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Die lebende Zelle

Jedes Lebewesen besteht aus Zellen. Die kleinsten Lebewesen bestehen aus nur einer einzigen
Zelle, aber sie sind deshalb nicht weniger lebendig als Sie. Was genau ist nun eigentlich eine Zelle?
Vereinfacht kann man sie als die kleinste lebensfähige Einheit eines Organismus bezeichnen – eines
jeden Organismus, einschließlich des Menschen. Ohne Zellen wären Sie ein Klecks chemischer
Substanzen, der in der Umwelt versickert. Und genau darum ist die Zelle die grundlegende Einheit
des Lebens.

In diesem Kapitel werden Sie den Zweck und die Struktur von Zellen kennenlernen. Und weil Zellen
auf chemische Reaktionen angewiesen sind, um irgendetwas zu bewirken, werden wir Ihnen die
Enzyme vorstellen. Diese Proteine können chemische Reaktionen beschleunigen und sind daher
wichtige Helfer der Zellen.

Die Zelle – ein Überblick


Zellen sind flüssigkeitsgefüllte Beutel, die von Proteinen verstärkt und von Membranen umgeben
werden. In der Zellflüssigkeit befinden sich chemische Stoffe und Organellen. Diese Strukturen, deren
Name an die Organe höherer Organsimen erinnert, werden für die Stoffwechselvorgänge der Zelle
benötigt. Zellen sind also die kleinsten lebenden Einheiten, enthalten aber noch kleinere Strukturen,
die an Stoffwechselvorgängen beteiligt sind. Da Organellen aber nicht alle Lebensfunktionen
ausführen können, gelten sie nicht als “lebendig” im Sinne eigenständigen Lebens.

→ Eine Zelle ist der kleinste Teil eines Organismus, der alle Eigenschaften eines eigenständigen
Organismus aufweist. Beispielsweise kann eine Zelle Nahrung aufnehmen, aus der Nahrung
Energie gewinnen und Abfallstoffe ausscheiden – genauso wie ein ganzer Organismus. Weil
eine Zelle alle Lebensfunktionen ausführen kann, stellt sie die kleinste lebende Einheit, die
Grundeinheit des Lebens, dar.

Zellen können auf verschiedene Weise in Gruppen eingeteilt werden, z.B. nach ihrer Struktur, nach
ihren Aufgaben oder auch danach, wie sie während der Evolution entstanden sind. Wenn eine
Einteilung nach der Struktur vorgenommen wird, orientieren sich Wissenschaftler an der inneren
Organisation der Zellen.

Prokaryoten haben keinen “echten” Zellkern, und sie haben auch keine Organellen. Bakterien und
Archaebakterien sind Vertreter der Prokaryoten.

Eukaryoten haben einen Zellkern, in dem sich ihr genetisches Material befindet, und sie haben
Organellen. Pflanzen, Tiere, Algen und Pilze gehören zu den Eukaryoten.

Viren und Bakterien


Viren (etwa solche, die eine Grippe, Masern oder AIDS hervorrufen) bestehen nicht aus Zellen.
Obwohl Viren ebenso wie Bakterien auch Krankheiten auslösen können, unterscheiden sich die
beiden Arten von Krankheitserregern erheblich voneinander. Viren sind sehr viel einfacher aufgebaut
als Bakterien und bestehen nur aus einigen wenigen Molekülen. Da Viren aus so wenigen Teilen
bestehen, dass sie nicht selbstständig wachsen und sich teilen können, gelten sie nicht als lebende
Organismen. Viren können sich nur vermehren, wenn es ihnen gelingt, in eine Zelle einzudringen und
von deren Energie- und Materialvorräten zu zehren.

Ein Einblick in die Welt der Prokaryoten


Zu den Prokaryoten gehören Zellen, von denen Sie sicherlich schon einmal gehört haben:

• die Bakterien E. coli (Escheria coli) und


• Streptococcus (bekannt als Verursacher von Halsentzündungen)
• die Blaualgen (verantwortlich für gelegentliche Sperrungen von Badeseen)
• und die lebenden Bakterienkulturen in Joghurt.
Von anderen Prokaryoten wie den Archaebakterien haben Sie dagegen wahrscheinlich noch nie
gehört (in Kapitel 9 mehr darüber). Unabhängig davon, ob Sie einen bestimmten Prokaryoten nun
schon kennen oder nicht, kennen Sie auf jeden Fall den allgemein schlechten Ruf der Bakterien.
Bakterien scheinen ihren Weg in die Medien nur zu finden, wenn sie Probleme verursachen,
beispielsweise eine Krankheitswelle ausgelöst haben. Hinter den Kulissen sieht es aber ganz anders
aus: Viele Bakterien verrichten sehr wichtige Aufgaben und sind sehr nützlich für uns Menschen und
den Rest der Welt. Aus den folgenden Beispielen können Sie ersehen, wie viel Gutes Bakterien für
alles irdische Leben leisten – eigentlich Stoff genug für positive Schlagzeilen:

