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Aber auch dann, wenn man diesen

Ernst Cassirer, Form und Gang der Dinge nicht beschränken


und nicht aufhalten zu können meint,
Technik (1930) bleibt doch ihm gegenüber noch eine
letzte Frage zurück. Es gehört zum
In: Ernst Cassirer, Gesammelte Wesen und zu den
Werke. Hamburger Ausgabe. Hg. Grundbestimmungen des Geistes,
von Birgit Recki. Band daß er auf die Dauer keine
17: Aufsätze und kleine Schriften schlechthin äußere Determination
(1927-1931), Hamburg [Felix erträgt und duldet. Selbst dort, wo er
Meiner Verlag] 2004, S. 139-183 sich einer fremden Macht
überantwortet und seinen Fortgang
Wenn man den Maßstab für die durch sie bestimmt sieht, muß er
Bedeutung der einzelnen Teilgebiete zum mindesten in den Kern und Sinn
der menschlichen Kultur in erster dieser Bestimmung selbst
Linie ihrer realen Wirksamkeit einzudringen suchen. Und damit hebt
entnimmt, wenn man den Wert sich ihm sein Schicksal selbst wieder
dieser Gebiete nach der Größe ihrer in Freiheit auf. Wenn er die Macht,
unmittelbaren Leistung bestimmt, so der er unterliegt, nicht von sich
ist kaum ein Zweifel daran erlaubt, abzuwenden und nicht zu bezwingen
daß, mit diesem Maße gemessen, die vermag, so verlangt er doch,
Technik im Aufbau unserer ebendiese Macht zu erkennen und
gegenwärtigen Kultur den ersten sie als das, was sie ist, zu sehen. Und
Rang behauptet. Gleichviel, ob man immer wieder zeigt sich alsdann, daß
diesen »Primat der Technik« schilt dieser Forderung, wenn mit ihr
oder lobt, erhebt oder verdammt: wahrhaft Ernst gemacht wird, keine
Seine reine Tatsächlichkeit scheint bloß »ideelle« Bedeutung innewohnt,
außer Frage zu stehen. Die gesamte daß sie nicht im Reich »bloßer
Energie der gestaltenden Kräfte Gedanken« verharrt. Aus der Klarheit
unserer gegenwärtigen Kultur drängt und Bestimmtheit des Sehens geht
sich mehr und mehr auf diesen einen eine neue Kraft des Wirkens hervor:
Punkt zusammen. Selbst die eine Kraft, mit der sich der Geist
stärksten Gegenkräfte der Technik – gegen jede äußere Bestimmung,
selbst diejenigen geistigen Potenzen, gegen jede bloße Fatalität der
die ihr, nach Gehalt und Sinn, am Sachen und Sachwirkungen zur Wehr
fernsten stehen – scheinen ihre setzt. Indem der Geist sich auf die
Leistung nur noch dadurch Mächte, die ihn äußerlich zu
vollbringen zu können, daß sie sich bestimmen scheinen, besinnt,
mit ihr verbinden und daß sie in schließt ebendiese Besinnung schon
ebendiesem Bündnis sich ihr eine eigentümliche Rückwendung
unmerklich unterwerfen. Diese und Innenwendung in sich. Statt in
Unterwerfung gilt heute vielen als die Welt der Dinge hinauszugreifen,
das eigentliche Ziel, dem die geht er nunmehr in sich selbst
moderne Kultur entgegengeht, und zurück; statt sich in die Breite der
als ihr unaufhaltsames Schicksal. Wirkungen zu verteilen, schließt er
Ernst Cassirer, Form und Technik 2

sich in sich zusammen und gelangt in »Theorie« und »Praxis« in sein


dieser Konzentration zu einer neuen Gegenteil zu verkehren suchen, die
Stärke und Tiefe. die theoretische »Wahrheit« selbst
Von der Erfüllung dieser ideellen als einen bloßen Sonderfall des
Forderung sind wir freilich, gerade im »Nutzens« definieren. Aber auch
Gebiet der Technik, heute noch weit außerhalb dieser eigentlich
entfernt. Immer wieder bricht hier die »pragmatistischen« Gedankengänge
Kluft auf, die Denken und Tun, ist der wachsende Einfluß
Wissen und Wirken voneinander technischer Begriffe und
trennt. Wenn der Hegelsche Satz zu Fragestellungen auf das Ganze der
Recht besteht, daß die Philosophie Philosophie unverkennbar. Auch die
einer Zeit nichts anderes sei als moderne Lebensphilosophie
ebendiese Zeit selbst »in Gedanken unterliegt ihnen nicht selten
erfaßt«, daß die Philosophie, als der ebendort am meisten, wo sie sich am
Gedanke der Welt, erst erscheine, kräftigsten gegen sie zur Wehr zu
nachdem die Wirklichkeit ihren setzen meint; auch sie ist von den
Bildungsprozeß vollendet und »sich Ketten nicht frei, deren sie zu spotten
fertig gemacht« habe[2] – so müßte pflegt. Aber alle diese
man erwarten, daß der unausbleiblichen Berührungen, die
unvergleichlichen Entwicklung, die sich zwischen dem Gebiet der
die Technik im Laufe des letzten Technik und dem der Philosophie
Jahrhunderts erfahren hat, auch eine ergeben haben, beweisen
eigentümliche Wendung der Denkart keineswegs, daß zwischen beiden
entspricht. Aber diese Erwartung irgendeine innere Gemeinsamkeit
wird, wenn man die gegenwärtige sich anzubahnen und herzustellen
Lage der Philosophie betrachtet, nur beginnt. Eine solche Gemeinschaft
unvollkommen erfüllt. Zwar kann kann niemals aus einer bloßen
kein Zweifel daran bestehen, daß Summe äußerer »Einflüsse«
etwa seit der Mitte des 19. resultieren – so mannigfach und so
Jahrhunderts Probleme, die ihren stark man diese auch immer denken
Ursprung im Reich der Technik mag. Die Verbindung, die Philosophie
haben, mehr und mehr auch in die und Technik in den Systemen des
abstrakten »philosophischen« Positivismus und Empirismus
Untersuchungen eindringen und miteinander eingegangen sind – man
ihnen ein neues Ziel und eine neue braucht etwa nur an das Machsche
Richtung weisen. Die Ökonomieprinzip als Grundlage der
Wissenschaftslehre hat sich Erkenntnislehre zu denken – darf
ebensowenig wie die Wertlehre nicht den Schein einer wahrhaften
diesem Einfluß entzogen; die Einigung zwischen beiden erzeugen.
Erkenntnistheorie wie die Eine solche wäre erst erreicht, wenn
Kulturphilosophie und die Metaphysik es der Philosophie gelänge, auch an
zeigt seine Weite und seine diesem Punkte die allgemeine
steigende Macht. Am deutlichsten Funktion zu erfüllen, die sie für die
stellt sich dieser Zusammenhang in andern Grundgebiete der Kultur in
bestimmten Strömungen der steigendem Maße und mit immer
modernen Erkenntnislehre dar, die klarerem Bewußtsein erfüllt hat. Seit
das traditionelle Verhältnis von den Tagen der Renaissance hat die
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Philosophie alle Mächte des werden. Der Weg zu einer möglichen


modernen Geistes vor ihr Forum Einheit muß vielmehr über die
gezogen und sie nach ihrem Sinn und Einsicht und über die scharfe und
Recht, ihrem Ursprung und ihrer rückhaltlose Anerkennung der
Geltung befragt. Diese Frage nach Besonderung führen, einer
dem Geltungsgrund, nach dem quid Besonderung, die mehr als bloße
juris, wie Kant sie nennt, ergeht an Differenz, die echte Polarität ist. Von
alle geistigen Formprinzipien – und in hier aus ergibt sich die eigentliche
ihr wird erst der Grund ihrer Bestimmung der Aufgabe, die, im
spezifischen Eigenart aufgedeckt, gegenwärtigen Zeitpunkt der
wird ihr Selbst-Sinn und Selbst-Wert Entwicklung, die Philosophie
entdeckt und sichergestellt. Solche gegenüber der Technik zu erfüllen
Sicherstellung, solche »kritische« hat. Diese Aufgabe kann sich nicht
Besinnung und Rechtfertigung, ist darauf beschränken, der Technik im
der Philosophie für die Mathematik, Ganzen der Kultur und damit im
für die theoretische Naturerkenntnis, Ganzen der systematischen
für die Welt des »Historischen« und Philosophie, die der gedankliche
der Geisteswissenschaften gelungen. Ausdruck dieser Kultur sein will,
Wenngleich auch hier ständig neue einen bestimmten »Platz«
Probleme aufbrechen, wenngleich die anzuweisen – sie einfach neben die
Arbeit der »Kritik« nirgends an ein andern Gebiete und Gebilde, wie
Ende gelangt, so steht doch die »Wirtschaft« und »Staat«,
Richtung dieser Arbeit seit den Tagen »Sittlichkeit« und »Recht«, »Kunst«
Kants und seit seiner Grundlegung und »Religion«, zu stellen. Denn im
der »Transzendentalphilosophie« für Bereich des Geistes gibt es kein
uns fest. Die Technik aber ist diesem solches bloßes Beisammen oder
Kreis der philosophischen Nebeneinander getrennter Gebiete.
Selbstbesinnung noch nicht wahrhaft Die Gemeinschaft ist hier niemals
eingeordnet. Sie scheint noch immer räumlich-statischer, sondern sie ist
einen eigentümlich peripheren dynamischer Art: Ein Element ist
Charakter zu behalten. Mit dem »mit« dem andern nur dadurch, daß
Wachstum ihres Umfangs hat ihre beide sich gegeneinander behaupten
eigentliche Erkenntnis, hat die und sich in dieser Gegenwirkung
Einsicht in ihr geistiges »Wesen« wechselweise »auseinandersetzen«.
nicht Schritt gehalten. Eben in Jedes neu hinzutretende Element
diesem Mißverhältnis, in dieser erweitert daher nicht nur den
Ohnmacht des »abstrakten« Umfang des geistigen Horizonts, in
Denkens, in den Kern der dem diese Auseinandersetzung sich
technischen Welt einzudringen, liegt abspielt, sondern sie verändert die
ein Grundmotiv für die innere Art des Sehens selbst. Der Prozeß der
Spannung und Gegensätzlichkeit, die Gestaltung erweitert sich nicht nur
in den Bildungstendenzen unserer nach außen hin, sondern er erfährt in
Epoche besteht. Eine Lösung dieser sich selbst eine Intensivierung und
Spannung kann niemals auf dem Steigerung, und mit dieser ist
Wege der Angleichung der Extreme zugleich eine qualitative Umbildung,
und eines bloßen Kompromisses eine eigentümliche Metamorphose
zwischen ihnen erhofft und gesucht gegeben. Es ist demnach nicht
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genug, wenn die moderne seit langem gebrochen. Wo man


Philosophie mehr und mehr dazu nach ihrem Grund und Recht forscht,
übergeht, im Ganzen ihres da stellt man diese Frage immer
Lehrgebäudes für die Technik deutlicher und immer bewußter in
irgendwie »Raum« zu schaffen. Der der Richtung auf die »Idee«, die sie
so geschaffene Raum bleibt, statt verkörpert – auf die geistige
eines wahrhaften System-Raums, Wesensbestimmung, die sich in ihr
immer nur ein Aggregat-Raum. Will erfüllt. »Das Ursprungsland der
die Philosophie ihrer Mission treu Technik«, so wird es in einem der
bleiben, will sie ihr Vorrecht neuesten Werke zur Philosophie der
behaupten, gewissermaßen das Technik geradezu ausgesprochen,
logische Gewissen der Kultur zu »liegt in der Idee.«[3] »Wir werden die
bedeuten, so wird sie – wie sie nach Technik betrachten«, so formuliert
der »Bedingung der Möglichkeit« der ein anderer Autor die Aufgabe, »als
theoretischen Erkenntnis, der die organische Teilerscheinung eines
Sprache, der Kunst fragt – so auch größeren Phänomens, der
nach den »Bedingungen der Kulturentwicklung überhaupt. Wir
Möglichkeit« des technischen werden sie zu verstehen suchen als
Wirkens und der technischen den körperlichen Ausdruck, als die
Gestaltung fragen müssen. Sie wird historische Erfüllung einer Grundidee,
auch hier die Seinsfrage und die die im System der Kulturideen
Rechtsfrage erst stellen können, notwendig gefordert wird und die
nachdem sie die Sinnfrage von Grund allen sichtbaren und greifbaren Stoff
aus geklärt hat. Aber diese Klärung des technischen Schaffens im
kann nicht gelingen, solange die Inneren beherrscht, wie verschieden
Betrachtung im Kreis der technischen auch die vorübergehenden
Werke, im Bezirk des Gewirkten und Äußerungen dieser Idee im Kampfe
Geschaffenen, verharrt. Die Welt der der Motive und Tendenzen den
Technik bleibt stumm, solange man handelnden Subjekten erscheinen
sie lediglich unter diesem mögen. Es gilt, die überpersönliche,
Gesichtspunkt betrachtet und befragt über die niedere Interessensphäre
– sie beginnt sich erst zu erschließen der vermittelnden Subjekte in die
und ihr Geheimnis preiszugeben, Geschichte übergreifende ideelle
wenn man auch hier von der forma Gemeinsamkeit einzusehen, die das
formata zur forma formans, vom Handeln der Menschen nicht etwa
Gewordenen zum Prinzip des wie ein blindes Gesetz bestimmt;
Werdens zurückgeht. sondern die in ihren Taten von ihnen
Die Notwendigkeit dieses frei ergriffen wird, um so […] in die
Rückgangs wird heute, weit stärker historische Wirklichkeit zu treten.«[4]
als in der systematischen Wie immer jetzt die Antwort lauten
Philosophie, von den Männern mag: die Frage selbst ist damit erst
empfunden, die selbst von der in diejenige Ebene verlegt und auf
Technik herkommen und mitten in diejenige Niveaufläche erhoben, der
ihrer produktiven Arbeit stehen. Die alle eigentlich geistigen
Macht der »materialistischen« Grundentscheidungen angehören.
Denkweise und der materialistischen Und zugleich ist mit dieser
Fragestellung ist auch in der Technik Fragestellung das Problem wieder auf
Ernst Cassirer, Form und Technik 5

seinen ersten historischen Ursprung allgemeine Form, nicht aber ein in


zurückgeführt und in einer der Sinnenwelt bestehendes
merkwürdigen und überraschenden Einzelding, ist also erst das, was das
Weise mit ihm verknüpft. Denn eigentliche und wahrhafte »Sein« der
ebenso wie hier ein moderner Weberlade begründet und ausmacht.
Denker, der mitten im konkreten [5] Sollte es ein Zufall sein, wenn

Dasein und Leben der Technik steht, dieses eigentümliche Grundmotiv des
ihr Grundproblem sieht: so ist es vor Platonismus sich auch in der
über 2000 Jahren von dem modernen Reflexion über Sinn und
eigentlichen Entdecker der »Idee« Wesen der Technik immer stärker
und der »Ideenwelt« gesehen geltend macht? »Es sinkt aus einer
worden. Wenn Platon das Verhältnis höheren Sphäre von Macht und
von »Idee« und »Erscheinung« Wirklichkeit«, so heißt es z. B. bei
entwickelt und wenn er es Dessauer, »durch Geist und Hände
systematisch zu begründen sucht: so des Technikers und des Arbeiters ein
greift er für diese Begründung nicht ungeheurer Strom von Erfahrung und
in erster Linie auf die Gestalten der Macht in das irdische Dasein. Ein
Natur, sondern auf die Werke und Geistesstrom rinnt in die chaotische
Gebilde der técðnh zurück. Die Kunst materielle Welt, und alle haben daran
des »Werkbildners«, des teil, die Schaffenden bis zum letzten
»Demiurgen«, liefert ihm eines der Arbeiter als Vollstrecker, alle als
großen Leit- und Musterbilder, an Empfänger.« »Technik ist alles«, so
denen er Sinn und Bedeutung der sagt im gleichen Sinne Max Eyth,
Idee darstellt. Denn diese Kunst ist »was dem menschlichen Wollen eine
nach Platon keine bloße Nachbildung körperliche Form gibt. Und da das
eines Vorhandenen und Daseienden, menschliche Wollen mit dem
sondern sie ist nur auf Grund eines menschlichen Geist fast
Vorbildes und Urbildes möglich, auf zusammenfällt, und dieser eine
das der Künstler in seinem Schaffen Unendlichkeit von Lebensäußerungen
hinblickt. Der Künstler, der zuerst die und Lebensmöglichkeiten einschließt,
Weberlade erfand, hat sie nicht als so hat auch die Technik, trotz ihres
ein in der Sinnenwelt zuvor Gebundenseins an die stoffliche Welt,
Gegebenes aufgefunden, sondern er etwas von der Grenzenlosigkeit des
hat sie in die Sinnenwelt eingeführt, reinen Geisteslebens
indem er auf die Form und die überkommen.«[6] Deutlich tritt in
Bestimmung, auf das Eidos und Telos solchen Äußerungen zutage, daß die
des Werkzeugs hinsah. Und so blickt moderne Besinnung auf Grund und
auch noch heute der Bildner der Wesen der Technik nicht länger
Weberlade, wenn sie ihm etwa bei damit zufrieden ist, sie lediglich als
der Arbeit zerbricht und er daran eine »angewandte
geht, eine neue zu schaffen, nicht auf Naturwissenschaft« zu betrachten
das zerbrochene Gerät als Modell und sie demgemäß irgendwie in die
und Muster hin, sondern was seiner Begriffe und Kategorien des
Arbeit die Richtung gibt, ist wieder naturwissenschaftlichen Denkens
der Blick auf jene ursprüngliche einzuspannen und einzufangen. Was
Form, wie sie im Geist des ersten man sucht, ist ihre Beziehung auf die
Erfinders sich darstellte. Diese Allheit des Geisteslebens, auf seine
Ernst Cassirer, Form und Technik 6

