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Die historischen Grundlagen der Besiedelung Siebenbürgens

Der folgende Auszug aus einem Vortrag von Gernot Henning beschreibt die
geschichtlichen Voraussetzungen für die Einwanderung deutscher Bauern und
Handwerker, vornehmlich Moselfranken, in Siebenbürgern im 12. Jahrhundert.

Ohne Kenntnis der Geschichte der Zips nehme ich an, dass die Besiedlung auch
dieses Gebietes auf derselben Grundlage und in ähnlicher Weise erfolgt ist.

Ungarische Reiterscharen stürmten als Eroberer Donau-aufwärts, und wurden erst


955 in der Schlacht am Lechfeld vor Augsburg (Bild 1.1) von Kaiser Otto dem
Großen aufgehalten. Bischof Ulrich führte den entscheidenden Ausfall der
Augsburger an (Bild 1.2 Barockes Deckengemälde der Kirche Eresing).
Die Ulrich-Legende berichtet, dass er ohne Rüstung und unbewaffnet, nur mit dem
Kreuz in der Hand, an der Spitze der Augsburger Verteidiger den Ungarn entgegen
ritt (Bild 1.3.Brunnen vor dem Augsburger Dom).

Der spätere ungarische Großfürst Geisa I. (Bild 1.4.) war als junger Krieger mit dabei.
Auch wenn die Legende nicht stimmt – Geisa muss wohl ungeheuer beeindruckt
gewesen sein, nicht nur vom Mut des Bischofs und der Kraft seines christlichen
Glaubens, sondern vor allem vom hohen Niveau der mitteleuropäischen Kultur und
Handwerkskunst, die er als junger Mann auf dem Zug nach Augsburg kennenlernen
konnte. Nur 50 Jahre nach der von den Ungarn verlorenen Schlacht am Lechfeld
fand die Hochzeit seines Sohnes Stephan, dem späteren Heiligen, (Bild 1.5
Standbild auf der Fischerstiege in Budapest) mit der bayerischen Herzogstochter
und Kaiserschwester Gisela statt. Diese Hochzeit markiert einen Wendepunkt in der
Strategie der ungarischen Eroberer aus dem Geschlecht Arpads. Sie krönt die
Zusammenarbeit zwischen dem ungarischem Herrscherhaus und dem deutschen
Hochadel. Die Nachfolger Geisas warben gezielt deutsche Siedler zur
Urbarmachung
des fruchtbaren Landes im Karpatenbogen an. Deutsche Ritter, Handwerker und
Bauern hatten so maßgeblichen Anteil an der Erschließung und Stabilisierung des
ungarischen Großreiches, insbesondere Siebenbürgens. Ihre Privilegien sicherten
dem ungarischen Königshaus die Loyalität der wehrhaften Siebenbürger Sachsen
(in der lateinischen Kanzleisprache des ungarischen Königshauses „saxones“
genannt, nach dem typischen Kurzschwert der deutschen Siedler) - auch bei der
Durchsetzung der Herrschaftsinteressen des Königs gegenüber dem eigenen
ungarischen Landadel. Die deutschen Aussiedler standen in den folgenden
Jahrhunderten in ständigem Kontakt mit der alten Heimat. Neueste Technologien
und neues Wissen wurden so kontinuierlich nach Siebenbürgen transferiert.

Eine zweite, epochale Bewegung des hohen Mittelalters bewirkte ebenfalls einen
ständigen Austausch zwischen Siebenbürgen und der ursprünglichen Heimat der
deutschen Aussiedler, und förderte zweihundert Jahre lang in mehreren Schüben die
deutsche Ansiedelung in Siebenbürgen: Die Kreuzzüge in das Heilige Land.
Versetzen wir uns nun für einen Moment zurück in das hohe Mittelalter um 1070:
Die großen Wanderungen sind zu Ende, die Zuwanderung aus dem Norden hat
aufgehört. Die Völker Mitteleuropas sind sesshaft geworden, Slawen und Ungarn
haben das Christentum angenommen. Die ehemalige Osthälfte des römischen
Reiches mit seiner neuen, byzantinischen Kultur auf griechisch-christlicher Basis
steht in glanzvoller Blüte. Ostrom verteidigt Europa erfolgreich gegen den Osten.
Da rüttelt ein dramatisches Ereignis die Christenheit auf: Kaiser Alexios I von Byzanz
verliert ganz Anatolien, bisher eine Pufferregion zwischen Christentum und Islam, an
die islamischen Seldschuken unter dem Kalifen von Bagdad. Alexios ruft die
Christenheit mehrmals um Hilfe an. Papst Urban II erkennt seine Chance, die
kaiserliche Macht zu schwächen, die eigene zu stärken und die weströmische Kirche
mit der oströmischen zu vereinigen. Er fordert 1095 in einer klug überlegten,
dramatischen Rede (Bild 2) die Ritterschaft und den Adel auf, im Namen Gottes zu
den Waffen zu greifen und den Christen des Ostens zu Hilfe zu kommen. Er kreiert
damit nicht nur die Vision von der Eroberung Jerusalems für die Christenheit. Die
Kreuzzüge, die anschließend 200 Jahre lang das Geschehen in Europa bestimmen
sollten, lösten geistige, technologische und soziale Umbrüche aus, die in Verbindung
mit einer Klimaverbesserung zu einer Agrarrevolution und zur Differenzierung
städtischen Lebens führten. In diesem Umfeld vollzog sich die Kultivierung
Siebenbürgens durch deutsche Bauern, Handwerker und Ritter.

