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Das Beste aus 5 Jahren Kultur-Magazin.

Von Peter Killert

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© 2003 Peter Killert, www.killert.de


Inhaltverzeichnis

PAMPHLETE ........................................................................................................................................................ 4
DIE INVASION DER PINGUINE................................................................................................................................ 5
ROSINENBOMBER ÜBER KABUL .............................................................................................................................. 7
11.09.2001 – EIN AUFRUF ZUM WELTFRIEDEN .................................................................................................... 9
ZUR LAGE DER POLITISCHEN KULTUR .................................................................................................................. 10
DER IDEALISMUS IST KEIN HUMANISMUS ............................................................................................................. 11
GLAUBWÜRDIGKEIT UND SUBSTANZ - ÜBER DAS SELBSTVERSTÄNDNIS ÖFFENTLICHER MEINUNGSTRÄGER .............. 13
ZWISCHEN 'FREEDOM FRIES' UND FLÄCHENBRAND ............................................................................................... 14
DIE BÜCHSE DER PANDORA................................................................................................................................. 15
DER AMERIKANISCHE ALPTRAUM ......................................................................................................................... 17
EINE GESELLSCHAFT BEKOMMT, WAS SIE VERDIENT … ......................................................................................... 18
AUFKLÄRUNG STATT LETHARGIE .......................................................................................................................... 20
ZEITGESCHICHTE / PORTRAITS ............................................................................................................... 23
FRANZ JOSEF STRAUSS - KURZBIOGRAPHIE ......................................................................................................... 24
HERBERT WEHNER - KURZBIOGRAPHIE................................................................................................................ 25
TIEF IM KANINCHENBAU...................................................................................................................................... 27
STAN LAUREL UND OLIVER HARDY ...................................................................................................................... 28
THE BEST OF GEORGE W. BUSH......................................................................................................................... 30
REAKTIONEN AUF MATRIX RELOADED ............................................................................................................ 31
DIE WIEDERGEBURT DES SYNTHIEPOP ................................................................................................................ 32
LEITMOTIV . V O R F R Ü H L I N G .................................................................................................................. 34
ZEITGESCHICHTEN.NET : NIETZSCHE KONTRA WAGNER ......................................................................... 38
DEPECHE MODE - DISCOGRAPHIE .............................................................................................................. 45
THE SMASHING PUMPKINS - DISCOGRAPHIE ........................................................................................................ 49
FRANZ KAFKA ..................................................................................................................................................... 52
NITZER EBB - MUSIKALISCHER WEGWEISER ........................................................................................................ 54
GÜNTER GRASS - ZUM LITERATURNOBELPREIS .................................................................................................... 56
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN - ZWISCHEN DILLETANTISMUS UND KULT ................................................................. 57
DOUGLAS COUPLAND - VERTRETER DES ZEITGEISTES .......................................................................................... 58
KRAFTWERK - WEGBEREITER MODERNER POPMUSIK ............................................................................................ 59
TC BOYLE - DER FLEISSIGE AMERIKANER ............................................................................................................ 61
TALK TALK - VERTONTE LYRIK DER 80ER JAHRE .................................................................................................. 62
BJÖRK - SCHILLERNDER CHARME AUS ISLAND ...................................................................................................... 64
PATRICK SÜSKIND - DER ERFOLGREICHSTE DEUTSCHE AUTOR .............................................................................. 66
PAUL AUSTER - VERLIEBT IN NEW YORK ............................................................................................................. 68
REVIEWS ........................................................................................................................................................... 70
ERNST JANDL - DAS RÖCHELN DER MONA LISA ................................................................................................... 70
A TRIBUTE TO THE MASSES ............................................................................................................................... 71
ANDREAS AMMER / FM EINHEIT - CRASHING AEROPLANES .................................................................................. 71
ANDREAS AMMER/FM EINHEIT - RADIO INFERNO ................................................................................................ 72
ANDREAS MEIER - AFFENSCHWANZ. TRILOGIE EINER VIRTUELLEN FIRMA. ............................................................ 73
AUDIOLOUNGE - AKADEMIE DER KÜNSTE ............................................................................................................. 74
BERNHARD SCHLINK - DER VORLESER ................................................................................................................. 75
DAS WARHEADS ORATORIUM.............................................................................................................................. 76
DAVE MATTHEWS BAND - BEFORE THESE CROWDED STREETS ...................................................................... 77
DAVID BOWIE - 1ST OUTSIDE............................................................................................................................. 78
DEINE LAKAIEN - WHITE LIES ............................................................................................................................. 79
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN - STRATEGIEN GEGEN ARCHITEKTUR III................................................................... 80
ELEMENT OF CRIME - DIE SCHÖNEN ROSEN ........................................................................................................ 81
GÜNTER GRASS - IM KREBSGANG ........................................................................................................................ 82
GÜNTER GRASS - MEIN JAHRHUNDERT ................................................................................................................ 84
INTERMEDIUM 2 - ON/OFF (2 CD) ...................................................................................................................... 85
JUDITH HERMANN - SOMMERHAUS, SPÄTER ......................................................................................................... 86
PETER GABRIEL - UP.......................................................................................................................................... 87
PHILIP JECK - VINYL CODA I-III......................................................................................................................... 88
RECOIL - BLOODLINE .......................................................................................................................................... 89
SABINE RIEGER – CHATLOVE .............................................................................................................................. 90
SAMUEL BECKETT - SPOKEN WORD, MOVING IMAGES .......................................................................................... 91
SHONEN A ....................................................................................................................................................... 92
SOUNDSTORIES / MATERIAL MEETING .................................................................................................................. 93
THOMAS HARLAN - DIE AKTE ROSA PEHAM ......................................................................................................... 94
WALTER RUTTMANN - WEEKEND REMIX .............................................................................................................. 95
Pamphlete
Die Invasion der Pinguine

Neulich habe ich im Rahmen einer Grundlagenschulung in der Abteilung, in der ich beruflich mein
Unwesen treibe, einen kleinen aber feinen Vortrag zu den Visionen eines Herrn namens Bill Gates
gehalten. Die Anfänge des modernen Computerdaseins gehen auf die Ideen dieses Herrn zurück - das
mir das aber schon seit längerem nicht gefällt, habe ich nicht erwähnt.

Ich bin vor knapp einem halben Jahr auf Linux umgestiegen und habe sämtliche Microsoft Produkte
von meiner Festplatte verbannt. Ebenso wie ich hier nicht erneut meinen Unmut über Microsoft
äussern möchte, geht es mir nicht um eine Grundlagendiskussion - ich denke, die Argumente der MS
Befürworter und Linux Liebhaber sind bereits zur Genüge ausgetauscht und grundsätzlich
nachvollziehbar. Wohl aber geht es mir darum einige Märchen als solche zu enttarnen. Und da kommt
auch Linux nicht immer gut weg.

"Für Linux gibt es kaum Software" - ein Märchen, denn da Linux ein OpenSource Betriebssstem ist,
gibt es auch eine Reihe von Möglichkeiten, freie Software zu erstellen und diese anzubieten. Doch wer
ein Programm unter Linux auf einer schönen Downloadseite sucht, hat meistens eher die Qual der
Wahl. Es gitb soviele verschiedene Programme (meist ist eine Menge Schrott dabei), was dazu führt,
dass es kaum einen einheitlichen Standard in einem Sofwaregenre gibt. Unter Linux gibt es
beispielsweise mehr Officepakete und Büroprogramme, wie für alle anderen Betriebssystem
zusammen.

"Linux ist schwer zu installieren" - Quatsch! Die Installation von Linux ist genauso leicht, wie die von
Windows. Auch wenn beide Betriebssyteme parallel auf der Festplatte liegen sollen, gibt es bei keiner
mir bekannten Distribution grössere Probleme. Viele Anbieter werben seit einiger Zeit auch mit einem
bootfähigen Linux auf einer CD ROM. Zum Ausprobieren reicht das allemal. Es ist jedoch kein
Märchen, dass Linux im Bereich Hardwareunterstützung Windows hinterherhinkt. Es gibt in der Tat
Hardware, die man unter linux nicht ans Laufen bekommt, nämlich dann, wenn keine Linuxtreiber
existieren und die Hardwarehersteller bei einem gewünschten Einblick in den Aufbau der Hardware die
Kooperation verweigern. Das ist im Moment noch bei sehr vielen USB Geräten der Fall und wer einen
Scanner besitzt, der kein SCSI Scanner ist, muss davon ausgehen, dass er unter Linux in der Ecke
verstauben wird.

"Unter Linux gibt es keine Viren" - ist leider auch ein Märchen. Linux, ein Unix-System kennt sehrwohl
Viren, wenn auch nicht in der penetranten Art und Weise wie unter Windows. Es gibt hier keine API,
die z.B. von Macroviren ausgenutzt werden kann. Allerdings gibt sehr wohl die Möglichkeit, dass sich
Viren irgendwo im System einnisten und Schaden verursachen. Je mehr sich Linux verbreiten wird,
desto grösser wird die Virengefahr werden.

"Linux läuft stabiler als Windows" - das ist auch ein Märchen. Linux unterscheidet sich von Windows in
erster Linie durch die Anzahl der strukturellen Ebenen, die das Betriebssytem bilden. Ist unter
Windows der Kernel direkt auf die graphische Oberfläche abgestimmt gibt es unter Linux zwischen
einer Vielzahl möglicher graphischer Oberflächen den sogenannten X-Server, über den sich die
Oberfläche konfigurieren lässt. Das führt einerseits zu einem interessanten Variantenreichtum unter
den graphischen Oberflächen und ihren Applikationen, andererseits nutzen diese Oberflächen auch
andere Systemdateien aus denen sie ihre Funktionalität beziehen. Das kann bei
Programminstallationen zu erheblichen Problemen führen. Ein Programm lässt sich nicht kompilieren
und kann unter den gegebenen Umständen nicht ans Laufen gebracht werden. Der Laie ist da völlig
überfordert. Ebenso ist es nach meiner Erfahrung desöfteren zu spontanen ´Abstürzen´ gekommen,
in der Form, dass ich plötzlich wieder beim Anmeldebildschirm war - zwischen X-Server und
graphischer Oberfläche gibt es noch viele Diskrepanzen. Linux selber mag stabil sein, aber nur für
einen Profi, der KDE oder GNOME für eine Spielerei hält.

Eine Sache habe ich in den letzten Monaten gelernt: Für Linux braucht man sehr viel Geduld und Lust
am Ausprobieren und "Rumtüddeln" - irgendwann folgt ein a-ha Erlebnis auf das andere. Wenn man
dann noch irgendwann anfängt statt nach Windows-Pendants unter den Linuxprogrammen suchen
sich auf die eigenen Konzepte von Linux einzulassen, dann macht es richtig Spass. Man lernt GIMP
kennen und findet unter Windows kein besseres Programm, das nicht ein paar tausend Mark kostet.
LyX und die Möglichkeit, lange, auch wissenschaftliche Texte zu strukturieren und in einer 1A
Druckqualtität wiederzugeben ist genial und mit der OpenEdition von Borland Kylix gibt es eine
kostenlose Entwicklungsumgebung, wie man sie unter Windows vergeblich suchen wird.

Ob Linux die Zukunft ist hängt davon ab, wie sehr es möglich sein wird, die bisherige Verkettung von
Flexibilität und Komplexität aufzubrechen. Wenn der Umgang mit Linux für den Laien einfacher wird,
wird Linux immer interessanter werden. Es steht sicherlich noch keine Invasion der Pinguine ins Haus,
aber nach drei Linux-Installationen innerhalb von drei Jahren kann ich sagen, dass sich in dieser
kurzen Zeit unglaublich viel getan hat. Wer mit seinem Rechner nicht spielen will und von Tag zu Tag
mehr über die inneren Abläufe in einem PC erfahren will, der sollte sich Linux mal ernsthaft
anschauen.
Rosinenbomber über Kabul

Das Ereignis, das wie kein anderes nach dem 2. Weltkrieg die Weltordnung verändern wird, ist noch
keine zwei Wochen her. Die Vorbereitungen für einen Vergeltungsschlag der Amerikaner laufen derzeit
auf Hochtouren. Alle Nationen, die durch Bündnisverpflichtungen und konkrete
Solidaritätsbekundungen nun mit dem Boot "Infiinite Justice" sitzen fragen sich - wie wird dieser
Vergeltungsschlag und die anschliessende neue Weltordnung aussehen?

George W. Bush, vor wenigen Jahren noch Manager eines Baseballteams, ist in wenigen Tagen zur
zentralen Figur internationaler Politik herangereift. Um ihn herum eine ganze Riege guter Berater, die
in der Lage zu sein scheinen, den oftmals wenig konstruktiven und bisweilen dummen
Abschweifungen des Präsidenten, auszubügeln und Substanz zu verleihen. Das Wort "Kreuzzug" hätte
Bush nicht in den Mund nehmen dürfen und die Öffentlichkeit erkennt, dass die Unterscheidung in
Moslem und Fundamentalist auch für diesen Präsidenten in wenigen Tagen ein notwendiges Lehrstück
gewesen war. Machen wir uns nichts vor. Es klingt pathetisch und unwirklich: unser aller Zukunft liegt
in den Händen dieses Mannes und seiner Berater. Ein falscher Schritt im Balanceakt zwischen
Gerechtigkeit und Wahrung des Weltfriedens und die Welt steht am Abgrund.

Bush hat Recht wenn er sagt - die Trauer wandelt sich in Wut, die Wut in Entschlossenheit.
Entschlossenheit und Besonnenheit sind Kandidaten für das Wort des Jahres. Und es gibt kaum
abstraktere Begriffe die eben diesen Balanceakt besser beschreiben könnten.

Scheinheiligkeit allerorts Auffällig ist die Verlagerung der Perspektive. Wird die Wut auf die
Fundamentalisten zunächst in einer pauschalen Verurteilung des islamischen Glaubens umgemünzt
dann zeigt sich mit grösserer Distanz und Reflexion zu den Geschehnissen plötzlich ein Abrücken von
Amerika. "Amerika bekommt jetzt die Quittung für seine Aussenpolitik der letzten Jahrzehnte" - das
sagt vielleicht einer in Berlin, die Stadt, die die Amerikaner vor der kommunistischen Bedrohung
ringsum geschützt haben, sitzend im McDonalds kurz bevor er in den Burger beisst. Ein Deutscher mit
der in der USA gedruckten D-Mark in der Tasche, stolz auf das von Amerikanern verfasste
Grundgesetz haben natürlich das Recht, gegenüber unseren Freunden kritisch zu sein. Man muss nur
in der Lage sein, die eigene Scheinheiligkeit zu reflektieren. Denn mal ehrlich: wie können wir
gegenüber dem Amerikaner ausgerechnet jetzt den moralischen Zeigefinger erheben, wo uns doch
das Schicksal Afghanistans bis vor wenigen Tagen noch einen Scheissdreck interessiert hat ? Was
würden wir wohl tun, wenn die Flugzeuge mitten in Berlin oder in München zum Absturz gebracht
worden wären ?

Die Medien sind nicht mehr lernfähig Die Huldigung des amerikanischen Geistes darf jedoch nicht so
weit gehen wie im Falle des Nachwuchsjournalisten Henryk Broder ... seine Äusserungen im Spiegel
und bei Spiegel-Online zielen an der Wirklichkeit vorbei und sind Hass schürende Parolen eines
spätpubertierenden Schreiberlings. Broder sieht den Antisemititsmus bereits durch den
Antiamerikanismus ersetzt. In dem Forum seiner Homepage tummeln sich dementsprechend nicht
wenige Altnazis und Rechtsnationale. Nach dem Motto "Deutschland habe hier ein gewichtiges
Wörtchen mitzureden" freuen sich viele Menschen über die geistigen Ergüsse dieses Mannes, der mit
Vorliebe gegen jüdische Einrichtungen und den jeweils aktuellen Vorsitzenden des Zentralrates der
Juden hetzt. Neben den Artikeln eines ehemaligen RAF Terroristen machen sich solche Polarisierungen
auflagenmässig sehr gut. Aber das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL beweist in Zeiten wie diesen
mal wieder kein journalistisches Fingerspitzengefühl.

Die Medien haben in den letzten Jahrzehnten nun in Richtung ausgefeilter Sensationsgeilheit dazu
gelernt. Passiert dann wirklich etwas weltbewegendes, was nach Objektivität verlangt, dann ist der
Medienkomsument gnadenlos den Hetzkampagnen von Springer, CNN etc. ausgeliefert. Eine handvoll
jubelnder Palästinenser werden verantwortungslos für den deutschen Stammtisch mit der gesamten
moslemischen Welt gleichgesetzt. "Die Terrorbestie" kommt aufs Titelbild noch bevor wirklich
feststeht, dass dieser Mann auch wirklich im Flugzeug gesessen hat. Wohltuend ist da nur das Dossier
in der "Zeit". Endlich mal umkommentierte Äusserungen intellektueller Zeitgenossen; wohltuend auch
ein Ulrich Wickert, der ohne Teleprompter und fehlendem Improvisationsgeschick hilflos wirkt wie
jeder andere auch und zeigt, was er wirklich ist. Ein charismatischer Laberhannes ohne
journalistisches Rückrat - der Ehrliche ist nicht nur der Dumme; zur Ehrlichkeit gezwungen guckt er
auch noch ziemlich dumm aus der Wäsche. In den letzten zwei Wochen hat ein roter Faden in den
Medien gefehlt, der uns zu einem breiten, objektiven Urteil hätte bringen müssen. Denn was nützt die
grösste Auflage, wenn der Weltfrieden auf dem Spiel steht.

Umdenken ist angesagt Würde man jetzt sagen "Die Medien sind zum Umdenken" gezwungen, dann
zeigt sich, was uns eigentlich fehlt. DIE Medien sind keine Person, DIE Fundamentalisten haben keine
Religion, die Menschen haben Angst und DIE USA wollen Krieg .. Mit der Globalisierung geht die
Individualisierung einher. Ein Flugzeug wird von einem Menschen geflogen und nicht von einer
Religion. Die Medien bestehen aus einzelnen Individuen. Benennen wir die Schuldigen, einen
Chefredaktuer, einen Autor, der sich an abstrakten Paradigmen orientiert, wie etwa dem Zwang nach
stetig steigender Auflage, dann benennen wir nur eine Marionette und wir wissen jetzt, dass wir mit
vielen abstrakten Denkschemata, Paradigmen, aufräumen müssen. Peter Scholl-Latour ist sprachlich
noch in diesen alten Schemata gefangen, bringt es aber dennoch auf den Punkt: "Wir müssen
aufhören den anderen unsere Kultur aufzuzwingen". Das Andere und unsere Kultur - Thema einer
ganze Serie von noch nicht verfassten Essays ...

Die westlich-zivilisierte Welt ist die Weltordnung, die sicherlich für die Menschen, die in ihr Leben, das
Überleben und die autonome Handlungskompetenz garantiert. Aber die Medien werden mit Bauteilen
aus Billiglohnländern hergestellt. "Made in Germany" sind im Zeitalter der Globalisierung nur eben jene
veralteten Paradigmen. Unsere Kultur ist die Kultur des Anderen. Nicht umsonst ist der Döner des
Deutschen beliebtester Imbiss. Das muss man sich klarmachen. Die Folge ist ein notwendiges
Umdenken, ein anderer Umgang mit dem Anderen. Es ist läüngst nicht so, dass wir Deutschen die
Ausländer, die hierher kommen mit unseren Steuergeldern durchfüttern. Ein Grossteil der
Rentenbeiträge in Deutschland wird von ausländischen Mitbürgern gezahlt; oder besuchen sie mal am
Wochenende ein deutsches Altersheim - sie werden keine deutsche Fachkraft mehr finden. Diese tiefe
multikulturelle Verwurzelung, die vom türkischen Gastarbeiter ausgehend dahin gipfelt, dass junge
Türkinnen ein Kopftuch tragen, aber noch nie in ihrer vermeindlichen Heimat waren, muss endlich zur
Kenntnis genommen werden. Leider ist die Eigenschaft in Kategorien von vorgestern zu denken
ebenso "Made in Germany" wie die Grosskotzigkeit, mit der der deutsche Stammtisch dem Ausländer
an sich pauschal begegnet.

Das Individuum ist gefragt, jeder einzelne Mensch, der plötzlich zum ersten Mal richtig Angst verspürt
muss aus dickbäuchiger Letargie erwachen. Nicht die vor kurzem erworbene Volksaktie, nicht das
nächste Auto, nicht der nächste Urlaub sind wichtig - naiv aber wahr: was am anderen Ende der Welt
passiert, darf uns nicht egal sein. Bis das aber Wirklichkeit wird, bis der einzelne Mensch das
Umdenken beginnt, muss noch viel mehr passieren als ein eingestürztes World Trade Center. Wir
nähern uns dem Punkt, wo jeder von uns drei Handys in der Tasche hat, aber nichts mehr zu fressen
und niemanden, der sich für ein persönliches Schicksal noch interessiert. Bevor wir einen einen
interkulturellen, fruchtbaren Dialog überhaupt beginnen können, müssen wir eine innere Zwiesprache
führen. Dazu - ehrlich - ist kaum ein Mensch bereit.

Nicht wird sich ändern Wir leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft. Die Kraft, diese
Freiheit mit allen Mitteln zu verteidigen, wenn sie denn in Gefahr ist, ist stärker als jeder religiöser
Wahn. Geht es um diese Freiheit, dann isoliert sich diese Kraft ganz alleine von der, die Amerika in
den letzten Jahren in unmenschliche, ungerechtfertigte Kriege geführt hat. Diese Krise unterscheidet
sich eben von Vietnam oder der Golfkrise - für die USA und auch für uns geht es diesmal um mehr.
Einen konventionellen Krieg gegen ein Land zu führen macht keinen Sinn, wenn dadurch der
Weltfrieden gefährdet wird. Diese Krise hat eben nicht nur die USA ergriffen sondern spürbar jeden
Kleinaktionär in Deutschland oder sonstwo in Europa. Ein Bekenntnis zu den USA liegt in der
zynischen GEsinnung des Durchschnittsmenschen - Afghanistan hat uns nicht interessiert, wird uns in
wenigen Wochen nicht mehr interessieren und wenn dann noch die amerikanische Wirtschaft wieder
floriert sind alle wieder zufrieden. Zufrieden wiederholen wir dann unsere Kritik an den USA, am Islam
an sich und nehmen diese Krise scharfsinniger Weise als Grundlage für eine Einwanderungsdebatte.
Ausgesprochen dumm. Mitten in den ganzen Diskussionen zeichnet sich bereits jetzt ab: für jeden
einzelnen von uns wird sich überhaupt nichts verändern. Die Bilder der einstürzenden Türme des
World Trade Centers haben sich im Geiste des Primitiven bereits längst neben die von diversen
Actionfilmen eingesondert. Und irgendwann wird diese Katastrophe wieder Stoff für einen Hollywood-
Blockbuster sein - Leonardo DiCaprio dann als selbstloser New Yorker Feuerwehrmann, Kate Winslet
irgendwo zwischen Stahl, Beton und Leichenteilen eingeklemmt. So zynisch es klingt : es braucht viel
mehr Opfer bis sich etwas ändert.

Aus der Vergangenheit lernen Richard von Weizsäcker hat 1989 in einer Rede vor dem Deutschen
Bundestag die Betrachtung der Deutschen Geschichte nachhaltig verändert. 1945 sei Deutschland von
Faschismus befreit worden. In seiner Rede stecken implizit die Worte "Aufklärung" und "Neuanfang".
So wie Europa 1945 an einem Wendepunkt angekommen ist, stehen wir vor einem globalen
Wendepunkt. Es geht nicht darum, ein Land wie Afghanistan amerikanisch zu missionieren - es geht
wohl darum, Menschen mit einer Botschaft dorthin zu schicken. Ein Chatami aus dem Iran wäre
jemand, den ein Land wie Afghanistan gebrauchen könnte. Für den Anfang wäre auch eine andere
Idee ganz nett - vielleicht schicken die Amerikaner irgendwann Rosinenbomber nach Kabul.

11.09.2001 – Ein Aufruf zum Weltfrieden

In den letzten Tagen sind soviele Gedanken, soviele Perspektivänderungen durchmeinen Kopf
geschossen, wie schon seit langem nicht mehr. Es beginnt mit demNachmittag, an dem meine
Arbeitskollegen und ich plötzlich gebannt vor einemkleinen Radio sitzen und die Live-Übertragungen
anhören. Reporter deren Stimmesich überschlagen, Beschreibungen, zu denen man die Bilder gar
nicht sehen mag.

Dann der Weg nach Hause, unterwegs noch kurz einem Freund die schrecklichenTatsachen berichtet
und zu Hause setzt man sich vor den Fernseher und merkt erstnach mehr als einer halben Stunde,
dass man Jacke und Schuhe noch an hat. Daserste Bild ist die qualmende Skyline von New York, dann
aus verschiedenenPerspektiven die einschlagenden Flugzeuge. Keine Ahnung, ob man nachts
geschlafen hat, keine Ahnung, wie die Zeitvergangen ist.

Wenn mich vor zwei Wochen jemand gefragt hätte "Wie kann man den 3. Weltkriegauslösen?" dann
hätte ich es in meiner Phantasie nicht ansatzweise sobestialisch beschreiben können, wie es die
Realität gezeigt hat. Ich bin nachwie vor davon überzeugt, dass die Welt seit dem 11.09.2001 an
einem ganzmarkanten Wendepunkt angekommen ist.

Zunächst war ich positiv von den Reaktionen des amerikanischen Präsidentenüberrascht. Soviel
Distanz und Differenzierungsvermögen hätte ich gerade diesemPräsidenten nicht zugetraut. Die
bisherigen Äusserungen und Aktionen seinerAmtszeit haben auf viele Menschen kein positives Bild
hinterlassen. Den vielenSpekulationen über die Schuldigen hat er sich aber nicht pauschal
angeschlossen undseine Aufforderung, die Muslime in den USA nicht zu stigmatisieren
beweistWeitsicht. Ein unüberlegter Gegenschlag als Alleingang der USA wäre nach meinerMeinung bei
diesem Präsidenten eine viel wahrscheinlichere Reaktion gewesen. Die nächsten Wochen und Monate
werdenbeweisen, ob Bush diese Linie wird weiterverfolgen können.

Auffällig ist, wie sehr bei einem Individuum in einer derartigen Extremsituationdie Emotionen
hochkochen. Pauschalierungen und unüberlegte Aktionen sind daserste Ventil, diese Emotionen
herauszulassen. Man fragt muslimische Mitbürgerplötzlich nach ihrer Meinung, will, dass sie sich
gegen den Terror bekennen undbekommt verstörte Antworten, die darauf schliessen lassen, dass man
nichterwartet hätte, sich beweisen zu müssen. Es müsste doch eigentlich klar sein,dass ein Mensch
mit Kopftuch mit diesem Terror genauso wenig zu tun hat, wie manselbst. Die Medien aber schüren
ein anderes Bild. Schwarz/weiss Denken istleichter zu vermitteln und bei einem Schlag gegen die
freiheitlich-demokratischeGrundordnung von derartiger Härte, sind nicht nur Kleingeister
fürPauschalierungen empfänglich.

MacVeigh hat die Bombe von Oklahoma gelegt - das bis letzte Woche schwersteTerror Verbrechen
war eben nicht von einem islamischen Fundamentalisten initiertworden. Hier aber weiss man von
Beginn an, dass eine ganze Gruppe von Menschenfür die Anschläge verantwortlich sein muss. Diese
Menschen sind in der Lage, einFlugzeug präzise zu steuern und von der Herkunft dieser Menschen
weiss man, dasssie nicht dumm waren. So beinhaltet dieser Terror eine Erkenntnis, die manzunächst
nicht wahrhaben möchte und die in intellektueller Hinsicht eigentlichden grössten Schock auslöst: die
Intelligenz eines Menschen hat nichts mit seinerFähigkeit der ethischen Urteilsbildung zu tun. Daraus
wiederum folgt aber auchder Leitsatz, der jedes pauschalierende Argument abschwächt: diese Taten
könnennichts mit Glauben oder Religion zu tun haben.

Wer also von einem "Glaubenskrieg" oder einem "Krieg der Kulturen" spricht, der hat diese
Pauschalierungen als Teilseiner Denkstruktur hingenommen; solchen Menschen kann man schon nicht
mehr klarmachen, dass diese Taten mit keinerReligion im Zusammenhang stehen. Wichtig ist nur,
dass sich diese Zweiteilung der Gemüter in die richtige Richtungbewegt. Es geht nicht um Glauben
oder Kultur, darum geht es im Terrorismus, der immer von lebensunwerten, überflüssigenKreaturen
angezettelt wird, niemals. Worum es dem Terroristen geht, weiss ich nicht. Ich bin sicher, dass weiss
erselber nicht.

Was macht also ein Mensch, der an etwas glaubt, der mitbekommt, wie ein solcher Terrorist eine Tat
wie dieseverübt, behauptet, an dasselbe zu glauben, der sich genauso kleidet, genauso in seinem
Alltag zeigt, wie derfreiheitsliebende Mensch? Er müsste auf die Strasse gehen und sich von diesem
Verbrecher distanzieren. Ermüsste sich mit der breiten Masse eindeutig solidarisch zeigen. Ich muss
ehrlich sagen, dass ich diese Solidarität derin Deutschland lebenden Muslime vermisse. Bringt in
Deutschland ein Rechtsradikaler einen Menschen um und behauptet, erhabe diese Tat als Deutscher
begangen, dann gehen Tausende Menschen auf die Strasse um sich von dieser Aussage
zudistanzieren. Ausser einigen, wenigen, einzelnen Bekundungen und Statements auf Internetseiten,
fehlt diese Solidarität,dieses Bekenntnis zu freiheitlich-demokratischen Grundordnung, in der Muslime
in Deutschland leben können. Es wäre Zeitfür ein solches Bekenntnis, um gemeinsam den Terrorismus
bekämpfen zu können.

Nach meiner Auffassung hängt von diesem Bekenntnis ungemein viel ab. Es entscheidet darüber, ob
die multikulturelleGesellschaft diesen Konflikt in militärischer Form braucht oder nicht. Damit ist nicht
die in Deutschland leidergegebene Tatsache gemeint, dass sich ein Türke, ein Araber, ein Afghane,
nie wie ein Deutscher wird fühlen können. Esgeht um die Solidarität von Kulturen, die doch alle
vorgeben, an dasselbe zu glauben. Und machen wir uns nichts vor:wenn dieser Konflikt ausgestanden
ist, werden wir immer noch vor den gleichen Problemen einer multikulturellenGesellschaft stehen. Wir
sind gezwungen, den Weg der Globalisierung zu gehen. Alle Kulturen müssen grosse Teile
ihrerSubstanz aufgeben, ob es dem einzelnen nun passt oder nicht.

Davon völlig unabhängig ist eine Kritik an der Rolle der Amerikaner in der Welt. Für die
aussenpolitischen Tiefschläge,die Amerika in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts verteilt hat,
sind die vergleichsweise wenigen Opfer vomDienstag nicht verantwortlich zu machen. Für diese Opfer
gibt es keine Erklärung oder eine Rechtfertigung. Vielmehr gehtes dem Terrorismus um einen
symbolischen Akt. Da sollte man über folgenden Vergleich nachdenken: diese Anschläge
sindvergleichbar mit Anschlägen auf die grossen Heiligtümer der Moslems; man stelle sich vor, wie die
islamische Weltreagiert hätte. Aufgrund dieses Vergleiches mag man sich den Hass, der in einem
Amerikaner nun geschürt wurde,vorstellen und jeder Beitrag, der eine Distanzierung ermöglicht,
macht ungeheuren Sinn. Keine Solidaritätsbekundung,kein Gebet - egal, wie der Gott auch heissen
mag, keine Kerze, ist im Moment überflüssig.

Peter Killert, 15.09.01

Zur Lage der politischen Kultur

Guido Westerwelle möchte diesen Begriff wohl für sich besetzen. Es ist auffällig, wie oft er den Begriff
"Politische Kultur" in seinen Medienauftritten benutzt. Es sei eine Frage der Politischen Kultur, ob
Scharping im Amt bleiben solle oder nicht. Politische Kultur hört sich schön an. Wer diesen Begriff
benutzt sollte ihn zuerst einmal mit Inhalten füllen. Aber wenn es an die Substanz geht, dann
vergessen wir Herrn Westerwelle besser ...

Kultur ist das, was den geistigen Horizont eines Menschen erweitert. Kultur ist der Oberbegriff für
Kunst, Intellekt, Stil, Atmosphäre und Spiritualität, wobei letzteres nicht esoterische Verirrung,
sondern die Aktivität dessen meint, was sich aus der Kultur als Triebfeder selbige zu schaffen
voraussetzt, sozusagen die Fähigkeit, Kultur zu produzieren, vorausgesetzt, dass ein kulturelles
Produkt immer vorher erdacht sein muss
(es gibt sicherlich Kulturkreise, die diesen Bereich einer Obrigkeit oder einer religiösen Institution
überlassen; diese Kultur ist entsprechend geprägt).
Kultur ist zunächst einmal unpolitisch. Gehen wir davon aus, dass die Philosophie als älteste
Wissenschaft ihr übergeordnet ist und das die Kultur immer ein Spiegel der Möglichkeiten, diese
höchste, abstrakteste aller Wissenschaften darzustellen ist, dann können die Kultur und ihre Produkte
in der Tat einem Ansinnen folgen,
das sich an einer philsophischen Leitlinie orientiert. Überall dort, wo die Kultur sich in einem sozialen
Umfeld zeigt, kann sie der Wissenschaft, die die Leitlinie des sozialen darstellt folgen - Ethik und Moral
zeigen sich somit zwangsläufig in den kulturellen Ergüssen jedweder Art einer Gesellschaft.

Was soll dann Politische Kultur sein? Politik wiederum ist der Bereich, der die Gesellschaft zu ordnen
versucht. Eine Politische Kultur ist die moralische Einschätzung dessen, was ein Politiker an Handeln
zu vertreten hat. Eine moralische Einschätzung hat objektiv zu sein; Westerwelle disqualifiziert sich
also selbst, wenn er als Politiker eine solche Einschätzung vornimmt. Das ist Anmassung in subtiler
Form.

Schlimmer noch sind die, die laut einem objektiven Urteil negativ einzuschätzen sind und den
moralischen Zeigefinger in keinster Weise erheben dürften. Urteil ist hier durchaus auch im
juristischen Sinne gemeint, denn ein moralisch verwerfliches Handeln sollte in der Regel juristische
Konsequenzen nach sich ziehen. So
sollte es zunächst einmal lächerlich erscheinen, wenn ein Politiker einer Partei, die seit über 1 1/2
Jahren nicht in der Lage ist, die kriminellen Machenschaften ihrer Vergangenheit aufzudecken und in
deren vorderster
Reihe eine gutes Dutzend Personen nicht in der Lage ist, die Wahrheit zu sagen, den moralischen
Zeigefinger auf andere richtet. Das hat zur Folge, dass man von der eigenen Unfähigkeit, die
Politische Kultur mit Leben zu erfüllen ablenken will und die Lüge als Charakterzug des eigentlichen
politischen Handelns etabliert.
Ein Christdemokrat hat also von Kultur soviel Ahnung wie eine Kuh vom Schlittschulaufen.

Bleibt also die Frage, ob Scharping objektiv moralisch verwerflich gehandelt hat. Soweit ich das sehe,
ist das zu verneinen, denn seine Triebe, die ihn für wenige Stunde nach Mallorca haben zurück fliegen
lassen, unterliegen weder einer politischen, noch kulturellen Einschätzung (letzteres natürlich nur,
wenn man die
sexuellen Vorlieben eines Verteidigungsministers nicht zum kulturellen Masstab des libidösen Teils
einer Gesellschaft erheben will - kann natürlich sein, dass Friedrich Merz genau das bezweckt, wer
weiss ...). Fordert ein Politiker also von einem anderen, er solle seine privaten Vorlieben an seinen
beruflichen Verpflichtungen ausrichten, dann ist das absurd. Würde nicht jeder von uns, diese
Forderung weit von sich weisen auch dann wenn er in einem Pool vor dem Auge der Öffentlichkeit in
einem Pool planscht?

Moralisch verwerflich sind die Rahmenbedingungen, die eine solche Diskussion ermöglichen. Sollte ein
Politiker nicht seinen Urlaubsort, auch dann wenn er ihn beruflich verlassen muss, grundsätzlich mit
Chartermaschinen anfliegen? Der Weg des geringsten Widerstandes wäre ein anderer. Aber im
Gegensatz zu dem Verhalten eines einzelnen Menschen wäre genau das eine Frage der Politischen
Kultur.

Der Idealismus ist kein Humanismus

Es bringt nichts. Es bringt gar nichts. Das Beispiel, welches den Widerspruch einer humanistischen
Gesellschaft zu ihren Kindern, zu ihren emanzipierten Individuen am besten widerspiegelt, prallt an
diesen wohl sehr sehr eingeschränkt lernfähigen Menschen ab: Am Tag sterben laut UNICEF auf
dieser Welt ca. 30.000 Kinder und die humanistische Gesellschaft interessiert sich
dennoch mehr für Menschen wie Dieter Bohlen oder Verona Feldbusch.

Die hohe Opferzahl selbst nur zu erwähnen ohne gar irgend welche Schlüsse zu ziehen, zieht den
Schluss nach sich, dass man ein Idealist sein muss, wenn man auf diesen Widerspruch Wert legt, ihn
begreifbar machen will. Die Konsequenz: Der Humanismus ist nicht mehr das, was er mal war oder:
Der Idealismus ist kein
Humanismus.

Müde und gelangweilt schliessen sich meine Augen, nach dem ich den Fernseher ausgeschaltet habe.
Die besten Stunden, wo auf en wenigen guten Sendern auch ein gutes Programm lief sind vorbei.
Heute war das interessanteste unser Arbeitgeberpräsident, leger, ohne Krawatte, der ganz nebenbei
erwähnt, dass uns die rückläufige Zuwanderung ein Problem bereiten wird. Hat er Recht oder die
anderen, die was ganz anderes sagen, sogar ein Gesetz auf biegen und brechen durchboxen wollen,
dass die Zuwanderung regelt? Man stellt Regeln für die
Koordinaten der Körper autonom handelnder Personen auf. Man plant. Wie am Reissbrett ...

Ein Blick aus dem Fenster, hinaus, wo gar nichts passiert, langweilt nicht so sehr, wie die Show, die
uns das Medium Fernsehen beschert. Der Fernseher hat es geschafft, den menschlichen Intellekt
hinter humanistische Grundsätze zurück zu
werfen. Cogito ergo sum, das Bewusstseinsprinzip der Moderne hat ausgedient, denn wir denken nicht
mehr. Das war sowieso ein Widerspruch - Humanismus und Rationalität. Es gibt ja wohl ein
Naturgesetz, es ist nicht die eigene
Erfahrung, die uns steuert, es ist ein Gesetz hinter der Regel der Dummheit. Der Geist ist so autark
wie Tütensuppe auf dem Ozean.

Die Rente ist nicht sicher, alle sind korrupt, alle, weil: ich bin der Mittelpunkt der Welt. In mir zentriert
sich die Ungerechtigkeit, ich bin das
erschlaffte Lot idealer Prinzipien.

Der Philosoph Immanuel Kant hat einmal gesagt: "Dass es mit der Welt im argen liege ist eine
Vermutung, so alt wie die Welt selbst." Da mag etwas dran sein. Jede Generation dachte wohl von
sich, mit existentiellen globalen Problemen zu kämpfen zu haben, wobei "global" ein Begriff ist, der
zur gleichen Zeit an seine
Grenzen stösst, wie der Idealismus im Rahmen der Informationsgesellschaft: erreichte Grenzen ist
begrenzter Idealismus, darauf begrenzt, nur noch ein solcher zu sein, nur noch im Wort eine Kraft zu
haben, meist unregistriert und unreflektiert, gar nicht mal mehr die Realität wahrnehmend.

Plötzlich wird der Ruf nach Eliten wieder laut - Idioten dürfen nicht die gleichen Rechte besitzen, wie
ich. Plötzlich sind die Feinbilder klar, logisch,
das Übel sitzt in Afghanistan, wo sonst, es sind nur Palästinenser, die sterben, Schuld ist überhaupt
der Glaube und der Kommerz und die Schwäche jedes Einzelnen, die globale Schwäche, das, was
jeder machen würde. Natürlich würde jeder die Hand aufhalten, auch der Idealist, dessen grösste
Stärke die Dummheit
der anderen ist.

Dem Idealisten ist es egal, was ein Mensch ist, was er verkörpert, welche Rolle er ausfüllt, - ein
Mensch ist nichts wert. Er ist nur das wert, was er denkt und dem Idealisten kann das egal sein, denn
er ist nur ein Mensch. Das, was sich also von seiner Menschlichkeit absondert, ihn aller Schwächen
überlegen macht, sind seine Ideale.

So müssten die Idealisten, wenn dann mal wieder eine Bundestagswahl ansteht, die Wahllokale
blockieren und nur diejenigen reinlassen, die eine einfache Frage beantworten können: "Wie heisst
unser Bundespräsident?" - und schon würde sich die Spreu vom Weizen trennen. Ich bin sicher, das
Ideal läge hier bei einem Prozentsatz von 70% der Bevölkerung, der deutschen Bevölkerung, die diese
Frage korrekt beantworten könnten.

