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Leuphana Universität Lüneburg


Sommersemester 2021


Seminar: „The Great Gatsby: novel, films, translations“

Modul: Literarische Grenzüberschreitung 


Dozentin: Emer O'Sullivan

Eine Analyse des Werkes „der große Gatsby“ nach Pierre Bourdieus
Habitus und Kapital Theorie

Vorgelegt von: Michelle Weber


Fakultät Kulturwissenschaften


E-mail: Michelle.Weber@stud.leuphana.de

Matrikelnummer: 3037026

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3

2. Theoretische Grundlage 4

3. Analyse des Werkes 7

3.1 Ökonomisches und symbolisches Kapital 7

3.2 Soziales Kapital 8

3.3 Kulturelles Kapital 9

3.4 Habitus 10

4. Fazit 12

5. Literaurverzeichnis 14

6. Eidesstaatliche Erklärung 16

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1. Einleitung

"I see now that this has been a story of the West, after all—(…) Gatsby (…) and I, were all
Westerners, and perhaps we possessed some deficiency in common which made us subtly
unadaptable to Eastern life.“1


Das vorgreifende Zitat stammt aus dem Buch „the Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald
aus dem Jahre 1925. Es ist ein Zitat von dem Erzähler Nick Carraway, der seine
Erkenntnisse der vorangegangenen Ereignisse mit den Lesenden teilt. Seine
Übelregungen sind anknüpfend an die verschiedensten Fragen, die bei der Interpretation
des Werkes entstehen und bis heute aktuell sind. Es sind die Fragen in „The Great
Gatsby" um die Debatten von sozialer Zugehörigkeit, Unterscheidungskriterien und
Ausschlussmechanismen innerhalb einer Gesellschaft. Themen, die auch in unserer
heutigen Gesellschaft tagesaktuell sind. So schafft z.B. soziale Ungleichheit sowohl in
allgemeinen Lebensperspektiven, wie auch alltäglichen Lebenssituationen eine große
Diskrepanz an Erfahrungen einzelner Individuen einer Gesellschaft. Die gesellschaftliche
und politische Bedeutung sozialer Ungleichheit lässt sich somit allgemein schwer messen.
Nicht zuletzt hat diese Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und Politik schon im 19.
Jahrhundert dafür gesorgt, dass die Soziologie als eigene wissenschaftliche Disziplin
entstanden ist. Aus der Soziologie sind bis heute wichtige Theorie hervorgegangen um die
Gesellschaft und ihre Debatten analysieren und besser verstehen zu können.2

Da das Werk „the Great Gatsby“ diese Debatten aufgreift, ist es angebracht, dass Werk
unter soziologischen Theorien zu analysieren. 

Im vorliegenden Text werden zum einen die Grundzüge der Soziologie von Pierre
Bourdieu erläutert. Dabei geht es um die zentralen Begriffe Bourdieus: Kapital, Habits und
sozialer Raum.Es folgt eine Anwendung auf das Werk „Great Gatsby“ anhand einer
Analyse der Figur „Jay Gatsby“. Besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse der
verschiedenen Kapitalsorten und des Habitus. Dies ist eine Möglichkeit der
Textinterpretation unter soziologischen Theorien. 

In dieser Hausarbeit wird von verschiedenen Stellen von unterschiedlichen „Gruppen“
gesprochen. Mir ist an dieser Stelle wichtig anzumerken, dass es nie ein neutrales oder
objektives Sprechen über eine:n „Andere:n“ gibt, weil das, was als das Gegenüber
wahrgenommen wird, bereits auf ausgrenzenden Zuschreibung basiert. Es ist einerseits

1 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.295


2 bpb. Soziale Ungleichheit eine Gesellschaft rückt auseinander.
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übergriffig, für oder über eine Gruppe zu sprechen, jedoch ist es in vielen Diskursen
notwendig. Auch die Zuschreibung der Adjektive „reich“ und „arm“ ist zu diskutieren und
besonders aus weisser, westlicher Perspektive kritisch zu beurteilen. Diese
Bezeichnungen stehen in dieser Ausarbeitung als die Abbildung sich aufgrund von
Reichtum gegenüberstehenden Gruppen innerhalb der Gesellschaft des 20 Jahrhunderts
in Amerika. Des weiteren setzt diese Ausarbeitung voraus, dass das Werk vorab gelesen
wurde und die weiteren Handlungsabläufe innerhalb dieser Arbeit nicht ausführlich
geschildert werden müssen.

