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2.1.1.1. Das Gehirn im Alter4.

Indem die meisten Studien im Bereich der Gerontoneurobiologie auf


pathologische Entwicklungen fokussieren, gibt es relativ wenige Forschungen
über die Biologie des alternden Gehirns in Abwesenheit von
neurodegenerativen Erkränkungen, d.h. bei gesunden älteren Erwachsenen
(vgl. Rodgers 2008:17). In den vergangenen Jahrzehnten haben jedoch die
Ergebnisse von Studien über neurodegenerative Erkränkungen (u.a. leichte
kognitive Beeinträchtigung, Alzheimer- und Parkinson-Krankheiten, usw.)
teilweise dazu beigetragen, bestimmte strukturelle, chemische und
funktionelle Veränderungen im gesund alternden Gehirn besser zu verstehen
(vgl. Ebd.). Diese werden im Folgenden kurz zusammengefasst.
Was spezifisch die strukturellen Veränderungen angeht, lässt sich in erster
Linie eine allgemeine Schrumpfung des Hirnvolumens feststellen (vgl. Bild 2,
S.11), die im Alter zwischen 50 und 90 Jahren insgesamt bei ca. 7% liegt (vgl.
Berndt 2003:122; Edlinger 2013:64; Rodgers 2008:17). Wie Berndt betont,
betrifft diese die verschiedenen Hirnareale in unterschiedlicher Weise:
„Während der frontale Bereich der Hirnrinde sich stark zurückbildet (-9%),
bleibt der hintere Bereich mehr oder weniger unverändert erhalten“ (Ebd.).
Besonders vom Altern betroffen sind Regionen der Gehirnoberfläche, die
wichtig für komplexes Verarbeiten sind, aber
4 vgl. Anhang → “Das menschliche Gehirn: Die neuroanatomische
Grundlagenterminologie” (Abschnitt 6.1): Hier werden einige Illustrationen
über die relvantesten neuroanatomischen Teilen des menschlichen Gehirns
dargestellt, die sehr nützlich für diesen Teil der Arbeit, aber vor allem für das
Kapitel 2.4, sein könnten.
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auch das Verhalten beeinflussen: Regionen des präfrontalen Kortex, zum


Beispiel, oder des Hippocampus (vgl. Edlinger 2013:65; Rodgers 2008:17). Der
Erste ist
ein Teil des
Frontallappens der das für Planung, Entscheidungsfindung und das
Arbeitsgedächtnis zuständig ist (vgl. Ebd.), während der Zweite, der sich
dagegen in dem Temporallappen befindet,
insbesondere für Gedächtniskonsolidierung und Emotionen eine wichtige Rolle
spielt (vgl. Purves at al. 2004:20). Beide diese Areale sind sehr wichtig für das
Lernen, das Gedächtnis, das Planen und für andere komplexe geistige
Aktivitäten (vgl. Rodgers 2008:17). Auf mikroskopischer Ebene lässt sich
außerdem ein Rückgang in der Dichte der weißen Gehirnsubstanz (die aus
myelinbedeckten Axonen besteht) und in der Neuronenanzahl und – dichte
beobachten, der gepaart mit bestimmten Veränderungen auf biochemischer
Ebene negative Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen Netzwerken
von Nervenzellen haben kann, wie Edlinger behauptet (vgl. Edlinger 2013:65).
Auch im System der Neurotransmitter sind nämlich altersbedingte
Veränderungen beobachtbar: Die D2-Dopamin und Serotonin Rezeptoren, die
eine wichtige Rolle in der Aufmerksamkeitsregulierung und
Reaktionsmodulierung haben, gehen normalerweise mit dem Alter zurück (vgl.
