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Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

5.2 Inca Garcilaso de la Vega – Comentarios Reales


“Transkription”: Theorie und Praxis der Literatur im “Zeichen der Postmoderne” – wäre dies nicht,
in Anspielung an den Generaltitel der Untersuchung, ein passender Titel für die vorstehende Borges-
Analyse? In der Tat, eine Reihe wesentlicher Merkmale, die in der Analyse zu Tage getreten sind,
legen es nahe, den 1941 entstandenen Text den Konventionen des heutigen akademischen Jargons
folgend als “postmodern” zu bezeichnen. An erster Stelle stand eine Lektüreerfahrung, bei der sich
der Theorie-Rahmen (“literarische Transkription”) und der Gegenstand der Analyse (“El jardin de los
senderos que se bifurcan”) in geradezu schwindelerregender Weise auf einander zuzubewegen
schienen. “Schwindelerregend”, so sahen wir, ist die Erfahrung bereits auf der Ebene der
Makrostruktur für den Protagonisten der Erzählung Yu Tsun: Vergangenheit und Zukunft, Raum und
Zeit, Fiktion und Wirklichkeit, Text und Metatext drohen aus den Fugen zu geraten – um es mit
Shakespeare und Deleuze zu sagen (vgl. oben S. 56, f.); sie sind dabei, die Trennschärfe
oppositioneller Begriffe zu verlieren... So weit, so gut. Lassen wir einmal außer Betracht, dass 1941
noch niemand den Begriff “postmodern” in seiner heutigen Bedeutung benutzt hat und der Borges-
Begeisterung der heutigen Postmodernen, vor dem Hintergrund einer strengen historischen
Chronologie betrachtet, der Makel des Anachronismus anhaftet, so erscheinen die Begriffe
“Transkription” und “Performanz” trotzdem geeignet, um die Erfahrung einigermaßen adäquat zu
beschreiben. “Transkription” wäre mithin ein postmoderner Begriff par excellence. Doch bewährt
sich der Begriff auch bei seiner Anwendung auf historisch entlegenere Gegenstände? Es ist dies die
Frage, die uns im folgenden beschäftigen soll. Wir versuchen sie zu klären im Blick auf die epochalen
Comentarios reales des peruanischen Mestizen Inca Garcilaso de la Vega.

5.2.1 Garcilaso und der Wille zur Wahrheit


Garcilaso einen spezifischen Willen zur Wahrheit zu unterstellen, gehört zu den ältesten Motiven der
Garcilaso-Rezeption. Nicht nur gilt er – in der Perspektive einer “nationalen” Literatur-Geschichts-
schreibung – als der erste “peruanische” Schriftsteller von Rang. Die Bedeutung seines Werkes liegt
vielmehr – so die lange Zeit vorherrschende Meinung seiner Leser – vor allem in seinem einzigartigen
Dokumentationswert für die untergegangene Geschichte und Kultur des Inca-Volkes: Die spezifische
Wahrheit der Comentarios reales ist nicht nur eine “diskursiv” begründete, sondern eine durch
Blutsverwandtschaft, Lebensumstände und das Band direkter, “mündlicher” Überlieferung au-

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thentifizierte. In der Tat, mütterlicherseits gehört Garcilaso zur Generation der Enkel der letzten Inca-
Dynastie. Sein Vater entstammte spanischem Hochadel und gehörte zur Offiziersriege der spanischen
Eroberer. Es ist dies die Rolle, in der Garcilaso in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert gelesen
wurde, als ein anderer Mestize – José Gabriel Condorcanqui, der sich später “Tupac Amaru II” nannte
– einen Aufstand entfachte, der die spanische Kolonialverwaltung in ernsthafte Schwierigkeiten
brachte. So absurd es aus der Sicht des heutigen Leser erscheinen mag, die Comentarios reales
wurden in die Kategorie “subversive Schriften” eingereiht, ihre Verbreitung und Lektüre unter Strafe
gestellt.
Für die Verfasser von Literaturgeschichten ist Garcilaso natürlich ein Historiker143. Sein Werk
steht in einer Reihe mit den Werken spanischer Chronisten der Zeit – so z.B. dem des Jesuiten Blas
Valera, Mestize wie Garcilaso selbst, der vom Autor der Comentarios reales gerne zitiert wird –,
obwohl der Wahrheitsgehalt der Erinnerungsgeschichte Garcilasos von seriösen Historikern eher in
Zweifel gezogen wird.144 Betrachtet man das Werk Garcilasos dagegen in kommunikationsstrategi-
scher Sicht – was im folgenden geschehen soll –, so verlieren die Gegensätze ihre kategroische
Schärfe: Die Ziele des peruanischen Patrioten145 sowie des quellenkundlichen, die Ergebnisse seiner
Kollegen zitierenden und sorgsam gegeneinander abwägenden Historikers finden sich aufgehoben in
der schöpferischen Praxis eines Subjekts, für das es im später 17. Jahrhundert noch keinen rechten
Namen gibt: Garcilaso schreibt weder im Auftrag des spanischen Königs noch ist er ein Hofschreiber
jener imperialen Gestalten vergangener Zeiten, deren Glanz und Untergang das Thema seines Werkes
bilden. Er lebt von den Pfründen, die ihm sein Priesteramt einbringt, zu dem er sich durchgerungen
hat, sowie den Einnahmen aufgrund eines Erbstücks seitens des spanischen Teils seiner Familie. Er
genießt Achtung aufgrund seiner militärischen Verdienste. Er hat einen Namen in Kreisen der

143
Vgl. das Garcilaso-Kapitel in M ichael Rössnern (Hg.) ( 32007): Lateinamerikanische Literaturgeschichte.
Stuttgart; W eimar: Metzler, S. 35, ff.

144
(recherchieren!!)

145
Obwohl es das Land seiner Mutter ist, bezieht sich der Autor auf das Land seiner Vorfahren als sein Vaterland:
“Von dem W unsch geleitet, die Reste der Geschichte meines Vaterlandes zu bewahren – das wenige, was
übriggeblieben ist –, damit sie nicht vollends verlorengehen, habe ich mich der Arbeit unterzogen – einer Arbeit,
die meine Kräfte übersteigt, sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft –, die Geschichte dieses alten
Gemeinwesen zu schildern bis zu seinem Untergang.” [Yo, incitado del deseo de la conservación de las antiguallas
de mi patria – esas pocas que han quedado – para que no se pierdan del todo me dispuse al trabajo tan excesivo
como hasta aquí me ha sido (y adelante ma de ser) al escribir su antigua república hasta acabarla.] (Garcilaso 1991:
433 [Buch VII, Kapitel VIII]; Übersetzung und Kursivschrift: W BB)