Das Dumme muss ausgemerzt werden. Das Dumme muss ignoriert und damit isoliert werden. Der
Idealist sollte sich nicht mit solchen Minderwertigkeiten abgeben. Im gleichen Masse, wie wir
Menschen mehr und mehr unserer Individualität bewusst werden, sollten wir diese auch leben. So
kann man sich fragen, ob es schonmal Sinn gemacht hat, über den Menschen nachzudenken. Der
Mensch ist nichts wert, nur sein Ideal. Der Mensch ist die Tütensuppe, sein Ideal ist der Ozean. Was
also kann es sinnvolleres geben, als in seinen Idealen aufzugehen ...
(Peter Killert, Juni 2000)

Glaubwürdigkeit und Substanz


- Über das Selbstverständnis öffentlicher Meinungsträger

Paolo Pinkel’s wahres Ich ist nun bekannt, Jürgen W. Möllemann wird nie mehr mit aberwitzigen
Prozentzahlen das Spektrum der Spass-Partei illustrieren und Alfred Biolek talkt nicht mehr …

Bis auf letzteren steht das Selbstverständnis deutscher Meinungsträger, sei als Politiker oder
Journalist, auf dem Prüfstand. Und schauen wir über unseren Tellerand hinaus, dann geht es auch
über die deutsche Nation hiweg um Glaubwürdigkeit und Substanz. Man kann kein Land lieben, bei
dem man zuvor alle Menschen pauschal einem bestimmten Typus zugeordnet hat (mal ganz
abgesehen davon, dass sich dieser Typus wohl immer noch hauptsächlich in Mallorca herumtreibt und
tatsächlich zuhauf existiert). Man kann kein Land bombardieren und von der Bevölkerung erwarten,
dass man als Befreier geliebt wird, wenn sich herausstellt, dass kein (offizieller) Grund für ein
derartiges Bombardement existiert hat - und es macht sich ganz gut, wenn sich die ausschöpfende
Berichterstattung samt aller Spekulationen auf den Boulevardbereich beschränkt. Soweit es jedoch um
gesellschaftliche Werte geht, sind die Spekulationen um das Selbstverständnis öffentlicher
Meinungsträger von grösstem Interesse.

Denn wer sich als Moralist aufspielt und in der eigenen Talksshow den Gegenüber nicht aussprechen
lässt, wenn ein Mensch den Tod wählt um eine Hinterfragung seines eigenen Status als Sündenbock
im öffentlichen Bewusstsein wachzurufen oder wenn sich die Schuld für einen Krieg mit tausenden
von Opfern auf die Formulierung einer Passage in einer Rede des amerikanischen Präsidenten
reduzieren lässt, dann, ja dann muss man das Selbstverständnis von öffentlichen Meinungsträgern
hinterfragen. Dabei konzentrieren wir uns auf die Meinung selbst und den Folgen die daraus
entstehen. Ob es sich bei den Meinungsträgern um Kokser, Cowboys oder Fallschirmspringer handelt,
seien Fakten, deren Ausschlachtung wir getrost der Boulevardpresse überlassen.

Dabei fällt doch auf, dass die Öffentlichkeit sehr wohl daran interessiert ist, Gründe und Hintergründe
einer Meinung oder einer politischen Entscheidung zu verstehen. Im Sinne von Substanz und
Glaubwürdigkeit wäre es sehr wohl ein Gewinn, wenn der mündige amerikanische Staatsbürger bei
der kommenden Präsidentschaftswahl seine Konsequenzen zieht und Bush abwählt. Ebenso autonom
wäre es, wenn die öffentliche Meinung die Boulevardpresse zurückpfeift – ‚boulevardesk’ ist nämlich
immer die primitivste Reaktion auf das triebhafte Verlangen des Moralvoyeurs und damit immer nur
eine Reaktion. Wirklich nachhaltig lässt sich die Verbesserung der BILD-Schlagzeilen letztlich nicht
festschreiben, aber hätte diese Zeitung nicht vor wenigen Jahren noch wesentllich härter abgeurteilt
als mit der Überschrift „Wie krank ist Friedman?“ – Harmlos, erinnert man auflagemachende Rufmorde
in den 70er Jahren …

Denn auch der Voyeur von heute, der die BILD Zeitung vielleicht nicht unbedingt wegen den
Schlagzeilen, sondern vielmehr wegen der täglichen, frischen Portion Titten auf der ersten Seite kauft,
sehnt sich in Zeiten wie diesen nach alten Werten – die Schlagzeile in BILD gemässigt und der
SPIEGEL widmet den neuen, alten Werten eine Titelstory (SPIEGEL 28/03). Werte statt Friedman.
Vielleicht macht die öffentliche Meinung ihre öffentliche Kehrtwende langsam und kaum merklich.
Letzendlich zählt aber wirklich nur, ob die Steuerreform tatsächlich mehr Geld in die Taschen bringt.

Geld ist nach wie vor der Motor der Gesellschaft – egal wie stark die Sehnsucht nach Werten ist. Sie
merken sicher: „Geld“ und „Wert“ sind strikt zu trennen, denn wo Geld fliesst bewegen sich
Menschen, bewegen sich Meinungen und eine bezahlte Meinung ist nichts wert.

Es gibt Abgeordnete im deutschen Bundestag, die sitzen in sieben(!) Aufsichtsräten und werden dafür
fürstlich entlohnt. Natürlich sitzt dort niemand und trägt seine öffentliche Meinung dort vor, sondern
entscheidet nach der Meinung aus deren Richtung das Geld fliesst – wichtigster Schritt also, um
„Werte“ zu etablieren: Politikern muss es verboten sein, als vergoldetes Scharnier zwischen Meinung
und Entscheidungen auf der einen Seite und einer fragwürdigen Lobby auf der anderen Seite zu
fungieren. Wir müssen wieder an den Punkt kommen, wo Politiker tatsächlich Politik machen, wo die
Bänke im Plenarsaal mit Menschen und Engagement gefüllt sind. Wir brauchen auch keine Mentalität
in der der Bundeskanzler meint, Gewerkschafts- und Arbeitgeberfunktionäre ans Händchen nehmen zu
müssen. „Macht mal ein Bündnis, damit andere Arbeit haben“ – würde man diese Topmanager nach
Leistung bezahlen und Werte mit Werten abgleichen, dann hätten wir im Nu ein paar hunderttausend
Arbeitslose weniger und in den Reihen der Topmanager wird sich die Spreu vom Weizen trennen –
eben wieder mehr Glaubwürdigkeit und Substanz.

Ebenso kann es nicht angehen, dass wir die Hände angesichts einer Tatsache wie 30.000 sterbender
Kinder, täglich auf dieser Welt, in den Schoss legen und einen witzigen Trottel wie Daniel K. zum
Multimillionär machen. Hinter der mediokratischen Fassade unserer Gesellschaft steckt
flächendeckende Substanzlosigkeit. Wir sollten uns alle bei Konsum und Spass gleichzeitig der wirklich
wichtigen Dinge besinnen, denn Voraussetzung für Sustanz und Glaubwürdigkeit ist Sensibilität. Und
daran scheitert die Entstehung neuer Werte.

Schauen Sie sich um, in ganz alltäglichen Situationen und sie verstehen, was ich meine: Wieviele
Menschen schmeissen ihren Kassenbon auf die Erde statt in den Müll, wenn sie ihren Einkaufswagen
zurückbringen, wieviele Menschen interessieren sich nicht dafür, einfach nur mal Platz zu machen,
vielleicht einer alten Frau beim Tragen zu helfen oder – ganz profan – den Dummschwatz, den sie von
sich geben, vor dem Hintergrund ihrer eigenen Unfehlbarkeit, mal zu hinterfragen, sich einmal zu
fragen, was der andere darüber denken mag?

Wenn Sie nun denken, dass der Schreiber dieses Pamphletes damit zu allererst mal anfangen sollte,
dann kann ich Ihnen versichern, dass ich das tue. Vielleicht fehlt es jedem ein bisschen an
Glaubwürdigkeit und Substanz – aber zumindest die Sensibilität ist da, denn sonst würde mich nichts
dazu treiben, ein solches Pamphlet zu schreiben.

Zwischen 'Freedom Fries' und Flächenbrand

Das Recht des Stärkeren hat gesiegt - Jahrzehnte der Emanzipation, das Wissen und die Erfahrung um
die dramatischen Folgen eines Weltbrandes im letzten Jahrhundert und der mühselige Aufbau einer
Institution wie die UNO, noch vor zwei Jahren mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, scheinen
vergebens gewesen zu sein. Die einzig verbliebene Supermacht Amerika definiert, was Recht und
Odnung ist, wird der Forderung einer NEW WORLD ORDER von Papa Bush aus dem Jahre 1991
gerecht und zieht neben dem Unverständnis gegenüber eigenen Widersprüchlichkeiten gleichzeitig
den Hass ganzer Bevölkerungsgruppen quer über dem Globus auf sich ...

Während ich mir heute, sitzend vor dem Fernseher, ein paar
"Freedom Fries" gegönnt habe, bleibt der letzte Bissen im Hals
stecken. Bagdad brennt und diejenigen, die Tod über die Zvilisten
bringen, besitzen die Unverfrorenheit, von Befreiung zu sprechen.
Befreien durch Töten und Zerstören, Schock und Einschüchterung
- hier werden ganz neue Massstäbe gesetzt bei denen man
wirklich das Kotzen kriegen könnte. Und wenn man die letzten
Wochen Revue passieren lässt, springen die Lügen und Gesten
mit denen dieser Krieg gerechtfertigt und unterstützt wird ins
Auge. Da wird ein Ultimatum gestellt, gleichzeitig wird aber auch
gesagt, das der Krieg kommen wird, egal, ob dieses Ultimatum
befolgt wird, oder nicht. Wozu dann ein Ultimatum? Da wird die
gleiche Pressezensur betrieben, wie schon vor zwölf Jahren, nur
mit dem Unterschied, das ein bekannter arabischer Sender nun ein nicht weniger überzeichnetes
Gegengewicht bildet (man schaue nur auf die farblich identische Laufschrift am unteren Bildrand der
Sender). Und - wie bereits in Afghanistan - die Amerikaner kämpfen gegen Ihre eigenen Waffen.
Massenvernichtungswaffen für den Irak: das war so lange in Ordnung, wie sich der Iran und der Irak
bekämpften. Rumsfeld selbst hat per Handschlag und anschliessender Waffenlieferung zu dem
Szenario beigetragen, das heute als Vorwand für den Krieg herangezogen wird.

Die Naivität und die Dummheit mit der Amerika in diesen Krieg zieht stinkt zum Himmel. Man
erwartete freudige Iraker, die die "Befreier" mit Blumen begrüssen und knüpfte diese Hoffnung an zu
kurz gedachte, historische Parallelen. In Deutschland habe es doch auch geklappt und auch Japan
habe seit Hiroshima und Nagasaki eine Demokratie. Dass es jedoch nicht erstrebenswert sein kann,
mit diesen Mitteln einen Status Quo zu erzwingen liegt auf der Hand und gleichzeitig ist es wahrlich
unentschuldbar - und das gilt nicht nur für diesen Krieg und seine Rechtfertigung - die eigenen
kulturellen und politischen Massnahmen anderen Völkern mit diesen Mittlen auferlegen zu wollen. Wer
dies dennoch tut und sich in den rechtsfreien Raum begibt, hinein in die Koalition der Willigen,
brandmarkt andere als die "Unwilligen". Dieses Verhalten nennt man Arroganz und es ist die
Hauptquelle des Misstrauens gegenüber Amerika.

Bleibt die Frage nach den akuten Gefahren und nach den Folgen
dieses Krieges. Wer hätte jemals gedacht, dass in Teheran für
Saddam Hussein demonstriert wird? Wem wird nicht Angst und
Bange, wenn wir die Bilder aus Jordanien sehen, wo
Hunderttausende für den Irak auf die Strasse gehen? Ganz zu
schweigen von den immer stärker islamisch geprägten Staaten in
Asien und Ozeanien. Wenn in Jakarta, am anderen Ende der Welt,
die grössten Friedensdemonstrationen der Weltgeschichte
mittlerweile zur Tagesordnung gehören, dann kann eben genau das
passieren, was die Attentäter des 11. September im Sinn hatten:
eine Zweiteilung der Welt. Aus den karikierten Monstern, des
grausamen Islams und der kapitalistisch, menschenverachtenden Westens werden zwei reale Fratzen.
Sichtbar wird das Ganze in der Hintergrundkulisse von CNN, RTL oder auch N24. Dort stehen sich die
Konterfeis von Saddam und Hussein gegenüber, als wäre das Ganze ein auf zwei Extreme zu
reduzierender Boxkampf. Es ist ein bekanntes Phänomen, wenn Zahlen und die Konzentration von
Konfrontation in konträren Bildern bei CNN und bei Eurosport gleichermassen ins Auge fallen. Dieses
Phänomen ist ein sicheres Zeichen für Realitätsverlust zur Sache selbst und dem Aufbauschen des
Konfliktes zum allumfassenden Match um die führende Weltanschauung in dieser Welt. Darum aber,
geht es nicht. Das eben genau das nicht klar rüberkommt ist die grösste Gefahr.

Naiv und dumm ... da fliegt ein amerikanischer Kampfhubschrauber 'versehentlich' über iranischen
Luftraum. Und ein Militär, bei dem der Tod von ein Drittel der eigenen Leute durch "Friendly Fire" mit
einkalkuliert wird, soll gleichzeitig in der Lage sein, chirurgisch in einer Millionenstadt wie Bagdad mit
betonbrechenden Raketen zu operieren? Ein Arzt, der an Überheblichkeit leidet und mit Willkür
punktgenau das Übel treffen will, das ist, naiv und dumm.

Jederzeit kann sich dieser Konflikt wie kein anderer bisher zu einem Flächenbrand ausweiten.
Selbstmordattentäter sind die direkte Bestätigung für irregeleitete Palästinenser, das gemeinsame
Feindbild der arabischen Welt fördert geradezu den Zusammenschluss bisher unvereinbarer Nationen
und von dem Wunsch nach einer Lernfähigkeit seitens der USA können wir getrost Abstand nehmen.
Die USA provozieren mit diesem Krieg geradezu den Ausbruch von Konflikten. Die Vorzeichen für eine
Neuordnung der Welt stehen alles andere als gut. Im Moment sind sie irgendwo zwischen 'Freedom
Fries' und Flächenbrand, naiv und dumm.

Die Büchse der Pandora


Das Modell der "New World Order" im Zwielicht

Ob das die Attentäter des 11. September gewusst haben? Nein, das ist zu abwegig, das kann nur ein
Zufall sein: Am 11. September 1990, exakt 11 Jahre vor den Anschlägen auf das WTC, propagiert
George Bush I. - Vater des heutigen US-Präsidenten - in einer mittlerweile historischen Rede den
Drang und die Konturen zu einer "N.W.O." Dieses Kürzel, Abkürzung für "New World Order"
verkündete die angebliche Notwendigkeit einer neuen Weltordnung. Hinter dieser hohlen Phrase, in
der ganz klar die Manifestation einer Gruppe von Nationen, eben nicht nur als moralische Instanz
sondern in erster Linie als militärisch operierendes Instrument, gefordert wird, steckt sehr viel mehr.

Aus dieser Rede von George Bush senior: "Was auf dem Spiel steht, ist mehr als ein kleines Land
(gemeint ist Kuwait), es ist eine große Idee – eine neue Weltordnung, in der verschiedene Nationen
für eine gemeinsame Sache zusammenwirken, um die universellen Ziele der Menschheit zu erreichen:
Frieden und Sicherheit, Freiheit und Recht. Diese Welt ist unseren Kampf wert und auch die Zukunft
unserer Kinder."

Abstrakte Worthülsen wie Freiheit und Recht, definiert durch den Präsidenten der einzig verbliebenen
Supermacht - das muss misstrauisch machen, - was es auch hat - denn diese Rede gilt bis heute als
einzigartiges Dokument eines direkt ausgesprochenen neuen Imperialismus. Auffällig dabei ist die
unklare Definition, wer denn nun zu den "verschiedenen Nationen" gehöre und wer letztendlich
definiert, was diese abstrakten Werte denn konkret bedeuten - da ist kein Platz für Nationen mit
anderen Auffassungen: Amerika definiert was Freiheit ist und dieser Führerschaft ordnet man sich
unter - oder nicht.

Die Schlussfolgerungen sind einfach - mit Freiheit und Sicherheit sind kapitalistische Grundwerte
gemeint. Immer dann, wenn es der amerikanischen Wirtschaft schlecht ging, wurde von den USA ein
Krieg inszeniert - so decken sich die Abstände, in denen Krieg geführt wird mit den Zeitspannen von
Konjunkturzyklen. Nur ein Zyniker könnte den Sinn hinter dieser Konfliktinszenierung leugnen.
Weitere, rekursive Schlussfolgerungen führen jedoch zu bizarren Theorien:

- Kann man das ernst nehmen? In diesem Artikel wird behauptet, dass WTC sei nicht durch die
Flugzeuge, sondern durch zusätzlich platzierte Bomben zum Einsturz gebracht worden. Die Seite ist
islamisch geprägt, befindet sich aber unter der Domain "horoscope.de".

- Mehr noch: www.elfterseptember.info ist eine Sammlung von anti-amerikanischen Parolen und absurder
Verschwörungstheorien. Unbemannte Dronen, die als Linienflugeuge getarnt waren, seien in das WTC
geflogen. Die amerikanische Nation selbst habe diese Massaker inszeniert um einen Vorwand für den
lange geplanten weltweiten Feldzug gegen den Islam zu haben. "Wer's glaubt, wird selig" - kaum ein
Sprichwort, passt hier besser.

Vorsicht ist also geboten, wenn pauschal eine antiamerikanische Haltung eingenommen wird.
Schliesslich sind es keine Amerikaner, die sich Bomben um den Bauch schnallen, um diese vor einer
Discothek in TelAviv zu zünden. Und ein Volk, das so etwas zulässt, eine Religion, die sich nicht auf
das Schärfste vom Terrorismus distanziert kann nicht erwarten, von der Weltgemeinschaft ernst
genommen zu werden.

Wir finden hier also zwei Formen der Polarisierung, die tatsächlich eine neue Weltanschauung in den
nächsten Jahrzehnten prägen wird. Jenseits der NATO und der UNO stellt sich die Welt neu auf - und
da haben besonders auch Russland und China ein gewaltiges Wörtchen mitzureden, eine Grösse, die
heute noch weitgehend unkalkulierbar ist. Es geht also darum, ob sich eine moralische Instanz wie die
UNO, egal welche Beschlüsse sie fällt, stark genug ist, gegen den amerikanischen Wall zu bestehen.
Soll die Welt ruhig mit einer Stimme sprechen. Diese Stimme darf nur nicht monoton amerikanisch
sein.

Daneben prallt die kapitalistische Weltordnung, mit all ihren negativen Folgen auf die Armut, auf die
Tatsache, das Menschen schlicht nicht genug zu essen haben und vom Neid gegenüber der
ressourcenfressenden Nordhalbkugel der Welt in diese Länder oder in den Terrorismus getrieben
werden. Wenn das "Globalisierung" ist, dann kann man jeden Globalisierungsgegner verstehen. Da ist
die Islamisierung dieser Länder kein Symptom - der Islam vermag jedoch nicht die berechtigten
Aggressionen in produktive, überzeugende Argumente umzumünzen. Eine anfällige Weltreligion, die
für terroristische Auswüchse missbraucht wird und in den diversen Krisenregionen dieser Welt auch
nur allzu anfällig für das Mittel der Gewalt zu sein scheint, kann dem amerikanischen
Grossmachtstreben nicht die Stirn bieten. Im Gegenteil - sie gibt Amerika mehr und mehr Instrumente
und Rechtfertigungen, Kriegsgründe zu konstruieren. Die kalte Macht des Kapitals schaukelt sich mit
dem Gegenstück des naiven Glaubens der Unterdrückten hoch - die Form, wie beide Parteien
miteinander kommunizieren zeigt sich in Isreal: Terror - Vergeltung - Terror - Vergeltung ...

Würden nicht beide Seiten davon profitieren, wäre zumindest in der Theorie ein Ausweg möglich,
eben über eine moralische Instanz, wie z.B. die UNO. Das ist aber nicht Fall, wie folgende Zahlen
zeigen: Bei einem Krieg wird Bush einen Nachtragshaushalt im Capitol vorlegen. Dieser Haushalt
umfasst alleine 95 Milliarden Dollar. Die direkten und indirekten Kosten für die amerikanische
Wirtschaft belaufen sich - ein steigender Ölpreis mit einkalkuliert - auf ca. 300 Millarden Dollar. Dahin
könnte das amerikanische Staatsdiefizit steigen. Unter diesen Kosten verbergen sich natürlich Kräfte,
die den Kuchen unter sich aufteilen wollen. Wo wird dieses Geld wohl hinfliessen? (Quelle). Auf die
Tatsache, dass genau der richtige Mann für die Bedienung dieser Interessen zur Zeit im Weissen Haus
sitzt, braucht man nicht näher einzugehen. Und ein Krieg gegen den Irak könnte die Büchse der
Pandora öffnen, besonders dann wenn sich Welt auch militärisch polarisiert und die Hilflosigkeit
gegenüber einem binären-animalischen Zwangsautomatimus zeigt, der anscheinend mit noch so viel
Vernunft und Erfahrungen mit Kriegen nicht zu bändigen ist. Bebildert wird das Ganze von CNN,
schockieren wird es die Menschen, die endlich mal auf eine Stärke der Friedensbewegung gehofft
haben und langweilen wird es den Zyniker, der mit Bush im Weissen Haus sowieso mit nichts anderem
gerechnet hat.

Der amerikanische Alptraum

Ich bin nun seit knapp einem Monat in Amerika und habe mir ein Bild von Land und Leuten gemacht.
Dem multikulturellen Zwischenfazit in meinem Amerika Tagebuch möchte ich nun eine weitere
Beurteillung dieser doch so fremden Kultur hinzufügen. Manche Voruteile waren Schall und Rauch -
andere haben sich auf übelste Art und Weise bestätigt.

Manhattan spiegelt das soziale Gefälle der Welt wider. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Im
Norden die Armut, im Süden der zum Himmel stinkende Protz des Finanzdistriktes. Irgendwo zwischen
diesen vielleicht zehn Meilen gehen die sozialen Werte schlagartig den Bach runter. Und das Schlimme
daran - da spiegelt sich eben auch die Gesinnung der gesamten nördlichen Erdhalbkugel wider - es
interessiert kein Schwein.

Es ist interessant, wenn man mit einem Amerikaner über den 11. September spricht. Es ist einfacher,
eine amerikanische Flagge als Zeichen des Patriotismus ans Auto, an den Hauseingang oder sonstwo
hinzuhängen als darüber nachzudenken, warum es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, die Amerika
so sehr hassen.

Zunächst einmal muss ich meine Sicht der Dinge darstellen. Wenn diese Menschen nur Amerika
hassen würden, dann hätten sie die Freiheitsstatute, das Capitol, den Times Square oder das Empire
State Building angegriffen. Das haben sie aber nicht. Der Angriff auf das World Trade Center in einer
internationalen Stadt galt nach meiner Überzeugung dem ungezügelten Kapitalimus und der
Institution, die diesen schützt und zum Ankurbeln des globalen konjunkturellen Motors auch mal eben
einen Krieg inszeniert. Dass diese Institution - ich meine das Pentagon - mit der amerikanischen
Nation verbunden ist, ist Pech, darf allerdings nicht den Blick auf wesentliche Tatsachen verdecken. Es
ist nun mal eine Tatsache, dass hier soziale Unterschiede und ihre Folgen einfach ignoriert werden.
Diese sozialen Unterschiede finden ihre Ursache auch nicht in einer multikulturellen Vielfalt oder sind
auf eine soziale Schicht begrenzt, keineswegs. Sie werden im Süden Manhattans ebenso viele farbige
Menschen finden, die aus Edelkarossen steigen, wie Sie im Norden den Penner weisser Hautfarbe
antreffen. Die "Bronx" ist schon längst nicht mehr schwarz und das Märchen vom armen Harlem
gehört der Vergangenheit an.

Sie werden von einem Amerikaner niemals eine Stellungnahme zu einer der wenigen sinnigen
Aussagen unseres blassen Bundespräsidenten Rau finden. Rau sagte auf einer Rede bei einem
deutschen Automobilhersteller in Detroit im Rahmen eines privaten Besuchs während der letzten
Olympischen Winterspiele in Salt Lake City: "Es ist wichtiger eine Allianz gegen Armut und Leid in
dieser Welt zu schmieden, als die Welt einfach nur in Gut und Böse einzuteilen." Ein Amerikaner hält
es nicht für nötig, hierzu Stellung zu beziehen. Der Grund liegt auf der Hand. Armut zu besiegen
kostet Geld - der Kampf gegen das Böse bringt Geld. Das fängt beim "Firefighter-Teddybär" am
Ground Zero an und hört bei der rechten Hand auf der Brust während der Natonalhymne bei jedem
Baseballspiel längst nicht auf ...

Ich sehe diese Tatsachen aber nun auch aus einem ganz anderen Blickwinkel. Das Trauma, dass die
Attacke vom 11. September ausgelöst hat, kann man erst nachvollziehen, wenn man mal am Ground
Zero gestanden und sich vorgestellt hat, dass hier mal zwei riesige Gebäude gestanden haben, die alle
anderen Gebäude in der unmittelbaren Nähe um mindestens das Doppelte übertroffen haben. Das war
ein Stich mitten ins Herz, der die Amerikaner tief getroffen hat. Ein Amerikaner hat - im Gegensatz zu
den meisten europäischen Nationen - nie einen Krieg auf dem eigenen Territorium erlebt. Und auch
wenn meine Ausführungen zu Beginn darauf schliessen lassen könnten: ich glaube nicht, dass
Terroristen Moralisten sind. Das Böse an sich, nach dem 11. September zu definieren fällt nicht
schwer und wird von den Amerikanern richtig gemacht. Hier gibt es keine Hatz auf Muslime oder
irgendwelche unbegründeten Vorurteile. Hier würde niemand schwachmatische Parolen wie "Das Boot
ist voll!" in die Welt setzen und auf zuviele Ausländer anspielen, nur um damit auf Stimmenfang zu
gehen. Nicht in dieser Gesellschaft, die ohne Ihre Vielfalt keine Chance hätte, zu überleben. Bei der
Firma, für die ich arbeite fällt dies im besonderen auf. 95% der Belegschaft ist nicht amerikanisch.
Das Boot wäre also schon längst gekentert und was diese Erkenntnis angeht sind uns die Amerikaner
um Jahrzehnte voraus. Sicher kann man dies erst in einem übergeordneten Massstab richtig ins Bild
setzen. Amerika kann man nicht mit Deutschland vergleichen - man sollte allein schon wegen den
Grössenordnungen von Amerika und Europa sprechen. Und in Europa muss das Miteinander von
Kulturen noch erlernt werden. Aber diese Diskussion führt hier zu weit... Das Böse allerdings, hat eine
Ursache. Die Frage nach dieser Ursache ist sehr spannend und weitet sich über Manhattan auf die
gesamte Welt aus. Manhattan also, spiegelt den Rest der Welt wider. Raffgier, das Ignorieren sozialer
Unterschiede ist eben kein typisch amerikanisches Phänomen.

Schalte ich hier in den USA den Fernseher ein, dann bin ich überrascht, um wieviel kultivierter sich
alles darstellt, als ich vor meiner Reise vermutet hätte. Die Talkshows sind nicht (oder nicht mehr)
ansatzweise so dämlich, wie in Deutschland und neben den Entertainment-Kanälen und dem Pay-per-
View legt man seit neuestem Wert auf werbefreie Sender, Familienprogramm und neben einem
Discovery Channel auch eine Art Schulfernsehen, dass die Amerikaner besondern am Morgen an den
Wochenenden ihren Kindern vorsetzen sollen. Daneben gibt es CNN, MSNBC und andere Nachrichten-
Channel, wo man nachmittags schon mal die Verfolgungsjagd der Polizei auf dem Highway von
irgendwelchen Bankräubern beobachten kann. Das ist nicht neu, aber das Interesse an diesen
Berichterstattung hat wohl nachgelassen und neue Action-Serien haben nur dann eine Chance, wenn
eine grosse Portion Patriotismus mitspielt und das Böse exakt definiert ist.

Ich würde nicht soweit gehen zu behaupten, dass ein Umdenken begonnen hat. Aber in einigen
Bereichen zeichnen sich Veränderungen ab, von denen wir in Deutschland noch gar nichts
mitbekommen haben. Bei uns geht die Welle der Gerichtsshows gerade erst los - in den USA ist das
schon wieder out. Und hier gibt es niemanden, nicht mal den dümmsten Boulevardsender, der sich
mit den Figuren abgibt, mit denen sich der deutsche Boulevardjournalismus auseinandersetzt. Verona
und Dieter würden hier noch nicht mal als Witzfiguren Karriere machen. Amerika braucht Substanz
und sucht sie - ob man diese aber im Patriotismus findet?

Nun, um hier ein Held zu sein, muss man es mindestens mit einem FireFighter aus New York
aufnehmen können. Das ist schon ein hoher Anspruch. Zumindest was das angeht, hat sich der
Massstab von Unterhaltung und sozialem Niveau beträchtlich nach oben korrigiert. Mal ehrlich: ein
Feuerwehrmann als Held des Alltags? - Ich finde, das ist richtig realitätsnah. Spiegelt Manhattan den
Rest der Welt wider, dann öffnen sich hier neue Perspektiven. Darüber hinaus ist es immer sinnvoll,
das Positive herauszustellen, denn ...

... wenn man das vierte Mal den ganzen Tag durch New York gelaufen ist, den ganzen Dreck, den
ganzen Protz, den ganzen Lärm in sich aufgenommen hat und dann am nächsten Morgen aufwacht
und erstmal ´ne kalte Dusche nimmt, dann klingt der Lärm, der im Hinterkopf nachschallt, wie der
Lärm aus einem bösen Alptraum, in dem Tausende Menschen Tag für Tag durch eine stinkende
Metropole hetzen, nur damit sich alle aus dem Weg gehen können und keine Notiz von der Situation
des anderen nehmen müssen. In diesem Alptraum spiegelt Manhattan den Rest der Welt wider und
das ganz persönliche Schicksal jedes Einzelnen ...

Eine Gesellschaft bekommt, was sie verdient …

Wenn Sie ein anderes, hier bereits veröffentlichtes Pamphlet gelesen haben, dann kennen Sie dieses
illustrative Beispiel bereits. Laut UNICEF sterben am Tag knapp 30.000 Kinder auf dieser Welt - die
humanistische Gesellschaft interessiert sich jedoch mehr für Individuen wie Dieter Bohlen und Verona
Feldbusch. Was dies nach meiner Meinung über den Wert einer Gesellschaft und ihrer Individuen
aussagt, sollten Sie nachlesen ...
Und kaum da dies geschrieben steht, läuft ein Irrer durch eine Schule und knallt 16 Menschen und
einen Haufen Scheisse, also sich selbst, ab - eben nicht "wahllos". Der Autor eines Artikel aus "DIE
ZEIT" hat ganz Recht. Er schreibt heute auf der Internetseite dieser Zeitung: "Eines hat in Erfurt nicht
stattgefunden: ein Amoklauf". Wir haben es hier nicht mit einer Kurzschluss-Reaktion oder einer
affektierten Tat zu tun. Die psychische Deformation von Robert Steinhäuser hat viel früher begonnen.
Daran ist kein Schützenverein, kein Computerspiel Schuld. Daran ist überhaupt niemand Schuld,
ausser vielleicht doch eine gewisse Vorhersehung aus der sich ein konkreter Sinn ableiten lässt.

Wir wollen auch nicht dumm rumheucheln und aus wahlkampftaktischen Gründen mit einem "Wir
denken nur an die Opfer" - Gesülze anfangen. Als Aussenstehende interessiert uns die Frage
"Warum?" und Ihre Antwort. Der Täter und seine Psyche muss uns interessieren, allein schon unter
einem präventiven Gesichtspunkt. Im Grunde ist es wie mit dem Dicken, der den Hals nicht vollkriegt
und immer mehr und mehr in sich hinstopft ohne innezuhalten, ohne mal nach den anderen zu sehen.
Irgendwann platzt er. Irgendwann ist man so satt von all der ganzen Gewalt im Fernsehen, da muss
wieder Live-Action her. Wieviele schauen sich die Nachrichten an und geniessen die Ergötzung an
solchen Szenen? Wieviele Menschen fahren blöd gaffend an einer Unfallstelle langsam und spielen bei
Diskussionen den teilnahmslosen Moralisten?

Mitgefühl wird von der Masse vorgeheuchelt. Die einzigen, die wirklich beurteilen können, was in
Erfurt passiert ist, sind die Opfer selbst.

Zurück zur Vorhersehung: Steinhäuser war kein Werkzeug dieser Vorhersehung, aber was macht
dieser ganze Horror denn für einen Sinn, wenn nicht den, zu wissen, dass es schlimmer nicht mehr
kommen kann? Was kann es schlimmeres geben, als einen jungen Menschen, der die Autoritäten
nicht mehr hinterfragt, sondern in einer deformierten, nicht von der Realität zu dividierenden
Scheinwelt, tötet? Der Täter macht mit diesem Akt seine kranke Welt zur Realität. Was kann es
schlimmeres geben als eine Gesellschaft, in der diese völlige Ignoranz natürlicher Hemmschwellen im
Einzelfall, die schwarz-maskierte Apoalypse zulässt? Was, mal ehrlich, sollen diese bescheuerten
Gewaltfilme, die offensichtlich den Druck auf die Türklinke zu Höllenpforte kräftig unterstützen? Weg
mit dem Dreck! Endlich weg damit! - Wenn das passiert und dann vielleicht ein weiteres Massaker
verhindert werden kann, dann haben wir zwar immer noch nicht den Sinn hinter dem Schrecken
verstanden, aber wir kennen einen Weg - einen Weg, für den sinnigerweise allein schon die Ratio des
Menschen ausreichen müsste - um diese Schrecken zu umgehen. Und da denken wir dann wirklich,
ohne Heuchelei und Wahlkampf an die Opfer. Jedes Leid ist nur dazu da, anderes Leid zu verhindern.
Fragt sich nur, wie lernfähig diese Gesellschaft ist, wenn selbst der 11. September zu keinerlei
Veränderung geführt hat. Aber abwarten. Manchmal brauchen Änderungen ihre Zeit.

Die Veränderungen fangen bereits im kleinen an. Wir sollten uns gegen jede Form von oberflächlichen
Materialismus stellen. Es ist peinlich, dass so mancher Mensch, der eigentlich aufgrund seines Alters
über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen müsste, andere Menschen immer noch beinahe
ausschliesslich nach Äusserlichkeiten beurteilt. Und ob Sie es glauben oder nicht: es gibt einen ganz
einfachen Trick, wie man diese Fähigkeit, die - da bin ich fest von überzeugt, tief in der Natur des
Menschen verankert ist - für sich selbst wachruft und bei Bedarf abrufen kann. An einem lauen
Sommerabend, setzen sich auf Ihren Balkon, ihre Terrasse oder gehen Sie raus auf die Strasse. Mit
einer Flasche Bier in der Hand schauen Sie mal in den Himmel, denken an die eingangs erwähnte Zahl
von UNICEF, denken für einen kurzen Moment an den Horror, der in dieser Gesellschaft möglich ist,
nur um dann zufrieden festzustellen, dass es einem so wunderbar gut geht. Innehalten, Luft holen
und sich der Wesentlichkeit besinnen. Das schärft den Blick und man nimmt Menschen wahr, bevor
sie in eine Scheinwelt abdriften. Man muss es fertig bringen, in stoischer Ruhe seine bescheidene Welt
zu hinterfragen. Diese Ruhe erlernt man vor allen Dingen, wenn man sich nicht an anderen Menschen
orientiert und anderen keine Masstäbe auferlegt. Wenn Sie einen besseren Weg wissen und zu diesem
Weg gehört die Bewusstwerdung der eigenen inneren Zufriedenheit, dann ist dieser Weg auch besser.
Das ist der entscheidende Massstab der immer, immer, immer wichtiger ist, als der, den uns die
Gesellschaft auferlegen mag.
Aufklärung statt Lethargie
Einfache Wege zu Information, Bildung und Meinung

„Wir wollen mehr Demokratie wagen“, sagte einst Willy Brandt in seiner ersten Regierungserklärung
als neugewählter Bundeskanzler und heute – mehr als dreissig Jahre nach diesem Versuch – bleibt nur
ein wenig Ernüchterung. Vielleicht ist tatsächlich mehr Demokratie gewagt worden, aber dennoch
stimmen die Verhältnisse in unserer Gesellschaft nicht, dennoch stehen, trotz weltbewegender
Probleme, sinnfreie Boulevardthemen im Zentrum des Interesses der Öffentlichkeit. Denn jetzt suchen
gleich drei Sender gleichzeitig nach den Superstars unter uns und doch wird keiner dabei sein, der
diese Verhätnisse wieder geraderückt.

Dass ein "Hände in den Schoss legen" nicht sein muss und nur als disqualifizierende Ausrede für
Zynismus, Resignation und Gleichgültigkeit gegenüber der Demokratie gelten kann ist dadurch
widerlegt, dass Sie auf diese Seite gefunden haben und zumindest über ein Medium verfügen, das
schon heute die Demokratie transparenter macht, nämlich das Internet.

Im folgenden möchte ich Sie auf einige Seiten des Internets aufmerksam machen, die es Ihnen
ermöglichen, auf derselben Grundlage Meinung zu bilden, wie es unsere Politiker tun und wie es den
Medien zur Verfügung steht. Dabei stelle ich Ihnen aber auch einige wunderbar konträre Tatsachen
vor Augen, die bei Ihnen vermutlich die gleiche Reaktion auslösen, wie bei mir: Kopfschütteln.

Zunächst aber die positiven Dinge. Bei den Parteien, bei der Bundesregierung und beim Bundestag
hat das ein fundamentales, einfaches Informationssystem seinen Weg zum Bürger gefunden, eben
über das Internet. Konzentrieren wir uns hierbei auf die parteiübergreifenden Informationssysteme.

Deutscher Bundestag
Die Internetseite des Deutschen Bundestages besticht durch Ihren kompletten Inhalt. Der Aufbau der
Seite wurde erst vor kurzem entschieden verbessert und externe Datenbanksysteme wurden über
diverse Abfrageformulare angebunden.

Sie haben hier u.a. die Möglichkeit

- sämtliche Sitzungsprotokolle samt zugehörigen Drucksachen seit 1998


http://dip.bundestag.de/parfors/parfors.htm

- Informationen zu den einzelnen Fraktionen, samt Kontaktadressen


http://www.bundestag.de/fraktion/144/index.html

- Alle Abgeordnete nach verschiedenen Kriterien sortiert samt Lebenslauf, Zugehörigkeit zu


Ausschüssen etc.
http://www.bundestag.de/mdb15/index.html

- Alle möglichen Gesetztestexte


http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/index.html

- Die aktuelle Sitzung als LiveStream (+ Videoarchiv)


http://www.bundestag.de/plenargeschehen/tv/index.htm

- Infothek mit weiteren Materialien


http://www.bundestag.de/info/info_mat/index.html

abzurufen.

Nach einem ausführlichen Surfen auf diesen Seiten, wo ich sämtliche Funktionen ausprobiert habe,
muss ich feststellen, dass der Informationsfluss wirklich 1A funktioniert – keine Unvollständigkeit, kein
Problem beim LiveStream, Infos in Hülle und Fülle.

Interessant sind die Datenbanksysteme selbst.


http://www.bundestag.de/datbk/index.html
Dort finden Sie unter anderem den Katalog der Bundestagsbibliothek, den aktuellen Stand der
Gesetzgebung des Bundes, eine umfangreiche Sammlung von Gesetzestexten (nach Ressorts
geordnet) und ausserdem Rechterfertigungen zur Parteienfinanzierung. Alle Links funktionieren – die
Inhalte sind übersichtlich angeordnet und einfach zugänglich.

Die Übersicht zur Parlamentsgeschichte beginnt nicht etwa erst 1949, sondern bereits 1806. Hier
könnte man vielleicht noch mehr Informationen dazu stellen.
http://www.bundestag.de/info/wahlhist/index.html

Ferner wird das Gesetzgebungsverfahren Schritt für Schritt ausführlich erklärt.


http://www.bundestag.de/info/gesgeb/index.html

Deutscher Bundesrat
Auch die Internetseite des Bundesrates, dem zweiten grossen deutschen Verfasungsorgan, ist einfach,
vollständig und übersichtlich strukturiert.
http://www.bundesrat.de

Unter dem Stichwort „Förderalismus“ werden Sie über die Funktion des Bundesrates aufgeklärt. Diese
Funktion ist gerade bei der derzeitigen Konstellation der Mehrheitsverhältnisse interessant. Da die
Regierungskoaltion des Bundestages keine Mehrheit im Bundesrat hat, der sich aus Vertretern der
einzelnen Bundesländer zusammensetzt, können wichtige Gesetzesvorhaben von der Opposition
abgeblockt werden und gehen dann an den Vermittlungsausschuss. Wie das funktioniert und wie der
Vermittlungsausschuss arbeitet, wird ausführlich erklärt.
http://www.bundesrat.de/Wissen/Vermittlungsausschuss.html

Bundeszentrale für Politische Bildung


Die beste Quelle für handfeste Publikationen zu einem sehr günstigen Preis finden Sie bei der
Bundeszentrale für Politische Bildung. Dort können Sie hochqualifizierte Bücher und Informationshefte
zu diversen Themen bestellen. Leider sind die besten Publikationen (z.B. Lexika zu diversen Themen)
auch immer recht schnell vergriffen.
http://www.bpb.de/

Weitere Links und Erläuterungen in einem 2. Teil in Kürze…

Aber nun noch zu einer Sache, die mir aufgefallen ist und die ich in einigen anderen Artikeln bereits
erwähnt habe: Das Selbstverständnis unserer Politiker ist wohl leicht gestört und ich lade Sie ein, dies
selbst nachzuvollziehen.

