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Kapitel 4:

Komponenten von Nutzenfunktionen

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Kapiteleinleitung Kapitel 4: Komponenten von Nutzenfunktionen
In den vorangehenden Kapiteln hatten wir gesehen, wie man Entscheidungen mittels Nutzenfunktionen
analysieren kann. Wir hatten ferner festgelegt, dass wir zunächst von rationalem oder zumindest begrenzt
rationalem Verhalten von Menschen ausgehen wollen.
In diesem vierten Kapitel werden wir uns nun die drei wohl wichtigsten Komponenten von Nutzenfunktionen
ansehen, die in der ökonomischen Theorie verwendet werden. Wir hatten sie im zweiten Kapitel schon benannt:
• Geld
• Arbeitszeit
• Risiko
Hier im vierten Kapitel werden wir uns diese Komponenten aber nun noch sehr viel genauer ansehen und dabei
der Frage nachgehen, wie man diese Komponenten in Nutzenfunktionen einbauen kann und auf welche Art die
Nutzenfunktionen von diesen Komponenten abhängen könnten.
Dabei werden wir damit beginnen, uns zunächst Entscheidungssituationen anzusehen, bei denen für jede
Entscheidung völlig klar ist, was das Ergebnis dieser Entscheidung sein wird. Wir sprechen in solchen Situationen
auch von Entscheidungen „unter Sicherheit“: Ich tue A und heraus kommt in jedem Fall B. Solche Entscheidungen
sind recht einfach analysierbar.
Die Annahme der Sicherheit der Ergebnisse des Handelns ist für reale Entscheidungssituationen aber wenig
brauchbar. Das liegt ganz einfach daran, dass bei den wichtigeren Entscheidungen im Leben so gut wie nie völlig
klar ist, zu welchem Ergebnis die Entscheidung führen wird. Während Sie diese Zeilen lesen, studieren Sie
vermutlich. Was aber das Ergebnis ihrer Studiums für den Rest Ihres Lebens sein wird, dass wissen Sie in diesem
Augenblick noch gar nicht.
Wirtschaftswissenschaftler brauchen daher einen methodischen Ansatz, um auch Entscheidungen analysieren zu
können, in denen das Ergebnis des Handelns nicht sicher vorhergesagt werden kann.

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Kapiteleinleitung Kapitel 4: Komponenten von Nutzenfunktionen
Wenn die Ergebnisse des eigenen Handelns nicht genau vorhergesagt werden können, spricht man von
Situationen „unter Unsicherheit“ oder auch von Situationen „unter Risiko“. Um solche Situationen mit Hilfe von
Nutzenfunktionen analysieren zu können, muss man das bestehende Risiko und die Nutzenfunktion irgendwie
zusammenbringen. Dafür haben sich zwei Methoden etabliert.
Die erste Methode besteht darin, sämtliche Berechnungen durch statistische Wahrscheinlichkeitsüberlegungen
zu ergänzen. Nehmen wir hierzu folgendes Beispiel an: Sie machen ein Wiwi-Bachelorexamen. Mit jeweils 50%-
iger Wahrscheinlichkeit werden Sie anschließend arbeitslos oder Geschäftsführer. Wenn sie arbeitslos werden,
bewerten Sie das mit einem Nutzenwert von 10, wenn Sie Geschäftsführer werden, bewerten Sie das mit einem
Nutzenwert von 1000. Beide Nutzenwerte haben ja eine 50/50 Chance. Das ergibt einen durchschnittlich
erwarteten Nutzenwert von 50%*10+50%*1000 = 505. Nehmen Sie nun an, sie hätten die Alternative, einen
Bachelorabschluss in XYZ zu machen. Danach könnten auch zwei Dinge passieren, z.B. das Sie Job A bekommen
oder Job B, auch beides mit 50/50 Chance. Job A bewerten Sie mit einem Nutzenwert von 400, Job B mit einem
Nutzenwert von 600. Dann beträgt der durchschnittlich erwartete Nutzen 50%*400+50%*600 = 500. Das ist
weniger als die 505, die sie mit dem Wiwi-Examen erzielen, daher sollten Sie den Wiwi-Bachelor dem XYZ-
Bachelor vorziehen.
Die zweite Methode besteht darin, die in einer Entscheidungssituation vorhandenen Risiken mit einer Maßzahl
zu bewerten und diese Maßzahl direkt als Komponente in die Nutzenfunktion zu integrieren. Die beiden
gebräuchlichsten Risikomaße sind die Varianz und die Standardabweichung. Beide Maße werden in diesem
Kapitel erläutert.
Ebenso, wie sich Menschen bezüglich ihrer Nutzenbewertung von Geld, Schokolade oder Fisch unterscheiden, so
unterscheiden sie sich auch bezüglich Ihrer Einstellungen gegenüber Risiken. Man spricht in diesem
Zusammenhang auch von “Risikoneigungen”. Es gibt demnach Menschen, die Risiken sehr abgeneigt sind,
Menschen die Risiken eher ignorieren und Menschen, die Risiken sogar mögen. Auch diese Risikoneigungen
werden wir in diesem Kapitel kennenlernen.

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Komponenten von Nutzenfunktionen
Frage:
Was beeinflusst den Nutzen eines Menschen?

Allgemeine Antwort:
Da Menschen Individuen mit sehr unterschiedlichen Neigungen, Erfahrungen und
Persönlichkeitseigenschaften sind, kann es unendlich viele Einflussfaktoren geben!

Problem dieser Antwort:


Wegen der unendlichen Vielfalt individueller Einflüsse erscheinen sinnvolle Analysen kaum möglich!

Ausweg:
Vereinfachung!

Sinn und Zweck von Vereinfachungen:


Eine Vereinfachung ist ein Modell der Realität. Trotz der Vereinfachung kann man eventuell wichtige
Erkenntnisse gewinnen.

100
Modelle: Sinn und Zweck
Beispiel:
Autoingenieure entwerfen Windkanalmodelle neuer Autos. Diese Modelle sind Vereinfachungen
der Realität. Man kann mit Windkanalmodellen weder in den Urlaub fahren noch wenigstens die
Fahreigenschaften testen!

Aber:
Man kann die späteren Luftwiderstandswerte realer Autos exakt ermitteln und optimieren, obwohl
die Modelle nur Vereinfachungen realer Autos sind.

Schlussfolgerung:
Sinnvoll konstruierte Modelle erlauben äußerst wertvolle Rückschlüsse über die Realität, obwohl
die Modelle extreme Vereinfachungen sein können!

Folgerung:
Auch in der Wirtschaftswissenschaft können Modelle erhebliche Erkenntnisgewinne bringen!

101
Ein „Menschenmodell“
Wir nehmen im weiteren Verlauf der Veranstaltung folgendes „Menschenmodell“ an:
 Menschen sind begrenzt rational (weiter oben bereits erläutert!)
 Menschen sind egoistisch und opportunistisch
 Menschen präferieren Geld, d.h. mehr Geld ist ihnen lieber als weniger Geld
 Menschen arbeiten ungern, d.h. Freizeit ist ihnen lieber als Arbeitszeit
 Menschen haben eine bestimmte Einstellung zu finanziellen Risiken

Erläuterungen:
Egoismus und Opportunismus

Wichtige Frage:
Beeinflusst das „Wohlergehen“ von anderen den eigenen Nutzen?

Vorläufige Antwort in unserem Menschmodell:


Nein!

Konsequenz:
Menschen werden als egoistisch angenommen.

102
Egoismus, Opportunismus aber kein Neid
Frage:
Wie weit geht der angenommene Egoismus?

Antwort:
Es wird angenommen, dass Menschen auch die Schädigung von anderen bewusst in Kauf nehmen,
so lange es ihnen selbst nutzt. Diese Verhaltenstendenz wird auch als Opportunismus bezeichnet.

Frage:
Hat die Schädigung von anderen einen Nutzen an sich, d.h. werden Menschen als neidisch
angenommen?

Antwort:
Nein, es wird angenommen, dass andere nur dann geschädigt werden, wenn es dem Schädiger
selbst einen direkten Vorteil bringt.

103
Keine Realitätsannahme!
Frage:
Ist die Annahme von Egoismus, begrenzter Rationalität und Opportunismus eine Behauptung über
die reale Welt?

Antwort:
Nein!

Zielsetzung:
Diese Annahmen werden lediglich getroffen, um mögliche Konfliktsituationen besonders deutlich
hervorzuheben und die rein wirtschaftlichen Vorteilsüberlegungen herauszustellen.

