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Zusammenfassung Ingold Against Human Nature

In diesem kurzen Essay befasst sich Tim Ingold mit der essenziellen Frage der menschlichen
Natur im zeitgenössischen evolutionären Denken. Ingold zufolge gibt es im zeitgenössischen
biologischen Denken immer noch ein Menschenbild, das sich auf das Konzept der
menschlichen Natur bezieht, etwas Feststehendes und Unveränderliches, das den Menschen
charakterisiert und von dem er sich nur in einem historischen und kulturellen Sinne
unterscheidet. Ingold bezieht sich dabei auf die biologischen Studien von Linnaeus und
seinen Schülern im 18. Jahrhundert, und was das 19. Jahrhundert betrifft, konzentriert er
sich natürlich auf Charles Darwin und insbesondere auf zwei Schriften: On the origins of the
species (1859) und The descent of the man (1871). Hatte die Entstehung der Arten die
Einführung der allmählichen Evolutionsperspektive in die biologischen Studien markiert, so
wird in Die Abstammung des Menschen stattdessen die Perspektive der menschlichen
Evolution betrachtet. Es ist jedoch Darwins letzter Aufsatz, der berücksichtigt wird und der
im Wesentlichen nicht viel von der dichotomen Sichtweise abweicht, die beispielsweise die
Kultur der Aufklärung geprägt hatte (Immanuel Kant ist einer der berühmtesten Vertreter,
der dieser rationalen Sichtweise des Menschen auf Kosten der sensiblen und fleischlichen
Sichtweise entspricht). Im "Essay on Man" beschreibt Darwin im Wesentlichen den
Evolutionsprozess des Menschen vom Affen, wobei er im Wesentlichen die Intelligenz als
Maßstab verwendet. Der Intellekt soll jenen fortschreitenden Unterschied ausmachen, der
alle Tiere kennzeichnet, der aber beim Menschen auf der höchsten Stufe zu finden ist, und
dank dieser Intelligenz löst sich der Mensch von der instinktiven Sphäre der Tiere. Hier gibt
es also immer noch eine dichotome Sichtweise zwischen Vernunft und Natur, zwischen
Intelligenz und Instinkt, die, obwohl sie in evolutionäre Begriffe übersetzt wird, nicht weit
von früheren Ansichten entfernt ist, wie z. B. der essentialistischen christlichen Sichtweise.
Eine starke rassistische Komponente ist bei Darwin auch insofern erkennbar, als er so
genannte "Wilde" auf der einen Seite und "westliche Menschen" auf der anderen Seite
betrachtet. Nach Darwin gibt es zwischen Wilden und Westlern einen ebenso großen
Unterschied wie zwischen Menschen und Affen. Diese darwinistische Annahme sollte später
mit der europäischen Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts verbunden werden und den
Grundstein für die Anfänge der Anthropologie als Wissenschaft legen (man denke an Burnett
Tylor, James Frazier, Henry Morgan). Für das Problem der Gene hat die Biologie die Frage
des anthropologischen Essentialismus wiederentdeckt. Einige Biologen haben das Gen als ein
konstitutives Element des Menschen definiert, das Träger von Informationen ist und das,
indem es den Organismus selbst konstituiert, den Organismus in Bezug auf diese
Informationen formt. Wie Ingold feststellt, haben wir es hier mit einem Missverständnis der
in den 1940er Jahren von Wiener, Neumann und Shannon entwickelten Informationstheorie
zu tun. Diese fehlerhafte Übersetzung, die von den Informationstheoretikern selbst verurteilt
wurde, hat das Problem des anthropologischen Essentialismus in die biologische Debatte
zurückgebracht, wobei die konstitutive Bedeutung der Beziehung zwischen Organismus und
Umwelt, die im Wesentlichen die historische Welt des Menschen ausmacht, völlig vergessen
wurde. Ingold verweist dann auf die verschiedenen Wege, auf denen sich die menschliche
Kultur entwickelt hat, um zu gehen oder zum Beispiel Cello zu spielen. Diese Beispiele
werden von Ingold in ihrer Unterschiedlichkeit hervorgehoben, um noch einmal den Irrtum
der Trennung von biologischen und kulturellen Faktoren zu verdeutlichen, die die
menschliche Natur kennzeichnen würden. Ingold geht es darum, die essentialistische
Sichtweise des darwinistischen biologischen Neo-Evolutionismus zu widerlegen, die immer
noch mit Darwins Schrift über die menschliche Natur verbunden ist, die nun durch die
Gentheorie wiederhergestellt wird. Für Ingold ist das Problem nicht auf einen rein
theoretischen Charakter beschränkt, sondern hat auch eine praktische und politische
Dimension. Folgt man Michel Foucaults Überlegungen zu Wissen und Macht und wendet sie
auf Ingolds Analyse der zeitgenössischen Biologie an, so lässt sich daraus mit Sicherheit der
Versuch ableiten, den "normalen Menschen" zu definieren, d. h. einen wissenschaftlich
fundierten und politisch nutzbaren Menschen. Von der Biologie, wie es zu Beginn des
zwanzigsten Jahrhunderts der Fall war, kann man getrost zur Soziologie und zu politischen
Initiativen oder Problemen des internationalen Rechts übergehen. Ingolds Lektion in diesem
Aufsatz ist nicht weit entfernt von den politischen und völkerrechtlichen Überlegungen, die
Carl Schmitt 1922 in einem Aufsatz "Der Begriff des Politischen" von Proudhon übernommen
hat: "Wer Menschheit sagt, will betruegen".

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