Auf der Seite des Bundestages können Sie ja wie erwähnt die einzelnen Sitzungsprotokolle abrufen.
Wenn Sie diesemVerweis
http://dip.bundestag.de/btp/15/15049.pdf
folgen, dann finden Sie z.B. das Sitzungprotokoll vom 06. Juni diesen Jahres. Am Ende des Protokolls
sehen Sie eine Liste mit Abgeordneten, die sich für ihre Abwesenheit entschuldigt haben. Diese Liste
ist recht klein und steht in ziemlich üblen Kontrast zu der zugehörigen Sitzung, die auf PHOENIX
übertragen wurde. Dort konnte man sehen, dass höchstens, die ersten drei Reihen besetzt waren. Wo
waren also die restlichen Abgeordneten? Entweder die fehlen alle unendschuldigt oder waren kolletiv
auf dem Klo oder waren zur Unterschrift, die die Anwesenheit belegt da und haben sich dann vom
Acker gemacht??? Seltsam, oder?

Das Ganze gewinnt an Brisanz, wenn Sie das darauffolgende Protokoll 15/50 aufrufen. Bei dieser
Sitzung ging es unter anderem um den Auslandseinsatz der Bundeswehr und der Kanzler war
anwesend - die Liste der entschuldigten Abgeordneten ist fast dreimal so lang.

Wenn es das nur wäre …die Politiker verbingen Ihre Zeit ja auch noch mit anderen wichtigen Dingen,
von denen der Bürger nur erahnen kann, welchen Hintergrund sie haben. Als Folge der CDU
Spendenaffäre (Die immer noch nicht aufgeklärt ist!) wurde die Geschäftsordnung des Bundestages
dahingehend geändert, dass im sog. „Handbuch des Bundestages“ (das gibt es leider nicht online)
aufgeführt sein muss, welchen Nebentätigkeiten ein Politiker nachgeht. Diese Publikation wird in Kürze
öffentlich gemacht, leider ohne konkrete Zahlen der Nebentätigkeit. Bekannt ist aber bereits jetzt,
dass zwei Drittel aller Abgeordneten in ein bis sieben(!) Aufsichtsräten sitzen und als Nebenverdienst
für jeden Posten ca. 70.000 Eur jährlich verdienen. Da der Job des Bundestagsabgeordneten
eigentlich an sich schon ein Full-Time Job ist, verdienen dieses Vertreter des Volkes aufgrund ihres
exorbitanten Zeitmanagements Hochachtung, nicht wahr?

Da klingt doch die Begründung zu den Bezügen, die ein Abgeordenter verdient wie ein Hohn.
Folgenden Text finden Sie auf www.bundestag.de:
„Die Sitzungswoche in Berlin - das heißt vor allem: Termindruck, Sitzungen, ständig wechselnde Anforderungen. Wer
Politik konkret gestalten will, muß vollen Einsatz bringen, mit Begeisterung dabei sein.
Das meiste von dem, was ein Parlamentarier im Verlauf einer Sitzungswoche tut, bleibt nach außen völlig unsichtbar.
Der Schwerpunkt der Parlamentsarbeit liegt keineswegs in der Teilnahme an den Plenardebatten, sondern in einer Fülle
von Sitzungsterminen sowie in der engagierten Wahrnehmung der Interessen des Wahlkreises - in Berlin und
anderswo.“
Kein Wort von Aufsichtsräten etc. …

Schlussfolgerungen aus diesen Erkenntnissen und weitere Informationsquellen, folgen in einem


zweiten Teil dieser Ausführungen in Form eines Pamphletes.
Zeitgeschichte / Portraits
Franz Josef Strauss - Kurzbiographie

"Eine der dümmsten Vorstellungen, die man haben kann, den Arbeitnehmer am Produktivkapital
unbedingt beteiligen zu müssen." - Das ist nicht etwa die Antwort eines Arbeitnehmervertreters auf
die zu kurz gedachten geistigen Ergüsse des Privatmannes Oskar Lafontaine, nein, dieses Zitat
stammt von niemand geringerem als Franz-Josef Strauss, neben seinem Gegenspieler Herbert Wehner
einer der einflussreichsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit, die niemals ein hohes Staatsamt
innehatten. Strauss und Wehner verkörpern eine Generation von Vollblutpolitikern, wie es sie heute
kaum noch gibt. Leidenschaftliche Diskussionen, eine sich aus der Biographie ergebende, konsequente
Weltanschauung mit Idealen, mit dem ständigen, verbalen Unterfangen, Werte zu formulieren und
Disziplin - schauen Sie bei den Live-Übertragungen aus dem Parlament mal genau hin, wie oft die
Bänke der Bundesregierung verwaist sind und wie selten Politiker dem nachgehen, wozu sie gewählt
wurden. Nein, das ist kein Nachtrauern an alte Grundwerte - es ist die Überlegung, die Rückbesinnung
auf etwas, was eigentlich auch heute noch selbstverständlich so sein müsste.

Franz Josef Strauss


wurde am 6. September 1915 in München als Sohn
eines Metzgers geboren. Strauss studiert von 1935
bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges Altphilologie,
Geschichte und Volkswirtschaft in München. Im 2.
Weltkrieg kämpft Strauss als Soldat an der West-
und Ostfront und bildet sich während der
Heimaturlaube fort. 1943 legt er das
Lehramtstaatsexamen ab und wird Sudienrat. Nach schweren
Erfrierungen an der Ostfront kehrt Strauss nach Deutschland zurück
und bleib bis Kriegsende Lehroffizier in Altenstadt, Bayern.

1945 wird Strauss - als politisch nicht vorbelastet eingestuft - von der
amerikanischen Besatzungsmacht zum stellvertretenden Landrat in
Schongau bestellt. Er beteiligt sich in demselben Jahr an der
Gründung eines CSU Ortsverbandes.

Bis 1952 macht Strauss schnell Karriere. Er wird Mitglied des Landesvorstandes der CSU, Mitglied des
Wirtschaftsrates der Bizone in Frankfurt/Main und schliesslich Generalsekretär der CSU. Strauss ist von
1949 bis 1978 durchgehend Mitglied des Deutschen Bundestages und zeitweise stellvertretender
Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU Bundestagsfraktion. In der Bundespolitik ist Strauss in mehreren
Bundesministerämtern akitv. Strauss ist zeitweise Minister für besondere Aufgaben unter Adenauer,
später Minister für Atomfragen und Verteidigungsminister. Unter Kurt-Georg Kiesinger ist Strauss der
Finanzminister der Grossen Koalition und der bis heute letzte Finanzminister der am Ende seiner
Amtszeit einen positiven Saldo ausweisen kann. Landespolitisch wird Strauss 1961 zur zentralen Figur
in Bayern als den Parteivorsitz der CSU übernimmt.

In das Zentrum des Öffentlichen Interesses gerät Strauss 1962 im Zusammenhang mit der
sogenannten FIBAG Affäre, die noch in demselben Jahr in die SPIEGEL Affäre mündet und Strauss
zum Rücktritt als Finanzminister zwingt. Strauss wirft hierbei dem Nachrichtenmagazin SPIEGEL und
insbesondere seinem Herausgeber Rudolf Augstein Landesverrat vor, was vom Grossteil der
Deutschen Öffentlichkeit als Einschränkung der Meinungsfreiheit eingestuft wird.

Mit dem Beginn der Sozial-Liberalen Koalition wird Strauss einer der führenden deutschen
Oppositionspolitiker. Gleichzeitig engagiert sich Strauss auch intensiv in der Landespolitik und wird
1968 Bayerischer Ministerpräsident. Absolute Mehrheiten für die CSU gehören spätestens mit Strauss
in diesem Bundesland zur Normalität.

1979 setzt sich Strauss bei einer Kampfabstimmung um die Kanzlerkandidatur gegen Ernst Albrecht
von der CDU durch. Letzterer war von Helmut Kohl vorgeschlagen worden. Diese Tatsache verstimmt
das Verhältnis zwischen Kohl und Strauss nachhaltig, so dass Strauss mit dem Machtwechsel 1982
keinen Ministerposten im Kabinett übernimmt. Bei der Bundestagswahl 1980 war die CDU/CSU gegen
eine sozial-liberale Mehrheit gescheitert.
Strauss verzichtet in der Folge auf Bundestagsmandate, zieht sich aber keinesfalls aus der
Bundespolitik zurück. Als heftiger Gegner einiger aussenpolitischer Aktionen, setzt sich Strauss oft
selbst ins Bild. So trifft er sich als Oppositionspolitiker mit Honecker und Gorbatschow und trägt nicht
unerheblich zum aussenpolitischen Bild der Bundesrepublik bei.

Am 1. Oktober 1988 verliert Strauss nach einem Schwächeanfall bei einem Jagdausflug das
Bewusstsein und stirbt zwei Tage später ohne das Bewusstsein widererlangt zu haben.

Weiterführende Links und Dokumentation zu Franz-Josef Strauss:

Ausführliche Biographie.
Briefwechsel Strauss/Adenauer, Auszüge aus der Sonthofener Rede 1974
"Die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören / Zitatesammlung"
Plakate zur Bundestagswahl 1980.
Verfassunsgeschichten - SPIEGEL AFFÄRE

Herbert Wehner - Kurzbiographie

"Der Wähler legalisiert die Handlungen, die später gegen ihn unternommen werden." - Diese etwas
zynische Definition von Demokratie entstammte einer grossen Ikonen der deutschen
Nachkriegsgeschichte. Herbert Wehner war als Strippenzieher immer in der zweiten Reihe, hat nie
eines der ganz hohen Staatsämter bekleidet und war dennoch vielleicht einer der einflussreichsten,
mächtigsten Männer Deutschlands. Ohne ihn, wäre erwiesenermassen das Misstrauensvotum gegen
Willy Brandt 1972 nicht gescheitert, ohne ihn hätte es im deutschen Parlament, nicht nur in der
Fraktion der SPD, niemals soviel Disziplin und Ordnung gegeben. Wer im Fernsehen bei "Phönix" ab
und an die "Historischen Debatten" verfolgt wird sich die Frage stellen: "Wo sind diese Vollblutpolitiker
geblieben?", zumal auf demselben Sender bei Live-Übertragungen aus dem Parlament gähnende
Leere in den Bänken herrscht. Da stimmt etwas nicht mit dem Selbstverständnis Deutscher Politiker.
Und insbesondere aus diesem Grund lesen Sie im "zeitgeschichten.net" diese Portraits von Herbet
Wehner und seinem grossen Gegenspieler Franz-Josef Strauss, seines Zeichens ebenfalls Politiker in
der zweiten Reihe, als Kanzlerkandidat 1980 gescheitert, aber dennoch eine nicht wegzudenkende
Ikone der Nachkriegspolitik.

Herbert Wehner
wurde am 11. Juli 1906 in Dresden geboren. In einfachen Verhältnissen
aufgewachsen - der Vater ist von Beruf Schumacher, die Mutter Näherin - muss
Herbert Wehner schon in jungen Jahren zum Unterhalt der Familie beitragen. 1924
schliesst Wehner seine Ausbildung mit einer kaufmännischen Lehre ab und besucht
nebenher Abendkurse, die sich mit Literatur und Philosophie beschäftigen. In etwa
zu derselben Zeit wird Wehner das erste Mal politisch aktiv und wird Mitglied der
"Sozialistischen Arbeiterjugend". In den Jahren 1925-26 tritt Wehner als
Heruasgeber der Zeitschrift "Revolutionäre Tat" und Autor der von Erich Mühsam
herausgegebenen, linksintelletuellen, beinahe schon anarchistischen Zeitschrift "Fanal" in Erscheinung.
Der konsequente Schritt: Wehner tritt 1927 in die
KPD ein.

Wehner konzentriert sich von nun an


ausschliesslich auf seine politischen Aktivitäten und
wird in der KPD in Sachsen eine feste Grösse
innerhalb der kommunistischen Partei. Er wird
Fraktionschef der KPD im sächsischen Landtag und
technischer Sekretär in Berlin enger Mitarbeiter des
KPD Vorsitzenden Ernst Thälmann (1886 - 1944,
von den Nazis ermordet). Mit der Machtergreifung
der Faschisten 1933 begibt sich Wehner für zwei
Jahre in den Untergrund nd organisiert den
politischen Widerstand mit. 1935 emigriert Wehner
nach Prag und wird dort zum Kandidaten des Politbüros der Exil-KPD gewählt. Bei einem Kongress
führender Links_Politiker, die mit der Bildung einer "Deutschen Front" einen gemeinsamen Widerstand
aufbauen wollen, trifft Wehner das erste Mal Willy Brandt.

Wehner arbeitet in den folgenden Jahren wieder als Journalist und gibt u.a. in Paris die
"Informationen für Emigranten" heraus. Wehner wird 1937 nach Moskau beordert und arbeitet in
einer Schlüsselfunktion als Referent für Deutsche Fragen im Sekretariat der Kommunistischen
Internationalen. Diese Zeit gilt für Biographen und Kritiker gleichermassen als undurchschaubar zumal
bis heute nicht klar ist, welche Rolle Wehner in dieser Zeit stalinistischer Säuberungen gespielt hat.
Nicht selten wurde Wehner wegen dieser Tätigkeit von politischen Gegnern denunziert und galt bis zu
seinem Tod als angreifbar.

1942 wird Wehner unter dem Vorwurf des Verrats aus der KPD geworfen und flieht nach Schweden,
wo er wegen "Gefährdung der schwedischen Freiheit und Neutralität" bis Kriegsende 1945 inhaftiert
wird. Wehner bleibt zunächst in Schweden und verdient - mittlerweile zum zweiten Mal verheiratet -
als Hilfsarbeiter und später als Mitarbeiter eines Archivs seinen Lebensunterhalt.

Nach dem Krieg kehrt Wehner nach Deutschland zurück und tritt der SPD bei. Nach kurzer Arbeit als
Journalist bei der SPD nahen Zeitschrift "Hamburger Echo" unterstützt ihn der SPD Vorsitzende Kurt
Schumacher (1895-1952) bei einem politischen Neuanfang. Wehner kandidiert für den ersten
deutschen Bundestag und gehört im bis 1983 ununterbrochen an. 1980 eröffnet er als Alterpräsident
die konstituierende Sitzung.

In seiner Zeit als führender SPD Politiker ragen einige Tätigkeiten besonders hervor: Wehner war
federführend beim Godesberger Programm der SPD (1959), Vorsitzender des Ausschuss für
Gesamtdeutsche Fragen (1949-1966), Berater der UNO Generalversammlung (1950), Bundesminister
für Gesamtdeutsche Fragen (1966-1969), Architekt der Sozial-Liberalen Koalition (1969-1982) unter
Brandt, dann unter Schmidt, federührend bei der Ostpolitik und den Ostverträgen (1972).

1983 zieht sich Wehner aus der aktiven Politik zurück. Er veröffentlicht unter dem Titel "Zeugnis"
seine Memoiren. Wehner leidet an der Alzheimerischen Krankheit und stirbt nach langem, schweren
Leiden am 19. Januar 1990 in Bonn. Nach Aussagen seiner dritten Ehefrau Greta Burmeister hat
Wehner die Wende 1989 am Fernsehen verfolgt. Ob er diese Ereignisse, zu denen er mit den
politischen Aktivitäten in seinem Leben erfolgreich beigetragen hat, jedoch verstanden und verarbeitet
hat, wissen wir nicht ... .

Zitate von Herbert Wehner:

"Was wir wollen, ist die Entkräftung der Zerrbilder, die andere Leute über uns in die Welt gesetzt
haben, mit der sie Leute davon abhalten, sich für uns zu interessieren."

"Aus Erfahrungen lernen und nicht verzweifeln; im Streit der Meinungen und Interessen nicht die
Auffassungen annehmen und versteinern lassen, als seien die Irrtümer der einen Seite die
Rechtfertigung der anderen."

"Es ist besser, als ein Wolf zu sterben, denn als Hund zu leben."

Weitere Links und Dokumentation:

Herbert Wehner Archiv


Rede von Peter Struck anlässlich des 10. Todestages von Herbert Wehner
Wehnerzitate (sehenswert!)
Friedrich Ebert Stiftung: Über Wehners Bruch mit dem Kommunismus
Tief im Kaninchenbau

The MATRIX has you ... again. Es ist schon sehr gewagt, was die Macher der MATRIX ihren
Zuschauern des zweiten Teils zumuten. Ohne den ersten Teil gesehen zu haben, hat man keine
Chance MATRIX RELOADED auch nur ansatzweise zu verstehen. Und auch wenn man meint, sich in
der Welt der Matrix auszukennen, fordert MATRIX RELOADED vielleicht mehr, als man erwarten kann.

Um zunächst sämtliche Einwände, die von denjenigen


Kritikern geäussert werden, die MATRIX RELOADED einfach
nur für eine profitorientierte Fortsetzung eines der
erfolgeichsten Kinofilme halten, aus der Welt zu schaffen: Die
Story und die Drehbücher waren bereits während der
Vollendung des ersten Teils geschaffen worden, eben von
jenen mysteriösen Wachowski Brüdern. Und ebenso muss
man diejenigen enttäuschen, die meinen, die MATRIX und ihr
Kosmos haben eine philosophische Diskussion ausgelöst. Im
Gegenteil: diese Trilogie ist Philosophie in Unterhaltungsform
- der theoretische Überbau ist bereits knapp zwei Jahrezehnte
alt. Was man den Wachowski Brüdern also durchaus
unterstellen darf ist die eingehende philosophische Lektüre,
die in der Postmodere nur allzu sehr von der Realität entfernt
ist. Was sie darstellen ist das Ergebnis dieser Diskussion, die
unter den Intellektuellen bereits stattgefunden hat und die in
den letzten Jahren mehr und mehr in den Alltag rückt,
proportional mit der Gefahr, die mit dem
computertechnischen Fortschritt immer akuter wird: wir
brauchen eine theoretische, eine logische Grundlage, die es
uns ermöglicht auch in Zukunft mit diversen Superrechnern,
die Realität von der Virtualität abzugrenzen.

Theoretische Grundlage des MATRIX Kosmos ist das Lebenswerk des Philosophen Hilary Putnam (geb.
1926), seines Zeichens Professor in Harvard. Sein Werk konzentriert sich in der sogenannten
"Kausalen Referenztheorie", die in ihrem Kern als erste und einzige Philosophie eine Lösung für das
Problem der Beweisbarkeit von Realität darstellt. Quasi über den methodischen Zweifel eines Rene
Descartes erhaben, ohne an Rationalität zu verlieren, hat diese Theorie eine Diskussion ausgelöst, die
offensichtlich für Unterhaltung auf höchstem Niveau taugt - eine neue Form der Philosophie, gepaart
mit sinnfreien Gewaltszenen? Wem's gefällt ...

Jedenfalls werden Sie mir zustimmen können, dass sich die Macher der Matrix mit diesen
Philosophischen Grundsätzen auseinandergesetzt haben dürften:

Artikel von Niko Strobach über "Putnams Gehirne im Tank"

Mehr zu Hilary Putnam


Kurzbiographie und Erläuterungen zu dem philosophischen Schaffen Putnam's.

Das Problem der Wirklichkeit


Sehr gute, kurze Zusammenfassung über die Beweisbarkeit von "Realität"

Bestes Indiz für diese direkte Verbindung zwischen Unterhaltung und Philosophie sind darüber hinaus
die mythologischen Namen, die in MATRIX verwendet werden
("Morpheus","Trinity","Zion","Persephone","Merowinger" etc. etc.)

Nun aber zurück zu dem Film MATRIX RELOADED und seinem Inhalt...

Es wurde viel geschrieben, viel kritisiert. Fakt ist, dass dieser Film tricktechnisch alle Register zieht.
Höhepunkt ist die geniale Verfolgungsjagd auf einem extra gebauten Highway-Abschnitt. Alle Fehler,
die man beim Übergang von gedrehten zu computergenerierten Szenen angeblich sehen können will,
insbesondere bei den Kampfszenen, fallen dem normalsterblichen Kinobesucher nicht auf. Das liegt
natürlich an der enormen Geschwindigkeit der Action-Szenen.

In diesem Film wird viel geredet. Höhepunkt ist der Dialog zwischen Neo und dem Architekten, der
neben einigen anderen Details über die Substanz der Matrix aufklärt und Neo vor eine entscheidende
Wahl stellt.

Eine Transskription dieses Dialogs (mit Erläuterungen) auf Englisch als WordDokument finden Sie hier.

Neo ist demnach selbst auch nur ein Programm, dass sich von den Agenten dadurch unterscheidet,
dass es autonom handeln kann und zu Emotionen fähig ist. Damit bekommt er einen direkten
Gegenspieler, nämlich den Agenten Smith, der bis auf die Emotionen, dafür aber mit der Fähigkeit sich
beliebig zu reproduzieren, Neo's Gegenteil verkörpern wird. Dieser Konflikt wird sich vermutlich im
dritten Teil zuspitzen. Dieser Konflikt lässt sich auf RATIO vs. EMOTIONS abstrahieren, womit auch
diese Trilogie dem Leitmotiv jeder Kunst folgt. Allerdings lassen sich ebenfalls Verbindungen zum
philosopischen Überbau darstellen: in diesem zweiten Teil werden "kausale Referenzen" gezogen - das
ist dann kein Popcorn Kino mehr.

Weitere Links:

Inside The Matrix


Matrix in der IMDB
Thread im Forum von CHIP Online (beachten Sie den letzten Beitrag auf dieser Seite, der sehr detailliert
den roten Faden der Story erklärt).

Stan Laurel und Oliver Hardy

Grösste Komiker aller Zeiten? Gegen diese Bezeichnung hätten Charlie Chaplin, Harold Lloyd oder die
Marx Brothers sicher etwas einzuwenden ... legendär sind die beiden auf jeden Fall. Dieses Portrait
soll ein bisschen mit der Legendenbildung um die beiden Komiker Stan Laurel und Oliver Hardy
aufräumen. Und nebenbei erfahren Sie hochinteressante Details, oder wussten Sie, dass Stan Laurel
seine Karriere als Ersatzmann von Charlie Chaplin begann?

Laurel und Hardy waren nicht nur Komiker, die an der Schwelle
vom Stumm- zum Tonfilm die Geburt der grossen Filmstudios
miterlebt haben - wie immer bei grossen Künstlern spielt auch die
eigene Biographie eine Rolle für den Werdegang der beiden
Ikonen. Gerade um diese beiden ranken sich die wildesten
Legenden. Beide sollen verarmt gestorben sein, alkoholabhängig
ihren eigenen Ruhm gar nicht miterlebt haben. Das ist in der Tat
Legendenbildung, auch wenn einer von beiden, Oliver Hardy, vom
Schicksal etwas mehr gestraft gewesen ist, als sein kongenialer
Partner Stan Laurel.

Stan Laurel (eigentlich Arthur Stanley Jefferson) wurde am 16. Juni 1890 in Ulverston, England,
geboren. Das Showtalent wurde Stan bereits in die Wiege gelegt. Vater und Mutter verdienten ihren
Lebensunterhalt als Wanderschauspieler, der Vater ausserdem als Direktor des Theater, die Mutter als
Schauspielerin. In der Schule war Stan bereits der grosse Klassenclown und schon als Kind hat er
beschlossen, Komiker zu werden. Stan Laurel beginnt im Alter von 20 Jahren auf eigenen,
künstlerischen Füssen zu stehen und geht 1910 nach Amerika, wo er sich der Fred-Karno Musical-
Comedy Truppe anschliesst und als Ersatzmann für einen gewissen Charlie Chaplin erste Erfahrungen
sammelt. Der Einfluss Chaplins auf Laurel und die Comedyfigur, die er verkörpert, sind offensichtlich.
Aber bei näherer Betrachtung gilt dies wohl für sämtliche Komiker dieser Zeit und speziell die Mimik
gibt der Figur Stan Laurel doch eine sehr viel individuellere Note. Chaplin und Laurel waren in dieser
Zeit auch privat als Zimmergenossen sehr gut befreundet.

Stan Laurel dreht in den darauffolgenden Jahren einige Filme, die aber nur Achtungserfolge bleiben.
Der grosse Durchbruch bleibt ihm versagt. Er beschliesst, nie wieder vor die Kamera zu treten und
arbeitet für einen Produzenten namens Hal Roach als Drehbuch- und Gag-Autor. Diesen Beschluss,
nicht mehr als Akteur aufzutreten, wirft Stan Laurel 1926 über Bord, als er mit dem Kollegen Oliver
Hardy zum ersten Mal als Komikerduo auftritt. "Dick und Doof" drehen unzählige Kurzfilme, erst als
Stummfilm, dann mit Ton. In den fünfziger Jahren werden die Filme erneut in den Kinos in Amerika
und Europa gezeigt und "Dick und Doof" erreichen Kultstatus.

Stan Laurel erhält 1961, vier Jahre nach dem Tod seines Partner Oliver Hardy und auf dem Höhepunkt
des internationalen Ruhms den Ehren-Oskar verliehen. Stan Laurel stirbt 23. Februar 1965 an den
Folgen eines Herzinfarktes.

Oliver Hardy (eigentlich Norvell Hardy) wurde am 18. Januar


1892 in Harlem geboren. Im Gegensatz zu Stan Laurel war ihm
die Schauspielerei nicht in die Wiege gelegt worden. Dennoch
schien Oliver Hardy eine Künstlernatur zu sein. Die Mutter
finanzierte Oliver das Studium an einem Musikkonservatorium,
doch Oliver Hardy war nicht allzu sehr an einem erfolgreichen
Abschluss dieses Studium interessiert. Statt zu studieren
finanzierte er sich seinen Lebensunterhalt mit der gesanglichen
Untermalung von Stummfilmen in Kinos.

Diese Undiszipliniertheit Olivers bestrafte die Mutter, in dem sie


ihren Sohn zum Militätdienst schickte. Eine Laufbahn in der US Army schien vorprogrammiert. In
dieser Zeit des Frusts für Oliver Hardy stieg seine Leibesfülle und er wurde optisch zu der Figur, die
wir heute kennen. Als Oliver Hardy hilflos zu sehen musste, wie sein Bruder Sam in einem Fluss
ertrank, begann die Mutter ihrem verbliebenen Sohn mehr Freiheiten einzuräumen. Oliver Hardy
verliess das Militär und arbeitete von nun an als Kartenabreisser in einem Kino. Später gründete er
sein eigenes Kino, jedoch mit mässigem Erfolg.

Ab 1913 begann Hardy als Darsteller für Bühnenshows zu arbeiten und bekam aufgrund seiner Statur
relativ häufig eine Rolle. Durch sein Erscheinen war er jedoch meist dazu verdammt, den Bösewicht zu
spielen.

Materiell ging es Hardy in dieser Zeit sehr schlecht. In etwa zu dieser Zeit hatte Hardy geheiratet und
musste die Alkoholsucht seiner Ehefrau finanzieren. Hardy selbst trug den verbleibenden Rest seines
Gehalts zur Pferderennbahn und war wohl extrem spielsüchtig. Deails zu diesen dunklen Seiten des
Privatlebens sind in Büchern und im Internet kaum zu recherchieren, was nicht zuletzt zu eingangs
erwähnter Legendenbildng beiträgt.

1926 stösst Hardy ebenfalls zu Hal Roach und lernt den kreativen Kopf der Gruppe "Stan Laurel"
kennen. Das bedeutenste Komikerduo der Filmgeschichte ist geboren. Gesundheitlich leidet Oliver
Hardy zunehmend an seiner Statur. Nach mehreren ärztlich verordneten Diäten stirbt Hardy am 07.
August 1957 an den Folgen eines wiederholten Schlaganfalls.

Der Kultstatus dieser beiden Figuren ist bis heute ungebrochen. Neben "Dick und Doof" fallen mir nur
noch "Pat und Patachon" ein, die z.B. meine Fernseh-Kindheit geprägt haben. Hier noch einige Links
zu weiteren Seiten über Stan Laurel und Oliver Hardy:

Offizielle Homepage
www.dickunddoof.de

Filmausschnitt aus "The Musicbox"


The Best Of George W. Bush

Seine schönsten verbalen Ausrutscher - dumm wie Brot, ansonsten: no comment ...

"Reden führt zu unklaren, undeutlichen Dingen."

"Wir werden die am besten ausgebildeten Amerikaner auf der Welt haben."

"Meine Mutter hat immer gesagt: 'Wenn du eine Brezel isst, musst du gut kauen, bevor du sie
schluckst.' Man soll eben immer auf seine Mutter hören."

"Es ist Zeit, dass die Menschheit ins Sonnensystem vordringt"

"Die große Mehrzahl unserer Importe kommt von außerhalb des Landes"

"Wir sind bereit für jedes unvorhergesehene Ereignis, das eintritt oder auch nicht"

"Es ist evolutionär, sich vom Gouverneur zum Präsidenten weiterzuentwickeln, und es ist ein
bedeutender Schritt, in die Lage versetzt zu werden, bei der Wahl für sich selbst stimmen zu können"

"Auf jeden tödlichen Schuss kommen ungefähr drei nicht tödliche. Und, Leute, dies ist in Amerika
unakzeptabel. Es ist einfach unakzeptabel. Und wir werden uns darum kümmern"

"Afrika ist eine Nation, die unter unglaublichen Krankheiten leidet"

"Es ist nicht die wichtigste Aufgabe Gouverneur zu sein, oder First Lady in meinem Fall"

"Ein niedrigeres Wahlergebnis ist ein Zeichen, dass weniger Leute zur Wahl gehen"

"Wir sind der Nato fest verpflichtet. Wir sind ein Teil der Nato. Wir sind Europa fest verpflichtet. Wir
sind ein Teil Europas"

"Ich glaube, wenn man weiß, woran man glaubt, dann ist es viel einfacher, Fragen zu beantworten.
Ich kann Ihre Frage nicht beantworten"

"Es ist wichtig für uns, dass wir unserem Land erklären, dass das Leben wichtig ist. Es ist nicht nur
das Leben von Babys, sondern das Leben von Kindern, die, wissen Sie, in den dunklen Höhlen des
Internets hausen"

"Ich möchte nicht nur die Exekutivgewalten für mich erhalten, sondern auch für meine Vorgänger"

"Mein Standpunkt für das Leben ist, dass ich glaube, es gibt Leben"

"Nun, ich glaube, wenn du sagst, du machst etwas und machst es nicht, das ist Glaubwürdigkeit"

"Sie werden resozialisiert. Im Himmel" (Seine Antwort auf die Frage, ob verurteilte Mörder nicht
wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollten)

"Gesunde Kinder brauchen keine Krankenversicherung"

"Es ist nur traurig, dass ich nicht öfter joggen kann. Das gehört zu den traurigsten Dingen des
Präsidentendaseins"

"Behaltet gute Beziehungen mit den Griechianern"

"Die Kosover können wieder reinkommen"

"Sie missunterschätzen mich"


“Als ich aufwuchs, war die Welt gefährlich. Man wusste genau, wer sie waren: Es war wir gegen sie,
und es war klar, wer sie waren. Heute wissen wir nicht so genau, wer sie sind, aber wir wissen, dass
sie da sind”

“Ich verstehe etwas vom Wachstum kleiner Betriebe. Ich war selber einer"

“Ich glaube an die friedliche Koexistenz von Menschen und Fischen”

“Ich denke, wir sind uns einig darüber, dass die Vergangenheit vorbei ist"

“Wenn er so weiter macht, dann werde ich der Nation sagen, was ich von ihm als menschliches
Wesen und als Person halte”

"Ich weiß, wie schwer es für Sie ist, Essen auf ihre Familie zu setzen"

"Laura und ich merken oft gar nicht, wie schlau unsere Kinder sind, bis wir eine objektive Analyse
erhalten"

"Werden die Autobahnen im Internet mehr weniger?"

"Alles was ich über die Slowakei weiß, ist das, was ich aus erster Hand von Ihrem Außenminister
erfahren habe, als der nach Texas kam"

"Diejenigen von uns, die Zeit im landwirtschaftlichen Sektor und im Herz des Landes verbracht haben
... die verstehen, wie unfair die Todesstrafe ist"

"Das Tolle an Amerika ist, dass jeder wählen gehen sollte"

"Ich hatte keine Gelegenheit, den Fragenden die Fragen zu stellen, die sie fragten"

"Ich habe weiterhin Vertrauen in Linda Chavez. Sie wird eine gute Arbeitsministerin sein. Von dem
was ich in den Presserklärungen lese, ist sie perfekt qualifiziert"

“Wir sind wirklich über Aids innerhalb unseres Weißen Hauses besorgt - irren Sie sich da ja nicht!”

"Wir bringen die Lösung zum Ende"

"Dick Cheney und ich wollen nicht, dass dieses Land eine Rezession erlebt. Wir wollen, dass jeder, der
Arbeit finden kann, in der Lage ist, Arbeit zu finden.”

“Wenn sich die Ost-Timoraner dazu entschließen, einen Aufstand zu starten, werde ich mit Sicherheit
eine Erklärung dazu abgeben.”

Reaktionen auf MATRIX RELOADED

Immer noch ist das Thema "Matrix Reloaded" nicht ganz abgeschlossen. Bei
weiteren Recherchen sind mir weitere Artikel aufgefallen, bei denen es um
die Diskussion geht, welchen philosophischen Gehalt diese Filme haben.
Interessant dabei - und das war eine meiner Vermutungen - neben
Kampftraining wurde einem Keanu Reeves von den Machern des Films auch die Lektüre eines
philosophischen Werkes verordnet. Aber, auch bereits erwähnt, der philosophische Diskurs ist alles
andere als neu ...

Zu den Artikeln: Peter Sloterdijk schreibt über die Kybernetische Ironie. Hierzu anzumerken - einige
der "Fachbegriffe", die Sloterdijk nutzt, sind mir nicht bekannt und stehen auch in keinem Fachlexikon,
in dem ich nachgeschlagen haben. Nun ja, Sloterdijk knnte sich ja schon immer ein höchst
eigenständiges Vokabular leisten.
Boris Groys schreibt folgendes bemerkenswertes Fazit in seinem Artikel
"Die Verfilmung der Philosophie":

"Der Film "Matrix", wie auch einige andere Hollywoodfilme der letzten Zeit, hat den Unterhaltungswert
der Aufklärung entdeckt - und damit das Projekt Aufklärung vor dem postmodernen Untergang
bewahrt."

Hier geht es zu den Artikeln. (Unten, unter "Weitere Artikel")

Hier geht es zum Download des Vorschau Trailers von "Matrix Revolutions", dem dritten Teil, der am
6. November ins Kino kommt.

Zum Download

Die Wiedergeburt des Synthiepop


- Das Trio MESH aus dem englischen Bristol erweitert den musikalischen Horizont.

Wer hätte gedacht, dass meine Wenigkeit


sich noch für etwas neues in musikalischer
Hinsicht begeistern könnte? Wer hätte
gedacht, dass es da noch eine Band gibt,
bei der jede CD auf's Neue meine durch
den Synthiepop der 80er Jahren
verwöhnten (oder geschädigten) Ohren
verzückt? So zum ersten Mal geschehen
2002 mit dem Video zu dem Song "Leave
You Nothing" eines englischen Trios
namens MESH. Nun, nachdem ich mir
einen Überblick über das Werk dieser Band
verschafft habe, ist es an der Zeit, diese
Verzückung zur Tastatur zu bringen.

So neu ist diese Musik gar nicht. Oder anders ausgedrückt: Wären Depeche Mode zwanzig Jahre
jünger und hätten das Equipment von heute, dann würden sie genau diese Musik machen. Und
obwohl MESH diesen Vergleich mittlerweile hassen dürften waren es doch die
Meister des Synthiepop selbst, die MESH ihre Aufartung machten. Bei einem
MESH Konzert in London wurden Dave Gahan und Andrew Fletcher als Zuschauer
gesichtet. Und ein Robbie Williams sagt, dass MESH eine seiner Lieblingsbands
ist. Dennoch, trotz dieses Kult-Status in der Indie-Szene bleibt MESH der
verdiente grosse kommerzielle Erfolg nach vier Alben und mehreren Tourneen
versagt. Natürlich
muss ein
übermässiger
kommerzieller Erfolg keinesfalls ein
Indikator für Qualität sein. Bei dieser
Feststellung ist eigentlich mehr der Wunsch
Vater des Gedankens. Mit dieser Musik ist
MESH eigentlich ein grösserer Erfolg zu
wünschen.

MESH fanden sich 1991 das erste Mal


zusammen. MESH sind Mark Hockings, Neil
Taylor und Richard Silverthorn. Aus dem
Hobby Musik mit den ersten Aufnahmen im
elterlichen Haus von Richard wurde erst
ganz allmählich ein akzeptabler Brotberuf. Ihre eigentlichen Jobs haben MESH erst mit der Produktion
des letzten Albums "WHO WHATCHES OVER ME" gänzlich an den Nagel hängen können. Die Anfänge
jedoch waren wie so oft beschwerlich: Im Dachgeschoss entstehen die ersten von Mark Hockings
getexteten Songs, die zunächst auf einigen Demotapes und schliesslich bei den ersten kleinen
Konzerten rund um das englische Bristol vorgetragen werden. Überall - und daran hat sich laut
Fanaussagen bis heute nichts geändert - hinterlassen MESH einen bleibenden Eindruck. MESH machen
aggressiven aber melodischen Synthiepop mit Songs, die zu einem grossen Teil Ohrwürmer sind. Ein
anderer Teil soll discothekentauglich sei und ist ein wenig mehr am Chart-Trend und Zeitgeist
orientiert, wie z.B. die aktuelle Single "Friends Like These", die für meinen Geschmack zu den eher
schwächeren Stücken von MESH zählt.

MESH sind eine neueren Bands, die auch speziell über das Internet zu einer grösseren Fan-Community
gefunden haben. In den ersten drei Jahren der Band sind drei Veröffentlichungen auf den Samplern
der Musikzeitschrift "Future Music" die einzigen regulären Veröffentlichungen der Band. Diese führen
noch zu keinem Plattenvertrag, wohl aber zu der Entstehung einer Internet Mailinglist, bei der sich die
Fans der ersten Stunde finden und MESH indirekt ermutigen trotz aller Schwierigkeiten weiter zu
machen.

Mehr noch ... MESH gründen ihr eigenes Label und ihren eigenen Vertrieb. Sie glauben an sich und
produzieren das erste kleine Album selbst. Konzerte, nun in einem wesentlich grösseren Stil,
etablieren sie als umwerfende Live-Band, so dass sich die Investitionen auch rechnen. Mit einem
grösseren Plattenvertrieb im Rücken ist aber natürlich alles einfacher. Schliesslich wird das
schwedische Label "Memento Materia" auf das Trio aufmerksam und legen das erste Album der Band
neu auf und produzieren das zweite Album der Band.

"In This Place Forever" ist die erste europaweite Visitenkarte der Band. Eine ausgedehnte Tournee
bringt MESH zum ersten Mal auch nach Deutschland. Auch in den folgenden Jahren mit dem Album
"The Point At Which It Falls Apart" und einigen Singles ganz oben in den Indie-Charts, bauen MESH
ihren Status weiter aus. Treue Depeche Mode Fans werden spätestens jetzt auf MESH aufmerksam
und der Geheimtip in der Synthie-Szene bekommt Kult-Status.

Bisheriger Höhepunkt ist das Album "Who Watches Over Me" und die Single "Leave You Nothing",
deren Video auch ab und an auf MTV und VIVA zu sehen war. Von allen Ohrwürmern ist "Leave You
Nothing" der bisher nachhaltigste. Vom Erfolg bestätigt legen MESH in diesem Jahr die Compilation
"FRAGMENTE 2" nach, ein Doppelalbum mit unveröffentlichten Songs aus der Frühphase der Band. Als
Einstieg für Menschen, die neugierig auf MESH sind, ist dieses Album sehr empfehlenswert.

Mehr - Lyrics, Bilder, Videos - über MESH auf diesen Seiten:


Offizielle MESH Homepage
Offizielle Deutsche Seite

Discographie (Longplayer):
Fragile EP (1994)
In This Place Forever (1996)
Fragile LP (1997)
The Point At Which It Falls Apart (1999)
On This Tour Forever (2000)
Who Watches Over Me (2002)
Fragmente 2 (2002)

Die (vielleicht) zehn besten Songs von MESH:


Safe With Me
State Of Mind
In The Light Of Day
Not Prepared
Her Needs
The Damage You Do
Leave You Nothing
Razorwire
I Don't Expect To Be Right
Little Missile

leitmotiv . V O R F R Ü H L I N G

Beeindruckend, was für ein beherrschendes Thema der "Vorfrühling in der deutschen Lyrik zu sein
scheint. Hier eine Auswahl der schönsten Gedichte des Vorfrühlings.

INHALT
August Stramm
Hugo von Hofmannsthal
Georg Heym
Hermann Hesse
Paul Heyse
Franz Werfel
Rainer Maria Rilke
Ernst Stadler

August Stramm : Vorfrühling

Pralle Wolken jagen sich in Pfützen


Aus frischen Leibesbrüchen schreien Halme Ströme
Die Schatten stehn erschöpft.
Auf kreischt die Luft
Im Kreisen, weht und heult und wälzt sich
Und Risse schlitzen jählings sich
Und narben
Am grauen Leib.
Das Schweigen tappet schwer herab
Und lastet!
Da rollt das Licht sich auf
Jäh gelb und springt
Und Flecken spritzen –
Verbleicht
Und
Pralle Wolken tummeln sich in Pfützen.

[nach oben]

Hugo von Hoffmannsthal : Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind


durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,


wo Weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder
Akazienblüten
und kühlte die Glieder,
die atmend glühten.

Lippen im Lachen
hat er berührt,
die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte


als schluchzender Schrei,
an dämmernder Röte
flog er vorbei.

