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THEMEN DER ZEIT

Fotos: Daniel Elke/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt


DEMENZSTATION nen Vortrag zu Demenzstationen im
Krankenhaus. Zurück in Linnich war

In guten Händen
ich daher sehr offen für eine ent-
sprechende Initiative“, berichtet der
Chefarzt der Inneren Medizin des St.
Demenzkranke mit somatischen Akuterkrankungen werden auf der Josef-Krankenhauses, Dr. med. Ger-
Demenzstation des St. Josef-Krankenhauses in Linnich interdisziplinär hard Mertes. So bildete sich aus dem
Bedarf heraus eine berufsgruppen-
versorgt. Das schafft auch Freiräume für die Normalstationen.
übergreifende Arbeitsgruppe – Ver-
waltung, Ärzte und Pflege verfolgten

A ls bei Jakob N. die Beine an-


schwellen und er Atemnot ent-
wickelt, weist sein Hausarzt den
dasselbe Ziel.

Start mit zwei Zimmern


79-Jährigen in das St. Josef-Kranken- Das Haus startete seine besondere
haus in Linnich ein. Hauptdiagnose Betreuung von Demenzpatienten zu-
Herzinsuffizienz. Herr N. ist jedoch nächst in zwei Zimmern. Dank des
nicht nur herzkrank, er leidet auch Einsatzes vieler Akteure – Internis-
unter einer fortgeschrittenen De- ten, Chirurgen und des Pflegediens-
menz. „Mein Sohn fährt mich im Au- tes, der kaufmännischen Direktion,
to nach Linnich. Ich war schon sehr eines Förderkreises und anderen – ist
lange nicht mehr im Krankenhaus. seither eine interdisziplinäre chirur-
Ich habe Angst und fühle mich nicht gisch-internistische Station mit 18
wohl“, zitiert Dr. med. Grit-Alexan- Betten entstanden. Die somatischen
dra Böckler, Oberärztin in der Inne- Ein engagiertes Die Ärzte und das Pflegepersonal Hauptdiagnosen auf der „B2“ sind
ren Medizin, die Wahrnehmung und Team: Die stellver- der 140-Betten-Klinik in Linnich neben sturzbedingten Frakturen
die Ängste von „Opa Jakob“. Sie hat tretende Pflege- übernehmen mit Jakob N. also einen Herzinsuffizienz und Infektionser-
dienstleiterin Mar-
zu seiner Patientengeschichte drei Patienten, wie er immer häufiger krankungen, besonders Harnwegs-
lies Jansen, Pflege-
Beiträge in der Mitarbeiterzeitschrift direktor Günter wird. Anders als viele andere Kran- infekte.
des Krankenhauses veröffentlicht. Weingarten, Stati- kenhäuser sind sie darauf aber beson- Bereits bei Ankunft in der Klinik
Laut der Deutschen Gesellschaft onsleiterin Marisol ders vorbereitet: Seit dem Jahr 2008 evaluiert der aufnehmende Arzt, ob
für Geriatrie wird im Jahr 2020 etwa da Lanca, Ärztlicher hat die Klinik schrittweise ein De- der Patient unter kognitiven Ein-
jeder fünfte Krankenhauspatient un- Direktor Achim menzkonzept entwickelt und umge- schränkungen leidet. Häufig kön-
ter einer Demenz leiden. Sie wird da- Fritz, Oberärztin setzt, um betroffene Patienten opti- nen auch begleitende Angehörige
mit eine der häufigsten Nebendiag- Grit-Alexandra mal zu versorgen. „Wir erhielten von dazu Angaben machen. Patienten,
Böckler, Chefarzt
nosen. Nur rund sechs Prozent der den zuweisenden Pflegeheimen frü- die bereits früher in der Klinik wa-
der Inneren,
Patienten kommen der Fachgesell- Gerhard Mertes her häufig das Feedback, dass sich ren, haben einen entsprechenden
schaft zufolge primär wegen ihrer viele demente Patienten nach Entlas- Eintrag in ihren Unterlagen, eine
Demenzerkrankung in die Klinik, die sung aus einem Akutkrankenhaus in „red flag“. „Trotzdem haben wir
meisten von ihnen müssen wegen so- einem kognitiv deutlich verschlech- immer wieder Patienten, bei denen
matischer Erkrankungen in stationäre tertem Zustand befinden“, erläutert die Einschränkung offenbar vorher
Behandlung, zum Beispiel wegen ei- Böckler. „2008 hörte ich auf dem In- nicht aufgefallen ist oder auch
nes Oberschenkelhalsbruches. ternistenkongress in Wiesbaden ei- nicht vorlag“, berichtet Böckler.

