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Wien

zur geflissentlichen Verwendung bei einer sowohl ästhetisch betrachtenden


als auch kulinarisch verkostenden Reise

Gert Henning 10.10.2013

1. Von denen Vierteln

Da sind erst einmal die Stadtvierteln, auch Gretz’ln genannt (hat nichts mit Krätze zu tun,
kommt von Gradec : die Burg). Diese Alt-Wiener Gemeindebezirke - genauer: vormals
unabhängige Stadtteile um ein kirchliches oder politisches Machtzentrum herum – haben
teilweise ihr spezifisches Flair noch erhalten und sind zum Bummeln sehenswert.
Außerdem gibt’s in jedem Gretz’l was Sehenswertes zu besichtigen. Da gibt’s viele
davon in Wien zum Selberfinden:

- Vom Naschmarkt zum Spittelberg

Der Naschmarkt ist besonders in der Früh, aber auch zu jeder anderen Tageszeit
(außer am Abend) ein Erlebnis. Am Anfang des Naschmarktes steht die Sezession
(gegründet von den Protagonisten des Jugendstils). Dort beginnt ein orientalisch
anmutender Gemüse- und Lebensmittel-Bazar, samstags ein erlebenswerter
Riesen-Flohmarkt (erst ab der Stadtbahnstation Kettenbrückengasse, Schnäppchen
nur früh morgens möglich) mit echt levantinischem Charme. Inzwischen allerdings
vom Gemüsemarkt zur Fressmeile mutiert, vor allem die der Linken Wienzeile
zugewandte Reihe. Um den Naschmarkt herum finden sich urige Beisln, jene
typisch wienerische Gastwirtschaften mit teilweise vorzüglicher alt-österreichischer
Hausmannskost. Absolut authentisch: Die „Eiserne Zeit“ im Pavillon gegenüber
Linke Wienzeile Nr. 16, hier gibt’s das allerbeste Gulyas von Wien! Gut und
preiswert isst man in der „Goldenen Glocke“ Schönbrunnerstraße 8. Nicht
versäumen: Das schönste Ensemble mit Jugendstilhäusern in der Linken Wienzeile
(rechte Seite des Naschmarktes) ab ca. Nummer 38, u.a. das sogenannte
Majolikahaus.. In der Gumpendorferstraße Ecke Girardigasse ist das Sperl, eines
der letzten wirklich authentischen Kaffeehäuser (wem das Landmann gegenüber
dem Burgtheater zu nobel, das Central im Palais Ferstl zu touristisch, das Cafe
Schwarzenberg zu voll, das Griensteidl zu elitär oder das Brückl am Luegerplatz zu
teuer sind). Im Sperl trafen sich regelmäßig die Gründerväter der Sezession.
Mohntorte mit Melange genießen! Vom Sperl nach oben gehen, über die
Mariahilferstraße drüber, dort liegt das sehenswerte und neu renovierte
Museumsquartier (ehemalige kaiserliche Stallungen) mit mehreren Museen. Von
dort nur ein paar Minuten, die Burggasse hinauf, dann kommt der Spittelberg: 3
kleine parallele Gässchen beginnend unten von der Burggasse zur
Siebensterngasse hoch. Entzückende Biedermeier-Häuserln. Ein schon fast
verfallener, vor 15 Jahren revitalisierter Rest der echten Alt-Wiener Biedermeier-
Vorstadt. Hier wohnten im 18. Jahrhundert Hausdiener, Reitknechte der kaiserlichen
Stallungen und kleine Handwerker, ein Ausgangspunkt des Volksaufstandes von
1848.

