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GEORG LUKACS

Die Eigenart des Ästhetischen


Band 1
GEORG LUKACS

Die Eigenart
des Ästhetischen
Band 1

Aufbau-Verlag
Berlin und Weimar
1987
Textrevision: Jürgen Jahn

Mit einem Essay


von Günther K . Lehmann

Die Werke, in denen ich die wesentlichsten Ergebnisse meiner


Entwicklung zusammenzufassen gedenke, meine Ethik und
meine Ästhetik, deren erster, selbständiger Teil hier vorliegt,
sollten als bescheidener Versuch einer Danksagung für mehr als
vierzig Jahre Gemeinschaft an Leben und Denken, an Arbeit
und Kampf
Gertrud Bortstieber Lukäcs,
gestorben am 28. April 1963,
gewidmet sein.
Jetzt kann ich sie nur ihrem Andenken widmen.
Lukäcs, Georg:
Die Eigenart des Ästhetischen /Tcxtrev.: Jürgen Jahn.
Mit e. Essay von Günther K . Lehmann. - 2. Aufl.

Berlin; Weimar: Aufbau-Verl., 1987. - Bd. 1 2. - 814, 944 S.

2. Auflage 1987
Fotomechanischer Nachdruck der 1. Auflage von 1981
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Ausgabe für die Deutsche Demokratische Republik
@ Fercnc Janossy, 1963
Erste ungarische Ausgabe 1965 bei Magvetö Könyvkiadö, Budapest
Einbandgestaltung Ludwig Schünke
Typographie Peter Binnele
Offizin Andersen Nexö, Graphischer Großbetrieb, Leipzig 111/18/38
Printed in the German Dcmocratic Republic
Lizenznummer 301. 120/230/87
Bestellnummer 612 316 1
1/11 04800

Lukäcs, Eigenart Bd. 1-2


ISBN 3-351-00596-2
Vorwort

Sie wissen es nicht, aber sie tun es Das hier der Öffentlichkeit übergebene Buch ist der erste Teil einer
Marx Ästhetik, in deren Mittelpunkt die philosophische Begründung der ästhe-
tischen Setzungsart, die Ableitung der spezifischen Kategorie der Ästhetik
[und] ihre Abgrenzung von anderen Gebieten steht. Indem die Darlegungen
sich auf diesen Problemkomplex konzentrieren und auf die konkreten
Probleme der Ästhetik nur soweit eingehen, als das zum Erhellen dieser
Fragen unerläßlich ist, bildet dieser Teil ein abgeschlossenes Ganzes und
ist auch ohne die auf ihn folgenden Teile in sich ganz verständlich.
Unerläßlich ist es, sich klarzuwerden über die Stelle des ästhetischen Ver-
haltens in der Totalität der menschlichen Aktivitäten, der menschlichen
Reaktionen auf die Außenwelt, über das Verhältnis der daraus entstehen-
den ästhetischen Gebilde, das ihres kategorialen Aufbaus (ihrer Struk-
turform usw.) zu anderen Reaktionsweisen auf die objektive Wirklichkeit.
Unbefangene Beobachtung dieser Beziehungen ergibt in rohen Umrissen
folgendes Bild: Das Primäre ist das Verhalten des Menschen im Alltags-
leben, ein Gebiet, das trotz seiner zentralen Wichtigkeit für das Verständ-
nis der höheren und komplizierteren Reaktionsarten noch weitgehend un-
erforscht ist. Ohne hier im Werk selbst ausführlich Dargelegtes vorweg-
nehmen zu wollen, müssen die Grundgedanken des Aufbaus doch in aller
Kürze erwähnt werden. Das Alltagsverhalten des Menschen ist zugleich
Anfang und Endpunkt einer jeden menschlichen Tätigkeit. Das heißt,
wenn man sich den Alltag als einen großen Strom vorstellt, so zweigen in
höheren Aufnahme- und Reproduktionsformen der Wirklichkeit Wissen-
schaft und Kunst aus diesem ab, differenzieren sich und bilden sich ihren
spezifischen Zielsetzungen entsprechend aus, erreichen ihre reine Form in
dieser - aus den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Lebens entspringen-
den - Eigenart, um dann infolge ihrer Wirkungen, ihrer Einwirkungen
8 Vorwort Vorwort 9

auf das Leben der Menschen wieder in den Strom des Alltagslebens zu fassens in der Gegenwart sachlich weit schwerer als zu Hegels Zeiten in
münden. Dieser bereichert sich also andauernd mit den höchsten Ergeb- Praxis umsetzen. So bleibt die von Hegel ausführlich behandelte - eben-
nissen des menschlichen Geistes, assimiliert diese seinen täglichen, prak- falls historisch-systematische - Theorie der Künste noch außerhalb des
tischen Bedürfnissen, woraus dann wieder, als Fragen und Forderungen, Bereichs, den der Plan dieses gesamten Werks umschreibt. Sein zweiter
neue Abzweigungen der höheren Objektivationsformen entstehen. Dabei Teil - mit dem vorläufigen Titel „Kunstwerk und ästhetisches Verhalten" -
müssen die komplizierten Wechselbeziehungen zwischen der immanen- soll vor allem die im ersten Teil erst in größter Allgemeinheit abgeleitete
ten Vollendung der Werke in Wissenschaft und Kunst und den gesell- und umrissene spezifische Struktur des Kunstwerks konkretisieren; die im
schaftlichen Bedürfnissen, die ihre Erwecker, die Veranlassungen ihrer ersten Teil bloß in Allgemeinheiten gewonnenen Kategorien können dann
Entstehung sind, eingehend untersucht werden. Erst aus dieser Dynamik erst ihre wahre und bestimmte Physiognomie erlangen. Probleme wie In-
der Genesis, der Entfaltung, der Eigengesetzlichkeit, des Wurzeins im Le- halt und Form, Weltanschauung und Formbildung, Technik und Form
ben der Menschheit lassen sich die besonderen Kategorien und Strukturen etc. können im ersten Teil nur höchst allgemein, nur als Horizontfragen auf-
der wissenschaftlichen und künstlerischen Reaktionen des Menschen auf tauchen; ihr wahres konkretes Wesen kann philosophisch nur im Laufe
die Wirklichkeit ableiten. Die Betrachtungen dieses Werks sind natürlich der eingehenden Analyse der Werkstruktur ans Licht treten. Ebenso ist es
auf die Erkenntnis der Eigenart des Ästhetischen gerichtet. D a aber die mit den Problemen des schöpferischen und rezeptiven Verhaltens bestellt.
Menschen in einer einheitlichen Wirklichkeit leben und mit ihr in Wechsel- Der erste Teil vermag nur bis zu ihren generellen Umrissen vorzudringen,
beziehungen stehen, kann das Wesen des Ästhetischen nur in ständigem gewissermaßen den jeweiligen methodologischen „Ort" ihrer Bestimmungs-
Vergleich mit andern Reaktionsarten auch nur annähernd begriffen werden. möglichkeit abzubilden. Die realen Beziehungen zwischen Alltag einer-
Dabei ist das Verhältnis zur Wissenschaft das wichtigste; es ist aber uner- seits, wissenschaftlichem, ethischem etc. Verhalten und ästhetischer Pro-
läßlich, auch das Verhältnis zur Ethik und Religion aufzudecken. Sogar duktion und Reproduktion andererseits, die kategoriale Wesensart ihrer
die hier auftauchenden psychologischen Probleme ergeben sich ebenfalls Proportionen, Wechselwirkungen, gegenseitigen Beeinflussungen etc. er-
als notwendige Folge von Fragestellungen, die auf das Spezifische der fordern ebenfalls auf das Konkreteste gerichtete Analysen, die im Rahmen
ästhetischen Setzung zielen. des auf philosophische Grundlegung eingestellten ersten Teils prinzipiell
Selbstverständlich kann keine Ästhetik auf dieser Stufe stehenbleiben. unmöglich sind.
Kant konnte sich noch damit begnügen, die allgemein methodologische Ähnlich steht die Lage mit dem dritten Teil. (Sein vorläufiger Titel lautet
Frage des Geltungsanspruchs der ästhetischen Urteile zu beantworten. „Die Kunst als gesellschaftlich-geschichtliche Erscheinung".) Es ist zwar
Abgesehen davon, daß diese Frage unseres Erachtens keine primäre, son- unvermeidlich, daß schon der erste Teil nicht nur einzelne historische Ex-
dern für den Aufbau der Ästhetik eine höchst abgeleitete ist, kann sich kurse enthält, sondern vor allem ständig auf das originär historische We-
seit der Hcgelschen „Ästhetik" kein Philosoph, der es mit der Klärung des sen eines jeden ästhetischen Phänomens hinweist. Der historisch-syste-
Wesens des Ästhetischen ernst nimmt, mit einem derart eng begrenzten matische Charakter der Kunst erhielt, wie bereits erwähnt, seine erste aus-
Rahmen und einer -so einseitig an Erkenntnistheorie orientierten Pro- geprägte Gestalt in Hegels „Ästhetik". Die aus dem objektiven Idealismus
blemstellung begnügen. Von den Fragwürdigkeiten der Hegeischen „Ästhe- entspringenden Starrheiten der Hegeischen Systematisierung wurden durch
tik", sowohl in der Grundlegung wie in den Einzelausführungen, wird im den Marxismus richtiggestellt. Das komplizierte Wechselverhältnis zwi-
Text vielfach die Rede sein; doch bleibt der philosophische Universalis- schen dialektischem und historischem Materialismus ist schon an sich ein
mus ihrer Konzeption, ihre historisch-systematische Art der Synthese auf bedeutsames Zeichen dafür, daß der Marxismus nicht historische Ent-
Dauer beispielgebend für den Entwurf einer jeden Ästhetik. Erst alle drei wicklungsphasen aus der inneren Entwicklung der Idee deduzieren will,
Teile dieser Ästhetik zusammen können eine-nur teilweise-Annäherung sondern im Gegenteil darauf ausgeht, den wirklichen Prozeß in seinen ver-
an dies hohe Vorbild verwirklichen. Denn ganz abgesehen von Wissen und wickelten historisch-systematischen Bestimmungen zu erfassen. Die Ein-
Begabung dessen, der einen solchen Versuch heute unternimmt, lassen heit von theoretischen (hier: ästhetischen) und historischen Bestimmun-
sieh die von der Hegeischen „Ästhetik" aufgestellten Maßstäbe des Allum- gen verwirklicht sich letzten Endes in einer äußerst widersprüchlichen
10 Vorwort Vorwort 11

Weise und kann deshalb sowohl prinzipiell wie in den einzelnen konkreten Darum konnte Mehring, der übrigens seine Ästhetik auf die „Kritik der
Fällen nur durch eine ununterbrochene Zusammenarbeit von dialekti- Urteilskraft" gründete, in den Divergenzen zwischen Marx/Engels und
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schem und historischem Materialismus ergründet werden. Im ersten und Lassalle nur einen Zusammenprall von subjektiven Geschmacksurteilen
zweiten Teil dieses Werks sind die Gesichtspunkte des dialektischen Mate- erblicken. Diese Kontroverse ist freilich längst erledigt. Seit der geistvollen
rialismus dominierend, da es sich darum handelt, das objektive Wesen des Studie von Michail Lifschiz über die Entwicklung der ästhetischen A n -
Ästhetischen begrifflich auszudrücken. Es gibt dabei jedoch fast kein schauungen von Marx, seit seiner sorgfältigen Sammlung und Systemati-
Problem, das lösbar wäre, ohne seine historischen Aspekte - in unzerreiß- sierung der zerstreuten Aussprüche von Marx, Engels und Lenin über
barer Einheit mit der ästhetischen Theorie - wenigstens andeutungsweise ästhetische Fragen kann kein Zweifel mehr über Zusammenhang und K o -
zu erhellen. Im dritten Teil dominiert die Methode des historischen Mate- härenz dieser Gedankengänge bestehen. 4

rialismus, da darin die historischen Bestimmungen und Eigenheiten der Diesen systematischen Zusammenhang aufzuzeigen und nachzuweisen
Genesis der Künste, ihrer Entfaltung, ihrer Krisen, ihrer führenden oder löst aber die Frage nach einer Ästhetik des Marxismus noch lange nicht
dienenden Rolle etc. im Vordergrund des Interesses stehen. Es soll dabei endgültig. Denn wäre in den gesammelten und systematisch geordneten
vor allem das Problem der ungleichmäßigen Entwicklung in der Genesis, Aussprüchen der Klassiker des Marxismus eine Ästhetik oder zumindest
im ästhetischen Sein und Werden und in der Wirkung der Künste erforscht ihr perfektes Skelett bereits explizit enthalten, so wäre nichts anderes n ö -
werden. Das bedeutet zugleich jedoch einen Bruch mit jeder „soziolo- tig als ein guter Verbindungstext, und die marxistische Ästhetik stünde
gischen" Vulgarisierung über Entstehen und Wirken der Künste. Eine fertig vor uns. Davon kann keine Rede sein! Nicht einmal eine direkte
solche nicht unzulässig vereinfachende gesellschaftlich-geschichtliche monographische Anwendung dieses Materials auf alle Einzelfragen der
Analyse ist jedoch unmöglich, ohne die Ergebnisse der dialektisch-mate- Ästhetik kann, wie vielfache Erfahrungen zeigen, für den Aufbau des
rialistischen Forschungen über kategorialen Aufbau, Struktur und spezi- Ganzen wissenschaftlich Ausschlaggebendes bringen. M a n steht also vor
fische Beschaffenheit einer jeden Kunst für die Erkenntnis ihres histori- der paradoxen Situation, daß es eine marxistische Ästhetik gleichzeitig gibt
schen Charakters ununterbrochen zu verwerten. Die permanente und und nicht gibt, daß sie durch selbständige Forschungen erobert, ja ge-
lebendige Wechselwirkung von dialektischem und historischem Materia- schaffen werden m u ß und daß das Resultat zugleich doch nur etwas der
lismus zeigt sich also hier von einer anderen Seite, aber nicht minder als Idee nach Vorhandenes begrifflich darlegt und fixiert. Die Paradoxie
in den ersten beiden Teilen. löst sich indessen von selbst auf, wenn das ganze Problem im Licht der
Wie der Leser sieht, weicht der Aufbau dieser ästhetischen Untersuchun- Methode der materialistischen Dialektik betrachtet wird. Der uralte Wort-
gen ziemlich stark von den allgemein gewohnten Konstruktionen ab. Das sinn der Methode, der mit dem Weg zur Erkenntnis unlösbar verknüpft ist,
bedeutet jedoch keineswegs, daß sie einen Anspruch auf Originalität der enthält nämlich die Forderung an das Denken, bestimmte Wege zu gehen,
Methode erheben könnten. Im Gegenteil: sie bezeichnen nichts anderes als um bestimmte Resultate zu erzielen. Die Richtung dieser Wege ist in der
eine möglichst richtige Anwendung des Marxismus auf die Probleme der Totalität des Weltbilds, das die Klassiker des Marxismus entworfen haben,
Ästhetik. Soll eine solche Aufgabenstellung nicht von vornherein mißver- in zweifelsfreier Evidenz enthalten, insbesondere dadurch, daß die vorhan-
standen werden, so muß, wenn auch nur in einigen Worten, die Lage und denen Ergebnisse als Endpunkte solcher Wege klar vor uns stehen. Es ist
Beziehung dieser Ästhetik zu der des Marxismus geklärt werden. Als ich also, wenn auch nicht unmittelbar, nicht auf den ersten Blick sichtbar,
vor ungefähr dreißig Jahren meinen ersten Beitrag zur Ästhetik des Marxis- durch die Methode des dialektischen Materialismus klar vorgezeichnet,
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mus schrieb, verfocht ich die These, daß der Marxismus eine eigene Ästhe- welche Wege und wie sie zu beschreiten sind, wenn man die objektive
tik habe, und stieß dabei auf vielfachen Widerstand. Der Grund dafür war, Wirklichkeit in ihrer wahren Objektivität auf den Begriff bringen und das
daß sich der Marxismus vor Lenin, auch in seinen theoretisch besten Ver- Wesen eines Einzelgebiets seiner Wahrheit gemäß ergründen will. Erst
1 retern wie Plechanow oder Mehring, fast ausschließlich auf die Probleme wenn diese Methode, diese Wegrichtung selbständig, durch eigene For-
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des historischen Materialismus beschränkte. Erst seit Lenin rückte der schung verwirklicht und eingehalten wird, ist die Möglichkeit vorhanden,
dialektische Materialismus wieder in den Mittelpunkt des Interesses. auf das Gesuchte zu stoßen, die marxistische Ästhetik richtig aufzubauen
12 Vorwort Vorwort 13

oder wenigstens sich ihrem wahren Wesen anzunähern. Wer die Illusion liehe Leben einen neuen Gehalt, einen neuen Sinn, sondern gleichzeitig
hegt, mit Hilfe einer bloßen Marx-Interpretation die Wirklichkeit und zu- rückt die mit Hilfe der marxistischen Methode, Forschung und ihrer Er-
gleich damit Marxens Erfassen der Wirklichkeit gedanklich zu reprodu- gebnisse erfolgte Entfetischisierung die als bekannt betrachtete Gegen-
zieren, muß beides verfehlen. Nur eine unbefangene Betrachtung der wart und Vergangenheit, das ganze menschliche Dasein in ein neues Licht.
Wirklichkeit und ihre Aufarbeitung mittels der von Marx entdeckten So werden alle vergangenen Anstrengungen, es in seiner Wahrheit zu er-
Methode kann beides erringen: Treue zur Wirklichkeit und zugleich fassen, in einem ganz neuen Sinn verständlich. Zukunftsperspektive, Er-
Treue zum Marxismus. In diesem Sinne ist diese Arbeit zwar in allen ihren kenntnis der Gegenwart, Einsicht in die Tendenzen, die sie gedanklich und
Bestandteilen und in ihrer Ganzheit das Ergebnis selbständiger Forschung, praktisch herbeigeführt haben, stehen so in einer unlösbaren Wechselbe-
sie erhebt aber dennoch keinen Anspruch auf Originalität. Denn alle M i t - ziehung zueinander. Das einseitige Hervorheben des Trennenden und
tel, sich der Wahrheit anzunähern, ihre ganze Methode verdankt sie dem Neuen beschwört die Gefahr, alles Konkrete und Bestimmungsreiche am
Studium des Gesamtwerks, das die Klassiker des Marxismus uns über- wahrhaft Neuen in eine abstrakte Andersheit einzuengen und darin ver-
liefert haben. armen zu lassen. Die Gegenüberstellung der Kennzeichen der Dialektik
Die Treue zum Marxismus bedeutet aber zugleich die Anhänglichkeit bei Lenin und Stalin zeigt die Folgen einer solchen methodologischen
an die großen Traditionen der bisherigen gedanklichen Bewältigung der Differenz ganz deutlich; und die vielfachen unvernünftigen Stellungnahmen
Wirklichkeit. Es ist in der Stalinschen Periode, besonders seitens Shdanows, zum Erbe der Hegeischen Philosophie führten zu einer oft erschrecken-
ausschließlich das hervorgehoben worden, was den Marxismus von den den Inhaltsarmut der logischen Untersuchungen in der Stalinschen
großen Überlieferungen des menschlichen Denkens trennt. Wenn dabei Periode.
nur das qualitativ Neue am Marxismus betont worden wäre, nämlich der Bei den Klassikern selbst ist keine Spur eines solchen metaphysischen
Sprung, der seine Dialektik von der seiner entwickeltsten Vorläufer, etwa Kontrastierens von alt und neu zu finden. Ihr Verhältnis erscheint viel-
von Aristoteles oder Hegel, trennt, so könnte das relativ berechtigt sein. mehr in jenen Proportionen, die die gesellschaftlich-geschichtliche Ent-
Ein solcher Standpunkt könnte sogar als notwendig und nützlich bewertet wicklung selbst dadurch produziert hat, daß sie die Wahrheit in Erschei-
werden, wenn er nicht - in tief undialektischer Weise - das radikal Neue nung hat treten lassen. Das Festhalten an dieser allein richtigen Methode
am Marxismus einseitig, isolierend und darum metaphysisch hervorhöbe, ist für die Ästhetik womöglich noch wichtiger als für andere Gebiete.
wenn er dabei nicht das Moment der Kontinuität in der menschlichen Denn die genaue Analyse der Tatsachen wird hier besonders deutlich zei-
Gedankenentwicklung vernachlässigte. Die Wirklichkeit - und deshalb gen, daß die gedankliche Bewußtheit über das im Gebiet des Ästhetischen
auch ihre gedankliche Widerspiegelung und Wiedergabe - ist aber eine praktisch Geleistete immer hinter diesem zurückgeblieben ist. Gerade
dialektische Einheit von Kontinuität und Diskontinuität, von Tradition darum gewinnen jene wenigen Denker, die relativ früh zu einer Klarheit
und Revolution, von allmählichen Übergängen und Sprüngen. Der wissen- über die echten Probleme des Ästhetischen gelangt sind, eine außerordent-
schaftliche Sozialismus selbst ist etwas in der Geschichte völlig Neues und liche Bedeutung. Andererseits sind - wie unsere Analysen zeigen werden -
vollbringt doch zugleich die Erfüllung einer jahrtausendelang lebendigen oft scheinbar weit entlegene Gedankengänge, etwa philosophische oder
Menschheitssehnsucht, die Erfüllung dessen, was die besten Geister zu- ethische, für das Verständnis der ästhetischen Phänomene sehr wichtig.
tiefst angestrebt haben. So steht es auch mit dem begrifflichen Erfassen U m hier nicht allzuviel davon vorwegzunehmen, was erst in den detaillier-
der Welt durch die Klassiker des Marxismus. Die tiefe und durch keine A n - ten Ausführungen richtig am Platze ist, sei nur bemerkt, daß der ganze
griffe, durch kein Totschweigen erschütterbare Wahrheit des Marxismus Aufbau und alle Detailausführungen dieses Werks - gerade weil es seine
beruht nicht zuletzt darauf, daß mit seiner Hilfe die sonst verborgenen Existenz der Marxschen Methode verdankt - aufs allertiefste von den Er-
Grundtatsachen der Wirklichkeit, des menschlichen Lebens zum Vor- gebnissen bestimmt sind, die Aristoteles, Goethe und Hegel in ihren ver-
schein kommen, zum Inhalt des menschlichen Bewußtseins werden können. schiedenen, nicht nur i n den direkt auf die Ästhetik bezüglichen Schriften
Das Neue erhält dadurch einen gedoppelten Sinn: Nicht nur infolge der gewonnen haben. Wenn ich daneben meine Dankbarkeit gegenüber Epi-
früher nicht existierenden Wirklichkeit des Sozialismus erhält das mensch- kur, Bacon, Hobbes, Spinoza, Vico, Diderot, Lessing und den russischen
14 Vorwort Vorwort 15

revolutionär-demokratischen Denkern ausspreche, habe ich natürlich nur rität des Seins vor allem die Feststellung einer Tatsache: Es gibt ein Sein
die für mich allerwichtigsten Namen aufgezählt; die Liste der Autoren, ohne Bewußtsein, es gibt aber kein Bewußtsein ohne Sein. Daraus folgt
denen ich mich für diese Arbeit, im ganzen wie im Detail, verpflichtet fühle, jedoch keinerlei hierarchische Unterordnung des Bewußtseins unter das
ist damit noch lange nicht erschöpft. Dieser Überzeugung entspricht die Sein. Im Gegenteil, diese Priorität und ihre konkrete theoretische wie
Art des Zitierens. Es ist nicht beabsichtigt, Probleme der Geschichte der praktische Anerkennung durch das Bewußtsein schafft erst die Möglich-
Kunst oder der Ästhetik zu behandeln. Vielmehr kommt es nur darauf an, keit, das Sein durch das Bewußtsein real zu beherrschen. Die einfache
Tatbestände oder Entwicklungslinien, die für die allgemeine Theorie von Tatsache der Arbeit illustriert diesen Tatbestand in schlagender Weise.
Belang sind, zu erhellen. Darum werden, der jeweiligen theoretischen K o n - Und wenn der historische Materialismus die Priorität des gesellschaft-
stellation entsprechend, entweder solche Autoren oder Werke zitiert, die lichen Seins dem gesellschaftlichen Bewußtsein gegenüber feststellt, handelt
etwas - richtig oder in bedeutsamer Weise falsch - zum erstenmal ausge- es sich ebenfalls nur um die Anerkennung einer Faktizität. Auch die ge-
sprochen haben oder deren Meinung für eine bestimmte Sachlage als be- sellschaftliche Praxis ist auf das Beherrschen des gesellschaftlichen Seins
sonders charakteristisch erscheint. Nach Vollständigkeit der literarischen gerichtet, und daß sie ihre Ziele im Laufe der bisherigen Geschichte nur
Belege zu streben mußte den Intentionen dieser Arbeit fernliegen. sehr relativ verwirklichen konnte, schafft gleichfalls kein hierarchisches
Schon aus dem bisher Dargelegten folgt, daß die polemische Spitze die- Verhältnis zwischen beiden, sondern bestimmt bloß jene konkreten Be-
ser ganzen Arbeit gegen den philosophischen Idealismus gerichtet ist. dingungen, unter welchen eine erfolgreiche Praxis objektiv möglich wird,
Dabei fällt der erkenntnistheoretische Kampf gegen ihn naturgemäß aus bestimmt damit freilich zugleich ihre konkreten Grenzen, jenen Entfal-
ihrem Rahmen heraus; es kommt auf die spezifischen Fragen an, in denen tungsspielraum für das Bewußtsein, den das jeweilige gesellschaftliche
der philosophische Idealismus sich als Hindernis für das adäquate Be- Sein darbietet. So wird eine historische Dialektik in diesem Verhältnis
greifen spezifisch ästhetischer Sachverhalte erweist. Über die Verwirrun- sichtbar, aber keinesfalls eine hierarchische Struktur. Wenn ein kleines
gen, die sich ergeben, wenn sich das ästhetische Interesse auf die Schön- Segelboot sich einem Sturm gegenüber als hilflos erweist, den ein mäch-
heit (und evtl. auf ihre sogenannten Momente) konzentriert, werden wir tiges Motorschiff ohne Schwierigkeiten überwindet, so zeichnet sich bloß
hauptsächlich im zweiten Teil sprechen; hier wird dieser Komplex nur die reale Überlegenheit oder Schranke des jeweiligen Bewußtseins dem
episodisch gestreift. U m so wichtiger scheint es uns, auf den notwendig Sein gegenüber ab, nicht aber eine hierarchische Beziehung zwischen dem
hierarchischen Charakter einer jeden idealistischen Ästhetik hinzuweisen. Menschen und den Naturkräften; um so weniger, als die historische Ent-
Wenn nämlich die verschiedenen Bewußtseinsformen als die letzthinnigen wicklung - und mit ihr die wachsende Erkenntnis des Bewußtseins über
Bestimmungsprinzipien der Gegenständlichkeit aller untersuchten Ob- die wahre Beschaffenheit des Seins - ein ständiges Wachsen der Herr-
jekte, ihrer Stelle im System etc. figurieren und nicht - wie im Materialis- schaftsmöglichkeiten jenes über dieses hervorbringt.
mus - als Reaktionsweisen auf objektiv, unabhängig vom Bewußtsein Radikal anders muß der philosophische Idealismus sein Weltbild ent-
Vorhandenes und bereits konkret Geformtes aufgefaßt werden, müssen werfen. Es sind nicht die realen und wechselvollen Kräfteverhältnisse, die
sie sich zwangsläufig zu obersten Richtern der gedanklichen Ordnung auf- ein zeitweiliges Übergewicht oder Unterlegensein im Leben schaffen; son-
werfen und ihr System hierarchisch aufbauen. Welche Rangstufen eine dern von vornherein steht eine Hierarchie jener bewußtseinsmäßigen
solche Hierarchie jeweils enthält, ist historisch außerordentlich verschie- Potenzen fest, die nicht nur die Gegenständlichkeitsformen und die Be-
den. Das soll aber hier nicht diskutiert werden, da es uns allein auf die ziehungen zwischen den Gegenständen hervorbringen und ordnen, son-
alle Gegenstände und Beziehungen verfälschende Wesensart einer jeden dern sich auch untereinander in hierarchischen Abstufungen befinden.
solchen Hierarchie ankommt. U m die Lage an unserem Problem zu beleuchten: Wenn etwa Hegel die
Es ist ein weitverbreitetes Mißverständnis, wenn man glaubt, daß das Kunst der Anschauung, die Religion der Vorstellung, die Philosophie dem
Weltbild des Materialismus - Priorität des Seins dem Bewußtsein, des ge- Begriff zuordnet und sie als von diesen Bewußtseinsformen regiert auf-
sellschaftlichen Seins dem gesellschaftlichen Bewußtsein gegenüber - eben- faßt, so ist dadurch eine genaue, „ewige", unumstößliche Hierarchie ent-
l'alls hierarchischen Charakters wäre. Für den Materialismus ist die Prio- standen, die, wie jeder Kenner Hegels weiß, auch das historische Schick-
16 Vorwort Vorwort 17

sal der Kunst bestimmt. (Wenn etwa der junge Schelling die Kunst ent- Differenzierung müßte einen rein nachträglichen, völlig unspontanen, nur
gegengesetzt in seine hierarchische Ordnung einfügt, so hat sich damit an den bewußt-gedanklichen Charakter haben. Die extensive und intensive U n -
Prinzipien nichts geändert.) Es ist evident, daß daraus ein ganzes Knäuel endlichkeit der objektiven Welt zwingt aber allen Lebewesen, vor allem
von Scheinproblemen entsteht, das seit Piaton eine jede Ästhetik metho- dem Menschen, eine Anpassung, eine unbewußte Auswahl in der Wider-
dologisch verwirrt hat. Denn einerlei, ob die idealistische Philosophie in spiegelung auf. Diese hat also - unbeschadet ihres fundamental objektiven
einer bestimmten Hinsicht eine Über- oder Unterordnung der Kunst ge- Charakters - auch eine unaufhebbare subjektive Komponente, die auf dem
genüber anderen Bewußtseinsformen statuiert, das Denken wird von der tierischen Niveau rein physiologisch, beim Menschen darüber hinaus auch
Untersuchung der spezifischen Eigenheiten der Gegenstände abgelenkt, gesellschaftlich bedingt ist (Einfluß der Arbeit auf Bereicherung, Aus-
diese werden - zumeist ganz unzulässig - auf einen Nenner gebracht, da- breitung, Vertiefung etc. der menschlichen Fähigkeiten zur Widerspiege-
mit man sie innerhalb einer hierarchischen Ordnung miteinander ver- lung der Wirklichkeit). Die Differenzierung ist also - vor allem auf den
gleichen und der gewünschten hierarchischen Stufe einfügen kann. Es Gebieten von Wissenschaft und Kunst - ein Produkt des gesellschaftlichen
mag sich um Probleme der Beziehung der Kunst zur Natur, zur Religion, Seins, der auf seinem Boden entstandenen Bedürfnisse, der Anpassung
zur Wissenschaft etc. handeln, überall müssen aus den Scheinproblemen des Menschen an seine Umwelt, des Wachstums seiner Fähigkeiten in
Verzerrungen der Gegenständlichkeitsformen, der Kategorien entsprin- Wechselwirkung mit dem Zwang, ganz neuartigen Aufgaben gewachsen
gen. zu sein. Physiologisch und psychologisch müssen sich allerdings diese
Die Bedeutung des Bruchs, der so mit jedem philosophischen Idealis- Wechselwirkungen, diese Anpassungen an Neues unmittelbar in den Ein-
mus vollzogen wird, zeigt sich in seinen Konsequenzen noch deutlicher, zelmenschen verwirklichen, sie erlangen aber von vornherein eine gesell-
wenn wir unseren materialistischen Ausgangspunkt weiter konkretisieren: schaftliche Allgemeinheit, da die gestellten neuen Aufgaben, die modi-
wenn wir nämlich die Kunst als eine eigenartige Erscheinungsweise der fizierend wirkenden neuen Umstände eine allgemeine (gesellschaftliche)
Widerspiegelung der Wirklichkeit auffassen, die ihrerseits nur eine Unter- Beschaffenheit haben und individuell-subjektive Varianten nur innerhalb
art der universellen, sie widerspiegelnden Beziehungen des Menschen zur des gesellschaftlichen Spielraums zulassen.
Wirklichkeit ist. Einer der entscheidenden Grundgedanken dieses Werks Einen qualitativ und quantitativ ausschlaggebenden Teil der vorliegen-
besteht darin, daß alle Arten der Widerspiegelung - wir analysieren den Arbeit nimmt die Ausarbeitung der spezifischen Wesenszüge der
vor allem die durch das Alltagsdenken, die Wissenschaft und die Kunst - ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit ein. Diese Untersuchun-
stets dieselbe objektive Wirklichkeit abbilden. Dieser als selbstverständ- gen sind, der Grundabsicht dieses Werks entsprechend, philosophischer
lich, ja als trivial scheinende Ausgangspunkt hat aber weittragende K o n - Art, d. h., sie konzentrieren sich auf die Frage, welche spezifischen For-
sequenzen. D a die materialistische Philosophie alle Gegenständlichkeits- men, Beziehungen, Proportionen etc. die jeder Widerspiegelung gemein-
formen, alle den Gegenständen und ihren Beziehungen zugehörigen K a - same Welt der Kategorien in der ästhetischen Setzung erhält. Es ist dabei
tegorien nicht als Produkte eines schöpferischen Bewußtseins ansieht wie natürlich unvermeidlich, auch auf psychologische Fragen einzugehen; die-
der Idealismus, sondern in ihnen eine vom Bewußtsein unabhängig exi- sen Problemen ist ein besonderes Kapitel (Kap. 11) gewidmet. Weiter muß
stierende objektive Wirklichkeit erblickt, können sich alle Divergenzen, schon hier hervorgehoben werden, daß die philosophische Grundabsicht
ja Geg ensätzlichkeiten in den einzelnen Widerspiegelungsarten nur inner- uns notwendig vorschreibt, in sämtlichen Künsten vor allem die gemein-
halb dieser materiell und formell einheitlichen Wirklichkeit abspielen. Um samen ästhetischen Züge der Widerspiegelung herauszuarbeiten, obwohl,
die komplizierte Dialektik in dieser Einheit von Einheit und Verschieden- der pluralistischen Struktur der ästhetischen Sphäre entsprechend, die Be-
heit begreifen zu können, muß zuerst mit der weitverbreiteten Vorstellung sonderheit der einzelnen Künste bei der Behandlung der Kategorien-
einer mechanischen, photographischen Widerspiegelung gebrochen wer- probleme doch soweit als möglich in Betracht gezogen wird. Die ganz
den. Wäre eine solche die Grundlage, aus welcher die Differenzen heraus- eigenartige Erscheinungsweise der Widerspiegelung der Wirklichkeit in
wachsen, so müßten alle spezifischen Formen subjektive Entstellungen Künsten wie Musik oder Architektur macht es unvermeidlich, diesen
dieser allein „authentischen" Reproduktion der Wirklichkeit sein, oder die Spezialfällen ein besonderes Kapitel (Kap. 14) zu widmen, hier mit
18 Vorwort Vorwort 19

dem Bestreben, die spezifischen Differenzen so zu erhellen, daß in ihnen Veränderungen für die Wissenschaft kaum in Betracht kommen. U m so
zugleich die allgemeinen ästhetischen Prinzipien ihre Geltung bewahren. wichtiger ist natürlich die subjektive Historie der Entdeckungen von Ge-
Diese Universalität der Widerspiegelung der Wirklichkeit als Grund- genständlichkeiten, Beziehungen, kategorialen Zusammenhängen. Nur in
lage aller Wechselbeziehungen des Menschen mit seiner Umwelt hat, zu der Biologie könnte ein Wendepunkt in der Entstehung der objektiven
Ende geführt, sehr weitgehende weltanschauliche Folgen für die Auffas- Kategorien des Lebens - wenigstens auf dem uns bekannten Teil des U n i -
sung des Ästhetischen. Für jeden wirklich folgerichtigen Idealismus m u ß versums - und damit eine objektive Genesis festgestellt werden. Qualitativ
nämlich eine jede im menschlichen Dasein bedeutsame Bewußtseinsform - anders steht die Frage, wenn vom Menschen und von der menschlichen
also in unserem Falle die ästhetische - , da ihr Ursprung hierarchisch im Gesellschaft die Rede ist. Hier ist unzweifelhaft immer von der Genesis
Zusammenhang einer Ideenwelt begründet ist, von einer „überzeitlichen", einzelner Kategorien und von kategorialen Zusammenhängen die Rede,
„ewigen" Wesensart sein; soweit sie geschichtlich behandelt werden kann, die unmöglich aus der bloßen Kontinuität der bis dahin gehenden Ent-
geschieht dies innerhalb eines solchen metahistorischen Rahmens des wicklung „abgeleitet" werden können, deren Genesis also an die Erkennt-
„zeitlosen" Seins oder Geltens. Diese scheinbar formal-methodologische nis spezielle Anforderungen stellt. Es würde jedoch zu einer Verzerrung
Position muß aber notwendig ins Inhaltliche, ins Weltanschauliche um- des wahren Tatbestandes führen, wollte man die historische Erforschung
schlagen. Denn es folgt aus ihr notwendig, daß das Ästhetische, sowohl der Genesis von der philosophischen Analyse des dabei entstandenen
produktiv wie rezeptiv, zum „Wesen" des Menschen gehört, mag man Phänomens methodologisch trennen. Die wahre kategoriale Struktur eines
dieses vom Standpunkt der Ideenwelt oder des Weltgeistes, anthropo- jeden derartigen Phänomens hängt vielmehr aufs innigste mit seiner Gene-
logisch oder ontologisch bestimmen. Ein völlig entgegengesetztes Bild muß sis zusammen; das Aufzeigen der kategorialen Struktur ist vollständig und
unsere materialistische Betrachtungsweise ergeben. Die objektive Wirk- in richtiger Proportionalität nur dann möglich, wenn die sachliche Zer-
lichkeit, die in den verschiedenen Arten der Widerspiegelung erscheint, gliederung mit dem Erhellen der Genesis organisch verknüpft wird; die
ist nicht nur einem ununterbrochenen Wandel unterworfen, sondern die- Ableitung des Werts am Anfang des „Kapitals" von Marx ist das M u -
ser zeigt sehr bestimmte Richtungen, Entwicklungslinien. Die Wirklich- sterbeispiel einer solchen historisch-systematischen Methode. Diese Ver-
keit selbst ist also ihrer objektiven Wesensart nach historisch; die in den einigung wird in den konkreten Darlegungen dieses Werks über das
verschiedenen Widerspiegelungen erscheinenden inhaltlichen wie for- Grundphänomen des Ästhetischen und in allen seinen Abzweigungen in
mellen geschichtlichen Bestimmungen sind demgemäß nur mehr oder Detailfragen versucht. Diese Methodologie schlägt nun insofern ins
weniger richtige Annäherungen an diese Seite der objektiven Wirklich- Weltanschauliche um, als sie einen radikalen Bruch mit allen jenen A n -
keit. Eine echte Historizität kann aber niemals in einer bloßen Verände- schauungen beinhaltet, die in der Kunst, im künstlerischen Verhalten
rung der Inhalte der völlig gleich bleibenden Formen bei völlig unverän- etwas überhistorisch Ideenhaftes oder zumindest der „Idee" des Menschen
derlichen Kategorien bestehen. Ja gerade dieser Wechsel der Inhalte m u ß ontologisch oder anthropologisch Zugehöriges erblicken. Wie die Arbeit,
notwendig modifizierend auch auf die Formen einwirken, m u ß vorerst die Wissenschaft und alle gesellschaftlichen Betätigungen des Menschen
bestimmte Funktionsverschiebungen innerhalb des kategorialen Systems, ist auch die Kunst ein Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung, des
von einem bestimmten Grad an sogar ausgesprochene Wandlungen mit durch seine Arbeit sich zum Menschen machenden Menschen.
sich führen: das Entstehen neuer und das Verschwinden alter Katego- Aber auch darüber hinaus hat die objektive Historizität des Seins und
rien. Die Historizität der objektiven Wirklichkeit hat eine bestimmte H i - ihre spezifisch prägnante Erscheinungsweise in der menschlichen Gesell-
storizität der Kategorienlehre zur Folge. schaft wichtige Folgen für das Erfassen der prinzipiellen Eigenart des
Freilich muß dabei sehr darauf geachtet werden, inwiefern und wieweit Ästhetischen. Es wird Aufgabe unserer konkreten Ausführungen sein, zu
solche Veränderungen von objektiver oder subjektiver Beschaffenheit zeigen, daß die wissenschaftliche Widerspiegelung der Wirklichkeit sich
sind. Denn obgleich wir meinen, auch die Natur müsse letzten Endes von allen anthropologischen, sinnlichen wie geistigen Determinationen zu
historisch aufgefaßt werden, sind die einzelnen Etappen dieser Entwick- befreien versucht, daß sie bestrebt ist, die Gegenstände und ihre Bezie-
lung von einer derartigen zeitlichen Ausdehnung, daß ihre objektiven hungen so abzubilden, wie sie an sich, unabhängig vom Bewußsein sind.
20 Vorwort Vorwort 2t

Die ästhetische Widerspiegelung geht dagegen von der Welt des Menschen meinen das Problem der Diesseitigkeit. Rein methodologisch betrachtet,
aus und ist auf sie gerichtet. Das bedeutet, wie an seiner Stelle dargelegt ist Diesseitigkeit eine unerläßliche Forderung der wissenschaftlichen Er-
werden soll, nicht einen einfachen Subjektivismus. Die Objektivität der kenntnis ebenso wie der künstlerischen Gestaltung. Nur wenn ein K o m -
Objekte bleibt im Gegenteil bewahrt, jedoch so, daß in ihr alle typischen plex von Phänomenen rein aus ihren immanenten Eigenschaften, aus den
Bezogenheiten auf das menschliche Leben mit enthalten sind, daß sie so auf sie wirkenden, gleichfalls immanenten Gesetzlichkeiten restlos be-
erscheint, wie es dem jeweiligen Stand der inneren wie äußeren Mensch- griffen erscheint, kann man ihn als wissenschaftlich erkannt betrachten.
heitsentwicklung, die eine gesellschaftliche Entwicklung ist, entspricht. I 'raktisch ist eine solcheVollständigkeit natürlich immer nur approximativ;
Das bedeutet, daß jede ästhetische Gestaltung das historische Hic et nunc die extensive wie intensive Unendlichkeit der Gegenstände, ihrer statischen
ihrer Genesis als wesentliches Moment ihrer entscheidenden Gegenständ- und dynamischen Beziehungen etc. gestattet nicht, daß irgendeine Erkennt-
lichkeit in sich einbezieht, sich selbst einordnet. Natürlich ist jede Wider- nis in ihrer jeweils gegebenen Form je als eine absolut endgültige aufgefaßt
spiegelung sachlich von der bestimmten Stelle ihres Vollzugs determiniert. werden kann, daß Korrekturen, Einschränkungen, Erweiterungen etc. an
Selbst bei der Entdeckung mathematischer oder rein naturwissenschaft- ihr je als ausgeschlossen betrachtet werden können. Dieses Noch-nicht in
licher Wahrheiten ist der Zeitpunkt niemals zufällig; allerdings besitzt er der wissenschaftlichen Bewältigung der Wirklichkeit wurde von der Magie
sachliche Bedeutung mehr für die Geschichte der Wissenschaften als für bis zum modernen Positivismus in den verschiedenen Weisen als Transzen-
das Wissen selbst, für welches man es als völlig gleichgültig betrachten denz interpretiert, unbekümmert darum, wie vieles, worüber man einst ein
kann, wann und unter welchen - notwendigen - historischen Bedingungen „Tgnorabimus" verkündet hatte, bereits längst als lösbares, wenn auch
etwa der pythagoreische Lehrsatz zum erstenmal formuliert wurde. Ohne vielleicht noch nicht praktisch gelöstes Problem in die exakte Wissen-
hier auf die kompliziertere Lage in den Gesellschaftswissenschaften einge- schaft eingezogen ist. Die Entstehung des Kapitalismus, die neuen Bezie-
hen zu können, muß auch für diese festgestellt werden, daß die Einwir- hungen zwischen Wissenschaft und Produktion, kombiniert mit den
kungen der Zeitlage in ihren verschiedensten Formen hindernd auf das großen Krisen der religiösen Weltanschauungen, haben an die Stelle der
Herausarbeiten der wirklichen Objektivität in der Reproduktion der ge- naiven Transzendenz eine kompliziertere, raffiniertere gesetzt. Schon zur
sellschaftlich-geschichtlichen Tatbestände wirksam werden können. Völ- Zeit der Versuche einer ideologischen Abwehr der Kopernikanischen
lig entgegengesetzt steht es mit der ästhetischen Widerspiegelung der Theorie seitens der Verteidiger des Christentums ist der neue Dualismus
Wirklichkeit: Ohne ein gestalterisches Lebendigmachen des jeweiligen entstanden: eine methodologische Anschauung, um die Immanenz für die
historischen Hic et nunc im abgebildeten Moment ist noch niemals ein gegebene Erscheinungswelt mit einem Leugnen ihrer letzthinnigen Reali-
bedeutendes Kunstwerk entstanden. Einerlei, ob die betreffenden Künst- lät zu verknüpfen, um die Kompetenz der Wissenschaft, über diese
ler sich dessen bewußt sind oder mit dem Glauben schaffen, etwas Über- etwas Gültiges aussagen zu können, zu bestreiten. A u f der Oberfläche
zeitliches hervorzubringen, einen früheren Stil fortzuführen, ein aus der mag der Eindruck entstehen, daß diese Entwertung der Wirklichkeit der
Vergangenheit geschöpftes „ewiges" Ideal zu verwirklichen - soweit ihre Welt nichts ausmacht, da ja die Menschen praktisch in der Produktion ihre
Werke künstlerisch echt sind, wachsen sie aus den tiefsten Bestrebungen unmittelbaren Aufgaben erfüllen können, unabhängig davon, ob sie
der Zeit ihres Entstehens heraus; Inhalt und Form der wahrhaftig künst- Objekt, Mittel etc. ihrer Tätigkeit für etwas Ansichseiendes oder für bloße
lerischen Gestaltungen können - gerade ästhetisch - von diesem Boden 1 Erscheinungen halten. Eine solche Anschauung ist aber in doppelter Weise
ihrer Genesis nicht getrennt werden. Die Historizität der objektiven Wirk- sophistisch. Erstens ist jeder handelnde Mensch in seiner realen Praxis im-
lichkeit erhält ihre subjektive wie objektive Gestalt gerade in den Werken mer überzeugt, mit der Wirklichkeit selbst zu tun zu haben; selbst der
der Kunst. positivistische Physiker ist es, wenn er z . B . ein Experiment vollzieht.
Dieses historische Wesen der Wirklichkeit führt zu einem weiteren wich- Zweitens zersetzt eine derartige Anschauung, wenn sie - aus gesellschaft-
tigen Problemkomplex, der primär ebenfalls methodologischer Art ist, lichen Gründen - tief eingewurzelt und stark verbreitet ist, die vermittel-
jedoch wie jedes echte Problem einer richtig - und nicht bloß formal - auf- Icrcn geistig-moralischen Beziehungen der Menschen zur Wirklichkeit.
gefaßten Methodologie notwendig ins Weltanschauliche umschlägt. Wir I )ie existentialistische Philosophie, in der der in die Welt „geworfene"
22 Vorwort Vorwort 23

Mensch dem Nichts gegenübersteht, ist - gesellschaftlich-geschichtlich an- der Kunst von der Bevormundung seitens der Religion eine fundamen-
gesehen - der notwendig ergänzende Gegenpol jener philosophischen tale Tatsache ihrer Entstehung und Entfaltung. Die Genesis hat eben zu
Entwicklung, die von Berkeley bis zu Mach oder Carnap führt. zeigen, wie aus der naturgemäßen bewußtseinsmäßigen Gebundenheit des
Das eigentliche Schlachtfeld zwischen Diesseitigkeit und Jenseitigkeit primitiven Menschen an die Transzendenz, ohne welche anfängliche Sta-
ist ohne Frage die Ethik. Darum können im Rahmen dieses Werks die ent- dien auf jedem Gebiet unvorstellbar wären, die Kunst sich allmählich zu
scheidenden Bestimmungen dieser Kontroverse nur gestreift, aber nicht einer Selbständigkeit in der Widerspiegelung der Wirklichkeit, zu ihrer
vollständig dargelegt werden; der Verfasser hofft, in absehbarer Zeit auch eigenartigen Bearbeitung durchgerungen hat. Es kommt dabei natürlich
seine Anschauungen über diese Frage in systematischer Form darbieten auf die Entwicklung der objektiven ästhetischen Tatsachen an, nicht dar-
zu können. Hier sei nur kurz bemerkt, daß der alte Materialismus - von auf, was ihre Vollstrecker über ihr eigenes Tun gedacht haben. Gerade in
Demokritos bis Feuerbach - die Immanenz der Weltstruktur nur in me- der künstlerischen Praxis ist die Divergenz zwischen Tat und Bewußtsein
chanistischer Weise auszuführen imstande war, weshalb einerseits die Welt über sie besonders groß. Das Marx entnommene Motto unseres ganzen
noch immer als ein Uhrwerk aufgefaßt werden konnte, das einer - trans- Werks „Sie wissen es nicht, aber sie tun es" tritt hier besonders prägnant
zendenten - Einwirkung bedarf, um es in Gang zu setzen; andererseits hervor. Es ist also die objektive kategoriale Struktur des Kunstwerks, die
konnte der Mensch in einem solchen Weltbild nur als notwendiges Pro- jede Bewegung des Bewußtseins ins Transzendente, die in der Geschichte
dukt und Objekt der immanent-diesseitigen Gesetzlichkeiten erscheinen; des Menschengeschlechts naturgemäß sehr häufig ist, wieder in Diesseitig-
seine Subjektivität, seine Praxis blieben durch diese unerklärt. Erst die keit verwandelt, indem es als das, was es ist, als Bestandteil des mensch-
Hegel-Marxsche Lehre vom Selbstschaffen des Menschen durch seine lichen, diesseitigen Lebens, als Symptom seines jeweiligen Geradesoseins
eigene Arbeit, die Gordon Childe als „man makes himself" glücklich for- erscheint. Die vielfache Verwerfung der Kunst, des ästhetischen Prinzips,
5
muliert hat, vollendet die Diesseitigkeit des Weltbilds, schafft die welt- von Tertullian bis Kierkegaard ist nichts Zufälliges, vielmehr eine Aner-
anschauliche Basis für eine diesseitige Ethik, deren Geist schon längst in kennung ihres wirklichen Wesens aus dem Lager ihrer geborenen Feinde.
den genialen Konzeptionen von Aristoteles und Epikur, von Spinoza und Auch dieses Werk registriert nicht einfach diese notwendigen Kämpfe,
Goethe lebendig war. (In diesem Zusammenhang spielt natürlich die Evo- sondern es bezieht in ihnen resolut Stellung: für die Kunst, gegen die Re-
lutionslehrc in der [organischen] Welt, die ständig größere Annäherung ligion, im Sinne einer großen Tradition, die von Epikur über Goethe bis
an die Entstehung des Lebens aus der Wechselwirkung physikalischer Marx und Lenin reicht.
und chemischer Gesetzlichkeiten eine wichtige Rolle.) Die dialektische Entfaltung, Auseinanderlegung und Wiedervereinigung
Für die Ästhetik ist diese Frage von höchster Bedeutung und wird dem- so mannigfacher, widerspruchsvoller, konvergierender und divergierender
gemäß in den konkreten Darlegungen des vorliegenden Werks ausführ- Bestimmungen von Gegenständlichkeiten und ihren Beziehungen erfor-
lich behandelt. Es wäre zwecklos, die Ergebnisse dieser Untersuchungen, dert auch für die Darstellung eine eigene Methode. Wenn hier ihre grund-
die nur in der Entfaltung aller dabei in Betracht kommenden Bestimmun- legenden Prinzipien kurz auseinandergesetzt werden sollen, so kann keines-
gen Überzeugungskraft besitzen können, hier verkürzt vorwegzunehmen. wegs davon die Rede sein, im Vorwort eine Apologie der eigenen Darstel-
Nur um den Standpunkt des Verfassers auch im Vorwort nicht zu ver- lungsweise geben zu wollen. Niemand kann ihre Grenzen und Fehler klarer
schweigen, sei so viel gesagt, daß die immanente Geschlossenheit, das sehen als der Verfasser. E r will hier nur für seine Intentionen geradestehen;
Auf-sich-selbst-Gestelltsein jedes echten Kunstwerks - eine Art der Wider- wo er sie angemessen, wo fehlerhaft verwirklicht hat, darüber steht ihm kein
spiegelung, die auf anderen Gebieten der menschlichen Reaktionen auf die Urteil zu. Es soll also im folgenden nur von den Prinzipien die Rede sein,
Außenwelt keine Analogie hat - dem Gehalt nach immer, gewollt oder niese wurzeln in der materialistischen Dialektik, deren konsequente
ungewollt, ein Bekenntnis zur Diesseitigkeit ausspricht. Darum ist der Durchführung auf einem so ausgedehnten und viel weit Auseinanderlie-
Gegensatz von Allegorie und Symbol, wie Goethe genial gesehen hat, gendes umfassenden Gebiet vor allem einen Bruch mit den formellen, auf
eine Frage von Sein oder Nichtsein für die Kirnst. Darum ist zugleich, Definitionen und mechanischen Abgrenzungen, auf „reinlichen" Schei-
wie in einem eigenen Kapitel (Kap. 16) gezeigt wird, der Befreiungskampf dungen in Unterabteilungen beruhenden Darstellungsmitteln erfordert.
24 Vorwort Vorwort 25

Wenn wir, um uns mit einem Schlag ins Zentrum zu versetzen, von der ein feines Verständnis meiner Absichten, wenn meine damalige Produk-
Methode der Bestimmungen im Gegensatz zu der der Definitionen aus- tion auch ein solches Lob keinesfalls verdiente. Vielleicht, so hoffe ich,
gehen, so gehen wir auf die Realitätsgrundlagen der Dialektik zurück, auf kann dieses Werk eher als Verwirklichung eines solchen Denkstils gelten.
die extensive wie intensive Unendlichkeit der Gegenstände und ihrer Be- Endlich mag der Leser gestatten, ganz kurz auf die Entstehungsge-
ziehungen. Jeder Versuch, diese Unendlichkeit gedanklich zu ergreifen, schichte meiner Ästhetik hinzuweisen. Ich begann als Literaturkritiker
muß mit Unzulänglichkeiten behaftet sein. Die Definition fixiert jedoch und Essayist, der in den Ästhetiken Kants, später Hegels theoretische
ihre eigene Partialität als etwas Endgültiges und m u ß deshalb den Grund- Stütze suchte. Im Winter 1911/12 entstand in Florenz der erste Plan einer
charakter der Phänomene vergewaltigen. Die Bestimmung betrachtet sich selbständigen systematischen Ästhetik, an deren Ausarbeitung ich mich
von vornherein als etwas Vorläufiges, Ergänzungsbedürftiges, als etwas, in den Jahren 1912-1914 in Heidelberg machte. Ich denke noch immer mit
zu dessen Wesen es gehört, weitergeführt, weitergebildet, konkretisiert zu Dankbarkeit an das wohlwollend-kritische Interesse, das Ernst Bloch,
werden. Das heißt: Wird in diesem Werk ein Gegenstand, eine Beziehung Emil Lask und vor allem Max Weber meinem Versuch gegenüber zeigten.
von Gegenständlichkeiten, eine Kategorie durch ihre Bestimmung ins Er ist vollständig gescheitert. U n d wenn ich hier leidenschaftlich gegen
Licht der Begreifbarkeit und Begrifflichkeit gerückt, so ist stets etwas den philosophischen Idealismus auftrete, so ist diese Kritik immer auch
Doppeltes gemeint und beabsichtigt: das jeweilige Objekt so zu bezeich- gegen meine eigenen Jugendtendenzen gerichtet. Äußerlich gesehen, unter-
nen, daß es als Unverwechselbares erkannt wird, ohne jedoch darauf A n - brach der Kriegsausbruch diese Arbeit. Schon die „Theorie des Romans" , 6

spruch zu erheben, daß das Erkanntwerden auf dieser Stufe seine Totali- entstanden im ersten Kriegsjahr, richtet sich mehr auf geschichtsphilo-
tät treffen müßte und man darum hier stehenbleiben dürfte. Dem Objekt sophische Probleme, für welche die ästhetischen nur Symptome, Signale
kann man sich nur allmählich, nur schrittweise annähern, indem dasselbe sein sollten. Dann traten Ethik, Geschichte, Ökonomie immer stärker
Objekt in verschiedenen Zusammenhängen, in verschiedenen Beziehungen in den Mittelpunkt meiner Interessen. Ich wurde Marxist, und das Jahr-
zu verschiedenen anderen Objekten betrachtet wird, indem die anfang- zehnt meiner aktiven politischen Tätigkeit ist zugleich die Periode einer
liche Bestimmung auf solchen Wegen zwar nicht aufgehoben wird - dann inneren Auseinandersetzung mit dem Marxismus, die seiner wirklichen
wäre sie falsch gewesen - , sondern im Gegenteil sich ununterbrochen an- Aneignung. Als ich - u m 1930-mich wieder der intensiven Beschäftigung
reichert, sich immer näher an die Unendlichkeit des Gegenstandes, auf mit künstlerischen Problemen zuwandte, stand eine systematische Ästhetik
den sie gerichtet ist, man könnte sagen, heranschleicht. Dieser Prozeß nur als sehr ferne Perspektive an meinem Horizont. Erst zwei Jahrzehnte
spielt sich in den verschiedensten Dimensionen der gedanklichen Repro- später, Anfang der fünfziger Jahre, konnte ich daran denken, mit ganz
duktion der Wirklichkeit ab und kann darum prinzipiell immer nur relativ anderer Weltanschauung und Methode an die Verwirklichung meines
als abgeschlossen gelten. Wird jedoch diese Dialektik richtig durchge- Jugendtraums heranzutreten und ihn mit völlig anderen Inhalten, mit ra-
führt, so entsteht ein ständig zunehmender Fortschritt an Klarheit und dikal entgegengesetzten Methoden auszuführen.
Reichtum der betreffenden Bestimmung und ihres systematischen Zu- Ich möchte dieses Buch nicht der Öffentlichkeit übergeben, ohne meinen
sammenhangs; man muß also die Wiederkehr derselben Bestimmung in Dank abzustatten: an Prof. Bence Szabolcsi, der mir mit unermüdlicher
verschiedenen Konstellationen, Dimensionen von einer einfachen Wieder- Geduld half, meine dürftige musikalische Kultur zu verbreitern und zu ver-
holung genau unterscheiden. Der so erzielte Fortschritt ist aber nicht nur tiefen; an Frau Agnes Heller, die mein Manuskript während seines Ent-
ein Gang nach vorwärts, ein immer tieferes Eindringen in das Wesen der stehens las und deren scharfsinnige Kritik dem endgültigen Text sehr zu-
zu erfassenden Objekte, sondern wird auch - wenn er wirklich richtig, gute kam; an Dr. Frank Benseier für seine Initiative beim Entstehen dieser
wirklich dialektisch durchgeführt ist - zugleich den vergangenen, den be- Ausgabe, für seine hingebende Arbeit am Manuskript und bei der Korrek-
reits zurückgelegten Weg neu beleuchten, ihn im tieferen Sinne erst jetzt tur.
gangbar machen. M a x Weber schrieb mir seinerzeit über meine ersten,
sehr unzulänglichen so orientierten Versuche, sie wirkten wie Ibsensche Budapest, Dezember 1962
Dramen, deren Anfang man erst vom Schlüsse aus verstehe. Ich sah darin
Erstes Kapitel
Probleme der Widerspiegelung
im Alltagsleben

I Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens

Die hier folgenden Darlegungen erheben keinen Augenblick den A n -


spruch, eine genaue und erschöpfende philosophische - speziell erkennt-
nistheoretische - Analyse des Alltagsdenkens zu geben. Ebensowenig ge-
hen sie darauf aus, eine - wenn auch nur philosophische - Geschichte der
Trennung der aus diesem gemeinsamen Boden wachsenden künstlerischen
und wissenschaftlichen Widerspiegelung der Realität zu geben. Die Haupt-
schwierigkeit ist das Fehlen der Vorarbeiten. Die Erkenntnistheorie hat
sich bis jetzt sehr wenig um das Alltagsdenken gekümmert. Es liegt im
Wesen der Einstellung einer jeden bürgerlichen, vor allem jeder idealisti-
schen Erkenntnistheorie, daß sie einerseits alle Fragen der Genesis des
Erkennens in den Bereich der Anthropologie etc. hinüberschiebt und an-
dererseits bloß die Probleme der höchstentwickelten, der reinsten F o r m
der wissenschaftlichen Erkenntnis untersucht. Das ging so weit, daß sogar
die nichtnaturwissenschaftlichen, nicht„exakten" Wissenschaftsformen,
z. B. die historischen Wissenschaften, erst sehr spät einer erkenntnistheoreti-
schen Analyse unterworfen wurden; und dies geschah dann zumeist in einer
Weise, die infolge ihrer irrationalistischen Tendenz die Zusammenhänge
mehr verwirrte als aufklärte. Auch die Untersuchungen über die Eigenart
des Ästhetischen, die in den seltensten Fällen die ästhetische Widerspiege-
lung der Wirklichkeit behandelten, liefen meist bloß darauf hinaus, das
abstrakte Anderssein des Ästhetischen Leben und Wissenschaft gegen-
über zu betonen. Gerade in solchen Fragenkomplexen stellt das metaphy-
sische Denken der Erkenntnis unübersteigbare Hindernisse in den Weg.
Denn sein Ja oder Nein leugnet die Erkenntnis von fließenden Übergän-
gen, denen wir im Leben wie vor allem in den Perioden der historisch-
sozialen Genesis der Kunst als zu lösenden Problemen begegnen. Der
metaphysische Charakter der ebenfalls starren Gegenüberstellung der
28 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 29

Fragen von Genesis und Geltung bildet eine weitere Schranke in dieser leren Typ aufteilt. Der letztere verbindet die Arbeit beider Systeme in dem
Hinsicht. Erst der dialektische und historische Materialismus wird in der notwendigen Maße. Diese Einteilung läßt sich sowohl an einzelnen Men-
1
Lage sein, eine historisch-systematische Methode zur Erforschung solcher schen als auch an ganzen Nationen erkennen."
Probleme auszubilden. Die Reinheit der wissenschaftlichen und ästhetischen Widerspiegelung
Die allgemein methodologische Fragestellung ist auf dieser Grundlage grenzt sich also einerseits scharf von den komplizierten Mischformen des
freilich doch ganz klar. Wieviel sie aufhellen kann, wird im folgenden Alltags ab, andererseits verschwimmen gleichzeitig diese Grenzen un-
darzulegen versucht. Jetzt sei nur vorwegnehmend der allerallgemeinste unterbrochen, indem beide differenzierten Wider Spiegelungsformen aus
Gesichtspunkt kurz hervorgehoben: Wissenschaftliche und ästhetische den Bedürfnissen des Alltagslebens entstehen, ihre Probleme zu beant-
Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit sind im Laufe der geschicht- worten berufen sind und indem viele Ergebnisse beider sich wieder mit den
lichen Entwicklung sich herausbildende, immer feiner differenzierte For- Äußerungsformen des Alltagslebens mischen, diese umfassender, differen-
men der Widerspiegelung, die ihre Grundlage wie ihre letzthinnige Er- zierter, reicher, tiefergehend etc. machen und so dieses selbst ununter-
füllung im Leben selbst findet. Ihre Eigenart konstituiert sich gerade in brochen höher entwickeln. Eine wirkliche historisch-systematische Genesis
der Richtung, die das immer präzisere, vollendetere Ausüben ihrer gesell- der wissenschaftlichen wie ästhetischen Widerspiegelung ist ohne das Er-
schaftlichen Funktion nach Möglichkeit erfordert. Sie bilden deshalb in hellen dieser Wechselbeziehungen einfach undenkbar. F ü r das philoso-
ihrer verhältnismäßig spät entstandenen Reinheit, worauf ihre wissen- phische Erfassen der hier entstehenden Probleme ist es daher unerläßlich,
schaftliche bzw. ästhetische Allgemeinheit beruht, die beiden Pole der weder die doppelte Wechselwirkung mit dem Alltagsdenken noch die
generellen Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit, deren fruchtbare sich herausbildende spezifische Eigenart der beiden differenzierten For-
Mitte die des Alltagslebens bildet. Diese hier angedeutete und später aus- men aus dem Blickkreis der Betrachtung zu verlieren.
führlich zu behandelnde Dreiteilung der Beziehung des Menschen zur Die philosophische Untersuchung der Widerspiegelung hat jedoch eine
Außenwelt wurde sehr klar von Pawlow erkannt. In einer Untersuchung unerläßliche Voraussetzung, die wenigstens ihren allgemeinsten Grund-
über die Typen der höheren Nerventätigkeit schreibt er: „Die Tiere ver- lagen nach geklärt werden muß, bevor eine Auseinandersetzung mit ihren
kehrten bis zum Erscheinen des homo sapiens mit der Umwelt nur durch spezifischen Problemen einsetzen kann. Wenn wir nämlich die Widerspiege-
die unmittelbaren Eindrücke der verschiedenen Agenzien, die auf die ver- lung im Alltagsleben, in Wissenschaft und Kunst auf ihre Differenzen unter-
schiedenen Rezeptoren der Tiere einwirken und in entsprechende Zellen suchen wollen, so müssen wir uns stets darüber im klaren sein, daß alle
des Zentralnervensystems geleitet werden. Diese Eindrücke sind für die drei Formen dieselbe Wirklichkeit abbilden. Erst im subjektiven Idealis-
Tiere die einzigen Signale der Objekte der Außenwelt. Bei der Entstehung mus entsteht die Vorstellung, als ob die verschiedenen Arten des mensch-
des Menschen entstanden, entwickelten und vervollkommneten sich außer- lichen Ordnens der Widerspiegelung verschiedene, selbständige, vom Sub-
ordentlich Signale zweiter Ordnung, Signale dieser primären Signale, in jekt geschaffene Wirklichkeiten betreffen, die sich miteinander gar nicht
Form von gesprochenen, gehörten und sichtbaren Worten. Diese neuen berühren. A m ausgeprägtesten und konsequentesten drückt dies Simmel
Signale bezeichneten letzten Endes alles, was die Menschen unmittelbar, aus; er schreibt z . B . über die Religion: „Das religiöse Leben schafft die
sowohl aus der äußeren als auch aus ihrer inneren Welt, wahrnehmen, und Welt noch einmal, es bedeutet das ganze Dasein in einer besonderen Ton-
wurden von ihnen nicht nur beim gegenseitigen Verkehr, sondern auch für art, so daß es seiner reinen Idee nach mit den nach anderen Kategorien er-
sich allein benutzt. E i n solches Vorherrschen dieser neuen Signale war na- bauten Weltbildern sich überhaupt nicht kreuzen, ihnen nicht wider-
2
türlich durch die ungeheure Wichtigkeit des Wortes bedingt, obwohl sprechen kann." Der dialektische Materialismus betrachtet dagegen die
Worte nur die zweiten Signale der Wirklichkeit waren und blieben. . . . materielle Einheit der Welt als eine unumstößliche Tatsache. Jede Wider-
Aber ohne sich weiter in dieses wichtige und umfangreiche Thema zu ver- spiegelung ist daher die dieser einen und einheitlichen Wirklichkeit. Dar-
tiefen, muß man feststellen, daß infolge der zwei Signalsysteme und dank aus folgt jedoch nur für den mechanischen Materialismus, daß jedes A b -
der alten, dauernd wirkenden, verschiedenartigen Lebensweise die Masse bild dieser Wirklichkeit ihre einfache Photokopie sein müßte. (Über diese
der Menschen sich in einen Künstlertyp, einen Denkertyp und einen mitt- Frage wird später ausführlich gehandelt [332 ff.]. Hier möge die Bemer-
30 Kap. 1: Probleme der Widerspiegeking im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 31

kung genügen, daß die realen Widerspiegelungen in Wechselwirkung wicklungsetappen der Differenzierung mutig herangehen. So philosophisch
zwischen Mensch und Außenwelt entstehen, ohne daß die daraus entste- diese unsere Methode auch sein mag, sie enthält in sich die Prinzipien der
hende Auswahl, Anordnung etc. unbedingt eine subjektive Täuschung gesellschaftlichen Sicht. Marx hat die Methode einer solchen Annäherung
oder Entstellung sein müßte; was sie natürlich in manchen Fällen ist.) an längst vergangene, oft verschollene Epochen in bezug auf die Geschichte
Wenn z . B . im Alltagsleben der Mensch seine Augen schließt, um be- der ökonomischen Formationen und Kategorien klar beschrieben und be-
stimmte hörbare Nuancen seiner Umwelt besser wahrzunehmen, so kann stimmt. Er sagt: „Die bürgerliche Gesellschaft ist die entwickeltste und
eine solche Ausschaltung eines Teiles der widerzuspiegelnden Wirklich- mannigfaltigste historische Organisation der Produktion. Die Kategorien,
keit dazu beitragen, jenes Phänomen, an dessen Bewältigung er augen- die ihre Verhältnisse ausdrücken, das Verständnis ihrer Gliederung, ge-
blicklich interessiert ist, genauer, vollständiger, in besserer Annäherung zu währen daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktions-
erfassen, als es ihm ohne dieses Abseilen von der visuellen Welt möglich verhältnisse aller der untergegangnen Gesellschaftsformen, mit deren
gewesen wäre. Von solchen fast instinktiv vollzogenen Manipulationen Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut, von denen teils noch un-
führt ein sehr verschlungener Weg zur Widerspiegelung in Arbeit, Ex- überwundne Reste sich in ihr fortschleppen, bloße Andeutungen sich zu
periment etc. bis zu Wissenschaft und Kunst. Die so entstehenden Unter- ausgebildeten Bedeutungen entwickelt haben etc. In der Anatomie des
schiede, ja Gegensätze in der Widerspiegelung der Wirklichkeit werden Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf
wir später ausführlich behandeln. Hier muß nur gleich ganz zu Anfang Höhres in den untergeordnetren Tierarten können dagegen nur verstanden
entschieden festgestellt werden, daß es sich immer um die Widerspiegelung werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist. Die bürgerliche Öko-
derselben objektiven Wirklichkeit handelt und daß diese Einheit des letzt- nomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc. Keineswegs aber in der Art
hinnigen Gegenstandes für die Gestaltung von Inhalt und Form der der Ökonomen, die alle historischen Unterschiede verwischen und in allen
Unterschiede und Gegensätze von entscheidender Bedeutung ist. 3
Gesellschaftsformen die bürgerlichen sehen." Auch für unser Gebiet ist
Wenn wir nun auf dieser Grundlage die Wechselwirkungen des Alltags die Anatomie des Menschen der Schlüssel zur Anatomie des Affen. N a -
mit Wissenschaft und Kunst ins Auge fassen, so sehen wir, daß eine noch so türlich wird bei der heutigen Entwicklungshöhe unserer Einsichten und
klare Erkenntnis der hier zu lösenden Probleme noch lange nicht bedeutet, Kenntnisse nicht mehr erreichbar sein als das annähernde Erhellen der
daß sie heute konkret beantwortet werden können. Vor allem gilt dies für wichtigsten Tendenzen, der entscheidendsten Knotenpunkte. Mehr ist aber
die Geschichte der allmählichen, ungleichmäßigen, widerspruchsvollen für die Ziele unserer gegenwärtigen Untersuchungen auch nicht nötig.
Differenzierung dieser drei Abarten der Widerspiegelung. Wir können ihr Hoffentlich gehen davon Anregungen zu weiteren Forschungen aus, die
ursprüngliches chaotisches Ineinander in dem uns bekannten primitiven sicher manches an dem hier Dargelegten korrigieren werden.
Anfangsstadium der Menschheit allgemein gedanklich zweifellos festhal- Zur allgemeinen Methode sei hier nur noch soviel bemerkt, daß unsere
ten. Wir haben in der geschriebenen Geschichte der Menschheit eine hoch- Untersuchungen sich auf den Menschen beschränken. Schon die Wichtig-
entwickelte und sich - wenn auch, wie wir später sehen werden, wider- keit des Pawlowschen zweiten Signalsystems, der Sprache, verlangt eine
spruchsvoll - immer höher entwickelnde Differenzierung vor uns. Die deutliche methodologische Abgrenzung von der Tierwelt, in welcher solche
historische Kontinuität zwischen diesen beiden Endpunkten muß objektiv Signale nicht vorkommen. Es wird natürlich eine wichtige Aufgabe blei-
ebenso fraglos vorhanden sein. Unser gegenwärtiges Wissen über diesen ben, in der Entwicklung der Tierwelt die Entstehung und Entfaltung der
Prozeß reicht jedoch nicht entfernt dazu aus, ihn selbst konkret zu erken- bedingten Reflexe eingehend zu studieren. Denn schon hier beginnt eine
nen. Dieser Mangel beruht nicht nur auf der Unkenntnis historischer Tat- gewisse Bearbeitung der unmittelbar widergespiegelten objektiven Wirk-
sachen, sondern er ist aufs tiefste mit der Ungeklärtheit der prinzipiellen, lichkeit, die bei den höheren Tieren bereits einen relativ hohen Grad der
der philosophischen Grundfragen verbunden. Wenn wir also diesen Zau- Differenzierung erreicht. Eine eingehende Beschäftigung mit diesem Pro-
berkreis des verschiedenartigen Nichtwissens sprengen wollen, müssen wir blemkomplex liegt aber außerhalb des Rahmens unserer Arbeit. Wir werden
- unserer höchst fragmentarischen Kenntnisse stets bewußt - an die philo- nur gelegentlich, um in bestimmten konkreten Fällen Abgrenzungen zu
sophische Klärung sowohl der Grundtypen wie der entscheidenden Ent- vollziehen oder Ubergänge zu erhellen, auf ihn zurückkommen.
32 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 33

Freilich müssen die Feststellungen Pawlows stets im Sinne des dialek- lichen Lebensweise, Arbeit und Sprache, bereits in mancher Hinsicht we-
tischen Materialismus aufgefaßt und ausgelegt werden. Denn so funda- sentlich den Charakter von Objektivationen. Arbeit kann nur als ein teleo-
mental dessen zweites Signalsystem der Sprache für diese Abgrenzung logischer A k t zustande kommen. Marx sagt über den spezifisch mensch-
zwischen Mensch und Tier sein mag, seinen wirklichen Sinn und seine aus- lichen Charakter der Arbeit: „Wir unterstellen die Arbeit in einer Form,
4
giebige Fruchtbarkeit erhält es erst, wenn, wie bei Engels, auf das simul- worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet
tane Entstehen, auf die sachliche Untrennbarkeit von Arbeit und Sprache Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch
das nötige Gewicht gelegt wird. D a ß der Mensch „etwas zu sagen" hat, den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber
was jenseits des Gebiets des Tierischen liegt, entstammt direkt der Arbeit von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene aus-
und entfaltet sich - direkt und indirekt, später oft durch sehr viele Vermitt- zeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem K o p f gebaut hat, bevor er sie in
lungen - im Zusammenhang mit der Entwicklung der Arbeit. Deshalb neh- Wachs baut. A m Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus,
men wir hier, auch polemisch, wenig Bezug auf die Bestrebungen Dar- das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also
wins, die Kategorien der Kunst bereits im Leben der Tiere aufzufinden schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des
und ihre menschlichen Äußerungen daraus abzuleiten. Wir glauben: die Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck,
Arbeit (und mit ihr die Sprache und ihre Begriffswelt) schafft hier eine so den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und
5
breite und tiefe Kluft, daß auch das unter Umständen vorhandene tie- dem er seinen Willen unterordnen m u ß . "
rische Erbe, für sich betrachtet, nicht entscheidend ins Gewicht fällt; ganz Untersuchen wir also auf dieser Grundlage jene Momente der Arbeit,
sicher kann es nicht zur Erklärung der völlig neuen Phänomene nutzbar die diese als fundamentalen Faktor des Alltagslebens, des Alltagsdenkens,
gemacht werden. Damit wird natürlich, wie wir später gelegentlich sehen der Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit im Alltag bestimmen.
werden, die Tatsache eines solchen Erbes keineswegs überhaupt geleug- Marx weist vor allem darauf hin, daß es sich dabei um einen historischen
net. Im Gegenteil, wir meinen, daß jene Tendenzen der neueren Biologie Prozeß handelt, in welchem - objektiv wie subjektiv - qualitative Verän-
und Anthropologie, die zwischen Tier und Mensch ein völliges Anderssein j derungen vor sich gehen. A u f deren konkrete Bedeutung werden wir spä-
statuieren, an vielen wichtigen Tatsachen achtlos vorbeiführen. Wir be- ter wiederholt ausführlich zu sprechen kommen. Für uns ist jetzt nur die
nutzen aber hier bestimmte Ergebnisse der Anthropologie für genau um- Tatsache wichtig, daß Marx in abkürzenden Andeutungen drei wesent-
grenzte Zwecke, für deren adäquate Erkenntnis gerade die Untrennbar- liche Perioden unterscheidet. Die erste wird durch die „ersten tierartig
keit von Arbeit und Sprache, also das Trennende zwischenTier und Mensch, instinktmäßigen Formen der Arbeit" bezeichnet, als Vorstufe jener Aus-
eine ausschlaggebende Bedeutung hat. bildung, die sie bereits auf der an sich noch unentwickelten Stufe des
Wenn wir uns nun einer kursorischen Analyse des Alltagsdenkens zu- einfachen Warenverkehrs überschritten hat. Die dritte ist ihre vom Kapi-
wenden, so müssen wir neben dem bereits erwähnten Mangel an Vor- ' talismus entwickelte Wesensart, die wir später eingehender untersuchen
arbeiten folgende sachliche Schwierigkeiten erwähnen, die sicher wenig- müssen, in welcher das Eindringen der auf die Arbeit angewendeten Wis-
stens teilweise ursächlich dafür sind, daß der Alltag, dieses wichtige, den j senschaft entscheidende Veränderungen hervorruft. Hier hört die Arbeit
größten Teil des menschlichen Lebens umfassende Gebiet, philosophisch auf, primär von den eigenen körperlichen und geistigen Kräften des A r -
so wenig untersucht wurde. Vielleicht liegt die Hauptschwierigkeit darin, beitenden bestimmt zu sein (Periode der Maschinenarbeit, steigende Deter-
daß das Alltagsleben keine derartig abgeschlossenen Objektivationen kennt mination der Arbeit durch die Wissenschaften). Dazwischen liegt die
wie Wissenschaft und Kunst. Das will keineswegs sagen, daß in ihm die Ausbildung der Arbeit auf einem weniger entwickelten, mit den persön-
Objektivationen überhaupt fehlen. Ohne Objektivation ist das Leben des lichen Fähigkeiten der Menschen tief verbundenen Niveau (Periode des
Menschen, sein Denken und Fühlen, seine Praxis und seine Reflexion, gar Handwerks, der Nähe von Handwerk und Kunst), die historisch die Vor-
nicht vorstellbar. Abgesehen davon, daß alle eigentlichen Objektivationen aussetzungen für die dritte Periode schafft.
im Alltagsleben der Menschen eine wichtige Rolle spielen, haben doch Allen drei Perioden ist jedoch das Wesenszeichen der spezifisch mensch-
auch die von uns bereits festgestellten Grundformen der spezifisch mensch- lichen Arbeit, des teleologischen Prinzips gemeinsam: daß das Resultat
34 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 35

des Arbeitsprozesses „beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des versuchen oder unter Umständen auf noch Älteres umbildend zurückzu-
Arbeiters, also schon ideell vorhanden war". Die Möglichkeit einer sol- greifen.
chen Aktionsweise setzt einen bestimmten Grad der richtigen Widerspie- Ganz allgemein betrachtet, ist damit noch kein wesentlicher Unterschied
gelung der objektiven Wirklichkeit im Bewußtsein des Menschen voraus. von der Praxis der Wissenschaftler ausgesagt. Vor allem leben auch diese
Besteht doch, nach Hegel, 'der diese Struktur der Arbeit klar erkannt hat innerhalb des Alltagslebens der Menschen ihr eigenes Alltagsleben. Ihr
und auf den sich Marx bei diesen Betrachtungen auch beruft, ihr Wesen individuelles Verhalten zur Objektivation ihrer Tätigkeit muß sich also von
darin: Sie „läßt die Natur sich abreiben, sieht ruhig zu und regiert uur mit ihren anderen Tätigkeiten nicht prinzipiell oder qualitativ unterscheiden,
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leichter Mühe das Ganze" . Es ist klar, daß ein solches Regieren der besonders bei noch unentwickelter gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Wenn
Naturvorgänge - selbst auf primitivster Stufe - ihre annähernd richtige wir jedoch den sich hier ergebenden Tatbestand nicht bloß vom Standpunkt
Widerspiegelung voraussetzt, auch dann, wenn die verallgemeinernden des handelnden Subjekts, sondern von dem des Objekts aus betrachten, er-
Forderungen, die daraus gezogen werden, falsch sind. Pareto hat den Zu- geben sich schon wichtige qualitative Unterschiede. Diese liegen nicht bloß
sammenhang von Richtigkeit im einzelnen und Phantasmagorischem im in der Verwandelbarkeit der Ergebnisse, denn die Resultate der Wissen-
allgemeinen treffend beschrieben, wenn er sagt: „Man wird sagen können, schaft ändern sich ebenso mit der Bereicherung und Vertiefung im Prozeß
daß die wirklich wirksamen Kombinationen, wie die Entzündung von der Widerspiegelung der Wirklichkeit wie die der Arbeit. Entscheidend ist
Feuer mit dem Kieselstein, den Menschen auch zum Glauben an die Wirk- vielmehr der Abstraktionsgrad, die Entfernung von der unmittelbaren Pra-
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samkeit eingebildeter Kombinationen treiben." xis des Alltagslebens, mit der sie freilich beide - sowohl mit ihren Voraus-
Gehören jedoch solche Ergebnisse der Widerspiegelung der Wirklich- setzungen wie mit ihren Folgen - verbunden bleiben. Der Zusammenhang
keit zum Alltagsleben und zu dessen Denken, so ist es klar, daß die Frage ist aber für die Wissenschaft ein mehr oder weniger weit und kompliziert
der Objektivationen bzw. deren mangelhafte Ausbildung in dieser Sphäre vermittelter, während er für die Arbeit, auch wenn sie eine Anwendung
des Lebens nur sehr elastisch, dialektisch aufgefaßt werden darf, wenn wir höchst komplizierter wissenschaftlicher Erkenntnisse ist, einen vorwie-
die grundlegenden Struktur- und Entwicklungstendenzen nicht vergewal- gend unmittelbaren Charakter besitzt. Je unmittelbarer nun diese Bezie-
tigen wollen. Unzweifelhaft entsteht in der Arbeit (ebenso wie in der hungen sind, was zugleich soviel bedeutet, daß die Intention des Handelns
Sprache, die ebenfalls ein fundamentales Moment des Alltagslebens bil- auf einen Einzelfall des Lebens gerichtet ist - und das ist naturgemäß in der
det) eine Art von Objektivation. Und zwar nicht bloß im Produkt der Ar- Arbeit stets der Fall - , desto schwächer, wandelbarer, weniger fixiert ist
beit, worüber kein Streit möglich ist, sondern auch im Arbeitsprozeß. In- die Objektivation. Genauer gesagt: desto stärker sind die Möglichkeiten,
dem die Akkumulation der täglichen Erfahrungen, die Übung, die Ge- daß ihre - eventuell sogar äußerst starre - Fixierung nicht aus dem Wesen
wohnheit etc. dazu führen, bestimmte Bewegungen, ihr quantitativ und der objektiven Gegenständlichkeit stammt, sondern ein subjektives, frei-
qualitativ bestimmtes Aufeinanderfolgen, Ineinandergreifen, Einander- lich oft sozialpsychologisches Fundament (Tradition, Gewöhnung etc.)
ergänzen und -steigern etc. in jedem Arbeitsprozeß zu wiederholen und hat. Das bedeutet, daß die Resultate der Wissenschaft strukturell viel stär-
weiterzubilden, erhält dieser für den Menschen, der ihn ausübt, notwen- ker als vom Menschen unabhängige Gebilde fixiert werden als die der A r -
dig den Charakter einer gewissen Objektivation. Diese hat aber im Ge- beit selbst. Die Entwicklung äußert sich darin, daß das eine Gebilde, ohne
gensatz zur viel stärkeren Fixiertheit der von Kunst oder Wissenschaft ge- seine fixierte Objektivität zu verlieren, von einem anderen, korrigierten
schaffenen Gebilde eine veränderlichere, fließendere Wesensart. Denn wie Gebilde abgelöst wird. Dies wird sogar in der Praxis der Wissenschaften
stark immer die Wirkung der konservierenden, stabilisierenden Prinzipien im allgemeinen durch betontes Hervorheben der erfolgten Änderungen
im Arbeitsprozeß des Alltagslebens (besonders auf den Anfangsstufen) unterstrichen. In den Arbeitsprodukten können dagegen solche Änderun-
auch sein mag - man denke an die Macht der Traditionen in der bäuer- gen als individuelle Variationen vor sich gehen; wenn sie - wie im Kapita-
lichen Landwirtschaft oder im vorkapitalistischen Elandwerk - , in jedem lismus - oft ausdrücklich bekanntgemacht werden, so hat das zumeist
individuellen Arbeitsprozeß ist doch die wenigstens abstrakte Möglichkeit Marktgründe. Der Kapitalismus nähert überhaupt Arbeit und Arbeits-
vorhanden, von den vorhandenen Überlieferungen abzuweichen, Neues zu ergebnis der Struktur der Wissenschaft.
36 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 37

Natürlich analysieren wir hier nur die beiden Pole, ohne die Unzahl von haben, und endlich die oft ausschlaggebende Rolle von Gewöhnung, Tra-
Übergangsformen, die infolge der bereits angedeuteten und später ausführ- dition etc. in diesen Entschlüssen. Das Bezeichnende ist, daß im subjek-
lich zu behandelnden Wechselwirkungen entstehen, zu berücksichtigen. tiven Leben des Alltags ein ständiges Hinundherwechseln vorhanden ist
Betrachtet man die Totalität der menschlichen Tätigkeiten - alle Objekti- zwischen Entscheidungen, die auf Motive augenblicklicher und fließen-
vationen, also nicht nur Wissenschaft und Kunst, sondern auch die gesell- der Wesensart begründet sind, und solchen, die auf starren, wenn auch
schaftlichen Institutionen als ihren Niederschlag berücksichtigend - , so gedanklich selten fixierten Grundlagen (Tradition, Gewohnheit) be-
treten naturgemäß diese Übergänge energisch hervor. D a jedoch unsere ruhen.
gegenwärtige Untersuchung nicht so weitgesteckte Ziele hat, sondern nur
Die Arbeit ist jedoch der der wissenschaftlichen Objektivation am näch-
einige wichtige Wesenszeichen des Alltagslebens - in ihrem Gegensatz zu
sten stehende Teil der Alltagswirklichkeit. Die unendlich vielfältigen Be-
Wissenschaft und Kunst - herausarbeiten will, müssen und können wir
ziehungen zwischen den einzelnen Menschen (Ehe, Liebe, Familie, Freund-
uns mit der Feststellung solcher Kontraste begnügen. U m so mehr, als die
schaft etc.), gar nicht zu sprechen von unzähligen flüchtigen Beziehungen,
Arbeit als ständige Quelle der Entwicklung der Wissenschaft (ein Gebiet,
die Beziehungen der einzelnen Menschen zu den staatlichen und gesell-
das von ihr ununterbrochen bereichert wird) im Alltagsleben wahrschein-
schaftlichen Institutionen, die verschiedenen Formen der Nebenbeschäf-
lich den dort höchstmöglichen Grad der Objektivation erreicht. Dabei
tigung, Vergnügung etc. (z.B. Sport), Phänomene des Alltags wie Mode
muß auf die eingangs angedeutete historische Entwicklung der Arbeit [33]
bestätigen die Richtigkeit einer solchen Analyse. Es handelt sich überall
selbst hingewiesen werden. D a die Wechselwirkung mit der Wissenschaft
um den raschen, oft plötzlichen Wechsel zwischen konservativer Erstarrt-
eine fortdauernde, extensiv wie intensiv immer stärker wirkende Rolle
heit in Routine oder Konvention und Handlungen, Entschlüssen etc., de-
spielt, ist es klar, daß in der heutigen Arbeit wissenschaftliche Kategorien
ren Motive - wenigstens subjektiv, was gerade für diese Untersuchungen
eine viel größere Bedeutung haben als in der früheren. Dies hebt die so-
sehr wichtig ist - einen vorwiegend persönlichen Charakter haben. D a ß
gleich auszuführende grundlegende Eigenart des Alltagsdenkens nicht auf;
besonders im Alltag der kapitalistischen Gesellschaft, wo die Bewegungs-
die wachsende Aufnahme wissenschaftlicher Elemente verwandelt es nicht
motive auf der individuellen Oberfläche vorherrschen, objektiv-statistisch
in ein wirklich wissenschaftliches Verhalten.
sich eine große Gleichförmigkeit zeigt, bestätigt nur diese Feststellung. In
Das kann man am deutlichsten in der Wechselbeziehung von Wissen- traditionsgebundeneren vorkapitalistischen Gesellschaften erscheint diese
schaft und moderner Industrie beobachten. In historischem Maßstabe ist Polarisation qualitativ anders, ohne jedoch diese wesentliche Struktur-
es sicher richtig, daß die Hauptlinie der Entwicklung dahin geht, die Indu- ähnlichkeit aufzuheben.
strie, d.h. den Arbeitsprozeß wissenschaftlich zu durchdringen. Objektiv Hinter allem bisher Aufgeführten steckt ein zweites Wesenszeichen des
historisch ist dabei festzustellen - wie dies Bemal detailliert gezeigt hat - , alltäglichen Seins und Denkens: der unmittelbare Zusammenhang zwi-
daß einerseits die Abgetrenntheit bestimmter Forschungsweisen vom Le- schen Theorie und Praxis. Diese Feststellung bedarf, um richtig verstan-
ben, andererseits die Beschränktheit, der Konservatismus etc. der Indu- den zu werden, einer gewissen Erläuterung. Es wäre nämlich total falsch,
striellen in vielen Fällen die Anwendung bereits errungener wissenschaft- anzunehmen, die Gegenstände der Alltagstätigkeit wären objektiv, an
licher Ergebnisse für längere Zeit unmöglich gemacht hat. Uns interessiert sich, unmittelbaren Charakters. Im Gegenteil. Sie existieren nur infolge
hier dieses Phänomen nicht vom Standpunkt der Geschichte der Industrie, eines sehr weit verzweigten, vielfältigen, komplizierten Vermittlungssy-
der Technik oder der Wissenschaft, bei denen unzweifelhaft ist, „daß die stems, das im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung immer komplizier-
ostensiblen und auch die wirklich tätigen Beweggründe der geschichtlich ter und weiter verzweigt wird. Insofern es sich jedoch um Gegenstände des
handelnden Menschen keineswegs die letzten Ursachen der geschichtlichen Alltagslebens handelt, stehen diese fertig da, und das sie hervorbringende
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Ereignisse sind" , sondern der Alltag, in welchem eben die „ostensiblen" Vermittlungssystem erscheint in ihrem unmittelbaren, nackten Dasein und
Motive im Vordergrund stehen; und diese zeigen die - relativ - geringe Sosein als restlos ausgelöscht. Man denke dabei nicht nur an technisch-
Stufe der Objektivationen im Entschluß der Menschen zum Handeln, den wissenschaftliche, sondern auch an ökonomisch sehr komplizierte Phä-
fließenden Charakter, den viele an sich stark objektivierte Gebilde hier nomene wie Taxi, Autobus, Straßenbahn etc., an ihren Gebrauch im A l l -
Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 39

tagsleben, an die Art, wie sie im Alltagsleben figurieren, um diese Unmit- nicht eine schroffe, unaufhebbare Dualität, wie die bürgerliche Erkennt-
telbarkeit klar vor sich zu sehen. Es gehört zur notwendigen Lebensöko- nistheorie solche Fragen zu behandeln pflegt; die Differenzierung bis zum
nomie des Alltags, daß man im Durchschnitt seine ganze Umgebung - so- qualitativen Unterschied ist vielmehr das Produkt der gesellschaftlichen
lange sie funktioniert - nuf.auf Grund ihres praktischen Funktionierens Entwicklung der Menschheit. Die Differenzierung und mit ihr die - rela-
(und nicht auf Grund ihres objektiven Wesens) aufnimmt und beurteilt. I i ve - Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Methoden von den unmittel-
Und sogar in sehr vielen Fällen ruft ihr Nichtfunktionieren ebenfalls bloß baren Bedürfnissen des Alltags, ihr Bruch mit seinen Denkgewohnheiten
ähnliche Reaktionen hervor. Das ist natürlich - in seiner Reinkultur - ein entstehen gerade darum, um diese besser zu bedienen, als dies bei direkter
Produkt der kapitalistischen Arbeitsteilung. A u f primitiveren Entwick- Methodeneinheit möglich wäre. Der Unterschied von Kunst und Alltag,
lungsstufen, wo die Mehrzahl der Geräte etc. des Alltagslebens von den ihre der allgemeinsten Struktur nach ähnliche Wechselwirkung steht eben-
Handelnden selbst hergestellt wurde oder wo deren Produktionsweise falls im Dienst solcher gesellschaftlichen Bedürfnisse. Diese konkret zu
allgemein bekannt war, war gerade diese A r t der Unmittelbarkeit weit behandeln würde aber jetzt noch zu vieles voraussetzen, zu viel darstelle-
weniger entfaltet und auffällig. Erst eine hochentwickelte gesellschaft- rische Abschweifung erfordern. D a ß diese Fragen erst später behandelt
liche Arbeitsteilung, die aus jedem Produktionszweig und aus seinen werden können, bedeutet aber nicht, daß sie historisch später auftauchen.
Teilmomenten eine scharf umgrenzte Spezialität macht, zwingt den Die Polarisation des Alltagslebens, des Alltagsdenkens in die beiden stär-
durchschnittlich Handelnden des Alltagslebens diese Unmittelbarkeit ker objektivierenden, objektiv weniger unmittelbaren Sphären von Kunst
auf. und Wissenschaft ist ebenso ein simultaner Prozeß, wie es die bisher ge-
Die allgemeinere, freilich weitaus weniger entwickelte Struktur dieser schilderten Wechselwirkungen sind.
Verhaltensweise geht bis in die Urzeit zurück. Denn die unmittelbare Ver- Der spezifische Charakter der hier geschilderten Unmittelbarkeit des
bindung von Theorie (d.h. Nachdenken, Widerspiegelungsart des Gegen- Alltagslebens und -denkens drückt sich prägnant in der Art des spontanen
standes) und Praxis ist sicher ihre allerälteste F o r m : Die Umstände zwin- Materialismus dieser Sphäre aus. Jede einigermaßen unbefangene und
gen die Menschen sehr oft, ja in der Mehrzahl der Fälle zu einem soforti- gründliche Analyse m u ß zeigen, daß der Mensch des Alltagslebens auf die
gen Handeln. Freilich besteht die gesellschaftliche Rolle der Kultur (vor Gegenstände seiner Umwelt stets spontan materialistisch reagiert, einerlei,
allem die der Wissenschaft) darin, daß sie zwischen einer voraussehbaren wie diese Reaktionen vom Subjekt der Praxis nachträglich interpretiert
Situation und der bestmöglichen Form des Handelns Vermittlungen ent- werden. Dies folgt schon aus dem Wesen der Arbeit. Jede Arbeit setzt
deckt und dann dazwischenschiebt. Jedoch wenn diese einmal vorhanden, einen Komplex von Gegenständen, von Gesetzen, die sie in ihrer Art, in
in allgemeinen Gebrauch getreten sind, verlieren sie für den im Alltag ihren notwendigen Bewegungen, Verrichtungen etc. bestimmen, voraus,
handelnden Menschen ihren Vermittlungscharakter, und die von uns ge- und diese werden spontan als unabhängig vom menschlichen Bewußtsein
schilderte Unmittelbarkeit tritt wieder in Kraft. Hier kann man klar sehen existierend und funktionierend behandelt. Das Wesen der Arbeit besteht
- worüber wir später ausführlich sprechen werden - , wie innig die Wech- gerade darin, dieses - an sich seiende - Sein und Werden zu beobachten,
selwirkung zwischen Wissenschaft und Alltagsleben ist: Die zu lösenden zu ergründen und auszunutzen. Selbst auf der Stufe, wo der Urmensch
Probleme der Wissenschaft entsteigen unmittelbar oder vermittelt aus noch keine Werkzeuge herstellt, sondern nur bestimmt geformte Steine
dem Alltagsleben, und dieses bereichert sich ununterbrochen aus den in aufgreift und diese nach Gebrauch wegwirft, muß er bereits bestimmte
ihm verwerteten Resultaten und Methoden, die die Wissenschaft ausge- Beobachtungen darüber gemacht haben, welche Steine nach ihrer Härte,
arbeitet hat. Es reicht aber zum Verständnis dieses Zusammenhangs nicht Form etc. für bestimmte Verrichtungen geeignet sind. Schon in der Tat-
aus, solche ununterbrochenen Wechselwirkungen festzustellen. Wir müs- sache, daß er unter vielen Steinen einen passend scheinenden auswählt,
sen schon jetzt darauf hinweisen - und unsere Analyse des Alltagsdenkens schon die Art der Auswahl zeigt, daß sich der Mensch mehr oder weniger
geschieht gerade in dieser Absicht - , daß zwischen Widerspiegelung der dessen bewußt ist, daß er in einer von ihm unabhängig existierenden
Wirklichkeit, ihrer denkerischen Bearbeitung in der Wissenschaft und im Außenwelt zu handeln gezwungen ist, daß er deshalb diese von ihm unab-
Alltag auch qualitative Unterschiede bestehen. Diese statuieren jedoch hängig existierende Umgebung möglichst zu ergründen, gedanklich durch
40 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 41

Beobachtung zu bewältigen versuchen muß, um existieren zu können, um ten Umwelt. M i t dieser Theorie werden wir uns bei der Behandlung des
den ihn bedrohenden Gefahren zu entgehen. Auch die Gefahr als Kate- Ansich-Problems eingehend auseinandersetzen.
gorie des menschlichen Innenlebens zeigt, daß das Subjekt sich einer von Die Stärke und die Schwäche dieser Spontaneität umschreiben von
seinem Bewußtsein unabhängigen Außenwelt gegenüberzustehen mehr einem anderen Aspekt deutlich die Eigenart des Alltagsdenkens. Die
oder weniger bewußt ist. Stärke äußert sich darin, daß keine noch so idealistische, ja solipsistische
Dieser Materialismus hat aber einen rein spontanen, auf die unmittel- Weltanschauung ihr spontanes Funktionieren im Alltagsleben und -den-
baren Objekte der Praxis gerichteten und darauf beschränkten Charakter. ken verhindern kann. Kein noch so fanatisch überzeugter Berkeleyaner hat
Darum hat sich der subjektive Idealismus in seiner imperialistischen Blüte die Empfindung, wenn er bei einer Straßenkreuzung einem Automobil
hochmütig von ihm abgewandt und ihn philosophisch völlig ignoriert. So ausweicht oder dessen Vorüberfohren abwartet, es bloß mit seiner eigenen
sagt Rickert, daß er gegen den „naiven" Realismus nichts einzuwenden Vorstellung und nicht mit einer von seinem Bewußtsein unabhängigen
habe: „Er kennt weder ein transzendentes Wirkliches noch das erkennt- Realität zu tun zu haben. Das „Esse est pereipi" verschwindet spurlos im
nistheoretische Subjekt oder das überindividuelle Bewußtsein. Er ist über- Alltagsleben des unmittelbar handelnden Menschen. Die Schwäche dieses
haupt keine wissenschaftliche Theorie, die wissenschaftlich bekämpft zu spontanen Materialismus äußert sich darin, daß er sehr geringe, ja man
werden braucht, sondern ein Komplex von undurchdachten und unbe- könnte sagen, überhaupt keine weltanschaulichen Konsequenzen hat. Er
stimmten Meinungen, die zum Leben ausreichen und die man denen, die kann sogar bequem - ohne daß der Widerspruch subjektiv auch nur auf-
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nur leben wollen, ruhig lassen kann." In der Krisenzeit nach dem ersten dämmern würde - im Bewußtsein des Menschen mit idealistischen, reli-
Weltkrieg, als der subjektive Idealismus sich immer mehr gezwungen giösen, abergläubischen etc. Vorstellungen koexistieren. U m Beispiele da-
sieht, mit anthropologischen Argumenten seine Positionen zu stärken, ge- für anzuführen, braucht man nicht in die Urzeit der Menschheitsentwick-
winnen auch für ihn die Probleme des Alltagslebens, unter ihnen die des lung zurückzugreifen, in welcher die ersten Arbeitserfahrungen und die aus
„naiven Realismus" (worunter die bürgerlichen Idealisten zumeist den ihnen entstandenen großen Erfindungen untrennbar mit magischen Vor-
spontanen Materialismus verstehen), eine immer größere Bedeutung. Rot- stellungen verknüpft waren. Auch ein heutiger Mensch wird häufig ganz
hacker führt schon aus: „Die ganze Welt aber, in der wir praktisch leben reale - und entsprechend spontan materialistisch erfaßte - Tatsachen des
und wirken, einschließlich natürlich der politischen, wirtschaftlichen, reli- Lebens mit abergläubischenVorstellungen zusammenkoppeln, oft ohne sich
giösen, künstlerischen Lebensbetätigungen, bewegt sich in ,Lebenskate- des Grotesken dieser Verknüpfung auch nur im geringsten bewußt zu sein.
gorien', deren Inbegriff als ,vorwissenschaftliches Weltbild' dringend expli- Freilich darf hier neben der Ähnlichkeit auch die Verschiedenheit nicht
citer Behandlung bedarf und eines der zahlreichen, kaum angeschnittenen übersehen werden. Der spontane Materialismus des primitiven Menschen
Themen der philosophischen Anthropologie' darstellt. Hic Rhodus, hic erstreckt sich auch auf Phänomene, die ihrem Wesen nach bewußtseins-
salta! Es kann nicht genug unterstrichen werden, daß diese Tatsache, daß artiger Natur sind. Es genügt, wenn wir auf die Einschätzung der Träume
alle unsere großen Lebensentscheidungen in einer ,naiv-realistischen Weif hinweisen. Aber auch dort, wo zu der Beobachtung der materiellen Er-
fallen, daß die ganze Weltgeschichte und damit auch das Thema aller scheinungen „geistige" Erklärungsgründe hinzutreten, werden diese auf
historischen Wissenschaften und Philologien in dieser naiv-realistischenWelt primitiver Stufe ebenso spontan materialistisch erlebt wie die objektive
sich abspielt, ein Argument von größtem Gewicht auch für die Behand- Wirklichkeit selbst. Cassirer weist mit Recht darauf hin, daß das primi-
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lung erkenntnistheoretischer Fragen darstellt." Diese Anerkennung des tive Denken keine Grenzscheide zwischen Wahrheit und Schein zieht,
Problems dient bei Rothacker freilich nur dazu, den subjektiven Idealis- ebensowenig zwischen „dem bloß Vorgestellten' und der ,wirklichen'
mus noch konsequenter solipsistisch auszubauen, als dies früher geschah, Wahrnehmung, zwischen Wunsch und Erfüllung, zwischen Bild und
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indem seine subjektivistische Erkenntnistheorie in der Uexküllschen Theo- Sache" . (Die philosophische Reaktion unserer Tage will im primitiven
rie der Umwelt eine biologische Stütze zu finden meint. Der spontane M a - Verhältnis von Bild und Sache ein Fundament für eine neue Art der Welt-
terialismus des Alltagslebens wird in diesem Zusammenhang zu einer - auffassung finden; so Klages.) Und ebenso wie wir früher weist Cassirer
freilich komplizierten - Erscheinungsweise der von den Organen bestimm- auf das primitive Objektivnehmen der Träume hin. Wie tief eingewurzelt
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im Alltagsleben der Menschen diese - täuschende - Traum-„Objektivität" Idealismus und Materialismus findet erst hier mit wirklicher Entschieden-
ist, kann daraus ersehen werden, daß diese Unterscheidung noch in den 14
heit statt. Cassirer hat recht, wenn er den Bruch mit dem „mythischen
erkenntnistheoretischen Erwägungen von Descartes eine gewisse Rolle Denken" von Leukipp und Demokrit an datiert.
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spielt. Diese Homogenität, diese falsche Vereinheitlichung nimmt all- Wie schwer dieser Prozeß ist, zeigt sich darin, daß die ersten Versuche,
mählich in entwickelteren Stadien ab. Zum Aberglauben des modernen über die Spontaneität des Alltagsdenkens hinauszugehen, zumeist ideali-
Menschen z.B., der subjektiv zuweilen tief eingewurzelt sein kann, gehört stische Wesenszüge tragen. Es ist interessant, daß Cassirer, von der primi-
sehr oft ein intellektuelles schlechtes Gewissen, d.h. die Bewußtheit des- tiven Identifikation von Bild und Sache ausgehend, zu dem Schluß ge-
sen, daß man es bloß mit einem Produkt des subjektiven Bewußtseins zu langt : „Man kann es demgemäß geradezu als ein Kennzeichen des mythi-
tun hat, nicht mit einer von diesem unabhängig existierenden objektiven schen Denkens bezeichnen, daß ihm die Kategoriedes ,Ideellen' fehlt.. , "1 5

