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Wissenschaftliche Monographien Michaela Bauks


zum Alten und Neuen Testament

Begründet von
Günther Bornkamm und Gerhard von Rad Die Welt am Anfang
In Verbindung mit
Erich Gräßer und Bernd Janowski Zum Verhältnis von Vorwelt und Weltentstehung
herausgeg eben von in Gen 1 und in der altorientalischen Literatur
Ferdinand Hahn und Odil Hannes Steck

74. Band 1997


Michaela Bauks
Die Welt am Anfang

Neukirebener Verlag Neukirchener Verlag


C 1997 Neukirdu.-ner Verlag
des Eniehungsvcrcins mbH. Neukirchen-VIuyn
Verlagsgesellschaft
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kurt Wolf(, Düsseldorf
Satz und Druckvorlage: Michaela Bauks
Gcsamtherstellung: Breklumcr Druck�rei Manfred Siegel KG
Printed in Germany- ISBN 3-7887-1619-3

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheiuaufnahmt'

Bauks, Michaela: Frau Prof. Dr. Marie Louise Henry gewidmet


Die Welt am Anfang: zum Verhältnis von Vorwelt und
Weltentstehung in Gen 1 und i n der altorientalischen Literatur
I Michaela Bauks. - Neulcirchen-VIuyn: Neukirchener Verl 1997
.•

(Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament;


Bd. 74)
Zugl.: Heidelberg, Univ .. veränd. Diss., 1995
ISBN J-7887-1619-3
NE:GT
VORWORT

Die vorliegende Arbeit ist die überarbeitete und stark gekürzte


Fassung der unter dem gleichen Titel von der Theologischen Fakultät
der Universität Heidelberg im Sommersemester 1995 angenommenen
Dissertationsschrift.
Die Tatsache, daß die Arbeit vorwiegend die ersten drei Bibelverse
behandelt, könnte den Eindruck erwecken, daß es ein Leichtes war,
sich im Umfang zu beschränken und sich des Themas in relativ
kurzer Zeit zu bemächtigen. Doch dem vorliegenden Band hätte man
ohne Weiteres drei weitere Bände anfügen können. In einem zweiten
Band hätte man die Traditionsgeschichte noch weitaus detaillierter
illustrieren können, wie es in der eingereichten Fassung auch der Fall
gewesen ist, die dem interessierten Leser über Mierefiche zugänglich
ist. Diese Illustrierung mußte aus Gründen des Umfangs gekürzt
werden. Außerdem hätte es weitaus mehr zur Rezeptionsgeschichte
der alttestamentlieben Stellen im neutestamentlichen, jüdischen und
frühchristlichen Schrifttum zu sagen gegeben. Diese Beschäftigung
habe ich mir schweren Herzens untersagen müssen. Zuletzt wirft
natürlich die philosophie- bzw. theologie- und dogmengeschichtliche
Dimension des Themas Fragen auf, die ich den entsprechenden Kol­
legen in der Hoffnung überlasse, exegetisch gute Vorarbeit geleistet
zu haben.
Zu danken habe ich an erster Stelle meinem Doktorvater Prof. Dr. B.
Janowski. Er war es, der mich auf die Fährte dieses spannenden und
in vielerlei Hinsicht anregenden Themas gesetzt und die Doktorarbeit
mit stets gleichem Einsatz beispielhaft betreut hat. Er war mir
wichtiger »Lehrer« und Kritiker zugleich. Ihm danke ich auch für
die Aufnahme der Arbeit in die Reihe WMANT.
Die in Harnburg 1988 in Angriff genommene Arbeit hat eine eigene
Geschichte, in der noch andere »Lehrer« wie auch Kollegen, Kom­
militonen und Freunde durch ihre Gespräche Spuren hinterlassen
haben. Ich kann sie nicht alle nennen. Sie seien an dieser Stelle aber
wenigstens dankbar erwähnt. In besonderem Maße haben sich jedoch
dieses auf lnterdisziplinarität und Austausch angewiesenen Projekts
angenommen der alttestamentliche Zweitkorrektor Prof. Dr. Man­
fred Weippert (Heidelberg), sowie der Ägyptologe Prof. Dr. Jan
--

VIII Vorwort

Assmann (Heidelberg) und der Assyriologe Prof. Dr. Karlheinz INHALT


Deller (Heidelberg). Die drei Genannten haben durch Gespräche und
eigens zum Thema eingerichtete Seminare nicht unerheblich zur
profunden Einarbeitung in die fachübergreifende Materie beige­
tragen und mich darüber hinaus in philologischen Fragen beraten.
Auch ihnen möchte ich nochmals herzlichen Dank sagen. Für
zahlreiche Gespräche und Diskussionen möchte ich Frau Angelika
Berlejung (Heidelberg) und Herrn Wolfgang Hüllstrung (Tübingen)
danken. Ohne das umsichtige und kenntnisreiche Korrekturlesen der
Abgabefassung durch Frau Comelia Weber (Heidelberg) wäre die
vorliegende Druckvorlage sicherlich noch um einige Fehler und
Mißverständnisse reicher. Für einen letzten Korrekturdurchgang und V o r w o r t . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII
die mühevolle Überarbeitung des Registers habe ich Herrn Markus
Saur (Erlangen!Montpellier) zu danken. A) Einleitung: Zur Fragestellung und Methodik der Arbeit........................... 1
I. Einführung in das Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
II. Exegetische Probleme und Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Das Buch ist der ersten Professorin für Altes Testament in Deutsch­
land, Frau Prof. Dr. Marie Louise Henry (Hamburg), gewidmet, die B) Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1 , 1 -3 ......................... 14
ich in meiner Hamburger Zeit kennengelernt und in vielerlei Hinsicht I. Zur Auslegungsgeschichte . . . . . . .. . . .. . . . .. . . .. . . . .. . . . . . . .. . . . .. . ... . . .. . . .. . .. . . 14
als Vorbild empfunden habe. 1 . Gen 1 ,2 und die Schöpfung aus präexistentem Urstoff .................. I5
2. Gen 1 ,2 und die Schöpfung aus dem Nichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
3. Das nicht-ontologische Verständnis von Gen 1 ,2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 30
II. Zur Forschungsgeschichte . . . ... . .. . . .. . . . . . . . . . . . ...... . ... . . . .. . ...... . . . . . . ... 34
I. Anfänge der historisch-kritischen Forschung.............................. 34
Montpellier, im Januar 1 997 Michaela Bauks 2. Die Reaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
3. Erste Ansätze religionswissenschaftliehen Denkens ..... . . . . . .. . ... . ..... 40
4. Höhepunkt der Literarkritik .................................................. 42
5. Babel-Bibel-Streit ...... . . . . . . ... . . . .. . .... . ....... . .... . ... . . ....... . ..... . . . . 44
6. Religionsgeschichtliche Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
7. Im Umfeld der Dialektischen Theologie . ..... . . ...... . ... . . ...... . ... . .... . 49
8. Heilsgeschichte versus Religionsgeschichte -
die Heidelberger Antipoden . . . . . . . . . . . . . . . . ..... . .... . ......... .... . ... . . . . . . 52
a) G. von Rad ................................................................. 52
b) C. Westennano ............................................................ 55
9. Neuere Ansätze zum Verständnis von Gen 1 ,2 ........... . ........ . . . . . . . . 57
a) W.H. Schmidt .............................. ..................... ....... ... 58
b) O.H. Steck ................................................................. 59
c) E. Zenger . . . ..... . . . .. . . . . .............. . . .. . . . .. . . .. . . ... . . .. . . .. . . .. . . . . . . 61
III. Zusammenfassung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

C) Syntaktisch-semantische Untersuchungen zu Gen 1 , 1 -3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65


I. Zur Textgeschichte von Gen 1 , 1-3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
II. Syntaktische Struktur von Gen 1 , 1 -3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1 . Das hypotaktische Übersetzungsmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
a) Das dreigliedrige Modell (Protasis- Parenthesis- Apodosis) ... . . . . 70
b) Das zweigliedr!ge Modell (Protasis- Apodosis) .. . .......... . . ..... . . 73
2. Das parataktische Ubersetzungsmodell .... . . . ................ . ... . .. . . ... . . 76
a) Gen 1 , 1 -3 als drei unabhängige Hauptsätze ....... . . . .. . . . . . .. . . ....... 77
b) Gen I, 1 als Hauptsatz mit Gen 1 ,2 als
hypotaktisch untergeordnetem Temporalsatz .......................... 7 9
c) Gen l, 1 als eingliedriger Naminalsatz
mit asyndetischem Attributivsatz....................... ................. 8 1
a) Syntaktische Analyse .................................................. 83
ß) Fazit ..................................................................... 85
X Inhalt Inhalt XI
Exkurs I: Einleitungen zu hebräischen Erzählungen durch c) Z �m _Yorko�en anders strukturierter temporaler
überschriftartige Mottoverse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Emlettungssatze am Textbeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . 220
3. Die syntaktische Struktur von Gen 1 , 1 -3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 d) Zu den »Als-noch-nicht«-Formulierungen in
m. Terminologie und Semantik von Gen 1 ,1-3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 mesopotarnischen Texten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
1 . Grundsätzliche Erwägungen zur Semantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 2. Motivgeschichtliche Aspekte: Die mesopotarnischen Aussagen
2. Zur Semantik von Gen 1, 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 zur Vorwelt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
a) n•t:)tot"):;I 93
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
a) S umerische Weltentstehungstexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
b) 1'11:::1 99
.• ·• . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
a) Aus Nippur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
Exkurs 2: Verben des Schaffens im Hebräischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 ß ) Aus Eridu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
c) r;�::r1 o:ot;;i:J. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 07
.
Exkurs 4: Theogonien und Götterlisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3. Zur Semantik von Gen 1,2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1 0
a) 1i1!:l) 1i1i'l . . . 111 'Y) Sumerische Vorwelt- und Weltentstehungsmotivik . . . . . . . . . . . . . . 241
b) B abylonische und assyrische Weltentstehungstexte
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

b) l!\ih 1 18
unter besonderer Berücksichtigung des Enüma elis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

c) t:liilrl und t:l'tiliJ . . 122


a) Die Göttertriade Anu - Enlil - Ea als schöpferische
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

d) o·;f,� n)1 . .
. . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 27
. . . . . . . . . . . . . . . .

a) t:l"H'?� n)1 im Alten Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 27 Einheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242


ß) iTJii: m1 im Alten Testament. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 28 ß) Zum Motiv der genealogischen Abstammung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
'Y) 1111 im Schöpfung skontext.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 29 Exkurs 5: Theogonie und Theomachie in antiker Mythologie . . . . . . . . . 247
ö) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 3 1 'Y) Zum Motiv der Trennung von Himmel und Erde . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
E) t:l'iJ'?�S 1111 i n Gen 1 ,2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 ö) Zum Motiv des >>Chaoskampfes« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 1
4. Die semantische Struktur von Gen 1,1-3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Exkurs 6: Das Chaoskampfmotiv in norwestsernitischen Texten . . . . . . 254
IV. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 E) Schöpfung und Weltentstehung in Enüma elis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
c) Die assyrische Rezeption von Enüma elis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
D) Religion sgeschichtliche Untersuchungen zu Gen 1,1 -3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...... 147 a) Die assyrische Version von Enüma elis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
I. Relevanz des religionsgeschichtlichen Vergleichs für die Deutung ß) Die sogenannten Mardukordale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
von Gen 1 ,1-3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 'Y) Die Königsinschriften Sanheribs . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
1 . Problemstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . 150 3. Systematik der vorgeschöpfliehen Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 1
2. Ägyptische Traditionen in Gen 1 ,1-3? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 a) Die lmplikationen der Uruk-Nippur-Theologie und
II. Parallelen und Differenzen in altägyptischen der Eridu-Babylon-Theologie für die Vorweltthematik . . . . . . . . . . . . . . 262
Weltentstehungsaussagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 b) Anmerkungen zu den mesopotarnischen Weltbildern . . . . . . . . . . . . . . . . 265
1 . Formgeschichtliche Aspekte: Negative Bestimmungen der IV. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
Vorwelt- Zu den altägyptischen »Als-noch-nicht«-
Formulierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 55 E) Vergleich der alttestamentlichen Vorweltaussagen mit den
2. Motivgeschichtliche Aspekte: altorientalischen Texten. : . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Die altägyptischen Aussagen zur Vorwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . 1 60 I. Formgeschichtliche Uberlegungen zu den Erzählanfängen
a) Die Achtheit von Hermopolis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 kosmogoner Texte im Alten Orient und im Alten Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
a) Hermopolis als Ort der Urschöpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 63 1 . >>Al s-noch-nicht«-Aussagen in Ägypten und Mesopotamien ............ 270
ß) Das Wesen der Achtheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 69 2. Erzählanfänge mit Vorweltaussagen in altorientalischen
b) Die Selbstwerdung des Urgottes Atum in Helio- und alttestamentlichen Texten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
polis als Voraussetzung für Kosmos und Geschichte . . . . . . . . . . . . . .. . 173 Exkurs 7: Ee. I,1 �.8 - Gen 1 ,2 - Gen 2,5 f - Prv 8,24-26 . . . . . . . . . . . . . . 276
c) Die Entwicklung vom Urgott als vorweltlicher Größe II. Motivgeschichtliche Uberlegungen zu den Vorweltaussagen
zum transzendenten Gott im thebanischen Amunkult.. . . . . . . . . ....... 179 im Alten Orient und im Alten Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
3. Systematik der vorgeschöpfliehen Welt. . . . . . . . . .. .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 84 I . Vorweltgrößen als schöpferische Potenz . . . . .. . . . . . . . . .... . . . . .. . . . . . . . . . . 279
a) Die verbreitetsten Topoi der Vorwelt . . . . . . . . . . .. . . .. . . .. . . . . . . . . . . . . . . . 185 a) Die Bedeutung der nJ1 in Gen 1 ,2 im Vergleich
a) Die einzelnen Topoi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 mit altorientalischen Topoi . ... . .. . . .. . . .. . . . . . . . . .. . . .. . . . .. . . . . . . . . . . . . 280
ß) Das »erste Mal« (sp tpj) als Schöpfungsbeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Exkurs 8: Amun und die hermopolitan. Achtheit (�rnn.t) als
b) Vorweltschilderungen als »Negation des Kosmos« . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Modell für Gen 1 ,2? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
Exkurs 3: >>Chaos« und Vorwelt in der altägyptischen Literatur . . . . . . 196 b) Urgottheiten als aktive schöpferische Prinzipien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
c) Anmerkungen zum altägyptischen Weltbild . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . 200 2. Vorweltgrößen als Ausgangspunkt für die Weltwerdung . . . . . . . . . . . . . . . 287
m. Parallelen und Differenzen in mesopotamischen a) Nun - Apsfi Oiiir'J - .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
Weltentstehungsaussagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 b) Finsternis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
1 . Formgeschichtliche Aspekte: Zur Funktion von c) Theogonien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
Einleitungssätzen in Texten mythischen Inhalts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 1 1 3. Vorweltgrößen als materielle Grundlage der Weltwerdung . . . . . . . . . . . . . 296
a) Erzählanfänge mit temporalem Nebensatz (enüma) a) Trennung von Himmel und Erde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
in mythischen Texten . . . . . . . . . . . .. ... ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . .... ... 211 b) Schöpfung als Differenzierung von Wasser in Himmel und
b) Weitere Belege von enüma >>als« in kosmogonem Kontext.. ....... 2 1 8 Erde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
XII Inhalt

4. Zum Verhältnis von Weltschöpfung und A) Einleitung: Zur Fragestellung und Methodik
Kosmogonie in altorientalischen Texten . .... ..... . . .. . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . 30 1
a) Die Umschreibungen für den Schöpfungs- bzw. der Arbeit
Weltbeginn . . . . . . . . .. . . . . . . ..... . . .. . . . . . . . .. . . . . . . . . .... . . . . . . . . . ........ . . 303
b) Zur Funktion und zum Sitz im Leben von Weltentstehungs-
aussagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306

F) Abschließende Überlegungen zu Gen 1 , 1-3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 1 1

Literaturverzeichnis . . . .. . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . ... 321


Register . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353

Selon Ia premiere idee, l'univers entier doit former une masse solide et
indivisible; selon Ia seconde, il ne doit former qu'un fluide epars et incoherent,
sans qu'il soit jamais possible que deux atomes se reunissent. Sur quelle
direction se fera ce mouvement commun de toute Ia matiere? Sera-ce en droite
ligne, en haut, en bas, a droite ou a gauche? Si chaque molecule de matiere a sa
direction particuliere, quelles seront !es causes de toutes ces directions et de
toutes ces differences? Si chaque atome ou molecule de matiere ne faisait que
toumer sur son propre centre, jamais rien ne sortirait de sa place, et il n'y aurait
point de mouvement communique; encore meme faudrait-il que ce mouvement
circulaire ftlt determine dans quelques sens. Donner a Ia matiere le mouvement
par abstraction, c'est dire des mots qui ne signifient rien; et lui donner un
mouvement determine, c'est supposer une cause qui le determine. Plus je
multiplie !es forces particulieres, plus j'ai des nouvelles causes a expliquer, sans
jamais trouver aucun agent commun qui les dirige. Loin de pouvoir imaginer
aucun ordre dans Je concours fortuit des elements, je n'en puis meme imaginer Je
combat, et le chaos de l'univers m'est plus inconcevable que son harmonie. Je
comprends que le mecanisme du monde peut n'etre pas intelligible a l'esprit
humain; mais sitöt qu'un homme se mele de l'expliquer, il doit dire des choses
que les hommes entendent. *

I. Einführung in das Thema

Seit Menschengedenken ist die Frage nach dem "Vorher" von Welt
und Leben gestellt und je nach kulturellem Kontext beantwortet
worden. Während die christliche Theologie die Frage in dem
Glaubenssatz zuspitzt: Der biblische Gott ist souverän und allmächtig.
Folglich handelt er voraussetzungslos und ohne jegliche Bedingtheit!,
scheinen die alttestamentlichen Texte davon auszugehen, daß dem
göttlichen Schöpfungshandeln ein vorweltlicher Zustand (Vorwelt)

JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Emile ou de l'education, Livre 4 (Profession de


foi du vicaire savoyard), Paris 1966, 356f.
1
Vgl. BEYSCHLAG, Grundriß der Dogmengeschichte I, 62.12 1 .
--

2 Einleitwzg: Zur Fragestellung und Methodik der Arbeit Einführung in das Thema 3

vorgegeben ist, ohne daß die göttliche Allmacht und Souveränität die anfängliche Unordnung der unbestimmten, formlosen Materie begreifen, eine
angezweifelt würde. Wie Rousseau es dem aufklärerischen Vikar in Vorstellung, die bei OvidlO wiederkehrt. In diesem Stadium der Auslegung hat die
den Mund legt, so scheint auch der alttestamentliche Mensch die Resiodsehe Rede vom Chaos materiale Züge erhalten, die die christlichen Denker
dazu verleitete, die Anschauung von der Unordnung der ursprünglichen Masse mit
Weltordnung nicht ohne die Vorstellung einer voranstehenden Nicht­
dem 1i'T::l1 1iin in Gen 1,211 zu verbinden und somit in den biblischen Text einen
ordnung gedacht zu haben. Er entspricht in seiner Ausdrucksweise Materieb�griff hineinzulesen, der der vorphilosophischenl2 Denkweise fremd ist.l3
dem kulturellen Erwartungshorizont seiner Zeit, indem er die Rede
von der Vorwelt neben den Ausschließlichkeitsanspruch Gottes stellt. Wegen der mangelnden Präzision des Chaosbegriffs soll alternativ
Der Beginn des priesterschriftlichen Schöpfungsberichts (bes . Gen von Vorwelt die Rede sein. Dies ist eine Begrifflichkeit, die zwar
1,2) dürfte als das prominenteste Beispiel zur Illustration dieses Ge­ ebenfalls je nach Text und Tradition inhaltlich neu zu präzisieren t4,
dankens im Alten Testament gelten. Deshalb dient Gen 1 ,1-3 als aber letztlich weniger vorbelastet ist. Unter Vorwelt verstehen wir
Ausgangspunkt und Zentrum der vorliegenden Untersuchung. das, was vor dem Schöpfungshandeln Gottes lag. Formal handelt es
sich bei solchen Vorweltaussagen zumeist um eine Hintergrundschil­
Traditionellerweise ist in diesem Kontext vom »Chaos«2 die Rede. Dabei handelt es
derungts zu dem in Folge dargestellten Handlungsablauf Während
sich um einen unpräzisen Sammelbegriff für das, was ungeordnet, unsichtbar,
nichtig oder lediglich negativ konnotiert ist. 31ii::l11iin (Gen 1,2) gilt als hebräisches
Gen 1, 1 überschriftartig die Aussage des gesamten Schöpfungsbe­
Äquivalent. Dem in der Tat schwer zu übersetzenden Hendiadyoin wird die richts vorwegnehmend zusammenfaßt, greift V.2 hinter diese Aus­
Übersetzung »Chaos« aber keineswegs gerecht. Das bei Resiod erstmals belegte sage zurück, indem er auf das - dem eigentlichen Schöpfungshandeln
griechische Substantiv xaoc; »infinite space; unformed matter« oder auch »infinitive in V.3ff - logisch, nicht zeitlich Vorgegebene rekurriert.
darkness« 4 charakterisiert einen anfänglichen Zustand, aus dem heraus sich Kosmo­ Der Gott, von dem in Gen 1 , 1 gesagt wird, daß er am Anfang
gonie und Theogonie entwickeln.5 Bereits die frühe Wirkungs- und Auslegungs­ Himmel und Erde schuf, wird weder als »deus qui creat ex nihilo«
geschichte des Chaosbegriffs bei Resiod läßt eine abstrahierende Bedeutungs­
verschiebung erkennen. Während der Begriff bei Resiod kosmisch-raumzeitlich im
vorgestellt, der aus dem Nichts heraus die im folgenden Schöpfungs­
Sinne von Leere als Unendlichkeit und Ewigkeit6 verwendet wird, deutet Aristoteles bericht dargestellte Welt Schritt für Schritt schafft, noch als
ihn lediglich als leeren Raum.? Die Stoiker begreifen Chaos als etwas Fließendes Demiurg, der aus bereits vorhandener Materie die Welt zu einem
bzw. Sprühendes8 im Sinne von Unbestimmtheit, Formlosigkeit oder Unordnung.9 Kosmost 6 ordnet. Vielmehr entzieht sich die alttestamentliche Vor­
Eine Synthese dieser Vorstellungen bilden die Eklektiker, indem sie das Chaos als stellung diesen Kategorien, indem sie den Gedanken der Voraus-

2 So bereits GUNKEL, Schöpfung und Chaos, 17f. l 37ff. Vgl. DERS., Art.
Chaos, RGGI, 1 6 19f, und DERS., Art. Chaos, RGG2, 1485f; Zur Begriffsge­ t o Metam. I,7f; II, 292f: Ante ... unus erat quem dixere Chaos: rudis indigestaque
schichte s. HÜLSEWIESCHE, Chaos; Zur Problematik des Begriffs vgl. auch GÖRG, moles ( >>... Chaos wird es benannt: eine rohe, gestaltlose Masse«).
Art. Chaos, 363f. II Gen. 1 ,2 LXX übersetzt diesen Begriff mit aopaTOS' Kat aKO:TO:<JKEUO:<JTOS'
3 Wakeman (Art. Chaos, 143) gibt folgende Definition: »Chaos is a state of utter »unsichtbar und ungeordnet«; xaoc; kommt in der LXX nur Mi 1 ,6 und Sach 14,4
confusion, totally lacking in organization or predictability. It is the antithesis of in der Bedeutung »Spalt« vor; vgl. dazu AUFFARTH, Art. Chaos, 194 m. Anm. 9.
cosmos«. 12 Vgl. dazu HÖLSCHER, Anaximander, 257ff, und KLOWSKI, Zum Entstehen
4 So LIDDELL I SCOTT, Greek-English Lexicon, II, 1976. Als etymologische der Begriffe Sein und Nichts.
Ableitungen kommen die Verben xa<JKW, xa(vw »yawn gape« oder XEW »pour out; 13 So z.B. Augustin, der die materia der formlosen Masse, aus der die vier
Iet flow; become liquide« (198 1 . 1 989) in Frage; vgl. dazu KURDZIALEK, Art. Elemente entstehen, dem griechischen Chaos gleichsetzt (De Genesi contra
Chaos, 980-984. Manichaeos I, 5-7 - ML 34, 177).
5 Hesiod, Theog. l l6f: »Wahrlich, als erstes ist Chaos entstanden, doch dann 14 Eliade (Art. Chaos, 1 640f) weist auf zwei unterschiedliche Traditionen der
Gaia (die Erde), mit ihrer breiten Brust, für alle ewig ein sicherer Sitz, und im altorientalischen Chaos- bzw. Vorweltschilderung hin: 1) Urzustand als Urflut bzw.
Schoß der weiträumigen Erde der dunstige Tartarus sowie Eros ... Weiter gingen Urdunkelheit, aus der sich eine neue (oft mythische) Größe entwickelt; 2)
aus Chaos Erebos und die schwarze Nacht hervor. Aus der Nacht wiederum Urzustand als Verschmelzung von Himmel und Erde, die getrennt werden müssen.
wuchsen Äther und Tag hervor, die sie gebar, nachdem sie sich mit Erebos in Liebe 1 5 Vgl. dazu STECK, Schöpfungsbericht, 227f.
vereinigt hatte. Gaia wiederum gebar als erstes den ihr selbst gleichen, 16 Der Begriff KO<JilOS' ist erstmals bei Homer belegt, in der Bedeutung »Welt«
sternenbedeckten Uranos (Himmel), damit er sie allseits umhülle und daß er den erst bei Anaximenes; vgl. dazu SASSE, Art. Kocr�tos, 868 ff. Die Etymologie des
seligen Götternfür ewig ein sicherer Sitz sei. .. .« (vgl. auch § 1 20.123[). Wortes ist unklar. In der LXX ist der Begriff im Kontext der aus dem Hebräischen
6 Eine ähnliche Anschauung findet sich bereits in dem äg. Wortpaar gleicher übersetzten Schriften (zumal ein eigenes Wort für Welt im biblischen Hebräisch
Bedeutung nJ!q - r;J.t; vgl. dazu ASSMANN , Zeit und Ewigkeit (mit Literatur). nicht vorliegt) noch nicht belegt, sondern er wird erst seit Philo in die religiös­
7 Physis IV 1, 208b 29; vgl. KURDZIALEK, Art. Chaos, 980ff. theologische Sprache aufgenommen (aaO, 880); darüber hinaus findet er aber in den
Zur Etymologie s. oben, Anm. 4. von vornherein in griechischer Sprache verfaßten Teilen der LXX (darunter·versteht
9 Vgl. auch Platon, Tim. 30a. Sasse die apokryphen Schriften) Verwendung (aaO, 881).
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4 Einleitung: Zur Fragestellung und Metlwdik der Arbeit Einführung in das Thema 5

setzungslosigkeit und der Un-Bedingtheit göttlichen Handeins mit Die Synthese dieser beiden grundsätzlich nur schwer vermittelbaren
dem der Schöpfung in bereits Vorgegebenes - wenn auch nicht auf Konzeptionen26 - des voraussetzungslosen göttlichen Schöpfungs­
dessen Grundlage - verknüpft. '7 handelns einerseits und dieses Handeins auf dem Hintergrund von
bereits Vorhandenem andererseits - läßt sich bereits aus den ersten
Sowohl die Lehre von der präexistenten »chaotischen« Materie als auch die von der drei Versen des priesterschriftlichen Schöpfungsberichts ablesen. Der
I creatio ex nihilo orientieren sich an ontologischen Kategorien. Die Lehre von der
creatio ex nihilo ist als Antithese zum griechischen Weltentstehungsmodell zu ver­
mottohaft vorangestellten Feststellung von V. 1 , daß Gott es war, der
den Himmel und die Erde geschaffen hat, folgt vor dem eigentlichen
stehen und impliziert die christlich-apologetische Auseinandersetzung mit der anti­
Beginn des Handlungsverlaufs in V.3 (dem Beginn des Schöpfungs­
ken Philosophie. Die Lehre von der chaotischen Materiel8, aus der die
Schöpfungswelt entsteht, ist ein im Platonismus entwickeltes Modell. J. Klowski
berichts), eine dreigliedrige Vorweltschilderung, die das Vorher der
weist nach, daß die Begriffe Sein und Nichts - als Grundlagen der Ontologie - seit in V 1 bereits determinierten Schöpfung in den Blick nimmt. V .2
.