Vom Karmeliterviertel zum Prater

Vom Schwedenplatz über den Donaukanal kommt man in den 2. Bezirk. Durch die
früher elegante Taborstraße, links von der Karmeliterkirche liegt der
Karmelitermarkt. Der 2. Bezirk war immer schon das dunkle, heidnische,
animalische Pendant zum 1. Bezirk, mit den Jäger- und Fischerdörfern, den
Matrosenkaschemmen an der Donau, dem jüdischen Ghetto und später mit dem
legendären Vergnügungsviertel im Prater. Die - liebevoll „Mazzes-Insel“ genannte -
Gegend jenseits des Donaukanals, eigentlich eine Donauinsel, war erste
Anlaufstelle aller Einwanderer aus dem Osten - für viele auch Endstation in
unvorstellbarem Elend, ein kleines Brooklyn. Der 2. Bezirk ist jetzt wieder ein
skurriles Multikulti-Viertel, in dem alteingesessene Wiener, Neuankömmlinge aus
dem Balkan und jüdische Wieder-Einwanderer leben. Nostalgische, leicht morbide
Vorstadt- und Marktatmosphäre mit Resten typischer Vergnügungsstätten der
Gründerzeit. Das Odeon Theater in der Taborstraße, vormals Getreidebörse,
beherbergt heute das Serapionstheater, mit ganz besonderen, auf Pantomime und
Tanz aufbauenden Darstellungen. Von der Taborstraße über die Rotensterngasse
zur Praterstraße. Sie war zur Jahrhundertwende elegante Geschäftsstraße, Flanier-
und Vergnügungsmeile und Zentrum des Theaterviertels. Ein exzellentes Lokal mit
Gourmet-Qualität ist der „Tempel“ auf Nummer 38. Von dort in den Prater. Er strahlt
zur Winterszeit eine fast gespenstische und typisch Wiener Weltuntergangs-
Stimmung aus. Im Frühling ist er noch immer unter blühenden Kastanien ein Stück
des guten, alten Wien. Zwar total überfüllt, aber ein Erlebnis besonderer Art: Die
Fahrt mit dem Riesenrad. Eine unglaublicher Blick auf die Wiener Innenstadt!

Das Servitenviertel

Ein Rest des bourgeoisen 9. Bezirks, mit dem freundlichen Servitenkloster als alt-
österreichisch anmutendem Mittelpunkt (die Kirche könnte auch in Graz, Linz,
Laibach oder Budweis stehen). Die Servitengasse mutet französisch an. Hier und
am Serviten Platz eine Reihe sehr guter Lokale, z.B. die Pasteria mit
hausgemachten italienischen Köstlichkeiten. Nicht vergessen: in die Serviten-Kirche
gehen und dem heiligen Antonius etwas opfern!
Von dort durch die Müllnergasse in die Porzellangasse, eine sehenswerte
Gründerzeit-Inszenierung. Am Jörg Mauthe Platz, Beginn der Porzellangasse und
der Berggasse ein vorzügliches Beisl mit ausgezeichneter Küche: Das Rebhuhn.
Wer will, schaut sich Sigmund Freuds Wohnhaus und Praxis in der Berggasse an
(kleines Museum und Cafe). Etwas stadtauswärts liegt das neu renovierte Palais
Liechtenstein in einem riesigen Park, ein sehenswertes Beispiel für die
Prachtbauten der k.u.k. Elite!
Durch die Porzellangasse fährt der D-Wagen, ein echter Geheimtip für eine Wien-
Besichtigungs-Straßenbahn-Fahrt. Beginnt am Südbahnhof, lohnend ein Besuch
des Oberen Belvedere (sehr sehenswerte An- und Aussicht! Schloß des Prinzen
Eugen von Savoyen). Die Strassenbahn Linie D fährt von dort hinunter zum Ring, an
allen Prachtbauten vorbei, die man gemütlich im Sitzen bewundert, biegt dann vom
Ring bei der Börse ab und steigt am J.Mauthe-Platz aus – direkt bei der
Servitengasse. Der D Wagen fährt weiter, am ehemaligen Franz-Josephs-Bahnhof
vorbei, kommt nach einiger Zeit zum Karl-Marx-Hof (sehr interessanter Prototyp des
sozialen Wohnungsbaus aus den zwanziger Jahren) und hat seine Endstation in
Nußdorf. Dort sind es nur ein paar Schritte zu Traditionsheurigen mit vorzüglichen
Weinen, ehemals Beethovens Stamm-Heurige. Sehr nett: Kierlinger.

