres Selbst enteignet. Sie gehören jetzt mir. Ich
Habe ihre Gabe angenommen. Sie sind in guten Händen.

CXCVI
15 (197)

Übersetzungspraktische
und leicht verkürzte
Randnotizen

II

Er sei einer, der sich auf einsame Schreie verstehe,


und er schaue sich vorher auch immer kurz um. Er
wolle niemandem zu nahe treten, zumal nicht mit
seinen Schreien. Geborgen im Ungeborgenen. Daran

muss man sich gewöhnen. Wie an Schritte, die


man nicht zuordnen will. Für wen auch. Und
Raum ist, ich schwöre es für jetzt, ganz weit
weg von dem, was ich meine. Wie hält sich

die Lüge, dass irgend etwas in der Weltgeschichte


keine Vergewaltigung war? Helden waren,
bevor sie zustießen, nur unterversorgt.

CXCVII
16 (198)

Er sagt, er passt auf keine Kuhhaut, er sei,


er sei, ohne Arroganz, weit über ihnen und,
ohne Bescheidenheit, ganz unter ihnen. Aber
selbst die, die das verstehen könnten, sind

nicht mehr. Die Welt müsste sich umkehren, ja,


schon das würde vorerst genügen. So wenig
schon würde genügen. Die Welt brauchte sich
nur abzulegen, wie einen alten Lappen, das wäre

schon genug. Mehr als genug. Aber sie tut es


nicht. Weil ihr die rettenden Ideen, alle, fehlen.
Sie mag (möchte) von Musik nichts verstehen. Was ihr

helfen könnte, ist ihr egal. Sie ist reich an dem,


was sie nicht braucht. Der Neid auf die Welt, der be-
steht (und bricht doch manchmal ab, wie ein Kontakt).

CXCVIII
17 (199)

Erinnere ich mich, fragt er sich, richtig, dass


Sokrates als erster auch gesagt haben soll, das
größte Wollen sei, nichts zu wollen? - Wie dem
auch sei, es wird immer mutiger, das zu ver-

stehen. Wer versteht noch, dass nur wer


nichts will, von allem bedroht wird, wie
nur der, der sagt, dass er nicht wisse, was
Heimat sei, ja es gar nicht wissen wolle,

der ganzen Heimatlosigkeit verfalle, die


zu benennen er zwar auch nicht wisse,
die aber, er möchte sagen: in den Augen

Gottes die einzig mögliche Identität sei;


weil nur die Möglichkeit Identität sei, das
absolute Bemühen nicht nur zu sein.

CXCIX
18 (200)

Erhebe dich, Nordwind!


Mach dich auf, Südwind!
Durchweht meinen Garten
und mischt die Düfte!

Il n'y a aucun pouvoir qui prévaut.

Ich sehe ihn vor mir, den Kavalier, die schön


Geschriebene Einladung vor den Augen,
Wie auch in der Hand. Und, wie immer
Bei solchen Gelegenheiten, die immer

Andere und alltäglich und deshalb auch


Dieselben sind, fühlt er sich, russisch, in
Seinem Wintermantel, eingehüllt und einge-
sponnen in Zenons Paradox, auf eine, seine,

Kuriose Weise. Wie kann er denn zeitig sein, in


Der Garderobe, zum Ablegen von Mantel, Mütze
Und Stock? Wenn die Zeit, Madame Tortue, vor ihm,

Immer schon ihren Schritt mitgetan hat, unheilbar


Mitgetan. Wie überholt er sie, um ihr, ein wenig
Süffisanz im Blick, die Tür zur dining hall zu öffnen?

II

Es gibt keine Macht


Die sich durchsetzt
Und wenn doch alles
Mit Macht durchsetzt

Ist dann nur weil etwas


Ihr zur Seite springt wie
Ein Wolf ein Engel oder
Ein Sekretär Sie malen

Sie uns aus: ein Märchen


Eine Kontur ein Diktat So
In etwa malen sie uns aus

CC
19 (201)

Überzeilenschlepper (Tracteurs enjambeurs)

Wie klänge es, wenn sie sich


spräche, die Wüste, sie dürfte
sich wiederholen, sagt es ihr,
Sandkorn um Sandkorn, und

ihre Dünen dürfte sie aufschütteln,


sagt es ihr doch, die lehmfarbenen
Laken dem Wind vermachen, dass
du ihn sehen kannst, im Gegenlicht,

oder überdrehte Sandwirbel sich in


die gehörige Szene setzen und uns
alle denken lassen: Was sind das für

stämmige Propheten! Als erlaubten


Nachklang sähen wir sie, wie Zyklone
stehen, hinter geschlossenen Lidern.

CCI
20 (202)

Irrgärten und Labyrinthe sollten


nicht verwechselt werden. Im
Labyrinth verlierst du deinen Weg
nicht. Das Labyrinth war keine

europäische Idee. Trotz Chartres.


Aber beide, Labyrinthe und Irrgärten,
schaffen Platz und Wege und zwingen
dich, fast tanzend zu gehen, nur

Kehren bringen hier nach vorn. Im


Labyrinth brauchst du keinen Faden,
im Irrgarten nutzt er dir, glaube mir,

nichts. Er würde deinen Tanz nur


stören, den diese Orte dir möglich
machen und zugleich vorschreiben.

CCII
21 (203)

„Je weniger du weißt, umso mehr ist es schade um dich.“

Pheromone I

Dass man über die Augen etwas wegschickt,


das garantiert auch die notwendige Reinigung
von Kanälen. Das Spektakel beginnt immer
so. Und das Gefährlichste bleibt der Mensch.

Beruhigt zu sein, ist falsch. Nicht beruhigt zu


sein, erst recht, weil der Staatshaushalt nichts
löst. Nur zum Schweigen bringt. Solange die
Kinder, trotz all den Aufforderungen, nicht gehen.

Das Zerfleischen ist die Grundform, die von


nichts, auch keinem Frühling, von seinem Weg
abgelenkt werden kann. Auch die Guten

können nichts leugnen, auch nicht, dass sie


völlig falsch liegen. Wir legen unsere Seelen
aneinander wie die Giraffen ihre Hälse.

CCIII
22 (204)

Pheromone II

Sie sind hässlich oder haben gar keine


Gesichter. Und Autos, die sie für schick halten,
sind auch immer dabei. Wie anders! Je
näher es kommt, passt es nicht zur Wirklichkeit.

Chinesen, sagt man, glaubten. dass Bäume


die von Menschen errichteten Bauwerke schützen.
Bäume geben den Hütten etwas von ihrer
selbsterhaltenden Kraft weiter, lenken sie gleich-

sam ein wenig ab vom Altern und vom Verfall.


Bäume stehen tatsächlich anders in der Welt, schon
deshalb, weil sie nicht gehen können, in einem

ganz vordergründigen Sinn. Aber sie empfangen gerne


und lassen das, was sie können, gerne von sich
ausgehen. Denn sie halten es für einen heimlichen Segen.

CCIV
23 (205)

Er sitzt an seiner Werkbank und versuche,


sich nicht zu verstehen und seine Bewegungen
frei zu lassen, ihnen etwas zum Erstaunen zu
geben. Jede Geselligkeit folgt nur bestimmten

Voraussetzungen. Wer sie einladet, bezeugt


den Wunsch nach Anfangsschwierigkeiten.
Einen Stuhl an einer Werkbank freizuhalten,
das genügt nicht. Auch nicht, mit seinen

Wünschen vertraut zu sein und sie äußern


zu können. So sind sie vielleicht verständlich,
aber was können sie mehr sein? Dazu müssten

sie ihre Arme so weit öffnen können wie das


Nichts. Dann müssen sie aber auch noch so
gefräßig sein wie ein geübtes Vakuum. -

CCV
24 (206)

Er würde, wenn es nicht trivial wäre, sagt er,


Sagen, dass die Dinge mehr der Vermittlung
Durch Gedanken bedürfen, als die Gedanken
Der Vermittlung durch die Dinge. Seien Gedanken

Doch die Muster der Dinge, denen die Dinge


Jedoch nur unter Zwang und Protest folgten.
Und es kümmerte sie nicht, dass sie dabei so
Gedankenlos erscheinen (solange sie nur er-

scheinen). Als hätten sie ihre Auftritte im Zirkus


Gelernt. Und ihre Lust daran haben, so seltsam
Verdreht dazustehen, wie ohne Rückgrat. (Du

Meinst, dass man die Dinge so nicht sehen sollte?


Aber was siehst du denn, wenn du sie nicht mehr
So siehst? - Muster, wie du sagst, pensées tordue.)

CCVI
25 (207)

Split it

Was hat dich denn letztendlich zum


Überlaufen gebracht? Warum verließest
du die falsche Welt, um wieder in ihr zu
sein, von ihr geläutert? Und wie hast

du es gemacht? Ich sehe, dass ich deine


Antwort müsste erfahren können wie
einen Steinschlag. Und auch das müsste
ich gelernt haben; was ich aber nicht habe.

Und wie könnte ich begreifen, wie du


meine Frage erfährst. So entstanden die
Planeten, ich weiß. Das wenigstens tei-

len wir miteinander: Den Riss im Symbo-


lon, der breit genug ist, uns mit dem Licht
zu blenden, vor dem es uns bewahren soll.

CCVII
26 (208)

Split it II, Maria’s perplexity

Die Verwunderung ist das Wunder, das dir


das Wunder beschert, die Gegend, in der
sich die Gaben begegnen und wiederfinden
im ersten Augenblick jeder Genesis. Madam, I‘

m Adam. Hier hast du mich. Komm, nutzen


wir die Chance und fällen den Baum, dem wir
das Dies, hier, und das Das, dort, verdanken.
Liebevoller können wir uns nicht rächen. Und

klüger können wir nicht handeln, vollkommener


den Auftrag nicht erfüllen. Wir befreien den
Regenbogen von seiner unpassenden Krümmung.

Wir strecken ihn wieder und geben ihn, zum ersten


Mal, der Unendlichkeit zurück, der Gegend, wo sich
die Gaben alle begegnen und wiederfinden: Ave, Eva.

CCVIII
27 (209)

Hyper-Reflexion

Wenn ich dich (einmal) richtig verstehe, bedeutet


Intensität, dass die Dinge außer Kontrolle geraten
und sich in einem Übermaß ähneln, das Gott ihnen
nicht erlauben würde. Was sich gesammelt hat, in

all den normalen Durchgängen, den für real erachteten


Stollen der Zeit, kann dann nicht mehr (länger) an sich
halten und verliert sich in eine Innigkeit, stärker, als
jede Freiheitsphilosophie sie sich erdenken könnte.

Alles, was Moment genannt werden kann, alle Momente


fallen aus ihrer Rolle, aber, wie gesagt, nicht wie Blätter.
Gebärden, die aus ihrer Rolle fallen, sind nicht zuzuordnen.

Welcher Ratschluss sich daraus ergibt, ist daher nicht zu


sagen. Davon kann man nun wirklich nicht mehr sprechen.
Aber zum Schweigen gibt es sich (nun) auch nicht mehr her.

CCIX
28 (210)

Hyper-Reflexion II

Umgekehrt! Explosionen sind das Gewöhnliche. Und


zugleich Fehl-Zündungen. Deshalb sollten wir ja daran
nichts ändern wollen. Wir würden die Ordnung der
Dinge zerstören. Wir dürfen nicht vergessen, dass der

Ur-Knall auch eine Art Fehl-Zündung war. Und alles


In ihm folgt seinem eigenen Modell: jetzt und jetzt und
jetzt, ein einziges perpetuum auto-mobile, das unserer
Kalkulation immer um einen Wert voraus ist. uacuatur

ut sit. Uns zieht es nur mit. Es erzählt uns die Welt. Es


diktiert uns, was wir sind. Es lehrt uns zu lesen beim
Schreiben. Und verdient sich damit unsere Dankbarkeit.

Trotz der unerprobten Methode. Aber jede Erzählung ist


nur eine Übersetzungs-Vorlage. Und diese, weil es unsre
ist, die es uns erzählt, überfordert mit großem Geschick.

CCX
29 (211)

„Ich bin ein Deleuze, nur entschieden organloser.“

Die Dinge sind alle gebaut worden und


finden sich bei Gelegenheit unter Zweigen
wieder, die keine genauen Namen haben,
wie Glasflaschen, die zu schwer sind, um auf

Sinn bestehen zu können. Aber wir gehören


zu denen, die kein Trauma, wirklich keines, aus-
zuschließen bereit sind. Wir stehen nicht über der
Sache, wir stehen über keiner, aber diese große ge-

testete Kälte privilegiert uns. Vor allem gerade noch


für eine höhere arktische Kälte: Die Dinge sind sehr
viel aufgelöster als wir glauben, es gibt sie nur noch

als organlose Körper, aber wo? Im letzten arktischen


Eis? Wir müssen hoffen, dass auch dieses schmilzt, das
setzte uns frei. Wir stünden sonst, wie immer, dumm da.

CCXI
30 (212)

Contraintes

Vielleicht, sagt er, sind es tatsächlich nur die


Franzosen, die die Welt richtig aussprechen.
Ihnen nimmt man sie ab, die Welt, von der sie
reden. Und verliert die Lust, sie zurückzugeben,

lange bevor man fragt, wem? Wer das erklären


möchte, der muss sich zunächst und unumgänglich
eine klare Vorstellung von den Besitzverhältnissen
im Traum erarbeiten. Und einen Weg und eine Weise

finden, das, worum es dabei geht, auf die Art, die


Welt richtig auszusprechen, zu übertragen. Die
Bedingungen, also, könnten schwieriger nicht sein.

Aber solange du glaubst, etwas in der Hand zu heben,


das du nicht zurückgeben willst, brauchst du es auch
nicht, wenn die Besitzverhältnisse noch so ungeklärt sind.

CCXII
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier VIII

1 (213)

Un triste scherzo naïf oder Vereitelung des dagegen Eitlen (Hegel)

Wenn einer wie ich, sagt er, im Geist den Fuji-Berg


Besteigt, den er in Wirklichkeit nie bestiegen hat, aber
Oft, aus der Ferne, am häufigsten in einem Zug, sein
Wohlgefallen an ihm hatte (er vermittelte ihm immer

Die Heiterkeit eines Vulkans, eine Heiterkeit, die ihn


Befremdete, weil er sie einem Vulkan nicht so einfach
Zumuten wollte), stellt sich seinem, wie nennt ihr es?,
Inneren Auge etwas in den Weg, eine vielgestaltige

Riesenwolke, so undurchdringlich wie ihr Ruf. Die sagt ihm,


Was er sehen müsste, wenn er sie, die Wolke, nicht sehen
Würde. (Das erklärt ihm vieles. Nicht zuletzt, warum er

Den Fuji-Berg in Wirklichkeit nie bestiegen hat. Auch


Da hätte nur die Riesenwolke auf ihn gewartet. - Und
Einer wie ich, will im Grunde niemandem zur Last fallen.)

(Reflexions on Mt Fuji, nach Jacques Roubaud (213.1)

Jedesmal, wenn ich im Shinkansen den Ort


Passiere, an dem ich den Fuji doch sehen sollte,
Versteckt er sich. Lange glaubte ich, er würde einmal
Auftauchen aus Regen, Rauch und der schmutzigen Luft

Und geruhen, mir, dem Leser des Genji, mir, dem


Leser des Manyôshû, so voll seiner Gnade, er wollte
Geruhen, sag ich, sein den Dichtern köstliches
Antlitz zu entschleiern, die reine weiße Eiswaffel. Ja,

Das hatte ich geglaubt. Und heute, ach (o wie schwer


Es mir fällt, das zu bekennen, aber ich schulde
Ihnen die ganze bittere Wahrheit), heute weiß ich,

Den großen Fuji, den gibt es nicht, oder er ist vielleicht


Ein umgekehrter Vulkan, in den Boden gerammt, weil die
Welt ihn so verletzt hat, und er sie nicht mehr sehen will.)

CCXIII
2 (214)

Trou experiences, nur fast eine Moritat, eher ein Bericht

Manchmal träume er, vom Geschiebe der Deckerinnerungen


Zermalmt zu werden. Aber wie soll das geschehen? Und was
Wird da zermalmt? Und überhaupt, zermalmen, was soll denn
Das sein! En bloc gesehen ist dieser Aufwand an nicht Sagbarem

Nicht nachzuvollziehen. Alles erscheint so verdichtet gestalt- und


grenzenlos, dass daran nicht zu zweifeln ist. Im Gegenteil. Der
Zweifel gleitet lustvoll auf seiner schiefen Bahn. Durch all dies
Unzugängliche und versorgt seine Facetten mit Reflexen, mit

Glanz, Punkt um Punkt, dass es ausschaut wie eine lebendige


Lichterkette, blendende Perlen, ineinander verknotet als wäre
Und gäbe es nichts, als nur das. Auch die Harmonie ist umfassend,

Die Sphären, ostinato, im tiefen Register, die Engel, die Counter-


Tenöre, in der Höhe, die klingende Seite der Perlenkette, ein
Geschiebe, von dem er manchmal träume, zermalmt zu werden.

CCXIV
3 (215)

Ja, und seit das Ende der Welt sich nicht nur undeutlich
andeute, erlaube er es sich, so zu tun, als dürfe er blass
bleiben. Aber, darauf besteht er, du solltest dich nicht so
ganz und widerstandsvergessen der Selbstläufigkeit der

Sprache überlassen. Viele haben bewiesen, dass es sehr


leicht ist, Unsinn zu schreiben. Du brauchst dazu, wie man
in China und Japan sagt, nur dem Pinsel zu folgen oder dem
Gänsekiel. Was bisweilen übrigens ratsam ist, und zu den

verblüffendsten Wahrheiten führt. Aber das darf nicht zur


Routine werden. Und in der Gefahr stehst du ja auch nicht.
Nicht einmal in dem Maße wie ein Dadaist. Du bist eher wie

ein heiliger Dreikönig, an dessen Hut eine wippende, sehr lange, gebogene Stange
angebracht ist, mit einem Stern an seiner Spitze, dem Gedanken,
den du vor dir herträgst und dem du auf Schritt und Tritt folgst.