Totalität und Universalität. Diese von ihr aus zur eigentlichen Lösung
Beziehung aber läßt sich nur dadurch bringen zu können. In dieser
finden und feststellen, daß man, statt Gleichsetzung von »Sinn« und
des Seinsbegriffs der »Wert« hat bereits eine Verschiebung
Naturwissenschaft, vielmehr den des Problems stattgefunden. Dieser
Formbegriff in den Mittelpunkt stellt logische Mangel pflegt freilich um so
und sich auf seinen Grund und eher unbemerkt zu bleiben, als er
Ursprung, seinen Gehalt und Sinn keineswegs allein dem Problem, das
zurückbesinnt. Denn er ist es, in dem hier in Frage steht, angehört,
sich uns die Weite des Geistigen erst sondern sich vielmehr auf die ganze
eigentlich erschließt und in dem sich Weite der »Philosophie der Kultur«
uns sein Umfang und sein Horizont und auf die Gesamtheit ihrer
bestimmt.[7] Geht man statt vom Aufgaben erstreckt. So oft bisher
Dasein der technischen Werke auch in der Geschichte des Denkens
vielmehr von der Form des die »transzendentale« Frage nach
technischen Wirkens aus, blickt man der »Möglichkeit« der Kultur, nach
vom bloßen Produkt auf den Modus, ihren Bedingungen und Prinzipien
auf die Art des Produzierens zurück gestellt worden ist, so selten ist sie in
und auf die Gesetzlichkeit, die sich in wirklicher Schärfe nach ihrem reinen
ihr offenbart, so verliert damit die Ansich festgehalten und durchgeführt
Technik jenes Enggebundene, jenes worden. Immer wieder glitt sie in
Beschränkte und Bruchstückhafte, zwei verschiedene Richtungen ab:
das ihr sonst anzuhaften scheint. Sie Der Frage nach dem Kulturgehalt
ordnet sich, wenn nicht unmittelbar schob sich die nach ihrer Leistung
in und mit ihrem Ergebnis, so doch unter. Das Maß dieser Leistung
mit ihrer Aufgabe und ihrer mochte man ganz verschiedenen
Problematik einem wahrhaft geistigen Dimensionen entnehmen;
umfassenden Fragekreis ein, man mochte es noch so hoch oder
innerhalb dessen erst ihr spezifischer noch so niedrig ansetzen – dies
Sinn und ihre eigentümliche geistige änderte jetzt nichts mehr an dem
Tendenz sich bestimmen läßt. Fehlgriff, der schon im ersten Ansatz
Um in diesen Kreis einzudringen des Problems begangen war.
und um seinen Mittelpunkt wahrhaft Deutlich tritt dieser Sachverhalt
zu erfassen, bedarf es freilich zuvor bereits bei dem ersten eigentlichen
noch einer grundsätzlichen, rein »Kritiker« der modernen Kultur, bei
methodischen Besinnung. Das Rousseau, hervor. Als Rousseau das
Eigentümliche der Sinnfrage, die uns Ganze der intellektuellen und der
hier entgegentritt, droht immer geistigen Bildung seiner Zeit vor die
wieder verdunkelt, ihre Grenzen eigentliche Gewissens- und
drohen immer wieder verwischt zu Schicksalsfrage stellte – da war ihm
werden, indem sich dieser Frage die Fassung dieser Frage durch einen
andere Motive nicht nur zugesellen, äußeren Anlaß, durch die
sondern sich ihr allmählich und Preisaufgabe der Akademie von Dijon
unvermerkt unterschieben. Eine vom Jahre 1750 vorgeschrieben. Die
solche Unterschiebung ist es schon, Frage lautete, ob und wieviel die
wenn man glaubt, die Sinnfrage mit Wiedergeburt der Künste und
der Wertfrage gleichsetzen und sie Wissenschaften zur ethischen
Ernst Cassirer, Form und Technik 7

Vervollkommnung der Menschheit fluchen – man mag sie als eines der
beigetragen habe (»Si le höchsten Besitztümer des Zeitalters
rétablissement des sciences et des verehren oder sie als dessen Not und
arts a contribué a épurer les Verderbnis beklagen – immer pflegt
mœurs«).[8] Und ihr gesellt sich, in diesen Urteilen ein Maß an sie
gemäß der Grundrichtung der Ethik angelegt zu werden, das ihr nicht
des Aufklärungszeitalters, im Geiste selbst entstammt; immer werden ihr,
Rousseaus alsbald die andere nach bewußt oder unbewußt, Zwecke
dem Lustertrag – nach dem Maße der unterschoben, die sie in ihrem reinen
»Glückseligkeit«, die die Menschheit Gestaltungswillen und in ihrer reinen
durch ihren Übergang aus dem Gestaltungskraft nicht kennt. Und
Stande der »Natur« in den der Kultur doch kann das eigentliche Urteil über
gewonnen hat. »Glückseligkeit« und sie nur aus ihr selbst, nur aus der
»Vollkommenheit«: Das sind somit Einsicht in das ihr innewohnende
die beiden Dimensionen, innerhalb immanente Gesetz gewonnen
deren er die Antwort auf sein werden. Die Philosophie der Technik
Problem sucht – und sie liefern ihm zum mindesten ist an diese
die Maßstäbe, denen er es unterwirft. Forderung gebunden. Auch die
Erst die Philosophie des deutschen Philosophie steht freilich den Inhalten
Idealismus hat hier eine der geistigen Kultur nicht nur
entscheidende Wendung gebracht; betrachtend und prüfend, sondern
erst sie hat die »Wesensfrage« in richtend gegenüber. Sie will nicht
wirklicher Schärfe und Reinheit lediglich erkennen, sondern sie darf
gestellt und sie von dem Beiwerk der und muß anerkennen und verwerfen,
Glücksfrage wie der Frage nach der beurteilen und werten, entscheiden
moralischen »Vervollkommnung« und richten. Aber ihr intellektuelles
gelöst. So wird etwa in der »Kritik Gewissen verwehrt ihr, einen
der Urteilskraft« das Reich der Richterspruch zu fällen, ehe sie in
Schönheit erst dadurch philosophisch das Wesen dessen, worüber sie
begründet, daß die Autonomie, die richtet, eingedrungen ist und es aus
Selbst-Gesetzlichkeit und Selbst- seinem eigenen Prinzip heraus
Bedeutsamkeit des Schönen begriffen hat. Diese Freiheit des
gegenüber dem Gefühl der Lust und philosophischen Blicks ist in den
Unlust und gegenüber den Normen modernen Apologien der Technik,
und Regeln des ethischen Sollens sowenig wie in den Angriffen und
entdeckt und sichergestellt wird. Anklagen, die wider sie gerichtet
Blickt man von hier aus auf das Reich werden, kaum jemals zu finden.
der Technik hin und auf den Kampf, Immer wieder fühlt man sich
der in immer steigender Heftigkeit versucht, dem Verteidiger wie dem
um dieses Reich, um die Erfassung Kläger die Maxime
seines spezifischen Sinns und entgegenzuhalten, die Spinoza für
Gehalts geführt wird, so findet man, die Philosophie der Politik geprägt
daß dieser Kampf sich zumeist noch hat: »[N]on ridere, non lugere, neque
in einem Vorstadium bewegt, das detestari; sed intelligere«.[9] Die
in anderen Gebieten der geistigen Bestimmung des »Seins« und
Kultur seit langem überschritten ist. »Soseins«, die Anschauung dessen,
Man mag die Technik segnen oder ihr was die Technik ist, muß dem Urteil
Ernst Cassirer, Form und Technik 8

über ihren Wert vorangehen. Und Gesetzgebung einzudringen; ihre


hier scheint freilich ein neues Einheit und ihre inneren
Dilemma zu entstehen: Denn das Unterschiede, ihre Universalität und
»Sein« der Technik läßt sich selbst ihre Besonderung zu ermessen und
nicht anders als in der Tätigkeit zu durchschauen. Aus solcher
erfassen und darstellen. Es tritt nur umfassenden Bestrebung läßt sich
in ihrer Funktion hervor; es besteht erst ein sicherer Standort für die
nicht in dem, als was sie nach außen Beurteilung des einzelnen gewinnen
hin erscheint und als was sie sich – läßt sich die Bestimmung einer
nach außen gibt, sondern in der Art Norm erhoffen, die über alle bloß
und Richtung der Äußerung selbst: in subjektiven Äußerungen von Lob und
dem Gestaltungsdrang und Tadel, von Gefallen und Mißfallen
Gestaltungsprozeß, von dem diese erhaben ist und statt dessen die
Äußerung Kunde gibt. So kann das eigentlich objektive »Form« des
Sein hier nicht anders als im Werden, betrachteten Gegenstandes in ihrer
das Werk nicht anders als in der Natur und in ihrer Notwendigkeit
Energie sichtbar werden. Aber ergreift.
ebendiese Schwierigkeit ist es, die
der weiteren Betrachtung den Weg II
weist und den Weg bahnt. Denn eben In einem Vortrag über »Poesie und
in ihr wird die Verwandtschaft und Technik« geht Max Eyth, der zu den
die innere Beziehung deutlich, die eifrigsten und beredtesten
zwischen der Technik und den Vorkämpfern für das geistige
anderen Grundmächten des Geistes, Eigenrecht der Technik gehört, von
so fern sie ihr inhaltlich stehen der Verwandtschaft aus, die sich
mögen, in rein formaler und zwischen der Funktion der Technik
prinzipieller Hinsicht besteht. Von all und der Funktion der Sprache
diesen Mächten gilt im Grunde das, erkennen und durchführen läßt.
was Humboldt von der Sprache »Was den Menschen in seinem
gesagt und von ihr erwiesen hat: daß Wesen, soweit es äußerlich in die
die echte Begriffsbestimmung, die Erscheinung tritt, vom Tier
einzig wahrhafte »Definition«, die unterscheidet, sind zwei Dinge: Das
sich von ihnen geben läßt, keine Wort und das Werkzeug. Die
andere als eine genetische sein Fähigkeit, Worte und Werkzeuge zu
könne. Sie können und dürfen nicht schaffen, haben […] aus dem Tier
als ein »totes Erzeugtes«, sondern den Menschen gemacht. Wie diese
sie müssen als eine Weise und Fähigkeiten in die Welt gekommen
Grundrichtung des Erzeugens sind, wird sicher ein ewiges Rätsel
verstanden werden. In dieser bleiben, das keine
gedanklichen Tendenz soll hier nach Deszendenztheorie zu lösen
dem Wesen der Technik gefragt imstande ist, denn sie sind geistigen
werden. Goethe sagt, daß der Ursprungs und stammen aus einer
Mensch, wo er bedeutend auftrete, Quelle, aus der bis auf den heutigen
immer zugleich gesetzgebend Tag kein Tier […] getrunken hat.
auftrete. Es gehört zu der Beide Fähigkeiten waren unerläßlich
wesentlichen Aufgabe der für das Fortbestehen des Menschen
Philosophie, in diese menschliche als Gattung, einer feindlichen Welt
Ernst Cassirer, Form und Technik 9

gegenüber, in der er, körperlich Urkraft, die das Tier ›homo‹ zum
hilfloser, schwächer, weniger Menschen ›homo sapiens‹ gemacht
widerstandsfähig als die meisten hat, wie ihn die Gelehrten nennen,
Tiere, zweifellos in kurzer Zeit hätte die natürlich auch hier wieder allein
untergehen müssen. Was ihn rettete auf sein Wissen anspielen und sein
[…] war im Bereich des Wissens die Können, das all dieses Wissen
Sprache, im Bereich des Könnens das ermöglichte, vergessen.«[10]
Werkzeug […] Auf Wissen und Ich hebe diese Sätze eines
Können, auf Wort und Werkzeug Technikers und eines Denkers über
beruht die Macht, die den nackten, die Technik heraus, weil in dem
wehrlosen Menschen zum Herrscher Parallelismus, der hier zwischen
über alles Lebende auf Erden Sprache und Werkzeug behauptet
gemacht hat […] In Urzeiten bis weit wird, ein echtes philosophisches
hinein in die Anfänge der Kultur Problem sich birgt. Es ist kein bloßes
spielte zweifellos das Werkzeug die Spiel des Witzes, keine bloß
erste Rolle in der Gestaltung des äußerliche Analogie, wenn man
menschlichen Daseins […] Später Sprache und Werkzeug
[…] trat eine eigentümliche zusammennimmt und beide aus
Änderung in dem Verhältnis zwischen einem geistigen Prinzip zu verstehen
Wort und Werkzeug ein. Die Sprache, sucht. Schon den ersten
eben weil sie sprechen konnte, wußte »Sprachphilosophen« im Kreise
sich eine überragende, man wird unseres europäischen Denkens war
wohl sagen dürfen, eine der Gedanke an eine solche
ungebührliche Bedeutung zu Wesensverwandtschaft nicht fremd.
verschaffen. Das stumme Werkzeug Sie faßten das Wort und die Sprache
wurde im Empfinden der Menschheit nicht in erster Linie als bloßes
immer mehr in den Hintergrund Darstellungsmittel, als Mittel der
gedrängt. Das Wissen herrschte, das Beschreibung der äußeren
Können diente; und dieses Verhältnis Wirklichkeit auf, sondern sie sahen in
steigerte sich […] mehr und mehr ihm ein Mittel zur Bemächtigung der
und ist bis in die Gegenwart Wirklichkeit. Die Sprache wurde
allgemein anerkannt geblieben. ihnen zur Waffe und zum Werkzeug,
Heute stehen wir inmitten eines dessen sich der Mensch bedient, um
heftigen Kampfes, der bestrebt ist, sich im Kampf mit der Natur und im
das Verhältnis der beiden, wenn nicht Kampf mit seinesgleichen, im
umzugestalten, so doch auf seine sozialen und politischen Wettstreit,
richtigen Grundlagen zu behaupten.[11] Der »Logos« selbst,
zurückzuführen. Die Sprache hat […] als Ausdruck der eigentümlichen
in den Tagen ihres wachsenden Geistigkeit des Menschen, erscheint
Triumphs den ungebührlichen somit hier nicht lediglich in
Anspruch erhoben, das einzige »theoretischer«, sondern in
Werkzeug des Geistes zu sein […] Sie »instrumentaler« Bedeutung. Und
glaubt es im allgemeinen heute noch. darin liegt zugleich implizit die
Sie vergißt über dem Werkzeug des Gegenthese beschlossen, daß auch in
Geistes den Geist des Werkzeuges. jedem bloß stofflichen Werkzeug, in
Aber beide, Wort und Werkzeug, sind jedem Gebrauch eines materiellen
ein Erzeugnis derselben geistigen Dinges im Dienste des menschlichen
Ernst Cassirer, Form und Technik 10

Willens, die Kraft des Logos Sprache aufgewiesen: Er hat gezeigt,


schlummert. So wird die wie der Akt des Sprechens niemals
Wesensbestimmung, die Definition ein bloßes Empfangen der Objekte,
des Menschen in dieser zweifachen eine Aufnahme der bestehenden
Richtung entwickelt. Der Mensch ist Gegenstandsform in das Ich
ein »vernünftiges« Wesen: in dem bedeutet, sondern wie er einen
Sinne, daß die »Vernunft« aus der echten Akt der Weltschöpfung, der
Sprache stammt und unlöslich an sie Erhebung der Welt zur Form in sich
gebunden ist – daß ratio und oratio, schließt. Die Vorstellung, daß die
Sprechen und Denken, verschiedenen Sprachen nur dieselbe
Wechselbegriffe werden. Aber Masse der unabhängig von ihnen
zugleich, und nicht minder vorhandenen Gegenstände und
ursprünglich, erscheint er als ein Begriffe bezeichnen, gilt Humboldt
technisches, ein werkzeugbildendes als die dem Sprachstudium eigentlich
Wesen: »a tool-making animal«,[12] verderbliche. Sie verdeckt das, was
wie Benjamin Franklin ihn genannt ihren eigentlichen Sinn und Wert
hat. In diesen beiden Seiten seines ausmacht; sie trübt den Blick für den
Wesens ist die Kraft beschlossen, mit schöpferischen Anteil, den die
der er sich gegen die äußere Sprache an der Herausstellung, an
Wirklichkeit behauptet und Kraft der Gewinnung und Sicherung des
deren er sich ein geistiges »Bild« anschaulichen Weltbildes hat. Die
dieser Wirklichkeit erst erringt. Alle Verschiedenheit der Sprachen ist
geistige Bewältigung der Wirklichkeit nicht eine solche von Schällen und
ist an diesen doppelten Akt des Zeichen, sondern »eine
»Fassens« gebunden: an das Verschiedenheit der Weltansichten
»Begreifen« der Wirklichkeit im selbst«.[14] Was hier vom Gebrauch
sprachlich-theoretischen Denken und der Sprache gesagt ist, das gilt, recht
an ihr »Erfassen« durch das Medium verstanden, auch von jedem noch so
des Wirkens; an die gedankliche wie elementaren und »primitiven«
an die technische Formgebung. Werkzeuggebrauch. Das
Und in beiden Fällen gilt es, um in Entscheidende liegt auch hier
den eigentlichen Sinn dieser niemals in den materiellen Gütern,
Formgebung einzudringen, ein die durch ihn gewonnen werden – in
Mißverständnis abzuwehren. Die der quantitativen Ausdehnung des
»Form« der Welt wird vom Menschen Machtbereichs, durch die nach und
weder im Denken noch im Tun, nach ein Teil der äußeren
weder im Sprechen noch im Wirken Wirklichkeit nach dem andern dem
einfach empfangen und Willen des Menschen unterworfen
hingenommen, sondern sie muß von wird – durch die der Wille, der
ihm »gebildet« werden. Denken und anfangs auf den engen Umkreis des
Tun sind insofern ursprünglich menschlichen Leibes, auf die
geeint, als sie beide aus dieser Bewegung der eigenen Gliedmaßen
gemeinsamen Wurzel des bildenden beschränkt schien, allmählich alle
Gestaltens stammen und sich aus ihr räumlichen und zeitlichen Schranken
erst allmählich entfalten und durchbricht und sprengt. Diese
abzweigen. Wilhelm von Humboldt[13] Überwindung wäre letzten Endes
hat dieses Grundverhältnis an der dennoch ohne Frucht, wenn sich in
Ernst Cassirer, Form und Technik 11