2. Jetzt zu den anderen Vierteln

Liebevoll „Vierterln“ genannt. Die trinkt man erst ab Spätnachmittag (vorher gibt’s nur
Achterln). Zu empfehlen sind die Klosterkellereien, z.B. Melker Stiftskeller in der
Schottengasse, Esterhazykeller (Naglergasse, Fahnengasse), 12 Apostel Keller usw. –
die haben den besten Wein: Grüner Veltliner, Riesling aber auch mildere Sorten wie
Welschriesling, Sylvaner, Neuburger usw. Aber guten Wein gibt’s in fast jedem Beisl – haben
oft auch sehr gute Küche, z.B. Reinthaler im 1. Bezirk in der Dorotheergasse 2 oder in der
Gluckgasse 5, der Scherer am Judenplatz 7, gleich daneben ein gutes Vegetarisches
Restaurant.. Zum Heurigen: Muß man fast. Aber ja nicht in die Touristen und Neppheurigen
in Grinzing (dort gibt’s auch Excellente, aber die findet selbst stocknüchtern nur der Insider).
Empfehlung: Nußdorf. (Richtung Klosterneuburg). Muth, Welser, Meyer am Pfarrplatz.

3. Der erste Bezirk

Der erste Bezirk ist eine Welt für sich. Allerdings sehr unterschiedlich, leider auch über
weite Teile zugegebenermaßen wenig interessant. Am besten in kleinen Häppchen
genießen, von geeigneten Startpunkten aus. Dort immer auch nach oben schauen, jede
Gelegenheit nutzen, um in die Innenhöfe reinzugehen. Die schönsten Ecken sind:
- Freyung mit dem Palais Ferstl, drin ist das legendäre Jugendstil Cafe Central, von
dort zum Hof (sehr schöner Platz), zum Judenplatz, Kurrentgasse, Tuchlauben,
Petersplatz (Peterskirche ist die schönste Barockkirche Wiens), zum
- Graben, (am westlichen Ende des Grabens in die Naglergasse reinschauen), dann
einige „Pflicht“Übungen: zwischendurch einen original Wiener Imbiss (viel kopiert,
aber nur dort gibt’s die schmackhaften Orignal Aufstriche) im 100-jährigen
Trzeniewski in der Dorotheergasse, dort unbedingt einen „Pfiff“ trinken!
Anschließend kleiner Brauner im fast schon musealen Künstler-Cafe Hawelka (das
Besitzerehepaar ist hundertjährig unlängst verstorben) in der Dorotheergasse, die
Wände voller Bilder, die diverse Wiener Kunst-Größen dort zur Bezahlung ihrer
Schulden gelassen haben (allerdings hängen schon seit Jahrzehnten keine
Hundertwasser, Brauer, Lehmden, Fuchs etc. mehr da, die sind heute im Tresor),
dann von dort ins
- Dorotheum wo es alles an Kunst, Antiquitäten, Schmuck etc. zu ersteigern und auch
teilweise frei zu kaufen gibt, sensationell günstig und absolut reell, auch zum
Anschaun und gleichzeitig Aufwärmen lustig. Dann zum
- Kohlmarkt, am Kohlmarkt ist die k.u.k. Hofkonditorei Demel, ein Tempel aller Süßen
(gar nicht einmal so teuer, aber leider total vertouristet). Die besten Konditoreien:
Heiner und Diglas in der Wollzeile. Dann entweder zum Michaelerplatz, dort
Hofburgbesichtigung oder Lippizaner (wer Pferde liebt muss das sehen) oder in die
Nationalbibliothek – ehrwürdige Atmosphäre - oder zur Albertina (größte
Graphiksammlung der Welt und Filmmuseum) oder zurück zum Graben über den
Neuen Markt (dort ist die Kapuzinergruft mit den Kaisersärgen)
- Zwischen Hofburg Südseite und Museumsquartier ist ein städtebaulich
beeindruckendes Ensemble: Im Mittelpunkt die Maria Theresia, links die beiden
Museen, durchzogen von der Ringstraße, weiter Blick über den Heldenplatz.
- Zwischen Albertina und der Hofburg ist der Hofgarten mit Palmenhaus
- Die AIDA ist eine Wiener Institution, gibt’s überall in Wien, auch am Stephansplatz,
überall sehr guter Kaffee und frische Topfengolatschen
- In der Umgebung des Stephansplatzes (natürlich ist ein Besuch der Kirche ein
Erlebnis für sich!) auf der Ostseite liegen die wahren Juwelen Wiens:
- Der Franziskanerplatz, für mich der schönste Platz Wiens, den erreicht man vom
Stephansplatz aus am malerischsten über Schulerstraße, Domgasse (Mozarthaus)
Blutgasse, Grünangergasse, Singerstraße. Am Franziskanerplatz ist das skurrile
„Kleine Cafe“ , dann in die Ballgasse gehen (wie im Mittelalter) und über die
Weihburggasse wieder zurück zum Stephansplatz. Zwischen Schulergasse,
Wollzeile und Bäckerstraße gibt es viele Innenhöfe mit Durchgang, z.B. den
Schmeckerter Wurm Hof, dort gibt es den berühmten Figlmüller, der die größten
Wienerschnitzel serviert. Zum Essen nicht zu empfehlen, Massenabfertigung und
teuer. In der Bäckerstraße 2 : Renaissance Innenhof („Federlhof“) mit echten
Pawlatschen und darüber dem gotischen Wohnturm, in dem Seni, der Astrologe
Wallensteins hauste und starb. Vorher muß man aber unbedingt durch die
Schönlaterngasse gehen und in den Heiligenkreuzer Hof reinschauen sowie das
Basiliskenhaus bewundern. Daneben ist “Die alte Schmiede“ Literatentreffpunkt und
Kulturcafe. In der nahen Sonnenfelsgasse gibt es den „12Apostelkeller“ einer der
vielen, mehrstöckigen Weinkeller in der Innenstadt – am frühen Abend für ein
Vierterl, aber ganz nach unten in den tiefsten Keller gehemn! In der Bäckerstraße ist
auch Oswald&Kalb, das teure Nobel Beisl für betuchte Künstler und Intellektuelle,
nach Neuübernahme abzuraten.
- Wieder eine andere Ecke: Maria am Gestade, gleich hinter dem Judenplatz,
sehenswerte Architektur, in Richtung Schwedenplatz gehend kommt dann die
älteste Wiener Kirche, die Ruprechtskirche und von dort zu der alten Synagoge
(kaum erkennbar) zum Rabensteig und in den Fleischmarkt, dort gibt’s noch den
zweiten gotischen Turm im Innenhof des Griechenbeisl, von dort pittoresker Weg
zum Schwedenlatz.
- Sehr gutes gehobenes Beisl „3 Hacken“ Singerstraße – auch die Bierklinik ist lustig
(siehe Karte). Ein paar gute böhmische z.B.: „ Zu den 3 Buchteln“ Wehrgasse 9
Sehr gut ist der Czaak in der Postgasse, auch Vegetarisches und sehr gutes
böhmisches Bier.

