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Über das Buch

Eckhart Tolle: Eine neue Erde

Eckhart Tolle hat sich durch „Jetzt“ und „Leben im Jetzt“ als spiritueller Lehrer einen Namen gemacht und
gilt inzwischen international als der „stille Star“ des New Age. Sein lange erwartetes Buch, „Eine neue
Erde“, beschäftigt sich mit dem geistig-seelischen Zustand der Menschheit. Der Autor geht davon aus,
dass wir aufgrund einer kollektiven Fehlentwicklung, die den krankhaften Zustand des menschlichen
Geistes reflektiert, vor einer gefährlichen Weggabelung stehen. Unsere bisherige Sicht der Welt hat das
Potenzial zur Selbstzerstörung. Wenn wir sie nicht ändern, bewegen wir uns auf zunehmend gefährlichem
Terrain.
Eckhart Tolle zeichnet jedoch eine Alternative zu diesem düsteren Zukunftsszenario auf, die in der
Möglichkeit einer geistigen Wiedergeburt liegt. Sie bringt uns einen radikalen inneren Quantensprung –
einen fundamentalen Wandel von unserem alten zu einem gänzlich neuen Bewusstsein. Er ist davon
überzeugt, dass wir am Anfang dieser Bewusstseins-Transformation stehen.
Um die Notwendigkeit dieser Veränderungen deutlich zu machen, beschreibt der Autor das
gegenwärtige egozentrierte Bewusstsein, das kolossales persönliches und kollektives Leid verursacht hat.
Und er zeigt unser wahres Wesen, jenseits von Gedanken, Emotionen und reaktivem Verhalten. Tolle
beschreibt diese Veränderung als Entstehung eines „inneren Raums“ mit einer viel größeren,
umfassenderen Intelligenz als der unseres Egos. In diesem „inneren Raum“ kann sich das neue
Bewusstsein entwickeln. Und das ist die einzige Hoffnung für uns und unsere Erde.

© Verlagsgruppe Random House GmbH, München


Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 - Das Aufblühen des menschlichen Bewusstseins


Evokation
Der Zweck dieses Buches
Die ererbte Störung
Das Erwachen eines neuen Bewusstseins
Spiritualität und Religion
Die Dringlichkeit einer Transformation
Ein neuer Himmel und eine neue Erde

Kapitel 2 - Ego: Der derzeitige Zustand der Menschheit


Das illusorische Ich
Die Stimme im Kopf
Inhalt und Struktur des Ego
Die Identifikation mit den Dingen
Der verlorene Ring
Die Illusion der Besitznahme
Verlangen: Das Bedürfnis nach mehr
Die Identifikation mit dem Körper
Den inneren Körper fühlen
Das Vergessen des Seins
Von Descartes’ Irrtum zur Einsicht Sartres
Der Friede, der höher ist als alle Vernunft

Kapitel 3 - Der Kern des Ego


Sich beklagen und sich ärgern
Grimm und Groll
Recht haben, ins Unrecht setzen
Die Verteidigung einer Illusion
Die Wahrheit: relativ oder absolut?
Das Ego ist nichts Persönliches
Krieg ist eine Denkart
Dramatik oder Frieden?
Jenseits des Ego - die wahre Identität
Alle Strukturen sind instabil
Das Überlegenheitsbedürfnis des Ego
Ego und Ruhm

Kapitel 4 - Rollenspiele: Die vielen Gesichter des Ego


Schurke, Opfer, Liebhaber
Von Selbstdefinitionen ablassen
Vorgegebene Rollen
Zeitweilige Rollen
Der Mönch mit den schweißnassen Händen
Wahrhaftes und gespieltes Glücklichsein
Elternschaft: Rolle oder Funktion?
Bewusstes Leiden
Bewusste Elternschaft
Das Kind anerkennen
Das Rollenspiel aufgeben
Das pathologische Ego
Das latent vorhandene Unglücklichsein
Das Geheimnis des Glücks
Formen des pathologischen Ego
Arbeit - mit und ohne Ego
Das Ego bei Krankheit
Das kollektive Ego
Der unanfechtbare Beweis der Unsterblichkeit

Kapitel 5 - Der Schmerzkörper


Die Geburt der Empfindung
Emotion und Ego
Die Ente mit dem Menschenverstand
Die Last der Vergangenheit
Der individuelle und der kollektive Schmerzkörper
Wie sich der Schmerzkörper erneuert
Wie Gedanken den Schmerzkörper nähren
Wie Dramatik den Schmerzkörper nährt
Massive Schmerzkörper
Unterhaltung, Medien und der Schmerzkörper
Der kollektive weibliche Schmerzkörper
Der Schmerzkörper von Völkern und Rassen

Kapitel 6 - Die Befreiung


Präsenz
Die Rückkehr des Schmerzkörpers
Der Schmerzkörper von Kindern
Das Unglücklichsein
Die Identifikation mit dem Schmerzkörper aufheben
Auslöser
Der Schmerzkörper als Erwecker
Frei werden vom Schmerzkörper

Kapitel 7 - Wer du wirklich bist


Wer du zu sein glaubst
Fülle
Sich selbst erkennen und etwas über sich erfahren
Chaos und höhere Ordnung
Gut und schlecht
Nichts gegen das haben, was geschieht
Ist das so?
Das Ego und der gegenwärtige Augenblick
Das Paradox der Zeit
Die Eliminierung der Zeit
Träumer und Traum
Über die Grenzen hinausgehen
Die Freude am Sein
Die Herabsetzung des Ego zulassen
Wie innen, so außen

Kapitel 8 - Die Entdeckung des inneren Raums


Objektbewusstsein und Raumbewusstsein
Unterhalb und oberhalb des Denkens
Das Fernsehen
Den inneren Raum erkennen
Hörst du den Gebirgsbach?
Rechtes Handeln
Wahrnehmen ohne zu benennen
Wer macht die Erfahrung?
Der Atem
Sucht
Das Bewusstsein für den inneren Körper
Innerer und äußerer Raum
Die Lücken wahrnehmen
Sich selbst verlieren, um sich zu finden
Stille

Kapitel 9 - Das innere Ziel


Erwachen
Ein Dialog über das innere Ziel

Kapitel 10 - Eine neue Erde


Eine kurze Geschichte deines Lebens
Erwachen und Rückkehr
Das Erwachen und der Weg nach außen
Bewusstsein
Erwachtes Handeln
Die drei Modalitäten des erwachten Handelns
Bereitwilligkeit
Freude
Enthusiasmus
Die Frequenzerhalter
Die neue Erde ist keine Utopie

Quellenangaben
Copyright
1

Das Aufblühen des menschlichen Bewusstseins


Evokation
Ein Morgen auf der Erde vor 114 Millionen Jahren kurz nach Sonnenaufgang: Die erste Blütenpflanze,
die auf dem Planeten erscheint, öffnet ihren Kelch den Strahlen der Sonne. Vor diesem bedeutsamen
Augenblick, der eine evolutionäre Verwandlung im Leben der Pflanzen einleitet, war die Erde schon viele
Millionen Jahre von Grünpflanzen bedeckt. Die erste Blütenpflanze hat wahrscheinlich nicht lange
überlebt, und Blumen müssen über einen langen Zeitraum eine große Seltenheit geblieben sein, da die
Umwelt ihre Ausbreitung höchstwahrscheinlich noch nicht begünstigte. Aber eines Tages muss der
kritische Punkt überschritten worden sein, und dann gab es plötzlich ein Feuerwerk von Farben und
Düften überall auf dem Erdball - nur dass kein wahrnehmendes Bewusstsein da war, um Zeuge dieser
Entwicklung zu werden.
Erst viel später sollten die zarten, vergänglichen Gebilde, die wir Blumen nennen, eine wesentliche
Rolle für die Evolution des Bewusstseins einer anderen Art spielen. Irgendwann waren Menschen von
ihnen fasziniert und fühlten sich immer stärker zu ihnen hingezogen. Sowie sich deren Bewusstsein
weiterentwickelte, waren Blumen vermutlich das erste physische Objekt, das sie wertschätzten, obwohl
es keinen Gebrauchswert für sie hatte, also nicht mit dem Überleben in Zusammenhang stand.
Unzählige Künstler, Dichter und Mystiker haben sich von Blumen inspirieren lassen. Jesus hat uns die
Lilien auf dem Felde zur Betrachtung und als Vorbild für unser Leben empfohlen. Buddha soll einmal
eine »stille Predigt« gehalten haben, indem er eine Blume hoch hielt und sie ansah. Nach einiger Zeit
begann ein Mönch mit Namen Mahakasyapa zu lächeln. Es heißt, er sei der Einzige gewesen, der die
Predigt verstanden hat. Der Legende zufolge wurde sein Lächeln (die »Erkenntnis«) von seinen 28
Nachfolgern weitergegeben und begründete schließlich den Zen-Buddhismus.
Einem Menschen, der die Schönheit einer Blume sieht, werden dadurch vielleicht - sei es auch nur
flüchtig - die Augen geöffnet für die Schönheit seines eigenen tiefsten Wesens, seiner eigenen wahren
Natur. Zum ersten Mal Schönheit zu erkennen war eines der bedeutendsten Ereignisse in der Evolution
des menschlichen Bewusstseins. Die Gefühle der Freude und Liebe sind im Innersten mit dieser
Erkenntnis verbunden. Ohne dass es uns richtig bewusst war, wurden Blumen für uns zum Form
gewordenen Ausdruck des Höchsten, Heiligsten und letztlich Formlosen in uns selbst. Blumen, die
flüchtiger, ätherischer und zarter waren als die Grünpflanzen, aus denen sie hervorgingen, wirkten auf
uns wie Boten aus einer anderen Welt, wie eine Brücke zwischen der Dimension der physischen Formen
und dem Formlosen. Sie verströmten nicht nur einen zarten, dem Menschen angenehmen Geruch,
sondern auch Duft aus dem Reich des Geistes. Wenn wir das Wort »Erleuchtung« in einem
umfassenderen Sinn begreifen als dem herkömmlichen, können wir Blumen als die Erleuchtung der
Pflanzenwelt betrachten.
Von jeder Lebensform auf jeder Stufe - ob Stein, Pflanze, Tier oder Mensch - lässt sich sagen, dass
sie eine »Erleuchtung« durchläuft. Allerdings ist diese Erscheinung höchst selten, denn es handelt sich
nicht bloß um einen evolutionären Fortschritt, sondern es impliziert darüber hinaus einen Bruch in der
Entwicklung, einen Sprung zu einer völlig anderen Seinsebene, vor allem jedoch ein Schwinden der
Stofflichkeit.
Was könnte schwerer und undurchdringlicher sein als Felsgestein, die dichteste aller Formen? Und
doch vollzieht sich bei manchen Gesteinen eine Veränderung in der Molekularstruktur, sodass sie sich in
Kristalle verwandeln und lichtdurchlässig werden. Aus Kohlenstoff werden durch unvorstellbare Hitze
und Druck Diamanten, aus einigen schweren Mineralien andere Edelsteine.
Die meisten kriechenden Reptilien, die erdgebundensten aller Tiere, sind über Jahrmillionen
unverändert gleich geblieben. Einige hingegen haben Federn und Flügel entwickelt und sich in Vögel
verwandelt, sodass sie sich über die Schwerkraft erheben konnten, an die sie so lange gefesselt waren.
Sie verbesserten sich nicht etwa im Kriechen oder Laufen, sondern gingen weit über das Kriechen und
Laufen hinaus.

Seit undenklichen Zeiten haben Blumen, Kristalle, Edelsteine und Vögel eine besondere geistige
Bedeutung für den Menschen. Wie alle Lebensformen sind natürlich auch sie flüchtige Manifestationen
des allem zugrunde liegenden einen Lebens und Bewusstseins. Ihre besondere Bedeutung und der
Grund dafür, dass sie von jeher eine solche Faszination auf den Menschen ausgeübt haben und dass er
eine solche Nähe zu ihnen empfindet, muss wohl ihren ätherischen Qualitäten zugeschrieben werden.
Sobald seine Wahrnehmung von einer gewissen Präsenz, einer stillen, wachen Aufmerksamkeit
gekennzeichnet ist, spürt der Mensch die göttliche Lebensessenz, das aller Kreatur und allen Formen
des Lebens innewohnende eine Bewusstsein, den einen Geist, und erkennt dessen Einheit mit seinem
eigenen Wesen, sodass er es lieben kann wie sich selbst. Bis das geschieht, sehen die meisten
Menschen allerdings nur die äußere Form, während ihnen das tiefinnere Wesen entgeht, ebenso wie sie
sich ihres eigenen wahren Wesens meist gar nicht bewusst sind, sondern sich nur mit ihrer physischen
und psychischen Gestalt identifizieren.
Was Blumen, Kristalle, Edelsteine oder Vögel betrifft, so spürt bisweilen sogar jemand, der nur wenig
oder gar nicht gegenwärtig ist, dass mehr daran ist als die rein physische Erscheinungsform, und wird,
ohne zu wissen, dass dies der eigentliche Grund für die von ihm gefühlte innere Verbindung ist, davon
angezogen. Aufgrund ihrer ätherischen Natur kommt der ihnen innewohnende Geist ungehinderter zum
Vorschein als bei anderen Lebensformen. Hierzu gehören auch alle neugeborenen Formen des Lebens
wie Säuglinge, Welpen, Kätzchen, Lämmer usw. Sie sind zart und zerbrechlich und haben sich noch
nicht verfestigt. Eine Unschuld, Süße und Schönheit leuchtet durch sie hindurch, die nicht von dieser
Welt ist. Sie entzücken selbst Menschen, die relativ unsensibel sind.
Wenn wir also eine Antenne dafür haben und eine Blume, einen Kristall oder einen Vogel zum
Gegenstand unserer Kontemplation machen, ohne sie im Geiste zu benennen, werden sie für uns ein
Fenster zum Formlosen. Eine innere Aufgeschlossenheit für das Reich des Geistes stellt sich ein, wenn
auch vielleicht kaum wahrnehmbar. Deshalb haben die drei »er-leuchteten« Lebensformen seit
undenklichen Zeiten eine so wichtige Rolle bei der Evolution des menschlichen Bewusstseins gespielt,
zum Beispiel die Lotosblume als Zentralsymbol des Buddhismus oder die weiße Taube als Sinnbild des
Heiligen Geistes im Christentum. Sie haben den Boden bereitet für einen tiefer greifenden Wandel im
planetarischen Bewusstsein, der auf die Menschheit zukommt. Es handelt sich um ein spirituelles
Erwachen, dessen Zeuge wir gerade werden.
Der Zweck dieses Buches
Ist die Menschheit reif für eine Transformation des Bewusstseins, für ein inneres Erblühen von solcher
Radikalität und Tiefe, dass das Aufblühen einer Blume, mag sie auch noch so schön sein, nur ein
schwacher Abglanz davon ist? Können die konditionierten geistigen Strukturen von Menschen ihre
Undurchdringlichkeit verlieren und wie Kristalle oder Edelsteine durchlässig werden für das Licht des
Bewusstseins? Kann der Mensch sich der niederziehenden Schwere von Materialismus und Stofflichkeit
entziehen und sich über die Identifikation mit der Form erheben, die das Ego an seinem Platz hält und
ihn zur Gefangenschaft in seiner eigenen Persönlichkeit verdammt?
Die Möglichkeit einer solchen Transformation war und ist das zentrale Thema aller großen
Weisheitslehren der Menschheit. Deren Botschafter - Buddha, Jesus und andere, die nicht alle bekannt
sind - waren die ersten Blumen der Menschheit. Sie waren Vorboten, seltene und kostbare Wesen. Für
ein Blütenmeer war es zu jener Zeit noch zu früh, und so wurde ihre Botschaft oft missverstanden und
stark verfälscht. Sie hat offenkundig wenig Einfluss auf das menschliche Verhalten gehabt, außer bei
einer kleinen Minderheit.
Ist die Menschheit jetzt eher reif dafür als zur Zeit der alten Lehrer? Und wenn ja, warum? Was können
wir, wenn überhaupt, tun, um diesen inneren Wandel einzuleiten oder zu beschleunigen? Was ist
bezeichnend für den alten Egozustand1 des Bewusstseins, und woran ist das neu erwachende
Bewusstsein zu erkennen? Um diese und andere wichtige Fragen geht es in diesem Buch. Vor allem
jedoch ist festzuhalten, dass dieses Buch selbst aus dem erwachenden neuen Bewusstsein entstanden
und infolgedessen selber ein Werkzeug zur Verwandlung ist. Die darin enthaltenen Ideen und Konzepte
mögen wichtig sein, aber sie kommen erst an zweiter Stelle. Sie sind lediglich Wegweiser, die auf das
Erwachen hinzeigen. Während du das Buch liest, vollzieht sich in dir eine Veränderung.
Das Buch will dich nicht mit neuen Informationen oder Anschauungen befrachten oder von
irgendetwas überzeugen, sondern dich aufwecken und einen Bewusstseinswandel bei dir hervorrufen.
So gesehen ist das Buch nicht »interessant«. Etwas interessant finden bedeutet, dass man Abstand hält,
im Geiste mit den Ideen und Konzepten herumspielt und ihnen zustimmt oder sie ablehnt. Doch in diesem
Buch geht es um dich. Wenn es deinen Bewusstseinsstand nicht verändert, hat es keinerlei Nutzen. Es
kann aber nur die erwecken, die dafür bereit sind. Nicht jeder ist schon reif dafür, aber immerhin schon
einige, und mit jedem Menschen, der erwacht, kommt das kollektive Bewusstsein mehr in Schwung, und
alles wird leichter für die anderen. Falls du nicht weißt, was Erwachen bedeutet, lies einfach weiter. Nur
im Erwachen selbst kann die wahre Bedeutung des Wortes erfasst werden. Ein flüchtiger Einblick
genügt, um den Prozess des Erwachens einzuleiten, der unumkehrbar ist. Für einige wird dieser Einblick
kommen, während sie dieses Buch lesen. Bei vielen anderen hat der Prozess vielleicht schon eingesetzt,
ohne dass sie es gemerkt haben. Sie werden es beim Lesen erkennen. Bei manchen mag er durch
Verlust und Leid in Gang gekommen sein, bei anderen durch den Kontakt zu einem spirituellen Lehrer
oder einer spirituellen Lehre, durch die Lektüre von Leben im Jetzt oder ein anderes spirituell lebendiges
und daher die Wandlung unterstützendes Buch - oder durch eine Kombination all dessen, was ich
angeführt habe. Hat der Prozess des Erwachens bereits in dir begonnen, wird er durch die Lektüre
dieses Buches beschleunigt und intensiviert.
Ein essenzieller Bestandteil des Erwachens ist die Erkenntnis des noch nicht erweckten Selbst, des
Ego, wie es denkt, spricht und handelt, und die Einsicht in die kollektiv konditionierten geistigen
Vorgänge, die den Zustand des Nichterwachtseins zementieren. Darum zeigt das Buch die
Hauptmerkmale des Ego auf und beschreibt, wie sie sowohl beim Einzelnen als auch im Kollektiv wirken.
Dies ist aus zwei zusammenhängenden Gründen wichtig: Erstens kannst du, wenn du die
Grundmechanismen hinter dem Wirken des Ego nicht kennst, es auch nicht durchschauen, und dann
überlistet es dich, sodass du dich immer wieder mit ihm identifizierst. Das heißt, es ergreift Besitz von dir
als eine Art Hochstapler, der vortäuscht, du zu sein. Der zweite Grund ist der, dass der Akt der
Erkenntnis selbst einer der Wege ist, auf denen das Erwachen stattfindet. Wenn du das Unbewusste in
dir erkennst, ist das, was die Erkenntnis möglich macht, das entstehende Bewusstsein, das Erwachen.
Du kannst nicht gegen das Ego kämpfen und gewinnen, ebenso wenig wie du gegen die Dunkelheit
ankämpfen kannst. Erforderlich ist nur das Licht des Bewusstseins. Du selbst bist dieses Licht.
Die ererbte Störung
Wenn wir die alten Religionen und spirituellen Traditionen der Menschheit einmal tiefer gehend
betrachten, finden wir unter den vielen oberflächlichen Unterschieden zwei grundlegende Einsichten, in
denen die meisten von ihnen übereinstimmen. Diese Einsichten mögen mit völlig unterschiedlichen
Worten beschrieben werden, aber sie deuten immer auf eine doppelte fundamentale Wahrheit hin. Die
erste dieser Einsichten ist die Erkenntnis, dass sich in der »normalen« Geistesverfassung der meisten
Menschen ein starker Anteil von etwas bemerkbar macht, das wir Gestörtheit oder sogar Wahnsinn
nennen könnten. Gewisse hinduistische Kernlehren kommen der Sache vielleicht am nächsten, wenn sie
diese Störung als eine Form kollektiver Geisteskrankheit ansehen. Sie nennen sie Maya, den Schleier
der Täuschung. Ramana Maharshi, einer der bedeutendsten indischen Weisen, sagte klipp und klar:
»Der Geist ist Maya.«
Der Buddhismus bedient sich einer anderen Terminologie. Laut Buddha erzeugt der menschliche Geist
im Normalzustand Duhkha, was als Leiden, Unzufriedenheit oder Qual übersetzt werden kann. Darin sah
Buddha ein Merkmal des Menschseins. Wohin man auch geht und was man auch tut, immer begegnet
man Duhkha, und es wird sich früher oder später in jeder Situation manifestieren.
Nach der christlichen Lehre ist die normale kollektive Verfassung der Menschheit der Zustand der
»Erbsünde«. »Sünde« ist ein Wort, das zutiefst missverstanden und fehlinterpretiert worden ist. Wörtlich
aus dem Altgriechischen übersetzt, der Sprache, in der das Neue Testament abgefasst wurde, bedeutet
sündigen »danebentreffen« wie ein Bogenschütze, der sein Ziel verfehlt; sündigen heißt also, das Ziel
des menschlichen Daseins zu verfehlen. Es bedeutet, blind und ungeschickt zu leben und deshalb zu
leiden und Leiden zu verursachen. Auch dieses Wort deutet also, sobald es von seinem kulturellen
Ballast befreit worden ist und nicht mehr falsch ausgelegt wird, auf eine Störung im Menschsein hin.
Die Errungenschaften der Menschheit sind eindrucksvoll und unbestritten. In Musik und Literatur,
Malerei, Bildhauerei und Architektur haben wir großartige Werke geschaffen. Wissenschaft und Technik
haben in jüngerer Zeit für drastische Veränderungen unseres Lebensstils gesorgt und uns in die Lage
versetzt, Dinge zu tun und zu erschaffen, die noch vor 200 Jahren als Wunder betrachtet worden wären.
Kein Zweifel: Der menschliche Geist ist hochintelligent. Aber gerade diese Intelligenz ist von der Störung
betroffen. Wissenschaft und Technik haben die destruktive Wirkung der Geistesstörung des Menschen
auf die Erde erheblich verstärkt. Darum ist die Störung, der kollektive Wahnsinn, in der Geschichte des
20. Jahrhunderts am deutlichsten zu erkennen. Hinzu kommt, dass die Störung tatsächlich zunimmt und
sich beschleunigt.
1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Grausame Vernichtungskriege, von Angst, Gier und Machthunger
motiviert, ziehen sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte, ebenso wie Sklaverei, Folter und
zunehmende Gewaltbereitschaft aus religiösen und ideologischen Gründen. Die Menschen haben mehr
unter ihresgleichen gelitten als unter Naturkatastrophen. Bis 1914 hatte der hochintelligente menschliche
Geist allerdings nicht nur den Verbrennungsmotor erfunden, sondern auch Panzer, Bomben,
Maschinengewehre, U-Boote, Flammenwerfer und Giftgas. Intelligenz im Dienste des Wahnsinns!
Während des Stellungskriegs in Frankreich und Belgien starben Millionen Männer wegen einiger
Quadratkilometer schlammiger Erde. Als der Krieg 1918 zu Ende war, blickten die Überlebenden
fassungslos und voller Entsetzen auf die verheerenden Folgen: zehn Millionen Tote und noch mehr
Verstümmelte und Verkrüppelte. Nie zuvor hatte der menschliche Wahnsinn auf so sichtbare Weise eine
so destruktive Wirkung entfaltet. Niemand ahnte, dass das erst der Anfang war.
Bis zum Ende des Jahrhunderts sollte die Zahl der Menschen, die durch die Hand von Mitmenschen
eines gewaltsamen Todes starben, auf über 100 Millionen steigen. Sie starben nicht nur durch Kriege
zwischen den Völkern, sondern auch durch Massenvernichtung und Völkermord wie die Juden im
unsäglichen Grauen des Holocaust in Nazi-Deutschland oder die etwa 20 Millionen »Klassenfeinde,
Spione und Verräter« im Sowjetrussland Stalins. Sie starben aber auch bei zahllosen innerstaatlichen
Konflikten wie dem Spanischen Bürgerkrieg oder unter dem Regime der Roten Khmer in Kambodscha,
das ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung ermordete.
Wir brauchen uns nur die aktuellen Nachrichtensendungen im Fernsehen anzuschauen, um uns
darüber klar zu werden, dass der Wahnsinn keineswegs abgeklungen ist, sondern sich im Gegenteil bis
ins 21. Jahrhundert fortsetzt. Ein weiterer Aspekt der kollektiven Funktionsstörung, an der die
Menschheit krankt, ist die beispiellose Gewalt von Menschen gegenüber anderen Lebensformen und der
Erde selbst - die Zerstörung Sauerstoff produzierender Wälder und anderer Vertreter der Fauna und
Flora, die Tierquälerei in der industriellen Landwirtschaft, die Vergiftung der Flüsse und Meere und die
Verschmutzung der Luft. Von Gier getrieben und ohne ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Ganzen,
bleiben die Menschen beharrlich bei einem Verhalten, das nur in ihre eigene Vernichtung führen kann
(wenn ihm nicht Einhalt geboten wird).
Die sichtbaren Formen des im Menschsein begründeten kollektiven Wahnsinns füllen den größeren
Teil der Menschheitsgeschichte. Sie ist weitgehend eine Geschichte des Wahnsinns. Wenn die
Geschichte der Menschheit der klinische Zustandsbericht eines einzelnen Menschen wäre, müsste die
Diagnose lauten: chronische paranoide Wahnvorstellungen, ein pathologischer Hang zu Mord und
anderen extremen Gewalt- und Gräueltaten gegenüber angeblichen »Feinden« - Projektion des eigenen
Unbewussten nach außen. Verbrecherischer Wahnsinn im Wechsel mit ein paar kurzen lichten
Momenten.
Angst, Gier und Machthunger sind nicht nur die Kräfte, die zu Krieg und Gewalt zwischen Stämmen,
Nationen, Religionen und Ideologien motivieren, sondern auch die Ursache unaufhörlicher Konflikte in
den persönlichen Beziehungen. Sie führen zu einer Verzerrung des Bildes, das man von sich selbst und
anderen hat. Dadurch interpretiert man jede Situation falsch und verhält sich entsprechend falsch, um
sich von seiner Angst zu befreien und das Verlangen nach mehr zu stillen, ein Fass ohne Boden.
Wichtig ist jedoch, sich klar zu machen, dass Angst, Gier und Machthunger nicht etwa die Störung
sind, von der wir gerade sprechen, sondern selbst durch die Störung entstehen: durch die tief sitzende,
im Geist eines jeden Menschen begründete kollektive Täuschung. Etliche spirituelle Lehren raten uns,
von Angst und Begierde abzulassen. Aber entsprechende spirituelle Übungen sind im Allgemeinen
erfolglos. Sie reichen nicht an die Wurzel der Störung heran. Angst, Gier und Machthunger sind keine
Grundursachen. Ein guter oder besserer Mensch werden zu wollen klingt wie etwas, das von hoher
Gesinnung zeugt und empfehlenswert ist, dabei ist es ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist,
es sei denn, es vollzieht sich ein Bewusstseinswandel. Das liegt daran, dass dieser Wunsch selbst Teil
der Störung ist, eine subtilere und raffiniertere Form der Selbsterhöhung, der Gier nach mehr, nach einer
Stärkung der eigenen eingebildeten Identität oder des Selbstbildes. Wir werden nicht dadurch gut, dass
wir versuchen, gut zu sein, sondern indem wir die Güte wiederfinden, die bereits in uns angelegt ist, und
zulassen, dass sie hervorscheint. Sie kann aber nur dann hervorscheinen, wenn eine fundamentale
Bewusstseinsveränderung eintritt.
Die Geschichte des Kommunismus, der ja ursprünglich von edlen Ideen inspiriert war, illustriert
deutlich, was geschieht, wenn Leute versuchen, die äußere Wirklichkeit zu verändern - eine neue Erde
zu schaffen -, ohne zuvor ihre innere Wirklichkeit, ihr Bewusstsein verändert zu haben. Sie machen ihre
Pläne, ohne dabei das Grundmuster der Gestörtheit zu berücksichtigen, das jeder Mensch in sich trägt:
das Ego.
Das Erwachen eines neuen Bewusstseins
Die meisten Religionen und spirituellen Traditionen gehen also von der gemeinsamen Erkenntnis aus,
dass unsere »normale« Geistesverfassung durch einen fundamentalen Defekt gestört ist. Diese Einsicht
in das Wesen des Menschseins - wir können sie die »schlechte Nachricht« nennen - führt jedoch zu
einer zweiten Einsicht: der »guten Nachricht« von der Möglichkeit einer radikalen Transformation des
menschlichen Bewusstseins. Im Hinduismus (manchmal auch im Buddhismus) wird diese Transformation
Erleuchtung genannt. In der Lehre Jesu ist es die Erlösung und im Buddhismus die Aufhebung des
Leidens. Befreiung und Erwachen sind weitere Begriffe, mit denen diese Verwandlung beschrieben wird.
Die größte Leistung der Menschheit ist nicht die Kunst, Wissenschaft oder Technik, sondern die
Erkenntnis dieser Störung, des eigenen Wahnsinns. In ferner Vergangenheit sind bereits ein paar
Menschen zu dieser Einsicht gekommen. Ein Mann mit Namen Gautama Siddharta, der vor 2600 Jahren
in Indien lebte, war vermutlich der Erste, der es mit absoluter Klarheit erkannte. Später wurde er der
»Buddha« genannt. Buddha bedeutet »der Erwachte«. Ungefähr zur selben Zeit betrat in China ein
weiterer erwachter Menschheitslehrer die Bühne. Er hieß Laotse. Seine Lehre ist uns in einem der
grundlegendsten aller spirituellen Werke überliefert worden: dem Tao Te King .
Mit der Einsicht in den eigenen Wahnsinn war natürlich die Gesundung gekoppelt, die zu Heilung und
Transzendenz führte. Eine neue Bewusstseinsdimension zeigte sich auf der Erde, eine erste zaghafte
Blüte. Dann predigten die Betreffenden und belehrten ihre Zeitgenossen. Sie sprachen von Sünde, vom
Leiden, von der Selbsttäuschung. Sie sagten: »Seht doch, wie ihr lebt. Seht, was ihr tut, wie viel Leid ihr
verursacht.« Und sie zeigten ihnen die Möglichkeit des Erwachens aus dem kollektiven Alptraum des
»normalen« Menschseins auf und wiesen ihnen den Weg.
Wenn auch die Welt noch nicht reif für sie war, waren sie doch ein wichtiger, notwendiger Baustein für
das menschliche Erwachen. Zwangsläufig wurden sie meist von ihren Zeitgenossen ebenso
missverstanden wie von nachfolgenden Generationen. Ihre ebenso einfachen wie kraftvollen Lehren
wurden verzerrt und fehlinterpretiert, in manchen Fällen schon durch die Niederschriften ihrer Anhänger.
Im Lauf der Jahrhunderte wurde vieles hinzugefügt, was nichts mit der ursprünglichen Lehre zu tun hatte,
sondern bloß ein fundamentales Unverständnis widerspiegelte. Einige Lehrer wurden lächerlich
gemacht, andere geschmäht und getötet, wieder andere wie Götter verehrt. Lehren, die den Weg aus
der Geistesgestörtheit und dem kollektiven Wahnsinn heraus wiesen, wurden verfälscht und flossen
schließlich selbst in die Geistesgestörtheit ein.
So wurden die Religionen weitgehend zu Kräften, die Uneinigkeit statt Einigkeit stifteten. Statt Gewalt
und Hass durch die Erkenntnis der grundsätzlichen Einheit allen Lebens zu beenden, lösten sie weiteren
Hass und Gewalt aus, entzweiten die Menschen noch mehr und vertieften die Zwietracht zwischen den
Religionen und sogar innerhalb einer Religion. Sie wurden zu Ideologien und Bekenntnissen, mit denen
die Leute ihr falsches Selbstgefühl nähren und sich identifizieren konnten. Mit ihrer Hilfe konnten sie sich
selbst ins »Recht« und andere ins »Unrecht« setzen, um so die eigene Identität im Gegensatz zu den
Feinden, den »anderen«, zu definieren, zu den »Ungläubigen« oder »Ketzern«, zu deren Tötung sie sich
oft berechtigt fühlten. Der Mensch schuf »Gott« nach seinem Bilde. Das Ewige, Unendliche und
Namenlose wurde auf ein mentales Götzenbild reduziert, an das man glauben und das man als
»meinen« oder »unseren« Gott verehren sollte.
Und doch … und doch leuchtet im innersten Kern der Religionen - allen Wahnsinnstaten, die in ihrem
Namen begangen wurden, zum Trotz - noch immer ein Funken der Wahrheit, auf die sie verweisen. Er
schimmert noch schwach durch die vielen Schichten der Verfälschungen und Fehlinterpretationen
hindurch. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass man ihn sieht, wenn man nicht schon im eigenen Innern
einen flüchtigen Blick auf diese Wahrheit erhascht hat. In der Geschichte hat es immer einzelne
Menschen gegeben, die einen Bewusstseinswandel erlebten und so das in sich selbst verwirklichten,
worauf alle Religionen hinweisen. Um diese unfassbare Wahrheit zu beschreiben, bedienten sie sich
dann der Begriffssprache ihrer jeweiligen Religion.
Einige dieser Männer und Frauen begründeten »Schulen« oder Bewegungen in den großen
Hauptreligionen, die nicht nur zur Wiederentdeckung der ursprünglichen Lehre führten, sondern
manchmal auch deren anfängliche Leuchtkraft verstärkten. Auf diese Weise sind im frühen und
mittelalterlichen Christentum die Gnostik und die Mystik entstanden, im Islam der Sufismus, im
Judaismus der Chassidismus und die Kabbala, im Hinduismus der Advaita-Vedanta und im Buddhismus
Zen und Dzogchen. Die meisten dieser Schulen waren bilderstürmerisch. Sie entfernten die erstickenden
geistigen Begriffssysteme und erstarrten Glaubensstrukturen Schicht um Schicht und wurden deshalb
von der herrschenden religiösen Hierarchie mit Argwohn oder gar Feindseligkeit betrachtet. Im
Gegensatz zur Mainstream-Religion legten ihre Lehren besonderen Wert auf Erkenntnis und innere
Wandlung. Nur durch diese esoterischen Schulen oder Bewegungen vermochten die Hauptreligionen die
transformative Kraft ihrer ursprünglichen Lehren wiederzugewinnen, obwohl in den meisten Fällen nur
eine kleine Minderheit Zugang dazu hatte. Ihre Zahl war nie groß genug, um einen starken Einfluss auf
das tiefe kollektive Unbewusste der Mehrheit auszuüben. Im Lauf der Zeit erstarrten einige dieser
Schulen selbst wieder im Formalismus und in leeren Begriffen und verloren so ihre Wirksamkeit.
Spiritualität und Religion
Welche Rolle spielen die etablierten Religionen für die Entstehung des neuen Bewusstseins? Vielen
Menschen ist der Unterschied zwischen Spiritualität und Religion inzwischen bewusst. Ihnen ist klar,
dass ein »fester Glauben« - ein System von Überzeugungen, die als absolute Wahrheit betrachtet
werden - keinen spirituellen Menschen aus ihnen macht, wie immer diese Überzeugungen auch
aussehen mögen. Im Gegenteil, je mehr wir uns mit unserem Denken (Glauben) identifizieren, umso
mehr trennen wir uns von der spirituellen Dimension in uns. Viele »religiöse« Menschen hängen auf
dieser Ebene fest. Sie setzen Wahrheit mit Denken gleich, und da sie sich vollkommen mit dem Denken
(ihrem Verstand) identifizieren, behaupten sie - in dem unbewussten Bemühen, ihre Identität zu schützen
-, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Sie machen sich keinen Begriff von der Beschränktheit des
Denkens. Wer nicht genau dasselbe glaubt (denkt) wie sie, liegt in ihren Augen falsch, und das hat in
nicht allzu ferner Vergangenheit als Rechtfertigung genügt, um den Betreffenden umzubringen. Und tut
es für manche bis heute noch.
Die neue Spiritualität, die Transformation des Bewusstseins, entsteht zu einem Großteil außerhalb der
bestehenden institutionalisierten Religionen. Es gab selbst in den vom Verstand dominierten Religionen
immer Nischen, in denen die Spiritualität überlebte, obwohl sich die etablierten Hierarchien davon
bedroht fühlten und oft versuchten, sie zu unterdrücken. Ein Erwachen der Spiritualität in großem
Umfang, und zwar außerhalb der religiösen Einrichtungen, ist eine vollkommen neue Entwicklung. Früher
wäre so etwas unbegreiflich gewesen, besonders im kopflastigen Westen, wo die christlichen Kirchen
den Alleinvertretungsanspruch auf die Spiritualität erhoben. Man konnte nicht einfach aufstehen und
eine Predigt halten oder ein spirituelles Buch veröffentlichen, wenn man nicht durch die Kirche dazu
sanktioniert war; andernfalls wurde man schnell zum Schweigen gebracht. Aber jetzt gibt es selbst in
einigen Kirchen und Religionen Zeichen für eine Veränderung. Das ist herzerwärmend, und man ist
schon für die kleinsten Anzeichen einer Öffnung dankbar, wie etwa für den Moscheeund
Synagogenbesuch des verstorbenen Papstes Johannes Paul II.
Womöglich als Folge spiritueller Lehren, die außerhalb der etablierten Religionen aufkamen, aber
auch durch den Einfluss östlicher Weisheitslehren ist eine wachsende Zahl von Anhängern traditioneller
Religionen inzwischen in der Lage, die Identifikation mit Form, Dogma und starren Glaubenssystemen
aufzugeben und nicht nur die in der eigenen spirituellen Tradition verborgene ursprüngliche Tiefe
wiederzuentdecken, sondern auch die Tiefe im eigenen Innern. Ihnen geht auf, dass »spirituell sein«
nichts mit dem zu tun hat, was man glaubt, sondern einzig vom Bewusstseinsstand abhängt. Der
wiederum bestimmt, wie man sich in der Welt verhält und mit anderen interagiert.
Wer nicht über die Form hinausblicken kann, verschanzt sich noch fester hinter seinem Glauben, das
heißt, hinter seinem Verstand. Derzeit erleben wir nicht nur eine beispiellose Zunahme an Bewusstheit,
sondern zugleich auch eine Verfestigung und Verstärkung des Ego. Während sich einige religiöse
Institutionen dem neuen Bewusstsein öffnen, halten andere noch strikter an ihren Doktrinen fest und
tragen damit ihr Teil zu all den künstlichen Strukturen bei, mit denen sich das kollektive Ego verteidigt
und »zurückschlägt«. Manche Kirchen, Sekten, Kulte und religiösen Bewegungen sind im Grunde
Egokollektive und ebenso rigide mit ihrer jeweiligen Geisteshaltung identifiziert wie die Anhänger einer
politischen Ideologie, die auch keiner alternativen Interpretation der Wirklichkeit zugänglich sind.
Aber das Ego ist dazu bestimmt, sich aufzulösen, und all seine verknöcherten Strukturen, ob religiöse
oder andere Institutionen, Unternehmen oder Regierungen, werden von innen her zerfallen, wie ehern
sie auch nach außen erscheinen mögen. Die rigidesten Strukturen, die sich gegen jede Veränderung
sträuben, werden als Erste zusammenbrechen. So ist es dem Sowjetkommunismus bereits ergangen. Er
schien felsenfest gegründet, eisern und unerschütterlich zu sein, dabei löste er sich innerhalb weniger
Jahre von innen her auf. Niemand hatte das vorausgesehen, alle wurden davon überrascht. Es warten
noch eine Menge solcher Überraschungen auf uns.
Die Dringlichkeit einer Transformation
Wenn eine einzelne Lebensform - oder eine Spezies - mit einer tief greifenden Krise konfrontiert ist,
wenn die alte Seinsweise, die alte Art des Umgangs miteinander und mit der Natur nicht mehr funktioniert
und das Überleben von schier unüberwindlichen Problemen bedroht scheint, verendet sie und stirbt aus,
oder sie geht mit einem evolutionären Sprung über die Grenzen dieses Zustands hinaus.
Es wird angenommen, dass sich die ersten Lebensformen der Erde im Meer entwickelten. Während an
Land noch keine Tiere zu finden waren, wimmelte es im Meer bereits von Leben. Irgendwann muss sich
dann ein Meereslebewesen auf trockenes Land gewagt haben. Vielleicht ist es zuerst nur ein paar Zoll
an Land gekrabbelt, um erschöpft von der enormen Anziehungskraft der Erde wieder ins Wasser
zurückzukehren, wo die Schwerkraft fast nicht zu spüren ist und das Leben leichter fällt. Aber es muss
immer wieder ein Geschöpf einen Versuch gemacht haben, bis es sich viel später an ein Leben auf dem
Land anpasste und aus seinen Kiemen eine Lunge bildete und aus seinen Flossen Füße. Es ist ziemlich
unwahrscheinlich, dass sich eine Spezies in solch eine feindliche Umgebung vorwagt und eine
evolutionäre Verwandlung durchmacht, ohne durch eine bestimmte Krisensituation dazu gezwungen
worden zu sein. Vielleicht ist ein großer Teil des Meeres vom Hauptozean abgeschnitten worden und
sein Wasser über die Jahrtausende allmählich verdunstet, sodass die Fische ihr früheres Habitat hinter
sich lassen und sich weiterentwickeln mussten.
Auf eine tief greifende Krise, die das Überleben aller bedroht, zu reagieren - das ist die
Herausforderung, vor der die Menschheit jetzt steht. Die Gestörtheit des menschlichen Egogeistes, die
schon vor über 2500 Jahren von den alten Weisheitslehrern erkannt wurde und die jetzt durch
Wissenschaft und Technik überdeutlich zu Tage tritt, bedroht erstmalig das Überleben der Erde. Bis vor
kurzem war die Transformation des menschlichen Bewusstseins - auf die ebenfalls die alten Lehrer
schon hingewiesen haben - nichts als eine Möglichkeit, die einige wenige Menschen hier und da
ungeachtet ihres kulturellen oder religiösen Hintergrundes ergriffen. Zu einem weit verbreiteten
Aufblühen des menschlichen Bewusstseins kam es noch nicht, weil es noch nicht zwingend erforderlich
war.
Ein bedeutender Teil der Weltbevölkerung wird bald erkennen - falls er das nicht schon getan hat -,
dass die Menschheit jetzt nur noch eine Wahl hat: Weiterentwicklung oder Tod. Ein noch relativ kleiner,
allerdings schnell wachsender Prozentsatz der Menschheit erlebt bereits im eigenen Innern den
Zusammenbruch der alten Egodenkmuster und das Erscheinen einer neuen Bewusstseinsdimension.
Was jetzt im Entstehen begriffen ist, ist kein neues Glaubensbekenntnis und keine neue Religion,
keine neue spirituelle Ideologie oder Mythologie. Wir stehen vor dem Ende nicht nur der Mythologien,
sondern auch der Ideologien und Glaubenssysteme. Der Wandel geht tiefer und weit über den Verstand
und das Denken hinaus. Tatsächlich ist im Kern des neuen Bewusstseins die Transzendenz des
Denkens bereits angelegt, die neu zugängliche Fähigkeit, sich über das Denken zu erheben und eine
Dimension in sich selbst zu entdecken, die unendlich viel umfassender ist als das Denken. Dann
beziehen wir unsere Identität, den Sinn für uns selbst und für das, was wir sind, nicht länger aus dem
unablässigen Strom des Denkens, das wir in dem alten Bewusstsein für uns selbst halten. Welch eine
Befreiung, sich darüber klar zu werden, dass die »Stimme im Kopf« gar nicht ich bin! Wer bin ich dann?
Der, der dieses erkennt. Die Bewusstheit, die dem Denken vorausgeht, der Raum, in dem das Denken -
bzw. die Emotion oder Sinneswahrnehmung - auftritt.
Das Ego ist nichts weiter als die Identifikation mit der Form, und zwar in erster Linie mit Form im Sinne
von Gedankenformen. Wenn das Böse eine Realität ist - und es besitzt eine relative, wenn auch keine
absolute Wirklichkeit -, dann ist das auch seine Definition: die vollständige Identifikation mit Form -
physischen Formen, Gedankenformen, Gefühlsformen. Durch diese Identifikation sind wir blind für
unsere Verbundenheit mit dem Ganzen, für unser essenzielles Einssein mit allem »anderen« und mit dem
Ursprung. Diese Blindheit oder Vergesslichkeit ist die Erbsünde, das Leiden, die Täuschung. Und wenn
diese eingebildete Getrenntheit alles, was wir denken, sagen und tun, beeinflusst und regiert, was für
eine Welt erschaffen wir dann? Um darauf eine Antwort zu finden, brauchen wir bloß einmal darauf zu
achten, wie die Menschen miteinander umgehen, oder ein Geschichtsbuch zu lesen oder die
Tagesnachrichten im Fernsehen anzuschauen.
Wenn die Strukturen im Geist des Menschen unverändert bleiben, werden wir im Wesentlichen die
gleiche Welt, die gleichen Übel, die gleiche Störung stets neu erschaffen.
Ein neuer Himmel und eine neue Erde
Zum Titel dieses Buches hat mich eine biblische Prophezeiung inspiriert, die heute mehr als zu allen
anderen Zeiten in der Menschheitsgeschichte zuzutreffen scheint. Sie kommt sowohl im Alten wie im
Neuen Testament vor und sagt das Ende der bestehenden Welt und das Werden »eines neuen Himmels
und einer neuen Erde«1 voraus. Wir müssen in diesem Zusammenhang verstehen, dass mit dem Himmel
kein Ort gemeint ist, sondern das innere Reich des Bewusstseins. Das ist die esoterische Bedeutung
des Wortes, und das ist auch die Bedeutung, die es in der Lehre Jesu hat. Die Erde hingegen ist dessen
äußere Manifestation im Reich der Form und stets ein Spiegelbild des Inneren. Das kollektive
menschliche Bewusstsein und das Leben auf dieser Erde sind fest miteinander verwoben. »Ein neuer
Himmel« bedeutet das Aufkeimen eines transformierten Bewusstseins im Menschen und »eine neue
Erde« dessen Reflexion auf der physischen Ebene. Da das menschliche Leben und Bewusstsein fest
mit dem Leben der Erde verwoben ist, müssen sich synchron zur Auflösung des alten Bewusstseins
mannigfaltige natürliche geografische und klimatische Umwälzungen überall auf der Erde vollziehen,
deren Zeuge wir heute schon werden.
2

Ego: Der derzeitige Zustand der Menschheit

Worte, ob sie ausgesprochen und in Klang umgesetzt oder nur in Gedanken geformt werden, können
eine fast hypnotische Wirkung haben. Man verliert sich leicht in ihnen und lässt sich zu der
stillschweigenden Überzeugung verleiten, wenn man etwas mit einem Wort benannt hätte, wüsste man,
was es ist. Tatsache ist aber: Man weiß nicht, was es ist. Man hat lediglich das Geheimnis mit einem
Etikett versehen. Alles, ob Vogel, Baum oder auch nur ein einfacher Stein und natürlich der Mensch, ist
letztlich unbegreiflich. Das liegt an seiner unauslotbaren Tiefe. Wir können nicht mehr als die Oberfläche
der Wirklichkeit wahrnehmen, erfahren und gedanklich erfassen, und das ist kaum die Spitze des
Eisbergs.
Unter der Oberfläche ist alles nicht nur miteinander, sondern auch mit dem Ursprung allen Lebens
verbunden, aus dem es hervorgegangen ist. Selbst Steine, und viel mehr noch eine Blume oder ein
Vogel, können uns den Weg zurück zu Gott, zur Quelle, zu uns selbst zeigen. Wenn wir sie in der Hand
halten, sie anschauen und sie einfach sein lassen, ohne sie mit einem Wort oder einem mentalen Etikett
zu bedenken, überkommt uns ein Gefühl ehrfürchtigen Staunens. Das Wesen der Dinge offenbart sich
uns im Stillen und spiegelt uns unser eigenes Wesen. Das ist es, was große Künstler spüren und in
ihren Werken zu offenbaren vermögen. Van Gogh hat nicht gesagt: »Das ist bloß ein alter Stuhl.« Er hat
hingeschaut, immer wieder hingeschaut. Er hat das Sosein des Stuhls in sich aufgenommen, und dann
hat er sich vor seine Leinwand gesetzt und den Pinsel ergriffen. Der »reale« Stuhl hätte nur ein paar
Dollar gekostet. Van Goghs Gemälde des Stuhls würde heute über 25 Millionen Dollar einbringen.
Wenn wir die Welt nicht mit Worten und Etiketten zupflastern, erwacht in unserem Leben wieder ein
Sinn für das Wunderbare, der vor langer Zeit verloren ging, als die Menschheit vom Denken besessen
wurde, statt sich seiner zu bedienen. Das Leben bekommt wieder Tiefe. Die Dinge erhalten eine neue
Frische. Und das größte Wunder ist die Erfahrung des eigenen wahren Selbst vor allen Worten,
Gedanken, mentalen Etikettierungen und Bildern. Damit dies geschehen kann, müssen wir unser
Ichgefühl, unser Gefühl, da zu sein, von allen Dingen losmachen, in die es sich verstrickt hat, anders
ausgedrückt: mit denen es sich identifiziert hat. Um dieses Entwirren geht es im vorliegenden Buch.
Je schneller wir Dinge, Menschen oder Situationen mit verbalen oder mentalen Etiketten versehen,
umso hohler und lebloser wird unsere Wirklichkeit, und umso mehr stumpfen wir ab gegenüber der
Wirklichkeit und dem Wunder des Lebens, das sich unaufhörlich in uns und um uns herum entfaltet. Auf
diese Weise mögen wir zwar schlauer werden, aber die Weisheit geht uns verloren, ebenso wie Freude,
Liebe, Kreativität und Lebendigkeit. Sie offenbaren sich in der lautlosen Lücke zwischen Wahrnehmung
und Interpretation. Natürlich haben Worte und Gedanken ihren Sinn. Sie sind von einer eigenen
Schönheit - aber müssen wir uns deswegen von ihnen vereinnahmen lassen?
Worte reduzieren die Wirklichkeit auf etwas, das der menschliche Verstand erfassen kann, und das ist
nicht gerade viel. Die Sprache besteht aus fünf Grundlauten, die von den Stimmbändern erzeugt
werden. Das sind die Vokale »a, e, i, o, u«. Hinzu kommen die Konsonanten, die durch Luftdruck gebildet
werden: »s, f, g« usw. Glaubst du, dass eine Kombination von derartigen Grundlauten jemals erklären
könnte, wer du bist oder welchen tieferen Sinn das Universum oder auch nur ein Baum oder Stein
letztlich haben?
Das illusorische Ich
Das Wort »ich« verkörpert den größten Irrtum und die tiefste Wahrheit, je nachdem, wie es verwendet
wird. Bei herkömmlichem Gebrauch ist es (zusammen mit den Ableitungen »mir, mich und mein«) eines
der am häufigsten verwendeten Worte der Sprache und darüber hinaus eines der irreführendsten. Im
normalen Alltagssprachgebrauch verkörpert das »Ich« den Urfehler, das falsche Bild, das man sich von
sich selbst macht, ein trügerisches Identitätsgefühl. Das ist das Ego. Dieses trügerische Ichgefühl
bezeichnete Albert Einstein, der nicht nur ein tiefes Verständnis für die Wirklichkeit von Raum und Zeit
hatte, sondern auch für das Wesen des Menschen, als »optische Täuschung des Bewusstseins«.
Dieses illusorische Ich muss jedoch als Basis für alle weiteren Interpretationen oder vielmehr
Fehlinterpretationen der Wirklichkeit, für alle Denkvorgänge sowie alle Interaktionen und Beziehungen
herhalten. Die Wirklichkeit wird zum Spiegelbild der ursprünglichen Täuschung.
Und jetzt die gute Nachricht: Wenn du die Illusion als Illusion erkennst, löst sie sich auf. Die Erkenntnis
der Illusion ist zugleich ihr Ende. Ihr Fortbestand hängt davon ab, ob du sie für Wirklichkeit hältst. Sowie
du erkennst, was du nicht bist, kommt das zum Vorschein, was du wirklich bist. Das geschieht, während
du langsam und aufmerksam dieses und das nächste Kapitel liest, in denen es um die Mechanik des
falschen Selbst geht, das wir Ego nennen. Wie ist dieses illusorische Selbst seinem Wesen nach
beschaffen?
Worauf du dich beziehst, wenn du »ich« sagst, ist normalerweise nicht das, was du bist. Durch einen
monströsen Akt der Reduktion wird die unendliche Tiefe dessen, was du bist, fälschlich mit einem
Geräusch gleichgesetzt, das die Stimmbänder erzeugen, oder mit einem gedachten Ich und allem, womit
sich dieses Ich identifiziert. Was aber ist dann mit dem gewöhnlichen Ich und seinen Ableitungen mir,
mich und mein gemeint?
Wenn ein kleines Kind begreift, dass eine Folge von Geräuschen, die seine Eltern mit ihren
Stimmbändern erzeugen, sein Name ist, beginnt es ein Wort, das im Geist zum Gedanken wird, mit dem
gleichzusetzen, was es ist. In diesem Entwicklungsstadium sprechen manche Kinder von sich selbst in
der dritten Person. »Johnny hat Hunger.« Wenig später lernen sie das magische Wort »ich« und setzen
es mit ihrem Namen gleich, den sie schon mit dem, wer sie sind, gleichgesetzt haben. Weitere Gedanken
entstehen und verschmelzen mit dem ursprünglichen »Ich«-Gedanken. Der nächste Schritt sind
Gedanken des »mir« und »mein«, mit denen Dinge gekennzeichnet werden, die irgendwie zum Ich
dazugehören. Das ist die Identifikation mit Objekten: Den Dingen, eigentlich sogar nur den Gedanken,
die diese Dinge repräsentieren, wird ein Ichgefühl zugeordnet, sodass man aus ihnen seine Identität
bezieht. Wenn »mein« Spielzeug kaputtgeht oder mir weggenommen wird, leide ich. Nicht, weil dieses
Spielzeug einen eigenen Wert hat - ein Kind verliert schnell das Interesse daran, außerdem ist es leicht
durch anderes Spielzeug, andere Gegenstände zu ersetzen -, sondern wegen des Gedankens »mein«.
Das Spielzeug ist ein Teil des sich entwickelnden Selbst- oder Ichgefühls des Kindes geworden.
Während das Kind heranwächst, zieht der ursprüngliche Ich-Gedanke weitere Gedanken an: Es
identifiziert sich mit seinem Geschlecht als Mädchen oder Junge, mit Besitz, mit dem durch die Sinne
erfahrenen Körper, mit einer Nationalität, einer Rasse, einer Religion oder einem Beruf. Des Weiteren
identifiziert sich das Ich mit Rollen - Mutter, Vater, Ehemann, Ehefrau usw. -, mit erworbenem Wissen,
Meinungen, Vorlieben und Abneigungen, aber auch mit Dingen, die »mir« in der Vergangenheit
widerfahren sind und an die ich »mich« in Gedanken erinnere, sodass ein Gefühl von »ich und meine
Geschichte« entsteht. Dies ist nur einiges von dem, woraus die Menschen ihr Identitätsgefühl beziehen.
Dabei handelt es sich im Grunde bloß um Gedanken, die lose durch die Tatsache zusammengehalten
werden, dass ihnen allen ein Ichgefühl zugeordnet wurde. Dieses mentale Konstrukt ist normalerweise
gemeint, wenn wir »ich« sagen. Genauer gesagt: Die meiste Zeit sind wir es gar nicht, der spricht, wenn
wir »ich« denken oder sagen, sondern es ist ein Aspekt dieses mentalen Konstrukts - des Egogeistes.
Sobald wir erwachen, benutzen wir zwar noch das Wort »ich«, aber dann kommt es aus einer ganz
anderen Tiefe unseres Innern.
Die meisten Menschen identifizieren sich noch immer mit dem unaufhörlichen Strom der Gedanken,
dem zwanghaften Denken, wovon das meiste sinnlose Wiederholungen sind. Außerhalb ihrer
gedanklichen Prozesse und der damit einhergehenden Emotionen gibt es kein Ich. Das ist mit spiritueller
Unbewusstheit gemeint. Wenn den Leuten gesagt wird, dass unablässig eine Stimme in ihrem Kopf
redet, sagen sie: »Was für eine Stimme?« und leugnen sie einfach ab, obwohl genau das natürlich die
Stimme ist, der Denker, der unbeobachtete Verstand. Sie kann fast als ein Wesen betrachtet werden,
das von ihnen Besitz ergriffen hat.
Einige Menschen vergessen nie, wie es war, als sie sich das erste Mal nicht mit ihren Gedanken
identifizierten und so einen kurzen Identitätswandel erlebten vom Inhalt ihres Denkens zur Bewusstheit,
die dessen Hintergrund bildet. Bei anderen geschieht es auf so subtile Weise, dass sie es kaum
bemerken, oder sie spüren nur ein Mehr an Freude oder innerem Frieden, ohne den Grund dafür zu
erkennen.
Die Stimme im Kopf
Die erste Spur von Bewusstheit stellte sich bei mir während meines ersten Studienjahres an der
Universität von London ein. Ich fuhr zweimal die Woche mit der U-Bahn zur Unibibliothek, normalerweise
gegen neun Uhr morgens, kurz nach der Hauptverkehrszeit. Einmal saß eine Frau Anfang dreißig mir
gegenüber. Ich hatte sie schon vorher ein paarmal in dieser Bahn gesehen. Sie fiel einfach auf. Obwohl
die Bahn voll war, blieben die Plätze rechts und links neben ihr frei, ohne Zweifel aus dem Grund, weil
sie ziemlich verwirrt wirkte. Mit vollkommen starrem Blick redete sie unentwegt laut und wütend mit sich
selbst. Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie sich der anderen Menschen und ihrer Umgebung
gar nicht bewusst zu sein schien. Sie hielt den Kopf etwas nach links geneigt und gesenkt, als spreche
sie zu jemandem auf dem leeren Platz neben sich. Ich kann mich zwar nicht mehr an den genauen
Wortlaut ihres Monologs erinnern, aber es hörte sich etwa so an: »Und dann sagte sie zu mir … worauf
ich sagte, du bist eine Lügnerin, wie kannst du es wagen, mich so zu beschuldigen … wo du es doch
bist, die mich, die dir vertraut hat, immer übervorteilt und mein Vertrauen missbraucht hat …« Ihre
Stimme hatte den gereizten Klang von jemandem, dem Unrecht geschehen ist und der seine Position
verteidigen muss, um nicht vernichtet zu werden.
Als sich die U-Bahn der Station an der Tottenham Court Road näherte, stand sie auf und ging, ohne
dass der Redestrom aus ihrem Mund abbrach, zur Tür. Es war auch meine Haltestelle, und so stieg ich
hinter ihr aus. Auf der Straße schlug sie die Richtung zum Bedford Square ein, immer noch in ihren
eingebildeten Dialog verwickelt, in dem sie weiter wütend Anschuldigungen vorbrachte und ihren
Standpunkt rechtfertigte. Meine Neugier war geweckt, und ich beschloss, ihr so lange zu folgen, wie sie
ungefähr denselben Weg ging wie ich. Obgleich weiter in ihrem eingebildeten Gespräch befangen,
schien sie doch zu wissen, wohin sie wollte. Bald kam das imposante Gebäude des Senate House in
Sicht, eines Hochhauses aus den Dreißigerjahren, in dem sich die Hauptverwaltung der Universität und
die Bibliothek befanden. Ich war schockiert. Konnte es sein, dass wir zum selben Ort unterwegs waren?
Ja, sie wollte auch dorthin. War sie eine Lehrerin, eine Studentin, eine Büro- oder
Bibliotheksangestellte? Vielleicht nahm sie als Versuchsperson an einem psychologischen
Forschungsprojekt teil. Ich habe es nie erfahren. Ich war zwanzig Schritte hinter ihr, und als ich endlich
das Gebäude (das witzigerweise der Hauptsitz der »Gedankenpolizei« in der Filmversion von George
Orwells Roman Neunzehnhundertvierundachtzig war) betrat, war sie schon in einem der Aufzüge
verschwunden.
Irgendwie bestürzte mich das, was ich gerade beobachtet hatte. Als Erstsemester im reifen Alter von
25 Jahren und angehender Intellektueller war ich davon überzeugt, dass alle Antworten auf das Dilemma
des menschlichen Daseins intellektuell zu finden waren, das heißt durch Denken. Mir war damals nicht
klar, dass Denken ohne Bewusstheit das Hauptdilemma der menschlichen Existenz ist! Ich schaute zu
den Professoren auf, als seien sie Weise, die auf alles eine Antwort wüssten, und die Universität war für
mich der Tempel der Weisheit. Wie konnte eine Verrückte wie diese Frau dazugehören?
Ich sann weiter über sie nach, während ich vor dem Eintritt in die Bibliothek die Herrentoilette
aufsuchte. Als ich mir die Hände wusch, dachte ich: Hoffentlich ende ich nicht so wie sie. Der Mann
neben mir schaute kurz in meine Richtung, und da merkte ich plötzlich zu meinem Schrecken, dass ich
diesen Gedanken gerade laut ausgesprochen hatte. »Du meine Güte, ich bin schon wie sie«, dachte ich
jetzt. War mein Denken nicht unaufhörlich aktiv wie das ihre? Es bestanden nur geringfügige
Unterschiede zwischen uns. Die vorherrschende Emotion hinter ihrem Denken schien Wut zu sein,
während es sich in meinem Fall überwiegend um Angst handelte. Sie dachte laut. Ich dachte - meistens -
im Stillen. Falls sie verrückt war, dann waren alle verrückt, einschließlich meiner selbst. Die Unterschiede
betrafen nur den Grad der Verrücktheit.
Einen Augenblick lang konnte ich offenbar von meinem eigenen Geist Abstand nehmen und ihn aus
einer tieferen Sicht heraus betrachten. Ein flüchtiger Wechsel vom Denken zur Bewusstheit vollzog sich.
Ich befand mich noch immer auf der Herrentoilette, inzwischen jedoch allein, und schaute mein Gesicht
im Spiegel an. In diesem Augenblick der Loslösung von meinem Denken musste ich laut lachen. Es hat
vielleicht wie das Lachen eines Geisteskranken geklungen, aber es war ein gesundes Lachen, das
Lachen eines dickbäuchigen Buddha. »Das Leben ist gar nicht so ernst, wie mein Verstand es haben
will.« Das schien die Botschaft des Lachens zu sein. Aber es war nur ein Vorgeschmack, den ich schnell
wieder vergaß. Die nächsten drei Jahre verbrachte ich in Angst und Frustration, vollkommen mit meinem
Denken identifiziert. Ich musste offenbar dem Selbstmord nahe kommen, ehe die Bewusstheit
wiederkehrte, und dann nicht nur als Vorgeschmack. Es war ein Freiwerden vom zwanghaften Denken
und vom falschen, erdachten Ich.
Der eben geschilderte Vorfall verhalf mir nicht nur zu einem ersten Blick in die Bewusstheit, er säte
auch den ersten Zweifel in Bezug auf die absolute Gültigkeit des Denkens. Ein paar Monate später
passierte etwas Tragisches, das meine Zweifel verstärkte. An einem Montagmorgen stellte ich mich zu
einer Vorlesung bei einem Professor ein, dessen Klugheit ich sehr bewunderte. Da wurde ich zusammen
mit meinen Kommilitonen darüber informiert, dass er sich am Wochenende erschossen hatte. Ich konnte
es nicht begreifen. Er war hoch geachtet gewesen und schien auf alles eine Antwort gewusst zu haben.
Aber noch immer sah ich keine Alternative zur Weiterentwicklung des Denkens. Mir war weder klar, dass
das Denken nur ein winziger Bruchteil des Bewusstseins ist, noch wusste ich etwas über das Ego oder
war auch nur annähernd in der Lage, es in mir selbst aufzuspüren.
Inhalt und Struktur des Ego
Der Egogeist ist vollkommen von der Vergangenheit geprägt. Seine Konditionierung besteht aus
zweierlei: aus Inhalt und Struktur.
Bei einem Kind, das laut weint vor Kummer, weil ihm sein Spielzeug weggenommen wurde, stellt das
Spielzeug den Inhalt dar. Dieser ist mit beliebigen anderen Inhalten, einem anderen Spielzeug oder
Gegenstand, austauschbar. Der Inhalt, mit dem man sich identifiziert, wird von der Umgebung, durch die
Erziehung und die Kultur, in der man lebt, konditioniert. Ob ein Kind arm oder reich ist, ob das Spielzeug
ein aus Holz geschnitztes Tier oder eine ausgeklügelte elektronische Spielerei ist, macht in Bezug auf
das Leid, das dessen Verlust verursacht, keinen Unterschied. Der Grund, warum das Kind so sehr
darunter leidet, verbirgt sich in dem Wort »mein« und ist ein Strukturproblem. Der unbewusste Zwang,
die eigene Identität durch den Zusammenschluss mit einem Gegenstand zu stärken, ist bereits in die
Struktur des Egogeistes eingebaut.
Eine der grundlegendsten Denkstrukturen, durch die das Ego ins Leben gerufen wird, ist die
Identifikation mit etwas. »Identifikation« kommt von den lateinischen Wörtern idem, das heißt »gleich«,
und facere, das heißt »machen«. Es ist also ein »Gleichmachen«, wenn ich mich mit etwas identifiziere.
Gleichmachen womit? Mit mir. Ich verbinde ein Ichgefühl mit etwas, und so wird es Teil meiner
»Identität«. Eine der grundsätzlichsten Ebenen der Identifikation ist die mit Dingen: Aus meinem
Spielzeug wird später mein Auto, mein Haus, meine Kleidung usw. Das ist das Schicksal des Ego.
Die Identifikation mit den Dingen
Die Werbebranche weiß sehr genau, dass sie die Menschen, denen sie Dinge verkaufen will, die diese
nicht unbedingt brauchen, davon überzeugen muss, dass diese Dinge dem etwas hinzufügen, wie sie
sich selbst sehen oder von anderen gesehen werden, mit anderen Worten: dass ihr Selbstgefühl eine
Aufwertung erfährt. Das tut die Werbung zum Beispiel, indem sie ihnen erzählt, dass sie sich durch das
betreffende Produkt von der Menge abheben und infolgedessen mehr sie selbst sind. Oder sie stellt
einen geistigen Zusammenhang zwischen dem Produkt und einer berühmten Persönlichkeit oder einer
jugendlichen, attraktiven oder glücklich aussehenden Person her. Selbst Bilder von alten oder auch
verstorbenen Stars aus deren Glanzzeit erfüllen noch ihren Zweck. Die unausgesprochene Annahme
dahinter ist die, dass wir ihnen oder vielmehr ihrem äußeren Image durch den Kauf dieses Produkts,
durch den gewissermaßen magischen Akt der Aneignung, gleich werden. Und so kaufen wir in vielen
Fällen kein Produkt, sondern einen »Identitätsverstärker«. Designermarken sind in erster Linie kollektive
Identitäten, in die man sich einkauft. Sie sind teuer und daher »exklusiv«. Wenn jeder sie kaufen könnte,
würden sie ihren psychologischen Wert verlieren, sodass nichts als ihr materieller Wert bliebe, der
wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was man dafür bezahlt hat.
Womit man sich identifiziert, das ist von Mensch zu Mensch verschieden und richtet sich nach Alter,
Geschlecht, Einkommen, Gesellschaftsstatus, Mode, Kulturkreis usw. Das, womit man sich identifiziert,
sind ausschließlich Inhalte, während der unbewusste Zwang zur Identifikation strukturell bedingt ist. Es
ist die grundsätzliche Art und Weise, wie der Egogeist funktioniert.
Paradoxerweise wird die so genannte Konsumgesellschaft dadurch bei der Stange gehalten, dass der
Versuch, sich in Dingen zu verwirklichen, scheitert: Das Ego lässt sich nur kurzfristig zufrieden stellen,
und so braucht man bald wieder etwas, kauft erneut, konsumiert weiter.
Natürlich sind materielle Dinge in der physischen Dimension, in der unser vordergründiges Ich weilt,
notwendig und gehören zwangsläufig zu unserem Leben. Wir brauchen ein Obdach, Kleidung, Mobiliar,
Werkzeug und Transportmittel. Wahrscheinlich gibt es auch Dinge in unserem Leben, die wir wegen ihrer
Schönheit oder anderer besonderer Qualitäten schätzen. Wir dürfen die Welt der Dinge nicht verachten,
sondern sollten sie würdigen. Jedes Ding hat sein Dasein, ist eine flüchtige Form, die ihren Ursprung im
formlosen einen Leben hat, im Ursprung aller Dinge, aller Körper und aller Formen. In den meisten alten
Kulturen haben die Menschen geglaubt, allem, auch den angeblich unbelebten Gegenständen, wohne
ein Geist inne, und sie waren in dieser Hinsicht der Wahrheit näher als wir heute. Wenn man in einer
durch mentale Abstraktionen gefühllos gewordenen Welt lebt, spürt man die Lebendigkeit des
Universums nicht mehr. Die meisten Menschen weilen nicht in einer lebendigen Wirklichkeit, sondern in
einer Begriffswelt.
Wir können aber Dinge nicht wirklich würdigen, wenn wir sie nur als Mittel zur Selbsterhöhung
benutzen, das heißt, wenn wir versuchen, uns selbst in ihnen zu finden. Genau das tut das Ego. Die
Egoidentifikation mit Dingen bewirkt ein Hängen an den Dingen, ein Besessensein von den Dingen, das
seinerseits wieder unsere Konsumgesellschaft und die Wirtschaftsstrukturen begründet, wo das einzige
Maß für Fortschritt das Mehr ist. Das unkontrollierte Streben nach mehr, nach endlosem Wachstum, ist
eine Störung, eine Krankheit. Es ist die gleiche Störung, wie sie sich bei Krebszellen zeigt, deren
einziges Ziel die Vermehrung ist und die nicht ahnen, dass sie sich selbst zerstören, wenn sie den
Organismus zerstören, in dem sie leben. Manche Ökonomen sind so sehr vom Wachstumsbegriff
durchdrungen, dass sie nicht mehr ohne das Wort auskommen und die Rezession als eine Zeit des
»negativen Wachstums« bezeichnen.
Ein Großteil des Lebens vieler Menschen wird an die obsessive Beschäftigung mit Dingen
verschwendet. Darum ist eines der Übel unserer Zeit die wuchernde Gütervermehrung. Wenn du das
Leben, das du bist, nicht länger spüren kannst, wirst du wahrscheinlich versuchen, dein Leben mit
Dingen anzufüllen. In diesem Fall empfehle ich dir als spirituelle Übung, durch Selbstbeobachtung einmal
deine Beziehung zu den Dingen zu untersuchen, insbesondere zu solchen Dingen, die du mit dem Wort
»mein« belegst. Du musst wachsam und ehrlich sein, um beispielsweise herauszufinden, ob dein
Selbstwertgefühl an Dinge gebunden ist, die du besitzt. Geben dir manche Dinge ein feines Gefühl von
Bedeutung oder Überlegenheit? Fühlst du dich gegenüber anderen, die mehr von gewissen Dingen
haben, unterlegen? Erwähnst du oder brüstest du dich gelegentlich mit Dingen, die du besitzt, um
dadurch deinen Wert in den Augen anderer zu steigern und deinen Selbstwert entsprechend zu heben?
Grollst du, ärgerst du dich und hast du Minderwertigkeitsgefühle, wenn jemand anders mehr hat als du
oder wenn du ein geschätztes Stück von deinem Eigentum verlierst?
Der verlorene Ring
Während meiner Tätigkeit als Berater und spiritueller Lehrer besuchte ich zweimal die Woche eine Frau,
deren Körper von Krebs zerfressen war. Sie war Lehrerin und Mitte vierzig, und die Ärzte hatten ihr nur
noch wenige Lebensmonate bescheinigt. Manchmal sprachen wir bei diesen Besuchen ein paar Worte
miteinander, aber meistens blieben wir still, und dabei hatte sie ihre ersten flüchtigen Einblicke in die
Stille in ihrem eigenen Innern, von deren Existenz sie während ihres hektischen Berufslebens gar nichts
geahnt hatte.
Eines Tages jedoch traf ich sie in großem Ärger und Schmerz an. »Was ist passiert?«, fragte ich sie.
Ihr Diamantring, der für sie einen ebenso hohen materiellen wie immateriellen Wert besaß, war
verschwunden, und sie war sicher, dass ihn die Frau gestohlen hatte, die täglich ein paar Stunden nach
ihr sah. Sie sagte, sie könne gar nicht verstehen, wie jemand so roh und herzlos sein könnte, ihr das
anzutun. Sie fragte mich, ob sie zuerst die Frau ansprechen oder gleich die Polizei einschalten sollte. Ich
sagte ihr, die Entscheidung könne ich ihr nicht abnehmen, und bat sie, erst einmal zu überlegen, wie
wichtig ihr der Ring und andere Besitztümer zum jetzigen Zeitpunkt ihres Lebens seien. »Du verstehst
das nicht«, sagte sie. »Der Ring war von meiner Großmutter. Ich habe ihn jeden Tag getragen, bis ich
krank wurde und meine Hände zu sehr anschwollen. Er ist mehr als nur ein Ring für mich. Wie sollte ich
mich da nicht ärgern!«
Ihre schnelle Antwort und ihre wütende, abwehrende Stimme waren ein Anzeichen dafür, dass sie noch
nicht gegenwärtig genug war, um nach innen zu schauen, ihre Reaktion und den Vorfall selbst
voneinander zu trennen und beide unter die Lupe zu nehmen. Ihre wütende Verteidigungshaltung zeigte,
dass das Ego noch aus ihr sprach. Ich sagte: »Ich werde dir ein paar Fragen stellen, aber statt sie gleich
zu beantworten, solltest du versuchen, sie in deinem Innern zu klären. Ich halte nach jeder Frage kurz
inne. Die Antwort muss nicht unbedingt die Form von Worten haben.« Sie sagte, dass sie bereit sei. Ich
fragte: »Ist dir klar, dass du irgendwann, vielleicht in naher Zukunft, von dem Ring lassen musst? - Wie
viel Zeit brauchst du noch, um dich bereitwillig von ihm zu lösen? - Bist du nicht mehr so viel wert, wenn
du dich von ihm löst? - Wird das, was du bist, durch den Verlust beeinträchtigt?« Nach der letzten Frage
trat für eine Weile Stille ein.
Als sie zu reden begann, lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht, und sie schien im Frieden mit sich zu sein.
»Bei der letzten Frage ist mir etwas Wichtiges aufgegangen. Zuerst habe ich in meinem Verstand nach
der Antwort gesucht, und der hat gesagt: ›Ja, natürlich bist du dadurch beeinträchtigt. ‹ Daraufhin habe
ich mir die Frage noch einmal gestellt: ›Wird das, was ich bin, dadurch beeinträchtigt‹< Diesmal
versuchte ich, die Antwort zu fühlen statt zu denken. Und plötzlich konnte ich das, was ich bin, fühlen.
Das habe ich nie zuvor gefühlt. Wenn ich das Ich-bin so stark fühlen kann, dann ist das, was ich bin,
nicht im Mindesten beeinträchtigt worden. Ich kann es immer noch spüren, etwas Friedvolles, aber sehr
Lebendiges.« »Das ist die Seinsfreude«, sagte ich. »Du kannst sie nur empfinden, wenn du aus dem
Kopf rausgehst. Das Sein muss gefühlt werden. Es kann nicht gedacht werden. Das Ego weiß nichts
von ihm, denn es besteht nur aus Gedanken. Der Ring war eigentlich nur ein Gedanke in deinem Kopf,
den du mit dem Gefühl des Ich-bin verwechselt hast. Du hast gedacht, in dem Ring sei das Ich-bin oder
ein Teil davon enthalten.«
»Was immer das Ego sucht und woran es sich festmacht«, fuhr ich fort, »ist ein Ersatz für das Sein,
das es nicht spüren kann. Du kannst ruhig Interesse an etwas haben und es wertschätzen, aber wenn
du daran festhältst, weißt du, dass das die Stimme des Ego ist. Dabei klammerst du dich gar nicht
wirklich an den Gegenstand, sondern nur an den damit verbundenen Gedanken, in dem ›ich‹, ›mein‹,
›mich‹ oder ›mir‹ vorkommt. Wenn du einen Verlust voll und ganz hinnimmst, gehst du über das Ego
hinaus, und dann tritt das, was du bist, das Ich-bin, das reines Bewusstsein ist, hervor.« Sie sagte: »Jetzt
verstehe ich endlich etwas, das Jesus gesagt hat und das vorher nie einen Sinn für mich hatte - ›wenn
jemand deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel‹.« »Richtig«, sagte ich. »Es bedeutet nicht,
dass du deine Tür nie mehr abschließen sollst. Es bedeutet nur, dass es manchmal eine viel
machtvollere Handlung ist, etwas loszulassen, als daran zu kleben und es zu verteidigen.«
In den letzten Wochen ihres Lebens, als ihre körperliche Schwäche zunahm, wurde sie immer
strahlender, als leuchte ein Licht in ihr. Sie verschenkte viele ihrer Besitztümer, einige auch an die Frau,
die sie verdächtigt hatte, den Ring gestohlen zu haben, und mit jedem Gegenstand, den sie weggab,
vertiefte sich ihre Freude. Irgendwann rief mich ihre Mutter an, um mir mitzuteilen, dass sie gestorben
war, wobei sie noch erwähnte, dass sie den Ring im Arzneischränkchen im Badezimmer gefunden habe.
Hatte die Frau den Ring zurückerstattet oder hatte er die ganze Zeit über dort gelegen? Das werden wir
nie erfahren. Aber eins wissen wir: Das Leben bietet einem immer die Erfahrung, die für die Evolution
des Bewusstseins am hilfreichsten ist. Und woran erkennen wir, dass eine Erfahrung gerade besonders
nützlich für uns ist? Daran, dass wir diese Erfahrung jetzt, in diesem Augenblick, machen.
Ist es dann falsch, stolz auf das zu sein, was man besitzt, und neidisch auf andere, die mehr haben?
Ganz und gar nicht. Dieser Stolz, dieses Bedürfnis, sich hervorzutun und sich in seinem Selbstwertgefühl
durch ein »Mehr« bestätigt oder durch ein »Weniger« zurückgesetzt zu fühlen, ist weder richtig noch
falsch - es ist das Ego. Das Ego ist nicht falsch; es ist unbewusst. Sobald du das Ego in dir selbst
bemerkst, beginnst du, darüber hinauszugehen. Nimm das Ego nicht zu ernst. Wenn du dich dabei
ertappst, dass dein Verhalten vom Ego bestimmt ist, dann lächle. Bisweilen wirst du sogar lachen
müssen. Wie konnte die Menschheit so lange auf so etwas hereinfallen? Vor allem eins musst du dir klar
machen: Das Ego ist nichts Persönliches. Es ist nicht du. Wenn du das Ego für dein persönliches
Problem hältst, verdankst du das auch wieder dem Ego.
Die Illusion der Besitznahme
Etwas zu »besitzen« - was heißt das eigentlich? Was bedeutet es, »mir« etwas zu Eigen zu machen?
Wenn du in New York oder anderswo vor einem superhohen Wolkenkratzer stehen bleibst und sagst:
»Das Gebäude ist meins. Ich besitze es«, dann bist du entweder steinreich, verblendet oder ein Lügner.
Auf jeden Fall erzählst du eine Geschichte, in der ein Gedanken-»Ich« mit einem Gedanken-»Gebäude«
verschmilzt. So funktioniert die Idee der Besitznahme. Wenn die Allgemeinheit dem beipflichtet, was du
sagst, dann wird es auch unterschriebene Dokumente geben, die das bestätigen, und du bist reich.
Nimmt dir hingegen niemand deine Story ab, wirst du zum Psychiater geschickt. Dann leidest du
entweder an Wahnvorstellungen oder bist ein zwanghafter Lügner.
Wichtig hierbei ist, zu erkennen, dass die Geschichte und die Gedankenformen, aus denen sie sich
zusammensetzt, ob die anderen nun zustimmen oder nicht, absolut nichts mit dem zu tun hat, was du
bist. Selbst wenn die anderen dir beipflichten, bleibt es letztlich Fiktion. Viele Menschen merken erst auf
dem Sterbebett, wenn alles Äußere von ihnen abfällt, dass nichts Materielles je etwas mit dem zu tun
hatte, was sie im Innersten sind. Im Angesicht des Todes erweist sich die ganze Idee einer
Eigentümerschaft als vollkommen bedeutungslos. In den letzten Augenblicken des Lebens wird ihnen
auch klar, dass sie zwar ihr Leben lang bestrebt waren, ihr Selbstgefühl zu steigern, dass jedoch das,
worauf sie eigentlich aus waren, ihr Sein, immer schon da war und ihnen nur durch ihre Identifikation mit
Dingen, letzten Endes also auch durch Identifikation mit dem Denken, verborgen geblieben war.