Ebd.). Weitere
strukturelle Veränderungen können beispielsweise aus Veränderungen der
hirnversorgenden Gefäße bestehen, indem die Arterien mit dem Altern
verengen, die Durchblutung verschlechtert sich, und folglich auch das
Wachstum neuer Kapillaren gestört wird (vgl. Rodgers 2008:17). Oft kann man
außerdem in den Gehirnen gesund alternder
Menschen (auch wenn in geringerem Maße im Vergleich zu pathologischen
Fällen) Proteinablagerungen in den Gehirnzellen ("neurofibrilläre Tangles")
und außerhalb der
Großhirnrinde,
Organisierung,
Bild 2: fMRT-Hirnscans zum Vergleich eines jungen (links) und eines gesund
alternden Gehirns (links). In pathologischen Fällen (u.a. bei der Alzheimer-
Krankheit) ist die Volumabnahme wesentlich erheblicher. Quelle: Berndt
2003:123.
Bild 3: Das Entstehen von senilen Plaques und von neurofibrillären Tangles
(rechts) in einem alternden Gehirn, im Vergleich zu einem jungen Gehirn
(links). Quelle:http://www.brightfocus.org/alzheimers/infograp hic/amyloid-
plaques-and-neurofibrillary-tangles
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Gehirnzellen ("senile Plaques") feststellen (vgl. Bild 3), die nach zahlreichen
Wissenschaftlern als Hauptverdächtigen für Zellverlust und Gewebeschwund
angesehen werden, so wie allgemeine Schäden durch „freie Radikale“ (vgl.
Ebd.), d.h. durch hoch reaktive Moleküle (meistens Sauerstoff oder Stickstoff),
die die Zellen und das Gewebe angreifen und so schrittweise, durch oxidative
Schäden, das Vorkommen von Alterungsprozessen und degenerativen
Krankheiten unterstützen können (vgl. Harman 1956:299).
Die oben beschriebenen strukturellen und physiologischen Veränderungen im
Gehirn, die im nachstehenden Schema zusammenfassend dargestellt werden
(vgl. Bild 4), führen zu Veränderungen der Informationsverarbeitung und der
kognitiven Leistungen (vgl. Berndt 2003:122), die natürlich das Lernen im
höheren Alter negativ beeinflussen können. Manche Menschen könnten
beispielsweise eine größere Schwierigkeit beim Lernen neuer Dinge oder beim
Abrufen von Informationen feststellen, so wie bei komplexen Aufgaben der
Aufmerksamkeit, des Lernens und des Gedächtnisses (vgl. Rodgers 2008:17).
Trotzdem geht man heute im Bereich der Gehirnforschung davon aus, dass
solche kognitive Leistungen auch im höheren Alter durch ein angemessenes
Training verbessert werden können, indem die Plastizität neuronaler
Strukturen in unterschiedlichem Maße über die ganze Lebensspanne
vorhanden ist (vgl. Berndt 2003:123), so wie durch bestimmte bewusste und
unbewusste Kompensationsmechanismen (z.B. das Gehirn rekrutiert
alternative Netzwerke, um
Bild 4: Die wichtigsten Veränderungen im Bereich des alternden Gehirns und
folgende Effekte auf der Informationsverarbeitung und den kognitiven
Leistungen.
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eine bestimmte Aufgabe durchzuführen). Über die Konzepte der Plastiziät, der
Kompensation und des kognitiven Trainings wird jedoch ausführlicher im
Kapitel 2.2.3. diskutiert, der sich spezifisch mit dem Übergang von dem Defizit-
Modell zu dem Kompetenzmodell des Alterns beschäftigt.