Wirklichkeit, gemäß dem spontanen Materialismus des Alltags. A u f die Damit treten Wesensart und Grenzen des primitiven, spontanen Materia-
vielen Übergänge können wir auch hier nicht eingehen. Diese Lage findet lismus bereits klarer hervor: Er ist in einer Periode wirksam, die das anti-
sich auch in der Wissenschaft selbst vor. Idealistische Erkenntnistheore- nomische Gegenüberstehen von Idealismus und Materialismus noch nicht
tiker sprechen oft mit einem ironischen Bedauern vom „naiven Realismus" kennt. Dieser entwickelt sich im Kampf gegen den früher entstandenen
(d.h. Materialismus) hervorragender Naturforscher, und auf der anderen philosophischen Idealismus. Der spontane Materialismus des Alltags-
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Seite stellt L e n i n wiederholt fest, daß auch solche Gelehrten, die in ihrer lebens bewahrt zwar manche Überreste der primitiven Zustände, gelangt
Erkenntnistheorie dem subjektiven Idealismus huldigen, in ihrer wissen- jedoch in einem Milieu zur Wirksamkeit, in welchem diese Differenzierung
schaftlichen Praxis spontane Materialisten sind. bereits stattgefunden hat. Den komplizierten Prozeß solcher Entwicklun-
Das theoretische Vernachlässigen dieses primären Faktors des Alltags- gen auch nur andeutend darzustellen liegt völlig außerhalb des Rahmens
lebens und des Alltagsdenkens führt dazu, daß wichtige Tatsachen des dieser Arbeit. Es folgen nur einige Bemerkungen über die sozialen U r -
menschlichen Denkens unaufgeklärt bleiben. So haben verschiedene For- sachen dieses Entstehens des Idealismus. Er hat mannigfache Gründe. Er-
scher der Urzeit eine gewisse Affinität der urwüchsigen Magie mit dem stens die Unkenntnis von Natur und Gesellschaft. Deshalb ist der primi-
eben geschilderten spontanen Materialismus festgestellt. Es ist allerdings tive Mensch, sobald er über die unmittelbaren Beziehungen der ihm
ein qualitativer, historisch bedingter Unterschied, ob die idealistische (re- direkt gegebenen gegenständlichen Welt hinauszugehen trachtet, gezwun-
ligiöse, magische, abergläubische) Ergänzung des spontanen Materialis- gen, zu in den Tatsachen selbst gar nicht oder wenigstens nicht hinreichend
mus gewissermaßen nur am Rande des praktischen Weltbilds erscheint fundierten Analogien zu greifen, wozu er naturgemäß spontan den Aus-
oder ob sie die von diesem festgestellten Tatsachen gedanklich und ge- gangspunkt in der eigenen Subjektivität zu wählen pflegt. Zweitens schafft
fühlsmäßig überwuchert. Der Weg vom letzteren Fall zum ersten ist die erst die beginnende gesellschaftliche Arbeitsteilung jene Schicht, die nun
wesentliche, freilich oft zickzackartige Entwicklungslinie der Kultur. Diese die notwendige Muße erhält, über derartige Probleme „professionell" nach-
Entwicklung wird aber erst dadurch möglich, daß das menschliche Den- zudenken. Damit, mit der Befreiung vom Zwang, immer sofort auf die
ken die Unmittelbarkeit des Alltags im hier angegebenen Sinn überwindet, Außenwelt zu reagieren, ist zwar einerseits für diese Schicht die notwen-
d.h., daß die unmittelbare Verbindung zwischen Widerspiegelung der dige Distanz geschaffen, von welcher aus man anfangen kann, die spon-
Wirklichkeit, ihrer gedanklichen Auslegung und der Praxis überwunden tane Unmittelbarkeit des Alltags, ihre mangelnde Verallgemeinerung zu
wird, daß also zwischen dem erst dadurch zur eigentlichen Theorie gewor- überwinden, andererseits jedoch entfernt diese Arbeitsteilung die zum
denen Denken und der Praxis bewußt eine immer größere Reihe von Ver- lieferen Nachdenken privilegierte Schicht immer mehr von der Arbeit
mittlungen eingeschaltet wird. Erst dadurch kann vom bloß spontanen selbst. Diese ist aber die wichtigste Basis für den spontanen Materialismus
Materialismus des Alltagslebens ein Weg zum philosophischen Materia- des Alltagslebens; allerdings zugleich auch die der entstehenden idealisti-
lismus eröffnet werden. Wie wir später [134 ff.] sehen werden, kommt schen Weltanschauungstendenzen. M a n erinnere sich an die Ausführun-
diese Entwicklung zum erstenmal in der griechischen Antike zum klaren gen von Marx, daß das Resultat des Arbeitsprozesses ideell bereits früher
Ausdruck. Der Beginn einer endgültigen Trennung von philosophischem vorhanden war. Es ist verständlich, daß bei der Vorherrschaft der Analo-
'l
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gie vor der Kausalität und Gesetzlichkeit im primitiven Denken die ana- /eigen auch die ununterbrochenen Wechselwirkungen beider Sphären,
logisierende Verallgemeinerung von hier ihren Ausgangspunkt nimmt. Iiier das Hineinspielen des Alltagsdenkens in das wissenschaftliche, wäh-
Wenn bisher unmittelbar nicht erklärbare Gegenstands- und Bewegungs- lend andere Fälle die umgekehrte Beeinflussung erweisen können. Die rich-
komplexe idealistisch, religiös etc. in einen „Schöpfer" projiziert werden, lige Analyse solcher Beispiele würde aber auch zeigen, daß einerseits das
so handelt es sich zumeist um eine solche analogisierende Verallgemeine- reine Herausbilden der wissenschaftlichen Widerspiegelung für die höhere
rung der subjektiven Seite des Arbeitsprozesses. (Man denke, um ein nahe- I Entwicklung der Kultur des Alltagslebens unerläßlich ist, daß andererseits
liegendes Beispiel anzuführen, an den Demiurgos-Handwerker der grie- in der Praxis des Alltags die Ereignisse der Wissenschaft wieder ins Gefüge
chischen Gottesvorstellungen.) Erst auf höherer Stufe entsteht im Kampf iles Alltagsdenkens eingegliedert werden.
gegen solche Konzeptionen der philosophische Materialismus: der Versuch, Wir haben bereits daraufhingewiesen [43f.], daß eine der wichtigsten
alle Erscheinungen aus den Bewegungsgesetzen der vom Bewußtsein un- unter den originären und herrschenden Formen sowohl im anfänglichen
abhängigen Wirklichkeit zu begreifen. Die Schilderung seines Kampfes wie im ursprünglich alltäglichen Denken, die überwiegende A r t für die Ver-
mit den idealistischen Weltanschauungen gehört natürlich nicht hierher. knüpfung und Transformation der unmittel baren Widerspiegelung der ob-
Wir müssen dabei nur noch auf einen einzigen Gesichtspunkt hinwei- jektiven Wirklichkeit die Analogie ist. Wir haben es hier nicht mit dem lo-
sen, nämlich auf den Zusammenhang der idealistischen (religiösen) Vor- gischen Problem von Analogie und Analogieschluß zu tun; nur um unser
stellungen mit der Denkungsart des Alltags. Jeder Schritt vorwärts, den Problem besser zu erhellen, seien einige Bemerkungen Flegels angeführt.
der Materialismus als Weltanschauung macht, beinhaltet eine Entfernung I legel betrachtet zwar diese Frage nicht genetisch, immerhin gibt er einige
von der Betrachtungsweise des unmittelbaren Alltags, eine beginnende Andeutungen, die zeigen, daß er in der Analogie und im Analogieschluß
wissenschaftliche Einsicht in die „nicht ostensiblen" Ursachen der Phä- etwas mit den Anfängen des Denkens Verbundenes erblickt. So spricht
nomene und ihrer Bewegung. A n den Schranken dieser wissenschaftlichen er, die Darlegungen der „Phänomenologie" einarbeitend, hier von dem
Widerspiegelung der Wirklichkeit, die, wie wir sehen werden, eine Entfer- „Instinkt der Vernunft" (also nicht von der entfalteten Vernunft in ihrer
nung von den, eine Erhebung über die Denkformen des Alltags bedeutet, reinen Gestalt), „welcher ahnen läßt, daß diese oder jene empirisch aufge-
entsteht notwendig eine Rückkehr zu diesem. Formell mag ein solches fundene Bestimmung in der innern Natur oder der Gattung eines Gegen-
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Denken sehr hoch entwickelt sein, es mag alle Formen und Inhalte der wis- standes begründet sey, und welcher darauf weiter f u ß t " . Auch der Aus-
senschaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit benutzen, seine Grund- druck „ahnen" unterstreicht diesen anfänglichen Charakter der Analogie.
struktur wird doch stets der des Alltags sehr nahe stehen. Wenn zum Bei- Freilich bemerkt Hegel an der gleichen Stelle, daß einerseits die Anwen-
spiel Engels die Geschichtsauffassung des mechanischen Materialismus dung des Analogieverfahrens in den empirischen Wissenschaften wichtige
kritisiert und in ihr einen Rückfall in den Idealismus feststellt, so bewegt Resultate gezeitigt hat, andererseits weist er deutlich vom Standpunkt der
sich seine Argumentation in der von uns beschriebenen Richtung. Er wirft entwickelten Wissenschaft darauf hin, daß die Analogie aus dem Mangel
diesem Materialismus vor, daß er in der Geschichte „die dort wirksamen :1er Induktion, aus der Unmöglichkeit, alle Einzelheiten zu erschöpfen,
ideellen Triebkräfte als letzte Ursachen hinnimmt, statt zu untersuchen, entstanden und zur Anwendung gelangt sei. U m die Wissenschaftlichkeit
was denn hinter ihnen steht, was die Triebkräfte dieser Triebkräfte sind. vor diesen Gefahren zu schützen, weist Hegel auf die Notwendigkeit hin,
Nicht darin liegt die Inkonsequenz, daß ideelle Triebkräfte anerkannt wer- zwischen „oberflächlicher oder gründlicher" Analogie genau zu unter-
den, sondern darin, daß von diesen nicht weiter zurückgegangen wird auf scheiden. Erst wenn die Wissenschaft die in Analogie gebrachten Bestim-
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ihre bewegenden Ursachen." Es ist klar, daß selbst hier, wo es sich um mungen sehr genau umreißt und aussondert, kann die Analogie für die
eine auf anderen Gebieten hochentwickelte philosophische Richtung han- Praxis fruchtbar werden; die Naturphilosophie der Schelling-Schule ist in
delt, das Wesen des methodologischen Mangels darin besteht, daß der I legels Augen das Schulbeispiel für ein „nichtiges Spiel mit leeren, äußer-
Standpunkt des unmittelbaren Alltagsdenkens nicht radikal genug verlas- lichen Analogien".
sen und die Umwandlung der ihr zugrunde liegenden Widerspiegelung in Aus alledem ist die urwüchsige Eigenart der Analogie, ihre schwer zer-
eine wissenschaftliche nicht hinreichend vollzogen wurde. Solche Beispiele reißbare Verknüpftheit mit dem Alltagsdenken klar ersichtlich. Die A n -
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deutungen Hegels über ihren oberflächlichen Gebrauch deuten nicht nur und Wirkung immer zusammengedacht und also im Geiste angenähert
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Allgemeines an - denn jede Schlußform kann oberflächlich oder gründ- werden."
lich, formell-sophistisch oder sachlich behandelt werden - , sondern eine Das ist gerade das typische Verhalten des Alltagsmenschen. Daß das
tief eingewurzelte spontane Möglichkeit zu einem Gebrauch in dieser Rich- Eindringen der Wissenschaft ins Alltagsleben konkret eine große, immer
tung. Ohne auf die geschichtlichen Probleme des analogischen Denkens größer werdende Reihe solcher „Kurzschlüsse" aus der Praxis entfernt,
näher eingehen zu können, darf doch festgestellt werden, daß gerade hier daß eine immer größere Anzahl von wissenschaftlich richtigen Sätzen die
die bloß verbale Anwendung der Begriffe sehr nahe liegt. Prantl weist, sich Praxis des Alltags fundamentiert, in ihr zur Gewohnheit wird, ändert nicht
auf Schilderungen in Piatons „Euthydemos" berufend, auf den sophisti- seine von uns hervorgehobene Grundstruktur. A m Rande solcher aus der
schen „Grundsatz" hin, „daß der sprachliche Ausdruck überall auf alle Ver- Wissenschaft entnommenen Gewöhnungen gedeihen für subjektiv uner-
hältnisse gleichmäßig angewendet werden müsse", worin er mit Recht „das ledigte Phänomene Analogie und Analogieschluß weiter und bestimmen
Motiv aller bloß auf den Sprachausdruck gegründeten Analogieschlüsse" das Verhalten und Denken des Alltags. Ist dies für die alltägliche gedank-
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findet. Was aber hier in rhetorischer oder sophistischer Entartung liche und praktische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit richtig, so
erscheint, spielt sicherlich - sehr oft ohne eine Spur von derartigen Ten- um so mehr für den Verkehr der Menschen untereinander. Das, was wir
denzen - im Alltagsdenken eine große Rolle, und zwar, je weniger die im praktischen Leben Menschenkenntnis nennen, ein unentbehrliches M o -
Wissenschaft und mit ihr die kritische Behandlung von Wortbedeutungen ment eines jeden Zusammenwirkens, beruht - insbesondere soweit es be-
entwickelt ist, eine desto größere. Die Analogie ist naturgemäß ganz aus- wußt gemacht wird - in der Mehrzahl der Fälle auf einer spontanen A n -
schlaggebend in primitiven Zeiten, in denen sie, vor allem in der magischen wendung von Analogien. (Mit der Psychologie der Menschenkenntnis wer-
Periode, eine schlechthin dominierende Bedeutung in allen Lebensäuße- den wir uns in einem späteren Kapitel ausführlich beschäftigen.) Goethe,
rungen, Mitteilungsformen etc. erlangt. Es ist klar, daß das mystifizierte der zu den wenigen Denkern gehört, die auch solche Lebensäußerungen
Gewicht z.B. der Namen im primitiven Denken diesen Tendenzen starken in bezug auf ihre Kategorien untersucht haben, sagt unter anderem über
Vorschub leisten muß. A l l dies wirkt sich jedoch, wenn auch in verminder- diese Rolle der Analogie: „Mitteilung durch Analogien halt' ich für so
tem Ausmaße, selbst im Alltagsdenken entwickelterer Kulturen aus; auch nützlich als angenehm: der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts
in diesen bleibt das Analogisieren ein lebendiger Faktor im Alltagsleben beweisen; er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zu ver-
der Menschen. Je stärker sich die von uns hervorgehobene unmittelbare binden. Mehrere analoge Fälle vereinigen sich nicht zu geschlossenen Rei-
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Verbindung von Theorie und Praxis auswirkt, je näher beide im Bewußt- hen, sie sind wie gute Gesellschaft, die immer mehr anregt als gibt."
sein der Menschen aneinandergerückt sind, desto mehr. Denn in solchen Oder an anderer Stelle: „Nach Analogien denken ist nicht zu schelten: die
Fällen liefert die unmittelbare Widerspiegelung der Wirklichkeit eine Analogie hat den Vorteil, daß sie nicht abschließt und eigentlich nichts
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Reihe von Zügen, Merkmalen etc. in den Gegenständen, die mangels einer Letztes w i l l . . . "
genauen Ergründung gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Was liegt näher, M i t alledem sind natürlich nur die extremen Pole der Wirksamkeit der
als diese auch gedanklich näher - und kraft der verbalen Verallgemeine- Analogie im Denken des Alltagslebens bestimmt. Die Ausfüllung des brei-
rung noch dichter - miteinander zu verknüpfen und aus ihnen dann un- ten und abwechslungsreichen Zwischenraums betrachten wir hier nicht
mittelbare Folgerungen zu ziehen. Goethe, der, wie wir sehen werden, das als unsere Aufgabe. Soviel ist jedoch auch aus diesen Andeutungen er-
analogisierende Denken sehr kritisch betrachtet, jedoch seine Unvermeid- sichtlich: Die Analogie und der aus ihr entstehende Analogieschluß ge-
barkeit für die Praxis des Alltags ebenfalls wiederholt hervorhebt, bemerkt hören zu jenen Kategorien, die im Alltagsleben entstehen, in ihm tief ver-
die eben bezeichnete Gefahr der „Nähe" in der Praxis des Alltags auch wurzelt sind, seine Beziehung zur Wirklichkeit, die Art ihrer Widerspiege-
dort, wo die Menschen über das bloße Analogisieren hinausgehen und kau- lung [und] deren unmittelbare Umsetzung in Praxis spontan und oft über
sal zu denken beginnen: „Ein großer Fehler, den wir begehen, ist, die Ur- diese Bedürfnisse hinausreichend adäquat ausdrücken. Sie besitzen des-
sache der Wirkung immer nahe zu denken, wie die Sehne dem Pfeil, den halb - so wie sie an sich sind, so wie sie aus diesem Boden herausgewachsen
sie fortschnellt; und doch können wir ihn nicht vermeiden, weil Ursache [sind] - notwendig einen schillernden, zweideutigen Charakter: eine ge-
48 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 49

wisse Elastizität, ein Fehlen von Apodiktik, worin schon Goethe ihre schaftlichen Leben der Menschen entstehenden konkreten Typen von
positive Bedeutung im Alltagsleben sieht, zugleich andererseits eine Ver- Zielsetzungen - Inhalt und Form der Abbildung verschieden ausfallen
schwommenheit, die sich begrifflich, experimentell usw. klären läßt und können und müssen. Diese Feststellung soll jetzt etwas weiter dahin kon-
dann in die Richtung des wissenschaftlichen Denkens führt, die aber bei kretisiert werden, daß die Widerspiegelung derselben Wirklichkeit die
einem Stehenbleiben, ja bei einem willkürlichen Fixieren in Sophismus Notwendigkeit mit sich führt, überall mit denselben Kategorien zu arbei-
oder leere Phantastik zu münden pflegt. ten. Denn im Gegensatz zum subjektiven Idealismus betrachtet der dia-
Auf eine neue Seite der Stellung der Analogie in der Widerspiegelung lektische Materialismus die Kategorien nicht als Ergebnisse irgendeiner
der Wirklichkeit macht Goethe aufmerksam, wenn er sagt: „Jedes Exi- rätselhaften Produktivität des Subjekts, sondern als ständige, allgemeine
stierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das Formen der objektiven Wirklichkeit selbst. Ihre Widerspiegelung kann
Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft. Folgt man der also nur dann angemessen sein, wenn das Abbild im Bewußtsein auch
Analogie zu sehr, so fällt alles als identisch zusammen; meidet man sie, diese Formen als formende Prinzipien des reflektierten Inhalts mit enthält.
so zerstreut sich alles ins Unendliche. In beiden Fällen stagniert die Be- Die Objektivität dieser kategorialen Formen zeigt sich auch darin, daß sie
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trachtung, einmal als überlebendig, das anderemal als getötet." Der in der Widerspiegelung der Wirklichkeit unendlich lange Zeit gebraucht
Hauptweg zu Irrtümern liegt unmittelbar in der leichtfertigen Überspan- werden können, ohne daß die geringste Bewußtheit über ihren Charakter
nung; wir sehen aber hier, daß der Gegensatz, ein pedantisches Ablehnen als Kategorien eintritt. Diese Lage hat zur Folge, daß - allgemein - A l l -
aller nicht bereits fundierten Ähnlichkeiten, ebenfalls zu Verzerrungen tagsdenken, Wissenschaft und Kunst notwendigerweise nicht nur diesel-
führen kann. Das ist für die günstige Wirksamkeit der Analogien im A l l - ben Inhalte widerspiegeln, sondern diese auch als von denselben Katego-
tagsleben wie für die Ausbildung des wissenschaftlichen Denkens bedeut- rien geformt erfassen.
sam. Diese und auch die früheren Ausführungen Goethes weisen aber Jedoch bereits unsere Behandlung der Analogiefrage zeigt, worauf wir
auch daraufhin, wie das Erfassen der Welt in der Form von Analogien in von Anfang an hingewiesen haben, daß je nach der Art der gesellschaft-
die Richtung der ästhetischen Widerspiegelung führen kann. Über das lichen Praxis, je nach ihren Zielsetzungen und den von diesen bedingten
eigentliche Problem zu sprechen ist bei dem gegenwärtigen Stand unserer Methoden der Gebrauch der Kategorien verschiedene, ja oft entgegenge-
Einsichten noch verfrüht. Es kann jetzt nur daraufhingewiesen werden, daß setzte Aspekte aufweisen kann. Das, was im analogisierenden Verfahren
die von Goethe hervorgehobene Lässigkeit und Elastizität der Analogie für die Poesie bedeutende Resultate zu zeitigen vermag, kann ungünstig
einen günstigen Boden für den künstlerischen Vergleich bildet. Denn da für die Entwicklung der Wissenschaft werden etc. M i t diesem Problem
hier die Ähnlichkeit nie ihre Bezogenheit auf das Subjekt verliert, da die werden wir bei der Konkretisierung des ästhetischen Abbildens der Wirk-
Analogie gar nicht mit dem Anspruch auftritt, zwei Gegenstände oder lichkeit viel zu tun haben, und wir werden überall, wo es auftaucht, so-
Gegenstandsgruppen mit ihrer Hilfe auch nur annähernd vollständig zu wohl die Gemeinsamkeit wie die Verschiedenheit der einzelnen Kategorien
bestimmen, kann manches, was wissenschaftlich verwerflich wäre, hier zur - vor allem in Wissenschaft und Kunst - ausführlich behandeln. Hier sei
Tugend werden, obwohl natürlich auch hier eine richtige Widerspiegelung nur darauf hingewiesen, daß die Kategorien nicht nur eine objektive Be-
der Wirklichkeit die Voraussetzung bildet, nur eine qualitativ andersge- deutung haben, sondern auch eine objektive wie subjektive Geschichte.
artete. A u f die ganze Frage kommen wir später zu sprechen. Eine objektive, indem bestimmte Kategorien eine bestimmte Entwick-
Die Wichtigkeit des auf Analogieverfahren basierten Denkens für den lungsstufe der Bewegung der Materie voraussetzen. So entstehen jene spe-
Alltag hat uns dazu gezwungen, schon jetzt ein Problem zu streifen, das zifischen Kategorien, die die biologische Wissenschaft gebraucht, auch
in unseren späteren Ausführungen eine große Rolle zu spielen berufen ist, objektiv erst mit dem Entstehen des Lebens; so die spezifischen Katego-
dessen genaue Bestimmungen jedoch auf dieser Stufe noch nicht darge- rien des Kapitalismus erst in der Genesis dieser Formation, wobei, wie
legt werden können. Wir haben bereits allgemein darüber gesprochen, daß Marx gezeigt hat, ihre Funktionen im Entstehungsprozeß nicht vollkom-
Alltagsdenken, Wissenschaft und Kunst einerseits dieselbe objektive men identisch sind mit denen der reifen Entfaltung. (Bestimmte Kate-
Wirklichkeit widerspiegeln, daß andererseits - je nach den aus dem gesell- gorien, wie die Durchschnittsprofitrate, setzen sogar einen relativ hoch
50 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 51

entwickelten Kapitalismus voraus.) Die subjektive Geschichte der Kate- ist aber ein langwieriger historischer Weg von vielen Tausenden Jahren
gorien ist die ihrer Entdeckung durch das menschliche Bewußtsein. Sta- nötig, um die konkret-sinnlichen, unmittelbar gegebenen Kennzeichen
tistische Gesetzmäßigkeiten z.B. waren in Natur und Gesellschaft immer abzustreifen und den - oft weit vermittelten - Begriff eines Gegenstandes,
und überall wirksam, wo und wann eine genügende Anzahl von Phäno- eines Komplexes, einer Aktion etc. in einem Wort festzuhalten. So kennen
menen vorhanden war, damit sie zur Geltung gelangen konnten. Es war die Einwohner des Bismarck-Archipels (Gazellen-Halbinsel) nicht das
jedoch eine jahrtausendlange Entwicklung der menschlichen Erfahrungen Wort, den Begriff von Schwarz. „Das Schwarze wird nach den verschie-
und ihrer gedanklichen Bearbeitung nötig, um sie zu erkennen und be- denen Gegenständen genannt, von denen man diese Farbe gewinnt, oder
wußt anzuwenden. Objektiv optisch (und darum auch objektiv sinnes- man nennt einen Gegenstand schwarz, indem man ihn mit einem anderen
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physiologisch) hat es - wenigstens in unserer Erdatmosphäre - immer vergleicht." Solche Vergleiche bieten die Krähe, die verkohlte Aleuriten-
Valeurdifferenzen gegeben. Es war jedoch auch hier eine lange künstle- Nuß, der schwarze K o t in den Sümpfen, die Farbe des verbrannten Harzes,
rische Entwicklung vonnöten, um in ihnen wichtige Formen der visuell der verkohlten Blätter, der Betelnüsse etc. Es ist ohne weiteres einleuch-
erscheinenden objektiven Wirklichkeit und der Beziehungen des Menschen- tend, daß solche Ausdrücke viel näher zur unmittelbaren Wahrnehmung
geschlechts zu ihnen wahrzunehmen und ästhetisch zu bewerten. D a ß stehen als unser einfaches Wort „schwarz", daß aber auch diese bereits, über
solche Errungenschaften der wissenschaftlichen und künstlerischen W i - die Verschiedenheiten der einzelnen Wahrnehmungen abstraktiv hinaus-
derspiegelung der Wirklichkeit zuerst als wenig bewußte Fragen, Be- gehend und analogisierend, sich in eine Richtung auf entferntere Syn-
dürfnisse etc. im Alltagsleben auftauchen und nach ihrer angemessenen thesen bewegen.
Beantwortung durch Kunst und Wissenschaft in dieses zurückströmen, ist Wie immer aber auch die Sprache sich entwickelt haben mag, sicher ist,
ein Prozeß, auf den wir bereits hingewiesen haben und im folgenden noch daß auf jeder beliebigen Stufe die damals vorhandene Sprache (Wort,
vielmals hinweisen werden. Satz, Syntax etc.) von den Menschen unmittelbar genommen wurde. Ist
Vielleicht am plastischsten käme die Eigenart des Alltagsdenkens zum doch die Entstehung der Sprache aus den Bedürfnissen der Arbeit gerade
Ausdruck, wenn man die Sprache von diesem besonderen Standpunkt einer darum so epochemachend, weil durch das Benennen von Gegenständen
eingehenden Analyse unterwerfen würde. Die Sprache des Alltags zeigt und Vorgängen an sich komplizierte Lagen oder Prozesse zusammenge-
vor allem die von uns bereits hervorgehobene Eigentümlichkeit, ein an faßt, ihre einmaligen Differenzen eliminiert, das Gemeinsame und Wesent-
sich kompliziertes Vermittlungssystem zu sein, zu welchem sich jedes Sub- liche an ihnen hervorgehoben und fixiert werden; damit wird das prak-
jekt, das es gebraucht, unmittelbar verhält. Diese Unmittelbarkeit erhielt tische Kontinuieren einer Errungenschaft, die Gewöhnung an sie, ihr
ihre physiologische Erklärung in unseren Tagen, als Pawlow in der Spra- Traditionwerden außerordentlich gefördert. Andererseits unterscheidet
che das den Menschen von den Tieren unterscheidende zweite Signal- sich dieses Fixieren von dem der Tiere (ausschließlich mittels der unbe-
system entdeckte. D a ß jedes Wort und erst recht jeder Satz über die Un- dingten und bedingten Reflexe) dadurch, daß es nicht zu einer unverän-
mittelbarkeit hinausgeht, ist ohne weitere Erörterungen einleuchtend; ist derlichen oder wenigstens schwer veränderlichen physiologischen Eigen-
doch das gewöhnlichste Wort, wie Beil, Stein, gehen etc., bereits eine kom- schaft erstarrt, sondern immer seinen prinzipiell bewegenden und beweg-
plizierte Synthese von unmittelbar untereinander verschiedenen Phäno- ten gesellschaftlichen Charakter bewahrt. Das beruht darauf, daß die
menen, ihre abstrahierende Zusammenfassung. Wie sehr es sich hier um primitivste Fixierung der Gegenstände und Zusammenhänge durch das
einen langwierigen Prozeß der Vermittlung und Verallgemeinerung, d.h. Wort auch die Anschauungen und Vorstellungen auf ein begriffliches
der Entfernung von der Unmittelbarkeit, der sinnlichen Wahrnehmung Niveau erhebt. Dadurch entsteht allmählich ein In-Bewußtsein-Treten der
handelt, zeigt die Sprachgeschichte. Betrachtet man die Sprache eines Dialektik von Erscheinung und Wesen; natürlich vorerst und lange Zeit
beliebigen primitiven Volks, so sieht man, daß ihre Wortbildung unver- unbewußt, aber die niemals völlig starre Wortbedeutung, der Sinneswan-
gleichlich wahrnehmungsnäher, begriffsferner ist als die unsere. Schon del der Wörter im Gebrauch, weist deutlich darauf hin, daß die gedank-
Herder hat gesehen, daß im Wort bestimmte Merkmale der Gegenstände liche Synthese und Verallgemeinerung sinnlicher Eigenschaften im Wort
fixiert werden, damit „dieß der Gegenstand und kein andrer sey" . Es 23
notwendig einen - durch die gesellschaftliche Entwicklung bestimmten -
52 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 53

fließenden Charakter haben muß. Daß die Menschen sich unter neuen Witzig-ironisch stellt diesen Tatbestand der französische Dramatiker
Bedingungen viel rascher orientieren und umstellen können als selbst die kraneois de Curel fest. In einem seiner Stücke beklagt sich eine Dame,
höchstentwickelten Tiere, beruht weitgehend auf einer derartigen prak- daß ihr Mann sie nicht verstehe, daß sie deshalb mit einem Psychologen
tisch durchgeführten, wenn auch oft unbewußten Handhabung der Dia- angebandelt habe. Ihre Freundin, der sie dies gesteht, sagt: „Er wird
lektik von Erscheinung und Wesen durch das Medium der festen, aber deinen Leiden einen griechischen Namen geben."
sich doch wandelnden Wortbedeutung. Wir wissen zwar, wie zäh die Die Sprache im Alltagsleben zeigt also den dialektischen Widerspruch:
Menschen oft an das Gewohnte, an das Traditionelle gebunden sind; da Sie schließt den Menschen eine unvergleichlich größere und reichere
aber diese Tendenzen zur Remanenz gesellschaftlichen und nicht physio- Außen- und Innenwelt auf, als dies ohne sie auch nur vorstellbar wäre,
logischen Charakters sind, können und werden sie auch gesellschaftlich d.h., sie macht die eigentliche menschliche U m - und Innenwelt zugänglich;
überwunden werden. Wo solche Tendenzen außerordentlich stark sind, zugleich jedoch macht sie ihnen oft die unbefangene Rezeption der Innen-
zeigt sich immer, daß bestimmte ökonomisch-soziale Überreste einer in der und Außenwelt unmöglich oder erschwert sie wenigstens. Diese Dialek-
Hauptlinie überholten Formation sich -freilich mit mannigfachen Verände- tik kompliziert sich noch dadurch, daß es sich um eine Gleichzeitigkeit der
rungen - in der neuen doch erhalten haben. So z . B . bestimmte Elemente eben geschilderten Erstarrung mit einer Unbestimmtheit und Verworren-
der feudalen Landwirtschaft in allen Ländern, die in der Kapitalisierung heit in der Sprache handelt. Die wissenschaftliche Terminologie geht in
den „preußischen" und nicht den „amerikanischen" Weg eingeschlagen erster Linie darauf aus, letztere Tendenz zu überwinden. Es wäre aber ein-
haben (Lenin). seitig und falsch, nicht zu sehen, daß in ihr auch stets Bestrebungen ob-
Das ist natürlich bloß der allgemeine gesellschaftliche Untergrund für walten, über die Schranke der Spracherstarrung hinauszukommen.
die konservativen, traditionsbewahrend wirkenden Kräfte in der Sprache. Ereilich zeigt die Geschichte der Wissenschaft, wie stark auch in ihr die
Sie haben eine so starke Wirkung auf die Menschen, weil sie sich zur Kräfte zur Remanenz sein können. Dies hängt in erster Reihe mit der
Sprache - obwohl diese ihrem Wesen nach ein System von immer kom- Entwicklung der Produktivkräfte und in ihrer Folge mit der wissenschaft-
plizierteren Vermittlungen ist - notwendig unmittelbar verhalten. Die lichen Erforschbarkeit der objektiven Wirklichkeit zusammen. Die dadurch
unerhörte Vereinfachung, die die Sprache in den Beziehungen der Men- entstehenden Grenzen des Wissens können oft zu jahrhundertelangen
schen zur Welt und zueinander hervorbringt, ihre vorwärtstreibende, Erstarrungen der wissenschaftlichen Begriffsbildung und darum auch der
kulturfördernde Funktion ist mit diesem unmittelbaren Verhalten der wissenschaftlichen Sprache führen. M a n denke etwa an das lange Zeit
einzelnen Subjekte zu ihr aufs engste verbunden. Pawlow hat diese Lage Petischartig erstarrte Axiom vom Horror vacui der Natur. Solche Schran-
mit allen in ihr vorhandenen Gefahren in den von uns angeführten Be- ken können aber auch durch die gesellschaftliche Struktur „künstlich"
trachtungen [28 f.] scharfsinnig ausgesprochen. Damit erhält eine uralte fixiert werden (Herrschaft von Priesterkasten im Orient).
Erfahrung ihre wissenschaftliche Formulierung. Schon der Mephisto- In alledem zeigt sich wieder die Wechselbeziehung zwischen Alltag und
pheles Goethes sagt in der Schülerszene: Wissenschaft, nur diesmal nicht von der positiven Seite, der fruchtbringen-
den Differenzierung der wissenschaftlichen Einstellung, Sprache etc. für die
Im ganzen - haltet Euch an Worte ! Gesamtentwicklung der Menschheit, des ebenfalls den Fortschritt fördern-
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte den Einwirkens der wissenschaftlichen Methoden und Ergebnisse auf Den-
Zum Tempel der Gewißheit ein. ken und Praxis des Alltags; sondern auch negativ: die doppelte Schranke
des Alltagsdenkens - polare Reproduktion von Verschwommenheit und
Mit Worten läßt sich trefflich streiten, Erstarrung - kann in die wissenschaftliche Widerspiegelung der Wirk-
Mit Worten ein System bereiten, lichkeit und ihren sprachlichen Ausdruck eindringen. D a die wissen-
A n Worte läßt sich trefflich glauben, schaftliche Betätigung auch im Leben des bewußtesten und zielstrebigsten
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben. Gelehrten in seinen eigenen Alltag eingebettet bleibt, da auch für ihn durch
dessen Vermittlung die Grundkräfte seiner sozialen Formation auf ihn
54 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 55

einwirken, sind solche Einschläge des Alltagsdenkens und seines Aus- auf seinen primitiven Stufen auf unmittelbare Lagen mit unmittelbaren
drucks in die Sprache der Wissenschaft vollauf verständlich. U n d obwohl Zielsetzungen reagierend handeln, bringen sie eine materiell-geistige In-
wir uns hier noch nicht mit der Eigenart der ästhetischen Widerspiegelung strumentierung hervor, die in sich mehr enthält, als die Menschen unmittel-
und ihren Ausdrucksformen beschäftigen können, darf doch schon jetzt bar und bewußt in sie hineingelegt haben, die deshalb von ihren unmittel-
die Bemerkung gemacht werden, daß die dichterische Sprache - in ihrer baren Aktionen so bewegt wird, daß das in ihr bloß implizite Vorhandene
eigenen Weise, radikal anders als die wissenschaftliche - ebenfalls die allmählich explizit wird und die Handlungen über das direkt Beabsichtigte
Tendenz hat, die beiden Pole des Alltagslebens: Verschwommenheit und hinausführt. Das stammt aus der Wechselbeziehung von objektiver und
Erstarrung, zu überwinden. Diese Doppeltheit der Überwindungstenden- subjektiver Dialektik. Die objektive Dialektik, deren Widerspiegelung die
zen muß sowohl für Wissenschaft wie für Dichtung unterstrichen werden; subjektive ist, muß deshalb immer reicher und umfassender sein als diese.
denn die Trennung der „Vermögen" in der bürgerlichen Ideologie und Ihre eigenen, subjektiv noch nicht erfaßten Momente werden sehr oft in
Ästhetik kann hier sehr leicht zu einer falschen „Arbeitsteilung" führen, einer höherführenden, über die unmittelbaren subjektiven Zielsetzungen
wenn der Wissenschaft nur die Exaktheit, der Dichtung bloß das Aufheben hinausweisenden A r t wirksam; freilich oft in einer krisenhaften Form.
der Erstarrung zugeschrieben wird. In Wirklichkeit kann die Wissenschaft Damit ist allerdings die Beziehung zwischen objektiver Dialektik und ihrer
die Verschwommenheit des Alltagsdenkens und seiner Sprache nicht über- subjektiven Widerspiegelung noch lange nicht umschrieben. Die objektive
winden, ohne die Erstarrung durch Appell an die Realität aufzulösen; und Wirklichkeit erhielte einen mystischen Charakter, wenn ihre Wirkung stets
ebensowenig vermag die Dichtung erfolgreich das starr Fixierte der Spra- und bloß auf die fortschrittfördernden Momente gerichtet wäre. Die oben
che fließend zu machen, wenn sie nicht deren konturlose Unklarheiten - geschilderten negativen Tendenzen sind ebenfalls mit dieser Wechselbe-
wieder durch Zurückgehen auf das Wirkliche - exakt und eindeutig (in ziehung von objektiver und subjektiver Dialektik verknüpft. Die unmittel-
dichterischem Sinne) zu formen unternimmt. bare Verbindung der Praxis in der Wirklichkeit mit dem im Augenblick
Bei alledem ist nicht nur der Bruch mit den Kantischen „Seelenvermö- des Handelns vorhandenen Widerspiegelungsbild der objektiven Wirklich-
gen" und ihrer genauen „Arbeitsteilung" wichtig, sondern zugleich das keit muß oft in der von uns geschilderten Weise hemmend wirken. Die in-
Zurückgreifen auf die Wirklichkeit selbst. Pawlows von uns zitierte Be- nere Logik dieser Sachlage bewirkt, daß - in der Trendlinie ganzer Epo-
merkung weist ja gerade auf diese Lockerung der Beziehung zur Wirklich- chen - die erkenntnisfördernden Tendenzen ein Ubergewicht erhalten;
keit als oft auftretendes und sich unvermeidlich immer wieder reproduzie- wo dies nicht geschieht, ist die betreffende Formation zum Niedergang
rendes Phänomen des Alltagslebens hin. Ohne eine Unmasse von Gewöh- oder Untergang verurteilt.
nungen, Traditionen, Konventionen etc. könnte sich dieses Leben nicht Leibniz hat die aus dieser Wechselwirkung entstehenden Folgeerschei-
glatt abwickeln, könnte sein Denken nicht so prompt wie oft unbedingt nungen für das menschliche Denken klarer als andere erfaßt. Hinter seiner
nötig auf die Außenwelt reagieren. Das positive, lebenscrhaltende Element Konzeption der „verworrenen Vorstellungen" steckt unter anderem auch
darf also in beiden extremen - letzten Endes die Wirklichkeitsbeziehung das von uns hervorgehobene Problem der unbewußt selbstgeschaffenen
hemmenden - Tendenzen nicht übersehen werden. Zuletzt sind jedoch - reicheren Instrumentierung der menschlichen Betätigungsformen. In einer
und dies gehört zur wesentlichen Dialektik des Alltagslebens und seines Polemik gegen Bayle arbeitet er die Relativität, das Ineinanderüber-
Denkens - Kritik und Korrektur durch Wissenschaft und Kunst, die aus gehen der distinkten und verworrenen Gedanken wie den wichtigen
diesem Leben und Denken herauswachsen und in Wechselwirkung damit - mit der Lehre von den „Seelenvermögen" brechenden - Gesichtspunkt
stehen, für einen wesentlichen Fortschritt unerläßlich, wenn sie auch nie heraus, daß beide ein Produkt des ganzen Menschen sind. (Daß Leibniz
zur endgültigen Liquidierung von Erstarrung undVerfließen führen können. hier die „Arbeitsteilung" von Körper und Seele verwirft, ändert nichts an
In dieser dynamischen Struktur der Sprache des Alltags drückt sich der Bedeutung seiner Ausführung, im Gegenteil.) Leibniz sagt: „Das
jene allgemeine Wesensart der gesellschaftlichen Entwicklung, der mensch- Bedenken stammt vielleicht daher, daß man geglaubt hat, die verworrenen
lichen Praxis aus, auf welche wir in unserem Motto zu diesem Band an- Gedanken wären toto genere von den distinkten verschieden, wohingegen
spielten. Indem die Menschen allgemein im Alltagsleben und vor allem sie nur wegen ihrer Vielfältigkeit in geringerem Grade unterschieden und
56 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 57

entwickelt sind. M a n hat daher gewisse Bewegungen, die man mit Recht gen den „Seelensack", wie Hegel selbst sagte. Dieser Kampf konnte in-
als unwillkürliche bezeichnete, so ausschließlich auf den Körper bezogen, dessen nicht konsequent zu Ende geführt werden, denn die im Idealismus
daß man glaubte, es gäbe in der Seele nichts, das ihnen entspräche: und unvermeidliche Hierarchie führte - auf anderer, höherer Ebene - eben-
umgekehrt hat man wieder angenommen, daß gewisse abstrakte Gedanken falls zu einer Zerstückelung der dialektischen Einheit des Menschen und
auf keine Weise im Körper sich widerspiegelten. Es sind jedoch beide A n - seiner Betätigungen. M a n denke an die Koordination von Anschauung -
nahmen irrtümlich, wie es meist bei dieser Art Unterscheidungen der Kunst, Vorstellung - Religion, Begriff- Philosophie und ihre metaphysisch-
Fall zu sein pflegt, weil man hierbei nur auf das Augenfällige geachtet hat. hierarchischen Konsequenzen im SystemHegels. Erst der dialektische Mate-
Auch die abstraktesten Gedanken bedürfen irgend einer sinnlichen A n - rialismus statuiert durch die Priorität des Seins vor dem Bewußtsein die
schauung, und wenn man erwägt, was eigentlich die verworrenen Gedan- methodologische Grundlage für eine einheitliche und dialektische Auf-
ken sind - die stets auch unsre distinktesten begleiten, wie z.B. die Emp- fassung des ganzen Menschen in seinen Aktionen und Reaktionen auf die
findungen der Farben, Gerüche, Geschmäcke, Wärme, Kälte usw. - , so Außenwelt. Damit wird zugleich die vom metaphysischen Materialismus
erkennt man, daß sie stets ein Unendliches einschließen und nicht nur die angenommene mechanische Art der Widerspiegelung der Wirklichkeit
Vorgänge in unsrem Körper, sondern durch seine Vermittlung auch alle überwunden. Die große Bedeutung der Pawlowschen Lehre besteht ge-
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sonstigen Ereignisse ausdrücken." Für unser gegenwärtiges Problem der rade darin, daß sie den Weg eröffnet zum Begreifen der materiellen Ein-
Sprache folgt daraus die Anerkennung der Verallgemeinerung in jedem heit aller Lebensäußerungen wie der realen materiellen Verbindung des
sprachlichen Ausdruck wie auch die dialektische Relativierung der Grade naturhaften, physiologischen Seins des Menschen mit seinem gesellschaft-
dieser Verallgemeinerung im praktischen Gebrauch. „Die allgemeinen lichen Sein (zweites Signalsystem als Verbindung von Sprache und Arbeit).
Ausdrücke", sagt Leibniz, „dienen nicht allein zur Vollkommenheit der Der dialektische Materialismus hat aber schon viel früher die organische
Sprachen, sondern sind sogar notwendig, um ihr Wesen herzustellen. Zusammenarbeit aller menschlichen Fähigkeiten („Seelenvermögen") in
Denn wenn man unter den besonderen Dingen die individuellen Dinge ver- jeder menschlichen Betätigung erkannt. Allerdings nicht in der Form einer
steht, so würde es unmöglich sein zu sprechen, wenn es nur Eigennamen problemlosen gegenseitigen Förderung, einer Harmonia praestabilita, son-
und keine AppeHativa gäbe, d.h., wenn es nur Worte für das Individuelle dern in ihrer realen Widersprüchlichkeit, wo die gesellschaftliche Praxis
gäbe, da in jedem Augenblick Neues wiederkehrt, wenn es sich um indi- bestimmt, ob und wie weit ein solches wechselseitiges Sich-Unterstützen
viduelle Zufälligkeit und besonders um Handlungen handelt, welche man entsteht oder ob aus der Wohltat eine Plage wird. So sagt Lenin über den
gerade am meisten bezeichnet; wenn man aber unter den besonderen Din- Erkenntnisprozeß: „Das Herangehen des Verstandes (des Menschen) an
gen die niedrigsten Arten (species infimas) versteht, so ist es außer der das einzelne Ding, die Anfertigung eines Abdruckes (= eines Begriffes) von
häufig vorkommenden Schwierigkeit, sie fest zu bestimmen, auch offen- ihm, ist kein einfacher, unmittelbarer, spiegelartig-toter, sondern ein
bar, daß sie schon auf die Ähnlichkeit begründete allgemeine Begriffe komplizierter, zwiespältiger, zickzackartiger Akt, der die Möglichkeit
sind. D a es sich also nur um die größere oder geringere Ähnlichkeit han- in sich schließt, d a ß die Phantasie dem Leben entschwebt; damit nicht
delt, je nachdem man von Gattungen oder Arten spricht, so ist es natür- genug: die Möglichkeit der Verwandlung (und dabei einer unmerklichen,
lich, jede A r t von Ähnlichkeit oder Ubereinstimmung zu bezeichnen und dem Menschen nicht bewußt werdenden Verwandlung) des abstrakten
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folglich allgemeine Worte jeglichen Grades anzuwenden..." Begriffes, der Idee in eine Phantasie (in letzter Instanz = Gott). Denn
Diese Darlegungen von Leibniz werfen nicht nur ein Licht auf das Pro- auch in der einfachsten Verallgemeinerung, in der elementarsten allge-
blem von Denken und Sprache, sondern weisen auch auf einen anderen meinen Idee (,der Tisch' überhaupt) steckt ein gewisses Stückchen Phan-
wichtigen Wesenszug des Alltagslebens hin: daß nämlich darin stets der tasie. (Vice versa: es ist unsinnig, die Rolle der Phantasie auch in der
ganze Mensch engagiert ist. Dies bringt uns wieder in Gegensatz zu der in strengsten Wissenschaft zu leugnen: siehe Pissarew über den nützlichen
27
der Geschichte der Ästhetik sehr einflußreichen Lehre von den sogenannten Traum als Ansporn zur Arbeit und über die leere Träumerei)."
„Seelenvermögen". Schon die Hegeische Philosophie und Ästhetik führte Die Tatsache, daß die Lehre von der metaphysischen Absonderung der
einen heftigen Kampf gegen eine solche Zerstückelung des Menschen, ge- „Seelenvermögen" nicht einfach ein Irrweg der Wissenschaft, der Fehler
58 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 59

einzelner Denker war, sondern die - freilich idealistisch oder vulgärmate- 30


gestellt. Sehr bald darauf, schon in der „Heiligen Familie" , dehnt er ihre
rialistisch verzerrte - Widerspiegelung bestimmter Seiten der Wirklichkeit Geltung auf die ganze bürgerliche Gesellschaft aus und erblickt einen ent-
oder Etappen ihrer Entwicklung, kann an unserem Urteil über sie nichts scheidenden ideologischen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proleta-
ändern. Es ist allerdings richtig, daß die kapitalistische Arbeitsteilung diese riat gerade darin, wie sie auf dieselben Tendenzen der Entfremdung ent-
unmittelbare Ganzheit des Menschen zerstört, daß die Grundtendenz der gegengesetzt - bejahend bzw. verneinend - reagieren. Später verallgemei-
Arbeit im Kapitalismus den Menschen von sich und seiner Tätigkeit ent- nert Engels diesen Tatbestand auf alle Lebensäußerungen der bürgerlichen
fremdet. Das wird freilich durch die kapitalistische Ökonomie gedanklich Gesellschaft.31

verborgen, und zwar, wie Marx sehr fein gerade in bezug auf unser jetzi- Die Klassiker des Marxismus waren sich jedoch stets klar darüber, daß
ges Problem bemerkt, dadurch, „daß sie nicht das unmittelbare Verhält- diese Wirkung des kapitalistischen Unterbaus nur eine Seite der Totalität
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nis zwischen den Arbeitern (der Arbeit) und der Produktion betrachtet" . seiner Ausstrahlungen umfaßt. Als letzte auf Ausbeutung basierte Gesell-
Dadurch entsteht der polare Gegensatz zwischen dem objektiven Produkt schaft, als jene Gesellschaft, die nicht nur die materiell-ökonomischen Vor-
der Arbeit und ihren seelisch-moralischen Folgen im sich selbst entfrem- bedingungen zum Sozialismus schafft, sondern auch ihren eigenen Toten-
deten Arbeiter. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, durch diese Entfrem- gräber hervorbringt, muß sie innerhalb der den Menschen entstellenden
dung würde die Lehre von den „Seelenvermögen" bestätigt. Die - schein- und verzerrenden Kräfte auch jene produzieren, die - freilich immer be-
bare - Unabhängigkeit der „Seelenvermögen" voneinander, ja ihre wußter gegen sie selbst gewendet - auf die Zukunft gerichtet sind. Schon
offenkundig hervortretende Widersprüchlichkeit einander gegenüber ist i n der „Heiligen Familie" sieht, wie oben gezeigt, Marx diesen Gegensatz
allerdings eine wichtige Tatsache des kapitalistischen Alltags. Sie ist seine in der zufriedenen bzw. empörten Reaktion auf die kapitalistische Ent-
unmittelbare Erscheinungsform in der Seele der Menschen dieser Periode. fremdung des Menschen von sich selbst. Später umreißt er auch die K o n -
Der metaphysische Charakter der auf diesem Boden entstandenen philo- turen jener ökonomischen Bestimmungen, die dieser Empörung objektiv
sophischen, psychologischen, anthropologischen etc. Theorien beruht dar- zugrunde liegen, die sie gestalten, ja notwendig machen, daß sie nicht un-
auf, daß sie den zweifellos vorhandenen unmittelbaren Tatbestand unkri- fruchtbar subjektiv bleibt, sondern wirklich zur Umwälzung der Gesell-
tisch in seiner Unmittelbarkeit verabsolutieren. Unkritisch bedeutet nicht schaft führt. In seiner Beurteilung Ricardos sagt Marx darüber: „Ricardo
unbedingt ein einfaches Hinnehmen, was freilich oft geschieht. Die Dialek- betrachtet mit Recht, für seine Zeit, die kapitalistische Produktion als die
tik der Erscheinungsweise kann scharfsinnig kritisiert werden, und auf die- vorteilhafteste für die Produktion überhaupt, als die vorteilhafteste zur
sem Wege können sogar wichtige Kulturzusammenhänge aufgedeckt wer- Erzeugung des Reichtums. Er will die Produktion der Produktion halber,
den, wie das z.B. in Schillers Kunstphilosophie geschieht. Freilich fehlt in und dies ist recht. Wollte man behaupten, wie es sentimentale Gegner R i -
diesem Fall nicht eine wenigstens ahnungsvolle Einsicht in die gesellschaft- cardos getan haben, daß die Produktion nicht als solche der Zweck sei, so
lich-geschichtliche ursächliche Bedingtheit einer solchen Verselbständi- vergißt man, daß Produktion um der Produktion halber nichts heißt, als
gung und Widersprüchlichkeit der „Seelenvermögen" und damit eine - Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, also Entwicklung des Reich-
wenn auch rückblickend-utopische - Sehnsucht nach dem einheitlichen tums der menschlichen Natur als Selbstzweck. ... D a ß diese Entwicklung
und ganzen Menschen. Jedoch erst das volle Erhellen der sozialen Gründe der Fähigkeiten der Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf K o -
vermag den Menschen als Ganzheit, die Unzertrennbarkeit seiner physi- sten der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen
schen und psychischen Kräfte begreiflich zu machen. Marx drückt die Per- macht, schließlich diesen Antagonismus durchbricht und zusammenfällt
version, die in der Entfremdung zustande kommt, außerordentlich drastisch mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, daß also die höhere Ent-
aus: „Essen, Trinken und Zeugen etc. sind zwar auch echt menschliche wicklung der Individualität nur durch einen historischen Prozeß erkauft
Funktionen. In der Abstraktion aber, die sie von dem übrigen Umkreis wird, worin die Individuen geopfert werden, wird nicht verstanden..." 32

menschlicher Tätigkeit trennt und zu letzten und alleinigen Endzwecken


29
Hier wird ein weiterer Grund sichtbar, warum wir keine philosophisch
macht, sind sie tierisch." Diese Wirkungen der kapitalistischen Arbeits-
fundierte Analyse des Alltagslebens und des Alltagsdenkens besitzen. Diese
teilung hat der junge Marx hier nur in bezug auf die Arbeiterklasse fest-
müßte nämlich, direkt oder indirekt, zu der von Marx umrissenen wider-
60 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 61

spruchsvollen Doppeltheit des Alltagslebens im Kapitalismus irgendwie Heidegger die Probleme des alltäglichen Verhaltens und des Alltagsden-
Stellung nehmen. Wobei es ohne weiteres klar ist, daß die Widersprüch- kens in einer verarmten und entstellten Form erscheinen, so werden sich
lichkeit des Alltags, die hier einen Kulminationspunkt erreicht, in sehr vari- vielleicht einige dagegen wehren, daß er unter die romantischen Kritiker
ierten Formen sich auch in manchen früheren Formationen vorfindet und der kapitalistischen Kultur eingereiht wird. Er grenzt die Alltäglichkeit ent-
sicher nicht mit der Expropriation und Vergesellschaftung der Produktions- schieden von der Primitivität ab: „Alltäglichkeit deckt sich nicht mit Primiti-
mittel sofort und automatisch zu existieren aufhört. Die mit dem Sozia- vität. Alltäglichkeit ist vielmehr ein Seinsmodus des Daseins auch dann
lismus einsetzende Aufhebung des antagonistischen Charakters der hier und gerade dann, wenn sich das Dasein in einer hochentwickelten und
34

auftretenden Widersprüche und ihre Verwandlung in nicht mehr antagoni- differenzierten Kultur bewegt." U n d auch in seinen konkreten Analysen
stische ist ebenfalls ein langwieriger, ungleichmäßiger Prozeß, der be- fehlt ein bejahender Appell an irgendeine konkret vergangene Periode (wie
stimmte Residuen, ja Rückfälle keineswegs ausschließt. D a nun auch die z. B. bei Gehlen an die „prämagische"). Heideggers romantischer Anti-
abstrakteste erkenntnistheoretische oder phänomenologische Untersu- kapitalismus diffamiert „bloß" phänomenologisch-ontologisch den Alltag
chung des Alltagsdenkens an derartigen historischen Strukturwandlungen der Gegenwart und sein Denken; der Maßstab dieses Urteils steckt jedoch
unmöglich vorbeigehen kann, wenn sie nicht - durch eine antihistorische nicht in der Struktur einer bestimmten vergangenen Periode, sondern in
Verabsolutierung - ihren eigenen zu erkennenden Gegenstand inhaltlich dem ontologisch-hierarchischen Abstand des Seienden vom Sein, in sei-
und strukturell verfälschen will, muß sie zu den hier angedeuteten histo- nem Abfall von ihm. Die geistige Basis des Verwerfens ist also nicht ro-
rischen Grundphänomenen so oder so Stellung nehmen. Jede Stellung- mantisch-historisch, sondern theologisch; es ist in der - atheistisch gewen-
nahme involviert jedoch eine historische Betrachtung der hier vorkommen- deten - irrationalistischen Gotteslehre Kierkegaards fundiert.
den Erscheinungsweisen des kapitalistischen Alltags, andererseits eine Die Stellung Heideggers zum Alltag ist bereits in seiner Terminologie
gewisse Einsicht in die wirkliche Richtung der gesamten historischen Ent- sichtbar. Wenn er die hier vorkommenden Dinge „das Zeug", das „Wer"
wicklung. Sonst entsteht eine Verabsolutierung und Idealisierung von Ver- dieser Sphäre „das M a n " , die häufigsten, typischsten Verhaltensarten „das
gangenheit oder Gegenwart oder von beiden, die sowohl einen gleich fal- Gerede", die „Zweideutigkeit", das „Verfallen" etc. nennt, so mag er selbst
schen positiven als auch negativen Wertakzent haben können. Marx sieht die Illusion hegen, er gäbe hier nur eine objektive Beschreibung und kein
darin ein unvermeidliches und unüberwindliches Dilemma der bürger- gefühlsbetontes Werturteil; objektiv handelt es sich bei ihm doch um eine
lichen Beurteilung dieser Sachlage, weil diese entweder das fortschrittliche Welt der Uneigentlichkeit, der Verfallenheit, des Abfalls vom Eigent-
oder das entfremdende und entfremdete Moment des oben bezeichneten lichen. Heidegger selbst nennt diese „Bewegtheit" des Daseins in seinem
Widerspruchs in Einseitigkeit erstarren läßt. E r sagt: „Auf frühren Stu- eigenen Sein den Absturz. „Das Dasein stürzt aus ihm selbst in es selbst, in
fen der Entwicklung erscheint das einzelne Individuum voller, weil es eben die Bodenlosigkeit und Nichtigkeit der uneigentlichen Alltäglichkeit. Die-
die Fülle seiner Beziehungen noch nicht herausgearbeitet und als von ihm ser Sturz aber bleibt ihm durch die öffentliche Ausgelegtheit verborgen, so
35
unabhängige gesellschaftliche Mächte und Verhältnisse sich gegenüber- zwar, daß er ausgelegt wird als ,Aufstieg' und ,konkretes Leben'." U n d
gestellt hat. So lächerlich es ist, sich nach jener ursprünglichen Fülle zu- dies weiter auslegend: „Das Phänomen des Verfallens gibt auch nicht so
rückzusehnen, so lächerlich ist der Glaube bei jener vollen Entleerung etwas wie eine , Nachtansicht' des Daseins, eine ontisch vorkommende
33
stehnbleiben zu m ü s s e n . " In den Anfangszeiten der Entwicklung des Eigenschaft, die zur Ergänzung des harmlosen Aspekts dieses Seienden
bürgerlichen Denkens herrschte die Tendenz, über der Bejahung des Fort- dienen mag. Das Verfallen enthüllt eine wesenhafte ontologische Struktur
schritts seine Widersprüchlichkeit zu übersehen; schon vor Marx trat eine des Daseins selbst, die so wenig die Nachtseite bestimmt, als sie alle seine
30
romantische Gegenbewegung - die Kritik der Entfremdung, mit einer Idea- Tage in ihrer Alltäglichkeit konstituiert."
lisierung primitiver Entwicklungsstufen verbunden - auf, und heute domi- Dieser tiefe Pessimismus, der den Alltag in eine Sphäre der hoffnungs-
niert diese - offen oder versteckt - in der sowieso spärlichen philoso- losen Verfallenheit, der Geworfenheit „in die Öffentlichkeit des M a n " , 3 7

phischen Beschäftigung mit dem Alltag und dem Alltagsdenken. 38


„der Bodenlosigkeit des Geredes" verwandelt, muß zugleich dessen We-
Wenn wir hier eine kurze Übersicht darüber geben, wie bei Martin sen und Struktur verarmen und entstellen: Wenn die Praxis des Alltags
62 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 63

ihre dynamische Verbundenheit mit der Erkenntnis, mit der Wissenschaft - Sichtart, die das Hantieren führt und ihm seine spezifische Dinghaftigkeit
phänomenologisch-ontologisch - verliert, wenn diese nicht aus den Fra- verleiht."39

gen, die jene stellt, entsteigt, wenn jene sich nicht ständig an den Ergeb- Ohne Frage ist hier etwas von der Grundstruktur des Alltagslebens und
nissen, die diese hervorbringt, bereichert, durch diese breiter und tiefer -denkens, von der unmittelbaren Verbindung zwischen Theorie und Pra-
wird, so verliert der Alltag gerade seine echte Wesensart, das, was ihn zur xis erfaßt. Jedoch setzt die Konvergenz der formal-methodologischen Ver-
Quelle und zur Mündung der Erkenntnis im menschlichen Handeln macht. einfachung und des subjektiven (antikapitalistischen) Werturteils in der
Indem er von diesen Wechselbeziehungen entleert wird, erscheint er bei „Wesenschau" einen überschroffen metaphysischen Kontrast zwischen
Heidegger als ausschließlich von den den Menschen entstellenden Kräf- das eigentliche theoretische Verhalten und die „Theorie" in der Alltags-
ten der Entfremdung beherrscht. Das andere, vorwärtstreibende M o - praxis an Stelle der realen, widerspruchsvollen Übergänge und Wechsel-
ment in der und trotz der Entfremdung verschwindet aus der ontologi- wirkungen. Die auf diese Weise vollzogene abstraktive Isolierung des A l l -
schen „Reinigung" der Phänomene. tags, seine Reduktion auf jene Momente, die ihm ausschließlich in einer
Denn es besteht auch hier zweifellos ein Zusammenhang zwischen Me- derartigen künstlichen gedanklichen Abgrenzung zuzukommen scheinen,
thodologie und Weltanschauung. Heideggers Methode, wie die der Phä- bringt, wie eingangs [61 f.] hervorgehoben wurde, eine Verarmung und
nomenologie und der aus ihr erwachsenen ontologischen Tendenzen, kon- Entstellung dieser ganzen Sphäre hervor. Eine Verarmung, indem - be-
zentriert sich darin, jede Gegenständlichkeit und jedes Verhalten zu ihr wußt methodologisch - übersehen wird, wie tief alle Verhaltensweisen
auf die einfachsten und allgemeinsten „Urformen" zu reduzieren, um auf des Alltags mit der gesamten Kultur und der kulturellen Entwicklung der
diese Weise ihr tiefstes Wesen - unabhängig von jeder gesellschaftlich- Menschheit zusammenhängen; eine Entstellung, indem dadurch die den
geschichtlichen Varietät - eindeutig herauszuarbeiten. Da jedoch die in- Fortschritt verbreitende und seine Ergebnisse erfüllende Rolle des Alltags
tuitive „Wesenschau" ebenfalls ein Fundament dieser Methodologie aus- gedanklich eliminiert wird.
macht, m u ß - bewußt oder unbewußt - das subjektive Werturteil des je- Diese Andeutung der theoretischen Sackgasse, die bei Heidegger sicht-
weiligen Philosophen tief auf die Bestimmung von Inhalt und Form der bar wird, soll für uns nur dazu dienen, den von uns eingeschlagenen Weg
phänomenologisch oder ontologisch „gereinigten" Gegenständlichkeit durch den Vergleich mit dem anderen methodologisch zu konkretisieren;
einwirken und die Beziehung zwischen Erscheinung und Wesen verwirren. wie in anderen, ähnlichen Fällen ist hier keine Auseinandersetzung mit der
So erscheinen hier Phänomene des kapitalistischen Alltags als ontologische Lehre Heideggers beabsichtigt. Wenn wir hier zu einem polemischen Ex-
Wesensbestimmungen des Seienden überhaupt. So auch in Heideggers De- kurs gezwungen waren, so haben wir uns selbstverständlich nicht die Auf-
skription des Alltagslebens. Niemand wird leugnen, daß hier ein leiden- gabe gestellt, den Komplex der hier vorhandenen Tatbestände ausführlich
schaftlicher Versuch entstanden ist, bestimmte entscheidende Seiten des zu analysieren. Sie mußten hier nur angeführt werden, damit das Problem
Alltagslebens und -denkens konkreter als bis jetzt herauszuarbeiten; in des ganzen Menschen im Alltag (auch in der bürgerlichen Gesellschaft, ja
dieser Hinsicht geht Heidegger weit über den Stand dieses Problems bei vor allem in ihr) wahrheitsgemäß geschildert werden könne. In erster Linie
den Neukantianern hinaus. So macht er einen sehr interessanten Vorstoß kommt es auch hier darauf an, das Verhältnis des Alltags und seines Den-
in der Richtung, die spezifische Verbundenheit von Theorie und Praxis im kens zum Verhalten des Menschen in der wissenschaftlichen und künstle-
Alltagsleben zu erfassen. „In solchem gebrauchenden Umgang unterstellt rischen Tätigkeit vorläufig zu klären. Nur vorläufig, denn mit der Tren-
sich das Besorgen dem für das jeweilige Zeug konstitutiven Um-zu; je we- nung der Wissenschaft vom Alltagsleben werden wir uns bald in einem
niger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, besonderen Kapitel befassen; die künstlerische Produktivität und Rezeptivi-
um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu ihm, um so unverhüllter be- tät jedoch, die uns später in Anspruch nehmen wird, kann erst im zweiten
gegnet es als das, was es ist, als Zeug. Das Hämmern selbst entdeckt die Teil, nach Aufdeckung der Struktur des Kunstwerks, wirklieh adäquat er-
spezifische ,Handlichkeit' des Hammers. . . . Der nur theoretisch' hinse- faßt werden. Vorläufig und Späteres vorwegnehmend, kann bloß gesagt
hende Blick auf Dinge entbehrt des Verstehens von Zuhandenheit. Der werden, daß die Verhaltensart der Menschen wesentlich von dem Objekti-
gebrauchend-hantierende Umgang ist aber nicht blind, er hat seine eigene vationsgrad ihrer Tätigkeit abhängt. W o diese [Objektivationen?] die
64 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 65

höchste Stufe erreichen, also in Wissenschaft und Kunst, bestimmen deren sten Spezialisierung ausdrückt, nur mit jener sehr wichtigen dynamisch-
objektive Gesetze das menschliche Verhalten zu diesen von ihnen selbst strukturellen Veränderung (im Gegensatz zum Durchschnittsfall des A l l -
geschaffenen Gebilden. Das heißt, alle Fähigkeiten des Menschen erhalten tags), daß seine einheitlich mobilisierten Eigenschaften sich gewissermaßen
ein - teils instinktives, teils "bewußtes, anerzogenes - Gerichtetsein auf die in jener Spitze konzentrieren, die auf die von ihm intentionierte Objekti-
Erfüllung dieser objektiven Gesetzmäßigkeiten. Will man solche Verhal- vation gerichtet ist. Wir werden deshalb, wo im folgenden von diesem Ver-
tensarten richtig verstehen und sie in ihrem Zusammenhang mit dem halten die Rede sein wird, vom „Menschen ganz" (in bezug auf eine be-
Alltag wie in ihrem Unterschied und Gegensatz zum Alltagsverhalten stimmte Objektivation) im Gegensatz zum ganzen Menschen des Alltags
richtig beschreiben, so muß man sich stets vor Augen halten, daß es sich in sprechen, der sich, bildlich gesprochen, mit der ganzen Oberfläche seiner
beiden Fällen um die Beziehung des ganzen Menschen, mag er noch so sehr Existenz der Wirklichkeit zuwendet. Für uns ist naturgemäß das ästhetische
sich entfremdet, verzerrt sein, zur objektiven Wirklichkeit bzw. zu den Verhalten vor allem wichtig. Darum werden wir uns in späteren Zusammen-
diese widerspiegelnden und vermittelnden gesellschaftlich-menschlichen hängen mit dem ästhetischen Unterschied des ganzen Menschen und des
Objektivationen handelt. Die Wirkung der entwickelten und ausgebauten „Menschen ganz" ausführlich beschäftigen [624ff.]. D a das wissenschaft-
Objektivationen wie Wissenschaft und Kunst äußert sich vor allem darin, liche Verhalten uns vor allem als kontrastierende Bestimmung zum ästhe-
daß die Kriterien für Auswahl, Gruppierung, Intensität etc. der eingesetz- tischen interessiert, können wir uns dabei ganz mit allgemeinen Fest-
ten subjektiven Tätigkeiten viel genauer umgrenzt und determiniert sind als stellungen begnügen.
in sonstigen Lebensäußerungen. Natürlich gibt es hier sehr abgestufte Dieser Gegensatz mußte in seinen Extremen scharf herausgearbeitet
Ubergänge, so insbesondere in der Arbeit, die ja auch objektiv i m Laufe werden. M a n darf aber dabei die unübersehbar abgeschatteten Über-
der Geschichte viele Übergänge zur Wissenschaft und zur Kunst auf- gänge nicht vernachlässigen. Es genügt, nur an die Arbeit zu denken, in
weist. welcher - je vollkommener sie wird, desto mehr - eine gewisse Tendenz
Solche Objektivationen haben nicht nur ihre - freilich erst allmählich be- zur eben analysierten Zuspitzung auf den „Menschen ganz" ebenfalls
wußt gemachte - innere Gesetzmäßigkeit, sondern auch ein bestimmtes zustande kommt. Den Übergangscharakter schafft das nicht totale Wesen
Medium, durch welches allein die betreffende Objektivation produktiv wie der meisten Arbeitsverrichtungen. Wo die Arbeit, wie im alten Handwerk,
rezeptiv realisiert werden kann. (Man denke an die Rolle der Mathema- sich der Kunst annähert, nähert sich auch das objektive Verhalten in ihr
tik in den exakten Wissenschaften, an die Visualität in den bildenden Kün- dem künstlerischen, wo die maximale Rationalisierung hochentwickelt
sten etc.) Wer nicht durch dieses Medium hindurch den Weg zur Objek- ist, zuweilen dem wissenschaftlichen an. Viele Arten der Arbeit sind also in
tivation einschlägt, muß gerade an ihren entscheidenden Problemen vorbei- dieser Hinsicht Übergangserscheinungen, jedoch so fundamental sie auch
gehen. Diese Tatsache ist oft beobachtet worden, jedoch fast ebenso oft für das gesamte menschliche Leben sind, so umfassen sie trotzdem nur
wurden aus ihr falsche Folgerungen gezogen. Indem das Medium mit der einen Teil des Alltagslebens. Und in den übrigen Teilen muß naturgemäß
Objektivation identifiziert wurde (so bei Fiedler bei Behandlung der Visu- das andere, breitere, lässigere, weniger zielgerecht den Menschen umgrup-
alität, worauf wir [214ff.] in konkreter gewordenen Gedankengängen pierende Prinzip überwiegen. Natürlich gibt es auch hier Übergangsfor-
ausführlich zurückkommen werden), wurde einer Objektivationsgruppe men; Spiel, Sport (indem sein Betreiben zu einem systematisierten Trai-
- trotz modernisierten Variationen - doch ein isoliertes „Seelenver- ning wird), Gespräch (indem es in sachliche Diskussion übergeht) etc. kön-
mögen" zugeordnet und die bewegte Dynamik der Totalität des mensch- nen sich dauernd oder vorübergehend leicht dem Verhaltenstyp der Arbeit
lichen Seelenlebens vernachlässigt oder vollständig beseitigt. Der wirk- annähern. Diese große Skala von überleitenden Nuancen schafft aber doch
liche Tatbestand zeigt aber, daß, weil in der Objektivation die Rolle des nicht die Entgegengesetztheit der Extreme aus der Welt. Im Gegenteil. Wir
Mediums gerade darin besteht, Träger einer Totalität von Empfindungen, glauben, gerade dadurch wird nicht nur die Notwendigkeit des Hinüber-
Gedanken, Sachzusammenhängen etc. zu sein, die Anpassung des subjek- wachsens der Verhaltensart des ganzen Menschen in die des „Menschen
tiven Verhaltens daran ebenfalls eine Synthese solcher Elemente sein muß. ganz" klargestellt, sondern auch die Fundiertheit dieser in jener, ihre wech-
Es ist also immer wieder der ganze Mensch, der sich in einer solchen äußer- selsei tige Befruchtung und Höherentwicklung. Dabei bleibt jedoch der
66 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 67

Unterschied, ja der Gegensatz bestehen. Er gründet sich einerseits auf den Die hiermit gewonnene Einsicht in das Alltagsdenken scheint zu bewei-
mehr oder weniger totalen Charakter der erstrebten Objektivation (von sen, daß seine richtige Höherentwicklung, sein Geeignetmachen zur Er-
seinem fast vollständigen Fehlen bis zur Vorherrschaft über das subjektive kenntnis der objektiven Wirklichkeit nur auf Wegen der Wissenschaft, auf
Verhalten), andererseits undim engen Zusammenhang damit auf die mehr dem Wege desVerlassens des Alltagsdenkens möglich ist. In einer welthisto-
oder weniger unmittelbare Beziehung von Denken und Praxis. M a n denke rischen Trendlinie gesehen, ist dem auch so. Es wäre aber eine vulgarisie-
dabei an den Sport als einfache Körperübung, wo diese Beziehung einen rende, wichtige Tatsachen der Entwicklung verfälschende Abstraktion,
rein unmittelbaren Charakter haben kann wie im Spaziergang, und an daraus ein überall und ausnahmslos funktionierendes Gesetz machen zu
die komplizierten, oft sehr weitgesteckten Vermittlungen, die im systema- wollen. Allerdings stehen oft - und in sehr wichtigen Fällen - wissenschaft-
tischen Training auftauchen. liches und alltägliches Denken in dieser Weise einander gegenüber. M a n
Noch deutlicher tritt dieser Gegensatz hervor, wenn wir an die politisch- denke an die Kopernikanischc Theorie und die (unmittelbar, subjektiv)
gesellschaftliche Tätigkeit des Menschen denken. Lenin hat diese Tätig- unüberwindliche tägliche „Erfahrung", daß die Sonne „untergeht" etc.;
keit in seinem Werk „Was tun?" glänzend aufgedeckt. Seine Analysen wir benutzen absichtlich den Ausdruck unüberwindlich, weil dies die spon-
sind für uns um so wertvoller, weil sie auf die gesellschaftlich-politischen tane Reaktion auch des gebildetsten Astronomen als Menschen des A l l -
Formen und Inhalte konzentriert sind und die hier behandelten Probleme tagslebens auf dieses Phänomen sein muß. Damit ist jedoch der ganze
nur nebenbei, fast unbeabsichtigt streifen. Lenin zeigt in bezug auf die Reichtum der Wirklichkeit, der Beziehung des Alltagsdenkens, der Wis-
Spontaneität der ökonomischen Bewegungen der Arbeiterklasse, daß ihnen senschaft (und Kunst) zu ihr längst nicht umschrieben. Es kommen nicht
gerade das Bewußtsein der weiteren Zusammenhänge in der Gesellschaft, selten Fälle vor, in denen das Alltagsdenken - mit Recht - gegen gewisse
die über die Unmittelbarkeit hinausweisenden Zielsetzungen fehlen; den Objektivationsweisen der Wissenschaft (und der Kunst) protestiert und
spontan streikenden russischen Arbeitern vom Anfang des 20. Jahrhun- mit seinem Protest letzten Endes durchdringt. Die Dialektik einer solchen
derts fehlte - mußte fehlen, sagt Lenin - „die Erkenntnis der unversöhn- Widersprüchlichkeit zwischen Alltag einerseits und Wissenschaft oder
lichen Gegensätzlichkeit ihrer Interessen zu dem gesamten gegenwärtigen Kunst andererseits ist stets eine gesellschaftlich-geschichtliche. Es sind im-
40
politischen und sozialen Regime" , d.h. die Einsicht in die weitereu not- mer konkrete, historisch und sozial bedingte Lagen, von denen aus das A l l -
wendigen Folgen ihres eigenen Tuns. Es bedarf, glauben wir, keiner aus- tagsdenken dem [Denken?] der höheren Objektivationen gegenüber recht
führlichen Erörterung, um einzusehen: Die überwältigende Mehrheil der behält oder umgekehrt. Aber auch die eben skizzierte Lage darf nicht me-
Handlungen im Alltagsleben, einerlei ob sie individuelle oder kollektive taphysisch verabsolutiert werden. Der - letzten Endes - siegreiche Wider-
Aktionen sind, hat eine ähnliche Struktur, worin die von uns früher fest- stand des Alltagsdenkens gegen eine gewisse Wissenschaft (oder Kunst)
gestellte unmittelbare Verbindung von Denken und Praxis klar zur Geltung kann nur die Spontaneität und Unmittelbarkeit des Alltagslebens besit-
gelangt. Indem nun Lenin seine politisch-soziale Kritik der Spontaneität zen. M i t diesen gegebenen Mitteln ist jedoch nur eine Negation, eine A b -
dahin weiterführt, daß das richtige Bewußtsein den spontan für ihre Inter- lehnung erreichbar. Soll die mit den Bedürfnissen des Lebens nicht mehr
essen kämpfenden Arbeitern „nur von außen beigebracht werden" kann, zu vereinbarende Wissenschaft (oder Kunst) wirklich überwunden werden,
„d.h. außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der so muß aus einer solchen spontanen Negation ein neuer Typus von Wis-
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Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern", also außerhalb senschaft (oder Kunst) entstehen, d.h., der Boden des Alltagslebens muß
der unmittelbaren Umwelt, der unmittelbaren Zielsetzungen der Arbeiter, wieder verlassen werden. Jede Analyse solcher Tatbestände zeigt also, daß
spricht er für die uns jetzt beschäftigende Frage eine doppelt wichtige Er- sowohl Zusammengehörigkeit wie Verschiedenheit dieser Sphären nur bei
kenntnis aus. Erstens, daß zur Überwindung des Alltagslebens geistige Berücksichtigung der ununterbrochenen Wechselwirkungen zwischen ih-
Kräfte, denkerische Verhaltensarten vonnöten sind, die qualitativ über den nen begriffen werden können. Soweit Folgeerscheinungen solcher Art für
Horizont des Alltagsdenkens hinausgehen. Zweitens, daß - wenn wie hier die Kunst wichtig werden, können siewegenihrergesellschaftlich-geschicht-
von einer richtigen Orientierung für das praktische Handeln die Rede ist - lichen Konkretheit nur im historisch-materialistischen Teil der Ästhetik
das Leninsche „von außen" die Welt der Wissenschaft bezeichnet. behandelt werden. Hier können wir nur auf jene - notwendig abstrakt ver-
68 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Allgemeine Charakteristik des Alltagsdenkens 69

bleibenden - Bestimmungen hinweisen, in denen der allgemeinste Charak- vorstellen. So richtig die Tolstoische bäuerliche Verspottung der spiriti-
ter der Widerspiegelung der Wirklichkeit sich im Alltag äußert. stischen Mode in „Früchte der Aufklärung" ist, so schief müssen seine
Es handelt sich - abgekürzt ausgedrückt - um das Phänomen des soge- Urteile - im Namen der einfachen Bauern - im Falle der Renaissance oder
nannten gesunden Menschenverstandes. A n und für sich ist dieser eine Shakespeares ausfallen. Schon Schiller hat auf die Grenzen der Urteils-
bloße, zumeist abstrakt bleibende Verallgemeinerung der Erfahrungen des kompetenz der Moliereschen Dienstmagd hingewiesen, und ich selbst habe
Alltagslebens. Da, wie wir bereits gezeigt haben und später ausführlich im Anschluß an ihn versucht, diese ganze Problematik der Kulturbewer-
zeigen werden, die Ergebnisse von Wissenschaft und Kunst kontinuierlich tung des späten Tolstoi aufzudecken. 43

ins Alltagsleben und ins Alltagsdenken einströmen, es bereichern, sind Dieser gesellschaftlich-geschichtliche Charakter der Erklärung einzel-
diese darin sehr oft mitenthalten, freilich zumeist nur soweit, als sie zu stän- ner solcher Fälle ändert nichts daran, daß hier auch allgemeinere Gesetz-
dig wirksameren Elementen der Praxis des Alltags geworden sind. Der lichkeiten zum Ausdruck kommen. Einerseits der Gegensatz einer abstrakt-
Form nach haben solche Verallgemeinerungen in den meisten Fällen einen idealistischen Verallgemeinerung zu dem spontanen Materialismus des
apodiktischen Charakter. Die ganze lakonische Spruchweisheit der Völ- Alltagsdenkens, der sich diesem gegenüber durchsetzt. Andererseits kann
ker drückt sich so aus. Sprüche stützen sich auf keinen Beweis, da sie eben ein Gegensatz der dialektischen oder mechanistischen Widerspiegelung
Zusammenfassungen oft uralter Erfahrungen, Gewöhnungen, Traditionen, vorliegen. Und zwar sowohl so, daß die spontane Dialektik des Alltags
Sitten etc. sind. U n d gerade diese ihre Form pflegt sie in eine unmittelbare gegen metaphysische Theorien recht behält, als auch so, daß traditions-
Richtschnur zum Handeln zu verwandeln; schon ihre Form widerspiegelt gemäße metaphysische „Weisheiten" des Alltags von neuen dialektischen
so den fürs Alltagsdenken typischen unmittelbaren Zusammenhang zwi- Erklärungen widerlegt werden. Schon hier ist sichtbar, daß diese Reak-
schen Theorie und Praxis. tionen des Alltagsdenkens auf Wissenschaft und Kunst keineswegs ein-
Gerade darin äußert sich nun die oben angegebene Widersprüchlichkeit: deutig sind; weder kann man sie einfach als vorwärtsweisend oder als rück-
ob nämlich diese apodiktisch-lakonische Weisheit den komplizierteren schrittlich klassifizieren noch jene Tendenzen stets dem Neuen, diese dem
Objektivationen von Wissenschaft und Kunst gegenüber zu Recht besteht Alten zuordnen. Denn z . B . kommen bei Tolstoi, wie Lenin überzeugend
oder nicht. Obwohl wir hier auf die konkreten Probleme gesellschaftlich- gezeigt hat, sowohl Stimmen zum Ausdruck, die das Sein der primitiven,
geschichtlicher Art nicht eingehen können, ist es leicht ersichtlich, daß die zum Untergang verurteilten Bauernschaft laut werden lassen, als auch
positive oder negative Funktion des gesunden Menschenverstandes, auch solche, die - freilich auf dem Niveau des Alltags - die kommende Bauern-
der Volkswcisheit, mit dem Kampf des Alten und Neuen eng verbunden 44
revolte gegen die feudalen Überreste v e r k ü n d e n . Die wirkliche Rolle des
ist. Überall, wo das Absterbende sich durch künstlich vermittelte, dem Le- gesunden Menschenverstandes, der Volksweisheit läßt sich also nur - mit
ben entfremdete Gedankenbauten, Gefühlskonventionen etc. gegen das Hilfe des historischen Materialismus - durch Untersuchung der jeweiligen
Entstehende verteidigt, erlangt der gesunde Menschenverstand oft die konkreten historisch-sozialen Lage ergründen.
Funktion des Gassenjungen im Andersenschen Märchen, der ausruft: Der Hier können wir nur auf die erkenntnistheoretischen, auf die objektiv
Kaiser hat keine Kleider an. Tschcrnyschewskis Ästhetik hat das große und subjektiv allgemeinen dialektischen Grundlagen dieser unaufhebbaren
Verdienst, gegen die künstlich überspannten Ansprüche der gebildeten Zweideutigkeit des Alltagsdenkens, der Widerspiegelung der Wirklichkeit
42
Klasse die echten Bedürfnisse des Volks auszusprechen. Die Molieresche in ihr kurz hinweisen. Die Quelle dieser unaufhebbaren Zweideutigkeit ist
Dienstmagd ist der oberste Kritiker des großen Komikers, die Ästhetik wieder die von uns hervorgehobene unmittelbare Beziehung der Theorie
und Kunstphilosophie des späten Tolstoi stellt den einfachen Bauern als zur Praxis. Denn einerseits müssen Theorie wie Praxis stets von der un-
obersten Richter zur Beurteilung der Richtigkeit oder Falschheit der Pro- mittelbaren Beziehung zur Wirklichkeit ausgehen, können nie daran vor-
dukte von Kunst und Wissenschaft auf. beigehen, nie aufhören, an diese zu appellieren. Sobald die höheren, kom-
Es unterliegt keinem Zweifei, daß solche Verdikte in vielen Fällen von plizierteren, weil vcrmitteltcren Objektivationen der Wirklichkeit einer gei-
der Geschichte bestätigt werden. Es ist aber ebenso sicher, daß sie nicht stigen Inzucht verfallen, bedroht sie dieselbe Gefahr, der der Kaiser bei
selten nur eine spießbürgerliche Nörgelei großen Neuerungen gegenüber Andersen erliegt. Andererseits istdie wirkliche Fruchtbarkeit der richtigen
Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 71

Widerspiegelung der Wirklichkeit und der aus ihr entspringenden Praxis reichere, kompliziertere und weiter hergeholte erscheinen, und zwar doch
nur dann gesichert, wenn diese Unmittelbarkeit (im Hegeischen dreifachen in der Form ihrer charakteristischen Unmittelbarkeit. Ja, wir haben eben-
Sinn von Vernichten, Aufbewahren und Auf-höheres-Niveau-Heben) auf- falls festgestellt, daß die Vorwärtsbewegung der Gesellschaft allmählich
gehoben wird. Es genügt dabei, auf die Leninsche Analyse der politischen Objektivationssysteme herausbildet, die zwar eine betonte Unabhängig-
Praxis hinzuweisen sowie - als Gegenbeispiel - auf die die Entwicklung keit vom Alltagsleben besitzen, jedoch mit ihm in ununterbrochenen, stets
von Wissenschaft und Industrie oft hemmenden Folgen der kapitalisti- reicher werdenden Wechselbeziehungen stehen, so daß wir unser eigenes
schen Profitspontaneität, die Bemal untersucht hat. Daß diese Wider- Alltagsleben ohne solche Objektivationen uns gar nicht vorstellen könn-
sprüchlichkeit nur konkret, nur historisch-sozial zur Lösung gebracht wer- ten. (Dem Zweck dieser Untersuchungen entsprechend, haben wir uns nur
den kann, ist - i abstrakt allgemeiner Form - der genaue Ausdruck da-
n
mit Wissenschaft und Kunst beschäftigt und haben die Objektivationen
für, daß die höheren Objektivationen von der Menschheitsentwicklung im institutionellen Charakters wie Staat, Rechtssystem, Partei, gesellschaft-
Interesse der reicheren und tieferen Bewältigung der konkreten Probleme liche Organisationen etc. bewußt vernachlässigt. Ihre Berücksichtigung
des Alltagslebens hervorgebracht wurden, daß ihre Selbständigkeit, ihre hätte unsere Analysen allzu sehr kompliziert, hätte aber am oben ange-
Eigengesetzlichkeit, ihr qualitatives Sich-Abheben von den Widerspiege- gebenen Endergebnis nichts Entscheidendes geändert.)
lungsformen des Alltagslebens im Dienste dieses selben Alltags stehen, Wenn wir uns nun um einen weiteren Schritt unserem eigentlichen Ziele,
daß sie also ihre Daseinsberechtigung dann verlieren, wenn diese Ver- den prinzipiellen Momenten der Trennung der uns interessierenden Ob-
bindung - freilich nicht für den Tag, sondern im historischen Maßstabe - jektivationen vom gemeinsamen Boden der Alltagswirklichkeit, dem Pro-
verlorengeht, wie dann, wenn sie auf ihre Vermitteltheit verzichten und zeß ihres Sclbständigwerdcns, nähern, so stehen wir - was das Tatsachen-
sich der unmittelbaren Einheit von Theorie und Praxis im Alltag kritiklos material betrifft - vor unüberwindlichen Schwierigkeiten. Nicht nur, daß
anpassen. Diese Widersprüchlichkeit unterstreicht also, daß das ununter- der Urzustand der Menschheit, in welchem es noch keine Objektivationen
brochene Hinauf- und Herunterströmen von Alltag zu Wissenschaft und geben konnte, unbekannt ist; er muß im Sinne der dokumentarisch er-
Kunst und zurück zwangsläufig ist, eine Bedingung des Funktionierens, forschbaren wissenschaftlichen Erkenntnis für diese Frage auch ewig un-
des Sich-Vorwärtsbewegens aller drei Lebenssphären. Zweitens kommt in bekannt bleiben. Alle Tatsachen, die uns Ethnographie, Archäologie etc.
dieser Widersprüchlichkeit auch zum Ausdruck, daß die Kriterien der Rich- darbieten können, beziehen sich auf unvergleichlich entwickeltere Zu-
tigkeit der Widerspiegelung vor allem inhaltlich sind, d.h. die Richtigkeit, stände. Und gerade der Charakter des primitivsten Zustands macht es so
die Tiefe, der Reichtum etc. in der Übereinstimmung mit dem Original, gut wie unmöglich, daß sich in Zukunft ein hinreichendes Material dieser
mit der objektiven Wirklichkeit selbst besteht. Dabei können formale M o - Entwicklungsstufe vorfinde. Denn auch bei weitaus höheren Stadien müs-
mente (Tradition etc. im Alltag, immanent methodologische Vollendung sen uns die direkten Tatsachen fehlen; wir können weder die Entstehung
in Wissenschaft und Kunst) nur eine sekundäre Rolle spielen; von wirk- der Sprache noch die des Tanzes, der Musik, der religiös-magischen Über-
lichen Kriterien losgelöst, haftet ihnen eine unaufhebbarc Problematik an. lieferungen, der gesellschaftlichen Sitten und Gebräuche konkret weiter
Das bedeutet keine Unterschätzung oder gar Annullierung der Formpro- zurückverfolgen als bis zu den uns bekannten primitivsten Völkern, die,
bleme ; diese können jedoch nur bei Aufrechterhaltung der Priorität des In- wie gesagt, schon weit über die Anfänge hinausgewachsen sind.
halts innerhalb ihrer Wechselwirkung richtig gestellt und gelöst werden. Unter solchen Umständen muß die Wissenschaft sich mit rekonstruie-
renden Hypothesen begnügen und aushelfen. Für die Philosophie, die sich
auf die allgemeinsten Prinzipien des Entwicklungsgangesbeschränkt, bleibt
II Prinzipien und Anfänge der Differenzierung ebenfalls keine andere Methode übrig. Die dabei zu befolgende haben wir
bereits umrissen: Die Anatomie des Menschen ist, wie Marx sagt, der
Wenn wir die bisher erreichten, noch sehr allgemeinen Ergebnisse unserer Schlüssel zur Anatomie des Affen; aus dem höheren Gesellschaftszustand
Analyse vom Standpunkt der Entwicklung zusammenfassen, so sehen wir, muß der niedrigere, aus dem er realiter entstanden ist, rekonstruierend er-
daß im Alltagsleben und Alltagsdenken immer mehr Vermittlungen, immer schlossen werden. Die Methode der Rekonstruktion ihrerseits wird von
72 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 73

jenen Entwicklungstendenzen, die in der von uns tatsächlich gekannten digkeit losgelöst haben, wie ihre Objektivationsform jene qualitative
Geschichte hervorgetreten sind, bestimmt. Solche [Tendenzen] haben wir Eigenart erhalten hat, deren Dasein und Funktionieren für uns heute eine
in unseren bisherigen Betrachtungen bereits hervorgehoben, schon mit A n - selbstverständliche Lebenstatsache geworden ist. D a ß dies nur in doppel-
deutungen darüber, worin sich z. B. der Alltag des kapitalistischen Lebens seitiger Wechselbeziehung mit der Alltagswirklichkeit vor sich gehen kann,
von dem früherer Formationen unterscheidet usw. Es taucht dabei natür- wurde bereits gezeigt. Deshalb suchen wir als Ausgangspunkt nicht die
lich die neue Schwierigkeit auf, daß die bürgerliche Wissenschaft sehr oft Genesis der Objektivationen überhaupt, sondern bloß eine Entwicklungs-
teils beim bloßen Sammeln wenig geordneter Tatsachen stehenbleibt, teils stufe mit einem Mininum an Objektivationen. (Wir haben bereits betont,
diese durch abenteuerlich-mystische, romantisch-antikapitalistische Hy- daß wir uns hier nicht mit Objektivationen institutionellen Charakters be-
pothesen „ordnet" (z.B. „prälogisches Denken" bei Levy-Bruhl), teils im schäftigen werden; es ist aber klar, daß dieses Entwicklungsstadium auch
Anschluß an die idealistische Philosophie nicht zugeben will, daß auch die Gebilde wie Staat, Recht etc. ebenfalls noch nicht geschaffen hat. Sitte,
höheren Formen der Objektivationen wie Wissenschaft, Kunst oder Reli- Gewohnheit etc., also Formen des Alltagslebens, erfüllten dort noch aus-
gion nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Entstehungsgeschichte schließlich die jenen später zukommenden Funktionen.)
haben, daß es also Menschheitsstadien gab, in denen sie sich noch nicht Eine solche schon etwas näher präzisierte Fragestellung bedeutet also,
vom allgemeinen Grund des Alltagslebens losgelöst und eine eigene Ob- daß die Probleme der Menschwerdung außerhalb unserer Betrachtungen
jektivationsform erlangt hatten. Wenn etwa Religion oder Kunst als dem fallen. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß der ursprüngliche, im
Menschen angeborene, von seinem Wesen nicht trennbare Betätigungen Selbstwerden begriffene Mensch von der Natur zur Verteidigung und zum
aufgefaßt werden, kann naturgemäß die Frage nach ihrer Genesis gar Angriff weniger ausgestattet war als die meisten Tiere. Indem er sich eine
nicht gestellt werden. Diese ist aber, so glauben wir, von der Erkenntnis Kultur der Arbeit, der Werkzeuge schuf, hat sich auch dieses wenige rück-
ihres Wesens nicht zu trennen; das Wesen der Kunst läßt sich nicht von gebildet. Gordon Childe sagt darüber: „Einige ganz frühzeitliche R e n -
ihren Funktionen in der Gesellschaft loslösen und kann nur im engen Zu- schen' hatten in der Tat weite herausragende Eckzähne in höchst massi-
sammenhang mit ihrer Genesis, mit deren Voraussetzungen und Bedin- ven Kiefern, die recht gefährliche Waffen darstellten, aber beim modernen
gungen behandelt werden. Menschen sind sie verschwunden, und sein Gebiß bringt keine tödlichen
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Das Ziel unseres Rekonstruierens ist also ein Gesellschaftszustand ohne Verwundungen b e i . " Solche Tatsachen haben für uns die Bedeutung,
Objektivationen. Dieser Ausdruck bedarf freilich sogleich einer Einschrän- daß auf der Stufe, die uns interessiert, der biologisch-anthropologische
kung; es soll heißen: ein Gesellschaftszustand mit einem Minimum an Werdegang des Menschen bereits abgeschlossen ist. Die Entwicklungs-
Objektivationen. Denn die allerprimitivsten gesellschaftlichen Lebens- linien, die nunmehr in Betracht kommen, sind wesentlich gesellschaftlichen
äußerungen des Menschen, vor allem seine wichtigsten Unterscheidungs- Charakters. Natürlich lassen diese auch in der körperlich-geistigen Be-
merkmale vom Tier, Sprache und Arbeit, besitzen bereits, wie gezeigt [34], schaffenheit des Menschen Spuren zurück. Es handelt sich dabei aber viel
bestimmte Züge der Objektivation. Die wirkliche Genesis der Objektivatio- mehr um die Höherentwicklung des zentralen Nervensystems als um eine
nen müßte also die Menschwerdung des Menschen umfassen, das allmäh- Änderung der körperlichen Beschaffenheit i m eigentlichen Sinne. A u f die
liche Entstehen von Sprache und Arbeit. Abgesehen davon, daß dies ge- Fragen, die dabei auftauchen, werden wir später oft zurückkommen müs-
rade das Gebiet ist, wo unsere Kenntnisse hoffnungslos minimal sind, ist sen. Hier sei nur kurz daraufhingewiesen, daß Arbeit und Sprache die
s ;ine Untersuchung für unsere Zwecke auch nicht ausschlaggebend. Denn menschlichen Sinne dahin entwickeln, daß diese, ohne eine physiologische
diese Arbeit wirft ja nicht - die an sich philosophisch äußerst wichtige - Änderung oder Verbesserung, ohne ihre an sich vorhandene Unterlegen-
Frage auf, was Objektivationen überhaupt für das Menschwerden und heit gewissen Tierarten gegenüber zu überwinden, für menschliche Zwecke
Menschsein des Menschen bedeuten; sie beschränkt sich vielmehr auf das weitaus brauchbarer werden, als sie ursprünglich waren. Schon Engels hat
Problem: wie sich aus jenem gemeinsamen Boden menschlicher Betäti- festgestellt: „Der Adler sieht viel weiter als der Mensch, aber des Men-
gungen, Beziehungen, Äußerungen etc. die höheren Formen der Objekti- schen Auge sieht viel mehr an den Dingen als das des Adlers. Der Hund
vationen, vor allem Wissenschaft und Kunst, zu einer relativen Selbstän- hat eine weit feinere Spüraase als der Mensch, aber er unterscheidet nicht
74 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 75

den hundertsten Teil der Gerüche, die für diesen bestimmte Merkmale ver- lieh sicher. Ihre Behandlung hat aber mit unseren Problemen nichts zu
schiedner Dinge sind. U n d der Tastsinn, der beim Affen kaum in seinen tun.)
rohsten Anfängen existiert, ist erst mit der Menschenhand selbst, durch Die konkrete Rolle der Arbeit in diesem Prozeß besteht gerade darin,
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die Arbeit, herausgebildet worden." daß eine Arbeitsteilung unter den menschlichen Sinnen zustande kommt.
Engels weist damit auf eine der wichtigsten Fragen der Widerspiege- Das Auge übernimmt die verschiedensten Wahrnehmungsfunktionen des
lungstheorie: auf ihren nichtmechanischen Charakter. Ob und wieweit Tastens, der Hände, wodurch diese für die eigentliche Arbeit freigesetzt wer-
nämlich die Widerspiegelung physiologisch tatsächlich eine Photokopie, den und sich nun ihrerseits höher entwickeln, weiter differenzieren kön-
eine mechanische Kopie der Außenwelt ist, braucht uns hier nicht zu be- nen. So sagt Gehlen: „Das wichtigste Resultat der höchstverwickelten
schäftigen [332ff.]. Daraus jedoch, daß ihre Genauigkeit eine Existenzbe- Kooperation der Tast- und Sehwahrnehmung ist zunächst dies, daß die
dingung eines jeden Lebewesens ist, daß die Unfähigkeit dazu es notwen- Sehwahrnehmung - und beim Menschen allein - die Erfahrungen der Tast-
dig dem Untergang entgegenführen müßte, darf nicht gefolgert werden, wahrnehmung mit übernimmt. Die entscheidende Folge ist die doppelte:
daß jede Widerspiegelung zwangsläufig auf einer Stufe der bloßen Photo- unsere Hand wird von Erfahrungsleistungen entlastet, also frei zu eigent-
kopie stehenbleiben muß, ja kann, ebensowenig, daß die Differenzierung, lichen Arbeitsleistungen und zum Verwerten der entwickelten Erfahrun-
das Hinausgehen über eine solche unmittelbare Spiegelung der Wirklich- gen. U n d die gesamte Kontrolle der Welt und unserer Handlungen wird
keit ausschließlich dem Denken zukäme, daß die Auslegung, Analyse etc. in erster Linie von der Sehwahrnehmung übernommen oder abgelöst." 47

des kopiehaft Wahrgenommenen allein befugt wäre, die wesentlichen Zu- Diese Funktion kann das Auge nur dadurch übernehmen, daß es lernt -
sammenhänge, Bestimmungen etc. herauszuarbeiten. In Wirklichkeit ist im Sinne von Engels-, in der visuell zugänglichen objektiven Wirklichkeit
dieser Prozeß viel komplizierter. Wenn Engels sagt, daß der Mensch mehr solche Merkmale wahrzunehmen, die unmittelbar und gewöhnlich außer-
an den Dingen wahrnimmt als der Adler, so handelt es sich darum, daß halb des Bereichs des „natürlichen" Sehens liegen. Gehlen stellt mit Recht
sein Auge sich daran gewöhnt hat, aus der extensiv wie intensiv unend- fest, daß dabei Eigenschaften wie Härte oder Weiche, wie Gewicht etc.
lichen Erscheinungswelt bestimmte Merkmale der Gegenstände, ihrer Zu- visuell wahrgenommen werden, daß man, um sie abzuschätzen, nicht mehr
sammenhänge etc. unmittelbar visuell zu erfassen. Es erfolgt also schon in an das Tasten zu appellieren braucht. U n d ebenso [geschieht das] im K o n -
der Gesichtswahrnehmung eine Sichtung der widergespiegelten Außen- text der Anhäufung von Arbeitserfahrungen, im Laufe der Fixierung
welt, eine Auswahl: ein verschärfter Sinn für bestimmte Merkmale, ein dieser Erfahrungen, ihres Zur-Gewohnheit-Werdens in der Form von
mehr oder weniger entschiedenes Vernachlässigen anderer, bis dahin, daß bedingten Reflexen bei anderen Sinnen. 48

sie auch unmittelbar überhaupt nicht wahrgenommen werden. Art, Grad, So wenig wir im allgemeinen die einzelnen Stufen dieser Entwicklung
etc. einer solchen Auswahl sind gesellschaftlich-geschichtlich bedingt. Die konkret verfolgen können, bei der Beziehung des primitivsten Menschen
Ausbildung von neuen Wahrnehmungsfähigkeiten ist oft mit der Rück- zu seinen Werkzeugen ergeben sich doch deutlich drei Etappen. Zuerst
bildung anderer verknüpft. Ja, die Sinne des Menschen stellen geradezu werden Steine von einer bestimmten Beschaffenheit für gewisse Verrich-
Fragen an die Außenwelt; man denke an Akte wie Hinblicken, Hinhören tungen ausgewählt, um nach dem Gebrauch wieder weggeworfen zu wer-
etc. Freilich wenn wir hier eine mechanische „Arbeitsteilung" zwischen den. Später werden solche zum Gebrauch geeigneten Steine (Faustkeil)
Sinnlichkeit und Verstand abgelehnt haben, so soll damit nicht geleugnet nach ihrem Auffinden bereits aufbewahrt. Es bedarf einer langen Entwick-
werden, daß eine solche Beschaffenheit der menschlichen Sinne nur durch lung, bis solche Steinwerkzeuge bereits hergestellt werden, zuerst als Nach-
Aufspeichern und Ordnen von Erfahrungen (also auch durch Denken) zu- ahmungen ihrer vorgefundenen geeigneten Originale, und langsam und
stande kommen kann. Das ändert aber am Ergebnis, an der von Engels allmählich kommt es so zur Differenzierung der Werkzeuge. 49

geschilderten Fähigkeit der Sinne, ihrer reicheren und - was das Wesent-
Dieser Prozeß, der zugleich der des Zusammenwirkens der Menschen in
liche betrifft - genaueren Aufnahmefähigkeit nichts. Die Konkretisierung
der Arbeit, der der Entstehung der kollektiven Arbeit ist, zeigt vor allem
dieser Frage wird uns im späteren wiederholt beschäftigen. (Daß dieser
das Anwachsen der Vermittlungen. Natürlich ist bereits auf der primitiv-
Entwicklung bereits die tierische vorgearbeitet hat, scheint uns ziem-
sten Stufe der Arbeit das Einschalten einer Vermittlung zwischen Bedürf-
76 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfange der Differenzierung 77