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spanischen Humanisten dank der 1590 erschienenen Übersetzung der berühmten Dialoghi d’amore
des León Hebreo. Garcilaso ist unabhängig. Er ist “freier Schriftsteller”, würden wir heute sagen. Er
schreibt für sein Publikum, das ihn liest, und für sich selbst. Literatur als Konstruktion einer Identität
– zunächst einmal, natürlich, als Konstruktion der Identität des Autors selbst, des Mestizen Garcilaso,
dann jedoch als Re-Konstruktion der Vergangenheit seines Volkes, dem er sich weiterhin als zu-
gehörig empfindet.
Kein Zweifel also: die Wahrhaftigen Kommentare sind beseelt vom Willen zur Wahrheit.
Natürlich soll hier nicht einer gleichsam metaphysischen Wahrheit der Wahrhaftigen Kommentare
das Wort geredet werden, sondern einer diskursiver Wahrheit. Auf dieser allgemeinen Ebene
unterscheidet sich das Werk Garcilasos von den Chroniken seiner spanischen Kollegen kaum. Auch
diese sind geleitet, auf der Ebene der sie konstituierenden “Diskurse”, durch einen je spezifischen
Willen zur Wahrheit146. Was den Diskurs Garcilasos von anderen Diskursen der Epoche dennoch
unterscheidet, ist eine explizite Reflexion über die besonderen Bedingungen, die es dem Autor der
Kommentare erlauben, das zu äußern, was er als seine Wahrheit betrachtet. Letztere findet ihren
Ausdruck auf zwei Ebenen.
Zum einen betont Garcilaso, dass er sich dank seiner Sozialisation in der Familie seiner
Mutter der Mehrheit der Chronisten der Neuen Welt, insbesondere jedoch den Chronisten spanischer
Herkunft, als überlegen betrachtet, und zwar insbesondere in sprachlicher Hinsicht. Der Anspruch auf
diese Überlegenheit wird an vielen Stellen der Kommentare wiederholt. Seine einfachste Formel ist
die folgende “Mini-Erzählung”: “Was ich schreibe – wie schon an anderer Stelle gesagt –, ist das, was
ich mit der Muttermilch eingesogen und von meinen älteren Angehörigen gesehen und gehört habe.“
(WK147: 139, kursiv WBB) Garcilasos Diskurs der Wahrheit der Kultur der Inkas sieht sich auf diese
Weise also auf eine autobiographische Erzählung verdichtet. Die Funktion dieser letzteren ist

146
Foucault zufolge (vgl. Foucault 1971) ist der W ille zur W ahrheit konstituierender Bestandteil des Ordre du
discours. Für den Diskurs selbst hat er konstituierende, ja definitorische Funktion: Durch ihren je spezifischen
W illen zur W ahrheit grenzen sich die einzelnen Diskursion oppositionell voneinander ab und “setzen sich durch”.
Da im Rahmen der Foucaultschen Diskurskritik die Position der “metaphysischen Wahrheit” fehlt, reduziert sich
der einem jeden Diskurs inhärente “W ille zur W ahrheit” auf das unhinterfragte – unhinterfragbare – Residuum der
Macht.

147
“Yo escribo, como otras veces he dicho, lo que mamé en la leche y vi y oí a mis mayores.” (CR III, XXI, p. 192;
cursivas: W BB) Die deutschen Zitate aus den Comentarios reales sind, stilistisch teilweise überarbeit, der
folgenden Ausgabe entnommen: Garcilaso de la Vega: Wahrhaftige Kommentare zum Reich der Inka [zitiert als
“W K”]. Ursula Thiemer-Sachse (Hg.), Deutsch von W ilhelm Plackmeyer, Berlin: Rütten & Loening, 1983.

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offensichtlich eine rhetorische. Sie dient – so können wir sagen – dazu, dem (narrativen) Inhalt der
Kommentare im Allgemeinen Wahrscheinlichkeit zu verleihen.
Soweit, gewissermaßen, die Oberfläche des Diskurses. Der Wille zur Wahrheit, der dem
Diskurs der Kommentare inhärent ist, tut sich jedoch noch auf einer anderen Ebene kund. Es handelt
sich – der Leser ahnt es schon – um die Ebene einer spezifischen Transkription. Sie betrifft die
“linguistische” Seite der Argumentation – “linguistisch” hier im modernen Sinne des Begriffs. Ihre
Funktion besteht darin – so können wir vorgreifend sagen –, der autobiographischen Erzählung ein
rationales, dem Sprach-Wissen der Epoche gemäßes Fundament zu verleihen. Was es nun im
weiteren Verlauf (unserer eigenen Argumentation) zu klären gilt, ist die Beziehung zwischen diesen
beiden Ebenen, der “autobiographischen” einerseits, der “linguistischen” andererseits. Zur
Rechtfertigung des Verfahrens sei ein kurzer Exkurs erlaubt:
Folgt man der Argumentation des belgisches Literaturwissenschaftlers Paul de Man – der sich
als einer der wichtigsten Begründer der “Dekonstruktion” einen Namen gemacht hat –, so präsentiert
sich der literarische Text grundsätzlich unter zwei oppositionellen Aspekten, einem “rhetorischen”
sowie einem “sprachlichen”. De Man demonstriert seine These an einer berühmten Stelle aus Marcel
Prousts A la recherche du temps perdu aus den Anfangskapiteln des Romans: Thema der Passage ist
eine längere Abhandlung des Erzählers über das Lesen, eine Passion, der der jugendliche Protagonist
Marcel in Combray gegen den erklärten Widerstand seiner um seine delikate Gesundheit besorgten
Familie in ausschweifender Weise frönt. De Mans ebenso eindrückliche wie überzeugende Lektüre
der Passage deckt einen, dem Text inhärenten fundamentalen Widerspruch auf: Gemäß der
Oberflächen-Rhetorik der Passage besteht ihre Botschaft in einem uneingeschänkten Lobpreis der
Metapher als nobelstes Merkmal literarischer Texte, dies sowohl auf Produktions- als auch auf
Rezeptions-Seite. Einer eingehenderen analytischen Lektüre hält die These jedoch nicht Stand: Dem
aufmerksamen Leser kann der Umstand nicht verborgen bleibern, dass der Text, um seine eigene
“These” zu beweisen, gleichzeitig in rekurrenter Weise Zuflucht sucht zu einem metonymisch
strukturierten, “grammatikalisch” aktualisierten Paradigma. Der hier zutage tretende Widerspruch von
“Rhetorik” und “Grammatik” ist Paul de Man zufolge konstitutiv für den literarischen Text im
Allgemeinen. Der Leser unserer Untersuchung mag selbst entscheiden, ob er, der These De Mans
folgend, “Dichtung [als] die avancierteste und verfeinertste Form der Dekonstruktion” (De Man 1988:
48) betrachten will.

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Auch bei Garcilaso findet sich der von Paul de Man als konstitutiv für literarische Texte
betrachtete Gegensatz zwischen “Rhetorik” und “Grammatik”. Ihn gilt es im folgenden näher ins
Auge zu fassen.