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THEMEN DER ZEIT

Geeignete Patienten kommen aus de Pflegedienstleiterin Marlies Jan- war am Anfang gar nicht einfach, das
der Aufnahme auf die Demenzstati- sen. Sie hat sich von Anfang an für Gesundheitsamt von der Einrichtung
on. „Das bedeutet übrigens auch eine die Station engagiert. Einige Zimmer der Station zu überzeugen“, berichtet
gewaltige Entlastung für die Normal- sind in Rot-, Orange- und Gelbtönen Jansen. Es gab zunächst Skepsis, ob
stationen, die mit den Demenzpatien- und andere Zimmer in Fliederfarben die unkonventionellen Möbel die nöti-
ten überfordert wären“, so die Ober- gestrichen. Diese Farben unterstüt- gen Hygienestandards erfüllen. „Wir
ärztin. zen durch die Kontraste die Wahr- haben uns dann hier getroffen und
In einem „Alzheimer Stammblatt“ nehmung und die Wiedererkennbar- sind die Stationen abgegangen, seither
erfassen Angehörige oder Begleiter keit für die Patienten. Aber auch ist die Begeisterung für das Konzept
des Patienten Vorlieben, Gewohnhei- die Ausstattung ist ungewöhnlich: groß, wir haben von dieser Seite keine
ten und biografische Hintergründe Wohnzimmerkommoden, bequeme Probleme“, so Jansen.
des Patienten. „Das ist besonders Stühle und überhaupt eine wohnliche
wichtig, wir müssen den Patienten Einrichtung tragen zur Atmosphäre Ausschlafen möglich
kennen und verstehen, um auf ihn bei. Jetzt im Herbst sind Zimmer und Auch der Tagesablauf und die Be-
eingehen zu können“, berichtet die Gang außerdem mit entsprechender treuung unterscheiden sich vom übli-
Stationsleiterin, Marisol da Lanca. Deko ausgestattet. chen Krankenhausstandard. Das be-
So sei es beispielsweise wichtig zu Zudem verfügen die Zimmer über ginnt damit, dass die Patienten mor-
wissen, ob ein Patient früher regel- Niedrigflurbetten zur Sturzprophy- gens nach Möglichkeit ausschlafen
mäßig im Nachtdienst gearbeitet ha- laxe, die Badezimmer sind geräumig können. Danach werden sie vollstän-
be – er ist deswegen nachts mögli- und altersgerecht umgebaut. Schränke dig angekleidet. Patienten im Schlaf-

„Das
cherweise unruhiger. Auch die Vor-
lieben und Gewohnheiten beim Es-
bedeutet auch eine gewaltige Entlastung für die Normal-


sen seien wichtig. Und vieles mehr.
„Wir versuchen, einen Zugang zu stationen, die mit den Demenzpatienten überfordert wären.
den Patienten zu gewinnen. Das ge- Grit-Alexandra Böckler, Oberärztin
lingt nur, wenn wir biografische Hin-
tergründe kennen“, so da Lanca. und Türen sind mit einfachen dekora- anzug oder Krankenhaushemd sucht
Wer auf die Demenzstation geht, tiven Symbolen gekennzeichnet, die man auf der B2 tagsüber vergebens.
dem fallen zunächst die Farben auf, es den Patienten erleichtern, sich zu- Zum Frühstück gibt es ein Büfett, an
es sieht dort nicht aus wie in einem rechtzufinden. Im Gang gibt es eine dem sich die Patienten aussuchen
Krankenhaus. „Wir versuchen durch „Fühlwand“. Die verschiedenen Ober- können, was ihnen schmeckt. Über-
die Farb- und Lichtgestaltung eine flächen – Borsten, Sandpapier, glattes haupt die Essenszeiten: Sie sind für
ruhige und stressfreie Atmosphäre zu Holz und anderes – aktivieren die Sin- das Personal aufwendig, weil die
schaffen“, erläutert die stellvertreten- neswahrnehmung der Patienten. „Es Mitarbeiter Patienten zur Nahrungs-