• Bakterien kommen bei der Herstellung von Lebensmitteln für den Menschen zum
Einsatz! Ohne Bakterien gäbe es weder Joghurt noch Käse.
• Bakterien helfen bei der Abfallbeseitigung! Es gibt Bakterien, die sich von Öl ernähren und
so dazu beitragen, unsere Strände sauber zu halten. Andere Bakterien kommen bei der
Abwasseraufbereitung zum Einsatz.
• Bakterien schützen den Körper vor Krankheiten! Ihr Körper beherbergt eine Vielzahl von
Bakterien. Diese Bakterien, die normalerweise auf der Haut und im Körper leben, schützen
vor Erkrankungen, indem sie der Ansiedlung schädlicher Bakterien entgegenwirken.
• Bakterien sorgen für geschlossene Stoffkreisläufe in der Natur! Es gibt Bakterien, die
sich von toter Materie ernähren. Beim Abbau werden Nährstoffe freigesetzt, die damit für
andere Organismen nutzbar werden.
• Bakterien helfen Pflanzen bei Wachstum! Stickstoffbindende Bakterien können den
Stickstoff aus der Luft nutzen und überführen ihn dabei in eine Form, die auch Pflanzen
verwerten können.

Die Zellen der Prokaryoten sind sehr einfach aufgebaut. Sie haben im Gegensatz zu eukaryotischen
Zellen weder innere Membranen noch Organellen. Folgende Eigenschaften kennzeichnen die
meisten prokaryotischen Zellen:

• Eine Plasmamembran begrenzt die Zelle nach außen. Eine feste Zellwand, die sich außen an
die Plasmamembran anschließt, bietet zusätzlichen Halt.
• DNA, das genetische Material der Prokaryoten, befindet sich in einer speziellen Region des
Cytoplasmas, die als Nukleoid bezeichnet wird.
• Ribosomen sind im Cytoplasma für die Herstellung von Proteinen zuständig.
• Prokaryoten spalten ihre Nahrung durch zelluläre Atmung oder Respiration (ein Vorgang, für
den Sauerstoff benötigt wird) und einen Stoffwechselvorgang, der als Fermentation
bezeichnet wird (und für den kein Sauerstoff benötigt wird).

Der Aufbau eukaryotischer Zellen


Die Organismen, die Ihnen als Vertreter der belebten Umwelt wahrscheinlich am vertrautesten sind –
Menschen, Tiere, Pflanzen und Pilze -, gehören alle zu den Eukaryoten. Aber die Familie der
Eukaryoten ist noch größer und umfasst auch viele Mikroben, beispielsweise Algen, Amöben und
Plankton.

Eukaryoten haben folgende Eigenschaften:

• Ein Zellkern enthält die genetische Information.


• Eine Plasmamembran umgibt die Zelle und grenzt sie gegenüber ihrer Umgebung ab.
• Innere Membranen wie das endoplasmatische Retikulum und der Golgi-Apparat bilden
abgegrenzte Bereiche innerhalb der Zelle und sind auf bestimmte Aufgaben spezialisiert.
• Ein Cytoskelett, das aus Proteinen besteht, stützt die Zelle und kontrolliert ihre Bewegungen.
• Organellen namens Mitochondrien wandeln mit Hilfe von Sauerstoff die in der Nahrung
enthaltene Energie in eine für die Zelle nutzbare Form um.
• Organellen namens Chloroplasten nutzen die Energie des Sonnenlichtes, um aus Wasser
und Kohlenstoffdioxid Nahrung für die Zelle herzustellen. (Chloroplasten kommen nur in
Zellen von Pflanzen und Algen vor.)
• Eine feste Zellwand schließt sich bei manchen eukaryotischen Zellen außen an die
Plasmamembran an. (Zellwände kommen nur bei Pflanzen, Algen und Pilzen vor. Tierische
Zellen haben nur die weiche Plasmamembran.)

Zellen und Organellen


Um den Aufbau einer Zelle zu verstehen, denken Sie zunächst an Ihren eigenen Körper: Ihr Körper
besteht aus Organen, die Organe bestehen aus Geweben, und die Gewebe bestehen aus Zellen.
Und so wie die Organe bestimmte Aufgaben in Ihrem Körper übernehmen, so haben auch die
Organellen in einer Zelle bestimmte Aufgaben. Einige Organellen sind für die Verdauung
verantwortlich, andere sind für den Aufbau von Strukturen zuständig, die der Zelle das Überleben
sichern.

In den folgenden Abschnitten werden wir Ihnen Organellen vorstellen, die in eukaryotischen Zellen
vorkommen, und erklären, welche Aufgaben sie in der Zelle übernehmen.

Die Plasmamembran: Zusammenhalt muss sein


Die Membran oder Hülle, die jede Zelle umschließt und als eigenständige Einheit von ihrer
Umgebung abgrenzt, wird als Plasmamembran oder Zellmembran bezeichnet. Die Aufgabe der
Plasmamembran besteht in erster Linie darin, die chemischen Reaktionen, die außerhalb der Zelle
ablaufen, von den chemischen Vorgängen im Zellinneren zu trennen.

