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Peter Pörtner

Saturnales Ludiques

I Nachsommerliche Verfehlungen 2

II Demeures 26

III Apeiron 41

IV Unerprobte Gegengifte 45

V Mascarons 67

VI Des Gouffres, Fortsetzung der Mascarons 110

VII Schluss: Tamarisken 203

L’homme est visiblement


fait pour penser.
C’est toute sa dignité
et tout son mérite.

Blaise Pascal

Nachsommer und Herbst und Früher Winter 2020

I
Nachsommerliche Verfehlungen / Inconduites après l‘été

Der Misstrauische spricht

Was soll ich noch sagen? Mir genügt das


alles ein bisschen nicht. Ist es gut, wenn man
den Formen gerecht wird, die einen tragen,
solange man leicht ist, leicht wie eine leere

Schale? Kann man denn wirklich stolz sein auf


alles, was einem fehlt? Das, dem andere, einmal,
den Namen gaben: Substrat. Gut, soweit brauchen
wir nicht zu gehen, aber ein Rest davon,

unter welchem Namen auch immer, verliehe


den Menschen einen gewissen endzeitlichen
Glanz, der sie nicht zu beschämen brauchte.

Leider sind sie wie Fliegenfischer, denen beim


Fischen die Fliegen entflohen. Jetzt geht es
ihnen gut. Dank der Klugheit der Fische.

II
Der Joviale spricht

Es muss immer zu einer gewissen Verteilung


der Worte kommen, sonst ist kein Zuhören zu
erwarten. Auch neugieriger Augenaufschlag
bedarf des Kalküls, von beiden Seiten. Es ist

ein Luxus zu glauben, mit noch weniger


Aufwand noch mehr erreichen zu können.
Ökonomie bedeutet nicht nur erfolgreicher
Geiz auf einer Seite. Und das Bilaterale ist

höchstens ein Anfang. Wir wissen doch, dass


Blicke sich nur aneinander entzünden können.
Blicke wollen es nicht anders. Das ist aber nicht

auf jeden anderen Fall übertragbar. Bäume


scheinen oft Augen zu haben, oft schöne, aber,
fragt sie nur, sehen können sie nicht.

III
Der Komplize spricht

Sei immer darauf bedacht, es besser zu wissen,


sag es, du Kluger, aber nie! Freu dich und hülle
dich in dein Incognito. Und abends, wenn du
heimkehrst, sag niemandem, dass du

des Kaisers neue Kleider geerbt hast und in


hohen Ehren hältst. Das ist nur normal. Und dass
du sie auf übertriebene Weise pflegst, auch. Das
brauchst du keinem zu sagen. Wir wahren

dein Geheimnis, ja, wir machen erst eines daraus.


So lautet die Arbeitsteilung im kurrenten
knurrenden Elend. Hast du ein Glück, ein Glück!

Jedes Wochenende aber lade uns ein und zahle


uns, was du nicht kannst, die Hypothek heim,
um die ich dich beneide. Aus reinster Empathie.

IV
Der Metaphernsammler versucht
seine Verzagtheit zu überspielen, unter Verletzung der Form

Auf die Erfüllung von Bedingungen zu bauen,


ist von unbelehrbarer Naivität. Aber auch ein
unüberbietbar sympathischer Zug. Wer das tut,
sorgt für die nötigen Anschlüsse und garantiert
noch einen jeden geforderten Zusammenbruch.

Dich brauchen wir. Wir werden dich feiern und


endlich unendlich alleine lassen, wenn auch wohl
versorgt und abgefunden. Kristallenes Gelenk

des Gelingens, Kugel, die den Lichtstrahl


tödlich spitzt, bis dass er vertrags- und gichtbrüchig
wird. Was für eine Karriere für das Licht.

Wir aber sammeln uns einzig auf winzigsten Spitzen.


Wie von Kathedralen. Und schwanken. Unsicher.
Ganz anders als Hermes. Und ohne Flügel am Hut.

V
In Vino Varietas

Entweder du verstehst das alles gut, oder


du handelst richtig. Dazu brauchst du nichts
zu verstehen. Und Gott behüte dich auch davor!
Handeln wiederum braucht gar nicht richtig zu

sein. Handeln ist, es gäbe auch andere Beispiele,


wie wenn du wie früher eine Antenne abbrichst
und darauf sinnen musst, eine neue herbei zu
schaffen, um weiterhandeln zu können.

Handeln ist die unterhaltsamste Art, still die


Entwicklung abzuwarten oder einen Hund mit
einem Stock zu reizen. Genauer: Handeln ist, entre
nous, ein Fliegenwedel, schöner: Chasse-mouche,

der einem die Grille vertreibt, zu glauben, dass


es überhaupt möglich wäre, dennoch etwas zu tun.

Der Bergsteiger spricht (Fragment)

Dasein solltest du so, dass die Freude des


Einmal-Dagewesenseins überleben kann.
Das ist, musst du wissen, eine übermensch-
liche Aufgabe. Dazu musst du sein wie wir.

VI
Einer diktiert, sehr überzeugt und monoton, so
wie man eine Entführung plant:

Was die Wahrnehmung ihrer Wirkungsweise


Nach ist: die Dompteuse der Unendlichkeit
Der Lärm des ungeheuer Fernen wird wie leise
In der schmalen Kammer die zurecht sich scheut

Das volle Ganze der Unendlichkeit ganz


In sich aufzunehmen und doch auch sagt
Dass es möglich sei das ganze Trans-
zendente schlechtweg unverzagt

Ins Offne einer Frage einzugießen


Das so wie Claude’s Landschafts-Bilder
Fern fast grenzenlos zerfließen
Wie Übergang und milder

Noch als jeder Übergang die beiden Enden


Endlos aus- und wieder ineinander wenden

VII
Ach, was muss man oft von bösen Dingen hören oder lesen,

wie zum Beispiel hier von diesen,


welche nie gewesen,
aber Sein und Nichtsein hießen,
Und statt ganz diskret im Leeren
sich zum Prekären zu bekehren,
über Daseinsformen lachten,
die andern Tantiemen brachten.

Tja, allzeit zu nix bereit,


bringt früh- und spätes Leid.

VIII
Duineser Analogien, grobschlächtige Visionen,
eher zu murmeln als zu sprechen

Versuch es nur, die Wolken reagieren


auch nicht auf unseren Zuruf.
Sie wollen sich nicht verlieren,
schon bevor man sie gänzlich erschuf.

Das scheint doch sehr verständlich.


Denn im Zustand kaum halber Reife
wäre das rundum schändlich.
Auch Wolken wissen das: jede Schleife

muss ihre Runde gehen und vollenden,


dann darf sie sich mit jedem fallenden Gelände
halbherzig oder ungefähr verständigen.

Sie weiß ja, nichts kann sie endlich bändigen.


Sie reibt sich, fast schelmisch, die schonenden Hände
und blickt stracks in die Sonnen. Und keine kann sie noch blenden.

IX
II

(wie man sieht mit unsichtbarer Zeichensetzung)

Muss man nicht sagen das ist


Alles ein wenig eigenartig
Zumal man nicht weiß was was ist
Und zumal auch das Schweigen artig

Sich im entgrenzten Hintergrund hält


Ach könnte es doch nur Verstummen markieren
Es könnte das doch wie nichts andres auf der Welt
Ach könnte es auch im Vakuum parlieren

Dass es funkelt oder Kristalle


Der Lautlosigkeit anschießt und -setzt
Den Göttern Ultimatum und Falle
Stellt was sie so tief verletzt

Dass sie sich selbst ihr verdientes Altenteil verpassen


Und (bei sich) schwören es nicht mehr zu verlassen

X
III

Zwecks Nihilo

Wie geschrieben und gesagt,


das ist alles nur Analogie.
Was tagt, wenn es tagt,
Das siehst du nie.

Auch der Tag, wie alles auf dieser die ‚Welt’ genannten Stätte,
ist nur Analogie für das, was, wenn es wäre,
freundlich den Tag hervorgebracht hätte.
Aber so stülpt sich halt Fülle nur in die Leere:

Das Nichts in einem beliebigen Strumpf


aus Leere stülpt sich durch eine Kehre
hinaus ins Gefüllte und wird beachtlich als Stumpf
und Stiel. Damit es sich mehre und mehre.

Mehr ist nicht. Die Raffinesse des Verfahrens aber ist enorm.
Und das Mysterium der Schöpfung ist und bleibt seine Form.

XI
Odes on Enigmatic Enlightenment

Für Edgar Allans Raben

Meine Hoffnung ist immer, dass


es nicht so ist. Denn wenn du hinter
die Kulissen schaust, die alle Potemkins
der Welt, die unzählbaren, rastlos auf-

bauen, fällt dir ins Auge, wie weit die


sichtbare Welt, die zu sehen dir ge-
boten ist, von sich selbst entfernt ist.
Sich selbst hat sie, so scheint es, schon

längst aus den Augen verloren, aus


den eigenen und aus unseren, die wir selbst
die Welt und ihre Kulissen sind. Wie

schön also, dass wir dieses rätselhafte


Verhältnis zu durchschauen glauben dürfen
und es folgsam als Rätsel erkennen und fixieren!

XII
II

Das hat für das Handeln die befreiendsten


Folgen. Du darfst absolute Verantwortungs-
losigkeit praktizieren, du schwimmst in ihr, in
einem Ozean erlaubter, ja geforderter Un-

bedenklichkeit. Du wirst stets mit einem neuen


Set blinder Augen bezahlt, was dir die Rück-
sichtslosigkeit immer bedeutender erleichtert.
Das System ist vollkommen, es ist in sich

verschossen, wenn ihr versteht, was das


meint. Ein zusammengeknülltes Möbius-
Band, unruhig balancierend auf der Spitze

der Pyramide aus den leuchtenden Parti-


keln, die wir dem Vakuum entreißen und ent-
lehnen, auf der Basis eines Nimmermehr.

XIII
III

Wer kennte denn nicht einen selbstlosen


Zyniker der allzu gerne sagt: Im Elend sitzt man
am besten! und selbst das schönste Beispiel und
der schlagendste Beweis dafür ist und es auch zugibt

Eigentlich sind alle ehrlichen Menschen verpflichtet


das zu sagen wenn sie den Mund öffnen und auch
dieses Mal nicht lügen wollen (was sie ja eh nicht
können) Gerade deshalb ist es so sehr erstaunlich dass

es so selten gesagt wird (obwohl es wie gesagt ja


keine Lüge wäre) Was da zu bestehen scheint das
ist folglich eine Scheu oder eine Abmachung unter

gleich Versonnenen die nicht auffallen wollen (es zum Heil der
jeweils Anderen aber eher sollten) Aber wem sagen wir das (arbei-
ten wir doch alle tadellos im endlosen Verstrickungsgewerbe) -

XIV
IV

Von den Gefahren der Eschatologie

Des Blutes Flussgott, ist er nun wirklich weggeschwommen? Riss


Er sich los von der heimatlichen Leine? Zu spät muss er jetzt
merken, dass er sich seinem eigenen Leben entzog, die Kraft,
nämlich, die er vergab, stärkte ihn, dass er mehr geben konnte.

Wie aber konnte er das nicht wissen? Wie konnte das ihm,
der so sensibel ist wie alle Exzessiven, wie konnte es ihm ent-
gehen? Er wollte sich sparen. Jetzt ist er schwächer als die,
die er stärkte, denen er erst ihre Stärke gab. Er ist ein

schlechter Rechner in Hauswirtschaftlehre. Er weiß nichts


von der anhänglichen Dankbarkeit der Verausgabung. Und
der Logik der lebendigen Dinge. Ein Messias, der dächte
wie er, hätte umsonst gelebt und würde umsonst auch sterben.

Ein Messias, der nicht merkt, dass nur die eigene Verschwen-
dung ihn erlöst, verdirbt die Ökonomie der Heilsgeschichte.

XV
V

St. Knittel

Strenge, aber eitle Widmungen

Aller-retour à travers l'éternité

Ich brauche dir doch nichts zu sagen


Aber wenn du so hartnäckig darauf bestehst
Darf ich nicht zu schweigen wagen
Auch wenn du darin untergehst

Doch Untergang das ist die Weise


Elegant zu überstehen
Er ist du weißt die Ewigkeit der Reise
Zu Orten die ja nicht bestehen

Da bei solchen langen Reisen Langeweile droht


Brauchst du als Unterhalter mich
Zu Fuß im Wagen und im Boot
Hab tausend Phrasen ich im Angebot

Mit denen ich dich erheitere

Freilich nur auf meine und meiner Tour

II

XVI
Das Nichts ist eine Spätgeburt
Nur vergleichbar dem Sein
Zwischen ihnen spurt
Sich nur die Zeit noch ein

Die Triade ist ein Strang


Der sich durch sich selber dreht
Sie suchen in sich selbst den Zwang
Den Wind der ihre Segel bläht

Es wundert sie sich so zu sehen


Sie kennen sich nicht mehr
So mitten im Geschehen
Wundert es mich noch mehr

III

XVII
Wiegen sind auch Schiffe

Was Sirenen singen könnten,


ohne auf die Worte zu achten.

Der Sinn des Schwingens


Ist die Wiege Für Kinder allemal
Als könnte selbst im Raum des Ringens
Plötzlich und herrlich triumphal

Ein arkadisches Entfärben


Deinen Augen Aufschub schenken
Nur so als Gedankenwerben
Und klandestinstes Zeitversenken

IV

XVIII
Ewig andere Wiederholung

oder

Wohin verschwand die dritte Parze?

Die dritte Parze, verschwand sie denn?


Sie ging nur. Sie ging aus dem Weg.
Und löschte hinter sich die schwarze
Spur, das verräterische Leck

ihrer stummen Orakel.

Soviel wollte sie nun doch nicht


hinterlassen. Soviel nun doch nicht.
Gar soviel nun doch nicht.

Knittels sequentielle Rache

XIX
I

Von typisch liederlichen Klagen


wird Pythias Tal durchsummt.
Dazu mit tückischem Behagen
Jerichos Posaune brummt.

II

Was Erwählten, unter Umständen,


passieren kann

Vom Tag an, dass er dachte,


er sei zum Engel bestimmt,
er über seiner Flügel Wachstum wachte.

Weil er’s aber nur zu Stümpfen brachte,


war er schließlich so verstimmt,
dass er sich ohne Flügel, murrend,
aus dem Staube machte.

III

Haikuid

Auf dem rechten Weg


Die Füße angenagelt
Schreite ich voran

IV

Dazwischen gedichtet und gestichelt

IV.I

Erst denkt er sich sein Denken aus


Dann findet er nicht mehr heraus

Moral: Denk im Freien und im Leeren


Dann braucht dich keine Mauer scheren
À l‘extérieur et dans la vide
Gibt es keine echten Unterschiede

XX
IV.II

Wollen wir uns denn wirklich beweisen, dass


das Leben nur ein ungemein erprobtes Ver-
fahren ist, wie man mit jeglicher Präsenz nicht
zurecht kommt? Mir scheint, das ist ein Ehr-
geiz, den wir uns ersparen sollten. Zumal es
mit jedem Erproben einmal Schluss sein muss.

IV.III

Er hat sich ein Denken ausgedacht,


zum Gebrauch für die Bequemen.
Er verkauft es teuer und lacht:
Ich würde mich dafür schämen.

Prämisse, prämienlos

Für Spinoza

Was Welt ist, wenn es das sein möchte,


gehört alles nicht dazu, nur daran ist
sie erkennbar. Darin liegt der Grund für
das verbreitete Wohlgemutsein, bis heute.

Das rasende Unverständnis. Das eigen-


halsbrecherische Nichtwahrhabenwollen.
Wenn jemand etwas sagt, geschieht es
aus Anerkennungsgier, losgelassener. Wer

sich in diesem Kontext, aus anderen Gründen


etwas zu sagen wagt, erkundet neue Wege in
ein noch nie gesehenes Abseits.

Da steht er, der in die Verzweiflung verbissene


Besserwisser, versinkt und hebt die Hände und
ruft: Mein Gott, warum hast du dich verlassen?

VI

Von den Moden streng geteilt

Schwieriger ist es, dem Kaiser wieder aus

XXI
seinen neuen Kleidern heraus zu helfen.
Du musst dabei so lange nach einer Hand-
habe suchen, dass sie zwischenzeitlich

aus der Mode gekommen sind. Auch das


ist eine Form der Majestätsbeleidigung, die
nicht unentdeckt bleibt. Jede Verzögerung
wird zurecht streng geahndet. Gerade einen

Kaiser zu lange in seinen neuen Kleidern ein-


gepackt und hilflos da stehen zu lassen - ist denn
überhaupt eine schmählichere Beleidigung

denkbar? - Denkbar vielleicht. Aber sie wäre dieser


bis zur Verwechslung familienähnlich. Und du könnest
dich der Strafe nur durch Verweigerung entziehen.

VII

Heterogenesis, for ever

Deine Methode ist deine Metaphysik


Sie ist die Erklärung die du nicht geben
Kannst Du klebst an ihr nicht sie an
Dir Der Griff der Klette ist das Univer-

sale Das Dies ist das Nichts das Das ist das
Sein Klarer ist es nicht zu sagen ihr dif-
ferenter Sinn ist was sie teilen Was daneben
Liegt gehört Beiden nicht an Alle Welt ist

Komposition aus solchen inneren Unter-


schieden Selbsterzeugt im Anderen fremd-
erzeugt in sich selbst und doch eine Frage
Der Position wie beim Fußball und des Zugs

Wie beim Schach Alles ist Selbstverklärung der


Methode Wir sind ihre Betisen Zu ihrem Glück

XXII
VIII

Déclination en milieu fluide

„Das Besondere ist ein halbbetäubtes Universales“

Das Schwierigste ist aber: zu erkennen,


was im Gegebenen gegeben ist. Das muss
ohne Absicht geschehen. Absicht verun-
möglicht. Sie vertreibt das Gegebene im

Gegebenen, bevor du es zu suchen beginnst.


Denk dir einfach eine Zunge, die absichtsvoll
in einem Geschmack das Gegebene sucht.
Der Zunge schon würden die Sinne vergehen.

Wer Cola trinkt und Burger isst, gibt zu verstehen,


dass er nicht auf Singuläres aus ist und sich mit
dem Allgemeinen zufrieden gibt, Und plötzlich

begreift du, wieviel weniger das Universale ist


als das Besondre, das Besondere, dem du auf den
Hut haust, belohnt dich mit dem Blick des Universums.

IX

Autogenesis and Happy End

„Fulminanz ist nicht wirklich planbar“

Gedankliches Fuhrwerken ist sehr abhängig von


der Qualität des Materials. Auch vom Allgemein-
zustand des Fuhrwerks, seiner Art, seiner Farbe,
seiner Schnittigkeit und wohl auch seines Gewichts.

Und es macht auch einen großen Unterschied, ob


du von Gefährt, Vehikel oder etwa einem rollenden
Untersatz sprichst, einem großen oder kleinen Wagen.
Es handelt sich um ein unvorstellbar großes Kon-

glomerat aus unvermeidlichen Grund- und Vorent-


scheidungen, denen du dich aussetzt und für die du,
du hast sie ja schließlich getroffen, verantwortlich

bist, und die deine Bahn bestimmen. Und deinen

XXIII
Weg und deine Gassen so eng machen. Dass die Unver-
meidlichkeit in deiner Hand lag, ist die Pointe des Beginns.

Am Anfang

Ein Gespenst wie ich und du geht


um uns um und begehrt Einlass auf
eine rührend altmodische Weise und
behauptet zwei gar arme Leut zu

sein Wir versuchen den Mund zu öffnen


und zu rufen: Kommt doch herein wir
sind so gut vorbereitet und eingerichtet
euch verkraften wir auch noch Kommt

nur herein! Aber unser Mund ist kunst-


voll verschnürt und unsere Lippen wie
miteinander so verklebt dass selbst der An-
satz einer Einladung misslingt Unsere Ge-

sichter sehen so lächerlich aus wie alle Gesich-


ter die versuchen ihre verklebten Lippen zu öffnen

(Die Gespenster lachen bei diesem Anblick auf, winken


ab und gehen singend (zum Beispiel: „Ach, machet auf!“)
weiter.)

XI

Sechzehn Methoden, die Zeit anzuhalten

Ante scriptum: Es werden noch mehr folgen.

Wenn du sie siehst, stell ihr ein Bein.


Wenn du sie hörst, entführe sie in ein Vakuum.
Wenn du sie schmeckst, spül dir den Mund aus.
Wenn du sie fasst, ersticke sie gemächlich.

Wenn du sie riechst, besprühe sie mit Insektenspray.


Du kannst auch einfach eine der beliebten Magien an-
wenden. Du kannst versuchen, sie - Brrr! - wie ein Pferd zum
Stehen zu bringen. Oder wie eine Lokomotive, der du

XXIV
die Kohlen vorenthältst. Oder wie einen Esel, dem du
die Rübe verweigerst. Oder wie einen Besucher, den
du eingeladen hast, und dem du die Tür vor der Nase
zuschlägst. Oder wie Lava, die du mit eiskalten Wasser seg-

nest. Mit Gegenwind. Mit Verachting. Mit Ignoranz.


Etcetera. Am effektivsten aber, wenn du dich
ihr in den Weg stellst und Halt! rufst.

Post scriptum: Manche versuchten es auch einfach mit:


Jetzt bleib doch endlich mal stehen!

XII

Nach einer bekannten, trivialen Melodie

Ich bin mir verfallen


Ich kenne das Ziel
Ich bau all die Fallen
Von hier bis zum Nil

Ich bau noch viel weiter


Es fehlt noch der Reim
Ich bin froh und heiter
Und doch nur ein Keim

XIII

Das unglaublich Verquaste des


gesunden Menschenverstands
treibt ihn, sagt er, zur Rage, auch
wenn er nicht wisse, wo die ist.

Ich, auch ich, verstehe das, wenn


man das Suchen nach Dasein satt
hat. Und trotzdem ist das Verfehlen,
Kinder, die sicherste Basis. Oder

wisst ihr was Bessres?

XXV
Demeures

An der Loire l (Meung)

Hab ich nicht recht?

(Hab ich nicht recht? Du, der um mich so bitter


das Leben schmeckte, meines kostend, Vater,
und Gleichmut, wie ihn Tote haben, Reiche
von Gleichmut, aufgiebst für mein bißchen Schicksal,
hab ich nicht recht? Und ihr, hab ich nicht recht,...)

Rilke, Duineser Elegien

Es ist eine große Aufgabe. Sie ist unsinnig und alles hängt
von ihr ab. Ob du es tust oder ob du es beschreibst. Es
beginnt mit der Lust der Natur sich zu schmücken. Und die
Welt verteilt die Dinge im Uhrzeigersinn. Und Gedanken kannst

du nur fassen wollen. Du gehst Gedanken nach und mit


jedem deiner Schritte weicht die Wand, die du zu durchstoßen
dich beeilst, schneller vor dir aus. Ihr Lachen wird immer
leiser, was jedoch nichts Gutes bedeutet. Auch wenn du dich

darüber zu täuschen versuchst. Und deine Strategien glättest.


Und mit falscher Stimme darauf bestehst, doch nur die Risse und
die Farbreste auf dem Mauerwerk zu tasten und zu lesen zu be-

gehren. Und es scheint, dass die Flüchtige weniger geschwind


und doch weiter entflieht. Du hast sie, ja, zur Besinnung gebracht;
sie an sich erinnert. Und das verlangsamt einen jeden Lauf.

