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Peter Pörtner

Freie Zirkumstanzen, ohne Pomp

Erste Hekatombe1

I, 1

Die Frage ist doch, wie wir mit dem Ende


der Welt umgehen. Und es bleibt erst einmal
nur, die Geduld zu schulen. Die Zeit erzieht
wie keine andere noch gegebene

Bedingung. Sie nimmt ihren Schwung über


die eigene Schulter. Ihre Unruhe
findet sie erst in uns. Eine seltsame
Kooperation von ungleichen Polen.

1
Das Wort seht hier nicht (nur) für die Zahl, die es auch enthält. Es steht hier für seine übergeordnete Bedeutung
von „Opfer“. Auch Bachs „Musikalisches Opfer“ könnten wir also eine „Musikalische Hekatombe“ nennen.

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2

Die Endzeit beginnt, wenn Abwesenheit zum


modischen Accessoire wird. Die Mode wächst
wie Schilf um versandete Seen. Als brauchten
wir Blenden, um besser zu sehen. Und, um

uns zu tarnen, Kappen aus Eis und Lava,


oder auch deren Stellvertretern. Solang
es Zwillinge aus irgendeinem Zwielicht
sind, ist es gut. Wie alles aus diesem Stoff.

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3

Wenn du sagst: ich verstehe dich, kann ich nur


meine Arme in die Luft werfen und dich
fragen: was soll denn das?, wo kann man soviel
Blindheit für so wenig Geld (nehme ich an)

erkaufen? Das ist ein Format Glückskind, auf


das ich jeden Verzicht leisten kann. Ich kann
auch den Tod einer jeden Reputation
erleiden, bleib ich nur unangetastet.

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Rapunzel, das Mädchen. Sie zieht ihre Lieb-


haber an den Haaren herbei. Was kann es
Emanzipierteres geben? Mir, dem Mann,
fällt da nichts Besseres ein. Sie sollte, denk

ich, eine Ikone der Klugheit werden.


Ohne jeden Nebengedanken, weil der
uns zuviel und undienlich wäre. Es ist
gut, sich zu vertun, was das auch heißen mag.

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Wie im Märchen

Es lohnt sich, im Stil eines Märchens zu schreiben.


Da meinen sie alle: Das muss doch wahr sein!
Und freuen sich drüber und erzählen es
weiter. Und bilden nun eine Gemeinde.

Das willst du doch nicht! Also sei gewarnt und


schreibe so, dass keiner denkt: Das ist doch ein
Märchen! Dann verbreitet sich deine Wahrheit
nicht, und du bleibst ein stolzer einsamer Wolf.

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Alle Gesten sind Fliegenwedel gegen den


Tod, er soll erst gar nicht anlanden, mit
seinem Stachel. Es gibt kein zweites so ge-
styltes Insekt. Seit Eden poliert es vor

dem Spiegel seinen Stachel. Tag für Tag, fast


hat es ihn wegpoliert, aber noch kurz vor dem
Ende hat es bemerkt, dass es seines Stils nicht
so sicher sein kann. Und übt. Zurückhaltung.

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In der Sonne bist du nur daheim, wo du


nicht hingehörst. Ich wollte Prosa schreiben,
da drängten die Stanzen sich vor. Ich wollte nicht.
Da sagten sie: Da kannst du nichts dagegen.

Und jetzt haben sie mich. Ich muss mich stellen. Den
Windmühlen. Den Sirenen. Aus Affären
kann man sich nur ziehen. Aber ich weiß auch
nicht, wie man, im Lauf, Stafetten übernimmt.

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Es ist doch gar nicht so schlimm, sich beim Denken


zu verhören. Kaum schlimmer als in einem
Park eine leere Pizzaschachtel liegen
zu lassen. Aber wenn, sagen wir, ein Fa-

rinelli lauthals davon singt, wird’s brenzlig.


Auch im Blätterschutz von leisen Horntrillern.
Wenn’s nicht anders geht, ertrinke in deiner
Einsamkeit. Der Flow hat ja weltweit einen -

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- sehr guten Ruf. Und wir geben der Wahrheit


die Ehre, niemandem sonst. Was sonst hätte
sich denn unsere Ehre verdient? Was die
Dinge trägt, ist die unversehrte Balance,

die sich nicht zeigen darf, wenn sich der Schaden


in seinen Grenzen halten soll. Denn Schaden
liegt in der Sichtbarkeit der Balance. Und die
Sichtbarkeit ist die Form ihrer Versehrtheit.

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La vertu d'une
transparence
indiscernable

Stanzen, ja!, stanzen sich nur in die Luft, die,


wenigstens kurz einmal, lebender Atem
war. Aber die zu erkennen, ist sehr schwer.
Ihrer Durchsichtigkeit wegen, die sich von

anderen Durchsichtigkeiten nicht unter-


scheiden lässt. Denn Durchsichtigkeit ist allein
dieser Ununterscheidbarkeit wegen ein
großartiges Versteck für (uns) Verschwörer.

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Von keinem Ausstatter abhängig zu sein,


und sich sogar den Raum selbst geben zu können,
ist doch das diskreteste Vermögen von
Kreaturen, wie wir es sind. Nur wir sind

dem Schöpfer ein Aufatmen wert, in all dem


Graus. Und sein schlechtes Gewissen hellt sich auf.
Und er toastet sich einen Trost zu: Hab‘ sie
doch gut ausgestattet verstoßen! !
-

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II, 1

Wenn du Vorbilder hast, lies sie bitte nicht


zu genau. Besser noch: Lüge, wenn du sie
nennst! Wenn sie dich dann wegen deiner Auswahl
loben oder tadeln, weißt du wo du stehst.

Auf einem andren Weg zu einem sichren


Standpunkt zu kommen, ist völlig unmöglich,
glaub es mir. Die Vernunft kennt kein anderes
Element als die List und hat keine Wahl.

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2

Selbstliebesdienst

Jeden Tag eine Stunde fliegen, oder


den Hausschwamm bekämpfen. Irgendeinen. Die
Dinge verführen uns so freundlich mit Glanz,
weil sie bewusst auf Dauer bauen wollen.

Sie denken sich: Was hätten sie sonst von uns?


Die Verhältnisse haben uns zu reser-
vierten Piraten gemacht. So pendeln wir,
pauschal, zwischen Entwürdigung und Feier.

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3

Nur Stanzen, die nicht für sich sprechen, brauchen


einen Titel, um darauf hinzuweisen.
Sie üben die Scham, als wär’s ein Vermögen,
dies zum Ausdruck zu bringen. Und doch ist

es nur ein Lippenbekenntnis. Mit trocknen Lippen


Stanzen zu sprechen, kommt aber wie un-
gelegen, ein Engelsflügel aus Metall,
mit Reif überzogen, als wär’s gar nicht jetzt.

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Erfahrungen sind Pizzicati auf stum-


men Stahlsaiten, oder Schmetterlinge, die
zu schnell flattern, um gesehen werden zu
können. Bis wir die passenden Wahrnehmungs-

organe entwickeln könnten, sind sie sich selbst


ihrem unsinnlichen Schwirren entgangen.
Ihr überlegter Versuch, zu bleiben, - ver-
sagt er vielleicht am ehesten doch bei uns.

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Das nicht zu verstehen, ist bedauerlich.


Bestätigt aber Hegels Überzeugung,
dass das Konkrete sich gerne verweigert.
Und nicht nur dem Verstehen. Was sage ich!

Was sich dem Verstehen nachhaltig entzieht,


wird nie gewesen sein. Es ist also nicht
verwunderlich, dass ihr das nicht seht, was ihr
nicht verstehen könnt. Es ist nur konsequent.

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Es scheint ihm, sagt er, dass das Schweigen aus-


baden muss, was das Reden einbrockt. Das macht
den Kern ihres prekären Verhältnisses
aus. Von Anfang an waren sie sich nicht

geheuer. Weil sie sich gegenseitig früh


erkannten, als zwei austauschbare Heuchler,
und sich seither darüber wundern, dass die
Welt sie gewähren lässt, als wären sie echt.

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Gagliarda

Er sagt, die Dinge haben noch eine fast


unspürbare Aura. Und ich weiß nicht, ob
sie noch einer wahrnimmt. Doch wenn es noch einen
gibt, der die so leise Botschaft der Dinge

über ihren Zustand und ihre Stimmung


vernimmt und sie mit Musik hörbar machen
kann, dann kann es doch nur einer anderen
Zeit neuer Principe da Venosa sein.

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Wir schauen mit den Blicken von Schauspielern,


die das Publikum überzeugen wollen,
dass sie über ihm, in der trüben Luft, das
sehen, was doch das Publikum sehen soll.

Dieser geborgte Blick macht uns aber un-


glaubwürdig. Das Publikum liest nur Lügen
von unseren Lippen. Sie wissen warum
auch wir uns so tief verbeugen beim Applaus.

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(Fehl-Stanze, aber auch beobachtungsfundiert )

Jedes Wort, das du sagst, steht tatsächlich


In einem Weltmilieu, das bedeutet viel. Es
Entlastet dich und zieht dich mit kosmischer
Gravitation zur Verantwortung, und tief in

Sie hinein. Du kannst nicht anders und solltest


Dennoch nicht den Zuflüsterern alle Macht
Geben. Feige zu sein, lohnt sich, auf Dauer,
Nicht, trotz deiner vielen Gründe. Du gehst

Unter in deinem Bestehen (auf Wahrheit), das


War dir, sei ehrlich, immer klar. Und wer kann
Überrascht sein von dem, was er erwartet.

(So zu sein ist besser, als wenn du eine Brez‘n


Isst und gerade telefonierst und jemand dich fragt,
Woher kommt er, dieser selbstbewusste Ton?)

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Ewigkeit und Polterabend

Von Tag zu Tag braucht es bessere Meta-


phern. Polizisten sind doch einem starken
Druck ausgesetzt. Der größte Kitsch wird zur Wahr-
heit verkürzt. Und plötzlich braucht es gar nichts mehr.

Wir sind über die Nachweise erhaben.


Als wäre etwas ganz anderes passiert.
Nur die Lust geht ihren Weg über wirkmäch-
tigere Entbehrungen bis ans Ende.

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Er sagte, wie einfach es doch wäre, wenn


wenn es etwas zu verstehen gäbe. Aber
es ist ja nicht da, bevor es verstanden
ist. Zu verstehen versuchen, das ist, sich

in Büsche zu schlagen oder in Brachen von


Fragwürdigkeit, wie Eroberer mit ge-
heimem Auftrag, uns selbst geheim, als suchten
wir, was wir machen müssen: Zeit, Sinn und Gold.

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III, 1

Parameter

Zeit ist, wagte er sich zu sagen, ist das


Delirium der Quanten, wie ihr sie nennt.
Und was sind Delirien denn anderes
als Zufälle, die sich aus Bescheidenheit

dem Schicksal andienen. Aber das ist nur


ein Schein. Oder vielleicht eine boshafte
Camouflage. Die Kette lautet also:
Delirien, Camouflagen, damit Zeit.

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2

Ein Traum könnte sein: ein Nothelfer mit


einem süßen Geschmack im Mund. Und
Rehe und Hirsche in einem großen Gehege.
(Das Taubenhaus scheint eher vernachlässigt.)

Die Welt ist die Meinungsäußerung eines


Menschen, der nicht weiß, was er will. Damit ist
zwar alles gesagt, aber, weil’s nichts be-
deutet, noch längst nicht genug. Es zeugt sich fort.

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3

Die Frage ist, ist das denn zu verstehen?


„Nein.“ Aber warum genügt es Ihnen dann,
Membran zu sein, zwischen dem Nichts und Ihnen
selbst? „Das Boot hat er fest vertäut am dun-

stigen Ufer. Die Dämmerung erneut die


Traurigkeit des Gastes. Hinter den weiten
Feldern hängt der Himmel in den Baumwipfeln.
Der Mond im klaren Fluss ganz nah den Menschen.“

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4

Die Zeit tickt quer zum Klimawandel

Das Universum kann nicht so öde sein


wie die Musik, die wir draus extrahieren.
Es ist die eigne Einschreibung, die uns in
die Welt einschreibt. Dadurch haben wir einen

Ort und können nie wissen, wer da wo ist.


Wenigstens lässt sich das so leicht sagen. Doch
auch die so ausgesprochene Verunsi-
cherung bleibt erhalten, kühlt aber sacht aus.

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5

Dass man etwas gerne tut, sagt er, das sei


keine Option, man kenne die Fallen ja
gar nicht alle. Das müsse man aber, wenn
man Übermut beweisen oder doch ein

Reißwolf werden wolle: Die Leute bilden


sich nur ein, es mache einen charmanten
(nötigen) Unterschied, ob man sich an der
Sonne oder dem Mond orientiere.

