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JA N CL A A S VA N T R EECK

»DA S INTERNE T« ODER


»GIBT ’ S DA S AUCH IN BIO?«
Zum diesjährigen Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels

Im Jahr 1999, als sich der Zugang zum Internet zu einem Bürgerkrieg, Islamistenherrschaft oder eine simple Neuauf-
Massenbedürfnis entwickelte, fragte Boris Becker selbst- lage des Alten (General Sisi als Mubarak 2.0).
ironisch-dümmlich in einem AOL-Werbespot »Ja bin ich Die Antwort auf dieses ›Internet mit Unwohlsein‹
da schon drin, oder was?«, nur um sich seine Frage im kommt in der Mehrzahl in zwei Formen daher: Die erste
nächsten Moment selbst zu beantworten: »Ich bin drin! wurde popularisiert durch unsere Kanzlerin, die men-
Das ist ja einfach!« schelnd mal wieder glaubte, die Bevölkerung diskursiv
Ganz im Sinne einer klassischen Werbelogik wurde an die Hand nehmen zu müssen, als sie vom berühmten
Becker so zum Stellvertreter für ein damals vermeintlich »Neuland« sprach. Was lachte man! Und dieses Lachen
ratloses Konsumentenpublikum, ein Publikum, welches blieb vielen von uns im Halse stecken, als wir uns vergegen-
idiotisch im Doppelsinne von idiotes, als Unbeteiligter, wärtigen mussten, dass das doch kein uckermärkischer
und idiota, als Dummkopf, der technischen Neuerung Scherz war. Kanzlerin und Bundesregierung scheuten
gegenüberstand, wie Becker. Müsste Boris Becker immer sich 2013 nicht, sich noch als der idiota zu offenbaren,
noch als Stellvertreter für viele herhalten, dann müsste die der Boris Becker 1999 war. Als dann noch der ewig
Becker-Frage heute verzweifelter klingen und »Wie komme glücklose Günther Oettinger 2014 zum EU-Kommissar
ich hier wieder raus?« lauten. für digitale Wirtschaft ernannt wurde, ein Mann, von
Irgendwas lief schief in der öffentlichen Wahrnehmung dem man mutmaßen kann, dass er sich morgens von
des Internets in den letzten Jahren. Hätte »das Internet« seiner Sekretärin die E-Mails zur Lektüre ausdrucken
eine PR-Agentur, dann wäre es wohl längst an der Zeit lässt, musste einem klar sein, dass unsere politischen Re-
gewesen, selbige zu feuern. Amazon-Skandale, Google- präsentanten in großer Breite wohl wie der sprichwörtliche
Datenschnüffelei, Facebook-Profiling, die NSA-Affäre Ochse vor dem Berg des »Internets« stehen.
haben das Internet von damals zu einer gefühlten Hölle von Aber glücklicherweise haben wir ja immer noch unsere
heute gemacht. ›Damals‹ fühlte sich das Internet irgendwie technokulturkritischen Intellektuellen – jene Mahner und
freier, demokratischer an, ein Versprechen von Transparenz Rufer in der öffentlichen Wüste des Diskurses. Ihnen ver-
und Demokratie – eine Wahrnehmung, die sich immer danken wir die zweite Antwort auf unsere vermeintlichen
wieder erzählt und leider immer wieder enttäuscht wird, Internet-Probleme. Diese Antwort ist so etwas wie ein softer
wenn etwa aus den Twitter- und Facebook-Revolutionen Neoluddismus, der mit einer von den 68ern geerbten »Ach
im Nahen Osten doch nichts anderes wurde als blutiger nö, du«-Attitüde daherkommt – ein nur wenig reflektiertes