4. Wie kommt man wo hin?

Die 8-Tage-Karte kostet 25 €: pro Person mit einem Streifen pro Tag fahren wo man will.
Das U-Bahnsystem ist exzellent. Man kommt schnell und problemlos von einem Brennpunkt
zum anderen.
Wichtige U-Bahn-Linien: U3 Westbahnhof zur und quer durch die Innenstadt.U4 nach
Schönbrunn (lohnender Spaziergang bei Schönwetter) und um die Innenstadt mit
Haltestellen: Kettenbrückengasse, Stadtpark, Schwedenplatz.
U1: Quer durch die Innenstadt von Karlsplatz über Stephansplatz zum Schwedenplatz und
weiter zum Praterstern.
Um den Ring herum und den Donaukanal entlang im Kreisverkehr: Linien 1 und 2.
Linie D vom Belvedere nach Nußdorf über den sehenswertesten Teil des Rings.

5. Geschichte

Wer sich für die europäische Geschichte interessiert, findet in Wien eine Fülle von Bauwerken,
Sammlungen, Museen und Zeugnissen aus längst vergangener Zeit.

Wegen der engen Verflechtung der Geschichte Wiens mit dem Römischen Reich, dem
mittelalterlichen Deutschen Kaiserreich, der spanischen Geschichte, vor allem in der Zeit der
Entdeckung der Neuen Welt, der Geschichte Europas in der Neuzeit und der Verstrickung Österreichs
in beide Weltkriege des 20. Jahrhunderts verfügen die österreichischen Sammlungen und Museen
Kunstwerke und Dokumente von weit über die Grenzen des heutigen Kleinstaates Österreich
hinausgehender Bedeutung.