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6

Und doch sind die Unterschiede nötige


Abgründe, in die zu schauen vorausge-
setzt ist. Und vorgeschrieben von der höchsten
Instanz. Wohlweislich, dass eine Vorschrift der

einzige Beweggrund ist, sie anzuer-


kennen. Wie Kinder im Schlaf der Mutter nah
sein wollen, wenigstens das. Es geht ein Wunsch,
wie eine Schwerkraft durch all diese Trümmer.

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HoTT (à la Corfield)

Jetzt geht es wieder los: Die Zähigkeit des


reduktiven Denkens und sein immer und ewig
währender und schwärender Anspruch, in sei-
nen Formeln spielend über die Unend-

lichkeit zu verfügen, können wir uns nur


als eine Ranküne Gottes gegen uns,
die doch Wohlmeinenden und Geängstigten,
vorstellen und erklären, in unsrer Not.

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La culpabilité innocente des Parques

Es ist nur alten Parzen ein kritischer


Blick auf das Vergangene erlaubt. Nur sie
dürfen sich fragen, ob es gut war, so viel
vorauszusagen. Anders wär es vielleicht

doch ein wenig besser gekommen. Was sie


als Warnung gemeint hatten, galt den Menschen
als Ruf zur Tat. (Die armen alten Parzen
zerbrechen noch unter der gefühlten Last.)

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9

Ein Punkt, es wird sich wieder ändern, nur noch


Zu- und Umstände zu beschreiben. Wer sich
etwas anderes wagt, der wird erledigt,
den werden wir erledigen, wie Gärtner,

die in Stoßzeiten eingestellt werden und


noch ihre eigenen Scheren mitbringen
müssen. Denn das schmückt doch die Situation,
wenigstens in den Augen der Betrachter.

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10

Was sich wirklich sagen lässt, ist, dass es hilft,


eine Amöbe zu sein. Im vollen Sinn
des Worts. In welch vollerem Sinn könnte es
denn auch noch sein? Nichts kann mehr sein als das,

das an sich rüttelt. Späte Ruinen kann


man nur durch Erwartungen rechtfertigen,
wie jede Art hypothetischen Seinsge--
fühls. Als hätt auch ein Schüttelreim ein Gespür.

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11

Aber ist nicht alles, was ist, freilich auf


seine individuelle Weise (das
ist das Problem) eine Gebrauchsspur?
Aber was bist du an deiner Hand? Nur die

Spuren dessen, was du damit getan hast.


Die kannst du aber nicht sehen. Und Falten
und Schrunden sind unglaubwürdige Zeugen
klandestiner Invisibilitäten.

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IV, 1

„...nicht weiter häuslich finden lassen.“ Hinter


den Barrieren droht die Prosperität
zu enden. Seid klug und lasst euch nicht darauf
ein. Rattenfänger sind Heuchler und Schmeichler.

Sie führen wie Moses, sagen sie, aber


sie führen, anders als Moses, nicht hindurch,
durch kein Meer, kein Nadelöhr. Sie machen gar
keine Stelle zum Angebot. Welche denn auch?

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2

Renversé

Sie schütteln ihre Köpfe und schmollen mit


ihren Mündern, aber ich werde dabei
bleiben, von Babel als einem Edikt und
vom Pfingsttag als vom Tag seiner Aufhebung

zu sprechen. Zwischen einem jedem Edikt


und seiner Aufhebung spielt sich etwas ab,
was einem gegenseitigen Wildwuchs gleicht.
Man könnte auch sagen: einem Plagiat.

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3

Es fehlt eine zielsichere Navigation,


die selbst nicht weiß, woher sie kommt.

Und doch sei das Leben mehr als ein Erbsen-


Fest für Prinzessinnen. Und im Grunde auch
hochgradig unabhängig vom Datum, vom
Typ der Renaissancegärten einmal abge-

sehen. Der kleine Teufel weiß, wovon er


spricht, schmiedet er doch die Hauben unter die
wir zu kommen geladen sind. Auch alle
Tänze stehen unter seinem Dirigat:

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4

Zeiterzeugen

Es sind die Aufforderungen zu diesen


eleganten Schweigetänzen, auf die sie
warten. Die tanzen sie so gern. Die Schweige-
Finger abwechselnd vorm Mund, den Kopf erst nach

rechts, dann nach links geneigt, trippeln sie im Rund.


Und merken nicht, wie die Zeit ihren Flanken
entfährt, immer dann, wenn die Körper eine
äußerste Biegung mit der andren tauschen.

4.1

Sag mir nur eines, Gott,


Bist Du denn denkbar?
Was bist Du denn, das
Mir keine Antwort gibt?

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5

Pfingstwunder

In Stanzen darfst du dich was trauen. Zumal


an einem Ort, wo Gstanzl die Ordnung des Tags
sind. Und keine Distichen, die waren’s nie.
Hier ist es einfacher. Hier steigt der Springquell

nur hoch als Vorwand zum Fallen, ganz nah an


der Wirklichkeit, die ja noch mehr dem Modell
der Fontäne aufrichtig verpflichtet ist. -
Alles Heil liegt in der Macht der Strukturen.

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6

Gott: Sei’s wieder geklagt

Aber viele Bilder sind mir, sagt er, so


fremd, dass sie mir nicht zustehen und daher
bei mir nur sehr selten vorkommen, manche gar
nicht. Das kann doch, sagt er, nur heißen, dass

es damit etwas auf sich hat, dass ich euch


nicht in die Irre führen möchte. Denn auch
wenn ich mir einen andren Anstrich gebe,
bleibe ich doch durch und durch ein Moralist.

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7

Die große Vergleichung (Dürer)

Wahrheit, stückweis, reißen wir aus dem Maß und


sagen: So sieht sie aus, schaut sie euch an! Das
Gesicht ist ja euer edelster Sinn, wie er
sagt, und jedes Stückwerk das Modell seiner

selbst. eins dem andern ein gekrümmter Spiegel.


Sie begegnen einander (nenn ich ein Ex-
empel!) als die glatte Haut einer Eisbahn.
Seinsbegehrlichkeit hat nur das Andere.

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8

Parteiprogramme sind die aggressivsten


Varianten, die Komplexität der Welt
zu unterlaufen. Es fällt mir, sagt er, nicht
schwer, das zu sagen, aber wollt ihr das von

mir wirklich hören? Soll das meine Sache


sein? Euch zu sagen, was ihr wisst und gut sein
lasst? Was mir an euch nicht gefällt, ist, dass ihr
die Ironie Gottes so grell unterschätzt.

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9

Da habt ihr‘s! Müll ist en Seins-Kriterium

Nur dem Blinden fügen sich die Dinge, denn


er sieht sie zwar nicht, weiß aber, was Dinge
sind. Vielleicht gab und gibt es Schlachtfelder nur,
um immer wieder neu und umsonst, zu sehen,

was Dinge sind. Gefallene Körperr. An


barocken, zauberhaften Morgen nach der
Schlacht mit spitzen Spießen aufgesammelt und
ins aufmerksame Vergessen versehen.

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10

Noch immer versuchen Gremien, einen gewissen


Einfluss auszuüben

Warum sagst du: Natürlich nicht? Jedes Nichts


ist doch natürlich. Und übertriebene Genauigkeit
versagt nicht nur. Sie hat vor allem einen
schlechten Geruch, den zwischen meinen Fingern

ich nicht haben möchte: Auch digitale Regeln


haben ihren Stolz. Der wirkt über alle
kategorialen Grenzen hinweg. Schau:
Pfingsten feiert Hochzeit, an allen Enden.

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Bitch! oder „Dein Wachstum sei feste


und lache vor Lust!“ (BWV 212)

Wenn ihr uns hier nicht wollt, dann setzen wir uns
in den Regen unter den Baum und geben
den Leuten vom Kiosk etwas zu verdie-
nen. (Und bleiben dem Regen so auch näher.)

Derweil wir reden und frieren, wäscht etwas


innen unsere Ohren. Das Privileg
macht uns fast verrückt. Heißt das: nur was du nicht
willst, das straft dich mit triftiger Ekstase?

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V, 1

Machtvollzug ist Nachvollzug, da kann man doch


Machen, was man will und so vorsichtig wie
Alle anderen, am Ende bleibt es (sich)
Gleich. Ich bin ein makelloser Abenteu-

rer und tue nichts und lasse es kommen.


So generiere ich glaubhafte Über-
raschungen, an anderen Schöpfern vorbei.
Wir grüßen uns, wie man Clubmitglieder grüßt.

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2

Häuser in der Renaissance, im Barock noch,


bereiteten Begegnungen vor oder
ladeten Ereignisse ein (denkt etwa
an Julias Balkon). Das hat sich jetzt ganz

verkehrt in diesem endlich endzeitlichen


Ambiente. Architektur ist endlich
Pauke und Trompete von Jericho. Und
Kulisse für die Weltenobdachlosen.

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3

Zenotaph für einen, der sich, wenn es


ihm gerade gut ging und er
lächeln konnte, websig nannte (M.W.)

Warum denkt ihr, dass der Schatten kein Gewicht


hat? Nur weil ihn sie nicht spürt, wenn ihr ihn hin-
ter euch herzieht? Das genügt niemandem als
Beweis. Auch Sonnenstrahlen sind wägbar. Er

erzählte mir (gerne), wie vor Jahrzehnten,


seine Freundin in der Kapelle auf Pat-
mos mit Ihren wehenden Haaren, im Ge-
genlicht, die Mönche aus ihrem Takt brachte.

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4

Wir sind so weit gekommen, dass wir nur noch


Menschen lieben können, die nicht mehr sind. So
weit. Nur nicht mehr erwartbare filmische
Momente versprechen, dass etwas geschieht.

Wie auf Patmos, auch wenn das kleine Fenster


und der kleine Tisch in der Apokalyp-
senhütte mir kleinbürgerlich vorkamen,
dieses Johannes nicht würdig, keinesfalls..

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5

Manchmal stellt sich der Duft vor einer Nase


wie eine Hegezone oder etwas
Schlimmeres dar. Und einige müssen dann
bemerken: das bin ich ja selbst. Und wenn sich

herausstellt, zu besterletzt, dass die Welt schon längst


über die Menschheit hinausgegangen ist?
Der Tod, sagt er, ein wenig verkniffen, ist
die Abrechnung mit allem. Vielen, sagt er,

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6

ist aber, so scheint es doch, das Leben die


Abrechnung mit allem. Der absolute
Witz absoluter Entfremdung ist ihre
Verschwiegenheit. Und Utopien brechen

heutzutage furchtbar plump ins Bild. Lieber


Augustin (Bloch), ich seh dich aus dem Pestgrab
steigen. Es wird gut. Alles ist hin. Nur des-
wegen, glaub es mir, braucht es ein Gespann, ein

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7

Gespann, sonst fährt das Gefährt nicht. oder


täusche ich mich? Wir sind nämlich ziemlich ein-
gespannt In alles. Kinder dürfen das nicht
merken, wenn sie die Welt entdecken. Über

dem First bricht freilich die Gegenwart ein. Der


Mond ist eine ziemlich runde Wolke. Doch
sein Gesicht ist sehr unvollständig. Und
das ist gut, er braucht’s noch nicht zu verbergen.

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8

Er nennt die Menschheit, wenn er überhaupt noch


von ihr spricht, eine entfremdete Exis-
tenzkohorte. Nur in diesem Jargon kann
er, sagt er, sich noch von ihr abgrenzen. Das

sei nötig, wenn man zum Beispiel an Pfingsten


einmal tief einatmen wolle, was an Geist
noch vorrätig sei, noch so vorrätig sei,
um damit die wunden Zungen zu kühlen.

52
9

Damit das Gespräch und das Zeichenstammeln


Noch eine Weile weitergehen könne.

An uns vorbei, uns streifend. Und erst zurück-


Lassend. Ein wenig verzogen, wie eine

Anamorphose, der ihr Spiegel entglitt.


Jetzt hat es sich verdankt und ist (endlich) da.

Was ist, sagt er (wohl deshalb), hat sich zu sich


Entzogen. Mitten in sein Zeitdreierlei.

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10

Gedichte sind Mundspiele, die um Erlö-


sung buhlen, um Erlösung buhlende Mund-
spiele. Das, wenigstens das, können sie nicht
ernst meinen. Denn so dumm kann niemand sein,

nicht einmal ein Mundspiel. Aber so klug, es


doch zu versuchen. Außerdem sagt man von
Spielen, dass sie nur dann wirkliche Spiele
sind, wenn sie sich selbst spielen, ohne Ziel...