»Selig sind, die da geistlich arm sind«, sagte Jesus, »denn ihrer ist das Himmelreich.«2 Was bedeutet
»geistlich arm«? Keine innere Belastung, keine Identifikationen. Weder mit Dingen noch mit mentalen
Konzepten, die mit einem Ichgefühl einhergehen. Und was ist das Himmelreich? Die einfache, aber tiefe
Freude am Sein, die sich einstellt, wenn alle Identifikationen von uns abfallen und wir »geistlich arm«
sind.
Deshalb ist das Armutsgelübde eine alte spirituelle Praxis in Ost und West. Der Verzicht auf Besitz
allein befreit uns aber nicht automatisch vom Ego. Es wird alles versuchen, um seinen Fortbestand zu
sichern, indem es sich etwas anderes sucht, mit dem es sich identifizieren kann, zum Beispiel unsere
Vorstellung von uns selbst als jemand, der über alle materiellen Interessen hinaus und daher anderen
überlegen ist, weil er spiritueller ist als sie. Es gibt Menschen, die allem Besitz entsagt haben und
trotzdem ein größeres Ego haben als mancher Millionär. Wird dem Ego eine Identifikationsmöglichkeit
entzogen, findet es rasch eine andere. Letztendlich ist es ihm egal, womit es sich identifiziert, solange es
nur eine Identität hat. Konsumverweigerung oder die Ablehnung von Privateigentum sind ebenfalls ein
mentales Raster oder eine Geisteshaltung, die an die Stelle der Identifikation mit Besitz treten kann.
Dadurch könnten wir uns ins Recht und andere ins Unrecht setzen. Wie wir später sehen werden,
handelt es sich um ein grundsätzliches Denkmuster des Ego, sich selbst ins Recht und andere ins
Unrecht zu setzen, um eine der Haupterscheinungsformen der Unbewusstheit. Mit anderen Worten: Der
Inhalt des Ego verändert sich mitunter, die geistige Struktur, die es am Leben erhält, hingegen nicht.
Eine der unbewussten Annahmen, von denen wir ausgehen, ist die, dass sich durch die Identifikation
mit einem Objekt und dessen fiktive Inbesitznahme die scheinbare Festigkeit und Beständigkeit des
betreffenden Gegenstands auch dem eigenen Selbstgefühl mitteilt und ihm mehr Festigkeit und Dauer
verleiht. Das trifft insbesondere auf Gebäude und noch mehr auf Landbesitz zu, die man für
unzerstörbares Eigentum hält. Die Absurdität einer Eigentümerschaft ist im Falle von Landbesitz
unübersehbar. Als sich die weißen Siedler in Nordamerika niederließen, fanden die indianischen
Ureinwohner deren Vorstellung von Landbesitz unbegreiflich. Und so verloren sie ihr Land, als die
Europäer sich von ihnen Schriftstücke unterschreiben ließen, die ihnen genauso unverständlich waren.
Sie hatten das Gefühl, zum Land zu gehören, aber nicht, dass das Land ihnen gehörte.
Das Ego neigt dazu, Haben und Sein zu verwechseln: Ich habe, darum bin ich. Und je mehr ich habe,
umso mehr bin ich. Das Ego lebt vom Vergleich. Wie du von anderen gesehen wirst, bestimmt
irgendwann auch dein Selbstbild. Wenn jeder in einer Villa leben würde oder reich wäre, könnten deine
Villa und dein Reichtum nicht länger dazu herhalten, dein Selbstwertgefühl zu heben. Dann könntest du
in eine einfache Hütte ziehen, deinen Reichtum aufgeben und eine neue Identität gewinnen, indem du
dich für spiritueller als die anderen hältst und von ihnen auch so gesehen wirst. Wie andere dich sehen,
wird zum Spiegel für dich, der dir sagt, wer und was du bist. Das Selbstwertgefühl des Ego ist in den
meisten Fällen mit dem Wert verknüpft, den du in den Augen anderer hast. Du brauchst andere, um ein
Gefühl deines Eigenwertes zu haben, und wenn du in einer Kultur lebst, die Selbstwert weitgehend damit
gleichsetzt, wie viel und was du hast, bist du - sofern du diese kollektive Täuschung nicht durchschaust -
dazu verdammt, dein Leben lang materiellen Dingen nachzujagen in der vergeblichen Hoffnung, dich in
deinem Wert bestätigt zu finden und endlich ganz zu fühlen.
Wie aber kannst du dich von den Dingen lösen? Versuch es gar nicht erst. Es ist unmöglich. Du
kommst ganz von selbst davon los, wenn du nicht länger dich selbst in ihnen finden willst. Achte bis
dahin einfach auf deine Verhaftungen. Manchmal wirst du gar nicht merken, dass du an etwas festhältst,
das heißt, dich damit identifizierst, bis du es verlierst oder der Verlust droht. Wenn du dann beunruhigt,
verstört usw. bist, kannst du davon ausgehen, dass du daran haftest. Sobald dir bewusst wird, dass du
dich mit etwas identifizierst, besteht keine totale Identifikation mehr. »Ich bin das Bewusstsein, das sich
bewusst ist, dass eine Anhaftung besteht.« Das ist der Beginn einer Transformation des Bewusstseins.
Verlangen: Das Bedürfnis nach mehr
Das Ego identifiziert sich mit dem Haben, aber die Befriedigung, die ihm das Haben bringt, ist ziemlich
oberflächlich und nur von kurzer Dauer. Im tiefsten Innern bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit, der
Unvollständigkeit zurück, als sei es »nicht genug«. »Ich habe noch nicht genug«, damit meint das Ego
eigentlich: »Ich bin noch nicht genug.«
Wie wir gesehen haben, ist das Haben eine Fiktion, mit der sich das Ego Festigkeit und Dauer
verschaffen und sich hervortun will, als sei es etwas ganz Besonderes. Da wir jedoch durch das Haben
nicht zu uns selbst finden, macht sich daneben noch ein stärkerer Trieb bemerkbar, der ebenfalls zur
Struktur des Ego gehört: das Bedürfnis nach mehr, das wir auch »Verlangen« nennen können. Kein Ego
hat ohne das Verlangen nach mehr auf Dauer Bestand. Darum erhält das Verlangen das Ego viel stärker
lebendig als das Haben. Das Ego braucht das Verlangen noch mehr als das Haben. Deshalb wird die
schale Befriedigung, die das Haben bringt, durch immer neues Verlangen verdrängt. Das ist das
psychologische Bedürfnis nach mehr, genauer gesagt nach noch mehr Dingen, mit denen sich das Ego
identifizieren kann. Es ist kein authentisches Bedürfnis, sondern eine Sucht.
Bisweilen wird das psychologische Bedürfnis nach mehr oder das Gefühl, nicht genug zu haben, das
so bezeichnend für das Ego ist, auf die physische Ebene übertragen und äußert sich dort als unstillbarer
Hunger. Diejenigen, die unter Bulimie leiden, sorgen oft dafür, dass sie sich erbrechen, um weiteressen
zu können. Ihr Geist ist hungrig, nicht ihr Körper. Von dieser Essstörung könnte der (oder die) Leidende
geheilt werden, wenn er sich nicht länger mit seinem Denken identifizierte, sondern mit seinem Körper in
Berührung käme und dessen wahre Bedürfnisse spüren könnte, statt die Pseudobedürfnisse seines
Egogeistes.
Manche Egos wissen genau, was sie wollen, und verfolgen ihr Ziel mit ingrimmiger, skrupelloser
Entschlossenheit - Dschingis Khan, Stalin und Hitler, um nur ein paar überlebensgroße Beispiele zu
nennen. Die Energie hinter ihrem Verlangen erzeugt allerdings eine Gegenkraft von gleicher Intensität,
die am Ende zu ihrem Sturz führt. Bis dahin machen sie sich selbst und andere unglücklich oder stürzen
die Welt ins Chaos, wie die oben angeführten Gestalten. Die meisten Egos haben widersprüchliche
Wünsche. Sie wollen ständig etwas anderes oder wissen nicht einmal recht, was sie eigentlich wollen,
nur was sie nicht wollen: den gegenwärtigen Augenblick. Unbehagen, Ruhelosigkeit, Langeweile, Angst
und Unzufriedenheit sind die Folge ungestillten Verlangens. Das Verlangen ist strukturbedingt, daher
bringt noch so viel Inhalt keine dauerhafte Erfüllung, solange das geistige Raster erhalten bleibt. Ein
starkes Verlangen nach nichts Bestimmtem zeigt sich oft bei Teenager-Egos, die sich noch in der
Entwicklung befinden und mitunter in einem Dauerzustand der Negativität und Unzufriedenheit befangen
sind.
Die Grundbedürfnisse aller Menschen der Erde nach Nahrung, Wasser, Obdach und Kleidung könnten
befriedigt werden, wenn nicht das irrwitzige, habgierige Verlangen nach mehr, die Gier des Ego, für ein
solches Ungleichgewicht bei der Verteilung der Ressourcen sorgen würde. Es findet seinen kollektiven
Ausdruck in den ökonomischen Strukturen dieser Welt mit ihren Mammutunternehmen, diesen vom Ego
bestimmten Gebilden, die miteinander um immer mehr wetteifern. Ihr einziges Ziel, das sie mit absoluter
Rücksichtslosigkeit und blindlings verfolgen, ist der Profit. Natur, Tiere, Menschen, selbst ihre eigenen
Angestellten sind nichts weiter als Zahlen in der Bilanz, leblose Objekte, die man gebrauchen und dann
wegwerfen kann.
Die Gedankenformen ich und mein, mehr als, ich will, ich brauche und nicht genug gehören nicht
zum Inhalt des Ego, sondern zu seiner Struktur. Der Inhalt ist beliebig austauschbar. Solange du diese
Gedankenformen in dir nicht erkennst, solange sie unbewusst bleiben, wirst du daran glauben, was sie
dir weismachen wollen; dann wirst du dazu verurteilt sein, den unbewussten Gedanken Folge zu leisten
und ständig zu suchen, ohne je zu finden - denn wenn diese Gedankenformen aktiv werden, können dich
weder Besitztümer noch Orte, Menschen oder Verhältnisse je zufrieden stellen. Kein Inhalt wird dich
befriedigen, solange die Egostrukturen erhalten bleiben. Was immer du auch hast oder bekommst, es
wird dich nicht glücklich machen. Du wirst immer nach etwas Neuem Ausschau halten, das dir mehr
Befriedigung verheißt, das dein unvollkommenes Selbstbild vollkommen zu machen verspricht und
endlich die Leere in deinem Innern ausfüllt.
Die Identifikation mit dem Körper
Neben der Identifikation mit Objekten gibt es noch eine weitere Grundform der Identifikation: die
Identifikation mit dem Körper - mit meinem Körper. Zunächst einmal ist der Körper männlich oder
weiblich, und so macht das empfundene Mann- oder Frausein bei den meisten Menschen einen
bedeutenden Teil des Selbstgefühls aus. Das Geschlecht wird zur Identität. Die Identifikation mit dem
Geschlecht wird schon sehr früh unterstützt und zwingt uns eine Rolle, ein konditioniertes
Verhaltensmuster, auf, das alle Aspekte des Lebens beeinflusst, nicht nur die Sexualität. Es ist eine
Rolle, die viele Menschen vollkommen an sich fesselt, in traditionelleren Gesellschaften stärker als in der
westlichen Kultur, wo die Identifikation mit dem Geschlecht allmählich schwächer wird. In einigen
traditionellen Kulturen ist es nach wie vor das schlimmste Schicksal für eine Frau, unverheiratet oder
unfruchtbar zu bleiben, und für einen Mann, impotent zu sein und keine Kinder zeugen zu können. Die
Erfüllung des Lebens wird in der Erfüllung der eigenen geschlechtsspezifischen Identität gesehen.
Im Westen gründet sich das Gefühl, wer man zu sein glaubt, weitgehend auf die physische
Erscheinung: die Stärke oder Schwäche, die angebliche Schönheit oder Hässlichkeit im Vergleich zu
anderen. Bei vielen Menschen ist das Selbstwertgefühl eng mit körperlicher Kraft, gutem Aussehen,
Fitness und dem allgemeinen Erscheinungsbild verknüpft. Viele haben ein angeschlagenes
Selbstwertgefühl, weil sie ihren Körper für hässlich oder unvollkommen halten.
Manchmal ist das mentale Bild bzw. der Begriff, den man sich von »seinem Körper« macht, eine totale
Verzerrung der Wirklichkeit. Da denkt eine junge Frau, dass sie Übergewicht hat, und macht eine
Abmagerungskur, obwohl sie eigentlich recht schlank ist. Sie kann ihren Körper gar nicht mehr sehen.
Alles, was sie »sieht«, ist die innere Vorstellung, die sie von ihrem Körper hat und die ihr sagt: »Ich bin zu
dick« oder: »Ich werde zu dick.« Dieser Einstellung liegt die Identifikation mit dem Denken zugrunde.
Während sich die Menschen mehr und mehr mit ihrem Denken identifiziert und damit die Störung durch
das Ego noch verstärkt haben, hat gleichzeitig in den letzten Jahrzehnten die Magersucht drastisch
zugenommen. Wenn die magersüchtige Person ihren Körper unabhängig von dem Urteil sehen könnte,
das sie in Gedanken darüber fällt, oder diese Beurteilung wenigstens als das einstufen würde, was sie
ist, statt daran zu glauben - oder, besser noch, wenn sie ihren Körper von innen her fühlen könnte -,
würde die Heilung einsetzen.
Diejenigen, die sich mit ihrem guten Aussehen, ihrer physischen Kraft und ihren Fähigkeiten
identifizieren, leiden darunter, wenn diese Attribute allmählich verblassen und verschwinden, was sie
natürlich tun. Ihre Identität, die sie daraus bezogen haben, droht dann zusammenzubrechen. Ob hässlich
oder schön, negativ oder positiv, die Menschen beziehen ihre Identität zu einem Großteil aus ihrem
Körper. Genauer gesagt beziehen sie ihre Identität aus dem Ich-Gedanken, den sie fälschlich mit dem
Begriff oder dem mentalen Bild verbinden, das sie sich von ihrem Körper machen, der letztlich nichts
weiter ist als eine physische Form und dem daher das gleiche Schicksal beschieden ist wie allen Formen
- Vergänglichkeit und am Ende Verfall.
Den physischen, mit den Sinnen wahrgenommenen Körper, dessen Los es ist zu welken, zu altern und
zu sterben, mit dem »Ich« gleichzusetzen, muss früher oder später Leid heraufbeschwören. Sich nicht
länger mit dem Körper zu identifizieren heißt nicht, ihn von da an zu verachten, zu verleugnen und nicht
mehr zu pflegen. Wenn er stark, schön und kraftvoll ist, kannst du dich darüber freuen und diese
Merkmale zu schätzen wissen - solange sie bestehen. Du kannst deine körperliche Verfassung auch
durch richtige Ernährung und Bewegung verbessern. Solange du den Körper nicht mit dem
verwechselst, was du wirklich bist, wird dein Selbstwert- oder Identitätsgefühl in keiner Weise leiden,
wenn seine Schönheit vergeht, seine Kraft schwindet und er hinfällig wird. Im Grunde kann die formlose
Dimension, das Licht des Bewusstseins, leichter durchscheinen, wenn der Körper schwächer wird und
die Form dahinschwindet.
Nicht nur Menschen mit einem gesunden oder nahezu vollkommenen Körper neigen dazu, ihn mit dem
gleichzusetzen, der (die) sie sind. Ebenso leicht kannst du dich mit einem »problematischen« Körper
identifizieren und deine Identität aus dessen Unvollkommenheiten, Krankheiten und Behinderungen
beziehen. Du denkst und sprichst dann vielleicht von dir als von jemandem, der an dieser oder jener
Krankheit oder Behinderung leidet. Ärzte und andere widmen dir viel Aufmerksamkeit und bestätigen dir
so dauernd deine eingebildete Identität als Leidender und Patient. Dann klammerst du dich unbewusst
an die Krankheit, weil sie zum wichtigsten Teil dessen geworden ist, wofür du dich hältst. Sie ist zu einer
weiteren Gedankenform geworden, mit der sich das Ego identifizieren kann. Sobald das Ego eine
Identität gefunden hat, will es nicht mehr davon ablassen. Erstaunlicherweise löst das Ego auf der
Suche nach einer stärkeren Identität selbst relativ oft Krankheiten aus, um dadurch Kraft zu gewinnen.
Den inneren Körper fühlen
Zwar ist die Identifikation mit dem Körper eine der Grundformen des Ego, aber das Gute daran ist, dass
du über diese Form am leichtesten hinausgehen kannst. Das erreichst du nicht, indem du dich davon
überzeugst, dass du nicht dein Körper bist, sondern indem du deine Aufmerksamkeit von der äußeren
Form deines Körpers und den Gedanken über deinen Körper - schön, hässlich, stark, schwach, zu dick,
zu dünn - abziehst und sie stattdessen dem Gefühl der inneren Lebendigkeit widmest. Egal, wie dein
Körper nach außen hin auch erscheinen mag, jenseits der äußeren Form befindet sich ein ungemein
lebendiges Energiefeld.
Falls dir das innere Körperbewusstsein nicht vertraut ist, schließ bitte für einen Augenblick die Augen
und finde heraus, ob im Innern deiner Hände Leben ist. Frag dich das nicht in Gedanken; dann sagt dein
Verstand nur: »Ich kann nichts spüren.« Oder er sagt: »Gib mir etwas Interessanteres zum Denken.«
Statt dich also im Geiste zu fragen, gehst du direkt in die Hände. Damit meine ich, dass du dir das feine
Gefühl von Lebendigkeit in ihnen vergegenwärtigst. Es ist da. Du musst dich nur darauf konzentrieren,
um es zu bemerken. Zuerst spürst du vielleicht nur ein leichtes Kribbeln und dann so etwas wie Energie
oder Lebendigkeit. Wenn du deine Aufmerksamkeit eine Zeit lang in deinen Händen festhältst, verstärkt
sich das Gefühl von Lebendigkeit noch. Manche Leute brauchen dazu nicht einmal die Augen zu
schließen. Sie spüren ihre »inneren Hände« schon, während sie diese Zeilen lesen. Geh nun zu deinen
Füßen über und verweile mit deiner Aufmerksamkeit etwa eine Minute dort, um dann Hände und Füße
gleichzeitig zu spüren. Nimm allmählich weitere Körperteile - Beine, Arme, Unterleib, Oberkörper usw. - in
dieses Fühlen auf, bis du den inneren Körper als umfassendes Gefühl der Lebendigkeit wahrnimmst.
Was ich den »inneren Körper« nenne, ist eigentlich gar kein Körper mehr, sondern Lebensenergie, die
Brücke zwischen der Form und dem Formlosen. Mach es dir zur Gewohnheit, den inneren Körper so oft
wie möglich zu fühlen. Nach einiger Zeit brauchst du nicht einmal mehr die Augen zu schließen, um ihn
zu spüren. Versuch zum Beispiel, ob du deinen inneren Körper spüren kannst, während du jemandem
zuhörst. Es klingt fast wie ein Paradox: Wenn du mit dem inneren Körper in Berührung bist, identifizierst
du dich nicht mehr mit deinem Körper und ebenso wenig mit deinem Denken. Das heißt, du identifizierst
dich nicht länger mit Form, sondern bewegst dich von der Identifikation mit Form zur Formlosigkeit, die
wir auch Sein nennen können. Das ist deine wahre Identität. Das Körperbewusstsein verankert dich
nicht nur im gegenwärtigen Augenblick, es ist auch ein Weg aus dem Ego-Gefängnis heraus. Außerdem
stärkt es das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte des Körpers.
Das Vergessen des Seins
Das Ego ist immer Identifikation mit Form, eine Selbstsuche, bei der man das Selbst an irgendeine Form
verliert. Formen sind nicht nur materielle Gegenstände und physische Körper. Wirksamer als die
äußeren Formen - Dinge und Körper - sind die Gedankenformen, die kontinuierlich im Feld des
Bewusstseins aufsteigen. Das sind Energieformationen, die zwar feiner und weniger dicht als physische
Materie, aber dennoch Formen sind. Was du möglicherweise als Stimme in deinem Kopf wahrnimmst, die
nie zu reden aufhört, ist der Strom unablässigen, zwanghaften Denkens. Wenn jeder Gedanke deine
Aufmerksamkeit voll und ganz fesselt, wenn du dich so stark mit der Stimme in deinem Kopf und mit den
Emotionen, die sie begleiten, identifizierst, dass du dich in jeden Gedanken und jede Empfindung
verlierst, bist du vollkommen mit Form identifiziert, und dann hat dich das Ego fest im Griff. Das Ego ist
eine Zusammenballung sich ständig wiederholender Gedankenformen und konditionierter mental-
emotionaler Muster, denen ein Ichgefühl unterlegt wird, ein Selbstgefühl. Das Ego entsteht, wenn du
dein Gefühl des Seins, des »Ich bin«, das formloses Bewusstsein ist, mit Form verwechselst. Das
bedeutet Identifikation. Das heißt, das Sein zu vergessen, und ist der Urfehler, die Illusion eines
absoluten Getrenntseins, durch die sich die Wirklichkeit in einen Alptraum verwandelt.
Von Descartes’ Irrtum zur Einsicht Sartres
Descartes, der Philosoph des 17. Jahrhunderts, der als Begründer der modernen Philosophie gilt, hat
diesem Urfehler mit seinem berühmten Satz (den er als höchste Wahrheit ansah) »Ich denke, also bin
ich« Ausdruck verliehen. Das war die Antwort, die er auf die Frage fand: »Gibt es etwas, das ich mit
absoluter Gewissheit wissen kann?« Ihm wurde klar, dass eins über jeden Zweifel erhaben war: dass er
ständig dachte, und so setzte er das Denken mit dem Sein gleich, das heißt, seine Identität - ich bin - mit
dem Sein. Statt der höchsten Wahrheit hatte er, ohne es zu wissen, die Wurzel des Ego gefunden.
Es dauerte fast 300 Jahre, bis erneut ein berühmter Philosoph in diesem Satz etwas erkannte, was
Descartes und alle anderen übersehen hatten. Das war Jean-Paul Sartre. Er ging Descartes’
Feststellung »Ich denke, also bin ich« auf den Grund und kam zu der jähen Erkenntnis: »Das
Bewusstsein, das ›ich bin‹ sagt, ist nicht das Bewusstsein, das denkt.« Was meinte er damit? Wenn uns
bewusst ist, dass wir denken, ist dieses Bewusstsein nicht Teil des Denkens. Vielmehr handelt es sich
um eine andere Dimension des Bewusstseins. Und es ist dieses Bewusstsein, das sagt: »Ich bin.« Wenn
nur das Denken da wäre, würdest du nicht einmal wissen, dass du denkst. Du wärst wie der Träumer,
der nicht weiß, dass er träumt. Du würdest dich mit jedem Gedanken identifizieren, ebenso wie sich der
Träumer mit jedem Traumbild identifiziert. Viele Menschen leben ja auch wie Schlafwandler, gefangen in
alten gestörten Denkgewohnheiten, die ständig die gleiche alptraumartige Wirklichkeit wiedererschaffen.
Wenn du weißt, dass du träumst, bist du im Traum wach. Dann ist eine andere Bewusstseinsdimension
im Spiel.
Sartres Einsicht ist von tief greifender Bedeutung, doch er selbst identifizierte sich noch zu sehr mit
seinem Denken, um die volle Tragweite seiner Erkenntnis zu überblicken: eine heraufziehende neue
Dimension des Bewusstseins.
Der Friede, der höher ist als alle Vernunft
Es gibt viele Berichte von Menschen, die diese Geburt einer neuen Bewusstseinsdimension erlebt
haben, meist infolge eines tragischen Verlusts irgendwann in ihrem Leben. Sie haben vielleicht ihr Hab
und Gut, ihre Kinder oder Partner, ihre gesellschaftliche Stellung, ihren Ruf oder ihre körperliche
Gesundheit verloren. Manchmal haben sie durch eine Katastrophe oder Krieg alles auf einmal verloren
und standen vor dem »Nichts«. Das können wir eine Grenzsituation nennen. Womit sie sich auch
identifiziert hatten und was immer ihnen ein Selbstgefühl vermittelt hatte, war ihnen genommen worden.
Und dann wich die Qual oder tiefe Furcht, die sie anfangs empfunden hatten, urplötzlich und auf
unerklärliche Weise einem heiligen Gefühl von Gegenwärtigkeit, von tiefem Frieden und Gelassenheit,
von vollkommener Angstfreiheit. Dieses Phänomen muss auch dem Apostel Paulus bekannt gewesen
sein, als er vom »Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft« sprach.3 Es ist wirklich ein Friede, der
nicht zu begreifen ist, und wer ihn erfahren hat, fragt sich oft: »Wie kann es sein, dass ich in dieser
Situation einen solchen Frieden empfinde?«
Die Antwort ist einfach, sobald man einmal erkannt hat, was das Ego ist und wie es funktioniert. Wenn
Formen, mit denen wir uns identifiziert haben, aus denen wir unser Selbstgefühl bezogen haben,
zerfallen oder uns genommen werden, kann es dazu führen, dass auch unser Ego zerfällt, denn das Ego
ist die Identifikation mit Form. Wenn nichts mehr da ist, womit wir uns identifizieren können, wer sind wir
dann? Wenn die Formen um uns herum sterben oder der Tod naht, wird unser Seinsgefühl, unser »Ich-
bin«, von seiner Verquickung mit der Form befreit: Der Geist wird aus seiner Gefangenschaft in der
Materie erlöst. Uns wird bewusst, dass unsere wahre Identität das Formlose ist, die alles durchdringende
Präsenz, das Sein, das allen Formen und allen Identifikationen vorausgeht. Wir erkennen unsere wahre
Identität als reines Bewusstsein und nicht als etwas, mit dem sich das Bewusstsein identifiziert hat. Das
ist der Friede Gottes. Die letzte Wahrheit dessen, wer wir sind, lautet nicht: »Ich bin dies« oder: »Ich bin
das«, sondern: »Ich bin.«
Nicht jeder, der einen schweren Verlust erleidet, erlebt dieses Erwachen, diese Loslösung von der
Identifikation mit Form. Manche flüchten sich sofort in ein starkes mentales Bild oder eine
Gedankenform, worin sie sich selbst als Opfer der Umstände, anderer Menschen, eines ungerechten
Schicksals oder Gottes sehen. Mit diesem Denkmuster und den Empfindungen, die es erzeugt - Wut,
Groll, Selbstmitleid usw. - identifizieren sie sich stark, sodass es schnell an die Stelle der früheren
Identifikationen tritt, die durch den Verlust wegfallen. Mit anderen Worten: Das Ego findet schnell eine
neue Form. Dass diese neue Form eine zutiefst unglückliche Wahl ist, kümmert das Ego nicht weiter,
solange es nur eine Identität hat, sei sie gut oder schlecht. Das neue Ego ist im Allgemeinen sogar noch
verkrampfter, noch starrer und unangreifbarer als das alte.
Wenn du von einem schweren Verlust betroffen bist, wehrst du dich dagegen, oder du fügst dich.
Manche Menschen werden dann bitter oder sind voller Groll, während andere Mitgefühl, Weisheit und
Liebe entwickeln. Sich fügen heißt, das, was ist, innerlich anzunehmen. Du bist offen für das Leben.
Widerstand ist ein inneres Sich-Verkrampfen, durch ihn wird die Schale des Ego noch härter. Du bist
verschlossen. Was immer du aus diesem inneren Widerstand (den wir auch Negativität nennen) heraus
tust, schafft außen noch mehr Widerstand, und dann ist das Universum nicht auf deiner Seite und das
Leben keine Hilfe für dich. Wenn die Fensterläden zu sind, kann kein Licht eindringen. Wenn du dich
hingegen innerlich fügst, wenn du dich ergibst, eröffnet sich eine neue Bewusstseinsdimension. Sollte
Handeln angesagt oder nötig sein, geschieht es im Einklang mit dem Ganzen und getragen von
schöpferischer Intelligenz, von jenem unkonditionierten Bewusstsein, mit dem du im Zustand innerer
Offenheit eins wirst. Dann sind die Umstände und Mitmenschen kooperativ und helfen dir weiter.
Koinzidenzen ergeben sich. Wenn nichts getan werden kann, ruhst du in dem Frieden und der inneren
Stille, die mit der Unterwerfung einhergehen. Du ruhst in Gott.
3

Der Kern des Ego

Die meisten Menschen identifizieren sich so stark mit der Stimme in ihrem Kopf - dem unablässigen
Strom unfreiwilliger, zwanghafter Gedanken und den damit einhergehenden Emotionen -, dass wir sie als
vom Denken besessen bezeichnen können. Solange du dir dessen absolut nicht bewusst bist, hältst du
den Denker für den, der du bist. Das ist der Egogeist. Wir nennen ihn so, weil jedem Gedanken ein
Gefühl von Ich (Ego) innewohnt - jeder Erinnerung, jeder Interpretation und Meinung, jedem Standpunkt,
jeder Reaktion und jeder Empfindung. Das ist aus spiritueller Sicht die Unbewusstheit. Dein Denken, der
Inhalt deines Geistes, ist natürlich durch deine Vergangenheit konditioniert: durch deinen familiären
Hintergrund, deine Erziehung, deine Kultur usw. Den innersten Kern deiner Geistestätigkeit bilden ganz
bestimmte hartnäckige Gedanken, Emotionen und Reaktionsmuster, die sich immer wiederholen und mit
denen du dich am stärksten identifizierst. Dieser Kern ist das eigentliche Ego.
Meistens ist es das Ego, das aus dir spricht, wenn du »ich« sagst, und nicht du selbst, wie wir
gesehen haben. Es setzt sich aus Gedanken und Emotionen zusammen, aus einem Bündel von
Erinnerungen, mit denen du dich als »ich und meine Geschichte« identifizierst, aus Rollen, die du
gewohnheitsmäßig spielst, ohne es zu wissen, und aus kollektiven Identifikationen wie Nationalität,
Religion, Rasse, Gesellschaftsschicht oder politische Parteien. Es besteht darüber hinaus aus
persönlichen Identifikationen, nicht nur mit Besitztümern, sondern auch mit Meinungen, äußerer
Erscheinung, lang gehegten Abneigungen und Vorstellungen von dir selbst als anderen über- oder
unterlegen, als Erfolgsmensch oder Versager.
Der Inhalt des Ego ist von Mensch zu Mensch verschieden, aber in jedem Ego ist die gleiche Struktur
erkennbar. Mit anderen Worten: Egos unterscheiden sich nur oberflächlich voneinander. Im tiefsten
Innern sind sie alle gleich. Worin besteht diese Gleichheit? Sie leben von Identifikation und Trennung.
Wenn du als mental produziertes Selbst lebst, das aus Gedanken und Emotionen, eben dem Ego,
besteht, ist das Fundament deiner Identität gefährdet, denn Denken und Emotion sind ihrem Wesen
nach flüchtig und vergänglich. Jedes Ego kämpft also fortwährend ums Überleben, es versucht sich zu
schützen und größer zu werden. Um den Ich-Gedanken aufrechterhalten zu können, braucht es den
Gegengedanken, »den Anderen«. Was als »Ich« begriffen wird, ist ohne den Begriff des »Anderen« nicht
lebensfähig. Total anders sind andere, wenn ich sie als Feinde betrachte. An einem Ende der Skala
dieser unbewussten Egomuster liegt die zwanghafte Egogewohnheit, sich über andere zu beklagen und
Fehler an ihnen zu finden. Darauf bezog sich Jesus, als er sagte: »Was siehst du aber den Splitter in
deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?«4 Am anderen Ende der
Skala liegen die physische Gewalt Einzelner und die Kriege ganzer Völker. In der Bibel bleibt Jesu Frage
unbeantwortet, aber die Antwort lautet natürlich: Wenn ich jemand anderen kritisiere oder verurteile,
fühle ich mich ihm überlegen und bedeutender.
Sich beklagen und sich ärgern
Sich beklagen ist eine der Lieblingsstrategien des Ego, um sich selbst zu bestärken. Jede Klage ist eine
kleine Geschichte, die der Verstand erfindet und die du rückhaltlos glaubst. Es ist kein Unterschied, ob
du dich laut beklagst oder nur in Gedanken. Manche Egos, die sonst vielleicht nicht viel haben, womit sie
sich identifizieren könnten, leben einfach vom Klagen. Wenn dich ein solches Ego im Griff hat, wird das
Klagen, besonders über andere Leute, zur Gewohnheit - natürlich unbewusst, das heißt, du weißt nicht,
was du tust. Seine Mitmenschen mental mit negativen Etiketten zu versehen, entweder in der
unmittelbaren Begegnung oder, wie es häufiger vorkommt, indem man mit anderen über sie spricht oder
auch nur an sie denkt, ist meist Teil dieses Musters. Schimpfnamen sind die übelste Form einer solchen
Etikettierung und des Ego-Bedürfnisses, Recht zu behalten und über andere zu triumphieren:
»Dummkopf, Mistkerl, Schlampe«, das alles sind Beurteilungen, an denen man nicht rütteln darf. Auf der
nächsttieferen Stufe der Unbewusstheit wird geschimpft und geschrien, und noch ein bisschen tiefer
kommt es zur physischen Gewaltanwendung.
Die Empfindung, die mit dem Klagen und der Etikettierung anderer einhergeht und die dem Ego noch
mehr Energie zuführt, ist der Ärger. Ärger bedeutet, erbost, entrüstet, gekränkt oder verletzt zu sein. Du
ärgerst dich über die Gier, die Unehrlichkeit oder die Unanständigkeit anderer, über das, was sie tun,
was sie getan oder nicht getan haben, was sie gesagt haben, was sie hätten tun oder lassen sollen. Das
mag das Ego. Statt über die Unbewusstheit anderer hinwegzusehen, machst du sie zu deren Identität.
Wer tut das? Die Unbewusstheit in dir selbst, das Ego. Manchmal existiert der »Makel«, den du bei
anderen wahrnimmst, gar nicht. Er ist bloß eine totale Fehlinterpretation deinerseits, die Projektion eines
Denkens, das so konditioniert ist, dass es Gegner sieht, damit du dich ins Recht setzen oder überlegen
fühlen kannst. Bisweilen mag tatsächlich ein Fehler vorhanden sein, aber wenn du dich darauf
konzentrierst und vielleicht sogar für nichts anderes mehr Augen hast, verstärkst du ihn nur. Und auf was
du bei anderen reagierst, stärkst du in dir selbst.
Nicht auf das Ego anderer zu reagieren ist eines der besten Mittel, um zum einen über das Ego in dir
selbst hinauszugehen, und zum anderen das kollektive menschliche Ego aufzulösen. Den Zustand des
Nichtreagierens erreichst du jedoch nur, wenn du das Verhalten einer anderen Person als egobezogen
erkennst, als Ausdruck der kollektiven Gestörtheit des Menschen. Wenn du erkennst, dass es nichts
Persönliches ist, entfällt auch der Zwang, darauf zu reagieren, als ob es etwas Persönliches wäre.
Dadurch, dass du nicht auf das Ego reagierst, kannst du anderen zu geistiger Gesundheit verhelfen, zu
unkonditionierter Bewusstheit, die dem konditionierten Denken entgegengesetzt ist. Ab und zu musst du
vielleicht praktische Schritte unternehmen, um dich vor zutiefst unbewussten Leuten zu schützen. Das
kannst du aber tun, ohne sie dir zu Feinden zu machen. Dein größter Schutz ist allerdings die
Bewusstheit. Jemand wird dein Feind, wenn du das Unbewusste, also das Ego, personalisierst. Nicht zu
reagieren ist keine Schwäche, sondern Stärke. Ein anderes Wort für Nichtreagieren ist Vergebung.
Vergeben heißt, über etwas hinwegzusehen oder vielmehr durch es hindurchzuschauen. Du schaust
durch das Ego hindurch auf die geistige Gesundheit, die das Wesen eines jeden Menschen bildet.
Das Ego beklagt sich gern und reagiert mit Ärger nicht nur auf andere Menschen, sondern auch auf
Situationen. Was du mit einer Person anstellen kannst, gelingt dir auch mit einer Situation: Du kannst sie
dir zum Feind machen. Der Grundtenor ist immer der Gleiche: Das dürfte eigentlich gar nicht passieren;
ich will nicht hier sein; ich möchte das nicht tun; ich werde ungerecht behandelt. Und der größte Feind
des Ego ist natürlich der gegenwärtige Augenblick, also das Leben selbst.
Sich zu beklagen ist etwas anderes, als jemanden auf einen Fehler oder Makel aufmerksam zu
machen, der berichtigt werden kann. Und nicht zu klagen heißt nicht unbedingt, sich mit einer schlechten
Qualität oder schlechtem Benehmen zufrieden zu geben. Es ist nichts Egoistisches daran, einem Kellner
zu sagen, dass die Suppe kalt ist und aufgewärmt werden muss - sofern du dich an die Fakten hältst, die
immer neutral sind. »Wie können Sie es wagen, mir kalte Suppe zu servieren!«, ist eine Beschwerde.
Hier ist ein »Ich« im Spiel, das die kalte Suppe nur zu gern als persönliche Beleidigung betrachtet und
einen großen Wirbel darum macht, ein »Ich«, das seine Freude daran hat, jemanden ins Unrecht zu
setzen. Das Klagen, von dem wir hier sprechen, dient nicht der Veränderung, sondern dem Ego.
Manchmal wird es recht deutlich, dass das Ego sich im Grunde nicht verändern möchte, damit es sich
weiter beschweren kann.
Probier einmal, die Stimme im Kopf in dem Augenblick zu erwischen bzw. wahrzunehmen, in dem sie
sich über etwas beklagt, und sie als das zu erkennen, was sie ist: die Stimme des Ego, nichts weiter als
ein konditioniertes Denkmuster, ein Gedanke. Wann immer du diese Stimme wahrnimmst, wird dir auch
aufgehen, dass du nicht die Stimme bist, sondern derjenige, der sich ihrer bewusst ist. Tatsächlich bist
du die Bewusstheit, die sich der Stimme bewusst ist. Im Hintergrund ist Bewusstheit. Im Vordergrund ist
die Stimme, der Denker. Auf diese Weise befreist du dich allmählich vom Ego, vom unbeobachteten
Denken. In dem Moment, in dem du dir des Ego in dir bewusst wirst, ist es genau genommen gar kein
Ego mehr, sondern nur ein altes, konditioniertes Denkmuster. Das Ego speist sich aus Unbewusstheit.
Bewusstheit und Ego schließen sich gegenseitig aus. Das alte Denkmuster, die geistige Gewohnheit,
mag noch eine Weile bestehen bleiben und ab und zu wiederkehren, weil es die Schubkraft
jahrtausendelanger kollektiver menschlicher Unbewusstheit im Nacken hat, aber jedes Mal, wenn dies
erkannt wird, wird es ein wenig schwächer.
Grimm und Groll
Klagen ist zwar oft mit der Empfindung der Verärgerung verbunden, aber es kann auch von stärkeren
Emotionen wie Wut und anderen Formen des Aufgebrachtseins begleitet werden. So lädt es sich
energetisch stärker auf. Dann verwandelt es sich in Grimm, der ebenfalls wieder der Selbststärkung des
Ego dient. Viele warten immer nur auf etwas, das eine negative Reaktion bei ihnen herausfordert, sie
stört und ärgert, und es dauert selten lange, bis es so weit ist. »Das ist eine Schande«, sagen sie, »wie
kann man bloß …« »Das ärgert mich.« Sie sind ebenso süchtig danach, sich aufzuregen und zu ärgern,
wie andere nach Rauschdrogen. Indem sie negativ auf dies und das reagieren, bringen sie ihr Ichgefühl
zum Ausdruck und stärken es.
Lang anhaltender Ärger wird als Groll bezeichnet. Einen Groll zu hegen heißt, ständig »gegen« etwas
zu sein, und daher hat das Grollen bei vielen Menschen einen bedeutenden Anteil am Ego. Kollektiver
Groll kann jahrhundertelang in der Psyche eines Volkes oder Stammes überdauern und einen nie
endenden Kreislauf der Gewalt nähren.
Groll ist eine starke negative Empfindung, die mit einem manchmal weit zurückliegenden Ereignis aus
der Vergangenheit verknüpft ist und die durch zwanghaftes Denken daran, »was jemand mir angetan
hat« oder »was jemand uns angetan hat«, also durch ständiges Wiederabspulen einer Geschichte im
Kopf, am Leben erhalten wird. Groll hat auch schädliche Auswirkungen auf andere Lebensbereiche.
Wenn du zum Beispiel gerade Groll empfindest und daran denkst, kann diese negative emotionale
Energie deine Wahrnehmung von einem Ereignis, das im Moment geschieht, verzerren oder die Art und
Weise beeinflussen, wie du mit jemandem sprichst oder umgehst. Groll aus einem einzigen Grund
genügt, um große Teile deines Lebens zu vergiften und dafür zu sorgen, dass dich das Ego fest im Griff
hat.
Du musst ehrlich sein, um erkennen zu können, ob du einen alten Groll hegst, ob du irgendjemandem
in deinem Leben, einem »Feind«, noch immer nicht ganz vergeben hast. Wenn du ans Werk gehst,
musst du dir den Groll sowohl auf der mentalen als auch auf der emotionalen Ebene bewusst machen;
achte deshalb auf die Gedanken, die ihn nähren, und spüre den Empfindungen nach, mit denen der
Körper auf diese Gedanken reagiert. Versuch nicht, vom Grollen abzulassen. Der Versuch, davon
loszukommen und zu vergeben, bringt nichts. Vergebung geschieht ganz von selbst, sobald du einsiehst,
dass das Grollen keinen anderen Zweck hat, als ein falsches Selbstgefühl zu stärken und dem Ego zu
dienen. Diese Einsicht ist befreiend. Wenn Jesus sagt: »Liebet eure Feinde«, geht es im Wesentlichen
um die Auflösung einer der Haupt-Egostrukturen im menschlichen Geist.
Die Vergangenheit hat keine Macht über dich, sie kann dich nicht davon abhalten, jetzt präsent zu
sein. Und was ist Groll denn schon? Eine Altlast von Gedanken und Emotionen.
Recht haben, ins Unrecht setzen
Klagen, Nörgeln und Grollen stärken beim Ego das Gefühl von Begrenztheit und Getrenntheit, von dem
sein Überleben abhängt. Aber sie stärken das Ego auch auf andere Weise, nämlich indem sie ihm ein
Gefühl der Überlegenheit vermitteln, das ihm gut tut. Es mag nicht gleich verständlich sein, inwiefern das
Klagen beispielsweise über einen Verkehrsstau, über irgendwelche Politiker, über die »gierigen
Reichen« oder die »faulen Arbeitslosen«, über Kollegen oder den Ex-Ehepartner, sei es Mann oder Frau,
ein Gefühl der Überlegenheit hervorrufen kann. Hier der Grund: Wenn du dich beklagst, gehst du davon
aus, dass du im Recht bist, während die andere Person oder die Situation, die du beklagst oder auf die
du negativ reagierst, im Unrecht ist oder zu Unrecht besteht.
Nichts stärkt das Ego mehr als Rechthaberei. Im Recht sein zu wollen bedeutet, sich mit einer
Geisteshaltung zu identifizieren - einer Ansicht, einer Meinung, einem Urteil, einer Geschichte. Damit du
Recht haben kannst, muss natürlich jemand anders im Unrecht sein, und deshalb setzt das Ego gern ins
Unrecht, damit es selbst Recht behält. Mit anderen Worten: Du musst andere ins Unrecht setzen, um
stärker zu fühlen, wer du bist. Nicht nur ein Mensch, auch eine Situation kann durch Grollen und Klagen
in ein schlechtes Licht gebracht werden, da damit immer angedeutet wird: »Das dürfte gar nicht so sein.«
Rechthaben verhilft dir zu einer Position moralischer Überlegenheit dem anderen Menschen oder der
Situation gegenüber, die du für unzureichend befindest und kritisierst. Dieses Überlegenheitsgefühl
braucht das Ego unbedingt, dadurch erfährt es eine Wertsteigerung.
Die Verteidigung einer Illusion
Ohne Zweifel gibt es auch Tatsachen. Wenn du sagst: »Licht bewegt sich schneller fort als Schall« und
jemand behauptet das Gegenteil, hast du natürlich Recht und er hat Unrecht. Das wird schon durch die
einfache Beobachtung bestätigt, dass der Blitz dem Donnerschlag vorausgeht. Du hast also nicht nur
Recht, du weißt auch, dass du Recht hast. Ist hier das Ego im Spiel? Möglicherweise, aber nicht
unbedingt. Wenn du nur der Wahrheit entsprechend wiedergibst, was du weißt, ist das Ego keinesfalls
daran beteiligt, denn es findet keine Identifikation statt. Identifikation womit? Mit dem Denken, mit einer
Geisteshaltung. Eine solche Identifikation kann sich allerdings leicht einschleichen. Wenn du dich dabei
ertappst, wie du sagst: »Glaub mir, ich weiß es« oder: »Warum glaubst du mir eigentlich nie?«, hat das
Ego bereits die Hand im Spiel. Es versteckt sich in dem Wörtchen »mir«. Die schlichte Feststellung
»Licht ist schneller als Schall« stimmt zwar nach wie vor, aber jetzt wird sie im Dienst der Illusion, des
Ego, geäußert. Sie ist jetzt mit einem falschen Ichgefühl infiziert, personalisiert und in eine mentale
Haltung verkehrt worden. Das Ich fühlt sich herabgesetzt oder ist beleidigt, weil jemand nicht glauben
will, was es sagt.
Das Ego nimmt alles persönlich. Emotionen steigen auf, es kommt zu einer Abwehrhaltung oder sogar
zu Aggressivität. Verteidigst du die Wahrheit? Nein, die Wahrheit braucht absolut keine Verteidigung.
Licht und Schall kümmert es nicht im Mindesten, was du oder andere denken. Du verteidigst nur dich
selbst oder vielmehr dein illusionäres Selbstbild, dieses erdachte Ersatz-Selbst. Exakter wäre es zu
sagen, dass die Illusion sich selbst verteidigt. Wenn es sogar im Bereich einfacher, eindeutiger Fakten zu
so egohafter Verzerrung und Täuschung kommen kann, umso mehr im viel abstrakteren Reich der
Meinungen, Standpunkte und Urteile - alles Gedankenformen, denen leicht ein Ichgefühl
untergeschoben werden kann.
Jedes Ego verwechselt Meinungen und Standpunkte mit Tatsachen. Außerdem kann es nicht
zwischen einem Ereignis und seiner eigenen Reaktion auf das Ereignis unterscheiden. Jedes Ego ist ein
Meister selektiver Wahrnehmung und verzerrter Interpretation. Nur durch Bewusstheit - nicht durch
Denken - kannst du zwischen Tatsache und Meinung unterscheiden. Nur durch Bewusstheit kannst du
erkennen: Da ist die Situation und hier meine Wut darüber, und dir klar machen, dass es andere
Möglichkeiten gibt, mit der Situation umzugehen, andere Betrachtungs- und Handlungsweisen. Nur
durch Bewusstheit kannst du die betreffende Situation oder Person in ihrer Totalität sehen statt aus einer
eingeschränkten Perspektive.
Die Wahrheit: relativ oder absolut?
Einmal abgesehen vom Bereich der einfachen, beweisbaren Tatsachen ist die Gewissheit, dass »ich
Recht habe und du Unrecht«, nicht nur in persönlichen Beziehungen gefährlich, sondern auch in den
Interaktionen von Nationen, Volksstämmen, Religionen usw.
Aber wenn die Überzeugung »ich habe Recht und du Unrecht« eine der Arten ist, durch die das Ego
Kraft gewinnt, wenn dieses Rechthaben und Ins-Unrecht-Setzen eine mentale Störung ist, die den
Konflikt und die Kluft zwischen den Menschen vertieft, ist damit etwa gesagt, dass es gar kein rechtes
oder falsches Verhalten und Handeln und keine rechte oder falsche Überzeugung gibt? Wäre das nicht
der moralische Relativismus, den manche christlichen Lehren von heute für das große Übel unserer Zeit
halten?
Die Geschichte der Christenheit ist sicher ein Paradebeispiel dafür, wie die Überzeugung, allein im
Besitz der Wahrheit zu sein, also Recht zu haben, das Handeln und Verhalten bis zum Irrsinn
korrumpieren kann. Jahrhundertelang galt es als rechtens, Menschen zu foltern und bei lebendigem
Leibe zu verbrennen, sobald ihre Auffassung auch nur geringfügig von der Kirchendoktrin oder der
engen Auslegung der Schriften (der »Wahrheit«) abwich, weil die Opfer angeblich »im Unrecht« waren.
So groß war ihr Unrecht, dass sie getötet werden mussten. Die »Wahrheit« wurde wichtiger genommen
als ein Menschenleben. Und was war die Wahrheit? Eine Geschichte, an die man glauben musste, das
heißt, ein Haufen Gedanken.
Zu der einen Million Menschen, die der wahnsinnige kambodschanische Diktator Pol Pot ermorden
ließ, gehörten unter anderem alle Brillenträger. Warum? Für ihn war die marxistische Auslegung der
Geschichte die absolute Wahrheit, und nach seiner Version dieser Wahrheit gehörten Brillenträger zur
gebildeten Klasse, zur Bourgeoisie und damit zu den Ausbeutern der Bauern. Sie mussten eliminiert
werden, um für eine neue Gesellschaftsordnung Platz zu machen. Auch seine Wahrheit war nichts als ein
Haufen Gedanken.
Die katholische und andere Kirchen haben im Grunde Recht, wenn sie den Relativismus, also die
Überzeugung, dass es keine absolute Wahrheit gibt, von der sich der Mensch in seinem Verhalten leiten
lassen könnte, für eines der Übel unserer Zeit halten; aber man findet keine absolute Wahrheit, wenn
man sie dort sucht, wo sie nicht zu finden ist: in Dogmen, Ideologien, Regelsätzen oder Geschichten.
Was haben diese alle gemeinsam? Sie sind samt und sonders erdacht. Gedanken können jedoch
bestenfalls auf die Wahrheit hindeuten, aber nie die Wahrheit sein. Darum sagen die Buddhisten: »Der
Finger, der zum Mond zeigt, ist nicht der Mond.« Alle Religionen sind gleichermaßen wahr und
gleichermaßen unwahr, je nach dem Gebrauch, den man von ihnen macht. Du kannst sie in den Dienst
des Ego stellen oder in den Dienst der Wahrheit. Wenn du glaubst, nur deine eigene Religion sei die
Wahrheit, stellst du sie in den Dienst des Ego. Auf diese Weise wird Religion zur Ideologie, erzeugt ein
falsches Gefühl der Überlegenheit und führt zu Spaltung und Streit unter den Menschen. Im Dienst der
Wahrheit jedoch sind religiöse Lehren so etwas wie Wegweiser und Landkarten, die erwachte Menschen
zurücklassen, um uns zum spirituellen Erwachen zu verhelfen, das uns von der Identifikation mit der
Form befreit.
Es gibt nur eine absolute Wahrheit, von der alle anderen Wahrheiten ausgehen. Wenn du diese
Wahrheit findest, wirst du auch in Übereinstimmung mit ihr handeln. Menschliches Handeln kann die
Wahrheit widerspiegeln oder die Illusion. Lässt sich die Wahrheit in Worte fassen? Ja, aber die Worte
sind natürlich nicht selbst die Wahrheit. Sie weisen nur auf sie hin.
Die Wahrheit ist untrennbar mit dem verbunden, was du bist. Ja, du bist die Wahrheit. Wenn du sie
anderswo suchst, wirst du jedesmal getäuscht werden. Dein innerstes Wesen ist Wahrheit. Das
versuchte Jesus mitzuteilen, als er sagte: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.«5 Dieses
Wort Jesu ist, wenn es richtig verstanden wird, einer der kraftvollsten und unmittelbarsten Hinweise auf
die Wahrheit. Bei falscher Interpretation hingegen wird es zu einem großen Hindernis. Jesus spricht vom
innersten »Ich-bin«, von der Wesensidentität aller Menschen und letztlich aller Lebensformen überhaupt.
Er spricht von dem Leben, das wir sind. Einige christliche Mystiker haben es den »inneren Christus«
genannt; die Buddhisten nennen es »Buddhanatur« und die Hindus »Atman«, den uns innewohnenden
Gott. Wenn du mit dieser Dimension in dir selbst in Berührung bist - und mit ihr in Berührung zu sein ist
nicht etwa eine erstaunliche Leistung, sondern dein natürlicher Zustand -, spiegeln all deine Handlungen
und Beziehungen die Einheit mit allem Leben wider, die du tief innerlich spürst. Das ist Liebe. Gesetze,
Gebote, Regeln und Verordnungen sind für diejenigen notwendig, die von sich selbst, von der Wahrheit
im eigenen Innern, abgeschnitten sind. Sie verhindern die schlimmsten Exzesse des Ego, aber
manchmal nicht einmal das. »Liebe und tue, was du willst«, hat der heilige Augustinus gesagt. Näher an
die Wahrheit heran können Worte kaum kommen.
Das Ego ist nichts Persönliches
Auf der kollektiven Ebene ist das Denkmuster »wir haben Recht und die anderen haben Unrecht«
besonders tief in Weltgegenden eingewurzelt, in denen seit langem extreme endemische Konflikte
zwischen zwei Völkern, Rassen, Stämmen, Religionen oder Ideologien bestehen. Beide Seiten der
Konfliktparteien identifizieren sich gleichermaßen mit ihrer Perspektive und ihrer »Geschichte«, das
heißt: mit ihrem Denken. Beide sind gleichermaßen unfähig zu der Erkenntnis, dass es vielleicht auch
andere Perspektiven und andere Geschichten gibt, die ebenfalls Gültigkeit haben. Der israelische
Schriftsteller Y. Halevi spricht von der Möglichkeit eines »Geschichtenabgleichs«,6 aber in vielen Teilen
der Welt sind die Menschen entweder noch nicht dazu reif oder noch nicht dazu entschlossen. Beide
Seiten glauben im Besitz der Wahrheit zu sein. Beide betrachten sich als Opfer und den »anderen« als
den Bösen, und da sie sich einen bestimmten Begriff vom anderen machen und ihn so entmenschlichen
und zum Feind erklären, können sie ihm auf alle möglichen Arten Gewalt antun und ihn töten, ohne sein
Menschsein und Leid zu sehen, auch wenn es sich um ein Kind handelt. Sie sind in einer Irrsinnsspirale
von Tat und Vergeltung, Aktion und Reaktion gefangen.
Hier wird deutlich, dass das menschliche Ego in seinem kollektiven Aspekt als »wir gegen sie« noch
wahnsinniger ist als das Ich, das individuelle Ego, obwohl der Mechanismus der gleiche ist. Der weitaus
größte Teil der Gewalt, die Menschen einander antun, ist nicht das Werk von Verbrechern oder
Geisteskranken, sondern geht auf das Konto normaler, geachteter Bürger im Dienst des kollektiven Ego.
Man kann sogar so weit gehen, zu sagen, dass auf dieser Erde »normal« gleich wahnsinnig ist. Was ist
die Wurzel dieses Wahnsinns? Die vollkommene Identifikation mit dem Denken und Fühlen, dem Ego.
Noch immer beherrschen Gier, Selbstsucht, Ausbeutung, Grausamkeit und Gewalt diese Erde. Wenn
du sie nicht als individuelle und kollektive Manifestationen einer latent vorhandenen Störung oder
Geisteskrankheit erkennst, verfällst du in den Fehler, sie zu personalisieren. Dann gibst du einem
Einzelnen oder einer Gruppe eine begriffliche Identität und sagst: »So ist er. So sind sie.« Wenn du aber
das Ego, das du in anderen siehst, mit ihrer Identität verwechselst, ist es das Werk deines eigenen Ego,
das sich mit dieser Fehlinterpretation stärken will, indem es einerseits sich selbst ins Recht setzt und
sich dadurch überlegen fühlt und andererseits auf den angeblichen Feind mit Kritik, Entrüstung und
häufig auch Wut reagiert. Das alles ist für das Ego äußerst befriedigend. Es verstärkt das Gefühl des
Abgetrenntseins vom anderen, dessen »Anderssein« so ausgeweitet wurde, dass du das gemeinsame
Menschsein oder die Verwurzelung in dem einen Leben, das du dir mit allen Menschen teilst, die
Göttlichkeit aller, gar nicht mehr fühlen kannst.
Die Egomuster, auf die du bei anderen am stärksten reagierst und die du als deren Identität
wahrnimmst, sind die gleichen Muster, die auch in dir sind, nur dass du unfähig oder unwillens bist, sie in
dir selbst aufzuspüren. Was stört und ärgert dich denn bei anderen am meisten? Ihre Selbstsucht? Ihre
Gier? Ihr Hunger nach Macht und Kontrolle? Ihre Unaufrichtigkeit und Unehrlichkeit, ihr Hang zur Gewalt,
oder was sonst? Alles, was du anderen übel nimmst und worauf du heftig reagierst, ist auch in dir. Aber
es ist nichts weiter als eine Form des Ego und als solche völlig unpersönlich. Es hat weder etwas mit der
betreffenden Person zu tun noch mit dem, was du bist. Nur wenn du es mit dem verwechselst, was du
bist, kann die Beobachtung, dass es auch in dir ist, eine Bedrohung für dein Selbstgefühl sein.
Krieg ist eine Denkart
In bestimmten Fällen kann es angebracht sein, dich oder jemand anderen davor zu schützen, durch
jemanden zu Schaden zu kommen, aber hüte dich, daraus die Mission abzuleiten, »das Böse
auszurotten«, denn dann wirst du dich wahrscheinlich in genau das verwandeln, was du bekämpfst. Der
Kampf gegen die Unbewusstheit wird dich selbst in die Unbewusstheit ziehen. Unbewusstes, gestörtes
Egoverhalten lässt sich nicht durch einen Angriff besiegen. Selbst wenn du deinen Widersacher
besiegst, wird die Unbewusstheit auf dich übergreifen, oder der Gegner erhebt sich in anderer
Verkleidung erneut. Was immer du bekämpfst, das stärkst du, und wogegen du dich sträubst, das hat
Bestand.
Heutzutage hört man häufig die Formulierung »Kampf gegen« dies oder das, und immer, wenn ich das
höre, weiß ich, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Da ist der Kampf gegen Drogen, der Kampf gegen
das Verbrechen, der Kampf gegen den Terrorismus, der Kampf gegen den Krebs, der Kampf gegen die
Armut usw. Zum Beispiel haben Kriminalität und Drogendelikte trotz der Verbrechensund
Rauschgiftbekämpfung in den letzten 25 Jahren drastisch zugenommen. Die Zahl der in amerikanischen
Gefängnissen Inhaftierten ist von knapp 300 000 im Jahr 1980 auf Schwindel erregende 2,1 Millionen im
Jahr 2004 gestiegen.7 Der Kampf gegen Krankheiten hat uns unter anderem die Antibiotika beschert.
Zuerst waren sie ungeheuer erfolgreich und schienen uns in die Lage zu versetzen, den Krieg gegen
Infektionskrankheiten zu gewinnen. Jetzt sind viele Experten der Auffassung, dass durch den weltweiten,
wahllosen Gebrauch von Antibiotika eine Zeitbombe geschaffen wurde und dass antibiotikaresistente
Bakterienstämme, so genannte »Super Bugs«, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Wiederaufleben vieler
Krankheiten oder gar Epidemien begünstigen werden. Nach der Zeitschrift des amerikanischen
Ärzteverbands nehmen medikamentöse Behandlungen in den Vereinigten Staaten den dritten Platz unter
den Haupttodesursachen nach Herzinfarkt und Krebs ein. Homöopathie und chinesische Medizin sind
zwei Beispiele für mögliche alternative Ansätze, bei denen Krankheit nicht als Feind behandelt wird und
die daher keine neuen Krankheiten schaffen.
Krieg ist eine Denkart, und alle Aktionen, die einer solchen Geisteshaltung entspringen, stärken
entweder den Feind, das angebliche Übel, oder schaffen sich, wenn der Kampf gewonnen wird, neue
Feinde, ein neues Übel, das genauso schlimm und oft noch schlimmer als das besiegte ist. Es besteht
eine tief greifende Wechselbeziehung zwischen dem Bewusstseinsstand und der äußeren Wirklichkeit.
Wenn du »Krieg« im Kopf hast, wird deine Wahrnehmung entsprechend selektiv und verzerrt. Dann
siehst du nur noch, was du sehen willst, und legst es obendrein noch falsch aus. Du kannst dir
vorstellen, was für Handlungen ein solcher Wahn auslöst. Statt es dir vorzustellen, brauchst du eigentlich
nur heute Abend die Nachrichten im Fernsehen anzuschauen.
Erkenne das Ego als das, was es ist: eine kollektive Funktionsstörung, die Geistesgestörtheit des
Menschen. Wenn du das in ihm siehst, was es ist, nimmst du es nicht mehr fälschlich als Identität von
jemandem wahr. Sobald du das Ego als das siehst, was es ist, fällt es dir viel leichter, nicht darauf zu
reagieren. Du nimmst es nicht mehr persönlich. Dann ist es vorbei mit Klagen, Beschuldigungen,
Vorwürfen oder Ins-Unrecht-Setzen. Niemand ist im Unrecht. Es ist das Ego im anderen, sonst nichts.
Mitgefühl überkommt dich, wenn du erkennst, dass alle an der gleichen Geisteskrankheit leiden, nur
einige akuter als andere. Du gibst dem Drama, das Teil aller Egobeziehungen ist, nicht auch noch
Nahrung. Womit wird es genährt? Mit Klagen, Ärger und Groll. Dabei gedeiht das Ego.
Dramatik oder Frieden?
Du willst Frieden. Es gibt niemanden, der sich nicht Frieden wünscht. Aber irgendetwas in dir ist auf
Dramatik aus, auf Konflikt. Im Augenblick kannst du es vielleicht nicht fühlen. Wahrscheinlich bedarf es
einer bestimmten Situation oder auch nur eines Gedankens, um eine Gegenreaktion in dir auszulösen:
Jemand beschuldigt dich der einen oder anderen Sache, würdigt dich nicht angemessen, dringt in dein
Revier ein, zweifelt an deiner Handlungsweise oder streitet mit dir um Geld … Kannst du die gewaltige
Energiewelle spüren, die dich durchläuft, die Angst, die sich möglicherweise hinter der Maske aus Wut
oder Feindseligkeit verbirgt? Kannst du hören, wie deine Stimme hart und schrill oder manchmal auch
lauter und tiefer wird? Bist du dir bewusst, dass dein Verstand auf Hochtouren läuft, um seine Position zu
verteidigen, sich zu rechtfertigen, anzugreifen oder zu beschuldigen? Mit anderen Worten: Kannst du in
diesem Augenblick aus deiner Unbewusstheit erwachen? Kannst du spüren, dass etwas in dir auf Krieg
aus ist, etwas, das sich bedroht fühlt und das um jeden Preis überleben will, das die Dramatik liebt, weil
es in diesem Theaterstück seine Identität als Sieger behaupten kann? Merkst du, dass etwas in dir lieber
Recht behalten möchte, als im Frieden zu sein?
Jenseits des Ego - die wahre Identität
Wenn das Ego auf Krieg aus ist, sollte dir klar sein, dass es sich bei ihm bloß um eine Illusion handelt,
die um ihr Überleben kämpft. Diese Illusion glaubt, du zu sein. Anfangs ist es nicht leicht, da zu sein als
beobachtende Präsenz, besonders dann nicht, wenn das Ego in seinen Überlebenskampfmodus
eingerastet ist oder irgendein emotionales Muster aus der Vergangenheit aktiviert hat, aber sobald du
einen Vorgeschmack davon bekommen hast, wird deine Kraft zum Gegenwärtigsein wachsen, und dann
lockert sich auch der Griff, mit dem das Ego dich festhält. So kommt eine Kraft in dein Leben, die viel
größer ist als das Ego und auch größer als das Denken. Um sich vom Ego zu befreien, braucht man sich
nur seiner bewusst zu werden, denn Bewusstheit und Ego schließen sich gegenseitig aus. Bewusstheit
ist die Kraft, die im gegenwärtigen Augenblick verborgen liegt. Darum nennen wir sie auch Präsenz. Das
höchste Ziel des menschlichen Daseins, dein Lebenssinn also, besteht darin, diese Kraft in die Welt zu
tragen. Darum ist es auch nicht möglich, sich die Befreiung vom Ego als Ziel irgendwann in der Zukunft
vorzunehmen. Nur die Gegenwart kann dich vom Ego befreien, und du kannst nur jetzt präsent sein,
nicht gestern oder morgen. Nur Gegenwärtigkeit kann die Vergangenheit in dir aufheben und dein
Bewusstsein verändern.
Was ist spirituelle Erkenntnis? Die Überzeugung, Geist zu sein? Nein, das ist ein Gedanke. Zwar
kommt er der Wahrheit ein bisschen näher als der Gedanke, dass du bist, was auf deiner
Geburtsurkunde steht, aber er ist und bleibt ein Gedanke. Spirituelle Erkenntnis ist die Einsicht, dass
alles, was ich wahrnehme, erfahre, denke oder fühle, letztlich gar nicht ich bin und dass ich mich in all
den Dingen, die ständig vergehen, gar nicht finden kann. Buddha war vermutlich der erste Mensch, der
das klar erkannte, und so wurde Anata (das Nichtselbst) einer der Kernpunkte seiner Lehre. Und als
Jesus davon sprach, dass man »sich selbst verleugnen soll«, meinte auch er damit die Aufhebung der
Illusion eines Ichs.
Was bleibt, ist das Licht des Bewusstseins, in dem Wahrnehmungen, Erfahrungen, Gedanken und
Gefühle kommen und gehen. Das ist Sein, das tiefere, wahre Ich. Wenn ich mich darin erkenne, ist alles,
was in meinem Leben geschieht, nicht mehr von absoluter, sondern nur noch von relativer Bedeutung.
Ich weiß es zu würdigen, aber es verliert seinen totalen Ernst, seine Schwere. Das Einzige, was letzten
Endes zählt, ist dies: Kann ich mein wahres Sein, das »Ich-bin«, zu allen Zeiten im Hintergrund meines
Lebens spüren? Um es noch genauer zu sagen: Kann ich das »Ich-bin«, das ich bin, in diesem
Augenblick spüren? Kann ich meine wahre Identität als reines Bewusstsein spüren? Oder verliere ich
mich selbst in dem, was geschieht, im Denken oder in der Welt?
Alle Strukturen sind instabil
Der unbewusste Antrieb hinter dem Ego, welche Form er auch immer annehmen mag, soll das Selbstbild
stärken, dem ich zu entsprechen glaube, das Phantom-Ich, das entstand, als das Denken - sowohl ein
großer Segen als auch ein großer Fluch - die Oberhand gewann und die einfache, aber tiefe Freude der
Verbundenheit mit dem Sein, mit dem Ursprung, mit Gott ablöste. Welches Verhalten das Ego auch an
den Tag legt, die unsichtbare motivierende Kraft dahinter ist stets die gleiche: das Bedürfnis, sich
hervorzutun, etwas Besonderes zu sein und alles unter Kontrolle zu haben; der Hunger nach Macht,
nach Aufmerksamkeit und nach mehr. Und natürlich das Verlangen, sich als getrenntes Einzelwesen zu
empfinden oder, anders ausgedrückt: das Verlangen nach Gegensätzlichkeit, nach Gegnern.
Das Ego will immer etwas von anderen Menschen oder von einer Situation. Es verfolgt immer seine
geheimen Pläne und hat immer das Gefühl, dass es »noch nicht reicht«, dass etwas fehlt, dass eine
Leere da ist, die angefüllt werden muss. Das Ego nutzt Menschen und Situationen aus, um zu
bekommen, was es will, aber selbst wenn es Erfolg hat, ist es nie für längere Zeit zufrieden. Oft werden
seine Pläne vereitelt, und meistens ist die Kluft zwischen dem, was es will, und dem, was ist, ein
ständiges Ärgernis und eine Qual. Der berühmte, inzwischen klassische Popsong »I Can’t Get No
Satisfaction« ist das Lied des Ego. Die Emotion jedoch, die allen Aktivitäten des Ego zugrunde liegt, ist
Angst: die Angst, niemand zu sein, die Angst vor dem Nichtsein, die Angst vor dem Tod. Alle
Egoaktivitäten dienen letztlich nur dazu, diese Angst zu vertreiben, doch im Grunde kann das Ego nichts
weiter tun, als sie vorübergehend zu verdrängen durch eine intime Beziehung, ein neues Besitztum und
einen Gewinn hier und da. Illusionen werden dich nie zufrieden stellen. Nur die Erkenntnis, wer du in
Wahrheit bist, wird dich befreien.
Warum Angst? Weil das Ego durch Identifikation mit Form entsteht und im tiefsten Innern weiß, dass
Formen unbeständig sind, dass sie sich auflösen. Es ist also immer ein Gefühl der Unsicherheit um das
Ego, auch wenn es äußerlich Zuversicht ausstrahlt.
Als ich einmal mit einem Freund in einem herrlichen Naturreservat in der Nähe von Malibu, Kalifornien,
spazieren ging, kamen wir an den Ruinen eines Landhauses vorbei, das anscheinend vor einigen
Jahrzehnten durch einen Brand zerstört worden war. Als wir uns dem Gebäude näherten, das längst von
Bäumen und allen möglichen prächtigen Pflanzen überwuchert war, stießen wir neben dem Pfad auf ein
Schild, das die Naturparkverwaltung dort angebracht haben musste: »Achtung, Einsturzgefahr! Alle
Bauteile sind instabil.« Ich sagte zu meinem Freund: »Das ist ja ein tiefsinniges Sutra!« Wir blieben
ehrfürchtig stehen. Sobald du erkannt und akzeptiert hast, dass alle Bauteile (alle Formen) einschließlich
derer, die felsenfest zu sein scheinen, instabil sind, überkommt dich innerer Friede. Das liegt daran, dass
dich die Einsicht in die Unbeständigkeit aller Formen zur Dimension des Formlosen in dir selbst erweckt,
zu dem, was jenseits des Todes ist. Jesus nannte es »das ewige Leben«.
Das Überlegenheitsbedürfnis des Ego
Es gibt viele feine Abstufungen des Ego, die leicht übersehen werden, die du jedoch bei anderen
Menschen und vor allem bei dir selbst beobachten kannst. Denk daran: In dem Augenblick, in dem du dir
des Ego in dir bewusst wirst, bist du dieses sich entfaltende Bewusstsein jenseits des Ego, das tiefere
»Ich«. Mit der Erkenntnis des Falschen erwacht bereits das Wahre.
Nehmen wir einmal an, du willst jemandem die Neuigkeit von etwas, das geschehen ist, verkünden.
»Weißt du was? Hast du es noch nicht gehört? Dann will ich es dir erzählen.« Wenn du wachsam und
präsent genug bist, wirst du ein flüchtiges Gefühl der Befriedigung wahrnehmen, das dich befällt, bevor
du zu berichten beginnst, selbst wenn es sich um schlechte Nachrichten handelt. Die Ursache dafür ist,
dass aus Sicht des Ego für einen kurzen Augenblick ein Ungleichgewicht zu deinen Gunsten zwischen
dir und der anderen Person entsteht. Für den Bruchteil eines Augenblicks weißt du mehr als der oder
die andere. Die Befriedigung, die du empfindest, stammt vom Ego und ist durch ein stärkeres
Selbstwertgefühl im Verhältnis zu der anderen Person begründet. Selbst wenn diese Person Präsident
oder Papst wäre, würdest du dich ihr in jenem Moment überlegen fühlen, weil du mehr weißt. Viele
Menschen neigen unter anderem aus diesem Grund zum Klatschen. Außerdem ist im Klatsch oft ein
Gutteil boshafter Kritik und Verurteilung enthalten, sodass das Tratschen aufgrund der eingebildeten
moralischen Überlegenheit, die immer mit im Spiel ist, wenn Kritik an anderen geübt wird, ebenfalls das
Ego stärkt.
Wenn jemand mehr hat, mehr weiß oder mehr tun kann als ich, fühlt sich das Ego bedroht, denn das
Empfinden, »weniger« zu sein, vermindert, in Relation zu anderen, sein Selbstwertgefühl. Oft versucht
es dann, sich selbst wieder zu bestärken, indem es den anderen herabsetzt oder den Wert seines
Eigentums und seiner Fähigkeiten herunterspielt. Oder das Ego ändert sein Vorgehen und steigert sein
Selbstwertgefühl, indem es nicht mehr mit den anderen wetteifert, sondern sich mit ihm verbündet, falls
es sich nach Ansicht anderer um eine bedeutende Person handelt.
Ego und Ruhm
Das allseits bekannte Phänomen des Namedropping, dass man also beiläufig einen Namen fallen lässt
und damit kundtut, wen man alles kennt, gehört ebenfalls zur Strategie des Ego, sich durch die
Verbindung mit jemand Bedeutendem in den Augen anderer und damit zugleich auch in den eigenen eine
überlegene Identität zu schaffen. Der Fluch der Berühmtheit in der Welt besteht darin, dass der, der du
bist, völlig von einem kollektiven mentalen Bild überdeckt wird. Fast jeder, den du kennen lernst, will
durch die Verbindung mit dir seine Identität stärken - das mentale Bild, dem er zu entsprechen glaubt. Die
betreffende Person weiß meist gar nicht, dass sie an dir eigentlich überhaupt kein Interesse hat sondern
nur ihr fiktives Selbst stärken will. Sie glaubt, durch dich zu gewinnen. Sie will sich durch dich oder
vielmehr durch das innere Bild vervollkommnen, das sie von dir als einer Berühmtheit hat, einer
überlebensgroßen kollektiven Identität.
Die absurde Überbewertung von Ruhm ist nur eine der vielen Manifestationen des Egowahns auf
unserer Welt. Manche berühmten Leute tappen in die gleiche Falle, sie identifizieren sich mit der
kollektiven Fiktion, dem Image, das andere Menschen und die Medien ihnen gegeben haben, und halten
sich am Ende tatsächlich gewöhnlichen Sterblichen für überlegen. Infolgedessen entfremden sie sich
immer mehr sich selbst und anderen; sie werden immer unglücklicher und machen sich immer stärker
davon abhängig, dass ihre Popularität erhalten bleibt. Umgeben von Leuten, die ihr aufgeblasenes
Selbstbild ständig nähren, werden sie schließlich unfähig, echte Beziehungen einzugehen.
Albert Einstein, der von den meisten Menschen als Übermensch bewundert wird und dem das Los
beschieden war, einer der berühmtesten Männer der Welt zu werden, hat sich nie mit dem Image
identifiziert, das das kollektive Denken ihm angehängt hat. Er blieb bescheiden und selbstlos. Er sprach
sogar von einem »grotesken Gegensatz zwischen dem, was mir die Menschen an Fähigkeit und Leistung
zuschreiben, und dem, was ich wirklich bin und vermag«. 8
Darum ist es für einen berühmten Menschen schwer, in eine echte Beziehung zu anderen zu treten.
Echt ist eine Beziehung dann, wenn sie nicht vom Ego mit seiner Imagepflege und seiner Selbstsucht
dominiert wird. In einer echten Beziehung strömt dem anderen eine wache Aufmerksamkeit zu, ohne
dass irgendwelche Forderungen daran geknüpft werden. Diese wache Aufmerksamkeit ist die Präsenz.
Sie ist die Voraussetzung für jede authentische Beziehung. Das Ego will entweder etwas vom anderen
oder verfällt in völlige Gleichgültigkeit, wenn es glaubt, dass nichts bei ihm zu holen ist: Es empfindet
nichts für ihn. Und so herrschen in Egobeziehungen drei Zustände vor: Verlangen, frustriertes Verlangen
(Wut, Groll, Schuldzuweisungen, Klagen) und Gleichgültigkeit.
4