XXVI
II

An der Loire ll

Der Mangel ist immer im Angebot. Das ist


eine Sicherheit, um die du nicht besorgt sein
brauchst. Und überhaupt, du solltest sagen: er
bietet sich selbst an. Er ist ein Räuber, der sich

meisterhaft inszeniert. Plötzlich wie etwas nur dem


Nichts entspringt, steht er vor dir und sagt: Hier bin
ich, nimm mich hin! Ich bin der Dieb, der dir alles gibt,
ich, nur ich, gebe mich dir ganz. Und du bringst mich

dann in Erscheinung. Wie das Gewicht von Ästen


verfolgt uns, ihr wollt das nicht hören, der verdorbene
Rest. Das ist gar nicht so wenig für Leute, die sich über
das Aufflattern eines Pirols noch freuen. Aber muss

man das denn wollen? Es genügt doch alles andere. Und


Äste und Pirole liegen himmelweit weg. Nicht wahr?

XXVII
III

Vézelay I

Plötzlich überkommt dich ein Schwindel,


der dir zu stark ist. Und wie von fremden
Händen gepackt drehst du den Kopf wieder
nach vorne. Du glaubst etwas gesehen zu

haben, was du noch niemals sahst. Und deshalb


auch nicht erkennen konntest. Wie du darüber
erschrakst! Dass du dir fremde Hände zu Hilfe
nahmst, um dem Schreck zu entgehen. Und

jetzt bedauerst du deine Feigheit. Denn entgangen


bist du nur ihr. Ohne jeden Gewinn. Gelohnt hat
sich’s nur für den Schwindel. Jeder Schwindel will,

dass du nicht erkennst. Der Weltenbrand ist nur


eine Stafette, die sich an jeder Hand entzündet.
Die keinen Grund hat zu bleiben. Auch keinen, zu gehen.

XXVIII
IV

Vézelay II

Vielleicht kann die Zeit nicht beginnen und ist nichts


als die Suche nach sich selbst und kann sich nicht
finden. Sie braucht sich ja nicht. Und für uns ist sie
nur die Idee einer Schallmauer, wo sie

auf sich trifft und in sich ablegt mit ihrem


Gepäck, mit all den abgeernteten Räumen, die
sie hinterließ. Eine Mauer also, wo alle Sterne
sich doch begegnen und es zu wissen

auch eingestehen. Die Zeit, sie beginnt nicht,


und findet sich nicht. Sie braucht nur uns. Wir
sind ihr Spiegel, wo sie sich trifft und ablegt und

aus dem sie sich zurückruft. Sie braucht uns wie


Gepäck, wie geerntete Räume, sie braucht uns als
das, was sie hinterließ. Und vielleicht noch mehr.

XXIX
V

Maloja

Und er sagte noch: Die Wirklichkeit ist


mehr als du glaubst, sie ist das virtuelle
Gewand deiner Ideen. Du darfst seine
Darstellungskunst nicht unterschätzen.

Es gelingt ihr sogar, dich zu umschließen,


dich einzudämmen in deine Befindlichkeit.
Du dankst ihm mit Überzeugung. Du machst
aus dem Gewand eine Hülle, die Haut.

Nun steckst du ganz in der Haut deiner


Ideen, und bist dir gewiss, dass sie dir
passt. Sie ist dir passiert wie dem Hand-

schuh, wenn etwas sein Inneres ins Äußere


stülpt. Welche Seite dir näher ist, kannst du
nicht wissen. Es ist ja auch alles eins. Und

II

er sagte noch: Die Welt will nichts mehr, sie


ist endlich müde geworden. Wir brauchen nichts
mehr zu wollen. Die Zeit lässt sich den Atem
ausgehen. Zeiten-Aderlass. Aber kann etwas

gelingen, das sich selbst gewährt, das sich aufgibt,


als gäbe es sich hin. Kokett noch im Augenblick
des letzten Verzichts. Unter Aufbietung fremdester
Kräfte. Beharrlich als wäre der Moment ein sehr

dehnbarer, ja, der dehnbarste Expander und der


Salamander der äußersten Langsamkeit. Am Ende
der Tage endlich gebührt es uns zu sagen, uns

geschah unsere Bildung zurecht. Dass sie sich


dabei verausgabt hat, trifft uns nicht nachhaltig.
Wir haben nichts hinter uns gelassen. Wir sind

nur sehr viel weiter und näher am Beginn als zuvor.

XXX
VI

Soglio

Solche schlichten Töne kenne ich gar nicht von


dir, und ich habe keine Tendenz, sie zu verzeihen.
Denn auch Gedanken konnten nie wissen, was sie
wollen, wenn ihnen das Gewollte nicht entgegen

kam. Im Getriebe und im Panorama ihrer


Angebote setzte sich aber keines durch.
Die Begegnung verweigerte sich und wurde
zur Hürde. Aber mangelnde Erkenntnis kann

auch nur Missverständnis sein. Eine sich selbst


erstickende Stimme sagte noch: Bevor wir sind,
sollten wir verkümmern. Aber nein, das Gegenteil

meinte sie nicht! Denn sie hat recht, was harzt, sagt sie,
ihr habt es gehört, will nicht vernarben. Entfremdung,
wenigstens das Wort, es ist schön.
Versuchen wir also, uns beizubehalten.

XXXI
VII

Neuer Versuch einer alten Moritat

Wir sind hier

nicht abgestellt worden, um zu bleiben.


Wie viele haben das schon gesagt?
Doch es noch höllischer zu treiben,
dazu sind wir nun doch zu verzagt.

Drum bleiben wir im Nirgendwo


einer ewigen Wiederkehr.
Die Götter wollen es ja so.
Und wir haben kein Recht auf Gewähr.

Wir sind die Weltenharmonie,


auf einer klappernden Leier gedreht,
Der eigene Klang erreicht uns nie.
Unsere Ohren sind immer zu spät.

Vergesst nur euer Hörrohr nicht,


oder besser noch:
verpasst das letzte Gericht.

XXXII
VIII

Noch immer Soglio

Im Garten des Palazzo Salis

Zum ersten Mal im Leben im Schatten von Mammutbäumen,


einer noch gesund, der andere krank

Das fast schmerzlich Zusammengetüftelte,


die Zeit, könnte auch ohne unsere Hilfe nicht
zerfallen. Die Ewigkeit bleibt ihr erspart. Aber
das können nicht wir uns zurechnen. Wir sind

nur die Garde, die Palmenträger, joueurs de


flûte. Wir tanzen voran, aber nicht mit und
gar nicht hinterher. Die Kirschen essen andere.
Auf die Keime aus den ausgespuckten Kernen

dürfen wir nicht warten. Es ist uns aber


erlaubt, auf uns zu hören, wie auf das Ur-
Geräusch, von dem sie wissen, dass keiner

es vernehmen kann. Das ist die Art der Aufgaben,


die sie verteilen, grinsenden Gesichts: Ihr werdet
schon sehen. Wir werfen es euch nach. Wie Felsen.

II

Ich sitze hier in der Unwirklichkeit und erlaube


mir falsches Denken, derweil die Welt am richtigen
Denken verendet und von mir verlangt, mich zu
schämen. Aber wer falsch denkt, der kann sich

nicht auch noch schämen. Dazu ist er viel zu


erschöpft. Und die Auszeit der Scham wird
ihm nicht gewährt, schon weil sie ihm ein
Fremdwort ist mit exotisch schönem Klang.

Eine, das ist halt so, eine schöne Fee. Es


gibt keine schönere als die Scham. Und ihre
Röte ist der geübteste Reiz unter den

XXXIII
denkbaren Reizen, die letzte Bastion der
Wahrheit. In einer rundum geschändeten
Welt. Wer war’s? - ruft der achte Zwerg.

XXXIV
IX

An einem Fenster des Palazzo Salis,


gegen Süden

Einsamkeit ist immer total. Einen Unterschied


gibt es nicht. Und mit denen es hätte etwas
werden können, die sind nicht mehr. Wir haben
uns erfolgreich verfehlt. Zumindest das. Die

Zweit- und Dritttöne sind bereits bereitgestellt,


uns zu vergüten. Über allem der Grundton des
Gletschers. Er schaut auf mich herab, als wäre
er sich seiner Zukunft noch gewiss. Ich weiß es

besser, armer guter Gletscher, schau aber dennoch


zu dir auf, ich Opportunist des Erhabenen. Leih mir
ein wenig deiner Zunge, denn nur mit einem

Stückchen Gletscherzunge sind die letzten


unmöglichen Lieder zu singen, die zusammen mit
ihrem Summen ins Immernimmer schmelzen.

II

Gib uns unsere Schuld und das, was alte


Brunnen noch erzählen können. Und das
Knarren alter Betten, wenn du in halbem
Schlaf dich umkehrst mit der Welt und

tatsächlich eine Glocke schlägt zu einer


ungeraden Nachtzeit. Und dann steht doch
auch tatsächlich, obgleich du liegst, ein
Engel, stell dir das vor, in deinem Rücken

und hält dir die Ohren zu, beide Ohren zu.


Mit Händen aus Wasser. Aus dem Brunnen-
Wasser. Mit Händen aus Rauschen. Und

ja was? Da besucht dich tatsächlich eine


unstete Gestalt, die Ewigkeit, und sagt dir,
mach dir nichts draus, mach dir nichts draus.

XXXV
III

Nein, reimen, das geht nicht mehr.


Aber wenn Zungen aufeinander
weisen, leicht und schwer,
und fragen: Stand er

nicht da, eben, wie geträumt?


Und war ein Erlöser?
Mit böser
Zuversicht, wie geträumt?

Dann lass dich mit allen


Sternen fallen,
Fall dir ins Wort, in den Tod.

Zähl die Zahlen,


die es nicht gibt, tu den Gefallen
und geh, aufs letzte Lot.

XXXVI
X

Cum Grano Salis,


zwischen Soglio und Tirano

Erinnern hat gar keinen Geschmack, du


kannst auch nicht mit Absicht einschlafen.
Du darfst dich dem Schlaf aber auch ohne
Tee anbieten, zu seiner Zeit.

Du kannst so tun, als wär er ein Klang


und du wärst ein anderer und du
sänkest in ihn, ein Luftschwamm
in einen anderen.

Ein großes weißes Softeis aus Plastik,


auf einer konischen Basis aus Beton.
Verführerischer als das Paradies.

Nein. Kein Paradies, und hieße es Nirvana,


kann verführerischer sein als dieser
rabiate Kategorien- und Zungenbetrug.

XXXVII
XI

Merano

Wir haben den Gipfel einer jeden denkbaren


Entfremdung überschritten. Es geht uns gut.
Allem voran gehört das Es sich aber nicht. Und
erschließt sich auch nicht. Bisweilen ergibt

es sich. Im Schatten einer heiteren Felswand,


die die Nacht überstanden hat und den Regen.
Die Tannen atmen auf, dass sie noch über dem
Abgrund stehen und nicht in der Art der Flöße

sich haben mitnehmen lassen. Wie Berge im Sink-


Flug. An Glashäusern vorbei, in denen keiner
sitzt und wo keine Steine liegen. Keiner.

So geht der Zeit mit der Zeit der Atem aus.


Der Atem, mit denen Bäume noch aufatmen.
Wir wissen es nicht nachzutun. Keiner von uns.

XXXVIII
XII

Zurück I

Mein Körper ist trotz meines Alters


nicht ganz unappetitlich. Meine
Zehen sind nicht sehr wohlgeformt, weil
ich Enkel eines Schusters bin, der mit

fünfzig Jahren, ein Jahr vor meiner


Geburt, an einem Schusterkrebs starb.
Oft sonntags führte mein Vater mich
an das Grab seines Vaters. Da stand

auf dem Grabstein ein Name, der auch


meiner war, in schöner metallener Schrift.
Noch heute verstehe ich das nicht. Aber

um das Grab lag ein angenehmer Sand, und mein


Vater photographierte mich auf dem Friedhofs-
mäuerchen. Meine Geste war: Da sieh doch mal einer an!

XXXIX
XIII

Zurück II

Wie verdammt der Himmel war, das wusste


ich schon früh. Mein Mitleid gilt bis heute
Gott. Dieser ganze unerhörte Aufwand für
ein unwürdiges Geschöpf! Mir wird es

elend, mein Lieber. Aber du, du bleibst


gelassen wie ein Kieselstein. Die Welt rollt
um dich weg als wäre sie dir gelungen. Gut,
ich begreife. Zu spät und am falschen Ort.

Es bleibt vertraut. Als läge etwas in der Luft.


Als käme den Heiden ein Heiland. Wir wittern
so gerne einen Messias, sie geben es ja zu.

Aber immerhin. Wie weit es dich zieht! Und


du willst dich beschweren? Ich bleibe still.
Man tut einer Brotfliege nichts zuleide.

XL
XIV

Zurück III

Hinüber wall ich und...

Novalis

Wasser fließt ja nicht, es springt. Anders als


Leben und Zeit, die zerstäuben. Sie werden,
sie werden, zu Staub und Eierschalenpulver,
dass sie endlich fürs Nadelöhr der gläsernen

Stundenuhren sich eignen. Staub kommt gern


zu Staub und wandert mit dem anderen über
die Hochebenen. Zwischen sich nur den Kordon
des Atems. Der Atem ist ja die sicherste Festung

aus Staub, die sich denken lässt und sein kann.


Eine Vorstellung, fast zu vertraut, um der
Erinnerung wert zu erscheinen: chinesische
Mauer aus Atem und Staub. Hier geht es hinüber.

XLI
Apeiron

Für Martin Mumelter

Ex-piriens

Die Rüschen, die ein Straßenrand hat oder


ein Regenwald. Fabriziert aus den Augen-
winkeln der Wolken. Fragt mich aber nicht,
sondern sagt mir lieber, wie das geht. Dann

werde ich es den Wolken weitersagen. Den


Wolken etwas zu kolportieren, das ist kein Landes-
verrat. Sie brauchen es zum Schutz ihrer Region.

Es locken Auszeichnungen. Wolkenorden. Am


laufenden Band. Und Märchenbrot mit weicher
Kruste. Ohne Geschmackverstärker, den,

wiederum, brauchen wir nicht. Dass es auch


anders geht, diese Behauptung lassen wir
fallen. Und sitzen zufrieden im Mondlicht.

XLII
II

Giacomettis Hände

Der Ton macht keine Musik. Und, Kinder!,


lasst euch auch nicht einreden, dass die
Zeit, und wie!, vergehe. Wir vergehen uns
an der Zeit, wir machen sie nicht vergehen.

Aber der Ton ist und bleibt die Musik. Wer von
machen spricht, macht sich nur etwas vor.
Was macht denn einer, der sich Sorgen und
Illusionen macht? Was macht er schon! Und

was macht es schon aus? Keine Realität die


keine Schnittmenge wäre aus Vielem, von dem
Alles nichts macht. Machen zwei Hände, die

aneinander liegen etwa eine Berührung? Und


Hände, die schreiben, ein Gedicht? Wie machen
Saite und Bogen einen Ton? Mit der Hand?

XLIII
III

Eine Freivoliere des Unendlichen?

Die Zeit also, sagst du, ist das Vergehen,


für das wir gestraft werden. Der Sinn des
Machens sei die Rache des Werdens an
sich selbst. Das kann aber nur ein Pro-

phet sagen, der zu spät wird begonnen


haben, in die Wüste zu rufen, und nur lange
nachdem er nicht gehört worden sein
wird? Das ist freilich nur für einen Propheten

leicht zu verstehen, der, ein Schmetterlings-


Hirte, die Zeiten im Gehege seiner Hände
hält und ihnen gut zuredet und sie aus den

Poren seiner Stimme nährt. Lauter kleine


Vakuen, gefüllt mit den süßen, ja süßen, man
muss sie so nennen, Tropfen der Ewigkeit.

XLIV
Unerprobte Gegengifte

Kratzer

Du kannst die Gegenwart nur erfinden, nicht


empfinden. Sie ist der stete Ersatz für das Ent-
gangene. Aber das muss nicht so gesehen
werden. Auch du brauchst es nicht so zu

sehen. Du kannst es gar nicht. Die Gegenwart


verstellt dir den Blick. Sie ist so etwas wie ein
Balken in deinen Augen an dem die Blick-
Atome zerschellen. Und nur die Spuren auf

dem Balken sie noch bezeugen. In höchst


seltsamer Präsenz. Wie trockene Tintenspuren.
Oder schwarzer Streusand. (Das Bild ist

vielleicht sogar treffend.) Aber, wie gesagt,


das lässt sich nicht sagen. Weil man es nicht
sehen kann. Auch nicht, dass es war.

A: Entschuldigen Sie bitte, sind Sie nicht...


B: Nein.
A: Wieso denn nicht?
B: Ich habe verlernt zu bewundern.

XLV
II

Gewinde

Präsenz ist die Abwesenheit von Erinnerung.


Erinnerung aber nicht die Abwesenheit von
Präsenz. Wahnsinn soll die Abwesenheit von
Vernunft sein. Wahnsinn aber ist der Glanz

der Vernunft. Wenn Gottes Stirne Farben


sinnt. Manchmal in unzugänglichen Nischen.
In eben jener Selbstumarmung, die nur Gott
und seine Zeit beherrschen. Nur sie sind

die Alleinherrscher ihrer selbst. Alle Bilder


sollten sich schämen. Die Bilderstürmer erst
recht. Deren Glück freilich ist, dass sie in ihrem

Sturm untergehen, in der Unmöglichkeit eines form-


losen Bildes. Eine Hand kann nicht der Würfel sein,
den sie wirft, nur sein Schatten mit einem Auge zu wenig.

Du sagst, das verstehe ich nicht. Aber sprichst du nicht auch, ganz selbstverständlich, von
Gedankensplittern und -blitzen? Ich spreche nicht anders als du, aber du springst meinen Blitzen
und Splittern aus dem Weg. Das nennst du dann: Das verstehe ich nicht.

A: Entschuldigung, ich muss schon wieder weg.


B: (lacht laut auf)

A: Lernen heißt zu lernen, keinesfalls noch mehr zu wollen.


B: Stoiker oder sowas?
A: Nein, aber ich bin einfach nur klug.
B: Und du willst keinesfalls mehr wollen.

XLVI
III

Der Witz der Zeit;


ich sage ja nicht, dass er böse ist.

Wie alles vorgeht, das kann nicht von


Interesse sein. Wenn du die knappe Un-
endlichkeit vor deinen Augen restlos
abgezählt hast, hat sich für deine Ver-

legenheit nichts getan. Und noch einmal


zu beginnen wäre eine zweite Zeitver-
spottung. Auch wenn die Zeit das gerne
hätte. Sie weiß, wenn du sie verspottest, bist

du ihr verfallen. Das sieht sie gerne. Dass du


nicht weißt, dass sie dich an der Nase herum-
führt. Sie ist immer, in jedem Augenblick, die

Letzte, die lacht. Sie lachte schon zuletzt, als


sie mit Ach und Krach in die Ordnungen brach.
Und den Tag Gottes mit ihrer Nacht belohnte.

A: Ich wiederhole immer nur, was schon andere dazu sagten.


B: Warum denn das?
A: Ich mag mich nicht selbst wiederholen.

XLVII
IV

Mitgegebenes Pardon

Das ist alles noch Teil meiner heurigen sommer-


lichen Verfehlungen - Aber der Sommer ist doch
schon vorbei. - Das weiß ich. Aber auch die
Sonne scheint noch heiß. Das ist auch eine

Verfehlung. Sie legitimiert mich zu meinen. - Da


stellst du dich aber in einen großen Zusammen-
hang. - Die Sonne scheint das so zu wollen.
Ich bin zu klein, um mich zu wehren oder gar

zu verweigern. Ich fürchte mich auch vor einer


Strafe. - Toll, dass man so anmaßend bescheiden
sein kann. - Gerade der, der so redet, macht

sich schuldig. Denkst du, dass die Sonne deiner Lo-


gik folgt? - Vergiss nicht, dass das ein Selbstgespräch
ist! - Das sage ich dir doch, mein Lieber. Aus Sorge.

XLVIII
V

Autophagia composita fantastica

Er sagt, er brauche nur sich selbst als


Nährstoff, um seiner Existenz inne zu
werden. Er sei zum Hungerkünstler prä-
destiniert. Er danke seinem Gott. Kaum ein

anderer, sagt er, wisse wie er um die Sorgen


eines Paterfamilias, wenn er sein Treppenhaus
auskehrt. Er wisse genau um die
Ökonomie des schöpferischen Mangels,

um die Gesänge der hungernden Mäuler


im Schaffensprozess. Um die beschwichtigen-
den Hände des Irrtums, in denen wir gerne,

von aller Hoffnung befreit, ruhen. Als Nährstoff der


Zeit. Ins Ewige verwittern, gleichsam als Dünger
des Alls. Nicht das verächtlichste Schicksal.

XLIX
VI

Als gäbe es das noch.


Und Dich. Und mich.

Als würde etwas in meinen Füßen meine


Füße beiseite schieben, um Platz zu machen
für eine Patchworkfamilie aus Gletscher, Meer
und Lava. Sie müssen an einer leeren Zollstation

vorbei, und einige Pässe nehmen, die ihnen


gar nicht bekommen, dem Meer wird es am
schwersten. Es ist das Gewicht der zu langen
Vokale. Es ist nur ein kleines Spiel für die Göt-

ter, sich zu strecken. Wo wir den engen


Regenbogen überstehen müssen. Und nur
die Momente nächtlicher Inspiration noch

schön sind. Und die Brücken, die Träume,


wieder in goldenen Nebeln stehen. Kann man
dir trauen, wenn du sagst: Warte nur ab?

L
VII

Denkwürdige Gefühle.

Entwurf eines Flugblatts


für Reformationskriege

(für alle Seiten)

Sind wir denn ein robustes Stück Natur,


einberufen, uns zu belustigen nur? Und
dem schönen Fetisch Welt Geschmack
und Freude an sich selbst zu rauben?

Und haben vergessen, dass wir nur der


Wechsel der Tapeten sind? Die Schlacke
des Auto-da-fé, das wir über uns selber
sprechen, um zu zeigen, wie furchtlos wir

sind. Die schräge Bahn, die Summe der


Gerechtigkeit, die uns zukommt. Und wir
hatten doch geglaubt, nicht gedacht, dass

Gott uns nicht bemerkt. Und hatten gespürt,


dass das nicht sein darf. Und jetzt sind wir der
Teil der Schöpfung, die nicht recycelbar ist.

A: Der Reiz meiner Texte ist nicht ihre Gedankenlosigkeit.


B: Woher weißt du das?
A: Ich denk es mir.

LI
VIII

Brauch und Betrieb

Gleichwohl und geheimnisvoll erscheinen


ihm die betriebsbedingten Äußerungen der
Seele. Wie sollte sie auch anders können? Wie
könnte sie auch anders sollen? Daher sei es un-

gerecht, sie so rigoros zu leugnen, wie sie


es so gerne tun. Es ist ungerecht aber auch
beruhigend sinnlos. Denn auch jedes Leugnen
ist ein Zittern der Seele, sagt er, in dem sie

sich erholt. Im fremdvermittelten Leugnen ihrer


selbst bringt sich die Seele zu der Ruhe, die
sie zu ihrer Rettung braucht. Das sei ihre Art

sich zu brauchen. Wie das Wachen den Schlaf


zu seiner Stärkung braucht und vice versa, wie
alles sich im Innern gegenseitig sekundiert.

LII
IX

Kaum ein Pyrrhus-Sieg

„Was haben wir Gott angetan?“


Ein blinder Arzt bei Diderot

Dass wir glauben, immer Entscheidungen treffen


zu müssen, das ist unser größter Irrtum, der äußerst
stabil zwischen uns und der Erkenntnis steht. Etwas
zu treffen, bleibt immer ein boshafter Zufall, auch

wenn wir glauben, dazu gezwungen zu sein, rückt und bringt es


uns einer Wahrheit nicht näher. Alles und Jedes, das uns begegnet,
ist ein Monster, eine viskose Solution, eine vorübergehende Me-
lange, ein Kompost, ein bebender Schmutz, eine Mixtura, eine

passagere Symmetrie oder eine in sich verwackelte Symmetrie.