nis und Bedürfnisbefriedigung vorhanden. Sie ist jedoch noch mehr oder scheinende Korrelation wie die Subjekt-Objekt-Beziehung in diesem Pro-
weniger zufälligen Charakters. Das Zurückweichen der Zufälligkeit be- zeß der Entwicklung der Arbeit entstanden ist. Seine Ausführungen schei-
ginnt freilich schon hier, denn die bloße, wenn auch provisorische, wieder nen uns so wichtig, daß wir sie hier ausführlich zitieren müssen: „Durch
fallengelassene Auslese der geeigneten Werkzeuge hat bereits eine - ob- den Gebrauch von Werkzeugen, durch den kollektiven Arbeitsprozeß hat
wohl höchst primitive, mangelhafte, dem Zufall des Findens unterworfene sich ein Lebewesen aus der Natur herausgelöst, im vollen Sinne des Wor-
- Überwindung der Zufälligkeit zur objektiven, anfangs freilich wenig be- tes herausgearbeitet; zum erstenmal tritt ein Lebewesen, der Mensch, der
wußten Grundlage. Natürlich wird damit, wie auch auf höchstentwickel- gesamten Natur als tätiges Subjekt gegenüber. Ehe der Mensch sich selber
ter Stufe, keineswegs die objektive Zufälligkeit in den Naturzusammen- zum Subjekt wird, wird die Natur ihm zum Objekt. Ein Naturgegenstand
hängen aufgehoben. Es zeigt sich vielmehr, daß die menschliche Er- wird zum Objekt nur dadurch, daß er zum Arbeitsgegenstand oder zum
kenntnis durch Arbeit mittels stufenweisen Durchschauens der wichtigen Arbeitsmittel wird; nur durch die Arbeit entsteht eine Subjekt-Objekt-Be-
Sachbestände allmählich zur Erkenntnis der objektiven Gesetzmäßigkeit, ziehung. In jedem unmittelbaren, unvermittelten Stoffwechsel kann man
Notwendigkeit durchdringt. Die Naturschranke der unbekannten Gesetz- wohl kaum von einer solchen Beziehung sprechen; der Sauerstoff und K o h -
lichkeit, die sich für das Subjekt als undurchdringliches Dickicht der U n - lenstoff sind im Prozeß der Assimilation und Dissimilation keineswegs
unterscheidbarkeit von Notwendigkeit und Zufälligkeit äußert, beginnt Objekte der Pflanze, und auch in der Vereinigung des Tieres mit seiner
sich - sehr langsam-zu lichten. Jedoch erst im selbstverfertigten Werkzeug, Beute, mit dem Stück Welt, das es frißt, kann man bestenfalls ein erstes
in der Differenzierung der Werkzeuge je nach Arbeitsziel tritt zum ersten- flüchtiges Aufdämmern einer Subjekt-Objekt-Beziehung feststellen; im
mal in der Geschichte der Menschheit die Tendenz, den Zufall zu über- Wesen unterscheidet sich dieser Stoffwechsel nicht von jedem andern. Erst
winden, klar hervor, zeigt sich zum erstenmal die Freiheit als erkannte im vermittelten Stoffwechsel, im Arbeitsprozeß, entsteht eine echte Sub-
5
Notwendigkeit. "Allerdings auch hier nur auf dem Niveau des Alltagsden- jekt-Objekt-Beziehung, die Voraussetzung jedes Bewußtseins ist. Die Los-
kens. Das heißt so, daß die Tendenz zum faktischen Überwinden der Zu- lösung aus der Natur, die Entfremdung und Subjektivierung des Menschen,
fälligkeit in der Praxis verwirklicht wird, aber - gerade wegen der unmittel- vollzieht sich nur allmählich, in einer langwierigen, widerspruchsvollen
baren Verknüpftheit von Denken und Praxis im Alltag - ohne daß dieser Entwicklung. Der werdende und auch noch der primitive Mensch sind
Zusammenhang als solcher bewußt werden müßte. Auch dazu ist eine hö- weitgehend naturverbunden, die Grenze zwischen Subjekt und Objekt,
here Stufe der Verallgemeinerung der Erfahrungen, eine Erhebung über zwischen Mensch und Umwelt, ist lange Zeit fließend, unbestimmt, un-
das Alltagsdenken unerläßlich. Immerhin sind wenigstens die Keime sol- markiert, und die strenge Scheidung von ,Ich' und ,Nicht-Ich' ist eine
51

cher Verallgemeinerungen da. Man könnte sagen: Die Verallgemeinerung außerordentlich späte Form des menschlichen Bewußtseins."
ist an sich da, als unbewußt gebliebenes Bedürfnis; sie m u ß „nur" noch in A l l dies spiegelt sich in der Sprachentwicklung wider, wobei freilich zu-
ein erkanntes Füruns verwandelt werden. Aber dieses „ n u r " bezeichnet gleich zu bemerken ist, daß es sich keineswegs um eine Passivität des blo-
oft Entwicklungen von Jahrhunderten, Jahrtausenden. Die komplizierte- ßen Reflektiertwerdens handelt, daß die Sprachentwicklung vielmehr eine
ren weltanschaulichen Folgen, die solche auch auf höherem Niveau sich aktive Rolle in diesem Prozeß spielt. Diese Aktivität gründet sich auf die
wiederholenden Entwicklungen der Zufälligkeit zur Notwendigkeit zei- Untrennbarkcit von Sprache und Denken; die sprachliche Fixierung von
gen, werden wir später ausführlich behandeln. Verallgemeinerungen der Erfahrungen beim Arbeitsprozeß ist ein wich-
Hier muß in erster Linie der Zusammenhang der Vermittlungen mit die- tiges Vehikel nicht nur für ihre Aufbewahrung, sondern auch-gerade auf
sem Erkenntnisprozeß der objektiven Wirklichkeit hervorgehoben wer- Grund des eindeutigen Festhaltens - für ihre Höherentwicklung und Wei-
den.Denn erst dadurch entsteht jene besondereUnmittelbarkeitdes mensch- lerentfaltung. Der wichtigste Schritt in dieser Richtung ist der von der Vor-
lichen Alltagslebens, eine Unmittelbarkeit, deren Basis auch i m primitivsten stellung zum Begriff. Denn ohne Frage haben bereits die höheren Tiere
Stadium der Menschheitsentwicklung das von den Menschen selbst ent- bestimmte, mehr oder weniger deutliche Vorstellungen über ihre Umwelt.
deckte und nachgebildete System von Vermittlungen vorstellt. Ernst Fischer Aber erst mit dem sprachlichen Ausdruck wird das ausgedrückte, das
hat sehr richtig darauf hingewiesen, daß eine so wichtige, so elementar fixierte Abbild der Gegenstände, Vorgänge etc. der Außenwelt von seinem
Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 79
78 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben

unmittelbar auslösenden objektiven Anlaß abgehoben und allgemein ver- Erfüllungen, die immer neue Bedürfnisse nicht nur nach Ausbreitung,
wendbar gemacht. Im einfachsten, konkretesten Wort steckt bereits eine sondern nach Vertiefung und Verallgemeinerung erwecken. Andererseits
Abstraktion; drückt ein Merkmal des Gegenstandes aus, wodurch ein jedoch - und darin spielt die Sprache ebenso wie im oben erwähnten K o m -
e s

ganzer Komplex von Erscheinungen zur Einheit synthetisiert oder sogar plex eine entscheidende Rolle - kann ein jedes Fixieren bis zum Gewohn-
einer höheren Einheit subsumiert wird (was stets einen vorangegangenen heitwerden eine konservierende, das Weiterschreiten hemmende Funktion
Prozeß der Analyse voraussetzt). Dadurch hat sich das einfachste, das kon- erhalten; wir erinnern nochmals an die Beobachtung Pawlows darüber,
kreteste Wort in einer ganz anderen Weise von der unmittelbaren Gegen- daß das zweite Signalsystem der Sprache auch eine schädliche Entfer-
ständlichkeit distanziert, als dies für die höchstentwickelte Vorstellung der nung des Menschen von der objektiven Wirklichkeit hervorbringen kann,
höheren Tiere möglich ist. Denn erst durch diese Erhöhung der Vorstel- nämlich nicht bloß die unerläßliche Distanzierung vom auslösenden A n -
lung auf das Niveau der Begriffe kann sich das Denken (die Sprache) über laß, sondern auch ein Steckenbleiben bei der zur neuen Unmittelbarkeit
die unmittelbare Reaktion auf die Außenwelt, über das bloß vorstellungs- gewordenen, von den Gegenstandsbeziehungen relativ losgelösten Welt
mäßige Wiedererkennen zusammengehöriger Gegenstände, Gegenstands- der Sprache [28 f.]. Diese Dialektik liegt jedem Widerstreitzwischen Altem
komplexe erheben. Die - freilich relative - Freiheit des Handelns, besser und Neuem zugrunde, sowohl in Wissenschaft und Kunst wie im A l l -
gesagt, die vernünftige Auswahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten be- tag.
deutet ein ständig bereichertes Beherrschen der objektiv vorhandenen Ver- Die Sprache ist also gleichzeitig Spiegelbild und Vehikel solcher kompli-
mittlungen. Durch das Schaffen des Begriffs in Denken und Sprache ver- zierten, widerspruchsvollen, ungleichmäßigen Entwicklungstendenzen in
liert die Reaktion auf die Außenwelt immer stärker ihre ursprüngliche, der menschlichen Herrschaft über die objektive Wirklichkeit. Bei aller
anlaßgebu dene, rein spontane Unmittelbarkeit. Dazu kommt, daß die
n
Zickzackartigkeit dieser Bewegungslinicn sind aber die nach vorwärts wei-
Vorgänge j Innenleben des auf die Umwelt so reagierenden Subjekts erst
m
senden unzweifelhaft die herrschenden, selbstredend nur im weltgeschicht-
durch den Begriff in ihrer Eigenart, in ihrer Besonderheit und Differen- lichen Maßstab. Denn die Herrschaft des zweiten Signalsystems in Arbeit
ziertheit erkannt, für das Subjekt bewußtgemacht werden können, wo- und Sprache macht aus der bloßen Anpassung an ein gegebenes Natur-
durch erst die oben geschilderte Subjekt-Objekt-Beziehung entsteht. milieu bei den Tieren eine ununterbrochene, gesellschaftlich determinierte
Die Genesis des Selbstbewußtseins setzt eine bestimmte Höhe des Be- Umwandlung dieser Umwelt und mit ihr der Struktur der wandelschaf-
wußtseins über die objektive Wirklichkeit bereits voraus und kann sich fenden Gesellschaft und ihrer Mitglieder. In dieser Bewegung selbst, in der
nur im Prozeß, in Wechselwirkung mit diesem entfalten. Wenn wir aber durch sie bedingten Reproduktion der Gesellschaft, ihrer Struktur auf
diesen Prozeß in seiner wahren Beschaffenheit begreifen wollen, dürfen wir einer höheren Stufenleiter ist das Prinzip der Tendenz zur Höherentwick-
nie vergessen, daß das Alltagsleben, Übung und Gewohnheit in der Arbeit, lung implizite enthalten (im Gegensatz zur im wesentlichen stationären
Tradition d Sitte im Zusammenleben und Zusammenwirken der Men-
u n
Reproduktion der Tierarten). Natürlich kann hier nur von einer Tendenz
schen, Fixieren dieser Erfahrungen in der Sprache zugleich dahin wirken, die Rede sein. In der historischen Wirklichkeit gibt es wiederholt Fälle der
die eroberte Welt der Vermittlungen in eine neue Welt der Unmittelbarkeit Erstarrung, des Niedergangs oder sogar des Untergangs. Daraus folgt je-
zu verwandeln. Diese Tendenz ist einerseits die Wegeröffnung für die wei- doch bloß eine Vielartigkeit und Unglcichmäßigkcit der gesellschaftlich-
tere Eroberung der Wirklichkeit. Denn indem das bisher Errungene zum geschichtlichen Entwicklung, keineswegs eine Ausschaltung der Tendenz
selbstverständlichen Besitz wird, indem jene Anstrengungen, die dazu nö- zur Höherentwicklung, und zwar auch in der Richtung auf qualitativ hö-
tig waren, durch Gewöhnung etc. diesen Charakter einer Unmittelbarkeit here als die Zustände des jeweiligen Ansatzes.
erhalten, entstehen neue Zusammenstöße mit der noch nicht aufgehellten Ohne hier auf die Details der Sprachentwicklung auch nur andeutend
objektiven Wirklichkeit, mit den subjektiven Anschauungen, Vorstellun- eingehen zu können, muß doch kurz bemerkt werden, daß die Entwick-
gen und Begriffen der Menschen tendenziell auf einem immer höheren lung der Sprache die oben geschilderte Doppelbewegung - das durch Ver-
Niveau; s j stimulieren zum Aufdecken von Zusammenhängen, von Ge-
e
allgemeinerung erreichte Überwinden der Schranken der jeweiligen Un-
setzlichkeiten, die bis dahin unbekannt geblieben sind. Hier entstehen mittelbarkeit und das Rückverwaudeln des so Erreichten in eine neue U n -
80 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alllagsieben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 81

mittelbarkeit höherer Potenz, umfassenderen, differenzierteren Charakters einer neuen, komplizierteren Unmittelbarkeit. Dabei enthält die steigende
-genau zum Ausdruck bringt. Wir haben bereits darauf hingewiesen [50f.], Verallgemeinerung in den einzelnen Wörtern, die Kompliziertheit der Ver-
daß die primitiven Sprachen einerseits keine Gattungsbezeichnungen bindungen und Beziehungen im Satzbau ohne Frage auch eine - un-
besitzen, andererseits und gleichzeitig für jede Differenz in den Gegen- bewußte - Tendenz, sich über die Unmittelbarkeit des Alltagsdenkens zu
ständen und den Vorgängen eigene Ausdrücke haben. Levy-Bruhl bringt erheben.
dafür zahlreiche Beispiele; wir führen nur eines an: „In Nordamerika Diese letztere Tendenz zeigt sich auch darin, daß die hier in ihren aller-
haben die Indianer eine Anzahl von Ausdrücken, deren Genauigkeit man allgemeinsten Zügen geschilderte Sprachentwicklung unbewußt ist. Der
fast wissenschaftlich nennen könnte, für die verschiedenen Wolkenbil- Ausdruck „unbewußt" bedarf unter den gegenwärtigen Verhältnissen einer
dungen, für die charakteristischen Merkmale der Physiognomie des Him- terminologischen Aufklärung. Es kann nicht die Absicht dieser Betrach-
mels, die gar nicht zu übersetzen sind. M a n würde in den europäischen tungen sein, sich auf eine Polemik mit den wüsten Mystifikationen der
Sprachen vergebens Entsprechendes suchen. Die Gibbeways z . B . haben sogenannten „Tiefenpsychologie" einzulassen. Diese verdunkeln das
für die Sonne, die zwischen zwei Wolken durchscheint, einen beson- Wesen des Unbewußten auch dort, wo es wirklich vorhanden und wirksam
deren Namen..., auch für die kleinen blauen Flecken, die man manch- ist. Denn es ist sicher, daß eine große Reihe der Denkprozesse, der Emp-
mal zwischen zwei dunklen Wolken am Himmel sieht. - Die Klamath- findungsentwicklungen etc. nicht im wachen Bewußtsein der Menschen
Indianer haben kein Gattungswort für Fuchs, Eichhörnchen, Schmetter- abläuft, daß außerordentlich häufig nur die Ergebnisse nicht bewußter
ling, Frosch; aber jede Art von Füchsen etc. hat ihren besonderen Namen. Bewegungen mehr oder weniger plötzlich ins Bewußtsein treten. Es ge-
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Die Substantiva der Sprache sind unübersehbar." So sind Dual, Trial, nügt, auf Phänomene wie Einfälle, Eingebungen etc. hinzuweisen, um den
Quadrial aus den entwickelteren Sprachen allmählich ausgestorben; so unmittelbaren Tatbestand klar vor sich zu haben. Viele moderne Psycho-
haben - wieder nach Levy-Bruhl - die Papuas der Kiwai-Insel für Wirkung logen und Philosophen sind auch bestrebt, daraus, z.B. aus der sogenann-
eine ganze Reihe von Suffixen, um die Unterschiede auszudrücken, ob ten Intuition, unerlaubt weitgehende Konsequenzen zu ziehen, vor allem
zwei auf viele, zwei auf drei, drei auf zwei in Gegenwart oder Vergangen- durch eine starre Entgegensetzung von Intuition und bewußtem Denken,
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heit etc. diese ausüben. wobei jene stets eine - erkenntnistheoretische - Präponderanz erhält. Es
Für uns ist an dieser Entwicklung bemerkenswert, daß derartige K o n - wird aber dabei der innige Zusammenhang zwischen beiden außer acht
kretheiten widerspiegelnde Sprachformen immer mehr aus der Sprache gelassen. Die Tatsache, daß die Intuition inhaltsgemäß eine bewußt an-
verschwinden, um den viel allgemeineren Gattungswörtern den Platz zu gefangene Denkoperation abzuschließen pflegt, bietet sich so dar, daß dem
überlassen. Muß aber dadurch die Fähigkeit der Sprache, jeden konkre- betreffenden Menschen die Zwischenglieder seines eigenen Denkens nicht
ten Gegenstand konkret zu bezeichnen, unmißverständlich erkennbar zu bewußt werden; allerdings können diese, was den Gedankengehalt be-
machen, verlorengehen? Wir glauben, daß solche oft geäußerten roman- trifft, nachträglich immer bewußtgemacht werden. Diese und ähnliche
tischen Vorstellungen dem Wesen nach falsch sind. Freilich verliert jedes seelische Erscheinungen weisen deutlich darauf hin, daß der Ablauf des
Wort, je mehr es sich einem Gattungsbegriff annähert, an sinnlich naher, Seelenlebens aus einer ununterbrochenen Wechselwirkung bewußter und
unmittelbarer Konkretheit. M a n vergesse aber nicht, daß in unserer sprach- nicht bewußter Prozesse besteht. Sogar, wenn wir sagen, daß etwas im Ge-
lichen Beziehung zur Wirklichkeit der Satz eine immer größere Bedeutung dächtnis aufgespeichert vorliegt, handelt es sich nicht etwa um ein mecha-
erhält, daß komplizierte syntaktische Verbindungen der Worte immer nisches Konservieren früherer Gedanken. Diese unterliegen vielmehr
stärker deren Sinn im konkreten Anwendungszusammenhang bestimmen, einerseits ununterbrochenen Wandlungen, Verschiebungen, Umfärbungen
daß sich immer verfeinertere Sprachmittel ausbilden, um konkrete Ge- etc.; andererseits stehen sie dem Menschen sehr oft nicht automatisch, nach
genstandsbeziehungen durch das Verhältnis der Worte zueinander im Belieben zur Verfügung; man vergißt manchmal längst Erworbenes, ge-
Satze sinnfällig zu machen. In dieser Sprachentwicklung spiegelt sich also rade wenn es am nötigsten wäre, zuweilen tauchen ungewollt, ja das Ge-
der früher philosophisch analysierte Prozeß des Hinausgehens über eine genwärtige störend, in Vergessenheit geratene Erinnerungen auf etc. A l l
primitivere Unmittelbarkeit und zugleich das Fixieren des Ergebnisses in dies zeigt deutlich, daß im Gehirn des Menschen und demzufolge in sei-
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nem Denken, Empfinden etc. sich Prozesse abspielen, in denen bewußte unmittelbaren Vorgang entspricht ein objektiv falsches Bewußtsein über
und nicht bewußte Elemente und Tendenzen ununterbrochen ineinander den wirklichen Tatbestand, über die wahre Tragweite dessen, was unmit-
übergehen; ihre bewegte Einheit macht erst die Totalität des seelischen telbar-praktisch vollzogen wurde. Die Unbewußtheit des Denkens ist dem-
Lebens aus. Die Gesetzmäßigkeiten dieser Prozesse sind noch weitgehend entsprechend für uns ein historisch-soziales Phänomen. Es sind gesellschaft-
unerforscht, vor allem, weil die ihnen zugrunde liegenden physiologischen lich-geschichtliche Motive, die darüber entscheiden, ob und wieweit ein
Tatsachen nur höchst partiell aufgedeckt sind. Die Mythen, die daraus ent- richtiges oder falsches Bewußtsein, d.h. eine bewußte oder unbewußte ge-
springen, daß eventuell wichtige Teilmomente, wie z. B. die Sexualität, als sellschaftliche Tätigkeit entsteht. Damit wird zugleich die Prozeßartigkeit
alles bewegende Kräfte fetischisiert und in einen metaphysischen Gegen- dieses Phänomens angedeutet. Prinzipiell kann in jedem falschen Bewußt-
satz zum bewußten Leben gebracht werden, können uns hier nicht inter- sein - historisch-sozial betrachtet - die Tendenz zu einem bloß noch nicht
essieren, da sie unsere Betrachtungen sehr wenig berühren. (Die ästhetischen richtigen Bewußtsein enthalten sein; es gibt natürlich auch Fälle, in denen
Folgerungen, die etwa aus Freuds oder Jungs Psychologie gezogen werden, ein falsches Bewußtsein notwendig in einer Sackgasse mündet. Die Ent-
sind derart exzentrisch, unfundiert und abwegig, daß eine Diskussion mit wicklung der Menschheit wandelt immer wieder im Laufe der Eroberung
ihnen völlig unfruchtbar bleiben müßte.) Wir haben diesen Problemkom- der Wirklichkeit Falschheiten in Richtigkeiten um. Freilich - und darin
plex nur darum überhaupt gestreift, weil seine sachliche Wichtigkeit für drückt sich die ungleichmäßige, nicht evolutionär geradlinige, sondern
die Psychologie im allgemeinen sehr groß ist. Wir werden zwar später auf widerspruchsvolle Entwicklung aus - wird zuweilen auch Richtiges in Fal-
bestimmte spezifisch psychologische Grundlagen des ästhetischen Verhal- sches rückverwandclt, allerdings meistens nicht im Sinne eines einfachen
tens näher eingehen müssen, diese haben aber mit dem Gegensatz bewußt Restituierens der alten Falschheit, sondern so, daß der ungleiche Fort-
- unbewußt wenig zu tun. schritt neue Irrungen in der Widerspiegelung der Wirklichkeit hervor-
Wenn wir nun diesen Gegensatz vom Standpunkt unserer Probleme etwas bringt (Frühmittelaltcr und Antike).
eingehender betrachten, so zeigt sich, daß der Begriff des Unbewußten mit Dieser Prozeß, dessen säkulares Wesenszeichen das Noch-nicht der
dem bisher ins Auge gefaßten wenig zu tun hat: Es handelt sich für uns Richtigkeit des Bewußtseins ist, in welchem das - relativ - Richtige ge-
primär um eine gesellschaftliche Kategorie, nicht um eine psychologische meint und intentioniert ist, wenn es auch nie wirklich erreicht wird, läuft
im eigentlichen Sinne. Unter bewußter Produktion verstehen wir vor allem parallel mit dem schon öfter hervorgehobenen Fixieren der Erfahrungen, das
ein inhaltliches Problem: ob und wieweit der jeweilige Inhalt des Bewußt- seinerseits bewußte Akte ununterbrochen zu spontan unbewußten macht.
seins (und demzufolge auch seiner Formen) mit der objektiven Wirklich- Das anfangs Bewußte verwandelt sich, gerade dadurch, daß es zum Be-
keit übereinstimmt, ob und wieweit der Gegenstand und das Verhalten zu standteil der alltäglichen gesellschaftlichen Praxis wird, zu einem Nicht-
ihm vom Bewußtsein angemessen reproduziert worden sind. Der eigent- mehr-Bewußtcn (zweite reale Bedeutung des Unbewußten). Auch hier
liche Gegensatz ist also weniger der von bewußt und unbewußt, eher das handelt es sich um reale, feststellbare Tatsachen der gesellschaftlich-ge-
Verhältnis des richtigen Bewußtseins zum falschen. (Wobei selbstredend, schichtlichen Entwicklung, keineswegs um eine „Sondermeinung" der
wie dies schon Hegel in seiner „Phänomenologie" erkannt hat, dieser Ge- Marxisten. Die moderne bürgerliche Psychologie hat freilich die Tendenz,
gensatz ein relativer, und zwar ein gesellschaftlich-geschichtlich relativier- die Rolle der Bewußtheit in der menschlichen Praxis herabzusetzen und
ter ist.) Engels hat dies in einem Brief an Franz Mehring sehr genau be- das dadurch entstandene Vakuum mit einem mystifizierten „Unbewußten"
stimmt: „Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom so- zu bevölkern. Jene moderne Anthropologie jedoch, die auf dem Boden der
genannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. echten Tatsachen und ihrer unbefangenen Analyse steht, protestiert da-
Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt... gegen. So z.B. Gehlen. Er kritisiert die Thesen Deweys „von dem nur epi-
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Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte." Das, was sodischen Charakter des Bewußtseins" und beschreibt richtig die wirk-
man heute sehr oft - und oft sehr „tiefsinnig"- als unbewußt bezeichnet, liche Sachlage: „Ich denke dagegen, daß es beim Menschen kein bewußt-
vollzieht sich gerade, psychologisch angesehen, zumeist bewußt, jedoch loses Dasein gibt, sondern nur bewußtlos gewordenes: Gewohnheiten, die
mit einem falschen Bewußtsein; d.h., der subjektiven Bewußtheit über den mühsam aus Widerständen herausentwickelt wurden und nun in die ent-
84 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 85

scheidende neue Funktion eintreten, die Basis eines entlasteten, höheren, auch den sich hier zeigenden Ansätzen sind so deutliche Schranken gezo-
aber wieder bewußten Verhaltens zu werden." 55
gen, daß der Unterschied entscheidender bleiben muß als die Konvergenz.)
Dazu m u ß noch bemerkt werden, daß diese Art von Unbewußtheit, die Ohne hier auf die Frage dieser Form des „Unbewußten" näher eingehen
wir mit dem Terminus „Gewöhnung" zu bezeichnen pflegen, keineswegs zu können, sei nur kurz bemerkt, daß in der Regel eine Verhaltensweise
etwas Angeborenes ist, sondern das Produkt einer langen, oft systemati- durch Gewöhnung, Übung etc. darum unbewußt wird, um dem Bewußt-
schen gesellschaftlichen Praxis. Die Übung (das Training) ist z. ß . nichts sein einen freieren Spielraum in entscheidenden Fragenkomplexen zu ge-
anderes als ein Verfahren, bestimmte Bewegungen, Verhaltensweisen etc. ben; so dient die Gewöhnung durch Training im Sport dazu, daß der be-
so stark einzuüben, daß sie, falls die objektive Wirklichkeit eine derartige treffende Mensch im Wettbewerb sein Bewußtsein ausschließlich auf die
Reaktion erfordert, ohne jede bewußte Einstellung oder Anstrengung rea- richtige Taktik für den Erfolg konzentrieren kann etc. M i t dem „Unbe-
lisiert werden können. Schon die Spiele der höheren Tiere, der Flugunter- wußtwerden" wird also der Spielraum der Bewußtheit nicht eingeengt, son-
richt und die Flugübungen junger Vögel zeigen eine solche Wesensart. Das dern vielmehr erweitert. (Daß auch hier jene allgemeine dialektische W i -
Spiel der Kinder unterscheidet sich von diesen darin, daß es auf eine der- dersprüchlichkeit wirksam ist, nach welcher die Gewöhnung - etwa zur
art gesteigerte Variierung der Bewegungen, Verhaltensweisen etc. einge- starren Routine geworden - die bewußte Weiterentwicklung hemmt und
stellt ist, daß daraus bereits ein qualitativer Unterschied entsteht. M a n nicht fördert, ist selbstverständlich.) U m nun auch bei diesem zweiten
denke bloß an die so vielfältigen, zur Gewohnheit gewordenen Reaktions- Typus des „Unbewußten" zur Frage des richtigen und des falschen Be-
weisen, die den Komplex der sogenannten guten Manieren ausmachen, ob- wußtseins zurückzukehren, muß gesagt werden, daß die oben angedeutete
wohl deren Ziel ebenfalls das Erreichen eines „unbewußten" gewohnheits- Dialektik des Richtigen und Falschen sich selbstredend auch auf diesen
mäßigen Funktionierens i gesellschaftlichen Leben ist.
m
zweiten Prozeß bezieht. Das Festhalten des einst bewußt Eroberten durch
Die Voraussetzung einer solchen Einübung ist, daß deren Subjekt sich Einübung, Gewöhnung, Tradition etc. kann, abstrakt angesehen, falsche
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„in gesicherter und müheloser Lage" befindet. Das ist bei dem Tier nur Feststellungen und Begründungen ebenso fixieren wie richtige. Dabei m u ß
in der frühesten Jugend der Fall. Die größere Differenziertheit und Beweg- freilich die Relativität der Einzelvorgänge und die Hauptlinie der Fort-
lichkeit der Gewöhnung, ihre potentielle Anpassung an verschiedene und schrittlichkeit des Ganzen stets im Auge behalten werden; wenn eine
unerwartet wechselnde neue Situationen unterscheidet vor allem die Früh- menschliche Gemeinschaft über die Wirklichkeit ausschließlich falsche
entwicklung des Kindes von der des jungen Tieres. Damit wird aber auch Vorstellungen hätte, würde sie unfehlbar rasch zugrunde gehen. Jedes
die Fähigkeit des Neu-Z lernens im zentralen Nervensystem ausgebil-
u
falsche Bewußtsein m u ß mithin auch gewisse Elemente der Richtigkeit ent-
det. Die später entstehenden Gewohnheiten werden vom Arbeitsprozeß, halten, auf primitivster Stufe stärker in der Widerspiegelung der Gegen-
von den verschiedenen Formen des menschlichen Zusammenlebens, von stände, Vorgänge und Verknüpfungen selbst als im Versuch, sie zu er-
der Schule etc. geschaffen. E i n Teil davon fixiert bloß Gewohnheiten als klären, auf den Begriff zu bringen, ihre Gesetzlichkeit zu erfassen.
nicht mehr bewußte Grundlagen des Handelns für Rcaktionsarten, die be- A l l dies erhellt, daß das Moment der Unbewußtheit im Alltagsleben der
reits zum Gemeingut des Menschengeschlechts geworden sind. (Bei den in Haupttendenz nach stärker zu sein pflegt als etwa in der Wissenschaft.
Freiheit lebenden Tieren ist dies die Regel; vom Niveauunterschied brau- (Obwohl - ideologisch angesehen - keine entwickelte wissenschaftliche
chen wir nicht mehr zu reden.) Teils handelt es sich aber um das Zur- Arbeit möglich ist ohne „Unbewußtmachen" einer ganzen Reihe von tech-
Gewohnheit-Machen neuer, zumindest gesteigerter Fähigkeiten des Men- nischen Hilfsmaßnahmen.) Die spontan-unmittelbare „Unbewußtheit"
schen. Der Arbeitsprozeß macht nicht nur ein bereits errungenes Niveau des Alltagslebens - sie dominiert im zweiten hier beschriebenen Prozeß -
zur Gewöhnung, sondern schafft zugleich im arbeitenden Menschen die ist also als solche ein gesellschaftliches Phänomen. Den auslösenden A n -
Bedingungen, sein Niveau zu erhöhen; das Trainieren im Sport, das Üben laß mögen in unzähligen Fällen psychologisch klar bewußte individuelle
in verschiedenen Künsten haben eine derartige Tendenz. (Diese letzteren Akte bilden; indem sie jedoch zum allgemeinen gesellschaftlichen Besitz
haben keine Analogie bei den Tieren; nur unter besonderen Umständen werden, werden sie im oben angegebenen gesellschaftlichen Sinn unbe-
kann bei höheren Haustieren etwas entfernt Ähnliches entstehen, aber wußt, und zwar nicht nur vom Standpunkt der allgemein gesellschaftlichen
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Praxis, sondern auch von dem der einzelnen Individuen, die sie nunmehr Menschen nicht hoch genug schätzen: Es reißt das Neue vehement aus dem
vollbringen. Diese Feststellungen beziehen sich in prägnanter Weise auf bisherigen Dunkel in die Bewußtheit. Und auch wenn das benennende
die Sprache gerade wegen ihres gesamtgesellschaftlichen Charakters. Die Wort durch Gewöhnung fixiert wird, wenn sein Gebrauch deshalb den
Unbewußtheit der Sprachehtwicklung (in beiden hier angedeuteten Be- Schock des Bewußtwerdens verliert, wenn die allmähliche Eroberung der
deutungen) zeigt sich am deutlichsten, wenn die Umgangssprache, die Wirklichkeit durch die - in unserem Sinne unbewußt wirksam gewordene -
Sprache im eigentlichen Sinn, mit spezifischen Arten ihres Gebrauchs, z. B. gesellschaftliche Bewußtheit weit fortgeschritten ist, bleibt, freilich mit sehr
mit einer wissenschaftlichen Terminologie, verglichen wird. Natürlich bil- geändertem, herabgemindertem Gefühlsakzent, etwas von dieser frühen
det diese strenggenommen keine eigene Sprache; sie ist in der allgemeinen Schockartigkeit des Benennens aufbewahrt. Darauf, daß die Dichtung un-
Syntax und im generellen Wortschatz fundiert, von diesen getragen, die unterbrochen mit der Erschütterung der richtigen Namensgebung arbeitet,
bewußte Neubildung bezieht sich auf enge Intermundicn innerhalb der kommen wir in konkreteren Zusammenhängen [738] noch ausführlich
eigentlichen Sprache. Jedoch ist die Entwicklungsart eines solchen partiel- zurück. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es sich dabei, je entwickelter
len Ausschnitts auch geeignet, Unmittelbarkeit und Spontaneität der die Zustände sind, desto seltener einfach um die Benennung unbekannter
eigentlichen Sprachentwicklung zu beleuchten. Ihre Befruchtung z.B. Gegenstände oder objektiver Zusammenhänge handelt, sondern zumeist
durch einzelne Dichter beweist nichts dagegen; denn soweit eine allgemeine darum, daß die Beziehungen der Menschen zu den Gegenständen etc. ihrer
Aneignung erfolgt, unterscheidet sie sich in nichts von der normalen und Umwelt, die durch Gewohnheit selbstverständlich, in bewußter Weise un-
alltäglichen. Es zeigt sich bloß, was wir auf anderen Gebieten bereits an- merklich geworden sind, durch die Dichtung „plötzlich" in neuer Beleuch-
gedeutet haben, daß die Sphären der ausgesprochenen Objektivationen sich tung, in einem neuen gegenständlichen Verhältnis zum Menschen erschei-
auch in ihrer Entstehungs- und Wirkungsweise von denen des Alltags nen. Das Benennen wächst und schlägt oft unmerklich in Bestimmung um.
abheben, ihre Spontaneität überwinden. Dabei bleibt - mit bestimmten Diese Struktur ist an sich schon im primitiven Benennen implizite enthal-
Modifikationen - der Zusammenhang und Gegensatz von richtigem und ten, erlangt jedoch mit der bewußtseinsmäßig immer größeren Eroberung
falschem Bewußtsein auch hier in Geltung. der Wirklichkeit qualitativ neue Nuancen. Ein solches „plötzlich" erhält
Damit ist jedoch, wie wir ebenfalls zu zeigen versucht haben, der ge- durch die dichterische Sprache eine oft schockartige Wirkung, dahinter
meinsame Boden keineswegs annulliert. Wir können dies wieder in der steckt jedoch so gut wie immer ein Kampf des Alten mit dem Neuen, das
Hauptfunktion der Sprache, im Benennen der äußeren und inneren Ge- unerwartete Bewußtwerden von bis dahin kapillarisch sich entwickelnden
genstände, deutlich sehen. Wieder erwachsen Bedürfnis und Erfüllung ur- neuen Beziehungen der Menschen zu ihrer gesellschaftlich-geschichtlich
sprünglich aus dem Arbeitsprozeß. Wenn Engels über die Entstehung der verwandelten Umwelt. Hinter jeder solchen Formwirkung steht also ein
Sprache richtig sagt: „Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, daß Moment der inhaltlichen Veränderung als deren entscheidende Substanz.
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sie einander etwas zu sagen hatten" , so ist dieser zu sagende Inhalt Darum müssen solche Effekte naturgemäß auch im Alltagsleben auftau-
ohne Frage primär aus dem Arbeitsprozeß herausgewachsen; erst hier chen; sie bilden die inhaltliche Grundlage für solche dichterischen Aus-
wird sowohl für Gegenstand wie für Handlungsweise aus der bloßen drucksweisen. Tolstoi beschreibt einen solchen Fall sehr schön in „Anna
Vorstellung ein Begriff, und dieser kann nur dann im Bewußtsein fest- Karenina". Konstantin Lewin gibt im Gespräch eine für seine Partnerin
gehalten werden, wenn er einen Namen erhält. Dadurch, daß die Sprache überraschende Definition der neueren französischen Malerei. Anna lacht
auch den Anschauungen und Vorstellungen Namen gibt, erhebt sie und sagt: „Ich lache, wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches Bildnis
auch diese auf ein höheres Niveau der Bestimmtheit und Eindeutigkeit, erblickt."
als ihr Vorkommen bei den höheren Tieren erreichen kann. Anschauung Hier ist sowohl das Fortleben der Wichtigkeit der Benennung sichtbar
und Vorstellung in steter dialektischer Beziehung zum Begriff, im wie zugleich die praktische und deshalb gefühlsmäßige Abschwächung
ständigen Aufstieg zu ihm und Abstieg von ihn», müssen etwas qualita- ihrer Wirkung. Bei den Griechen war dieser Zusammenhang noch viel
tiv anderes werden, als sie ursprünglich ohne dip„e Bewegung waren. Man stärker vorhanden (man denke an Piatons „Kratylos"). Bei den primitiven
kann deshalb die Bedeutung des Benennens für das geistige Leben der Völkern, wo dieser A k t die erste Eroberung der Wirklichkeit nicht nur be-
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gleitet und zum Ausdruck bringt, sondern unmittelbar mit enthält, müs- schließendes Band, und Zauberei an einem Menschen könne ebensogut
sen die Gefühlsakzente qualitativ mächtiger werden. U n d noch darüber durch seinen Namen wie durch seine Haare, Nägel oder irgendeinen ande-
hinaus - da, je primitiver eine Gesellschaft ist, desto weniger in ihr Objek- ren wichtigen Teil seines Körpers verübt werden. Ja, der primitive Mensch
tivationen entwickelt sein können - kann sich die mit der Benennung betrachtet seinen Namen als ein ungemein wichtiges Stück seiner Person
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gewonnene neue Erkenntnis der Wirklichkeit nicht in ein längst ausgebilde- und hütet ihn dementsprechend." Daraus folgt die von Frazer, Levy-
tes und erprobtes Objektivationssystem organisch einfügen. Bei der ge- Bruhl und anderen beschriebene doppelte Namensgebung bei Verheim-
60
sellschaftlich-vitalen Notwendigkeit, nicht bei der Benennung von Einzel- lichung des eigentlichen Namens, Namensänderung im Alter etc.
komplexen stehenzubleiben, sondern diese miteinander in Zusammenhang So fremdartig uns solche Vorstellungen auch sein mögen, sie sind sehr
zu bringen, müssen bereits auch auf sehr anfänglichen Stufen gewisse Ob- geeignet, die Struktur des Alltagsdenkens, die Entstehung des Alltagsbe-
jektivationssysteme, die auch diese Funktion erfüllen, zustande kommen. wußtseins zu beleuchten, denn sie erwuchsen und wurden wirksam in
Negativ sind diese durch innere Dürftigkeit und äußerst mangelhafte Fun- einem Milieu, das fast gar keine Objektivationen in unserem Sinne kannte,
diertheit in der Widerspiegelung der Wirklichkeit charakterisiert. Positiv in welchem also die komplizierten Wechselwirkungen des Alltagsdenkens
dadurch, daß sie die Gefühlsbetontheit jenes Schocks, den die Benennung mit diesen, die die „reine Form" eines solchen Denkens so schwer heraus-
hervorruft, mit allen geistigen Folgen in sich aufnehmen müssen. Daher die arbeiten lassen, noch nicht vorhanden waren. Freilich müssen dabei die
so stark betonte Rolle, die die Namensgebung auf der magischen Entwick- Ausdrücke „fast" und „kaum" betont werden, denn schon das Wort, das
lungsstufe der Menschheit spielt. Gordon Childe beschreibt sie wie folgt: Benennen hat einen keimhaften Objcktivationscharakter. Allerdings kann
„Es ist ein sowohl bei den heutigen Halbzivilisierten wie bei den Kultur- selbst die entwickelteste Sprache nie in demselben Sinne die Objektivation
völkern des Altertums allgemein gültiger Grundgedanke der Magie, daß repräsentieren wie etwa Wissenschaft, Kunst oder Religion; sie wird nie
der Name eines Dinges in geheimnisvoller Weise dem Ding selbst gleich- wie diese eine eigene „Sphäre" des menschlichen Verhaltens. Gerade die
wertig ist; in der sumerischen Mythologie ,erschaffen' die Götter ein Ding, Untrennbarkcit von Sprache und Denken hat zur Folge, daß sie alle mensch-
indem sie seinen Namen aussprechen. Den Namen eines Dinges zu wissen lichen Verhaltens- und Handlungsweisen umgibt und fundamentiert, daß
bedeutet daher für den Magier soviel wie Macht über dieses Ding zu besit- sie ihre Universalität auf das gesamte Leben ausdehnt, nicht aber eine be-
zen - mit anderen Worten, soviel wie ,seine Natur zu kennen'. . . . Die su- sondere „Sphäre" darin bildet. Allerdings kann man auch sagen, daß die
merischen Wörterbücher haben dementsprechend womöglich nicht nur „Systeme" der Magie, ihre Anschauungen, Riten etc., viel stärker mit dem
als Wörterbücher mittelbar einem nützlichen und notwendigen Zweck ge- Alltagsleben verwachsen sind als etwa die der späteren Religionen, dieses
dient, sondern selbst unmittelbar als eine Einrichtung gegolten, um das, viel stärker „umgeben" als sich von ihm abheben, um als selbständige Ob-
was darin stand, zu beherrschende vollständiger ein solcher Katalog war, jektivation mit ihm in Wechselwirkung zu treten. Die so starke Gefühls-
um so größer war der Teil der Natur, den man durch Kenntnis und A n - betontheit der Namensgebung ist zwar eines der Mittel für die Festigung
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wendung dieses Katalogs meistern konnte." Gordon Childe zeigt hier der Macht der Magier, für die Herausbildung der magischen Lehre und
das Weiterleben solcher Vorstellungen auch in relativ zivilisierteren, ent- Verhaltensart als ein Moment der anfangenden gesellschaftlichen Arbeits-
wickelteren Formationen. Ursprünglich war die Namensgebung, wie dies teilung. Ihre Geeignetheit zu einem solchen Gebrauch beruht jedoch auch
verschiedene Schöpfungsgeschichten, magische Gebräuche etc. zeigen, mit auf dieser völlig elementaren und unwiderstehlichen Vorstellung des pri-
der Vorstellung des-Beherrschens (Hervorbringens, Vernichtens, Umwan- mitiven Menschen, daß Name und Ding (Person) eine untrennbare Ein-
deins etc.) des Gegenstandes untrennbar verbunden. Das hat auch auf das heit bieten, daß aus dieser Einheit sich die glücklichsten und verhängnis-
persönliche Leben der Menschen einen großen Einfluß. Frazer sagt: „Un- vollsten Folgen für das Individuum ergeben können.
fähig, zwischen Wörtern und Dingen deutlich zu unterscheiden, bildet sich Es ist wieder die Marxsche Methode von der Erklärung der Anatomie
der Wilde allgemein ein, eine Verbindung zwischen einem Namen und der des Affen aus der des Menschen, die uns dazu verhilft, das Phänomen der
damit bezeichneten Person oder Sache sei nicht eine rein willkürliche und Magie historisch annähernd richtig zu erfassen, eben durch die Erkenntnis
ideale Assoziation, sondern ein tatsächliches und wesentliches, beide um- des Weges, der von ihr zu uns geführt hat. Die richtige Erkenntnis hat
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auch hier zwei falsche Extreme zu überwinden. Einerseits ist es noch heute diese günstigen Richtung zu beeinflussen. (Die verschiedenen Formen des
große Mode, den „Ursprung" zu idealisieren und eine Rückkehr zu ihm - Aberglaubens, die in den Intermundien auch unseres Alltags nisten, ent-
als Ausweg aus der sonst unlösbar scheinenden Problematik der Gegen- stehen fraglos auch aus solcher Unfähigkeit, die Außenwelt zu bewältigen;
wart - zu predigen. Ob dies-jn der Form einer brutalen Demagogie, wie freilich ist es ein qualitativer Unterschied, ob es sich um episodische Inter-
bei Hitler und Rosenberg, oder in der Form von „scharfsinnigen" philo- mundien oder um Breite und Tiefe des gesamten Lebens handelt.) In bezug
sophischen Gedankengängen, wie bei Klages oder Heidegger, geschieht, auf die Stadien der hier entstehenden phantasiedurchtränkten, gefühls-
ist von unserem Standpunkt aus hier ziemlich gleichgültig, da in allen die- mäßig spontanen Analogien oder Analogieschlüsse ist das entscheidende
sen Fällen gleicherweise die wirkliche historische Entwicklung gedanklich Motiv ihre Unmittelbarkeit. Frazer hebt richtig hervor, „daß der primitive
annulliert wird. (Wir werden später sehen [248f.], daß solche Einheitskon- Magier die Zauberei nur von ihrer praktischen Seite kennt". Daraus folgt
struktionen sogar bei geistvollen undprogressiven Autoren viel Unheil schaf- die weitere Charakteristik: „Er fleht keine höhere Macht an. Er sucht nicht
fen; so in der Annäherung der Lyrik an die Magie bei Caudwell.) Anderer- die Gunst irgendeines wankelmütigen und launischen Wesens zu gewin-
seits gibt es immernoch zahlreiche Positivisten, die die Tatsachen vergan- 62
nen. Er erniedrigt sich vor keiner furchtbaren Gottheit." Es kommt ein-
gener Zeiten so interpretieren, indem sie ihnen einfach heutige Gedanken zig und allein darauf an, die „Regeln", die seine Praxis der unbekannten
und Gefühle unterschieben. So der sonst sehr kenntnisreiche und scharf- Kraft gegenüber einsetzt, genau und richtig anzuwenden; die geringste
sinnige Ethnologe Boas, der z. B. die Magie so auslegen will: „Und die M a - Nichtbeobachtung würde nicht nur Mißerfolg, sondern höchste Gefahr
gie? Ich glaube, wenn ein Knabe bemerken würde, daß jemand auf seine heraufbeschwören. Der Magier behandelt also diese „Kräfte" als „leblose
Photographie spuckt und sie zerreißt, wäre er tief empört. Ich weiß, daß, Dinge", gewissermaßen technologisch (rituell-magisch), nicht religiös.
wenn es in meiner Studentenzeit passiert wäre, das Resultat ein Duell ge- Darin erblicken gewisse Ethnologen (so Read) eine Art von Materialismus
6 1
wesen wäre.. . " Boas übersieht „bloß", daß kein heutiger Mensch glaubt, im Gegensatz zum Idealismus des Animismus. Das ist freilich reichlich
daß sein persönliches Schicksal von einer solchen Aktion abhängt; er mag übertrieben, denn es handelt sich, wie gezeigt wurde [42], um die Periode
sich zwar beleidigt fühlen, aber nicht in seiner physischen Existenz be- vor der deutlichen Trennung und Entgegensetzung von Materialismus und
droht, gefährdet wie der Mensch der magischen Periode. Idealismus. Man könnte eher sagen, die Eigenart der Magie im Gegensatz
Die älteren Urzeitforscher waren in dieser Frage weit historischer und zur Religion ist ein geringerer Grad der Verallgemeinerung, eine stärkere
realistischer. Frazer und Tylor halten die Personifikation der Naturkräfte Herrschaft der Unmittelbarkeit; die erkennbaren Grenzen von Außen-
kraft Analogie für ein relativ spätes Stadium. Wie wir bereits hervorgeho- und Innenwelt sind verschwommener, ineinander überfließender als in der
ben haben, ist sogar die erlebnishaft festgehaltene Subjekt-Objekt-Bezie- religiös-animistischen Periode. Das Fehlen einer ethisch-religiösen Bezie-
hung ein Produkt der Arbeit, der Erfahrungen des Arbeitsprozesses, denn hung zur Außenwelt ist also in der Magie noch kein Keim der späteren
sie setzt sowohl die Auffassung der Umwelt als eines - relativ beherrschten materialistischen Weltauffassung, sondern bloß eine primitive Äußerung
- Wirkungsfeldes der menschlichen Tätigkeit wie die Person, die - bis zu des uns bekannten spontanen Materialismus des Alltagslebens; dagegen
einem gewissen Grade - ihrer Fähigkeiten und Schranken in Handlung, erblickt Read im Animismus richtig erste weltanschauliche Ansätze des
Anpassung etc. bewußt ist, voraus. Deshalb müssen zur Entfaltung perso- Idealismus. In der Magie haben sich die späteren Tendenzen der Gegen-
nifizierender Analogieschlüsse die zur Gewohnheit gewordenen Arbeits- sätzlichkeit noch nicht differenziert. Alle Elemente der Weltauffassung
erfahrungen bereits eine beträchtliche Höhe erlangt haben. Natürlich ist der sind in der unmittelbaren - alltagsartigen, nicht objektivierten - magischen
allerallgemeinste Teil solcher Erlebnisse allen relativ niederen Entwick- Praxis konzentriert.Wenn also Frazer die Magie ein „unechtes System" von
lungsstufen gemeinsam, nämlich das Stoßen auf ein Hindernis, das mit den „Naturgesetzen" nennt, „eine falsche Wissenschaft und eine unfruchtbare
vorhandenen Kräften und Kenntnissen nicht genommen werden kann. Bei Kunst", so enthalten diese negativ wertenden Ausdrücke ebenfalls eine ge-
der Unmittelbarkeit der Gefühle und Denkformen solcher Stufen wird da- wisse Modernisierung, denn das Sich-Abheben von der Alltagswirklich-
hinter eine unbekannte Kraft geahnt, und es entsteht der Versuch, diese keit, die Tendenz zu einer eigenen (wissenschaftlichen respektive künst-
der menschlichen Tätigkeit zu unterwerfen oder sie wenigstens in einer für lerischen) Objektivität muß auch der magischen Entwicklungsstufe noch
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fehlen. Die Termini sind nur darum relativ statthaft, wirkliche Sachlagen tiven Wirklichkeit befindet sich aber auf einem unvergleichlich höheren,
beleuchtend, weil sich auf dieser Etappe unsichere und unbewußte A n - qualitativ anderen Niveau. Die jetzt hervorgehobene Strukturähnlichkeit
sätze zeigen, die in ihrer späteren Entfaltung eine Richtung auf Wissen- soll also nur im allerallgemeinsten Sinn verstanden werden, und man soll
schaft bzw. Kunst nehmen. Soweit sie bereits hier eine bestimmte Objek- sie nicht analogisierend auf Einzelheiten airwenden.
tivation erhalten haben, ist diese - gerade wegen des eminent praktischen Diese primitive Wesensart der magischen Periode hat zur Folge, daß eine
Charakters der Magie - mehr jenem tendenziellen Minimum der Alltags- Weiterentwicklung ihrer chaotisch gemischten, unmittelbar praktischen
wirklichkeit als der [Objektivation] der selbständig gewordenen Wissen- Verhaltensweise zur objektiven Wirklichkeit sich in idealistischer Rich-
schaft oder Kunst verwandt. Soweit darin Elemente der späteren, höheren tung bewegt. George Thomson gibt eine exaktere Charakteristik des ma-
Objektivationen enthalten sind, was ohne Frage der Fall ist, so sind sie be- gischen Zustandes als Frazer oder Tylor: „Die primitive Magie beruht
sonders anfangs völlig den magisch-praktizistischen Haupttendenzen un- auf der Vorstellung, daß, indem man die Illusion schafft, die Wirklichkeit
tergeordnet, ihre Eigenart kann nur stellenweise, episodisch, immer unbe- zu beherrschen, man sie tatsächlich beherrscht. Es ist eine illusionäre Tech-
wußt, wenn auch nicht zufällig zur Geltung gelangen. nik, komplementär zu den Mängeln der wirklichen Technik. Entsprechend
Wir sagen: nicht zufällig, denn die Intention auf eine richtige Widerspie- der niedrigen Stufe der Produktion ist das Subjekt der Außenwelt nur un-
gelung, auf eine Erkenntnis der an sich seienden objektiven Wirklichkeit vollkommen bewußt, folglich erscheint die Ausführung eines vorangehen-
ist, natürlich unbewußt, bereits im primitivsten A k t der Arbeit, ja des den Ritus als Ursache des Erfolgs im wirklichen Unternehmen; gleichzei-
Sammeins enthalten, denn eine völlige Unkenntnis der Realität, ein völli- tig jedoch verkörpert die Magie als eine Anleitung zur Aktion die wert-
ges Vorbeigehen an ihren objektiven Zusammenhängen müßte sofort zum volle Wahrheit, daß die Außenwelt durch das subjektive Verhalten der
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Untergang führen. Die Arbeit bedeutet hier einen qualitativen Sprung in Menschen wirklich verändert werden k a n n . " Es ist naheliegend, daß bei
der Richtung auf Hervortreten der Erkenntnistendenzen. Es m u ß aber einer so geringen, mehr als lückenhaften Kenntnis der Wirklichkeit, die
eine relative Höhe der Verallgemeinerungen, der Erfahrungen erreicht sein, jedoch in ihren objektiv wertvollen Teilen auf Arbeitserfahrungen beruht,
um die ersten Schritte in der Richtung tun zu können, sich von den herr- die subjektive Seite des Arbeitsprozesses, die zeitliche Priorität des Ziel-
schenden magischen Tendenzen, deren Fundament gerade die Unkenntnis setzens als Ursache und die objektiven Ergebnisse als Folge früher verall-
der objektiven Wirklichkeit ist, zu befreien. Trotz dieser unmittelbar unzer- gemeinert und systematisiert wurden als die so fragmentarisch bekannten
trennbaren Einheit muß die objektive Divergenz der Verallgemeinerung Elemente der objektiven Wirklichkeit selbst. U n d da, wie bereits hervor-
in den Arbeitserfahrungen und in denen der magischen Praxis festgehal- gehoben [46], auf dieser Stufe die Analogie das gedankliche Hauptvehikel
ten werden. Die ersteren führen zur späteren Wissenschaft, die letzteren für Verallgemeinerung und Systematisation ist, erscheint es natürlich, daß
hemmen diese Entwicklung zumeist, wie Gordon Childe richtig aufgezeigt der Schritt über die Magie in idealistischer Richtung vor sich geht, in der
hat. Freilich ist diese Entgegensetzung - so richtig sie für die Trendlinie Richtung auf Personifizierung der unbekannten Kräfte nach dem Modell
der Entwicklung ist - keine absolute. Wechselwirkungen kommen immer des Arbeitsprozesses: auf Animismus und Religion. Nicht die Annahme
wieder vor, so daß Pareto, wie wir früher gezeigt haben [34], hier mit der Existenz von „Geistern" ist entscheidend. Diese kann, wie Frazer zeigt,
einem gewissen Recht auch Wechselwirkungen feststellen kann. (Über schon in der Magie vorhanden sein, was, da es sich um eine elementare
ähnliche Tendenzen in der Kunst werden wir später ausführlich sprechen.) Verallgemeinerung der subjektiven Seite des Arbeitsprozesses handelt,
In alledem ist eine allerallgemeinste Ähnlichkeit mit der Struktur des A l l - ohne weiteres verständlich ist. Dieses Analogisieren in der Magie bewegt
tagsdenkens vorhanden. Freilich darf dabei der grundlegende Unterschied sich jedoch auf der gleichen Ebene wie alle sonstigen Beobachtungen; erst
nicht vergessen werden, daß der Alltag der Zivilisation stets, bewußt oder wenn die Personifikation mit allen Zügen der Selbstauffassung ausgestat-
unbewußt, die Ergebnisse einer entwickelten Wissenschaft und Kunst zur tet wird, entstehen die neuen Beziehungen zu den Geistern; natürlich gibt
Verfügung hat. Die Unterordnung ihrer Eigenart unter die eigenen, oft es hier unzählige Übergänge, auf die wir hier nicht eingehen müssen. Fra-
augenblicklich-praktischen Interessen kann zwar schwere Deformationen zer weist richtig auf den entscheidenden Unterschied: „Es ist wohl wahr,
ihres spezifischen Wesens hervorrufen, der Beherrschungsgrad der objek- daß die Magie sich oft mit Geistern beschäftigt, die persönlich handelnde
94 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 95

Wesen sind, wie die Religion j annimmt. Aber überall da, wo sie dies in
s e die der in der Arbeitspraxis bewährten Bewegungen etc. Hier bleibt - mit
der üblichen Form tut, behandelt sie diese Wesen in derselben Weise, wie vielen Variationen, mit wachsender Rationalisierung - die Nachahmung
sie mit leblosen Dingen umgeht, d.h., sie zwingt und fesselt, anstatt zu ver- ein permanentes Prinzip der Arbeit, der Kontinuität von Arbeitserfahrun-
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söhnen und sich geneigt zu machen, wie die Religion es tun w ü r d e . " gen. Je mehr also die Nachahmung auf den Menschen bezogen ist, desto
Daher bezeichnet das Fehlender ethisch-religiösen Beziehungen zur Außen- fruchtbarer kann sie auch auf höheren Stadien wirksam bleiben.
welt keine höhere, „materialistischere" Stufe im Vergleich zu den idealisti- Nachahmung als unmittelbares Umsetzen der Widerspiegelung in Pra-
schen, sich im Verlauf der Entwicklung ethisierenden Vorstellungen, son- xis ist eine derart elementare Tatsache des entwickelteren Lebens, daß sie
dern ist das Wesenszeichen der primitiven Stufe. Der Idealismus muß hier in allgemein anerkannter Weise sich auch bei den höheren Tieren finden
ähnlich als Fortschritt aufgefaßt werden wie die Sklaverei als Höherent- läßt. Wallace hat z . B . beobachtet, daß Vögel, die nie den Gesang ihrer
wicklung im Vergleich zum Kannibalismus. eigenen Art gehört haben, die Weise jener annehmen, mit denen sie zu-
Es ist ein wirkliches V e r d i Frazers, daß er in seiner Analyse der ma-
c n s t sammen leben. Viele bürgerliche Forscher empfinden jedoch die Gefahr,
gischen Theorie und Praxis die große Wichtigkeit der Nachahmung als hier ein grundlegendes Faktum in der Beziehung von Lebewesen und U m -
elementarer Tatsache der Beziehung des Menschen zur objektiven Wirk- gebung anzunehmen; es könnte ja, fürchten sie mit Recht, zur Anerken-
lichkeit betont. Er verknüpft i zwar ausdrücklich nur mit dem, was er im
s e nung der Widerspiegelung als Grundlage von Wissenschaft und Kunst
magischen Vorstellungskreis „Gesetz der Ähnlichkeit" nennt, nämlich daß führen. Darum leugnet Groos, der die oben erwähnte Beobachtung von
Gleiches stets Gleiches hervorbringt. Eine genauere Betrachtung der von Wallace anführt, daß die Spiele der Tiere etwas mit Nachahmung zu tun
ihm angenommenen anderen Art der Magie, „daß Dinge, die einmal in hätten, sie seien vielmehr „die der angeborenen Natur des Organismus ent-
Beziehung zueinander gestanden haben, fortfahren, aus der Ferne aufein- 6
springenden Reaktionsweisen''"' . M i t der Deklaration des Angeboren-
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ander zu wirken, nachdem d i physische Berührung aufgehoben wurde" ,
e seins soll das Problem der Genesis dogmatisch ausgeschaltet werden. So
zeigt jedoch auch hier die entscheidende Rolle der Nachahmung. Das ist werden einfache Tatbestände mystifiziert und die Erkenntnis der Entwick-
verständlich. Denn die primitive, unmittelbar-praktische Reaktion auf lung des Komplizierten aus dem Einfachen verrammelt. Gehlen bemerkt
die - relativ - unmittelbare Widerspiegelung der Wirklichkeit drückt sich richtig, mit einem anderen Autor polemisierend: „Die Annahme eines
eben in der Nachahmung a u . Es muß eine verhältnismäßig lange Entwick-
s ,Spieltriebes' ist natürlich eine bloße Worterklärung, die nichts sagt." 67

lung vor sich gehen, eine ziei-nlich weitgehende Entfernung von der Unmit- Natürlich steht der primitivste Mensch auf einer qualitativ höheren
telbarkeit vollzogen werden, das Analogisieren m u ß in eine wenn auch Stufe als die entwickeltesten Tiere, schon weil der Inhalt der Widerspiege-
noch unentfaltete Kausalbetrachtung übergehen, damit die Menschen zur lung und Nachahmung vom Medium der Sprache und der Arbeit getra-
Einsicht gelangen, ihre Einwirkungen auf die Natur mit Methoden zu er- gen wird, selbst wenn letztere erst ein Sammeln ist. Die Nachahmung ist
reichen, die äußerlich unmittelbar keine Ähnlichkeit mehr mit dem wider- also auch bei den primitiven Menschen nicht mehr völlig spontan, ist oft be-
gespiegelten Phänomen (wohl aber mit dessen Wesen und Gesetzlichkeit) wußt auf ein Ziel gerichtet und damit über die Unmittelbarkeit in bestimm-
haben. M a n denke daran, <a ß die allerprimitivsten Werkzeuge einfache
a ter Weise hinausgehend. Die Nachahmung in ihrer menschlichen F o r m
Nachahmungen der früher Zufällig gefundenen, später gesammelten Steine setzt schon eine verhältnismäßig ausgebildete Subjekt-Objekt-Beziehung
waren. Bei Funden der A n f s s t u f e n ist es gar nicht so leicht, Original
ang voraus, denn diese Nachahmung ist bereits klar auf ein bestimmtes Ob-
von Nachahmung zu unterscheiden. Erst viel später entstehen Werkzeuge, jekt als Teil, als Moment der Umwelt des Menschen gerichtet; es ist also
die das Wesentliche, den Nutzeffekt der Arbeit so erreichen, daß ihre Form darin eine gewisse Bewußtheit darüber vorhanden, daß dieses Objekt dem
aus der Erkenntnis der Beziehung von Ziel und Mittel entsteht. Je differen- Subjekt gegenübersteht, von ihm unabhängig existiert, aber unter gewissen
zierter die Arbeit wird, desto e h r erhalten die Werkzeuge eine selbstän-
m Umständen von der Aktivität des Subjekts modifiziert werden kann. Diese
dige - technologisch bestimmte - Form, desto mehr verschwindet auf die- Unabhängigkeit ist freilich mehr gefühlsmäßig, erlebnishaft vorhanden,
sem Gebiet die Nachahmung der unmittelbar vorgefundenen Gegenstände. z. B. als Angst etc. Es ist die Urform dessen, was wir den spontanen M a -
Etwas wesentlich anderes ist die Nachahmung von der subjektiven Seite: terialismus des Alltagslebens genannt haben. Je unbestimmter, empfin-
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dungshaft-zerfließender der Gedanke der Objektivität der Außenwelt hier muß, wie bereits angedeutet wurde [94] und wie später ausgeführt wird
erscheinen kann, desto exakter, „vorgeschriebener" muß deren nachah- [348ff.], über die ganze unmittelbar nachahmende „Methode" hinausgehen,
mende magische Reproduktion werden. Sie erfaßt naturgemäß nur äußere, muß neue Wege der Zerlegung und Synthese nach objektiven Maßstäben
erscheinungsartige Züge des Gegenstands, der „Gesetzmäßigkeit" seines suchen, um die eigene Methode in der Bearbeitung des Widergespiegelten
Wandels (Frühling nach Winter). Infolge der Verschwommenheit der finden zu können. In beiden Fällen sind es die wachsende Eroberung der ob-
Anlage, infolge der Dürftigkeit der Kenntnisse werden aber diese Erschei- jektiven Wirklichkeit und die in ihrem Laufe erworbene erhöhte Beherr-
nungsarten und Züge als wesenhafte fixiert, und es wird in ihrem exakten schung der eigenen Subjektivität, der körperlichen und geistigen Kräfte
Festhalten das magische Mittel erblickt, vermittels der Nachahmung den der Menschen, die das Hinter-sich-Lasscn der unmittelbaren Nach-
gewünschten Effekt (z. B. Rückkehr des Frühlings, gute Ernte etc.) hervor- ahmung möglich und notwendig machen.
zuzaubern. Je stärker diese Nachahmungen die Zusammenarbeit vieler Erst wenn man alle diese Errungenschaften und Fähigkeiten einer viele
erfordern (gemeinsame Tänze etc.), desto mehr wird auf die rituelle Exakt- Jahrtausende dauernden Entwicklung gewissermaßen durch ein Gedan-
heit geachtet. Diese Lage verführt Frazer dazu, in der „Theorie der Magie" kenexperiment ausschaltet, kann man eine rekonstruktive Einsicht in die
eine „Pseudowissenschaft", in ihrer Praxis, also in der Nachahmung, eine Struktur der magischen Periode erhalten, in die Formen und Inhalte ihrer
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„Pseudokunst" zu erblicken. Damit wird einerseits die unmittelbare Ein- Art der Widerspiegelung der Wirklichkeit. Die größte Schwierigkeit schaf-
heit von Theorie und Praxis gelockert, andererseits die ganze Lage durch fen jene Modernisierungen, die irgendeine „tiefe" Sehnsucht des heutigen
Anlegen eines späteren Maßstabs modernisiert. Jene Verhaltensarten zur Menschen als „Weltanschauung" in anfängliche Perioden hineinprojizie-
Wirklichkeit, die später als Wissenschaft und Kunst selbständige Metho- ren und von dort aus nun - kontrastierend - die Gegenwart zu verstehen
den erringen, sind hier noch, zusammen mit Keimen der späteren Religion, vorgeben. Man m u ß dagegen festhalten, daß naturgemäß gerade die „welt-
in einer unauflösbaren Mischung enthalten, und zwar sowohl in der Theo- anschauliche" Seite des primitiven Weltbildes die unentwickelteste war,
rie wie in der Praxis. Ihre Trennung und Gegenüberstellung ist um so irre- daß auch an sich richtige Einzelwahrnehmungen in diesen Interpretatio-
führender, als z. B. die Elemente der Praxis (Tanz, Gesang etc.) zwar einen nen einen phantasmagorischen, chaotischen Charakter erhalten. Darum
Ausgangspunkt für die Kunst bilden, ihre eigenartigen Tendenzen heraus- ist im burschikosen Ausdruck von Engels, der die „Weltanschauung" dieses
bilden zu helfen, zugleich jedoch, wie wir sehen werden, ihr Selbständig- Zustandcs und ihr teilweises Weiterleben auf höherer Stufe einen „urzu-
werden, das Konstituieren ihrer wahren Eigenart auch zu hemmen, ja zu ständlichen Blödsinn" nannte, viel Berechtigtes, und er hat völlig recht,
unterdrücken pflegen. Das ändert natürlich nichts an der Lage, daß in der wenn er es als pedantisch ablehnt, für alle ihre Einzelformen etc. ökono-
konkreten Widerspiegelung der Wirklichkeit, in den Versuchen, das W i - mische Ursachen zu suchen, obwohl er feststellt, daß natürlich auch
dergespiegelte durch Nachahmung festzuhalten, (objektiv) die Keime zur damals „das ökonomische Bedürfnis die Haupttriebfeder der fortschrei-
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ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit - wir wiederholen: mit an- tenden Naturerkenntnis w a r " . Für uns ist hier nur wichtig, festzustel-
deren Verhaltensarten unzertrennbar vermischt - objektiv vorhanden sind. len, daß diese Erkenntnisse, so „blödsinnig" ihre verallgemeinernden Be-
So wichtig diese Feststellung als Ausgangspunkt zum Verständnis der gründungen, Zusammenfassungen auch gewesen sind, an sich sicher ein
späteren Differenzierungen ist, so sehr verwirrt sich das Bild, wenn man weit größeres Feld umfassen, als man es rein theoretisch sich vorstellen
Wissenschaft und Kunst, auch in verzerrten Formen, in dieses Anfangs- würde. Besonders groß sind die Möglichkeiten, die anfangs sicher höchst
stadium der Vordifferenziertheit hineininterpretieren will. Dadurch wird spärlichen Erkenntnisse auch ohne Umwälzung der Grundlagen zu erwei-
nicht nur, wie bereits gezeigt, das Anfangsstadium unzulässig moderni- tern. Max Schmidt weist z. B. auf die überraschend große Pflanzenkennt-
siert, sondern zugleich auch die Eigenart der wissenschaftlichen und künst- nis ganz primitiver, freilich längst über die Urzustände hinausgewachsener
lerischen Widerspiegelung verzerrt. Diese geht zwar in einigen grundlegen- Völker hin, die sich in der Differenzierung der Nomenklatur deutlich
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den Momenten (nicht in allen) von dem nachahmenden Festhalten des zeigt. Ähnliches kann man natürlich auf den verschiedensten Gebieten
Widergespiegelten aus, muß es aber qualitativ weiterführen und umgestal- der unmittelbar lebensnotwendigen Praxis feststellen, und zwar in einer
ten, um sich in der eigenen Selbständigkeit setzen zu können. U n d jene wenn auch ungleichmäßig, so doch ständig aufsteigenden Form, indem
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die Sammeltätigkeit mit vielen Übergängen in eine Bearbeitung des Bo- schon länger entfaltet haben. Die Diskrepanz zwischen den immer höher
dens, in eine Züchtung von Pflanzen übergeht, indem die Jäger und Fischer werdenden Einzelerkenntnissen und ihrer irrealen weltanschaulichen Ver-
immer bessere und kompliziertere Instrumente (Wurfgeschosse, Pfeil und allgemeinerung nimmt also zeitweilig notwendig zu, auch nachdem diese
Bogen, Harpune etc.) herstellen. A l l dies vollzieht sich jedoch ohne we- die Stufe des „urzuständlichen Blödsinns" längst überholt hat, nachdem
sentliche, sichtbar werdende Änderung der „Weltanschauung", der Verall- das Denken vom bloß unmittelbaren Analogisieren zu einer mehr oder
gemeinerung der Erkenntnisse und Erfahrungen über die Außenwelt und weniger entwickelten Kausalbetrachtung übergegangen ist, durch die hin-
über den Menschen selbst. Hier bewahrheitet sich wieder unser Motto: ter den idealistischen, hypostasierend anthropomorphisierenden Hüllen
Die Menschen „wissen es nicht, aber sie tun es". Bei aller Anerkennung bereits ein wirkliches Erringen von Erkenntnissen über die Außenwelt und
dieser allgemeinen Geltung des unbewußten Handelns der Menschen (im über den Menschen immer sichtbarer wird. M i t Recht charakterisiert da-
von uns angegebenen Sinne), die sich als Haupttendenz auch in unseren her Vico dieses Denken als ein mit „phantastischen Universalien" oder
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Beispielen strukturbestimmend auswirkt, darf jedoch der qualitative Un- Gattungsbegriffen arbeitendes. Die menschlichen Kenntnisse müssen al-
terschied, ja Gegensatz nicht übersehen werden: Die Unbewußtheit des so einen verhältnismäßig hohen Grad an Breite und Tiefe erreichen, damit
Handelns ist nur eine formell-strukturelle Ähnlichkeit. Die reale Erkennt- eine materialistische Kritik der Mythen, der „phantastischen Universalien"
nis der Außenwelt und die Ausbildung der menschlichen Fähigkeiten, vor etc. einsetzen kann. Engels gibt über diese Entwicklung, über die Schwie-
allem durch das Entstehen und EntfaltendergroßenObjektivationssysteme rigkeit, das idealistische Auf-den-Kopf-Stellen der erkenntnismäßig er-
Wissenschaft und Kunst, schaffen derartige qualitative Differenzen, daß rungenen Tatsachen und Zusammenhänge zu überwinden, eine prägnante
die Verglcichbarkeit nur mit Hilfe höchster Verallgemeinerungen über- Zusammenfassung, die sich zwar vor allem auf bereits hochentwickelte
haupt möglich wird. Zustände bezieht, die jedoch zugleich gerade die für uns wichtigen Ent-
Die primitivste magische Entwicklungsstufe ist so durch diese Verbin- wicklungslinien klar beleuchtet. Er sagt: „Vor allen diesen Gebilden, die
dung von stets zunehmenden richtigen Einzelerkcnntnissen über die zunächst als Produkte des Kopfs sich darstellten und die die menschlichen
Außenwelt, von ständigem Wachsen der menschlichen Fähigkeit in ihrer Gesellschaften zu beherrschen schienen, traten die bescheidneren Erzeug-
Beherrschung mit diesen durch nichts objektiv fundierten „blödsinnigen" nisse der arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar um so mehr, als
Erklärungsversuchen charakterisiert. Diese Diskrepanz muß sich noch der die Arbeit planende Kopf schon auf einer sehr frühen Entwicklungs-
steigern, wenn die Magier, Medizinmänner, Schamanen etc. durch die stufe der Gesellschaft (z.B. schon in der einfachen Familie) die geplante
gesellschaftliche Arbeitsteilung zu besonderen „Berufen" werden. Einer- Arbeit durch andre Hände ausführen lassen konnte als die seinigen. Dem
seits erfolgt diese soziale Differenzierung, wenigstens ursprünglich, auf der Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde alles Verdienst
Grundlage der Auswahl der Kenntnisreichsten und Erfahrensten, und so- an der rasch fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben; die Menschen
sehr die Entstehung einer Kaste oft zur Erstarrung, zur Hemmung der wei- gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären statt aus
teren Ausbildung der Kenntnisse zu führen pflegt, ist es doch ein elemen- ihren Bedürfnissen (die dabei allerdings im Kopf sich widerspiegeln, zum
tares Interesse dieser Schicht, ihr privilegiertes Dasein durch gute Leistungen Bewußtsein kommen)-und so entstand mit der Zeit jene idealistische Welt-
zu schützen und zu befestigen. Andererseits m u ß dieses Privilegiertsein, das anschauung, die namentlich seit Untergang der antiken Welt die Köpfe
sich vor allem in der Befreiung von der körperlichen Arbeit äußert, dahin beherrscht hat. Sie herrscht noch so sehr, daß selbst die materialistischsten
wirken, daß jene idealistischen Tendenzen in der Naturbetrachtung, die Naturforscher der Darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung
vom subjektiven Zielsetzen in der Arbeit ausgehen, die die Naturerschei- von der Entstehung des Menschen machen können, weil sie unter jenem
nungen nach dem „Modell" der so aufgefaßten Arbeit erklären, sich stän- ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Arbeit dabei ge-
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dig verstärken müssen, um so mehr, als der Wegfall der unmittelbar ma- spielt hat." Hier ist die Rolle des subjektiven Moments der Arbeit in der
teriellen Kontrolle der Arbeitserfahrungen diese Tendenzen notwendig Entstehung und Befestigung der idealistischen Weltanschauung deutlich
verstärkt. Solche Tendenzen sind in der gesellschaftlichen Entwicklung sichtbar.
sehr lange wirksam, auch wenn die verschiedensten Objektivationen sich Die Anfangsetappen dieser Entwicklung sind heute noch Wissenschaft-
100 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 101

lieh scharf umstritten. Für unsere Zwecke ist es aber nicht entscheidend, mäßig spät in jene - äußerst widerspruchsvolle - Union mit der Religion
wann und wie aus dem Chaos der Magie, aus dem Vorstellungskreis der hineingewachsen sind, die zu behandeln weit über den Rahmen dieser A r -
„Kräfte" (um ein allzu bestimmtes Wort zur Bezeichnung dieser sehr ver- beit hinausginge. Nur soviel muß auch hier bemerkt werden - während
schwommenen Gedanken und Gefühle zu gebrauchen) sich „animistische" Tylor wie die meisten bürgerlichen Forscher den Urkommunismus und
Weltbilder in Mythen, in Religionen weitergebildet haben. Es genügt für seine Auflösung ignoriert - , daß die Notwendigkeit einer wenn auch noch
uns, klar zu sehen, daß jene Formen der geistigen Arbeitsteilung derMcnsch- so primitiven Ethik erst mit der Entwicklung der Klassen auftaucht. Erst
heit, die dem zivilisierten Menschen derart selbstverständlich vorkommen, aus diesem Boden erwachsen nämlich gesellschaftliche Verpflichtungen,
daß er sie kaum als historisch Gewordenes sich zu vergegenwärtigen vermag, die nicht mehr mit den unmittelbaren Bedürfnissen und Interessen der ein-
[und] die die wichtigsten Philosophien zu den überzeitlichen, dem Wesen zelnen unmittelbar zusammenfallen, ja ihnen geradezu entgegengesetzt
des Menschen ontologisch zugehörigen Verhaltensarten und Objek- sind. Die Pflicht, sowohl im rechtlichen wie ethischen Sinn, entsteht also
tivationen rechneten (es genügt, auf Kant hinzuweisen), dieses ihr Wesen erst mit der Auflösung des Urkommunismus, mit der Entstehung der
im Laufe einer langwierigen historischen Entwicklung allmählich erwor- Klassen. Engels gibt über den früheren Zustand gerade in bezug auf un-
ben haben. Von diesem Standpunkt aus ist es bemerkenswert, wie wenig ser Problem ein sehr prägnantes Bild: „Nach innen gibt es noch keinen
die früheren Entwicklungsstufen die ethischen und eigentlich religiösen Unterschied zwischen Rechten und Pflichten; die Frage, ob Teilnahme an
Verhaltensweisen des Menschen zur Welt (zum Jenseits), zu sich selbst ge- den öffentlichen Angelegenheiten, Blutrache oder deren Sühnung, ein
kannt haben. Wir haben bereits auf eine solche Feststellung Frazcrs hin- Recht oder eine Pflicht sei, besteht für den Indianer nicht; sie würde ihm
gewiesen. Linton und Wingert sagen über die Wcltauffassung der Poly- ebenso absurd vorkommen wie die: ob Essen, Schlafen, Jagen ein Recht
nesien „Die ganze Konzeption war mechanisch und unpersönlich und 76
oder eine Pflicht s e i . " In welchen konkreten Formen diese Entwicklung
involvierte keine Idee von Sünde oder vorsätzlicher Strafe"; mit den Göt- sich abgespielt hat, gehört nicht hierher. Was hier festgestellt werden
tern wurde „manipuliert", und die Priester waren „geübte Handwerker" muß, ist bloß: Die Vicoschen „phantastischen Universalien", in denen
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einer solchen Technik. Auch Tylor meint, daß Zeremonie und Ritus sich der Weltzusammenhang für die Menschen noch lange äußert, sind
„Mittel des Verkehrs mit geistigen Wesen und des Einflusses auf dieselben" nicht mehr bloß Widerspiegelungen der Natur, sondern - und sogar in
sind „und als solche einen ebenso direkten praktischen Endzweck wie steigendem M a ß e - a u c h <die> der Gesellschaft. Das Zusammenwirken und
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irgendein chemischer oder mechanischer Prozeß" haben. Und in be- Zusammenleben der Menschen hat aufgehört, eine „naturhaftc" Selbstver-
zug auf Ethik: „Der wilde Animismus entbehrt ... fast gänzlich jenes ständlichkeit zu sein, für deren Regelung die alltagsmäßig wirkende Tra-
ethischen Elements", das später in den Religionen eine so große Rolle spielt. dition, Gewohnheit, spontane öffentliche Meinung, auch in eventuellen
Die Ethik entsteht „auf ihrem eigenen Boden, auf dem Boden der Tra- einzelnen Konfliktfällen, ausreichen. Es ist zum Problem geworden, zu
dition und der öffentlichen Meinung und ist verhältnismäßig unabhängig dessen Lösung, zur widerspruchsvollen Erhaltung und Reproduktion
von den animistischen Glaubenssätzen und Riten, welche neben ihr einer in sich widerspruchsvollen Gesellschaft, die Menschen neue Objek-
existieren". Er nennt diesen Zustand „nicht unmoralisch", aber „ohne tivationen, neue Verhaltensarten ausbilden mußten, darunter auch die
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Moral". Ethik.
Tylor bestätigt hier nicht bloß die von uns nachgezogenen Entwick- Die Widersprüchlichkeit dieser Entwicklung zeigt sich in allen Punk-
lungslinicn, sondern weist auch auf eine andere, äußerst wichtige Frage hin. ten. A u f einen sehr interessanten weist Frazer hin, indem er in der zu-
Darauf nämlich, daß jene Formen der Widerspiegelung der Wirklichkeit nehmenden Erkenntnis der Menschen einen Grund des Übergangs von
und der menschlichen Reaktionen auf sie, die wir mit dem Terminus der magischen Vorstellungsweise zur religiösen erblickt, und zwar nicht
Ethik zu bezeichnen pflegen, ebenfalls Produkte einer langen historischen direkt, sondern im Gegenteil so, daß mit zunehmender Erkenntnis „der
Entwicklung sind (und ebenfalls keine angeborenen oder ontologischen Mensch deutlicher die Unendlichkeit der Natur und seine eigene Klein-
Eigenschaften des Menschseins), die sich unabhängig von den magisch- heit und Ohnmacht ihr gegenüber einsehen" lernt. Parallel damit wächst
animistisch-religiösen Vorstellungen entwickelt haben und erst Verhältnis- sein Glaube an die Macht jener Kräfte, die nach seinen Vorstellungen die
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Natur beherrschen, die, wie wir gesehen, eine immer anthropomorphere, vervollkommnen. Ist doch gerade diese Periode eine der größten in der
personifiziertere Gestalt erhalten haben. Damit „gibt er zugleich die Ausdehnung der Herrschaft des Menschen über die Natur. (Es genügt, an
Hoffnung auf, den Gang der Natur mittels seiner eignen, selbständigen die Rolle der Anwendung von Bronze und Eisen zu denken.) Je höher
Hilfsquellen, d.h. mit Hilfe der Magie, zu lenken, und er sieht immer mehr beide Richtungen sich entwickeln, desto unvermeidlicher scheint ihr Zu-
zu den Göttern auf als zu den einzigen Bewahrern jener übernatürlichen sammenstoß, ihr Konflikt zu werden. Das ist aber nur ein Schein; in der
Kräfte, die er einst mit ihnen zu teilen behauptete. M i t der fortschreiten- historischen Wirklichkeit stumpft sich der Konflikt zumeist ab, wird
den Erkenntnis nehmen daher Gebete und Opfer die führende Stelle in selten ernsthaft und folgerichtig ausgetragen. Wieder ist es hier nicht unsere
dem religiösen Ritus ein, und die Magie, welche einst als gleichberechtigt Aufgabe, Einzelheiten zu untersuchen. Es ist dabei nur ein Zug hervorzu-
galt, wird allmählich in den Hintergrund gedrängt und sinkt zur schwar- heben, der für unsere Untersuchung von großer Bedeutung ist; seine
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zen Kunst herab." Frazer hebt hier richtig den Gegensatz von Magie Tragweite wird erst später sich explizit zeigen. Es handelt sich um den
und Religion hervor. Dazu ist jedoch zu bemerken - worüber er wie an- unmittelbaren, stark dem Alltagsdenken angenäherten Charakter des ge-
dere sehr viel Material zusammengetragen haben - , daß die Religionen danklich-gefühlsmäßigen Bearbeitens der Widerspiegelung der Wirklich-
zumeist die Magie als aufgehobenes Moment in sich aufnehmen und auf- keit in der Religion. Wir haben bei Behandlung der Magie diese Struk-
bewahren. Sobald z. B. in die Beziehung zwischen Mensch und Gott genau turähnlichkeit mit dem Alltag bereits hervorgehoben [95f.] und dies
einzuhaltende Zeremonien, genau vorgeschriebene Worte, Gebärden etc. damit ergänzt und erweitert, daß die primitiven Vorläuferstadien der
vermittelnd eingeschaltet werden, um die Gottheit günstig zu beeinflussen, Religiosität, Magie und Animismus, von dieser nicht in der Form der
sie den Bitten geneigt zu machen, ist es klar, daß dabei magische Tenden- Vernichtung überwunden werden, sondern im Sinne der Hegeischen Auf-
zen als organische Bestandteile der Religion erscheinen. Je ausgebildeter hebung, nämlich auch in dem der Aufbewahrung.
eine Religion ist, je tiefer sie in ethische Probleme eingreift, je inner- Natürlich ist dies nicht als einfache strukturelle Identifikation von A l l -
licher das von den Riten bestimmte Verhalten sein soll, desto auffallender tag und Religion gemeint. Vor allem schafft die Religion schon sehr früh
zeigt sie sich als tief eingetaucht in magische Vorstellungen. Natürlich besondere institutionelle Objektivationen; sie erstrecken sich von den
können diese beiden ansich gegensätzlichen Tendenzen nicht immer fried- fixierten Funktionen des Medizinmanns bis zu den universalistischen K i r -
lich miteinander leben; oft - im Laufe der Geschichte in zunehmender chen. Auch bildet sich in manchen Religionen mit der Zeit ein genau be-
Weise - entstehen äußerst heftige Kämpfe zwischen den Vertretern von stimmter objektiver Zusammenhang der Dogmen, der von der Theologie
magischen und von „rein" religiösen Vorstellungen. Versuche zur völligen weiter rationalisiert und systematisiert wird. So entstehen hier Objektiva-
Befreiung einer Religion von ihren magischen Überlieferungen bedeuten tionen, die teils mit den gesellschaftlichen Organisationen, teils mit der
oft tiefe Krisen in der Religion selbst. Die historisch außerordentlich ver- Wissenschaft formell verwandte Züge zeigen. Hier kommt es aber darauf
schiedenen Formen dieser Krisen, deren einige, wie die Bilderstürme, auch an, die spezifische Eigenart der religiösen Objektivationen wenigstens in
die magischen Grundlagen der Beziehung von Religion und Kunst berüh- ihren Hauptzügen kurz anzudeuten, ihre strukturelle Nähe zum Alltag
ren, haben wir hier nicht zu untersuchen. Für uns ist bloß wichtig, daß - aufzuzeigen. Das entscheidende Moment bildet wieder die unmittelbare
trotz Widersprüchen, die in Krisen übergehen können - zwischen Magie, Verknüpfung von Theorie und Praxis. Sie ist gerade das Wesenszeichen
Animismus und Religion eine historische Kontinuität vorhanden ist, in jeder religiösen „Wahrheit". Die Wahrheiten der Wissenschaften haben
welcher als Hauptlinie der Entwicklung die ständige Steigerung und weitere natürlich außerordentliche praktische Konsequenzen; ihr überwiegend
Ausbildung des Subjektivismus in der Weltanschauung, das steigende großer Teil ist sogar aus praktischen Bedürfnissen entstanden. Das Prak-
Anthropomorphisieren der wirkenden Kräfte in Natur und Gesellschaft, tischwerden einer wissenschaftlichen Wahrheit ist jedoch immer ein sehr
die Tendenz, diese Anschauungen und die aus ihnen folgenden Gebote komplizierter Prozeß von Vermittlungen. Je höher sich die wissenschaft-
auf das gesamte Leben anzuwenden, vorherrschend wird. lichen Mittel entwickeln, je intensiver daher ihre Einwirkung auf die
Daneben muß natürlich der urwüchsige, nur als solcher, als Weltan- Praxis des Alltagslebens wird, desto weiter verzweigt, desto komplizierter
schauung nicht bewußte Materialismus der Arbeit sich ebenfalls ständig wird dieses Vermittlungssystem. D a ß mit der Ausbildung der modernen
104 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 105

Naturwissenschaften eigene technische Wissenschaften erwachsen, um die mittel wie Natrium Bicarbonaticum handelte. Damit wird der „Glaube"
rein wissenschaftlichen Resultate theoretisch zu konkretisieren und prak- geradezu gezüchtet. Von gewissen Strömungen der Psychiatrie, wo quasi-
tisch nutzbar zu machen, ist ein deutlicher Beweis dieser Sachlage. Na- religiösc Beziehungen absichtlich hervorgerufen werden, gar nicht zu re-
türlich kann bei der endgültigen praktischen Verwendung (etwa bei den den. U n d daß das ganze moderne Reklamewesen auf das Züchten eines
Arbeitern selbst) bereits wieder ein unmittelbares Verhalten diesen - ob- solchen „Glaubens" gerichtet ist, braucht nicht besonders bewiesen zu wer-
jektiv sehr weit vermittelten - Ergebnissen der Wissenschaft gegenüber den. Daß die Wissenschaft hier so oft als Erweckereines solchen „Glaubens"
entstehen. So ganz gewiß bei ihren Konsumenten; der durchschnittliche figuriert, macht den oben angedeuteten Zusammenhang noch evidenter.
Mensch, der Medizin einnimmt, mit dem Flugzeug reist etc., hat in den Freilich ist der Ausdruck „Glaube" für die eben geschilderten Verhält-
meisten Fällen keine Ahnung von den wirklichen Zusammenhängen des- nisse nicht wirklich exakt. Er enthält zwar den Gegensatz zu Wissen und
sen, was er benutzt. Er gebraucht sie ganz einfach, gestützt auf den „Glau- Erkennen, vor allem aber den Mangel an Willen, an konkreter Möglich-
ben" an die Aussagen der Fachleute, auf die empirischen Erfahrungen über keit etc. zur Verifikation. Damit kommen jedoch solche Akte dem nahe,
die unmittelbare Bewährung der jeweilig konkreten Einrichtung. Natür- was man in der logischen Terminologie als Meinen im Gegensatz zum
lich ist beim aktiven Anwender (Pilot etc.) eine unvergleichlich höhere Wissen zu bezeichnen pflegt. Kant legt in der Abgrenzung von Meinen
Kenntnis der Zusammenhänge vorhanden. Es liegt aber im Wesen der und Glauben gerade auf dieses Moment der Weiterbildung zum Wissen,
Sache, daß auch dieser keineswegs immer auf die prinzipiellen wissen- zur Verifikation ein großes Gewicht: „...wenn aus objectiven, ob-
schaftlichen Fundamente zurückgreifen muß und tatsächlich in den zwar mit Bewußtsein unzureichenden, Gründen etwas für wahr gehalten,
seltensten Fällen auf sie zurückgreift. Für die durchschnittliche Praxis mithin bloß gemeint wird: so kann dieses Meinen doch durch allmählige Er-
reicht der Empirismus im Sammeln von Erfahrungen, gestützt auf den gänzung in derselben Art von Gründen endlich ein Wissen werden." D a -
„Glauben" an die Autoritäten, vollkommen aus. Hier wird deutlich gegen entsteht nach Kant der Glaube dort, wo ein derartiges Weiter-
sichtbar, daß das Herrschendwerden der Wissenschaft über immer grö- schreiten sachlich unmöglich ist: „Aller Glaube ist nun ein subjectiv zu-
ßere Gefilde des Lebens das Alltagsdenken keineswegs abschafft, es nicht reichendes, objectiv aber mit Bewußtsein unzureichendes Fürwahrhalten;
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durch wissenschaftliches ersetzt, sondern im Gegenteil <sich> auch auf also wird er dem Wissen entgegengesetzt." Eine solche schroffe Entge-
solchen Gebieten reproduziert, in denen früher ein weit weniger unmittel- gensetzung von Glauben und Meinen ist vom Standpunkt der Axiomatik
bares Verhältnis zu den Gegenständen etc. des Alltagslebens bestand. seines philosophischen Systems durchaus verständlich; der Zusammen-
Sicher haben z . B . heute prozentual weit weniger Menschen eine fundierte hang und das systematische Ineinanderfügen von Erkenntnis, Ethik und
Einsicht in die Beschaffenheit der von ihnen benutzten Verkehrsmittel als Religion können für dieses System nur so konstruiert werden. Im Alltags-
in früheren Perioden. Das schließt natürlich nicht eine bisher ungeahnte denken spielt aber nicht nur die objektive Möglichkeit, vom Meinen zum
Massenverbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus. Im Gegenteil: Wissen weiterzugehen, eine wichtige Rolle, sondern zugleich auch der
gerade die lebendige Dialektik dieser einander widersprechenden Ten- Wille dazu. Einerlei, welche gesellschaftlichen Gründe hier wirksam s i n d -
denzen bildet die Grundlage zur ständigen Reproduktion des Alltags- einige haben wir bereits aufgezählt - , ihr Aktuellwerden verwandelt das
denkens. Denkgebilde des Meinens, das objektiv eine mögliche Vorstufe des Wis-
Wir haben oben den Terminus „Glauben" nicht zufällig benutzt. Denn sens vorstellt, subjektiv, und zwar sozialpsychologisch, in eine Abart des
zumeist - und dies gilt für die überwiegende Mehrzahl der Handlungen im Glaubens. Es ist z . B . heute mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung
Alltagsleben - , wenn aus irgendeiner theoretischen Feststellung unmittel- feststellbar, daß im Lottospiel jede beliebige Kombination von fünf Zah-
bar-praktische Konsequenzen gezogen werden können und müssen, tritt len die gleichen Chancen des Gewinnens hat; der einzelne Spieler wird
an die Stelle des wissenschaftlichen Beweises notwendigerweise der Glau- aber auf der Grundlage eines Traumes etc. daran „glauben", daß seine
ben. Thomas Mann erzählt z.B. mit viel Humor, daß es in der Chicagoer Zahlen unbedingt gezogen werden müssen. Die objektive Möglichkeit,
Klinik, wo er operiert wurde, als Taktlosigkeit galt, sich über die Medizin, das Meinen zum Wissen weiterzuführen, hat auf einen solchen „Glau-
die man erhielt, zu erkundigen, selbst wenn es sich um allbekannte Haus- ben" überhaupt keinen Einfluß. Das Beispiel ist freilich ein Extrem. Es
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wäre aber sicher möglich, an einer Fülle von Tatsachen im Alltagsleben religiösen Glaubens, der ihn von ähnlichen Akten des Alltagsdenkens
eine ähnliche Struktur nachzuweisen, und diese ist trotz der eben behan- so scharf unterscheidet.
delten erkenntnistheoretischen Bedenken dem Wesen des subjektiven A k - Die Feststellung der Emphase und der ihr zugrunde liegenden Bezo-
tes nach doch am präzisesten mit dem Terminus „Glauben" bezeichnet. genheit auf das wesentliche Schicksal des ganzen Menschen scheint einen
Ohne Frage,tritt dabei die bereits behandelte strukturelle Verwandt- Abgrund zwischen Alltag und Religion aufzureißen. Damit ist jedoch,
schaft zwischen magischer Periode und Alltag klar hervor. Besonders, wenn wie wir sehen werden, die wesentliche strukturelle Verwandtschaft zwischen
wir daran denken, daß die Magier die transzendenten Mächte gewisser- diesen beiden Lebenssphären nicht vernichtet. Wir verweisen dabei wieder
maßen „technologisch" behandelt haben, so daß die für den Alltag fest- nur kurz auf die Verwandtschaft zwischen magischer Praxis und der des
gestellte Mischung von unbekanntem (subjektiv als transzendent erleb- Alltags, schon darum, weil darin das vielleicht wichtigste Kennzeichen des
tem) Wesen und zur Gewohnheit gewordenem unbewußtem Verhalten Alltagslebens, die unmittelbare Verknüpftheit von Theorie und Praxis,
im konkreten Fall hier ihr strukturelles Modell hat. Die bloß strukturelle deutlich zum Ausdruck gelangt. Wenn wir dabei an die magische Auf-
Art der Verwandtschaft zwischen Magie und Alltag kann nicht scharf fassung der als transzendent vorgestellten Mächte oder Kräfte denken, so
genug hervorgehoben werden, denn jede inhaltliche Annäherung ist eine tritt klar hervor, daß Transzendenz hier einfach etwas Unbekanntes be-
Mystifikation, ein unzulässiges Analogisieren. Auch wenn ein heutiger deutet und ihre „Tiefe" einfach eine Modernisierung ist, indem man alle
Mensch abergläubische „Riten" befolgt (mit dem rechten Fuß zuerst auf- viel später entstandenen Gedanken und Gefühle, die etwa den Grund des
treten etc.), haben seine Gefühlsinhalte, Vorstellungen etc. nichts mit den von Kant bestimmten Begriffs des Glaubens im eigentlichen Sinne (im
Inhalten der magischen Periode gemein. Wir könnten ja deren Empfin- Gegensatz zum Meinen) bilden, durch welche das faktisch Unbekannte in
dungs- und Gedankenwelt auch bei einer viel genaueren Kenntnis aller ein prinzipiell Unerkennbares verwandelt wird, ohne jede historische Be-
Umstände, die natürlich i m Alltagsleben nicht vorhanden ist, unmöglich rechtigung in die Anfangszeiten projiziert. Selbst als viel später animi-
reproduzieren. Nur die allgemeinsten Formen des Aberglaubens kön- stische Anthropomorphisierungen entstehen, als die Beziehung der Men-
nen traditionell überliefert werden; die Verwirklichung, den gelebten In- schen zu ihren Lebensmächten ethische Akzente erhält, bildet sich der
halt liefert aber immer die Gegenwart. Das wirkliche Problem des Glau- Gedanke - und das ihn fundierende und begleitende Gefühl - der Trans-
bens entsteht jedoch erst mit der Überwindung der magischen Periode zendenz im modernen Sinne nur sehr allmählich aus. (Man denke an die
durch den Animismus, später durch die Religion. Das Problem zeigt sich Göttervorstellungen der Homerischen Gedichte.) Der emphatische Cha-
sogleich in einer bestimmten Gefühlsbetontheit des subjektiven Verhal- rakter des religiösen Verhaltens kann nur dann entstehen und aufblühen,
tens. Die gefühlsmäßige Emphase ist bei dem religiösen Glauben und bei wenn es den ganzen Menschen in einer Weise erfaßt, die zumindest eine
dem, was wir im Alltagsleben mit diesem Terminus bezeichnet haben, ethische Komponente, einen ethischen Unterton hat. Denn auch in der
kaum vergleichbar. Wenn ich daran „glaube", daß mein Flugzeug ohne magischen Periode (und nicht selten im späteren Alltagsleben) handelt es
Absturz sein Ziel erreichen wird, oder daran, daß Christus auferstanden sich um Aktionen, Entscheidungen etc., die über Wohl und Wehe, ja über
ist, so vollziehe ich zwei weit auseinanderliegende Akte des Denkens und die Existenz schlechthin des Menschen entscheiden. In solchen Fällen
des Empfindens. Ja, die Emphase im religiösen Glauben gibt auch dem entsteht naturgemäß eine starke Gefühlsbetontheit; indem aber Erfolg
gedanklichen Element eine sonst in der Alltagspraxis nur ausnahmsweise oder Mißgeschick vom Anwenden äußerlich-praktischer Regeln abhängt,
auftretende Betonung: nämlich daß sein Inhalt wie seine praktischen fehlt den Emotionen jene Wendung nach innen, jene Reflexion auf die
Folgen den ganzen Menschen angehen, daß die Art der Aufnahme dieses inneren Fundamente der eigenen Persönlichkeit, die ein wesentliches M o -
Inhalts wie die Reaktion darauf sein gesamtes Schicksal bestimmen. Es ment der religiösen Emphase ausmacht. ( U m unsere Betrachtungen nicht
handelt sich also - im Gegensatz zu den auf „Glauben" basierten parti- allzusehr zu komplizieren, sehen wir einerseits ab von jenen Begeben-
kularen Handlungen des Alltagslebens - um etwas Universelles im sub- heiten des Alltagslebens, in denen eine ethische Komponente mitwirkt,
jektiven wie im objektiven Sinn der Intention. Diese Universalität, der in andererseits von jenen des religiösen Verhaltens, in denen noch die ma-
ihr enthaltene Verpflichtungskreis ergibt jenen emphatischen Akzent des gischen Überreste dominieren.) Die religiöse Emphase richtet sich also
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auf etwas prinzipiell Transzendentes, auf ein Jenseits dem realen irdi- die Welt des Unbekannten wesentlich als unverändert aufgefaßt wird. Die
schen Leben gegenüber; auch wenn nicht der Tod, die Bewahrung und unmittelbare Verknüpftheit von Theorie und Praxis im Alltagsleben ist
das Schicksal des Ichs nach dem Tode das konkrete Thema bilden, auch die wichtigste Grundlage dafür, daß das Theoretische eine solche Fassung
wenn der Ausgangs- und Zielpunkt des jeweiligen religiösen Akts ein un- erhält. Es ist aber dabei notwendig, festzustellen, daß gerade dadurch -
mittelbar diesseitiger ist, schiebt sich zwischen den konkreten ganzen von unten, aus dem Arbeitsprozeß - Tendenzen wirksam werden, die in
Menschen und den Gegenstand seiner religiösen Intention eine prinzipielle die Richtung von Erkenntnis, Wissen und Wissenschaft weisen, daß diese
Transzendenz; nicht ein einfach Unbekanntes, sondern ein - mit den nor- [Tendenzen] auch dort, wo verschiedene soziale Kräfte dieses Meinen zum
malen Mitteln des Lebens - prinzipiell Unerkennbares, das aber durch ein „Glauben" verweisen, infolge der vitalen Zwangsläufigkeit eine gewisse
richtiges religiöses Verhalten zum intimsten Besitz des Menschen werden Verifikation der Vorstellungen, die originäre Intention des Meinens nur
kann. Die so entstehende Spannung, deren äußerst verschiedene Typen selten völlig verschwinden lassen.
wir hier natürlich nicht einmal andeuten können, liegt dem emphatischen Auch das religiöse Verhalten ist auf einer unmittelbaren Beziehung von
Charakter des religiösen Glaubens zugrunde. Denn sosehr in vielen Re- Theorie und Praxis basiert. Das ist überall, wo magische Überreste vor-
ligionen das Einhalten der Riten, Zeremonien etc. für das Erreichen sol- herrschen, ohne weiteres evident. Aber auch dort, wo bereits genuin reli-
cher Ziele als unvermeidlich aufgefaßt wird (also bestimmte, freilich oft giöse Erlebnisse entstehen, bleibt diese Struktur aufrechterhalten. Denn es
modifizierte, oft starr spiritualisiertc Strukturformen der Magic aufbe- handelt sich ja um Heil oder Untergang des ganzen Menschen bzw. dessen,
wahrt werden), bleibt diese subjektive Bezogenheit auf das Subjekt, auf worin das Zentrum seiner letzthinnigen Existenz erblickt wird. Diese
den ganzen Menschen unaufgehoben bestehen; die Beichte hat z.B. einen allerallgemeinste Formulierung begreift Himmel und Hölle wie Nirwana
ritenhaften Rahmen, die subjektive Aufrichtigkeit wird jedoch als uner- und Sansara in sich. M i t einer derartigen Setzung entstehen jene wich-
läßliche Bedingung ihres transzendenten Effekts betrachtet, was in der tigen Modifikationen in der Konzeption der Transzendenz wie in der
Magie offenbar nicht der Fall war. Fassung des Begriffs der Theorie für diese Sphäre. Beginnen wir mit
Trotz dieser deutlichen Entfernung von Magie und Alltag bleibt deren der Klärung des Transzendenzbegriffs. Wir haben gesehen, daß die
Grundstruktur, die unmittelbare Verbindung von Theorie und Praxis, Wissenschaft, solange sie wirkliche Wissenschaft bleibt und sich nicht
dennoch erhalten. Freilich muß dabei der Begriff der Theorie als Gehalt zur idealistisch-philosophischen oder religiös-theologischen Reflexion über
und Objekt des Glaubens noch weiter konkretisiert werden. W i r haben Ergebnisse und Grenzen der Wissenschaft, über ihre Stelle im Leben des
früher [104 ff.] die Rolle des „Glaubens" im Alltagsleben und -denken Menschen, über ihre Bedeutung für die Gesamtheit der menschlichen
etwas zergliedert und kamen dabei zum Ergebnis, daß es sich dabei um Existenz entwickelt, das Unbekannte bloß als ein noch Unbekanntes zu
eine Modiiikation des Mcincns handelt, indem die verschiedensten ge- behandeln gezwungen ist. A m deutlichsten ist dies bei Kant zu sehen. Als
sellschaftlichen Gründe sowie die dadurch bedingten subjektiven Verhal- idealistischer Philosoph betrachtet er die Welt der Dinge an sich als abso-
tensarten in engster Verbindung mit dem unmittelbaren Zusammenhang lut transzendent; als Theoretiker der Wissenschaftslehre hat auch bei ihm
von Theorie und Praxis eine Weiterbildung in der Richtung zur verifizier- die konkrete Eroberung des noch Unbekannten keine Grenze. (Für diese
baren Erkenntnis verhindern. Diese Möglichkeit ist jedoch objektiv in Betrachtungen ist es nicht wichtig, daß Kant dieses Gebiet - metaphy-
vielen Fällen vorhanden, nur pflegt sie sich sehr oft aus den geschilderten sisch - als Welt der Erscheinungen bewertet, da seine Methodologie ge-
Gründen so zu verwirklichen, daß ein Weiterführen des Meinens zum rade darauf ausgeht, die unbezweifelbare Objektivität der hier erlangbaren
Wissen doch nicht erfolgt, z . B . wenn jemand den „Glauben" an seinen Erkenntnisse philosophisch zu begründen.) Die Frage selbst ist jedoch
Arzt verliert und diesen nun auf einen anderen Arzt überträgt. Natürlich lange nicht so formal, wie die „Kritik der reinen Vernunft" sie darstellt.
gibt es im Alltag ebenfalls viele entgegengesetzt sich auswirkende Fälle, Der echte Glaube - nicht der von der reinen Ethik destillierte Glaube
besonders auf dem Gebiet der Arbeit. Die beiden Tendenzen unterschei- Kants - gestattet keine derartige Zweiteilung der Welt; wo eine solche
den sich aber darin, daß im zweiten Fall etwas aus der Masse des Unbe- vollzogen wird, und sie wird es in vielen Religionen, bleibt es nicht bei
kannten erobert, zu Kenntnis gemacht wird, während beim ersten Typus einer unpathetischen Nebeneinanderstellung von Erscheinung und Ding
110 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 111

an sich, die beide Objekte der Erkenntnis sind, sondern [diese Zweiteilung] Die religiöse Trennung von Erscheinung und Wesen als Gegensatz des
steigert sich emphatisch zum Gegensatz von Kreatur und Gottheit, von Kreatürlichen und Göttlichen ist ohne Annahme eines Demiurgos nicht
Sansara und Nirwana etc. Erscheinung und Wesen sind unmittelbar auf vollziehbar, auch in dem Falle nicht, wenn die religiöse Konzeption über
das sein Heil suchende Subjekt bezogen, und erst durch diese Bezogenheit einen allmächtigen Schöpfergott hinausstrebt (wie in einzelnen gnostischen
erhalten sie ihre eigentliche religiöse Gegenständlichkeit. Dieser Primat Sekten oder im Buddhismus), wie ja auch diese Weltanschauung unmög-
der subjektiven Bedürfnisse in der Entstehung der spezifischen Gegen- lich mit der Konzeption einer Welt vereinbar ist, die unentstanden und un-
ständlichkeit verbindet die Religion mit der Magie, allerdings bei der zerstörbar in Natur und Gesellschaft rein von deren immanenten Ge-
bedeutsamen Differenz, daß die auslösenden subjektiven Affekte wie setzen bewegt wird.
Furcht, Hoffnung etc. hier von den Bedürfnissen des Alltagsmenschen, Der so entstehende religiöse Begriff der Transzendenz hat ein Janus-
von Hunger, physischen Gefahren etc., bestimmt sind, während dort der gesicht. Einerseits ist die Transzendenz für den „irdischen Verstand", vor
Grundtendenz nach eine ethisch gefärbte Sublimierung vor sich geht, die allem für die Wissenschaft mit ihrer immanenten Selbstentwicklung, prin-
ganz allgemein als Heil der Seele umschrieben werden kann. Erst die so zipiell und absolut unerfaßbar. Andererseits jedoch gibt es in den meisten
bedingte Art des Gegenständlichsetzens von Erscheinung und Wesen er- Religionen einen „königlichen Weg" (oder mehrere), der die Transzen-
gibt die Basis für das Spezifische sowohl der Transzendenz wie jener denz, ohne ihren Charakter aufzuheben, zum vertrauten Besitz des mensch-
Theorie, die auch hier in unmittelbarer Beziehung zur Praxis steht. lichen Subjekts machen kann. In dieser Koexistenz der beiden Extreme,
Von dem Augenblick an, wo die anthropomorphisierende Verallgemei- die im Laufe der Geschichte in den verschiedensten Weisen aufgetreten
nerung einen Demiurgos der Welt setzt, ist auch das Verabsolutieren der sind, ist der objektive Grund für die religiösen Spannungen zu suchen:
Transzendenz vollzogen. Die Welt mag so oder so, bis zu diesem oder der Auslöser jener Emphase, über deren Wichtigkeit für das religiöse
jenem Grad erkennbar und von dort an unerkennbar sein, der Schöpfer Verhalten wir bereits gesprochen haben. Es ist eine subjektive Span-
ist im allgemeinen Sinn als transzendent gesetzt; zwischen Schöpfer und nung, die, subjektiv verbleibend, für die subjektiven Affekte (Furcht,
Schöpfung entwickelt sich allmählich eine Hierarchie, in welcher jener Hoffnung etc.) entsprechende Objekte setzt, und zwar gerade in diesem
eine absolute qualitative Superiorität über diese zugesprochen bekommt. Zusammenhang von unaufhebbarer Transzendenz und innigster Ge-
Das ist aus der pathetischen Verallgemeinerung des Arbeitsprozesses vom fühlsnähc, Gcfühlserfüllung; diese kann aber nur dann ihre spezifische
Subjekt aus durchaus verständlich. Auch in der griechischen Philosophie, Intensität verwirklichen, wenn beide Momente bis zur Untrennbarkeit
insbesondere bei Piaton und Plotin, wird diese Beziehung so gewertet: ineinander übergehen. Dadurch vereinigen sich in diesen Affekten (und
Der Schöpfer steht unbedingt höher als das von ihm Geschaffene. Es ist in den von ihnen aus gesetzten Objekten) die wesentlichsten Widersprü-
ein jahrtausendelanger Prozeß, eine gewaltige Entwicklung der Werkzeuge, che des menschlichen Lebens; vor allem ein Gefühl, in welchem die
Geräte, ja Maschinen nötig, um die idealistische Philosophie zu einer rea- Nichtigkeit des Menschen, des Menschenwesens vor der Unendlichkeit
listischen Umkehrung dieses in jeder Hinsicht falsch aufgefaßten Ver- des menschlichen und außermenschlichen Kosmos mit der unzerstör-
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hältnisses zu veranlassen; so in der Hegeischen Dialektik. Diese Richtig- baren Einzigartigkeit seines Wesens, die Widersprüchlichkeit aufbewah-
stellung der Proportionen prallt naturgemäß von der religiösen Konzep- rend, vereinigt wird. Und die gegensätzliche Einheit von Ohnmacht und
tion der Welt ab, denn jeder endgültige Bruch mit der bloß weltlichen Allmacht, von Zerknirschung und Hochgefühl konkretisiert sich in den
Kreatürlichkeit des wirklichen Menschen bedeutet eine Absage an die verschiedenartigsten Variationen angesichts von Lebensproblemen wie
religiöse Weltanschauung. Die Hegeische Philosophie ist auch in bezug Tod und Liebe, Einsamkeit und brüderliche Gemeinschaft, Verstocktheit
auf diese Frage äußerst mehrdeutig. Denn es ist klar, daß die Hegeische in Schuld und innere Reinheit der Seele etc. In alledem ist die unmittel-
dialektische Auffassung des Verhältnisses vom Arbeitssubjekt zum ob- bare Verknüpftheit des Glaubens mit seinen praktischen Folgen (Theorie
jektiven Prozeß der Arbeit jener Anthropomorphisierung des subjek- und Praxis des Alltags in emphatischer Steigerung) klar sichtbar: Der
tiven Verhaltens, auf welcher alle Demiurgos-Konzeptionen beruhen, Inhalt des Glaubens, die Gefühle, Gedanken, Handlungen etc., die dar-
den theoretischen wie den gefühlsmäßigen Boden entziehen müßte. aus folgen, haben - nach der religiösen Auffassung - unermeßliche K o n -
112 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 113