2. Theoretische Grundlage

In den Theorien des französischen Soziologen Pierre Bourdieu stellt der Habitus eines der
bedeutsamsten Konzepte dar und wird als soziologisches Analysekonzept verstanden.3
Mit diesem widerlegt Bourdieu Annahmen wie die des „Rational Action Prinzip“, in dem das

Individuum als freies, rational handelndes Wesen dargestellt wird.4 Vielmehr versucht er
mit Hilfe des Habitus zu erklären, weshalb Individuen vernünftig handeln, ohne rational zu

sein.5 Bourdieu geht davon aus, dass soziale Individuen über einen Habitus verfügen,

welcher durch gesammelte Erfahrung inkorporiert wird.6 Für ihn ist dieser das „Körper
gewordene Soziale“.7 Um dies zu verdeutlichen bringt er folgendes Zitat von Blaise
Pascal: „Ich bin in der Welt enthalten, aber sie ist auch in mir enthalten, weil ich in ihr
enthalten bin; weil sie mich produziert hat und weil sie die Kategorien produziert hat, die

ich auf sie anwende, scheint sie mir selbstverständlich, evident.“8 So stellt er eine Relation

zwischen Individuum und sozialen Strukturen her und begeht den Versuch den Dualismus

zwischen Gesellschaft und Individuum aufzuheben.9 Allgemein stellt der Habitus das
Handeln eines Individuums in der sozialen Welt dar und fungiert als System von

3Vgl. Steffani Engler, Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus: Grundlagen, Zugänge,
Forschungsperspektiven S.252
4 Vgl. Fuchs-Heinritz, Werner und König, Alexandra. Pierre Bourdieu: Eine Einführung. S. 89
5 Vgl. Bourdieu, Pierre, Wacquant, Loïc und Beister, Hella: Reflexive Anthropologie S. 163
6 Vgl. Bourdieu, Pierre: Meditationen: Zur Kritik der scholastischen Vernunft S.177 f.
7 Bourdieu. Reflexive Anthropologie (s. Anm. 23). S. 161
8 ebd.
9 Vgl. ebd. S.154
!4
Wahrnehmungs-, Bewertungs-, und Handlungsschemata, welches das Entgegentreten

von unvorhergesehenen und fortwährend neuartigen Situationen ermöglicht.10 Dieses

Dispositionssystem ist dauerhaft, aber nicht unveränderbar, sondern wird permanent mit
neuen Erfahrungen konfrontiert und durch diese beeinflusst.11 Bourdieu beschreibt den

Habitus als „strukturierende Struktur“.12 Dieser „aktiviert in den Praktiken und im Denken
praktische Schemata, die aus der [...] Inkorporierung von sozialen Strukturen
hervorgegangen sind, die sich ihrerseits in der historischen Arbeit vieler Generationen [...]

gebildet haben“.13 Folglich sind menschliche Handlungen keine unmittelbaren Reaktionen


auf Reize, sondern ergeben sich aus der Geschichte der handelnden Personen und ihrer

Beziehung zueinander.14 Ein Individuum hat laut Bourdieu dementsprechend nicht die
Fähigkeit rationale Entscheidungen zu treffen, sondern verfügt über präformierte

Dispositions- und Entscheidungsmechanismen, die das Handeln beeinflussen.15

Gleichzeitig geht Bourdieu nicht davon aus, dass jede Handlung, jeder Gedanke und jede
Gewohnheit determiniert ist, sondern von einer Freiheit in Grenzen, die von den äußeren

Existenzbedingungen abhängig ist.16 Bourdieus Theorie besagt, dass ein Zusammenhang


zwischen der Position, die ein Individuum in einem sozialen Raum einnimmt und dem
jeweiligen Lebensstil besteht.17