Wer könnte denn so etwas auch nur benennen? Dazu müssten sie
es ja erst festhalten. Wenn sie zuschnappen, gewinnen sie viel-

leicht des Kairos schütteren Zopf. So vielsagend wie eines Salamanders


abgeworfener Schwanz. Weil wir nichts anderes haben, stemmen
wir es besinnungslos in die Höhe: Schaut her, die Gedanken-Trophäe!

LIII
X

L’origine du faisceau

Was ist das Montageprinzip all dieser Monster? Haben sie


denn eines? Wahrscheinlich, sagt er, so viele, dass wir keines
davon dingfest machen können. Dass wir sie überhaupt ver-
muten, das ist wohl der erste Irrtum in dieser Kette. Und nichts,

nichts, dass sie kopfüber zerrisse. Auf so viel Glück dürfen wir
nicht hoffen, wieviel weniger bauen! Fordere also nicht: Es lebe
das Paradox! Mache einfach weiter, weiter. Aber beachte gewisse
Unterschiede. Etwa: dass der Wahnsinn eine beachtliche und liebens-

wertere Variante des Schwachsinns ist, was die Leute auch sagen mögen.
Wir brauchen nur, wie er sagt, die Gewalt über dem Ursprung des Bündels
in der Hand zu behalten und dürfen es nicht verlieren. Es genügt ein sorg-

samer Blick zurück auf alles Gewesene, schon der genügt. Allein der schon
genügt. Aber nur, wenn der Blick so sorgsam leer bleibt, wie er ist. Es ist
zu spät, aber klar, es ist auch wie du sagst: Du musst dein Leben ändern!

LIV
XI

Embroidery
Kleine Genealogie der Verzweiflung

Die Ordnung ist ein Produkt der Autoerotik;


sie ist ihr Opfer. Ein Einfädeln mit einem
Faden aus Licht und Staub. Das garantiert
der Ordnung eine gewisse Schönheit, zeigt

aber auch, dass sie ohne Glanz und ohne


Verfall nicht möglich wäre. Wie eine jede
Stickarbeit. Die zu lange schon auf den
Tischen der Götter liegt. Und Staub und

Licht empfängt. Und die Zeit gebiert. Nach


der Schuldigkeit. Denn die Schuld ist der
reinste Bezug, der sich denken lässt, vor

allem zu sich selbst. Sie leiht ja die Gaben


des Lichts und des Staubs und sie führt und
ruft den Faden durchs Nadelöhr zur Ordnung,

LV
XII

Gegenströmung im Tränenkanal

Dass jeder Vertrauensbeweis eine Mutprobe ist,


darüber sei er sich klar. Aber anders als Lenin gesagt
haben soll, sei Vertrauen die bessere Kontrolle, die
radikalere; wie alles, was einen Widerhaken hat.

Überwachung überwacht. Vertrauen bohrt sich in Fleisch


und Seele. (Das ist nur ein Beispiel.) Und wisst ihr, warum?
Vertrauen ist immer ein Heuchler. Noch keiner hat es
bis zu dem gebracht, was er mit dem Wort Vertrauen

meint und darunter versteht. Kaum ein Signifikant flottiert


und flattert so frei, vielleicht noch Liebe. Es gibt solche Worte,
die fließen im selben Flussbett sich entgegen und einander vorüber.

Vielleicht tun das ja sogar alle, irgendwie, aber jedes auf eine andere
Weise und auf dieselbe Art. Die einen hängen von der Zunge
wie Trapeze, die anderen stehen auf ihr auf den eigenen Händen.

LVI
„Die Wahrheit stimmt nicht.“
Weissrusse in Österreich 1, 18. 9. 202

XIII

Verzopfte Eisengeleise I

Merkwürdig, dass man die Welt so einsam


übersteht. Münder, die noch leben, denen
steht es nicht zu, zu murren. Überhaupt, was
soll das auch sein, wenn Schmerz noch gegen

sich selbst aufbegehrt. Es steht ihm nicht, und


wo käme er hin? Mit allem, was ihm nicht zu-
steht? Was will er bloß? Hat er nicht genug,
mit sich, zu tun? Und sucht auch noch sein

Übermaß, der Undankbare. Hat nicht genug


damit, die Welt so einsam zu überstehen, der
Maßlose. Die Einsamkeit ist ein Eis, dessen

jeder Faden schneidet, im Auftakt


Metall, in der Kehle guillotinenhaft, dann
Geröll, das ein Gletscher hinter sich stieß.

LVII
XIV

Verzopfte Eisengeleise II

...nur soviel Regen, um den Staub zu löschen..,


Friedrich Specht, Sechs Monate Rom, 1859

Manchmal ruft Gott: Rührt Euch! Erst dann


wird die Stille gespenstig. Nur Gottes Auge
zuckt, wie überrascht, dass es etwas anderes
erwartet hatte. Immerhin fragt er sich nicht

einmal mehr, ob seine Tränen versiegt sind.


Nur, dass er in seiner Schöpfung so einsam
dastehen könnte, das musste er erst erfahren.
Nun hat er es zwar schon oft erfahren, aber

daran kann auch ein Gott sich nicht gewöhnen.


Jetzt blickt er sich in seiner Einsamkeit um
und lauscht, wie soll man sagen, misstrauisch,

ja ängstlich, ob sich nicht doch noch etwas


rühren könnte. Gott glaubt, er würde diesem
Etwas jedes Gastrecht verweigern.

LVIII
XV

Rhetorica divina l

Die Ohnmacht ist die exzessivste Selbst-


Vergewisserung. Es gibt also gute Gründe,
sie zu fürchten. Wenn das Ich sich in seinem
Verlust erholt, sollte es für ihn nicht zuhause

sein. Wie übrigens nie für einen Rattenfänger.


Denn der Rattenfänger ist das honigsüße aus-
führende Organ des Verlusts. So leicht solltest
du dich deines Ich nicht versichern wollen.

Der Umweg übers Nichts ist viel zu leicht geworden.


Und eine schlichte Ohnmacht ist ein
viel zu bequemer Verlust. Es sei denn,

ihr geht eine geschickte Zweck- und Ziel-


gemeinschaft ein, du, die Ohnmacht, das
Nichts, der Rattenfänger; die gesamte Exekutive.

LIX
XVl

Rhetorica divina ll

Bericht übers Letzte Gericht. Also quasi ein Letzter Bericht.


(Letzter Kehricht, plärrt einer aus dem Off.)

Es wäre doch ein Leichtes gewesen, das


Alles ein wenig zusammenzuschneiden. Die
Technik ist soweit, ja sogar weit darüber
hinaus. Aber es gibt diese uralten Vorbehalte.

Die Moral. Die Rücksichten auf die Nachbarn.


Die Abonnenten auf das Himmelreich. Die Nebenlinien
der Engel, die erst jüngst, also ein paar Tage nach

Eden aufgeflogen sind. Und wenn sogar die Engel


triebgesteuert, korrupt und liebenswert unverant-
wortlich sind, berichte ich nur noch vom Blocksberg, live.

B: Ich höre auf damit.


A: Womit?
B: Ich weiß nicht.
A: Was für ein guter Beginn!

LX
XVII

Das Letzte Gerücht

Wird nur das sein, was am Anfang stand, das


Wort, das uns vorenthalten blieb. Und wir gieren
wie Kinder, die es ja nicht wirklich tun, danach.
Die Weltgeschichte ist ein elendes Geschäft.

Die Menschen, die recht haben, haben keinen


Erfolg. Siehe nur: Gott! Was für ein Parade-
Beispiel für einen gescheiterten Menschen!
Und er hat es gewusst. Und hat es trotzdem

getan. Er fängt an, mir sympathisch zu werden.


Er ist ein Mensch. Was ihn von mir unterscheidet,
das ist nur, dass er anders ist.

Und sie wissen es alle nicht. Es gibt Privilegien, die


nicht zu ermessen sind. Die Hosentaschen freilich
sind prall schwanger wie ungeerntete Pusteblumen.

LXI
XVIII

Manche fressen sich durchs Eis. Als gäbe es


das noch. Momente echter Unterscheidung.
Zwar ist es jetzt gut, dass es anders war. Es
wäre schön gewesen zu existieren. Etcetera.

Die Form setzt sich durch. Das bleibt ihr Gesetz.


Sie wächst sich unerbittlich aus. Sie ergibt
sich so. Wie auch ein Wanderzirkus seine
Regeln hat. Ein Clownsgesicht entgeht seinem

Schicksal nicht. Auch wenn es sich mit seinen


Tränen verwischen möchte. Ich werde dir beweisen,
dass du mich nicht sehen kannst, Hurenkind, Welt!

Clowns reden so seltsam. Denn auch der Zirkus ist ein


Zwinger. Ganz eigener Architektur. Bisweilen macht ein
Vollzugsbeamter einen freundlichen Routinebesuch.

LXII
XIX

Die Pferde begrüßen sie mit Scheinputzen und


Kopfschütteln, als wären sie Parallelschwimmer,
wie die Haubentaucher. Auch der Untergang
ist ein Hochzeitsritual. Es sagt nicht, wohin es

geht. Ist nur gerne sehr weiß. Und feierlich.


Und zwanghaft glücksverheißend. Und
bevorzugt Steppen. Die Elemente des Bildes
müssen, das verlangt die Verabredung,

zusammenpassen. Jedes Land ist Kummerland.


Jede Zeit ist Gurkenzeit. Im Getriebe jeder Uhr
tummelt sich der Sand.

Die Sonne bequemt sich des Zenits. Die


Pflanzerin muss sich recken. Im Keller
steht’s nicht gut um Pferd und Stecken.

LXIII
XX

Halle, luja

Kein Geist hilft mehr unser Schwachheit


auf. Er hat sich verweht. Oder wir gingen
ihm aus dem Wege. Vielleicht hallt sein
unaussprechlich Seufzen noch eine Weile

wo es will. Aber zu unhörbar für unsere


Ohren. Als hätte es uns im Verhör. Noch
nie war Unhörbarkeit eine solche Strafe.
Noch nie auch so gerecht. Noch nie

wurde Weghören so belohnt. Mit einem


Übermaß entzogener Strafe. Das ist kein
Schweigen mehr. Es ist viel mehr als was

verschwiegen werden kann. Es ist gut


für uns, den Schrei nicht zu hören, in dem
Gott sich uns zu verschweigen versucht.

LXIV
XXI

Petrus, heißt es, weinte bitterlich

Wenn das Unwesentliche dein Reiter ist,


wirf ihn ab. Und gehe durch. Aber konsequent
auch am Wesentlichen vorbei. Genau das ist
nämlich wesentlich. Dass der Hahnenschrei in der

Bibel stellenweise eine wichtige Rolle spielt,


zeigt uns, wie lange die Geschichte, die hier erzählt
wird, vorbei ist. Und ist denn gerade das nicht
das Wesentliche? Heute sind es die fremdelnden

Bäume, und die Kinder, die sich noch heftig und kurz
Ihrer Unkenntnis freuen dürfen. Freilich auch die
mottenzerfressenen schönfarbigen Kastanien-

blätter im Herbst, die kranken Souvenirs letztlich


ewig gleicher Zeiten. Und rostbraune Glockenschläge, das
frühste Krähen des zwangspensionierten Chlorophylls.

LXV
XXII

Multicouche, ein Hadesprotokoll

Nah dem Licht des Verzichts sind die


Schatten groß. Nur Schatten freuen sich
auf lange Wechseljahre. Schatten drehen
einander gerne Nasen, das erfüllt sie mit

Blut. Und die Unterwelt mit Lachen. Mit Blut-


blättern aus Lachen. Wie Kastanien fallen, in Gruppen,
in Schüben. Wenn nicht gar in spiraliger Reigenform.

Im Reigen tanzen sie zurück ins Blutleere.


Lachend zurück ins Schattenhafte. Wirbelnd
zurück in ihren Raum ohne Duft und Geschmack.

In die endlosen Jahre des Übergangs. Im hellen Glanz


des Verzichts. Wo die Schatten an der Wand wachsen
und wuchern zu kompaktem Viel-Schattendickicht.

LXVI
Mascarons philosophico-théologiques, auch Staubfrottagen

Die Form der Wette ist die Form der Welt

(Zero)

Der Wind beginnt seine Herbstarbeit. Heute,


kurz vor Mittag. Und manchmal hält er kurz
inne, wie ein Arbeiter auf dem Feld, lüftet seine
Mütze, ihr lest richtig, der Wind auf dem Feld,

er lüftet seine Mütze, nur, um diesen Augenblick


lang stolz auf sich zu sein. Mit der Mütze
in der Hand winkt er sich zu, der Wind,
winkt seiner schlanken Gestalt zu, wie sie

dasteht auf dem allgemeinen Feld des Herbsts.


Und tanzt die Stelle her, auf der er steht.
Und hebt sich her und hält die Mütze Gott

entgegen und erbettelt sich noch mehr.


Der Herbstarbeiter Wind. Im linken Arm
die Kiste mit abgepacktem Winter

LXVII
I

Barbarisme

Hier habe ich etwas gegen


Gegengifte, in einem Craquelé-
Pokal. Scheinzerbrochnes bewahrt
die Form am besten. Zumal die

Eigene. Und das, was auf seine


Risse hofft, wird bitter enttäuscht.
Denn was sie scheinen, das sind
sie nicht. Ja mehr, es gibt sie nicht,

wie jeder Schmuck, der sich ver-


leugnet. Und aufspielt. Bis zur
Substanz. Jetzt kann er es nicht

mehr sein. Wie alles, das sich aufgab.


Auch der Klang einer Glocke, wenn ich
nicht irre, kehrt nicht zurück und heim.

LXVIII
II

Sankt Petri Heil

Er schaut sich nackt im Spiegel und


denkt: Seneca im Zuber. Vielleicht jedoch
mit ein wenig noch verletzlicherer Haut.

Des Fischers Angel sank zum Grund,


wo sie, selbst im Griff der Korallen noch,
auf der Seelen haltlose Befreiung baut.

LXIX
III

Auf Wurzel- und Wundenholz klopfen

oder auch:

Süße Nägel der Passion, zeitgekrümmte

Dem Cusanus sei es geklagt: es geht immer


nur ums Seinkönnen, vor allem dem, das schon
ist, denn es kann nicht mehr wirklich wissen,
wie es möglich war. Und seinem Werden

hinterherzulaufen, das, das sieht lächerlich aus


und ist es seinem Wesen nach ja auch. Geworden-
sein bedeutet überversorgt zu sein. Jedes Sein, das
einmal ist, ist ein Rententeil des nie Gewesenen.

Eine epistemische Gemeinheit. Ein simples Gesetz.


Alles was (so) ist, nimmt daran teil, dass es (oder so) ist.
Das allem unveräußerliche Gemeine ist das, dessen
Teil ein jedes sich selber ist. Die hochplausible und

nur leicht tautologische, innig zerrissene Wurzel auch der


allgemeinen Menschenliebe, die Wurzel, über die noch
keines nicht stolperte. Die Wurzelsilbe des Regenbogens,
Zeichen des stets wieder brand- und nagelneuen Bundes.

LXX
IV

Marionetten des Anfangs

Die Frauen nähren mit Milch. Die Männer nähren


mit Blut. Die Frauen die Kinder. Die Männer die Erde.
Absonderlicher Kreislauf des Bluts. Absonderlicher
Kreislauf der Milch. In Eden wurde das nicht

erdacht. Sicher nicht erdacht, aber womöglich einge-


bracht, von einem, der die Distinktion sehr schätzte
und dachte: Wer schaffen will, muss das Einerlei zer-
brechen. Und hatte damit aber nur zur Hälfte Recht.

Er wusste nicht, wie spät er war und dass er nur beginnen


konnte, weil er sich seit dem Beginn der Schöpfung bevor-
gestanden hatte. Der Schöpfer hatte ihn freundlich mitbedacht,

auch dass er es nicht bemerken sollte. Er sollte sich nur frei erscheinen,
bei allem, was er dachte, sagte und tat. Und tatsächlich bemerkte er nicht,
dass auch er, wie die Andern, eine Marionette war. Mit starkem Willen.

LXXI
V

Einer der Maskaronen begann zu sprechen,


und begann, es ist schwer zu glauben, mit
philosophischen Ratschlägen: Du musst dir
zugehören, du musst dich anhören, du musst

dir angehören, und musst dir auch noch zuhören.


Das ist alles unzweifelhaft. Aber so sehr ich mich
auch unter meinen Leuten umhöre, es gelingt mir
nicht, die richtige Reigenfolge ausfindig zu machen.

Fast zweifele ich mittlerweile an ihrer Redlichkeit und


Ihrer Solidarität; an der zweifle ich, offen gesagt, eigentlich
schon längst. Freilich ist auch denkbar, dass sie schweigen,

weil sie nicht anders können. Dann wären sie wenigstens nicht
unredlich. Wer verschweigt, was er nicht weißt, ist nicht unbedingt
unredlich. Und Solidarität liegt auch im geteilten Schweigen. Und lauert.

LXXII
VI

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, und doch

Würden wir unter dem Denken eine daseinsbegleitende


oder gar förderliche Maßnahme sehen, sähe es um die
Solidarität wieder besser aus; und auch das Wort selbst klänge
wieder liebenswerter und könnte vielleicht sogar gerettet werden.

Auch, und das steht sogar an, wenn solcherart daseinsbegleitendes


Denken, wegen mangelnder Übung, zunächst einmal eine ekelhafte
Form annähme: Wir nähmen uns nämlich gegenseitig bei der Gurgel
und drückten sie uns gegenseitig zu. Bis zu dem Punkt, an dem uns

gegenseitig die Luft ausginge und zusammen damit uns alle Kraft aus
Armen und Händen entwiche und wir uns kraftlos, aber gedankenvoller,
in die Augen schauten und deutlich im Blick der anderen die namen-

lose Wut der eigenen Seele erkennten. Das würde uns, als erste Frucht
der ersten und gleich vertanen Gedanken, etwas nahelegen. Wir wissen,
freilich, nicht was, aber wir fühlen uns doch, irgendwie, wie ausgestäubt.

LXXIII
VII

Generative Dramatik

Argumente müssen mindestens


zwei Ordnungen von dem,
von dem
sie handeln,
entfernt sein.

Denn was sich in einem Leben ansammelt, ist


Deutungspotential für den, der es beobachtet,
und ist Fluchtpotential für den, der es lebt. Dass
uns die Sprache anbietet zu sagen: wir führen

ein Leben, ist mehr als ein Zynismus. Schlimmer


aber ist, dass ich das noch sagen muss. Denn
wenn wir an unserer Sprache auch nur ein
wenig beteiligt sind, dann liegt es doch nahe

zu vermuten, wir selbst hätten uns den Weg


erdacht, der uns in die eigene Irre führt. - So
führten wir unser Leben also doch? - Als

absichtsvolle Blinde, die ihre Intentionen


verstoßen: Die irren jetzt, die Wortwaisen,
durch das Gebirge ihrer Tiefenstruktur.

LXXIV
VIII

Il mondo fuggevole I

Über die Unausweichlichkeit des Gewordenen


(Deutlichere Hinweise bleiben aus)

Kannst du mir erklären, warum du dich noch so anstrengst?


Lass dich doch einfach in deiner Situation liegen, triumphal
in der Unzuständigkeit. Dann musst du auch offiziell nicht so
leiden. Wenn das mal kein Privileg ist! Und du brauchst dich auch

nicht für die Perversionen eines Helden, ihr wisst, welche ich meine,
mehr zu verantworten. Es ist eh zu spät, wenn du knapp vor dem Ende
der Weltgeschichte etwas zu verraten beginnst. An dieser Stelle so
eitel zu sein, das wird zurecht nicht honoriert oder, doch zurecht, mit

Terror. Terror, das ist hier eine Stecknadel, gestochen scharf gestochen
in einen Ballon aus reinem, makellosem Größenwahn. Belohnt mit rettender
Gefangenschaft in Botschaften, die einen nur träumen lassen. Vom einst gelebten

bösen Leben. In einer solchen Kennzeichnung steckt natürlich - zumal zu diesem


Datum! - politisch unkorrekte Moral. Unter uns, da verstehen wir uns: Wir sind
das Ressentiment. Wer Heldentum nicht goutiert, der ist ja so kleinlich im Kopf!

LXXV
IX

Il mondo fuggevole II

Excuse essayée I

Das Universum steht seit Beginn auf


neurotischen Füßen. Ganz seinsvertan.
Bei den Anlagen! Wie können wir uns
das erklären? - Das kann ich euch leicht

und gerne sagen. Ihr müsst nur akzeptieren,


dass ihr es selber seid. Ihr habt verschuldet,
dass es euch verschuldet hat. Ihr seid einan-
der die Gebärde, die euch, eins ums andere,

gebar. Es stimmt, das ist nicht leicht zu


verstehen. Aber ihr habt es ja auch zustande
gebracht, dann müsstet ihr es doch auch

kapieren. Oder sehe ich da jetzt etwas ganz


falsch? Heuchelt ihr etwa euer Missverstehen
nur? Aus Scham und echter Schadenfreude?

LXXVI
X

Il mondo fuggevole III

Excuse essayée II

Er sagte, ja, ich weiß, es fällt ihnen schwer,


mir zu verzeihen, dass ich so schwer unter
Ihnen gelitten habe. Ich habe ihre Eitelkeit
damit gekränkt, wie einer von ihnen mir

verstehen zu geben sich vergeblich bemüht


hat. Das war zwar unter dem Strich aller Ehren
wert. Aber das war auch schon alles. Es war’s
jedenfalls nicht. Darf einer denn gekränkt sein,

wenn er hört, wie er ist, und was er tat? Oder gar


beleidigt? Und dem gerade mal andern nicht gönnt,
daraus, wie verdienten Lohn, sein Leid bezogen

zu haben? Die Verdrehtheit zu verdrehen, das ver-


zeiht dieser Kosmos nicht mehr. Und delegiert sein
Selbstfremdeln, dieses, sein Sein, an sein Anderes.

LXXVII
XI

Verschobene Akzente und Kontinente

Manche sagen, das sich im Getanen jeweils


ein Tun niedergeschlagen hat. Wenn das wahr
ist, beantrage ich, dieses, post id factum, zur
Rechenschaft zu ziehen. Es hätte sich, alles in

allem, nicht niederschlagen dürfen. Mir ist klar,


wie schwierig es ist, etwas zu beweisen, wenn es
zu spät dazu ist. Aber allein der Prozess wäre eine
Genugtuung, ein Trost für das Getane, eine postume

Beatmung, Lockerung, eine Entschädigung durch


Lockerung und Beatmung. Das Anbieten der Hand,
eine Einladung zur Ressurexion all dessen, was sich
niedergeschlagen hat, des Tuns und des Nichttuns,

das sich ins Gewesene duckt und darin versteckt,


niederträchtig und schwer von falschen Gewichten.

LXXVIII
XII

Die Substanz der Dinge, hier und heute, ist, dass


sie lächerlich sind. Und alle es leugnen. Wer, sagen
wir, über den Venice Beach schlendert, ist auf
der richtigen Seite. Und repräsentiert zugleich

die bedauernswerten Opfer des Letzten Gerichts.


Wenigstens kann man das jetzt schon so sagen. Der
Sprung, zurück nach Eden, der müsste gekonnt sein.
Aber, wer hülfe uns denn noch dabei, ihn zu lernen?

LXXIX
XIII

Quos ego! - Endlich mal etwas für einen wie Ovid.