5.2.2 Die Rhetorik des Muttersprachlers


Der explizite Wille zur Wahrheit– von dem wir oben sprachen – hat seinen konkreten Ort in den
Kommentaren. Es handelt sich um die stetige Bezugnahme seitens Garcilasos auf die mündlich
weitergegeben Geschichten seiner Vorfahren in Cuzco:
Ich ward geboren acht Jahre, nachdem die Spanier meine Heimat erobert hatten und
wie ich gesagt habe, lebte ich dort, bis ich zwanzig Jahre alt war, und so sah ich
vieles, was die Indianer in jenem ihrem Heidentum trieben, was ich berichten und
wozu ich sagen werde, daß ich es gesehen habe. Außer dem, was ich durch
Familienangehörige und aus eigenem Erleben von den besagten Dingen weiß, ist mir
noch viel mehr von den Eroberungen und Taten jener Könige berichtet worden; denn
nachdem ich den Vorsatz gefaßt hatte, diese Geschichte zu schreiben, schrieb ich an
einstige Gefährten aus Schule und Lateinunterricht und trug ihnen auf, mir dabei zu
helfen, indem jeder nach seinem Vermögen berichten sollte, wie die Inka seine
Heimatprovinz erobert hatten; denn jede Provinz hat ihre Vergangenheit und ihre
Knotenschnüre mit Geschichten und Annalen und ihren Überlieferungen und behält
darum besser in Erinnerung, was sich in ihr und nicht, was sich in einer anderen
Provinz zugetragen hat. Meine Mitschüler nahmen ernst, worum ich sie bat, und ein
jeder von ihnen gab von meiner Absicht seiner Mutter und seinen Angehörigen zu
wissen, welche, da sie vernahmen, daß ein Indianer, Sohn ihres Landes, dessen
Geschichte schreiben wollte, aus ihren Archiven die Berichte von ihren Erlebnissen
hervorholten und mir schickten; und so erhielt ich von den Taten und Eroberungen
jedes Inka Kunde, welche die gleich ist, wie sie die spanischen Geschichtsschreiber
hatten, nur das diese Geschichte länger sein wird.148 (WK: 27)

148
Yo nací ocho años después que los españoles ganaron mi tierra, y como lo he dicho, me crié en ella hasta los
veinte años, y así vi muchas cosas de las que hacían los indios en aquella su gentilidad, las cuales contaré, diciendo
que las vi. Sin la relación que mis parientes me dieron de las cosas dichas y sin lo que yo vi, he habido otras muchas
relaciones de las conquistas y hechos de aquellos reyes; porque luego que propuse escribir esta historia, escribí a
los condiscípulos de escuela y gramática, encargándoles que cada uno me ayudase con la relación que pudiese
haber de las particulares conquistas que los Incas hicieron de las provincias de sus madres; porque cada provincia
tiene sus cuentas y nudos con sus historias, anales y la tradición dellas; y por esto retiene mejor lo que en ella pasó
que lo que pasó en la ajena. Los condiscípulos, tomando de veras lo que les pedí, cada cual dellos dio cuenta de mi
intención a su madre y parientes; los cuales, sabiendo que un indio, hijo de su tierra, quería escribir los sucesos
della, sacaron de sus archivos las relaciones que tenían de sus historias, y me las enviaron; y así tuvo la noticia de
los hechos y conquistas de cada Inca, que es la misma que los historiadores españoles tuvieron, sino que ésta será
más larga, como lo advertiremos en muchas partes della. (CR, I, XIX)

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Der Autor, der hier zu uns spricht, ist allerdings nicht mehr der 15jährige Schüler der Lateinschule im
Cuzco der 40er Jahre, der in den wenigen Stunden seiner Freizeit andächtig den Geschichten seiner
Familienangehörigen im Hause seiner Mutter lauscht, sondern ein Erwachsener von gut 50 Jahren,
der seit mehr als 35 Jahren in Spanien lebt und sowohl in der Kunst an der Waffe als auch in der
Schreibkunst ein Experte ist. Seit dem Scheitern seines Lebenstraums, Ruhm als Soldat seiner
Majestät zu erlangen, widmete sich Garcilaso vor allem dem Schreiben. Seit früher Kindheit mit den
Regeln der lateinischen und spanischen Grammatik vertraut, hat er sich seit seiner Ankunft in Spanien
auch mit der Bildungssprache Italienisch befaßt und die berühmten Dialoghi di Amore des León
Hebreo übersetzt. Kein Zweifel, der zukünftige Autor der Wahrhaftigen Kommentare darf sich als
“Humanist” bezeichnen. Das Werk, das er sich nun, mehr als drei Jahrzehnte, nachdem er sein
Geburtsland verlassen hat, zu schreiben beginnt, wird in mehr als einem Sinne sein Lebenswerk sein:
indem er seinen Blick zurück zu der “Republik”149 der Inka-Könige wendet, versucht er durch
Erinnerung, Vorstellungskraft und Schrift seine “Heimat”150 zu rekonstruieren. Was derart
rekonstruiert wird ist – gezwungenermaßen – ein imaginäres Objekt, Frucht des tiefen Wunsches nach
Versöhnung der Gegensätze, eine Synthese zweier Kulturen, Resultat eines “Kompromisses” – im
freudianischen Sinne – zwischen widerstreitenden Instanzen. Es besteht kein Zweifel, dass schon die
einleitenden Worte der “Vorrede” von diesen Widersprüchen durchdrungen sind:
Im Laufe der Geschichte bekennen wir die Wahrheit über sie und werden nichts von
Bedeutung sagen, ohne es mit eben jenen spanischen Historikern zu belegen, die es
ganz oder teilweise behandelt haben; denn es ist nicht meine Absicht ihnen zu
widersprechen, vielmehr ihnen mit Kommentar und Erläuterung zu dienen sowie
viele indianische Wörter zu dolmetschen, die sie als Fremdlinge in jener Sprache
unrichtig gedeutet haben, wie man ausführlich im Verlaufe der Geschichte sehen
wird.151 (WK: 7)
149
“De las grandezas y prosperidades pasadas venían a las cosas presentes: lloraban sus reyes muertos, enajenado
su imperio y acabada su república, etc. Estas y otras semejantes pláticas tenías los Incas y Pallas en sus visitas.”
(CR I, XV; kursiv: W BB) Wilhelm Plackmeyer übersetzt “república” mit “Staat”: “Von vergangener Größe und
Blüte kamen sie zu den Dingen der Gegenwart, sie weinten um ihre toten Könige, ihr verlorenes Reich und ihren
vernichteten Staat, etc. Solche und ähnliche Reden führten die Inka und Pallas während ihrer Besuche [...]” (W K:
15)
150
“Yo, incitado del deseo de la conservación de las antiguallas de mi patria – esas pocas que han quedado – para
que no se pierdan del todo me dispuse al trabajo tan exscesivo como hasta aquí me ha sido (y adelante me ha de ser)
al escribir su antigua república hasta acabarla.” (CR, VII, VIII; kursiv: W BB) “Von dem W unsch geleitet, die alte
Geschichte meiner Heimat zu bewahren, das wenige, das übrig geblieben ist, habe ich mich, auf dass es nicht
vollends verlorengehe, der Arbeit unterzogen, der so maßlosen, wie sie es für mich bislang war und weiterhin sein
dürfte, ihren alten Staat bis an sein Ende zu schildern [...]” (W K: 243)
151
“En el discurso de la historia protestamos la verdad de ella, y que no diremos cosa grande, que no sea
autorizándola con los mismos historiadores españoles que la tocaron en parte o en todo. Que mi intención no es
contradecirles, sino servirles de comento y glosa, y de intérprete en muchos vocablos indios que como extranjeros