„Als Vermittlungsglied zwischen der Position oder Stellung innerhalb eines sozialen Raumes und
spezifischen Praktiken, Vorlieben usw. fungiert das, was ich Habitus nenne, d.h. eine allgemeine
Grundhaltung, eine allgemeine Disposition (Meinung) gegenüber der Welt, die zu systematischen
Stellungnahmen führt. Es gibt [...] tatsächlich [...] einen Zusammenhang zwischen höchst disparaten
Dingen: wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde

10 Vgl. Bourdieu, Meditationen (s. Anm. 25) S. 177


11 Vgl. ebd. S. 167 f.
12 Bourdieu u. a., Reflexive Anthropologie (s. Anm. 23) S. 173
13 ebd. S. 173
14 Vgl. ebd. S. 157
15 Vgl. Fuchs-Heinritz/König, Pierre Bourdieu (s. Anm. 22)S. 89
16Vgl. Franzjörg Baumgart (Hrsg.). Baumgart, Franzjörg: Theorien der Sozialisation: Erläuterungen, Texte,
Arbeitsaufgaben, 2008 S. 207
17 Vgl. ebd. S. 206
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er hat usw.- all das ist eng miteinander verknüpft“18


Die Position innerhalb eines sozialen Raumes, womit Bourdieu die gesamte soziale Welt
meint, erlangt ein Individuum durch den Besitz von Kapital. Dabei ist nicht nur
wirtschaftliches Kapital in Form von materiellem Eigentum, wie bei Marx, entscheidend,
sondern auch kulturelles, symbolisches und soziales Kapital muss in der „Aufteilung“
berücksichtigt werden.
Das ökonomische Kapital beinhaltet alle Formen materiellen Besitzes und finanzielle
Ressourcen und bildet in einem kapitalistischen System die Basis aller Kapitalsorten.
Kulturelles Kapital kann auch als Informationskapital oder Bildungskapital gelten und wird
aufgeteilt in drei Formen. Es tritt im inkorporierten Zustand, in Form von verinnerlichter
Bildung auf. Im objektivierten Zustand, worunter der Besitz von kulturellen Gütern, wie
Bildern und Büchern verstanden wird. Und im institutionalisierten Zustand, zum Beispiel in
Form von Bildungstiteln. Die dritte Kapitalsorte bildet das soziale Kapital, welches das
Netz von Beziehungen bezeichnet, welche als Ressourcen dienen können.19 Außerdem
die vierte Formulierung von Kapital, das symbolische Kapital, welches die Form einer der
anderen Kapitalsorte annehmen kann und so verstärkt positiv wahrgenommen wird.20
Die Einteilung der Akteur:innen eines sozialen Raumes erfolgt durch zwei Prinzipien. Das
Erste beruft sich auf den Gesamtumfang des Kapitals, das Zweite auf die Gewichtung des
jeweiligen Kapitals.21 Die Gewichtung des Kapitals spielt in dem Sinne eine Rolle, da
Akteur:innen das gleiche Volumen an Kapital besitzen können, aber auf unterschiedliche
Art und Weisen leben. Der soziale Raum ist somit von der Einteilung und Menge des
Kapitals geprägt. Deshalb ist es auch logisch, dass das Kapital gesellschaftliche Kämpfe
bestimmt. Die Positionen innerhalb des sozialen Raumes sind dynamisch, da die Kämpfe
um Kapitalverteilung permanent vorhanden sind. Die soziale Stellung von Akteur:innen
sind somit veränderbar, da sie ein Produkt von Geschichte sind.22 Das Ergebnis ist eine
ungleichmäßige Verteilung von Kapital im sozialen Raum, welches sich in unterschiedliche
Lebensstilen äußert.23

18 ebd. S. 206
19 Vgl. ebd. S. 217ff
20 Vgl. edb.
21 Vgl. Höss, Tilman. Kapital, Feld, Habitus und sozialer Raum: Pierre Bourdieu für Anglisten. S.177f
22 Vgl. Jurt, Joseph. Bourdieus Kapital-Theorie. S.23.
23 Vgl. ebd. S.34f
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3. Analyse des Werkes

Bourdieus Theorie des Sozialen lässt sich gut auf die Ereignisse und Begegnungen der
abgebildeten Gesellschaft in „the Great Gatsby“ anwenden. Aus soziologischer
Perspektive ist erkennbar, wie es in dem Roman um die Erwerbbarkeit von Kapital und die
Hindernisse eines sozialen Aufstiegs geht. 