2.1.1.2. Sensorische Veränderungen im Alter.
Im vorliegenden Abschnitt werden die wichtigsten Veänderungen der Sensorik
behandelt, und zwar im Bereich des Hörens und des Sehens: „Dass Hören und
Sehen im Alter abnehmen, ist [nämlich] eine Binsenweisheit“, wie Berndt
betont (Berndt 2001:78). Was die Hörveränderungen im Alter angeht, stellt die
primäre Presbykusis (auch Altersschwerhörigkeit genannt) die häufigste Form
des Hörverlusts im Alter dar, indem sie ungefähr 40% der Menschen über 65
Jahre betrifft (vgl. Mazurek et al. 2008:429). Im Allgemeinen könnte sie als eine
Folge von Abnutzungserscheinungen des Hörapparates angesehen werden
(vgl. Berndt 2001:78), die jedoch auch von anderen Faktoren (u.a. Hypoxie,
Lärm, Hypertonus, Hypercholesterinämie oder Diabetes mellitus) verursacht
werden kann (vgl. Mazurek et al. 2008:429). Wie Berndt in Bezug auf
audiometrische Tests betont, „beträgt der mittlere Hörverlust für 60-Jährige
ca. 20%, für 70-Jährige ca. 30% und für 80-Jährige ca. 43% bezogen auf eine
fiktiv angenommene 100-prozentige Hörfähigkeit im Alter von 20 Jahren“
(Berndt 2003:124). Wie man aus den zwei Audiogrammen im Bild 5 sehen
kann, bezieht sich dieser Hörverlust vor allem auf das Hören von
Tonen im höheren Frequenzbereich
(>1.0 kHz) und ist ausgeprägter bei
Männern als bei Frauen (vgl. Ebd.). Im
phonologischen Bereich könnte dies
bedeuten, dass bestimmte Phoneme
(insbesondere Konsonanten, die oft
höhere Tonbereiche als Vokale besitzen
und weniger lautbetont sind) von dem
älteren Hörer schwieriger diskriminiert
werden, was unter hallenden
Bedingungen (z.B. wenn Sprechteile
Unterbrechungen aufweisen) noch erschwerend erscheint (vgl. Berndt
2001:78). Im Bereich des Sehens stellt Presbyopie (auch Altersweitsichtigkeit
genannt) ein gewöhnliches Problem dar
Bild 5: Hörverlust (in Dezibel) bei unterschiedlichen Altersgruppen von
Männern (links) und Frauen (rechts).
Quelle:http://www.europeanmedical.info/aging-geriatrics/types- of-
presbycusis.html
sich überschneiden oder wenn Hörinformationen
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(vgl. Mancil et al. 2010:3). Mit ca. 95% der Fälle stellt sie nämlich die häufigste
Fehlsichtigkeit im höheren Alter dar5. Diese Sehschädigung wird durch eine
allmähliche Akkomodationsabnahme des Auges, und zwar durch eine
Elastizitätsabnahme der Augenlinsen, über das ganze Leben verursacht und
kann oft zu Schwierigkeiten bei der Durchführung von Aufgaben im
Nahbereich (z.B. lesen oder schreiben) führen (vgl. Ebd.). Wie Berndt
behauptet, stellt sie jedoch ein geringeres Problem dar, indem sie einfach
durch Sehhilfen (z.B. Brille, Kontaktlinsen, usw.) korrigiert werden kann (vgl.
Berndt 2001:79). Weitere Veränderungen beziehen sich spezifisch auf die
Retina, die mit dem Alter an Trasparenz verliert, „so dass das Auge eines 60-
Jährigen im Durchschnitt weniger als ein Drittel an Helligkeit wahrnimmt als
das eines vergleichbaren 20-Jährigen“ (Ebd.), und auf eine geringere
Kontrastwahrnehmung (vgl. Ebd.; Berndt 2003:126). Die obenbeschriebenen
sensorischen Entwicklungen im Alter sollten für die Gestaltung des
Fremdsprachenunterrichts mit Lernenden im höheren Alter immer
berücksichtigt werden, wie auch ausführlicher im Kapitel 2.3.4. erklärt wird.