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11

Er schrieb schon wieder ein Gebet, der Heuchler:

„Gib mir mein Wenigstes zurück! Ich habe


übertrieben, mit meinen Opfern, die ich
Dir, in meiner Unkenntnis, darbrachte. Ich

war unverschämt, auch als ich Deine Fülle


überschätzte und dachte, Dir fehlt zu viel
an Vakuum, um mir Raum zu geben. Du,

gerade, handelst ja nicht (mit Raum und Zeit).“

55
VI.1

‫שבולת‬

In der Form generiert sich die Zeit, die


sie ist. - Das sagte er, fast wohlgelaunt, so
vor sich hin. Und: Das müsst ihr nicht verstehen.
Es genügt mir, dass ihr es wisst; das ist gut

für euch. Ihr werdet nämlich einmal danach


gefragt. Ihr habt doch wohl schon vom Shibboleth
gehört, das enttarnt. Es wird sich zeigen, ob
ihr es sagen könnt (und ein Andrer es hört.)

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2

Le Temps mordu (mordu sur le sable)

Verzehrt ihr nicht auch, doch, gerne die Welt?


Ich meine, ihr liebt, doch, den Konsum, oder?
Das tadelt ja auch keiner. Aber ich will
(doch), mit meinem Gedankenzeigefinger,

wie mit einem abgelegten Zeiger, dem


kleinen, einer Uhr, euch darauf hinweisen,
dass ihr, doch, nur eines tut mit eurem Ver-
zehren: ihr stoppt die Zeit mittels Zerbeißen.

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3

(Madrigal I, passo lento)

Schön, wenn die Liebenden einander sagen:


wir schenken uns gegenseitig die Zeit, den
Unterschied, der wir sind. Nichts unterscheidet
ja mehr als die Liebe. Und beständig schafft

sie die Zeit. Ihr Schutzmantel wirbelt auf, das


pinkfarbene Tutu des Derwischs. Zeit sorgt
dafür, dass die Dinge zu spät kommen und
nicht zu früh und, quasi, (modo) smorzando.

58
4

Kann man zu spät kommen, um eine Moorlei-


che zu finden? - Ich bin, was mich betrifft zu
spät gekommen. Aber für die Welt ist es
auch zu spät. Gerade sie lässt sich nicht mehr

revitalisieren. Das ist in ihrem


Fall schon sehr lang vorbei. Ich ernähre mich
nicht so gut, wenn ich allein bin. Auf einem
Turm sind aber Radieschen immer dabei.

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5

Rezept und Perzept

Und Intelligenzen erkennst du daran,


welcher Welt sie sich andienen. Nur daran
erkennst du ihre Art und durchschaust sie. Und
kannst dich jetzt leicht entscheiden. Lege sie auf

deine geistige Waage. Sei erstaunt, wie


präzise dein Instinkt war, an dem du ja
lange genug gearbeitet hast. In der
Dunkelheit der Zelle, an Wänden tastend.

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6

New German Garden Style

Tore schießen. Spaghetti essen. Kleinflug-


zeuge steuern. Ganz stark sein. Tagebücher,
die sich unter der Hand verwandeln, wie Ku-
chen, in die man hineinbeißt. Geschmack verbrei-

tet sich, einmal Mango, einmal Salz. Und wel-


chen Sinn manchen autonom fliegende Se-
gelflugzeuge? Die autonome Lust am
Fliegen? Das will man verstehen. Nur in Treib-

61
7

häusern gibt es eine wirklich gute Luft für die,


die ersticken wollen. Da ruft er, ganz aus der
Reihe: Träumer meiner Existenz, was wollt ihr
denn von mir? Wollt ihr noch aus meiner Armut

Spurenelemente extrahieren? Man


könnte sagen, die Zeit ist die Maske des
Tods, die wir, wie ein Lorgnon, in richtigem
Abstand uns vor die Augen halten sollten.

62
8

„Avec mon sang,


une plume d’ange,
des larmes de dragon,
une pincée de Sables du Temps.“

Aber die Zeit ist ja immer obdachlos.


Sie gehört auch nicht unter ein Dach oder
In ein Haus. Sie tut nur so, als könnte sie
irgendwo hervortreten, und sei es aus

dem Haus. Ihr Ehrgeiz ist, die Koketteste


von allen zu sein. Sie darin zu über-
holen, das ist bekanntermaßen sehr, sehr
schwierig. Und bleibt wohl ihr eignes Privileg.

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9

Le temps vu à travers l’image


est un temps perdu de vue.

(René Char)

Neue Tage könnten sein wie wenn einer


Den Morgen als das neue Brot bricht und an
Die Sonnen verteilt die noch bis zum neuen
Abend nicht gezählt sein können Das ist ihr

Ganzer Stolz dass sie auch zu stolz sind die


Lampe die ihnen den Weg zeigen könnte
Nicht zu ignorieren und so stürzen zwölf
Sonnen von einer doch deutlichen Klippe

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10

Continua (ex nihilo)

Er sagte, man solle der Welt einen Heil-


schlaf gewähren. Das sei zwar gefährlich,
könne aber auch gutgehen. Die größte Ge-
fahr, dass sie heil erwache, sei zwar nie ge-

geben, das Risiko, dass sie nicht mehr er-


wachen wolle, jedoch, sei bedenklich.
In jedem Falle aber würde ein Schlaf
ihr guttun. Wie in jedem Selbstvergessen

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11

Creatio (ex ente)

ein Heil liegen soll. Ihr seht, jedes Wort re-


konstruiert, vor euren misstrauischen Augen,
(nur) sein Möglichgewesensein. Es lässt euch

euer Sehen sehen, auf seine sehr pä-


dagogische Art oder Weise. Wie raf-
finiert dieses System zahllos kurzge-

schlossener Träume doch ist! Ein univer-


saler Generalverdacht gegen sich selbst.
Wohlstrukturiert, allgemeine Gallerte.

66
VII, 1

Madrigal ll

(Gesang in einem Klosterteich)

Wie kommst denn du dazu Fragen die Fische


sich Sind wir denn geeignet Nur weil wir schwim-
men können Und ist unser Schwimmen denn ein
Können Ist es nicht vielmehr so dass wir es

tun weil wir es müssen Und ist das dann ein


Tun Oder nicht eher ein Schicksal das uns
zu Fischen macht Und was täten wir wenn es
Kein Wasser gäbe Und auch keine Kiemen

67
2

Stanzspuren

Unähnlich sind wir alle, das macht uns so


verwechselbar. Dieselbe Unähnlichkeit
ist uns ins Gesicht geschrieben. Ihr seht
in ihnen auch unsere Verwundbarkeit,

die uns wiederum so ähnlich macht. So


geht es sich aus mit der Wechselseitigkeit.
So bleibt kein Rest, keine Verpflichtung. Und mit
Mitleid, gar Liebe haben wir nichts am Hut.

68
3

Wenn ihr euch das alles nicht übersetzen


könnt, auch dann ist es nicht meine Schuld. Nicht nur
weil ich nie Schuld trage. Nein, die Sache ist
ernst. Ich möchte, sagt er, euch etwas sagen,

das ihr euch in ein immer wieder Neues


übersetzen können müsstet. Aber die
Eisschollen, auf denen ihr eingewurzelt
steht, treiben (euch) immer weiter weg davon.

69
4

So im Hurtigsten verankert zu sein, ist


eine dauernde Verlegenheit, bei der
die Gefahr besteht, ins Immerwährende
zu kippen, wie ein Kippbild ins andere.

Aber so verhält es sich ja mit allen


Ringelspielen, der Zeit, den Planeten, der
Liebe, dem Essen und - eben - dem ganzen
Rest. Und auch zu sagen erübrigt sich nichts?

70
5

Madrigal III

Kinder sind Monster des mitleidlosesten


Begehrens. Es tut mir leid, das sagen zu
müssen. Aber darf nicht auch ich ehrlich sein?
Ihr habt nicht gesehen, was ich mir heute

ansehen musste, als hätten sie mir die


Lider glatt abgeschnitten. Und als Antwort,
sagt er, sei er unter dem Sehen zu nichts
mehr bereit. Das sei er uns (einfach) schuldig.

71
6

Guten Tag. Ich bin. Ich bin eine App. Ich


bin du. In mir klickst du dich an. In diesem
Klick entfaltest du, was entfaltet werden
kann. Die Welt lächelt dir mehr als alles, das

sein kann, her. Dann kommt das Nächste schon und sagt:
Macht Platz! Das Ephemere ist uns über!
Wir treiben unsre Enterhaken in die
Zeit. Und schaffen so das Fleisch der Ewigkeit.

72
7

Denn, denk dir, nur das längste Warten lohnt sich.


Es hat, irgendwann, seine Dauer weg. Das
schlägt sich nieder und bündelt den Gewinn. Der
steht dann da wie ein Erntedank, an sich selbst.

Daher sind die Jahre ja so zirkelhaft


eingerichtet, dass sich die Dauer immer
neu einnisten kann und immer wieder ein
Herbst bereitsteht. Mit seinen Dividenden.

73
8

Und Anmut schon gar nicht. (Keine Stanze)

Schmuck sei (auch) Ordnung. Kann er dann auch (wirklich),


fragt er sich, schön sein? Denn die Schönheit sei (auch)
Anmut. Und Anmut sei nur in Bewegung.
Also sind zu einer Kette stillgestellte Perlen wenig

schön. Solange die Kette nicht reißt und die Perlen


nicht doch ins Freie rollen. Ja, bedeutet das denn,
ihr Entscheidungsträger, dass es draußen, vor der
Tür der Freiheit, keine Schönheit geben kann?

74
9

Mit all dem Nichts

Ich lebe als Diskretum, sagt er, dessen


Diskretsein, Gott weiß warum, dauergefähr-
det ist. Ein grundloses Schicksal, wenn ich‘s recht
bedenke. Ich steh nicht im Weg. Ich nehme

nichts weg. Ich atme sogar überdurchschnitt-


lich sparsam. - Ja, Kind begreifst du es denn nicht?
Sie wundern sich darüber, dass du ihnen
nichts wegnehmen willst. Was soll’n sie noch damit?

75
10

(Jetzt spielt er schon wieder seine


etymologischen Kenntnisse aus)

Auch Friedhöfe existieren nur in Ab-


grenzung. Sie unterscheiden sich also von
keinem Stein. In dieser Hinsicht. Meister des
Hagestolzes: Ein Friedhof bewahrt seine

Bewohner vor jeder Ewigkeit. Weil er


sie ja eingrenzt. In der Form eines Gänse-
blümchens, zum Beispiel. Die Transzendenz fordert
ein wenig Respekt, sonst lässt sie euch fallen.

76
11

Ihr wäret gerne ein größeres Stück der


Welt. Aber kennt ihr die Welt und ihre Maß-
stäbe? Eure Augen sind so staubig, dass
man meinen könnte, ihr kennt sie nicht. Und hat

damit Recht. Noch nie, nach unserer Kenntnis,


wurde ein Garten so überfordert und
in die Weltenrechnung eingebracht. Es ist
ein Glück, dass (tödliche) Schönheit nicht rechnet.

77
VIII, 1

Warum verzichten wir nicht einmal auf das


freundliche Angebot der Natur, lassen
es sein, uns von den Schwestern der Zeit pflegen
zu lassen. Eine Maschine, etwa, tut

es auch. Überhaupt steht die uns ja näher.


Die Wohltaten bleiben überdies in der
Familie. („Wirtschaft, Horatio, Wirt-
schaft!“) Und es findet alles seinen Ausgleich.

78
2

Selbstverkaufsstrategien

Du musst schreien, um dich aufrecht zu halten,


ja, so einfach ist das. Die Welt, die sich an-
sonsten um anderes kümmert, verlangt das
von dir. Sei also nicht feig. Bestätige

dich. Es kratzt meine sensiblen Ohren. Und


wie! Warum muss das alles und mehr immer
noch ausgegraben werden? Das ist doch des
Bösen nicht würdig. Oder seh ich das falsch?

79
3

Ach, dass das Leben, sagt er, so verfahren


ist, und sollte doch zur Verfügung stehen.
Und zu einer freien. Aber bei allem,
das eine Form hat, kommt die Klage zu spät,

die kannst du nur noch nachziehen oder auch


bestimmen, wie’s bestenfalls heißt. Nicht einmal
Jäten geht mehr. Vielleicht noch ein Umordnen
der gefallenen Blätter. Von hier nach da.

80
4

Der Welt den Hof machen

Ich, mit meinem kleinen Kopf, war ein Leben


lang ziemlich arm an Welt, obgleich ich mich
sehr um sie bemüht hab. Möchte jetzt aber
noch gerne wissen, warum sie nicht wollte.

Spricht die Welt: Ich habe dich für ein Pferd ge-
halten und, wer weiß warum, geglaubt, dass du
nichts sehen willst. Das Ende ist immer hin-
ter uns. Hast du das wirklich noch nicht bemerkt?