ihr dem Geiste immer nur neuer Vollbringens steht der Typus des
Weltstoff erschlösse und magischen Wollens und Vollbringens
entgegendrängte. Der eigentliche, gegenüber. Man hat versucht, von
der tiefere Ertrag liegt auch hier im diesem Urgegensatz aus die
Gewinn der »Form«: in der Tatsache, Gesamtheit der Unterschiede
daß die Ausdehnung des Wirkens abzuleiten, die zwischen der Welt der
zugleich seinen qualitativen Sinn Kulturvölker und der der Naturvölker
verändert und daß sie damit die bestehen. Der Mensch der Frühzeit
Möglichkeit eines neuen Weltaspekts und der der späteren Stufe scheiden
erschafft. Das Wirken müßte sich sich, wie sich die Magie von der
gerade in seiner ständigen Mehrung, Technik unterscheidet: Jener läßt sich
in seiner Erweiterung und als Homo divinans, dieser als Homo
Steigerung, zuletzt als ohnmächtig, faber bezeichnen. Der gesamte
als innerlich ziellos und kraftlos Entwicklungsgang der Menschheit
erkennen, wenn sich in ihm nicht stellt sich alsdann als ein in zahllosen
gleichzeitig eine innere Umbildung, Zwischenformen sich vollziehender
eine ideelle Sinnwendung Verlauf dar, kraft dessen der Mensch
vorbereitete und ständig und stetig von der Anfangsstufe des Homo
vollzöge. In der Aufweisung dieser divinans in die des Homo faber
Sinnwendung liegt das, was die übergeht. Nehmen wir diese
Philosophie für die Technik, für ihr Unterscheidung – wie sie Danzel in
Verständnis und gleichsam für ihre seiner Schrift über »Kultur und
geistige Legitimierung zu leisten Religion des primitiven Menschen«
vermag. Aber sie muß hierfür weit aufgestellt und durchgeführt hat[15] –
zurückgreifen; sie muß bis zu den an, so haben wir damit freilich keine
ersten Anfängen zurückzudringen Lösung des Problems, sondern erst
suchen, in denen sich das Geheimnis eine Aufstellung, eine Formulierung
der »Form« für den Menschen zuerst des Problems erreicht. Denn es ist
erschließt, in denen es ihm, im nur eine scheinbare Erklärung und
Denken und Vollbringen, aufzugehen Weiterführung, wenn die Ethnologie,
beginnt, um sich ihm freilich der diese Unterscheidung
zunächst eher zu verhüllen als zu entstammt, sie dadurch zu erläutern
offenbaren, um sich ihm nur wie in strebt, daß sie das Verhalten des
einem rätselhaften Zwielicht, in der »magischen« Menschen im
Dämmerung des magisch- wesentlichen auf das Überwiegen der
mythischen Weltbildes darzustellen. »subjektiven« Bestimmungen und
Stellt man das Weltbild der Beweggründe über die rein
Kulturvölker dem der Naturvölker »objektiven« zurückführt. Das
gegenüber, so zeigt sich der tiefe Weltbild des »Homo divinans« soll
Gegensatz, der zwischen beiden dadurch zustande kommen, daß er
besteht, vielleicht in keinem andern seine eigenen Zustände in die
Zuge so scharf und so klar als in der Wirklichkeit projiziert, daß er das,
Richtung, die der menschliche Wille was in ihm selbst vorgeht, in die
einschlägt, um Herr über die Natur zu Außenwelt hineinsieht.
werden und sich ihrer fortschreitend Innenvorgänge, die sich rein in der
zu bemächtigen. Dem Typus des Seele abspielen, werden nach außen
technischen Wollens und verlegt; Triebe und Willensregungen
Ernst Cassirer, Form und Technik 12

werden als Kräfte gedeutet, die an eine feste Vorstellung von Subjekt
unmittelbar in das Geschehen und Objekt, nach welcher er sodann
eingreifen und es lenken und sein Verhalten richtet; sondern im
umgestalten können. Aber diese Ganzen dieses Verhaltens, im
Erklärung schließt, rein logisch Ganzen seiner leiblichen und seiner
betrachtet, eine Petitio principii in seelisch-geistigen Betätigungen geht
sich; sie nimmt das zu Erklärende als ihm erst das Wissen von beiden auf,
Erklärungsgrund vorweg. Wir scheidet sich ihm erst der Horizont
sprechen vom Standpunkt unserer des Ich von dem der Wirklichkeit.[16]
theoretischen Weltbetrachtung, die Zwischen beiden gibt es nicht von
auf dem Prinzip des »Grundes«, auf Anbeginn ein festes statisches
der Kategorie der Kausalität als Verhältnis, sondern gleichsam eine
Bedingung der Möglichkeit der hin- und hergehende, fluktuierende
Erfahrung und der Bewegung – und aus ihr kristallisiert
Erfahrungsgegenstände, beruht, sich erst allmählich die Form heraus,
wenn wir dem Primitiven vorhalten, in der der Mensch sein eigenes Sein
daß er Objektives und Subjektives wie das Sein der Gegenstände
»verwechselt«, daß er die Grenzen begreift.
beider Gebiete ineinanderfließen Wenden wir diese allgemeine
läßt. Denn ebendiese Grenzen sind Einsicht auf das Problem, das hier
nicht »an sich« vorhanden; sondern vorliegt, an, so sehen wir, daß der
sie müssen erst gesetzt und Mensch im magischen wie im
gesichert, erst durch die Arbeit des technischen Verhalten nicht schon
Geistes gezogen werden. Und die Art eine bestimmte Form der Welt hat,
dieser Grenzsetzung vollzieht sich sondern daß er vielmehr diese Form
verschieden, je nach der erst suchen und sie auf
Gesamthaltung, in welcher der Geist verschiedenen Wegen finden muß. In
steht, und je nach der Richtung, in welcher Art er sie findet: das hängt
der er sich bewegt. Jeder Übergang hierbei von dem dynamischen Prinzip
von der einen Haltung und Richtung ab, dem die Gesamtbewegung des
in die andere schließt immer zugleich Geistes folgt. Nimmt man an, daß
eine neue »Orientierung«, ein neues schon in der magischen Auffassung
Verhältnis von »Ich« und der Natur das Prinzip der
»Wirklichkeit« in sich. Die Beziehung »Kausalität«, die Frage nach den
zwischen beiden ist also nicht von »Gründen« des Seins und nach den
Anfang an als eine einmalige und »Ursachen« des Geschehens waltet –
eindeutige gesetzt; sondern sie so fällt damit die Scheidewand
entsteht erst auf Grund der zwischen Magie und Wissenschaft
mannigfachen ideellen Prozesse der dahin. Es ist einer der besten Kenner
»Auseinandersetzung«, wie sie sich der magischen Phänomene, der in
im Mythos und in der Religion, in der seiner Darstellung dieser Phänomene
Sprache und in der Kunst, in der diesen Schluß ausdrücklich gezogen
Wissenschaft und in den hat. Indem Frazer in seinem Werk
verschiedenen Grundformen »The Magic Art«
»theoretischen« Verhaltens den Tatsachenbereich der
überhaupt vollziehen. Für den magischen Kunst in seiner ganzen
Menschen besteht nicht von Anfang Weite vor uns auszubreiten sucht,
Ernst Cassirer, Form und Technik 13

knüpft er an die Beschreibung dieses gibt ihr das Gepräge, das sie
Tatsachenbereichs zugleich eine durchgängig zeigt. Daß sie diesen
bestimmte Theorie über Sinn und Grundsatz nicht im gleichen Sinne
Ursprung der Magie. Und sie wird ihm wie die theoretische
hierbei zu nichts anderem und zu Naturwissenschaft anzuwenden
nichts Geringerem als zum ersten vermag, beruht nach Frazer nicht auf
Anfang der »Experimentalphysik«. In einem logischen, sondern lediglich
der Magie gewinnt der Mensch die auf einem faktischen Grunde. Sie ist
erste Anschauung eines objektiven »primitiv« nicht ihrer Denk form
Seins und Geschehens, die nach nach, sondern nach dem Maß und
festen Regeln geordnet sind. Der der Sicherheit ihrer inhaltlichen
Lauf der Dinge stellt sich ihm jetzt als Kenntnisse. Der Kreis der
ein geschlossener Nexus, als eine Beobachtung ist zu eng, die Art der
Kette von »Ursachen« und Beobachtung ist zu schwankend und
»Wirkungen« dar, in die keine unsicher, als daß es zur Aufstellung
jenseitige übernatürliche Macht nach wirklich haltbarer empirischer
Willkür eingreifen kann. Hierin trennt Gesetze kommen könnte: Aber das
sich, nach Frazer, die Welt der Magie Bewußtsein der Gesetzlichkeit als
scharf und klar von der religiösen solcher ist in ihr erwacht und wird
Welt. In der religiösen Anschauung von ihr unverbrüchlich festgehalten.
unterwirft sich der Mensch fremden So sieht Frazer zuletzt in den beiden
Gewalten, denen er das Ganze des Grundformen der Magie nichts
Seins anheimgibt. Hier gibt es noch anderes als die Anwendungen und
keinen festen Naturlauf: Denn die Abwandlungen des
Welt hat noch keine eigene Gestalt »wissenschaftlichen« Grundsatzes
und keine eigene Macht, sondern sie der Kausalität, den er hierbei gemäß
ist ein Spielball in der Hand den Anschauungen des englischen
überlegener transzendenter Kräfte. Empirismus auffaßt und erläutert. Die
Ebendiese Grundauffassung aber ist »sympathetische« Magie und die
es, gegen die die magische »homöopathische oder imitative«
Weltansicht sich auflehnt. Sie faßt die Magie beruhen beide auf den
Natur als ein streng determiniertes grundlegenden Gesetzen der
Geschehen, und sie sucht in das Ideenassoziation, die auch alles
Wesen dieser Determination kausale Denken beherrschen: In dem
einzudringen. Sie kennt im Grunde einen Falle wirkt sich das Gesetz der
keinen Zufall, sondern sie erhebt sich »Ähnlichkeitsassoziation«, in dem
zur Anschauung einer strengen andern das Gesetz der
Gleichförmigkeit des Geschehens. »Berührungsassoziation« aus und
Und damit erst erreicht sie, im wird zur Richtschnur des
Gegensatz zur Religion, die Stufe theoretischen und praktischen
wissenschaftlicher Welterkenntnis. Verhaltens.[17]
Die Magie unterscheidet sich von der Der Mangel dieser Theorie
Wissenschaft zwar im Resultat, aber Frazers, der eine große Zahl
nicht in ihrem Prinzip und in ihrem ethnologischer Forscher sich
Problem. Denn der Grundsatz: angeschlossen haben, läßt sich mit
»Gleiche Ursachen, gleiche einem Wort bezeichnen: Sie spricht
Wirkungen« beherrscht auch sie und dem magischen Verhalten eine
Ernst Cassirer, Form und Technik 14

Bedeutung zu und vindiziert ihm eine sich ein eigenes Reich auf, mit dem
Leistung, die erst dem technischen er in die Zukunft hinausgreift. Aber
Verhalten vorbehalten ist. Die Magie wenn er damit im gewissen Sinne
mag sich immerhin dadurch von der von der Macht der unmittelbaren
Religion unterscheiden, daß der Empfindung frei wird, so hat er an
Mensch in ihr aus dem bloß passiven ihrer Stelle nur die Unmittelbarkeit
Verhältnis zur Natur heraustritt – daß des Begehrens eingetauscht. In ihr
er die Welt nicht länger als bloßes glaubt er die Wirklichkeit direkt
Geschenk überlegener göttlicher ergreifen und bezwingen zu können.
Macht empfangen, sondern daß er Die Gesamtheit der magischen
sie selbst in Besitz nehmen und ihr Praktiken ist gewissermaßen nur die
eine bestimmte Form aufprägen will. Auseinanderlegung, die
Aber die Art dieser Besitzergreifung fortschreitende Entfaltung des
ist eine durchaus andere als Wunschbildes, das der Geist von dem
diejenige, die sich im technischen zu erreichenden Ziele in sich trägt.
Wirken und im Die einfache, immer gesteigerte
naturwissenschaftlichen Denken Wiederholung dieses Zieles gilt schon
vollzieht. Der magische Mensch, der als der Weg, der mit Sicherheit zu
»homo divinans«, glaubt im ihm hinführen muß. Auf diese Weise
gewissen Sinne an die Allmacht des entstehen die beiden Urformen der
Ich: Aber diese Allmacht stellt sich Magie: der Wortzauber wie der
ihm lediglich in der Kraft des Bildzauber. Denn Wort und Bild sind
Wunsches dar. Dem Wunsch in seiner die beiden Weisen, in denen der
höchsten Steigerung und Mensch ein Nicht-Gegenwärtiges
Potenzierung vermag sich zuletzt die gleich einem Gegenwärtigen
Wirklichkeit nicht zu entziehen; sie behandelt; in denen er ein
wird ihm gefügig und untertan. Der Gewünschtes und Ersehntes
Erfolg eines bestimmten Tuns wird gleichsam vor sich hinstellt, um es
daran geknüpft, daß das Ziel dieses schon in diesem Akt des
Tuns in der Vorstellung aufs »Vorstellens« zu genießen und sich
genaueste vorweggenommen wird, zu eigen zu machen. Das räumlich
und daß das Bild dieses Zieles in Entlegene und das zeitlich Ferne wird
höchster Intensivierung im Wort »hervorgerufen«; oder es
herausgearbeitet und festgehalten wird »eingebildet« und
wird. Alle »realen« Handlungen »vorgebildet«. So wird schon hier das
bedürfen, wenn sie glücken sollen, regnum hominis gesucht; aber es
einer solchen magischen entgleitet dem Menschen alsbald
Vorbereitung und Vorwegnahme: Ein wieder und löst sich in ein bloßes Idol
Kriegs- oder Beutezug, ein Fischfang auf. Die Magie ist zweifellos nicht
oder eine Jagd können nur gelingen, lediglich eine Weise der
wenn jede Einzelphase von ihnen in Weltauffassung, sondern in ihr liegen
der rechten Weise magisch schon echte Keime der
antizipiert und gleichsam »vorgeübt« Weltgestaltung. Aber das Medium, in
ist.[18] Schon in der magischen dem sie sich bewegt, läßt diese
Weltansicht reißt sich somit der Keime nicht zur Entfaltung kommen.
Mensch von der unmittelbaren Denn noch wird die erfahrbare
Gegenwart der Dinge los und richtet Wirklichkeit nicht in ihren Ordnungen
Ernst Cassirer, Form und Technik 15

und Regeln gesehen, sondern sie sondern in einer das Ziel in die Ferne
wird dichter und dichter in einen zu rücken und es in dieser Ferne zu
bloßen Wunschtraum eingehüllt, der belassen, es in ihr »stehenzulassen«.
ihre eigene Form verdeckt. Auch Dieses Stehenlassen des Zieles ist es
diese Leistung der »Subjektivität« ist erst, was eine »objektive«
freilich nicht ausschließlich negativ Anschauung, eine Anschauung der
zu bewerten: Denn es ist schon ein Welt als einer Welt von
erster und im gewissen Sinne »Gegenständen« ermöglicht. Der
entscheidender Schritt, wenn der Gegenstand ist für den Willen
Mensch sich nicht lediglich dem ebensosehr die Richt- und Leitschnur,
Eindruck der Dinge, ihrer bloßen die ihm erst seine Bestimmtheit und
»Gegebenheit« überläßt und seine Festigkeit gibt, wie er die
unterwirft, sondern statt dessen dazu Schranke des Willens, sein Gegenhalt
übergeht, eine Welt aus sich und sein Widerstand, ist. An der Kraft
erstehen zu lassen – wenn er sich dieser Schranke erwächst und
nicht mehr beim bloßen Dasein erstarkt erst die Kraft des Willens.
beruhigt, sondern ein Sosein und ein Die Durchführung des Willens kann
Anderssein fordert. Aber dieser niemals in der bloßen Steigerung
ersten aktiven Richtung, in der der seiner selbst gelingen; sondern sie
Welt des Seins die Welt der Tat verlangt, daß der Wille in eine ihm
gegenübertritt, fehlt es noch an den selbst ursprünglich fremde Ordnung
echten Mitteln der Betätigung. Indem eingreift und daß er diese Ordnung
der Wille direkt auf sein Ziel als solche weiß und erkennt. Dieses
überspringt, kommt es in solcher Erkennen ist immer zugleich eine
magischen Identifizierung von Ich Weise des Anerkennens. Der Natur
und Welt zu keiner wahrhaften wird jetzt nicht, wie in der Magie,
»Auseinandersetzung« zwischen das eigene Wünschen und Wähnen
beiden. Denn jede solche bloß untergeschoben, sondern es
Auseinandersetzung fordert nicht nur wird ihr ein eigenes unabhängiges
Nähe, sondern Entfernung; nicht nur Sein zugestanden. Und in dieser
Bemächtigung, sondern auch Selbstbescheidung erst ist der
Verzicht, nicht nur die Kraft des wahrhafte Sieg des Gedankens
Erfassens, sondern auch die Kraft zur errungen. »Natura […] non nisi
Distanzierung. parendo vincitur […]«:[19] Der Sieg
Ebendieser Doppelprozeß ist es, über die Natur läßt sich nur auf dem
der sich im technischen Verhalten Wege des Gehorsams gegen sie
offenbart und der es vom magischen erreichen. Durch diesen Gehorsam,
Verhalten spezifisch unterscheidet. der die Kräfte der Natur walten läßt,
An Stelle der Macht des bloßen der sie nicht mehr magisch zu
Wunsches ist hier die Macht des bannen und zu unterjochen versucht,
Willens getreten. Dieser Wille wird nun auch im rein
offenbart sich nicht nur in der Kraft »theoretischen« Sinne eine neue
des vorwärtsstürmenden Impulses, Gestalt der Welt heraufgeführt. Der
sondern in der Art, in der dieser Mensch sucht nicht länger, sich die
Impuls geleitet und beherrscht wird; Wirklichkeit mit allen Mitteln des
er offenbart sich nicht nur in der Zaubers und der Bezauberung
Fähigkeit der Ergreifung des Zieles, gefügig zu machen; sondern er
Ernst Cassirer, Form und Technik 16