Sequenzen für den sich hier entscheidenden Menschen: für das Heil sei- gen. Auch hier kann es nicht unsere Aufgabe sein, die Fülle der dabei auf-
ner Seele. U n d damit ist zugleich Gegenständlichkeit und Umkreis der tretenden Probleme auch nur anzudeuten. Es m u ß nur darauf hingewiesen
Transzendenz ganz deutlich umschrieben: Das Transzendente ist aus werden, daß im Gegensatz zur Wissenschaft selbst, deren Ausgangspunkte
einem faktischUn bekann tenzueinem prinzipiell Unerkennbaren geworden; und Folgerungen stets verifizierbar sein müssen, die Theologie notwendig
die Transzendenz ist somit ein Absolutes. Es gehört zum konstituierenden jene Objekte und Zusammenhänge, die vom Glauben anthropomorphi-
Wesen der religiösen Sphäre, für sich selbst, für ihre eigenen Verhaltens- sierend gesetzt werden, sich prinzipiell ohne Kritik zur Grundlage macht
weisen, auf deren Vielfältigkeit wir jetzt nicht eingehen können, aucli die und bloß gedanklich verallgemeinert und sie dadurch - ohne den Willen
Möglichkeit einer mehr oder weniger restlosen Überwindung der Trans- und die Fähigkeit, ihre anthropomorphisierende Wesensart aufzuheben -
zendenz zu beanspruchen und zwischen dem ganzen Menschen und der als Dogmen fixiert. Die formelle, die sozusagen technologisch-gedank-
religiösen Transzendenz doch eine unmittelbare und innige Verbindung - liche Behandlung mag in der Theologie formell noch so sehr auf Logik, auf
ja zuweilen eine Einheit - herzustellen. Damit erhält erst der Glaube sei- wissenschaftliche Methodik orientiert sein, die Tatsache, daß die ent-
nen prägnant eigenartigen Charakter; er befreit sich von jener schimmern- scheidende Evidenz der Dogmen auf den Glauben basiert ist, an diesen
den Verwandtschaft mit dem abortierten Meinen, das das Alltagsleben appelliert und ohne dessen In-Funktion-Treten auch als Gedankenbau
charakterisiert: Er wird zur zentralen, entscheidenden Verhaltensart, in- zusammenbrechen m u ß , zeigt, daß die Theologie nicht eine eigenartige
dem er radikal mit jedem Wunsch nach einer objektiven Vcrifizierbarkeit Wissenschaft vorstellt, sondern bloß einen Bestandteil des religiösen Le-
bricht, die jedem Meinen letzten Endes doch zugrunde liegt, und - dem an- | bens bildet, der mit diesem steht und fällt und keinerlei unabhängige Gel-
thropomorphisierenden, vom Subjekt aus Objekte schaffenden Wesen tung diesem gegenüber beanspruchen kann. Das Herausgewachsensein
der religiösen Sphäre entsprechend - die Erfüllung dezidiert ins Subjektive J aus der Magie, das Aufbewahren ihrer Überreste und - vor allem - die
bzw. in ein subjektiv-anthropomorphisierend geschaffenes Pscudo- mit dem Alltag (und nicht mit Wissenschaft und Kunst) verwandte Struk-
Objektfeld verlegt. Während also das Meinen auch in seiner alltäglichen, ' tur der religiösen Sphäre werden also durch die Theologie unberührt ge-
zum „Glauben" verzerrten Weise doch eine Art Vorform der Erkenntnis
lassen.
bleiben muß, erhebt der Glauben in seinem originär religiösen Sinn den
Die hier entstehende unauflösbare Problematik hat Nicolai Hartmann
Anspruch, Erkenntnis und Wissen zu beherrschen, eine höhere Form der
richtig beschrieben. D a ß er diese nicht auf die Theologie beschränkt hat,
Bewältigung der wesentlichen Wirklichkeit zu sein.
sondern eine ganze Reihe von Philosophien bis zum Pragmatismus mit ein-
Darum ist die Formel von Anseimus, das „Credo ut intclligam", die ' bezieht, hat hier für uns schon darum keine entscheidende Bedeutung, weil
klassische Form dieses Verhältnisses. Es ist für diese Betrachtungen selbst- auch unsere Betrachtungen immer wieder auf den kryptotheologischen
redend unmöglich, die so außerordentlich variierten Erscheinungsweisen Charakter vieler Philosophien hinweisen. Hartmann geht hierbei sehr
des Verhältnisses von Glauben und Wissen zu berücksichtigen. Jeden- radikal vom Unterschied des tierischen und des menschlichen Bewußtseins
falls ist es evident, daß die klassische Form historisch eher ein Ausnahme- aus und betrachtet - im wohltuenden Gegensatz zu vielen modernen Ver-
fall als Ausdruck einer Regel sein kann. Denn das Vordringen der Wis- herrlichern des „Urtümlichen" - die unmittelbar und untrennbar auf das
senschaft macht es oft außerordentlich schwer, die bekannte Wirk- „Subjekt" zentrierte Apperzeption der Welt als „geistloses Bewußtsein",
lichkeit im Sinne des Glaubens, im Sinne seiner konkreten Inhalte dessen „Tiefe" in den „Niederungen" gefesselt bleibt. U n d er weist mit
und impliziten Axiome zu interpretieren wie Inhalte und Grenzen der Recht darauf, daß die Loslösung vom „geistlosen Bewußtsein" gerade in
religiös bestimmten Transzendenz als solche dem Bereiche des bloß vor- diesen erhabensten geistigen Gebieten am wenigsten erfolgt. „Im mythi-
läufig Unerkennbaren zuzuweisen. Wohl bildet die zur Kirche konstituierte schen Denken", führt Hartmann aus, „herrscht die Vorstellung vom
Religion immer wieder eine eigene Wissenschaft, die Theologie, aus, um Menschen als dem Ziel der Schöpfung vor. In religiöser und philosophi-
ihr auf dem Glauben beruhendes Weltbild der Form nach in wissenschaft- scher Weltanschauung kehrt die anthropozentrische Auffassung der Welt
licher Weise zu systematisieren und gegen die universalistischen Ansprü- - meist verbunden mit der Entwertung der realen Welt - immer wieder." 80

che der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Philosophie zu verteidi- Der Zweck seiner Darlegungen bringt es mit sich, daß diese nicht auf die
114 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 115

Theologie zugespitzt sind. Unsere Ausführungen zeigen, daß gerade in Abnahme der Intoleranz in solchen Fragen weist auf eine Abschwächung
ihr die höchste Aufgipfelung des Anthropomorphisierens, des „geistlosen des Glaubens hin, nämlich darauf, daß das Heil der Seele für den Glau-
Bewußtseins" zu finden ist. ben nicht mehr unzertrennlich an diese bestimmte Gegenständlichkeit ge-
D a hier keine Religionsphilosophie oder Religionskritik angestrebt wird, knüpft erscheint. Denn solange lebendig und leidenschaftlich geglaubt
sondern bloß das Herausarbeiten der Beziehung der Religion zum A l l - wird, kann es in Hinsicht auf das „Geradesosein" der religiösen Objekte
tagsleben, kann das Festhalten dieses Primats des Glaubens vor der Be- keine Vereinbarung, keinen Kompromiß geben. Das hat Hegel in seiner
glaubigung oder vor dem Beweis seiner Objekte, des Primats der Subjek- Jenaer Periode richtig erkannt: „Eine Partei ist dann, wenn sie in sich zer-
tivität vor jedweder-faktischen, wissenschaftlichen oder künstlerischen - fällt. So der Protestantismus, dessen Differenzen jetzt in Unionsversuchen
Objektivität für unsere Zwecke genügen. Damit bildet die Religion einen zusammenfallen sollen; - ein Beweis, daß er nicht mehr ist. Denn im Zer-
Bestandteil des Alltagslebens der Menschen mit der großen gesellschaft- fallen constituirt sich die innere Differenz als Realität. Bei der Entstehung
lich-geschichtlichen Variabilität von dem Beherrschen aller oder der mei- des Protestantismus hatten alle Schismen des Katholicismus aufgehört. -
sten Erkenntnisse durch den theologisch dogmatisierten Glauben bis zu Jetzt wird die Wahrheit der christlichen Religion immer bewiesen, man
s 1
dessen Rückzug auf die reine, völlig entleerte Innerlichkeit bei Preisgabe weiß nicht, für wen; denn wir haben doch nicht mit Türken zu thun."
alles objektiven Wissens an die Wissenschaft. Das Wesentlichste, die un- Das Bedürfnis nach Religion hört natürlich auch nach solchen Wand-
mittelbare Verknüpfung des Zieles, des Heils der Seele, mit der vom Glau- lungen nicht auf; es ist - wie wir Marxisten wissen - viel zu tief in der
ben bestimmten „Theorie" und ihren unmittelbar praktischen Folgen, Existenzweise der Metischen in den Klassengesellschaften und in den
bleibt bei allen derartigen Wandlungen unverändert. Trotz dieses inneren Überresten dieser Existenzweise verankert, um infolge dieser sinkenden
Gleichbleibens sind diese Veränderungen für den konkreten Einfluß des Intensität und steigenden Zersetzung der gegenständlichen Konkretheit
Glaubens auf Wissenschaft und Kunst sehr wichtig. Im nächsten Kapitel, abzusterben. Ja, die so entstehende Wandlung, die stellenweise ausschließ-
in welchem wir die Entfaltung des desanthropomorphisicrenden Weltbe- liche Priorität der reinen Innerlichkeit und Subjektivität (Kierkegaard)
trachtens der Wissenschaft analysieren werden, braucht auf den konkre- bringt mitunter ihr wahres Wesen noch stärker zum Ausdruck, als dies in
ten Strukturwandel nur wenig Bezug genommen zu werden; da der aus- ihren Blütezeiten der Fall war. Allerdings sind dies Ausnahmefälle. Denn
schließende Gegensatz von Anthropomorphisieren und Desanthropomor- eine Subjektivität, die die Fähigkeit zur Objektivation völlig verliert, kann
phisieren evident ist. Einer eingehenden Betrachtung bedarf jedoch die leicht den Charakter einer physiognomielosen Uneigentlich keit erhalten.
prinzipielle und praktische Trennung der beiden anthropomorphisieren- Das heißt, da das allgemeine Bedürfnis nach Religion noch weiter wirk-
den Lebenssphären Kunst und Religion; unser letztes Kapitel wird dieser sam bleibt, zieht sich das religiöse Verhalten teils vollständig in eine ent-
Untersuchung gewidmet sein. Hier muß nur noch auf einen Gesichtspunkt leerte Subjektivität zurück, teils zerstreut es sich auf die verschiedensten
hingewiesen werden, auf die enge Beziehung des religiösen Glaubens zur Gebiete des Alltagslebens und lebt sich darin aus, daß es ihnen eine reli-
konkreten Gegenständlichkeit seiner anthropomorphisierend geschaffenen giöse „Färbung" verleiht, wobei naturgemäß die von uns wiederholt her-
Objekte; eine Beziehung, die derart intim ist, daß das Verblassen der K o n - vorgehobene Nähe zur Struktur des Alltagslebens besonders deutlich her-
kretheit der Objekte ein Verblassen des Glaubens mit sich zu führen pflegt. vortritt. Simmel gibt - ohne jede pejorative Absicht - eine gute Beschrei-
Der dogmatische Charakter einer jeden begrifflichen Verallgemeinerung bung dieser Lage: „Die Beziehung des pietätvollen Kindes zu seinen
(Theologie) ist also keine Entartung wie jeder Dogmatismus in Wissen- Eltern; des enthusiastischen Patrioten zu seinem Vaterland oder des eben-
schaft und Philosophie, sondern die notwendige Folge gerade dieser K o n - so bestimmten Kosmopoliten zur Menschheit; die Beziehung des Arbeiters
kretheit. Ein wirklich religiöser Mensch glaubt nicht an Gott im allge- zu seiner sich emporhebenden Klasse oder des adelsstolzen Feudalen zu
meinen, sondern an einen äußerst konkreten Gott mit genau bestimmten seinem Stand; die Beziehung des Unterworfenen zu seinem Beherrscher,
Eigenschaften, Taten etc. (selbst wenn dieser ein Deus absconditus ist). unter dessen Suggestion er steht, oder des rechten Soldaten zu seiner A r -
Das Dogma fixiert gedanklich gerade diese Konkretheit und, solange es in mee-alle diese Verhältnisse mit so unendlich mannigfaltigem Inhalt kön-
Geltung bleibt, mit einer notwendig intoleranten Ausschließlichkeit. Die nen doch, auf die Form ihrer psychischen Seite hin angesehen, einen ge-
116 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 117

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meinsamen Ton haben, den man als rehgiös bezeichnen m u ß . " A u f alle sensart gerade in Zeiten, die den Gegensatz von Religion und Wissenschaft
diese Fragen werden wir im letzten Kapitel ausführlich eingehen. bis zur Krise für jene steigern. Zur Zeit einer solchen Krise, beim Versuch,
Wenn wir nun das bisher Dargelegte in bezug auf Verwandtschaft und die Inhalte der Religion zu rationalisieren und auf diese Weise mit Wissen-
Verschiedenheit der Religion zum Alltagsleben kurz zusammenfassen, so schaft und Philosophie in Einklang zu bringen, flüchtete der späte Send-
kommen wir zu folgendem Ergebnis: Das religiöse Verhalten hebt sich auf ling zu einem philosophischen Empirismus, in der Hoffnung, damit für
den ersten Blick durch die emphatische Betonung des Glaubens vom ge- Mythologie und Offenbarung eine entsprechende Gedankenarmatur zu
wöhnliehen Alltag ab. Glaube ist hier nicht ein Mehren, eine Vorstufe des finden. A n seinem Versuch ist berechtigt: das Zusammenstellen von E m -
Wissens, ein unvollkommenes, noch nicht verifiziertes Wissen, sondern im pirismus und Offenbarung in Gegnerschaft zu einer rational-systematischen
Gegenteil ein Verhalten, das allein den Zugang zu den Tatsachen und gedanklichen Bearbeitung der Wirklichkeit. Ob dies nun, wie bei Send-
Wahrheiten der Religion eröffnet, das zugleich die Bereitschaft in sich ling oder Kierkegaard, offen ausgesprochen wird oder ob, wie in früheren
schließt, das auf diese Weise Errungene zur Richtschnur des Lebens, der theologischen Systemen der Vereinigung des Wissens und des Glaubens,
unmittelbaren und sich auf den ganzen Menschen erstreckenden, ihn uni- wie bei Thomas von Aquino, der begrifflich geschlossen erscheinende Zu-
versell erfüllenden Praxis zu machen. Weder die „Tatsachen" noch die aus sammenhang diesen Tatbestand zu verdecken vorgibt, die pure Faktizität
ihnen gezogenen Folgerungen erfordern oder dulden eine Überprüfung von Form und Inhalt der Offenbarung kann nicht aus der Welt geschafft
ihrer Wahrheit oder Anwendbarkeit. Die Tatsachen sind durch höhere werden. U n d damit bleibt (wenn auch durch die theologische Dogmatik
Offenbarung beglaubigt, und diese schreibt auch die Art des Reagierens noch so raffiniert verborgen) der letzthinnige Empirismus des religiösen
auf sie vor. Der Glaube ist das Medium, wodurch das Subjekt mit diesem Verhaltens bestehen. Es ist in diesem Zusammenhang sehr interessant, daß
seinem selbstgeschaffenen Objekt, als einem unabhängig von ihm existie- auch von der anderen Seite, von der der Wissenschaft, eben der Empiris-
renden, in Beziehung steht; dieses Medium schafft auch die Unmittelbar- mus die Menschen empfänglich für einen Kompromiß mit der Religion
keit des Ziehens praktischer Konsequenzen: Das Leben Christi und die macht. Engels führt in seiner Kritik der spiritistischen Tendenzen unter
Nachfolge dieses Lebens sind durch den Glauben unmittelbar miteinan- den Naturwissenschaftlern seiner Zeit aus: „Es zeigt sich hier handgreif-
der verknüpft. lich, welches der sicherste Weg von der Naturwissenschaft zum Mystizis-
Die strukturelle Nähe zum Alltagsdenken kommt jedoch auch im ge- mus ist. Nicht die überwuchernde Theorie der Naturphilosophie, sondern
offenbarten Charakter der religiösen Wahrheiten zum Ausdruck. Das die allerplatteste, alle Theorie verachtende, gegen alles Denken mißtrau-
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Geoffenbarte ist nämlich für den Nichtgläubigen (auch für den Anhänger ische Empirie." Auch darin kommt wieder die weitgehende strukturelle
einer anderen Offenbarung) einfach ein empirisches Faktum, das wie jedes Verwandtschaft von Religion und Alltag klar zum Ausdruck.
andere einer Beglaubigung bedarf; erst durch den Glauben, nicht durch Die Einsicht in diese Struktur war notwendig, um die auf den ersten
seinen Inhalt an sich noch durch seine Beziehung zur Wirklichkeit, wird Augenblick überraschende Tatsache des friedlichen Nebeneinanderexistie-
es mit Emphase aus der unendlichen Anzahl von vielfach ähnlichen Tat- rens von zuweilen hochentwickelter Wissenschaft mit magisch-religiösen
sachen zu dieser Sonderstellung emporgehoben. Gerade dadurch wird zu- Vorstellungen, das mitunter lange Perioden überdauert, zu verstehen. So-
gleich die von uns bereits erwähnte Konkretheit des Geradesoseins, die lange es sich um rein empirisch gesammelte Erfahrungen in Jagd, Agri-
einzigartige Faktizität im Inhalt der Offenbarung hervorgehoben. Ob diese kultur etc. handelt, ist es ohne weiteres evident, daß die auf dieser Stufe
durch Dogmatik, durch Theologie auch „rational" „deduziert" wird oder unüberwindbare Unsicherheit des Lebens als Ganzen zu magischem Glau-
im Gegenteil gerade diese ihre krude Faktizität als Paradoxie in den Mittel- ben, Riten etc. führt. Diese Lage wiederholt sich aber auch auf viel höhe-
punkt gerückt wird und gerade die „Torheit" und das „Ärgernis" als ihre ren Stufen. So sagt Rüben: „Die indische Astronomie war in der Tat eine
notwendige Folge bei den Ungläubigen erscheint: Beides weist gleicher- merkwürdige Mischung von Aberglauben und Wissenschaft. Die Astro-
weise darauf, daß die Offenbarung nur durch diese Emphase des Glau- nomen waren Astrologen und Brahmanen und schleppten als solche eine
bens sich von jeder beliebigen empirischen Tatsache unterscheidet. Wie Last altererbten Aberglaubens mit sich, ohne auch nur die Absicht zu ha-
die reine Subjektivität des Glaubens, so erhellt sich die empiristische We- 84
ben, sich von ihm zu befreien." U n d derselbe Autor hebt an einer ande-
118 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 119

ren Stelle die hohe Entwicklung der indischen Mathematik hervor, die vie- Ausbildung bringen, ja deren Verallgemeinerungen dann wieder in den
les von den Griechen Geleistete übertraf. „Man hat", sagt er über ihre Art, Alltag zurückbilden, zeigt vielleicht am plastischsten der gesellschaftliche
unbestimmte Gleichungen zweiten Grades aufzulösen, „dies das Feinste ge- Gebrauch der Zahl. Im inneren Leben kleiner, primitiver Gesellschaften
nannt, was die Zahlenlehre vor Lagrange geleistet hat; erst dieser Mathe- entsteht nach Zahlen, nach den mit ihrer Hilfe vollzichbaren Manipula-
matiker hat diese Methode wiedergefunden und weitergebildet. Die in- tionen noch überhaupt kein Bedürfnis. Auch wenn von Mengen die Rede
dischen Mathematiker aber wurden zu solchen Problemen durch die ist, die wir, den Gewohnheiten unserer gesellschaftlichen Entwicklung ent-
Erfordernisse ihrer Astrologie angeregt, mit der sie eng verbunden blie- sprechend, ganz spontan, noch völlig im Rahmen des Alltagsdenkens ver-
ben. Dies macht es verständlich, daß die indische Philosophie von der harrend, unbedingt mit Zahlen ausdrücken würden, werden sie von den
Mathematik ebensowenig angeregt werden konnte wie von der Astrono- Primitiven als Individualitäten behandelt, die qualitativ erkannt und so
mie." 85
voneinander unterschieden, so miteinander in Beziehungen gebracht wer-
Über die hier negativ angedeutete Rolle der Philosophie werden wir im den. Levy-Bruhl bringt dafür, nach Dobritzhoffer, ein bezeichnendes Bei-
nächsten Kapitel ausführlich sprechen. Hier m u ß dem bisher Ausgeführ- spiel aus dem Leben der Abiponen: „... wenn sie im Begriff sind, zur Jagd
ten nur noch hinzugefügt werden, daß auch der empiristische Charakter aufzubrechen, schauen sie, ,sowie sie im Sattel sitzen, um sich herum, und
der anfänglichen technischen Entwicklung solchen Kompromissen zwei- wenn einer der zahlreichen Flunde, die sie halten, fehlen sollte, so begin-
fellos Vorschub leistete. Einerseits, weil die aus empiristisch-technischen nen sie ihn zu rufen... Ich habe es oft bewundert, wie sie, ohne zählen zu
Bedürfnissen gewonnenen wissenschaftlichen Ergebnisse eine Art von Iso- können, trotz der sehr beträchtlichen Meute, auf der Stelle sagen konnten,
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liertheit an sich tragen; die Entwicklung kann sehr leicht zum Stillstand daß ein Hund dem Ruf nicht Folge geleistet habe.'" M a x Schmidt wird
kommen oder zum Stillstand gebracht werden. Eine durch Konkurrenz wohl recht haben, wenn er das gesellschaftliche Bedürfnis, das dem Men-
auf Rationalität intendierende Produktion kann ja auch ihre Grundten- schen die Zahl, das Zählen und Messen aufgedrängt hat, im Tausch, im
denz, wieBcrnal gezeigt hat, oft nur auf langen Umwegen verwirklichen. beginnenden Warenverkehr erblickt. Auch er hebt hervor, daß in dem ma-
Andererseits hat das primitive Handwerk (und auch die anfangende Wis- teriellen Wirtschaftsleben primitiver Völker das Zählen kein Bedürfnis ist.
senschaft) den sozialen Charakter, Ergebnisse und Methoden traditionell, Dieses entsteht erst auf einer bestimmten Stufe des Verkehrs, des Waren-
gewohnheitsmäßig auszubilden, ja sie als „Geheimnis" von Familien, austausches. Deren Ausbreitung bringt es mit sich, daß bestimmte Güter in
Zünften etc. zu behandeln. Letztere Tendenz ist naturgemäß schon bei den bestimmten (zahlenmäßig bestimmten) Proportionen ausgetauscht werden.
Magiern, Medizinmännern etc. die vorherrschende, sie befestigt sich aber „Erst dadurch, daß dann eine allgemeiner begehrte oder umgekehrt in
überall, wo sich Priesterkasten ausbilden, und steht in einer sich gegensei- Uberzahl vorhandene Art von Gegenständen mit verschiedenen anderen
tig bestärkenden Wechselwirkung zu den eben zitierten Richtungen im Arten gleichzeitig in ein solches Tauschverhältnis eintritt, gibt sie ein Mit-
Handwerk. A l l dies erklärt hinlänglich die historische Tatsache, daß der tel ab, um auch diese letzteren zueinander in Wertbeziehung zu setzen. Sie
an sich vorhandene Gegensatz von Wissenschaft und Religion relativ so wird somit zunächst für diese anderen bestimmten Arten von Gegenstän-
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selten offen ausgetragen wurde. Das wissenschaftliche Denken wird - trotz den zum Wertmesser." Daß die Zahl, wenn einmal entdeckt, ebenso wie
bedeutender Einzelleistungen - auf das Niveau des Alltagsdenkens herun- die auf dem Weg des Messens entstandene Geometrie grenzenlose Mög-
ternivelliert und, als Ganzes betrachtet, zum Stillstand gebracht; d.h., es lichkeiten der wissenschaftlichen Ausbildung in sich birgt, ändert nichts
bringt nur soviel hervor, als für den Bestand der Gesellschaft unbedingt daran, daß sie sich Jahrhunderte-, jahrtausendelang in den oben skizzier-
nötig ist. ten alltäglich-religiösen Zusammenhang widerstandslos einfügen läßt.
Wenn Magie oder Religion die Zahlen rezipiert, in ihr eigenes System ein-
Die Tendenz, die wir hier untersucht haben, daßnämlich die gesellschaft-
baut, so wird diese Rückwendung durch qualitative Betrachtungsweise des
lichen Bedürfnisse die Menschen zu Abstraktionen nötigen, die, nach ihrer
Alltags noch deutlicher. Jede Zahlenmystik, jede religiöse Verwendung
inneren Dialektik ausgebildet, über das Denken des Alltags hinausweisen,
von Zahlen, jede magische Betonung der Glück oder Unheil bringenden
jedoch im Laufe der Geschichte doch im Umkreis der Alltagsgewohnhei-
Wirkungen bestimmter Zahlen etc. reißt die jeweilig gebrauchte Zahl
ten stehenbleiben und ihre inneren Möglichkeiten nur sehr beschränkt zur
120 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 121

(etwa 3 oder 7) aus der Zahlenreihe, in der sie ihren normalen quantitati- tisch - auch für den Alltag - mit der konkreten Ausbildung einer soziali-
ven Sinn hat, und verwandelt sie in eine bestimmte, einzigartige, gefühls- stischen Gesellschaft.
betonte Qualität, d.h., gibt ihr eine Stelle in der Denkstruktur des Alltags- Religion und Alltag stehen einander auch insofern nahe, als sie beide
lebens. die Transzendenz verabsolutieren. Im Alltag geschieht dies spontan und
Es scheint vielleicht, als ob wir bisher bei der strukturellen Annäherung naiv ebenso wie in der ursprünglichen Magie; das Noch-nicht-Gewußte,
von Magie, Animismus und Religion an das Denken und Fühlen des A l l - genauer: das unter den gegebenen konkreten Bedingungen unfaßbar Schei-
tags eine unzulässige Abstraktion begangen hätten. Wir haben zwar den nende wird als „ewig" transzendent betrachtet. Die Magie hebt sich nur in-
emphatischen Charakter der hier entstehenden Vorstellungsgebilde her- sofern vom Alltag ab, als sie auf Mittel und Wege sinnt, solche zu finden
vorgehoben, sind aber nicht darauf eingegangen, ob nicht - und wenn ja, meint oder vorgibt, die diese Transzendenz praktisch zu bewältigen schei-
inwiefern - hier auch eine Erhebung über den Alltag bezweckt und erreicht nen. Sie bringt insofern eine gewisse Spaltung ins Alltagsdenken hinein,
wird. Diese Tendenz ist vorerst wenig gedanklich, sie wird es aber in stei- als sie die Instrumente des praktischen Beherrschens der Transzendenz als
gendem Maße, indem die Religionen auch Weltbilder entwickeln (Kosmo- „Geheimnisse" behandelt, deren Kenntnis ein Privileg der Magier etc. ist.
logien, Geschichtsphilosophien, Ethiken etc.), um ihre Inhalte auch in der Den Menschen des Alltagslebens führt diese Spaltung jedoch zur Trans-
Sprache der Wissenschaft, der Philosophie auszudrücken. Sie wollen den zendenz, zum Glauben, zur unmittelbaren Verknüpfung der - transzen-
Menschen mit solchen Lehren, aber auch neben diesen mit den verschie- denten - Theorie mit der Alltagspraxis zurück. Diese Struktur, die der Ver-
densten Methoden (Askese, künstlich hervorgerufener Ekstase etc.) über mittlung der Transzendenz durch eine Kaste von „Spezialisten", bleibt
Denken und Fühlen des Alltags erheben. Es handelt sich dabei im allge- auch im Übergang von der Magie zur Religion erhalten, nur daß die Trans-
meinsten Sinne um das Erlebbarmachen einer absoluten Transzendenz. zendenz und das Verhalten zu ihr einen immer stärker angereicherten, kon-
Dabei müssen alle drei Worte gleichermaßen betont werden. Die Praxis kreteren, auf das gesamte menschliche Leben bezogenen Inhalt erhalten.
der Wissenschaft kennt nur eine relative Transzendenz, d.h. das Noch- Diese historisch so stark sich wandelnde Sphäre behält aber als Ge-
nicht-Gewußte, die noch nicht von wissenschaftlichen Gedanken be- meinsames und Bleibendes, daß die Transzendenz zwar von der im
herrschte, objektiv vom Bewußtsein unabhängig existierende Wirklichkeit. Alltagsleben und in der Wissenschaft erworbenen und erwerbbaren
(Es ist eine andere Frage, daß die idealistische Philosophie die Methodo- Wirklichkeit scharf geschieden wird, daß sie aber zugleich als unmittel-
logie der Wissenschaften, ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen im bare Antwort auf die unmittelbaren Fragen des Alltagsmenschen wirken
Sinne des Verabsolutierens der Transzendenz vielfach der Theologie ähn- soll.
lich auslegt; die Erörterung der verschiedenen Nuancen dieser Auffassun- Von Xenophanes bis Feuerbach ist die materialistische Philosophie einer
gen gehört nicht hierher, da, wie wir es bei Kant gesehen haben, die Meinung über den anthropomorphisierenden Charakter eines jeden reli-
Wissenschaftslehre - praktisch - doch mit einer relativen Transzendenz giösen Verhaltens vom primitivsten Animismus bis zum modernsten reli-
arbeitet.) D a die Wirklichkeit vom menschlichen Denken sowohl im quan- giösen Atheismus. Es braucht deshalb hier auch nicht auf die Hauptthese
titativen wie im qualitativen Sinn stets nur annähernd bewältigt werden dieser Anschauung, daß der Mensch seine Götter nach dem eigenen Eben-
kann, steht am Horizont des Lebens immer ein Bereich des Unbekannten; bild schafft, näher eingegangen zu werden, da hier ja nicht der Anspruch
anfangs vor allem als die ihn umgebende Natur, nach der Auflösung des der Religion, die Wahrheit zu verkünden, untersucht wird, sondern die
Urkommunismus, mit der Entstehung der Klassengesellschaften auch das Struktur des religiösen Verhaltens in bezug auf das wissenschaftliche (und
eigene gesellschaftliche Dasein, und zwar in steigendem Maße. Denn wäh- künstlerische), um auf Genesis und Entwicklungsrichtung der letzteren
rend die Entwicklung der Zivilisation immer mehr einstige Transzenden- ein klareres Licht zu werfen. Die wesentlichen Momente lassen sich so zu-
zen der Natur in erfaßbares, als gesetzlich erkanntes Wissen umwandelt, sammenfassen : V o r allem steht in jedem religiösen Verhalten der Mensch
wird die eigene Existenz für den Menschen des Alltags in den Klassen- im Mittelpunkt. Einerlei, wieweit die betreffende Religion ein kosmolo-
gesellschaften immer undurchsichtiger, immer „transzendenter". Diese gisches, geschichtsphilosophisches etc. Weltbild entwirft, das Entworfene
Lage ändert sich erst theoretisch mit der Entstehung des Marxismus, prak- ist immer auf den Menschen bezogen. Diese Beziehung hat aber stets einen
122 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 123

subjektivistisch-anthropomorphen Charakter, indem das so aufgebaute notwendig ist, bleibt auch auf entwickelter Stufe eine wirkliche Divergenz
Weltbild teleologisch auf den Menschen (auf sein Schicksal, auf sein Heil) des Alltagsdenkens.
zentriert ist, indem es sich unmittelbar auf sein Verhalten zu sich selbst, zu In alledem kommt wieder der dem Alltagsdenken nahestehende Charak-
seinen Mitmenschen, zur Welt bezieht. Auch wenn das religiöse Weltbild - ter der Religion zur Geltung. So energisch sie den Anspruch erhebt, den
wie im religiösen Atheismus - eine Sinnlosigkeit des kosmischen und Boden seines täuschenden und irreführenden Scheins weit hinter sich zu
historischen Weltablaufs verkündet, wenn es auf dem Standpunkt eines lassen, das Fundament einer unbestreitbaren Absolutheit (Offenbarung)
radikalen Agnostizismus steht, hört diese auf den Menschen teleologisch gefunden zu haben, dessen Erreichen unbezweifelbare Direktiven für Han-
zentrierte, anthropomorphistische Grundsteinstellung nicht auf. Die Leere, deln und Verhalten gibt, so hat die als Abschluß entstehende Struktur der
die Gottverlassenheit der Welt ist hier ebensowenig eine objektive Fest- unmittelbaren Beziehung von Theorie und Praxis, wie gezeigt, die denk-
stellung von Tatbeständen wie in der Theologie das Erlösungswerk Christi bar stärkste Verwandtschaft zu der des Alltagslebens. Dies folgt notwen-
oder Buddhas, sondern eine emphatisch-unmittelbare Forderung, ein A p - dig aus dem anthropomorphisierenden Charakter der religiös bearbeiteten
pell an den Menschen, in der so oder so beschaffenen Welt so oder so sein Weise der Widerspiegelung der Wirklichkeit. Wir haben nachzuweisen
Heil zu suchen. versucht, daß in der alltäglichen Widerspiegelung und Praxis bereits eine
Hier ist gerade der entscheidende Trennungspunkt zwischen Wissen- Tendenz zur Erkenntnis des Wesens enthalten ist. Diese wird aber erst im
schaft und Religion; auch wenn die systematisierende Theologie mit dem wissenschaftlichen Verhalten zu einer bewußten Methode: zur klaren Tren-
Anspruch auf Wissenschaftlichkeit auftritt und sich in Details der Metho- nung von Erscheinung und Wesen, um von einem deutlich erkannten We-
dologie, der Anerkennung von Tatsachen etc. der Wissenschaft anzunä- sen aus eine Rückkehr zur Gesetzlichkeit der Erscheinungswelt möglich zu
hern bestrebt ist, bleibt diese Ähnlichkeit auf der Oberfläche. Aus dem machen. Je energischer diese Methode ausgebildet wird, desto schärfer
objektiven Weltbild der Wissenschaft folgt nämlich - direkt - keine unmit- trennt sich die in der Wissenschaft widergespiegelte Wirklichkeit inhalt-
telbare Aufforderung zu einem vorausbestimmten Handeln, zu einer im lich wie formell von den unmittelbaren Spiegelungsarten des Alltags. D a -
voraus bestimmten Verhaltensweise. Natürlich bildet die Erkenntnis der durch erscheint das wissenschaftliche Spiegelbild der Wirklichkeit, vom
Außenwelt die theoretische Grundlage zu jedem Handeln. Dieses ent- Standpunkt des Alltags aus gesehen und gewertet, oft als paradox. Marx
springt (in seinen objektiven Motiven) ebenfalls aus den Gesetzen und hat - nachdem er ausführlich auseinandergesetzt hat, daß eine Erklärung
Tendenzen der Wirklichkeit; wo jedoch diese Motive wissenschaftlich klar- des Profits nur von dem Lehrsatz aus, daß die Waren durchschnittlich zu
gelegt werden, kann ihr erkanntes Wesen keine unmittelbare Zuspitzung ihren wirklichen Werten verkauft werden, möglich ist - dieses wichtige
auf das Handeln des Individuums besitzen. So entscheidend auch die wis- Ergebnis für die allgemeine Methodologie der Wissenschaft in ihrem Ver-
senschaftliche Erkenntnis für das Was und das Wie einer jeden Praxis sein halten zum Alltag plastisch verallgemeinert: „Dies scheint paradox und
mag, unmittelbar wie letzten Endes wird das menschliche Handeln vom der alltäglichen Beobachtung widersprechend. Es ist ebenso paradox, daß
gesellschaftlichen Sein bestimmt. Die wissenschaftliche Erkenntnis dient die Erde um die Sonne kreist und daß Wasser aus zwei äußerst leicht ent-
gerade dazu, alle solchen unmittelbaren und a priori bestimmten subjek- flammenden Gasen besteht. Wissenschaftliche Wahrheit ist immer para-
tiven Folgerungen aufzuheben, die Menschen dazu zu bringen, auf der dox vom Standpunkt der alltäglichen Erfahrung, die nur den täuschenden
Grundlage einer unbefangenen und objektiven Erwägung der Tatsachen Schein der Dinge wahrnimmt." 88

und Zusammenhänge zu handeln. Diese Tendenz wirkt sich natürlich auch Über die Rückverwandlung vieler Ergebnisse der wissenschaftlichen
im Alltagsleben aus; der Zusammenstoß der beiden Einstellungen läuft Widerspiegelung in unmittelbare Alltagspraxis haben wir bereits gespro-
hier sehr oft im Bewußtsein der Menschen nicht als der der wissenschaft- chen. Sie wird dadurch möglich, daß in dieser Rückverwandlung die para-
lichen und der religiösen ab, jedoch der Sinn: ob das menschliche Beherr- doxen Beziehungen der wissenschaftlich gespiegelten Welt wieder zur
schen der Wirklichkeit sich auf anthropomorphistischer, auf den Men- Unmittelbarkeit verblassen; ihre eigentlichen Kategorien verschwinden,
schen teleologisch zugespitzter Grundlage vollziehen kann oder ob zu Verfahren und Ergebnisse werden durch Gewöhnung, Tradition etc. ins
seinem adäquaten Vollzug eine gedankliche Entfernung dieser Momente Alltagsleben eingebaut, so daß die Resultate der Wissenschaft praktisch
124 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 125

verwendet werden können, ohne eine sofortige fundamentale Änderung bild seiner eigensten, persönlichsten Lebensprobleme (Wunsch, Angst,
des Alltagsdenkens hervorzurufen. D a ß das gesellschaftlich-geschichtliche Sehnsucht etc.) in diesen Mythen erkennt. Die gesellschaftlich-geschicht-
Kumulieren solcher Aneignungen der Ergebnisse der Wissenschaft auch lichen Wandlungen der Mythen, die sie hervorrufenden und von ihnen
das allgemeine Weltbild des Alltags verändert, ist selbstverständlich. Dies hervorgerufenen Gedanken und Gefühle gehören nicht hierher. Diese pfle-
geschieht jedoch zumeist vermittels auf der Oberfläche kaum merkbarer gen seit der Herrschaft der Magie einen den gegebenen Gesellschaftszu-
kapillarischer Änderungen, die allmählich Horizont, Inhalte etc. des A l l - stand konservierenden Charakterzug zu haben und werden auch bewußt,
tagslebens und -denkens weitgehend modifizieren, ihre wesentliche Struk- vermittels theologischer Interpretationen, in dieser Richtung ausgebildet.
tur aber vorerst nicht grundlegend verwandeln. (Natürlich kommen auch Es kommt aber auch vor, daß sie Wunsch, Angst, Sehnsucht etc. der U n -
Fälle der revolutionären Verwandlung vor; es genügt, an den Sturz der terdrückten laut werden lassen; Vico hat dies schon bei einigen griechi-
geozentrischen Astronomie zu denken.) schen Mythen erkannt, und ohne Frage bewegt sich z . B . die ketzerische
Wir sagten: Ein Weg von der Erscheinung zum Wesen ist auch in der Religiosität des Mittelalters von Joachim de Fiore bis zu Thomas Münt-
religiösen Widerspiegelung der Wirklichkeit vorhanden. Ihre Eigenart be- zer und zu den englischen Puritanern in dieser Richtung. Bei allen hier
steht jedoch gerade in ihrem anthropomorphisierendcn Charakter: Das, entstehenden stark gegensätzlichen gesellschaftlich-geschichtlichen Varian-
was als Wesen aufgefaßt wird, verliert für keinen Augenblick die mensch- ten bleibt aber dieselbe Grundstruktur bestehen: eine anthropomorphisie-
lichen Züge. Das heißt, ob es sich um die Beschaffenheit der Natur oder rende, mehr oder weniger bildlich-sinnliche „Auslegung" der Wirklichkeit
um menschliche (gesellschaftliche, ethische etc.) Probleme handelt, das als Erfassen ihres „Wesens", die sich direkt und emphatisch auf die Seele
Wesentliche wird in typischen menschlichen Charakteren und Schicksalen der einzelnen Menschen richtet, um in ihnen unmittelbar in die - religiöse -
zusammengefaßt, wobei das Typisieren (das Hervorheben des Wesent- Praxis umzuschlagen. Der Ablösungsprozeß der Wissenschaft vom Alltags-
lichen) in der Form von Mythen vollbracht wird, die dieses Wesentliche leben stößt also seinem Wesen nach auch mit der religiösen Anschauungs-
als ein Geschehen in uralter Vergangenheit, im Jenseits, eventuell auch weise zusammen; ganz abgesehen von den inhaltlichen Gegensätzen in der
mitten in der Geschichte, wie die Evangelien, darstellen, wodurch eine iso- Widerspiegelung der Wirklichkeit und deren Interpretation. D a ß unter
lierte Insel des Mythos entsteht. Auch soweit es sich um die Natur handelt, bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen diese Gegensätze sich - auch
arbeiten diese Mythen mit personifizierenden, anthropomorphisierendcn für lange Zeit - abstumpfen, ändert nichts an der prinzipiellen Unauflös-
Mitteln. Dadurch entsteht auch hier eine gewisse paradoxe Beziehung zwi- barkeit dieses Gegensatzes.
schen normaler Widerspiegelung der Welt im Alltag und zwischen ihren Der zweite wesentliche Gesichtspunkt ist, ob den Gegenständen einer
religiösen Spiegelungen. Der grundlegende Unterschied zur eben angedeu- solchen anthropomorphisierenden, anthropozentrischen Widerspiege-
teten Paradoxie der wissenschaftlichen Widerspiegelung besteht darin, daß lungsart der Wirklichkeit das Prädikat der Realität zugesprochen werden
nicht die (stets nur annähernd erfaßte) objektive Wirklichkeit im Gegen- kann. Bekanntlich steht und fällt jede Religion mit der Bejahung dieses D i -
satz zum unmittelbar Erlebten des Alltags steht, sondern diese mit einer lemmas. Die Konflikte mit der Wissenschaft erhielten in der Vergangen-
anderen, ebenfalls unmittelbar erlebbaren und zu erlebenden, von Anthro- heit zumeist die Wendung, daß auf dem Wege der Religion eine höhere
pomorphismen beherrschten Widerspiegelung kontrastiert wird. Was für Wirklichkeit (oder ein höheres Wissen über die Wirklichkeit) erreicht wer-
Probleme dabei entstehen, kann am besten an den verschiedenen Gott- den könne als auf dem der Wissenschaft. Wenn in Spätzeiten der Auflö-
Mensch-Mythen studiert werden. Natürlich verwenden die Theologien sung oder Zurückdrängung von Religionen der Gegensatz dahin abge-
viel Scharfsinn darauf, diese Paradoxien auch gedanklich zu klären. Die schwächt wird, daß es sich um eine „andere" Wirklichkeit (um einen „an-
genuin religiöse Beziehung kann aber dadurch höchstens unterstützt, nie- dern" Aspekt der Wirklichkeit) handelt, nicht um ein „über", sondern um
mals fundiert werden. Sie ist eine unmittelbare, emphatische Beziehung zu ein „neben" der wissenschaftlichen Widerspiegelung, so ändern mit sol-
einem Gottmenschen von dieser oder anderer Beschaffenheit. Die Ent- chen Mitteln erzielte oder erreichte weltanschauliche Kompromisse nichts
stehung dieses genuin religiösen Verhältnisses wird davon abhängen, wie- an der Grundtatsache, denn die bewußt anthropomorphisierende religiöse
weit jeder einzelne Mensch das idealisierte oder sinnlich-unmittelbare A b - Widerspiegelung m u ß den Anspruch erheben, die Produkte ihrer Wider-
126 Kap. 1: Probleme der Widerspiegelung im Alltagsleben Prinzipien und Anfänge der Differenzierung 127

Spiegelung als absolute Wirklichkeiten gelten zu lassen. Sobald dieser A n - thropomorphisierende, anthropozentrische Abbildlichkeit des Diesseits
spruch erlischt, hört die Religion auf, als Religion zu existieren. gerichtet ist, ist keineswegs ein Sich-Bescheiden der Religion gegenüber. Im
U m nun später ausführlich zu Behandelndes kurz vorwegzunehmen: Gegenteil. Diese objektive Intention enthält - einerlei, was Künstler oder
Hier ist das Feld der intimen Berührung, der gegenseitigen Befruchtung Rezeptive zeitweilig darüber denken - die Ablehnung einer jeden Trans-
und zugleich des unaufhebbaren Widerspruchs von Religion und Kunst. zendenz. In ihrer objektiven Intention ist die Kunst ebenso religionsfeind-
Feuerbach, der den Wirklichkeitscharakter der Religionen auch damit be- lich wie die Wissenschaft. Das Sich-Bescheiden auf diesseitige Abbildlich-
kämpft, daß er in ihnen bloße Produkte der menschlichen Phantasie er- keit involviert einerseits das souveräne Recht des Schaffenden, Wirklichkeit
kennt, sagt über diese Frage: „Die Religion ist Poesie. Ja, sie ist es; aber und Mythen nach eigenen Bedürfnissen umzumodeln. (Daß dieses Be-
mit dem Unterschiede von der Poesie, von der Kunst überhaupt, daß die dürfnis gesellschaftlich bedingt und bestimmt ist, ändert nichts an diesem
Kunst ihre Geschöpfe für nichts andres ausgibt, als sie sind, für Geschöpfe Tatbestand.) Andererseits wird von der Kunst jede Transzendenz - künst-
der Kunst; die Religion aber ihre eingebildeten Wesen für wirkliche We- lerisch - in Diesseitigkeit verwandelt, auf das gleiche Niveau als Darzustel-
sq
sen ausgibt." Lenin faßt diesen Gedanken in seinen Feuerbach-Kon- lendes gesetzt wie das eigentliche Diesseits. Wir werden später sehen, daß
spekten so zusammen: „Die Kunst fordert nicht die Anerkennung ihrer diese Tendenzen verschiedene gegen die Kunst gerichtete Theorien (Lügen-
90
Werke als Wirklichkeit." Ist der Anspruch auf adäquate Widerspiege- haftigkeit etc.) hervorrufen. Der aus diesen Antagonismen entspringende
lung der Wirklichkeit das Feld, wo Religion und Wissenschaft endlich Kampf zwischen Religion und Kunst ist dem allgemeinen Bewußtsein weit
zusammenstoßen müssen, so schafft die gemeinsame anthropomorphi- weniger gegenwärtig als der zwischen Wissenschaft und Religion, obwohl
sierende Methode der Widerspiegelung das Terrain für Berührung und freilich auch dieser - von beiden Seiten - oft verwischt wird. Wir werden
Konkurrenz von Religion und Kunst. Scheinbar macht die oben zitierte uns deshalb in einem eigenen Kapitel [Kap. 16] damit zu beschäftigen
Gegensätzlichkeit in bezug auf den Realitätsanspruch der Gebilde einen haben, wo natürlich auch die historischen, immer wieder auftauchenden,
Kampf hinfällig. Und tatsächlich gibt es lange und wichtige Perioden, in jedoch nicht aus dem objektiven Wesen beider Gebiete folgenden Gegen-
denen eine Zusammenarbeit relativ konfliktlos möglich war. Aber eben sätze zwischen Wissenschaft und Kunst gelegentlich zur Sprache kommen.
auch dann nur relativ. Denn die Gemeinsamkeit der anthropomorphisie- Es ist klar, daß alle diese objektiven Antagonismen sich unmöglich im
renden Widerspiegelung verrät, daß es sich bei beiden um die gesellschaft- Anfangsstadium der Menschheit äußern konnten. In der Magie sind noch
liche Erfüllung ähnlich gearteter Bedürfnisse handelt, jedoch in beiden Fäl- die undifferenzierten Keime von wissenschaftlichem, künstlerischem und
len in völlig entgegengesetzter Weise, wodurch die sich sonst nahe berüh- religiösem Verhalten vollkommen zur Einheit gemischt, und die aus der
renden Inhalte und Formen eine Tendenz zur Gegensätzlichkeit erhalten. Arbeit herauswachsenden Tendenzen der Wissenschaft können noch nicht
Es handelt sich um viel mehr als bloß um das Bedürfnis nach Personifika- bewußt werden. Die Ablösung erfolgt relativ spät, je nach den spezifischen
tion, das auf jeder primitiven Stufe am Anfang der erkennenden Bewälti- gesellschaftlichen Verhältnissen äußerst ungleichmäßig. Wir haben bereits
gung der Wirklichkeit entsteht, worin, wie wir gesehen haben, die Grund- darauf hingewiesen, daß in bestimmten Kulturen eine hohe Kunst, ehre
lage des Antagonismus zwischen Wissenschaft und Religion besteht [122]. relativ große Entwicklung gewisser Zweige und Probleme der Wissenschaf-
Wir werden später ausführlich zeigen, wie fundamentale menschliche Be- ten entstehen können, ohne daß von einem künstlerischen oder wissen-
dürfnisse die anthropomorphisierende Widerspiegelung der Wirklichkeit schaftlichen Geist, von einem subjektiven Bewußtwerden der objektiven
durch die Kunst wachgerufen haben. Diese berühren sich besonders auf Intentionen dieser Gebiete auch nur die Rede sein könnte. Wir werden im
primitiven Stufen sehr nahe mit denen, die die Religion befriedigt: mit dem folgenden zuerst die Prinzipien des Selbständigwerdens der Wissenschaft
Schaffen des Abbilds einer dem Menschen - subjektiv wie objektiv - im kurz untersuchen und die darauffolgenden Betrachtungen über einen ähn-
höchsten Sinne angemessenen Welt. lichen Prozeß in der Kunst mit der Darstellung ihres Befreiungskampfes
Die oben angedeutete Differenz, daß die Kunst den so geschaffenen schließen.
Gebilden - im Gegensatz zur Religion - keinen objektiven Wirklichkeits-
charakter zuschreibt, daß ihre tiefste objektive Intention auf bloße an-
Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 129

Zweites Kapitel Menschheitsentwicklung nur in Griechenland wirklich entfaltet; nur hier


erhebt er sich auf eine prinzipielle Höhe und bringt damit eine Metho-
Die Desanthropomorphisierung dologie des wissenschaftlichen Denkens hervor, die die Voraussetzung
dafür bildet, daß diese Art der Widerspiegelung der Wirklichkeit durch
der Widerspiegelung in der Wissenschaft Einübung, Gewohnheit, Tradition etc. zu einer allgemeinen, ständig
funktionierenden Verhaltensweise der Menschen wurde, daß nicht nur ihre
unmittelbaren Ergebnisse bereichernd auf das Alltagsleben einwirkten,
sondern auch ihre Methode die alltägliche Praxis beeinflußte, ja teilweise
I Bedeutung und Schranken umgestaltete.
der desanthropomorphisierenden Tendenzen Entscheidend ist gerade dieser bewußte, allgemeine, prinzipielle Cha-
in der Antike rakter des Gegensatzes. Denn wie wir bereits sehen konnten, läßt die
Entfaltung der Arbeitserfahrungen zwar vielfach einzelne, sogar hochent-
Wir haben gesehen, wie das Bedürfnis nach einer Erkenntnis der Wirk- wickelte Wissenschaften (Mathematik, Geometrie, Astronomie etc.) ent-
lichkeit, die sich nicht nur faktisch, in einzelnen Fällen, gewissermaßen zu- stehen; wenn jedoch die wissenschaftliche Methode nicht philosophisch
fällig, sondern prinzipiell, methodologisch, qualitativ über das Niveau des verallgemeinert und zu den anthropomorphisierendcn Weltanschauungen
Alltags erhebt, aus den Lebenserfordernissen des Alltagslebens, vor allem in Gegensatz gesetzt wird, können sich ihre einzelnen Ergebnisse den
der Arbeit herauswächst. Andererseits haben wir auch sehen können, daß verschiedensten magischen, religiösen Weltanschauungen anpassen, ihnen
dieses selbe Alltagsleben ununterbrochen Tendenzen hervorbringt, die eine einverleibt werden, und die Wirkung des wissenschaftlichen Fortschritts
umfassende Verallgemeinerung der Arbeitserfahrungen zur Wissenschaft einzelner Fachgebiete auf das Alltagsleben wird gleich N u l l sein. Diese
hemmen und hindern. Die Fortschritte des Menschengeschlechts auf pri- Möglichkeit wird noch dadurch gesteigert, daß die Wissenschaft in sol-
mitiven Stufen (und wie wir sehen werden, nicht nur auf diesen, wenn auch chen Fällen der Monopolbesitz, das „Geheimnis" einer eng geschlossenen
später mit viel geringerer Macht des Widerstandes) bringen Widerspiege- Kaste (zumeist von Priestern) zu sein pflegt, die eine Verallgemeinerung
lungs- und Denkformen hervor, die, statt die spontan-naiven Personifika- der wissenschaftlichen Methode zur Weltanschauung künstlich, institu-
tionen und Anthropomorphisierungsformen des Alltags radikal zu über- tionell verhindert.
winden, diese auf einer höheren Stufe reproduzieren und gerade dadurch Die spezifische Stelle Griechenlands in dieser Entwicklung, seine Ver-
der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens Schranken setzen. Engels körperung der „normalen Kindheit" des Menschengeschlechts (Marx), hat
gibt eine kurze Charakteristik dieser Lage: „Schon die richtige Widerspie- sehr bestimmte gesellschaftliche Grundlagen. Vor allem die besondere
gelung der Natur äußerst schwer, Produkt einer langen Erfahrungsge- Form der Auflösung der Gentilgesellschaft. Marx gibt darüber eine ein-
schichte. Die Naturkräfte dem ursprünglichen Menschen etwas Fremdes, gehende und ausführliche Analyse, aus welcher wir hier bloß die allerwe-
Geheimnisvolles, Überlegnes. A u f einer gewissen Stufe, die alle Kultur- sentlichsten Punkte hervorheben können. Das Wesentlichste scheint uns,
völker durchmachen, assimiliert er sie sich durch Personifikation. Dieser daß der einzelne Privateigentümer (und nicht nur Besitzer) seiner Parzelle
Personifikationstrieb schuf eben überall Götter, und der consensus gen- wird, daß aber gleichzeitig dieses Privateigentum an die Gemeindemit-
tium des Beweises vom Dasein Gottes beweist eben nur die Allgemeinheit gliedschaft gebunden ist: „Voraussetzung bleibt hier für die Aneignung
dieses Personifikationstriebs als notwendiger Durchgangsstufe, also auch des Grund und Bodens Mitglied der Gemeinde zu sein, aber als Gemeinde-
der Religion. Erst die wirkliche Erkenntnis der Naturkräfte vertreibt die 2
mitglied ist der Einzelne Privateigentümer." Das hat für die Produktions-
Götter oder den Gott aus einer Position nach der anderen... Dieser Pro- verhältnisse die natürliche Folge, daß keine Staatssklaverei entsteht (wie
zeß jetzt so weit, daß er theoretisch als abgeschlossen angesehen werden im Orient), sondern daß die Sklaven stets den Privateigentümern ange-
1
kann." Dieser Kampf zwischen den höheren personifizierenden Formen hören. Es ist klar, daß ein solches gesellschaftliches Sein auch bewußtseins-
des Denkens und den wissenschaftlichen hat sich in den Anfängen der mäßig in der Richtung einer gesteigerten und differenzierteren Ausbildung
130 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 131

der Subjekt-Objekt-Beziehung sich auswirken muß im Vergleich zu For- bedankt haben, ein Smithscher ,travailleur produetif' zu sein. Diese Men-
mationen, in denen die urkommunistischen Gemeinsamkeitsformen des schen sind so unter ihre fixen Bourgeoisideen unterjocht, daß sie glauben
gesellschaftlichen Lebens aufbewahrt bleiben und dabei - im Gegensatz würden, den Aristoteles oder den Julius Cäsar zu beleidigen, wenn sie
zu der in Griechenland erwachsenen Freiheit und Selbständigkeit der ein- dieselben ,travailleurs improduetifs' nennten. Diese würden schon den T i -
6
zelnen Gemeinden - unter zentralistischer, tyrannischer Flerrschaft stehen tel ,travailleurs' als eine Beleidigung betrachtet haben." Damit sind erst
(Orient). Diese Tendenz der Entwicklung wird noch dadurch gesteigert die gesellschaftlichen Grundlagen für die erste klare Trennung der wissen-
und beschleunigt, daß sie ganz eng mit der Entstehung und dem raschen schaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit von der des Alltags sowie
Wachstum von Städten, von städtischer Kultur verbunden ist. Diese in von der der Religion gegeben. Erst die so errungene Selbständigkeit der
Griechenland ausgebildete Form „unterstellt nicht das Land als die Basis, Wissenschaft macht es möglich, allmählich eine einheitliche wissenschaft-
sondern die Stadt als schon geschaffnen Sitz (Zentrum) der Landleute liche Methodologie und Weltanschauung auszubilden, die Kategorien in
(Grundeigentümer). Der Acker erscheint als Territorium der Stadt; nicht ihrer wissenschaftlichen Eigenart und Reinheit zu erkennen, die einzelnen
3
das Dorf als bloßer Zubehör zum Land." Die unauflösbare Problema- Ergebnisse der Praxis und der Forschung zu verallgemeinern und zu syste-
tik einer solchen Formation haben wir hier nicht zu untersuchen. Nur der matisieren etc.
Abrundung wegen sei bemerkt, daß Marx das relative Gleichbleiben der Natürlich bedeutet die so errungene Freiheit zur Selbstbewegung der
Vermögen als Grundlage der Blüte solcher Gemeinwesen betrachtet: „Die Wissenschaft nicht ihre konfliktlose Evolution. Im Gegenteil. Gerade da-
Voraussetzung der Fortdauer des Gemeinwesens ist die Erhaltung der durch wird es erst möglich, die inhaltliche und methodologische Gegen-
Gleichheit unter seinen freien self-sustainingpeasants und die eigne Arbeit sätzlichkeit zur Religion (auch zum Alltagsdenken) klar auszusprechen,
4
als die Bedingung der Fortdauer ihres Eigentums." wissenschaftlich zu formulieren. Eben deshalb wäre es falsch, diese Frei-
Diese Grundzüge der ökonomischen Entwicklung haben eine für unser heit unzulässig zu verabsolutieren. Aus unserer obigen Feststellung, daß
Problem äußerst wichtige Folge: Die auf diesem Boden entstehende poli- es für die griechische Religion und Priesterschaft unmöglich war, die Wis-
tische Demokratie (selbstredend eine solche der Sklavenhalter) erstreckt senschaft sich zu unterwerfen, folgt keineswegs ein friedliches Verhältnis
sich auch auf das Gebiet der Religion, wodurch eine frühe und weitgehende zwischen beiden. Das Herausarbeiten der spezifischen Kategorien und M e -
Emanzipation der Entfaltung der Wissenschaft von den sozialen und ideo- thoden der Wissenschaft bedeutete zwangsläufig einen immer entschie-
logischen Bedürfnissen der Religion möglich wurde. Jacob Burckhardt deneren Kampf gegen jede Art von Personifikation und damit gegen jene
stellt diese neue Lage mit ihren wichtigsten Folgen in den Mittelpunkt sei- Mythen, in denen die griechische Religiosität sich objektivierte. (Aus der
ner Betrachtungen: „Vor allem hatte hier kein Priestertum aus Religion von uns angedeuteten historischen Lage folgt ebenfalls notwendig, daß der
und Philosophie eins gemacht, und besonders bedingte die Religion auch, Kunst, besonders der Poesie, durch Ausbildung und Auslegung dieser M y -
wie schon gesagt, keine Kaste, welche als gegebene Hüterin des Wissens then eine sonst nie dagewesene Rolle zuteil wurde; woraus denn auch die
und Glaubens zugleich auch die Eigentümerin des Denkens hätte sein kön- auffallend feindselige Stimmung zwischen Philosophie und Poesie als eines
5
nen." Das ist jedoch bloß die negativ-befreiende Seite für die Entwick- der Merkmale der griechischen Entwicklung zu erklären ist.) Was die Re-
lung einer wissenschaftlichen Methode und Weltanschauung. Dieselben ligion betrifft, so darf man das Fehlen einer Priesterkaste nicht einfach als
Entwicklungstendenzen der griechischen Gesellschaft, die wir eben kurz gesellschaftliche Machtlosigkeit der Religion auffassen. Die ganze Struk-
geschildert haben, bringen auf der anderen Seite eine gesellschaftliche Ver- tur der Polis, die herrschende Stellung des öffentlichen Lebens, die sich
achtung der Arbeit hervor, deren Folgen man im Laufe der Geschichte der schon im Grundeigentum ausdrückt, indem man nur als Bürger der Polis
griechischen Wissenschaft und Philosophie immer wieder beobachten Privateigentümer seiner Parzelle sein kann, würde dem widersprechen. Der
kann. Marx verspottet Nassau Senior, weil dieser Moses einen „produk- religiöse Kultus, die Tempel etc. waren seit Anfang einer Gesetzgebung
tiven Arbeiter" nennt. Er hebt dabei den scharfen Gegensatz der Bezie- rechtlich, (und früher durch Sitte) geschützt. U n d im Verlauf der sich ver-
hung zur Arbeit in Antike und Kapitalismus hervor. „War es Moses von schärfenden Attacken auf die personifizierende, anthropomorphisierende
Ägypten oder MosesMendelssohn? Moses würde sich schön beiHerrn Senior Widerspiegelung der Wirklichkeit werden diese Gesetze auch auf die theo-
Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 133
132 Kap. 2; Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft

retischen Angriffe gegen die Religion ausgedehnt. So entstand in Athen das in einer Sklavenwirtschaft die Anwendung von Maschinen (eine wissen-
Gesetz gegen die „ Asebeia": „Es sollen die Leute vor Gericht gezogen wer- schaftliche Rationalisierung der Arbeit) ökonomisch unmöglich ist. Das
den, die nicht an die Religion glauben oder Unterricht in der Astronomie hat zur Folge, daß in der griechischen Entwicklung weder die Ergebnisse
7
erteilen." So wurdenz. B. Anaxagoras, Protagoras etc. verklagt. Es ist sehr der theoretischen Forschung einen ausschlaggebenden Einfluß auf die
bezeichnend, daß im Gesetz selbst, wie in der Anklage gegen Anaxagoras, Technik der Produktion noch die Probleme der Produktion eine befruch-
die Astronomie eine entscheidende Rolle spielt. Sie ist und bleibt für lange tende, weiterführende Wirkung auf die Wissenschaft haben konnten. Es
Zeit das Schlachtfeld, wo anthropomorphisierende und desanthropomor- ist bezeichnend, daß die meisten geistvollen Erfindungen Herons im Alter-
phisierende Widerspiegelungen der Wirklichkeit vor allem zusammensto- tum bloß Spielereien blieben und es der Wissenschaft der Renaissance vor-
ßen. Es zeigt sich aber zugleich, daß die in den Einzelheiten wissenschaft- behalten blieb, aus ihnen wirklich praktische und darum theoretische F o l -
8

liche, auf exakte Beobachtung und Mathematik fundierte Forschung nicht gerungen zu ziehen. Diese Schranke ist in der griechischen Wissenschaft
genügt, um den prinzipiellen Gegensatz auszutragen. Die in vieler Hin- und Philosophie überall spürbar; sie verhindert den konsequenten, bis in
sicht hochentwickelte Astronomie des Orients konnte in personifizierende die Details hinunterreichenden Ausbau des wissenschaftlichen Prinzips,
Begriffssysteme eingebaut werden. Erst die methodologische und weltan- der wissenschaftlichen Methode in der Ausbildung der Widerspiegelung
schauliche Verallgemeinerung bei den Griechen zeigt, daß sich an dieser der Wirklichkeit, die einheitliche Begriffsbildung in Wissenschaft und Phi-
Frage die Wege trennen können und müssen. Die griechischen „Asebeia"- losophie gerade in ihrem Gegensatz zum Alltagsdenken und zur Religion
Prozesse sind ein Vorklang jener Verfahren, die die Inquisition gegen Gior- und gleichzeitig den Ausbau eines allseitigen Zusammenhangs zwischen
dano Bruno und Galilei geführt hat. Wissenschaft und Praxis des Alltags.
Die griechische Entwicklung schafft auf diese Weise die Fundamente Innerhalb dieser Schranken hat jedoch die griechische Philosophie die
des wissenschaftlichen Denkens. Allerdings muß sogleich hinzugefügt entscheidenden Probleme der Eigenart der wissenschaftlichen Widerspie-
werden, d a ß dieselben Gesetze der griechischen Produktionsweise, die diese gelung der Wirklichkeit nicht nur aufgeworfen, sondern vielfach zu einer
Möglichkeit hervorgebracht haben, zugleich ihrer restlosen Entfaltung, vollen Klärung gebracht. Sie hat-und damit steht die Ausbildung der Dia-
ihrem konsequenten Zu-Ende-Führen unübersteigbare Hindernisse in den lektik auf einem hohen Niveau im engsten Zusammenhang - die For-
Weg stellten: die infolge der Sklavenwirtschaft entstandene Verachtung men der Trennung und der Gegensätzlichkeit wissenschaftlichen und
der produktiven Arbeit, das, was Jacob Burckhardt das Antibanausentum alltäglichen (auch religiösen) Denkens wie die Funktion der wissenschaft-
nennt. W i r können uns auch mit dieser Frage hier unmöglich eingehend lichen Widerspiegelung im Dienst des Lebens, ihre befruchtende Rück-
beschäftigen, selbst wenn wir uns auf die hier vor allem wesentliche kehr ins Leben herausgearbeitet. Die oben angedeutete Schranke hat zur
Frage, auf die gegenseitige Befruchtung von Produktion und Theorie, Folge, daß die Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft und Leben auf
beschränken würden. Es genüge, wenn wir - nach Plutarchs Biographie dem Gebiet der gesellschaftlichen Erkenntnis, z . B . in der Ethik, sich viel
des Marcellus - diese Lage kurz andeuten. Plutarch erzählt, wie Ver- konkreter zeigen als in der Methodologie der Naturwissenschaften, wo,
suche, die Gesetze der Geometrie auf den Maschinenbau anzuwenden, besonders in den späteren Entwicklungsetappen der Naturphilosophie,
den heftigsten Widerstand Piatons hervorriefen, der eine Entwürdigung wieder überwiegend anthropomorphisierende Kategorien in den Mittel-
der Geometrie darin sah, daß sie auf praktisch-mechanische Probleme an- punkt gestellt werden. Die Hauptlinie ist trotz alledem die Begründung
gewendet, in die sinnlich-körperliche Welt herabgezogen werde. Unter sol- einer wirklichen Objektivität der Erkenntnis, ihre Loslösung von jenem
chen Einflüssen trennte sich die Mechanik von der Geometrie und wurde Subjektivismus, der innerhalb des Alltagslebens unüberwindlich bleibt:
zum Handwerk, das vor allein im Heer angewendet wurde. U n d selbst bei Die Kritik der Sinnestäuschungen, der Trugschlüsse, die die Unmittelbar-
Archimedes hebt Plutarch hervor, daß er die Anwendung der Mechanik als keit des alltäglichen Denkens hervorbringt, steht dabei im Zentrum. V o n
Handwerk verachtete und nur aus Patriotismus sich an der Verteidigung diesem Standpunkt bedeutet die Philosophie der Vorsokratiker einen
von Syrakus mit seinen Erfindungen beteiligte. Die Verachtung der pro- Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Denkens. Ob das Feuer
duktiven Arbeit ist natürlich nur die ideologische Kehrseite der Lage, daß oder das Wasser als die allgemeinste Substanz bestimmt wird, aus der alle
134 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 135

Erscheinungen der Wirklichkeit abgeleitet und erklärt werden sollen, ob sehen Materialismus zusammengeht. Wir haben gesehen, daß der urwüch-
eine auf Objektivität drängende dialektische Widersprüchlichkeit der Ruhe sige, spontane Materialismus des Alltagslebens keinen gedanklichen Schutz
oder der Bewegung aufgedeckt wird: in allen diesen Fällen geht das philo- gegen das Vordringen, gegen die Herrschaft der idealistisch-religiösen Per-
sophische Bestreben darauf aus, die menschliche Subjektivität mit ihren sonifikation aufzubieten vermag [41]. Dementsprechend ist der auf einer
Grenzen, Beschränkungen, Vorurteilen weit hinter sich zu lassen, die ob- relativ großen Höhe der Kultur auftretende philosophische Materialismus
jektive Wirklichkeit, so wie sie an sich ist - möglichst wenig getrübt von den keineswegs seine direkte Weiterführung und Ausbildung. Natürlich kann
Zutaten des menschlichen Bewußtseins - , mit höchster Treue widerzuspie- er sich auch auf solche Erlebnisse stützen, aber selbst dies geschieht in
geln. Diese Bewegung erreicht ihren Gipfelpunkt im Atomismus von De- einer durchaus kritisch-dialektischen Weise, indem einerseits die unmittel-
mokrit und Epikur, wo bereits unsere ganze menschliche Erscheinungs- baren Sinneseindrücke als Grundlage genommen und gegen idealistische
welt als gesetzmäßiges Produkt der Beziehungen und Bewegungen der Umintcrprctationcn verteidigt werden, andererseits jedoch ihre sich un-
Elementarteile der Materie gefaßt wird. Wenn auch hier überall - und ins- unterbrochen verschärfende kritische Überprüfung vollzogen wird. Die
besondere auf dieser geistigen Spitze - die von uns geschilderte Schwäche, spontane Überzeugung von der Existenz einer vom menschlichen Bewußt-
die Unmöglichkeit, das philosophisch richtig ergriffene Prinzip zur wirk- sein unabhängigen Außenwelt erfährt also eine qualitative Änderung, eine
lichen Forschungsmethode der Wissenschaft bis in die Einzeluntersu- qualitative Erhöhung durch ihr philosophisches Bewußtwerden, durch ihre
chungen zu machen, stets wieder auftaucht, so ist es doch unzweifelhaft, weltanschauliche Verallgemeinerung. Dadurch tritt erst der bewußte
daß die griechische Philosophie hier das endgültige - zwar in Einzelheiten Kampf von Materialismus und Idealismus in die Philosophie ein, wird zu
vielfach zu korrigierende - methodologische Modell für die Widerspiege- ihrer Zentralfrage. Und die Höhe dieser materialistischen Verallgemeine-
lung der Natur gefunden hat. rung, die zugleich Weite und Tiefe des Durchdnngens der Wissenschaft
Analysiert man die methodologischen Grundlagen des von Thaies bis mit der desanthropomorphisicrenden Widerspiegelung und Begriffsbil-
Demokrit/Epikur Erreichten, so lassen sich zwei grundlegende Feststel- dung bedingt, umreißt zugleich das Terrain des Kampfes zwischen Mate-
lungen machen. Erstens, daß ein wahrhaft wissenschaftliches Erfassen der rialismus und Idealismus. Es kamt hier naturgemäß nicht unsere Aufgabe
objektiven Wirklichkeit nur durch einen radikalen Bruch mit der personi- sein, diesen Widerstreit auch nur andeutungsweise zu skizzieren. Es muß
fizierenden, anthropomorphisierenden Anschauungsweise möglich ist. nur bemerkt werden, daß im Laufe der Geschichte der desanthropomor-
Die wissenschaftliche Art der Widerspiegelung der Wirklichkeit ist ein phisierende Materialismus immer größere Gebiete des menschlichen Wis-
Desanthropomorphisieren sowohl des Objekts wie des Subjekts der Er- sens erobert, die der Idealismus - nolens volens - als solche zu räumen ge-
kenntnis. Des Objekts, indem sein Ansich von allen Zutaten des Anthro- zwungen ist, so daß in bezug auf das Schlachtfeld die Möglichkeiten des
pomorphismus nach Möglichkeit gereinigt wird; des Subjekts, indem es fdealismus immer stärker eingeengt werden, was selbstredend nicht eine
sein Verhalten zur Wirklichkeit darauf einstellt, die eigenen Anschau- Kapitulation, sondern zuweilen eine Verschärfung der Zusammenstöße
ungen, Vorstellungen, Begriffsbildungen ununterbrochen daraufhin zu bedeutet, allerdings unter geänderten Bedingungen. Es ist aber für die aus
kontrollieren, wo und wie anthropomorphisierende Entstellungen der Ob- der Ökonomie der Sklavenwirtschaft stammenden Schwächendes griechi-
jektivität in die Aufnahme der Wirklichkeit eindringen können. Der kon- schen Materialismus, der griechischen Art der Desanthropomorphisie-
krete Ausbau wird das Ergebnis einer späteren Entwicklung sein, die rung charakteristisch, daß diese veränderten Formen zumeist erst nach
methodologischen Grundlagen sind aber bereits hier niedergelegt: daß das der Renaissance auftauchen. U n d auch in dieser selbst gibt es noch heftige
Subjekt der Erkenntnis eigene Instrumente, Verfahrensweisen ersinnt, mit Fehden um die anthropomorphisierende Wesensart der gesamten Erkennt-
deren Hilfe es einerseits die Rezeption der Wirklichkeit von den Schranken nis (Fludd gegen Kepler und Gassendi).
der menschlichen Sinnlichkeit unabhängig macht, andererseits aber die Es entspricht der Lage der griechischen Kultur, daß die desanthropo-
Selbstkontrolle sozusagen automatisiert. morphisierende Tendenz der Vorsokratiker notwendig in einer Kritik der
Zu dieser Frage des Desanthropomorphisierens sei aber noch - zwei- Mythen, die Inhalt und Form des religiösen Weltbilds der Zeit bestimmen,
tens - bemerkt, daß sein Vollzug mit dem Bewußtwerden des philosophi- kulminiert. Und da die Poesie in ihrer Ausbildung, Entwicklung, Uminter-
136 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 137

pretation etc. eine ausschlaggebendere Rolle spielt als je später in der durch zu einem vollkommenen - wenn man diesen Ausdruck für Griechen-
Geschichte, wird in dieser Kritik der Religion die Poesie mit betroffen. Die land gebrauchen darf - historischen Relativismus, nach welchem jedes
sogenannte Kunstfeindlichkeit der griechischen Philosophie von den Vor- 10
Volk die ihm entsprechenden Götter besitzt und verehrt. Diese Tendenz
sokratikern bis Piaton hat hier ihre geistigen Wurzeln. In der Wiederauf- kann aber noch weiter gehen; sie erhält etwa bei Kritias eine vollständig
nahme der desanthropomorphisierenden Tendenzen seit der Renaissance zynisch-nihilistische Form; die Religion wird als ein geistiges Polizeimittel
verschwindet dieser Angriff auf die Kunst oder spielt wenigstens eine zur Herstellung der Ordnung ideologisch gerechtfertigt:
äußerst episodische Rolle. Das hängt einerseits mit der Entwicklung der
exakten Naturwissenschaften und mit dem Konkreterwerden der desan- So vor Gewalttat schützte nun Gesetzes Macht,
thropomorphisicrenden Kategorien zusammen, wodurch es möglich wird, Doch was nicht offen böser Sinn sich unterwand
in der Kunst eine andere, spezifische Form der Widerspiegelung der Wirk- Zu tun, versucht er heimlich, und oft glückt es ihm.
lichkeit zu erkennen (man denke an die Stellungnahme von Galilei, Bacon Da, mein ich, sann mit weisem Sinn ein kluger Mann
etc. zur Kunst), andererseits damit, daß die Mythenbildung und Interpre- Für das Geschlecht der Menschen eine Furcht sich aus,
tation des Mittelalters von der Kirche vollzogen wurde; die Kunst hatte Ein Schrecknis für die Bösen, wenn verstohlen auch
ebenfalls einen Freiheitskampf gegen sie zu bestehen. Sie Schlimmes täten, sagten oder sännen nur:
Ganz klar und prinzipiell tritt dieser Kampf gegen jedwedes Anthropo- Den Götterglauben führt er unter ihnen ein!
morphisieren in den bekannten Aussprüchen von Xenophanes hervor: Es sei ein Wesen, lehrt er, über Menschenart,
„Doch wähnen die Sterblichen, die Götter würden geboren und hätten Blühend in ewig junger, unerschöpfter Kraft,
Gewand und Stimme und Gestalt wie sie." - „Doch wenn die Ochsen und Das hör und sehe mit dem innern geist'gen Sinn,
Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen Und acht aufs Recht! Kein Wort des Menschen, keine Tat,
und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse roßähnliche, Die es nicht sehn, die es nicht hören könne. „Drum",
die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bil- So warnt er, „wenn du noch so heimlich Böses sinnst,
den, wie jede Art gerade selbst ihre Form h ä t t e . " - „ D i e üthiopenbehaupten, Es schn's die Götter. Ist ihr ganzes Wesen doch
ihre Götter seien schwarz und stumpfnasig, die Thraker, blauäugig und Vernunft!" 11

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rothaarig." Damit ist eine äußerst wichtige Umkehrung im menschlichen
Denken entstanden: Das, was bis dahin von der primitiven Magie bis Parellel zu dieser Kritik des religiösen Anthropomorphisierens entfaltet
zur entwickelten Religion als Erklärungsgrund der Phänomene in Natur sich in der griechischen Philosophie auch die des Alltagsdenkens. Sie ist
und Gesellschaft, als das zentrale Prinzip der wahrhaft objektiven Wirk- ein durchlaufendes Motiv ihrer ganzen Entwicklung, sie ist schon in der
lichkeit auftrat, erscheint nunmehr als ein selbst der Erklärung bedürf- Dialektik des Seins und des Werdens bei den Eleaten und Heraklit vorhan-
tiges subjektives Phänomen der menschlichen Gesellschaft. Ob das den, erhält immer entwickeltere Formen in der späteren Philosophie, wo-
Aufwerfen einer solchen Umkehrung des Problems zu einem radikalen bei - was auf dieser Stufe unvermeidlich scheint - die Kritik der subjekti-
Leugnen der Existenz der Götterwelt, zur wirklichen Entgottung (Desan- ven und anthropomorphistischen Schranken des Alltagsdenkens hier in
thropomorphisierung) des Universums führt oder ob die gesellschaftliche einen halb oder ganz religiösen Idealismus umschlägt: Die gesellschaft-
Notwendigkeit der Religion, bei Feststellung ihrer Quelle in menschlichen liche Entwicklung, in welcher die notwendige Sackgasse der Sklavenwirt-
Bedürfnissen, in Aktivitäten der menschlichen Phantasie, doch anerkannt schaft immer deutlicher zum Ausdruck kommt, läßt für unser Problem vor
wird, ist vom Standpunkt unserer Fragestellung nicht entscheidend, so allem das hervortreten, daß das objektive Wissen von der Natur, das in die-
wichtig sie vom Standpunkt der allgemeinen Kulturentwicklung auch sein ser Periode in den Einzelwissenschaften seinen Gipfelpunkt erreicht, we-
mag. U m so mehr, als eine solche Verteidigung der Religion auf der Grund- niger imstande ist, das allgemeine erkenntnismäßige Verhalten des Anthro-
lage des Consensus gentium als Apologie gerade jener einen Religion, die pomorphisierens zu beeinflussen, als die weitaus lückenhafteren Kennt-
geschützt werden soll, sehr wenig nützt. Protagoras kommt gerade da- nisse des dezidiert philosophischen Anfangs. Hegel hat die so entstehende
138 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 139

Lage sehr klar erblickt. Er sieht den Unterschied zwischen antikem und Raum; diese Negation hat also einen Antheil an dem Raum, ist selbst
modernem Skeptizismus (und auch den zwischen der frühen und späten räumlich, - ist so ein Nichtiges in sich, ist aber damit auch ein Dialekti-
Periode in der Antike selbst) darin, daß ersterer eine Kritik des Alltagsden- 13
sches in sich." Es sei hier nur beiläufig bemerkt, daß dieses Problem be-
kens ist, während der zweite sich vor allem gegen die Objektivität des phi- reits bei Protagoras auftaucht und auch von Piaton in seinem siebten Brief
losophischen Denkens richtet. Es ist klar, daß für uns gerade die erste Pe- sowie von Aristoteles in der „Metaphysik" behandelt worden ist. Der Ge-
riode, als Ergänzung des bisher Ausgeführten, wichtig ist, während die gensatz zwischen der Geometrie im Denken des Alltags und ihrer objekti-
zweite als Moment des oben angedeuteten Rückschlags einstweilen außer- ven Wahrheit, die erst dann zur Geltung gelangt, wenn sie von den M o -
halb des Rahmens unserer Untersuchung steht. Hegel führt über die erste menten unserer Sinnlichkeit, unserer Verfahrensweise etc. befreit wird, ge-
folgendes aus: „Noch mehr aber beweist der Inhalt dieser Tropen, . . . wie hört also zum Gemeingut des griechischen Denkens.
sie ganz allein gegen den Dogmatismus des gemeinen Menschenverstandes Bahnbrechende Größe und unlösbare Problematik der desanthropo-
gehen; kein einziger betrifft die Vernunft und ihre Erkenntnis, sondern alle morphisierenden Tendenzen in der griechischen Philosophie zeigen sich
durchaus nur das Endliche und das Erkennen des Endlichen, den Ver- oft in unauflösbarer Verschlungenheit mit dem Schicksal der Widerspiege-
stand. . . . Dieser Skeptizismus ist demnach . . . gegen den gemeinen Men- lungstheorie. Daß die Erkenntnis auf der richtigen Widerspiegelung der ob-
schenverstand oder das gemeine Bewußtsein gewendet, welches das Ge- jektiven Wirklichkeit beruht, ist für das griechische Denken eine Selbst-
gebene, die Tatsache, das Endliche (dies Endliche heiße Erscheinung oder verständlichkeit. Eben darum wird sie als Frage bei den Vorsokratikern
Begriff) festhält und an ihm als einem Gewissen, Siehern, Ewigen klebt; kaum gestellt, auch dann nicht, wenn der Übergang zur dialektischen W i -
jene skeptischen Tropen zeigen ihm das Unstäte solcher Gewißheiten auf derspiegelung infolge des Problems der Objektivität des Wesens vollzo-
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eine Art, welche dem gemeinen Bewußtsein nahe liegt." M a n muß nur gen wird. Aber auch der Übergang von der philosophischen Auslegung
die Ausführungen von Sextus Empiricus über seine ersten Tropen durch- der objektiven Wirklichkeit zu dem Überwiegen erkenntnistheoretischer
lesen, um zu sehen, daß er die - aus der Subjektivität stammenden - Irr- Fragestellungen rückt die Widerspiegelungstheorie keineswegs aus dem
tumsmöglichkeiten der menschlichen Sinne analysiert, auf die daraus not- Mittelpunkt, verstärkt im Gegenteil diese ihre Position. So verschieden die
wendig entstehenden Widersprüche aufmerksam macht. Hegels Auffassung Widerspiegelung der Wirklichkeit von Piaton und Aristoteles verstanden
dieser Art des Skeptizismus konzentriert sich darauf, daß sie „als die erste wird, ihre zentrale Bedeutung bleibt - im Gegensatz zur modernen Philo-
Stufe zur Philosophie angesehen werden" kann, denn die so entstehenden sophie - unbestritten. D a jedoch schon die vorangegangene Entwicklung
Antinomien beleuchten die Unwahrheit des bloßen Alltagsdenkcns. He- auf der Linie der Erklärung des Ansichseins die Frage der Erkenntnis des
gel spricht dabei vom Endlichen und hebt ausdrücklich hervor, es sei einer- Wesens und nicht nur die der unmittelbar-sinnlichen Außenwelt aufgewor-
lei, ob dabei von Erscheinung oder Begriff die Rede sei. Er sieht also das fen hat, muß die Wendung auf Erkenntnistheorie gerade hier eine Ant-
Entscheidende in der Dialektik, die auf dem Weg so entstehender Anti- wort suchen, und zwar bei Piaton vor allem in der Frage der Begriffsbil-
nomien den Dogmatismus (die anthropomorphisierende, subjektgebun- dung ein für diese möglichst exaktes Widerspiegeln der Wirklichkeit in der
dene Unmittelbarkeit) auflöst und infolge dieser Befreiung zur Objektivi- Erhellung von Anschauung und Vorstellung.
tät, zur Erkenntnis der Welt an sich führt. So zeigt er - auf wesentlich M i t dieser Wendung zur Erkenntnistheorie wird aber der Weg zum Idea-
höherer Stufe, jedoch dasselbe Problem betreffend - die Antinomien der lismus beschritten. Die daraus entstehende Problematik, der Gegensatz
Geometrie in Beziehung zum Alltagsdenken: „So z. B. Punkt und Raum las- von Aristoteles zu Piaton und noch mehr zum späteren Neuplatonismus,
sen wir unbefangen gelten. Punkt ist ein Raum und ein Einfaches im Raum, vor allem zu Plotin, gehört nicht in den Rahmen unserer Betrachtungen.
er hat keine Dimension; hat er keine Dimension, so ist er nicht im Räume. Hier ist nur die Frage wichtig, daß die idealistische Duplikation der W i -
Insofern das Eins räumlich ist, nennen wir es einen Punkt: wenn dieß aber derspiegelung (sie ist statt einfach die der Wirklichkeit die der Ideenwelt
einen Sinn haben soll, so muß es räumlich seyn und als Räumliches D i - und der Welt der Empirie) notwendig die bisherigen Errungenschaften der
mension haben, - so ist es aber kein Punkt mehr. Er ist die Negation des Desanthropomorphisierung der Erkenntnis ernsthaft gefährdet. Zwar
Raums, insofern er die Grenze des Raums ist, als solche berührt er den bleibt eine ganze Reihe der fundamentalen Ergebnisse dieses Prozesses un-
140 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 141

verändert bestehen, so Piatons Stellung zu Mathematik und Geometrie. von Aristoteles und Plotin beleuchten. Aristoteles unterscheidet vor allem
Jedoch die Trennung von Ideenwelt und Wirklichkeit, die eigene - meta- scharf zwischen dem Hervorbringen durch die Natur und dem durch die
physische - Wirklichkeit, die jener von Piaton zugesprochen wird, führt, Arbeit des Menschen: „Durch die Kunst aber entsteht alles das, wovon
wie Aristoteles von Anfang an klar sieht und scharf kritisiert, das mensch- die Form zuvor i m Geiste ist. . . . so geht der Gedanke immer weiter, bis
liche Denken wieder auf das bereits verlassene Niveau des Anthropomor- man zu einer letzten Bedingung gelangt, die man selber herzustellen ver-
phismus zurück. Aristoteles kritisiert z. B. die Wunderlichkeit und Wider- mag. Die von diesem Punkte ausgehende Bewegung, die zur Gesundheit
sprüchlichkeit der Behauptung der Platonischen Ideenlehre, „wenn man hinführt, wird dann ein Hervorbringen genannt. So ergibt sich, daß in ge-
einerseits sagt, es existierten neben den Dingen in der Welt noch gewisse wissem Sinne die Gesundheit aus der Gesundheit wird, das Haus aus einem
andere Wesen, andererseits aber diesen die gleiche Beschaffenheit wie den Hause, das materielle Haus aus einem immateriellen. Denn die Kunst des
sinnlich wahrnehmbaren Dingen zuschreibt, nur daß sie ewig sein sollen, Arztes und die Kunst des Baumeisters ist die Form der Gesundheit dort,
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während jene vergänglich sind". Aber, fügt er hinzu, über diese Antinomik des Hauses hier."
hinaus führt eine solche Betrachtungsweise notwendig zum Anthropomor- Das klare Trennen der natürlichen und künstlichen Genesis macht nicht
phismus und damit zur Religion zurück. Er setzt dementsprechend seinen nur eine Erkenntnis des Wesens der Arbeit möglich, sondern verhindert
Gedankengang so fort: „So spricht man von dem Menschen an sich, von auch ihre falsche Verallgemeinerung, das unkritische Anwenden ihrer K a -
dem Pferde an sich und von der Gesundheit an sich, ohne daß eine weitere tegorien auf die außermenschliche Wirklichkeit. Gerade dies geschieht je-
Änderung im Gegenstand damit einträte; ganz ähnlich, wie wenn man doch bei Plotin. Es gehört zum Wesen der Arbeit, daß in ihr für den A r -
zwar das Dasein von Göttern behauptet, sie sich aber ganz menschenähn- beitenden die Eigenschaften der Materie als Möglichkeiten in bezug auf
lich vorstellt. Denn in diesem Falle hat man nichts anderes getan, als daß das von ihm gesetzte konkrete Ziel erscheinen. Plotin verallgemeinert nun
man Menschen mit dem Prädikat der Ewigkeit ausstattet; in jenem Falle diese jeweils konkrete und bestimmte Möglichkeit zu einer abstrakten und
nichts anderes, als daß man sich Ideen denkt; ganz wie sinnliche Gegen- absoluten und kontrastiert sie mit dem geistigen Anteil an der Arbeit, die
stände, aber mit dem Prädikat der Ewigkeit." 14
in diesem Zusammenhang - ebenfalls abstrakt verallgemeinert - als A k -
Man sieht: Die Anthropomorphisierung der Ideenwelt entspringt un- tualität im Gegensatz zur Potentialität erscheint. „Denn", führt er aus,
mittelbar daraus, daß die idealistische Philosophie dem Wesen eine eigene „das Potentielle kann unmöglich je zur Actualität übergehen, wenn das
Existenz neben, besser gesagt, über der Erscheinungswelt zuspricht. Diese Potentielle den ersten Rang im Reiche des Seienden einnimmt. [Polemik
eigene Existenz muß notwendigerweise mit eigenen Zügen ausgestattet gegen den Materialismus - G . L . ] Denn es wird sich nicht selbst in Bewe-
werden, und da diese nicht Abbildungen der materiellen Welt, der unzer- gung setzen, sondern das Actuelle muß vor ihm sein... Denn sicherlich er-
trennbaren Verbundenheit und zugleich dialektischen Widersprüchlichkeit zeugt die Materie nicht die Form, sie die qualitätslose das Quäle, noch
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sind - was können sie anderes sein als Proportionen des menschlichen geht aus Potentialität Actualität hervor." Damit ist alles von der objek-
Wesens? Das ist natürlich nur die allgemeinste Grundlage des hier vorlie- tiven Wirklichkeit, vor allem von der Natur Hervorgebrachte auf das
genden komplizierten Tatbestandes. Denn die idealistische Tendenz hat Schema der Produktion durch die Arbeit reduziert. Was zur notwendigen
hier weitaus konkretere Konsequenzen, die jedoch ausnahmslos derselben Folge hat, daß der Produzent nun ebenfalls mit anthropomorphisierenden
Quelle entstammen. Wir haben bereits früher - damals noch sehr abstrakt- Zügen ausgestattet gedacht werden kann. Aristoteles hat schon bei Piaton
darauf hingewiesen, daß die als solche isolierte Psychologie des Arbeits- die Zwangsläufigkeit dieser Verdrehung durch das Sclbständigmachen der
prozesses ebenso das Modell zu den idealistischen Weltbildern abgibt, wie Ideen von den Gegenständen klar erblickt. Er polemisiert gegen die Auf-
die Arbeit - in ihrer wahren konkreten Totalität erfaßt - den Ausgangs- fassung, „daß die Ideen die Ursachen des Seins und des Entstehens sind.
punkt zur richtigen Widerspiegelung der Wirklichkeit, damit zum Entfer- Aber gesetzt auch, die Ideen existieren, so kann deshalb gleichwohl noch
nen der anthropomorphisierenden Betrachtungsweisen bildet. Dieser Ge- nicht das, was an ihnen teilhat, zum Dasein gelangen, wo es keine bewe-
gensatz zeigt sich am klarsten in der Beziehung von Subjektivität (Aktivi- gende Ursache gibt. . . . D a ß die einen ewig sind, die andern nicht, das
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tät) und Materie. Es genügt vielleicht, wenn wir ihn an den Auffassungen macht doch für die Ursächlichkeit nichts aus." Für den objektiven Idea-
142 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 143

lismus der Antike, der in der Ideenwelt das von der Erscheinungswelt los- gebende Bedeutung für das spätere Denken. Sie kehrt allgemein inhaltlich
getrennte und selbständig gemachte Wesen auch in einen Realgrund der zu den primitiven religiösen Vorstellungen zurück; indem sie jedoch diese
Wirklichkeit verwandelte, blieb kein anderer Weg offen, als die so statu- Wendung auf entwickelter philosophischer Grundlage vollzieht, indem
ierte Verursachung anthrop'omorphisierend, mythologisierend als „Ar- sie die Ergebnisse des wissenschaftlich-methodologischen Fortschritts teil-
beitsprozeß" des Entstehens, Seins und Werdens der Welt aufzufassen und weise sich einverleibt, schafft sie gedankliche Grundlagen für die Erhal-
damit allem, was die vorangegangene Philosophie zur Desanthropolo- tung der Religion auf einer hochentwickelten Stufe der Zivilisation, der
gisierung der Erkenntnis, zu ihrer Begründung als Wissenschaft geleistet Wissenschaft. Es erübrigt sich, detailliert auseinanderzusetzen, wie wich-
hat, die Spitze abzubrechen. tig diese Tendenz ist: die einzelnen wissenschaftlichen Ergebnisse, ja die
Diese Modellrolle des Arbeitsprozesses als Grundlage des neueren A n - praktisch notwendige Methode der wissenschaftlichen Forschung (das
thropomorphisierens ist aber noch intimer historisch bedingt, als es in die- Desanthropomorphisieren mit inbegriffen) aufrechtzuerhalten, auszunut-
ser kurzen und abstrakten Darlegung den Anschein hat. Es handelt sich zen, ja im einzelnen sogar weiterzubilden bei einem radikalen Abbrechen
nämlich nicht bloß um das Hineinprojizieren der abstrahierten Arbeit der weltanschaulichen Spitze - nämlich die desanthropologisierend ein-
überhaupt in die realen Kausalzusammenhänge der objektiven Wirklich- setzende wissenschaftliche Forschung bei Behandlung der „letzten Fragen"
keit, sondern darüber hinaus konkret um das ihrer spezifisch antiken Auf- in ein neues Anthropomorphisicren umschlagen zu lassen. Die Plato-
fassung. Diese tendiert - je stärker die Widersprüche der Sklavcnwirtschaft nische Idecnlehre ist hierfür ein klassisches Beispiel; ähnliche Lösungs-
offenbar werden, desto m e h r - a u f eine Verachtung der Arbeit, vor allem versuche, die wissenschaftliche Methode für die Praxis zu retten, ihr
der körperlichen. Das hat nun philosophisch zur Folge, daß die oben ge- jedoch keinen Einfluß auf die (religiösen) Weltanschauungsfragen zu
schilderte mythologisch-anthropomorphisierendc Beziehung von Ideen- gestatten, tauchen natürlich auch im Orient auf. Da aber hier zumeist das
welt und materieller Wirklichkeit eine hierarchische sein muß, in welcher Pricstcrtum das geistige Leben viel stärker beherrscht als je in Griechen-
das jeweilige schöpferische Prinzip seinsnotwendig ontologisch höher zu land, kann dieser Einbau der Einzclwisscnschaften in eine anthropomor-
stehen hat als das von ihm Hervorgebrachte. Plotin sagt: „Auch alles be- phisierende Mystik sich viel früher, radikaler und konfliktloser vollziehen
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reits Vollkommene zeugt und erzeugt ein Geringeres, als es selbst i s t . . . " als in der klassischen Antike, in welcher diesem Rückschlag eine ganze Pe-
Diese Hierarchie, daß das Geschaffene, das Produzierte notwendig tiefer riode des prinzipiellen Dcsanthropomorphisierens vorangegangen ist, in
stehen müsse als der Schöpfer, ist hier eine Konsequenz der griechischen welcher die Tendenz auf Wissenschaftlichkeit ihren Boden nicht ohne
Bewertung der Arbeit. Sic folgt keineswegs unbedingt notwendig aus dem Kampf aufgibt. Andererseits bestimmt die mit Piaton einsetzende Zurück-
Wesen des philosophischen Idealismus, obwohl sie eine Rückkehr zur führung der Weltanschauung auf das Anthropomorphisieren das Schicksal
religiösen Weltanschauung beinhaltet. Aber unter dem Einfluß der kapita- des wissenschaftlichen Denkens in Europa beinahe ein Jahrtausend lang
listischen Ökonomie und ihrer Auffassung der Arbeit bestimmt der eben- und drängt zeitweise die wirklichen Errungenschaften der Antike fast völ-
falls objektive Idealist Hegel diesen Zusammenhang in völlig entgegen- lig in Vergessenheit.
gesetzter Weise. Er sagt über den Arbeitsprozeß und dessen Produkt: „In- D a dieser Rückschlag auf einer stolzen Höhe des desanthropomorphi-
sofern ist das Mittel ein Höheres als die endlichen Zwecke der äußern sierenden Denkens einsetzt und selbst bedeutende philosophische Errun-
Zweckmäßigkeit; - der Pflug ist ehrenvoller, als unmittelbar die Genüsse genschaften aufweisen kann (Weiterentwicklung der Dialektik durch Pia-
sind, welche durch ihn bereitet werden und die Zwecke sind. Das Werk- ton), kann es nicht geniigen, bei der einfachen Feststellung der Tatsache
zeug erhält sich, während die unmittelbaren Genüsse vergehen und verges- stehenzubleiben, daß die Ideenwelt anthropomorphe Züge tragen muß,
sen werden. A n seinen Werkzeugen besitzt der Mensch die Macht über die auch nicht bei einem Aufdecken ihrer gesellschaftlichen Gründe; es muß
äußerliche Natur, wenn er auch nach seinen Zwecken ihr vielmehr unter- vielmehr der so entstehende Gegensatz etwas näher beleuchtet werden. Die
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worfen ist." Wo auch bei Hegel der anthropomorphisierende Demiur- tiefe Zweideutigkeit der Platonischen Ideenwelt beruht darauf, daß sie
gos-Mythos einsetzt, gehört nicht hierher. gleichzeitig und untrennbar die höchste Abstraktion, die pure Übersinn-
Die so in der Antike entstehende Hierarchie erlangt eine ausschlag- lichkeit und die lebendigste Konkretheit sein soll. Das von den Dingen ab-
144 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 145