81
5

Doch, sagt er, habe ich, aber anders als


du (Pferde haben eben eine eige-
ne Wahrnehmung, eine Weltenstimmungswit-
terung. Die richtet sich jeden Tag nach dem

falschen Föhn, dem Wind, den die Welt aus dicken


Backen bläst. Ich bleibe dabei tapfer auf mei-
nen vier Beinen stehen, wie jede Messsta-
tion. Und seh das Ende nachhaltig vor mir.)

82
6

No exit

Sperren herrschen. Aufgepeitschte Stimmungen


herrschen. Misstrauen herrscht. Es herrscht Unmut und
Unordnung. Dazwischen herrscht Gewalt und To-
leranz. Es herrschen rauhe Sitten und trotz-

dem herrscht, man glaubt es kaum, auch noch das Urver-.


trauen (unbekannter Provenienz). Es
herrschen Ruhe und Streit, es herrschen Einig-
keit und Unruhe. Hörst du die Stille, die

83
7

„simulativa et diabolica“

Es spricht sich das nur aus, was nicht zur Sprache


kommen kann. Aber macht es dich nicht skeptisch,
dass dein Ich dich immer überrascht, über-
raschen muss? Fragst du dich nicht, wie das zugeht?

Ein Wunder, das als Stakkato aufgestellt


zu sein vorgibt. Als würde es in einem
leeren Glassturz plötzlich blitzen, seltsam schnell,
seltsam leise und seltsam selbstbewusst.

84
8

Jeder ist sein Schmied, sagt er, zweifellos,


aber jede ist es doch seltener. Es
gibt zu wenig Schmiedinnen, die der Arbeit
des Selberschmiedens nachkommen könnten. Bedenk-

licher ist indes, dass die Ausbildung bei


allen, auch bei den Schmieden, nicht ausreicht. Und
so haben die Hufeisen zumeist eine
schlechte Passform. Und sie wollen nicht passen.

85
9

Zimzum, alert

Das Cherubinische an einem Wanders-


mann ist, dass er keinesfalls ankommen will.
Käme er irgendwo an, was geschähe
mit seinem Wandern, wo könnte er es hin-

packen? Kein Streunen lässt sich in Faszikeln


wickeln. Es sei denn mit Gewalt. Aber da-
ran zerbräche es. Die Scherben zerbrochnen
Wanderns sind die allerkleinsten von allen.

86
10

Obsessions normales

Das Leben sagt er stelle sich ihm dar als


Eine Mischung aus horor vacui und
Grübelzwang Dabei sei er aber stets wie
Eingesunken in sein Alltagssein Leben

Sei aber auch eine Expositionsthe-


rapie mit ungewissem Ausgang und weil
Es auch eine Selbsttherapie sei sei es
Höchst kompliziert Er ergänzt noch: Hörst du mich?

87
11

Manque de filet à papillons

Un filet à papillons
est un filet servant
aux collectionneurs d'insectes,
entomologistes et lépidoptéristes
à attraper des papillons ou
d'autres petits insectes
en vol.

Wikpédia

Ich antworte: Deine Stimme höre ich


wohl aber Ich verstehe sie nicht Sie klingt
so abgewendet von mir Und ich habe
entweder kein Netz oder es reicht nicht hin

zu deiner Stimme oder seine Maschen


sind nicht geeignet Aus ähnlichen Gründen
wenn schon anderen würde es dir aber
auch nichts nützen wenn du fragtest: Siehst du mich?

88
IX, 1

Er klammere sich an jeden Gedanken-


Halm. So käme er doch ein wenig voran.
(Hinterließe aber ein Stoppelschlachtfeld.)
Er hoffe und hoffe und hoffe umsonst.

Das sei eine klare Lebensart, gegen


die nichts einzuwenden sei, also weni-
ger noch als gegen Entscheidungen und
Gepflogenheiten von Zwangsneurotikern.

89
2

Ein Ich, dem kein Lapsus vorausging, gibt


es nicht. Und sprechen kann es nur von diesem
Lapsus aus und auch nur von diesem Lapsus,
denn es kann nichts andres sein, als sein Thema,

sein eigenes, der Lapsus, diese kleine


kleine Abweichung von der Kontur Edens.
Klein aber schneidend. Ein Lapsus der unum-
kehrbaren Art, von der Art des Heillosen.

90
3

Graffiti I (qua Selbstreflexion)

Auch sagt er manchmal so seltsame Dinge


wie: Noch sehe ich mich nicht wirklich ein, und
wundert sich, wenn man ihn fragt: Was meinst denn du
damit? Und er antwortet nur: Das, was ich

meine, das kann man gar nicht anders sagen.


Keinem. Habt ihr überhaupt kein Organ, um
euch einzusehen; und wollt es daher auch
nicht? Was sollte ich euch denn dann noch sagen?

91
4

Graffiti ll

Einer kam zurück und sagte, der Himmel


schmerzt nicht, nicht so, wie ihr denkt, er kennt eigne
Wege, sich zu unterhalten. Und weiß, was
er nötig hat. Er hütet seine Wasser

noch immer im Unbedingten. So sei noch


immer seine Redeweise, an der er,
sage er, festhalte, um nicht vielleicht
doch um ein Gastgeschenk verlegen zu sein.

92
5

Graffiti lll

Ein andrer steht auf und verkauft aus seiner


leeren Hand etwas. Eine Feder, die noch
niemandem wuchs. Eine Münze, der eine
Seite fehlt. Eine Wolke, der ihr Umriss

missfällt. Den Dunst mit scharfen Kanten. Und das


vergessene Fenster, über das sich ein
jedes Graffiti schon gefreut hat. Leere
Hände sind leise Händler, von Geburt an.

93
6

Graffiti lV

Er hat, sagt er, den sicheren Eindruck, dass


seine Gedanken seiner Kreativi-
tät im Wege stehen. Das sei wohl eine
Spätfolge seiner Beschäftigung mit, zum

Beispiel, auch dem Taoismus. Auf welche


Weise aber, das könne er nicht sagen:
Das ist nicht ersichtlich aus den Dokumen-
ten meiner Existenz, denke ich (sagt er).

94
7

Graffiti V

Er trägt, wenn er es nicht einmal vergisst, ein


etwas unhandliches quadratisches Sieb
mit sich, er nennt es das Angstsieb, womit für ihn
alles gesagt ist. Und es ist’s ja auch, denn

es siebt die Angst aus seiner Welt aus, tut es


mit einem gewissen Erfolg, der aber
immer, sagt er, ambivalent sei. Das ei-
ne entlastend, das andere beschwerend.

95
8

Graffiti VI

Dieser seltsame Traum, der nur aus Dunkel-


heit besteht, die etwa zwei, drei Meter vor
seinen Augen, in welche Richtung er auch
blickt, beginnt. Dann geschieht immer lange nichts.

Wenn er glaubt, doch eigentlich lange genug


gewartet zu haben, lässt man ihn dennoch (noch)
eine ziemliche Weile warten, bis end-
lich eine Hand aus dem Dunklen nach ihm greift -

96
9

(Auch Graffiti haben eine gewisse


Halbwertzeit, wenn nicht sogar eine stets zu
vermutende Verweildauer, aber dass
sie einmal sagen: Genug der Formen und

der Farben! - habt ihr das schon einmal gehört?


Ich kann mich nicht daran erinnern. Deshalb
ist mir diese, einem Stanzenschreiber höchst
peinliche Situation nicht erklärbar.)

97
10

Grâce et tendresse

(Vgl. Fra Angelico, Jüngstes Gericht)

Er träume noch immer davon, einmal in


einen Reigen seliger Geister zu ge-
raten, quicklebendiger seliger Gei-
ster, Meister der Zärtlichkeit und der Anmut.

Kürzlich überraschte ihn der Schreck, dass er


schon so lange und trotzdem noch immer da-
von träume: Ich habe auf eine Sache gesetzt,
die, je mehr sie sich verliert, in den Bann zieht.

98
11

Es gibt Dinge, die unerträglich gut sind.


Das ist ein massiver Grund, sie zu meiden.
Neben ihnen verlieren wir alles Ge-
spür. Nur eine gewisse Empfänglichkeit

für Manierismen bleibt zurück. Das kann uns


zwar genügen, aber überfordert uns
auch. Ein guter Manierismus hat Goldglanz,
mehr Glanz als die besten greifbaren Dinge.

99
X, 1

Daher sind deine Schuhe, nach den neusten


Erkenntnissen, ein Dank geht an den kleinen
fragilen Helikopter, auch für den Mars
geeignet. Das war zwar nicht vorgesehen,

aber wir schämen uns unsres Erfolgs nicht.


Wir bedanken uns dafür aber auch nicht.
Es ist ja nur ein Zeichen dafür, wie gut
wir uns noch vertragen, der Schöpfer und wir.

(Demnächst erfinden wir eine Sprache, die, anders als das Chinesische, für jedes Wort - zunächst
nur - einen eigenen Ton hat.)

100
Zirkumstanzen, Zweite Hekatombe

X, 2

Das Blut ist die Blüte der Wunde.

(Ich würde mich nicht wagen, das zu sagen!)

Das Blut sagt immer: Ich bin keine Wunde.


Ich fließe ja nur, um zu sagen, dass ich
keine Wunde bin und keine Wunde sein
kann. Das ist auf eine Weise so selbstver-

ständlich, dass ich mich wundere, es immer


sagen zu müssen. Das kommt wohl daher, dass
es euch so deutlich vor Augen steht, dass ihr
es so seht, wie es nicht zu verstehen ist.

101
3

Bateau-balançoire

Kein Leben ist repräsentativ für das,


was es sein sollte. Das ist bitter, zweifel-
los, bizarr, liegt aber in der Geschichte
des Seins. Und wer glaubt sich denn das Leben noch?

Ihr kennt doch die Schiffschaukeln noch? Sie sind ganz


wie das Leben, sind Schaukeln in Schiffsgestalt.
Aber sie schwingen in der Luft und kennen
das Wasser nicht, oder nur das von oben.

102
4

Aber Besitz ist kein Verhältnis

Du verdienst es, nach jedem Wort so leer zu


sein. Das heißt, du verdienst es nicht, es ist nur
die Art und Weise, wie sich dein Zustand bei
dir bemerkbar macht. Das darfst du nicht gerecht

nennen, weil es natürlich ist. Was sich aus-


schüttet, ist dann leer. Es gehört sich so. Das zu
merken ist die größte Mühe. Denn sich zu
gehören ist die Kunst. (Leeres gehört sich.)

103
5

Nach einem brasilianischen Vorbild

Kleinste, verwickelte Plaudereien. Im


Dorf am Fluss (ja, ich meine das vertraute
Motiv). Über den Mann, der nicht wollte und
sich lieber alles selbst antat und schlimmer

als es ihm hätte geschehen können. Weil


er auf sein Boot niemanden mitnahm, zog er
alle mit sich, Frau, Tochter, Enkel und Sohn.
Was meinte er bloß mit seinem letzten Wink?

104
6

Nach einem chinesischen Vorbild

Und wenn, fragt er mich, Oasen nur dazu


da sind, Wüsten zu konditionieren und auch
ein wenig zu kränken, was können wir dann
noch mehr erwarten? Von uns? Von Gott? Von

der Welt? Doch nur, dass Wind und Sand ihre Kon-
tertänze reduzieren und wir uns mit
der Tatsache abfinden, dass Gedanken
sich noch immer (doch nur) verschwenden lassen.

105
7

Vielleicht war es ja heute

Das Denken hängt unterm Bauch der Schafe, wie


einst Odysseus beim Zyklopen, wenn auch aus
anderen Gründen. Es ist auch merkwürdig, dass
man Monate benennen kann. Was meinst du,

wenn du sagst: Das, da, ist der Juni? Was hast


du dann in der Hand? Und was sagt denn der, der
sagt: ich lasse weg? Wie macht er das? Wie lässt
man weg? Wo geht das hin, unterm Bauch des Schafs?

106
8

Es war ganz leicht. So wie Tage zustande


kommen. Auch der Aufenthalt bei Circe hat
sich einfach abgespielt. Vieles lief anders
als gedacht, ja spielte sich eher ab als

ein Ungedachtes, was nachträglich immer


(nur) schwer zu reflektieren ist. Ein wüstes
Spiel des Geschehens (mit Mord und Totschlag und
Auferstehungen). Was bleibt, ist das Nachspiel.

