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Kerbe 4 | 2016 S p ec trum

Trauma und Psychose


Teil I: Grundlegende Literaturübersicht Von Thomas Keller

Traumatisierungen vor allem durch nahe Bezugspersonen


sind auch bei psychotischen Störungen sowohl in der Grund- Thomas Keller
Psychotherapeut, frei-
legung der Persönlichkeit als auch bei der Auslösung von Kri- beruflicher Dozent,
sen zentrale Bedingungsfaktoren. Dieser Umstand wirkt sich Berater. 37 Jahre Tä-
tigkeit in Kliniken mit
sowohl in den Erscheinungs- als auch den Verlaufsformen sozialpsychiatrisch-
psychotherapeutischer
aus. Unterschiedliche Faktoren werden beschrieben. Orientierung. E-Mail:
Während Teil I eine Literaturübersicht vor dem Hintergrund thokeller@t-online.de

langjähriger eigener klinischer Erfahrung gibt, wird sich Teil


II mit therapeutischen Konsequenzen befassen.

D
ie Zusammenhänge zwischen Personen hatte, von Stigmatisierung verstehen und (z. B. durch Prävention)
ungünstigen biographischen und Dauerasylierung über Zwangssteri- verringern, Resilienz lässt sich (z. B.
Einflüssen, insbesondere in lisierung bis hin zur Ermordung. Später durch Therapie) fördern.
Kindheit und Jugend, und psychoti- hat die pharmazeutische Industrie die-
schen Störungen wurden im psychi- ses Konzept tatkräftig unterstützt13. Es Ich gehe davon aus, dass alle biogra-
atrischen Mainstream über lange Zeit wurde aber kein international akzep- phischen Einflüsse, welche die Vul-
38 nur zögernd zur Kenntnis genommen, tiertes einheitliches Krankheits-Bild da- nerabilität einer Person erhöhen, als
obwohl sie im klinischen Alltag nur raus. Auch Kurt Schneiders Vorschlag traumatisch betrachtet werden können.
schwer zu ignorieren sind. In den letz- der Diagnostik nach „Symptomen ers- Kommen dann spätere akute oder
ten zwei Jahrzehnten hat jedoch eine ten und zweiten Ranges“21 konnte das chronische destabilisierende Situatio-
immer reichere Forschungsliteratur (al- Dilemma nicht lösen (siehe unten). nen hinzu, können diese zum Auslöser
lerdings kaum in Deutschland) hier eine psychotischer Krisen werden. Dies
beträchtliche Evidenz hervorgebracht. Ich habe schon lange dafür plädiert, gilt auch für chemische Einflüsse auf
den Schizophreniebegriff aufzugeben12. den Hirnstoffwechsel wie z. B. durch
Psychose In der psychodynamisch-psychothe- Drogenkonsum, der seinerseits durch
rapeutisch orientierten Psychiatrie- psychosoziale Umstände nahegelegt
Während die affektiven psychotischen forschung findet sich stattdessen seit werden kann.
Störungen, der „manisch-depressive einigen Jahrzehnten zunehmend der
Formenkreis“, nach ihrem beschreibba- praktikable Begriff „nichtaffektive Psy- Trauma
ren Erscheinungsbild relativ überzeu- chose“ (non-affective psychosis). Ge-
gend als Krankheitsgruppe abgegrenzt rade dessen Unschärfe befreit uns von Extreme psychosoziale Belastungser-
werden können, war „Schizophrenie“ alten Zwangsjacken des Denkens und fahrungen führen häufig zu nachhal-
als Konstrukt unserer Diskursgemein- Forschens. In diesem Sinne werde ich tigen seelischen Verletzungen, wenn
schaften zwar für die Psychiatrie prak- das Wort „Psychose“ hier gebrauchen. sie die Verarbeitungskapazität der
tisch, aber nie zwingend. Emil Kraepe- jeweiligen Person überschreiten. Deren
lin hatte sehr unterschiedliche „Krank- Für die hier untersuchten Zusammen- Erscheinungsformen werden posttrau-
heitsbilder“ zu einer Krankheitseinheit hänge ist das Begriffspaar „Vulnerabi- matische Belastungsstörungen genannt.
