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FORTBILDUNG .

ÜBERSICHT

Dr. med. dent. Angela Stillhart Koautoren: Prof. Dr. habil. Ina Nitschke, MPH,
© Jäkel

Klinik für Allgemein-, Behinderten- und Bereich Seniorenzahnmedizin,


Seniorenzahnmedizin der Universität Zürich Universitätsklinikum Leipzig

Haus- und Zahnarzt als Team

Mundhygiene bei Senioren – eine


interdisziplinäre Aufgabe
Im Alter werden Zahnarztbesuche und die tägliche Mundhygiene immer beschwerlicher.
Dadurch nimmt das Karies- und Parodontitisrisiko zu. Um Komplikationen wie Abszesse
oder Zahnverlust zu vermeiden, ist der Zahnarzt auf den Hausarzt angewiesen, der Senioren
zu regelmäßigen Zahnarztbesuchen und konsequenter Mundhygiene motivieren kann.

_ Durch die Präventionsbemühungen stattfindet. Während Zahnarztbesuche irreversible Schäden wie Zahnverlust
in der Zahnmedizin sind immer weniger in jüngeren Jahren eher kontroll- und oder Notfallsituationen wie Abszesse
Hochbetagte zahnlos. Gleichzeitig wer- prophylaxeorientiert sind, kommt es im sein. Um solchen Situationen vorzubeu-
den Zahnarztbesuche im Alter durch Alter zunehmend zu einer eher be- gen, ist eine Kooperation zwischen dem
zunehmende Gebrechlichkeit, Multi- schwerde- bzw. notfallorientierten Inan- Zahnarzt, der Pflege und dem Hausarzt
morbidität und Pflegebedürftigkeit be- spruchnahme des Zahnarztes. Dadurch – der häufiger Kontakt zu älteren Patien-
schwerlicher, weshalb der Kontakt zum ist das Risiko erhöht, orale Erkrankun- ten hat als der Zahnarzt – erforderlich.
Zahnarzt bei älteren Patienten seltener gen zu spät zu erkennen. Folgen können
Zahnmedizinische Probleme im Alter
Senioren benötigen mindestens halb-
jährliche zahnärztliche Kontrollunter-
Senioren sollten mindestens
suchungen. Dabei werden Mund-
halbjährlich zum Zahnarzt.
schleimhaut, Zähne, Zahnfleisch und
Zahnersatz kontrolliert, das individuel-
le Karies- und Parodontitisrisikos einge-
schätzt, Mundpflege- und Fluoridie-
© hedgehog94 / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

rungsmaßnahmen angepasst und eine


professionelle Zahn- und Prothesenrei-
nigung durchgeführt. Häufige orale Pro-
bleme bei Senioren können dadurch
möglichst frühzeitig erkannt werden:

Karies · Ältere, die häufig speichelredu-


zierende Medikamente und vergärbare
Kohlenhydrate (z. B. konfektionierte Le-
bensmittel, medizinische Trinknah-
rung) zu sich nehmen, sind einem ho-
hen Kariesrisiko ausgesetzt. Karieskom-
plikationen bestehen aus Schmerzen

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Der Zahnersatz wird außerhalb des Mundes gereinigt.

und Absterben des Gewebes im Zahn chen nicht spontan abheilen, bedürfen
(Pulpa). In der Folge kann es zur Bil- einer weitergehenden Abklärung. Prä-
dung von Abszessen, Fisteln oder Zys- kanzerosen oder allgemeinmedizinisch
ten kommen. relevante Krankheitszustände sind aus-
zuschließen.
Parodontitis · Eine reversible, marginale
Zahnfleischentzündung (Gingivitis) Medikamentenassoziierte Kiefernekrosen  · 
verschwindet innerhalb von Tagen nach Entzündungen im Mundraum bei aktu-
gründlicher Zahnreinigung. Bei eller oder vergangener Einnahme von
Gingivitispersistenz droht eine behand- Bisphosphonaten und anderen antire-
lungsbedürftige Knochenbeteiligung sorptiven Medikamenten können eine
(Parodontitis bzw. Periimplantitis). Lo- medikamentenassoziierte Kiefernekro-
ckerung von Zähnen oder Implantaten, se verursachen. Sie kann sehr schmerz-
Eiterbildung oder Fisteln können folgen. haft sein und ist ist in der Regel lang-
Da Parodontalerkrankungen oft stumm wierig zu behandeln. Vor Medikations-
verlaufen, sind sie nur bei einer zahn- beginn ist daher idealerweise eine Her-
ärztlicher Kontrolle feststellbar. dabklärung und Sanierung der Mund-
höhle durchzuführen. Für die Einschät-
Schleimhauterkrankungen · Schleimhaut- zung des Komplikationsrisikos sind
erkrankungen wie Druckstellen durch Angaben zum verabreichten Präparat,
schlecht passende Prothesen, Prothesen- Dosierung und Anwendungszeitraum
stomatitiden, Mundwinkelrhagaden, zahnärztlich relevant. Intravenöse Ver-
Candida-Infektionen, Präkanzerosen abreichung, Einnahme über länger als
und Tumore treten im Alter gehäuft auf. drei Jahre und immunsupprimierende
Schleimhautüberprüfungen erfolgen da- Begleitumstände bergen ein erhöhtes
her bei jedem Zahnarztbesuch, mindes- Risiko für Komplikationen und Spon-
tens halbjährlich. Schleimhautverände- tannekrosen und sollten dem Zahnarzt
rungen, welche innerhalb von zwei Wo- klar ersichtlich sein.