CCXV
4 (216)

Zwischen Hypo- und Oxygeusia4

Er sagt: Gott schont schon mich, ungefähr, jetzt verlange


Nicht auch du zu viel von ihm. Es ist, zudem, nicht
Ganz unmöglich, dass du nicht in sein Resort
Gehörst. Das heißt, deine Sache ist doppelt ungewiss.

Und das sollte deinem Instinkt doch genug sein.


Kein Instinkt darf handeln bei doppelter Ungewissheit,
Wenn Gewissheit schon ein Trugschluss trüber
Augen ist, gezogen aus dem Gefühl, erwählt zu sein,

Zu seherischer Blindheit. Und wehe, wenn dieses Dritte noch


Hinzutritt: zu meinen, berufen zu sein, da und wenn die
Schwächsten deiner Organe deine Ohren sind, was keines

Beweises mehr bedarf, weil deine Entourage schon längst


Sich scheut, dir dieses oder auch jenes zu raten, denn hat dein
Ohr auch noch eine Form, mangelt ihm doch die Funktion.

4
„In 1778, Lavoisier named a newly discovered gas oxygen ( literally, sharp giving) because he mistakenly belie-
ved that it was part of all acids. He was guillotined, not for the misnaming, but for the charge of adulterating
France’s tobacco with water. He was exonerated posthumously.“ (Wordsmith)

CCXVI
5 (217)

Shifting base lines, avec grâce.

Er sei an den Gedanken, auf die der Mensch kommt. zwar gar
Nicht interessiert, aber er möchte doch wissen, warum er, der
Mensch, darauf kommt, darum müsse er sich auch mit dessen
Gedanken selbst befassen. Was oft sehr unerfreulich sei. Aber

Das sei nicht zu ändern, wenn man das Rätsel ihres Warums lösen
Wolle, wenigstens wolle. Und es galt noch nie so wie heute,
Weil sich keiner darum mehr schert: Wenn du wissen möchtest,
Ist es nie genug. Dabei musst du bleiben, bis du an deinem letzten

Tag vom morschen Trittbrett des Universums ins absolute und


Schlichte Dunkel fällst und fährst, das auf dich gewartet hat, auf dich
Wartet und gewartet haben wird, derweil du dich, harlekinartig,

Vergebens bemüht haben wirst, logisch und auch soteriologisch


Zu punkten, und Kopf und Seele so weit zu dehnen, dass du die ganze
Welt mit Komfort hättest bewirten können; ça aurait été si gentil!

CCXVII
6 (218)

„Das Wesentliche, was das Gedächtnis bekümmert...“


(Freud)

Pan’s Optik

Unter den menschlichen Extremitäten sollte


Der Kopf am besten ausgebildet und durch-
Trainiert sein. Aber ich fand sehr Viele, die
Das nicht wussten. Die lagen wie störendes

Geröll auf dem Erlösungsweg, konnten den


Fortschritt der Erlösungsbereiten aber nur kaum
Verlangsamen. Dennoch sollte man sie nicht

Zu leichtfertig entlasten oder gar übergehen.


Sie besitzen die Wut von Findlingen und sehen
Sich, so steinern sie sind, als enge Verbündete

Aller dunkelen Mächte. Woher sollten sie denn


Sonst ihr Selbstwertgefühl beziehen! Beobachten
Wir sie mit Respekt, dem Besteck, den das Böse, das
Sich fortzeugen möchte, schon aus Prinzip verdient.

CCXVIII
7 (219)

Paysage marin

Ein jeder Ahasver glitzert von Schuld. Und will es,


das Glitzern vor unseren Augen. Sei es Schleim,
Eis, Kristall oder Schweiß. Es war doch gar keine
Verkleidung, bis jetzt. Warum hat all der Stoff

sich gewendet? Wir hätten Kostüm und Larve


nicht angerührt, hätten den Schlaf in den Fasern
belassen, Weil es doch klar ist, dass wir uns nicht
bereichern könnten. Vielleicht nähme unsere Armut

eher zu, nähmen wir uns all den Schweiß, das Kristall,
das Eis, den Schleim, woran wir die verschwägerten
Phantome erkennen. Wenn überhaupt, verbindet nur

Stallgeruch, aber was, wenn der auf den Meeren, im


Sturm, zurückblieb? Dann dürfen wir uns nicht einmal
mehr vor den alten Seestücken (im Angebot) scheuen.

CCXIX
8 (220)

Morphometria

Er selbst sei, seit er denken kann, eine unberührte


Lebenswelt. Und er versuche, darüber nicht
traurig zu sein, obgleich es natürlich dazu gar
keinen Grund gäbe, was auch ohne Erklärung

nur zu verständlich sei. Es gäbe keinen Grund,


nicht traurig zu sein. Es gibt vielleicht einen Weg
dahin, der leicht zu gehen ist: Höre zu denken
auf, und du stehst mitten auf einer trauerfreien

Bahn. Aber auch das wird dich traurig machen,


sogar so, als hättest du es erprobt. Und das darfst
du auch ruhig erzählen, denn so etwas zu üben, das

bringt dir Anerkennung ein. Trauer und Traurigsein


bringen dir in dieser Welt ein Surplus ein, wenn sie,
über das vorgegebene Maß hinaus, raffiniert sind.

CCXX
9 (221)

Prophylaktokratie oder Sonifikation

Früher haben sie gerechnet, dann sind


sie ins Abenteuer eingetreten, immer unter
Selbstverdacht, dabei ist es trotz allem
geblieben. Man hofft immer, dass eine Flucht

besser gelingt, wenn die Tür schon offen


steht, und wenn man den Fluss entlang gehen
kann, und die Tiere, wiederkäuend, zwar mit
neugierigen Blicken, hinterm Stacheldraht

bleiben. Obwohl sie anders könnten. Aber


warum? Um alles in ihrer Welt? Früher waren
sie Abenteurer, jetzt rechnen sie, mit skeptischen

Auge. Nachträglich herrscht die Vorsicht, und man


singt besser mit einer weggebliebenen Stimme,
die sich verdächtigt, geblieben zu sein.

CCXXI
10 (222)

Venez, venez!

Naiv, aber mit Stil, wie es tanzenden


Skeletten gebührt, denen nur ihre
Flügel geblieben sind vom ganzen
Federwerk ihrer Uhren, ihrer Schriften,

ihres Kleids. Selbst ihrer Choreographie


sind sie unsicher, nicht weniger als ihrer
einmal angeborenen Eitelkeit. Ô jour
affreux! Skelette, wenn ihnen auch Flügel

blieben, können nicht seufzen. Dazu


brauchte es einen beseelten Blasebalg.
Aber wenn man so klug ist, schreckt

man zurecht davor zurück. Da ist’s am


besten, zu zeigen, wie Skelette tanzen
können, dass alle mitmachen wollen.

CCXXII
11 (223)

Juste avant le pays du lait et du miel

(Eine pädagogische Allegorie)

Nein, er wisse nicht mehr, ob es ein Traum war.


Das tue auch nichts zur Sache. Was könnte
es auch zur Sache tun? Er stand vor einem
Berg, wahrscheinlich, den er im Dunklen

zwar kaum sehen, aber doch wahrnehmen


konnte. Aus welchem Material er bestand,
das könne er auch nicht mehr sagen. Nur,
dass es sich wohl um eine gigantische Halde

aus winzigsten Einzelstücken handelte, deren


jedes ein Buchstabe, eine Ziffer, eine Note, ein
Schriftzeichen aus unbestimmbarer Substanz war.

Die Stimme, deren bunte Bänder ihn schon so


lange begleiten, sagte: Das ist die Deponie von
allem, wahrscheinlich, was je geschrieben wurde.

CCXXIII
12 (224)

La temperature d’âme

(Ein kurzes Wintermärchen, d.h. aus einem Eiskasten.)

Wer davon noch spreche, gerade heutzutage


Noch, setze ihm zu viel voraus. Da könne er sich
Nicht einmal mehr dem Geleitzug anschließen, der
Ja nur ein Trauerzug sein könne. Er, seinerseits,

Öffne Fenster nur, und schaue nur hinter die


Vorgänge, die Schleier und die Kulissen, um auf
Ideen zu kommen, die ihn mit der Macht der
Latenz, nicht nur mit der einer Evidenz ergriffen.

Eine Seele, die mit ihrer Wärme locke, könne


Nur eine Lügnerin sein, die es auf den Winter
Abgesehen hat. Das Schlimme aber dabei sei

Selbstverständlich ihre Absicht, nicht die Lüge. Dass


Die stehenden Fußes durchschaut wird, davon geht sie
Ja selbst aus und baut auch auf den Zauber der Latenz.

CCXXIV
13 (225)

Culée de neige
sous la baguette d‘un sourcier

Er denke, um zu haben, was er dann


Sage. Er kommt sich vor, sagt er, wie
Ein Wiedergänger mit einer Wünschel-
Rute. Die er, wie er glaubt, als Angel

Nutzen müsse, als könnte er sie aus-


Werfen, um sie nicht mehr einzuholen,
Wie es der Mutwille eines Verlassenen
Fordere und ja auch immer sei. (Er sieht

Uns an:) Nicht wahr? Immer gerät es zu


Einem Selbstporträt des Unmöglichen. Ein
Mittel, das nicht ist, was es zu sein vorgibt,
Eine Hand, die nicht ausführt, was sie tut. So

Aber sammelt sich die Habe, die nicht zu sagen


Ist, eine lose, uneigene Stimme, avec rigueur.

CCXXV
14 (226)

Parzen-Suche I

(Fernste Diamanten, à recherche du destin,


eine alte Geschichte, die doch immer neu ist)

Die Tränen aus den eigenen Augen, aus denen, die


du so zu benennen gelernt hast, sind, du brauchst mit
dem Zeigefinger gar nicht zu drohen, immer die, die den
längsten Weg hinter sich haben. Ich verrate damit doch

nichts, auch nicht, wenn ich sage, dass der lange Weg
sie selbst müde und durstig gemacht hat und selbst die
Zunge ihrer satt ist und sich zu erinnern glaubt, dass sie
dennoch ihren Weg längst schon wieder zurück genommen

haben, aber was heißt es, zurückgekommen und nur


ärmer an Anmut geworden zu sein, und alles Salz an sich
selbst verfüttert zu haben, aus veruntreutem Geiz. Es geschah,

sagt ihr, wieder einmal wie im Traum? Aber ihr seid euch
nicht sicher, und, ihr wisst es, wenn es wahr ist, könnt ihr eurer
auch nicht sicher sein, nicht eures Traumes und nicht eurer selbst.

CCXXVI
15 (227)

Parzen-Suche II

(Par erreur. So will es der Gebrauch.)

Er wisse zunehmend weniger, was er zu sagen


habe, und das sei die einzig richtige Art, diesen
Gedanken zu beschreiben, so merkwürdig es
klingt und auch ist. Im Zusammenhang mit

seiner Beschäftigung mit der Bewegung von


Ozeanplatten habe er die Worte Spreizungszonen
und vor allem Transformverwerfung kennen-
gelernt. Aber seien Spreizung und Verwerfung

nicht überhaupt Worte für das, was Worte sind


und tun? Und sollte man Worte denn nicht, tutti
quanti, Transformate nennen, um ihnen wohlzutun

und auch gerecht zu werden? Manchmal


fallen sie ja auch als Meister der Selbstver-
werfung vom Himmel. Oder wie Irrläufer.

CCXXVII
16 (228)

Das Haus war nicht leer, es war tot.


(Thomas Bernhard)

Parzen-Suche III

Du weißt, dass du dir jeden Atem holen


musst. Beim Brot ist es dir ja längst vertraut,
beim Wein deine Gewohnheit. Und dennoch
machst du gerne unverständliche Unterschiede,

die du überdies noch gerne übertreibst. In den


Dingen selbst liegt überhaupt kein Grund dafür.
Drum denkst du dir noch, dass du es seist, der
die Konturen verteilt, den Dingen ihre Konturen

verteilst. Aber die Sache mit dem Atem, die muss


ich dir trotzdem noch beibringen. Bisher bist du
(nämlich) beim Atemholen ein Versager. Beim

Reflektieren darüber aber umso mehr. Und wenn


man sich darüber täuscht, täuscht man sich über sein
ganzes Vermögen. Hast du denn keinen einzigen Erben?

CCXXVIII
17 (229)

Plus facile que prévu !


Plus facile que vous ne le pensiez,
il suffit de lire!

Hat, wer von allem verlassen ist, noch irgendeine


Schwierigkeit? Wenn man sich vorm Verlassensein
nicht ekelt, keine. Vielleicht, wenn man sich nach
oben richtet und fürchtet, dass eine der Wolken

niederprallt, doch. Sie hatten ihm zu oft gesagt:


Es liegt alles nur an dir. Die Verlassenheit, das Schwierig-
Sein, eigentlich alles. Erinnere dich an die Sprichwörter.
Wo du gerade auch sitzt, womöglich sogar unter

Platanen. Auf einem Korbstuhl. Bei einem Frühstück.


Mit dem Gedanken, dass alles Treibgut sei, versucht
der Wind dich zu erheitern. Er denke, es gehöre sich

so. Und wer könnte es bestreiten. Das Vergebliche, sagt


er uns jetzt, unterscheide sich, wie die Verlassenheit, von
allem anderen nur durch eine noch sonderbarere Ökonomie.

CCXXIX
18 (230)

Weil die Engel die Zeit auf ihren Flügeln tragen? Das genügt
euch, um zuzustimmen? Und rückwärtig hören zu können?
Das glaube ich euch nicht. Es hat keinen Sinn, hier zu sein.
Und das mit den Engeln, das kann keiner bestätigen. Es sei

denn, ihr kennt euren Talmud. Auswendig fängt es an, in-


wendig ist es natürlich noch viel, viel besser. Sonst fängt
euch die Polizei noch lange, lange vor der Klagemauer ab,
zurecht. Dann wisst ihr es, gleichsam von selbst, dass es

keinen Sinn hat, hier zu sein, Die Form eurer Arbeit, es euch
zu verdienen, war nichts als eure unbemerkte Anstrengung,
die große, es euch zu verderben. Wenn ihr jetzt auch noch

werdet wie die Kinder, dann springt das Himmelreich schreiend


in die Binsen. Und was schreit das Himmelreich, solange es im Sprung
noch schreien kann? Es schreit: Bleibt uns, um Gottes Willen, vom Leib.

CCXXX
19 (231)

Schlechter Schluss

Stellt euch vor, Gott ist, Gott sei es geklagt, ein mittelmäßiger
Ukulele-Spieler, der weiß, dass man nicht alles beherrschen muss,
das man erschaffen hat. Warum auch? Erkenntnis beginnt im
Vorhof des göttlichen Herzens. Denn Erkenntnis flimmert immer,

weil sie des Todes Vorbote ist, verboten und unbekümmert, aber
unbarmherzig da. Ein Spiel von Birnen und anderen hirnlichen Un-
bekömmlichkeiten. Ach, lasst es einfach zu, es kommt euch in keine
Quere, es kommt euch zu , es lässt euch zu und macht euch her, so

werdet ihr nie mehr noch einmal gewesen sein. Gegenwart schnurrt
immer, wie eine unsichere und verlegene Katze, die nichtsdestotrotz
weiß, was sie will, weil sie ja im Grunde nichts anderes weiß. Genialität,

das galt schon für Leibniz, ist eine Dauerkarte für den Kosmos, gesetzt, es
herrscht keine Pest, aber weil das so selten ist, nimmt sich das Universum
manchmal zusammen und ist, was es heißt. Unentdeckt, in sich, so wie es ist.

CCXXXI
20 (232)

Rien que des incidents fortuits ?

Auch das kann freilich sein, weil es zu dem gehört, was sein kann.
Jedenfalls ist das keine Frage, es ist aber immer wieder raffiniert,
so zu beginnen. Aristoteles war gut darin, anzufangen. Und noch
wir tun gut daran, ihn immer wieder zu imitieren. Alle Sätze werden

gesagt, um damit angefangen haben zu können. Weil es eben zwar


sein kann, aber auch bewiesen werden muss. Mehr können wir aber
auch nicht: als beweisen, dass es sein konnte. Wenn wir sagen: Am
Anfang war das Wort, tun wir, faktisch nur eines: Wir beschwören

unser Vertrauen in die Zukunft. Als rollten wir, zum Beispiel, den Zwei-
Quadrate-Satz aus, weit in die Zeit. Wir sitzen gerne sicher, zum Beispiel, in
einem stabilen Quadrat. Und das Quadrat der Zeit ist das sicherste. Es

garantiert uns, dass wir nicht über den Schluss- und Endpunkt eines Satzes
stolpern können, weil es dahinter, freilich, nichts geben kann. Das ist gut so. Es
garantiert uns, en passant, dass ein Satz, ein Roman, sogar ein Sonett enden kann.

CCXXXII
21 (233)

et sic angeli assumunt corpora ex aere,


condensando ipsum virtute divina

(Thomas von Aquin)

Und:

Ir mennige ist sô grôz,


daz sie kein zal begrifen inmac

(Meister Eckart)

Les ailes colorées enchanteresses de Fra Angelico

Warum redest auch du immer von Engeln? Ich habe nicht gezählt, aber ich denke,
es reicht. Selbst Rilke, un modèle (comme toujours), hat sich in der Zahl seiner
Sonette zurückgehalten, obgleich er es nicht gebraucht hätte. Es ist immer wie ein
Überfall fern-orientalischer Zeltformen: Die eigenen Bescheidenheiten werden

doch immer eingefangen von den zugemuteten Dimensionen, ob Zelt oder


Tempel. Denn auch Tempel haben, wie ihr wisst, ihre Schicksale. Und von
der Zeit wurde soviel geredet, weil über sie nichts zu sagen ist. Wir sollten
sie uns, im Windschatten der Physiker, einfach rückwärts denken, uns also

auf die Schultern jenes Engels der Zukunft setzen und uns unserer Heimführung
überlassen und uns ihr nicht widersetzen. Auf den Schultern eines Engels ist die
Aussicht immer überwältigend. Auch wenn man nicht sieht, was man noch hinter sich

hat. Man ist, immerhin, vergleichsweise gut geschützt und darf sich komfortabel
fühlen, solange einen die Tatsache nicht stört oder irritiert, dass einem die so
zauberhaft bunten Flügel, die einen da stützen, nicht selber gewachsen sind.