mit dem prognostisch katastrophalen lität“ (= seelische Verletzlichkeit) und Regelmäßig finden sich hier unter an-
Begriff „Dementia praecox“ zusammen- „Resilienz“ (= seelische Widerstands- deren Symptomen Vermeidung von an
gefasst. Eugen Bleuler6 schlug wenig kraft, Stärke) sehr brauchbar, falls wir die traumatische Situation erinnernden
später den neutraleren Begriff „Gruppe diese hypothetischen Eigenschaften Situationen, situationsabhängige sowie
der Schizophrenien“ vor, was die Mög- von Personen nicht als in jedem Ein- situationsunabhängige Ängste, Intrusi-
lichkeit einer heterogenen Kategorie er- zelfall unveränderlich, sondern als onen (Nachhall-Erinnerungserlebnisse
öffnete. Daraus wurde jedoch für viele variabel und damit sowohl durch güns- sowohl in Wachheit als auch in Alb-
Jahrzehnte „die Schizophrenie“ mit tige als auch ungünstige Umstände be- träumen), Amnesie für die belastenden
ihrer unhinterfragten Verdinglichung einflussbar betrachten, was uns psych- Erfahrungen sowie Fragmentierung von
als Erbkrankheit mit durchweg düsterer iatrisch Tätige handlungsfähig macht: Erinnerungen, schließlich dissoziative
Prognose, was im 20. Jahrhundert ent- Vulnerabilität lässt sich nicht nur Phänomene. Ferner sind eine Vielzahl
setzliche Folgen für die so etikettierten genetisch, sondern auch biographisch von anderen Folgestörungen möglich,
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die nicht als traumaspezifisch betrach- anderen dissoziativen Phänomenen, muster, wobei verbale und nonverbale
tet werden: Depressivität und Suizida- verändertem Identitätserleben und dem Botschaften zueinander im Widerspruch
lität, Somatisierung, Abhängigkeitser- Lautwerden innerer Dialoge und unter- stehen. Auch die von Lyman Wynne
krankungen, Essstörungen. schiedlichen Arten von Stimmenhören und Margaret Singer22 beschriebene be-
auch Gedanken und Empfindungen, die sondere „Kommunikationsabweichung“
Sexuelle Übergriffe haben ein besonders als von außen gemacht erlebt werden; (communication deviance) passt hierzu.
hohes Schädigungspotenzial. Seriöse also Symptome, die nach Kurt Schnei- Sie wurde in bestimmten Familien als
Schätzungen sprechen dafür, dass in der als erstrangig für die Diagnose Prädiktor späterer Psychose bei einem
unserem Lande ca. sechs Millionen Men- „Schizophrenie“ galten21. In der kindli- Kind gefunden; hierbei bleibt der Cha-
schen in der einen oder anderen Weise chen Vorgeschichte solcher komplexen rakter der Kommunikation immer unklar
davon betroffen sind oder waren, ca. posttraumatischen Belastungsstörungen und verwirrend. Hilflosigkeit, Feindse-
zwei Millionen von ihnen leiden an be- finden sich die unterschiedlichen Arten ligkeit und mentale Desorganisation im
handlungsbedürftigen Störungen. In der von Bindungsstörungen, Vernachlässi- Sinne formaler Denkstörungen können
Psychiatrie und ambulanten Psychothe- gung und Übergriffen, also problemati- daraus erwachsen.
rapie werden sie erst seit vielleicht drei sche Beziehungs- und Kommunikations-
Jahrzehnten ganz allmählich zunehmend formen. Regelmäßig wurde bei solchen gestörten
wahrgenommen. Sigmund Freud war auf Bindungsmustern gefunden, dass die
seinem Weg zur Psychoanalyse bereits Bindungs-, Beziehungs- und Eltern ihrerseits an gravierenden Trau-
auf dieser Spur, verließ sie aber wieder Kommunikationstrauma mafolgestörungen litten und daher nicht
angesichts der heftigen Reaktion seiner imstande waren, ihren Kindern das Er-
Fachkollegen auf diesen Tabubruch, um Die empirisch gut belegte Bindungsthe- lebnis sicherer Bindung zu vermitteln8.