nimmt sie als ein selbständiges solcher Wechselbestimmung wird ein


charakteristisches »Gefüge«. Sie hat neuer Sinn des Ich und ein neuer
für ihn aufgehört, ein amorpher Stoff Sinn der Welt ergriffen. Die Willkür,
zu sein, der sich zu jeder der bloße Eigenwille und Eigensinn
Metamorphose hergibt, der sich des Ich tritt zurück – und in dem
durch die Macht des magischen Maße, als dies geschieht, hebt sich
Wortes und Bildes zuletzt in jede der eigene Sinn des Daseins und des
beliebige Gestalt zwingen läßt. An Geschehens, hebt sich die
Stelle des zauberischen Zwanges tritt Wirklichkeit als Kosmos, als Ordnung
die »Entdeckung« der Natur, die in und Form heraus.
jedem technischen Verhalten, in Man braucht, um sich dies zu
jedem noch so einfachen und vergegenwärtigen, nicht auf die
primitiven Werkzeuggebrauch vollständige Entfaltung und auf die
enthalten ist. Diese Entdeckung ist gegenwärtige Gestaltung der Technik
Aufdeckung: ist das Erfassen und hinzublicken; sondern fast noch
Sichzueigenmachen eines deutlicher als in all den
wesenhaften und notwendigen Wunderwerken der modernen
Zusammenhangs, der zuvor Technik stellt sich das
verborgen lag. Damit erst ist die Grundverhältnis in den ganz
Gestaltenfülle und der unbeschränkte schlichten und unscheinbaren
Gestaltenwandel der mythisch- Phänomenen, in den ersten und
magischen Welt auf eine feste Norm, einfachsten Anfängen des
auf ein bestimmtes Maß Werkzeuggebrauchs dar. Schon hier
zurückgeführt – und doch ist dringen wir – rein philosophisch
andererseits die Wirklichkeit durch betrachtet – in den Kern und
die Reduktion auf diese ihre inneren Mittelpunkt des Problems ein. Denn
Maßverhältnisse nicht zu einem der Abstand zwischen jeglichem noch
schlechthin starren Sein geworden, so ungefügen und unvollkommenen
sondern sie hat ihre innere Werkzeug, dessen sich der Mensch
Beweglichkeit bewahrt. Sie hat von bedient, und den höchsten
ihrer »Plastizität« nichts verloren; Erzeugnissen und Errungenschaften
aber diese Plastizität, diese ihre technischen Schaffens mag in rein
»Formbarkeit« ist nunmehr wie in inhaltlicher Hinsicht noch so gewaltig
einen festen gedanklichen Rahmen erscheinen: Er ist dennoch, wenn
eingespannt und auf bestimmte man lediglich das Prinzip des
Regeln des »Möglichen« Handelns ins Auge faßt, nicht größer,
eingeschränkt. Dieses objektiv sondern geringer als die Kluft, die die
Mögliche erscheint jetzt als die erste Erfindung und den ersten
Grenze, die der Allmacht des Gebrauch des rohesten Werkzeugs
Wunsches und der affektiven vom bloß tierischen Verhalten trennt.
Phantasie gesetzt ist. An die Stelle Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man
des bloß triebhaften Begehrens ist behauptet, daß in dem Übergang
erst jetzt ein echtes, bewußtes zum ersten Werkzeug nicht nur der
Willens verhältnis getreten – ein Keim zu einer neuen
Verhältnis, das Herrschen und Weltbeherrschung liegt, sondern daß
Dienen, Fordern und Gehorchen, Sieg hier auch eine Weltwende der
und Unterwerfung in eins faßt. In Erkenntnis einsetzt. In der Weise des
Ernst Cassirer, Form und Technik 17

mittelbaren Handelns, die jetzt Statt wie gebannt auf dieses Ziel
gewonnen ist, gründet und festigt hinzusehen, lernt der Mensch von
sich erst jene Art von Mittelbarkeit, ihm »abzusehen« – und ebendieses
die zum Wesen des Denkens gehört. Absehen wird zum Mittel und zur
Alles Denken ist seiner reinen Bedingung seiner Erreichung. Diese
logischen Form nach mittelbar – ist Form des Sehens ist es erst, die das
auf die Entdeckung und Gewinnung »absichtliche« Tun des Menschen
von Mittelgliedern angewiesen, die von dem tierischen Instinkt scheidet.
den Anfang und das Ende, den Die »Ab-Sicht« begründet die
Obersatz und den Schlußsatz einer »Voraus-Sicht«; begründet die
Schlußkette miteinander verknüpfen. Möglichkeit, statt auf einen
Das Werkzeug erfüllt die gleiche unmittelbar gegebenen Sinnenreiz
Funktion, die sich hier in der Sphäre hin zu handeln, die Zielbestimmung
des Logischen darstellt, in der auf ein räumlich Abwesendes und
gegenständlichen Sphäre: Es ist zeitlich Entferntes zu richten. Nicht
gleichsam der in gegenständlicher weil das Tier an körperlicher
Anschauung, nicht im bloßen Denken Geschicklichkeit hinter den Menschen
erfaßte »terminus medius«. Es stellt zurücksteht, sondern weil ihm diese
sich zwischen den ersten Ansatz des eigentümliche Blick richtung versagt
Willens und das Ziel – und es ist, gibt es im Bereich tierischen
gestattet in dieser Zwischenstellung Daseins keinen eigentlichen
erst, beide voneinander zu sondern Werkzeuggebrauch. [20] Und diese
und in die gehörige Distanz zu Blickrichtung ist es auch, in der erst
setzen. Solange der Mensch sich zur der Gedanke der kausalen
Erreichung seiner Zwecke lediglich Verknüpfung im strengen und
seiner Gliedmaßen, seiner eigentlichen Sinne ersteht. Faßt man
körperlichen »Organe« bedient, ist freilich den Begriff der Kausalität so
solche Distanzierung noch nicht locker und lose, daß man ihn überall
erreicht. Er wirkt alsdann zwar auf anwendbar findet, wo Ähnliches oder
seine Umwelt – aber von diesem räumlich und zeitlich Benachbartes
Wirken selbst zum Wissen des durch bloße »Assoziation« verbunden
Wirkens ist noch ein weiter Abstand. wird – so muß man den Ursprung
Wo alles Tun des Menschen darin dieses Begriffs weit früher ansetzen.
aufgeht, die Welt zu ergreifen, da Es ist kein Zweifel, daß schon die
kann er sie noch nicht als solche mythische Welt und daß schon das
begreifen – da kann er sie noch nicht rein magische Wirken von derlei
als eine Welt von Gegenständen in »Assoziationen« erfüllt und durch sie
objektiver Gestalt vor sich hinstellen. beherrscht ist. Frazer verfährt daher
Das triebhafte In-Besitz-Nehmen, das konsequent, wenn er, auf Grund
unmittelbare leibliche Fassen läßt es dieser Auffassung der Kausalität,
nicht zu einem »Erfassen«, zu einem schon die Welt der Magie dem Prinzip
Aufbau in der Region des reinen der Kausalität unterstellt – wenn er in
Anschauens und in der Region des der Magie die eigentlichen Anfänge
Denkens kommen. Im Werkzeug und der »Experimentalphysik« sieht.[21]
seinem Gebrauch hingegen wird Aber ein anderes Bild und ein
gewissermaßen zum ersten Male das anderes Urteil über die geistigen
erstrebte Ziel in die Ferne gerückt. Zusammenhänge und die geistigen
Ernst Cassirer, Form und Technik 18

Differenzen zwischen den und sein regelmäßiger Gebrauch


Grundformen der Weltauffassung durchbricht prinzipiell die Schranke
ergibt sich, wenn man den dieser Vorstellungsart. In ihm kündigt
Kausalbegriff in jener schärferen und sich die Götterdämmerung der
strengeren Bedeutung nimmt, die magisch-mythischen Welt an. Denn
Kant ihm in seiner Kritik der hier erst tritt der Gedanke der
Humeschen Kausalitätslehre Kausalität aus der Begrenztheit der
gegeben hat. Der Schwerpunkt »inneren Erfahrung«, aus der
dieser Kritik liegt in dem Nachweis, Gebundenheit an das subjektive
daß keineswegs die bloße Willensgefühl heraus. Er wird zu
gewohnheitsmäßige Verbindung, einem Band, das rein
sondern der Gedanke der gegenständliche Bestimmungen
»notwendigen Verknüpfung« den miteinander verknüpft und zwischen
Kern des Kausalbegriffs als einer ihnen eine feste Regel der
Kategorie des »reinen Verstandes« Abhängigkeit setzt. Das Werkzeug
ausmache. Und das Recht dieses gehört nicht mehr, wie der Leib und
Begriffs wird letzten Endes darin seine Gliedmaßen, unmittelbar dem
gesucht und dadurch erwiesen, daß Menschen zu: Es bedeutet ein von
ohne ihn die Beziehung unserer seinem unmittelbaren Dasein
Vorstellungen auf einen Gegenstand Abgelöstes – ein Etwas, das in sich
nicht möglich wäre. Der Kausalbegriff Bestand hat, einen Bestand, mit dem
gehört zu jenen Urformen der es selbst das Leben des
Synthesis, durch welche allein es Einzelmenschen weit überdauern
möglich ist, den Vorstellungen einen kann. Aber dieses so bestimmte
Gegenstand zu geben: Er ist als »Dingliche« und »Wirkliche« steht
Bedingung der Möglichkeit der nun nicht für sich allein, sondern es
Erfahrung Bedingung der Möglichkeit ist wahrhaft wirklich nur in der
der Gegenstände der Erfahrung. Von Wirkung, die es auf anderes Sein
einer solchen ins Objektive ausübt. Diese selbst schließt sich ihm
gewandten und das Reich der nicht bloß äußerlich an, sondern sie
Objekte erst aufbauenden und gehört zu seiner Wesensbestimmung.
ermöglichenden Kausalität weiß die Die Anschauung eines bestimmten
mythisch-magische Welt noch nichts. Werkzeuges – die Anschauung der
Auch für sie löst sich das Ganze der Axt, des Hammers usw. – erschöpft
Natur in ein Spiel von Kräften, in ein sich niemals in der Anschauung eines
Ineinander von Wirkungen und Dinges mit besonderen Merkmalen,
Gegenwirkungen auf – aber diese eines Stoffes mit bestimmten
Kräfte sind wesentlich von der Eigenschaften. Im Stoff wird hier
gleichen Art, wie sie der Mensch in vielmehr sein Gebrauch, in der
seinen unmittelbaren Trieben erlebt »Materie« die Form der Wirksamkeit,
und erfährt. Es sind persönliche, die eigentümliche Funktion erschaut:
dämonisch göttliche Mächte, die das Und beides trennt sich voneinander
Geschehen leiten und bestimmen, nicht, sondern wird als eine
und deren Mitwirkung der Mensch unlösliche Einheit ergriffen und
sich vergewissern muß, wenn er begriffen. Der Gegenstand ist als
selbst auf dieses Geschehen Einfluß etwas bestimmt immer nur soweit
gewinnen will. Das Werkzeug erst und sofern er zu etwas bestimmt ist.
Ernst Cassirer, Form und Technik 19

Darin liegt, daß es in der Welt des der Werkzeuge erscheint selbst wie
Werkzeugs niemals bloße eine Art von Pandämonium. Die
Dingbeschaffenheiten, sondern daß Sprache ist keineswegs ursprünglich
es in ihr, um einen mathematischen ein rein sachlich bestimmtes und
Ausdruck zu brauchen, nur ein sachlich orientiertes Darstellungs
Ganzes von »Vektorgrößen« gibt. mittel, kein Mittel der bloßen
Jedes Sein ist hier in sich bestimmt, Mitteilung, auf der sich das
aber es ist zugleich Ausdruck einer gegenseitige Verständnis, im
bestimmten Verrichtung, und in logischen Sinne des Wortes, erhebt.
dieser Anschauung der Verrichtung Je mehr man in den »Ursprung« der
geht dem Menschen ganz allgemein Sprache zurückzugehen sucht, um so
eine prinzipiell neue Blickrichtung, mehr schwindet der bloße
geht ihm die Auffassung einer »Sachcharakter« ihrer
»objektiven Kausalität« auf. Grundelemente. Herder sagt, daß das
Wie groß freilich die Leistung ist, älteste Wörterbuch und die älteste
die hier gefordert wird, das tritt mit Grammatik der Menschheit nichts
besonderer Deutlichkeit hervor, wenn anderes war als ein »tönendes
man sich gegenwärtig hält, daß die Pantheon« – ein Reich nicht sowohl
Kluft zwischen den beiden von Dingen und Dingnamen, als
verschiedenen Weltaspekten, die hier vielmehr von belebten, handelnden
einander gegenüberstehen, nicht mit Wesen. Und das gleiche gilt für die
einem Ansatz übersprungen werden ersten und primitivsten Werkzeuge.
kann. Der Abstand zwischen den Auch sie gelten durchaus als »Gaben
beiden Polen bleibt bestehen – und er von oben« – als Geschenke eines
kann nur Schritt für Schritt Gottes oder Heilbringers. So werden
durchmessen werden. Lange sie selbst als göttlich verehrt: Bei den
nachdem der menschliche Geist in Eweern in Süd-Togo gilt noch heute
der Sprache und im Werkzeug die der Schmiedehammer als eine
wichtigsten Mittel der Befreiung sich mächtige Gottheit, zu der gebetet
geschaffen hat, erscheinen ihm wird und der Opfer dargebracht
ebendiese Mittel selbst noch wie werden. Bis in die großen
eingehüllt in jenen Kulturreligionen hinein lassen sich
magischmythischen Dunstkreis, über die Spuren dieser Empfindung und
den sie ihn, in ihrer letzten und Anschauung verfolgen.[23] Aber diese
höchsten Entfaltung, hinausführen Scheu verliert sich, das mythische
sollen.[22] Die Welt der Sprache wie Dunkel, das das Werkzeug zunächst
die des Werkzeugs wird keineswegs noch umgibt, lichtet sich allmählich
unmittelbar als Schöpfung des in dem Maße, als der Mensch es nicht
Menschengeistes begriffen, sondern nur gebraucht, sondern als er es, in
beide wirken als fremde und ebendiesem Gebrauch selbst,
überlegene Kräfte. Der dämonische fortdauernd umbildet. Mehr und
Charakter, der der mythischen mehr wird er sich jetzt als freier
Auffassung als solcher eigen ist, Herrscher im Reich der Werkzeuge
erstreckt sich auch auf diese beiden bewußt: In der Macht des Werkzeugs
Welten und droht sie zunächst gelangt er zugleich zu einer neuen
vollständig in seinen Bann zu ziehen. Anschauung seiner selbst, als des
Das Ganze der Worte und das Ganze Verwalters und Mehrers derselben.
Ernst Cassirer, Form und Technik 20

»Der Mensch erfährt und genießt Strenge, mit einer Notwendigkeit, an


nichts«, so sagt Goethe, »ohne der all seine Wünsche zerschellen,
sogleich productiv zu werden. Dies empfängt. Aber wenn er dieser
ist die innerste Eigenschaft der Notwendigkeit nicht entgehen, wenn
menschlichen Natur. Ja man kann er die Welt nicht mehr nach seinen
ohne Übertreibung sagen, es sey die Wünschen zu lenken vermag – so
menschliche Natur selbst.«[24] Diese lernt er jetzt mehr und mehr, sie mit
Grundkraft des Menschen offenbart seinem Willen zu beherrschen. Er
sich vielleicht nirgends so deutlich versucht nicht länger, sie aus ihrer
als in der Sphäre des Werkzeugs: Der Bahn zu lenken; er fügt sich dem
Mensch wirkt mit ihm nur dadurch, ehernen Gesetz der Natur. Aber
daß er in irgendeinem, wenn auch dieses Gesetz selbst umschließt ihn
anfangs noch so bescheidenen Maße nicht gleich den Mauern eines
auf dasselbe wirkt. Es wird ihm nicht Kerkers, sondern an ihm gewinnt und
nur Mittel zur Umgestaltung der an ihm erprobt er eine neue Freiheit.
Gegenstandswelt, sondern in Denn die Wirklichkeit selbst erweist
ebendiesem Prozeß der Verwandlung sich, unbeschadet ihrer strengen und
des Gegenständlichen erfährt es unaufheblichen Gesetzlichkeit, nicht
selbst eine Wandlung und rückt von als ein schlechthin starres Dasein,
Ort zu Ort. Und an diesem Wandel sondern als ein modifizierbarer, als
erlebt nun der Mensch eine ein bildsamer Stoff. Ihre Gestalt ist
fortschreitende Steigerung, eine nicht fertig und endgültig, sondern
eigentümliche Potenzierung seines sie bietet dem Wollen und dem Tun
Selbstbewußtseins. Eine neue des Menschen einen Spielraum von
Weltstellung und eine neue unübersehbarer Weite. Indem er sich
Weltstimmung kündet sich jetzt in diesem Spielraum bewegt – im
gegenüber der mythisch-religiösen Ganzen dessen, was durch seine
Weltansicht an. Der Mensch steht Arbeit zu leisten ist und was durch
jetzt an jenem großen Wendepunkt diese seine Arbeit erst möglich wird –
seines Schicksals und seines Wissens baut der Mensch sich seine Welt,
von sich selbst, den der griechische seinen Horizont der »Objekte« und
Mythos in der Gestalt des seine Anschauung des eigenen
Prometheus festgehalten hat. Der Wesens fortschreitend auf. Aus
Dämonen- und Götterfurcht tritt der jenem Zauberreich der unmittelbaren
titanische Stolz und das titanische Wunscherfüllung, das die Magie
Freiheitsbewußtsein gegenüber. Das lockend vor ihn hinstellte, sieht er
göttliche Feuer ist vom Sitz der sich nun freilich vertrieben – er ist
Unsterblichen entwandt und im auf einen an sich grenzenlosen Weg
Bereich des Menschen, an seiner des Schaffens verwiesen, der ihm
Wohnstätte und seinem Herd, kein schlechthin endgültiges Ziel,
angesiedelt. Das Wunsch- und keinen letzten Halt- und Ruhepunkt
Traumland, in das die Magie den mehr verspricht. Aber statt dessen
Menschen eingehüllt hatte, ist setzt jetzt für sein Bewußtsein auch
zerstoben; er sieht sich eine neue Wert- und
hinausgewiesen in eine neue Sinnbestimmung ein: Der eigentliche
Wirklichkeit, die ihn mit ihrem »Sinn« des Tuns läßt sich nicht mehr
ganzen Ernst und mit ihrer ganzen an dem, was es bewirkt und was es
Ernst Cassirer, Form und Technik 21