107
9

Katharsis, revisited

Er sagte, als würde er seine Freude


Überspielen: Meine Stanzen entstehen
Unter einem nicht unerheblichen Druck
Dem bisweilen auch die Angst beigemischt ist

Und es ist doch eigentlich ein wirkungsäs-


thetischer Erfolg wenn die einmal unter-
Stellten Leserinnen und Leser sich dem
Selben Druck ausgesetzt fühlen (unentrinnbar)

108
10

Es geschieht ja nur, um einen Anfang aus


Dem Hut zu ziehen, wie du den Wanderer
In die Wüste versetzt, um ihm den Durst zu
Verstehen zu geben. - Mehr, jedes Geben

Ist so, ist nur auf diese Weise, wie ein


Anfang aus dem Hut gezogen wird: Da steht
Er nun und du freust dich, ihm zu begegnen.
Und, wie zum Gruße, ziehst du nun deinen Hut.

109
11

Abmahnung nach der ersten Runde

Der Anfang spricht: Mache dich, mein Lieber, nur


Lustig, immerzu nur lustig über mich!
Du wirst sehen, wohin du mich führst, das wird
Aber vor allem dir nicht bekommen. Wer

Den Anfang an der eignen Nase herum-


Führt, kommt nicht vom Fleck, so fern er auch sein mag.
Aber was passiert, wenn er das Tempo des
Kreisels des de Kusa toppt, sag‘ ich dir nicht!

110
XI, 1

Es ist schlimmer als wir es uns denken können.

Stanzen-Fabel

I Handwerk

Bruder J aus dem Kloster F (im Land F)

war es gelungen, eine Himmelsleiter


aus Federleichtmetall zu bauen, von der
er wusste, dass sie bis an die Stufen am
Portal des Himmlischen Jerusalem rei-

chte. Aber, um ganz sicher zu gehen, be-


festigte er die Leiter doch an einem
hohen Schornstein auf dem Dach seines Klosters.
Sie ragte so hoch in den Himmel, dass sie

111
2

II Vorsehung

sich dahin verlor, wo ein Betrachter die


Fußzehen oder den Schlüssel des Heil’gen
Petrus nur noch erahnen könnte. Bruder
J steigt auf der gut gesicherten feder-

leichten langen Leiter nach oben, und nach


einer Weile stürzt der Schornstein ein und mit
ihm fällt auch die Leiter und erschlägt den Pho-
tographen, der grade noch sein Motiv sucht.

112
3

(Denn was im Blick liegt, liegt einsam.)

Ich zögere, das zu übermitteln, er


sagte aber, Schönheit sei doch auch
eine Beziehungsuntat. Tief. Tief in der
Antike verwurzelt. Und in gewissen

Kulturkreisen mehr oder weniger. Da


müssen sie darauf achten, dass nicht gera-
de der Blick das zerreißt, was er verbinden
soll. Genau das nenne ich eine Untat.

113
4

Nur Handwerk, ohne Vorsehung

„Was den Menschen, tutti quanti, wie mir scheint,


sagt er, die Gesichter so traurig macht, sei
die Masse aus erpressten Täuschungen, die
sie ihren Gesichtern und ihren Seelen

auftrügen.“ - Das ist ein Zitat, auf das ich


nicht stolz bin, aber seit ich die Menschen ge-
nau beobachte, weiß ich, dass es stimmt und
muss seiner Wahrheit meinen Tribut zollen.

114
5

(Wenn du eine kleine Krabbe auf einem kleinen


Stein beobachtest, beobachtest du nur vielleicht
die Welt.)

Wahrscheinlich sollst du nur zuschauen, wie die


Welt verblutet. Mehr Zeugenschaft, sagen sie,
brauchen wir nicht. Wir haben die Macht und sind
moderat. Strafe und Rache sind uns nur

peinlich. Darüber sind wir hinweg. Aber


es wird einmal Inseln und Berge geben
mit hartem Blutüberguss. Und wir, ja wir
liefern euch die flatternden Schatten pro Haus.

115
6

Sie wollten die Welt nicht mehr sehen in ihrem


Wortgewand. Sie wollten nicht mehr erschrecken
vor seinem Flattern. Der Geist ängstigt sich am
meisten, der satt von Vergessen ist. Weil er

es so gewollt hat. Eine Silbe zuviel


zu vergessen, genügt schon, den Bau um den
Stein zu bringen, der ihn begründen konnte.
Das ist, gleichsam, der Sprachfehler von Babel.

116
7

Dann weißt du noch gar nicht, wie du umgeh‘n


sollst, mit all der Welt. Zumal du mehr
Verantwortung hast als ein Gärtner oder ein
Hausmeister. Du beginnst damit, den Sachen

geneigt zu sein. Und siehst, wie die Zeit, wie ein


Läufer vorm Ziel, zusammenbricht. Oder sich trifft.
Wie ein Blitz. Nur in der Wendung des Sturzes
nimmst du die Welt wahr. Ganz ohne ein Gerät.

117
8

Er habe nur ein Vorbild: sich selbst, daneben


einen Fehler: sich nicht nachfolgen zu wol-
len. Es sei immer besser, dem noch Unver-
nichteten nachzustreben. (When shall we

(three) meet again?) Das verpasst uns wenigstens


ein spürbares Werden, der vertraut verwe-
henden Art (again). Das wäre dann doch ein-
mal ein ganz unvernichtbares Momentum.

118
9

Nein, das Fremdverstehen seiner selbst wird kein


Ende nehmen. Woher sollte es das denn
auch nehmen? Es wächst vielmehr mit jedem Schritt
in seine Richtung. Eher könnte man noch

sagen: das Ende selbst bleibt seine Richtung,


der letzte Punkt der Ewigkeit. Könnte der
reden, würde er sagen: habe gelernt,
keine Eindeutigkeiten mehr zu kennen,

119
10

News? (17. Juni 2021, n-tv))

Die Welt, sagte er, ist Gottes eigener


Schatten. Schon Plotin hat das so gesehen. -
Und was mit einem Schatten geschehe, der
ins Licht zurückkehrt, das, das wisst ihr ja auch.

„Das Universum ist ein riesiges Ka-


russel. Sterne und Galaxien drehen
sich, auch die Strukturen, die ganz aus rotier-
enden Galaxienhaufen bestehen.“

120
11

Das Unheimliche sei ja eine Art des Heim-


lichen, sagte er, und das wisst ihr seitdem
auch. Übertrieben gut, in einem Maße,
dass es nichts mehr bedeutet. Man könnte es

tragisch nennen, wenn ihr es noch verdientet.


Aber wer in Erkenntnis nur noch einen
Staubwedel sieht, hat alles Mitleid, auch das
Gottes, verspielt. Immerhin eine Option.

121
XII, 1

‫ שבועות‬und die Folgen, eine exegetische Stanze

Wie wenig wir dem Atem recht tun. Gute


Christen sollten das nicht. Immerhin besteht
unser ganzes Dasein nur darin, so heißt
es doch, dass ein Gott uns angeatmet hat.

Wir sind, ich wiederhole mich, Erde aus


Eden, angeatmete Erde, die aus
Eden stammt. Aus guten Gründen hat uns der
Atem dann noch einmal besucht. Sagt Lukas.

122
2

Universalbeispiel

Wenn er sich doch nur näher käme! Aber


würde es dann um ihn anders (und besser)
stehen? - Dumme Frage. Das hängt ja nicht von ihm
ab! Dass sie ihm diese Frage eingeflößt

haben, das ist ja die Infamie, die ihn


daran hindert, sich nahe zu kommen.
Es sind immer die Fragen, die sich da-
zwischen drängen. Als Garanten der Spaltung.

123
3

„Parole, Parole, Parole.“

Sich nahe zu kommen, bedeutet ja nur,


sich zur Analogie zu machen, sagt er,
da bleibe du dir doch lieber fern!, wenn du
mehr bleiben willst, ja, überhaupt zu bleiben

trachtest. Uns zur Überheblichkeit zu ent-


scheiden, scheint unser letzter Auftrag zu sein.
Bleiben wir also vorauseilend gehorsam,
bleiben wir (uns) ergeben, um zu bleiben.

124
4

Und Gedichte, sagte er, müssen sein; und


sollten gut gefüllte Atem-Depots sein.
Der Atem, der natürlich woanders her
kommen muss, muss auch mit Sachverstand und

viel Kunst verwahrt und konserviert werden, sonst


kann er seine rettende Mission nicht er-
füllen. Er darf nicht schon in seinem Depot
verrotten. (Diese Gefahr ist bei uns zu groß.)

125
5

Gibt es das: Seinsermüdung?

Klar, man muss verträumt sein, um heute leben


zu können. Wenn du anders denkst, bist du ein
geborener Stiefelknecht. (Ich wollte das
nicht sein. Aber die Geschmäcker sollen ja

sehr verschieden sein. Aber es gibt immer


viel Geschrei in der Seele, das ist zweifel-
los gut so. Seelen, die nicht schreien, sind tot.
Wir werden ratlos an ihren Gräbern steh‘n.

126
6

Die Welt ist vorbei, auch wenn du es nicht willst.


An welchem Punkt ist man eigentlich, wenn man
nur noch vom Unmöglichen berichten kann?
Weil das Wirkliche und das Mögliche nichts

als Scham generieren? Bei dir und bei mir.


Glaubst du denn, dass du schläfst, wenn du träumst?
(...)

127
7

Ist das nachvollziehbar?

Dummheit muss kristallisieren. Sonst ist sie


nicht. Lasst sie also. Wir brauchen Kristalle
der Torheit. Unkristallisiert ist ihr Ge-
brauch gefährlich. Schaut euch nur um! Augenschein

sollte da genügen. Zur Erkenntnis braucht


es nicht immer Geduld. Aber ausgewaschne
Augen. Erkenntnis, sagt er, ist doch, wenn ein
Glanz und ein ganz anderer sich begegnen.

128
8

Will, wer sich umdreht, von der Macht des Schattens


profitieren? Jemand erzählte von dem
japanischen Gedicht, in dem einer, von
Glühwürmchen umschwirrt durch die Nacht geht und sich

sagt, dass diese flirrenden Lichtpunkte doch


meist nur entlang klarer Wasserläufe zu
finden seien. Und fragt sich: Wenn das so ist,
was bin denn dann ich für ein Fluss durch die Nacht?

129
9

Ein anderes japanisches Gedicht er-


zählt von einem, der, natürlich auf einer
Pilgerreise, jenen berühmten Götter-
Berg passiert und den berühmten Rauch sieht, der

von ihm aufsteigt und, wie vom Wind getrieben,


sich nach oben verliert. Und der Pilger weiß,
und sagt es auch: Das sind meine Gedanken,
die sich, getrieben, nach oben verlieren.

130
10

Daseinschancen haben, lese ich gera-


de, haben nur noch Platzhirsche, die in der
Lichtung, im Licht der Effizienzleuchte
röhren. Diese Formulierung gefällt mir,

sagt mir aber auch, dass ich mit meinen Stan-


zen zu spät komme und den Untergang wohl
schon hinter mir habe. Ein seltsames Gefühl,
wie wenn man die Verklärtheit zu spät bemerkt.

131
11

Ein concetto, nicht mehr

Auch Salomes Tanz der Sieben Schleier hat


Diese Doppelheit Dieser vorwegnehmend
Verspätete Tanz provozierter Trauer
Der vorauseilenden Trauer über das

Am Rand der Zeit nachgeholte Verbrechen


Fast ist er eine Allegorie auf das
Frühstück in einen durchschnittlichen Bürger-
Haushalt: ganz Delikatesse und Transparenz

132
XIII, 1

Kontrollverlust als System (parlando)

Wir sind ungehobelte Erfahrungstat-


sachen. Verletzte Doppelgänger. Oder
Wasserfälle, die keinen Grund finden, auf
den sie aufschlagen könnten. Der Schlaf ist das

genauere Abbild des Wachens. Die Angst


ist die Verletzung des Doppelgängers. Wir
sind da, wo kein Stein mehr auf dem anderen
liegen wird. Wir hobeln, wir Werktätigen.

133
2

Fabula in dubio I

Ich, unwissentlich, wie fast stets. Aber doch


nur wie fast stets. Als blickte es sich in das
Auge, mit vorgehaltener Hand, weil wie
in eine Sonne, unwesentlich strahlen-

der als die normale, mit dem täuschenden


Gefühl der Gewohnheit. So füllten sie in
meiner Kindheit Gummibärchen, genau
zählend, in die schmucklosen Papiertütchen.

134
3

Fabula in dubio II

Er sagt: Du stehst dir nur zu. Nicht mehr. Aber


Du verstehst dich nicht zu nehmen wie du doch
genommen werden möchtest. Es ist nämlich
ein bruchbereites Spiegelverhältnis, noch

ehe es sich etabliert. Zwei Spiegel, die


sich um den Auftakt streiten, der ihnen doch
nicht zusteht, nicht so, wie sie es sich denken.
(Sie glauben nämlich, ihn machen zu können.)