seine Reputation zu retten. orie geht davon aus, dass Kindern ein Ich finde, dass ihnen das gleiche Ver-
grundlegendes natürliches Bedürfnis ständnis und Mitgefühl sowie Respekt
Schon einmalige traumatisierende Er- innewohnt, sich im ersten Lebensjahr vor ihrer Würde gebührt wie unseren
eignisse können schwerwiegende Fol- eng an eine primäre Bindungsperson, Patienten; sie zu entwerten und be-
gestörungen nach sich ziehen, umso meist die Mutter, und nach Möglichkeit schuldigen schadet allen Beteiligten ge-
mehr gilt das für länger dauernde und einige weitere Personen zu binden. Der nauso wie die Verleugnung dessen, was
sich wiederholende Erfahrungen in Verlauf dieser Erfahrungen wird für war. Hier haben wir noch viel zu lernen,
Kindheit und Jugend, bei denen oft das weitere Leben prägend. Wenn sie vermutlich brauchen wir eine neue the-
unterschiedliche belastende Faktoren sich in den ersten Lebensjahren sicher rapeutische Sprache und Haltung. In 39
zusammenkommen, etwa Ablehnung gebunden fühlen, haben sie später gute Teil II will ich versuchen, näher darauf
und Missbrauch über längere Zeiträume. Chancen, sich selbstbewusst in der Welt einzugehen. In der Jugendhilfe und der
Auf einer sehr großen Datenbasis zeig- zu bewegen und tragfähige Beziehungen Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es
ten Felitti, Anda und Mitarbeiter1, dass aufzubauen. Bindungslosigkeit führt zu bei uns bereits entsprechende Ansätze.
solche ungünstigen Lebensumstände in schwersten Schäden der Gehirn- und Bowlby sagt dazu: „Dieser Weg lässt
der Kindheit kumulativ bei Erwachsenen Persönlichkeitsentwicklung, die bis zu hoffen, dass die Weitergabe von Ver-
zu gravierenden körperlichen und einer einem bestimmten Alter noch ausgegli- haltensweisen von einer Generation zur
Vielzahl von psychischen Störungen chen werden können. Die Erfahrung von anderen unterbrochen werden kann.“7
führen können, darunter Süchte und unsicherer Bindung hat ein hohes Risiko
auch Halluzinationen. Die Gemeinsam- von unsicherer Erwachsenheit7,8. Misshandlung
keit zwischen den körperlichen (z. B.
Bluthochdruck) und seelischen Krank- Im so genannten desorganisierten Bin- Kumulativ-dosisabhängige Zusammen-
heiten besteht offenbar in einem insge- dungsmodus – etwa 15 % der Kinder hänge zwischen sexuellen, physischen
samt erhöhten inneren Stressniveau. werden offenbar in solchen Umständen und/oder emotionalen Misshandlungen
sozialisiert8 – fühlt sich das Kind stark sowie Vernachlässigung und nahezu
Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Bindungsperson angezogen allen Arten ernsthafter psychischer
von komplexen Traumafolgestörungen, und gleichzeitig zurückgewiesen oder Störungen können heute als gesichert
welche die ganze Persönlichkeitsent- bedroht. Dies führt häufig zu einem Le- gelten, das gilt auch in hohem Maße
wicklung in Mitleidenschaft ziehen kön- ben mit erhöhtem Erregungsniveau, mit für psychotische Störungen. Neuere
nen. Als Prägnanztypen werden die So- Angst und Aggression sowie dissoziati- Forschungen gehen von sexuellen und/
matisierungsstörung, die Borderline-Per- ven Störungen15. Der Pionier dieses For- oder gewalttätigen Erfahrungen in der
sönlichkeitsstörung und die dissoziative schungsgebiets John Bowlby7 glaubte Kindheitsgeschichte von mindestens
Identitätsstörung (bis hin zur multiplen bereits vor einem halben Jahrhundert, 50 % aller Patienten mit einer Psychose-