zuletzt erreicht, bemessen, sondern Widerstreit ist kein Kompromiß


es ist die reine Form des Tuns, es ist möglich: Der Geist, dessen Ziel und
die Art und Richtung der dessen Macht in der Technik
gestaltenden Kräfte als solcher, hervortritt, ist der unversöhnliche
wonach sich dieser Sinn bestimmt. Widersacher der Seele. Und wie er
den Menschen seinem eigenen
III Lebenszentrum fortschreitend
Je deutlicher in den vorangehenden entfremdet, so gilt das gleiche für
Betrachtungen die unentbehrliche sein Verhältnis zur gesamten Natur,
Mitwirkung des technischen sofern diese nicht in einem durch die
Schaffens an der Eroberung, Technik schon entstellten Sinne
Sicherung und Festigung der Welt genommen wird – sofern sie nicht als
der »objektiven« Anschauung ein bloßer Mechanismus unter
geworden ist, um so schärfer erhebt allgemeinen Gesetzen gedacht,
sich indes jetzt für uns ein Bedenken, sondern in ihrer organischen
das den Wert dieser Leistung nicht Besonderheit und in ihrer
nur problematisch zu machen droht, organischen Lebensfülle gefühlt wird.
sondern das ihn geradezu in sein Je mehr im Umkreis der modernen
Gegenteil zu verkehren scheint. Ist Kultur die Macht der Technik
das, was hier als die eigentliche heranwuchs, um so leidenschaftlicher
Leistung der Technik angesehen und unerbittlicher hat die Philosophie
wurde, nicht vielmehr das Grundübel, diese Klage und Anklage wider sie
an dem sie krankt? Ist die erhoben. »Während jedes
Erschließung der Objektwelt nicht außermenschliche Lebewesen«, so
zugleich und notwendig die sagt Ludwig Klages, der beredteste
Entfremdung des Menschen und radikalste Verfechter dieser
gegenüber seinem eigenen Wesen, Grundanschauung, »im Rhythmus
gegenüber dem, was er ursprünglich des kosmischen Lebens pulst, hat
ist und als was er sich ursprünglich den Menschen[25] aus diesem
fühlt? Der erste Schritt in jene abgetrennt das Gesetz des Geistes.
Sachwelt, die die technische Arbeit Was ihm als dem Träger des
für ihn erschließt und aufbaut, Ichbewußtseins im Lichte der
scheint den Menschen auch dem Ueberlegenheit vorausberechnenden
Gesetz, dem harten Muß der bloßen Denkens über die Welt erscheint, das
Sachen für immer zu unterwerfen. erscheint dem Metaphysiker, wenn
Und ist nicht dieses Muß der stärkste anders er tief genug eindringt, im
Feind der inneren Fülle, die in seinem Lichte einer Knechtung des Lebens
Ich, in seinem seelischen Sein unter das Joch der Begriffe!« »[Der
beschlossen ist? Alle Technik ist ein Mensch] hat sich zerworfen mit dem
Geschöpf des Geistes – jenes Geistes, Planeten, der ihn gebar und nährt, ja
der seine Herrschaft nur dadurch mit dem Werdekreislauf aller
begründen kann, daß er alle Kräfte Gestirne, weil er besessen ist von
neben sich bezwingt und daß er sie [dieser] vampyrischen[, dieser
despotisch niederhält. Er muß, um zu seelenzerstörenden] Macht […]«[26]
herrschen, das freie Reich der Seele Man verfehlt den eigentlichen
nicht nur beengen, sondern er muß Sinn dieser Anklagen, wenn man
es leugnen und zerstören. In diesem glaubt, sie abschwächen oder
Ernst Cassirer, Form und Technik 22

besiegen zu können, indem man des Menschseins erst ermöglicht und


hierbei lediglich bei der Betrachtung konstituiert. Der Spieltrieb, auf den
der Erscheinungen, der bloßen Schiller die Region der Schönheit
Wirkungen verharrt. Hier genügt es gründet, tritt nicht einfach neben die
nicht, den verderblichen Wirkungen bloßen Naturtriebe, so daß er
des rational-technischen Geistes, die lediglich eine Erweiterung ihres
offen zutage liegen, andere Umfangs wäre, sondern er wandelt
erfreuliche und wohltuende Folgen ihren spezifischen Gehalt und
gegenüberzustellen und aus dieser erschließt und erobert damit erst die
Gegenüberstellung eine erträgliche eigentliche Sphäre der »Humanität«.
oder günstige Bilanz zu ziehen, eine »[…] der Mensch spielt nur, wo er in
bestimmte »Lustsumme« zu voller Bedeutung des Worts Mensch
errechnen. Denn die Frage richtet ist, und er ist nur da ganz Mensch,
sich nicht auf die Folgen, sondern auf wo er spielt.«[27] Diese Totalität des
die Gründe; nicht auf die Ergebnisse, Menschentums scheint sich in keiner
sondern auf die Funktionen. Solche andern Funktion im selben Sinne und
funktionale Betrachtung und Analyse im gleichen Maße verwirklichen zu
ist es, von der jegliche Kritik eines lassen, als in der Kunst. In der
bestimmten Kulturinhalts und deutschen Geistesgeschichte läßt
Kulturgebiets ausgehen muß. Im sich freilich verfolgen, wie der rein
Mittelpunkt dieser Kritik muß stets ästhetisch gefaßte und ästhetisch
die Frage nach dem Menschen selbst, begründete »Humanismus« sich
nach seiner Bedeutung und allmählich dadurch weitet, daß der
»Bestimmung« stehen. In diesem Kunst eine andere geistige Macht
Sinne hat Schiller, auf dem selbständig und gleichberechtigt zur
Gipfelpunkt einer bestimmten Seite tritt. Bei Herder und Humboldt
ästhetisch-humanistischen ist es die Sprache, die sich mit der
Kulturepoche stehend, die Frage Kunst die Schöpferrolle teilt, die als
nach der Bedeutung und dem Wert grundlegendes Motiv der echten
des »Ästhetischen« schlechthin »Anthropogenie« erscheint. Dem
gestellt. Und er beantwortet diese Bereich des technischen Wirkens
Frage dahin, daß die Kunst kein aber scheint jede solche
bloßer Besitz des Menschen ist und Anerkennung versagt zu sein. Denn
daß sie ebensowenig eine bloße dieses Wirken scheint durchaus der
Leistung und Tat des Menschen Herrschaft jenes Triebes zu
darstelle, sondern daß sie vielmehr unterstehen, den Schiller als
als ein notwendiger Weg zur sinnlichen Trieb oder als »Stofftrieb«
Menschwerdung und als eine charakterisiert. In ihm manifestiert
eigentümliche Phase derselben sich der Drang nach außen; der
verstanden werden müsse. Es ist typisch »zentrifugale« Trieb. Es
nicht der Mensch, der als bloßes bringt ein Stück der Welt nach dem
Naturwesen, als physisch- andern unter die Botmäßigkeit des
organisches Wesen, zum Schöpfer menschlichen Willens – aber diese
der Kunst wird – sondern es ist Ausbreitung, diese Erweiterung der
vielmehr die Kunst, die sich als Peripherie des Seins führt eben damit
Schöpferin des Menschentums weiter und weiter vom Zentrum der
erweist, die die spezifische »Weise« »Person« und der persönlichen
Ernst Cassirer, Form und Technik 23

Existenz hinweg. So scheint jeder einen Pol vom andern loszureißen,


Gewinn an Breite hier mit dem sondern vielmehr darum, beide in
Verlust an Tiefe erkauft werden zu einem neuen Sinne durcheinander zu
müssen. Läßt sich auf eine Funktion bestimmen. Gehen wir dieser
wie diese in irgendeinem, wenn auch Bestimmung nach, so zeigt sich, daß
noch so mittelbaren Sinne das Wort zunächst das Wissen vom Ich in
anwenden, das Schiller für die Kunst einem ganz besonderen Sinne an die
geprägt hat – daß sie nicht nur eine Form des technischen Tuns
Schöpfung des Menschen, sondern gebunden zu sein scheint. Die
daß sie seine »zweite Schöpferin« Grenze, die das rein organische
sei? Wirken von diesem technischen Tun
Und doch erhebt sich gegen die trennt, ist zugleich eine scharfe und
Auffassung, die in der Technik ein klare Demarkationslinie innerhalb der
lediglich nach außen gerichtetes Entwicklung des Ich-Bewußtseins und
Bestreben sehen will, schon ein ganz der eigentlichen »Selbst-Erkenntnis«.
allgemeines Bedenken. Denn das Nach der rein physischen Seite stellt
Wort Goethes, daß die Natur weder sich dies darin dar, daß dem
Kern noch Schale habe, läßt sich mit Menschen das bestimmte und
noch höherem Recht auf die deutliche Bewußtsein der eigenen
Gesamtheit der geistigen Leiblichkeit, das Bewußtsein seiner
Betätigungen und Energien körperlichen Gestalt und seiner
anwenden. Hier gibt es im Grunde körperlichen Funktionen, erst
nirgends eine Trennung, eine dadurch erwächst, daß er beides
absolute Schranke zwischen dem nach außen wendet und
»Außen« und »Innen«. Jede neue gewissermaßen aus dem Reflex der
Gestalt der Welt, die durch diese äußeren Welt zurückgewinnt. Ernst
Energien erschlossen wird, ist Kapp hat in seiner »Philosophie der
zugleich immer ein neuer Aufschluß Technik« den Gedanken
über das innere Sein – sie verdunkelt durchzuführen gesucht, daß dem
dieses Sein nicht, sondern macht es Menschen die Kenntnis seiner Organe
von einer neuen Seite her sichtbar. erst auf dem Umweg über die
Es ist stets eine vom Innern an das Organprojektion zuteil werde. Unter
Äußere, vom Äußeren an das Innere Organprojektion versteht er hierbei
ergehende Offenbarung, die wir hier die Tatsache, daß die einzelnen
vor uns haben – und in dieser Gliedmaßen des menschlichen Leibes
Doppelbewegung, in dieser nicht bloß nach außen wirken,
eigentümlichen Oszillation wird erst sondern daß sie sich im äußeren
der Umriß der Innen- wie der Dasein gewissermaßen ein Bild ihrer
Außenwelt und ihre beiderseitige selbst erschaffen. Ein solches Bild
Grenze festgestellt. In diesem Sinne des Leibes ist jedes primitive
gilt es auch vom technischen Wirken, Werkzeug; es ist ein Widerspiel und
daß es keineswegs auf die eine Widerspiegelung der Form und
Gewinnung eines bloßen »Draußen« der Verhältnisse des Leibes in einem
gerichtet ist, sondern daß es eine bestimmten materiellen Gebilde der
eigentümliche Innenwendung und Außenwelt. Jegliches Handwerkszeug
Rückwendung in sich schließt. Auch erscheint in diesem Sinne als eine
hier handelt es sich nicht darum, den Fortsetzung und Fortbildung, als ein
Ernst Cassirer, Form und Technik 24

Nachaußentreten der Hand selbst. auf die ›Kristall-Linse‹,


Die Hand hat in allen denkbaren übertragen.« [28]

Weisen ihrer Stellung und Bewegung Wir gehen dem metaphysischen


die organischen Urformen geliefert, Gehalt dieser These wie der
denen der Mensch unbewußt seine metaphysischen Begründung, die
ersten notwendigen Geräte Kapp für sie gegeben hat, hier nicht
nachgeformt hat. Hammer und Axt, näher nach. Soweit diese
Meißel und Bohrer, Schere und Begründung sich auf rein spekulative
Zange sind Projektionen der Hand. Grundannahmen, auf Schopenhauers
»In ihrer Gliederung als Handfläche, Willenslehre und auf Eduard von
Daumen und Gefinger ist die offene, Hartmanns »Philosophie des
hohle, fingerspreizende, drehende, Unbewußten« stützt, ist sie mit Recht
fassende und geballte Hand für sich bestritten und scharf kritisiert
allein, oder zugleich mit gestrecktem worden. [29] Aber diese Kritik tut der
oder gebogenem ganzen Unterarm, Grundauffassung und der
die gemeinsame Mutter des nach ihr Grundeinsicht keinen Abbruch, die
benannten Handwerkzeuges.« Weiter Kapp in den Worten ausspricht, daß
ergibt sich hieraus für Kapp der das technische Wirken, in seiner
Schluß, daß der Mensch erst an dem Richtung nach außen, immer
künstlichen Gegenbild, das er sich zugleich ein Selbstbekenntnis der
erschuf, an der Welt der Artefakte, Menschen und in ihm ein Medium
einen Einblick in die Beschaffenheit seiner Selbsterkenntnis darstellt.[30]
seines Leibes, in dessen Freilich läßt sich, wenn man diese
physiologische Struktur gewinnen Auffassung annimmt, auch der
konnte. Erst dadurch, daß er lernte, radikalen Konsequenz nicht
bestimmte physikalisch-technische ausweichen, daß der Mensch, mit
Apparate herzustellen, habe er an diesem ersten Genuß der Frucht vom
ihnen und durch sie den Bau seiner Baum der Erkenntnis, sich für immer
Organe wahrhaft kennengelernt. Das aus dem Paradies des rein
Auge z. B. ist das Vorbild aller organischen Daseins und Lebens
optischen Apparate; aber verstoßen hat. Mag man mit Kapp die
andererseits läßt sich erst an diesen ersten menschlichen Werkzeuge
Apparaten die Beschaffenheit und die noch als bloße Weiterführungen
Funktion des Auges begreifen. »Erst dieses Daseins zu verstehen und zu
als das Sehorgan sich in einer Anzahl deuten suchen – mag man in der
von mechanischen Vorrichtungen Gestalt des Hammers und der Axt,
projicirt und so deren Rückbeziehung des Meißels und des Bohrers, der
auf seinen anatomischen Bau Zange und der Säge nichts anderes
vorbereitet hatte, konnte dessen als Sein und Bau der Hand selbst
physiologisches Räthsel gelöst wiederfinden –, so versagt doch diese
werden. Von dem unbewusst nach Analogie sofort, wenn man
dem organischen Sehwerkzeuge weiterschreitet und in die Sphäre der
gestalteten Instrument hat der eigentlichen technischen Betätigung
Mensch in bewusster Weise den eintritt. Denn diese Sphäre wird von
Namen auf den eigentlichen Heerd einem Gesetz beherrscht, das man
der Lichtstrahlenbrechung im Auge, mit Karl Marx als das Gesetz der
»Emanzipation von der organischen
Ernst Cassirer, Form und Technik 25

Schranke« bezeichnet hat. Was die der technischen und der sprachlichen
Instrumente der vollentwickelten Funktion: Zwischen dem »Geist des
Technik von den primitiven Werkzeugs« und dem »Werkzeug des
Werkzeugen trennt, ist ebendies, daß Geistes«. Denn auch die Sprache
sie sich von dem Vorbild, das ihnen sucht in ihren ersten Anfängen die
die Natur unmittelbar zu bieten »Nähe zur Natur« noch durchgängig
vermag, freigemacht und festzuhalten. Sie gibt sich dem
gewissermaßen losgesagt haben. direkten sinnlichen Eindruck der
Erst auf Grund dieses »Lossagens« Dinge hin und strebt danach, ihn im
tritt das, was sie selbst zu sagen und Klang, im Lautbild nach Möglichkeit
zu leisten haben, tritt ihr festzuhalten und gewissermaßen
selbständiger Sinn und ihre auszuschöpfen. Aber je weiter sie
autonome Funktion vollständig sodann auf ihrem Wege fortschreitet,
zutage. Als das Grundprinzip, das die um so mehr sagt sie sich von dieser
gesamte Entwicklung des modernen unmittelbaren Gebundenheit los. Sie
Maschinenbaus beherrscht, hat man verläßt den Weg des
den Umstand bezeichnet, daß die onomatopoetischen Ausdrucks; sie
Maschine nicht mehr die Handarbeit ringt sich von der bloßen
oder gar die Natur nachzuahmen Lautmetapher los, um zum reinen
sucht, sondern daß sie bestrebt ist, Symbol zu werden. Und damit erst
die Aufgabe mit ihren eigenen, von hat sie die ihr eigentümliche geistige
den natürlichen oft völlig Gestalt gefunden und festgestellt; ist
verschiedenen Mitteln zu lösen.[31] Mit die in ihr schlummernde Leistung
diesem Prinzip und seiner immer zum wahrhaften Durchbruch gelangt.
[33]
schärferen Durchführung hat die
Technik erst ihre eigentliche So untersteht auch hier der Gang
Mündigkeit erlangt. Jetzt richtet sie der Technik einer allgemeineren
eine neue Ordnung auf, die nicht in Norm, die die Gesamtheit der
Anlehnung an die Natur, sondern Kulturentwicklung beherrscht. Aber
nicht selten in bewußtem Gegensatz der Übergang zu dieser Norm kann
zu ihr gefunden wird. Die Entdeckung sich freilich hier sowenig wie in den
des neuen Werkzeugs stellt eine andern Gebieten ohne Kampf und
Umbildung, eine Revolution der ohne schärfsten Widerstreit
bisherigen Wirkungsart, des Modus vollziehen. Indem der Mensch das
der Arbeit selbst, dar. So wurde, wie Wagnis unternimmt, sich von der
man betont hat, mit der Vormundschaft der Natur
Nähmaschine zugleich eine neue loszusprechen und sich rein auf sich
Nähweise, mit dem Walzwerk eine selbst, auf das eigene Wollen und
neue Schmiedeweise erfunden – und Denken, zu stellen, hat er damit auch
auch das Flugproblem konnte erst all den Wohltaten, die die
endgültig gelöst werden, als das unmittelbare Nähe zur Natur in sich
technische Denken sich von dem schloß, entsagt. Und einmal
Vorbild des Vogelflugs freimachte zerschnitten kann sich das Band, das
und das Prinzip des bewegten Flügels ihn mit ihr verband, nie wieder in der
verließ.[32] Abermals zeigt sich hier alten Weise knüpfen. In dem
eine durchgängige und Augenblick, in dem sich der Mensch
überraschende Analogie zwischen dem harten Gesetz der technischen
Ernst Cassirer, Form und Technik 26

