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Institut für Populäre Kulturen, Universität Zürich

Michael Gallati
Einführungsproseminar: Alltagskulturanalyse
Herbstsemester 2007

Gentrificationindikator Medien - Das Langstrassenquartier der


Stadt Zürich im Spiegel der Schweizer Printmedien

Evtixia Bibassis
Röntgenstrasse 41
8005 Zürich

Mobil: 076 440 77 13


Fix: 043 205 23 62
Mail: bibassis@swissonline.ch

Abgabe: Ende Mai 2008


INHALTSVERZEICHNIS

2 EINLEITUNG

5 I GENTRIFICATION – EINE SCHWIERIGE BEGRIFFSBESTIMMUNG

8 II DIE POLITISCHE INTERVENTION: LANGSTRASSE PLUS

9 II .I LANGSTRASSE PLUS - DAS PROJEKT

11 III. GENTRIFICATIONINDIKATOR MEDIENBERICHTE

13 IV DER UNTERSUCHTE MEDIENPOOL

13 IV.1 204 KLEINE UND GROSSE ARTIKEL MIT DEM SUCHBEGRIFF

"LANGSTRASSE" OHNE ZEITLICHE BESCHRÄNKUNG

16 IV.1.1 KLEINES FAZIT

16 IV.2 136 KLEINE UND GROSSE ARTIKEL MIT DEM SUCHBEGRIFF

"LANGSTRASSE PLUS" IM ZEITRAUM VON 01.01.2001 – 19.11.2007

18 IV.2.1 KLEINES FAZIT

20 V. ZUSAMMENFASSUNG DER BEOBACHTUNGEN BEIDER RECHERCHEN

23 SCHLUSSWORT

24 LITERATURVERZEICHNIS

26 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1
EINLEITUNG
Das Gesicht der Langstrasse in Zürich verändert sich: Umbauten, Neubauten, weniger Dealer,
mehr Polizeipräsenz, In-Lokale und deren Klientel. Welche Rolle spielen die Printmedien in
diesem von der Stadt initiierten Aufwertungs-Prozess? Propagieren sie ein verbessertes Image
und sind somit zu den Akteuren der Gentrification zu zählen? Diesen Fragen gehe ich im
Folgenden nach.

Zugang zum Thema Gentrification


Der vorliegenden Proseminararbeit geht die Auseinandersetzung mit Gentrification in Form
eines Kurzreferates voran. Die chaotische Forschungsgeschichte mit ihren verschiedenen
Begriffsbestimmungen sowie die Weiterentwicklung und räumlichen Ausdehnung des
Phänomens waren dabei der rote Faden. Deshalb wird in der schriftlichen Arbeit die
Forschungslage nur im Kapitel zur Begriffsbestimmung tangiert. Das Referatsthema,
Gentrification, hat mich aus mehreren Gründen interessiert: vom Frühjahr 2000 bis Frühjahr
2003 habe ich in der Nähe der Bäckeranlage gewohnt. Mein Kind besuchte den Kindergarten
Helmut vis-à-vis der Bäckeranlage. Daher kenne ich als Bewohnerin die Probleme des
Quartiers und insbesondere das Quartieraufwertungsprojekt "Langstrasse PLUS". In der Rolle
als "Kulturschaffende" bei einem intentionalen Video- und Experimentalfilm Festival und
meiner partiellen Mitarbeit im Kunstraum Walcheturm, beide auf dem Kasernenareal im
Kreis 4, bin ich weiterhin im Quartier aktiv und bewege mich täglich darin. Seit April 2006
hause ich in der Nähe des Röntgenplatzes, Kreis 5. Im Mai 2007 nahm ich an einer
Stadtführung von Christian Schmid teil, welche im Rahmenprogramm des 1. Mai Komitees
stattfand und Gentrification in den Kreisen 4 und 5 zum Thema hatte, natürlich mit
marxistischer Färbung. Nun hat der bisher eher schwammige Begriff, den ich vor allem im
Zusammenhang mit Paris kannte, eine für mich konkretere Form angenommen.

Zum untersuchten Gebiet Rund um die Langstrasse


Mit der Lektüre zur Referatsvorbereitung bekam ich schnell den Eindruck, dass die
Veränderung rund um die Langstrasse eine Bilderbuch-Gentrification ist. Bilderbuch in dem
Sinne, als das Quartier innerstädtisch und ein ehemaliges Arbeiterquartier mit vielen
kleinteiligen Parzellen und Bauten aus der Gründerzeit ist. Die Bauten sehen, soweit ich das
als Laie beurteilen kann, zum Teil stark sanierungsbedürftig aus. Es drängt sich der Verdacht
einer Vernachlässigung der Bausubstanz durch die Besitzer auf. Bilderbuchartig aber auch,
weil mit den besetzten Häusern "Egocity "und der Liegenschaft an der Ecke

2
Stauffacherstrasse/Hermann-Gräulich-Strasse kreative Kräfte, in der Literatur werden sie
Pioniere genannt, ebenfalls hier waren. Weitere Pioniere - Studenten, Künstler, kreativ
Arbeitende – sind hier neben etlichen Ateliers und alternativen Galerien vorzufinden. Auch ist
der Kreis 4 jung, die Hälfte aller EinwohnerInnen sind zwischen 25 und 44 Jahre alt, hat einen
hohen AusländerInnnen-Anteil und die Mieten sind im städtischen Vergleich relativ günstig1
– all dies verschafft dem Ort ein besonderes Flair.2 Initiatorin des Aufwertungsprozesses ist
die Stadt – auch dies ein Indikator für Gentrification. Mit den Legislaturzielen, Aufwertung
von belasteten Stadtgebieten (1998-2002) und Lebensqualität in allen Quartieren (2002-
2006), hat sie den Prozess in Gang gesetzt.3 Mit "public-private-partnership" holt sie sich
zusätzlich die finanzkräftige Unterstützung aus der Privatwirtschaft, ohne jedoch die
Kontrolle über die Stadtteilentwicklung aufgeben zu müssen. Benennenswert ist, dass das
Wort "Gentrification" von den städtischen Behörden nie benutzt wird. Es scheint noch immer
ein Reizwort, aus dem Anti-Gentrification Aktivismus der 1970er und frühen 1980er Jahre zu
sein. Mit Gentrification, wird noch immer Verdrängung einkommensniedrigerer
Bevölkerungsgruppen durch Finanzstärkere gleich gesetzt. Obschon die Forschung seit Mitte
1980er Jahre mehrmals belegt hat, dass Verdrängung kein zwingendes Merkmal sein muss
und aktuelle Begriffsbestimmungen diesen Aspekt nicht in die Definition einbeziehen.
Doch die starke Polizei- und SIP-Präsenz, der mobile Polizeiposten signalisieren hier
unmissverständlich: erlaubt ist was nicht stört und wer nicht stört. Offenbar stellt eine
Existenz am Rande der Gesellschaft eine grosse Gefahr für die konforme Bevölkerung dar.
Diese Bedrohung muss, so könnte man meinen, (video-)überwacht, architektonisch
kontrolliert und gebannt werden.4 Die Diskussion um einen Wegweisungsartikel für das
Langstrassengebiet, die architektonische Neugestaltung des namenlosen Platzes Ecke
Hohlstrasse/Langstrasse, das sind, um nur diese zu nennen, Beispiele starker Handlungen, die
gewisse Bevölkerungsgruppen fernhalten sollen, immer im Namen der Lebensqualität im
Quartier. Den ironischen Ton kann ich hier schwererdings unterdrücken, da Drogen- und
Sexmilieu nur einen Teil der Quartiersbelastung ausmachen, gegenüber der Stadt-
Öffentlichkeit aber als Hauptbelastung gehandelt werden und die Gegen-Massnahmen somit
gerechtfertigt scheinen.