Persönlichkeitsstörung) genannt; und, so dass pathologische Befürchtungen und Diagnose aus. Allein 40-50 % der
meine ich, wir sollten auch psychotische paranoide Symptome hier ihren Aus- Frauen und ca. 30 % der Männer berich-
Störungen hier hinzurechnen. Diese gang nehmen können15. Gregory Bate- teten von sexuellen Übergriffen19. Bei
Störungsbilder sind nicht klar getrennt, son3 beobachtete noch früher vergleich- einer großen Übersicht über Psychiatrie-
sondern sie überlappen sich im Hinblick bare Kommunikation im Erwachsenen- patienten insgesamt mit hohem Anteil
auf ihre Entstehung und Symptoma- alter und entwickelte die „Double bind“- psychotischer Störungen begann sexu-
tik. Schon beim Bild der dissoziativen Hypothese: Zwischen der psychotischen eller Missbrauch (überwiegend durch
Identitätsstörung10 beschreiben Psycho- und einer zentralen Bindungsperson Familienmitglieder) im Durchschnitt mit
traumatologen neben verschiedenen besteht ein spezielles Kommunikations- ca. acht Jahren und dauerte gut zwei
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Jahre an, während Gewalterfahrungen Gleichaltrige in Kindheit und Jugend. holung) weniger günstig8, die Vulnera-
durchschnittlich im vierten Lebensjahr Halluzinatorische Erlebnisweisen schei- bilität erhöht. Auch diese Effekte sind
begannen und sechs Jahre andauerten19. nen eher mit sexuellen und gewalttä- offenbar kumulativ dosisabhängig.
Das andauernde Erlebnis von verbaler tigen Erfahrungen assoziiert zu sein24.
und physischer Gewalt zwischen den Eindrucksvoll ist die berühmte Selbst- Die „Expressed emotions“-Forschung
Eltern kann genauso schwere Auswir- schilderung des Juristen Daniel Paul ergab, dass nach einer stationär behan-
kungen haben, besonders wenn die Schreber: Die von ihm in einem 1903 delten Krise der weitere Verlauf ungüns-
Kinder in Loyalitätskonflikte hineinge- erschienen Buch beschriebenen und tig im Sinne rascher Wiederaufnahme
zogen werden. Alle diese ungünstigen wahnhaft interpretierten Halluzinatio- beeinflusst wird, wenn die Person von
Lebensbedingungen können sich in nen („Wunder Gottes“ durch „Bestrah- mindestens einem engen Bindungs-
jedem einzelnen Kindheitsschicksal un- lung“) in der Körpersphäre decken sich partner ständiger Kritik, Feindseligkeit
terschiedlich kombinieren. in eindrucksvoller Weise mit den von oder Überengagement (unter dem sich
seinem Vater Moritz Schreber im 19. heftige Ambivalenzen verbergen kön-
Verlust Jahrhundert in erfolgreichen Büchern nen) ausgesetzt ist9. Hierdurch entsteht
propagierten an Foltermethoden erin- offensichtlich ein Dauerstress. Diese
Früher Verlust einer wichtigen Bin- nernden Erziehungsmethoden20. Zweifel- Phänomene wurden, ebenso wie Double
dungsperson kann nach meiner Er- los hatte der kleine Junge diese ertragen bind-Situationen, zwar zunächst bei
fahrung in einzelnen Fällen ebenfalls müssen, aber als Erwachsener offenbar psychotischen Störungen gefunden, je-
bedeutsam sein, es scheint aber wenig ‚vergessen‘, so dass er keinen Zusam- doch später auch bei verschiedenen an-
Forschung im Zusammenhang mit menhang zwischen seinen psychoti- deren schweren Störungen bestätigt.
psychotischen Störungen dazu zu ge- schen Erlebnissen und den entsetzlichen
ben. Sowohl der Tod einer wichtigen Kindheitserfahrungen herstellen konnte. Traumata durch Psychose und
Bindungsperson als auch verlassen zu Die Erinnerungsspuren waren dekontex- Psychiatrie
werden können in der früheren Kindheit tualisiert und führten ein Eigenleben.