CCXXXIII
22 (234)

Serenade (nach Schönberg (op. 24))

Das Angesungene ist ein schwarzes Fensterloch,


in dem eine Eule sitzt.

Ihm, sagt er, sei jedenfalls nie eine Richtung gelungen,


er hätte auch keine Mandoline bauen können, beim
besten Willen nicht. Es musste ihn also erheitern, wenn
sie sagten: Wir wollen dich ja nur in die richtige Richtung

weisen, glaub uns, nicht mehr. (Freunde, dachte er, und


ich, ich weiß doch nicht einmal, wovon ihr redet; aber
ich finde euch rührend. Und bin euch dankbar für eure
vergebliche Mühe, mit der ihr freilich nur dokumentiert,

dass ihr nichts von mir wisst, obgleich ich von euren fahn-
denden Blicken eine rundum wunde Haut habe. Ihr solltet mir
eher helfen, wieder zu heilen. Das wäre leichter, als mich so per-

sistant auf eine richtige Bahn bringen zu wollen, die für mich
nicht gangbar, ja, unauffindbar bleiben muss. Aus fundamental-
ontologischen Gründen, die unerschütterlich sind (selon Decartes).)

CCXXXIV
23 (235)

Genre-Szene mit boules de neige

(Für E.M., in Erinnerung an einen Augenblick


am Kamo-Fluss vor 40 Jahren)

Ja, das Fleisch, das alles war, verschwindet und du wirst dich
dabei nicht beobachten können. Und es wird gut gewesen sein,
wenn du dich wirst erinnern können, dass dir dein Fleisch doch
nicht alles war. Was sich in Pracht ausdrückt, das ist ja nicht die

Pracht, sie drückt sich, sagt sie, darin ja nur aus. Und wenn du es
geistig geschickt machst, wird deine Seele der einzige Beweis dafür
sein, dass dein Fleisch einmal war. So wie Trambahnen, sagen wir,
die von Rom, nur dafür taugen, zu bezeugen, dass da einmal eine

Stadt war, durch die sie fuhren, Lissabon, Rom, oder Hiroshima. Tram-
Bahnen sind wie Schneebälle. Sie gewährleisten Präsens wie Skelette,
die, sagen wir, in Särgen zurückbleiben (wenn es ihnen gewährt ist):

Einmal sind wir durch die Luft geflogen, geworfen von frierenden Händen,
in einen Raum, der, damals, alles zusammenfasste, was bis dahin gewesen war.
Einer lachte, abends, an einem Fluss, und sagte: Immer der gleiche Blödsinn.

CCXXXV
24 (236)

Mais, qui pleure,


Si proche de moi-même au moment de pleurer?

(Eine junge Parze)

Der Nörgler spricht, noch einmal, aus der Zeitengruft. (1)


Zirka 100 Jahre nach den Letzten Tagen der Menschheit

Warum wagen sie keine Gegenstandsanalyse ihrer


selbst? Sehen sie nicht, dass ihr Fortschreiten nur Fortschreiten
ins Archaische Ist? Wie sie die Welt, die sie doch
schufen, beleidigen? Und sich mit Stolz ins eigne Gesicht speien?

Satellitennavigiert in den Urschleim fahren? Die


Weltgeschichte jubilatorisch zu einem Umweg
degradieren? Zum Umweg der Indezenz, die fast ans
Absolute rührt, um im nie Begonnenen zu

enden. Lieben sie deshalb den Jahrmarkt so über alle


Maßen, die Lust am Leerlauf des (ja!) perfekten Ringel-
Spiels, den Einlauf ins intime Ziel des immer und

abermals Wie-Gehabten? Von wegen: Es gibt kein Perpetuum


Mobile! Im Vakuum kreist sichs ganz ungestört und die
Schaukel annihiliert sich, schwingend, von vorn und von hinten.

CCXXXVI
25 (237)

Ça passe ou ça casse

Die letzten Töne in einem kleinen Fass vor einigen hundert Jahren
können, sagt er, durchaus etwas gemeint haben. Aber wer möchte,
heute, die Garantie dafür übernehmen? Es reicht doch, wenn der
Tod, der kommt, sich im Vagen einpendelt. Ein Held, der in einem

Heurigen ein Glas hebt. Er wurde schon nicht wahrgenommen, als er


da war und nebenbei die Wolken erfunden hat. Klar, wir sind ihm
dankbar, noch immer, aber es gibt trotzdem keinen Feiertag zum Lohn.

Der also längst Vergangene, auch er, sprach nur von besessensten
Augenblicken, andere, sagte er, erreichten ihn gar nicht, zumindest
nicht bei hellstem Bewusstsein. Orkane haben, unterstellte er, nicht

immer etwas Böses im Sinn. Aber schätzen ihre Kraft nicht immer richtig
ein. Einer sagte, er wolle die Welt eigentlich nur streicheln, das Meer, die
Ufer, das Schilf, die herrlich multiformen Landschaften. Den Menschen-
häusern wolle er auch nichts antun, aber sie ließen sich nicht gerne biegen.

CCXXXVII
26 (238)

De l'aura modeste des palmiers,


dans certains déserts
qui sont très heureux d'accueillir des réfugiés
dans leurs oasis stériles

Nur an den abgeschiedensten Flecken einer Wüste,


die sehr zufällig gefunden worden sein müssen, stehen
in sehr kleinen Oasen, dem geschulten Blick ein wenig
unpassend, wirkliche Palmen, denen noch ein Rest

metallischer Glanz aus der Stadt anhaftet. Was zumindest


einen gewissen, wenn auch nicht in jedem Fall belastbaren
Beweis darzustellen scheint, dass ihnen die Flucht gelungen
Ist. Und wie sie zu fliehen gewollt haben müssen, dass sie

sich mit diesen unwirtlichen Bleiben zufrieden geben oder


angelegentlich arrangieren konnten. Stadtleben macht Palmen,
wie wir meinen schließen zu können, bescheiden. Wenigstens

spiegeln sie Bescheidenheit vor, selbst hier, in den kleinen kargen


Wüstenoasen an einem anderen Ende der Welt, und das erklärt auch
dieen lustre métallique, der ja jeder Bescheidenheit sehr gut steht.

CCXXXVIII
27 (239)

Er sei nur das Schwindelerregende an seinem


Leben. Er sei über sich gebeugt wie über eine
fast unermessliche Kohlengrube. Er versuche
das nur zu beschreiben. Es hätte auch für ihn

keine wirklich identifizierbare Qualität; aber er


sei doch für sich diese Qualität, das Konglomerat
dieses Schwindels. Das aufstörend Aufgestörte.
Immer wieder der Griff der Hand ins Ungeformte

ihrer selbst. Das zeichnend Gezeichnete. Die


Piratenbeute seiner selbst. Eine schwarze Halde
gefalteter Papierschiffchen aus den Fetzen der

Unendlichkeit. Wenn du noch genauer hinschaust,


erschließt es dir vielleicht doch seine Qualität. Und
du schmeckst dich, wie eine Zunge sich schmeckt.

CCXXXIX
28 (240)

Wenn ein Heiliger Petrus Tagebuch schreiben


Würde fänden sich darin Einträge wie dieser: Es
Kommt nicht darauf an dies oder jenes zu tun Es
Kommt darauf an vieles zu tun das aber anders

Gemeint Ist. Was hast du aber hier zu suchen in


Einer dunklen Gasse in Paris die es schon lange
Nicht mehr gibt wo Nerval an einem verrosteten
Fenstergitter hing sich zu Tode hing Es war kalt.

Woran dachte er? Ist es das was du hier suchst?


An einem Ort den du nicht finden kannst etwas
Zu suchen was du nicht weißt das ist verdammt

Überlegt in dieser Phase der Weltentwicklung


Da ist es verständlich wenn einem der Nerval
In den Sinn kommt mit seiner seltsamen Geste.

CCXL
29 (241)

Comment ça marche, witness

Dann fragte er noch, als müsse es sein, ob


zu suchen etwas anderes sei, als bezeugen
zu wollen? Um bezeugen zu können, müsse
man tief dabei sein. Wolle man nur berichten,

sei das aber nicht nötig. Dann genüge es, wenn


jemand bereit wäre, deiner Erzählung zuzuhören.
Seid doch ehrlich, was erwartet einer schon von
einer Erzählung? Dass sie etwas vertreibt, Zeit,

Grillen, Lücken im Wissen, in der Erinnerung, un-


befriedigte Zonen der Neugier. Wie Fliegenwedel
es tun. Etwas zu bezeugen bedeutet aber, Fliegen
zu fangen oder Vögel mit der Leimrute unserer

tiefen Erfahrung, mit den Hand- und Augenkrallen


unserer Beiwohnung und Anwesenheit.

CCXLI
30 (242)

Die Feder und ihr Gewicht

Wir sind nur Zeugen und Zungen des Seins, nicht mehr,
nur Zungen und Zeugen. (Und wissen nur gerade noch,
wer uns das gesagt hat, nur gesagt hat.) Ziemlich prekär,
was? - Nein, ich sage, gerade nur noch ausreichend prekär.

Weil nur daraus ja die ganze Masse unseres Seins besteht.


Es ist prekär, also ist es. Je prekärer, desto mehr. Nur in
diesen Zustand können wir nämlich tauchen und, und mit
großen starken Schwimmbewegungen den Widerstand

bezeugen, der uns macht und uns mit dem Verdacht


unserer selbst beseelt. Alles ist nur in dem Element, das
es ist, im Widerstand, der es bewegt, im Widerstand

den es bewegt. Als existierte von der Waage nur das


Zünglein, vom König nur der, der ihn macht, wie auch
vom Licht und vom Schweigen nur das, was sie bricht.

CCXLII
31 (243)

Parva philosophia in capsula

Du sagst: Schmerz ist etwas, das wir wahrnehmen


wie eine Streichholzschachtel. Aber, wenn ich es
recht erinnere, sagst du nicht, von wo? Von innen
oder von außen? Das macht einen Unterschied, bei

Schachteln und auch bei Särgen. Sind doch auch, wenn


ich es recht sehe, die Lichtverhältnisse sehr verschieden.
Und auch: ob die Wahrnehmung drinnen oder draußen
Ist, schafft entschiedene Differenzen. Ich kann mir nicht

denken, das du das nicht wusstest, gerade du! Du hast


uns schon wieder das Entscheidende vorenthalten. Bei dir
zeigt sich der Humor immer im Weglassen. Deine Botschaft

steckt stets im Mangel oder (fast genauer) im Verhehlen. Zum


Hehler warst du nie geeignet. Und fast scheint es uns, du hast
gar nicht gehandelt. Nie. Das überließest du deinen Worten.

CCXLIII
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier IX

1 (244)

So gleich wie Tag und Nacht. Halbzeug

Ich möchte nicht aufgeben, weiß aber


nicht, wie ich es nicht kann. Seit zwei
Gedanken in mir mit ihren harten Kanten
kollidiert sind. Ich liebe es, wenn bei

einem Regen die Tropfen wie Metall, wie


Blei fallen und alle mit Stoff bespannten
Geräte durchschlagen, wie die mit dem schönen
Namen Parapluie. Und wer Nacht für Nacht

träumt, auch wenn es ihn anstrengt und müde


macht, lebt, grob zusammengezählt, zweimal.
Der Traum erspart dir jedes andere Doppelleben.

Du kannst dich darauf konzentrieren, nur ein


Doppelgänger zu sein, wie ein Flaneur auf dem
Möbiusband. Äquinoktium für Äquinoktium.

CCXLIV
2 (245)

Ich bin Feinschmecker und möchte mich in der


Wahrheit festbeißen; gelegentlich verbeißen.
Der Rauchschleier ist das solideste Guckloch, das
dir dabei beizustehen versuchen kann. Aber Rauch

steht ja fast nie auf festen Beinen. Und der Beistand


eines, das schwankt, erschwert, wenn wir ehrlich
sind, jede Art von Zubeißen. Ist das schon geschehen,
dass ein Vogelschwarm an seinem Ziel vorbeigeschwärmt ist? Ich

halte das nämlich durchaus für möglich, weiß es aber nicht, darum
frage ich auch. Andererseits kann man einen Schwarm
auch nicht wirklich spalten und zerschlagen, oder? Nicht
so, zumindest, wie etwas sich selbst. Was meinst denn du?

- Ich sage dir noch einmal, zum Abschied und leise: Mit der
Selbstliebe bist du immer mit dir alleingelassen. Auf der Stelle.

CCXLV
3 (246)

Der Nörgler spricht, wieder noch einmal, aus der Zeitengruft. (2)

Dann ist es gut, wenn du Tamarisken hast, denn sie werden es, bald,
mit dem Vertrauen nicht mehr so ernst nehmen, all die anderen
Spezies. Nur die Akazien, zum Beispiel, von denen ich es, allerdings,
ernstlich erwartet hätte, haben sie nicht auch, so, ihre Neigung zur Welt?

Auch Haine sind Zustände, auch Pappelalleen und, eben auch, Akazien
am Straßenrand. Wenn auch nicht in dem Maße wie die Palmen in der
kleinen mageren Oase, von der er schon sprach. Aber Zustände sind, de jure,
die Befindlichkeiten, die ausdrücklich nichts mit uns zu tun haben wollen.

Sie verbreiten um sich die Aura einer Guckkastenbühne. Zustände tun


so, als wären sie nur für Voyeure da. Sie transportieren ihre Befindlich-
keiten als wären sie Argumente des Verklärtseins, von dem wir wissen
sollten, dass es nicht angerührt werden kann. Ob wir wollen oder nicht.

(Du denkst und denkst, und wenn du dich aufrichtest, bist du nur wieder
einen Zoll kleiner geworden. Wie lange kann das noch weiter gehen? Sag!)

CCXLVI
4 (247)

Der Nörgler spricht, wieder noch einmal, aus der Zeitengruft. (3)

Toute fraîcheur salvatrice est interdite (1)

Ihr habt mitgezählt und wisst, dass Novemberwinde hier fehl am Platz
sind. Hierher gehören nur weiße Pfauenfedern, wenn du dem August
einen Anstrich von Kühle geben möchtest. Aber überlege es dir gut, ob
du es tust, denn zu gut Überlegtes, findet auch im August keinen Platz.

Behalte die Pfauenfedern dir selbst vor und wende sie einfach, wie du willst,
aber mit wenig Kraft, dass kein weißer Wind aufkommt, der einen Hauch
von Kühle hat. Sie werden dir vorwerfen, den durchgegangen Sommer der
Welt verderben zu wollen, und sich auch ohne Lizenz und Auftrag vor dir

hüten, aus angemaßtem Prinzip. Und sie beherrschen ihre Spektakel und
lassen sich dabei nicht sehen. Ja, sie meinen selbst, sie seien gar nicht da
und kämen später, wie bestellt, als Straßenkehrer und Pulcinellen und
kehrten die Reste weg vom eigenen Fest, dem ultimativen Weltpolterabend.

(Du denkst und denkst, und wenn du dich aufrichtest, bist du wieder nur ein
Zoll kleiner geworden. Wie lange kann das denn noch weiter gehen? Sag doch!)

CCXLVII
5 (248)

Der Nörgler spricht, wieder noch einmal, aus der Zeitengruft. (4)

Toute fraîcheur salvatrice est interdite (3)

L’ombelic du jour filant


Son macaroni brulant,
Avec la tarantela :

Das Programm mag sich nicht entscheiden, aber es ist dennoch


richtig, jetzt mit der Greisenrolle anzufangen. Wie eine barocke
Arie, die nichts tut, als schrill nach Sinn zu schreien. Und uns bei-
bringen will, was das Wort lauthals bedeutet. Lauthals schreit,

was sich in seinen Schrei aufgibt, sich darin verlieren möchte,


um zu diesem ganzen Unerfülltsein etwas hinzuzutun. Lascia
ch‘io pianga. Villeicht, sagt er, will ich sogar dafür verlacht werden,
das bewiese mir, nicht mit beiden Beinen mehr auf der falschen

Seite zu stehen. Das wäre sogar Grund gnug für einen barocken Jubel,
einen teuflisch maskierten Schrei, mit anderen Worten: einen Schrei,
in den der Teufel ausbrechen würde, wenn er nur könnte. Aber, sagt er,
das versteht ihr nicht, so wenig wie ihr versteht, dass eure einzige

Blasphemie eure Existenz ist. In allem anderen seid ihr weit, weit zurückgeblieben,
habt euch, sub specie blasphemiae, aus dem eigenen Blick getrieben.

CCXLVIII
6 (249)

Finale presto, „dem Pfluge pfeifend nach“

Es ist klug und macht das Leben einfacher, zum Beispiel ein Instrument
sehr gut zu spielen. Schon giltst du als etwas Besonderes und hast dich um
nichts zu sorgen, wenn die politischen Verhältnisse nicht dagegen stehen.
Die Luft von anderen Planeten steht dir dann zu freier Verfügung. Freilich

ist das keine Garantie für nichts. Die Deutschen dulden ja, schrieb Schönberg,
keinen Juden. Und, ein Himmel, der mir Geigen verhängt ist, bietet keine Aus-
sicht mehr. Aber die Musik ist (nur) ein Symbol. Wenn ich sage, dass Folklore
weltweit überschätzt wird, droht mir ein Scherbengericht, oder meine Stimme

wird entwertet, wie man Billette zerreißt, dass sie nicht mehr, wie Taler, wandern
können. Wie merkwürdig, dass es überhaupt so oft mit dieser Geste beginnt.
Haben sie das bedacht, die glauben, das Delirium so leicht verhindern zu
können? Wissen sie, was das bedeutet? Dass sie (stellt euch das jetzt

bitte als Musik vor!) den Pflug (wisst ihr noch, was das ist?) von
der Furche befreien, die er zieht (wisst ihr, wie das geht?)