2.1.1.3. Psycho-motorische Veränderungen im Alter.
Auch psychomotorische Fähigkeiten verändern sich im Laufe des Lebens, wie
Berndt betont (Berndt 2007:471f.). Zapotoczky und Fischhof (2013), im Bezug
auf die klassische Definition von Welford (1959), definieren Psychomotorik als
„erworbene Verhaltensmuster koordinierter, willentlicher Bewegungen, die
auch [...] automatisiert ablaufen können und auf eine bestimmte Situation
bzw. auf einen bestimmten Stimulus hin erfolgen“ (Zapotoczky&Fischhof
2013:56). Nach Lehr (1991) sollte Psychomotorik immer als ein komplexes und
„kollektives Konzept“ angesehen werden, indem es aus unterschiedlichen
Funktionsbereichen – aus einem sensorischen, kognitiven und motorischen
Bereich – besteht, die für Aufgaben unterschiedlicher Art verantwortlich sind
(vgl. Lehr 1991:102). Die Kriterien einer psychomotorischer Leistung werden
testpsychologisch durch die Messung der Reaktionszeit und der Feheleranzahl
zu erfassen versucht (vgl. Zapotoczky&Fischhof 2013:56). Wie Berndt
behauptet, wird im Alter eine allgemeine Verlangsamung der
Reaktionsprozesse festgestellt, „die jedoch weniger mit der motorischen als
mit der prämotorischen Reaktionszeit zu tun hat“ (Berndt 2003:127).
Grundsätzlich ist es so, dass der Mensch mit zunehmendem Alter einen
längeren Zeitraum benötigt, bis er auf ein gegebenes Signal reagiert, während
der benötigte Zeitraum für die Ausführung der Handlung relativ konstant
bleibt (Ebd.). Beim Schreiben kann man vielleicht
5 Vgl. Berufsverband der Augenärzte Deutschlands: Fehlsichtigkeiten in
Deutschland. URL:
http://cms.augeninfo.de/nc/hauptmenu/presse/statistiken/statistik-
fehlsichtigkeiten.html (Download am 12.10.2016).
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die eklatantesten Effekte dieser Verlangsamung deuten. Die


Schreibgeschwindigkeit nimmt nämlich ab einem Alter von ca. 60 Jahren
deutlich ab, was vor allem mit dem primären neurophysiologischen Abbau
(vgl. Abschnitt 2.1.1.1.) und einer folgenden verminderten motorischen
Koordinationsfähigkeit der Finger, so wie mit einer geringeren Fehlertoleranz,
erklärt werden könnte (vgl. Ebd.). Ebenso problematisch erscheint die
Fähigkeit, mehrere Reize gleichzeitig zu verarbeiten und mehrere Aufgaben
nebenläufig auszuführen (Multitasking): Auch in diesem Fall könnte die
Begründung in der oben erwähnten geringeren Fehlertoleranz
älterer Menschen liegen, indem sie häufiger nach Sicherheit streben und die
Richtigkeit ihrer Reaktionen und Antworten länger überprüfen, so wie in einer
mangelnden Bereitschaft des zentralen Nervensystems zur parallelen
Verarbeitung von Reizen (vgl. Berndt 2003:127f.). Faktoren wie Zeitdruck und
große Komplexität der Aufgabe können die Ausführung von Handlungen im
Alter noch weiter erschweren, indem sie zu einer wesentlichen Verlangsamung
der Reaktionszeiten und zu einer exponentiellen Zunahme der
Fehlerhäufigkeiten führen (vgl.
Ebd.), wie aus der Grafik im Bild 6 hervorgeht.
2.1.1.4. Das Gedächtnis im Alter.
Das Gedächtnis könnte als die Fähigkeit definiert werden, Informationen zu
speichern und bei Bedarf, explizit oder implizit, wieder abzurufen (vgl. Berndt
2007:472; Purves et al. 2004:733). Aus dieser Definition lässt sich einfach
verstehen, dass es sich um einen kognitiven Leistungsbereich handelt, der
beim Lernen eine sehr wichtige Rolle spielt, wobei eventuelle altersbedingte
Defizite das erfolgreiche Fremdsprachenlernen im Alter wesentlich
beeinflussen können. Im vorliegen Abschnitt werden zusammenfassend die
wichtigsten Veränderungen gezeigt, denen das Gedächtnis im Laufe der
Alterung ausgesetzt ist. In erster Linie ist es jedoch wichtig zu betonen, dass
aktuelle Konzeptualisierungen der kognitiven Neurowissenschaften das
Gedächtnis nicht als ein einheitliches System betrachten, sondern es in
hierarchischen Taxonomien teilen, je nach Art der gespeicherten Information
und Dauer der Speicherung (vgl.