getrennte, selbständig gemachte Wesen und eine schöpferische, wirksame Forderung, sich simultan über das anthropologische Niveau des Men-
Kraft, die die Erscheinungswelt hervorbringt, verkörpern sich in der Ideen- schen zu erheben und dies doch - gereinigt - aufzubewahren, ja gerade
welt in sinnlich-mythischen Formen. Bei Piaton selbst ist diese Zweideu- durch diese Reinigung zu sich selbst zu führen. Darin ist, wie bereits fest-
tigkeit oft noch in einem latenten Zustand, sie entfaltet jedoch alle ihre gestellt, die tiefe Verwandtschaft zum religiösen Verhalten begründet: ein
Widersprüche ganz offen im Neuplatonismus. Darum knüpfen wir unsere Beibehalten der Unmittelbarkeit in der Verknüpfung von Subjekt und
Betrachtungen an Plotin an. Dieser spricht so über die Ideenwelt: M a n Objekt des Alltagslebens bei einer emphatischen Erhebung über diese
muß, „wenn von der intelligiblen Substanz und den dortigen Gattungen Sphäre, bei ihrem pathetischen Verlassen und Verneinen. Der A k t einer
und Principien die Rede ist, eine intelligible Hypostase annehmen und solchen Simultaneität bewahrt also einerseits die unmittelbare Beziehung
zwar als wahrhaft seiend und noch in höherem Grade Eins, nach Abzug des Alltags zwischen Theorie und Praxis mit allen darin enthaltenen
nämlich des Werdens in den Körpern und der sinnlichen Wahrnehmung Schranken des Eindringens in die wahre Objektivität, andererseits postu-
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und G r ö ß e n " . Also kurz zusammengefaßt: Die Wirklichkeit selbst, die liert er ein Verlassen des normalen menschlichen Verhaltens zur Wirk-
ja Abbild und Produkt der Ideenwelt sein soll, minus das Werden und die lichkeit: D a das Objekt (die intelligible Wirklichkeit, die Ideenwelt) mehr
Quantität. Diese beiden Abstraktionen wären - als Abstraktionen, als als menschlich ist, m u ß auch das Subjekt sich über sein eigenes Niveau
reine Gedankenoperationen - an sich vollziehbar, obwohl gerade das Er- erheben, um fähig zu werden, es in sich aufzunehmen.
forschen der quantitativen Relationen für eine rationale Erkenntnis der Scheinbar handelt es sich dabei um einen A k t der eigentlichen Mensch-
Objektwelt sich als unentbehrlich erwiesen hat. Wie soll aber die von Plo- werdung: Ideenlehre wie Religion sind darüber einig, daß die mensch-
tin geforderte Beziehung zu dieser Welt beschaffen sein, wenn sie - was ja liche Seele erst hier sich selbst zu finden vermag; im Gegensatz zum
die Voraussetzung ist - nicht als pure Abstraktion, gewonnen aus dem wissenschaftlichen Verhalten, in welchem - angeblich - das Menschsein
sinnlich Gegebenen, aufgefaßt wird? Eine existierende Welt - und sie verlassen, vergewaltigt, entleert und verzerrt wird. (Diese schroffe Gegen-
soll ja, wie wir wissen, die höchste Aktualität im Gegensatz zur bloßen sätzlichkeit ist freilich das Produkt einer viel späteren Entwicklung. Bei
Potentialität der Materie sein - , die gleichzeitig in sinnlich-unsinnlich- Piaton sind Mathematik und Geometrie noch unabdingbare Vorausset-
übersinnlicher Unmittelbarkeit aufgenommen und als reines Wesen, als zungen der „Einweihung", des Antretens des Wegs zur Ideenwelt, bei den
alleinige Substanz und bewegende Kraft der eigentlichen Wirklichkeit auf- Neuplatonikern ist der Gegensatz etwas klarer, aber noch immer vielfach
gefaßt wird - wie kann die Methode ihrer Rezeption formuliert werden? latent vorhanden, er tritt erst in der Neuzeit offen in Erscheinung, indem
Dazu mußte die Konzeption der „intellektuellen Anschauung" erdacht die „Entgötterung" der Welt als eine Gefährdung des Menschseins des
werden. (Es kommt auf den Begriff an, nicht darauf, wann und wie der Menschen, seiner menschlichen Integrität aufgefaßt wird; so etwa bei Pas-
Terminus formuliert wurde.) Diese Konzeption übernimmt von der Wis- cal.) In Wirklichkeit ist die Lage eine diametral entgegengesetzte. Die Des-
senschaft - freilich verzerrte - Momente des Desanthropomorphisicrens. anthropomorphisierung der Wissenschaft ist ein Instrument des Be-
Denn es ist klar, daß eine solche Wirklichkeit - eine der unmittelbar-sinn- herrschens der Welt durch den Menschen: Sie ist ein Bewußtmachen, ein
lichen entsprechende, jedoch ohne Werden und Quantität - unmöglich mit Zur-Methode-Erheben jenes Verhaltens, das, wie wir gezeigt haben, mit
den normalen Mitteln des Denkens begriffen werden kann. Das Hinaus- der Arbeit einsetzt, das den Menschen aus dem Tiersein heraushebt, ihm
gehen über das Alltagsdenken kann aber hier unmöglich einfach das Fort- dazu verhilft, sich zum Menschen zu machen. Die Arbeit und die aus ihr
führen des wissenschaftlichen Desanthropologisierens sein. Nicht nur, weil herausgewachsene höchste bewußte Form, das wissenschaftliche Verhal-
für dieses gerade die quantifizierende Abstraktion, das Erfassen der Ge- ten, sind hiermit nicht bloß ein Instrument für die Beherrschung der Ob-
setze des Werdens ausschlaggebend ist, sondern weil hier die Tendenz, das jektwelt, sondern untrennbar davon ein Umweg, der infolge eines reiche-
reine Ansich der Erscheinungen bei möglichster Ausschaltung der Eigen- ren Entdeckens der Wirklichkeit den Menschen selbst bereichert, ihn kom-
schaften der menschlichen Rezeptivität zu erfassen, vorherrschen muß, pletter, menschlicher macht, als er sonst sein könnte. Jene Erhebung über
während eine Platonische „intelligible Wirklichkeit" mit dem Wesen des den Alltag, die intellektuelle Anschauung und Religion fordern, geht da-
Menschen als Menschen unzertrennbar verknüpft ist. Es entsteht also die gegen davon aus, daß der Kern des Menschen für ihn selbst ebenso trans-
146 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenzen in der Antike 147

zendent ist wie die Ideenwelt oder die religiöse „Wirklichkeit" vom Stand- thropomorphisierens. Denn an die Stelle der wirklichen, konkreten Über-
punkt der objektiven, der irdischen Welt. Alle hier vorgeschlagenen M e - windung jener Momente im Menschen, die ihn an die Oberfläche des
thoden, von der Lehre vom Eros bis zur Askese, Ekstase etc., dienen dazu, Alltags fesseln und ihn daran hindern, das Wesentliche seiner selbst aus
das Streben nach diesem transzendenten Wesen im Menschen zu erwek- eigenen Kräften herauszuarbeiten, tritt eine abstrakte Transzendenz von
ken und es dem wirklichen Menschen schroff ausschließend, feindlich ab- Forderungen, über die Grenzen des Menschlichen überhaupt hinauszuge-
lehnend gegenüberzustellen. hen. U n d es liegt im Wesen der Sache, daß jene Strömungen in der Ethik,
So entsteht hier ein Pseudodesanthropomorphisieren. U n d zwar die darauf ausgehen, den - tief mit der gesellschaftlichen Entwicklung
doppelt, sowohl objektiv wie subjektiv. Objektiv, indem eine „übermensch- verbundenen, in ihr wurzelnden-immanent menschlichen Kern des Men-
liche", „menschenjenseitige" Welt statuiert wird, die nicht bloß unabhän- schen herauszuarbeiten und zu bestimmen, sich auch in Auffassung und
gig vom menschlichen Bewußtsein existieren soll wie die wirkliche, son- Darstellung auf eine wirklich objektive wissenschaftliche Begriffsbildung
dern im wörtlichen Sinn ein Jenseits repräsentiert, etwas qualitativ Ver- konzentrieren können. Dagegen muß das abstrakt-transzendente Hinaus-
schiedenes und Höheres allem sonst Wahrnehmbaren und Denkbaren gehen über das Menschliche, theoretisch und praktisch verallgemeinert,
gegenüber; die Totalität ihrer Momente trägt jedoch die Züge eines ins zu der Annäherung an magisch-religiöse Gebräuche, Riten etc. oder gar zu
Menschenjenseitige projizierten Anthropomorphisierens an sich. Subjek- deren Verwirklichung treiben. Dies ist schon im Neuplatonismus, Neu-
tiv, indem das Subjekt mit seinem gegebenen Menschsein, auch mit seiner pythagoreismus etc. in der Antike geschehen, lange bevor die christliche
moralisch geformten Persönlichkeit radikal brechen muß, um einen frucht- Religionslehrc diese Philosophien sich einverleibt hatte. Also auch subjek-
baren Kontakt mit einer solchen Welt herstellen zu können. Obwohl in der tiv entsteht hier ein Pseudodesanthropomorphisieren.
Eroslehre von Piaton selbst der Aufstieg von der menschlichen Ethik zur Nur beiläufig sei hier bemerkt, denn die ausführliche Behandlung kann
intellektuellen Anschauung der Ideenwelt noch mehr Übergänge als erst später stattfinden, daß das Umschlagen der Konzeption einer men-
Brüche und Sprünge zeigt, ist es gerechtfertigt, den subjektiven Gegensatz schenjenseitigen Ideenwelt in Anthropomorphismus notwendig eine weit-
zur innermenschlichen Ethik als subjektives Moment dieses Aufstiegs so gehende, freilich oft unbewußte Rezeption ästhetischer Prinzipien beinhal-
schroff zu pointieren. Denn auch hier hat die Nachfolge nicht gezögert, tet. Verständlicherweise, denn der übersinnlich-sinnliche Charakter einer
aus dem latent vorhandenen Gegensatz einen offen hervortretenden zu Ideenwelt verleiht dieser notwendig gewisse wichtige Züge der Kunst, bes-
entwickeln. ser gesagt, einer - ebenfalls ins Transzendente projizierten - Pseudover-
Es ist für jede wirkliche Ethik bezeichnend, daß sie - mag der Abstand wirklichung der Prinzipien des künstlerischen Schaffens; der vollkommene
des ethischen Gebots vom Durchschnittsniveau der Praxis in der Alltags- oder jedenfalls übermenschliche Demiurgos muß naturgemäß auch ein
welt noch so groß sein - an jenes Wesen im Menschen appelliert, das jeder Überkünstler sein. Das entschiedene Verwerfen der Kunst bei Piaton, das
als Mensch, als Persönlichkeit in sich mit enthält; mag dessen Entfaltung vorbehaltsvollc bei Plotin ist nur eine Folge dieser Position. (Der Gehalt
noch so große innere Kämpfe, noch so tiefe Krisen hervorrufen, der im- dieser Kunstfeindlichkeit ist also gerade das Entgegengesetzte dessen, was
manente Kreis der menschlichen Persönlichkeit überhaupt wird doch bei den Vorsokratikem festgestellt wurde.) Wir führen nun einen länge-
nicht gesprengt; das von der Ethik geforderte, noch so schwer erringbare ren Passus aus Plotins Darlegungen über die „intelligible Schönheit" an,
Wesen ist doch das Wesen eines jeden einzelnen Menschen als Menschen. damit dem Leser die allgemeinen Umrisse dieser Problemlage klarwerden.
Das subjektive Moment des Aufstiegs zur Ideenwelt beinhaltet aber gerade Die Konsequenzen für die Ästhetik selbst können wir dann auf einer ent-
hier einen Bruch: Auch das ethisch verwirklichte menschliche Wesen ist wickelteren Stufe unserer Analyse ziehen. Plotin sagt: „Es hat auch jeder
bloß irdisch, materiell, kreatürlich im Vergleich zu jenem Subjekt, das jedes in sich selbst, und wiederum sieht er in dem andren alles, so daß
würdig und fähig ist, der intellektuellen Anschauung der Ideenwelt teil- überall alles und alles alles und jedes alles und unermeßlich der Glanz...
haftig zu werden. Es handelt sich also hier, gerade in jener Sphäre, deren A n einem jeden ragt ein anderes hervor, es zeigt aber zugleich alles. Hier ist
Wesen das Gebundensein an die Menschlichkeit ist, um ein Desanthro- auch reine Bewegung, denn sie stört auf ihrem Gange nicht eine andere
pomorphisieren. Es trägt aber auch hier den Stempel des Pseudodesan- von ihr verschiedene Bewegung, auch die Ruhe wird nicht erschüttert, weil
148 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Desanthropomorphisierende Tendenz in der Antike 149

sie nicht getrübt wird durch Unbeständigkeit; und das Schöne ist schön, offenkundig; Lukrez betont die Weltbedeutung dieses Kerns seiner Philo-
weil es nicht im Schönen ist. Ein jeder schreitet nicht wie auf fremdem Bo- sophie, und noch Hegel, dessen Ablehnung Epikur gegenüber oft bis zur
den, sondern eines jeden Stätte ist er selbst, was er ist, und da sein Lauf völligen Verständnislosigkeit geht, hebt in bezug auf seine Physik hervor,
sich nach oben richtet, geht sein Ausgangspunkt mit, und nicht ist er selbst „daß sie sich dem Aberglauben der Griechen und Römer entgegengesetzt
ein anderes noch der Raum ein anderes... Hier nun [in der Sinnen weit] und die Menschen darüber erhoben hat" . 22

geht wohl ein anderer Theil aus dem Theil hervor, und jeder Theil bleibt
allein für sich; dort aber geht aus dem Ganzen immer jeder Theil her-
vor, und doch ist zugleich der Theil und das Ganze. Zwar erscheint er als II Der widerspruchsvolle Aufschwung
Theil, aber das scharfe Auge erblickt ihn als Ganzes... Für das Schauen des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit
dort oben giebt es keine Ermüdung, keine Sättigung noch Aufhören; denn
es war ja kein Mangel vorhanden, nach dessen endlicher Erfüllung man Trotz dieses Widerstandes muß festgestellt werden, daß im Ausgang der
Genüge hätte, noch auch Mannigfaltigkeit oder Verschiedenheit, daß etwa Antike die anthropomorphisierenden Tendenzen das Übergewicht er-
demeinen nicht gefallen könnte was des andern ist: unermüdlich, uner- hielten, daß sie im wesentlichen das mittelalterliche Denken beherrschten.
21
schöpft istalles." Daß hier alle Kategorien und kategoriellen Beziehungen Der neue Angriff auf das anthropomorphisierende Prinzip setzt im großen
aus der Ästhetik hypostasiert sind - freilich in ekstatisch übertriebener Stil erst mit der Renaissance ein und gibt allen Problemen jenen Grund-
Weise - , ist offensichtlich. charakter, den sie - freilich mit vielen, nicht unwichtigen Variationen -
Wir mußten uns mit dieser rückläufigen Bewegung der Desanthropo- bis auf unsere Tage behalten haben. D a ß diese neuere Entwicklung we-
morphisierungstendenzen in der griechischen Philosophie etwas ausführ- sentlich andere Züge zeigt, hat historische Ursachen. Diese zeigen in bezug
licher beschäftigen, weil ihre prinzipielle Bedeutung für die Schicksale der auf unser Problem zwei Hauptströmungen.
wissenschaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit außerordentlich Erstens hängen Breite, Tiefe, Intensität etc. des Vordringens der des-
groß ist. Insbesondere deshalb, weil der Rückschlag nicht von außen, nicht anthropomorphisierenden Richtung davon ab, wieweit Arbeit und Wissen-
direkt von jenem magisch-religiösen Vorstellungskreis aus erfolgt ist, den schaft einer Periode die objektive Wirklichkeit zu bewältigen imstande
die griechische Philosophie ursprünglich zu überwinden unternahm und sind. Wir haben auf die Schranken der Sklavenwirtschaft in der Antike
in dessen Überwinden sie welthistorisch bedeutsame Schritte tat, sondern hingewiesen, die zur Folge hatten, daß die wissenschaftliche Basis der des-
aus der Philosophie selbst. Das bedeutet, wie wir es schon aus dem bisher anthropomorphisierenden Widerspiegelung der Wirklichkeit von A n -
Ausgeführten ersehen können, daß der Kampf zwischen anthropomor- fang an schmal sein mußte, ohne die gesellschaftliche Möglichkeit einer
phisierenden und desanthropomorphisierenden Tendenzen in allen Fra- entschiedenen Ausdehnung. Was wiederum dazu führen mußte, daß die
gen der Ausbildung und Auslegung der Widerspiegelungslehre sich auf genialen Verallgemeinerungen des Anfangs nicht imstande waren, bis in
einem wesentlich höheren Niveau abspielen muß als früher. Es handelt die Details der objektiven Wirklichkeit einzudringen und sich daran, an
sich nunmehr nicht mehr bloß um Versuche, eine primitiv anthropomor- besonderen Tatsachen, Zusammenhängen, besonderen Gesetzlichkeiten
phisierende Anschauungsweise zu überwinden, es kommt seit dieser Wen- etc., zu befruchten und dadurch zu einer konkreten Allgemeinheit, zu
dung auch darauf an, den Widerstreit dieser Tendenzen innerhalb der einer umfassenden Methodologie zu erheben. Das ändert sich nach dem
höchstentwickelten Philosophie und Wissenschaft zu Ende zu führen. U m Zusammenbruch der Sklavenwirtschaft im Mittelalter. Engels zeigt, wie
so mehr, als ja der Kampf auch im spätgriechischen Denken nicht zum diese „dunklen Jahrhunderte" zu einer Fülle wissenschaftlicher und tech-
Stillstand gekommen ist. Wir haben ja den Widerstand von Aristoteles nischer Entdeckungen führten, deren Existenz erst die neue Wendung zur
gegen den anthropomorphisierenden, objektiv wissenschaftsfeindlichen 23
Wissenschaftlichkeit in der Renaissance ermöglichte. Freilich übten sie
Geist der Ideenlehre kurz angedeutet [140], und es genügt, den Namen einzeln und sogleich noch wenig Einfluß aus auf das von der Theologie
Epikurs zu nennen, um diese Lage von einer anderen Seite zu beleuchten. beherrschte Denken ihrer Zeit. Eine gewisse Kumulation [und] ein Um-
Bei Epikur ist der schroff gegen den religiösen Glauben gerichtete Geist sehlagen des langsamen Anwachsens der Quantität in die neue Qualität
150 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 151

einer neuen wissenschaftlichen Attitüde waren nötig, um diesen U m - weise. Diese ökonomische Formation ist nicht etwa zufällig, sondern im
schwung hervorzubringen. Gegenteil infolge des Wesens ihrer Gesetzlichkeit, also aus einer histo-
Zweitens jedoch kreuzt sich diese aus dem Stoffwechsel der Gesellschaft risch-systematischen Notwendigkeit die letzte Klassengesellschaft. Einer-
mit der Natur entspringende Tendenz mit einer anderen, ebenso wichti- seits produziert der Kapitalismus die materiellen Bedingungen einer Ge-
gen: Nicht nur darauf kommt es an, ein wie großes Erkenntnismaterial sellschaft ohne Ausbeutung, andererseits bringt er selbst seinen eigenen
und, dadurch bestimmt, wie tiefgreifende Fragestellungen eine Gesell- „Totengräber", das Proletariat, hervor, eine Klasse, bei welcher die „Be-
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schaft der Wissenschaft und der Philosophie darbietet, sondern auch dar- dingung der Befreiung . . . die Abschaffung jeder K l a s s e " ist. Daraus
auf, wieweit sie imstande ist, jene Verallgemeinerungen, jene Wahrheiten, entsteht, lange bevor diese Widersprüchlichkeit des Kapitalismus offen
die aus diesem jeweiligen Stoffgebiet wissenschaftlich gewonnen werden hervorgetreten wäre, seine Eigenart als ökonomische Formation, sein
können, ideologisch zu ertragen. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, diesen prinzipieller Unterschied zu jeder vorangegangenen. Marx bestimmt diese
Problemkomplex in Antike, Mittelalter und Neuzeit konkret zu unter- Differenz folgendermaßen: „Alle bisherigen Gesellschaftsformen gingen
suchen. Hier liegt wieder ein Problem vor, wo die Fragen und Antworten unter an der Entwicklung des Reichtums - oder, was dasselbe ist, der ge-
des dialektischen Materialismus in die des historischen Materialismus sellschaftlichen Produktivkräfte. Bei den Alten, die das Bewußtsein hatten,
übergehen. Dieser hat jene konkreten gesellschaftlichen Gesetzlichkeiten wird der Reichtum daher direkt als Auflösung des Gemeinwesens denun-
zu erforschen und aufzudecken, die bestimmen, warum eine soziale For- ziert. Die Feuda(Verfassung ihrerseits ging unter an städtischer Industrie,
mation auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung jene Art der Wider- Handel, moderner Agrikultur (sogar an einzelnen Erfindungen, wie Pul-
spiegelung der objektiven Wirklichkeit, die in ihr infolge der Höhe ihrer ver und Druckerpresse). M i t der Entwicklung des Reichtums - und daher
Produktivkräfte möglich geworden ist, schon nicht mehr erträgt, warum auch neuer Kräfte und erweiterten Verkehrs der Individuen - lösten sich
auf bestimmten Stufen bestimmter Formationen noch kein Bedürfnis nach die ökonomischen Bedingungen auf, worauf das Gemeinwesen beruhte,
Verallgemeinerung der einzeln errungenen, einzeln notwendigen und nütz- die politischen Verhältnisse der verschiednen Bestandteile des Gemein-
lichen Erfahrungen erwacht und endlich warum unter bestimmten sozia- wesens, die dem entsprachen: die Religion, worin es idealisiert angeschaut
len Bedingungen dieses Bedürfnis eine unwiderstehliche Wucht erhält etc. wurde (und beides beruhte wieder auf einem gegebnen Verhältnis zur N a -
etc. Für uns, die wir hier mit dem dialektisch-materialistischen Problem tur, in die sich alle Produktivkraft auflöst); der Charakter, Anschauung
beschäftigt sind, wie die desanthropomorphisicrenden Momente der wis- etc. der Individuen. . . . Allerdings fand Entwicklung statt nicht nur auf der
senschaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit sich ausbilden, ist die alten Basis, sondern Entwicklung dieser Basis selbst. Die höchste Entwick-
allgemeine Kenntnisnahme dieser Zusammenhänge zwar von höchster lung dieser Basis selbst (die Blüte, worin sie sich verwandelt; es ist aber
Wichtigkeit, indem sie uns auf die gesellschaftlichen Motive der ungleich- doch immer diese Basis, diese Pflanze als Blüte; daher Verwelken nach der
mäßigen Entwicklung auch auf diesem Gebiete aufmerksam macht, indem Blüte und als Folge der Blüte) ist der Punkt, worin sie selbst zu der Form
sie bestimmte konkrete Korrelationen aufzeigt, die für die Fortschritte ausgearbeitet ist, worin sie mit der höchsten Entwicklung der Produktiv-
und Rückschläge auch hier bezeichnend sind; alle diese Fragen kommen kräfte vereinbar, daher auch der reichsten Entwicklung der Individuen.
jedoch für uns in erster Linie vom Standpunkt der dialektisch-materia- Sobald dieser Punkt erreicht ist, erscheint die weitre Entwicklung als Ver-
25
listischen Probleme der Widerspiegelung selbst in Betracht. fall und die neue Entwicklung beginnt von einer neuen Basis." Der K a -
pitalismus dagegen kennt keine derartigen Schranken. Natürlich besitzt er
Wenn wir also jetzt zur Analyse der neuzeitlichen Entwicklung über-
bestimmte Schranken, ja, er produziert und reproduziert diese ununter-
gehen, müssen wir vor allem die Hauptmomente des Unterschieds zur
brochen, jedoch, wie Marx sagt, als beständig aufgehobene Schranken,
Antike hervorheben, die spezifischen Züge dieser Periode - freilich bloß
nicht als „heilige Grenze": „Die Schranke des Kapitals ist, daß diese ganze
in höchster Allgemeinheit - , die eine neue und in bestimmtem Sinne
Entwicklung gegensätzlich vor sich geht und das Herausarbeiten der Pro-
endgültige Wendung im Desanthropomorphisienmgsprozeß der wissen-
duktivkräfte, des allgemeinen Reichtums etc., Wissens etc. so erscheint,
schaftlichen Widerspiegelung herbeiführen. Das primäre und übergrei-
daß das arbeitende Individuum selbst sich entäußert; zu den aus ihm her-
fende Moment ist dabei die Entstehung der kapitalistischen Produktions-
152 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 153

ausgearbeiteten nicht als den Bedingungen seines eignen, sondern fremden duktivkräfte immer weiter zu entwickeln und deshalb auch die Wissen-
Reichtums und seiner eignen Armut sich verhält. Diese gegensätzliche schaft entsprechend zu fördern. Diese gesellschaftlich-geschichtliche Dop-
Form selbst aber ist verschwindend und produziert die realen Bedingun- pelfunktion der herrschenden Klasse in bezug auf unser Problem der Des-
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gen ihrer eignen Aufhebung." Wie diese Eigenart der kapitalistischen anthropomorphisierung in der wissenschaftlichen Widerspiegelung gibt
Entwicklung mit der Notwendigkeit und Eigenart der proletarischen Re- den ideologischen Rückschlägen einen neuen Charakter.
volution zusammenhängt, gehört nicht hierher. Natürlich versucht die herrschende Klasse, besonders anfangs, in der
Für uns sind dabei zwei Momente wichtig. Erstens, daß die Entfaltung alten Weise auf Erneuerungen der wissenschaftlichen Methode und auf
der Produktivkräfte keine „heilige Grenze" im Sinne früherer Formatio- ihre neuen Ergebnisse zu reagieren. M a n sieht dies am deutlichsten in den
nen hat, sondern, für sich betrachtet, die immanente Tendenz zur Schran- großen Kämpfen um die kopernikanische Wendung in der Astronomie.
kenlosigkeit besitzt. Zweitens, daß die schrankenlose Erweiterung der Ohne auf die Details irgendwie eingehen zu können, muß doch festgestellt
Produktivkräfte in ständiger Wechselwirkung mit einer ebenfalls schran- werden, daß die ideologischen Mächte der damaligen Reaktion gezwun-
kenlosen Ausbildung der wissenschaftlichen Methode im gegenseitigen gen waren, allmählich die neuen Resultate zu akzeptieren, die Weiterar-
befruchtenden Austausch und Beeinflussen vor sich geht. M i t dem Fall beit auf Grund der neuen Methode zumindest zu dulden, auch bei Ableh-
der Produktionsschranke von früheren Formationen fallen auch alle nung, ja Verfolgung der weltanschaulichen Konsequenzen. (Man denke
Schranken der Ausbreitung und Vertiefung der wissenschaftlichen M e - an die Position des Kardinals Bellarmin.) Die späteren Zusammenstöße
thode. Die Entwicklung der Wissenschaft erhält erst jetzt, theoretisch und von Wissenschaft und reaktionärer Ideologie zeigen noch deutlicher das-
praktisch, den Charakter eines unendlichen Progresses. Damit steht im en- selbe Bild.
gen Zusammenhang, daß die Ergebnisse der Wissenschaft vor allem durch Daraus folgt jedoch keineswegs, daß Methode und Resultat der Wis-
die Umgestaltung des Arbeitsprozesses immer stärker das Alltagsleben senschaft, in der, wie wir bald sehen werden, immer bewußter und ener-
durchdringen und, allerdings ohne seine Grundstruktur umwälzen zu kön- gischer das Prinzip des Desanthropomorphisierens zur Flerrschaft gelangt,
nen, seine Erscheinungs- und Äußerungsweisen wesentlich modifizieren. für die herrschende Klasse ideologisch tragbar würden. Im Gegenteil. Ihr
Dazu gehört z.B. das immer weiter greifende Zerreißen der jahrtausende- Kampf gegen solche Ergebnisse verstärkt sich, sie ist aber gezwungen, neue
lang bestehenden Verbundenheit zwischen Handwerk und Kunst, die Ver- Mittel in Anspruch zu nehmen. Diese müssen nun so beschaffen sein, daß
wissenschaftlichung von Sphären des Lebens und der Arbeit, denen solche sie den normalen, praktisch wirksamen Entwicklungsgang der Wissen-
Einwirkungen bis dahin völlig fernstanden, etc. schaft (das Desanthropomorphisieren natürlich mit inbegriffen) nicht stö-
Diese radikal neue Lage beeinflußt auch den Charakter des zweiten von ren und bloß den weltanschaulichen Verallgemeinerungen dieser Ergeb-
uns untersuchten gesellschaftlich hemmenden Motivs in der Entwicklung nisse die Spitze abbrechen, aus ihnen solche Folgerungen ziehen, die den
des wissenschaftlichen Geistes. Bei den Desanthropomorphisierungsten- konservierenden Erhaltungstendenzen des jeweiligen Gesellschaftszustan-
denzen: die Ablehnung der verallgemeinerten Ergebnisse der Wissenschaft des entsprechen. Das bedeutet sogleich eine Verengung des Kampfterrains.
aus Gründen ihrer klassenmäßigen Untragbarkeit. Das Phänomen selbst Während der objektive Idealismus der Spätantike dem konkreten - desan-
ist natürlich ein allgemeines: In einer solchen Untragbarkeit drückt sich thropomorphisierenden - Weltbild der wissenschaftlichen Philosophie ein
immer das Problematischwerden der Lage einer herrschenden Klasse aus; anderes, ebenfalls konkretes, aber anthropomorphisierendes gegenüber-
die mit Hilfe der von ihr entfesselten Produktivkräfte entstandene Wissen- gestellt hat (man denke an Gegensätze wie Demokrit - Piaton, Epikur -
schaft gerät, wenn ihre Ergebnisse methodologisch und weltanschaulich Plotin), ziehen sich die modernen Rückschlagstendenzen zumeist auf einen
zu Ende gedacht werden, in Widerspruch zu den ideologischen Vorausset- erkenntnistheoretisch orientierten subjektiven Idealismus zurück. Der Sinn
zungen ihrer Klassenherrschaft. Die neue Lage im Kapitalismus besteht dieser Rückschläge besteht darin, daß - da es unmöglich geworden ist,
in einer Spaltung der Interessen der herrschenden Klasse: Sie will einer- dem desanthropomorphisierenden Weltbild der Wissenschaft ein konkre-
seits keine Bresche in der Weltanschauung, die ihre Herrschaft unterbaut, tes anthropomorphisierendes gegenüberzustellen, ohne die Weiterentwick-
dulden, andererseits ist sie bei Strafe des Untergangs gezwungen, die Pro- lung der Wissenschaft zu gefährden - der Anspruch der menschlichen Er-
154 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 155

kenntnis, die objektive Wirklichkeit zu erkennen, „kritisch" abgelehnt Die steigende Bedeutung des Subjektivismus in diesem Prozeß muß zu-
wird. Die Wissenschaft kann nun in der Welt der Phänomene nach Belie- gleich - einerlei, ob bewußt oder nicht - die anthropomorphisierenden
ben schalten und walten, denn daraus lassen sich für die an sich seiende Tendenzen stärken. Dies ist in der reinen Philosophie der Neuzeit vielleicht
Welt, für die objektive Wirklichkeit überhaupt keine Folgerungen ziehen. noch deutlicher sichtbar als in den Religionen oder auf Begründung von
Der subjektiv gewordene philosophische Idealismus zieht sich auf die Religiosität ausgehenden Weltanschauungen; diese müssen mit einem -
Position des bloß erkenntnistheoretischen Verbots eines objektiven Welt- wenn auch oft stark abgeschwächten - Anspruch auf Objektivität auftre-
bilds zurück. ten, sowenig letztere sich auch wirklich philosophisch begründen läßt.
Es ist hier nicht unsere Aufgabe, die große Variabilität der möglichen, Wenn man dagegen an die Subjektivierung der Zeit von Bergson bis Hei-
sich hier ergebenden Stellungnahmen auch nur anzudeuten. Der auf diese degger, an die des Raumes vonSchcler bis Ortegay Gasset denkt, so ist es
Weise entstehende Spielraum erstreckt sich von der einfachen, „erkennt- klar, daß hier mit philosophischer Bewußtheit das Erlebnis, das Erlebte
nistheoretischen" Rekonstituierung der Religionen bis zum religiösen als „wahre" Wirklichkeit der Objektivität, die Zutat des Subjekts, seine
Atheismus, vom vollendeten Agnostizismus der Positivisten bis zur freien Weise, die Wirklichkeit unmittelbar aufzunehmen, als „echt" der „toten"
Mythenbildung etc. Wir können hier auf eine detaillierte Behandlung die- Objektivität der wissenschaftlichen Erkenntnis gegenübergestellt wird. So
ser Vielheit von Formen um so eher verzichten, als diese vom Aspekt un- wird für Scheler infolge der Erlebnisse des modernen Verkehrs „die aus-
seres Problems dieselbe Physiognomie zeigen: die des Anthropomorphi- 27
gedehnte Körperwelt minder real und substantiell" . Ortega y Gasset
sierens. Diese Tendenz ist naturgemäß am deutlichsten sichtbar, wo es sich sieht einen großen philosophischen Fortschritt darin: „In der Tat organi-
um die philosophische Rettung alter Rcligionsvorstellungcn oder um das sieren sich von dem Orte aus, an dem ich mich jeweils befinde, alle übri-
Neuschaffen von Mythen handelt. Freilich gerät auch hier immer stärker gen Orte der Welt zu einer lebendigen, in ihren gemütsbewegenden Span-
der alte, trügerische Glaube an die Objektivität solcher vom Menschen ge- 28
nungen dynamischen Perspektive: der Perspektive: Nah - F e r n . " Hier
schaffenen Gebilde ins Wanken. Bei Schleiermacher oder Kierkegaard ist wird in bezug auf den Raum, ebenso wie früher bei Bergson in be-
das Bewußtwerden der Subjektivität bereits zum Prinzip der neuen Reli- zug auf die Zeit, die anthropomorphisierende Subjektivität offen als
giosität geworden, aber auch in anderen, weniger deutlichen Fällen ließe höheres Prinzip gegen die desanthropomorphisierende Wissenschaft aus-
sich diese Orientierung nachweisen. Hat doch die ganze Tendenz zum Er- gespielt.
halten oder Neuschaffen der Religion, gerade im betonten Gegensatz zur Man sieht: Der ideologische Rückschlag erfolgt hier nicht minder aus-
Wissenschaft, eine neue Emphase erhalten. Schon bei Pascal erscheint die geprägt als in der Antike. Der wesentliche Unterschied besteht aber darin,
„Gottverlassenheit" der Welt infolge des Vordringens der desanthropo- daß die im allgemeinen gleicherweise erfolgte Erschütterung des wissen-
morphisierenden Wissenschaft als Schreckbild, gegen welches alle „mensch- schaftlichen Geistes ganz anders, weitaus schwächer auf Methodologie
lichen" (d.h. anthropomorphisierenden) Kräfte der Religion, des Glau- und Praxis der Wissenschaft selbst einwirkt. Im großen ganzen muß
bens emphatisch mobilisiert werden sollen. Dieser Aufruf verstärkt sich im man sagen, daß das Fortschreiten der Erkenntnis der Wirklichkeit, ihre
Laufe der Zeit. Je weniger die herrschende Klasse das wahre Abbild der Wirkung auf das Alltagsleben, doch unaufhaltbar seine Wege geht.
Wirklichkeit an sich ertragen kann, desto stärker erhält in dieser ihrer Ideo- Freilich nur im großen ganzen, denn es ist keine Frage, daß zwischen
logie die Wissenschaft den Wesenszug des Unmenschlichen, des Gegen- Weltanschauung, Erkenntnistheorie etc. und praktischer Methodologie
menschlichen. Wenn nun die Emphase einer solchen weltanschaulichen der Wissenschaften keine Chinesische Mauer errichtet sein kann. Das mo-
Polemik gegen die Wissenschaftlichkeit darauf konzentriert ist, die M e - derne Anthropomorphisieren ist zudem so stark abstrakt abgeblaßt, so
thode der Wissenschaft, die Annäherung an die objektive, an sich seiende stark sublimiert, daß es leicht in die Methodologie der Wissenschaften
Wirklichkeit, ihre desanthropomorphisierende Widerspiegelung, als un- sich einschleichen kann, ohne an der Oberfläche den Schein einer Wen-
menschlich zu diffamieren, so ist es klar, daß dabei philosophisch nur eine dung der Methode hervorzurufen. (Man denke an die Unsicherheitsrela-
- offen oder versteckt - anthropomorphisierende Methode in den Vorder- tion Heisenbergs.) Andererseits drückt sich gerade in einem solchen Funk-
grund geraten kann. tionswechsel der anthropomorphisierenden Weltanschauung der Wandel
156 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 157

der Zeiten klar aus: Das Desanthropomorphisieren hat in der wissen- Ausführungen: daß jenes Weltbild, das die desanthropomorphisierende
schaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit einen definitiven Sieg er- Widerspiegelung der Wirklichkeit den Menschen aufdrängt, praktisch-
fochten, und seine Wirkungen breiten sich - trotz solcher ideologischen ökonomisch unentbehrlich, für die Bourgeoisie und ihre Intelligenz ideolo-
Rückschläge - in der Praxis der Wissenschaften und des Alltags unauf- gisch aber immer weniger tragbar erscheint.
haltsam aus. Als allgemeine Erscheinung hängt dieses Phänomen ohne Frage mit der
Wir werden später an den unabweisbar notwendigen Tatsachen des A r - wachsenden Krisenhaftigkeit der bürgerlichen Existenz, mit ihrer steigen-
beitsprozesses detailliert aufzeigen können, daß das Desanthropomorphi- den Pcrspektivlosigkeit zusammen. Das Erschrecken vor der Zertrümme-
sieren der wichtigsten Tätigkeiten der Menschen im Zeitalter des Kapita- rung der Religion, vor der „Gottverlassenheit" der reinlich wissenschaft-
lismus ein notwendiger Prozeß ist, der mit der Entwicklung der Produktiv- lich erfaßten objektiven Wirklichkeit setzt - vereinzelt - natürlich schon
kräfte sich unaufhaltsam steigert, mehr und mehr Verhältnisse der mensch- früh ein. Pascal ist das erste große Beispiel dafür, daß man als Mathema-
lichen Praxis erfaßt, extensiv wie intensiv ständig wächst. Dieser Tatbestand tiker und Physiker nicht nur in Einzelergebnissen, sondern auch in der Me-
bestimmt die Eigenart des weltanschaulichen Widerstandes, seine Wesens- thodologie ein Bahnbrecher des Neuen sein kann und trotzdem gegen
art, seinen Umfang und seine Grenzen; er bewirkt, daß trotz aller Anstren- einen geistigen Schock durch die selbsterarbeitetc Bewältigung der Welt
gungen keine Wiederkehr eines Rückschlags in der Art des Ausgangs der keineswegs gefeit sein muß. Der letzte Grund eines solchen Verhaltens ist
Antike möglich ist, da der ständig wachsende Umkreis der menschlichen ein gesellschaftlicher. Die Entleerung des Weltbildes von anthropomor-
Praxis immer stärker mit desanthropomorphisierenden Kategorien ar- phisierenden religiösen Vorstellungen kann - wie die Geschichte des Den-
beiten muß, da selbst die Ideologen des Anthropomorphismus in weltan- kens lehrt - auf die einzelnen Menschen sowohl einen begeisternden wie
schaulichen Fragen dieses Vordringen der praktischen Desanthropomor- einen deprimierenden, ja Verzweiflung bringenden Eindruck machen.
phisierung nicht nur nicht aufhalten können, sondern auch nicht wollen, Diese Wirkung ist tief im Leben der betreffenden Menschen fundiert, in
weil gerade diese zur Grundlage der Macht jener Klasse geworden ist, deren ihrer Existenz als ganze, als lebendige Menschen des Alltags; sie ist also
Ideologie die Vorkämpfer der Anthropomorphisierung vertreten. Deshalb für den einzelnen zumeist nicht mit wissenschaftlichen, weder logisch-
ist ihr ideologischer Kampf - im Gegensatz zu Spätantike und Mittelalter - methodologischen noch einzelne Tatsachen oder Zusammenhänge erhel-
darauf beschränkt, die weltanschaulichen Konsequenzen der fortschrei- lenden Gründen beweisbar, sondern ist ein Lebensgefühl des ganzen Men-
tenden Desanthropomorphisierung der Wissenschaft, wie wir gesehen ha- schen, in seinen Erlebnissen, Emotionen, Erfahrungen etc. fundiert; diese
ben, anders zu interpretieren, ohne damit am Wesen dieses Prozesses auch Existenz ist jedoch - in einer für den einzelnen in den meisten Fällen nicht
nur das geringste ändern zu können. Der „freie Wille" der Atompartikeln durchsichtigen Weise - objektiv von dem gesellschaftlichen Sein des be-
mag in manche Probleme der Physik Verwirrung hineintragen, ihren Fort- treuenden Menschen bestimmt, von der allgemeinen Struktur, Entwick-
schritt zu einer rationalen Einheitlichkeit in der Erklärung der Phänomene lungsstufe etc. der Gesellschaft, in der er lebt, von der Stelle, die er in die-
vielfach hemmen - die Gedankenapparatur, mit der dabei gearbeitet wird, ser Gesellschaft einnimmt. Thomas Mann beschreibt im „Zauberberg"
muß aber (trotz eingebauter anthropomorphisierender Mythologie) in der ausgezeichnet diese zumeist ganz unbewußt bleibende Grundlage des Le-
praktischen Methodologie ebenso desanthropomorphisierend bleiben wie bensgefühls im kapitalistischen Alltag, die für das hier behandelte Pro-
die der bekämpften Gegner. Wie wir gesehen haben, ist also der anthropo- blem ausschlaggebend ist. Er sagt über Hans Castorp, der nebenbei bemerkt
morphisierende Rückschlag gegen den neuen wissenschaftlichen Geist we- Ingenieur ist, das Folgende: „Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches
niger eine Wiedereroberung verlorenen Terrains wie von Piaton bis zu den Leben als Einzelwesen, sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner
Scholastikern, sondern eher ein subjektiv-religiöser, ein „lyrischer" Trost- Epoche und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unper-
gesang. Die eigentümliche Lage des neuzeitlichen Denkens, daß das Prin- sönlichen Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und
zip der Wissenschaftlichkeit eine bis dahin nie gekannte Universalität er- selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben,
langt und zugleich der Gegensatz zwischen ihr und der Weltanschauungs- so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist doch
philosophie nie so schroff war, erklärt sich gerade aus unseren bisherigen sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel
158 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 159

vage beeinträchtigt fühlt. Dem einzelnen Menschen mögen mancherlei ökonomisch-sozial bedingte Charakter dieses Milieus und der darin mög-
persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen schweben, lichen Handlungsformen nicht bewußt wird, ändert an seiner Stellung-
aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit schöpft; nahme nichts. Sie zeigt nur wieder unsere frühere Feststellung, wie eng die
wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der Hoffnungen und Struktur der Religion und der Alltagspraxis zusammenhängen. Darum
Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie bestätigt seine Einstellung die grundlegende These von Marx über die Be-
sich ihm als hoffnungslos, aussichtslos und ratlos heimlich zu erkennen dingungen der Existenz und des Absterbens der Religion: „Der religiöse
gibt und der bewußt oder unbewußt gestellten, aber doch irgendwie gestell- Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, so-
ten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn bald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens der Menschen tag-
aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt, so täglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur
wird gerade in Fällen redlicheren Menschentums eine gewisse lähmende darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d.h. des
Wirkung solches Sachverhalts fast unausbleiblich sein, die sich auf dem materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihren mystischen Nebel-
Wege über das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organi- schleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter
sche Teil des Individuums erstrecken mag. Z u bedeutender, das M a ß des deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist jedoch eine mate-
schlechthin Gebotenen überschreitender Leistung aufgelegt zu sein, ohne rielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller
daß die Zeit auf die Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüßte, da- Existenzbedingungen, welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt
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zu gehört entweder eine sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte sind."
selten vorkommt und heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Wir haben hier Planck als Beispiel gewählt, weil er die desanthropomor-
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Vitalität." phisierende Methode in den Wissenschaften unbefangen, spontan materia-
Dieses gesellschaftliche Sein ergibt nun unter den Bedingungen des K a - listischbehandelt, das wachsende Unabhängigmachen der Widerspiegelung
pitalismus, besonders unter denen seines Niedergangs, eine wachsende der Wirklichkeit von den menschlichen Sinnesorganen als eine Selbst-
Undurchsichtigkeit des Lebens (des gesellschaftlichen Lebens) als Ganzen verständlichkeit ansieht: „Der Ausschaltung der spezifischen Sinnesemp-
im schroffen Kontrast zu seiner wachsenden Erhellung in den Einzelergcb- findung aus den Grundbegriffen der Physik folgte naturgemäß die Ver-
nissen und in der Methodologie der Wissenschaft. So kann sogar ein Na- drängung der Sinnesorgane durch geeignete Meßinstrumente. Das Auge
turwissenschaftler wie Planck, der die Methodologie seiner Forschungen wich der photographischen Platte, das Ohr der schwingenden Membran,
von allen modernen Mythologisierungsversuchen leidenschaftlich rein die wärmeempfindliche Haut dem Thermometer. Die Einführung selbst-
hält, eine Übereinstimmung von Religion und Wissenschaft (bei klarer registrierender Apparate machte von subjektiven Fehlerquellen noch wei-
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Einsicht in die desanthropomorphisierende Tendenz dieser und in die an- tergehend unabhängig." Dabei fehlt in diesen seinen Betrachtungen völ-
thropomorphisierende Wesensart jener) verkünden. Es ist dabei charakte- lig jene Angst, daß die Desanthropomorphisierung der wissenschaftlichen
ristisch, daß er liier den Trennungsstrich zwischen Erkennen (Wissenschaft) Erkenntnis, als Reflex einer „gottverlassenen" Welt, subjektiv zu einem
und Handeln (Religion) zieht, wobei er in der letzteren Frage von der Un- Prinzip der Unmenschlichkeit werden könnte. Er sieht im Gegenteil klar,
vollendbarkeit der Erkenntnis ausgeht, „weil wir mit unsem Willensent- daß der hier entstehende Prozeß der unendlichen Annäherung an die an sieh
scheidungen nicht warten können, bis die Erkenntnis vollständig oder bis seiende, von unserem Bewußtsein unabhängig existierende Welt das einzig
wir allwissend geworden sind. Denn wir stehen nicht nur mitten im Leben reale Mittel ist, um den Menschen die Erkenntnis und damit die Herrschaft
und müssen in dessen mannigfachen Anforderungen und Nöten oft sofor- über die objektiv seiende Wirklichkeit zu verleihen. Darum ist sein Trotz-
tige Entschlüsse fassen oder Gesinnungen betätigen, zu deren richtiger Aus- dem der weltanschaulichen Koexistenz von möglichst weit getriebenem
gestaltung uns keine langwierige Überlegung verhilft, sondern nur die be- Desanthropomorphisieren in der wissenschaftlichen Widerspiegelung der
stimmte und klare Weisung, die wir aus der unmittelbaren Verbindung Wirklichkeit mit der Religion (als Prinzip des Handelns, nicht mehr als Er-
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mit Gott gewinnen." Es ist klar, daß Planck hier unter Handeln die Le- kenntnis der Welt, als Element des Alltagslebens und nicht als Leitung der
bensbedingungen des Alltags versteht. D a ß ihm dabei der gesellschaftliche, Wissenschaft) so bezeichnend.
160 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 161

Solche Auffassungen wie die Plancks können nur einen schwachen 34


mende Affekt" hat, wie eine genaue Analyse leicht zeigen könnte, die
Damm gegen das Eindringen der anthropomorphisierend-mystischen Ten- Beobachtung des Arbeitsprozesses zum Modell. Während aber in dem all-
denzen in die Weltanschauung und dadurch vermittelt oft in die Wissen- täglichen und religiösen Denken das Vorbild der planenden Teleologie in
schaft errichten. U m den Durchbruch zum neuen Prinzip in der Wider- die objektive Wirklichkeit hinemprojiziert wird, wird hier die teleolo-
spiegelung der Wirklichkeit, zu dem genauen und fundierten Trennen vom gisch angewendete kausale Gesetzmäßigkeit des Arbeitsprozesses selbst
Anthropomorphisicren des Alltagsdenkens und der Religion zu vollzie- (die Hegel später so formuliert, daß mit der Hilfe des Werkzeuges die N a -
hen, wie dies in Fortführung und Konkretisierung der großen Ansätze der tur sich selbst an sich selbst „abreibt") für die Erhellung der inneren
frühgriechischen Entwicklung die Renaissanceundihrc unmittelbare Nach- Verhaltensweise des Menschen, seiner Beziehungen zu seinen Mitmen-
folge vollzogen haben, [dazu] gehört das Pathos einer ganz anderen welt- schen angewendet. Die Erkenntnis der vom menschlichen Bewußtsein un-
anschaulichen Sicherheit. Nicht nur um diese ein wenig zu beleuchten, son- abhängigen Gesetze der an sich seienden Wirklichkeit wird also hier zu
dern um zugleich auch die subjektive Seite dieser Widcrspiegelungsart einem Vehikel des Erlangens der Freiheit des Menschen, seiner Freiheit als
deutlicher zu machen, ist ein kurzer Exkurs in die Anthropologie und Durchschaucns der wirklichen objektiven Mächte, die er nur durch ad-
Ethik dieser Periode vonnöten. D a es hier schon aus Gründen des U m - äquate Erkenntnis nutzbar machen kann, als Entlarvung jener eingebilde-
fangs unmöglich ist, diese Probleme ausführlich zu behandeln, beschrän- ten, unbewußt selbstgeschaffenen Mächte, die er ebenfalls nur durch eine
ken wir uns auf ein freilich zentrales Problem. Dabei wird zugleich - dies- solche Erhellung ihres Wesens zu überwinden imstande ist.
mal von der positiven Perspektive aus gesehen - der gesellschaftlich- Das alles ist natürlich das Ergebnis einer jahrtausendlangen Entwick-
geschichtliche Charakter der spontanen wie bewußten Verhaltensweise lung. Wir haben im allgemeinen das Wirksamwerden des desanthropomor-
des Alltagsdenkcns in ihrer Wechselbeziehung zu den differenzierten, phisierenden Prinzips vom Standpunkt der Veränderung des objektiven
selbstgeschaffenen, aber selbständig gewordenen Objektivationen klar Weltbilds des Menschen, der Rationalisierung seiner Praxis betrachtet. M i t
zum Ausdruck kommen; auch, ja gerade dann, wenn die einzelnen Den- Recht, denn dieser Umwandlungsprozeß und seine Folgen repräsentieren
ker, wie in den von uns zu behandelnden Fällen, dieser historisch-sozialen tatsächlich das Primäre und Ausschlaggebende an der Wirkung der wis-
Determiniertheit sich keineswegs bewußt sind, wenn sie sogar - implizite senschaftlichen Desanthropomorphisierung. Ganz vernachlässigt darf
oder explizite - der Meinung sind, über solche Determinationen erhaben aber ihr subjektiver Reflex, ihr Einfluß auf persönliche Weltanschauungen,
zu sein. auf Ethik, auf Lebenshaltung etc. auch nicht werden. U m so weniger, als,
A m klarsten kommt diese Anwendung des wissenschaftlich-desanthro- wie wir gesehen haben und noch wiederholt sehen werden, der welt-
pomorphisierenden Gesichtspunkts mit dem Akzent einer dadurch erreich- anschauliche Widerstand gegen dieses Prinzip der echten Wissenschaftlich-
ten philosophischen Begründung der Herrschaft des Menschen über sein keit sich stets um den Punkt konzentriert: Desanthropomorphisierung sei
eigenes Leben in der Gesellschaft bei Hobbes und vor allem bei Spinoza gleich mit Unmenschlichkeit, Entmenschung (Entgötterung der Welt),
zum Ausdruck. Beide sind bestrebt, die für die Naturerkenntnis ange- Verwandlung des Menschen in einen Automaten, Aufhebung seiner Per-
bahnte „geometrische" Methode zum Ausbau von Anthropologie, Psy- sönlichkeit, des Sinnes seiner Tätigkeit etc. Solche Argumentationen tau-
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chologie und Ethik nutzbar zu machen. Es ist hier nicht der Ort, eine chen in der neuesten Zeit selbst bei Menschen auf, die nicht nur rein prak-
Kritik der hier vorhandenen und wirksamen methodologischen Illusionen tisch, sondern auch für die Gebiete des Wissens diese Methodologie aner-
zu geben; auf ihre determinierenden Motive kommen wir später kurz zu- kennen. So sagt z . B . Gehlen, dessen einzelne wichtige Ergebnisse wir
rück. Wichtig ist hier nur, zu betonen, daß dabei die Ablehnung einer je- schon verwertet haben und noch verwerten werden, über die Beziehung
den transzendenten (also religiösen) Macht für die fruchtbare Herrschaft des Menschen in der „archaischen" (nach Gehlen: vormagischen) Periode:
des Menschen über seine eigenen Affekte, für seine Freiheit im Sinne von „Da der Mensch wesentlich Kulturwesen ist, seine eigene Natur bis tief
Hobbes und Spinoza eine entscheidende Rolle spielt. Der große Gedanke ins Innere hinein eine ,nature artificielle', ja da er sogar die objektive N a -
von Spinoza „Ein Affekt kann nur gehemmt oder aufgehoben werden tur selbst theoretisch und praktisch in dem Grade vereinseitigt, in dem er
durch einen Affekt, der entgegengesetzt und der stärker ist als der zu hem- sie überhaupt erreicht, so daß jedes ,Naturbild' nur ein tendenziöser Aus-
162 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 163

schnitt ist, deshalb ist ein Moment des Künstlichen, ja Fiktiven schlechter- allen Differenzen, die innerhalb dieser Typen aus historischen, sozialen
dings apriorisch. Die Realität ,an sich' ist daher in ihm und außer ihm und persönlichen Gründen vorhanden sein mögen, drückt sich in ihnen
durchaus transzendent, und wenn und soweit man sie, wie in den Natur- ein gemeinsamer weltgeschichtlicher Zug aus; nämlich d a ß gerade das wis-
wissenschaften, doch irgendwie approximativ erreicht, weist sie ihre senschaftliche Verhalten zur Wirklichkeit die Grundlage des ethischen
Unmenschlichkeit aus, so daß dem modernen Menschen die archaische Verhaltens der Humanität höchster Ordnung bildet. M a g Aristoteles das
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Möglichkeit genommen ist, sich in der Natur zu verstehen." So der Überspannte an der Sokratischen Identifikation von Wissen und Moral
heute vielgelesene und vielzitierte Schriftsteller Robert Musil: „Ich fürchte, kritisieren, die darin ausgesprochene Ablehnung bezieht sich nur darauf,
folgender Gedanke (Nachmittag am Sofa) gehört nicht zu meinen Essays, was er für übertrieben hält, nicht auf das Prinzip selbst.
sondern zu meiner Biographie: Gott nach der gewöhnlichen Vorstellung Die so gefaßte Gemeinsamkeit - bei allen Divergenzen in noch so wich-
des Verhältnisses von rotierendem Elektron und Körperganzen; was be- tigen Einzelheiten - konzentriert sich auf zwei Problemkomplexe. Erstens
deutet es dann für ihn, ob man gotisch oder sonstwie baut? Naturgesetz- auf die weltanschauliche Immanenz des ethischen Verhaltens, d.h. auf
lich wirken geistige Unterschiede nicht; wenn der Mensch also nicht über- jenen Zusammenhang der Freiheit mit der richtigen (wissenschaftlichen,
flüssiger sein soll als ein Pendel, so ist das übergeordnete Ganze geistig. desanthropomorphisierenden) Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit,
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Und zwar wahrscheinlich schon das nächst Übergeordnete." Solche über welche wir eben gesprochen haben. Sie beinhaltet eine Ablehnung
Äußerungen ließen sich massenhaft anführen. aller transzendenten Bindungen, Bezogenheiten auch für das humanistisch-
Dagegen ist hervorzuheben, daß seit der griechischen Antike, seit dem moralische Verhalten des Menschen. Dieser selbst also, in einer Welt le-
ersten bewußten Auftauchen des desanthropomorphisicrenden Prinzips, bend, die er, so wie sie wirklich, an sich, befreit von jeder menschlichen
sich ununterbrochen, sukzessiv, wenn auch mit Rückschlägen, oft inkon- Introjektion, ist, nach Möglichkeit adäquat zu erkennen trachtet, hat die
sequent, in Zickzacklinien eine diesem entsprechende, aus ihm heraus- Aufgabe, sein Leben - eingebettet in die gesellschaftlich-geschichtliche
wachsende, selbst freilich nicht desanthropomorphisierende Ethik, eine Menschheitsentwicklung - selbst aufzubauen, den Sinn seines Lebens im
menschliche Verhaltensweise entfaltet hat, die in schroffem Gegensatz zu Leben, in seinem Leben selbst zu finden. Daraus folgt zweitens, daß der
den oben angeführten Stellungnahmen gerade in dieser Position den ar- Mensch als „Mikrokosmos" gleichfalls immanent, eigengesetzlich zu be-
chimedischen Punkt einer wahrhaft humanistischen, dem Menschen und trachten ist, ohne irgendein Mythologisieren seiner eigenen Kräfte und
seiner Würde gemäßen Weltanschauung erblickt. Eine solche Ethik be- Schwächen als Derivaten von Transzendenzen. Die ebenfalls schon ange-
ginnt also beim Menschen und kulminiert in ihm, setzt aber eben deshalb führte ethische Affekttheorie Spinozas zeigt deutlich, wohin ein solcher
eine desanthropomorphisierend betrachtete Außenwelt voraus. Wir haben Weg führt. Natürlich variieren solche Lehren sehr stark, je nachdem, wie
früher [146f.] diese Tendenzen in der griechischen Philosophie angedeutet. die Gesellschaft, in welcher der Mensch als „Mikrokosmos" zu wirken hat,
Die uns hier interessierenden Folgen in bezug auf das Ideal des mensch- beschaffen ist. Wir haben ja beobachten können, wie in unseren Tagen ge-
lichen Verhaltens faßt Marx so zusammen, „daß der Weise, Sophos, nichts rade aus dem Wesen des Kapitalismus der Gegenwart, aus seiner Hypo-
ist als der idealisierte Stoiker, nicht der Stoiker der realisierte Weise; wo stasierung Theoreme der kosmischen Transzendenz, der „ewigen" U n -
er finden wird, daß der Sophos durchaus nicht bloß stoisch ist, sondern erkennbarkeit des Menschen erwachsen. Eine derartige Entstellung ist
ebensogut bei den Epikuräern, Neuakademikern und Skeptikern vor- aber keineswegs zwangsläufig. Auch die Stoiker und Epikureer lebten in
kommt. Übrigens ist der Sophos die erste Gestalt, in der uns der griechi- einer Gesellschaft, die sie ablehnten; diese Ablehnung hebt bei ihnen jedoch
sche Philosophos entgegentritt; er tritt mythisch auf in den sieben Weisen, das immanente Auf-sich-Gestelltsein des Menschen als „Mikrokosmos"
praktisch in Sokrates und als Ideal bei den Stoikern, Epikuräern, Neu- nicht auf, sie verstärkt und vertieft es im Gegenteil: Das Fehlen einer Er-
akademikern und Skeptikern. Jede dieser Schulen hat natürlich einen eige- füllbarkeit des echten Humanismus in der Gesellschaft ist gerade ein ent-
nen 00961;... Ja, Sankt Max [Gemeint ist Stirner - G . L . ] kann ,le sage' scheidendes Motiv, um den Typus des Weisen noch entschiedener, noch
wiederfinden im achtzehnten Jahrhundert in der Auf klärungsphilosophie menschlich immanenter auszugestalten. Die gedanken- und gefühlsmäßige
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und sogar bei Jean Paul in den ,weisen Männern' wie Emanuel etc." Bei Umgestaltung der desanthropomorphisiert betrachteten Welt ist also keine
164 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 165

nihilistische oder relativistische Enthumanisierung der menschlichen Wirk- Furcht und Hoffnung pointiert hat, betrachtet er diese beiden Affekte in
lichkeit, sie ergibt keine verzweifelte Richtungslosigkeit für das mensch- seinen „Sprüchen in Reimen" als entscheidende Charakteristik des Phi-
liche Handeln. Wo dies auftritt, haben wir es im Gegenteil mit einem reak- listers :
tionären Mythos zu tun. Was ist ein Philister?
Für unsere Zwecke genügt es, wenn wir diese Problemlage an der Ana- Ein hohler Darm,
lyse der Affekte Furcht und Hoffnung andeutend aufzeigen. (Natürlich ist M i t Furcht und Hoffnung ausgefüllt.
hier nur von den Affekten die Rede. Wenn auf höherem seelischem Niveau Daß Gott erbarm. 41

von Furcht und Hoffnung die Rede ist, wenn man z.B. bei einem wichti-
gen Entschluß „sich fürchtet", ob man genügend Kraft, Entschlossenheit Hier kann es nur darauf ankommen, den Zusammenhang zwischen der
zur Durchführung des Richtigen haben wird, so ist das ein Gefühlsreflex Neuentdeckung, der methodologisch klaren Herausarbeitung der des-
moralischer Erwägungen und kein Affekt.) Ihre polare Zusammengehö- anthropomorphisierenden Widerspiegelung und dem Humanismus, dem
rigkeit, ihre Gebundenheit an einen bloßen Glauben hat bereits Descartes Schutz der Freiheit und Integrität des Menschen kurz anzudeuten, neben-
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erkannt. Hobbes betont dabei, daß ihr Objekt ein bloß „anscheinendes" bei auch darauf ein Streiflicht zu werfen, wie antiasketisch alle diese Ten-
Gut bzw. Übel ist, es hat also einen bloß subjektiven Charakter, ist mehr denzen sind. D a ß die Erscheinungsformen einer erstrebten Tendenz, Frei-
Anlaß als Ursache, kann also auch durch „etwas Unvorstellbares" aus- heit und Integrität des Menschen zu retten, historisch bedingt sind, ist eine
gelöst werden, wenn dieses „nur ausgesprochen werden kann". Hobbes Selbstverständlichkeit. Ebenso, daß ein solches gesellschaftlich-geschicht-
weist dabei auf den „panischen Schrecken", wo „ohne Kenntnis des Grun- liches Bedingtscin der Fragen und Antworten in Anthropologie, Ethik etc.
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des" Furcht und Flucht entstehen. " Sehr ähnlich ist die Analyse dieser nicht an der Oberfläche haftenbleibt, sondern sich auf die entscheidenden
Affekte bei Spinoza. Auch er betont den sub jcktivistischen Charakter dieser inhaltlichen und strukturellen Probleme intim bezieht. Die Anerkennung
Affekte. Ihr Objekt entsteht „aus dem Vorstellungsbilde eines zweifelhaf- der humanistischen Grundtendenz in den soeben aufgezeigten Äußerun-
ten Dinges"; ihr Charakter ist also „eine unbeständige Freude" oder eine gen beinhaltet also keineswegs ihre „ewige Geltung". Die „geometrische
„unbeständige Trauer". Deshalb betont er, daß diese Affekte „nicht an Methode" von Hobbes oder Spinoza ist ebenso zeitbedingt wie die stoisch-
sich gut seien"; sie zeigen „Mangel an Erkenntnis und Ohnmacht der epikureisch gefärbte Atmosphäre ihrer Ethik. Beide Formen können durch
Seele" an, weshalb auch: „Je mehr wir daher nach der Leitung der Ver- die historische Entwicklung der Gesellschaft und in ihr der Wissenschaft
nunft zu leben streben, desto mehr streben wir, uns von der Hoffnung un- als konkret überholt erscheinen, ohne damit ihre fundamentale Bedeu-
abhängiger zu machen und von der Furcht zu befreien, dem Schicksal, so- tung zu verlieren: [so,] wenn etwa im Nachkriegsimperialismus der Affekt
viel wir können, zu gebieten und unsere Handlungen nach dem bestimm- Furcht sich von jeder Hoffnung loslöst und - im Anschluß an Kierke-
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ten Anraten der Vernunft zu regeln." gaard - sich als Angst zur universalistischen Basis der bürgerlichen Ideo-
Die Wirkung dieser Einstellung ist eine außerordentlich große. D a wir logie ausweitet und zur Grundlage der religiösen Weltanschauungen (der
hier nicht auf historische Details eingehen können, genügt es, wenn wir religiöse Atheismus mit inbegriffen) wird; wenn aber, wie schon zur Zeit
auf Goethe hinweisen. Im Maskenzuge in der kaiserlichen Pfalz läßt er der Großen Französischen Revolution und auf qualitativ höherem N i -
Furcht und Hoffnung gefesselt vorführen und die Klugheit über sie so veau seit dem Vormarsch des Sozialismus, die Hoffnung einen wissen-
sprechen: schaftlichen Unterbau, die Verbundenheit mit einer erkenntnismäßigen
Zwei der größten Menschenfeinde, Begründetheit und Konkretion erhält, so ist all dies eine weitere Entwick-
Furcht und Hoffnung, angekettet, lungsetappe der Menschheit, so ist nicht mehr vom bloßen Affekt Hoff-
Halt ich ab von der Gemeinde... nung die Rede, sondern von den Gefühlsreflexen einer wissenschaftlich -
philosophisch, ökonomisch etc. - begründeten Perspektive.
Und mit einer sehr charakteristischen Wendung generalisiert Goethe das Wenn wir abschließend noch in einigen Bemerkungen auf die Grundlage
Problem noch weiter; nachdem er hier die soziale Gefährlichkeit von dieser Zusammenhänge zwischen konsequentem Desanthropomorphisie-
166 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 167

ren in der wissenschaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit und dem existierende Ansich der Wirklichkeit handelt; auch wo der Mensch selbst,
Verhalten des Menschen im Alltagsleben eingehen, so beinhaltet dies biologisch oder gesellschaftlich-geschichtlich, untersucht wird, geht es -
zugleich eine schroffe Ablehnung aller Tendenzen, die einerseits im wissen- letzten Endes - um solche objektiven Gegenständlichkeiten oder Pro-
schaftlichen Verhalten und'-erst recht in der zu Ende geführten wissen- zesse. Die desanthropomorphisierende Grundrichtung zeigt sich auch
schaftlichen Weltanschauung etwas „Unmenschliches" erblicken, die an- darin - vor allem im Gegensatz zur künstlerischen Widerspiegelung - , daß
dererseits die rein wissenschaftlich erfaßte Welt als dem Wesen des Men- der zusammenhängende, unendlich-totale Charakter des Objekts, der an
schen feindlich ansehen. U m diese Lage klar zu überblicken, darf nicht nur sich seienden Wirklichkeit, auch dann tendenziell möglichst getreu auf-
nicht vergessen werden, daß die desanthropomorphisierende Widerspie- bewahrt bleibt, wenn bewußterweise nur ein methodologisch isoliertes
gelung der Wirklichkeit ein Instrument des Menschengeschlechts zu seiner Stück behandelt wird. Ein solcher Teil, als Gegenstand wie als Aspekt,
eigenen Höherentwicklung, zum Beherrschen seiner Welt ist, es m u ß viel- erlangt nie eine absolute Selbständigkeit, ein in sich abgeschlossenes
mehr auch stets daran gedacht werden, daß dieser Prozeß zugleich der der Auf-sich-Gestelltsein wie in der künstlerischen Widerspiegelung, wird nie
höheren Entfaltung des Menschen selbst ist, eine Verbreiterung und Ver- zu einer eigenen „Welt" wie in dieser, sondern bewahrt - gegenständlich
tiefung, eine Konzentration aller seiner Fähigkeiten, dessen Einwirkun- und methodologisch - seinen Teilcharakter. Daraus folgt, daß jede wis-
gen auf seine Gesamtpersönlichkeit unermeßlich sind. Wir haben früher senschaftliche Spiegelung der Wirklichkeit die Ergebnisse vieler anderer
kurz andeutend darüber gesprochen, daß in der Beziehung zu den selbst- Versuche auch direkt und unverändert übernehmen und verwerten kann,
geschaffenen höchsten Objektivationssystemen - Wissenschaft und Kunst - sogar m u ß ; während in der ästhetischen Mimesis gerade das homogene
der ganze Mensch des Alltags sich in den „Menschen ganz" (gerichtet auf Medium der einzelnen Werke etwas Einzigartiges und Letztes vorstellt, so
das jeweilige konkrete Objektivationssystem) verwandelt [65]. Diese Frage daß die Übernahme fremder formeller oder inhaltlicher Elemente - selbst
in ihrer Beziehung zur Kunst wird uns später vielfach und ausführlich be- aus eigenen Werken - für den Künstler eine Gefahr bilden kann. Das Fun-
schäftigen [624ff.]; die der Wissenschaft zugewendete Seite des Problems dament des homogenen Mediums in der wissenschaftlichen Widerspiege-
kann, dem Plan dieses Werks entsprechend, nur in abgekürzter, sehr lung ist dagegen- letzten Endes, freilich nur letzten Endes - etwas für alle
verallgemeinerter Weise behandelt werden. Wissenszweige Einheitliches. Die Differenzen zwischen einzelnen Wissen-
Eine höhere Objektivation kann nur entstehen, wenn alle ihre durch schaften und auch zwischen einzelnen Wissenschaftlern sollen damit nicht
Widerspiegelung gewonnenen und bearbeiteten Gegenstände sowie deren geleugnet werden, sie sind aber - mit der ästhetischen Sphäre verglichen -
Beziehungen eine der Funktion der betreffenden Widerspiegelungsart ent- relativen Charakters. Denn so eigene Wege die verschiedenen Wissen-
sprechende Homogenisierung erfahren. Ohne hier auf die später ausführ- schaften und in ihnen die einzelnen Forschungen auch gehen mögen,
lich zu analysierende ästhetische Bedeutung dieses Aktes eingehen zu tendenziell gibt es doch nur eine Wissenschaft, eine konvergierende
können, ist es ohne weiteres evident, daß eine der jeweiligen wissenschaft- Gesamtannäherung an das einheitliche Ansich der Objektwelt, und keine
lichen Zielsetzung entsprechende Homogenisierung überall stattfindet, wo Einzelabbildung könnte Wahrheit und damit Bestand erlangen, wenn
ein derartiges Erfassen der Wirklichkeit erstrebt wird. Die Mathematik diese Tendenz ihr - einerlei, ob bewußt oder unbewußt - nicht innewohnen
ist die reinste Form einer solchen Homogenisierung von Inhalt und Form würde. Das hebt den individuellen Charakter vieler Leistungen nicht auf,
der gespiegelten Wirklichkeit; sie drückt auch die desanthropomorphisie- verleiht aber der Individualität ein ganz anderes Cachet als im Bereich des
rende Tendenz in dieser Umwandlung des subjektiven Verhaltens am ein- Ästhetischen.
deutigsten aus. Es wäre aber ein Fehler, zu übersehen, daß alle Wissen- Dieser Strukturunterschied der Gegenständlichkeit - innerhalb der ob-
schaften, auch die gesellschaftlichen, stets ein homogenes Medium er- jektiven Einheit der widergespiegelten Welt - muß festgehalten werden,
schaffen, um Eigenschaften, Beziehungen, Gesetzmäßigkeiten des von wenn wir die Eigenart des „Menschen ganz" als subjektive Verhaltensart,
einem bestimmten Erkenntnisziel aus untersuchten Teils der an sich sei- die die Desanthropomorphisierung im Menschen vollzieht, richtig begreifen
enden Wirklichkeiten) besser zu erfassen und zu erhellen. Das wesentlich wollen. Schon die bisherigen Darlegungen zeigen, wie falsch es ist, in einem
Gemeinsame ist, daß es sich immer um das vom Menschen unabhängig desanthropomorphisierend entstandenen Weltbild und in dem ihm ent-
168 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 169

sprechenden Verhalten unmenschliche Prinzipien zu entdecken. Das Des- hier handelt es sich darum, daß Phänomene von einer bestimmten Qualität
anthropomorphisieren selbst ist, wie wir es bei Behandlung der Arbeit aus dem unmittelbaren und ungeordnet scheinenden Komplex der direkt
sehen konnten, tief im Alltagsleben des ganzen Menschen verankert, und gegebenen Wirklichkeit herausgehoben und entsprechend homogenisiert
sogar sein Instrumentar zeigt oft derart fließende Übergänge, daß die werden, um ihre an sich seienden Zusammenhänge, die sonst unwahr-
Grenze oft schwer feststellbar ist. Denn jedes Werkzeug enthält objektiv nehmbar bleiben müßten, zu erhellen, um diese in ihren immanenten
desanthropomorphisierende Grundlagen: U m mit ihm für den Menschen Gesetzlichkeiten wie in Wechselbeziehung zu andersgearteten Gegen-
nützliche Verrichtungen vollziehen zu können, müssen vorerst seine standsgruppen objektiv untersuchen zu können. Die Ökonomie kann ge-
Wesensart, seine Wirkungsmöglichkeit etc. durch ein Absehen von der wissermaßen als Schulbeispiel für diesen Homogenisicrungsprozcß gelten.
gewöhnlichen, alltäglich-menschlichen Betrachtungsweise des ganzen Natürlich kann dieser nur äußerst selten die Geschlossenheit und Exakt-
Menschen aufgedeckt werden. Soweit es jedoch bloß dazu dient, die an- heit der reinen Mathematik erreichen; natürlich gab es und gibt es in den
geborenen oder gesellschaftlich erworbenen menschlichen Fähigkeiten zu Gesellschaftswissenschaften vielfach Beispiele für ein wissenschaftlich fal-
verstärken, ihre Fehlleistungen auszugleichen, führt seine Anwendung ins ches Herausheben und Homogenisieren, das ändert aber nichts Wesent-
Alltagsleben des ganzen Menschen zurück. So ist hier trotz der gleitenden liches an der Unvermeidlichkeit und Fruchtbarkeit einer solchen Setzungs-
Übergänge doch ein Sprung zum echten Desanthropomorphisieren der art. (Man vergesse bei Betrachtung der hier entstehenden Konfliktmög-
Wissenschaft vorhanden; die Brille desanthropomorphisiert nicht, wohl lichkeiten nicht, daß auch bei der Anwendung der reinen Mathematik
aber das Teleskop oder das Mikroskop, denn jene stellt bloß eine gestörte etwa auf physikalische Phänomene Probleme ähnlicher Art auftauchen
normale Beziehung im Alltagsleben des ganzen Menschen her, während können und auch aufgetaucht sind.)
diese eine den menschlichen Sinnen sonst unzugängliche Welt eröffnen. Die Wesensart des „Menschen ganz" in der desanthropomorphisieren-
Die praktisch freilich immer von Zwischenstufen verwischte Grenze wird den Widerspiegelung der Wirklichkeit ergibt sich aus dem dialektischen
also gerade danach gezogen, ob das Instrument in das Alltagsleben des Zusammen von allmählichem Übergang und Sprung im Verhältnis zu
ganzen Menschen zurückführt oder eine davon qualitativ verschiedene diesem homogenen Medium einerseits und zum ganzen Menschen des
Welt, die des Ansichseienden, des vom Menschen unabhängig Existieren- Alltags andererseits. Denn es gehört zum Wesen dieses Sprunges, daß
den wahrnehmbar macht. Dieser Sprung läßt die Verhaltensweise des zwar eine gewisse Entsubjektivierung stattfindet, daß aber durch sie viele
„Menschen ganz" entstehen. Beim Benutzen eines solchen Instruments der ausschlaggebenden Eigenschaften, Qualitäten des ihn vollziehenden
scheint der Übergang höchst einfach; er ist komplizierter, wenn das In- ganzen Menschen bloß so weit aufgehoben werden, als sie der Reproduk-
strumentar ein vorwiegend geistiges ist wie z.B. der Gebrauch der Mathe- tion des jeweiligen homogenen Mediums durch das betreffende Subjekt
matik, wo dem menschlichen Denken ihm sonst unbekannte Aufgaben hindernd im Wege stehen. Alle sonstigen Kräfte des Menschen, die mora-
gestellt werden, die mit einer vom Alltagsdenken qualitativ veschiedenen lischen selbstredend mit inbegriffen, bleiben weiter in Wirksamkeit, ja
Methode gelöst werden müssen. Deren Welt rein quantitativer Beziehun- pflegen beim Ausbau der desanthropomorphisierenden Widerspiegelung
gen ist zwar jedenfalls eine Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit, eine große Rolle zu spielen (also nicht nur Scharfsinn, Beobachtungsgabe,
indem jedoch die Abstraktion des Quantifizierens vollzogen wurde und Kombinationsfähigkeit etc., sondern auch Ausdauer, Mut, Widerstands-
das homogene Medium der reinen und ausschließlich in Betracht gezo- kraft etc.). Der Sprung zeigt sich deutlicherweise darin, daß nicht so sehr
genen Quantität entstanden ist, blühen Begriffsbildungen und -Verknüp- Größe und Intensität einzelner Gaben für das Ergebnis ausschlaggebende
fungen auf, die im Alltagsleben des ganzen Menschen keine Analogie ha- Bedeutung erlangen wie die Art, in der ihre Kombination und Proportion
ben, obgleich sie für die Erkenntnis der an sich seienden Wirklichkeit sich zum jeweiligen homogenen Medium und innerhalb seines Bereichs
höchst fruchtbar angewendet werden können. zur jeweiligen konkreten Aufgabe verhält. Diese Dialektik tritt besonders
Das desanthropomorphisierende Denken stellt auch den sich mit dem deutlich in den Gesellschaftswissenschaften hervor. Daß die leidenschaft-
Menschen und den menschlichen Beziehungen beschäftigenden Wissen- liche Parteinahme an und in den Konflikten einer Periode zur Entdeckung
schaften dem Alltagsleben gegenüber völlig neue Anforderungen. Auch ganz neuer Zusammenhänge und zu ihrer desanthropomorphisierend rieh-
170 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 171

tigen, objektiven Darstellung führen kann, läßt sich an Beispielen wie seilschaftlich-geschichtlichen Lebens, aus sozialen Strukturen, aus Klas-
Machiavelli, Gibbon, Thierry, Marx etc. leicht studieren. Dagegen kann senlagen innerhalb einer Formation; diese können auch in den Wissen-
man ebenfalls unschwer beobachten, daß Inhalt, Richtung, Art etc. von schaften zur Geltung gelangen, aber - allgemein angesehen - weder mehr
bestimmten Einstellungen und Stellungnahmen das Erfassen der an sich noch weniger als im Leben oder in der Kunst; die konkrete Darlegung sol-
seienden Zusammenhänge in der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklich- cher Fragen ist ein Problem des historischen Materialismus und liegt außer-
keit verhindern und eine die desanthropomorphisierende Widerspiege- halb des Aufgabenkreises, den dieses Werk sich gestellt hat.
lung störende, ja geradezu aufhebende Wirkung ausüben können. Thomas A l l dies mußte wenigstens kurz angedeutet werden, damit die zweite
Mann hat in der Gestalt des Professors Cornelius in der Erzählung „Un- große, in Wirklichkeit entscheidende Geistesschlacht um die Desanthropo-
ordnung und frühes Leid" eine solche Verhaltensweise mit feiner Ironie morphisierung der wissenschaftlichen Widerspiegelung richtig verstanden
beschrieben, und er läßt sogar die in ihr enthaltene unauflösbare Proble- werde. Da bei uns auch hier methodologisch-philosophische Probleme und
matik in dem Professor selbst aufdämmern; dieser erwägt die Frage in nicht rein historische im Vordergrund des Interesses stehen, beschränken
einem einsamen Monolog: „Aber Parteinahme, denkt er, ist eben auch wir uns wieder auf die Betrachtung einiger grundlegend typischer Stel-
unhistorisch; historisch allein ist die Gerechtigkeit. Nur allerdings, eben lungnahmen. A m klarsten ist dieses Programm bei Galilei angesprochen:
darum und wohl überlegt... Gerechtigkeit ist nicht Jugendhitze und frisch- „Die Philosophie steht in diesem großen Buche geschrieben, das uns stets
fromm-fröhliche Entschlossenheit, sie ist Melancholie. D a sie jedoch von aufgeschlagen vor Augen liegt (ich meine das Universum), das man aber
Natur Melancholie ist, so sympathisiert sie auch von Natur und insge- nicht begreifen kann, wenn man nicht vorher seine Sprache zu verstehen
heim mit der melancholischen, der aussichtslosen Partei und Geschichts- lernt und die Buchstaben zu erkennen, mit denen es geschrieben ist. Es ist
macht mehr als mit der frisch-fromm-fröhlichen. A m Ende besteht sie aus geschrieben in mathematischer Sprache, und seine Buchstaben sind Drei-
solcher Sympathie und wäre ohne sie gar nicht vorhanden? A m Ende gibt ecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne welche es menschlich
es also keine Gerechtigkeit? fragt sich der Professor..." unmöglich ist, auch ein einziges Wort zu verstehen; ohne sie dreht man
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Die Sprungartigkeit dieses Übergangs vom ganzen Menschen zum sich ohne Nutzen in einem finsteren Labyrinth herum." Von unserem
„Menschen ganz" zeigt sich auch, wenn wir den Weg zurück von der wis- Standpunkt ist darin das wichtigste die Proklamierung einer neuen Sprache
senschaftlichen Desanthropomorphisierung ins Leben bei bedeutenden mit neuen Buchstaben, was ein eindeutig klares Bild für die neuen Formen
Gelehrten verfolgen. Wie häufig kommt es vor, daß diese die sich sach- der Widerspiegelung der Wirklichkeit ist, ihrer bewußten, zur Methode
gemäß von selbst ergebenden Folgerungen [aus] ihrer eigenen Lehre, ja erhobenen, klaren Abgrenzung von den unmittelbaren, an die mensch-
ihren epochemachenden Entdeckungen nicht ziehen, daß ihre Stellung- liche Sinnlichkeit gebundenen Erscheinungsweisen der Alltagswirklich-
nahmen im Alltag, auch in anderen Gebieten des Wissens, nicht nur in keit. Nicht zufällig wird diese Methode im Kampf um die Kopernikanische
solchen, an denen sie sich selbst nicht forschend beteiligt haben, sondern Astronomie entwickelt, ist doch diese der erste schicksalhaft entscheidende
sogar, wo sie mit Anspruch auf eigene Resultate engagiert sind, diesen dia- Bruch mit der geozentrischen und im engen Zusammenhang damit unver-
metral widersprechen. Es kann natürlich nicht die Aufgabe dieser Betrach- meidlich anthropomorphisierenden Anschauung des Kosmos. Es erüb-
tungen sein, solche Widersprüche systematisch oder historisch zu analy- rigt sich, auf den Zusammenstoß des neuen Weltbildes mit dem bis dahin
sieren; wir haben auf die hier auftauchenden Haupttypen der Problema- herrschenden religiösen auch nur in wenigen Bemerkungen einzugehen.
tik nur darum hingewiesen, um die Beziehung des „Menschen ganz" in der Jedoch gerade wegen der von uns früher festgestellten engen Verflochten-
desanthropomorphisierenden Widerspiegelung zum ganzen Menschen des heit des Alltagslebens und der religiösen Aufnahme der Wirklichkeit ist es
Alltags in ihren allerallgemeinsten Zügen anzudeuten. Aber schon ein sol- vielleicht nicht ohne Interesse, kurz daraufhinzuweisen, daß die neue K o n -
ches höchst kursorisches Bild zeigt, daß es ein Vorurteil wäre, im A k t des zeption Galileis im bewußt-schroffen Gegensatz zu den Widerspiegelungs-
Desanthropomorphisierens, in seiner universellen Aufgipfelung, die vor formen des Alltagsdenkens steht, daß die scharfe Abtrennung von diesen im
allem unser Zeitalter hervorbringt, etwas Gegenmenschliches zu erblicken. Mittelpunkt seiner methodologischen Betrachtungen steht: „Die Anschau-
Tendenzen zur Antihumanität erwachsen immer aus dem Boden des ge- ungen von Groß und Klein, von Oben und Unten, von Nützlich und Zweck-
172 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit f73

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mäßig sind auf die Natur übertragene Eindrücke und Gewohnheiten eines liehen Leben zu bestimmen." Das bedeutet aber nur, daß Bacon, wie die
menschlichen und gedankenlosen Alltags." Darum muß auch die „be- bedeutendsten Denker dieser Zeit, Wissenschaft und Philosophie nicht
schränkte Vorstellungskraft, die bereits bei hohen Zahlen ihre Grenze fin- abgetrennt vom Leben der Menschen behandeln wollte, sondern ihr be-
det", überwunden werden; die Größe des Kosmos geht ebenfalls über die sonderes Wesen gerade im Zusammenhang mit dem Leben zu ergründen
Fassungsfähigkeiten des Alltagsdenkens hinaus. 43
bestrebt war. Wie wenig er dabei Empirist war, zeigt seine Klassifizierung
Vom Standpunkt der Methodologie der Wissenschaft, von dem der Phi- der Experimente. Er grenzt ihren Bereich von der - wirklich empiristi-
losophie umfaßt der hier vollzogene Bruch ein viel weiteres Feld, als unser schen-Praxis des Handwerks seiner Zeit scharf ab und fügt hinzu: „Aber
Raum es für seine Beschreibung ist. Aber welche andere Frage wir auch auf den weiteren Fortschritt der Wissenschaft kann man nur dann mit
heranziehen würden, ob die Ablehnung der teleologischen Betrachtungs- Recht hoffen, wenn die Naturkunde vorzugsweise solche Versuche auf-
weise (verbunden mit den Problemen der „Nützlichkeit"), ob die Metho- nimmt und sammelt, die zwar keinen unmittelbaren Nutzen haben, aber
dologie der Experimente etc., wir kommen immer wieder auf die des- zur Entdeckung der Ursachen und der Gesetze dienen. Solche Versuche
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anthropomorphisierende Weise der Widerspiegelung, auf das Verlassen der nenne ich lichtbringende im Gegensatz zu den fruchtbringenden." Das
Unmittelbarkeit des Alltagsdenkens zurück. Zum Abschluß sei noch ein Ziel der richtigen Experimente ist also, mit der unmittelbaren Verbindung
Hinweis auf die Ästhetik gestattet. Wir haben bei Behandlung der griechi- von Theorie und Praxis des Alltags (hier des Handwerks) zu brechen, ihre
schen Philosophie sehen können, wie oft damals die Tendenzen zur Des- Unmittelbarkeit durch Entdecken und Einschalten möglichst wichtiger
anthropomorphisierung ein Konkurrenzverhältnis zwischen Philosophie Vermittlungen zu überwinden. Freilich will Bacon damit keine Chinesische
(Wissenschaft) und Kunst statuiert und zur Verurteilung der Kunst ge- Mauer zwischen Wissenschaft und Alltagspraxis (Arbeit, Handwerk etc.)
führt haben; mit der höheren Stufe des Anthropomorphisierens in der errichten. Er weist, sich auf Celsus oder eher auf ein Cclsus-Zitat beru-
Philosophie verschärft sich noch, bei Piaton, dieses Verhältnis. Galilei be- fend, darauf hin, daß die Praxis des Alltags außerordentlich oft bedeut-
zeichnet auch hier eine Wendung. Gerade weil er die Widerspiegelungsart same Resultate hervorbringt, allerdings „mehr zufällig und oberflächlich",
der Wissenschaft klarer als alle vor ihm erkannt hat, kann er dem spezi- jedenfalls ohne durch Theorie, durch Philosophie beeinflußt, gefördert zu
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fisch ästhetischen Wesen der Kunst gegenüber seine Vorgänger an richti- sein.
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ger Einsicht weit übertreffen. Das ist keine bloß individuelle Eigenart Ga- Die hier zutage tretende Ironie gegen die Philosophie ist aber wiederum
lileis; eine ähnliche Tendenz können wir auch bei Bacon wahrnehmen. Auf keine Verherrlichung eines atheoretischen Empirismus, sondern eine Pole-
die Ursachen späterer Rückfälle ins alte Verhalten können wir in diesem mik gegen die Philosophie seiner Vorgänger und seiner Zeitgenossen, bei
Zusammenhang nicht eingehen. denen er das von ihm gesuchte Zusammenwirken von desanthropomor-
Die vielseitigste und universellste Beschreibung und Begründung der phisierender Widerspiegelung und Intention auf eine verallgemeinerte,
neuen desanthropomorphisierenden Methoden finden wir bei Bacon. Will systematisierte, nicht mehr unmittelbare Praxis nicht fand. Die Polemik ist
man seine Gestalt und seine Bedeutung in dem von uns analysierten Pro- also sowohl gegen den bloß handwerklichen Praktizismus wie gegen die
zeß des Zu-sich-Kommens des Denkens als annähernd adäquater Wider- praxisfremde Theorie gerichtet. Beide ergeben eine Unregelmäßigkeit, eine
spiegelung der objektiven Wirklichkeit richtig erfassen, so gilt vor allem, Planlosigkeit der Forschungen, vor allein der Experimente, bloßes Ana-
mit dem schon vor Hegel vorhandenen, aber von diesem philosophisch logisieren in bezug auf die Zusammenhänge. In beiden ist zugleich die Zu-
„vertieften" Irrtum zu brechen: Bacon sei reiner Empirist, geistiger Vater fälligkeit und Oberflächlichkeit des Alltagsdenkens (Bacon spricht vom
des späteren Empirismus. Natürlich steht im Mittelpunkt seiner Philoso- Denken der Menge) zu überwinden, die nach ihm beide - wie bei Galilei -
phie die Praxis, die Veränderung der Welt durch richtige Erkenntnis. Je- einem undurchsichtigen Labyrinth gegenüberstehen. „Denn das Bauwerk
doch diese Zielsetzung ist an sich keineswegs mit einem Empirismus iden- des Weltalls erscheint in seiner Einrichtung dem es betrachtenden mensch-
tisch; wie wir sehen werden, gerade bei Bacon nicht. Einer seiner neueren lischen Geist wie ein Labyrinth; wie in diesem, so zeigen sich auch hier
Biographen, der englische Marxist Farrington, formuliert die Frage so: viele ungewisse Dinge, viele trügerische Ähnlichkeiten zwischen Dingen
„Sein spezifisches Bestreben war, die Stelle der Wissenschaft im meusch- und Zeichen, viele schiefe und verwickelte Windungen und Verschlingun-
174 Kap. 2: Desanthxopomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 175

gen der Eigenschaften. Dabei führt der Weg in dem unsicheren Lichte der hervorgebrachte Hemmungen und Irrwege, die das menschliche Denken,
Sinne, das bald aufleuchtet, bald sich verbirgt, fortwährend durch eine wenn es sich entschlossen über das - anthropomorphisierende - Alltags-
Unzahl von Erfahrungen und einzelnen Dingen. Selbst die, welche sich, denken erhebt, was Bacon für möglich und notwendig hält, durchaus über-
wie gesagt, zu Führern erbieten, verirren sich und vergrößern die Zahl der winden kann. Die Art seiner Erkenntniskritik steht also, wenn er auch aus
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Irrtümer und der Irrenden." Bacon betont die methodologische Bedeu- ihr ganz anders gerichtete Folgerungen zieht, der älteren griechischen
tung von Mathemaik und Geometrie lange nicht so entschieden wie Gali- Skepsis viel näher als dem modern-bürgerlichen subjektiven Idealismus
lei, Descartes oder Spinoza; desto schärfer bekämpft er die Schematik des in der Gnoseologie.
Denkens, die aus den scholastischen Traditionen des Aristotelismus ent- Eine kurze Übersicht der „idola" kann diese Wesensart der Baconschen
stand; desto leidenschaftlicher setzt er sich für das Schaffen eines desanthro- Erkenntnislehre leicht beleuchten. Bacon unterscheidet hier vier große Ty-
pomorphisierenden, von dem Ansich des Objekts (und nicht vom mensch- pen. Erstens die „idola tribus", welche einen vorwiegend anthropologischen
lichen Subjekt) bestimmten Forschungs- und BegrifTsapparats ein. Diese Charakter haben. In deren Kritik lehnt Bacon den „gesunden Menschen-
Entschiedenheit ist vor allem darin begründet, daß Bacon unter seinen verstand", das unmittelbare Denken des Alltags als unzureichend und an-
großen Zeitgenossen, die mit denselben Problemen rangen, derjenige war, thropomorphisierend ab: „ . . . e s ist unrichtig, daß der menschliche Sinn
dem der dialektische Zusammenhang der richtigen, objektiven Erkennt- das M a ß der Dinge sei... Der menschliche Verstand gleicht einem Spiegel
nis mit der produktiven Praxis, der realen Bewältigung der Natur am klar- mit unebener Fläche für die Strahlen der Gegenstände, welcher seine N a -
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sten geworden ist. tur mit der der letzteren vermengt, sie entstellt und verunreinigt." Der
Die Grenzscheidung zwischen Alltagsdenken und wissenschaftlich- zweite Typus („idola specus", mit Anspielung auf Piatons Höhlengleich-
objektiver Widerspiegelung der an sich seienden Wirklichkeit vollzieht nis, doch mit entgegengesetzter Tendenz) soll die Fehler im Denken des ein-
Bacon weitaus umfassender und systematischer als irgendjemand sonst in zelnen Menschen bestimmen, wobei die anthropologische Kritik schon in
dieser großen Begründungszeit des desanthropomorphisicrenden Den- eine gesellschaftliche hinüberwächst. „Denn jeder einzelne hat neben den
kens. Es gibt in seiner Lehre der „idola" eine systematisierte Typik jener Verirrungen der menschlichen Natur im allgemeinen eine besondere
Verhaltensweisen des Alltagslebens und -denkens, die eine adäquate Wider- Höhle oder Grotte, welche das natürliche Licht bricht oder verdirbt; teils
spiegelung der Welt an sich verhindern und verzerren. Es ist eine eigen- infolge der eigentümlichen und besonderen Natur eines jeden, teils infolge
artige Erkenntnistheorie. Während in der bürgerlichen Entwicklung die der Erziehung und des Verkehrs mit anderen, teils infolge der Bücher, die
ausgesprochen erkenntnistheoretisch orientierten Denker die Grenzen der er gelesen hat, und der Autoritäten, die er verehrt und bewundert, teils in-
adäquaten Erfaßbarkeit des Ansichseiendcn festzustellen versuchten und folge des Unterschiedes der Eindrücke bei einer voreingenommenen und
so das Denken subjektivierten; während die von der Möglichkeit der Er- vorurtcilsvollen Sinnesart gegen eine ruhige und gleichmäßige Stimmung
kenntnis der objektiven Wirklichkeit überzeugten Philosophien an solchen und dergleichen mehr. Der menschliche Geist ist deshalb in seiner Verfas-
erkenntnistheoretischen Bedenken achtlos vorbeigingen oder sie ausge- sung bei dem einzelnen ein sehr veränderliches, gestörtes und gleichsam zu-
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sprochen ablehnten (Hegel über Kant), ist Bacons Streben darauf gerich- fälliges D i n g . " Der dritte Typus („idola fori") entsteht bereits „infolge
tet, durch eine Kritik der unmittelbaren Widerspiegelung des Alltags, ihrer der gegenseitigen Berührung und Gemeinschaft des menschlichen Ge-
Schwächen und Schranken, die grenzenlos-annähernde Erkenntnis der schlechts". Bacon hebt hier die soziale Bedeutung der Sprache hervor, lehnt
Wirklichkcit an sich zu begründen. Seine Erkenntnistheorie weicht dem- aber ihre unmittelbar-alltägliche Form und die sich darin äußernde Denk-
gemäß auch darin von den späteren schulgemäß-fachphilosophischen ab, weise für eine objektive Erkenntnis als unzulänglich ab: „ . . . a b e r die
daß sie auf die anthropologischen und sozialen Gründe der von ihm Worte werden den Dingen nach der Auffassung der Menge beigelegt; des-
kritisierten Schranken und Verzerrungen des Alltagsdenkens ein entschei- halb behindert die schlechte und törichte Beilegung der Namen den Geist
dendes Gewicht legt. Die „Grenzen" der Erkenntnis sind also hier nicht in merkwürdiger Weise. Auch die Definitionen und Erklärungen, womit
„überzeitliche" Strukturverhältnisse in der Subjekt-Objekt-Beziehung die Gelehrten sich manchmal zu schützen und zu verteidigen pflegen, bes-
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überhaupt, sondern von der anthropologischen bzw. sozialen Entwicklung sern die Sache keineswegs." Bacon [untersucht] detailliert die Gefahr
176 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 177

der Worte des Alltags (der Menge) für die eindeutige, der objektiven Wirk- merten Sinnen entgeht, sei es, daß der Gegenstand überhaupt zu fein ist
lichkeit geraäße Terminologie der Wissenschaften. Die Menschen meinen oder die Teile zu klein sind, oder daß die Entfernung zu groß, oder die Be-
ihre Ausdrucksweise zu beherrschen, „aber oft kehren die Worte ihre Kraft wegung zu langsam oder zu schnell ist, oder weil der Gegenstand zu be-
gegen den Geist um". Denn sie „werden meist nach der Auffassung der kannt ist, oder aus anderen Gründen. Aber auch da, wo die Sinne die
Menge den Dingen beigelegt, und diese trennt sie nach Richtungen, welche Sache erfassen, sind ihre Wahrnehmungen nicht immer zuverlässig. Denn
dem gewöhnlichen Sinne am auffallendsten sind. Wenn dann ein schärferer das Zeugnis und die Kundgebung der Sinne geschieht immer nur in Be-
Geist und eine genauere Beobachtung diese Bestimmungen ändern und mit ziehung auf den Menschen, nicht in Beziehung auf das Weltall, und es ist
der Natur mehr in Übereinstimmung bringen will, so widerstehen die ein großer Irrtum, zu behaupten, daß die Sinne das Maß der Dinge seien." 5 6

52
W o r t e . . . " So entstehen zwei gefährliche „Götzenbilder"; die Sprache Instrumente und vor allem Experimente sind die Mittel, über diese Schran-
des Alltags läßt nämlich eine zwiefach falsche Nomenklatur entstehen: ken hinauszukommen: „Denn die Feinheit der Versuche übertrifft die der
„Entweder sind es Namen von Dingen, die es nicht gibt (denn so wie es Sinne, wenn sie von guten Instrumenten unterstützt werden... Deshalb
Dinge gibt, die aus Unachtsamkeit keinen Namen bekommen haben, so gebe ich auf die unmittelbare und eigentliche Sinneswahrnehmung nicht
gibt es Namen, wo die Philosophie getäuscht hat und der Gegenstand viel, sondern ich richte die Sache so ein, daß der Sinn nur über den Ver-
fehlt), oder es sind zwar Namen von wirklichen Dingen, aber sie sind ver- 57
such, der Versuch aber über die Sache das Urteil fällt." Die Baconsche
worren, schlecht begrenzt, voreilig und ungleich von den Dingen ent- Kritik des Verstandes (des Alltagsdenkcns) haben wir bereits gestreift. Die
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lehnt." Die Wortkritik geht hier bereits in die des unmittelbaren - zu- Betrachtung der bloßen Einfachheit in der Außenwelt hemmt und schwächt
meist analogischen - Alltagsdenkcns über. Bacon warnt an anderer Stelle: den Verstand, die ihrer Zusammengesetztheit betäubt und zersetzt ihn.
„Der menschliche Geist setzt vermöge seiner Natur leicht eine größere Bacon nimmt also hier den Kampf gegen alle metaphysischen Einseitig-
Regelmäßigkeit und Gleichheit in den Dingen voraus, als er später findet. keiten und Starrheiten des Alltagsdenkens auf. Er verlangt den Wechsel
Und obgleich in der Natur vieles nur einmal vorkommt oder voller Un- solcher Betrachtungsweisen, die den Verstand sowohl durchdringend als
gleichheiten ist, so legt der Geist doch den Dingen viel Gleichlaufendes, auch empfänglich machen. Die wirkliche Spitze seiner Polemik ist aber
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Übereinstimmendes und Beziehungen bei, die es nicht gibt." Dem ent- hier auf das Problem der Vermittlungen gerichtet. Er kritisiert die Philo-
spricht im Alltagsdenken ein achtloses Vorbeigehen am Gewohnten, wäh- sophie - dabei Pythagoras, Piaton und seine Schule hervorhebend - , weil
rend man sich um die Ursachen dessen, was häufig geschieht, nicht zu sie „abstrakte Formen, Endzwecke und erste Ursachen einführt und dabei
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kümmern pflegt. Ebenso zäh hält sich im Alltagsdenken, was von alters 58
immer die mittleren überspringt" . Auch hier ist ein Zweifrontenkampf
her als wahr angenommen wird, was mit diesem übereinstimmt, und selbst gegen Abstraktion und Unmittelbarkeit vorhanden, welche gerade im
wenn die Anzahl entgegengesetzter Fälle sehr groß ist, werden diese nicht Überspringen und Vernachlässigen der Vermittlungen einander begegnen,
beachtet, etc. Die Aufstellung des vierten Typus endlich („idola theatri") wobei beide an die spontanen Reaktionen des menschlichen Subjekts auf
richtet sich gegen die bisherigen Philosophien, denen Bacon dem Sinne die Wirklichkeit appellieren und die Hingabe an die - dem unmittelbaren
nach eben das Anthropomorphisicren vorwirft, „welche aus der Welt eine Schein widersprechende - Welt der verborgeneren Vermittlungen vernach-
Dichtung und eine Schaubühne gemacht haben". Er betont dabei aus- lässigen. Es entsteht dabei, nach Bacon, eine unzulässige Verknüpfung des
drücklich, daß seine Kritik sich nicht nur auf die Philosophie im engeren Einzelnen mit den „entlegenen und allgemeinsten Grundsätzen", nicht
Sinne bezieht, sondern auch auf die Prinzipien der einzelwissenschaft- nur in der von der Scholastik überlieferten Syllogistik etc., sondern auch
lichen Praxis. im Alltagsdenken, das mit Hilfe von Analogien und Analogieschlüssen
Die Baconsche Kritik des Alltagsdenkens richtet sich simultan gegen noch aus der Urzeit die Gewöhnung bewahrt hat, aus Einzelheiten all-
die möglichen anthropomorphisierenden Fehler sowohl der Sinnlichkeit gemeine Folgerungen zu ziehen. Bacon verlangt demgegenüber ein stufen-
wie des Verstandes. „Der Fehler der Sinne", führt er aus, „ist ein zwie- weises Aufsteigen von der Beobachtung der Einzelheiten bis zu den all-
facher; entweder lassen sie uns im Stich, oder sie täuschen. In erster Hin- gemeinsten Grundsätzen. Die ersteren betrachtet er als vermischt mit den
sicht gibt es vieles, was selbst den vollkommen gesunden und unbeküm- unmittelbaren Erfahrungen des Alltagslebens (man denke jetzt an deren
178 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 179