1
Fachstelle für Stadtentwicklung, Quartieraufwertung mit Massnahmen des Immobilienmarktes im
Langstrasssenquartier (Analysen und Strategievorschläge). Schlussbericht, 2003, S. 7.
2
Dies mag auch der Grund sein, dass Gentrifier wie das Galeristen Pärchen Hauser & Wirth an der
Bäckerstrasse einen Neubau von Theo Hotz errichten liessen. Der Zweitwohnungsbestand könnte in einer
Untersuchung als Gradmesser für den Gentrificationprozess dienen.
3
Fachstelle für Stadtentwicklung, Lebensqualität, Ausgabe 4, september 2001, S. 3.
4
Wie dies etwa mit 17 Überwachungskameras am Limmatplatz im Kreis 5 geschieht.
3
Die Motivation zur Untersuchung der Printmedienberichte zur Langstrasse
Das Dilemma zwischen weiterer Verslummungstendenz, wenn man nicht interveniert, und der
Aufwertung mit der Verdrängungsgefahr, liess mich, trotz all den oben beschriebenen
Beobachtungen, nicht mit absoluter Überzeugung sagen, dass hier ein Gentrification-Prozess
am laufen ist und nicht etwa eine Stabilisierung, eine soziale Stadtteilentwicklung.5 Diese
kleine, irritierende Verunsicherung hat mich motiviert, den Indikator Medienberichte, genauer
zu betrachten. Die Rolle der Medien wurde schon in den frühesten Modellen zum Verlauf
einer Gentrification erkannt. Denn gerade die Medien sind wichtig, um das aufgewertete
Image in der breiten Öffentlichkeit zu verankern. Sie vermögen einen "way-of-life" zu
propagieren. Das urbane Pulsieren, in Wort und Bild skizziert, zieht neue Investoren an,
vermag Bankinstitute zu einer neuen Kreditvergabepraxis motivieren, ebenso die
Vergabepraxis von Vermietern ändern und lässt zahlungskräftigere, aber weniger risikobereite
Lifestyle-StädterInnen, die Gentrifier, in das Quartier umsiedeln.
Die Untersuchung der Printmedienmeldungen war geleitet von der Frage, was für ein Bild des
Langstrassenquartiers vermittelt wird. Da ich bisher keine empirische Forschung betrieben
habe, habe ich die Artikel nach intuitivem Gutdünken kategorisiert. Dies in der Hoffnung eine
nachvollziehbare, quantitative Aussage machen zu können. Ich sehe meine Arbeit als erster
Versuch, als ein Sprung ins kalte Wasser der Empirie. Stelle aber meine Recherchedokumente
nur zu gerne einer weiteren, vielleicht mit Einbezug von textlinguistischen Methoden,
Untersuchung zur Verfügung. Diesbezüglich können die pdf-Dateien jederzeit bei mir
angefordert oder eingesehen werden.

Struktur der Arbeit


Der Arbeit sind aktuelle eigene Fotos von Aufwertungsum- und Neubauten, sowie von
Problemorten und noch nicht realisierten, aber in naher Zukunft projektierten Bauten,
vorangestellt. Im ersten Kapitel wird eine Begriffsbestimmung vorgenommen und kurz
begründet. Im folgenden Kapitel wird die städtische Intervention "Langstrasse PLUS"
vorgestellt. Im dritten Kapitel wird kurz auf den Indikator, Medienberichte, eingegangen, um
dann im vierten Kapitel die Untersuchung darzulegen. Im letzten Kapitel folgt eine
Zusammenfassung der Untersuchung bzw. meiner Folgerung daraus.

5
Solche stabilisierenden Massnahmen können allerdings nahtlos in eine Gentrification übergehen.
4
I GENTRIFICATION – EINE SCHWIERIGE BEGRIFFSBESTIMMUNG6
"One by one, many of the working class quarters of London have been invaded by the middle class – upper an
lower. Shabby, modest mews and cottages – two rooms up and two down – have been taken over, when their
leases have expired, and have become elegant, expensive residences. Larger Victorian houses, downgraded in an
earlier or recent period – which were used as lodging houses or were otherwise in divided into costly flats or
'houselets' (in terms of the new real estate snob jargon). The current social status and value of such dwellings are
frequently in inverse relation to their size, and in any case enormously inflated by comparison with previous
levels in their neighbourhoods. Once this process of 'gentrification' starts in a district, it goes on rapidly until all
or most of the original working class occupiers are displaced, and the whole social character of the district is
changed."7
Die Soziologin Ruth Glass beobachtet Ende der 1950er Jahre den Wandel der Bevölkerung in
den Altstadtquartieren Londons und führt den Begriff 1964 mit der obigen Beschreibung des
Phänomens ein. Er lässt sich von "gentry", der früheren Bezeichnung (18. & 19. Jh.) für den
niederen Landadel bzw. einer nobeln Bürgerschaft, herleiten. Der Begriff konnte sich
allerdings erst Mitte der 1980er Jahre durchsetzen. Vorher suchte man nach alternativen,
weniger britischen Bezeichnungen wie etwa, middleclass-resettelment, neighbourhood-
renewal, neighbourhood-reinvestment, back-to-city-movement, urban reinvasion, inner-city-
revitalisation, privat market housing renovation, embourgeoisement u.a.