Die Geschichte des „Great Gatsby“ zählt zu den Klassikern der amerikanischen
Literaturwelt.24 Erzählt wird sie aus der Perspektive des Nick Carraway. Durch ihn wird
man durch das Werk geleitet und erfährt von dessen Nachbarn, dem reichen Jay Gatsby,
der Long Island mit extravaganten Festen unterhält. Nick findet schnell heraus, dass Jay
Gatsby diese veranstaltet um die Aufmerksamkeit einer Frau, Daisy Fay Buchanan, zu
erlangen. Die beiden Protagonist:innen verbindet eine gemeinsame romantische
Vergangenheit. Nun ist Daisy allerdings mit Tom Buchanan verheiratet, dem Sohn einer
der angesehensten Familien des Landes. Gatsbys Versuch Daisy mit seinem
neugewonnen Reichtum für sich zu erobern, führt am Ende zur Katastrophe.

3.1 Ökonomisches und symbolisches Kapital

Untersucht man Jay Gatsby Kapital nach Bourdieus Theorie erkennt man zu erst, dass er
vor allem viel ökonomisches Kapital besitzt. Die Herkunft dieses Kapitals ist zunächst
unklar und sorgt für Verwunderung und daraus resultierenden Gerüchten.25 Am Ende des
Werkes wird deutlich, dass Gatsby sein Geld durch illegale Geschäfte verdient und
angehäuft hat. In den letzten Kapiteln gibt Gatsby dies sogar in einer Diskussion mit Tom
zu:

„I found out what your ‘drugstores’ were.” He turned to us and spoke rapidly. “He and this Wolfshiem
bought up a lot of side-street drugstores here and in Chicago and sold grain alcohol over the
counter. That’s one of his little stunts. I picked him for a bootlegger the first time I saw him, and I
wasn’t far wrong.” - “What about it?” said Gatsby politely. “ 26


Sein ökonomisches Kapital ist nach wie vor groß, allerdings bekommt es ein negatives
Image aus der Perspektive der damaligen Gesellschaft. 


24 Vgl. Saunders. P. Judith. F.Scott Fitzgerald. S.74


25 Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.76
26 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.223-224
!7
Sein Geld wiederum investiert Jay Gatsby in viel symbolisches Kapital. Die
ausschweifenden Partys, Luxusgüter, die große Villa etc. sind alles Statussymbole in
denen Gatsby sein ökonomisches Kapital zur Schau stellt. Ebenfalls investiert Gatsby in
uneingeschränkten Konsum, als einen weiteren Ausdruck seines symbolischen Kapitals.
Der uneingeschränkte Konsum von zum Beispiel Alkohol und Tabak, Kleidung und
Schmuck ist ein Bestandteil eines „feinen Lebensstils“ und generiert in der Gesellschaft
Prestige. Neben der Exklusivität und Kostspieligkeit des Konsums geht es nicht zuletzt
auch darum, dass „Richtige“ zu konsumieren. Auch dies ist ein wichtiger Analysepunkt des
Jay Gatsby. Er ist stets darauf bedacht sich von seiner Herkunft abzugrenzen und Teil der
„reichen Gesellschaft“ zu sein. Es ist klar, dass dieses symbolische Kapital von Gatsby
dazu genutzt wird, Daisy seinen Reichtum vorzuführen und sie zu überzeugen, zu ihm
zurück zukehren.

