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Computereinsatz in der Legasthenietherapie

Hans Schulz 2002

„Die Kunst der Schrift wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen...“
1
Platon, Phaidros 274c

Zusammenfassung: Im vorliegenden Artikel wird die Anwendung des Computers in der


Legasthenietherapie untersucht. Ausgehend von der aktuellen Situation in der Primarschule
werden Einsatzmöglichkeiten in der Therapie skizziert und diskutiert.
Gängige Lob- und Kritikmuster werden vermieden. Stattdessen wird die klassische und
erstaunlich aktuelle Medienkritik Platons herangezogen.
Als sehr vielseitiges Instrument hat der Computer einen berechtigten Platz in der Therapie,
er kann jedoch nicht das fortlaufende therapeutische Gespräch ersetzen, sondern ist diesem
unterzuordnen.

Das Computerzeitalter hält Einzug in die Stuben der Legasthenietherapeutinnen und – therapeuten.
Am Logopädischen Dienst in Laufenburg und Frick verfügen wir über drei Computer mit
Standardausrüstung. Bei der Nutzung der Computer befinden wir uns noch im Aufbaustadium. Im
Folgenden möchten wir die Chancen und Probleme des Computereinsatzes skizzieren. Dabei
greifen wir zurück auf die Geschichte der Medienkritik, die Literatur und auf eigene Erfahrungen.
Am Anfang ein Blick auf die Statistik der Computernutzung in Aargauer Schulen:

Vorhandene PC an den Primarschulen

2001 2000 1999 1998 1997 1996 1995 1994


Total 1767 1403 1022 680 422 267 198 129

Die Daten wurden der Webseite Bias Statistik, bzw. Bias Aktuelles entnommen.2

An der Tabelle lässt sich ein rasanter Anstieg der Computernutzung in der Schule während der
letzten Dekade ablesen. Ungefähr ein Drittel aller Primarklassen im Aargau arbeitet mit
Informatikmitteln.
Das „Konzept für die Einführung des Computers an den Primarschulen des Kantons Aargau“3
erläutert in der Einleitung:
„Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) durchdringen als
Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts die Gesellschaft. Die kompetente Nutzung
dieser Technologien gehört zu den Grundfertigkeiten, die künftig nicht nur in beruflichen
und wirtschaftlichen, sondern zunehmend auch in kulturellen und individuellen Bereichen
wichtig sind. Durch die Integration von IKT im Unterricht wird eine Lernkultur geschaffen,
die die Entwicklungen der Zeit, aber auch den Alltag junger Menschen ernst nimmt. Eine
Umfrage zur PC- Dichte und -Nutzung im Aargau ergab, dass Ende 2000 bereits 1403
Computer in den Klassenzimmern von Primarschulen standen. Der Computer ist an den
Primarschulen schon eine Realität.“

Medienkritik
Die eingangs zitierte Passage aus Platons Dialog mit Phaidros zählt zu den bekanntesten
Medienkritiken. Platons Befund, dass geschriebene Texte reaktionsunfähig, gleichsam tot seien,
trifft einen wichtigen Aspekt der Schriftsprache. Im letzten Abschnitt kommen wir auf diese

1
Äusserung zurück. Er führt weiter aus, dass die Schrift daher nicht zur Vermittlung echten Wissens
tauge und nur Scheinwissen erzeuge. 4
Der Computer wird über zweitausend Jahre später einer ähnlichen Kritik unterzogen, jedoch
überwiegt heute die Zahl moderater und überzeugter Vertreter des Computereinsatzes in der
Schule.5

Computerlernprogramme lassen sich für unsere Zwecke in folgende Haupttypen


unterteilen:
1. Programme zur Wiederholung und Übung sind die Wegbereiter aus der Anfangszeit der
Heimcomputer. Sogenannte "drill-practice" Programme mit sehr einfacher Frage-Antwort Abfolge
und sofortiger Rückmeldung.

2. Strukturierte Lernprogramme sollen einzelne Wissensgebiete vermitteln und einüben, z.B. die
Gross-Kleinschreibung. Diese Lernprogramme verfügen teilweise über Eingangstests, Zwischen-
und Endkontrollen. Sie erlauben über Auswahlmenüs und Rückmeldeschleifen eine begrenzte
Interaktion.