Er f1og mit Schweigen


durch f1üsternde Zimmer
und löschte im Neigen
der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind


durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Durch die glatten


kahlen Alleen
treibt sein Wehn
blasse Schatten

und den Duft,


den er gebracht,
von wo er gekommen
seit gestern nacht.

[nach oben]

Georg Heym : Abende im Vorfrühling

Dem Bettler stahlen Kinder seine Krücken.


Nun sitzt er schimpfend am Laternenpfahl.
Den Blick lockt an ein großes rotes Mal,
Das wuchernd zieht vom Halse zu dem Rücken.

Am Neubau hämmert in den harten Stahl


Ein Mann seit Stunden, daß er birst zu Stücken.
Ein Pärchen füttert Schwäne von den Brücken,
Um sich versammelnd ihre kleine Zahl.

Im Uferwalde brennt in gelbem Schein


Der Abendhimmel. Wolken ziehn zu paar
Darüber hin. Ihm wird der Glanz genommen.

Doch glänzt im ros'gen Blau der Edelstein


Des Abendsternes, einsam, rein und klar.
Er brennt zu hell. Zu Nacht wird Regen kommen.

[nach oben]

Hermann Hesse : Vorfrühling

Der Föhn schreit jede Nacht,


Sein feuchter Flügel flattert schwer.
Brachvögel taumeln durch die Luft.
Nun schläft nichts mehr,
Nun ist das ganze Land erwacht,
Der Frühling ruft.
Bleib still, bleib still, mein Herz!
Ob auch im Blute eng und schwer
Die Leidenschaft sich rührt
Und dich die alten Wege führt -
Nicht jugendwärts
Gehn deine Wege mehr.

[nach oben]

Paul Heyse : Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht,


und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein trautgeschwätz'ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif -


Zweifelnd frag' ich mein Gemüte:
Ist's ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?

[nach oben]
Franz Werfel : Vorfrühling

Der Schnee des Rasens wird schon räudig,


Weil ihn ein kleiner Wind berennt.
Der Himmel dehnt sich traurig-freudig,
Ein leerer Rekonvaleszent.

Das Strauchwerk krampft den Arm nach oben.


Die Ruten dulden leidbereit,
Dass Spatzenvölker sie durchtoben
Mit pöbelnder Begehrlichkeit.

Noch ist kein Schaft zu treiben willig,


Da er die Weckung nicht begreift,
Indes die Vogelwolke schrillig
Um Einlass schon und Anfang keift.

[nach oben]

Rainer Maria Rilke : Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung


an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.


Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

[nach oben]

Ernst Stadler : Vorfrühling

In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.


Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen.
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung ging ich weit hinaus
Bis zu dem unbedeckten Wall und spürte: meinem Herzen schwoll
ein neuer Takt entgegen.

In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.


Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.
Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten eingebrannt
War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weite führen sollten.

Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen.


Überm Kanal, den junge Ausfahrtswinde wellten, wuchsen helle Bahnen,
In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.
In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.

[nach oben]

ZEITGESCHICHTEN.NET : NIETZSCHE kontra WAGNER

Es ist allgemein bekannt, dass der Philosoph Friedrich Nietzsche von den Nazis ideologisch
missbraucht wurde. Aus Nietzsches "Übermenschen" wurde mit Hilfe von Nietzsches Schwester und
ihren Manipulationen einiger Schriften ihres Bruders ein ideologisch-philosophischer Unterbau für den
nationalsozialitischen "Herrenmenschen" geschaffen. Wie weit Nietzsche jedoch vom
Nationalsozialismus entfernt war, zeigt dieser von Nietzsche 1888 verfasste Text, indem er sich vom
Antisemiten Richard Wagner distanziert - mit klaren Worten.

VORWORT

Die folgenden Kapitel sind sämtlich aus meinen älteren Schriften


nicht ohne Vorsicht ausgewählt - einige gehn bis auf 1877 zurück -,
verdeutlicht vielleicht hier und da, vor allem verkürzt. Sie werden,
hintereinander gelesen, weder über Richard Wagner, noch über mich
einen Zweifel lassen: wir sind Antipoden. Man wird auch noch andres
dabei begreifen, zum Beispiel, daß dies ein Essay für Psychologen ist,
aber nicht für Deutsche ... Ich habe meine Leser überall, in Wien, in St. Petersburg, in
Kopenhagen und Stockholm, in Paris, in New York - ich habe sie nicht in Europas Flachland
Deutschland ... Und ich hätte vielleicht auch den Herrn Italienern ein Wort ins Ohr zu sagen, die ich
liebe, ebenso sehr als ich ... Quousque tandem, Crispi ... Triple alliance: mit dem "Reich" macht ein
intelligentes Volk immer nur eine mésalliance ...
Turin, Weihnachten 1888

Friedrich Nietzsche
WO ICH BEWUNDERE
Ich glaube, daß die Künstler oft nicht wissen, was sie am besten können: sie sind zu eitel dazu. Ihr
Sinn ist auf etwas Stolzeres gerichtet als diese kleinen Pflanzen zu sein scheinen, welche neu, seltsam
und schön, in wirklicher Vollkommenheit auf ihrem Boden zu wachsen wissen. Das letzthin Gute ihres
eignen Gartens und Weinbergs wird von ihnen obenhin abgeschätzt, und ihre Liebe und ihre Einsicht
sind nicht gleichen Ranges. Da ist ein Musiker, der mehr als irgend ein Musiker seine Meisterschaft
darin hat, die Töne aus dem Reich leidender, gedrückter, gemarterter Seelen zu finden und auch noch
dem stummen Elend Sprache zu geben. Niemand kommt ihm gleich in den Farben des späten
Herbstes, dem unbeschreiblich rührenden Glück eines letzten, allerletzten, allerkürzesten Genießens,
er kennt einen Klang für jene heimlich-unheimlichen Mitternächte der Seele, wo Ursache und Wirkung
aus den Fugen gekommen zu sein scheinen und jeden Augenblick etwas "aus dem Nichts" entstehen
kann. Er schöpft am glücklichsten von allen aus dem untersten Grunde des menschlichen Glücks und
gleichsam aus dessen ausgetrunkenem Becher, wo die herbsten und widrigsten Tropfen zu guter- und
böserletzt mit den süßesten zusammengelaufen sind. Er kennt jenes müde Sich Schieben der Seele,
die nicht mehr springen und fliegen, ja nicht mehr gehen kann; er hat den scheuen Blick des
verhehlten Schmerzes, des Verstehens ohne Trost, des Abschiednehmens ohne Geständnis; ja als
Orpheus alles heimlichen Elends ist er größer als irgend einer, und manches ist durch ihn überhaupt
erst der Kunst hinzugefügt worden, was bisher unausdrücklich und selbst der Kunst unwürdig erschien
- die zynischen Revolten zum Beispiel, deren nur der Leidendste fähig ist, insgleichen manches ganz
Kleine und Mikroskopische der Seele, gleichsam die Schuppen ihrer amphibischen Natur -, ja er ist der
Meister des ganz Kleinen. Aber er will es nicht sein! Sein Charakter liebt vielmehr die großen Wände
und die verwegene Wandmalerei! ... Es entgeht ihm, daß sein Geist einen andren Geschmack und
Hang - eine entgegengesetzte Optik - hat und am liebsten still in den Winkeln zusammengestürzter
Häuser sitzt: da, verborgen, sich selber verborgen, malt er seine eigentlichen Meisterstücke, welche
alle sehr kurz sind, oft nur Einen Takt lang, - da erst wird er ganz gut, groß und vollkommen, da
vielleicht allein. - Wagner ist einer, der tief gelitten hat - sein Vorrang, vor den übrigen Musikern. Ich
bewundere Wagner in allem, worin er sich in Musik setzt. -

WO ICH EINWÄNDE MACHE


Damit ist nicht gesagt, daß ich diese Musik für gesund halte, am wenigsten gerade da, wo sie von
Wagner redet. Meine Einwände gegen die Musik Wagners sind physiologische Einwände: wozu
dieselben erst noch unter ästhetische Formeln verkleiden? Ästhetik ist ja nichts als eine angewandte
Physiologie. - Meine "Tatsache", mein "petit fait vrai" ist, daß ich nicht mehr leicht atme, wenn diese
Musik erst auf mich wirkt; daß alsbald mein Fuß gegen sie böse wird und revoltiert: er hat das
Bedürfnis nach Takt, Tanz, Marsch - nach Wagners Kaisermarsch kann nicht einmal der junge
deutsche Kaiser marschieren -, er verlangt von der Musik vorerst die Entzückungen, welche in gutem
Gehn, Schreiten, Tanzen liegen. Protestiert aber nicht auch mein Magen? mein Herz? mein Blutlauf?
betrübt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich nicht unversehens heiser dabei ... Um Wagner zu
hören, brauche ich pastilles Gérandel ... Und so frage ich mich: was will eigentlich mein ganzer Leib
von der Musik überhaupt? Denn es gibt keine Seele ... Ich glaube, seine Erleichterung: wie als ob alle
animalischen Funktionen durch leichte, kühne, ausgelaßne, selbstgewisse Rhythmen beschleunigt
werden sollten; wie als ob das eherne, das bleierne Leben durch goldne zärtliche ölgleiche Melodien
seine Schwere verlieren sollte. Meine Schwermut will in den Verstecken und Abgründen der
Vollkommenheit ausruhn: dazu brauche ich Musik. Aber Wagner macht krank. - Was geht mich das
Theater an? Was die Krämpfe seiner "sittlichen" Ekstasen, an denen das Volk - und wer ist nicht
"Volk"! - seine Genugtuung hat! Was der ganze Gebärden-Hokuspokus des Schauspielers! - Man sieht,
ich bin wesentlich antitheatralisch geartet, ich habe gegen das Theater, diese Massen-Kunst par
excellence, den tiefen Hohn auf dem Grunde meiner Seele, den jeder Artist heute hat. Erfolg auf dem
Theater - damit sinkt man in meiner Achtung bis auf Nimmer-wiedersehn; Mißerfolg - da spitze ich die
Ohren und fange an zu achten ... Aber Wagner war umgekehrt, neben dem Wagner, der die
einsamste Musik gemacht hat, die es gibt, wesentlich noch Theatermensch und Schauspieler, der
begeistertste Mimomane, den es vielleicht gegeben hat, auch noch als Musiker ... Und, beiläufig
gesagt, wenn es Wagners Theorie gewesen ist "das Drama ist der Zweck, die Musik ist immer nur das
Mittel" -, seine Praxis dagegen war, von Anfang bis zu Ende, "die Attitüde ist der Zweck; das Drama,
auch die Musik, ist immer nur ihr Mittel". Die Musik als Mittel zur Verdeutlichung, Verstärkung,
Verinnerlichung der dramatischen Gebärde und Schauspieler-Sinnenfälligkeit; und das Wagnerische
Dran nur eine Gelegenheit zu vielen interessanten Attitüden! - Er hatte, neben allen andren Instinkten,
die kommandierenden Instinkte eines großen Schauspielers in allem und jedem: und, wie gesagt,
auch als Musiker. - Dies machte ich einmal, nicht ohne Mühe, einem Wagnerianer pur sang klar, -
Klarheit und Wagnerianer! ich sage kein Wort mehr. Es gab Gründe, noch hinzuzufügen "seien Sie
doch ein wenig ehrlicher gegen sich selbst! wir sind ja nicht in Bayreuth. In Bayreuth ist man nur als
Masse ehrlich, als einzelner lügt man, belügt man sich. Man läßt sich selbst zu Hause, wenn man nach
Bayreuth geht, man verzichtet auf das Recht der eignen Zunge und Wahl, auf seinen Geschmack,
selbst auf seine Tapferkeit, wie man sie zwischen den eignen vier Wänden gegen Gott und Welt hat
und übt. In das Theater bringt niemand die feinsten Sinne seiner Kunst mit, am wenigsten der
Künstler, der für das Theater arbeitet, - es fehlt die Einsamkeit, alles Vollkommne verträgt keine
Zeugen... Im Theater wird man Volk, Herde, Weib, Pharisäer, Stimmvieh, Patronatsherr, Idiot -
Wagnerianer: da unterliegt auch noch das persönlichste Gewissen dem nivellierenden Zauber der
großen Zahl, da regiert der Nachbar, da wird man Nachbar ..."

WAGNER ALS GEFAHR


1
Die Absicht, welche die neuere Musik in dem verfolgt, was jetzt, sehr stark, aber undeutlich,
"unendliche Melodie" genannt wird, kann man sich dadurch klar machen, daß man ins Meer geht,
allmählich den sicheren Schritt auf dem Grunde verliert und sich endlich dem Elemente auf Gnade und
Ungnade übergibt: man soll schwimmen. In der älteren Musik mußte man, im zierlichen oder
feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und Langsamer, etwas ganz anderes, nämlich
tanzen. Das hierzu nötige Maß, das Einhalten bestimmter gleich wiegender Zeit- und Kraftgrade
erzwang von der Seele des Hörers eine fortwährende Besonnenheit, - auf dem Widerspiele dieses
kühleren Luftzuges, welcher von der Besonnenheit herkam, und des durchwärmten Atems der
Begeisterung ruhte der Zauber aller guten Musik. Richard Wagner wollte eine andre Art Bewegung - er
warf die physiologische Voraussetzung der bisherigen Musik um. Schwimmen, Schweben - nicht mehr
Gehn, Tanzen ... Vielleicht ist damit das Entscheidende gesagt. Die "unendliche Melodie" will eben alle
Zeit- und Kraft-Ebenmäßigkeit brechen, sie verhöhnt sie selbst mitunter, - sie hat ihren Reichtum der
Erfindung gerade in dem, was einem älteren Ohre als rhythmische Paradoxie und Lästerung klingt.
Aus einer Nachahmung, aus einer Herrschaft eines solchen Geschmacks entstünde eine Gefahr für die
Musik, wie sie größer gar nicht gedacht werden kann - die vollkommne Entartung des rhythmischen
Gefühls, das Chaos an Stelle des Rhythmus ... Die Gefahr kommt auf die Spitze, wenn sich eine solche
Musik immer enger an eine ganz naturalistische, durch kein Gesetz der Plastik beherrschte
Schauspielerei und Gebärdenkunst anlehnt, die Wirkung will, nichts mehr ... Das espressivo um jeden
Preis und die Musik im Dienste, in der Sklaverei der Attitüde - das ist das Ende...2Wie? wäre es
wirklich die erste Tugend eines Vortrags, wie es die Vortragskünstler der Musik jetzt zu glauben
scheinen, unter allen Umständen ein hautrelief zu erreichen, das nicht mehr zu überbieten ist? Ist dies
zum Beispiel, auf Mozart angewendet, nicht die eigentliche Sünde wider den Geist Mozarts, den
heiteren, schwärmerischen, zärtlichen, verliebten Geist Mozarts, der zum Glück kein Deutscher war,
und dessen Ernst ein gütiger, ein goldener Ernst ist und nicht der Ernst eines deutschen Biedermanns
... Geschweige denn der Ernst des "steinernen Gastes" ... Aber ihr meint, alle Musik sei Musik des
"steinernen Gastes", - alle Musik müsse aus der Wand hervorspringen und den Hörer bis in seine
Gedärme hinein schütteln?... So erst wirke die Musik! - Auf wen wird da gewirkt? Auf etwas, worauf
ein vornehmer Künstler niemals wirken soll, - auf die Masse! auf die Unreifen! auf die Blasierten! auf
die Krankhaften! auf die Idioten! auf Wagnerianer!

EINE MUSIK OHNE ZUKUNFT


Die Musik kommt von allen Künsten, die auf dem Boden einer bestimmten Kultur aufzuwachsen
wissen, als die letzte aller Pflanzen zum Vorschein, vielleicht weil sie die innerlichste ist und folglich
am spätesten anlangt, - im Herbst und im Abblühen der jedesmal zu ihr gehörenden Kultur. Erst in der
Kunst der Niederländer Meister fand die Seele des christlichen Mittelalters ihren Ausklang, - ihre Ton-
Baukunst ist die nachgeborene aber echt- und ebenbürtige Schwester der Gotik. Erst in Händels Musik
erklang das Beste aus Luthers und seiner Verwandten Seele, der jüdisch-heroische Zug, welcher der
Reformation einen Zug der Größe gab - das alte Testament Musik geworden, nicht das neue. Erst
Mozart gab dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten und der Kunst Racines und Claude Lorrains in
klingendem Golde heraus; erst in Beethovens und Rossinis Musik sang sich das achtzehnte
Jahrhundert aus, das Jahrhundert der Schwärmerei, der zerbrochnen Ideale und des flüchtigen
Glücks. Jede wahrhafte, jede originale Musik ist Schwanengesang. Vielleicht, daß auch unsre letzte
Musik, so sehr sie herrscht und herrschsüchtig ist, bloß noch eine kurze Spanne Zeit vor sich hat:
denn sie entsprang einer Kultur deren Boden im raschen Absinken begriffen ist, einer alsbald
versunkenen Kultur. Ein gewisser Katholizismus des Gefühls und eine Lust an irgendwelchem alt-
heimischen sogenannten "nationalen" Wesen und Unwesen sind ihre Voraussetzungen. Wagners
Aneignung alter Sagen und Lieder, in denen das gelehrte Vorurteil etwas Germanisches par excellence
zu sehn gelehrt hatte - heute lachen wir darüber -, die Neubeseelung dieser skandinavischen Untiere
mit einem Durst nach verzückter Sinnlichkeit und Entsinnlichung - dieses ganze Nehmen und Geben
Wagners in Hinsicht auf Stoffe, Gestalten, Leidenschaften und Nerven spricht deutlich auch den Geist
seiner Musik aus, gesetzt, daß diese selbst, wie jede Musik, nicht unzweideutig von sich zu reden
wüßte: denn die Musik ist ein Weib ... Man darf sich über diese Sachlage nicht dadurch beirren lassen,
daß wir augenblicklich gerade in der Reaktion innerhalb der Reaktion leben. Das Zeitalter der
nationalen Kriege, des ultramontanen Martyriums, dieser ganze Zwischenakts-Charakter, der den
Zuständen Europas jetzt eignet, mag in der Tat einer solchen Kunst, wie der Wagners, zu einer
plötzlichen Glorie verhelfen, ohne ihr damit Zukunft zu verbürgen. Die Deutschen selber haben keine
Zukunft...

WIR ANTIPODEN
Man erinnert sich vielleicht, zum mindesten unter meinen Freunden, daß ich anfangs mit einigen
Irrtümern und Überschätzungen und jedenfalls als Hoffender auf diese moderne Welt losgegangen
bin. Ich verstand - wer weiß, auf welche persönlichen Erfahrungen hin? den philosophischen
Pessimismus des neunzehnten Jahrhunderts als Symptom einer höheren Kraft des Gedankens, einer
siegreichen Fülle des Lebens, als diese in der Philosophie Humes, Kants und Hegels zum Ausdruck
gekommen war,- ich nahm die tragische Erkenntnis als den schönsten Luxus unsrer Kultur, als deren
kostbarste, vornehmste, gefährlichste Art Verschwendung, aber immerhin, auf Grund ihres
Überreichtums, als ihren erlaubten Luxus. Desgleichen deutete ich mir die Musik Wagners zurecht zum
Ausdruck einer dionysischen Mächtigkeit der Seele, in ihr glaubte ich das Erdbeben zu hören, mit dem
eine von alters her aufgestaute Urkraft von Leben sich endlich Luft macht, gleichgültig dagegen, ob
alles, was sich heute Kultur nennt, damit ins Wackeln gerät. Man sieht, was ich verkannte, man sieht
insgleichen, womit ich Wagnern und Schopenhauern beschenkte - mit mir ... Jede Kunst, jede
Philosophie darf als Heil- und Hilfsmittel des wachsenden oder des niedergehenden Lebens angesehn
werden: sie setzen immer Leiden und Leidende voraus. Aber es gibt zweierlei Leidende, einmal die an
der Überfülle des Lebens Leidenden, welche eine dionysische Kunst wollen und ebenso eine tragische
Einsicht und Aussicht auf das Leben, - und sodann die an der Verarmung des Lebens Leidenden, die
Ruhe, Stille, glattes Meer oder aber den Rausch, den Krampf, die Betäubung von Kunst und
Philosophie verlangen. Die Rache am Leben selbst - die wollüstigste Art Rausch für solche Verarmte!
... Dem Doppelbedürfnis der letzteren entspricht ebenso Wagner wie Schopenhauer - sie verneinen
das Leben, sie verleumden es, damit sind sie meine Antipoden. - Der Reichste an Lebensfülle, der
dionysische Gott und Mensch, kann sich nicht nur den Anblick des Fürchterlichen und des
Fragwürdigen gönnen, sondern selbst die furchtbare Tat und jeden Luxus von Zerstörung, Zersetzung,
Verneinung, - bei ihm erscheint das Böse Sinnlose und Häßliche gleichsam erlaubt, wie es der Natur
erlaubt erscheint, infolge eines Überschusses von zeugenden, wiederherstellenden Kräften -, welche
aus jeder Wüste noch ein üppiges Fruchtland zu schaffen vermag. Umgekehrt würde der Leidendste,
Lebensärmste am meisten die Milde, Friedlichkeit und Güte nötig haben - das, was heute Humanität
genannt wird - im Denken sowohl wie im Handeln, womöglich einen Gott, der ganz eigentlich ein Gott
für Kranke, ein Heiland ist, ebenso auch die Logik, die begriffliche Verständlichkeit des Daseins selbst
für Idioten - die typischen "Freigeister", wie die "Idealisten" und "schönen Seelen", sind alle décadents
- kurz, eine gewisse warme, furchtabwehrende Enge und Einschließung in optimistische Horizonte, die
Verdummung erlaubt ... Dergestalt lernte ich allmählich Epikur begreifen, den Gegensatz eines
dionysischen Griechen, insgleichen den Christen, der in der Tat nur eine Art Epikureer ist und mit
seinem "der Glaube macht selig" dem Prinzip des Hedonismus so weit wie möglich folgt - bis über
jede intellektuelle Rechtschaffenheit hinweg ... Wenn ich etwas vor allen Psychologen voraus habe, so
ist es das, daß mein Blick geschärfter ist für jene schwierigste und verfänglichste Art des
Rückschlusses, in der die meisten Fehler gemacht werden - des Rückschlusses vom Werk auf den
Urheber, von der Tat auf den Täter, vom Ideal auf den, der es nötig hat, von jeder Denk- und
Wertungsweise auf das dahinter kommandierende Bedürfnis. - In Hinsicht auf Artisten jeder Art
bediene ich mich jetzt dieser Hauptunterscheidung: ist hier der Haß gegen das Leben oder der
Überfluß an Leben schöpferisch geworden? In Goethe zum Beispiel wurde der Überfluß schöpferisch,
in Flaubert der Haß; Flaubert, eine Neuausgabe Pascals, aber als Artist, mit dem Instinkt-Urteil auf
dem Grunde: "Flaubert est toujours haïssable, l'homme n'est rien, l'oeuvre est tout" ... Er torturierte
sich, wenn er dichtete, ganz wie Pascal sich torturierte, wenn er dachte - sie empfanden beide
unegoistisch ... "Selbstlosigkeit" - das décadence-Prinzip, der Wille zum Ende in der Kunst sowohl wie
in der Moral. -

WOHIN WAGNER GEHÖRT


Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffiniertesten Kultur Europas und die hohe
Schule des Geschmacks: aber man muß dies "Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Die
Norddeutsche Zeitung zum Beispiel, oder wer in ihr sein Mundstück hat, sieht in den Franzosen
"Barbaren", - ich für meine Person suche den schwarzen Erdteil, wo man "die Sklaven" befreien sollte,
in der Nähe der Norddeutschen ... Wer zu jenem Frankreich gehört, hält sich gut verborgen: es mag
eine kleine Zahl sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, welche nicht auf den
kräftigsten Beinen stehn, zum Teil Fatalisten, Verdüsterte, Kranke, zum Teil Verzärtelte und
Verkünstelte, solche, welche den Ehrgeiz haben, künstlich zu sein, - aber sie haben alles Hohe und
Zarte, was jetzt in der Welt noch übrig ist, in ihrem Besitz. In diesem Frankreich des Geistes, welches
auch das Frankreich des Pessimismus ist, ist heute schon Schopenhauer mehr zu Hause, als er es je in
Deutschland war; sein Hauptwerk zweimal bereits übersetzt, das zweite Mal ausgezeichnet, so daß ich
es jetzt vorziehe, Schopenhauer französisch zu lesen (- er war ein Zufall unter Deutschen, wie ich ein
solcher Zufall bin - die Deutschen haben keine Finger für uns, sie haben überhaupt keine Finger, sie
haben bloß Tatzen). Gar nicht zu reden von Heinrich Heine - l'adorable Heine sagt man in Paris -, der
den tieferen und seelenvolleren Lyrikern Frankreichs längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Was
wüßte deutsches Hornvieh mit den délicatesses einer solchen Natur anzufangen! - Was endlich
Richard Wagner angeht: so greift man mit Händen, nicht vielleicht mit Fäusten, daß Paris der
eigentliche Boden für Wagner ist: je mehr sich die französische Musik nach den Bedürfnissen der "âme
moderne" gestaltet, um so mehr wird sie wagnerisieren,- sie tut es schon jetzt genug. - Man darf sich
hierüber nicht durch Wagner selber irre führen lassen - es war eine wirkliche Schlechtigkeit Wagners,
Paris 1871 in seiner Agonie zu verhöhnen ... In Deutschland ist Wagner trotzdem bloß ein
Mißverständnis: wer wäre unfähiger, etwas von Wagner zu verstehn, als zum Beispiel der junge
Kaiser? - Die Tatsache bleibt für jeden Kenner der europäischen Kulturbewegung nichts destoweniger
gewiß, daß die französische Romantik und Richard Wagner aufs engste zueinander gehören. Allesamt
beherrscht von der Literatur bis in ihre Augen und Ohren - die ersten Künstler Europas von
weltliterarischer Bildung -, meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Vermittler und Vermischer
der Sinne und Künste, allesamt Fanatiker des Ausdrucks, große Entdecker im Reiche des Erhabenen,
auch des Häßlichen und Gräßlichen, noch größere Entdecker im Effekte, in der Schaustellung, in der
Kunst der Schauläden, allesamt Talente weit über ihr Genie hinaus -, Virtuosen durch und durch, mit
unheimlichen Zugängen zu allem, was verführt, lockt, zwingt, umwirft, geborne Feinde der Logik und
der geraden Linie, begehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren, allen Opiaten
der Sinne und des Verstandes. Im ganzen eine verwegen-wagende, prachtvoll-gewaltsame,
hochfliegende und hoch emporreißende Art von Künstlern, welche ihrem Jahrhundert - es ist das
Jahrhundert der Masse - den Begriff "Künstler" erst zu lehren hatte. Aber krank ...

WAGNER ALS APOSTEL DER KEUSCHHEIT


1
Ist das noch deutsch?Aus deutschen Herzen kam dies schwüle Kreischen?Und deutschen Leibs ist dies
Sich-selbst-Zerfleischen?Deutsch ist dies Priester-Hände-Spreizen,Dies weihrauchdüftelnde Sinne-
Reizen?Und deutsch dies Stürzen, Stocken, Taumeln,Dies zuckersüße Bimbambaumeln?Dies Nonnen-
Äugeln, Ave-Glockenbimmeln,Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln? ...Ist das noch
deutsch?Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte ...Denn was ihr hört, ist Rom, - Roms Glaube ohne
Worte!

2
Zwischen Sinnlichkeit und Keuschheit gibt es keinen notwendigen Gegensatz; jede gute Ehe, jede
eigentliche Herzensliebschaft ist über diesen Gegensatz hinaus. Aber in jenem Falle, wo es wirklich
diesen Gegensatz gibt, braucht es zum Glück noch lange kein tragischer Gegensatz zu sein. Dies
dürfte wenigstens für alle wohlgerateneren, wohlgemuteren Sterblichen gelten, welche fern davon
sind, ihr labiles Gleichgewicht zwischen Engel und petite bête ohne weiteres zu den Gegengründen
des Daseins zu rechnen, - die Feinsten, die Hellsten, gleich Hafis, gleich Goethe, haben darin sogar
einen Reiz mehr gesehn ... Solche Widersprüche gerade verführen zum Dasein ... Andrerseits versteht
es sich nur zu gut, daß, wenn einmal die verunglückten Tiere der Circe dazu gebracht werden, die
Keuschheit anzubeten, sie in ihr nur ihren Gegensatz sehn und anbeten werden - o mit was für einem
tragischen Gegrunz und Eifer! man kann es sich denken -, jenen peinlichen und vollkommen
überflüssigen Gegensatz, den Richard Wagner unbestreitbar am Ende seines Lebens noch hat in Musik
setzen und auf die Bühne bringen wollen. Wozu doch? wie man billig fragen darf.

3
Dabei ist freilich jene andre Frage nicht zu umgehn, was ihn eigentlich jene männliche (ach, so
unmännliche) "Einfalt vom Lande" anging, jener arme Teufel und Naturbursch Parsifal, der von ihm
mit so verfänglichen Mitteln schließlich katholisch gemacht wird - wie? war dieser Parsifal überhaupt
ernst gemeint? Denn daß man über ihn gelacht hat, möchte ich am wenigsten bestreiten, Gottfried
Keller auch nicht ... Man möchte es nämlich wünschen, daß der Wagnersche Parsifal heiter gemeint
sei, gleichsam als Schlußstück und Satyrdrama, mit dem der Tragiker Wagner gerade auf eine ihm
gebührende und würdige Weise von uns, auch von sich, vor allem von der Tragödie habe Abschied
nehmen wollen, nämlich mit einem Exzeß höchster und mutwilligster Parodie auf das Tragische selbst,
auf den ganzen schauerlichen Erden-Ernst und Erden-Jammer von ehedem, auf die endlich
überwundene dümmste Form in der Widernatur des asketischen Ideals. Der Parsifal ist ja ein
Operettenstoff par excellence ... Ist der Parsifal Wagners sein heimliches Überlegenheits-Lachen über
sich selber, der Triumph seiner letzten höchsten Künstler-Freiheit, Künstler~Jenseitigkeit - Wagner,
der über sich zu lachen weiß? ... Man möchte es, wie gesagt, wünschen: denn was würde der
ernstgemeinte Parsifal sein? Hat man wirklich nötig, in ihm (wie man sich gegen mich ausgedrückt
hat) "die Ausgeburt eines toll gewordnen Hasses auf Erkenntnis, Geist und Sinnlichkeit" zu sehen?
einen Fluch auf Sinne und Geist in Einem Haß und Atem? eine Apostasie und Umkehr zu christlich-
krankhaften und obskurantistischen Idealen? Und zuletzt gar ein Sich-selbst-Verneinen, Sich-selbst-
Durchstreichen von seiten eines Künstlers, der bis dahin mit aller Macht seines Willen auf das
Umgekehrte, auf höchste Vergeistigung und Versinnlichung seiner Kunst ausgewesen war? Und nicht
nur seiner Kunst, auch seines Lebens? Man erinnere sich, wie begeistert seinerzeit Wagner in den
Fußtapfen des Philosophen Feuerbach gegangen ist. Feuerbachs Wort von der "gesunden Sinnlichkeit"
- das klang in den dreißiger und vierziger Jahren Wagnern gleich vielen Deutschen - sie nannten sich
die jungen Deutschen - wie das Wort der Erlösung. Hat er schließlich darüber umgelernt? Da es zum
mindesten scheint, daß er zuletzt den Willen hatte, darüber umzulernen? ... Ist der Haß auf das Leben
bei ihm Herr geworden, wie bei Flaubert? ... Denn der Parsifal ist ein Werk der Tücke, der Rachsucht,
der heimlichen Giftmischerei gegen die Voraussetzungen des Lebens, ein schlechtes Werk. - Die
Predigt der Keuschheit bleibt eine Aufreizung zur Widernatur: ich verachte jedermann, der den Parsifal
nicht als Attentat auf die Sittlichkeit empfindet.
WIE ICH VON WAGNER LOSKAM
1
Schon im Sommer 1876, mitten in der Zeit der ersten Festspiele, nahm ich bei mir von Wagner
Abschied. Ich vertrage nichts Zweideutiges; seitdem Wagner in Deutschland war, kondeszendierte er
Schritt für Schritt zu allem, was ich verachte - selbst zum Antisemitismus ... Es war in der Tat damals
die höchste Zeit, Abschied zu nehmen: alsbald schon bekam ich den Beweis dafür. Richard Wagner,
scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordner, verzweifelnder décadent, sank
plötzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze nieder... Hat denn kein Deutscher für
dies jämmerliche Schauspiel damals Augen im Kopfe, Mitgefühl in seinem Gewissen gehabt? War ich
der Einzige, der an ihm litt? - Genug, mir selbst gab das unerwartete Ereignis wie ein Blitz Klarheit
über den Ort, den ich verlassen hatte, - und auch jenen nachträglichen Schauder, den jeder
empfindet, der unbewußt durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als ich allein weiterging, zitterte
ich; nicht lange darauf war ich krank, mehr als krank, nämlich müde, - müde aus der unaufhaltsamen
Enttäuschung über alles, was uns modernen Menschen zur Begeisterung übrig blieb, über die allerorts
vergeudete Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend, Liebe, müde aus Ekel vor der ganzen idealistischen
Lügnerei und Gewissens-Verweichlichung, die hier wieder einmal den Sieg über einen der Tapfersten
davongetragen hatte; müde endlich, und nicht am wenigsten, aus dem Gram eines unerbittlichen
Argwohns - daß ich nunmehr verurteilt sei, tiefer zu mißtrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu
sein als je vorher. Denn ich hatte niemanden gehabt als Richard Wagner ... - Ich war immer verurteilt
zu Deutschen ...

2
Einsam nunmehr und schlimm mißtrauisch gegen mich, nahm ich, nicht ohne Ingrimm, damals Partei
gegen mich und für alles, was gerade mir wehtat und hart fiel: so fand ich den Weg zu jenem
tapferen Pessimismus wieder, der der Gegensatz aller idealistischen Verlogenheit ist, und auch, wie
mir scheinen will, den Weg zu mir, - zu meiner Aufgabe ... Jenes verborgene und herrische Etwas, für
das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsre Aufgabe erweist, - dieser Tyrann in
uns nimmt eine schreckliche Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen
oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit solchen, zu denen
wir nicht gehören, für jede noch so achtbare Tätigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt, ja
für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwortlichkeit schützen
möchte. Krankheit ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unsrem Recht auf unsre Aufgabe zweifeln
wollen, wenn wir anfangen, es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar und furchtbar zugleich!
Unsre Erleichterungen sind es, die wir am härtesten büßen müssen! Und wollen wir hinterdrein zur
Gesundheit zurück, so bleibt uns keine Wahl: wir müssen uns schwerer belasten, als wir je vorher
belastet waren ...

DER PSYCHOLOG NIMMT DAS WORT


1
Je mehr ein Psycholog, ein geborener, ein unvermeidlicher Psycholog und Seelen-Errater, sich den
ausgesuchteren Fällen und Menschen zukehrt, um so größer wird seine Gefahr, am Mitleiden zu
ersticken. Er hat Härte und Heiterkeit nötig, mehr als ein andrer Mensch. Die Verderbnis, das
Zugrundegehn der höheren Menschen ist nämlich die Regel: es ist schrecklich, eine solche Regel
immer vor Augen zu haben. Die vielfache Marter des Psychologen, der dies Zugrundegehn entdeckt
hat, der diese gesamte innere "Heillosigkeit" des höheren Menschen, dies ewige "Zu spät!" in jedem
Sinne erst einmal und dann fast immer wieder entdeckt durch die ganze Geschichte hindurch, - kann
vielleicht eines Tages die Ursache davon werden, daß er selber verdirbt ... Man wird fast bei jedem
Psychologen eine verräterische Vorneigung zum Umgang mit alltäglichen und wohlgeordneten
Menschen wahrnehmen: daran verrät sich, daß er immer einer Heilung bedarf, daß er eine Art Sucht
und Vergessen braucht, weg von dem, was ihm seine Einblicke, Einschnitte, was ihm sein Handwerk
aufs Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem Gedächtnis ist ihm zu eigen. Er kommt vor dem
Urteile anderer leicht zum Verstummen, er hört mit einem unbewegten Gesichte zu, wie dort verehrt,
bewundert, geliebt, verklärt wird, wo er gesehn hat -, oder er verbirgt noch sein Verstummen, indem
er irgend einer Vordergrunds-Meinung ausdrücklich zustimmt. Vielleicht geht die Paradoxie seiner
Lage so weit ins Schauerliche, daß die "Gebildeten" gerade dort, wo er das große Mitleiden neben der
großen Verachtung gelernt hat, ihrerseits die große Verehrung lernen ... Und wer weiß, ob sich nicht
in allen großen Fällen eben nur dies begab, - daß man einen Gott anbetete und daß der Gott nur ein
armes Opfertier war ... Der Erfolg war immer der größte Lügner - und auch das Werk, die Tat ist ein
Erfolg ... Der große Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist in seine Schöpfungen verkleidet,
versteckt, bis ins Unerkennbare; das Werk, das des Künstlers, des Philosophen, erfindet erst den,
welcher es geschaffen hat, geschaffen haben soll ... Die "großen Männer", wie sie verehrt werden,
sind kleine schlechte Dichtungen hinterdrein, - in der Welt der historischen Werte herrscht die
Falschmünzerei ...

2
Diese großen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset, Poe, Leopardi, Kleist, Gogol - ich wage es
nicht, viel größere Namen zu nennen, aber ich meine sie -, wie sie nun einmal sind, sein müssen:
Menschen des Augenblicks, sinnlich, absurd, fünffach, im Mißtrauen und Vertrauen leichtfertig und
plötzlich; mit Seelen, an denen gewöhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft mit ihren
Werken Rache nehmend für eine innere Besudelung, oft mit ihren Aufflügen Vergessenheit suchend
vor einem allzu treuen Gedächtnis, Idealisten aus der Nähe des Sumpfes - welche Marter sind diese
großen Künstler und überhaupt die sogenannten höheren Menschen für den, der sie erst erraten hat!
... Wir sind alle Fürsprecher des Mittelmäßigen ... Es ist begreiflich, daß sie gerade vom Weibe, das
heilseherisch ist in der Welt des Leidens und leider auch weit über seine Kräfte hinaus hilf- und
rettungssüchtig, so leicht jene Ausbrüche von unbegrenztem Mitleide erfahren, welche die Menge, vor
allem die verehrende Menge mit neugierigen und selbstgefälligen Deutungen überhäuft ... Dies
Mitleiden täuscht sich regelmäßig über seine Kraft: das Weib möchte glauben, daß Liebe alles
vermöge, - es ist sein eigentlicher Aberglaube. Ach, der Wissende des Herzen errät, wie arm, hilflos,
anmaßlich, fehlgreifend auch die beste, tiefste Liebe ist - wie sie eher noch zerstört als rettet.3- Der
geistige Ekel und Hochmut jedes Menschen, der tief gelitten hat, - es bestimmt beinahe die
Rangordnung, wie tief einer leiden kann, - seine schaudernde Gewißheit, von der er ganz durchtränkt
und gefärbt ist, vermöge seines Leidens mehr zu wissen, als die Klügsten und Weisesten wissen
könnten, in vielen fernen entsetzlichen Welten bekannt und einmal zu Hause gewesen zu sein, von
denen "ihr nichts wißt" ..., diese geistige schweigende Hochmut, dieser Stolz des Auserwählten der
Erkenntnis, des "Eingeweihten", des beinahe Geopferten findet alle Arten von Verkleidung nötig, um
sich vor der Berührung mit zudringlichen und mitleidigen Händen und überhaupt vor allem, was nicht
seinesgleichen im Schmerz ist, zu schützen. Das tiefe Leiden macht vornehm; es trennt. - Eine der
feinsten Verkleidungs-Formen ist der Epikureismus und eine gewisse fürderhin zur Schau getragne
Tapferkeit des Geschmacks, welche das Leiden leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige und
Tiefe zur Wehre setzt. Es gibt "heitere Menschen", welche sich der Heiterkeit bedienen, weil sie um
ihretwillen mißverstanden werden, - sie wollen mißverstanden sein. Es gibt "wissenschaftliche
Geister", welche sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen heiteren Anschein gibt und weil
Wissenschaftlichkeit darauf schließen läßt, daß der Mensch oberflächlich ist - sie wollen zu einem
falschen Schlusse verführen ... Es gibt freie freche Geister, welche verbergen und verleugnen
möchten, daß sie im Grunde zerbrochne unheilbare Herzen sind - es ist der Fall Hamlets: und dann
kann die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu gewisses Wissen sein. –
DEPECHE MODE - DISCOGRAPHIE

Depeche Mode sind die Kultband der 80er und 90er Jahre. Von einer Teenieband auf dem Cover der
BRAVO wurden sie gemeinsam mit ihren Fans erwachsen. Das Kultur-Magazin präsentiert hier eine
Discographie der wichtigsten Studioalben von Depeche Mode.