sehr schlimm sein. Der norwegischen Psychose kann schreckliche Erlebnisse
Psychologin Arnhild Lauveng verdan- Akustische Halluzinationen, besonders vermitteln: Zusammenbruch der ge-
ken wir eine eindrucksvolle Selbstschil- kommentierende und imperative Stim- wohnten äußeren und inneren Wirklich-
derung über ihren allmählichen Weg in men, sind oft mit einer Missbrauchsvor- keit, Bedrohung und Verfolgung, Hilflo-
zunächst chronische Psychose, ausge- geschichte verknüpft25. Inhaltlich kön- sigkeit, Vernichtungsangst in Bezug auf
40 hend vom im Vorschulalter erlebten Tod nen sich Wahnideen (eher paranoid als mich und andere, das Erlebnis, dass an-
ihres Vaters und wie sie sich nach zehn grandios) und Halluzinationen teils auf dere meine Gedanken lesen können und
weiteren Jahren daraus befreite14. die schlimmen alten Erinnerungen, teils vieles andere mehr. In der Erholung von
auf die auslösende Situation beziehen, einer psychotischen Krise lassen sich
Psychopathologische Phänomene zum Beispiel mit herabsetzenden Kom- Symptome einer vor allem darauf zu
mentaren, Schuldzuschreibungen, Dro- beziehenden posttraumatischen Belas-
Die bereits erwähnten dissoziativen hungen oder gefährlichen Aufforderun- tungsstörung finden, mit einer gewissen
Prozesse sind zunächst als Schutzme- gen, beispielsweise zum Suizid18,25. Auch Besserungstendenz über Monate5.
chanismus der Kinder vor der Wahr- die Stimme der seinerzeit verletzenden
nehmung der gerade stattfindenden Person kann gehört werden. Eine Studie Aber auch das Erlebnis der Hospitalisie-
überlastenden Erlebnisse zu verstehen über chronisch seelisch kranke Frauen rung selbst kann traumatisierend sein,
(sie können sich damit sozusagen aus ergab, dass die Patientinnen, welche insbesondere, wenn Zwang und Gewalt
der Situation ‚wegbeamen‘) und schei- Missbrauch oder Vernachlässigung er- dabei ausgeübt wurden. Isolierung kann
nen später auf dem Weg in die psycho- litten hatten, häufiger an produktiven eine sehr schmerzvolle Erfahrung sein.
tische Symptomatik unter Stressbedin- Symptomen litten als andere; negative In schlechten Kliniken können von
gungen eine bahnende Rolle zu spie- Symptome schienen seltener zu sein. Skepsis in Bezug auf die Zukunft des
len15, wie bereits bei der dissoziativen Patienten geprägte sowie entwertende
Identitätsstörung beschrieben. Viele Verlauf Umgangsformen, als „Hilfe“ getarnte
Phänomene bis hin zur Katatonie kön- Kontrolle sowie als „Verhaltenstherapie“
nen zumindest teilweise als Ausdruck Eine offensichtliche Traumavorge- getarnte schwarze Pädagogik (double
von Dissoziation verstanden werden, schichte scheint mit einem früheren bind!) und sogar illegale Übergriffe aller
die in Ich-Fragmentierung mit der Beginn der Psychose, dem Überwiegen Art vorkommen. Alle diese Erlebnisse
Auflösung selbstreflexiver kognitiver produktiver Symptome in Verbindung können sowohl für sich alleine wirken
Prozesse führen kann. mit Depressivität und Angst, einer als auch durch die Erinnerung an ver-
verringerten Wirksamkeit (und damit gleichbare Kindheitserfahrungen ret-
Bei vorwiegend paranoiden Patienten dem Risiko höherer Dosen) von Neuro- raumatisieren, durch Aufrechterhaltung
wurde vor allem emotionale Vernach- leptika16 und einer erhöhten Neigung dissoziativer Phänomene die spontane
lässigung in der Vorgeschichte gefun- zu Substanzmissbrauch einherzugehen. Besserungsneigung aufheben und die
den. Der Zusammenhang scheint sich Auch kommen vermehrt Suizidgedan- Störung verlängern. Auch das Verhalten
durch ein Grundgefühl von ganz per- ken und Suizidversuche vor. Insgesamt von Mitpatienten kann destruktiv sein.