Rollenspiele: Die vielen Gesichter des Ego

Ein Ego, das etwas von einem anderen Ego will - und welches Ego will das nicht -, spielt normalerweise
eine bestimmte Rolle, damit seine »Bedürfnisse« befriedigt werden, seien es materieller Gewinn, ein
Gefühl der Macht, Überlegenheit oder Besonderheit oder irgendeine Art von physischer bzw. psychischer
Befriedigung. Für gewöhnlich ist den Leuten gar nicht bewusst, welche Rollen sie spielen. Sie sind diese
Rollen. Einige Rollen sind unauffällig; andere sind überdeutlich, nur nicht für die Person, die sie spielt.
Manche Rollen sind einfach dazu gedacht, Aufmerksamkeit zu erregen. Das Ego blüht auf, wenn ihm
Aufmerksamkeit gewidmet wird, die ja eine Form von psychischer Energie ist. Das Ego weiß nicht, dass
die Quelle aller Energie im Innern liegt, daher sucht es draußen. Es ist nicht formlose Aufmerksamkeit,
also »Präsenz«, wonach das Ego sucht, sondern Aufmerksamkeit in irgendeiner Form wie etwa
Anerkennung, Lob, Bewunderung oder auch einfach nur beachtet und in seiner Existenz bestätigt zu
werden.
Ein schüchterner Mensch, der die Aufmerksamkeit anderer scheut, ist nicht etwa frei von Ego; er hat
lediglich ein ambivalentes Ego, das die Aufmerksamkeit anderer sowohl ersehnt als auch fürchtet. Er hat
Angst davor, dass sich die Aufmerksamkeit in Missbilligung oder Kritik verwandelt, also in etwas, das
sein Selbstwertgefühl herabsetzt, statt es zu steigern. Daher ist die Angst eines schüchternen Menschen
vor Aufmerksamkeit größer als das Bedürfnis danach, Beachtung zu finden. Schüchternheit geht oft mit
einem Selbstbild einher, das vorwiegend negativ ist, mit Minderwertigkeitsgefühlen. Jede Vorstellung von
einem Ich - in der man sich als dies oder das sieht - zeugt jedoch von Ego, ob sie überwiegend positiv
(»ich bin der Größte«) oder negativ (»ich bin ein Versager«) ist. Hinter jedem positiven Selbstbild verbirgt
sich die Angst, nicht gut genug zu sein. Hinter jedem negativen Selbstbild steckt der geheime Wunsch,
der (die) Größte oder besser als die anderen zu sein. Hinter dem Überlegenheitsgefühl eines
selbstbewussten Ego und seinem ständigen Bedürfnis, diese Überlegenheit zu zeigen, steckt die
unbewusste Furcht davor, nichts zu taugen. Umgekehrt hat das schüchterne, schwache Ego, das
Minderwertigkeitsgefühle hat, insgeheim ein starkes Überlegenheitsbedürfnis. Viele Menschen
schwanken zwischen Minderwertigkeits- und Überlegenheitsgefühlen hin und her, je nach Situation und
je nachdem, mit wem sie in Kontakt kommen. Du musst nur Folgendes bei dir selbst beobachten und
erkennen: Immer, wenn du dich jemandem über- oder unterlegen fühlst, ist das Ego in dir am Werk.
Schurke, Opfer, Liebhaber
Egos, denen kein Lob und keine Bewunderung zuteil wird, versuchen manchmal in anderer Form auf
sich aufmerksam zu machen und spielen verschiedene Rollen, um dies zu erreichen. Wenn sie keine
positive Beachtung finden, verlegen sie sich mitunter darauf, negativ aufzufallen, zum Beispiel, indem sie
jemanden zu einer negativen Reaktion herausfordern. Schon manche Kinder tun das, sie benehmen sich
schlecht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Negative Rollen werden besonders dann gespielt, wenn das
Ego durch einen aktiven Schmerzkörper vergrößert ist, das heißt durch emotionalen Schmerz aus der
Vergangenheit, der nach Auffrischung durch neue schmerzliche Erfahrungen verlangt. Manche Egos
begehen Verbrechen, um zu trauriger Berühmtheit zu gelangen. Sie versuchen, wenigstens dadurch
Aufsehen zu erregen, dass sie notorisch bekannt werden und andere sie verdammen. »Bitte bestätige
mir, dass ich existiere, dass ich nicht völlig unbedeutend bin«, scheinen sie sagen zu wollen. Solche
pathologischen Egoformen sind im Grunde nur extremere Versionen von normalen Egos.
Eine Rolle, die häufig gespielt wird, ist die des Opfers, und die Formen von Aufmerksamkeit, die so
gesucht werden, sind Sympathie oder Mitleid, das Interesse anderer an meinen Problemen, an »mir und
meiner Geschichte«. Sich selbst als Opfer zu betrachten ist Bestandteil vieler Egomuster wie etwa dem
Klagen, dem Beleidigt- oder Wütendsein. Habe ich mich erst einmal mit einer Geschichte identifiziert, in
der ich mir die Rolle des Opfers zugewiesen habe, möchte ich natürlich nicht, dass die Geschichte
aufhört, denn wie jeder Therapeut weiß, will das Ego nicht, dass seine »Probleme« ein Ende haben, weil
sie Teil seiner Identität sind. Wenn niemand meine traurige Geschichte hören will, erzähle ich sie mir im
Geiste selbst immer wieder neu und tue mir dann furchtbar Leid, und schon habe ich eine Identität als
jemand, der vom Leben, von anderen Menschen, vom Schicksal oder von Gott ungerecht behandelt
wird. Sie liefert mir eine Definition meines Selbstbildes und macht jemanden aus mir, und das ist alles,
was für das Ego zählt.
Es ist ziemlich verbreitet, im Anfangsstadium von Liebesbeziehungen Rollen zu spielen, um die Person
anzuziehen und zu halten, in der das Ego diejenige sieht, die »mich glücklich machen, zu etwas
Besonderem erheben und all meine Bedürfnisse befriedigen wird«. »Ich werde in die Rolle schlüpfen, die
du dir von mir wünschst, und du wirst die Rolle spielen, die ich mir von dir wünsche.« Das ist die
stillschweigende unbewusste Vereinbarung. Rollenspiele sind jedoch harte Arbeit, und so können die
Rollen nicht ewig beibehalten werden, schon gar nicht, wenn man schließlich zusammenlebt. Wenn aber
die Rolle wegfällt, was siehst du dann? In den meisten Fällen leider nicht das wahre Wesen des oder der
Betreffenden, sondern das, was das wahre Wesen verdeckt: das seiner Rollen beraubte nackte Ego mit
seinem Schmerzkörper und dem frustrierten Verlangen, das sich jetzt in Wut verwandelt, die sich aller
Wahrscheinlichkeit nach auf den Partner richtet, weil der die unterschwellige Angst und das
Mangelgefühl, die zum Ego-Selbstbild gehören, nicht aufgehoben hat.
Was landläufig »Sichverlieben« genannt wird, ist meistens nur eine Intensivierung der Sehnsüchte und
Bedürfnisse des Ego. Du wirst süchtig nach der anderen Person oder vielmehr nach dem Bild, das du dir
von ihr machst. Das hat nichts mit wahrer Liebe zu tun, in der es keinerlei Verlangen gibt. Die spanische
Sprache ist im Hinblick auf konventionelle Vorstellungen von Liebe am ehrlichsten: Te quiero bedeutet
sowohl »ich will dich« als auch »ich liebe dich«. Die Worte te amo, die ebenfalls »ich liebe dich«
bedeuten, finden kaum Verwendung - vielleicht eben darum, weil wahre Liebe so selten ist.
Von Selbstdefinitionen ablassen
Während sich in den alten Zivilisationen Stammeskulturen entwickelten, wurden gewissen Menschen
bestimmte Funktionen übertragen: Herrscher, Priester oder Priesterin, Krieger, Bauer, Händler,
Handwerker, Arbeiter usw. Ein Klassensystem entstand. Die Funktion, in die man in den meisten Fällen
hineingeboren wurde, legte die eigene Identität fest und bestimmte, wer man in den eigenen und in den
Augen anderer war. Die jeweilige Funktion wurde zur Rolle, aber sie wurde nicht als Rolle erkannt: So
war man, oder so glaubte man zu sein. Nur einzelne Menschen wie Buddha oder Jesus erkannten zu
ihrer Zeit die Irrelevanz von Kasten oder Gesellschaftsklassen, sie sahen darin die Identifikation mit Form
und wussten, dass eine solche Identifikation mit dem Konditionierten, Flüchtigen das Licht des
Unkonditionierten, Ewigen verdunkelt, das in jedem Menschen leuchtet.
In der heutigen Welt sind die sozialen Strukturen weniger starr und weniger klar definiert als früher
einmal. Zwar sind die meisten Menschen noch immer durch ihre Umwelt konditioniert, aber sie
bekommen nicht länger automatisch eine Funktion und damit eine Identität zugewiesen. Tatsächlich sind
immer mehr Menschen in der modernen Welt im Zweifel, wo ihr Platz ist, welchen Sinn ihr Leben hat und
oft sogar, wer sie sind.
Ich gratuliere im Allgemeinen Leuten, die mir sagen: »Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.« Dann schauen
sie perplex drein und fragen: »Meinst du, es ist gut, so verwirrt zu sein?« Und dann bitte ich sie, der
Sache einmal auf den Grund zu gehen. Was bedeutet es, verwirrt zu sein? Aus der Äußerung »ich weiß
nicht« spricht noch keine Verwirrung. Verwirrung zeigt sich in Sätzen wie: »Ich weiß es nicht, aber ich
sollte es eigentlich wissen« oder: »Ich weiß es nicht, aber ich muss es wissen.« Kannst du davon
ablassen, wissen zu sollen oder zu müssen, wer du bist? Anders ausgedrückt: Kannst du aufhören, nach
begrifflichen Definitionen für dein Selbstgefühl zu suchen? Kannst du aufhören, durch Denken nach
einer Identität zu suchen? Wenn du dich von der Überzeugung löst, wissen zu sollen oder zu müssen,
wer du bist, was geschieht dann mit der Verwirrung? Sie ist wie weggeblasen. Wenn du voll und ganz
akzeptierst, dass du nichts weißt, trittst du in einen Zustand des Friedens und der Klarheit ein, der dem,
was du wirklich bist, viel näher kommt, als du mit Denken je kommen könntest. Dich selbst über das
Denken zu definieren heißt, dich einzugrenzen.
Vorgegebene Rollen
Unterschiedliche Menschen erfüllen natürlich unterschiedliche Funktionen auf dieser Welt. Anders geht
es gar nicht. Was ihre intellektuellen und physischen Fähigkeiten betrifft - Kenntnisse, Können,
Begabungen und Kräfte -, gibt es große Unterschiede. Worauf es jedoch wirklich ankommt, sind nicht
die Funktionen, die du in der Welt erfüllst, sondern ob du dich mit diesen Funktionen so stark
identifizierst, dass sie dich schließlich beherrschen und zu einer Rolle werden, die du spielst. Wenn du
eine Rolle spielst, bist du unbewusst. Sobald du dich dabei ertappst, dass du eine Rolle spielst, schafft
diese Erkenntnis einen Raum zwischen dir und der Rolle. Das ist der Anfang deiner Befreiung von dieser
Rolle. Wenn du dich vollkommen mit der Rolle identifizierst, verwechselst du ein Verhaltensmuster mit
dem, was du bist, und nimmst dich sehr ernst. Dann weist du automatisch auch anderen eine Rolle zu,
die mit der deinen korrespondiert. Zum Beispiel bist du bei einem Arztbesuch für einen Doktor, der total in
seiner Rolle aufgeht, kein Mensch, sondern ein Patient mit einer Krankengeschichte.
Obgleich die Gesellschaftsstrukturen in der heutigen Welt nicht mehr so starr sind wie in den alten
Kulturen, gibt es doch noch immer viele vorgegebene Rollen und Funktionen, mit denen sich die Leute
bereitwillig identifizieren und die so Teil des Ego werden. Dadurch erhalten die zwischenmenschlichen
Interaktionen etwas Unechtes, Unmenschliches und Verfremdetes. Die vorgegebenen Funktionen geben
dir vielleicht ein tröstliches Identitätsgefühl, aber letztlich verlierst du dich in ihnen. Die Funktionen, die
Menschen in hierarchischen Organisationen wie zum Beispiel beim Militär, der Kirche, beim Staat oder in
großen Unternehmen innehaben, bieten sich als Rollenidentität geradezu an. Echte
zwischenmenschliche Interaktionen sind unmöglich, wenn du dich in eine Rolle verlierst.
Manche vorgegebenen Rollen können wir als soziale Archetypen bezeichnen, unter anderem folgende:
die Mittelklassehausfrau (nicht mehr so vorherrschend wie früher, aber doch noch weit verbreitet); der
harte Macho; die Verführerin; der »nonkonformistische« bildende Künstler oder Musiker; und der
»Kulturmensch« (eine in Europa häufig gespielte Rolle), der seine Kenntnisse auf dem Gebiet der
Literatur, bildenden Kunst und Musik ebenso vorführt wie andere ein teures Kleidungsstück oder
Luxusauto. Und dann gibt es noch die universelle Rolle des Erwachsenen. Wenn du diese Rolle spielst,
nimmst du dich und das Leben sehr ernst. Spontaneität, Unbekümmertheit und Freude gehören nicht zu
dieser Rolle.
Die Hippiebewegung, die in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts an der Westküste der
Vereinigten Staaten ihren Anfang nahm und sich dann in der ganzen westlichen Welt ausbreitete,
entstand durch die Auflehnung vieler junger Leute gegen soziale Archetypen, Rollen und vorgegebene
Verhaltensmuster sowie gegen egobegründete Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen. Die jungen
Leute weigerten sich, die Rollen zu spielen, die ihnen ihre Eltern und die Gesellschaft aufzwingen
wollten. Hinzu kam zeitgleich das Grauen des Vietnamkriegs, in dem drei Millionen Vietnamesen und
mehr als 57 000 junge Amerikaner starben und der den Irrsinn des Systems und das ihm zugrunde
liegende Denken aller Welt offen legte. Während in den Fünfzigerjahren die meisten Amerikaner in
Denken und Verhalten noch extrem angepasst waren, begannen in den Sechzigern Millionen Menschen,
ihre Identifikation mit einer gedachten kollektiven Identität aufzugeben, weil der Irrsinn des Kollektivs so
unübersehbar war. Die Hippiebewegung stellte eine Lockerung der bis dahin rigiden Egostrukturen in
der Psyche der Menschheit dar. Die Bewegung selbst degenerierte schließlich und ging zu Ende, aber
sie hatte eine Öffnung bewirkt, und das nicht nur bei denen, die Teil der Bewegung waren. Dadurch
konnte die alte östliche Weisheit und Spiritualität in den Westen gelangen und eine entscheidende Rolle
bei der Erweckung des globalen Bewusstseins spielen.
Zeitweilige Rollen
Wenn du wach genug, also bewusst genug bist, um zu beobachten, wie du mit anderen Menschen
interagierst, erkennst du unter Umständen die feinen Unterschiede, die sich je nachdem, mit wem du
gerade in eine Beziehung trittst, in deiner Sprechweise, deiner Haltung und deinem Benehmen zeigen.
Zuerst sind die Unterschiede wahrscheinlich leichter bei anderen aufzuspüren, aber dann wirst du sie
auch bei dir selbst entdecken können. Im Gespräch mit dem Chef deiner Firma verhältst du dich
vermutlich anders als bei einer Unterhaltung mit dem Hausmeister. Mit einem Kind wirst du anders
sprechen als mit einem Erwachsenen. Woran liegt das? Du spielst verschiedene Rollen. Du bist nicht du
selbst, weder gegenüber dem Chef noch gegenüber Hausmeister und Kind. Ob du in einem Laden
etwas einkaufst, ein Restaurant besuchst, zur Bank gehst oder zur Post, immer schlüpfst du in
vorgegebene soziale Rollen. Bist du ein Kunde, sprichst und handelst du auch als solcher. Und vom
Personal oder dem Kellner, die ebenfalls ihre Rolle spielen, wirst du auch als Kunde behandelt. Eine
ganze Reihe von konditionierten Verhaltensmustern wird zwischen zwei Menschen aktiviert und bestimmt
das Wesen der Interaktion. Nicht die Menschen treten in eine Wechselbeziehung miteinander, sondern
mentale Bilder und Begriffe. Je stärker sich die Leute mit ihren jeweiligen Rollen identifizieren, umso
unechter werden die Beziehungen.
Du machst dir nicht nur ein Bild von der anderen Person, sondern auch von dir selbst, besonders in
Beziehung zu jemandem, mit dem du dich gerade befasst. Nicht du bist es folglich, der mit der
betreffenden Person in eine Beziehung tritt, sondern der du zu sein glaubst mit dem, wofür du den
anderen hältst, und umgekehrt. Das Bild, das du dir im Geiste von dir gemacht hast, tritt in eine
Wechselbeziehung zu seiner eigenen Schöpfung, dem Bild, das es sich von der anderen Person
gemacht hat. Und die andere Person hat vermutlich das Gleiche getan, sodass jede egohafte Interaktion
von Mensch zu Mensch in Wirklichkeit eine Beziehung zwischen vier erdachten Identitäten ist, die
letztlich reine Fiktion sind. Darum verwundert es nicht, dass zwischenmenschliche Beziehungen so
konfliktbeladen sind. Es gibt keine wahre Beziehung,
Der Mönch mit den schweißnassen Händen
Der Mönch und Zenmeister Kasan sollte die Begräbniszeremonien eines berühmten Fürsten leiten.
Während er da stand und auf die Ankunft des Provinzgouverneurs und anderer hoher Herren und
Damen wartete, merkte er, dass seine Hände schweißnass waren.
Am nächsten Tag rief er seine Schüler zusammen und gestand ihnen, dass er noch nicht die nötige
Reife hätte, ihr Lehrer zu sein. Er erklärte ihnen, dass es ihm noch nicht gelänge, allen Menschen, ob
König oder Bettler, mit der gleichen Haltung zu begegnen. Er sei noch immer unfähig, die
gesellschaftlichen Rollen und eingebildeten Identitäten zu durchschauen und die Gleichheit des Seins in
allen Menschen zu sehen. Danach ging er davon und wurde Schüler eines anderen Meisters. Acht Jahre
später kehrte er erleuchtet zu seinen früheren Schülern zurück.
Wahrhaftes und gespieltes Glücklichsein
»Wie geht es dir?« »Sehr gut. Es könnte gar nicht besser sein.« Ist das wahr oder gespielt?
Oftmals spielen Menschen die Rolle des Glücklichen nur, obwohl sich hinter dem lächelnden Gesicht
ein großer Schmerz verbirgt. Wenn das Unglücklichsein hinter einem lächelnden Äußeren und strahlend
weißen Zähnen versteckt wird und man - sogar sich selbst gegenüber - leugnet, dass man unglücklich
ist, kommt es häufig zu Depressionen, Nervenzusammenbrüchen und Überreaktionen.
Die Rolle »Es geht mir gut« spielt das Ego in den Vereinigten Staaten häufiger als in anderen Ländern,
in denen das Elendsein und Elendaussehen fast schon die Norm sind und daher eher gesellschaftlich
akzeptiert werden. Es ist wahrscheinlich eine Übertreibung, aber ich habe gehört, dass man in der
Hauptstadt eines nordeuropäischen Landes riskiert, wegen Trunkenheit inhaftiert zu werden, wenn man
Fremde auf der Straße anlächelt.
Wenn du dich innerlich unglücklich fühlst, musst du dir das erst einmal eingestehen. Sag aber nicht:
»Ich bin unglücklich.« Das Unglücklichsein hat nichts mit dem zu tun, was du wirklich bist. Sag: »Etwas
in mir ist unglücklich.« Und dann untersuche dies. Vielleicht liegt es an der Situation, in der du dich
gerade befindest. Unter Umständen musst du Maßnahmen ergreifen, um die Situation zu verbessern
oder Abstand zu ihr zu gewinnen. Falls du nichts tun kannst, solltest du dich der Sache stellen und
sagen: »Na schön, jetzt ist es eben gerade so. Ich kann es entweder hinnehmen oder mich weiter damit
herumquälen.« Hauptgrund für das Unglücklichsein ist nie die Situation, es sind die Gedanken darüber.
Achte auf die Gedanken, die dir durch den Kopf gehen. Trenne sie von der Situation, die stets neutral,
nämlich so ist, wie sie ist. Hier ist die Situation oder Tatsache, und dort sind meine Gedanken darüber.
Statt Geschichten zu erfinden, solltest du lieber bei den Fakten bleiben. »Ich bin pleite« ist zum Beispiel
eine Geschichte. Sie schränkt dich ein und hält dich davon ab, etwas Wirksames zu unternehmen. »Ich
habe noch 50 Cent auf meinem Bankkonto« hingegen ist eine Tatsache. Indem man den Tatsachen ins
Auge sieht, gewinnt man Kraft. Mach dir bewusst, dass das, was du denkst, in großem Maße die
Emotionen erzeugt, die du empfindest. Erkenne die Verbindung zwischen deinen Gedanken und deinen
Emotionen. Sei die Bewusstheit hinter deinen Gedanken und Emotionen, statt dich mit ihnen zu
identifizieren.
Trachte nicht nach Glück. Wenn du danach suchst, wirst du es nie finden, weil Suchen das Gegenteil
von Glücklichsein ist. Glück ist schwer zu finden, aber Freiheit vom Unglücklichsein kannst du sofort
erreichen, wenn du dich dem, was ist, zuwendest, statt Geschichten darüber zu erfinden. Das
Unglücklichsein verdeckt dein natürliches Wohlbefinden und deinen inneren Frieden, die Quelle wahren
Glücks.
Elternschaft: Rolle oder Funktion?
Viele Erwachsene spielen Rollen, wenn sie mit kleinen Kindern reden. Sie benutzen alberne Worte und
Laute. Sie reden von oben herab mit dem Kind. Sie behandeln das Kind nicht als ebenbürtig. Dabei
bedeutet die Tatsache, dass sie zeitweilig mehr wissen oder größer sind als das Kind, nicht, dass ihnen
das Kind nicht ebenbürtig ist. Die Mehrzahl der Erwachsenen werden irgendwann in ihrem Leben Mutter
oder Vater, eine der meistverbreiteten Rollen. Die entscheidende Frage ist nun: Bist du in der Lage,
deine Funktion als Elternteil zu übernehmen und sie gut zu erfüllen, ohne dich mit ihr zu identifizieren,
das heißt, ohne in eine Elternrolle zu verfallen? Zur notwendigen Funktion von Eltern gehört unter
anderem, die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen, das Kind vor Gefahren zu schützen und ihm ab und
zu zu sagen, was es darf und was es nicht darf. Wenn Elternschaft hingegen zur Identität wird und das
Selbstgefühl ganz oder weitgehend daraus bezogen wird, erfährt die Funktion schnell eine
Überbewertung, wird übertrieben und beherrscht dich schließlich vollkommen. Dem Kind im Übermaß zu
geben, was es braucht, führt zur Verhätschelung; aus dem Schutz des Kindes vor Gefahren wird
Überfürsorglichkeit, die mit seinem Drang kollidiert, die Welt zu erkunden und eigenständig etwas
auszuprobieren. Erlauben und Verbieten werden zu Kontrolle und Anmaßung.
Vor allem aber bleibt die Rollenidentität noch lange bestehen, nachdem es gar kein Bedürfnis für die
jeweilige Funktion mehr gibt. Die Eltern können nicht vom Elternspielen ablassen, selbst wenn das Kind
erwachsen geworden ist. Sie wollen unbedingt auch weiterhin gebraucht werden von ihrem Kind. Selbst
wenn das Kind schon 40 Jahre alt ist, erhalten sie noch die Elternrolle aufrecht und sagen: »Ich weiß,
was für dich das Beste ist.« Die Elternrolle wird zwanghaft weitergespielt, und so kommt keine echte
Beziehung zustande. Die Eltern definieren sich über ihre Rolle und haben unbewusst Angst davor, ihre
Identität zu verlieren, wenn sie aufhören, Eltern zu sein. Wenn ihr Verlangen, das Tun und Lassen ihres
erwachsenen Kindes zu beeinflussen oder zu kontrollieren, auf Ablehnung trifft - wie es normalerweise
geschieht -, beginnen sie, Kritik zu üben oder offene Missbilligung zu zeigen und dem Kind
Schuldgefühle einzuimpfen, alles in dem unbewussten Bemühen, sich ihre Rolle, ihre Identität zu
bewahren. Nach außen hin sieht es so aus, als seien sie um ihr Kind besorgt, und das glauben sie auch,
dabei geht es ihnen im Grunde bloß um die Erhaltung ihrer Rollenidentität. Alle Egomotive stärken das
Ich und das Eigeninteresse, und das manchmal auf so raffinierte Weise, dass es selbst der Person, in
der das Ego aktiv ist, entgeht.
Mütter oder Väter, die sich mit ihrer Rolle identifizieren, versuchen mitunter auch, sich durch ihre
Kinder Erfüllung zu verschaffen. Dann richtet sich das Bedürfnis des Ego, andere so zu manipulieren,
dass seinem ständigen Gefühl innerer Leere abgeholfen wird, auf die Kinder. Würden die zumeist
unbewussten Annahmen und Motive hinter dem zwanghaften Bedürfnis von Eltern, ihre Kinder zu
manipulieren, bewusst gemacht und ausgesprochen, käme wahrscheinlich unter anderem Folgendes
dabei heraus: »Ich will, dass du schaffst, was ich nie geschafft habe; ich will, dass du jemand bist in den
Augen der Welt, damit ich davon profitiere und auch jemand bin. Enttäusche mich nicht. Ich habe
deinetwegen so große Opfer gebracht. Meine Kritik an dir soll solche Schuldgefühle und solches
Unbehagen bei dir wecken, dass du dich schließlich meinen Wünschen fügst. Und es ist wohl keine
Frage, dass ich am besten weiß, was gut für dich ist. Ich liebe dich und werde dich immer lieben, wenn
du das tust, was meiner Überzeugung nach das Richtige für dich ist.«
Werden solche unbewussten Motive bewusst gemacht, fällt sofort auf, wie absurd sie sind. Dann wird
das Ego, das dahintersteckt, sichtbar und ebenso dessen Gestörtheit. Manchen Eltern, mit denen ich
gesprochen habe, wurde plötzlich klar: »Mein Gott, habe ich das wirklich getan?« Sobald du erkennst,
was du tust oder getan hast, erkennst du auch seine Vergeblichkeit, und dann löst sich dieses
unbewusste Verhaltensmuster von selbst auf. Bewusstheit ist der stärkste Katalysator des Wandels.
Wenn deine Eltern so mit dir umgehen, sag ihnen nicht, dass sie unbewusst und fest in den Fängen
des Ego sind. Dann verdrängen sie ihr Verhalten wahrscheinlich noch mehr ins Unbewusste, weil das
Ego eine Abwehrhaltung einnimmt. Es genügt, wenn du einsiehst, dass es das Ego in ihnen ist und nicht
das, was sie wirklich sind. Egomuster, auch solche, die schon lange da sind, lösen sich manchmal wie
durch ein Wunder auf, sobald du nicht mehr innerlich dagegen opponierst. Widerstand gibt ihnen bloß
neue Kraft. Doch selbst wenn sie das nicht tun, kannst du einfach das Verhalten deiner Eltern voller
Mitgefühl akzeptieren, ohne unbedingt darauf reagieren zu müssen, also ohne es persönlich zu nehmen.
Nimm auch die unbewussten Annahmen und Erwartungen bewusst wahr, die deinen eigenen alten,
gewohnheitsmäßigen Reaktionen auf die Eltern zugrunde liegen. »Meine Eltern sollten gut finden, was
ich tue. Sie sollten mich verstehen und mich so akzeptieren, wie ich bin.« Wirklich? Warum sollten sie?
Tatsache ist, dass sie es nicht tun, weil sie es nicht können. In ihrer Bewusstseinsentwicklung haben sie
noch nicht den Quantensprung gemacht. Sie sind noch nicht fähig, die Identifikation mit ihrer Rolle
aufzugeben. »Na gut, aber ohne ihren Beifall und ihr Verständnis kann ich mit dem, was ich bin, nicht
glücklich und zufrieden sein.« Wirklich nicht? Was macht es in Bezug auf dein wahres Wesen schon für
einen Unterschied, ob sie dir Beifall oder Missfallen bezeigen? All diese ungeprüften Annahmen sind die
Ursache vieler negativer Empfindungen und machen dich unnötigerweise unglücklich.
Sei auf der Hut. Sind manche der Gedanken, die dir durch den Kopf gehen, die internalisierte Stimme
von Vater oder Mutter, die dir etwas in dieser Art sagt: »Du bist nicht gut genug. Du wirst es nie zu etwas
bringen«, oder die irgendwelche anderen Standpunkte oder Urteile vertritt? Wenn Bewusstheit in dir ist,
wirst du die Stimme in deinem Kopf als das erkennen können, was sie ist: ein alter Gedanke,
konditioniert durch die Vergangenheit. Wenn Bewusstheit in dir ist, brauchst du nicht länger jeden
Gedanken zu glauben, den du denkst. Es ist ein alter Gedanke, sonst nichts. Bewusstheit bedeutet
Präsenz, und nur Präsenz vermag die unbewusste Vergangenheit in dir auszulöschen.
»Wenn du dich für so erleuchtet hältst«, sagte Ram Dass einmal, »dann geh und verbringe eine
Woche mit deinen Eltern.« Das ist ein guter Rat. Die Beziehung zu den Eltern ist nicht nur die
Ursprungsbeziehung, die für alle weiteren Beziehungen tonangebend ist, sondern auch ein guter Test für
den Grad deiner Gegenwärtigkeit. Je mehr gemeinsame Vergangenheit eine Beziehung hat, umso
gegenwärtiger musst du sein, wenn du nicht gezwungen werden willst, immer wieder diese
Vergangenheit zu leben.
Bewusstes Leiden
Wenn du kleine Kinder hast, dann hilf ihnen, leite sie an und beschütze sie, so gut du kannst, aber gib
ihnen vor allen Dingen Raum - Raum zu sein. Sie kommen durch dich auf die Welt, aber sie gehören
nicht dir. Die Überzeugung »Ich weiß am besten, was gut für dich ist« mag berechtigt sein, solange die
Kinder klein sind, aber je älter sie werden, umso weniger trifft sie zu. Je mehr Erwartungen du hegst, wie
sich ihr Leben entfalten sollte, umso mehr bist du in deinem Denken befangen, statt für sie präsent zu
sein. Natürlich werden sie Fehler machen und in der einen oder anderen Weise leiden, wie alle
Menschen. Aber möglicherweise sind die Fehler nur aus deiner Sicht Fehler. Was für dich ein Fehler sein
mag, ist für sie vielleicht genau das, was sie tun oder erfahren müssen. Lass ihnen so viel Hilfe und
Anleitung zukommen, wie du kannst, aber sei dir darüber im Klaren, dass du ihnen auch erlauben musst,
Fehler zu machen, besonders wenn sie anfangen erwachsen zu werden. Bisweilen musst du ihnen sogar
zugestehen, dass sie leiden dürfen. Leid kann aus heiterem Himmel über sie kommen oder als Folge
ihrer eigenen Fehler. Wäre es nicht wunderbar, wenn du ihnen alles Leid ersparen könntest? Nein, das
wäre es nicht. Sie würden sich menschlich nicht weiterentwickeln, sondern oberflächlich bleiben und sich
mit der äußeren Form der Dinge identifizieren. Leid führt uns in die Tiefe. Das Paradox ist, dass Leid
durch die Identifikation mit Form entsteht und zugleich die Identifikation mit Form untergräbt. Leid wird
vom Ego verursacht, obgleich letztlich Leid das Ego zerstört - allerdings erst, wenn das Leid bewusst
erlebt wird.
Die Menschheit ist dazu bestimmt, über das Leiden hinauszugehen, aber nicht so, wie das Ego meint.
Eine der vielen fälschlichen Annahmen des Ego, einer seiner vielen wahnhaften Gedanken lautet: »Ich
sollte nicht leiden müssen.« Manchmal wird dieser Gedanke auch auf jemanden übertragen, der einem
nahesteht: »Mein Kind sollte nicht leiden müssen.« Dieser Gedanke selbst ist die Wurzel des Leidens.
Das Leiden hat einen edlen Sinn: Es soll die Evolution des Bewusstseins vorantreiben und das Ego
verbrennen. Der Mensch am Kreuz ist das archetypische Bild dafür. Er steht für jeden Mann und jede
Frau. Solange du dich gegen das Leiden wehrst, geht dieser Prozess nur langsam voran, denn
Widerstand baut mehr Ego auf, das verbrannt werden muss. Wenn du hingegen das Leiden annimmst,
beschleunigt sich der Prozess, weil du jetzt bewusst leidest. Du kannst dein eigenes Leiden annehmen,
aber du kannst auch das Leiden anderer, deiner Kinder oder Eltern zum Beispiel, annehmen. Inmitten
des bewussten Leidens liegt bereits die Umwandlung begründet. Das Feuer des Leidens wird zum Licht
des Bewusstseins.
Das Ego sagt: »Ich sollte nicht leiden müssen«, und dieser Gedanke sorgt dafür, dass du noch viel
mehr leidest. Er ist eine Verzerrung der Wahrheit und als solche immer paradox. In Wahrheit musst du Ja
zum Leiden sagen, ehe du darüber hinausgehen kannst.
Bewusste Elternschaft
Viele Kinder hegen insgeheim Wut und Groll gegen ihre Eltern, und der Grund dafür ist häufig in der
Unechtheit der Beziehung zu suchen. Das Kind sehnt sich zutiefst danach, dass die Eltern als Menschen
da sind, statt eine Rolle zu spielen, mag diese auch noch so gewissenhaft ausgefüllt werden. Du tust
vielleicht in allem das Richtige und Bestmögliche für dein Kind, aber das Bestmögliche genügt nicht. Tun
ist ohnehin nie genug, solange du das Sein vernachlässigst. Das Ego weiß nichts vom Sein, aber es
glaubt, dass du irgendwann durch dein Tun erlöst sein wirst. Wenn es dich fest im Griff hat, glaubst du,
nur immer mehr tun zu müssen, bis du an irgendeinem Punkt in der Zukunft genügend »Taten«
zusammen hast, um dich heil und ganz zu fühlen. Wirst du aber nicht. Du wirst dich nur in deinem Tun
verlieren. Die gesamte Zivilisation ist dabei, sich im Tun zu verlieren, das nicht im Sein wurzelt und
infolgedessen vergeblich ist.
Wie bringst du Sein ins Leben einer betriebsamen Familie, in die Beziehung zu deinem Kind? Der
Schlüssel dazu ist die Aufmerksamkeit, die du deinem Kind widmest. Es gibt zwei Arten von
Aufmerksamkeit. Die eine könnte man formorientierte Aufmerksamkeit nennen. Die andere ist die
formlose Aufmerksamkeit. Die formorientierte Aufmerksamkeit steht immer mit Tun und Bewerten in
Verbindung. »Hast du deine Schularbeiten gemacht? Iss endlich. Räum dein Zimmer auf. Putz dir die
Zähne. Tu dies, lass das. Beeil dich, mach dich fertig.«
Was müssen wir als Nächstes tun? Diese Frage fasst recht gut zusammen, was das Leben in vielen
Familien bestimmt. Formorientierte Aufmerksamkeit ist natürlich notwendig und hat ihren Platz, aber
wenn sie alles ist, wovon die Beziehung zum Kind erfüllt ist, dann fehlt die wichtigste Dimension, wird
das Sein vollständig vom Tun überlagert, von der »Sorge um das Leben«, wie Jesus sagt. Formlose
Aufmerksamkeit ist untrennbar von der Dimension des Seins. Und wie funktioniert sie?
Während du dein Kind anschaust, ihm zuhörst, es streichelst oder ihm bei diesem und jenem hilfst, bist
du wach, still und vollkommen präsent und wünschst dir nichts anderes als den Augenblick, so wie er ist.
Auf diese Weise schaffst du Raum für das Sein. In dem Augenblick, in dem du gegenwärtig bist, bist du
weder Vater noch Mutter. Du bist die Wachsamkeit, die Stille, die Präsenz, die zuhört, schaut, streichelt
oder auch spricht. Du bist das Sein hinter dem Tun.
Das Kind anerkennen
D u bist, und du bist ein Mensch. Was bedeutet das? Sein Leben zu meistern ist keine Frage der
Kontrolle, sondern der Ausgewogenheit von Menschsein und Sein. Mutter, Vater, Ehemann, Ehefrau,
jung, alt, die Rollen, die du spielst, die Funktionen, die du erfüllst - alles, was du tust, gehört der
menschlichen Dimension an. Es hat seinen Platz und muss gewürdigt werden, reicht jedoch nicht aus für
ein erfülltes, wahrhaft sinnvolles Leben und eine ebensolche Beziehung. Das Menschsein allein ist nie
genug, wie sehr du auch darum ringen und was du auch leisten magst. Und dann ist da noch das Sein.
Es findet sich in der stillen, wachen Gegenwärtigkeit des reinen Bewusstseins, das du bist. Der Mensch
ist Form. Das Sein ist formlos. Menschsein und Sein sind nicht voneinander getrennt, sondern
miteinander verwoben.
In der menschlichen Dimension bist du ohne Zweifel dem Kind überlegen. Du bist größer und stärker,
weißt mehr und kannst mehr tun. Wenn diese Dimension alles ist, was du kennst, fühlst du dich deinem
Kind überlegen, sei es auch unbewusst. Dann gibst du dem Kind, wahrscheinlich ebenfalls unbewusst,
das Gefühl, unterlegen zu sein. Zwischen dir und dem Kind herrscht keine Gleichheit, weil eure
Beziehung nur von der Form geprägt ist, und in der Form seid ihr einander natürlich nicht gleich. Du
magst dein Kind zwar lieben, aber deine Liebe ist nur menschlich, das heißt, sie ist konditioniert,
besitzergreifend und unstet. Nur jenseits der Form, im Sein, seid ihr gleich, und nur wenn du die
Dimension der Formlosigkeit in dir selbst findest, wird eure Beziehung von wahrer Liebe durchdrungen
sein. Die Präsenz, die du bist, das zeitlose Ich-bin, erkennt sich im anderen, und dieses Andere, in
deinem Fall das Kind, fühlt sich geliebt, das heißt anerkannt.
Lieben heißt, sich selbst im anderen erkennen. Das »Anderssein« des anderen enthüllt sich dann als
Illusion, die der rein menschlichen Ebene angehört, dem Reich der Form. Die Sehnsucht nach Liebe, die
jedes Kind in sich trägt, ist das Verlangen nach Anerkennung, nicht auf der Ebene der Form, sondern auf
der Seinsebene. Wenn Eltern nur die menschliche Dimension zu würdigen wissen, das Sein jedoch
vernachlässigen, spürt das Kind, dass die Beziehung unerfüllt bleibt, dass etwas absolut
Entscheidendes fehlt, sodass sich Schmerz in ihm ansammelt und manchmal auch unbewusster Groll
den Eltern gegenüber. »Warum erkennt ihr mich nicht an?«, scheinen Schmerz und Groll zu rufen.
Wenn dich jemand anerkennt, macht diese Anerkennung die Dimension des Seins durch euch beide
deutlicher sichtbar in dieser Welt. Das ist die Liebe, die die Welt erlöst. Ich habe mich zwar bisher
speziell auf die Beziehung zum Kind bezogen, aber das gilt natürlich für alle Beziehungen
gleichermaßen.
Es heißt, »Gott ist die Liebe«, aber das stimmt nicht ganz. Gott ist das eine Leben in all den
mannigfachen Lebensformen und jenseits davon. Liebe impliziert Dualismus: Liebende und Geliebte,
Subjekt und Objekt. Liebe ist also die Erkenntnis des Einsseins in einer dualistischen Welt. Das ist die
Geburt Gottes in die Welt der Form. Liebe nimmt der Welt etwas von ihrer Weltlichkeit, ihrer Dichte und
lässt die göttliche Dimension durchscheinen, das Licht des reinen Bewusstseins.
Das Rollenspiel aufgeben
In jeder Situation das zu tun, was geboten ist, ohne in eine Rolle zu verfallen und sich mit ihr zu
identifizieren, ist eine entscheidende Übung für die Kunst des Lebens, die jeder von uns hier lernen
muss. Du wirst perfekt in etwas, wenn du es um seinetwillen tust, statt dich damit an deine
Rollenidentität anzupassen, sie zu schützen und zu verstärken. Jede Rolle erzeugt ein fiktives Ichgefühl,
und durch dieses erdachte »kleine Ich« und die Rolle, die es gerade spielt, wird alles personalisiert,
korrumpiert und verzerrt. Die meisten Menschen, die auf dieser Welt eine Machtposition innehaben, wie
Politiker, Fernsehprominente und Führungskräfte aus der Wirtschaft, aber auch religiöse Führer,
identifizieren sich bis auf ein paar rühmliche Ausnahmen mit ihrer Rolle. Sie mögen zwar als VIPs
bezeichnet werden, doch im Grunde sind sie nichts weiter als unbewusste Teilnehmer an einem
Egospiel, einem Spiel, das ungeheuer wichtig wirkt, dem jedoch jeder echte Sinn fehlt. Es ist, um mit
Shakespeare zu sprechen, »ein Märchen, von einem Narren erzählt, voller Schall und Wut und ohne
Bedeutung«. 9 Erstaunlicherweise kam Shakespeare zu diesem Schluss, obwohl er die Segnungen des
Fernsehens noch gar nicht kannte. Wenn das Ego-Erdenschauspiel überhaupt einen Sinn hat, dann
einen indirekten: Es erzeugt immer mehr Leid auf der Erde, das zwar weitgehend durch das Ego
verursacht wird, jedoch letztlich auch für dessen Zerstörung sorgt. Es ist das Feuer, in dem sich das Ego
selbst verzehrt.
In einer Welt, in der fast jeder seine Rolle spielt, ragen die wenigen Menschen heraus, die keine
mentalen Bilder projizieren, sondern die aus einem tieferen Kern ihres Seins heraus agieren, die nicht
mehr scheinen wollen, als sie sind, sondern einfach nur sie selbst sind - und davon gibt es sogar im
Fernsehen und in anderen Medien sowie in der Geschäftswelt einige. Sie sind im Grunde die Einzigen,
auf die es in dieser Welt ankommt. Sie bereiten den Boden für das neue Bewusstsein. Was immer sie
tun, hat Kraft, weil es auf einer Linie mit dem Sinn des Ganzen ist. Ihr Einfluss reicht allerdings weit über
das hinaus, was sie tun, er geht weit über ihre Funktion hinaus. Ihre bloße Gegenwart - schlicht,
natürlich und anspruchslos - hat eine transformatorische Wirkung auf alle, mit denen sie in Kontakt
kommen.
Wenn du keine Rollen spielst, heißt das, dass kein Ich (Ego) hinter dem steckt, was du tust. Dann
steckt nicht der Schutz oder die Stärkung deines Ichs dahinter. Infolgedessen haben deine Handlungen
viel mehr Kraft. Du stellst dich vollkommen auf die Situation ein. Du wirst eins mit ihr. Du versuchst nicht,
jemand Bestimmtes zu sein. Du hast die höchste Macht und Wirkung, wenn du vollkommen du selbst
bist. Aber bemühe dich nicht darum, du selbst zu sein. Das ist auch wieder eine Rolle, nämlich die des
»natürlichen, spontanen Ichs«. Sobald du versuchst, dieses oder jenes zu sein, spielst du eine Rolle.
»Sei einfach du selbst« ist zwar eine gute Empfehlung, aber sie kann auch irreführen. Der Verstand wird
sich einschalten und sagen: »Mal sehen. Wie kann ich ich selbst sein?« Daraufhin wird er eine Strategie
entwickeln: »Wie ich ich selbst bleiben kann.« Eine weitere Rolle. »Wie kann ich ich selbst sein?«, ist im
Grunde die falsche Frage. Sie unterstellt, dass du etwas tun musst, um du selbst zu sein. Aber das Wie
steht hier nicht zur Debatte, weil du ja schon du bist. Hör einfach auf, dem, was du bist, unnötigerweise
noch mehr aufzubürden. »Aber ich weiß doch nicht, wer ich bin. Ich weiß nicht, was es heißt, ich selbst
zu sein.« Wenn du absolut problemlos damit leben kannst, nicht zu wissen, wer du bist, dann bist du das,
was übrig bleibt - das Sein hinter dem Menschsein, ein Feld purer Möglichkeiten anstelle von etwas, das
schon definiert ist.
Gib es auf, dich dir selbst und anderen gegenüber zu definieren. Du stirbst schon nicht. Vielmehr wirst
du zum Leben erwachen. Und mach dir nichts daraus, wie andere dich definieren. Indem sie dich
definieren, schränken sie sich selber ein, und das ist ihr Problem. Erfülle im Umgang mit anderen nicht in
erster Linie eine Rolle oder Funktion, sondern sei als Bewusstseinsfeld der Präsenz zugegen.
Warum spielt das Ego seine Rollen? Weil es von einer ungeprüften Annahme ausgeht, von einem
unbewussten Gedanken. Der lautet: Ich bin nicht ausreichend. Ihm folgen weitere unbewusste
Gedanken: Ich muss eine Rolle spielen, um zu bekommen, was ich brauche, und voll und ganz ich selbst
zu sein; ich muss mehr haben, um mehr zu sein. Aber du kannst nicht mehr sein, als du schon bist, denn
hinter deiner physischen und psychischen Form bist du eins mit dem Leben selbst, bist du eins mit dem
Sein. In der Form wirst du immer und ewig den einen unterlegen und den anderen überlegen sein. Im
Sein bist du niemandem unter- oder überlegen. Diese Erkenntnis führt zu wahrer Selbstachtung und
Demut. Nach Ansicht des Ego schließen sich Selbstachtung und Demut gegenseitig aus. In Wahrheit
sind sie jedoch ein und dasselbe.
Das pathologische Ego
In einem umfassenderen Wortsinn ist das Ego pathologisch, egal, welche Form es annimmt. Wenn wir
uns den altgriechischen Stamm des Wortes »pathologisch« anschauen, sehen wir, wie gut das Wort zum
Ego passt. Es wird normalerweise dazu verwendet, einen Krankheitsbefund zu beschreiben, und ist von
pathos abgeleitet, was wörtlich »Leiden« bedeutet. Genau das hat der Buddha bereits vor 2600 Jahren
als Merkmal des Menschseins erkannt.
Ein Mensch, den das Ego im Griff hat, erkennt das Leiden jedoch nicht als Leiden, sondern betrachtet
es als die einzig angemessene Reaktion auf eine bestimmte Situation. Das Ego in seiner Blindheit ist
unfähig, das Leid zu erkennen, das es über sich und andere bringt. Unglücklich zu sein ist eine durch
das Ego hervorgerufene mental-emotionale Krankheit, die epidemische Ausmaße angenommen hat. Es
ist das innere Gegenstück zur Umweltverschmutzung auf unserer Erde. Negative Gemütsregungen wie
Wut, Angst, Hass, Groll, Unzufriedenheit, Neid, Eifersucht usw. werden nicht als negativ erkannt,
sondern gelten als total gerechtfertigt, und sie werden zudem nicht als selbst erzeugt, sondern als von
anderen oder von äußeren Faktoren ausgelöst empfunden. »Ich mache dich für meinen Schmerz
verantwortlich.« Das schwingt beim Ego immer mit.
Das Ego kann nicht zwischen einer Situation, ihrer Auslegung und seiner Reaktion darauf
unterscheiden. Du sagst vielleicht: »Was für ein schrecklicher Tag«, ohne dir darüber im Klaren zu sein,
dass die Kälte, der Wind, der Regen oder was sonst eine solche Reaktion bei dir hervorruft, gar nicht
schrecklich sind. Sie sind einfach so, wie sie sind. Was schrecklich ist, ist deine Reaktion darauf, dein
innerer Widerstand dagegen und das Gefühl, das dieser Widerstand auslöst. Mit Shakespeares Worten:
»An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.«10 Darüber hinaus werden
Leid oder Negativität vom Ego oft fälschlich als angenehm wahrgenommen, weil es sich bis zu einem
gewissen Punkt daran labt.
Zum Beispiel stärken Wut und Groll das Ego enorm, indem sie das Gefühl des Getrenntseins steigern,
die Andersartigkeit anderer betonen und eine scheinbar unerschütterliche, festungsgleiche mentale
Haltung des »Rechthabens« begründen. Wenn du die physiologischen Veränderungen sehen könntest,
die in deinem Körper ablaufen, wenn du von solcher Negativität besessen bist, und wie schädlich sie
sich auf die Herzfunktion, auf die Verdauung, das Immunsystem und zahllose andere Körperfunktionen
auswirken, würde dir vollkommen klar sein, dass es sich tatsächlich um pathologische Zustände handelt,
um Leidensformen und keineswegs um etwas Erfreuliches.
Immer wenn dich Negativität überkommt, will etwas in dir diese Negativität, weil es sie als angenehm
empfindet oder glaubt, so könntest du erreichen, was du willst. Wer würde sonst an Negativität
festhalten, sich selbst und anderen das Leben schwer machen und seinem Körper schaden? Wann
immer also Negativität in dir ist und du dir zugleich bewusst machen kannst, dass etwas in dir Gefallen
daran findet oder einen Nutzen darin sieht, kommt dir das Ego unmittelbar zu Bewusstsein. In dem
Augenblick, in dem dies geschieht, wechselt deine Identität vom Ego zur Bewusstheit über. Das heißt,
das Ego schrumpft, und die Bewusstheit nimmt zu.
Es genügt, dir inmitten der Negativität klar zu machen: »In diesem Augenblick verursache ich mir
Leid«, um dich über die Grenzen konditionierter Egozustände und -reaktionen zu erheben. Unbegrenzte
Möglichkeiten werden sich dir bei entsprechender Bewusstheit eröffnen - andere, erheblich klügere
Mittel und Wege, um mit einer Situation fertig zu werden. Es wird dir freistehen, dein Unglücklichsein in
dem Augenblick fahren zu lassen, in dem du es als unklug erkennst. Negativität kommt nicht von Klugheit
her. Sie kommt immer vom Ego her. Das Ego mag clever sein, aber klug ist es nicht. Cleverness verfolgt
eigene kleine Ziele. Klugheit sieht das größere Ganze, in dem alle Dinge miteinander verbunden sind.
Cleverness ist durch Eigeninteresse begründet und extrem kurzsichtig. Die meisten Politiker und
Geschäftsleute sind clever. Nur wenige von ihnen sind klug. Was immer durch Cleverness gewonnen
wird, hat nicht lange Bestand und erweist sich irgendwann stets als kontraproduktiv. Cleverness trennt;
Klugheit verbindet.
Das latent vorhandene Unglücklichsein
Das Ego schafft Trennung, und Trennung verursacht Leiden; es ist also eindeutig pathologisch. Neben
so offensichtlichen Formen wie Wut und Hass usw. gibt es noch erheblich raffiniertere Formen der
Negativität, die so verbreitet sind, dass sie meist gar nicht als solche erkannt werden, zum Beispiel
Ungeduld, Gereiztheit, Nervosität, »es satt sein« usw. Sie bilden das latent vorhandene Gefühl des
Unglücklichseins, das im Innern vieler Menschen vorherrscht. Du musst extrem wachsam und absolut
präsent sein, um sie aufzuspüren. Wenn dir das gelingt, ist es ein Augenblick des Erwachens, ein
Moment, in dem du dich nicht mehr mit dem Denken identifizierst.
Im Folgenden einer der häufigsten negativen Zustände, die so leicht übersehen werden, eben weil sie
so verbreitet und normal sind. Vielleicht ist er dir vertraut. Hast du öfters ein Gefühl der Unzufriedenheit,
das sich am ehesten als eine Art unterschwelligen Grolls beschreiben ließe? Er kann sich gegen etwas
Bestimmtes richten oder ganz allgemein sein. Viele Menschen bringen einen Großteil ihres Lebens in
dieser Verfassung zu. Sie identifizieren sich so stark damit, dass sie nicht Abstand davon nehmen und
ihn betrachten können. Ihren Gefühlen liegen bestimmte unbewusste Überzeugungen zugrunde, also
Gedanken. Du denkst diese Gedanken genauso, wie du im Schlaf deine Träume träumst. Mit anderen
Worten: Du weißt nicht, dass du diese Gedanken denkst, ebenso wenig wie der Träumer weiß, dass er
träumt.
Hier einige der verbreitetsten unbewussten Gedanken, die das Gefühl der Unzufriedenheit nähren,
den unterschwelligen Groll. Ich habe sie von ihrem Inhalt befreit, sodass die reine Struktur übrigbleibt.
Auf diese Weise sind sie deutlicher erkennbar. Wann immer dein Leben von einem hintergründigen (oder
auch vordergründigen) Unglücklichsein überschattet wird, kannst du prüfen, welcher dieser Gedanken
auf dich zutrifft, und ihn je nach deiner persönlichen Situation mit eigenem Inhalt füllen.