3 Lernarrangements. Hierzu gehören Lexika und andere Datenbanken, auf die der Lernende frei
zugreifen kann. Auch solche Programme zählen hierzu, die Spiel, Unterhaltung und Lernen auf
attraktive Weise verbinden. Auch Simulationsprogramme gehören zu dieser Gruppe (Autos und
Maschinen jeglicher Art, Strategiespiele).

4. Elektronische Texte zeichnen sich durch Hypertext und Hypermedia6 aus. Sie bilden eine eigene
Gruppe von Lernprogrammen, können online und offline benutzt werden.

5. „Internetgestützte Lernsoftware stellt die zur Zeit fortgeschrittenste Art von Lernprogrammen
dar, weil damit auch neue didaktische Ansätze im Rahmen des Telelernens verknüpft sind. Das ist
Neuland, zeigt aber deutlich die Entwicklungsrichtung der Zukunft an. 7

Spezifische Programme für die Legasthenietherapie

1. Diagnostische Programme zur Dokumentation und Analyse des Therapieverlaufs.

2. Audiovisuelle Trainingseinheiten oder Module zur Arbeit an der Laut-Buchstabenverbindung.


Lauteinheiten wie Phoneme und Silben, aber auch Wörter und Texte können auf vielfältige Weise
zerlegt und aufgebaut werden.8
Durch die Verzahnung verschiedener Medien werden aufwändige und anspruchsvolle Lerneinheiten
verwirklicht. Sie fordern höhere Konzentration vom Schüler, vermitteln aber auch Einsichten in die
Grundlagen der Schrift, die gar nicht so leicht im direkten Training zu vermitteln sind.

3. Kognitive Trainingsprogramme zum Aufbau flexibler Problemlösungsstrategien.


Verschiedene Denkspiele gehören ebenso dazu wie ausgearbeitete Problemgeschichten, für die
verschiedene Lösungswege gefunden werden können. Die Schüler arbeiten gern an
Herausforderungen, denen sie sich gewachsen fühlen und wagen sich Schritt für Schritt auch in
neue Situationen hinein.

2
Anforderungen an therapeutisch nutzbare Lernprogramme

Dieser Katalog, wie übrigens auch die anderen hier aufgeführten, erhebt keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Die folgenden Kriterien sind aus der Praxis entstanden und können bei der
Auswahl geeigneter Lernprogramme dienlich sein.

- Stabilität. Lernprogramme dürfen nicht zu ressourcenhungrig sein, sie sollten auch auf mässig
ausgerüsteten Computern rund laufen.
- Übersichtlichkeit. Kindertümelnde Animationen, unruhiges Flackern und Blinken sind eher dem
Jahrmarkt als Lernprogrammen zuzuordnen. Klare, eindeutige Bedienbarkeit, soweit der Schüler
das Programm selber steuert.
- hypermediale Verknüpfungen6 sind für das legasthenische Kind besonders vorteilhaft, weil es
Sprech- und Schreibvorgänge simulieren und eingehend studieren kann.
- Flexibilität. Das Programm muss für kurze Übungszeiten sinnvolle Arbeitsschritte anbieten.
Viele Therapiekinder können kaum länger als 10 bis15 min an einer komplexen Aufgabe arbeiten.
Der Wortschatz, das Bild- und Tonmaterial muss angepasst werden können. Empfehlenswert ist
eine Editorfunktion, um Materialien ohne grossen Aufwand selber gestalten zu können.
- Übertragbarkeit. Arbeitsergebnisse, auch Zwischenergebnisse sollten ausgedruckt werden
können. So können die traditionellen Medien in den Übungszyklus einbezogen werden.
- Die Rückmeldung über Lernerfolge muss über ein Menü steuerbar sein. Wenn man das Lob
„Das hast du gut gemacht!“ zehnmal hört, wird daraus eine Beleidigung.
- Dokumentation des Lernverlaufs. Für jedes Kind und jede Sitzung kann der Verlauf
festgehalten werden.

Vorteile - Nachteile -Vorurteile


Die Motivationssteigerung wird von allen Autoren hervorgehoben, einige beobachten jedoch auch
wieder eine Ernüchterung bei den Schülern. Das neue Medium Computer motiviert nur solange, wie
der Schüler die computerunterstützten Übungseinheiten als sinnvoll und einsichtig begreift. 9

Sofortige Zurückmeldung der Arbeitsergebnisse am Computer in neutraler Form wird (nicht nur)
von misserfolgsorientierten Kindern geschätzt. Allerdings muss das Lernniveau angepasst werden
können, um Unter- oder Überforderung zu vermeiden.