Eine Drohung.

Ich bin ein Fetischist des Denkens, das heißt


nicht, ich denke gut. Sehr weit gefehlt!
Es heißt nur, dass ich an die Stelle eines
Schlechten etwas doch Besseres setze, in der

Hoffnung, dass es mich aus Dankbarkeit verführt.


Wenn es mich dann aber nur reizt oder anmacht,
bin ich abgrundtief, ja grundlos enttäuscht. Denn
ein Fetisch muss anders und wie berechnet funktio-

nieren. Mindestens so, wie die großen Seelenkenner


es erwarten tun, und wie ich es bei ihnen gelesen
habe. Meine Gedankenfetische und meine Fetisch-

gedanken, das ist, immerhin, ihr Vorteil, brauchen für gar nichts
zu stehen, sie müssen es nur herstellen, konkret, hier und jetzt,
und unendlich übertreiben, sonst lass ich mir noch was einfallen.

LXXX
XIV

Naturwüchsiger Beifang

Wer sagt, es ginge noch um eine Art Erkenntnis, wie


der lügt! Und kann nicht anders. Er steht unwirklich in
einem unwirklichen Wald, in einem unwirklichen Regen.
In einem durchnässten Mantel. Aus Rosshaar oder irgend-

einem anderen Material. Das ist jetzt gleichgültig und doch das
Einzige, das noch etwas zur Sache tun könnte. Er steht, auch
seine Haare sind durchnässt, schauerlich durchnässt, er steht
da wie ein Duellant, der fast zu spät gekommen wäre, und er

blickt, sachlich entsetzt, auf seine leere rechte Hand. Wo, wo


ist seine Waffe? Wo? Hat er nicht sein ganzes Leben, von der
ersten Minute an, nur dieses Eine gedacht, dieses Eine gehortet,

als wäre es Vieles: Das darfst du nicht vergessen, das nur dir Vorent-
haltene. Das nur dir total und gänzlich Eigene. Dass sich die Fäden am
Ende unendlich verhehlen und an einander vergehen. Don et contre-don.

LXXXI
XV

Den Versuch zu unternehmen, auf Vorrat zu leben. Auch so eine


Idee, die nur viel zu spät kommen kann. Wie soll man am Anfang denn
etwas wissen können, auf das zu kommen es, aufs Mindeste gedrückt,
ein ganzes Leben braucht. Das Ganze ist einfach zu absurd angelegt.

Dazu kommt es eben, wenn man eine Schöpfung als einen ungesicherten
Versuch unternimmt. Auch nur durchschnittlich geniale Pianisten üben,
bevor sie in weltbekannten Sälen Konzerte wagen. Herkules sprang auch
nicht nur aus Übermut in seine Arenen. Wobei das eine oder andere bei

bei sportiven Unternehmungen ja noch angehen mag, denn Instinkt und


Begierde überschätzen sich leicht und gern und sehen bisweilen noch im
Scheitern einen kostbaren Reiz; so bis zum zweiten oder dritten Mal. Aber

die kleine denkende Kohorte, der liegen die bleiernen Ketten ja schon beim
Austritt aus der Mutter Schoß auf den Schultern, die müssen über jedes verzeihbare
Maß hinaus bedacht sein. Und bauen am Scheidewege ihr Gast- und Rasthaus.

LXXXII
XVI

Dann riet er noch, sie sollten einen


Glockenzoll erheben. Sie nickten und
verstanden es nicht. Und streiten seither
um die Deutungshoheit über die Dinge.

Den einen ist die Zeit mit Glocken zugehängt,


den andern geht der Klang nicht weit genug.
Und andere treiben Keile in den Horizont, um
die Luft ein wenig aufzufrischen, die vom zu

langen Klingen morsch wie altes Holz zu


klagen scheint. Abgestandene Zeit schmeckt
keinen Ohren mehr. Aber allmählich wird

etwas klar. Die Zeit ist die Glocke, die zahlt.


Sie zahlt mit ihren Rissen, immer unhörbarer,
von Riss zu Riss, zahlt sie den Zoll.

LXXXIII
XVII

Und Herkules braucht sich nur noch


Kurz zu zeigen das tut seine Wirkung
Ein kurzer Wink mit seiner Keule genügt
Und es ist gut dass das schon genügt

Denn Herkules hat es zwar leicht


Aber seine Keule ist ihm schon längst
Schwer geworden und er denkt daran
Beim nächsten Mal sie von seinen zwei

Assistenten tragen zu lassen Warum


nicht gleich auf Brokat gebettet Die
Tat wird erst was sie war in ihrer Apo-

theose Nur Wirkung tut Wirkung Auch


Herkules wächst mit seiner Gedanken
Blässe Und auch er hätte gerne getanzt

LXXXIV
XVIII

Ein Kellerteppich, exogen, feiert Lacan

Bei aller Vertrautheit, Gedanken und Gefühle


sind, ganz unverstellt gesagt, nur flackernde
Symptome des Fremden tief in uns, wo immer
auch das sein mag, etwa in der unauslotbaren

Tiefe einer Zeigefingerspitze. Symptome, weil


sie stets Statthalter sind. Flackern müssen sie,
weil sie, wie Flammen, festgebannte Unrast
sind. Und fremd? Weil sie gar nicht anders sein

können. Der gastfreundliche Mangel, das sind


die leeren Wände der Seele, die hier genannt
werden muss, all das Fremde aber ist der Belag,

und der Atem darin sagt sich, dir nichts, mir nichts,
vor sich hin. Und macht dich dir so überzeugend vor,
dass du keine Chance hast, dich einmal sein zu lassen.

LXXXV
XIX

Die Dinge liegen anscheinend nicht gut

Lange bevor du es wahrnimmst, lass dich ablenken


davon. Sich den Dingen zu nähern, nicht von der Seite,
wo du herzukommen meinst, ist die klügste Berechnung.

Die Dinge bedienen sich ihrer Körper als wären sie Piraten des
Raums. Sie entern und essen ihn mit all ihren Poren. Dem Raum zeigen
sie sich mit diskreten, verwandelten Sinnen. Der Raum kennt ihr anderes

Gesicht. Er kennt es nur wie umgekehrt. Das Sehen der Dinge


Ist im Raum wie umgelenkt, das Hören der Dinge ist dem Raum
ein zögerndes Echo. Der Raum riecht der Dinge vorauseilende
Kuriere und schmeckt sie mit seiner schnellenden Echsenzunge.

Und seinen Händen, den unfehlbaren Tentakeln des Raums, macht


nichts etwas vor. Oder eben nur das Nichts. Dahinter steht aber dann ein
freundschaftlicher Pakt. Die Hände des Raums und das Nichts, sie necken
sich gerne, verspielt und verstrickt und sind einander die einzig denkbare Lust.

LXXXVI
XX

Mir liegen vergebliche Rettungen nahe. Eine


nach der anderen. Und ich freue mich immer
auf die Nächste. Denn Rettung ist eine endlose
Aufgabe. Sie findet kein Ende. Aber wir werden es

in ihr finden, unseres, dafür müssen wir sie aber


steigern! In ihrem Bereich. Dass es fraglos nach
Ende klingt. Wie die Bedeutungslosigkeit der
Palmen. An ihren heut in der Regel unpassenden

Orten. Oder es wäre gut zu wissen, was mit


den Lettern geschehen ist, mit denen zum ersten
Mal Mallarmés Würfelwurf gedruckt wurde.
Ich würde sie gerne in die Hände nehmen, sacht

schütteln, als wollte ich sie wecken, und über einen


frisch gepflügten Acker werfen, dass sie kurz, nur
Gott sichtbar, wie ein gesäter Fächer und Buch-
stabenschwarm die Welt zum Stocken brächten.

LXXXVII
XXI

Als ob etwas am Herzen liegen könnte Wie


Seltsam wir sprechen Jeder Satz ist nur das
Relikt seiner Möglichkeit Eine klirrende Fahne
Auf der Spitze eines Zeltdachs das nur das

Eines Zirkusses sein kann Weil es so weithin


Sichtbar ist Und sehen die einzelnen Dächer alter
Mühlen nicht gerne wie ein Zeltdach von einem
Zirkus aus Wie das Dach der Zirkuswelt Dieser

Runden Welt die so gebaut ist dass allen etwas


Zu sehen und zu sagen geboten ist mit ihren
Schakalaugen und ihren Piranhamündern

Das berechtigt zur Sorge Wird es den je genügend


Bleistiftspitze Zelt- und Zirkusdächer geben auf
Die ihr eure Sätze hissen könnt Ich glaube nicht

LXXXVIII
XXII

Canon

Ich gebe gerne zu dass die Wahrheit


Eine verklärte Form ist Wenn sie ist ist
Sie ein geschmolzener Spiegel oder eine
Hart gewordene Amöbe Ein strenger

Kasten voller Geröll Eine Stiftung zur


Erhaltung von Zwischenräumen und
Winzigster echter Flächen auf der Idee
Der Kugel Oder wenn du nur willst die

Leeren eckigen Raumreste die keine In-


Finitesimalrechnung zu füllen zu verstehen
Vorzugeben sich wagt Und wenn du einmal

Auf dem Boden im nach Jahren gestapelten


Staub den verklärten Spiegel findest ist es
Das eine verstimmte Monochord - Die Form

LXXXIX
XXIII

Kleine Coda, vorläufig

Wüstenblumen mit drastischen Energien


Die uns mit ihrer Stille beängstigen obgleich
Die Stille nur besteht und nichts tut wie es
Das Schweigen tut uns antut antun muss

Wir können ihm nämlich nichts entreißen


Können es nicht stören oder gar brechen Wie
Die Stille Wenn wir ein Schweigen brechen
Wollen muss es schon das Eigene sein

XC
XXIV

Auch die Ohren sind nur eines und


Im Gehör verlischt das Paradox Das
Gehör ist die empfängliche Schranke
Schwesterlicher Arm und doch nur

Schieres Symbol das sich umgehen


Lässt in Worten und in Taten Es ist
Nicht fugenlos Es ist die Schranke
Die verfügt wo die Orte sind: Le lieu là

Le lieu ici L‘oreille à droite L‘oreille à


Gauche L‘écoute entre les deux Die
Schranke Das Gehör Geschwister-
Licher Arm und Garde-barrière der den

Ohren ihre Orte weist: Du hier und du da


Links und rechts an den Enden des Gehörs:

XCI
XXV

Vielleicht ist’s gerade noch ein Nebelschweif,


nicht unweit einer Berghütte

Bedeutung herausfinden und herausfiltern.


Das ist das Schwierigste. Wenn ein, sagen
wir, Buddha aus Glas so altern könnte wie
ich, sähe praktisch alles anders aus. Nicht

notwendig besser, auch wenn Einige es be-


teuern. Sie müssen es wohl, denn sonst
schadet es ihren Systemen. Manchmal fordert
es Solidaritäten, die geradewegs in den Unter-

gang führen. Das ist ja doch genau der


Durchschnitt. Der hat schon den Odysseus
gewundert und aus den Sandalen gehauen.

Gleicht das doch nur einmal ab, was wir wollen und
teilweise könnten, das ist kaum eine Federspitze
gekelterten Staubs aus Argos, meinst du nicht auch?

XCII
XXVI

Geile Öden

Du sagst, du seist nun endlich beyond


the waste land, in einem so jenseitigen
Eden, wie es noch selten gewährleistet
worden sei. Nun, dann sag auch, welche

der letzten Fasern dich noch halten? An


den Himmel, in die Hölle, an das Gesetz der
Familie, die alle dich flach halten, auch für dumm
und geeignet für das große Geschäft der Er-

lösung. Das erlässt dir keiner mehr, selbst


der Wohlwollendste. Wie könnte denn gerade
der sich das noch erlauben, so unter aller

Kanone, in der ausgekehrten Schlackerfurche, in die


geworfen wurde, was nach Kern, Same und Zwiebel
noch roch. Und folglich nicht mehr gesetzt wird.

XCIII
XXVII

Wie eigentümlich schön es ist, zu sehen, wie


Möglichkeiten anschießen, wie übermütigste
Windsbräute. Die sind zwar nur Firn, aber halten
sich für Kristall. Jedenfalls wehen sie auf,

wie himmelweite Glanztütüs, die sich nur


ihres Pinks ein wenig schämen. Oder auch
wie zauberische Pumphosen aus Schnee mit
azurnem Touch. Oder wie wirbelnde Purpurhüte,

Staubkaskaden von Porphyr. Und es bliebe noch


soviel zu sagen über all diese Tanzrevuen der Möglich-
keiten, über die Koch- und Bäckermützen des Unendlichen. Doch,

da stockt das Licht auch schon. Und die Zeit spart


ihren Atem: Wind und Firn, Glanz und Tütü, Zauberschnee
und Pupurhut. - Husch, da fällt’s in Asche ab!

XCIV
XXVIII

So wie sich in vielen Fällen Komponisten gegen


ihre Interpreten doch noch durchzusetzen vermögen,
an ihnen vorbeiklingen, dass wir meinen können,
es sei ganz leicht, ein so vergangenes Jetzt zu beleben,

so scheint es mir manchmal, dass in den Bergrutschen


und Trümmerkaskaden der Zeit ein leises und
verlegenes Stöhnen durchtönt. Das ist gewiss die
Stimme eines Schöpfergotts. Die zu hören mir wohltut.

Geht es euch auch so? Oder höre ich Gespenster?


Oder bilde ich mir nur etwas ein? Und vielleicht
geht es euch ja auch gar nichts an. Aber es ist

schon seltsam, wenn einem der Gedanke kommt,


dass die Poesie eines Gottes im Steinschlag sich
vollenden könnte, als gezielter Fehlgriff.

XCV
XXIX

Tempus vulnerabile

Beim Nachdenken über die Vergänglichkeit


Lass den Überschwang aus dem Spiel
Oder glaubst du immer noch Vergehen
Ließe sich wie einen Spieß umdrehen Es

Ist von großem Vorteil dass es nicht so


Ist Weil es besser ist wenn Spieße nicht
In deine Richtung weisen so bleibt auch
Dein Denken auf eine Weise gesund Trotz

Allem: Denke also beim Nachdenken über


Die Vergänglichkeit in einem mäßigen Tempo
Nach dem Vorbild einer Schildkröte die zwar

Gar nicht so langsam zu sein brauchte Denn sie hat


ja einen Panzer Der sie ein wenig schützt Unser
Panzer ist aber die Zeit und die ist selbst und sehr verletzlich

XCVI
XXX

Klassisch verfahren

Von der Betrachtung seiner selbst als von einer


Art Anatomie zu sprechen, ist zwar süffisant,
aber da auch sie eine Form ist, sogar von einer
enzyklopädischen Art, ist nichts dagegen ein-

zuwenden, wenn ihr mich richtig versteht. Ihr


müsst dabei aber zierlich vorgehen, damit ihr
nicht mit jedem Schnitt die inkarnierte Form
verletzt, dass sie nicht zischend zerfällt. Da

hättet ihr das malheur, das ihr vermeiden


wolltet, mit der Hilfe einer Art Anatomie. Aber
Formen mit Formen hofieren oder nur bestechen

zu wollen, das ist ein seltsames Ziel und, mehr


noch, ein gefährliches Spiel. - Warum denn das? - Es
bringt nicht weiter oder stellt sich ein oder auch tot.

XCVII
XXXI

Trilogie der Scham

°Adam! Wo?“ - „Was fragst du?“

Es mag ja sein, ein letztes Gehöft


von Gespür, sich zugeneigt, so dass
es sich genügen könnte. Aber wer hat
an der Schräge des Tods denn Genüge, nur

weil es bequem ist. Sein Dasein, darauf


besteht er, müsse von etwas anderem
handeln. Wenigstens aber vom Ungenügen
am täglichen Material. Selbst Hungerkünstler

schmerzt der Mundraub. Und auch Jongleure


lieben keine Bälle aus Blei und weniger noch
die aus Federgewicht. Und über die Baum-

grenze verschleppt, kränkt, o Herr, der Befehl, ein


Floß zu bauen. Es kränkt und schmerzt so unterschätzt
zu werden. Noch so spät nach der Flucht aus Eden.

XCVIII
2

Sieh da, Adam findet den Mut zu


antworten, findet ihn in der Büchse,
die er einer Pandora raubte. Dabei
war er sich so sicher, dass sie

leer sei. Und unbegrenzt. Alles


andere hatte er ja schon. Aber
ganz verloren und mittendrin
lag von allen verlassen dieser

Mut, den Adam nicht wollte.


Nein, den wollte er partout
nicht. Er wollte nicht

dass Gott ihn findet,


da, mitten-
drin.

Adam wundert sich, dass er doch so viel


Scham ertragen kann. Als wäre seine
Scham der Maßstab der Unendlichkeit,
die zwischen dem Moment liegt, als

seine Fingerspitze die Fingerspitze


Gottes berührt und spürt, dass er
Poren hat, die etwas einatmen,
und er erwacht, und dem Moment,

der kein Ende finden kann, jetzt,


zu Füßen des ans Holz genagelten
Gottessohns, der einen unvorstellbaren

Weg daherkommt, und ihm, Adam, in seinen


unsäglichen Verrat nachfolgt, um ihm
mit seinem Blut den Kopf zu waschen.

XCIX
XXXII

Ich verstehe sie nicht so ganz, die nach


der Leere suchen. Wenn sie von Anfang
an etwas haben, dann ist es doch sie. Worin
sonst könnte denn ihr Besitz bestehen! Es

heißt doch, dass nirgends ein Bleiben sei


und dass alles den Händen entglitte, zum
Beispiel. Heißt das denn nicht auch, dass nichts
sei, es sei denn ein Austausch, ein Wechsel

der Form der Leere? Der leere funkelnde


Herzschlag des Nichts. Die laut und melodisch
hämmernde Stille. Oder was ihr vorausging.

Das alles hättet ihr ohne die Leere nicht. Es ist


nicht klug, nach ihr zu suchen. Die Gefahr, sie zu
finden ist groß. Ihr würdet, enttäuscht, nur dastehn.

C
XXXIII

Wozu gibt es denn Opern und auch diese


Vierzehnzeiler? Damit Hörer und auch
Leserinnen sich zurückerinnern können an
die Melodien, die im Vorspiel anklangen.

Es ist wie bei jeder Schöpfung, bei der


man erst nachträglich fragen kann,
woraus sie hervorging. Und worauf es
freilich keine Antwort gibt. Was können

Dinge der Welt über ihr Vorher schon


aussagen? Wir nehmen eine Kontingenz
an, nach der es uns verlangt, und die

nicht gewesen sein kann. Vor unserem


Verlangen schon gar nicht. Seht ihr,
darum gibt es Sonette und Ouvertüren.

CI
XXXIV

Wenn es schlimm wird, werde ich noch einmal


vom Herzen eines Schmetterlings singen. Gott
behüte mich davor! Aber ob er wirklich so einsichtig
ist, das muss sich, tatsächlich, noch herausstellen.

Es sieht zwar überall so aus. Unverwechselbar.


Wenn Gott dir ein wenig beistehen möchte,
hilft ihm das Wissen, dass es leicht ist, weniger
zu trinken, wenn dir der Wein nicht mehr

schmeckt. Ein zwiespältiges Faktum für


einem, der sein Blut schmackhafter
machen wollte, indem er es verwandelte.

In Wein. Und sein Fleisch in ungesäuertes


Brot. Zur Erlösung führt eben nur der
Verzicht. Auf Nüchternheit und Fleisch.

CII
XXXV

Was?

Dass du immer irgendwie


Schuld bist an den eigenen
Gedanken das ist schrecklich
Und da kommt kein Engel mit

Aber so wie du geübt bist ein Erbe


Auszuschlagen kannst du dich
Auch deiner Gedanken entschlagen
Sag nur: Nein die gehören mir doch nicht

Und versuche dich mit ihnen wegzuschleichen


Aber es geht nicht so wie gedacht Wie
Denn auch Du klebst am Fliegenfänger der

Du bist Dein Kleben ist das Fangen selber


Du bist das Kleben Fangen Ekeln Ziehen
Du reißt dich weg in dich Du Eigenklette

CIII
XXXVI

Dass es so ist, nur das macht uns


genauso. Unausweichlich. Es zeigt,
dass der Wille eigentlich gerne als
Irrlicht überleben würde. Wir lassen

das aber nicht zu. Und ersticken das


Irrlicht ins Reale, aus dem es uns
dann anblickt mit seinen Toten un-
endlich traurigen Augen. Unseren

eigenen rückblickend anders gewordenen


selbstvermittelnden Augen. So zählt
sich die zu Boden gegangene Dialektik
des Werdens in kleinen Scheinen aus.

Auf unseren Kenotaphen lesen wir: Hier


liegen die, die es nicht gewollt haben.

CIV
XXXVII

Er traute sich wirklich, einmal zu


sagen: Es kommt doch nicht auf
das Erreichte an. Es geht allein um
das Willentliche, das Vorgeformte,

das notwendig zu früh und vergeblich


Vorgeformte, das sich in die Endform
verflüchtigt. So wie der Wille in der Tat
nur wie der Duft eines erloschenen

Flämmchens zu vernehmen ist, etwa


dem eines Streichhölzchens. Nie ist
ein Ergebnis mehr. Und das gilt über-
haupt für eine jede Folge, für alles, das

auf etwas folgt. Die Folge ist uns je das Holz,


aus dem wir uns unsere Götzen schnitzen.

CV
XXXVIII

Die Unterwelt von Schwaz

Die gewölbte Schlagfläche des Hammers


drohend über einer Silberplatte, die nur
deshalb wie verschont bleibt, weil der
Hammer leidet. Seine Seelenkrankheit

heißt Ambitendenz. So bleibt das Silber


heil. Und ein Silberlöffel wiederum, der
unter der gleichen Krankheit leidet, kann
dafür verantwortlich sein, dass eine Suppe

nicht gegessen wird. Alles, was im selben


Maße will und nicht will, ist der bewahrende
Segen der Welt, selbst freilich immer prekär.

Und dennoch sind die Momente des Prekären,


in denen es völlig offen ist, ob etwas einseitig
abstürzt, sehr nahe der Art, wie Frau Holle belohnt.

CVI
XXXIX

Das allzu sehr Unbeschreibliche ist das


Normale. Aber ihr setzt euch darüber
hinweg. Ihr beschreibt es doch und sagt:
Hier habt ihr es! Und glaubt es noch. Und

lasst euch, soweit ich es sehe, sehr


gut dafür bezahlen. Das ist grauen-
haft. Das in sich eingerollte Ende der
Welt. Im wellness-Format. Der Trauer

auf ewig entzogen, in jener salaman-


dernen Lederhaut, die ihre kleine Schwester
Asbest kosmosweit auslacht: Ich durch-

schaute das alles zu früh. Aber konnte mir nicht


denken, dass es sein darf und kommen wird.
Und pfiff und schaufelte und schaufle und pfeife.

CVII
XXXX

Nichts Neues im Nebel, vielleicht eine Salz-Zeder

Nur noch zu warten zu haben, bedeutet total


überfordert zu sein. Abenteurer wie wir suchen
daher die Würze im Ungebundenen. Auch auf die
Gefahr hin, unser Leben zu versalzen. Das ist der

eigentliche Reiz, am Ende glauben zu dürfen,


man wäre selbst verantwortlich gewesen. Als
könnte das Scheitern ein Lohn sein für den, der
weiß, dass er es nicht verhindern kann, und

Tod ein Lohn sein für den, der sterblich ist. Als
könntest du der Notwendigkeit abtrünnig werden.
Aber Abenteurer sind die verstocktesten Fata-
listen. Vorauseilende Vollzugsgehilfen des Schicksals,

versuchen sie Gott hinter sich zu lassen. Und werden


doch stets empfangen mit einem: Bin schon da!