Arbeit verschrieben hat, sinkt eine technischen Verrichtungen, von der


Fülle des unmittelbaren und richtigen Ausführung ihrer kultischen
unbefangenen Glücks, mit dem ihn Gesänge und Tänze ab: Es ist ein und
das organische Dasein und die rein derselbe Bewegungsrhythmus, der
organische Tätigkeit beschenkte, für beide Formen der Tätigkeit
immer dahin. Zwar scheint es auf umschließt und der sie noch in die
den ersten und primitivsten Stufen, Einheit eines einzigen, in sich
als bestehe zwischen den beiden ungebrochenen Lebensgefühls
Formen des Wirkens noch ein naher zusammenfaßt.[35] Diese Einheit
Zusammenhang, als finde zwischen erscheint alsbald gefährdet und
ihnen ein ständiger, fast bedroht, sobald das Tun in die Form
unvermerkter Übergang statt. Karl der Mittelbarkeit übergeht; sobald
Bücher hat in seiner Schrift über sich zwischen den Menschen und
»Arbeit und Rhythmus« dargelegt, sein Werk das Werkzeug drängt.
wie die einfachsten Arbeiten, die die Denn dieses gehorcht seinem
Menschheit leistet, noch aufs nächste eigenen Gesetz: einem Gesetz, das
verbunden und verschwistert sind der Dingwelt angehört und das
mit gewissen Urformen der demgemäß mit einem fremden Maß
rhythmischen Bewegung des eigenen und einer fremden Norm in den
Körpers.[34] Sie erscheinen als die freien Rhythmus der natürlichen
einfache Fortsetzung dieser Bewegungen einbricht. Dieser
Bewegungen; sie sind nicht sowohl Störung und Hemmung gegenüber
von einer bestimmten Vorstellung behauptet sich die organisch-
eines äußerlichen Zieles geleitet, als körperliche Tätigkeit, sofern es ihr
sie vielmehr von innen motiviert und gelingt, das Werkzeug selbst
determiniert sind. Nicht ein gewissermaßen in den Kreislauf des
zweckbewußter Wille, sondern ein natürlichen Daseins einzubeziehen.
reiner Ausdruckstrieb und eine naive Auf den relativ frühen Stufen
Ausdrucksfreude ist es, was sich in technischer Werktätigkeit scheint
diesen Arbeiten darstellt und was sie diese Einbeziehung noch ohne
regelt und leitet. Noch heute läßt sich Schwierigkeit zu gelingen. Die
in weitverbreiteten Sitten der organische Einheit und der
Naturvölker dieser Zusammenhang organische Zusammenhang stellt
unmittelbar nachweisen. Von sich wieder ein und stellt sich wieder
manchen Indianerstämmen wird her, sofern der Mensch mit dem
berichtet, daß ihre Sprachen den Werkzeug, das er gebraucht, mehr
Tanz und die Arbeit mit ein und und mehr »verwächst«; sofern er es
demselben Wort bezeichnen: Denn nicht lediglich als ein bloß
beides sind für sie so unmittelbar Materielles, als ein Ding- und
verwandte und so unlöslich Stoffhaftes ansieht, sondern sich in
aneinandergebundene Phänomene, den Mittelpunkt seiner Funktion
daß sie sich sprachlich und versetzt und sich, kraft dieser
gedanklich nicht voneinander Verlegung des Schwerpunkts, mit
sondern lassen. Das Gelingen der ihm gewissermaßen solidarisch fühlt.
Feldarbeit hängt, für das Bewußtsein Dieses Gefühl der Solidarität ist es,
dieser Stämme, in nicht geringerem was den echten Handwerker beseelt:
Maße als von bestimmten äußerlich In dem besonderen individuellen
Ernst Cassirer, Form und Technik 27

Werk, das unter seinen Händen moderne Technik genommen hat.


entsteht, hat er keine bloße Sache Aber diejenigen, die sich auf Grund
vor sich, sondern in ihm schaut er dieses Tatbestandes von ihr
zugleich sich selbst und sein abwenden, pflegen zu vergessen,
eigenstes persönliches Tun an. Je daß in das Verdammungsurteil, das
weiter indes die Technik fortschreitet sie über die Technik fällen, folgerecht
und je mehr sich in ihr das Gesetz die gesamte geistige Kultur mit
der »Emanzipation von der einbezogen werden müßte. Die
organischen Schranke« auswirkt, um Technik hat diesen Tatbestand nicht
so mehr lockert sich diese geschaffen, sondern sie stellt ihn nur
ursprüngliche Einheit, bis sie zuletzt an einem besonders markanten
völlig zerbricht. Der Zusammenhang Beispiel eindringlich vor uns hin; sie
von Arbeit und Werk hört auf, ein in ist, sofern man hier von Leiden und
irgendeiner Weise erlebbarer Krankheit spricht, nicht der Grund
Zusammenhang zu sein. Denn das des Leidens, sondern nur eine
Ende des Werks, sein eigentliches Erscheinung, ein Symptom
Telos, ist jetzt der Maschine desselben. Nicht ein einzelnes Gebiet
anheimgegeben, während der der Kultur, sondern ihre Funktion,
Mensch, im Ganzen des nicht ein besonderer Weg, den sie
Arbeitsprozesses, zu einem geht, sondern die allgemeine
schlechthin Unselbständigen wird – Richtung, die sie einschlägt, ist hier
zu einem Teilstück, das sich mehr das Entscheidende. So darf die
und mehr in ein bloßes Bruchstück Technik zum mindesten das eine
verwandelt. Simmel sieht den beanspruchen, daß man die Klage,
eigentlichen Grund für das, was er die man wider sie erhebt, nicht vor
die »Tragödie der modernen einem falschen Richterstuhl anhängig
Kultur«[36] nennt, in dem Umstand, macht. Die Maße, mit denen sie allein
daß alle schöpferische Kultur in gemessen werden kann, können
zunehmendem Maße bestimmte zuletzt keine andern als die Maße des
Sachordnungen aus sich herausstellt, Geistes, nicht die des bloßen
die in ihrem objektiven Sein und organischen Lebens sein: Das
Sosein der Welt des Ich Gesetz, das man auf sie anwendet,
gegenübertreten. Das Ich, die freie muß dem Ganzen der geistigen
Subjektivität, hat diese Formenwelt, nicht der bloß vitalen
Sachordnungen geschaffen; aber es Sphäre entnommen werden. So
weiß sie nicht mehr zu umspannen gefaßt aber erhält die Frage über
und nicht mehr mit sich selbst zu Wert und Unwert der Technik alsbald
durchdringen. Die Bewegung des Ich einen andern Sinn. Sie kann nicht
bricht sich an seinen eigenen dadurch entschieden werden, daß
Schöpfungen; sein ursprünglicher man »Nutzen« und »Nachteil« der
Lebensstrom verebbt, je größer der Technik erwägt und gegeneinander
Umfang und je stärker die Macht aufrechnet – daß man die
dieser Schöpfungen wird. Nirgends Glücksgüter, mit denen sie die
vielleicht tritt dieser tragische Menschheit beschenkt, dem Idyll
Einschlag aller Kulturentwicklung mit eines vortechnischen
so unerbittlicher Deutlichkeit hervor »Naturzustandes« entgegenhält und
als in der Entwicklung, die die sie, in dieser Abwägung, zu leicht
Ernst Cassirer, Form und Technik 28

befindet. Hier geht es nicht um Lust dessen die Aufgaben des Geistes
oder Unlust, um Glück oder Leid, selber, indem sie sich immer feiner
sondern um Freiheit oder Unfreiheit. differenzieren, sich zugleich einander
Findet sich, daß das Wachstum mehr und mehr entfremden. Denn
technischen Könnens und jetzt ist es nicht allein die organische
technischer Güter notwendig und Einheit des Daseins, sondern es ist
wesentlich ein immer stärkeres Maß die Einheit der »Idee«, die Einheit der
von Gebundenheit in sich schließt, Zielrichtung und der Zielsetzung, die
daß es die Menschheit, statt ein durch diese Entfremdung bedroht
Vehikel zu ihrer Selbstbefreiung zu wird. Auch die Technik stellt sich in
sein, mehr und mehr in Zwang und ihrer Entfaltung nicht einfach neben
Sklaverei verstrickt: so ist der Stab die andern Grundrichtungen des
über die Technik gebrochen. Zeigt Geistes, noch ordnet sie sich ihnen
sich umgekehrt, daß es die Idee der friedlich und harmonisch ein. Indem
Freiheit selbst ist, die ihr die sie sich von ihnen unterscheidet,
Richtung weist und die dazu berufen scheidet sie sich zugleich von ihnen
ist, in ihr zuletzt zum Durchbruch zu ab und stellt sich ihnen entgegen. Sie
kommen, so kann die Bedeutung beharrt nicht nur auf ihrer eigenen
dieses Zieles nicht dadurch Norm, sondern sie droht diese Norm
geschmälert werden, daß man auf absolut zu setzen und sie den andern
die Leiden und Mühen des Weges Gebieten aufzuzwingen. Hier bricht
hinblickt. Denn der Weg des Geistes somit, im Kreise des geistigen Tuns
steht hier wie überall unter dem und gewissermaßen in seinem
Gesetz der Entsagung: unter dem eigenen Schoße, ein neuer Konflikt
Gebot eines heroischen Willens, der auf. Was nun verlangt wird, ist keine
weiß, daß er sein Ziel nur dadurch zu bloße Auseinandersetzung mit der
erreichen, ja daß er es nur dadurch »Natur«, sondern eine Grenzsetzung
aufzustellen vermag, daß er auf alles innerhalb des Geistes selbst – ist die
naiv-triebhafte Glücksverlangen Aufrichtung einer universellen Norm,
verzichtet. die die Einzelnormen zugleich
befriedigt und beschränkt. Am
IV einfachsten gestaltet sich diese
Der Konflikt, der zwischen dem Grenzbestimmung im Verhältnis der
Glücksverlangen des Menschen und Technik zur theoretischen
den Forderungen entsteht, unter die Naturerkenntnis. Hier scheint die
der technische Geist und der Harmonie von Anfang an gegeben
technische Wille ihn stellt, aber ist und gewährleistet; hier stellt sich
keineswegs der einzige und der kein Kampf um Über- oder
schärfste Gegensatz, der sich hier Unterordnung, sondern ein
aufrichtet. Tiefer und bedrohlicher wechselseitiges Geben und Nehmen
tritt der Widerstreit hervor, wenn er dar. Jede der beiden Grundrichtungen
sich in das Gebiet der Kulturformen steht auf sich selbst; aber ebendiese
selbst fortsetzt. Die wahre Selbständigkeit entfaltet sich,
Kampffront zeigt sich erst dort, wo ungehemmt und ungesucht, zur
nicht mehr lediglich die Mittelbarkeit reinen Dienstbarkeit an der andern
des Geistes mit der Unmittelbarkeit und mit der andern. Nirgends tritt die
des Lebens streitet, sondern wo statt Wahrheit des Goethischen Worts, daß
Ernst Cassirer, Form und Technik 29

Tun und Denken, Denken und Tun Auch der eigentliche Begründer der
die Summe aller Weisheit bilden, so theoretischen Dynamik, auch Galilei
sichtbar hervor wie hier. Denn es ist kommt von technischen Problemen
keineswegs die »abstrakte«, die rein her. Olschki hat in seiner
theoretische Erkenntnis der Monographie über Galilei mit Recht
Naturgesetze, die vorangeht, und die den stärksten Nachdruck auf dieses
erst der technischen Problemstellung Moment gelegt. »Auf diese Seite des
und der konkret-technischen galileischen Schaffens und seiner
Betätigung die Wege weist. Vielmehr wissenschaftlichen Entwicklung«, so
greifen beide Prozesse von Anfang an bemerkt er, »haben die wenigsten
ineinander ein und halten sich Biographen das Augenmerk
gewissermaßen die Waage. gerichtet. Aber gerade diese
Geschichtlich kann man sich dieses ursprünglichste und zäheste seiner
Verhältnis deutlich machen, wenn vielseitigen Veranlagungen bildet
man auf die »Entdeckung der Natur« den Schwerpunkt seines scheinbar so
hinblickt, wie sie sich im auseinanderstrebenden
europäischen Bewußtsein seit den Lebenswerkes. […] Man muß sich die
Tagen der Renaissance vollzieht. Tatsache vergegenwärtigen, daß jede
Diese Entdeckung ist keineswegs Entdeckung Galileis auf dem Gebiete
allein ein Werk der großen der Physik und der Astronomie mit
Naturforscher, sondern sie geht irgendeinem Instrument eigener
wesentlich auf Antriebe zurück, die Erfindung oder besonderer
aus der Fragestellung der großen Einrichtung aufs engste verknüpft ist.
Erfinder stammen. In einem Geist wie Sein technisches Genie ist die
Leonardo da Vinci stellt sich das eigentliche Voraussetzung der
Ineinander dieser beiden wissenschaftlichen Versuche, durch
Grundrichtungen in klassischer welche seine theoretische Originalität
Einfachheit und in klassischer Tiefe erst Richtung und Ausdruck
dar. Was Leonardo vom bloßen erhielt.«[38] Die eigentliche Erklärung
Gelehrtentum, vom Geist der dieses Sachverhalts liegt darin, daß
»Letterati«, wie er ihn nennt, die theoretische und die technische
scheidet, ist die Tatsache, daß in ihm Betätigung sich nicht nur äußerlich
»Theorie« und »Praxis«, »Praxis« und miteinander berühren, sofern sich
»Poiesis« sich in einem ganz andern beide an dem gleichen »Material«
Maße als je zuvor miteinander der Natur auswirken, sondern daß
durchdringen. Er wird als Künstler beide im Prinzip und im Kern ihrer
zum Techniker und zum Produktivität miteinander verwandt
wissenschaftlichen Forscher, wie sich sind. Denn auch das Bild der Natur,
ihm umgekehrt alle Forschung das der Gedanke aus sich
alsbald wieder in technische herausstellt, wird nicht im bloßen
Probleme und in künstlerische untätigen Schauen gewonnen,
Aufgaben umsetzt.[37] Und es handelt sondern es erfordert den Einsatz
sich hierbei keineswegs um eine bloß einer aktiven Kraft. Je mehr man sich
einmalige Verbindung, sondern um in erkenntniskritischer Reflexion in
ein sachliches Grundverhältnis, das die Ursprünge und Bedingungen
fortan der gesamten Wissenschaft dieses Bildes versenkt, um so
der Renaissance die Richtung weist. deutlicher wird es, daß es kein bloßes
Ernst Cassirer, Form und Technik 30