Wichtig:
Es wird damit keineswegs behauptet, dass Menschen z.B. ständig Freundschaft oder Liebe
ignorieren, wenn sich ihnen dadurch wirtschaftliche Vorteile böten!

Die oben getroffenen Annahmen sind also so etwas wie ein Windkanalmodell und kein Auto!

104
Komponenten von Nutzenfunktionen
Ab jetzt:
Einschränkung von Variablen, die in Nutzenfunktionen berücksichtigt werden

Im weiteren Verlauf werden nur noch folgende Variablen berücksichtigt:


• Geld
• Arbeitszeit
• Risiko

105
Nutzen des Geldes
Beispiele für mögliche Nutzenfunktionen des Geldes:
35 35 35
Nutzen

Nutzen

Nutzen
30 30 30
25 25 25
20 20 20
15 15 15
10 10 10
5 5 5
0 0 0
0 500 1000 0 500 1000 0 500 1000
Geldeinheiten in € Geldeinheiten in € Geldeinheiten in €

Nutzenfunktion A: Nutzenfunktion B: Nutzenfunktion C:


𝑈𝑈 = 𝐺𝐺 0,5 𝑈𝑈 = 0,03𝐺𝐺 𝑈𝑈 = 0,00003 � 𝐺𝐺 2

106
Nutzen des Geldes
Nutzenfunktion A: Eigenschaften Wichtigste Eigenschaften:
Mehr Geld führt zu höherem Nutzen!
35 Der zusätzliche Nutzen jedes weiteren Euros nimmt aber
Nutzen

30 ab!

25 Den zusätzlichen Nutzen pro zusätzlicher Geldeinheit


20 bezeichnet man als „Grenznutzen des Geldes“.

15 Formal ermittelt man den Grenznutzen des Geldes als erste


10 Ableitung der Nutzenfunktion.

5 Hier ergibt sich:


0
0 500 1000 𝑑𝑑𝑈𝑈 −0,5
1
= 0,5𝐺𝐺 =
Geldeinheiten in € 𝑑𝑑𝐺𝐺 2𝐺𝐺 0,5
Nutzenfunktion A: Da der Bruch immer kleiner wird, je größer der Geldbetrag
G wird, nimmt der Grenznutzen also ab!
𝑈𝑈 = 𝐺𝐺 0,5

107
Nutzen des Geldes
Nutzenfunktion B: Eigenschaften Wichtigste Eigenschaften:
35 Mehr Geld führt zu höherem Nutzen!
Nutzen

30 Der zusätzliche Nutzen jedes weiteren Euros ist konstant


25
Für die Berechnung des Grenznutzens ergibt sich:
20
15 𝑑𝑑𝑈𝑈
= 0,03
10 𝑑𝑑𝐺𝐺
5
Der Grenznutzen ist also konstant und hängt nicht vom
0 Geldbetrag G ab!
0 500 1000 Jeder zusätzliche Euro stiftet also den gleichen zusätzlichen
Geldeinheiten in € Nutzen.

Nutzenfunktion B:
𝑈𝑈 = 0,03𝐺𝐺

108
Nutzen des Geldes
Nutzenfunktion C: Eigenschaften Wichtigste Eigenschaften:
35 Mehr Geld führt zu höherem Nutzen!
Nutzen

Der zusätzliche Nutzen jedes weiteren Euros nimmt zu!


30
25 Für die Berechnung des Grenznutzens ergibt sich:
20
𝑑𝑑𝑈𝑈
15 = 0,00006𝐺𝐺
𝑑𝑑𝐺𝐺
10
5 Der Grenznutzen nimmt also zu, je größer der bereits
vorhandene Geldbetrag G ist!
0
Jeder zusätzliche Euro führt also zu einem steigenden
0 500 1000
zusätzlichen Nutzen.
Geldeinheiten in €

Nutzenfunktion C:
𝑈𝑈 = 0,00003 � 𝐺𝐺 2

109
Ermitteln Sie Ihre Nutzenfunktion des Geldes!
Im folgenden sollen Sie versuchen, Ihre Nutzenfunktion zu ermitteln!

Problem bei der Ermittlung:


Es ist sehr aufwändig, vielleicht sogar unmöglich, den kompletten Verlauf einer mathematischen
Nutzenfunktion zu ermitteln!

Weiteres Problem:
Der genaue Funktionsverlauf hängt auch davon ab, in welchen Einheiten Sie Ihren Nutzen messen
wollen!

Daher:
Wir vereinfachen die Ermittlung Ihrer Nutzenfunktion!

Tatsächlich:
Wir wollen nur die ungefähre Form Ihrer Nutzenfunktion ermitteln!

110
Zur Ermittlung Ihrer Nutzenfunktion nehmen wir folgende Vereinfachungen vor:

1. Vereinfachung:
Ermitteln Sie lediglich die Nutzenfunktionswerte für 0 Euro, 100 Euro, 200 Euro und 300 Euro und
verbinden Sie die Funktionswerte durch Linien!

2. Vereinfachung:
Ihnen werden im folgenden 3 Güterpakete vorgestellt, von denen jedes 100 Euro kostet. Nehmen
Sie an, sie könnten nur diese Pakete kaufen, nichts anderes. Jedes Paket kann auch nur einmal
erworben werden.

3. Vereinfachung:
Geben Sie dem Paket mit dem aus ihrer Sicht höchsten Nutzen den Nutzenwert 100!

4. Vereinfachung:
Geben Sie den beiden weniger präferierten Paketen Nutzenwerte, die Ihre relative Wertschätzung
wiederspiegeln. Ist also ein Paket X nur halb so „nützlich“ wie das beste Paket, so geben Sie dem
Paket X einen Nutzenwert von 50.

111
Tragen Sie unten die Nutzenwerte ein! Achtung: zulässiger Höchstwert = 100!
Paket A: Paket B: Paket C:

Brot, Kino mit


Eintrittskarte Freunden: 16 €
Oper: 87 € Brötchen: 10 €
Marmelade, Kneipenabend
1 Glas mit Essen 28 €
Champagner Käse, Wurst,
in der Pause: 13 € Eier: 20 € Pizza vom
Nudeln, Reis, Lieferservice 12 €
Gesamt 100 €
Gemüse, Geburtstags-
Fleisch, Fisch: 30 € geschenk
Getränke: 20 € Freund/
Freundin 44 €
Körperpflege: 9€
Gesamt 100 €
Fahrtkosten 11 €
Gesamt 100 €

Nutzenwert Paket A Nutzenwert Paket B Nutzenwert Paket C


112
Zur Ermittlung Ihrer Nutzenfunktion:
Verfügbares Geld Nutzenwert Erläuterung
Nutzenwert von 0 bei einem
0€ 0 verfügbaren Geldbetrag von Null ist
vorgegeben.
Tragen Sie links den Nutzenwert
100 € desjenigen Paketes ein, welches Sie
kaufen würden, wenn Sie nur 100 Euro
zur Verfügung hätten.
Tragen Sie links die Summe der beiden
200 € Nutzenwerte der beiden Pakete ein, die
Sie kaufen würden, wenn Sie 200 Euro
zur Verfügung hätten.
Tragen Sie links die Summe der
300 € Nutzenwerte aller drei Pakete ein.

113
Tragen Sie hier die zugehörigen Nutzenwerte aus der vorangehenden Tabelle ein und
verbinden Sie die eingetragenen Punkte mit Linien:
300
Nutzen

250

200

150

100

50

0
0 100 200 300
Verfügbarer Geldbetrag in Euro

114
Funktionsverlauf bestimmen
Sehen Sie sich nun den Verlauf Ihrer Nutzenfunktion an!

Welchem der drei folgenden Typen von Funktionsverläufen entspricht Ihre Nutzenfunktion am
ehesten?

Meine Nutzenfunktion entspricht am ehesten (bitte ankreuzen):

Typ A: Typ B: Typ C:

115
Nutzen von Arbeitszeit
Die klassische Annahme in der Wirtschaftswissenschaft:
Menschen arbeiten ungern!

Begründung:
Arbeit kann anstrengend und/oder sogar gefährlich sein.
Selbst wenn Arbeit Spaß macht, führt zu viel Arbeit zu Erschöpfung und Stress.
Arbeitszeit bedeutet in jedem Fall Freizeitverzicht.

Darstellungsweise:
Arbeit wird also als kostenbehaftet angesehen.
Man sagt hierfür auch, dass Arbeit sogenanntes „Arbeitsleid“ verursacht.
Arbeitsleid lässt sich also als eine Art Kostenfunktion K(a) in Abhängigkeit von der Arbeitsmenge a
darstellen.