Doch über das Verständnis, bzw die Definition von Gentrification war man sich lange nicht
einig. Oft orientierten sich die Bestimmungen am Forschungsgegenstand und am Zugang des
Forschers, der Forscherin. Dass diese Uneinigkeit sich eher negativ für die Forschung
auswirkt, ist einleuchtend. Jürgen Friedrichs weist in seinem Aufsatz erstmals deutlich auf
dieses Problem hin. 8
Das Spektrum der Begriffsbestimmungen reicht von solitären Definitionen mit nur einem
Merkmal über duale, bis zu holistischen Definitionen.
Die solitären Definitionen fokussieren den sozialen Austausch, um in von anderen
Stadtteilentwicklungen abzugrenzen. Ein Beispiel für eine solitäre Definition gibt Jürgen
Friedrichs 1996, "Gentrification ist der Austausch einer statusniedrigen Bevölkerung durch
eine statushöhere Bevölkerung in einem Wohngebiet."9
Die Dualen kombinieren den sozialen Austausch mit der baulichen Aufwertung und sind die
meistverwendeten Definitionen unter denen auch die von Ruth Glass zu zählen wäre.

6
Die folgende Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf Glatter, 2007 und Krajewski, 2006.
7
Glatter, 2007, S. 7.
8
Friedrichs/Kecskes, 1996, S. 13-40.
9
Krajewski, 2006, S. 37.
5
Die holistischen Definitionen nehmen mehrere Veränderungsprozesse auf. So z. B. die
Definition von Chris Hamnett, die beschreibende und erklärende Merkmale umfasst. "[the
Gentrification is] simultaneously a physical, economic, social and cultural phenomenon. Gentrification
commonly involves the invasion by middle-class or higher income groups of previously working-class
neighbourhoods or multi-occupied "twilight areas" and the replacement or displacement of many of the original
occupants. It involves the physical renovation or rehabilitation of what was frequently a highly deteriorated
housing stock and its upgrading to meet the requirements of its new owners. In the process, housing in the areas
affected, both renovated and unrenovated, undergoes a significant price appreciation. Such a process of
neighbourhood transition commonly involves a degree of tenure transformation from renting to owning."10

Gentrification – ein Dilemma, zwischen Aufwertung mit Verdrängungsgefahr und nicht


Aufwerten und der ungebremsten Abwertung eines Quartiers? In den meisten
Begriffsbestimmungen wird ein sozialer Austausch bzw. die Verdrängung einer
einkommensniedrigeren Bevölkerungsgruppe durch eine einkommenshöhere Gruppe
festgestellt, jedoch nicht in ihrem Ausmass festgehalten. Eine Extremposition in der
Verdrängungsfrage nimmt der neomarxistische Stadtforscher Peter Marcuse ein, der 1992 die
Verdrängung als eigentliches Ziel der Gentrification sieht, "Verdrängung ist das Wesen der
'gentrification', ihr Ziel, nicht ein unerwünschter Nebeneffekt."11 Jan Glatter hält 15 Jahre später in
seiner Dissertation fest: "Doch die sozialen Austauschprozesse bzw. Zuzüge müssen nicht mit Verdrängung
verbunden sein. Die Verdrängung der Bewohner stellt nicht den Normalfall der Gentrification dar. Sie kann,
muss aber nicht auftreten. Die Verdrängung der Bewohner ist damit kein konstituierendes Merkmal der
12
Gentrification."

2002 verzichtet Jürgen Friedrichs in seiner Definition auf den Verdrängungsaspekt,


"[...]Aufwertung eines Wohngebietes in sozialer und physischer Hinsicht". Diese weiter gefasste
Definition erlaubt, Gentrification auch in anderen als Arbeiterwohnquartieren festzumachen.
Denn das Phänomen Gentrification hat sich im Verlauf der über 40jährigen
Forschungsgeschichte weiter entwickelt und räumlich ausgedehnt. Gentrifactionsgebiete sind
nun nicht mehr nur innerstädtische gründerzeitliche Altbauwohnquartiere der Arbeiter,

10
Krajewski, 2006, S. 37.
11
Krajewski, 2006, S. 38.
12
Glatter, 2007, S. 8-9. Verschiedene Autoren halten fest, dass es sich im Allgemeinen schwierig gestaltet, eine
Verdrängung einer einkommensschwächeren Bevölkerung durch eine einkommenshöhere Gruppe empirisch
nachzuweisen. Hinzu kommt, dass Pioniere sich im Verlauf der Zeit beruflich weiter entwickeln und zu
Gentrifiern werden können und somit auch keine Verdrängung statt findet. Bei Glatters Studie ist die
Verdrängung zudem nicht konstituierend, weil sie in der postsozialistischen Stadtentwicklung nicht stark
ausgeprägt ist.
6
sondern auch Quartiere mit jüngerer Bausubstanz, anderer Sozialstruktur, auf dem Land, in
ehemaligen Industrie- und Hafengebieten.
Auch die den Umwertungsprozess initiierenden Akteure haben sich mit der Entwicklung und
der daraus gezogenen Erfahrungen über Gentrification-Indikatoren und -Merkmale gewandelt
– einheitlich bestimmen liessen sie sich allerdings nie. Bis in die 1970er Jahre hinein waren es
mehrheitlich private Personen, aus einem tendenziell alternativen Lebens- und Konsumstil-
Umkreis, die den Prozess unbeabsichtigt in Gang brachten. Diese Rolle der kreativen
Pioniere, der alternativen Kunst- und Kulturszene ist früh wahrgenommen worden. Sie wurde
zunehmend von einer professionellen Kulturindustie ersetzt, die heute z.T. selbst als
Investoren agieren und Sorge tragen, dass sich das Gebiet auch zu einem Trend-Quartier
entwickelt. In den 1980er Jahren, früher noch als die initiierenden Kreativekräfte, wurde das
wirtschaftliche Potential der Gentrification erkannt und von Immobilien- und
Kapitalgesellschaften genutzt. Dies auch mit dem Gutheissen oder gar Fördern durch die
öffentlichen Hand. Heute treten solche Gesellschaften z. T. als direkte Initiatoren einer
Gentrification auf, ebenfalls ohne das Pioniere das entsprechende Gebiet zuerst umwerten.