CVIII
XLI

Vorm Einschlafen, und kurz vor dem Winter

Etwas zum Beißen und zum Brechen zu


haben, das ist den Menschen ein wichtiges
Kriterium, um über die Runden zu kommen.
Beißen und brechen und schlafen können,

ermächtigt zu leben. Und dem Schimmer


des Lebens nachzugehen. Dem Schimmer
der Kieselsteine, dem Elend der Erzählungen.
Das Ziel ist das Jenseits der Wildnis, wo die

Wunden zusammengenäht sind, mit Knochen-


nadeln und kräftigen Fäden, nicht geheilt, das
wäre zu viel verlangt. Einen solchen Erzzauber

beherrschen wir nicht. Auch wenn wir schlafen,


brechen und beißen dürfen. Das stärkt uns zwar
nicht genug für alles, aber bietet eine Handhabe.

CIX
Des Gouffres. Fortsetzung der Mascarons

XLII

Selbstablese und -löse

Alle vergessenen Momente der Welt, also


restlos alle, sind miteinander kurzgeschlossen.
Ich könnte dir einen guten Rat geben: Sammle
einfach nur Verlorenheiten. Das noch nicht

Verlorene, schau dich um, verdient nicht gesammelt


zu werden. Du kämest in Verlegenheit
Du wüsstest nicht, wohin das alles verstecken,
das nur zum Verbergen taugt. Die Welt an ihr

vorbei zu deuten, das bleibt freilich immer


eine Option und ein Geschäft. Denn das
Wirkliche ist ja das Wahre, das falsche Wahre,

das sich dem anderen Wirklichen in den Weg


stellt. Das falsche Wirkliche ist das Gift in
unserem Blut. Die Lust an der Tollkirsche Welt.

CX
XLIII

In Abrede gestellt

Wer sich los ist, ist doch frei. Warum leidet


ihr darunter? Oder behauptet es wenigstens.
Nehmt es doch einfach hin. Dann löst sich
das Paradox. Mehr kann man nicht wollen.

Das sehen alle Insider, die nicht erkannt werden


möchten, genauso. Es muss nicht hart sein, es muss
aber auch nicht weich sein, wenn du dich niederkniest
und bei Bedarf auch selbst entfernst. Es wechseln

Kitsch und manchmal spitze Nasen. Aber


keine Entscheidung wird es wert gewesen sein.
Versteht ihr denn all diese Assoziationen? Oder

braucht ihr gar keine hilfreichen Handreichungen?


Und verwehrt euch zudem gegen Zumutungen
Wie Liebe, Nachsicht und allzu gutes Zureden?

CXI
Zum Reden abgestellt

Merkvers 1

Zubehör der Welt. Schädlicher Luxus,


der es liebt, sich selbst zu verzehren.
Hoch entwickelt, bis hin zum Trugschluss,
dem Ausbund aller sublunaren Lehren.

Merkvers 2

In der eigenen Hand liegt zuletzt nichts


mehr als die Schlangenhaut der Tat, die
sie zurückließ als einzige Spur, dass sie
gewesen war, sagt neidisch der Habenichts.

CXII
XLIV

Notturno, intro- und retrospektiv

Nichts spiegelt besser als die Nacht, wenn


sie das Unsichtbare auf ihre Seite zieht. Und
wir müssen uns denken: so würde es aussehen,
wenn es nur wäre. Die Wahrheit hätte so ein

Gesicht. Wir sähen, dass sie nie die Augen


öffnet, weil sie nur sich selbst Raum gewähren
kann, in ihrer Augenhöhle. Sie ist beherrscht
von unnachgiebiger Eigensucht. Sie hat ein

seltsames Bild von sich selbst. Sie sieht, was


sie ist. Sie ist Hostie und Monstranz und die
Hand, die sie hält. Plissierter Raum der Nacht,

von der anfangs die Rede war. Der allzu kleine


Ort, wo das Gekommene vor all dem anderen,
das folgt, sich schmerzlich abwendet.

CXIII
XLVI

Ob’s unter deiner Rinde auch so

Chanson I

Jeder Anfang ist ein Anlass unendlich


vieler Enden. Das macht einen Anfang
aus. Und mehr kann ein Anfang nicht,
und mehr kann er auch nicht sein. Und

da am Anfang das Wort gewesen sein


soll, ist das Sprechen, wie uns scheinen
sollte, ein angewandtes Warten, wenn
nicht gar ein geselliges Herbeireden des

Endes. Ein interessanter Vorgang. Wir


greifen mit Worten ins Leere, um etwas
zu bestimmen, damit es enden kann. Ein

Zusammenhang, in den wir uns gerne stellen


lassen, weil es keinen anderen zu bestehen
gibt und gilt. Winterwörterreise. Pauschal.

CXIV
XLVII

Ein kleines Lob der Zeit,


das gerne in Töne gesetzt
werden möchte

Chanson II

Die Zeit ist die oberste


Gleichstellungsbeauftragte.
Auch die erfolgreichste.
Ihr Tun und ihr Nichtstun

lassen sich in ihrer Art


und in ihrem Ergebnis nicht
unterscheiden. Die Zeit
spürt und weiß auch nichts

von einem Unterschied an


Aufwand. Es gerät ihr alles
gleich in Muße oder mit

Arbeit. Mit einem Streich


erhöht sie die Flut und glättet
sie wieder. Und es war nichts.

CXV
XXLVIII

Vielleicht, denkt er sich, findet sich jemand,


der das gerne geschrieben hätte

Chanson III

Es gibt sehr viele dieser rührenden


Gesten. Aber du solltest dich lieber
mit deiner Hilflosigkeit arrangieren,
als zu gerührt zu sein. Es ist einfach

so, dass du dich wie deinen eigenen


Leichenwagen ein Leben lang, du dich,
vor dir herschiebst und denkst, du bist
ein anderer. Das tut nichts zur Sache

deines Lebens, also lass es gut sein. Aber


schütze dich davor zu begreifen, was da
geschieht. Und bilde dir nicht ein, diese

Verwechslungen und Seelensteinschläge seien


notwendig. Sie sind es nicht. Aber ohne sie
müsstest du leben und könntest nicht sterben.

CXVI
XLIX

Stellen vertreten
wie Versfüße

(Chanson à la Viennese)

Meliert
was schließlich
jeden ziert
In einem Zug

das ist klug


Keine Musik
kehrt zurück
Mit den Rosen

weggeblasen

Hast du es gesehen
Spielt mit Gespür

Drunt unterm Rasen

dankt man dafür


dankt fürs Leierdrehen

CXVII
L

Wer auf Hoffnung jagt, der fängt Nebel.


(Deutsches Sprichwort)

Denn die Liebe kann nicht um


vieles jünger sein als die
Mordlust

(S. Freud)

Auch ich bin extrem verschwiegen und


agiere im Verborgenen. Insofern unter-
scheide ich mich nicht von einem Geheim-
bund. Aber alles andere ist anders. Und

es ist auch gut, keine allzu lustigen Lieder


erfunden und gesungen zu haben. Noch
wichtiger, freilich, damit kein Geld verdient
zu haben. Das wäre korrekt nicht mehr er-

klärbar. Wir sind verfangen in dem Moment,


in dem wir sprechen, wie uns der Schnabel
aufgesetzt wurde. Das hat uns schuldig werden

lassen und wir sitzen jetzt in der Pein. Wir


hoffen, das wird sich erweisen, aber, wer
weiß, ob der Nebel nicht auch korrupt ist.

CXVIII
LI

Wie könnte denn jemand auf die absurde Idee kommen,


den Kapitalismus nicht zu loben?

Sie versuchen nicht einmal zu begreifen.


Wohlgefühl verhindert Einsicht. Dafür lassen
sie auch andere krepieren. Wohlgefühl ist
viel zu sehr ein Argument. Die größte Lust

ist es, ein Schwein sein zu können, freilich nicht


eines von den Millionen, die an den Füßen
hängend, menschlich geköpft werden. Ein
Schwein sein zu können, das heißt, alles, was

im Menschenbisher misslungen ist, ausgenießen


zu können. Das Ausbluten der Menschheit
an sich selbst, auf den vorgesehenen Liege-

stühlen, in knallbunter Sonne, denn die kaputte


Haut gehört zum Sieg dazu. Der Sieg ist ja das,
was den Hades vergnüglich macht, rückblickend.

CXIX
LII

Zwar für Nietzsche, aber zu spät

Lüftet die Welt, dann bleibt sie gesund. Wie


klug ihr seid. Die törichten Jungfrauen haben
zwar gesiegt. Auf ganzer Ebene. Man möchte im
Bett liegen bleiben und eine Limonade bestellen.

Wenn ein schwarzer Mensch dabei säße, wäre


alles gut. Unter einem großen gelben Schirm.
Und bedeutend schönen blauen Augen. Und
ein Insektenschutz ist das, was die Idee des

Webens gar nicht verkraften kann. Da öffnen


wir doch lieber die Kinos in Indien, im Jahr Drei-
tausend, mit absolut sicherem Popcorn. Die

Priester, die es dann schon lang nicht mehr gibt,


werden aufatmen. Das muss verhindert werden.
Auch der Atem toter Priester vergiftet die Welt.

CXX
LIII

Es ist wirklich furchtbar,


wie verloren das alles ist.

Wer ist denn noch bereit,


das alles hinzunehmen?

Ein Ding spricht: Ich fühl


mich gut, so mir selbst

entlaufen. Mehr, glaub ich,


kann ich mir gar nicht sein.

CXXI
LIV

Le désert à venir
- Skizzen -

oder

Es gibt noch Luftmassen und


Rettungskommandanten und
von daher weht die Hoffnung.

Skizze 1

Wenn Traum und Interesse, Wort


Ding Blick und Fühlung doch nicht
Taktgerecht geeint mehr gehen
Ist es nicht weit von einer Prügel-

Szene a capella, welche die Sinne derer


Da am Erkerfenster verderben und
Vergnügen und die Kinder kommen
Gelaufen und trommeln darein, auf

Ihren Backen und Bäuchen, und schreien


Dank: Wir werden euch mit Lust und
All eurer Bosheit beerben Wir werden

Es uns verdienen, im eiskalten Schweiß


Eures verwilderten Angesichts und besitzen im
Erprobten Fingersatz eures Ressentiments

Skizze 2

(À propos de la perfection)

Er fragt sich allen Ernstes, wie man sagt, was


kann ich tun, um nicht das Falsche zu machen?
Dass das absurd ist, das weiß er auch, und dennoch
hält er es, allen Ernstes, für die einzige noch aufge-

hobene, erhaltene und brauchbare Frage. Es sei die


Frage selbst, die sich behält und brauchbar macht, sagt
er. Sie sei nicht dafür gedacht, viel weniger dafür
gemacht, beantwortet zu werden. Ganz im Gegen-

CXXII
teil, deshalb sei sie so ideal. Wir sollten, meint er, nur noch
Fragen stellen, denen es darum geht, nur noch sich so zu
konservieren, damit die Chance, dass überhaupt etwas

bleibt, genau um dieses zarte Etwas, quelque chose conservé,


größer wird. Keine Frage, das ist eine kreative Idee, die Idee
der Schöpfung überhaupt, die um sich selbst erhöhte Idee.

Skizze 3

(Dreck sei matter out of place, soll Bulwer Lytton gesagt haben)

Der Karren hat sich endlich mit dem Dreck verbunden


Chemisch und ideell Und was sind sie geworden? Ein
Herz und eine Seele Ein Zwillingspaar der einen
Oder der anderen Ordnung Wenn du jetzt am

Karren ziehst hilfst du dem Dreck endlich vom


Fleck zu kommen und mehr von der Welt zu
sehen Verdrehte Geschichte! Der Karren ist
vor den Dreck gespannt und bringt ihn erst in Fahrt

Skizze 4

(Auch Transfiguration genannt)

Wenn du stirbst, tu es bitte mit einer Absicht,


zum Beispiel der der Selbstheilung. Eine
Intention wird, im Rückblick, jedes ihrer Medien
geheiligt haben. Das ist das, was sie früher

Verklärung nannten. Ohne zu wissen, wovon


sie sprachen. Jetzt könnten sie es wissen, wollen
aber nicht mehr davon sprechen. Weil sie sich,
den Kopf aufs Kinn gestützt, nichts mehr bedeuten.

Sie verkaufen sich und das Denken allein noch der


Form nach, nach Gewicht und nach Anschlägen (pro Zeile).
Zikaden gelingt es dagegen nicht, ihre leeren Hüllen

anstelle ihres Zirpens zu verkaufen, obgleich es eine


zärtliche Idee ist, dass noch ihre hohlen Hülsen
klingen, wenn ein wenig Wind durch sie hindurchgeht.

CXXIII
Skizze 5

(selbsterklärend)

Das Sterben wäre beiläufig, sagte ein Engel,


wenn nur die Haut nicht so krümelte. Das
vermittelt ein falsches feeling, das der Situation,
da gibt es keine Diskussion, nicht angemessen ist.

Aber Skurrilität ist ja immer das Herz des


Geschehens, wenn zu viele Pausen aufzuholen
sind und Umwege rückgängig gemacht werden müssen.

Skizze 6

In eine solche Art vom Himmel muss man


sich immer erst hineinfinden. Dazu gehört
nicht nur, seine Öffnungszeiten zu kennen.
Du brauchst die Adresse. Und die richtigen

Schuhe. Du musst Scheu und Abscheu ablegen.


Den angemessenen Ton finden. Die Umgangs-
formen lüften und polieren. Die Namen seiner
Engel kennen. Fürchte dich nicht und freue dich

nicht zu früh. Es gibt Himmel ohne Tamarisken-


Haine. Und nicht überall sind die Kioske ausgestattet
mit den Waren, die du begehren sollst.

Manchmal wird dir bang sein. Wie du es gelernt hast.


Auf dem weiten Kirchplatz. Auf der Steinbank.
Auf der Rast. Alert. Ein rundum geängsteter Vogel.

CXXIV
Skizze 7

Heutzutage euphorisieren nur noch Gedanken.


Alle anderen Drogen haben abgedankt.
Das ist die Aussage eines Optimisten und Leibnizverehrers.

Der macht am meisten aus seinem Leben,


der in der Zeit, die er hat,
seine Angst verlernt.

Und jetzt, was erklären wir uns noch? Und was


als Nächstes? Wer kann als Mantiker noch über-
leben? Überleg es dir nicht zu genau.
Sie zahlen nur den Listenpreis. Und faire

Tauschgeschäfte sind auch der gewerblichen


Spionage fremd. Tu so, als würdest du nach
alter Manier den Vogel- und den Wolkenflug,
die üblichen Gedärme deuten. Aber was die

Götter dir sagen, verschweig! Es kommt ja


noch vor, dass sie reden, im Schlaf oder beim
Spiel mit Feuer und Dornbusch, oder sich

einfach belustigen wollen. Dann freu dich


diebisch deines Gehörs und setze dich an
den Milchstraßenrand. Und lausche.

CXXV
LV

Rein Entsprungenes

Die Mühsal, sich das eigene Leben fühlbar


zu machen, steht den Leuten ins Gesicht ge-
schrieben. Leider hilft da kein Mitleid. Die
Spuren könnten sie nur selbst löschen. Aber

dazu fehlt ihnen der Anlass, heißt es. Aber auch


ihr solltet zugeben, dass es unberechenbar ist,
wann einen die Angst, der Überdruss oder auch
die Lust packt. Wir sind in fremden Händen.

Was denen wohlgefällig ist, ist uns ein Rätsel.


Und hat es nicht auch sein Gutes, sich aus den
Händen genommen worden zu sein! So können

wir uns nicht noch mehr verformen. Oder uns auf


Wege führen, die wir nicht kennen. Zum Nähren und
Liebkosen taugen sie jetzt allerdings auch nicht mehr.

CXXVI
LVI

Klar, so würde Jakob Apfelböck auch


heute nicht singen. - Aber ich tu’s.
Freilich nicht an seiner Stelle.

Ja, so geht’s schon, wünsch mir aber doch


andere Strümpfe, oder schönere, stärkere,
andere Socken. Dann wär ich ein
besserer Lehrling, Knappe und Page.

Ihr hättet soviel mehr von mir. Für ein


Paar stärkerer, schönerer Socken. Oder ich
gehörte euch zu mit den neuen Strümpfen.
Mein Stolz verschönte euch Feier und Sieg.

Aber muss ja alles nicht sein im ganzen Getriebe.


Ich fang die verflogenen Bälle und Vögel auf.
Meine typische Haltung ist dabei der elegante Knie-

fall. Wer könnte den denn täuschend nachahmen! Ich


war hier, und hab es zum zweiten Mal angestellt, nicht
dabei zu sein. - Er geht weg, und ich glaube es ihm.

CXXVII
LVII

Es gibt ein Liebeszauber, der verschwiegen werden muss.


Er wirkt nur, wenn er geschwiegen wird. Wie geht das?
Kann man etwas schweigen wie man es verschweigen
kann? Was tust du, wenn du einen Liebeszauber schweigst?

Als wäre schweigen ein performatives Verb. Von wegen!


Schweigst du denn, wenn du sagst: Ich schweige. Oder wenn
du sagst: Ich antworte einfach einmal nicht. Und lenke dich
mit anderen Worten ab. Ich blase dir genau diesen Staub von

der Stirn. Ich werfe dir diesen Felsen in den Weg. Ich fresse mich mit
diesem Rost durch deine Maske. Ausgrenzung ist auch eine Art Privileg.
Für manche Exklusion kannst du dankbar sein. Sie hat dir die Freiheit

geschenkt. Du brauchst dich nicht mehr zu beugen. Endlich hast du


einen, deinen Anteil an der Weltgeschichte. Brauchst nicht mehr Sportler
zu werden, Bergsteiger oder Modell. Und existierst, wirklich und trotzdem.

CXXVIII
LVIII

Für L. M. Gottschalk I

Was für eine merkwürdige Musik. Diese Stücke gibt


es schon ewig. Er hat sie nur abgeschrieben, und dabei
das Original erschaffen. Originale entstehen immer nur
nebenbei. Aber das muss man erst einmal beweisen.

Das geht natürlich nur, wenn man elend bleibt. Und


als halbfertiger Weltenbürger stirbt. Gemerkt hast du
es wahrscheinlich nicht, dass du ein Gott der Töne
bist. Das spricht für dich. Und wie!

Die Perfektion ist deinen Händen einfach nur


so abgetropft. Wie wenn ein Bäcker sich die Hände
wäscht, wenn eine Breze gelungen ist, ohne Stolz,

nur mit simpler hergebrachter Gewissheit. Wenn


ihr mich in Frage stellen wollt, macht es mir nach.
Der Rest ergibt sich. Ich freue mich drauf.

CXXIX
LIX

Für L. M. Gottschalk II

Das Unübertreffliche kann nur das


Aufgesetzte sein. Ich zeig dir deine
Grenzen auf. Ich sage nur: Du bist
vollkommen, der Walzer an sich,

alle denkbaren rapper eingeschlossen.


Führe dich weiter ins Unwidersprechliche,
wenn am Ende aller Pandemien nichts
mehr gegen dich spricht. Dann bist

du echt da. Als klirrender Klang. Als


Gehäuse der Unvergütbarkeit.
Hast du dir je gedacht,

dass dich etwas fördern


könnte? Über das
Jetzt hinaus?

CXXX
LX

Selbst-Analyse

Seit dem Tag, als er unsicher schwankend


zu gehen begann, sagt er immer wieder: Ich
werde zwar, wie ihr wisst, nie seekrank, aber
auf einem ruhelos schwankenden Schiff zu

leben und seinen Weg finden und gehen zu


müssen, das findet doch wohl auch ihr, wird
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mühsamer. Da
hilft die aufgestaute Übung gar nichts. Ja, da

bietet sie sich erst gar nicht an. Vielleicht sagt


sie aber auch: Dafür habe ich mich nicht auf-
gestaut. Und ich schenke mich doch nicht gegen

einen Vertrauensbruch her. Wer kommt denn


darauf! Ich streiche meine Schürze glatt und Iasse
mich gleich und lieber ungenutzt ins Ewige verlaufen.

CXXXI
LXI

Wenn die Hand des Boxers im Sandsack


stecken bleibt. Dann ist gelungen, was
erreicht werden sollte. Unwissend aber
konsequent verfolgen wir unser Schicksal.

Wie eine Boxerfaust. Die alte Liebe zu den


Anfängen rostet nicht. Das Wort bleibt im
Ohr. Wo es war, bei Gott. (Ich muss aber
aufhören, mich zu wiederholen. Ich muss damit

aufhören.) Aber dieses Bild von der Boxerfaust,


die ihr Begehren stillgestellt hat im Schlag
in Leder und Sand. Stellt sich ein Boxer denn

so den Liebesakt vor? Antwort: Selten und


kaum, nur normalerweise. Für mehr reicht
die Phantasie eben nicht. Bei allem Aufwand.

CXXXII
LXII

Ist das denn ein Zustand?

Lieben bedeutet, wenn ich das einmal


ex kathedra so sagen darf, ein Verleben.
Also ein sehr förderlicher Vorgang. Und
mitten im Vorgang auch ein Zustand, für

den, aufgrund seines Status, niemand die


Verantwortung übernehmen kann. Deshalb
stehen immer und überall Kammerjäger zur
Verfügung, mit Netzen, Hirschfängern, Schleu-

dern und Chloroform. Deswegen verlebten


auch Romeo und Julia, wie auch die anderen,
nur einige schöne Tage, adventliche Tage,

bis der Messias von Haus aus absagen


musste. Eine alte Geschichte, die immer
neu ist. Weil für anderes die Lizenz fehlt.

CXXXIII
LXIII

Berge in der Ferne kommen einem


immer bekannt vor. Auch noch,
wenn man ihnen näher gekommen
Ist. Und wenn sie einem dann sagen:

Du erkennst mich also wieder, ist man


gänzlich verwirrt und antwortet: Ja, du
bist der Berg, den ich von Ferne sah, oder
etwa nicht? Sagt der Berg: Das ist mir gleich.

CXXXIV
LXIV

Selbstabstumpfungsmittel

Hier keine Ja- und Neinsager mehr. Nur


Hin- und Hersager, Auf- und Absager, Zu-
und Versager, Das heißt: Zwischen heuch-
lerischen Polen pendelt das Wort, der Ge-

danke, die Welt. Mir kommt das Bild von


zwei schielenden Stielaugen, die so lang
sind, dass sie sich die letzten hermeneu-
tischen Sinnkügelchen zuspielen können,

in den Sinn, in Pässen, unfähig fehlzugehen,


kennen sie da doch keinen Unterschied. Wer auf
beiden Ohren stumm ist, sagt ihr Statthalter,

hat den Vorteil, kein Vertrauen erregen zu


brauchen, und weiß es am besten, zwischen
Stummheiten zu pendeln, hin und auch wider.

CXXXV
LXV

Inventur

(Ihr müsst mir das Datum selbst erschließen.


Das ist aber, keine Sorge, leicht.)

Optimistisch gesehen, werden die Tage von Tag


zu Tag weniger. Mehr kannst du nicht wollen.
Und die Lücken, von denen so viel die Rede ist,
sammeln sich und simulieren Herrschaft. Sich

ihren wahren Namen zu geben, zögern sie aber


noch, er ist schon zu vielen bekannt. Und sie
scheuen es, sich gemein zu machen, mit den
Anderen und sich selbst. Wer im Heiklen ver-

weile, sagen sie, ist wie ins Trockene verbracht.