135
4

Fabula in dubio III

„Les soupirs sont la petite artillerie de la coquette.“

(Nouveau Dictionarie D’Amour, Paris 1825, S. 171)

„Fidèle, un blanc jet d’eau soupire vers l’Azur !“

(Mallarmé, Soupir)

Er seufze, sagt er, nur, wenn es gerade


einmal um die Welt ginge. Daher seufze
er eigentlich nur. Seine Kunst sei, an den
Seufzern so zu feilen, dass keiner merke,

dass es Seufzer seien. In dieser Kunst sei


er weit gekommen, wie in allen andern Künsten,
die die Welt ihm gern überlassen habe,
(Weil sie nicht zu ihrem Kanon gehöre.)

136
5

Fabula in dubio IV

Mechanik des Verlöschens. So könntest du


es ohne Vorbehalt nennen. Aber du
würdest es nur treffen und nicht verstehen.
Du hieltest es in der Hand, drehtest es hin

und her: Ein Kristall? Eine Kugel? Ein Nichts?


Du würdest es nicht sehen, nur ein wenig
spüren, würdest ihm ein wenig Gewicht zu-
sprechen, und könntest es nicht mehr weglegen.

137
6

Fabula in (dulci) dubio

Er sei gar nicht ängstlich, er sei der Ängstlich,


versuche aber seine Substanz auf sein
Erfahren zu übertragen; dieses sei
sein Tribut an seine Authentizität.

Er sei eben nicht nur ein farbiger Ab-


glanz seiner selbst, er sei, genauer gesagt,
eine gleichsam geschmacksidentische E-
manation seines Nochnichtgewesenseins.

138
7

Meine Stanzen?

Schreckliche Hybridformen mit einem sehr


angestrengten Hauch von Poesie. Spröde
Gedankenfetzen umschwirren sie wie die
Motten eine Lichtquelle, von der sie nicht

ahnen, dass sie keine der Freude ist. Was


aber als unerheblich gelten darf, weil
die spröden Schwärme erst gar nicht in ihre Nähe
gelangen. (Wer erreicht schon sein Innerstes!)

139
8

Blick-Ernte

Hast du nicht auch schon einmal, in sehr klaren


Augenblicken, gewusst, dass das Univer-
sum nur ein Überlaufbecken des Nichts ist,
mit, in den Augen des Nichts, nur geringem

Fassungsvermögen? Wenn du die nicht einmal


gehabt hast, diese große Einsicht, bist du nur
ein unaufgeklärter Gast auf der rätsel-
gesättigten Erde, was du auch sonst noch weißt.

140
9

Schweigende Temperaturen? Nimm mir das


Getöse aus den Sinnen (Rilke hat das
diskreter gesagt). Ein Kavalier mit der
Schweigerose in der Hand. Ein Mess-

weinkenner führt sich ein wenig auf. Auf der


Ebene verlangen Verhandlungen das
feinste Gespür: Du zielst von einem Hochstand,
aber ohne Zielfernrohr; und eher blind.

141
10

Rosarium

Ist doch immer noch ein Gruß vom Himmel, stets


neu poliert und mit starkem Duft aufgeputzt.
Als gäbe es nur Variationen des
Sich-auf-den-Weg-Machens. Oder überhaupt ein

Auf-den-Weg-Machen: Aufforderung zur Himmel-


fahrt. Dazu setzt er Geigen wie Fanfaren
ein. Selbst die Dornen sollen noch nachhelfen.
Das braucht’s auch bei unsichtbaren Trittbrettern.

142
11

Oder doch Autonomie?

Manchmal, wenn er auf Inspiration warte,


schrieben sich die Stanzen selbst, ohne
seine Inspiration abzuwarten. So
gefielen sie sich besser. So fänden sie

besser ihre Form, ja, brauchten sie erst gar


nicht zu verlassen, nur um auf den Schleichwe-
gen meiner Inspiration wieder zu sich
zurückzukehren: Stanzenökonomie.

143
XIV, 1

Rosarium (II)

Ist doch immer noch ein Gruß vom Himmel, stets


neu poliert und mit starkem Duft aufgeputzt.
Als gäbe es nur Variationen des
Sich-auf-den-Weg-Machens. Oder überhaupt ein

Auf-den-Weg-Machen: Aufforderung zur Himmel-


fahrt. Dazu setzt er Geigen wie Fanfaren
ein. Selbst die Dornen sollen noch nachhelfen.
Das braucht’s auch bei unsichtbaren Trittbrettern.

144
2

Stanzen-Fragment

Immer wenn jemand behauptet: mir ging ein


Gedanke durch den Kopf, drängt es mich zu fra-
gen: und haben Sie sich denn nach ihm umge-
sehen? Und wenn einer sagt: Es kam mir in

den Sinn, möchte ich fragen: und wie haben


Sie es aufgenommen? Blieb es bei Ihnen,
fühlt es sich gut?
(...)

145
3

Pèlerinages I

Die Flexibilität des Hauchs und seine


Führungskraft durch kaum entdeckte Räume, und
wie geschickt er den Findlingen im All ent-
geht. Ein Hauch, das müsst ihr anerkennen, lässt

sich nicht erschlagen. Er wird nur an der Hand


der Zeit vergehen, vielleicht das Übliche,
aber doch, ich wag es wieder zu sagen,
auch anders. Take a Stance, s‘il vous plaît. Et reste!

146
4

Pèlerinages II (Hieros gamos)

Sie sagen: wenn es uns überkommt, reden


auch wir auf diese Weise miteinander,
wir müssen bisweilen die Worte vor den
anderen retten; und keineswegs nur die

Worte. Aber es ist schwer, sich in Atmo-


sphären freizuschwimmen. Der Gewinn freilich,
der von den Rändern her winkt und droht, der bleibt
unter den Verführern der charmanteste.

147
5

Pèlerinages III

Die unerträgliche Verlassenheit des


Waldes, seit er dich verlassen hat und scheu
hinter einer Hecke lauert, um in der
Verkleidung eines verlorenen Sohnes,

hervorspringen zu können, grandios zer-


knirscht, und dich bittet, unter deinem Dach ihm
Obdach zu gewähren, ihn, den Wald, der dich
verlassen hat, in dein Haus zu nehmen.

148
6

Pèlerinages IV

Die Welt sammelt die Konventionen zusam-


men und vertritt sie alle, mit heiserer,
geübter Stimme. Irgendwo und inmit-
ten des oft zitierten Hauchs, dass eine ganz

kurze Geigen-Phrase die ganze Welt, sei


sie vergangen, gegenwärtig oder zu-
künftig, herausarbeiten kann! Mithilfe
von Teufelszungen und der Gottesgeige.

149
7

Pèlerinages V (Melange des Schweigens)

Sie spucken ihn aus und beschimpfen ihn als


Eskapisten. Und doch traut er sich noch zu
sagen, dass er in einem Unmaß traurig
sei und es auch nicht abwerfen könne. Er

mag keine Befreiung, die verlogen ist.


Und keine Unfreiheit, die ehrlich ist. Man braucht
doch keine Kopfhörer, die noch perfekter
sind als die Ohren. Mit Brillen steht es anders.

150
8

Jetzt sitze ich hier mit allen, die einmal


Erdbeeren gegessen haben. Die Mutter
der Solidarität. Sie zahlt sich aus. Sie ist
ein wenig überrascht. Aber schlägt ein: Her

die Hand! (Es muss ja sein.) Woher sollten sich


die Solidaritäten denn sonst rekru-
tieren? Deshalb sitz ich ja hier mit allen,
allen, die schon einmal Erdbeeren aßen.

151
9

Schöne Landschaften im Umfeld: Ein Kaktus


und eine wunderbar weite Landschaft. Sie
könnte nicht schöner sein. Selbst im Kopfstand.
Sie könnte nicht mehr sein. Selbst der Geruch von

aufgespannten Tintenfischen, der jetzt ja


nur etwas beiträgt zur Erinnerung, nicht
mehr, der macht natürlich alles aus. Er ist
der Duft von allem, das Haut und Lunge füllt.

152
10

(Scherben und Asche aus Götterstatuen?)

Es macht mich wirklich wund, wie weit ihr mich noch


immer hereinlasst. Es spricht zwar für euch. Und
schmeichelt auch und streichelt die Lederhaut der
Seele. Aber so auf dem Rand der Ewig-

keit steht es sehr unsicher und schaut sich um,


so wie eben Zuspätgekommene sich
umschauen. Alles Ausrichten ist vorbei.
Die komplett leeren Hände sind zerbrochen.

153
11

Un hameçon solitaire

Ob er es Sinnsuche nennen sollte? - Nein,


er sei doch eher besessen; von der Sinn-
Sucht. Ein Angelhaken, der sich losgeris-

sen hat und, tout seul, durchs Unendliche irrt.

(Was für ein konventionelles und kümmer-


liches Bild das sei! Weil hier der Unterschied
von winzigstem Haken und dem All verwischt
wird; zu einem Bild zusammengezogen.)

154
XV, 1

Schostakowitsch I (hier: 4. Streichquartett)

Es gibt keine Dissonanzen zwischen Tönen,


die sich schnell wieder verlassen oder nicht
verweilen, um sich in die Augen zu sehen.
Oder wenn sie beispiellos gelassen sind.

Oder sie brauchen einfach nur ihren Platz


anzubieten. Höflichkeit ist eine Form der
Spannung der Saiten. Sehen lassen sollte
sie sich aber nicht. Schon aus Gefälligkeit.

Vierzehnzeiliger Findling zwischen Stanzen

Ich weiß, faktisch, noch immer nicht, was ich vom


Tod halten soll. Nach über einem halben
Jahrhundert mitleidloser Beobachtung.
Also verdankt er mir viel und sollte das

vergüten. Aber so seinsverträglich ist


er nicht. Er bleibt eitel, nach so vielen
Erfolgen. Weiß er nicht, dass Eitelkeit auch
gegen den Tod spricht? Der Köper ist, so schreit

er laut auf, ein Kopfphänomen. Denken ist


Yoga, nur gewaltiger. Die Leute glauben alle
im Zentrum zu stehen, Aber das ist ein Ort,
den nicht alle (zugleich) einnehmen können (Logik).

So geht der Ort sich selbst daneben,


und nur der Absturz wird allgemein sein.

155
2

(Leicht gestutzte Zirkumstanze)

Er sagt, er sei immer enttäuscht von sich, wenn


er nicht staunen könne. Es sei nicht gut, wenn
der Respekt vor der Welt versagt, allein aus
Eitelkeit.

Nein, er denkt sich nichts aus. Er bringt nur den Wörter-


Film, der in ihm abläuft, in eine Form, die
ihn lesbar und übertragbar macht. Vielleicht
auch denkbar.

156
3

Ja, sagt er, es ist ein skurriles Bild, ich


weiß es, muss es aber so sagen: ein Ton,
muss sich wie ein goldener Faden durch das
Ohr ziehen und (wie soll man es bloß sagen?)

den inneren Organen des Ohrs die Ge-


legenheit geben, ihn abzutasten. Das
ist im Grunde die Voraussetzung dafür,
dass Faden und Ohr zu ihrem Recht kommen.

157
4

Komprimierte Stanze, Skizze für ein Haiku

Wenn wir im Leben eine Nachbereitung


des Paradieses sehen (erkennen) wür-
den, wir müssten alles anders machen, wir.

158
5

Nicht um alles in der Welt

Sisyphus rollt seinen Stein, weil er über


alles hinaus kommen will. Die Zeit, weiß er,
kann man nur überrollen. Sein Stein
wetzt die Zeit ab, nicht umgekehrt. Und es ist

die Kraft des Bergs, die seine Sohlen trägt und


bewegt. Er weiß, er könnte fliegen, aber
warum sollte er das? Das hieße, alles
umkehren. Aber wo führte das denn hin?

159
6

Karnevaleske

Ist das Denken denn nicht ein Loswerden der


vulkanischen Dämpfe des Geistes, sagt er.
Worin läge denn sonst sein Charme? Alles geht
mit ihm ins Ungewisse. Den Raum, wo es

vagabundiert, kennen wir, gottlob, nicht, und


dahin wollen wir ihm auch nicht folgen. Und
auf die Frage: Wo denkst du hin? antworten
wir uns verlegen mit dem Schweigefinger.

160
7

Affaires étrangères

Wir verschlafen das Leben und das Erkenn-


nen nach der Logik der Institutionen.
Wäre ich ein Schöpfer hielte ich das für
eine Todsünde und merkte sie vor fürs

Jüngste Gericht. Außerdem ist es doch auch


eine Sünde, ein Verbrechen am Geist, zu
denken, dass, wer schläft, dem Griff der Sünde ent-
sagt. Auch wenn wir sagen: Wir fallen in Schlaf.