»Es muss etwas geschehen in meinem Leben, damit ich endlich im Frieden (glücklich, erfüllt usw.) bin.
Und ich ärgere mich, dass es noch nicht geschehen ist. Vielleicht sorgt mein Groll dafür, dass sich
endlich etwas tut.«

»Irgendetwas ist in der Vergangenheit geschehen, das nicht hätte geschehen dürfen, und das ärgert
mich. Wenn es nicht geschehen wäre, hätte ich jetzt meinen Frieden.«

»Irgendetwas geschieht gerade, das eigentlich nicht geschehen dürfte, und hält mich davon ab, im
Frieden zu sein.«
Häufig betreffen die unbewussten Überzeugungen eine andere Person, sodass das »Geschehen« zum
»Tun« wird:

»Du solltest dieses oder jenes tun, damit ich meinen Frieden finde. Und es ärgert mich, dass du es
noch immer nicht getan hast. Vielleicht bringt dich mein Groll dazu, es endlich zu tun.«

»Irgendetwas, das du (oder ich) in der Vergangenheit gesagt, getan oder nicht getan hast, hält mich
jetzt davon ab, Frieden zu finden.«

»Was du gerade tust oder nicht tust, hindert mich daran, Frieden zu finden.«
Das Geheimnis des Glücks
All das sind Annahmen, unerforschte Gedanken, die mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Es sind
Geschichten, die das Ego erfindet, um dich davon zu überzeugen, dass du im Augenblick nicht im
Frieden und nicht ganz du selbst sein kannst. Im Frieden mit dir zu sein und der zu sein, der du bist, ist
ein und dasselbe. Das Ego sagt: »Vielleicht kann ich irgendwann in Zukunft Frieden finden -
vorausgesetzt, dies oder das oder jenes geschieht und ich bekomme dieses oder werde jenes.« Oder es
sagt: »Ich werde nie Frieden finden, weil irgendetwas in der Vergangenheit geschehen ist, das mich
daran hindert.« Hör dir die Geschichten der Leute an, sie könnten alle die Überschrift tragen: »Warum
ich im Augenblick keinen Frieden finde«. Das Ego weiß nicht, dass das Jetzt deine einzige Chance ist,
Frieden zu finden. Oder es weiß es doch, hat aber Angst, du könntest es herausfinden. Frieden bedeutet
schließlich sein Ende.
Wie findest du jetzt Frieden? Indem du Frieden mit dem gegenwärtigen Augenblick schließt. Der
gegenwärtige Augenblick ist das Feld, auf dem sich das Spiel des Lebens entfaltet. Es kann sich
nirgendwo sonst entfalten. Hast du Frieden mit dem gegenwärtigen Augenblick geschlossen, dann sieh,
was geschieht und was du tun kannst oder willst bzw. was das Leben durch dich tut. In vier Worten liegt
das Geheimnis der Lebenskunst, das Geheimnis allen Erfolgs und Glücks: eins mit dem Leben. Eins mit
dem Leben zu sein heißt eins mit dem Jetzt zu sein. Dann wird dir klar, dass nicht du dein Leben lebst,
sondern dass das Leben dich lebt. Das Leben ist der Tänzer, und du bist der Tanz.
Das Ego liebt seinen Groll über die Wirklichkeit. Was ist Wirklichkeit? Das, was ist. Buddha nannte sie
Tathata - das Sosein des Lebens, das nichts anderes ist als das Sosein dieses Augenblicks. Das
Opponieren gegen das Sosein ist eines der Hauptmerkmale des Ego. Es erzeugt die Negativität, durch
die das Ego gedeiht, das Unglücklichsein, das es liebt. Auf diese Weise bringst du Leid über dich und
andere und weißt es nicht einmal, weißt nicht, dass du die Hölle auf Erden schaffst. Leiden zu
verursachen, ohne es zu merken - das ist das Wesen unbewussten Lebens; dabei hat dich das Ego fest
im Griff. Wie groß die Unfähigkeit des Ego ist, sich selbst zu erkennen und zu sehen, was es anrichtet,
ist unglaublich und erschütternd. Es tut nämlich genau das, was es bei anderen verurteilt, und bemerkt
es nicht. Wird es darauf hingewiesen, streitet es alles verärgert ab und führt clevere Argumente und
Rechtfertigungen an, mit denen es die Fakten verzerrt. So machen es Menschen, Unternehmen und
Regierungen. Wenn alles andere versagt, nimmt das Ego Zuflucht zum Schreien und schreckt am Ende
auch vor physischer Gewalt nicht zurück. Es schickt die Kampftruppen vor. Jetzt verstehen wir die tiefe
Weisheit in den Worten Jesu am Kreuz: »Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«
Um dem Elend, das die Menschen seit Tausenden von Jahren quält, ein Ende zu bereiten, musst du
bei dir selbst anfangen und in jedem Augenblick die Verantwortung für deinen inneren Zustand
übernehmen. Das heißt: jetzt. Frage dich: »Gibt es in diesem Augenblick Negativität in mir?« Sei
wachsam und achte sowohl auf deine Gedanken als auch auf deine Emotionen. Hüte dich vor dem
unterschwelligen Unglücklichsein in einer der zuvor bereits erwähnten Formen wie Unzufriedenheit,
Nervosität, Gereiztheit usw. Achte auf Gedanken, die dieses Unglücklichsein zu erklären oder zu
rechtfertigen versuchen, obwohl sie es in Wirklichkeit selbst verursachen.
In dem Augenblick, in dem dir eine negative Regung in deinem Innern bewusst wird, hast du nicht etwa
versagt. Im Gegenteil, du warst erfolgreich! Solange diese Bewusstheit noch nicht eingetreten ist,
besteht eine Identifikation mit dem inneren Zustand, und hinter dieser Identifikation steckt das Ego.
Zugleich mit der Bewusstheit setzt die Aufhebung der Identifikation mit Gedanken, Emotionen und
Reaktionen ein. Dies darf nicht mit Verleugnung verwechselt werden. Vielmehr werden die Gedanken,
Emotionen und Reaktionen erkannt, und schon setzt automatisch die Ablösung davon ein. Dann vollzieht
sich ein Umschwung in deinem Selbstgefühl, in dem Gefühl, wer du bist: Vorher warst du die Gedanken,
Emotionen und Reaktionen; jetzt bist du die Bewusstheit, die wache Präsenz, die diese Zustände
beobachtet.
»Eines Tages werde ich frei sein vom Ego.« Wer sagt das? Das Ego. Vom Ego loszukommen ist keine
so große Sache, eher eine Kleinigkeit. Du brauchst dir nur deiner Gedanken und Emotionen bewusst zu
sein - während sie in dir aufsteigen. Das ist kein richtiges »Tun«, sondern eher ein waches »Sehen«. In
diesem Sinne stimmt es, dass du nichts tun kannst, um vom Ego frei zu kommen. Wenn sich der
Wechsel vollzieht, ein Wechsel vom Denken zur Bewusstheit, wird eine Intelligenz, die viel größer ist als
die Cleverness des Ego, in deinem Leben wirksam. Durch Bewusstheit werden Emotionen und sogar
Gedanken entpersönlicht. Ihre eigentliche Unpersönlichkeit wird erkannt. Sie sind vom Selbst befreit. Sie
sind einfach nur menschliche Emotionen und menschliche Gedanken. Deine ganze persönliche
Geschichte, die letztlich auch bloß eine Geschichte ist, ein Bündel von Gedanken und Emotionen, hat
nur noch untergeordnete Bedeutung und besetzt nicht länger die vorderste Front des Bewusstseins. Sie
bildet nicht länger die Grundlage deines Identitätsgefühls. Du bist das Licht der Präsenz, die
Bewusstheit, die allen Gedanken und Empfindungen vorausgeht und tiefer ist als sie.
Formen des pathologischen Ego
Wie wir gesehen haben, ist das Ego seinem Wesen nach pathologisch, wenn wir das Wort in seinem
umfassenderen Sinn als Funktionsstörung und Leiden verstehen. Viele mentalen Störungen weisen die
gleichen Egostrukturen auf, die auch beim normalen Menschen zu finden sind, nur treten sie so stark
hervor, dass ihre Krankhaftigkeit allen ins Auge springt, außer dem Leidenden selbst.
Zum Beispiel erzählen viele normale Menschen ab und zu Lügen, um sich wichtig zu machen, sich das
Flair des Besonderen zu geben und ihr Image aufzuwerten: über ihre Bekanntschaften, Leistungen,
Fähigkeiten, Besitztümer und womit sich das Ego sonst noch identifiziert. Manche Menschen allerdings
werden so von den Minderwertigkeitsgefühlen des Ego und seinem Bedürfnis, »mehr« zu haben oder zu
sein, unter Druck gesetzt, dass sie zwanghaft und gewohnheitsmäßig lügen. Das meiste von dem, was
sie dir von sich erzählen, ihre Geschichte, ist reine Fantasie, ein fiktives Gebäude, vom Ego erfunden,
um sich größer und spezieller zu fühlen. Manchmal vermag ihr bombastisches, aufgeblasenes Selbstbild
andere zu täuschen, aber selten lange. Die meisten Leute durchschauen schnell, dass es sich um reine
Fiktion handelt.
Die Geisteskrankheit, die als paranoide Schizophrenie bezeichnet wird oder kurz als Paranoia, ist im
Grunde eine übertriebene Form des Ego. Normalerweise besteht sie aus einer fiktiven Geschichte, die
der Verstand ersonnen hat, um dem hartnäckigen, latent vorhandenen Angstgefühl einen Sinn zu geben.
Hauptelement der Geschichte ist die Überzeugung, dass bestimmte Leute (manchmal eine Vielzahl von
Menschen oder fast alle) ein Komplott gegen dich schmieden oder sich gegen dich verschworen haben,
um die Kontrolle über dich zu gewinnen oder dich umzubringen. Oft hat die Geschichte sogar eine
gewisse Stimmigkeit und innere Logik, sodass auch andere manchmal darauf hereinfallen. Manche
Organisationen oder auch ganze Staaten gründen sich auf paranoide Glaubensstrukturen. Sie nutzen
die Angst und das Misstrauen des Ego gegenüber anderen, seine Neigung, die »Andersartigkeit« der
anderen zu betonen, indem es sich auf deren angebliche Fehler konzentriert und daraus die Identität der
Betreffenden ableitet, gehen aber noch ein bisschen weiter und machen aus anderen unmenschliche
Monster. Das Ego braucht andere, nur steckt es in dem Dilemma, dass es sie tief innerlich fürchtet und
hasst. Jean Paul Sartres Feststellung »Hölle, das sind die anderen« könnte vom Ego stammen. Wer
unter Paranoia leidet, erlebt diese Hölle akut, aber im Grunde spürt sie bis zu einem gewissen Grad
jeder, in dem die Egomuster noch aktiv sind. Je stärker das Ego in dir ist, umso wahrscheinlicher ist es,
dass in deiner Wahrnehmung andere Menschen die Hauptursache deiner Probleme im Leben darstellen.
Zugleich ist es sehr wahrscheinlich, dass du anderen das Leben schwer machst. Das siehst du jedoch
nicht. Es sind immer die anderen, die dir etwas antun.
Die Geisteskrankheit, die wir Paranoia nennen, zeigt sich noch in einem anderen Symptom, das
ebenfalls jedes Ego aufweist, nur dass es bei der Paranoia eine extreme Form annimmt. Je mehr der
Leidende sich selbst als von anderen verfolgt, ausspioniert und bedroht sieht, umso stärker hat er das
Gefühl, der Nabel des Universums zu sein, um den sich alles dreht, und in seiner irrigen Überzeugung,
im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit so vieler anderer zu stehen, fühlt er sich noch auserwählter und
bedeutender. Sein Empfinden, ein Opfer zu sein, dem von vielen Leuten Unrecht getan wird, macht ihn
zu etwas ganz Besonderem. In der Geschichte, die seinem Wahn zugrunde liegt, schreibt er sich oft
sowohl die Rolle des Opfers als auch des möglichen Helden zu, der die Welt errettet oder die
Heerscharen des Bösen besiegt.
Im kollektiven Ego von Stämmen, Völkern und religiösen Organisationen findet sich gleichfalls häufig
ein Element der Paranoia: wir gegen die bösen anderen. Das hat viel Leid über die Menschheit
gebracht. Die spanische Inquisition, die Verfolgung und Verbrennung von Ketzern und »Hexen«, die
Beziehungen zwischen den Nationen, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg heraufbeschworen, der
Kommunismus während seiner gesamten geschichtlichen Entwicklung, der Kalte Krieg, die Mc-Carthy-
Ära der Fünfzigerjahre in den Vereinigten Staaten, der anhaltende gewaltsame Konflikt im Nahen Osten,
das alles sind schmerzliche Abschnitte in der Geschichte des Menschen, die von extremer kollektiver
Paranoia zeugen.
Je unbewusster einzelne Menschen, Gruppen und Völker sind, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass diese Ego-Pathologie die Form physischer Gewalt annimmt. Gewalt ist ein
primitives, aber noch immer weit verbreitetes Mittel, zu dem das Ego greift, um sich zu behaupten und zu
beweisen, dass es im Recht und der andere im Unrecht ist. Bei sehr unbewussten Menschen kann ein
Streit schnell in physische Gewalt ausarten. Was ist ein Streit? Zwei oder mehr Leute bringen ihre
Ansichten vor und sind unterschiedlicher Meinung. Doch jede Partei identifiziert sich so stark mit den
Gedanken, aus denen sich ihre Meinung bildet, dass sich die Gedanken zu einer mentalen Haltung
verhärten, die mit einem Ichgefühl befrachtet ist. Mit anderen Worten: Identität und Denken verschmelzen
miteinander. Sobald das geschehen ist und ich dann meine Meinung (Gedanken) verteidige, fühle und
handle ich so, als würde ich mich selbst verteidigen. Unbewusst fühle und handle ich so, als kämpfte ich
ums Überleben, und diese unbewusste Überzeugung spiegelt meine Emotionen wider. Sie sind
aufgewühlt. Ich bin aufgebracht, verärgert, abwehrend oder aggressiv. Ich muss um jeden Preis
gewinnen, sonst werde ich ausgelöscht. Das ist die Illusion. Das Ego weiß nicht, dass der Verstand und
mentale Einstellungen nichts mit dem zu tun haben, was wir wirklich sind, weil das Ego das
unbeobachtete Denken selbst ist.
Im Zen heißt es: »Such nicht nach Wahrheit. Lass einfach deine Ansichten los.« Was bedeutet das?
Lass von der Identifikation mit deinem Denken ab. Jenseits des Denkens kommt von allein zum
Vorschein, wer du wirklich bist.
Arbeit - mit und ohne Ego
Die meisten Menschen erleben Momente, in denen sie frei vom Ego sind. Diejenigen, die
außergewöhnlich gut sind in dem, was sie tun, sind möglicherweise bei ihrer Arbeit ganz oder
weitgehend frei vom Ego. Auch wenn sie es vielleicht gar nicht wissen, ist ihre Arbeit zur spirituellen
Übung geworden. Häufig sind sie während ihres Schaffens vollkommen präsent, im Privatleben
hingegen relativ unbewusst. Das heißt, ihr Gegenwärtigsein ist derzeit auf einen bestimmten
Lebensbereich beschränkt. Ich kenne Lehrer, Künstler, Krankenschwestern, Ärzte, Wissenschaftler,
Sozialarbeiter, Kellner, Friseusen, Geschäftsinhaber und Handelsvertreter, die ihre Arbeit
bewundernswert und vollkommen selbstlos ausführen und sich immer auf den jeweiligen Augenblick
einstellen. Sie sind eins mit dem, was sie tun, eins mit dem Jetzt, eins mit den Menschen oder der
Aufgabe, der sie dienen. Der Einfluss, den solche Menschen auf andere ausüben, geht weit über ihre
Funktion hinaus. Sie bewirken bei allen, die mit ihnen in Berührung kommen, eine Ego-Reduzierung.
Selbst Leute mit starken Egos werden im Umgang mit ihnen manchmal lockerer, gehen aus ihrer
Deckung heraus und geben ihr Rollenspiel auf. Es dürfte kaum verwunderlich sein, dass Menschen, die
ohne Ego tätig sind, ungeheuer erfolgreich sind bei dem, was sie tun. Jeder, der eins ist mit dem, was er
tut, baut mit an einer neuen Erde.
Ich kenne aber auch solche, die zwar technisch brillant sind in dem, was sie tun, denen aber ständig
ihr Ego im Wege steht. Nur ein Teil ihrer Aufmerksamkeit ist bei der Arbeit, die sie gerade verrichten; der
andere beschäftigt sich mit ihnen selbst. Ihr Ego fordert persönliche Anerkennung, und wenn es davon
nicht genug bekommt, verschwendet es viel Energie, indem es grollt - und es hat nie genug. »Kommt
etwa jemand anderem mehr Anerkennung zu als mir?« Oder die Leute konzentrieren sich auf Profit oder
Macht und verfolgen mit ihrer Arbeit ausschließlich dieses Ziel. Wenn Arbeit nichts weiter als ein Mittel
zum Zweck ist, kann sie keine hohe Qualität haben. Sobald Schwierigkeiten oder Hindernisse
auftauchen, zum Beispiel nicht alles ihren Erwartungen gemäß läuft, andere nicht kooperativ und die
Umstände nicht zweckdienlich sind, stellen sie sich gegen die Situation, statt sofort eins mit ihr zu
werden und auf die Erfordernisse des gegenwärtigen Augenblicks zu reagieren, und trennen sich so
davon. Ein Ich ist da, das sich persönlich angegriffen fühlt und ärgert, und eine Riesenmenge Energie
wird in nutzlosem Protest und fruchtloser Wut verpulvert, Energie, die zur Klärung der Situation
verwendet werden könnte, wenn sie nicht vom Ego missbraucht würde. Darüber hinaus baut diese
»Anti«-Energie neue Hindernisse, neue Widerstände auf. Viele Menschen sind tatsächlich selbst ihr
schlimmster Feind.
Viele Menschen sabotieren unwissentlich die eigene Arbeit, indem sie Informationen zurückhalten,
anderen ihre Hilfe verweigern oder ihnen Steine in den Weg legen, damit sie nicht erfolgreicher werden
oder höheres Ansehen genießen als sie selbst. Kooperation liegt dem Ego fern, es sei denn, es
verbindet eigene Absichten damit. Dass alles umso reibungsloser geht und die Dinge einem zufallen, je
mehr man andere einbezieht, weiß das Ego nicht. Wenn du anderen wenig oder gar keine Hilfe
zukommen lässt oder ihnen Steine in den Weg legst, lässt das Universum - verkörpert durch Menschen
und Umstände - auch dir wenig oder gar keine Hilfe zukommen, weil du dich vom Ganzen abgetrennt
hast. Das unbewusste tiefinnere Gefühl, »nicht genug« zu bekommen, treibt das Ego dazu an, so auf
den Erfolg anderer zu reagieren, als sei ihm damit etwas genommen worden. Es weiß nicht, dass dein
Groll über den Erfolg eines anderen Menschen deine eigenen Chancen auf Erfolg mindert. Erfolg winkt
dir nur, wenn du ihn immer willkommen heißt, wo du ihn auch siehst.
Das Ego bei Krankheit
Eine Krankheit kann das Ego entweder stärken oder schwächen. Wenn du dich beklagst, dich in
Selbstmitleid ergehst oder dich dagegen sträubst, krank zu sein, wird dein Ego stärker. Es wird auch
stärker, wenn du die Krankheit deiner eingebildeten Identität hinzufügst: »Ich bin der- bzw. diejenige mit
der und der Krankheit.« Aha, dann wissen wir ja jetzt, wer du bist. Es gibt aber auch Leute, die im
normalen Leben ein starkes Ego haben und die durch eine Erkrankung plötzlich sanfter und viel netter
werden, als sie vorher waren. Unter Umständen kommen sie zu Einsichten, die sie im normalen Leben
nie hatten. Vielleicht gewinnen sie Zugang zu ihrer inneren Einsicht und Zufriedenheit und sprechen
Worte der Weisheit. Doch sobald es ihnen wieder besser geht, kehrt mit den Kräften auch das Ego
wieder.
Wenn du krank bist, ist dein Energiepegel ziemlich niedrig, und dann übernimmt möglicherweise die
Intelligenz des Organismus die Führung und nutzt die verbliebene Energie dazu, den Körper zu heilen,
sodass sie für den Denkapparat, also für Egogedanken und -empfindungen, nicht mehr reicht. Das Ego
verbraucht beträchtliche Mengen Energie. Manchmal jedoch verwendet es das bisschen Energie, das
noch übrig ist, für eigene Zwecke. Keine Frage, dass Menschen, deren Ego bei Krankheit stärker wird,
viel länger brauchen, um sich von der Krankheit zu erholen. Manche erholen sich nie mehr davon,
sodass ihr Leiden chronisch wird und dann dauerhafter Bestandteil ihres falschen Ichgefühls ist.
Das kollektive Ego
Wie schwer ist es doch, mit sich selbst zu leben! Eine der Arten und Weisen, wie das Ego einem
unbefriedigenden persönlichen Selbstsein zu entgehen trachtet, ist die, sein Selbstgefühl zu vergrößern
und zu stärken, indem es sich mit einer Gruppe identifiziert - mit einer Nation, politischen Partei, Firma,
Institution, Sekte, Bande, Clique oder Fußballmannschaft.
In manchen Fällen scheint sich das persönliche Ego vollkommen aufzulösen, wenn beispielsweise
jemand sein Leben der selbstlosen Arbeit zum höheren Wohl des Kollektivs widmet, ohne eine
persönliche Belohnung, Anerkennung oder sonstige Würdigung zu erwarten. Welch eine Erleichterung
ist es doch, von der schrecklichen Last eines persönlichen Ichs befreit zu sein! Die Mitglieder des
Kollektivs sind glücklich und ausgefüllt, egal, wie schwer sie auch arbeiten mögen und wie viele Opfer
sie bringen. Sie scheinen über das Ego hinausgegangen zu sein. Die Frage ist nur: Sind sie wirklich frei
davon, oder hat sich das Ego nur vom Persönlichen aufs Kollektive verlegt?
Ein kollektives Ego weist die gleichen Merkmale auf wie ein persönliches Ego, zum Beispiel das
Bedürfnis nach Gegnern und Konflikten, das Bedürfnis nach mehr, das Bedürfnis, andere ins Unrecht zu
setzen und selbst Recht zu behalten usw. Früher oder später gerät das Kollektiv mit anderen Kollektiven
in Konflikt, weil es unbewusst darauf aus ist und die Opposition braucht, um seine Grenzen und damit
seine Identität zu definieren. Dann erfahren seine Mitglieder das Leid, das jede egomotivierte Handlung
unweigerlich nach sich zieht. An dem Punkt wachen sie unter Umständen auf und erkennen, dass ihr
Kollektiv etwas höchst Ungesundes hat.
Anfangs kann es schmerzhaft sein, plötzlich aufzuwachen und zu erkennen, dass das Kollektiv, mit
dem man sich identifiziert und für das man sich eingesetzt hat, zutiefst gestört ist. Manche Menschen
werden zynisch oder verbittert, wenn sie diesen Punkt erreicht haben, und misstrauen fortan allen
Werten. Das heißt, sie wechseln schnell zu einem anderen Glaubenssystem über, sobald das frühere als
Illusion durchschaut wurde und damit zusammengefallen ist. Sie setzen sich nicht mit dem Tod ihres Ego
auseinander, sondern laufen weg und reinkarnieren sich in einem neuen.
Ein kollektives Ego ist im Allgemeinen noch unbewusster als die Individuen, aus denen es sich
zusammensetzt. Zum Beispiel sind Massen (als zeitweilige Egokollektive) zu Abscheulichkeiten fähig, die
Einzelne außerhalb der Masse gar nicht begehen könnten. Staaten legen häufig ein Verhalten an den
Tag, das beim Einzelnen sofort als psychopathisch entlarvt werden würde.
Sowie sich das neue Bewusstsein entfaltet, werden einige Leute sich aufgerufen fühlen, Gruppen zu
bilden, die das erleuchtete Bewusstsein widerspiegeln. Bei diesen Gruppen handelt es sich nicht um
kollektive Egos. Die einzelnen Menschen, aus denen diese Gruppen bestehen, werden kein Bedürfnis
haben, aus ihnen ihre Identität zu beziehen. Sie suchen nicht mehr nach irgendeiner Form, um sich zu
definieren. Selbst wenn die Mitglieder dieser Gruppen noch nicht völlig frei von Ego sind, haben sie doch
genügend Bewusstheit, um das Ego in sich oder anderen zu erkennen, sobald es sich zeigt. Allerdings
ist ständige Wachsamkeit geboten, da das Ego auf jeden Fall versuchen wird, die Herrschaft an sich zu
reißen und sich in irgendeiner Weise durchzusetzen. Das menschliche Ego im Licht des Bewusstseins
aufzulösen - das wird eines der Hauptziele dieser Gruppen sein, ob es sich um erleuchtete
Unternehmen, Wohltätigkeitsverbände, Schulen oder Gemeinschaften handelt, in denen Menschen
zusammenleben. Erleuchtete Kollektive werden eine wichtige Funktion bei der Entfaltung des neuen
Bewusstseins haben. Ebenso wie Egokollektive uns ins Unbewusste und ins Leid ziehen, kann das
erleuchtete Kollektiv eine Sogwirkung für das Bewusstsein haben und den Wandel der Erde
beschleunigen.
Der unanfechtbare Beweis der Unsterblichkeit
Das Ego entsteht durch eine Spaltung in der menschlichen Psyche, bei der sich die Identität in zwei Teile
trennt, die mit »ich« und »mein« bezeichnet werden könnten. Jedes Ego ist folglich schizophren im Sinne
der landläufigen Auslegung des Wortes als »persönlichkeitsgespalten«. Du lebst mit einer mentalen
Vorstellung von dir selbst, mit einem eingebildeten Ich, zu dem du eine Beziehung unterhältst. Das Leben
selbst wird zu einem Konzept und ist von dem getrennt, der du bist, wenn du sagst »mein Leben«. In
dem Augenblick, in dem du »mein Leben« sagst oder denkst und tatsächlich auch glaubst, was du sagst
(statt es einfach nur aus sprachlichen Gründen so auszudrücken), bist du schon ins Reich der
Täuschung übergewechselt. Wenn es so etwas gäbe wie »mein Leben«, würde daraus folgen, dass das
Leben und ich zwei getrennte Dinge sind, und dann könnte ich mein Leben, diesen imaginären
kostbaren Besitz, verlieren. Dann wird der Tod für mich Wirklichkeit und zur Bedrohung. Worte und
Vorstellungen spalten das Leben in getrennte Teile, die eigentlich keine Realität besitzen. Wir könnten
sogar sagen, dass der Begriff »mein Leben« die ursprüngliche Täuschung der Getrenntheit darstellt,
den Ursprung des Ego. Wenn das Leben und ich zweierlei sind, ich also vom Leben getrennt bin, dann
bin ich von allen Menschen, Dingen und Wesen getrennt. Aber wie könnte ich denn vom Leben getrennt
sein? Welches Ich könnte außerhalb des Lebens, außerhalb des Seins existieren? Es ist vollkommen
unmöglich. So etwas wie »mein Leben« gibt es also gar nicht, und ich habe auch kein Leben. Ich bin
Leben. Das Leben und ich sind eins. Anders kann es nicht sein. Wie könnte ich dann das Leben
verlieren? Wie könnte ich etwas verlieren, das ich von vornherein gar nicht habe? Wie könnte ich etwas
verlieren, das ich bin? Das ist unmöglich.
5

Der Schmerzkörper

Das Denken geschieht bei den meisten Menschen größtenteils unfreiwillig und automatisch und
wiederholt sich ständig. Es ist nichts weiter als eine Art mentales Rauschen und erfüllt keinen echten
Zweck. Genau genommen denkst du gar nicht: Das Denken widerfährt dir einfach. Die Feststellung »ich
denke« verweist auf einen Willensakt. Sie impliziert, dass du in dieser Angelegenheit mitreden kannst,
dass du die Entscheidungsfreiheit hast. Bei den meisten Menschen trifft dies noch nicht zu. »Ich denke«
ist eine ebenso falsche Behauptung wie »ich verdaue« oder »ich lasse mein Blut kreisen«. Die
Verdauung läuft selbsttätig, das Blut zirkuliert von alleine, das Denken geschieht ohne mein Zutun.
Die Stimme im Kopf hat ein Eigenleben. Die meisten Menschen sind dieser Stimme ausgeliefert, das
heißt, sie sind vom Denken, vom Verstand besessen. Und da das Denken durch die Vergangenheit
konditioniert ist, bist du gezwungen, die Vergangenheit ständig neu durchzuspielen. Der östliche Begriff
dafür lautet Karma. Wenn du dich mit jener Stimme identifizierst, weißt du es natürlich nicht. Wenn du es
wüsstest, würde sie nicht länger von dir Besitz ergreifen, denn du bist nur dann wirklich besessen, wenn
du das Besitz ergreifende Etwas für das hältst, was du bist, das heißt, wenn du mit ihm eins wirst.
Seit Tausenden von Jahren lässt sich die Menschheit immer mehr vom Denken vereinnahmen und
schafft es nicht, den Vereinnahmer als »Nichtselbst« zu erkennen. Durch die vollkommene Identifikation
mit dem Verstand ist ein falsches Ich - das Ego - entstanden. Die Festigkeit des Ego hängt davon ab, wie
stark du - das Bewusstsein - dich mit deinem Verstand identifizierst, mit dem Denken. Das Denken ist
nichts weiter als ein winziger Aspekt der Totalität des Bewusstseins, der Totalität, die du bist.
Der Grad der Identifikation mit dem Verstand ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche Leute
sind bisweilen frei vom Denken, sei es auch noch so kurz, und der Frieden, die Freude und die
Lebendigkeit, die sie in solchen Augenblicken erfahren, machen das Leben lebenswert. Es sind auch die
Momente, in denen Kreativität, Liebe und Mitgefühl aufsteigen. Andere sind ständig in ihrem Egozustand
gefangen. Sie sind sich selbst, aber auch anderen und ihrer Umwelt entfremdet. Wenn du sie anschaust,
siehst du vielleicht die Anspannung in ihrem Gesicht, die gerunzelte Stirn oder den abwesenden Blick in
ihren Augen. Ihre Aufmerksamkeit wird überwiegend vom Denken beansprucht, und deshalb sehen sie
dich gar nicht richtig und hören dir auch nicht richtig zu. Sie sind in keiner Situation präsent, da sie mit
ihrer Aufmerksamkeit entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft weilen, die natürlich nur als
Gedankenformen im Kopf existieren. Oder sie treten durch irgendeine Rolle, die sie spielen, mit dir in
Beziehung und sind deshalb gar nicht sie selbst. Die meisten Menschen sind sich selbst fremd,
manchmal in solchem Maße, dass die Art und Weise, wie sie sich verhalten und mit ihren Mitmenschen
interagieren, von fast allen anderen als »aufgesetzt« erkannt wird, außer von Leuten, die ebenso
gekünstelt und ihrem wahren Kern entfremdet sind.
Entfremdet zu sein bedeutet, dass du dich in jeder x-beliebigen Situation, an jedem Ort und in jeder
Gesellschaft einschließlich deiner eigenen unbehaglich fühlst. Du versuchst stets, »zu Hause« zu sein,
schaffst es aber nie. Einige der größten Dichter des 20. Jahrhunderts wie Franz Kafka, Albert Camus, T.
S. Eliot und James Joyce sahen in der Entfremdung das universale Dilemma des menschlichen Daseins,
sie spürten es vermutlich tief in ihrem eigenen Innern und konnten deshalb so meisterhaft darüber
schreiben. Sie haben keine Lösung anzubieten. Ihr Beitrag besteht darin, uns ein Abbild der
menschlichen Zwangslage zu zeigen, damit wir sie besser erkennen können. Die eigene Zwangslage
einzusehen ist der erste Schritt, um schließlich darüber hinauszugelangen.
Die Geburt der Empfindung
Neben der Denktätigkeit, aber nicht völlig getrennt von ihr, gibt es noch eine andere Dimension des Ego:
die Empfindung. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass alles Denken und Fühlen dem Ego
zuzurechnen ist. Es verwandelt sich nur in Ego, wenn du dich damit identifizierst und so davon
beherrscht wirst, dass es zum Ich wird.
Der physische Organismus, dein Körper, besitzt eine eigene Intelligenz, ebenso wie der Organismus
aller anderen Lebensformen. Diese Intelligenz reagiert auf das, was dein Verstand sagt, sie reagiert auf
deine Gedanken. Empfindung ist also die Reaktion des Körpers auf das, was du denkst. Die
Körperintelligenz ist selbstverständlich ein untrennbarer Bestandteil der universellen Intelligenz und eine
ihrer unzähligen Manifestationen. Sie gibt den Atomen und Molekülen, aus denen dein physischer Körper
besteht, vorübergehend Zusammenhalt. Sie ist das Ordnungsprinzip hinter dem Zusammenwirken aller
Organe des Körpers, der Umwandlung von Sauerstoff und Nahrung in Energie, dem Herzschlag und
dem Blutkreislauf, dem Immunsystem, das den Körper vor Eindringlingen schützt, und der Umsetzung
von Sinneseindrücken in Nervenimpulse, die zum Gehirn weitergeleitet, dort entschlüsselt und wieder zu
einem kohärenten inneren Bild der äußeren Wirklichkeit zusammengesetzt werden. All diese und noch
Tausende andere Funktionen gleichzeitig werden von der Körperintelligenz perfekt wahrgenommen. Du
hältst deinen Körper nicht in Gang. Das tut seine Intelligenz. Sie trägt zudem die Verantwortung für die
Reaktionen des Organismus auf seine Umwelt.
Das gilt für alle Lebensformen. Es ist die gleiche Intelligenz, die der Pflanze ihre physische Form gibt
und als Blüte aus der Pflanze hervorgeht, als Blütenkelch, der sich am Morgen öffnet, um die Strahlen
der Sonne zu empfangen, und am Abend wieder schließt. Es ist die gleiche Energie, die sich als Gaia
manifestiert, als der komplexe, lebendige Organismus, den wir Erde nennen.
Dieser Intelligenz entspringen auch die instinktiven Reaktionen des Körpers auf eine Bedrohung oder
Herausforderung. Bei Tieren löst sie Regungen aus, die menschlichen Emotionen gleichen: Wut, Angst,
Lust. Diese Triebe können als ursprüngliche Empfindungsformen verstanden werden. In gewissen
Situationen legen Menschen ähnliche Instinktreaktionen an den Tag wie Tiere. Angesichts einer Gefahr,
wenn das Überleben des Organismus bedroht ist, schlägt das Herz schneller, spannen sich die Muskeln
an und beschleunigt sich die Atmung, alles zur Vorbereitung auf einen Kampf oder auf Flucht. Urangst. In
die Enge getrieben, erfährt der Körper plötzlich einen intensiven Energieschub, der ihm eine Kraft
verleiht, die er zuvor nicht hatte. Urwut. Diese instinktive Reaktion gleicht einer Empfindung, ist aber im
Wortsinne keine Emotion. Der grundlegende Unterschied zwischen einer Triebreaktion und einer
Emotion ist folgender: Eine instinktive Reaktion ist die unmittelbare Reaktion des Körpers auf äußere
Umstände. Eine Emotion hingegen ist eine durch Denken ausgelöste Körperreaktion.
Indirekt kann eine Empfindung auch eine Reaktion auf eine aktuelle Situation oder ein aktuelles
Ereignis sein, aber diese Reaktion hat bereits den Filter einer mentalen Interpretation durchlaufen, ist
bereits durchdacht worden, das heißt, sie wurde schon mit den Vorstellungen von gut und schlecht,
mögen und verabscheuen, »mein« und »dein« abgeglichen. Es wird dich zum Beispiel sicher kalt lassen,
wenn du hörst, dass jemandem das Auto gestohlen wurde, aber wenn es sich um dein Auto handelt, bist
du höchstwahrscheinlich sauer. Es ist erstaunlich, was ein mentales Konzept wie »mein« auslösen kann.
Obwohl der Körper sehr intelligent ist, vermag er nicht zwischen einer tatsächlichen Situation und
einem Gedanken zu unterscheiden. Er reagiert auf Gedachtes genauso, als wäre es Wirklichkeit. Er
weiß nicht, dass es sich bloß um einen Gedanken handelt. Für den Körper bedeutet ein besorgter,
angstvoller Gedanke: »Ich bin in Gefahr«, und entsprechend reagiert er, selbst wenn es Nacht ist und du
behaglich im warmen Bett liegst. Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an, die Atmung
beschleunigt sich. Energie wird aktiviert, aber da die Gefahr nur eine Fiktion ist, hat sie kein Ventil. Dann
wird sie zum Teil dem Verstand zugeführt und löst dort noch beunruhigendere Gedanken aus. Die übrige
Energie wirkt sich vergiftend auf das harmonische Zusammenwirken der Körperfunktionen aus.
Emotion und Ego
Das Ego ist nicht nur das unkontrollierte Denken, die Stimme im Kopf, die vorgibt, du zu sein, sondern
auch die unkontrollierte Empfindung, die den Körper auf das reagieren lässt, was die Stimme im Kopf
sagt.
Wir haben schon gesehen, in welcher Art von Gedanken die Stimme des Ego meistens schwelgt, und
kennen die strukturelle Gestörtheit, die diesen Denkvorgängen unabhängig von ihrem Inhalt eigen ist.
Auf dieses gestörte Denken reagiert der Körper mit negativen Empfindungen.
Die Stimme im Kopf erzählt eine Geschichte, an die der Körper glaubt und auf die er reagiert. Diese
Reaktionen sind die Emotionen. Die Emotionen wiederum führen den Gedanken, durch die sie
überhaupt erst hervorgerufen wurden, neue Energie zu. Ein Teufelskreis aus ungeprüften Gedanken und
Empfindungen entsteht, der emotionales Denken und Geschichtenerfinden auslöst.
Die emotionale Komponente des Ego ist bei jedem Menschen anders. Bei manchen Egos ist sie
größer. Gedanken, die emotionale Reaktionen im Körper auslösen, schießen manchmal so schnell durch
den Kopf, dass der Körper schon mit Empfindungen aufwartet, noch ehe der Verstand Zeit hatte, sie in
Worte zu fassen, und sie in eine Reaktion verwandelt. Solche Gedanken existieren auf einer vorverbalen
Ebene und können als stillschweigende, unbewusste Annahmen bezeichnet werden. Sie stammen aus
früheren Konditionierungen der betreffenden Person, normalerweise aus der frühen Kindheit. »Den
Menschen ist nicht zu trauen« wäre ein Beispiel für eine solche unbewusste Annahme bei jemandem,
dessen Ursprungsbeziehungen - die zu Eltern und Geschwistern - keine Hilfe für ihn waren und kein
Vertrauen in ihm begründeten. Hier ein paar der gebräuchlichsten unbewussten Annahmen: »Niemand
mag und respektiert mich.« »Man muss kämpfen, um zu überleben.« »Es ist nie genug Geld da.« »Das
Leben ist eine einzige Enttäuschung.« »Ich verdiene keinen Überfluss.« »Ich verdiene keine Liebe.«
Unbewusste Annahmen erzeugen Empfindungen im Körper, die umgekehrt wieder die Geistestätigkeit
anregen und/oder Sofortreaktionen auslösen. So wird deine persönliche Realität erschaffen.
Die Stimme des Ego greift ständig störend in das natürliche Wohlbefinden des Körpers ein. Fast jeder
menschliche Körper ist starkem Stress und Druck ausgesetzt, nicht weil er durch äußere Faktoren
bedroht würde, sondern von innen her, durch sein Denken. Mit dem Körper ist ein Ego verbunden, und
er kann nicht anders, als auf all die gestörten Denkmuster zu reagieren, aus denen es sich
zusammensetzt. Daher ist der unaufhörliche Strom zwanghafter Gedanken von einem Strom negativer
Emotionen begleitet.
Was ist eine negative Emotion? Eine Emotion, die sich schädlich auf den Körper auswirkt, ihn aus dem
Gleichgewicht bringt und daran hindert, harmonisch zu funktionieren. Angst, Unruhe, Wut, Groll,
Traurigkeit, Hass, Abscheu, Eifersucht und Neid, all das unterbricht den Energiestrom im Körper und
greift das Herz, das Immunsystem, die Verdauung, die Hormonproduktion und vieles mehr an. Selbst die
Schulmedizin, die noch sehr wenig über das Wirken des Ego weiß, erkennt allmählich eine Verbindung
zwischen negativen Gemütsregungen und physischen Erkrankungen. Eine Emotion, die dem Körper
schadet, teilt sich auch den Menschen mit, die mit dir in Berührung kommen, und so werden durch eine
Kettenreaktion zahllose Unbeteiligte indirekt in Mitleidenschaft gezogen. Es gibt einen Oberbegriff für
alle negativen Emotionen: das Unglücklichsein.
Haben positive Emotionen den entgegengesetzten Einfluss auf den physischen Körper? Stärken sie
das Immunsystem, kräftigen und heilen sie den Körper? Das tun sie tatsächlich, aber wir müssen
unterscheiden zwischen positiven Emotionen, die vom Ego ausgehen, und den tieferen Empfindungen,
die der natürliche Zustand der Verbundenheit mit dem Sein hervorbringt.
Positive Emotionen, die vom Ego kommen, bergen bereits das Gegenteil in sich, in das sie sich schnell
verwandeln. Hier ein paar Beispiele: Was das Ego Liebe nennt, ist Besitzergreifung und Anklammern und
kann in Sekundenschnelle in Hass umschlagen. Die Vorfreude auf etwas, die durch eine vom Ego
ausgehende Überbewertung der Zukunft aufkommt, schlägt leicht ins Gegenteil um - in Frustration und
Enttäuschung -, wenn das betreffende Ereignis vorbei ist oder die Erwartungen des Ego nicht erfüllt.
Den einen Tag ist man aufgekratzt und glücklich, weil man Lob und Anerkennung erfährt, und den
anderen fühlt man sich zurückgesetzt und ist unglücklich, weil man kritisiert oder ignoriert wird. Auf eine
wilde Party, die freudig genossen wurde, folgen am nächsten Morgen die Ernüchterung und ein Kater. Es
gibt nichts Gutes ohne Schlechtes, kein Hoch ohne Tief.
Vom Ego ausgelöste Emotionen rühren von der Identifikation des Verstandes mit äußeren Faktoren
her, die natürlich flüchtig sind und sich jeden Augenblick verändern können. Die tieferen Empfindungen
sind im Grunde gar keine Emotionen, sondern Seinszustände. Emotionen gehören ins Reich der
Gegensätze. Seinszustände können zwar verschleiert werden, aber sie haben kein Gegenteil. Sie
entspringen deinem Inneren als die Liebe, die Freude und der Frieden, die Aspekte deines wahren
Wesens sind.
Die Ente mit dem Menschenverstand
In meinem Buch Jetzt! Die Kraft der Gegenwart habe ich beschrieben, wie sich zwei Enten nach einer
Auseinandersetzung, die nie lange dauert, trennen und in verschiedene Richtungen davonschwimmen.
Jede für sich schlägt ein paarmal kräftig mit den Flügeln, um die überschüssige Energie freizusetzen, die
sich während des Kampfes aufgebaut hat. Nach dem Flügelschlagen schwimmen sie wieder friedlich
umher, als ob nichts geschehen wäre.
Wenn die Ente Menschenverstand hätte, würde sie die Auseinandersetzung im Geiste lebendig
erhalten, indem sie die Geschichte weiterspinnt. So würde die Entengeschichte dann wahrscheinlich
gehen: »Ich glaub’s einfach nicht, was er da gerade gemacht hat. Er ist bis auf 15 Zentimeter an mich
herangeschwommen. Er denkt wohl, der Teich gehört ihm! Meine Privatsphäre ist ihm völlig schnurz. Ich
werde ihm nie mehr vertrauen. Nächstes Mal probiert er wahrscheinlich etwas anderes aus, nur um mich
zu ärgern. Bestimmt führt er schon etwas im Schilde. Aber ich lasse das nicht mit mir machen. Ich werde
ihm eine Lektion erteilen, die er nie vergessen wird.« In Gedanken geht die Geschichte also immer
weiter, und noch Tage, Monate oder sogar Jahre später wird weiter daran gedacht und davon geredet.
Was den Körper betrifft, ist der Kampf noch in vollem Gange, und die Energie, die der Körper in Reaktion
auf all die Gedanken erzeugt, sind Empfindungen, die wiederum das Denken neu beflügeln. Daraus wird
das emotionale Denken des Ego. Man sieht gleich, wie problematisch das Entenleben sich gestalten
würde, wenn die Ente Menschenverstand hätte. Den meisten Menschen ergeht es aber die ganze Zeit
über so. Keine Situation und kein Ereignis ist je wirklich beendet. Dafür sorgen der Verstand und das
erdachte Ich mit seiner Geschichte.
Wir sind eine Spezies, die sich verirrt hat. Alles Natürliche, sei es eine Blume, ein Baum oder ein Tier,
kann uns eine wichtige Lektion erteilen, wenn wir nur innehalten, hinschauen und lauschen. Die
Entengeschichte lehrt uns Folgendes: Schlag mit den Flügeln - was im übertragenen Sinne heißt: Hör
auf, die Geschichte weiterzuspinnen, und kehre zum einzigen Ort der Kraft zurück - zum gegenwärtigen
Augenblick.
Die Last der Vergangenheit
Die Unfähigkeit - oder eher Unwilligkeit - des menschlichen Verstandes, die Vergangenheit fahren zu
lassen, wird besonders anschaulich in der Geschichte von den zwei Zenmönchen Tanzan und Ekido
beschrieben. Sie waren einmal auf einer Landstraße unterwegs, die nach schweren Regenfällen völlig
aufgeweicht war. In der Nähe eines Dorfes begegneten sie einer jungen Frau, die die Straße überqueren
wollte, aber der Schlamm war so tief, dass er ihren Seidenkimono verdorben hätte. Tanzan hob sie sofort
auf und trug sie auf die andere Seite.
Danach gingen die Mönche schweigend weiter. Fünf Stunden später, als sie sich dem Tempel
näherten, in dem sie logierten, konnte Ekido sich nicht länger beherrschen. »Wie konntest du nur die
Frau über die Straße tragen«, sagte er. »Wir Mönche dürfen so etwas doch nicht tun!«
»Ich habe die Frau vor Stunden abgesetzt«, sagte Tanzan. »Trägst du sie noch immer?«
Wenn du dir einmal vorstellst, wie das Leben für jemanden wäre, der die ganze Zeit über wie Ekido
lebte und aus Unfähigkeit oder Unwillen, sich innerlich von einer Situation zu lösen, immer mehr »Zeug«
in seinem Innern anhäufte, bekämst du einen Eindruck davon, wie das Leben für die Mehrzahl der
Menschen auf dieser Erde aussieht, wie schwer sie an der Vergangenheit tragen, die sie in Gedanken
mit sich herumschleppen.
Die Vergangenheit ist als Erinnerung in dir lebendig, aber die Erinnerungen an sich sind nicht das
Problem. Vielmehr lernen wir durch Erinnerungen aus der Vergangenheit und aus früheren Fehlern. Nur
wenn Erinnerungen, das heißt Gedanken an die Vergangenheit, so von dir Besitz ergreifen, dass sie zu
einer Last werden, sind sie problematisch und fließen in dein Selbstgefühl ein. Dann wird deine
Persönlichkeit, die durch die Vergangenheit konditioniert wurde, zum Gefängnis für dich. Denn deine
Erinnerungen sind mit Selbstgefühl befrachtet, und aus deiner Geschichte beziehst du deine Identität.
Dabei ist dieses »kleine Ich« eine Illusion, die deine wahre Identität als zeitlose, formlose Präsenz
verdunkelt.
Deine Geschichte setzt sich allerdings nicht nur aus mentalen, sondern auch aus emotionalen
Erinnerungen zusammen - aus alten Empfindungen, die fortwährend wiederbelebt werden. Ebenso wie
der Mönch, der an seiner Entrüstung fünf Stunden lang schwer trug, indem er ihr in Gedanken Nahrung
gab, schleppen die meisten Menschen ihr Leben lang einen Berg von unnötigem Ballast, mentalem wie
emotionalem, mit sich herum. Sie schränken sich selbst durch Klagen, Bedauern, Hass und
Schuldgefühle ein. Ihr emotionales Denken ist zu ihrem Selbst geworden, und so halten sie an den alten
Emotionen fest, weil diese ihre Identität stärken.
Aufgrund ihrer Neigung, alte Emotionen lebendig zu erhalten, tragen fast alle Menschen in ihrem
Energiefeld eine Ansammlung von altem emotionalem Schmerz mit sich herum, die ich den
»Schmerzkörper« nenne.
Wir können jedoch damit aufhören, dem Schmerzkörper, den wir schon haben, noch mehr Ballast
hinzuzufügen. Wir können lernen, mit der Gewohnheit des Ansammelns und Wiederauflebenlassens alter
Emotionen zu brechen, indem wir, bildhaft gesprochen, mit den Flügeln schlagen und davon ablassen,
mental in der Vergangenheit zu verweilen, wobei es egal ist, ob etwas am Vortag oder vor dreißig Jahren
geschehen ist. Wir können lernen, keine Situationen und Ereignisse im Geist lebendig zu erhalten,
sondern unsere Aufmerksamkeit lieber auf den ursprünglichen, zeitlosen gegenwärtigen Augenblick zu
richten, statt uns in einen mentalen Film verwickeln zu lassen. Anstelle der Gedanken und Emotionen
wird dann endlich unsere Präsenz zu unserer Identität.
Nichts aus der Vergangenheit kann dich davon abhalten, jetzt gegenwärtig zu sein; und wenn dich die
Vergangenheit nicht davon abhalten kann, jetzt präsent zu sein, welche Macht hat sie dann noch?
Der individuelle und der kollektive Schmerzkörper
Jede negative Emotion, die nicht genau betrachtet und als das erkannt wird, was sie im Augenblick ihrer
Entstehung ist, löst sich nicht vollständig auf. Sie hinterlässt einen Restschmerz.
Besonders Kinder werden von starken negativen Emotionen zu sehr überwältigt, um damit umgehen
zu können, und wollen sie daher möglichst gar nicht zulassen. Wenn kein voll bewusster Erwachsener
da ist, der sie mit Liebe und mitfühlendem Verständnis dazu anleitet, sich unmittelbar mit der Empfindung
auseinander zu setzen, bleibt dem Kind im Grunde nichts anderes übrig, als sie zu verdrängen. Leider
erhält sich dieser frühe Abwehrmechanismus meist bis ins Erwachsenenalter. Die Emotion lebt unerkannt
in dem Kind weiter und manifestiert sich indirekt, zum Beispiel in Form von Angst, Wut,
Gewaltausbrüchen, Launenhaftigkeit oder gar als physische Erkrankung. Oftmals steht sie auch intimen
Beziehungen entgegen oder untergräbt diese. Die meisten Psychotherapeuten kennen Patienten, die
anfangs behaupteten, eine sehr glückliche Kindheit erlebt zu haben, und bei denen sich später das
Gegenteil als zutreffend erweist. Das sind vielleicht Extremfälle, aber niemand durchlebt eine Kindheit,
ohne emotionale Schmerzen zu leiden. Selbst wenn beide Eltern erleuchtet wären, würde das Kind noch
immer in einer weitgehend unbewussten Welt aufwachsen.
Die Schmerzreste, die jede starke negative Emotion zurücklässt, mit der man sich nicht auseinander
gesetzt und die man nicht akzeptiert und dann fahren lassen hat, verbinden sich miteinander zu einem
Energiefeld, das in den Körperzellen lebt. Es besteht nicht nur aus Kindheitsschmerz, sondern auch aus
schmerzhaften Emotionen, die sich in der Pubertät und später im Erwachsenenleben dazugesellen und
die zum großen Teil von der Stimme des Ego erschaffen werden. Der emotionale Schmerz ist dein
unvermeidlicher Begleiter, sobald ein falsches Selbst deine Lebensgrundlage bildet.
Dieses Energiefeld alter, aber noch sehr lebendiger Emotionen, das jeder Mensch in sich trägt, ist der
Schmerzkörper. Der Schmerzkörper ist jedoch seinem Wesen nach nicht nur auf das Individuum
beschränkt, er hat auch Anteil an dem Schmerz, den unzählige Menschen im Lauf der
Menschheitsgeschichte, einer Geschichte von anhaltenden Stammeskriegen, Sklaverei, Plünderei,
Vergewaltigung, Folter und anderen Formen der Gewalt, erlitten haben. Dieser Schmerz ist in der
kollektiven Psyche der Menschheit noch immer lebendig und wird täglich vermehrt, wie man sieht, wenn
man die Abendnachrichten im Fernsehen oder die Beziehungsdramen bei seinen Mitmenschen sieht. Der
kollektive Schmerzkörper ist wahrscheinlich in der DNS jedes Menschen verschlüsselt, obwohl er dort
noch nicht entdeckt wurde.
Jedes Neugeborene trägt bereits einen emotionalen Schmerzkörper in sich. Der ist bei einigen in
mancher Hinsicht schwerer und fester als bei anderen. Manche Babys sind die meiste Zeit über recht
fröhlich. Andere scheinen eine enorme Menge unglücklicher Gefühle in sich zu haben. Es ist wahr, dass
manche Säuglinge viel schreien, weil ihnen nicht genügend Liebe und Aufmerksamkeit
entgegengebracht wird, aber andere schreien aus keinem ersichtlichen Grund, als versuchten sie, alle
Menschen in ihrem Umkreis ebenso unglücklich zu machen, wie sie selbst sind, was ihnen oft genug
auch gelingt. Sie sind mit einem großen Anteil an menschlichem Schmerz auf die Welt gekommen.
Andere Säuglinge schreien vielleicht häufig, weil sie die negativen Emotionen von Vater oder Mutter
spüren, die sie schmerzen und die dazu führen, dass ihr Schmerzkörper jetzt schon wächst, weil er
Energie vom Schmerzkörper der Eltern in sich aufnimmt. Wie die Lage auch sein mag, während der
physische Körper des Kindes wächst, wächst auch der Schmerzkörper.
Ein Kind, dessen Schmerzkörper leicht ist, muss nicht unbedingt im Erwachsenenalter spirituell
»fortgeschrittener« sein als jemand mit einem starken Schmerzkörper. Tatsächlich ist oft das Gegenteil
der Fall. Leute mit einem starken Schmerzkörper haben normalerweise eine bessere Chance, spirituell
zu erwachen, als solche mit einem relativ schwachen. Während einige von ihnen weiterhin in ihrem
starken Schmerzkörper gefangen bleiben, erreichen viele andere einen Punkt, an dem sie ihr
Unglücklichsein nicht länger ertragen können, und sind dann stark dazu motiviert, zu erwachen.
Warum ist der leidende Christus, dessen Gesicht vor Qual verzerrt ist und dessen Körper aus
zahllosen Wunden blutet, ein so bedeutsames Bild im kollektiven Bewusstsein der Menschheit? Millionen
Menschen, besonders im Mittelalter, hätten keinen so tiefen Bezug dazu gehabt, wenn es nicht eine
verwandte Saite in ihnen hätte anklingen lassen und sie darin nicht unbewusst eine äußere Darstellung
ihrer eigenen inneren Wirklichkeit gesehen hätten - ihres Schmerzkörpers. Sie waren noch nicht so
bewusst, dass sie es direkt in sich selbst hätten erkennen können, aber es war der Beginn ihrer
Bewusstwerdung. Christus kann als der archetypische Mensch verstanden werden, der sowohl den
Schmerz als auch die Möglichkeit der Schmerzüberwindung verkörpert.
Wie sich der Schmerzkörper erneuert
Der Schmerzkörper ist ein halb autonomes Energiesystem, das in den meisten Menschen anzutreffen ist,
ein Gebilde, das aus Emotionen besteht. Er besitzt eine eigene primitive Intelligenz, ähnlich einem
listigen Tier, und diese Intelligenz dient überwiegend dem Überleben. Wie alle Lebensformen muss er
regelmäßig Nahrung - neue Energie - zu sich nehmen, und das, womit er sich versorgt, ist Energie, die
seiner eigenen entspricht, also eine ähnliche Wellenlänge hat. Jede emotional schmerzliche Erfahrung
kann dem Schmerzkörper als Nahrung dienen. Darum blüht er auch bei negativen Gedanken und
dramatischen Beziehungsproblemen auf. Der Schmerzkörper ist eine Sucht nach Unglücklichsein.
Es mag dich schockieren, wenn dir zum ersten Mal bewusst wird, dass etwas in dir regelmäßig nach
emotionaler Negativität und Unglücklichsein verlangt. Und es erfordert mehr Bewusstheit, um das nicht
nur bei anderen, sondern auch bei dir selbst zu erkennen. Sobald das Unglücklichsein von dir Besitz
ergriffen hat, willst du gar nicht mehr davon lassen und gierst förmlich danach, anderen das Leben
genauso zur Qual zu machen wie dir selbst, um dich an ihren negativen emotionalen Reaktionen zu
weiden.
Bei den meisten Menschen hat der Schmerzkörper eine aktive und eine inaktive Phase. Wenn er
inaktiv ist, vergisst du leicht, was für eine schwere dunkle Wolke, für einen schlummernden Vulkan du in
dir trägst, je nach Energiefeld des jeweiligen Schmerzkörpers. Wie lange er inaktiv bleibt, ist von Mensch
zu Mensch verschieden: Im Allgemeinen sind es ein paar Wochen, manchmal aber auch Monate oder nur
ein paar Tage. In seltenen Fällen hält der Schmerzkörper jahrelang Winterschlaf, bis er durch irgendein
Ereignis geweckt wird.
Wie Gedanken den Schmerzkörper nähren
Immer wenn er Hunger hat und es Zeit wird, sich zu stärken, erwacht der Schmerzkörper aus seinem
Schlaf. Oder er wird durch irgendein beliebiges Ereignis aktiviert. Für einen Schmerzkörper, der sich
stärken will, kann das unbedeutendste Ereignis der Auslöser sein, etwas, das jemand sagt oder tut oder
auch nur ein Gedanke. Wenn du allein lebst oder zu dem betreffenden Zeitpunkt gerade allein bist, zehrt
der Schmerzkörper von deinen Gedanken. Dein Denken wird plötzlich durch und durch negativ. Du bist
dir wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass kurz vor dem Umschwung deiner Gedanken ins Negative eine
Welle von Emotionen in dir aufstieg - als schwere, düstere Stimmung, als Angst oder lodernde Wut. Alles
Denken ist Energie, und von dieser Energie deiner Gedanken zehrt der Schmerzkörper jetzt. Aber nicht
jeder Gedanke ist Nahrung für ihn. Du brauchst nicht besonders sensibel zu sein, um zu bemerken, dass
ein positiver Gedanke eine völlig andere Gefühlstönung hat als ein negativer. Es handelt sich zwar um
die gleiche Energie, aber sie schwingt in einer anderen Frequenz. Ein glücklicher, positiver Gedanke ist
für den Schmerzkörper unverdaulich. Er kann sich nur von negativen Gedanken ernähren, weil nur sie
mit seinem Energiefeld übereinstimmen.
Alle Dinge sind Felder aus vibrierender Energie, die unaufhörlich in Bewegung ist. Der Stuhl, auf dem
du sitzt, und das Buch, das du in der Hand hältst, erscheinen dir nur fest und bewegungslos, weil deine
Sinne ihre Schwingungsfrequenz - die unablässige Bewegung ihrer Moleküle, Atome, Elektronen und
subatomaren Teilchen, die zusammen das bilden, was für dich ein Stuhl, ein Buch, ein Baum oder ein
Körper ist - nicht anders wahrnehmen können. Was wir als physische Materie wahrnehmen, ist Energie,
die ein bestimmtes Schwingungsspektrum aufweist. Gedanken bestehen aus der gleichen Energie wie
Materie, die jedoch mit einer höheren Frequenz schwingt, weshalb sie auch nicht sichtbar sind und nicht
berührt werden können. Gedanken haben einen eigenen Frequenzbereich, wobei negative Gedanken
das untere und positive Gedanken das obere Ende der Skala einnehmen. Die Frequenz des
Schmerzkörpers hat das gleiche Niveau wie die Schwingungen negativer Gedanken, und deshalb
können solche Gedanken den Schmerzkörper nähren.
Das gewöhnliche Muster, nach dem das Denken Emotionen erzeugt, wird im Fall des Schmerzkörpers
auf den Kopf gestellt, zumindest anfangs. Vom Schmerzkörper ausgelöste Emotionen übernehmen
schnell die Kontrolle über dein Denken, und wenn dein Geist erst einmal vom Schmerzkörper
vereinnahmt worden ist, werden deine Gedanken negativ. Dann wird dir die Stimme in deinem Kopf
traurige, beunruhigende oder wütende Geschichten von dir und deinem Leben, von anderen Menschen,
der Vergangenheit, der Zukunft oder von imaginären Ereignissen erzählen. Die Stimme wird tadeln,
beschuldigen, klagen, ausmalen. Und du wirst dich vollkommen mit dem identifizieren, was die Stimme
sagt, und all ihre krummen Gedanken glauben. An dem Punkt fängst du an, süchtig nach dem
Unglücklichsein zu werden.
Nicht, dass du den Strom negativer Gedanken nicht mehr anhalten könntest - du willst es gar nicht.
Das liegt daran, dass der Schmerzkörper durch dich lebt und vorgibt, du zu sein. Und für den
Schmerzkörper ist Schmerz ein Genuss. Er verschlingt eifrig jeden negativen Gedanken. Die Stimme, die
für gewöhnlich in deinem Kopf erklingt, ist inzwischen zur Stimme des Schmerzkörpers geworden. Dieser
kontrolliert jetzt den inneren Dialog. Ein Teufelskreis ist entstanden zwischen dem Schmerzkörper und
deinem Denken. Jeder Gedanke nährt den Schmerzkörper, und der Schmerzkörper seinerseits
produziert neue düstere Gedanken. Irgendwann nach Stunden oder Tagen ist er satt und fällt wieder in
seinen Schlaf zurück; er hinterlässt einen ausgelaugten Organismus und einen Körper, der jetzt viel
anfälliger ist für Krankheiten. Wenn das in deinen Ohren nach einem psychischen Schmarotzer klingt,
liegst du richtig. Genau das ist er.
Wie Dramatik den Schmerzkörper nährt
Wenn andere Menschen in der Nähe sind, vor allem dein Partner oder ein enger Verwandter, versucht
der Schmerzkörper, sie zu provozieren - sie auf die Palme zu bringen, wie man sagt -, um sich an dem
Drama zu laben, das sich dann entfaltet. Schmerzkörper lieben intime Beziehungen und Familien, weil
sie dort am besten ihr Futter finden. Es ist schwer, dem Schmerzkörper eines anderen Menschen zu
widerstehen, der dich unbedingt zu einer Reaktion bringen will. Er erkennt instinktiv, wo du am
schwächsten und verletzlichsten bist. Wenn er beim ersten Mal keinen Erfolg hat, versucht er es immer
wieder. Es ist blanke schmerzende Empfindung auf der Suche nach mehr. Der Schmerzkörper der
anderen Person will deinen Schmerzkörper wecken, damit sich die beiden Schmerzkörper gegenseitig
Energie zuführen können.
Viele Beziehungen durchlaufen regelmäßig von Gewalt gekennzeichnete, zerstörerische
Schmerzkörperphasen. Für ein kleines Kind ist die emotionale Gewalt der Schmerzkörper seiner Eltern
schier unerträglich, und doch teilen Millionen Kinder in aller Welt dieses Schicksal, diesen Alptraum ihres
Lebensalltags. Das ist eine der Hauptarten, wie der menschliche Schmerzkörper von Generation zu
Generation weitergegeben wird. Nach jeder Phase versöhnen sich die Partner, und es tritt eine Zeit
relativen Friedens ein, solange das Ego es zulässt.
Vor allem bei Männern aktiviert exzessiver Alkoholgenuss häufig den Schmerzkörper, aber auch bei
manchen Frauen. Wenn jemand betrunken ist und der Schmerzkörper die Kontrolle übernimmt, macht er
eine totale Persönlichkeitsveränderung durch. Ein zutiefst unbewusster Mensch, dessen Schmerzkörper
sich gewohnheitsmäßig durch physische Gewalt sättigt, wendet diese oft gegen seinen Partner oder
seine Kinder. Kaum ist er wieder nüchtern, tut es ihm aufrichtig Leid, er gelobt Besserung und meint es
auch so. Derjenige, der das sagt und verspricht, ist aber nicht identisch mit dem, der die
Gewalttätigkeiten begeht, und darum ist gewiss, dass es immer wieder geschehen wird, bis er endlich zu
Bewusstsein kommt, den Schmerzkörper in sich selbst erkennt und die Identifikation mit ihm aufhebt.
Manchmal hilft eine psychologische Beratung dabei.
Die meisten Schmerzkörper wollen sowohl Schmerzen zufügen als auch erleiden, aber manche sind
vorwiegend eins von beidem: entweder Täter oder Opfer. In jedem Fall zehren sie von Gewalt, ob
emotional oder physisch. Manche Paare, die glauben, sich ineinander verliebt zu haben, fühlen sich in
Wirklichkeit nur zueinander hingezogen, weil ihre jeweiligen Schmerzkörper sich gut ergänzen.
Gelegentlich sind die Rollen von Täter und Opfer bereits bei der ersten Begegnung klar verteilt. Manche
Ehen sind wahrhaftig statt im Himmel in der Hölle geschlossen worden!
Wenn du jemals mit einer Katze zusammengelebt hast, weißt du, dass die Katze, auch wenn sie zu
schlafen scheint, genau mitbekommt, was vor sich geht, weil sie beim leisesten unbekannten Geräusch
die Ohren spitzt und unter Umständen auch die Augen leicht öffnet. Bei schlummernden Schmerzkörpern
ist es genauso. Auf einer bestimmten Ebene sind sie stets wach, bereit, zur Tat zu schreiten, wenn der
richtige Auslöser da ist.
In intimen Beziehungen sind Schmerzkörper oft so schlau, sich so lange zurückzuhalten, bis die
Partner zusammenleben oder, noch besser, einen Ehevertrag unterzeichnen, mit dem sie sich
verpflichten, ein Leben lang beieinander zu bleiben. Du heiratest nicht nur eine Person, sondern auch
deren Schmerzkörper - und sie deinen. Es kann ein ganz schöner Schock sein, wenn du, kurz nachdem
ihr zusammengezogen seid, oder nach den Flitterwochen plötzlich feststellst, dass die andere Person
eine totale Persönlichkeitsveränderung durchmacht. Mit einer Stimme, die auf einmal hart oder schrill ist,
macht sie dir Vorwürfe, beschuldigt dich oder brüllt dich an, und das meist wegen einer Bagatelle. Oder
sie kapselt sich ab. »Was ist los?«, fragst du. »Nichts ist los«, sagt sie. Aber die extrem feindselige
Atmosphäre, die sie verbreitet, sagt dir: »Alles Scheiße.« Schaust du ihr in die Augen, siehst du kein
Licht mehr darin; es ist, als sei ein schwerer Vorhang gefallen, und das Wesen, das du kanntest und
liebtest und das zuvor aus dem Ego herausleuchtete, ist jetzt vollkommen verhüllt. Eine völlig Fremde
scheint dich anzublicken, und in diesem Blick liegt Hass, Feindseligkeit, Verbitterung oder Wut. Wenn sie
redet, ist es nicht mehr dein Partner oder Ehepartner, sondern der Schmerzkörper, der aus ihr spricht.
Was sie sagt, ist die Wirklichkeitsversion des Schmerzkörpers, eine Wirklichkeit, die stark verzerrt ist von
Angst, Feindseligkeit, Wut und der Lust, Schmerz zuzufügen und selbst noch mehr Schmerzen zu leiden.
An diesem Punkt fragst du dich vielleicht, ob es sich dabei vielleicht um das wahre Gesicht deines
Partners handelt, das du vorher nie gesehen hattest, und ob es nicht ein schrecklicher Fehler war, diese
Person zu erwählen. Natürlich ist es nicht das wahre Gesicht, es ist nur der Schmerzkörper, der
vorübergehend von ihr Besitz ergriffen hat. Es dürfte schwer sein, einen Partner zu finden, der keinen
Schmerzkörper hat, aber es wäre sicher weise, jemanden zu wählen, dessen Schmerzkörper nicht allzu
korpulent ist.
Massive Schmerzkörper
Manche Leute haben einen massiven Schmerzkörper, der nie wirklich schlummert. Sie mögen lächeln
und sich höflich unterhalten, aber man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten zu haben, um das
geballte Gefühl des Unglücklichseins dicht unter der Oberfläche zu spüren, das nur darauf wartet, dass
endlich etwas geschieht, worauf es reagieren kann, dass endlich jemand auftaucht, den es beschuldigen
oder angreifen kann, dass endlich wieder etwas eintritt, worüber es unglücklich sein kann. Ihr
Schmerzkörper ist immer hungrig und bekommt nie genug. Er verstärkt das Bedürfnis des Ego nach
Feinden noch.
Da diese Menschen besonders leicht reizbar sind, bauschen sie relativ unbedeutende Dinge
unverhältnismäßig groß auf und bemühen sich, andere in ihr Drama mit hineinzuziehen, indem sie sie zu
einer Reaktion zwingen. Manche lassen sich auf Streitigkeiten oder Gerichtsprozesse mit Einzelnen oder
Organisationen ein, die sich endlos hinziehen und im Grunde sinnlos sind. Andere werden von einem
zwanghaften Hass gegen ihren Expartner oder ihre Expartnerin verzehrt. Da sie sich des Schmerzes,
den sie in sich tragen, nicht bewusst sind, projizieren sie ihn durch ihre Reaktion auf Ereignisse und
Situationen. Aufgrund eines vollständigen Mangels an Bewusstheit machen sie keinen Unterschied
zwischen einem Ereignis und ihrer Reaktion auf dieses Ereignis. Für sie enthält das äußere Ereignis, die
äußere Situation ihr Unglücklichsein und sogar ihren Schmerz. In ihrer Blindheit der eigenen inneren
Verfassung gegenüber wissen sie nicht einmal, dass sie zutiefst unglücklich sind und leiden.
Manchmal setzen sich Leute mit einem so massiven Schmerzkörper kämpferisch für eine bestimmte
Sache ein. Unter Umständen handelt es sich sogar um eine gute Sache, und manchmal haben sie
anfangs auch Erfolg und bewirken etwas; doch ihre negative Energie, die in das einfließt, was sie sagen
und tun, und ihr unbewusstes Bedürfnis nach Gegnerschaft und Konflikt sorgen meist dafür, dass sich
zunehmend mehr Widerstand gegen das, wofür sie kämpfen, aufbaut. Normalerweise schaffen sie sich
am Ende sogar Feinde im eigenen Lager, denn wo immer sie auch hingehen, sie finden immer Gründe,
um sich schlecht zu fühlen, und so bekommt ihr Schmerzkörper weiterhin genau das, wonach er verlangt.
Unterhaltung, Medien und der Schmerzkörper
Wenn dir unsere gegenwärtige Zivilisation fremd wäre, weil du aus einem anderen Zeitalter oder von
einem anderen Stern kämst, würde dich eins wirklich in Erstaunen versetzen: dass Millionen Menschen
es genießen und dafür bezahlen, zuzuschauen, wie Menschen einander töten und sich gegenseitig Leid
zufügen, und dass sie dies »Unterhaltung« nennen.
Warum ziehen gewalttätige Filme solche Zuschauermassen an? Es gibt eine ganze Branche, die zu
einem großen Teil die menschliche Sucht nach dem Unglücklichsein bedient. Die Leute schauen sich
solche Filme offensichtlich an, um sich elend zu fühlen. Was im Menschen ist es, das sich gern schlecht
fühlt und dies gut findet? Natürlich der Schmerzkörper. Ein Großteil der Unterhaltungsindustrie beliefert
ihn mit Nahrung. Der Schmerzkörper erneuert sich also nicht nur direkt durch Überreiztheit, negatives
Denken und persönliche Dramatik, sondern auch auf dem Umweg über Film und Fernsehen.
Schmerzkörper schreiben die Drehbücher für die Filme und produzieren sie, und Schmerzkörper
bezahlen dafür, sie sich anzuschauen.
Ist es immer »falsch«, in Film und Fernsehen Gewalt zu zeigen oder sich anzuschauen? Führt all diese
Gewalt dem Schmerzkörper Nahrung zu? Im gegenwärtigen Entwicklungsstadium der Menschheit ist
Gewalt nicht nur überall anzutreffen, sie ist auch noch auf dem Vormarsch, da sich das alte
Egobewusstsein, vom kollektiven Schmerzkörper unterstützt, vor seinem unabwendbaren Niedergang
noch intensiviert. Wenn Filme die Gewalt in den größeren Zusammenhang stellen und zeigen, wo ihre
Wurzeln liegen und wozu sie führt, was sie mit dem Opfer und dem Täter macht, welches kollektive
Bewusstsein dahinter steckt und wie es von Generation zu Generation weitergegeben wird (in Form von
Wut und Hass, die als Schmerzkörper im Menschen leben), dann können solche Filme einen
entscheidenden Beitrag zur Erweckung der Menschheit leisten. Sie können der Menschheit einen
Spiegel vorhalten, in dem sie ihre Geistesstörung sieht. Das in dir, was den Irrsinn als Irrsinn erkennt
(selbst wenn es dein eigener ist), ist geistige Gesundheit, ist erwachende Bewusstheit und damit das
Ende der Störung.
Solche Filme gibt es, und sie geben dem Schmerzkörper keine Nahrung. Einige der besten
Antikriegsfilme zeigen die Wirklichkeit des Krieges, statt ihn zu verherrlichen. Der Schmerzkörper kann
nur von Filmen zehren, in denen Gewalt als normales oder gar wünschenswertes menschliches
Verhalten gezeigt oder die Gewalt aus dem einzigen Grund verherrlicht wird, um negative Empfindungen
beim Betrachter auszulösen und damit seinem nach Leid süchtigen Schmerzkörper einen »Schuss« zu
geben.
Die populäre Boulevardpresse verkauft keine Nachrichten, sondern in erster Linie negative
Empfindungen - Nahrung für den Schmerzkörper. »Gräueltat« oder »Monsterkiller« leuchtet es einem in
fetten Schlagzeilen entgegen. Die britische Boulevardpresse ist Meister dieses Fachs. Sie weiß, dass
sich negative Emotionen erheblich besser verkaufen als faktische Informationen.
In den Nachrichtenmedien einschließlich des Fernsehens herrscht generell die Tendenz vor, negative
Nachrichten zu verbreiten. Je schlimmer etwas ist, umso mehr begeistert sich der Berichterstatter, und
diese Begeisterung am Negativen teilt sich häufig durch die Medien direkt mit. Nichts liebt der
Schmerzkörper mehr.
Der kollektive weibliche Schmerzkörper
Die kollektive Dimension des Schmerzkörpers besteht aus verschiedenen Elementen. Stämme, Völker,
Rassen, sie alle haben einen eigenen kollektiven Schmerzkörper, an dem sie manchmal schwerer tragen
als andere, und die meisten Angehörigen eines Stammes, Volkes oder einer Rasse haben mehr oder
weniger stark Anteil daran.
Fast jede Frau hat Anteil am kollektiven weiblichen Schmerzkörper, der kurz vor dem Einsetzen der
Menstruation besonders stark aufzuleben pflegt. Zu diesem Zeitpunkt werden viele Frauen von
intensiven negativen Gefühlen überschwemmt.
Die Unterdrückung des weiblichen Prinzips vor allem in den letzten 2000 Jahren hat das Ego in die
Lage versetzt, die absolute Oberherrschaft über die kollektive menschliche Psyche anzutreten. Natürlich
haben auch Frauen ein Ego, aber das Ego kann in der männlichen Form schneller Wurzeln schlagen
und wachsen als in der weiblichen. Das liegt daran, dass Frauen sich weniger mit ihrem Verstand
identifizieren als Männer. Sie sind mehr mit ihrem inneren Körper und der Intelligenz des Organismus
verbunden, wo die intuitiven Fähigkeiten ihren Ursprung haben. Die weibliche Form ist weniger in sich
verschlossen als die männliche, sie zeigt eine größere Offenheit und Sensibilität für andere
Lebensformen und ist naturverbundender.
Wenn das Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Energien auf unserer Erde nicht
zerstört worden wäre, hätte das Ego nicht in dem Maße wachsen können. Dann hätten wir der Natur
nicht den Krieg erklärt und uns nicht so sehr unserem Sein entfremdet.
Niemand kennt die genauen Zahlen, weil es keine Aufzeichnungen darüber gibt, aber es gilt als
gesichert, dass in einem Zeitraum von 300 Jahren drei bis fünf Millionen Frauen von der »heiligen
Inquisition« gefoltert und ermordet wurden, einer Institution, die von der römisch-katholischen Kirche zur
Unterdrückung der Ketzerei ins Leben gerufen wurde. Dies ist, zusammen mit dem Holocaust, sicher
eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Es reichte damals schon, dass eine Frau
tierlieb war, allein in Wald und Flur spazieren ging oder Heilpflanzen sammelte, um als Hexe
gebrandmarkt, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Das heilige Weibliche wurde
zum Dämonischen erklärt und die menschliche Erfahrung um eine ganze Dimension ärmer. Andere
Kulturen wie das Judentum, der Islam und selbst der Buddhismus haben ebenfalls die weibliche
Dimension unterdrückt, aber weniger gewaltsam. Der Status der Frau wurde herabgesetzt, sodass sie
nur noch Kindergebärerin und Besitz des Mannes war. Männer, die das Weibliche auch in sich selbst
verleugneten, regierten nun die Welt, eine Welt, die völlig aus dem Gleichgewicht geriet. Alles Übrige ist
Geschichte oder vielmehr eine Fallgeschichte des Irrsinns.
Wer war für diese Angst vor dem Weiblichen, die nur als akute kollektive Paranoia bezeichnet werden
kann, verantwortlich? Wir könnten sagen: Natürlich waren Männer dafür verantwortlich. Aber wie kommt
es dann, dass in vielen alten, vorchristlichen Zivilisationen wie etwa bei den Sumerern, den Ägyptern
und den Kelten Frauen hoch geachtet waren und das weibliche Prinzip nicht etwa gefürchtet, sondern
verehrt wurde? Was war es, wodurch Männer das Weibliche plötzlich als bedrohlich empfanden? Das in
ihnen aufkeimende Ego. Es wusste, dass es die vollständige Kontrolle über diese Erde nur in männlicher
Form erlangen würde, und dazu musste es das Weibliche entmachten.
Mit der Zeit ergriff das Ego auch von den meisten Frauen Besitz, aber es konnte sich in ihnen nie so
festsetzen wie im Mann.
Inzwischen ist eine Situation entstanden, in der die Unterdrückung des Weiblichen verinnerlicht wurde,
selbst von der Mehrzahl der Frauen. Das heilige Weibliche wird, da es so unterdrückt ist, von den
meisten Frauen als emotionaler Schmerz empfunden. Dieser ist inzwischen in ihren Schmerzkörper
übergegangen, zusammen mit all dem Schmerz, den sie in Jahrmillionen beim Gebären, durch
Vergewaltigung, Versklavung, Folter und gewaltsamen Tod angesammelt haben.
Aber heute verändern sich die Dinge rapide. In dem Maße, in dem die Bewusstheit der Menschen
zunimmt, verliert das Ego seinen Zugriff auf das menschliche Denken. Da es in Frauen nie tief
verwurzelt war, verliert es bei ihnen schneller seinen festen Halt als bei Männern.
Der Schmerzkörper von Völkern und Rassen
Gewisse Länder, die besonders viele Akte kollektiver Gewalt erlebt oder begangen haben, besitzen
einen stärkeren kollektiven Schmerzkörper als andere. Darum haben ältere Völker im Allgemeinen einen
stärkeren Schmerzkörper. Und deshalb haben jüngere Länder wie Kanada und Australien oder solche,
die vor dem Irrsinn ringsum besser geschützt waren wie etwa die Schweiz, einen schwächeren
kollektiven Schmerzkörper. Trotzdem haben die Bewohner dieser Länder natürlich an ihrem persönlichen
Schmerzkörper zu tragen. Wenn man genügend Feingefühl besitzt, kann man eine gewisse Schwere im
Energiefeld mancher Länder wahrnehmen, sobald man aus dem Flugzeug steigt. Bei einigen Ländern
spürt man ein Energiefeld latenter Gewalt dicht unter der Oberfläche des Lebensalltags. Bei anderen,
zum Beispiel im Nahen Osten, ist der kollektive Schmerzkörper so akut, dass ein bedeutender Teil der
Bevölkerung sich gezwungen sieht, ihn in einem endlosen, irrsinnigen Kreislauf von Vergeltungstaten
abzureagieren, wodurch er sich ständig erneuert.
In Ländern mit starkem, aber nicht mehr akutem Schmerzkörper gibt es die Tendenz, sich nach
Möglichkeit zu desensibilisieren für den kollektiven Schmerz: in Deutschland und Japan durch Arbeit, in
einigen anderen Ländern durch allgemeinen Alkoholkonsum (der allerdings die gegenteilige Wirkung
haben kann, den Schmerzkörper wieder anzuregen, besonders, wenn er im Übermaß genossen wird).
Chinas starker Schmerzkörper wird bis zu einem gewissen Grad durch die weit verbreitete Praxis des
T’ai-Chi gemildert, die erstaunlicherweise von der kommunistischen Regierung nicht verboten wurde,
obwohl diese sich sonst von allem bedroht fühlt, was sie nicht unter Kontrolle hat. Millionen praktizieren
diese Bewegungsmeditation, die den Geist beruhigt, überall auf den Straßen und in den Parks. Das hat
eine beträchtliche Wirkung auf das kollektive Energiefeld und vermindert den Schmerzkörper, indem es
das Denken reduziert und Präsenz ausstrahlt.
Spirituelle Übungen, die den physischen Körper einbeziehen, wie T’ai Chi, Qigong und Yoga, erfreuen
sich auch in der westlichen Welt immer größerer Beliebtheit. Diese Übungen führen keine Spaltung von
Körper und Geist herbei und sind gut geeignet, den Schmerzkörper zu schwächen. Sie werden eine
wichtige Rolle spielen für das globale Erwachen.
Der kollektive Schmerzkörper ist besonders stark ausgeprägt beim jüdischen Volk, das
jahrhundertelang verfolgt wurde. Es ist kaum zu verwundern, dass er auch bei den indianischen
Ureinwohnern Amerikas, deren Zahl von den europäischen Siedlern stark dezimiert und deren Kultur fast
völlig zerstört wurde, sehr groß ist. Auch die schwarzen Amerikaner haben einen ausgeprägten
kollektiven Schmerzkörper. Ihre Vorfahren wurden gewaltsam entwurzelt, in die Unterwerfung geprügelt
und in die Sklaverei verkauft. Amerika verdankt die Grundlegung seines wirtschaftlichen Wohlstands im
Wesentlichen der Fronarbeit von vier bis fünf Millionen schwarzen Sklaven. Das Leid, das über die
Indianer und Schwarzen der Vereinigten Staaten gebracht wurde, ist jedoch nicht auf diese beiden
Rassen beschränkt geblieben, sondern in den kollektiven Schmerzkörper der Amerikaner eingeflossen.
Es ist immer so, dass Täter und Opfer gleichermaßen unter den Folgen von Gewalt, Unterdrückung und
Brutalität leiden müssen. Denn was man anderen zufügt, tut man sich selbst an.
Es spielt im Grunde keine Rolle, für welchen Anteil deines Schmerzkörpers dein Volk oder deine Rasse
verantwortlich ist und für welchen du persönlich. In jedem Fall wirst du nur darüber hinausgehen können,
wenn du von nun an die Verantwortung für deine innere Verfassung selbst übernimmst. Auch wenn Kritik
mehr als gerechtfertigt erscheint, fütterst du, solange du anderen Schuld zuweist, den Schmerzkörper mit
deinen Gedanken und bleibst in deinem Ego gefangen.
Es gibt nur einen Übeltäter auf der Erde: die menschliche Unbewusstheit. Diese Erkenntnis führt zu
wahrer Vergebung. Mit der Vergebung löst sich die Opferidentität auf, und deine wahre Kraft kommt zum
Vorschein - die Kraft der Gegenwärtigkeit. Statt die Dunkelheit zu beklagen, bringst du das Licht.
6