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Ebenso wie die Philosophen des Mittelalters zu Aristoteles, bekennt sich Garcilaso zur Autorität der
spanischen Geschichtsschreiber. Sein eigener Text, so behauptet er, diene den Werken der spanischen
Autoren lediglich als „Kommentar und Erläuterung“. Was auf diese Bescheidenheitsgeste folgt,
entspricht jedoch beinahe einer Kriegserklärung, denn Garcilaso besteht auf der “kategorischen”
Überlegenheit des Muttersprachlers gegenüber allen Aussagen der spanischen Geschichtsschreiber
die “allgemeine Sprache der Indios” betreffend, eine Behauptung, die wird von nun an zu einem stets
wiederholten Motiv in den Kommentaren wird. In ihrer massivsten Formulierung findet sich das
Motiv im berühmten neunzehnten Kapitel (“Erklärung des Autors zur Geschichte”), in welchem
Garcilaso, die vorgebliche Kompetenz der spanischen Chronisten hinsichtlich der Sprache
kommentierend, unverblümt behauptet, ein “Spanier, der glaubt, vieles von dieser [der Sprache der
Indios] zu wissen, in Wirklichkeit neun Zehntel mißversteht“.152 (WK: 28) Wenn also neunzig
Prozent dessen, was die spanischen Geschichtsschreiber sagen, falsch ist, sieht sich die Autorität auf
dem Gebiet der Sprache ins Gegenteil verkehrt: der “Indio”, der zuvor noch behauptet hatte, sich der
Autorität der spanischen Geschichtsschreiber zu unterwerfen, ist es nun, der alle Autorität an sich
zieht. Der nervus probandi dieser Geste ist jedoch nicht nur die autobiographische Erzählung, sondern
eine explizit linguistische Argumentation, die vornehmlich in den “Vorbemerkungen zu der
allgemeinen Sprache der Indios von Peru” entwickelt und an Ort und Stelle in den Kommentaren –
wo der Kontext es erfordert – jeweils aufgerufen wird.
Um die wahre Dimension des Textes zu erkennen, reicht es jedoch nicht aus, die
linguistische Argumentation lediglich zu einer “wissenschaftlichen” Begründungsstrategie der
autobiographischen Erzählung zu erklären – so sehr man hiermit auch der bewußten
Argumentationsstrategie des Autors nahe zu kommen scheint. Wie im nächsten Abschnitt zu zeigen
sein wird, hat die linguistische Argumentation Garcilasos vielmehr den Status der Transkription. Sie
stützt sich auf ein sprachwissenschaftliches Praescript, das dem Autor selbst – aus Gründen der
Evidenz, so bleibt zu vermuten – offenbar nur ansatzweise bewusst ist. Die sprachwissenschaftliche
Argumentation Garcilasos (unter Einschluß ihres Praescripts, so werden wir sehen, sagt nicht nur
mehr als die autobiographische Erzählung, sondern sie sagt sogar etwas Anderes. Die rhetorische und
die sprachliche Ebene treten zueinander in Opposition. Wir befinden uns – den Kriterien Paul de

en aquella lengua interpretaron fuera de la propiedad de ella, según que largamente se verá en el discurso de la
historia. (“Proemio al lector”, CR, p. 4)

152
“Que el español que piensa que sabe más de él ignora de diez partes nueve [...]” (CR I, XIX)

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Mans zufolge – im Bereich der “Literatur”.

5.2.3 Das Argument der Schriftlichkeit: Garcilaso und Nebrija


Was an den Schriften der spanischen Geschichtsschreiber ins Auge fällt – so Garcilaso –, ist die
große Anzahl an Irrtümern, die sich in ihnen findet, wenn es um sprachliche Dinge geht. Die
Feststellung erklärt die Bedeutung der Vielzahl der “linguistischen” Exkurse, die der Autor in die
Kommentare eingestreut hat. Die umfassendste dieser Exkurse – und die systematischste – findet sich
allerdings bereits in den “Vorbemerkungen”. Nun, es ist nicht allzu schwierig zu zeigen, dass es sich
hierbei um die Transkription einer Passage aus dem ersten Buch der Grammatik der spanischen
Sprache (1492) – der ersten Grammatik in romanischer Sprache überhaupt – von Antonio Nebrija
handelt, welche den spezifischen Zielen der Kommentare angeglichen wurde. Wie Nebrija behandelt
Garcilaso zuerst die “Orthographie”153. Doch hören wir zunächst den spanischen Grammatiker:
Unser Quintilian sagt im ersten Buch seiner Unterweisungen in die Redekunst, dass
derjenige, der eine Sprache als System zu betrachten versucht154, zunächst wissen
muss, ob von den Buchstaben, die in Gebrauch sind, einige übrig sind und ob
umgekehrt andere fehlen. Und da die Buchstaben, die wir gebrauchen, vom
Lateinischen übernommen wurden, müssen wir zuerst überprüfen, wie viele der von
uns gebrauchten Buchstaben aus dem Lateinischen stammen und ob von diesen
einige zu viel sind oder andere fehlen, damit wir von da aus leichter zu dem
kommen, was das Spezifische unserer Betrachtung ist.155 (Nebrija, Gramática I, IV)

So weit Nebrija also zu Beginn des vierten Kapitels des ersten Buches. Dank der Arbeiten von
Thomas Baldischwieler ist die Interdependenz zwischen der Gramática von 1492 und den
Introductiones latinae von 1481 und, vor allem, der Introduciones latinas contrapuesto el romance
al latín (desselben Autors) von 1486 bekannt. Es scheint uns daher zutreffend, den von Nebrija
gebrauchten Ausdruck “reducir en artificio algún lenguaje” als Postulat einer Ausdrucksebene zu
153
Als Teil der Grammatik, so Nebrija, gilt die Orthographie als “Wissenschaft des guten und richtigen Schreibens.
Eben dieser W issenschaft kommt es zu, die Anzahl und die Beschaffenheit der Buchstaben zu kennen und zu
wissen, durch welche Formen die W örter und die Satzteile abzubilden sind.” (Nebrija, Gramática, I, I) [“la
ortografía (es) la sciencia de bien y derechamente escriuir. A ésta esso mesmo pertenece conocer el número y fuerça
delas letras y por qué figuras se an de representar las palabras y partes dela oración.”]
154
Zu unserer Übersetzung des schwer verständlichen Ausdrucks “reducir en artificio algún lenguaje” vgl. unseren
nachfolgenden Kommentare der Stelle. Die Schwierigkeiten der Übersetzung des Ausdrucks demonstrieren die in
der Tat erstaunliche Modernität Nebrijas.
155
“Dice nuestro Quintiliano en el primero libro de sus Oratorias Instituciones, que el que quiere reducir en
artificio algún lenguaje, primero es menester que sepa si de aquellas letras que están en el uso sobran algunas, y si
por el contrario, faltan otras. Y porque las letras de que nosotros usamos fueron tomadas del latín, veamos primero
cuántas son las letras que están en el uso de la lengua latina, y si de aquellas sobran o faltan algunas, para que de
allí más ligeramente vengamos a lo que es propio de nuestra consideración.”