CCXLIX
7 (250)

Sol sejn

Das Vergnügen liegt bloß, sagt er, und


bar auf meiner Seite. Eine Tüte ohne
weiteren Inhalt, außer seiner Innenseite.
Ein Ding, dass sich auszahlt, kann keine

guten Verträge geschlossen haben, keine


wie sie üblich sind. Wenigstens darf ihm
niemand eine auch nur zögerliche Inkon-
sequenz vorwerfen, denn wie könnte er

sie nachweisen? Besitzt es doch auch eine


Erinnerungsqualität, die nicht nachzuahmen
ist, in keinem Register, denn es

tönt nicht, weder voll noch nachgiebig. Was hier eine


Innenseite sein könnte,
wenn sie es denn sein wollte, ist das Echo einer Falte.

CCL
8 (251)

Es gibt doch gewiss noch Orte, wo heilige


Mädchen verehrt werden; dann war ihnen hier
bestimmt etwas erschienen. Und sie haben
sich scheu und neugierig zur Seite gewandt

und aus den Augenwinkeln beobachtet. Die


Hände zu falten, steigert dabei die Konzentration
und verdeutlicht das nur halb Gesehene, füllt die
Schatten mit Blut und Licht. Und erweitert die

Grotte zum Firmament. Ja, dazu brauchst du nur


die Hände zusammenzulegen, oder zu falten,
wie man sagt. Je näher sich zwei Handflächen

kommen, desto weiter wird die Welt, weil die


Zeit sich dazwischen staut zu einem Riesigen,
dem die Mädchen dann ihren Ruf schulden.

CCLI
9 (252)

Luftknospen

Ein Ton, wie wenn


Ein Schwan, also
Montiertes Schweigen,
Wie Stiefmütterchen,

In einem Schlosspark
Zu Frühlings Beginn.
Darüber, übertrieben
Schön, manche würden

Sagen: albatroshaft,
Tausend Flüge in den
Federn, ach, wieder ein

Schwan, der etwas zeigen


Will, vielleicht, dass Fliegen ein
Unbefangeneres Knospen ist.

CCLII
10 (253)

Schiffbruch und Augenschmaus

oder

Aufgewärmtes. Eine verspätete Moritat

Dürfte ich zu einem Flügel sagen:


Schlage doch! - wenn er Äonen
Zurückbringen könnte? - Nur wenn
Der Flügel dir dann auch Augen

Und Ohren bedeckt. Und zu tragen,


Brauchtest du deine Schuld nicht, denn
Die übernähme er, um dich zu schonen.
Denn ertragen kannst du nicht, womit Augen

Und Ohren deinen Wunsch belohnen,


Die Schreie und Wunden der Zeiten
Dir nochmals und neu aufzubereiten.
Zuschauer fassen nichts. Daher schauen

Sie ja zu. Und lassen sich doch gern, zuzeiten,


Gewesenes frisch und schmackhaft zubereiten.

CCLIII
11 (254)

Er sagte, dass alle, die dabei zuschauen


Könnten, wie sie seziert werden, früher oder
Später sagen würden: Ich habe mir mein
Herz ganz anders vorgestellt. Und einige

Würden noch ergänzen: und mein Gehirn


Übrigens auch. Und von ganzen Rest
Ganz zu schweigen. Ob das für sie ein
Schock sein wird, wüsste er aber nicht

Zu sagen. Überhaupt sei das auch schwer


Zu sagen, wie, zum Beispiel, wohin der Spatz
Gleich springen wird. So sei es eben mit den

Gedanken und den Wörtern. Sie bestünden


Auf ihrer Ungebundenheit, weil sie nicht anders
Könnten, und andere Einfälle ausblieben.

CCLIV
12 (255)

Im Geschrei kommt das Überflüssige


zum Ausdruck. Es bleibt beim Alten.
Leider hat Wittgenstein das nicht ge-
schrieben, aber wenn er es doch ge-

schrieben hätte, hätte er Recht gehabt:


Wer nichts sagen kann, der schreit. Oder
auch: die schreit. Wir messen die Wahrheit
endlich nach Dezibeln. Das ist schön, hat

sich lange vorbereitet, und profitiert natürlich


aber auch von seiner langen Geschichte. Es
gibt wenige vergleichbare Sicherheiten.

Freilich auch wenige, auf die man so leicht


verzichten könnte. Aber wir leben darin, wie
auch andere in ihrer nährende Pfütze, nur leiser.

CCLV
13 (256)

Was ist Schmuck, fragt er, und sagt: nichts


als gesteigerte Oberfläche soll er sein. Was
ist dann aber seine Substanz, wenn ich das auch
nicht weiß und wenn wir sie schon der Ober-

fläche absprechen? Reden wir also von anderem,


von Besserem, einem anderen Ornament der
Zeit, vom Ich, einem Stauphänomen, wie wenn
du mit der Hand ein Fließen anhalten willst. Das

Angestaute, ist das die wenig verlässliche Form,


auf die du und deine Hand aus sind, der Halt,
den sie meinen? Mir fällt da ein anderes Bild

ein, zwar auch ornamental, aber größer: ein abschüssiger


Kanal, dessen schellen Schuss sich ein Wehr entgegenstellt und
den Fluss einen Schrecken lang zu halten scheint. Da hast du es.

CCLVI
14 (257)

Morgen denke ich anders. Werde es aber nicht tun.


Ich werde, ungestört, weiter so denken, als wäre ich
ein Heißluftballon, der auf eine Wolke aufgeschlagen
Ist. Das wird mir Grund genug sein, bei der Wolke als

einer brauchbaren Metapher zu bleiben. Natürlich werde


ich auch aufschreien, wie ein König Marke, der sich darin
übt, gegen den Strich zu denken: Dies mir, mir dies? Das
hast du nicht verdient, trotz all dieser Erinnerungen an

einen Innenraum, der nicht mehr zur Debatte stehen kann,


trotz seiner Anhänglichkeit. Darf ich die Angeln mitnehmen?
Ja, klar, nimm sie mit, weit, weit. Mach mir einfach plausibel,

klar, wo mein Kopf da steckt. Und sag mir, warum du meinst,


man sollte das Leben trinken können, je nach Geschmack, wie
ein Bier oder einen Wein am Abend, je nachdem.

CCLVII
15 (258)

Jedes goldene Zeitalter ist eine Vorspeise. Sich


nach der zurückzusehnen, das bleibt die bleibende
Aufgabe aller Epochen danach. Aber von der Vorspeise
bleibt kein Begriff und kein Geschmack, das macht

die Sehnsucht danach so schwierig. Ich träume von


Vertrauten Landschaften, und spätestens wenn ich
aufwache, weiß ich, dass es die nicht gibt und auch
nie gab. Gewesen zu sein, dazu waren sie viel, viel zu

überzeugend. Dennoch dieses kleine Dankgebet:


Ich habe mich an dich verfragt, du hast es
angenommen. Wie ein Kind die Klage,

und lachend hast du es vertagt. Mich


bei dem Wort genommen,
das ich nicht mehr frage. ‫ָאֵמן‬

CCLVIII
16 (259)

Er entschlage sich der Worte


Mit der ganzen Wucht die ihm
Zu Gebote stehe Als höbe er
Einen Krug voller Wörter und

Zerschmettere ihn auf dem


Steinernen Tisch den er in
Potsdam gesehen hat und
Der einst dem Spiel diente

Und der Unterhaltung aber


Jetzt seinem Hinterhalt Es
Sei sein Ehrgeiz gewitzt zu

Sein Nur daraus ergäbe sich


Der gewisse existentielle Schmelz
Dessen die Welt im Übermaß bedarf

CCLIX
17 (260)

BWV 182, zum ersten Mal gehört

Und wenn sich doch noch, aggressiv


wider alles Erwarten gerichtet, über
der Welt ein Licht verbreitet, als ob ein
Himmelskönig willkommen sei, ginge

er, seit langem wieder einmal, an seinen


Waffenschrank, nähme da seine wertvollste
Waffe heraus und schösse zur Freude aller
Frommen dreifach Salut. Aber tragt ein

unbeflecktes Kleid. Damit mein Salut seinen


Zweck erreicht. Und mein festliches Pistol
zufrieden ist und mit Genugtuung noch die Pikkolo-
Synkopen seines Echos vernimmt und sich

wundern muss, dass es sich nicht verliert.


Und immer weiter in den eignen Ohren hört.

CCLX
18 (261)

Jouissance, trotz alledem

Die Welt kann vielleicht weitergehen aber


Es nicht mit ihr Es hat sich so ergeben Es
Hat sich verloren und doch - anders als die
Welt - im Griff Denn es wollte niemals wissen

Wie Es ging ihm wie mit seinem Blick wenn


Es ihn spiegelte - was ja eigentlich sein ganzes
Handwerk war - Es wollte immer nur was es war
Aber das auf radikale Weise Um es nicht

Schärfer zu sagen: Es geht sich so nie aus


Es bleibt bei sich obgleich es nie zu sich
Kommt Es geht sich voran legt sich Palmen-

Zweige auf den Weg und begegnet sich mit


Stillem Jubel weil es ja einem bestimmten Format
Folgen muss Es tut es aber auf nur seine Art und Weise

CCLXI
19 (262)

Das Ex des Nihilo

Hätt es einen Ton, wie tät es ihn


verstecken. Aber so ist es von
wendiger Zeitlosigkeit. Und taucht
auf, wo es sich ergibt, wie ein

Maulwurf, der durch die Milchhaut


des Nichts mit seiner Schnauze
sticht, und sich flugs besinnt, das
Klügere zu tun. Und die Milchhaut

kommt sich wichtig vor, wie eine


Schaltstelle. Und ist sie es denn
nicht auch? Vielleicht ist nur der

Stolz dieser Milchhaut berechtigt. Der


legitime Stolz der entscheidenden
Schaltstelle der Schöpfung (das EX).

CCLXII
20 (263)

Nur Weite, weit hergeholt. Erst kommt


das Wissen, dann die Moral. Denn
Weisheit war einmal eine Maßeinheit
für den Umfang der Seele, und der war

leicht zu bestimmen, bis auf mehrere


Stellen hinter dem Komma. Die Sache
war, vor den Augen Gottes in Ordnung.
Bis ihr diesen Standard abgeschafft

habt. Ihr hättet ihn aber durch einen


anderen ersetzen sollen, wenigstens
versuchsweise. Fiel euch da nichts ein?

Mit einem Maß dafür, hat die Seele


ihren Umfang verloren. Nein, sie hat ihn
noch, potentiell, wie ein leerer Ledersack.

CCLXIII
21 (264)

Die Engel der Zukunft (im Plural?), kommen


die da grade? Jedenfalls hat Tallis ihnen die
Wege bereitet. Mitten unter mindestens 30
Stimmen gleiten sie daher, um unsere moderate

Existenz, alle mit, trotz all der Geschichte,


mit Neugierde, wer mag das noch glauben,
in den Augen, in ihren ungesehenen Engels-
Augen. Was für ein Glück, dass wir an allem

anderen vorbei, in diese so weltverleugneten


Augen noch blicken dürfen. Privileg des an
aller Welt Vorbei-Seins. Da sitzen wir, freundlich,

auf Bänken, Bürostühlen, in desinfizierten


Nischen, asthmafördernden Blasen und hoffen
darauf, dass den Teufeln die Hölle fad wird.

CCLXIV
22 (265)

Er sagt, er plaudere sich vor


sich hin, in entsetzlicher
Selbstvergessenheit. Und
das in diesen Zeiten, Zeiten

der anderen Pest, in denen


Parks gegen den Himmel
hin verwildern. Das Elend
verläuft sich ins Gefällige.

Einer hat mir gesagt, du


sollst, entgegen der Statistik
etwas von dir haben, wie die

hohe Seite einer Bratsche in


einem Orchester. Gib zu, das
ist nicht wenig von mir verlangt.

CCLXV
23 (266)

Ein Baum oder ein Balkon


Ist heute nur ein Zitat, das
war vielleicht einerseits
schon immer so, aber heut

ist es nurmehr ein Zitat


einer Möglichkeit, keiner
Gewesenheit. So heraus-
verloren zu sein aus der

Zeit ist schon eine triftige


Zumutung. Verlorenes Licht
behält seine Eitelkeit. Wie

es mit Menschen, zertropft wie


Kerzen, in silbernen Lüstern sein
wird, das weiß ich noch nicht. Wie auch!

CCLXVI
24 (267)

Der Maßstab des Wiederholbaren


Versucht sich gegen die Welt. Selbst
Wenn es gut wird, was unwahrscheinlich
Bleiben muss. Es ist wirklich wichtig,

Unabhängig zu sein, sonst hat die


Wahrheit gar keine Chance, wie
Du siehst. Dann wird sie zu leicht,
Leichter als sie per definitionem

Sein darf. Dann gehört sie keinem


Mehr und ist nicht einmal mehr für
Einen Traum oder ein Chanson gut und

Geeignet und wird in einem prächtigen


Sarg abgelegt, den zu versorgen man
Sich scheut oder zögert. Jetzt steht er da.

CCLXVII
25 (268)

Wenn du wirklich nicht mehr wiedergefunden


werden möchtest, hinter Jerusalem. Oder
überhaupt jenseits von allem, was der verständ-
lichste Wunsch ist, den ich mir denken kann,

dann bleibe in den Glasscherben stehen. Blut


verdichtet, auf Dauer gesehen. Späher, die
versagt und ihren Leute große Not gebracht
haben, denen wird zuerst verziehen, denn sie

haben doch den Todeskampf der Welt nur


verkürzt. Die verdienen mehr als nur ein Verzeihen.
Eigentlich sollte alles noch einmal unter ihrer

Führung wiederholt werden. Das Heulen und


Zähneknirschen wäre lauter als der Kosmos es
vertragen könnte. Es gibt keinen besseren Neubeginn.

CCLXVIII
26 (269)

Carrelet

Die Angst ist so ein offener Posten.


Sie ergibt sich aus Gedankenresten.
Sie ist die dunkle Oberfläche. Sie lässt
die Seen nicht so tief erscheinen und

verführt dazu, sie zu überschreiten. Und


sie schaut dir nach, ohne dich zu warnen.
Die Gefahr besteht ja nur für dich. Und
sie ist sich auch gar nicht sicher, ob die

dunkle Haut der Oberfläche nicht doch


trägt. Vielleicht ist sie nur schwarzes Eis.
Und es lauert keine Gefahr. Offene Posten

sind stabil. Wie Nullen in einem Hexen-


Einmaleins, ausgestopft mit Gedankenresten.
Und rund wie Kugeln und Kraterseen.

CCLXIX
27 (270)

Roman holiday

Was sagen die anders, die Molch


oder Moloch sagen. (Schon die
Form der Frage ist zwar falsch.)
Der Unterschied ist so groß, dass

er Sinn verleiht. Der Unterschied


eines blinden Gucklochs, wenn wir
uns verstehen. Weltentfaltungsorte,
wie Kinder, wenn auch in kurzen Reihen.

Der Gucklöcher sind aber mehr, wenn


Ein Regen, ein Schnee oder auch ein Wind
geht, vor allem draußen oder auf einer
anderen Seite. Zu einem anderen Datum,

Rückenbein, Fußfinger, können Mischpoche


und Knochen denn wehtun, uns Enkeln?

CCLXX
28 (271)

Ich bin auch maskiert, aber immer gleich.


Jeder Anfang ist groß, der der Ratifikation

entgeht, so entgehe selbst ich eurer Todsünde,


aufs effektivste, ohne etwas zu tun. Das

heißt auch, ich tue, natürlich, aber ohne es


zu merken. Die taoistischen Wolkenbewohner

scheuen sich, mich einzugemeinden.

CCLXXI
29 (272)

Ich gehöre, sagt er, fast allen Generationen


an, vergleichsweise, denen das Herz noch
wert ist, dunkel ganz zu werden, und die
Träume blau. Selbst an einem sonnigen Fester

einer Autobahnraststätte, der Dunkel und


Blau nicht nahestehen. Aber ich gehöre auch
zu denen, die die Dinge gerne verbringen,
im Raum und Zeit, hierhin und dorthinaus.

Das Herz kennt eine unguteste Köperhaltung.


Dann glaubt es, tanzen zu können, wie Götter.

CCLXXII
30 (273)

Ich habe gerade gehört, sagt er, welche Preise


In Deutschland für alle Sorten von Literatur
vergeben werden. Ich muss wohl emigrieren.
Er hätte nicht gedacht, dass die Sprache derart

auf den Strich gehen kann. Für so mutig und


unbedacht hätte er sie nicht halten können.
Aber der Karfreitag bleibt sonnig, der Verkehr
wird umgeleitet. Die Heiterkeit kennt keine

Grenzen, und der Witz bei postum vergebenen


Preisen sei noch gar nicht erschöpft. Da dürfe
man sich noch auf gänzlich Unerprobtes freuen.

CCLXXIII
31 (274)

Deflationswannen.

Meinst du Rebbe, ob es einen Nutzen hat,


zu denken? - Am Rand des Tods bleibt immer
was am Leben. Ein Kleeblatt, ein Stück Dill,
eine Spitze Schnittlauch. Das hat etwas für

sich und etwas zu bedeuten. Wie jeder Nagel,


der sich eingehämmert findet am Rande der
Bedeutsamkeit, irgendeiner, die ihm, wer sagt’s,
keiner hat’s ihm prophezeit, ein wenig Heimat

zusteckt, in seine Hosentasche oder das


mitgelebte Futteral, von dem er nie wusste, was
es ist, und wozu es gut sein könnte. Es hat

Ihn ergeben begleitet, ohne etwas zu verraten,


nur ziellose Unterwerfung kann so vollkommen
sein. Sie hat nichts anderes zu tun.

CCLXXIV
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier X

1 (275)

Ja, komplizierter als gedacht.

Er sagt, er sei das Zerbrechlichste, was


ihm in der langen Zeit begegnet sei, das
so beständig dem Ideal der Zerbrechlichkeit
gefolgt sei, und er würde es weiter tun,

bis zum Zerbrechen. Man sitzt auf der langen,


halbmondförmigen Bank dabei, und weiß nicht,
Wie man hierher kam. Zum Klang einer Musik,
die einen (mir) nicht fremder sein könnte.

Riecht es immer nach gebratenem Huhn, wenn


eine Taube unter der steinernen Bank, wo du
gerade, jetzt gerade, sitzt, nach einem

vergessenen Almosen sucht? Und, als wäre doch


jeder Hund ein Zerberus, wo sie dir weiszumachen
versuchen, dass hinter jeder Stelle ein Hades sei.