116
Arbeitsleidfunktion Typ A
18
16
14
Arbeitsleid K(a)

12
10
8
6
4
2
0
0 2 4 6 8 10
Arbeitsmenge a

Beispiel hier: 𝐾𝐾(𝑎𝑎) = 5 � 𝑎𝑎0,5

Eigenschaft dieser Funktion:


Die ersten Stunden Arbeitszeit sind die anstrengendsten.  Eher unplausibel!?

117
Arbeitsleidfunktion Typ B
25

20
Arbeitsleid K(a)

15

10

0
0 2 4 6 8 10
Arbeitsmenge a

Beispiel hier: 𝐾𝐾(𝑎𝑎) = 2 � 𝑎𝑎

Eigenschaft dieser Funktion:


Jede Stunde ist gleich anstrengend/unangenehm.  Auch eher unplausibel!?

118
Arbeitsleidfunktion Typ C
25

20
Arbeitsleid K(a)

15

10

0
0 2 4 6 8 10
Arbeitsmenge a

Beispiel hier: 𝐾𝐾(𝑎𝑎) = 0,1 � 𝑎𝑎2

Eigenschaft dieser Funktion:


Zusätzliche Stunden Arbeitszeit werden immer anstrengender.  Ziemlich plausibel!

119
Gemeinsame Berücksichtigung von Geld und Arbeitsleid
Ausgangslage:
Wir hatten oben bei der Analyse von Danielas Nutzenfunktion angenommen, dass sie Freizeit mit einem
positiven Nutzen bewertet.

Folge:
Wenn Daniela Freizeit positiv bewertet, muss sie Arbeitszeit negativ bewerten, weil jede Stunde
Arbeitszeit den Verzicht auf eine Stunde Freizeit bedeutet.

Analytische Schlussfolgerung:
Statt Freizeit mit einem positiven Nutzen in Danielas Nutzenfunktion eingehen zu lassen, können wir auch
ihre Arbeitszeit mit einem negativen Nutzen in die Nutzenfunktion aufnehmen.

Ferner:
Geld hat einen positiven Nutzen für Daniela, Arbeit einen negativen.

Aber:
Auch die Menge des verfügbaren Geldes G hängt davon ab, wie viel Daniela arbeitet.

120
Schlussfolgerung:
Sowohl die Menge des verfügbaren Geldes G als auch die Höhe des Arbeitsleides K beeinflussen
Danielas Wohlergehen, also ihren Nutzen:

𝑈𝑈 = 𝑓𝑓(𝐺𝐺, 𝐾𝐾)

Geld und Arbeitsleid hängen aber direkt von ihrem Arbeitseinsatz a ab!

𝑈𝑈 = 𝑓𝑓(𝐺𝐺(𝑎𝑎), 𝐾𝐾(𝑎𝑎))

Folge:
Wenn wir die Funktionen G(a), K(a) und f(G,K) kennen, können wir den optimalen Arbeitseinsatz
von Daniela berechnen.

Beispiel:
Nehmen wir an: G(a) = 10a, K(a) = 0,1a2 und f(G, K) = G – K, so erhalten wir:

𝑈𝑈 = 𝑓𝑓 𝐺𝐺 𝑎𝑎 , 𝐾𝐾 𝑎𝑎 = 𝐺𝐺 𝑎𝑎 − 𝐾𝐾 𝑎𝑎 = 10𝑎𝑎 − 0,1𝑎𝑎2

121
Geld und Arbeitsleid kombiniert: Grafische Darstellung
1200
Nutzen / Arbeitsleid

1000

800
𝐺𝐺(𝑎𝑎) = 10𝑎𝑎
600
𝐾𝐾(𝑎𝑎) = 0,1𝑎𝑎2
400

200
𝑈𝑈 = 10𝑎𝑎 − 0,1𝑎𝑎2
0
0 20 40 60 80 100 120
Arbeitsmenge a

Hier im Beispiel zeigt sich, dass eine Arbeitsmenge von a = 50 optimal ist, da die
Gesamtnutzenfunktion U an dieser Stelle ihr Maximum annimmt!

122
Berechnung Optimum
Analytische Bestimmung des Optimums:
Die Nutzenfunktion in unserem Beispiel lautet:

𝑈𝑈 = 𝑓𝑓 𝐺𝐺 𝑎𝑎 , 𝐾𝐾 𝑎𝑎 = 𝐺𝐺 𝑎𝑎 − 𝐾𝐾 𝑎𝑎 = 10𝑎𝑎 − 0,1𝑎𝑎2

Im Maximum hat diese Funktion eine Steigung von Null, d.h. die erste Ableitung muss Null sein:

𝑑𝑑𝑑𝑑
= 10 − 0,2𝑎𝑎 = 0
𝑑𝑑𝑑𝑑

Als Lösung ergibt sich daraus eine optimale Arbeitsmenge von:

𝑎𝑎∗ = 50

123
Prüfung des Maximums
Hinweis:
Eine Nullstelle der ersten Ableitung bestimmt ein Maximum oder ein Minimum.
Ein Maximum (Minimum) liegt dann vor, wenn die zweite Ableitung an der gefundenen Stelle
negativ (positiv) ist.

Hier im Beispiel ergab sich für die erste Ableitung:

𝑑𝑑𝑑𝑑
= 10 − 0,2𝑎𝑎
𝑑𝑑𝑑𝑑
Wenn wir diese Ableitung erneut nach a ableiten, erhalten wir die zweite Ableitung:

𝑑𝑑 2 𝑈𝑈
2 = −0,2
𝑑𝑑𝑎𝑎
Wie wir sehen, ist diese zweite Ableitung immer negativ, die Funktion hat also nur ein Maximum,
aber kein Minimum. Dies sieht am auch an der grafischen Darstellung der Nutzenfunktion zwei
Seiten weiter oben!

124
Nutzen von Risiko
Ausgangslage bisher:
Wir haben angenommen, dass Daniela genau weiß, wie viel Geld sie verdienen wird und wie viel
Arbeitsleid sie auf sich nimmt, wenn sie eine Stunde arbeitet.

Ihr Problem im realen Leben:


Sie können zwar evtl. in etwa sagen, wie viel Arbeitsleid Ihnen Ihr Studium verursacht, Sie wissen
aber heute noch nicht, welche Erträge in Form von Geld, interessanten Arbeitsinhalten usw. Ihnen
Ihr Studium bringen wird!

Entscheidungsproblem also:
Wie sollen Sie heute beurteilen können, ob es „vernünftig“ ist, Wirtschaftswissenschaft zu
studieren, wenn Sie noch gar nicht wissen, was Ihnen das später einmal bringt?

Anders ausgedrückt:
Wenn Sie sich heute für ein Wirtschafsstudium entscheiden, könnte sich später zeigen, dass Ihnen
das überhaupt nichts bringt.

Allgemein ausgedrückt:
Die meisten Entscheidungen von Menschen sind einem Ergebnisrisiko ausgesetzt!

125
Umgang mit Risiken
Frage:
Wie geht man „vernünftig“ mit solchen Ergebnisrisiken um?

Mögliche Herangehensweise:
Man ermittelt von allen möglichen Handlungsalternativen nur, was im ungünstigsten Fall passieren
kann. Dann wählt man die Handlungsalternative, die im ungünstigsten Fall am wenigsten schlecht
ist!

Beispiel:

Handlungsalternative Im ungünstigsten Fall: Sie werden Taxifahrer mit:

Medizinstudium 30.000 Euro Schulden

Wiwi-Studium 10.000 Euro Schulden

Kein Studium Keine Schulden

126
Umgang mit Risiken: Kein Überpessimismus
Optimale Entscheidung hier:
Nicht studieren!

Begründung:
In allen drei Fällen wird man im schlechtesten Fall Taxifahrer, bei Verzicht auf das Studium wird man
aber Taxifahrer ohne Schulden.

Problem:
Wenn alle Menschen eine derart pessimistische Entscheidungsregel befolgen würden, würde
niemand studieren!

Schlussfolgerung:
Da Sie studieren, kann Ihre Entscheidungsregel nicht so pessimistisch sein!

Realistischere Annahme:
Menschen berücksichtigen nicht nur die ungünstigsten möglichen Situationen, die später eintreten
können, sondern auch die günstigeren!