Korrektur durch Experimente), die letzteren findet er „inhaltlos und un- betrachtet Spinoza als entscheidend wichtig, Vorstellungs- und Erkennt-
zuverlässig". „Dagegen sind die mittleren Sätze die wahren zuverlässigen nisvermögen genau auseinanderzuhalten. Die richtige Erkenntnis wird
und lebendigen, auf denen das Leben und Wohl der Menschen beruht. nämlich so erlangt, daß die objektiven Wirkungen der wahren Idee „in der
Über diesen stehen endlich auch ganz allgemeine Grundsätze, aber solche, Seele vor sich gehen nach dem Verhältnis der Formalität des Objektes
die nicht inhaltlos sind und die durch jene mittleren Sätze in Schranken selbst". Erst dann - also nach Vollzug der Desanthropomorphisierung -
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gehalten werden." Zusammenfassend kann man sagen: Der allgemeinste ist die Gefahr behoben, „das Wahre mit Falschem oder Erdichtetem
zentrale Sinn der Erkenntnistheorie Bacons liegt, bei allen sonstigen D i - zu vermengen"; erst dann klärt sich, „warum wir manches verstehen,
vergenzen, auf derselben Linie wie die methodologischen Bestrebungen das i n keiner Weise unter das Vorstellungs vermögen fällt, und daß
Galileis: das menschliche Subjekt so umzumodeln, seine unmittelbar ge- wiederum anderes in ihm sich findet, das dem Verstand geradezu wider-
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gebenen Schranken so zu überwinden, daß es geeignet werde, im Buch der streitet..."
Wirklichkeit an sich richtig zu lesen. Die Parallelität der Grundtendenzen für unser Problem ist hier ganz
Daß es sich hier um eine sich in sehr verschiedenen Formen äußernde, deutlich sichtbar, gerade weil viele der wichtigen philosophischen Posi-
aber dem Wesen der Sache nach gemeinsame Tendenz der Zeit handelt, tionen bei Bacon und Spinoza verschieden, ja oft völlig entgegengesetzt
kann man aus dem Frühwerk Spinozas „Von der Verbesserung des Ver- sind. Es handelt sich hier um das Wesen einer großen Zeitströmung, die
standes" leicht ersehen. Dieses Werk zeigt an vielen Stellen auffallende von der Produktion ausgeht und Leben wie Denken der Menschen glei-
Parallelitäten zu Bacon, obwohl die grundlegende philosophische Posi- cherweise umwälzend erfaßt. Wir haben dabei die Polemik gegen das A l l -
tion seines Verfassers und demzufolge auch seine Methode eine wesent- tagsdenken in den Vordergrund gestellt, vor allem deshalb, weil diese
lich andere ist. Aber auch hier ist der Sinn der „Verbesserung": Entfer- großen denkerischen Gestalten zur Religion selbst oft sehr diplomatisch
nung vom Alltagsdenken, von seiner Unmittelbarkeit und seinem Anthro- Stellung genommen haben (Gassendi noch mehr als Bacon); sind doch
pomorphismus, Umformung, Umerziehung des Subjekts in der Richtung, die Scheiterhaufen von Vanini und Bruno, das Verhör Galileis vor der In-
die Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit an sich, ohne subjektiv-mensch- quisition noch lebhaft im Gedächtnis eines jeden. Oft mischen sich in
liche Verzerrungen in sich aufzunehmen, diese ihrer eigenen Natur und ihre Betrachtungen noch Überreste der alten idealistisch-metaphysischen
nicht den menschlichen Affekten entsprechend zu durchdenken und in Zu- Anschauungen, die freilich in Spinozas „deus sive natura" fast zur bloßen
sammenhang zu bringen. Spinoza betont ebenso scharf, daß die (richtig Terminologie abgeblaßt erscheinen. Jedoch die scharfe Abgrenzung der
aufgefaßte) Ordnung der Gedanken identisch ist mit der Ordnung der wissenschaftlichen Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit von der
Dinge, wie man sich vor der Illusion hüten muß, das, was bloß im mensch- sinnlich-geistigen Unmittelbarkeit und Verworrenheit des Alltagslebens
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lichen Verstand ist, mit der Wirklichkeit zu vermengen. Spinoza geht enthält schon implizite alle Prinzipien einer Abgrenzung von jeder religiö-
davon aus, daß der Mensch sehr vieles, was er im Leben braucht, auf ver- sen Auffassung der Welt, die Ablehnung ihrer Geltung. Im Prinzip kommt
schiedene Weisen sich aneignet, so durch Hörensagen, durch unbestimmte es ja vor allem auf den scharf herausgearbeiteten Kontrast zwischen an-
Erfahrung etc. Es ist also, ebenso wie bei Bacon, von einer Kritik des A l l - thropomorphisierender und desanthropomorphisierender Widerspiege-
tagsdenkens die Rede. Interessanterweise setzt gleich hier Spinozas Kampf lung an. Wenn der Mensch sich damit über seine unmittelbaren und in
gegen die Abstraktionen dieser Sphäre ein. Solche Abstraktionen gehen ihrer Unmittelbarkeit traditionsgebundenen, von der Gewohnheit gehei-
von bloß empfindungsmäßig begründeten Schlüssen aus, treffen nicht das ligten psychischen Gegebenheiten erhebt und durch Hingabe an das vom
wahre, das objektive Wesen der Dinge, und ihre Folgerungen werden „so- Menschen unabhängige Ansich der Objektivität, durch Ausbildung seiner
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fort von der Einbildungskraft verwirrt" ; auf solche Weise können höch- rein menschlichen, jede Transzendenz ausschaltenden Kräfte das Diesseits
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stens die Akzidenzien, niemals das Wesen erfaßt werden. Die große Ge- der eigenen Macht zu unterwerfen versucht, so hat er auch weltanschau-
fahr eines solchen auf dem Niveau des Alltags bleibenden abstrakten Den- lich den entscheidenden Schritt getan. Das Befreiüngswerk des mensch-
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kens ist also, daß es sich auf fingierte Ideen richtet; je allgemeiner es in lichen Denkens, von den Griechen revolutionär begonnen, wiederholt
dieser Abstraktion wird, desto verworrener wird das Ergebnis. Darum 64
sich jetzt auf einer höheren Stufe.
180 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 181

Damit ist der Gegensatz zu Idealismus und Religion de facto ausge- Bewegung - im Gegensatz zur griechischen Entwicklung-hängt mit ihrer
sprochen. Er läßt sich auch so formulieren: Die desanthropomorphisie- Fundiertheit in einem ganz anders gearteten gesellschaftlichen Sein, als es
rende Widerspiegelung der Wirklichkeit kennt keine Transzendenz im die antike Sklavenwirtschaft hatte, zusammen. Wir haben seinerzeit dar-
eigentlichen Sinne des Wortes. Natürlich reicht die so errungene Erkennt- auf hingewiesen, daß die Sklaverei eine rationelle Umgestaltung der Pro-
nis nur bis zu einem bestimmten Punkt der objektiven Wirklichkeit. Es duktion auch dort nicht gestattet hat, wo die Entwicklung der Wissen-
liegt aber im Wesen einer solchen Beziehung zum Ansichseienden, daß schaft es an sich möglich gemacht hätte; die mit der Sklaverei unzer-
die jeweilige Grenze einerseits nur als provisorische aufgefaßt wird; die trennlich verbundene Verachtung der Arbeit, des Banausentums, wie
Möglichkeit, sie unter günstigen Bedingungen, bei den nötigen Anstren- Jacob Burckhardt sich ausdrückt, verhinderte eine fruchtbare Wechsel-
gungen etc. zu überschreiten, bleibt - prinzipiell - immer offen. Darum ist wirkung zwischen materieller Produktion und Wissenschaft, weshalb die
andererseits das jenseits dieser Grenze Liegende keine Transzendenz. Es großartigsten Errungenschaften des sich befreienden Denkens vielfach
mag vom qualitativ bis dahin Erkannten noch so verschieden sein (die allgemein, abstrakt, philosophisch bleiben mußten, nicht ins Alltagsleben
„Welt" der Quantenphysik im Gegensatz zu der klassischen), dieser Un- und Alltagsdenken der Menschen umwälzend eindringen konnten. Das
terschied bleibt einer der konkreten Erforschung des neuen Gebiets, ist Mittelalter hat gezeigt, wie bedeutende, vorerst isolierte Vorstöße der
jedoch nicht erkenntnistheoretischen Charakters: Die jeweilige Grenze Wissenschaft in dieser Richtung infolge des Absterbens der Sklaverei mög-
des Wissens ist keine Schranke der Erkennbarkeit überhaupt. Wo dage- lich wurden. A u f dieser Basis, durch Verwerten und Weiterbilden dieses
gen das Subjekt - anthropomorphisierend - die Methode des Erkennens Erbes konnte die kapitalistische Ökonomie ihren Siegeszug antreten.
bestimmt, muß diese Grenze notwendig eine spezifische Gefühlsbetont- Auch hier kann es nicht unsere Aufgabe sein, diesen Prozeß selbst bloß
heit erhalten; ist sie ja die seiner gegenwärtigen Fähigkeit in bezug aufsein kursorisch zu schildern. Es kommt hier einzig darauf an, die desanthro-
Verhalten zur Welt, seiner Beherrschung der objektiven Wirklichkeit. Ist pomorphisierenden Tendenzen in dieser Entwicklung nachzuweisen. Dar-
nun das Verhalten des Menschen subjektbezogen wie im Alltag, in der um sprechen wir hier nur von den entscheidenden Wendepunkten, nicht
Religion, im subjektiven Idealismus, so ist es unvermeidlich, daß die in von den vorbereitenden Übergängen: von der Maschine, und zwar, wie
ihrer Unmittelbarkeit und nicht nach ihrer Stelle zum historischen Er- Marx mit großer Entschiedenheit hervorhebt, von der Werkzeugmaschine.
kenntnisprozeß aufgefaßte Grenze zur Transzendenz verabsolutiert wird. Marx zitiert den Ausspruch John Wyalts über die Spinnmaschine, dessen
Die Gefühlsbetontheit, die solche Setzungen zu begleiten pflegt - Demut, Programm lautete: eine Maschine, „um ohne Finger zu spinnen" . Marx 66

Angst, Resignation etc. - , ist die natürliche Folge des unmittelbaren Ver- schildert von diesem Gesichtspunkt den prinzipiellen Gegensatz zwischen
haltens zu einer Lebenstatsache, die an sich weit vermittelt und weitere Manufaktur (auch mit hochentwickelter Arbeitsteilung) und Maschinen-
Vermittlungen erfordernd ist. Diese Lage spiegelt sich im Verhältnis des industrie: „In der Manufaktur müssen Arbeiter, vereinzelt oder in Grup-
denkerischen Verhaltens zur Lebensweise des ganzen Menschen wider. pen, jeden besondren Teilprozeß mit ihrem Handwerkszeug ausführen.
Wir haben früher einige Kostproben aus der Anthropologie und Ethik Wird der Arbeiter dem Prozeß angeeignet, so ist aber auch vorher der Pro-
dieser Periode angeführt [162ff.]. Schon diese wenigen Beispiele zeigten, zeß dem Arbeiter angepaßt. Dies subjektive Prinzip der Teilung fällt weg
daß der Prozeß der Desanthropomorphisierung des Denkens der diame- für die maschinenartige Produktion. Der Gesamtprozeß wird hier objek-
trale Gegensatz der Inhumanisierung ist. Gerade die Entfaltung und tiv, an und für sich betrachtet, in seine konstituierenden Phasen analysiert,
Festigung der menschlichen Gattungskräfte, ihr Erheben auf ein höheres und das Problem, jeden Teilprozeß auszuführen und die verschiednen
Niveau ist das Ziel. Die Diesseitigkeit des Denkens - eine notwendige Teilprozesse zu verbinden, durch technische Anwendung von Mechanik,
Folge des Desanthropomorphisierens-ist die Steigerung der menschlichen 6 7
Chemie usw. gelöst.. . " Daß die nicht mehr menschliche Triebkraft die-
Macht in einer immer reicher werdenden, immer intensiver eroberten sen Prozeß außerordentlich beschleunigt, versteht sich von selbst. Das
Welt, nicht eine Leere, ein Abgrund, wie Pascal und viele nach ihm es Wesentliche ist aber, daß der Arbeitsprozeß sich immer mehr von den
erlebt und ausgedrückt haben. subjektiven Anlagen etc. der Arbeiter loslöst, nach den Prinzipien und
Die Unwiderstehlichkeit, dieUnaufhebbarkeit, Unumkehrbarkeit dieser Notwendigkeiten eines objektiven Ansich geregelt wird. „Die Tätigkeit
182 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 183

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des Arbeiters, auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist der Theorie gar nicht vorhanden sind." Das bloße Hervorheben dieser
nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der menschenfeindlichen Äußerungsweise des ökonomischen Fortschritts i m
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Maschinerie, nicht umgekehrt." Dadurch erst ist die materielle Basis Kapitalismus gibt aber ein einseitiges Bild. Die Marxsche Kritik darüber
für die schrankenlose Entwicklung der Wissenschaft gegeben: die prin- [59] haben wir bereits angeführt. Es handelt sich hier um einen grund-
zipiell schrankenlose gegenseitige Befruchtung und Förderung von Wis- legenden inneren Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft; in ihm
senschaft und Produktion, da ihnen beiden - zum erstenmal in der Ge- drückt sich die spezifische Eigenart dieser Formation aus, daß sie näm-
schichte - dasselbe Prinzip, das der Desanthropomorphisierung, zugrunde lich - und zwar in unzertrennlicher Weise - zugleich die höchste Form
liegt. aller Klassengesellschaften ist, in welcher Produktion und Wissenschaft
Natürlich setzt sich dieses neue Prinzip in einer äußerst widerspruchs- die hier gegebenen objektiven Möglichkeiten der Entwicklung unter
vollen Weise durch. Die Schilderung dieser inneren wie äußeren Wider- „antagonistischen Distributionsverhältnissen" maximal entfalten können,
sprüche kann in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht unsere Aufgabe gleichzeitig jedoch die letzte Klassengesellschaft ist, die ihren „Toten-
sein. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die Wechselbeziehung gräber" selbst produziert. Die doppelte Funktion der Desanthropomor-
zwischen ökonomischem Vorteil (im Kapitalismus: Profit) und technisch- phisierung von Arbeit und Denken in ihrer kapitalistischen Form zeigt
wissenschaftlicher Vervollkommnung ununterbrochen zu Gegensätzlich- auf ihrer entwickelten Stufe diese Untrennbarkeit des praktisch-ökono-
keiten treibt, die das Durchsetzen der Haupttendenz oft hemmen und mischen Vorwärtsdrängens und der ideologischen Reaktion, von Nieder-
hindern. Hier sei nur noch auf einen fundamentalen Widerspruch hinge- lagen der objektiven Fundamente eines entwickelten Humanismus und
wiesen. Der romantischen, nach rückwärts weisenden Kritik der hier ent- von Zerstampfen der Humanität in der ökonomischen Praxis. A u f primi-
stehenden Entwicklung gegenüber haben wir wiederholt aufgezeigt, daß tiverer Stufe, etwa bei Sismondi, konnte dieser Widerspruch in ehrlichen
das Prinzip der Desanthropomorphisierung im wesentlichen ein Prinzip und kritischen Formen erscheinen; je entwickelter der Kapitalismus ist,
des Fortschritts und der Humanisierung ist. Da jedoch die treibende desto weniger kann ein objektiv guter Glaube in der romantischen Kritik
Kraft, das Streben nach Profit, ihrem Wesen nach widerspruchsvoll ist, zum Ausdruck gelangen. Das Dilemma ist aber für das bürgerliche Be-
muß dieses seinen Charakter auch in den grundlegenden Problemen un- wußtsein auf keiner Stufe lösbar, wie das Marx in einer von uns bereits
unterbrochen äußern, d.h., das Prinzip der Humanisierung erscheint auch zitierten Stelle [60] klar ausspricht. Alle Beispiele, die wir in vorange-
als Prinzip der äußersten Inhumanität, ja Antihumanität. Marx hat, mit gangenen Betrachtungen über moderne Religionserneuerungen angeführt
den bürgerlichen Apologeten polemisierend, die diese Widersprüchlich- haben [154ff.], reflektieren diesen Widerspruch; jetzt aber auf der Grund-
keit aus der Welt zu schaffen versuchten, diese Doppelseitigkeit beider lage der Unvermeidlichkeit der kapitalistischen Entwicklung mit allen
Charakteristik der Maschine sehr scharf hervorgehoben: „Die von der ihren Konsequenzen, auch für die Wissenschaft, kombiniert mit dem
kapitalistischen Anwendung der Maschinerie untrennbaren Widersprüche Versuch, das seelische Verhalten primitiver Stufen stilisiert zu erneuern,
und Antagonismen existieren nicht, weil sie nicht aus der Maschinerie selbst es als Gegengewicht gegen die weltanschaulichen Folgen der allgemeinen
erwachsen, sondern aus ihrer kapitalistischen Anwendung! D a also die Desanthropomorphisierung in Arbeitspraxis und Wissenschaft auszu-
Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapi- spielen. Die Ideologie der allgemeinen Verzweiflung, der Schrecken einer
talistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit er- „gottverlassenen" Welt, die Angst vor der Technisierung von Seele,
leichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Leben und Denken, vor der „selbständig gewordenen" Technik, die
Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt ztir Tyrannei über die Menschheit erwuchs, vor „Vermassung" etc. sind
den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum nur apologetische Variationen des in seinen Grundzügen von Marx
des Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw., charakterisierten Themas unter den Bedingungen des gegenwärtigen K a -
erklärt der bürgerliche Ökonom einfach, das Ansichbetrachten der Ma- pitalismus.
schinerie beweise haarscharf, daß alle jene handgreiflichen Widersprüche Diese Widersprüchlichkeit des sozialen Seins erschwert für das bürger-
bloßer Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in liche Denken eine konkrete und fruchtbare Anwendung der desanthropo-
184 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 185

morphisierenden Widerspiegelungslehre auf die Gesellschaftswissen- rerseits wird in unseren kommenden Betrachtungen vielfach eine wichtige
schaften. Die bedeutenden Ansätze der Philosophen des 17./18. Jahr- Rolle spielen.
hunderts, der klassischen Ökonomie mußten mit vielen unüberwindlichen U m dieses Problem ganz richtig vorbereiten zu können, sind noch
Abstraktionen behaftet bleiben, vor allem darin - was ebenfalls aus dem zwei Bemerkungen nötig. Nämlich erstens, einen Blick darauf zu werfen,
oben angedeuteten Dilemma folgt - , daß ihre Verallgemeinerungen die wie der Sieg der desanthropomorphisierenden Widerspiegelung in der
dynamisch vorwärtstreibende, widerspruchsvolle und ungleichmäßige Wissenschaft auf das Denken des Alltagslebens zurückwirkt. Denn wir
historische Entwicklung nicht erfassen konnten. Daher war für sie die haben schon eingangs darüber gesprochen, daß die Differenzierung und
bis ans Ende folgerichtige methodologische Anwendung des Prinzips der das Selbständigwerden solcher Sphären wie Wissenschaft oder Kunst ihre
Desanthropomorphisierung auf die den Menschen behandelnden Wis- Wechselbeziehung mit dem Alltag nicht abreißen, nicht verarmen las-
senschaften unmöglich geworden. Erst recht im 19./20. Jahrhundert, in sen, sondern im Gegenteil intensivieren. Und zwar, wie wir wissen, in dop-
dessen Verlauf immer stärker ein Methodendualismus sich herausbildete: pelter Hinsicht: durch Beeinflussung der Fragestellungen, die an die
entweder den gesellschaftlich-geschichtlichen Prozeß mit Hilfe von - fal- Wissenschaft infolge von Erfordernissen, die aus der Alltagspraxis ent-
schen, oberflächlichen - Abstraktionen zu einem toten Formalismus springen, gerichtet werden, wie durch Rückwirkung der Errungenschaf-
erstarren zu lassen (Soziologie, subjektivistische Ökonomie etc.) oder ein ten der Wissenschaften auf die alltägliche Praxis. Über die komplizierte
Bestreben, das historische „Leben" so zu „retten", daß die Äußerungen Ungleichmäßigkeit in der ersten Wechselwirkung haben wir bereits bei der
des menschlichen Lebens irrationalisiert werden, was in der spätbürger- Behandlung von kapitalistischer Ökonomie und technischem Fortschritt
lichen Mythisierung der Geschichte zur Proklamation eines religiösen andeutend gesprochen. Diese Beziehung erfährt prinzipiell einen neuen
Anthropomorphismus wurde. Das schließt natürlich die Anwendung Charakter im Sozialismus, teils dadurch, daß die Anregungen von
desanthropomorphisierender Methoden in Einzelfragen der Gesellschafts- „unten" nicht mehr rein spontan entstehen, nicht mehr momentanen Pro-
wissenschaften nicht aus; z . B . der Statistik in Ökonomie und Soziologie, fitintercssen subsumiert sind, sondern organisiert gefördert werden können;
ja sogar die der höheren Mathematik in der subjektivistischen Ökonomie teils durch die sich prinzipiell und tendenziell durchsetzende Demokrati-
etc. Dadurch wurde aber an den methodologischen und weltanschau- sierung der Erziehung, die immer größere Schichten der Arbeiterschaft
lichen Fundamenten nichts geändert, und das Umschlagen in einen anthro- dem Niveau der Konstrukteure und Ingenieure anzunähern bestrebt ist.
pomorphisierenden Irrationalismus ist nur desto krasser und unvermit- Daß diese Entwicklung zuweilen durch Gegentendenzen aufgehalten, ge-
telter, je komplizierter und immanenter entfaltet eine solche mathe- hemmt, ja entstellt werden kann, hat mit den Grundlinien unserer Analyse
matische Apparatur sein mag. Wie dieser falsche Dualismus durch den nichts zu tun. Ein Vergleich mit - scheinbar - analogen Erscheinungen im
dialektischen und historischen Materialismus überwunden wurde, wie in Kapitalismus muß darum abgelehnt werden, weil es sich bei diesen um
ihm die desanthropomorphisierende Widerspiegelungslehre zur Grund- antagonistische Widersprüchlichkeiten handelt, die im Wesen der For-
lage und Methode auch der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit mation fundiert sind, während wir es im Sozialismus nur mit einer Ent-
in ihrem Ansichsein wurde, kann hier nicht behandelt werden. Unsere stellung der wahren Prinzipien seines Wachstums zu tun haben, die des-
Zielsetzung war ja nicht, eine Erkenntnistheorie und Methodologie des halb - wenn auch nicht immer rasch und leicht, aber doch prinzipiell -
wissenschaftlichen Denkens auch nur zu skizzieren. Sie bestand nur darin, korrigierbar sind.
die Trennung der desanthropomorphisierendenWiderspiegelung von der Die Rückwirkung der Errungenschaften der Wissenschaft in Hinsicht
des Alltagslebens und -denkens in ihren wichtigsten Etappen zu entwer- auf objektive Methodik und subjektive Verhaltensweise ist ebenfalls ein
fen. U n d auch das war kein Selbstzweck, vielmehr bloß eine Vorausset- überaus komplizierter Prozeß. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in dieser
zung dazu, unser eigentliches Problem, die Trennung der ästhetischen W i - Hinsicht der Kapitalismus etwas qualitativ Neues allen früheren Forma-
derspiegelung von diesem Boden, in richtiger Weise stellen und lösen zu tionen gegenüber bedeutet. Nicht nur deshalb, weil der technisch-wissen-
können. Die Bedeutung der Ungleichmäßigkeit und Widersprüchlich- schaftliche Fortschritt der letzten Jahrhunderte (und in ihnen besonders
keit dieses Trennungsprozesses einerseits und seiner Endgültigkeit ande- der letzten Jahrzehnte) unvergleichlich schneller, umwälzender geworden
186 Kap. 2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 187

ist als früher in Jahrtausenden, sondern auch, weil die so vollzogene U m - gebracht hat, und wird der unmittelbaren Verbindung von Theorie und
wälzung von Produktion und Wissenschaft auf das Alltagsleben ebenfalls Praxis, von Zielsetzung und Durchsetzung des Alltagslebens subsumiert.
umwälzend eingewirkt hat. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, diesen Natürlich bedeutet die technische Entwicklung unserer Zeit doch eine
Prozeß auch nur andeutend beschreiben zu wollen. Es gilt nur festzustellen, gründliche Veränderung des Alltagslebens, aber diese wälzt dessen wesent-
daß die von uns früher geschilderte Grundstruktur von Alltagspraxis und liche Struktur noch nicht radikal um. Wieweit eine allgemein verbreitete
AHtagsdenken auch in dieser stürmischen Umwandlung in ihren Funda- polytechnische Bildung, die Aufhebung des Gegensatzes zwischen körper-
menten nicht umgewälzt werden konnte. Es ist richtig, daß Wissenschaft licher und geistiger Arbeit, wie sie der Kommunismus bringen wird, diese
und Technik aufgehört haben, das „Geheimnis" irgendeiner Kaste zu Lage modifiziert, gehört nicht hierher. Sicher wird dadurch für jedes In-
sein, daß ihre Ergebnisse praktisch wie propagandistisch weitgehend zum dividuum das wissenschaftliche Verhalten auch zu den Gegenständen und
Allgemeingut breitester Schichten wurden. Ist jedoch infolge der verschie- Vorrichtungen des Alltagslebens außerordentlich zunehmen, daß aber die-
denartigsten Erscheinungsweisen dieser Lage (vom „Basteln" bis zur Lek- ses sich allgemein und vollkommen, universell auswirken und die Praxis
türe wissenschaftlicher Popularisationen etc.) die Grundhaltung des A l l - des Alltagslebens durchgehend in eine bewußt angewandte Wissenschaft
tagsmenschen - und jeder Mensch ist in bestimmten Beziehungen ein verwandeln würde, kann man heute nicht voraussehen.
Mensch des Alltagslebens - wirklich umgestülpt worden? Hat sich diese V o n einer anderen Seite betrachtet, entsteht jedoch im Sozialismus etwas
Haltung in eine wissenschaftliche verwandelt? M a x Weber gibt über die prinzipiell Neues dem Kapitalismus gegenüber. Wir haben bereits auf die
hier entstehende neue Lage eine nicht unrichtige Beschreibung: „Machen Schranken der Anwendung der desanthropomorphisierenden Methoden
wir uns zunächst klar, was denn eigentlich diese intellektualistische Ratio- auf die Gesellschaftswissenschaften in der bürgerlichen Gesellschaft hin-
nalisierung durch Wissenschaft und wissenschaftlich orientierte Technik gewiesen. Diese äußern sich vor allem darin, daß es sehr schwer zu einer
praktisch bedeutet. Etwa, daß wir heute, jeder z.B., der hier im Saale sitzt, weltanschaulichen Verallgemeinerung der wissenschaftlichen Erfahrungen
eine größere Kenntnis der Lebensbedingungen hat, unter denen er existiert, im Alltagsleben kommt, daß Theorien wie die Kopemikanische Astrono-
als ein Indianer oder ein Hottentotte? Schwerlich. Wer von uns auf der mie oder der Darwinismus sogar die Macht rein abergläubischer Vorstel-
Straßenbahn fährt, hat - wenn er nicht Fachphysiker ist - keine Ahnung, lungen nicht brechen können, daß die Mehrzahl der Menschen zu ihrer
wie sie das macht, sich in Bewegung zu setzen. Er braucht auch nichts da- sozialen Umgebung vollständig unkritisch, unmittelbar im Sinne der von
von zu wissen. Es genügt ihm, daß er auf das Verhalten des Straßenbahn- uns geschilderten Alltagspraxis steht. Hier macht der Sozialismus einen
wagens ,rechnen' kann, er orientiert sein Verhalten daran; aber wie man prinzipiellen Wandel möglich; auf dessen Folgen in bezug auf religiösen
eine Trambahn so herstellt, daß sie sich bewegt, davon weiß er nichts. Der Glauben (die sich natürlich auch nur tendenziell auswirken können) haben
70
Wilde weiß das von seinen Werkzeugen ungleich besser." Die allgemeine wir bereits hingewiesen. Aber auch das Erhellen der gesellschaftlichen Be-
Richtigkeit dieser Beschreibung - natürlich nur auf den Durchschnitt be- ziehungen der Menschen bedeutet nicht ohne weiteres ein Aufsaugen des
zogen, denn individuell gibt es viele Ausnahmen, und die große Anzahl Alltagsverhaltens durch die wissenschaftliche Widerspiegelung der Wirk-
dieser Ausnahmen bedeutet auch etwas Neues - erhärtet sich schon durch lichkeit. (Daß dieser Prozeß z. B. durch falsche Theorien wie die der Stalin-
die führende Tendenz der modernen technischen Entwicklung, daß näm- schen Periode aufgehalten und gehemmt werden kann, braucht hier nicht
lich, je komplizierter bestimmte Maschinen werden, ihre Handhabung eingehend untersucht zu werden.) Die beiden Arten der spezialisiert-ver-
desto einfacher wird, diese desto weniger eine wirkliche Kenntnis der Vor- vollkommneten Widerspiegelung (Wissenschaft und Kunst) können zwar
richtungen selbst erfordert. In bezug auf die Apparate des Tagesgebrauchs die Welt der alltäglichen Praxis des Menschen viel stärker durchdringen
wenden die Engländer den Ausdruck „fools proof" als Kriterium eines und beeinflussen, als dies je früher geschah, eine Welt der unmittelbaren
sich selbst regulierenden Automatismus an, der die Handhabung ohne jedes Reaktion auf eine noch nicht bearbeitete Wirklichkeit wird darum noch
Nachdenken oder jede Sachkenntnis selbsttätig kontrolliert. Dadurch er- immer übrigbleiben. Sachlich wegen der extensiven und intensiven Unend-
lischt in der subjektiven Praxis des Alltagslebens jene ungeheure desanthro- lichkeit der objektiven Realität, deren Inhalt auch durch die vollendetste
pomorphisierende Vermittlungsarbeit, die solche Vorrichtungen hervor- Wissenschaft und Kunst nie erschöpft werden kann. Die Existenz eines
188 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft Aufschwung des Desanthropomorphisierens in der Neuzeit 189

solchen unerhellten Terrains ist zugleich die Grundlage für die Weiterent- sammenarbeit von Wissenschaft und Kunst im Herausarbeiten der Gesetze
wicklung von Wissenschaft und Kunst, subjektiv teils als notwendige Re- der Perspektive in der Renaissance bestätigt die Warnung vor voreiligen
aktion auf die soeben geschilderte Sachlage, teils weil diese extensive wie Konstruktionen.
intensive Unendlichkeit der'objektiven Realität auch eine entsprechende Bei allen diesen Vorbehalten muß das Umschlagen ins Qualitative, das
Unerschöpflichkeit der Lebensprobleme eines jeden menschlichen Indivi- die Desanthropomorphisierung für die wissenschaftliche Widerspiege-
duums - auf immer höherer Stufe - hervorbringt. So wie die freie Ordnung lung der Wirklichkeit in den letzten Jahrhunderten gebracht hat, doch in
des Lebens in der höheren, kommunistischen Phase des Sozialismus nicht seiner spezitischen Eigenart berücksichtigt werden. Die euklidische Geo-
eine Wiederkehr des Urkommunismus bedeuten kann, so kann sie - auf metrie z. B. repräsentiert zweifellos bereits eine hohe Stufe der desanthro-
ideologischem Gebiet - ebenfalls nicht ein Vicoscher „Ricorso" zur un- pomorphisierenden Widerspiegelung. Dennoch bleibt ihre Wahrnehmbar-
differenzierten Vermischung von wissenschaftlicher und künstlerischer keit noch in einem unzerreißbaren Kontakt mit dem menschlich-visuellen
Widerspiegelung der Wirklichkeit mit der der unmittelbaren Alltags- Erfassen der Wirklichkeit. Die Höherentwicklung der Wissenschaften zer-
praxis sein (also: eine Erneuerung ihrer Mischung in der Magie auf reißt jedoch diese Verbindungsfäden. Der Prozeß der Befreiung der wis-
höherer Stufe). Fortschritt ist ohne Differenzierung und Spezialisierung senschaftlichen Widerspiegelung von der menschlichen Sinnlichkeit ist zu
nicht möglich. Aber das sozialistische Aufheben der Antagonismen dieser bekannt, um hier geschildert werden zu müssen. Es braucht nicht einzeln
Entwicklung hebt diese Bedingungen des weiteren Fortschreitens nicht auf. aufgezählt zu werden, wie dabei neue Kategorien und kategorielle Z u -
Wie die dann entstehenden Wechselwirkungen konkret aussehen werden, sammenhänge auftauchen, die für die wissenschaftliche Begriffsbildung be-
das scheint uns - für heute - eine müßige Frage zu sein. deutsam werden, welche mit der Unmittelbarkeit des Alltagslebens und der
Die zweite Bemerkung bezieht sich auf die historische Entwicklung des daraus aufsteigenden ästhetischen Widerspiegelung nichts mehr zu tun
desanthropomorphisierenden Verhaltens selbst; auf die Entdeckung neuer haben können. Es genügt, wenn wir an die neuentdeckte Wirksamkeit der
Kategorien der objektiven Wirklichkeit im Laufe dieses Weges und auf die Kausalität in der statistischen Wahrscheinlichkeitslehre erinnern. M i t
Beziehung solcher Kategorien zu den anderen Arten der Widerspiegelung solchen und ähnlichen Kategorien und Zusammenhängen trennen sich die
der Wirklichkeit. Wir haben uns bis jetzt schon wiederholt mit der Einheit Gebiete von Wissenschaft und Kunst nunmehr auch kategoriell. Es wird
und Verschiedenheit dieser Formen des Abbildens beschäftigt. Es ist ohne für die Wissenschaft möglich, etwa das Risiko der Menschenverluste einer
weiteres klar, daß bestimmte fundamentale Kategorien der Gegenständ- Schlacht genau auszurechnen etc. Für die Kunst bleibt der einzelne
lichkeit, der Beziehung der Gegenstände zueinander, der Gesetzlichkeit Mensch im Kriegszusammenhang - natürlich auf die Höhe der Typik ge-
ihrer Bewegungen etc. die Grundlage einer jeden wahrheitsgetreuen Wider- steigert - nach wie vor Objekt und Mittel der Gestaltung. Wo es Versuche
spiegelung der Wirklichkeit bilden müssen. Wir mußten jedoch anderer- gab, das Statistische in die Dichtung „einzumontieren", sind diese ästhe-
seits feststellen, daß in der Anwendungsart der Kategorien die konkreten, tisch [mit Notwendigkeit] kläglich gescheitert, ebenso wie die Versuche
typischen Zielsetzungen der Menschen, der Gesellschaft eine außerordent- einzelner surrealistischer oder abstrakter Künstler, die Ergebnisse der
liche Rolle spielen, wodurch auch subjektiv eine Geschichte der Kategorien neuesten physikalischen Forschungen über die innere Struktur der ato-
entsteht [49f.]. In dieser Entwicklung erhalten der qualitative Aufschwung maren Welt für die Malerei nutzbar zu machen.
des desanthropomorphisierenden Prinzips in der Neuzeit und die mit sei- Daß diese neue Situation auf beiden Gebieten auch Verwirrungen ge-
ner Hilfe erzielten theoretischen Ergebnisse eine besondere Bedeutung. Eine stiftet hat - neben den eben angedeuteten Irrwegen in der Kunst ein zeit-
bloß abstrakte Gegenüberstellung der anthropomorphisierenden Kunst weises Vordringen subjektiv-idealistischer Anschauungen in den Wissen-
und der desanthropomorphisierenden Wissenschaft würde diesen Gegen- schaften (Leugnen der Kausalität in der statistischen Wahrscheinlichkeits-
satz zu einem metaphysischen erstarren lassen. Die Bedeutung, die die rechnung, fetischistisch-formalistisches Überschätzen der Mathematik
Entdeckung etwa der Geometrie für die Kunst gehabt hat - wir werden auf etc.) - , ändert nichts an der epochalen Bedeutung der so entstehenden
diese Frage bald ausführlich eingehen wäre allein schon eine drastische Trennung. Für uns bleibt dabei entscheidend, daß, je erfolgreicher die
Widerlegung solcher schematischen Kontrastierungen; aber auch die Zu- Wissenschaft in der Desanthropomorphisierung ihrer Widerspiegelungs-
190 Kap.2: Desanthropomorphisierung der Widerspiegelung in der Wissenschaft

weise und in deren begrifflicher Bearbeitung fortschreitet, die Kluft zwi- Drittes Kapitel
schen wissenschaftlicher und ästhetischer Widerspiegelung immer unüber-
brückbarer wird. A u f die Loslösung [von] der undifferenzierteren Einheit Prinzipielle Vorfragen der Loslösung
der magischen Periode folgen lange Zeiten der parallelen Entwicklung, der
gegenseitigen unmittelbaren Befruchtung, des unmittelbar sichtbaren In- der Kunst vom Alltagsleben
Erscheinung-Tretens, daß beide dieselbe Wirklichkeit widerspiegeln. Na-
türlich hört diese Wahrheit auch heute nicht auf, eine Wahrheit zu sein;
nur ist die Wissenschaft in Gebiete vorgestoßen, die für den Anthropo-
morphismus der Kunst überhaupt nicht mehr erfaßbar sein können. Damit
hören die Anteilnahme der Kunst an den wissenschaftlichen Entdeckun-
gen wie in der Renaissance sowie das unmittelbare Übergehen wissen-
schaftlicher Ergebnisse ins Weltbild der Kunst auf. (Letzteres war schon
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts problematisch; man denke an Wenn wir uns jetzt der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit
die Vererbung bei Ibsen und Zola.) Es wäre aber eine metaphysische zuwenden, so ist das allerallgemeinste Prinzip der Differenzierung dem der
Starrheit, wenn man daraus ein völliges Aufhören der Wechselbeziehun- wissenschaftlichen ähnlich: Beide lösen sich sehr langsam, widerspruchs-
gen zwischen Wissenschaft und Kunst folgern würde. Im Gegenteil. Viele voll und ungleichmäßig vom Leben, Denken, Empfinden etc. des Alltags
Tendenzen sind wirksam, die diese zu intensivieren geeignet sind; das Auf- ab. Es ist eine sehr lange Entwicklung vonnöten, bis jede sich als eine be-
hören einer unmittelbaren Wechselbeziehung - die bei näherer Betrach- sondere Sphäre der menschlichen Tätigkeit konstituiert, selbständig macht
tung zumeist vermittelter war, als der erste Anschein es zeigt - kann von (selbstredend im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen Arbeitsteilung),
fruchtbareren, wenn auch vermitteiteren abgelöst werden, von solchen, bis die Eigenart der betreffenden spezifischen Widerspiegelungsweise der
die über die Befruchtung des allgemeinen Weltbilds der Kunst durch die objektiven Wirklichkeit sich herausbildet, bis ihre Gesetzmäßigkeiten als
Wissenschaft und umgekehrt zur Geltung gelangen. Die detaillierte Be- solche vorerst in der Praxis, später auch in der Theorie bewußt werden.
handlung dieser Frage geht ebenfalls über den Rahmen dieser Arbeit hin- Natürlich gehört der umgekehrte Prozeß, das Zurückströmen der in der
aus; es sollte hier nur der methodologische Ort der neuen Lage kurz ange- differenziert gewordenen Widerspiegelung gesammelten Erfahrungen in
deutet werden. den Alltag, ebenfalls hierher. Wir konnten aber bei der Analyse der wis-
senschaftlichen Widerspiegelung beobachten, daß eine solche Einwirkung
auf das Alltagsleben im allgemeinen extensiv wie intensiv desto stärker ist,
je energischer die betreffende spezialisierte Sphäre ihre besondere Eigen-
art herausbilden konnte.
Trotz dieser allerallgemeinsten Gleichartigkeit zeigen die beiden Diffe-
renzierungsprozesse auch sehr große Verschiedenheiten auf. Deren Gründe
können sich natürlich nur im Laufe der nun folgenden konkreten Unter-
suchungen über die Eigenart der ästhetischen Widerspiegelung wirklich er-
hellen. Hier weisen wir - vorwegnehmend - bloß auf ein Moment hin: auf
die zuweilen auftauchende, überraschende, ja überwältigende Frühvoll-
endung in gewissen Kunsttätigkeiten auf ganz primitiven Stufen (süd-
französische Höhlenmalerei, bestimmte primitive Ornamente etc.). Diese
Tatsachen sind um so bedeutsamer, als sie in unzertrennbarem Zusam-
menhang mit den die Entwicklung wesentlich beherrschenden Tendenzen
192 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 193

stehen, daß nämlich die künstlerische Tätigkeit als Ganzes sich viel später beitserfahrungen, ein Hinausgehen über die rein subjektiven, wenig geord-
einheitlich konstituiert als die Wissenschaft, daß sie sich viel langsamer und neten Eindrücke dazu, um den Zusammenhang der Form eines bestimmten
zögernder vom allgemeinen Fonds der alltäglichen, magischen (religiösen) Steins mit seiner Eignung zu bestimmten Verrichtungen klar erblicken zu
Praxis ablöst als diese. können. A u f dieser Stufe ist jedoch ein Ansatz zur Kunst noch unmög-
Dieser Unterschied hat sehr handgreifliche, materielle Gründe. Das Er- lich. Dazu muß vorerst der Stein nicht nur überhaupt geschliffen oder ge-
werben von Kenntnissen über die umgebende Außenwelt, das beginnende schabt, von der menschlichen Hand zum Werkzeug umgeformt werden,
Erkennen ihrer Zusammenhänge ist ein derart integraler Teil der Alltags- auch die dabei verwendete Technik kann erst auf einem verhältnismäßig
praxis, daß selbst die primitivsten Menschen bei Strafe des Untergangs hohen Niveau selbst ein bloß unbewußtes Aufnehmen künstlerischer M o -
nicht umhinkonnten, diesen Weg irgendwie einzuschlagen. M a g diese be- tive gestatten. Boas weist richtig nach, daß eine verhältnismäßig entwickelte
ginnende Wissenschaft noch so tief im Alltag des magischen Zeitalters ein- Technik des Schabens oder Schleifens nötig ist, damit der Stein die rich-
gebettet sein, mag das Bewußtsein darüber, was sie objektiv tun, in den tige Form erhält, damit seine abgeschabte Oberfläche nicht ein Durch-
Menschen sich noch so langsam entfalten - die Bewegung ist doch unwi- einander der Teile, sondern deren Gleichheit, Parallelität etc. aufzeige. 1

derstehlich, da sie tief im Schutz und in der Reproduktion der nackten Dies involviert anfangs noch keinerlei ästhetische Intention; es ist nicht
Existenz selbst verankert ist. Die gesellschaftliche Notwendigkeit der mehr als die bessere technisch-handwerkliche Adaption an den unmittel-
Kunst hat keine derart massiv-selbstverständlichen Wurzeln. Nicht das bar-praktischen Zweck der Arbeit. Es ist aber ohne weiteres klar, daß,
ist das entscheidende, daß jede Ausübung der Kunst eine bestimmte Muße, bevor das menschliche Auge imstande ist, Formen und Strukturen genau
eine - wenn auch noch so relative - Freiheit von den Alltagssorgen, von wahrzunehmen, bevor die Hand vermag, die dabei notwendigen Paralle-
den notgedrungenen unmittelbaren Reaktionen des Alltags auf die ele- litäten, gleichen Abstände etc. dem Stein pünktlich abzuzwingen, alle
mentaren Bedürfnisse voraussetzt. Eine solche Muße setzten die allerersten, Voraussetzungen für eine selbst allerprimitivste Ornamentik fehlen müs-
als solche bei weitem nicht bewußt erkannten Anfänge der Wissenschaft sen.
ebenfalls voraus. Jedoch ihr engerer und evidenterer Zusammenhang mit Die objektive Höhe der Technik ist also zugleich eine Entwicklungshöhe
den Anforderungen des Tages erzwingt die für sie notwendige Muße in des arbeitenden Menschen. Engels gibt über die entscheidenden Züge
doppeltem Sinne. Erstens, indem die imperative Macht dieser Alltags- dieser Entwicklung ein sehr deutliches Bild: „Bis der erste Kiesel durch
postulate auf die Gemeinschaft einwirkt und eine noch so primitive A r - Menschenhand zum Messer verarbeitet wurde, darüber mögen Zeiträume
beitsteilung (mit Muße für Nachdenken über solche Probleme) durch- verflossen sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche Zeit unbedeutend
setzt; zweitens, indem die so entstehende Erkenntnis den Beginn einer erscheint. Aber der entscheidende Schritt war getan: Die Hand war frei ge-
Herrschaft über Umgebung, Dinge etc. vor allem über den Menschen worden und konnte sich nun immer neue Geschicklichkeiten erwerben, und
selbst zuwege bringt. Es entsteht eine gewisse Technik der Arbeit und mit die damit erworbene größere Biegsamkeit vererbte und vermehrte sich
ihr eine gewisse Erhebung des arbeitenden Menschen selbst über sein von Geschlecht zu Geschlecht. So ist die Hand nicht nur das Organ der
früheres Niveau der Beherrschung der eigenen körperlichen und geistigen 2
Arbeit, sie ist auch ihr Produkt." Engels weist weiter nach, daß die Aus-
Fähigkeiten. bildung der Hand wichtige Rückwirkungen auf den übrigen Organismus
A l l dies - eine bestimmte, wenn auch noch so bescheidene Höhe der gehabt hat. Über den Zusammenhang der Arbeit, der darin erworbenen
Technik und der Umerziehung der sie handhabenden Menschen - ist eben- Geschicklichkeit, der dann entstehenden höheren Gemeinschaft mit der
falls Voraussetzung für die allerersten Anfänge einer ästhetisch noch so Sprache war bereits die Rede [51, 77f.]. Z u erwähnen ist hier noch, daß
unbewußten künstlerischen Tätigkeit. M a n denke an die Steinzeit. Die Engels die spezifisch menschliche Verfeinerung und Differenzierung der
Phase, in welcher geeignete Steine gefunden und aufbewahrt wurden, in- Sinne energisch hervorhebt. Es handelt sich dabei nicht in erster Linie um
volviert bereits Ansätze zu einer solchen Widerspiegelung der Wirklich- eine physiologische Vervollkommnung. Im Gegenteil. In dieser Hinsicht
keit, aus der später Wissenschaft wird. Denn es gehören bereits ein be- sind viele Tiere dem Menschen weit überlegen. Es kommt aber darauf
stimmter Grad der Abstraktionsfähigkeit, der Verallgemeinerung der A r - an, daß die Wahrnehmungsfähigkeit für die Dinge durch die Erfah-
194 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 195

rungen der Arbeit sich qualitativ ändert, verbreitert, vertieft, verfeinert. gelung ist. Wenn etwa davon die Rede sein wird, daß das ausgebildete
Wir haben auf diese Frage in anderen Zusammenhängen [73ff.] bereits menschliche Sehen etwa das Gewicht, die Materialstruktur etc. visuell er-
hingewiesen. Auch hier betont Engels die Wechselwirkungen dieser fassen kann, ohne auf den Tastsinn zurückgreifen zu müssen, so liegt der
Entwicklung mit der Arbeit, mit der Sprache, mit dem Abstraktions- Grund dazu darin, daß die visuellen Kennzeichen solcher Eigenschaften
und Schluß vermögen etc. zwar nicht unmittelbar auffallen und darum auf primitiver Stufe für das
Eine weitere Konkretisierung des hier vor sich gehenden Differenzie- Auge nicht wahrnehmbar sind und deshalb vorerst allgemein durch den
rungsprozesses der Sinne finden wir vor allem in der Anthropologie von Tastsinn erfaßt werden. Sic sind aber objektiv dennoch Bestandteile einer
Gehlen, dessen richtige Analyse bestimmter Tatsachen und Zusammen- visuellen Erfaßbarkeit der Gegenstände. Solche Entdeckungen, die der
hänge für uns um so wertvoller ist, als seine philosophischen Vorausset- Prozeß der Arbeit, die aus ihm entspringende Arbeitsteilung der Sinne be-
zungen und Folgerungen den unseren oft diametral entgegengesetzt sind. werkstelligen, drückt der Idealismus mit dem Wort „Symbolik" aus und
Da es uns aber hier ausschließlich auf die Feststellung einer konkreten verengt dadurch das Gebiet der visuellen Widerspiegelung, die objektive
Entwicklungstendenz ankommt, werden wir jede ausführliche Polemik Grundlage einer solchen Arbeitsteilung. Die Eroberungsmöglichkeiten im
oder Kritik vermeiden. Der Leser wird schon aus Gehlerts Terminologie engeren Gebiet der Ästhetik gehen natürlich noch viel weiter. Wir werden
entnehmen können, wo die Gegensätze zwischen einer modern-idealisti- später bei Behandlung einflußreicher Theorien, wie der Konrad Fiedlers,
schen und einer dialektisch-materialistischen Anthropologie sowohl prin- sehen können, daß der philosophische Idealismus das Gebiet der sinn-
zipiell wie im Detail liegen. Gehlen spricht über die allmählich entstehende lichen Wahrnehmung einengt, um für seine subjektivistischen Konstruk-
Arbeitsteilung der Sinne, wobei es für uns gleichgültig ist, daß er diesen tionen Raum schaffen zu können [213ff.].
Prozeß im Entwicklungsgang des Kindes beobachtet, während unserer Das wichtigste an Gehlens Ausführungen ist, daß er die Arbeitsteilung
Ansicht nach der wesentliche Prozeß sich im Kindesalter der Menschheit zwischen Gesichts- und Tastsinn in der Arbeit energisch hervorhebt. Diese
abgespielt hat; wir betrachten ja - nach Hegel und Engels - die „Ent- seine Ausführungen haben wir ebenfalls bereits zitiert [75]. Der Wert
wicklung des individuellen Bewußtseins durch seine verschiedenen Stu- einer solchen Analyse steckt im Prinzip wie i m Detail. Im Prinzip, weil
fen... als abgekürzte Reproduktion der Stufen, die das Bewußtsein des dadurch der Abstand zwischen den arbeitenden und die Arbeitserfahrun-
3
Menschen geschichtlich durchgemacht..." Gehlen also führt aus: „Der Er- gen weiter ausbildenden Menschen und den höchstentwickelten Tieren
folg dieser Prozesse, in denen Bewegungen jeder Art, besonders der Hände, klar zum Ausdruck kommt, und zwar gerade in dieser Arbeitsteilung
mit allen Sinnen, besonders dem Auge, zusammenwirken, ist der, daß die und Kooperation der Sinne. Gehlen gibt darüber gute Beschreibungen,
umgebende Welt durchgearbeitet' wird, und zwar in der Richtung der die vor allem darin ergänzungsbedürftig sind, daß der Unterschied
Verfügbarkeit und der Erledigung: die Dinge werden der Reihe nach in [zwischen Mensch und Tier] als metaphysische, von Ewigkeit her ge-
Umgang gezogen und abgestellt, im Zuge dieses Verfahrens aber unver- gebene Kluft und das anthropologische Wesen des Menschen im Gegen-
merkt mit einer hochgradigen Symbolik angereichert, so daß endlich das satz zum Tier nicht als Produkt der Arbeit erscheinen, d.h., daß die Er-
Auge allein, ein müheloser Sinn, sie übersieht und in ihnen zuletzt Ge- gebnisse der Arbeit - der Menschwerdung des Menschen - nicht als
brauchs- und Umgangswerte mitsieht, welche vorher mühsam eigentätig Resultate dieses Prozesses, sondern als dessen Voraussetzungen dargestellt
4
erfahren wurden." Ohne hier eine Kritik der idealistischen Auffassung werden.
und Terminologie auch nur anzudeuten, sei nur soviel bemerkt, daß hin- Innerhalb der soeben aufgezeigten Schranke gibt Gehlen nun hervor-
ter dem, was Gehlen unter Symbolik versteht, ein wesentliches Problem ragende und außerordentlich fruchtbare Beobachtungen und Beschrei-
der Entstehung der spezifisch menschlichen Visualität und ihrer Weitcr- bungen in bezug auf den Charakter der menschlichen Visualität. A u f ihre
füh rung zur bildenden Kunst steckt. Hierzu muß nur soviel bemerkt wer- Bedeutung für die Kunst kommen wir später zurück. Jetzt sei nur ein
den, daß Begriff und Ausdruck der „Symbolik" keineswegs eine „Zutat" wesentlicher Abschnitt angeführt, um die Arbeitsteilung der Sinne durch
des Subjekts zu der objektiven Erscheinungsweise der Gegenstände, die Arbeit, die Übernahme der Funktionen des Tastsinns durch das Auge
sondern eine Weiterführung, Ausbildung, Verfeinerung ihrer Widerspie- klar zu beleuchten. Gehlen führt aus: „Zum Beispiel pflegen wir an einem
196 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 197

Gegenstand, etwa einer Tasse, die Glanzlichter und Schatten sowie die hing sehen, daß die bewußteste weltanschauliche Form des wissenschaft-
Ornamentik teils ganz zu übersehen, teils nimmt sie das Auge als Andeu- lichen Verhaltens, die Philosophie, geradezu eine Pionierrolle den eigent-
tungshilfen für die Raum- und Gestaltauffassuug, womit also indirekt die lichen Einzelwissenschaften gegenüber spielt. Natürlich ist eine bestimmte
Rückseiten und die von uns. weg orientierten Raum teile .gehabt' werden. Entwicklungsstufe der Produktivkräfte und mit ihnen der Technik der ein-
Überschneidungen werden ebenso ausgewertet. Dagegen wird die Mate- zelnen Wissenschaften vonnöten, damit ein solches Nachdenken und Be-
rialstruktur (,dünnes Porzellan') und das Gewicht voll mitgesehen, doch wußtmachen überhaupt zustande kommen kann. Ist es jedoch einmal da,
in einer anderen und sozusagen mehr ,prädikativen' Weise als der im so geht es, vor allem in Griechenland, als Verallgemeinerung der Erfah-
Vordergrund zur Geltung kommende Charakter des ,Gefäßes', d.h. des rungen weit über den damals erreichten und bei den damaligen Produk-
Hohlen und Runden, und wieder in anderer Weise geben gewisse opti- tionsverhältnissen erreichbaren Grad von Technik und Einzelwissenschaf-
sche Daten, z . B . der Henkel oder die ,handliche' Stelle der Gesamtform ten hinaus. Ja selbst in der Aufschwungsperiode in und nach der Renais-
Bewegungssuggestionen für Umgangsbewegungen. Alle diese Daten aber sance hört diese Funktion der Philosophie nicht auf. Engels sagt über die
umfaßt das Auge mit einem Blick. M a n muß geradezu sagen, daß unser Rolle der Philosophie in bezug auf die Entwicklung der Naturwissenschaf-
Auge gegen den Istbestand der Emplindbarkeit, ja des jeweils hintergrund- ten folgendes: „Es gereicht der damaligen Philosophie zur höchsten Ehre,
haft Empfundenen ungemein gleichgültig ist, dagegen höchstempfindlich daß sie sich durch den beschränkten Stand der gleichzeitigen Naturkennt-
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für hochkomplexe Andeutungen." Gehlen erkennt auch ganz richtig die nisse nicht beirren ließ, daß sie - von Spinoza bis zu den großen französi-
Rolle der Gewöhnung in diesem Prozeß, allerdings wieder ohne dabei die schen Materialisten - darauf beharrte, die Welt aus sich selbst zu erklären,
Arbeit (und auf späterer Stufe: die <der> Kunst) zu berücksichtigen. und der Naturwissenschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail über-
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Wir sind auch hier der realen Entwicklung weit vorausgeeilt und müssen ließ." Eine solche Rolle konnte die Philosophie der Kunst, die Ästhetik,
dieses Vorwegnehmen der Endresultate zwecks Beleuchtung der - unbe- für die Selbstbesinnung der Kunst selbst nie spielen. Sic trat immer, sogar
kannten und voraussichtlich nie faktisch erkennbaren - Anfangszustände in so großen Gestalten wie Aristoteles, erst post festum auf, und ihre be-
der Differenzierung, der allmählichen Ablösung der künstlerischen W i - deutendsten Resultate waren, wie gerade bei Aristoteles, begriffliche F i -
derspiegelung von der [Widerspiegelung] des Alltagslebens, ihres Selb- xierungen einer bereits erreichten Stufe der Kunstentwicklung. Das ist
ständigwerdens nicht nur dieser, sondern auch der der Wissenschaft (und nicht zufällig. Denn bei aller Allmählichkeit und Widersprüchlichkeit des
andererseits der von Magie und Religion) gegenüber weiter fortführen. Es Ablösungsprozesses der wissenschaftlichen Widerspiegelung von der des
handelt sich wieder um die marxistische Methode, daß die Anatomie des Alltags (und von der von Magie und Religion) ist die Kluft zwischen ihnen
Menschen den Schlüssel zur Anatomie des Affen abgibt, daß an sich doch hinreichend augenfällig, um - unter günstigen gesellschaftlichen Be-
unbekannte und wissenschaftlich unerforschbare Anfangsstadien mit Hilfe dingungen - rasch und im wesentlichen richtig einer philosophischen Ver-
der von ihnen ausgelösten, nur auf entwickelteren Stufen sichtbar gewor- allgemeinerung fähig zu werden. Die Eigenart der künstlerischen Wider-
denen Impulse in ihrer Qualität, Richtung, Tendenz etc. durch die er- spiegelung hebt sich jedoch - unmittelbar angesehen - weit weniger scharf
kennbaren Folgen rekonstruierbar werden, indem wir die Entwicklung in von dieser gemeinsamen Basis ab, produziert sehr lang währende Über-
ihrem bisher erreichten Endpunkt unter Berücksichtigung der uns vor- gangserscheinungen, kann noch auf hochentwickelter Stufe die engste
liegenden Zwischenetappen in umgekehrter Richtung verfolgen und aus Verbundenheit mit Alltag, Magie und Religion aufrechterhalten, dem
der Art der Differenzierung Rückschlüsse auf den primitiven undifferen- äußeren, unmittelbaren Anschein nach sich völlig mit diesen verschmel-
zierten Zustand, auf seine Auflösung, auf die Zukunftskeime, die in ihm zen.
stecken, ziehen. Es ist wieder lehrreich, diese Konstellation auf entwickelter Stufe zu
Der so - sehr problematisch - verfolgbare Differenzierungsprozeß der studieren. Denken wir an die griechische Entwicklung. Wir sehen einerseits,
künstlerischen Widerspiegelung bietet ganz besondere Schwierigkeiten daß Literatur und Kunst (im Vergleich zum Orient) sich verhältnismäßig
auch im Vergleich zu dem der Wissenschaft. Dies liegt vor allem in dem viel autonom, frei von theokratischen Vorschriften entfalten können. Aber
späteren Bewußtwerden. Wir konnten schon in der griechischen Entwick- gerade dadurch wird sichtbar, wie spät eine Ablösung von der Religion,
198 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 199

ein Sich-auf-eigene-Füße-Stellen der Kunst erfolgt. Wenn man sie sehr tierischer Spirits, man holt Regen, Wolken, die Jagdbeute heran, die E m -
früh datiert, so kann man bis Sophokles zurückgehen, ein wirkliches Be- bleme der Schamanen sind der Vogel, das Roß, der Lebensbaum usw.
wußtsein der Trennung ist erst bei Euripides vorhanden. Wir haben in an- Erst auf der Stufe des Polytheismus wandelt sich dies - sobald die Götter
deren Zusammenhängen bereits darauf hingewiesen [136], daß hier die menschliche Gestalt annehmen, werden sie erst wirklich Götter, d.h. es
geistige Grundlage für das kritisch-ablehnende Verhalten der frühen, sich wird sicher, daß sie regieren. . . . Der anthropomorphe Gott ist gerade der,
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und die Wissenschaft zu befreien bestrebten Philosophie gegenüber Kunst der nicht mehr anthropozentrisch w i r k t . . . " Gehlen verwechselt das
und Künstler liegt (Heraklit etc.). Diese Philosophen sehen im ästhetischen Objekt des Anthropomorphisierens und dessen Methode. (Auf die Gründe
Prinzip - nicht mit Unrecht - ein anthropomorphisierendes, und da sie dieser Verwechslung, die aus seiner ganzen Geschichtsphilosophie ent-
den Anthropomorphismus der Religion, des Mythos etc. als ihren geistigen springen, können wir hier nicht eingehen.) D a ß die Götterreligionen, ins-
Hauptfeind betrachten, wird in diesem Zusammenhang das Ästhetische - besondere der Monotheismus entwickeltere, höhere Formen des A n -
sehr zu Unrecht - zum Verbündeten, zum Instrument des anthropomor- thropomorphismus repräsentieren als die Magie, unterliegt keinem Zweifel.
phisierenden Aberglaubens gestempelt. Die Schwierigkeit [für] ein ähnlich Wenn die Welt von Gott oder von Göttern regiert wird, so ist damit ohne
entschiedenes Selbständigwerden, wie [es] hier für Philosophie und Wis- Frage die eingebildete unmittelbare Beeinflussung des Weltlaufs durch
senschaft erfochten wurde, liegt nämlich darin, daß das ästhetische Prinzip - die Magic zurückgedrängt, sein vom Menschen unabhängiges Funktio-
worüber im folgenden sehr eingehend die Rede sein wird - tatsächlich nieren weltanschaulich festgelegt. Ist aber damit die magische „Weltan-
einen anthropomorphisierenden Charakter hat. War es schon, wie wir ge- schauung" wirklich überholt? Gehlen selbst ist gezwungen, in Anschluß
sehen haben, nicht leicht, bedurfte es eines viele Jahrtausende umfassenden an Eduard Meyer und Jacob Burckhardt das Gegenteil zuzugeben:
Prozesses, um das desanthropomorphisierende Prinzip der wissenschaft- „Überall geht mit der ethischen Vertiefung der Rückfall in die primitiv-
lichen Widerspiegelung der Wirklichkeit von jedem Anthropomorphismus sten Formen der Religion, die schon völlig überwunden schienen, Hand
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zu trennen - welche Anstrengungen mußte die Einsicht <dessen> kosten, in Hand." Dieses Erhaltenbleiben wichtiger Momente der Magie in den
daß die künstlerische Widerspiegelung zwar dem Wesen nach anthropo- Religionen ist kein Zufall. Es gilt nicht nur für den antiken und orientali-
morphisierend ist, jedoch eine derartige Besonderheit dieses Prinzips re- schen Polytheismus, sondern auch für die monotheistischen Religionen;
präsentiert, daß diese sich -- sachlich und methodologisch, inhaltlich und erst im Calvinismus ist ein ernster Versuch entstanden, die Überreste der
formell - scharf von der Widerspiegelung des Alltagslebens wie von der Magic radikal zu liquidieren. So sind die von Meyer und Burckhardt fest-
der Magie oder der Religion unterscheidet! gestellten „Rückfälle" solche nur in quantitativer Beziehung; auch früher
Hier sei bloß eine Bemerkung zur Klärung der Begriffe gestattet. Wie lebten sehr viele Überreste der Magie zumeist in friedlicher Eintracht mit
bereits wiederholt hervorgehoben, spielt für uns der Gegensatz des des- den neuen Göttervorstellungen weiter. Es zeigt sich also, daß Gehlen den
anthropomorphisierenden und des anthropomorphisierenden Prinzips Gegensatz von Magie und Religion nicht nur überschätzt, sondern auch
der Widerspiegelung eine ausschlaggebende Rolle. Das Wesen des erste- gerade in bezug auf das anthropomorphisierende Prinzip einen nicht exi-
ren ist bereits eindeutig bestimmt; über die Dialektik der damit verbunde- stierenden Gegensatz in sie hineinträgt. Zugegeben, daß die Objekte der
nen Weltanschauungsfragen haben wir ebenfalls gesprochen. Bei der Magie sich auf Naturerscheinungen (Tiere, Kräfte etc.) konzentrieren -
Anthropomorphisierung sind viel mehr Zweideutigkeiten möglich. Es woher nimmt die Magie ihre Auffassung von deren Wesen? Zweifellos aus
gibt z . B . Forscher, die ein Anthropomorphisieren nur dort anerkennen, den damaligen Erfahrungen des Menschen über sich selbst, über seine Be-
wo ausdrücklich und direkt der Mensch seine eigenen Formen, Eigenschaf- ziehungen zu der umgebenden Natur. Daß diese weniger offen „personi-
ten in den Kosmos hineinprojiziert. So in der letzten Zeit Gehlen, der über fiziert" sind als die der späteren Religionen, stammt einfach daher, daß die
diese Frage folgendes ausführt: „ . . . d i e Magie ist grundsätzlich gruppen- menschliche Persönlichkeit noch weit weniger entwickelt, weit weniger
egoistisch oder gar egozentrisch, und sie bedarf für ihre Technik keines- ihrer selbst bewußt war. Wenn Z.B. die Gestalt des Demiurgos erst später
wegs humanisierter, anthropomorpher Wesenheiten. Gerade Vorzeichen hervortritt, so erklärt sich dies zwanglos daraus, daß zur Zeit des bloßen
sind fast immer nicht menschlich, man bedient sich für Zauberei gerne Sammeins, der Vorherrschaft von Jagd, Fischerei etc. in der Selbsterhal-
200 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 201

tung der Menschen den „unpersönlichen Mächten" notwendigerweise eine „Wahrheit" der ästhetischen Widerspiegelung - positiv wie negativ -
viel größere Rolle gedanklich zugesprochen wird als in späteren Stadien, nicht nach diesen Maßstäben zu bewerten.
in denen der Arbeit ein viel größerer Anteil daran zukommt. Das ändert Die Schwierigkeit wächst noch dadurch, daß die ersten Ausdrucksfor-
jedoch bloß die Objekte, die.in die Außenwelt als Ursachen projiziert wer- men der wissenschaftlichen und philosophischen Widerspiegelung der
den, ihre Beschaffenheit, Wesensart etc., nicht aber den A k t des Projizie- Wirklichkeit ebenfalls stark mit ästhetischen Elementen gemischt auftre-
rens aus den inneren Erfahrungen des Menschen in die objektive Wirk- ten. Diese entstammen unmittelbar fraglos noch der magischen Periode,
lichkeit. Anthropomorphisieren und Desanthropomorphisieren scheiden in welcher die später sich differenzierenden Tendenzen noch unzertrenn-
sich gerade hier: ob von der objektiven Wirklichkeit ausgegangen wird, lich ineinander verschlungen vorkommen. M a n denke an die altoricn-
deren an sich seiende Inhalte, Kategorien etc. ins Bewußtsein gehoben wer- talische Poesie, in welcher diese - dem sachlichen Wesen nach unorga-
den, oder eine Projektion von innen nach außen, vom Menschen in die nische - Tendenz sich noch sehr lange konserviert hat. Aber selbst in
Natur stattfindet. Von diesem Standpunkt ist der Kult von Tieren oder Griechenland, wo die inhaltliche Trennung, ja Gegenständlichkeit sich
Naturkräften ebenso anthropomorphisierend wie das Schaffen von men- relativ früh konstituiert, finden wir häufig wissenschaftliche oder philoso-
schenähnlichen Göttern. phische Produktionen, die in poetischer Sprache, zuweilen mit poetischer
Diese Frage des Anthropomorphisiercns wird ihrer Wichtigkeit gemäß Anschauung geschrieben wurden; so philosophische Gedichte bei den
in unseren späteren Betrachtungen eine zentrale Rolle spielen. Hier wurde Vorsokratikcrn, so die frühen Dialoge Piatons. Ohne Frage entsteht
sie in einer notgedrungen noch sehr abstrakten, vorwegnehmenden Weise daraus eine Doppelentwicklung, eine sehr langsame und ungleichmäßige
nur darum angeführt, damit bestimmte Eigenschaften dieses Loslösungs- Differenzierung: einerseits das philosophische Gedicht als besonderes
prozesses in allgemeinen Umrissen schon sichtbar gemacht werden kön- Genre innerhalb der Lyrik (Schiller), andererseits das Abstreifen des poeti-
nen. Erstens die Schwierigkeit und Kompliziertheit des objektiven Ablö- sierenden Ausdrucks in Wissenschaft und Philosophie. Jedoch selbst so
sungsprozesses, nämlich wie - unbekümmert darum, von welchem Be- gewaltige Werke wie „De rerum natura" von Lukrez haben die klar
wußtsein er begleitet wird - in der künstlerischen Praxis eine spezifisch differenzierende Trennung noch nicht vollzogen, und sogar bei Dante
ästhetische Gegenständlichkeit entsteht, die, obwohl ebenfalls anthropo- finden wir noch Spuren des Ineinanderübcrgehens von wissenschaftlicher
morphisierend, sich qualitativ dem Wesen nach von den Gegenständlich- und poetischer Widerspiegelung der Wirklichkeit.
keitsformen des Alltags, der Magie und der Religion unterscheidet. Zwei- Noch hartnäckiger bewahrt sich diese ursprüngliche Ungetrenntheit in
tens wird dadurch unsere frühere Behauptung vom Post-fcstum-Charakler vielen Äußerungsweisen der Gesellschaftswissenschaften und des öffent-
des Bewußtmachens dieser Widerspiegelungsart [197] schon auf diesem lichen Lebens. Es genügt, wenn wir für das letztere auf die antike Rhetorik
abstrakten Niveau der Betrachtungen etwas besser erhärtet. Es wird ver- hinweisen. Die Antike hat diese zweifellos für eine Kunst gehalten. Es ist
ständlich, daß das allgemeine Prinzip der beginnenden Praxis, das „Sie hier nicht der Ort, alle Widersprüche, die sich daraus ergeben, ausführlich
wissen es nicht, aber sie tun es", hier in besonders extremen Maßstäben er- auseinanderzusetzen. Es genügt vielleicht, darauf hinzuweisen, daß einer-
scheint. Die spezifische Art der ästhetischen Gegenständlichkeit, das spe- seits die Rhetorik durch diese Grundauffassung einen zuweilen in Manier
zifisch ästhetische Verhalten zu ihr hat sich bereits längst praktisch aus- umschlagenden formalistischen Charakter erhält; denn eine vom Gehalt
gebildet, bevor ein nur einigermaßen ernsthafter denkerischer Vorstoß ausgehende formale Behandlung, die in der Poesie objektiv vorhanden,
bemerkbar sein konnte, die verschiedenen Formen der anthropomorphi- wenn auch nicht immer bewußt erkannt war, die die eindeutige Bestimmt-
sierenden Widerspiegelung der Wirklichkeit begrifflich scharf, theoretisch heit der konkreten Formproblcmc durch die genremäßige Determiniert-
fundiert voneinander zu trennen, wie dies in bezug auf die desanthropo- heit des konkreten Inhalts sicherstellte, muß hier fehlen. Andererseits
morphisierenden Widersprüche in der Philosophie geschah. Ja, es bedarf- muß die so zustande kommende rein formalistische „ästhetische" Auffas-
mit wenigen Ausnahmen, zu denen freilich Aristoteles gehört - einer Jahr- sung der Rhetorik dazu führen, daß ihre argumcntierend-„wissenschaft-
tausende währenden Entwicklung, um aus den Kriterien der ästhetischen lichen" Elemente einen sophistischen Charakter erhalten, da sie ein-
„Wahrheiten" die Elemente der wissenschaftlichen zu entfernen, um die seitig von ihrer unmittelbaren (emotionalen) Wirksamkeit aus betrach-
202 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 203
Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben

tet werden, da ihr eigentlicher Wahrheitsgehalt, ihre genaue Übereinstim- verschieden ist. In der Rhetorik ist der höchste Zweck, etwas unmittelbar
mung mit den Tatsachen in den Hintergrund gedrängt wird, ja zuweilen Praktisches zu erreichen; ob die Mittel immer direkt an die Unmittelbar-
vollständig verschwindet. keit appellieren, bleibt dahingestellt. In der Kunst dagegen liegt der A k -
A n dieser Frage ist es unschwer zu ersehen, daß eine genaue theoretische zent gerade auf der durch die Gestaltungsmittel erzielten unmittelbaren
Differenzierung auf diesem Gebiet noch bis heute nicht vollkommen voll- Wirkung; ihre Umsetzung ins Praktische - die erzieherische Wirkung der
zogen ist. Das bedeutet eine Schwierigkeit für jede Ästhetik, die ihr Ge- Kunst, über die wir später ausführlich sprechen werden - ist dagegen etwas
biet sehr scharf, übergangslos - also metaphysisch - von den außerhalb sehr kompliziert und ungleichmäßig Vermitteltes. Natürlich schließen diese
ihres Bereichs liegenden Lebenserscheinungen trennen will. Für unsere Abgrenzungen Übergangsfälle keineswegs aus. Einerseits kann in einer
bis jetzt noch sehr abstrakt ausgedrückte, allmählich zu konkretisierende Rede, in einem publizistischen Aufsatz die wissenschaftliche Methode,
Anschauung dagegen, die ein ständiges H i n und Her der Wechselwirkun- der von ihr wissenschaftlich erfaßte und gruppierte Stoff derart überwie-
gen zwischen Alltag und Kunst annimmt, in der die Probleme des Lebens gen, so überwältigend und bahnbrechend im wissenschaftlichen Sinne sein,
in spezifisch ästhetische Formen umgewandelt und ihnen entsprechend daß die Leistung wissenschaftlich ist und ihre rhetorische oder publizi-
künstlerisch gelöst werden und in der die Errungenschaften der ästheti- stische Form als sekundäres Beiwerk erscheint. Andererseits kann eine
schen Eroberung der Wirklichkeit ununterbrochen ins Alltagsleben ein- rhetorische Leistung, eine publizistische Schrift die Typik des behandel-
strömen und dieses objektiv wie subjektiv bereichern, lösen sich diese ten Falles mit solcher Kraft herausarbeiten, daß sie - dadurch von ihrem
Widersprüche zwanglos auf. Denn so wird klar, daß die forensische Rede Anlaß weitgehend unabhängig geworden - eine künstlerische Wirkung
ebenso wie die Publizistik, die Reportage etc. wichtige Bestandteile des auslöst. Es ist aber klar, daß es sich hier um Grenzfälle handelt, in de-
praktischen Alltagslebens bilden. Ihre Zugehörigkeit zum Alltagsleben, nen - und das ist das hier Wesentliche - der Maßstab aus der Methodologie
ihre Unfähigkeit, sich zu festen, wenn auch sich stets wandelnden Gesetz- der Wissenschaft bzw. aus der Ästhetik genommen wird; solche Ergeb-
lichkeiten eines ästhetischen Genres zu kristallisieren, beruht darauf, daß nisse werden durch Überschreiten der normalen Grenzen der Rhetorik,
hier die unmittelbare Zusammengehörigkeit von Theorie und Praxis für nicht aber durch Erfüllung ihrer Regeln erzielt. Sie heben also den ange-
den Aufbau des Ganzen und für die Ausgestaltung der Details die gebenen Gegensatz nicht auf, sie weisen nur - eben als Grenzfälle - erneut
entscheidende Zwecksetzung ist. Eine Rede soll vor allem einen bestimm- auf die von uns betonte Grundtatsache hin, daß zwischen Alltag und
ten, konkreten, einzelnen Zweck erreichen: die Zuhörer dazu zu bringen, Wissenschaft wie Kunst ununterbrochen eine doppelseitige Wechselwir-
daß X verurteilt oder freigesprochen, daß der Gesetzentwurf Y ange- kung obwaltet.
nommen oder abgelehnt wird etc. Das steht im Gegensatz sowohl z . B .
Ähnlich langsam erfolgt die Herausbildung der eigentlichen wissen-
zur wissenschaftlichen Jurisprudenz, die jene allgemeinen Regeln unter-
schaftlichen Weise der Widerspiegelung in der Geschichtsschreibung.
sucht, denen ein solcher Einzelfall subsumiert werden soll, als auch zum
Während der ganzen antiken Entwicklung bleiben die Grenzen gegenüber
Drama oder zum Roman, die in der Gestaltung eines bestimmten Einzel-
einer ästhetischen Gestaltung äußerst fließend, ja immer wieder kommt
falles bestrebt sind, die darin enthaltene Typik an Charakteren und Situa-
eine gewisse Prävalenz des Ästhetischen zur Geltung. Die anfangs (etwa
tionen künstlerisch herauszuarbeiten. Diese doppelseitig trennende Kluft
bei Herodot) vorherrschende anekdotisch- novellistische Gruppierung und
wird weder durch eine Anwendung von künstlerischen noch durch die von
Erzählung der Ereignisse flaut zwar immer stärker ab, jedoch besonders
wissenschaftlichen Mitteln überbrückt. Das für das Wesen des Ganzen
die Einwirkung pseudoästhetisch-rhetorischer Elemente bleibt - wie wir
ausschlaggebende ordnende Prinzip bleibt die Zielsetzung: die unmittel-
gesehen haben - durchgehend äußerst wichtig. Die entschiedene Konsti-
bare Mobilisierung der verschiedenartigsten, unter sich heterogensten Mit-
tuierung der Geschichte als Wissenschaft erfolgt erst spät, in der Neu-
tel für ein unmittelbares, praktisches Ziel.
zeit. Sie beruht darauf, daß die erstarkende Tendenz der wissenschaftlichen
Schon immer hat in dieser Frage die Tatsache Verwirrung gestiftet, daß Widerspiegelung der Wirklichkeit immer energischer darauf gerichtet ist,
auch die Kunst auf unmittelbare Wirkung ausgeht. Wir können jedoch die Tatsachen des Geschichtsablaufs nicht nur in ihren allgemeinen U m -
leicht einsehen, daß der Sinn der Unmittelbarkeit in beiden Fällen äußerst rissen treu zu reproduzieren, sondern ihr historisches Geradesosein, un-
204 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 205

gestört durch die Subjektivität des betreffenden Historikers, als notwen- genseitige Abhebung der Sphären voneinander nicht auf. Sowohl die Ge-
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dig zu erfassen. Darin kommt, wie leicht einzusehen ist, der Sieg des des- schichtswissenschaft kann rein wissenschaftlich (d.h. desanthropomorphi-
anthropomorphisierenden Prinzips in der Widerspiegelung der Wirklich- sierend) bleiben bei breiter Ausnutzung ästhetischer Ausdrucksmittel in
keit zum Ausdruck: das Bestreben, die Tatsachen der Wirklichkeit mög- der literarischen Darstellung, wie die Kunst als solche keineswegs in der
lichst in ihrem objektiven Ansichsein wiederzugeben, die menschliche Reinheit ihrer Wirkungen gestört werden muß, wenn ihre Aneignung des
Subjektivität in Erforschung, Auswahl und Anordnung der Tatsachen Lebensstoffes sich auch auf Methode und Resultate der Wissenschaft stützt.
möglichst auszuschalten. Diese Tendenz beruht auf der wachsenden Ein- Die erstere Möglichkeit können wir in den historischen, ja auch in den
sicht, daß gerade hinter der qualitativen Veränderung der Tatsachen des ökonomischen Werken von Karl Marx sehen, der in der Methodenlehre
Lebens, der Beziehungen der Menschen zueinander, der Bedingungen das meiste getan hat, um das objektive desanthropomorphisierende Prin-
ihres Handelns, ihrer Psychologie, ihrer Moral, objektive, wissenschaft- zip in den Gesellschaftswissenschaften theoretisch zu begründen und prak-
lich aufdeckbare und erklärbare gesellschaftliche Kräfte wirksam sind, tisch durchzusetzen. Für die zweite Möglichkeit bietet das Spätwerk
nämlich die Struktur der jeweiligen gesellschaftlichen Gebilde, ihre U m - Thomas Manns ein bezeichnendes Beispiel. Die Kompliziertheit dieser
wandlungen und deren Ursachen. Das qualitative Geradesosein dieser Lage mußte hier darum wenigstens andeutend gestreift werden, damit
Tatsachen erscheint also nicht mehr als einfache unmittelbare Gegeben- die Schwierigkeit der Ablösung der ästhetischen Sphäre vom Alltag, von
heit, als abstraktes Sosein, sondern als Knotenpunkt, als Wechselbezie- Religion und auch von Wissenschaft klar hervortrete.
hung objektiver Gesetzmäßigkeiten. Beides hat die antike Historiographie Wir haben nicht ohne Absicht die Betrachtungen solcher Wechselbe-
wenig gekannt und darum kaum beachtet. Darum spielen in der Dar- ziehungen und Übergänge an Beispielen des verbalen Ausdrucks auf rela-
stellung des Geradesoscins der Fakten und Ereignisse künstlerische Ele- tiv entwickelter Stufe zu erhellen versucht. Die Schwierigkeit der begriff-
mente eine so wichtige Rolle. Die künstlerische Freiheit im „Erdichten" lichen Trennung der verschiedenen Sphären erscheint zwar auch hier
der Reden historischer Persönlichkeiten ist nur ein auffälliges Symptom sehr groß, jedoch die steigende Bewußtheit, insbesondere über Wissen-
dieser Lage. Der Vergleich, den Aristoteles in bezug auf Verallgemeinerung schaft und wissenschaftlich geleitete Praxis, macht die Entwirrung doch
zwischen Dichtung und Geschichte zuungunsten der letzteren zieht, be- möglich. Gerade diese Feststellung weist jedoch sehr deutlich auf die
leuchtet die antike Entwicklungsstufe der Differenzierung. A u f die Pro- Schwierigkeit dieser Aufgabe in primitiven Stadien der Entwicklung.
bleme der Beziehung von Geschichtsphilosophie und Geschichte, die als Selbstverständlich müssen uns dabei die hier gewonnenen prinzipiellen
Übergang eine wichtige Rolle spielen, werden wir uns hier nicht einlassen, Einsichten leiten, vor allem, daß wir objektiv, de facto vollzogene (oder
da sie im wesentlichen ein Problem innerhalb des Bereichs der wissen- begonnene) Trennungen auch dort wahrnehmen, wo das Bewußtsein der
schaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit bilden. Die Geschichts- Differenz noch vollständig fehlt. Dabei muß wenigstens mit einer Bemer-
schreibung konstituiert sich als konsequente Wissenschaft erst, wenn, wie kung auf früher Angedeutetes rückverwiesen werden: nämlich, daß es
oben angedeutet, die Tatsachen nicht nur als solche respektiert - also weit leichter ist, bei den vom gesellschaftlichen Leben hervorgebrachten
nicht mehr ästhetisch typisiert oder stilisiert - , sondern als Erscheinungs- Mischungen des wissenschaftlichen und künstlerischen Prinzips die Tren-
weisen, Knotenpunkte, Kreuzungen, Wechselbeziehungen etc. der Gesetz- nung, wenigstens begrifflich, zu vollziehen als im Falle des Zusammenge-
lichkeiten der historischen Entwicklung widergespiegelt und dargestellt wer- wachsenseins von Kunst und Magie bzw. Religion. Denn im ersten Fall
den. D a ß der literarische Ausdruck solcher Zusammenhänge oft auch zu stehen, wie bereits gezeigt wurde [197], desanthropomorphisierende und
künstlerischen Mitteln greift, bestätigt von neuer Seite das von uns bereits anthropomorphisierende Arten der Widerspiegelung der Wirklichkeit
hervorgehobene Prinzip der gegenseitigen Wechselwirkungen. (Wir wer- einander gegenüber, während im zweiten Fall es sich um Abarten des A n -
den im zweiten Band bei Behandlung des Kunstwerks und der Typen des thropomorphisierens handelt, die zwar in ihren letzten Prinzipien einan-
schöpferischen Verhaltens eingehend die Rolle wissenschaftlicher Elemente der entgegengesetzt sind, die jedoch in der Praxis jahrtausendelang mit-
in der Kunst behandeln.) einander verschmolzen bleiben, deren allmähliche Trennung nicht nur ein
Aber diese Wechselwirkungen heben die strukturell entscheidende ge- langsamer, widerspruchsvoller, ungleichmäßiger Prozeß ist, sondern auch
206 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 207

einer, der für die Kunst selbst nicht ohne Problematik, nicht ohne innere liehen Kunstentwicklung vorangestellt. Aber auch hier sind bereits alle
Krisen abläuft. Kategorien der späteren vollendeten Kunst implizite als vorhanden ge-
Bevor wir von diesen einleitenden Bemerkungen zur philosophischen setzt, die Entwicklung besteht bloß in ihrem Explizitwerden, ist also -
Analyse des Loslösungsprozesses der Kunst aus der ursprünglichen, un- gerade nach dem Hegeischen allgemein dialektischen Begriff der Entwick-
differenzierten menschlichen Praxis übergehen, muß noch eine prinzipielle lung - eine bloße Scheinbewegung, die kein wesentlich, qualitativ Neues
Vorbemerkung gemacht werden. Wie bereits hervorgehoben wurde, haben hervorbringen kann. U n d der mechanische Materialismus arbeitet mit
wir als Beispiele nur verbale Ausdrucksformen herangezogen, wohl wis- einem derart überhistorischen Begriff des Menschen, daß in ihm solche
send, daß wir damit nicht entfernt das ganze Gebiet des Ästhetischen um- Probleme der Genesis gar nicht auftauchen können. Wenn, wie bei Dar-
rissen haben. Aber schon auf diesem künstlich eingeengten Terrain wird win, die fertigen Kategorien des Ästhetischen bereits bei den höheren Tie-
sichtbar, welch ein Hindernis für das philosophische Begreifen des We- ren vorhanden sind und so für den Menschen zu einer Erbschaft seiner vor-
sens und der Entstehung der Kunst das durchgehende Prinzip der meisten menschlichen Vergangenheit werden, ändert sich an dieser Lage gar nichts.
Ästhetiken ist, das Wesen des Ästhetischen als etwas Ursprüngliches und Dieses Dogma ist, wie wir gesehen haben, im bisherigen ästhetischen Den-
von vornherein Einheitliches aufzufassen; erst recht, wenn wir dabei auch ken so stark verankert, daß, obwohl, wie wir gleich sehen werden, gerade
an Ornamentik und bildende Kunst, an Musik und Architektur denken. der Marxismus den Bruch mit ihm vollzieht, selbst ein Franz Mehring als
Mit dem Aussprechen solcher Bedenken soll die letzthinnige, prinzipielle das „erste Erfordernis einer wissenschaftlichen Ästhetik" ansieht, „die
Einheit des Ästhetischen keineswegs geleugnet werden. Im Gegenteil. Das Kunst als ein eigenes und ursprüngliches Vermögen der Menschheit nach-
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Endresultat unserer Betrachtungen geht gerade darauf aus, diese prinzi- zuweisen". Es ist sicher kein Zufall, daß Mehring sich dabei auf Kant
pielle Einheit richtig zu fundieren, sicherer als durch eine überhistorisch- beruft.
apriorische Annahme von einer „ursprünglichen" ästhetischen Fähigkeit Der Grund solcher Auffassungen lag lange Zeit in der Unkenntnis der
der Menschen. Diese Annahme muß naturgemäß in allen idealistischen Menschwerdung des Menschen und im Zusammenhang damit in der Sti-
Konzeptionen des Ästhetischen vorherrschen. Jeder Idealismus geht not- lisierung der Urzeit, der Anfänge der Menschheitsentwicklung zu einem
wendig und unkritisch von dem gegenwärtigen Bewußtseinszustand des „Goldenen Zeitalter". Es ist hier nicht der Ort, die verschiedenen gesell-
Menschen aus, statuiert diesen als „ewigen", und auch wenn er dessen fak- schaftlichen Grundlagen solcher - untereinander verschiedenen, ja ent-
tische, historische Entstehung zugibt, ist die so konstruierte historische gegengesetzten - Anschauungen zu behandeln. Für uns ist vor allem wich-
Entwicklung nur eine scheinbare. Einerseits ist sie eine bloß äußerliche: tig, einen Blick auf jene Auffassungen zu werfen, die sehr oft aus Opposition
Der historische Prozeß ist bestenfalls dazu da, um in der Empirie das zu gegen den kunstfeindlichen Charakter der kapitalistischen Gesellschaf-
„realisieren", was a priori in der Bewußtseinsanalyse bereits festgestellt ten entstanden sind, die deshalb in die Anfänge der Menschheit ein ur-
wurde; er ist der apriorischen Deduktion gegenüber oberflächlich und zu- wüchsig ästhetisches „Goldenes Zeitalter" projizierten. Die aus seiner Auf-
fällig. D a der subjektive Idealismus - wie immer seine Terminologie sein lösung entstandene Zivilisation hat darum für die eigene Gegenwart die
mag - von dem Gegensatz von Sein und Geltung ausgeht, da er diese als Aufgabe, die einst spontan und unbewußt erwachsenen Prinzipien bewußt
unberührbar von der seinsmäßigen historischen Entwicklung auffaßt, kön- zu verwirklichen. Es genügt zur Illustration, uns auf den berühmt gewor-
nen zwischen beiden keine Wechselwirkungen im Sinne der Konstituierung denen Aphorismus aus Hamanns „Ästhetica in nuce" zu berufen: „Poesie
und Modifizierung der Geltung stattfinden. Andererseits muß auch der ob- ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts; wie der Gartenbau,
jektive Idealismus - auch wenn er, wie bei Hegel, das geschichtliche Werden, älter als der Acker: Malerey, - als Schrift: Gesang, - als Deklamation:
das Menschwerden des Men sehen in den Mittelpunkt der Methodologie stellt Gleichnisse, - als Schlüsse: Tausch, - als Handel. Ein tieferer Schlaf war
- bei der Betrachtung von Wissenschaft und Kunst vom fertigen Begriff die Ruhe unserer Urahnen; und ihre Bewegung ein taumelnder Tanz. Sie-
des Menschen (im heutigen Sinne oder wenigstens im Sinne des bereits ge- ben Tage im Stillschweigen des Nachsinns oder Erstaunens saßen sie; —
sellschaftlich-geschichtlich gewordenen Menschen) ausgehen. Bei Hegel und thaten ihren Mund auf - zu geflügelten Sprüchen." 11

ist zwar die sogenannte symbolische Periode teilweise als Prolog der eigent- Es ist nicht allzu schwer, die Selbsttäuschung Hamanns nachzuweisen.
208 Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 209
Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben

Wenn es etwa wahr wäre, daß der Gartenbau älter ist als der Acker, so han- undPolitik, allepoetischer Art; auf einem anderen Ast die ebenfalls poetische
delt es sich auch dann bloß um verschiedene Weisen des Landbaus; dieser Physik; sie ist die Mutter der Kosmographie und weiterhin der Astrono-
Garten hat mit dem Garten in ästhetischem Sinne noch nichts zu tun. Die mie, welche letztere ihren beiden Töchtern, Chronologie und Geographie,
14
Hamannsche Malerei (Hieroglyphen etc.) ist bildhafter Gedankenaus- die sichere Ordnung anweist." Jedoch bleibt auch für Vico als unüber-
druck, magischer Zeichenkomplex, also weit davon entfernt, Vorfahre der windliches Hindernis, d a ß er die Entwicklungsdialektik der menschlichen
späteren Malerei zu sein, etc. Auch wenn gewisse Analogien in Sprache und Tätigkeit aus dem Strukturwandel der Subjektivität abzuleiten gezwun-
Denken bildhafterscheinen, so enthalten sie in sich die Keime der Gleich- gen ist. So kommt es zu dem überbetonten Kontrast der abstrakten, ver-
nisse wie der Schlüsse, keineswegs die „Poesie" als herrschende Ausdrucks- standesmäßigen Reaktionen späterer Zeiten zu denen der ersten Menschen,
weise einer „prälogischen", einer ästhetischen Periode. Über die schein- „die gar kein Nachdenken, aber ganz starke Sinne und mächtige Phantasie
15
bar spontane Bildhaftigkeit der primitiven Sprachen (obwohl wir sie alle b e s a ß e n " . Es ist leicht ersichtlich, daß dieser in der bloßen Subjektivi-
nur auf einer relativ entwickelten Stufe kennen) haben wir bereits ge- tät fundierte Gegensatz auch zu einem Idealisieren des primitiven Zustan-
sprochen. In ihnen eine poetische Muttersprache der Menschheit zu er- des führt, welche Theorie freilich Vico - zu seiner Ehre sei es gesagt - nie-
blicken heißt soviel wie, unsere späteren Sensationen über pittoreske Aus- mals so konsequent zu Ende führt wie etwa später Hamann, bei dem das,
drücke in die alten Worte zu projizieren, die ihrem Wesen nach ebenso was bei Vico ein genialer Gedanke zur Periodisierung der menschlichen
abstraktiv sind wie die späteren, ohne jedoch zu einer wirklich verallgemei- Kulturgeschichte war, zu einer Mythisierung, zu subjektivistischer M e -
nernden Synthesis schon befähigt zu sein. Die bedeutende einfache Schön- thode herabsinkt. So in den „Sokratischen Denkwürdigkeiten": „Doch
heit alter Volkslieder, die wir mit Recht als vorbildlich bewundern, ist in vielleicht ist die ganze Historie als dieser Philosoph [Bolingbroke - G . L . ]
einer weitaus entwickelteren Etappe beheimatet; in einer, wo bereits der meint, und gleich der Natur ein versiegeltes Buch, ein verdecktes Zeugnis,
Satz, der Zusammenhang das einzelne-in begrifflicher Verallgemeinerung ein Rätsel, das sich nicht auflösen läßt, ohne mit einem anderen Kalbe, als
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vervollkommnete - Wort beherrscht und kraft einer umfassenden Stim- unserer Vernunft zu pflügen." Daß bei sehr vielen Philosophen die De-
mung poetische, pittoreske etc. Effekte hervorbringt. klaration des Ästhetischen als „ursprünglichen Vermögens der Mensch-
In Hamanns Ausführungen spürt man einen entfernten Nachklang von heit" keinen bewußt mythisierenden Gedankenausdruck enthält, ändert
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V i c o . Bei diesem ist aber die ästhetische Stilisierung der Urzeit weit kri- nichts daran, daß die ganze These - objektiv - ein Mythos ist.
tischer. Vico spricht zwar auch von einem „poetischen" Zeitalter in der Nur die Entdeckung der Arbeit als Vehikel zur Menschwerdung des
Entwicklung der Menschheit; seine Auffassung schwankt zwischen einer Menschen kann hier eine wesentliche Wendung zur Realität herbeiführen.
realistischen Anerkennung ihrer wirklichen Primitivität, ihrer Undifferen- Bekanntlich war es Hegel, der in der „Phänomenologie des Geistes" als er-
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ziertheit im Vergleich zu späteren Stadien und einer Identifikation dieser ster mit der Auffassung auftrat. Diese Konzeption kann aber bei ihm
sinnlich ausgedrückten Primitivität mit der entfalteten Poesie und Kunst. wegen seiner idealistischen Befangenheiten und Schranken nicht ihre volle
Er verlangt, daß die Philosophen und Philologen vom echten „ersten Men- Fruchtbarkeit entfalten. Marx sagt über diese Hegeische Theorie, in derer
schen" ausgehen, also von „stumpfsinnigen, blöden und schrecklichen freilich einen Grund der Größe der „Phänomenologie des Geistes" er-
Bestien"; er zieht zum Vergleich mit der primitiven Antike die Reisebe- blickt: „Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die
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schreibungen über die Indianer, die Berichte von Tacitus über die alten abstrakt geistige." * Die meisten Verkehrungen Hegels in diesem Fragen-
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Germanen heran. In alledem sind sehr ernste Ansätze zu einem wahr- komplex lassen sich auf diese grundlegend idealistische Befangenheit sei-
heitsgemäßen Erfassen der Ausgangspunkte menschlicher Kultur vorhan- nes Standpunktes zurückführen. Die Entstehung, Ausbildung und Entfal-
den. Vico sieht auch, daß in ihrer Anfangsperiode die späteren Tätigkeits- tung der menschlichen Tätigkeiten kann nur in Wechselbeziehung mit der
formen nur als Keime enthalten, aber doch enthalten waren. So entsteht Entwicklung der Arbeit, mit der Eroberung der Umwelt des Menschen,
die Vicosche Konzeption der Urzeit: „... so sind wir genötigt, die poe- mit der Umgestaltung des Menschen selbst durch sie verstanden werden.
tische Weisheit auf eine rohe Metaphysik zurückzuführen, von der, wie Wir haben bereits die Prinzipien der hieraus erwachsenden Wechselbezie-
aus einem Stamm, sich entwickelnd auf einem Ast Logik, Moral, Ökonomie hungen kurz skizziert, wobei sichtbar wurde, daß heute sogar Anthropo-
210 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 211

logen und Psychologen, die vom Marxismus unberührt geblieben sind, ja lung der menschlichen Sinne und Denktätigkeiten, enthalten und damit
ihn ablehnen, diese den Menschen verwandelnde Funktion der Arbeit in eine klare Position gegen jede Auffassung von dem „ursprünglichen",
steigendem Maße anerkennen müssen, wenn sie auch - gerade infolge die- „ewigen" etc. Kunstsinn des Menschen beziehen. Sie zeigen, daß alle diese
ser ihrer Stellung zum Marxismus - nicht fähig sind, diesen Komplex in Fähigkeiten und die ihnen entsprechenden Gegenstände erst allmählich,
seiner historisch beweglichen Totalität vollständig zu erfassen. Hier historisch entstanden sind. U n d zwar - und dies ist ein sehr wichtiger U n -
genügt es also, daraufhinzuweisen, daß Marx diese Auffassung der Mensch- terschied zur wissenschaftlichen Widerspiegelung - muß besonders unter-
werdung, der menschlichen Höherbildung des Menschen bis zur gegen- striehen werden, daß nicht nur die Empfänglichkeit, sondern auch deren
wärtigen Stufe auch in bezug auf das Ästhetische ausdrücklich hervor- Gegenstände selbst Produkte der gesellschaftlichen Entwicklung sind. Die
hebt. Er führt z. B. in bezug auf Musik folgendes aus: „Andrerseits: Gegenstände der Natur existieren an sich, unabhängig vom menschlichen
Subjektiv gefaßt: Wie erst die Musik den musikalischen Sinn des Menschen Bewußtsein, von seiner gesellschaftlichen Entwicklung; die das Bewußtsein
erweckt, wie für das unmusikalische Ohr die schönste Musik keinen Sinn umformende Tätigkeit der letzteren ist allerdings notwendig, damit sie er-
hat, [kein] Gegenstand ist, weil mein Gegenstand nur die Bestätigung einer kannt, in der wissenschaftlichen Widerspiegelung aus an sich seienden
meiner Wesenskräfte sein kann, also nur so für mich sein kann, wie meine Gegenständen in für uns seiende verwandelt werden. Musik, Architektur
Wesenskraft als subjektive Fähigkeit für sich ist, weil der Sinn eines Ge- etc. entstehen aber - auch objektiv - erst im Laufe dieses Prozesses. Ihre
genstandes für mich (nur Sinn für einen ihm entsprechenden Sinn hat) Wechselbeziehung zum produzierenden und aufnehmenden Bewußtsein
grade so weit geht, als mein Sinn geht, darum sind die Sinne des gesellschaft- muß also auch andere Züge zeigen als jene, die bloß zumFüruns-Machendes
lichen Menschen andre Sinne wie die des ungesellschaftlichen; erst durch Ansichseiendcn bestimmt sind. Die wissenschaftliche Erkenntnis der Ge-
den gegenständlich entfalteten Reichtum des menschlichen Wesens wird sellschaft hat zwar ebenfalls ein gesellschaftlich entstandenes Objekt, wenn
der Reichtum der subjektiven menschlichen Sinnlichkeit, wird ein musika- es aber einmal entstanden ist, hat es ebenso einen Ansich-Charakter wie
lisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz, werden erstmensch- die Gegenstände der Natur. Wie verschieden immer ihre gegenständliche
licher Genüsse fähige Sinne, Sinne, welche als menschliche Wesenskräfte Struktur, die Gesetzlichkeiten ihrer Wirksamkeit von denen der Natur
sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt. Denn nicht nur die scin mögen, ihre wissenschaftliche Widerspiegelung geht ebenfalls den ge-
5 Sinne, sondern auch die sogenannten geistigen Sinne, die praktischen raden Weg vom Ansich zum Füruns. D a ß hier eine reine Form der Objek-
Sinne (Wille, Liebe etc.), mit einem Wort der menschlicheShm,die Mensch- tivität weit schwerer zu erreichen ist, daß die Abweichung von dieser eben-
lichkeit der Sinne wird erst durch das Dasein seines Gegenstandes, durch falls von der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt ist, ändert an dieser
die vermenschlichte Natur. Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der gan- Lage nichts Wesentliches. Der Marxismus hebt hier beide Seiten, die iden-
zen bisherigen Weltgeschichte. Der unter dem rohen praktischen Bedürf- tische wie die verschiedene, mit gleichem Nachdruck hervor. Einerseits
nis befangene Sinn hat auch nur einen bornierten Sinn. Für den ausgehun- zeigt die ganze Methodologie der gesellschaftswissenschaftlichen Schrif-
gerten Menschen existiert nicht die menschliche Form der Speise, sondern ten von Marx, daß sie ihre Gegenstände als vollständig unabhängig vom
nur ihr abstraktes Dasein als Speise; ebensogut könnte sie in rohster menschlichen Bewußtsein funktionierende Prozesse auffaßt. Andererseits
Form vorliegen, und es ist nicht zu sagen, wodurch sich diese Nahrungs- weist Marx - unter Berufung auf Vico - darauf hin, daß „die Menschen-
tätigkeit von der tierischen Nahrungstätigkeit unterscheide. ...also die geschichte sich dadurch von der Naturgeschichte unterscheidet, daß wir
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Vergegenständlichung des menschlichen Wesens, sowohl in theoretischer die eine gemacht und die andre nicht gemacht haben" . Soweit die
als praktischer Hinsicht, gehört dazu, sowohl um die Sinne des Menschen Produkte der künstlerischen Tätigkeit rein als Produkte dieser Ent-
menschlich zu machen als um für den ganzen Reichtum des menschlichen wicklung betrachtet werden, was zweifellos den Tatsachen entspricht,
und natürlichen Wesens entsprechenden menschlichen Sinn zu schaffen." 19
d.h., soweit sie ausschließlich als Teile des gesellschaftlichen Seins der
Wir haben die Darlegungen von Marx vor allem darum so ausführlich Menschen betrachtet werden, gelten für die wissenschaftliche Widerspie-
angeführt, weil sie eine unmißverständlich klare Stellungnahme zu unse- gelung dieses Seins dieselben Gesetzlichkeiten, auf die wir eben hinge-
rem gegenwärtigen Problem, zur gesellschaftlich-geschichtlichen Entwick- wiesen haben.
212 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 213