3.2 Soziales Kapital

Sein soziales Kapital wird im Buch durch die Personenanzahl auf den Partys und die ihm
umgebenden namenhaften Persönlichkeiten abgebildet. In dem Auftreten des Jay Gatsby
wirkt es als sei er mit jeder Person bekannt. Ihm sind alle Namen bekannt, er begrüßt alle
Begegnungen sehr vertraulich und wirkt sozial gut eingebunden.27 

Durch den Erzähler wird beim lesen allerdings deutlich, dass Gatsby seine engste
Beziehung mit ebendiesem pflegt. In den regelmäßigen Begegnungen findet man einen
regen Austausch und Respekt für einander.28 Alle weitere sozialen Beziehungen des Jay
Gatsby sind oberflächlich und kurzweilig, wie vor allem an seiner Beerdigung am Ende des
Werkes bildlich gemacht wird. Niemand erscheint zu diesem Ereignis und auch auf
Bemühungen von Nick hin scheint niemand sich für den Tod des Protagonisten zu
interessieren.

„And as the time passed and the servants came in and stood waiting in the hall, his eyes began to
blink anxiously, and he spoke of the rain in a worried, uncertain way. The minister glanced several
times at his watch, so I took him aside and asked him to wait for half an hour. But it wasn’t any use.
Nobody came.“29

27Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.103


28 Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.109
29 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.291
!8
Gatsbys soziale Bekanntschaften sind meist zweckorientiert. Auf seinen Partys wirkt es als
gutes Benehmen und vor allem Prestige, sich mit vielen bekannten Persönlichkeiten zu
umgeben, allerdings führt er mit niemanden wirklich eine tiefergehende Freundschaft.
Seine Nähe zu Nick nutzt er aus um ein Treffen mit Daisy zu arrangieren. Nach Bourdieus
Analyse scheint Gatsby die Ansammlung von sozialem Kapital nicht als wichtig erachtet zu
haben. Seine gesamte Fokussierung liegt auf der Anhäufung von ökonomischen und
symbolischen Kapital, um dieses zu nutzen und Daisy zu präsentieren. Allerdings
unterschätzt er damit die Integration in die „reiche Gesellschaft“ durch soziale Vernetzung.
Dies wird im dadurch zum Verhängnis, dass niemand weiß wer er ist und sein Bild des
„Jay Gatsby“ nicht aufrecht erhalten werden kann.

3.3 Kulturelles Kapital

Sein kulturelles Kapital scheint für diese Analyse am wichtigsten zu sein. Gatsby investiert
vor allem in sein objektiviertes kulturelles Kapital. Er besitzt viele Statussymbole wie z.B.
eine Bibliothek gefüllt mit Büchern.30 Auf einer von Gatsbys Partys befinden sich Nick und
Jordan in der Bibliothek und treffen dort einen Mann an, der sich über die „Echtheit“ der
Bücher erfreut und dadurch den Wert dieses kulturellen Statussymbols unterstreicht: 


„He waved his hand toward the bookshelves. “About that. As a matter of fact you needn’t bother to
ascertain. I ascertained. They’re real.” - “The books?” - He nodded. “Absolutely real—have pages
and everything. I thought they’d be a nice durable cardboard. Matter of fact, they’re absolutely real.
Pages and—Here! Lemme show you.“31

Ebenso, wie Gatsby versucht seinen Reichtum durch Objekte und Veranstaltungen zu
demonstrieren, nutzt er seine Rolle, um seinen vermeintlichen Bildungsgrad ebenfalls zur
Schau zur stellen. Unter das kulturelle Kapital zählt das von Bourdieu benannte
institutionalisierte kulturelle Kapital, welches Gatsby durch ein Schein Studium an der
Oxford University abbildet.32 Auch dieser scheinbare Abschluss soll ihm Prestige in der
Gesellschaft bringen. Zuletzt gehört für Bourdieu auch das inkorporierte kulturelle Kapital
dazu. Gatsby versucht sich der Sprache der „reichen Gesellschaft“ anzupassen und
verwendet einstudierte Phrasen wie „old sport“ und verhält sich besonders manierlich und

30 Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.78-79


31 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.79
32 Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.110
!9
gehoben.33 Auch sein Kleidungsstil, den er vermeintlich der Gesellschaft angepasst hat,
fällt auf und wirkt gekünstelt „An Oxford man!” He was incredulous. “Like hell he is! He
wears a pink suit.“.34 Gatsbys wirklich verinnerlichtes kulturelles Kapital ist nicht
beeinflussbar durch seinen Reichtum und bringt die Menschen am Ende dazu an seinen
Geschichten zu zweifeln.