Zahnärztliche Notfälle bei Senioren erkennen


Können Senioren ihre Schmerzen nicht mehr äußern oder/und sind sie analgetisch versorgt,
können Anzeichen wie verändertes Essverhalten, Körperhaltung, intra- und extraorale Schwel-
lungen, Zunahme der Körpertemperatur, pathologische Entzündungsparameter, reduzierter
Allgemeinzustand und Mundgeruch auf einen zahnmedizinischen Notfall hinweisen.
Ein typischer zahnmedizinischer Notfall beim älteren Patienten ist der Abszess. Er erfordert
eine umgehende zahnmedizinische Behandlung. Eine kurzzeitige Überbrückung mit Antibio-
tika ist möglich, bei Ausbreitungstendenz zwingend.
Ein weiterer Notfall stellen prothesenbedingte Druckstellen dar, die durch neue oder schlecht
sitzende, schleimhauttraumatisierende Prothesen auftreten können. Patienten, bei denen Pro-
thesen Beschwerden verursachen, sind dem Zahnarzt vorzustellen.
Um orale Notfälle zu vermeiden, ist eine kontinuierliche Kontrolle sinnvoll. Reihenuntersuchun-
gen, z. B. in Senioreneinrichtungen oder in Kooperation mit ambulanten Pflegediensten, kön-
nen das Risiko für Notfallsituationen verringern.

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© Aleaimage / Getty Images / iStock Auskunft über Praxisadressen, Hilfsmit-