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verstehen, die wir heutzutage metalinguistisch nennen würden: um über irgendeine Sprache zu
sprechen – vor allem beim Vergleich verschiedener Sprachen – benötigt man ein tertium
comparationis, d.h. eine andere Sprache, die sich unterscheidet von den Sprachen, die wir
vergleichen. Eben diese Ausdrucksebene nennt Nebrija – mit Quintilian – “Schrift”. Man muss sich
jedoch vor einer sozusagen doppelt anachronistischen Konfusion in Acht nehmen. Einerseits hat die
Thematisierung der Orthographie (sowohl bei Quintilian als auch bei Nebrija) nichts zu tun mit einem
vermeintlichen Vorrang der “phonologischen” Ebene (gegenüber der Ebene der “Schrift”), was man
in der Post-Saussurschen Epoche, in der wir leben, vermuten könnte156. Andererseits entspricht der
Begriff der “Schrift” bei Nebrija und seinen Zeitgenossen – die in diesem Sinne der durch das
gesamte Mittelalter gültigen Terminologie folgen – nicht dem, was man heutzutage seit de Saussure
und, vor allem, seit Jacques Derrida “écriture” nennt. Ganz im Gegenteil gibt es in der Epoche
Nebrijas keinerlei kategorischen Gegensatz zwischen “Schrift” und “Aussprache”157. Der Diskurs der
“Grammatiker” – “die wir in unserer Sprache als letrados bezeichnen können” (Nebrija, Gramática
I, I; kursiv WBB) – ist grundsätzlich wertend und präskriptiv. “Unter allen Dingen, auf die die
Menschen durch Erfahrungen gestoßen sind [...] waren keine anderen so notwendig noch gab es eine,
die uns einen größeren Nutzen beschert hätte, als die Erfindung der Schrift“158 (Nebrija, Gramática,
I, II), sagt Nebrija. Dank der Schrift entzieht sich die Sprache dem Einfluss ihrer schlimmsten Feinde,
die sie bedrohen: dem Vergessen und dem Wandel. Es steht also außer Frage, dass nur eine durch die
Schrift repräsentierte und “stabilisierte” Sprache die Mission erfüllt, die ihr bereits in den ersten
Sätzen der berühmten Widmung der Grammatik für die Königin Isabel zugedacht ist: “stets [...]
Gefährtin des Imperiums“ zu sein.

5.2.4 Das Prinzip der Eindeutigkeit zwischen “Schrift” und “Aussprache“


Nebrija führt allerdings noch ein weiteres Element in die Argumentation der “letrados” ein. Wenn
diese sich bis jetzt mit der aristotelischen Devise zufrieden gegeben haben, dass die Schrift die
Stimme repräsentiert – in derselben Art und Weise wie diese die “Gedanken” –, ohne dass die Anzahl

156
Daher rührt die problematische Interpretation der Grammatik von Braselmann (1991); vgl. Baldischwieler,
2004, S. 52. Für eine detailliertere Darstellung vgl. Baldischwieler, 2004, S. 53; vor allem Fußnote 227.
157
Für eine detailliertere Darstellung vgl. Baldischwieler, 2004, S. 53; vor allem Fußnote 227.
158
“Entre todas las cosas que por experiencia los ombres hallaron [...], ninguna otra fue tan necessaria: ni que
maiores provechos nos acarreasse que la invención de las letras.”

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der Buchstaben exakt der Anzahl der bei der Aussprache realisierten Laute entsprechen müßte159 –, so
insistiert der spanische Grammatiker nun – hinsichtlich der Beziehung zwischen “Schrift” und
“Stimme” – auf dem Prinzip der Eindeutigkeit: Es sei inakzeptabel, behauptet er, dass die Anzahl der
ausgesprochenen Laute diejenige der Buchstaben überschreite. Es gelte vielmehr das Prinzip, dass wir
nicht nur “schreiben wie wir sprechen”, sondern auch so “sprechen wie wir schreiben, da die
Buchstaben ja ansonsten vergeblich erfunden soren wären”160 (Nebrija, Gramática I, V). Mit Recht
haben moderne Kommentatoren der Grammatik in der Haltung Nebrijas Züge einer “exzessiven
Rationalität”161 wiederzuerkennen versucht, was – Bernhard Teuber zufolge – als Hinweis auf die
tiefverwurzelte “Grammatik-Zentriertheit162” der Epoche gewertet werden muß (Teuber 1987: 49-50).

5.2.5 Garcilaso – „Inga“ und „letrado”


Lassen sie uns also fragen wie Garcilaso selbst das Modell der Grammatik Nebrijas – und die
Argumentation der “letrados” im Allgemeinen – benutzt, um das Ziel seiner diskursiven Strategie zu
erreichen. Es fällt dabei auf, dass in den “Vorbemerkungen” keinerlei Bezug genommen wird auf das,
was es – wie der Autor dies in anderen Passagen der Kommentare erklärt – als Hauptdefekt dieser
Sprache zu betrachten gilt, nämlich das Fehlen der “Schrift”163. Wie also lässt sich dieses Versäumnis
erklären? Nun, unter anderem erklärt es sich durch die Tatsache, dass das eigentliche Thema der
„Vorbemerkungen“ nicht die „Sprache der Indianer“ ist, sondern die Kompetenz des Autors in Bezug
auf diese. Garcilaso bedient sich also Nebrijas Modell, um, wenn schon nicht das Objekt, über das er
spricht, so doch wenigstens, seine eigene Manier von ihm zu sprechen, zu ins rechte Licht zu rücken,

159
Vgl. z.B. eine Formel des Grammatikers Prisciano aus dem VI. Jahrhundert: “Sunt igitur figurae literarum
quibus nos utimur viginti tres, ipsae vero pronuntiationes earum multo ampliores, quippe cum singulae vocales
denos inveniantur sonos habentes vel plures, ut puta a litera brevis quattuor habet soni differentias, [...].” (Prisciani
Grammatici Caesariensis Institutionum grammaticarum libri VIII; Ausgabe: Grammaticdi Latini, ed. Heinrich Keil,
Leipzig 1855-80, vol. 3, S. 7, Zeile 6-9; zit. nach Baldischwieler 2004: 48).
160
“[...] así que tenemos de escribir como pronunciamos, y pronunciar como escribimos, porque en otra manera en
vao fueron halladas las letras.”
161
“Die Rationalität wird von Nebrija auf die Spitze getrieben, wenn zwischen Sprechen und Schreiben ein
Verhältnis der Eindeutigkeit bestehen soll [...]” (Baldischwieler 2004: 48).
162
“Gramático-centrismo”, sagt Teuber wörtlich. Der Ausdruck enthält eine deutliche Anspielung nicht nur auf die
“Grammatiken” der Epoche, sondern auf Derridas “Realisierung” der M etapher von den “gramata” (Schriftzeichen)
im Titel seines Hauptwerks De la gammatologie.
163
“Inka, Oheim, ihr habt ja keine Schrift,” will der jugendliche Garcilaso bereits in Cuzco bei den Familientreffen
im Hause seiner Mutter, gefragt haben, “und sie ist es, die die Erinnerung an Vergangenes bewahrt. W elche Kunde
habt ihr von Ursprung und Anfang unserer Könige?” (W K: 15) [“Inca, tío; pues no hay escritura entre vosotros, que
es la que guarda la memoria de las cosas pasadas, ¿qué noticia tenéis del origen y principio de nuestros reyes?” (CR
I, XV]