SPEAK & SPELL (1981) * * * *

Der Song "Photographic" war bereits eine kleine Hymne in diversen Clubs in
England, die nach dem Niedergang des Punk und dem melancholischen
"New Romantic" Bewegung nach neuen Aushängeschildern, neuen Ikonen
suchte. Ian Curtis, Frontmann der vielversprechnden Band Joy Division
starb den jungen Tod eines kranken, drogensüchtigen Poeten und die
Plattenlabel schienen die sich abzeichnende "Elektronisierung" nicht richtig
einzuschätzen. "Photographic" erschien daher auf einem Sampler, lange vor
der ersten regulären Veröffentlichung von Depeche Mode. Das kleine
Independent-Label "Mute" und sein Chef Daniel Miller bildeten diese
Ausnahme. Mit Frank Tovey und seiner Band "Fad Gadget" war der
Lichtstreif am Horizont bereits erkennbar - im Vorprogramm vier junge
Männer aus Basildon, einem Vorort von London, die sich zunächst "Composition Of Sound", dann
"Depeche Mode" nannten. Der Name war von dem gleichnamigen französischen Modemagazin
abgekupfert. Songwriter war ein gewisser Vince Clarke, der sich einen Teufel um seine berufliche
Zukunft scherte und jede freie Minute vor den ersten, auf Pump gekauften Synthesizern verbrachte.
Organisationstalent Andrew Fletcher, der stadtbekannte Punk David Gahan und der introvertierte
Martin Gore nahmen dann im Früjahr 1981 und der Regie von besagtem Daniel Miller das Debut
"Speak & Spell" auf. Mit der zweiten Single "New Life" gelang bereits der Sprung in die britischen Top
Ten der Single Charts und man sah Depeche Mode zum ersten Mal in den "Top Of The Pops" im
Fernsehen. Die dritte Single "Just Can't Get Enough" ist bis heute einer der grossen Ohrwürmer von
Depeche Mode. Nach der ersten Tour durch England verliess Vince Clarke bereits die Band und das
Trio stand ohne Songwriter da. Clarke sagte seinerzeit in einem Interview für den New Music Express:
"Martin Gore ist ein begnadeter Songwriter. Er weiss es nur noch nicht." Clarke gründete
anschliessend mit Alison Moyet "Yazoo" und dann mit Andy Bell "Erasure". Clarke ist damit einer der
erfolgreichsten britischen Musiker aller Zeiten.

Historisches Filmmaterial: Der erste Fernsehauftritt von Depeche Mode bei "Top Of The Pops" im Jahr 1981.

A BROKEN FRAME (1982) * * *

So mussten alle zehn neuen Songs des Nachfolgers von Speak & Spell aus
der Feder von Martin Gore kommen, was dieser, so plötzlich ins kalte
Wasser geschmissen, auch ganz gut meisterte. Auch wenn "Leave In
Silence" im Rückblick wohl die schwächste Depeche Mode Single war, so
finden sich mit "See You" und "The Sun & The Rainfall" zwei geniale
Songs auf dem Album "A Broken Frame", die auch heute noch den Kauf
dieses Albums lohnenswert machen. Für viele eingefleischte Depeche
Mode Fans zählen diese Songs noch heute zu den Klassikern. Depeche
Mode gehen 1982 auf ihre erste Europatour und sammeln die ersten
Lorbeeren. Als Ersatz auf der Bühne stösst ein Musiker namens Alan
Wilder zu Depeche Mode, der zunächst nur sporadisch mit zur Band zählt,
nachdem man sich einmütig bei einer Art "Casting" nach einem Inserat in der führenden britischen
Musikzeitschrift NME für Wilder entschieden hat. Wilder ist ein Soundtüftler und wird den Sound von
Depeche Mode ganz massgeblich mitbestimmen.
Man mag über "A Broken Frame" denken, was man will - es ist "nur" die Geburt des Martin Gore als
Songwriter. Eine musikalische Weiterentwicklung ist dieses Album nicht. Dieser Quantensprung folgt
erst ein Jahr später.
CONSTRUCTION TIME AGAIN (1983) * * * * *

Mit diesem Album setzen Depeche Mode Massstäbe und definieren den bis
heute für sie so typischen, kalten Synthie-Sound. Grundlage ist hierfür
nebem dem experimentierfreudigen Wilder ein kongenialer Produzent
namens Gareth Jones, der neben diesem dritten Depeche Mode Album
auch einer namhaften deutschen Band namens "Einstürzende Neubauten"
fast zur gleichen Zeit, in demselben Studio in Berlin auf die Sprünge hilft.
Die Samples, die besonders den abgedrehten Song "Pipeline" dominieren,
finden sich abgewandelt auch auf dem Neubauten Album desselben
Jahres.
Zwei Songs steuert Wilder bei und die beiden Singles "Everything Counts"
und "Love In Itself" finden nicht nur in England, sondern erstmals auch in
Deutschland Gehör. Die Europatournee wird zu einem Erfolg und Depeche Mode gelten aufgrund ihres
Alters, als hitverdächtige Teenieband. Für den Chef des Plattenlabels "Mute", den Idealisten Daniel
Miller, sind Depeche Mode bereits jetzt das beste Pferd im Stall.
Der Sound, den Depeche Mode hier definieren, perfektionieren sie im kommenden Jahr, wieder im
Berliner Hansa Studio mit der gleichen Mannschaft.

SOME GREAT REWARD (1984) * * * * *

In Berlin haben sich Depeche Mode für einige Jahre wie zu Hause gefühlt.
Martin Gore, damals mit einer deutschen Lebensgefährtin hat in Berlin
nicht nur die deutsche Sprache gelernt - er hat auch in Berlin mehrere
Jahre gelebt. Im Video zur Single "Master & Servant" tauchen
entsprechend auch deutscher Bundestag, deutsche Politiker und die
Berliner Mauer auf.

Mit "Some Great Reward" gelingt der erste grosse kommerzielle Erfolg.
"People Are People" ist neben "Dream On" (2001) für Jahre der erste und
einzige Nummer 1 Hit in Deutschland. Depeche Mode werden zu Teenie-
Idolen und erscheinen von nun an auf den Titelseiten bedeutender
Wochenblätter wie "BRAVO" oder "POPCORN". Grund ist neben der Musik der kalte Synthiesound und
das schwarze Outfit. Depeche Mode fordern unbewusst die Jugend auf, anders zu sein, sich
auszugrenzen und die kühle, androgyne Seite nach aussen zu kehren. Tausende Fans laufen von
dieser Zeit an in schwarzen Lederklamotten durch die Gegend. Musikalisch wird der Weg von
"Construction Time Again" konsequent fortgesetzt und melodisch verfeinert. Alan Wilder ist voll
integriert, steuert mit "If You Want To" einen Titel auf dem Album bei, sowie zwei B-Seiten der beiden
bis dato erfolgreichsten Depeche Mode Singles bei. Für diesen nun so Depeche Mode typischen Sound
ist Alan Wilder federführend.

BLACK CELEBRATION (1986) * * * * * *

Nachdem 1985 zwei Singles und eine erste Werkschau erschienen war
(The Singles 81-85) war es an der Zeit, neue Ufer zu betreten. Depeche
Mode liefen Gefahr - wie jede Teenieband - als unbedeutende Episode im
Musikhimmel zu verschwinden. Neben den unbestrittenen musikalischen
Qualitäten musste spätestens jetzt das Image in ein anderes Licht gesetzt
werden. Es fehlt ein entscheidendes künstlerisches Element. "Black
Celebration" gilt für die meisten Depeche Mode Fans als DAS Album
überhaupt, eben nicht nur wegen der Weiterführung des synthetischen
Konzeptes, angereichert durch Gitarren ("A Question Of Time"): Zum
ersten Mal betritt jemand die Bühne von Depeche Mode, nicht ohne sie
vorher zu gestalten: der Holländer Anton Corbijn wird mit der zweiten Single dieses Albums für lange
Zeit das Visual Artwork übernehmen, d.h. er gestaltet die meisten Plattencover, dreht die Musikvideos
und setzt Depeche Mode in phantastischen Fotos so in Szene , dass in den kommenden Jahren sogar
U2 davon profitieren. Es ist kein Mythos, dass das erste Depeche Mode Video, das von Anton Corbijn
1986 gedreht wird zu derselben Zeit entsteht wie das Cover vom JOSHUA TREE Album von U2. Die
Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Depeche Mode schaffen also den Absprung von der belächelten
Teenieband zur epochemachenden musikalischen Grösse.
"Black Celebration" vereint alles, was Depeche Mode ausmachen. Rabenschwarzer Gesang,
synthetische Monotonie, abgelöst von ein bisschen Schmalz ("A Question Of Lust") bis hin zur
sexuellen Irritation: Das Geräusch eines Traktors, das sich bei der Single "Stripped" von Anfang bis
Ende durch den Song zieht wird in seiner irritierenden Intention Jahre später nur noch vom
Gitarrenriff beim Song "Personal Jesus" abgelöst.

MUSIC FOR THE MASSES (1987) * * * * * *

Ist für die meisten Depeche Mode Fans "Black Celebration" das
Lieblingsalbum, so ist mein persönlicher Favorit "Music For The Masses".
Wenn Sie auf diesen Seiten schon einmal waren, dann kennen Sie meine
Rezension dieses Albums bereits:

Der Titel dieses Albums ist rein ironisch gemeint. "Als ich mal in einem
Plattenladen war habe ich eine Platte gesehen, die hieß ´Music for the
Millions´ oder so ähnlich. Jedenfalls dachte ich, dass ist ein guter Titel für
unser nächstes Album." - so Mastermind Martin Gore in einem Interview
seinerzeit, als Depeche Mode mit diesem Album den Zenit ihres Schaffens
erreichten. Der typische Depeche Mode Sound, der spätestens seit
"Master And Servant" 1984 unverkennbar wurde, erreicht mit diesem Album seinen künstlerischen
Höhepunkt.

Hydraulische Türen ("I Want You Now"), orchestraler Hintergrund ("Never Let Me Down Again") und
ein russisches Radioprogramm ("To Have And To Hold"), gepaart mit genialen Texten, wie immer
über Liebe und Leid in dieser Welt, machen die Stücke auf diesem Album zu wahren Hymnen für die
Massen, die dann auch tatsächlich zwei Jahre später (nach der "Music For The Masses Tour") auf dem
Album "101" für die Ewigkeit dokumentiert werden. Dieses beginnt auch mit dem Instrumentalstück
"Pimpf", ein monumentales Klangmonster, das Gore nach dem Lesen von Hitler ´Mein Kampf´
komponiert hat. Ebenso kritisch und simpel kommt "Agent Orange" daher. Ein zeitloses musikalisches
Meisterwerk und eine Jugenderinnerung.

VIOLATOR (1990) * * * * *

"Music For The Masses" platzierte sich auch in den USA unter den Top 10
Alben, so dass die anschliessende Welttournee ein Riesenerfolg war, der
dann als Video und Doppel-Live Album "101" dokumentiert wurde. Der
Fan musste also fast drei Jahre warten, bis etwas neues erschien und zum
kommerziellen Erfolg von "Violator" trägt natürlich auch die ungeheure
Erwartungshaltung bei. Der Fan wird dann eiskalt erwischt. Erwartete er
als erste Single wieder eine Synthiehymne so überraschen Depeche Mode
mit "Personal Jesus", einem der rockigsten Songs von Depeche Mode.
Diese Dominanz einer Gitarre bleibt aber auf "Violator" die Ausnahme. Die
zweite Single "Enjoy The Silence" bleibt in den Charts wochenlang an
zweiter Stelle, da die Spitze von einer gewissen Sinead O'Connor und
ihrem Song "Nothing Compares 2 U" besetzt bleibt. Jedem Kenner von Depeche Mode kommt bei
"Enjoy The Silence" das wohl einmaligste Musikvideo von Anton Corbijn in den Sinn: Sänger Dave
Gahan schreitet als einsamer König mit einem Liegestuhl durch die Landschaft. Dazu die rote Rose auf
schwarzem Grund. Ausser dem Titel eines der Depeche Mode Alben "Black Celebration" bezeichnet
nichts das Gesamtkonzept von Depeche Mode so gut, wie dieses Bild. Kommerziell bldet "Violator"
also den vorläufigen Höhepunkt der Karriere. Begleitend entstehen weitere Videos von Anton Corbijn,
die als Kaufcassetten namens "Strange" und "Strange Too" die als Singles erschienen Videos
ergänzen.

SONGS OF FAITH AND DEVOTION (1993) * * * * *

Wieder einmal schaffen es Depeche Mode, zu überraschen und zwar Fans


und Kritiker. Für Kenner des Kutur-Magazins bereits bekannt - folgende
Kritik dieses Albums:

Songs Of Faith And Devotion ist das wohl am ehesten unterschätzte und
streibarste Album der Kultband. Mit SOFAD haben Depeche Mode wohl
ebenso viele alte Fans vergrault, wie neue hinzugewonnen. Aus der
Synthiepopband aus den 80ern wird 1993 eine Rockband. Bestes Indiz
hierfür: der langhaarige, extrem drogengeschwängerte David Gahan, der
leibhaftige "Personal Jesus" im Post-Grunge Look. Weiteres Indiz: der
Soundtüftler Alan Wilder steht nicht mehr hinter den Synthies sondern
spielt jetzt Schlagzeug.

Depeche Mode betreten dermassen dünnes Eis, dass sie sich ständig bewegen müssen, um nicht
einzubrechen. So hangelt sich das Album vom rockigen "I Feel You" über die Ballade "Condemnation"
zur "Higher Love", dem spirituellen Schlusspunkt. Dazwischen das phantastische Streicheropus "One
Caress" und mit "In Your Room" der vielleicht beste Song von Depeche Mode. Geblieben ist ein
Gahan, der beinahe mit einer Überdosis, dann mit aufgeschnittenen Pulsadern den jungen Tod
zwischen Genie und Wahnsinn gestorben wäre, ein gefrusteter Wilder, der nach der längsten Tour der
Bandgeschichte Depeche Mode verlässt und die Erkenntnis, dass man wieder von vorne beginnen
muss, was erst fast fünf Jahre später mit "Ultra" eindrucksvoll gelingt. Geblieben sind die
Gospelsängerinnen und der erweiterte Horizont, der sich mit SOFAD eröffnete.

ULTRA (1998) * * * * *

Haben Depeche Mode in den 80er Jahren noch beinahe jedes Jahr ein neues
Album veröffentlicht, so sieht es in den 90er Jahren eher mau aus. Und nach
"Songs Of Faith And Devotion" und der längsten Tour der Bandgeschichte steht
die Band im wahrsten Sinne des Wortes kurz vor dem Exitus. Dave Gahan, der
Sänger dreht völlig ab, leistet sich einen "spirituellen Berater" und verschwindet
nach der Tour in der Gosse seiner Wahlheimat Los Angeles. Ergebnis sind zwei
Selbstmordversuche, einer fast geglückt mit Herzstillstand und mehrere
Verfahren wegen illegalen Drogenbesitzes. Als sich Martin Gore mit ihm in dieser
Zeit mal trifft um über neue Songs nachzudenken, erlebt er - wie er selbst sagt - den absoluten
Tiefpunkt der Band. Gahan ist nicht mehr in der Lage, vernünftig zu singen oder die Realität zu
reflektieren. Gahans Einstellung ändert sich erst, als ihn sein Sohn aus erster Ehe besucht und Gahan
ihm erklären muss, warum das Fixerbesteck in der Wohnung rumliegt. Gahan beginnt mit einem
radikalen Entzug (übrigens in derselben Klinik wie Kurt Cobain, von dem Gahan eine zeitlang sagt, er
hätte ihm die Show gestohlen). Gahan ist seitdem clean und Ende 1996 beginnen die Arbeiten an
einem Comeback. Fazit: das Comeback gelingt und ist viel mehr als ein Lebenszeichen. Depeche
Mode, mittlerweile zum Trio geschrumpft, weil Wilder die Eskapaden des Sängers nicht mehr
ausgehalten hat, nehmen mit dem Produzenten Tim Simenon ("Bomb The Bass") ihr schwärzestes
Album auf. Die Singles "Barrel Of A Gun" und "It's No Good" tummeln sich weltweit in den vorderen
Chartplätzen. Das Album selbst erreicht in sieben Ländern die Top-Position. Der rockige Weg, den
man mit "Songs Of Faith And Devotion" beschritten hat, wurde hier nicht mehr verlassen, dennoch
hört sich "ULTRA" wieder sehr nach Depeche Mode an.
EXCITER (2001) * * * * *

Depeche Mode sind Ende der 90er Jahre präsent wie nie - nach einer
BestOf-Doppel CD/DVD samt Tour folgt 2001 wieder ein neues Album,
diesmal mit dem Titel "Exciter". "Exciter" soll wohl konzeptionell an
"Violator" anknüpfen, übertrifft dieses so DM-typische Album in
kommerzieller Hinsicht und überrascht mit der Tatsache, dass Depeche
Mode nach siebzehn Jahren mit der ersten Single "Dream On" wieder
einen Nummer Eins Hit in Deutschland haben. Das ist dann schon sehr
gewöhnungsbedürftig Depeche Mode nach Jahren wieder in einer
aktuellen Musiksendung, diesmal nicht mehr "Formel Eins" sondern "Top
Of The Pops", zu sehen, eingerahmt von Britney Spears und No Angels-
Geschisse. Depeche Mode heben sich dadurch ab, dass sie als einzige live
singen. Viel umjubelt ist dann auch ihr Live-Auftritt bei den MTV European Video Music Awards 2001.
"Exciter" geht ganz neue Wege. Es ist das ruhigste Depeche Mode Album, das komplizierteste und das
untypischste. Man braucht mehrere Durchläufe, um an Exciter Gefallen zu finden. Schaut man in die
Internetforen, dann ist Exciter jedoch das Album, das am häufigsten von den Fans abgelehnt wurde.
Zu Unrecht. Depeche Mode betreten mal wieder gewagtes Neuland. Produzent ist nun Mark Bell
("Björk") und Anton Corbijn dreht "nur" das Konzert in Paris, das samt opulenten Bonus Material als
DVD veröffentlicht wird. Die Videos drehen andere "Künstler" und können eben nicht mit Corbijn
mithalten. Der Imagewechsel hin zu einem eher spartanischen Bühnenbild bei den Konzerten und viel
einfacher gestrickten Klängen und Texten bleibt aber nicht unerwidert - erst vor kurzem haben
Depeche Mode, nun seit 22 Jahren im Geschäft, den Award für Innovation des bekannten Q-Magazins
gewonnen und zwar für ihre Live DVD und ihren Internetauftritt, der durch Substanz überzeugt.

Der Auftritt von Depeche Mode bei den MTV European Video Music Awards.

Depeche Mode werden wohl auch wieder 2002 in aller Munde sein. Dave Gahan und Martin Gore sind
aktuell im Studio um Soloalben aufzunehmen. Gerüchte besagen, dass ein Remix-Album nächstes Jahr
erscheinen soll. Ausserdem sollen weitere Konzertfilme auf DVD erscheinen. Depeche Mode stehen
also im dritten Jahrzehnt ihrer Geschichte voll im kreativen Saft ...

The Smashing Pumpkins - Discographie

Die Smashing Pumpkins - eine der erfolgreichsten Rockbands der 90er Jahre - hat sich Ende 2000
aufgelöst. Ende Oktober 2001 erschien eine Best-Of Compilation dieser Band. Im Kultur-Magazin lesen
Sie hier einen Rückblick auf die vergangenen Meilensteine dieser Band.

GISH, 1991 * * *
Dieses Album verdient allein schon aufgrund einer Tatsache höchste
Aufmerksamkeit. Zu derselben Zeit wie Nirvana´s
Nevermind, mit demselben Produzenten in dasselbe Lebensgefühl einer
ganzen Generation hinein entlassen hätte
auch GISH das Zeug zu einem Kult-Album gehabt. Aber ... der Vergleich
hinkt natürlich etwas, ebenso ein Vergleich zwischen
Corgan und Cobain. GISH ist das erste naive, kantige und schnörkelose
Rockalbum mit den Texten eines Billy Corgan, eines
verkappten Idealisten, aufgewachsen in Chicago in den ideenlosen,
ausgehenden 70er Jahren, vom Punk unberührt. GISH
ist ein persönlicher Befreiungsschlag ohne grossen Aufhänger ohne Typisierung oder Einordnung in
ein Genre und eben
auch noch ohne die grossen Hymnen, die nach dieser Geburt der grössten Rockband der 90er Jahre
folgen sollten.
SIAMESE DREAM, 1993 * * * * *
Die Naivität aus dem Debut findet sich auch hier, gepaart mit einer
Weiterentwicklung weg von der Revolte hin zu Varianten
reichtum zwischen wummerden Gitarren und orchestraler Begleitung.
Das zeigt sich im rockigen Opener "Cherub Rock" über den
Wutausbruch "Quiet", gefolgt vom Ohrwurm "Today" hin zur schönsten
Ballade aller Zeiten: "Disarm" ist die Wehrlosigkeit
des Verliebten in der Gewissheit der Vergänglichkeit. Die Smashing
Pumpkins definieren hier ihren eigenen künstlerischen
Masstab, den man ein, vielleicht zwei Alben lang halten kann.

PISCES ISCARIOT, 1996 * * * *


Resteverwertung ja, Abfall nein. Corgan war bekannt dafür, dass er
seine Band anhielt, möglichst viele seiner Songs in den
Studiosessions einzuspielen. Das bedeutet, dass neben den Songs auf
den regulär erschienen Alben eine ganze Reihe
von weiteren Songs existieren, die die Anzahl der bekannten Song wohl
um einiges übersteigt. Das beste dieser Reste
aus den Sessions zu GISH und SIAMESE DREAM findet sich auf diesem
Album. Hier sind in der Tat einige Songs zu finden, bei denen man nicht
verstehen kann, warum Corgan sie nicht für das Album ausgewählt hat.
"Staria" etwa, ein
endlos langes Liebeslied, das gerade wegen seine Improvisation im Studio an Qualität gewinnt und die
Smashing Pumpkinsals gekonnte musikalische Handwerker ausweist. PISCES ISCARIOT hätte auch als
reguläres Album entzückte Kritikergefunden.

MELLON COLLIE & THE INFINITE SADNESS, 1997 * * * * * *


Der Geniestreich der Smashing Pumpkins. Ein Doppelalbum, produziert
von der lebenden Legende FLOOD, das die
gesamte musikalische Bandbreite der Smashing Pumpkins abdeckt. Das
instrumentale Titelstück macht den
Anfang und nimmt den Hörer bei der Hand. "Tonight, Tonight" - wir
schweben im Himmel, "Zero" - so ein Gitarrenakkord
kann nur einem Corgan einfallen, "Bullets with Buttyfly Wings" - die
Ratte im Käfig. Und dann noch das synthetisch
verfremdete "Love" - das sind die Perlen auf der ersten CD dieses
Albums. Der zweite Teil dieses Konzeptalbums aber
setzt noch einen drauf. "Love is Suicide" jammert Corgan in "Bodies", "1979" ist ein Popsong, so
untypisch für die Pumpkins und damit so passend für dieses Album und dann wieder die
ungeschnitten aufgenommene Studiosession bei der die Fetzen fliegen - "x.y.u." ist die martialische
Antwort auf das Ende des Grunge. Jede Band hat in ihrer Geschichte ein Album an das sie - da kann
sie noch soviele gute weitere Alben produzieren - nie wieder heranreichen wird. Was für die Beatles
das "White Album" ist, für U2 "The Joshua Tree", das ist "Mellon Collie & The Infinite Sadness" für die
Smashing Pumpkins. Und die Pumpkins mit diesem Album diesen genannten Monstern der
Musikgeschichte zu zuordnen ist keinesfalls übertrieben. Dieses Album ist ohne Übertreibung das
Beste was die 90er Jahre zu bieten hatten.
ADORE 1998 * * * *
Nach einer ausgedehnten Tour und dem tragischen Drogentod des
Tourkeyboarders Jonathan Melvoin folgte der Rausschmiss
des Schlagzeugers Jimmy Chamberlain. Dieser hatte die tödliche
Drogendosis organisiert. Was macht nun eine Rockband ohne
Schlagzeuger? Für viele wäre dies das Ende der Band, nicht für Corgan.
Statt eines Schlagzeugers lässt man von Profis den
Drumcomputer programmieren oder leiht sich von einer grossartigen
Live-Band einen Schlagzeuger aus. Matt Walker von "Filter"
war dann auch gerne bereit auszuhelfen. Am besten gelingt ihm das zu
dem Batman Soundtrack "The End Is The Beginning Is The End".
Es entsteht noch mehr Bandbreite. "Ava Adore" die Single mit einem kahlrasierten Corgan, der
aussieht wie eine lebende Leiche zeigte: das sind nicht mehr die Smashing Pumpkins, die langhaarig
als Grungeband angefangen haben. Höhepunkt ist der Song "For Martha" in dem sich Corgan mit dem
Krebstod seiner Mutter auseinandersetzt. Adore verleiht den Smashing Pumpkins eine dezente,
persönliche Note, in der alles viel ruhiger und melodischer wirkt als zu Beginn der Karriere.
Kommerziell zeichnet sich hier jedoch schon das Ende ab.

MACHINA - The Machines Of God, 2000 * * * * *


Die Rückbesinnung zu alten Tugenden. Jimmy Chamberlain ist wieder
dabei und Gitarrist James Iha konnte sich solo auf einem Album
austoben. Und wenn eine Band als Parodie in einer Folge der
"Simpsons" auftaucht, ja spätestens dann kann sie von sich behaupten,
es in den Rock-Olymp geschafft zu haben. Die Pumpkins hatten also
nichts mehr zu verlieren und ihre Schäfchen in Form eines
unerschütterlichen Kultstatus bereits ins Trockene geholt, als Corgan die
lange angekündigte Auflösung der Band um ein Album verschiebt.
Es entsteht das letzte Album der Smashing Pumpkins bei dessen
Aufnahmesessions es zum offenen Bruch mit dem Gründungsmitglied
D´Arcy kommt. Ersetzt wird die Bassistin durch die Hole-Bassistin Melissa Auf Der Maur, die ausser
einer heraushängenden Titte im Video zu "The Everlasting Gaze" nicht allzu viel zu einer möglichen
musikalischen Zukunft der Pumpkins beizutragen hat. Musikalisch wird MACHINA als das fehlende
Puzzlestück einzuordnen sein. Hier vereinen sich alle in den Jahren zuvor angeschnittenen
Genre´s. "The Everlasting Gaze" ist eine Fortsetzung von "Bullets On Butterfly Wings", "Stand Inside
Your Love" ist die Kulmination des Leitmotivs der Smashing Pumpkins, nämlich die unerfüllbare Liebe
und "Heavy Metal Machine" sind die Handwerker als Musiker, die mal
ganz klein angefangen haben und zunächst einmal den Frust in ihrer Weltanschauung vertonen
wollten.
Das Album ist jedoch ein kommerzieller Flop und ausser den Videos (den besten in der gesamten
Pumpkins Karriere) findet kaum etwas an diesem Album
die gebührenden Aufmerksamkeit. Leider auch nicht das phantastische Cover- und Booklet Artwork.

MACHINA II - Friends And Enemies Of Modern Music, 2000 * * *


Für alle, die nicht genug kriegen können: Corgan versendet nach der
Bekanntgabe der Bandauflösung wenige Exemplare des letzten
offziellen Albums MACHINA II an ausgewählte Kritiker mit der Bitte, die
Songs im MP3 Format im Internet unter die Leute zu bringen. Das
passiert auch und der wahre Pumpkins Fan stürzt sich natürlich gierig
auf den Download. Dieses Album besteht aus den Songs, die bei der
MACHINA Session übriggeblieben sind. Die Songs sind allesamt
interessant und eine Bereicherung für den wahren Fan; ein echtes
Highlight fehlt allerdings. Sie können die Songs auf diesen Seiten
herunterladen.
Franz Kafka

Ist es bei Goethes Faust noch eine literarische Figur, die sich im Selbstmitleid, des inneren Zwiespaltes
eines jeden Menschen versucht und im Pakt mit dem Teufel einen Ausweg findet, so scheint im Falle
Kafkas der Schriftsteller selbst das Opfer dieses Zwiespaltes zu sein. Neben einem relativ
bescheidenen Werk mainifestiert sich genau dies in der unvergleichlichen Fülle von Briefen und
Tagebüchern Kafkas und den vielen Versuchen, sein faszinierendes Selbst zu ergründen -
dokumentiert ist das in einem Berg von Sekundärliteratur und einem Kafka als Folterinstrument für
den Deutsch-Leistungskurs am Gymnasium.

Geboren am 3. Juli 1883 in Prag


Gestorben am 3. Juni 1924 in Wien

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so
breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich
rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so
schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im
Winkel steht die Falle, in die ich laufe." - "Du mußt nur die Laufrichtung
ändern", sagte die Katze und fraß sie." Kleine Fabel aus dem Nachlaß

Franz Kafka gehört zu den Schriftstellern, die in jedem


Deutschunterricht gelesen werden. "Der Prozess", der unvollendete
Roman, ist das bekannteste Werk dieses Autors, dessen
Nachname heute die Bezeichung eines literarischen Stils bedeutet.
Ein Werk ist dann kafkaesk, wenn der Autor in seinem Schreiben
zwischen detailgetreuem realistischem Erzählen und pointiertem,
tragischen irrationalem Schreiben balanciert. Das war Kafka; das
war nicht nur der Autor Kafka, sondern auch der Mensch, der sein
Berufsleben in einem "Bureau" verbrachte und die Nächte dem
Schreiben widmete. Das Meiste, was Kafka geschrieben hat, ist
unvollendet geblieben und war testamentarisch zur Verbrennung bestimmt. Sein engster Freund, der
Prager Schriftsteller Max Brod, kam dieser Forderung aber nicht nach und erhielt der Nachwelt einen
großen Teil eines literarischen Schatzes. Die Novellen "Das Urteil" und "Die Verwandlung" gehören zu
den wenigen vollendeten Werken dieses Autors. Aber
auch seine Tagebücher und seine Briefe zählen zur
Weltliteratur. Die "Briefe an Felice" - meiner Meinung
nach die schönsten Liebesbriefe, die es überhaupt gibt
und die "Briefe an Milena" ergänzen das literarische
Werk Kafkas, das ansonsten wohl immer bruchstückhaft
bleiben wird. Einige literarische Schätze sind nämlich
dennoch verlorengegangen. So z.B. eine Arbeit, die
Kafka bei einem literarischen Wettbewerb eingereicht
hatte und ein Theaterstück, daß seine Schwester Ottla
vernichtet hatte. Sie war der testamentarischen
Bestimmung leider gefolgt.
Kafka fasziniert sicherlich viele Menschen, die sich mit
Literatur beschäftigen. So übersteigt die
Sekundärliteratur zu Kafka das gewohnte Maß bei
anderen Autoren. Zu den bedeutensten Kafka-
Rezensenten zählt sicherlich Martin Walser, der mit
seiner Dissertationschrift "Beschreibung einer Form" den
Grundstein für sein eigenes literarisches Schaffen legte.
Grundlegend ist natürlich auch die Biographie seines
Freundes Max Brod, die den Menschen Kafka in den
Mittelpunkt einer Interpretation setzt.
Kafkas berühmtes Werk "Der Prozess" - unter anderem mit Anthony Perkins verfilmt - ist Kafkas
Vistenkarte. Josef K. wird eines morgens verhaftet und bleibt auf freiem Fuß. Die Vorbereitung zu
seinem Prozess bestimmen das Buch. Kafka selbst meinte, eben diese Vorbereitung sei das eigentliche
Ziel des Prozesses - der Laie würde sagen "Der Weg ist das Ziel". Kafka brachte literarisch die
Lebenseinstellung, mit der wohl jeder Künstler zu kämpfen hat erzählerisch auf den Punkt. Dieser
Roman war selbst für Kafka auf das "Unendliche" hinaus angelegt. Dies ist eben die Faszination, die
von diesem Schriftsteller ausgeht.
Kafka litt an Tuberkulose und starb viel zu früh. Er hat nie geheiratet und zwei Verlobungen mit Felice
Bauer hatte er wieder gelöst, da eine Ehe ihn in seinem Schreiben gehindert hätte. Das ist paradox,
wenn man seine Briefe an diese große Liebe seines Lebens liest, aber seine letzte Lebensgefährtin
namens Dora Diamant, hat aus Kafka einen anderen Menschen gemacht, wie es Martin Walser in
seinem Buch darlegt. "Beschreibung einer Form" endet nämlich mit einer Begegnung zwischen Walser
und Dora Diamant und damit auch mit einer Begegnung mit einem ganz anderen Kafka.

Hier nun die wichtigsten Werke und Lebensdaten zu Franz Kafka. Anschließend eine Liste mit Links,
wo sehr viele kurze Prosatexte Kafkas aus den Bänden "Betrachtung" (1913) und "Ein Landarzt"
(1917):

1883: Franz Kafka wird am 3. Juli geboren.


1901: Kafka beginnt, in Prag und München Jura zu studieren.
1906: Kafka schließt sein Studium mit dem ´doctor juris´ ab. in dieser Zeit entstehen viele in Verlust
geratene Jugendwerke.
1907: "Beschreibung eines Kampfes" und "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande" entstehen
1908: Kafka arbeitet von nun an in der Arbeiterversicherungsanstalt..
1910: Beginn der Tagebücher und Reisetagebücher (Reisen mit Max und Otto Brod)
1912: Beginn des Romans "Der Verschollene", heute bekannt unter dem Titel "Amerika"; "Die
Verwandlung" und "Das Urteil" entstehen.
1913: "Betrachtung" und "Der Heizer" (erstes Kapitel des "Amerika"- Romans) erscheinen beim
Rowohlt-Verlag.
1914: Begegnung und erste Verlobung mit Felice Bauer. "Briefe an Felice". Kafka beginnt seine beiden
bedeutensten Werke, nämlich "Der Prozess" und "Das Schloss". Außerdem "In der Strafkolonie". Erste
Entlobung mit Felice Bauer.
1915: Kafka arbeitet nach kurzer Unterbrechung weiter an "Der Prozess". Er erhält den Fontanepreis.
1916: Kafka schreibt einige Novellen für "Der Landarzt"; Lesungen in München.
1917: Zweite Verlobung und Entlobung mit Felice Bauer. Kafka schreibt seine berühmten
"Aphorismen". Man stellt eine Tuberkulose fest.
1918: Kafka schreibt "Beim Bau der Chinesischen Mauer".
1919: Im Kurt Wolff - Verlag erscheinen "Ein Landarzt" und "In der Strafkolonie"; vermutlich schreib
Kafka in diesem jahr den "Brief an den Vater".
1920: Kafka lernt "Milena" kennen; ein einzigartiger Briefwechsel beginnt. Sie übersetzt Kafkas Werke
ins Tschechische und wird seine zweite grosse Liebe.
1923: Kafka lernt Dora Diamant kennen. "Der Bau" "Josefine" und wahrscheinlich "Forschungen eines
Hundes" entstehen.
1924: Kafka reist in ein Sanatorium nach Wien ab. Er stirbt am 3. Juni. Er hinterlässt die erst 1985
gefundenen "Briefe an die Eltern", die er teilweise auf seinem Sterbebett verfasst hat.

Links zu Kafka und Leseproben:

Download des Romanfragments "Der Prozess" als RTF-Document

Franz Kafka - Englischsprachige Gesamtdarstellung

Der Kübelreiter
Das Stadtwappen
Betrachtung - Sämtliche Prosatexte
Ein Hungerkünstler
Die Brücke

Ausserdem: Literaturrecherche Germanistik

Nitzer Ebb - Musikalischer Wegweiser

Die Geschichte von Nitzer Ebb:Der Name Nitzer Ebb hat keine Bedeutung. "Es hört sich gut an und man
kann graphisch mit diesem Namen wunderbar arbeiten.", soll Bon Harris seinerzeit in einem Interview gesagt
haben. Nitzer Ebb [´night-zer´ ebb] wurden 1982 von den Schulfreunden Vaughan David (Bon) Harris
und Douglas John Mccarthy gegründet. Drittes ursprüngliches Mitglied und für Drums und Percussion
zuständig war zunächst David Gooday.

Die Musik von Nitzer Ebb wird als ´Electronic Body Music´ bezeichnet, einem martialischen Vorläufer
der heutigen Technovarianten. Nitzer Ebb sind neben dem belgischen Quartett Front 242 und den
beiden Musikern Bill Leeb und Rhys Fulber (Frontline Assembly, Delirium, Noise Unit) der wichtigste
Vertreter dieser Stilrichtung, die Ende der 80er Jahre in Europa ihre Hochphase hatte. Diese Musik, die
in Kraftwerk, aber ganz besonders mit DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) aber auch in den
frühen KRUPPS, ihre Wurzeln hat, zeichnet sich durch brachiale, monotone Rhythmen, zusammen mit
lautstark gesungenen Parolen aus. Die Musik wird ausschliesslich mit elektronischen Hilfsmitteln
verfremdet und bombastisch aufbereitet. EBM ist damit eine härtere Variante des in den 80er jahren
sehr beliebten Synthiepops.

Einem breiten Publikum wurden Nitzer Ebb demzufolge vorgestellt, als sie bei der Welttournee von
Depeche Mode 1988/89 im Vorprogramm zu sehen waren (wie auch Front 242). Zwischen Nitzer ebb
und Depeche mode bestehen sehr enge Verbindungen. Nicht nur, dass beide Bands bei dem selben
Plattenlabel, Mute-Records von Daniel Miller, unter Vertrag stehen - mit FLOOD hatten beide Bands
über Jahre hinweg auch denselben Produzenten. Nitzer Ebb sind damit die einzige Indiependent Band,
die von diesem Edelproduzenten (U2, Smashing Pumpkins, Nine Inch Nails) FLOOD in Szene gesetzt
wurden.

Wenn von EBM und der Monotonie, die von dieser Musik
ausgeht, die Rede ist, dann muss bei Nitzer Ebb in ganz
besonderem Masse auf den Werdegang der Band
hingewiesen werden. Waren die ersten beiden Alben ("That
Total Age" und "So Bright, So Strong") eben typische Werke
dieser Stilrichtung, so begann man mit dem Album
"Showtime" ein Konzept zu entwickeln, das Nitzer Ebb aus
der Oberflächlichkeit und Bedeutungslosigkeit herausholte.
Aus Nitzer Ebb wurden mit der EP "As Is" und nur zwei
weiteren Alben die vielleicht innovativste Band der 90er
jahre, oft kopiert und unerreicht. Für diese Entwicklung gibt
es mehrere Gründe.

Zum einen gesellte sich der Produzent FLOOD zu ihnen und


keine geringerer als Alan Wilder, damals noch Soundtüftler
bei Depeche Mode, steuerten die musikalischen Geschicke
von Nitzer Ebb. Ergebnis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit
waren schliesslich die monumentale Single "I Give To You"
und der Geniestreich "Ebbhead", ein Album mit
gleichwertigen Songs, endlich brauchbaren Texten und Klängen, um die Nitzer Ebb selbst von Depeche
Mode beneidet wurden.

Zum anderen sind es Bon Harris und Doug Mccarthy selbst, die als kongeniales Duo Songstrukturen
produziert haben, die Jahre später tonangebend waren. Als Nitzer Ebb Techno mit Niveau gemacht
haben, haben die Raver von heute noch in die Windeln geschissen. Und als Nitzer Ebb mit "Ebbhead"
und seinem Nachfolger "Big Hit" den Spagat zwischen Rock und Industrial-Electro-Klängen gewagt
haben, da besannen sich U2 neue pfade zu erkunden und dümpelten doch vergleichsweise kläglich
auf dem Pfad der innovativen Musik, den Nitzer Ebb leichtfüssig bereits passiert hatten.

Nitzer Ebb bestanden im wesentlichen immer aus Bon Harris


und Doug Mccarthy. David Goodmann wurde zeitweise durch
Julian Beeston und beim bisher letzten Album durch Jason
Payne ersetzt. Das Variable dritte Mitglied war im wesentlichen
immer für die Drums und die Percussions zuständig. Der
grosse kommerzielle Erfolg ist Nitzer Ebb jedoch versagt
geblieben.

Letztlich war vielleicht genau dies ausschlagebend dafür, dass


Nitzer Ebb seit 1995 nichts mehr produziert haben - offziell hat
man sich niemals aufgelöst, aber eine Band, die bis heute nicht
die ihr gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren
hat, hat kaum eine Überlebenschance im einfallslosen
Musikbusiness der 90er Jahre. Stattdessen arbeitet man hinter den Kulissen. Als eine grosse Rockband
heutiger Tage - gemeint sind die Smashing Pumpkins - ihren Drummer rausgeschmissen hatten, da
brauchte man Ersatz. Und schaut man sich die verantwortlichen Namen auf dem einzigen Pumpkins
Album ohne Drummer an, dann fällt der Name Bon Harris als Musiker auf, der auf "Adore" für den
Drumcomputer die Elektronik verantwortlich war. Dass dieses Album eine der wenigen Lichtblicke in
den 90er Jahren darstellt, muss nur noch nebenbei erwähnt werden ... . Die Stimme von Douglas
McCarthy konnte man zuletzt wieder auf dem letzten Album von Recoil hören. Recoil ist das
musikalische Projekt von Alan Wilder, dass seit dessen Ausstieg bei Depeche Mode besonderes
Augenmerk geniesst. Aber bereits auf dem Album Blooline von Recoil sang Doug McCarthy den Opener
"Faith Healer".

neuigkeiten: Nitzer Ebb haben sich aufgelöst. Bon Harris und Douglas McCarthy sind im Streit
auseinander gegangen. Von der erfolreichen Umsetzung einiger Soloprojekte, die mehrfach
angekündigt waren, habe ich nichts mehr gehört ..
Günter Grass - Zum Literaturnobelpreis

Oft verschmäht, aber unerreicht - der deutsche Vorzeige-Dichter Günter Grass


hat 1999 eine Würdigung erfahren, die längst überfällig war. Der mit 1,8
Millionen DM dotierte Literaturnobelpreis stellt Grass neben Heinrich Böll und
reiht ihn in die Riege namhafter Autoren ein, die sich selbst mit ihrem
Lebenswerk unsterblich gemacht haben. Wer von Thomas Mann, Hermann
Hesse, Elias Canetti oder Heinrich Böll spricht muss
nun auch den Namen Grass aussprechen.