Das historische Wien ist vermutlich eine keltische Gründung und weist alle Merkmale auf, die Kelten
bei der Anlage ihrer Oppida beachteten. Es ließ sich wegen seiner einmaligen topographischen Lage
leicht zu einer wirksam zu verteidigenden, natürlichen Festungsanlage ausbauen. Es lag an zwei
bedeutenden Weithandelsstraßen, dem Donaustrom einerseits, der wichtigsten Ost-West-Verbindung
Europas, und der nahen Bernsteinstraße, die von der Ostsee kommend bei Hainburg die Donau
querte und in südlicher Richtung über Marburg und Laibach nach Aquilea am Mittelmeer führte. Hinzu
kam die seit römischer Zeit immer wichtiger werdende Verbindung nach Italien über den Semmering
und Kärnten. Wien hatte also eine überragende strategische und logistische Bedeutung. Es bildete
daher schon bei der Wiederbesiedlung Mitteleuropas nach der Eiszeit einen wichtigen Brückenkopf.

Die Römer übernahmen Wien nach Gründung der Provinz Ufernorikum. Sie bauten Wien schnell zu
einem wichtigen Militärlager aus, das den Limes am Donauufer von Krems bis Bratislava (Pressburg)
kontrollierte und nannten diese Siedlung Vindobona. Die Hauptstadt blieb Carnuntum an der
Bernsteinstraße, Donau-abwärts bei Hainburg.
Nach der Aufgabe der Provinz Ufer-Norikum verfiel Vindobona zunächst. Es wurde in rascher Folge
von germanischen Stämmen, z.B. Rugiern und Langobarden, dann Hunnen, Goten, Franken, Slawen
und Ungarn genutzt, bis es die Babenberger im frühen Mittelalter zuerst zu einer Burganlage
ausbauten, dann zur Hauptstadt der Ostmark machten.

Als Residenzstadt der Habsburger nahm Wien im Spätmittelalter enormen Aufschwung und
entwickelte sich zu einer europäischen Metropole, die den Vormarsch der Türken 1683 erfolgreich
aufhielt. Danach verlief die Entwicklung Wiens stürmisch. Die k.u.k. Monarchie vereinte
deutschsprachige, böhmisch-tschechische, ungarische, kroatische und italienische Volksstämme und
war eine europäische Großmacht, die bis 1917 an die Türkei, an Russland und an Deutschland
grenzte. Der österreichische Kaiser, Jahrhunderte lang gleichzeitig als Römischer Kaiser deutscher
Nation auch Nachfolger Westroms, beeinflusste in der Neuzeit nachhaltig die Geschicke ganz
Europas. Gleichzeitig war Wien auch das Macht-Zentrum der katholischen Kirche in Osteuropa.

Um die Jahrhundertwende zählte Wien weit über 2 Millionen Einwohner und war ein Schmelztiegel
vieler Völker, Religionen und vor allem auch neuer Ideen. Auf engstem Raume (aber einander kaum
bekannt und voneinander völlig unabhängig) saß Trotzki mit russischen Emigranten im Cafe Mozart
und entwickelte das Konzept der kommunistischen Weltmacht Russland, nicht weit davon entfernt
wurde der Staat Israel im Freundeskreis des Theodor Herzel konzipiert, die Gründerväter der
Sezession entwarfen im Cafe Sperl einen ganz neuen Kunststil und der gescheiterte Kunstmaler Adolf
Hitler überlegte bei einem kleinen Braunen, ob er nicht doch lieber Propagandaredner werden sollte....

Wien liegt an der Mündung zweier spitz zusammenlaufender Flüsse in den Donaustrom. Der eine war
der - seit langem vollständig überbaute - Ottakringer Bach, dessen schluchtartiges, 20 Meter tiefes
Bachbett die Wipplingerstraße noch heute als Hohe Brücke quert. Der andere ist der Wienfluss, der
der Stadt ihren Namen gab. Er begrenzt, Wien in weitem Bogen umfließend, von Westen kommend
die Stadt im Süden und Osten. Dazwischen liegt ein Hochplateau mit in alle Richtungen steil
abfallenden Hängen. Freien Zugang zu Wien gab es in alter Zeit nur durch den Wienerwald.