etwa 500 v.Chr. eine Entwicklung durchlaufen haben, die von der Grundbedeutung bedeutet in der Aussagenfolge von Gen 1,1-3 einen logischen Rück­
des (Nicht-) Vorhandenseins ausgehend in der abstrakten Gegenüberstellung beider schritt hinter V. l . 27
Begriffe (seit Parmenides »Sein« und »Nichts«) gipfelt.l9 Während es ursprünglich Die Auslegungsgeschichte zu Gen 1 enthält zahlreiche Beispiele, die
im Denken des Negativen um die »Nichtung« eines Gegenstands oder Inhalts einer
eine hintereinandergeschaltete Handlungsfolge in Gen 1,1-3 favori­
Aussage geht, thematisiert das ontologisch verstandene Nichts die »Nichtung« allen
möglichen Inhalts.20 Die Verschiebung erfolgt von der Vorstellung eines relativen
sieren. Seit dem 2. Jh. n. Chr. 28 lassen sich Tendenzen erkennen, die
und situationsbezogenen Nichtvorhandenseins zum abstrakten Begriff des absoluten im Sinne einer »creatio ex nihilo« argumentieren: In V. l erschafft
Nichtvorhandenen, über das sich keine Aussage machen läßt.21 In der Diskussion Gott die Welt (creatio prima), die aber noch unvollkommen ist (V.2)
über diesen relativen Zustand von Vorhandenem und Nichtvorhandenem mit dem und ab V.3ff in die Schöpfungsordnung überführt wird (cr eatio
absoluten Begriff von Sein und Nichts wird der Materiebegriff entwickeJt.22 Der im
kosmogonen Kontext ausgeprägten Formel >>nihil de nihilo«23 setzen die Kirchen­
of Beginning, 33) bezeichnet so das Erschaffen als Resultat des Denkens bei
väter seit dem 2.Jh. die Gegenformel der »creatio ex nihilo« entgegen. 24 Beide
fehlender materialer Basis. Ähnliches träfe für die einzige ägyptische Schöpfungs­
Lehren sind hingegen der altorientalischen Gedankenwelt aufgrund der onto­
erzählung, »Das Denkmal memphitischer Theologie«, zu. Auch hier spricht gegen
logischen Prämissen völlig fremd.25
die Verwendung des Begriffs die ihm zugrundeliegende ontologischen Prämisse.
2 6 Einen systematischen- aber wiederum den biblischen Texten nicht gemäßen­
I7 Insoweit ist der Titel des Aufsatzes von Rottzoll »Vorbedingungen für Gottes Versuch der Vermittlung unternimmt Moltmann (Schöpfung aus nichts, 259f), der
große >Auseinander-Schöpfung< << mißverständlich. Das ihm zugrundeliegende Ent­ die Lehre von der creatio ex nihilo für eine »Exklusivformel<< hält, die zwar etwas
faltungsmodell, dem gemäß Gott aus dem ursprünglich Vorgegebenen die Schöp­ irreführend, aber - letztlich doch - beizubehalten sei. Denn: »Die Partikel >aus<
fungswelt schafft - so bereits STECK, Schöpfungsbericht, 232-236 -, bleibt zu weist nicht auf irgendeine Vorgabe hin, sondern schließt jede Materie aus<< (ebd.).
untersuchen; s. dazu unten, 80; 117f. Dem entgegen scheint die Umschreibung von Statt um die Negativität des Seins gehe es nämlich lediglich um die Voraussetzungs­
Ternus (Art. Chaos, 1035) richtiger: »Das >opus distinctionis< im Hexaemeron als losigkeit göttlichen Schaffens im Anschluß an die Selbstverschränkung Gottes. Hier
Scheidung des Ungeschiedenen unter dem allmächtigen Befehlswort ruft positive knüpft Moltmann an Traditionen der mittelalterlichen jüdischen Mystik an, die
Möglichkeiten des Ch.[aos] unter Ausscheidung des Nichtigen in die Schöpfungs­ erstmals von G. Scholem mit der - in allen monotheistischen Religionen ausge­
ordnung auf« - mit der Einschränkung, daß der Autor von einer Zweitschöpfung prägten - Lehre von der creatio ex nihilo in Verbindung gebracht worden sind. Im
(infolge der Erstschöpfung in Gen l , lf) ausgeht und somit zugunsten der »creatio Unterschied zu Moltmann betont Scholem jedoch, daß es sich um eine über die bib­
ex nihilo<< argumentiert, also den Vorweltgedanken gänzlich ausschließt. lischen Texte hinausweisende Lehre handele, die sich erst seit dem zweiten nach­
18 Die verschiedenen philosophischen Strömungen sind mit dem Chaosbegriff christlichen Jahrhundert explizit belegen lasse und sogleich in der jüdischen Ausle­
sehr unterschiedlich umgegangen; vgl. dazu RAC2 ( 1954) 1034ff; HWP 1 (1971) gungstradition eine mystische Umdeutung im Sinne des Nichts als dem Symbol der
980ff und unten, 15ff. Fülle erfahren habe (DERS., Schöpfung aus nichts, 63ff.68). Für unseren Zu­
I 9 KLOWSKI, Zum Entstehen, 226ff; vgl. KRANZ, Griechische Philosophie, 61 f. sammenhang bleibt die erst in nachbiblischer Zeit erfolgte Ausbildung der Lehre
2 0 AaO, 229. hervorzuheben. - Eine umsichtige Darstellung des Verständnisses von Gen 1,2 aus
2 1 AaO, 233. systematischer Sicht findet sich nun unter Hinzuziehung jüngerer exegetischer
22 So bei Leukipp; vgl. KLOWSKI, aaO, 241f. Ergebnisse bei Welker (Schöpfung und Wirklichkeit, 16- 19).
23 Aristoteles, Metaphysik IV,5 ( 1009 a 31). Auffarth (Art. Chaos, 193) weist 2 7 Weimar (Struktur und Komposition, 124, Anm. 121) schlägt vor, »Gen 1,1 als
daraufhin, Aristoteles selbst habe sich gegen eine ontologische Prädikation des eine in sich geschlossenen Überschrift anzusehen, woran sich in Gen 1,2 ein
Chaos als Nicht-Sein/Nichts und als Zustand vor dem Kosmos ausgesprochen, und erzählerischer Rückschritt anschließt, so daß die eigentliche Erzählung erst mit Gen
nennt als weiteren Beleg Aristoteles, De caelo, 2 (vgl. zur Textlage DüRING, 1,3 einsetzt<< .
Aristoteles, 346f). 28 Gegen eine Verbindung des Gedankens der »creatio ex nihilo« mit 2Makk 7,28
2 4 Vgl. ARMSTRONG, Genesis, bes. 102-1 1 1. 125f, und MAY, Schöpfung, 15 1f. wendet sich erstmals Schmuttermayr (Schöpfung aus dem Nichts), dessen - vor
2 5 Um so erstaunlicher ist, daß der Begriff »creatio ex nihilo« in der Religions­ allem grammatisch untermauerte Argumentation - durchaus überzeugt; vgl. auch
wissenschaft im Kontext von Naturreligionen Anwendung fand. Pettazzoni (Myths SCHOLEM, Schöpfung aus Nichts, 64. S. dazu unten, 26ff.
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6 Einleitung: Zur Fragestellung und Methodik der Arbeit Einführung in das Thema 7

secunda). Es handelt sich dabei eine Auslegung, die sich bis in das
um
Während Vorweltaussagen in Mesopotamien an prominenter Stelle
20. Jh. hinein finden läßt29 und deren Intention darin liegt, jeglichem im Kontext von Theogonie und Sukzessionsmythen vorkommen35,
Dualismus vorzubeugen und den biblischen Gott als Ursache und Be­ also eine Dualisierung der kosmogonen Götter und Mächte vorliegt,
weger der Schöpfung zu profilieren. sind in den biblischen Schöpfungstexten solche Tendenzen elimi­
Diese traditionelle Deutung3o wird dem biblischen Text,!l;ehalt nur niert .3 6 Die scheinbare Widersprüchlichkeit der Frage nach dem
bedingt gerecht und stellt eine systematisch-theologische Uberfrach­ Vorher der Schöpfung einerseits und der Prämisse der Souveränität
tung dar, die bis in die heutige theologische (auch alttestamentliche3t) Gottes andererseits verschwindet in dem theologischen Kontext, in
Literatur nachwirkt. den die priesterschriftliche Urgeschichte eingebettet ist.37
Es bleibt zu betonen, daß die ersten Verse von Gen 1 beide Aspekte Dieser theologischen Konzeption entspricht es, die traditionelle, im
implizieren: Es geht in dem Text einerseits um den Nachweis, daß gesamten alten Orient durch viele Jahrhunderte hindurch belegte
der Gott Israels der universale Gott ist, auf den alles Vorfindliche Rede von Schöpfung/Weltentstehung und Vorwelt zu bewahren, und
zurückzuführen ist. Andererseits wird in ihm aber auch das Vorher in einer sehr eigenen, nämlich monotheistisch geprägten Sichtweise
der Schöpfung in der Frage nach der Vorwelt angesprochen. Hierin dem priesterschriftlichen Modell einzufügen. Auffällig bleibt das re­
wird - wie wir sehen werden - eine Denkungsart vorgeführt, wie sie lativ geringe Interesse an Naturkundlichem zugunsten der theologi­
in Texten des gesamten alten Orients belegbar ist. schen Ausrichtung des Themas. So ist der Begriff »Kosmologie« im
Rahmen von Gen 1 zu meiden. Auch Spekulationen über den konkre­
Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß der Begriff »Schöpfung« im Kontext der alt­ ten Zustand der Vorwelt kommen im alttestamentlichen Themen­
orientalischen Aussagen über den Anfang der Welt nicht immer sachgemäß ist. kanon nicht vor. Js
Denn in zahlreichen Texten ist nicht von dem Schöpfungshandeln eines Gottes,
sondern von der Genese der Welt aus sich selbst heraus die Rede. In der Literatur Es scheint ein Widerspruch zu sein, daß zum einen auf konkrete Spekulationen über
finden sich die Begriffe Emersio32 und Formatio33 als nebeneinanderstehende die Vorwelt verzichtet wird39, zum anderen aber doch Aussagen getroffen werden,
Konzeptionen in den Kosmogonien.34 Deshalb wird vor allem im Rahmen der alto­ die über ein Konstatieren des Noch-Nicht der Schöpfungswelt hinausgehen. Gen
rientalischen (dazu zählen auch die ägyptischen) Texte korrekterweise von 1,2 nennt zwei Dinge in der Vorweltschilderung, die in der errichteten Schöp-
Weltentstehung anstatt von Schöpfung die Rede sein müssen, es sei denn diese ist
explizit gemeint.
35 So z.B. im babylonischen Epos Enüma elis, in dem der Einrichtung der
Schöpfung und des Kulturbereichs ein >>Chaoskampf« vorausgeht. Diese Vor­
stellung ist zwar auch in biblischen und ägyptischen Texten belegt, dort aber außer­
halb der Schöpfungsthematik Dazu vgl. zuletzt PODELLA, Chaoskampfmythos;
2 9 So z.B. explizit JUNKER, Art. Schöpfungsbericht, 468: »In klarer Antithese anderer Meinung ist BATTO, Slaying the dragon; s. dazu unten, 141.143f.
dazu [sc. zur mythologischen Gottesvorstellung] stellt Gen 1 mit dem ersten Satz 3 6 Besonders H. Gunkel hat immer wieder versucht, Schöpfung und Chaos(dra­
den Schöpfergott aus dem allg. Werdeprozeß heraus vor u. über sein Werk als chen)kampf miteinander in Verbindung zu bringen - so z.B. in der etymologischen
dessen Urheber u. absoluten Herrn . ... Er [sc. der Schöpfergott] steht einfach Ableitung von l:lii1t;l aus bab. Tiämat (so DERS., Schöpfung und Chaos, 1 15;
selbstverständlich als der einzige ewig Seiende vor dem >Anfang<, nach dem Genesis, 103; vgl. HEMPEL, Art. Drache, 1998, nicht aber BERTHOLET, Art.
Himmel und Erde geschaffen sind. Daraus ergibt sich dann auch, daß Gen 1,1 das Drache, !996ft) - s. dazu aber unten, 122f.
>Erschaffen< im totalen Sinne als creatio ex nihilo ... versteht« (Hervorhebungen im 37 So WEISS, Untersuchungen, 13f: >>Die Frage nach dem Ursprung des >Chaos<
Original). - und damit die Frage nach einer ursprünglichen Dualität von Gott und >Chaos< -
30 Vgl. dazu May (Schöpfung, VII), der die Lehre von der creatio ex nihilo als hat den Verfasser von Gen 112 gar nicht interessiert, da es für ihn - und damit ist
eine Formel charakterisiert, in der es um die Voraussetzungslosigkeit der Schöpfung d�s Kernproblem von Gen 112 berührt - nicht darum ging, eine neue Aussage über
sowie um die göttliche Allmacht geht, deren Ausprägung >>als ein Teil der d1e Entstehung der Welt zu machen, die sich von den ihm zweifellos bekannten
Auseinandersetzung des antiken Christentums mit der Philosophie verstanden und heidnischen Kosmogonien seiner Umwelt nur relativ unterschieden hätte; das
dargestellt werden« muß. S. dazu unten, 27-30. eigentliche Ziel seines Schöpfungsberichtes ist vielmehr nicht eine kosmologische
3 1 So z. B. explizit RIDDERBOS, Genesis 1, 1 und 2, 231. oder kosmogonische, sondern eine theologische Aussage: Nicht die Herkunft der
3 2 Die Vorstellung einer Entstehung durch Emersio (von lat. emergere >>auf­ Chaosmächte interessiert ihn, sondern allein die Tatsache, daß Gott diese
tauchen, zum Vorschein kommen«) findet sich auch in Gen 1,24, wo davon die >Chaosmächte< bei der Erschaffung der Welt besiegt hat und nunmehr über sie
Rede ist, daß die Erde von sich aus auf Gottes Geheiß hin die Pflanzenwelt herrscht<< (Hervorhebung d. Vf.in).
hervorbringen soll. 3 8 Kaiser (Bedeutung des Meeres, 114) weist (mit Galling, Chaosschilderung)
33 Das Schöpfungsprinzip der Formatio (lat.) >>Gestaltung« als einem göttlichen darauf hin, daß in Gen 1,2 nicht von einer selbstmächtigen Größe, sondern von
_
emem Negativbild der bestehenden Weltordnung die Rede ist.
Tun ist in Gen 1,26 belegt, wo Gott sich selbst auffordert: >>Laßt uns Menschen
machen .. .«. 39 Beispielhaft dafür steht das mischnische Verdikt Hag 2, 1. S. unten, 32f m.
3 4 Vgl. zu dieser Diskussion unten, 309f. Anm. 109.
8 Einleitung: Zur Fragestellung und Methodik der Arbeit Exegetische Probleme und Vorgehensweise 9

fungswelt wieder aufgegriffen werden: 1�h »Finsternis« und C'O »Wasser«. Die II. Exegetische Probleme und Vorg�hensweise
Finsternis erhält ihre feste Bestimmung in der abgrenzenden Funktion zum erster­
schaffenen Licht. Das Altemieren beider gibt dem Handlungsablauf seine Zeit­
struktur. Indem Gott mit Hilfe des von ihm erschaffenen Himmelsgewölbes die
Wasser ausgrenzt und ihnen ihren Ort zuweist, entstehen die verschiedenen Lebens­
Da Gen 1 , 1-3 zu den Herzstücken christlicher (Schöpfungs-) Theo­
bereiche Himmel, Erde und Meer. Es entsteht also die Raumstruktur. Soweit scheint logie zählt, ist der Text auf dem Hintergrund einer langen Wirkungs­
das im zweiten Vers Vorgegebene im folgenden Bericht entfaltet zu werden. Gott geschichte zu betrachten, die bis in die zeitgenössische alt­
erschafft Dinge, die Möglichkeit zur Differenzierung und Begrenzung des bereits testamentliche Wissenschaft hineinreicht. Auffällig ist die anhaltende
Vorhandenen - von Finsternis und Wasser - bieten. Insofern ist die Rede von Got­ Uneinigkeit über die semantische und syntaktische Deutung des
tes schöpferischem Handeln als opus distinctionis40 zutreffend. Jedoch liegen mit
hebräischen Textes. Die Sichtung der Sekundärliteratur läßt vor al­
den übrigen Termini Qualitäten vor, zu denen es im eigentlichen Schöpfungsbericht
keine Entsprechung gibt. Sie weisen auf die Notwendigkeit eines formalisierten
lem zahlreiche syntaktische Übersetzungsmöglichkeiten erkennen.47
Verständnisses von V.2 hin.41 Auch die semantische Untersuchung von 1i'r::l) 1i'rt'l Die definitive Entscheidung über eine sachgemäße Übersetzung steht
ergibt, daß sich hinter dem hebräischen Wort kein Konkretum verbirgt42, sondern aber nach wie vor aus. Gen 1 , 1 -3 (MT) scheint eine crux interpretum
eine NegationspartikeJ.43 Das unvermittelte Nebeneinander von Qualitäten, wie es in zu sein. Da dieser crux auf grammatischem Wege allein nicht beizu­
Gen 1,2 vorliegt, ist auch in anderen altorientalischen Texten belegt.44 Es dient dem kommen ist48 , ist es ratsam, das begrenzt vorliegende biblische
Ausdruck eines abstrakten Gehalts mittels konkreter Bilder oder Begrifflichkeiten. Material zum Aspekt der Vorwelt um die altorientalischen Parallelen
zu erweitern. Hier ist jedoch in methodologischer Hinsicht Vorsicht
Das Phänomen der Voranstellung des Schöpfungsthemas als Einfüh­ geboten.
rung in ein theologisches Gesamtkonzept45 begegnet nicht nur im Wir können nicht davon ausgehen, daß für den gesamten alten Orient
Alten Testament, sondern auch in ägyptischen, mesopotamischen und eine kontinuierliche Literaturgeschichte vorliegt, die im 3.Jt.v.Chr.
griechischen Texten. Es gibt keine Weltentstehungsdarstellungen an mit sumerischen Texten einsetzt und über Resiod und Berossus bis zu
sich, also Texte, die nicht in einen übergeordneten, für die (Heils-) Ovid in das l .Jt.n.Chr. reicht.49 Die Tradierung schriftlicher Quellen
Geschichte oder den Kult relevanten Rahmen gestellt wurden. läßt sich nicht nachweisen. Die zeitlichen Abstände sind mitunter sehr
Tendenziell geht es in der Rede von den Weltanfangen immer um die groß und auch die Traditionswege (das Eindringen ägyptischer und
Legitimation des Vorhandenen durch seine Verankerung in der mesopotamischer Quellen über die nordsyrischen KulturenSO) sind zu
Urzeit als einer Zeit, in der die Schöpfungs- und Weltordnung ein lang und unbestimmt, um von direkten Abhängigkeiten ausgehen zu
für allemal festgesetzt und etabliert worden ist. 46 können.5 1

47 Vgl. dazu als Überblick GR O S S , Pendenskonstruktion, 52f; JENNI,


Erwägungen (mit umfassender Literatur); ROTIZ OLL, Vorbedingungen.
48 Jenni (aaO, 122f) weist darauf hin, daß ein Wechsel von der grammatisch­
40 S. dazu oben, Anm. 17. syntaktischen auf die inhaltlich-sachliche exegetische Argumentationsebene nicht zu
41 Vgl. ALB ER TZ, Art. Schöpfung, 1361: »Auch die scheinbar positiven befürworten sei. Er schlägt alternativ vor, auf sprachlich-semantischer Ebene zu
Schilderungen einer >Welt vor der Sch.[öpfung]< als wässeriges (Gen 1,2) oder verbleiben und nach dem relativen und absoluten Gebrauch von Zeitbestimmungen
wüstenartiges (Gen 2,5) Chaos sind nur als solche tastenden Negationen des jetzt im Hebräischen zu fragen. Da es sich dabei letztlich um eine nicht eindeutig
Vorfindlichen gemeint.« entscheidbare und an der lateinischen Grammatik orientierte Kategorisierung
42 Die Übersetzung »Wüste und Leere« muß als Hilfsübersetzung gewertet wer­ handelt, kann auch seine Übersetzung nicht als definitiv gelten. So bleibt m.E. die
den. Die Bedeutungsspanne des Hendiadyoin reicht sehr viel weiter, wie die vorliegende Arbeit doch auf die von Jenni für zu spekulativ befundene Ebene der
semantische Untersuchung zeigen wird. S. dazu unten, 111 ff. Stilkritik, Formgeschichte, Traditionskritik bis hin zur Theologie- und Aus­
43 So bereits SCHMIDT, Schöpfungsgeschichte, 78-80. legungsgeschichte verwiesen; vgl. DERS., Präposition Beth, 311 ff.
4 4 S o z.B. in den ägyptischen Sargtexten CT 8 0 I I 33f oder Ee. I ,lff. 49 Ein entsprechender Versuch findet sich in Gunkels Untersuchung >>Schöpfung
45 Es geht um die Konzeption einer regulativen Ordnung, die nicht nur für die und Chaos«, bes. 4f .l6ff, in Folge von F. Delitzsch, der die mesopotamischen und
Anfangszeit der Schöpfung, sondern für den gesamten Geschichtslauf des Volkes biblischen Schöpfungserzählungen auf eine einzige Quelle zurückgeführt hat (so in
Israel Bedeutung hat. seinem Nachwort zu SMITH, Chaldäische Genesis, 30Sf).
46 Die Konzeptionen von Schöpfungs- und Weltordnung haben in den alt­ so Solche Einflüsse lassen sich vor allem archäologisch und ikonographisch für
orientalischen Kulturen unterschiedliche Ausprägungen erfahren: s. z.B. den sume­ die SBZ, EZ I und II nachweisen; s. dazu zuletzt KEEL I UEHLINGER, Göttinnen.
rischen ME-Begriff, die akk. Rede von den Schicksalstafeln (simtu) oder die äg. Diese Ergebnisse lassen sich aber auf die Geschichte der biblischen Literatur nicht
Ma'at-Konzeption. S. dazu Exkurs 3 und unten, 243f. Zur Priesterschrift vgl. ohne weiteres übertragen.
JANOWSKI, Tempel und Schöpfung; LOHFINK, Priesterschrift; WEIMAR, Sinai und 51 Diese Annahme diente den Vertretern der Religionsgeschichtlichen Schule als
Schöpfung; vgl. unten, 306ff. Ausgangspunkt. Als das prominenteste Beispiel zur Auseinandersetzung über die
10 Einleitung: Zur Fragestellung und Methodik der Arbeit Exegetische Probleme und Vorgehensweise 11

Augenfällige Parallelen ergeben sich aus dem Vergleich der aus un­ der Text in den Targumim, der LXX und bei den in der Hexapla des
terschiedlichen Epochen und Kulturen stammenden Texte mit dem Origines gesammelten Textzeugen56 nimmt, scheint eine bestimmte
biblischen Material.52 Diese betreffen nicht nur die Motivgeschichte �yntaktische Struktur zu favorisieren, die noch heute die verbreitetste
(zur Funktion von Wasser, Wind und Finsternis etc. in kosmogoni­ Ubersetzung darstellt. Nicht weniger bedeutsam sind diese Text­
schen Texten), sondern auch formgeschichtliche Merkmale.53 Wie �.eugen für das Verständnis einiger semantischer Probleme in der
werden im alten Orient Vorweltaussagen sprachlich realisiert: Ubersetzung.
entweder als Kontrastschilderungen zur Lebenswelt (im Sinne von Die eigentliche Exegese verfahrt traditionsgeschichtlich.57 Ausgangs­
»als-noch-nicht-war«) in negierten Aussagesätzen oder als knappe punkt für die Untersuchung ist die Beobachtung, daß mit der
Zustandsschilderungen der vor dem Welt- bzw. Schöpfungsbeginn Vorweltmotivik in Gen 1,2 und der syntaktischen Struktur von Gen
vorhandenen Qualitäten? Für beide Konstruktionsweisen lassen sich 1 , 1 -3 ein »geprägter Sachverhalt«ss vorliegt, ohne daß auf eine
im Alten Testament Beispiele finden.54 Diese Überlegungen führen literarische Abhängigkeit oder die Aufnahme eines Überlieferungs­
zu folgender Vorgehensweise und Gliederung der Arbeit: stücks geschlossen werden könnte. Mittels Begriffsexegese59 wird
Im Anschluß an diese Einleitung (A.) folgt eine Darstellung der versucht, die Intention des Textes im Rekurs auf das gesamte prie­
theologisch-systematischen Implikationen, die den Diskussionsrahmen sterschriftliche Textkorpus, auf andere alttestamentliche und sonstige
dieser Arbeit bilden (B.). Die Auslegungsgeschichte von Gen 1,1-3 altorientalische Parallelen zu erschließen. Dieser Befund darf aber
steht weitgehend im Zeichen der Lehre von der »creatio ex nihilo«. nicht darüber hinwegtäuschen, daß den Aussagen in Gen 1, 1-3 eine
In einem ersten Kapitel (1. ) geht es darum, den Prozeß der sehr spezielle Intention zukommt, die als der eigentliche Beginn der
Ausbildung dieser Lehre aufzuzeigen und ihre Aporien für die altte­ Wirkungsgeschichte von traditionell Vorgegebenem anzusehen ist60
stamentliche Textauslegung zu verdeutlichen. Es werden die drei und somit eine eigene theologische Bewertung erwarten läßt. Die
möglichen hermeneutischen Herangehensweisen an die Vorwelt­ Vorgaben beziehen sich nicht nur auf die Semantik und Motivik, son­
thematik besprochen. In einem ersten Kapitel geht es um den dern auch auf die Form. Von daher ist im Rahmen dieser Arbeit die
Ausgangspunkt der Schöpfung aus präexistenten Stoffen, in einem formgeschichtliche Untersuchung ebenso wichtig.6 I
zweiten um den der Schöpfung aus dem Nichts. Mit beiden handelt es
sich um ontologisch orientierte Denkansätze. In einem dritten Kapitel Die vorliegende Arbeit verzichtet auf die Untersuchung möglicher Vorstufen von
Gen l , die vor der Textabfassung als mündlich oder schriftlich überlieferte Textab­
wird die Möglichkeit einer nicht-ontologische Sichtweise vorgestellt, schnitte eingeflossen sein mögen. So versuchen vor allem die der überlieferungs­
die den altorientalischen und alttestamentlichen Vorstellungen sehr geschichtlichen und der literarkritischen Methode verpflichteten Untersuchungen,
viel näher zu sein scheint. Darauf folgt ein Kapitel (II.) zur alttesta­ den syntaktischen und hermeneutischen Problemen in Gen l , l -3 mittels Textkor­
mentlichen Forschungsgeschichte. In ihr zeichnen sich zwar frühzei­ rekturen beizukommen. Indem man die grammatisch nicht regelkonform gesetzten
tig Tendenzen ab, die der dogmatisch beeinflußten Textauslegung zu­ Partikel oder ganze Versteile eliminiert, versucht man, einen schlüssigen lite­
gunsten einer historisch-kritischen bzw. religionsgeschichtlich orien­ rarischen Text zu generieren.62 Im Rahmen dieser Untersuchung wird deutlich wer-
tierten Exegese zu entgehen suchen, aber in der Regel wurde ein re­
ligionsgeschichtlicher oder systematisch-theologisch ausgerichteter 56 Die Vf.in beschränkt sich hier auf die Auflistung der für diesen Text
Ansatz verfolgt.55 Eine Arbeit, die sich den alttestamentlichen bedeutsamen Textzeugen. S. dazu unten, 65-68.
Vorstellungen von Vorwelt sowohl systematisch-theologisch als auch 57 Zur Definition und Abgrenzung (von Überlieferungs- und Redaktions­
geschichte) vgl. STECK, Exegese, l27ff m. Anm. 128.
religionswissenschaftlich zuwendet, blieb bislang ein Desiderat.
5 8 Steck (aaO: 125) definiert folgendermaßen: »Gleiche Denkstrukturen begegnen
Der sich daran anschließende exegetische Teil der Untersuchung (C.) _
Wieder ... , gleiche geprägte Bilder .. , gleiche geprägte Themen . , glei che
. ..