DEMENZKONZEPT
Das Konzept zielt darauf, die fachliche und ● Screening auf Mangelernährung bei
menschliche Begleitung von dementen Patien- Aufnahme des Patienten.
ten im Krankenhaus zu verbessern. Folgende ● Angepasste Mahlzeiten durch Kontraste
Maßnahmen, die zum Teil auf die Empfehlun- und Fingerfood.
gen der „S3-Leitlinie Demenz“ beruhen, sollen ● Im Rahmen des Delir-Screenings,
dies ermöglichen: Einschätzung von Verwirrtheitszustän-
● Frühzeitiges Erkennen der Demenz in den bei Aufnahme in der Ambulanz
der Patientenaufnahme und gezielte (Confusion Assessment Method Scor
Unterbringung auf der Demenz-Station. CAM).
● Differenzierte Aufnahme unter Einbezie- ●  ach Möglichkeit psychopharmakolo-
N ● Gezielte pflegerische Maßnahmen wie
hung der Patientenbiografie. Es werden gische Therapie meiden. Aromatherapie und basale Stimulation.
alle wichtigen Eigenschaften, Vorlieben ● Ressourcen der Patienten erhalten, und ● Festgelegte Sprechzeiten für Angehörige.
und Gewohnheiten des Demenzkranken das Stadium der Demenz nicht ver- ● Einbindung von Sozialdienst und „Fami-
auf dem „Alzheimer Stammblatt“ erfasst. schlechtern. lialer Pflege“.
● Falls möglich und erwünscht erfolgt eine ● Einsetzen von Betreuungspersonal zur ● 100 Prozent Begleitung zu allen Unter-
Einbeziehung der Angehörigen in die Beschäftigung. suchungen und Behandlungen, Warte-
Behandlung, es besteht die Möglichkeit ● Schulung aller Berufsgruppen und zeiten vermeiden.
zum „Rooming in“. ehrenamtlichen Mitarbeiter. ● Beachtung der Regeln im Umgang mit
● Koordination sämtlicher notwendiger ● Schmerzerfassung und Schmerzdoku- dementiell Erkrankten, zum Beispiel
Maßnahmen, um einen möglichst kurzen mentation anhand der BESD-Skala mit Ruhe ausstrahlen, langsam reden, auf
Aufenthalt zu gewährleisten. Einbeziehung der Schmerzmentoren. Wunsch Körperkontakt halten.

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THEMEN DER ZEIT

Entlassung Angehörige schulen, bera-


ten und unterstützen. Dazu gehört ein
kostenloses Pflegetraining zu Hause
am Patientenbett, Einzel- oder Fami-
lienberatungsgespräche und Ge-
Warme Farben
sollen eine zuge-
sprächskreise für pflegende Angehö-
wandte Atmosphäre rige. Ein „Grundkurs Pflege“ vermit-
und den Demenzpa- telt Angehörigen auf Wunsch wichti-
tienten zusätzliche ge Basisfähigkeiten. Das Modellpro-
Sicherheit geben. jekt „Familiale Pflege“ wird von der
AOK Rheinland/Hamburg finanziert
und von der Universität in Bielefeld
wissenschaftlich begleitet. „Das ist ei-
aufnahme aktivieren und sie beim und Behandlungen begleitet. Eine ne Win-win-Situation für Klinik und
Essen unterstützen. Die Küche bietet warme zugewandte Atmosphäre Patienten. Die „Familiale Pflege“ ist
ein besonderes Menü für Patienten, gibt ihnen zusätzliche Sicherheit. für die Patienten kostenfrei und unab-
die an Demenz erkrankt sind. Gege- Wichtig ist, dass die Patienten der hängig davon, bei welcher Kasse sie
benenfalls werden diese speziellen Demenzstation nicht fixiert werden. versichert sind“, erläutert der Pflege-
Gerichte mit Kalorien angereichert. Sie können sich frei über die Station direktor Günter Weingarten.
Auch Fingerfood ist möglich, damit bewegen. Zum Konzept gehört au-
auch Patienten, die nicht mehr mit ßerdem, die Patienten nach Möglich- Entgeltsystem nachbessern
Messer und Gabel essen können, ihre keit nicht psychopharmakologisch zu Eine Versorgung, wie sie das Team in
Mahlzeit in Ruhe genießen können. sedieren. Aber sie tragen Armbänder, Linnich realisiert, ist aufwendig. Das
Wichtig ist außerdem die demenz- die beim Verlassen der Station ein St. Josef-Krankenhaus hat seine
sensible und aktivierende Tagesbe- Signal abgeben, welches das Perso- Strukturen dazu seit 2008 schrittwei-
treuung der Patienten. Im Vorder- nal auf den Plan ruft. Zur Betreuung se aufgebaut. Die Finanzierung des
grund steht die Förderung der All- gehören außerdem ein Screening auf Umbaus und der Einrichtung war nur
tagsfähigkeiten. Dafür verfügt die Mangelernährung, auf Delir und eine mit einem aktiven Förderverein zu
Station über ein eigenes gemütlich strukturierte Schmerzerfassung und bewältigen. Für den zusätzlichen
eingerichtetes Wohnzimmer. Hier -dokumentation. Personalaufwand hat das Haus im-
werden die gemeinsamen Mahlzeiten Eine solche umfassende Betreu- mer wieder kommunale Förderpro-
eingenommen, gespielt und geübt. ung ist aufwendig und gelingt nur mit jekte zum Beispiel für alleinerzie-
Auch die Visiten finden nach Mög- motiviertem und gut ausgebildetem hende Mütter und Möglichkeiten der