Die Befreiung

Die Befreiung vom Schmerzkörper beginnt mit der Erkenntnis, dass du einen Schmerzkörper hast. Noch
wichtiger jedoch ist es, dass du präsent und wach genug bist, um den Schmerzkörper in dir als starken
Einfluss negativer Emotionen wahrzunehmen, sobald er sich bemerkbar macht. Hast du ihn erst einmal
erkannt, kann er nicht länger so tun, als sei er du, um durch dich zu leben und sich zu erneuern.
Es ist deine bewusste Gegenwärtigkeit, die die Identifikation mit dem Schmerzkörper aufbricht. Wenn
du dich nicht mehr mit ihm identifizierst, kann der Schmerzkörper dein Denken nicht länger kontrollieren
und sich erneuern, indem er von deinen Gedanken zehrt. Meistens löst sich der Schmerzkörper nicht
sofort auf, aber sobald du die Verbindung zwischen ihm und deinem Denken durchtrennt hast, beginnt er
Energie zu verlieren. Dein Denken wird dann nicht mehr vom Empfinden getrübt, und deine
gegenwärtigen Wahrnehmungen werden nicht mehr von der Vergangenheit verzerrt. Dann ändert die
Energie, die im Schmerzkörper eingeschlossen war, ihre Schwingungsfrequenz und wird in Präsenz
umgewandelt. Auf diese Weise wird der Schmerzkörper zur Bewusstseinsnahrung. Darum hatten viele
der weisesten, erleuchtetsten Männer und Frauen auf unserer Erde einmal einen sehr starken
Schmerzkörper.
Egal, was du sagst oder tust oder welches Gesicht du der Welt zeigst, dein mental-emotionaler
Zustand bleibt nicht verborgen. Jeder Mensch strahlt ein Energiefeld aus, das seiner inneren Verfassung
entspricht und das die meisten Menschen spüren können, wenn auch vielleicht nur unterbewusst. Das
heißt, sie wissen nicht, dass sie es spüren, doch es bestimmt in hohem Maße, welche Gefühle und
Reaktionen die betreffende Person bei ihnen auslöst. Manche Leute sind sich seiner jedoch gleich bei
der ersten Begegnung mit jemandem vollkommen bewusst, noch bevor Worte gewechselt wurden.
Wenig später bestimmen dann allerdings Worte die Beziehung, und den Worten folgen die Rollen, die
die meisten Menschen spielen. Jetzt richtet sich das Augenmerk aufs Denken, und sogleich nimmt die
Fähigkeit, das Energiefeld des anderen zu spüren, stark ab. Unbewusst wird es aber trotzdem noch
empfunden.
Wenn dir klar wird, dass der Schmerzkörper unbewusst auf noch mehr Schmerz aus ist, das heißt,
sich wünscht, dass etwas Schlimmes passiert, verstehst du auch, dass viele Autounfälle von Fahrern
oder Fahrerinnen verursacht werden, deren Schmerzkörper zum betreffenden Zeitpunkt aktiviert war.
Fahren zwei Menschen mit aktivem Schmerzkörper gleichzeitig auf eine Kreuzung zu, ist die
Wahrscheinlichkeit eines Unfalls um ein Vielfaches höher als unter anderen Umständen. Unbewusst
wünschen sich beide, dass ein Unfall geschieht. Die Rolle des Schmerzkörpers bei Verkehrsunfällen fällt
besonders deutlich beim Rowdytum im Verkehr ins Auge, einem Phänomen, bei dem Autofahrer wegen
irgendwelcher Kleinigkeiten wie etwa der zu großen Langsamkeit des Wagens vor ihnen zu physischer
Gewalt greifen.
Viele Gewalttaten werden von »normalen« Menschen begangen, die sich vorübergehend in
Wahnsinnige verwandeln. Überall auf der Welt hört man Verteidiger bei Gerichtsverhandlungen sagen:
»Das ist absolut nicht die Art meines Mandanten«, und Beschuldigte beteuern: »Ich weiß gar nicht, was
über mich gekommen ist.« Meines Wissens hat aber noch kein Verteidiger zum Richter gesagt, obwohl
der Tag vielleicht nicht mehr allzu fern ist: »Hier liegt ein Fall von verminderter Zurechnungsfähigkeit vor.
Der Schmerzkörper meines Mandanten war aktiviert, sodass er nicht wusste, was er tat. Im Grunde war
er es gar nicht; sein Schmerzkörper hat die Tat begangen.«
Heißt das, dass niemand für das verantwortlich ist, was er tut, wenn der Schmerzkörper von ihm Besitz
ergriffen hat? Meine Antwort lautet: Wie könnte er es sein? Wie kann man verantwortlich gemacht
werden, wenn man nicht bei Bewusstsein ist, also nicht weiß, was man tut? Im großen Weltenplan ist
jedoch vorgesehen, dass sich die Menschen zu bewussten Wesen entwickeln, und wer das nicht tut,
wird unter den Folgen seiner Unbewusstheit leiden müssen. Solche Leute stimmen nicht mit dem
evolutionären Impetus des Universums überein.
Und selbst das ist nur relativ richtig. Aus höherer Sicht ist es nämlich unmöglich, nicht mit der Evolution
des Universums übereinzustimmen, da selbst die Unbewusstheit und das Leiden, das dadurch entsteht,
Teil der Evolution sind. Wenn du den Kreislauf des Leidens nicht mehr ertragen kannst, beginnst du zu
erwachen. Der Schmerzkörper hat also durchaus seinen Platz im großen Ganzen.
Präsenz
Einmal suchte mich eine Frau in den Dreißigern auf. Während wir uns begrüßten, konnte ich den
Schmerz hinter ihrem höflichen, aufgesetzten Lächeln spüren. Sie fing an, mir ihre Geschichte zu
erzählen, und von einer Sekunde zur anderen verzerrte sich ihr Lächeln zu einer qualvollen Grimasse.
Dann begann sie haltlos zu schluchzen. Sie sagte, sie sei einsam und unausgefüllt. Eine Menge Wut und
Traurigkeit waren da. Als Kind war sie von einem gewalttätigen Vater missbraucht worden. Ich erkannte
schnell, dass ihr Schmerz nicht durch ihre gegenwärtigen Lebensumstände verursacht wurde, sondern
durch einen extrem starken Schmerzkörper. Ihr Schmerzkörper war zur Brille geworden, durch die sie
ihre Lebenssituation sah. Sie konnte die Verbindung zwischen der emotionalen Qual und ihren
Gedanken noch nicht sehen, da sie sich mit beidem total identifizierte. Sie vermochte auch noch nicht
einzusehen, dass sie selbst den Schmerzkörper mit ihren Gedanken nährte. Mit anderen Worten: Sie
lebte mit der Last eines zutiefst unglücklichen Ichs. Bis zu einem gewissen Grad musste ihr jedoch klar
geworden sein, dass ihr Schmerz seinen Ursprung in ihrem eigenen Innern hatte, dass sie sich selbst zur
Last wurde. Sie war reif für das Erwachen, und deshalb kam sie zu mir.
Ich lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie im Innern ihres Körpers spürte, und bat sie, das
Gefühl unmittelbar zu empfinden, statt durch die Brille ihrer unglücklichen Geschichte und ihrer
trübseligen Gedanken. Sie sagte, sie hätte erwartet, ich würde ihr einen Weg aus dem Unglück heraus
zeigen, statt hinein. Doch sie tat, worum ich sie gebeten hatte, wenn auch widerstrebend. Tränen rollten
ihr die Wangen hinab, und sie zitterte am ganzen Leibe. »Das ist es, was Sie in diesem Augenblick
fühlen«, sagte ich. »Sie können nichts an der Tatsache ändern, dass Sie in diesem Augenblick so
empfinden. Können Sie nun, statt sich zu wünschen, dass dieser Augenblick anders sein möge, als er ist,
und dem Schmerz, den Sie empfinden, noch mehr Schmerz hinzuzufügen, vollkommen akzeptieren, dass
Sie im Augenblick so und nicht anders fühlen?«
Sie schwieg einen Moment. Plötzlich schaute sie ungeduldig auf, als wollte sie sich erheben, und
sagte wütend: »Nein, das akzeptiere ich nicht.« »Wer sagt das?«, fragte ich sie. »Sie oder Ihre
Unglücklichkeit? Sehen Sie, dass Ihr Schmerz darüber, unglücklich zu sein, nur eine weitere Schicht des
Unglücklichseins ist?« Sie wurde wieder still. »Ich bitte Sie nicht, irgendetwas zu tun. Ich bitte Sie nur,
herauszufinden, ob es Ihnen möglich ist, diese Gefühle zuzulassen. Mit anderen Worten - und es klingt
sicher etwas befremdlich -: Wenn Sie nichts dagegen haben, unglücklich zu sein, was geschieht dann
mit dem Unglücklichsein? Wollen Sie das nicht herausfinden?«
Einen Moment lang sah sie verwirrt aus, doch nach einer Minute etwa, während wir schweigend
dasaßen, bemerkte ich plötzlich eine auffällige Veränderung in ihrem Energiefeld. Sie sagte: »Das ist
merkwürdig. Ich bin noch immer unglücklich, aber jetzt ist ringsum Raum entstanden. Es scheint keine so
große Rolle mehr zu spielen.« Das war das erste Mal, dass es jemand mir gegenüber so ausdrückte:
»Es ist Raum rings um mein Unglücklichsein entstanden.« Dieser Raum entsteht natürlich dann, wenn
man die Erfahrung, die man im gegenwärtigen Augenblick gerade macht, innerlich akzeptiert.
Ich sagte nicht viel mehr, sondern überließ sie ihrer Erfahrung. Später begriff sie, dass die alte
schmerzhafte Empfindung, die in ihr lebte, in dem Augenblick, in dem sie sich nicht mehr mit ihr
identifizierte, sondern ihr ihre unmittelbare Aufmerksamkeit zuwandte, ohne sich gegen sie zu sträuben,
nicht länger ihr Denken beherrschen und nicht mehr an der Fantasiegeschichte vom »unglücklichen Ich«
weiterspinnen konnte. Eine neue Dimension hatte sich ihr im Leben eröffnet, die über ihre persönliche
Vergangenheit hinausging - die Dimension der Gegenwärtigkeit. Da man ohne unglückliche Geschichte
nicht unglücklich sein kann, war es danach aus mit ihrem Unglücklichsein. Es war auch der Anfang vom
Ende ihres Schmerzkörpers. An der Empfindung selbst ist nichts Unglückliches. Nur Empfindung plus
unglückliche Geschichte zusammen bilden das Unglücklichsein.
Gegen Ende der Sitzung konnte ich befriedigt feststellen, dass ich gerade miterlebt hatte, wie ein
Mensch zur Gegenwärtigkeit zu erwachen beginnt. Der entscheidende Grund für unsere Existenz in
menschlicher Form ist der, diese Bewusstseinsdimension in der Welt zu manifestieren. Ich war auch
Zeuge einer Reduzierung des Schmerzkörpers geworden, die nicht durch Kampf erreicht worden war,
sondern durch das Licht des Bewusstseins, das auf ihn fiel.
Ein paar Minuten, nachdem meine Besucherin gegangen war, kam eine Freundin und brachte mir
etwas. Kaum war sie ins Zimmer gekommen, sagte sie: »Was war denn hier los? Das ist ja eine schwere,
düstere Energie hier! Da wird einem fast übel. Du musst die Fenster aufmachen und Räucherstäbchen
anzünden.« Ich erklärte ihr, dass ich gerade die Befreiung von jemandem mit einem sehr starken
Schmerzkörper miterlebt hätte und dass sie anscheinend noch etwas von der Energie spüren könnte, die
während der Sitzung freigesetzt wurde. Meine Freundin wollte jedoch nicht bleiben und mir zuhören. Sie
wollte so schnell wie möglich weg.
Ich öffnete die Fenster, dann machte ich mich auf den Weg zu einem kleinen indischen Restaurant in
der Nähe. Was dort geschah, war erneut eine deutliche Bestätigung für das, was ich bereits wusste:
dass alle scheinbar einzelnen menschlichen Schmerzkörper auf einer bestimmten Ebene miteinander
verbunden sind. Nur dass diese Bestätigung eine Form annehmen sollte, die mich erschütterte.
Die Rückkehr des Schmerzkörpers
Ich setzte mich an einen Tisch und bestellte mir etwas. Außer mir waren nur wenige andere Gäste da. An
einem Nachbartisch saß ein Mann mittleren Alters in einem Rollstuhl und beendete gerade sein Mahl. Er
warf mir einen kurzen, scharfen Blick zu. Ein paar Minuten verstrichen. Plötzlich wurde er unruhig, geriet
in heftige Bewegung und fing an zu zucken. Der Kellner kam, um seinen Teller abzuräumen. Der Mann
fuhr ihn an. »Das Essen war schlecht. Einfach furchtbar.« »Warum haben Sie es dann gegessen?«,
fragte der Kellner. Das brachte den Mann erst richtig in Fahrt. Er begann zu brüllen und zu schimpfen.
Die übelsten Worte sprudelten aus ihm heraus; intensive, hasserfüllte Gewaltbereitschaft erfüllte den
Raum. Man konnte förmlich spüren, wie diese Energie in die eigenen Körperzellen eindrang und dort
Anschluss zu finden versuchte. Inzwischen ließ er auch die anderen Gäste nicht ungeschoren, während
er mich, der ich in gesammelter Präsenz dasaß, aus unerfindlichen Gründen in Ruhe ließ. Ich hatte den
Verdacht, dass der universelle menschliche Schmerzkörper mir eine Lektion erteilen wollte: »Du dachtest
wohl, du hättest mich besiegt. Aber da bin ich, wie du siehst.« Ich erwog auch die Möglichkeit, ob das
freigesetzte Energiefeld, das nach der Sitzung zurückgeblieben war, mir vielleicht in das Restaurant
gefolgt war und sich dort an die Person geheftet hatte, bei der es eine entsprechende
Schwingungsfrequenz, das heißt, einen starken Schmerzkörper, gefunden hatte.
Der Geschäftsführer machte die Tür nach draußen auf. »Bitte gehen Sie. Gehen Sie.« Der Mann
sauste mit seinem Elektrorollstuhl hinaus; wir anderen blieben wie gelähmt zurück. Eine Minute später
war er wieder da. Sein Schmerzkörper hatte noch nicht genug. Er brauchte mehr. Der Mann stieß die Tür
mit seinem Rollstuhl auf und gab einen Schwall von Obszönitäten von sich. Eine Kellnerin wollte ihn
daran hindern, hereinzukommen. Daraufhin fuhr er im Schnellgang auf sie zu und quetschte sie an die
Wand. Jetzt sprangen andere Gäste auf und versuchten, ihn wegzuziehen. Geschrei und Gekreische,
ein Höllenlärm. Wenig später erschien ein Polizist, der Mann beruhigte sich und wurde aufgefordert, das
Lokal zu verlassen und nie wiederzukehren. Die Kellnerin war zum Glück bis auf ein paar blaue Flecken
an den Beinen unverletzt geblieben. Als alles vorbei war, kam der Geschäftsführer an meinen Tisch und
sagt halb im Scherz, aber vielleicht doch, weil er instinktiv fühlte, dass da eine Verbindung bestand:
»Haben Sie das alles verursacht?«
Der Schmerzkörper von Kindern
Der Schmerzkörper von Kindern manifestiert sich manchmal in Form von Übellaunigkeit und
Verschlossenheit. Das Kind wird trübsinnig, es will nichts mehr mit anderen zu tun haben und sitzt
irgendwo mit seiner Puppe im Arm in einer Ecke oder lutscht am Daumen. Er kann sich aber auch in
Weinkrämpfen und Wutanfällen äußern. Dann schreit das Kind, wirft sich auf den Fußboden und verhält
sich destruktiv. Ungestilltes Verlangen kann leicht den Schmerzkörper hervorlocken, und bei einem in
Entwicklung begriffenen Ego kann das Verlangen sehr stark sein. Oft müssen die Eltern, denen das
Verhalten ihres Kindes unerklärlich ist, ungläubig und hilflos zusehen, wie sich ihr kleiner Engel binnen
weniger Sekunden in ein kleines Monster verwandelt. »Was hat das Kind bloß, dass es so unglücklich
ist?«, fragen sie sich. Es hat in mehr oder weniger starkem Maße Anteil am kollektiven Schmerzkörper
der Menschheit, der auf den Ursprung des menschlichen Ego zurückgeht.
Das Kind kann aber auch schon Schmerz vom Schmerzkörper seiner Eltern aufgenommen haben,
deshalb sollten Eltern im Kind eine Spiegelung dessen sehen, was genauso in ihnen steckt.
Hochsensible Kinder sind besonders stark vom Schmerzkörper der Eltern betroffen. Das Irrsinnsdrama
seiner Eltern mitzubekommen verursacht dem Kind schier unerträgliche emotionale Qual, daher werden
aus besonders sensiblen Kindern oft Erwachsene mit starkem Schmerzkörper. Ein Kind lässt sich nicht
von Eltern täuschen, die ihren Schmerzkörper vor ihm zu verbergen versuchen, indem sie sagen: »Wir
dürfen uns nicht vor den Kindern streiten.« Das heißt normalerweise nichts anderes, als dass sich der
Raum, während sich die Eltern höflich miteinander unterhalten, mit negativer Energie anfüllt.
Unterdrückte Schmerzkörper sind außerordentlich giftig, noch mehr als aktivierte, und dieses psychische
Gift wird von den Kindern aufgenommen und trägt zur Entwicklung ihres Schmerzkörpers bei.
Manche Kinder lernen schon dadurch, dass sie mit sehr unbewussten Eltern zusammen sind,
unterbewusst etwas über Ego und Schmerzkörper. Eine Frau, deren beide Eltern ein sehr starkes Ego
und einen starken Schmerzkörper hatten, erzählte mir, dass sie oft, wenn ihre Eltern laut wurden und
sich anschrien, sie betrachtete und zu sich selbst sagte, obwohl sie sie liebte: »Die sind bescheuert. Wie
bin ich bloß hierher gekommen?« Sie hatte bereits ein gewisses Bewusstsein davon, wie abartig es ist,
so zu leben. Diese Bewusstheit trug ein wenig dazu bei, das Maß der Schmerzen, das sie durch ihre
Eltern in sich aufnahm, zu vermindern.
Eltern fragen sich oft, wie sie mit dem Schmerzkörper ihres Kindes umgehen sollen. Dabei lautet die
entscheidende Frage natürlich, wie sie mit ihrem eigenen umgehen. Erkennen sie ihn in sich selbst?
Können sie, wenn er aktiviert ist, präsent genug bleiben, um die Emotion auf der Gefühlsebene bewusst
wahrzunehmen, noch ehe diese die Chance hat, zum Gedanken zu werden und einen »unglücklichen
Menschen« aus ihnen zu machen?
Während das Kind unter einem Schmerzkörperanfall leidet, kannst du nicht viel tun, außer
gegenwärtig zu bleiben, damit du dich nicht zu einer emotionalen Reaktion hinreißen lässt. Das würde
nur dem Schmerzkörper des Kindes Nahrung geben. Schmerzkörper können äußerst dramatisch
auftreten. Fall nicht auf das Drama herein. Nimm es nicht so ernst. Wurde der Schmerzkörper durch
ungestilltes Verlangen aktiviert, dann unterwirf dich seinen Forderungen keinesfalls. Sonst lernt das Kind
daraus: »Je unglücklicher ich bin, umso eher bekomme ich, was ich will.« Damit sind Störungen im
späteren Leben vorprogrammiert. Der Schmerzkörper wird frustriert darüber sein, dass du nicht
reagierst, macht vielleicht eine Zeit lang ein noch größeres Spektakel und beruhigt sich dann.
Glücklicherweise sind Schmerzkörperanfälle bei Kindern im Allgemeinen kurzlebiger als bei
Erwachsenen.
Eine Weile, nachdem der Schmerzkörperanfall abgeklungen ist, unter Umständen auch erst am
nächsten Tag, kannst du mit dem Kind über das Geschehene reden. Erzähl dem Kind aber nichts vom
Schmerzkörper. Stell ihm lieber Fragen. Zum Beispiel: »Was ist eigentlich gestern über dich gekommen,
als du gar nicht mehr aufhören wolltest mit Schreien? Erinnerst du dich noch? Wie hat es sich angefühlt?
War es ein schönes Gefühl? Das, was da über dich gekommen ist, hat es einen Namen? Nein? Wenn es
einen Namen hätte, wie würde es dann heißen? Wenn du es sehen könntest, wie würde es aussehen?
Kannst du ein Bild davon malen, wie es aussieht? Was ist mit ihm geschehen, als es verschwunden ist?
Ist es eingeschlafen? Glaubst du, es kommt wieder?«
Das sind nur ein paar Vorschläge, was du fragen könntest. Alle diese Fragen sollen das
Beobachtungsvermögen des Kindes schärfen, seine Präsenz. Sie helfen dem Kind, sich von der
Identifikation mit dem Schmerzkörper zu befreien. Vielleicht willst du dem Kind auch in seiner
Ausdrucksweise von deinem eigenen Schmerzkörper erzählen. Wird das Kind wieder einmal vom
Schmerzkörper überwältigt, kannst du sagen: »Er ist wieder da, stimmt’s?« Benutze die gleichen Worte
wie das Kind, als es davon sprach. Lenke die Aufmerksamkeit des Kindes darauf, wie es sich anfühlt.
Zeig lieber Interesse oder Neugier, als zu kritisieren oder zu verurteilen.
Es ist unwahrscheinlich, dass der Schmerzkörper dadurch auf der Stelle kollabiert, und es mag auch
so scheinen, als hörte das Kind dir gar nicht zu, aber trotzdem bleibt dadurch etwas Bewusstheit im
Hintergrund des kindlichen Bewusstseins bestehen, auch während der Schmerzkörper noch aktiv ist.
Nach einigen Malen ist diese Bewusstheit gewachsen und der Schmerzkörper schwächer geworden.
Das Kind gewinnt an Präsenz. Wie du merken wirst, wird dich eines Tages dein Kind darauf aufmerksam
machen, dass dein Schmerzkörper von dir Besitz ergriffen hat.
Das Unglücklichsein
Nicht alles Unglücklichsein kommt vom Schmerzkörper. Ein Teil davon ist neu und entsteht immer dann,
wenn du nicht mehr mit dem gegenwärtigen Augenblick übereinstimmst, wenn du das Jetzt auf die eine
oder andere Art verleugnest. Wenn du erkennst, dass der gegenwärtige Augenblick immer schon da und
daher unvermeidlich ist, kannst du entschieden Ja dazu sagen und wirst so nicht nur weiteres
Unglücklichsein vermeiden, sondern ohne den bisherigen inneren Widerstand beim Leben selbst neue
Kraft finden.
Das durch den Schmerzkörper bedingte Unglücklichsein steht in keinem Verhältnis zum jeweiligen
Auslöser. Mit anderen Worten: Es ist eine Überreaktion. Daran ist es zu erkennen, allerdings selten von
der betroffenen Person, vom Leidenden selbst. Jemand mit einem starken Schmerzkörper findet leicht
Gründe, um sich zu ärgern und wütend, verletzt, traurig oder voller Angst zu sein. Relativ unbedeutende
Dinge, über die jemand anders mit einem Schulterzucken lächelnd hinweggehen oder die er gar nicht
erst wahrnehmen würde, werden zur Ursache tiefsten Unglücklichseins. Sie sind natürlich nicht der
wahre Grund, sondern fungieren nur als Auslöser. Sie lassen alte, angestaute Emotionen wieder
lebendig werden. Die Empfindung steigt in den Kopf auf, führt den Egodenkstrukturen Energie zu und
bläht sie auf.
Schmerzkörper und Ego sind enge Verwandte. Sie brauchen einander. Darum wird das auslösende
Ereignis, die auslösende Situation durch die Brille eines stark emotionalen Ego gesehen und
interpretiert, und dementsprechend reagiert man darauf. Das heißt, ihre Bedeutung wird vollkommen
verkannt. Du betrachtest den gegenwärtigen Augenblick durch die Brille der emotionalen Vergangenheit
in deinem Innern. Mit anderen Worten: Das, was du siehst und erfährst, ist nicht das betreffende Ereignis
oder die betreffende Situation, sondern etwas in dir. Gelegentlich ist es vielleicht wirklich das Ereignis
oder die Situation, aber mit deiner Reaktion verstärkst du es. Eine solche Reaktion, ein solches
Verstärken ist genau das, was der Schmerzkörper will und braucht und wovon er zehrt.
Einem Menschen, von dem ein starker Schmerzkörper Besitz ergriffen hat, ist es oft unmöglich, sich
von seiner Fehlinterpretation, von seiner durch und durch emotionalen »Geschichte«, zu lösen. Je
negativer die mit der Geschichte verbundenen Gefühle sind, umso drückender und undurchschaubarer
wird sie. Und so wird sie gar nicht als Geschichte erkannt, sondern für wirklich gehalten. Wenn du
vollkommen in deinen Gedanken und den sie begleitenden Emotionen gefangen bist, kannst du nicht
aus ihnen heraustreten, weil du gar nicht weißt, dass es ein Außen gibt. Du sitzt in deinem eigenen Film
oder Traum, deiner eigenen Hölle fest. Für dich sind sie Realität, und eine andere Realität gibt es nicht.
Und aus deiner Sicht ist deine Reaktion die einzig mögliche Reaktion.
Die Identifikation mit dem Schmerzkörper aufheben
Jemand mit einem starken, aktiven Schmerzkörper strahlt eine bestimmte Energie aus, die andere als
extrem unangenehm empfinden. Manche würden sich, wenn sie es mit einem solchen Menschen zu tun
haben, am liebsten gleich wieder davonmachen oder den Umgang mit ihm auf ein Minimum
beschränken. Sein Energiefeld schreckt ab. Andere durchläuft in diesem Fall eine Welle der
Aggressivität, sodass sie grob reagieren, den Betreffenden verbal angreifen oder sogar handgreiflich
werden. Das bedeutet, dass diese Leute irgendetwas an sich haben müssen, das mit dem eigenen
Schmerzkörper mitschwingt. Worauf sie bei anderen so stark reagieren, das ist auch in ihnen selbst. Es
ist ihr eigener Schmerzkörper.
Es dürfte nicht verwundern, dass Leute mit einem starken, häufig aktivierten Schmerzkörper oft in
Konfliktsituationen geraten. Manchmal provozieren sie diese natürlich geradezu. Aber oft tun sie gar
nichts. Die Energie, die sie ausstrahlen, reicht, um Feindseligkeit auszulösen und Konflikt
heraufzubeschwören. Es bedarf eines hohen Grades an Präsenz, um auf jemanden mit einem so aktiven
Schmerzkörper nicht sofort zu reagieren. Wenn es dir gelingt, präsent zu bleiben, geschieht es bisweilen,
dass diese Präsenz die andere Person in die Lage versetzt, die Identifikation mit ihrem Schmerzkörper
aufzugeben und so das Wunder eines plötzlichen Erwachens zu erleben. Zwar ist dieses Erwachen
wahrscheinlich nicht von langer Dauer, aber immerhin hat der Bewusstwerdungsprozess eingesetzt.
Vor vielen Jahren wurde ich einmal Zeuge eines solchen ersten Erwachens. Gegen elf Uhr nachts
klingelte es an meiner Tür. Die angstvolle Stimme meiner Nachbarin Ethel ertönte in der Sprechanlage:
»Wir müssen miteinander reden. Es ist sehr wichtig. Bitte lassen Sie mich rein.« Ethel war in mittlerem
Alter, intelligent und hochgebildet. Außerdem hatte sie ein großes Ego und einen starken Schmerzkörper.
Sie hatte als Jugendliche aus Nazideutschland fliehen müssen; viele ihrer Angehörigen waren in
Konzentrationslagern umgekommen.
Ethel setzte sich auf mein Sofa; sie war aufgewühlt, und ihre Hände zitterten. Sie nahm Briefe und
Dokumente aus einem Ordner, den sie mitgebracht hatte, und breitete sie auf Sofa und Fußboden aus.
Ich hatte auf einmal das seltsame Gefühl, als hätte ein Dimmerschalter meinen ganzen Körper innerlich
auf volle Kraft geschaltet. Ich konnte nichts anderes tun als offen, wachsam und vollkommen präsent zu
bleiben - mit jeder Zelle meines Körpers. Ich sah sie an, ohne zu denken und ohne zu urteilen, und hörte
still zu, ohne im Geiste einen Kommentar abzugeben. Ein Schwall von Worten brach aus ihr heraus.
»Heute haben sie mir wieder einen schrecklichen Brief geschickt. Sie führen etwas Böses gegen mich im
Schilde. Sie müssen mir helfen. Wir müssen sie gemeinsam bekämpfen. Ihre Winkeladvokaten werden
sich durch nichts aufhalten lassen. Dann verliere ich mein Heim. Sie drohen mir mit einer
Räumungsklage.«
Nach und nach kam heraus, dass sie sich geweigert hatte, die Nebenkosten zu bezahlen, weil die
Hausverwaltung es versäumt hatte, fällige Reparaturen auszuführen. Daraufhin hatte diese gedroht, sie
vor Gericht zu bringen.
Sie redete etwa zehn Minuten lang. Ich saß dabei, schaute sie an und hörte zu. Plötzlich brach sie
mitten im Satz ab und blickte auf die vielen Schriftstücke, als sei sie eben aus einem Traum erwacht. Sie
wurde ruhig und sanft. Ihr gesamtes Energiefeld veränderte sich. Sie sah mich an und sagte: »Das ist
alles überhaupt nicht wichtig, nicht wahr?« »Ja, so ist es«, sagte ich. Ein paar Minuten blieb sie noch still
sitzen, dann sammelte sie ihre Papiere ein und ging. Am nächsten Morgen hielt sie mich auf der Straße
an und sah mich argwöhnisch an. »Was haben Sie mit mir gemacht? Letzte Nacht konnte ich zum ersten
Mal seit Jahren wieder gut schlafen. Ich habe tatsächlich geschlafen wie ein Murmeltier.«
Sie glaubte, ich hätte »etwas gemacht« mit ihr, dabei hatte ich gar nichts getan. Statt mich zu fragen,
was ich mit ihr gemacht hatte, hätte sie mich lieber fragen sollen, was ich nicht gemacht hatte. Ich hatte
nicht reagiert, hatte die Wirklichkeit ihrer Geschichte nicht bestätigt, ihr nicht noch mehr zu denken
gegeben und ihren Schmerzkörper nicht mit weiteren Emotionen gefüttert. Ich hatte ihr den Raum
gegeben, das zu erfahren, was sie im Augenblick gerade erlebte, und die Kraft des Raumgebens liegt im
Nichteinmischen, im Nichttun. Gegenwärtig zu sein ist immer unendlich viel kraftvoller als alles, was man
sagen oder tun könnte, obwohl das Präsentsein manchmal auch Worte oder Taten auslöst.
Was mit ihr geschehen war, bewirkte noch keine bleibende Veränderung, aber es war ein erster
Einblick in das, was möglich ist, ein Blick in das, was schon in ihr war. Im Zen heißt eine solche Einsicht
»Satori«. Satori ist ein Augenblick der Präsenz, ein kurzes Abstandnehmen von der Stimme im Kopf, von
den Denkvorgängen und deren Reflexion im Körper als Emotionen. Ein innerer Raum ist entstanden, wo
vorher nur Gedankenlärm und Empfindungsaufruhr herrschten.
Der Verstand kann nichts mit Präsenz anfangen und missinterpretiert sie deshalb oft. Er versucht dir
einzureden, dass du herzlos, abweisend, ohne Mitgefühl und beziehungsfeindlich bist. Dabei trittst du in
Wahrheit in eine Beziehung ein, aber auf einer viel tieferen Ebene als durch das Denken und Fühlen. Auf
dieser tieferen Ebene kommt es zu einer echten Begegnung, einer echten Verbindung, die weit über eine
bloße Beziehung hinausgeht. In der Stille des Präsentseins spürst du, dass ihr, du und der andere
Mensch, in eurer formlosen Essenz eins seid. Im anderen sich selbst zu erkennen ist wahre Liebe, wahre
Zuneigung und wahres Mitgefühl.
Auslöser
Manche Schmerzkörper reagieren nur auf einen bestimmten Auslöser, eine bestimmte Situation, die auf
einer Wellenlänge mit einer bestimmten Art von früher einmal durchlittener emotionaler Qual liegt. Wenn
zum Beispiel ein Kind bei Eltern aufwächst, die viel Theater um ihre finanziellen Probleme machen und
sich ständig darüber streiten, absorbiert es möglicherweise die Geldsorgen der Eltern und entwickelt
einen Schmerzkörper, der immer dann aktiv wird, wenn es um finanzielle Fragen geht. Dann regt es sich
schon wegen unbedeutender Geldsummen auf und wird wütend. Dieser Aufregung und Wut liegen
jedoch Überlebenssorgen und starke Angstgefühle zugrunde. Ich kenne spirituelle, also relativ bewusste
Leute, die in dem Augenblick, in dem sie mit ihrem Anlageberater oder Immobilienmakler telefonieren,
ausfallend werden, losbrüllen und dem anderen Vorwürfe machen. Ebenso wie auf Zigarettenpackungen
eine Warnung vor Gesundheitsschäden steht, sollten vielleicht auch Banknoten und Kontoauszüge eine
Warnung tragen: »Geld kann den Schmerzkörper aktivieren und zu völliger Unbewusstheit führen.«
Jemand, der in der Kindheit von Vater oder Mutter oder von beiden Eltern vernachlässigt oder
verlassen wurde, wird wahrscheinlich einen Schmerzkörper bilden, der in jeder Situation aktiv wird, die
auch nur im Entferntesten an den ursprünglichen Schmerz des Verlassenwerdens erinnert. In diesem Fall
genügt es mitunter, dass ein Freund, der die betreffende Person vom Flughafen abholen wollte, ein paar
Minuten zu spät kommt oder der Partner bzw. die Partnerin spät nach Hause kommt, um einen schweren
Schmerzkörperanfall auszulösen. Wenn der Partner oder die Partnerin sie verlässt oder stirbt, übersteigt
der emotionale Schmerz, den sie empfindet, alles, was in einer solchen Situation natürlich wäre. Dann
leidet sie unter stärksten Qualen, anhaltenden, lähmenden Depressionen oder zwanghafter Wut.
Der Schmerzkörper einer Frau, die in der Kindheit von ihrem Vater missbraucht wurde, wird womöglich
bei jeder intimen Beziehung zu einem Mann aktiviert. Umgekehrt kann es sein, dass die Empfindung, die
ihren Schmerzkörper nährt, sie zu einem Mann hinzieht, dessen Schmerzkörper dem des Vaters gleicht.
Ihr Schmerzkörper fühlt sich magisch angezogen von jemandem, der höchstwahrscheinlich den alten
Schmerz wiederaufleben lässt. Der Schmerz wird manchmal irrtümlich als Verliebtheit interpretiert.
Ein Mann, der ein ungewolltes Kind war und der von seiner Mutter keine Liebe, Zuwendung und
Aufmerksamkeit erhielt, entwickelt einen starken, ambivalenten Schmerzkörper, der aus intensivem
ungestilltem Hunger nach der Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter und zugleich aus starkem Hass auf
sie besteht, die ihm das verweigert hat, was er so verzweifelt brauchte. Bei dem Erwachsenen löst nun
fast jede Frau, die er kennen lernt, diese Bedürftigkeit seines Schmerzkörpers aus - eine Form von
emotionalem Schmerz -, was sich bei ihm als unwiderstehlicher Zwang äußert, all diese Frauen »zu
erobern und zu verführen« und so in den Genuss der weiblichen Liebe und Aufmerksamkeit zu kommen,
nach der sich sein Schmerzkörper sehnt. Er wird ein echter Herzensbrecher, aber sobald eine Beziehung
intim wird oder seine Avancen auf Ablehnung stoßen, steigt die Wut des Schmerzkörpers auf seine
Mutter wieder in ihm auf und ruiniert die Beziehung.
Wenn du deinen Schmerzkörper erkennst, sobald er aktiv wird, lernst du schnell, welches die
häufigsten Auslöser für ihn sind, ob es bestimmte Situationen und Gegenstände sind oder etwas, das
andere Menschen sagen oder tun. Wenn ein Auslöser da ist, erkennst du ihn sofort als solchen und bist
in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Nach ein, zwei Sekunden nimmst du auch die emotionale
Reaktion wahr, mit der sich der Schmerzkörper meldet, aber in deiner jetzigen wachsamen Präsenz
identifizierst du dich nicht mit ihm, sodass er dich nicht vereinnahmen und zur Stimme in deinem Kopf
werden kann. Wenn du in dem Augenblick gerade mit deinem Partner oder deiner Partnerin zusammen
bist, sagst du vielleicht: »Was du gerade gesagt oder getan hast, hat meinen Schmerzkörper aktiviert.«
Triff mit deinem Partner die Vereinbarung, dass ihr es sofort erwähnt, wenn einer von euch etwas sagt
oder tut, das den Schmerzkörper des anderen aktiviert. Dann kann sich der Schmerzkörper nicht länger
am Beziehungsdrama laben, und statt euch ins Unbewusste zu ziehen, hilft er euch, voll und ganz
präsent zu sein.
Jedes Mal, wenn du beim Aktivwerden des Schmerzkörpers gegenwärtig bist, verbrennt etwas von der
negativen emotionalen Energie des Schmerzkörpers und verwandelt sich in Präsenz. Dann zieht sich
das, was vom Schmerzkörper übrig ist, schnell zurück und wartet darauf, dass sich eine bessere
Gelegenheit ergibt, wenn du weniger bewusst bist. Eine solche Gelegenheit bietet sich dem
Schmerzkörper, wenn du deine Gegenwärtigkeit verlierst, vielleicht nach ein paar Drinks oder einem
brutalen Fernsehfilm. Schon die kleinste negative Regung wie Gereiztheit oder Verärgerung kann der
Aktivierung des Schmerzkörpers Vorschub leisten. Der Schmerzkörper braucht deine Unbewusstheit.
Das Licht der Gegenwärtigkeit hingegen kann er nicht ausstehen.
Der Schmerzkörper als Erwecker
Auf den ersten Blick könnte es so scheinen, als sei der Schmerzkörper das größte Hindernis für die
Entstehung eines neuen Menschheitsbewusstseins. Er beherrscht deinen Geist, kontrolliert und verzerrt
dein Denken, zerstört deine Beziehungen und fühlt sich an wie eine dunkle Wolke, die dein gesamtes
Energiefeld überlagert. Er sorgt meist dafür, dass du in einem spirituellen Sinne unbewusst bist, das
heißt, dich total mit dem Denken und Empfinden identifizierst. Du reagierst einfach nur noch und sagst
und tust Dinge, die ganz dazu angetan sind, das Gefühl des Unglücklichseins in dir und der Welt noch zu
steigern.
Während das Gefühl des Unglücklichseins zunimmt, zerrüttet es dein Leben immer mehr. Vielleicht
kann der Körper den Stress nicht mehr ertragen und wird krank oder entwickelt eine Funktionsstörung.
Unter Umständen erleidest du auch einen Unfall, gerätst in eine schwere Konfliktsituation oder erlebst
eine Tragödie, alles verursacht durch das Verlangen des Schmerzkörpers nach einem schlimmen
Ereignis, oder du verlegst dich darauf, physische Gewalt auszuüben. Es kann auch sein, dass dir alles
zu viel wird und du nicht mehr mit deinem unglücklichen Ich leben willst. Natürlich ist der Schmerzkörper
Teil dieses falschen Ichs.
Immer, wenn der Schmerzkörper von dir Besitz ergreift und du ihn nicht als das erkennst, was er ist,
wird er zu einem Teil deines Ego. Was immer es ist, womit du dich identifizierst, es verwandelt sich stets
in Ego. Der Schmerzkörper ist mit das Stärkste, womit sich das Ego identifizieren kann, aber er braucht
das Ego auch unbedingt, um sich ständig zu erneuern. Diese unheilige Allianz bricht allerdings
irgendwann zusammen, nämlich dann, wenn der Schmerzkörper so massiv wird, dass die
Egodenkstrukturen nicht mehr durch ihn gestärkt werden, sondern unter dem ständigen Ansturm der
Schmerzkörperenergie allmählich verfallen, ebenso wie ein Elektrogerät, das Strom für seinen Betrieb
braucht, bei einer Überspannung vom gleichen Strom zerstört wird.
Menschen mit einem starken Schmerzkörper kommen oft an einen Punkt, wo sie ihr Leben unerträglich
finden und keinen weiteren Schmerz, keine weitere Tragödie mehr ertragen können. Jemand hat das
einmal einfach und klar in folgende Worte gefasst: »Ich habe es satt, unglücklich zu sein.« Der eine oder
andere hat vielleicht das Gefühl, so wie es mir einmal erging, mit sich selbst nicht mehr weiterleben zu
können. In diesem Fall wollen sie nur noch ihren inneren Frieden wiederfinden. Der akute emotionale
Schmerz nötigt sie, die Identifikation mit dem Inhalt ihres Denkens und den mental-emotionalen
Strukturen, die das unglückliche Ich ins Leben rufen und erhalten, aufzugeben. Dann erkennen sie, dass
sie weder ihre unglückliche Geschichte noch ihre Empfindung sind. Sie erkennen, dass sie das
Erkennen sind, nicht das Erkannte. Statt sie ins Unbewusste zu ziehen, wird der Schmerzkörper für sie
zum Erwecker, zum entscheidenden Faktor, der sie in einen Zustand der Präsenz zwingt.
Doch dank der beispiellosen Zunahme von Bewusstheit, die wir auf der Erde derzeit erleben,
brauchen viele Menschen nicht mehr das Stadium akuten Leidens zu durchlaufen, um ihre Identifikation
mit dem Schmerzkörper aufzulösen. Wann immer sie bemerken, dass sie wieder in den Zustand der
Geistesgestörtheit zurückgefallen sind, können sie aus freiem Willen ihre Identifikation mit dem Denken
und Empfinden aufgeben und in den Zustand der Gegenwärtigkeit eintreten. Sie geben ihren Widerstand
auf, sind still und wachsam und werden eins mit dem, was ist, innen wie außen.
Der nächste Schritt in der Evolution des Menschen erfolgt nicht zwangsläufig, sondern er kann zum
ersten Mal in der Geschichte unseres Planeten bewusst getan werden. Wer entschließt sich dazu? Du.
Und wer bist du? Bewusstsein, das sich seiner selbst bewusst wird.
Frei werden vom Schmerzkörper
Die folgende Frage wird mir häufig gestellt: »Wie viel Zeit erfordert es, vom Schmerzkörper frei zu
werden?« Die Antwort lautet natürlich, dass dies sowohl von der Stärke des jeweiligen Schmerzkörpers
als auch vom Grad oder der Intensität der Präsenz des Betreffenden abhängt. Aber nicht der
Schmerzkörper, sondern die Identifikation damit zwingt dich, die Vergangenheit immer wieder aufleben zu
lassen, und hält dich im Zustand der Unbewusstheit fest. Deshalb wäre die wichtigere Frage die: »Wie
viel Zeit erfordert es, von der Identifikation mit dem Schmerzkörper frei zu werden?«
Die Antwort auf diese Frage lautet: gar keine. Wenn der Schmerzkörper aktiviert ist, musst du nur
erkennen, dass das, was du fühlst, der Schmerzkörper in dir ist. Diese Erkenntnis ist alles, was du
brauchst, um die Identifikation mit ihm zu unterbrechen. Und wenn die Identifikation mit ihm aufhört,
beginnt die Verwandlung. Die Erkenntnis hält die alte Emotion davon ab, dir in den Kopf aufzusteigen
und nicht nur die Herrschaft über den inneren Dialog zu übernehmen, sondern auch über dein Handeln
und deine Interaktionen mit anderen Menschen. Das heißt, der Schmerzkörper kann dich nicht mehr
ausnutzen und sich durch dich erneuern. Möglicherweise lebt die alte Empfindung noch eine Weile in dir
weiter und überkommt dich von Zeit zu Zeit wieder. Oder sie bringt dich durch einen Trick noch einmal
dazu, dich mit ihr zu identifizieren, und verdunkelt so deine Erkenntnis, aber nicht für lange. Wenn du die
alte Empfindung nicht auf eine Situation projizierst, bedeutet das, dass du dich ihr in deinem Innern
stellst. Das mag unangenehm sein, wird dich aber nicht umbringen. Deine Gegenwärtigkeit nimmt es
locker mit ihr auf. Du bist nicht deine Empfindung.
Wenn du den Schmerzkörper spürst, darfst du nicht den Fehler begehen, zu denken, es sei etwas
nicht richtig mit dir. Aus dir selbst ein Problem zu machen - das liebt das Ego. Auf das Erkennen muss
das Akzeptieren folgen. Alles andere sorgt wieder für Verdunkelung. Akzeptieren heißt, die Gefühle
zuzulassen, die du im Augenblick empfindest. Es gehört zum Sosein des Jetzt. Du kannst dich nicht
gegen das sträuben, was ist. Na schön, du kannst es, aber dann leidest du. Indem du es zulässt, wirst
du das, was du bist: unendlich weit. Du wirst ganz. Du bist kein Fragment mehr, so wie das Ego sich
sieht. Dein wahres Wesen, das eins ist mit dem Wesen Gottes, tritt hervor.
Darauf wies Jesus hin, als er sagte: »Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel
vollkommen ist.«11 Das »Vollkommensein« des Neuen Testamentes ist eine ungenaue Übersetzung des
ursprünglichen griechischen Wortes, das »ganz« bedeutet. Das heißt, du musst nicht erst vollkommen
werden, sondern brauchst nur ganz zu sein, was du schon bist - mit oder ohne Schmerzkörper.
7

Wer du wirklich bist

Gnothi seauton - erkenne dich selbst. Diese Worte sind über dem Eingang zum Apollotempel in Delphi
eingemeißelt, dem Sitz des heiligen Orakels. Im alten Griechenland suchten die Leute das Orakel auf,
um herauszufinden, welches Schicksal sie erwartete oder wie sie sich in einer bestimmten Situation
verhalten sollten. Es ist anzunehmen, dass die meisten Besucher die Worte bei ihrem Eintritt in den
Tempel lasen, ohne sich bewusst zu sein, dass sie eine viel tiefere Wahrheit enthielten als alles, was
ihnen das Orakel sagen konnte. Wahrscheinlich war ihnen ebenso wenig klar, dass ihnen, mochten die
empfangenen Informationen auch noch so richtig und die Offenbarungen noch so großartig sein, das
letztlich nichts nützen würde, dass ihnen kein Unglück und kein selbst erzeugtes Leid erspart bleiben
würde, wenn sie der Wahrheit dieser Aufforderung nicht auf den Grund gingen - erkenne dich selbst.
Das heißt: Bevor du weitere Fragen stellst, stelle dir zuerst einmal die grundlegendste Frage deines
Lebens: Wer bin ich?
Unbewusste Menschen - und viele bleiben ihr Leben lang unbewusst, das heißt, in ihrem Ego
gefangen - erzählen dir schnell, wer sie sind, indem sie dir Namen, Beruf, ihre persönliche Geschichte,
ihr körperliches Befinden und noch vieles mehr offenbaren, womit sie sich identifizieren. Andere
Menschen machen den Eindruck, höher entwickelt zu sein, weil sie an eine unsterbliche Seele oder den
göttlichen Geist in sich glauben. Aber kennen sie sich wirklich selbst, oder haben sie dem Inhalt ihres
Denkapparates bloß noch ein paar spirituell klingende Ideen hinzugefügt? Sich selbst zu erkennen geht
viel tiefer, als sich nur ein paar Ideen oder Überzeugungen zu Eigen zu machen. Spirituelle Konzepte
oder Überzeugungen sind bestenfalls als Wegweiser hilfreich, haben aber kaum je die Macht, an deinen
festen Vorstellungen davon zu rütteln, wer du zu sein glaubst, denn die gehören zur Konditionierung des
menschlichen Geistes. Dich selbst im tiefsten Innern zu erkennen hat nichts mit irgendwelchen Ideen zu
tun, die dir durch den Kopf schwirren mögen. Die Selbsterkenntnis muss im Sein wurzeln, statt sich im
Denken zu verirren.
Wer du zu sein glaubst
Dein Gefühl davon, wer du bist, bestimmt das, was du für deine Bedürfnisse hältst und was für dich im
Leben zählt -, und alles, was für dich zählt, hat auch die Macht, dich zu beunruhigen und aus der
Fassung zu bringen. Dies kannst du als Kriterium nehmen, um herauszufinden, wie gut du dich wirklich
kennst. Was für dich Bedeutung hat, ist nicht unbedingt das, was du sagst oder glaubst, sondern was
dein Handeln und deine Reaktionen dir als relevant und wichtig vermitteln. Du wirst dir also vielleicht die
Frage stellen wollen: Was beunruhigt mich und bringt mich aus der Fassung? Wenn Kleinigkeiten die
Macht haben, dich aus der Fassung zu bringen, dann bist du - der oder die du zu sein glaubst - auch
genau so: klein. Das ist dann deine unbewusste Überzeugung. Was sind Kleinigkeiten? Letztlich alles,
denn alle Dinge sind vergänglich.
Nun könntest du sagen: »Ich weiß, dass ich eine unsterbliche Seele habe« oder: »Ich bin diese
verrückte Welt leid und wünsche mir nur noch Frieden« - bis das Telefon klingelt. Schlechte Nachrichten:
Die Börsenkurse sind eingebrochen; aus dem Geschäft wird womöglich nichts; dein Auto ist gestohlen
worden; die Schwiegermutter ist angekommen; die Reise fällt aus, weil der Vertrag geplatzt ist; dein
Partner (deine Partnerin) hat dich verlassen; es wird mehr Geld verlangt; es wird behauptet, alles sei
deine Schuld. Plötzlich überkommt dich eine Welle der Beunruhigung, dann Ärger. Deine Stimme klingt
scharf, wenn du sagst: »Jetzt reicht’s.« Und dann machst du Schuldzuweisungen und Vorwürfe, gehst
zum Angriff über oder verteidigst und rechtfertigst dich, und das alles wie ferngesteuert. Irgendetwas ist
dir auf einmal viel wichtiger als der innere Friede, den du dir vor wenigen Minuten noch sehnlichst
gewünscht hast, und von deiner unsterblichen Seele ist auch keine Rede mehr. Das Geschäft, das Geld,
der Vertrag, der Verlust oder drohende Schaden sind wichtiger. Wem? Deiner unsterblichen Seele, von
der du gesprochen hast? Nein, dem Ich. Dem kleinen Ich, das Sicherheit oder Erfüllung in Dingen sucht,
die vergänglich sind, und das unruhig oder wütend wird, weil ihm das nicht gelingt. Nun ja, immerhin
weißt du jetzt die Wahrheit darüber, wer du zu sein glaubst.
Wenn du wirklich Frieden willst, wirst du dich für den Frieden entscheiden. Wenn Frieden dir mehr als
alles andere am Herzen läge und du wirklich wüsstest, dass du Geist bist und nicht das kleine Ich,
würdest du auf schwierige Leute oder Situationen nicht blindlings reagieren, sondern absolut wach und
bewusst bleiben. Du würdest die Situation sofort akzeptieren und dadurch eins mit ihr werden, statt dich
von ihr zu trennen. Dann würdest du aus deiner wachen Bewusstheit heraus handeln. Was du bist
(Bewusstsein), würde handeln, nicht wer du zu sein glaubst (ein kleines Ich). Dein Handeln würde
kraftvoll und effektiv sein, und du würdest dir weder eine Person noch eine Situation zum Feind machen.
Die Welt sorgt stets dafür, dass du dich nicht lange selbst zum Narren halten kannst damit, wer du zu
sein glaubst, indem sie dir zeigt, was wirklich für dich zählt. Wie du, besonders angesichts von
Problemen, auf andere Menschen und auf Situationen reagierst, zeigt am besten, wie tief deine
Selbsterkenntnis geht.
Je eingeschränkter und egozentrischer dein Bild von dir selbst ist, umso eher wirst du auch nur die
Egobegrenztheit, die Unbewusstheit anderer sehen, sie in den Mittelpunkt deiner Aufmerksamkeit stellen
und darauf reagieren. Ihre »Fehler« bzw. das, was du als Fehler wahrnimmst, werden zu ihrer Identität.
Das heißt, du wirst nur das Ego in ihnen sehen und dadurch das Ego in dir selbst stärken. Statt das Ego
der anderen zu durchschauen, schaust du es an. Wer schaut das Ego an? Das Ego in dir.
Sehr unbewusste Menschen erfahren ihr eigenes Ego in dem, was ihnen von anderen
zurückgespiegelt wird. Wenn dir klar wird, dass das, worauf du bei anderen reagierst, auch in dir ist (und
manchmal nur in dir), beginnst du dein eigenes Ego bewusst wahrzunehmen. In diesem Stadium wird dir
vielleicht auch klar, dass das, was deiner Meinung nach andere dir angetan haben, in Wahrheit du den
anderen angetan hast. Dann siehst du dich nicht länger als Opfer.
Du bist nicht das Ego; wenn du also das Ego in dir bewusst wahrnimmst, heißt das noch nicht, dass
du weißt, wer du bist - es heißt nur, dass du weißt, wer du nicht bist. Aber ebendiese Erkenntnis, wer du
nicht bist, räumt das größte Hindernis, wirklich zu erfahren, wer du bist, aus dem Weg.
Niemand kann dir sagen, wer du bist. Das wäre nur wieder eine neue Vorstellung, würde dich also
nicht verändern. Wer du bist , setzt keine Überzeugung voraus. Eine Überzeugung ist sogar in jedem Fall
ein Hindernis. Es setzt nicht einmal deine Erkenntnis voraus, da du bereits bist, wer du bist. Doch ohne
Erkenntnis bringt, wer du bist, kein Licht in diese Welt. Es bleibt im Nichtmanifesten, was natürlich deine
wahre Heimat ist. Dann gleichst du einem Armen, der nichts von seinem Bankkonto mit 100 Millionen
Dollar weiß, dessen Reichtum also ein unrealisiertes Potenzial darstellt.
Fülle
Wer du zu sein glaubst, ist eng damit verbunden, wie du dich von anderen behandelt fühlst. Viele
Menschen beklagen sich darüber, dass sie von anderen nicht angemessen behandelt werden. »Mir wird
keine Achtung entgegengebracht und keine Anerkennung gezollt, ich werde nicht richtig gewürdigt«,
sagen sie. »Ich werde einfach als selbstverständlich betrachtet.« Sind andere freundlich zu ihnen,
vermuten sie zweifelhafte Motive dahinter. »Die wollen mich bloß manipulieren, mich übervorteilen.
Niemand liebt mich.«
Wer sie zu sein glauben, ist Folgendes: »Ich bin ein armes ›kleines Ich‹, dessen Bedürfnisse nicht
befriedigt werden.« Diese grundsätzliche Fehleinschätzung ihres wahren Wesens sorgt für Störungen in
all ihren Beziehungen. Sie glauben, dass sie selbst nichts geben können und dass die Welt oder die
anderen ihnen vorenthalten, was sie brauchen. Ihre ganze Wirklichkeit gründet sich auf ein fehlerhaftes
Selbstgefühl. Es wirkt sich in jeder Situation, in jeder Beziehung nachteilig aus. Wenn der Gedanke,
dass etwas fehlt - sei es Geld, Anerkennung oder Liebe -, Teil deines Selbstgefühls ist, wirst du immer
Mangel leiden. Statt das Gute zu sehen, das dein Leben dir bereits bietet, siehst du nur Mangel. Die
Anerkennung des Guten, das schon in deinem Leben ist, ist Grundlage jeder Fülle. Tatsache ist: Was
immer die Welt dir deines Erachtens vorenthält, enthältst du der Welt vor. Du enthältst es ihr vor, weil du
dich im tiefsten Innern für so unbedeutend hältst, dass du meinst, nichts geben zu können.
Probier es einmal ein paar Wochen lang hiermit und beobachte, wie es deine Wirklichkeit verändert:
Gib anderen das, was sie deiner Überzeugung nach dir vorenthalten - Lob, Anerkennung, Beistand,
liebevolle Zuwendung usw. Das kannst du nicht geben? Tu einfach so, als könntest du es, und es wird
dir zufließen. Bald nachdem du zu geben begonnen hast, wirst du empfangen. Du kannst nicht
empfangen, was du nicht gibst. Was hinausgeht, bestimmt, was hereinkommt. Was immer die Welt dir
deiner Auffassung nach vorenthält, das hast du bereits, aber wenn du nichts davon hinausgibst, weißt du
nicht einmal, dass du es hast. Dazu gehört auch die Fülle. Das Gesetz vom Geben und Nehmen hat
Jesus in einem sehr anschaulichen Gleichnis erklärt: »Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles,
gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben.«12
Die Quelle allen Überflusses liegt nicht außerhalb von dir. Sie ist ein Teil dessen, wer du bist. Aber
beginne einfach einmal damit, die Fülle außen zu sehen und dankbar anzuerkennen. Sieh die Fülle allen
Lebens rings um dich herum: die Wärme der Sonne auf deiner Haut, die Blütenpracht vor einem
Blumenladen, die saftige Frucht, in die du beißt, oder auch die Regenfluten, die vom Himmel fallen und
dich durchnässen. Die Fülle des Lebens ist auf Schritt und Tritt da. Die Würdigung der Fülle ringsum
weckt die in dir selbst schlummernde Fülle. Lass sie nun nach außen fließen. Schon wenn du einem
Fremden ein Lächeln schenkst, strömt ein wenig Energie nach außen. Du wirst ein Gebender. Frag dich
möglichst oft: »Was könnte ich hier geben? Wie könnte ich diesem Menschen dienen, in dieser Situation
von Nutzen sein?« Du brauchst nichts zu besitzen, um dich reich zu fühlen, aber wenn du immer ein
Gefühl der Fülle hast, wird dir mit ziemlicher Sicherheit vieles zufließen. Fülle kommt nur zu denen, die
sie schon haben. Das klingt ziemlich ungerecht, ist es aber nicht. Jesus drückt es folgendermaßen aus:
»Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das
genommen, was er hat.«13
Sich selbst erkennen und etwas über sich erfahren
Du willst vielleicht gar nicht zur Selbsterkenntnis kommen, weil dir Angst macht, was du herausfinden
könntest. Viele Menschen fürchten insgeheim, schlecht zu sein. Aber du bist nie das, was du über dich in
Erfahrung bringen kannst. Was du über dich weißt, bist nicht du.
Während die einen aus Angst nicht wissen wollen, wer sie sind, haben die anderen eine unstillbare
Neugier und wollen immer mehr über sich herausfinden. Unter Umständen bist du so von dir selbst
fasziniert, dass du dich jahrelang einer Psychoanalyse unterziehst, jeden Aspekt deiner Kindheit
ergründest, alle geheimen Ängste und Begierden aufdeckst und deine Persönlichkeit und deinen
Charakter in all ihrer Komplexität Schicht um Schicht durchleuchtest. Nach zehn Jahren ist dein
Therapeut dich und deine Geschichte endlich leid, und er sagt dir, deine Analyse sei nun vollendet.
Vielleicht schickt er dich mit einem 5000 Seiten dicken Bericht nach Hause. »Hier steht alles über dich
drin. Das bist du.« Während du die Akte heimträgst, weicht das anfängliche Gefühl der Befriedigung,
dich endlich genau zu kennen, schnell einem Gefühl der Unvollkommenheit, und schon beschleicht dich
der Verdacht, dass das, was du wirklich bist, doch mehr sein muss als dies. Und es ist auch mehr - nicht
unbedingt quantitativ, in Form von noch mehr Fakten, sondern qualitativ und in die Tiefe gehend.
An einer Psychoanalyse und der Erforschung der eigenen Vergangenheit ist nichts auszusetzen,
solange du das, was du über dich erfährst, nicht mit der Erfahrung deiner selbst verwechselst. Die 5000
Seiten starke Akte ist über dich: der durch die Vergangenheit konditionierte Inhalt deines Denkapparats.
Durch Psychoanalyse oder Selbstbeobachtung erfährst du nur etwas über dich. Das bist nicht du. Es ist
Inhalt, nicht Essenz. Erst wenn du über das Ego hinausgehst, löst du dich vom Inhalt. Dich selbst zu
erkennen heißt, du selbst zu sein, und du selbst bist du nur, wenn du aufhörst, dich mit dem Inhalt zu
identifizieren.
Die meisten Menschen identifizieren sich mit ihrem Lebensinhalt. Was immer du wahrnimmst, erlebst,
tust oder fühlst, ist Inhalt. Der Inhalt nimmt bei den meisten Leuten die gesamte Aufmerksamkeit in
Anspruch, und mit ihm identifizieren sie sich. Wenn du »mein Leben« denkst oder sagst, beziehst du dich
nicht auf das Leben, das du bist, sondern auf das Leben, das du hast oder zu haben scheinst. Du
meinst den Inhalt - dein Alter, deine Gesundheit, deine Beziehungen, deine Finanzen, deinen Beruf und
deine Lebenssituation sowie deine mental-emotionale Verfassung. Innere und äußere Lebensumstände,
deine Vergangenheit und deine Zukunft, das alles gehört in den Bereich des Inhalts - ebenso wie
Ereignisse, also alles, was geschieht.
Was ist denn außer dem Inhalt noch da? Das, was dem Inhalt seine Existenz ermöglicht - der innere
Raum des Bewusstseins.
Chaos und höhere Ordnung
Wenn du dich selbst nur durch den Inhalt erkennst, glaubst du zu wissen, was gut und was schlecht für
dich ist. Du unterscheidest zwischen Ereignissen, die »gut für dich« sind, und solchen, die schlecht sind.
Das ist ein sehr eingeschränkter Blick auf das Leben in seiner Ganzheit, wo alles wechselseitig
miteinander verbunden ist und jedes Ereignis in der Totalität seinen Platz und seine Funktion hat. Die
Totalität ist jedoch mehr als die äußere Erscheinung der Dinge, mehr als die Summe ihrer Teile, mehr als
alles, was dein Leben oder die Welt umfassen mag.
Hinter der scheinbaren Zufälligkeit oder gar chaotischen Aufeinanderfolge von Ereignissen im Leben
wie in der Welt verbirgt sich die Entfaltung einer höheren Ordnung und eines tieferen Sinns. Dies bringt
ein Zen-Wort wunderschön zum Ausdruck: »Der Schnee fällt, jede Flocke an ihren Platz.« Diese höhere
Ordnung können wir nicht begreifen, wenn wir über sie nachdenken, denn alles, worüber wir
nachdenken, ist Inhalt, während die höhere Ordnung dem formlosen Reich des Bewusstseins, der
universellen Intelligenz entspringt. Aber wir können einen flüchtigen Blick darauf erhaschen oder, mehr
noch, uns danach ausrichten und so bewusst an der Entfaltung der höheren Ordnung teilnehmen.
In einem Wald, der noch nicht von Menschenhand berührt wurde, sieht unser Verstand überall nur
Unordnung und Chaos. Er kann nicht einmal mehr zwischen lebendig (gut) und tot (schlecht)
unterscheiden, da überall aus verrottender und zerfallender Materie neues Leben entsteht. Nur wenn der
Lärm des Denkens abebbt und sich genügend Stille in uns ausbreitet, erkennen wir, dass eine
verborgene Harmonie da ist, eine Heiligkeit, eine höhere Ordnung, in der alles seinen perfekten Platz hat
und gar nicht anders sein könnte, als es ist.
Der Verstand ist lieber in einem Park, weil dessen Anlage mit dem Verstand geplant wurde; er ist nicht
organisch gewachsen. Ihm liegt vielmehr eine Ordnung zugrunde, die der Verstand erfassen kann. Im
Wald herrscht eine unverständliche Ordnung, die für den Verstand wie ein Chaos aussieht. Sie geht über
die Kategorien von gut und schlecht hinaus. Durch Denken kannst du sie nicht begreifen, aber wenn du
vom Denken ablässt, ganz still und wach bist und nicht versuchst, sie zu verstehen oder zu erklären,
kannst du sie spüren. Nur dann erschließt sich dir die Heiligkeit des Waldes. Sobald du diese Heiligkeit,
die verborgene Harmonie wahrnimmst, wird dir klar, dass du nicht davon getrennt bist, und wenn dir das
klar geworden ist, nimmst du bewusst daran teil. Auf diese Weise kann die Natur dir helfen, dich wieder
in die Ganzheit des Lebens einzufügen.
Gut und schlecht
An irgendeinem Punkt ihres Lebens geht den meisten Menschen auf, dass es nicht nur Geburt,
Wachstum, Erfolg, Gesundheit, Vergnügen und Gewinn gibt, sondern auch Verlust, Misserfolg, Alter,
Verfall, Schmerz und Tod. Das alles wird üblicherweise als gut und schlecht, Ordnung und Unordnung
bezeichnet. Der »Sinn« eines Menschenlebens wird normalerweise in dem gesehen, was zur Kategorie
»gut« gehört, aber das Gute ist ständig von Verfall, Zusammenbruch und Chaos bedroht, von
Bedeutungslosigkeit und vom »Schlechten«, wobei Erklärungen versagen und das Leben seinen Sinn
verliert. Früher oder später bricht über jedermanns Leben das Chaos herein, egal, wie viele
Versicherungsverträge er hat. Es kann in Form von Verlust, Unfall, Krankheit, Behinderung, Alter und Tod
über dich kommen. Doch das Chaos, das über das Leben eines Menschen hereinbricht, und der daraus
folgende Verlust eines mental definierten Sinns können die Öffnung für eine höhere Ordnung bewirken.

»Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott«, heißt es in der Bibel.14 Was ist unter der »Weisheit
dieser Welt« zu verstehen? Die Denkprozesse sowie Bedeutungen, die ausschließlich durch das
Denken definiert sind.
Das Denken isoliert Situationen oder Ereignisse und nennt sie gut oder schlecht, als hätten sie ein
Eigenleben. Wenn man sich total auf das Denken verlässt, wird die Wirklichkeit fragmentiert. Diese
Fragmentierung ist zwar eine Illusion, aber während man darin befangen ist, wirkt sie sehr real. Dabei ist
das Universum ein unteilbares Ganzes, in dem alle Dinge wechselseitig miteinander verbunden sind und
nichts für sich allein besteht.
Die innere Verbundenheit aller Dinge und Ereignisse bedeutet, dass es letzten Endes illusorisch ist,
eine mentale Einteilung in »gut« oder »schlecht« vorzunehmen. Solche Einteilungen sind stets Beweis
für eine eingeschränkte Perspektive und folglich nur zeitweilig und relativ wahr.
Das veranschaulicht die Geschichte vom Weisen, der in der Lotterie ein teures Auto gewann. Seine
Familie und seine Freunde freuten sich für ihn und kamen, um mit ihm zu feiern. »Ist das nicht
wunderbar?«, sagten sie. »Du bist ein Glückspilz!« Der Mann lächelte und sagte: »Mag sein.« Ein paar
Wochen lang machte es ihm Freude, mit dem Auto herumzufahren. Dann stieß eines Tages auf einer
Kreuzung ein betrunkener Autofahrer mit ihm zusammen, und er musste mit zahlreichen Verletzungen ins
Krankenhaus eingeliefert werden. Seine Angehörigen und die Freunde besuchten ihn dort und sagten:
»Das war aber wirklich Pech!« Wieder lächelte der Mann und sagte: »Mag sein.« Eines Nachts,
während er noch im Krankenhaus lag, wurde sein Haus von einem Erdrutsch ins Meer gerissen. Am
nächsten Morgen kamen die Freunde und sagten: »Hast du ein Glück gehabt, dass du unterdessen hier
im Krankenhaus warst!« Wieder sagte er: »Mag sein.«
Das »Mag sein« des Weisen steht für die Weigerung, etwas, das geschieht, zu bewerten. Statt es zu
bewerten, akzeptiert er es und fügt sich dadurch bewusst in eine höhere Ordnung ein. Er weiß, dass mit
dem Verstand meist nicht zu begreifen ist, welchen Stellenwert ein scheinbar zufälliges Ereignis im
Geflecht des Ganzen einnimmt und welchen Sinn es hat. Aber Zufälle gibt es ebenso wenig wie Dinge
oder Ereignisse, die nur durch sich selbst und für sich allein existieren. Die Atome, aus denen der Körper
besteht, bildeten einst das Innere von Sternen, und auch für die geringfügigsten Ereignisse gibt es
praktisch unendlich viele Ursachen, die auf unbegreifliche Weise mit dem Ganzen verknüpft sind. Wenn
man ein Ereignis bis zu seinen Ursachen zurückverfolgen wollte, müsste man bis zum Anbeginn der
Schöpfung zurückgehen. Der Kosmos ist kein Chaos. Das Wort »Kosmos« selbst bedeutet Ordnung!
Aber es ist keine Ordnung, die der Menschengeist je verstehen könnte, obwohl er manchmal einen
flüchtigen Blick hinein tun darf.
Nichts gegen das haben, was geschieht
J. Krishnamurti, der große indische Philosoph und spirituelle Lehrer, hat über fünfzig Jahre lang die Welt
bereist und Vorträge gehalten, um durch Worte - also durch Inhalte - das zu erklären, was über den Inhalt
hinausgeht und mit Worten nicht zu erfassen ist. In seinen letzten Lebensjahren überraschte er bei einem
seiner Vorträge die Zuhörer mit der Frage: »Wollt ihr mein Geheimnis wissen?« Alle wurden hellwach
und spitzten die Ohren. Viele kamen schon seit zwanzig oder dreißig Jahren zu seinen Vorträgen, ohne
den Kern seiner Lehre je begriffen zu haben. Nach all diesen Jahren wollte ihnen der Meister nun
endlich den Schlüssel zur Erkenntnis geben! »Dies ist mein Geheimnis«, sagte Krishnamurti. »Ich habe
nichts gegen das, was geschieht.«
Mehr sagte er nicht, und ich vermute mal, dass seine Zuhörer danach noch verwirrter waren als
vorher. Diese schlichte Feststellung hat jedoch eine weit reichende Bedeutung.
Wenn ich nichts gegen das habe, was geschieht, was heißt das? Es heißt, dass ich innerlich mit dem
übereinstimme, was geschieht. »Was geschieht« ist natürlich das Sosein des gegenwärtigen
Augenblicks, der immer schon so ist, wie er ist. Es bezieht sich auf den Inhalt, die Form, die dieser
Augenblick - der einzige, den es je gibt - annimmt. In Übereinstimmung mit dem zu sein, was ist, bedeutet
eine Beziehung ohne inneren Widerstand mit dem zu haben, was geschieht. Es bedeutet, das
Geschehen mental nicht länger als gut oder schlecht zu bewerten, sondern es einfach so sein zu lassen,
wie es ist. Heißt das, dass du nichts unternehmen kannst, um in deinem Leben eine Veränderung
herbeizuführen? Im Gegenteil. Wenn deine Handlungsgrundlage die innere Übereinstimmung mit dem
gegenwärtigen Augenblick ist, wird dein Handeln durch die Intelligenz des Lebens selbst bestärkt.
Ist das so?
In einer Stadt in Japan lebte der Zenmeister Hakuin. Er war hoch geachtet, und die Menschen strömten
zu ihm, um sich spirituell belehren zu lassen. Nun geschah es, dass die junge Tochter seines Nachbarn
schwanger wurde. Als ihre verärgerten Eltern sie ausschimpften und in sie drangen, wer der Vater des
Kindes sei, antwortete sie ihnen schließlich, es sei Hakuin, der Zenmeister. Da liefen die Eltern voller
Entrüstung zu Hakuin, machten ihm Vorwürfe und erzählten ihm empört, dass ihre Tochter ihnen
gestanden hätte, er sei der Vater des Kindes. Alles, was er darauf entgegnete, war: »Ist das so?«
Der Skandal verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und über die Stadtgrenzen hinaus. Der
Meister verlor seinen guten Ruf. Ihn störte das nicht. Niemand suchte ihn mehr auf. Auch das berührte
ihn nicht. Als das Kind geboren war, brachten es die Eltern zu ihm. »Ihr seid der Vater, also kümmert
Euch auch darum.« Der Meister nahm sich liebevoll des Kindes an. Ein Jahr später gestand die
Kindesmutter ihren Eltern reuevoll, dass der wirkliche Vater des Kindes der junge Mann aus dem
Fleischerladen sei. Vollkommen zerknirscht gingen die Eltern erneut zu Hakuin, um sich zu entschuldigen
und seine Vergebung zu erbitten. »Es tut uns aufrichtig Leid. Wir sind gekommen, um das Kind
abzuholen. Unsere Tochter hat uns gestanden, dass Ihr gar nicht der Vater seid.« »Ist das so?«, soll
Hakuin gesagt und ihnen den Säugling zurückgegeben haben.
Der Zenmeister hat auf Lüge und Wahrheit, schlechte und gute Nachrichten genau gleich reagiert: »Ist
das so?« Er lässt den Augenblick in der Form zu, die er gerade hat, ob gut oder schlecht, und wird
deshalb nicht in das menschliche Drama hineingezogen. Für ihn zählt nur der gegenwärtige Augenblick,
und dieser Augenblick ist, wie er ist. Ereignisse werden nicht personalisiert. Hakuin ist niemandes Opfer.
Er wird so vollkommen eins mit dem, was geschieht, dass das Geschehen keine Macht mehr über ihn
hat. Nur wer sich gegen das sträubt, was geschieht, ist dem Geschehen ausgeliefert, und dann
entscheidet die Welt über sein Glück oder Unglück.
Der Zenmeister nimmt sich des Kindes liebevoll an. Die Kraft der Widerstandslosigkeit verwandelt
Schlechtes in Gutes. Da er sich stets auf die Anforderungen des gegenwärtigen Augenblicks einstellt,
lässt er das Kind wieder los, sobald die Zeit dafür gekommen ist.
Man stelle sich nur andeutungsweise einmal vor, wie das Ego in den verschiedenen Stadien dieses
Geschehens reagiert hätte!
Das Ego und der gegenwärtige Augenblick
Die uranfängliche und entscheidende Beziehung im Leben ist die Beziehung zum Jetzt bzw. zum Jetzt in
der Form, die es gerade annimmt, das heißt zu dem, was ist oder was geschieht. Wenn deine Beziehung
zum Jetzt gestört ist, spiegelt sich diese Störung in jeder Beziehung und jeder Situation wider, die dir
begegnet. Das Ego könnte einfach folgendermaßen definiert werden: als gestörte Beziehung zum
gegenwärtigen Augenblick. Es ist genau dieser Augenblick, in dem du darüber entscheidest, welche
Beziehung du zum gegenwärtigen Augenblick haben willst.
Sobald man einen gewissen Bewusstheitsgrad, eine gewisse Präsenz, erlangt hat (und wer dies liest,
hat ihn mit Sicherheit erreicht), kann man darüber entscheiden, welche Art von Beziehung man zum
gegenwärtigen Augenblick haben will. Soll der gegenwärtige Augenblick Freund oder Feind sein? Der
gegenwärtige Augenblick ist untrennbar vom Leben, du entscheidest also in Wahrheit darüber, welche
Art von Beziehung du zum Leben haben willst. Sobald du dich dafür entschieden hast, dass der
gegenwärtige Augenblick dein Freund sein soll, liegt es an dir, den ersten Schritt zu tun: ihm freundlich
zu begegnen, ihn willkommen zu heißen, in welcher Verkleidung er auch erscheinen mag. Dann wirst du
schon bald die Folgen sehen: Das Leben zeigt sich dir gewogen, die Umstände sind dir günstig, andere
Menschen helfen dir. Eine einzige Entscheidung verändert deine Wirklichkeit von Grund auf. Aber diese
eine Entscheidung muss immer wieder und immer wieder getroffen werden - bis es dir zur Natur
geworden ist, so zu leben.
Die Entscheidung, sich den gegenwärtigen Augenblick zum Freund zu machen, bedeutet das Ende für
das Ego. Das Ego kann nie mit dem gegenwärtigen Augenblick, das heißt mit dem Leben,
übereinstimmen, weil seine Natur es zwingt, das Jetzt zu ignorieren, sich ihm zu widersetzen und es
abzuwerten. Das Ego lebt von Zeit. Je stärker das Ego ist, umso mehr wird das Leben von Zeit
beherrscht. Dann dreht sich fast jeder Gedanke nur noch um Vergangenheit und Zukunft, beziehst du
dein Selbstgefühl und deine Identität aus der Vergangenheit und suchst Erfüllung in der Zukunft. Angst,
Unruhe, Erwartungen, Reue, Schuld und Wut sind Störungen des zeitgebundenen Bewusstseins.
Das Ego geht auf dreierlei Art mit dem gegenwärtigen Augenblick um: Es benutzt ihn als Mittel zum
Zweck, sieht in ihm ein Hindernis oder betrachtet ihn als Feind. Nehmen wir die drei einmal einzeln unter
die Lupe, damit wir dieses Muster, sobald es in uns aktiv wird, erkennen und - neu entscheiden.
Für das Ego ist der gegenwärtige Augenblick bestenfalls ein Mittel zum Zweck. Er bringt dich einem
zukünftigen Augenblick näher, der für wichtiger gehalten wird, obwohl die Zukunft überhaupt nur als
gegenwärtiger Augenblick eintreten kann und folglich nichts weiter als ein Gedanke im Kopf ist. Mit
anderen Worten: Du bist nie ganz hier, weil du immer damit beschäftigt bist, anderswohin zu kommen.
Tritt dieses Muster, wie es sehr häufig der Fall ist, in gesteigerter Form auf, dann wird der
gegenwärtige Augenblick so gesehen und behandelt, als sei er ein Hindernis, das überwunden werden
muss. An diesem Punkt setzen Ungeduld, Enttäuschung und Stress ein, in unserer Kultur die
Alltagsrealität vieler Leute, ihr normales Leben. Das Leben, also das Jetzt, wird als »Problem«
betrachtet, und am Ende lebt man in einer Welt voller Probleme, die alle gelöst werden müssen, ehe man
glücklich und zufrieden sein kann oder wirklich zu leben beginnt - denkt man jedenfalls. Das Dumme ist
nur: Für jedes Problem, das gelöst wird, tritt ein anderes an seine Stelle. Solange der gegenwärtige
Augenblick als Hindernis gesehen wird, nehmen die Probleme kein Ende. »Ich bin für dich so, wie du
mich haben willst«, sagt das Leben bzw. das Jetzt. »Ich gehe so mit dir um wie du mit mir. Wenn du mich
als Problem betrachtest, werde ich für dich zum Problem. Wenn du in mir ein Hindernis siehst, bin ich ein
Hindernis.«
Schlimmstenfalls, und auch das ist oft der Fall, wird der gegenwärtige Augenblick so behandelt, als
wäre er ein Feind. Wenn du hasst, was du tust, dich über deine Umgebung beklagst, etwas verfluchst,
was gerade geschieht oder früher einmal geschehen ist, oder wenn dein innerer Dialog aus Geboten
und Verboten, Vorwürfen und Beschuldigungen besteht, lehnst du dich gegen das auf, was ist, gegen
das, was immer schon der Fall ist. Dann machst du dir das Leben zum Feind, und das Leben sagt: »Du
willst Krieg, also sollst du Krieg haben.« Dann empfindest du die äußere Wirklichkeit, die dir immer deine
innere Verfassung spiegelt, als feindselig.
Stelle dir möglichst oft die folgende lebenswichtige Frage: Wie ist meine Beziehung zum
gegenwärtigen Augenblick? Und dann suche wachsam nach einer Antwort. Ist für mich das Jetzt nichts
weiter als ein Mittel zum Zweck? Sehe ich darin ein Hindernis? Mache ich es mir zum Feind? Da der
gegenwärtige Augenblick alles ist, was dir je zur Verfügung steht, und das Leben untrennbar vom Jetzt
ist, lautet die Frage im Grunde: Welche Beziehung habe ich zum Leben? Diese Frage eignet sich
ausgezeichnet dazu, das Ego in uns zu entlarven und uns in den Zustand der Präsenz zu versetzen. Sie
drückt zwar nicht die letzte Wahrheit aus (der gegenwärtige Augenblick und ich sind eins), ist jedoch ein
hilfreicher Wegweiser in die richtige Richtung. Stell dir die Frage so oft, bis es nicht mehr nötig ist.
Wie gehst du über eine gestörte Beziehung mit dem gegenwärtigen Augenblick hinaus? Das
Wichtigste ist, die Störung in dir selbst zu entdecken, in deinen eigenen Gedanken und Taten. Im
Augenblick der Einsicht, wenn du bemerkst, dass deine Beziehung zum Jetzt gestört ist, bist du
gegenwärtig. Die Einsicht ist die beginnende Präsenz. In dem Augenblick, in dem du die Störung
erkennst, beginnt sie sich aufzulösen. Manche Menschen lachen laut auf, wenn sie zur Einsicht kommen.
Mit der Einsicht stellt sich die Kraft zur Entscheidung ein - entschlossen Ja zu sagen zum Jetzt, sich das
Jetzt zum Freund zu machen.
Das Paradox der Zeit
Oberflächlich betrachtet ist der gegenwärtige Augenblick »das, was geschieht«. Da das, was geschieht,
sich ständig verändert, kommt es einem so vor, als bestehe das Leben aus Tausenden von
Augenblicken, in denen Verschiedenes geschieht. Die Zeit scheint eine endlose Aufeinanderfolge von
Augenblicken zu sein, von denen einige »gut« und einige »schlecht« sind. Doch bei näherem Hinsehen,
durch eigene unmittelbare Erfahrung, findest du heraus, dass es sich gar nicht um viele Augenblicke
handelt. Du entdeckst, dass es immer und ewig nur dieser Augenblick ist. Das Leben ist immer jetzt.
Dein ganzes Leben entfaltet sich in diesem unaufhörlichen Jetzt. Selbst vergangene und zukünftige
Augenblicke existieren nur, wenn du dich an sie erinnerst oder sie voraussiehst, und das tust du, indem
du in dem einzigen Augenblick, der da ist, über sie nachdenkst: in diesem.
Warum sieht es dann so aus, als seien es viele Augenblicke? Weil der gegenwärtige Augenblick mit
dem verwechselt wird, was geschieht, mit dem Inhalt. Der Raum des Jetzt wird mit dem verwechselt, was
in diesem Raum geschieht. Die Verwechslung des gegenwärtigen Augenblicks mit dem Inhalt begründet
nicht nur die Illusion der Zeit, sondern auch die Illusion des Ego.
Hier liegt ein Paradox vor. Wie können wir die Realität von Zeit leugnen? Du brauchst Zeit, um von
hier nach dort zu gelangen, eine Mahlzeit zuzubereiten, ein Haus zu bauen, dieses Buch zu lesen. Du
brauchst Zeit, um erwachsen zu werden und etwas Neues zu lernen. Was du auch tust, immer benötigst
du dazu Zeit. Jeder ist der Zeit unterworfen, und irgendwann bringt dich »Zeit, der blutige Tyrann«, wie
Shakespeare sagt, um.15 Du könntest sie mit einem wild schäumenden Fluss vergleichen, der dich
mitreißt, oder mit einem Feuer, das alles verzehrt.
Ich habe vor kurzem alte Freunde wiedergetroffen, eine Familie, die ich lange nicht gesehen hatte, und
ich war erschrocken, als ich sie wiedersah. Ich hätte beinahe gefragt: »Seid ihr krank? Was ist passiert?
Wer hat euch das angetan?« Die Mutter ging am Stock, sie schien zusammengesunken zu sein, und ihr
Gesicht war verrunzelt wie ein alter Apfel. Die Tochter, die bei unserer letzten Begegnung noch voller
Energie, Enthusiasmus und jugendlichen Erwartungen gewesen war, schien ausgelaugt zu sein,
erschöpft von der Erziehung dreier Kinder. Dann fiel mir ein: Fast dreißig Jahre waren vergangen, seit
wir uns zuletzt gesehen hatten. Der Zahn der Zeit hatte ihnen das angetan. Und ich bin sicher, sie waren
ebenso erschüttert von meinem Anblick.
Alles scheint der Zeit unterworfen zu sein, und doch geschieht alles im Jetzt. Das ist das Paradox.
Wohin du auch schauen magst, immer triffst du auf zahllose indirekte Beweise für die Wirklichkeit der
Zeit - einen faulenden Apfel oder dein Gesicht im Badezimmerspiegel im Vergleich zu deinem Gesicht auf
einem dreißig Jahre alten Foto -, und doch kannst du die Zeit nicht direkt nachweisen, erlebst du Zeit
nicht unmittelbar als solche. Du erlebst immer nur den gegenwärtigen Augenblick oder vielmehr das, was
in ihm geschieht. Wenn du ausschließlich unmittelbare Beweise gelten lässt, dann gibt es keine Zeit,
sondern nur das Jetzt.
Die Eliminierung der Zeit
Du kannst den egolosen Zustand nicht als Zukunftsziel anvisieren, auf das du hinwirkst. Damit handelst
du dir nur noch mehr Unzufriedenheit, noch mehr innere Konflikte ein, denn es wird dir ständig so
vorkommen, als wärst du noch längst nicht angekommen, als hättest du jenen Zustand noch nicht
»erreicht«. Wenn Freiheit vom Ego für dich ein Zukunftsziel ist, gibst du dir nur mehr Zeit, und mehr Zeit
heißt auch mehr Ego. Schau genau hin, ob sich hinter deiner spirituellen Suche nicht eine bestimmte
Form von Ego versteckt. Sogar der Versuch, von deinem »Selbst« loszukommen, kann die verkappte
Suche nach mehr Ego sein, sofern dieses Loskommen ein Zukunftsziel von dir ist. Dir selbst mehr Zeit zu
geben bedeutet genau das: dem Selbst mehr Zeit zu geben. Zeit, nämlich Vergangenheit und Zukunft, ist
das, wovon das falsche, erfundene Selbst, das Ego, zehrt, und Zeit existiert nur in deinem Kopf. Objektiv
hat sie gar keine eigene Existenz »da draußen«. Sie ist eine Denkstruktur, für die Sinneswahrnehmung
erforderlich und für praktische Zwecke unverzichtbar, aber das größte Hindernis für die Selbsterkenntnis.
Zeit ist die horizontale Dimension des Lebens, die Oberflächenschicht der Wirklichkeit. Daneben gibt es
aber noch die vertikale Dimension der Tiefe, die nur durch das Tor des gegenwärtigen Augenblicks
zugänglich ist.
Statt dir selbst also mehr Zeit zu geben, solltest du sie lieber eliminieren. Zeit aus deinem Bewusstsein
zu streichen bedeutet, das Ego zu streichen. Das ist die einzig wahre spirituelle Praxis.
Wenn vom Eliminieren der Zeit die Rede ist, ist natürlich nicht die Uhrzeit gemeint, die ja ihren Nutzen
für praktische Zwecke wie Verabredungen oder die Reiseplanung hat. Es wäre nahezu unmöglich, auf
dieser Welt ohne Uhrzeit auszukommen. Gemeint ist die Elimination der psychischen Zeit, also der
unaufhörlichen Beschäftigung des Egogeistes mit Vergangenheit und Zukunft, und seiner Unwilligkeit,
durch Ausrichtung auf das unvermeidliche Sosein des gegenwärtigen Augenblicks, eins mit dem Leben
zu sein.
Immer, wenn sich ein gewohnheitsmäßiges Nein zum Leben in ein Ja verwandelt und du diesen
Augenblick so zulässt, wie er ist, löst du sowohl Zeit als auch Ego auf. Damit das Ego überleben kann,
muss es dafür sorgen, dass Zeit - Vergangenheit und Zukunft - wichtiger ist als der gegenwärtige
Augenblick. Das Ego kann es nicht ertragen, sich mit dem gegenwärtigen Augenblick anzufreunden,
außer für einen kurzen Moment, genau nachdem es erreicht hat, was es wollte. Aber nichts kann das
Ego langfristig befriedigen. Solange es dein Leben beherrscht, wirst du auf zwei Arten unglücklich. Nicht
zu bekommen, was du dir wünschst, ist die eine. Und zu bekommen, was du dir wünschst, ist die andere.
Alles, was ist oder geschieht, ist die Form, die das Jetzt annimmt. Solange du dagegen innerlich
Widerstand leistest, bildet die Form, das heißt die Welt, ein unüberwindliches Hindernis, das dich von
dem trennt, was du jenseits der Form bist, vom formlosen einen Leben, das du bist. Wenn du innerlich Ja
sagst zu der Form, die das Jetzt gerade annimmt, wird ebendiese Form ein Tor zum Formlosen. Dann ist
die Trennung zwischen der Welt und Gott aufgehoben.
Sobald du jedoch gegen die Form reagierst, die das Leben in diesem Augenblick hat, und das Jetzt als
Mittel zum Zweck, als Hindernis oder als Feind betrachtest, stärkst du deine eigene Formidentität, das
Ego. Deshalb ist das Ego ständig im reaktiven Modus, das heißt, es ist süchtig aufs Reagieren. Je mehr
du reagierst, umso mehr verstrickst du dich in Form. Je stärker du dich mit Form identifizierst, umso
stärker wird das Ego. Dann leuchtet dein Sein nicht mehr - oder nur noch schwach - durch die Form.
Indem du der Form keinen Widerstand entgegensetzt, tritt das in dir hervor, was über die Form
hinausgeht: die allumfassende Präsenz als eine stille Kraft, die viel bedeutender ist als deine kurzlebige
Identitätsform, die Person. Sie entspricht viel tiefgreifender dem, was du bist, als alles in der Welt der
Form.
Träumer und Traum
Widerstandslosigkeit ist der Schlüssel zur bedeutendsten Kraft im Universum. Dadurch wird das
Bewusstsein (der reine Geist) aus seiner Gefangenschaft in der Form befreit. Durch innere
Widerstandslosigkeit gegenüber der Form - also gegenüber dem, was ist oder geschieht - wird die
absolute Wirklichkeit der Form bestritten. Durch Widerstand erscheinen die Welt und die Dinge der Welt
wirklicher, fester und dauerhafter, als sie sind, auch die eigene Identitätsform, das Ego. Widerstand
verleiht der Welt und dem Ego eine Schwere und eine so absolute Wichtigkeit, dass du dich selbst und
die Welt sehr ernst nimmst. Dann wird das Spiel der Form als Überlebenskampf missverstanden, und
wenn du es als solchen wahrnimmst, wird er für dich Wirklichkeit.
Die vielen Dinge, die geschehen, die vielen Formen, die das Leben annimmt, sind ihrem Wesen nach
alle kurzlebig und vergänglich. Dinge, Körper und Egos, Ereignisse, Situationen, Gedanken, Emotionen,
Wünsche, Ambitionen, Ängste, Tragödien … sie treten in Erscheinung, tun so, als seien sie ungemein
wichtig, und sind, ehe du dich’s versiehst, wieder verschwunden, haben sich wieder im Formlosen
aufgelöst, aus dem sie gekommen sind. Waren sie jemals real? Waren sie je mehr als ein Traum, ein
Traum von Formen?
Wenn wir am Morgen aufwachen, entgleitet uns der nächtliche Traum, und dann sagen wir: »Ach, es
war nur ein Traum. Es war gar nicht wirklich.« Aber irgendetwas am Traum muss wirklich gewesen sein,
sonst könnte es ihn nicht gegeben haben. Wenn der Tod naht, schauen wir möglicherweise auf unser
Leben zurück und fragen uns, ob es auch nur ein Traum war. Selbst die Ferien im letzten Jahr oder die
Tragödie von gestern haben für uns, aus der Rückschau betrachtet, große Ähnlichkeit mit dem Traum
der vergangenen Nacht.
Da ist auf der einen Seite der Traum und auf der anderen Seite der Träumer des Traums. Der Traum
ist ein flüchtiges Formenspiel. Er ist die Welt - relativ real, aber nicht völlig real. Und dann ist da der
Träumer, die absolute Wirklichkeit, in der die Formen entstehen und vergehen. Der Träumer ist nicht die
Person. Die Person ist Teil des Traums. Der Träumer ist das »Substrat« für den Traum, das
Zugrundeliegende, wodurch dieser möglich wird. Er ist das Absolute hinter dem Relativen, das Zeitlose
hinter der Zeit, das Bewusstsein in und hinter der Form. Der Träumer ist das Bewusstsein selbst - das,
was wir sind.
Unser Ziel ist es jetzt, aus dem Traum zu erwachen. Wenn wir im Traum wach werden, nimmt das vom
Ego geschaffene irdische Drama ein Ende, und ein schönerer, wundersamer Traum bricht an. Das ist die
neue Erde.
Über die Grenzen hinausgehen
Im Leben eines jeden Menschen kommt einmal die Zeit, in der er nach Wachstum und Ausdehnung auf
der Ebene der Form strebt. Dies ist der Fall, wenn du etwas zu überwinden suchst, was dich
einschränkt, etwa eine physische Schwäche oder eine finanzielle Notlage, wenn du neue Kenntnisse
und Fertigkeiten erwirbst oder durch kreatives Tun etwas für die Welt erschaffst, das neu und eine
Bereicherung sowohl für dein eigenes Leben als auch für das Leben anderer ist. Das kann ein
Musikstück oder ein Kunstwerk sein, ein Buch, eine Dienstleistung, eine Funktion, die du erfüllst, oder
eine Firma bzw. Organisation, die du gründest oder zu der du entscheidend beiträgst.
Wenn du gegenwärtig bist und deine Aufmerksamkeit voll und ganz im Jetzt ruht, fließt deine Präsenz
in das ein, was du tust, und verwandelt es. Dann hat es eine eigene Qualität und Kraft. Gegenwärtig bist
du, wenn das, was du tust, nicht vorrangig einem bestimmten Zweck (Gelderwerb, Prestigezuwachs,
Gewinn) dient, sondern in sich selbst eine Erfüllung und von Freude und Lebendigkeit durchdrungen ist.
Natürlich kannst du nicht gegenwärtig sein, wenn du dich nicht mit dem gegenwärtigen Augenblick
anfreundest. Das ist die von Negativität unberührte Grundlage effektiven Handelns.
Form bedeutet Begrenztheit. Wir sind aber nicht nur hier, um Grenzen zu erfahren, sondern auch, um
unser Bewusstsein zu erweitern, indem wir über die Grenzen hinausgehen. Manche Grenzen können in
der Außenwelt überwunden werden. Einige Grenzen erlegt uns mitunter das Leben auf, und dann
müssen wir lernen, uns damit abzufinden. Sie können nur innerlich überwunden werden. Jeder wird
früher oder später daran stoßen. Entweder reduzieren diese Grenzen dich auf Egoreaktionen und
machen dich sehr unglücklich, oder du erhebst dich innerlich über sie durch kompromisslose
Unterwerfung unter das, was ist. Das ist es, was sie uns lehren sollen. Das bewusste Sichausliefern
eröffnet dir die vertikale Dimension im Leben, die Dimension der Tiefe. Dann tritt aus dieser Dimension
etwas in die Welt ein, etwas von unschätzbarem Wert, das andernfalls unmanifestiert geblieben wäre.
Manche Menschen, die sich in ihre engen Grenzen gefügt haben, sind Heiler oder spirituelle Lehrer
geworden. Andere sind selbstlos dafür tätig, menschliches Leid zu lindern, oder machen der Welt mit
ihrer Kreativität ein Geschenk.
Ende der Siebzigerjahre, als Student, habe ich mich jeden Mittag mit ein oder zwei Freunden in der
Cafeteria meiner Fakultät an der Cambridge Universität getroffen. Manchmal saß ein Mann im Rollstuhl
an einem Tisch in der Nähe, meist in Begleitung von drei oder vier Leuten. Eines Tages saß er am Tisch
direkt vor mir. So ergab es sich, dass ich ihn mir einmal genauer ansah, und ich war schockiert. Er
schien fast vollständig gelähmt zu sein. Sein Körper war ausgezehrt, sein Kopf hing ständig nach vorn
herab. Einer seiner Begleiter fütterte ihn, aber ein Großteil des Essens fiel ihm immer wieder aus dem
Mund und wurde von einem anderen jungen Mann mit einem unter das Kinn gehaltenen Teller
aufgefangen. Gelegentlich gab der Mann im Rollstuhl unartikulierte Krächzlaute von sich, und dann hielt
jemand sein Ohr dicht an seinen Mund und übersetzte den anderen anschließend zu meinem Erstaunen,
was der Mann geäußert hatte.
Später fragte ich einen Freund, ob er wüsste, wer das war. »Natürlich«, sagte er, »das ist ein
Mathematikprofessor, und die Leute drumherum sind seine Studenten. Er hat eine amyotrophische
Sklerose, durch die fortschreitend jeder Teil des Körpers gelähmt wird. Er hat höchstens noch fünf Jahre
zu leben. Es ist mit das schrecklichste Schicksal, das einen Menschen heimsuchen kann.«
Ein paar Wochen später war ich gerade dabei, das Gebäude zu verlassen, als er angerollt kam, und
als ich die Tür aufhielt, damit er mit seinem Elektrorollstuhl durchfahren konnte, trafen sich unsere
Blicke. Voller Überraschung sah ich, dass seine Augen leuchteten. Da war keine Spur von
Unglücklichsein. Ich wusste sofort, dass er allen Widerstand aufgegeben und sich mit seinem Los
abgefunden hatte.
Einige Jahre später kaufte ich am Kiosk eine Zeitung und sah erstaunt sein Konterfei auf einem
renommierten internationalen Nachrichtenmagazin. Er lebte also noch, und nicht nur das, er war
inzwischen der bekannteste Physiker der Welt: Stephen Hawking. In dem Artikel war ein wunderbarer
Satz von ihm, der mir das bestätigte, was ich gespürt hatte, als ich damals in seine Augen blickte. Über
sein Leben befragt, hatte er gesagt (jetzt mithilfe eines Stimmensynthesizers): »Wer hätte sich je mehr
wünschen können?«
Die Freude am Sein
Unglücklichkeit und Negativität sind eine Krankheit, die auf unserer Erde grassiert. Was die
Umweltverschmutzung für die Außenwelt, ist die Negativität für die Innenwelt. Sie ist überall, nicht nur
dort, wo die Menschen Mangel leiden, sondern vor allem dort, wo sie mehr als genug haben. Ist das ein
Wunder? Nein. Die Überflussgesellschaften identifizieren sich noch stärker als andere mit der Form,
verlieren sich noch mehr im Inhalt, sind noch fester ans Ego gefesselt.
Die Menschen glauben, dass ihr Glück von dem abhängt, was geschieht, dass heißt, von Form. Ihnen
ist nicht klar, dass das, was geschieht, das Vergänglichste überhaupt im Universum ist. Es wandelt sich
ständig. Für sie ist der gegenwärtige Augenblick stets verdorben, weil entweder etwas geschieht, was
nicht hätte geschehen dürfen, oder weil etwas ausgeblieben ist, das eigentlich hätte geschehen sollen.
Dadurch entgeht ihnen die tiefere Vollkommenheit, die dem Leben selbst innewohnt, eine
Vollkommenheit, die schon da ist, die sich jenseits dessen findet, was geschieht oder nicht geschieht,
jenseits der Form. Nimm den gegenwärtigen Augenblick an und finde die Vollkommenheit, die unberührt
ist von Zeit und tiefer reicht, als Form es je könnte.
Die Freude am Sein, das einzig wahre Glück, kann nicht durch irgendeine Form zu dir kommen, weder
durch Besitz noch durch Leistung, Personen oder Ereignisse. Sie kann überhaupt nicht zu dir kommen -
nie und nimmer. Sie entspringt der formlosen Dimension in deinem Innern, dem reinen Bewusstsein, und
ist daher eins mit dem, der du bist.
Die Herabsetzung des Ego zulassen
Das Ego ist stets auf der Hut vor allem, was es als Herabsetzung empfindet. In diesem Fall springen
automatisch Reparaturmechanismen an, um die mentale Form des Ego wiederherzustellen. Wenn dich
jemand tadelt oder kritisiert, empfindet das Ego dies als persönliche Kränkung und versucht sein
angeschlagenes Selbstwertgefühl sofort durch Rechtfertigung, Verteidigung oder Schuldzuweisungen
wieder zu reparieren. Ob die andere Person Recht hat oder nicht, ist für das Ego irrelevant. Es ist viel
stärker an seiner Selbsterhaltung interessiert als an der Wahrheit. Damit wird für den Erhalt der
psychologischen Form deines Ichs gesorgt. Selbst etwas so Normales wie zurückzubrüllen, wenn dich
ein Autofahrer im Verkehr einen Idioten nennt, ist eine automatische, unbewusste Reaktion zur
Wiederherstellung des Ego. Einer der häufigsten Reparaturmechanismen des Ego ist Wut, die eine
kurzzeitige, aber ungeheure Egoaufblähung bewirkt. Für das Ego haben alle Reparaturmaßnahmen
ihren Sinn, obwohl sie im Grunde zu seiner Gestörtheit beitragen. Am deutlichsten gesteigert wird die
Gestörtheit durch physische Gewalt und Selbsttäuschung in Form von überspannten Fantasien.
Eine besonders kraftvolle spirituelle Übung besteht darin, die Herabsetzung des Ego zuzulassen,
wenn sie geschieht, ohne etwas dagegen zu unternehmen. Ich empfehle dir, von Zeit zu Zeit damit zu
experimentieren. Wenn dich zum Beispiel jemand kritisiert, tadelt oder beschimpft, tust du einfach gar
nichts, statt sofort all deine Abwehrmechanismen zu mobilisieren und auf Rache zu sinnen. Lass es zu,
dass dein Selbstbild schrumpft, und achte darauf, wie sich das in deinem tiefsten Innern anfühlt. Ein paar
Sekunden lang wird es dir unangenehm sein, so, als wärst du kleiner geworden. Dann aber spürst du
eine innere Weite, die du lebhaft empfindest. Du bist überhaupt nicht kleiner geworden. In Wahrheit hast
du dich ausgedehnt! Jetzt machst du vielleicht eine erstaunliche Entdeckung: Wenn du in irgendeiner
Weise herabgesetzt wirst und absolut nicht darauf reagierst - nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich
-, geht dir auf, dass nichts Wirkliches davon berührt wurde und du eigentlich durch das
»Erniedrigtwerden« gewachsen bist. Sobald du die Form, das Ego, nicht mehr verteidigst oder zu
stärken versuchst, löst du dich von der Identifikation mit dieser Form, dem mentalen Selbstbild. Indem du
weniger wirst (in den Augen des Ego), dehnst du dich in Wahrheit aus und schaffst einen Raum, in dem
das Sein erscheinen kann. Dann kann deine wahre Kraft, das, was du jenseits der Form bist, durch die
scheinbar geschwächte Form hindurchleuchten. Das meinte Jesus, als er sagte, man solle »sich selbst
verleugnen« oder »auch die andere Backe darbieten«.
Das heißt natürlich nicht, dass du dich unbewussten Menschen opfern oder dich von ihnen ausnutzen
lassen sollst. Manchmal erfordert es eine Situation, dass man jemanden deutlich zurückweist. Wird dabei
nicht das Ego verteidigt, zeigen die Worte Wirkung, ohne bloß Gegenreaktion zu sein. Falls nötig, kannst
du jemandem auch mit aller Bestimmtheit ein klares »Nein« sagen, und das wird ein »Nein von hoher
Qualität« sein, wie ich es nenne, ein von aller Negativität freies Nein.
Wenn du dich damit zufrieden gibst, niemand Besonderer zu sein, dich also nicht hervortust, richtest
du dich auf die Kraft des Universums aus. Was dem Ego wie Schwäche vorkommt, ist in Wirklichkeit die
einzig wahre Stärke. Diese spirituelle Wahrheit ist den Werten unserer heutigen Kultur und der Art und
Weise, wie sie das Verhalten der Menschen konditioniert, diametral entgegengesetzt.
Das alte Tao Te King lehrt, man solle, statt ein Berg sein zu wollen, lieber »das Tal des Universums«
sein.16 Auf diese Weise wird deine Ganzheit wiederhergestellt, und »alle Dinge werden zu dir kommen«.
Ähnliches sagt Jesus in einem seiner Gleichnisse: »Wenn du eingeladen bist, so geh hin und setz dich
untenan, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rücke hinauf! Dann
wirst du Ehre haben vor allen, die mit dir zu Tisch sitzen. Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt
werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.«17
Ein weiterer Zweck dieser Übung ist es, das Ego nicht länger durch Angeberei oder das Verlangen zu
stärken, sich herauszustreichen, als etwas Besonderes zu gelten, Eindruck zu schinden oder
Aufmerksamkeit zu errregen. Dazu mag bisweilen auch gehören, mit der eigenen Meinung
zurückzuhalten, während alle anderen sagen, was sie denken, und zu beobachten, was für ein Gefühl
das ist.
Wie innen, so außen
Wenn du in der Nacht zum klaren Himmel aufschaust, wird dir eine Wahrheit einleuchten, die ebenso
einfach wie tief greifend ist. Was siehst du? Den Mond, Planeten, Sterne, das schimmernde Band der
Milchstraße, vielleicht einen Kometen oder gar den benachbarten Andromedanebel in zwei Millionen
Lichtjahren Entfernung. Gut, aber wenn du es auf einen einfachen Nenner bringst, was siehst du dann?
Objekte, die im Raum schweben. Woraus besteht also das Universum? Aus Objekten und Raum.
Falls es dir nicht die Sprache verschlägt, wenn du in einer klaren Nacht ins All hinausblickst, schaust
du nicht richtig und bist dir der Totalität all dessen da draußen nicht bewusst. Dann siehst du
wahrscheinlich nur die Objekte und versuchst sie zu benennen. Doch wenn du bei einem Blick ins All je
von tiefem Staunen ergriffen wurdest und dich dieses unbegreifliche Mysterium vielleicht sogar mit tiefer
Ehrfurcht erfüllte, wirst du dein Verlangen, alles benennen und erklären zu können, aufgegeben und
nicht nur die Objekte im Raum wahrgenommen haben, sondern auch die unendliche Tiefe des
Weltraums. Du musst innerlich so still geworden sein, dass du die unendliche Weite wahrnehmen
konntest, in der diese zahllosen Welten existieren. Ein Gefühl ehrfürchtigen Staunens überkommt dich
nicht wegen der Milliarden von Welten da draußen, sondern wegen der allumfassenden Weite.
Raum kannst du natürlich weder sehen noch hören, weder berühren noch schmecken oder riechen;
woher weißt du dann, dass er überhaupt existiert? In dieser logisch klingenden Frage ist ein
fundamentaler Fehler enthalten. Das Wesen von Raum ist das Nichts, er »existiert« also im normalen
Sinne des Wortes gar nicht. Nur Dinge - Formen - existieren. Ihn Raum zu nennen ist schon irreführend,
denn durch diese Benennung wird er zum Objekt gemacht.
Drücken wir es einmal so aus: Irgendetwas in dir hat eine Affinität zum Raum; deshalb kannst du dir
seiner bewusst sein. Seiner bewusst sein? Das stimmt auch nicht ganz, denn wie kannst du ein
Bewusstsein vom Raum haben, wenn es gar nichts gibt, dessen du dir bewusst sein könntest?
Die Antwort ist ebenso einfach wie tief gehend. Wenn du dir des Raums bewusst bist, ist dir nichts
wirklich bewusst, außer das Bewusstsein selbst - der innere Raum des Bewusstseins. Durch dich wird
sich das Universum seiner selbst bewusst!
Wenn das Auge nichts sieht, wird dieses Nichts als Raum wahrgenommen. Wenn das Ohr nichts hört,
wird dieses Nichts als Stille wahrgenommen. Wenn die Sinne, die dazu gedacht sind, Form
wahrzunehmen, die Abwesenheit von Form registrieren, wird das formlose Bewusstsein, aus dem alle
Wahrnehmungen entstehen und das ihnen zugrunde liegt, nicht länger durch Form getrübt. Wenn du die
unergründliche Tiefe des Raums betrachtest oder in der Morgenfrühe kurz vor Sonnenaufgang auf die
Stille lauschst, klingt so etwas wie ein Wiedererkennen in dir an. Dann empfindest du die unermessliche
Weite des Raums als deine eigene Weite und erkennst, dass die köstliche Stille, die keine Form hat, in
einem viel tieferen Sinne das ist, was du im Innersten bist, als all die Dinge, die dein Lebensinhalt sind.
Die Upanischaden, die alten Schriften Indiens, verweisen auf die gleiche Wahrheit:
»Was durch das Denken nicht denkbar ist, wodurch, sagt man, das Denken gedacht wird, erkenne
das als Brahman - doch nicht das, was man hier verehrt! Was für das Auge unsichtbar ist, wodurch
das Auge sieht, erkenne das als Brahman - doch nicht das, was man hier verehrt! Was für das Ohr
unhörbar ist, wodurch selbst das Hören gehört wird, erkenne das als Brahman - doch nicht das, was
man hier verehrt!...18
Brahman (Gott), so steht es in diesem Text, ist formloses Bewusstsein und die Essenz dessen, was du
bist. Alles andere ist Form, das, »was man hier verehrt«.
Die doppelte Wirklichkeit des Universums, das aus Gegenständen und Raum besteht - aus Dingen
und Nichts -, ist auch deine eigene. Ein geistig gesundes, ausgewogenes, fruchtbares Menschenleben
ist ein Tanz zwischen den zwei Dimensionen, die die Realität bilden: Form und Raum. Die meisten
Menschen identifizieren sich durch Sinneswahrnehmungen, Gedanken und Emotionen so stark mit der
Dimension der Form, dass der verborgene, aber entscheidende zweite Teil ihrem Leben fehlt. Die
Identifikation mit Form hält sie im Ego fest.
Was du siehst, hörst, fühlst, berührst oder denkst, ist gewissermaßen nur die halbe Wirklichkeit. Es ist
Form. In den Lehren Jesu wird diese Dimension einfach nur »die Welt« genannt, die andere hingegen
»das Himmelreich« oder »das ewige Leben«.
Ebenso wie Raum allen Dingen ihre Existenz ermöglicht und wie es ohne Stille keinen Klang geben
kann, würdest du nicht existieren können ohne die lebenswichtige formlose Dimension, die Essenz
dessen, wer du bist. Wir könnten sie Gott nennen, wenn das Wort nicht so missbraucht worden wäre. Ich
spreche lieber vom Sein. Das Sein geht der Existenz voraus. Existenz ist Form, Inhalt, »das was
geschieht«. Existenz ist der Vordergrund des Lebens, während das Sein den Hintergrund bildet.
Die Menschheit krankt kollektiv daran, dass die Menschen sich so sehr von dem fesseln lassen, was
geschieht, dass sie so hypnotisiert sind von der Welt der ständig wechselnden Formen und so sehr
aufgehen im Inhalt ihres Lebens, dass sie die Essenz vergessen haben, das, was jenseits des Inhalts ist,
jenseits der Form, jenseits des Denkens. Sie werden so von der Zeit in Anspruch genommen, dass sie
die Ewigkeit vergessen haben, ihren Ursprung, ihre Heimat, ihre Bestimmung. Die Ewigkeit ist die
lebendige Wirklichkeit dessen, wer wir sind.
Vor einigen Jahren habe ich auf einer Chinareise einen Stupa auf einem Berggipfel in der Nähe von
Guilin besucht. Er trug eine Inschrift in goldenen Lettern, und ich fragte meinen chinesischen Gastgeber,
was sie bedeutete. »Sie bedeutet ›Buddha‹«, sagte er. »Aber warum sind da zwei Schriftzeichen statt
eines einzigen?«, fragte ich weiter. »Das eine«, erklärte er mir, »heißt ›Mensch‹ und das andere so
etwas wie ›nicht‹. Beide zusammen bedeuten ›Buddha‹.« Ich verstummte ehrfurchtsvoll. Das
Schriftzeichen für »Buddha« enthält also schon die ganze Lehre des Buddha und für diejenigen, die
Augen haben zu sehen, das Geheimnis des Lebens. Es sind die beiden Dimensionen, aus denen die
Wirklichkeit besteht, die der Dinge und die des Nichts, der Form und der Abkehr von Form, das heißt der
Erkenntnis, dass Form nicht das ist, was wir sind.
8