sönlicher Ungerechtigkeit herzustellen, erscheint hier die Verlaufsprognose
oft verstärkt durch die Erfahrung von (z. B. im Sinne häufigerer und längerer In der ersten psychotischen Krise können
Außenseitertum und Mobbing durch Hospitalisierungen und schlechterer Er- diese Umstände zu besonders traumati-
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sierenden Erfahrungen führen, wie auch können, etwa in der Tabuisierung von an den baldigen Tod meiner Mutter da-
sich häufig wiederholende und langan- Missbrauch. Ebenfalls spannend: 60 % mals so unerträglich war: Ich glaube,
haltende psychotische Zustände, die mit der Menschen in der im Hinblick auf dass ich von ihr immer noch den letz-
besonderem Stigmatisierungsrisiko ein- die Kombination von genetischen und ten Liebesbeweis bekommen wollte.“
hergehen. Hier kann sich ein Teufelskreis Umweltbelastungen als Hochrisikogruppe – „Worin hätte dieser bestehen kön-
zunehmender Vulnerabilität entwickeln: erscheinenden Adoptierten entwickelten nen?“ – „Wenn sie mich einmal in den
Eine Traumatisierungsvorgeschichte führt keine Psychose, sie verfügten also über Arm genommen hätte.“ Sowohl ihren
über eine psychotische Krise zu weiterer beträchtliche Resilienz. Vater (er hatte in ihrer Jugend sexuelle
Traumatisierung mit erhöhtem Risiko Wünsche an sie herangetragen; ob es zu
von erneuter Psychose bei geringeren Neue genetische Forschungen (Epige- manifesten Übergriffen gekommen war,
Anlässen bis in die Chronizität. netik) verweisen auf noch eine weitere blieb unklar) als auch ihren Ehemann (er
Möglichkeit der transgenerationalen hatte ihr kurz vorher eine Affäre gestan-
Auch Neuroleptika spielen nicht immer Weitergabe von Traumaerfahrungen den) hatte sie als manipulativ erlebt.
eine heilsame Rolle. In der akuten Situ- jenseits der Eltern-Kind-Beziehung. Psy-
ation können sie zwar durch Dämpfung chosozialer Stress kann bestimmte Gene Hier kommen Hinweise auf eine langjäh-
von Stress die Vulnerabilität vorüber- aktivieren, was bei ernsten Traumatisie- rige schwere und ungelöste Bindungs-
gehend herabsetzen, aber auch Ich- rungen oder belastenden chronischen störung gegenüber der Mutter und eine
Funktionen lähmen. Über einen langen Konfliktsituationen anhaltend nachtei- als manipulativ und sexualisiert erlebte
Zeitraum ziehen sie die Gehirnsubstanz lige körperliche und seelische Folgen Beziehung zum Vater (und einem ähn-
kumulativ dosisabhängig in Mitleiden- zeitigen kann. Diese Genzustände kön- lich wahrgenommenen Ehemann) zu-
schaft1, was ebenfalls zur Aufrechterhal- nen offenbar auch vererbt werden. Posi- sammen, mit der Überrumpelung durch
tung von Chronizität beitragen kann. tive Erfahrungen (hoffentlich auch The- die Drohung des baldigen Verlustes der
rapie!) hingegen können wahrscheinlich Mutter als auslösendem Ereignis. Erst im
Genetische Faktoren solche Gene aktivieren, die Nervenzellen Wirklichkeitsverlust der Psychose zeigt
zu neuen Verknüpfungen anregen und sich die in diesen Beziehungsverhältnis-
Die einzigartige finnische Adoptivfami- damit heilsame strukturelle Veränderun- sen aufgestaute Wut, die Wahninhalte
lienstudie (sorgfältige Methodik, große gen in unserem Hirn bewirken können4. spiegeln einerseits die Verleugnung des
Fallzahlen, prospektiv und kontrolliert drohenden Verlusts der Mutter und an-
angelegt, 40-jährige Katamnesen) gibt Eine Fallgeschichte dererseits die Beziehungserfahrung mit
uns Aufschluss über das Verhältnis von Vater und Ehemann wider. 41
genetischen Dispositionen und prägen- Frau A., eine liebenswürdige, gepflegte