Wie gut aufgehoben im Verschlag. Aber doch
auch nur halbverwahrt und nicht am heimischen

Herd, eher in einem Bunker. Nah, ja jäh, an der


Flut. Wir Kinder singen und zählen uns die Angst
von der Zunge. Wir haben Gift und Gas und Geduld.

CXXXVI
LXVI

Satz- und Ansatzweise

Man braucht nicht zu sterben, weil es nahe


liegt. Es ist die Frage, ob man sich auf das
Übliche einlässt. Der Tod greift zu. Aus Spaß,
das hat mit dir nichts zu tun. Es ist nicht dein

Spaß. Es sei denn, dass ihr richtig zugreift,


der Tod und der Spaß. Kinder, ihr könnt nicht
unterscheiden. Oder erklärt mich für falsch
und krank. Ich schwöre, ich gehöre an. Es

ist jetzt schon zu spät. Es ist immer zu spät,


wenn du zu erklären anfängst. Es ist wie mit
jedem Anfang bestellt. Er beginnt mit einem

Blick, der weiß, dass er sich lichten muss.


Das ist er sich schuldig. Er gehört nur sich an.
Er trägt seine ganze Last. Adams erster Blick..

Zwischenruf

Das nur zur Hilfe Beschrieene


Hält nicht Schritt
Das unter seiner Würde Beliehene
Macht nicht mit

Und ihr sprecht von Augenhöhe


Ihr kleinen Riesen und großen Zwerge
Bedenket: selbst gewitzte Flöhe
Versetzen niemals keine Berge

CXXXVII
LXVII

Ballade über wie es auch gehen kann

Es ist eine Zeit angebrochen


Und vielmehr schon vorbei
Seid nicht überrascht wenn
Ein Walfisch bei euch anklopft

Ihr öffnet ihm die Tür und der


Fisch zieht fast sündig unterwürfig
Seinen Hut und sagt: Ihr habt
Mich soweit und bis hierher

Gebracht Jetzt gewährt mir ein


Letztes Mal Gastrecht bis die Mond-
Karosse mich holt und setzt euch

Mit mir her an den Kamin Ich möchte
Nicht viel wissen nur wie um alles in
Der Welt ihr darauf gekommen seid

CXXXVIII
LXVIII

Kruste und Guckkasten und Vase

Kruste hält zusammen. Lass sie zu deinem


Vorteil gewähren. Auch Licht und Luft und
Liebe sind subtile Krusten. Krusten wollen die
dehnbarste Gestalt der Härte sein. Das sollten

wir ernst nehmen, so sehr sie sich täuschen.


Kruste ist wie jede Vorstellung die Hand vor
den eigenen Augen, die wenigstens Etwas zu
sehen vorgeben. Manchmal auch mit der Geste

der Rahmung. Vorstellung ohne Rahmen gibt


es nicht, mit Rahmen noch weniger, aber wenigstens
ist sie dann da, kraftlos und schön. Transporteurin
ihrer selbst. Wir sind unsere Gemeinsamkeit. Die

Anschauung, die uns gerade noch fehlt. Wie


den Plastikväschen, die einst an den Armaturen-
Brettern der Autos, auf jene Blüte aus Nichts warteten,
die, wie es mir scheint, Mallarmé uns versprechen wollte.

CXXXIX
LXIX

Die Trauer über die Unerreichbarkeit des Ideals,


in all seinen Formen, gestern, vorgestern
und heute, ist der verkehrte Stoff des Erstaunens.
Welchen Staunens? Des Staunens vor dem

Tod. Gibt es denn ein anderes? Affiziert denn


etwas anderes mehr? Ich glaube Freud, wenn
er sagt, glaubt keinem, der sagt, es gibt einen
größeren Schrecken. Es sei denn sie meinen

damit ihr Leben. Das ist dann nur eine ungenaue


Redeweise, ein Zungenausrutscher, wie sie ihn
lieben. Verzeiht, dass ich durch versteckte Zeitbezüge

den Wert meiner Texte immer wieder mindere.


Aber wenn ich sie ganz ausließe, wie könntet
ihr wissen, dass die Analyse stimmt? Wie?

CXL
LXX

Nicht nur die Kinder sagen: Das zurückgelassene


Trockene Brot der Anderen kauen und essen
Zu müssen das mindert die Entdeckerfreude
Die wir an der Welt haben könnten Aber

Wen könnte man denn vors Tribunal fordern


Die die ich nennen könnte würden nicht kommen
Oder alles leugnen oder die Zwangsneurotiker
Unter ihnen würden ihre sämtlichen Hände

(auch die unsichtbaren unter ihnen) in Unschuld


Waschen. Es könnte einem so vorkommen als führte
Eine Lady Macbeth mit Waschtrog und starker Hand

Die Regie. Mit anderen Worten, sagt einer, so zu


Tun als wüschest du alle Schuld dir weg funktioniert
Zwar nicht aber schützt vor Strafe (Reue inklusiv)

CXLI
LXXI

Sicher bist du nur, wenn du in deiner Existenz


festgefahren bist. Auch der kleinste Rest von
Beweglichkeit ist dann eine unabschätzbare
Gefährdung. Der Rat, stecken zu bleiben und

dich nicht zu rühren, ist unbezahlbar und


undurchführbar. Natürlich ist es immer ein Glück,
viel übersehen und auch überlebt zu haben, ein
Netz vorweisen zu können, das, so zerrissen es auch

sein mag, durch Geruch, Wunden und andere Formen


des Dabeigewesenseins eine deutbare Sprache spricht,
das genügt uns, unsere Nähe anzubieten, aus makellosem
Mitgefühl, aber ohne jede Garantie von Heilung. Zum

Erspüren der Gipfel erdnaher Menschlichkeit


braucht es gute und geübte Hundenasen.

CXLII
LXXII

Ich habe immer, also schon sehr lange, gedacht,


ich habe keinen so wohlgeformten Kopf wie
fast alle anderen, eine Glatze kann ich mir
schon gar nicht erlauben (was ich zwar aus

ästhetischen Gründen nie wollte, aber der


Druck, der Druck von außen: Du bist nichts,
wenn du keine politische Glatze trägst oder
kein schwuler Ledertyp bist). Ich hatte ein

wenig Glück, weil ich schon früh vom Blonden


ins Weiße kippte. Meine Natur hat mich an der
Mode vorbei geschleppt. Ich habe das stilisiert

und mir gesagt, du musst nur an dir vorbei


gehen, um zu sein. Und ich nutze die Medien
zu Tode. Zu ihrem und noch mehr zu meinem.

CXLIII
LXXIII

Warum spricht man nicht davon, dass die


Gefangenen in Platos Höhle nicht einmal
wussten, dass die Schattenbilder, die sie
sahen, nur Abbilder waren, und was sie hörten,

nur Echos waren, wie wir lesen. Sie konnten von


dem, was sie sahen und hörten, nicht schließen
auf das, was es war. Sie wussten nichts von
Schatten und weniger noch von dem,

das die Schatten warf. Sie wussten nicht, dass


sie ein Echo hörten und konnten sich nicht
fragen, das Echo welcher Stimme es war.

Sie waren ganz Gefangene ihrer Sinne, Gefangene


ihrer selbst. Als Ding und Bild. Der Frage
nach der Wahrheit bedurften sie nicht.

CXLIV
LXXIV

Warum spricht man nicht davon, dass die


Gefangenen in Platos Höhle nicht einmal
wussten, dass die Schattenbilder, die sie
sahen, nur Abbilder waren, und was hörten,

nur Echos, wie wir lesen. Sie konnten von


dem, was sie sahen und hörten, nicht schließen
auf das, was es war. Sie wussten nichts von
Schatten und weniger noch von dem,

das die Schatten warf. Sie wussten nicht, dass


sie ein Echo hörten und konnten sich nicht
fragen, das Echo welcher Stimme es war.

Sie waren ganz Gefangene ihrer Sinne, Gefangene


ihrer selbst. Als Ding und Bild. Der Frage
nach der Wahrheit bedurften sie ja nicht.

CXLV
LXXV

Einsamer Punkt in einem einsamen Kreis

Warum sage ich: Es geht mir etwas durch


den Sinn? Etwa wenn ich die männliche Hand
aus Marmor sehe, die Canova auf einen
weiblichen Oberschenkel aus Marmor gelegt

hat, indem er Hand und Schenkel aus demselben


Stein hervortrieb und befreite. Ich schließe
die Augen und bin vom Nachbild der unsäglichen
Zartheit, die ich da sah, geblendet und

bis ins Innerste getroffen, wie ihr sagen würdet.


Was geht mir da durch den Sinn? Durch diesen
zu kleinen Abstellraum des Universums.

Der Stein. Die Zartheit. Die Blendung. Das


Unsägliche, das anders benannt sein will. Also
nichts als ich selbst? Le Papillon né en pierre.

CXLVI
LXXVI

Patmos?

Die Forderung ist, bringe das immense


Gewesene auf den Punkt, seinen und
deinen. Nimm dabei die geforderte Rück-
sicht. Als wäre das möglich. Du denkst

an das demonstrativ verlassene Haus


auf dieser griechischen Insel, das dir so
sinnlos schien. Es gibt diese verwegene
Schönheit des Zurückgelassenen, mit

den Efeuranken, um die verstaubten


Fenster geziert. Ein Haus mit dem einen
Sinn, dass der Weg es umgeht. Wie die

Zeit es umgangen hat. Der günstige Zufall


ist immer ein Haus mit geschlossenen
Augen. Dem du gleichgültig bist.

CXLVII
LXXVII

Bilateral

Immer ragt etwas drüber hinweg. Wie die


Wegmarke auf der obsoleten Landzunge.
Hier geht es endlich weiter im Kreis. Alles
ist gut. Ein Nachbar fragt mich: und das

stammt von dir? Das soll Ich glauben? Ich


kenne keine Endstation mit dem Namen
Pardon. Aber Ankunft heißt, sich zu schämen
für die, die dich hierher gebracht haben. Und

Versöhnung ist ein Vexierbild aus Krater


und Wunde. Wenn wir doch bloß jeden Herbst
die Seele abernten könnten wie einen Obstbaum.

Aber so? Wir setzen uns an und lassen uns im


Ansatz stehen. Gott aber sagt: Wenn sich Blattgold
löst und im Windzug zittert, ist es am schönsten.

CXLVIII
LXXVIII

Neurowissenschaft für Dummies


und
Eine Moritat für eine schleppende Drehleier

„Das Unbewusste, mein Herr, ist strukturiert;


wie eine Sprache.“ - Das klingt doch noch sehr über-
zeugend, fast zivil . Daher schließe ich wieder meine
Augen, um es auch zu sehen, um es zu sehen, das

Gewirr und Gestrüpp aus Lianen und Trapezen,


die von der Kuppel hängen. Tarzan oder einen
anderen opérateur, und sei es nur ein ganz
kleines sujet, suche ich aber vergebens. Ge-

schlossne Augen zu bewegen reicht dazu nicht aus.


Aber wie die Lianen sich winden und schlingen, die
Trapeze mehr flottieren als schwingen in der Keim-
blase des Sinns, das ist ein echtes Spektakel,

wenn auch nur, ach, ein Schauspiel in einer


Schädelzirkuskuppel hin und her und retour.

CXLIX
LXXIX

Regnerischer Totensonntag
(Früher bei Kaffee und Kuchen)

Manchmal kommst du nicht umhin,


auch sentimental zu singen.
Es ist, wie wenn du sagst: Ich bin,
nur um dich von dir abzubringen.

Die Reihe der Bemühungen ist lang,


an der Zeit zu drehen.
Was bisher dabei gelang,
wäre auch von selbst geschehen.

Du darfst dir ja denken, du seist,


nur, weil dich etwas dazu zwingt.
Doch alles, was ein Etwas heißt,
ist eine leere Hand, die winkt.

Kannst eh nur das (zufrieden) weitergeben,


was du dir eingespart an Leben.

CL
LXXX

Aber als Gott dachte, er müsse die


Ordnung endlich stören, hatten es die
Menschen schon getan. Er stand da mit
seinen Rammböcken, Steinschleudern,

Kanonen und Schneepflügen und war


zu spät gekommen. Der Herr der Zeit
hatte sich geirrt, das Unmögliche, das
war einfach geschehen, es war unter-

laufen, aber wem? Da war kein anderer.


Er musste sich sagen, dass er sich allen Wandel
damals bei der Schöpfung ganz anders gedacht

hatte. Als einen braven Jungen. Und nicht als


eschatologischen Hallodri mit Schiebermütze,
als den Cagliostro des marché noire mondial.

CLI
LXXXI

Zeuxis

Die Präzision des Schmutzes. Das Fruchtfleisch


jeder Landschaft. Ich denke aber vor allem an,
ich sage jetzt einmal: Andalusien. Zu einer Zeit,
als aus Pestgründen die Brotpreise für alle zu

hoch waren, viel zu hoch. Sie konnten sich danach


nur recken, wie nach den Wolken, die sie für Trauben
hielten. Ohne zu wissen, dass sie Recht hatten. Und
tatsächlich schien das, was sie tasteten und schmeckten,

echt zu sein. Und es bereitete Genuss. Nahrhaft war es


freilich nicht. Aber schön wie der Schatten einer Fliege
auf der glatten Haut einer Frucht. Wir haben nicht mehr

so viel Glück, das glauben oder sehen zu können. Unser


Hunger reicht dazu nicht mehr aus. Wir sind nicht
mehr unversehrt genug, uns der Angebote zu bedienen.

CLII
LXXXII

Nimm deinen Vater in den Arm, schau mit


deinen fast 185 Zentimetern auf ihn herab
und sage: Lass es mal gut sein. Du nervst,
aber ich habe eine große Akzeptanz für dich.

Es ist dir schon nicht gelungen, dich selbst


zu erziehen. Und dass ich deine Unternehmungen
wiederholen soll, kannst du ja aus Liebe zu mir
nicht ernsthaft wollen. Lass dich los und

überlass dich mir. Söhne sind immer die


besseren Väter. Weil sie weltgeschichtlich
kürzer, aber doch halt erfahrener sind. Sie

kennen sich hier halt besser aus. Papa, lass


dich einführen in die Welt! Das nutzt mir und
hilft dir. Bis du mit meinem Sohn durch den Park tollst.

CLIII
LXXXIII

Die Zeit zählt uns was vor


und mit Fäusten die Zinsen
auf den Tisch. Und wir sitzen
da und halten wie Kinder

Messer und Gabel und


drohen mit unserem Hunger.
Aber die da, die wir für die
Kellner halten, sind nur

zu unserem Schutz hier


abgestellt. Sie antworten
uns nicht, weil sie uns

nicht verstehen. Und auch


nicht zählen können. Und Zeit
und Hunger sind ihnen fremd.

CLIV
LXXXIV

Du stehst uns stets bevor


Und winkst mit Trost von fern

Die Hand die uns verlor


Winkt von dem anderen Stern

Dem Stern des zu früh


Gesagten

Und dann irgendwie


Auf ewig Vertagten

CLV
LXXXV

Beim Anhören der Bach‘schen


Johannes-Passion

Vielleicht die letzte Anzahlung für


einen Logenplatz auf Golgatha.
Vollbringen sollen‘s die anderen.
Wir trauen uns noch nicht alles zu.

Und denken uns, denkt nur, wir


brauchen noch Vorbilder, die unsrer
Eigenliebe schmeicheln und lehren,
wie wir uns selbst beweinen. Aber

Passionen zu delegieren, dabei werden


wir doch gerne bleiben. Sie sind ja
nur weitergegeben, wie eine zu heiße

Tasse Bluts, die weiterzugeben wir uns


die Lizenz erworben haben. Zusammen
mit den Logenplätzen auf Golgatha.

CLVI
LXXXVI

Hervorbringung ist, sagt er, eine Form


der Selbstanwendung. Und sollte nur
deshalb nicht gewalttätig sein. Weil sie
dann zwangsläufig nicht viel von sich hat.

Und jedes Neue, das aufdeckt, ist so groß


wie die Sprengkraft der Wiederholung. Das
Neue hat nur ein Vorbild, die Apokalypse.
Aber Kraft nennen wir nur das Unsichtbare,

auf das wir seine Effekte zurückrechnen, zu-


rückzurechnen versuchen. Die mächtigste Kraft
der Verbindung ist, ihr wisst es ja auch, die

Unterscheidung, die schwerelos schaukelnde


Lücke, der Ausbruch der Muße zwischen den
Polen des Universums; ganz vorläufig gesagt.

CLVII
LXXXVII

Dreh- und Angelpunkt


oder
Convulsion sans contenu

Kann man denn seinen Gedanken nur


hinterher sein? Nein. Sie sind es dir. Du
bist dein Hintergedanke. Du bist der Sinn,
der an dir rüttelt. Aber die Welt wacht

auch in dir nicht auf. Du bist die Tür, die


sie in sich schließt. Oder ist es eher um-
gekehrt? Das scheint mir fast plausibler:
Die Welt ist die Tür, die sich in dir schließt.

Es ist wie bei Zaubersprüchen, bei denen


etwas vergessen wird. In der Eile. Eine
Konvulsion ohne Gehalt. Es ist zwar nicht

schön, das so sagen zu müssen. Es bringt


sich an die Grenze, wo es deutlich
spürt, wie es sich endlich hintergeht.

CLVIII
LXXXVIII

Hälfte der Wahrheit

Es ist das Verwischen, ohne das nichts


geht. Das ist das Wissen, das Gott
zu Gott macht, wo er auch wohnt. Und
das ist auch der Grund, weshalb wir

immer wieder von ihm reden müssen, jenseits


aller Gottesbeweise. Er taucht nur auf,
wo du den Sand verwischt hast:

CLIX
LXXXIX

Wüsten-Moritat
(Auch eine Prekariatsstudie)

Auch das Denken eines Säulenheiligen


ist stark von seinem Standpunkt geprägt,
vom Sonnenstand, der Temperatur, vom
spektakulären Stand der Säule, die ihn trägt.

Auch darf an der Stelle, wo er steht,


der Himmel nicht so tief sich senken,
dass er dem Stylian zu nahe kommt, denn Gnade
darf sich nicht so unkontrolliert verschenken.

Auch darf kein Sandsturm sich so hoch erheben,


dass er die Säule etwa rings bedeckte.
Das wäre dem Heiligen ein Schlag ins Kontor.

Wie könnte er dann denn noch erleben,


dass ein Engel tief und liebevoll erschreckte,
ihn auf die Arme nähme und nach oben trüge und empor.

CLX
XC

Strukturell vergebliche Warnung,


quasi kassandrisch

Wir sind nur Teil der Tage die wir teilen


Wann immer sie gewesen sein werden
Der Anspruch auf nur eine der Seiten
Eines Blatts oder einer Münze zeugt nur

Davon nicht eingespielt zu sein ins Spiel


Der Regeln und heißt sich eine Freiheit zu
Nehmen die sie dir nicht lassen nicht weil
Sie es dir nicht gönnten es ist ihr Prinzip

Das alltägliche Fest der Unterwerfung für


Das sie leben und das die Nahrung ihrer
Todesangst ist ihr letzter Besitz - da

Kommt ihr grade recht mit euren mode-


Raten Ansprüchen und spielt euch in die
Falschen Hände die nur auf euch warten

CLXI
XCI

Er hat ein jugendliches Gesicht, sagt aber nicht,


warum. Aber ich weiß es, und verrate es euch: Seit
Jahren kratzt er sich, Tag für Tag, das täglich ange-
lagerte Alter mit seinen Fingernägeln vom Gesicht.

CLXII
XCII

Der Traum zieht nach Kriterien, die oft


rätselhaft erscheinen sollen, Versatzstücke
des Lebens zusammen, wie Eisschollen,
und verkettet sie. Und färbt sie ein. - Ich

meine nicht mit Farben, - wobei, - das wohl


auch -, es ist aber eher ein sichtbarer Ton,
der dem Stückwerk die Einheit der Zerbrech-
lichkeit verleiht. Dem du mit Behutsamkeit

antwortest. - Wie sonst? - Zerstörung, Angst


und Trauer kredenzt dir der Traum so in
traumhauchdünnem Porzellan. Das kann er

freilich selbst nicht lange ertragen. Aber


immerhin, seine Handwerkskunst und deine
Behutsamkeit passen wie Faust und Auge.

CLXIII
XCIII

Nach Rameau

I Zais rennt

Er wäre gerne einer der Dichter,


die einmal waren, und sagen: das
weht vorbei, wie jedes Schicksal
und wird sich nur kurz vor der

Ewigkeit einmal umdrehen, wie


jeder Engel es zu tun plant. Es
Ist ein schwieriger Stand, Sub-
Unternehmer der Schöpfung zu

sein. Engel. Dichter. Jongleur


und dergleichen. Sie haben die
Augen nicht unter Kontrolle. Sie
verlieren das Gleichgewicht. Sie

vergessen ihr Haus zu bestellen. Und


Schuhe an den Füßen haben sie auch nicht.

II Corps sonore, déplacé

Ordnung aus der Unordnung entsteht


schnell. Unordnung aus der Ordnung
nur langsam. So oder so ist es eine
Frage der Zeit. Der Organisation. Gedanke,

der sich fasst, so oder so, encore, wenn


auch nicht immer toujours. Die Gedanken
rollen, sagt er, über die Dinge der Welt,
wie die kleinen Wellen des Bachs über

die Kiesel. Zum Funkeln bedarf das aber


noch der Sonne, der einen oder der anderen.
Die stellen sich nicht immer ein. Dann rollen

die Wellen ohne sich zu sehen. Es genügt ja


auch, dass sie sich hören. Das haben sie
den Sonnen voraus. Aber nicht mehr, non plus.

CLXIV
III Partituren des Raums

Bringt mir die tragfähigsten Paletten aus


Sand, die euch noch bleiben. Und stapelt
darauf die Quintparallelen der Kindheit,
an denen ihr die Unendlichkeit maßt.

Ja, hinter dem Übermut erst sollten wir


auf Sand bauen. Und verhaltene
Synkopen wie Gerüchte streuen. Wenn
wir doch genauso leicht den General zu

einer Pause zwingen könnten! Und dann ist


da noch die Dynamik der Treppen! Dass die Himmels-
tonleiter eine Strickleiter ist, prägt unseren

unsicheren Tritt. Aber dass die genannten Paletten


nicht zerfallen, zeigt, dass auch Sand balancieren
kann, wenn er nur die Form wahrt.

IV Clairière, in Ansätzen synästhetisch

Er schreibt, sagt er, sein Leben nieder,


unter dem Aspekt, wie sich sein Blick
auf die Langeweile von Station zu
Station geändert hat. Wie sich der

Blick der Langeweile auf ihn, von


Station zu Station, verändert hat.
Nun sieht es ganz so aus, als wäre
das Leben ein Blickaustausch, von

Station zu Station. Ein Blickwechsel-


bad. Eine Verwechslungstragödie. Du
setzt eine Figur auf ein Schachbrett,

zögerst, sie loszulassen, schließt die


Augen, denkst. Die Hand des Gegners legt
sich auf deine und sagt: Tu das nicht.

CLXV
V

In der Manier

Wenn sich etwas, das gar nicht so gedacht


war, in der Manier einer Fuge entwickelt, muss
es im Keim eine Notwendigkeit dazu gegeben
haben. Und wenn es geschieht, verzeiht das

ungeeignete Bild, als würde ein Auge sich


öffnen, ungeübt, weil es gerade erst den Befehl
zu werden empfing, ist das ein größeres Wunder,
verzeiht den plumpen Vergleich, als würde es

sich zum ersten Mal ereignen. Und so geht es


dahin, eilig, unbewehrt, aber eingedenk der
Einflüsterungen seines Keims, eben ganz nach

der Manier einer Fuge. Erkennen kontert dem Erstellen,


Punkt für Punkt. Und eines ist dem anderen voran. Jede
Fuge baut an der Ewigkeit, auf zurückhaltende Weise.