CCLXXV
2 (276)

Es ist gut, etwas aufzuheben, bevor es nötig ist. Sonst


wird es unlösbar schwierig für dich, ganz ohne Zweifel.
Die Engel, schon wieder sie, wackeln sehr verständig mit den
Köpfen. Sie heben ihre Köpfe vom Häkelzeug, schieben die

Brillen ein wenig zur Seite und sagen: Ja, das stimmt! Das
hat immer gestimmt, schon damals, als wir noch Auszu-
bildende waren. Und uns das Glück der Transfiguration
noch nicht so deutlich vorstellen konnten. Wie waren noch

nicht so belesen, waren naiv, natürlich, und zu jeder Lust


bereit, wie Engel eben anfangen. Dann wurden wir, stückweis,
kleiner, einigten mit uns selbst auf unser Format und er, unser

Schöpfer ekelt sich jetzt notwendig über uns, so, wie wir es uns
verdient haben. Selbstzerstörung ist immer mühsam und
unwahrscheinlich in ihrem Ausmaß, bis es klar geworden ist.

CCLXXVI
3 (277)

Karfreitag

(Skizze für ein Turmgedicht, ein Fragment nach Vorbildern)

Du kennst es auch, nicht wahr, wenn inwendig


In dir ein Turm zusammengestürzt ist der eigentlich

Dazu da war dich zu stützen zu tragen und zu halten


So geschwächt kann du nicht einmal mehr ersehen

Was da geschehen ist Es fehlt aller Raum dazu es fehlt


Alles Licht es fehlt selbst eine für Gedanken gangbare

Bahn Aber wer baut so scheckhafte Türme damit sie


Ins Unzugängliche stürzen das sie doch schon waren

Als würde auch ein Turm sofern er ein Ding ist nur an
Seiner Stelle stehen um sich einmal in seinem Sturz zu

Besiegeln Gewiss ein seltsamer Akt der Selbstbeschwörung


Aber taugt er in seiner Vollkommenheit denn zum Vorbild

CCLXXVII
4 (278)

Er sagt, er sei das Zerbrechlichste, was


ihm in der langen Zeit begegnet sei, das
so beständig dem Ideal der Zerbrechlichkeit
gefolgt sei, und er würde es weiter tun,

bis zum Zerbrechen. Man sitzt auf der langen,


halbmondförmigen Bank dabei, und weiß nicht,
Wie man hierher kam. Zum Klang einer Musik,
die einen (mir) nicht fremder sein könnte.

Riecht es immer nach gebratenem Huhn, wenn


eine Taube unter der steinernen Bank, wo du
gerade, jetzt gerade, sitzt, nach einem

vergessenen Almosen sucht? Und, als wäre


jeder Hund ein Cerberus, sie dir weiszumachen
versuchen, dass hinter jeder Stelle ein Hades sei.

CCLXXVIII
5 (279)

Rivulet, nicht weit vom Schuss

Im Gegenteil, er erinnere sich genau, dass


er zu sein gewollt hatte. Und wie sehr er sich
geängstet hatte, nicht zu werden. Als Ungewordener
schon, erzählten sie ihm, soll seine Unruhe

gewesen sein wie die eines Läufers, kurz vor


dem Start. Es bestand immer die Gefahr, dass
er den richtigen und, in diesem Fall einzigen,
Augenblick verfehlen könne. Er sei, auch wenn

diese Ausdrucksweise ungewöhnlich ist, ganz


ein Erbe dieser Gefahr. Vielleicht sei das das
Einzige, was er besitze, obgleich die Gefahr

sich ja gerade ihn erworben habe. Umgekehrt


wäre er nicht geworden. Das Dasein verdankt
sich im allgemeinen ja einem heiklen Gefälle.

CCLXXIX
6 (280)

Gängig sollte das nicht sein, aber wir sind Teil


des fortschreitenden Vergessens. Das entspringt
unserer Bequemlichkeit beim Zählen der Stunden.
Wir verlieren dabei auch zu vieles aus der Hand.

Zu langsam zu zählen. Zuviel zu verlieren. Das


folgt dem Bauplan des Vergessens. Vergessen
ist ein Bauen der raumschaffenden Art. Das
sagen sie, ohne Trauer in den Wimpern, selbst

ohne Bedauern, als hätten sie keinen Bedarf


an Bleiben. Als sei das Sein ihnen fremd
in seinem Bestand und feindlich in seiner
Freundlichkeit. Ihre Gewandtheit liegt ganz

in der Geste der Umkehr. Und das Geschick


der Zeit in schlecht kaschierter Gegenläufigkeit.

CCLXXX
7 (281)

Dedicate alla dama

Wie ein physikalischer Reflex, als könnte sich


die Gesichtshaut eines Papiers von sich selber
lösen. Schmerzlos, so, als wäre sie längst schon
reif geworden. Und braucht keine helfende

Hand, die sie von außen her abzieht, wie eine


Milchhaut, so, wie man es kennt und ohne diese
Überraschung wahrnimmt. Anders aber jetzt:
mit Augen, die vom Gesehenen ertappt wurden,

mit Blicken, die, vom Erblickten erlöst, schmerzlos,


so, wie grade gereifte Früchte auf den Boden
fallen und zu faulen sich beeilen. Das sei

das Hochzeitsritual, wie sie es immer feierten mit


der Zeit, auch wenn sie eine sehr geduldige
Braut sei, die niemals auf Raschheit dränge.

CCLXXXI
8 (282)

Ein Weltennachtwächter spricht, ungefragt

Nochmal versucht der liebe Gott es


gewiß nicht mehr. Endlich hat auch er
es begriffen, dass seine Welt nicht
erlöst werden möchte. Sie hat sich

mit sich arrangiert. Ihr geht es mit sich


gut. Jeder Rettungsversuch wäre ihr
eine Störung. Und völlig unverständlich.
Wer will hier wen retten, wovor und auch

warum? Was so in sich versunken ist, hat


alles vergessen, sich selbst zuerst, glaubt
aber so zu leiden, wie es zu leiden spielt.

Was hat ein Nachtwächter noch zu singen, der


weiß, welche Stunde es geschlagen hat? Und welche
Leut hören noch und lassen sich was sagen?

CCLXXXII
9 (283)

Res publica

Ich schreibe aus einer Hilflosigkeit heraus, sagt


er, die sicher auch sehr privat ist, aber nicht nur
privat. Es scheint mir eher so, dass die Hilflosigkeit
das Private ist, der ganze Rest aber eine mehr

als nur öffentliche Sache. Ich, sagt er, rede von


der Hilflosigkeit der Welt, ich werde immer mehr
zu ihrer einzigen Öffentlichkeit. Seht ihr nicht,
wie sie sich aus Eitelkeit vor sich versteckt? Die

Welt. Sich um den Mars zu kümmern, sagt er,


das kommt doch viel zu spät. Der Geist Gottes
hat sich, sagt er, doch schon längst aus der

Welt entfernt, wenn auch nicht so unanständig


schnarrend wie die Luft aus einem schlecht oder
nicht verschnürten, aus einem Luftballon.

CCLXXXIII
10 (284)

Es reicht nicht, dass eine Stimme an einem


seidenen Faden hängt, damit sie klingt, wie
ich es mir wünsche. Das wäre, als Voraussetzung,
so wenig, dass es jederzeit geschehen könnte.

Diese lächerliche Jederzeitmöglichkeit ist nicht


mein Ding. Ich dachte bisher, ihr kennt mich schlecht,
aber ihr kennt mich gar nicht. Die Stimme, wie ich
sie mir denke, passt euch nicht nur nicht ins

Konzept, sie ist euch fremder als jedes Echo,


dem ihr Fallen stellt. Oder nach dem ihr angelt
ohne Haken. (Mit welchen Köder man Echos

fängt, das habt ihr euch nicht einmal gefragt,


obgleich es da Erfahrungswerte gibt.) Stimmen,
die ich meine, hängen an halbseidenen Fäden.

CCLXXXIV
11 (285)

‫מַאסקע און ברכה‬


‫ַאזוי ווידער די פָארעם‬

Handauflegung sei noch immer eine Geste


der Segnung. Auch die Maske, die auf dem
Gesicht liegt, wirkt auf ihre Weise durch Be-
zug, zum Unauffindbaren, von dem es weg-

weist, wie alles, das sagt: Ich bin doch da. Kuk mir
an! Ikh viln tsu vern gezen.5 Hände und Masken
sind auch ganz anders, aber ihr Wirken haben
sie einander entlehnt. Oder kann man sagen:

sie sind Zwillinge im Fremdsein? Im Aufliegen


auf einem, das sich verweigert? Dann sind Masken
und Hände Vollzugsgehilfen, die negieren, was

sich negiert, und das sei doch, sagt er, genau


der Sinn des Segnens, möchte er meinen. Das
Wunder der Ratifikation; erneut also die Form.

5
‫קוק מיר אן! איך ווילן צו ווערן געזען‬

CCLXXXV
12 (286)

Got it?

Was können wir noch tun? Wir können


dokumentieren, dass wir uns diese Frage
stellen, und, in Ansätzen, wie wir sie uns
stellen. Und dass der größte Fortschritt

war, in Fragen die einzig wahren und


formgerechten Aussagen zu erkennen. Zu
sagen: Geht‘s noch, den Karren von einem
Gespann aus Worten und Bildern ziehen zu

lassen, also eine Weltwirtschaft auf Kinder-


arbeit zu gründen, nach soviel Moralphilosophie?
Das war eine sehr tänzerische Lösung, die ihrem

Begriff gerade noch ausreichend widersprach, um


die Zeit zu etablieren, die wir brauchen, um auf
uns zurückblicken zu können, alla breve.

CCLXXXVI
13 (287)

Bilder müssen, sagt er, manieristisch oder


verrückt, präzise und vollkommen einfach sein, um
ihrer Aufgabe gerecht werden zu können, treffend
und unberechenbar vieldeutig zu erscheinen.

Sonst sind sie doch nichts wert. (Er weiß die Dinge
beim Namen zu nennen. Er arbeitete lange an
dieser Qualität. Zudem sind andere darin leicht
zu übertreffen. Und ein wenig Ökonomie gehöre

zum Denken und zum Gewinnen dazu, sei mehr als nur
verzeihbar.) Und, freilich, Bilder, sagt er, Gedanken, Worte
und wir selbst sind Umwege merkwürdiger Konsistenz,

immerhin haben wir ein wenig davon, und deswegen


(nur) können wir alle so manieristisch, verrückt, einfach,
präzise und (genau im Maß dieses Wenigen) zu vieldeutig sein.

CCLXXXVII
14 (288)

‫ּפריזמע און מלאך אויגן‬

Mit Hegels einem Wort, sagt er, Kategorie, ist zwar


Alles gesagt, vor allem, dass damit nichts (in der Form
Des Zuwenig) gesagt ist. Damit verfügen wir über unsere
Welt, auf die scharfe Weise des bestimmten Unwissens.

Wie wenn uns, beim Aufschrei Heureka! im Bad der


Erkenntnis, aber wirklich auch alles Wissen wie ein
Stück aalglatter Seife aus der Hand gleitet, begleitet
Vom vornehmen Ton einer gewissen Ironie, dessen

Wir uns als einer Bestätigung schmeicheln, die nur


Auserwählten zusteht und geschieht. Vayl got nor
Git, ven er nemt. Das war in seiner profanen Fassung

Zwar schon lange bekannt, aber erst das substanz- und


Makellose Prisma der Kategorie eröffnet, wohlverstanden, und
Erschließt uns die Welt, wie die Engel sie sehen, mit ihren eigenen Augen.

CCLXXXVIII
15 (289)

Und Natur ist das Gewesene oder das


Vertauschte; als solches ist sie nicht mehr
erkennbar. Weil denen, die tauschten, das
System fehlte. Dem kann nichts begegnen

oder entgehen. Und wir gewahren die Dinge


(nur) in ihrem Gewesensein. Das heißt, sie sind
uns nur nah, wo sie waren. Nur dann, und
dann, wie jetzt vielleicht, nicht mehr. Wenn wir

sie auch um ihr Gewesensein gebracht haben.


Wir sind so eitle Konkurrenten der Zeit., wir zwei,
das Haben und sein Gegenteil, - aber, fragst
du, was ist denn das? Da fragst du zu spät. Das

Haben hat sich aus dem Staub gemacht. Und


steht nicht mehr Rede oder gar Antwort.

CCLXXXIX
16 (290)

Rosebud

Kinder, gerade in Wintertracht, sind sich


Immer so herzzerreißend gleich. Denn
Neugierde ist sich gleich, bis sie enttäuscht
wird, sich noch in der Enttäuschung gleicht, die

sie ja mit dem Gleichen füllt und überfüllt.


Deshalb sind sie ja, die Kinder, gerade die
In ihren Winterklamotten, so herzzerreißend.
Du darfst ihnen nicht sagen: ihr seht alles

gleich und falsch. Die Sonne. Eure Mütter.


Den Hund. Das Reh. Auch Roller und Fahrrad
und Blume und Erdbeereis. Die Dinge stehlen

euch, euch und euren Rausch und geben euch


nichts zurück, was sie auch sonst euch geben mögen,
falls sie es tun. Haltet euer Blut beisammen.

CCXC
17 (291)

Wie macht man daraus, so spät, ein Gedicht?


Es geht um einen Getränkeautomaten in Tôkyô,
an einem sehr heißen, sonnigen Tag. Vis-à-vis einem
besonders besonderen Orts, es tut aber nichts

zur Sache, ihn zu benennen. Seltsam einsam war


er, ja, das stimmt. Der Bambus, ideologisch bestimmt,
speziell, das hat seine Herkunft, aber wenn unter
besonderer Form das Allgemeine, sozusagen,

sich verleugnet, da hat es was für sich. Einem


Automaten geht seine Natur durch. Stellt euch
das vor. Du zahlst für eine Dose und das Gerät

hört nicht auf zu schenken. Und Lili lacht und


reiht auf den Asphalt die Unendlichkeit, die
ausnahmsweise einmal nicht aufhören will.

CCXCI
18 (292)

Life is proof reading.


But we don‘t know (for God’s sake?) of what.

Das, trotz deinem Protest: Das Eine besitzt du nur,


wenn auch eigentlich nicht, in einer anderen
Ordnung. - Wie oft er mich, irgendetwas imitierend, das
ich nicht kannte, damit, mit diesem nachvollziehbaren

und unverständlichen Satz gequält und aufgerichtet hat. Ich


stand jedes Mal da wie Buddha (er hatte gestern Geburtstag),
kurz nach seiner Geburt, in der absoluten Mitte des Kosmos,
wie er sagt: Das bin alles ich, ihr müsst das nur begreifen,

was meine noch kleine Fingerspitze euch zeigt. Als würde ich
auf meinen Kopf stehen. Mir war schon damals klar, dass ich
euch viel werde zumuten müssen. So ein Auftrag, glaubt mir,

kostet einem jedem Metall Tränen. Das wusste ich, und


ich arbeite seither daran, sie zu kneten, dass sie einen
tröstlichen Hauch von Bekömmlichkeit aufbringen.

CCXCII
19 (293)

Es iz geven amol

Es bleibt schwer, es korrekt zu sagen,


gerade nach so langem Gebrauch. Aber
es ist richtig, wenn ich sage: es geschieht
immer zu spät. Wir denken, nachdem es

gedacht werden musste. Wir sprechen,


nachdem es gesprochen werden musste.
Und handeln, um zu zeigen, dass wir handeln
hätten müssen. Und selbst unser ständiges

Ungefähr trifft es nur halb. Was geschieht, ist


nicht mehr als der Zoll, den wir der Verspätung
zahlen. Und rennten wir so schnell wie Hasen.

Auch der Versuch, rückwärts zu gehen, vielleicht


wie, wie schon gesagt, die Engel, ist die Finte
eines Märchenerzählers: Da war etwas.

CCXCIII
20 (294)

Life is proof reading. (2)

Er versuche, soviel Weltsituationen noch


zusammenzuraffen, wie es ihm möglich
sei. Und Holz zu beobachten, das an
Straßenrändern zerfällt, als sähe es

niemand, so scheu sei es. Und dann,


alle diesen sichtbar verelendeten stolzen
Väter, die ihr schrecklich kleinen Kinder
durch den Frühlingsabend tragen, zu

deren Erholung. Aber wozu? Wir wissen


doch, man hat es uns gesagt: Die Menschen
sind einander Piratenversionen. Aber wenn

beide Seiten nur heucheln zu sein, was sie für


einander sind? Die Dämonen profitieren immer
vom jeweils Gegebenen, seinen Handreichungen.

CCXCIV
21 (295)

lux vitae est vita lucis

Leben ist wie Lesen ein den jeweiligen Raum genau


ausfüllendes Hineingleiten in ein Unvorbereitetes.
Und zwar von beiden Seiten. Eine Begegnung
ohne Gruß. Durch eine Tür, die von beiden

Seiten nur ein schmaler Eingang ist, durch den zwei


Gäste zur gleichen Zeit (gegeneinander) eintreten. Daher ist
Ein Gruß nicht denkbar, sowenig wie die Geschwindigkeit,
mit der er ausgeführt werden müsste. Aber es

ist dennoch ein ergreifender Augenblick, ja ein


Moment des Hingerissenseins, also doch eine
vollkommene Begegnung, die jeden Gruß ersetzt,

er sagt: ja sogar übertreibt. Als hätte er eine


gewisse Weihe, wenn ich das so sagen darf. Vor
allem, wenn sich die Gäste dabei kurz umwenden.

CCXCV
22 (296)

Time is a strange habitat indeed.

John Durham Pet

Alle Irrtümer sind Fehler. Oberflächlich betrachtet,


aber auch strukturell. Deswegen kann niemand sich
dafür entschuldigen, dafür einstehen, wie wir oft sagen,
erst recht nicht. Wie willst du einstehen, für das, was

dir fehlt oder für das, was falsch ist an dir? Stell dir nur
vor, sie sagen dir: An dir ist ja wirklich alles falsch. Wie windest
du dich aus diesem Vorwurf heraus (vorausgesetzt natürlich,
das ginge überhaupt)? Dabei ist das logische Problem

das Geringste. Wir haben ja eine gewisse Erfahrung darin,


Vieles im Modus des Als-Ob zu erledigen. Und zwangsläufig
sind wir daher auch darin geübt, unsere leeren Hände zu

verstecken. Und unsere Bereitschaft, uns, in solchen Fällen,


gegenseitig zu decken, ist groß, weil sie nichts mit Moral zu tun hat
und nichts kostet, und also, denken wir, auch kein Irrtum sein kann.