3.4 Habitus

Gatsbys Erscheinung und Wirken zeigen die Grenzen seines wahren Ichs auf. Er kann
alles durch seinen Reichtum verändern und ein äußeres Bild von sich erzeugen. Was er
nicht verändern kann und ihn schlussendlich zu der Wahrheit drängt ist sein Habitus.
Seine gesamten Handlungen und Denkschemata sind beeinflusst durch seine
vergangenen Erfahrungen.35 Bourdieu beschreibt den Habitus, wie bereits benannt, als
„strukturierende Struktur“ und Gatsby versucht sich eben diesem zu entziehen.36 Doch
dies ist, folgt man Bourdieu Theorie, unmöglich. Der Habitus dient als Grundlage des
Handelns von Jay Gatsby, seine Aktionen und Reaktionen ergeben sich aus seiner
Geschichte, seiner Beziehung zu der Gesellschaft und einzelner Individuen gegenüber.37
Gatsbys „wahre“ Figur wird erkennbar in seiner Ausdrucksweise, in seinem Verhalten und
in seinen Bemühungen sich möglichst deutlich von seiner Vergangenheit und der „armen“
Gesellschaft zu distanzieren. Sein Habitus aber, wird durch die vorangegangene
Sozialisation reguliert, das heißt, es hängt stark vom sozialen Status und den
Lebensbedingungen der z.B. Familie ab.

„His parents were shiftless and unsuccessful farm people—his imagination had never really
accepted them as his parents at all. The truth was that Jay Gatsby of West Egg, Long Island,
sprang from his Platonic conception of himself.“38


Dazu kommt, dass der Habitus zwar jedem innewohnen, aber nicht individuell ist. Bei dem
Habitus geht es nicht darum, Individuen einen „persönlichen Stil“ zu geben, sondern mehr

33 Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.82.


34 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.204
35 Vgl. Bourdieu, Pierre: Meditationen: Zur Kritik der scholastischen Vernunft S.177f
36 Bourdieu u. a., Reflexive Anthropologie (s. Anm. 23) S. 173
37 Vgl.ebd. S.173
38 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.164-165
!10
auf das Grundgerüst zu achten, durch das alle Mitglieder:innen des sozialen Raums
identifiziert werden können. Bourdieu stellte fest, dass unter den gleichen kulturellen und
wirtschaftlichen Bedingungen eine große Übereinstimmung in Verhalten und Geschmack
besteht. Dies rührt von einem starken sozialen Einfluss her, der nicht durch die individuelle
Persönlichkeit modifiziert wurde, es ist Teil des Habitus. Dies macht den Habitus zu einem
wertvollen Instrument zur Analyse und Erklärung von sozialer Reproduktion.39
Gatsby allerdings, versuchte sich selbst zu dekonstruieren und eine Version von sich zu
schaffen, die fernab von seiner Sozialisation und seines Habitus ist. Und genau dies wird
ihm zum Verhängnis und führt zu dem tragischen Ende seines Lebens.40 

Er hat eine Traumvorstellung, die in Daisy und einer Beziehung mit ihr personifiziert ist.41
Er bemüht sich sein ganzes Leben darum, Daisy alles bieten zu können. Er sorgt dafür,
dass er ihr alle materiellen Dinge stellen kann und sie mit seinem Reichtum und der
Anerkennung zufrieden stellen kann, da sie selber aus eben solchen Verhältnissen
stammt.