Das bislang eher chaotischen Forschungsgebiet Gentrification lässt die


ForscherInnengemeinde heute darüber einig sein, dass es weder ein allgemeingültiges
Erklärungskonzept, noch ein universelles Verlaufsmodell gibt; die Gentrification-tragenden
Akteure lassen sich nicht einheitlich definieren und das Phänomen kann mit Verdrängung
verbunden sein, muss aber nicht. Von diesem Erkenntnisgewinn ausgehend, hat die
gegenwärtige Gentrificationdebatte bzw. Forschung die Suche nach der richtigen Theorie oder
dem universellen Erklärungsmodell bei Seite gelegt. Aktuell werden Gentrifactionprozesse
verglichen, Typologien von Gentrificationprozessen entwickelt oder über das Spektrum der
Untersuchungsmethoden diskutiert.13
Anlehnend an aktuelle Positionen, verwende ich in dieser Arbeit eine breit aufzufassende
Definition. Wenn auch das untersuchte Gebiet Merkmale und Indikatoren auszeichnen, die
fast schon ein 'oldschool' Gentrificationgebiet und Prozess darstellen und eine alte Definition
zuliessen: sie ist innerstädtisch, im traditionellen ArbeiterInnen- und ImmigrantInnenquartier,
wies im Kleinstformat Verslumungstendenzen auf, viele "klassische" Pioniere wohnen und
wirken hier, die öffentliche Hand sowie private Investoren arbeiten zeitweilen zusammen.
Da die physische Aufwertung doch sehr augenfällig ist, übernehme ich die Definition von
Jürgen Friedrichs "[...]Aufwertung eines Wohngebietes in sozialer und physischer Hinsicht".

13
Siehe Aufsatzsammlung von Atkinson, 2005.
7
II DIE POLITISCHE INTERVENTION: LANGSTRASSE PLUS
Geographisch ist das Langstrassenquartier in meinen Ausführungen innerhalb folgender
Parameter gelegen: bezüglich der Nord-Südachse vom Limmatplatz im Kreis 5 bis zur Ecke
Badenerstrasse/Langstrasse im Kreis 4. Diese Langstrassen-Achse wird gegen Osten und
Westen bis zu den nächst grösseren Parallelstrassen erweitert. Im Kreis 4 bis zur
Kanonengasse/Ankerstrasse östlich und westlich bis zur Feldstrasse. Im Kreis 5 östlich bis zur
Klingenstrasse und westlich bis zu den Viaduktbögen.

Mittlerweilen ist sich die Forschung einig: es gibt keine allgemeingültige Definition von
Gentrification. Auch ist ein homologes Konzept der Gentrificationprozesse nicht haltbar.14
Jan Glatter schlägt bei der Betrachtung eines möglichen Gentrificationprozesses vor, die
Einflussfaktoren und Zusammenhänge auf verschiedenen Massstabsebenen und zu
verschiedenen Zeiten der Entwicklung zu untersuchen.15 Um der Komplexität der
Gentrification gerecht zu werden, ist es sinnfällig ein idealtypisches Verlaufsmodell zu
modellieren, welches den Prozess in verschiedenen Ebenen, sozial, baulich, kommerziell und
symbolisch betrachtet. Das im Folgenden skizzierte städtische Projekt "Langstrasse Plus"
siedelt sich im Mehrebenen-Modell möglicher Einflussfaktoren auf der Mesoebene der Stadt
bzw. des Stadtteils an und bezieht sich auf den Einflussfaktor "politische Intervention".16

Die politische Intervention hat im Gebiet der Langstrasse Tradition.


Unangenehmes bzw. Unerwünschtes wie das Siechenhaus und der Henkersplatz wurden im
Mittelalter von der Stadt nach ausserhalb, auf die jeweils andere Seite – vom Blickwinkel der
Altstadt der Sihl und der Limmat verbannt. Später fand hier Platz, was sich für die Kernstadt
nicht ziemte: Gesellschaftliche Aussenseiter und stigmatisierte Bevölkerungsgruppen ebenso
wie militärische Infrastruktur, Schlachthof, Gaswerk, Müllverbrennungsanlage sowie
Industrie- und Gewerbeanlangen. Rechtlose Bauern, Kranke und Aussätzige, wurden mit der
Industrialisierung von den Arbeiter und Italienischen Arbeitsmigranten abgelöst. Heute sind
es Ausländer verschiedener Herkunft, Sexarbeiterinnen, AlkoholikerInnen, und seit der
Lettenschliessung Drogenabhängige.
Seit der Eingemeindung im Jahr 1893 widerfahren dem Stadtteil Aussersihl Abwertungs- und
Aufwertungsprozesse. Die City-Expansion konnte hier aufgrund der geografischen
Gegebenheiten stattfinden. Derart, dass man heute kaum Bauzeugen des Vorurbanen

14
Glatter Jan, S 43.
15
Glatter Jan, S.44.
16
Glatter Jan, S.44 Modell der Einflussfaktoren auf den Prozess der Gentrification.
8
Aussersihls findet.17 Ein ähnliches Szenario spielte sich in den 1970er und 1980er Jahren ab,
als die Kreise 4 und 5 für eine neue Bevölkerungsgruppe und den tertiären Wirtschaftssektor
erschlossen werden soll. Nur konnte die Stadt nicht ohne Widerstand über das Gebiet
verfügen.18 Gerade dieser eigentümliche Ortscharakter, gefurcht durch die Geschichte des
Anrüchigen und des Stigmatisierten, zieht im Verlauf der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts neue Bewohner/Innen an. Junge Erwachsene, entweder gesellschaftspolitisch für
das Andere und das Marginalisierte einstehend, oder einen nicht angepassten,
"experimentellen" Lebensstil habend19. Die Kreise 4 und 5, erstarkt an den Interventionen,
sind unartige und eigensinnige Kinder der Stadt. Diesen Eindruck, so glaube ich, teilen die
städtische Behörden und die Stadtentwicklung Zürich mit mir. Vor diesem Hintergrund sehe
ich die Konzeption der aktuellen politischen Intervention "Langstrasse Plus".