beschäftigt sich mit der Textgeschichte sowie mit der syntaktischen Themenensembles und nicht zuletzt gleiche Wortensembles, die einer geprägten
und der semantischen Struktur von Gen 1 , 1-3. Die Entwicklung, Q.ie Fachsprache anzugehören scheinen« (Hervorhebung im Original).
59 Vgl. STECK, Tradition und Theologie, 93f; DERS., Exegese, l30f.
6 0 Hierauf weist STECK, Schöpfungsbericht, 228ff zurecht hin; vgl. DERS . ,
literarische Abhängigkeiten und Überlieferungswege im Alten Orient darf der Babel­
Bibel-Streit gelten. S. dazu unten, 44ff. Exegese, 129 m. Anm. l 36.
61 Vgl. dazu KOCH, Formgeschichte, 3-20; vgl. auch STECK, Exegese des AT,
5 2 S. besonders Gen l , l-3 und 2,4b-7, Prv 8,22ff, Ps 90,2 und Ez l 6,4f, aber
auch 4Esra 6, l ff. Vgl. dazu SCHMIDT, Schöpfungsgeschichte, 78 m. Anm. 2. 96- 123. Während die formgeschichtliche Methode bei Gunkel und Koch in
5 3 Vgl. dazu ausführlicher bereits WESTERMANN, Genesis, 58-64 u.ö. Kombination mit der Überlieferungs- und redaktionsgeschichtlichen Untersuchung
gesehen wird, verbleibt diese Arbeit im traditionsgeschichtlichen Rahmen.
5 4 So i n Gen 1,2; Gen 2,5f; Prv 8,24-26; s. unten Exkurs 7. 62 S z.�. Schmidt (Schöpfungsgeschichte, 75f), der in seiner überlieferungs­
5 5 Als Ausnahme seien hier die Monographien von Schmidt und Westermann ?
geschichtlichen Untersuchung Gen 1 , 1 der späteren Interpretation und V.2 der
sowie ansatzweise von Zenger genannt. S. dazu unten, 55ff.
12 Einleitung: Zur Fragestellung und Metlwdik der Arbeit Exegetische Probleme und Vorgehensweise 13

den, daß solche - stets im Hypothetischen verbleibenden - Eingriffe in den Text zu ein Beginnen thematisiert ist?7o Anband dieser Untersuchung ist wei­
dessen inhaltlicher Plausibilisierung gar nicht nötig sind. Deshalb folgen wir der an­ terer Aufschluß zur syntaktischen Struktur von Gen 1, 1 zu erwarten.
deren methodologischen Prämisse, von der Einheitlichkeit des masoretischen Textes Um das Vergleichsmaterial für die Vorwelt- und Schöpfungs­
ausgehend, eine durchgängige Komposition anzunehmen und nach bestimmten
Formelementen Ausschau zu halten.6 3 Demgemäß stellen sich für diese Arbeit fol­
schilderungen zu erweitern, ist es sinnvoll, die vorderorientalische
gende Fragen: Wie sehen � Erzählanfange in anderen biblischen Texten aus? In Traditions- und Formgeschichte mitzuberücksichtigen (D). Denn im
welchem Kontext finden sich Vorweltschilderungen und wie sind sie sprachlich gesamten alten Orient bilden Vorweltaussagen einen festen Topos. Sie
realisiert? finden sich in sehr verschiedenen literarischen Kontexten und weisen
unterschiedliche formale und motivliehe Ausprägungen auf.
Angesichts des geringen Textumfangs von drei Versen kann es bei Diese Differenzierung ergibt für die religionsgeschichtlichen Unter­
der formgeschichtlichen Untersuchung von Gen 1, 1-3 nicht um eine suchungen folgende Gliederung:
Gattungszuweisung gehen64, sondern lediglich um die Untersuchung Das jeweils erste Kapitel der religionsgeschichtlichen Untersuchun­
der sprachlichen Gestaltung von Vorweltschilderungen in einem be­ gen (D.II. und III.) hat die sprachliche Realisierung der Vorwelt­
stimmten Motivkomplex. Zieht man die anderen alttestamentlichen aussagen zum Gegenstand. Auch in den altorientalischen Vergleichs­
Belege zu Rate, fallen die Negativformulierungen auf, in denen texten lassen sich eindeutige Formmerkmale erkennen. Von besonde­
Vorwelt als Kontrastbild zur Schöpfung (im Sinne von »als . . . noch rem Interesse sind die Beobachtungen zu den Anfangen kosmogoner
nicht war«) dargestellt wird. 65 Mit ihnen liegt eine formal auffällige Texte in Mesopotamien - dieser Topos fehlt in den ägyptischen Tex­
Konstruktion, respektive eine Formel vor. Vergleicht man damit Gen ten ganz -, die struktural und sprachlich Rückschlüsse auf Gen 1, 1-3
1 ,2, fällt die sehr viel geringere Formelhaftigkeit auf, da es sich in zulassen.
dem Vers nicht um eine »Als-noch-nicht«-Formulierung66, sondern Das zweite Kapitel behandelt die Motivik von Vorweltaussagen.
um eine inhaltlich negativ gestaltete Vorweltschilderung zu handeln Welche Götter und kosmischen Größen, welche Handlungsabläufe
scheint.67 Da beide Phänomene in Prv 8,24ff im Kontext einer Vor­ werden geschildert, um die Kosmogonie vorzubereiten?
weltschilderung hintereinander vorkommen, kann von der Äqui­ Der auswertende Teil der Arbeit (E.) mündet in einen Vergleich bib­
valenz der Konstruktionen ausgegangen werden. 68 lischer, ägyptischer, mesopotamischer und griechischer Vorweltschil­
Einen weiteren Untersuchungsgegenstand bilden Textanfänge im derungen hinsichtlich ihrer sprachlichen und motivliehen Ausge­
Alten Testament. Wie sehen die Buchanfange aus? Kennt die hebräi­ staltung. Hieran schließt sich die Frage nach der Intention der Vor­
sche Literatur Überschriften oder Mottoverse?69 Welche grammati­ weltschilderung in dem jeweils eigenen Kontext an.
schen Konstruktionen werden verwendet, wenn an einem Textanfang In Teil F, dem Schluß der Arbeit, werden die Ergebnisse in ihrer
Relevanz und Anwendbarkeit auf Gen 1, 1-3 hin untersucht.
Den ersten Bezugsrahmen der vorliegenden Untersuchung bilden
Schöpfungs- und Weltentstehungstexte, welche wiederum in eigene
Tradition zuzählt; und Zenger (Gottes Bogen, 1 85), der Gen 1,2c streicht, da die
Kontexte gestellt sind. Sie haben meist legitimierende Funktion in
Motivik dieses Teilverses in die - mit der Lebensmotiv von Gen 1 kontrastierenden
- Chaosmotivik in V.2 nicht zu passen scheint (aaO, 8 1 ff). S. zuletzt auch LEVIN, Toten- oder Königstexten, in Sukzessionsmythen oder Herrschafts­
Tatbericht. apologien. Das priesterschriftliche Geschichtswerk unterscheidet sich
6 3 Siehe als Untersuchung zum Thema bereits STECK, Schöpfungsbericht. von ihnen durch einen demokratisierten Zugriff, indem es - unter
64 Koch unterscheidet in diesem Kontext in Glied- und Rahmengattungen. Zu den Aussparung des Königs oder eines religiösen Vermittlers - die
Gliedgattungen als Subkategorie gehören z.B. Formeln als »die kleinsten Ausprä­ Geschichte des von der Vernichtung bedrohten und in seinen
gungen sprachlicher Einheiten«, die >>fast stets größeren Gattungen zu- oder einge­ Grundfesten erschütterten Volkes Israel in eine direkte Relation zu
ordnet« werden müssen (aaO, 29; s. auch 6), in diesem FaJI in die Gattung der
Schöpfungstexte.
seinem Gott stellt. Trotz dieser Differenz ist auffällig, daß die
6 5 So in Gen 2,4bff; Prv 8,22ff. altorientalischen Religionen wie auch Israel keine Schöpfungslehre
66 Dazu vgl. ausführlich WESTERMANN, Genesis, 59-64.86-88; vorher schon als Analogon zur Gottes- bzw. Götterlehre ausgeprägt haben. Immer
GRAPOW, Welt vor der Schöpfung, 37 mit Bezugnahme auf Gen 2,4bff. wenn Schöpfung und Weltentstehung thematisiert werden, geschieht
67 Vgl. auch Jes 45, 1 8 und Hi 26,7. das nicht um der Anfänge selbst, sondern um der Bestätigung der
6 8 Kritisch äußert sich STECK, Schöpfungsbericht, 224 m. Anm. 920, der in Gen vorliegenden Weltordnung willen.
1 , 1-3 und 2,4b-7 keine Parallele sieht und auch die Passage Prv 8,22ff außen vor
läßt. S. dazu unten Exkurs 7.
69 In den Literarischen Katalogen werden sumerische Texte stets und akkadische
70 Z.B. Jer 26, 1 ; 27, 1 ; 28, 1 ; 49,34; Hos 1 ,2 etc., aber auch Gen 2,4bff; 5,1 .
Texte häufig mit ihren Anfangsworten zitiert. Vgl. dazu VON SODEN, Mottoverse.
'

I I

Zur Auslegungsgeschichte 15

B) Auslegungs- und Forschungsgeschichte von 1. Gen 1 ,2 und die Schöpfung aus präexistentem Urstoff
Gen 1,1-3
Ihren Ursprung hat die Vorstellung von der Schöpfung aus bereits
vorgegebenem Urstoff im Platonismus (4.Jh.v.Chr.). In Platons
Timaios ist die Rede von der Güte des 6TJ 1.nou pyos, der

»alles [nahm,] was sichtbar war und keine Ruhe hielt, sondern in ungehöriger
und ordnungsloser Bewegung war, und führte es aus der Unordnung zur
Ordnung, da ihm dieser Zustand in jeder Beziehung besser schien als jener«2.

Dieser Gott schafft daraus zuerst die Ideenwelt und nach deren
Abbild die sichtbare Welt.3
I. Zur Auslegungsgeschichte �s darf als sehr wahrscheinlich gelten, daß dieser Gedanke dem
Ubersetzer(kreis) der Genesis-LXX4 zugrunde lag, die den hebräi­
schen Text folgendermaßen wiedergab:
Gen 1 , 1-3 hat eine breite Auslegungs- und Wirkungsgeschichte er­
fahren, die von apokryphen Schriften', über Joh 1 , 1 im Neuen 1 : 1 'Ev apxu ETIOtl]CJEV b 9EOS' TOV oupavov Kat T�V y�v. 2 � 8€ y� �V
Testament, die frührabbinischen Schriften bis in die Alte Kirche und a6paTOS' Kat a.KaTaCJKEUaCJTOS', Ka'i. CJKOTOS' ETiavw T�S' d:ßuooou, Kat
die mittelalterliche Theologie hinein reicht. An dieser Stelle können nvEÜfla 9Eoü ETIE<jlEpETo €navw Toü UBaTos-.
nur die drei hermeneutischen Grundmodelle für das Verständnis der
drei Anfangsverse der B ibel vorgestellt werden. 'Ev apxiJ kann sowohl temporal, als auch instrumental (d.h. gemäß
Im ersten Modell ist die Frage nach dem der Schöpfung präexistenten dem Prinzip, nach dem Gott bei seiner Schöpfung vorgeht) übersetzt
Urstoff gegeben. Gen 1 wird allgemein verstanden als ein Schöp­ werden.s Im MT ist das Nomen mit qualitativer Bedeutung nur in
fungsbericht, demgemäß Gott aus den in Gen 1 ,2 vorgegebenen Absolutusverbindung belegt, mit temporaler Bedeutung hingegen in
Dingen die Welt gestaltet. Es stellt sich die Frage, auf welchem gei­ Konstruktusverbindung. Da die LXX-Übersetzung auf einer unpun­
stesgeschichtlichen Hintergrund diese Vorstellung erwachsen und auf ktierten hebräischen Textvorlage basieren dürfte, fällt diese Unter­
den ersten Schöpfungsbericht übertragen worden ist. Desweiteren ist scheidung jedoch nicht ins Gewicht. 6 Die vorliegende indeterminierte
zu untersuchen, ob dieses Modell auf Gen 1 anwendbar und ob das temporale Zeitbestimmung dürfte das Resultat einer Wort-für-Wort-
Verständnis von Gen 1,2 als Vorweltmaterie dienlich ist.
Das zweite Modell hat im Gegenzug zu dieser Anschauung, an die 2 So Tim. 30a: oihw 8� nav ooov �v bpaTov napa/.. aßwv oux �aoux{av
sich die Frage nach der Ewigkeit der Materie und nach der Allmacht llyov af..f..a KlVOlJflEVOU 1TAl]flflEAWS' Kat aTaKTWS', EJS Taetv CIUTO �yayEV EK
Gottes anschließt, eine Konzeption entwickelt, die die systematische TfjS' hat{as-, �yl]CJaflEVOS' EKElVO TOIJTOU TiaVTWS' aftElVOV (36ff). Vgl. auch
52d, wo die präexistente Materie als aus Seiendem (ov), Raum (xwpa) und Werden
Theologie mit der Formel von der »creatio ex nihilo« umschreibt.
(y€vECJlS') bestehend geschildert wird. Zur Datierung vgl. H. DÖRRIE, Art. Platon,
Dieses Modell war über Jahrhunderte hinweg das beherrschende. Es Der Kleine Pauly 4 (1 975) 902.
soll aufgezeigt werden, wo der Ursprung dieser Formel liegt und 3 Vgl. Tim. 28a-29a.3la; vgl. dazu ausführlicher LANDMANN, Weltschöpfung,
inwieweit sie auf alttestamentliche Texte überhaupt anwendbar ist. 142-1 48.
Zuletzt bleibt zu untersuchen, inwieweit nicht beide Konzeptionen an 4 Zur Einordnung vgl. zuletzt RÖSEL, Übersetzung, 247-260 ( mit weiterer
der Aussageabsicht des alttestamentlichen Textes vorbeizielen. Wenn Literatur).
5 V gl. dazu ausführlicher HARL, La Bible d'Alexandrie, 86. Das instrumentale
dem so ist - das zu untersuchen, ist Gegenstand dieser Arbeit -,
Verständnis läßt sich vor allem in der jüdischen Auslegungsgeschichte nachweisen
bleibt aufzuspüren, in welchen Traditionen sich ein alternatives Ver­
(s. dazu unten, Anm. 59) und in der im Hellenismus wurzelnden Logostheologie,
ständnis andeutet und wie dieses die Intention von Gen 1,2 im deren Berücksichtigung den Rahmen dieser Untersuchung bei weitem sprengte.
Einzelfall wiedergibt. Vgl. z� le�t LEFEBVRE, Les mots, 309-3 11 zu Gen 1,1.16 LXX ('?tzil:l O:pXEtv).
=

6
Dte Ubersetzung deckt sich bereits mit dem rabbinischen Verständnis des
Verses in bMeg 9a. Hier wird durch die Umkehrung der Wortstellung in Gen 1,1
n-�1::1 M1::1 O'i1'?M die Parataxe nahege1egt; vgl. dazu auch SCHÄFER, BERESIT,
Wie z.B. 4Esr 5,56-6,6 und Jub 2, 1-3; vgl. dazu STECK, Schöpfungsbericht, 162; ROTIZOLL, Rabbinischer Kommentar, 34 m. Anm. 55 und RöSEL, Überset­
291 -318. zu ng, 30f.
16 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Auslegungsgeschichte 17

Übertragung sein, wie sie der unpunktierte hebräische Texte nahe­ {Op. mund. 7) und nimmt damit den Gedanken der Präexistenz der
gelegt hat.? Zudem handelt es sich bei d:pxl] um einen traditionell�n Materie ausdrücklich vorweg.J4
_ d1 e
»philosophischen« Terminus (vgl. Tim. 28b8 ), de� z.B. Aqmla d:o pa'fo c; Kat aKaTacrKeuacrToc;: »unsichtbar und ungeordnet I unor­
der hebräischen Wurzel rzi�i entsprechendere Ubersetzung E: v ganisiert I unbearbeitet« sind ebenfalls der philosophischen Sprache
KE<j>at..a {w vorzieht.9 .. entlehnte Termini 15 , die eine präexistente Materie suggerieren (vgl.
E:no{llcrEv bildet einen Eingriff des Ubersetzers in den Text. Indem Platon, Tim. 5 1a), was grammatisch noch durch den Gebrauch des
das auf Gott Weisende, den Schöpfungsvorgang als etwas ganz beson­ Imperfekts in V.2a unterstützt wird. J6
deres Herausstellende durchgängig mit dem Allerweltswort »machen,
tun«J o übersetzt wird anstatt mit K'ft(nvl l , muß von einem besonde­ M. Rösel hat darauf hingewiesen!?, daß bereits LXX eine alternative Interpretation
ren Deutungsschema der LXX-Verfasser ausgegangen werden . 1 2 der Vorweltschilderung vorbereitet hat. Die für 1ii::l) 1iin eingeführten Hapax lego­
Auch hier läßt sich wieder die Parallele zum Timaios herstellen: mena aopaTOS" und aKaTaO"KEUacrTOS »UnSichtbar und unbearbeitet« Weisen die
Interpretation zwei unterschiedlichen Traditionen zu. Der erste Begriff tritt offen­
wenn der oberste Gott die Seelenwelt schafft, heißt es im Text notEt v
sichtlich das platonische Erbe >>Ideenwelt versus sichtbare Welt« an1 8 und weist zu­
(vgl. Tim . 34b), wenn es um die materielle Welt geht, heißt es nt.. a T­ dem noch innertextlich auf das in Gen 1,7ff geschilderte Geschehen hin: die Erde
_ 6 qnou pynv_
Tnv (vgl. Tim. 42c-e) . l 3 Philo hingegen übersetzt m1t wird gleich dem Meer aus dem Urgewässer herausgebildet. l 9 Der zweite Begriff ist
eine deutliche Anleihe an die platonische Weltentstehungsvorstellung, >>daß die Welt
aus einem anfanglieh chaotischen Zustand in den der Ordnung und Harmonie über­
7 V gl. dazu RÖSEL, Übersetzung, 28f. führt werden muß, wobei die Harmonie der unsichtbaren Welt das Vorbild dar­
8 »Der ganze Himmel aber - oder die Welt oder welcher Name sonst ihm dafür stellt«2o. Damit überzeichnet LXX die ursprüngliche Aussageabsicht, das Noch­
am meisten belieben mag . . . , von ihm müssen wir zu erst erwägen, was es am Nicht hervorzuheben und unterlegt dem Text eine Deutung, die auf ein
Anfang (nptihov) bei jedem zu erwägen gilt, ob er stets war und keinen Anfang Schöpfungsgeschehen in zwei Akten hinzielt: In einem ersten Schritt wird >>ge­
(apxril seines Entstehens hat oder ob er, von einem Anfang (a pxril ausgehend, macht«21, was in einem zweiten Schritt »herausgetrennt«22 werden muß. Somit
geworden ist. Er ist geworden ... « (32.34); vgl. dazu ausführlich LANDMANN, wird eine Kontinität zwischen Gen I ,2 und V.7ff hergestellt. Schwierig ist an
Weltschöpfung, 145f. Er betont, daß apxri im Timaios im Sinne von p rius Rösels Deutung, daß er V.2 als einen Hinweis auf die von Gott geschaffene Materie
verstanden worden ist und nicht als erster Ursprung. S. z.St. auch ROSEL, ansieht23 , die dem Schöpfungswerk zugrundeliegt, jedoch noch ungeformt ist.
Übersetzung, 28f.
9
.
Origenis Hexaplorum,7. Theodotion und Symmachus hmgegen behalten die
.

Übersetzung mit 'Ev apxfj bei. der Ideen geschaffen (vgl. Gebrauch von notEt v gemäß dem platonischen
I o Das Wort entspricht in etwa i1ID.!l als dem in MT mit ll!ü altemierenden Begriff. Textvorbild) und erst im zweiten Teil geht es um die materiale Welt.
I I Wie z.B. in Gen 14,22 LXX, was Aquila für Gen 1 , 1 übernimmt. Anders 1 4 Denn der Begriff beschreibt einen handwerklich-technischen Vorgang, der die
Theodotion und Symmachus, sie übersetzen in..Gen 1,1 mit nm€w. . Materie voraussetzt; vgl. FOERSTER, aaO, 1023.1025.
1 2 >>Der Schluß ist, daß KTt<;w für die LXX-Ubersetzer der Thora noch mcht den 1 5 Das erste Wort kommt in LXX sonst nur an zwei weiteren Stellen vor, in Jes
späten Vollinhalt hat« (FOERSTER, Art. KTt<;w etc., 1026); d�s Verb meint >>im 45,3 + 2 Makk 9,5, während es für das zweite keine weitere Belegstelle - weder in
Gegensatz zu .s1111wupy€w nicht das tatsächliche handwerkliche Erbauen und der LXX noch im NT - gibt. Vgl. REHKOPF, Septuaginta-Vokabular, 29.9. Anders
Errichten, sondern benennt den entscheidenden grundlegenden Willensakt zur Schaller (Gen 1,2, 9ff.44ff), der davon ausgeht, daß die Wendung >>nicht den
Errichtung, Gründung und Stiftung, dem die handwerkliche Ausführung, � as Einfluß der platonischen Ideenleere auf die LXX wider[spiegelt] , sondern . . . auf
lll] !ltou pyE'w erst folgt« (aaO, 1024). Die Pentateuch-LXX bevorzugt notnv, eine ältere Deutungstradition zurück[geht], die zu übersetzen wäre: >Die Erde aber
während Origines in der Hexapla KTt(;w als Entsprechung zu ll!i::l einführt, ein war noch nicht erschienen, weil sie aus dem Chaos von Gott noch nicht gestaltet
Begriff der auch im Neuen Testament so verwendet wird. war< « (aaO, 10).
. .
1 3 Ein Grund für den uneinheitlichen Gebrauch der Schöpfungstermim .

hegt nach 1 6 So HARL, La Bible d'Alexandrie, 87.


Rösel (Übersetzung, 29f.77f) in der Zweiteiligkeit des Schöpfungsberichts: LXX 1 7 Übersetzung, 31ff.
bemüht sich um eine zusammenhängende Lektüre von Gen 1-3. Der hebräische Text 1 8 S. bei Platon und Philon; vgl. dazu WEISS, Untersuchungen, 35-38; KRANZ,
weist die beiden Begriffe 11!1::1 und II!ID.!l auf, wobei der erste nur in Gen 1 und an Die griechische Philosophie, 209f.
theologisch exponierter Stelle erscheint (also nicht das Tun Gottes selbst um­ 1 9 Josephus (Ant. I,27) deutet diesen Gedanken um in die Unsichtbarkeit wegen
schreibt), während der zweite einen neutralen Gebrauch zuläßt. Auffallend _1st, daß Dunkelheit; s. unten, 22.
im Unterschied zum hebräischen Text die Differenzierung der Verben des Schaffens 20 So RÖSEL, Übersetzung, 33 mit Hinweis auf Platon, Tim. 30a.
in LXX fehlt und erst am Schluß in Gen 2,3c das niiD-l?<. Cl'i1?� ll!l:;l-itli� durch 21 nodw »schaffen, machen, verfertigen u.a.«. S. dazu oben, Anm. 13f.
apxEcr9at + Infinitiv Passiv von notEtv, also durch zwei unterschiedliche Begriffe 22 c5taxwp{'w >>gänzlich absondern, trennen«; vgl. dazu RöSEL, Übersetzung,
übersetzt wird, wobei der Akzent auf dem »anfangen« liegt, obwohl es sich der 37ff.
hebräischen Erzählung nach um den Abschluß handelt! Dieses >>anfangen« markiert 2 3 AaO, 33. Auch Harl (aaO, 87) weist auf die Möglichkeit eines solchen
den grenzenlosen Übergang zu der zweiten Schöpfungserzählung und soll die Zu­ Verständnisses hin und sieht es bereits in dem o\Je€v bei Aquila und Theodotion und
sammengehörigkeit beider Erzählungen unterstreichen: Im ersten Teil wird die Welt in 2Makk 7,28 angelegt. Vgl. dazu aber die minutiöse Widerlegung dieser ange-
-

18 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Auslegungsgeschichte 19

Somit deutet sich seiner Meinung nach in LXX die Vorstellung der »creatio ex ni­ aßuuuoc; heißt eigentlich »Tiefe« und ist erstmals in diesem Kontext
hilo« bereits an. 24 Denselben Gedanken äußert Börner-Klein, indem sie als eine (vgl. auch Gen 7 , 1 1 LXX; 8,2 LXX) im kosmologischen Sinn als
mögliche Textdeutung zuläßt, »daß Gott in einem ersten Schöpfungswerk die Erde Masse der Urgewässer eingeführt worden.34
als Plan entwarf und den Plan anschließend ausführte«. Als zweite Möglichkeit
nvEu 11-a hat von vornherein die Konnotation »Wind, Luft, Lebens­
räumt sie jedoch ein, »daß die Erde zunächst aufgrund ihrer Unförmigkeit und der
sie umgebenden Finsternis unsichtbar gewesen ist«25, ein Gedanke, der sich ja auch hauch, göttliche Präsenz«, entspricht also dem hebräischen Vorbild
bei Josephus belegt findet. Gerade wegen der Nähe der LXX zum Platonismus er­ (vgl. Philo) und außerdem dem Prinzip der Stoa, daß Luft und Feuer
scheint uns diese zweite Interpretation, die von der Schöpfung auf der Grundlage die W eltbeweger sind. Rösels Meinung nach verbirgt sich hier »eine
von präexistenten Dingen ausgeht, wahrscheinlicher. 26 Gestützt wird diese selbständige göttliche Macht. . . , die als Grundvoraussetzung für die
Annahme durch die Übersetzungen von Aquila und Symmachus, die beide den folgende Schöpfung auf das Wasser gelegt wird«35.
Aspekt des Leeren bis hin zum Nichtigen betonen. 27 Zudem ist es von der ge­
Den zentralen Gegenstand der Konfrontation bildet also der
samten Komposition Gen l -2 LXX her unwahrscheinlich, daß der Schöpfergott in
drei Phasen schafft: zuerst die Materie (V . 1f)2 8, darauf die Ideenwelt (Gen l ,3-2,7 Platonismus.36 Er wurde von den späthellenistischen Philosophen seit
LXX) und zuletzt die vorfindliehe Welt (Gen 2,8ff LXX), wobei sich der Übergang dem 1 . Jh.v.Chr. wiederentdeckt wegen seines kosmologischen Ge­
von Phase 2 zu 3 formal durch den Wechsel des Schöpfungsverbs begründen dankenguts, das über den Gedanken der <j>uuts- als einer der Welt
läßt. 29 Ein ähnliches Indiz fehlt jedoch für die Einteilung in Phase 1 und 2. innewohnenden Natur hinausweist. Platons Timaios war die einzig
bekannte Kosmogonie. Die seit dem 2./l.Jh.v.Chr. aufkommende Pla­
uKoTos-30 kann neben der allgemeinen Bedeutung »Dunkelheit« auch tonrenaissance37 bot die Voraussetzung für erste kosmologische Kon-
für die in der Toten- und Unterwelt bestehende Finstemis3 1 stehen.
Im übertragenen Sinne liegt auch die Bedeutung Blindheit,
34 Vgl. JEREMIAS, Art. aßuoooc:;, 9 (mit Belegstellen); vgl. dazu auch HARL, La
Unklarheit3 2 vor. So bemerkt Rösel richtig : »Die Dunkelheit vor Bible d'Alexandrie, 87 und RÖSEL, aaO, 34 m. Anm. 25.
Beginn der Schöpfung läßt sich so als dem Leben unzuträgliche 35 AaO, 33; vgl. ähnlich HARL, La Bible d'Alexandrie, 87. Für diese Deutung
Finsternis verstehen, die durch die Taten Gottes verdrängt werden spricht auch das Imperfekt im griechischen Text anstelle des Partizips in V.2bß
muß«33. (MT).
36 Daß es den Platonismus als uniforme Bewegung bereits in der Antike kaum
gegeben hat, zeigt die Untersuchung von DÖRRIE, Von Platon zum Platonismus. ­
nommenen Doppeldeutigkeit durch Weiss (Untersuchungen, 36). Die Weltbildung Görg weist darauf hin, daß auch ägyptische Spätzeitkosmogonien die LXX
bei Platon und Phiion erscheint als das Zusammenfügen eines dem Demiurgen beeinflußt haben dürften; vgl. DERS ., Ptolemäische Theologie, und Zur Rede,
vorgegebenen Stoffes (vgl. auch aaO, 63.74). 144ff. Zur Kritik vgl. RÖSEL, Übersetzung, 33f m. Anm. 23.25.
2 4 AaO, 32. 37 Das Problem dieser Renaissance war die Rezeption der platonischen Werke.
2 5 Tohu und Bohu, 6. Die noch z.Zt. Platons gestiftete »Akademie« brachte sich selbst in die Defensive.
26 So auch HARL, La B ible d'Alexandrie, 87. Sie weist auf Tim. 5 1 a und Sap Sal Durch die methodologische Reduzierung der platonischen Lehre auf den Kernsatz,
1 1 , 17 als Parallelen hin, wo von einer präexistenten Materie ausdrücklich die Rede daß positive und negative Argumente einander aufheben, wurde auf ein inhaltliches
ist. - In diese Richtung weist auch Philos und Josephus' Interpretation des mosai­ Konzept verzichtet. Somit war die Akademie unfähig, auf aufkommende Fragen zu
schen Schöpfungsberichts (s. unten, 21 m. Anm. 46f); vgl. dazu NODET, F. reagieren (DÖRRIE, Von Platon zum Platonismus, 1 5f). Nach dem Alexander­
Josephe, 10 m. Anm. 7 und zuletzt PAUL, Recit, 1 3 1 . feldzug und der damit verbundenen Aufgabe der attischen Vormachtstellung ver­
2 7 Sei es im Sinne des Nichtvorhandenseins der Materie, so z.B. Aquila: KEVW�J.a lagerte sich der kulturelle Schwerpunkt nach Alexandrien, wo das Museion gegrün­
Kat ou6EV »leerer Raum und nichts« oder Symmachus apyov Kat a6taKplTOV »roh det wurde, das jedoch mehr auf praktisch ausgerichtete Disziplinen versiert war,
und ungeschieden« im Sinne der noch unbearbeiteten Materie; vgl. dazu HÖRNER­ wodurch eine Ablösung des platonischen Weltbildes zugunsten von Aristoteles
KLEIN, Tohu und Bohu, 6f. Zu Theodotions Übersetzung KEVOV Kat ov6Ev »leer unabwendbar war. Erst im 2./ l . Jh. entstand hier eine rein philologisch begründete
und nichts« s. unten, 3 1 f. Edition der platonischen Schriften bei jedoch weiter anhaltender Platonpolernik. Erst
2 8 Rösel spricht nicht von drei Phasen, sondern sieht in Gen 1 , I f eine die Stoiker Panaitios und Posidonios griffen gedanklich auf Platon zurück (vgl.
»Überschrift für das in der Folge geschilderte Schöpfungsgeschehen«, deren Sinn dazu U. GRONAU, Posidonius und die jüdisch-christliche Genesisexegese, Leipzig/
darin liegt, die Unvollkommenheit der von Gott geschaffenen Erde hervorzuheben Berlin 19 14, I. 193ff). Das besondere, ja beinahe ausschließliche Interesse galt dem
(aaO, 35). Eine Annahme, die uns sehr hypothetisch erscheint, zumal das Imperfekt Timaios. Problematisch ist der Überlieferungsweg: man berief sich nicht auf die
von dvat auf einen Zustand hinweist; vgl. HARL, La Bible d'Alexandrie, 87. platonischen Schriften selbst, sondern nahm Vorlieb mit den Doxographien (vgl.
29 S. oben, Anm. 13. Doxographie graeci, hg. von H. DIELS, Berlin 1 879). Somit war viel Raum für das
3 0 Vgl. CONZELMANN, Art. oKoTos etc., 424-446, bes. 429-43 1 . Mißverstehen der platonischen Schriften bzw. einer Standardisierung des Platon­
3 1 Vgl. CONZELMANN, Art. oKoTos etc., 429. S. dazu auch unten, 1 8 8f zu äg. verständnisses gegeben. Dörrie nennt hier als Beispiel die Aufnahme der Drei­
kkw sm3w. Prinzipien-Lehre (Demiurg - Idee - Materie), die in den Handbüchern insofern ver­
I 32 Vgl. CONZELMANN, ebd. kürzt wiedergegeben worden ist, als die Zweckgebundenheit der Schöpfertat - näm­
II 33 RöSEL, Übersetzung, 33. lich zum Guten (Tim. 29e) - außer acht gelassen wurde, was ein sehr mechanisti-
20 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1,1-3 Zur Auslegungsgeschichte 21