Das römische Zentrum, das Forum von Vindobona, ist identisch dem heutigen Hohen Markt. Dieser
Platz ist durch die Anker-Uhr bekannt. Die jetzt sichtbaren Häuser wurden fast alle auf den Resten der
Fundamente römischen Bauten, zum Beispiel des Prätoriums, errichtet. Wipplingerstraße und
Bäckerstraße bildeten die Ost-West-Achse der römischen Stadt. Die Nord Süd-Achse wurde durch
Marc-Aurel-Straße, Tuchlauben und Kohlmarkt gebildet. Die das römische Militärlager umgebende
Befestigung begrenzte damals einen relativ kleinen Bereich des heutigen 1. Bezirks. Babenberger und
Habsburger dehnten die Vindobona umgebende Stadtmauer im Mittelalter sukzessive bis etwa zur
heutigen Ringstrasse aus. Die alte Herzog-Burg am Hof wurde von den Habsburgern durch einen
Neubau weiter südlich ersetzt. Die heutige Hofburg mit den Kaisergemächern enthält noch im Kern
diese mittelalterliche Bausubstanz. Am Michaelerplatz vor dem Nordtor der Burg sind noch schöne
Reste der Römerstadt frei zu sehen.

Im Norden blieb Wien stets durch den südlichsten Donauarm, der Ende des 19. Jahrhunderts als
Donaukanal reguliert wurde, begrenzt.

Der 1. Wiener Gemeindebezirk, auch Innere Stadt genannt, war Jahrhunderte lang das politische
Zentrum eines multikulturellen Imperiums. Die Gebäude des Verwaltungsapparats dieses
Riesenreichs, des kaiserlichen Hofes, der kulturellen Stätten, der Kirchen und Klöster, die Stadt-Palais
der führenden Adelsgeschlechter und die Zentralen und Niederlassungen bedeutender Handels- und
Produktionsgesellschaften prägen noch heute das Stadtbild des 1. Bezirkes. Nur Paris und Rom
übertreffen Wien noch an historisch bedeutender Bausubstanz in Europa.

Kaiser Franz Joseph fasste als junger Regent den kühnen Entschluss, die militärisch überflüssig
gewordene Stadtmauer zu schleifen, den dadurch gewonnenen Raum und das freie Feld davor
großzügig als Wiener Ringstrasse anzulegen und mit Prachtbauten zu bestücken. Diesem Großprojekt
verdanken wir die Neue Hofburg, den Volksgarten und den Burggarten, das Parlament, das
Naturhistorische und das Kunsthistorische Museum, die Oper, die Kunstakademie, das Burgtheater,
das neue Rathaus, die Neue Universität, die Votivkirche und eine Reihe von Ministerien und anderen
Prachtbauten längs der Ringstrasse von der Donau bis zur Donau.

In der Folge wurde in der sogenannten Gründerzeit der Raum zwischen Ring und Gürtel in mehreren
Wellen - jeweils durch Wirtschaftsrezessionen unterbrochen - flächendeckend mit Großbürgerhäusern,
Geschäfts- und Bürohäusern und Zinshäusern bebaut. Viele der alten Vorstädte fielen dieser
Neubebauung zum Opfer, ebenso, wie die Reste mittelalterlicher Bausubstanz im Zentrum. Wien
zählte damals ständig mehr als 500 Großbaustellen. Vom heutigen 10. Bezirk setzten sich jeden
Morgen eine halbe Million Menschen zu Fuß und per Fuhrwerk in Bewegung - die einen nach Süden
in die Ziegeleien, die anderen in die Stadt als Maurer, Zimmerer, Ziegelschupfer und Malterweiber
(Frauen, die in Kübeln den Maurern Mörtel zureichten).

Obwohl im zweiten Weltkrieg schwerst beschädigt (die Fotos im Stephansdom führen einem das
Ausmaß der Zerstörung durch den Bombenhagel auf die Innenstadt erschreckend vor Augen) ist Wien
heute vollkommen wiederaufgebaut. Zwar traten moderne, heute eher abschreckend wirkende
Zweckbauten der 50ziger und 60ziger Jahre an die Stelle vieler unwiederbringlich verlorenener
Baudenkmäler. Aber Vieles wurde liebevoll rekonstruiert und strahlt inzwischen in altem Glanz.

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