II .I LANGSTRASSE PLUS DAS PROJEKT


"Langstrasse Plus" richtet sich vordergründig auf die bauliche, die kommerziell und die
symbolische Aufwertung. "Langstrasse Plus" Projektleiter Rolf Vieli weist in den Zeitungs-
Interviews öfters darauf hin, dass es keine soziale Aufwertung im Quartier geben soll: "Eine
Yuppisierung oder völlige Rotlichtfreiheit ist nicht das Ziel."20 Ein Bevölkerungsstruktur-
Wandel lässt sich zum heutigen Zeitpunkt weder dementieren noch bestätigen. Da die
vorliegende Betrachtung thematisch und zeitlich stark eingeschränkt ist, kann sie in keiner
Weise den Prozess analysieren und zu einer wissenschaftlichen Beurteilung bzw. Benennung
kommen. Die Verdrängungsfrage, die ich als negative Begleiterscheinung der Gentrification
sehe, wird erst zu einem späteren Zeitpunkt beantwortet und mit Zahlen belegt werden
können. Allerdings gehe ich, entgegen der Behörden, von einer gewissen Verdrängung aus.

Seit 1998 begleitet bzw. koordiniert die "Stadtentwicklung Zürich", die dem
Präsidialdepartement unterstellt ist, auf gesamtstädtischer Ebene eine nachhaltige
Quartierentwicklung. Hierzu erschaffen Arbeitsgruppen die Grundlagen zum Thema.
Im Spätherbst 2000 beauftrag der Stadtrat eine departementsübergreifende Arbeitsgruppe. Sie
entwickeln Massnahmen zur Verbesserung der aktuellen Situation und planen die langfristige,

17
Berger, Somm, Hildenbrand, Stadtteil zwischen Abwertung und Aufwertung, S. 4.
18
Die Gesellschafts- und Kapitalismuskritik der 68er Studentenbewegung schlug sich in den 1970er Jahren und
frühen 1980er Jahren in den europaweiten und us-amerikanischen Anti-Gentrification-Initiativen nieder. Siehe
Jan Glatter, S. 16. Zur Situation in Zürich, Stauffacher, siehe Stahel Thomas, 2006 und Wolkenstein P.M.,
Reyneclod Didymos, 1985.
19
Berger, Somm, Hildenbrand, Stadtteil zwischen Abwertung und Aufwertung, Tabelle der
Milieurepresentanten, S. 10.
20
Rolf Vieli in: Beat Metzler, Der Schmächtige trotzt vielen Gegnern, Tagblatt der Stadt Zürich, 23.05.07, S. 7.
9
nachhaltige Aufwertung des Langstrasse-Quartiers. Die Erfahrungen des Vorgängerprojektes
"Pro Langstrasse Quartier", 1995 – 1998, sollen in das neue Aufwertungsprojekt einfliessen.
Wohl noch von der Berühmtheit des Platzspitz hinter dem schweizerischen Landesmuseum
und des Lettens traumatisiert, von der relativen Wirkungslosigkeit vom Projekt "Pro
Langstrasse Quartier" ernüchtert, suchte die Stadtregierung nach einem nachhaltigen Konzept
für die labile Situation rund um die Langstrasse. Doch die Stadt muss hier besonders auch mit
den Bewohnern rechnen21. Die Erfahrung der Widerstände gegen grossangelegte bauliche und
strukturelle Veränderungen der frühen 80er Jahre – z.B. im Kreis 4 am Stauffacher oder im
so genannten Dreieck – dürften ebenfalls in die Strategie eingeflossen sein.

Am 14. März 2001 bewilligt der Stadtrat das umfassende Projekt "Langstrasse Plus". Es steht
unter der Gesamtverantwortung der Polizeivorsteherin Esther Maurer und ist als Vier-
Säulenmodell – Sicherheit im öffentlichen Raum, Leben im Quartier, Liegenschaften
Nutzungen, Gebietsentwicklung – konzipiert.22
Schnell ändern sollte sich die Situation auf der Parkanlage Aussersihl, die heutige
Bäckeranlage. Dort hatte sich seit geraumer Zeit eine offene Drogen- und Alkoholszene
eingenistet. Drogendeal, dessen Konsum sowie die Alkoholiker-Szene sollen für die
Quartierbewohner erleb- und sichtbar eingedämmt werden. Die Grünfläche schnellstmöglich
wieder für die QuartierbewohnerInnen rückerobert werden. Doch auch das Rotlichtmilieu,
welches seit Ende der 1970er Jahre floriert, miteinander konkurriert und in der Konsequenz
zum Teil aggressive Freierumwerbung betreibt soll in seinen Wucherungen und illegalen
Aktivitäten eingedämmt werden. Diese zwei Hauptprobleme im Bereich Langstrasse ziehen
andere unliebsame Faktoren nach: Lärm und Schmutz.
Mit der neuen Bau- und Zonenordnung für das Langstrassengebiet, die 2001 in Kraft trat, hat
die Stadt auch die juristische Grundlage geschaffen, um grosszügige Sanierungen und
Renovationen, die einem zeitgemässen Wohnen und Arbeiten entsprechen, zu ermöglichen.
Das kommunizierte Ziel des Stadtentwicklungsprojektes: eine gute Mischung von Wohnen,
Kleingewerbe und Prostitution.

21
Sieß Immanuel, Mit den Bewohnern rechnen, Nachhaltige Modernisierung von Wohnsiedlungen im Dialog
mit den Mietern. Seit den 90er wird diese Einbeziehung, von Privaten wie öffentlichen Institutionen diskutiert
und praktiziert.
22
Polizeidepartement der Stadt Zürich, 2003.

10
III. GENTRIFICATIONINDIKATOR MEDIENBERICHTE

In verschiedenen Phasenmodellen zum Gentrificationprozess, welche die Modelle zum