Innerhalb dieses gesellschaftlichen Seins, für sich betrachtet, zeigen sie M a n sieht aus alledem, daß von einem ursprünglichen Vermögen der
jedoch ganz neue und eigenartige Züge, deren Herausarbeiten gerade die Menschheit zur Kunst keine Rede sein kann. Dieses Vermögen hat sich -
Hauptaufgabe dieser Betrachtungen sein wird. Diese jetzt aufzuzählen wie alle anderen Fähigkeiten des Menschen - allmählich historisch ausge-
hieße, Gedankengänge abstrakt vorwegzunehmen, die nur konkret, nur bildet. Jetzt, nach einer langen kulturellen Entwicklung, läßt es sich schon
im richtigen theoretischen und historischen Zusammenhang wirklich sinn- nicht mein- auch aus dem anthropologischen Bild des Menschen wegden-
voll erfaßt werden können. Wir können hier nur - vorwegnehmend - dar- ken. Jedoch der Bruch mit dem philosophischen Idealismus besteht unter
auf hinweisen, daß die Wechselbeziehungen zwischen Objektivität und anderem auch darin, heute selbstverständlich, „naturhaft" gewordene
Subjektivität zum gegenständlichen Wesen der Kunstwerke gehören. Nicht Eigenheiten des Menschen nicht zu abstrakten, überhistorischen Wesen-
auf die Wirkung auf X oder Y kommt es an, sondern auf die gegenständ- heiten aufzubauschen.
liche Struktur des Kunstwerks als so oder so Wirkendes. Was auf jedem Die Belehrung für uns in den Ausführungen von Marx geht also über
anderen Gebiet des menschlichen Lebens ein philosophischer Idealismus diese einfache Anerkennung der radikalen Historizität der Kunst, der
wäre, nämlich daß kein Objekt ohne Subjekt existieren könne, ist im künstlerischen Empfänglichkeit etc. weit hinaus. Indem Marx diese Wech-
Ästhetischen ein Wesenszug seiner spezifischen Gegenständlichkeit. (Na- selbeziehung zwischen den menschlichen Sinnen und ihren Gegenständen
türlich existiert der in der Skulptur bearbeitete Marmorblock als Stück ausarbeitet, vergißt er nicht, uns darauf aufmerksam zu machen, daß die
Marmor ebenso unabhängig von jedem Bewußtsein wie vor seiner Bear- untereinander qualitativ verschiedenen Sinne qualitativ verschiedene Be-
beitung-wie jedes Objekt in der Natur oder in der Gesellschaft. Erst durch ziehungen (und darum auch Wechselbeziehungen) zu der Welt der Gegen-
die bildhauerische Arbeit und ausschließlich in bezug auf sie besteht die stände haben müssen. „Dem Auge", sagt Marx, „wird ein Gegenstand an-
von uns angezeigte und später ausführlich zu behandelnde Subjekt-Ob- ders als dem Ohr, und der Gegenstand des Auges ist ein andrer als der des
jekt-Beziehung.) 21
Ohrs." Das Faktum selbst wird niemand leugnen. M a n m u ß aber daraus
Die von uns angeführten Darlegungen von Marx erhellen gerade diese die notwendigen Konsequenzen ziehen. U n d diese konzentrieren sich um
spezifische Gegenständlichkeit des ästhetischen Gebiets, seine spezifische das Problem, daß die Entstehungspunkte und -quellen der Kunst notwen-
Wechselwirkung mit der Entstehung einer ästhetischen Subjektivität. Im dig verschiedene sein müssen. Auch hier werden vom philosophischen
Gegensatz zum bürgerlichen Historismus, der höchstens eine geschicht- Idealismus in der Ästhetik alle Zusammenhänge auf den Kopf gestellt. Es
liche Entwicklung der menschlichen Intelligenz anerkennt, hebt Marx mit scheint für diesen so, als ob das einheitliche, „ursprüngliche" (apriorische)
großem Nachdruck hervor, daß gerade die Entwicklung unserer fünf Sinne ästhetische Prinzip sich in ein System der Künste begrifflich differenzieren
ein Ergebnis der ganzen bisherigen Weltgeschichte sei. Diese Entwicklung und sich so systematisieren würde, während in der Wirklichkeit aus quali-
umfaßt natürlich - und das ist als Grundlage der Marxschen Betrachtun- tativ verschiedenen Beziehungen zu ihr, denen einerseits eine einheitliche
gen klar ersichtlich - viel mehr als die Entfaltung einer Empfänglichkeit objektive Wirklichkeit, andererseits qualitativ verschiedene Empfänglich-
für die Kunst. Gerade das Beispiel vom Essen zeigt, daß es sich vorerst um keitsorgane und deren gesellschaftlich-geschichtliche Entwicklungen zu-
elementare Lebensäußerungen handelt, deren objektive wie subjektive grunde liegen, verschiedene künstlerische Tätigkeiten, Gegenständlich-
Höherbildung gleiche rweise Produkt der Entwicklung der Arbeit ist. Das keiten, Empfänglichkeiten etc. entspringen. Daß diese dann infolge der
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ist kein geradliniger Fortgang; Marx Beispiele zeigen, wie die Produk- Einheitlichkeit der objektiven Wirklichkeit sowie infolge ihrer gesellschaft-
tionsverhältnisse, die gesellschaftliche Arbeitsteilung auch auf höheren lichen Grundlagen, Funktionen etc. historisch so stark konvergieren, daß
Stufen Hindernisse der richtigen subjektiven Beziehungen zu den Objek- ihre entscheidend gemeinsamen Prinzipien als allgemein ästhetische er-
ten weiden können. Die Entstehungsgeschichte der Kunst, sowohl des pro- faßt werden können, ändert nichts an diesem Tatbestand. Wir stehender
duktiven Sinnes als auch der künstlerischen Empfänglichkeit, kann also philosophischen Begreifbarkeit der Genesis der Kunst hilflos gegenüber,
nur in diesem Rahmen, in dem der Weltgeschichte der fünf Sinne, behan- wenn wir nicht von den oben beschriebenen Tatsachen ausgehen.
delt werden. Damit wird aber das ganze ästhetische Prinzip zu einem Er- Diese Frage ist auch in der idealistischen Kunstphilosophie zuweilen auf-
gebnis der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung der Menschheit. getaucht, jedoch auch hier mit den typischen Verzerrungen eines dialek-
214 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 215

tischen Problems ins Metaphysische. Der zeitweilig in der deutsche Ästhe- wie möglich von der Widerspiegelung der Wirklichkeit durch andere Sinne
tik sehr einflußreiche Konrad Fiedler schreibt in dei Vorbemerkung zu sowie durch Denken, Empfinden etc. abzugrenzen und für die bildende
seinem Hauptwerk „Uber den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit": Kunst (bei Fiedler weniger für die Kunst als für die ebenfalls isolierte
„Da es nicht eine Kunst im allgemeinen, sondern nur Künste gibt, so kann künstlerische Tätigkeit) eine isolierte Welt der reinen Sichtbarkeit aufzu-
die Frage nach dem Ursprung des künstlerischen Vermögens auch nur auf finden. Vor allem wird diese Trennung und Isolierung in bezug auf den
dem Sondergebiet einer bestimmten Kunst aufgeworfen werden." Fied- 22
Tastsinn vollzogen. Fiedler fordert ein schroffes Wegwerfen von allem,
ler läßt hier die Frage offen, ob die Ergebnisse seiner Forschung Schlüsse was angeblich durch solche Vermittlungen dem Menschen bewußt werden
auf andere Gebiete gestatten; die Art seiner Behandlung weist aber darauf könne. Wird diese Isolierung vom Menschen vollzogen, so meint Fiedler:
hin, daß er diese Möglichkeit verneint. Er vollzieht hier zwei Abstrak- „Er befindet sich demgegenüber, was er Wirklichkeit zu nennen gewohnt
tionen, die wegen ihrer idealistisch-antidialektischen Wesensart das Pro- ist, in einer sehr veränderten Stellung; alles körperlich Feste ist ihm ent-
blem verwirren und unlösbar machen, besser gesagt, es in die Richtung einer zogen, da es eben nichts Sichtbares ist, und der alleinige Stoff, in dem sich
Scheinlösung drängen. Erstens bestreitet er die Widerspiegelung der ob- sein Wirklichkeitsbewußtsein gestalten kann, sind die Licht- und Farb-
jektiven Wirklichkeit durch unsere Sinne und durch unser Denken; er empfindungen, die er seinem Auge verdankt. Das ganze ungeheure Reich
sieht darin ein zu überwindendes Vorurteil: „Im gewöhnlichen Leben, und der sichtbaren Welt enthüllt sich ihm nun angewiesen in seinem Bestand
nicht nur da, sondern auch auf zahlreichen Gebieten höherer geistiger Tä- auf den zartesten, gleichsam unkörperlichsten Stoff, in seinen Formen auf
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tigkeit, beruhigt man sich dabei, daß gegenständlichen Beziehungen eben die Bildungen, zu denen der Einzelne jenen Stoff zusammenwebt." Wir
2 3
Gegenstände in der Wirklichkeit entsprechen.. , " Eskommtalso bei Fied- sehen hier sowohl den extremen Subjektivismus Fiedlers, indem das so ent-
ler nicht auf die Außenwelt, nicht auf die Wechselwirkung dieser mit un- stehende visuelle Bild nicht eine vom Subjekt vollzogene Verarbeitung,
serem Sinnesorgan an, sondern ausschließlich auf die reine Subjektivität: Synthese etc. der von dem Sinne widergespiegelten objektiven Wirklich-
„Sobald man aber den Widersinn einsieht, der darin hegt, etwas in der keit ist, sondern im Geiste der Kantschen Erkenntnistheorie das Produkt
Außenwelt suchen zu wollen, was man nicht zunächst in sich selbst gefun- einer „reinen" Tätigkeit des Subjekts als auch die Reduktion der vi-
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den h a t . . . " Fiedlers konkrete Polemik richtet sich hier gegen die not- suellen Widerspiegelung auf das, was Fiedler eben als reine (gereinigte)
wendige Unzulänglichkeit des sprachlichen Ausdrucks für das Konkrete Visualität auffaßt. In bezug auf das letztere genügt es, um den extrem anti-
an den Erscheinungen. M a g er hier stellenweise Teilmomente nicht ganz dialektischen Gesichtspunkt Fiedlers klarzulegen, auf unsere früheren Dar-
unrichtig bemängeln, er übersieht dabei vollständig den unendlichen A n - legungen über die - durch die Arbeit entstandene - Arbeitsteilung der
näherungsprozeß der Sprache an die immer adäquatere Widerspiegelung Sinne hinzuweisen [74f.]. Visualität und Tastsinn sind nämlich nur vom
der Wirklichkeit und damit die komplizierte dialektische Wechselwirkung Standpunkt einer vorkantischen und Kantischen „rationalen Psycholo-
zwischen Objektwelt und der sie zu erfassen und zu beherrschen bestreb- gie" voneinander metaphysisch getrennt. Die Bedeutung der Arbeit be-
ten Subjektivität. Dadurch wird der Ausdruck nicht nur subjektiviert, steht in dieser Hinsicht - schon auf einem alltäglichen, bei weitem noch
sondern auch fetischisiert. Die Sprache, sagt Fiedler, bedeutet nicht ein nicht ästhetischen Niveau - gerade darin, daß das Auge Funktionen des
Sein (widerspiegelt nicht das Sein), sondern ist ein Sinn: „Und da das, Tastsinns weitgehend übernimmt. Dadurch werden Eigenschaften wie
was in der sprachlichen Form zur Entstehung gelangt, außerhalb dieser Schwere, Stofflichkeit etc. eben visuell wahrgenommen, werden organi-
Form überhaupt nicht vorhanden ist, so kann die Sprache auch immer nur sche Bestandteile der visuellen Art der Widerspiegelung der Wirklichkeit.
25
sich selbst bedeuten." Da Fiedler diese Betrachtungen dazu braucht, um D a ß die künstlerische Tätigkeit diese in der Arbeit entstandenen Tenden-
dem visuellen Ausdruck den sprachlichen schroff, übergangslos und aus- zen qualitativ steigert und weiterbildet, versteht sich von selbst. Dadurch
schließend gegenüberzusetzen, beinhaltet diese Isolierung und Fetischtsie- entsteht die Universalität, der weltumfassende Charakter des künstleri-
rung des letzteren auch die des ersteren. schen Sehens und Gestaltens, während Fiedler zum theoretischen Herold
der gegenständlichen und ideellen Verarmung der bildenden Künste ge-
Zweitens - und in engster Beziehung zum bkher Ausgeführten - ver-
worden ist. Denn es ist klar, daß Fiedler hier die Grenzen noch schroffer
sucht Fiedler, die Visualität als Grundlage der bildenden Kunst so streng
216 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 217

zieht; er verlangt, „daß wir auf alles Bewußtsein eines Umfassenden und tief gemeinschaftliche Elemente und Tendenzen mit diesen anderen Men-
Allgemeinen verzichten müssen", um „auch nur annäherungsweise" die schen haben müssen. Die Arbeitsteilung der Sinne, die Erleichterung und
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rein visuelle Anschauungsart des Künstlerischen nacherleben zu k ö n n e n . Vervollkommnung der Arbeit durch sie, die wechselseitige Beziehung eines
Die dialektisch-materialistische Auffassung muß mit beiden meta- jeden Sinnes mit den anderen durch diese immer differenziertere Zusam-
physischen Extremen - mit der apriorischen Ableitung der einzelnen menarbeit, die zunehmende Eroberung der äußeren und inneren Welt der
Künste aus einer angeblich ursprünglichen Quelle, aus dem „Wesen" des Menschen infolge derartiger subtiler Kooperationen, die Ausbreitung und
Menschen, wie mit ihrer starren Isolierung voneinander - gleicherweise Vertiefung des Weltbildes als ihre Folge: all dies schafft einerseits die
brechen, um das wirkliche Phänomen des Ästhetischen in seinem Werden sachlichen und seelischen Voraussetzungen für das Entstehen und die
und Wesen richtig zu erfassen. Wenn wir also in der philosophischen Be- Entwicklung der verschiedenen Künste; andererseits, sobald sie geboren
handlung der Genesis der Kunst von einer Vielheit der realen Ursprünge wurden, in jeder die Tendenz, die eigenen immanenten Eigenschaften im-
ausgehen und die Einheit des Ästhetischen, des Gemeinsamen in dieser mer eigenartiger auszubilden wie ihnen eine solche Universalität, U m -
Vielheit als ein Ergebnis der gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklung fassungskraft zu verleihen, die - unbeschadet der Selbständigkeit einer
betrachten, so kommen wir zu einer völlig anderen Auffassung sowohl in jeden einzelnen Kunst - das allen Gemeinsame, das Medium des Ästhe-
bezug auf die Einheit des Ästhetischen als auch in bezug auf die Differen- tischen, allmählich ausbildet.
zierung, die Selbständigkeit der einzelnen Künste (und innerhalb ihres Die beiden Tendenzen verbindet eine widerspruchsvolle Einheit, die
Bereichs der Genres) als die idealistische Philosophie. Einheit eines Widerspruchs: die simultane Einheit und Differenziertheit
Was vor allem die Einheit betrifft, so haben wir unsere entschiedene A b - des in einer Gesellschaft wirkenden ganzen Menschen, der seine Reaktio-
lehnung eines jeden apriorischen Prinzips bereits ausgesprochen. Engels nen auf Natur und Gesellschaft innerhalb der eigenen Subjektivität immer
hebt diesen Grundsatz des dialektischen Materialismus richtig hervor: energischer verfeinert und spezialisiert, die so spezialisierte innere Arbeits-
„Die allgemeinen Resultate der Untersuchung der Welt kommen am Ende teilung jedoch stets auf die eigene Gesamtpersönlichkeit rückbezieht und
dieser Untersuchung heraus, sind also nicht Prinzipien, Ausgangspunkte, diese dadurch umfassender und reicher macht. Diese etwas umständliche
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sondern Resultate, Abschlüsse." In unserem Fall gilt dieser Grundsatz Bestimmung ist auch notwendig, um unsere Auffassung möglichst scharf
in gesteigerter Weise. Denn Engels denkt in der hier zitierten Stelle vor von allen Theorien abzugrenzen, die die volle und ausgebildete Persön-
allem an die allgemeinen Probleme der Naturwissenschaften, wo die von lichkeit des Menschen bloß als Kennzeichen primitiver Stadien betrachten
dem menschlichen Bewußtsein zu entdeckenden Prinzipien an sich schon und sie durch die unaufhaltsam fortschreitende Arbeitsteilung als gefähr-
längst existierten und wirksam waren, bevor das Denken ihre Zusammen- det, ja als vernichtet ansehen. Daß insbesondere die kapitalistische Arbeits-
hänge, Einheit etc. widerzuspiegeln, auszulegen, zu systematisieren im- teilung oft auch Verkrüppelungen der Persönlichkeit durch allzu starke
stande gewesen wäre. Die Nachträglichkeit des Prinzips liegt aber in Differenzierungen hervorruft, ist natürlich eine Tatsache. D a ß aber - im
unserem Fall nicht nur im Füruns, sondern auch im Ansich selbst: Die Ein- Maßstab der Entwicklung des Menschengeschlechts - die von uns ange-
heitlichkeit des Prinzips entsteht im Ästhetischen allmählich, gesellschaft- deutete Tendenz sich durchsetzt, haben wir in Anlehnung an Ausführungen
lich-geschichtlich, kann also naturgemäß nur, den real entstandenen Stufen von Marx über Ricardo an anderer Stelle gezeigt [59].
der Einheit entsprechend, nachträglich als solche erkannt werden. Alles bisher Ausgeführte bezieht sich noch nicht direkt auf die Kunst
Diese Tatsache selbst weist bereits auf einige Probleme des Gehalts hin. als solche. Alle diese Erscheinungen treten in der Entwicklungsgeschichte
Scheinen auch Sinne, Empfänglichkeiten etc. einander gegenüber heterogen der Menschheit längst deutlich zutage, bevor das ästhetische Prinzip seine
zu sein und sind es auch in ihrer Unmittelbarkeit, so können sie doch nicht, Selbständigkeit offenbart. (In der Entwicklung des einzelnen Individuums
wie Kant und Kantianer vom Typus Fiedler sich vorstellen, hermetisch treten diese allgemeinen Tendenzen oft ebenfalls auf, bevor es sich auf das
voneinander abgesondert werden. Sie sind stets Sinne etc. eines ganzen Ästhetische besinnt. Die Wiederholung der Entwicklung des Menschen-
Menschen, der mit seinesgleichen in einer Gesellschaft lebt, dessen elemen- geschlechts in der des Individuums ist jedoch keine mechanische Kopie
tarste Lebensäußerungen sich in dieser Gesellschaft abspielen und darum oder Abbreviatur. Die Tatsache der Existenz und der allgemeinen Wirkung
218 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 219

der Kunstwerke bedeutet viel mehr als eine bloße Abkürzung eines solchen Menschen unabhängig existierende Natur und gleichzeitig auf den Men-
Prozesses.) Das spezifisch Ästhetische setzt einerseits, wie bereits aufge- schen mit seinen gesellschaftlich entstandenen Zielsetzungen, mit seinen
führt, objektiv und subjektiv eine relative Höhe in der Entfaltung dieser gesellschaftlich ausgebildeten Fähigkeiten etc. unvorstellbar. Hier entsteht
Tendenz voraus, löst sich jedoch andererseits vom hier geschilderten all- ja materiell dieser Stoffwechsel. In der Arbeit selbst ist jedoch diese Einheit
gemeinen Fonds langsam als selbständige gesellschaftlich-menschliche Aus- zugleich permanent wirksam und wird ununterbrochen gekündigt; d. h., die
drucksweise ab, da es objektiv wie subjektiv in jeder einzelnen Äußerung subjektive und die objektive Komponente erhalten je eine-relativ - selb-
einen - freilich relativen, tendenzartigen - totalen Charakter, eine Inten- ständige Wirksamkeit, werden - relativ - selbständig weitergebildet,
tion auf Ganzheit besitzt. freilich in ununterbrochenen Wechselwirkungen. Die Weiterbildung der
Die Grundlage der Einheit solcher Tendenzen kann nur in der Materia- subjektiven Komponente scheint ohne weiteres verständlich; die der ob-
lität, im Substrat ihres Seins liegen. Das ist natürlich das oberste allgemeine jektiven der Natur in ihrem Stoffwechsel mit der Gesellschaft besteht
Gesetz für jede wirkliche (nicht bloß subjektiv ausgeklügelte) Einheit. darin, daß dieser Stoffwechsel immer neue Seiten, neue Eigenschaften, neue
2
Was Engels über die Einheit der Welt sagt, " gilt auch für ihre Teile, für Gesetzlichkeiten etc. der Natur für den Menschen offenbar macht und so
alle verschiedenen Weisen, diese vermittels Widerspiegelung durch das die Natur extensiv wie intensiv immer stärker in diesen Stoffwechsel mit
menschliche Bewußtsein zu bewältigen. So auch für die Kunst. Ihre beson- der Gesellschaft einbezieht. Das Kündigen der Einheit bedeutet also, daß
dere Art erhebt sich über die generellen Formen der Bewältigung der Wirk- die einer bestimmten Entwicklungsstufe verlassen wird, um durch eine
lichkeit im Alltagsleben dadurch, daß das materielle Substrat der mensch- andere, kompliziertere, weiter vermittelte, höher organisierte abgelöst zu
lichen Existenz und Tätigkeit die Gesellschaft in ihrem „Stoffwechsel mit werden. Dieser Prozeß steht jedoch mit der unmittelbar und scheinbar
der Natur" (Marx) ist, die - letzten Endes - ungetrennt und doch sinnfäl- von innen bewegten Entwicklung der subjektiven Komponente in engster
lig, in realer Bezogenhcit auf den ganzen Menschen widergespiegelt wird. Wechselwirkung. Die Beziehung der Menschen zueinander, ihr unmittel-
Der Ausdruck „letzten Endes" muß besonders hervorgehoben werden. bares, oft weit vermitteltes gesellschaftliches Zusammenwirken in Arbeit
Denn einerseits spiegelt die künstlerische Reproduktion der Wirklichkeit und Leben muß sich im Laufe des extensiven und intensiven Wachsens
im allgemeinen unmittelbar zumeist die jeweiligen Produktionsverhält- des Stoffwechsels der Gesellschaft mit der Natur, den Bedürfnissen dieses
nisse einer bestimmten Gesellschaft, am unmittelbarsten die aus ihnen her- Wachstums entsprechend, ebenfalls umbilden. Das Kündigen der - jewei-
auswachsenden gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander. ligen - Einheit ist also immer ein Moment, und zwar ein bewegendes M o -
Erst als deren Grund - also: letzten Endes - erscheint auch die Wider- ment dieser Einheit selbst.
spiegelung des Stoffwechsels der Gesellschaft mit der Natur. Je stärker Die wissenschaftliche Widerspiegelung der Wirklichkeit ist, wie es sich
dieser extensiv wie intensiv wird, desto ausgeprägter erscheint in der Kunst von selbst versteht, ein wichtiges Moment dieser dialektischen Bewegung;
die Widerspiegelung der Natur selbst. Sie ist nicht Anfang, sondern im Ge- soweit sie darauf gerichtet ist, diesen Prozeß selbst gedanklich zu erfassen,
genteil das Produkt einer höchstentwickelten Stufe dieses Stoffwechsels. muß sie die hier wirksamen Kategorien in ihren wirklichen objektiven
Andererseits ist aber die Widerspiegelung des Stoffwechsels der Gesell- Proportionen, in ihrer wahren Beweglichkeit zu erfassen versuchen. Die
schaft mit der Natur das abschließende, wirkliche letzthinnige Objekt der ästhetische Widerspiegelung muß hier andere Wege gehen. Erstens rich-
ästhetischen Widerspiegelung. A n sich ist in diesem Stoffwechsel gerade tet sich die erstere bei weitem nicht immer - unmittelbar - auf diesen Pro-
die Beziehung eines jeden Individuums zur Menschengattung und zu ihrer zeß des Stoffwechsels selbst. So sehr er - letzten Endes - die Entwicklung
Entwicklung enthalten. Dieser implizite Inhalt wird nun in der Kunst der wissenschaftlichen Widerspiegelung der Wirklichkeit bestimmt, geht
explizit, das oft verborgene Ansich erscheint als ein plastisches Fürsich- diese, je höher sie sich entfaltet, auch auf eigenen Wegen, die oft nur nach
sein. sehr weiten Vermittlungen hier wieder einmünden. Die künstlerische W i -
Das ist natürlich - bis zu einem gewissen Grad in einer elementaren, derspiegelung hat dagegen stets die Gesellschaft in ihrem Stoffwechsel mit
spontanen Weise - auch im Alltagsleben, vor allem in der Arbeit der Fall. der Natur zur Basis und kann die Natur nur auf dieser Grundlage mit
Diese ist ohne eine solche Einheit in der doppelten Bezogenheit auf die vom ihren eigenen Mitteln erfassen und gestalten. So unmittelbar die Bezie-
220 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 221

hung des Künstlers (und des Rezeptiven, der sein Werk genießt) zur N a - nur in der eben angedeuteten vermittelt-unmittelbaren Weise in Erschei-
tur zu sein scheint, so weit und kompliziert ist sie objektiv vermittelt. Frei- nung treten kann. Ob dabei die Unmittelbarkeit eines Naturstückes (wie
lich ist diese Unmittelbarkeit, über welche später in konkreteren Zusam- in der Landschaftsmalerei) oder eines rein innermenschlichen Geschehens
menhängen noch ausführlich gesprochen werden muß, doch kein bloßer (wie im Drama) das konkrete Objekt der Gestaltung wird, diese Wesens-
Schein, wenigstens kein trügerischer. Diese Unmittelbarkeit ist ein inten- art zeigt sich in gleicher Weise, denn in beiden Fällen ist die letzte Grund-
siver Bestandteil der zur Gestalt gewordenen ästhetischen Widerspiege- lage die gleiche, nur das Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund,
lung, des Kunstwerks, eine ästhetische Unmittelbarkeit sui generis. Damit von klar Ausgesprochenem und bloß Angedeutetem etc. verändert sich
ist aber die oben festgestellte objektive Vermitteltheit weder geleugnet bzw. kehrt sich um.
noch aufgehoben. Es handelt sich hier um eine der wesentlichen, funda- All dies zeigt, daß die entfaltete ästhetische Widerspiegelung gerade in
mentalen und künstlerisch fruchtbaren inneren Widersprüchlichkeiten der bezug auf die Basis ihres Einheitsprinzips, die Gesellschaft im Stoffwechsel
ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit. Zweitens hat aber dieser mit der Natur, bereits weit entfernt von der Erscheinungsweise dieser
unmittelbar unlösbare Zusammenhang der ästhetischen Widerspiegelung Grundlage im Alltag, vor allem in der Arbeit ist. In erster Linie fällt das
mit ihrer Seinsbasis eine eigenartige Inhaltlichkeit und Struktur des reflek- früher erwähnte Kündigen und Wiederherstellen der fundamentalen Ein-
tierten und gestalteten Objekts zur Folge. Die wissenschaftliche Wider- heit in dieser weg. U n d zwar vor allem deshalb, weil diese Wesensart der
spiegelung muß, so sehr sie sich auch oft auf Einzelprobleme beschränken Arbeit aufs engste in ihrer Wechselbeziehung mit der wissenschaftlichen
30
mag, stets bestrebt sein, der extensiven wie intensiven Totalität der all- Widerspiegelung begründet ist. Freilich tritt diese Tendenz der Arbeit
gemeinen Bestimmungen ihres jeweiligen Objekts nach Möglichkeit in voller Klarheit erst auf ihren entwickeltesten Stufen hervor, wenn die
nahezukommen. Die ästhetische Widerspiegelung richtet sich dagegen sich aus ihr herausbildendeWissenschaft bereits eine völlig selbständige
unmittelbar immer nur auf ein partikulares Objekt. Diese unmittelbare Gestalt erringt und auf sie zurückwirkt. Dann werden die desanthropomor-
Partikularität steigert sich noch dadurch, daß jede Kunst - und in der un- phisierenden Kräfte der wissenschaftlichen Widerspiegelung der Wirk-
mittelbaren ästhetischen Realität gibt es nur einzelne Künste, ja einzelne lichkeit auf beide Komponenten der Arbeit wirksam: Ihre getrennte
Kunstwerke, und ihre ästhetische Gemeinsamkeit ist nur begrifflich, wie auf die Wechselbeziehung bezogene wissenschaftliche Analyse be-
nicht unmittelbar künstlerisch erfa ßbar - die objektive Wirklichkeit nur in zweckt das jeweils sachlich erreichbare Optimum an Auswirkung, am
ihrem eigenen Medium (Visualität, Wort etc.) widerzuspiegeln imstande ist. Zur-Geltung-Kommen des Objektes an sich, so weit wie möglich unab-
Natürlich strömen Inhalte der gesamten Wirklichkeit in dieses Medium hängig gemacht von den besonderen Eigenschaften, Fähigkeiten etc. der
ein und werden darin seiner eigenen Gesetzlichkeit gemäß künstlerisch an der Arbeit beteiligten Menschen. Der Stoffwechsel zwischen Gesell-
verarbeitet; das Wie dieses Problems haben wir bereits bei Behandlung schaft und Natur liegt zwar allen diesen Analysen der Arbeit an sich zu-
der Arbeitsteilung der Sinne gestreift und werden darauf noch ausführlich grunde, bestimmt ihre Entwickeltheit und ihre Richtung, ihre Methode
zurückkommen. Aber auch in anderer Hinsicht kann das Objekt der ästhe- und ihre Ergebnisse, aber an ihren subjektiven Reflexen ist diese Bezogen-
tischen Widerspiegelung kein allgemeines sein: Die ästhetische Verall- heit immer weniger unmittelbar ersichtlich. Das Zurückweichen der N a -
gemeinerung ist die Erhöhung der Einzelheit ins Typische, nicht wie in der turschranke wirkt sich notwendig in solcher Weise aus. Diese Struktur er-
wissenschaftlichen die Aufdeckung des Zusammenhangs zwischen Ein- scheint ganz, deutlich nur auf hochentwickelten Stufen, obwohl die Ten-
zelfall und allgemeiner Gesetzlichkeit. Das bedeutet für unser gegenwär- denz zu einer solchen Desanthropomorphisierung mit der Arbeit selbst
tiges Problem, daß im Kunstwerk die extensive Totalität seines letzthinni- spontan, unbewußt einsetzt. Sie wird jedoch auf weiten Strecken von an-
gen Objekts nie direkt erscheinen kann; es wird nur durch Vermittlungen deren Tendenzen gekreuzt und überdeckt. Unter diesen spielt nun die
- und diese werden von der evokativen ästhetischen Unmittelbarkeit in künstlerische zeitweilig eine hervorragende Rolle. Wenn man beide Ten-
Bewegung gesetzt - in seiner intensiven Totalität zum Ausdruck kommen. denzen gedanklich voneinander scharf absondern will, stößt man oft auf
Daraus folgt weiter, daß die wirkliche Basis, die Gesellschaft in ihrem Stoff- nicht unbeträchtliche Schwierigkeiten. So decken die in der Arbeit wirk-
wechsel mit der Natur, die der gesamten Widerspiegelung zugrunde liegt, samen künstlerischen Tendenzen oft bis dahin unbekannte Eigenschaften
222 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 223

des Ansich auf, fördern die Arbeitsfähigkeiten (Beherrschen des Mate- rein ästhetisch nicht zur Erfüllung gelangen können, wenn sie nicht gleich-
rials, Verfeinern der Werkzeuge und ihrer Handhabung etc.) ebenso wie die zeitig die Zielsetzungen der praktischen Nützlichkeit verwirklichen. Je
auf Wissenschaftlichkeit gerichteten. Ja, beide können in der Beziehung mehr sich jedoch die künstlerische Tätigkeit als solche konstituiert, desto
eines bewußten Bündnisses stehen, so z. B. in der Renaissance. mehr werden solche desanthropomorphisierenden Momente zu aufgeho-
Trotzdem bleibt begrifflich die Scheidung zwischen Arbeit und Kunst benen Momenten; desto mehr werden sie bloße Mittel, um Zwecke
doch notwendig und möglich, aber man kann sie bloß aus den Objektiva- grundlegend anderer A r t zu realisieren.
tionen selbst und nicht aus deren bewußtseinsmäßigen Reflexen ablesen. Dieser Gegensatz im Prozeß des Hervorbringens und i m subjektiven
Die Scheidungslinie verläuft - auf primitiver Anfangsstufe etwa beim Verhalten der Beteiligten läßt sich - ganz allgemein - am einfachsten als
Schmuck des Menschen selbst, [bei der] Verzierung der Werkzeuge etc. - der von „Bewußtsein über" und „Selbstbewußtsein von" ausdrücken. Das
dort, wo die unmittelbare Nützlichkeit aufhört. Während die Entfaltung Wort Selbstbewußtsein hat im Alltagsgebrauch eine zwiefache Bedeutung,
der desanthropomorphisierenden Widerspiegelung immer vermitteitere aber merkwürdigerweise ist gerade dieser Doppelsinn dazu geeignet, das
Nutzbarkeiten einschaltet und damit den unmittelbaren Nutzeffekt der A r - hier Gemeinte zu verdeutlichen. Es bedeutet nämlich einerseits die Festig-
beit erhöht, repräsentieren die ästhetischen Elemente einen Überschuß, keit, das sichere Auf-den-Füßen-Stehen des Menschen innerhalb seiner
der nichts zum effektiven, faktischen Nutzen der Arbeit beiträgt. (Wir konkreten Umwelt, andererseits das Erhellen eines Bewußtseins (und des
kommen später darauf zu sprechen, eine wie große Rolle der eingebildete ihm zugrunde liegenden Seins) durch die auf es selbst gerichtete eigene
Nutzen, entsprungen aus magischen Vorstellungen, in Entstehen und Geisteskraft. Es ist eine sehr späte und das Wesen des Phänomens völlig
Entwicklung der Kunstgebildc spielt; gerade damit wird aber der objek- verdunkelnde Auffassung, im Selbstbewußtsein etwas rein Innerliches,
tive ästhetische Charakter der Gegenstände oder Verrichtungen verdeckt.) von der Welt Abstrahierendes, nur auf das Subjekt Bezogenes zu erblicken.
Schon darum ist das relativ späte Auftreten des Ästhetischen der Arbeit Gerade die von uns angegebene erste, sicherlich auch ältere Bedeutung ist
gegenüber erklärlich: Es setzt nicht nur sachlich eine bestimmte Höhe der ohne Beziehung auf eine konkrete Umwelt überhaupt undenkbar. Und es ist
Technik, sondern auch eine bestimmte, durch die Erhöhung der Produk- ebenso klar, daß Selbstbewußtsein auch im zweiten Sinne sich nur dann
tivkräfte der Arbeit herbeigeführte Muße für das Schaden des „Über- wirklich entwickeln kann, wenn die subjektive, auf sich selbst bezogene
flüssigen" voraus. Spiegelung die Inhalte einer konkreten U m weit so komplett wie möglich um-
Fassen wir das erste - ästhetisch keineswegs eindeutige - Auftreten faßt. Schon Goethe hat gegen den Begriff des Selbstbewußtseins im Sinne
eines mit dem Künstlerischen verwandten Prinzips als das Herstellen eines des „Erkenne dich selbst" wiederholt Stellung genommen. Seine Ausfüh-
Arbeitsprodukts, das ganz oder in gewisser Hinsicht nicht vom materiellen rungen in einem Gespräch mit Eckermann illustrieren sehr gut unsere
Nutzen bestimmt wird, so ist es schon auf dieser Stufe klar, daß dieses un- Fassung des Selbstbewußtseins: „Man hat zu allen Zeiten gesagt und wie-
möglich auf einer desanthropomorphisierenden Widerspiegelung der Wirk- derholt, man solle trachten, sich selber zu kennen. Dies ist eine seltsame
lichkeit basieren kann. Der primitivste Nutzeffekt setzt bereits ein System Forderung, der bis jetzt niemand genügt hat, und der eigentlich auch nie-
von Vermittlungen in Gang, das die Bezogenheit auf den Menschen sus- mand genügen soll. Der Mensch ist mit allem seinem Sinnen und Trachten
pendiert, um seine Zwecke effektiver verwirklichen zu können. Eine der- aufs Äußere angewiesen, auf die Welt um ihn her, und er hat zu tun, diese
artige Suspension findet hier nicht statt. Natürlich m u ß auch diese Fest- insoweit zu kennen und sich insoweit dienstbar zu machen, als er es zu
stellung dialektisch verstanden werden. Die künstlerische Tätigkeit be- seinen Zwecken bedarf. Von sich selber weiß er bloß, wenn er genießt oder
wahrt, nicht nur in Architektur, Plastik oder Kunstgewerbe, bestimmte leidet, und so wird er auch bloß durch Leiden und Freuden über sich be-
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Züge der einfachen Arbeit selbst und des mit ihr verbundenen Erforschens lehrt, was er zu suchen oder zu meiden hat."
der objektiven Wirklichkeit, und soweit dieses Moment wirksam ist, findet Goethe geht natürlich in dieser Polemik weniger vom künstlerischen
auch die Suspension notwendig statt. Und über dieses Moment im subjek- Verhalten, das bei ihm ganz spontan ein der Welt zugewandtes ist, als vom
tiven Hervorbringen der Kunstwerke hinaus bleibt das Moment der Nütz- Alltagsleben aus. Er spricht dies an einer anderen Stelle sehr deutlich aus:
lichkeit eine unaufhebbare Grundlage mancher Künste, so daß sie auch „Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so
224 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 225

müssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die möglich später zu Konkretisierendes vorwegnehmend - auf unseren eben
Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und Heau- bestimmten Begriff des Selbstbewußtseins hinweisen-. Sein Objekt ist, wie
tontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt ganz einfach: G i b ebenfalls bereits angedeutet, die konkrete Umwelt des Menschen, die Ge-
einigermaßen acht auf dk.fi selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du sellschaft (der Mensch in der Gesellschaft), der Stoffwechsel der Gesell-
gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. schaft mit der Natur, freilich vermittelt durch die Produktionsverhältnisse;
Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder tüchtige Mensch all dies wird aber erlebt vom Standpunkt des ganzen Menschen. Das heißt,
weiß und erfährt, was es heißen soll; es'ist ein guter Rat, der einem jeden hinter jeder künstlerischen Tätigkeit steckt die Frage: Wieweit ist diese
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praktisch zum größten Vorteil gedeiht." Trotz dieser schroffen Ableh- Welt wirklich eine Welt des Menschen, die er als seine eigene, als seinem
nung der einseitigen Wendung nach innen ist auch in der Goethcschen Menschtum angemessene zu bejahen imstande ist? (Spätere, konkretere
Beschreibung dieses Verhalten im Alltagsleben die Bezogenheit auf das Analysen werden zeigen, daß sowohl Schmuck oder Ornamentik als auch
Subjekt, auf den wirklichen, den ganzen Menschen deutlich sichtbar. Im sogar eine bittere, scharfe Kritik der Umwelt dieser Bestimmung nicht
Alltagsleben ist aber dieses Selbstbewußtsein ebenso auf die unmittelbare widersprechen, ja sie dialektisch vertiefen und konkretisieren.)
Praxis bezogen wie das - sich allmählich desanthropomorphisierende - Bis zu einem gewissen Grad ähnliche Tendenzen sind natürlich im A l l -
Bewußtsein über die Außenwelt. Wir haben nun in großen Zügen ver- tag wie in der Religion auffindbar. Im Alltag treten sie als spontane Be-
folgt, wie letzteres sich von der unmittelbaren Praxis ablöst, eine eigene dürfnisse auf, die das Leben entweder befriedigt oder versagt. Ver-
Gestalt gewinnt, eigene Methoden ausbildet, allerdings um durch weite ständlicherweise, denn die unaufhebbare Zufälligkeit eines jeden Alltags-
und verzweigte Vermittlungen die unmittelbare Praxis zu beeinflussen, um- lebens, die Zufälligkeit seiner aus der eigenen Partikularität entspringenden
zugestalten, auf ein höheres Niveau zu heben. Wünsche etc. kann nur zufällig Erfüllungen zulassen, obwohl es - objektiv
Die Entstehung des Ästhetischen ist ein ähnliches Sich-Ablöscn des gesellschaftlich für den Durchschnitt der Fälle - natürlich kein Zufall ist,
Selbstbewußtseins von der Alltagspraxis wie die des „Bewußtseins über" welche Art der subjektiven Bedürfnisse in einem konkreten Gesellschaftszu-
in dem Selbständigwerden der wissenschaftlichen Widerspiegelung der stand in einer bestimmten Klassenlage erfüllt werden kann oder unerfüllt
Wirklichkeit. Es ist nach allem bisher Ausgeführten klar, daß diese A b - bleiben muß. (Die objektive Erkenntnis solcher allgemeinen Möglichkeiten,
lösung keine Aufhebung der anthropomorphisierenden Widerspiegelung eines solchen Spielraums der Wunscherfüllung hebt selbstverständlich
ist, sondern bloß eine eigenartige, selbständige, qualitativ andere Abart jene Zufälligkeit nicht auf, die bei jedem partikularen Individuum wirk-
innerhalb ihres Bereiches. Freilich - und darin liegt objektiv wie subjektiv sam wird.) Im Alltag sind dementsprechend Wünsche und Erfüllungen auf
(auch für das nachträgliche Begreifen) eine der größten Schwierigkeiten der das jeweilige Individuum zentriert; d.h., sie entstehen einerseits aus seiner
Ablösung des Ästhetischen vom Fonds des Alltagslebens - ist die anthro- realen und partikularen individuellen Existenz, andererseits sind sie auf
pomorphisierende Tendenz eine derart generelle, daß einzig und allein die eine reale, praktische Erfüllung konkreter, persönlicher Wünsche gerichtet.
wissenschaftliche Widerspiegelung der Wirklichkeit einen radikalen Bruch Ohne Frage erwächst die künstlerische Gestaltung ursprünglich aus diesem
mit ihr vollzieht. „Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er Boden. Der Schmuck des Menschen, sei es selbständiger Gegenstand oder
ist" - sagt Goethe. 33
Bemalen des eigenen Körpers, der primitive Tanz, Gesang etc. der ma-
Anthropomorphisierend ist die Spontaneität des Alltagslebens, anthro- gischen Periode sind der wirklichen Intention nach auf das persönliche
pomorphisierend ist auch, wie bereits ausgeführt, die Religion. Die philo- Begehren eines konkreten Menschen oder eines ebenso bestimmten Kollek-
sophische Darstellung dieses sehr komplizierten Ablösungsprozesses wird tivs, in welchem jeder Mensch am Gelingen unmittelbar persönlich interes-
der Hauptgegenstand unserer späteren Ausführungen sein. Deren Konkret- siert ist, begründet. Der magische, der religiöse Anthropomorphismus
heit und Systematik kann also hier unmöglich vorweggenommen werden; hält nur diese Gebundenheit der - wirklichen oder eingebildeten - Er-
ein trockenes Inhaltsverzeichnis der wesentlichen Gesichtspunkte, M o - füllung an das Begehren des Individuums als Individuums oder als Mit-
mente, Etappen etc. würde deshalb in diesem Stadium unserer Einsicht glieds eines konkreten Kollektivs fest. D a ß die Erfüllung - zuweilen, nicht
eher Verwirrung als Aufklärung stiften. Wir wollen nur - so weit wie immer, besonders auf primitiver Stufe - einen jenseitigen Charakter er-
226 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 227

hält, ändert an dieser Struktur nichts Wesentliches; denn sogar die viel Faktizität des Alltags gesehen - eine rein fiktive Erfüllung; besser gesagt:
spätere Zielsetzung, das Heil der Seele im Jenseits, ist an die partikulare das Erlebnis der Erfüllung in einem typischen Fall, losgelöst von der ihm
Person gerade in ihrer Partikularität gebunden. im Leben selbst entsprechenden faktischen Realität. Hier entsteht die
Es folgt nun naturgemäß aus dieser Struktur, daß das Zur-Kunst- - scheinbare - Nähe zwischen Kunst und Religion. Die von dieser verkün-
Werden von Gegenständen, Verrichtungen, Aktionen etc. nur unbewußt dete und geschilderte Erfüllung kann nämlich, ebenfalls im Sinne der Rea-
(im von uns früher [83 f.] angegebenen Sinn) erfolgen kann. Es entsteht da- lität des Lebens, höchstens das suggestive, Erlebnisse erweckende Vor-
bei eine besondere Art der Verallgemeinerung und zugleich eine besondere demonstrieren einer zukünftigen (jenseitigen) Erfüllung sein. (Der Unter-
Art der Gegenständlichkeit, die solche Produkte vom Alltag, von der Magie schied von Magie und Religion liegt in dieser Hinsicht darin, daß jene die
und Religion objektiv abheben; auch in solchen Fällen, in denen Schaf- Erfüllung alltäglich-praktischer Wünsche unternimmt, während in dieser,
fender wie Rezeptiver subjektiv ehrlich tief überzeugt sind, auf dem Boden wenigstens der Regel nach, die Erfüllung eine jenseitige, nicht auf einzelne
des Alltags, der Magie oder der Religion zu stehen. Die später konkret Aus- Zielsetzungen, sondern auf das Schicksal des ganzen Menschen orientierte
zuführendes abstrakt vorwegnehmende Art unserer gegenwärtigen Behand- ist; diesseitig erscheint bloß der subjektive Reflex der transzendenten Er-
lung dieser Frage gestattet nur sehr allgemein bleibende Andeutungen. füllung, so z . B . die Heilssicherheit im Calvinismus. Natürlich leben in
Die Verallgemeinerung besteht - im strikten Gegensatz zum Desanthropo- vielen Religionen magische Überreste als Glauben an diesseitig-partiku-
morphisieren der Wissenschaft - darin, daß das künstlerisch Geformte lare Bedürfnisbefriedigungen weiter.) Die Verwandtschaft erscheint als
sich von der bloß partikularen Individualität und damit von der prak- eine noch nähere dadurch, daß das hier zugrunde liegende Prinzip eben-
tisch-faktischen Erfüllung des Bedürfnisses, sei dieses nun diesseitig oder falls nur ein anthropomorphisierendes sein kann. Es ist kein Wunder, daß
jenseitig, befreit, ohne jedoch den Charakter der individuellen und unmit- jahrtausendelang Kunstwerke im Glauben entstanden sind und genossen
telbaren Erlebtheit zu verlieren. Ja, diese Verallgemeinerung hat gerade wurden, als dienten sie bloß zur sinnlichen Verdeutlichung solcher religiö-
die Tendenz, eben diese Wesensart zu verstärken und zu vertiefen. Sie sen Erfüllungsinhalte.
betont nämlich - bei Bewahrung der Individualität im Gegenstand und in Jedoch der Unterschied, ja der Gegensatz ist hier innerhalb des Anthro-
dessen Aufnahme - das Gattungsmäßige und hebt auf diese Weise die bloße pomorphisierens ebenso ausgeprägt wie jener, den wir früher zwischen dem
Partikularität auf. Dadurch wird zugleich die Bezogenheit des Objekts auf Anthropomorphisieren der Religion und dem Desanthropomorphisieren
die Gesellschaft und deren Stoffwechsel mit der Natur - ohne eine be- der Wissenschaft festgestellt haben [122ff.]. Hier konzentriert sich die
griffliche Fassung zu erhalten - weitaus deutlicher, als dies im Alltags- Gegensätzlichkeit auf die Bestimmung des „fiktiven" Charakters der Er-
leben möglich ist. Dadurch wird zugleich auch die Bestimmung des Selbst- füllungsobjektc in Kunst bzw. in Religion. Den allgemeinen Gegensatz
bewußtseins auf ein höheres Niveau gehoben: Indem der in der Sphäre des in bezug auf Realität der Objekte haben wir bereits kurz behandelt, und
Ästhetischen befindliche Mensch -der Schaffende eben so wie der Rezeptive - zwar gerade daraufhin, daß der „fiktive" Charakter der Kunst stets ra-
auf das Gattungsmäßige reflektiert, und zwar sowohl bezüglich des dikal zu Ende geführt wird, während in der Religion dieses „Fiktive" stets
Objekts wie des Subjekts, hebt sich das Selbstbewußtsein aus der engen mit dem Anspruch auftritt, eine transzendente, wahrere Wirklichkeit als
und partikularen Sphäre des bloß Alltagshaften heraus und gewinnt eine die des Alltagslebens zu sein [125]. Die konkreten Probleme, die aus
Allgemeinheit, die freilich eine ganz andere ist als die desanthropomorphi- dieser Lage entspringen, können erst später auf entwickelterer Stufe
sierend-wissenschaftliche. Es ist eine sinnlich-sinnfällige Verallgemeinerung unserer Darlegungen erörtert werden.
des ganzen Menschen, der bewußt ein anthropomorphisierendes Prinzip Nur auf eine Frage muß schon hier - ebenfalls Späteres vorwegneh-
zugrunde liegt. mend - hingewiesen werden: auf die prinzipielle Diesseitigkeit der Kunst,
Die später ausführlich zu behandelnde Widersprüchlichkeit in dieser auf ihren wesentlichen, wertbetonten, irdisch-menschlichen Charakter.
Verallgemeinerung hat zur notwendigen Folge, daß das Erfüllen der Be- Dies ist natürlich im Sinne der Objektivität gemeint, als objektiver Sinn
dürfnisse, der Wünsche, der Sehnsucht etc. seinen faktisch-praktischen der ästhetisch gestalteten Wirklichkeit. Subjektiv mag vom Schaffenden
Charakter verlieren muß. Es gibt - vom Standpunkt der unmittelbaren eine Transzendenz gemeint, vom Rezeptiven eine solche aufgenommen
228 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 229

sein, und es ist durchaus möglich, daß der - i n dem gesellschaftlich-mensch- in verschiedene Wissenschaften (Physik, Biologie etc.). Die anthropo-
lichen Wesen der Kunst fundierte - objektive Sinn des Künstlers sich erst morphisierende Art der ästhetischen Widerspiegelung hat ihrerseits zur
nach Jahrhunderten, ja Jahrtausenden durchsetzt. Denn der Verzicht des Folge, daß die Differenzierung in Arten und Unterarten (Künste, Genres)
Kunstgebildes, Wirklichkeit- zu sein, involviert objektiv eine Ablehnung an die Möglichkeit der Ausbildung der menschlichen Sinne-dies natürlich
der Transzendenz, der Jenseitigkeit; es schafft spezifische Formen der zu im weitesten Sinne verstanden - gebunden ist. Sosehr wir gegen die mecha-
bearbeitenden Widerspiegelung der Wirklichkeit, die aus dieser entsprin- nische Verselbständigung der einzelnen Sinne, wie bei Fiedler, Stellung
gen, die wirkend in diese zurückkehren. Sogar wenn sie über die Faktizität nehmen mußten, sosehr wir später nachweisen werden, daß die ästhetische
der in der Alltagspraxis unmittelbar gegebenen Wirklichkeit hinauszu- Ausbildung jedes einzelnen Sinnes in die Richtung der universellen Wider-
gehen scheinen, tun sie es - in dieser Hinsicht ebenso wie die wissenschaft- spiegelung der Wirklichkeit geht, so entschieden muß schon hier betont
liche Widerspiegelung - , um diese wieder zu erfassen, sie ihrer spezilischen werden, daß diese Bewältigung der Wirklichkeit durch die ästhetisch ge-
Eigenart entsprechend besser zu beherrschen, als dies die Alltagspraxis wordene Widerspiegelung sich bei jedem Sinn selbständig, relativ unab-
und ihre unmittelbare Subjektivität zu tun imstande ist. Die Kunst ist also hängig von den anderen entfaltet. Das universale Prinzip in der ästheti-
ebenso diesseitig wie die Wissenschaft; sie ist die Widerspiegelung der- schen Subjektivität, das für uns als Resultat eines jahrtausendelangen
selben Wirklichkeit wie die wissenschaftliche. Das hier notgedrungen nur Entwicklungsprozesses selbstverständlich erscheint, ist auch seinem We-
sehr allgemein Behauptete wird später ausführlich dargelegt und bewiesen sen nach eben doch Resultat. Es bereichert und vertieft sich durch die
werden. Das hindert natürlich nicht, daß beide sonst in den entscheiden- Wechselwirkung der von den verschiedenen Künsten bereicherten und ver-
den Fragen der Widerspiegelung entgegengesetzte Richtungen einschlagen. tieften Sinne, Gefühle und Gedanken. Aber die Voraussetzung für eine
Den Weg zur Desanthropomorphisierung in der wissenschaftlichen W i - solche befruchtende Wechselbeziehung war und bleibt die Selbständigkeit
derspiegelung haben wir bereits skizziert. Die Aufgabe der folgenden Be- der einzelnen Künste und Genres, die Selbständigkeit in der Ausbildung
trachtungen wird sein, die spezifische Eigenart der ästhetischen, anthro- der einzelnen Sinne zur Universalität. Das ästhetische Prinzip, die ästhe-
pomorphisierenden Widerspiegelung herauszuarbeiten, und zwar in be- tische Einheit der verschiedenen Typen der ästhetischen Widerspiegelung
zug auf die in den Kunstwerken ästhetisch reflektierte Wirklichkeit (die ist also Endergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, und die selbstän-
Gesellschaft in ihrem Stoffwechsel mit der Natur) wie in bezug auf die dige Genesis der verschiedenen Arten und Unterarten der Kunst, der ihnen
durch diese Art der Widerspiegelung im Menschen herausgebildeten neuen entsprechenden ästhetischen Subjektivität in Produktion und Rezeption
Fähigkeiten, die sich, wie wir zu zeigen versuchen werden, um die Aus- ist viel mehr als eine bloß historische Tatsache: Sie wurzelt, wie wir später
bildung des Selbstbewußtseins im oben angegebenen Sinn gruppieren. sehen werden [584ff.], tief im Wesen der ästhetischen Widerspiegelung
Sind nun durch solche Bestimmungen die allerallgemeinsten Umrisse des der Wirklichkeit; ohne ihre Berücksichtigung verzerrt sich das Wesen
Ästhetischen klargelegt, so m u ß schon jetzt hinzugefügt werden, daß die des Ästhetischen selbst.
anthropomorphisierende ästhetische Widerspiegelung naturgemäß nie- Dabei mußten wir um der ersten Klarheit willen diese Differenzierung
mals den unmittelbaren Kontakt mit der sinnlichen Apperzeption der einfacher darstellen, als sie in Wirklichkeit ist. Es wäre nämlich eine Sim-
Welt verlieren darf, wenn sie ästhetisch bleiben soll; ihre Verallgemeine- plifikation, zu meinen, daß jedem menschlichen Sinn nur eine Kunst ent-
rungen verwirklichen sich innerhalb der menschlichen Sinnlichkeit, ja, wir sprechen kann. Es genügt, wenn wir auf die weitgehende innere Heteroge-
werden sehen, daß sie in bestimmter Weise eine Steigerung der sinnlichen nität der visuellen Künste, Architektur, Plastik, Malerei etc., hinweisen.
Unmittelbarkeit mit sich führen müssen, um den Prozeß der Verallge- Natürlich bestehen auch hier von Anfang an und im Laufe der Entwicklung
meinerung ästhetisch erfolgreich durchführen zu können. Eine Analogie immer intimer eingreifende, tiefer und wesentlicher wirkende Wechsel-
zur Rolle der Mathematik in den Wissenschaften kann es im Ästhetischen beziehungen. W i r berufen uns bloß auf das Eindringen der malerischen
nicht geben. Daraus folgt auch eine prinzipiell andere Art der Differen- Anschauungen in Plastik und Architektur unter bestimmten historischen
zierung in Gattungen und Arten als in der Wissenschaft. In dieser be- Umständen.
stimmt die an sich seiende Beschaffenheit des Objekts die Differenzierung Die so entstehende Lage kompliziert sich noch dadurch, daß die ästheti-
230 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 231

sehe Widerspiegelung der Wirklichkeit in einem qualitativ anderen Sinne der positiven oder negativen Stellungnahme zum ästhetisch reflektierten
historisch, ort- und zeitgebunden ist als die wissenschaftliche. D a ß jede Objekt mit enthalten.
Subjektivität gesellschaftlich-geschichtlichen Charakters ist, ist eine Selbst- Es wäre aber grundfalsch, in dieser elementaren, nur auf relativ späten
verständlichkeit und hat auch nicht unwesentliche Folgen in der Geschichte Stufen bewußtgewordenen, unvermeidlichen Parteinahme der Kunst ein
der Wissenschaft. Jedoch die objektive Wahrheit einer wissenschaftlichen Element des Subjektivismus oder gar eine subjektivistische Zutat zur ob-
Aussage hängt ausschließlich von ihrer - annähernden - Übereinstimmung jektiven Reproduktion der Wirklichkeit zu erbücken. In jeder anderen
mit jenem Ansich, das sie in ein Füruns verwandelt, ab. Die Wahrheits- Widerspiegelung der Wirklichkeit ist ein solcher Dualismus, der in der
frage hat demgemäß hier mit den Problemen der Genesis nichts zu tun. richtigen Praxis überwunden werden muß, mit enthalten. Nur im Ästhe-
Diese kann freilich eine Erklärung dafür bieten, wie und warum die A n - tischen involviert das fundamentale Objekt (die Gesellschaft im Stoffwech-
näherungsversuche der wissenschaftlichen Widerspiegelung an die objek- sel mit der Natur) in Bezogenheit auf ein - das Selbstbewußtsein heraus-
tive Wirklichkeit unter bestimmten gesellschaftlich-geschichtlichen U m - arbeitendes - Subjekt die untrennbare Simultaneität von Reproduktion
ständen unvollständig sein mußten oder mehr oder weniger vollständig und Stellungnahme, von Objektivität und Parteinahme. Das simultane
sein konnten. Ganz anders ist die Lage für die Kunst. Wir haben wieder- Gesetztsein dieser beiden Momente macht die unauflösbare Historizität
holt daraufhingewiesen, daß der fundamentale Gegenstand der ästhetischen eines jeden Kunstwerks aus. Es fixiert nicht einfach einen an sich seienden
Widerspiegelung die Gesellschaft in ihrem Stoffwechsel mit der Natur ist. Tatbestand wie die Wissenschaft, sondern verewigt ein Moment der ge-
Hier liegt natürlich ebenso eine vom Bewußtsein des Individuums und der schichtlichen Entwicklung des Menschengeschlechts. Das Erhaltenbleiben
Gesellschaft unabhängig existierende Wirklichkeit vor wie im Ansich der der Individualität in der Typik, der Parteinahme in der objektiven Tat-
Natur, es ist jedoch eine Wirklichkeit, in welcher der Mensch notwendig sache etc. stellt die Momente dieser Historizität dar. Die künstlerische
immer gegenwärtig ist. Und zwar sowohl als Objekt wie als Subjekt. Die Wahrheit ist also als Wahrheit eine historische; ihre richtige Genesis ist in
ästhetische Widerspiegelung vollzieht, wie schon betont, stets eine Verall- Konvergenz mit ihrer wahren Geltung, da diese nichts weiter ist als das
gemeinerung. Deren höchste Stufe ist jedoch das Menschengeschlecht, das Aufdecken und Sinnfälligmachen, [das] Zur-Erlebbarkeit-Erhöhen eines
für seine Höherentwicklung Typische. Aber es erscheint doch nie in einer Moments der Menschheitsentwicklung, das inhaltlich und formell verdient,
abstrahierenden Form. Die tiefe Lebenswahrheit der ästhetischen Wider- so festgehalten zu werden.
spiegelung beruht nicht in letzter Linie darauf, daß sie zwar immer auf das Es wird in den folgenden Betrachtungen konkret zu zeigen sein, daß
Schicksal der Menschengattung abzielt, diese aber nie von den sie bilden- diese enge Verschlungenheit von Subjektivität und Objektivität, die aus
den Individuen abtrennt, aus ihr nie eine von diesen unabhängig existie- dem anthropomorphisierenden Wesen, aus Objekt und Subjekt der ästhe-
rende Entität machen will. Die ästhetische Widerspiegelung zeigt die tischen Widerspiegelung folgt, die Objektivität der Kunstwerke nicht zer-
Menschheit stets in der Form von Individuen und individuellen Schick- stört, im Gegenteil gerade ihre spezifische Eigenart erst begründet. Ebenso
salen. Ihre Eigenart, von der später sehr ausführlich die Rede sein wird, wird zu zeigen sein, daß die Entstehung des Ästhetischen aus verschiedenen,
drückt sich gerade darin aus, wie diese Individuen einerseits eine sinnliche ja auch unmittelbar heterogenen Quellen nicht zu einem Zerfallen seiner
Unmittelbarkeit besitzen, die sich von der des Alltagslebens durch Stei- prinzipiellen Einheit, sondern zu seiner allmählichen Konstitution als kon-
gerung beider Momente unterscheidet, wie ihnen andererseits - ohne diese kreter Einheit führt.
Unmittelbarkeit aufzuheben - die Typik der Menschengattung innewohnt. Die Einheit m u ß natürlich auch hier dialektisch gefaßt werden. Hegel
Schon daraus folgt weiter, daß die ästhetische Widerspiegelung niemals ein nennt die Einheit der Wissenschaften einen „Kreis von Kreisen; denn jedes
einfaches Reproduzieren der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit sein einzelne Glied, als Beseeltes der Methode, ist die Reflexion in-sich, die,
kann. Ihre Bearbeitung beschränkt sich aber nicht auf die unerläßliche indem sie in den Anfang zurückkehrt, zugleich der Anfang eines neuen
Auswahl des Wesentlichen in den Phänomenen (das muß auch die wissen- Gliedes ist. Bruchstücke dieser Kette sind die einzelnen Wissenschaften,
schaftliche Widerspiegelung der Natur besorgen), sondern im A k t der deren jede ein Vor und ein Nach hat, - oder genauer gesprochen, nur das
Widerspiegelung selbst ist von ihr unabtrennbar<erweise> das Moment Vor hat, und in ihrem Schlüsse selbst ihr Nach zeigt."** Diese Struktur
232 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben 233

des Kreises aus Kreisen ist i m Gebiet des Ästhetischen noch ausgeprägter darin zum Stoffwechsel mit der Natur einen dauernd und wesentlich ty-
vorhanden. Infolge seines Objekts, das schon von vornherein, schon be- pischen Charakter besitzt oder erlangt, kann sich eine Kunst (ein Genre)
vor es zum Gegenstand der Kunst wurde, eine Bearbeitung durch die Tätig- herausbilden und sich als solche erhalten.
keit des Menschengeschlechts in sich aufweist; infolge seines Subjekts, des- Dieses Problem ist, wie aus dem bisher Dargelegten klar hervorgeht,
sen Funktion weit darüber hinausgeht, das vom Bewußtsein unabhängige primär eine Frage des Inhalts, des ästhetischen Gehalts. D a jedoch - was
Ansich in möglichst treuer Annäherung als ein bewußtseinsmäßiges Für- ebenfalls aus diesen Betrachtungen folgt - die ästhetische Form nicht von
uns zu spiegeln, das vielmehr jedem Element des Objekts (von seiner solcher Allgemeinheit ist, daß sie eine Vielheit von Inhalten gleicherweise
Ganzheit gar nicht zu reden) eine Bezogenheit auf sich einprägt und umfassen könnte und müßte wie in der Wissenschaft, in welcher die ein-
im ganzen wie in allen Teilen seiner Stellungnahme zu ihm zur Geltung malige, mit dem partikularen Inhalt eng verbundene Form als die zu über-
bringt: erhält jede Kunstgattung, ja letzten Endes ein jedes Kunstwerk windende Unmittelbarkeit gilt, sondern gerade dadurch ästhetisch wird,
eine - relativ - selbständige Existenz, aufweiche das Hegeische „Vor" und daß sie stets als die spezifische Form eines bestimmten Inhalts erscheint,
„Nach" nur mit sehr komplizierten Vermittlungen und Transpositionen m u ß die Eigenart der verschiedenen Künste und Genres auch als Formfrage
anwendbar ist. (Über die sich hieraus ergebenden Probleme wird später behandelt werden. Die Aufgabe wird dabei sein, aufzudecken, wie aus der
noch oft und ausführlich zu reden sein.) ästhetischen Widerspiegelung wesentlich ähnlicher Subjekt-Objekt-Be-
Während also die Differenzierung der wissenschaftlichen Widerspie- ziehungen im oben angegebenen Sinn Formen entstehen, die als solche in
gelung der Wirklichkeit in die verschiedenen Einzclwisscnschaften dem aller historischen und individuellen Varietät doch-gerade als wesentliche
Wesen nach vom Objekt aus bestimmt ist, spielt in der Entstehung der Formen - eine gewisse Konstanz zeigen. Diese Frage ist deshalb zugleich
einzelnen Künste, der einzelnen Genres auch das subjektive Moment eine eine prinzipiell ästhetische und eine unüberwindbar historische. Nicht nur,
ausschlaggebende Rolle. Natürlich nicht die bloß partikuIarcWillkür des weil, infolge unserer Bestimmung der Form, jedes echte Kunstwerk auch
einzelnen Subjekts. Die Kunst ist in allen ihren Phasen ein gesellschaft- die allgemeine Form - einmalig-neu schafft; nicht nur, weil die großen
liches Phänomen. Ihr Objekt ist die Grundlage der gesellschaftlichen Exi- Wendungen der gesellschaftlichen Entwicklung qualitativ neue Typen
stenz der Menschen: die Gesellschaft im Stoffwechsel [mit] der Natur, natür- auch innerhalb desselben Genres hervorbringen (griechisches, englisches,
lich vermittelt durch die Produktionsverhältnisse, die durch diese beding- französisches, spanisches etc. Drama); nicht nur, weil die gesellschaftlich-
ten Beziehungen der Menschen untereinander. Ein solches gesellschaftlich geschichtliche Entwicklung einzelne Genres radikal umgestaltet (der Ro-
allgemeines Objekt kann unmöglich von einer in der bloßen Partikularität man als bürgerliche Epopöe) - dies allein würde bloß zu einem radikalen
beharrenden Subjektivität angemessen gespiegelt werden; um hierein N i - historischen Relativismus führen; sondern weil die Probleme der histo-
veau der annähernden Adäquatheit zu erzielen, muß das ästhetische Sub- rischen Wandlung in ihrer Wirkung auf die Kunst unverstanden
jekt in sich die Momente einer menschheitlichen Verallgemeinerung, der bleiben würden, wenn das Bleibende an den Formen nicht aus dem Wesen
Gattungsmäßigkeit ausbilden. Ästhetisch kann es sich jedoch nicht um den der ästhetischen Widerspiegelung, also aus dem Grundprinzip des Ästhe-
abstrakten Begriff der Gattung handeln, sondern [nur] um konkrete, sinn- tischen zu begreifen und abzuleiten wäre. Die richtige Lösung dieser Fra-
liche, individuelle Menschen, in deren Charakter und Schicksal die jewei- ge, die in den Ästhetiken als System der Künste aufzutauchen pflegt, kann
ligen Eigenschaften und die eben erreichte Entwicklungshöhe der Gattung also nur auf der simultanen Grundlage der dialektisch-materialistischen
konkret und sinnlich, individuell und immanent enthalten sind. Daraus er- Erklärung des Ästhetischen überhaupt und der historisch-materialistischen
wächst das Problem des Typischen als eine der Zentralfragen der Ästhetik, Gesetze seiner geschichtlichen Wandlungen in ihrer Spezifikation befrie-
die uns später oft und ausführlich beschäftigen wird. Die Differenzierung digend erhellt werden.
des Ästhetischen in einzelne Künste und Genres, besser gesagt, die Syn- Schon diese allgemeinen, vorläufig ziemlieh abstrakt bleibenden Bemer-
these im Ästhetischen solcher Künste und Genres, kann sich also nur aus kungen zeigen, daß das Problem eines „Systems der Künste" in eine neue
der Dialektik dieses Subjekt-Objekt-Verhältnisses herausbilden: Nur wenn Beleuchtung rückt. Es kann sich weder um eine Deduktion aus dem Prinzip
eine bestimmte Verhaltensart der Menschengattung zur Gesellschaft und des Ästhetischen handeln noch um ein empiristisches Aneinanderreihen
234 Kap. 3: Vorfragen der Loslösung der Kunst vom Alltagsleben

der vorhandenen Künste; vielmehr im Gegenteil um eine historisch- Viertes Kapitel


systematische Betrachtungsweise. Diese verzichtet aufjede „symmetrische"
Anordnung der Künste und Genres, jedoch ohne damit ihre theoretische Die abstrakten Formen
Fundamentierung aufzugeben. Sie läßt die Möglichkeit des historischen
Absterbens einzelner Genres sowie des historischen Entstehens neuer der ästhetischen Widerspiegelung
offen; wieder: ohne in beiden Fällen sich bloß auf das Gesellschaftlich- der Wirklichkeit
Geschichtliche zu beschränken, ohne auf die theoretische Ableitung zu
verzichten. Dabei zeigen bereits unsere bisherigen Betrachtungen, daß es
sich nicht um eine einfach nachträgliche Synthese zweier an sich getrenn-
ter Gesichtspunkte handelt, daß vielmehr jede dialektisch-materialistische
Analyse auf Probleme des historischen Materialismus stößt und vice
versa. Es handelt sich bei jeder Einzelbctrachtung nur um die Präponde-
ranz des einen oder des anderen Gesichtspunkts. Es muß immer wieder betont werden: Uber den wirklichen historischen
So konnten hier nur der methodologische Ort und die Methode der Ursprung der Kunst wissen wir so gut wie nichts. In vielen wichtigen Kün-
Lösung dieser Fragen angedeutet werden. Die Ableitung der Formen aus sten wie Poesie, Musik, Tanz etc. ist es sogar von vornherein aussichtslos,
den wiederkehrenden, ständigen und relativ stabilen Momenten der W i - nach „ursprünglichen" Dokumenten zu suchen. Was uns die Ethnographie
derspiegelung hat als erster Lenin formuliert. In Anschluß an Hegels tiefe hier zu bieten hat-auch wenn es sich um die primitivsten Völker handelt-,
Feststellung, daß den logischen Schlußformen eine objektive Wirklichkeit stammt aus einem Zustand, der längst die Anfänge hinter sich gelassen
entspricht, schreibt er: „Für Hegel ist das Handeln, die Praxis, ein logischer hat. Aber auch dort, wo Archäologie und Ethnographie über Denkmäler
,Schluß\ eine Figur der Logik. U n d das ist wahr! Natürlich nicht in dem der materiellen Kultur verfügen, ist die Grenze zwischen vorkünstlerischen
Sinne, daß die Figur der Logik ihr Anderssein in der Praxis des Menschen Gebilden und Kunstwerken mit einer auch nur annähernd histori-
hätte (= absoluter Idealismus), sondern daß vice versa die Praxis des Men- schen Exaktheit nicht zu ziehen. Der Prozeß der Loslösung des Ästhe-
schen sich dadurch, daß sie sich milliardenmale wiederholt, im Bewußtsein tischen vom magischen Alltag kann also - philosophisch - auch und
des Menschen als logische Figuren einprägt. Diese Figuren haben gerade gerade hier nur vom bereits ästhetisch Geformten aus nach rückwärts
(und nur) kraft dieser milliardenmaligen Wiederholung die Festigkeit eines verfolgt werden.
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Vorurteils und axiomatischen Charakter." Das ist das methodologische Auch hier wird die Schwierigkeit, die wir früher aufzeigten, sofort sicht-
Vorbild für jede Theorie der Künste, der Genres in der Ästhetik. Natür- bar: Sie besteht in den heterogenen Quellen der Genesis der einzelnen
lich kann - unseren Bestimmungen über das Wesen der ästhetischen Form Formen, die wir nun zu untersuchen haben, wobei, wie in den oben
entsprechend - diese Leninsche Formulierung nicht einfach übernommen erwähnten Betrachtungen bereits betont wurde [229], diese Hetero-
und ins Ästhetische „übersetzt" werden. Die Größe der möglichen und genität der Genesis keineswegs ein hermetisches Abgeschlossen sein
notwendigen Variationen innerhalb einer Form bedeutet etwas qualitativ des einen Moments vom anderen bedeutet und noch viel weniger die
Neues der Logik gegenüber. Der große Gedanke Lenins, daß die wissen- historisch später entstehende ästhetische Einheit zu verhindern vermag.
schaftlichen (logischen) Formen Widerspiegelungen des Bleibenden und Diese allgemeine Schwierigkeit vergrößert sich noch dadurch, daß wir
Wiederkehrenden an den Erscheinungen sind, m u ß in seiner Anwendung es jetzt nicht mit der Entstehung von verschiedenen Künsten oder
auf die Ästhetik der Eigenart dieser Weise der Widerspiegelung der Wirk- Genres zu tun haben werden, sondern mit Prinzipien, Aufbauelementen
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lichkeit entsprechend gründlich konkretisiert werden. der künstlerischen Produktion, die in den verschiedenen Künsten eine
sehr verschiedene Rolle spielen, die für uns nur mehr in diesen äußerst
variierten Funktionen auf weitaus höheren Entwicklungsstufen ge-
geben sind (Rhythmus, Proportion etc.), die nur ausnahmsweise ihre
236 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 237

ursprüngliche Selbständigkeit bewahrt haben (Ornamentik), ohne frei- kann, wenn die Abfolge, das Einanderablösen etc. als objektiv ganz un-
lich in der Gesamtkultur je wieder jene Bedeutung erlangen zu können, fragwürdig, als absolut unabhängig von unserem Zutun aufgefaßt wird.
die sie in bestimmten Anfangsstadien hatten. Das Erlebnis einer solchen Rhythmik in der äußeren Natur setzt also das
Gefühl, die Überzeugung einer gewissen „Sekurität" in bezug auf ihr re-
gelmäßiges Funktionieren voraus.
I Rhythmus Andererseits haben wir es mit bestimmten rhythmischen Erscheinungen
in der körperlichen Existenz des Menschen zu tun (Atmen, Herzschlag etc.).
Trotz solcher Schwierigkeiten kann das Bild der Loslösung des Ästhe- Diese haben notwendigerweise, mögen sie lange Zeit noch so wenig be-
tischen von der Alltagswirklichkeit dem Wesen nach philosophisch wahr- wußt werden, einen großen Einfluß auf sein ganzes Verhalten. Und man
heitsgemäß nachgezeichnet werden, wenn wir unseren Ausgangspunkt im darf diese Tatsache keineswegs auf den Menschen beschränken. Pawlow
Zentrum des Alltagslebens, in der Arbeit, wählen. Darum betrachten wil- hebt z . B . bei seinen Hundeexperimenten wiederholt die erleichternde
den Versuch Büchers, den Rhythmus aus der Arbeit abzuleiten, und das Funktion des Rhythmus hervor. So sagt er: „Bekanntlich wird der Rhyth-
zum Beweis seiner These gesammelte große und überzeugende Illustrations- mus zur Vereinfachung aller Bewegungen und überhaupt zur Vereinfa-
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material als einen wichtigen Beitrag zur Aufdeckung dieser Zusammenhän- chung des ganzen Lebens benutzt." ' So auch: „Aber daneben fand sich
ge. Natürlich gibt es auch heute nicht wenige, die hier auf „tiefere", auf bei diesem Hunde ein prächtig ausgebildeter rhythmischer bedingter Re-
„naturhaftere" Quellen zurückgehen wollen.' Es unterliegt keinem Zwei- flex, d.h., bei ständiger Aufeinanderfolge des positiven und hemmenden
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fel, daß das biologische Dasein der Menschen (und auch der Tiere) sowie Reizes bildete sich das System sehr bald." Es kommt hier für unsere Fra-
dieBegebenheiten ihrer Umwcltnicht wenige Phänomenedes Rhythmischen ge wenig darauf an, daß Pawlow diese Rhythmik in seinem Experiment
aufweisen. Bei diesen müssen wir aber zwei verschiedene Reihen genau künstlich hervorbringt. Das zeigt höchstens, daß die Anlage zur rhyth-
voneinander trennen. Nämlich einerseits jene Elemente der Rhythmik der mischen Erleichterung im Tier nur als Anlage vorhanden ist, die erst in der
die Menschen umgebenden Natur (Tag und Nacht, Jahreszeiten etc.), die Berührung mit dem Menschen, der bereits die Arbeit kennt und ihre Ergeb-
in einem viel späteren, entwickelteren Stadium, nachdem infolge der A r - nisse bewußt anwendet, zum Ausdruck gelangen kann. Entscheidend ist die
beit der Rhythmus zu einem wichtigen Moment der menschlichen Existenz Erleichterung bestimmter Leistungen durch ihre Rhythmisierung, und die-
geworden ist, im Alltag wie in der künstlerischen Tätigkeit eine große se kann bei Mensch und Tier oft - ohne Bewußtwerdcn - verwirklicht wer-
Rolle zu spielen berufen waren. Die Mythen der Vorzeit weisen dagegen den. Rhythmus ist also ein Element in der physiologischen Existenz des
darauf hin, daß in primitiven Zeiten diese rhythmische Abfolge keineswegs Lebewesens. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß einzelne Funk-
als so selbstverständlich erlebt und aufgefaßt wurde wie später. Levy-Bruhl tionen nur dann normal ablaufen können, wenn sie einen bestimmten
spricht von „Zeremonien, deren Zweck es ist, die Regelmäßigkeit der Rhythmus einhalten; die Arhythmie ist ein Symptom der Störung, ja der
Jahreszeiten, die normale Produktion der Ernte, den gewohnten Über- Krankheit. Darüber hinaus entstehen im Leben Gewohnheiten in der
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fluß an Früchten, Insekten, eßbaren Tieren etc. zu gewährleisten" . Und Bewegung, die diese Grundlagen im Laufe einer langen Zeit zu unbeding-
Frazer sagt: „Wenn ich Recht habe, bildete die Geschichte von Balders ten Reflexen ausbilden, die diese bequemste, am wenigsten ermüdende
tragischem Ende sozusagen den Text des geistigen Dramas, das Jahr für Weise quasi automatisch in Erscheinung treten lassen; Rhythmus
Jahr als magischer Ritus zu dem Zwecke aufgeführt wurde, damit die im Flug der Vögel, im Gang der Tiere und Menschen. Natürlich hat
Sonne scheine, Bäume wüchsen, die Ernte gedeihe und Mensch und Tier all dies noch nichts mit dem Rhythmus als Element der Kunst zu tun.
vor den verderblichen Künsten der Feen und Trolle, Hexen und Zau- Scheltema sagt richtig und witzig: „Wir gehen rhythmisch, weil eine un-
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berer bewahrt blieben." Es ist höchst wahrscheinlich, daß Mythen wie die regelmäßige Gangart viel zu anstrengend wäre, und infolgedessen bilden
vor Isis und Osiris, von Persephone und Demeter etc. ursprünglich einen auch unsere Fußspuren im nassen Sande ein regelmäßiges Muster,
ähnlichen Gehalt hatten. U n d es ist selbstverständlich, daß ein Rhythmus ohne daß jemand daran denken würde, hier von einem Ornament zu
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derartiger Erscheinungen nur dann als solcher wahrgenommen werden reden."
238 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 239

Die Anerkennung solcher aus der Physiologie herstammenden Faktoren werden. Dies ist aber gerade die Funktion der Rhythmisierung^ Die Er-
darf deshalb die Zentralfrage der Genesis nicht verdunkeln, vor allem nicht leichterung „tritt ein, wenn es gelingt, die Kräfteausgabe bei der Arbeit
den spezifisch menschlichen, von der materiellen Kultur aus bedingten so zu regulieren, daß sie in einem gewissen Gleichmaße erfolgt und daß Be-
Charakter des aus der Arbeit stammenden Rhythmus. Der Mensch lebt ginn und Ende einer Bewegung immer zwischen denselben räumlichen
an sich, ebenso wie das Tier, in der Natur; ihre Wechselbeziehung ist die und zeitlichen Grenzen liegen. Durch die in den gleichen Intervallen erfol-
von gleichartigen Potenzen, die dabei eventuell entstehenden Rhythmen gende und gleich starke Bewegung desselben Muskels wird das hervorge-
heben sich deshalb aus der Naturwelt nicht heraus. In der Arbeit reißt je- bracht, was wir Übung nennen; die einmal in Tätigkeit gesetzte, in be-
doch der Mensch ein Stück Natur, den Arbeitsgegenstand, aus seinen na- stimmten zeitlichen und dynamischen Maßverhältnissen wirkende körper-
türlichen Zusammenhängen heraus, unterwirft ihn einer Behandlung, in liche Funktion setzt sich mechanisch fort, ohne eine neue Willensbetätigung
welcher die Naturgesetze in einer menschlichen Zielsetzung teleologisch zu erfordern, bis sie durch das Eingreifen eines veränderten Willens-
verwertet werden. Dies steigert sich noch, wenn im Werkzeug eine der- entschlusses gehemmt, unter Umständen auch beschleunigt oder verlang-
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artige teleologisch transformierte „Natur" erscheint. Es entsteht also ein samt wird." Dieses Problem der Übung brauchen wir hier nicht näher
Prozeß, der zwar den Naturgesetzen unterworfen ist, der jedoch als sol- zu untersuchen. Es ist für uns insofern von Bedeutung, als das Beherrschen
cher nicht mehr zur Natur gehört, in welchem alle Wechselwirkungen nur der eigenen Bewegungen, des eigenen Körpers ebenso eine technische Vor-
vom Arbeitsgegenstand aus naturhaft, vom Werkzeug, vom Arbeitspro- aussetzung für eine Gruppe von Künstlern (Schauspielerei, Tanz) ist wie
zeß aus aber gesellschaftlich sind. Dieser Seinscharakter drückt dem hier das Beherrschen des zu bearbeitenden Materials für andere. Wieder sehen
entstehenden Rhythmus seinen Stempel auf. Während beim Tier die physio- wir, daß von der Genesis der Kunst überhaupt vernünftigerweise nur auf
logische Anpassung an die Umgebung unter Umständen Rhythmisches einer bestimmten Höhe der menschlichen Arbeit gesprochen werden kann.
hervorbringt, entsteht in der Arbeit der Rhythmus aus dem Stoffwechsel der Der Gedankengang Büchers führt aber noch tiefer in unser Problem ein.
Gesellschaft mit der Natur. Wobei freilich nicht vergessen werden darf, Die Übung kann nur durch ein Regelmäßigwerden der Arbeit entstehen
daß der allgemeine Zusammenhang von Erleichterung und Rhythmus aus und ausgebildet werden, und Bücher fügt hier die richtige Beobachtung
der Natur stammt und in der Arbeit „ nur" bewußt verwertet wird. Dieses ein, „daß eine Bewegung sich um so leichter gleichmäßig gestalten läßt, je
„nur" bezeichnet jedoch einen Sprung von welthistorischem Ausmaße. kürzer sie währt. Die Messung wird hierbei erheblich dadurch erleichtert,
Daß die Bewegungen des arbeitenden Menschen - ein entscheidender daß jede Arbeitsbewegung sich aus mindestens zwei Elementen zusammen-
Faktor des Arbeitsrhythmus - desto „künstlicher" sind, desto weniger aus setzt, einem stärkeren und einem schwächeren: Hebung und Senkung, Stoß
physiologischer Spontaneität entstehen, je entwickelter die Arbeit ist, zeigt und Zug, Streckung und Einziehung usw. Sie erscheint dadurch in sich ge-
diesen Unterschied sehr deutlich an. Goethe hat ihn klar gesehen und so hindert, und dies hat zur Folge, daß die regelmäßige Wiederkehr gleich
formuliert: „Das Tier wird durch seine Organe belehrt; der Mensch be- starker und in den gleichen Zeitgrenzen verlaufender Bewegungen uns
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lehrt die seinigen und beherrscht sie." Mensch bedeutet aber hier, auch immer als Rhythmus entgegentreten m u ß . "
für Goethe, ohne Frage den arbeitenden, den durch Arbeit sich zum Men- Damit wäre die elementare Tatsache des Rhythmus, die auf dieser Stufe
schen formenden und geformten Menschen. natürlich bloß ein Phänomen der Alltagspraxis ist und - an sich - noch
Es muß also nochmals das Verdienst Büchers hervorgehoben werden, nicht einmal eine unbewußte Intention auf das Ästhetische in sich enthält,
daß er nicht bloß von der Arbeit, sondern konkret vom Arbeitsprozeß aus- in ihrem notwendigen Zusammenhang mit der Arbeit aufgezeigt. U n d Bü-
geht und auch dessen auf den Rhythmus bezügliche subjektive Momente cher weist mit Recht darauf hin, daß der verschiedene Rhythmus ver-
analysiert. Das für uns wichtigste Moment ist die Erleichterung der A r - schiedener Arbeiten uns überall als Klang ins Bewußtsein tritt, wo „die
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beit infolge ihrer Rhythmisierung. Bücher geht davon aus, daß die Ermü- Berührung des Werkzeugs mit dem Stoff einen Ton abgibt" . Die Ver-
dung vor allem aus der dauernden geistigen Anspannung während der schiedenheiten dieser Rhythmen, die nicht allein durch die körperliche
Arbeit entsteht. Diese kann erst durch ihr Automatisieren, durch das Beschaffenheit des Menschen bestimmt sind, sondern durch deren Wech-
Mechanisch- und Unwillkürlich werden der Bewegungen herabgemindert selwirkung mit einer gesellschaftlichen Potenz, mit den sachlichen A n -
240 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 241

forderungen konkreter Arbeitsweisen, die Bücher durch eine ganze Reihe Maße wahrscheinlich, daß der physiologisch bestimmte Rhythmus des
von Beispielen belegt, sind dabei von großer Wichtigkeit. Denn dadurch Lebens Anlagen zu dieser Ausbildung produziert, die im Laufe der sich
rückt der gesellschaftliche Charakter des Phänomens in ein helleres Licht. entfaltenden Arbeit aus der schlummernden Potentialität sich in wirk-
Es ist nicht einmal nötig, auf die Probleme der Kooperation zweier und same Aktualität erheben. Diese Frage ist jedoch bis jetzt noch lange nicht
mehrerer Arbeiter ausführlich einzugehen, obwohl Bücher an sehr an- aufgeklärt. Die Beispiele Darwins von „ästhetischen" Phänomenen im
schaulichen Fällen, wie z. B. an der Zusammenarbeit zweier Schmiede, Tierreich sind nicht überzeugend. Wenn in letzter Zeit Bernhard Rensch 11

zeigt, wie der Arbeitsprozeß hier nicht nur einen sehr bestimmten Rhyth- mit Experimenten bei Affen deren „ästhetischen Sinn" zu erweisen ver-
mus der einander angepaßten Bewegungen, sondern auch den der dabei sucht, so behandelt er die konkreten Bedingungen sehr unkritisch. Ich
hörbaren Töne erzeugt. Das wichtigste ist jedoch, daß dieser Rhythmus spreche gar nicht davon, daß, wo die Reaktionen sehr verschieden ausfal-
nicht etwas naturhaft Fixiertes ist wie bei bestimmten Bewegungen im len, er darin ein der „Mode" analoges Phänomen erblickt, wo doch be-
Tierreich, wo unsere am Arbeitsrhythmus geschulten Sinne solches fest- kanntlich auch bei Menschen die Mode nur auf ziemlich entwickelter
stellen, vielmehr ein stets variierter, stets vervollkommenbarer Bestand- Stufe auftreten kann und die ästhetischen Reaktionen primitiver Men-
teil der spezifisch menschlichen Praxis. Die Grundlage bildet deshalb kein schen oft jahrhundertelang unverändert bleiben. Er beachtet aber auch
„Instinkt", kein unwillkürlicher, unbedingter Reflex, sondern ein durch die spezifischen Bedingungen der Experimente nicht. Die in Gefangen-
Übung erworbener, bedingter Reflex im Sinne Pawlows. Und gerade das schaft befindlichen Tiere haben eine sonst nie vorhandene „Sekurität"
Vielerlei dieser Rhythmen, die sich schon in verhältnismäßig unentwickel- (sowohl in bezug auf Nahrung wie auf Gefährdetsein des Lebens); ihre
ten Stadien ausbilden, führt dazu, daß das gemeinsame Grundphäno- Aufmerksamkeit entfaltet sich also ganz anders als unter ihren normalen
men zu einem erworbenen, in verschiedenen Formen auf verschiedene Lebensbedingungen. Zweitens reagieren sie auf ihnen fertig dargebotene
Gegenstände angewandten Bestandteil des menschlichen Alltagslebens Gegenstände, die sie selbst niemals herstellen könnten. Im interessante-
wird. sten Experiment von Rensch handelt es sich um die Reaktion auf regel-
Die Betonung des Abstands zwischen solcher Rhythmisierung durch mäßige und unregelmäßige Muster. Das Bevorzugen der ersteren beweist
Arbeit und einer „natürlichen" im Leben der Tiere (und auch der Men- aber höchstens die [Existenz?] einer [der] vonunserwähntenPotentialitäten,
schen) bedeutet subjektiv, daß letztere sich völlig spontan, ohne darauf niemals aber ein aktuelles Vorhandensein des „ästhetischen Sinnes" bei
reflektierendes Bewußtsein abspielt, da sie einen organischen, angeborenen einem unter normalen Bedingungen in Freiheit lebenden Tier. Diese
Bestandteil der tierischen (oder menschlichen) Existenz bildet, während Potentialität ist freilich ein interessantes Problem (auch in bezug auf den pri-
erstere bei jedem Individuum das Ergebnis eines Einübungsprozesses bil- mitiven Menschen) und ist wert, eingehend erforscht zu werden. Dazu
det. Die Rückwirkung auf das Selbstbewußtsein entsteht dadurch, daß müßten aber die Bedingungen der Experimente ganz anders kritisch be-
etwas Angelerntes zum Unwillkürlichen wird, jedoch nie in demselben wußt gemacht werden, als dies nicht nur bei Rensch, sondern auch bei
Sinne, mit derselben Selbstverständlichkeit wie im eben erwähnten Fall, vielen anderen der Fall ist; das bezieht sich nicht nur auf die Lebens-
d.h., das durch Erfahrung, Übung, Gewohnheit etc. sicher Erworbene be- bedingungen der Gefangenschaft, sondern auch auf die Existenzweise der
hält stets den Gefühlsakzent des Erworbenen bei. Natürlich gibt es zahl- Haustiere, aus welcher ebenfalls direkte Rückschlüsse auf das Tier über-
reiche Übergänge. M a n muß z.B. nach langer Krankheit das Gehen aufs haupt methodologisch unzulässig sind.
neue erlernen etc. Das innere Verhältnis zum Gehen bleibt aber doch ein Wir machten diesen Exkurs, um die für unser Problem höchst wichtigen
anderes als zum Rudern oder Tennisspielern methodologischen Fragen von Anfang an deutlich zu formulieren. Wenn
Objektiv handelt es sich einerseits um weitaus variiertere Rhythmen, wir nun zum Problem von Rhythmus und Arbeit zurückkehren, so ist
andererseits um durch die Wechselbeziehung von Arbeitsprozeß und -ge- klar, daß diese Entwicklungsetappe an sieh noch nichts mit Kunst zu tun
genständ hervorgebrachte, viel kompliziertere und als solche akzentuier- hat. Der ästhetische Charakter des Rhythmus ist im Alltag des primitiven
tem Rhythmen. Diese Beschaffenheit der objektiven Lage bestimmt die Menschen nur insofern an sich vorhanden, als die-relativ geringere Ver-
früher beschriebenen subjektiven Momente. Es ist natürlich in hohem ausgabung von Kraft erfordernde und zugleich bessere Ergebnisse erzeu-
242 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 243

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gende - Art der Arbeit Lustgefühle der Erleichterung, des Herrseins über m u ß t e n . Jedenfalls: Wissenschaft kann nur Wissenschaft werden, wenn
sich selbst und den Arbeitsgegenstand, über den Arbeitsprozeß, ein Selbst- sie ihre spezifische - desanthropomorphisierende - Methode im Kampf
bewußtsein in der ersten Bedeutung unserer früheren Bestimmung [223] gegen Magie und Religion ausbildet. Dasselbe bezieht sich, wie wir eben-
auslöst. Solange solche Gefühle nur als die unmittelbare Begleitung des falls gezeigt haben, auch auf das Ästhetische, wo allerdings dieser Abhe-
jeweiligen Arbeitsprozesses auftreten, bleibt dieses keimhafte Ansich des bungsprozeß - aus ebenfalls angegebenen Beweggründen - noch kompli-
Ästhetischen objektiv wie subjektiv latent, und zu seiner Entwicklung be- zierter und schwieriger ist als der in der Wissenschaft. Bei der Frage von
darf es weiterer differenzierender Momente, die den Rhythmus aus dieser Arbeit und Rhythmus muß daran festgehalten werden, daß die Entstehung
ursprünglichen untrennbaren Verbundenheit mit jeweiligen konkreten der rhythmisierten Bewegung ein Ergebnis der Verbesserung des Arbeits-
Arbeitsprozessen herauslösen, ihm eine selbständige Funktion im Leben prozesses selbst, der Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit ist, also
der Menschen verleihen und die auf diesen Wegen seine Verallgemeinerung nicht unmittelbar, nicht direkt von der Magie bestimmt sein kann. Wenn
und Anwendung auf die verschiedensten Gebiete - schon außerhalb der wir jedoch jetzt auf die auslösenden Momente für das Selbständigwerden
Arbeit selbst - ermöglichen. des Ästhetischen reflektieren, so ist der primäre Gegenstand unseres Inter-
Das erste derartige vermittelnde Moment wird wohl die Freude über esses nicht so sehr der objektive Prozeß selbst als vielmehr dessen subjek-
Steigerung und Erleichterung der Arbeit, vor allem das aus solchenErlebnis- tive Widerspiegelung im Bewußtsein, die beginnende Ausbildung einer
senund Erfahrungen heraus wachsende Selbstbewußtsein der arbeitenden eigenartigen Widerspiegelung der Wirklichkeit.
Menschen sein. Dieses Gefühl, das ja auch auf viel höheren Stufen als in Wenn wir früher von einer anfänglichen Entstehung des Selbstbewußt-
den Anfängen der Arbeit immer wieder auftaucht, solange der Arbeits- seins infolge der mit geringerer Anstrengung erreichten größeren Arbeits-
prozeß von der Leistung der Arbeitenden ausgehend verbessert und erleich- leistung sprachen, so ist darin implizite eine Tendenz zur Ablösung des
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tert wird, äußert sich wie alle wichtigen Lebenstatsachen in dieser Perio- Rhythmus von seiner konkreten Rolle in einem bestimmten Arbeitspro-
de in magischer Umhüllung. Es ist für unsere Zwecke recht gleichgültig, zeß enthalten. Je verschiedenere Rhythmen aus der sachlichen Differenz
wie innerlich diese Verbindung mit der Magie ist, wie weit sie - vermittelt - von vielerlei Arbeit entstehen, desto leichter geht diese Ablösung vorsieh,
die Handlungen selbst bestimmt oder im wahren Sinne des Wortes nur desto entschiedener kann der Rhythmus zu einem von den ursprünglich
eine magische Umhüllung an sich magiefremder Inhalte ist. Gordon auslösenden Umständen relativ unabhängigen Bestandteil des Alltags-
Childe hat unseres Erachtens im allgemeinen durchaus recht, wenn er lebens werden. Der Prozeß solcher Ablösungen und Verallgemeinerungen
wiederholt auf die Äußerlichkeit solcher Zusammenhänge hinweist: so ist im Alltagsleben etwas durchaus Gewohntes. Gehlen beschreibt solche
z.B. auf viel entwickelterer Stufe, daß etwa sumerische Priester zwar die Prozesse sehr ausführlich. Er sieht die hier vollzogenen Abstraktionen
Schrift erfunden haben, jedoch nicht als Priester oder Magier, sondern in- darin, daß ein bestimmtes sinnliches Kennzeichen von Dingen oder Vor-
folge ihrer weltlichen, administrativen Funktionen, so auch in Ägypten, gängen, von Gestalt, Farbe, „das ein Anzeichen einer ganzen Dingmasse
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in der kretischen K u l t u r . In einem bestimmten Sinn gilt dies auch für ist, . . . ganz eigentlich ,abstrakt' [ist], nämlich ,weggezogen' durch die
primitivere Stufen, obwohl dann die magische Verhüllung sicher dichter ist, Vernachlässigung benachbarter, gleichmöglicher Eindrücke, und wenn wir
obwohl die reale Wechselwirkung zwischen realen Arbeitserfahrungen und ein ganz anderes Ding, das nur das gleiche Merkmal enthält, in derselben
magischem Analogisieren als ihrer Verallgemeinerung viel inniger gewesen Weise behandeln, so abstrahieren wir wiederum, diesmal von der Gesamt-
sein mag. Diese subjektive Verschlungenheit hebt aber die an sich vorhan- verschiedenheit beider Dinge, die wir in derselben Weise behandeln". U n d
dene Divergenz der Akte und Intentionen nicht auf. Die Trennung ist also er betrachtet dieses Abstrahieren nicht so sehr als einen Akt, als eine posi-
hier sicherlich viel früher und radikaler vorhanden als in der Entstehungs- tive Handlung, sondern vielmehr als „nur eine zentrale Hemmung anderer
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periode der Kunst. Und Gordon Childe weist abschließend - ebenfalls mit Hinsichten". Wenn nun solche analogisierenden Abstraktionen auf rela-
Recht-darauf hin, daß die Wissenschaft nicht direkt aus Magie und Reli- tiv niederer Stufe stattfinden können, ist ihre Verbreitung dort, wo es sich
gion entspringen konnte, ja daß Medizin oder Astronomie, wenn sie von von vornherein um vom Individuum selbst fixierte bedingte Reflexe han-
der Religion annektiert wurden, dadurch als Wissenschaften steril werden delt, naturgemäß viel leichter.
244 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 245