Geboren am 16. Oktober 1927 in Danzig

Grass ist nicht nur ein Schriftsteller. Grass hat eine


Ausbildung zum Maler und Bildhauer absolviert und ist damit ein
Allroundkünstler per exellance. Seine letzten Werke hat er höchstpersönlich
mit markanten Zeichnungen illustriert. Ob nun Fonti und Hoftaller im Pater
Noster der Gauck-Behörde durch die Stockwerke fahren ("Ein weites Feld"),
"Die Rättin" beinahe menschliche Züge
verliehen bekommt oder ob ein
Selbstporträt die Geschichten illustriert -
Grass versteht es die sprachlichen Bilder wunderbar
umzusetzen.Leider hat Grass in den letzten Jahren von der
deutschen Literaturkritik - allen voran M. Reich-Ranicki - harte kritik
erfahren. Das Werk "Ein weites Feld" (1995) als DER Roman zur
Deutschen Einheit angekündigt, wurde von der Kritik verrissen,
vielleicht weil er schwer zugänglich und nur für Fontane Liebhaber
gelassen zu geniessen ist. Der Leser muss an vielen Stellen
scheitern. Was aber dieses Werk, wie auch jedes andere beweist:
an sprachlicher Ausdrucksstärke und Ideenreichtum kann einem
Günter Grass kaum ein Autor das Wasser reichen. Grass lässt hier
Fontane wiederaufleben und bedient sich der Figur "Tallhover" aus
dem gleichnamigen Roman von Joachim Schädlich. Damit versucht
er eine Brücke von der Deutschen Einheit 1871 hin zur Einheit von
1990 zu schlagen - ein literarisches Kunststück, das ihm auf Kosten
der Authentizität des Romans gelingt. Aber: Grass fängt eine ganz
besondere Stimmung ein, wenn die Mauerspechte ein trauriges deutsches Wahrzeichen
auseinandernehmen und die Masse der Menschen durch das Nadelöhr der Einheit (Das Brandenburger
Tor) beobachtet werden. Die beiden Hauptakteure wirken da wie Pat und Patachon in einem Wim
Wenders film.

Es ist also nicht nur der grosse Erstlingsroman "Die Blechtrommel" und Oskar Matzerath, es ist gerade
auch das neuere Werk des Günter Grass, das die Kritiker polarisiert hat. Sein neuestes Werk "Mein
Jahrhundert" ist da symptomatisch, sprechen doch die einen von einem Band mit
Kalendergeschichtchen und werden mit der Verleihung dieses Preises doch zu ziemlich albernen
Karikaturen ihrer selbst hingestellt (damit meine ich in erster Linie den Kritiker Hellmuth Karasek, in
seinen eigenen "Werken" kaum zu korrekter Nutzung der deutschen Grammatik fähig).
Was jetzt noch fehlt - um die Karriere des Günter Grass abzurunden - und damit stimme ich mit vielen
Kritikern überein, ist ein autobiographisches Werk. Was denkt ein Künstler wie Grass über die Frau, im
allgemeinen und im besonderen ? Wie sieht er rückblickend sein politisches Engagement in den
siebziger Jahren und ist es ein Reifeprozess, der ihn zum Befürworter von Gewalt (Kosovo) gemacht
hat ? Auf ein derartiges Werk dürfte jeder Literaturliebhaber mit Spannung warten. Doch Grass hält
sich bedeckt. Wie dem auch sei: Deutschland hat einen würdigen Literaturnobelpreisträger. Mit der
deutschen Literatur geht es spätestens jetzt wieder bergauf.
Einstürzende Neubauten - Zwischen Dilletantismus und Kult

"Meint ihr nicht, wir könnten unterschreiben, auf das uns 1 bis 2
Prozent gehören und Tausende uns hörig sind? [...] meint ihr nicht,
wir könnten uns in Äther braten lassen und bis zum letzten Tropfen
dem Verpackungshandel frohnen? wir
könnten, aber ...."

... wenn sie es täten, dann wären die


Einstürzenden Neubauten nicht die
Einstürzenden Neubauten. Vom "Kollaps"
(1981) bis "Silence Is Sexy" (2000) reicht das
umfangreiche Werk dieser eigenwilligen Band,
deren Name wie kein anderer für musikalische
Innovation, für die Verbindung von Kunst und
Klangwerk, Genialität und Dilletantismus steht.
Aus ihren Reihen kommen heute angesehene
Musiker und selbst das Feuilleton diverser
grosser Zeitschriften kam am zwanzigsten
Geburtstag der Einstürzenden nicht vorbei.
Gegründet wurden die Neubauten im April 1980
als Ableger der Punkband ´Geniale Dilletanten´.
Im damals noch isolierten Berlin des Kalten
Krieges war das Debutalbum "Kollaps" ein
kleiner aber feiner Schock der Musikwelt. Abseits
der neuen deutschen Welle (zu der man die Neubauten nicht zählen
kann) war der Name das Programm, das wie ein roter Faden die
Geschichte der Band durchzieht - zerstören um neues zu erschaffen. So machten die Neubauten mit
Bohrmaschinen, Presslufthämmern und allen möglichen metallischen Gegenständen Musik. Die
Konventionen aufbrechen, um zu wirklich neuen Elementen zu finden hiess die Devise. Dieser
programmatische Anfang ist gleichzeitig der Beginn der musikalischen Findung der Neubauten, ihrer
Unberechenbarkeit und ihre Unkonventionalität. So folgt dem "Kollaps" der "1/2 Mensch", dessen Ego
gefüttert werden muss, lebend im Haus der Lüge, dem grandiosen Geniestreich der Neubauten und
schliesslich findet sich der Hörer 1997 in dem Duett zwischen Blixa bargeld und Merett becker wieder -
vom Lärm zur grandiosen chansonartigen Phantasiereise in "Stella Maris".

Dazwischen liegt das komplexe Unterfangen des Reinen Tisches. "Tabula Rasa" mit dem
infernalischen, 15minütigen "Headcleaner", dass Mitte der Neunziger Politik und Wortwahl
eindrucksvoll auf den Punkt bringt. 'Ein Streichholz quer in meinem Hals. Kein Satz der nicht Brandsatz
wäre.". Billig, so erkannten die Neubauten, ist nur das Mittelmass - in lyrischer Hinsicht ist ´Tabula
Rasa´, das mit der Single ´Interim´ und der e.p. ´Malediction´ ein Tryptychon bildet, formvollendet.
Liebende im Interim, ein Zungenfisch, nikotin an den fFingern ... fünf Musiker schaffen hier
metaphysische Klangwelten.
Kultstatus haben die Neubauten mit dem "Haus der Lüge" erreicht. Die Reise durch das Haus endet im
Dachgeschoss, dort wo sich Gott inmitten toter Engel erschiesst. Groteske,
dilletantische Bilder verbinden sich mit dem Anstrich der Plastizität zur
Unverkennbarkeit dieser Musik: die haben sich dabei doch was gedacht.
Sie, die Neubauten, haben etwas angedacht. Der Rest bleibt dem Gehirn
des Hörers überlassen.

Kopf der Band ist Blixa Bargeld (eigentlich christian emmerich, geboren
1959). Seine Texte sind es, ohne die die Neubauten nicht leben können.
Nebenbei ist Bargeld Gittarist der ´Bad Seeds´ und damit Support für den
avangardisten Nick Cave. Musikalisch waren über Jahre hinweg FM Einheit
(eigentlich Frank Martin strauss) und Alexander Hacke federführend. Letzterer verheiratet mit der
Schauspielerin Meret Becker tat sich in der Vergangenheit als Komponist für diverser Auftragsarbeiten
hervor. Und über FM Einheit ist anderer Stelle im Kultur-Magazin noch die Rede ...

In diesem Jahr nun werden betont ruhige Töne angeschlagen. Und den Kritikern gefällt es, trotz des
neuen, noch nicht bewährten Line-Up: Neben Bargeld, Unruh und Hacke, die seit langem den Kern
der Neubauten bilden, stehen nun auch Rudi Moser und Jochen Arbeit mit auf der Bühne und geben
ihre Message preis, die da heisst "Silence is Sexy" - ein Album, auf dem wie immer viel experimentiert
wird und bei dem eine Komponente etwas mehr zum tragen kommt, als bisher. Denn wenn Tausende
von Menschen die Message ´singen´, dann haben die Neubauten auch eine komische, fast schon
selbstoronische Seite. Und Bargeld verrät die neue Komponente der Musik, welche sich schon mit
"ENDE NEU" 1997 angedeutet hat. Manchmal kann Stille ungewöhnlicher sein, als Lärm. Stille ist für
die Neubauten ungewöhnlich. Ob sie sexy ist, muss jeder selbst beurteilen. Da kann man sich des
einen gewiss sein: jeder Neubauten-Hörer wird hier zu einem anderen Urteil kommen.

Douglas Coupland - Vertreter des Zeitgeistes

www.coupland.com ist die erste und beste Quelle, Um in die welt


des douglas coupland einzusteigen. Er ist der Autor, der wie kein
anderer mit seinen Werken den Zeitgeist trifft und mit seinem
Debut 1991 das Synonym für Menschen, die erwartungslos ihr
Leben leben gefunden hat. Die "Generation x" ist das
Referenzwerk Couplands und der Beginn einer einzigartigen
Karriere.

Generation X
Wenn Amerika den Schnupfen hat, dann hat Europa irgendwann
den Husten. Jedenfalls lässt sich das Lebensgefühl der
Charaktere des 1991 erschienen Kultbuches "Generation X -
Geschichten einer immer schneller werdenden Kultur" nunmehr Ende der 90er Jahre mehr und mehr
auf alle Menschen der nördlichen Erdhalbkugel übertragen. Man verdient den Lebensunterhalt mit
jobben, lebt, aber erlebt nichts, weil hinter jedem Erlebnis die Tatsache steckt, ein anderes Erlebenis
verpasst zu haben (also erlebt man gar nichts) und man legt sich selbst eine Lebensphilsophie
zurecht, die ein einziger Selbstbetrug ist. Bewusst schraubt man die eigenen materiellen Ansprüche
zurück, um mit der eigenen Erwartungslosigkeit in Einklang leben zu können. Der Typus Mensch, von
dem hier die Rede ist, ist überdurchschnittlich gebildet, eine ausgehender Twen mit einer gehörigen
Portion Lebenserfahrung, unauffällig, einer unter vielen und in seiner letargischen Haltung ehrlich zu
sich selbst. Neben den Geschichten dieses Buches hat Douglas Coupland am Rand der einzelnen
Seiten die Begriffe definiert, für die das "X" der undefinierten Generation stehen könnte. Ohne
Anspruch auf Vollständigkeit finden Sie diese Begriffe unter http://www.generationx.de

Mikroslaven
Direkt um die Ecke vom grossen Microsoft Campus lebt Dan, 26 Jahre alt und Bug-Tester beim
Softwaremonopolisten. Die Arbeit, die bei ihm und den Mitbewohnern seines Hauses das alltägliche
Leben beherrscht und allen schon in jungen Jahren ein erkleckliches finanzielles Auskommen beschert,
ist hier der Konterpart zum Leitmotiv der Bücher von Coupland. Der alles beherrschende Computer
versklavt die Seele und führt zur immer sträker werdenden Angst, was man im Leben alles verpassen
könnte. Die Lösung: man gründet eine eigene Firma namens ´Interiority´ und kreiert einen virtuellen
Legobaukasten mit unendlichen vielen Elementen. Mit diesem Werk von 1995 liefert Coupland eine
humoristische, bitterböse Satire auf die prägenden Elemente des amerikanischen Alltags. Wo Gefühle
nur noch über E-Mails ausgedrückt und virtuelle ´Pets´ kreiiert werden, da hakt sich Coupland ein und
zeigt einen Ausweg aus dem virtuellen Dilemma. Die Wesentlichkeit des Lebens lässt sich nicht an Bits
und Bytes festmachen, so sehr sie unserer Leben auch beherrschen mögen und uns zu Mikrosklaven
machen.

Life After God ... aber kein Buch von Douglas Coupland trifft den Nagel so sehr auf den Kopf wie ´Life
After God´ von 1994. Wieder der desillusionierte Mit-Zwanziger, wieder ein Mensch, der sich mit
Software beschäftigt und als Vertreter durch die Staaten reist. Ein Leben ohne Wurzeln auf Bahnhöfen
und in Flughafenhallen beschreibt Coupland mittels fiktiver Tagebuchnotizen. Von Depressionen und
Angszuständen geplagt schreibt der Protagonist ´Scout´ von seiner Jugend und seinen Eindrücken,
die er beim Beobachten der Mitmenschen gewinnt. Sie alle haben die Fähigkeit, vorbehaltlos an die
Liebe zu glauben, verloren. Er kommt schliesslich, als er sein Zelt an einem Fluss aufschlägt und eine
Einsiedlerdasein führt zu einer spannenden Erkenntnis: er braucht Gott, um sich wieder selbst finden
zu können.

So, wie sich die Generation X durch Ihre Undefinierbarkeit auszeichnet, so hat Coupland mit diesem
Buch einen ultimativen Versuch unternommen, wenigstens auf abstrakte Art und Weise das Innere
dieser Menschen, deren Kälte und Letargie natürlich nur nach aussen in Erscheinung treten, zu
beschreiben. Die Verinnerlichung der beherrschenden Kämpfe in der Seele eines Menschen, stehend
in der Blüte seines Lebens, hat mit diesem Buch ihren wahren Charakter erfahren. Es ist das
wahrscheinlich persönlichste Buch von Douglas Coupland.

Douglas Coupland wurde am 30. Dezember 1961 in Baden-Sollingen, Deutschland geboren. Sein Vater
war zu diesem Zeitpunkt als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert. Coupland lebt seit 1965
in Vancouver. Nach mässigem Erfolg als Bildhauer und diversen Jobs bei Zeitungen kommt ihm Ende
der 80er Jahre die Idee zur "Generation X" in den Sinn. Eine relativ kleine Zeitschrift veröffentlicht
1988 die ersten Auszüge der "Generation X" zusammen mit Zeichnungen eines Cartoonisten. Nach
dem Erscheinen des Buches avanciert das Werk jedoch schnell zu einem Bestseller und verkauft sich
weltweit wie kaum ein zweites Buch in den 90er Jahren. Auf die Frage, ob er eine Sprecher seiner
Generation sei, antwortet Coupland in einem Interview: "I never was."

Neben den hier besprochenen Büchern sind die Werke "Shampoo Planet" (1992), "Polaroids From The
Death" (1996), "Girlfriend In A Coma" (1998) und zuletzt "Das Tomb-Raider Phänomen" (1998)
internationale Bestseller.

Kraftwerk - Wegbereiter moderner Popmusik

Als sich die Musikstudenten Ralf Hütter und Florian Schneider 1968 auf einem Düsseldorfer
Konservatorium das erste Mal begegnen, ahnt noch niemand, welche folgenschwere Begegnung dies
gewesen ist. Die Band, die die beiden aufgrund ihrer gemeinsamen Vorliebe für Avangarde-Musik
gründen heisst zunächst nicht Kraftwerk, sondern ´Organisation´.

Ende der 60er Jahre arbeitet ´Organisation´ an einem Album, dass auf einem englischen Plattenlabel
mit dem titel ´Tone Float´ 1968 veröffentlicht wird. Es bleibt das einzige Album der ´Organisation´.
Dieses Album liegt nur auf Vinyl vor und ist bis heute vergriffen.

1969 gründen Hütter und Schneider zusammen mit Klaus Dinger und Andreas Hohmann den Mythos
´Kraftwerk´. Das Debutalbum ´Kraftwerk 1´ - ebenfalls nur auf Vinyl erhältlich und nicht mehr
lieferbar - wird vor allen Dingen durch das Stück ´Ruckzuck´, Titelmelodie der zdf-sendung
´Kennzeichen D´ einem grösseren Publikum bekannt. 1971 steht Kraftwerk bereits kurz vor der
Auflösung, jedoch bleibt das Herz von Kraftwerk als duo Hütter/Schneider bestehen. Ergebnis ist das
Album mit dem niedlichen Titel ´Ralf & Florian´. die beiden werden aber schliesslich von Wolfgang flür
und Karl Bartos ergänzt und nehmen im Sommer 1972 das nicht mehr lieferbare Album ´Kraftwerk 2´
Auf. Kraftwerk avancieren zu einem allgemein bekannten Gehimtip. Legendär ist ihr Auftritt im ZDF-
Kulturmagazin ´aspekte´.

1975 kommt der internationale Durchbruch, mit dem ernsthaft wohl niemand gerechnet hatte. Das
Album ´Autobahn´ erreicht in England, Deutschland und sogar in den USA die Top 10 der Charts und
wird mit der gleichnamigen Singleauskopplung zu einem der grossen Ohrwürmer der 70er jahre. Ein
Jahr später wird Frankreich von einer Kraftwerk-Melodie heimgesucht - dort ist ´Radioaktivity´ vom
gleichlautenden Album der grosse Sommerhit. 1977 und 1978 festigen Kraftwerk mit den Alben ´Trans
Europa Express´ und ´Die Mensch-Maschine´ ihre Ausnahmestellung. ´Die Roboter´ und ´Das Model´
laufen besonders in England in den Radios auf Heavy-Rotation. Der Mythos Kraftwerk wird zum
Vorbild einer ganzen Musiker-Generation, die in den 80er und 90er jahren die Musikszene prägen. der
gesamte Synthiepop der 80er jahre, aber auch grössen wie David Bowie, Neil Young oder Iggy Pop
zeigen mit ihren damals aktuellen werken, wie sehr sie von den Düsseldorfer Soundtüftlern inspiriert
wurden. Kraftwerk zählen darüber hinaus zu einer der am meisten gesampelten und gecoverten
Bands der Musikgeschichte (man erinnere nur an Rammstein).

´Das Model´ feiert 1981 im Zuge der


neuen deutsche Welle noch einmal
eine Renaissance. Im selben Jahr
erscheint das kommerziell mässige
Album ´Computerwelt´. 1983 wird
das bereits fertiggestellte Album
´Technopop´ ohne Angabe von
Gründen kurz vor der Auslieferung
zurückgezogen. Der wahrscheinliche
Grund: vermutlich der beginnende
Siegeszug von Heimcomputern und
der allmählich beginnenden
Digitalisierung durch die
Computerwelt. Kraftwerk bringen es
zu dieser Zeit auf den Punkt, in dem
sie sagen: ´Noch ist die Hardware
nicht soweit wie die Software in
unseren Köpfen´. So erscheint
lediglich 1983 die Single ´Tour De France´, die 1999 digital-remastert, mit einem direkten Vergleich
zwischen analoger und digitaler Fassung erneut veröffentlicht wird. Das bisher letzte neue Material
liefern Kraftwerk 1986 mit dem Album ´Electric Cafe´. Heute Alltag, damals absolut revolutionär -
zusammen mit einem New Yorker Institut kreieren Kraftwerk das erste digitale, vollständig künstlich
erzeugte Computervideo. ´Musique, Non Stop´ zeigt die Köpfe der vier Kraftwerker zunächst als
Vektor-Grafiken, dann als vollständig animierte Gesichter. Eine Technik, die heute fast schon
nostalgisch ist. Aus diesem Album wird ´Der Telefonanruf´ als zweite Single ausgekoppelt.

Jahrelang ist daraufhin Funkstille bei Kraftwerk. Im eigenen ´Kling-Klang´ Studio nutzt man die Zeit,
das alte Material digital zu überarbeiten. Ergebnis ist das 1991 erschienene Best-Of-Album ´The Mix´
aus dem ´Die Roboter´ als Single im Radio zu hören ist. Seit dieser Zeit kursieren immer wieder
Gerüchte über die Publikation eines neuen Kraftwerk-Albums. So richtig konkret schienen diese
Gerüchte zu werden, als Kraftwerk 1997 auf dem ´Gathering-Festival´ in Luton auftraten und sogar
das junge Publikum mit zwei neuen Songs begeistern konnte, die selbst skeptische Kritiker feststellen
liessen, dass Kraftwerk - die Herren sind mittlerweile so um die 50 - immer noch ihrer Zeit voraus
sind. Ein neues Album, das selbst von der Vertriebsfirma konkret für September 1997 angekündigt
war, ist aber bis heute nicht erschienen. Stattdessen machten Kraftwerk Schlagzeilen, als sie 800.000
DM für das kurze Jingle zur Expo 2000 kassierten. Ein unglaublicher Betrag für die schlichtheit dieses
Jingles. Eine Single mit dem Titel ´ Expo 2000´ folgte pünktlich zur Eröffnung der Weltaustellung
2000.
TC Boyle - Der fleissige Amerikaner

Ein Buch von TC Boyle muss man nicht nur lesen, man sollte es sich
vorlesen lassen. TC Boyle zelebriert seine Lesungen und scheint
gerade zu besessen von der Idee, seine Literatur unter die Leute zu
bringen. Allein letztes Jahr hat Boyle zwei richtig dicke Schmöker
geschrieben und scheint - das ist wohl das mit Abstand wichtigste
für einen Schriftsteller - eine kontinuierliche Weiterentwicklung in
seinem Schaffen zu sehen. Dies hat Boyle zu einem der
bekanntesten amerikanischen Autoren gemacht.

Geboren am 02. Dezember 1948 in Peekskill (bei New York)

Boyle ist den klassischen Weg gegangen. Als Sohn eines Busfahrers
und einer Sekretärin kam Boyle aus einem klassischen
Arbeiterhaushalt. 1968, mittem im Studium der englischen Literatur
sowie dem Fach Geschichte, muss auch Boyle die wilden 68er
Zeiten in den USA miterlebt haben. Von kleinen, bis mittelschweren
Drogeneskapaden berichtet er selbst in autobiographischen Texten
und oft sind es auch die Protagonisten seiner Erzählungen, die in
diverse Ungereimtheiten ihrer Persönlichkeit verworren sind. Dem gegenüber steht ein zielstrebiger,
höchst bodenständiger Autor, der seit 1974 verheiratet und stolzer Vater von drei Kindern ist.
Neben seiner literarischen Karriere kann sich auch die akademische Laufbahn von Boyle sehen lassen.
Aus einem Lehrer an der Highschool seines Heimatortes wurde ein 1982 schliesslich ein Professor für
Anglistik, der bis heute in dieser Position an der University von South California tätig ist.

Neben einigen Kurzgeschichten beginnt Boyles literarisches Schaffen 1980 mit dem Roman
"Wassermusik". Dieser Roman - ein internationaler Achtungserfolg - wird von vielen Fans noch heute
als der beste Roman von Boyle angesehen. Es folgen die Werke "World´s End", "Willkommen in
Welville" (verfilmt mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle) und dem bisherigen Höhepunkt "Riven
Rock" (1998). In diesem Roman wagt Boyle den schwierigen Spagat zwischen bitterbösen Sarkasmus
und Melodramatik, denn das Thema ist die unnachgiebige Treue einer Frau namens Katherine Dexter
zu ihrem an sexuellen Wahnvorstellungen leidenden Mann Stanley McComrick. Letzterer, zu ewiger
Abstinenz auf "Riven Rock" verbannt, wird das Opfer semipsychologischer Denkansätze. Ein
gelungener Roman.

1990 veröffentlichte Boyle den Roman "Ein Freund der Erde". Hierzu können sie eine interessante
Rezension bei U-Lit lesen. Und kürzlich ist in Amerika ein weiteres Buch von Boyle erschienen. "After
the Plague" war einer der am meisten beachteten Titel im Bücherherbst 2001.

TC Boyle führt auf seiner Homepage übrigens ein kleines Tagebuch wo der Fan über aktuelle Projekte
und Lesereisen (auch immer wieder in Deutschland ...) informiert wird. Ebenfalls interessant
www.tcboyle.net - dort werden akribisch sämtliche Informationen zu TC Boyle gesammelt (teilweise
auch in deutsch)
Talk Talk - Vertonte Lyrik der 80er Jahre

Talk Talk - Das ist die vertonte Lyrik des Poeten Mark Hollis, Jahrgang 1955, einst Student der
Kinderpsychologie und introvertierter Quell melodischer Leckerbissen aus der vorletzten Dekade des
letzten Jahrtausends. ´Such A Shame´ und ´ Life´s What You Make It´ sind die weltbewegenden
Hymnen dieser Band, Ohrwürmer, die auch heute noch jedes Kind kennt. Die Geschichte dieser Band
beginnt Ende der 70er Jahre, als der Punk die britische Insel und später ganz Europa beherrschte.
Mark Hollis gründet 1978 seine erste Band mit dem Namen ´Reaction´ und veröfflicht 1978 die Single
´I Can´t Resist´. - ein Sammlerstück.

Es dauert aber beinahe drei weitere Jahre, bis aus


den Songwriterambitionen des Mark Hollis der ihm
so eigene Soundentsteht. Grundlage ist die kurze
aber äusserst einflussreiche´new romantic´ Phase
britischer Popmusik, ausgehend von Bands wie Soft
Cell, Depeche Mode oder Joy Division.
derSynthesizer verdrängt die Gitarre als
dominierendes Instrumentund eine tiefe
Nachdenklichkeit hält in die Musik der frühen
achtziger Jahre Einzug. Im Hintergrund zieht Ed
Hollis,der Bruder des Masterminds die Fäden und
macht Mark mit denMusikern Lee Harris und Paul
Webb bekannt. Diese drei bilden den harten Kern
des Projektes ´Talk Talk´, das 1981 einen Vertrag
beim Major-Plattenlabel ´Island´
unterschreibt(übrigens im selben Jahr wie U2).

Im Oktober 1981 spielen ´Talk Talk´ bei der BBC einen Song, der genauso heisst wie die Band und der zum
Achtungserfolg der Band avanciert.aber die Band ist für ihre Plattenfirma zunächst nurfür einen Support einer anderen
britischen Band gut genug. ´Talk Talk ´spielen in diesem Jahr als Vorgruppe aufden konzerten einer Band, mit denen
sie bis heute amhäufigsten verglichen werden - Duran Duran. die Parallelensind offensichtlich: die Plattenfirma, der
doppelt-gemoppelteBandname und die Art der Musik. Nachdem die zweite single´Mirror Man´ floppt finden ´Talk Talk´
mitder dritten Single ´Today´ und dem Debutalbum´The Party´s over´ die Basis für ihrzukünftiges musikalisches
Schaffen.

Knapp zwei Jahre später - Hollis hat zwischenzeitlich ineinem stillen Kämmerlein neue Songs geschrieben - rekrutiert
man einen gewissen Tim Freese-Greene als Produzenten für eingeplantes zweites Album. Diese Ergänzung der Band
erweist sichals Geniestreich - und zwar in kommerzieller Hinsicht. Währendsätmliche Singles des zweiten ´ Albums
´It´sMy Life´ in England in den Charts kaum Beachtung finden, erobern ´Talk Talk´ mit ´Dum Dum
Girl´ und´Such A Shame´ Europa. Letztere platziert sich inDeutschland an der Spitze der Charts. ´It´s
My Life´ ist das kommerziell erfolgreichste Album von ´Talk Talk´ und
ein grosser Klassiker der 80er jahre.

Der grosse Erfolg kannauch mit dem dritten Album ´The Colour Of
Spring´, das nur ein Jahr später erscheint und bei dem sich TimFreese-
Greene mehr und mehr auch ins Songwriting einschaltet,kompensiert
werden. ´Life´s What You Make It´läuft im Sommer 1985 auf allen
Radiostationen und etabliert´Talk Talk ´ als eine der erfolgreichsten
Bands der80er jahre. 1985 gehen ´Talk Talk´ auf ihre einzigegrosse
Welttournee und spielen auf diesem Höhepunkt ihrerKarriere unter
anderem im ´Hammersmith Odeon´ in Londonein legendäres Konzert,
dass unter dem Titel ´London1986´ erst 1999 veröffentlicht wird. Neben qualittativschlechten
Bootloeg-Aufnahmen dieses Konzertes galten dieOriginalbänder dieses Konzertes lange Zeit als
verschollen.und besser als jede Best-Of Compilation, von denen es zahlloseoffizielle und nicht-offizielle
gibt, ist dieses Album der perfekteQuerschnitt dieser einzigartigen Musik. Die grossen Hits kommen
beidieser Aufnahme nichts als träge Ohrwürmer daher (wie unzählige Remixe der grossen Hits
suggerieren wollen), sonderndie Ernsthaftigkeit, die tiefe Poetik dieser Musiküberträgt sich auf ein
eingängiges musikalischesArrangement. Auch nach fünfzehn Jahren wirkt diese Musik zeitlosschön -
dieses Konzert ist ein musikalisches Erlebnis. Abergenug geschwärmt ...
Mit dieser Tournee, somuss man leider sagen, kam dann auch eigentlich schon das Endedieser Band.
Zwar nahm man mit ´Spirit Of Eden´ daskünsterlisc höchst eindrucksvolle und vielleicht
Drogengeschwängerteste Werk der Musikgeschichte auf,kommerziell jedoch wand sich die
Öffentlichkeit und die Presse von ´Talk Talk ´ ab. Vielleicht hatte Mark Hollis denPunkt erreicht, an
dem man mit einfachen musikalischen Ideen nichtmehr für jedermann Musik machen konnte. Zeugnis
hierfürist wohl auch das 1991 erschienene Solo-Album ´Mark Hollis´, lyrisch ambitioniert aber von der
Masse kaumbeachtet. Die Karriere schliessen ´Talk Talk´ mit dem1991 erschienen Epos ´Laughing
Stock´ ab, von dem kein einziger Single-Ableger Aufmerksamkeit gewinnen konnte. Einweiterer Grund
für diesen ´Niedergang´ von´Talk Talk´ ist sicherlich die Tatsache, das der Synthiepop Mitte der 80er
Jahre recht schnell von anderenGrössen dominiert wurde und hier das Terrain immer engerwurde.
Aber - so gut selbst Depeche Mode sein mögen, Mark Hollis hatte immer die besseren Texte parat ...

Zu ´Talk Talk´ kann weitergehend eigentlich nur die Internetseite "Within Without" empfohlen werden.
ZahlloseArtikel, Interviews und sämtliche Songtexte lassen dass Herzdes eingefleischten Fans höher
schlagen. "WithinWithout" ist die Referenzseite zu ´Talk Talk´ und soll als Empfehlung dieses Portrait
des Kultur-Magazins beschliessen.
Björk - Schillernder Charme aus Island

Schon als kleines Mädchen galt Björk als


äusserst musikalisch und wurde bereits
im Alter von fünf Jahren auf eine
Musikschule geschickt. Dort lernt die
Kleine Flöte und Klavier und stürmte
1977 als zwölfjährige mit dem Song "I
Love To Love" die isländischen Charts.
Ihr erstes Album "Björk" erscheint in demselben Jahr Island. Das Album
des Kinderstars besteht hauptsächlich aus isländischen Versionen bekannter Songs von den Beatles
oder Stevie Wonder, aber auch die ersten eigenen Kompositionen finden sich auf diesem frühen
musikalischen Zeugnis.

BJÖRK (ihr bürgerlicher Name ist Björk Gudmundsdottir) wurde am 21. November 1965 in Reykjavik
(Island) geboren.
Nun ist es wohl selbst in Island so, dass ein Teenie irgendwann eigene Wege gehen und dem braven
Dasein eines Kinderstars entfliehen möchte. Und auch in Island kam irgendwann Ende der 70er Jahre
der Punk an. 1979 ist BJÖRK die Schlagzeugerin einer Mädchen Punkband namens "Spit and Snot".
Mit orange-farbenen Haaren und abrasierten Augenbrauen versucht Björk mehr zu provozieren anstatt
ihr Publikum musikalisch zu begeistern. Die Phase des Punks ist schnell vorbei und Björk widmet sich
den nächsten musikalischen Herausforderungen. Zunächst spielt sie mit zwei Freunden 1980 in einer
Jazz-Formation namens EXODUS, dann ein kurzes Intermezzo in einer Band namens JAM 80 und
schliesslich ist Björk festes Mitglied einer isländischen Punk-Pop Band namens TAPPI TIKARRASS. Mit
dieser Band veröffentlicht Björk zwei Alben und dreht sogar ihr erstes Musikvideo. In dieser Band zeigt
sich Björk als Allroundtalent. Mal spielt die Schlagzeug, dann Keyboards und ab und an singt sie die
gemässigteren, aber immer noch punkig angehauchten isländischen Stücke.
1983 wird Björk allmählich erwachsen und beginnt ihren eigenen Stil zu entwickeln. In einer Band
namens KUKL (alles isländische Band-Namen deren Bedeutung ich leider nicht kenne) sammelt sie
weitere musikalische Erfahrungen. 1984 veröffentlicht sie in Island einen kleinen Band mit
selbstverfassten Gedichten. Björk, musikalisch erfahren aber immer noch ein Teenager, wird in
darauffolgenden Jahr schwanger und versucht, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen.
Selbst hochschwanger performed sie mit KUKL im isländischen Fernsehen und scheint gar nicht daran
zu denken, ihre Karriere aufgeben zu wollen.In demselben Jahr kann Björk auch erstmals ihr Talent
als Schauspielerin unter Beweis stellen. Im englischsprachigen schwarz/weiss Film "The Juniper Tree"
spielt Björk bereits eine der Hauptrollen. In den folgenden Jahren ist Björk immer wieder in
isländischen Fernsehserien zu sehen. Die isländische Öffentlichkeit bekommt mit, wie ihr einstiger
Kinderstar immer erwachsener wird.

1986, im selben Jahr als Björk Sohn Sindri zur Welt kommt,
wird Björk Frontfrau einer Band, die sie zum ersten Mal ¨ber
Island hinaus bekannt werden lässt und die die Wurzeln ihres
gegenwärtigen musikalischen Schaffens ist. Gemeint sind die
SUGARCUBES, die mit fünf Alben und einigen Ohrwürmern
auch hierzulande bekannt werden und die mit ihren naiv-
rockig-poppigen Melodien selbst vergleichbare Bands wie etwa
die SMITHS in den Schatten stellen. 1992 sind die
SUGARCUBES gar im Vorprogramm von U2 zu sehen.Björk
entfernt sich in dieser Zeit musikalisch mehr und mehr von
ihren Kollegen. Eine Demoversion einer ihrer Songs, bei dem
sie unter anderem mit Computersampeln experimentiert, wird von Ihren Kollegen schroff abgewiesen.
Die Musik passe nicht zu dem Stil und den Texten der SUGARCUBES. Dieses Demo findet als Opener
und erster grosser Song 1993 auf dem ersten Solo-Album seinen Platz ("Human Behaviour"). Ende
1992 geben die SUGARCUBES in den USA ihr letztes Konzert. Björk beschliesst, eigene Wege zu
gehen. Björk sagt später, sie habe keine Lust mehr auf das Zusammenspiel in einer Band, auf die
klassische Konstellation von Bass, Guitar und Drums gehabt. Ihr stand mehr der Sinn nach
zeitgemässen, technoiden Klängen.
Hier beginnt nun Björk´s zweite grosse Karriere, diesmal auf internationalem Parkett. 1993 erscheint
"Debut", das ´erste´ Soloalbum. Die Single "Human Behaviour" mit dem grandiosen Video von
Michael Gondry in dem Björk in einem Wald von einem überdimensionalen Teddybär verfolgt wird,
wird auf MTV rauf und runter gespielt. Kalte, technoide Klänge und die zuckersüsse Björk - eine
Kombination, die viele fasziniert und ein internationales Publikum begeistert. Björk geht auf eine
Welttournee und spielt unter anderem ein MTV unplugged Konzert f.
Das Jahr 1994 nutzt Björk für ihre Arbeit an einem Nachfolgealbum. "POST" erscheint 1995 und ist
das bisher erfolgreichste Album von Björk. Die Single und das Video zu "Army Of Me" sind das
Aushängeschild von Björk. Wieder ist es die Kombination von starkem Pop, der auf Indie-Feten,
Dancefloor-oder Technofeten gleichermassen bestehen kann und das unschuldige, brave Mädchen,
das etwas von Musik zu verstehen scheint, die fasziniert. Ein Jahr später erscheint das Remixalbum
"Telegramm". BJÖRK arbeitet zu dieser Zeit unter anderem mit SKUNK ANANSIE und PJ HARVEY
zusammen. Björk, die mittlerweile sehr viele Fans hat, macht in diesem Jahr eine Erfahrung, die in
dieser bösen Art und Weise wohl kaum ein Künstler macht. Ein hartnäckiger, männlicher Fan, filmt
wegen verschmähter Liebe zu Björk seinen eigenen Selbstmord und bürdet Björk einen
Gewissenskonflikt auf, der sie von nun an sehr viel zurückhaltener
gegenüber ihren Fans sein lässt.
1996 trifft Björk den Produzenten Mark Bell und spannt ihn für die
Arbeit im dritten Studioalbum ein. 1997 erscheint "Homogenic".
Dieses Album erregt nicht ganz so viel Aufsehen wie POST, ist es doch
bedeutend ruhiger, melodischer und damit nicht mehr ganz so naiv
und kontrastreich wie die Vorgänger. Das Konzept - auf dem Cover
immer das Abbild von Björk, mal als Photo, dann als verfremdetes,
fernöstliches anmutendes Gemälde - scheint sich zu verändern. Björk
scheint von sich mehr künstlerischen Tiefgang zu fordern und
übernimmt erstmals nach langer Zeit die Rolle in einem Film. Lars von
Trier ist der Regiesseur, der von Björk in "Dancer in the Dark" 1999
schauspielerische Höchstleistungen fordert. Björk sagt später, dies sei
die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Das Ergebnis kann sich
jedoch absolut sehen lassen. "Dancer in the Dark" bekommt bei den
Filmfestspielen von Cannes höchstes Lob und höchste
Auszeichnungen. Für den Soundtrack zum Film ("Selmasongs",
ebenfalls produziert von Mark Bell) wird Björk für den Oscar nominiert. Björk selbst hat gesagt, dass
sie in Zukunft nicht mehr als Schauspielerin vor der Kamera stehen möchte. Hoffentlich ändert sie ihre
Meinung ...
Patrick Süskind - Der erfolgreichste deutsche Autor

Patrick Sueskind ist seit Mitte der 80er Jahre nicht nur der erfolgreichste deutsche Schriftsteller,
sondern auch der geheimnisvollste. Dieses Photo ist eines der wenigen, die von diesem Autor
überhaupt existieren. Patrick Sueskind beehrt seine Fans nicht mit Lesungen, regelmässigen
Veröffentlichungen oder Interviews; Sueskind lebt zurückgezogen irgendwo bei München oder in
seiner Wahlheimat Frankreich und hat seit knapp zehn Jahren nichts literarisches veröffentlicht.

Geboren am 26.03.1949 in Ambach

Patrick Sueskind ist Sohn des bekannten Publizisten Wilhelm


Emanuel Süskind. Nach abgeschlossenem Studium der Geschichte
1974 arbeitet Sueskind an seinen ersten literarischen Arbeiten. Es
entsteht das zunächst kaum beachtete Ein-Mann Theaterstück "Der
Kontrabass", das im Laufe der 80er Jahre zu einem der
meistgespieltesten deutschsprachigen Theaterstücke avanciert. Der
Kontrabass-Spieler eines angesehenen Orchesters möchte endlich
aus seinem Schatten-Dasein heraustreten und im übertragenen Sinne die erste Geige
spielen. Verstärkt wird dieser Wunsch durch die ungeäusserte Liebe zu einer Solistin des Orchesters.
"Der Kontrabass" ist ein wunderbarer innerer, exhibitionistischer Monolog.
Zu Beginn der 80er Jahre arbeitet Sueskind an zwei Drehbüchern. Zusammen mit Helmut Dietl
verfasst Süskind zwei der grossen Kultserien des deutschen Fernsehens: "Monaco Franze" und "Kir
Royal". Diese Zusammenarbeit wird 1998 fortgesetzt: bei dem Kinofilm "Rossini - Oder die Frage, wer
mit wem schlief" führte Helmut Dietl Regie, Süskind steuerte das Drehbuch bei. Dies ist auch das
bisher letzte literarische Lebenszeichen des Autors.Weltruhm erlangt Süskind 1985 mit dem
Millionenseller "Das Parfum". Jean Baptiste Grenouille ist das Monster, dessen Geschichte in diesem
einzigartigen Meisterwerk erzählt wird. Grenouille hat eine besondere Fähigkeit - sein überirdischer
Geruchssinn und seine Vorliebe für den Geruch der Haut zarter, junger Frauen machen aus seiner
Lebensgeschichte die Geschichte eines Mörders. "Das Parfum" ist neben "Der Name der Rose" von
Umberto Eco der erfolgreichste europäische Roman seit Einführung der Bestsellerlisten.
Drei weitere literarische Veröffentlichungen hat es seitdem gegeben. Die Novelle "Die Taube" und "Die
Geschichte von Herrn Sommer". Beide Veröffentlichungen konnten nur bedingt an den Erfolg von "Das
Parfum" anknüpfen. Dennoch verstand es Süskind mit diesen Geschichten die Bandbreite seines
literarischen Talentes darzustellen. Neben dem ´Historienroman´, der den Leser gekonnt ins
Mittelalter zurückversetzt, ist es die leicht dramatisch angehauchte Novelle oder das Kinderbuch für
Erwachsene, was zum Repertoire dieses Schriftstellers gehört. 1996 veröffentlichte der Diogenes
Verlag schliesslich noch einen kleinen Band mit drei Kurzgeschichten des Autors.
Über neue literarische Projekte ist bisher nichts bekannt. Aber vielleicht wird die seit langem geplante
Verfilmung von "Das Parfum" so schlecht, dass sich Sueskind genötigt sieht, ein weiteres Werk zu
verfassen um seinen Ruf als Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen Literatur wieder
herzustellen.
Heinrich Böll - Literatur im Nachkriegsdeutschland

Heinrich Böll gilt als der bedeutenste deutsche Dichter des Nachkriegsdeutschland. Er ist neben
Günter Grass der einzige deutsche Literaturnobelpreisträger nach 1945. Zeit seines Lebens war
Heinrich Böll ein umstrittener Schriftsteller, jemand der die Intellektuellen in Deutschland polarisiert
und herausgefordert hat.