Nachbarschaftswandel aus der Chicagoer Schule je nach Autor um 3 bis 5 Phasen erweitern,
spielen die Medien bzw. deren Berichte eine wichtige Rolle. Sie gelten als Indikatoren im
Aufwertungsprozess. So z. B. schon im frühesten Phasenmodell von Clay23. Nach der ersten
Invasionsphase, bei der die Pioniere das Gebiet für sich entdecken und kreativ einwirken,
kommen in der Zweiten die ersten Gentrifier. Sie verfügen meist über ein höheres
Einkommen als die schon lange im Gebiet Ansässigen oder die Pioniere der ersten Phase. Die
Bedürfnisse urbaner Lebens- und Konsumstile, welche die neuen Quartierbewohner
mitbringen, wirken verändernd auf die Infrastruktur des Stadtviertels ein. Ab einem
bestimmten Veränderungsgrad werden die Medien aufmerksam. Sie berichten von
Kulturereignissen und Zwischennutzungen, die eine Öffentlichkeit beanspruchen oder Bars,
Restaurants und Boutiquen, die ein trendig urbanes Betriebskonzept fahren. "An der
Langstrasse tut sich was. In der heissen Zone zwischen Helvetiaplatz und den Geleisen sind
immer mehr milieuferne Bars und Clubs zu entdecken. Und es gibt noch weitere Anzeichen
dafür, dass im Chreis Cheib eine neue Kulturmeile entsteht."24 Im untersuchten Pool habe ich
den Eindruck gewonnen, dass die Stadt die Medien bewusst in ihr Aufwertungsbemühen
miteinbeziehen. Schnell, so scheint mir, soll sich die symbolische Aufwertung, das
aufgewertete Image, im Bewusstsein der ganzen Stadt bzw. der Stadtbevölkerung
niederschlagen.25 Solche Berichte ziehen - wie in mehreren Verlaufsmodellen und schon früh
in der Geschichte der Gentrificationforschung festgehalten26 neue Konsumenten, Gewerbe
und Investoren und schliesslich zahlungskräftige Gentrifier an. Im idealen Verlauf der
Gentrification erhöht sich allmählich die Wohnungs- und Gewerberaumnachfrage. Nach den
Gesetzen des Marktes27 steigen mit erhöhter Nachfrage die Preise der Angebote beider
Raumnutzungen. In der Konsequenz setzt in der letzten Phase die Verdrängung
statusniedrigerer Bevölkerung und auch kleine gewerbetreibende Unternehmen ein. Bei
Bewohner mit geringerem Einkommen können die Lebenskosten das Budget übersteigen und

23
Häussermann, Grossstadt Soziologische Stichworte, S 60 – 62.
24
Yann Cherix, Bewegung im Langstrassenquartier. Klimawandel im Rotlichviertel. In: Züritipp/Tagesanzeiger,
08.11.07, S. 4.
25
So z. B. die Problemliegenschaft an der Sihlhallenstrasse. Diese wurde von der Stadt gekauft und beherbergt
nun eine Sex- und Drogenmilieuferne Bar; das Hotel Rothhaus wechselt den Besitzer und wurde in restaurierter
Form wieder zu einem richtigen Hotelbetrieb.
26
Friedrichs/Kecskes, 1996.
27
Die Veränderungen der Angebotsseite in Gentrificationgebieten wird mehrheitlich mit der value-gap und der
rent-gap Theorie beschrieben; die der Nachfrageveränderung wird in der aktuelleren Literatur mit allgemeinem
Gesellschaftswandel erklärt. Siehe Hartmund Häußermann S. 64-66.
11
somit zum Wegzug drängen. Das Geschäftsmodell Kleingewerbetreibender kann die
Mietkosten nicht tragen oder ihr Klientel ist weggezogen. Der Wandel der
Bevölkerungsstruktur kann aber auch nicht durch direkte Verdrängung wie eben beschrieben
passieren, sondern zum Beispiel auch durch den beruflichen Aufstieg der Pioniere. Doch in
dieser letzten Phase der Aufwertung ist das Gebiet rund um die Langstrasse noch nicht.
Mehrmals betont Rolf Vieli, Leiter des Projektes "Langstrasse Plus", in publizierten
Interviews, dass es nicht zu einer Verdrängung kommen wird. "Wird der Kreis 4 mit all
seinen Trendlokalen und Edelwohnungen bald ein Schickimickiquartier? Nein, ganz gewiss
nicht. Wir sind noch meilenweit davon entfernt, und vor allem zwei Dinge werden das
verhindern: Im Langstrassenquartier gibt es viele kleine Parzellen, die grosse und teure
Überbauungen verhindern. Und zahlreiche Hausbesitzer hier haben eine soziale
Verantwortung gegenüber dem Quartier."28 "'Es braucht eine bessere Durchmischung und
auch neue Bewohnerinnen und Bewohner.' Und zwar solche, die sich für die Lebensqualität
hier engagierten, betont er [Vieli]."29 "Das Angebot an günstigen Wohnungen ist der am
häufigsten genannte Grund für die Wahl des Wohnortes Langstrassengebiet. Fast ebenso oft
werden Lebendigkeit und Multikultur sowie das vielfältige Kultur- und Ladenangebot als
Grund für den Zuzug genannt. Deutlich zum Ausdruck kommt in der Umfrage aber auch eine
Angst vor Verteuerung des Wohnraums und davor, dass die Aufwertung des Quartiers kippen
und die Langstrasse «seefeldisiert» werden könnte. 'Eine Gentrifizierung respektive
Yuppisierung des Quartiers wird von vielen befürchtet und explizit nicht gewünscht', heisst
es."30 Ein Bevölkerungsstrukturwandel lässt sich zum heutigen Zeitpunkt weder widerlegen
noch feststellen. In einigen jüngeren Zeitungsartikeln äussern Quartierbewohner die Angst
vor einer Juppysierung und geben als negative Referenz den Kreis 5 an. Doch nun zu den
Medienberichten, die in den Verlaufsmodellen, je nach Phasenanzahl in der letzten oder ab
der zweiten Phase als Indikatoren auftreten.

28
Lukas Häuptli, Die Stadt muss im Kreis 4 investieren, Tages-Anzeiger, 17.11.06, S. 17
29
Alfred Borter, Langstrassenquartier Der 2-Millionen-Franken-Kredit wird nicht angetastet. Wenns nur kein
Papiertiger wird, Zürichsee-Zeitung, 10.06.06.
30
Martin Huber, Viel Sympathie für Langstrasse, Tages-Anzeiger, 25.10.07, S. 60.
12
IV DER UNTERSUCHTE MEDIENPOOL
Als grosser Printmedienpool stand mir das Archiv der schweizerischen Mediendatenbank
(www.SMD.ch) mit 151 regelmässig erfassten Schweizer Quellen zur freien Verfügung. Die
Bandbreite der Datenbank erstreckt sich von Tageszeitungen über Wochenzeitungen,
Magazine bis Zeitschriften. Die Recherche beschränkt sich auf die Begriffe "Langstrasse" und
"Langstrasse Plus". 340 Artikel sind es insgesamt, wobei die doppelten Artikel, also jene die
in beiden Recherchen vorkommen, nur einmal in der Zählung aufgenommen wurden. Beim
ersten Lesen habe ich die Artikel in grobe Inhalts-Kategorien unterteilt. Beim zweiten
Durchgang habe ich die Kategorien nochmals reduziert. So sind mehrere Subthemen in einer
übergeordneten Kategorie zusammengefasst.