127
Risiken und Chancen
Umgangssprachlich ausgedrückt:
Menschen berücksichtigen Chancen und Risiken, nicht nur Risiken!

Aber:
Unterschiedliche Menschen können sich bei der Berücksichtigung von Chancen und Risiken
durchaus unterscheiden!

Vermutung:
Manche Menschen scheuen Risiken mehr als andere.

In der Fachsprache:
Wenn Martin Risiken stärker scheut als Daniela, dann nennen wir Martin stärker „risikoavers“

Generell unterscheiden wir in der Fachsprache drei mögliche Risikoneigungen von Menschen:
Wer Risiken scheut, den nennen wir „risikoavers“
Wem Risiken gleichgültig sind, den nennen wir „risikoneutral“
Wer Risiken mag, den nennen wir „risikofreudig“

128
Umgang mit Risiken
Wir halten fest:
Menschen haben auch Präferenzen bezüglich Risiken.

Unsere bisherige Vorgehensweise:


Präferenzen werden in Form von Nutzenfunktionen dargestellt.

Problem:
Wenn wir Risikopräferenzen mit Hilfe von Nutzenfunktionen darstellen wollen, brauchen wir ein
mathematisch exaktes Risikomaß, welches wir in Funktionen einsetzen bzw. welches wir mit
Funktionen beschreiben können.

Zwischenschritt:
Bevor wir ein solches Risikomaß entwickeln, wollen wir uns einen intuitiven Zugang zum Umgang
mit Risiken erschließen.

Unser Beispiel:
Ein simples Glücksspiel!

129
Ein einfaches Glücksspiel

Unser simples Glücksspiel:


Nehmen Sie an, dass in einer Lostrommel zwei Lose liegen:
Los 1: 0 €
Los 2: 200 €

Annahme:
Nehmen Sie an, dass Sie genau 100 Euro bei sich haben!

Frage:
Wenn ein Los 100 € kostet und Sie nur ein Los kaufen dürfen, würden Sie dann ein Los kaufen oder
nicht?

Ihre Chance:
Sie verdoppeln auf 200 Euro!

Ihr Risiko:
Sie fallen auf Null Euro zurück!

130
Spielen oder nicht spielen?
Wiederholung der Frage:
Wenn ein Los 100 € kostet und Sie nur ein Los kaufen dürfen, würden Sie dann ein Los kaufen oder
nicht?

Kreuzen Sie hier Ihre Antwort an:


A: Ich würde kein Los kaufen

B: Ich würde ein Los kaufen

C: Wäre mir egal, es dürfte also irgendwer anders für mich entscheiden

Einschränkende Annahme:
Wir nehmen zunächst an, dass Menschen die Teilnahme an Glücksspielen keinen Spaß macht.
Sie entscheiden vielmehr ausschließlich anhand finanzieller Nutzenerwägungen.

Folgerung:
Wenn man die Nutzenfunktion des Geldes kennt, kann man die Antwort auf die obige Frage
berechnen!

131
Entscheidung mittels Nutzenfunktion
Frage:
Wenn Stefan die Nutzenfunktion 𝑈𝑈 = 𝐺𝐺 0,5 hat, würde er dann an dem Spiel teilnehmen?

Antwort:
Wenn Stefan nicht spielt, hat er am Ende des Spiels weiterhin 100 €, da er nicht gesetzt hat.

Wenn Stefan aber spielt, hat er am Ende entweder 0 € oder 200 €.


Der mögliche Geldgewinn gegenüber dem Nichtspielen beträgt also 100 €, der mögliche Geldverlust
beträgt ebenfalls 100 €. Der mögliche Geldverlust ist genauso wahrscheinlich wie der mögliche
Geldgewinn, da eines von zwei Losen gewinnt, das andere verliert.

Aber:
Während möglicher Geldgewinn und möglicher Geldverlust gleich hoch sind, ist der mögliche
Nutzenverlust bei Verlust des Einsatzes für Stefan höher als der mögliche Nutzengewinn bei
Gewinn des Spiels! (Siehe nächste Seite!)

Folge: Jemand mit Stefans Nutzenfunktion 𝑈𝑈 = 𝐺𝐺 0,5 würde nicht an dem Spiel teilnehmen!

132
Risikoaversion: Nicht teilnehmen!
Nutzen
14
Möglicher
Nutzengewinn: 12
+ 4,14
10

Möglicher 6
Nutzenverlust:
- 10 4

0 Geld
0 100 200

Möglicher Geldverlust: - 100 Möglicher Geldgewinn: + 100 €

133
Erwartungsnutzen
Allgemeine Methode:
Vergleich der „Erwartungsnutzen“!

Definition:
Der „Erwartungsnutzen“ ist definiert als der durchschnittliche Nutzenwert, den man erzielen würde,
wenn man die gleiche Entscheidung unendlich oft wiederholen würde.

Berechnung:
Zunächst muss man ermitteln, welche Nutzenwerte Ui möglich sind, dann muss man ermitteln, mit
welcher Wahrscheinlichkeit pi diese Nutzenwerte erreicht werden.

Beispiel 1:
Wenn jemand mit Stefans Nutzenfunktion an dem Spiel teilnehmen würde, dann hat er am Ende
des Spiels entweder 0 € oder 200 €. Bezeichnen wir den Nutzen im ersten Fall mit U1 und im
zweiten Fall mit U2, so ergibt sich:

𝑈𝑈1 = 00,5 = 0
𝑈𝑈2 = 2000,5 = 14,14

134
Erwartungsnutzenberechnung
Nächster Schritt:
Nun müssen die Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden. Da es nur zwei Lose gibt, sind beide Fälle
gleich wahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die erste Situation eintritt, also das 0€-Los
gezogen wird, beträgt p1 = 0,5 (=50%), ebenso wie sich für die zweite Situation p2 = 0,5 ergibt.

Der Erwartungsnutzen (geschrieben: E(U)) ist nun definiert als:

𝐸𝐸 𝑈𝑈 = 𝑝𝑝1 𝑈𝑈1 + 𝑝𝑝2 𝑈𝑈2 = 0,5 � 0 + 0,5 � 14,14 = 7,07


Der Erwartungsnutzen der Teilnahme an diesem Glücksspiel beträgt also 7,07.

Interpretation:
Der Erwartungsnutzen kann interpretiert werden als die durchschnittliche Nützlichkeitseinschätzung
einer Handlungsalternative (Hier: Teilnehmen), bevor man weiß, was bei Wahl dieser Alternative
tatsächlich herauskäme.

Folgerung:
Da man sich in risikobehafteten Situationen immer entscheiden muss, bevor man weiß, wie es
ausgehen würde, benutzen wir den Erwartungsnutzen im folgenden immer als
Entscheidungskriterium, wenn wir es mit unsicheren Entscheidungssituationen zu tun haben.

135
Erwartungsnutzen bei Sicherheit
Frage:
Kann man auch einen Erwartungsnutzen berechnen, wenn es gar keine Risiken, also keine
unterschiedlichen Situationen gibt?

Antwort:
Ja!

Beispiel:
Wenn Stefan nicht am Spiel teilnimmt, hat er am Ende mit Sicherheit noch immer seine 100 Euro. Es
gibt also nur eine mögliche Situation, die mit einer Wahrscheinlichkeit von p1 = 1 (=100%) auftritt.

Der Erwartungsnutzen beträgt in diesem Fall

𝐸𝐸 𝑈𝑈 = 𝑝𝑝1 𝑈𝑈1 = 1 � 10 = 10

Folgerung:
Da der Erwartungsnutzen des Spielens 7,07 beträgt, der Erwartungsnutzen des Nicht-Spielens
hingegen 10 beträgt, würde Stefan nicht am Spiel teilnehmen!

136
Risikoneutralität: Teilnahme gleichgültig!

Nutzen
14

Möglicher 12
Nutzengewinn:
+ 7,5 10

Möglicher 4
Nutzenverlust:
- 7,5 2

0 Geld
0 100 200

Möglicher Geldverlust: - 100 Möglicher Geldgewinn: + 100 €

137
Risikofreude: Teilnahme am Spiel!

Nutzen
14

Möglicher 12
Nutzengewinn:
+ 11,25 10

4
Möglicher
2
Nutzenverlust:
- 3,75
0 Geld
0 100 200

Möglicher Geldverlust: - 100 Möglicher Geldgewinn: + 100 €

138
Zusammenhang zwischen Risikoneigung und Nutzenfunktion

Konkave Nutzenfunktion Lineare Nutzenfunkton Konvexe Nutzenfunktion

= Risikoaversion! = Risikoneutralität! = Risikofreude!