Sein Engagement in der Friedensbewegung, sein äusserst distanzierter Standpunkt


gegenüber der Springer-Presse und sein engagiertes Verhalten gegenüber der
Unterdrückung von Schriftstellern im Osten unseres Kontinents, haben ihm die
Bedeutung gegeben, mit der heute an sein umfangreiches Werk herangegangen
wird.Der Sohn eines katholischen Schreiners und Bildhauers macht nach seiner
abgebrochenen Lehre als Buchhändler und dem Studium der Germanistik bereits
1946 seine ersten literarischen Gehversuche.Im "Rheinischen Merkur" und anderen
Zeitungen veröffentlicht er diverse Kurzgeschichten. Seine erste
Buchveröffentlichung "Der Zug war pünktlich" macht sein Schreiben erstmals dem
Publikum des Nachkriegsdeutschland zugänglich.
Bölls Prosa ist zu diesem Zeitpunkt stark von
Kriegserlebnissen geprägt. Die sogenannte
Trümmerliteratur wird aber alsbald als
unzeitgemäss abgestempelt. Die Menschen wollen etwas lesen,
dass sie aufbaut. So bleibt Bölls zweiter Roman "Der Engel
schwieg" bis 1992 unveröffentlicht.1951 wird Bölls satirische
Erzählung "Die schwarzen Schafe" von der Gruppe 47
ausgzeichnet. Böll hat sich längst einen Namen unter den grossen
deutschen Schriftstellern gemacht. Seine Werke "Wanderer kommst
Du nach Spa" (1950), "Wo warst Du, Adam ?" (1951) und "Das
Brot der frühen Jahre" (1955) sind der Ausgangspunkt einer langen
Schriftstellerkarriere, die in den 70er Jahren ihren Höhepunkt
erreicht. Zuvor erscheint jedoch Bölls bekanntester Roman
"Ansichten eines Clowns" (1963) in dem zwischen den Zeilen ein
Angriff auf die Institution der katholischen Kirche steckt. Bis zu
diesem Zeitpunkt wurde in Deutschland kaum ein Roman so heftig
öffentlich diskutiert.
1967 erhält Böll den Georg Büchner Preis und er wird 1971
Vorsitzender des internationalen Schriftstellerverbandes PEN. 1972
veröffentlicht Böll einen Artikel "Will Ulrike Meinhof Gnade oder
freies Geleit" - ein Jahr lang werden dieser Artikel und die folgenden
Stellungnahmen diskutiert. Böll, der in diesem Artikel die
Boulevardpresse angreift wird Symphatie mit dem linken Terror, der
sich 1972 in seinen Anfängen befindet, vorgeworfen. Im selben Jahr
erhält Böll für sein schriftstellerisches Engagement den
Literaturnobelpreis. Quintessenz dieser Diskussion jedoch ist 1974
die Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Böll schildert
hier seine Auffassung von der Entstehung von Gewalt. Mit der durchdachten, distanzierten
Erzählstruktur dieses Werkes erreicht Böll den Zenit senes literarischen Schaffens. In den folgenden
Jahren ist Böll mehr als Essayist und als Journlist, denn als Schriftsteller tätig. Dokument hierfür ist
der Band "Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit" (1977). Böll engagiert sich bis Mitte der 80er
Jahre in der Friedensbewegung und nimmt aktiv an ihr teil. 1985 kauft die Stadt Köln den literarischen
Nachlass Heinrich Bölls. Das Heinrich Böll Archiv wird ebenso wie die Heinrich Böll Stiftung gegründet.
Im selben Jahr stirbt Heinrich Böll nach schwerer Krankheit.
Heinrich Boell Stiftung: www.boell.de
Heinrich Boell im Internet: www.heinrich-boell.de
Paul Auster - Verliebt in New York

Auster gilt als einer der produktivsten und erfolgreichsten Schriftsteller


Amerikas. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft an
der Columbia University New York, verdiente sich seinen seinen
Lebensnunterhalt als Matrose, Übersetzer und Taxifahrer.

Paul Benjamin Auster Geboren am 03.06.1947 in Newark, New Jersey lebt


in Brooklyn, New York.
Von 1971-74 lebte er in Frankreich, hauptsächlich in Paris. Seine Vorfahren
stammten aus Österreich. Nach seiner Rückkehr in
den USA nahm er einen Lehrauftrag an der
Columbia University an und arbeitete weiterhin als
Übersetzer französischer Autoren, darunter auch
z.B. der grosse Philosoph Jean Paul Sartre.
Ausserdem war und ist Auster Herausgeber verschiedener Bücher
französischer Autoren in diversen amerikanischen Verlagen.
Die Visitenkarte von Auster ist die "New York Trilogie", drei
Kriminalgeschichten, die dieses klassische Genre nach wenigen Zeilen
aushebeln und scheinbar logische Handlungsmotive im Alltag der Grossstadt
versinken lassen. Auster berichtet in seinen Lesungen immer wieder von der
Anekdote, dass ein Irrtum tatsächlich stattgefunden hat, welcher das
Abenteuer in seinem Kopf überhapt hat entstehen lassen: Ein Unbekannter
hatte mehrfach in seinem Appartment angerufen, sich immer wieder verwählt und sich nach einem
Detektivbüro erkundigt - das Motiv zu einer spannenden Geschichte war geboren und Auster dachte
diesen Irrtum einfach nur zu Ende. Was wäre gewesen, hätte er sich auf diesen Irrtum eingelassen?
In einem kürzlich erschienenen Taschenbuch mit dem Titel "Mein New York" finden sich die besten
Passagen aus den bisherigen Werken Austers, die die faszinierende Metropole New York beschreiben.
Unkommentiert werden diese Passagen zusammengestellt und haben für Menschen, die sich vom
Treiben in New York haben mal mitreissen lassen, einen hohen Wiedererkennungswert. Austers
Qualtäten liegen neben dieser Verwurzelung einer Geschichte in wunderbar, einfach beschreibender
Sprache darin, den Leser in die Geschchte "hineinzuholen". Dies geschieht dadurch, dass Auster
bekannte Motie, Situationen und Personen seiner Romane immer wieder auftauchen lässt. Der rote
Faden im konzeptionellen Denken des Autors wird so auch für den Leser greifbar. Darüber hinaus
weiss Auster, dass er sogar sich selbst als Autor nicht immer heraushalten kann. Die Hälfte seiner
Werke sind daher autobiographisch. "Die Zeit" hat es einmal in einer Rezension zu Auster auf den
Punkt gebracht. "Auster ist ein Autor, der sich in eine Ecke stellt und die Welt beobachtet". So kennt
Auster also den Menschen, der seit Jahren jeden Tag den Times Square aus einer ganz bestimmten
Perspektive photographiert oder er weiss die verhasste Letargie eines vereinsamten Schriftstellers zu
beschreiben ("Die Entdeckung der Einsamkeit", "Das Buch der Illusionen"). An Auster werden hohe
Erwartungen gestellt. In Kürze dürften die ersten Romane erscheinen, die den 11. September 2001
zum Thema haben werden. Vom New Yorker Autor Auster wird da Grosses erwartet. Denn nicht zu
Unrecht st Auster seit Jahren als möglicher Kandidat für den Literaturnobelpreis im Gespräch.

Paul Auster lebt mit seiner zweiten Frau der Schriftstellerin Siri Hustvedt ("Die unsichtbare Frau") in
Brooklyn und ist Vater von zwei Kindern. Als Quellen seines literarischen Schaffens nennt Auster unter
anderem die Schriftsteller Kafka, Melville, Poe oder Beckett, was sich in seinem literarischen Schaffen
durchaus widerspiegelt.

Die letzte Veröffnetlichung von Auster liegt bereits knapp ein Jahr zurück und trägt den Titel "Das
Buch der Illusionen". Lesen Sie hier eine Rezension des Buches bei SPIEGEL ONLINE.
Hier eine kurze Inhaltsangabe zu diesem letzten Buch (Copyright: http://www.lyrikwelt.de):
"Mit all den Literaturprofessoren, die in letzter Zeit den amerikanischen Roman bevölkern, könnte man
glatt eine ansehnliche Demonstration ausrichten. Gegen allzu viele Literaturprofessoren in
amerikanischen Romanen, zum Beispiel. Denn in dieser Masse nehmen wir Professor David Zimmer
nur deshalb wahr, weil er uns halbwegs vertraut ist: Er tauchte Ende der achtziger Jahre mal im
"Mond über Manhattan" auf, dessen Autor es seither zu einer Weltstar-Karriere gebracht hat, die ihn
mit Wayne Wangs und Harvey Keitels Hilfe bis ins verrauchte Kino reichte. Vielleicht hatte Paul Auster
nach seinem missglückten Hunde-Roman "Timbuktu" das Bedürfnis, auf Nummer Sicher zu gehen,
und griff deshalb in seinem neuen Roman "Buch der Illusionen" auf jenen Professor Zimmer zurück.
Für den wird ein Alptraum wahr: Seine junge Familie ist plötzlich durch einen Flugzeugabsturz
ausgelöscht. Zimmer trudelt durch sein Leben. Er fängt sich erst wieder, als er sich mit Hector Mann
beschäftigt. Das war einer der letzten Slapstick-Komiker des Hollywood-Stummfilms, der 1929 spurlos
von der Bildfläche verschwunden ist. Weil dieser Mann der erste ist, der Zimmer wieder zum Lachen
bringt, tut der, was Hochschullehrer immer gerne tun: Er schreibt ein Buch. Es wird das erste über die
Filme von Hector Mann. Und dann kommt die Geschichte richtig in Fahrt: Unvermittelt meldet sich
Hector Manns Frau aus dem Irgendwo der Provinz in New Mexico. Sie bittet Professor Zimmer zu
kommen, solange ihr Hector noch lebt. Bald fällt der erste Schuss in diesem Roman, und ein Rennen
mit der Zeit beginnt, in dessen Verlauf wir neben etlichen weiteren Schüssen die ganze
Lebensgeschichte des Regisseurs und Schauspielers Mann hören, einer unbekannt gebliebenen
Jahrhundertfigur, einem öffentlichen Erfolgsmenschen, der von der Bildfläche verschwand, weil er das
Individuum in sich auslöschen wollte. Er konnte es nicht, aber die Spuren seiner Menschbleibung -
rasend avantgardistische Filme jenseits von Hollywood, drohen zu verblassen, ja zu verbrennen. Und
am Ende ist es nur ein Buch, das von diesen Filmen berichtet . . . - das "Buch der Illusionen".[...]

Eine offizielle Paul Auster Seite gibt es im Internet übrigens nicht - also ich habe keine gefunden. Ein
grosser Fan des Schriftstellers hat jedoch auf dieser Seite sehr viele Informationen über Paul Auster
zusammengetragen. Interessant ist besonders die Übersicht über das essayistische Werk von Paul Auster,
das parallel zu seinem literarischen Schaffen entsteht.
Reviews

Ernst Jandl - Das Röcheln der Mona Lisa

Produced by Intermedium /
BR/HR/NDR

Ja, was soll man davon halten? Ernst Jandl wird im


Deutschunterricht so nebenbei abgehandelt. Er wird
nicht richtig ernst genommen und auch ich muss
zugeben, dass mich diese CD mit einer Umsetzung
einiger Sprechgedichte von Ernst Jandl mehr als
einmal zum Lachen gebracht hat. Welcher ernsthafte
Hintergrund diese Form der experimentellen Lyrik
haben sollte, war mir bisher nicht so ganz klar und
eine literaturhistorische Bedeutung hält sich - auch
nach dem Hören dieser CD - für mein Verständnis in
einem unterhaltsamen Rahmen.

Diese CD ist zweigeteilt. Es beginnt mit 13


radiophonen Texten, die weniger bekannte Gedichte
von Jandl, von ihm selbst gesprochen und mit
einigen weiteren Stimmen versehen und akkustisch
verfremdet, zum Besten geben. Quintessenz dieses
ersten Teils: Es gibt noch mehr als "Otto Mops
Hopst" - Sprache wird hier so konkret, dass sie sich nicht mehr als Gedicht aufschreiben lässt. Eben
deswegen wird hier nicht mehr von Gedichten sondern von "radiophonen Texten" gesprochen. Jandl
bringt uns dabei zum Beispiel lyrisch und phonetisch über die Niagara Fälle und erklärt dem Zuhörer
den "Schmerz durch Reibung", indem er das 'au' aus dem Wort Frau filtert und jammernd vorträgt.
Das ist relativ unterhaltsam, mehr aber auch nicht ...

Die beiden anderen Teile bilden ein Experiment mit dem Titel "Das Röcheln der Mona Lisa" - hierbei
handelt es sich nicht mehr um "radiophone Texte", sondern um ein "akkustisches Geschehen" für eine
Stimme und Apparaturen. Der zweite Teil ist als eine "Einführung in ein Hörspielexperiment" betitelt.
Jandl nutzt hier neben seiner Stimme und seinen Texten akkutische Hilfsmittel wie Hall und Echo voll
aus. Mir fällt es schwer ein Thema dieses Experimentes auszumachen. Es geht wohl um das Leben,
um die Zeit, die individuelle Lebenszeit und eben um das Nicht-Vorhandensein eines Themas. Die
Texte kreisen also um eine Leere. Wie kann man mit Worten aus dem Alltag soviel Nicht-Sagen? Jandl
zeigt es in diesem Experiment. Eine rasende, zerbrechende Stimme soll zum Gegenstück des Chaos
werden und entlarvt das Sichtbare im Blick ohne Fokus. Die Sprache verwirft hier als
"Sprachüberraschung" das Konstruktive der Sprache. Der Text ist also sinnlos und genau das, will er
sein.

Warum sich also mit Jandl beschäftigen? Jandl selbst schien von seiner Kunst überzeugt und trug sie
teilweise mit bitterem Ernst vor. Auch die Literaturgeschichte beachtet ihn wegen dieser Konsequenz,
die sich besonders in den für diese CD ausgewählten Texten widerspiegelt, als wichtigste Person, als
"Wegbereiniger" experimenteller Lyrik - auf lyrischen Ruinen lässt sich eben gut aufbauen. Und einen
praktischen Nutzen hat die CD allemal: über Kopfhörer gehört wird anschliessend vermutlich sogar die
Lektüre eines Dieter Bohlen Bestsellers zum horizont-erweiterten Event. Jandl ist ein Sterilisator -
seine Texte machen Tabula Rasa im Kopf des Leser und Hörers an den Stellen im Kopf, die für
LIteratur und Poesie empfänglich sind. Wer also diese Gehirnwäsche im Schonwaschgang braucht,
kann sich Jandl zu Gemüte führen.
A Tribute To The Masses

Tribute Alben sind gerade im Fall von Depeche Mode eigentlich


nichts neues, wäre es nicht so, daß dieses Album paralell zum "Best-
Of-Album" von DM groß angekündigt worden ist und Größen der
Musikszene ihren Tribut zollen wollten. Leider haben REM, Marylin
Manson oder die Foo Fighters in letzter Minute abgesagt, so daß der
illustere Kreis leicht zusammengeschrumpft ist. Übrig blieben von
den bekannten Größen die "Smashing Pumpkins" mit einer äußerst
überzeugenden Version von "Never Let Me Down Again", "The Cure"
mit "World In My Eyes" und der Hit des Albums "Rammstein" mit
"Stripped".

Die Höhepunkte auf dieser Platte aber sind die vielen bisher
unbekannten Bands, die sich auf diesem Tribute-Album zum ersten Mal in ihrer Karriere der Masse
präsentieren. Eine geile Heavy-Variante von "Enjoy The Silence" liefern beispielsweise "Failure". Sie
covern nicht nur einfach, nein, sie entzaubern dem Depeche Mode Sound eine weitere kühle
Dimension und lassen von der Stimmung des Songs das emotionale Gerüst durchaus wiedererkennen.
Keine Verfälschung, sondern eine Bereicherung ist auch "Shake the Disease" von "Hooverphonic".
Unglaublich was die Sängerin aus diesem Lied macht. Erotik pur und auch hier wieder das Erlebnis,
wie unbekannt ein tausendmal gehörtes Lied plötzlich wirken kann, wenn Menschen am Werk sind,
die Musik noch als Kunst verstehen.

Außer diesem Album sind eine Reihe weiterer Tribute-Alben erschienen. Irgendwelche Techno-
Stümper haben auf diversen Samplern Depeche Mode verstümmelt und Diesel Christ geben auch
wieder eine erbärmliche Tribute-Mutation wie anno 1993 zum Schlechten. Wenn schon eine
Verneigung vor der innovativsten Band 80er Jahre, dann bitteschön wie auf diesem Album.
Dillentantismus paßt nämlich nicht zu Depeche Mode.

Andreas Ammer / FM Einheit - Crashing Aeroplanes

Eine Auftragsarbeit der European Broadcasting


Union in Produktion des WDR und dem
Deutschlandradio Berlin.

Dieses Hörspiel ist ein Meilenstein deutscher Hörspielkunst und kann eben
deswegen nur von dem wohl mittlerweile renomiertesten Duo dieses künstlerischen Genre´s kommen
- das neue Werk von FM Einheit und Andreas Ammer ist ein Erlebnis.

CRASHING AEROPLANES benutzt unter anderem die letzten Minuten durch den obligatorischen
Voicerecorder aufgezeichneten Gespräche im Cockpit abgestürzter Flugzeuge als dramaturgischen
Pfaden, den die Künstler mit Leichtigkeit aufgreifen und mit gewohnt sicherer Hand zu einem
Kunstwerk verweben.

Am Anfang ist es der Radioreporter, der live von der fehlgeschlagenen Landung des Luftschiffs
Hindenburg in Lakehurst berichtet. Die in Tränen ausbrechende Stimme wird hier beinahe melodisch
benutzt. Es folgt der sachliche, aber aussichtslose Dialog zwischen Tower und dem Cockpit einer
Verkehrsmaschine, die nach Ablauf des 349 Sekunden "Restlebens" der Crew mitten auf ein
Wohnhaus in Amsterdam stürzt. Dann wieder hören wir die letzten Worte aus dem Cockpit der PanAm
103 kurz bevor sie über Lockerbie von der Bombe zerfetzt wird.

Man hört gebannt zu und stellt sich schnell die Frage, um die alles kreist. Dieses Hörspiel ist eine
Provokation. Wenn die deutschen Stimmen, die in einigen Passagen die teilweise unverständlichen
Cockpit Konversationen übersetzen, anmerken, dass man in den wenigen Sekunden "Restleben" noch
den Ausblick auf Amsterdam geniessen könne, dann kann man durchaus die Frage stellen, ob dies
nicht angesichts der Opfer makaber ist. Dies ist in der Tat der erste Eindruck und das ist von den
Künstlern offensichtlich so geplant. Die Künstler bauen aber darauf, dass eben dies nicht gelingt. Der
Schuss soll nach hinten losgehen. Die Zwischensequenzen können noch so sachlich, noch so
melodisch oder noch makaber kommentiert sein - der Kern des Hörspiels verliert dadurch nichts von
seinem Schrecken. Im Gegenteil. Jeder Versuch, solche Tragödien künstlerisch mit allen Mitteln
fassbar zu machen, kann immer nur das Grauen kompensieren. Es ist niemals so, dass die Ästhetik
einer Katastrophe im Widerspruch zu ihrer Grausamkeit steht. Ästehtik wird hier zu einem wertfreien
Mittel, das nicht nur formvollendete Schönheit sondern eben auch gnadenlose Grausamkeit
konserviert. Auf diese Idee aber kommen nur die wenigsten und wenn, dann können es nur die
allerwenigsten umsetzen. Mal wieder ein phantastisches Hörspiel von Ammer/Einheit.

Andreas Ammer/FM Einheit - Radio Inferno

Hörspiel nach Dantes Inferno

Realisation: Andreas Ammer, FM Einheit


Produktion: Bayerischer Rundfunk, Hessischer Rundfunk

Text & Konzept: Andreas Ammer

Literarische Vorlage: "La Divina Commedia" ("Die


göttliche Komödie"), "L´Inferno" ("Inferno") von
Dante Alighieri (1265-1321)

Dante: Blixa Bargeld - Vergil: Phil Minton -


Beatrice: Yvonne Ducksworth - Das Radio: John
Peel.

"So ich zum Schatten von Vergil ... und als er


aufgebrochen, hab´ ich den wilden hohen Gang
begonnen." Infernalisch ist die Reise von Dante und
Vergil mitten durch die Höllenkreise der griechischen
Sagenwelt. Ammer und Einheit schlagen 34 Kapitel
(hier "Canto") auf und konfrontieren uns mit den
ganzen finsteren Gestalten der Hölle - der dreiköpfige Höllenhund Cerberus, der Fährmann Charon,
Geryon, der Drache oder Nimrod, der Gigant dürfen nicht fehlen.

Ammer und Einheit kennen auf ihrer Reise kein Pardon: im vierten Höllenkreis, dort wo auf ewig
Steine aneinandergerollt werden werden natürlich die Stones gecovert, an anderer Stelle ist es ein
brutales, verfremdetes Riff von Slayer, das gesampelt wird oder man bedient sich einer berühmten
Filmszene des legendären Regiesseurs Luis Bunuel ("... eine leichte Wolke zieht am Himmel vorbei.
Das Messe fährt durch das Auge des jungen Mädchens und scheidet es inzwei ..."), um gekonnt
Atmosphäre zu erzeugen. Schön und gut.

Die ganze Geschichte wird im Stile einer Radiosendung erzählt. "Listen. Here we go ... Dante and
Vergil just arrieved at the gate of hell." Wie ein roter Faden ziehen sich chorale, italienische Gesänge
mit den Protagonisten durch die Hölle. Wer kein italienisch kann, hat wirklich ein Problem. Und leider -
eine wirkliche Schwachstelle - das Genuschel von Yvonne Ducksworth ist stellenweise nicht zu
verstehen. Steigt man schliesslich mit Dante wieder der Hölle hinweg, dann stellen wir gemeinsam
fest: der Himmel ist ein Meer von Frequenzen.

Wenn die Hamletmaschine der erste Versuch war, die Dramatik einer grossen literarischen Vorlage zu
vertonen, dann ist "Radio Inferno" hierbei auf dem EGO-Plattenlabel - trotz der erwähnten Kritik - der
erste gelungene Versuch. Blixa Bargeld ist hier wie immer unschlagbar. Fast erinneren die
verschiedenen Tonlagen an das Stück "Sie" von dem Neubauten Album "Tabula Rasa". 50%
Ammer/Einheit und 50% Bargeld - obwohl von dem nicht mehr als die Stimme hier dazugehört. Die
Mischung machts und damit lässt sich sagen: eine interessante Interpretation griechischer Mythologie.

Andreas Meier - Affenschwanz. Trilogie einer virtuellen Firma.

Pako Verlag. ISBN 3-907589-31-9

Es braucht schon eine gewisse Liebe zur experimentellen Seite der


Literatur, um sich mit diesem Buch anzufreunden. Man kann es in einem
Atemzug lesen, dem stakkato-artigen Tempo der Sprache folgen, es
nochmal lesen, diesmal an den Stellen stocken, an denen in kurzen
zusammenfassenden, man mag fast sagen ´Weisheiten´ der Text
literarische Qualität gewinnt und wird feststellen, dass dieses Buch eine
Eigenschaft hat, die wohl ein Teil der Intention des Autors gewesen sein
mag: so schnell wie sich unser Alltag und unser Leben entwickelt, gar so
schnell können wir gar nicht verharren, um die Realität in vollen Zügen in
uns auf zu nehmen. So geschehen irgendwo in diesem Buch, wenn man
statt eine Oper in der Mailänder Scala zu geniessen diese eher für für die gewiefte Ausnutzung von
Geschäftsbeziehungen nutzt. Ja,´ irgendwo´ in diesem Buch, denn die sonst übliche Linearität eines
Buches scheint sich aufzulösen und einer Kurventangente als sporadischem Touch der
Wesentlichkeiten zu weichen. Die Mathematik ist in diesem Buch eine Metapher, ihre Anschaulichkeit
als Geometrie ein idealistischer Schein, nicht mehr und nicht weniger ...

Worum geht es? Andreas Meier versucht in drei Kapiteln den Aufbau einer virtuellen Firma zu
beschreiben, eine Kopfgeburt von arbeitslosen Führungskräften, wohl vertraut mit den Zeichen der
Zeit. Meier, Professor für Wirtschaftsinformatik verfasst diese Ereignisse, die dem atemberaubenden
Tempo unserer Zeit folgen und eine kaum wahrnehmbare Ordnung zu haben scheinen mit Hilfe eines
nicht zu benennenden literarischen Genre´s. Diese Trilogie ist bestenfalls als Collage zu beschreiben,
als kompaktes Abbild einer wirren, fast chaotischen Welt, in die der Mensch, der nichts vom Marketing
versteht, nach Orientierung ringt. Meier liefert diese Orientierung mit Sätzen, die eine eindeutige
Message transportieren. " Die Geschäftswelt richtet sich auf reelles aus, nicht auf virtuelles." oder: so
wie aus der uns vertrauten Post die "Papierpost" wird, so wird aus einer Briefkastenfirma eine E-Mail
Firma, eben eine virtuelle Firma, die längst entstanden und präsent im Internet nach ihrem Standbein
sucht. Dem Autor gelingt damit die zentrale Message dieses Buches: die Virtualität muss in der
Realität verwurzelt sein. Aus "Go west" wird letztlich die Aufforderung "Go!" als Imperativ. Oder: so
starr die virtuelle Welt ist, umso rasender ist die Realität.

Illustriert wird diese Message mit einem ganz besonderen Merkmal. Das Alphabet wird durch 28 bisher
unbekannte Lautzeichen ergänzt, die dem Text eine neue, eindrucksvolle Form verpassen und der
kompakten Sprache und den komprimierten Ereignissen Rechnung trägt. Lesbar ist der Text dennoch.
´Erfinder´ dieser Lautzeichen ist Philipp Stamm, der mit dieser Ergänzung des herkömmlichen
Alphabetes auf Zuspruch aber auch auf Widerspruch gestossen ist. Durchsetzen werden sich diese
Lautzeichen nicht, aber sie finden ihren Platz als Träger einer Botschaft in postmoderner Literatur wie
dieser. Wenn die Literatur eine Möglichkeit hat, in gedruckter Form zu überleben, dann auf diese Art
und Weise.

Und letztlich ist das @ der Affenschwanz nunmal das Symbol unserer Zeit. Und als einer der
Protagonisten kurz vor seinem Abflug in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine Swach-Uhr mit
einem @ als Zeiger geschenkt bekommt, wird klar, wofür der Titel dieses Buches und wofür dieses
Symbol steht. Wie ein jedes Symbol oder jede Zahl , jedes Zeichen ein semiotisches Unikat ist, ist
dieser Affenschwanz der Mittelpunkt einer Welt und das Bindeglied zwischen den Menschen und dem
wichtigsten Werkzeug unserer Zeit - ohne die Information funktioniert diese Gesellschaft nicht.
audiolounge - Akademie der Künste

CD 1: Robert Lippok: "Callanetics", Ammer & Console: "Heimat und Technik" - Das Heidegger
Bootleg
CD 2: Merdzo / Kullukcu: "not a question of balance", Laar/Zeitbloom: "hypersound concrete"

Produktion: BR / HR / WDR und Deutschlandradio Berlin / Intermedium

Dieses Album hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits überzeugt es durch seine Bandbreite
- vier völlig unterschiedliche Künstler und ihre Performance - und doch wäre hier ein bisschen weniger
wohl mehr gewesen. Die Akademie der Künste hatte geladen und vier namhafte Künstler waren dieser
Einladung zu einer Soundperformance im Rahmen des Medienkunstfestivals mit dem Titel
"Audiolounge" gefolgt. Das Ergebnis liegt nun auf diesem Doppelalbum vor.

Den Anfang machte Robert Lippok mit seiner Performance "Callanetics". Sanfte digitale Klänge
versuchen knapp 30 Minuten lang eine Stimmung zu erzeugen. Würde dies gelingen, dann könnte
man diese Stimmung beschreiben. Schon nach kurzer Zeit stellt sich jedoch ein träges, nichtssagendes
Sammelsurium aus Vinyl-Samples ein, die im besten Fall an Philip Jeck erinnern können. Hin und
wieder verstärken trance-artige Klänge dieses Gefühl der Langeweile.

Die zweite Performance hingegen ist der Höhepunkt dieses Albums. Hier werden Bruchstücke eines
Vortrages des Philosophen Martin Heidegger als konzeptionelles Motiv der Performance in die Klänge
eingebunden. Spricht Heidegger die Zuhörer seines Vortrages mit "Liebe Landsleute" an, dann glaubt
man für einen Moment das Anstimmen der Nationalhymne zu hören. Diese Performance ist vielleicht
der einzige Grund der leiernden Stimme dieses umstrittenen Philosophen zu zuhören.

Auf der zweiten CD dieses Albums zeigen Robert Merdzo und Bülent Kullukcu wie technoide Klänge
variiert werden können, ohne in ein peinliches Discotheken Gedudel zu verfallen. Die beiden Künstler
räumen hier mit einem Klischee auf. Absolut überflüssig erscheint mir hingegen die letzte Perfomance
von Kalle Laar und Georg Zeitbloom. Beide versuchen durch Unterlegen einer Melodie einem
künstlichen Frequenzrauschen musikalische oder wenigstens atmosphärische Qualität abzugewinnen.
Das Ergebnis ist leider nur penetranter Krach, mit dem keiner etwas anfangen kann.

Fazit: Hätte man die zwei gelungenen Perfomances dieses Abends auf einem einzelnen Album
zusammengefasst würde das Urteil durchweg positiv ausfallen. Diese rechtfertigen aber allemal den
Kauf dieses Albums.
Bernhard Schlink - Der Vorleser

Vom Juristen zum Literaten ? Bernhard Schlink, Juraprofessor an der


Humboldt Universität in Berlin, zählt seit dem Roman "Der Vorleser"
zu einem der renomiertesten deutschen Autoren. Nicht nur die
scharfe Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit
sondern auch (damit verbunden) die Tatsache, dass er mit diesem
Buch den ersten Platz der Bestsellerliste der New York Times erobert
hat, rechtfertigen allemal eine gebührende Rezension dieses Buches.

Das Buch ist - inhaltlich - in zwei wesentliche Teile aufgeteilt. Zum


einen die Liebesgeschichte eines jungen Mannes, gerademal 15 Jahre
alt, und einer Frau Mitte 30. Diese Liebe beschreibt Schlink detailliert
und reicht dem Leser die Wesenszüge dieser Romance auf dem
semipsychologischen Präsentierteller, mal sehr gekonnt, mal einfältig
und langweilig unerotisch.
Der zweite Teil beschreibt dann das Widersehen dieser beiden
Menschen, Jahre später. Als Jurastudent sieht der Protagonist seine
erste grosse Liebe als Angeklagte in einem Naziprozess Mitte der 60er Jahre wieder. Ganz abgesehen
davon, dass dies historisch in dieser Form jeder Grundlage entbehrt, stellt Schlink den Leser vor einen
ausführlich diskutierten Gewissenskonflikt. Der moralische Zeigefinger klopft am Hinterstübchen des
Lesers an und wirft viele interessante Aspekte der unendlichen Diskussion um die deutsche
Vergangenheit auf. Einmalig genial ist die, man mag fast sagen Pointe der Geschichte - ebensowenig
wie ein Mensch beweisen kann, dass er Analphabet ist, kann ein deutscher Bürger, ein Mitläufer, sein
Nichtwissen des deutschen Tuns während des Dritten Reiches darlegen. Schlink scheint sich gegen
Pauschalierungen zu wenden und trifft doch keine konsequente Entscheidung. Das eigene Zögern des
Autors spiegelt sich im Protagonisten wider. Und am Ende fällt der Tod die Entscheidung.

Damit eröffnet Schlink neue Perspektiven und versagt doch, wenn es darum geht, beide Teile des
Buches miteinander zu verbinden. Was das fehlende Bekenntnis zu seiner Liebe mit den Fragen des
zweiten Teils zu tun haben mag, entzieht sich meiner Phantasie. Und allein dafür, die Bindung
zwischen den beiden Hauptfiguren herzustellen, wirkt die Liebe überflüssig und zu umfangreich
beschrieben. Als Leser ist man überrascht, in welche Richtung Schlink die Gedanken zwingt, nämlich
dahin, wo man sie nicht erwartet und wo man die grösste Schwäche dieses Buches wirklich mit
Dutzenden Seiten getrost "überblättern" kann. Schlink stellt in einigen Kapiteln eine rhetorische Frage
an die nächste. Der Leser muss dies als Belehrung auffassen und sind rhetorische Fragen in einem
Buch nicht das protokollierte Unvermögen des Autors, das wesentliche im Grunde ohne Worte zu
sagen, um es dem Leser in seine eigenen Abstraktionen zu verpflanzen?

Dennoch: ein beachtliches, grosses Buch, jedoch nicht so gross, wie es die Masse von Lesern
suggerieren mag
Das Warheads Oratorium

Texte: Romuald Karmakar / Michael Farin

Music by Laar/Zeitbloom

Stimmen: Manfred Zapatka, Günter Aschenbrenner, Karl Penta


Produktion: Bayerischer Rundfunk / Hörspiel und Medienkunst

(c) 2000, Intermedium records.

Romuald Karmakar scheint ein Faible für extreme Persönlichkeiten


zu haben. Bevor der Regiesseur mit "Der Totmacher" (Hauptrolle:
Götz George) einem grösseren Publikum bekannt geworden ist,
gab es bereits den Film ´Warheads´ (1992), der die Erzählung
zweier Lebenswege beinhaltet. Günter Aschenbrenner und Karl
Penta gehören zur Französischen Fremdenlegion. Ihr Job ist die
Gewalt, das tägliche Aushalten und Erleben von Extremsituationen. Ein ´Warhead´ ist nicht nur die
Spitze eines Raketensprengkopfes, sondern auch das für Aussenstehende unzugängliche Wirrwarr im
Kopf eines Menschen auf diesem Lebensweg eines Legionärs. Bei Intermedium ist nun eine
Hörspielfassung dieses Dokumentarfilms erschienen.

Hören statt Sehen hat manchmal Vorteile. Während die markante Stimme des bekannten
Schauspielers Manfred Zapatka die Erzählungen der beiden Originalstimmen der Protagonisten
auktorial in Szene setzt, werden die von Michael Farin bearbeiteten Texte von technoiden Klängen
begleitet, mal mechanisch und leise im Hintergrund, dann wieder nervös und aufwühlend. Im
Hintergrund Artillerieangriffe. Die kalte Atmosphäre des Hörspiels gibt die kalten gedanklichen
Zusammenhänge der Protagonisten wider. Vielleicht war es die strenge Erziehung, die Tatsache, dass
der Vater in Stalingrad gefallen ist oder es waren viele traumatische Faktoren im Leben eines
Legionärs, der sich vom Söldner dahingehend unterscheidet, dass er mal für die eine, dann wieder für
die andere Seite kämpft. Ein Legionär scheint ein Mensch ohne Überzeugungen und ohne ein
Mindestmass der Fähigkeit, Vertrauen zu fassen, zu sein. Eine kalte Erwartungslosigkeit verschlägt
den Legionär nach Sri Lanka, in den Libanon oder als Versuchskaninchen zu Atombombentests auf das
Murora Atoll. Dieses dokumentarische Hörspiel nimmt den Zuhörer mit auf eine unwirkliche Reise.
´Warheads´ führt den Zuhörer zu Denkansätzen, die bisher unbekannt waren. Dieses Hörspiel ist ein
Einblick in die abstruse Welt fremder Gedanken.
DAVE MATTHEWS BAND - Before These Crowded Streets

Die "Dave Matthews Band" habe ich das erste Mal gehört, als ein Song von Ihnen, nämlich
"Typical Situation", auf der ersten CD der Musik Zeitschrift "Rolling Stone" 1995 erschienen ist.
Seitdem ist dieser Song einer meiner Lieblinge. Damals galt die Band noch als "New Voice" (u.a.
neben Alanis Morisette und Garbage) und hatte noch nicht den durchschlagenden Erfolg. Der kam erst
etwas später, unter anderem mit diesem Album.
Das besondere an dieser Band ist, dass sich sich ein ganz eigenes Genre gönnt. Dazu die Stimme von
Dave Matthews, jemand der - das hört man - für die Musik lebt.

Das Genre der Dave Matthews Band zu beschreiben, ist nicht einfach. Es ist irgend etwas zwischen
Jazz, Blues und Pop. Die Melodie steht im Vordergrund, die zuckersüssen Melodien verlieren sich nicht
in der Trivialität, werden sie doch in beinahe jedem Song schwungvoll untermalt. Diese handgemachte
Musik lebt von der Vielfalt verschiedener Instrumente und Einflüsse. Das Piano, die Accoustic-Gitarre,
Kontrabass oder Oboe - diese Vielfalt passt dann auch zum multikulturellen Touch der Band. Das ist
etwas, was Dave Matthews selbst auch immer wieder betont.

In den USA ist die Dave Matthews Band eine der Top Bands - hierzulande gelten die fünf immer noch
als Insider Tip. "Before These Crowded Streets" ist die Visitenkarte dieser Band.
David Bowie - 1st Outside

Das Multitalent David Bowie und sein beeindruckendes Spätwerk.


Nach "Ziggy Stardust" ist dieses Album das zweite Konzeptalbum
Bowies. Diesmal werden die "Nathan Adler Diaries" erzählt. Aus dem
Tagebuch eines Massenmörders greift die künstlerische Hand Bowies
und zieht den Zuhörer in eine düstere, für Bowie ungewöhnlich
elektronische, Welt, die sich erst nach etlichen Versuchen des
richtigen Hinhörens einem jeden Geniesser offenbart. "Hello
Spaceboy" ist eine höchtmoderne und niveauvolle Technohomage,
"The Hearts Filthy Lesson" ist Bowie in Perfektion und die vielen,
zum größten Teil von Bowie selbst gesprochenen hörspielartigen
Einschübe bilden den roten Faden. Bowie will diesem Konzeptalbum
irgendwann einen Nachfolger anschließen. Doch nichts genaues weiß
man nicht. Diese CD gibt es in drei verschiedenen Fassungen,
nämlich einer limitierten Auflage im Schuber, einer normalen Version und der hier vorliegenden
Version 2, mit der außerhalb des Konzeptes erschienenen Single "Strangers When We Meet" und
einem Remix von "Hello Spaceboy" mit den Pet Shop Boys. Das Cover zeigt übrigens ein Selbstporträt
von Bowie, der mittlerweile als Maler ebenso erfolgreich ist, wie als Musiker.
Deine Lakaien - White Lies

"White Lies" ist die englische Bezeichnung für Notlügen. Wir erfahren hier aber nicht, warum die
Vorzeigeband des Dark Wave hier ein weisses Plattencover verwendet und zumindest farblich
der Vergangenheit den Rücken zukehrt. Dark Wave ist heute Mainstream, deswegen vielleicht auch
der Barcode im Auge des Kaninchens auf dem Cover, aber so richtig hat sich eigentlich nichts
verändert.

Nicht nur der Teufel, auch das Essentielle, steckt manchmal im Detail. Vielleicht lebt "White Lies" noch
mehr von der Stimme des Sängers und Texters Alexander Veljanov als die Alben zuvor. Vielleicht ist
die Band noch abgebrühter als sonst und kann es sich leisten, weniger die kommerzielle Richtung
einzuschlagen - danach sah es kurzzeitig aus, als eine Singel-Auskopplung des Vorgänger
"Kasmodiah" plötzlich in den Charts auftauchte - im Gegenteil: der Song "Stupid" verarscht das
kommerzielle Gehabe gehörig und macht es mit musikalischen Argumenten zu Beiwerk, das nichts mit
Kreativität zu tun hat. Aber genug der Ideale. Kein Künstler macht eine Platte des Spasses wegen,
aber Ernst Horn und Alexander Veljanov haben sich Ihre Brötchen verdient.

Stark ist hier die erste Single "Generators" die leider in der LP Version etwas abweicht. Auf der Maxi
gibt es eine "Disco-Version", die der Version des Videos entspricht. Höhepunkt ist das treibend
melodische "Hands White" - Open Arms, Open Minds: wer das Zuhören lernen möchte, dem können
Deine Lakaien helfen, wer es schon kann, der kennt nicht nur "White Lies". Deine Lakaien gehören zu
den wenigen bedeutenden deutschen Bands.
Einstürzende Neubauten - Strategien Gegen Architektur III

Böse Zungen könnten bei so einem Album von Resteverwertung sprechen. Da es sich hierbei
aber um die "Einstürzenden Neubauten" handelt, der beständigsten deutschen Band, mit
höchstem Ansehen im In- und Ausland, disqualifiziert sich diese Annahme von selbst. "Strategien
gegen Architektur" ist ein Doppelalbum, das nahezu die gesamte zweite Dekade der Band beleuchtet
und intensiviert. Beide CD's bieten dabei nicht einfach einen "Best-Of" Querschnitt, im Gegenteil - die
wenigsten Stücke sind bereits auf regulären Alben erschienen und wenn doch, dann nicht in dieser
Version. Hinzu kommen die zahlreichen Nebenprojekte aus der Theater- und Filmarbeit der "ganzen"
Neubauten oder einzelner Personen des Line-Ups, dassich gerade in diesem letzten Jahrzehnt sehr
verändert hat.