IV.1 204 KLEINE UND GROSSE ARTIKEL MIT DEM SUCHBEGRIFF


"LANGSTRASSE" OHNE ZEITLICHE BESCHRÄNKUNG

Quellen und Anzahl Meldungen:


Tagesanzeiger 56, Zürichsee Zeitung 6, Zuger Nachrichten 1, Zofinger Tagblatt 1, Tele 1,
Tagblatt der Stadt Zürich 13, Sonntagszeitung 1, Sonntagsblick 1, Schaffhauser Nachrichten
1, Neue Zürcher Zeitung 50, Neue Luzerner Zeitung 9, Migros Magazin 1, Luzerner Neueste
Nachrichten 1, Limmattaler Tagblatt 10, Le Temps 1, Hebdo 1, heute 1, Facts 1, Die
Wochenzeitung 1, Die Südostschweiz 1, Der Landbote 4, Das Magazin (Tagesanzeiger) 2,
Blick 11, Berner Zeitung 1, Beobachter 2, Basler Zeitung 3, Aargauer Zeitung 18,
24 Heures 1

1994 Anzahl Artikel


Negatives Image 3
Bauen an der Langstrasse 2

1995 Anzahl Artikel


Negatives Image 6
hiervon 3 Artikel mit dem Schwerpunkt Polizeiarbeit

1996 Anzahl Artikel


Frauendemo 2
Negatives Image 1
Positives Image 1
Projekt Pro Langstrasse-Quartier 2

13
1997 Anzahl Artikel
Image /multikulti eher positiv 4
Quartierzentrum 2
Kriminalität 1

1998 Anzahl Artikel


Baröffnungszeiten-streit 1
Brand (mit Milieu-Gerücht um Abrechnung) 2
Image /multikulti eher positiv 1
Lärm 1
Kriminalität 1
Unfallmeldung 1
Fussgängerzone? Aufwertung, Verkehrsdiskussion, Tram 3

1999 Anzahl Artikel


Verkehr 4
Pro Langstrasse 1
Polizeirazzia 1
Image , eher positiv 2
Negatives Image 1

2000 Anzahl Artikel


Kriminalität/Gewalt 1
Neubau wohnen, The Docks 1

2001 Anzahl Artikel


Langstrasse Plus 11
Negativ Image 1
Positives Image 1
Kriminalität 2
Polizei-Razzia 1

2002 Anzahl Artikel


Negativ Image 1
Langstrasse Plus 5
Kriminalität 2
Erfahrungsbericht / Image eher pos 1
Bauarbeiten 1
Kultur 1
Bewohnerstimmen/Quartierverein 1
Langstrasse Parteipolitisch 2
Polizeibericht... 2
auch positives Image 1

14
2003 Anzahl Artikel
Negativ Image 1
Gewerbetreibende und Anwohnerstimmen 3
Verkehr 5
Langstrasse Plus 6
Positives Image 3
Polizeibericht 1
Parteipolitische Stimme 3

2004 Anzahl Artikel


Parteipolitische Stimme 5
Gewalt/Kriminalität 4
Image neutral 2
Kultur 1
Polizeimeldungen 2
Langstrasse Plus 2
Quartierzeitung 2
Brand 1
Positives Image 2
Restauranttipp 1

2005 Anzahl Artikel


Langstrasse Plus 5
Image 1
Restauranttipp/Bartipp 2
Positives Image 3

2006 Anzahl Artikel


Kriminalität/Gewalt 3
Langstrasse Plus 8
Jugendkriminalität/negativ Image 1
Kultur 2
Verkehr 2
Neues Geschäft 1
Positives Image 2
Lärm 2

2007 Anzahl Artikel


Langstrasse Plus 4
Bevölkerungs-Statistik 1
Gewalt/Kriminalität 2
Verkehr 10
Restaurant- und Bartipp 3
Image 1
Polizeimeldung 1
Kultur 1
Positives Image 1

15
IV.1.1 KLEINES FAZIT
Image
15 Meldungen geben ein negatives Image vom Gebiet rund um die Langstrasse. Wobei 11
solcher negativen Berichte im Zeitraum 1994-2000 erschienen. 2001-2007 waren es nur noch
deren 4. Umgekehrt verhält es sich mit den Berichten, die ein positives Image abgeben: Von
den total 18 Berichten, erscheinen 4 in den Jahren 1994-2000 und die restlichen 14 positiven
Meldungen erscheinen 2001-2007. Rein rechnerisch betrachtet ergibt das ein eher Positives
Image.
Kriminalität/Polizeimeldungen
22 Artikel sind Polizeimeldungen oder berichten über Kriminalität bzw. Gewalt. 4 Meldungen
sind es von 1996-2000, 2001-2007 die restlichen 18.
Verkehr
7 von 24 Artikeln widmen sich 1994-2000 dem Verkehr. 17 Artikel 2001-2007, wobei 10
alleine im Jahr 2007 erschienen sind.
Städtische Projekte: Pro Langstrasse/Langstrasse Plus
1994-2000 berichten 4 Artikel vom städtischen Projekt Pro Langstrasse. 2001-2007
erscheinen 41 Meldungen, welche entweder das Projekt selber, den Projektleiter Rolf Vieli
(Interviews) oder die Fortschritte des Projektes thematisieren.
Kultur (Kunst/Lesungen/Events)/Bar- und Restauranttipps
Ab 2002 berichten 11 Artikel über Bars, Restaurants und kulturelle Veranstaltungen.
Bewohner/Innen-Stimmen und Stimmen der Gewerbetreibenden
2002 und 2003 je einen Artikel.