zeptionen, die im Neoplatonismus ihren Höhepunkt fanden.3 8 LXX Ein weiterer Vertreter der jüdisch-hellenistischen Bewegung ist Philo
und andere Textzeugen dürften in reger Auseinandersetzung mit dem von Alexandrien (ca. 20/10 v.Chr.-45 n.Chr.).44 Er zitiert 'Ev a pxfj
platonischen Gedankengut gestanden haben. ETTOlTJ<JEV 6 8Eo c; TOV oupavov Kat TftV y�v zwar, ohne den jüdi­
..
LXX und die drei in der Hexapla überlieferten Ubersetzungen39 schen Grundsatz vom Geschaffensein der Welt durch Gott zu leug­
vermitteln ein zweifaches Bild des Verständnisses von Vorwelt. LXX nen, greift aber bei der im Judentum nicht zugelassenen Frage nach
und Symmachus verstehen die Vorwelt recht konkret als noch nicht dem »Wie« der Schöpfung45 auf die griechisch-hellenistische Tradi­
geordneten Lebensraum bzw. als brachliegendes Land. Aquila und tion46 zurück. Neben Gott setzt er die Materie voraus, die ungeordnet
Theodotion hingegen formulieren abstrakter und betonen den Zu­ und qualitätslos von Gott geordnet und gestaltet wird.47
stand der Nichtigkeit und Unbewohnbarkeit. Anleihen an die »creatio In seiner eher an Platons Timaios als an der biblischen Genesis ori­
ex nihilo«-Vorstellung fehlen ganz.4o entierten Kosmologie »De opificio mundi« beschreibt Philo die
Schöpfung als eine Weltbildung ( 1 ; 7ft), die am ersten Tag »ideal«
>>Die uns zugängliche Literatur des hellenistischen Judentums bringt die und in den folgenden Tagen erst in die Realität umgesetzt worden
Vorstellung von einer creatio ex nihilo zumindest nicht direkt zum Ausdruck. ist.4 8 Er verwendet erstmalig KO<J !loc; als theologischen Begriff49 und
( . . . ) Die Problematik des Kausalprinzips (>aus nichts wird nichts<), das der
Ansatz einer creatio ex nihilo voraussetzt, stand kaum zur Diskussion. Man hatte
überhaupt kein besonderes Interesse an kosmologischen Fragen. Das gilt auch Meaning, 207; SCHOLEM, Schöpfung aus Nichts, 64f. Anders ALTMANN, Note,
für die Kreise, in denen 2Makk entstanden ist; denn es ist doch mehr als 195 , sowie vor allem die katholischen Theologen; vgl. SCHMAUS, Katholische
auffallend, daß nur ein einziges Mal eine Formulierung begegnet, die zu so spe­ Dogmatik II/1, 20; JUNKER, Art. Schöpfungsbericht, 460 wie protestantischerseits
zieller Deutung4t Anlaß gibt. Schließlich spricht Weish. 1 1 , 1 742 das pure z.B. WEBER, Grundlagen der Dogmatik 1 , 552. Sie halten daran fest, daß 2Makk
Gegenteil aus.«43 7,28 die biblische Referenzstelle für die >>creatio ex nihilo« ist; kritisch äußert sich
dazu LORETZ, Schöpfung und Mythos, 8 1 .
4 2 Sap Sal 1 1 , 1 7 ist nach Schaller (Gen. 1 ,2, 79) als jüdische Polemik gegen das
sches Verständnis zur Konsequenz hatte, daß sich trotz Korrekturen, die schon Heidentum zu verstehen, die in sachlicher und formaler Ähnlichkeit zu Rö 1 , 20-23
Philo von Alexandrien anzubringen wußte (De Aet. mundi 14), bis weit ins steht. Die Stelle wird von der traditionellen katholischen Dogmatik als Schriftbeweis
3.Jh.n.Chr. hielt (aaO, 39f). für die »creatio ex nihilo« angeführt (E:e a11-op<jlou uP-11s-): so ZÖCKLER, Art.
3 8 Einen Höhepunkt, der insofern einen Wandel in sich barg, als daß >>bis hin zur Schöpfung, 683 ; SCHMAUS, Katholische Dogmatik II/ 1 , 19; vs. JUNKER, Art.
Generation Plotins, der Timaios den Platonismus prägte; den eigentlichen Aufbruch Schöpfungsbericht, 460. Diese Behauptung ist jedoch exegetisch nicht haltbar, da
_ das K'flc�EtV 'TOV KOO"IlOV E� allop<jlou UA llS" dieser Perikope ähnlich wie das
steh
in eine Ontologie, die alle Anschaulichkeit abstreifte, vollzog erst Plotin« (DÖRRIE,
Von Platon zum Platonismus, 45). Dieser Wandel hatte eine Hinwendung zum 'Ta 11-TJ Öv'fa bei Philo, Op. Mund. 8 1 (Art. KOO"!lO<;' etc. 878) und wohl auch das
Transzendenten zur Folge, der wiederum aufs Engste einherging mit den O�K E:� o vn.i:lv in 2Makk 7,28 (mit SCHMUTTERMA YR, Schöpfung aus dem
gnostischen Bewegungen in der frühchristlichen Zeit. Somit sind der Neo­ Ntchts, 227, vs. SASSE, Art. KOO"!lo<: etc., 878) sich nicht auf das Nichts, sondern
platonismus wie das frühe Christentum als zwei Fluchtlinien zu sehen, deren Ziel es auf den formlosen Stoff beziehen.
ist, sich von den wie auch immer ausgerichteten gnostischen Bewegungen abzu­ 43 SCHMUTTERMAYR, Schöpfung aus dem Nichts, 2 1 7 ; vgl. auch WEISS,
grenzen und das eigene System überlebensfähig auszugestalten. Die in der Untersuchungen, 73f.
gemeinsamen Polemik angelegte Zweckgemeinschaft hat zur Folge, daß eine Grenz­ 44 S. in diesem Kontext Philo, Op. mund. 26f; vgl. dazu auch HÖRNER-KLEIN,
ziehung zwischen neuplatonistischem und altkirchlichem Denken äußerst prekär Tohu und Bohu, 8.
war. Andererseits weist der Neoplatonismus über das heterogene Weltbild von 45 S. dazu ausführlich unten, 32f.
Bibel und Platonismus hinaus, wenn er die Welt aus Emanation entstanden als 4 6 Das Mißverständnis der platonischen Kosmologie seit Aristoteles bestand
Theophanie ansieht (LANDMANN, Weltschöpfung, 1 48 ; vgl. auch WOLFSON, darin, daß man die kosmologisch-mythischen Aussagen im Timaios wörtlich als
Meaning, 208ff: die Schöpfung der Welt erfolgt aus dem Nichts durch den Vater). »Wissensaussagen« verstand, wodurch dualistische Entwicklungen in dem
3 9 Vgl. dazu oben, Anm. 9. 1 1 .27. Gegeneinander von Schöpfergott und Materie erst ermöglicht wurden (WEISS,
4 0 Anders RöSEL, Übersetzung, 35. S. dazu oben, 1 8 m. Anm. 24. Untersuchungen, 168f). Für Landmann (Weltschöpfung, 1 45) ist die Aristotelische
4 1 Schmuttermayr (Schöpfung aus dem Nichts) stellt aufgrund semantisch­ Lehre von der Ewigkeit der bestehenden Welt eine Synthese der platonischen
syntaktischer (Unterschied von ouKI!lTi öv/ov'fa und der Stellung von Präposition Komponente von der relativen Stabilität des Seienden mit der vorsokratischen von
und Negation [21 8]) sowie kontextueller Untersuchungen (Belege in biblischer oder �
�r nfangslosigkeit. In diesem Zusammenhang wird das Verständnis des n·t!i�""J:;l ·

patristischer Literatur [21 9ff]) heraus, daß die vorliegende Stelle kein Nachweis für tm Smne von de!a principio erst wichtig.
die >>creatio ex nihilo« ist. Die Formulierung 2Makk 7,28 lege nahe, daß ein 47 w EISS, aaO, 34. S. auch Sap Sal 1 1 , 1 7; Josephus, Ant 1,28; Gen 1 ,2 LXX;
.
>>Gegensatz in Gedanken ergänzt werden muß«, der sehr wohl an die Formulierung ntcht aber 2Makk. 7,28.
in Gen 1 ,2 denken läßt: >>nicht aus seienden, vorfindliehen (Einzel-)Dingen 4 8 So SASSE, Art. KOO" IlOS" etc., 877f. Ein Hinweis auf diese >>ideale« Schöpfung
(Plural !), sondern aus im Sinn von Gen 1,2 Vorgegebenem ist die Welt geschaffen � ersten Tag findet sich in dem Fehlen der Ordnungszahl in V.3; es wäre nach
worden« (224). Das entsprechende Problembewußtsein zeigen auch WOLFSON, Phll o zu übersetzen: das war ein Tag, und nicht: das war der erste Tag. In Folge der
22 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Auslegungsgeschichte 23
unterscheidet auf der Textgrundlage von Gen 1 ,2 (als »unsichtbare Ebenso findet sich die Vorstellung der präexistenten Materie im
Welt«) hier, wie oben beschrieben, in einen KooiJ.oc; VOT)Toc; (»Welt rabbinischen Schrifttum. Die z.T. gegenläufigen Probleme, die die
der Ideen«) und in einen Koo �oc; o\hoc;/ ai.oEIT) Toc;/ 6 paToc; (»reale Rabbinen in Gen 1 ,2 sahen, finden sich in BerR nebeneinander auf­
Welt«). In Anlehnung an Platons Timaios (Tim 37d-38b) interpre­ geführt. BerR 1,9 z.B. schildert ein Streitgespräch zwisc�en Rahban
tiert er das 'Ev cipx-Q gegen die weitverbreiteteso zeitliche Deutung .
Gamliel und einem (hellenistisch geprägten) Philosophen, m welchem
numerisch als »zuerst schuf Gott«5I mit der Begründung, daß die
der Gedanke einer impliziten »creatio ex nihilo« dazu dient, gegen
Zeit mit oder erst nach der Weltschöpfung geschaffen wurde (Op.
die Vorstellung von Chaoselementen als präexistenter Materie an der
Mund. 26t). Alleinwirksamkeit und Allmacht Gottes festzuhalten. Gamliel entgeg­
Eine alternative Deutung, die Gen 1 als Synthese von rabbinischem net dem Einwand des Philosophen, daß Gott als »großer Bildner« für
und hellenistischem Gedankengut interpretiert, liefert Josephus seine Schöpfung auf vorhandenes Material zurückgreifen konnte, in­
(37/38- 1 00 n.Chr.)5 2 . In seiner Übertragung von Gen 1 , 1 - � 53 ve�­
dem er auf die exklusive Bedeutung des Schöpfungsverbs eingeht:
wertet er einerseits eine Reihe hellenistisch beeinflußter Begnffe w1e
ÜA.T) (1,28); u E T woo p (1,30); OT) IJ.t ou pyEt V (1,32) und KOO IJ.oc; (1,33), »Ein Philosoph fragte den Rahban Gamliel: Euer Gott ist zwar ein grosser
andererseits brin�t er auf erzählerischer Ebene im Sinne der rabbi�i­ B ildner, er fand aber gutes Material vor, was ihm zu Statten kam. Worin bestand
schen Exegese Änderungen an, indem er nicht mit LXX und Ph1lo dasselbe? In Oede, Leere, Finstemiss, Wind, Wasser und Tiefe. Möchte ihm
die Aussage der Unsichtbarkeit der Erde gemäß der platonisch-dua­ doch der Geist ausgehen! gab Rahban Gamliel zur Antwort, bei allen diesen
listischen Anschauung deutet, sondern in Gen 1 ,2 die Verborgenheit .

Dingen steht das Wort >schaffen<, bei der Oede und eere s. Jes. 45,7; bei de:
der Erde in der Tiefe der Finsternis sieht.54 Finsternis s. das., beim Wasser s. Ps 148,4.5, beim Wmd s. Amos 4 , 1 3 und be1
der Tiefe s. Prov. 8,24.« 55

Daß dieser Philosoph nicht unbedingt ein Heide gewesen sein muß56 ,
( 1 . 1 5f; 1 . 36). Philo gibt auch eine genaue Reihenf�lge der Werke de� idealen
sondern daß er für eine Fraktion im Judentum stehen könnte, die von
Schöpfung: Die Erschaffung a) des unkörperlichen H1mm�ls; b) der unsichtbaren der Weltschöpfung aus vier Urelernenten ausging, impliziert aber
_
Erde; c) der Idee der Luft; d) des leeren Raumes (Fmsterms und Abgrund); e) der auch das Vorhandensein einer der »creatio ex nihilo« widersprechen­
unkörperlichen Substanz des Wassers; f) des Lufthauches : g) der Idee des Lichts den Schöpfungskonzeption. Somit kann dieser Text nicht als eindeuti­
(dem Modell für die Sonne und die lichtspendenden Gestirne) (1 .29). Besonders ger Nachweis für die Vorstellung der »creatio ex nihilo« in der rab­
hervorgehoben sind der Lufthauch (durch die Bezeichnung als »Hauch Gottes«) binischen Literatur dienen.57
sowie das Licht (durch die Billigungsformel) als das Abbild der göttlichen Vernunft
Dieser Anschauung entspricht auch der Ausspruch des R. Tanchuma
( 1 .30). Zu der Frage, ob in Philos Werk - die Art der Trennung von Licht u�d
Finsternis betreffend - eine andere kosmogonische Anschauung zum Vorschem (BerR 1,4). In ihm findet sich die Vorstellung, daß die Welt aus sechs
kommt; vgl. VON MUTIUS, Trennung, 32-34. verschiedenen Elementen erschaffen wurde:
49 SASSE, Art. KO<JilO< etc., 876f. Der Begriff bedeutet ursprünglich »Ordnung«,
auch im Sinne von »Weltordnung«, und wird von Platon im heutigen Sinn von
»Weltall« verwendet. Von ihm übernimmt Philo ihn und verwendet ihn als ss Zu BerR 1,9 vgl. dazu WEI S S , Untersuchungen, 9 1 f. Zu BerR als
Synonym für den hebr. Merismus »Himmel und Erde«. Philos Unterscheidung in
Auslegungsmidrasch der Genesis (5. Jh., Palästina), der auf einer Fülle - mündlich
den idealen und realen Kosmos öffnet den Weg für die Weiterentwicklung zur
oder schriftlich überlieferter - zumeist rabbinischer Traditionen basiert, vgl.
neuplatonistischen Kosmologie.
STRACK I STEMBERGER, Einführung, 258-263, bes. 259f sowie STEMBERGER,
5 0 Vgl. vor allem die TO und TPsJon z.St.; vgl. SCHALLER, Gen 1 ,2, 82;
Geschichte, 87f.
WEISS, Untersuchungen, 1 15 - 1 1 8 (S. dazu unten, 65-68).
56 Diesen Gedanken hebt SchaUer (Gen. 1 ,2, 1 30) hervor; er sieht in dieser vor­
5 1 Vgl. bereits Platon, Tim. 28b. S. dazu oben, Anm. 8.
dergründig jüdisch-hellenistischen Auseinandersetzung in realiter eine innerjüdische
5 2 Vgl. MAYER, Art. Flavius Josephus, 258-264.
Auseinandersetzung über das rechte Verständnis von Gen 1 ,2. So auch Schäfer
53 Ant. 1,27: 'Ev apx'(l EKTlOEV b 8Eot; TOV oupavov Kat T�V yijv. TaUTT]t;
(BERESIT, 1 64f), der zudem auf die Beziehung zu dem ein Jao/,tausend später wir­
6'{m"olj)tv E PXOilEVT]t;, aHa ßa8Et llE v KpUTITOilEVT]t; OKOTEt, 1TVEUilaTOt;
kenden Raschi hinweist, welcher mit seinem hypotaktischen Ubersetzungsmodell
6'auT� V avw8Ev E 1Tt8EOVTO, YEVE<J8at <l> w t; EKD.EUOEV 0 8EOt; . . . »A u
(s. dazu unten, 69f) das Schöpfungswerk Gottes auf der Basis von Vorher­
commencement, Dieu crea le ciel et la terre. Or celle-ci ne venait pas sous Ia vue,
gegebenem philologisch unterstreicht.
mais elle disparaissait sous d'epaisses tenebres et un souffle venu �·en haut courait
n Vgl. hingegen bHag 1 2a, wo davon die Rede ist, daß Gott am ersten
sur sa surface, quand Dieu donna / 'ordre qu'il y ait la lumiere<< (Ubersetzung von
Schöpfungstag zehn Dinge (u.a. Tohu und Bohu) als Baumaterial für die Welt er­
NODET, F. Josephe, 10; vgl. auch PAUL, Recit, 129). .. schafft. Hier ist sehr wohl implizit von der »creatio ex nihilo« auszugehen; vgl.
54 J O S E PH U S , Ant. Jud. 1,27-37; vgl. SCHALLER, Gen 1 ,2, 99; ROSEL,
dazu WEISS, Untersuchungen, 9 l f; BÖRNER-KLEIN, Tohu und Bohu, 16. Zum
Übersetzung, 32; NODET, F. Josephe , 10 m. Anm. 7. - S. dazu unten, 30-33.
Text vgl. ROTfZOLL, Rabbinischer Kommentar, 30. S. weiterhin dazu unten, 30f.
24 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3 Zur Auslegungsgeschichte 25

»Sechs Dinge waren schon vor der Weltschöpfung: einige von ihnen wurden Dahinter verbirgt sich aber nicht etwa eine Hinwendung zur
wirklich geschaffen, einige dagegen stiegen nur in der Idee (des Schöpfers) auf, Vo�stellung von der »creatio ex nihilo«, sondern die Warnung vor
um künftig ins Dasein zu treten. Die Thora s. Prv 8,22 und der Thron der Herr­ weiteren Spekulationen über den vorausgesetzten Urzustand als et­
lichkeit . . . , wurden wirklich geschaffen, dagegen die Väter . .. , Israel ... , das was, was das menschliche Ermessen übersteigt.62
Heiligthum ... und de r Name des Messias ... verharrten in der Schöpfungs­ Einen Rückverweis auf die Schöpfung aus präexistentem Urstoff ge­
idee.«58
ben die mittelalterlichen Kommentare von Rabbi Salomon ben Isaak,
kurz Raschi genannt ( 1 040- 1 105 in Troyes, Mainz und Worms)63 ,
Als rechtes Maß für den Einsatz dieser Elemente bedarf Gott der
und von Abraham Ibn Esra ( 1089- 1 1 64, Spanien, Italien, Frankreich
Tara, die den sechs Elementen vorausgeht.59 Breit belegt ist in den
und England)64.
rabbinischen Schriften die Lehre von einem der Schöpfung zugrunde
liegenden Urstoff. Veranlaßt ist dieser Ansatz durch die Exegese von J3.aschi hebt in seinem Pentateuchkommentar in einer philologisch motivierten
Gen 1 ,2, ohne daß die Alleinwirksamkeit Gottes im Schöpfungsge­ Ubersetzung der Verse hervor, daß das Wasser schon vor der Erde geschaffen war
schehen in Frage gestellt würde. und der Himmel aus Feuer und Wasser gebildet worden war. 1iin bedeutet für ihn
Gegen die Anschauung von einem präexistenten Urstoff wendet sich das Entsetzen (»astonishment, amazement«) des Menschen über 1ii::J »Leere und
BerR 1,560 : Öde« (»emptinesss and void«). c•mM m; faßt er als Metapher für den im Wort des
Heiligen über den Wassem schwebenden Thron Gottes auf.65
R. Hurra sagt: »ich forsche über die Schöpfung und verachte meine Ehre ... Ibn Esras Kommentar zeichnet sich durch sein philologisches Interesse an den bibli­
Wenn ein König einen Palast an einem löcherigen, seichten und übel riechenden schen Texten aus, ohne jedoch die midraschische Tradition vollends aufzugeben.66
Ort baut, vermindert der, welcher dahin kommt und sagt: dieser Palast steht in Daneben ist der philosophische, insbesondere neoplatonisch beeinflußte Ansatz die­
der Nähe von Rinnen, was hässlich ist, nicht die Ehre des Königs. Sollte nun ses Bibelexegeten hervorgehoben worden.67 Auch Ibn Esra betont den Schöpfungs­
nicht jeder, welcher spricht: diese Welt ist aus Oede und Leere6 1 geschaffen, die vorgang als Akt der Gestaltung vorhandener Stoffe. Den Zustand der Welt gemäß
V.2 beschreibt er als einen Moment, in dem es >> auf der Erde keinen bewohnbaren
göttliche Majestät verletzen? R. Hurra sagte im Namen des Bar Kapra: Stände
(Ort) �ab, denn sie war (noch ganz) von Wasser bedeckt. Und es legte Gott die
nicht das Wort geschrieben, so würde man es nicht aussprechen, es heißt: Im .
Anfange erschuf Gott und woraus? Es folgt: die Erde war Oede und Leere.« Kraft m Ihre Genese, unterhalb des Wassers zu sein«.68 1ii:::l1 1iin in Gen 1 ,2
charakterisiert die Erde als leer bzw. unwirklich.6 9 Im Gegensatz zu den neopla­
tonischen Weltbildern ist die Substanz der irdischen WeJt?O aber keine Emanation
Gottes, sondern vielmehr die Möglichkeit des Geformtwerdens.
58 BerR I,4, in: Midrasch Bereschit Rabba, aaO, 2. - Goldberg (Schöpfung und
Geschichte, 27-44) hat diesen Text und einige Parallelversionen untersucht und ist Die in diesem Zusammenhang erstmals?! nachweisbare Übersetzung
zu dem Schluß gekommen, daß es in diesen zumeist literarisch voneinander unab­
von Gen 1 , 1 als temporalem Nebensatz hat zur Folge, daß eindeutig
hängigen Texten nicht darum geht, die sechs, sieben oder mehr Dinge, die der
Weltschöpfung vorangingen, als »notwendige heilsgeschichtliche Institutionen«
auf die Präexistenz von Dingen bzw. Stoffen hingewiesen wird.
aufzuzählen, sondern darum, einen direkten Bezug von Schöpfung und Geschichte
herzustellen: >>Die Geschichte ist der Raum, in dem sich die Schöpfung (als Absicht
62 Vgl. dazu WEISS, Untersuchungen, 93 mit weiteren Textbelegen. S. dazu
und Plan) Gottes vollendet« (44).
unten, 32f.
5 9 Vgl. auch BerR 1,8: »R. Josua ben Levi sagte im Namen des R. Levi: Wer baut
muß sechs Dinge haben: Wasser, Erde, Holz, Steine, Rohr und Eisen. Sprichst du: 63 Vgl. dazu STEMBERGER, Geschichte, 108f.
64 STEMBERGER, aaO, 109 sowie SIMON, Geschichte, 103-108.
er ist reich und braucht das Rohr nicht, so bedarf er desselben doch zum Mass
65 In: BEN ISAIAH I SHARFMAN (ed.), Rashi's Commentary, 3.
nehmen [ . . . ]. Ebenso ging die Tara allen diesen sechs Dingen voraus, denn es
66 V gl. dazu die Erläuterungen von Rottzoll zu Abraham Ibn Esras Kommentar.
heisst immer: Cip,l.!.lO,C?.!.lc,rziMiC u.s. w.« An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, 67
daß Tora und Weisheit im Judentum gleichgesetzt wurden (vgl. Sir 24,8.23; Bar S. dazu SIMON, Geschichte, 104ff; vorsichtiger ROTTZOLL, Abraham Ibn
Esra, 34 m. Anm. 23 (mit weiterer Literatur).
3,37; 4.1) als Resultat einer kritischen Haltung gegenüber der Deutung, daß das »im
6 8 ROTTZOLL, aaO, 44.
Anfang« von V . l im Sinne der Schöpfungsmittlung (vgl. 110M in Prv 8,30) 6 9 Vgl. BÖRNER-KLEIN, Tohu und Bohu, 30f; Abraham Ibn Esra, Genesis, z.St. :
verstanden worden ist. Es liegt ein instrumentales Verständnis der Präposition :::1. vor
(BerR 1,2. 18). Die Tora ist der Bauplan, der der Schöpfung und dem Tempel >>denn in ihm (sc. dem 1iin) ist keine Wirklichkeit« (ROTTZOLL, aaO, 43).
7 0 Der Begriff der Materie fehlt bei Ibn Esra; vgl. dazu und zum Vorausgehenden
zugrunde liegt (vgl. dazu auch ALEXANDER, Pre-Emptive Exegesis, 237ff m. Anm.
SIMON, Geschichte 104ff; vgl. auch ROTTZOLL, aaO, XXXI.
12). Eine zweite Übersetzung faßt das :::1. final auf und interpretiert Israel als den
>>Erstling«, um dessen willen geschaffen wird (vgl. SCHALLER, Gen 1,2, 125f). S. 7 1· Wenn auch von einer noch älteren Tradition auszugehen ist; s. dazu SCHÄFER,
BERESIT, 163 mit �inweis auf Mech p. 50s. (n'rziMi::J �i::J c·m�) als Korrektiv zu
dazu unten, 65-68.
6 0 Midrasch Bereschit Rabba, aaO, 3; vgl. WEISS, Untersuchungen, 92-95, bes. der hypotaktischen Ubersetzung, da sie den Textsinn in Richtung des Nacheinan­
93f; SCHÄFER, BERESIT, 164f; BÖRNER-KLEIN, Tohu und Bohu, 1 6f. ders verschiedener Schöpfungstaten verdeutlicht und Gott als den Verursacher
6 1 Das heißt: 1ii:::l1 1iin. herausstellt; vgl. auch ROTTZOLL, aaO, XVII-XX. S. dazu unten wie folgt.
26 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3