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VAN TREECK  »DAS INTERNET« ODER »GIBT’S DAS AUCH IN BIO?«

Gefühl der Ablehnung von etwas, was man in seiner Gänze gesprochen, im schlimmsten Falle stellvertretend von
schlichtweg nicht verstanden hat. Man fühlt sich immer Volker Pispers auf der Kabarettbühne vor ergrauendem
weniger wie idiotes und immer mehr nur noch als idiota Publikum in minderwitzige Tiraden verpackt.
angesichts einer technischen Gegenwelt. Man spürt auf Artverwandt mit der Pisperisierung des Problemdis-
dieser Seite, dass die Technik einen potenziell immer mehr kurses sind die Mahner- und Warner-Preise, die allent-
zurücklässt, während sie gleichzeitig die allumfassende halben mit bedeutungsschwangerer Miene verliehen
Herrschaft über die Lebenswelt übernimmt. werden. In Sachen »Internet« war das vor Wochen der
Jene Version hat den Neuländern im Spiel der Idioten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – ein perfektes
immerhin eines voraus: die soften Neoludditen ahnen wie Beispiel. Dort darf eine Jury jährlich einen Preis verleihen
gesagt, dass es den idiotes, als Unbeteiligten, nicht mehr an eine »Persönlichkeit, die in hervorragendem Maße
gibt. Zwar gibt es einige von ihnen, die, ebenso wie die vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der
ideologischen Fernsehbesitzverweigerer der 1980er Jahre, Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung
immer noch glauben, man könne durch Nichtpartizipation des Friedensgedankens beigetragen hat«. Bedeutungs-
so etwas wie eine Gegenposition einnehmen. Damit schwanger werden dabei institutionell diverse Metaphern
machen sich die Facebook-Verweigerer und ostentativen zum Klingen gebracht. Mit der Frankfurter Paulskirche hat
Twitter-Nichtnutzer aber eben nur genauso lächerlich man sich einen Ort gesucht, bei dem man sich mantraartig
wie die Oberlehrer von damals ohne Fernseher. Der der eigenen demokratischen Tradition versichern kann,
Unterschied zwischen heute und damals ist allerdings, dass und mit einem Preisgeld, ausgelobt vom Börsenverein des
die Fernsehnichtbesitzer in ihrer Position lediglich als Aus- Deutschen Buchhandels, kann man wieder auf dem Buch,
nahme die Regel bestätigten, als Kuriositäten des Außen damit der Literatur und deren angebliche Nähe zu Bildung,
das Innen stabilisierten. Unter Facebook-Bedingungen Demokratie und anderem Allerlei herumreiten. Irgendwie
ist das inzwischen anders, weil die Nichtbenutzer bereits scheint der Schillersche Kurzschluss vom »Schönen,