Bild 6: Das Verhältnis zwischen Alter, Gesamtbetrag der Fehler und
Schwierigkeitsgrad. Quelle: Kay, H. (1954): „The effects of position in a display
upon problem solving“. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, 6(4),
S.160.
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Gazzaniga et al. 2009:655; Brickman & Stern 2009:175). Was die Art der
gespeicherten Information angeht, kann man nach Squires Gedächtnismodell
das Langzeitgedächtnis in zwei qualitativ unterschiedliche Systeme der
Informationsspeicherung unterteilen, die als „deklaratives (explizites)
Gedächtnis“ und „nicht-deklaratives (implizites) Gedächtnis“ bezeichnet
werden (vgl. Ebd.). Deklaratives Gedächtnis wird als die Fähigkeit definiert, die
Informationen über Fakten und Ereignisse zu speichern und wieder abzurufen,
die zum Bewusstsein einer Person gehören und durch die Sprache (daher
"deklaratives G.") ausgedrückt werden können (vgl. Purves et al. 2004:733). Als
Beispiel für deklaratives Gedächtnis könnte u.a. die Fähigkeit erwähnt werden,
sich an eine Telefonnummer, ein Lied oder die Bilder eines vergangenen
Ereignisses zu erinnern (vgl. Ebd.). Das deklarative Gedächtnis kann wiederum
in „episodisches (aktives) Gedächtnis“ (die Fähigkeit, sich bewusst an
Ereignisse zu erinnern, die zur eigenen Biographie gehören: z.B. „Party am ...“)
und „semantisches (passives) Gedächtnis“ (die Fähigkeit, sich bewusst an
Fakten zu erinnern, die das sogenannte Weltwissen einer Person ausmachen,
u.a. berufliche Kenntnisse, Fakten aus der Geschichte, Politik, usw.: z.B.
„2+2=4“) unterteilt werden (vgl. Brickman & Stern 2009:175). Das nicht-
deklarative Gedächtnis fasst dagegen solche Fertigkeiten um, die
normalerweise automatisch, ohne Nachdenken eingesetzt werden, wie
beispielsweise bei motorischen Aktivitäten (u.a. Radfahren, Autofahren,
Laufen, usw.) der Fall ist, und wird konventionell in vier Unterkategorien
unterteilt: „Prozedurales Gedächtnis“, „Priming“, „klassisches Konditionieren“
und „nicht- assoziatives Lernen“ (vgl. Purves et al. 2004:733f.). Was die Dauer
der Speicherung der Informationen angeht, unterscheidet die Forschung unter
drei zeitlichen Kategorien des Gedächtnisses (vgl. Ebd.). Die Erste, das
sogennante sensorische Gedächtnis (auch „Ultrakurzzeitgedächtnis“), bezieht
sich auf die allgemeine Fähigkeit, laufende Informationen auf unterschiedliche
Empfindungsweisen (visuell, auditiv, taktil, usw.) wahrzunehmen und sie für
Millisekunden oder wenige Sekunden zu behalten (vgl. Ebd.). Das
Kurzzeitgedächtnis (auch „Arbeitsgedächtnis“) als zweite zeitliche Kategorie
behält dagegen die Informationen für einige Sekunden bis zu einigen Minuten
(vgl. Ebd.). Die dritte und letzte zeitliche Komponente des Gedächtnisses wird
als Langzeitgedächtnis definiert, indem sie die Informationen dauerhaft
speichert (obwohl bestimmte Information dem Fergessen oder Interferenzen
unterworfen sein können) und sie über Tage, Wochen oder sogar die ganze
Lebensspanne behält (vgl. Ebd.). Eine interessante und noch unbeantwortete
Frage betrifft die genauen Mechanismen, mit denen die durch das
Kurzzeitgedächtnis gespeicherten Informationen auf das Langzeitgedächtnis
übergehen (vgl. Brickman&Stern 2009:178). Das „Mehrspeichermodell“ von
Atkinson und
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Shiffrin, das ab den 1960er Jahren über Jahrzehnte einen theoretischen


Bezugsmodell in der kognitionswissenschaftlichen Fachliteratur darstellte,
erklärt das Phänomen wie folgt:
"Briefly, information flows from the environment to primary sensory
(perceptual) stores
and then into a short-term store, which can include rehearsal, coding, or
decision. The
capacity of the short-term store is limited and information can leave the
system (i.e.,
forgetting), lead to a response output, or enter long-term storage, which is
fairly
permanent" (Brickman&Stern 2009:178).