CCXCVI
23 (297)

Adam erzählt l

Während eines Spaziergangs in Eden, solche


Spaziergänge kamen wirklich vor, sagte Er mir,
als wüsste Er über alles Bescheid: Ich befürchte,
dass ihr die Schöpfung einmal gründlich miss-

verstehen werdet, denn gründlich seid ihr ja.


Ihr werdet sie zu schwer nehmen. Und das wird
sie verderben. Und mit ihr auch euch. Ihr werdet
zwar auch richtig sagen: Gott spielt. Aber ihr

werdet dabei an die falschen Spiele denken.


An die mit Knöcheln oder Bällen, an Wette und
Gewinn. Ich sage dir aber: keine Frucht in Eden

kann dir mich zu verstehen geben. Wie wollt ihr


Eitlen mich den unterschieden können? Denkt euch nie
zu viel aus. Ich habe euch schon alles so hingeschöpft.

CCXCVII
24 (298)

Adam erzählt II

Es sind die Nervenschmerzen in den Füßen,


die mich an Eden erinnern sollen. Der Schmerz

ist die Erinnerung und ist sie ganz. Der Abdruck


des Verlorenen. Das Zeugnis, dass der Boden

Edens nicht mehr ist. Selbst ich weiß nicht mehr


darüber. Und bestehe doch aus derselben Erde.

Das weiß ich noch, das hat Er mir gesagt. Und


Ich frage mich, ob der Schmerz nur die Stellen

bezeichnet, wo die Seele abgerissen wurde.

CCXCVIII
25 (299)

Adam erzählt III

Kaum die Augen aufgeschlagen zu haben und


schon die Dinge benennen zu müssen, das war
hart und brachte mir sofort die Härte der Schöpfung
zu Bewusstsein. Das könnt ihr sicher nicht nachempfinden.

Das kleine Abenteuer der Geburt, lässt sich nun wirklich


nicht daran messen. Auch wenn ihr es euch gerne einbildet.
Auch eure ersten Schreie lassen sich in ihrer Wirkkraft
mit meinen, mit denen ich die Sprache erfand, nicht

vergleichen. Ich war ja auch privilegiert. Die eine Hand


Gottes lag auf meiner Schulter, mit der anderen öffnete
er meine Augen. Und einen einzigen kurzen Moment der

Blendung lang konnte ich in seine Augen sehen. Es muss so


gewesen sein, denn anders hätte ich nie sprechen können.
Woher hätte ich sonst wissen können, was Sprache meint!

CCXCIX
26 (300)

Szene IV

Ein archaisches Idyll


Es gibt da viele Vorbilder
Ich bemühe sie alle

Also sagen wir: ein Feld, kühl, an einem Morgen,


der Blick weit, unverstellt, die Gedanken in
Entsprechung mit Kühle und Lerche, gleichsam
im Gleichklang, die Ackerfurchen beim Versuch

abzulenken, am Horizont, klar zu erkennen, wie


der Rand der Weltscheibe zittert, verständlich
zittert, vor diesem Abgrund rundherum, da ist
der kleine Wind willkommen und, ja, köstlich an

der Wange, über allem aber tröstlich: sonderbar,


welche Formen ein Augenblick noch annehmen
kann, in der Kumpanenschaft eines Ackers, der

nur aus frisch und tief gepflügten Wunden besteht


und auch frisch duftet und also sagt: selbst diese Zeit
bleibt euch noch, und festlich zu verschwenden.

CCC
27 (301)

Scheitelauge

‫געטלעך טָאעס‬

Vielleicht sollten wir aber über


die Zehen der Götter reden. Nur
von ihnen kann man, belehrt von
archäologischen Resten, oft

Zeugnisse genannt, sagen, dass


sie schön sind. Ich habe es bisher
nicht anders gefunden. Und es mag
ja sein, dass Marmor eine eigene

Kraft hat, zu täuschen oder auch zu


betören. Und das gelingt nicht nur bei
göttlichen Zehen. Es muss da immer

eine Salbung mit im Spiel sein. Aber was


beherrscht mehr die Passage? Die Salbe oder
der Marmor? Es bleiben, denke ich, die Zehen.

CCCI
28 (302)

Szene V

Témoins scandaleux

Im Vorbeigehen, beim zufälligen Blick in


ein Fenster, hielt ihn etwas an, und er sagte:
Kerzen sind seltsame Wesen und merkwürdig
stark. Und das Jeweilige, so sagte er es, und

ist es eine Kerze, sei doch eine schrecklich blöde


Aufarbeitung des Allgemeinen, das kein
Besonderes verdient hätte, wirklich keines.
Und es ärgert ihn, den immer Trostbereiten,

dass er sich nicht des Wunschs entschlagen


kann, dass es dennoch bliebe, einfach so
bestehen bliebe in seiner Sonderheit. Auch

wenn das Allgemeine es nicht verdiene, vom


Glanz der Splitter und kleinster Kerzenflammen
fast unverschämt bezeugt zu werden.

CCCII
29 (303)

Ihr solltet die Werte auffordern, zu euch überzulaufen,


auf die einmal richtige Seite. Sagt ihnen, erst

hier kämen sie zu sich, erst hier seien sie sicher.


In absolut guten Händen. Außer jeder Gefahr,

verraten zu werden. Hier kämen sie zu nie


gekannter Wirkung, wie vom besten Spieler

auf dem allerbesten Clavecin gespielt, spröde,


laut und listig maskiert. Dass sie niemand mehr

erkennt und sagen kann: Die gehören doch


zu mir. Und Raub und Entführung planen.

CCCIII
30 (304)

Regen riecht immer hinein in die Räume,


die ihn nicht verstehen. Besseres kann
er nicht tun. Von Worten stillgestellt. Voll
oder leer von seltsamer Angst. Als blickte

eine Schlange um die Straßenecke und fragte:


Muss hier nicht etwas sein? Und: Ich frage
so vorsichtig, weil ich doch nur vom Hören-
Sagen etwas davon weiß, davon zu wissen

vorgeben darf. Mein Dürfen ist ein strenger


Auftrag. Versteht ihr? Mein Dürfen ist ein
Müssen, nicht nur ein gemeines Können.

Daher auch der vertrauliche Duft des Regens, der


mich eher ankündigt als umgibt. Denn Ankündigungen
schaffen die nötige Spannung, die erst hervorruft.

CCCIV
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier XI

1 (305)

Steinharte Regenbogen. Endlich, zuletzt, auf


der Höhe keiner Zeit. Die Nutzanwendung keines
Wissens könnte weiter führen. Hier ist der einzig
richtige Ort. Was nicht zurückfindet, bleibt der

Ungewissheit anheimgegeben, und welche


Heimat wäre kooperativer? In Anbetracht welcher
Verführung könnte es mehr Klarheit geben?
Anderswo als in diesem bestandslosen Wo?

Du siehst doch am Beispiel dieses Pariser


Phantoms, wie klug, besessen, erfahren,
verliebt, umsichtig und was weiß ich, du sein

musst, um das alles sein zu können, was


tausendfach vorausgesetzt ist, um sein Sein
zu kassieren, für einen Augenblick, etwa hier.

CCCV
2 (306)

Es ist nicht wichtig, die Schöpfung zu


verstehen, es kann aber die Tatsache traurig
stimmen, dass wir nie wissen werden, ob
sie eine große Lüge war oder nicht. Der

Himmel ist ein Deckel mit vielen Blutspuren.


Die Bäume vor den Veranden machen Berge
nach. Wenn es stürmisch regnet, haben wir
noch unsere Ruhe beim Tee. Die Frage, was

da los ist, quietscht vor Vergnügen und


Todesangst. Und wir kleben uns das
diagnostizierte Elend auf die Oberlippe

wie einen Schnauzbart. Kein wahrer Satz mehr


reicht an eine Soap Opera heran. Und einer surft
schneidend durch Gottes Wolkengeschlecht.

CCCVI
3 (307)

Es ist schwer, ein bösartigeres Wort als


Protektorat zu finden, aber wozu sonst könnte
ein erobertes Paradies denn werden? Wir
brauchen nur abzuwarten, unaufgeregt und

wie wir es gelernt haben, während die Füße


in der Etage über uns keine Ruhe fanden. Sie
trugen Stiefel mit falschen Schuhgrößen,
waren einfach nur falsch angepasst oder -

dürfen wir das auch nur annehmen? - waren


Sonderanfertigungen aus Fetischläden (solche
Ausdrücke füllen ganze Gedichtzeilen, wie man

sieht. Dafür bin ich ihnen dankbar. Aber ob


es dabei mit rechten Dingen zugeht, das
bleibt verborgen. Wie eine Absicht.)

CCCVII
4 (308)

Er fragt sich, was habe ich verpasst? Was für


eine kuriose Frage! In dieser Welt natürlich nichts!
Was man in dieser Welt verpassen kann, das hab
ich freilich auch alles verpasst. Und das ist sehr

gut. Glaubst du, dass du die Löcher der Welt


damit stopfen kannst, mit dem, was du tust?
Ich weiß nicht, wo ich entlanggewandert bin.
Erinnere mich aber an ein paar sehr schräge

Waldabhänge in Polen, die mir Angst gemacht


haben. Habe auch in tausend europäische Spiegel,
wahrscheinlich aber mehr, geschaut und geglaubt,

über dieses Stadium hinauszukommen, aber nur


Spiegel sind doch die Kontrollen, in denen wir in der
Unendlichkeit hängen bleiben können. (Mehr sag Ich nicht.)

CCCVIII
5 (309)

Ja, wir sind uns die Spiegel, in denen wir


hängen bleiben, ganz einfache wundbrand-
fördernde Fallen der Gegenseitigkeit. Das ist
ein schönes System. Denn was ist mehr für

sie da als ich, und was Ist mehr für mich da


als sie! Und aber ja, den entscheidenden Satz
haben du und ich nicht gelesen, der hat uns ein
wenig geniert. Und wir wollten uns nicht vor

einander schämen. Das war, dachten wir,


ausgemacht, aber das war es nicht, weniger
noch als alles andere. (Es bleibt bei Korb

und Wiege, Haut an Haut mit Moses, nie bot


sich uns Näheres und nie griffen wir weiter
vorbei, und nie hätten wir es vorher gekonnt.)

CCCIX
6 (310)

Im Namen Kants (!)

Wie lauteten die Namen des Artistenpaars


im Zirkus, Handhabe und Handstreich, wenn
sie ein Engagement in der Welt übernähmen?

Auch wenn man das gar nicht zu fragen braucht,


denn die Beiden sind der Welt zu teuer. Und sie
bleiben da, wo es ihnen gutgeht. Wo es eine Claque

gibt, die nirgends in der Welt auf sie wartet. Und


dann die tollen Geräte, auf die sie in der Welt
verzichten müssten, weil keiner hier ihren Anspruch
begriffe. So schwer kann das doch nicht sein!

Auch wenn wir Eure Tricks nicht kennen oder auch


nur nicht durchschauen, sagen sie, nicht einmal
grollend: Wir erwarten ja gar keine Rettung. Die
Unterhaltung, die ihr uns bietet, die genügt uns.

CCCX
7 (311)

BWV 104

Die Ohren verstehen es, (sich) viel zu nehmen.


Und es ist gut, dass sie wie aus Sand gebaut
sind. Durch den sickert der Geschmack der
Welt und lässt ihr keine Spuren zurück, keine

Spur zulange. Es ist ja wie bei allem Sand,


ob es einmal Wasser ist oder Klang oder ein
anderer Wind, du siehst, hier lief ein Rinnsal
durch, zerstäubte eine Düne, tanzte eine Sand-

blüte weg (das ist immer sehr merkwürdig und


vieldeutig und deshalb schaust du ihr lange nach).
Und daher kann man das Ohr auch mit der Wüste

vergleichen. Weil sie unverwechselbar gleich in


die Zeit gebaut sind. Beide hören, das ist, hörst du,
was sich so schnell und so leicht nicht sagen lässt.

CCCXI
8 (312)

Auch wenn ihr es wollt, ich überwintere


nicht, nicht nur zu dieser Jahreszeit, in
der es auch kein anderer täte. Um eine
Rechtfertigung, freilich, wäre ich schon

lange nicht mehr verlegen. Ich müsste


nur auf die Uhr schauen, um den Einsatz
nicht zu verpassen. Aber gerade dieser
Blick auf die Zeiger würde mich lächerlich

machen. Mein Überwintern müsste ein


Zeitloses sein, ohne jede handelsübliche
Ausrüstung. Ich bin gerüstet, Pore für

Pore. Da fehlt mir nichts. Außer meiner


Bereitschaft. Und der Zeit, euch alle meine
Gründe, nicht zu überwintern, aufzuzählen.

CCCXII
9 (313)

Als wäre nur, was sich in die Quere kommt.


Wir wissen, dass es nicht anders sein kann.

Und lassen es nicht zu. Und es wird auch aus


dem, dem wir verbieten, sich in die Quere zu

kommen, nichts. Beziehungsweise nur das,


das sich an seine Stelle stellt, was also in

seiner Substanz noch weniger ist. - Noch


weniger als nichts? Das gibt es doch nicht! -

Schau doch nur hin! Ich sage nicht zu viel.

CCCXIII
10 (314)

La statique du monde

Danke, sagte er, dass ihr alle kommt, um mich


zu ergänzen. Ich weiß, dass ihr es aus Einsamkeit
tut. Nur darum rechne ich es euch an. Und weil
ihr eingesehen habt, dass Bedeuten ein Tun ist,

das euch keine Welt erspart. Und nebenbei,


das zuzugeben kostet mich, allerdings, nicht nur
Mühe, habt ihr mich mitkreiert, was ich euch
hiermit, weil ich nicht anders kann, bezeuge.

Seid ihr jetzt alle angekommen? In unserem


Garten, den wir uns so großzügig borgen, eines
dem anderen, als wäre es eine Groß- und Wohl-
tat. Mit der wir uns einander schmeicheln.

Aber sprechen wir nie die Frage der Statik an,


wie, das, was einander trägt, alleine nicht stehen kann.

CCCXIV
11 (315)

Was heißt das, fragt er, wir halten uns zurück,


mehr noch, als es geplant war? Keine Vervoll-
ständigungen mehr? Wie stellen die Schöpfung
auf sich selbst? Wo ist einer, der das noch an-

geordnet haben könnte? Ich bin auch nur ein


Thomas, ich will den sehen. In seine Wunde
greifen kann ich ja wohl nicht mehr. Wenn es
der ist, den ich meine, ist seine Wunde ja die

Welt. Dann müsste ich in die Wunde greifen, die


ich selbst bin oder meine Finger in die eigenen
Augen stoßen. Aber dafür bin ich nicht vollkommen

genug und viel zu feige, eben wirklich


ein Teil dieser Welt, und so wie sie. Meine
Treue gehört meinem Achselzucken.

CCCXV
12 (316)

Gott hat die richtigen Gesichter ausgewählt


für die Weltgeschichte, aber wie wird er sich

dafür rechtfertigen können? Das ist eine zu


menschliche Frage. Denn er braucht es nicht

einmal zu wollen. Aber wie sollten die Menschen


je ihre Auswahl begründen können? Die schönste

Blüte ist immer die eigene. Da gibt‘s nichts. Und


wäre sie so einsam wie ein Gedicht in einem Buch. -

CCCXVI
13 (317)

Aber wenn die Zeit gar nicht auf den Feldern


hauste, sondern doch eine Schmiede wäre,
warum schafft sie dann die Verhältnisse nicht
um? Als ich heute, fast mitten in einem April,

aufwachte, hörte ich drei Schläge auf eine Glocke,


so groß wie die Welt, dachte ich mir. Ich hatte
nichts andres zu tun. Und doch war es auch, als
liefe ein Kind vom Ende her in noch ungezählte

Morgen. Dass das in diesem Takte ginge, hatte


ich nur vermutet. Jetzt hat er mich in seiner
tanzenden Gewalt. Und ist auch eine Welle,

Wellen sind hoch wie die Welt und stoßen die


Schiffe noch über den eigenen Rand. Als gäbe
es ein Zurück aus all dem, das allem vorausgeht.

CCCXVII
14 (318)

Das heißt aber, sagt er, dass es für mein


Verhalten verschiedene Gründe gibt. Ich
persönlich halte den für überzeugend, dass
die Zeit mir keine Alternativen lässt, um es

in ihrer Sprache zu sagen. Um es so zu sagen,


wie sie es nahelegt. Ist es möglich, dass sie
sich von dieser Enge etwas verspricht, für sich?
Aus purer Liebe zur Atemnot? Wir sind uns,

selbst das glaubt er sagen zu müssen, zu


fein geworden, um dem Plaudern der Dinge
noch zuhören zu können. Wenn unsere

Ohren doch noch spitz wären! - Ich weiß zwar


nicht, ob wir es könnten, aber wir würden uns
heraushören wollen, aus dieser Enge heraus.

CCCXVIII
15 (319)

Es gibt, sagt er, doch eine Gaußsche


Normalverteilung des Schicksals. Warum also
sind die Menschen so aufgeregt? Aufregung
hilft da nicht. Gilt aber auch nicht als

Alleinstellungsmerkmal. Vor dem Gesetz, und


zu seinem Schaden, bleiben alle gleich. Daher
macht es, verdammt, keinen Sinn, sich darauf
zu berufen. Du würdest dastehen wie alle anderen

armen Hunde oder welschen Teuflis. Nimm dich


also in Acht und nimm dich, vor allem, zusammen.
Denn hast du keine klar markierten Grenzen oder

keinen Gürtel, wie zum Beispiel der Golem einen


hat, bist du nichts, weniger als eine Biene, denn die
hat zumindest ihre markante Taille, zum Beweis.