139
Mathematische Messung von Risikoneigungen
Bisher:
Oben haben wir Risikoneigungen sehr intuitiv hergeleitet.

Jetzt:
Präzise Messung von Risikoneigungen!

Änderung der Notation:


Mit Kleinbuchstaben bezeichnen wir im folgenden Variablenwerte und Funktionen, mit
Großbuchstaben Erwartungswerte

Weitere Begriffsänderung:
Statt von Glücksspielen sprechen wir im Folgenden von „Lotterien“

Es sei:
xi: Der gewonnene Geldbetrag, wenn ein Los der Art i gezogen wird
X : Der Erwartungswert des Geldgewinns einer Lotterie
u(xi): Nutzen des Geldbetrages xi der Losart i
U(x): Der Erwartungsnutzen einer Geldlotterie

140
Erwartungswert und Erwartungsnutzen

Es gelten folgende Definitionen für den Gelderwartungswert

𝑛𝑛
𝑋𝑋 = � 𝑝𝑝𝑖𝑖 𝑥𝑥𝑖𝑖 = 𝑝𝑝1 𝑥𝑥1 + ⋯ + 𝑝𝑝𝑛𝑛 𝑥𝑥𝑛𝑛
𝑖𝑖=1

und den Erwartungsnutzen:

𝑛𝑛
𝑈𝑈(𝑥𝑥) = � 𝑝𝑝𝑖𝑖 𝑢𝑢(𝑥𝑥𝑖𝑖 ) = 𝑝𝑝1 𝑢𝑢(𝑥𝑥1 ) + ⋯ + 𝑝𝑝𝑛𝑛 𝑢𝑢(𝑥𝑥𝑛𝑛 )
𝑖𝑖=1

Es gilt nun folgende Definition für „Risikoaversion“:


Martina wird als „risikoavers“ bezeichnet, wenn für sie gilt: u(X) > U(x)

Nehmen wir an, dass Martinas Nutzenfunktion u(x) = 𝑥𝑥 0,5 lautet.

Diese Nutzenfunktion ist konkav, Martina ist also risikoavers. Dies wollen wir nun mit der Definition :
u(X) > U(x) anhand einer Lotterie mit 4 unterschiedlichen Losarten überprüfen.

141
Beispiel Risikoaversion
Losart i Wahrscheinlich- Geldgewinn pi*xi u(xi)=xi0,5 pi*u(xi)
keit pi xi

1 0,2 0 0,2*0 = 0 0 0,2*0 = 0

2 0,1 50 0,1* 50 =5 7,07 0,1*7,07 = 0,71

3 0,4 70 0,4 * 70 = 28 8,37 0,4*8,37 = 3,34

4 0,3 90 0,3 * 90 = 27 9,49 0,3*9,49 = 2,85

X = 60 U(x) = 6,9

Martina wird als „risikoavers“ bezeichnet, wenn für sie gilt: u(X) > U(x).
Was wir bereits berechnet haben: U(x) = 6,9
Was noch fehlt: u(X)! Aber wir kennen bereits der Erwartungswert X = 60. Setzen wir diesen in
die Nutzenfunktion ein, erhalten wir u(X) = u(60) = 600,5 = 7,75
7,75 = u(X) > U(x) = 6,9

142
Beispiel Risikoneutralität
Losart i Wahrscheinlich- Geldgewinn pi*xi u(xi)=2xi pi*u(xi)
keit pi xi

1 0,2 0 0,2*0 = 0

2 0,1 50 0,1* 50 =5

3 0,4 70 0,4 * 70 = 28

4 0,3 90 0,3 * 90 = 27

X = 60 U(x) =

Michael wird als risikoneutral bezeichnet, wenn für ihn gilt u(X) = U(x).
Berechnen Sie die fehlenden Werte in der Tabelle und ermitteln Sie dann:
u(X) = ________
U(x) = ________
Ist Michael risikoneutral?

143
Beispiel Risikofreude
Losart i Wahrscheinlich- Geldgewinn pi*xi u(xi)=xi2 pi*u(xi)
keit pi xi

1 0,2 0 0,2*0 = 0

2 0,1 50 0,1* 50 =5

3 0,4 70 0,4 * 70 = 28

4 0,3 90 0,3 * 90 = 27

X = 60 U(x) =

Sabrina wird als risikofreudig bezeichnet, wenn für sie gilt u(X) < U(x).
Berechnen Sie die fehlenden Werte in der Tabelle und ermitteln Sie dann:
u(X) = ________
U(x) = ________
Ist Sabrina risikofreudig?

144
Risikoneigung und Sicherheitsäquivalent
Es gelten also folgende Definitionen:
Risikoaversion ist gleichbedeutend mit u(X) > U(x).
Risikoneutralität ist gleichbedeutend mit u(X) = U(x).
Risikofreude ist gleichbedeutend mit u(X) < U(x).

Frage:
Nehmen Sie, dass Sie an einer Lotterie mit zwei Losen teilnehmen können:
Los 1: 10 €
Los 2: 50 €
Wenn Sie nur ein Los kaufen dürften, wie viel wären Sie maximal bereit, für das Los zu bezahlen?

Definition:
Der maximale Lospreis, den jemand bereit wäre, für die Teilnahme an einer Lotterie zu bezahlen,
wird als „Sicherheitsäquivalent“ bezeichnet. („äquivalent“ = gleichwertig)

Das Sicherheitsäquivalent ist interpretierbar als ein ganz bestimmter Lospreis. Diesen Lospreis kann
man behalten, da man ja kein Los kaufen muss. Damit kann man diesen Geldbetrag mit Sicherheit
behalten. Wenn man aber gerade noch bereit ist, diesen Geldbetrag aufzugeben, um an der
Lotterie teilzunehmen, dann ist dieser sichere Geldbetrag aus der Perspektive des
Entscheidungsträgers mit der Lotterieteilnahme gleichwertig, also äquivalent.

145
Berechnung Sicherheitsäquivalent
Berechnung des Sicherheitsäquivalents:
Das Sicherheitsäquivalent ist definiert als derjenige Variablenwert S, der die Gleichung u(S) = U(x)
löst.

Nehmen Sie, dass die folgende Lotterie mit zwei Losen angeboten wird:
Los 1: 10 €
Los 2: 50 €

Martin hat die Nutzenfunktion: 𝑢𝑢(𝑥𝑥) = 𝑥𝑥 0,5


Wie hoch ist sein Sicherheitsäquivalent?

Zunächst müssen wir seinen Erwartungsnutzen berechnen:

𝑈𝑈 𝑥𝑥 = 0,5 � 100,5 + 0,5 � 500,5 = 5,12


Nun muss gelten:

𝑢𝑢 𝑆𝑆 = 𝑆𝑆 0,5 = 5,12 = 𝑈𝑈(𝑥𝑥) Es ergibt sich also ein Sicherheitsäquivalent von S = 26,21

146
Vergleich Gelderwartungswert und Sicherheitsäquivalent
Wir halten also fest:
Martins Sicherheitsäquivalent beträgt S = 26,21, er würde also maximal 26,21 € für ein Los
bezahlen.

Frage:
Wie viel Geld würde Martin im Durchschnitt ausgezahlt bekommen, wenn er immer und immer
wieder an dieser Lotterie teilnehmen würde?

Anders gefragt:
Wie hoch ist der Gelderwartungswert der Lotterie?

Es gilt allgemein: Für diese Lotterie ergibt sich:

𝑋𝑋 = ∑𝑛𝑛𝑖𝑖=1 𝑝𝑝𝑖𝑖 𝑥𝑥𝑖𝑖 = 𝑝𝑝1 𝑥𝑥1 + ⋯ + 𝑝𝑝𝑛𝑛 𝑥𝑥𝑛𝑛 𝑋𝑋 = 0,5 � 10 + 0,5 � 50 = 30

Schlussfolgerung:
Martins Sicherheitsäquivalent ist kleiner als der Gelderwartungswert der Lotterie. Er ist also nicht
bereit, so viel für ein Los zu bezahlen, wie das Los im Durchschnitt auszahlt.

147
Risikoprämie
Neue Definition:
Die sogenannte „Risikoprämie“ (RP) ist definiert als die Differenz zwischen dem
Gelderwartungswert X der Lotterie und dem Sicherheitsäquivalent S:

RP = X - S

Für die Risikoprämie einer Person gilt:


RP > 0 : Die Person ist risikoavers
RP = 0 : Die Person ist risikoneutral
RP < 0 : Die Person ist risikofreudig

Anwendungsbeispiel:
Oben haben wir gesehen, dass der Gelderwartungswert der Lotterie bei X = 30 liegt, Martin aber
ein Sicherheitsäquivalent von S = 26,21 hat.