Die Entdeckung des inneren Raums

Nach einer alten Sufi-Geschichte lebte einst im Orient ein König, der ständig zwischen Glück und
Kummer hin und her schwankte. Die kleinste Kleinigkeit regte ihn auf oder brachte ihn völlig aus der
Fassung, und dann schlug sein Glück sofort in Enttäuschung und Verzweiflung um. Es kam so weit, dass
der König seiner selbst und seines Lebens müde wurde und nach einem Ausweg zu suchen begann.
Er ließ nach einem Weisen schicken, der in seinem Königreich wohnte und in dem Ruf stand,
erleuchtet zu sein. Als der Weise kam, sagte der König zu ihm: »Ich möchte wie du sein. Kannst du mir
etwas geben, das meinem Leben Ausgeglichenheit, Gelassenheit und Weisheit verleiht? Ich bezahle dir
jeden Preis, den du verlangst.«
Der Weise sagte: »Vielleicht kann ich dir helfen. Aber der Preis ist so hoch, dass dein gesamtes
Königreich nicht reichen würde, um ihn zu bezahlen. Darum sollst du es als Geschenk erhalten, sofern
du es zu würdigen weißt.« Dies versicherte ihm der König, und der Weise ging.
Einige Wochen später kehrte er zurück und überreichte dem König ein mit reichen Schnitzereien
verziertes Kästchen aus Jade. Der König öffnete das Kästchen und fand darin einen einfachen goldenen
Ring. Auf dem Ring war eine Inschrift. Sie lautete: »Auch dies geht vorbei.«
»Was bedeutet das?«, fragte der König. Der Weise erwiderte: »Trag diesen Ring immer. Sobald etwas
geschieht, berühre ihn und lies seine Inschrift, bevor du es gut oder schlecht nennst. Dann wirst du
immer im Frieden sein.«
Auch dies geht vorbei. Was ist an diesen schlichten Worten, das ihnen eine solche Macht gibt? Bei
oberflächlicher Betrachtung möchte man meinen, dass sie zwar in einer Notsituation einen gewissen
Trost spenden können, einem zugleich aber auch die Freude an den schönen Dingen des Lebens
verleiden. »Freu dich nicht zu sehr daran, denn auch das ist nicht von Dauer.« Das scheint die Mahnung
angesichts einer Situation zu sein, die als schön erlebt wird.
Die volle Bedeutung des Satzes wird klar, wenn wir ihn mit zwei der Geschichten in Zusammenhang
bringen, die wir schon kennen. Die Geschichte vom Zenmeister, der immer »Ist das so?« sagt,
veranschaulicht die Vorzüge innerer Widerstandslosigkeit gegenüber dem, was geschieht, des Einsseins
mit der Situation. Die Geschichte vom Mann, der immer »Mag sein« sagt, macht die Weisheit der
Urteilsfreiheit deutlich. Und die Geschichte vom Ring weist auf die Tatsache der Vergänglichkeit hin, die,
wenn sie erkannt wird, zum Nicht-Anhaften führt. Nicht widerstreben, nicht urteilen und nicht anhaften
sind die drei Aspekte wahrer Freiheit und eines erleuchteten Lebens.
Die Worte auf dem Ring besagen nicht, dass du dich des Guten im Leben nicht freuen dürftest,
ebenso wenig wie sie dir nur Trost in Leidenszeiten spenden sollen. Sie haben einen tieferen Sinn: Sie
sollen dich auf die Flüchtigkeit jeder Situation aufmerksam machen, die durch die Vergänglichkeit aller
Formen bedingt ist - guter ebenso wie schlechter. Wenn du dir der Flüchtigkeit aller Formen bewusst
wirst, klammerst du dich nicht mehr so fest daran und identifizierst dich weniger stark mit ihnen. Nicht an
ihnen zu hängen heißt nicht, dich nicht mehr an allem Schönen, was die Welt zu bieten hat, freuen zu
dürfen. Du wirst dich sogar mehr darüber freuen. Sobald du die Unbeständigkeit aller Dinge erkennst
und einsiehst, dass alles der Veränderung unterworfen ist, kannst du die Freuden der Welt, solange sie
bestehen, ohne Verlust- oder Zukunftsängste genießen. Wenn du nicht daran haftest, kannst du die
Ereignisse in deinem Leben von einer höheren Warte aus betrachten, statt ihnen ausgeliefert zu sein.
Dann bist du wie ein Astronaut, der den Erdball in der unendlichen Weite des Raums sieht und die
paradoxe Wahrheit erkennt: Die Erde ist zugleich kostbar und unbedeutend. Die Erkenntnis, dass auch
dies vorbeigeht, bewirkt eine Loslösung, und durch diese Loslösung kommt eine neue Dimension in dein
Leben - der innere Raum. Indem du loslässt, nicht wertest und innerlich keinen Widerstand leistest,
gewinnst du Zugang zu dieser Dimension.
Wenn du dich nicht länger total mit der Form identifizierst, wird das Bewusstsein, das du bist, aus
seiner Gefangenschaft in der Form befreit. Diese Freiheit schafft den inneren Raum. Er manifestiert sich
als Stille, als subtiler Friede tief in deinem Innern, selbst angesichts widriger Umstände. Auch dies geht
vorbei. Plötzlich entsteht Raum rings um ein Ereignis. Auch emotionale Höhen und Tiefen oder gar
Schmerzen bekommen Raum. Vor allem aber liegt Raum zwischen den Gedanken. Und dieser Raum
strahlt einen Frieden aus, der »nicht von dieser Welt« ist, denn die Welt ist Form, und der Friede ist
Raum. Das ist der Friede Gottes.
Jetzt kannst du dich an den Dingen dieser Welt erfreuen und sie würdigen, ohne ihnen eine
Wichtigkeit und Bedeutung beizumessen, die sie nicht haben. Du kannst dich endlich in den Tanz der
Schöpfung einreihen und aktiv werden, ohne dich an Ergebnisse zu klammern und so unvernünftige
Forderungen an die Welt zu stellen wie: Gib mir Erfüllung, mach mich glücklich, schenk mir Sicherheit,
sag mir, wer ich bin. Dies kann die Welt dir nicht geben, aber wenn du solche Erwartungen nicht mehr
hegst, hat alles selbst verursachte Leid ein Ende. Alles Leiden entsteht durch eine Überbewertung der
Form und Blindheit gegenüber der Dimension des inneren Raums. Sobald sich dir diese Dimension im
Leben eröffnet, kannst du dich an Dingen, Erfahrungen und Sinnesgenüssen erfreuen, ohne dich an sie
zu verlieren und ohne dich innerlich an sie zu klammern, das heißt, ohne süchtig zu werden nach der
Welt.
Die Worte Auch dies geht vorbei deuten auf die Wirklichkeit hin. Mit dem Hinweis auf die
Unbeständigkeit aller Formen verweisen sie praktisch auf das Ewige. Nur das Ewige in uns lässt das
Vergängliche als vergänglich erkennen.
Wenn die Dimension des Raums verloren gegangen ist oder nicht mehr erkannt wird, maßen sich die
Dinge der Welt eine absolute Wichtigkeit an, einen Ernst und eine Schwere, die sie in Wahrheit gar nicht
haben. Wenn die Welt nicht aus der Perspektive des Formlosen betrachtet wird, wird sie bedrohlich und
letzten Endes zu einem Ort der Verzweiflung. Das muss der alttestamentarische Prophet gespürt haben,
als er schrieb: »Ich sah an alles Tun … und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.«19
Objektbewusstsein und Raumbewusstsein
Das Leben der meisten Menschen ist voll gestopft mit Dingen: materiellen Dingen, Dingen zu tun, Dingen
zum Nachdenken. Ihr Leben gleicht der Geschichte der Menschheit, von der Winston Churchill einmal
sagte, sie sei »eine verfluchte Sache nach der anderen«. Ihr Kopf ist voll gepackt mit aufeinander
folgenden Gedanken. Das ist die Dimension des Objektbewusstseins, die bei vielen Menschen die
vorherrschende Wirklichkeit ist und ihr Leben so sehr aus dem Gleichgewicht bringt. Zum
Objektbewusstsein muss das Raumbewusstsein ein Gegengewicht bilden, damit unsere Erde wieder
gesunden und die Menschheit ihr Schicksal erfüllen kann. Die Entstehung von Raumbewusstsein ist die
nächste evolutionäre Stufe der Menschheit.
Ein Raumbewusstsein ist eine hintergründige Bewusstheit, die neben dem Bewusstsein für Dinge
besteht, das sich immer auf Sinneswahrnehmungen, Gedanken und Emotionen beschränkt. Unter
Bewusstheit ist nicht nur ein Bewusstsein für Dinge (Objekte) zu verstehen, sondern auch ein
Bewusstsein für das Bewusstsein selbst. Wenn du eine wache innere Stille im Hintergrund spüren
kannst, während im Vordergrund Dinge geschehen - das ist es! Diese Dimension ist in jedem vorhanden,
nur ist sie den meisten Menschen vollkommen unbewusst. Manchmal weise ich darauf hin, indem ich
sage: »Kannst du deine eigene Präsenz spüren?«
Das Raumbewusstsein verkörpert neben der Freiheit vom Ego auch die Unabhängigkeit von den
Dingen dieser Welt, von Materialismus und Stofflichkeit. Es ist die spirituelle Dimension, und nur sie
kann der Welt Transzendenz und Sinn geben.
Immer wenn du dich über ein Ereignis, eine Person oder eine Situation aufregst, ist die wahre Ursache
deiner Aufregung nicht das Ereignis, die Person oder Situation, sondern der Verlust der richtigen
Perspektive, für die ausschließlich der Raum sorgen kann. Du bist im Objektbewusstsein gefangen und
dir des zeitlosen inneren Bewusstseinsraums gar nicht bewusst. Die Worte Auch dies geht vorbei
können ein Hinweis sein, der das Bewusstsein für diese Dimension wieder in dir weckt.
Ein anderer Hinweis auf die Wahrheit in uns ist der folgende Satz: »Ich rege mich nie aus dem Grund
auf, den ich meine.«20
Unterhalb und oberhalb des Denkens
Wenn du sehr müde bist, wirst du manchmal friedlicher und entspannter als im Normalzustand. Das liegt
daran, dass dein Denken verebbt und du dich infolgedessen nicht mehr an dein erdachtes Problem-Ich
erinnerst. Du bist kurz davor, einzuschlafen. Auch unter Alkoholgenuss oder wenn du bestimmte
Rauschdrogen genommen hast (vorausgesetzt, sie aktivieren nicht deinen Schmerzkörper), bist du für
eine gewisse Zeit entspannter, sorgloser und vielleicht sogar lebendiger. Vielleicht fängst du an zu
singen und zu tanzen, beides seit undenklichen Zeiten ein Ausdruck der Lebensfreude. Da du nicht mehr
so kopflastig bist, bekommst du einen flüchtigen Eindruck von der Freude des Seins. Vielleicht spricht
man deshalb auch von den »geistigen Getränken«. Aber du bezahlst teuer dafür: mit Unbewusstheit.
Statt dich über das Denken zu erheben, sinkst du unter die Schwelle des Denkens. Noch ein paar
Gläser mehr, und du rutschst noch tiefer, auf die Gemüseebene.
Das Raumbewusstsein hat nicht viel mit berauscht oder »high sein« zu tun. Beide Zustände liegen
jenseits des Denkens. Das haben sie gemeinsam. Es besteht jedoch der fundamentale Unterschied,
dass du dich mit dem Raumbewusstsein über das Denken erhebst, während du mit dem Rausch oder
Highsein unter die Denkschwelle fällst. Das eine ist der nächste Schritt in der Evolution des
menschlichen Bewusstseins, das andere ein Rückfall auf eine Stufe, die wir schon vor Äonen hinter uns
gelassen haben.
Das Fernsehen
Fernzusehen ist die Hauptfeierabendtätigkeit - eigentlich eine Un-Tätigkeit - von Millionen Menschen
rund um die Welt. Der Durchschnittsamerikaner hat, wenn er sechzig geworden ist, etwa 15 Jahre vor
dem Fernseher verbracht. In vielen anderen Ländern sind die Zahlen vergleichbar.
Viele Menschen finden das Fernsehen entspannend. Je länger du deine Aufmerksamkeit dem
Bildschirm widmest, umso mehr verebbt, wie du durch Beobachtung feststellen kannst, die Denktätigkeit,
sodass dein Kopf fast gedankenleer ist, während du dir stundenlang einen Talk, ein Quiz, eine
Comedyshow oder sogar Werbung anschaust. Nicht allein, dass du eine Zeit lang keine Probleme mehr
hast, du bist auch vorübergehend frei von dir selbst - und was könnte entspannender sein!
Schafft das Fernsehen also inneren Raum? Löst es Präsenz bei dir aus? Leider nicht. Du produzierst
zwar möglicherweise keine Gedanken mehr, aber du hast dich in das Denken des Fernsehprogramms
eingeschaltet. Du hast dich mit der Fernsehversion des kollektiven Denkens verbunden und denkst
dessen Gedanken. Dein Geist ist nur in dem Sinne inaktiv, als er keine Gedanken produziert. Er nimmt
jedoch ständig Gedanken und Bilder vom Bildschirm in sich auf. Dadurch fällt er in einen tranceähnlichen
Passivzustand gesteigerter Empfänglichkeit, der einer Hypnose gleicht und in dem er sich gut
manipulieren lässt. Diese Wirkung, durch die die »öffentliche Meinung« manipuliert werden kann,
kennen Politiker, Lobbyisten und Werber, und sie bezahlen Millionen, um dich in diesem Zustand
unbewusster Empfänglichkeit zu erwischen. Sie wollen, dass ihre Gedanken dir eingehen, bis du denkst
wie sie, und normalerweise gelingt ihnen das auch.
Wenn du fernsiehst, neigst du folglich dazu, unter die Schwelle des Denkens zu fallen, statt dich
darüber zu erheben. Dies hat das Fernsehen mit dem Alkoholkonsum und dem Genuss anderer
Rauschdrogen gemeinsam. Es verschafft dir Erleichterung, weil du dich vom Denken erholen kannst,
aber wieder bezahlst du teuer dafür: mit Bewusstlosigkeit. Das Fernsehen macht ebenso süchtig wie die
Rauschdrogen. Du greifst nach der Fernbedienung, um den Apparat auszuschalten, und zappst
stattdessen durch alle Programme. Nach einer halben Stunde oder Stunde sitzt du noch immer vor dem
Bildschirm und schaltest von Sender zu Sender. Der Off-Knopf scheint der Einzige zu sein, den deine
Finger nicht finden. Du siehst weiter fern, nicht unbedingt, weil etwas Interessantes deine
Aufmerksamkeit gefesselt hätte, sondern eben weil nichts Interessantes anzuschauen ist. Hängst du erst
einmal am Haken, wirst du immer süchtiger, je trivialer und seichter das Programm wird. Wäre es etwas
Interessantes, »Denkwürdiges«, würde es dich wieder zum eigenen Denken anregen, das bewusster
und daher der fernsehinduzierten Trance vorzuziehen ist. Deine Aufmerksamkeit würde nicht länger
ausschließlich von den Szenen auf dem Bildschirm gefangen genommen.
Der Inhalt eines TV-Programms kann aber auch, falls er ein gewisses Niveau hat, bis zu einem
gewissen Grad der hypnotischen Betäubung des Geistes durch das Medium Fernsehen entgegenwirken
und sie manchmal sogar ganz aufheben. Es gibt Sendungen, die vielen Leuten eine große Hilfe sind,
weil sie deren Lebensqualität verbessern, ihnen das Herz öffnen und sie sogar bewusster machen.
Selbst manche Comedyshows, die gar nichts Besonderes sind, können ungewollt spirituell wirken, indem
sie die menschliche Torheit und das Ego karikieren. Sie lehren uns, nicht alles so ernst zu nehmen und
unbekümmerter zu leben, aber vor allen Dingen lehren sie uns, indem sie uns zum Lachen bringen.
Lachen hat eine außerordentlich befreiende Wirkung und ist sehr heilsam. Die Programmgestaltung wird
jedoch überwiegend noch von Leuten bestimmt, die vollkommen unter der Kontrolle des Ego stehen, und
so kommt es, dass das Fernsehen irgendwann heimlich, still und leise auch dich beherrscht, indem es
dich in den Schlaf wiegt, das heißt, deine Unbewusstheit vertieft. Dennoch schlummern noch enorme,
weitgehend unerforschte Möglichkeiten im Medium Fernsehen.
Schau dir möglichst keine Sendungen oder Werbespots an, die dich mit Bildern überfluten, die alle
paar Sekunden wechseln. Exzessives Fernsehen und speziell solche Programme sind in hohem Maße
verantwortlich für Konzentrationsschwäche (ADD und ADHD), eine mentale Störung, von der inzwischen
Millionen Kinder in aller Welt betroffen sind. Bei einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne werden alle
Wahrnehmungen und Beziehungen oberflächlich und unbefriedigend. Allem, was du in diesem Zustand
unternimmst oder tust, mangelt es an Qualität, denn Qualität erfordert anhaltende Aufmerksamkeit.
Häufiges, ausdauerndes Fernsehen vertieft nicht nur deine Unbewusstheit, es macht dich auch
passiver und raubt dir deine Energie. Darum solltest du wenigstens, statt dir irgendetwas X-Beliebiges
anzuschauen, dir bestimmte Sendungen aussuchen. Spüre, wann immer du dich daran erinnerst, die
Lebendigkeit in deinem Körper, während du schaust. Oder mach dir von Zeit zu Zeit deinen Atem
bewusst. Wende den Blick immer mal wieder vom Bildschirm ab, damit dein Sehen nicht vollständig
davon vereinnahmt wird. Dreh die Lautstärke nicht höher als notwendig, sodass dich das Fernsehen
auch auf der akustischen Ebene nicht vereinnahmen kann. Schalte bei Werbesendungen den Ton aus.
Vermeide es, sofort nach dem Ausschalten des Apparates ins Bett zu gehen oder, was noch schlimmer
ist, vor laufendem Fernseher einzuschlafen.
Den inneren Raum erkennen
Wahrscheinlich entsteht auch bei dir sporadisch Raum zwischen den einzelnen Gedanken, ohne dass du
es merkst. Für ein Bewusstsein, das von Erfahrungen fasziniert und so konditioniert ist, dass es sich
ausschließlich mit Form identifiziert, das heißt mit dem Objektbewusstsein, ist es fast unmöglich, sich des
Raums bewusst zu werden. Das heißt letztlich, dass du dir deiner selbst nicht bewusst werden kannst,
weil dir gerade immer etwas anderes bewusst ist. Du lässt dich fortwährend von der Form ablenken.
Selbst wenn du dir deiner selbst bewusst zu sein glaubst, hast du dich in Wahrheit zu einem Objekt
gemacht, einer Gedankenform, sodass das, dessen du dir bewusst bist, nicht du selbst bist, sondern nur
ein Gedanke.
Nachdem du nun vom inneren Raum gehört hast, suchst du vielleicht danach, aber da du danach
suchst wie nach einem Objekt oder einer Erfahrung, kannst du ihn nicht finden. Das ist das Dilemma all
derer, die auf der Suche nach spiritueller Erkenntnis oder Erleuchtung sind. Deshalb sagte Jesus: »Das
Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist
es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.«21
Wenn du dein Leben nicht in Unzufriedenheit, Besorgnis, Angst, Depressivität und Verzweiflung
zubringst oder von anderen negativen Regungen verzehrt wirst, sondern dich an einfachen Dingen
freuen kannst wie dem Klang des Regens oder des Windes, wenn du die Schönheit der Wolken sehen
kannst, die am Himmel ziehen, und bisweilen gern allein bist, ohne dich einsam zu fühlen oder einen
mentalen Reiz zu deiner Unterhaltung zu brauchen, wenn du einen vollkommen fremden Menschen mit
Herzlichkeit und Güte behandeln kannst, ohne irgendetwas von ihm oder ihr zu wollen, heißt das, dass
sich ein Raum in dir geöffnet hat, und sei es auch nur als kurze Unterbrechung im unaufhörlichen Strom
der Gedanken. Sobald dies geschieht, stellt sich ein Wohlgefühl ein, ein lebendiger Friede, wenn auch
vielleicht nur ganz leise. Dieses Gefühl kann sich von einem leichten Hintergrundgefühl der Zufriedenheit
bis hin zu dem steigern, was die alten Weisen Indiens Ananda nannten - die Glückseligkeit des Seins.
Da du dazu konditioniert worden bist, nur der Form Beachtung zu schenken, nimmst du das Gefühl
womöglich gar nicht bewusst zur Kenntnis, außer indirekt. Zum Beispiel gibt es ein gemeinsames
Element im Sinn für Schönheit, in der Fähigkeit, einfache Dinge zu würdigen, sich in der eigenen
Gesellschaft wohl zu fühlen oder in eine herzliche Beziehung zu anderen Menschen zu treten. Dieses
gemeinsame Element ist ein Gefühl von Zufriedenheit, Lebendigkeit und Frieden, das den unsichtbaren
Hintergrund bildet, auf dem die betreffenden Erfahrungen überhaupt erst möglich sind.
Wo immer du Schönheit, Herzlichkeit oder den Sinn für einfache Dinge erlebst, suche den Hintergrund
dieser Erfahrung stets in dir selbst. Aber suche nicht danach wie nach einem Objekt. Du kannst ihn
nirgendwo festmachen und sagen: »Jetzt hab ich’s«, oder ihn in irgendeiner Weise rational erfassen und
definieren. Er ist wie der wolkenlose Himmel. Er hat keine Form. Er ist Raum; er ist Stille, er ist die Süße
des Seins und unendlich viel mehr, als sich mit Worten sagen lässt - sie können nur darauf hinweisen.
Wenn du ihn in dir selbst unmittelbar spüren kannst, vertieft er sich. Versuche also immer, wenn du dich
an etwas Schlichtem erfreust - einem Klang, einem Anblick, einer Berührung -, wenn du Schönheit
wahrnimmst oder Herzensgüte für jemanden empfindest, die innere Weite zu spüren, den Raum, der
Ursache und Hintergrund deiner Erfahrung ist.
Dichter und Weise aller Zeiten haben die Beobachtung gemacht, dass wahres Glück - ich nenne es
die Freude am Sein - vor allem in einfachen, unscheinbaren Dingen zu finden ist. Die meisten Menschen
gehen auf ihrer rastlosen Suche nach etwas Bedeutendem, das sich in ihrem Leben ereignen soll,
ständig an jenem Unbedeutenden vorbei, das eigentlich alles andere als unbedeutend ist. Der Philosoph
Friedrich Nietzsche schrieb in einem seltenen Augenblick tiefer Stille: »›Zum Glück, wie wenig genügt
schon zum Glücke!‹ … Das wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein
Hauch, ein Husch, ein AugenBlick - wenig macht die Art des besten Glücks.«22
Wie kommt es, dass uns »das Wenigste« »das beste Glück« beschert? Weil wahres Glück nicht durch
das jeweilige Ding oder Ereignis verursacht wird, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht. Das Ding
oder Ereignis ist so subtil, so unaufdringlich, dass es nur einen kleinen Teil deines Bewusstseins
beansprucht - was bleibt, ist innerer Raum, reines Bewusstsein, ungetrübt von Form. Innerer Raum,
Bewusstsein und das, was du deinem Wesen nach bist, sind ein und dasselbe. Mit anderen Worten: Die
Form unbedeutender Dinge lässt Raum für innere Weite. Und aus dieser inneren Weite geht das
unkonditionierte Bewusstsein, jenes wahre Glück, die Freude des Seins hervor. Um die unscheinbaren,
stillen Dinge wahrnehmen zu können, musst du allerdings innerlich still werden. Ein hohes Maß an
Aufmerksamkeit ist gefordert. Werde still. Schau hin. Lausche. Sei präsent.
Hier noch ein Vorschlag, wie du den inneren Raum finden kannst: Werde dir deiner Bewusstheit
bewusst. Sage oder denke: »Ich bin«, ohne dem etwas hinzuzufügen. Mach dir die Stille bewusst, die
auf das Ich-bin folgt. Spüre deine Gegenwärtigkeit, das nackte, unverschleierte, unverhüllte Sosein. Es
ist unberührt von Eigenschaften wie jung oder alt, reich oder arm, gut oder schlecht oder anderen
Attributen. Es ist der weite Schoß aller Schöpfung, aller Form.
Hörst du den Gebirgsbach?
Ein Zenmeister ging einmal schweigend mit einem Schüler einen Bergpfad entlang. Bei einer alten Zeder
angekommen, ließen die beiden sich zu einem einfachen Mahl aus Reis und Gemüse nieder. Nach der
Mahlzeit brach der Schüler, der den Schlüssel zum Geheimnis des Zen noch nicht gefunden hatte, das
Schweigen und fragte den Meister: »Meister, wie trete ich ins Zen ein?«
Er wollte natürlich wissen, wie man in den Bewusstseinszustand des Zen eintritt.
Der Meister schwieg. Nahezu fünf Minuten vergingen, während der Schüler begierig auf eine Antwort
wartete. Er wollte eben eine neue Frage stellen, als der Meister auf einmal sagte: »Hörst du das
Murmeln des Gebirgsbachs?«
Der Schüler hatte gar keinen Gebirgsbach bemerkt. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, über
den Sinn des Zen nachzudenken. Jetzt, während er auf das Geräusch horchte, wurde es still in seinem
lärmerfüllten Kopf. Zuerst hörte er nichts. Dann machte sein Denken einer gesteigerten Aufmerksamkeit
Platz, und plötzlich hörte er das kaum wahrnehmbare Murmeln eines Bächleins in weiter Ferne.
»Ja, jetzt höre ich es«, sagte er.
Der Meister hob den Finger und sagte mit einem Blick in den Augen, der sowohl streng als auch gütig
war: »Tritt von dort her ins Zen ein.«
Der Schüler war überwältigt. Es war sein erstes Satori - eine blitzartige Erleuchtung. Nun wusste er,
was Zen war, ohne zu wissen, was das war, was er wusste!
Sie setzten schweigend ihren Weg fort. Der Schüler staunte über die Lebendigkeit der Welt ringsum.
Er erlebte alles so, als sei es das erste Mal. Allmählich jedoch setzte das Denken wieder ein. Über die
wache Stille legte sich wieder der mentale Lärm, und bald kam ihm eine neue Frage in den Sinn.
»Meister«, sagte er, »ich habe nachgedacht. Was hättest du gesagt, wenn ich den Gebirgsbach nicht
hätte hören können?« Der Meister blieb stehen, sah ihn an, hob den Finger und sagte: »Tritt von dort
her ins Zen ein.«
Rechtes Handeln
Das Ego fragt: Wie schaffe ich es, dass in dieser Situation meine Bedürfnisse befriedigt werden, oder
wie kann ich in eine andere Situation kommen, die meine Bedürfnisse garantiert befriedigt?
Gegenwärtigkeit ist ein Zustand innerer Weite. Wenn du gegenwärtig bist, fragst du: Wie kann ich den
Erfordernissen dieser Situation, dieses Augenblicks gerecht werden? Im Grunde brauchst du diese
Frage gar nicht zu stellen. Du bist einfach still, hellwach und für das offen, was ist. Du gibst der Situation
eine neue Dimension: Raum. Dann siehst du hin und hörst hin. So wirst du eins mit der Situation. Wenn
du mit einer Situation eins wirst, statt dich gegen sie zu wehren, ergibt sich die Lösung aus der Situation
selbst. Eigentlich bist nicht du, die Person, es, die sieht und hört, sondern es ist die wache Stille selbst.
Dann handelst du, falls Handeln möglich oder nötig ist, genauer gesagt, du lässt rechtes Handeln durch
dich geschehen. Rechtes Handeln ist ein Handeln, das dem Ganzen dient. Auch nach vollbrachter Tat
bleibt die weite, wache Stille erhalten. Da ist niemand, der triumphierend die Arme über den Kopf wirft
und ein trotziges »Ha!« ruft. Niemand sagt: »Sieh mal, das habe ich gemacht.«
Alle Kreativität entspringt innerer Weite. Ist die Schöpfung geschehen und hat etwas Form
angenommen, musst du aufpassen, dass sich kein Empfinden von »ich« oder »mein« einstellt. Wenn du
dir selbst anrechnest, was du geleistet hast, ist das Ego zurückgekehrt, und schon verliert sich die
Weite.
Wahrnehmen ohne zu benennen
Die meisten Menschen sind sich nur beiläufig ihrer Umwelt bewusst, besonders, wenn ihre Umgebung
ihnen vertraut ist. Die Stimme in ihrem Kopf nimmt den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch.
Manche Leute fühlen sich lebendiger, wenn sie unbekannte Orte oder fremde Länder bereisen, denn
dabei beanspruchen Sinneswahrnehmungen - Erfahrungen - mehr von ihrem Bewusstsein als das
Denken. Dann sind sie präsenter. Manche sind jedoch selbst dann noch vollkommen der Stimme in
ihrem Kopf ausgeliefert. Ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen werden durch sofortige Bewertung
verzerrt. Sie sind eigentlich gar nicht unterwegs. Nur ihr Körper reist, während sie selber da bleiben, wo
sie immer waren: im Kopf.
So sieht die Wirklichkeit der meisten Menschen aus: Sobald etwas wahrgenommen wird, wird es vom
Phantomselbst, dem Ego, benannt, interpretiert, mit etwas anderem verglichen, geschätzt, verabscheut
und als gut oder schlecht bewertet. Die Leute sind in Gedankenformen, im Objektbewusstsein gefangen.
Du kannst erst spirituell erwachen, wenn das zwanghafte, unbewusste Benennen abklingt oder du dir
seiner zumindest bewusst wirst, sodass du es beobachten kannst, während es geschieht. Es ist dieses
ständige Benennen, das dem Ego als dem unbeobachteten Denken seinen Platz sichert. Sobald es
jedoch nachlässt oder du dir wenigstens seiner bewusst wirst, entsteht innerer Raum, und dann bist du
nicht länger Sklave deines Denkens.
Nimm einmal einen Gegenstand zur Hand - zum Beispiel einen Stift, einen Stuhl, eine Tasse, eine
Pflanze - und erkunde ihn mit deinen Augen, das heißt, schau ihn dir voller Interesse, ja mit einer
gewissen Neugier an. Wähle möglichst kein Objekt mit einem starken persönlichen Bezug, der dich an
die Vergangenheit erinnert, etwa daran, wo du es gekauft hast oder wer es dir geschenkt hat usw.
Vermeide auch Dinge, die beschriftet sind, wie Bücher oder Flaschen. Sie würden zum Denken anregen.
Sei entspannt, aber wachsam, ohne dich anzustrengen, und richte deine gesammelte Aufmerksamkeit
auf den Gegenstand, auf jedes Detail. Falls Gedanken in dir aufsteigen, lass dich nicht auf sie ein. Du
bist nicht an den Gedanken interessiert, sondern an der reinen Wahrnehmung. Kannst du etwas
wahrnehmen, ohne zu denken? Kannst du etwas sehen, ohne dass die Stimme in deinem Kopf es
kommentiert, Schlüsse zieht, vergleicht oder etwas zu erklären versucht? Lass deinen Blick nach einigen
Minuten durch das Zimmer oder den Ort schweifen, in dem du dich gerade befindest, und lass deine
wache Aufmerksamkeit jeden Gegenstand erhellen, auf dem sie ruht.
Horch nun auf einzelne Geräusche, die vielleicht da sind. Lausche auf sie genau so, wie du die Dinge
in deiner Umgebung betrachtet hast. Manche Geräusche sind wahrscheinlich natürlich - Wasser, Wind,
Vögel -, während andere künstlich erzeugt werden. Einige sind angenehm, andere unangenehm.
Unterscheide aber nicht zwischen gut und schlecht. Lass jedes Geräusch so sein, wie es ist, ohne es zu
interpretieren. Auch hierbei ist entspannte, aber wache Aufmerksamkeit entscheidend.
Wenn du in dieser Art siehst und hörst, wirst du dir unter Umständen eines zarten, zuerst vielleicht
kaum wahrnehmbaren Gefühls der Ruhe bewusst. Manche Leute empfinden es als Stille im Hintergrund.
Andere nennen es Frieden. Sobald das Bewusstsein nicht mehr total vom Denken eingenommen ist,
bleibt ein Teil von ihm in seinem formlosen, unkonditionierten ursprünglichen Zustand erhalten. Das ist
der innere Raum.
Wer macht die Erfahrung?
Was du siehst und hörst, schmeckst, berührst und riechst, sind natürlich Sinnesobjekte. Es ist das, was
du erfährst. Aber wer macht eigentlich die Erfahrung? Wenn du jetzt sagst: »Natürlich bin ich es,
Lieschen Müller, leitende kaufmännische Angestellte, 45 Jahre alt, geschieden, Mutter von zwei Kindern,
die die Erfahrungen macht«, irrst du dich. Lieschen Müller und alles, was sich mit der mentalen
Vorstellung von Lieschen Müller verbinden mag, sind Gegenstand der Erfahrung, aber nicht das Subjekt,
das die Erfahrung macht.
Jede Erfahrung besteht im Allgemeinen aus drei Bestandteilen: aus Sinneswahrnehmungen,
Gedanken oder mentalen Bildern und Empfindungen. Lieschen Müller, leitende kaufmännische
Angestellte, 45 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, geschieden - das alles sind Gedanken und daher Teil
dessen, was du in dem Augenblick erfährst, in dem du sie denkst. Sie und alles, woran du denken und
was du darüber sagen kannst, sind das Objekt, nicht das Subjekt. Sie sind die Erfahrung und nicht
derjenige, der diese Erfahrung macht. Du kannst dich noch durch tausend andere Dinge (Gedanken)
definieren und wirst dadurch sicher die Komplexität deiner Selbsterfahrung (und das Einkommen deines
Psychiaters) erhöhen, aber so wirst du nie beim Subjekt ankommen, bei dem, der allen Erfahrungen
vorausgeht und ohne den keine Erfahrung möglich wäre.
Wer also macht die Erfahrung? Du. Und wer bist du? Bewusstsein. Und was ist Bewusstsein? Diese
Frage lässt sich nicht beantworten. In dem Augenblick, in dem du sie beantwortest, hast du es schon
verfälscht und zum Gegenstand gemacht. Bewusstsein, traditionell Geist genannt, kann nicht im
normalen Wortsinne erkannt werden, weshalb es fruchtlos ist, danach zu trachten. Alles Erkennen gehört
dem Reich der Dualität an - Subjekt und Objekt, Erkennender und Erkanntes. Das Subjekt, das Ich, der
Erkennende, ohne den nichts erkannt, wahrgenommen, gedacht oder gefühlt werden kann, bleibt für
immer unerkennbar. Das liegt daran, dass das Ich keine Form hat. Nur Form kann erkannt werden, und
doch kann die Welt der Form ohne die Dimension der Formlosigkeit nicht bestehen. Sie ist der
leuchtende Raum, in dem die Welt entsteht und vergeht. Dieser Raum ist das Leben, das Ich-bin. Er ist
zeitlos. Ich bin zeitlos, ewig. Was in jenem Raum geschieht, ist relativ und zeitgebunden: Lust und Leid,
Gewinn und Verlust, Geburt und Tod.
Was die Entdeckung des inneren Raums, das Auffinden dessen, der die Erfahrung macht, am
stärksten behindert, ist das Gefesseltsein von der Erfahrung, in dem du dich verlierst. Es bedeutet, dass
das Bewusstsein sich in seinem eigenen Traum verirrt. Du wirst von jeder Emotion und jedem Gedanken
in solchem Maße eingenommen, dass du tatsächlich in einem traumähnlichen Zustand lebst. Dies ist der
Normalzustand der Menschheit seit Tausenden von Jahren.
Nun kannst du zwar das Bewusstsein selbst nicht erkennen, aber es kann dir als dein Selbst bewusst
werden. Du kannst es in jeder Situation unmittelbar spüren, egal, wo du bist. Du kannst es hier und jetzt
als deine eigene Präsenz spüren, als inneren Raum, in dem die Worte auf dieser Buchseite
wahrgenommen werden und sich in Gedanken verwandeln. Es ist das grundlegende Ich-bin. Die Worte,
die du liest und denkst, schaffen den Vordergrund, während das Ich-bin das Substrat dazu bildet, den
tiefer liegenden Urgrund aller Gedanken, Erfahrungen und Gefühle.
Der Atem
Entdecke den inneren Raum, indem du Lücken im Strom des Denkens erzeugst. Ohne diese
Unterbrechungen wiederholen sich die Gedanken ständig und sind ohne jede Inspiration und Kreativität,
wie es bei den meisten Menschen auf dieser Erde der Fall ist. Du brauchst dir keine Gedanken um die
Länge dieser Pausen zu machen. Ein paar Sekunden genügen. Allmählich werden sie von selber länger,
ohne dass du dich anstrengen musst. Wichtiger als ihre Länge ist es, dass sie möglichst oft eintreten,
sodass in deinen Alltagsaktivitäten und im Strom deiner Gedanken viel Zwischenraum entsteht.
Jemand hat mir vor kurzem das Jahresprogramm einer großen spirituellen Organisation gezeigt. Als ich
es überflog, war ich beeindruckt von der Vielzahl interessanter Seminare und Workshops. Es erinnerte
mich an ein Smørgasbord, eines jener skandinavischen Buffets, wo man die Auswahl unter unglaublich
vielen verlockenden Gerichten hat. Der Betreffende fragte mich, ob ich ihm ein oder zwei Kurse
empfehlen könnte. »Ich weiß nicht recht«, sagte ich, »sie sehen alle gleichermaßen interessant aus.«
»Aber eins weiß ich«, fügte ich dann hinzu. »Mach dir möglichst oft, wann immer es dir einfällt, deinen
Atem bewusst. Wenn du das ein Jahr lang tust, hat es eine stärkere transformative Kraft als die
Teilnahme an all den Kursen zusammen. Und es kostet nichts.«
Sich seiner Atmung bewusst zu sein zieht Aufmerksamkeit vom Denken ab und schafft Raum. Es ist
eine Möglichkeit, Bewusstheit zu erzeugen. Das Bewusstsein in seiner Fülle ist zwar im Unmanifestierten
schon da, aber wir sind hier, um auch unsere Dimension hier mit Bewusstheit zu erfüllen.
Werde dir deiner Atmung bewusst. Achte auf die Empfindung des Atmens. Spüre, wie die Luft in
deinen Körper einströmt und wieder ausströmt. Achte darauf, wie sich Brust und Bauch beim Einatmen
jedesmal leicht ausdehnen und beim Ausatmen wieder leicht zusammenziehen. Ein bewusster Atemzug
genügt, um dort Raum zu schaffen, wo vorher die Gedanken einander in ununterbrochener Folge jagten.
Viele Male am Tag einen bewussten Atemzug zu machen (zwei oder drei wären noch besser) ist ein
ausgezeichnetes Mittel, um Raum ins Leben zu bringen. Selbst wenn du zwei Stunden oder länger über
deinen Atem meditierst, wie es manche Leute tun, genügt ein einziger Atemzug, um dir bewusst zu
werden, ja, der eine Atemzug ist überhaupt das Einzige, was dir bewusst werden kann. Alles Übrige ist
Erinnerung oder Erwartung, also Denken. Atmen ist weniger etwas, das du tust, als vielmehr etwas,
dessen Zeuge du wirst, während es geschieht. Die Atmung funktioniert von allein. Die dem Körper
innewohnende Intelligenz sorgt dafür. Du brauchst diesen Vorgang einfach nur zu beobachten. Es
erfordert weder Mühe noch Anstrengung. Achte auch auf die kurzen Unterbrechungen in der
Atemtätigkeit, besonders auf die Pause nach dem Ausatmen, die ganz natürlich entsteht, bevor du
wieder einatmest.
Viele Menschen haben einen unnatürlich flachen Atem. Je mehr du dir deines Atems bewusst wirst,
umso mehr von seiner natürlichen Tiefe gewinnt er zurück.
Da der Atem an sich keine Form hat, wird er seit uralten Zeiten mit dem Geist gleichgesetzt - mit dem
formlosen einen Leben. »Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den
Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.«23 Das deutsche
Wort atmen stammt aus dem altindischen Sanskrit und ist von Atman abgeleitet, womit der allem
innewohnende göttliche Geist oder der innere Gott gemeint ist.
Die Tatsache, dass der Atem keine Form hat, ist einer der Gründe, warum das Atembewusstsein eine
höchst effektive Methode ist, im Leben Raum oder Bewusstsein zu schaffen. Der Atem ist ein idealer
Meditationsgegenstand, eben weil er kein Objekt ist und weder Gestalt noch Form hat. Ein weiterer
Grund ist der, dass der Atem etwas so Subtiles und scheinbar Unbedeutendes ist, das »Wenigste«, das
laut Nietzsche das »beste Glück« beschert. Ob du das Atembewusstsein tatsächlich in deine
Meditationspraxis einbeziehst, bleibt dir selbst überlassen. Die herkömmliche Meditation ist jedoch kein
Ersatz dafür, im Alltagsleben ein Raumbewusstsein zu entwickeln.
Dir deines Atems bewusst zu sein zwingt dich in den gegenwärtigen Augenblick - es ist der Schlüssel
für alle innere Transformation. Jedes Mal, wenn du dir deines Atems bewusst wirst, bist du absolut
präsent. Vielleicht fällt dir auch auf, dass du nicht gleichzeitig denken und dir deines Atems bewusst sein
kannst. Bewusstes Atmen bringt dein Denken zum Stillstand. Doch im Gegensatz zu jemandem, der in
Trance oder halb im Schlaf ist, bist du hellwach und voll da. Du sinkst nicht unter die Schwelle des
Denkens, sondern erhebst dich über sie. Und wenn du genau hinschaust, entdeckst du, dass die zwei
Dinge - ganz in den gegenwärtigen Augenblick zu kommen und gedankenleer zu werden, ohne das
Bewusstsein zu verlieren - im Grunde ein und dasselbe sind: das Heraufdämmern des
Raumbewusstseins.
Sucht
Ein langfristig bestehendes Zwangsverhaltensmuster kann als Sucht bezeichnet werden, und eine
solche Sucht bildet eine Pseudo- oder Unterpersönlichkeit in dir, ein Energiefeld, das dich zeitweise
vollkommen vereinnahmt. Es beherrscht sogar dein Denken, die Stimme in deinem Kopf, die dann zur
Stimme der Sucht wird. Sie sagt vielleicht: »Du hattest einen anstrengenden Tag. Du hast dir eine
Abwechslung redlich verdient. Warum solltest du dir den einzigen Genuss versagen, den das Leben dir
noch bietet?« Und schon bist du, sofern du dich aus mangelnder Bewusstheit mit deiner inneren Stimme
identifizierst, auf dem Weg zum Kühlschrank, um dir ein Stück von der leckeren Schokoladentorte zu
holen. Bisweilen lässt die Sucht den Umweg über das Denken sogar ganz aus, und dann merkst du
plötzlich, dass du eine Zigarette rauchst oder einen Drink in der Hand hast. »Wie kommt denn die
Zigarette (das Glas) in meine Hand?« Du hast dir eine Zigarette aus der Schachtel genommen und
angezündet oder dir einen Drink eingegossen, ohne dir dessen bewusst zu sein.
Wenn du zu zwanghaften Verhaltensmustern neigst wie Rauchen, exzessiv Essen, Trinken,
Fernsehen, Surfen im Internet oder sonst etwas, kannst du Folgendes tun: Halte inne, sobald du die
Sucht in dir aufsteigen spürst, und tue drei bewusste Atemzüge. Das sorgt für Bewusstheit. Mach dir
anschließend ein paar Minuten lang deine Abhängigkeit als Energiefeld in deinem Innern bewusst.
Vergegenwärtige dir das Bedürfnis, physisch oder geistig etwas Bestimmtes zu konsumieren oder dem
Verlangen nach irgendeinem zwanghaften Verhalten nachzugeben. Atme noch ein paarmal bewusst ein
und aus. Danach stellst du möglicherweise fest, dass das zwanghafte Verlangen weg ist - vorläufig
jedenfalls. Oder es ist übermächtig, und du kannst nicht anders, als dich entsprechend zu verhalten.
Mach kein Problem daraus. Nimm die Sucht auf die oben beschriebene Weise in deine
Bewusstseinsübungen auf. Sowie deine Bewusstheit zunimmt, werden die Suchtmuster schwächer und
lösen sich schließlich ganz auf. Vergiss aber nicht, jeden Gedanken, der dein Suchtverhalten
rechtfertigen will - und das manchmal mit sehr cleveren Argumenten -, sofort bei seinem Erscheinen
anzuhalten. Frage dich: Wer redet da eigentlich? Und dann merkst du, dass es die Sucht ist. Solange du
das weißt, solange du als Beobachter deines Denkens präsent bist, kann sie dich nicht so leicht dazu
überlisten, ihr zu Willen zu sein.
Das Bewusstsein für den inneren Körper
Eine weitere einfache, aber hoch wirksame Methode, den Raum in diesem Leben zu entdecken, ist eng
mit dem Atem verbunden. Während du aufmerksam dem sanften Luftstrom folgst, der in deinen Körper
ein- und wieder ausströmt, und fühlst, wie sich Brust und Bauch entsprechend heben und senken, wirst
du dir auch deines inneren Körpers bewusst. Dann kannst du deine Aufmerksamkeit vom Atem auf die
Lebendigkeit richten, die du innerlich spürst und die deinen ganzen Körper durchdringt.
Die meisten Leute lassen sich so sehr von ihren Gedanken zerstreuen und identifizieren sich so stark
mit der Stimme in ihrem Kopf, dass sie die Lebendigkeit in ihrem Innern gar nicht mehr spüren können.
Das Leben, das den physischen Körper beseelt, das Leben, das du selber bist, nicht mehr spüren zu
können ist der schlimmste Verlust, der dich treffen kann. Dann beginnst du nicht nur, nach Ersatz für das
natürliche Wohlbefinden im Innern zu suchen, sondern auch nach etwas, womit sich das ständige
Unbehagen überdecken lässt, das sich einstellt, wenn du nicht mit der inneren Lebendigkeit in
Berührung bist, die zwar immer da ist, meist jedoch übersehen wird. So suchen die Leute unter anderem
Ersatz in einem Drogenrausch, in einer Überreizung der Sinne, zum Beispiel durch dröhnend laute
Musik, in prickelnder Spannung, gefahrvollen Aktivitäten oder zwanghaftem Sex. Selbst
Beziehungsdramen werden als Ersatz für das echte Gefühl der Lebendigkeit benutzt.
Der beliebteste Ausweg aus dem latent vorhandenen Unbehagen ist die Suche nach einer intimen
Beziehung: nach einem Mann oder einer Frau, die »mich glücklich machen« wird. Das ist natürlich auch
eine der häufigsten Enttäuschungen. Und wenn das Unbehagen wieder da ist, geben die Leute
normalerweise ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin die Schuld daran.
Atme zwei- oder dreimal bewusst ein und aus. Sieh jetzt, ob du ein feines Gefühl von Lebendigkeit
wahrnehmen kannst, das deinen ganzen inneren Körper erfüllt. Kannst du deinen Körper sozusagen von
innen fühlen? Spüre einen Augenblick lang bestimmte Körperteile. Spüre deine Hände, dann die Arme,
die Füße, die Beine. Kannst du Bauch, Brust, Hals und Kopf spüren? Wie steht es mit deinen Lippen? Ist
Leben in ihnen? Mach dir nun noch einmal den inneren Körper als Ganzes bewusst. Anfangs wirst du bei
dieser Übung vielleicht die Augen schließen wollen; öffne sie aber, sobald du deinen inneren Körper
spürst, und dann schau umher und fühle ihn dabei weiterhin. Manche Leser werden es nicht für nötig
halten, die Augen zu schließen, denn sie können ihren inneren Körper spüren, während sie dies lesen.
Innerer und äußerer Raum
Dein innerer Körper ist nichts Festes, sondern Raum. Er ist nicht etwa deine physische Form, sondern
das Leben, das die physische Form beseelt. Er ist die Intelligenz, die den Körper erschuf und die ihn
erhält, die gleichzeitig hundert verschiedene Funktionen von so außergewöhnlicher Komplexität lenkt,
dass der menschliche Verstand nur einen winzigen Bruchteil davon begreifen kann. Wenn du dir ihrer
bewusst wirst, wird sich in Wirklichkeit diese Intelligenz ihrer selbst bewusst. Es ist das nicht fassbare
»Leben«, das noch kein Wissenschaftler hat finden können, weil das Bewusstsein, das danach sucht,
das Gesuchte ist.
Physiker haben entdeckt, dass die scheinbare Festigkeit der Materie eine Sinnestäuschung ist. Das
gilt auch für den physischen Körper, den wir uns als Form vorstellen und als solche wahrnehmen, der
aber zu 99,99 Prozent aus leerem Raum besteht. So groß ist der Raum zwischen den Atomen im
Verhältnis zu ihrer Größe, und ebenso viel Raum ist darüber hinaus auch im Innern eines jeden Atoms.
Der physische Körper ist nichts weiter als eine falsche Vorstellung, die du dir von dir selbst machst. Er ist
in vieler Hinsicht eine mikrokosmische Version des Weltraums. Um eine gewisse Vorstellung davon zu
bekommen, wie unermesslich groß der Raum zwischen den einzelnen Himmelskörpern ist, solltest du
einmal Folgendes bedenken: Licht mit seiner Geschwindigkeit von 300 000 Kilometern pro Sekunde
braucht nur gut eine Sekunde für die Strecke zwischen Erde und Mond; das Licht der Sonne benötigt
acht Minuten, um die Erde zu erreichen. Das Licht von einem unserer nächsten Nachbarn im All, einem
Stern mit Namen Proxima Centauri, einer Sonne, die unserer eigenen am ähnlichsten ist, ist bis zur Erde
viereinhalb Jahre unterwegs. So groß sind die räumlichen Dimensionen in unserer Galaxie. Und dann
gibt es noch den intergalaktischen Raum, dessen Weite unvorstellbar ist. Licht von der Galaxie, die uns
am nächsten ist, dem Andromedanebel, braucht 2,4 Millionen Jahre, um bei uns anzukommen. Ist es
nicht ein Wunder, dass unser Körper ebenso unermesslich ist wie das Universum?
Es stellt sich also heraus, dass der physische Körper, die Form, im Wesentlichen formlos ist, wenn
man tiefer geht. Er wird zum Tor, das den inneren Raum erschließt. Obwohl der innere Raum keine Form
hat, ist er doch höchst lebendig. Dieser »leere Raum« ist das Leben in all seiner Fülle, die
unmanifestierte Quelle, aus der unablässig alles hervorgeht. Das gebräuchliche Wort für diese Quelle ist
»Gott«.
Gedanken und Worte gehören der Formenwelt an; sie können das Formlose nicht ausdrücken. Wenn
du also sagst: »Ich spüre meinen inneren Körper«, ist das eine falsche Vorstellung, die aus dem Denken
entsteht. In Wirklichkeit wird sich das Bewusstsein, das als Körper in Erscheinung tritt - das Bewusstsein
des Ich-bin - seiner selbst bewusst. Wenn ich das, was ich bin, nicht länger mit der vorübergehenden
Form dieses »Ich« verwechsle, kann die Dimension des Grenzenlosen und Ewigen - Gott - durch »mich«
zum Ausdruck kommen und »mich« leiten. Sie befreit mich auch von meiner Haftung an die Form. Die
rein intellektuelle Erkenntnis, dass »ich nicht diese Form bin«, nützt allerdings nichts. Die alles
entscheidende Frage ist: Kann ich in diesem Augenblick die Präsenz eines inneren Raums spüren,
genauer gesagt: Kann ich meine eigene Präsenz spüren oder noch genauer: Kann ich die Präsenz
spüren, die ich bin?
Wir können diese Wahrheit aber auch erforschen, indem wir einem anderen Wegweiser folgen. Stelle
dir einmal die Frage: »Bin ich mir nicht nur dessen bewusst, was in diesem Augenblick geschieht,
sondern auch des Jetzt als des lebendigen, zeitlosen inneren Raums, in dem alles geschieht?« Diese
Frage scheint zwar nichts mit dem inneren Körper zu tun zu haben, aber du wirst überrascht feststellen,
dass du plötzlich innerlich viel lebendiger bist, wenn du den Raum als das Jetzt gewahr wirst. Du spürst
die Lebendigkeit des inneren Körpers - die Lebendigkeit, die untrennbar zur Freude des Seins gehört.
Wir müssen in den Körper hineingehen, um über ihn hinauszugelangen und herauszufinden, dass wir
nicht der Körper sind.
Schaffe so oft wie möglich in deinem Lebensalltag Raum, indem du dir den inneren Körper bewusst
machst. Spüre immer, wenn du irgendwo wartest, jemandem zuhörst oder innehältst, um zum Himmel
emporzuschauen oder einen Baum, eine Blume, deinen Partner oder ein Kind zu betrachten, zugleich die
Lebendigkeit in deinem Innern. Das heißt, ein Teil deiner Aufmerksamkeit bzw. deines Bewusstseins
bleibt formlos, während der übrige Teil für die äußere Welt der Form zur Verfügung steht. Wenn du
deinen Körper auf diese Weise »bewohnst«, dient dir das als Anker, um im Jetzt präsent zu bleiben.
Dann bewahrt es dich davor, dich im Denken, in Empfindungen oder äußeren Umständen zu verlieren.
Sobald du denkst, fühlst, wahrnimmst und Erfahrungen machst, nimmt Bewusstsein Form an. Es
reinkarniert sich - als Gedanke, Gefühl, Sinneswahrnehmung oder Erfahrung. Der Kreislauf der
Wiedergeburten, dem die Buddhisten letztendlich zu entrinnen hoffen, ist unentwegt im Gange, und nur
in diesem gegenwärtigen Augenblick - durch die Kraft des Jetzt - kannst du dich daraus befreien. Indem
du das Jetzt in seiner jeweiligen Form bedingungslos annimmst, richtest du dich innerlich auf den Raum
aus, der das Wesen des Jetzt ist. Durch Akzeptanz wirst du innerlich weit. Durch Ausrichtung auf den
Raum statt auf die Form kommt wahre Orientierung und Ausgewogenheit in dein Leben.
Die Lücken wahrnehmen
Den ganzen Tag über hörst und siehst du Dinge, die unablässig in ständigem Wechsel aufeinander
folgen. Im ersten Moment, in dem du etwas siehst oder hörst - umso mehr, wenn es sich um etwas
handelt, das dir nicht vertraut ist - und bevor der Verstand es benennen und auswerten kann, entsteht im
Allgemeinen eine Pause, die von wacher Aufmerksamkeit erfüllt ist und in der die Wahrnehmung
stattfindet. Das ist der innere Raum. Wie lange er sich öffnet, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Er
wird leicht übersehen, denn bei den meisten Leuten sind diese »Pausen« extrem kurz, vielleicht nur eine
Sekunde lang oder kürzer.
Folgendes geschieht: Etwas Neues kommt in Sicht oder ein neuer Klang trifft dein Ohr, und im
Augenblick der Wahrnehmung tritt eine kurze Unterbrechung im gewohnten Strom der Gedanken ein.
Das Bewusstsein wird vom Denken abgezogen, weil es für die betreffende Sinneswahrnehmung
gebraucht wird. Bei einem sehr ungewöhnlichen Anblick oder Ton verschlägt es dir unter Umständen
sogar »die Sprache«, auch innerlich, sodass eine längere Pause entsteht.
Von der Häufigkeit und Dauer dieser Unterbrechungen hängt deine Fähigkeit ab, dich des Lebens zu
freuen und sowohl deine innere Verbundenheit mit anderen Menschen als auch mit der Natur zu fühlen.
Sie bestimmt auch, in welchem Maße du frei vom Ego bist, denn zum Ego gehört die totale
Unbewusstheit in Bezug auf die Raumdimension.
Sowie du dir der kurzen, von selbst entstehenden Lücken bewusst wirst, werden sie größer, und
während sie größer werden, genießt du immer häufiger die Freude, wenig unterbrochen oder völlig
ungestört vom Denken wahrzunehmen. Dann empfindest du die Welt ringsum als frisch, neu und
lebendig. Je mehr du das Leben durch die mentale Brille des abstrakten begrifflichen Denkens
wahrnimmst, umso lebloser und flacher erscheint dir deine Umwelt.
Sich selbst verlieren, um sich zu finden
Der innere Raum entsteht auch dann, wenn du dem Bedürfnis widerstehst, dein formales Selbst (deine
Person) zu betonen. Dieses Bedürfnis kommt vom Ego. Es ist kein echtes Bedürfnis. Wir haben diesen
Punkt schon kurz berührt. Immer wenn du eines dieser Verhaltensmuster aufgibst, entsteht innerer
Raum. Du wirst wahrhaftiger du selbst. Für das Ego sieht es so aus, als würdest du dich verlieren, dabei
ist das Gegenteil richtig. Jesus sagte schon, dass man sich selbst verlieren muss, um sich zu finden.
Immer wenn du eines dieser Muster fallen lässt, wird das, was dich auf der Ebene der Form ausmacht,
schwächer, und dann kommt das deutlicher zum Vorschein, was du jenseits der Form bist. Du wirst
weniger und doch mehr.
Hier einige Beispiele, wie Menschen sich unbewusst in ihrem formalen Selbst zu bestärken versuchen.
Wenn du sehr wachsam bist, kannst du vielleicht einige dieser unbewussten Verhaltensmuster in dir
selbst aufspüren: dass du Anerkennung verlangst für etwas, das du getan hast, und verstimmt oder
wütend bist, wenn sie dir versagt wird; dass du versuchst, Aufmerksamkeit zu erregen, indem du ständig
über deine Probleme sprichst, deine Krankengeschichte zum Besten gibst oder jemandem eine Szene
machst; dass du ungefragt deine Meinung äußerst, ohne damit etwas an der Situation zu verändern;
dass du in erster Linie darum besorgt bist, wie andere Personen dich sehen, sie also zur
Selbstbespiegelung oder Selbstbestätigung benutzt; dass du mit deinem Besitz, Wissen, guten
Aussehen, Status, deiner körperlichen Kraft usw. Eindruck auf andere machen willst; dass du durch eine
wütende Reaktion auf etwas oder jemanden dein Ego kurzfristig aufblähst; dass du Dinge persönlich
nimmst und beleidigt bist; dass du Recht haben und andere ins Unrecht setzen willst, indem du dich im
Stillen oder laut beklagst; dass du auffallen oder bedeutend erscheinen willst.
Sobald du ein solches Muster in dir aufgespürt hast, solltest du ein Experiment durchführen. Finde
heraus, wie es sich anfühlt und was geschieht, wenn du dieses Muster fallen lässt. Lass es einfach
fallen und sieh, was geschieht.
Dich auf der Ebene der Form zurückzunehmen ist eine weitere Methode, Bewusstheit zu erlangen.
Entdecke die gewaltige Kraft, die durch dich in die Welt strömt, wenn du dein formales Selbst nicht mehr
betonst.
Stille
Es heißt: »Stille ist die Sprache Gottes, und alles andere ist eine schlechte Übersetzung.« Stille ist in
Wahrheit ein anderes Wort für Raum. Uns der Stille bewusst zu werden, sobald wir ihr im Leben
begegnen, verbindet uns mit der formlosen und zeitlosen Dimension in uns, die jenseits des Denkens
liegt, jenseits des Ego. Das kann die Stille sein, die in der Natur herrscht, die Stille in deinem Zimmer in
der Morgenfrühe oder die Stille zwischen den Geräuschen. Stille hat keine Form, darum können wir sie
nicht durch Denken wahrnehmen. Denken ist Form. Sich der Stille bewusst zu werden bedeutet, still zu
sein. Stillsein ist Gewahrsein ohne Denken. Du bist nie tiefer und essenzieller du selbst als dann, wenn
du still bist. In der Stille bist du, wie du warst, bevor du für eine gewisse Zeit diese physische und
mentale Form angenommen hast, die »Person« genannt wird. Dann bist du auch so, wie du sein wirst,
wenn sich die Form wieder auflöst. In deiner Stille bist du das, was du jenseits deiner zeitlichen Existenz
bist: reines Bewusstsein - unkonditioniert, formlos und ewig.
9

Das innere Ziel

Sobald es nicht mehr nur ums Überleben geht, gewinnt die Frage nach dem Sinn und Zweck des Lebens
überragende Bedeutung. Viele Menschen empfinden ihren Lebensalltag als etwas, das sie in der
Bedeutungslosigkeit versinken lässt. Manche glauben, dass das Leben an ihnen vorbeigeht oder schon
an ihnen vorbeigegangen ist. Andere empfinden die Anforderungen ihres Berufes, die Sorge für ihre
Familie, ihre finanzielle Situation oder ihre Lebensumstände als bedrückende Einschränkung. Einige
leiden unter akutem Stress, andere unter akuter Langeweile. Die einen treibt Arbeitswut an, die anderen
lähmt Trägheit. Viele wünschen sich die Freiheit und die Erweiterung ihrer Möglichkeiten, die Wohlstand
verheißt. Einige genießen bereits die relative Freiheit, die Wohlstand mit sich bringt, merken jedoch,
dass auch das nicht reicht, um ihr Leben mit Sinn zu erfüllen. Es gibt nichts, was den wahren Sinn des
Lebens ersetzen kann. Aber der eigentliche, ursprüngliche Sinn und Zweck des Lebens ist nicht außen
zu finden. Er liegt nicht in dem, was wir tun, sondern in dem, was wir sind - in unserem Bewusstsein.
Das Wichtigste ist deshalb, sich Folgendes klar zu machen: Das Leben hat ein inneres und ein
äußeres Ziel. Das innere Ziel betrifft das Sein und ist vorrangig. Das äußere Ziel betrifft das Handeln
und ist zweitrangig. Im vorliegenden Buch geht es zwar hauptsächlich um das innere Ziel, aber in diesem
wie im nächsten Kapitel wird auch die Frage erörtert, wie äußeres und inneres Ziel zu vereinbaren sind.
Innen und Außen sind allerdings so eng miteinander verwoben, dass man kaum über das eine ohne das
andere sprechen kann.
Das innere Ziel unseres Lebens besteht darin, zu erwachen. So einfach ist das. Dieses Ziel haben wir
mit allen anderen Menschen auf dieser Erde gemeinsam - es ist Sinn und Zweck der ganzen
Menschheit. Das innere Ziel unseres Lebens ist essenzieller Bestandteil des Ziels, das das Ganze hat -
das Universum und seine sich entfaltende Intelligenz. Die äußere Zielsetzung kann sich im Lauf der Zeit
verändern. Sie ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Aber ein inneres Ziel zu haben und sich
nach ihm zu richten ist der Grundstein zur Verwirklichung des äußeren Ziels. Es ist die Grundlage
wahren Erfolgs. Ohne diese Ausrichtung können wir zwar ebenfalls manche Ziele erreichen, sofern wir
mit aller Entschlossenheit zu Werke gehen, keine Mühe scheuen, angestrengt arbeiten und unseren
Kopf gebrauchen. Ein solches Vorgehen macht jedoch keine Freude und führt unweigerlich zu Leid in
irgendeiner Form.
Erwachen
Das Erwachen ist ein Bewusstseinswandel, bei dem sich Denken und Bewusstheit trennen. Bei den
meisten Leuten ist dies kein Ereignis, sondern ein allmählicher Prozess, den sie durchlaufen. Selbst die
wenigen Menschen, die ein plötzliches, dramatisches, offenbar unumkehrbares Erwachen erfahren,
machen eine Entwicklung durch, in der das neue Bewusstsein nach und nach in alles einfließt, was sie
tun, es transformiert und so in ihr Leben integriert wird.
Statt dich im Denken zu verlieren, erkennst du dich, wenn du erwacht bist, als die Bewusstheit
dahinter. Dann ist das Denken nicht länger eine autonome, eigenen Zwecken dienende Aktivität, die von
dir Besitz ergreift und dein Leben beherrscht. Vielmehr steht die Bewusstheit jetzt vor dem Denken. Statt
dein Leben zu regieren, dient das Denken fortan der Bewusstheit. Bewusstheit ist die Verbindung mit der
universellen Intelligenz. Ein anderes Wort dafür ist Präsenz: das nicht denkende Bewusstsein.
Dass der Prozess des Erwachens in Gang kommt, ist eine Gnade. Du kannst ihn ebenso wenig
auslösen, wie du dich auf ihn vorbereiten oder ihn dir verdienen kannst. Es gibt keine klare Folge
logischer Schritte, die darauf zuführen, obwohl der Verstand das gern hätte. Du musst dich nicht erst als
würdig erweisen. Unter Umständen - aber nicht immer - fällt es dem Sünder eher zu als dem Heiligen.
Darum hat Jesus es für Menschen aller Art versprochen, nicht nur für angesehene Leute. Es gibt nichts,
was du im Hinblick auf das Erwachen tun könntest. Was du auch tust, es wird immer ein Versuch des
Ego bleiben, sich das Erwachen oder die Erleuchtung als seinen höchsten Besitz anzueignen und sich
dadurch größer und bedeutender zu machen. Statt zu erwachen, machst du dir einen Begriff , ein Bild
davon, wie ein erwachter oder erleuchteter Mensch ist, und bemühst dich, dieser Vorstellung gemäß zu
leben. Der Versuch, einem Bild zu entsprechen, das man von sich selbst hat oder das andere von einem
haben, führt zu einem unechten Leben - das Ego spielt dabei nur eine weitere unbewusste Rolle.
Wenn du also nichts zum Erwachen dazutun kannst, wenn es entweder schon geschehen ist oder
noch nicht, wie kann es dann das Hauptziel des Lebens sein? Bedeutet ein Ziel nicht, dass man etwas
dafür tun kann?
Nur das erste Erwachen, der erste Einblick in die Bewusstheit jenseits des Denkens, ist ein Akt der
Gnade, zu dem du nichts dazutust. Wenn du dieses Buch unverständlich oder bedeutungslos findest, ist
er dir noch nicht widerfahren. Wenn jedoch beim Lesen etwas in dir anklingt und du die in ihm enthaltene
Wahrheit spürst, heißt das, dass der Prozess des Erwachens begonnen hat. Sobald dies der Fall ist,
kann er nicht mehr umgekehrt, sondern höchstens vom Ego verzögert werden. Bei einigen Lesern wird
dieses Buch den Prozess des Erwachens in Gang setzen. Anderen wird es helfen zu erkennen, dass der
Prozess bei ihnen schon begonnen hat, und es wird den Prozess intensivieren und beschleunigen. Für
wieder andere hat es die Funktion, ihnen zur Erkenntnis des Ego in sich selbst zu verhelfen, wann immer
es die Kontrolle an sich reißen will und das aufkeimende Bewusstsein zu dämpfen versucht. Bei
manchen kommt es zum Erwachen, wenn ihnen plötzlich bewusst wird, welche Gedanken sie für
gewöhnlich im Kopf haben, vor allem die hartnäckigen negativen Gedanken, mit denen sie sich
womöglich schon ihr Leben lang identifiziert haben. Plötzlich kommt eine Bewusstheit über sie, die sich
zwar auch auf das Denken bezieht, aber kein Teil davon ist.
Was für eine Beziehung besteht zwischen Bewusstheit und Denken? Bewusstheit ist der Raum, in
dem die Gedanken existieren, wenn dieser Raum sich seiner selbst bewusst geworden ist.
Sobald du einen ersten Einblick in die Bewusstheit oder Präsenz erhalten hast, kennst du sie aus
erster Hand. Dann ist dieser Zustand nicht länger nur ein mentales Bild in deinem Kopf. Jetzt kannst du
dich bewusst dafür entscheiden, lieber präsent zu sein, als dich in fruchtlosem Denken zu ergehen. Du
kannst die Präsenz in dein Leben einladen, das heißt, Raum für sie schaffen. Mit der Gnade des
Erwachens zugleich fällt dir Verantwortung zu. Entweder versuchst du, so weiterzumachen, als sei nichts
geschehen, oder du merkst, dass etwas Bedeutsames geschehen ist, und erkennst die aufkeimende
Bewusstheit als das Wichtigste überhaupt, was dir je widerfahren konnte. Dann siehst du dein
vorrangiges Ziel im Leben darin, offen zu werden für dieses sich entfaltende Bewusstsein und sein Licht
in die Welt zu tragen.
»Ich möchte wissen, wie Gott denkt«, hat Einstein gesagt, »alles Übrige ist nur Detail.« Wie denkt
Gott? Oder anders gefragt: Was ist der Geist Gottes? Bewusstsein. Was bedeutet es, den Geist Gottes
zu erkennen? Bewusst zu sein. Und was sind die Details? Der äußere Zweck, alles, was außen
geschieht.
Während du also darauf wartest, dass in deinem Leben etwas Bedeutsames geschieht, entgeht dir
möglicherweise völlig, dass das Bedeutendste, was einem Menschen je widerfahren kann, in deinem
Innern bereits eingesetzt hat: der Trennungsvorgang zwischen Denken und Bewusstheit.
Viele Menschen, die gerade die ersten Stufen des Erwachens erleben, sind nicht mehr sicher, welche
äußeren Ziele sie eigentlich noch verfolgen sollen. Was die Welt antreibt, hat für sie keinen Reiz mehr.
Mit dem klaren Blick für den Irrsinn unserer Zivilisation, den sie dann haben, fühlen sie sich ihrer Kultur
entfremdet. Manche haben das Empfinden, im Niemandsland zwischen zwei Welten zu weilen. Einerseits
werden sie nicht mehr vom Ego beherrscht, andererseits ist ihr Leben noch nicht vollständig von der
aufkeimenden Bewusstheit durchdrungen. Inneres und äußeres Ziel sind noch nicht miteinander
verschmolzen.
Ein Dialog über das innere Ziel
Im folgenden Dialog habe ich verschiedene Gespräche mit Leuten zusammengefügt, die nach dem
wahren Sinn ihres Lebens suchten.
Etwas ist dann wahr, wenn das eigene Sein darin mitschwingt und zum Ausdruck kommt, wenn es im
Einklang mit dem inneren Ziel ist. Darum lenke ich die Aufmerksamkeit der Menschen stets zuerst auf ihr
ursprüngliches inneres Ziel.

Frage: Ich weiß nicht genau, was es ist, aber ich will mein Leben irgendwie verändern. Ich möchte
mich erweitern; ich will etwas Sinnvolles tun, und ich will auch den Wohlstand und die Freiheit, die
dieser mit sich bringt. Ich will etwas Bedeutendes leisten, etwas, das die Welt verändert. Aber wenn
du mich fragtest, was genau ich eigentlich will, müsste ich dir sagen, dass ich es nicht weiß. Kannst
du mir helfen, meinen Lebenssinn zu finden?
Antwort: Dein Lebenssinn ist der, hier zu sitzen und mit mir zu reden, denn du bist ja hier und tust das.
Bis du aufstehst und etwas anderes tust. Dann wird das andere dein Lebenssinn.

Mein Lebenssinn soll darin bestehen, die nächsten dreißig Jahre im Büro zu sitzen, bis ich
rausgeschmissen werde oder in den Ruhestand trete?
Du bist im Augenblick nicht in deinem Büro, es ist also im Moment nicht dein Lebenssinn. Wenn du in
deinem Büro sitzt und tust, was du tust, ist es dein Lebenssinn. Nicht für die nächsten dreißig Jahre,
aber für den Augenblick.

Ich glaube, es gibt da ein Missverständnis. Für dich ist der Lebenssinn das, was du jetzt gerade tust;
für mich bedeutet es, ein Gesamtziel im Leben zu haben, etwas Großes und Bedeutendes, das dem,
was ich tue, einen tieferen Sinn gibt und wirklich etwas bewegt. Der Papierkram im Büro bringt’s nicht,
das weiß ich sicher.
Solange du dir nicht des Seins bewusst bist, wirst du immer in der Dimension des Tuns und der
Zukunft einen Sinn suchen, das heißt, in der Dimension der Zeit. Und der Sinn oder die Erfüllung, die du
darin findest, werden schließlich vergehen oder sich als Täuschung herausstellen. Unweigerlich wird die
Zeit sie zerstören. Sinn, den wir auf dieser Ebene suchen, hat keinen Bestand und ist nur bedingt wahr.
Wenn zum Beispiel die Sorge für deine Kinder deinem Leben einen Sinn gibt, was geschieht dann mit
dem Sinn, sobald sie dich nicht mehr brauchen und vielleicht nicht einmal mehr auf dich hören? Wenn du
deinen Lebenssinn darin siehst, anderen zu helfen, bist du davon abhängig, dass es anderen schlechter
geht als dir, damit dein Leben weiter sinnvoll bleibt und du mit dir zufrieden sein kannst. Wenn der
Wunsch, besser zu sein als andere, zu gewinnen oder es bei irgendeiner Tätigkeit zu etwas zu bringen,
deinem Leben einen Sinn gibt, was machst du, wenn du nie gewinnst oder deine Glücks- und
Erfolgssträhne eines Tages zu Ende ist, wie es unweigerlich kommen wird? Dann hast du nur noch deine
Fantasien oder Erinnerungen - was sehr unbefriedigend ist und deinem Leben nur einen dürftigen Sinn
geben wird. Es auf irgendeinem Gebiet »zu etwas zu bringen« ist nur sinnvoll, solange Tausende oder
Millionen andere es nicht tun; also müssten, damit dein Leben einen Sinn erhält, erst andere Menschen
»versagen«.
Womit ich nicht sagen will, dass es nicht der Mühe wert ist, anderen zu helfen, für Kinder zu sorgen
oder sich in irgendeinem Bereich vervollkommnen zu wollen. Das ist für viele Menschen ein wichtiger
Bestandteil ihres äußeren Lebenszwecks, aber äußere Ziele sind immer relativ, instabil und vergänglich.
Das heißt nicht, dass du dich diesen Tätigkeiten nicht widmen solltest. Es heißt nur, dass du sie mit
deinem ursprünglichen inneren Lebensziel verbinden solltest, damit das, was du tust, einen tieferen Sinn
erhält.
Solange du nicht in Übereinstimmung mit deinem ursprünglichen Ziel lebst, kommt alles, was du
hervorbringst, selbst wenn es dazu diente, den Himmel auf Erden zu schaffen, vom Ego und ist dem
zeitlichen Verfall unterworfen. Früher oder später wird es dir Leid bescheren. Wenn du dein inneres Ziel
ignorierst, wird sich das Ego in das, was du tust, und in die Art, wie du es tust, einschleichen, mag es
auch noch so spirituell wirken, und dann wird das Mittel den Zweck korrumpieren. Auf diese Wahrheit
verweist das Sprichwort: »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.« Mit anderen Worten:
Nicht deine Ziele oder Handlungen sind entscheidend, sondern das Bewusstsein, dem sie entspringen.
Indem du deinem ursprünglichen Ziel folgst, legst du den Grund zu einer neuen Wirklichkeit, einer neuen
Erde. Sobald das Fundament da ist, wird dein äußerer Lebenszweck mit spiritueller Kraft aufgeladen,
denn dann sind deine Ziele und Absichten eins mit dem evolutionären Impuls des Universums.
Die Trennung von Denken und Bewusstheit, die den Kern deines ursprünglichen Lebensziels bildet,
vollzieht sich durch die Aufhebung der Zeit. Ich spreche natürlich nicht von der Zeit, die sich für
praktische Zwecke wie etwa Verabredungen oder Reisepläne nutzen lässt. Es geht nicht um die Uhrzeit,
sondern um die psychologische Zeit, die tief sitzende geistige Gewohnheit, die Fülle des Lebens in der
Zukunft zu suchen, wo sie nicht zu finden ist, den einzigen Zugang zu ihr hingegen zu übersehen: den
gegenwärtigen Augenblick.
Wenn du das, was du gerade tust oder wo du gerade bist, als Hauptsinn deines Lebens ansiehst,
hebst du die Zeit auf. Das verleiht dir enorme Kraft. Die Aufhebung der Zeit bei dem, was du tust, stellt
die Verbindung zwischen innerem und äußerem Ziel her, zwischen Sein und Tun. Wenn du die Zeit
aufhebst, hebst du das Ego auf. Was du auch tust, machst du außerordentlich gut, weil das Tun selbst
im Mittelpunkt deiner Aufmerksamkeit steht. Dann wird dein Tun zu einem Kanal, durch den Bewusstheit
in diese Welt strömt. Das bedeutet, dass eine besondere Qualität in dem ist, was du tust, auch wenn es
sich um so einfache Aktivitäten handelt, wie die Seiten des Telefonbuches umzublättern oder durchs
Zimmer zu gehen. Das vorrangige Ziel des Umblätterns ist das Umblättern; eine Telefonnummer zu
finden ist zweitrangig. Das vorrangige Ziel beim Durchqueren des Zimmers ist das Durchqueren des
Zimmers; die Absicht, in der anderen Zimmerecke ein Buch anzusehen, ist sekundär, wird aber zum
Hauptziel, sobald du das Buch zur Hand nimmst.
Vielleicht erinnerst du dich noch an das zuvor erwähnte Paradox der Zeit: Alles, was du tust, braucht
Zeit, und trotzdem ist es immer jetzt. Während dein inneres Ziel die Aufhebung der Zeit ist, bezieht dein
äußeres Ziel die Zukunft ein, kann also ohne Zeit gar nicht existieren. Es ist jedoch immer zweitrangig.
Sobald du Angst hast oder gestresst bist, tritt das äußere Ziel in den Vordergrund, sodass du das innere
Ziel aus den Augen verlierst. Dann vergisst du, dass dein Bewusstseinszustand Vorrang hat und alles
andere zweitrangig ist.

Würde mich ein solches Leben nicht davon abhalten, etwas Großes leisten zu wollen? Ich habe Angst,
mich mein Leben lang mit irgendwelchen Banalitäten zu befassen, die keinerlei Sinn haben. Ich habe
Angst, mich nie über das Mittelmaß zu erheben, nie etwas wirklich Großes zu wagen, meine
Möglichkeiten nie voll und ganz auszuschöpfen.
Das Große entsteht, wenn man das Kleine achtet und schätzt. Im Grunde besteht jedermanns Leben
aus lauter kleinen Dingen. Größe ist eine mentale Abstraktion und eine Lieblingsfantasie des Ego.
Paradoxerweise ist die Grundlage für Größe die Wertschätzung, mit der wir die kleinen Dinge des
gegenwärtigen Augenblicks würdigen, statt unsere Vorstellung von Größe verwirklichen zu wollen. Der
gegenwärtige Augenblick ist stets klein in dem Sinne, dass er einfach ist, aber in ihm verbirgt sich die
größte Kraft. Er gehört wie das Atom zum Kleinsten, was es gibt, und birgt doch gewaltige Kraft in sich.
Nur wenn du dich auf den gegenwärtigen Augenblick ausrichtest, gewinnst du Zugang zu dieser Kraft.
Vielleicht kommt es der Wahrheit näher zu sagen, dass sie Zugang zu dir gewinnt und durch dich zur
Welt. Diese Kraft meinte Jesus, als er sagte: »Der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke.«24 Angst,
Stress und Negativität schneiden dich von dieser Kraft ab. Dann kehrt die Illusion zurück, dass du von
der Kraft getrennt bist, die dieses Universum bewegt. Du fühlst dich wieder allein gelassen, kämpfst
wieder gegen etwas an oder versuchst, dieses und jenes zu erreichen. Warum aber sind Angst, Stress
und Negativität überhaupt entstanden? Weil du dich vom gegenwärtigen Augenblick abgewandt hast.
Und warum hast du das getan? Du dachtest, etwas anderes sei wichtiger. Du hast dein Hauptziel
vergessen. Ein einziger kleiner Fehler, eine Fehlvorstellung, schaffen eine Welt voller Leid.
Durch den gegenwärtigen Augenblick hast du Zugang zur Lebenskraft selbst, zu dem, was traditionell
»Gott« genannt wird. Sobald du dich davon abkehrst, hört Gott auf, in deinem Leben real zu sein, und
dann bleibt dir nur noch die mentale Vorstellung Gottes, an die die einen glauben und die anderen nicht.
Selbst der Glaube an Gott ist nur ein dürftiger Ersatz für die lebendige Wirklichkeit Gottes, die sich in
jedem Augenblick deines Lebens manifestiert.

Würde die vollkommene Harmonie mit dem gegenwärtigen Augenblick nicht bedeuten, dass jede
Bewegung zum Stillstand kommt? Bedeutet die Existenz irgendeines Ziels nicht, dass die Harmonie
des gegenwärtigen Augenblicks vorübergehend gestört wird, um aber vielleicht nach Erreichen des
Ziels auf einer höheren, komplexeren Ebene wiederhergestellt zu werden? Ich könnte mir vorstellen,
dass auch der Schössling, der sich durch das Erdreich bohrt, nicht vollkommen mit dem
gegenwärtigen Augenblick im Einklang ist, denn er hat ein Ziel: Er will ein großer Baum werden. Mag
sein, dass er wieder mit dem gegenwärtigen Augenblick in Einklang kommt, sobald er seine volle
Größe erreicht hat.
Der Schössling will nichts, denn er ist eins mit der Totalität, die durch ihn wirkt. »Schaut die Lilien auf
dem Feld an, wie sie wachsen«, sagte Jesus. »Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch,
dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.«25 Wir
könnten sagen, dass die Totalität - das Leben - will , dass aus dem Schössling ein Baum wird, aber der
Schössling selbst sieht sich nicht getrennt vom Leben und will deshalb nichts für sich. Er ist eins mit dem
Willen des Lebens. Darum macht er sich keine Sorgen und keinen Stress. Und wenn er frühzeitig
sterben muss, stirbt er leicht. Er ist dem Tod ebenso hingegeben wie dem Leben. Er spürt, wenn auch
vielleicht nur dumpf, dass er im Sein wurzelt, im formlosen und ewigen einen Leben.
Wie die taoistischen Weisen des alten China lenkt Jesus unsere Aufmerksamkeit gern auf die Natur,
weil er in ihr eine Kraft am Werk sieht, mit der die Menschen die Berührung verloren haben. Es ist die
schöpferische Kraft des Universums. Jesus fährt fort, dass Gott, wenn er einfache Blumen schon so
schön kleidet, doch sicher den Menschen noch viel schöner kleiden wird. Das heißt, dass in der
Schönheit der Natur zwar der evolutionäre Impuls des Universums zum Ausdruck kommt, der Mensch
jedoch, wenn er sich mit der zugrunde liegenden Intelligenz des Universums in Einklang bringt, diesen
Impuls auf einer noch höheren, noch herrlicheren Ebene zum Ausdruck bringen kann.
Sei also dem Leben treu, indem du deinem inneren Ziel treu bleibst. Wenn du präsent bist und voll und
ganz in dem aufgehst, was du tust, werden deine Taten mit spiritueller Kraft aufgeladen. Zuerst mag
noch keine merkliche Veränderung zu erkennen sein in dem, was du tust - nur im Wie. Dein vorrangiges
Ziel ist es jetzt, dafür zu sorgen, dass Bewusstsein in alles einfließen kann, was du tust. Das, was du
durch das Tun erreichen willst, ist zweitrangig. Während du vorher immer ein Ziel in der Zukunft verfolgt
hast, gibt es jetzt ein höheres Ziel, das nur im Gegenwärtigen zu finden ist, durch die Aufhebung der Zeit.
Widme anderen Menschen, mit denen du im Privat- oder Berufsleben zu tun hast, deine volle
Aufmerksamkeit. Du bist nicht mehr vorrangig als Person zugegen, sondern als Bewusstseinsfeld, als
wache Präsenz. Der ursprüngliche Anlass für deine Interaktion mit der anderen Person - etwas kaufen
oder verkaufen, Informationen austauschen usw. - tritt dahinter zurück. Das Bewusstseinsfeld, das sich
zwischen euch entwickelt, wird zum Hauptziel der Interaktion. Dieser Bewusstseinsraum wird wichtiger
als das, worüber ihr vielleicht redet, wichtiger als materielle oder mentale Objekte. Das Sein wird
wichtiger als die Dinge dieser Welt. Das heißt nicht, dass du in der Praxis irgendwelche Pflichten
vernachlässigst. Im Gegenteil: Sobald die Dimension des Seins erkannt wird und Vorrang erhält, fällt dir
das, was du tust, leichter und hat darüber hinaus auch mehr Kraft. Die Entstehung eines solchen
einigenden Bewusstseinsfeldes zwischen zwei Menschen ist der entscheidende Faktor bei allen
Beziehungen der neuen Erde.

Ist Erfolg bloß eine Egoillusion? Wie lässt sich echter Erfolg messen?
Die Welt wird dir sagen, dass Erfolg bedeutet, das zu erreichen, was du erstrebt hast. Sie wird dir
sagen, dass erfolgreich sein gewinnen heißt und dass wesentliche Bestandteile des Erfolgs Wohlstand
und Anerkennung sind. Die genannten Dinge sind zwar für gewöhnlich alle oder zumindest zum Teil
Nebenprodukte des Erfolgs, sie sind jedoch nicht der Erfolg selbst. Üblicherweise wird Erfolg mit dem
Resultat des eigenen Handelns gleichgesetzt. Manche behaupten, Erfolg sei das Ergebnis einer
Kombination aus harter Arbeit und Glück oder aus Entschlossenheit und Begabung, oder man sei eben
zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen. Das alles mag den Erfolg zwar mitbestimmen, trifft jedoch
nicht sein Wesen. Was die Welt dir verschweigt - weil sie es nicht besser weiß -, ist, dass du nicht
erfolgreich werden kannst. Du kannst nur erfolgreich sein. Lass dir nicht von einer verrückten Welt
einreden, dass Erfolg etwas anderes ist als ein erfolgreicher gegenwärtiger Augenblick. Und wann ist er
das? Wenn das, was du tust, selbst die einfachste Verrichtung, eine spürbare Qualität hat. Qualität
erfordert die Aufmerksamkeit und Sorgfalt, die Bewusstheit mit sich bringt. Qualität erfordert deine
Präsenz.
Nehmen wir einmal an, du bist ein Geschäftsmann und kannst nach zweijährigen großen
Anstrengungen und starkem Stress ein Produkt oder eine Dienstleistung anbieten, die sich gut verkaufen
lassen und Geld einbringen. Erfolg? Im herkömmlichen Sinne ja. In Wirklichkeit hast du alle Welt und
dich selbst zwei Jahre lang mit negativer Energie vergiftet, dir und anderen das Leben schwer gemacht
und darüber hinaus Auswirkungen auf Menschen gehabt, die du gar nicht kennst. All diesem Tun liegt
die unbewusste Annahme zugrunde, dass Erfolg ein Zukunftsereignis ist und dass der Zweck die Mittel
heiligt. Aber Zweck und Mittel sind eins. Und wenn die Mittel nichts zum Glück der Menschen beitragen,
tut es der Zweck auch nicht. Das Ergebnis, das untrennbar ist von den Handlungen, die zu ihm geführt
haben, ist durch diese Handlungen bereits kontaminiert und schafft nur weiteres Leiden. Das ist
karmisches Handeln, wodurch unbewusst das Leiden immer weiter erhalten bleibt.
Wie du schon weißt, fällt dein sekundäres, äußeres Lebensziel in die Dimension der Zeit, während
dein primäres, inneres Ziel unauflöslich mit dem Jetzt verbunden ist und daher die Aufhebung der Zeit
notwendig macht. Wie lässt sich beides miteinander vereinen? Durch die Erkenntnis, dass deine ganze
Lebensreise letztlich aus dem einen Schritt besteht, den du in diesem Augenblick tust. Es gibt immer nur
diesen einen Schritt, und ihm solltest du daher deine ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden. Das bedeutet
nicht, dass du dann nicht weißt, wohin du gehst; es bedeutet nur, dass dieser eine Schritt Vorrang hat,
das Ziel hingegen zweitrangig ist. Und was du am Ziel vorfindest, sobald du dort eintriffst, hängt von der
Qualität des einen Schrittes ab. Anders ausgedrückt: Was die Zukunft für dich bereithält, hängt von
deinem jetzigen Bewusstheitszustand ab.
Erfolgreich bist du, wenn dein Tun von der zeitlosen Qualität des Seins durchdrungen ist. Solange das
Sein nicht in dein Handeln einfließt und du nicht präsent bist, verlierst du dich in allem, was du tust. Du
verlierst dich im Denken ebenso wie in deinen Reaktionen auf äußere Geschehnisse.