Die Neubauten machen auf diesem dritten Teil Ihrer Werkschau das Beste aus dem Material von
1991-2001. In dieser Zeit sind nur drei reguläre Werke der Neubauten erschienen. Das
überraschende, aber wenig innovative letzte Album "Silence Is Sexy" steht dabei etwas im
Hintergrund. Der Schwerpunkt liegt auf dem Beginn der 90er Jahre, als mit "Tabula Rasa" erstmal
reiner Tisch gemacht und dem monumentalen Werk "Haus der Lüge" ein mehr als würdiger
Nachfolger produziert wurde. "Zentrifuge" oder "Three Thoughts" sind bisher unveröffentlichte Tracks,
die sich diverser Klangstrukturen von "Tabula Rasa" bedienen. Mit dabei die Ballet Version von
"Wüste", das Original von "Blume" und natürlich "Die Interimsliebenden". Ausserdem stammen die
Perlen dieser Compilation aus dieser Zeit: "Salamandrina" und "Open Fire", letzterer ein treibender,
monotoner Industrialtrack, aus dem DJ's oder Producer massenweise kreative Sample-Anleihen
entnehmen könnten.

Das Lebenszeichen "Ende Neu" von 1995 wird ebenfalls ausführlich reflektiert. Eine geniale Live-
Version vom Titelsong des Albums, ein Extended Remix
von "Was ist ist" - der Track hätte vielleicht nicht unbedingt ausgebaut werden müssen - und das
zauberhafte "The Garden". Abgerundet wird die Compilation mit bisher unveröffentlichtem Material
wie "Helium" oder dem besten Track des Albums: "Für wen sind die Blumen?".

Ein Best-Of Album das mehr Substanz hat als jedes Album der letzten zehn Jahre für sich selbst
genommen - wer die Musik der Neubauten mal kennenlernen möchte sollte zugreifen. Fans können
auf dieses Album keinesfalls verzichten.
Element Of Crime - Die Schönen Rosen

Der Hinterhof einer Grossstadt, abends auf dem Balkon eines Altbaus, die Farbe
des Putzes am Haus blättert ab, Katzen schreien im spärlichen Grün dieses
Ambientes und die Luft verbindet einen feuchten, frischen Geruch mit dem
entfernten Rauch einer Zigarette oder einer Zigarre. Es ist abends, es wird
allmählich dunkel, man sitzt dort, schaut in diesen Mittelpunkt der Welt und hört
die Musik, die diese Atmosphäre wie keine andere beschreibt. Element Of Crime
sind seit "Weisses Papier" und "Damals hinterm Mond" die Band mit
unübertroffenem Facettenreichtum deutschsprachiger Poetik. Verantwortlich dafür ist Sänger,
Posaunist und Texter der Band, Sven Regener. Dieser hat vor kurzem mit seinem Romandebut "Herr
Lehmann" die Literaturkritiker entzückt.

Wunderbar vetonte Lyrik, jedesmal wieder, wenn diese CD eingelegt wird, ein Erlebnis von neuem.
"Wenn der Morgen graut" handelt von der Heimfahrt einer vielleicht durchtanzten, vielleicht auch nur
durchdachten Nacht, sitzend und wartend auf die erste Strassenbahn. Dann wieder ist es ein
unbeholfener Liebhaber beim ersten Rendevouz, sie, mindestens ebenso unbeholfen, versteht wohl,
dass die Belanglosigkeit der Gesprächsthemen dieses Rendevouz das Besondere ist und ... "Du kramst
nach Gläsern, im Bücherregal." Herrlich einfach, verständlich und verzaubernd. "Zum Abendbrot"
lässt, ohne das es der Text auch nur annähernd erwähnt, wohl nebenbei einen Nachrichtensprecher
an den Tisch einer Wohnküche. Eben beim Abendbrot. Vergessen ist da der expressionistische
Überflug des Openers "Nur so" ... . "Ich schreibe Deinen Namen auf Papier und falte mir daraus einen
schönen Hut. Der wird so gross, dass er mich zu beschützen droht ... Nur so". Diese und alle anderen
Alben der Elements: grandios.
Günter Grass - Im Krebsgang

Mit diesem Buch hat der deutsche Literaturnobelpreisträger die Kritiker


überrascht. Aus sämtlichen Rezensionen erklingt ein Kanon der
Zufriedenheit und selbst ein Reich-Ranicki soll vor Rührung und
Entzückung bei der Lektüre geweint haben. Grass macht sich in dieser
Novelle an das Thema "Deutsche Vergangenheit" und gesteht sich selber
ein, dass er und andere deutsche Schriftsteller die
Vergangenheitsbewältigung dem braunen Mob längst hätten entreissen
müssen.

Grass gilt ja als "linker" Schriftsteller. Das bezieht sich in erster Linie für sein vehementes Engagment
zu Zeiten eines Willy Brandts und zu Zeiten eines Gerhard Schröders. Doch Grass zeigt sich auch als
einer der schärfsten Kritiker der Sozialdemokraten, weswegen er nicht selten von
den hohen Herren der Politik gemieden wird. Ein linker Schriftsteller, ein Moralist,
also geübt im Erheben des Zeigefingers, wagt sich an die deutsche
Vergangenheitsbewältigung und greift sich nicht etwa den Holocaust oder die
deutschen Kriegsverbrechen heraus, sondern ein lange totgeschwiegenes Thema,
ein Verbrechen, das in der Endphase des 2. Weltkrieges an Deutschen begangen
wurde.

Grass nähert sich im Krebsgang einem verteufelten Datum der Deutschen


Geschichte, dem 30. Januar, was nicht nur das Datum der Machtergreifung Hitlers,
sondern auch das Datum eines der schlimmsten "Kriegsverbrechen" in die
Geschichte eingangen ist. Vermutlich weit mehr als 10.000 ostpreussische
Flüchtlinge sterben bei der Torpedierung des deutschen Luxus-Schiffes "Wilhelm Gustloff" durch ein
russisches U-Boot an jenem besagten Datm im Jahre 1945.

Grass verknüpft dieses Datum mit dem Geburtstag des Ich-Erzählers, Paul Pokriefke, ein verkappter
68er, mittelmässiger Journalist und Kettenraucher. Seine Mutter, hochschwanger, ist eine der wenigen
Überlebenden der Katastrophe und schenkt dem Protagonisten auf dem sinkenden Schiff das Leben.

Dieser Protagonist, der als junger Mann in den Westen flüchtet und über Umwege immer wieder die
Forderungen seiner Mutter zu hören bekommt, er solle die Vergangenheit verarbeiten, darüber
schreiben, der Welt berichten, was damals für ein Verbrechen begangen wurde, weiss nicht so richtig
sein Schicksal einzuordnen. Er beginnt seine journalistische Laufbahn bei der Springer Presse und
wechselt dann - immer "politisch korrekt" - die Seiten. Artikel für die "taz" zu schreiben ist nur ein
Indiz für den labilen, nicht gefestigten Charakter des "vaterlosen" Protagonisten. Bei seinen
Recherchen im Internet bezüglich der "Wilhelm Gustloff", zu denen er sich dann aufrafft, stösst er auf
eine Seite eines Menschen, der akribisch dieses Verbrechen an den Deutschen seziert ohne dabei
seine Ewig-Gestrige Haltung zu verleugnen. Er bemerkt nach kurzer Zeit, dass es sich bei dem Macher
dieser Seite um seinen eigenen Sohn handelt, den er mit seiner Ex-Frau hat gehen lassen und für
dessen Schicksal er sich nie so recht hat interessieren wollen. Ganz im Gegensatz zu seiner Mutter,
der Oma des Jungen, die in ihrem Leben durch nichts so sehr geprägt ist, wie durch diese
Katastrophe. Sie erwartet vom Enkel das, worin in ihr eigener Sohn versagt hat: eine Aufarbeitung der
Vergangenheit. Sie hat dem Jungen den Computer geschenkt, über den er sich in virtuelle Welten
flüchtet und leider auch eine Pistole, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt ...

Grass überrascht mit einem völlig wertneutralen Buch. Die wunderbar recherchierten Details über den
Namensgeber des Schiffes, einem jüdischen Attentäter und der gescheiterten Existenz des U-
Bootkapitäns, der für die Versenkung des Schiffes verantwortlich ist, verbindet Grass zu einem
gekonnten biographischen Knoten, der sich in der eigentlichen Hauptperson des Buches, der Mutter,
bündelt. Grass überrascht ferner als Schriftsteller der älteren Generation mit korrektem Detailreichtum
bezüglich der neuen Medien (seine Novelle lebt vom Informationssumpf des Internets) und zieht sich
mit dem lethargischen Blickwinkel seines Ich-Erzählers in eine wirklich neutrale Ecke zurück. Das
Mittel ist hier nicht nur Zweck - es offenbart auch den einzigen Vorwurf, den der Umgang der
Vergangenheit zulässt, nämlich diese Lethargie selbst. Grass nimmt sich von dieser Kritik nicht aus
und bringt sich selbst, als grosser Schriftsteller, der oft genug über die Region, in der die Novelle
handelt, geschrieben hat, mit in die Kritik ein. Das geschieht am Anfang des 4. Kapitels und stoppt für
einen kurzen Moment, den dichten, mitreissenden Erzählstrang. Grass schafft damit nicht nur eine
überzeugende Auseinandersetzung mit dem Thema, er sprengt auch zum ersten Mal die überholten
Denkschemata von der Einteilung in rechtem und linkem Gedankengut. Das zeigt sich in der Mutter,
die das Verbrechen an den Deutschen hautnah miterlebt hat, in der DDR ihr zweites Leben beginnt
und weint, als sie vom Tod Stalins, demjenigen, der für das Verbrechen verantwortlich ist, hört. Das
zeigt sich aber auch in der Tatsache, dass sich ausgerechnet Grass mit diesem Thema
auseinandersetzt und ein grosses, moralisches und dennoch wertneutrales Buch geschrieben hat.

Rezension bei Spiegel Online


Günter Grass - Mein Jahrhundert

Günter Grass kann schreiben was er will - die führenden deutschen Literaturkritiker haben kaum ein
positives Wort für ihn übrig. "Kalendergeschichtchen" oder "Papierverschwendung" sind nur zwei der
Prädikate für sein jüngstes Werk.

Als vor vier Jahren die literarische Öffentlichkeit DEN Roman zur deutschen Einheit gefordert hat, da
war Grass der einzige, der sich brauchbar an dieses Projekt gewagt hat. Und auch heute haben die
Deutschen nur einen einzigen Dichter, der das Jahrhundert literarisch aufgearbeitet hat. Das ist
eigentlich sehr bedauerlich, gilt Deutschland doch als das Land der Dichter und Denker, das gerade in
diesem Jahrhundert eine Menge aufzuarbeiten hätte.

100 Geschichten, zu jedem Jahr eine, reiht Grass in dieser Sammlung aneinander. Bis auf wenige
Ausnahmen schlüpft Grass jedes Mal in interessante Rollen und reflektiert das jeweilige Jahr. Auffällig
ist dabei die überaschende Originalität und die genaue Beobachtungsgabe des Autors. Ob nun
Günther Guilleaume, einst Spion im Kanzleramt, 1974 bei der Fussball WM den Sieg der DDR über die
BRD-Elf im Gefängnis sieht oder wenn ein alter Herr 1985 fast minutiös die Begebenheiten der
"Lindenstrasse" resoniert - Grass hat sich da etwas einfallen lassen. Und der Vorwurf, die Geschichten
seien für die Ideen viel zu kurz (kaum eine Geschichte ist länger als drei Seiten), spricht eigentlich für
das Buch. Sicher hätten sich Jünger und Remarque noch mehr zu sagen gehabt und allein aus dieser
Idee hätte man einen ganzen Roman verfassen können, aber Grass ist ein präziser und keinesfalls
geschwätziger Autor.

Letztlich bleibt die Frage, ob dieses Buch das Vermächtnis des Autors ist oder ob in absehbarer Zeit
der ersehnte autobiographische Roman doch noch geschrieben wird. Abwarten, Tee trinken und "Mein
Jahrhundert" lesen ...
Intermedium 2 - on/off (2 CD)

Künstler:
01001011101011101.org vs. negativland
thomas meinecke / michaela melian / move d
tone avenstroup / robert lippok
ottmar hörl / rainer römer / dietmar wiesner
zeitbloom
kalle laar

Der bayerische Rundfunk, Abteilung Hörspiel und Medienkunst, hatte im März diesen Jahres nach
Karlsruhe geladen. Intermedium 2 hiess das Festival der Medien und Hörspielkunst, bei dem erstmalig
auch ein mit 12.000 € dotierter Preis vergeben wurde. Das Ergebnis liegt nun - wie auch bereits bei
der ersten Performance von INTERMEDIUM 1999, damals in der Berliner Akademie der Künste - in
einer Doppel CD vor. Die zwei preisgekrönten Stücke "Staubmarsch" und "A Sophisticated Soiree"
finden sich natürlich auch auf dieser CD.

Sechs Tracks, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, versammeln sich auf diesem Tonträger und
fordern vom Zuhörer Phantasie, Geduld und Bereitschaft in der experimentellen Form des Hörspiels
seine wichtigsten Eigenschaften zu "erhören" - aus Klangwelten wurden auch diesmal
Phantasiewelten.

Drei dieser sechs Tracks möchte ich in dieser Rezension hervorheben, da sie wirklich herausragen.
"Marbel und Matrikel" von Tone Avenstroup und Robert Lippok ist sowas wie "Pünktchen und Anton"
auf Ecstasy oder "Tommy und Annika" auf der Suche nach Pipi... . Eine Operation zur Erlangung der
ewigen Jugend scheitert. Die zwei Opfer werden wieder zu Kindern und haben jegliche Erfahrung und
Können verloren, wohl aber schlingern sie an ihren nun attributslosen Erinnerungen entlang. Da
wirken die ständigen Perspektivwechsel mal monoton, mal bezuglos. Und wer genau hinhört, der hört
aktuelle Popmusik in kurzen Endlossschleifen. Nett gemacht, zu keiner Zeit langweilig.

Ebenfalls hervorzuheben sind zwei der Performances auf der zweiten CD. Preisgekrönt wurde der
40minütige "Staubmarsch" von Ottmar Hörl, Rainer Römer und Dietmar Wiesner. "Staub zu Staub" -
neben der düsteren Bedeutung des Staubes kommen auch die alltäglichen Bedeutungen des Staubes
nicht zu kurz. Interessant gemacht. Ebenfalls herausragend ist das letzte Stück dieses Samplers, "Me,
Myself & I" von Kalle Laar. Die beeindruckende Phantasiereise bringt den Zuhörer langsam an
verschiedene Orte und scheint doch um ein Zentrum zu kreisen, das sich in immer wieder kehrenden
Loops erschliesst.

Kritisch anzumerken ist, dass sich der Hörer mit der CD allein und verlassen fühlt. Die spärlichen
Informationen über Sinn und Intention der einzelnen Stücke im Booklet, lassen den Zuhörer mit
seinen einfachen Eindrücken zurück, die ein Erschliessen der Stücke nicht immer möglich macht. Und
eine hintergründige Internetseite wie Tone Avenstroup und Robert Lippok zu "Marbel und Martrikel"
haben leider die wenigstens Künstler dieses Samplers. Diese Kritik richtet sich mehr an die Macher der
CD als an die Künstler selbst. Und für Freunde experimenteller Hörkunst ist dieser Sampler in jedem
Fall ein Muss.
Judith Hermann - Sommerhaus, später

Grausam. Viele Kritiker üben schärfste, ja geradezu vernichtende Kritik


an den Erzählungen junger deutscher Autoren und Autorinnen. Kein
gesellschaftlicher Zündstoff, nichts weltbewegendes, keine
unverkennbare Sprache, einfach nichts, was wirklich lesenswert wäre.
Leider Gottes sind die Geschichten dieser gefeierten Autorin, die nach
meiner Auffassung nur durch entsprechendes Vitamin B an diese
Veröffentlichung gekommen ist, so entsetzlich, dass dieses Buch Wasser
auf die Mühlen jener Kritiker ist. Aber in Zeiten, wo pubertierende
Teenies schon als Literaten gefeiert werden, wundert ja gar nichts mehr
...

Gäbe es ein Drehbuch zu "Big Brother" - Judith Hermann hätte es


mühelos schreiben können. Die einzige brauchbare Geschichte in diesem
Buch - ihr Verlag hat diesen Auszug aus dem Hörbuch als CD in
limitierter Auflage an Interessenten kostenlos verschickt - heisst "Sonja"
und hat als einzige Qualität die Darstellung der ziellosen perspektivischen Ausrichtung der Single-
Generation. Man ist sich nahe und doch so fern. Man hat die Nähe zum Menschen verlernt. Das hat
Hermann verstanden. Mehr aber auch nicht. Ihre leiernde Sprache entspricht Ihrer monotonen,
flachen Stimme. - Ach Gottchen ja, Freiheit tun und lassen zu können was man will. Ich habe ein
echtes Problem damit. - Allein in "Sonja" werden zwei Dutzend Zigaretten geraucht. Da also sitzt die
Autorin an ihrem Berliner Ikea-Schreibtisch, zieht sich eine CD von Opa Tom Waits rein und
dokumentiert ihre Nikotinsucht. Dazwischen ein paar belanglose Sätze, die eine Handlung ergeben
sollen.

Im Grunde ist das Problem ganz einfach: die Belanglosigkeit einer freien Gesellschaft produziert
belanglose Kunst. Da kann man es im Grunde dieser Autorin nicht übelnehmen, dass ihre Geschichten
so schlecht sind. Nur man muss sie nicht veröffentlichen und schon gar nicht vertonen. Ich möchte
nur ganz gerne wissen, wie so ein Buch auf die Liste der zu besprechenden Bücher des literarischen
Quartetts kommt.
Peter Gabriel - UP

Der Meister ist wieder da. Wieder sind seit dem letzten regulären
Album von Peter Gabriel ("US") knapp zehn Jahre ins Land gezogen.
Das neue Album ist bereits seit Jahren angekündigt und nun ist es
wirklich da. Gabriel, mittlerweile haarlos und der Bart in Ehren ergraut,
will es noch mal wissen. Sicher, es gibt Musiker, bei denen man, wenn
man die als grösste Songwriter aller Zeiten bezeichnen würde, dann
ein flaues Gefühl in der Magengegend bekommt. Bei Gabriel ist der
Gebrauch dieses Superlativs zwar auch überzogen, aber so ganz ist die
Genialität vom Genesis Gründer und Godfather aller künstlerischen
MTV Videos nicht von der Hand zu weisen. UP ist mal wieder ein Beweis dafür.

Zuerst kommt bei dem Opener "Darkness" nur ein tröpfelndes Geräusch aus den Boxen - vielleicht
sind es die Tropfen auf dem CD-Cover, die vertont wurden. Aber man sollte nicht lauter aufdrehen,
denn nach wenigen Sekunden erhebt sich ein Klangmonster, dass sich in den ersten sechs Minuten
nur für einen zuckersüssen Refrain verzieht. Eine Phantasiereise nimmt so ihren grandiosen Anfang
und bleibt 10 Songs auf gleichbleibend hohem Niveau. Gabriel, obwohl ganz der Alte, eröffnet wieder
neue Perspektiven durch seinen Perfektionismus. Ein Höhepunkt ist das phantastische "I Grieve" oder
die erste Single "The Barry Williams Show", eine Parodie auf den amerikanischen Talkshow-
Exhibitionismus von dem auch die deutsche Kultur ein Liedchen trällern könnte. Orchestrale
Klangteppiche als Hintergrund, deren Komposition allein schon viele zeitgenössische Musiker
überfordern dürfte, tolle Texte, Gabriels markante Stimme und das Artwork der CD machen diese
Musik zu einem Meisterwerk der besonderen Art. Hoffentlich müssen wir jetzt nicht wieder 10 Jahre
auf eine Fortsetzung warten, die dann nach "SO" (1984),"US" (1992),"UP" (2002) vielleicht "NO"
heisst. Nein, solange müssen wir Fans wirklich nicht warten, zumal Gabriel dann bereits Mitte 60 wäre
und Gabriels alter Mitstreiter Phil Collins seine 10 Variation eines Best-Of Albums seiner wirklich
allergrössten Hits veröffentlicht hat ...
Philip Jeck - Vinyl Coda I-III

Vinyl Performance, 2 CD´s

Produziert von Intermedium, Bayerischer Rundfunk


Vinyl Coda 1 vom 17.02.1999 (BR, Studio Performance),
Vinyl Coda 2 vom 19.02.1999 (BR, Studio Performance),
Vinyl Coda 3 vom 19.11.1999 (Live, Akademie der Künste).

Es gehört wohl ein gewisses Mass an Idealismus zu dem


Vorhaben, ausgediente Filmprojektoren, alte Vinylplatten
und 180 Kofferplattenspieler aufzubauen und eine
Performance zu kreieren, in der digitale Techniken und
Klangbilder keine Bedeutung haben. Der in Liverpool lebende Soundperformer Philip Jeck ist so ein
Idealist. Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet Jeck mit diesem im Zeitalter der CD und der DVD
nostalgischen Material und schafft Klänge die nun, auf CD gebannt, wie Klänge aus einer anderen
Sphäre, aus einer anderen Zeit klingen. Vorläufiger Höhepunkt dieses Unterfangens war "A Vinyl
Requiem" von 1993.

Jeck kommt den Vinylfetischisten entgegen, jenen Liebhabern, die glauben, dass sich eine Platte bei
jedem Abspielen anders anhört, das das ´Knacken´ des Analogen zum akkustischen Genuss gehört
und die akkustischen, angeblich fühlbaren Schwingungen von einem Laser gar nicht erzeugt werden
können.

Tatsache ist, dass Jeck mit seinen Vinyl-Coda Performances einen Variantenreichtum schafft, der den
Zuhörer immer wieder auf´s neue überrascht. So entwickelt sich eine schier endlose Schleife langsam
und allmählich zu einem beiläufigen Klangteppich, um in einer weiteren Schleife zu münden. So wie
die Performance anfängt hört sie aber nicht auf - sie ist auf Endlosigkeit, auf

Vinyl Coda besteht aus zwei CD´s. Vinyl Coda 2 ist dabei alleine über eine Stunde lang. Geeignet ist
diese Kunst für träumerische Ausflüge, niveauvolle Untermalung eines Abends oder für bereits
erwähnte Liebhaber der zufällig (auch) einen CD-Spieler besitzt und schon immer mal hören wollte,
wie ein Gleichgesinnter die gemeinsame Leidenschaft zu Kunst stilisiert.
Recoil - Bloodline

Als Alan Wilder alias Recoil 1983 als Ersatz für das Gründungsmitglied Vince Clarke zu
Depeche Mode kam, ahnte noch niemand, wie sehr er diese Band beinflussen würde.
Alan Wilder ist ein Soundtüftler, der wie kaum ein anderer Mitte der 80er Jahre die
Synthesizer beherrschte. Synthetisch sind auch die Soloprojekte von Wilder, die er
bereits zu Depeche Mode Zeiten unter dem Pseudonym RECOIL veröffentlichte.
BLOODLINE ist das dritte Werk von Wilder und das letzte als Depeche Mode Mitglied.

Haben Kritiker die ersten beiden Werke zurecht noch als Resteverwertung bezeichnet, so zeigt
BLOODLINE zu ersten Mal Konzept. Sicher, die Alben von Recoil sind keine Kassenschlager, aber sie
sind eine Offenbarung. Man hört den nicht unbeträchtlichen Anteil Wilders an der Musik von Depeche
Mode heraus.

Wilder bedient sich bei Bloodline der Hilfe von MOBY und von DOUGLAS MC CARTHY, Sänger von
Nitzer Ebb. Als Opener wählt Wilder keine eigene Komposition, sondern die Coverversion des Alex
Harvey Klassikers "Faith Healer" - mit diesem Opener erreicht die Platte ihren frühen Höhepunkt, alles
weitere ist was für Fans elektronischer Musik, die keine Hits erwarten. Wilder ist daher auch sehr
konsequent. Er maltretiert den Hörer nicht mit unendlichen Experimenten, sondern macht nach sieben
Tracks bereits Schluss. Damit wird das Album nicht nur aufgrund seiner offenbarenden Qualitäten,
sondern auch wegen seiner Eingänglichkeit zum Klassiker. Ein Muss für alle Depeche Mode Fans und
eine Offenbarung für alle, die die Essenz synthetischer Musik ergründen wollen. Wilder ist zwar kein
Pionier, aber einer ihrer kreativen Köpfe, von denen es auf der ganzen Welt nur eine handvoll gibt.
Sabine Rieger – Chatlove

Glaré Verlag, ISBN 3-930761-16-5

Lea brütet in einer italienischen Kleinstadt über Ihrer Doktorarbeit. Gerade hat
sie sich einen neuen PC angeschafft und wird von einer Freundin in die
Geheimnisse des Internets eingeweiht. Bald ertappt sie sich dabei, wie dieses
Medium einen grossen Teil Ihrer Zeit, Ihrer Energie und ... Ihrer Gefühle
einnimmt.

Ist die Zeit reif für einen "Internetroman"? Ein Thema taugt dann für eine
literarische Umsetzung, wenn es genug Menschen gibt, die sich mit dieser
Materie auseinandersetzen können.
Damit sind wir sogleich bei einer der Stärken dieses Buches. Chatter und Nicht-
Chatter, Menschen, die sich mit dem Internet bereits auskennen und auch solche, die die Faszination
dieses neuen Mediums nur bedingt nachvollziehen können, werden sich durch dieses Buch bestens
unterhalten fühlen. Und doch werden sich die Leser dieses Buches in zwei Gruppen einteilen lassen,
nämlich in die, die kopfschüttelnd vor der Naivität des chattenden Menschen kapitulieren und solchen,
die nicht glauben, dass sich hinter der Oberflächlichkeit des Chattens etwas tiefergehendes verbergen
kann.

Zur ersten Gruppe gehören die, die durch dieses Buch das erste Mal mit dem Thema Internet
konfrontiert werden und vor allen Dingen diejenigen, die die beschriebenen Situationen bereits
kennen und denen die beschriebenen Verhaltensweisen und die Steigerung in etwas, dessen
illusionäre Kraft nur noch von der realen Erscheinung eines Menschen übertroffen werden kann, sehr
bekannt vorkommen dürfte. ´oh, ja, genauso ging es mir, als ich zum ersten Mal gechattet habe.´ Da
beschreibt die Autorin in gutes Stück der Reflexion auf das ausserchatliche Leben des Internetflirters.
Den Geist beschäftigt eine Illusion von einer unbekannten Person oder man ärgert sich über dieses
Medium als Ventil für Komplexe (´KLEINER PRINZ: Lea, wieviele Finger gehen in Dein Loch?´).
Beim Chatten liegen Primitivität und Transparenz der hinter Pseudonymen verborgenen Charaktere
dicht beieinander - eine Eigenschaft, die die Autorin geschickt auszunutzen versteht. Und geschickt ist
auch die Ausweitung des Themas zu einem spannenden Krimi.

Dieser Roman leistet Pionierarbeit. Nicht mehr ganz so naiv, wie experimentelle Literatur, deren Faxe,
Chatprotokolle und E-Mails nur bei höchster Konzentration während des Lesens mit einem roten Faden
aneinander gebunden werden, ist dieser Roman fernab von jeder Beurteilung seiner literarischen
Qualität Unterhaltungsliteratur, wie sie auch bei grösseren Verlagen zu finden sein dürfte.

Da ist es vermutlich Absicht, dass die Virtualität und die Naivität der Sprache (die Autorin nutzt für die
Chats ausschliesslich die Kleinschreibung und die Ihr offensichtlich sehr bekannten Ausdrucksweisen
der Chatteilnehmer) sich oftmals auch auf die Passagen ausdehnt, die vielleicht noch ein paar Worte
mehr verdient hätten. Aber wer weiss? Laufen die Usertreffen nicht auch alle über die
Chatpseudonyme und trotzdem sind es die Düfte am Morgen, die die Wirklichkeit ausschmücken?
Lesen wir Trivialität und Transparenz im Chat nahe beieinander, so lässt sich die Naivität
gleichermassen allen Lebenssituationen zuordnen. An manchen Stellen ist eine Abgrenzung eben nicht
möglich.

Und - ganz nebenbei liefert der Roman zahlreiche Details der italienischen Kultur (schliesslich ist die
Protagonistin promovierende Etruskologin) und wer schon immer mal wissen wollte, wie "Gefüllte
Calamaris" zubereitet werden, finden hier endlich das Rezept.

Dieser Roman ist ein Muss für alle Chatter und Chatterinnen, Freunde von spannenden
Liebesgeschichten; Unterhaltungsliteratur, die vielleicht in naher Zukunft wegen Ihrem dann
nostalgischen Touch auch noch in andere Genre´s passen wird, nämlich dann, wenn man die ersten
menschlichen Beziehungen über ein epochemachendes Medium zu ergründen versucht.
Samuel Beckett - Spoken Word, Moving
Images

Idee & Konzept: Klaus Buhlert, Gaby Hartel


Produktion: Bayerischer Rundfunk, Hörspiel & Medienkunst,
Intermedium Records, ORF, Deutschlandradio, Kunsthalle
Wien, ZKM Karlsruhe.
Regie: Klaus Buhlert

Stimmen: Raymond Federman, Barry McCovern, Natasha


Perry, u.a.

Ich muss zugeben: die Literatur von Samuel Beckett ist


Neuland für mich, auch wenn der Name vertraut ist. Beckett,
1969 bekam er den Literaturnobelpreis, ist eben in erster
Linie für seine Nähe zu James Joyce und zum französischen Existentialismus bekannt. Diese hier
vorgestellte Performance mit dem Titel "the whole thing´s coming out of the dark" ist ein
interessanter Zugang für diese Literatur.

Von mehreren verschiedenen Stimmen werden hier die ´Moving Images´ vorgetragen. "rule -
company - molloy" sind die dialektischen Eckpfeiler dieser von Klaus Buhlert und Gaby Hartel
zusammengestellen CD und greifen auf die Textvorlage gleichnamiger Werke Becketts zurück. Dabei
geschieht zunächst - jenseits der Formeln, die wir in den Literaturlexika finden und die Beckett immer
mit dem Begriff "Absurdität" in Verbindung bringen - schon mit den ersten Minuten die Einteilung von
Betrachtung, Betrachter und dem Faktum, um das es geht. Letzteres ist hier nicht, wie man
literaturhistorisch im allgemeinen Beckett zuordnen würden, die menschliche Existenz (dieser Begriff
ist für diese beweglichen Bilder viel zu abstrakt), sondern es ist die Triebfeder der Kreativität oder das
Kultur erzeugende Moment des menschlichen Sozialverhaltens.

Mal ist es der Mond, der sich durch das Fensterkreuz bewegt und einen Schatten wirft, dessen Frage
nach der Ursache für seine Bewegung den Gedanken vom Objekt löst oder: "Ich sage, ich sehe mich
im Spiegel und während ich sage ICH sehe mich im Spiegel meine ich ihn, den ich sehe.". Und so wird
diese nicht greifbare Diskrepanz hörbar: Der Instrumentalist auf dieser CD (Uwe Dierksen) bekommt
seine Komposition aus einem bekannten Roman Becketts ("Molloy", 1951), in dem der Autor seinen
Protagonisten in drei Varianten das Lutschen von 16 Kieselsteinen lehrt. Aus diesem "grotesken" Bild
leiten sich die drei ´rules´ ab und geben den blick frei auf die entscheidende Frage, die sich wohl ein
Beckett-Rezensent zu stellen hat: was unterscheidet den nach diktierten Regeln handelnden Menschen
vom frei schaffenden Menschen, was unterscheidet Spontanität und Rezeptivität (was schon die
Leitfrage des kantischen Idealismus war) voneinander. Beckett würde wohl sagen es ist das Absurde
oder: es ist das Dunkel, aus dem alle Dinge kommen.
SHONEN A

Produced by Intermedium /
Bayerischer Rundfunk

"Wenn man in einen tiefen Abgrund blickt, dann blickt der tiefe Abgrund auch immer zurück" -
SHONEN A, eine neues Produkt des Intermediumlabels, weicht etwas vom klassischen Hörspiel ab.
Der gesprochene Text steht hier hinter musikalischen Schwerpunkten, die dem deutschen Ohr recht
neu erscheinen dürften: technoide japanische Klänge offenbaren einerseits, wie sehr sich die Jugend
dieses asiatischen Landes am Westen orientiert und wieviel grösser die Diskrepanz zwischen
gesellschaftlichem Ideal und Abdrfiten in den Wahn ist.

"SHONEN A" (japanisch für "Knabe A") erzählt die Geschichte eines gerade mal 19 Jahre alten
Psychopathen, der von Computerspielen abgestumpft und bestialisiert 1997 in der japanischen
Hafenstadt Kobe einen jüngeren Schüler umbringt. Die schriftlichen Aufzeichnungen des Täters - an
Ort und Stelle im Mund des Opfers versteckt - werden zwischen abgedrehten tranceartigen
Technoklängen mit gleichbleibender Sachlichkeit vorgetragen. Dazwischen immer wieder Exzerpte aus
Drohbriefen des Täters und aktuellen Zeitungsberichten.

Dieses Hörspiel betreibt ganz bewusst keine Medien oder Gesellschaftskritik. Die zur Musik von Hans
Platzgumer von CaMI Tokujiro vorgetragenen Texte sind japanisch und müssen noch nicht mal
verstanden werden. Sie erzeugen ein Stimmungsbild zwischen Virtualität und Realität, eine Grenze,
die der hier im Hintergrund bleibende Protagonist nicht mehr kennt. Damit offenbart das Hörspiel
bereits allein durch dieses Konzept eine grosse Gefahr der heutigen Zeit: das psychopathische
Verwischen der Grenzen zwischen Realität und Virtualität ist kein typisch amerikanisches Phänomen
mehr.

Dieses Konzept des Hörspiels geht auf und ist sehr gelungen umgesetzt.
soundstories / material meeting

Künstler: Thomas Meinecke, Hans Platzgumer, Caroline Hofer,


Stefan Schneider u.a.

(c) 2000 Intermedium records, Produktion: Bayerischer Rundfunk.

"Handlung lenkt ab. Von guten Texten. Und schlechte Texte sind eh
nicht zu retten." - So - sinngemäss - das Statement von Thomas
Meinecke, einer der Künstler, der auf einem neuen Release des
intermedium Labels vertreten ist. "soundstories/materialmeeting" ist
eine Compilation eines Projektes, das das Hörspiel Genre bereichern
sollte.In sechs Arbeiten haben die Künstler aus den schier
unerschöpflichen Archiven deutscher Hörspielproduktionen
Bruchstücke entnommen, verfremdet und zu einer neuen akkustischen Gesamtheit verdichtet. Im
Vordergrund steht dabei ein Erzählcharakter, der keiner ist. Es wird in den einzelnen Stücken keine
Geschichte erzählt, sondern eine Momentaufnahme reflektiert. Oberflächlich - und das ist nicht negativ
zu verstehen, weil diese Oberflächlichkeit das Stilmittel ist - zeigt sich bespielsweise die Arbeit "Ein
Riesen Abgang" von Hans Nieswandt und Kathrin Röggla. Der Börsenkurs - das ´Thema´ in diesem
Stück - wird mit immer wiederkehrenden leeren Wortphrasen dargstellt. Das künstlerische Moment
dabei: die Macher variieren so geschickt mit ihrem Material dass ein akkustischer Oszillograph
entsteht. Mal beschleunigt, mal in Zeitlupe - und dem Zuhörer bietet sich der Anblick von den vielen
aus dem Fernsehen bekannten Fratzen, die den Überblick über das Thema der Worte suggerieren
wollen. Wie nichtssagend sind da Worte wie ´Reingeströmt´ oder ´Die Börse reagiert´ oder ´es
relativiert sich, wenn wir uns den Chart angucken´ - die Musik entblösst die Unwissenheit als
unbewusst gewälte Abstraktion des Sprechers. Oder: so einfach zeigt sich, dass wir nichts wissen
können.

Herausragend ist die letzte Performance auf dieser CD ´Links in Boxen´ von
Laar/Zeitblom/Schlotmann - "Gangbang in Superslomo" oder "Die WC Ente unter den Longdrinks". Die
Halbsätze aneinandergereiht zeigt sich hier das, was bereits gesagt wurde. Hier werden gute Texte,
gute Sätze, Bilder, die man aufgesogen hat plötzlich zum ersten Mal bewusst. Da hat einer das Mikro
beim Einschlafen an den schwingenden schmalen Grad zwischen Traum und Wirklichkeit gehalten. Ob
gewollt oder ungewollt wirkt gerade hier die Compilation urkomisch und als Zuhörer können sie hier
die Antwort auf die Frage bekommen, die sie sich schon immer gestellt haben: "Können Jungfrauen
überhaupt kalben?" ... Hörenswert.
Thomas Harlan - Die Akte Rosa Peham

Bearbeitung: Michael Farin


Regie: Bernhard Vogel
Komposition: Helga Pogatschar
Produktion: Bayerischer Rundfunk / Westdeutscher Rundfunk
&copy 2001 Intermedium Records

Die deutsche Vergangenheit bietet eine schier unerschöpfliche


Quelle für literarische, speziell biographische Aufarbeitungen, die
Jahr für Jahr als Neuerscheinung auf dem Büchermarkt und in
der deutschen Literaturkritik ihren Platz finden. Abseits von
pädagogisch zwar wertvollen, in erster Linie aber nur für die
Autoren quantitativ erfolgreichen Werken wie "Hitlers Helfer",
"Hitlers Frauen", demnächst wahrscheinlich auch "Hitlers Hunde"
etc ... sind dann da noch die persönlichen Aufbereitungen von
Betroffenen und Hinterbliebenen zu finden, die nicht selten eine literarische
Sensation darstellen:

Der Roman "Rosa" des 1929 geborenen Autors Thomas Harlan ist so ein
Zeitdokument, das als gutes Beispiel dafür steht, warum auch nach Jahrzehnten
derartige Werke eine neue Perspektive auf die deutsche Vergangenheit eröffnen.
Harlan, Sohn des Nazipropagandaregiesseurs Veit Harlan ("Jud Süss") und der
Schauspielerin Hilde Körber, hat seine eigene Vergangenheitsbewältigung verfasst.
Sein Roman beweist: das Erinnern ist nicht selbstverständlich. Nicht, wenn eine
Person, die einzige Überlebende einer Massenerschiessung ist, weil man die Opfer
gezwungen hat, sich selbst zu töten, nicht dann, wenn diese einzige Person geistig
völlig am Ende nur noch ein wissenschaftlich nicht fassbares, psychologisches
Objekt darstellt. Oder: wie können die Konturen einer Vergangenheit erkennbar
gemacht werden, wenn die dunkle Seite des Lebens keine Schatten sichtbar sein lässt?

Dieser Roman, der in der Literaturkriitk grosse Beachtung gefunden hat (siehe nachfolgende
Verweise) ist komplex, hat keinen roten Faden und ist perfekt für eine Vertonung geeignet. Allerdings
kann auch ein Hörspiel die Verwobenheit zwischen Erinnerungsschüben, psychologischen und
juristischen Protokollen und dem eigentlichen Thema, der Vergangenheitsbewältigung, nicht
aufheben. Die Menschen, die dies mit ihrer Interpretation versuchen und der Menge aus realen und
fiktiven Persönlichkeiten mit ihrer jeweils ganz eigenen Vergangenheit ihre Stimmen leihen sind unter
anderem Sophie von Kessel, Karin Anselm und Manfred Zapatka.

Für eine weitergehende Auseinandersetzung mit diesem Roman möchte ich auf nachfolgende
Rezensionen verweisen:

"Gefühl in falscher Tonart" von Charlotte Brombach - literaturkritik.de, 12.12.2000

"Todesursache Kameradschaft" von Friedhelm Rathjen - DIE ZEIT 47/2000


Walter Ruttmann - Weekend Remix

Künstler: Ernst Horn, DJ Spooky, Mick Harris, Klaus Buhlert,


to rococo rot, John Oswald

(c) 2000, Intermedium records.

Kunst ist die Differenz zwischen Natur und dem technischen


Vermögen des Künstlers - dieser Leitsatz des Schriftstellers
Arno Holz, verfasst am Beginn des letzten Jahrhunderts ist
die unsichtbare Überschrift für diese Compilation und macht
Walter Ruttmann (1887-1941) zum Vollstrecker des
Naturalismus. Vollstreckt wird das technische Vermögen des
Autors und das Material sind nicht mehr die fiktiven Worte,
sondern alles Hörbare. Das Ergebnis ist ein Hörfilm Ruttmanns, der - als Kopie erst 1978 in New York
wiederentdeckt wurde - nun von zeitgenössischen Künstlern interpretiert, digitalisiert, kopiert oder
ironisiert wird.

Das Original, sowie sechs Remixe finden sich auf dieser CD und spannen einen Bogen zwischen Komik
und Avangarde, Nostalgie und Pathos. Das werden die Sprachfetzen aus der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts digital aufbereitet und melodisch verfremdet oder der zeitgenössiche Künstler greift
gerade das so markante Rauschen und Knacken des Originals auf, filtert es eben nicht raus, sondern
nutzt es als tragendes Leitmotiv. So wird nicht nur dem Klang selbst, sondern auch dem daraus
entstehenden Bild vor dem geistigen Auge der Transport ins Jetzt erlaubt; aus dem damals noch
hintereinander hörbaren Grossstadt-Durcheinander wird eine monotone, graue Lärmkulisse, so als
hätte jemand heute ein Mikrophon an den Strassenrand gestellt.

Entstanden ist das Original 1930. Es knüpft an die Erfahrungen Ruttmanns als Regiesseur ("Berlin -
Die Sinfonie der Großstadt" und "Melodie der Welt") an.

Eingeladen vom Bayerischen Rundfunk waren hier neben Ruttmann Ernst Horn, DJ Spooky That
Sublimal Kid, Mick Harris, Klaus Buhlert, to rococo rot und John Oswald am Werk.