→ Die Plasmamembran kann man sich als eine Art internationale Grenze vorstellen: An einer
solchen Grenze wird genauestens kontrolliert, was in ein Land hinein- und was aus einem
Land herausgebracht wird. Dasselbe tut die Plasmamembran mit allen Stoffen, die in die
Zelle hinein- oder aus ihr herausbefördert werden sollen.

Die Flüssigkeit im Inneren einer Zelle heißt Cytoplasma. Das Cytoplasma enthält alle Organellen der
Zelle und unterscheidet sich erheblich von der Flüssigkeit außerhalb der Zelle. CytoP steht für “Zelle”,
plasma bedeutet “Gebilde”. Cytoplasma kann also mit “Zellgebilde” übersetzt werden – und das
passt, denn gemeinsam mit der Plasmamembran bestimmt das Cytoplasma die Gestalt der Zelle.

Tierische Zellen sind von einem Gemisch aus Flüssigkeit, Proteinen und Kohlenhydraten umgeben.
Diese extrazelluläre Matrix ist je nach Gewebe unterschiedlich zusammengesetzt und unterstützt die
jeweiligen Zellfunktionen. (Extra bedeutet “außerhalb”, extrazellulär also “außerhalb der Zelle”.)
Pflanzenzellen werden stattdessen von einer festen Struktur, der Zellwand, umgeben, die aus dem
Kohlenhydrat Zellulose besteht.

In den folgenden Abschnitten werden wir Ihnen den Aufbau der Plasmamembran genau erklären und
beschreiben, wie Material durch sie hindurchgeschleust wird. Sie werden lernen, dass die
Plasmamembran eine bedeutende Rolle für die Gesundheit und Funktionsfähigkeit der Zelle spielt.

Das Flüssig-Mosaik-Modell
Plasmamembranen bestehen aus einer ganzen Reihe verschiedener Bestandteile, ganz so wie ein
kunstvolles Mosaik. Diese Ähnlichkeit haben auch die Wissenschaftler erkannt, und weil Membranen
anpassungsfähig sind und flüssige Bestandteile haben, wurde für die Beschreibung des
Membranaufbaus das Flüssig-Mosaik-Modell entwickelt. In Abbildung 3.5 ist dieses Modell
dargestellt, so dass Sie sich alle Bestandteile einer Plasmamembran bildlich vorstellen können.

Wenn wir uns in Abbildung 3.5 von links nach rechts vorarbeiten, stoßen wir zuerst auf die
Phospholipiddoppelschicht (PLD). Diese Schicht bildet die Grundlage der Plasmamembran.
Phospholipide sind eine besondere Art von Lipiden, die wasseranziehende und wasserabstoßende
Abschnitte besitzen. Bei Körpertemperatur haben Phospholipide die Konsistenz eines dickflüssigen
Pflanzenöls, was erklärt, weshalb Plasmamembranen so anpassungsfähig sind. Jedes
Phospholipidmolekül hat einen hydrophilen, also wasseranziehenden Kopf und einen hydrophoben,
also wasserabstoßenden Schwanz.
→ In jeder Zelle weisen die hydrophilen Köpfe der Phospholipide in das wässrige Medium
außerhalb und innerhalb der Zelle, sodass die hydrophoben Schwänze aufeinander zu
weisen. Auf diese Weise entsteht die PLD. Weil die Zelle sich in einer wässrigen Umgebung
befindet (der extrazellulären Matrix) und eine wässrige Lösung enthält (das Cytoplasma),
bildet die Plasmamembran eine charakteristische Begrenzung rund um die Zelle: Die
wasseranziehenden Köpfe sind in Kontakt mit den wässrigen Flüssigkeiten auf beiden Seiten
der Membran, die wasserabstoßenden Schwänze liegen geschützt im Inneren der Membran.

Neben den Phospholipiden sind Proteine ein bedeutender Bestandteil von Plasmamembranen. Die
Membranproteine sind in die PLD eingebettet, aber sie können sich in der Membran bewegen wie
Segelschiffe auf einem Ozean aus Öl.

Plasmamembranen enthalten auch Cholesterin und Kohlenhydrate. Diese Membranbestandteile sind


zwar zahlenmäßig weniger bedeutsam, aber trotzdem sehr wichtig:

• Cholesterin erhöht die Stabilität der Membran und verhindert bei niedrigen
Körpertemperaturen, dass sich die Membran verfestigt. (Cholesterin bewahrt Sie also davor,
“einzufrieren”, wenn Sie frieren.)
• Kohlenhydratketten sind an der Außenseite der Plasmamembran einer jeden Zelle zu finden.
Wenn Kohlenhydrate mit Phospholipiden verknüpft sind, spricht man von Glykolipiden (und
wenn Proteine verknüpft sind, spricht man von Glykoproteinen). Welche Kohlenhydrate sich
an der Oberfläche einer Zelle befinden, wird durch die DNA festgelegt. Und weil die
Zelleigenschaften entscheidend von den Kohlenhydraten beeinflusst werden, bestimmen sie
so wichtige Dinge wie Ihre Blutgruppe.