Wie die äußerst mannigfaltigen Übertragungen des ursprünglichen A r - durch Beispiele belegen. Auf viel höherem Niveau, schon mimetisch, fin-
beitsrhythmus auf die verschiedensten Äußerungsweisen der menschlichen det eine bewußte Wiederherstellung der ursprünglichen Raum-Zeitlich-
Aktivität zustande gebracht werden, darauf werden wir noch wiederholt keit des Rhythmus im Tanz statt, auf höherem Niveau, weil ja hier Musik
zurückkommen. Hier sei nur kurz erwähnt - was bald in der Behandlung und eventuell Gesang mit dem Bewegungsrhythmus vereinigt wird. Gehlen
der Ornamentik eine nicht unwesentliche Rolle spielen wird - , daß der beschreibt diesen Vorgang ganz richtig: „Beim frei gestalteten Tanz kom-
ursprünglich raum-zeitliche Rhythmus der Arbeit auf einer gewissen Aus- muniziert die Bewegung mit der Musik, die beim guten Tanz nicht etwa
bildungshöhe der Technik als rein räumlicher Rhythmus am Arbeitspro- ,Begleitung' ist, sondern die Musik scheint die innere Musik der Bewe-
dukt zur Geltung gelangen kann. Boas schildert diesen Vorgang so: „Ein gungen bloß ins Hörbare fortzusetzen und wieder die Bewegung die an
anderes fundamentales Element der dekorativen Form ist die rhythmische sich raumlose Musik in sich hineinzuziehen und an einem sichtbaren
Wiederholung. Die technischen Aktivitäten, in welchen regelmäßig wie- Ort zu verdichten." 17

derholte Bewegungen verwendet werden, führen zu rhythmischen Wieder- Wir haben bereits, Bücher folgend, auf die rhythmisierten und oft von-
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holungen in der Richtung, in welche die Bewegung leitet." Natürlich ist einander klanglich, der Stärke nach verschiedenen Töne aufmerksam ge-
damit nur die technische Verbindung zwischen ursprünglichem raum- macht, die bei einer derartigen Arbeit entstehen. U n d Überreste der älte-
zeitlichem und rein räumlichem Rhythmus erklärt; daß aus ihr ein sten Überlieferungen weisen darauf hin, daß das rhythmisierte Wesen
Element der Ästhetik wird, ist eine andere Frage. Hier sei nur - vorweg- der Arbeit auf noch sehr primitiver Stufe als Begleitung des Rhythmus der
nehmend - bemerkt, daß die im bürgerlichen Denken übliche fetischi- Bewegungen sich durch - unartikulierte, aber in den Rhythmus genau ein-
siert-starre Trennung und Gegenüberstellung von Raum und Zeit im spon- gefügte - Ausrufe zu äußern pflegte. Bücher beschreibt diesen Zustand
tanen Alltagsleben fehlt. Das ist keineswegs zufällig. Denn gerade infolge folgendermaßen: „Der erste Schritt, den der primitive Mensch bei seiner
der Unmittelbarkeit der Alltagspraxis wird darin jede Gegenständlichkeit, Arbeit in der Richtung des Gesanges getan hat, hätte also nicht darin be-
jeder Vorgang spontan als etwas untrennbar Raum-Zeitliches aufgefaßt. standen, daß er sinnvolle Worte nach einem bestimmten Gesetze des Silben-
Dieser urwüchsigen Dialektik des Alltagslebens gegenüber erscheint d i e - falls aneinander reihte, um damit Gedanken und Gefühle zu einem ihm
so oft - metaphysisch starre Trennung von Raum und Zeit als ein denke- wohlgefälligen und anderen verständlichen Ausdrucke zu bringen, son-
rischer Rückschritt, als ein mangelhafteres Widerspiegeln des Ansich der dern darin, daß er jene halbtierischen Laute variierte und sie in einer be-
objektiven Wirklichkeit. Die Zählebigkeit solcher metaphysischen A n - stimmten, dem Gang der Arbeit sich anpassenden Abfolge aneinander
schauungen beruht teilweise darauf, daß es Fälle gibt, in denen eine metho- reihte, um das Gefühl der Erleichterung, das ihm an und für sich jene
dologische Trennung von Raum und Zeit notwendig, wissenschaftlich Laute gewähren, zu verstärken, vielleicht es zum positiven Lustgefühle zu
fruchtbar ist; es genügt, auf die Geometrie, eine außerordentlich früh ent- steigern. Er baute seine ersten Arbeitsgesänge aus demselben Urstoff, aus
wickelte Wissenschaft, hinzuweisen. In der von uns jetzt konkret behan- dem die Sprache ihre Worte bildete, den einfachen Naturlauten. So ent-
delten Angelegenheit des Rhythmus ist es klar, daß seine ursprüngliche standen Gesänge, wie sie oben noch mehrfach mitgeteilt werden konnten,
Erscheinungsform in der Arbeit eine raum-zeitliche sein mußte. So schon die lediglich aus sinnlosen Lautreihen bestehen und bei deren Vortrag
in dem tierischen und primitiv menschlichen Bewegungsrhythmus, noch allein die musikalische Wirkung, der Tonrhythmus, als Unterstützungs-
mehr - und schon weitaus bewußter - in jedem Arbeitsrhythmus. Da es mittel des Bewegungsrhythmus in Betracht kommt. Die Notwendigkeit,
die allgemeine Tendenz des Ästhetischen ist, die Fetischisierungen, die beide Arten von Rhythmen in Übereinstimmung mit einander aufzubauen,
spontanen des Alltags wie die in diese eingedrungenen metaphysischen Vor- war durch ihre gemeinsame Abhängigkeit von der Atmung gegeben." 18

urteile, durch eine neue Unmittelbarkeit aufzuheben, vollbringt es diese Diese Betrachtungen zeigen wieder, wie die „naturhaften" Elemente wirk-
seine Funktion auch auf dem Gebiet des Rhythmus. Die damit verbunde- sam werden. Bücher hat ganz recht, wenn er auf die verbindende Rolle der
nen komplizierten Fragen können erst später behandelt werden. Die Dar- Atmung aufmerksam macht.
legungen von Boas sind insofern lehrreich, als sie dieses spontane Über- Natürlich besitzen wir keine echten Dokumente dieser Anfangsetappe,
gehen auf rein räumlichen Rhythmus schon auf relativ primitiver Stufe ebensowenig wie über jene, in der aus unartikulierten Lauten gefühls-
246 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus

betonte Worte, noch später inhaltlich zusammenhängende Lieder wurden. lieh. Die Rolle des Rhythmus in den unmittelbar magischen Zeremonien
Wir besitzen freilich Arbeitslieder, und zwar solche, deren Aufbau vom ist vielfach belegt. Diese waren aber ein universelles Mittel in der Rege-
Arbeitsrhythmus ausgeht und darauf basiert ist. Die überwiegende Mehr- lung der verschiedenartigsten Lebensgebiete. Hat sich also einmal die A r t
zahl solcher Arbeitslieder stammt jedoch aus der Periode des bereits auf- der Übertragung durchgesetzt, hat sich dadurch der Rhythmus von der
gelösten Urkommunismus; der singende Arbeitende ist also schon ein konkreten Arbeit, in der er ursprünglich entstanden ist, losgelöst, so stand
Ausgebeuteter, sehr oft ein Sklave. Der Gefühlsgehalt solcher Lieder hat einer weiteren Verallgemeinerung, einer noch breiteren Anwendung be-
deshalb bereits eine Kompliziertheit (Arbeit als Zwang, Arbeit als Aus- reits nichts mehr im Wege. Allerdings gehört dazu die - primär magisch
beutung, Furcht vor dem Herrn oder dem Aufseher, Klage, Aufruhr etc.), bestimmte - Nachahmung wirklicher Vorgänge des Lebens, um gerade
die die einfachen Arbeitslieder einer noch klassenlosen Gesellschaft un- dadurch das gewünschte Ziel magisch der Verwirklichung näher zu brin-
möglich haben konnten. Die primitivere Wesensart solcher anfänglichen gen. Schon das Faktum eines solchen unmittelbar praktisch nicht zweck-
Arbeitslieder beruht allerdings nicht nur auf einem qualitativ weniger dif- gebundenen, besser gesagt, auf einen phantasmagorischen Zweck orien-
ferenzierten Gehalt, sondern auch darauf, daß die Arbeitsweise einer un- tierten Nachahmens löst den Rhythmus von der realen Arbeit selbst ab,
entwickelten Gesellschaft notwendig eine relativ geringere Variation von gibt ihm eine sinnlich verallgemeinerte Fassung. Darauf kann hier nur
Rhythmen liefern konnte. kurz hingewiesen werden, da der ganze komplizierte Komplex der Mime-
Versuchen wir nun, die hier klaffende Lücke auszufüllen, so müssen wir sis erst in den folgenden Kapiteln behandelt wird. Die größte Bedeutung
- bei allen früher betonten Vorbehalten - doch auf die Magie zurückgrei- wird dabei der Tanz erlangt haben. Dazu sei hier nur kurz bemerkt, daß
fen. D a ß zwischen den aus den Arbeitsrhythmen entstehenden Liedern und nicht nur bei primitiven Völkern, sondern auch in der Antike der Tanz,
dem magischen Vorstellungskreis ein Zusammenhang besteht, hat Bücher obwohl er bereits zur Kunst geworden war, noch keineswegs seine ur-
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an einigen Beispielen gezeigt. Es ist sicher kein Zufall, daß eines von sprüngliche Verbindung mit der Arbeit, mit Übung und Spiel, mit den
ihnen ein Frauenlied vom Sichelwerfen ist, denn sowohl bei den Frauen Sitten des Alltagslebens verloren hatte. Jedenfalls führt Bücher neben einer
wie auf dem Lande ist das Weiterleben solcher Traditionen den Umstän- Reihe von Fällen aus dem Leben primitiver Völker die verschiedensten
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den gemäßer als auf anderen Gebieten. Freilich handelt es sich auch hier Beispiele aus der Antike, z.B. aus Xenophons „Gastmahl", a n .
nicht um ein eigentliches Arbeitslied, sondern um die gesangliche Beglei- Wie immer sich nun auch dieser Prozeß des Hinausgehens des Rhyth-
tung eines Spiels, das freilich aus der Arbeit herausgewachsen ist. Aber mus über die konkrete Arbeit, seine relative Loslösung von ihr, seine
das Weiterleben solcher Inhalte, verstärkt durch die ebenfalls herangeführ- sinnliche Verallgemeinerung auf die mannigfaltigsten Lebensäußerungen,
ten magischen Zeremonien, die von vorgeschriebenen Gesängen in vorge- abgespielt haben mag, das philosophisch Wesentliche dabei ist, daß er aus
schriebenen Rhythmen vollbracht werden, zeigt, daß die Entwicklung der einem Moment des realen Lebens die Widerspiegelung dieses Moments
eigentlichen Arbeitsgesänge aus dem Arbeitsrhythmus mit magischen In- geworden ist. Dieser Widerspiegelungscharakter auch der abstraktesten
halten eine enge Berührung haben mußte. Inhaltlich, weil durch unzählige Momente des Ästhetischen kann nicht energisch genug hervorgehoben
Tatsachen andersgearteter Lebensäußerungen deutlich hervorgeht, daß werden. Denn die moderne bürgerliche Ästhetik, die in jeder Widerspie-
die primitiven Menschen ihre Herrschaft über die Außenwelt und über ihre gelungslehre den verhaßten Materialismus wittert, ist immer bestrebt, die
eigenen Fähigkeiten magisch ausgelegt haben; d a ß sie also die erhöhte Er- einfachen und abstrakten - vor allem die mathematisierbaren oder geometri-
giebigkeit der Arbeit und die von ihr erweckten Lustgefühle auf die Wir- sierten - Formen und [die] Formelemente der künstlerischen Reproduk-
kung magischer Mächte zurückzuführen gewohnt waren. Diese inhaltliche tion der Wirklichkeit sich ausschließend gegenüberzustellen. Die einfache
Berührung von Rhythmik und Magie wird noch durch die erhebende, V i - Reproduktion wird zumeist als bloßer Naturalismus ausgelegt und soll als
talität und Selbstbewußtsein steigernde Wirkung eines jeden streng einge- solcher diffamiert oder wenigstens zu etwas Sekundärem degradiert wer-
haltenen Rhythmus von der Formseite vertieft und verstärkt. den ; die abstrakten Formen erhalten dagegen ein künstliches Licht „von
Ist der hier angedeutete Zusammenhang einmal da, so erscheint die oben" als Offenbarungen einer transzendenten Macht oder zumeist als
Übertragung des Rhythmus von einem Gebiet auf andere als ganz nalür- Objektivationen der Weltflucht einer dem Wesen nach zur ewigen E i n -
248 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 249

samkeit verurteilten Seele. Solchen Auffassungen gegenüber muß die nüch- Entwicklung der Menschheit hineininterpretiert wird. Die auf diese Weise
terne Tatsache hervorgehoben werden, daß jeder Gebrauch des Rhythmus entstehende Mystifizierung steigert sich noch dadurch, daß Caudwell
außerhalb seiner unmittelbar konkreten Erscheinungsform in einer be- seine These physiologisch unterbauen will. Wir haben daraufhingewiesen,
stimmten Arbeit bereits die Widerspiegelung dessen ist, was er in der Wirk- daß die Rolle der physiologischen Momente nicht unterschätzt werden
lichkeit selbst real vollzieht. darf. Ist doch der Rhythmus, der in der Arbeit entsteht, das Produkt einer
Hier zeigt sich, daß unsere beiden Feststellungen: Rhythmus als Wider- Wechselwirkung zwischen den physiologischen Gegebenheiten des Men-
spiegelung der objektiven Wirklichkeit und seine Genesis aus der Arbeit, schen und den Forderungen einer optimalen Arbeitsleistung, wobei der
eng zusammengehören. Die direkte Ableitung des Rhythmus aus den phy- ständige Bezug auf das Physiologische eben im Bestreben, die Arbeit zu
siologischen Eigentümlichkeiten des Menschen verwischt nicht bloß seine erleichtern, zur Geltung gelangt. Auch ist, wie ebenfalls betont, in späte-
gesellschaftlich-menschlichen spezifischen Züge, wie dies seinerzeit bei den ren Entwicklungsphasen der Einfluß des physiologisch bestimmten Rhyth-
Darwinisten oft geschah, sondern schafft - besonders in den letzten Jahr- mus (Atmen in Poesie, Gesang etc.) ein nicht unwichtiger Faktor in des-
zehnten - eine mechanische Abtrennung des Menschen von seiner gesell- sen weiterer Ausbildung und Verfeinerung. D a ß aber diese Momente, für
schaftlichen Umgebung. Vielleicht am zugespitztesten wird dies von sich genommen, und zwar als Negationen jedes „äußeren" Rhythmus, je
Caudwell formuliert. Er sagt: „Poesie ist rhythmisch. Der Rhythmus be- zu einer Poesie, zu einer Musik hätten führen können, muß entschieden
hütet die Erhöhung des physiologischen Bewußtseins, um unsere senso- bestritten werden. Die Bewältigung der rhythmischen Erscheinungen der
rische Perzeption von der Umgebung abzuschließen. Im Rhythmus des Natur, z. B. des Wechsels der Jahreszeiten, erfordert bereits eine relativ
Tanzes, der Musik, des Gesanges werden wir se/bst-bewaBt an Stelle der hohe Kultur. Gordon Childe weist mit Recht daraufhin, welche Schwie-
Bewußtheit. Der Rhythmus des Herzschlags, des Atmens, der physiologi- rigkeiten in dieser Hinsicht der ursprüngliche Mondkalender verursacht
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schen Periodizität verneint den physischen Rhythmus der Umgebung. In hat. Caudwell selbst zeigt in einer an sich berechtigten Polemik ge-
diesem Sinne ist auch der Schlaf rhythmisch. Der Schlafende zieht sich in gen Wittgensteins Theorie vom „Unaussprechlichen", bei welchem ein
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die Burg des Körpers zurück und schließt die T ü r e n . " So wird hier, wohl metaphysisches Dilemma zwischen (semantischer) Ausdrückbarkeit und
unter dem Einfluß Freuds, die Poesie auf eine Traumlinic gezogen, und mystischer Intuition konstruiert wurde, auf, welche Rolle die Kunst im
der Rhythmus wird, wie bei Freud das Träumen der Hüter des Schlafes ist, Aussagen des Unaussprechlichen spielt. D a er aber hier nur an ein
zu einem Hüter der solipsistischen Abgeschlossenheit des Ichs; und dies solipsistisches Selbstbewußtsein appellieren kann, ist seine Gegenüber-
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alles wird als „kosmisches" Phänomen in die Urzeit projiziert. D a ß Caud- stellung - „Der Musiker ist ein introvertierter Mathematiker" - ebenso
well, der sonst den gesellschaftlichen Charakter der Kunst überall ener- metaphysisch und mystisch wie die Theorie des mit Recht kritisierten
gisch hervorhebt und sogar im Rhythmus eine Balance zwischen dem emo- Wittgenstein.
tionalen Gehalt der Poesie und den gesellschaftlichen Relationen, in denen Freilich beinhaltet eine solche Feststellung nicht nur die Stellungnahme
sich dies im einzelnen verwirklicht, erblickt, in dieser Frage in einen sol- gegen die mystische Genesis aus dem isolierten Ich, sondern zugleich die
chen Widerspruch mit seinen eigenen Anschauungen gerät, so daß bei ihm gegen jene Auffassungen, die die Widerspiegelung auf eine jeweilige Pho-
die Lyrik einen metaphysischen Gegensatz zur Epik und Dramatik bildet, tokopie der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit reduzieren wollen. Hier
sei hier nur nebenbei erwähnt. Wichtiger ist, daß bei ihm deshalb aus dem treffen wir in der Ästhetik auf die allgemeinen Schranken des heutigen bür-
Selbstbewußtsein jede Beziehung zur Welt, zur Umwelt des Menschen ver- gerlichen Denkens, das die Existenz des dialektischen Materialismus nicht
schwindet, daß es nicht mehr das in der Praxis fundierte Beziehen der Re- anerkennt und seine Polemik stets gegen dessen primitivere mechanische
flexe der Wirklichkeit auf den Menschen ist, sondern die Flucht aus der und metaphysische Abart richtet. Der dialektische Materialismus muß
Welt, das theoretische Begründen einer hermetischen Absperrungdes Men- sich aber die Ausbildung seiner eigenen Methode nicht nur dem philoso-
schen von der Außenwelt. Darin drückt sich zweifellos das Verhalten eines phischen Idealismus, sondern auch seinen mechanistischen Vorläufern
großen Teils der bürgerlichen Intelligenz in der imperialistischen Periode gegenüber erkämpfen. Lenin vollzieht auf folgende Weise die Abgrenzung
aus, es ist aber radikal antihistorisch, wenn es als „ewiges" Prinzip in die vom metaphysischen Materialismus, „dessen Hauptwfo/ in der Unfähig-
250 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 251

keit besteht, die Dialektik auf die Bildertheorie, auf den Prozeß und die endlichkeit der Realität in ein begrenztes Abbild, das aber deren intensive
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Entwicklung der Erkenntnis anzuwenden" . Unendlichkeit wiederzugeben fähig ist, auftauchen. Jetzt erwachsen die
Es ist freilich interessant, daß, sobald nicht von der philosophischen Schwierigkeiten gerade aus der - relativen - Einfachheit der Lage. Han-
Theorie der Widerspiegelung, sondern von Auslegung bestimmter Lebens- delt es sich doch bloß darum, daß ein Moment eines Komplexes isoliert
tatsachen die Rede ist, es nicht wenige Forscher gibt, die die dialektische widergespiegelt wird, damit es in einem anderen, neuen Komplex verwend-
Widerspiegelungstheorie (terminologisch anders gefaßt) praktisch anwen- bar werde. Das ist, wie betont, in der Alltagspraxis ein vollkommen nor-
den. M a n denke an die anthropologischen Ausführungen Gehlens, in males Phänomen, das, wenn einmal die dialektische Widerspiegelung in
denen er Abstraktionen und Betonungen in der Widerspiegelung der ihrer vermittelten Funktion begriffen wurde, keine besonderen Bedenken
Wirklichkeit praktisch anerkennt, diese also im konkreten Fall dialektisch mehr erregen kann. Die Schwierigkeiten, die jetzt vor uns stehen, haben
auffaßt, wenn er auch - befangen in den allgemeinen bürgerlichen Vorur- eine doppelte Wurzel: Erstens handelt es sich um ein bloßes Moment der
teilen der imperialistischen Periode - das richtig beschriebene Phänomen ästhetischen Einheit, dessen Eigenart aber gerade darin besteht, auch iso-
mit der irreführenden Etikette des Symbols versieht [243]. In einer ähn- liert - in einer bestimmten Weise - als ästhetisch betrachtet werden zu kön-
lichen Weise vollzieht sich die Anwendung der Rhythmik außerhalb der nen. Eine solche Isolation ist - im ästhetischen Sinne - bei den meisten M o -
konkreten Arbeit. In der Widerspiegelung der sinnlich gegebenen Ganz- menten kaum oder wenigstens viel schwerer vollziehbar. Wenn wir etwa
heit wird eines der wichtigen Momente, eben der Rhythmus, und zwar vor- eine Gestalt aus einer Dichtung isoliert zu betrachten versuchen, so ist das
erst so, wie er unmittelbar ist, besonders hervorgehoben und eben dadurch meistens nur bis zu einem äußerst relativen Grad möglich. Sie ist in ihrem
von seiner konkreten, ursprünglichen Erscheinungswelt losgelöst, als selb- tiefsten Wesen durch ihr Schicksal, durch die Situationen, die sie erlebt,
ständig erfaßtes (widergespiegeltes) Stück Wirklichkeit in den Erfahrungs- durch die anderen Gestalten, mit denen sie in Wechselbeziehungen steht
schatz einverleibt, darin aufbewahrt, um ihn in neuen Zusammenhängen etc., bis in ihre eigenste Qualität hinein bestimmt. Auch die isolierende
neu zu verwerten. Dieser Vorgang ist im Alltagsleben durchaus häufig; er Analyse setzt diese Bindungen, wenn auch zuweilen unbewußt, voraus,
geschieht zumeist auf der Grundlage von Analogien oder Analogieschlüs- und die Betrachtung mündet, gewollt oder ungewollt, immer in die des
sen. Haben diese einen in der objektiven Wirklichkeit fundierten Keim, konkreten Werkganzen. Es gibt natürlich eine unendlich große Literatur
d.h., sind sie relativ getreue Widerspiegelungen, so können sie zu einem über die isolierten Gestalten von Hamlet oder Faust, über den Donqui-
dauernden Besitz des Alltagslebens werden, ja, sie können sogar Anlässe chotismus oder den Bovarysmus. Sie bleibt aber nur insofern ästhetisch
zu wissenschaftlichen Verallgemeinerungen geben; sind sie es nicht, so relevant, als sie die Gestalt nicht aus ihrer gegebenen Umwelt herausbricht.
sterben sie ab oder leben als Vorurteile, Aberglauben etc. weiter. (Man Geschieht dies, so handelt es sich um das Phänomen des Einströmens der
denke an das Volksvorurteil gegen rothaarige Menschen.) Auch ästhe- künstlerischen Gestaltung ins Alltagsleben, um ein Phänomen, das mit
tische „Halbfabrikate" des Alltags leben und wirken auf diese Weise, z . B . dem jetzt behandelten nichts zu tun hat. Wir haben aber gesehen, daß dies
echte und falsche Errungenschaften der praktischen Menschenkenntnis. beim Rhythmus nicht der Fall ist. Das hängt natürlich damit zusammen,
Es wird nur zumeist nicht oder ungenügend betont, daß die Widerspiege- daß wir es im eben angedeuteten Fall mit einem Inhalt-Form-Komplex zu
lung der Wirklichkeit die unerläßliche Vermittlung zu jedem weiteren tun hatten, während es sich hier - und das führt zum zweiten Aspekt un-
Schritt in einer solchen Ausdehnung der Praxis bildet. serer Frage - um ein rein formelles Moment an sich ohne konkrete inhalt-
Für uns ist deshalb nicht dieses alltägliche Phänomen der menschlichen liche Erfüllung handelt. Die Unterscheidung, die sich hier ergibt, bezieht
Praxis das eigentliche Problem, vielmehr die Frage, wie in diesem Fall die sich nicht nur auf die Inhalt-Form-Komplexe, sondern auch auf die Form-
normale Widerspiegelung in eine ästhetische hinüberwächst. Der dialek- Inhalt-Zusammenhänge. Denn auch an sich formale Kategorien wie K o m -
tische, nicht mechanisch photographierende Charakter der Widerspiege- position, Steigerung etc. lassen sich nicht ohne weiteres analytisch von den
lung wird sich erst bei der Behandlung der unmittelbaren mimetischen Re- konkreten Totalitäten, in denen sie figurieren, loslösen. Wir werden im
produktion der Wirklichkeit in seiner ganzen Kompliziertheit zeigen, wo zweiten Teil dieses Werks uns ausführlich damit dazu beschäftigen haben,
etwa Probleme wie die Verwandlung der extensiven und intensiven U n - daß diese Kategorien sich als für die Ästhetik wichtige und fruchtbare Be-
252 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 253

griffe formulieren lassen. Hier handelt es sich aber nicht um den Begriff, der Aussuchung harmonischer Wörter sorgfältig sind; wenn wir ferner
sondern um die Sache selbst, um ihre unmittelbare, konkrete, sinnliche das Verhältniß, das ein Vers gegen den andern in dem Perioden bekömmt,
Widerspiegelung und ebensolche Anwendung. verstehen; wenn wir endlich die Mannichfaltigkeit auf viele Arten von ein-
Eine solche Unterscheidung zwischen der Sache selbst und ihrem Be- ander unterschiedner Perioden nicht nur kennen, sondern auch diese ab-
griffist für die ganze Ästhetik von großer Wichtigkeit. Eine besondere Be- wechselnde Perioden, nach Absichten, zu ordnen wissen: dann erst dür-
deutung erhält sie, wenn es sich, wie hier, um ein der Verselbständigung fen wir glauben, einen hohen Grad der poetischen Harmonie erreicht zu
fähiges Moment handelt, das schon dadurch der konkreten Totalität ge- haben. Aber die Gedanken des Gedichts sind noch besonders; und der
genüber einen gewissen abstrakten Charakter erhält. In der konkreten To- Wohlklang ist auch besonders. Sie haben noch kein anderes Verhältniß
talität des Kunstwerks bleibt der Rhythmus der allgemein ästhetischen unter einander, als daß die Seele zu eben der Zeit durch die Empfindungen
Formgesetzlichkeit unterworfen, d.h., auch er ist Form eines bestimmten des Ohrs unterhalten wird, da sie der Gedanke des Dichters beschäftigt.
(besonderen) Inhalts. Zugleich jedoch bleibt sein abstrakter Charakter - Wenn die Harmonie der Verse dem Ohre auf diese Weise gefällt, so haben
bei ständiger konkreter Aufgehobenheit - doch erhalten. Darum ist es hier wir zwar schon viel erreicht; aber noch nicht alles, was wir erreichen konn-
durchaus möglich, daß diese beiden Seiten gesondert widergespiegelt wer- ten. Es ist noch ein gewisser Wohlklang übrig, der mit den Gedanken ver-
den; freilich unter Vorbehalt ihrer widerspruchsvollen Einheit im konkre- bunden ist und der sie ausdrücken hilft. Es ist aber nichts schwerer zu
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ten Werkzusammenhang. Diese Einheit der Einheit und Verdoppelung ist bestimmen als diese höchste Feinheit der Harmonie."
ein Phänomen, das bereits im Alltagsleben auftaucht, sobald das gesang- Der Gegensatz scheint oft ein abstrakt unaufhebbarer zu sein; die große
liche Begleiten (Unterstreichen) des Arbeitsrhythmus eine einigermaßen Dichtung besteht aber immer in einer konkret dialektischen Auflösung
konkrete Form aufnimm'. Gottfried Keller beschreibt mit feinem Humor gerade der zugespitztesten Widersprüche. Wir führen, um diese Lage zu
im „Sinngedicht" einen solchen Fall. Ein Schustermeister verfertigt Pech- beleuchten - nicht, um die Lösung auch nur anzudeuten, da diese nur i n
draht, und zwar unter der gesanglichen Begleitung seiner Arbeit mit Goe- einer Genretheorie der Lyrik möglich ist - , einige besonders prägnante
thes „Kleine Blumen, kleine Blätter": „Er sang es nach einer gefühlvollen, Aussprüche großer Lyriker an, die sich auch theoretisch mit dieser Frage
altvaterischen Melodie mit volksmäßigen Verzierungen, die sich aber na- beschäftigt haben. So hat Goethe stets die poetische Praxis strenger Metri-
türlich rhythmisch seinem Vor- und Rückwärtsschreiten anschmiegen ker und Dogmatiker der Prosodie abgelehnt und hat, Ratschläge solcher
mußten und von den Bewegungen der Arbeit vielfach gehemmt oder über- Kritiker beiseite schiebend, an vielen Stellen von „LIermann und Doro-
eilt wurden." thea" seinen lässigen, oft direkt fehlerhaften Hexameter beibehalten, um
Die Lage läßt sich noch besser erhellen, wenn wir einen Blick auf diePros- die Integrität des echt poetischen Rhythmus zu bewahren. In diesem Sinne
odie werfen, in welcher die Elemente des Sprachrhythmus als Begriffe be- schrei bt er an Zelter über, besser gesagt, gegen die Sonette von Voß: „Für
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handelt werden. Ihr Nutzen als Wissenschaft - auch für die ästhetische lauter Prosodie ist ihm die Poesie ganz entschwunden." Und der von
Theorie und Praxis - ist natürlich unbestreitbar. Wenn aber auf cnt.wik- ihm sonst in wichtigen Fragen der Lyrik so grundverschiedene E . A . P o e
kelter Stufe Probleme des konkreten Versrhythmus auftauchen, so ist in nennt das Skandieren, d. h. das Lesen der Gedichte in prosodischem Rhyth-
den meisten Fällen ein dialektischer Gegensatz vorhanden zwischen den mus, geradezu den Tod der Poesie: „ . . . d a ß der Vers eine Sache ist und
abstrakten Anforderungen der Prosodie, in welcher der ursprüngliche, aus die Skandierung eine andere. Der antike Vers, laut gelesen, ist im allge-
der Arbeit entstandene Rhythmus in seiner reinen Form erscheint, und meinen musikalisch, gelegentlich sehr musikalisch. Skandiert nach proso-
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den Erfordernissen des nunmehr komplizierten, echten, aus Wortsinn und dischen Regeln, können wir zumeist nichts damit anfangen." Es sei hier
Wortklang erwachsenen Versrhythmus, dem freilich die prosodischen Ge- nur am Rande bemerkt, daß ähnliche Widersprüche zwischen Rhythmus
setze als allgemeines Fundament zugrunde liegen. Klopstock hat wenig- und Metrik (hier Prosodie) auch in anderen Künsten vorkommen. Wölff-
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stens einen Teil der hier auftauchenden Probleme plastisch beschrieben: lin weist z.B. auf solche in der Architektur des Barocks h i n .
„Wenn wir also unsern Hexameter, nach der Prosodie unsrer Sprache, Es wäre das denkbar Unrichtigste, aus solchen Gegensätzlichkeiten zu
und nach seinen übrigen Regeln, mit Richtigkeit ausarbeiten; wenn wir in folgern, daß die prosodische Rhythmik der Gedichte etwas rein Willkür-
254 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 255

liches, bloß akademisch Konventionelles sei. Vor allem - um bei der anti- bleibt, daß der Rhythmus einerseits nicht nur immer abgestufter, vielseiti-
ken Metrik zu bleiben - hat Bücher nachgewiesen, daß ihre Hauptformen ger wird, sondern sich auch ununterbrochen inhaltlich anreichert, daß er
keineswegs willkürliche „Erfindungen" von Dichtern, keineswegs erstarrte aber andererseits in diesem Prozeß seine - relativ zu den Gedanken- und
Regel ihrer Praxis sind, sondern eben aus der Rhythmik der Arbeit all- Gefühlsinhalten - ursprünglich einfache, formelle Wesensart aufbewahrt.
mählich zu Elementen der Poesie wurden. Er geht dabei von dem Stampf- Diese - relativ - einfache und reine Formartigkeit ist zugleich stark und
und Schlagrhythmus aus, der der menschlichen Stimme im ursprünglichen unmittelbar gefühlsbetont. Das hat bereits Aristoteles klar gesehen. E r
Arbeitsgesang nur zu folgen und sie zu begleiten hatte. Erführt nun konkret sieht in den Rhythmen und Melodien Abbilder der verschiedenen mensch-
aus: „Der Jambus und Trochäus sind Stampfmaße: ein schwach und ein lichen Leidenschaften, des Zornes und der Sanftmut, des Mutes und der
stark auftretender Fuß; der Spondäus ist ein Schlagmetrum, überall leicht Mäßigkeit, sowie die ihrer Gegensätze. Darum kommen sie in seinen
zu erkennen, wo zwei Menschen im Wechseltakte klopfen; Daktylus und Augen den ethischen Eigenschaften und Gefühlen sehr nahe. 32

Anapäst sind Hammermetren, noch heute in jeder Dorfschmiede zu beob- Wir haben bereits über die Erweckung von Freude und Selbstbewußt-
achten, wo der Arbeiter einem Schlage auf das glühende Eisen zwei kurze sein infolge der Erleichterung der körperlichen Anstrengungen durch den
Vor- und Nachschläge auf den Amboß vorausgehen und folgen läßt. Der ursprünglichen Rhythmus in der Arbeit gesprochen [242]; und die ein-
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Schmied nennt das ,den Hammer singen lassen'." Und so weiter. Bücher fachsten Lebenstatsachen, z . B . die oft bis zur Begeisterung gesteigerte
betont dann, um einer allzu wörtlichen, mechanischen Auslegung seiner Lust an Marschrhythmen beim Gehen, besonders wenn es sich um Massen
Ergebnisse vorzubeugen, daß „die Verskunst, einmal vorhanden, ihre eige- handelt, geben eine einleuchtende Bestätigung hierfür. D a es gewiß eine
nen Bahnen verfolgt, sobald das Gedicht von Musik und Körperbewegung Anfangsperiode gab, in der alle Siege des Menschen über die Natur, alle
sich losgelöst hat und genügend selbständig geworden ist, um sein Sonder- damit verbundenen Steigerungen seiner Fähigkeiten als Auswirkungen von
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dasein zu führen"-' . Diese Vorsicht ist auch noch dadurch begründet, daß magischen Kräften erklärt wurden, besteht kein Grund, diese Ideologie
die antike Poesie bekanntlich sich zwar aus diesen Elementen der Arbeits- des Ubergangs beim Arbeitsrhythmus abzulehnen. U m so weniger, als
rhythmen auf baut, jedoch nirgends mehr den Rhythmus einer bestimmten seine spontanen, fast rein oder überwiegend körperlichen Folgen - deren
Arbeit bewahrt, vielmehr die durch eine ganze Reihe von grundlegend wirkliche Gründe damals natürlich nicht durchschaut werden konnten -
anderen Gesichtspunkten bedingte Kombinatorik dieser Elemente gibt, offenkundig eine immanente Richtung, Betonung, Färbung etc. hatten, die
während die Arbeitslieder selbst - wie dies ebenfalls Bücher, sich auf parallel mit den magischen Auslcgungstendenzen liefen und diese zu för-
die aufbewahrten wenigen Verse aus einem Mahllied bei Plutarch dern schienen: nämlich das Beherrschen einer Naturkraft oder die Steige-
berufend, nachweist - ganz andere, der Bewegung des Mühlsteins fol- rung des Erfolgs in einer menschlichen Tätigkeit durch eine andere Tätig-
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gende Rhythmen zeigen. Ähnliche Rhythmen kann man bei aus den keit, die diese nachahmt, jedoch kausal mit ihr in keinem Verhältnis steht.
verschiedensten Zeiten und Weltgegenden stammenden Arbeitsliedern Diese Lage ist für die Beziehung von Arbeit und Rhythmus bei den primi-
feststellen. tiven Menschen gegeben und bietet eine, man könnte sagen, natürliche
Die Loslösung vom ursprünglichen Arbeitsrhythmus ist also sehr weit- Handhabe zur magischen Auslegung. D a ß die Rhythmik, wie angedeutet,
gehend. Ihren genauen Weg kennen wir nicht und werden ihn wahrschein- in einer großen Reihe von magischen Zeremonien eine wichtige Rolle
lich nie genau, etappenweise kennen. Daß aber darin als beginnendes M o - spielt, weist noch deutlicher auf diesen Zusammenhang hin.
ment die Gedanken- und Gefühlswelt der magischen Periode eine wichtige Natürlich geht später eine Entwicklung vor sich, die diese Gebunden-
Rolle gespielt, daß auf späterer Stufe der Zerfall der urkommunistischen heit immer stärker ablegt. Es widerspricht dieser Tatsache keineswegs, j a
Gemeinschaft, die Entstehung der Klassen, das Einandergegenüberstehen macht sie noch wahrscheinlicher, daß - wie wir sehen werden - der Rhyth-
von Unterdrücker und Unterdrückten, von Ausbeuter und Ausgebeutete]! mus, seine Ausbildung, seine Differenzierung etc., für die anfänglich ma-
den Slolf zur inhaltlichen, gedanken- und gefühlsmäßigen Differenzierung gischen Tänze etc. von höchster Wichtigkeit geworden ist. Jedenfalls ist
gegeben haben, scheint uns unbezweifelbar. Wie immer es jedoch in den auch für den höchstgebildeten Menschen der Tatbestand vorhanden, daß
einzelnen Flappen dieser Entwicklung gewesen sein mag, die Tatsache die Rhythmik eine Art von „Zauber" ausübt, d.h., d a ß sie einerseits eine
256 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 257

Steigerung unseres Selbstbewußtseins, unserer Fähigkeit des Beherrschens namentik werden wir auf den entscheidenden Vertreter dieser Methode,
der Umwelt und unseres Selbst zustande bringt, ohne daß wir [uns] an- auf Wilhelm Worringer, ausführlich zurückkommen [322ff.].
dererseits darüber im klaren wären, woher diese ihre Macht stammt, mit Unsere bisherigen Betrachtungen haben gezeigt, daß diese Rekurse auf
welchen Mitteln sie wirkt.'-Platon betrachtet auch noch Rhythmik und das „Primitive" nicht nur antihistorisch sind, sondern auch nichts Wesent-
Harmonie als „Gottesgaben", die die Menschen den Musen und den Musen- liches zur Lösung der ästhetischen Probleme beitragen. Wenn wir nun zur
führern Apollon und Dionysos als ihren ersten Festgenossen verdanken. 33
tiefen Aussage Goethes über den Rhythmus zurückkehren, so können wir
Und bereits ganz unmythologisch drückt Goethe diese Gefühlsgrundlage aus seinen gemeinsamen Bestrebungen mit Schiller klar ersehen, wie ästhe-
des Rhythmus aus: „Der Rhythmus hat etwas Zauberisches, sogar macht tische Fragen dieser Art wirklich konkretisiert werden können. Schiller ist
er uns glauben, das Erhabene gehöre uns a n . " 34
bei der Arbeit am „Wallenstein" auf das Problem von Prosa und Vers ge-
Daß in unseren Tagen diese Tatbestätide zuweilen ins Mystische zu- stoßen, und bei seiner bedeutenden Abstraktionskraft,besonders imÄsthe-
rückgedreht werden, ist nicht überraschend. Caudwell, mit dessen Ansich- tischen, hat er die eigenen Produktionsschwierigkeiten bis zur Höhe der
ten wir uns bereits auseinandergesetzt haben, sieht in den Künsten, über Rückwirkung des Rhythmus auf den dichterischen Gehalt verallgemeinert.
die der Rhythmus eine sichtbare Elerrschaft ausübt, in Lyrik und Musik, Er schreibt in diesem Sinn an Goethe: „Ich habe noch nie so augenschein-
Rückwendungen zur magischen Periode. „Darum ist die Poesie instinkti- lich mich überzeugt als bei meinem jetzigen Geschäft, wie genau in der
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ver, barbarischer und primitiver als der R o m a n . " Dieser Ausspruch Poesie Stoff und Form, selbst äußere, zusammen hängen. Seitdem ich
wurde keineswegs darum zitiert, weil er besonders treffend wäre. Er ist so- meine prosaische Sprache in eine poetisch-rhythmische verwandle, befinde
gar ganz schief, denn die Tendenz zum Barbarischen und Primitiven, die ich mich unter einer ganz anderen Gerichtsbarkeit als vorher, selbst viele
in der imperialistischen Periode zweifellos einen großen Teil der bürger- Motive, die in der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen
lichen Kunst und Kunsttheorie beherrscht, findet sicherlich nicht ihren schienen, kann ich jetzt nicht mehr brauchen; sie waren bloß gut für den
Gipfel in der Lyrik im Gegensatz zu den epischen Formen oder zur bil- gewöhnlichen Hausverstand, dessen Organ die Prosa zu sein scheint, aber
denden Kunst, sondern ist eine generelle ideologische Erscheinung. Wo- der Vers fodert schlechterdings Beziehungen auf die Einbildungskraft,
bei noch zu bemerken ist, daß das, was wir in der gegenwärtigen Kultur - und so mußte ich auch in mehreren meiner Motive poetischer werden.
oft mit Recht - als barbarisch empfinden, nichts mit einer Rückkehr längst Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muß,
vergangener Zeiten zu tun hat, sondern ein spezifisches, ureigenes Phäno- in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt
men unserer Periode ist. So, um ein krasses Beispiel anzuführen, das ganze, nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen
3
sicherlich barbarische System Hitlers. So schief diese Ansicht Caudwclls wird." "
ist, ist sie jedoch sehr bezeichnend für die Macht derartiger Ideen in un- Wir haben es also hier - in konkreter Form - mit derselben alles erhö-
serer Zeit, besonders, weil Caudwclls Hauptbestreben auf eine marxisti- henden und steigernden Funktion des Rhythmus zu tun wie im früher zi-
sche Analyse der ästhetischen Phänomene gerichtet war. Die Gefahr sol- tierten Aphorismus Goethes. Nur daß dieser bloß die Wirkung, den sub-
cher Tendenzen drückt sich vor allem in der Interpretation allgemeiner jektiven Reflex plastisch zusammenfaßt, während Schillers Betrachtung
Kunstprobleme und ihrer gegenwärtigen Lage aus, indem eine aus der so- auf die Wechselwirkung von Form und Inhalt gerichtet ist; sie geht von
zialen Lage der Intellektuellen in der imperialistischen Periode erwachsene der formalen Funktion des Rhythmus als von etwas Gegebenem aus und
Gefühlsweise als „magisch", „primitiv" ausgelegt und zur Grundlage des untersucht nun prinzipiell, in welcher Weise jeder Gehalt modifiziert (ge-
Wesens und der Genesis der Kunst gemacht wird. Aber nicht geringer ist steigert) werden m u ß . damit seine richtige, organische Einheit mit der
die Gefahr, die Probleme der Genesis durch solche „Introjektioncn" als rhythmischen Form, mit ihren Anforderungen zustande komme. Wir kön-
primitiv getarnte hochmoderne Gefühle zu verzerren und zu verdunkeln. nen hier alle seine sehr interessanten Gedanken unmöglich in extenso zi-
Gerade weil wir - historisch - der magischen Periode in der Genesis des tieren; sie zeigen, wie reich, komplex und inhaltsvoll diese Wechselbezie-
Asth elischen eine beträchtliche Bedeutung zuschreiben, müssen wir uns hungen in jedem konkreten Fall werden. Seine abschließenden Folgerungen
immer wieder gegen solche Theorien verwahren. Bei Behandlung der Or- müssen dennoch angeführt werden, da in ihnen eine tiefe und richtige Zu-
258 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 259

sammenfassung der Beziehung des Rhythmus zum Gesamtgehalt des Zeit seiner Entstehung in ihm naturgemäß nicht einmal im Keime enthal-
Wortkunstwerks enthalten ist, obwohl Schiller hier konkret nur das Drama ten waren.
ins Auge faßt. Das ist für uns bedeutsam, um den ästhetischen „Ort" des Trotzdem ist seine Kontinuität mit den Anfängen keineswegs eine zu-
Rhythmus so genau wie hier möglich zu begreifen. Darüberhinaus weisen fällige oder willkürliche, auch kann sie nicht bloß aus seiner formellen
diese Gedankenreihen auf wichtige Fragen, an die wir erst im nächsten Wesensart begriffen werden. Wenn wir dabei an die eben analysierten Aus-
Kapitel herantreten können: auf die Rolle, die die abstrakten Ele- führungen Schillers denken, so wird klar, daß solche Aufgaben, wie er der
mente und Momente der ästhetischen Form in der Konstituierung der ordnenden Tätigkeit des Rhythmus zuweist, dieser nur ausführen kann,
eigentlichsten, der konkreten künstlerischen Formen, die die Widerspiege- wenn er in bestimmten Beziehungen homogen mit den von ihm geordne-
lung der objektiven Wirklichkeit ästhetisch gewährleisten, spielen. Die ten anderen Elementen der betreffenden Kunstart ist. Es unterhegt nun
Klärung ihres Wesens ist auf dieser abstrakten Stufe, wie wir sehen wer- keinem Zweifel, daß diese im gegebenen Fall (und auch allgemein) Wider-
den, nur eine Vorarbeit, nur eine Reinigung des Terrains, um diese Frage spiegelungen der objektiven Wirklichkeit sind. Will doch Schiller durch
später adäquat stellen zu können. Der ganzen Wesensart unserer Arbeit den bewußt angewendeten Rhythmus gerade erreichen, daß in den heran-
entsprechend, handelt es sich dabei noch nicht um die konkrete Lösung gezogenen Widerspiegelungsbildern eine stärkere Bewegung zum Betonen
der ästhetischen Probleme selbst. Deren unvermeidliche [?] Klärung dient des Wesenhaften entstehe, daß sie ihre ursprüngliche Selbständigkeit
auf dieser Stufe nur dazu, die Genesis der Kunst, ihre Ablösung vom A l l - einander gegenüber als einzelne, heterogene Widerspiegelungsstücke ab-
tagsleben und von seinen anderen Objektivationen in philosophischer streifen und die Homogenität eines einheitlichen dramatischen Stromes
Weise zu erhellen. erringen. Es ist klar, daß nur die Widerspiegelung der Wirklichkeit
Schiller schließt seine diesbezüglichen Mitteilungen an Goethe so ab: eine solche Funktion im Ordnen der Widerspiegelungsclcmente zu einem
„Der Rhythmus leistet bei einer dramatischen Produktion noch dieses unifizierten Abbild der Wirklichkeit i m Kunstwerk zu leisten imstande
Große und Bedeutende, daß er, indem er alle Charaktere und alle Situa- ist.
tionen nach einem Gesetz behandelt und sie, trotz ihres inneren Unter- Die Verwandlung des realen Reaktionsmoments des Rhythmus als
schiedes, in einer Form ausführt, dadurch den Dichter und seinen Leser Moments des Arbeitsprozesses in eine Widerspiegelung war, wie wir ge-
nötiget, von allem noch so Charakteristisch-Verschiedenen etwas Allge- sehen haben, bereits die unerläßliche Voraussetzung für seine Anwendung
meines, rein Menschliches zu verlangen. Alles soll sich in dem Geschlechts- auf verschiedene Gebiete des Alltagslebens; er erhielt aber dort, wie wir
begriff des Poetischen vereinigen, und diesem Gesetz dient der Rhythmus ebenfalls hervorgehoben haben, gedanklich vorerst eine magische U m -
sowohl zum Repräsentanten als zum Werkzeug, da er alles unter seinem hüllung. In dieser waren aber bereits die Keime seiner ästhetischen Funk-
Gesetze begreift. Er bildet auf diese Weise die Atmosphäre für die poe- tion objektiv enthalten, ja gerade hier tritt bereits sein spezifischer Charak-
tische Schöpfung, das Gröbere bleibt zurück, nur das Geistige kann von ter als ästhetische Kategorie immer deutlicher hervor. Erstens sein forma-
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diesem dünnen Element getragen werden."- Schiller weist i n diesen Be- ler Charakter. Der Rhythmus ist nunmehr zwar eine Widerspiegelung der
trachtungen vor allem auf drei wichtige Wirkungen des Rhythmus in kom- Wirklichkeit, jedoch nicht die ihrer konkreten Inhalte, vielmehr und im
plexen, gehaltvollen, inhaltserfüllten Kunstgebilden hin. Erstens auf seine Gegensatz dazu die jener bestimmten wesentlichen Formen, die solche In-
vereinigende, inhaltlich Heterogenes homogenisierende Funktion, zwei- halte objektiv gliedern und ordnen, die sie für den Menschen brauchbar,
tens auf seine Bedeutung in der Auswahl des Gewichtigen, im Ausschei- nützlich machen. Auch in dieser Ausbreitung und Verallgemeinerung spielt
den des nebensächlichen Details; drittens auf seine Fähigkeit, eine ein- die Magie eine gewisse Rolle. Sie entfernt die widergespiegelten Rhyth-
heitliche ästhetische Atmosphäre für das Ganze eines konkreten Werks zu men immer stärker von ihrem realen Ursprung, wendet sie auf neue For-
schaffen. Die bloße Aufzählung solcher Gesichtspunkte reicht hin, um zu men von Bewegungen, Gesängen etc. an, schafft dadurch neue Variatio-
sehen, wie weit sich der Rhythmus als konkretes Moment einer konkre- nen und Kombinationen zwischen ihnen, ohne deshalb ihre ordnende
ten gestalterischen Totalität von seinen einfachen abstrakten Ursprüngen Funktion aufzugeben oder abzuschwächen. Ja im Gegenteil, gerade die
entfernt hat, wie er nunmehr Funktionen zu erfüllen berufen ist, die zur magische Bindung, das Zeremonienhafte an ihr betont noch stärker, dies-
260 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 261

mal aber nicht aus sachlichen Gründen, sondern gefühlsbetont, Gefühle denzen, die ebenfalls desanthropomorphisierend wirken. Der konkret-
erweckend, evokativ, im Rhythmus das Prinzip einer vom Menschen be- besondere Rhythmus selbst - als ästhetische Kategorie - ist dagegen rein
jahten, sein Selbstbewußtsein erweckenden und erhöhenden Ordnung. anthropomorphisierend. Er entsteht aus der Wechselbeziehung des arbei-
Dabei ist noch zu betonen, daß dieses immer energischere Erscheinen des tenden Menschen mit der Natur, vermittelt durch deren gesellschaftliche
Rhythmus als Form eine Form von inhaltlich (magisch-inhaltlich) be- Beziehungen miteinander, und soweit in der Entwicklung der Kunst rhyth-
stimmten Zielsetzungen ist; je konkreter diese als solche determiniert sind, mische Beziehungen entdeckt werden, die unabhängig vom Menschen und
desto stärker tritt der formale Charakter des Rhythmus hervor. D a ß diese seinem Bewußtsein existieren, werden sie - als Gegenstände oder Aus-
Bindung an die Magie sehr oft zu einer Erstarrung ins streng vorgeschrie- drucksmittel der Kunst - entsprechend anthropomorphisiert, auf den Men-
bene Zeremonienhafte führt, ist unbestreitbar. Das ändert aber nichts an schen, auf das Menschengeschlecht bezogen (Tag und Nacht, Jahreszeiten
ihrer Bedeutung als Überleitung, als Übergang, nur daß dieser nicht gerad- etc.). U n d wenn i m Laufe der Entwicklung der Mensch an sich selbst
linig, sondern kampfvoll sein muß. Eine ähnliche Bewegung von der be- Rhythmen physiologischen Charakters bewußtmacht und ästhetisch aus-
sonderen künstlerischen Inhaltlichkeit zur klaren Befestigung des forma- wertet (Atmen, Puls etc.), so dienen sie der Verfeinerung, der Differenzie-
len Charakters tritt - mit allen Widersprüchen, die wir früher analysiert rung, der Weiterbildung von bereits entstandenen Rhythmen, ohne deren
haben - in Erscheinung, wenn die gesellschaftliche Entwicklung die beson- Grundcharakter entscheidend zu verändern; hauptsächlich, weil sie schon
dere Gestalt des Ästhetischen herausarbeitet. Es handelt sich also um einen längst - in unbewußter Weise - an der Gestaltung des Rhythmischen mit-
langwierigen Prozeß mit einigen Knotenpunkten, ja Sprüngen, bis aus der beteiligt waren.
Wirklichkeit des Rhythmus im Arbeitsprozeß ein wichtiges, abstrakt- Darum hat jeder Rhythmus, der ästhetisch in Betracht kommt, einen
formales Element der künstlerischen Widerspiegelung der Wirklichkeit emotionalen, evokativen Charakter. Dieser ist schon in der Realität, im
wird. Arbeitsprozeß keimhaft vorhanden, jedoch bloß als spontanes Nebenpro-
Indem etwas in der Wirklichkeit sich unzählige Male Wiederholendes in dukt. Erst wenn dieser Rhythmus - als Widerspiegelung einer Form, eines
seinen dauernden Momenten durch die Widerspiegelung fixiert und immer Formungsprozesses im oben angegebenen Sinn - bewußt angewendet wird,
erneut auf neue Tatsachen und Komplexe angewendet wird, geschieht wird diese Evokation zum Ziel, und seine ursprünglich rein kausale Ver-
etwas dem Ähnliches, was Lenin über die Schlußformen als Widerspiege- ursachtheit kehrt sich ins Teleologische um. Natürlich ist auch die Arbeit
lungen der Wirklichkeit genial ausgesagt hat [234]. Jedoch ist dieser selbst teleologisch, in ihr jedoch ist das reale Arbeitsprodukt das Ziel eines
Widerspiegelungscharakter einer Form, eines mannigfaltig anwend- realen Arbeitsprozesses, in dem der Rhythmus nur ein Hilfsmittel ist; in
baren Prinzips hier von qualitativ anderer Art als das von Lenin beschrie- der Widerspiegelung dagegen (auch wenn die Arbeit selbst etwa im Tanz
bene - logische - Phänomen. Eine echtere Analogie dazu bildet der nachgeahmt wird) wird die Evokation zum Telos. Dieser Übergang be-
Rhythmusbegriff der Prosodie; wir haben aber sehen können [253], ginnt sich schon in der Magie zu vollziehen. So jedoch, d a ß das, was in
daß dieser nicht in seiner reinen Wesenheit für die ästhetische Praxis in unserer Analyse als Ziel erschien, nur als Sprungbrett, als einem höheren
Betracht kommt, sondern der inhaltdurchdrängte, konkret-besondere Ziele dienendes Zwischenziel gesetzt wird. Hier ist also das Ästhetische
Rhythmus selbst. Unsere früheren Betrachtungen haben aber auch ge- bereits an sich vorhanden; um sein echtes Fürsichsein zu erringen, muß es
zeigt, daß der prosodische „Begriff" des Rhythmus nicht einfach eine die transzendente Umklammerung abreißen, muß [es] die Evokation des
außerästhetische Abstraktion ist. Der endgültige Rhythmus eines Werks menschlichen Selbstbewußtseins als allein wahres, als - in diesen Zusam-
ist das Ergebnis einer widerspruchsreich-kampfvollen Einheit beider menhängen - „letztes" Ziel setzen. Die Entstehung des Ästhetischen ist
Momente. also auch hier ein Säkularisieren, ein Irdischmachen, ein In-den-Mittel-
Dieser Unterschied leitet zum zweiten Gesichtspunkt über. Der Rhyth- punkt-Rücken des Menschen. Das anthropomorphisierende Prinzip ist hier
musbegriff der Prosodie (oder der Musiktheorie etc.) hat in seinem keine Beschränkung des Horizonts, kein Mangel, keine falsche Projek-
begrifflichen Wesen etwas von der Wesensart anderer Begriffe, gehört tion in eine magisch-fiktive Objektwelt, sondern die Entdeckung einer
insofern auch in die Zusammenhänge einer Wissenschaft, enthält also Ten- neuen Welt, die des Menschen für den Menschen.
262 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Rhythmus 263

Wir mußten in den letzten Bemerkungen wieder vorgreifen. U n d zwar Eigenart der ästhetischen Form gerade darin besteht, stets Form eines be-
im doppelten Sinne. Einerseits mußte auf das allgemeine Wesen des Ästhe- stimmten Inhalts zu sein. Diesem Prinzip gegenüber können auch die ab-
tischen, wenigstens abstrakt, hingewiesen werden, ohne vorläufig den gan- strakten Elemente dieser Form - letzten Endes - keine Ausnahme bilden.
zen Prozeß der jeweiligen Entstehung der Kunst aus der Tiefe und Fülle Sobald ihnen eine solche Verbindung zum - stets einmalig konkreten -
des Alltags und ihres Zurückströmens in diese auch nur andeuten zu kön- künstlerischen Gehalt fehlt, tritt die oben angezeigte Erstarrung unfehlbar
nen; der Begriff des Ästhetischen mußte also zu eng und zugleich zu all- ein. U n d es sei hier nur nebenbei bemerkt, daß darin sich zugleich die K o n -
gemein gefaßt werden. Andererseits mußte er auch zu weit genommen tinuität in der Entwicklung des Rhythmus aus der Arbeit, aus der Praxis
werden. Denn wir sprachen ja eben von der Kunst im allgemeinen und der Menschen ausdrückt. Auch dort entsteht er aus einer konkreten Wech-
nicht speziell über das ästhetische Wesen des Rhythmus als über ein ab- selwirkung zwischen den konkreten Fähigkeiten des Menschen und den
straktes, formelles Teilmoment des Ästhetischen. Nach dem bisher Aus- konkreten Eigentümlichkeiten bestimmter Naturvorgänge. Sobald die A r -
geführten können wir dieses kurz so zusammenfassen: Der Rhythmus ist - beit - wie wir gesehen haben, mit der Herrschaft der Maschine - nicht mehr
eben als abstrakt-formelles Teilmoment - objektiv weltlos, wenn auch der konkret vom Menschen aus bestimmt ist, hört der Rhythmus auf, in die-
Möglichkeit nachweltbezogen, weltenordnend; subjektiv angeschen, sub- sem Sinne zu existieren und zu wirken, obwohl-rein objektiv angesehen,
jektlos, wenn er auch in seiner Intention evokativ stets auf das Subjekt ge- begrifflich betrachtet - die Maschine ebenfalls einen Rhythmus der Bewe-
richtet ist. Erst damit haben wir das Wesen solcher abstrakten Momente gungen haben kann. (Daß dieser ebenfalls unter Umständen künstlerisch
des Ästhetischen einigermaßen umrissen. Weltlosigkeit und Subjektlosig- gestaltet werden kann, soll nicht bestritten werden. Er ist aber dann aus
keit sind die inhaltlichen Kennzeichen eines Gebildes formaler Art. (Hier einer das Objekt bestimmenden Form in ein Objekt der künstlerischen
ist von Weltlosigkeit im allgemein ästhetischen Sinne die Rede, als Charak- Formung auf der Grundlage der anthropomorphisierenden Rhythmen-
teristik abstrakter Formungsmomente. Es gibt natürlich Fälle in der Ent- entwicklung verwandelt worden.)
wicklung der Kunst, in denen Kunstformen, die ihrem Wesen nach eine Die Betonung der allgemein ästhetischen Seite des Rhythmus reicht je-
„Welt" gestalten sollen - Epik, Dramatik, Malerei etc. - , infolge bestimm- doch zu seiner vollständigen Bestimmung noch nicht aus. Wir mußten die
ter abstraktiver Tendenzen ihrer Periode weltlos werden. Diese Möglich- ästhetische Seite seiner Weltlosigkeit und Subjektlosigkeit energisch her-
keit mußte hier kurz erwähnt werden, um eine Verwechslung der Welt- vorheben. Dadurch sind aber seine ästhetischen Bestimmungen keines-
losigkeit des Rhythmus mit dieser anderen zu vermeiden.) wegs aufgehoben, sondern bloß näher bestimmt. Weltlosigkeit bedeutet,
Deshalb sind diese Elemente des Ästhetischen einer desanthropomor- mit diesen Einschränkungen, also soviel, daß der Rhythmus als Wider-
phisierenden, wissenschaftlichen Betrachtung am direktesten zugänglich. spiegelung eines formalen Moments der Welt diese inhaltlich nicht in sich
Deshalb können sie auch am leichtesten formalistisch erstarren. Dies kann begreifen kann. Er ist in einem gewissen Sinne inhaltlos, d.h. - abstrakt
bereits in der magischen Entstehungsperiode, vor dem Selbständigwerden angesehen - auf beliebige Inhalte formal beziehbar. Jedoch erstens ist diese
des Ästhetischen geschehen, indem ein zeremonienhafter Formalismus das Möglichkeit der Beziehung zu einem Inhalt zugleich ein Imperativ; ohne
spontan Evokative niederhält, in Routine verwandelt, seine Entfaltung eine solche Beziehung ist der Rhythmus ästhetisch nicht vorhanden. Zwei-
hemmt. Jedoch auch die spätere Kunstgeschichte zeigt, wie leicht die - tens muß die abstrakte Bestimmung der Beziehbarkeit auf beliebige In-
nicht unbedingt von der unmittelbaren künstlerischen Praxis ausgehende - halte dahin konkretisiert werden, daß zwar aus der Analyse eines Rhyth-
Verallgemeinerung und Systematisierung des rhythmischen Ausgangs- mus für sich niemals herausgebracht werden kann, auf welche Inhalte er
punkts zu einer akademistischen Erstarrung, zu einer bloß formalen, im anwendbar ist; daß aber in jedem einzelnen konkreten Fall der Inhalt eine
tiefsten Sinne antikünstlerischen Virtuosität werden kann. Die Gründe deutliche und eindeutige Affinität zu einem bestimmten Rhythmus hat.
derartiger Phänomene sind sehr geeignet, das Wesen des Rhythmus als spe- Weltlosigkeit bedeutet also Inhaltlosigkeit im hier dargelegten Sinn, ge-
zifische, abstrakte, ästhetische Form zu erhellen. Es wurde schon wieder- paart mit einer bestimmten unaufhebbaren, wenn auch a priori nicht be-
holt ausgesprochen, und es wird in den späteren, konkreteren Darlegungen stimmbaren, passiven, vom Inhalt ausgehenden Intention zu je einem ganz
eine ausschlaggebende Rolle spielen, daß das entscheidendste Merkmal der konkret bestimmten Rhythmus.
264 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 265

Sehr ähnlich ist es um die Subjektlosigkeit des Rhythmus bestellt. Auch erhobenen Form in der Ornamentik auftreten. Dann sind sie aber auch
hier ist diese Art der Widerspiegelung einer Form an sich unabhängig vom nur Teilmomente jener dialektischen Widersprüchlichkeit, die das Wesen
schaffenden und rezeptiven Subjekt. Aber auch hier ist diese Unabhängig- der Ornamentik in der Ästhetik bezeichnet.
keit nicht erkenntnistheoretischer Art wie in der Wissenschaft, sondern in- Die Verschiedenheit dieser abstrakten Kategorien vom früher behandel-
volviert ebenfalls eine gewisse Intention auf die Subjektivität: auf die Evo- ten Rhythmus zeigt sich auch darin, daß jene weitaus offensichtlicher in der
kation bestimmter konkreter Gefühle, Empfindungen etc., und zwar vom Menschen unabhängig existierenden Natur vorhanden sind als die-
für das schöpferische wie für das rezeptive Subjekt. Die Intention ist ser. Es wäre sogar sehr naheliegend, in ihnen ausschließlich eine Widerspie-
jedoch keine direkte, sondern wird durch die zu formenden Inhalte vermit- gelung solcher in der Natur vorhandenen, durch Naturgesetze hervor-
telt, aber so, daß die Form nicht in dem Sinne restlos mit dem von ihr ge- gebrachten Verhältnisse zu erblicken, wie sie auch in der wissenschaftlichen
formten Inhalt verschmilzt wie in den eigentlichen mimetischen Formen, Widerspiegelung der Wirklichkeit so vorkommen. Die Gefahr, die aus
sondern bei der Notwendigkeit einer konkreten und organischen Einheit, einer solchen allzu unmittelbaren Fassung der Widerspiegelungslehre in
bei dem Erlebniszwang einer aus dem Gehalt herauswachsenden Form bezug auf derartige Gegenstände erwächst, scheint zunächst nur das Pro-
doch eine gewisse - evokativ wirkende - Selbständigkeit als Moment be- blem der Genesis zu betreffen: Ästhetische Gefühle, die erst auf höher ent-
wahrt. Die für die Ästhetik ausschlaggebende Einheit von Form und In- wickelten Stufen der Kultur entstehen können, werden auf diese Weise in
halt erscheint mithin in einer modifizierten, beschränkteren Weise. Das ist die Ursprünge hineinprojiziert. Die konkreten Gefahren, die daraus ent-
ein wesentliches Kennzeichen aller abstrakten Formen als Widerspiege- springen, können wir erst bei der Analyse der Ornamentik eingehend be-
lungen bestimmter, isolierbarer, formaler Momente der Wirklichkeit. Die handeln.
für die Ästhetik außerordentlich große Bedeutung dieser Wesensart der Hier muß nur eine methodologische - ebenfalls vorwegnehmende -
abstrakten Formen werden wir detailliert erst in der Analyse der Orna- Bemerkung gestattet werden, die vielleicht auch darum erlaubt ist, weil sie
mentik behandeln können, wo solche abstrakte Formen nicht mehr als in unseren bisherigen Betrachtungen wenigstens implizite enthalten war:
bloße Momente eines - nicht abstrakten - Komplexes auftreten, sondern nämlich daß das theoretische Gewicht der Genesis in der künstlerischen
sich zu selbständigen Kunstformen zu organisieren imstande sind. Widerspiegelung der Wirklichkeit ein qualitativ anderes ist als in der wis-
senschaftlichen. Der Unterschied hängt mit der bereits angedeuteten struk-
turellen Historizität jener Gebilde, die die künstlerische Widerspiegelung
II Symmetrie und Proportion schafft, zusammen: Ist das Kunstwerk seinem objektiven Wesen nach
historisch, d.h., ist seine konkrete Genesis ein objektiver, nicht wegzuden-
Vom philosophischen Standpunkt aus bieten die Probleme von Symme- kender Bestandteil seines ästhetischen Wesens als Kunstwerk, so lassen sich
trie und Proportion viel weniger Schwierigkeiten als diedesRhythmus. Vor Genesis und ästhetische Eigenart nicht in jener genauen Weise trennen wie
allem deshalb, weil sie zwar ebenfalls abstrakt-formale Widerspiegelungen in der Wissenschaft, wo der Wahrheitsgehalt eines Satzes, einer Theorie
bestimmter, wesentlicher und wiederkehrender Momente der objektiven etc. sachlich nichts mit den Umständen seiner Entstehung zu tun hat. Wir
Wirklichkeit sind, in der menschlichen Praxis und insbesondere in der künst- können den historischen Gesichtspunkt gegebenenfalls als Erklärung ihrer
lerischen jedoch niemals mit jener - relativen - Selbständigkeit auftreten unvollständigen Annäherung an die richtige Widerspiegelung der objek-
können, die wir beim Rhythmus feststellen mußten. Sie bleiben stets bloße tiven Wirklichkeit erfolgreich heranziehet!. Damit wird jedoch die Kern-
Momente eines Komplexes, dessen entscheidende Aufbauprinzipien nicht frage der wissenschaftlichen Wahrheit nicht berührt. Darin kommt aber,
abstrakter Wesensart sind. Damit fällt bei ihnen die ganze komplizierte wie wir gesehen haben, viel mehr als eine bloß verschiedene Proportionali-
Dialektik des - relativ - selbständig wirkenden Moments weg, sie müssen tät im Verhältnis von Theorie und Geschichte zum Vorschein; der Unter-
nur als Momente untersucht werden. In bestimmtem Sinne und gleichzei- schied hat vielmehr eine wichtige Bedeutung für sämtliche Probleme beider
tig auf höherer Stufe kehren diese Probleme wieder, wenn Symmetrie Arten der Widerspiegelung der Wirklichkeit. Die hier ausschlaggebenden
und Proportion als Momente einer abstrakt-totalen, zur Werkhaftigkeit Fragen können wir erst später behandeln, dort, wo wir auf das Verhältnis
266 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 267

des Ansich zum Füruns in beiden Arten der Widerspiegelung zu sprechen mus in der Französischen Revolution in sehr breitem Maße gerade das
kommen. Jetzt mag uns der erneute Hinweis auf den anthropomorphisie- Linke die Wertbetonung des Richtigen, Fortschrittlichen etc. erhält. Hier
renden Charakter der ästhetischen Widerspiegelung genügen. Wir haben sind freilich rechts und links schon stark entsinn lichte, allgemeine Begriffe
bereits gesehen und werden; je weiter wir in der Konkretisierung seiner geworden, in denen nur äußerst abgeblaßte Erinnerungsbilder der ur-
Wesensart kommen, desto deutlicher erkennen, daß das anthropomorphi- sprünglichen, unmittelbar-sinnlichen Erlebnisse von rechts und links sich
sierende Prinzip in der Ästhetik - und nur in ihr - keine Subjektivierung - erhalten haben.
nicht einmal im Sinne einer gesellschaftlich notwendigen wie in der Reli- Daß es sich aber bei rechts und links nicht nur um bloße Assoziationen
gion - bedeutet, sondern eine eigenartige Objektivität, die freilich un- allegorischen Charakters handelt, zeigen die außerordentlich interessan-
zertrennlich mit der menschlichen Gattung als Gegenstand und Subjekt ten Aufsätze Wölfflins über diese Frage. Wölfflin wirft das Problem von
des Ästhetischen verbunden ist. rechts und links für die Komposition der Malerei auf, und auch dort nur
Dieses Anthropomorphisieren ist ein grundlegendes Phänomen für die von einer bestimmten Entwicklungsstufe an. In ihr erhält die Bewegung des
Symmetrie, soweit sie für die Ästhetik in Betracht kommt. Schon Hegel Auges beim Beschauer, d.h. die ästhetische Wirkung der Komposition,
hat festgestellt, daß, objektiv angesehen, zwischen den Raumkoordinaten, eine ausschlaggebende Bedeutung auch dann, wenn das Bild im wesent-
die wir mit den Ausdrücken Höhe, Länge, Breite bezeichnen, an sich kei- lichen symmetrisch aufgebaut ist. Wölfflin illustriert diesen Gedanken an
ne Unterschiede sind. „Die Höhe", führt er weiter aus, „hat ihre nähere der Sixtinischen Madonna und an Holbeins Darmstädter Marienbild. Diese
Bestimmung an der Richtung nach dem Mittelpunkt der Erde; aber diese Bedeutung steigert sich noch, wenn die Komposition nicht symmetrisch
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concretere Bestimmung geht die Natur des Raums für sich nichts a n . " A n ist. Wölfflin beschreibt das wesentliche Erlebnis, das sich hier aus der K o m -
sich ist dies eine allgemein geozentrische und nicht speziell auf den Men- position ergibt, folgendermaßen: „Im weiteren Verlauf solcher Beobach-
schen bezogene Konstellation. Sie erlangt ihre Besonderheit erst mit dem tungen ergibt sich dann, daß wir durchweg von steigenden und fallenden
aufrechten Gang des Menschen, worin, wie Darwin und Engels zeigen, ein Schräglinien zu reden Anlaß haben. Was im Sinn der Links-Rechts-Dia-
entscheidendes Trennungsmerkmal vom tierischen Zustand in Erschei- gonale läuft, wird als Steigen, das entgegengesetzte als Fallen empfunden.
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nung tritt. Wie sehr dadurch alle Beziehungen zur Wirklichkeit, zur N a - Dort sagen wir (wenn sonst nichts dagegen spricht): die Treppe führt hin-
tur umgestaltet werden, zeigt sich schon darin, daß überall, wo die Symme- auf, hier: die Treppe führt hinab. Die gleiche Berglinie wird sich empor-
trie in der menschlichen Produktion zum Vorschein kommt, ein Vorherr- ziehen, wenn die Höhe rechts liegt, und wird sich senken, wenn die Höhe
schen der vertikalen Achse vor der horizontalen zu beobachten ist. So sagt links liegt (daher auf Abendlandschaften so häufig die Abdachung des Ber-
Boas: „In der weitaus größten Zahl der Fälle von symmetrischen Arran- 42
ges von links nach rechts hin)." Es kommt für uns hier nicht darauf an,
gements finden wir solche als rechts und links von der vertikalen Achse, ob es Wölfflin gelungen ist, ein allgemeines Kompositionsgesetz der M a -
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viel seltener die von über und unter einer horizontalen." lerei auszusprechen; er selbst äußert sich darüber sehr vorsichtig, indem
Hier ist bereits ein weiteres wichtiges Moment ausgesprochen, das von er nachdrücklich hervorhebt, „wenn sonst nichts dagegen spricht"; er
rechts und links. Weyl hebt in seinem interessanten Buch über Symmetrie versäumt auch nicht, hinzuzufügen, daß seine Beobachtung auf bestimmte
mit Recht hervor, daß, wissenschaftlich angesehen, naturgemäß nicht der Kunstgattungen beschränkt ist: „Für die Architektur spielt das Problem
geringste Unterschied zwischen rechts und links vorhanden sein kann. D a - des Rechts und Links im dargelegten Sinne keine Rolle, für die darstel-
gegen entsteht in der menschlichen Gesellschaft ein sehr scharfer Unter- lende Kunst erst von einer bestimmten Entwicklungsstufe und auch dann
schied, ja Gegensatz zwischen ihnen, sie entwickeln sich zu Symbolen von 43
nicht gleichmäßig." Aber die Analyse von sonst sehr verschiedenen
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gut und b ö s e . Sie werden aber nicht nur einfach symbolisch wertbetont; Kunstwerken - ich verweise nur auf eine Landschaft Rembrandts, auf die
die bisher angedeutete Symbolik könnte an und für sich nur eine an rechts Beziehung der Raffaelschen Kartons zu den ausgeführten Teppichen -
und links assoziierte Allegorik sein (und ist es auch in vielen Fällen). Als zeigt, daß es sich hier zumindest um ein nicht zu vernachlässigendes Par-
solche kann sie sogar umgekehrt werden. M a n denke an das - freilich mo- tialphänomen der Bildkomposition handelt, nämlich „daß die rechte Bild-
derne Beispiel von rechts und links in der Politik, wo seit dem Jakobinis- 44
seite einen anderen Stimmungswert hat als die l i n k e " .
Symmetrie und Proportion 269
268 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit

Gebrauch mit der rechten, teils für den mit der linken zugeschliffen waren,
Für unsere Zwecke reicht soviel vollkommen aus. Denn es sollte hier
bloß angedeutet werden, daß die objektive Symmetrie der Natur, sobald daß eine Bevorzugung der rechten Hand in der Steinzeit nicht nachweisbar
sie durch die Praxis in menschliche Widerspiegelung einbezogen wird ist. Diese sei erst in der Bronzezeit entstanden. Die Frage ist jedoch, soweit
(diese m u ß keineswegs unbedingt eine künstlerische sein), stark variieren- mir als Nichtfachmann bekannt, heute noch so stark umstritten, daß es
den Tendenzen unterworfen wird. Die Wirkung dieser geht keinesfalls so sehr gewagt wäre, Folgerungen zu ziehen. U m so mehr, als, wie es scheint,
weit, die Symmetrie überhaupt aufzuheben. Diese bleibt bestehen, ihre die für die europäische Kunst sehr plausible Hypothese Wölff lins in bezug
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ästhetische Widerspiegelung nimmt aber - und zwar, je entwickelter die auf die orientalische Kunst stark bezweifelt wird. Wir können also nicht
Kunst wird, desto stärker - den Charakter einer modifizierenden Annä- einmal darüber etwas auch nur einigermaßen Wahrscheinliches aussagen,
herung an. Bei dieser Bestimmung sind beide Termini gleich wichtig. Denn ob es sich hier um eine rein physiologische oder um eine gesellschaftliche,
die Annäherung ist hier nicht wie in der Wissenschaft der Versuch, immer die physiologische Disposition durch die Arbeit modifizierende Tendenz
näher zum Gegenstand zu kommen, sondern bleibt mit künstlerischer A b - handelt.
sicht auf einer bestimmten Stufe stehen; auf einer Stufe, die die Symmetrie Jedenfalls ist aber hier der grundlegende Widerspruch zwischen abstrakt-
als solche für den Zuschauer sichtbar und erlcbbar macht, jedoch derartig geometrischen Kategorien wie Symmetrie und den Auf baugesetzen des or-
gewichtige Modifikationen, Abweichungen einfügt, daß die Symmetrie ganischen Lebens sichtbar geworden. Weyl zeigt in seinem Buch mit Recht
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niemals in ihrem wirklichen und konsequent ausgedrückten Wesen zur die Tendenz zur Asymmetrie im Dasein des Organismus auf. Es han-
Geltung gelangt, sondern zu einer bloßen - freilich wichtigen - Kompo- delt sich hier um einen echten Widerspruch. Denn ebenso wie in der an-
nente der konkreten Bildtotalität wird. organischen Welt die Gesetze der Materie symmetrische Gebilde hervor-
Natürlich gibt es, vor allem in der Ornamentik, Beispiele einer folge- bringen, so vor allem die Kristalle, über die Ernst Fischer - in richtiger Pole-
richtig durchgeführten Symmetrie, z.B. im sogenannten Wappenstil, wo mik gegen idealistische Auffassungen - auseinandersetzt, daß auch hier
Tiere, Pflanzen, sogar Menschen in voller Entsprechung, ohne das hier er- der Inhalt (Struktur und Bewegungsgesetze der Atome) die Form und
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örterte Rechts-links-Problem auch nur anzuschneiden, rein dekorativ ab- nicht umgekehrt die Form den Inhalt bestimmt, '' müssen die Fragen der
gebildet werden. Es ist klar, daß daraus nur eine denkbar abstrakte, sehr Morphologie auf organischem Niveau nach den objektiven Gesetzen der
geringe Variationen, Entwicklungsmöglichkeiten zulassende Gestaltungs- Materie beurteilt werden. Hier tritt nun ein echter Widerspruch zutage,
tendenz entspringen konnte. Sie spielt deshalb in den Anfängen vor allem daß nämlich der Organismus gleichzeitig und in untrennbarer Weise sym-
der orientalischen Kunst eine nicht unbeträchtliche Rolle. Später wird der metrisch und asymmetrisch ist. Eine ausführliche Behandlung dieser Frage
Wappenstil zum Zeichen der Erstarrung, des Niedergangs. Ein in bezug auf gehört naturgemäß nicht hierher. Bestimmte ihrer Konsequenzen wurden
eventuelle Unterschätzungen solcher Tendenzen derart unverdächtiger bereits bei Gelegenheit der Rechts-links-Frage gestreift. Wir verweisen also
Zeuge wie Riegl sagt darüber: „DasPrinzip des Wappenstils, die absolute bloß auf ein Beispiel, das für die spätere Kunst von höchster Wichtigkeit
Symmetrie hat in der späten Antike überhaupt eine sehr maßgebende Rolle ist, auf die gleichzeitig symmetrische und asymmetrische Wesensart des
gespielt, was vielleicht mit der sinkenden Schaffenskraft im Kunstleben menschlichen Gesichts. Die Tatsache ist jedem bekannt. Und wer sich die
dieser Zeit zusammenhängt, da die hellenistische Kunst noch die relative Mühe genommen hat, die echte Physiognomie eines Menschen mit jenen
Symmetrie in der Dekoration beobachtete und die Langweiligkeit der ab- Bildern zu vergleichen, die man aus der Verdoppelung und Gleichmachung
soluten Symmetrie nach Möglichkeit vermied." 45 je einer Gesichtshälfte zusammenstellt, wird unschwer sehen, daß einer-
seits diese Konstruktionen im Gegensatz zur Lebendigkeit des wirklichen
Aus alledem können aber, im Gegensatz zum Rhythmus, kaum auch
Gesichts eine unaufhebbare physiognomische Starrheit erhalten, daß an-
nur einigermaßen sichere Schlüsse auf das Problem der Genesis gezogen
dererseits die beiden Kombinationen sowohl untereinander wie im Ver-
werden. D a ß die Bevorzugung der rechten Seite mit der Arbeit, mit der
gleich zum Original in bezug auf Ausdruck völüg verschieden sind. Ohne
Rolle der rechten Hand in ihr zusammenhängen mag, scheint auf den er-
irgendeine Analyse der hier möglichen und auftauchenden Fragen auch
sten Blick ziemlich plausibel. Dafür spricht die Ansicht Paul Sarasins, daß
nur zu versuchen, ist schon der so abstrakt gestreifte Tatbestand hinrei-
die keilförmigen Steinchen und Faustkeile der Steinzeit noch teils für den
270 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 271

chend, um einzusehen, daß jedes menschliche Gesicht (und darum natür- mit Messung, mit Geometrie, mit Anlehnungen an Euklid etc., jene Pro-
lich auch seine künstlerische Widerspiegelung) im ganzen wie in allen De- portionen aufzudecken, deren bildnerische Darstellung die Schönheit des
tails die dialektische Einheit des Widerspruchs von Symmetrie und Asym- so Gestalteten garantieren könnte. Es kann hier ebensowenig wie in den
metrie als bewegenden Faktor in sich enthält, daß die künstlerische Lö- bisher behandelten Fällen unsere Aufgabe sein, diese Problematik ausführ-
sung nicht in einer Aufhebung dieses Widerspruchs, sondern in seinem das lich zu behandeln. Es genügt, wenn wir auf den sogenannten Goldenen
ganze Kunstwerk fundierenden, möglichst vielseitigen und vollständigen, Schnitt hinweisen und nur beiläufig bemerken, daß die Proportionalitäts-
alle Details umfassenden Durchführen besteht; wobei naturgemäß die studien bedeutender Künstler wie Leonardo oder Dürer einen viel umfas-
künstlerische Widerspiegelung beide Seiten des Widerspruchs stärker be- senderen Problemkreis zu bewältigen bestrebt waren.
tont als die Wirklichkeit selbst. Die Symmetrie wird und kann hier nicht Ohne Frage ist die Proportion eine Widerspiegelung der objektiven Wirk-
einfach aufgehoben werden; sie erscheint überall als eine Seite, als ein M o - lichkeit. Wenn unsere Existenz sich nicht in einer Welt voll von ihren ob-
ment des grundlegenden Widerspruchs; sie ist nur im Sinne der oberfläch- jektiven Existenzbedingungen entsprechend proportionierten Lebewesen
lichen Anschauung vom rein symmetrischen Charakter des Menschen- und Dingen abspielen, wenn die einfachste Arbeitspraxis nicht zeigen
gesichts aufgehoben. Das heißt, es entsteht hier ein echter Widerspruch im würde, daß kein brauchbarer Gegenstand hergestellt werden kann, der
Sinne von Marx, daß nämlich die Widersprüche nicht aufgehoben werden, nicht im engsten Zusammenhang mit seiner Nutzbarkeit, dem Zweck sei-
wohl aber ihr Zusammen die Form schafft, „worin sie sich bewegen kön- ner Produktion, richtig proportioniert sein müßte, so wäre die Vorstellung
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nen" . der Proportion wohl nie entstanden. Wie stark die Vermittlungsrolle der
Eine Widersprüchlichkeit verwandter Art beherrscht das Problem der Arbeit in der Entdeckung der Proportionalität der nicht vom Menschen
Proportionalität. Die Übergänge von einem Problem zum anderen sind geschaffenen Welt wirksam gewesen ist, werden wir wohl nie mit voller
in der Praxis oft ganz unmerklich. Verständlicherweise; denn sobald die Sicherheit wissen. Der Zusammenhang ist hier - ebenso wie bei der Sym-
eben geschilderte Dialektik der Symmetrie zum Vorschein kommt, sobald metrie - weniger faßbar als im Falle des Rhythmus. Dazu kommt, daß so-
diese aufhört, absoluter Kanon zu sein - und dies geschieht sehr früh, nicht wohl Symmetrie wie Proportion so wichtige Momente der Morphologie
nur in der direkten Wiedergabe der Gegenstände der Außenwelt, sondern der Lebewesen, darunter auch des Menschen, sind, daß es naheliegt, an-
auch in der Ornamentik selbst - , müssen andere, ergänzende Regeln auf- zunehmen, ihre Wirkung auf das Erkenntnis- und Schaffensinteresse sei
gefunden werden, die ein Ordnen der Erscheinungswelt, eine Unterschei- eine direkte, keiner Vermittlungen bedürftige gewesen. Solche Erklärun-
dung des Richtigen und Falschen in ihr ermöglichen. So ist es auch mit gen sind sehr häufig. Ihre Quelle in der modernen bürgerlichen Kunsttheo-
der Proportionalität bestellt. Dazu ist aber zu bemerken, daß ihr Problem rie ist die Scheu davor, in der Widerspiegelung der Wirklichkeit das we-
einerseits gerade daraus entspringt, daß das Ordnen der Widerspiegelung sentliche Moment der Arbeit anzuerkennen. Besonders radikal formuliert
der Wirklichkeit über die bloße und an sich sehr einfache Symmetrie hin- diese Anschauung Worringer. Dabei ist es methodologisch nicht aus-
ausgeht und rational faßbare Prinzipien sucht, die die objektive und er- schlaggebend, daß in der zitierten Stelle seine Polemik sich gegen die A b -
scheinende Gesetzlichkeit von unmittelbar inkommensurabel vorkom- bildung der geometrischen Formen der kristallinisch-anorganischen M a -
menden Phänomenen und Phänomengruppen verständlich machen. A n - terie wendet. Er sagt: „Vielmehr dürfen wir mutmaßen, daß die Schöp-
dererseits ist es klar - darauf kommen wir sogleich zu sprechen - , daß die fung der geometrischen Abstraktion eine reine Selbstschöpfung aus den
Proportionalitätsfragen mit unmittelbarer Notwendigkeit schon aus der Bedingungen des menschlichen Organismus heraus war... Sie erscheint
primitivsten Produktion entspringen. Es ist also sicher kein Zufall, daß seit uns, wie gesagt, als reine Instinktschöpfung." 50

der Antike bis in die Renaissance das Problem der richtigen Proportionen Unsere Bedenken gehen von völlig entgegengesetzten Voraussetzungen
für die ganze Kunst und Kunsttheorie sehr wichtig wird. Dies gilt vor al- aus. W i r haben bereits betont, daß wir die Proportionalität für eine W i -
lem für die Theorie und Praxis der Gestaltung des organischen Lebens, des derspiegelung realer Verhältnisse in der objektiven Wirklichkeit halten. U n -
Menschen in Malerei und Skulptur (über die Architektur werden wir bald sere Frage richtet sich nur darauf, auf welchen Wegen die Menschen diese
gesondert sprechen). M a n sucht mit allen möglichen theoretischen Mitteln, Widerspiegelung sich bewußt gemacht haben. Ob sie unmittelbar von der
272 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 273

direkten Beobachtung derartiger Tatbestände in der Außenwelt ausgegan- hat. Daraus folgt sicher nicht, daß die praktisch-künstlerische Anwen-
gen sind, ausgehen konnten oder ob ein Umweg über die Praxis, über die dung richtiger Proportionen unbedingt so lange hätte warten müssen, bis
Arbeit für sie nötig war, um diese sachlich-objektiven Beziehungen apper- die Theorie die Frage der Proportionalität abstrakt gestellt hatte. Im Ge-
zipierbar zu machen. Die so gestellte Frage der Genesis weist aber zugleich genteil. Wir haben bereits wiederholt darauf hingewiesen, daß die künst-
auf ästhetische Zusammenhänge: Sie deckt das anthropomorphisierende lerische Praxis den ästhetischen Reflexionen weit vorauszueilen pflegt.
Wesen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit auf. Es scheint Auch hier steht es höchstwahrscheinlich so, daß ein langes erfolgreiches
nun wenig wahrscheinlich, daß der erst werdende Mensch, der seine K u l - Ausprobieren der Proportionen in den verschiedenen Zweigen der Produk-
tur an Werkzeugen und Geräten noch nicht ausgebildet hat, an sich selbst tion die Aufmerksamkeit auf die Proportionalität auch im organischen Le-
oder an anderen Lebewesen so komplizierte und ohne relativ starke Ver- ben gerichtet und vernünftige Fragestellungen darüber ermöglicht hat.
allgemeinerung nicht erfaßbare Bestimmungen wie Symmetrie oder Pro- Diese haben -auch wenn sie als theoretische Fundamentierung der künstle-
portion beobachtet oder begriffen hätte. Dagegen erzwingt die Herstellung rischen Praxis auftreten wie in der Antike der verlorene Traktat Polyklets -
selbst der primitivsten Werkzeuge und Geräte ein praktisches Achten auf einen überwiegend wissenschaftlichen Charakter. Darin ist nichts Verwun-
Symmetrie und Proportion. Die Erfahrung mußte zeigen, daß sogar beim derliches. Erstens kommt es häufig vor, daß die künstlerische Praxis im
Faustkeil die bessere Nutzbarkeit eine wenigstens annähernde Einhaltung Prozesse der Selbstbefreiung von Magie und Religion in der Wissenschaft
der Proportionen zwischen Länge, Breite und Dicke voraussetzt. Und erst eine Stütze sucht; was gesellschaftlich noch dadurch unterstützt wird, daß
recht bei komplizierteren Produkten - sei es beim Pfeil, wo eine Symmetrie das soziale Ansehen der Gelehrten in diesen Zeiten höher zu sein pflegte
erforderlich, sei es in der Töpferei, wo das Einhalten von genauen Pro- als das der Künstler, weshalb sie auch aus solchen Gründen, für ihre Tä-
portionen für die Brauchbarkeit unerläßlich ist - m u ß ein relativ hoher tigkeit ein wissenschaftliches Fundament suchend, als Wissenschaftler auf-
Grad zumindest von „Fingerspitzengefühl" für Symmetrie und Proportio- treten; solche Stimmungen finden wir noch in und nach der Renaissance.
nalität in der Arbeit allmählich entstehen. Das bedeutet jedoch keineswegs, Zweitens - und hier liegt der theoretisch tiefere Grund dieses Zusammen-
daß solche Handwerker ein deutliches Bewußtsein über die allgemeinen hangs - erscheint freilich im objektiven Kunstwerk die ästhetische Wider-
Begriffe gehabt hätten, die ihrem Tun objektiv zugrunde lagen. Wir erin- spiegelung in ihrer eigentlichen und reinen Form und löst die ihr entspre-
nern daran, wie spät sich die Zahl im Denken der Menschen durchgesetzt chenden Erlebnisse im Rezeptiven aus. Es steht also der wissenschaft-
hat [119]. Diese waren schon durchaus imstande, relativ große Mengen lichen Widerspiegelung selbständig und gleichwertig gegenüber. Die
„praktisch" zu beherrschen, z . B . in einer beträchtlichen Herde genau zu künstlerische Bewältigung der objektiven Wirklichkeit im Schaffenspro-
wissen, daß ein Tier fehlt. Dies geschah aber durch das qualitative Aus- zeß kann aber niemals die Ergebnisse der wissenschaftlichen Widerspie-
einanderhalten der einzelnen Tiere als Individualitäten, nicht aber durch gelung der Welt völlig entbehren. Je nach Zeitalter, Kunstart, auch je nach
ihr Zählen und durch einen Vergleich der Zahlen. Letzteres ist nachweis- Künstlerpersönlichkeitcn wird dieser Anteil der wissenschaftlichen Wider-
bar das Ergebnis einer viel späteren Entwicklung. Darum glauben wir, daß spiegelung am Schaffensprozeß objektiv wie subjektiv sehr verschieden
auch vieles in der konkreten Arbeitserfahrung praktisch bereits errungen sein; in bestimmten Künsten, z.B. in der Architektur, ist dieser als inte-
und fixiert war, lange bevor eine solche Verallgemeinerung stattfand, die es grierender Bestandteil aus dem Schaffensprozeß überhaupt nicht wegzu-
gestattet hätte, die Vorstellung der Proportion etwa auf weitere Gebiete denken. Es kann sich dabei um Hilfe in der Eroberung der Welt, um Ver-
außerhalb der Arbeit anzuwenden. Erst nachdem solche Erfahrungen zu tiefung ihrer Erkenntnis, also um inhaltliche Probleme, wie um Form-
stabilen Gewohnheiten wurden, erst nachdem das Wachsen und die Aus- fragen (so auch bei der Proportion) handeln. Ein bedeutsamer Teil der
bildung der Produktion immer kompliziertere Probleme der Proportiona- schöpferischen Praxis besteht gerade darin, die richtige Widerspiegelung
lität gestellt haben, können verallgemeinertere Fragestellungen in bezug der objektiven Wirklichkeit so weit wie möglich zu bewahren, ja zu ver-
auf Proportionalität überhaupt aufgeworfen werden; vor allem wenn die tiefen, jedoch zugleich den ganzen so errungenen Gehalt in die Formen
gesellschaftliche Praxis bereits die Handhabung einer Arithmetik und Geo- der ästhetischen Widerspiegelungen zu erheben, aus - vorübergehend -
metrie, selbst auf primitivster empiristischer Grundlage, hervorgebracht angeeigneten und angewandten desanthropomorphisierenden Weisen der
274 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 275

Widerspiegelung ästhetisch anthropomorphisierende zu machen oder anerkennen kann, m u ß hier zu starren Gegensätzlichkeiten gelangen. E r
jene in diese rückzuverwandeln, wenn - wie dies bei echten Künstlern zu- betrachtet als das Wesentliche des Ästhetischen: „... ob die bloße Vor-
meist der Fall ist - Ursprung und Ausgangspunkt des Schaffensprozesses stellung des Gegenstandes in mir mit Wohlgefallen begleitet sei, so gleich-
anthropomorphisierender Art war. gültig ich auch immer in Ansehung der Existenz des Gegenstandes dieser
Die echt ästhetische Problematik der Proportionalität setzt also auf ver- 51
Vorstellung sein m a g . "
hältnismäßig entwickelteren Stufen ein; ihre Gesetze werden gesucht, um Die metaphysische Starrheit kommt in der vollen Gleichgültigkeit der
für das ästhetische Wesen der organischen Welt eine solide Grundlage auf- Existenz des Gegenstandes gegenüber schroff zum Ausdruck. In der Wirk-
zufinden. Die Proportionalität der unmittelbaren Produkte der Arbeit lichkeit, wo die von Kant erwähnte Vorstellung eben die Widerspiegelung
(Werkzeug etc.) kennt in diesem Sinne keine Problematik: Sie entspringt dieses Gegenstandes ist, bedeutet der deutlich vorhandene Unterschied
aus der Arbeitserfahrung, aus der in dieser immer höher entwickelten Fä- zwischen der Sache selbst und ihrer Widerspiegelung keineswegs einen der-
higkeit, die für die Brauchbarkeit unerläßlichen Proportionen richtig zu artig starren Gegensatz. Schon das Alltagsleben bringt, wie wir in anderem
erfassen und im jeweiligen Material zur Geltung zu bringen. Freilich taucht Zusammenhang sehen konnten, mitunter gewisse Distanzierungen von
hier ebenfalls ein wichtiges Problem des Ästhetischen und seiner Genesis der „Existenz" des Gegenstandes; andererseits aber und vor allem ist in
auf. Nämlich die Frage, wie eine solche ursprünglich rein auf die Tages- keiner Konzentration des Bewußtseins auf das in der Widerspiegelung
praxis gerichtete Arbeit ins Ästhetische umschlägt. Der Übergang erfolgt fixierte Abbild des Gegenstandes eine völlige Gleichgültigkeit seiner Exi-
sicher nicht bewußt. Die innere Verwachsenheit von Kunst und Hand- stenz gegenüber enthalten. Schon daß alle in ihm wahrgenommenen Be-
werk ist in allen vorkapitalistischen Formationen so stark, daß viele stimmungen mit dem realen Original übereinstimmen müssen und nur an
Zweige selbst der objektiv unzweifelhaft künstlerischen Tätigkeit im Be- ihm als richtige verifiziert werden können, schließt eine Gleichgültigkeit in
wußtsein der Schaffenden und der unmittelbar Rezeptiven noch lange als Kantschem Sinne aus. Natürlich - und darin liegt die wichtige, wenn auch
handwerksmäßige, praktische Arbeit weiterleben. Wenn wir nun hier an relative Richtigkeit von Kants Feststellung - entsteht ein ästhetisches Ver-
die Frage der Genesis des Ästhetischen philosophisch herantreten wollen, halten zum Gegenstand erst dann, wenn sich das Interesse auf das Wider-
stoßen wir auf das Problem der Beziehung, des Unterschieds (oder Gegen- spiegelungsbild als solches konzentriert. Damit ist aber das Band, das den
satzes) von Angenehmem (Nützlichem) und Schönem. existierenden Gegenstand mit seinem Abbild verbindet, niemals vollstän-
Besonders Kant hat, freilich in einem viel breiteren Sinne als hier, jedoch dig abgerissen. Wir können diese Verbindung erst bei komplizierten Fäl-
nicht genetisch, sondern als zeitlos grundlegend, für die Ästhetik diese len der Widerspiegelung, wo dementsprechend auch diese Verbindungen
Frage gestellt. Seine extrem subjektiv-idealistische und darum starr for- viel komplizierter sind, eingehend studieren; vorwegnehmend sei nur so-
malistische Antwort hat vielfachen Protest hervorgerufen; so fast unmit- viel bemerkt, daß auch bei extremster Phantastik der Gestaltung, also bei
telbar nach dem Erscheinen der „Kritik der Urteilskraft" bei Herder. Die größter Entfernung der Kunst von der faktisch gegebenen Wirklichkeit,
Kantsche Bestimmung wirft außerordentlich wichtige Fragen auf; deren diese Bezogenheit auf die Existenz dessen, was abgebildet wird, doch im-
Fruchtbarkeit wird aber durch ihre metaphysische Starrheit in der Gegen- mer erhalten bleibt. Das Erlebnis jeder „künstlerischen Wirklichkeit" ent-
überstellung von angenehm und schön stark beeinträchtigt. Er hat das hält notwendig ein Moment des Hinweises auf die reale Wirklichkeit selbst.
richtige Gefühl, daß die trennende Grenze in den Wirklichkeitsbeziehun- Mag der Abstand zwischen beiden „Wirklichkeiten" noch so groß sein,
gen, die beiden zugrunde liegen, zu suchen ist. D a ß dabei beim Angeneh- diese Verdoppelung verschwindet nie völlig; im Mitgehen des Rezeptiven
men die konkrete Existenz (die konkrete Nutzbarkeit) eines bestimmten ist immer eine Bejahung der Richtigkeit der Widerspiegelung - Richtigkeit
Gegenstandes die ausschlaggebende Rolle spielt, während der Übergang in weitestem Sinne und nicht als photokopiehafte Ähnlichkeit verstanden -
52
zum Ästhetischen eine - relative - Ablösung von dieser praktischen Ge- enthalten.
bundenheit an das Alltagsleben, an dessen Praxis beinhaltet, ist sicher rich- Das äußert sich ganz deutlich in der Wirkung des Kunstwerks. Natür-
tig. Aber der subjektive Idealismus Kants, der keine Widerspiegelung einer lich ist diese - unmittelbar - eine volle Hingabe an die gestaltete Wider-
vom Bewußtsein unabhängig existierenden Wirklichkeit anerkennt noch spiegelung, so daß der Schein entsteht, als ob tatsächlich die Kantsche
276 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 277

Gleichgültigkeit der Existenz des Originals gegenüber entstehen würde. Tizians „Elimmlische und irdische Liebe" oder Tolstois „Anna Karenina",
Und diese Unmittelbarkeit ist - wie wir im zweiten Teil bei Behandlung oder z.B. ein bestimmter vor uns stehender Krug, dessen Widerspie-
des rezeptiven Verhaltens sehen werden - ein integrierendes Moment der gelungsbild unlöslich mit dem real existierenden konkreten Gegenstand
Aufnahme des Kunstwerkes, Tritt diese nicht ein, so kann von ästhetischem verbunden bleibt, in uns ästhetische Erlebnisse evoziert. Obwohl in beiden
Eindruck gar nicht gesprochen werden. Aber auch das Verhalten der ein- Fällen das ästhetische Erlebnis unmittelbar vom Widerspiegelungsbild
fachen Rezeptivität (gar nicht zu reden von dem des Kritikers, des Kunst- ausgeht, stellt in den früher erwähnten Fällen die gestaltete Widerspie-
philosophen etc.) bleibt dabei nicht stehen. Auch der einfache Rezeptive gelung das direkte Objekt (das Kunstwerk) vor, während im zuletzt er-
macht sich als ganzer Mensch das Kunstwerk zu eigen: Seine Erlebnisse, wähnten Fall der Gegenstand der Gestaltung an ein reales Objekt gebun-
Lebenserfahrungen etc. vor der Wirkung, die ein gegebenes Kunstwerk den bleibt. 53

auf ihn ausübt, sind dafür eine unerläßliche Voraussetzung, und der wirk- Zweitens steht eben deshalb die ästhetische Verallgemeinerung hier auf
lich tiefe, echt ästhetische Eindruck des Werks wird nunmehr zum unver- einer viel niedrigeren Stufe, ist viel abstrakter als bei den eben hervor-
lierbaren Besitz eben desselben ganzen Metischen. Er wird nicht nur seine gehobenen Typen der Weltgestaltung. Was wir früher über die Weltlosigkeit
künftige ästhetische Empfänglichkeit beeinflussen, sondern wirkt auf der auf abstrakten Widerspiegelungsformen beruhenden Gebilde ausge-
sein späteres Denken, Handeln etc. mehr oder weniger entscheidend ein. führt haben, gilt auch hier: Es findet zwar eine ästhetisch-sinnliche Verall-
Da nun den Gehalt des Werks gerade die Widerspiegelung einer existie- gemeinerung statt, jedoch eine, die auf einen engen Abschnitt, auf einen
renden Welt ausmacht und das künstlerische Wie der Formung sich von schmalen Aspekt der Welt des Menschen gerichtet ist, nicht - wenigstens
der Stellungnahme des abgebildeten Inhalts nur mit einer vergewaltigen- der Grundtendenz nach - auf die intensive Totalität ihrer Bestimmungen
den Abstraktion loslösen läßt, ändert der verarbeitete Eindruck im Re- wie in der Kunst im allgemeinen. U n d daß bei der engen Beziehung von
zeptiven auch seine Stellung zu dieser Wirklichkeit selbst. Wie weit und Subjektivität und Objektivität in der Ästhetik diese Weltlosigkeit ein Zu-
wie kompliziert vermittelt diese Nachwirkung ausfällt, wie weit sie in eine sammenschrumpfen der Subjektivität, eine - relative - Subjektlosigkeit
bejahende oder verneinende Richtung geht etc., ändert nichts an der Tat- mit sich führt, ergibt sich von selbst aus diesem Tatbestand. Wenn
sache, daß damit die Kantsche „Interesselosigkeit" aufgehoben wird, ohne man nun beide Gesichtspunkte, die unlösbare Gebundenheit des Wider-
daß der Bereich des Ästhetischen verlassen worden wäre. spiegclungsbildes an ein bestimmtes reales Objekt wie die Welt- und
Wir mußten diese Kritik der Kantschen Gegensätzlichkeit zwischen an- Subjektlosigkeit des hier möglichen subjektiven Erlebnisses, in ihrem not-
genehm und schön wenigstens andeuten, obwohl das Problem, das uns wendigen Zusammen betrachtet, so läßt sich das Problem der Ablösung
jetzt beschäftigt, ein viel engeres und primitiveres ist. Die Entdeckung der des Ästhetischen von der Alltagswirklichkeit mit einiger Genauigkeit phi-
richtigen Proportionen im Arbeitsprozeß und damit die Entstehung von losophisch beschreiben.
wohlproportionierten und infolgedessen nützlichen Gegenständen ist an Wir haben auf die praktisch ausschlaggebende Rolle der richtigen Pro-
und für sich noch kein ästhetisches Phänomen. Unsere Frage bezieht sich portionalität für Herstellung und Brauchbarkeit der Gegenstände des A l l -
also darauf, wie diese Gegenstände als solche zu Objekten der Ästhetik tagslebens bereits aufmerksam gemacht. Ohne Frage drückt sich in der
werden können. Die Fruchtbarkeit der relativ richtigen Einsicht Kants in richtigen Bestimmung dieser Proportionalitäten ein wesentliches K o n -
dieses Phänomen zeigt sich darin, daß eine Ablösung von der real-prak- struktionsprinzip solcher Gegenstände aus, weshalb auch ihre Erforschung
tischen Nutzbarkeit des bestehenden Arbeitsprodukts tatsächlich statt- notwendig zu einer zentralen Aufgabe der Verallgemeinerung der Arbeits-
findet. Jedoch bleibt erstens der Träger des ästhetischen Erlebnisses hier erfahrungen, des Nachdenkens über diese (unter Umständen bei Benut-
doch der reale Gegenstand selbst; besser gesagt, es handelt sich natürlich zung der Ergebnisse aus Anfängen der Wissenschaft), der Vervollkomm-
überall um das in der Widerspiegelung entstandene Abbild; es ist jedoch nung der Herstcllungstechnik etc. wird. Der Umschlag ins Ästhetische
ein großer Unterschied, ob dieses Bewußtsein, das mit der Widerspiege- kann nur auf dem Wege erfolgen, daß diese Resultate der praktischen
lung der Wirklichkeit zu tun hat, sich auf die Wirklichkeit überhaupt Konstruktion ein geschlossenes, rein visuelles System bilden und als sol-
(freilich mit jeweiliger historischer Konkretisierung) bezieht, wie etwa in ches zum Gegenstand der unmittelbaren Wahrnehmung werden. Diese
278 Kap. 4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 279

muß aber auch noch nicht ästhetisch sein; sie kann noch einfach eine Gegenstandes erscheint nun - visuell - in der Sichtbarkeit der sich zum
visuelle Überprüfung des technischen Gelingens darstellen. Sie wird erst System zusammenfügenden Proportionen. Damit wird zugleich das We-
ästhetisch, wenn diese Wahrnehmung ins Evokative umschlägt, d.h., wenn sen eines Gegenstandes zur unmittelbar apperzipierbaren Erscheinung. M i t
das visuell verwirklichte System der Proportionen imstande ist, solche einem Wort - obwohl wir es hier nur erst mit äußerst abstrakten Formele-
Wirkungen auszulösen. Das hat natürlich eine lange Vorgeschichte: Die menten zu tun haben - : die wesentliche Struktur der ästhetischen Gebilde,
Freude an der gelungenen Arbeit, am handlichen und nützlichen Gegen- die ihnen zugrunde liegende spezifische Widersprüchlichkeit tritt hier schon
stand etc. löst bereits notwendig Lustgefühle aus, in denen auch eine Stei- deutlich zutage. Die von Hemsterhuis hervorgehobene Eigenart der ästhe-
gerung des Selbstbewußtseins im von uns angegebenen ästhetischen Sinn tischen Erlebnisse drückt noch eine ergänzende Seite dieses Zusammen-
[223] ohne Frage im Keime enthalten ist. D a ß hier die Übergänge außer- hanges aus: die Einheit des Mannigfaltigen, und zwar nicht in einer ge-
ordentlich fließende sind, daß dieselben Gegenstände im selben Menschen danklich erarbeiteten Synthese, sondern als unmittelbares, bewegendes
eine Erlebnisskala von der Freude am Nutzen bis zur ästhetischen Evo- und bewegtes Zusammenfallen der widersprechenden Momente.
kation auslösen können, zeigt nicht nur - gegen Kant daß das Ange- Dieser sachliche und strukturelle Inhalt, der solche ästhetischen Erleb-
nehme und das Ästhetische keine metaphysisch starren Gegensätze bilden, nisse vom Objekt aus begründet und hervorruft, der bestimmt, daß diese
sondern ist auch ein Wesenszeichen des ästhetischen Charakters dieser nicht Ausgangspunkte des weiteren Nachdenkens, sondern unmittelbare
54
ganzen S p h ä r e . und abschließende Evokationen werden, bringt die Ablösung des Ästhe-
Was nun den evokativen Charakter eines - im konkreten Gegenstand tischen von den Gedanken und Gefühlen des Alltags zustande und grenzt
verwirklichten - visuellen Proportionalitätssystems betrifft, so beruht sie zugleich von der wissenschaftlichen Widerspiegelung und Erforschung
seine Eigenart darauf, daß die mit der Nutzbarkeit eng zusammenhän- der Wirklichkeit ab. Inhalt wie Form weisen eindeutig auf die Entfaltung
gende Konstruktion auf einen Schlag sinnlich-unmittelbar erhellt wird. des Selbstbewußtseins hin, in jenem Doppelsinn, in welchem wir dieses
Hemsterhuis hat schon am Ende des 18. Jahrhunderts das Wesen der ästhe- bereits bestimmt haben. Dieses Selbstbewußtsein kann sich nur entfalten,
tischen Freude darin erblickt, daß die menschliche Seele bestrebt ist, die indem es eine Objektwelt schafft, in welcher die Welt als die der Menschen
größte Zahl der Ideen in einer möglichst kurzen Zeit in sich aufzuneh- erscheint, als eine Welt, in welcher der Mensch kein Fremder ist, die viel-
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men. D a ß Hemsterhuis - in idealistischer Weise - diesen Wunsch der mehr das Wesen der von ihm unabhängig existierenden Wirklichkeit aus-
Menschen darum für unerfüllbar hält, weil deren sinnliche Beschaffenheit, spricht und zugleich ein vom Menschen selbst geschaffener, seinem Wesen
Organe und Mittel nur im Nacheinander der Zeit und der Teile apperzi- angemessener Kosmos ist. Wir mußten natürlich, um die Essenz dieses
pieren können, ändert die Richtigkeit seiner Feststellung nicht entschei- Zusammenhanges klar herauszustellen, die hier wirksamen Kategorien
dend. U m so weniger, als er an anderer Stelle es als einen großen Fort- etwas überdeutlich fassen. Um das richtige Verhältnis darzustellen, müs-
schritt der Menschheitsentwicklung bewertet, daß wir die Gegenstände sen wir erneut auf früher Ausgeführtes [277] verweisen: einerseits auf die
dem Wesen nach voneinander unterscheiden können durch den Gebrauch Unmöglichkeit, die hier in Wirksamkeit tretende Widerspiegelung von den
nur eines unserer Sinne, womit das von uns behandelte Problem der A r - diese auslösenden realen Objekten loszutrennen und die systematisierte
beitsteilung der Sinne vorweggenommen wird. Eine solche sinnlich-un- Widerspiegelung als eigentliches ästhetisches Objekt zu konstituieren, an-
mittelbare Synthese sachlich-materieller Tatsachen und Zusammenhänge dererseits - im engsten Zusammenhang damit - auf die Weltlosigkeit sol-
löst ein Lustgefühl qualitativ anderer Art aus, als die bloße Freude an A r - cher Objekte und der durch sie evozierten Erlebnisse. Erst im Zusammen-
beit, an Leistung, an Gebrauch, an Besitz etc. ist. Es ist als Lustgefühl in hang dieser Vorbehalte kann klarwerden, wie und wieweit hier tatsächlich
bestimmterWeise analog zu dem, das die erkenntnismäßige Einsicht in un- das Ästhetische in seiner eigenartigen Selbständigkeit vom Alltagsleben
bekannte und komplizierte Zusammenhänge zu begleiten pflegt. Hier han- sich loszulösen beginnt und worin die - unüberschreitbaren - Schranken
delt es sich aber nicht um eine Begleiterscheinung, sondern um die Sache der Loslösung auf diesem Gebiet bestehen, warum wir uns, auch wenn die
selbst Es umfaßt die sinnlich-unmittelbare Einheit vor allem von Innerem Loslösung von der Alltagspraxis stattgefunden hat, noch immer erst im
und Äußerem, denn gerade die innere, „verborgene" Konstruktion des Vorhof des Ästhetischen befinden.
280 Kap.4: Abstrakte Formen der ästhetischen Widerspiegelung der Wirklichkeit Symmetrie und Proportion 281

Dieses Problem des „Vorhofs" kann seine ausreichende Bestimmung erst testen zeigen sich die dabei auftauchenden unaufhebbaren Widersprüche
in der bald folgenden Betrachtung über Ornamentik erhalten, wo die ab- in den theoretischen Schriften Albrecht Dürers. Er zeigt einerseits die tief-
strakten Ordnungsprinzipien des Ästhetischen wie Rhythmus, Symmetrie ste Verachtung für die bloßen Handwerker, die die Meßkunst nicht er-
und Proportion zu den ausschlaggebenden, ordnenden und aufbauenden lernen und in Anspruch nehmen, die rein empiristisch von Fall zu Fall an
Kategorien in sich geschlossener ästhetischer Werke werden. Bevor wir je- die Darstellung des Menschen herantreten. Ohne die richtige Proportion
doch zu ihrer Behandlung übergehen können, müssen wir das Problem der eines Menschentypus ergründet zu haben, könne seine echt künstlerische
Proportionalität noch von einem anderen, bereits angedeuteten Gesichts- Darstellung unmöglich gelingen. Andererseits jedoch könne sich bloß
punkt ins Auge fassen, nämlich als abstrakte Kategorie, als abstraktes daraus auch nicht die wirkliche Kunst ergeben. „Aber unmöglich be-
Ordnungsprinzip des künstlerisch widergespiegelten organischen Lebens. dünkt mich", sagt Dürer, „so Einer spricht, er wisse die besten M a ß in
Wir wissen, daß diese Frage schon in der Antike aufgetaucht ist; ihre theo- 56
menschlicher Gestalt anzuzeigen." Und an anderer Stelle: „Aber ich weiß
retische Behandlung und praktisch-künstlerische Anwendung erhält ihren nit anzuzeigen ein sunder Maß, welches zum Hübschesten macht haben." 57

Gipfelpunkt in der Renaissance, in einer Periode, in der die wissenschaft- Das Finden der richtigen Proportionalität ist also für den Künstler un-
liche Eroberung der Wirklichkeit, sachlich wie persönlich, am innigsten erläßlich, es bezeichnet aber nur den Anfang seines Weges, den er zum
mit ihrer künstlerischen Bewältigung verknüpft war. Diese Tendenz ist wirklichen Werk zurücklegen m u ß ; und dessen echte Kriterien befinden
natürlich weitaus umfassender, als daß sie sich bloß auf die Frage der rich- sich jenseits der - auch an sich vollendeten - Proportionalität, ohne jedoch
tigen Proportionalität beschränken könnte. Die meisten der so entstehen- deren Gewicht aufzuheben. Diese auf den ersten Anblick widerspruchs-
den Studien (Anatomie, Perspektive etc.) münden jedoch - wenn auch auf voll scheinende Stellungnahme Dürers deckt einen wichtigen Zusammen-
dem Umweg über die Wissenschaft - so ausschließlich in reinen Gcstal- hang zwischen vertiefter künstlerischer Form und wahrer Struktur der ob-
tungsproblemen der bildenden Künste, ergeben derart rein gestalterische jektiven Wirklichkeit auf. Exakte, genau meßbare Symmetrie und Propor-
Probleme, daß wir uns ruhig auf die damals mit ihnen simultan und in tionalität herrschen nämlich dort, wo die physikalischen Gesetze als solche
einer Linie auftretenden Fragen der Proportionalität beschränken kön- sich rein auswirken können; am deutlichsten in der kristallinischen Welt.
nen, in denen die spezifischen Widersprüche der abstrakten Formelcmcnte Sobald das Leben als Organisationsform der Materie in der Wirklichkeit
auftreten. auftaucht - und je höher es organisiert ist, desto mehr - , hört zwar die Gel-
Das populärste und einflußreichste unter den dabei auftretenden Pro- tung der physikalischen Gesetze nicht auf, sie werden aber zu bloßen M o -
blemen ist das des sogenannten Goldenen Schnitts. Es wäre aber gerade menten komplizierter Komplexe, in denen sie sich nur approximativ aus-
vom Standpunkt unserer Fragestellung müßig, die Diskussion über sein wirken können. Genau dieser Tatbestand kommt - der Erscheinungsform
zutreffendes oder - wenn allzusehr verallgemeinert - irreführendes Wesen nach als unaufhebbarer Widerspruch - in den Gedankengängen Dürers
fortzuführen. U m so mehr, als die großen Kunsttheoretiker dieses Kom- immer wieder zum Ausdruck: Die Proportionalität wirkt sich aus als
plexes wie Leonardo da Vinci oder Dürer darüber hinausgegangen sind aktives Moment eines gedanklich unaufhebbaren Widerspruchs, der - im
und die Bedeutung der Proportionalität überhaupt für die gesamte Kunst Sinne der früher zitierten Bestimmung von Marx [270] - als Widerspruch
zu ergründen bestrebt waren. Der Goldene Schnitt ist aufs engste mit dem die künstlerische Bewegtheit des visuell gestalteten lebenden Organismus
Problem des Schönen, mit der schönen Darstellung des schönen Men- ermöglicht.
schen verbunden, während die Untersuchungen dieser großen Künstler die Die hier aufgedeckte Lebenswahrheit solcher künstlerischen Widerspie-
für die Kunst wichtige Proportionalität für die verschiedensten Typen der gelungen weist aber gleichzeitig auf deren anthropomorphisierenden Cha-
darzustellenden Menschen aufwerfen. Erst damit wird die Frage philoso-