Martins Risikoprämie beträgt also:


RP = X – S = 30 – 26,21 = 3,79 > 0 Martin ist also risikoavers!

148
Erwartungsnutzenfunktionen
Zwischenfazit:
Mit der bisher behandelten Methodik der Berechnung von Erwartungsnutzen kann man im Prinzip
jede Lotterie bewerten. Mittels dieser Methodik kann also ermittelt werden, ob man an einer
bestimmten Lotterie teilnehmen sollte, oder, falls es mehrere Lotterien gibt, an welcher davon man
teilnehmen sollte.

Hierzu braucht man dann:


Eine Nutzenfunktion
Eine Beschreibung der jeweiligen Lotterie
Den Lospreis für die Teilnahme an der jeweiligen Lotterie

Problem:
Wenn die Lotterie komplexer ist, sind evtl. sehr aufwändige Berechnungen notwendig. Stellen Sie
sich vor, Sie müssten den Erwartungsnutzen einer Lotterie mit 10.000 unterschiedlichen Losen
berechnen!

149
Definition von Erwartungsnutzenfunktionen
Ausweg:
Vereinfachung!

Statt aus einer gegebenen Nutzenfunktion den Erwartungsnutzen zu berechnen, gehen wir nun
davon aus, dass der Erwartungsnutzen selbst über eine ganz einfache Funktion dargestellt werden
kann.

Annahmen:
Kirsten berücksichtigt nur, wie viel es in einer Lotterie im Durchschnitt zu gewinnen gibt, also den
Erwartungswert X und das Risiko R. Beide Werte werden von Kirsten allerdings nicht
gleichgewichtet, sondern die Gewichtung des Risikos im Verhältnis zum Erwartungswert X hängt
von Kirstens Risikopräferenzen ab.

Wir formulieren nun folgende Erwartungsnutzenfunktion von Kirsten:


U=X–rR

Da es nur auf die relative Gewichtung zwischen X und R ankommt, reicht es aus, wenn wir nur einen
Gewichtungsfaktor r berücksichtigen, der die relative Wichtigkeit des Risikos im Vergleich zum
Gelderwartungswert X ausdrückt. Wir müssen X daher nicht auch noch einen Gewichtungsfaktor
geben

150
Risikoneigungen und Erwartungsnutzenfunktionen
Weiterhin gilt:
Genauso, wie ein steigender Wert einer Nutzenfunktion ein höheres Wohlergehen ausdrückt, so
drückt auch ein steigender Wert einer Erwartungsnutzenfunktion ein höheres Wohlergehen aus.

Folgerung:
Wenn das Risiko R steigt, hängt der Effekt auf Kirstens Erwartungsnutzen davon ab, wie hoch der
Gewichtungsfaktor r ist und ob dieser Gewichtungsfaktor positiv , negativ oder Null ist.

1. Fall: r > 0
Wenn r größer als Null ist, dann nimmt U = X – r R offensichtlich ab, wenn das Risiko R steigt.

Interpretation:
Wenn mit steigendem Risiko der Erwartungsnutzen fällt, es Kirsten also schlechter geht, dann mag
sie Risiko offensichtlich nicht!

Folgerung:
r > 0 heißt offensichtlich, dass Kirsten risikoavers ist

151
Risikoneigungen als Parameter
2. Fall: r = 0
Wenn r gleich Null ist, dann bleibt U = X – r R offensichtlich konstant, wenn das Risiko R steigt.

Interpretation:
Wenn mit steigendem Risiko der Erwartungsnutzen unverändert bleibt, hat die Höhe des Risikos
offensichtlich keinen Effekt auf Kirstens Wohlergehen, Risiko ist ihr also gleichgültig!

Folgerung:
r = 0 heißt offensichtlich, dass Kirsten risikoneutral ist.

Schließlich:
r < 0 lässt sich als Risikofreude interpretieren!

Also:
r > 0 : Risikoaversion
r = 0 : Risikoneutralität
r < 0 : Risikofreude

152
Risikomessung
Frage:
Wie könnte man das Risiko R messen, welches in Kirstens Erwartungsnutzenfunktion eingeht?

Vorläufige Antwort:
Es gibt kein unumstritten bestes Risikomaß in der Wirtschaftswissenschaft.

Aber:
Es gibt ein sehr gebräuchliches Maß, welches einige gute Plausibilitätseigenschaften hat.

Plausibilitätseigenschaften:
Das Risikomaß sollte einen Wert von Null annehmen, wenn absolut sicher ist, was geschehen wird!
Das Risikomaß sollte nicht nur die bestmöglichen und schlechtestmöglichen Ergebnisse
berücksichtigen, sondern alle!
Das Risikomaß sollte nicht negativ werden können, da Risiken nicht noch weniger als überhaupt
nicht vorhanden sein können!

Unser Risikomaß ab jetzt:


Die Varianz!

153
Die Varianz

Definition der Varianz:


𝑛𝑛
𝜎𝜎 2 =� 𝑝𝑝𝑖𝑖 (𝑥𝑥𝑖𝑖 − 𝑋𝑋)2 = 𝑝𝑝1 (𝑥𝑥1 − 𝑋𝑋)2 + ⋯ + 𝑝𝑝𝑛𝑛 (𝑥𝑥𝑛𝑛 − 𝑋𝑋)2
𝑖𝑖=1

(Die Varianz wird üblicherweise in Lehrbüchern als 𝜎𝜎 2 (sprich: „Sigma Quadrat“) bezeichnet)

Interpretation:
Die Varianz misst also, in welchem Umfang und mit welcher Wahrscheinlichkeit die einzelnen
möglichen Geldbeträge xi vom Erwartungswert X abweichen. Dabei wird nicht die einfache
Abweichung benutzt, sondern die quadrierte Abweichung.

154
Beispiel: Varianzberechnung

Beispiel für die Berechnung einer Varianz:

xi pi p i xi xi-X (xi-X)2 pi(xi-X)2

0 0,2 0*0,2 = 0 0 - 200 = - 200 40.000 0,2 * 40.000 = 8.000

100 0,1 10 - 100 10.000 1.000


200 0,3 60 0 0 0
300 0,3 90 100 10.000 3.000
400 0,1 40 200 40.000 4.000
X = 200 𝜎𝜎 2 = 16.000

Ergebnis hier: Die Varianz beträgt 𝜎𝜎 2 = 16.000

155
Standardabweichung

Alternative zur Varianz:


Die Varianz hat einen inhaltlichen Nachteil, weil ihre Maßeinheit etwas unglücklich ist. Wenn man
z.B. die Varianz von Geldbeträgen berechnet, ist die Varianz nämlich in Quadrateuro gemessen, da
man bei der Varianzberechnung Geldbeträge quadrieren muss!

Ausweg:
Häufig zieht man aus der Varianz dann hinterher noch die Wurzel. Man erhält dann

𝜎𝜎 = 𝜎𝜎 2

Dieses Maß „Sigma“ wird als „Standardabweichung“ bezeichnet.

Für unsere weiteren Betrachtungen ist es aber noch nicht wichtig, ob wir die Varianz oder die
Standardabweichung verwenden, da es uns zunächst nur darum geht, ein Risikomaß zu haben,
dessen Zahlenwert wir bestimmen können!

156
Allgemeine Erwartungsnutzenfunktion
Damit können wir eine Erwartungsnutzenfunktion allgemein schreiben als:

𝑈𝑈 = 𝑋𝑋 − 𝑟𝑟𝜎𝜎 2

Für den weiteren Verlauf der Veranstaltung:


Immer, wenn optimale Entscheidungen in risikobehafteten Situationen gesucht werden, werden wir
von solchen Erwartungsnutzenfunktionen Gebrauch machen.

Abschließender Hinweis:
In Erwartungsnutzenfunktionen gehen nur Gelderwartungswerte und Varianzen ein. Man kann in
solche Funktionen aber keinen individuellen Geldbetrag mehr einsetzen. Mit einer
Erwartungsnutzenfunktion kann man also nur beurteilen, wie nützlich es ist, z.B. Lotto zu spielen.
Man kann damit aber nicht mehr bewerten, wie gut es jemandem geht, der dann im Lotto
gewonnen hat.