CLXVI
XCIV

„Lass mein Herz die Münze sein.“ (BWV 163)

Frauen geht es gut. Das ist eine komplizierte


Sache. Sie brauchen den Spiegel nicht frei
zu wischen. Auch Kondensmilch trinkt nicht
jede gern, zumal nicht ungemischt. Aber das

gebietet ja schon die Vernunft. Eine kluge


Aufstellung. Bis in die Haarspitzen. Und
Auferstehung, das ist eine Fingerübung,
zu der ihr euch Zeit lassen dürft. Denn

wenn ihr sie sofort absolviert, wird es


schwierig. Dann steht ihr da wie Leute,
die sich angesprochen haben, aber nicht

wissen, wozu? Mit diesem Profil hat niemand


eine Chance. Ja gut, ein toller Tanz ist es schon, in
der Undeutlichkeit. Adoptionen wirken in die Zukunft.

CLXVII
XCV

„Ach so komm doch und erneure!“ (BWV 163)

Seht ihr das auch so deutlich wie ich? Oder


habt ihr noch schlechtere Augen? Das hättet
ihr vermeiden müssen. Augenbörsen finden
zu selten statt. Aber auch das muss man, zu-

gegeben, lernen. Solange wir so gut sehen,


dass wir die Hand, die wir uns vor die Augen
halten wollen, noch lenken können, sehen
wir genug, Und brauchen die Haftung nicht

aufzugeben. Und einer könnte kommen und


lachend sagen: „Na, ihr steht ja noch mit beiden
Beinen in der Welt! Aber nur ich darf das noch

sagen. Ihr habt euch das Vokabular ja schon längst


verwirkt. Darin wart ihr wirklich geschickt. Ich
hatte anfangs nicht gedacht, dass das möglich ist.“

CLXVIII
XCVI

Des abîmes rieurs

Wenn Abgründe ins Auge stechen wie Diamanten


Oder glänzen wie Teer, sind sie noch einladender, er
möchte sagen: koketter. Wenn dann noch eine Art
Erdbeben spürbar ist, schütteln sie sich nur vor

Lachen, über sich selbst. Und verstehen das Amt


und die Reize, die sie ausüben, jedes Mal weniger
als je. Sie kennen sich ja, in- und auswendig, und
sie wissen wenigstens soviel, dass sie sich selbst nie

auf ihren verführerischen Leim gehen würden: Was


ist denn bloß mit denen los, die in uns eine ultima ratio
sehen? Wir nennen es eine ultima stultitia. - (Wenn ihr

jetzt hören könntet, wie die Abgründe kichern, o, ihr würdet


glauben, die Sirenen singen zu hören. Und es wäre um euch
geschehen. Mancher Instinkt ist nur hilfreich, wenn er schlummert.)

CLXIX
XCVII

Man sollte nicht zu sehr beruhigt sein wenn


Die Dinge in die Richtung des Himmels gekeilt
Zu sein scheinen Wisst ihr denn ob die Richtung
Stimmt Ich glaube ihr könnt über Dinge die über

Eure Hutschnur gehen keine rechte Auskunft geben


Und wenigstens eurer Unwissenheit gegenüber solltet
Ihr zurückhaltend und zuvorkommend sein Auch mit
Den modischsten Lügen fangt ihr nichts mehr ein

Oder es entgeht euch wieder Wie ein kleiner Vogel


Der sich rettet Wie der Sand der immer klug genug
Ist zu rinnen Überhaupt ist es ja immer klüger zu Zer-

rinnen als es nicht zu tun Das ist nahe der traditionellen


Klugheit der Zeit die sagt: Ich halte es mit der Musik und
Atme mich ein wenn ich vergehe Euch gönne ich mich nicht

CLXX
XCVIII

(Didactica parva I)

Vielleicht kehrt ja das, was darüber hinaus


ging, doch einmal wieder zurück

Nimm an du bist ein virtuoser Fagottist und


Kannst mit jedem deiner Töne etwas sagen
Und hättest damit sogar Recht Und bist ein
Noch nie dagewesener Meister deines Fachs

Wie das so unpassend genannt wird Aber das


Können wir hier lassen weil es egal und nicht
Zu ändern ist Nimm lieber an dass du alles was
Du willst und kannst in eine tönende Waagschale

Legst, zärtlich und absolut klingend, also nicht


Wie Münze, dann musst du dir denken können dass
der Raum in dem Aufnahmestudie den du teuer

bezahlen musst doch nicht von dieser Welt ist Und du


brauchst nichts zu tun Dein Instrument übernimmt Und
schenkt dir all den Atem zurück mit dem du es je gefüllt hast

CLXXI
XCIX

(Didactica parva II)

Wimpern, zumal

Manchmal sind wir unterwegs, auch du


und ich, mit falschen Wimpern, die sich
dann ins Unendliche auswachsen. Ihr Glanz
wäre schön, wenn wir woanders wären, so

steht es in den Akten. Aber solche Wimpern


bringen in Verbindung, mit allen denkbaren
Enden der Welt. Eine große Versöhnungsfeier
zwischen allen, die sagen können: Hier bin

ich! Durch Wimpern bezeugt, besser geht es


nicht. Im Griff von Wimpern zu sein ist so
denkbar, wie es keinen Grund gibt, jemanden

zu küssen, nur der Statuten wegen. Die Bequem-


lichkeit bringt immer die anderen zum Opfer.
Breite die Arme aus. Für das Unaufhaltbare.

CLXXII
C

(Didactica parva III)

Etwas erübrigt sich immer

Daran zu scheitern, imitiert zu werden,


ist ein großer Erfolg, für den, der nach
Anerkennung sucht. Es legt sich alles nur
so aus, wie es nicht gedacht sein konnte.

Du musst darin auch Generosität erkennen.


Ein Geschenk, das aus seiner Zurückhaltung
besteht. Ein Geschenk aus Sparsamkeit. Das
will etwas heißen, wie ein Paukenschlag.

Dein Widerwille gehört dazu. Und wird allen


verständlich sein. Und wenn du dich bemühst,
hast du vielleicht noch den Gewinn, zur

Scham der anderen zu werden. Dann hast


du es, das Seinsgefühl, das du brauchst, um
es vermehren zu wollen. Der Teufel freut sich.

CLXXIII
CI

(Didactica parva IV)

Es heißt Hufeisen und ist doch ein Hoff-Eisen,


ein Gesprungenes, ein vom Huf Weggeprungenes,
wie ein Dieb, ein gerissener Kreis, zu seinem
Besten verformt, wird es aber daraus nicht

machen können. Nein, da kommt nichts Gutes


dabei heraus. Es bleibt bei sich, wie es ist. Wie
alle, die ihre Chancen vertun, weil sich vertun

so leicht deuten lässt. Eines geht und keines


kommt. Keines bleibt und niemand geht. So sieht
es zumindest aus. Wie wir alle, die wir unsere Chancen

vertun. Und so tun, als würden wir es gar nicht


bemerkt haben. Die Wahrheit ist, dass uns Disteln
verschrecken, seit wir an denselben Ort gehören.
Und in Dornen keine Gelegenheit mehr sehen.

CLXXIV
CII

(Didactica parva V)

Spionage auf Murano

Es ist amüsant zu sehen, wie einer, der, wie


er sagt, alles bezweifelt, sich selbst aber
ausnimmt. Amüsanter noch ist, wenn einer
sagt: ich hasse alles, sich selbst aber über-

sieht. Und beiden gelingt dies nur, weil sie nicht


wissen, was sie tun. Lieber Gott und lieber
Hegel, verzeiht ihnen trotzdem nicht! Lasst
sie einfach zurück, in der Hölle ihres Denkens.

Ihr habt ja jedes Recht dazu. Und tut ja letztlich


nur, was sie wollen. Ohne es, wie gesagt, zu
wissen. Logik im Selbstvollzug. Wenigstens

das sollte an der Schöpfung noch rühren,


dass die Strafe immer auf eigenem Fuße
folgt, syllogistisch und unerbittlich.

CLXXV
CIII

(Didactica parva VI, am Ende mit einer Frage an Hofmannsthal))

Erinnerung ist, um ein kurrent beliebtes Bild


zu nutzen, eine Blase, unter jedem Blickwinkel.
Und jeder Blase fehlen alle anderen. Sie sind
nicht monadisch organisiert. Was eigentlich

nicht möglich sein sollte. Aber den Erinnerung


genannten Blasen eignen Künste der Abschottung,
die unerklärlich sind. Und ihre Motive bringen
keiner Blase einen Vorteil, nicht einmal den des

Bestands, geschweige denn den des Selbstgenusses.


Überhaupt ist der Selbstgenuss einer Erinnerung eine
seltsame Vorstellung und Verrichtung, weil er einer

Verleugnung gleichkommt. Kannst du dir vorstellen, dass


eine Bienenwabe zum Archiv taugt? Wenn ja, dann sage mir,
woher wir (welchen?) Honig holen oder nehmen sollen.

CLXXVI
CIV

(Didactica parva VII)

Glas und Quecksilber

Die Dinge zusammentragen, bis sie sich alle


umhüllen, wie eine Oberfläche die anderen.
Schürfrechte erhält nur, wer immer schon einen
legitimen Anspruch hat. Oder zu ihren, der

Dinge, Rettern gehört. Das heißt, die Vergabe


sollte doch einfach sein. Denn Ansprüche haben nur
Wenige. Und die können sie zwar leicht begründen.
Aber das ist auch ihr Problem, das ihnen einen

Strich durch die Rechnung machen wird. Die


Dinge, in welchem Zustand auch immer, auch
als Wunder oder Oberflächenaggregate, haben

ihren Stolz, den sie an niemanden verlieren


wollen. Wer immer glaubt, sie (sich) leicht nehmen zu
können, folgt ausgesprochen unbedachten Prämissen.

CLXXVII
CV

(Didactica parva VIII)

Selbst beim Tee gedenkt meine linke Hand Hegels

Jetzt noch in einem Geisterreich Karriere zu machen,


das wäre der Gipfel. Aber du würdest vor Scham noch
im Boden des Geisterreichs versinken. Gewonnen wäre
nichts. Gut, ich konzediere: dasselbe an einem etwas

anderen Ort, das ist nicht ganz dasselbe. Soviel Einsicht


sollte dir das Denken gebracht haben, auch wenn es dafür
nicht die kleinste Spur einer Garantie gibt. Aber du kannst das
angenehme Gefühl, wenn du einen Löffel Honig in deinen

Tee einrührst, mit der linken Hand, und der wirkliche oder
nur gedachte Widerstand der Flüssigkeit löst sich auf, wie
nur ein Widerstand sich auflösen kann, fast unbemerkt.

Und deiner Hand, in diesem Fall der linken, ist es fast peinlich.
Wenn sie könnte, wenn sie Augen hätte, drehte sie sich um und
sagte zu den Passanten: tut mir leid, so war es nicht gemeint.

CLXXVIII
CVI

Wie man seine endzeitlichen Augen


in Unschuld wäscht

Uns geht es besser, seit wir verunsichert


sind. Was war das für eine Verantwortung,
als wir noch, zusammen mit der Welt, im
Zentrum standen. Seitdem kennen wir

keine Rücksicht mehr und feiern, endlos,


unsere Freiheit. Als ob wir sie hätten. Und
jagen ständig Hasen, die wir, sagt Pascal,
nie gekauft hätten. Unser Begehren wenigstens

muss uns überleben. Sonst wäre kein


Zeichen, dass wir gelebt haben. Der wirkliche
Engel und Augenzeuge wird der tote Hase

sein. Auch wenn er, als Präparat, nicht mehr über


seine eigenen Augen verfügen wird. Er braucht also
ihren Glanz, wenn es dazu kommt, nicht zu verantworten.

CLXXIX
CVII

Richtiggestellt

Ich habe nicht Herzblut gesagt.


Herzblut, das sage ich nicht.
Ich habe nur Herbstblut gewagt.
Halb Traum, halb Gewicht,

Gewicht der Tamariskenart.


Gewicht von Herbst und Blut,
so leicht dass es dich narrt
und sagt: Ich bin dir gut.

Ich bin dir Stand und Fluss.


Ich lasse dich nicht gehen...

CLXXX
CVIII

Die Erinnerung kann einem vorkommen


wie eine mildtätige Quelle. Und es braucht
einen nicht zu scheren, wie unpassend dies
Bild ist. Solange es wirkt. Solange es das

bewirkt, was es sagt. Und vielleicht hat es


ja doch etwas für sich. In der Erinnerung eine
Quelle zu sehen, das bezeugt einen Wunsch.
Das Mildtätige ist ein Entgegenkommen, eine

Zutat. Eine freundliche Geste der Erinnerung.


Eine Geste, mit der sich eine Quelle freigibt.
Zur Verfügung stellt, rückhaltlos. In einem

Maße, dass der Wunsch erschrickt. Und


wünscht, er könnte einen Schritt zurücktreten.
Aber die Quelle hat ihn schon überholt.

CLXXXI
CIX

Gefahr gedankenreicher Willkür in Verzug. Wenn


immer Gefahr in Verzug ist. Und jemand wider
das Gesetz eine Tür öffnet. Und sofort. Und
diesen Raum betritt, diese bedrückende

Kaverne des unendlich Offenen, dem du


doch vertrauen möchtest. Und das du mit
dem ungesetzlichen Schlüssel wieder
schließt. Von innen. Unendliche Enge,

die gerade noch Raum zum Atmen


lässt. Und du dennoch mit den
Lippen gegen die Wand

schlägst. Aber Atmen muss sein,


auch hier, in der Gefahr, mit
verzogenem Mund.

CLXXXII
CX

Der Spaziergang: darin sehen manche


Immer wieder gerne einen guten schlanken
Titel. Hinter dem eine Welt, eine Armee
mit alten allzu blanken Helmen sich formiert

und aufmarschiert. Und silbrig verspielt


schimmert. Zinn im frühen Sonnenlicht,
schön anzuschauen. Zu großes Spielzeug,
verrät es uns, des Werdens. Der Weltraum

läuft davon über. Der Messias, schreit einer,


hat seine Küche Hals über Kopf verlassen
und die Töpfe auf dem Herd stehen lassen,

nun kochen und laufen sie über, zu uns, spielend,


mit wehen Fahnen, Zinn und Zeug, Silber,
Frühlicht, Hals und Kopf, Topf und Helm.

CLXXXIII
CXI

Analoge Anlagen

Gott war ausnahmsweise gut gelaunt und


kritisch und sprach: sie vollziehen sich sehr
flach, auf niedrigstem Niveau, wie ich es sehe.
Was haben sie mit dem Ehrgeiz gemacht, den

ich ihnen mitgegeben habe? Ich möchte nicht


geradezu von Verrat sprechen, aber sie
haben mich unter Wert verkauft. Das entspricht
nicht dem Programm. Ich bin bekannter-

maßen nicht nachtragend, aber gekränkt hat


es mich schon. Schöpfer sind da ein wenig
empfindlich. Das hat nun mal sehr gute Gründe.

Schöpfer schmerzt es, wenn ihre Anlagen vertan


werden. Gleichsam in den kosmischen Wind
geschlagen. Und die Kreaturen halten es für normal.

CLXXXIV
CXII

Mischfront, meteorologisch gesehen

All diese Blätter, mit Rändern, wie Sägen,


sie fallen dennoch selbstverliebt und sacht.
Sie sind klug, sie wissen, was sie haben wollen,
können sie sich nur selber geben. Wenn

das, was man sich nur selber geben kann,


aber auch die größte Gefahr bedeutet, ist
die Lage kompliziert. Und schön. Wir lieben
Falten, je ausgepichter sie sind, wir sind gut

darin, uns das vorzumachen, was uns


braucht. Wir folgen unverzagt den Anweisungen
der Engel über die unwirtlichen Rampen

der Zeit. Wir arbeiten an der Anmut des


Schwarms. Wir sagen uns viel, im Vertrauen,
und sagen uns, vergnügt, aber nicht alles.

CLXXXV
CXIII

Vom Ertragen,
wieder eine Moritat:

Le soubasement parle

Für Plotin

Er sagt, er sage nur der Bequemlichkeit


halber: Ich. Er meine sich aber keinesfalls
damit. Wie könnte das auch möglich sein!
Ein Ich, sagt er, quillt aus der Anonymität

heraus wie eine Pechnase, wobei es gar


nicht nötig sei, wie zu sagen, wie ja meistens,
wenn man es trotzdem tue. Jedes Ich ist

eine Pechnase der Anonymität. Wie ein jedes


Ding, das aus seinem Schatten tritt oder auch
quillt. Im Versuch sich abzusetzen. Armes

Ich, armes Ding. Lasst euch von ihm sagen:


Dasein ist Verhaftetsein. In dem, dem du entspringst.
Um es höflich und einwilligend zu ertragen.

CLXXXVI
CXIV

Perfektion,
Kontamination,
Purifikation,

In einem
Aufwasch

Es ist gar nicht so schwierig. Aber leider schon allzu


oft geübt. Und alle wollen uns etwas vormachen:
uns selbst. Schaut uns an, sagen sie, schaut euch an
und seht, wie ihr euch loswerden könnt, man muss

nur wollen, sagte ein Heiliger, wenn man heilig werden


will. Nehmt mich nicht zum Vorbild, nehmt euch einfach
bei meiner Hand. Ich folge euch. Ein wenig Fährgeld habt
ihr doch bei euch? Es gibt da Stellen des Übergangs, die

sind nicht gratis zu passieren. Und ihr müsst wissen, was


ihr uns antut, euch und mir. Ihr müsst wissen, dass Flüsse
zumeist nur in eine Richtung fließen. Aber auch, dass ihr

sie in der anderen befahren könnt. Ihr kommt, zumal von


eigener und fremder Hand geleitet, nicht umhin, euch mitunter
nicht zu widersetzen. Aber ihr seid ja, wie ihr sagt, liquide.

CLXXXVII
CXV

Unter bestimmten Bedingungen, wie


zum Beispiel einer anderen Existenzform
oder einer anderen körperlichen Organisation,
könntest du Sonnen atmen und uns davon

berichten. Das wäre in der Tat eine Horizont-


Erweiterung nach meinem Geschmack.
Gleichsam galaktisch bereichert würden
wir dir Dank singen. Aber du, du würdest

wohl den Atem anhalten, um nicht noch mehr


Sonnen zu verschwenden. Und dich lieber
mit dem Status einer Parabel abfinden.

Mit all seinen Folgen. Und denen, die aus-


blieben. Und nur die Zeit bliebe verstockt
und ihrer selbst gefällig beim Alten.

CLXXXVIII
CXVI

Why don‘t you fence it out

Unter bestimmten Bedingungen, wie


zum Beispiel einer anderen Existenzform
oder einer anderen körperlichen Organisation,
könntest du Sonnen atmen und uns davon

berichten. Das wäre in der Tat eine Horizont-


Erweiterung nach meinem Geschmack.
Gleichsam galaktisch bereichert würden
wir dir Dank singen und sagen Aber du, du

würdest den Atem anhalten, um nicht noch mehr


Sonnen zu verschwenden. Und dich lieber
mit dem Status einer Parabel abfinden.

Mit all seinen Folgen. Selbst denen, die aus-


blieben. Und auch die Zeit bliebe verstockt
und ihrer selbst gefällig beim Alten stehen.

CLXXXIX
CXVII

Fleurs de givre

Ich höre nicht auf, mir vorzuschlagen,


dabei zu bleiben, aber mehr sage ich
mir nicht. Das Ungesagte muss ich
verschmerzen. Ich packe es in die

Hoffnung, dass ich schon weiß, was


damit anzufangen ist. Du nickst, sehe
ich: Nur das Ungesagte schafft Raum
zwischen den Dingen und den Blicken,

den Raum, zu sagen: Schau mich an,


wenn du fern genug bist. Tu so, als ginge
es wieder los, dabei zu bleiben, nicht

aufzuhören. Als gäbe es einen Flecken, wo


sich die Eisblumen noch pflücken lassen
und sagen: Schau, das ist dein Hauch.

CXC
CXVIII

Sonett an Morpheus?
Ein fertiger Entwurf

Wenn die Welt schon ein Traum ist,


ist sie der von einer Chorprobe. Festlich
flatternde Stimmbänder in einem Sternen-
Saal, wie nur der Traum ihn überzeugend

vor Augen stellen kann. Dazu synästhetisch.


Der Klang der Stimmbänder hat Farben,
die sich den Jahreszeiten anzupassen
versuchen. Nicht immer erfolgreich. Es

ist ein unstabiler Raum, in dem das alles


vonstatten geht. Und niemand scheint seine
Ordnung zu korrigieren. Ein trauriger Raum,

der keine Erfahrungen zulässt, die sich


auswirken könnten. Ein Traum, der wirklich
alles hergibt, nur kein Erwachen.

CXCI
CXIX

Noctiluzenz

Aber du träumst ja, um beweisen zu können,


dass es nicht dein eigener Traum war. Sein
Licht bringt dir, sagt er, einen doppelten
Vorteil: Du trägst keinerlei Verantwortung,

und es könnte dennoch Wahrheit enthalten.


Mechanismen, die von echten Erkenntnis-
Theoretikern ausgedacht werden, sind
immer gut, wie Musik, der man es auch nicht

anmerken darf, wie gut sie ist. Dem, was etwas


ist, kannst du nicht wirklich etwas anmerken.
Es ist wie bei jenem gefälligen Wahnsinn,
in den du versinken musst, um zu sein.

Was merkst du dir dann an, wenn du es bist?


Bist du Wasser, Welle oder Wind? Was davon?

CXCII
CXX

Gedanken- und Dimensionenspiele

Aussi un vortex

Leere Kartons, die im Weg herumstehen,


mit Girlanden schmücken und versehen
und sie vor die Nachbartüren stellen. Mit
der Aufschrift Geschenk! oder Für Sie!

Wirkliche Gedanken in eine Schachtel mit


der Aufschrift Überraschung, zum Mitnehmen!
vors Haus stellen. Und in einem Versteck
abwarten, was geschieht, leise wie ein Räuber.

Gedanken auf eine Schaukel setzen, ohne


sie anzustoßen, nur, mit einiger Neugierde
zuschauen, ob sie etwa imstande sind, die

Schaukel in Schwung zu bringen, bis sie sich


überschlägt und um die Angel dreht, wo sich, spiel
doch mit!, die Dimensionen, im Wirbel, stapeln.

CXCIII
CXXI

Manque d‘ancre

Diesmal sagte er: Manche Dinge lassen sich


nur erzählen, wenn man sie versetzt, zeitlich
oder räumlich. Manchmal muss man sogar beides
tun, was du dann obendrein noch gekonnt haben musst.

Ich, übrigens, bin darin geschickt. Sonst könnte ich


doch nicht so umfassend und punktgerecht, wie er sagt, von
dieser Welt erzählen. Die Kräfte, die es braucht, sie durch Raum
und Zeit zu schieben, um von ihr erzählen zu können,

sind, mit Verlaub, unermesslich. Darauf bin ich verständlicherweise


stolz. So stolz wie auf meine Einbildungskraft. Meine Welt kennt,
in dieser Hinsicht, keine Grenzen. Das erleichtert mir die

Arbeit. Die Arbeit der Wahrheitsfindung, die, wie gesagt,


in einem Rangieren besteht, über das die Beobachter richten müssen,
zwangsläufig ohne Lizenz. Die kann es nicht geben. So ganz ohne Anker.

CXCIV
CXXII

Was alle Dinge definiert, ist ihre


Unaufhaltsamkeit. Die Welt hat
eine neue, endgültige Dimension
erreicht, sie lohnt sich nicht mehr.