Der erste Kreuzzug 1096 war ein enthusiastischer „Volkskreuzzug“. Angehörige aller
Schichten zogen auf dem Landweg, der Donau folgend, dann über Sofia und
Konstantinopel nach Kleinasien (Karte Bild 3). Der Hinmarsch erfolgte meist unter
dem Schutz der Ritter, geordnet, zügig und zielorientiert, ohne größere Aufenthalte.
Der Rückweg vollzog sich unorganisiert und in kleineren Gruppen, auf allerlei
zufallsbedingten Umwegen und mit krankheits- oder wetterbedingten
Unterbrechungen. Es bedarf nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welchen
Eindruck das weite, fruchtbare und sonnendurchflutete Land nördlich des
Karpathenbogens bei den Bauern aus dem hohen Norden hinterließ! Wie erstaunt
mögen sie gewesen sein, in den Dörfern Siebenbürgens plötzlich das vertraute Idiom
der noch fernen Heimat zu hören! Nach diesen Eindrücken mag Vielen die Rückkehr
gar nicht mehr als so erstrebenswert erschienen sein, und vermutlich sind einige
dann für immer in diesem Paradies auf Erden geblieben!

1147 zogen die Kreuzfahrer erneut in großer Zahl durch Ungarn, was König Geisa II.
(Bild 4) nutzte, um ein Bündnis mit König Ludwig VII. von Frankreich zu schließen,
und Siedler anzuwerben. Durch den zweiten Kreuzzug kamen schätzungsweise
zwei- bis dreitausend Einwanderer, vornehmlich aus dem Rhein und Moselgebiet,
also genau jene Volksgruppen nach Siebenbürgen, die in der Siedlergemeinschaft
durch Sprachforschung, Messbücher, Baustil usw. nachgewiesen wurden (Bild 5.1).
So stellte sich ein Historienmaler des 19. Jahrhunderts diese Einwanderer vor (5.2).
König Andreas II. von Ungarn (Bild 6 in einer zeitgenössischen Handschrift) pilgerte
im fünften Kreuzzug 1217 selbst nach Jerusalem. Im Heer waren Ungarn und
deutsche Soldritter, in der lateinischen Kanzleisprache der ungarischen Könige
Saxones genannt. Der Name kommt vermutlich von Sax, dem germanischen
Kurzschwert mit einseitig geschliffener Schneide (Bild 7). Diese Saxen oder Sachsen
waren bei den Ungarn unbekannt und daher äußeres Erkennungsmerkmal
deutscher Ritter Siebenbürgens. Aber auch der freie Bauer trug sein Sax. Saxones
wurde so zum Sammelbegriff deutscher Siedler in Siebenbürgen, die hinfort auf
Deutsch „Siebenbürger Sachsen“ genannt wurden.
Derselbe König Andreas II. (Bild 8) erließ 1224 den "Goldenen Freibrief" auch
"Andreanischer Freibrief" genannt: Nicht mehr eine „Kolonisation von oben“ durch
den Deutschen Ritterorden, sondern eine Besiedlung des „Königsbodens“ durch
freie, vorbehaltlos dem König ergebene, deutsche Bauern ist der neue „Königsweg“.
Der Andreanische Freibrief ist eine der ältesten und liberalsten Verfassungsurkunden
Europas. Siebenbürgen entwickelte sich unter der Führung der deutschen
Minderheit und dank dieser Verfassung in den folgenden sechshundert Jahren zu
einer Kulturlandschaft. Sie bot – im Kontext ihrer Zeit - allen Ethnien Schutz, Stabilität
und Lebensraum. Selbst der Mongolensturm, der das Land über weite Strecken
entvölkerte (Bild 9), und die Einfälle der überlegenen türkischen Militärmacht,
konnten diese Ordnung nicht dauerhaft zerstören. Erst 1876 setzte der strategisch
wie politisch unerfahrene, von Anfang seiner Regierungszeit an falsch beratene und
völlig überforderte Kaiser Franz Joseph dieses Fundament eines freien,
multiethnischen und erfolgreichen Siebenbürgen außer Kraft.

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