157
Komponenten von Nutzenfunktionen: Zusammenfassung
In wirtschaftswissenschaftlichen Analysen werden menschliche Präferenzen meistens über Nutzenfunktionen
dargestellt. Nutzenfunktionen messen menschliches Wohlergehen. Da unterstellt wird, dass Menschen nach
einem möglichst hohen Grad von Wohlergehen streben, Wohlergehen aber über Nutzenfunktionen gemessen
wird, kann man auch sagen, dass Menschen nach einem möglichst hohen Nutzen streben. In einem großen Teil
der Wirtschaftswissenschaft wird also angenommen, dass Menschen Nutzenmaximierer sind.

Dann stellt sich die Frage, welche Präferenzen Menschen haben. Da Menschen Individuen sind, die die
unterschiedlichsten Präferenzen haben könnten, kann man diese Frage sicher nicht allgemeingültig für alle
Menschen beantworten. Daher ist es üblich, vereinfachende Annahmen zu treffen. Solche Vereinfachungen
können verschiedene Zielsetzungen verfolgen. Eine Zielsetzung kann die Typisierung sein. Hierbei wählt man
die Vereinfachung so, dass sie möglichst typisch für eine Vielzahl von Menschen sein sollte.

Da die meisten Menschen sagen, dass sie lieber mehr statt weniger Geld hätten, heißt das, dass die meisten
Menschen eine Präferenz für Geld haben. Daher werden in aller Regel Nutzenfunktionen unterstellt, die zu
einem steigenden Nutzen bei steigender Geldmenge führen. Mit einer ähnlichen Herangehensweise lässt sich
begründen, dass Menschen eher ungern arbeiten und deswegen eine Präferenz für Freizeit haben.

158
Komponenten von Nutzenfunktionen: Zusammenfassung
Schließlich lassen sich bei sehr vielen Menschen auch Verhaltensweisen beobachten, die darauf schließen lassen,
dass sie nur ungern größere finanzielle Risiken tragen. Daraus lässt sich folgern, dass die meisten Menschen eher
risikoavers sind. Aus den genannten Gründen wird in wirtschaftswissenschaftlichen Analysen daher meistens
angenommen, dass Menschen eine positive Präferenz für Geld und negative Präferenzen für Arbeit und Risiko
haben. Dies sind aber lediglich typisierende Annahmen! Mit diesen Annahmen ist nicht gemeint, dass alle
Menschen so seien müssen oder so sein sollten.

Neben der Vereinfachung durch Typisierung werden häufig auch bestimmte Annahmen getroffen, mit denen
man ganz bestimmte Analyseziele verfolgt. So wird häufig angenommen, dass Menschen sich nicht für das
Wohlergehen von anderen interessieren. Das Wohlergehen der anderen hat dann keinen Einfluss auf die
Nutzenfunktionen der untersuchten Individuen. Dies ist die sog. Egoismus-Annahme. Meistens geht man noch
einen Schritt weiter und unterstellt, dass Menschen sogar opportunistisch sind, sie also bereit sind, andere zu
schädigen, wenn es ihnen selbst nützt. Diese beiden Annahmen werden häufig getroffen, um mögliche
Konflikte besonders deutlich hervortreten zu lassen. Hier liegt der Sinn der Analyse nicht in einer Typisierung. Es
sollen also nicht Aussagen gemacht werden, die auf möglichst viele Menschen zutreffen.

Tatsächlich dürfte die Annahme von vollkommenem Egoismus und der jederzeitigen Bereitschaft, andere zum
eigenen Nutzen zu schädigen, nur für die wenigsten Menschen zutreffen. Der Sinn der Annahmen von Egoismus
und Opportunismus liegt vielmehr darin, mögliche Konfliktpotenziale klar erkennen zu können und dann auch
fragen zu können, ob es selbst bei erheblichem Konfliktpotenzial doch noch Möglichkeiten der Zusammenarbeit
gibt. Ziel solcher Analysen ist es unter anderem, herauszubekommen, wie man Gemeinschaften effektiv vor einer
Ausbeutung durch Egoisten und Opportunisten schützt.

159
Komponenten von Nutzenfunktionen: Zusammenfassung
Sehr wichtig zu beachten ist aber immer: Annahmen über Nutzenfunktionen und deren Komponenten sind
Annahmen! Sie sind keine Aussagen über die Realität. Die meisten Menschen haben z.B. andere Menschen, die
sie lieben oder mit denen sie befreundet sind. Daher liegt ihnen etwas an deren Wohlergehen. Von daher taugen
Analysen, die von reinem Egoismus und Opportunismus ausgehen auch nicht unmittelbar für die Analyse von
Freundschaftsbeziehungen. Ein anderes Bild zeigt sich aber, wenn man sich z.B. Unternehmen ansieht. Hier
kommt es immer wieder vor, dass einzelne Mitarbeiter Geld unterschlagen oder Material klauen und damit evtl.
sogar die Existenz des Unternehmens und damit den Lebensunterhalt ihrer Kollegen gefährden.

Derartige Situationen kann man aber nur analysieren, wenn man unterstellt, dass es zumindest einzelne Akteure
geben könnte, die egoistisch und opportunistisch sind. Mit solchen Analysen wird also nicht behauptet, dass ein
Großteil oder auch nur eine größere Anzahl von Menschen so ist, sondern nur, dass es solche Menschen geben
kann!

Hinweis:
In der öffentlichen Wahrnehmung werden Wirtschaftswissenschaftler sehr häufig angegriffen, weil sie mit
Denkmodellen wie dem „Egoismus“ oder dem „Opportunismus“ arbeiten. Davon fühlen sich offensichtlich sehr
viele Menschen angegriffen, weil das „inhumane“ Annahmen seien. Da es sich aber gar nicht um Aussagen über
die reale Welt handelt, sondern lediglich um Analyseinstrumente, sollten Sie sich derartige Angriffe nicht
persönlich zu Herzen nehmen!

160
Komponenten von Nutzenfunktionen: Zusammenfassung
Wir halten also zunächst fest, dass das Wohlergehen von anderen nicht in die Nutzenfunktionen der Akteure
eingeht, die wir in dieser Veranstaltung analysieren. Als Komponenten, die den Nutzen beeinflussen,
berücksichtigen wird lediglich Geld, Arbeit und Risiko. Die typisierenden Annahmen, die zumindest für sehr viele
Menschen zutreffen dürften, sind die Annahme, dass Menschen mehr Geld gegenüber weniger Geld präferieren,
dass sie Arbeitszeit weniger als Freizeit mögen und dass sie finanzielle Risiken eher scheuen.
In Entscheidungssituationen mit Risiko werden in der Wirtschaftswissenschaft Analysen häufig dadurch
vereinfacht, dass man sog. „Erwartungsnutzenfunktionen“ verwendet, die nur Gelderwartungswerte und ein
Maß für das finanzielle Risiko als Funktionsargumente verwenden. Diese Vorgehensweise ist meist sehr viel
einfacher, als aus tatsächlichen Nutzenfunktionen die Erwartungsnutzen zu berechnen.
Eines der wichtigsten Risikomaße in der Wirtschaftswissenschaft ist die sog. „Varianz“. Gelegentlich wird auch die
Quadratwurzel aus der Varianz verwendet, die man „Standardabweichung“ nennt. Je nach Anwendungsgebiet
werden aber auch gänzlich andere Risikomaße verwendet.

161
Anhang zu Kapitel 4: Wozu Mathe und Statistik?
Sie werden in Ihrem Wiwi-Studium recht viel mit Mathematik und Statistik konfrontiert. Warum ist das so? Dient
das nur dem „Aussieben“, wie oft von Wirtschaftsstudierenden zu hören ist, oder folgt das einer echten Logik des
Fachs?
Sehen wir uns einmal an, wie viele Mathematik- und Statistikmodule in den vier folgenden
Bachelorstudiengängen an der Ruhr-Uni vorgeschrieben sind (an anderen Universitäten sieht das sehr ähnliche
aus):

Bachelorstudiengang

Physik Psychology Mathematik Management and Economics

Kurse in: Mathematik 5 0 28 1

Kurse in: Statistik 0 3 0 2

Warum ist das so?