Sie will sich nicht mehr in die Augen


schauen. Beckett, der war noch den
Champagner in den Pausen wert. Aber
jetzt, was sind da noch die Pausen

wert? Überhaupt, wo sind sie denn


noch? Lohnt sich das noch, gute
Ideen für die Zukunft zu haben? Für

eine Welt, in der du die Wiese zum


Trocknen in die Garage bringst? Sich die
Zunge zu zerbeißen, bleibt da das Höchste.

CXCV
CXXIII

Beim Anzünden einer Adventskerze

Alles ist ein Schmerz. Für die, die noch


spüren können, für die anderen freilich
nicht. Ich spreche nicht nur von uns und
jetzt. Wenn es noch einen Gott gäbe, lebte

er, oder sie, mich heraus aus der Welt.


Und trauerte um mich wie ein Alb oder
eine graue Gestalt. Und würde die aus-
gestreckte Hand, aus der Ich fiel, selbst-

verständlich nie wieder zurückziehen. Auch


eine Franse der kosmischen Eitelkeit, die
uns auf dem Gewissen hätte, wenn sie

eines hätte. Die Bank unter den Zelkoven1


hätte mich fast noch überzeugen können. Von
einer gewissen existentiellen Annehmlichkeit.

1
.Keyaki, in Tôkyô, vor 10 und 5 Jahren
CXCVI
CXXIV

Je mange par distraction.

Diderot

Was kann denn sein? Doch nur das, was


Gegenwart imitiert. So bescheiden
wie subtil: Venezianisches Spiegelglas
ist erst Zylinder, wird dann der ganzen

Länge nach aufgeschnitten und gewendet,


wie Teig. Seine noch gekrümmten
Enden sinken langsam, machen sich
der Fläche gleich, auf der sie liegen,

eine willige Geste, weil sie ja Spiegel


werden wollen, glatte und polierte. Bis keiner
mehr erkennt, dass sie plumpe gläserne
Zylinder waren. Wenn sie dann aber

Spiegel sind, sind sie ganz in ihrem Element, in


dem, das sich in ihnen spiegelt und sich sieht.

CXCVII
CXXV

Per fumam

Du gehörst niemandem und nichts, bist ihm


aber zugehörig, bis in Gebiete nördlich des
Schicksals. Dabei hast du sie nur gesehen,
vielleicht nur durchschwebt in hastigen Gondeln.

Der Rost der Eisenstühle haftet an deiner Haut.


Du bestandest darauf, dass Farben lässlicher
seien als Sünden. Sie lachten, bis du einsahst,
dass Schmerzen noch lässlicher sind. Ein

gefälliges Set aus Hast und Rost und Schmerz


und unfertiger Landschaft. Treibsandgebirge
lassen sich nicht in Tüten abpacken, sagte

der venezianische Zwerg, der suchte und


stahl, was sie brauchten, um Glas zu
backen und zu Zylindern zu drehen,

CXCVIII
CXXVI

An den Autor,
wo du auch sein magst

- und dann noch zu Spiegeln zu schneiden


und zu glätten. Könnten wir die Dinge überhaupt
so schwer nehmen, wenn sie nicht leicht
wären? Wer hat da so genau und wissend

vorausgedacht? Und die Strategeme mitgeliefert?


Und jeder Eindeutigkeit das Hausrecht in der
Sprache verwehrt? Weil, wie er sich rechtfertigte,
die Wahrheit ein Engelsgesicht hat, also

zweideutig sein muss. Das ist das Mindeste. Jeder


Engel, wenn er zu hören glaubt, tritt, mit seinem
glatten, überdeutigen Gesicht aus dem Rauschen

unserer apelles à l‘aide heraus, um uns zu zeigen, dass


die Wahrheit das ist, dass sie nicht sein kann, wie
alles, was immer irgendwie bewirkt wird, von sich selbst.

CXCIX
CXXVII

Pinpricks and jabs

Ein Tableau feinster Nadelstiche ist


das Leben, wenn ich das so pauschal
sagen darf. Und es klingt ja auch
seltsam. Aber wenn ihr euch das

Tableau dreidimensional oder gar


holographisch vorstellen könnt, sieht alles
schon viel plausibler und machbarer aus.
Und in dem Maße, in dem ihr euch diesem

Bild wie einem Nagelbett überlasst,


wird es euch auch überzeugender
scheinen, mit seinem pikanten Licht,

dem ihr nun dankbar seid für seine


Tragfähigkeit durch alle sechs
Ordnungen des Talmud.

CC
CXXVIII

Eingedenken

Das war das Wort, das es nicht gab,


bis es auftrat mit dem Charme eines
Antipoden der Zeit. Es trug sich selbst
In der Hand, sagen wir, nicht wie eine

Kerze. Eher wie ein Fundstück. Seine


Augen waren nämlich unsicher: Werdet
ihr mir das glauben? Und werdet ihr es
mir abnehmen? Was ich bin, woher ich

komme und warum ich mich überhaupt


einschleiche? Eingedenk meiner Verpflichtung
mich zu bezeugen, um sein zu können? Auch

ich gehöre zur Spezies der Echos, bin nur


komplexer gebaut. Und ganz von Dantes Über-
maß, dem kein Gedächtnis, sagt er, folgt.

CCI
CXXIX

Marsyas
oder
Danger rampant d‘auto-mue

Wenn ich es nicht schon gesagt hätte,


würde ich mich schämen. Weil ich mich
dann ja nicht schon früher verraten und
zu lange in einem falschen Licht gestanden

hätte. Einem Sinnsucher gefällt das nicht,


auch nicht, in einem falschen Schatten zu
stehen. Alles Wahre verhält sich zum Falschen
wie ein echter Pelz zu einer Imitation.

Worauf das Wahre nämlich achtet, das ist


es selbst. Gerade weil alles andere ihm nicht
gleichgültig ist. Auch säumig, oder gar ein

Faulpelz zu sein, oder auch nur dafür gehalten zu


werden, das würde ihm sich selbst verleiden.
Und es würde sich ablegen wollen Wie eine Haut.

CCII
CXXX

Schluss:

Tamarisken

dann erfährst du
was sich hier
ereignet

Celan

Wem Götter dämmern, warum sollte sich der nicht für auserwählt halten? Dämmern ist in einer
Hinsicht ein Vorgang der Abwendung. Bisweilen auch ein Schritt zur Seite, um Platz zu machen.
Der Schritt, mit dem die Sonne der Dunkelheit Platz macht, ist nur ein Beispiel.

Strukturell ist der Begriff Dämmern nicht zweideutig. Morgendämmerung und Abenddämmerung
mögen sehr verschieden erfahren werden, aber was dabei geschieht, ist, strukturell gesehen
dasselbe. Unter dem Aspekt der Dämmerung lassen sich Geburt und Tod nicht unterscheiden.

Man kann aber nicht sagen, das ein Begriff wie Dämmern einem Typus zugerechnet werden kann,
den man mit Worten wie: paradox oder oxymoronisch charakterisieren könnte. Das wäre zu
eindeutig. Der hier gemeinte Typus ist anders, weil er sich jeweils eindeutig in seinem Ereignen
realisiert; und damit auch definiert.

Überhaupt scheint der Wunsch nach einer Charakterisierung hier fehl am Platz, auch wenn er nur
schwer zurückzuweisen ist. Das heißt: Es liegt in seinem Wesen, sich nicht zurückweisen zu lassen.
Er kann also nur gezielt enttäuscht werden. Wenn er erfolgreich gestoppt werden soll.

Am Schweigen liegt uns aber auch nichts, nicht mehr. Weil es schon zu lange als Joker oder als
Waffe eingesetzt wird. Das ist nicht unsere Art respective es widerspricht unserer Art.

Und etwas zu tun, das einem widerspricht, ist wie nicht ohne Makel auskommen zu können. Als
wende man sich von seinem Wesen ab. Ein solcher Umgang mit sich selbst macht das Selbst zu
einem anderen. Oder ist eine Manier, mit dem ein Selbst versuchen kann, sich seiner zu entziehen.
Wir müssen damit rechnen, dass dieser Versuch gelingt.

Was sind und wie vollziehen sich Wolkengeburten? - Sich eine Versammlung von Einhörnern,
Sirenen und, vor allem, Zentauren vorzustellen, kann zur Klärung solcher fraktaler Fragestellun-
gen beitragen. Aber nur, wenn die denkstrategischen Vorbereitungen konzentriert, behutsam
und präzise durchgeführt worden sind.

CCIII
Es soll vorgekommen sein, dass sich Tamarisken aufmachen. Aber wir werden das verhindern, bis
zu dem Punkt, dass sie uns ihre Stimmen verleihen. Das kann nicht mehr lange hin sein. Auch
Tamariskenhaine sollten sich einmal erinnern können.

Ich weiß nicht, wie es war. Ich weiß nur, wie ich mich erinnere. Das Meer, natürlich, nah. Was soll
ich sagen? Naxos. Tamariskenhain. Was war denn das? Wörter und Erfahrung waren mir fremd.
Aber dann saß ich da, mittendrin. Mehr im Wort als in der Sache. Menschen, dachte ich, gibt es
hier keine. Hier ist es zu schön für Menschen. Das war mir völlig klar. Menschen hatten hier nichts
zu suchen, und ich war ja schon da. Der Raum der Tamarisken ist immer nur für einen da. Für den,
der mühelos das Ganze repräsentiert. Wer könnte das denn sonst noch sein? Das Meer war da.
Und gleich daneben dieser Raum. Und unter den Tamarisken gab es Stühle und Tische. Und außer
diesem einen Menschen saßen nur ein paar Götter da. Wir saßen in demselben Film. Das war
klar. Die Stimmung war entspannt und gelassen. Fast heiter. Naxos. Oder war es doch Paros? Das
Seltsame hat eine Haut. Wie ein Vorschlag, den man annimmt oder nicht. Hier waren es viele
kleine Vögel. Halb Schwalben, halb Pirole. Aber viele. Ich dachte: Zählt euch selbst. Dann be-
merkte ich das schwere Grün, wie sagt man, das mich umgab. Ich dachte wirklich, verzeiht mir
auch das, hier hast du sie, die Fransen des Universums. Alle da. Abgezählt. Aber nicht von mir.
Das heißt luxurieren, nichts mehr hinzutun zu müssen. Ich begann, sogar Touristen zu verstehen.
Ganz kurz und traumhaft intensiv. Die Götter schwiegen und tranken, vereinzelt. Vom Meer kam
ein verlarvter Wind und trat auf, als könnte er etwas fragen. Aber er kannte, scheint mir, die
Tamarisken nicht. Die antworten nur, wenn Götter oder andere Deplazierte sie fragen. Auch wir
sollten so sein. Also ein Modell der Vollkommenheit. Kann nicht geschaffen sein. Kann nur hervor-
und hergekommen sein. Schöpfer machen gerne Fehler. Wer Freiheiten schafft, oder Möglich-
keiten, tut seiner Schöpfung nichts Gutes. Ausgeglichener Mangel aber hat die Form der
Vollkommenheit. Halbe Pirole. Halbe Schwalben. Wenn Fähren keine verspielten Gelenke haben,
können sie dem Meer nichts abgewinnen.

Übrigens kommen die Götter gerne her, weil auch sie hier keine Rollen spielen brauchen. Sie
können hier ihrem Naturzustand nahe sein. Das ist für Götter viel. Ihre barocken Masken liegen
zwischen den anderen Vogelkadavern auf dem weichen Boden unter den Tamariskenswipfeln.
Anders als die Menschen befreien Erkennbarkeit und Schutzlosigkeit die Götter merklich. Sie be-
ginnen sich zu fühlen. Sie erwachen zu dem Leben, das sie vielleicht geschaffen, jedenfalls aber
weitergegeben haben, ohne ihren Auftrag zu kennen. Auch danach nicht mehr fragen zu müssen,
befreit. Aber es herrscht Nacht. Und es liegen Metallteile an falschen Stellen.

L’entre-dieux. Wir denken uns die Dämmerung immer so oder anders, jedenfalls stets nur halb.
Und wir bauen auf Entfremdung. Es ist aber wichtig, immer darüber zu sein. Auf die eine oder
eine andere Art und Weise. Etwa wie sich etwas ins Nichts prägt. Also auf die Weise des
Menschseins. Oder des Lebendigseins überhaupt. Es ist sehr schwer, auf diese Art zu sündigen.
Ich glaube sogar, es ist unmöglich. Es ist etwas aus allen Möglichkeiten Ausgelassenes. Es hat
keinen Mangel und vor allem keine Eile. Es hat leider aber etwas Fatales, dass auch falscher
Zauber komponiert werden muss. Die Fähigkeit dazu müssen wir also auch den Göttern unter-
stellen, genauer: zubilligen. Mehr können wir ja nicht tun. Wir können uns nur rüsten für die un-
erwartbare Wahrnehmung eines plötzlichen Tamariskenraums. Die Unerwartbarkeit ist sein

CCIV
größter Vorteil. Wir brauchen ihn auch nicht zu denken, bevor er da ist. Dieser Mühe sind wir a
priori entbunden. Es verhält sich auch hier wie mit allem Unerwartbaren. Sein Ereignis ist, mit
einem heute leeren Wort gesagt, überwältigend. Wie es sich mit allem Unumgänglichen verhält.
Es überwältigt uns auch mit der Gewissheit, dass es auf uns gewartet hat. Ja, ich hatte ihn nicht
erwartet, nicht einmal erwarten können, aber der Tamariskenraum überwältigte mich mit der
Gewissheit, dass er auf mich gewartet hat. Wie auf nichts anderes. Und diese Gewissheit, und
mein Gefühl, mich eigentlich wie einer, der entdeckt wurde, wegschleichen zu müssen, ist ge-
blieben. Ich gab ihr aber keinen Anlass zu gehen. Und recht betrachtet, ist es ja nur diese
Gewissheit, die sich hier, in diesen Worten, ausspricht. Mehr braucht es nicht. Für eine Präsenz,
die sich prinzipiell als Überraschungsangriff in Szene setzt und ereignet.

Es braucht immer nur ein Dass, das sich demonstriert. Große Schwärme kleiner Vögel. Deren
flinke, unzählige Flügelschläge. Und im Gegenwind die flirrende Wand des Gehörs. Leibnizens
Meeresufer. (Ich konnte nicht umhin, diesen Gedanken zu haben. Es war der erste Fehler, wie
sich herausstellte.) Das Überwältigende besteht also nicht zuletzt in einer Überzeugung. Zum
Beispiel in der Überzeugung, angeeignet zu haben. Eine fremde Trauer, meine, eine fremde
Sprache, meine Muttersprache, eine fremde Zeit, diesen Augenblick, einen fremden Raum, mei-
nen Tamariskenhain, klar und deutlich unterschieden. Denke dir einen Stein, der so hart und
spiegelglatt und unverletzlich ist, dass er mit keinem Griffel, keinem Stichel verwundbar ist. Aber
du versuchst, Tag für Tag, etwas darauf einzuschreiben oder einzuritzen. Es ist immer vergeblich,
aber du kannst dir dennoch nicht denken, dass, für dich unsichtbar, nicht doch etwas zurückbleibt.
Eine unlöschbare Geheimschrift, von der nicht einmal eine Spur zeugt. Eine solcherart unlesbare
Schrift ist die einzig denkbare, in der etwas sicher verwahrt werden kann. So sicher verwahrt
werden kann nur, was nicht gewesen ist.

Was wäre denn ein Gegenteil? Eine Munitionsfabrik, die Anspruch auf ein ewiges Bleiberecht
erhebt. Und worin besteht das Gegenteil? Dass es die Widersprüche, die es einschließt, nicht
zulässt. In diesen Augenblicken klingen die flirrenden Flügelschläge wie Gelächter. Aber nicht
bösartig, nur wissend. Und fast, glaubt es mir, mitfühlend.

Es ist nicht gut, neugierig zu sein, wenn es bedeutet, das Gegebene gering zu achten. Selbst wenn
es das verdient. Ich wusste das zwar, konnte aber nicht verhindern, mich an meinem Tamaris-
kenhain zu vergehen. Da es zu meinem Schaden war, hat er mir verziehen. Ich hatte nämlich be-
gonnen, nachzuforschen. Zwar nur in kleinem Maßstab, aber schon das gefiel ihm nicht. Er steht
auf der Seite derer, die sagen: lass die Rätsel der Evidenz das sein, was sie sind. In Bezug auf dich
selbst bist du ja auch chancenlos und musst es dabei belassen. Warum störst du den Moment und
den Ort, wo du denkst, dass deine Wahrnehmung, erlaube das Wort noch einmal: das Sein ist,
das heißt: das Erkennen. Aber nein, du musstest ja mit dem Gedanken-Beil danach werfen, mit
der Intention, es zu zerstücken. Damit machtest du nur dein Sein kleiner, weil du glaubtest, dann
leichtes Spiel mit ihm zu haben. Aber das leichte Spiel wird ausbleiben. Und das wird und soll dir
Strafe genug sein. Der werde ich nicht sekundieren. Ich werde, fügt der Hain allerdings noch hinzu,
aber selbst einiges zu überdenken haben. Vielleicht werden meine Vögel oder auch meine Äste
es dir verraten oder zu spüren geben. Und - nein, aufhalten kann ich dich nicht, wie sollte ich das
können, so verstrickt wir miteinander sind. Wir sind ein Geäst. L‘entre-deux des crépuscules. Ei-

CCV
nem Tamariskenhain du siehst, wir haben Humor, dämmert es immer. Wir sind etymo-mytho
logsch ein- und aufgestellt. Das musst du wissen, wenn du uns hörst.

Ich gebe es zu, ich habe mich schuldig gemacht, vielleicht nur, weil ein paar Gran Heiterkeit
fehlten. Und ich mich mit dem so gastfreundlich, ja herzlich offerierten Zauber nicht zufrieden
gegeben habe. Aber leben können wir vielleicht nur über unseren Verhältnissen.

Points aveugles. Meine Hybris war, nach zusätzlichen Worten zu suchen, nach einem - wie ihr es
nennt: Narrativ, in das sich die Welt und die Zeichen gerne verstecken und kleiden, um nicht
entdeckt und erkannt zu werden. So meint ihr es natürlich nicht, aber ihr wollt auch nicht, dass
Zeichen und Welt Abenteurer bleiben. Mich kümmert mehr der Tribut, den ihr sie ihrem Ge-
wesensein zu zahlen zwingt. Nur was die Kodierungen lenkt, ist nämlich das Rätselhafte, das nicht
erzählt werden kann. Es ist ihm aber etwas zu entnehmen. Danach griff ich mit spitzen und ein
wenig nervösen Fingern. Das zwar hätte wenigstens nicht sein sollen. Und die Reue war eine der
Strafen, die ich mir damit verdient, ja eingehandelt habe. Obgleich es abwegig ist, das so zu sagen.
Es war ja auch nicht mein Verdienst, dass meine Finger spitz und nervös waren. Das habe ich, wie
könnte ich es auch, so nicht gewollt und gemacht. Es hat mich so gemacht, ich denke sogar un-
gewollt. Und da waren sie, die besten Voraussetzungen für Reue, irgendwann. Und das ist heute.
Und somit nicht mehr als eine übliche Etappe im Um- und Unwegsamen.

Wie Amaryll und Tamarix. Als Bild würde es am stärksten jedenfalls der bekannten Verkündi-
gungsszene ähneln. Die Zeichen und Wunder fänden sich alle wieder, wenn auch in äußerst trans-
figurierter und gefährdeter Form; wie es sich gehört. Und schamlos überdeterminiert von einem
ganzen Tross von Symbolen, etwa: Ninsun, Gilgameshs Mutter im Tamariskenbad, Abraham, der
in Beer-sheba einen Brunnen gegraben und eine Tamariske gepflanzt hat: Und rief daselbst den
Namen des HERRN, El Olam, des ewigen, Gottes, des Gottes der Weltzeit, an. Saul, als er unter
einer Tamariske in Gibeah sitzt und Gericht hält. Weiß er da schon, dass er einst in Jabesh unter
einem Tamariskenbaum begraben sein wird? Und dachte er daran? Der Prinz Esfandiar, der -
anders als Achill und Siegfried - im Unverwundbarkeitsbad die Augen geschlossen hatte, wodurch
sie - anders als seine Lider - verwundbar blieben, wird von Tamariskenpfeilen verletzt und getötet
werden. Ach, hätte er sie Augen doch geschlossen gehalten! Allah, der die Leute von Saba bestraft,
indem er zwei Gärten in Gärten verwandelt, die nur bittere Früchte und Tamarisken hervor-
bringen. Und warum wurde der tote Osiris in einem Tamariskenbaum in Byblos versteckt? Die
Ägypter ließen die, die an einer Verhärtung der Milz litten, aus Gefäßen trinken, die aus Tamaris-
kenholz gefertigt waren. Auch Apollo liebt ja die Tamarisken. Der Lesbische Apoll trägt gar immer
einen Tamariskenzweig in der Hand. Überhaupt nannte man die Tamariske auch die Prophetische
und bediente sich ihrer bei den Orakeln. Und nicht nur bei den Medern und Skythen gehörten
Tamariskenzweige zur Berufsausstattung der Magier, und die ägyptischen Priester bekränzten
sich mit Tamarisken. Und die Priester der Kappadozier hielten beim Beten allzeit Tamarisken-
zweige in der Hand. Der hebräische Name der Tamariske ist Eschel. Geschrieben mit Alef, Shin
und Lamed. Das steht, wie ich lese, für Ochel, Shtiya und Lina: Speisen, Getränke und Über-
nachtung. Die Tamariske ist alsdo Inbegriff von Gastfreundlichkeit. Und ist in Zeiten der Vertrei-
bung als Produzentin von bitter benötigtem Manna unverzichtbar. Wenn das überhaupt Tama-
risken waren. Aber, das darf ich nicht vergessen, ich glaube ja wieder an die Manna-Tamariske...

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...und alles ist wie zusammengepfercht, auf dieser kleinen Lichtung, in einem kleinen Tamaris-
kenwald. Und einer ist dazwischen, von all dem fast umgeben. Und wirklich still. Nur punktuelles
Gehör, sozusagen. Oder raumloses Gespür. In gewisser Weise scheint ihm alles eine Frage der
Erreichbarkeit. Erweisbarkeit ist ein Luxus und ein Surplus für den, der darüber verfügen könnte.
Folglich verzichtbar. Wer allem so nah ist, geht darin unter. Das ist etwas anderes als nur unter-
zugehen. Denn nur unterzugehen, das führt zu nichts. Außerdem müssten Gedanken, um er-
weisbar zu sein, auch übersetzt werden können. Versuche es, sie verirren sich gleichsam zuse-
hends in der Übersetzung, in ihrer ganzen Fülle. Und die Aura der Nähe ist immer ein zweifelhafter
Gnadenbeweis; oder gibt einfach nur unserem hilflosen Begehren nach. Aber nirgendwo bleibt
die Ferne unerreichbarer als gerade im Raumlosen. Das ist auch die pikante Pointe des Tamaris-
kenraums. Das heißt, es ist unmöglich, seine Idee zu entfalten. Weil du sie ja bist, beide, die
Entfaltung und die Idee. Und obendrein das kleine punctum saliens mittendrin, das sich noch nicht
entschieden hat.

So muss es dir schließlich so vorkommen, dass du trotz Neugier, Sünde und Weltumseglung, zum
Beispiel, den Tamariskenraum nie erreicht hast und nie verlassen konntest.

Ich erspare dir lieber meinen Kommentar. Sag mir nur eines: Damals, allein unter den Bäumen,
hatte auch der Gott, der mit dir am Tisch saß, einen Namen? -

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