Somit hat Raschi den in der rabbinischen Auslegungsliteratur häufi­


ger angedeuteten Sachverhalt von der Weltschöpfung aufgrund von
l
Ii<!
!"
Zur Auslegungsgeschichte

worden, ohne jemals der Welterklärung im kosmologischen Sinne zu


dienen.75
27

Vorhergegebenem philologisch untermauert und akzentuiert.n


Zusammenhängende Auseinandersetzungen mit den zwei genannten Vorstellungen
von der Weltschöpfung finden sich seit dem Mittelalter76 , z.T. auch bei Autoren,
die der jüdischen Mystik verwandt sind, »auch wenn also gerade hier die
2. Gen 1 ,2 und die Schöpfung aus dem Nichts >Schöpfung aus dem Nichts< sehr stark betont wird, so ist doch nicht zu übersehen,
daß dieses >Nichts< im Sinne der jüdischen Mystik letztlich Gott selbst ist, im
Das Unbehagen gegenüber der oben genannten Schöpfungsvor­ Grunde also etwas höchst Positives bezeichnet«.77
stellung beruht darauf, daß dem allmächtigen Gott das Material für Ihr gemeinsames Anliegen ist »der Gedanke der Einheit und Einheitlichkeit Gottes,
seine Schöpfung vorgegeben ist. Das kann sowohl eine Einschrän­ in dem alles Sein wenn auch mit Hilfe emanativer Vorstellungen78 auf Gott selbst
kung seines Handeins zur Folge haben, als auch eine dualistische und Gott allein zurückgeführt wird«79. Somit ist die Frage nach dem Ursprung der
Welt für das rabbinische Judentum gleichbedeutend mit der Frage nach Gott und
Gegenmacht voraussetzen, gegen die er sich zu beweisen hat. Der niemals, wie wir es noch in der hellenistischen Tradition antreffen werden, das spe­
allmächtige Gott droht in seiner Freiheit beschnitten zu sein. kulative Interesse an der Frage nach dem Anfang der WeJt.SO
So definiert G. Gloege73 die Rede von der »creatio ex nihilo« folgen­
dermaßen: Durchgesetzt hat sich die Lehre von der »creatio ex nihilo« erst in
der zweiten Hälfte des 2. Jh. n. Chr. in der Alten Kirche.ßl
Die dogmatische Formel »Schöpfung aus nichts« »ist primär Gottesprädikation«.
a) Sie »sichert Gottes strenge Transzendenz gegenüber der Welt [ . . . ]. Gott ist
weder (ontologisch) Weltgrund, der die Einheit der Welt verbürgte; noch
75 WINSTON, B ook o f Wisdom's Theory, 199. Zur Diskussion vgl. GOLDSTEIN,
(kosmologisch) Weltursache, die die folgenden Ursachenketten begreiflich
Origins 1 29; die Replik von WINSTON, Creation ex nihilo Revisted, und vor ihm
machte; noch (metaphysisch) Weltbaumeister, der aus vorgegebenem oder er­
schon MAY, Schöpfung aus dem Nichts, VII u.ö. Weiss geht lediglich von einem
zeugtem Material das All verfertigte.« b) Sie »Sichert des S.rs Welt-Überlegenheit
impliziten Vorkommen der »creatio ex nihilo« im Judentum aus (Untersuchungen,
gegenüber der S .. [Gen 1 ist doxologisches Interpretament des ersten Gebotes Ex
92-99).
20,2f in Form berichtender Sage.]« c) Sie »sichert des S.rs Welt-Zugewandtheit
7 6 Vgl. dazu BÖRNER-KLEIN, Tohu und Bohu, 32ff.
zu seiner S.« - Gottes Schaffen als »Akt grundloser Güte«.
77 WEISS, Untersuchungen, 78; vgl. auch SCHOLEM, Schöpfung aus Nichts, der
nachweist, daß seit Basilides in der ismaelitischen sowie in der spätjüdischen
Zudem betont Gloege, daß die Wendung »keineswegs das >nichts< Mystik die Formel »Schöpfung aus Nichts« als »Schöpfung aus Gott selbst«
zum negativen Etwas« macht, sondern »eine Gott vorgegebene interpretiert worden ist, d.h.: Gott entspricht dem Nichts (vgl. aaO, 68ff). Mit dem
>Urmöglichkeit< gerade als >Unmöglichkeit«< ausschließt. >Nichts< handelt es sich nicht um ein außerhalb von Gott Stehendes, »sondern um
Die Formel »creatio ex nihilo« ist jung. Sie findet sich in den drei eine Perspektive in Gott selber, eine Manifestation seines verborgenen Wesens als
ein Nichts, aus dem alles Etwas kommt. So wird dann hier betont, daß Gott und
monotheistischen Offenbarungsreligionen74, ist jedoch in den bibli­
jenes Nichts beide unendlich sind.« (7 1 ) Diese Tradition setzt sich auch in der
schen Texten noch nicht gegeben. Vielmehr handelt es sich um eine christlichen Mystik fort (72ff); vgl. dazu VAJDA, Notice sommaire, hier: 34, Anm.
Lehre, die ihren Ausgangspunkt in der altkirchlichen Polemik gegen­ 19; vgl. auch MAlER, Geschichte, §35 Gott und die Welt (35 1 -357).
über den andersdenkenden religiösen Bewegungen (Gnosis und 7 8 A L T M A N N , Note, 195 -206, weist neben den kaballistischen auf
Judentum) genommen hat. Es geht in ihr um die Sicherung der abso­ neoplatonistische Einflüsse hin und stellt die These auf, daß im rabbinischen
luten Freiheit des Schöpfers. Judentum die Vorstellung von der Schöpfung durch das Wort (eine im Hellenismus
Nach D. Winston ist die Lehre von der »creatio ex nihilo« von Islam fortgeführte Tradition) abgelöst worden ist von der der Schöpfung durch Emanation
- textlich fixierbar am Midrasch Rabbi Samuels (BerR III,4), in dem das Licht der
und Christentum im Gegenzug zum Hellenismus und zur Emanations­
erste Schöpfungsakt ist ( 1 99f) - anders APTOWITZER, Zur Kosmologie, 363ff, der
lehre ausgebildet und von da aus ins jüdische Denken übernommen das Licht als Urstoff ansieht. Zur Diskussion vgl. WEISS, Untersuchungen, 107-
1 1 0, bes. 109f. Er lehnt die Anschauung, daß das Licht Urstoff ist, ab.
7 2 Hier zeigt sich bereits zu einer Zeit, als die Formel der »creatio ex nihilo« ihren 7 9 SCHOLEM, Schöpfung aus Nichts, 79.
80 V gl. hierzu VAJDA, Notice sommaire, 23f. Zur Auseinandersetzung mit der
Höhepunkt fand, ein erster Ausweg aus dem vorgegebenen dogmatischen Muster.
73 Art. Schöpfung, 1485f. Ontologie seit Aristoteles in der jüdischen mittelalterlichen Philosophie vgl. SIMON,
7 4 Koran, s. bes. Suren 6, 1 -3; 7,54-57; 1 5 , 1 6-25; 1 6,3- 1 6; 4 1 ,9- 1 2; 55, 1 -30; Interpretation, 64ff; BÖRNER-KLEIN, Tohu und Bohu, 1 6ff. Die Formel findet sich
vgl. auch BUSSE, Die theologischen Beziehungen, 68ff, sowie MAlER, Geschichte, auch in den Genesiskommentaren von S.R. Hirsch (Der Pentateuch, I, 2) und B.
§30, 263ff sowie auch WOLFSON, Meaning, bes. 2 10ff zur Auslegung des »ex lacob (Genesis, 22) belegt.
8 1 SCHEFFCZYK, Schöpfung und Vorsehung, 39f; PANNENBERG, Aufnahme, 1 9;
nihilo« im Kalam im Sinne von a) Schöpfung der Welt aus einem Urstoff (in
Anlehnung an Plotin), b) Schöpfung der Welt aus einem idealen Stoff. WErss, Untersuchungen, 1 49f; MAY, Schöpfung, 1 52. 155. 1 59.
=-

28 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1 , 1 -3 Zur Auslegungsgeschichte 29

>>Um die Mitte des zweiten Jahrhunderts bietet sich ein überraschendes Bild: Der fung der Vorstellung von der geschaffenen und der ewigen Materie
Gnostiker Basilides vertritt eine durchreflektierte Lehre von der Erschaffung des vor:
Kosmos aus dem Nichts, während die gleichzeitigen kirchlich-christlichen Lehrer
dem Problem der Weltschöpfung entweder noch keine größere Aufmerksamkeit
>>Gott hat zunächst die Materie geschaffen (Gen 1,1: creatio prima), um dann aus
widmen oder wenn sie über eine gewisse Bildung verfügen ohne Bedenken von
dieser, die nunmehr mit der aus der philosophischen Tradition bereits bekannten
der Weltbildung aus der ewigen Materie reden können [ . . . ] . Eine Generation
Nomenklatur versehen wird (vgl. auch Gen 1 ,2), Himmel und Erde und alles,
später hat sich die Situation dagegen grundlegend geändert. Jetzt behaupten die
was darin ist, zu >formen< und zu >gestalten< (=creatio secunda)«.87
kirchlichen Theologen die >>Creatio ex nihilo« und werfen den Gnostikern vor, sie
verfälschten die christliche Auffassung von der Weltschöpfung durch ihre
Anleihen bei der Kosmologie der Philosophen«.82 Er verklammert den Gedanken der unanfänglichen Einzigkeit des
Schöpfers mit dem Gedanken, daß das Endliche dauernd vom
Tatian ist der erste, der die »creatio ex nihilo« einführt, indem er Nichts 88 bedroht ist und lediglich von dem göttlichen Willen der
den Schöpfungsvorgang in zwei Etappen beschreibt: in einem ersten Liebe geschaffen und erhalten wird. 8 9 Die Welt kann keinen
Schritt schafft Gott das stoffliche Substrat, das in einem zweiten Augenblick lang unabhängig von Gott bestehen. Somit bringt das »in
Schritt durch den Logos zum Kosmos gestaltet wird. 83 Auch Theo­ principio« keinen zeitlichen Anfang9 0 zum Ausdruck, sondern trifft
philus von Antiochien hebt hervor, daß Gen 1 ,2 zwar den Zustand eine Aussage über den Logos9 1 als Urgrund der Schöpfung.
der Weltmaterie vor ihrer Gestaltung beschreibt, daß diese aber von
Gott geschaffen und nicht ewig sei.S4 Bei Irenäus ( 1 35-202 n.Chr.) fecit informem materiam, et eam postea per ordinem, et eam postea per ordinem
und Tertullian (155-220 n.Chr.) kann diese Vorstellung bereits vor­ quarumque naturarum, quasi secunda consideratione formavit; formatam quippe
ausgesetzt werden.85 creavit materiam (ML 34, 257); vgl. auch Confessiones XIII 33,48 (ML 32, 866 [s.
unten, Anm. 89). Die letztgültige Entscheidung für die »creatio ex nihilo« wird
Ihren Höhepunkt erreicht die Lehre von der »creatio ex nihilo« bei
getroffen, weil sonst die omnipotentia Dei bedroht wäre. Die biblische Begründung
Augustin.S6 Nach H.-F. Weiss liegt bei ihm eine organische Verknüp- sucht Augustin in Gen 1, I - Confessiones XI-XIII (ML 32, 81 0-867); vgl. dazu
ALTANER, Patrologie, 438 wie auch WEISCHEDEL, Gott der Philosophen 1, 116f,
82 MAY , Schöpfung, 84f. und SOLIGNAC, Exegese, I 56f.
83 Oratio ad Graecos (nach 165 n.Chr., vgl. ALTANER, Patrologie, 72) Kap. 7: 8 7 Untersuchungen, 163.
Deus erat in principio, principium autem rationalem potentiam esse accepimus. 88 Hier ist zu unterscheiden von einer Bedrohung Gottes durch ein dualistisches
Dominus enim universorum, qui ipse est universi substantia, quaetenus quidem Prinzip: Die Schöpfung an sich ist gut. Das Böse in ihr ist eine Verzerrung.
creatura nondum eratfacta, solus erat ( . . . ) Voluntate autem simplicitatis eius prosilit >>Nichts« kann in doppeltem Sinne verstanden werden. Einmal im Sinne von ouK
Iogos; Logos autem, non frustra progressus, fit opus primogenitum patris. Hunc ov als das absolute Nichtsein oder aber von [�1] ov] als das relative Nichtsein, d.h.
scimus esse mundi principium (21.23.25); vgl. auch Kap. 12, 1, wo Tatian darstellt, als das Nichtsein der Materie, das zum Sein kommen kann im Sinn eines noch
daß die ganze Welt aus der von Gott hervorgebrachten Materie entstanden ist: ungeordneten »nichtigen« Stoffes.
Universam patet mundi constructionem et universum opus ex materia esse factum, 8 9 Laudent te opera tua, ut anemus te [ ... ] De nihilo enim a te, non de te facta
ipsam autem materiam a deo productam: ita ut partim rudis et informis intelligatur, sunt, non de aliqua non tua, vel quae anteafuerit, sed de concreta, id est simul a te
antequam divisionem acciperet, partim omata et digesta, post peractam in ea creata materia; quia eius informationem sine ulla temporis interpositione formasti.
divisionem (53). Nam cum aliud sit coeli et terrae materies, aliud coeli et terrae species; materiam
8 4 Ad autolycum I 4: Kat ,-a TTavTa b 8Eos ETTOtl]<JEV €� ouK ÖvTwv Eis To quidem de omnino nihilo, mundi autem speciem de informi materia, simul tarnen
E'tvat, tva 6ta Twv Epywv ytvw<JKT]Tat Kat vol]8� To �€yE8os auTou (6). Eine utrumque fecisti, ut materiam forma, nulla morae intercapedine, sequeretur,
Begründung dieser These folgt in II 4, wo er die platonische (u. a.) Lehre von der AUGUSTINUS, Confessiones XIII, 33,48 (ML 32, 866).
präexistenten Materie ablehnt, da diese der Allmacht Gottes widerspräche. Wie sich 90 Entsprechend zu dem Plural in Gen 1,26f ersetzt Augustin das >>in principio«
die Erschaffung der Welt ereignet hat, beschreibt er in Anlehnung an H esiod: erst auch durch >>per Filium« (Gen. ad litt. III 19,29 [ML 34, 291]; vgl. Confess. XI
schuf Gott das Chaos und daraus die Ordnung (II 6.13ff) in Zusammenarbeit mit 9, 11 [ML 32, 813] ), vgl. EICHER, Neue Summe Theologie 2, 64. Eine Äußerung
dem Logos (II 10); vgl. die Zusammenfassung in III 9. - Aufgrund sprachlicher über die Gleichzeitigkeit des Schöpfungsvorgangs findet sich in AUGUSTIN, De
Parallelen geht May von einer von Basilides herzuleitenden Tradition aus Gen. contra Manich. 11 3,4 (ML 34, 198): Fecit enim Deus omne tempus simul cum
(Schöpfung, 152f.159). omnibus creaturis temporalibus, quae creaturae visibiles coeli et te"ae nomine signi­
85 Vgl. dazu und zur weiteren Wirkungsgeschichte ausführlich WEISS, ficantur, bzw. ders., De Gen. ad litt. (liber imperfectus) VII 28 (ML 34, 251); vgl.
Untersuchungen, 182ff; MAY, Schöpfung, 170ff. dazu K. FLASCH, Augustin. Einführung in sein Denken, Stuttgart 1980, 269-277.
86 AUGUSTIN, De Genesi contra Manichaeos, I 6,10 (ML 34, 178): Et ideo Deus :' Zur Logostradition infolge eines qualitativen Verständnisses von n•rqM]:;l mit
rectissime creditur omnia de nihilo fecisse, quia etiamsi omnia formata de ista Ihren weitreichenden Implikationen vor allem auch für die christliche Auslegung von
materia facta sunt, haec ipsa materia tarnen de omnino nihilo facta est; vgl. auch Gen 1 kann und muß hier nicht weiter eingegangen werden, da es den Rahmen der
Confessiones XIII 2,33 (ML 32, 845f.866). Beide Vorgänge ereignen sich zur Vorweltthematik aus altorientalischer Sicht bei weitem sprengt. Vgl. zum Thema
gleichen Zeit; De Genesi ad litteram, I 15,29: ita creator Deus non priore tempore Wmss, Untersuchungen, Teil II der Arbeit. Zur Logostheologie in Joh 1 vgl.
30 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3

Die Kanonisierung des Dogmas von der »creatio ex nihilo« erfolgte


auf dem vierten Laterankonzil ( 1 2 15) als Polemik gegen die dualisti­
1
; "
.

�. ',
'

Zur Auslegungsgeschichte

Kontext der hellenistischen und frühjüdischen96 Literatur geltend


31

gemacht wird.
schen Anschauungen der Albigenser und Waldenser auf der Text­ In der Auseinandersetzung mit der seit Platon im kosmologischen
grundlage von 2Makk 7 ,28. Eine Bestätigung folgte auf dem ersten Kontext verankerten Rede vom Urstoff und dem sich seit Aristoteles
Vatikanischen Konzil ( 1 870).92 etablierten Materiebegriff und der daraus erwachsenen Ontologie97
scheint es nahezu unmöglich zu sein, eine vor-ontologische Sichtweise
»Die >creatio ex nihilo< meint zunächst nur die souveräne Allmacht Gottes [ . . . ]. einzunehmen. Die immer wieder begegnende Terminologie, die vom
Erst später tritt die Abgrenzung gegen die platon. Lehre von der Schöpfung aus Übergang des Nichtseienden zum Sein redet, darf in diesem geistes­
amorpher Materie hinzu«.93
geschichtlichen Stadium nicht abstrakt verstanden werden. Vielmehr
handelt es sich um eine Aussage über das Noch-nicht-Vorhandensein
Durch die Auseinandersetzung mit dem Hellenismus hat eine
eines Zustands. Die häufig zitierten Passagen9B sind keinesfalls im
Polarisierung stattgefunden. Es galt, die Entscheidung im Rahmen
Sinne eines Nichtvorhandenseins der Materie zu verstehen. Für das
der Ontologie zu treffen zwischen einem omnipotenten Schöpfergott,
Nichtseiende gibt es verschiedene Umschreibungen, so z.B. Resiods
der aus dem Nichts schafft, und einem Demiurgen, der aus der ewi­
Chaos als Kluft zwischen Himmel und Erde99, die ungeordnete Masse
gen, präexistenten Materie die Welt formt. Die christliche Auslegung
bei OvidlDO, der leere Raum bei Platon!OI und das Nichtseiende, das
hat - entsprechend den Vorgaben der Gotteslehre - die polyvalente
von Gott zum Sein geführt wird, bei Philon l 02 . Das Gleiche gilt für
Aussage von Gen 1,2 (MT) im Sinne der »creatio ex nihilo« präzi­
2Makk 7,28 sowie für KEVOV I KEVW ila Kat ou 8€v bei Theodotion
siert. Das Handeln Gottes in Gen 1 wurde als ein mehrphasiges
und AquilaloJ. Selbst an den beiden letztgenannten Stellen, an denen
Geschehen innerhalb der Schöpfung verstanden. Gott ist derjenige,
nicht vom Nichtseienden, sondern explizit vom Nichts die Rede ist,
der die der Welt zugrundeliegenden Stoffe schafft und in einem
haben die Termini konkrete Bedeutung, wie das Beiwort KEvos I K€v­
zweiten Schritt ordnet. Somit liegt eine Fortsetzung des platonischen
Wila »leer, leerer Raum« zeigt.
Gedankens der Erschaffung der Welt als Ideenwelt und deren Neu­
ordnung durch den Demiurgen vor, mit dem Unterschied aber, daß
die präexistenten Stoffe wie auch die Welt von Gott geschaffen sind.

3. Das nicht-ontologische Verständnis von Gen 1 ,2


9 6 So z.B. für BerR 1,9. S. oben, 23.
97 Zur Geschichte des Materiebegriffs von den Vorsokratikern bis zu Aristoteles
Wie Kapitel 1 gezeigt hat, ist in der Forschung immer wieder ange­ vgl. KRANz, Die griechische Philosophie, 2 10f.225ff mit weiteren Verweisen. Zu
deutet worden, daß bereits die hellenistisch geprägte Ausle­ den Vorläufern von philosophischen Kosmogonien vgl. KIRK I RAVEN I SCHO­
gungstradition94 von Gen 1 ,2, die landläufig als das platonische Erbe FIELD, Die vorsokratischen Philosophen, 8-8 1 .
vom Vorhandensein eines präexistenten Urstoffes gilt, gleichsam 9 8 Platon, Tim 30a (s. oben, 1 5 m. Anm. 2); Philo, Op. Mund. 8 1 ; 2Makk 7,28
Tendenzen zur »creatio ex nihilo« aufzuweisen scheint.95 Wie bereits (s. oben, Anm. 41) und Aquilas und Theodotions Übersetzungen von Gen 1 ,2 in
der Hexapla (s. oben, Anm. 27). Weitere Textbelege nennt WEISS, Unter­
kurz skizziert, ist die Rede von der Schöpfung aus dem Nichts jedoch
suchungen, 59-74.
als ein späteres geistesgeschichtliches Phänomen anzusehen. Zu 99 Theog. 1 16: �H Tot �E:v 11pwnna Xaos- y€vET', . . . Wahrlich, als erstes ist
untersuchen ist, warum die »creatio ex nihilo« immer wieder im Chaos entstanden, . . . , ein Terminus hinter dem sich die Kluft zwischen Himmel und
Erde verbirgt; so KIRK I RAVEN I SCHOFIELD, Die Vorsokratischen Philosophen,
38f (Text, Übersetzung).40 (Kommentierung); vgl. auch die Einführung von E.G.
GESE, Johannesprolog; BULTMANN, Johannes, 6ff, der jeglichen überlieferungs­ Schrnidt zu Resiods Theogonie, 1 80.
geschichtlichen Zusammenhang zwischen Joh 1 , 1 ff und Gen 1 , 1 ff bzw. Prv 8,22ff 1 00 Metam. 1,7: . . . quem dixere Chaos: rudis indigestaque moles.l nec quicquam
bestreitet. - Einen kurzen Überblick zur neutestamentlichen Exegese von Gen 1 -3 nisi pondus iners congestaque eodem I non bene iunctarum discordia semina rerum.
erhält man bei FOERSTER, Art. Knt;;w , 1 027- 1 034. » Chaos ward es benannt: eine rohe gestaltlose Masse, nichts als träges Gewicht
9 2 LoRETZ, Schöpfung und Mythos, 78f; LANDMANN, Weltschöpfung, 158. und, uneins untereinander, Keime der Dinge, zusammengehäuft in wirrem
9 3 BEYSCHLAG, Grundriß 1 , 62 m. Anm. 13. Gemenge. «
94 Wie ungenau die Unterteilung in hellenistische und palästinische bzw. 10 1 Tim 52d; vgl. dazu WEISS, Untersuchungen, 67. S. oben, Anm. 2.
rabbinische Auslegungstradition ist, haben Weiss (Untersuchungen, 1 6f) und I 02 Op. Mund. 8 1 ; s. oben, 21 m. Anm. 42.44; vgl. dazu auch WEISS, Untersu­
Rengel (Judentum und Hellenismus, 1 9 1 ff) hervorgehoben. chungen, 63 m. Anm. 1 , wo er weitere Stellen bei Phiion nennt.
95 S. dazu oben, Anm. 23. I 0 3 Origenis Hexap1orum, 7.
32 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1,1-3

Doppeldeutig ist die Formulierung von Theodotion i} o€ y� tiv KEvov Kat ou9€v
.,.
w:
'

Zur Auslegungsgeschichte

wird das Vorher nicht weiter thematisiert, außer daß festgestellt


33

»aber die Erde war leer und nichtig<< 104, da der hier verwendete Begriff für »leer<< wird, daß es ein Vorher gegeben haben wird.
bei gleichzeitiger Bedeutung des Nichtigen sehr viel abstrakter zu begreifen ist als
das KEVWIJ.a »leerer Raum<< bei Aquila. Von daher läßt sich bei dieser Übersetzung
Wie wir der Ermahnung entnehmen können, führte sie der Ausle­
mit einer Negativaussage über das Vorhandensein der Erde rechnen. I 05 gungsgeschichte von Gen 1 , 1-3 ein weiteres Interpretationsmuster zu.
Man verstand die Beschreibung des Zustandes der Erde in V .2 im
Bei Plotin hat eine Synthese von Nichtseiendem und Materie statt­ Sinne eines Als-noch-nicht, als einen Angelpunkt im Geschehensfluß,
gefunden. Das hat dazu geführt, daß die Auslegung von Gen 1 ,2 eine hinter den nicht zurückgegangen wird. Fraglich ist, ob nicht auch
Dualisierung erfuhr und daß ,ii::q ,iin negativen Charakter erhielt. I 06 Josephus' Aussage von der Unsichtbarkeit der Erde aufgrund der
Eine Alternative zu der traditionellen Auslegung von Gen 1 - sei es vorherrschenden Finstemis " o als metaphorische Umschreibung für
die Schöpfung aus dem präexistenten Urstoff oder die Schöpfung aus das Noch-Nicht verstanden werden kann. B . Schaller hat darauf hin­
dem Nichts - findet sich in dem Gedanken, daß das der Welt Voraus­ gewiesen, daß der Begriff der präexistenten Materie, wie ihn bereits
gehende nicht anders denn als Negation des Kosmos verstanden Gen 1 ,2 LXX bringt, nicht unbedingt auf den Platonismus zurückge­
werden kann. Es handelt sich hier nicht darum, daß Gottes Allmäch­ führt werden muß. Diese Annahme ist lediglich im Zuge von Phiions
tigkeit nur dann gegeben ist, wenn er es ist, der das Nichts zum Sein Auslegung zwingend, die sich auf die von LXX vorgegebene »Un­
bringt. Denkvoraussetzung für das dritte Modell ist die Unaus­ sichtbarkeit« stützt, den zweiten Begriffl l l d: KaTa<JKEUa<JTOS aber
sprechlichkeit des vor der Schöpfung Seienden. Sowenig wie die außer Acht läßt. J osephus hingegen könnte auf eine andere Ausle­
Frage nach einem notwendigen Urstoff für Gottes Handeln zulässig gungstradition hindeuten, die Gen 1 ,2 so verstanden hat:
war, so wenig zwingend stellte sich für die Rabbinen die Frage nach
der Schöpfung aus dem Nichts . ' 0 7 Man bedient sich der »Die Erde war noch nicht erschienen, weil sie aus dem Chaos von Gott noch
nicht gestaltet war.« 1 1 2
unterschiedlichsten kosmologischen Aussagen aus der Umwelt. Texte
wie BerR 1, 9 1 08 haben weder zum Ziel, das Vorhandensein eines
Es läßt sich auch auf mittelalterliche rabbinische Traditionen zurück­
Urstoffs zu definieren, noch einer solchen Anschauung die »creatio
greifen, die eine solche Vorstellung präsentieren:
ex nihilo« entgegenzusetzen. Der Ausspruch dient ausschließlich der
Sicherung im Sinne des ersten Gebotes, ohne gegen zeitgenössische
»So auch, solange Tohu und Bohu auf (in) der Welt waren, konnte das Werk des
philosophische Vorstellungen polemisieren zu müssen. Himmels und der Erde nicht gesehen werden ; sobald aber das Tohu und Bohu
Gemäß dem Verbot in mHag 2, 1 : von der Erde genommen waren, erschien das Werk des Himmels und der
Erde«. 1 1 3
»Wer vier Dingen nachgrübelt, für den wäre es erwünschter, er wäre garnicht zur
Welt gekommen: was ist oben (über dem Himmel)? Was ist unten (unter der Dieser Text aus dem i� das 1 3 .Jh. zu datierende Textkorpus 1 1 4 wird
Erde)? Was war vorher (vor Erschaffung der Welt)? Was wird nachher sein (am
von Schaller als das »Uberbleibsel einer alten Deutung von Gen 1 ,2
Ende aller Tage)?<< 1 09
[angesehen], deren Spuren im hellenistischen Judentum schon in Gen.
1 ,2 LXX und bei Josephus vorliegen, die aber ursprünglich im palä­
stinischen Jud�ntum beheimatet ist.« Wenn der Text auch aufgrund
I 04 Die gleiche Terminologie findet sich auch in Jer 4,23 verwendet (z.St. s. unten, .
semer späten Uberlieferung nur bedingt als Beweis dienen kann, so
1 1 1 m. Anm. 327). Hier handelt es sich thematisch eindeutig um eine Passage, in
der keinesfalls die »creatio ex nihilo<< gemeint ist, sondern das Lebensfeindliche; bleibt doch festzustellen, daß das von uns vorgeschlagene dritte
vgl. dazu auch SCHMUTIERMAYR, Schöpfung aus dem Nichts, 2 1 5 . Auslegungsmodell von Gen 1 ,2 im Judentum bis ins Mittelalter belegt
1 05 Vgl. dazu A . OEPKE, Art. KEvos- etc., ThWNT 3 ( 1 938) 659f. ist, und somit nicht als Erfindung des 20.Jh. gelten kann.
1 06 Vgl. dazu WEISS, Untersuchungen , 6 1 -64.
1 07 Vgl. dazu ausführlich WEISS, Untersuchungen, 88, der zu folgendem Fazit
kommt: »Nicht darauf liegt also der Ton, daß vor der Weltschöpfung außer und auch BöRNER-KLEIN, Tohu und Bohu, 1 6f; ALEXANDER, Pre-Emptive Exegesis,
neben Gott >nichts< war, sondern darauf, daß Gott bei der Schöpfung der Welt nicht 23 1 f.
irgendeiner Sache bedurfte«. ! 1 0 Ant. I,27ff; s. oben, 22 m. Anm. 53f.
l OS S. oben, 23 und bHag 1 2a (s. oben, Anm. 57); vgl. WEISS, Untersuchungen, l l ! V gl. dazu ausführlich SCHALLER, Gen 1 ,2, 10- 12.
9 1 f. 1 1 2 So SCHALLER, aaO, 1 1 ; vgl. auch 44.99 zu Josephus.
1 09 V gl. dazu auch SCHALLER, Gen 1 ,2, 1 1 9; ROTTZOLL, Rabbinischer 1 1 3 Jalkut-Schim'oni, Bd. Il, 96b zu Prv 25,4 - zitiert bei SCHALLER, Gen 1 ,2,
Kommentar, 28f m. Anm. 33, der auf bTam 32a und bMeg 25b als weitere 131.
Textbelege für das rabbinische Verbot von Vorweltspekulationen hinweist; vgl. 1 1 4 Zum Textkorpus vgl. STEMBERGER, Einleitung, 34 1 f.
34 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3 Zur Forschungsgeschichte 35