Teil des Systems sind, bei dem es kein Außen mehr gibt. Wahren, Guten« immer noch in den neobiedermeierlichen
Aus den Facebook-Suchen der im »Gesichterbuch« ange- Hirnen herumzuspuken.
meldeten Kontakte jener Verweigerer können die tätigen Und weil man eben spürt, dass es neben den
Algorithmen bereits den Nichtnutzer extrapolieren. Der klassischen antidemokratischen Buhmännern wie dem
Facebook-Verweigerer ist also auch bereits auf Facebook, ob weißrussischen Diktator Lukaschenka, gegen den man
er will oder nicht. Pech gehabt. Und genau diesen Punkt den Preis 2013 an Swetlana Alexijewitsch verliehen hat,
haben unsere soften Neoludditen in der Mehrzahl noch jetzt einen neuen anderen Buhmann – das »Internet« –
nicht begriffen – selbst Digitalverweigerer sind Teil der gibt, fühlt man sich auf Juryseite mal avantgardistisch und
digitalen Welt. vergibt den Preis 2014 an einen Dreadlocks tragenden US-
Aber weil sie sich, wie gesagt, leicht unwohl fühlen, Amerikaner mit Internetvergangenheit und Vorliebe fürs
müssen sie irgendetwas tun. Dieses Tun unterliegt dann Flötenspiel – Jaron Lanier. Und wie der Fall Alexijewitsch
allerdings einem Problem: Zu sehr ist man von der frühen beweist, ist der Friedenspreis die softe Form der Kriegs-
Dutschke-Phase inzwischen in die Kretschmann-Phase erklärung der »Ach nö, du«-Fraktion. Im Falle von
übergangen. Lautstarker Protest verbietet sich zum einen Alexijewitsch gegen Lukaschenka und im Falle von Lanier
aus Gründen behäbiger Bequemlichkeit, und zum anderen, eben gegen das »Internet«.
weil man so richtig nicht mehr ohne das »böse Internet« Lanier ist nämlich Balsam für die Seelen der
kann. Zum Beispiel salbadert man zwar gerne irgendwas Manufactum-Käufer und Landlust-Leser mit Pensions-
davon, dass die lokalen Buchhändler dringend in ihrer anspruch. Der ehemalige Innovator Lanier, der angeblich
kulturtragenden Bedeutung erhalten werden sollten, aber mal vor gefühlten tausend Jahren den Begriff »Virtual
am Ende bestellt man dann doch lieber bei Amazon. Man Reality« erfunden hat – eine Anekdote, die inzwischen
will schon das Internet, aber bitte irgendwie in »Bio«. Dem- glücklicherweise falsifiziert wurde –, gilt als ehemaliger
entsprechend kommt auch die Protestform dieser Spezies Teil der In-crowd. Pastoralreferentinnen, die in ihrer Frei-
reichlich milde daher. Probleme werden zumeist nur an- zeit gerne »filzen« und die sich wahrscheinlich noch als