Was genau meinst du mit »Sich-in-etwas-verlieren«?


Du bist deinem Wesen nach Bewusstsein. Wenn sich das Bewusstsein (du) vollkommen mit dem
Denken identifiziert und so seine wahre Natur vergisst, verliert es sich im Denken. Wenn es sich mit
mental-emotionalen Mustern wie Begehren und Fürchten identifiziert - den Urtriebkräften des Ego -,
verliert es sich in diesen Mustern. Außerdem geht das Bewusstsein verloren, wenn es sich nur mit dem
Handeln identifiziert und mit den Reaktionen auf das, was geschieht. Jeder Gedanke, jedes Begehren
oder Befürchten, jede Aktion oder Reaktion ist dann von dem falschen Gefühl eines Selbst erfüllt, das
nicht dazu fähig ist, die einfache Freude des Seins zu spüren, und deshalb ersatzweise zu Lust oder
manchmal auch zu Leid Zuflucht nimmt. Das ist ein Leben in Seinsvergessenheit. In diesem Zustand, in
dem du vergessen hast, wer du bist, ist jeder Erfolg nichts weiter als ein flüchtiger Wahn. Was immer du
auch erreichst, du wirst bald wieder unglücklich sein, oder deine Aufmerksamkeit wird voll und ganz von
einem neuen Problem, einem neuen Dilemma in Anspruch genommen.

Wie finde ich nach der Einsicht in mein inneres Ziel heraus, was ich in der Außenwelt tun soll?
Das äußere Ziel ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden und nicht von ewiger Dauer. Es ist der
Zeit unterworfen und wird stets von einem anderen Ziel abgelöst. In welchem Maße die Hingabe an das
innere Ziel - das Erwachen - die äußeren Lebensumstände verändert, ist ebenfalls unterschiedlich. Bei
manchen Menschen kommt es zu einem jähen oder allmählichen Bruch mit der Vergangenheit: im Beruf,
in der Lebenssituation, in den Beziehungen - überall gibt es tief greifende Veränderungen. Manche
Veränderungen werden nicht durch einen qualvollen Entscheidungsprozess ausgelöst, sondern treten
aufgrund einer plötzlichen Erkenntnis wie von selbst ein: Das ist es, was ich tun muss. Im Moment der
Erkenntnis ist die Entscheidung auch schon fertig. Sie hat ihren Ursprung im Bewusstsein, nicht im
Denken. Du wachst eines Morgens auf und weißt, was du zu tun hast. Manche Leute lassen plötzlich
eine ungesunde Arbeits- oder Lebenssituation einfach hinter sich. Häufig wirst du aber erst herausfinden
müssen, was nicht richtig ist, was nicht länger funktioniert und was sich mit deiner inneren Zielsetzung
nicht vereinbaren lässt, bevor du weißt, was auf der äußeren Ebene das Richtige für dich ist, was
funktioniert und mit dem erwachenden Bewusstsein in Einklang zu bringen ist.
Auch von außen können Anstöße zu Veränderungen kommen. Eine zufällige Begegnung eröffnet dir
neue Möglichkeiten und erweitert deinen Lebenskreis. Ein seit langem bestehendes Hindernis oder ein
lange schwelender Konflikt löst sich plötzlich auf. Entweder machen deine Freunde diese innere
Transformation mit dir zusammen durch, oder sie verschwinden aus deinem Leben. Manche
Beziehungen lösen sich auf, andere vertiefen sich. Vielleicht verlierst du deinen Job, oder du wirkst
dabei mit, an deinem Arbeitsplatz positive Veränderungen einzuleiten. Vielleicht verlässt dich dein Partner
bzw. deine Partnerin, oder euer Verhältnis zueinander wird tiefer. Manche Veränderungen machen
äußerlich einen negativen Eindruck, aber dir wird schnell klar werden, dass dadurch Raum in deinem
Leben für etwas Neues entsteht.
Möglicherweise steht dir eine Zeit der Unsicherheit und Ungewissheit bevor. Was soll ich bloß tun?
Wenn dein Leben nicht länger vom Ego beherrscht wird, wird das psychische Bedürfnis nach äußerer
Sicherheit, die ohnehin eine Illusion ist, schwächer. Dann kannst du mit der Ungewissheit leben und
genießt es sogar. Sobald du dich mit der Ungewissheit wohl fühlst, eröffnen sich dir ungeahnte
Möglichkeiten im Leben. Zum Beispiel ist Angst kein dominanter Faktor mehr bei allem, was du tust, und
hält dich nicht länger davon ab, notwendige Schritte zu ergreifen, um etwas zu verändern. Der römische
Geschichtsschreiber Tacitus beobachtete sehr richtig, dass »das Sicherheitsbedürfnis jeder großen und
edlen Tat im Wege steht«.26 Wenn dir Ungewissheit unerträglich ist, verwandelt sie sich in Furcht. Wenn
du sie bereitwillig annimmst, schenkt sie dir eine Steigerung deiner Lebendigkeit, Wachheit und
Kreativität.
Vor vielen Jahren gab ich einem inneren Impuls nach und brach eine akademische Karriere ab, die von
der Welt als »vielversprechend« bezeichnet worden wäre, um mich extremer Ungewissheit
preiszugeben; daraus ging ich nach einigen Jahren in meiner neuen Inkarnation als spiritueller Lehrer
hervor. Geraume Zeit später passierte etwas Ähnliches noch einmal. Einer Eingebung folgend, gab ich
mein Heim in England auf und zog an die nordamerikanische Westküste. Ich gab dem Impuls nach,
obwohl ich keinen Grund dafür wusste. Nach diesem Schritt in die Ungewissheit entstand mein Buch
Jetzt! Die Kraft der Gegenwart in Kalifornien und im kanadischen British Columbia, wo ich nicht einmal
eine eigene Bleibe hatte. Ich hatte keinerlei Einkommen und lebte von meinen Ersparnissen, die schnell
zur Neige gingen. Aber alles fügte sich wunderbar. Mir ging das Geld erst aus, als ich mit dem Schreiben
fast fertig war. Ich erstand ein Lotterielos und gewann 1000 Dollar, die mich einen weiteren Monat über
Wasser hielten.
Allerdings wird nicht jeder drastische Veränderungen in seinen äußeren Umständen durchmachen
müssen. Am anderen Ende des Spektrums gibt es Leute, die da bleiben, wo sie sind, und weiter das tun,
was sie immer getan haben. Für sie ändert sich nur das Wie, nicht das Was. Und das nicht etwa aus
Angst oder Trägheit, sondern weil das, was sie machen, bereits das beste Mittel ist, um Bewusstheit in
diese Welt zu bringen; etwas anderes ist gar nicht nötig. Auch sie wirken an der Entstehung einer neuen
Erde mit.

Sollte es nicht bei jedem so gehen? Wenn die Erfüllung des inneren Ziels im Einswerden mit dem
gegenwärtigen Augenblick besteht, warum sollte sich dann jemand bemüßigt fühlen, seinen Beruf
oder seine derzeitige Lebenssituation aufzugeben?
Eins zu sein mit dem, was ist, bedeutet nicht, dass du dich nicht mehr verändern oder zu neuen Ufern
aufbrechen kannst. Aber die Motivation, etwas zu unternehmen, entspringt nicht mehr dem Egoverlangen
oder der Egofurcht, sondern kommt aus größerer Tiefe. Die innere Ausrichtung auf den gegenwärtigen
Augenblick erweitert dein Bewusstsein und bringt es mit dem Ganzen in Einklang, von dem der
gegenwärtige Augenblick integraler Bestandteil ist. Dann wirkt das Ganze, die Totalität des Lebens,
durch dich.

Was verstehst du unter dem »Ganzen«?


Einerseits umfasst das Ganze alles, was existiert: Es ist die Welt oder der Kosmos. Aber bei allem
Existierenden, von der Mikrobe über den Menschen bis hin zur Galaxie, handelt es sich nicht um wirklich
voneinander Getrenntes, sondern um die Teile eines Netzes wechselseitig miteinander verbundener
multidimensionaler Prozesse.
Es gibt zwei Gründe, warum wir alles getrennt sehen, statt diese Einheit zu erkennen. Der eine ist die
Form unserer Wahrnehmung, die die Wirklichkeit auf das kleine Spektrum unserer Sinne reduziert: auf
das, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und berühren können. Aber wenn wir wahrnehmen,
ohne zu interpretieren oder mental zu etikettieren, also keine Gedanken zu unseren Wahrnehmungen
hinzufügen, können wir doch noch die tiefe Verbundenheit spüren, die jenseits unserer Wahrnehmung
alles scheinbar Getrennte miteinander verknüpft.
Der zweite, wichtigere Grund für die Illusion der Getrenntheit ist zwanghaftes Denken. Erst wenn wir
im unaufhörlichen Strom zwanghaften Denkens gefangen sind, löst sich das Universum wirklich für uns
auf; dann verlieren wir die Fähigkeit, die innere Verbundenheit alles Seienden zu spüren. Das Denken
spaltet die Wirklichkeit in lauter leblose Fragmente. Eine so fragmentierte Sicht der Wirklichkeit führt zu
extrem unklugem, destruktivem Handeln.
Doch es gibt eine noch tiefere Ebene des Ganzen als die innere Verbundenheit alles Seienden. Auf
dieser tieferen Ebene sind alle Dinge eins. Dort ist der Ursprung, das unmanifestierte eine Leben. Es ist
die zeitlose Intelligenz, die als in der Zeit sich entfaltendes Universum manifestiert wird.
Das Ganze setzt sich aus Existenz und Sein, Manifestiertem und Unmanifestiertem, Welt und Gott
zusammen. Wenn du dich also auf das Ganze ausrichtest, hast du bewusst Teil an der inneren
Verbundenheit des Ganzen und seinem Ziel: der Entfaltung von Bewusstsein auf dieser Erde. Die Folge
davon ist, dass viel häufiger spontan etwas geschieht, was dir nützt, dass es zum Beispiel vermehrt zu
Zufallsbegegnungen, Koinzidenzen und Synchronereignissen kommt. C. G. Jung nannte die
Synchronizität ein »Prinzip akausaler Zusammenhänge«. Das heißt, auf unserer oberflächlichen Ebene
der Wirklichkeit besteht kein Kausalzusammenhang zwischen Synchronereignissen. Sie sind die äußere
Manifestation einer Intelligenz, die der Welt der Erscheinungen zugrunde liegt, und einer tieferen
Verbundenheit, die wir mit dem Verstand nicht begreifen können. Aber wir können bewusst teilnehmen an
der Entfaltung dieser Intelligenz, am Aufblühen der Bewusstheit.
Die Natur befindet sich in einem Zustand unbewussten Einsseins mit dem Ganzen. Deshalb kamen
zum Beispiel kaum wilde Tiere bei der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 ums Leben. Da sie
enger mit der Totalität in Berührung sind als die Menschen, konnten sie das Herannahen des Tsunami
schon spüren, noch ehe er überhaupt zu sehen oder zu hören war, und hatten genug Zeit, sich auf
höheres Gelände zu retten. Aber vielleicht ist auch das noch eine Überlegung aus menschlicher Sicht.
Wahrscheinlich waren sie einfach plötzlich nach höher gelegenen Regionen unterwegs. Aus diesem
Grund jenes zu tun entspricht unserer geistigen Gewohnheit, die Wirklichkeit aufzuspalten, während die
Natur in unbewusster Einheit mit dem Ganzen lebt. Wir haben die Aufgabe und das Schicksal, dieser
Welt eine neue Dimension zu eröffnen, indem wir in bewusster Einheit mit der Totalität und in bewusster
Übereinstimmung mit der universellen Intelligenz leben.

Kann das Ganze den menschlichen Geist dazu benutzen, um etwas zu erschaffen oder Situationen
herbeizuführen, die seinem Ziel entsprechen?
Ja, immer wenn etwas mit Inspiration, das heißt »im Geist«, und mit Enthusiasmus, das heißt »in
Gott«, getan wird, erwächst daraus eine schöpferische Kraft, die weit über alles hinausgeht, wozu ein
Mensch normalerweise in der Lage ist.
10

Eine neue Erde

Die Astronomen haben Grund zu der Vermutung, dass das Universum vor etwa 15 Milliarden Jahren
durch eine gigantische Explosion entstanden ist und sich seitdem fortwährend ausdehnt. Es dehnt sich
nicht nur aus, sondern wird auch immer komplexer und differenzierter. Manche Wissenschaftler gehen
davon aus, dass sich diese Bewegung von der Einheit zur Vielfalt irgendwann umkehrt. Dann hört das
Universum auf, sich auszudehnen, und zieht sich stattdessen allmählich wieder zusammen, bis es am
Ende zum nichtmanifesten, unbegreiflichen Nichts zurückkehrt, aus dem es gekommen ist - und danach
beginnt der Kreislauf von Geburt, Ausdehnung, Kontraktion und Tod vielleicht wieder von neuem, immer
wieder. Zu welchem Zweck? »Warum nimmt das Universum all diese Mühen der Existenz auf sich?«,
fragt der Physiker Stephen Hawking und weiß doch genau, dass kein mathematisches Modell diese
Frage je beantworten wird.
Wenn du statt nur nach außen auch nach innen schaust, entdeckst du, dass du neben dem äußeren
auch ein inneres Ziel hast, und da du ein mikrokosmisches Spiegelbild des Makrokosmos bist, muss
auch das Universum ein äußeres und ein inneres Ziel haben, die von den deinen untrennbar sind. Das
Universum verfolgt das äußere Ziel, Formen zu erschaffen und die Interaktionen seiner Formen zu
erfahren - das Spiel, den Traum, das Drama oder wie immer man es nennen will. Nach innen verfolgt es
das Ziel, zu seiner formlosen Essenz zu erwachen. Im nächsten Schritt werden das innere und das
äußere Ziel miteinander versöhnt, um diese Essenz - die Bewusstheit - in die Welt der Form zu tragen
und die Welt so zu transformieren. Der höchste Zweck dieser Transformation ist unvorstellbar für den
Geist des Menschen und übersteigt sein Denkvermögen bei weitem. Und doch ist diese Transformation
auf dieser Erde und zu diesem Zeitpunkt die uns zugewiesene Aufgabe. Es geht um die Versöhnung des
inneren Ziels mit dem äußeren Ziel, um die Versöhnung der Welt mit Gott.
Ehe wir uns anschauen, welche Relevanz die Expansion und Kontraktion des Universums für unser
eigenes Leben haben, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass nichts von dem, was wir über das
Wesen des Universums sagen, als absolute Wahrheit aufgefasst werden sollte. Weder Worte und
Begriffe noch mathematische Formeln können das Unendliche erklären. Kein Gedanke kann die
Unermesslichkeit der Totalität erfassen. Die Wirklichkeit ist ein einziges Ganzes, das vom Denken in
Fragmente zerlegt wird. Dies führt zu einer fundamentalen Fehlsicht wie zum Beispiel der, dass es
voneinander getrennte Dinge und Ereignisse gibt oder dass dieses die Ursache von jenem ist. Jeder
Gedanke impliziert eine bestimmte Perspektive, und jede Perspektive ist per se eine Einschränkung, was
letztlich bedeutet, dass sie nicht die Wahrheit wiedergibt, zumindest nicht die absolute. Nur das Ganze ist
wahr, aber das Ganze kann nicht gesagt oder gedacht werden. Von einer Warte jenseits des Denkens
aus betrachtet und daher für den Geist des Menschen unfassbar, geschieht alles jetzt. Alles, was je
gewesen ist und je sein wird, geschieht jetzt, außerhalb der Zeit, die nichts weiter als ein mentales
Konstrukt ist.
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang liefern uns ein anschauliches Bild von der relativen und
absoluten Wahrheit. Wenn wir sagen, dass die Sonne am Morgen auf und am Abend untergeht, stimmt
das zwar, aber nur bedingt; im absoluten Sinne ist es unrichtig. Nur aus dem beschränkten Blickwinkel
eines Betrachters auf oder in der Nähe der Erdoberfläche geht die Sonne auf und unter. Vom Weltall aus
hingegen sieht man, dass die Sonne weder aufnoch untergeht, sondern immer scheint. Und doch
sprechen wir selbst nach dieser Erkenntnis weiterhin von Sonnenauf- und Sonnenuntergang, besingen
deren Schönheit, malen Bilder davon und schreiben Gedichte darüber, obwohl wir wissen, dass es sich
um eine relative und nicht um eine absolute Wahrheit handelt.
Nehmen wir uns einmal eine weitere relative Wahrheit vor: die Formwerdung des Universums und
seine Rückkehr zum Formlosen, betrachtet aus der eingeschränkten Perspektive der Zeit, und schauen
wir, welche Relevanz dieser Vorgang für dein eigenes Leben hat. Der Begriff »eigenes Leben« zeugt
natürlich auch von einer durch das Denken eingeschränkten Perspektive, einer weiteren relativen
Wahrheit. Letztlich gibt es so etwas wie ein »eigenes Leben« gar nicht, denn das Leben und du sind
nicht zweierlei, sondern eins.
Eine kurze Geschichte deines Lebens
Die Manifestation der Welt und ihre Rückkehr zum Nichtmanifesten, Expansion und Kontraktion, sind
zwei universelle Bewegungen, die wir als Ausgang und Rückgang bezeichnen könnten. Beide
Bewegungen spiegeln sich auf mannigfaltige Art im ganzen Universum wider, im Ausdehnen und
Zusammenziehen des Herzens ebenso wie im Einatmen und Ausatmen. Auch in den Zyklen des
Schlafens und Wachens finden sie sich. Jede Nacht kehren wir, sobald wir in die Phase tiefen,
traumlosen Schlafes eintreten, unwissentlich zum nichtmanifesten Ursprung allen Lebens zurück, aus
dem wir am Morgen erfrischt wieder hervorgehen.
Diese beiden Bewegungen, der Ausgang und die Rückkehr, spiegeln sich auch in den Lebenszyklen
eines Menschen. Sozusagen aus dem Nichts erscheinst »du« plötzlich auf der Welt. Gleich nach der
Geburt setzt das Wachstum ein, die Ausdehnung. Es wächst nicht nur der Körper, sondern auch Wissen,
Aktivitäten, Besitztümer und Erfahrungen nehmen zu. Deine Einflusssphäre wird größer, zugleich wird
das Leben immer komplizierter. In dieser Zeit bist du vorwiegend damit beschäftigt, dir ein äußeres Ziel
zu setzen und es zu verfolgen. Normalerweise ist damit auch eine Stärkung des Ego verbunden, das sich
ja mit all den oben genannten Dingen identifiziert, und dadurch wird deine Formidentität immer genauer
definiert. In dieser Zeit passiert es oft, dass sich das Ego des äußeren Ziels - des Wachstums -
bemächtigt, nur dass es im Gegensatz zur Natur nicht weiß, wann es mit seinem Expansionsdrang
aufhören muss, und einen unstillbaren Hunger nach mehr hat.
Und dann, genau in dem Moment, in dem du glaubst, es geschafft zu haben und hierher zu gehören,
setzt die Rückkehrbewegung ein. Vielleicht sterben Menschen, die dir nahestehen, Menschen, die Teil
deiner Welt waren. Deine physische Form wird allmählich schwächer; dein Einflussbereich schrumpft.
Statt mehr zu werden, wirst du jetzt weniger, und darauf reagiert das Ego mit zunehmender Angst und
Depressivität. Deine Welt beginnt sich zusammenzuziehen, und du merkst, dass du nach und nach die
Kontrolle verlierst. Statt dein Leben selbst in der Hand zu haben, hat das Leben jetzt dich in der Hand,
indem es deinen Kreis stetig verkleinert. Das Bewusstsein, das sich mit der Form identifiziert hat, erlebt
jetzt seinen Sonnenuntergang, die Auflösung der Form. Und eines Tages verschwindest du. Dein Sessel
steht noch da. Aber du sitzt nicht mehr darin, es ist nur noch ein leerer Platz da. Du bist dahin
zurückgekehrt, woher du vor nicht allzu vielen Jahren gekommen bist.
Das Leben eines jeden Menschen - eigentlich jede Lebensform - verkörpert eine Welt, eine
einzigartige Möglichkeit für das Universum, sich selbst zu erfahren. Und wenn sich deine Form auflöst,
ist das Ende einer Welt da - einer von unzähligen Welten.
Erwachen und Rückkehr
In der Rückwärtsbewegung im Leben eines Menschen, wenn die Form schwächer wird und sich
schließlich auflöst, sei es durch Alter, Krankheit, eine Behinderung, einen Verlust oder eine persönliche
Tragödie, liegt ein großes Potenzial für das spirituelle Erwachen - die Aufhebung der Identifikation des
Bewusstseins mit der Form. Da in unserer heutigen Kultur kaum noch spirituelle Wahrheit zu finden ist,
sehen auch nur wenige Leute die sich bietenden Möglichkeiten in dem, was ihnen selbst oder jemandem
geschieht, der ihnen nahe steht, sondern denken meist, dass etwas Schreckliches vor sich geht, etwas,
das gar nicht geschehen dürfte.
Es herrscht in unserer Zivilisation eine große Unkenntnis über das Menschsein, und je unwissender
du spirituell bist, umso mehr leidest du. Für viele Leute, besonders im Westen, ist der Tod nichts weiter
als ein abstrakter Begriff; sie haben keine Ahnung, was mit der menschlichen Form kurz vor der völligen
Auflösung geschieht. Altersschwache und senile Menschen werden in Pflegeheime abgeschoben.
Leichen, die in älteren Kulturen meist öffentlich aufgebahrt wurden, werden heute versteckt. Versuch
einmal, einen Blick auf einen Toten zu werfen, und du wirst merken, dass es fast unmöglich ist, es sei
denn, der Verstorbene ist ein naher Angehöriger von dir. In den Beerdigungsinstituten wird den Toten
sogar das Gesicht geschminkt. Dir wird nur gestattet, eine geschönte Version des Todes zu sehen.
Da die meisten Leute mit dem Tod nur eine abstrakte Vorstellung verbinden, trifft sie die Auflösung der
Form, die sie erwartet, völlig unvorbereitet. Sie sind schockiert, wenn sie sich nähert, können es nicht
begreifen und versinken in Angst und Verzweiflung. Nichts ergibt mehr einen Sinn, denn der Sinn und
Zweck ihres Lebens war für sie mit Ansammeln, Aufbauen, Bewahren, Erfolgreichsein und
Sinnesbefriedigung verknüpft. Er war mit ihrer Expansion verbunden und ihrer Identifikation mit der Form,
das heißt mit dem Ego. Die meisten Menschen sehen keinerlei Sinn im Verfall ihres Lebens und ihrer
Welt. Trotzdem liegt hierin möglicherweise ein tieferer Sinn verborgen als in der nach außen gerichteten
Bewegung.
Gerade durch das Älterwerden, durch einen Verlust oder eine persönliche Tragödie erschloss sich
früher einem Menschen oft die spirituelle Dimension seines Lebens. Das heißt, das innere Ziel trat erst
hervor, wenn das äußere zerfiel und die Schale des Ego aufzubrechen begann. Solche Ereignisse
markieren den Beginn der Rückwärtsbewegung in Richtung Auflösung der Form. In den meisten alten
Kulturen muss es ein intuitives Verständnis für diesen Prozess gegeben haben, weswegen alte
Menschen dort geachtet und verehrt wurden. Sie waren Quellen der Weisheit und machten die
Dimension der Tiefe zugänglich, ohne die keine Zivilisation lange überleben kann. In unserer Zivilisation,
die sich total mit dem Äußeren identifiziert und die innere Dimension des Geistes völlig übersieht, hat das
Wort »alt« meist einen negativen Klang. Es wird mit Nutzlosigkeit gleichgesetzt, und daher gilt es fast als
Beleidigung, jemanden als alt zu bezeichnen. Um das Wort zu vermeiden, sprechen wir beschönigend
von den Senioren und Betagten. Bei den Indianern war »Großmutter« ein sehr würdevoller Titel. Heute
ist »Oma« bestenfalls nett gemeint. Warum ist alt gleichbedeutend mit nutzlos? Weil im Alter nicht mehr
das Tun im Vordergrund steht, sondern das Sein, und weil unsere Zivilisation, die völlig im Tun aufgeht,
nichts vom Sein weiß. Sie fragt: Sein? Was macht man damit?
Bei manchen Menschen wird die äußere Bewegung des Wachsens und Expandierens ernsthaft durch
ein scheinbar verfrühtes Einsetzen der Rückwärtsbewegung unterbrochen, der Auflösung der Form.
Häufig handelt es sich nur um eine vorübergehende Störung, manchmal jedoch um eine endgültige
Zäsur. Wir sind der Meinung, dass ein kleines Kind nicht mit dem Tod konfrontiert werden dürfte, aber
gelegentlich müssen sich Kinder mit dem Tod eines Elternteils oder beider Eltern durch eine Krankheit
oder einen Unfall auseinander setzen - oder sogar mit der Möglichkeit des eigenen Todes. Manche
Kinder werden schon mit einer Behinderung geboren, die ihre natürlichen Wachstumsmöglichkeiten stark
einschränkt. Oder jemand wird früh in seinem Leben von einer schweren Behinderung betroffen.
Ein Bruch in der äußeren Bewegung zu einem Zeitpunkt, an dem er »nicht auftreten dürfte«, kann
auch zu einem frühen spirituellen Erwachen der betreffenden Person führen. Letzten Endes geschieht
nichts, was nicht geschehen soll, das heißt, es geschieht nichts, das nicht Teil des größeren Ganzen und
seines Ziels wäre. Darum kann die Zerstörung oder Unerreichbarkeit des äußeren Ziels eine Anregung
sein, das innere Ziel zu finden, und in der Folge zu einem höheren äußeren Ziel führen, das dem inneren
entspricht. Kinder, die schwer leiden mussten, entwickeln sich oft zu frühreifen Jugendlichen.
Was auf der Ebene der Form verloren geht, wird auf der essenziellen Ebene wiedergewonnen. Bei der
traditionellen Figur des »blinden Sehers« oder »verletzten Heilers« alter Kulturen und Legenden hat ein
großer Verlust oder eine Behinderung auf der Ebene der Form eine Öffnung des Geistes bewirkt. Wenn
man die Unbeständigkeit aller Formen am eigenen Leibe erfahren hat, wird man die Form kaum jemals
wieder überbewerten, ihr blindlings nachjagen oder ihr anhängen.
Welche Möglichkeiten die Auflösung der Form und besonders das Alter bieten, beginnt man in unserer
heutigen Kultur gerade erst zu erkennen. Die Mehrheit der Menschen verkennt diese Möglichkeiten
leider immer noch, weil sich das Ego mit der Rückwärtsbewegung ebenso identifiziert, wie es sich mit der
nach außen identifiziert hat. Das führt zu einer Verhärtung der Egoschale, zur Kontraktion statt zur
Öffnung. Das geschwächte Ego gibt sich dann in seiner Angst oder Wut, aus Selbstmitleid, Reue,
Schuldgefühlen oder anderen negativen mental-emotionalen Gemütsregungen bis zum Ende seiner
Tage dem Jammern und Klagen hin oder greift zu Vermeidungsstrategien, indem es an Erinnerungen
festhält und sich in Gedanken und Gesprächen über die Vergangenheit ergeht.
Wenn sich das Ego im Leben eines Menschen nicht länger mit der Rückwärtsbewegung identifiziert,
werden Alter und nahender Tod zu dem, was sie sein sollen: einem Tor zum Reich des Geistes. Ich
kenne alte Menschen, die lebendige Verkörperungen dieses Prozesses sind. Sie haben zu strahlen
begonnen. Ihre schwächer werdende Form wurde durchlässig für das Licht des Bewusstseins.
Auf der neuen Erde wird das Alter allgemein anerkannt und hoch geschätzt werden als eine Zeit, in der
das Bewusstsein aufblühen kann. Für diejenigen, die noch immer an den äußeren Gegebenheiten ihres
Lebens festhängen, wird es eine Zeit der späten Heimkehr sein, wenn sie zu ihrem inneren Ziel
erwachen. Für viele andere wird es eine Intensivierung und Krönung ihres fortschreitenden Erwachens
bedeuten.
Das Erwachen und der Weg nach außen
Schon immer hat das Ego die natürliche Erweiterung des Lebens, die der Weg nach außen mit sich
bringt, für das eigene Wachstum zu nutzen gewusst. »Sieh mal, was ich kann. Ich wette, du kannst das
nicht«, sagt ein kleines Kind zum anderen, während es sich seiner zunehmenden körperlichen Kräfte und
Fähigkeiten bewusst wird. Das ist einer der ersten Versuche des Ego, sich durch Identifikation mit der
Bewegung nach außen und der Vorstellung des »Mehr-als-du« zu stärken, indem es andere klein macht.
Das ist natürlich erst der Anfang der vielen falschen Sehweisen des Ego.
Doch in dem Maße, in dem deine Bewusstheit zunimmt und dein Leben nicht länger vom Ego
beherrscht wird, brauchst du nicht mehr abzuwarten, bis deine Welt durch Alter oder eine persönliche
Tragödie geschrumpft oder zusammengebrochen ist, um zu deinem inneren Ziel zu erwachen. Wenn das
neue Bewusstsein sich auf der Erde zu entfalten beginnt, brauchen immer weniger Menschen ein
Schockerlebnis, um zu erwachen. Sie verbünden sich freiwillig mit dem Prozess des Erwachens,
während sie sich noch in der Phase des äußeren Wachsens und Expandierens befinden. Wenn diese
Phase nicht länger vom Ego vereinnahmt wird, kommt die spirituelle Dimension ebenso kraftvoll in diese
Welt durch die Bewegung nach außen - durch das Denken, Sprechen, Handeln und Erschaffen - wie
durch die Bewegung nach innen - durch die Stille, das Sein und die Auflösung der Form.
Bisher ist die Intelligenz des Menschen, die nichts anderes ist als ein winziger Aspekt der universellen
Intelligenz, vom Ego verzerrt und missbraucht worden. Ich nenne das »Intelligenz im Dienst des
Wahnsinns«. Die Atomspaltung erfordert eine hohe Intelligenz. Diese Intelligenz dafür zu nutzen,
Atomwaffen zu bauen und anzuhäufen, ist irrwitzig und bestenfalls extrem dumm. Dummheit ist relativ
harmlos, aber intelligente Dummheit ist höchst gefährlich. Diese intelligente Dummheit, für die sich
zahllose Beispiele anführen lassen, bedroht unser Überleben als Spezies.
Ohne Beeinträchtigung durch die Egogestörtheit kommt unsere Intelligenz in volle Übereinstimmung
mit der zyklischen Auswärtsbewegung der universellen Intelligenz und ihres schöpferischen Impulses.
Dann nehmen wir bewusst teil an der Erschaffung der Form. Nicht wir erschaffen, sondern die
universelle Intelligenz erschafft durch uns. Wir identifizieren uns nicht mit dem, was wir erschaffen, und
verlieren uns daher auch nicht in dem, was wir tun. Wir lernen, dass der schöpferische Akt Energie von
höchster Intensität einbeziehen kann, aber trotzdem weder »Schwerarbeit« noch Stress ist. Wir müssen
den Unterschied zwischen Stress und Intensität erkennen, wie wir noch sehen werden. Kampf und
Stress sind ein Anzeichen dafür, dass das Ego wiedergekehrt ist, ebenso wie negative Reaktionen auf
Hindernisse, die uns begegnen.
Die Kraft hinter dem Verlangen des Ego schafft »Feinde«, das heißt eine Reaktion in Form einer
Gegenkraft von gleicher Intensität. Je stärker das Ego ist, umso stärker ist das Gefühl der Getrenntheit
zwischen den Menschen. Die einzigen Handlungen, die keine Gegenreaktion herausfordern, sind solche,
die dem Wohl aller dienen. Sie beziehen ein, statt auszugrenzen. Sie verbinden, statt zu trennen. Sie
dienen nicht »meinem« Land, sondern der ganzen Menschheit, nicht »meiner« Religion, sondern der
Entfaltung des Bewusstseins aller Menschen, nicht »meiner« Spezies, sondern allen fühlenden Wesen
und der ganzen Natur.
Wir lernen auch, dass Handeln zwar notwendig, aber nur von zweitrangiger Bedeutung für die
Manifestation unserer äußeren Wirklichkeit ist. Der entscheidende Faktor für die Schöpfung ist das
Bewusstsein. Mögen wir auch noch so aktiv sein und uns noch so sehr anstrengen, unser
Bewusstseinszustand erschafft unsere Welt, und solange sich keine Veränderung auf dieser inneren
Ebene vollzieht, wird alles Handeln nichts Neues bewirken. Wir würden dabei die Welt nur in einer etwas
abgewandelten Form immer wieder gleich erschaffen, eine Welt, die ein äußeres Spiegelbild des Ego ist.
Bewusstsein
Das Bewusstsein ist bereits bewusst. Es ist das Unmanifestierte, das Ewige. Das Universum hingegen
wird nur allmählich bewusst. Das Bewusstsein selbst ist zeitlos und kann sich daher nicht entwickeln. Es
wurde nie geboren und stirbt nicht. Wenn das Bewusstsein zum manifestierten Universum wird, scheint
es der Zeit unterworfen zu sein und einen Entwicklungsprozess zu durchlaufen. Kein Menschengeist ist
fähig, den Grund für diesen Prozess ganz zu verstehen. Aber wir können in uns selbst einen kleinen
Einblick in diesen Prozess gewinnen und dann bewusst an ihm teilnehmen.
Bewusstsein ist die Intelligenz, das Organisationsprinzip hinter der Entstehung der Form. Es hat seit
Millionen von Jahren Formen geschaffen, um sich durch sie in der manifesten Welt auszudrücken.
Zwar könnte das Reich des unmanifestierten reinen Bewusstseins als eine andere Dimension
betrachtet werden, aber es ist nicht von der Dimension der Form getrennt. Die Form und das Formlose
durchdringen einander. Das Unmanifestierte fließt als Bewusstheit, als innerer Raum und Präsenz, in
diese Dimension ein. Und wie? In Form des Menschen, der bewusst wird und so sein Schicksal erfüllt.
Zu diesem höheren Zweck wurde die Menschenform erschaffen, und Millionen anderer Formen haben
den Boden dafür bereitet.
Das Bewusstsein inkarniert sich in der manifesten Dimension, anders ausgedrückt: Es wird zu Form.
Dabei tritt es in einen traumähnlichen Zustand ein. Die Intelligenz bleibt erhalten, aber das Bewusstsein
verliert die Bewusstheit seiner selbst. Es geht ganz in der Form auf und identifiziert sich mit ihr. Dies
könnte als Herabkunft des Göttlichen in die Materie bezeichnet werden. Auf dieser Entwicklungsstufe
des Universums findet die nach außen gerichtete Bewegung vollständig in dem traumähnlichen Zustand
statt. Nur jeweils in dem Augenblick, in dem sich eine individuelle Form auflöst, also stirbt, kommt es zu
einem flüchtigen Erwachen. Danach beginnt schon die nächste Inkarnation, die nächste Identifikation mit
der Form, der nächste individuelle Traum als Teil des kollektiven Traums. Wenn der Löwe ein Zebra
reißt, trennt sich das Bewusstsein, das sich in der Zebraform verkörpert hatte, von der sich auflösenden
Form und erkennt für einen kurzen Augenblick sein essenzielles unsterbliches Wesen als Bewusstsein.
Und dann schläft es sofort wieder ein und reinkarniert sich in einer neuen Form. Wenn der Löwe alt wird,
nicht mehr jagen kann und schließlich seinen letzten Atemzug tut, kommt es ebenfalls zu einem flüchtigen
Erwachen, auf das wieder ein Traum in der Form folgt.
Auf unserer Erde verkörpert das menschliche Ego die letzte Phase des universellen Schlafes, die
Identifikation des Bewusstseins mit der Form. Das war eine notwendige Stufe in der Evolution des
Bewusstseins.
Das Gehirn des Menschen ist eine höchst differenzierte Form, durch die das Bewusstsein in diese
Dimension eintritt. Es enthält ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen, so genannte Neuronen, etwa
ebenso viele, wie unsere Galaxie Sterne hat - die Galaxie könnte folglich als makrokosmisches Gehirn
betrachtet werden. Das Gehirn erzeugt nicht das Bewusstsein, sondern das Bewusstsein hat das
Gehirn, die komplexeste physische Form auf Erden, erschaffen, um sich ausdrücken zu können. Wenn
das Gehirn geschädigt wird, bedeutet das nicht, dass wir das Bewusstsein »verlieren«. Es bedeutet nur,
dass das Bewusstsein diese Form nicht länger nutzen kann, um in unsere Dimension einzutreten. Wir
können das Bewusstsein nicht »verlieren«, denn wir sind unserem Wesen nach Bewusstsein. Wir
können nur etwas verlieren, was wir haben, nicht aber etwas, das wir sind.
Erwachtes Handeln
Erwachtes Handeln ist der äußere Aspekt der nächsten Stufe in der Evolution des Bewusstseins auf
unserer Erde. Je näher das Ende unseres gegenwärtigen Entwicklungsstadiums rückt, umso
funktionsunfähiger wird das Ego, ebenso wie eine Raupe kurz vor ihrer Verwandlung in einen
Schmetterling. Aber das neue Bewusstsein regt sich schon, während sich das alte auflöst.
Wir befinden uns inmitten eines bedeutenden Geschehens in der Evolution des menschlichen
Bewusstseins, aber davon wird in den heutigen Abendnachrichten keine Rede sein. Sowohl auf unserer
Erde als vielleicht gleichzeitig auch in vielen anderen Teilen unserer Galaxie und darüber hinaus erwacht
das Bewusstsein aus seinem Formentraum. Das heißt nicht etwa, dass sich jetzt alle Formen (die Welt)
auflösen, obwohl einige es gewiss tun werden. Vielmehr bedeutet es, dass das Bewusstsein jetzt
beginnen kann, eine Form anzunehmen, ohne sich in der Form zu verlieren. Es kann sich seiner selbst
auch dann bewusst bleiben, wenn es Formen annimmt und erfährt. Warum sollte es denn weiterhin
Formen erschaffen und erfahren? Aus reiner Lust daran. Und wie gelingt ihm das? Durch erwachte
Menschen, die die Bedeutung erwachten Handelns erkannt haben.
Beim erwachten Handeln wird dein äußeres Ziel - das, was du tust - mit dem inneren Ziel - dem
Erwachen und Wachbleiben - in Einklang gebracht. Durch erwachtes Handeln wirst du eins mit dem
nach außen gerichteten Ziel des Universums. Das Bewusstsein strömt durch dich in diese Welt. Es fließt
in dein Denken ein und inspiriert dich. Es fließt in alles ein, was du tust, lenkt es in die richtige Bahn und
gibt ihm Kraft.
Nicht das, was du tust, sondern wie du es tust, bestimmt, ob du dein Schicksal erfüllst. Und darüber,
wie du es tust, entscheidet dein Bewusstseinszustand.
Es kommt zu einer Umkehrung deiner Prioritäten, wenn der Hauptzweck dessen, was du tust, das Tun
selbst bzw. der Bewusstseinsstrom ist, der in das einfließt, was du tust. Der Bewusstseinsstrom bestimmt
die Qualität. Anders ausgedrückt: In jeder Situation und bei allem, was du tust, ist dein
Bewusstseinszustand der entscheidende Faktor; die Situation und das, was du tust, sind zweitrangig.
Der »zukünftige« Erfolg ist abhängig von dem Bewusstsein, in dem du handelst, und nicht davon zu
trennen. Das kann entweder die reaktive Kraft des Ego sein oder die geschärfte Aufmerksamkeit des
erwachten Bewusstseins. Alles wahrhaft erfolgreiche Handeln ist auf dieses Feld wacher
Aufmerksamkeit zurückzuführen und nicht auf das Ego und das konditionierte, unbewusste Denken.
Die drei Modalitäten des erwachten Handelns
Es gibt drei Arten, wie das Bewusstsein in das einfließen kann, was du tust, und dadurch in die Welt, drei
Modalitäten, durch die du dein Leben auf die kreative Kraft des Universums ausrichten kannst. Unter
Modalität ist die zugrunde liegende Energiefrequenz zu verstehen, die in das eingeht, was du tust, und
dein Handeln mit dem erleuchteten Bewusstsein verbindet, das sich in dieser Welt entfaltet. Was du tust,
wird so lange funktionsgestört und egohaft sein, wie es nicht diesen drei Modalitäten entspricht. Sie
können sich im Laufe eines Tages verändern, aber es kann auch sein, dass eine von ihnen während
eines bestimmten Lebensabschnitts dominiert. Jede Modalität ist gewissen Situationen angemessen.
Die Modalitäten erwachten Handelns sind Bereitwilligkeit, Freude und Enthusiasmus. Jede von ihnen
verkörpert eine bestimmte Schwingungsfrequenz des Bewusstseins. Du musst achtsam sein, um
sicherzugehen, dass eine von ihnen in alles einfließt, was du tust, ob es sich um höchst einfache oder
höchst komplexe Aufgaben handelt. Wenn du weder mit Bereitwilligkeit noch mit Freude, noch mit
Enthusiasmus bei dem bist, was du tust, solltest du einmal genau hinschauen, dann wirst du sehen, dass
du dir und anderen Leid bescherst.
Bereitwilligkeit
Wenn du keine Freude bei dem empfinden kannst, was du tust, kannst du es zumindest als das
annehmen, was du tun musst. Bereitwillig annehmen heißt einzusehen, dass die Situation dies im
Augenblick von mir verlangt, sodass ich es bereitwillig tue. Wir haben schon ausführlich darüber
gesprochen, wie wichtig es ist, das, was geschieht, innerlich anzunehmen und das zu akzeptieren, was
man tut, ist nur ein anderer Aspekt davon. Zum Beispiel erfüllt es dich wahrscheinlich nicht gerade mit
Freude, geschweige denn mit Begeisterung, nachts in der Mitte von Nirgendwo bei strömendem Regen
einen Reifen an deinem Auto wechseln zu müssen, aber du kannst es immerhin bereitwillig annehmen.
Etwas im Zustand der Bereitwilligkeit zu tun bedeutet, dass du im Frieden bist, während du es tust.
Dieser Friede ist eine feine Energieschwingung, die dann in das einfließt, was du tust. Bei
oberflächlicher Betrachtung wirkt das bereitwillige Annehmen wie Passivität, dabei zeugt es in
Wirklichkeit von Aktivität und Kreativität, weil es etwas vollkommen Neues in diese Welt hineinbringt.
Dieser Friede, diese feine Energieschwingung, ist Bewusstsein, und eine der Arten, auf die es in die
Welt eintritt, ist das selbstlose Tun, zu dem auch die Bereitwilligkeit gehört.
Wenn du etwas weder freudig tun noch bereitwillig annehmen kannst - lass es. Sonst übernimmst du
keine Verantwortung für das Einzige, für das du dich wirklich verantwortlich zeigen kannst, und das
zugleich das Einzige ist, das wirklich eine Rolle spielt: dein Bewusstseinszustand. Und wenn du keine
Verantwortung für deinen Bewusstseinszustand auf dich nimmst, übernimmst du auch keine
Verantwortung für das Leben.
Freude
Der Friede, den selbstloses Tun mit sich bringt, verwandelt sich in ein Gefühl der Lebendigkeit, sobald
dir das, was du tust, auch wirklich Freude macht. Freude ist die zweite Modalität erwachten Handelns.
Auf der neuen Erde wird Freude als Triebkraft hinter dem Handeln der Menschen das Verlangen
ablösen. Verlangen entsteht durch die Wahnvorstellung des Ego, dass du nur ein Bruchstück des
Ganzen und getrennt von der Kraft bist, die aller Schöpfung zugrunde liegt. Durch Freude verbindest du
dich mit der universellen Schöpferkraft selbst.
Wenn du statt Vergangenheit und Zukunft den gegenwärtigen Augenblick in den Mittelpunkt deines
Lebens stellst, nimmt deine Fähigkeit, Freude zu haben an dem, was du tust - und damit deine
Lebensqualität - drastisch zu. Freude ist der dynamische Aspekt des Seins. Sobald sich die
schöpferische Kraft des Universums ihrer selbst bewusst wird, manifestiert sie sich als Freude. Du
brauchst nicht abzuwarten, dass etwas »Sinnvolles« in deinem Leben geschieht, um endlich Freude an
dem haben zu können, was du tust. In der Freude ist mehr Sinn, als du je brauchst. Das Warten darauf,
dass »das Leben endlich anfängt«, ist ein allgemeines Syndrom und eine der häufigsten, durch
Unbewusstheit hervorgerufenen Wahnvorstellungen. Erweiterung und positive Veränderungen auf der
äußeren Ebene erlebst du viel eher, wenn du schon jetzt Freude empfindest bei dem, was du tust, statt
auf irgendeine Veränderung zu warten, durch die du dich an deinem Tun erfreuen kannst. Bitte nicht
deinen Verstand um Erlaubnis, dich freuen zu dürfen an dem, was du tust. In diesem Fall wirst du bloß
jede Menge Gründe hören, warum es dir keine Freude machen wird. »Nicht jetzt«, wird der Verstand
sagen. »Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Die Zeit reicht nicht. Vielleicht kannst du morgen
anfangen, dich zu freuen …« Dieses Morgen kommt aber nie, es sei denn, du fängst jetzt an, dich an
dem zu erfreuen, was du tust.
Es zeigt im Grunde eine falsche Sicht der Dinge, wenn du sagst: »Das und das macht mir Freude.«
Dann sieht es nämlich so aus, als entspringe die Freude dem, was du tust, und das stimmt nicht. Die
Freude entspringt nicht dem, was du tust, sondern sie fließt ein in das, was du tust, und dadurch fließt
sie aus deinem tiefsten Innern in die Welt. Der Trugschluss, dass Freude davon abhängt, was du tust, ist
weit verbreitet, aber gefährlich, denn er lässt dich glauben, dass deine Freude aus etwas anderem, einer
Aktivität oder einem Gegenstand, entspringen kann. In diesem Fall suchst du in der Außenwelt nach
Freude und Glück. Aber dort findest du sie nicht. Das ist es, weswegen viele Menschen in ständiger
Frustration leben. Die Welt gibt ihnen nicht, was sie zu brauchen glauben.
Welche Beziehung besteht dann zwischen dem, was du tust, und dem Zustand der Freude? Du wirst
an jeder Aktivität Freude haben, bei der du voll und ganz präsent bist, an jeder Aktivität, die nicht nur
Mittel zum Zweck ist. Nicht die Tätigkeit bereitet dir Freude, sondern das tief greifende Gefühl der
Lebendigkeit, das in diese Tätigkeit einfließt. Die Lebendigkeit ist eins mit dem, der du bist. Das heißt:
Wenn du etwas mit Freude tust, erfährst du in Wirklichkeit die Freude des Seins in seinem dynamischen
Aspekt. Darum verbindet dich alles, was du mit Freude tust, mit der Kraft, die aller Schöpfung zugrunde
liegt.
Im Folgenden eine spirituelle Übung, die dein Leben durch Kraft und Kreativität bereichern wird. Stelle
eine Liste von alltäglichen Routineaktivitäten zusammen, denen du dich häufig widmest. Schreibe auch
solche auf, die du uninteressant, langweilig, ermüdend, ärgerlich oder stressig findest. Ausgenommen
sind nur Dinge, die du verabscheust oder hasst - die kannst du nur bereitwillig annehmen oder
unterlassen. Auflisten kannst du zum Beispiel die Fahrt zur Arbeitsstelle und zurück,
Lebensmitteleinkäufe, Wäschewaschen und anderes mehr, was du in deinem Alltag öde oder
anstrengend findest. Mach nun aus diesen Tätigkeiten jedes Mal, wenn du dich ihnen widmest, ein
Werkzeug für die Lebendigkeit. Sei absolut präsent in allem, was du tust, und spüre die wache,
lebendige Ruhe in dir, die den Hintergrund für dein Tun bildet. Du wirst bald merken, dass alles, was du
im Zustand einer solchen gesteigerten Bewusstheit tust, tatsächlich zur Freude für dich wird, statt dich zu
stressen, zu ermüden oder zu ärgern. Genau genommen macht dir nicht die Tätigkeit selbst Freude,
sondern die innere Dimension der Bewusstheit, die in dein Tun einfließt. So findest du die Freude des
Seins in dem, was du tust. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Leben bedeutungslos verläuft, dass es
zu anstrengend oder langweilig ist, liegt es daran, dass du diese Dimension noch nicht in dein Leben
gebracht hast. Dann ist Bewusstheit bei allem, was du tust, noch nicht dein Hauptziel geworden.
Die neue Erde entsteht, je mehr Menschen es als den Hauptsinn und -zweck ihres Lebens betrachten,
das Licht des Bewusstseins in diese Welt zu bringen und alles, was sie tun, als ein Werkzeug für dieses
Bewusstsein zu verwenden.
Die Freude am Sein ist die Freude daran, bewusst zu sein.
Statt des Ego übernimmt dann das erwachte Bewusstsein die Führung im Leben, und du stellst
womöglich fest, dass sich eine Aktivität, der du dich über einen langen Zeitraum hinweg gewidmet hast,
durch die Kraft des Bewusstseins ganz natürlich zu etwas weit Bedeutenderem entwickelt.
Manche Menschen, die durch ihr kreatives Schaffen das Leben vieler anderer bereichern, tun einfach
das, was ihnen am meisten Freude macht, ohne dadurch etwas erreichen oder werden zu wollen. Das
können Musiker, Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Lehrer oder Baumeister sein oder Leute, die
neue soziale oder wirtschaftliche Strukturen (erleuchtetes Unternehmertum) ins Leben rufen. Manchmal
bleibt ihr Einflussbereich über Jahre hinweg klein, bis allmählich oder plötzlich eine Woge kreativer Kraft
in das einfließt, was sie tun, sodass ihre Tätigkeit weit über alles hinauswächst, was sie sich je hätten
träumen lassen, und unzählige Mitmenschen erreicht. Zur Freude am Tätigsein kommt nun Intensität
hinzu und damit eine Kreativität, die über alles hinausgeht, was ein gewöhnlicher Sterblicher je leisten
könnte.
Lass dir so etwas aber nicht zu Kopf steigen, denn da oben verstecken sich möglicherweise noch
Überreste des Ego. Du bist noch immer ein gewöhnlicher Mensch. Außergewöhnlich ist nur das, was
durch dich in diese Welt einfließt. Doch diese Essenz hast du mit allen Wesen gemeinsam. Der
persische Dichter und Sufimeister des 14. Jahrhunderts, Hafis, hat diese Wahrheit wunderbar in Worte
gefasst: »Ich bin ein Loch in einer Flöte, durch die der Atem Christi strömt.«27
Enthusiasmus
Schließlich gibt es noch eine andere Möglichkeit des schöpferischen Ausdrucks, die denen offensteht,
die ihrem inneren Ziel, dem Erwachen, treu bleiben. Sie wissen eines Tages plötzlich, welchen äußeren
Sinn und Zweck ihr Leben hat. Sie haben eine große Vision, ein hohes Ziel vor Augen, das sie von da an
tatkräftig zu verwirklichen suchen. Ihre Vision, ihr hohes Ziel, steht meist mit etwas in Zusammenhang,
das sie in kleinerem Maßstab bereits tun und mit Freude tun. Hier kommt die dritte Modalität des
erwachten Handelns ins Spiel: der Enthusiasmus.
Mit Enthusiasmus bei der Sache zu sein bedeutet, tiefe Freude für das zu empfinden, was man tut,
und zugleich eine Vision oder ein hohes Ziel zu verfolgen. Wenn du ein hohes Ziel mit der Freude am
Tun verbindest, verändert sich das Energiefeld oder die Schwingungsfrequenz. Jetzt fließt so etwas wie
strukturelle Spannung in die Freude ein und verwandelt sie in Begeisterung. Auf seinem Höhepunkt hat
kreatives Schaffen, das von Enthusiasmus beflügelt wird, eine enorme Intensität und Energie. Du fühlst
dich wie ein Pfeil, der seinem Ziel entgegenfliegt - und genießt den Flug.
Einem Außenstehenden mag es so scheinen, als ständest du unter Stress, dabei hat die Intensität des
Enthusiasmus nichts mit Stress gemein. Wenn dein Verlangen, ans Ziel zu kommen, stärker ist als dein
Verlangen, das zu tun, was du tust, kommst du unter Druck. Dann geht das Gleichgewicht zwischen
Freude und struktureller Spannung verloren, sodass die Spannung die Oberhand gewinnt. Stress ist im
Allgemeinen ein Anzeichen dafür, dass das Ego zurückgekehrt ist und du dich von der schöpferischen
Kraft des Universums abgetrennt hast. Was bleibt, sind die Kraft und der Druck des Egoverlangens, und
du musst dich sehr abmühen und »hart arbeiten«, um das Ziel zu erreichen. Stress vermindert stets
sowohl die Qualität als auch die Effektivität dessen, was du unter seinem Einfluss tust. Es besteht
außerdem eine starke Verbindung zwischen Stress und negativen Emotionen wie Angst und Wut. Stress
schadet dem Körper und wird zunehmend als eine der Hauptursachen für so genannte
Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt und Krebs erkannt.
Im Gegensatz zum Stress hat Enthusiasmus eine hohe Energiefrequenz und schwingt daher mit der
schöpferischen Kraft des Universums mit. Darum schrieb Ralph Waldo Emerson: »Ohne Enthusiasmus
ist nie etwas Großes erreicht worden.«28 Das Wort »Enthusiasmus« stammt aus dem Altgriechischen -
en und theos bedeuten zusammen »in Gott«, und das davon abgeleitete Wort enthousiasmos bedeutet
»Gottesbegeisterung«. Mit Enthusiasmus merkst du, dass du nichts allein tun musst. Es gibt im Grunde
nichts Bedeutendes, das du überhaupt allein tun könntest. Anhaltender Enthusiasmus sorgt für eine
Woge kreativer Energie, und dir bleibt nichts anderes zu tun, als auf dieser Welle zu reiten.
Enthusiasmus verleiht allem, was du tust, eine gewaltige Kraft, sodass diejenigen, die noch keinen
Zugang zu dieser Kraft gefunden haben, ehrfurchtsvoll über deine Leistungen staunen und sie mit dem
gleichsetzen, der du bist. Du kennst jedoch sicher die Wahrheit, auf die Jesus hinwies, als er sagte: »Ich
kann nichts von mir aus tun.«29 Anders als das Egoverlangen, das im direkten Verhältnis zu seiner
Intensität auch Widerstand hervorruft, erzeugt Enthusiasmus keine Gegensätze und führt nie zur
Konfrontation. Bei enthusiastischem Tun gibt es keine Gewinner oder Verlierer, denn andere werden
nicht ausgeschlossen, sondern einbezogen. Andere Menschen müssen nicht ausgenutzt oder manipuliert
werden, weil dem Tun die Kraft der Schöpfung selbst zugrunde liegt, die keine Energie aus einer zweiten
Quelle benötigt. Das Ego verlangt stets danach, von Menschen oder Dingen etwas zu bekommen; der
Enthusiasmus gibt von seiner eigenen Fülle ab. Wenn der Enthusiasmus auf Hindernisse in Form von
unangenehmen Situationen oder unkooperativen Menschen trifft, geht er nie zum Angriff über, sondern
umgeht die Unannehmlichkeiten oder macht aus dem Feind einen Freund, indem er die gegen ihn
gerichtete Energie achtet oder in sich aufnimmt und so in etwas umwandelt, das ihm hilft.
Enthusiasmus und Ego können nicht nebeneinander bestehen. Das eine setzt die Abwesenheit des
anderen voraus. Der Enthusiasmus kennt sein Ziel, ist jedoch zugleich vollkommen eins mit dem
gegenwärtigen Augenblick, der Quelle seiner Lebendigkeit, Freude und Macht. Enthusiasmus »verlangt«
nichts, weil ihm nichts fehlt. Er ist eins mit dem Leben, und deshalb verlierst du dich nicht im Handeln,
mag das durch ihn beflügelte Tun auch noch so viel Schwung haben. Immer bleibt ein stiller, aber höchst
lebendiger Raum in der Mitte des Rades, ein Raum des Friedens inmitten aller Aktivitäten, aus dem alles
entspringt und der zugleich unberührt von allem bleibt.
Mit Enthusiasmus bringst du dich vollkommen in Einklang mit dem nach außen gerichteten
schöpferischen Prinzip des Universums, allerdings ohne dich mit seinen Werken zu identifizieren, das
heißt, ohne Ego. Wo keine Identifikation stattfindet, gibt es auch kein Anhaften - eine der Hauptursachen
für das Leiden. Sobald die Woge schöpferischer Energie verebbt ist, nimmt die strukturelle Spannung
wieder ab, aber die Freude am Tun bleibt. Niemand kann immerfort enthusiastisch sein. Vielleicht
durchströmt dich später erneut eine Welle kreativer Energie, und dann lebt dein Enthusiasmus wieder
auf.
Wenn die Rückkehrbewegung in Richtung Auflösung der Form einsetzt, ist dir der Enthusiasmus nicht
mehr von Nutzen. Er gehört zur nach außen gerichteten Phase des Zyklus. Nur durch Hingabe kannst du
dich auf die Rückkehrbewegung einstimmen - die Heimreise.
Fassen wir einmal zusammen: Aus der Freude an dem, was du tust, wird in Verbindung mit einer Vision
oder einem höheren Ziel Enthusiasmus. Doch obwohl du ein höheres Ziel hast, muss das, was im
gegenwärtigen Augenblick geschieht, weiterhin im Mittelpunkt deiner Aufmerksamkeit stehen; sonst bist
du nicht mehr im Einklang mit dem universellen Ziel. Pass auf, dass deine Vision oder dein hohes Ziel
kein übersteigertes Bild von dir selbst enthält und somit eine versteckte Form des Ego ist - etwa, dass du
unbedingt ein Filmstar, ein berühmter Schriftsteller oder ein reicher Unternehmer werden willst. Hüte dich
auch davor, das Habenwollen zu deinem Ziel zu erheben und eine Villa am Meer, eine eigene Firma oder
zehn Millionen Dollar auf dem Bankkonto zu erstreben. Ein gesteigertes Selbstbild oder die Vision,
einmal dieses und jenes zu haben, sind statische Ziele, die dir keine Kraft verleihen. Achte lieber darauf,
dass deine Ziele dynamisch sind, das heißt eine Aktivität umfassen, in der du dich engagierst und durch
die du sowohl mit anderen Menschen als auch mit dem Ganzen verbunden bist. Statt dich selbst als
berühmten Schauspieler oder Schriftsteller usw. zu sehen, solltest du dich als jemanden sehen, der
durch seine Arbeit eine Vielzahl von Menschen inspiriert und deren Leben bereichert. Spüre, wie dein
Tun nicht nur dein eigenes Leben bereichert und vertieft, sondern auch das unzähliger anderer.
Empfinde dich selbst als Öffnung, durch die Energie aus der unmanifestierten Quelle allen Lebens zum
Wohl aller durch dich hindurchfließt.
Das alles setzt voraus, dass dein Ziel oder deine Vision in deinem Innern, auf der mentalen und
emotionalen Ebene, bereits Realität ist. Enthusiasmus ist die Kraft, die den mentalen Entwurf in die
physische Dimension überträgt. Das ist kreativer Gebrauch des Denkens, und darum ist kein Verlangen
dabei. Du kannst nicht manifestieren, was du willst; du kannst nur manifestieren, was bereits in dir ist.
Durch harte Arbeit und große Anstrengung wirst du vielleicht erreichen, was du willst, aber das ist nicht
der Weg der neuen Erde. Jesus hat uns den Schlüssel zum kreativen Gebrauch unseres Denkens und
zur bewussten Manifestation der Form gegeben, als er sagte: »Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn
ihr glaubt, so werdet ihr’s empfangen.«30
Die Frequenzerhalter
Der auswärts gerichtete Drang zur Form ist nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt. Manche
haben ein starkes Bedürfnis, etwas aufzubauen, zu erschaffen, sich zu engagieren, etwas zu leisten und
der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Wenn sie unbewusst sind, wird natürlich ihr Ego die Zügel in die
Hand nehmen und die nach außen drängende Energie für eigene Zwecke missbrauchen. Das reduziert
allerdings den Strom der schöpferischen Energie, die ihnen zur Verfügung steht, gewaltig, sodass sie
sich immer häufiger sehr anstrengen müssen, um zu erreichen, was sie sich wünschen. Bewusste
Menschen hingegen, bei denen der nach außen gerichtete Gestaltungswille stark ist, werden
außerordentlich kreativ sein. Andere führen, nachdem die natürliche Phase der Auswärtsbewegung
während des Heranwachsens abgeschlossen ist, ein äußerlich unauffälliges Leben und scheinen sich
mit einem passiven und ziemlich ereignislosen Dasein abgefunden zu haben. Sie sind von Natur aus
introvertierter und haben nur einen sehr geringen nach außen gerichteten Drang. Sie neigen eher zur
Rückkehr als zum Aufbruch. Sie haben keinerlei Verlangen danach, sich stark zu engagieren oder die
Welt zu verändern. Wenn sie überhaupt Ehrgeiz haben, dann nur so viel, um sich eine gewisse
Unabhängigkeit zu erhalten. Einige können sich nur schwer in diese Welt einfügen. Andere haben das
Glück, eine schützende Nische zu finden, in der sie ein relativ behütetes Leben führen können, einen
Beruf, der ihnen ein regelmäßiges Einkommen sichert, oder sie bauen ein kleines eigenes Unternehmen
auf. Wieder andere fühlen sich zu einem Leben in einem Kloster oder einer spirituellen Gemeinschaft
hingezogen. Noch andere werden Aussteiger und leben am Rande der Gesellschaft, mit der sie wenig
verbindet. Manche flüchten sich in den Drogenkonsum, weil sie das Leben in dieser Welt als zu
schmerzhaft empfinden. Und aus einigen werden vielleicht Heiler oder spirituelle Lehrer, die das Sein
lehren.
In vergangenen Zeiten wären sie wahrscheinlich Mystiker genannt worden. In unserer heutigen
Zivilisation ist anscheinend kein Platz mehr für sie. Auf der sich entfaltenden neuen Erde jedoch spielen
sie eine ebenso entscheidende Rolle wie die Schöpfer, die Macher, die Reformer. Sie haben die
Funktion, die Frequenz des neuen Bewusstseins fest auf dieser Erde zu verankern. Deshalb nenne ich
sie die Frequenzerhalter. Sie sind dazu da, durch ihre Alltagsaktivitäten, in Interaktion mit anderen
ebenso wie durch ihr bloßes Sosein Bewusstsein zu schaffen.
Auf diese Weise geben sie dem scheinbar Unbedeutenden einen tief greifenden Sinn. Ihre Aufgabe
besteht darin, Weite und Stille in diese Welt zu bringen, indem sie bei allem, was sie tun, voll
gegenwärtig sind. Das, was sie tun, ist von Bewusstsein durchdrungen und daher von hoher Qualität,
selbst die einfachste Verrichtung. Ihr Sinn und Zweck ist es, alles in heiliger Art zu tun. Da jeder Mensch
ein integraler Bestandteil des kollektiven Bewusstseins ist, nehmen sie viel stärker Einfluss auf die Welt,
als an ihrem Leben äußerlich abzulesen ist.
Die neue Erde ist keine Utopie
Ist die Vorstellung von einer neuen Erde nicht bloß wieder eine Utopie? Keineswegs. Alle Utopien haben
eins gemeinsam: die Vision einer Zukunft, in der alles gut ist, in der wir alle erlöst sind, in der Frieden
und Harmonie herrschen und all unsere Probleme ein Ende haben. Es hat schon viele Utopien dieser Art
gegeben. Einige haben mit einer Enttäuschung geendet, andere mit einer Katastrophe.
Allen Utopien liegt eine der strukturellen Hauptstörungen des alten Bewusstseins zugrunde: die Suche
nach Erlösung in der Zukunft. Dabei existiert die Zukunft einzig und allein im Kopf, in Form von
Gedanken, sodass du, wenn du dein Heil in der Zukunft suchst, es unbewusst in deinem eigenen
Denken suchst. So gehst du in die Falle der Form, und das heißt des Ego.
»Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde«, heißt es in der Offenbarung des
Johannes.31 Das Fundament einer neuen Erde ist ein neuer Himmel - das erwachte Bewusstsein. Die
Erde - die äußere Wirklichkeit - ist nur dessen äußeres Spiegelbild. Die Entstehung eines neuen
Himmels und damit auch einer neuen Erde ist kein Zukunftsereignis, das uns befreien wird. Nichts wird
uns frei machen, weil uns nur der gegenwärtige Augenblick frei machen kann. Diese Erkenntnis ist das
Erwachen. Erwachen als Zukunftsereignis ergibt keinen Sinn, denn das Erwachen ist die Verwirklichung
von Präsenz. Der neue Himmel, das erwachte Bewusstsein, ist also kein zukünftiger Zustand, der sich
erreichen ließe. Ein neuer Himmel und eine neue Erde entstehen in ebendiesem Augenblick in dir, und
wenn sie nicht in diesem Augenblick entstehen, dann sind sie nur ein Gedanke in deinem Kopf und
entstehen deshalb gar nicht. Was sagte Jesus zu seinen Jüngern? »Denn siehe, das Reich Gottes ist
mitten unter euch.«32 In der Bergpredigt macht Jesus eine Voraussage, die bis heute nur wenige
verstanden haben. Er sagt: »Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.«33
Wer sind die Sanftmütigen, und was bedeutet es, dass sie das Erdreich besitzen werden?
Die Sanftmütigen sind frei von Ego. Es sind die, die zu ihrem essenziellen wahren Wesen als
Bewusstsein erwacht sind und die diese Essenz in allen »anderen«, in allen Lebensformen erkennen.
Sie leben total selbstlos und fühlen so ihr Einssein mit dem Ganzen und mit dem Ursprung. Sie
verkörpern das erwachte Bewusstsein, das alle Aspekte des Lebens auf unserer Erde einschließlich der
Natur verändert, denn das Leben auf der Erde ist untrennbar vom Bewusstsein der Menschen, das die
Erde wahrnimmt und mit ihr interagiert. Das ist der Sinn der Prophezeiung, dass die Sanftmütigen das
Erdreich besitzen werden.
Eine neue Spezies entsteht auf der Erde. Sie erscheint gerade jetzt - du bist es!
Quellenangaben

1 Offb 21, 1, und Jes 65, 17


2 Mt 5, 3
3 Phil 4, 7
4 Lk 6, 41
5 Joh 14, 6
6 Halevi, Yossie K.: »Introspective As a Prerequisite for Peace«, New York Times , 7. Sept. 2002
7 US Department of Justice, Bureau of Justice Statistics, Gefangenenstatistik, Juni 2004
8 Einstein, Albert: Mein Weltbild, Europa, Zürich 2005, S. 51
9 Shakespeare, William: Macbeth V, 5
10 -: Hamlet II, 2
11 Mt 5, 48
12 Lk 6, 38
13 Mt 13, 12
14 1. Kor 3, 19
15 Shakespeare, William: Sonette, Nr. 16
16 Lao Tse: Tao Te King , Hugendubel, München 1984, Kap. 28 und Kap. 22
17 Lk 14, 10 u. 11
18 Upanischaden, Benziger, Zürich 1986, S. 70
19 Pred 1, 14
20 Ein Kurs in Wundern, Übungsbuch, Lektion 5
21 Lk 17, 20 u. 21
22 Friedrich Nietzsche: Werke, Hanser, München 1954, Bd. 2, S. 514
23 1. Mo 2, 7
24 Joh 14, 10
25 Mt 6, 28 u. 29
26 Tacitus, Annalen III, 2
27 Hafiz: The Gift, Penguin, New York 1999
28 Emerson, Ralph Waldo: The Works, Nimmo, Hay & Mitchell, Edinburgh 1906, S. 114
29 Joh 5, 30
30 Mt 21, 22
31 Off 21, 1
32 Lk 17, 21
33 Mt 5, 5
1
Ein Hinweis zur Übersetzung des Wortes egoic Im englischen Originaltext heißt es an dieser Stelle egoic
state (of consciousness). Dazu folgende Erklärung des Autors:
»Im vorliegenden Buch verwende ich das Wort ›egoic‹, obwohl es in der englischen Sprache (noch)
nicht existiert. Vielleicht können die Übersetzer ein ähnliches Wort erfinden, da alle bereits
existierenden Worte (z. B. egoistisch, egotistisch, egozentrisch usw.) ein zu enges
Bedeutungsspektrum haben. Fast immer ist damit ›selbstsüchtig‹ gemeint, aber Selbstsucht ist nur ein
kleiner Aspekt egomotivierter Verhaltensweisen.«
Der Intention des Autors folgend wurde das englische egoic gelegentlich durch das neu gebildete
Adjektiv »egohaft« übersetzt, meist aber - je nach Kontext - durch zusammengesetzte Begriffe wie
»egobehaftet«, »egobegründet«, »vom Ego bestimmt« oder durch einfache Komposita wie
»Egogeist« für egoic mind, »Egomuster« für egoic patterns usw.
Zeitgleich mit der deutschen Ausgabe erscheint die
amerikanische Originalausgabe unter dem Titel »A New Earth.
Awakening to Your Life’s Purpose« bei Dutton, einem Imprint
der Penguin Group (USA) Inc., New York.

Umwelthinweis:
Dieses Buch und der Schutzumschlag
wurden auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.
Die Einschrumpffolie (zum Schutz vor Verschmutzung)
ist aus umweltfreundlicher und recyclingfähiger PE-Folie.

1. Auflage
© 2005 Eckhart Tolle
© 2005 der deutschsprachigen Ausgabe
Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Lektorat: Gerhard Juckoff

eISBN : 978-3-641-01107-9

www.goldmann-verlag.de
www.randomhouse.de

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