„Her voice is full of money,” he said suddenly.
That was it. I’d never understood before. It was full of money—that was the inexhaustible charm that
rose and fell in it, the jingle of it, the cymbals’ song of it… High in a white palace the king’s daughter,
the golden girl…“42

Seine Kapitalanhäufungen ermöglichen ihn den Eintritt in die „reiche Gesellschaft“ und die
Präsentation seines Besitzes. Allerdings drängt ihn seine Vorstellung der Zukunft und
seine Erfahrung dazu, möglichst schnell durch Lügen und Betrügereien eine Figur zu
erzeugen. Und er lässt sich zu wenig Zeit in seinem neuen Lebensraum Fuß zu fassen
und wirklich soziale Integration zu schaffen. Sein Habitus gibt ihm seine Grenzen vor, in
denen er handeln kann. Es erfordert Zeit, um die neuen sozialen Verhaltensweisen zu
verinnerlichen, zu einem Teil des eigenen Habitus zu machen.43
Verglichen mit anderen aktuellen Sozialisationstheorien, gehen diese davon aus, dass das
Verhalten eines Menschen dadurch beeinflusst wird, dass er ständig sozialisiert und damit
grundlegend verändert wird. Bourdieu geht davon aus, dass der Habitus das Verhalten
eines Menschen von Anfang an konstituieren. Das bedeutet, dass Menschen voll in der

39 Vgl. Höss, Tilman. Kapital, Feld, Habitus und sozialer Raum: Pierre Bourdieu für Anglisten. S.177ff
40 Vgl. F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.279
41 Vgl. Höss, Tilman. Kapital, Feld, Habitus und sozialer Raum: Pierre Bourdieu für Anglisten. S.181
42 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.201
43 Vgl. Bourdieu, Meditationen (s. Anm. 25) S: 177
!11
Lage sind, weitere Verhaltensmuster anzunehmen, die in ihren bisherigen sozialen
Räumen als ungewöhnlich galten. Eine Person kann sich jedoch aufgrund ihres Habitus
nicht grundlegend ändern. Der:die Akteur:in muss damit wachsen.44 Gatsby ist dafür ein
gelungenes Beispiel. Er kann neue Verhaltensformen erlernen, allerdings praktische
Formen, die durch den Habits verinnerlicht sind, schwer wieder aufzugeben.

4. Fazit

Die Theorie von Pierre Bourdieu ist sehr geeignet dazu, das Verhalten der Figur Gatsby zu
analysieren. Durch die Präsentation seiner verschiedenen Kapitalanhäufungen versucht er
in der „reichen“ Gesellschaft aufgenommen zu werden. Er beeindruckt durch alles, was er
objektiv zur Schau stellen kann. Sein ökonomisches Kapital, durch Luxusgüter und
Konsum, sein kulturelles Kapital, durch eindrucksvolle Bibliotheken und einen Abschluss
an der Oxford University, sein soziales Kapital durch Berühmtheiten auf seinen Partys und
sein symbolisches Kapital, durch verschiedenste Statussymbole. Er beeinflusst sein Bild in
der Gesellschaft, um eine Figur des Jay Gatsby zu erschaffen, die fern ab von der Realität
ist. Seine konkreten Vorstellungen bringen ihn dazu, zu wenig Zeit in seine Integration in
die „reiche Gesellschaft“ zu stecken. Schlussendlich verrät ihn sein Habitus, der ihm die
Grenzen seiner Denk- und Handlungsschemata aufzeigt. Denn eine Person kann sich
aufgrund ihres Habitus nicht grundlegend ändern.

"I see now that this has been a story of the West, after all—(…) Gatsby (…)and I, were all
Westerners, and perhaps we possessed some deficiency in common which made us subtly
unadaptable to Eastern life.45“


Der Erzähler Nick umschreibt mit diesem Zitat die Situation Gatsbys sehr treffend. Um das
Zitat im übertragenen Sinne zu übersetzen: Es fehlt ihm an etwas Undefinierbaren, um Teil
eines bestimmten Lebensstils „Eastern life“ zu werden. Sein Habitus strukturiert Jay
Gatsbys Selbst und auch wenn er alles versucht um seiner Vergangenheit zu entfliehen
und eine neue Figur zu schaffen, wird er seine inkorporierten Verhaltensweisen nicht los.
Bourdieus Kapital- und Habitustheorie hilft bei einer verständlichen Analyse des Werkes
und der Figur des Jay Gatsby und geben eine aufschlussreiche Erklärung des Scheiterns