„Eine
Querfinanzierung genutzt. „Eine sol-
che demenzsensible Versorgung soll-
solche demenzsensible Versorgung sollte eine Pflicht für te eine Pflicht für Krankenhäuser
Krankenhäuser sein.
“ Achim Fritz, Ärztlicher Direktor sein“, meint der ärztliche Direktor
des Hauses, Dr. med. Achim Fritz.
Dem flächendeckenden Aufbau von
lichkeit hier statt. Die Betreuung fin- Personal. Dafür haben drei Kranken- Demenzstationen stehe aber im Au-
det an jedem Wochentag von 8 Uhr schwestern eine Fortbildung zur De- genblick noch das Entgeltsystem für
bis 13 Uhr und von 15 Uhr bis 18 menzexpertin absolviert, vier Mitar- Krankenhäuser entgegen. „Das Fall-
Uhr statt. Jeden Freitag gibt es einen beiter sind geschulte Betreuungsfach- pauschalen-System bildet die beson-
Bewegungskurs. Hierbei leitet ein kräfte. Auch Seelsorger und Physio- deren Leistungen der Demenzbetreu-
Physiotherapeut die Patienten an. therapeuten der Klinik sind besonders ung im Augenblick in keiner Weise
Kommen Demenzpatienten we- geschult. Eine interne AG „Demenz ab“, kritisiert er.
gen einer körperlichen Erkrankung im Akutkrankenhaus“ setzt sich re- Jakob N. betrifft dies nicht. Er
in das Krankenhaus, so sind es oft gelmäßig mit dem Thema Demenz kann nach einer Woche mit einer
die ungewohnten und angstma- auseinander, reflektiert den Ist-Zu- deutlich verbesserten Symptomatik
chenden Abläufe, welche die De- stand und überlegt weitere Ziele und entlassen werden. „Unser Demenz-
menzsymptomatik verstärken. Das Verbesserungen. Alle beteiligten Mit- konzept soll dazu beitragen, der
Team der Linnicher B2 versucht, arbeiter haben die Möglichkeit zur ständig steigenden Zahl dementer
dies nach Möglichkeit aufzufan- Einzel- oder Gruppensupervision. Menschen einen Platz in unserem
gen. Das beginnt bei einem mögli- Das Team des St. Josef-Kranken- Alltag zu geben und sie dabei zu un-
chen „Rooming in“ der Angehöri- hauses kümmert sich auch nach der terstützen, sich zurechtzufinden“,
gen. Außerdem werden Diagnostik Entlassung auf Wunsch weiter um die schreibt die Oberärztin Böckler in
und Behandlungen genau koordi- Patienten. Im Rahmen der sogenann- ihrem Rückblick zu seiner Patien-
niert, um einen kurzen Aufenthalt ten „Familialen Pflege“ beschäftigt die tenhistorie. Das ist ihr und dem
zu gewährleisten. Die Patienten Klinik zwei geschulte Mitarbeiterin- Team der B2 sicherlich gelungen! ▄
werden zu allen Untersuchungen nen, die bis zu sechs Wochen nach der Dr. med. Arne Hillienhof

A 1802 Deutsches Ärzteblatt | Jg. 113 | Heft 41 | 14. Oktober 2016

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