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einzige für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nur die grandiose Produkte wie das iPhone herstellen, wie
interessieren, würden jetzt biblische Metaphern bemühen man aus seinen Büchern entnehmen kann, während Open
und Lanier als Geläuterten bezeichnen, jemanden, der Source irgendwie nur Murks produziert.
vom technologischen Saulus zum technokulturkritischen Laniers als demokratisch und offen getarnter
Paulus wurde. Lanier, der in diversen Büchern gerne mal antidemokratischer Zug kommt dabei versöhnlich daher
Open Source als »digitalen Maoismus« verunglimpft und und räsoniert beim Mahner-und-Warner-Publikum, das
den technologischen Totalitarismus der Apple-Welt gerne sich zwar für demokratisch hält, aber Volksentscheidungen
als großartig abfeiert, ist zuerst einmal ein seltsamer Kan- wahrscheinlich höchst problematisch findet – es könnte
didat für den Friedenspreis. Auf den zweiten Blick jedoch ja so etwas wie in der Schweiz dabei herauskommen. Der
ist er wirklich perfekt. Mit seinen Dreadlocks ist Lanier sanfte Elitarismus von Lanier verträgt sich gut mit den
eine humorige Referenz an die vergangenen »wilden Veggie-Day-Ideen in Teilen seines Publikums. Und als
Jahre« derer, die ihm den Preis zugesprochen haben. Mit Lanier dann zynisch bemerkt, er habe es ja gewusst, dass
seinem technologischen Stallgeruch wird er zum Sprecher Twitter den Tahrir-Demonstranten am Ende nichts bringen
derer, die die Technik einfach nicht verstanden haben, aber würde, weil Twitter ihnen keine Arbeitsplätze verschafft,
sie trotzdem gerne mal abwatschen würden für Amazon, stelle ich mir vor, wie im Publikum ein deutscher Ober-
NSA und so. Noch viel passender dafür wäre vielleicht lehrer gedanklich wieder mal seinen Brecht hervorholt und
Frank Schirrmacher, der in seinen Büchern wie Payback »Erst kommt das Fressen ...« oder Ähnliches herbeizitiert,
und Ego auch bereits den digitalen Mahner und Warner um am Ende Lanier zu applaudieren. Der Friedenspreis
gegeben hat. Aber leider war Schirrmacher als Anzugträger ist, bei allen durchaus diskutablen Punkten, die Lanier
mit respektabel angelesenem technologischem Halbwissen anbringt, in erster Linie, wie Jürgen Reuter treffend ge-
wohl zu nahe an seinem Publikum, um zur Symbolfigur schrieben hat, eine »Forderung der Rückbesinnung auf
zu werden, und zum anderen ist er leider viel zu früh traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen«. Sein
gestorben. Deswegen muss also Lanier herhalten für die, applaudierendes Publikum ist nichts anderes als der per-
die immer noch die Einstellung des großen Brockhaus be- sonifizierte Konservatismus, der heute aus einem diffus
weinen. Immerhin erweist er dann Schirrmacher wenigs- linken Mainstream daherkommt, eine zum Konser-
tens zu Beginn seiner Rede wohlwollende Reverenz. vatismus geronnene ehemalige Fortschrittlichkeit in den
Und dann darf Lanier sein Publikum zufrieden- Maßpantoffeln der ängstlichen Besitzstandswahrung.
stellen, darf von den ehemals positiven Dingen der Tech- Lanier ist der ideale Posterboy dieser Bewegung.
nologie erzählen, um dann auf »Massenspionage und Aber der ängstliche Konservatismus von Lanier und
-manipulation« zu kommen und vor dem »Rausch eines Publikum hat nicht nur eine politische und ökonomische
digital effizienten Hypernarzissmus« zu warnen. Im Seite. Quasi ex negativo lässt sich das herausschälen,
Publikum wird dann wohlfeil und eifrig genickt. Und worin die wahre Bedrohung der Technik besteht. Schaut
natürlich preist Lanier eben nicht mehr die Onlinewelt, man sich die grausam langweiligen neunzig Minuten
sondern Bücher, weil es – nein, ich scherze nicht – dort der Preisverleihung an, die man (ironischerweise) dank
eben weniger Katzenbilder und Pornographie gebe. Soso. Internetmediathek der ARD bequem im Gruselmedium
Aber die captatio benevolentiae ist ja nun ein sehr altes Internet abrufen kann, dann fällt vor allem eines auf – es
Stilmittel. Sein wahres und in Wirklichkeit reichlich menschelt terminologisch doch sehr. Bereits beim Gruß-
antidemokratisches Gesicht entbirgt Lanier aber, wenn wort von Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller, in
er die angebliche Rudelmentalität des Internets geißelt, dessen leichtem Schwäbeln »Internet« oft wie »Indaned«
jenen hässlichen »digitalen Maoismus«, der, glaubt man klingt, bekommt man »Mensch« in verschiedenen
seiner Rede, auch irgendwas mit den Nazis und ihrer tech- Iterationen gut zwanzig Mal um die Ohren gehauen. Was
nokratischen Technologienutzung zu tun hat. Und wenn Riethmüller umtreibt – und ich unterstelle, dass er damit
jetzt das Publikum wieder mit wohligem Schauder ein- in der Tat stellvertretend für die Jury und das Publikum
trächtig nickt, dann kann Lanier auch einfach bekennen, spricht –, ist die angstvolle Frage: »Ist der Mensch dabei,
dass er ein Freund von Technologiegroßkonzernen ist, weil sich selbst abzuschaffen?« Es ist die durchaus begründete