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Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

seine Kompetenz als Muttersprachler. Diese Kompetenz jedoch – um der Argumentation Nebrijas zu
folgen – muss notwendigerweise eine auf das Konzept der “Schrift” gestützte Kompetenz sein. Hier
liegt der Grund verborgen, warum Garcilaso seinen Bericht bezüglich der “allgemeinen Sprache der
Indianer” – ebenso wie es der Autor der Grammatik in Bezug auf das Lateinische und das Spanische
tut – mit einem Inventar der jeweils in der “Sprache der Indianer” und in der der Spanier gefundenen
Buchstaben beginnt.
Es ist dennoch offensichtlich, dass sich die Wege Nebrijas und Garcilasos von nun an trennen
werden: während die Aufmerksamkeit des ersten sich auf die Zukunft richtet, wendet sich die
Perspektive des letzteren der Vergangenheit zu. Was der spanische Grammatiker im Wesentlichen zu
zeigen versucht, ist, dass das Spanische einen Entwicklungsstand erreicht hat, der es erlaubt, die
Sprache als gleichberechtigt mit dem Lateinischen anzusehen164. Von diesem Gesichtspunkt aus
betrachtet ist das Postulat der Eindeutigkeit zwischen Schrift und Stimme – das von Nebrija165
erfunden wurde – lediglich das letzte Glied in einer Argumentslinie, deren Dynamik natürlich bestens
in Einklang steht mit dem berühmten, an die Königin Isabel gerichteten “imperialistischen” Motto der
Grammatik, das wir oben zitiert haben.
Garcilaso seinerseits hat andere Probleme. Obwohl er sich selbst seit der Übersetzung der
Dialoghi des León Hebreo aus dem Jahre 1586 – die von den spanischen “letrados” mit Beifall
aufgenommen wurde – als einer von ihnen betrachten kann, darf man nicht aus den Augen verlieren,
dass Garcilaso bereits die Dialoghi mit “Garcilaso Inga de la Vega” unterschrieben hatte.166 Dies
scheint eine Ankündigung für die Zukunft zu sein. Ich spreche natürlich von der neuen Rolle, die der
Autor in den Kommentaren annehmen wird, derjenigen eines entschiedenen Verteidigers des
kulturellen Erbes seines eigenen, gerade durch die Fehlinterpretationen der spanischen
Geschichtsschreiber, bedrohten Volkes. Wie kann er ihnen gegenüber sein Anliegen verteidigen? Die
Antwort liegt auf der Hand: mittels derselben Waffen, die jene seit jeher benutzen, der Schrift. Die
Alternative – sich allein mit der mündlichen Kompetenz des Muttersprachlers gegen sie zu
verteidigen – käme einmal mehr dem ungleichen Kampf zwischen indianischen Pfeilen und

164
Das ist, letzten Endes, der intellektuelle W eg Nebrijas von den Introductiones latinae (von 1481) über Las
introduciones contrapuesto el romance al latín (von 1486) bis hin zur Gramática de la lengua española (von
1492); vgl. Baldischwieler, 2004.
165
D er “Gedanke einer ‘Universalisierung des Alphabets’ findet sich erstmals in der Gramática de la lengua
española” (Baldischwieler 2004: 47; vgl. Teuber 1987: 44).
166
Vgl. den “Ìndice analítico y glosario”, p. 746, der dem 2. Band der hier benutzten spanischen Ausgabe der CR
angefügt ist

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Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

spanischen Schusswaffen gleich. Aus diesem Grund beginnen die Vorbemerkungen zu der
allgemeinen Sprache der Indios ausgerechnet mit einem Inventar von Buchstaben, die jeweils in der
“Sprache der Indianer” und in der der Spanier gefunden wurden. Vergleicht man nun das eine mit
dem anderen, so lautet die Schlussfolgerung, dass in der “Sprache der Indios”:
[...] insgesamt sechs Buchstaben des spanischen oder kastilischen Alphabets fehlen;
und wir könnten sagen, dass es mit dem einfach l und dem doppelten rr acht sind; die
Spanier fügen diese Buchstaben zu Schaden und Verderbnis der Sprache hinzu, und
da die Indianer sie nicht haben, sprechen sie die spanischen Wörter, in denen diese
Buchstaben vorkommen, gemeiniglich falsch aus.167 (WK: 9)

5.2.6 Die “corruptela”168 der Spanier und das Argument der Milch
Worauf es bei dieser Schlußfolgerung zu achten gilt, ist nicht nur das “Schrift”-Argument, in dessen
Kontext jetzt das Spanische und die “allgemeine Sprache der Indios” als gleichberechtigte behandelt
werden sollen, sondern noch ein weiteres, in den Schriften der Epoche verbreitetes Argument – wenn
es darum geht, die lateinische und die romanischen Sprachen miteinander zu vergleichen –, das
Argument der Korruption. Der gemeinhin anerkannten Meinung der Epoche zufolge ist das
Spanische ein “korrumpiertes Latein” (Gauger 1967: 214). Die Ambivalenz, die dem Konzept
innewohnt, ist mithin bekannt: auch wenn einerseits feststeht, dass sich das “Romanische” zumindest
vom morpho-sytaktischen Gesichtspunkt her gesehen weiterhin als “korrumpiertes Latein” darstellt,
ist andererseits die Tatsache nicht weniger evident, dass die lingua vulgaris seit geraumer Zeit einen
Entwicklungssstand erreicht hat, der dem des Lateinischen durchaus vergleichbar ist. In den Schriften
der Humanisten findet sich sowohl die eine als auch die andere Behauptung.169
Nun ist die Position Garcilasos offensichtlich eine andere. Auf der einen Seite gibt es einen
sozusagen “technischen” Aspekt der Angelegenheit: die “Korruption” wird als Resultat der

167
“[...] del todo faltan seis letras del a.b.c. español o castellano. Y podremos decir que faltan ocho, con la l sencilla
y con la rr duplicada. Los españoles añaden estas letras en perjuicio y corrupción del lenguaje. Y, como los indios
no las tienen, comúnmente pronuncian mal las dicciones españolas que las tienen.” (CR: p. 5)
168
Der Begriff der “corruptela” (statt “corrupción”) wird in CR, VIII, XVIII verwandt. Im María Moliner (2 a
edición en CD-ROM) wird der Begriff als “Hecho, situación o costumbre en que hay corrupción o falta de honradez
en la administración” definiert. Im Tesoro de la lengua castellana o española von Covarrubias (1611) wird der
Ausdruck im Artikel “corromper” am Ende aufgeführt, und zwar als “”término forense”.
169
In seinen Studien über den “Linguisten” Bernardo Adrete (1565-1645) hat Hans-Martin Gauger jedoch
herausgestellt, dass eine “moderne” Lösung des Dilemmas – die Diskussion bezüglich der Korruption als einen
ersten Schritt in Richtung einer modernen Theorie des Lautwandels zu erklären – ein anachronistischer Fehlschluss
ist (Gauger 1967: 238). Baldischwieler unterstreicht seinerseits, dass die Ambivalenz in der Gramática de la lengua
castellana anhält, obwohl das W ort “korrumpieren” im Begriff sei, seine „negative Konotation“ zu verlieren
(Baldischwieler 2004: 61).