CCCXIX
16 (320)

Nachhall und big bang

Eine Fährte ist etwas, worauf du nur falsch


sein kannst. Aber bleib darauf, sie nimmt, ich
sag es dir, kein Ende. Und sei unbesorgt, sie
werden dich lange vorher retten, sagen sie,

du brauchst den soteriologischen Weg nicht


bis zur Neige auszukosten. Ablenkung findet
immer vorher statt. Der Weg führte uns aus
Eden und zurück, daran vorbei. Zum Beweis,

dass wir es wollten. Und immer, jeden Tag, jede


Sekunde nehmen wir die Beweisführung wieder
auf. Kreatur gegen Schöpfer. Es ist klar, wie das

ausgeht. Gar nicht. Es geht sich auch nicht aus. Und


wer hier für wen verantwortlich ist, muss auch noch
verhandelt werden. Zwangsläufig an der Welt vorbei.

PS: Sie beginnen zu glauben zu wissen, wie man Formate


kreiert, wenigstens höre ich oft, dass sie es behaupten.
So verzweifelt sind wir schon. Bevor wir zu handeln an-
fangen.

CCCXX
17 (321)

Lies keinen Satz, der sich nicht dagegen


wehrt, gelesen zu werden. Sätze, die gelesen
werden wollen, spotten der Verhältnismäßigkeit.
Und ohne ein Verhältnis gibt es kein Verstehen.

Dass ich das, sagt er, immer wieder sagen


muss! Wir führen uns auf wie richtungslose
Wege, derweil wir doch von so weit herkommen.
Aus kreatürlichen Irrgärten. Einerseits. -

Willst du mir sagen, frag ich ihn, dass dein


Denken nichts für mich übrig hat, nichts zu
tun, nichts zu sagen, und nichts zu denken?

Als Kind habe ich gerne mitgeholfen, beim


Betonmischen, beim Einschalen von Garagen-
Fundamenten. Es roch dabei, als stünde etwas bevor.

CCCXXI
18 (322)

Niemand erkennt sich vor Sonnenuntergang.


Aber wenn er begreift, dass er gerade nur so
hineingepasst hat, auch wenn er, zum Beispiel
ein Gigolo war, dann ist er sehr weit, hervorragend

weit. Trotzdem kein Glückskind. Und doch,


deine Stunden gewinnen an Wert, je länger
du da bist. Stell dir den Blick einer Wäscherin
am Fluß in einem Märchen vor, wenn sie in

den Sonnenuntergang schaut, wie in die


Summe ihrer Stunden. Dann steht sie auf
und sammelt alles in der einen Geste, mit

der sie ihre Schürze richtet und glättet,


mit ihren hinabgleitenden Händen,
eine jede eine Sonne.

CCCXXII
19 (323)

Wenn es einmal Leser dieser Zeilen gibt,


werden sie klüger sein als ich; oder ich werde
sie klüger machen. Durch diese Zeilen, rück-
blickend, hindurch. Und erfreulich unvermittelt.

Weil nicht durch die Zeit, sondern als Gabe


der Zeit. Denn die Zeit ist hochmütig, sie will
und wird nicht vermitteln. Sie ist ein Mal der
Schöpfung, sie kann sich nur selbst geben,

sonst nichts. Nichts als geben. Sich ganz.


Die ganze Fülle ihres Bestands. Weil sie damit
großzügig sein kann wie sonst niemand. Und

sie verteilt, mit der Leichtigkeit, die nur ihr


eigen ist. Denn auf ihr lastet ja nur, was kein
Gewicht hat. Und auch zu leicht zu verteilen ist.

CCCXXIII
20 (324)

Die geschäftige Untätigkeit des Besitzes.

(Hermann Broch)

Es ist im Grunde zu schwierig, mit der


eigenen Unschlüssigkeit umzugehen.
Ein Leben lang verdoppeln wir sie, bis wir,
im Grunde, nicht mehr scheitern können.

Die Unschlüssigkeit zu umgehen, wäre


eine klügere Option gewesen, und unsere
Arbeit hätte sie erleichtert. Das Ergebnis,
wie du siehst, ist (sich) gleich geblieben. Und

Scheitern ereignet sich nur, wenn es im Grunde


nicht möglich ist. Die Eulen der Minerven beginnen
ihren Flug daher alle sehr spät und eigentlich alle

unschlüssig. Daher ihr Ruf, so klug zu sein und


Optionen lange zu verwerfen. Wir verdanken uns
mehr und weniger, im Grunde, derselben List.

CCCXXIV
21 (325)

Wir sind wie Jogger, an einer roten Ampel,


Bewegung imitierend, die auch nicht imitiert
kein Ziel hat, noch weniger Richtung, geschweige
denn (schönes Wort) Sinn. Wir benutzen die

Medien nur, um nicht zu tun, was damit getan


und erreicht werden könnte. Verzeiht, dass das
so moralisierend klingt! Aber es stimmt einfach.
Die Fahrräder nutzen uns zur Fortbewegung.

Die Cabrios schämen sich für ihre Fahrer. Die


Kinder schreien nur noch, weil wir ihnen eine
Zukunft zumuten, die nicht sein kann. Die

montierten Stiefmütterchen in den Stadt- und


Schlossparks röcheln, lieb und überzeugt: Hilfe!
Ich streichle sie mit meiner halbverfaulten Hand.

CCCXXV
22 (326)

Ich lass ja Zeit nicht zu.

(Max Lüpertz)

Je mehr ich versuche, die Welt nicht mehr


nach Maßgabe meiner inneren Bilder von ihr
zu beschreiben und sie unmittelbar in der
Weise meiner Wahrnehmung zu kolportieren,

desto trauriger steht sie da. Das liegt nicht


in meiner Absicht, in meinem Interesse noch
weniger. Und gefällt mir nicht. Sie soll nicht
so sein. Es ist bedenklich, dass sie mir so in

die Worte entfährt. Sie will es wohl selbst.


Vielleicht aus Eitelkeit, weil sie nicht auch
noch in meiner Macht stehen möchte. Ich

könnte das verstehen, wenn ich ihr nicht


nur die Hand reichen würde, um ihr beim
Sprung ein wenig beizustehen. -

CCCXXVI
23 (327)

Singet und spielet dem Herrn.

Sollte man die Orgel ein Mischwesen nennen,


stellvertretend? Das würde mir das Tremolo (?)

meiner Sinne verständlicher machen. Sie wollen


und wollen nicht, wie jedes Zittern, auf seine

konventionelle Art, in seltsam katatonischem


Handumdrehen. Es ähnelt auch einem Hecheln

der höheren Register, vibrierendem Schilf im


Gegenlicht. Glück, das sich zur Abwechslung

einmal in Dialekten versucht. Und einmal einen


Vokal, ein andermal einen Konsonanten verwirft.

CCCXXVII
24 (328)

Plié.

Da macht die Leichtigkeit einmal ernst,


und ein Abgrund fordert den anderen zu

einem Tanz auf, wie Kinder zu einem


Ringelreihen. Sie denken, so bringt man

die Hoffnung dazu, sich zu drehen. Erst


einmal zu drehen. Bis der Kreistanz endlich

reißt, alla polacca, als wüssten die Beine,


die vor allem, in welchen Rhythmus sie sich

zu finden haben, dass die Zeit sie, so leicht


sie auch sein mögen, fördert und ernst nimmt.

CCCXXVIII
25 (329)

Die Regeln der Überschreitung, untere


Hälften denkbarer Vierzehnzeiler.

Er sagt: Es ist immer die Musik, bei der


ich mich frage: Wie notiert man denn das?,
die mich aufs Schönste erschrickt. Dann

versuche er etwas zu notieren, und er fragt


sich: Wie wäre das, wenn es Musik wäre,
wenn es dazu auch nur werden könnte?

II

Nimm im Ungesehenen Platz,


aber lass dich nicht dabei sehen,
wie du es tust, wenigstens das

nicht. Es wäre so verräterisch, dass


du damit das Ungesehene höllisch
bloßstellen würdest. Es würde unbrauchbar.

III

Dass sie noch immer nicht wissen


wollen, dass Europa den Stier entführt
hat! Was steckt hinter ihrer Weigerung?

Sie wollen den schlechten Ruf des


Revisionismus nicht gefährden.
Und bleiben lieber beim Alten.

CCCXXIX
26 (330)

Ode an eine Blumenkelle

Wenn du bedenkst, wieviel Glück sich im Raum


so kleiner Städte wie Tôkyô, Shanghai oder
São Paolo versammeln kann, kann auch diese
Welt nicht so verkorkst sein, wie wir gerne

glauben. Das sind solche Gedanken, wie sie


einem wie mir beim Unkrautstechen im Garten
kommen können. Dann recke ich meinen alten
knirschenden Rücken gen Himmel und sage,

die kleine, für mein Tun geeignete Schaufel


in meiner Hand: Ich danke dir, lieber Gott! Und
die Elster springt vom einem niedrigen Ast,

vom nächsten Baum und verbeugt sich, in


Stellvertretung, vor mir. Vor mir! Wenn sie jetzt
noch einen Fado singt, ist alles, alles gut.

CCCXXX
27 (331)

Ach, dass alles einem Muster folgt,


das es doch nicht gibt! Und nichts
hergibt für den Tross, dass selbst die
Mutter Courage leer ausgeht. Eins

schreibt sich fort ins andere, seltsam


ungewollt. Und überschreibt die sub-
kutane Geschäftigkeit, o Freunde, mit
wechselnden Tönen, diesmal aber nach

dem Muster der Camouflage, die es doch


immer gibt. Denn sie gehört zu den weniger
Geizigen ihrer Sippe. Sie lässt nichts

unverborgen unter ihrem lustigen Farb-


und Fleckenwerk, Augen gewogen, die
allzu gern von der Seite sehen.

CCCXXXI
28 (332)

Der Weg zum Glück, so könnte man es


mit ihm sagen, verliert sich in der Ferne.
Aber wir haben ja die flüsternden Gräser

am Wegesrand. Von denen haben wir


auch unseren Mut, zu verlieren. Der Gefahr,
dass das Pflücken unsere Rücken weiter

krümmen wird, können wir nicht entgehen.


Auch nicht der Gefahr, dass wir unsere Haltung
gänzlich verlieren werden. Auch der nicht.

CCCXXXII
29 (333)

Es gibt, strukturell gesehen, höchstens


zwei Urformen des Schicksals: entweder
du wirst gezwungen oder hast die Freiheit,
dich fürs Falsche zu entscheiden. Aber

die Wahl für das eine oder das andere hast


du nicht. So weit würde das Schicksal nicht
gehen (wollen). Es ist, wie bei der Sinnfrage:
entweder sie bleibt offen oder wird mit etwas

X-Beliebigem verstopft. Ob uns bis zum Jüngsten


Gericht noch ein Drittes gegeben sein wird?
Ich glaube nicht. Wir bleiben unterforderte

Autisten, die im Universum, rund um den


Wohnzimmertisch, den Staub auflecken, den
die Muhme, die berühmte Schlange, zurückließ.

CCCXXXIII
30 (334)

Was mich für dich einnimmt? Die


Bewegung, die dein Körper mitteilt.
Diese Spur einer Erinnerung an
Napoleon. Oder einen Schwan

am Schlosskanal. Und auch das


meine ich ganz ernst, todernst:
Viele junge Paare sind heute, Hand
in Hand, vor mir vorbeigegangen, als

ich auf dieser grünen Bank am Kanal


saß. Ich habe ihnen, auf meine Art, wohl-
wollend und interesselos nachgeblickt, und

mich gefragt; kann man aus der Form ihrer


Hintern, soweit die Jeans das zulassen, etwas
über die Art ihrer Beziehung (Liebe) schließen?

CCCXXXIV
31 (335)

Fado final

Ihm stünde nichts, sagt er, im Wege, auch die schönsten


Stellen der Welt noch bloßzustellen. Sie hätte sich nie
bemüht, sich seiner zu verpflichten. Und das sei schon
immer die seduktivste Seite der Freiheit gewesen. Und

sei es noch. Sie standen stets in einem schwierigen Ver-


hältnis zueinander. Er sei immer bereit gewesen, sich zu
ihrem Nutzen in sie zu veräußern. Aber wenn er es versucht,
geschieht es immer, dass er sich in ihr nicht mehr wieder-

erkennt. Er sieht sich dann mit fremden Augen aus ihr an.
Aber fragt sich dennoch, ob es nicht doch seine eigenen Augen
sind, die sich ihm hier mit Fug und Recht nur als fremde zeigen. -

Sagen denn nicht alle: Das Verhältnis von Ich und Welt
Ist so wie das zweier schielender Augen zu einander?
Überkreuz, bis weit über die Unendlichkeit hinaus.

CCCXXXV
Durchgezählte Lebensrandnotizen I-plus-Alpha, hier XII

1 (336)

Die Sonne ist das Auge Gottes,


das sich zeigt. Wir können auch
in dieses (andere) Auge Gottes
nicht blicken. Darin liegt ihre

Ähnlichkeit. Wie jeder sich von der


Sonne unmittelbar gemeint glaubt,
ist es auch mit dem verborgenen
Auge Gottes. Auch bei denen, die gar

nicht an ihn glauben. (Wozu auch. Ich


denke, sie sollen es auch nicht tun. Nur
das besiegelt ihre Betroffenheit. Da

geht es, sagt er, mir besser. Ich kann


mich immer, wenn ich es will. von ihm
abwenden. Und liefere ihn mir so aus.)

CCCXXXVI
2 (337)

Dabei ist die Blendung ein Zufall.


Denkt nur an Ödipus. Der Zufall ist
eine großartige Fähigkeit, wie die,
einen Geschmack zu imaginieren:

Komm her, ich zeige es dir, am Beispiel


eines Holztischs, das heißt, genauer,
am Beispiel des Staubs, der statt
einer Tischdecke den Tisch bedeckt,

hübsch anzusehen, wie ich finde, zumal in


diesem schrägen Licht. Schau ihn dir, den
Staub, genau an. Und jetzt schließe, als hätten

sie genug, die Augen und stelle dir vor, du leckst


mit deiner Zunge, in schmalen Bahnen, den
Staub vom Tisch. Schmeckst du ihn etwa nicht?

CCCXXXVII
3 (338)

Nur die Welt hat Fetischcharakter,


sonst nichts. Ein guter Rat ist: Versteckt
eure kümmerlichen Fraktalfetische
besser und lieber! Wenn sie entdeckt

werden, lachen die Teufel sich tot. Das


wäre zwar ein schöner Nebeneffekt, würde
aber auch, ich wette, nichts helfen. Warum
aber bleibt die Welt so weit hinter sich

zurück? Wer verdient daran und kann


seinen Verdienst zudem noch irgendwie
anlegen, verlegen, wie man einen Hund

irgendwie anleint, pfeifend, sich unsicher


umblickend, um ihn loszuwerden? Er sagt, er
will mich überkommen. Ich warte, entspannt.

CCCXXXVIII
4 (339)

Caduta sassi

Er schriebe manchmal Sätze, pausiere ein


wenig, gedankenvoll, und da fiele plötzlich
ein marmorner Findling aus dem Papier. Und
brächte immer etwas mit, wie er sagt, von

der Art einer Botschaft, in der Art aber eines


Steinschlags. Wie er entlang steiler Pass-
Straßen, anders als auf einem Papier, gern
angekündigt würde. Siehst du, sagt er mir, bitte

auch das Papier feinmaschig (stimmt das


so?) vergittern, damit Felsen und Geröll
festgehalten werden! Das Wasser der

Fälle aber hin zu den Seen entweichen


kann. Wer schwenkte und verlor denn den
Federhut, den es da mit sich schwemmt?

CCCXXXIX
5 (340)

Einmal aus einem Brief, wie früher, von


einem Abwesenden an einen Abwesenden.

Les hommes n’écrivent des Letres que pour


s’entretenir avec les absens.

Frankreich, 18. Jahhrundert

„Du nennst deine Texte, bescheiden, Welt-


Variationen, um deine Teilhabe nicht zu
übertreiben. Das geschieht, ich weiß, mit
bester Absicht. Aber du dürftest das nur

sagen, wenn du es nicht bemerkt hättest.


Und auch nicht wüsstest. Du verstehst das
doch? (Würdest du es mir sonst denn sagen?)
Wie sollen wir also damit umgehen, mit

dir und deinen Texten, die eine andere Welt


der Welt sein wollen. Das kann ja nicht sein,
wenn du es selber sagst. Du setzt uns einem

Rätsel aus, das uns seine Lösung verstellt.


Man könnte meinen, das sei belanglos, und, recht
besehen, tun wir das ja auch, wie die anderen.“

CCCXL
6 (341)

Miniaturfabel I

Jedes Gras jedes Kraut steckt fest im Boden


Um seinen Bewegungsdrang ein wenig mani-
festieren zu können bedarf es der Hilfe des
Winds zum Beispiel oder eines fließenden

Wassers das auch zu stark nicht sein darf


um das Kraut oder das Gras mitsamt seiner
Wurzel nicht mitzureißen Auch das wäre nicht
ganz in ihrem Sinne Auch Gräser und

Kräuter kennen Mitte und Maß und gerade


Ihr Bewegungsdrang folgt ihrem Ethos und
es bedarf nur der Klugheit um fremde Hilfe

die man braucht nicht zu überfordern die


besitzen sie freilich im Übermaß Das wartet
wie Mitgift auf ein kommendes Ereignis.

CCCXLI
7 (342)

Deutsche Grüsse, op. 191

Abbruch, Sonne, Zither und Pusteblume


treffen sich zu einem Cancan. Wohin das
führen soll, weiß niemand zu sagen. Sie
bleiben sich freundlich im Gehege und

machen weiter in ihrer Funktion als Vor-


bilder. Das Leben ein Tanz. Der Tanz ein
Leben. Den Neid der Bäume spüren wir
kaum und auch nur vorübergehend. Unser

Privileg bleibt weich und austauschbar


wie jeder Kunstrasen. Und konservierbar,
noch in gerolltester Form. Wie dankbar

wir sein müssten. Wir vermeiden es aber,


als sei das die gediegenere Dankbarkeit.
Rennt, rennt, s‘ist Feuer in der Stadt! -

CCCXLII
8 (343)

Wenn die Sonne in der Nacht endlich einmal


höher steht als ein normaler Dreiklang, eher
wie Rameaus Corps sonore, dann hat sich
die Weltgeschichte aufs Erfreulichste, aber

leider nur kurz, eingeklemmt, in die Möglichkeit,


die sie sich versagt, doppelt verrückt, doch
hoffentlich nicht das ultimative Symbol
jeglichen (allen) Menschseins. Mir täte

es leid darum. Könnt denn ihr das verstehen?