II. Zur Forschungsgeschichte bet?fft, hebt Clericus hervor, daß es nicht um den Materiebegriff als
»Ntchts« geht, sondern um die Beschreibung eines wüsten und leeren
Zustands:
Die drei oben referierten Auslegungs- und lnterpretationsmodelle,
mithilfe derer man den biblischen Text zu erfassen versucht hat, be­ Videntur nihil aliud designare, praeter inane, non philosophicum illud Epicuri,
gegnen uns bis in die jüngste Forschungsgeschichte wieder. In der sed quale est in regione deserta; ut Moses hi sce vocibus, in terram turn nullas
plantas, nulla animalia, nihil denique praeter inertem, telluris molem, aquis tee­
exegetischen Literatur zu Gen 1 ,2 finden sich seit dem 1 8 . Jh. bis in
tarn, fuisse significet. l l9
die heutige Zeit hinein Stimmen, die in dem Vers die Darstellung ei­
nes präexistenten Urstoffes sehen, aus dem Gott die Welt entfaltet. Er stellt sich damit in die Tradition der Vulgata-Übersetzung.
Ebenso gehalten hat sich die Anschauung, daß Gott als Souverän die Anband des �i:::l wird für ihn deutlich, »Ut velit Moses, priusquam a
Welt in mehreren Phasen aus dem Nichts geschaffen hat. Aber auch Deo parata esset colonis excipiendis, iisque instructa, terram vacuam,
die dieser Arbeit zugrunde gelegte These, daß Gen 1 ,2 nicht ontolo­ ac desertam fuisse.« 12o Der Aussageabsicht des von Clericus ange­
gisch verstanden werden dürfe, findet sich belegt. nommmen Verfassers (Mose) entspricht demnach ein Schöpfungs­
handeln Gottes in zwei Akten. Desweiteren führt er eine Vielzahl
bekannter Auslegungen hintereinander auf, um sich letztlich jedoch
1 . Anfänge der historisch-kritischen Forschung "s für das traditionell übermittelte Modell der »creatio ex nihilo«
auszusprechen.
Den Ausgangspunkt der Forschungsgeschichte bildet der in lateini­ Knapp hundert Jahre später finden wir bei J.G. Herderl 2 t ein eher
scher Sprache verfaßte Genesiskommentar von Johannes Clericus philosophisch-kulturgeschichtliches Verständnis des Alten Testaments
(Jean Le Clerc) I I 6 , dessen Anliegen es war, als erster christlicher vor. Aus der neugewonnenen Hochachtung der benachbarten Kultur­
Kommentator mittels philologischer Exegese l t 7 den Gehalt des
kreise mag man eine gewisse Überschätzung von historischen Fakten
Textes zu ermitteln. In einer minutiösen Untersuchung der ersten
ersehen, an die sich ein spürbar geringeres Interesse an Palästina
drei Verse gibt er einen umfassenden Einblick in die im Laufe der
(und damit an der auf Monumentales verzichtenden Archäologie) an­
Ausle�_ungsgeschichte vertretenen Positionen. Von den unterschiedli­
schließt1 22 . Es rückt jedoch ein übergreifendes religionsgeschichtli­
chen Ubersetzungen präferiert er für n·��!.� die durch initio »an­ ches Interesse in das Blickfeld, das einem so belesenen Kommentator
fangs« mit dem Ziel, das Geschaffensein der ·weit durch Gott gegen wie J. Clericus noch fehlt. Herders Beitrag zum Alten Testament cha­
die Lehre von der Präexistenz der Materie zu betonen. t l s Was �ii:::lJ �iin rakterisiert Th. Willi auf zweifache Weise:

1 1 5 N ach REVENTI.OW, Hauptprobleme, war es Gabler, der »als erster grundsätz­ »er betrifft den literarischen und den historischen Ch arakter dieses Buches. Um
lich die Biblische Theologie [die Trennung in Altes und Neues Testament wurde erst den ersten Aspekt geht es hier: Herders Ausgangspunkt w ar schlicht der, dass
als Folge davon üblich; Anm. d. Vf.in] als eine historische Disziplin« definierte (3) das AT ein B uch, ja genauer: eine Literatursammlung sei und demnach in erster
und ihr die Aufgabe als Zuarbeiteein für die Dogmatik absprach. Daß der damit in Linie literarischen Kategorien des Verstehens unterworfen . . . . Die (v.a. arabisti­
die Theologie eingeführte Entwicklungsgedanke auch problematisch ist, da der bib­ sche) Orientalistik und die Berichte der Orientreisenden boten Anstösse und
lische Offenbarungsanspruch, zuwenig berücksichtigt wird zugun sten einer rein Kategorien für eine literarisch-geschichtliche Analyse an die Hand allein noch
>wissenschaftlichen< und damit im eigentlichen Sinne religionswi ssenschaftli ehen fehlte ein auslösendes Moment. . . 1 23 Der historische Charakter des B uches findet
Betrachtungsweise (vgl. DERS., aaO, 4f), ist ein hermeneutisches Dilemma, das die sich g anz unvermittelt in seiner Ausdrucksform: Die Poesie als die vollendete
gesamte hier dargestellte Auslegungsgeschichte begleitet. Gerade das hier verhan­
1 19 AaO, 4.
delte Thema zeigt, daß Traditions- und Rezeptionsgeschichte zu trennen sind und
1 20 AaO, 3.
erst die historische Betrachtung der einen die Aporien der anderen erkennen läßt.
1 1 6 CLERICUS, Genesis ( 1 693), 1 -6. - H.-J. Kraus sieht in ihm einen der ersten 1 2 1 J.G. HERDER, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 2. B uch,
Vorläufer der historisch-kritischen Forschung, wie sie im 18. Jh., dem Zeitalter der 5. Abschn, in: Werke, Bd. 6, 403ff; s. auch DERS ., Über die ersten Urkunden des
Aufklärung, aufkommt und im Werk Julius WeHhausens gegen Ende des 1 9. Jh.s Menschlichen Geschlechts, 1 . Urkunde, 3. Abschn., in: Werke, Bd. 5, 49ff; vgl.
ihren Höhepunkt nimmt. Von dort an erfährt die historisch-kritische Forschung eine daz u auch WILLI, Herders Beitrag.
1 22 So WILLI, Herders Beitrag, 2 1 ; vgl. dazu auch Smend (Einführung in Herder,
an den Altertumswissenschaften orientierte Neubestimmung; vgl. dazu DERS .,
Geschichte, 70-73, hier: 72f. Werk�, Bd. 5, 1 333), der hervorhebt, daß für Herder die biblische Schöpfungs­
1 1 7 Die altkirchlichen Kommentare zu biblischen Büchern sind vorrangig an syste­ geschichte auf ägyptische Vorstell ungen eingewirkt hat und selbst auf orientalische
matischen Fragestellungen interessiert; s. unten, Anm. 1 38. Traditionen zurückzuführen ist.
1 23 WILLI, Herders Beitrag, 26.
1 1 8 Genesis, 2.
36 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3 Zur Forschungsgeschichte 37

Kunst der Formenschöpfung hat direktere Affininität zur Geschichte als zu Herder bringt als paraphrasierende Übersetzung von Gen 1 , 1 -3 eine
Malerei und Kunst. . . . So wird eine Stilistik des Alten Testaments ganz unver­ hypotaktische Satzkonstruktion:
merkt zur Geschichtsaussage, und die Gattungsbestimmung wird zur histori­
schen Psychologie« 1 24. »Als einst die Schöpfung unserer Erde und unsers Himmels begann, [ . . ] war die
.

Erde zuerst ein wüster, unförmiger Körper, auf dem ein dunkles Meer flutete,
Herder selbst bezeichnet den Autor von Gen 1 als den »ältesten und eine lebendige brütende Kraft bewegte sich auf diesen Wassern.«1 33
Naturforscher« 125, dessen Leistung vor >>allen Märchen und Tradi­
tionen« darin bestand, den Schöpfungshergang so nachzuzeichnen, Darin deutet sich bereits die Annahme eines vorweltlichen Zustands
daß das Bild den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des 1 8 . Jh.s an, wie er an anderer Stelle von Herder folgendermaßen expliziert
entsprach. 1 26 Ausgehend von der hellenistischen Tradition, die unter wird:
Schöpfung das Ordnen des Chaos versteht, ist auch für Herder die
Schöpfung ein ständig werdender und vergehender Kreisl.�uf von Auf die »fürchterliche, Schaudervolle Beschreibung des ersten Zustandes der
Chaos zu Ordnung, von Ordnung zu Chaos und so fort. m Uber die Erde« . . . 134 kommt der Gegensatz: Und Elohim sprach . . . Mit einem Machtworte
der Schöpfung wird alle vorige fürchterliche Dunkelheit . . . vertrieben«. 1 35
Frage, ob das Chaos von Gott geschaffen oder aber präexistent ist,
äußert er sich zurückhaltend:
Es ist hier nicht von einem präexistenten Urstoff, sondern von einem
»Wer kann bei der großen, sichtbaren, weit um sich blickenden Benennung »Gegensatz« die Rede, der die Vorstellung einer Negation des Kos-
>Himmel und Erde< das Chaos des Ovids, oder die ewige Materie finden, oder mos impliziert. ·

nachforschen, wie es denn mit dem Planeten und Fixsternesystem hiebei stehe? ­ Gegenüber Herders Übersetzungsvorschlägen verlegt Eichhorn sich
>Himmel und Erde !< das ist das sinnliche, allweite Universum, wenn ich gleich­ auf eine parataktische Übersetzung,l36 Er übersetzt n·��i� im tempo­
sam auf die freie Ebne der Schöpfung trete . . . wer in der Originalsprache das ralen Sinne mit »Anfänglich; damals, als noch nichts erschaffenes
Idiotischerhahne des Ausdrucks >Himmel und Erde< fühlen kann: der tritt mit außer Gott vorhanden war, aber so eben alles werden sollte« l 37. Er
dem Patriarchen gleichsam auf eine Morgenländische Ebne, vom weitesten
lehnt es ab, daß sich die Vorstellung der »creatio ex nihilo« aus der
blauen unermeßlichen Horizonte, und fängt an: >im Anfang schuf Elohim die
Himmel und Erde<. Ein Eingang von erhabner Simplizität aufs ganze Lied der Verwendung von �1:::1 ohne Angabe eines Stoffes ableitet138 :
Schöpfung.« l 28
lierte These ein (2, Anm. 1), daß die Genesis eine (durch Mose erstellte) Sammlung
Das letzlieh naturalistische Schöpfungsverständnis hat sich nicht mündlicher Erzähltraditionen ist, die in zwei unterschiedlichen Quellen überliefert
durchgesetzt und ist auch von Herder selbst nur eingeschränkt vertre­ worden sind (Wechsel der Gottesnamen). Ein ähnliches Modell war parallel dazu
auch von J.Astruc entwickelt worden. Dennoch gerät die literarische Quellen­
ten worden. Bereits J.Ph. Eichhorn, der sich von Herder in einigen
scheidung wieder in Vergessenheit, bevor sie von Eichhorn wiederentdeckt wird;
Punkten inspirieren ließ 1 29, vertritt in der »Urgeschichte« t 3 o einen vgl. dazu HOUTMAN, Pentateuch, 62ff.
ganz anderen Ansatz. Für ihn ist Gen 1 nicht der Bericht des ältesten 1 3 2 So SMEND, Deutsche Alttestamentler, 35. Es handelt sich um »Sagen der alten
Naturforschers, sondern »Dichtergemälde« 1 3 1 , für ihn offenbaren Welt in der damaligen sinnlichen Denkart und Sprache«.
Mythen keine Begebenheiten, sondern Denkweisen. B2 1 3 3 Ideen, 403; vgl. hingegen die parataktische Übersetzung in: Über die ersten
Urkunden, 49f.
1 34 Über die ersten Urkunden, 50. Der »die Gewässer bewegende Hauch Gottes«
1 24 AaO, 3 1 . (ebd.) zählt für Herder ebenfalls zur Chaosschilderung dazu.
1 3 5 AaO, 5 1 .
1 25 Ideen, 406.
1 26 1 3 6 Urgeschichte, 1 82.
AaO, 4 10.
1 3 7 Urgeschichte, 1 82 mit einem Hinweis auf Cicero, De officio 1.4 u.a. a
1 27 AaO, 4 10f.
1 28 Über die ersten Urkunden, 49f. principio bzw. €v apx-.1 im Sinne von »Anfanglich; damals, als noch nichts erschaf­
1 29 Vgl. KRAUS, Geschichte, s.127ff. l 34ff. So ist z.B . die Bereitschaft, sich in fenes außer Gott vorhanden war, aber so eben alles werden sollte« (aaO, 1 82). Er
das Altertum hineinzuversetzen und es in seiner Eigenart erst einmal stehenzulassen, wendet sich somit gegen die seit Augustin festgeschriebene Tradition - vgl. SANCTI
um den »Ursprüngen« näherzukommen, eine wichtige Neuentdeckung im AUGUSTINI, Confessiones XI 9, 1 1 : In hoc Principio, fecisti, Deus, coelum et
theologischen Denken. S. auch WILLI, Herders Beitrag. terram [ . . ] et illa Principium, et in eo Principio fecisti coelum et terram (ML
.

1 3 0 EICHHORN, Urgeschichte ( 1 790). 32,8 1 3); vgl. oben, Anm. 90.


1 3 1 Vgl. Gabler in seiner umfassenden Einleitung zur eigentlichen »Urgeschichte«, 1 3 8 Für die rabbinische Auslegungstradition läßt sich als Referenzstelle BerR 1,9
in der er sich der Frage stellt, ob in Gen 1 eine Kosmogonie, Geogonie (im Sinne anführen; eine christliche Auslegung, die philologisch argumentiert, setzt erst durch
Rosenmüllers u.a.) bzw. - wie hier vertreten - um ein Dichtergemälde handelt. den Humanismus bedingt ein. Wie der erste christliche Kommentar zur biblischen
Ebenda geht Gabler auch auf die erstmalig von H.B.Witter im Jahre 1 7 1 1 formu- Urg eschichte zeigt (Theophilus von Antiochien, Ad Autolycum II, 9-33; s. oben, 29
38 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3

»Die Schöpfung aus Nichts liegt schlechterdings nicht in dem tn::J.: weder im
hebr. 1 39 noch in den verwandten Dialekten hat es diese Bedeutung; sie ist auch
1'
l�i"
1
. Zur Forschungsgeschichte

Damit widerspricht Eichhorn dem von Herder konstatierten


39

Sachverhalt, daß Gen 1 , 1 »Eingang . . . aufs ganze Lied der Schöp­


viel zu abstrakt und metaphysisch, als daß man sie in dieser sinnlichen Sprache
fung« sei, also eine einleitende Überschrift, die die Erzählintention,
erwarten dürfte.« 1 40
die Schöpfung der Welt zu berichten, vorwegnimmt. Stattdessen geht
Stattdessen - wie schon Clericus bemerkt hatte141 - nimmt er an, daß er von einem mehrphasigen Handeln Gottes im Sinne einer Auseinan­
derfaltung des von Gott geschaffenem Urstoffs aus. Ich möchte dieses
sie sich hinter dem n•�t�tl::;t verberge. Auch bezüglich der Zuordnung
der Verse zueinander, verbleibt er - indem er von mehreren Verständnis als eine Spielart des Entfaltungsmodells bezeichnen.
Schöpfungsphasen Gottes ausgeht - in der traditionellen Vorstellung Mittels der absolut verstandenen adverbiellen Zeitbestimmung (»zu­
der »creatio ex nihilo«: erst«) schafft Gott den Urstoff, aus dem er die Schöpfung entfaltet
und gestaltet.
»Denn schuf Gott anfänglich, d.h. als noch nichts außer ihm da war, die Welt: so Es bleibt festzustellen, daß bereits Clericus und Eichhorn bei ihrer
muß er die Welt aus nichts geschaffen haben. Nur wollte ich darauf allein kein Kommentierung der ersten Verse von Gen 1 eine Unsicherheit wegen
Dogma bauen, weil es ja nur Vorstellung eines alten Dichters ist« 1 42 . . . »Himmel des Dogmas147 der »creatio ex nihilo« zum Ausdruck bringen. Beide
und Erde (V. l .) ist also wirklich das Chaos, die rudis iudigestaque moles, der erkennen, daß V . 1 die Voraussetzungslosigkeit des göttlichen Han­
Grundstof des Ganzen.«143 »Unter dem Mosaischen Chaos dürfen wir also nach deins unterstreicht. Dadurch, daß sie V. 1 in zeitlicher Relation zu
der ganzen Anlage des Gedichts nicht eine ganz rohe und ungebildete Masse,
V.2 sehen, können sie aber trotz aller Kritik den herkömmlich
sondern nur die unausgebildete Materie des Weltalls verstehen. << 1 44
dogmatischen Vorgaben nicht entgehen. Während Eichhorn Himmel
und Erde als Urmaterie bzw. Vorformen des Kosmos deutet, ist
Die Verse 1 und 2 gehören demnach gedanklich zusammen und be­
richten von der Erschaffung der unausgebildeten Materie der Erde Clericus weitaus vorsichtiger, indem er übersetzt: »Priusquam Deus
mit ihrer Atmosphäre (Himmel und Erde), während ab Vers 3 die crearet coelum & terram, terra erat«148 und die Existenz der Formel
Ausbildung dieser in den sechs Tagwerken dargestellt wird: 145 »creatio ex nihilo« im Kontext von n·�t�t'J:;l zwar diskutiert, sie aber
·

nicht selbst zur Anwendung bringt.


»Nach meinem Gefühl erklärt man den l sten V. arn schicklichsten von der Herder hingegen folgt einem anderen Textverständnis. Durch seine
Schöpfung der ersten rohen Masse, des unausgebildeten Grundstofs der Erde mit Übersetzungsvorschläge, die die Satzkonstruktion in Form einer
ihrer Atmosphäre (dem Himmel) . . . . In dem Ocean, der die rohe Erdmasse um­ Hypotaxe miteinander verbinden oder aber V. 1 dem gesamten Be­
floß (V.2.), war also auch der Grundstof des Himmels enthalten, der sich am richt überschriftartig voranstellen, entkommt er der theologisch
zweiten Schöpfungstage absonderte (V.6.ff.) und nun erst den Himmel (die schwierigen Prämisse, daß Gott die Welt zuerst als Chaos schafft und
obern Wasser) bildete . . . . Himmel und Erde (V. I ) ist also wirklich das Chaos
danach zum Kosmos ordnet. Anfang des 20. Jh.s wird H. Gunkel die­
. . . << 146
ses Verständnis aufgreifen und in der altestarnentliehen Forschung
etablieren.

m. Anm. 84), wird die Annahme der »creatio ex nihilo« nicht philologisch anhand
biblischer (besser: LXX-) Terminologie geklärt, sondern rein philosophisch: »Die 2. Die Reaktion
Wendung >Schaffen aus nichts< hat Theophilus zweifellos aus der traditionellen
theologischen Sprache übernommen, aber die erhält nun einen neuen, prägnanten Dem Überdenken des von der Dogmatik geprägten theologischen
Sinn. Der Satz von der Schöpfung aus nichts ist als Antithese zum
Standpunkts wurde jedoch erst einmal Einhalt geboten. Beispielhaft
Weltbildungsgedanken der griechischen Philosophie formuliert und stellt das Axiom
>ex nihilo nihil fit < in Frage« (so MAY, Schöpfung, 166). stehen dafür die Genesis-Kommentare von Pranz Delitzsch ( 1 8 1 3-
1 39 Eichhorn unterstreicht die Synonymität mit iWll und �'. 1 890) -wenn auch bei stetiger Revision seiner Position. 149 In der
1 4 0 Urgeschichte, 1 82. zweiten Auflage wendet er sich explizit gegen J.Ph. Gabler und
1 4 1 DERS ., Genesis, 1 . Eichhorn, die in Gen 1 »eine dichterische Ausmalung des Grund-
1 4 2 Urgeschichte, 1 83. S . zum Gedanken einer Glaubensaussage statt Wirklich­
keitsbeschreibung bereits Clericus, aaO, 2 u.ö. S. oben, 35 m. Anm. 1 19.
1 43 Urgeschichte, 1 86. 1 47 Vgl. dazu oben, 26ff.
1 44 Urgeschichte, 187f. 1 48 Genesis, 4, mit Verweis auf Gen 29,4 und Ex 1 , 19.
1 45 Urgeschichte, 1 88. Das gleiche Verständnis trägt Rösel - fälschlicherweise ­ 1 49 Siehe vor allem: DELITZSCH, Genesis2; DERS ., Genesis4; DERS ., Neuer
an Gen 1 , l f LXX heran (Übersetzung, 35). S. dazu oben, 1 8 m. Anm. 24. Commentar über die Genesis, sowie auch seinen Schüler C.F. KEIL, Biblischer
1 46 Urgeschichte, 1 85f. Commentar I, 1 8f.
40 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Forschungsgeschichte 41

gedankens fand(en), dass von Gott her alles herrühre, ein Schöp­ die hypotaktische Anordnung der Sätze (protasis-apodosis) 1 58 explizit
fungsgemälde, keine Schöpfungsgeschichte« und gegen Herder, der gegen LXX und Job 1 , 1 . Theologisch gesteht Ewald zu, daß diese
»sich einbildet, dass hier mitte1st malerischer Beschreibung des wer­ Vorstellung des präexistenten Chaos
denden Tages die Schöpfung versinnbildlicht werde«. 1 so Er selbst
sieht in Gen 1 eine Geschichte »frei von den Einwirkungen menschli­ » . . .in die reihe der grundwahrheiten der durch Mose geoffenbarten religion nicht
cher Dichtung«, die auf einer Überlieferung aus dem Kreis der mehr paßt«, denn »die weit, sein [Gottes] werk mag in ihrer unendlichen fort­
»Familie des erstgeschaffenen Menschen« basiert 1 5 1 . Er präsentiert dauer nach seinem willen und seinem geseze immer geistiger und feiner sich
ausbilden, aber schon ihr anfang kann nicht als etwas rein rohes und wüstes ge­
eine ganz und gar nicht historisch-kritische Sichtweise, deren Ziel die
dacht werden.<<1 59 Dennoch hat sich diese Tradition »aus dem entfernteren Al­
theologische Angleichung des Alten Testaments an das Neue Testa­ terthume her als ein längst feststehender und durch die ganze reihe der alten heili­
ment zuungunsten der Eigenwertigkeit des Alten ist. Dieses Urteil gen ebensowohl wie durch die sprache geheiligter noch nach Mose<< erhalten. 1 60
wird in der vierten Auflage abgeschwächt, indem er auch Züge dich­
terischer VerbildHebung zugesteht, ohne aber an der theologisch­ So ist seiner Ansicht nach davon auszugehen, daß die ganz unter­
konservativen Grundtendenz etwas zu ändern. Gegen Eichhorn schiedlichen Vorstellungen und das Chaos umschreibenden Begriffe
bedeutet für ihn n·��'J:,l weder den »Anfang der folgends erzählten ihre ursprüngliche Bedeutung im Laufe der Zeit verloren haben bzw.
Geschichte [ . . . ], welc.he sich zwischen Gott und Mensch begeben durch neue ersetzt wurden. 1 6 1 Doch wäre es falsch anzunehmen, daß
hat« 15 2, noch, »Daß die Welt zeitanfänglich, nicht ewig ist«153. Viel­ der Gott nach dem Chaos entstehe oder zufällig darauf träfe.
mehr geht es um den Anfang der folgenden Geschichte, der den An­ Vielmehr sei davon auszugehen, daß Gott lange vor dem Chaos da
fang jeglicher Geschichte impliziert. 154 Durch das �i:::J. sieht er seine war. l 62 Seine Präsenz findet sich nach Ewald in V.2c in dem auf dem
Interpretation gestützt. Das Fehlen eines Akkusativs des Stoffes sowie Wasser brütenden 1 63 Geist angedeutet. I 64 Der Erzähler verzichte der
der Gebrauch des Qal allein mit Gott als Subjekt ist für ihn ein Tradition entsprechend auf die Frage nach dem Ursprung des
weiterer Hinweis auf die Vorstellung der »creatio ex nihilo«: Gott ist Chaos. 1 65 Das eigentliche Thema der Erzählung sei der Anfang der
die absolute Ursache allen Seins. V . l schildert die Erschaffung der Geschichte. Das Chaos diene als Zeitmaß, mit dem begonnen wird. 1 66
noch werdenden Erde sowie des noch werdenden Himmels, deren Es diene als Hintergrundschilderung. 1 67 An dieser Stelle deutet sich
vorläufiger Zustand in V.2 beschrieben wird. 155 in der Forschungsgeschichte erstmals wieder die nicht-ontologische
Sichtweise an, die Gen 1 ,2 als Negation des Kosmos versteht.