161
8

Wenn du die Zeit schon unbedingt mit einem


großen dunkelfarbigen Laken verglei-
chen willst, das über der Ewigkeit liegt, dann
musst du auch sagen, dass die Wörter Steine

sind, die munter und wie zufällig verteilt,


aber in großer Fülle auf dem Laken
liegen, damit es nicht auffliegt und (sich) an
der Ewigkeit festhält und wie fixiert bleibt.

162
9

Die Welt nicht weiterschreiben, nein, umschreiben,


umschreien ins total Gedankliche, das,
nur das würde ihr gerecht. Denn sie weiß, dass
nicht mehr von ihr bleibt. Sie bietet ihr blankes

Herz uns, den rechtzeitig enterbten Erben.


Sie dachte, Enterbte fingen sie besser
auf. Aber wie sie sich da getäuscht hat. Das
traut man ihr gar nicht zu, der Erfahrenen.

163
10

Pariser Ringelspiel

Und dann und wann (wenn überhaupt, ergänzte


er noch) ein weißer Elefant. Was meinte
er damals damit? Von sich selbst fast abgelenkt.
Dem doch Unwesentlichen herzlich zu-

gewandt, geradezu bereit mitzukreisen.


Ohne Gravitation im Gepäck. Und auch
ungerührt vom Sonnenstand. Aber auf Elefanten
reiten, auf die kein Verlass ist? Das ist keine Option.

164
11

Sur la baguette

Er weiß genau, wann es weitergehen muss,


der Dirigent. Darum hat er auch in der
einen Hand den Stab und in der anderen
eine Pistole. Der richtige Einsatz,

das weiß er auch, folgt nur aus der Drohung, ihn


verpassen zu müssen, wenn. Was keiner will.
Der Dirigent hat es schwerer, weil er nicht
sieht, war hinter ihm droht, entsichert und alert.

165
XVI,1

Alles, was vergehen will, muss, da bleibt ihm


nichts anderes übrig, durch die Form. Und wenn
es abwinkt, hat es schon verloren. So geht
es nicht. Was im Spiel ist, kann nicht abwinken.

(Das ist ein logisches Problem.) Also: Die


Situation steht sich selbst im Wege. Die
Brandung ist sich der Fels, der Fels ist sich die
Brandung. (Von wegen Werden und Vergehen!)

166
2

Très peu d'épistémologie (Wilhelm Busch


nachempfunden, aber ganz ohne Witz,
außerdem eigentlich altbekannt)

Nur die Aussage, dass es nichts gibt, das nicht


strittig ist, kann von keinem Wissen bestrit-
ten werden. Und wer es aus Überzeugung
bestreitet, desavouiert sich selbst und

die Wahrheit. Wir können denen leider nicht


helfen. Denn ihre Ohren sind verklebt und
ihre Augen tun nichts zur Sache. Und was
könnten sie ihr nehmen? S’wär bedauerlich.

167
3

Zweitstich

Bei geschlossenen Augen scheint es dir


neuerdings, dass die Tauben auf dem Fenster-
brett, draußen, aus deinem Innern sprechen.
So verlagern sich die Dinge. Wir sind so

weit entfernt von jedem Schönheitstandard wie


noch nie in unserer Weltgeschichte. Da-
rum glauben alle, sich als Standard setzen
zu können. Unrettbarkeit hat ihr System.

168
4

Gesicherte Spielräume

Er gönne sich selbst keine solchen Träume.


Wie zwingt man den Sinn, sich zu ergeben? Ist

es denn so, dass man nur zu viel oder falsch


beten kann? Wie geht das zu? Worauf geht es

zu. Warum zwinge er sich immer wieder


zu diesen Fragen? Bei denen er sich da-

sitzen sehe, die Hände auf einem Stock.


In dieser Haltung, die er so hasse.

169
5

Keine einfache Frage

Träume kompensieren deinen Umgang mit


der Nacht, sie tun wenigstens so, sie wollen
dich und deine Ehre retten. Stell dir vor,
wie es wäre, wenn all der ungenutzte

Seins- und Zeitenstoff wie Schutt sich um dich auf-


häufte und dich kompromittierte! Genügt
es denn nicht, dass das am Tag geschieht? Wenn
die Träume sich für deine Nächte rüsten.

170
6

Das ist doch alles so, als flüstere ein


Menschenflüsterer aus dem Off, ein Ohren-
Bläser, der unsere Ohren zu Schicksals-
Segeln bläht, weil er die Menschen doch

für graphic novels hält. Dabei sind wir nur


pechschwarze Fledermäuse, und was er für
Ohren hält, sind unsere wehgezackten
Flügel aus sehr dünnem Schicksalssegeltuch.

171
7

L’écrit, le courrier, l’inscrption, la lettre, le pli (I)

Pessoa schrieb: Schreiben heißt Vergessen. Das


will ich nicht verstehen. So einfach ist es
nicht, denke ich. So einfach sollte es nicht
sein. So einfach darf es nicht sein, weil ich es

nicht will. Es ärgert mich, dass es so einfach


sein soll. Außerdem widerspricht es meiner
Theologie. Aber tatsächlich versteh
ich es ja, muss ich es einfach hinnehmen.

172
8

L’écrit, le courrier, l’inscrption, la lettre, le pli (II)

Obwohl ich unverändert und hartnäckig


hoffe, dass so einfach zu denken, des Den-
kens unwürdig ist; und auch der Sache, um
die es geht. Das Verhältnis von Schreiben

und Vergessen kann nicht bestimmt werden. Wie


denn auch? Zähle einer die Haare auf der
Zunge! Soviel Zeit zu vergessen hat doch
keiner. Und warum soll er es denn wollen?

173
9

L’écrit, le courrier, l’inscrption, la lettre, le pli (III)

Und doch ist es eine bittere, fort und


fort bittere Erfahrung, immer wieder
(zum Beispiel) zurückblättern zu müssen, um
zu sehen und zu lesen, was man geschrie-

ben hat. Und man erkennt es kaum wieder und


und es schaut einen mit fremden Augen an.
Und es möchte einen belehren, wenn nicht
gar verstoßen. (Ist das das Vergessen?)

174
10

L’écrit, le courrier, l’inscrption, la lettre, le pli (IV)

., the world of our latent consciousness,


and its cosmography
has suffered a dislocation

, we are other, no longer


what we were before the
calamity of yesterday

(Beckett)

Ist das Vergessen also ein Verstoßen-


sein aus den Momenten des Schreibens? (Das heißt:
das gilt für jeden Moment des Geschehens.)
Dann ist doch das geläufige Gelingen

des Verstoßenwerdens nur ein Beweis für


eine funktionierende Gewohnheit (Ab-
sprache). Und alles geht und verliert sich doch
wie an den Schnürchen der Abhängigkeiten.

175
11

L’écrit, le courrier, l’inscrption, la lettre, le pli (V)

The man with a good memory


does not remember anything
because he does not forget anything.

(Beckett)

Aber heißt das alles nicht, das alles das,


das nicht verstoßen werden möchte, selbst, kurz
davor zurück oder auch wegspringen und
die Seiten von Raum und Zeit wechseln muss? Ohn-

geachtet der Frage, ob das geht oder


nicht? Den Absprung von der Wäscheleine wa-
gen muss, um (hier) in Becketts Bild zu bleiben.

So sieht ja stets der Rand der Erkenntnis aus.

176
XVII, 1

Die Erscheinung widerlegt ihre Moti-


vation. Sie scheint zu sein und feiert ihre
Art, nicht zu sein. Hier gibt es einen kleinen
Hohlraum in der Welt. Nutz ihn, zum Ausruhen,

oder zu etwas anderem. Wir sprechen


nicht darüber. Und verraten dich nicht. Es
bleibt mehr, unberechenbar gestaffelt, wie
es sein muss, wo es keine Garanten gibt.

177
2

Perpetuum immobile

Was zurückblieb, war eine zirkulare


Logik. Es hatte sich erwiesen, dass die,
die opfern, beizeiten zu Opfern werden.
Dieses fatale Design wird jubila-

torisch gefeiert, bis auf den heutigen


Tag. Es ist das, worauf die großen Wetten,
alle, erfolgreich abgeschlossen werden.
Der jack pot bleibt ewig unangetastet.

178
3

Choral (nach alter Manier)

Manche Schmerzen, sagt er, sind nur dazu da,


uns etwas spüren zu lassen, wie Gärten.
Und es sei keine blasphemische Art, es
so zu sagen. Es sei nur genau. Wie spürst

du denn einen Garten, wenn du dich nicht von ihm


zu unterscheiden weißt; wie die Statue
Condillacs. Zumal, wenn du die Augen schließt,
um die Farben nur im Duft zu skalieren.

179
4

Lahme Xenien (l)

Emotionen sind zu steuern, Gedanken


sind es nicht. Eine Stoik des Denkens kann
es nicht geben. Das ist, eben, eine Frage
der Dynamik. Auch wenn ihr es nicht glaubt,

weil ihr es nicht kennt. Eure Gefühle könnt


ihr zügeln (das sollt ihr auch), aber eure
Gedanken kriegt ihr nicht zu fassen. Sie sind
euch voran und laufen euch doch hinterher.

180
5

„ein athletischer Geist“


(Knebel, über Goethe)

Wenn doch nur, klagt er, eine Phänomeno-


logie des Erträglichen möglich wäre! Wenn
wir doch nur dem Menschen ins seinen Schachten
und Erdgängen nachkommen könnten! Nur ein

paar Schritte. Aber es ist, naturgemäß, hier


zu dunkel, die wenige Luft vergiftet,
und der Einsturz beständig gewärtig, noch
aus seiner scheuen Unsichtbarkeit heraus.

181
6

Was einer sich lieber nicht denken möchte.


Zikumstanzenförmige Alltagsstudie.

Alles Ankommen scheint unmöglich zu sein.


Das Ankommen bei etwas. Und das Ankom-
men gegen etwas. Selbst wenn die Zugänge
nicht verschüttet sind. Die Mechanismen

sind ausgedachter, leergedachter, wirklich


funktional. Was unüberwindbar ist, ist
funktional. Es führt, gemessenen Schritts, zu
dem, was er sich zu ermessen scheuen müsse.

182
7

Ja. Ich bin nervös, weil, schau es dir an, die


Welt anklopft. Sie steckt in einem sehr nassen
Mantel. Daher kommt sie zu mir. Nicht fassbar,
wie heruntergekommen sie sein muss, aufs

Äußerste heruntergekommen. Ich lass


sie ein, helfe ihr heraus aus dem nassen
Mantel, helfe ihr, wieder zu einem Men-
schen zu werden - und ja, ihr Blick verwirrt mich.

183
8

Ein bisschen Goethe, in seinem frühen Tone

Pack‘s in die Sprache und lass es nicht mehr los und heraus!
Du kannst nichts Besseres tun! Nur für kurz stopfst du so
dem Elend das Maul. Das ist nichts Geringes und gar nichts
schon gar nicht! Das macht dich zum Sekundenhelden. Nie

war wer mehr! Nie war wer mehr mit der Ewigkeit verknotet!
Du reichtest der Gottheit die Hand. Und die hat es nicht
bemerkt. In dieser Einsamkeit muss sie nun ihre Zeit
verbringen. Aber du, du warst, was der Gott nie sein kann.

184
9

Der Weg schöpferischer Zerstörung, im allgemeinen

Eine machtvolle Institution wie die


Der Geburt darf nicht unterschätzt werden und
Doch spielt vielleicht die Kolonisation die
Ihr folgt die größere Rolle und lässt sich

Besser beobachten weil sie in Momen-


te zerlegt aufscheint (stagnierender Nihi-
lismus) in schönes Geschehen gebettet
Und einige genießen Revenuen

185
10

Im Brunnenhof der Existenz

Sein Ehrgeiz sei, genau unpünktlich zu sein.


Nie in seinem Leben hätte er sich eine
schwierigere Aufgabe gestellt, sich nie
einer schwierigeren Aufgabe gestellt.

Er liebe es aber, Scheitern (Plural) zu


programmieren. Obgleich er hierin nur
ein Autodidakt sei. Aber das scheine
zu genügen. Es führe meistens zum Ziel.

186
11

Auf die schlichte Tour

Zu seiner Rechtfertigung hatte er noch


sagen gewollt, sagten sie, dass er doch gar
nichts mit sich zu tun habe, wirklich gar nichts.
Aber der Adler hatte sich schon auf ihn

gestürzt und seine Ration entnommen.


Dann setzte eine betroffene Stille
über der ganzen Versammlung ein; die noch
weit, weit hinter deren Rücken nachhallte.

187
XVIII,1

Und doch sind die Agonien immer anders


als man glaubt, sie erwarten zu können. Sie
unterscheiden sich nur um a twist of fate,
um die Schattierung, die plötzlich fehlt und

die Routine aus dem Takt bringt, dass sie das


Hindernis um eine Zehenspitzenlän-
ge zu überspringen verfehlt. Aber stets
steht doch einer dabei, der protokolliert.