Das folgende Schema fasst die Komponenten des Gedächtnisses nach Art der
gespeicherten Information und Dauer der Speicherung zusammen und zeigt
die wichtigsten Verhältnisse, die unter diesen Komponenten bestehen:
Bild 7: Die wichtigsten Komponenten des Gedächtnisses, nach den Kriterien
der Art der gespeicherten Information (deklaratives und non-deklaratives
Gedächtnis) und der Dauer der Speicherung (Sensorisches, Kurzzeit- und
Langzeitgedächtnis).
Kommen wir aber nun zurück zum Hauptthema dieses Abschnitts, der sich
spezifisch mit den Veränderungen des Gedächtnisses im Alter beschäftigt. Es
muss jedoch zugegeben werden, dass das Aufzeigen der Multidimensionalität
des Gedächtnisses für die Zwecke dieser Arbeit sehr wichtig war, indem man
für die verschiedenen Gedächtnisleistungen unterschiedliche
Alterskorrelationen feststellen kann, wie Berndt behauptet (vgl. Berndt
2001:80f.; Berndt 2007: 472). Während zum Beispiel das semantische
Gedächtnis mehr oder weniger stabil über die ganze Lebensspanne bleibt,
oder mit der Ansammlung neues semantischen Wissens im Laufe
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der Jahre sogar zunehmen kann, zeigen die Bereichen, die für das Lernen
neuer Informationen zuständig sind, größere Leistungsdefizite auf: Das
Arbeitsgedächtnis als Bereich der bewussten Verarbeitung neuer
Informationen, zum Beispiel, oder der episodische Speicher (episodisches
Gedächtnis) als langfristige Merkfunktion neuer Informationen werden
nämlich von einen starken alterskorrelierenden Leistungsabfall betroffen (vgl.
Ebd.). Wie Grotjahn behauptet, können diese Defizite bei aktiven
Gedächtnisleistungen (u.a. das gezielte Lernen und der Abruf von
Informationen) mit einer allgemeinen Verlangsamung kognitiver Prozesse, mit
der Abnahme der sensorischen Leistungen und mit Problemen bei der
selektiven Aufmerksamkeit erklärt werden (vgl. Grotjahn 2003:37).
Im vorliegenden Kapitel sind zusammenfassend die häufigsten biologischen
und physiologischen Veränderungen präsentiert worden, die mit einer
normalen und gesunden Alterung des menschlichen Organismus festgestellt
werden können. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass solche Entwicklungen
zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Individuen stattfinden, indem
es keine eindeutige Entsprechung zwischen der chronologischen und
biologischen Dimension des Alters besteht. Indem sie uns alle früher oder
später betreffen werden, in unterschiedlichem Maße aber ohne Außnahmen,
ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, solche altersbedingte Veränderungen
zu betrachten und zu kennen. Diese können sich nämlich in wichtigem Maße
auf das Lernen (und auch auf das Fremdsprachenlernen) einwirken, indem sie
– wie schon erklärt worden ist – zu bestimmten Problemen und Defiziten
führen können, die jedoch durch bestimmte Kompensationsmechanismen und
praktische Maßnahmen ausgegliechen werden können, wie besser im Kapitel
2.3.4 gezeigt wird.