3. Erste Ansätze religionswissenschaftliehen Denkens

Zeitgleich mit Delitzsch wirkte H. Ewald ( 1 803- 1875), wenngleich


unter ganz anderen Voraussetzungen. Als Semitist war er für die 158 Dagegen wendet sich Delitzsch vehement; vgl. Genesis2, 88.
159 Glaubenslehre III/2, 36f.
verschiedenen Denkströmungen offener. In der von ihm verfaßten 1 60 AaO, 36.
Glaubenslehre III/2 setzt er sich in einem gesonderten Teil mit dem 161 Anzumerken ist, daß Ewald (u.a.) den priesterschriftlichen Schöpfungsbericht
Problem des Schöpfungsglaubens im Alten Testament auseinander. als den· älteren ansieht (39) und ihn in das 1 1 . Jh. datiert (45).
Die von ihm wiederentdeckte, aus theologischen Gründen in ·1 62 Aao; 39.
Vergessenheit geratene Übersetzung1 5 6 lautet: Bevor Gott anfing, · !'6 3 Nach EWALD (Giau,benslehre III/2, 67) ist die Vorstellung des wie eine Henne

Himmel und Erde zu schaffen, war der »Urstoff« ungeordnet, d.h . brütenden Geistes schon . ..de.shalb gegen andere Übersetzungsvorschläge
als Chaos schon vorhanden. 157 Grammatisch entscheidet er sich durch überzeugend, »da der geist· ebensowohl wie die seele im Hebräischen ebenso wie
ursprünglich in allem Sehiitlschen seit urältester zeit immer als weiblich aufgefaßt
wurde<<.
1 50 Genesis2, 66. 1 64 AaO, 67.
151 AaO, 72f. 1 6 5 Aa0, 33.
1 52 AaO, 79. 1 66 .Vgl. aaO, 39, Anm. 2: Die Chaosschilderung in V.2 ist >>ein bloß einge­
1 53 Genesis4, 76. schobener zeitsaz welcher die Jage der dinge noch genauer schildern soll in welche
1 54 Genesis2, 79. die folgende geschichte des wirkens gottes fällt<<.
155 AaO, 77. 1 6 7 Glaubenslehre III/2, 42. In jüngeren Büchern (z.B. Hiob) hingegen werde
1 56 S. oben, 26ff, zur »creatio ex nihilo<<, und 25 zu Raschi und Ibn Esra. S. an­ implizit die Vorstellung von der Schöpfung aus dem Nichts aufgebaut, ein Ge­
satzweise schon Herder (oben, 37 m. Anm. 1 33). danke, der sich in Gen 1 evtl. in V.3, im Schöpfungsakt durch das Wort, nach­
1 57 Glaubenslehre Ill/2, 34f. weisen ließe.
42 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1 -3 Zur Forschungsgeschichte 43

Ähnlich verfährt Ewalds Schüler A. Dillmann in seinem Genesis­ der Priesterschrift. 1 73 Von den verschiedenen Übersetzungsmöglich­
kommentarl 68 . Er betont den historischen Charakter der Erzählung, keiten für Gen 1 , 1 -3 wählt er die traditionelle parataktische und setzt
die in enger Beziehung zu den Kosmogonien anderer Völker steht, ein widersprüchliches Verständnis des >Chaos< als zugleich präexi­
welche ebenfalls keine Dichtung sind. Auch er befürwortet die stent und von Gott kommend voraus: »Das Chaos ist seinem Begriffe
hypotaktische Übersetzung von Gen 1 , 1ff (allerdings sieht er in V.2 nach die unerschaffene Materie« [ . ], die »hier im Anfang von Gott
. .

einen eingeschobenen Zustandssatz) und stellt darüber hinaus gegen geschaffen wird«. I74 Wellhausen gibt zu, daß das »ein merkwürdiger
Delitzsch u.a. die These auf, daß auch eine für richtig erachtete para­ Gedanke« ist. Hätte der Verfasser »bloß sagen wollen, Gott habe die
taktische Übersetzung nicht für die Annahme der »creatio ex nihilo« Welt aus nichts geschaffen und er habe sie gut geschaffen, so hätte er
sprechen müsse. Denn es sei falsch, daß man »sprachwidrig den das einfacher ausdrücken können und zugleich deutlicher.«
Himmel und die Erde als Weltstoff versteht«l 69, da die Wendung als WeHhausen kommt zu dem Schluß, daß es P darum ging, »den tat­
Umschreibung für »Welt, Weltall« zu verstehen sei. In �1:J einen sächlichen Hergang der Entstehung der Welt naturgetreu [zu] schil­
Hinweis dafür zu sehen, sei ebenso fraglich, da es »an sich schon den dern, er will eine kosmogonische Theorie geben«.m Das Chaos sei
Gebrauch von Stoffen und Mitursachen ausschließe«l7o, wie es der der Ausgangspunkt, von dem aus »das Ganze entsponnen [wird] ; alles
Gebrauch in Gen 1 ,27;2,7 zeige. Damit sei es unmöglich geworden, Folgende ist Reflexion, systematische Konstruktion« . I 7 6 Diese Art,
in diesem Kontext mit der Vorstellung der »creatio ex nihilo« zu Natur zu begreifen, bezieht Wellhausen auf den Kontext der grie­
rechnen: chischen Naturphilosophie eines Thales. Er bemüht sich um eine hi­
storische Einschätzung der Entwicklung innerhalb des Alten Testa­
»Es kann nicht geleugnet werden, dass der Verf. die Schöpfung nur bis zur ments auf der Basis von Quellenforschung, was sein Werk wenige
Herausbildung aus dem Chaos zurückverfolgt, dieses Chaos selbst aber voraus­ Zeit später aufgrund zahlreicher neuer religionswissenschaftlicher
setzt, ohne sich über seinen Ursprung auszusprechen, weder dass es unabhängig Erkenntnisse angreifbar werden läßt.I 77
von Gott vorhanden, noch dass es von Gott gesetzt sei. Man wird ohne
Bedenken zugeben, dass wenn der Verf. sich auf die Frage nach dem Ursprung
Weilhausen übersetzt: »die Erde war wüst und ungestalt und Finsternis lag auf der
des Chaos hätte einlassen wollen, er auf Grund seines Gottesbegriffes sich hätte
Flut und der Geist Gottes brütete auf dem Wasser, da sprach Gott: . . . « und deutet
dahin entscheiden müssen, dass die Welt auch ihrem Stoffe nach im göttlichen
den Vers als Chaosbeschreibung: »Im Anfang ist das Chaos; Dunkel, Wasser brü­
Willen ihren Möglichkeits- und Daseinsgrund hat.« l 7 1
tender Geist, der lebenszeugend die tote Masse befruchtet. Der Urstoff enthält unter­
schiedslos alle Einzelwesen in sich, aus ihm geht stufenweise die geordnete Welt
Damit haben beide Exegeten der Auslegung einen neuen Akzent ge­ hervor, und zwar durch Entmischung, durch Ausscheidung zunächst der großen
setzt. l72 Es geht nicht um die ontologische Fragestellung. Gen 1 , 1 -3 Elemente«. l 78 WeHhausen geht davon aus, daß es sich mit Gen 1 um eine kosmolo­
ist vielmehr bemüht, den Widerspruch, der in den Aussagen von der gische Theorie handelt, die den tatsächlichen Hergang der Entstehung der Welt na­
göttlichen Schöpfermacht einerseits und der chaotischen Vorwelt an­ turgetreu schildern will. Er entwickelt somit ein Entfaltungsmodell, dem gemäß Gott
dererseits liegt, auszuhalten. Israels Glaubenssatz und traditionelle auf die in Gen 1 ,2 vorgegebenen Dinge zurückgreift, um die Welt zu gestalten. Das
Problem dieser Deutung - einmal abgesehen von der rationalistischen Bewertung als
kosmogone Topoi stehen in Gen 1 scheinbar widersprüchlich neben­
einander.
1 73 Vgl. J6NSSON, Image of God, 1 6f; sowie KRAUS, Geschichte der historisch­
kritischen Erforschung, 260ff.267: Weilhausens Anschauung nach bestätigen die
4. Höhepunkt der Literarkritik Erzählungen am Beispiel von Gen 1 ff »die Einteilung der religiösen Überliefe­
rungen Israels in die maßgebenden Epochen. J ist der natürliche Erzähler auf der
ersten Entwicklungsstufe. P ist der reflektierende Konstrukteur auf der dritten Stufe
Der Höhepunkt der literarkritischen Phase im Werk von J. Wen­
der Entwicklung. Und dieser Sachverhalt läßt sich in allen Erzählungen des Hexa­
hausen ( 1 844- 1 9 1 8), ebenfalls ein Ewald-Schüler, ist zugleich auch teuchs nachweisen«. Eine kritische Einschätzung der neueren Urkundenhypothese
ein Wendepunkt in der Geschichte der alttestamentlichen Wissen­ sowie von Weilhausens Datierung lieferte zuletzt Krapf (Priesterschrift), der sich für
schaft. Ihm verdanken wir die bis heute noch gültige Spätdatierung Y. Kaufmanns These von einer Frühdatierung der Priesterschrift ausspricht.
1 7 4 WELLHAUSEN, Prolegomena, bes. 293ff; hier: 296.
1 7 5 Prolegomena, 296.
1 68 Dll..LMANN , Genesis3. 1 7 6 AaO, 297.
1 69 AaO, 19. 1 77 Wie wenig Weilhausen bereit war, aufgrund dieser neuen Entwicklungen seine
1 70 AaO, 1 8 . Folglich auch das Schaffen aus (dem) Nichts. Sicht zu revidieren, betont KRAUS, Geschichte der historisch-kritischen Erfor­
1 7 1 AaO, 20f. schung, 298f.
1 7 2 Auch wenn sich die Tendenz bereits bei Herder finden läßt. 1 7 8 Prolegomena, 295.
44 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1,1-3 Zur Forschungsgeschichte 45

>naturgetreue Schilderung der Weltentstehung< - liegt in folgendem: von n� >>Er­ Weltbild Babyloniens als Modell für alle Kulturen apostrophierte . t83
de« t:l�l';liJ >>Wasser« und lflih >>Finsternis« ist im folgenden Bericht (vgl. V.4f. l 0) Von eher gesellschaftspolitischer als theologischer Relevanz t 84 war
die Rede, nicht aber von t:Jiill'J in der Bedeutung »Tiefe« oder »unterirdische eine V ortragsreihe des Assyriologen Friedrich Delitzsch t ss , in wel­
Wasser« sowie t:J'iJ?� f11i >>Geist«, was an einer stufenweise erfolgenden Um­
cher dieser eine direkte Abhängigkeit des Alten Testaments von
kehrung der chaotischen Elemente in Schöpfungsordnung zweifeln läßt.
Mesopotamien propagiert und das Fernziel formulierte, daß durch
Hervorzuheben ist jedoch, daß es Weilhausen gelingt, den von die Ideen der Aufklärung angesichts der neuen Entdeckungen eine
Delitzsch eingeschlagenen apologetisch heilsgeschichtlichen Kurs zu neue religiöse und weltanschauliche Position gefunden werden müsse.
verlassen und stattdessen dem Alten Testament eine historisch aus­ Somit hat er den Offenbarungsanspruch der Bibel hinterfragtt 86 und
wertbare Eigenständigigkeit zukommen zu lassen. 1 79
1 8 3 Vgl. JOHANNING, Bibel-Babel-Streit, 265ff. Besonders z.Zt. des Bibel-Babel­
Streits gewann diese Bewegung Anhänger aus dem Kreis der konservativen Bibel­
5. Babel-Bibel-StreitiBO wissenschaft (so z.B. A. Jeremias !), da sie die >modernen< religionswissenschaft­
liehen Erkenntnisse mit einbezog gegen die historisch kritische Betrachtungsweise
Seit 1 850 kündigte sich angesichts der Entdeckung und Erforschung der Neueren Urkundenhypothese Wellhausens: die interkulturellen Bezüge schienen
eine Historizität der Patriarchengeschichte sowie eine Frühdatierung des Gesetzes
der altorientalischen Kulturen die Notwendigkeit einer umfassenden
wieder zu ermöglichliehen (aaO, 268); vgl. dazu auch auch LEHMANN, Friedrich
Revidierung des Geschichts- und Überlieferungsmodells an. Das Delitzsch, 1 24- 1 5 1 .
idealistische Bild von der israelitischen Religion, die geboren wurde 1 8 4 >>>Babel und Bibel< war nicht das Problem der alttestamentlichen Avantgarde,
und sich quasi analogielos und unbeeinflußt entwickelt hat, mußte sondern das des kirchlichen Konservativismus, der angesichts veränderter bibli­
revidiert werden . t s t Die zahlreichen Parallelen und der Nachweis scher Horizonte an einem starren Offenbarungsbegriff festzuhalten versuchte« (so
von verschiedenartigen Beeinflussungen durch die Nachbarkulturen LEHMANN, Friedrich Delitzsch, 273). Den Trend, Teile des Alten Testaments auf
eine mesopotamische Herkunft hin zu hinterfragen, bzw. literar- und religionsge­
ließ Israel den Anspruch der Einzigartigkeit verlieren, was zu
schichtliche Erkenntnisse auf die Bibel anzuwenden, war nichts Neues (vgl.
schwerwiegenden Konflikten in der Kirche sowie in der theologi­ Monographien wie E. SCHRADER, Die Keilinschriften und das Alte Testament
schen Wissenschaft führte.JB2 Es wurde deutlich, daß Israel ein klei­ [ 1 1 879], in der Überarbeitung von H. WINCKLER und H. ZIMMERN [3 1 90 1 ] ,
nes, zumindest von den beiden Großreichen Mesopotamien und sowie von theologischer Seite GUNKEL, Schöpfung und Chaos [ 1 1885], u m nur
Ägypten abhängiges Volk gewesen ist, das sich zudem noch zur Zeit zwei unter vielen herauszugreifen). Doch erst der Bibel-Babel-Streit hatte >>aus der
seiner Ansiedlung in Palästina mit der dort ansässigen kanaanäischen Arbeit der Studierstuben und Universitäten eine Volksbewegung« gemacht
Kultur vermischt hatte. Zudem zeigte sich, daß Religionsgeschichte (LEHMANN, aaO, 34). Etwas anders JOHANNING, Bibel-B abel-Streit, 19: >»Babel
und Bibel< löste eine Bewegung aus, die die Theologie . . . zu einer Integration der
und politische Geschichte Israels nicht die gleichbleibend homogene
religionsgeschichtlichen Frage in die alttestamentliche Bibelwissenschaft zwang«
Entwicklung genommen hatten, von der man bisher ausgegangen (vgl. auch aaO, 325). Dazu die Kritik Gunkels (Israel und Babylonien, 2f): >>De­
war. Aus der Verunsicherung gegenüber den neuen Erkenntnissen litzsch hatte es leider versäumt, im Text seines Vortrages mit ganz unmissver­
entstand der aus der Assyriologie hervorgehende Kreis der »Pan­ ständlichen Worten festzustellen, dass das von ihm zusammengestellte Material im
babylonisten«. Zu seinen Begründern zählt H. Winkler, der das wesentlichen . . . ein gemeinsamer Besitz einer ganzen Generation von Forschern ist;
ein Teil des Publikums . . . hat ihn daher gänzlich missverstanden und seinen Vortrag
als eine grosse wissenschaftliche Tat aufgefasst«, ein Faktum, daß von vomherein
1 79 Andererseits erreicht der historische Positivismus und Evolutionismus bei eine Verärgerung der Fachkollegen nach sich zog.
Weilhausen und einigen seiner Schüler einen Höhepunkt, der einige Korrekturen im ! 8 5 Der Sohn von Franz Delitzsch hielt zwischen Januar 1902 und Februar 1 905
20. Jh. erforderlich macht (vgl. REVENTLOW, Hauptprobleme, 6f). drei Vorträge mit dem Titel >>Babel und Bibel«, davon den ersten vor der Deutschen
I B O Vgl. hierzu: KRAUS, Geschichte der historisch-kritischen Erforschung, Kap. Orientgesellschaft in Berlin unter Anwesenheit des Kaisers. Zu Anfang und Ende
1 1 ; JONSSON, Image of God, 29f; KLATT, Hermann Gunkel, 1 5 ; JOHANNING, des Streites vgl. LEHMANN, Friedrich Delitzsch, 3 1 -35. Auf die Aufsatzreihe folg­
Bibel-Babel-Streit, sowie LEHMANN, Friedrich Delitzsch. ten weitere kleinere Veröffentlichungen bis hin zu dem letzten Werk >>Die Grosse
1 8 1 Vgl. dazu LORETZ, Ende der Inspirationstheologie I, 1 1 5ff. Täuschung« (I: 1 920 I II: 1 92 1 ), das als eine antisemitische Schmähschrift gelesen
1 8 2 Wie wenig die ja bereits älteren Funde und Erkenntnisse der Archäologie in das worden ist (aaO, 36) - ein Vorwurf, den Lebmann so nicht berechtigt findet und
theologische Bewußtsein der Fakultäten oder gar der Gemeinden eingedrungen war, demgegenüber er es vorzieht, von >>religiöse(m), theologische(n) Antijudaismus« zu
hebt Lebmann hervor, ein Faktum, das bei einer historischen Beurteilung des Streits sprechen (aaO, 27 1 ; mit Hinweis auf Große Täuschung II,4 [ebd., Anm. 1 1 9]).
allzuoft außer acht gelassen worden ist (Friedrich Delitzsch, 5-30, bes. 2 1 f); vgl. 1 8 6 Lehmann betont, daß es in dem Streit zu keinem Zeitpunkt darum gegangen ist,
auch seine kritische Beurteilung von Kraus' Darstellungsweise (in: DERS . , Babel dem Alten Testament vorzuordnen (aaO, 1 00- 1 03.142- 1 52). So ist es erst
Geschichte des Alten Testaments, 230-24 1 ) wegen seines zu simplen Bildes (aaO, von E. KöNIG in seinen zahlreichen Schriften zu diesem Thema gedeutet worden
15ff). (z.B . Bibel und Babel. bzw. DERS., Die Gottesfrage und der Ursprung des Alten
46 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Forschungsgeschichte 47

ist über das Anliegen der Panbabylonisten, zu denen er sich selbst renden Thesen der Panbabylonisten sowie die durch den Babel-Bibel­
nicht zählte, noch hinausgegangen. Ein grundsätzlicher Unterschied Streit öffentlich in Mißkredit geratene Beschäftigung der Theologie
beider Strömungen besteht darin, daß Delitzsch an dem literarischen mit den alten Nachbarkulturen. Durch die Unterscheidung in schrift­
Überlieferungsweg festhält, den die Panbabylonisten insgesamt ab­ liche und mündliche Überlieferungswege gelang Gunkel die Dar­
lehnen. 1 87 Die positive Seite des Babel-Bibel-Streits liegt in dem stellung eines sehr viel realistischeren Traditionsprozesses sowie die
Anstoß zu weiterer Beschäftigung mit einer Methodologie, die die Widerlegung der These Friedrich Delitzschs, daß die biblischen
Erkenntnisse der Altorientalistik und der Religionswissenschaft mit­ Texte in einem literarischen Abhängigkeitsverhältnis zu den mesopo­
berücksichtigt 1 88 ; negativ dagegen ist der polemische Grundton der tamischen stünden. 1 9 1 Damit wurde auch dem Anspruch alttestament­
Streitenden, der die Bereitschaft zu voreiligen Analogieschlüssen, wie licher Wissenschaft als einer theologischen Disziplin Rechnung getra­
sie dann häufig erfolgt sind, nur forciert hat, die weder der orientali­ gen. Auch scheute Gunkel1 92 nicht die Auseinandersetzung mit den
schen Kultur noch den biblischen Überlieferungen gerecht wurden. Iiteratur- und religionswissenschaftliehen Forschungstendenzen.
Gunkel richtet sich zugleich gegen WeHhausens These, daß es sich
»Aber erst der Babel-Bibel-Streit förderte die Einsicht, daß hier nicht nur mit Gen 1 um eine freie Konstruktion des Verfassers der Priester­
schwerwiegende Versäumnisse seitens der Kirche vorlagen, sondern daß von schrift handele, der unter der (traditionellen) Vorgabe des Chaos eine
dieser Seite vorläufig auch keine Besserung zu erwarten war. Die Folge war eine
kosmologische Theorie bieten will193, wenn er in Gen 1 die Nieder­
bis dahin einzigartige Popularisierungswelle der theologischen Forschung, die
vor allem von der religionsgeschichtlichen Schule getragen war, und vielleicht die schrift einer Tradition von mündlichen Überlieferungen sieht. Dem­
bleibende Erkenntnis, daß Popularisierung der kritischen theologischen nach ist die Übernahme nicht z.Zt. des Exils erfolgt, sondern gestaltet
Forschung keine Destruktion der Kirche betreibt, sondern eine wirkliche, im sich als ein lang andauernder Traditionsprozeß, der etwa seit dem
guten und klassischen Sinne apologetische Aufgabe einer verantwortlichen 14.Jh.v.Chr. z.Zt. der Anfänge Israels durch permanente Infiltration
Theologie im 20. und 2 1 . Jahrhundert darstellt.« 189 in die israelitische Gedankenwelt eingedrungen und erst Jahrhunderte
später interpretierend niedergeschrieben worden ist. 1 94 Auch litera­
turwissenschaftliche Probleme werden in seinem Genesiskommentar
6. Religionsgeschichtliche Schule verhandelt. Im Sinne Herders u.a. ist das erklärte Ziel aller Exegese,
das Verständnis des Schriftstellers, seiner Persönlichkeit und seines
In den Arbeiten der Religionsgeschichtlichen Schule, als deren bedeu­
tendster Protagonist H. Gunkel gilt, findet sich eine konstruktive
Reaktion190 auf die Entdeckungen und die darauf basierenden verwir- und Babylonien« ( 1 .,2. Aufl. 1 903) ist als vorsichtiger Eingriff in den Streit zu
verstehen (vgl. LEHMANN, aaO, 272f m.Anm. 2.3; JOHANNING, aaO, 174f).
Testaments, Berlin 1 903). Infolge seiner polemischen Veröffentlichungen sind 1 9 1 Lebmann betont, daß die Religionsgeschichtliche Schule - und allen voran
einige Assyriologen für Delitzschs Anliegen eingetreten; vgl. LEHMANN, Friedrich Gunkel selbst - bereits vor dem Babel-Bibel-Streit die Auseinandersetzung mit den
Delitzsch, 47-49 (vonseiten der Panbabylonisten aus propagandistischen Gründen). Nachbarwissenschaften und deren neuen Erkenntnissen gesucht hatte, und das
1 53 - 1 69 (vonseiten der Assyriologen, die als Schüler von Delitzsch mit wenigen insofern fruchtbarer, als man auf die Rekonstruktion eines literarischen Überliefe­
Ausnahmen lediglich die methodologische Unschärfe des Lehrers kritisierten); vgl. rungsweges zugunsten eines mündlichen verzichtete, und damit den durch die
auch JOHANNING , Bibel-Babel-Streit, 90- 104. Entdeckungen scheinbar infragegestellten Offenbarungsbegriff zugunsten des
1 8 7 LEHMANN, Friedrich Delitzsch, 48, sowie LORETZ, Ugarit und die Bibel, 22. geschichtlich vermittelten Charakters göttlicher Offenbarung zu retten vermochte
1 88 Vgl. dazu LORETZ, Ende der Inspirations-Theologie, 1 1 9, sowie DER S . , (aaO, 272-274).
Ugarit und die Bibel, 20ff. Negativ führt Loretz hier aber an, daß durch die 1 92 GUNKEL, Schöpfung und Chaos; vgl. auch JOHANNING, Bibel-Babel-Streit,
Debatten im Rahmen der Assyriologie »der syrisch-kanaanäische Raum aus dem 1 68- 1 84, bes. 1 69.
Blickfeld« fiel und erst nach dem Ersten Weltkrieg (Ausgrabungen in Mari und vor 1 93 S. oben, 43 m. Anm. 1 74f.
allem Ugarit) neu ins Bewußtsein gerückt wurde (aaO, 23). Dieselbe negative 1 94 GUNKEL, Schöpfung und Chaos, 1 39ff. - So sei z.B. die noch als Unterschrift
Erscheinung betraf m.E. auch den ägyptischen Raum - der, obwohl Gunkel bereits in Gen 2,4a erhaltene Toledotformel ursprünglich die einleitende Überschrift dieser
in Israel und Babylonien, 14, auf diese Verwandtschaft anspielte - für das Alte Tradition gewesen (vgl. Gen 5 , 1 ), die aber aus redaktionellen Gründen an den
Testament erst durch S. Herrmann, 0. Kaiser, K. Koch und W.H. Schmidt in den Schluß gesetzt wurde, um die Erzählung mit Gen 1 , 1 einsetzen zu lassen (Hinweis
60er Jahren fruchtbar gemacht wurde (s. unten, 1 54). auf B. STADE, [Biblische Theologie des Alten Testaments I, Tübingen 1 12 1 905],
1 8 9 So lautet Lebmanns Schlußsatz zum Babel-Bibel-Streit (aaO, 275f). und dadurch »die Schöpfung in Gegensatz setze zu dem mit der messianischen Zeit
1 9 0 Es bleibt zu betonen, daß es sich mit der Religionsgeschichtlichen Schule um beginnenden Abschlusse des Weltprozesses und hierdurch zugleich die uran­
eine Parallelbewegung handelt, deren »Weichen schon vorher gestellt<< und fängliche Selbständigkeit Elohims noch stärker betonte«, was jedoch nicht auf die
>>Klassiker« bereits geschrieben waren, als der Streit ausbrach, wie z.B. GUNKEL, »creatio ex nihilo« schließen läßt [349]) oder auch nur zur leichteren Verbindung mit
Schöpfung und Chaos ( 1 895) und Genesis ( l .Aufl. 1 90 1 ) . Seine Schrift »Israel dem zweiten Schöpfungsbericht (GUNKEL, Genesis316, 101).
48 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Forschungsgeschichte 49

Werkes l95 zu eruieren. Gunkel wendet sich - im Gefolge Herders ­ »Der zeitliche und gedankliche Abstand des Alten Testaments zu uns, aber auch
intensiv der Sagenforschung zu, untersucht den Sitz im Leben sowie der Abstand zwischen Altem und Neuern Testament verbieten es, das Alte
die Überlieferungsgeschichte der Formen und Gattungen. Die Form­ Testament wie das Neue als Quelle christlicher Lehre zu verwenden; seine tradi­
geschichte wird zu einem neuen Arbeitsfeld, das Theologen darauf tionelle dogmatische Inanspruchnahme für das Christentum ist nicht mehr mög­
lich.«200
stößt, daß biblische Texte nicht unreflektiert als Zeugnisse der Religi­
on Israels angesehen werden können, sondern jeweilige Zeit- und Be­
Offen blieb die Frage, wie sich das Alte Testament seinen Sondersta­
gleitumstände mitbedacht werden müssen, um dem oben genannten
tus gegenüber den anderen antiken Religionen bewahren konnte, den
literaturwissenschaftliehen Grundsatz Genüge zu tun. I 96
selbst die Vertreter der religionsgeschichtlichen Schule befürworte­
Über die methodologischen Korrekturen hinaus hat Gunkel zudem
ten. Unter anderem infolge des Babel-Bibel-Streits und der unbeant­
eine entscheidende Theorie zur Übersetzung von Gen 1 , 1 -3 1 97 ent­
worteten Frage nach dem biblischen Offenbarungsanspruch geriet
wickelt. Er stellt die parataktische und die hypotaktische Übersetzung
der exegetische Ansatz der Religionsgeschichtlichen Schule in Miß­
von V. 1 sinngemäß in den gleichen Bedeutungszusammenhang und
kredit 20 t und überließ stark theologisch argumentierenden Kon­
weist nach, daß, auch wenn beide Übersetzungen bei unterschiedli­
zeptionen das Feld, die zumeist an der Formel der »creatio ex nihilo«
cher grammatischer Bedeutung möglich sindi9B, die Ableitung der
z.T. unbedacht festhielten.
Vorstellung der »creatio ex nihilo« aus diesen Versen keineswegs
zwingend ist. Gen 1 , 1 -5 sei die Beschreibung des Urzustandes199 und
des ersten Tages in Folge von V. 1 , der das analogielose Dogma zum
7. Im Umfeld der Dialektischen Theologie
Ausdruck bringt, daß Gott die Welt geschaffen hat. In diesem Sta­
dium der alttestamentlichen Wissenschaft angekommen, ist eines klar:
Methodelogisch weit vorangeschritten stellte sich die Frage nach dem
1 95 Vgl. REVENlLOW, Hauptprobleme, 7f und KRAUS, Geschichte, 362f. Nichtrationalen von Religion und Theologie, die über die historisch­
1 9 6 GUNKEL, Genesis2, 6 (s.bes. die Einleitungen zu den verschiedenen kritisch erforschbaren Ergebnisse hinausweist. Einen Angelpunkt,
Kommentarauflagen); vgl. KLATT, Herrmann Gunkel, 1 6f. der dieses Problem unter seinem religionswissenschaftliehen Aspekt
1 97 Im Mittelalter hatten die beiden jüdischen Exegeten Raschi und Ibn Esra erst­ aufgreift, bildet R. Ottos Buch »Das Heilige« ( 1 9 17)202 , mit seinen
mals zwei hypotaktische Übersetzungen vorgeschlagen, um der Lehre von der Untersuchungen zum Doppelcharakter des Nomens als des
»creatio ex nihilo« inhaltlich zu entgehen. S. dazu oben, 25 und unten, 69f. Irrationalen schlechthin, welcher sich mit »mysterium tremen­
1 9 8 Vgl. bereits Herder, s. oben, 37 m. Anm. 133. - In den ersten beiden Auflagen
dum« 203 und »fascinans« 204 umschreiben läßt. Die Wende in der
des Kommentars gibt er der hypotaktischen Übersetzung den Vorrang, da der Be­
ginn der zweiten Schöpfungserzählung - wie ja auch der Anfang von Enuma Elis -
Theologie manifestiert sich in den Barthschen Entwürfen zu einer
so konstruiert ist (290), was er später aber für weniger bedeutend hält: Vielmehr Dialektischen Theologie. Ohne der historisch-kritischen Forschung
scheint ihm Gen 1 , 1 ein Hauptsatz zu sein, der das analogielose Dogma, daß Gott Absage erteilen zu wollen, geht es Barth darum, eben das darüber
die Welt geschaffen hat, zum Ausdruck bringt und durch die folgenden Verse Hinausweisende zu erfassen. 205 Er will aber zugleich klar stellen, daß
illustriert wird (316, 1 0 1 ). Zu beiden Versionen stellt er fest: »Auf keinen Fall aber die historisch-kritische Forschung Hilfswissenschaft ist und lediglich
ist es erlaubt, (aufgrund der ersten Kstr.) n�iJ1 o:orq;:� als Bezeichnung der
urzeitigen, noch chaotischen Welt zu verstehen und zu behaupten, Vers 1 enthalte
die Schöpfung der Welt als Chaos (so WELLHAUSEN, Prolegomena, 296; DERS. , 200 REVENlLOW, Hauptprobleme, 9.
Composition, 105), wobei dann 2 den chaotischen Zustand dieser ersten Schöpfung 20 1 Dies bestreitet Lehmann, wenn er feststellt, daß der Werdegang der
und erst 3ff die Entstehung der gegenwärtigen geordneten Welt schildern müßte« alttestamentlichen Wissenschaft durch den Babel-Bibel-Streit unwesentlich beein­
(Genesis316, 102). flußt worden wäre, und das »jähe Ende« religionsgeschichtlicher Forschungsrich­
1 99 In V.2 1ägen zwei unterschiedliche Vorstellungen von Chaos zugrunde: 1i1::J) 1i1i'l tungen lediglich auf den Zusammenbruch nach dem ersten Weltkrieg und das Auf­
deutet auf die Vorstellung der Erde als Wüste hin (vgl. J); während l�i1, t::im') kommen der dialektischen Theologie zurückzuführen sei (aaO, 272).
(Identifikation mit der babylon. Tiämat) und l:l'r,l auf die Vorstellung anspielen, daß 202 R.Orro, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein
die Erde ursprünglich Finsternis und Wasser war, wie sie bei Berossus, also in Verhältnis zum Rationalen, Gotha 161927.
Babylonien wie auch in anderen Kulturen überliefert wird. tl'i1'?1;\ 17)1 ist zu überset­ 2 03 AaO, 1 3ff.
zen mit »der Geist Gottes«, der auf der Fläche der Wasser brütet, und verkörpert die 204 AaO, 42ff.
göttliche Kraft bzw. den lebensschaffenden Geist oder Hauch Gottes (vgl. Ps 20 5 >>Nun werden wir, gerade wenn wir die Menschlichkeit der Bibel ganz ernst
104,29f und Philo v. Byblos bei EUSEB, praep. ev. I 1 0); vgl. GUNKEL, Schöp­ nehmen, auch damit ganz Ernst machen müssen, daß sie eben als menschli�hes
fung und Chaos, 7ff; DERS., Genesis6, 1 03f. »Daß P eine solche Schilderung des Wort über sich selbst hinausweist, daß sie als Wort auf eine Sache, auf emen
Chaos aufnehmen konnte, zeigt, daß auch er den Gedanken einer creatio ex nihilo Gegenstand hinweist« (K.BARTH, Kirchliche Dogmati�, 1,2, Zürich 3 1 945 5 1 3)
(II Mak 72 8 Hbr 1 1 3) noch nicht deutlich erfaßt hatte« (GUNKEL, Genesis6, 103). _ :
ist für Kraus (Geschichte, 420) der Ausgangspunkt der Dialektischen Theologie.
50 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1,1-3 Zur Forschungsgeschichte 51