Der Lernende kann dank Hypertext und Hypermedia in eine begrenzte Interaktion mit dem
elektronischen Text treten. Der Text erweist sich als reaktionsfähig. Hier müssen die Schüler
sorgfältig eingeführt werden, da sie die Logik der Verknüpfungen nicht auf Anhieb begreifen und
eher mit Verwirrung reagieren als mit Verständnis. Behutsamkeit ist angebracht bei Schülern, die
den traditionellen linearen Text noch nicht gemeistert haben. Überschaubare Verweise, mit
symbolischen Markierungen der Hyperlinks sollten nicht vermieden werden, da sie ein typisches
Merkmal der Computertexte sind.

Entgegen der häufigen Meinung, Computerarbeit sei unsozial und mache kontaktarm, zeigt sich in
der wissenschaftlichen Literatur und auch in der Praxis, dass Schüler gerne zu zweit am Bildschirm
arbeiten und über das gemeinsame visuelle Fenster intensiv miteinander sprechen. Gerade in der
therapeutischen Arbeit öffnet der Bildschirm einen gemeinsamen Interaktionsraum für Kind und
Therapeutin. Die gemeinsame Gestaltung eines Textes mit einem Textverarbeitungsprogramm z.B.
bietet eine Vielzahl von handlungsbezogenen und sinnvollen Lernschritten.

3
Die erhöhte Konzentration am Bildschirm führt zu rascherer Ermüdung. Die Schüler sind wirklich
absorbiert, sie müssen jedoch an einen mässigen Umgang mit dem Medium gewöhnt werden.

Die Arbeitsergebnisse können beliebig oft korrigiert und überarbeitet werden, ohne an äusserer
Form einzubüssen und sie können ausgedruckt oder sogar per Email versandt werden. Ihr
kommunikativer Charakter tritt erst dann voll hervor.

Die Pädagogen werden in der Unterrichtssituation entlastet. Andererseits steht vor dem
Computereinsatz eine zeitaufwändige Einarbeitung. Auch die fortdauernde Betreuung der Hard-
und Software erfordert viel Zeit. Veraltung, Kompatibilität, Updates, Virenschutz, Backups,
Systemerweiterungen sind nur einige der Vokabeln, die den Nutzer zum Schwitzen bringen können.

„Das richtige Lernprogramm in der Hand der Eltern kann die Legasthenietherapie ersetzen oder
zumindest wesentlich verkürzen.“ Mit dieser Fehleinschätzung werden wir immer wieder
konfrontiert. Einmal abgesehen von den schon erwähnten technischen Hindernissen orientiert sich
die Legasthenietherapie an professionellen Eingangs- und Verlaufsdiagnosen. Das
therapeutische Gespräch ist Kernbereich der Therapie und kann in keinem Fall von einem
Apparat übernommen werden

Diskussion
Wir kommen auf Platons Kritik der schriftlichen Vermittlung von Wissen zurück. Sie betrifft unter
anderem die Unfähigkeit des geschriebenen Textes, auf Fragen und Unklarheiten zu reagieren und
sich auf individuelle Lernende einzustellen.10 Tatsächlich ist dies ein Anliegen der
Softwareprogrammierer. Viele Programme bieten ein Optionen-Menü an, mit dessen Hilfe sich das
Aussehen und die Funktionalität individuell einstellen lässt.. Auch die verschiedensten
Lernprogramme simulieren einen Dialog mit dem Benutzer. Beim Start einiger Programme muss
man den Namen eingeben, um dann vom Programm „persönlich“ begrüsst zu werden. Die Grenzen
dieser „Dialoge“ sind offensichtlich. Der Computer kann nur in festgelegten Mustern reagieren,
auch wenn sie zuweilen sehr komplex sind. Zudem kann er nur sprachlich kodierte Eingaben
akzeptieren. Nichtsprachliche Befindlichkeiten werden von der Maschine ignoriert, wie auch von
uns (Menschen) häufig genug. Immerhin haben wir das Potenzial, uns auf sie einzustellen und dann
über sie zu kommunizieren.

Platon fährt fort mit seiner Kritik und erklärt, dass echtes Wissen durch den lebendigen Dialog von
Lehrer und Schüler zustande kommt.

Nun mag man einwenden, dass Legastheniker nicht zu kleinen Philosophen herangebildet werden
sollen. Reicht es nicht, wenn sie einfach lesen und schreiben lernen?