tellisten, Produkteempfehlungen, Lehr-
materialien, Fortbildungsangebote und
Telefonsprechstunden für Senioren,
Ältere Menschen und Fremdputzer sollten weiche Zahnbürsten benutzen. Pflegekräfte und Ärzte geben. Sie führt
auch Fortbildungskurse für Ärzte, The-
rapeuten und Pflegekräfte im Evangeli-
Wie lässt sich die Mundgesundheit mentöse Speichelanregung und die schen Geriatriezentrum Berlin durch
bei Älteren verbessern? Überprüfung einer Arzneimittelumstel- (E-Mail: akademie@egzb.de; www.egzb.
Mundpflegeempfehlungen für Senioren lung durch den Hausarzt an. Ein fehlen- de/akademie/). ■
werden an die Mundhygienefähigkeit der Speichelsee im Mundboden und/
des Patienten und seines Fremdputzers, oder eine trockene Unterlippeninnensei-
→ Literatur: springermedizin.de/mmw
z. B. Pflegende oder Angehörige, ange- te nach 30 Sekunden an der Luft lassen
passt. Hilfsmittel zur mechanischen Be- Speichelmangel vermuten. → Title and Keywords: Oral hygiene in the
lagsentfernung sind effizienter als che- Gegen Mundgeruch hilft meist eine elderly – an interdisciplinary challenge 
Oral health / Senior dentistry
mische Präparate. Wichtigstes Ziel der gute tägliche Mund-, Zungen- und Pro-
Mund- und Prothesenpflege ist die thesenhygiene. Andernfalls besteht wei- → Für die Autoren:
gründliche mechanische Belagsentfer- terer Therapie- bzw. Abklärungsbedarf Dr. med. dent. Angela Stillhart 
nung mindestens zweimal täglich. durch den Zahnarzt. Klinik für Allgemein-, Behinderten-
Bei Senioren eignen sich weiche Zur Senkung der Aspirationsgefahr und Seniorenzahnmedizin
Zahnbürsten, solche mit Griffverstär- sollten Mundpflegemaßnahmen in auf- Universität Zürich
Plattenstraße 15
kung, gewichtsreduzierte elektrische rechter Sitzposition und unter vorgängi-
CH-8032 Zürich
Schallzahnbürsten oder Spezialzahn- ger Entfernung von Nahrungsresten aus
E-Mail: Angela.Stillhart@zzm.uzh.ch
bürsten bei reduzierter Mundöffnungs- dem Mund erfolgen.
Compliance. Das Umsteigen zur effizi-
enten Schallzahnbürste ist oft nur bei Empfehlungen zur Prothesenpflege
kognitiv fitten Senioren möglich. Der Zahnersatz wird mit einer Zahnpro-
Die Interdentalraumhygiene mit thesenbürste mit zusätzlichem langen
Zahnseide oder Interdentalbürsten ist Borstenbüschel und einer hautfreundli- FAZIT FÜR DIE PRAXIS
feinmotorisch sehr anspruchsvoll und chen Flüssigseife außerhalb des Mundes 1. Der Hausarzt sollte die zahnmedizi-
nur bedingt im Pflegealltag umsetzbar. mechanisch gereinigt und trocken gela- nische Versorgung älterer Patienten
Das gleiche gilt für die Zungenreinigung gert. Dabei muss beachtet werden, dass abklären, indem er den letzten Kon-
mit dem Zungenschaber. die Zahnprothesenbürste nicht im trolltermin beim Zahnarzt abfragt.
Die Anwendung einer fluoridhaltigen Mund verwendet wird, da sie die Mund- Ggf. muss der Patient wieder in eine
Zahnpasta (keine Kinderzahnpasta) schleimhaut verletzen würde. zahnärztliche Versorgung einge-
gilt bei normaler Zahnpastamenge als Zur Überprüfung des Reinigungser- gliedert werden.
Standard. Spezielle oder neutrale Ge- folges sollte die Prothese getrocknet wer- 2. Ältere Patienten profitieren von der
schmacksrichtungen können die Compli- den. Sie sollte sich nicht „glitschig“ an- Kooperation zwischen Hausarzt und
ance optimieren. Abendliche Intensivflu- füllen. Sind weißliche, abwischbare Auf- Zahnarzt.
oridierungen nach Verordnung sind bei lagerungen zu sehen, war die Reinigung 3. Bei Senioren muss eine tägliche,
den meisten hilfe- und pflegebedürftigen nicht ausreichend. Bei Zahnsteinablage- individuelle Mund- und Prothesen-
Senioren eine wichtige Maßnahme zur rungen auf der Prothese kann eine pro- pflege durch Patient oder Fremd-
Kariesprophylaxe. Zahnfleischerkran- fessionelle Reinigung durch den Zahn- putzer sichergestellt werden.
kungen können zusätzlich kurzzeitig techniker notwendig sein. 4. In kritischen Lebenssituationen wie
(zwei Wochen) mit Chlorhexidindigluko- Haftcreme gilt als provisorische Krankenhausaufenthalten, Eintritt in
nat-Präparaten behandelt werden. Maßnahme zur kurzfristigen Haltver- eine Pflegesituation, Wohnorts-
besserung und wird vor jeder Prothesen- wechsel oder Neudiagnosen bedarf
die Mundgesundheit einer beson-
Überprüfen Sie die Medikation bei reinigung entfernt und danach punktu-
deren Beachtung.
Mundtrockenheit ell aufgetragen. Sie darf nur nach zahn-
Bei Mundtrockenheit stehen parallel zur ärztlicher Abklärung dauerhaft ange- 5. Betagte Patienten benötigen min-
destens halbjährliche Kontrollen von
Korrektur der Flüssigkeitsaufnahme wendet werden.
Zähnen, Zahnhalteapparat, Zahner-
eine zwingende Intensivfluoridierung, satz und Schleimhäuten sowie der
die Symptomlinderung durch Speichel- Tipps und Adressen für Hausärzte an die Mundhygienefähigkeit ange-
ersatzmittel, die nichtmedikamentöse Die Deutsche Gesellschaft für Alters- passten Prophylaxemaßnahmen.
Speichelanregung, ggf. eine medika- zahnMedizin (www.dgaz.org) kann

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Literatur
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