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VAN TREECK  »DAS INTERNET« ODER »GIBT’S DAS AUCH IN BIO?«

Russischer Einsiedler. Aus: Escape (2014) (© Danila Tkachenko)

Russische Einsiedelei. Aus: Escape (2014) (© Danila Tkachenko)

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Angst, im Meer der Algorithmen unterzugehen. Eine kann, illustriert folgende Episode: Lanier erscheint auf
Angst, bei der Riethmüller selbstverständlich Orwell und einem Festival, und vor seinem Vortrag verkündet er, dass
Huxley beschwören muss. Die Antwort auf diese ängst- er erst einmal etwas auf seiner Flöte spielen wolle. Er bittet
liche Frage liefert pflichtschuldigst Lanier mit seinem die Besucher, während seines Flötens auf Twitter oder sons-
»digitalen Humanismus«. Ein Humanismus, der den tige digitale Aktivitäten zu verzichten. Danach könnten sie
Menschen wieder stark machen will in seiner »Ablehnung nämlich mit zeitlichem Abstand besser twittern, so als
von künstlicher Intelligenz« und der sich auch nicht davor echte Person, ganze Person, als sie selbst und nicht einfach
scheut, mal wieder das »göttliche Element« im Menschen als ein Anhängsel ihrer Apparate. Und vielleicht ist es das,
zu suchen. Ein Humanismus, der als Kontrollphantasie was er sich unter »digitalem Humanismus« vorstellt: Flöten
daherkommt. Wenn etwa Frankfurts OB Feldmann in und kurzer Twitter-Aufschub als Restbestand des Huma-
seiner Rede auf Lanier davon spricht, man müsse »das nismus – eine neue Art von Wohlfühlkalenderspruchlyrik.
System kontrollieren«, und wenn Martin Schulz, der glück- Die ironische Volte im (post-)humanistischen Spiel
lose EU-Politiker und Ex-Buchhändler, bei seiner Laudatio ist jedoch eine, an der Lanier keinen Anteil hat. Wahr-
auf Lanier noch das Humboldtsche Bildungsideal herbei- scheinlich war es nämlich exakt das Paulskirchenpublikum,
schwadroniert, dann wissen wir, worauf es hinausläuft das irgendwann in den 1970ern oder 1980ern, vielleicht
– die (Wieder-)Selbstermächtigung des Individuums in aber auch erst in den 1990ern, emphatisch die post-
Anbetracht von Mechanismen, die sich seiner bemächtigt modernen Klassiker gelesen und den antihumanistischen
haben. Frank Schirrmachers berechtigte Verzweiflung Gestus der Foucaults und Deleuzes als befreiend emp-
angesichts der technokapitalistischen Ermächtigung »über funden hat, Auflösung in Vielheiten, Plateaus, Diskurse –
die realen Individuen, ihre Lebenswelt, ihre Gesellschaft Dinge, die sie jetzt vergessen, wenn sie »Ein Mensch ist ein
und Institutionen, ihre Demokratie« wird hier beantwortet Mensch ist ein Mensch« wie bockige Kinder deklamieren.
mit einem plump ostentativen Behaupten von »Mensch- So wie Lanier bildlich den twitternden Ägyptern vom
lichkeit«, wenn Riethmüller, Gertrude Stein abwandelnd, Tahrir-Platz zynisch aus der Ferne zuruft: »Lasst es sein, es
»Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch« deklamiert. bringt nichts«, so möchte man dem Paulskirchenpublikum
Wenn Martin Schulz also in »neuländischer« Manier dasselbe zurufen, wenn es schamanistisch den alten
immer noch davon spricht, dass wir uns »an der Schwelle Menschen als Letztinstanz beschwört. Denn sie sind
zum digitalen Zeitalter befinden«, dann hat er noch bereits alle »Gadgets«.
nicht begriffen, dass dieser Punkt längst überschritten Foucaults berühmtes Bild vom Menschen, der ver-
ist. Laniers Buchtitel You Are Not A Gadget ist zwar ein schwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand, klingt
Kampfruf der als Manifest gedachten Schrift, aber der nach, und Lanier, Schulz, Riethmüller und alle die, für
Kampf war bereits vor dem Aufruf dazu verloren. »Bin die sie stehen, erscheinen wie verschreckte Kinder, die
schon da!« mag man igelartig den Friedenspreisverleihern immer wieder versuchen, ebendieses Gesicht in den Sand
und Lanier zurufen. Wie Ritter, die die Nutzung von nachzuzeichnen – eine Geste, die in ihrer Hilflosigkeit
Schießpulver regulieren wollten, weil es eine Bedrohung vielleicht sogar rührend ist. Denn egal, was sie machen, die
für ihre wohlgerüsteten Selbste war, erscheint die Pauls- Gesichter, die sie zeichnen, verschwinden mit jeder neuen
kirchenversammlung von 2014 lächerlich, als hilfloser Welle – und jedes dieser Gesichter erscheint außerdem
Abgesang. direkt im »Gesichterbuch«, auf Facebook, in der See der
Und daher passt Lanier wie die Faust aufs neohuma- Algorithmen.
nistische Auge der soften Ludditen. Lanier, der sich in You
Are Not A Gadget auf die Suche nach den »missing per-
sons« macht, schreibt in der Tat nicht nur eine halbgare
Kritik der Technik, sondern vor allem eine Kritik dessen,
was vielleicht nach dem Menschen kommt, eine konser-
vative Vision des Festhaltens am guten Alten, das einmal
der Mensch war. Wie rührend naiv das in der Praxis sein

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