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Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

Konfrontation zweier linguistischer Systeme betrachtet, die beide über ein unterschiedliches Inventar
an “Buchstaben” verfügen.170 Auf der anderen Seite ist es offenkundig, dass die Korruption aus
Garcilasos Perspektive ihren ambivalenten Charakter verloren hat. In der Tat ist für ihn
“korrumpieren” – schlicht und einfach – das, was zu diesem Lemma im Wörterbuch steht: “die Natur
einer Sache zum Schlechten hin verändern”171 (María Moliner). Somit kehrt eine Idee zurück, die bei
den Linguisten der Epoche auf die zweite Argumentationsebene verbannt war: die Idee des originalen
Textes. Der Diskurs der Korruption hört auf diese Weise auf, eine akademische Fragestellung zu sein.
Sein Objekt ist jetzt ausschließlich das Wesen selbst der Sprache oder anders gesagt, ihre Bedeutungs-
generierende Funktion. Damit liegt das Urteil fest: die spanische “corruptela” stellt eine flagrante
Bedrohung dar für den dem Originaltext inhärenten Sinn.
Trotzdem ist die Argumentation Garcilasos bis hierhin immer noch der Debatte zwischen
“Latinisten” und Spezialisten der “romanischen Sprachen” vergleichbar. Erinnern wir uns daran, dass
Nebrija selbst ebenfalls von einem “kontrastiven” Inventar der existenten “Buchstaben” im
Lateinischen und im “Romanischen” ausgegangen war. Was jedoch bei Nebrija fehlt, ist die
semantische Argumentation, die für Garcilaso entscheidend ist.172
Die Frage, die sich im Folgenden stellt, ist der Grund dieser neuen Akzentuierung des
Phänomens der “Korruption” seitens Garcilasos: Warum stellt die “Korruption” eine Bedrohung für
die Bezeichungsfunktion der Sprache dar? Nun, das uns bereits bekannte Zitat gibt uns hier den Weg
vor. Garcilaso bezieht sich auf das Phänomen der “Interpolation”: „die Spanier fügen diese
Buchstaben zu Schaden und Verderbnis der Sprache hinzu, und da die Indios sie nicht haben,
sprechen sie die spanischen Wörter, in denen diese Buchstaben vorkommen, gemeiniglich falsch
aus.“ Die Korruption ist also die Konsequenz der Aussprache. Der linguistischen Terminologie von
heute zufolge ist sie also die Konsequenz von Differenzen auf der phonetischen Ebene beider
170
Im Quechua fehlen “sechs Buchstaben des spanischen oder kastilischen Alphabets [… ] und wir könnten sagen,
dass es mit dem einfachen l und dem doppelten rr acht sind“ (W K: S. 9; kursiv: W BB). Der Prozess selbst der
Korruption wird auf der Basis eines Konzepts beschrieben, das die Philologen „Interpolation“ zu nennen pflegen:
„die Spanier fügen diese Buchstaben zu Schaden und Verderbnis [“corrupción”] der Sprache hinzu.“ (W K: 9)
171
“Cambiar la naturaleza de una cosa volviéndola mala”
172
Nie wäre es einem spanischen Grammatiker in den Sinn gekommen anzunehmen, dass sich einem Gelehrten
seiner Epoche, aufgewachsen in der “romanischen Sprache” (“romance”!), der tiefere Sinn beispielsweise einer
horazischen Ode, die in klassischem Latein verfasst ist, entgehen würde. Denn die Elite der spanischen Gelehrten
war seit den fernen Zeiten Alfons des Weisen mit dem Phänomen der Übersetzung vertraut: Ü bersetzungen vom
Lateinischen ins Hebräische, vom Hebräischen ins Arabische und vom Arabischen ins „Romanische“ (und natürlich
stets in beide Richtungen!) Jedermann wusste, dass sich von Übersetzung zu Übersetzung etwas verliert, aber auch,
dass man vieles gewinnt. Die Kultur, die Geschichte der Kulturen ist immer dies eine: ein unendlicher Prozess von
Übersetzungen.

106
Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

Sprachen.
Angesichts der “Grammatik”-Zentriertheit, welche – Bernard Teuber zufolge – die
Sprachreflexion seit der Epoche Nebrijas bis Garcilaso beherrscht, muß der Vorrang, der dem
phonetischen Phänomen der Sprache nunmehr erteilt wird, überraschen. Es handelt sich – unserer
Meinung nach – jedoch lediglich um ein Argument ex contrario, dessen Funktion darin besteht, von
den Grenzen des Systems aus, die untergründig wirksame Grammatik-zentrierte Argumentation zu
stabilisieren. Tatsächlich sind die Grenzen des festen Inventars an Buchstaben, das kennzeichnend ist
für jede Sprache, phonetischen Charakters. Ihr Ursprung ist auf einen Lernprozess in der frühen
Kindheit zurückzuführen. Die Argumentation an sich hat nichts Neues an sich. Die Hypothese
Nebrijas, das Inventar der in der frühen Kindheit erlernten Aussprache sei nicht nur unveränderlich,
sondern auch von einer Sprechergemeinschaft auf eine andere unübertragbar, jedoch ist neu (vgl.
Baldischwieler 2004: 50):
“Aber, obwohl dem Menschen die Aussprache angeboren ist, besitzen manche
Sprachen gewisse Aussprachen, die Menschen anderer Nationen nicht einmal unter
großen Mühen aussprechen können. Und deshalb sagt Quintilian, dass, so wie die
Kletterer ihre Gliedmaßen seit frühester Kindheit in bestimmte Formen beugen und
biegen, um später jene Kunststücke zu vollführen, die wir, die wir schon steif sind,
nicht machen können; derart müssen sich die Kinder, während sie noch klein sind, an
alle Aussprachen der Buchstaben gewöhnen, die sie einst werden gebrauchen müssen.
So wie das, was wir in der uns bekannten Sprache mit doppeltem „l“ schreiben, in
seiner Art eine unserer Nation eigene Aussprache ist, die weder Juden noch Mauren
noch Griechen noch Lateiner aussprechen können und noch weniger haben sie eine
Abbildung in Form eines Buchstabens, um es schreiben zu können.”173 (Nebrija,
Gramática, I, III)

Es bleibt also kein Zweifel, dass der Dogmatismus Nebrijas Garcilaso gelegen kommt. In der Tat ist
die Behauptung des spanischen Grammatikers, dass das Entstehen des phonetischen Systems –
welches von den traditionellen Grammatikern in dem Kapitel, das die Aussprache behandelt,
thematisiert wird – in letzter Instanz von unwiederbringlichen Lernprozessen in der frühen Kindheit
abhängt, nichts anderes als die sozusagen “wissenschaftliche” Version der autobiographischen

173
“Mas, aunque las voces sean al hombre connaturales, algunas lenguas tienen ciertas voces que los hombres de
otra nación, ni aun por tormento no pueden pronunciar. Y por esto dice Quintiliano que así como los trepadores
doblegan y tuercen los miembros en ciertas formas desde la tierna edad, para después hacer aquellas maravillas, que
nosotros los que estamos ya duros no podemos hacer, así los niños mientras que son tiernos se han de acostumbrar
a todas las pronunciaciones de letras, de que en algún tiempo han de usar. Como esto que en nuestra lengua común
escribimos con doblada 'l', así es voz propia de nuestra nación, que ni judíos, ni moros, ni griegos, ni latinos, la
pueden pronunciar, y menos tienen figura de letra para la poder escribir.”