1.1

Das hatte ich, sagt er, tatsächlich noch nicht


bemerkt, dass Wittgenstein den Solipsismus
und das Unaussprechliche mystisch vereint,
sozusagen: Was der Solipsismus näm-

lich meint, ist ganz richtig, nur lässt es sich nicht


sagen, sondern es zeigt sich.2 Es gibt aller-
dings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist
das Mystische.3 - (Jetzt, sagt er, seh ich es auch.)

2
Tractatus 5.62
3
Tractatus 6.522

188
2

Schloss Ettersburg

Vögel können nur Blumennamen zwitschern,


teils in solchen Höhen, wohin unsere
Ohren nicht reichen. Daher klingen sie uns
so löchrig, fast zerhackt; sie zu ergänzen

fehlt uns die Erfahrung, fehlen uns auch die


Vokale. Wir bleiben in dieser Sache
reduzierter noch als ein Regenbogen.
Wenigstens ist uns das bewusst und vertraut.

189
3

sola fide

Gib mir eine Liane und ich werde


dir zeigen, das auch ich sprechen lernen kann
und schöner schwingen noch als Tarzan. Sich als
die einzige Sonne zu fühlen, welche

die Sonne, die wirklich Einzige, bescheint,


das heißt, alleine zu sprechen, und in der
Gegenrichtung der eigenen Ohren. Das
Leben sei schlimmer noch als ein Boxenstopp.

190
4

Sie tragen sich durch die Welt so gut sie können.


Manche behelfen sich mit einer Sonnen-
brille, andere, unbestritten mehr, mit
Schirmmützen. Denn, ja, sich gegenseitig zu

erkennen, bedeutet, dass einer es doch


richtig gemacht hat. Aber wer? Dies süße
Rätsel hält unsere Welt in Schwung. Der Schwung,
das ist die Unentscheidbarkeit der Lage.

191
5

Eine Stanze zu schreiben, das dauert bei


mir die Zeit, die es braucht, dass eine Wolke
vor einer Sonne vorbeizieht und mir so
viel Schatten spendet, dass meine screen mich nicht

blendet und mir erlaubt, die Gedanken, die


mir erinnerbar sind, niederzuschreiben,
dass sie irgendwie bleiben, allen Medien-
theorien zum Trotz, auch tatsächlich bleiben.

192
6

Kann denn jemand die Sichtbarkeit der Welt so


trocken und realistisch konstatieren,
dass sie den Hut nimmt und sich, erschreckt und ka-
thartisch gereinigt, ganz leise hinwegschleicht?

Eine Lebensaufgabe, zu lernen, was


ein Schatten ist. Das klingt exakt nach Leben,
nach keinem Stück Staub mehr. Die Randerscheinun-
gen sind überall gleich. Du hast es erkannt.

193
7

Blockabfertigung oder: l'élevage en barrique

Barrikaden, in ihrer ursprünglichen


Bauweise, um Achtzehnhundertunddreißig,
aber auf welchen Straßen? Das geht unter
(im so genannten allgemeinen Taumel).

Es ist ja nur ein Bild. Und du musst es nicht


verstehen. Solange du mittendrin stehst
und steckst, wie es auch schon Diogenes
ergangen ist; der aber war noch allein.

194
8

( Halbhafte Gegenstanze

(A: Wenn man die Sprache als Symptom einer Zeit


(Epoche) verstehen kann, wofür werden
diese Stanzen als Symptom gelesen und
gedeutet werden? (O: Wird sie denn wer lesen?)) )

195
9

Zeitgeistigkeit, gehen

Wider allgemeine Überzeugung ist


Alles nie allgemein und abstrakt genug
Und kann also nicht wirklich sein (dies Wort
In seinem ganzen Gewicht verstanden) Und

Doch machen sie sich über Seinsschatzsucher


Lustig als wären gerade die auf dem
Holzweg Wenn sie es doch nur wären Das Holz
Böte Schatten und Licht und Richtung

196
10

Dick aufgetragen

Einen lichten Augenblick lang, der aber


tief eingebettet, in der Ewigkeit liegt,
durch die Haut der Zeit sehen zu dürfen,
das sei ihm, sagt er, schon genug. Das wäre

gleichsam ein Angebot der Welt, das ihm


hülfe, seine Perspektive zu justie-
ren. Und wenn er Glück hätte, sähe er im
All dann einen Teich, ihn ladend zum Bade.

197
11

Die Einige Spätfolgen von Port Royal

Tod, sagt er, sei Abschiedsname. Er könne


sich denken, er sei ja als Solitaire und
Antiquar des Weltgeschehens, wenn über-
haupt, ein wenig bekannt, dass seine letzten

Worte lauten werden: Ach! oder Hoppla,


da hab ich etwas falsch gemacht! Schon wieder!
Dabei sei er einer der Achtsamsten, schon
aus Angst und Vorsicht; aber auch aus Neugier.

198
XiX,1

Einen, den man ausspuckt, ich habe es schon


einmal ähnlich geschrieben, vorzuwerfen,
er sei ein Eskapist, ist üblich, aber
auch vollendet widerwärtig. Sie haben

lange geübt. Denn es ist nicht sehr einfach,


einen, der nicht weiß, was er tut, zum einen
Träger der Schuld zu machen, aber nach so
langer Übung, wurde es zum Wettspucken.

199
2

O! (kurz),
der Herr weiß es wohl selbst nicht?

Weil ich gescheit und gescheitert bin. Aber


das ist ja dasselbe. Es ist nicht immer
klar, aber oft unbestritten scharf formu-
liert, dass hier tatsächlich etwas stimmt, über

das sich sonst aber nichts Rechtes sagen lässt.


Zum Abschluss einer zweiten Hekatombe,
freilich, ist es zunächst einmal von Nutzen,
wenn ein Spaziergang zu beginnen vorgibt.

200
Stanze 201

Zu sterben in totaler Verwirrung der


Umgebung wäre ein Sieg, in letzter In-
stanz. Keine Panflöte hätte dem noch viel
hinzuzufügen. Der Tod ginge sowas

von strahlend daraus hervor, dass es niemals


mehr eine Gedenkfeier gäbe. Der Tod
selbst würde sich dagegen verwehren, wie
man, glaub ich, in treffender Gegenwehr sagt.

201
Stanze 202

Immer, immer wieder in der Geschichte


gab es den Versuch, zu schmarotzen an dem,
was einmal war. Denkt etwa an den Brumaire,
den achtzehnten. Wir sind jetzt aber soweit,

dass das nicht mehr geht. Und tun es nur der Form
nach. Und praktizieren Elend als Leben
und Leben als Elend (freuen uns unsrer,
als der Weisheit, endlich, allerletztem Schluss.)

202
Stanze 203

Wie ein Bauch, der sich von selbst ausbildet und


von keiner Diät aufzuhalten ist: So
solltest du dir das Denken denken. Einmal
wird es die Welt, die jetzt nur ein Hohlraum ist,

ganz ausfüllen. Denn das Denken ist der all-


gemeine Lückenbüßer, auf die Dauer
gesehen, der den horror vacui auf die
Strecke bringen wird, ohne jedweden Rest.

Stanze 203.1

Der Ausdruck Seelen-Kot, pardon, ist nämlich


gar so unpassend nicht für so manche Pro-
dukte des Geistes, etwa unbedachte Gedanken
und nicht ausreichend dressierte Gedichte.

Überhaupt wird ein jedes Wort, dem das Wort


Seele beigeordnet ist, durch diese Nähe ge-
reinigt, geadelt, geheiligt, im ganzen
transfiguriert, gerüstet zur Himmelfahrt.

203
Stanze 204

Kohlensplitter, nackt

Kohlensplitter im Schnee: So genau nannten


die kanadischen Ureinwohner die Buch-
staben der prächtigen Bibeln, welche die
guten Missionare ihnen zeigten, denn sie

hatten untrügliche Augen und ein un-


trügliches Gespür. Anders als die guten
Missionare, die gar nicht wussten, was sie
da Schönes um sich herumzeigten.

204
Stanze 205

Hast thou 2 loaves of bread


Sell one + with the dole
Buy straightaway some hyacinths
To feed thy soul.

Ezra Pound

Body of fictions, alles, was der Fall ist

Trotz der vielen Angebote der Plato-


niker, der Naturalisten und all der
ungenannten Anderen, kann er sich noch
nicht entscheiden. Um die Wahrheit zu sagen:

er will es von Tag zu Tag weniger: Meine


Ideen und meine Gefühle, wenn ich
sie an die angebotenen Messlatten
anlege, zischen kurz auf und verschwinden.

205
Stanze 206

Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (I)

Kein Wunder ohne Form. Die Form ist das Wun-


der, das Missverständnis, dass die Wahrheit an
den Tag bringt, die seinsstiftende Konversion.
Kein Inhalt (da!) ohne das Wunder der Form.

(Versteh ich nicht.) Form ist das Verknüpfen des


Knotens, das die Fäden herschafft. (Du solltest
nicht notwendig Blutfäden assoziie-
ren. Aber hier stimmt es ja. Und du darfst es.)

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Stanze 207

Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (Il)

Fixisme cosmologique?

Er möchte ihn kennen, den Prozentsatz von


Existenzeinheiten in ihm, die noch nicht
ausgeschlafen sind. Und wie lange sie noch
brauchen, bis sie Fuß fassen im Geschehen.

Dass er ihm damals dieses Wort mitgege-


ben hatte, stimmte ihn sehr erwartungsfroh.
Dass sich alles verlor, das war zwar auch zu
erwarten, doch jetzt das Blei in seinem Blut.

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Stanze 208

Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (IlI)

Und Blei im Blut erleichtert das Ausbluten


nicht. Eher behindert es den Aderlass.
Es kratzt an der Zeit, wie Farn. Das verlangt und
verantwortet seine Form. Hier geht’s eben zu

wie in jedem Wunderland, in das du je-


den morgen von der Treppe hinein stolperst.
Wäre es anders, wärest du unfähig
aufzustehen und informiert zu grüßen.

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Stanze 209

Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (IV)

Es gibt eine Sphärenharmonie, das weiß ich


genau. Aber sie ist zu tumultuös
für unsere Ohren, wir können sie nicht
hören, aber sie überrumpelt uns doch,

und wir reagieren damit, dass wir ein


wenig Hörbares herausglätten aus all
dem Toben. Und was wir hören, ist nur die
Trauer über all das Ausgelassene.

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XX, 210

Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (V)

Die Aufgabe der Zeit besteht nicht darin,


Geschehen zu ermöglichen, sondern da-
rin, es möglich zu machen, dass etwas plötz-
lich durch etwas anderes ersetzt wird; und

so fort. Du musst dich, wenn du im Glashause


sitzen wirst, in Geduld üben, falls du lang
zum Ambiente gehören willst. Nur so
gewährt dich der Ort. Anders aber nimmer.

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Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (VI)

Die Aufgabe des Orts besteht nicht darin,


Platz zu bereiten, sondern darin, es zu er-
möglichen, dass er von immer anderem
eingenommen und verschwendet werden kann.

Und stets so fort. Daran sehn wir, dass Orte


keine Geduld haben oder brauchen. Sie
gehören der Zeit des Wechsels nicht an. Sie
gewähren sie aber, reichen ihr die Hand.

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Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (VII)

Inside insight:
Versatile Dialektik, noch so altgedient
(aber mehr für Lacan als für Hegel)

Der Herr hat keine Phantasie und es nutzt


ihm auch nichts, dass er sie als Arbeit seinem
Knecht aufbürdet. Dieses Geschenk kehrt nicht zu
ihm zurück, es verweilt dort, wo es sich schön

weiß. Für den Herrn und sein Begehren ist es


tot. (Für sich trieb er es in den Tod.) Und auch
den Wundervogel aus Aschen gelüstet
es ganz woanders hin. Wie alles, was ist.

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Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (VIII)

Du solltest, sagt er mir, eine rhythmisch er-


giebigere Form suchen als die einer
freien Stanze. Der gelingt es doch nie zu
klingen. Das Gebot der elf Silben macht sie,

sagen wir: zu Gedanken-Wuschelköpfen.


Die kann man sich doch nicht charmant vorstellen.
Drum bade, Schüler, unverdrossen, die Brust
in anderen rhythmischen Angeboten.

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Stanzen beobachten sich beim Ausbluten (XIX)

Binnenstruktur

Es sagt sich so leicht, dass sich etwas nämlich


so oder so verhalte, fast leichter noch,
dass es sich handele. Es handle sich um.
Und es ginge um. Und daraus ließe sich

erschließen, und wirklich sehen wir etwas


auf uns zukommen, es zeichnet sich ab, und
bringt einen Horizont mit sich, die Grenze,
die es doch noch braucht, um endlich zu werden.

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