Legastheniker haben das Grundwissen von der Schrift nicht oder nur unzureichend verinnerlichen
können. Sie haben sich zumindest einmal als resistent gegen den schulischen Lese-Schreibkurs
erwiesen.

Im Dialog von Therapeutin und Schüler werden die Verästelungen des jeweilig individuellen
Unvermögens freigelegt. Die schrittweise Erarbeitung der Grundlagen, die ein kompetenter
Leser/Schreiber benötigt, wird natürlich auch von diagnostischen Schritten begleitet und
kontrolliert. Das Gewebe, in das all die Facetten einer Therapie eingeflochten werden, ist aber aus
dem persönlichen Dialog gewirkt. Der Computer mit seinen vielen Möglichkeiten findet hier

4
genauso Platz, wie traditionelle Übungs- und Lernformen. Das lebendige Gespräch zielt auf die
Kräftigung und Entfaltung des noch undifferenzierten Wunsches nach „Besserung“ und auf die
detaillierte Umsetzung in Handlung.

Anmerkungen

1
zitiert nach: Aleida/Jan Assmann/Chr. Hardmeier (Hrsg.),Schrift und Gedächtnis, München 1983, S. 7
2
http://aula.bias.ch/information/statistik/index.html
3
Konzept für die Einführung des Computers an den Primarschulen des Kantons Aargau, S.2, herausgegeben von:
LEHRAMTSSCHULE AARGAU Beratungsstelle für Informatik an den Aargauer Schulen (BIAS), Aarau, 9.1.2001
4
wörtliches Zitat: „Von der Weisheit aber verabreichst du den Zöglingen nur den Schein, nicht die Wahrheit; denn
vielkundig geworden ohne Belehrung werden sie einsichtsreich zu sein scheinen, während sie großenteils einsichtslos
sind und schwierig im Umgang, - zu Schein-Weisen geworden statt zu Weisen." Platon, Phaidros,
zitiert nach: Aleida/Jan Assmann/Chr. Hardmeier (Hrsg.),Schrift und Gedächtnis, München 1983, S. 7.
Siehe auch den aufschlussreichen Aufsatz von Peter Matussek, Hypomnemata und Hypermedia, in dem er die
Intertextualität des linearen Textes mit dem nicht-linearen Hypertext vergleicht.
In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Sonderheft 1998: "Medien des
Gedächtnisses", S.264-278,
online: http://141.20.150.19/pm/Pub/Kul/Hypomnem.html

5
siehe: Mike Sandbote, Philosophische Internet-Essays, sehr lesenswert, eine wahre Fundgrube zur Medienkritik
http://www.uni-jena.de/ms/home2.html
weitere:
Bernd Weidenmann, Neuigkeiten aus dem Institut
http://www.unibw-muenchen.de/campus/SOWI/s71amapa/Sonstiges.html
Aufenanger, Grundschule und Computer, Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest, 2000,online:
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/berichtsarchiv/pdf/ar0004.pdf
6
zur Erklärung der Begriffe:
"Hypertext stellt ein Textdokument dar, in dem mehrere Informationsebenen über optisch hervorgehobene Begriffe
(Links) nicht linear miteinander verbunden sind.....Beim Begriff „ Hypermedia" handelt es sich bei den Datenmodulen
nicht nur um Text, sondern um Grafiken, Bilder, Töne, Animationen und Filme.“
zitiert aus: Multimedia und Hypertext - Hypermedia in lerntheoretischer Sicht,
online: http://www.unet.univie.ac.at/~a8105223/hypertext.htm
7
zitiert aus: Computer Magazin, Lernsoftware in der beruflichen Bildung - Kleine aktuelle Marktanalyse unter
besonderer Berücksichtigung der Benachteiligtenförderung von: Wolfgang Schmitt-Kölzer, zuerst veröffentlicht in:
Durchblick, Zeitschrift für Ausbildung, Weiterbildung und berufliche Integration, Ausgabe 2/2001
8
das Lernprogramm „Cesar“ gehört zu dieser Gruppe.
online unter: http://www.ces-verlag.de/Produkte/lesen_1.htm
9
Jörn Brakebusch: Der Computer als Lern- und Schreibwerkzeug in der Grundschule Essen 1997, S. 5-6
online : LINSE Linguistik- Server Essen, http:// www. linse. uni- essen. de
10
wörtliches Zitat: „Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du
sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal
geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen,
für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht.“ Platon, Phaidros
in: Werksausgabe von Grassi, S. 57