107
Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

Erzählung, welche Garcilaso dazu dient, gegenüber der spanischen Öffentlichkeit im Allgemeinen
und insbesondere gegenüber den spanischen Chronisten, seine Autorität als Muttersprachler zu
festigen. Ich erlaube mir, noch einmal den Satz zu zitieren, in dem die Argumentation des Autors
gewissermaßen kondensiert zum Ausdruck gelangt: “Ich schreibe, wie schon an anderer Stelle gesagt,
das, was ich mit der Muttermilch eingesogen und von meinen älteren Angehörigen gesehen und
gehört habe.“ (WK: 139, kursiv WBB). Nun, Bernhard Teuber hat gezeigt, dass die
autobiographische Erzählung Garcilasos – die wir berechtigterweise das Argument der Milch nennen
könnten – in Wirklichkeit eine lange und respektable Tradition hat. Das Argument findet sich
tatsächlich zum ersten Mal bei Dante (Teuber 1987: 42), um sich später, in der Renaissance in einen
wahren “Topos” der “proto-linguistischen” Reflexion gewisser Autoren, wie Pietro Bembo (Teuber
1987: 58) oder Joaquin du Bellay (Teuber 1987: 61) zu verwandeln. Man nimmt an, dass Nebrija
selbst diesen Topos durch die Vermittlung der Schriften von Poggio Bracciolini kennen gelernt hat
(vgl. Baldischwieler 2004: 50).

5.2.7 Noch einmal: Transkription und Wahrheit


Kehren wir zum Abschluss nochmals zu dem zurück, was wir eingangs bereits unter dem Titel der
dem Text Garcilasos zugrunde liegenden “Wahrheit” oder – nach der Formulierung der Diskurskritik
– eines spezifischen Willens zur Wahrheit, der seinem apologetischen Diskurs über die Kultur der
Indianer inhärent ist, angeschnitten haben. Welches ist die Beziehung zwischen diesem Willen zur
Wahrheit und der Form, in der dieser sich präsentiert, nämlich der Transkription? Steht nicht das eine
zum anderen, die Wahrheit zur Transkription, in flagrantem Widerspruch? In der Tat ist der
Widerspruch kaum aus der Welt zu schaffen, dann jedenfalls nicht, wenn „Wahrheit“ als
metaphysische Größe aufgefaßt wird. Andererseits gilt es, an Foucaults berühmten Ausspruch über
die “Positivität“ der Diskurse als historisches Apriori (vgl. Foucault 1969: 167) zu erinnern. Die
Verfahren der Transkription erscheinen dann, möglicherweise, als eine Art materia prima der
historischen Erfahrung überhaupt. Lateinamerikanische Geschichte – darin liegt eine der
Provokationen des Kulturraums “Lateinamerika” – ist immer transkriptiv. Garcilasos Kommentare
sind ein Beleg für diese These. Sicherlich gibt es andere Zeugen des Ursprungs der Neuen Welt.
Garcilaso ist einer dieser Zeugen. In biologischer wie in kultureller Hinsicht “Mestize”, beginnt er
gegen Ende seines Lebens mit der Niederschrift der Geschichte seines Volkes. Garcilaso de la Vega,

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Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

der sich selbst der Inka nennt, ist Spanier; da besteht kein Zweifel. Fast alles was er fühlt, macht und
schreibt, schuldet er der spanischen Kultur. Die Kultur seines “Volkes” ist für ihn Erinnerung;
Erinnerung, die sich in einen Text verwandelt, den wir heute „Literatur“ nennen. Auch die
Geschichtsschreibung ist eine Form von Literatur. Beide Formen stützen sich auf die kulturelle Praxis
der „Transkription“. Wir haben oben gezeigt, dass das Spezifische der literarischen Transkription –
als Manifestation und Praxis des kulturellen Gedächtnisses, die sich einer als “Identitäts-
Geschichte”174 praktizierten Geschichtsschreibung entgegenstellt – darin besteht, die Erinnerung an
eine andere Geschichte aufrechtzuerhalten. Literarische Transkription ist also eine andere Form
historiographischer Praxis. Sie konfrontiert sich der Geschichte unter dem Aspekt des
unwiederbringlich Verlorenen, der Begegnung mit dem Anderen, ja Heterogenen. Auch für Garcilaso
ist die Kultur seiner inkaischen Mutter das Heterogene, das auch für ihn selbst in die untersten
Schichten seines Bewußtseins abgesunken ist. Auch das “Argument der Milch” – welches im übrgen,
wie wir sahen, ganz und gar “europäischer” Kulturtradition verpflichtet ist – vermittelt Kontinuität
nur an der Oberfläche der Rhetorik. Es bedarf, um dem Willen zur Wahrheit zu genügen, von dem die
Kommentare durchdrungen sind, einer Versicherung auf der Basis des fortgeschrittensten Schrift-
Zentrismus, über den die Epoche verfügt, der “imperialistischen” Grammatiktheorie Nebrijas. Der
dieser Schrift-Praxis zugrunde liegende Schrift-Begriff ist eindeutig neuzeitlich, anti-platonisch:
Schrift ist für Garcilaso (ebenso wie schon für Nebrija) ein veritables pharmakon, ein unverzichtbares
Heilmittel gegen die spanische “corruptela”, das seinen einstigen Doppelcharakter als “Gift”, von dem
Plato wußte und auf den Derrida wieder zurückkommen wird, längst eingebüßt hat. Dank dieses
paradoxen Rückgriffs auf die Segnungen der Schriftlichkeit wird das “Argument der Milch” zum
Postulat der Realität einer auf reiner Mündlichkeit basierenden Kultur. Hier haben wir es mit einem
Transkriptions-Effekt zu tun – um es abschließend mit Roland Barthes zu formulieren–, würdig der
besten Kurzgeschichten von J.L. Borges, für unseren Autor jedoch vielleicht die einzige Möglichkeit,
eine für immer verlorene Realität paradoxerweise sowohl für ihn selbst als auch für uns in der
Erinnerung gegenwärtig zu halten.

174
Dieser Ausdruck findet sich bei Liebsch 2004: 204.

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Lateinamerikanische Transkriptionen Analysen: Inca Garcilaso

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