162
Zur Beantwortung kann man sich zunächst den Aufbau der vier genannten Wissenschaften
ansehen. Wissenschaften bestehen im Kern aus zwei Bestandteilen, nämlich der Theorie und der
Empirie.
In der Theorie werden möglichst allgemeingültige Aussagen über Zusammenhänge getroffen. In
der Physik könnten das z.B. Aussagen sein wie die, dass die Stromstärke sinkt, wenn der
elektrische Widerstand steigt oder dass es blitzt, wenn Luftschichten mit sehr unterschiedlichen
Temperaturen aufeinandertreffen. Diese Aussagen werden aus möglichst logischen
Schlussfolgerungen über bereits bekannte Sachverhalte hergeleitet. Solche theoretischen
Aussagen bilden den Kern von Wissenschaften.
Dieser Kern muss dann aber daraufhin untersucht werden, ob er aus wahren Aussagen besteht
oder nicht. Dazu dient die Empirie. Empirie ist nichts anderes als der Versuch, festzustellen, ob
die theoretischen Aussagen auch in der Realität zutreffen. Man würde, um bei dem Beispiel der
Blitze zu bleiben, also die Temperaturen von Luftströmungen messen und zusätzlich beobachten,
ob es blitzt oder nicht. Beobachtet man dann, dass immer dann, wenn unterschiedlich warme
Luftmassen aufeinandertreffen, tatsächlich Blitze entstehen, zieht man die Schlussfolgerung, dass
die Theorie richtig ist.

Wie aber funktionieren Theorien und empirische Überprüfungen in den verschiedenen


Wissenschaften?

163
Wenn man nun verschiedene Wissenschaften miteinander vergleicht, dann kann man sich
ansehen, mit welchen Methoden die Theorien aufgebaut werden und mit welchen Methoden
empirische Forschung betrieben wird, um die Korrektheit zu überprüfen.

Wenn man das tut, stellt man Folgendes fest:

Theorien in der Physik werden fast ausschließlich mathematisch entwickelt. Die empirische
Überprüfung findet üblicherweise in Form von sehr präzisen Einzelmessungen statt. Gibt es
Unterschiede zwischen den Einzelmessungen, versucht man, diese durch eine Erweiterung der
Theorie zu erklären. Statistische Methoden kommen nicht zum Einsatz: Gravitation zieht alle
Köper an oder keinen, aber nicht einige ja, andere nein. Durchschnitte spielen keine Rolle. Für die
Theorie braucht man also Mathematik, für die Empirie braucht man aber keine Statistik.

Theorien in der Psychologie werden hingegen meist auf der Basis von Verhaltensbeobachtungen
entwickelt. Mathematik spielt hierbei keine Rolle. Die empirische Überprüfung geschieht mittels
Befragung oder Beobachtung. Da keine naturgesetzlichen Zusammenhänge erwartet werden
können, benutzt man statistische Methoden, um herauszubekommen, welche Zusammenhänge
zumindest im Durchschnitt als gesichert angesehen werden können. Das Erlernen der Psychologie
in Theorie und Empirie erfordert daher keine Mathematik, aber gute Statistikkenntnisse.

164
Die in den einzelnen Studiengängen enthaltenen Pflichtkurse in Statistik und Mathematik folgen
also dem logischen Aufbau der jeweiligen Wissenschaften. Wenn Sie Wirtschaftswissenschaft
wirklich so beherrschen wollen, dass Sie eines Tages selbständig theoretische und empirische
Arbeiten Ihres Faches lesen und verstehen können, dann gehören Mathematik und Statistik
unverzichtbar dazu. Mathe und Statistik sind also nicht dazu da, Sie zu quälen. Sie sind dazu da,
Ihnen ein echtes Erlernen des Faches zu ermöglichen. Schieben Sie diese Fächer also nicht vor
sich her, sondern stellen Sie sich ihnen am Anfang Ihres Studiums. Das wird Ihnen das Leben
deutlich erleichtern!

Wenn Sie damit überhaupt nicht zurechtkommen, entscheiden Sie sich lieber frühzeitig für ein
anderes Studienfach oder eine deutlich andere Ausrichtung. Diverse Hochschulen bieten
betriebswirtschaftliche Studiengänge auch deutlich praxis- und weniger wissenschaftsbezogen
an. Dort sind die mathematischen Anforderungen merklich niedriger. Einen Zugang zur
Forschungsseite der Disziplin erhalten Sie damit also nur sehr eingeschränkt…

165
In der Wirtschaftswissenschaft ist mathematische Theoriebildung ein wichtiger Baustein für
Theorien, allerdings nicht der einzige. Unter anderem nutzen Wirtschaftswissenschaftler auch
psychologische oder soziologische Theorien, die in der Regel nicht mathematikbasiert sind.
Theoretisch vermutete Zusammenhänge haben aber, wie in der Psychologie, keinen
naturgesetzlichen Charakter. Daher basiert die Empirie in der Wirtschaftswissenschaft vor allem
auf statistischen Methoden. Wirtschaftswissenschafler brauchen daher sowohl Mathematik als
auch Statistik

Die Mathematik nimmt im Bereich der Wissenschaften eine besondere Rolle ein. Sie ist eine rein
logische Wissenschaft, die keine empirische Überprüfung kennt. Ob 1 plus 1 tatsächlich 2 ergibt
oder nicht, lässt sich nicht empirisch überprüfen. Diese Aussage ist nur deswegen war, weil man
Zahlen und Rechenoperationen genau so definiert hat. Da die Mathematik keine Empirie kennt,
brauchen Mathematiker auch keine Statistikkenntnisse.

166
Kapitel 4: Mindestanforderungen für die Abschlussprüfung

In der Abschlussprüfung sollten Sie in der Lage sein, jede der Aufgaben auf den nächsten Seiten
zu lösen.

167
Für jede der folgenden (oder ähnlicher Nutzenfunktionen) sollten Sie bestimmen können, wo
das Maximum liegt und ob es sich tatsächlich um ein Maximum handelt. Zum Üben füllen Sie
die offenen Felder bitte selbst aus!

Nutzen- 1. Ableitung Nullstelle 2. Ableitung Maximum


funktion: berechnen und der ersten berechnen gefunden ja/nein?
gleich Null setzen: Ableitung (=zweite Ableitung
berechnen: negativ?)

𝑑𝑑𝑈𝑈
= 10 − 0,2𝑎𝑎 = 0 𝑎𝑎 = 50
𝑑𝑑 2 𝑈𝑈 Ja
𝑈𝑈 = 10𝑎𝑎 − 0,1𝑎𝑎2 = −0,2
𝑑𝑑𝑎𝑎 𝑑𝑑𝑎𝑎2

𝑑𝑑 2 𝑈𝑈
𝑈𝑈 = 20𝑎𝑎 − 0,5𝑎𝑎2 = −1
𝑑𝑑𝑎𝑎2
𝑑𝑑𝑈𝑈
𝑈𝑈 = 20𝑎𝑎0,5 − 0,1𝑎𝑎 = 10𝑎𝑎−0,5 − 0,1 = 0
𝑑𝑑𝑎𝑎

𝑈𝑈 = 5𝑎𝑎2 − 100𝑎𝑎 𝑎𝑎 = 10
Nein

Ja
𝑈𝑈 = 500𝑎𝑎0,5 − 2𝑎𝑎

168
In der Prüfung müssen Sie in der Lage sein, für Lotterien und Nutzenfunktionen die
Gelderwartungswerte, die Nutzenerwartungswerte, die Sicherheitsäquivalente und die
Risikoprämien zu berechnen. Gegeben seien die drei folgenden Lotterien:
Lotterie 1 Lotterie 2 Lotterie 2
xi pi xi pi xi pi
0 0,5 10 0,4 0 0,2
100 0,5 20 0,4 100 0,1
30 0,2 200 0,3
300 0,3
400 0,1
Gegeben seien ferner folgende Nutzenfunktionen
Nutzenfunktion 1: 𝑢𝑢(𝑥𝑥) = 𝑥𝑥 0,5
Nutzenfunktion 2: 𝑢𝑢(𝑥𝑥) = 10𝑥𝑥
Nutzenfunktion 3: 𝑢𝑢(𝑥𝑥) = 0,2𝑥𝑥 2
Berechnen Sie für alle 9 möglichen Kombinationen von Lotterien und Nutzenfunktionen jeweils
alle Geld- und Nutzenerwartungswerte, die Sicherheitsäquivalente und die Risikoprämien!

169
Sie sollten in der Lage sein, für jede vorgegebene Lotterie den Erwartungswert und die Varianz zu
berechnen. Zum Üben füllen Sie bitte die folgende Tabelle aus!

xi pi p i xi xi-X (xi-X)2 pi(xi-X)2

0 0,5

20 0,2
40 0,1
90 0,1
100 0,1
X= . σ2 = .

170