Ist denn die Welt ein Walzer, der über den
ersten Takt nicht hinauskommt? Walzer

sind so verführerisch, weil sie das Tränenklopfen


so unnachahmlich nachahmen. Ohne
Sentimentalität, Nachsicht und Verständnis.

CCCXLIII
9 (344)

Die beste Zeit ist die Nacht. Dann spielt sich


das Buchstabenspiel leicht, ohne zu sehen.
So bleibt der Gottesname, wie verlangt, in
seinem Dunkel und bewegt sich frei. In

seinem schwarzen Lichtrad. Die Hände, die


es drehen, erscheinen dir zurecht ein wenig
gespenstisch, und du verstehst nicht, woher
sie ihre Kraft haben. Und gesetzt, das ganze

Dunkel ist ein Schatten, woher ist es gefallen


und hat alle kleinen Schatten hinter sich ge-
lassen? Und enthält jetzt keine Schatten mehr.

Daher drehen die Hände das Rad, als würden


sie eine Waage halten. So erwerben sie
sich die Zeit mit einem Griff.

CCCXLIV
10 (345)

Wenn es sich nicht auch im Großen und im


Ganzen so verhielte, wären wir anders und
würden uns nicht begegnen. Wir folgen dem
Angebot zwar mit Misstrauen, geben uns

schließlich aber keine Chance. Als nähmen


wir die Welt so hin, wie wir uns ihr geben.
Und reisen in ihr wie in einem nächtlichen
Zimmer. Sensible Marionetten an Fäden, die

vielleicht die Sterne in ihrer Gewalt haben,


das bringt ein wenig kosmisches Volumen in
unsere dunkle Kammer. Und macht uns

deutlich verwandt. Wir spielen das Spiel wie


blind mit geliehenen Türmen und Springern und
ein paar geretteten Buchstaben (als Jokern).

CCCXLV
11 (346)

Miniaturfabel II

Als wären es Schreie, die stumm


verhallen müssen. Oder wie die
ungehörten Töne des Vogelgesangs,
alles, das wie Spinnengewebe in der

Zeit hängt und, du erinnerst dich, um


den Mohnregen aufzufangen, den wir
einmal angefacht haben, um den
einen Dornbusch herum, der seine

Stimme nicht verlauten lassen wollte.


Aber auch dann schrien nur die
brennenden Zikaden, wie aus einem

verriegelten Haus. Sie konnten ja


ihre Kraft nicht besser vertun. Als
damit, die Szene zu vervollkommnen.

CCCXLVI
12 (347)

Miniaturfabel III

Als verschenkten die Götter das Leben


aus reiner Gewohnheit. Und lebten die
Menschen ihr Leben aus reinem Pflicht-
gefühl. (Vielleicht könnte man es auch

anders sagen, aber auch so bleibt es


richtig.) Zum Pflichtgefühl aber muss
ich ergänzen: die Menschen wissen gar
nicht mehr, was es ist, außer einer

Routine. Insofern handeln sie auch ein


wenig göttergleich. Und bestätigen damit
die herkömmliche Behauptung einer

gewissen Ähnlichkeit oder selbst Eben-


bildlichkeit. Es beweist auch, dass es die
Götter nicht kümmert. Oder ihnen entgeht.

CCCXLVII
13 (348)

Türpfosten sind dazu da, dir ein Bein zu


stellen, wenn du nicht einer Regel gemäß
eintrittst. Was der Türsturz für dich in petto
hat, werde ich dir nicht verraten. Manchen

Effekten in der Welt sollte auch ich, sagt


er, nicht zuvorkommen. Außerdem sollten
sich Propheten nicht um den Kleinkram
der Schöpfung kümmern. (Das heißt doch,

sie sollten sich um nichts kümmern?) Du


scheinst mir zu den Spöttern zu gehören,
die vor allem Recht behalten wollen. (Ja,

ich gehöre aber nur zur Vorhut. Wir bereiten


dem Teufel Wege und Bahn, bis er herauskommt
und, angewidert, seine Wettgewinne einstreicht.)

CCCXLVIII
14 (349)

Es wäre besser, in weit früheren Zeiten zu


leben, wenn du über Fontänen schreibst oder
redest, aber sie sind nunmal wunderliche Dinge,
wie mir eben erstmals aufgefallen ist. Sie sind,

wie kaum ein anderes Ding, die sichtbare Seite


von Gründen. Dafür, dass ihre Wassersäulen steigen,
an einem bestimmten Punkt der Luft innehalten,
sich wenden und fallen, und in fast zerstäubter

Einsamkeit einen Ursprung suchen. Nichts


Menschliches ist ihnen fremd. Und hast du
gemerkt, wie laut sie sind! Und knarren wie

die Räder von Kanonenwagen. Und ihr Wasser


schlägt auf die von fern hierher gekarrten Felsen auf,
als wollten sie niemanden schonen, keinesfalls.

CCCXLIX
15 (350)

Er sagt, er fragt sich, wie die Zeit ihn


Aufgehoben hat, bis hierher. Mancher
Anderen Wolke ist das nicht geschehen,
Oder sagt man da: nicht zuteil geworden?

Sage dir, es ist gut, wenn das dunkle Wissen


Der Nachbarn dir keine Antwort geben kann.
Und solange du Mensch bist, ist das Ergebnis
Immer zu gering. So schnell deine Finger auch

Laufen und deine Synapsen sich bemühen. Du


Bleibst gezwungen, die Dinge großzureden, wenn
Kein Beweis mehr erbracht werden kann. Nur

Die Erinnerung rettet sich selbst über sich hinweg.


Und setzt sich ihre Maßstäbe. Und arbeitet sich in
Die Hände, hört das Klatschen, das sie sich spendet.

CCCL
16 (351)

Unberechenbar
(Eine Gravitationskonstante)

Aber wenn du dich nicht ins Geschehen ver-


setzt, kopfüber, als wolltest du Löwen füttern,
ergeht es dir wie dem Narziss, du bleibst dir fern
und kommst nicht an dich heran, um keine

Sekunde. Das Ist die Stelle, sagt er, wo ein Begriff


Wie Liebe ins Spiel kommen darf. Den Liebe stiftet
keine Beziehung. Sie kümmert sich um das, was
geschieht. Sie stützt die zerbrechlichen

Übergänge. Insofern, sagt er, wage ich zu sagen,


erlaubt es mir, ist sie eine Gehilfin der Engel. Sie
ist ihr Flug. Der immer erwartete Gast,

den keiner kennt, der dich immer ein wenig


erschreckt, wenn er plötzlich dasteht, und
gerade da, und doch so unerwartbar war.

CCCLI
17 (352)

Mich stört dieser ganze Schlagobers


von Ideologie, der uns zugemutet wird,

von Schritt zu Schritt. Wie ein Lackmus-


Test, der uns sichtbar machen soll, oder?

Aber wenn sie uns anders nicht sehen


können, sollen sie uns doch da belassen,

wo wir für sie unsichtbar sind. Das ist


wirklich mal eine Heimat. Und wenn man

aus der vertrieben wird, ist man nicht mehr.

CCCLII
18 (353)

Rede eines Trösters

Die Geschichte ist das Auge, das


beobachtet, wie Zeit verwahrlost und
der Raum verkommt. Aber wir sind noch
nicht an der spätesten Grenze des Raums

angekommen, auch wenn du nicht leugnen


kannst, dass es so aussieht. Ein Zeichen
dafür ist, dass die Sonnenuhren noch nicht
auf Nachtbetrieb umgeschaltet haben,

obgleich man auch das nicht sicher sagen


kann, denn sie haben (nach Maßgabe des
Tods?) ihre Stachel verloren oder abgeworfen.

Wie mausern sich Sonnenuhren? Wenn sie


erkennen, dass sie ihr Formensoll nicht erfüllt
haben? Ohne am Bestand zu rütteln?

CCCLIII
19 (354)

Antworten können nicht weniger trivial sein


als die Fragen, die zu ihnen führen. Das
müssen wir verzeihen. Aber nicht verstehen.
Denn das Verstehen aufzugeben, ist das

Klügste. Aber niemand tröstet dich, wenn du


es tust. Einer, der einem Wolf begegnete,
empfand nur Respekt, ein wenig Angst, und
Faszination und photographierte ihn. Das

ist ein Maßstab der Klugheit. Gerade wenn


es um Verständnis geht. Es bleibt sich
gleich, was diesen Schatten wirft, ein Mensch,

ein großer Ast, ein Wiedergänger mit guten


Absichten oder die ferne Angel eines Menschen-
fängers. Also alles, was herkömmlich ist.

CCCLIV
20 (355)

Kurrente Kälte I

Das Verstehen aufzugeben, ist das Klügste.


Aber niemand tröstet dich, wenn du es tust.
Du standst an eindeutig zu vielen Meeren auf
der Suche nach etwas. Und in zu vielen Häusern,

durch die das Schicksal hindurchtropfte, in Menschen-


gestalt, bis nur noch ein Hotel daraus werden konnte.
Gedanklich ist da nichts mehr zu tun. Der Blick übers
Meer, ich könnte viele Orte nennen, mit Erinnerungs-

wert, der Blick übers Meer leidet nicht nur an seiner


Tradition, er leidet vor allem darunter, dass nicht
einmal seine Vergeblichkeit mehr ein Motiv ist. Der

Blick übers Meer sollte einmal von der Stelle reißen,


wenigstens gefühlt. Das gelingt selbst bei geschlossenen
Augen nicht mehr. Fast wollen wir es nicht mehr.

CCCLV
21 (356)

Kurrente Kälte II

Error is in the air. Mit einem solchen


Angebot, hättest du noch damit gerechnet?
Liebevoller, auch das ist klar, könnte ein
so ernüchterter Schöpfer nicht sein. Es ist

immer so, dass eine heilsame Rückkehr,


wie die eines Verlorenen, nur durch eine
Kollision mit etwas angeregt werden kann,
das in der Luft liegt. Und wenn dieses Etwas

zudem ein eindeutiges ist, das sich in rasend


fliegende faustgroße Findlinge portioniert hat,
ist gegen den göttlichen Einfall, diesen Versuch

göttlicher Zärtlichkeit, mit dem Ziel, göttlicher Strafe


doch noch entsagen zu können, nichts einzuwenden. Aber
reicht das denn gegen uns selbsterdachte Misotheisten?

CCCLVI
22 (357)

Kurrente Kälte III

Er sei immer wieder überrascht, so wie das


Jesuskind es in seinen ersten Wochen war,
als es lernte, anders wegzuschauen, als es doch
hingeschaut hatte. Sein Vater hatte ihm einen

anderen Blick mitgegeben. Wir haben kaum


eine Ahnung davon, wie unser Erlöser sein Erbe
modifizieren musste, um mit uns leben (und
sterben) zu können. Aber er weiß es ja auch

nicht. Und er hat es nie zu der Ehrfurcht gebracht,


mit der ich Klosterruinen durchstreife. Auf der
Suche nach einem Grund, es zu tun. Dabei lernst du

nämlich mit den Fenstern und den Steinen, die


sie sichtbar machen, und mit dem Unkraut zu reden.
Kontrovers, wie es sich gehört, in dieser Zeit.

CCCLVII
23 (358)

Ich habe, sagt er, immer gesagt: ich war


ein Musterknabe und weiß jetzt, dass sie
mich immer falsch verstanden haben. Ich
wollte ihnen sagen, dass ich nicht viel von

einem Knaben gehabt habe, eher ganz und


gar ein Muster war. Eine Vorstellung, die
mir heute, wie man sagt, die Haare zu Berge
stehen lässt. Aber was hätte ich damals denn

anderes sein können? Und wie konnte ich zu


einem werden, der seinen Werdegang, wie man
ihn nennt, heute zu durchschauen glaubt? Und

was ist das in mir, das mir das alles zutraut? Ihr sagt:
deine Gedanken sind uns zu kleinlich und zu privat. -
Ich halte die Sache aber für ein allgemeines Wunder.

CCCLVIII
24 (359)

Als versuchten wir nicht,


ein Leben lang, die Trauer
Loszuwerden, die Adams
Hand empfand, als die

Hand Gottes sich von ihr


löste, als Gott den Adam
seinem Atem überließ.
Danach folgten keine Gesten

mehr, die nichts von Lassen


oder Lösen hatten. Das war
ein ziemlich genialer Streich,
das Ganze, schon im Augenblick

der Geburt der Zeit,


wenn nicht gar schon
kurz davor, mit einer
Trennungsgeste zu skiz-

zieren. So muss der Anfang


von all den Enden voll sein,
die ihm folgten. Und nicht
zu folgen nicht vermögen.

CCCLIX
25 (360)

Werden wir nicht wie Brecht. Wir würden


unserem Auftrag schaden. Und blieben auf
unseren Lehrstücken sitzen. Noch nie hat
die Welt geglaubt, ihrer so wenig zu bedürfen.

Ziehen wir stattdessen unsere Lehren daraus. Stück


für Stück, gemäß einer biblischen, pragmatisch
modifizierten Mahnung: Gott zurückzugeben,
was er uns als Vorwissen geliehen hat, um den

Zugewinn für uns selbst zu behalten. Das heißt:


Beantworten wir Großzügigkeit mit Großzügigkeit.
Kein Gebet könnte sie ersetzen, kein Gloria, und

wäre es von Bach, so wirkkräftig sein, so gut


ankommen, bei einem Winzer, den seine Saison-
Arbeiter um den erwarteten Ertrag betrogen haben.

CCCLX
26 (361)

Mit einem Appetit, einem jeden, musst du


sorglich umgehen. Du weißt nie, was du
hinterlässt, es ist wie beim Baumfällen. Nur
das ist absehbar. Aber es ist nicht immer

eine vertikale Leere, wie beim Baumfällen,


mit Vogelobdachlosigkeiten (so haben manche
ratlos gelernt, auf der Stelle zu flattern, als
Zeichen, dass sie nicht verstehen, und eine

Kunst gelernt, des Sich-zu-Tode-Stehens


mitten in der Luft). Appetit hinterlässt mehr
als man denkt. Er verzehrt vielleicht das

Ungelegene, will den übriggebliebenen Raum


aber auch füllen. Das kann ihn überfordern.
Dann stutzt er. Ein ungeübtes Kind beim Spiel.

CCCLXI
27 (362)

Wie hört man auf, wenn das Ziel ist,


das Ziel zu umgehen? Der Löwe hat es
leicht, wenn eine Maulstarre ihm hilft.
Und der Biss ausbleiben kann. Aber

auch dann ist das Ziel nicht wirklich


umgangen. Es ist nur verfehlt, obendrein
nicht ganz so, wie es verfehlt werden sollte.
Und doch ist es auch eine zitternde Starre,

also nicht viel, darf aber noch nicht zu


wenig genannt werden, in dieser Phase
des ausstehenden Selbstgenusses. Es

ist ja nicht entschieden, ob ich der Herr


des Knechts bin, der ich bin, oder nicht
doch (nur) der Knecht des Herrn, der ich bin.

CCCLXII
28 (363)

Wenn die Zeit nun doch eine Brunnenschale ist, die


sich überläuft, kann niemand sie wirklich einholen.
Eine Volute, die sich in zwei Richtungen verliert, ist
kein wirklicher Rundweg. Und der Kreislauf der

Jahre ist, wie sagtet ihr?, ein Hohn auf die Zeit, Ich
stimme da nicht gerne ein, weiß aber, wie könnte ich?,
keinen Ausweg. Es fehlt die fremde Kraft, die es braucht,
einem Orbit zu entlaufen, vor allem, wenn an der nächsten

Ecke schon ein anderer Orbit steht, vielleicht ein noch


gefräßigerer Gastgeber. Und er hat meine Augen. Und er
liebt es, damit zu trinken. Wohin könntest du mich in

die Freiheit entlassen? Die Zeit ist ja keine Zelle. Und


ihre Mauern treibt sie vor sich her wie die Treiber bei einer
Jagd den Fuchs. (Das ist wenigstens ein verlässlicheres Bild.)

CCCLXIII
29 (364)

Die Dinge, siehst du, werden erst durch ihren Jahrestag.


An ihrem Tag. In ihrem Milieu. Lichtknoten, sozusagen,
wenn das nicht zu flach gesagt ist. (Das braucht dich nicht
zu kümmern, du sagst es ja (nur) im Auftrag.) In den Dingen

ist aber, wie in den Sätzen und den Gedanken, nie genug
Platz. Daher die Angst. Und die Atemnot Gottes in seiner
Welt. Aber die Worte zu wiederholen ist notwendig, sonst
wäre gar nichts. Und auch das muss wiederholt werden. Und

nur dazu gibt es die Jahre, trotz ihrer unsicheren Ränder, die
es auch geben muss, damit wir von Glück reden können, für
das ein Spiel in jedem Kreislauf gegeben sein muss. Wie im

Takt der Bluts. Mir persönlich, sagt er noch, ist das damals unter
den Tamarisken klargeworden, als es mir so vorkam, als suchte
der Wind nach Flügeln, die sich tragen ließen, ohne Widerstand.

CCCLXIV
30 (365)

L'au-delà de quoi que ce soit

Er versuche, einmal einen Gedanken zu


denken, der ihm nicht rätselhaft erschiene.
Damit habe er aber schon so lange keinen
Erfolg, dass er es endlich aufgeben möchte.

Denn zu denken, was ein Gedanke ist, das


gelingt nicht; führt im besten Fall zum
üblichen Wahnsinn auf diesem Gebiet.
Und dass ein Tagebuch über dieses stete

Irregehen oder Scheitern einmal enden


muss, das, wenigstens, ist eine gute
Sache. Aufzugehen in dem, das

nicht aufgeht, das ist ein


konsequenter Schritt
und Schnitt.

CCCLXV
CCCLXVI

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