Nachbild ist – daß sein Umriß nicht einfach unter der ständigen Leitung,
von der Natur einfach vorgezeichnet unter der Vorschrift und
ist, sondern daß er aus einer Vormundschaft des Wirklichen;
selbständigen Energie des Denkens sondern es verlangt, daß wir ständig
heraus gestaltet werden muß. So vom »Wirklichen« in ein Reich des
erweist sich schon hier der Verstand, »Möglichen« zurückgehen und das
um mit Kant zu sprechen, als der Wirkliche selbst unter dem Bilde des
»Urheber der Natur«. Aber diese Möglichen erblicken. Die Gewinnung
Urheberschaft nimmt eine andere dieses Blick- und Richtpunkts
Richtung an und bezeugt sich auf bedeutet, in rein theoretischer
einem neuen Wege, sobald man ins Hinsicht, vielleicht die größte und
Gebiet des technischen Schaffens denkwürdigste Leistung der Technik.
hinüberblickt. Auch das technische Mitten im Gebiet des Notwendigen
Werk teilt mit der theoretischen stehend und in der Anschauung des
Wahrheit die Grundbestimmung, daß Notwendigen verharrend, entdeckt
beide von der Forderung einer sie einen Umkreis freier
»Entsprechung« zwischen Gedanken Möglichkeiten. Diesen haftet keinerlei
und Wirklichkeit, einer »adaequatio Unbestimmtheit, keine bloß
rei et intellectus« beherrscht werden. subjektive Unsicherheit an, sondern
Aber noch deutlicher als im sie treten dem Denken als etwas
theoretischen Erkennen tritt im durchaus Objektives entgegen. Die
technischen Schaffen hervor, daß Technik fragt nicht in erster Linie
diese »Entsprechung« nicht nach dem, was ist, sondern nach
unmittelbar gegeben ist, sondern daß dem, was sein kann. Aber dieses
sie zu suchen und fortschreitend »Können« selbst bezeichnet keine
herzustellen ist. Die Technik bloße Annahme oder Mutmaßung,
unterwirft sich der Natur, indem sie sondern es drückt sich in ihm eine
ihren Gesetzen gehorcht und sie als assertorische Behauptung und eine
unverbrüchliche Voraussetzungen assertorische Gewißheit aus – eine
ihres Wirkens betrachtet; aber Gewißheit, deren letzte Beglaubigung
unbeschadet dieses Gehorsams freilich nicht in bloßen Urteilen,
gegen die Naturgesetze ist ihr die sondern im Herausstellen und
Natur niemals ein Fertiges, ein Produzieren bestimmter Gebilde zu
bloßes Gesetztes, sondern ein suchen ist. In diesem Sinne hat jede
ständig Neuzusetzendes, ein immer wahrhaft originelle technische
wieder zu Gestaltendes. Der Geist Leistung den Charakter des Ent-
mißt stets von neuem die Deckens als eines AufDeckens: Es
Gegenstände an sich und sich selbst wird damit ein an sich bestehender
an den Gegenständen, um in diesem Sachverhalt aus der Region des
zwiefachen Akt die echte adaequatio, Möglichen gewissermaßen
die eigentliche »Angemessenheit« herausgezogen und in die des
beider zu finden und sicherzustellen. Wirklichen verpflanzt. Der Techniker
Je weiter diese Bewegung greift und ist hierin ein Ebenbild jenes Wirkens,
je mehr ihre Kraft anwächst, um so das Leibniz in seiner Metaphysik dem
mehr fühlt und weiß er sich der göttlichen »Demiurgen« zuspricht,
Wirklichkeit »gewachsen«. Dieses der nicht die Wesenheiten oder
innere Wachstum erfolgt nicht Möglichkeiten der Gegenstände
Ernst Cassirer, Form und Technik 31

selbst erschafft, sondern unter den Entstehung der künstlerischen Form,


vorhandenen, an sich bestehenden die Übergänge sind. Abermals ist es
Möglichkeiten nur eine, und die die Renaissance, die in ihrer
vollkommenste, auswählt. So belehrt Ausbildung des »uomo universale«,
uns die Technik fort und fort darüber, in Geistern wie Leon Battista Alberti
daß der Umkreis des »Objektiven«, oder Leonardo da Vinci das große
des durch feste und allgemeine Beispiel für das stete
Gesetze Bestimmten, keineswegs mit Ineinandergreifen technischer und
dem Umkreis des Vorhandenen, des künstlerischer Motive aufgestellt hat.
sinnlich Verwirklichten Und nichts scheint natürlicher und
zusammenfällt.[39] Auch die rein verlockender, als von solcher
theoretische Naturwissenschaft kann Personalunion sofort auf eine
freilich niemals das Wirkliche sachliche Union zu schließen. Unter
erkennen, ohne dabei beständig in den modernen Apologeten der
das Reich des Möglichen, des rein Technik gibt es in der Tat solche, die
Ideellen, hinauszugreifen. Aber ihr ihrer Sache nicht besser dienen zu
letztes Absehen scheint doch auf das können glauben als dadurch, daß sie
Wirkliche allein gerichtet – scheint sie mit der Sache der Kunst
sich in der vollständigen und gleichstellen. Sie sind
eindeutigen Beschreibung der gewissermaßen die Romantiker der
tatsächlichen Vorgänge der Natur Technik: Sie unternehmen es, die
erschöpfen zu lassen. Technisches Technik dadurch zu begründen und
Schaffen aber bindet sich niemals an zu rechtfertigen, daß sie sie mit dem
diese reine Faktizität, an das ganzen Zauber der Poesie umkleiden.
gegebene Gesicht der Gegenstände, [40] Aber alle poetischen Hymnen über

sondern es steht unter dem Gesetz die Leistungen der Technik können
einer reinen Vorwegnahme, einer uns freilich der Aufgabe der
vorausschauenden Sicht, die in die Bestimmung der Differenz zwischen
Zukunft vorweggreift und eine neue technischem und künstlerischem
Zukunft heraufführt. Schaffen nicht überheben. Diese
Mit dem Einblick in diesen Differenz tritt sogleich hervor, wenn
Sachverhalt aber scheint nunmehr man die Art der »Objektivierung«
der eigentliche Schwerpunkt der Welt betrachtet, die im Künstler und im
der technischen »Form« sich mehr Techniker wirksam ist.
und mehr zu verschieben und vom In der gegenwärtigen Literatur
rein theoretischen Bereich in das zur »Philosophie der Technik«
Gebiet der Kunst und des begegnet man immer wieder der
künstlerischen Schaffens Frage, ob und wieweit ein
hinüberzurücken. Wie eng sich beide technisches Werk rein ästhetischer
Bereiche ineinander verflechten, dies Wirkungen fähig ist und wieweit es
bedarf in der Tat keines besonderen rein ästhetischen Normen unterliegt.
Erweises. Wiederum genügt ein Blick Die Antworten, die auf diese Frage
auf die allgemeine gegeben werden, stehen einander
Geistesgeschichte, um uns darüber diametral gegenüber: Die
zu belehren, wie fließend hier im »Schönheit« wird bald als ein
konkreten Werden, in der Entstehung unveräußerliches Gut technischer
der technischen Formwelt und in der Erzeugnisse behauptet und
Ernst Cassirer, Form und Technik 32

gepriesen, bald wird sie als eine »Objektive« ist an keiner Stelle ein
»falsche Tendenz« abgewehrt. Dieser bloß »Äußeres«, sondern es ist die
Streit, der mit großer Schärfe Äußerung eines Inneren, das an ihm
durchgefochten zu werden pflegt, gewissermaßen seine Transparenz
schlichtet sich, sobald man erwägt, gewinnt. Die dichterische, die
daß in Thesis und Antithesis der malerische oder plastische Form sind
Begriff der Schönheit zumeist in ganz in ihrer höchsten Vollendung, in ihrer
verschiedenem Sinne genommen reinen »Ablösung« vom Ich, noch
wird. Faßt man die Norm des immer durchflutet von der reinen
»Schönen« so weit, daß man überall Ichbewegung. Der Rhythmus dieser
dort von ihr spricht, wo ein Sieg der Bewegung lebt in geheimnisvoller
»Form« über den »Stoff«, der »Idee« Weise in der Form weiter und spricht
über die »Materie« hervortritt, so uns unmittelbar in ihr an. Der Umriß
kann kein Zweifel daran sein, in der Gestalt weist hier immer wieder
welch hohem Maße gerade die zurück auf einen bestimmten Zug der
Technik an ihr Anteil hat. Aber diese Seele, die sich in ihr manifestiert;
Formschönheit schlechthin umfaßt und er ist zuletzt nur aus dem
alsdann die ganze Weite geistiger Ganzen dieser Seele, aus jener
Betätigung und geistiger Gestaltung Totalität, die in jeglicher echten
überhaupt. In diesem Sinne künstlerischen Individualität
verstanden, gibt es – wie Platon es beschlossen ist, verständlich zu
im »Symposion« ausspricht – nicht machen. Solche Ganzheit und solche
nur eine Schönheit körperlicher individuelle Besonderung bleibt dem
Bildungen, sondern auch eine technischen Werk versagt.
logische und eine ethische Betrachtet man freilich den reinen
Schönheit, eine »Schönheit der Erlebnisgehalt des technischen und
Erkenntnisse« und eine »Schönheit des künstlerischen Schaffens, so
der Sitten und Bestrebungen«.[41] Um scheint sich zwischen beiden
von diesem allumfassenden nirgends eine strenge Grenzlinie
Formbegriff die besondere Region aufweisen zu lassen. An Intensität, an
des künstlerischen Schaffens zu Fülle und leidenschaftlicher
erreichen, dazu bedarf es einer Bewegtheit steht das eine in nichts
wesentlichen Einschränkung und dem andern nach. Es ist keine
einer spezifischen Bestimmung. geringere seelisch geistige
Diese ergibt sich aus jenem Erschütterung, wenn das Werk des
eigentümlichen Verhältnis, in dem Entdeckers oder Erfinders, nachdem
alle künstlerische Schönheit zum er es Jahre und Jahrzehnte im Innern
Grund- und Urphänomen des getragen hat, zum ersten Male in die
Ausdrucks steht. Das Kunstwerk läßt Wirklichkeit durchbricht, als wenn die
in einer durchaus eigenartigen, ihm dichterische oder plastische Gestalt
allein vorbehaltenen Weise »Gestalt« sich von ihrem Urheber loslöst und
und »Ausdruck« ineinander ihm als ein Gebilde eigenen Seins
übergehen. Es ist eine Schöpfung, die und eigenen Rechts gegenübertritt.
hinausgreift in das Reich des Aber nachdem einmal diese
Objektiven und die eine streng Trennung sich vollzogen hat, waltet
objektive Gesetzlichkeit vor uns zwischen dem Schöpfer und seinem
hinstellt. Aber ebendieses Werk in der rein technischen Sphäre
Ernst Cassirer, Form und Technik 33

ein ganz anderes Verhältnis ob als in der statischen Berechnung gemäß


der künstlerischen. Das vollendete, in von der gewaltigen Massigkeit ihrer
die Wirklichkeit hinausgestellte Werk Basen an in immer luftigere Gebilde
gehört fortan lediglich dieser zerlegt zur Spitze emporsteigen,
Wirklichkeit selbst an. Es steht in einen mächtigen Eindruck von Kraft
einer reinen Sachwelt, deren und Schönheit machen werden.«[42]
Gesetzen es gehorcht und mit deren Aber diese Schönheit, die aus der
Maßen es gemessen werden will; es vollkommenen Lösung eines
muß fortan für sich selbst sprechen, statischen Problems entspringt, ist
und es spricht nur noch von sich nicht von gleicher Art und Herkunft
selbst, nicht von dem Schöpfer, dem wie die Schönheit, die uns im Werk
es ursprünglich angehört. Von dem des Dichters, des Plastikers, des
Künstler wird diese Art der Ablösung Musikers entgegentritt: Denn die
nicht gefordert – und für ihn ist sie letztere beruht nicht nur auf einer
nicht möglich. Auch dort, wo er völlig »Bindung« der Kräfte der Natur,
in seinem Werk aufgeht, geht er in sondern sie stellt immer zugleich
ihm nicht unter. Das Werk bleibt, eine neue und einzigartige Synthese
indem es rein auf sich steht, immer von Ich und Welt dar. Wenn man als
zugleich das Zeugnis einer die beiden Extreme, zwischen denen
individuellen Lebensform, eines alle Kulturentwicklung sich bewegt,
individuellen Daseins und Soseins. die Welt des Ausdrucks und die Welt
Diese Art der »Harmonie« zwischen der reinen Bedeutung bezeichnen
Werk-Schönheit und Ausdrucks- kann, so ist in der Kunst
Schönheit kann das technische gewissermaßen das ideale
Schaffen weder erreichen noch auch Gleichgewicht zwischen diesen
nur anstreben. Als bei der Errichtung beiden Extremen erreicht: Die
des Eiffelturmes die Pariser Künstler Technik hat hingegen mit der
sich zu einer gemeinsamen theoretischen Erkenntnis, der sie eng
Kundgebung vereinten, um im verschwistert ist, den Grundzug
Namen des künstlerischen gemein, daß sie mehr und mehr auf
Geschmacks gegen dieses »unnütze alles Ausdrucksmäßige Verzicht
und monströse« Bauwerk Einspruch leistet, um sich in eine streng
zu erheben, da gab ihnen Eiffel zur »objektive« Sphäre reiner
Antwort, daß er fest davon überzeugt Bedeutsamkeit zu erheben. [43] Daß
sei, daß sein Werk seine eigenartige der Gewinn, den sie damit erreicht,
Schönheit haben werde. »Stimmen immer zugleich ein Opfer in sich
die richtigen Bedingungen der schließt, ist unbestreitbar; aber
Stabilität nicht jederzeit mit denen ebendieses Opfer und dieser
der Harmonie überein? Die Verzicht, diese Möglichkeit, in eine
Grundlage aller Baukunst ist, daß die reine Sachwelt überzugehen und
Hauptlinien des Gebäudes aufzugehen, bezeugt selbst eine
vollkommen seiner Bestimmung spezifisch menschliche Kraft – eine
entsprechen. Welches aber ist die selbständige und unentbehrliche
Grundbedingung bei meinem Turm? Bekundung der »Humanität«.
Seine Widerstandsfähigkeit gegen Ein tieferer und ernsterer Konflikt
den Wind! Und da behaupte ich, daß aber tut sich vor uns auf, wenn wir
die Kurve der vier Turmpfeiler, die das technische Wirken und Schaffen,
Ernst Cassirer, Form und Technik 34

statt es an ästhetischen Normen zu einen Seite – unbeschränkter Macht-


messen, nach seinem ethischen und Herrschaftswille, zügelloser
Recht und seinem ethischen Sinn Ehrgeiz und sinnloser Warenhunger
befragen. In dem Augenblick, wo auf der andern Seite: So stellt sich
diese Frage mit vollem Nachdruck für Rathenau das Bild der Zeit, im
gestellt und wo sie in ihrer ganzen Spiegel der Technik aufgefangen,
verantwortungsvollen Schwere dar. »Betrachtet man […] die
verstanden wird, scheint die Produktion der Welt, so zeigt ein
Entscheidung auch bereits gefällt zu furchtbares Erschrecken uns den
sein. Für jene skeptische und Irrsinn der Wirtschaft. Überflüssiges,
negative Kulturkritik, wie sie im 18. Nichtiges, Schädliches, Verächtliches
Jahrhundert mit Rousseau einsetzt, wird in unseren Magazinen gehäuft,
scheint es kein gewichtigeres unnützer Modetand, der wenige Tage
Zeugnis, keinen stärkeren Beleg lang falschen Glanz spenden soll,
geben zu können als die Entwicklung Mittel für Rausch, Reiz und
der modernen Technik. Hat nicht Betäubung […] alle diese
diese Entwicklung, unter der Nichtsnutzigkeiten füllen Läden und
Verheißung und dem lockenden Speicher in vierteljährlicher
Gaukelbild der Freiheit, den Erneuerung. Ihre Herstellung, ihr
Menschen immer unaufhaltsamer in Transport und Verschleiß erfordert
Unfreiheit und Sklaverei verstrickt? die Arbeit von Millionen Händen,
Hat sie nicht, indem sie ihn von der fordert Rohstoffe, Kohlen, Maschinen,
Bindung an die Natur löste, seine Fabrikanlagen und hält annähernd
soziale Gebundenheit bis zum den dritten Teil der Weltindustrie und
Unerträglichen gesteigert? Gerade des Welthandels in Atem.«[45] So ist
diejenigen Denker, die mit den die moderne Technik und die
Grundproblemen der Technik am Wirtschaft, die sie aus sich heraus
tiefsten gerungen haben, haben geschaffen hat und die sie mit ihren
immer wieder dieses sittliche Mitteln aufrechthält, das eigentliche
Verdammungsurteil über sie gefällt. Faß der Danaiden. Unwillkürlich
Wer sich nicht von vornherein den drängt sich, wenn man Rathenaus
Forderungen der bloßen Nutzbarkeit Schilderungen liest, dieses Bild auf,
verschrieb, sondern sich den Sinn für das schon Platon im »Gorgias«
ethische und für geistige Maßstäbe gebraucht hat, um mit ihm die
bewahrte, der konnte an den Leerheit und den Widersinn jeglicher,
schweren inneren Schäden der mit rein hedonistischen Maßen
gepriesenen »technischen Kultur« messenden Ethik zu bezeichnen.
nicht achtlos vorbeigehen. Unter den Jedes gestillte Bedürfnis dient nur
modernen Denkern haben wenige dazu, in gesteigertem Maße neue
diese Schäden so scharf gesehen und Bedürfnisse hervorzutreiben – und
so schonungslos aufgedeckt, als es aus diesem Kreislauf ist für den, der
Walther Rathenau[44] mit immer einmal in ihn eingegangen ist, kein
wachsender Energie und Entrinnen. Noch unerbittlicher als das
Leidenschaftlichkeit in seinen Triebwerk der Arbeit hält den
Schriften getan hat. Völlige Menschen das Triebwerk fest, in das
Entseelung und Mechanisierung der er durch die Ergebnisse und
Arbeit, härtester Frondienst auf der Erträgnisse der technischen Kultur
Ernst Cassirer, Form und Technik 35