44 Vgl ebd.
45 F. Scott Fitzgerald, the Great Gatsby S.295
!12
der Figur.


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5. Literaurverzeichnis

Baumgart, Franzjörg (Hg.) (2008): Theorien der Sozialisation. Erläuterungen, Texte,


Arbeits- aufgaben. 4., durchges. Aufl. Bad Heilbrunn: Klinkhardt (UTB Allgemeine
Pädagogik, Erzie- hungswissenschaft, 3091). Online verfügbar unter http://deposit.d-
nb.de/cgi-bin/dok- serv?id=3115364&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm. Zuletzt besucht
am: 22.11.2021.

Bundeszentrale für politische Bildung. (2012): Soziale Ungleichheit - Eine Gesellschaft


rückt auseinander. Online verfügbar unter: https://www.bpb.de/politik/grundfragen/
deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138379/soziale-ungleichheit. Zuletzt besucht am:
22.11.2021.

Bourdieu, Pierre (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. 1. Aufl. Frankfurt
am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp 1985). 


Bourdieu, Pierre; Russer, Achim (2001): Meditationen. Zur Kritik der scholastischen
Vernunft. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 


Bourdieu, Pierre; Wacquant, Loïc (2006): Reflexive Anthropologie. Frankfurt am Main:


Suhr- kamp (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1793). 


Engler, Steffani (2013): Habitus und sozialer Raum: Zur Nutzung der Konzepte Pierre
Bour- dieus in der Frauen und Geschlechterforschung. In: Alexander Lenger, Christian
Schneickert und Florian Schumacher (Hg.): Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus.
Grundlagen, Zu- gänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 247–260.
O n l i n e v e r f ü g b a r u n t e r h t t p s : / / l i n k . s p r i n g e r. c o m / c o n t e n t / p d f /
10.1007%2F978-3-531-18669-6_13.pdf Zuletzt besucht am: 22.11.2021.


F. Scott Fitzgerald (1925). The great Gatsby. Scribner; Reissue Edition (Taschenbuch, 30.
September 2004).

Fuchs-Heinritz, Werner; König, Alexandra (2014): Pierre Bourdieu. Eine Einführung. 3.,
überarb. Aufl. Konstanz: UVK-Verl.-Ges (UTB, 2649). Online verfügbar unter http://
www.utb-studi-e-book.de/9783838542331. Zuletzt besucht am: 22.11.2021.

!14
Höss, Tilman. (2007): Kapital, Feld, Habitus und sozialer Raum: Pierre Bourdieu für
Anglisten. Essay in: Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik Aufl. 55(2). Online verfügbar
unter: http://www.zaa.uni-tuebingen.de/?attachment_id=235. Zuletzt besucht am:
22.11.2021.

Jurt, Joseph. (2012) Bourdieus Kapital-Theorie. In: Manfred Max Bergman (Hrsg.):
Bildung, Arbeit, Erwachsenwerden: ein interdisziplinärer Blick auf die Transition im
Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Wiesbaden: Springer. Online verfügbar unter:
https://www.freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:9318/datastreams/FILE1/content
Zuletzt besucht am: 22.11.2021.

Saunders. P. Judith (2008). F.Scott Fitzgerald. In: American Classics. Evolutionary


Perspectives. Veröffentlicht von Academic Studies Press. Online verfügbar unter: https://
link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-476-05528-6_13.pdf Zuletzt besucht am:
22.11.2021.

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6. Eidesstaatliche Erklärung

Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Hausarbeit ohne fremde Hilfe und ohne
Benutzung anderer als der angegebenen Quellen und Hilfsmittel angefertigt und die den
benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich
gemacht habe. Diese Arbeit hat in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner anderen
Prüfungsbehörde vorgelegen.

______22.11.2021, Lüneburg__________ Ort und Datum


_______Michelle Weber,_____ Unterschrift !

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