den Umwelterfahrungen beim Zustan- und lebenserfahrene Frau von Mitte 40, Im Verlauf der Therapie kam es noch
dekommen psychotischer Störungen23,24. stürzte als Begleiterin während eines zweimal zu kurzen psychotischen Episo-
Die Adoptivkinder wurden danach unter- Arztbesuchs ihrer Mutter ganz akut in den mit aggressiver Färbung gegenüber
schieden, ob ihre Geburtsmütter die Dia- einen tiefgreifenden psychotischen Zu- dem Ehemann (dieser hatte mich nach
gnose Schizophrenie hatten, was als ge- stand, als diese erregt aus dem Arztzim- einem Medikament gefragt, das er ihr
netische Disposition bei den Adoptierten mer ins Wartezimmer kam und erzählte, heimlich in den Kaffee geben könnte),
interpretiert wurde, oder nicht. Die Ad- der Doktor habe ihr gesagt, sie habe die jeweils mit einem Hausbesuch rasch
optivfamilien wurden im Hinblick auf ihr Krebs und nur noch wenige Monate überwunden werden konnten. Dabei
Kommunikationsverhalten zum Zeitpunkt zu leben. Frau A. – selbst Mutter von nutzte sie die Gelegenheit, ihrem Mann
der Adoption mit einem auf den Arbeiten zwei fast erwachsenen Kindern – hatte endlich einmal alles zu sagen, was für
von Wynne und Singer22 basierenden bis dahin einen sehr engen, täglichen sie nicht in Ordnung war und sich über
Instrumentarium untersucht und in „ge- Kontakt mit ihrer Mutter unterhalten die Jahre aufgestaut hatte. Von der
sund“, „gestört“ und „schwer gestört“ und zeigte von diesem Moment an hef- Haushaltsauflösung der Mutter behielt
kommunizierend unterschieden. Die tigste psychotische Wut, die sie „wie Frau A. nur den Lehnstuhl, in dem diese
weitaus meisten psychotischen Störun- eine Woge“ in sich aufsteigen fühlte. sich in ihrer Krankheit ausgeruht hatte.
gen entwickelten sich im späteren Leben Sie schrie den Arzt an und bezichtigte Sie erzählte, sie habe ihn in ihr Zimmer
der Adoptierten in der Gruppe, in der ihn der Lüge. In der Folge lebte sie über gestellt, sei einige Wochen um ihn her-
mutmaßliche genetische Disposition des Monate in wütender Stimmung, ver- umgeschlichen, habe sich schließlich hi-
Kindes mit insbesondere schweren kom- bunden mit dem wahnhaften Erlebnis neingesetzt und sich gut gefühlt. Sie zog
munikativen Störungen der Adoptivfa- umfassenden Manipuliertwerdens ihrer aus der gemeinsamen Wohnung aus in
milien zusammentrafen (ca. 40 %). In den gesamten Lebenswirklichkeit, und war eine eigene Wohnung, wollte aber keine
als gesund kommunizierend eingeschätz- überzeugt, dass ihr Vater dabei Regie Scheidung. Über einige Jahre nahm
ten Familien entstanden unabhängig von führe. In dieser Verfassung brach sie den sie abends eine niedrige Dosis eines
genetischer Disposition kaum psychoti- Kontakt zur Mutter vollständig ab und Neuroleptikums ein; bei aufwühlenden
sche Störungen (in beiden Gruppen ca. verleugnete über Monate deren Siech- Lebensereignissen wie der Hochzeit ihres
5 %); so aufzuwachsen ist offensichtlich tum und Tod vollständig; nach der Be- Sohnes, der ihr bis dahin am nächsten
ein starker protektiver Faktor gegenüber erdigung verhielt sie sich so dramatisch, gestanden hatte, erhöhte sie in eigener
genetischen Risiken. Leider erfahren wir dass sie zwangsweise in die Psychiatrie Regie für kurze Zeit die abendliche Me-
hier nichts über die anderen oben be- gebracht wurde. Ein halbes Jahr nach dikation von 8 auf 12 Tropfen Halope-
schriebenen Belastungsfaktoren, die mit Beginn einer Ehepaartherapie sagte sie: ridol, bis sie schließlich zu dem Schluss
Kommunikationsstörungen einhergehen „Ich weiß jetzt, warum mir der Gedanke kam, dies nicht mehr zu benötigen.
KO N T R O V E R S

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