hineingestellt wird und in dem er, in Aufbau des Reiches des Willens und
einem niemals endenden Taumel, der Grundgesinnung, auf der alle
von Begierde zu Genuß, von Genuß sittliche Gemeinschaft ruht, kann die
zu Begierde geworfen wird. Technik immer nur Dienerin, nicht
Von dem harten Verdikt, das hier Führerin sein. Sie kann die Ziele nicht
über die Technik gefällt wird, läßt von sich aus stellen, wenngleich sie
sich, solange man im Umkreis ihrer an ihrer Verrichtung mitarbeiten
äußeren Erscheinung, ihrer Folgen kann und soll; sie versteht ihren
und Wirkungen, stehenbleibt, nichts eigenen Sinn und ihr eigenes Telos
abdingen. Nur eine Frage kann noch am besten, wenn sie sich dahin
gestellt werden, ob diese Wirkungen bescheidet, daß sie niemals
notwendig mit ihrem Wesen gesetzt, Selbstzweck sein kann, sondern sich
ob sie in dem gestaltenden Prinzip einem andern »Reich der Zwecke«,
der Technik selbst beschlossen und daß sie sich jener echten und
durch dasselbe gefordert sind. Und endgültigen Teleologie einzuordnen
sobald das Problem in diesem Sinne hat, die Kant als Ethiko-Teleologie
genommen wird, ergibt sich alsbald bezeichnet. In diesem Sinne bildet
ein durchaus anderer Aspekt der die »Entmaterialisierung«, die
Betrachtung und Beurteilung. Ethisierung der Technik eines der
Rathenau selbst läßt keinen Zweifel Zentralprobleme unserer
daran, daß all die Mängel und gegenwärtigen Kultur.[47] Sowenig die
Schäden der modernen technischen Technik, aus sich und ihrem eigenen
Kultur, die er unerbittlich aufdeckt, Kreis heraus, unmittelbar ethische
nicht sowohl aus ihr selbst, als Werte erschaffen kann, sowenig
vielmehr aus ihrer Verbindung mit besteht eine Entfremdung und ein
einer bestimmten Wirtschaftsform Widerstreit zwischen diesen Werten
und Wirtschaftsordnung zu verstehen und ihrer spezifischen Richtung und
sind – und daß demnach jeder Grundgesinnung. Denn die Technik
Versuch der Besserung an dieser steht unter der Herrschaft des
Stelle den Hebel anzusetzen hat. »Sachdienstgedankens«, unter dem
Diese Verbindung stammt nicht aus Ideal einer Solidarität der Arbeit, in
dem Geiste der Technik – sie ist ihr der zuletzt alle für einen und einer
vielmehr durch eine besondere für alle wirkt. Sie schafft, noch vor
Situation, durch eine konkrete der wahrhaft freien
geschichtliche Lage abgenötigt und Willensgemeinschaft, eine Art von
aufgedrungen.[46] Aber nachdem Schicksalsgemeinschaft zwischen all
einmal diese Verflechtung denen, die an ihrem Werke tätig sind.
eingetreten ist, läßt sie sich freilich So kann man mit Recht als den
mit den Mitteln der Technik allein impliziten Sinn technischer Arbeit
nicht lösen. Hier genügt es nicht, die und technischer Kultur den Gedanken
Kräfte der Natur oder die Kräfte des der »Freiheit durch Dienstbarkeit«
bloßen Verstandes, des technischen bezeichnen.[48] Soll dieser Gedanke
und wissenschaftlichen Intellekts, sich wahrhaft auswirken, so ist
aufzurufen; sondern hier stehen wir freilich erforderlich, daß er mehr und
an dem Punkte, an dem nur der mehr seinen impliziten Sinn in einen
Einsatz neuer Willens kräfte wahrhaft expliziten verwandelt: daß das, was
Wandel schaffen kann. In diesem im technischen Schaffen geschieht,
Ernst Cassirer, Form und Technik 36

in seiner Grundrichtung erkannt und griechischen Philosophie: Die


verstanden, daß es ins geistige und Philosophie der Griechen von den
Anfängen bis Platon, in: Lehrbuch der
sittliche Bewußtsein erhoben wird. Philosophie, hrsg. v. Max Dessoirs, Bd. I:
Erst in dem Maße, als dies geschieht, Die Geschichte der Philosophie, dargest.
wird die Technik sich nicht nur als v. Ernst von Aster u. a., Berlin 1925, S.
Bezwingerin der Naturgewalten, 7–138: S. 92 f. [ECW 16, S. 313–467]).
sondern als Bezwingerin der [6] Dessauer, Philosophie der Technik, S.
chaotischen Kräfte im Menschen 150; Max Eyth, Poesie und Technik, in:
selbst erweisen. Alle Mängel und Lebendige Kräfte. Sieben Vorträge aus
dem Gebiete der Technik, 4. Aufl., Berlin
Schwächen, die man ihr heute 1924, S. 1–22: S. 1 f.
vorzurücken pflegt, beruhen zuletzt
[7] Ich kann im Rahmen dieser Arbeit diesen
darauf, daß sie diese ihre höchste
Satz lediglich als These hinstellen: Für
Mission bisher nicht erfüllt, ja, daß sie die Entwicklung und für die
sie noch kaum erkannt hat. Alle systematische Begründung dieser These
»Organisation« der Natur aber bleibt muß ich auf meine »Philosophie der
fragwürdig und unfruchtbar, sofern symbolischen Formen« (Erster Teil: Die
Sprache, Berlin 1923 [ECW 11], Zweiter
sie nicht in das Ziel der Erziehung
Teil: Das mythische Denken, Berlin 1925
des Arbeitswillens und der echten [ECW 12]. Dritter Teil: Phänomenologie
Arbeitsgesinnung einmündet. Unsere der Erkenntnis, Berlin 1929 [ECW 13])
heutige Kultur und unsere heutige verweisen.
Gesellschaft ist von diesem Ziele [8] [Jean-Jacques Rousseau, Discours qui a
noch weit entfernt: Aber erst wenn es remporté le prix a l’Academie de Dijon,
als solches begriffen und planvoll und en l’année 1750. Sur cette question
proposée par la même Academie: Si le
tatkräftig ergriffen wird, wird sich das
rétablissement des sciences et des arts
echte Verhältnis zwischen »Technik« a contribué à épurer les mœurs, in:
und »Form« herstellen, wird sich ihre Collection complette des œuvres, Bd.
tiefste formbildende Kraft bewähren XIII, Zweibrücken 1782, S. 27–62.]
können. [9] [Baruch de Spinoza, Tractatus politicus.
In quo demonstratur, quomodo societas,
[1] [Zuerst veröffentlicht in: Kunst und ubi imperium monarchicum locum
Technik, hrsg. v. Leo Kestenberg, Berlin habet, sicut et ea, ubi optimi imperant,
1930, S. 15–61.] debet institui, ne in tyrannidem labatur,
et ut pax, libertasque civium inviolata
[2] [Georg Wilhelm Friedrich Hegel, maneat, in: Opera postuma. Quorum
Grundlinien der Philosophie des Rechts, series post praefationem exhibetur, o. O.
oder Naturrecht und Staatswissenschaft (Hamburg) 1677, S. 265–354: S. 268.]
im Grundrisse, hrsg. v. Eduard Gans Man vgl. etwa die disparaten Urteile
(Werke. Vollständige Ausgabe durch über Sinn und Wert der Technik, die
einen Verein von Freunden des Zschimmer in seiner »Philosophie der
Verewigten, Bd. VIII), Berlin 1833, S. 19 Technik«, z. B. S. 45 ff. u. 136 ff.,
f.] zusammengestellt hat.
[3] Friedrich Dessauer, Philosophie der [10] Eyth, Poesie und Technik, S. 12 ff.; vgl.
Technik. Das Problem der Realisierung, den Vortrag: ders., Zur Philosophie des
Bonn 1927, S. 146. Erfindens, in: Lebendige Kräfte, S. 229–
[4] Eberhard Zschimmer, Philosophie der 264.
Technik. Vom Sinn der Technik und Kritik [11] Über diesen »agonalen Charakter des
des Unsinns über die Technik, Jena Logos« in der Sprachtheorie der
1914, S. 28. Sophistik vgl. die Darlegungen von Ernst
[5] Platon, Kratylos 389 A (Näheres in meiner Hoffmann, Die Sprache und die
Darstellung der Geschichte der archaische Logik, Tübingen 1925
Ernst Cassirer, Form und Technik 37

(Heidelberger Abhandlungen zur [21] »Wherever sympathetic magic occurs in


Philosophie und ihrer Geschichte 3), S. its pure unadulterated form, it assumes
28 ff. that in nature one event follows another
[12] [Verifiziert nach: James Boswell, necessarily and invariably without the
(Gespräch vom 7. April 1778), in: Life of intervention of any spiritual or personal
Samuel Johnson, Bd. II, London 1900, S. agency. Thus its fundamental
422–430: S. 425.] conception is identical with that of
modern science […] The magician does
[13] Wilhelm von Humboldt, Ueber die not doubt that the same causes will
Verschiedenheit des menschlichen always produce the same effects […]
Sprachbaues und ihren Einfluss auf die Thus the analogy between the magical
geistige Entwicklung des and the scientific conceptions of the
Menschengeschlechts (Gesammelte world is close. In both of them the
Schriften, hrsg. v. der Königlich succession of events is perfectly regular
Preußischen Akademie der and certain, being determined by
Wissenschaften, Abt. 1: Werke, hrsg. v. immutable laws, the operation of which
Albert Leitzmann, Bd. VII/1), Berlin 1907, can be foreseen and calculated
S. 119 usw., Näheres in meiner precisely; the elements of caprice, of
»Philosophie der symbolischen Formen. chance, and of accident are banished
Erster Teil« [ECW 11]. from the course of nature.« (Frazer, The
[14] [Wilhelm von Humboldt, Ueber das Magic Art, Bd. I, S. 220 f.)
vergleichende Sprachstudium in [22] Daß die eigentliche Bedeutung des
Beziehung auf die verschiedenen Werkzeugs, in rein geistigem Sinne,
Epochen der Sprachentwicklung, in: darin liegt, daß es ein Grundmittel in
Werke, Bd. IV, S. 1–34: S. 27.] jenem Prozeß der »Objektivation«
[15] Theodor-Wilhelm Danzel, Kultur und darstellt, aus dem erst die Welt der
Religion des primitiven Menschen. »Sprache« und die Welt der »Vernunft«
Einführung in Hauptprobleme der hervorgeht, hebt insbesondere Ludwig
allgemeinen Völkerkunde und Noiré in seiner Schrift: Das Werkzeug
Völkerpsychologie, Stuttgart 1924, S. 2 und seine Bedeutung für die
ff., 45 ff. u. 54 ff. Entwickelungsgeschichte der
[16] Zur näheren Begründung vgl. die Menschheit, Mainz 1880, hervor. »Die
hohe Wichtigkeit [des Werkzeugs]«, so
Einleitung zu meiner »Philosophie der betont er, »liegt hauptsächlich in zwei
symbolischen Formen, Erster Teil«, S. 6 Dingen: erstens in der Lösung oder
ff. [ECW 11, S. 4 ff.]. Aussonderung des Causalverhältnisses,
[17] Vgl. James George Frazer, The Golden wodurch das letztere eine große, stets
Bough. A Study in Magic and Religion, zunehmende Klarheit in dem
Teil 1 in 2 Bdn.: The Magic Art and the menschlichen Bewußtsein erhält, und
Evolution of Kings, Bd. I (Kap. 3 u. 4), zweitens in der Objectivation oder
London 31911, S. 52–243. Projicirung der eigenen, bisher nur in
dem dunkleren Bewußtsein instinctiver
[18] Reiches ethnologisches Material für
Function thätigen Organe.« (A. a. O., S.
diese Grundanschauung findet sich bei 34) Das Recht dieser These bleibt
Lucien Lévy-Bruhl, Das Denken der bestehen, auch wenn man sich der von
Naturvölker, übers., hrsg. u. eingel. v. Noiré gegebenen Begründung – einer
Wilhelm Jerusalem, Wien/Leipzig 1921. Begründung, die hauptsächlich auf
[19] [Francis Bacon, Novum organum, in: sprachgeschichtlichen Tatsachen und
Works, hrsg. v. Robert Leslie Ellis, James auf einer bestimmten Theorie über den
Spedding u. Douglas Denon Heath, Bd. I, Ursprung der Sprache beruht – nicht
London 1858, S. 70–223: S. 157.] anschließt.
[20] Näheres hierüber s. Cassirer, [23] Näheres in meiner Schrift »Sprache und
Philosophie der symbolischen Formen. Mythos. Ein Beitrag zum Problem der
Dritter Teil: Phänomenologie der Götternamen«, Leipzig 1925 (Studien
Erkenntnis, S. 317 ff. [ECW 13, S. 315 ff]. der Bibliothek Warburg, Bd. 6), S. 48 ff.
Ernst Cassirer, Form und Technik 38

u. 68 f. [ECW 16, S. 227–311: S. 278 ff. Uitoto. Textaufnahmen und


u. 298 f.]. Beobachtungen bei einem
[24] Indianerstamm in Kolumbien,
[Johann Wolfgang von Goethe,
Südamerika, 2 Bde., Bd. I: Einführung
Paralipomena. Vorarbeiten und
und Texte (1. Hälfte), Göttingen/ Leipzig
Bruchstücke, in: Werke (Weimarer
1921 (Quellen der Religionsgeschichte,
Ausgabe), hrsg. im Auftr. der
Bd. 10, Gruppe 11), S. 123 ff., sowie in
Großherzogin Sophie von Sachsen, 4
Preuß’ Aufsatz: Der Ursprung der
Abt., insg. 133 Bde. in 143 Bdn., Weimar
Religion und Kunst, in: Globus.
1887–1919, 1. Abt., Bd. XLVII, S. 275–
Illustrierte Zeitschrift für Länder- und
389: S. 323.]
Völkerkunde 86 (1904), S. 321–327,
[25] [Cassirer: der Mensch statt den 355–363, 375–379, 388–392 u. Globus
Menschen] 87 (1905), S. 333–337, 347–350, 380–
[26] Ludwig Klages, Vom kosmogonischen 384, 394–400 u. 413–419.
Eros, München 1922, S. 45 [1. Zitat]; vgl. [36] [Vgl. Georg Simmel, Der Begriff und die
ders., Mensch und Erde. Fünf Tragödie der Kultur, in: Philosophische
Abhandlungen, München 1920, S. 40 ff. Kultur. Gesammelte Essais, Potsdam
[2. Zitat: S. 40 f.]. 31923, S. 236–267.]
[27] [Friedrich Schiller, Über die ästhetische [37] Näheres hierüber in meiner Schrift
Erziehung des Menschen in einer Reihe »Individuum und Kosmos in der
von Briefen (1793/94), in: Philosophische Philosophie der Renaissance«, Leipzig
Schriften, Bd. II (Sämtliche Werke. 1927 (Studien der Bibliothek Warburg,
Säkular-Ausgabe in 16 Bänden, in Verb. Bd. 10) [ECW 14, S. 1–220].
mit Richard Fester u. a. hrsg. v. Eduard
[38] Leonardo Olschki, Geschichte der
von der Hellen, Bd. XII), Stuttgart/Berlin
1905, S. 3–120: S. 59.] neusprachlichen wissenschaftlichen
Literatur, Bd. III: Galilei und seine Zeit,
[28] Ernst Kapp, Grundlinien einer Halle a. d. S. 1927, S. 139 f.
Philosophie der Technik. Zur
[39] »Das Wiedersehen eines Erfinders mit
Entstehungsgeschichte der Cultur aus
neuen Gesichtspunkten, Braunschweig dem aus ihm herausgestellten zum
1877, S. 41 ff., 76 ff. u. 122 ff. [Zitate S. ersten Male ›gewordenen‹ Objekt«, so
41 u. 79]. sagt Dessauer scharf und prägnant in
seiner »Philosophie der Technik« (S. 47
[29] Vgl. z. B. Eyth, Zur Philosophie des
f.), »ist eine Begegnung von unerhörter
Erfindens, S. 234 ff.; Zschimmer, Erlebniskraft, starker Offenbarung. […]
Philosophie der Technik, S. 106 ff. Der Erfinder schaut, was aus seinem
[30] Kapp, Grundlinien, S. 26. Schaffen, doch nicht allein daraus,
errungen wurde, nicht an mit dem
[31] Vgl. Franz Reuleaux, Theoretische Gefühl: ich habe dich gemacht, sondern:
Kinematik. Grundzüge einer Theorie des ich habe dich gefunden. Du warst schon
Maschinenwesens (Lehrbuch der irgendwo, und lange mußte ich dich
Kinematik, Bd. I), Braunschweig 1875. suchen. […] Daß du erst jetzt bist,
[32] Näheres bei Dessauer, Philosophie der kommt daher, daß ich erst jetzt fand,
Technik, S. 40 ff.; Zschimmer, daß du so bist. Du konntest nicht eher
Philosophie der Technik, S. 102 ff. erscheinen, deinen Zweck erfüllend […]
[33] Näheres hierüber s. in meiner als bis du in meiner Schau so warst, wie
du an sich warst, weil du nur so sein
»Philosophie der symbolischen Formen.
konntest! Nun allerdings bist du in der
Erster Teil: Die Sprache«, S. 132 ff. [ECW
sichtbaren Welt. Aber ich habe dich in
10, S. 133 ff.].
einer anderen Welt gefunden, und so
[34] Karl Bücher, Arbeit und Rhythmus, 2., lange weigertest du dich, in das
stark verm. Aufl., Leipzig 1899, bes. S. sichtbare Reich herüberzutreten, bis ich
24 ff. deine wirkliche Gestalt in jenem anderen
[35] Näheres hierüber bei Konrad Theodor Reich richtig gesehen hatte.«
Preuß, Religion und Mythologie der
Ernst Cassirer, Form und Technik 39

[40] Man vgl. insbesondere den Aufsatz von


Eyth, Poesie und Technik, S. 9 ff.
[41] [Platon, Symposion 210 C (»Êpisthmvn
kálloV«) u. 211 C (»tà kalà
Êpithdeúmata«).]
[42] Zit. nach Julius Goldstein, Die Technik,
Frankfurt a. M. 1912 (Die Gesellschaft.
Sammlung sozialpsychologischer
Monographien, Bd. 40), S. 51.
[43] Für die theoretische Erkenntnis ist
dieser Prozeß näher dargelegt und
entwickelt in meiner »Philosophie der
symbolischen Formen. Dritter Teil« (bes.
Teil 3, Kap. 5 u. 6), S. 472–559. [ECW 13,
S. 468–556. Ein Kapitel 6 ist in der von
Cassirer veröffentlichten Fassung nicht
enthalten.].
[44] Vgl. bes. Walther Rathenau, Zur Kritik
der Zeit, Berlin 1912; ders., Zur
Mechanik des Geistes oder vom Reich
der Seele, Berlin 1913 u. ders., Von
kommenden Dingen, Berlin 1917.
[45] [Ders., Von kommenden Dingen, S. 91
f.]
[46] Über die notwendige Sonderung des
Geistes der Technik vom Geist der
kapitalistischen Wirtschaft vgl., außer
den Schriften Rathenaus, bes. die
Bemerkungen von Zschimmer,
Philosophie der Technik, S. 154 ff. u.
Dessauer, Philosophie der Technik, S.
113 ff.
[47] Das Problem dieser »Ethisierung« ist mit
Recht in den Mittelpunkt gerückt worden
von Viktor Engelhardt, Weltanschauung
und Technik, Leipzig 1922, bes. S. 63–66
und von Richard Nikolaus Coudenhove-
Kalergi, Apologie der Technik, Leipzig
1922, S. 10 ff.
[48] Dessauer, Philosophie der Technik, S.
86; vgl. bes. S. 131 ff.