eine Funktion in der theologischen Auslegung ausübt. zo6 Auch die Bi­ Mit der Bemerkung, daß die >>Schöpfung als freie Setzung eines geistig-personhaf­
ten Willens« angesehen wird, richtet sich Eichrodt >>gegen den Dualismus, der ne­
belexegese bleibt von diesem Programm nicht unberührt. Es formiert
ben Gott ein zweites Prinzip der Welterklärung stellt, und gegen den Pantheismus,
sich die sogenannte >pneumatische Exegese<2o7, die mittels eines zwei­ der Gott und Welt identifiziert und die Gottheit zu einer unpersönlichen Kraft
stufigen Schriftverständnisses sowohl der historischen Forschung als macht« und spricht ihr Einmaligkeit in der antiken Welt zu. Aufgabe alttestamentli­
auch dem besonderen Anspruch des Gotteswortes gerecht zu werden cher Wissenschaft sei es, >>die alttestamentliche Glaubenswelt in ihrer strukturellen
versucht. 208 Welche Auswirkungen hatte dieses Umdenken für die Einheit zu begreifen und unter Berücksichtigung ihrer religiösen Umwelt einerseits,
Auslegung von Gen 1 ? ihres Wesenszusammenhanges mit dem Neuen Testament andererseits, in ihrem
0. Eissfeldt209 verbleibt noch ganz in den Spuren der Religionsge­ tiefsten Sinngehalt zu deuten«. 212
schichtlichen Schule. Er entscheidet sich für die hypotaktische Über­
In Anknüpfung an die historisch-kritischen Bemühungen spricht er
setzung (protasis - parenthesis - apodosis). Gegen jegliche Mißver­
sich zwar gegen die Aufoktroyierung eines dogmatischen Schemas
ständnisse, Gen 1 ,2c als Andeutung der Anwesenheit Gottes im Chaos
und für eine Orientierung an der dem Alten Testament eigenen Dia­
mit »Geist Gottes« zu übersetzen, argumentiert Eissfeldt mit der
lektik aus. Da er die alttestamentliche Stelle aber allzusehr in die
Analogie zu phönizischen Parallelen für die Übersetzung: »ein mäch­
Nähe christlicher Auslegungstraditionen rückt, scheint er sie somit
tiger Wind fegte über dem Wasser dahin« und beschreibt »das Chaos
erneut dogmatischen Prämissen zu unterwerfen.
als eine formlose und sterile, in Finsternis gehüllte und vom Sturm
Etwas differenzierter äußert sich Köhler2 1 3 und versteht den
gepeitschte flüssige oder schlammige Masse«. 2 1 o
Gedanken, daß Gott die Welt erschaffen hat, als »Folgesatz der altte­
W. Eichrodtz1 1 hingegen gesteht zwar Parallelen in den Denkmo­
stamentlichen Offenbarung«. »Schöpfung ist gemeint als die Eröff­
dellen von Israel und dem Alten Orient zu, entwirft aber aufs Ganze
nung der Geschichte. [ . . . ] Die Schöpfung ist [ . . . ] nicht eine naturwis­
gesehen eine heilsgeschichtlich ausgerichtete Konzeption.
senschaftliche, sondern eine menschheitsgeschichtliche Aussage.«2 1 4
Schöpfung ist ein eschatologischer Begriff, der auf Erfüllung hin
konzipiert ist. Konkret zu Gen l , l ff heißt es :

2 06 Vgl. bes. K. BARTH, Kommentar zum Römerbrief (2 1 922), bes. Xff. »Gegeben aber ist dies, daß die vorhandene Welt in ihrem Bestande unausgesetzt
2 07 Damit verbindet Reventlow vor allem den Theologen K. GIRGENSOHN ( 1 875- durch das Meer, die Urflut bedroht ist. [ . . . ] Wenn es Gen 1 ,2 heißt, daß
1925); DERS. Hauptprobleme, 1 7ff. Finsternis über der Fläche der Urflut lag und der Geist Gottes über die Fläche des
2 08 In diesem Kontext ist der in seiner Programmatik erst spät erkannte Aufsatz Wassers >Zitternd schwebte< (so ist zu übersetzen), bis Gott sagt: Es werde Licht:
von Eissfeldt zur Israelitisch-jüdische Religionsgeschichte ( 1 926) zu sehen, in dem und (dann wirklich) Licht wird: dann ist das ein Rest des Mythologems, daß die
dieser sich zum rechten Verhältnis von historischer und theologischer Betrachtung Götter im Kampf den Schauplatz des Menschengeschehens dem Chaos abgerun­
äußert. Während die historische Betrachtungsweise auf die Ebene des Erkennens gen haben. [ . . . ] Auch hier ragt ein polytheistischer Rest in die alttestamentliche
verweist, zielt die theologische auf die des Glaubens. Die Spannung, der diese Offenbarung noch irgendwie lebendig hinein«. 2 15
beiden Betrachtungsweisen unterliegen, gilt es auszuhalten, ohne dabei die
Unterschiede zu vermischen. Es handelt sich um zwei Disziplinen, auch wenn die Damit scheint eine Anknüpfung an Gunkels religionsgeschichtlichen
eine ohne die andere defizitär ist (6ff). Als präzisierende Antwort darauf ist der Ansatz gegeben zu sein. Der Akzent seiner theologischen Unter­
Aufsatz von EICHRODT, Hat die alttestamentliche Theologie noch selbständige
suchungen, deren Ziel eine systematisch aufgebaute Theologie des
Bedeutung innerhalb der alttestamentlichen Wissenschaft?, zu verstehen. In ihm
wird das Fundament der Theologie folgendermaßen formuliert: »die Verfolgung Alten Testaments ist, liegt jedoch auf dem monotheistischen Grund­
ihrer Entwicklungslinien muß [ . . . ] in der NTlichen Gedankenwelt ihr Ziel finden, satz von der Alleinwirksamkeit Gottes, ohne daß dem wider­
und die Auswahl des Einzelmaterials kann nur unter dem Gesichtspunkt geschehen, sprüchlichen >>polytheistischen Rest« und der Frage seiner Bedeutung
wieweit es dazu dient, die Bereitung des geschichtlichen Bodens für die als höchster im Rahmen einer alttestamentlichen Theologie ernsthaft nachge­
Wert erkannte Offenbarung in Christus klar und verständlich zu machen« (88). gangen würde. 2 1 6
Natürlich gibt es andere Ansatzpunkte und Auswahlkriterien, aber die wären dann
nicht mehr >>theologisch«. Zum methodischen Arbeitsprinzip wird >>die prinzipielle
Scheidung zwischen objektivierender (>empirischer<) Geschichtsdarstellung und 21 2DERS., Theologie 1 , 6f.
einer Ebene der Wertung, die lediglich als Auswahl- und Anordnungsprinzip für das
213 KÖHLER, Theologie4, 69.
Material auf erstere einen beschränkten Einfluß hat«; vgl. REVENTLOW, 21 4AaO, 7 1 .
Hauptprobleme, 1 9ff.48f (Zitat: 49), sowie JONSSON, Image of God, 63f.
21 5AaO, 73.
2 09 EISSFELDT, Chaos. 21 6Tief verwurzelt fand sich dieser noch in der katholischen Theologie; vgl.
2 1 o Chaos, 258. HEINISCH, Genesis, wo die Vorstellung der >>Creatio ex nihilo« weiterhin unan­
2 1 1 EICHRODT, Theologie 2/3, 60f. gefochten in Gen 1 hineingelegt wurde aufgrund der Deutung von �i:J (s. auch
52 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1,1-3 Zur Forschungsgeschichte 53

8. Heilsgeschichte versus Religionsgeschichte - die Heidelberger eine alttestamentliche Theologie, die (Iiteratur-)geschichtlich und
Antipoden nicht systematisch angelegt ist. Diese innerbiblisch angelegte
Traditionsgeschichte erzählt die Geschichte Israels mit Gott, in wel­
Die bisher dargestellte Forschungsgeschichte läßt unterschiedliche cher die theologischen Aussagen über JHWH im Zentrum stehen. 22t
Tendenzen erkennen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg gewis­ Dem traditionsgeschichtlichen Vergleich mit den Nachbarkulturen
sermaßen zu Schulen formiert haben. Der Vergleichbarkeit bibli­ räumt er hingegen einen weitaus geringeren Stellenwert als Gunkel
scher Texte mit zeitlich und räumlich verwandten Kulturen einerseits ein. Diese Akzentuierung hat vor allem für die Auslegung der
steht die theologische Unvergleichbarkeit dieser Texte andererseits Urgeschichte Konsequenzen: Der alttestamentliche Schöpfungsglaube
entgegen. Die Extreme dieser beiden Positionen lassen sich wohl am wird im Zusammenhang der Heilsgeschichte verstanden:
prägnantesten anband der Ausführungen zu Franz und Friedeich
Delitzsch darstellen. Die aus dem Babel-Bibel-Streit resultierende »Die Schöpfung wird als ein Geschichtswerk Jahwes, als ein Werk in der
Gegen-Bewegung richtet sich gegen eine pagane Bibelauslegung und Zeitstrecke angesehen. [ . . . ] Besonders der priesterschriftliche Schöpfungsbericht
impliziert darüber hinaus einen grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber betont dieses Stehen in der Zeit, denn er hat die Schöpfung in das Toledot­
den Erkenntnissen der Religionsgeschichtlichen Schule2 1 7 . An dieser schema, das große genealogische Gerüst der Priesterschrift einbezogen
(Gen.2,4a), ja, die Schöpfung selbst hat einen zeitlichen Ablauf, der genau nach
Stelle soll ein schematischer Abriß der zwei schulbildenden Interpre­
Tagen vermerkt wird«222 .
tationsweisen von Schöpfung im Alten Testament gegeben werden.
Von Rad ist der erste, der die häufig »atomistische« Genesisaus­
a) G. von Rad2I B legung kritisiert, die das Grundthema des gesamten Hexateuchs außer
Acht läßt, welches vom Schöpferhandeln Gottes über die Patriarchen­
Vor allem die form- und überlieferungsgeschichtlichen Unter­
erzählungen zum Geschichtshandeln am Volk Israel überleitet. 22 3
suchungen Gunkels 2 1 9 sind im Werk von G. von Rad unter beson­
Unter dem letztgenannten Thema sind unterschiedliche Traditionen
derer Berücksichtigung explizit theologischer Deutungskriterien
subsumiert worden, denen voran die Urgeschichte in Form einer
aufgenommen worden. 22o Gegen die Tendenzen, in historisch-kri­
Protologie steht, die als Ausgangspunkt, nicht aber als Zentrum der
tisches und theologisches Fragen zu unterscheiden, entwirft von Rad
Verkündigung gilt.
Gen 1 selbst sieht von Rad als einen komponierten Text an, der als
S CHWEGLER, Urgeschichte2, 62 und noch SCHEFFCZYK, Einführung, 48). »die Essenz priesterlichen Wissens in konzentrierter Form«224 wört­
Ähnlich ist auch die Position eines Repräsentanten der jüdischen Exegese. JACOB,
lich zu verstehen und in seiner vorliegenden Gestalt auszulegen ist.
Genesis, versteht V. I als toledi)t, dem Leitmotiv der Genesis, V.2 als Einsatz des
Sechs-Tage-Werks, wo Erde und Himmel als Ergänzung zum irdischen Leben des Das bedeutet für Gen 1 , 1-3, daß der Text in seinen »Einzelaussagen
Menschen zubereitet werden ( 1 9). Gott ist der letzte Urheber, der erst das Chaos einen theologischen Beziehungsreichtum von kaum umfassender
schafft und daraus die Welt bildet (explizit gegen Gunkel) ist als st.abs. aufzufassen Fülle« beinhaltet. 225 V. l stellt einen »theologischen Hauptsatz« dar,
(explizit gegen Raschi) bei unkonventioneller Deutung der neuesten Entdeckungen der besagt, daß »Gott aus der Freiheit seines Willens heraus >Himmel
( !): »Die syntaktische Zulässigkeit kann auch im Hebräischen nicht bestritten und Erde<, d.h. schlechterdings allem, schöpferisch einen Anfang sei­
werden. Wenn aber die babylonische Parallele der Tora bekannt war, so ist Gen 1 1
nes hinfortigen Daseins gesetzt hat«. V.2 steht dem komplementär
im bewußten Gegensatz zu ihr geformt worden, indem Gott selbst als die ewig
daseiende vorweltliche Existenz zum Schöpfer gemacht und das Weltall von ihm mit entgegen, »denn ohne vom Chaotischen zu reden, kann offenbar von
Eins ins Dasein gerufen wird« (25). der Schöpfung überhaupt nicht zureichend gehandelt werden. «226 Ob
2 1 7 An diese Forschungstradition wurde erst in den 60er Jahren mit den Arbeiten man das in Gen 1 ,2 Dargestellte für »kosmologische Stichworte
von 0. Kaiser, R. Rendtorff, K. Koch und W.H. Schmidt wieder angeknüpft. [halten muß], die zum unveräußerlichen Requisit priesterlicher
2 1 8 Eine systematische Würdigung des Ansatzes von Rads im Spannungsfeld von
Offenbarungsreligion und natürlicher Theologie findet sich bei LINK, Welt als
Gleichnis, 268-285, bes. 282f.
2 1 9 Von Rad stellt die ägyptischen anstelle der babylonischen Parallelen in den 221 Vgl. REVENTLOW, Hauptprobleme, 66ff.
Vordergrund (Theologie I, 1 57), wodurch sich ein ganz neuer Schwerpunkt in der 222 VON RAD, Theologie I, 1 52f mit Hinweis auf KöHLER, Theologie, 7 1 .
theologischen Beschäftigung mit den Nachbarreligionen gebildet hat, der auch die 223 Vgl. dazu ausführlich das Einleitungskapitel zu seinem Genesiskommentar
folgenden Generationen noch nachhaltig beschäftigt. »Die Genesis im Hexateuch«, l f.
22 0 VON RAD, Priesterschrift im Hexateuch; DERS., Problem des alttestamentlichen 224 Genesis, 28f.
Schöpfungsglaubens; DERS . , Das formgeschichtliche Problem des Hexateuch; 225 AaO, 29.
DERS., Genesis; DERS., Theologie. 226 Ebd.
54 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1 , 1 -3 Zur Forschungsgeschichte 55

Gelehrsamkeit gehören«227, müßte zumindest im Sinne eines rein Schöpfungsglaubens zu bewähren: Gott hat die Welt aus dem Gestaltlosen
herausgehoben und hält sie unablässig über ihrem eigenen Abgrund.« 232
naturalistischen Verständnisses hinterfragt werden.
Theologischerseits gelingt es ihm, die Analogielosigkeit des
Der Frage nach außerbiblischen Parallelen schenkt von Rad wenig
göttlichen Schöpfungshandeins vor den altorientalischen Weltentste­
Beachtung. Auch läßt er unberücksichtigt, daß die Einordnung des
hungsaussagen herauszustellen22 8 . Er verzichtet jedoch auf eine
Schöpfungsglaubens in den theologisch zentralen (heils-) geschicht­
Erklärung der in der Tat auffälligen, spätestens seit dem Babel-Bibel­
lichen Glauben den anderen altorientalischen Kulturen keineswegs
Streit in das Bewußtsein vieler theologisch Interessierter getretenen
fremd ist. Auch in der mythologischen Literatur der Nachbarn sind
Vergleichbarkeit von Gen 1 ,2 mit altorientalischen Vorstellungen.
Schöpfungsaussagen nicht um ihrer selbst willen getroffen, sondern
Eine Stärke der von Radsehen Exegese dieser Verse liegt darin, sich
in einen größeren theologischen Kontext eingebunden.233
dem ontologischen Streit zu Gen 1 ,2 zu entziehen229, und vielmehr
seinen komplementären Charakter gegenüber V. 1 zu erklären und
b) C. Westermann
theologisch fruchtbar zu machen:

»So redet auch dieser Vers 2 nicht nur von einer Wirklichkeit, die einmal vor Eine Revidierung des innerbiblisch-theologischen Verständnisses der
Urzeiten war, sondern zugleich von einer Möglichkeit, die immer gegeben ist. Urgeschichte und eine Rückwendung zur religionsgeschichtlichen
Daß hinter allem Geschaffenen der Abgrund der Gestaltlosigkeit liegt, daß ferner Auseinandersetzung mit Gen 1 erfolgt bei C. Westermann.234 Er
alles Geschaffene ständig bereit ist, im Abgrund des Gestaltlosen zu versinken, wendet sich gegen die konventionelle Auslegung der Urgeschichte
daß also das Chaotische schlechthin die Bedrohung alles Geschaffenen bedeutet, »als Einleitung der partiellen Geschichte Gott� mit Israel« sowie ge­
das ist eine Urerfahrung des Menschen und eine ständige Anfechtung seines gen eine unkritische Übertragung von Begriffen wie »Offenbarung«,
Glaubens. So lehrt V.2 das Wunder der Schöpfung aus seiner Negation heraus
verstehen . . Wir sehen hier, das theologische Denken von 1 .Mos. 1 bewegt sich »Glauben« und »Heil« in den Kontext von Schöpfung; denn: 1) stellt
sich Schöpfung im Alten Testament als ein universales Geschehen
.

nicht so zwischen der Polarität: Nichts - Geschaffenes als vielmehr zwischen der
Polarität: Chaos - Kosmos. Es wäre aber falsch zu sagen, der Gedanke der dar235, während Offenbarung im Alten Testament stets ein partielles
creatio ex nihilo läge überhaupt nicht vor. V. I steht mit gutem Grunde vor V.2! Geschehen ist. 2) Das Reden von »Schöpfungsglauben« setzt voraus,
aber das eigentliche Anliegen dieses Schöpfungsberichtes gilt der Heraushebung, daß es dem damaligen Menschen möglich war, nicht an Schöpfung
Ausgestaltung und Ordnung der Schöpfung aus dem Chaotischen (vgl. den und Schöpfergott zu glauben. Das Reden von Schöpfung und
Grundbegriff des >Scheidens<)« 230 .
Weltentstehung ist jedoch ein Phänomen, das aus der antiken Gedan­
kenwelt nicht wegzudenken ist. An diese Voraussetzung ist auch die
Eine vorsichtigere Einschätzung des inneren Bruchs, der zwischen
Nichtmöglichkeit der Unterscheidung von >Schöpfungsglaube< und
V . 1 und 2 liegt, formuliert von Rad als
naturwissenschaftlicher Welterklärung gebunden. Das war für die
Menschen damals eins. 3) Auch das Verständnis von der Welt­
»die Spur einer Durcharbeitung des Stoffes, die gewiß weit vor seiner
literarischen Fixierung liegt« 23 I, die aber aus theologischem Grunde beibehalten schöpfung als dem Beginn des Heilshandeins Gottes mit Israel ist
wurde: »denn das Chaotische ist die Bedrohung der Schöpfung schlechthin; es ist falsch. Schließlich sei zu berücksichtigen, daß die Segens- und
ja eine Urerfahrung des Menschen, und an ihm hatte sich jede Aussage des Fluchformulierungen der Urgeschichte global an die Menschheit23 6
und nicht nur an ein Volk ausgesprochen worden sind.m Zwar ist

232 VON RAD , Theologie I, 1 57 ; vgl. auch ZIMMERLI, l .Mose 1 - 1 1 , 44: »So hat
227 AaO, 3 1 . Auch S. Herrmann versucht in einem 1961 erschienenen Aufsatz der biblische Zeuge sich nicht gescheut, Elemente der Weltanschauungen seiner Zeit
nachzuweisen, daß es sich mit Gen 1 ursprünglich um eine mit ägyptischen Quellen zur Zeichnung des Schöpfungshintergrundes zu verwenden. Er bezeugt aber über
vergleichbare Naturlehre handelt, die zur jetzigen Gestalt umgearbeitet worden ist allem in V. l (und V.3ff) kühn Gott als den einzigen Herrn.«
(Naturlehre, 4 14ff). 233 S. dazu unten, 306ff.
22 8 Semantisch macht er diesen Sachverhalt an I'CiJ fest, das somit auch »den 234 WESTERMANN , Theologische Bedeutung, 97.
Gedanken der creatio ex nihilo enthalte« (aaO, 30). 235 Das zeige bereits die lange Rezeptionsgeschichte, die das Thema bis in die heu­
229 Die zweifache Nennung der Wendung »creatio ex nihilo« beruht auf einer tige Zeit genommen hat; vgl. dazu WESTERMANN, Genesis, l f.
terminologischen Unschärfe und nicht auf der Übernahme auslegungsgeschichtlich 236 Vgl. das Wortpaar >Himmel und Erde<, die Herleitung der Völker von den drei
zu erklärender Fehlinterpreationen. S. dazu das folgende Zitat. Söhnen eines Vaters sowie das Urteil der Verderbtheit über die ganze Menschheit.
23 0 Genesis, 3 1 ; Hervorhebung der Vf.in. 237 WESTERMANN, Theologische Bedeutung, 97f; vgl. auch DERS., Genesis,
23 ! VON RAD, Priesterschrift im Hexateuch, 1 1 . 240f.
56 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1, 1-3 Zur Forschungsgeschichte 57

die Urgeschichte auch als Prolog der Geschichte Gottes mit Israel an­ >> . . . etwas Wesentliches über das Verständnis der Schöpfung sagen [muß]. Das
zusehen, das aber lediglich durch die Einfügung eines menschheitli­ Wirken des Schöpfers ist darin als ein Umwandeln verstanden, ein Wandeln des
Chaotischen oder Nichtigen - gleichwie es verstanden ist - in die Welt, wie sie
chen Ereignisses in einen für Israel spezifischen Rahmen: in
jetzt ist, also in die zum Lebensraum des Menschen geordnete Welt.«245
Vorbereitung der Geschichte Israels als dem auserwählten Volk mit
Gott.238 Diese Stilform stellt das gesamte Geschehen in ein Spannungs­
Von besonderem Interesse ist Westermanus Beobachtung, daß die ur­ verhältnis, das - wie bereits von Rad vermerkt hat - weniger in der
geschichtlichen Themen nicht analogielos dastehen, sondern in zahl­ Polarität »Nichts-Geschaffenes« als in der von »Chaos-Kosmos« zu
reichen Details mit Vorzeitmythen der Nachbarvölker, ja anderer sehen ist.
Kulturen überhaupt, übereinstimmen.239 Es kommt ihm darauf an, Das Neue an Westermanus Untersuchung liegt darin, diese »Als­
diese Parallelen in einem größeren Zusammenhang zu sehen und noch-nicht«-Formulierungen24 6 mit der grammatisch positiven
nicht etwa nur Einzelzüge gegeneinander aufzuwiegen.240 Auch ist es Formulierung in Gen 1 ,2 in Verbindung gebracht zu haben und beide
seiner Meinung nach nicht redlich, den Vergleich auf eine Nachbar­ Ausdrucksformen für inhaltlich gleichbedeutend zu halten. B eide
kultur einzuschränken, wie es lange vor allem von den Vertretem Stilformen haben nicht die Absicht,
der Religionsgeschichtlichen Schule zugunsten Mesopotamiens und
unter Außerachtlassung ägyptischer und nordwestsemitischer Quellen >> . . einen Zustand vor der Schöpfung zu beschreiben, sondern den Schöp­
geschehen ist. Damit folgt Westermann24 1 neueren Forschungstenden­
.

fungsakt Gottes von einem Vorher abzugrenzen, das eigentlich nicht aussagbar
zen, die einerseits an die Ergebnisse der Religionsgeschichtlichen ist und daher nur negativ beschrieben werden kann. Die primäre Funktion all
Schule anknüpfen, sie aber andererseits übertreffen, indem neben dieser Sätze ist eine abgrenzende, nicht eine positiv beschreibende oder darstel­
neuesten assyriologischen Ergebnissen auch die Ägyptologie und die lende, auch dort noch, wo an die Stelle der negativen Formulierung (>als noch
nicht war<) positive Aussagen getreten sind, wie >Dunkel und Nacht< oder �ii::l)
sich seit 1 928 neu etablierende Nordwestsemitistik242 mitberück­
�i1r1 . « 24 7
sichtigt werden.243
Was die Untersuchung von Gen 1 betrifft, ist hervorzuheben, daß er
Diese Beobachtung Westermanus dient der vorliegenden Untersu­
den von von Rad geäußerten Gedanken, daß V .2 »das Wunder der
chung zum Verhältnis von Vorwelt und Weltentstehung als Arbeits­
Schöpfung aus seiner Negation heraus verstehen [lehrt] «, religionsge­
hypothese.
schichtlich vertieft hat. Westermann weist nach244, daß Umschrei­
bungen im Sinne eines »als noch nicht . . . war« im gesamten alten
Orient (und darüber hinaus) beheimatet sind und daß es sich um eine
9 . Neuere Ansätze zum Verständnis von Gen 1 ,2
festgelegte Stilform handelt, die
Infolge der beiden oben dargestellten Konzeptionen sind Untersu­
23 8 Westermann redet von einer theologischen und einer geschichtlichen chungen zu Genesis 1 entstanden, deren Behandlung den Rahmen die­
Verklammerung der Urgeschichte (Genesis, 790ft). ser Arbeit bei weitem sprengte. Wir beschränken uns hier auf die
239 Westermann verweist an dieser Stelle vor allem auf die Arbeiten von J. Frazer, Ausführungen zur Vorwelt in Gen 1 ,2 in den drei größeren Unter­
W. Wundt und H. Baumann. Jüngst hat der Züricher Psychologe und suchungen zu Gen 1 .
Verhaltensforscher N. Bischof an einer entwicklungspsychologischen Erklärung für
das weltweite Vorkommen von Trennungsmythen in Weltentstehungsaussagen
gearbeitet (DERS ., Kraftfeld der Mythen).
24 0 Wie es z.B. in zahlreichen etymologischen Ableitungsversuche geschieht,
anband derer die interkulturellen Abhängigkeiten eruiert werden.
24 1 Die erste Lieferung seines Kommentars mit der Einleitung zur Urgeschichte
erschien 1 966.
242 Vgl. zur Geschichte der Ausgrabungen von Ugarit und der Neugründung der 245 AaO, 6 1 .
Nordwestsemitistik zuletzt LoRE1Z, Ugarit und die Bibel, 1-5. 24 6 Auf das Phänomen hat wohl zuerst Grapow hingewiesen, ohne jedoch Gen 1 ,2
243 An dieser Stelle sei wiederum auf die Arbeiten von 0. Kaiser zur Bedeutung dazu zu zählen (Welt vor der Schöpfung [ 1 9 3 1 ] , 37 m. Anm. 2; vgl. GALLING,
des Meeres im Vergleich mit ägyptischen und nordwestsemitischen Quellen, von Chaosschilderung [ 1 950], 149). Herrmann stellt andeutungsweise die Verwandt­
W.H. Schmidt zu Gen 1 im Vergleich mit den Quellen der Nachbarkulturen, und schaft von Gen 1 , 1 -2; 2,4b-7 mit altorientalischen Texten fest (Naturlehre, 4 1 5 m.
den Aufsatz von K. Koch über Gen 1 im Verhältnis zum >>Denkmal memphitischer Anm. 8).
Theologie« verwiesen. 247 AaO, 63; vgl. dazu jüngst Westermanns Schüler R. Albertz (Art. Schöpfung,
244 S. bes. Genesis, 59-65. 1 39 1 ).
58 Auslegungs- und Forschungsgeschichte von Gen 1,1-3 Zur Forschungsgeschichte 59

a) W.H. Schmidt tisch. Deshalb verbleibt diese Arbeit auf der traditionsgeschichtlichen
Ebene, ohne auf die Frage nach dem Überlieferungsweg der
W.H. Schmidt verfolgt in seiner Exegese einen ausdrücklich überlie­ aufgezeigten Traditionen einzugehen. 255
ferungsgeschichtlichen Ansatz. Seine Untersuchung hat zwei Schwer­
punkte. Zum einen rekurriert der Verfasser - wie bereits Gunkel vor b) O.H. Steck