IV.2 136 KLEINE UND GROSSE ARTIKEL MIT DEM SUCHBEGRIFF


"LANGSTRASSE PLUS" IM ZEITRAUM VON 01.01.2001 – 19.11.2007

Quellen und Anzahl Meldungen: Tagesanzeiger 41, Neue Zürcher Zeitung 35, Tagblatt der
Stadt Zürich 9, Zürichsee Zeitung 3, Zuger Zeitung 3, Neue Luzerner Zeitung 8, Aargauer
Zeitung 11, Der Landbote 1, Der Bund 1, Cash 1, Facts 1, Die Weltwoche 2, Limmattaler
Tagblatt 7, Hochparterre 1, Willisauer Bote 1, Le Temps 2, Le Matin 1, Tribune de Genève 1,
Zürich Express 4, Züritipp 1, Blick 1, heute 1

16
2001 Anzahl Artikel
Langstrasse Plus 24
Polizeimeldungen 4
Podiumsdiskussion 1
Die Besetzten Häuser, Ego-City an der Badenerstrasse und das Haus an der Ecke Stauffacher-
/Herman-Greulich-Strasse 1
Parteipolitische Stimmen zu Langstrasse Plus 2

2002: Anzahl Artikel


Parteipolitische Meinungen (1xDrogenliberalisierung, 1xWegweisungsartikel) 7
Podiumsdiskussion 1
Polizeimeldungen (Zusammenarbeit von Kantons- mit Stadtpolizei/Sicherheit) 6

Interview mit Stadträtin und Sozialdepartementsvorsteherin Monika Stocker 1


Langstrasse Plus 16
Fürsorge-Konflikt 3
Bewohner/Innen-Stimmen Gewerbetreibende (Umgang mit Drogen- und Sexmilieu) 3
Bordell-Statistik 1
Kriminalität/Gewaltakte 4
5 Tage in der Problemliegenschaft Lugano-Bar, Erlebnisbericht 1
Rassismusvorwurf gegen Polizei 1
Kultur 4
Das Projekt eines neuen Stützli-Sex Etablissements an der Zinistrasse 2

2003: Anzahl Artikel


Langstrasse Plus 19
Geschichte zur Langstrasse 1
Anwohner/Innen-Stimmen 3
Kultur 1
Parteipolitische Meldungen 3
Quartierzentrum Kreis 4 1

2004: Anzahl Artikel


Image 4
Podiumsdiskussion 1
Quartierzentrum Kreis 4 2
Langstrasse Plus, Liegenschaften, Umnutzung 10
Frauenbus Flora-Dora, Anlaufstelle Isla Victoria 2
Kutur/Wandzeitung 4/5 1

2005: Anzahl Artikel


Anwohner/Innen-Stimmen 1
Stadtrat Meldungen 7
Image 2
Langstrasse Plus, Liegenschaften, Milieu 5
Abfallcontainer 2
Rassismus 1

17
2006: Anzahl Artikel
Kriminalität 3
Langstrasse Plus, Liegenschaften, Integration, Image 21
Anwohnerstimmen 1
Kultur/Zürich 4, Paris 18 1
Podiumsdiskussion zur Langstrasse 1
WM-Lärm, Prostitution während WM 1

2007: Anzahl Artikel


Image 8
Kultur 1
Statistik 1
Anwohnerstimmen 1
Langstrasse Plus 6
Polizeimeldungen 1

IV.2.1 KLEINES FAZIT


Image
2004-2007 erscheinen 14 Artikel, die den Wandel an der Langstrasse begrüssen und explizit
ein positives Image abgeben oder neue Läden und Bars loben. Es erscheinen keine negativen
Image Artikel.
Langstrasse Plus
Im ganzen Zeitraum berichten 101 Artikel direkt vom Projekt, den laufenden Massnahmen
und Erfolgen.
Kultur
Ab 2002 erscheinen 8 Artikel zu kulturellen Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen,
Galerienrundgang, Zwischennutzungen.
Anwohner/Innen-Stimmen und Stimmen der Gewerbetreibenden
Ab 2002 werden 9 Artikel publiziert, die die Bewohner/Innen und den Gewerbetreibenden zu
Wort kommen lassen. 2002 erscheinen 3 Berichte, die den Umgang der Bewohner und
Arbeitnehmenden mit den Milieus (Sex/Drogen) schildern. 2006/2007 werden 2 Mal
Bedenken gegenüber dem Aufwertungsprozess und dem Projekt "Langstrasse Plus" geäussert.
Dabei wird befürchtet, dass eine Yuppisierung stattfinden könnte.
Polizeimeldungen
10 von 11 Artikeln erscheinen in den ersten zwei Jahren von Langstrasse Plus 2001/2002, ein
Artikel 2007.
Gewalt/Kriminalität
4 Artikel im 2003, 3 Artikel 2006

18
Podiumsdiskussion
4 Artikel berichten über Podiumsdiskussionen rund um die Aufwertung, 2001-2003 und 2006
je einen.
Parteipolitische- und Stadtratsmeldungen
19 Meldungen insgesamt, 12 parteipolitische Äusserungen in den Jahren 2001-2003, 2005
werden 7 Stadtratsmeldungen veröffentlicht.
Sozialamt/Fürsorge
2002 erscheinen 1 Interview mit Monika Stocker und 3 Artikel über die Unterkunft weniger
Sozialhilfeempfänger/Innen in Einzelzimmern von schwierigen Liegenschaften, deren Miete
das Sozialamt übernimmt.
Besetzte Liegenschaften
2001 erscheint 1 Artikel zu Ego City, dem besetzen Haus an der Badenerstrasse und der
Besetzung an der Ecke Hermann-Gräulich-/Stauffacherstrasse. Beide existieren heute nicht
mehr und mussten einem Design Hotel und einem Komplex mit teureren Wohnungen und
einem "Lifestyle" Restaurant weichen.

19
V. ZUSAMMENFASSUNG DER BEOBACHTUNGEN BEIDER RECHERCHEN

"Das Langstrassenquartier galt jahrelang als zweifelhaftes Sex-, Drogen- und Vergnügungs-
viertel. Plötzlich aber bauen Private millionenteure Häuser mitten im Kreis 4. [...]
Gegenwärtig werden zwischen Bahnunterführung und Helvetiaplatz nämlich ein halbes
Dutzend neue Wohn- und Geschäftshäuser geplant und gebaut. Deren Kosten: total
mindestens 25 Millionen Franken. An der Ecke Lang- und Brauerstrasse soll an Stelle des
früheren Modegeschäfts Perla ein fünfstöckiger Neubau entstehen. In den oberen Geschossen
sind Wohnungen und Lofts geplant (Fläche: 80 bis 100 Quadratmeter), im Parterre
Geschäftsräume oder ein Restaurant. Die Baukosten belaufen sich auf drei bis vier Millionen
Franken, Bauherr ist eine Privatperson aus dem Säuliamt. [...] Bereits abgebrochen ist das
Gebäude des ehemaligen Restaurants La Côte an der Lagerstrasse. Hier lassen drei
Privatpersonen aus den Kantonen Zürich und Aargau ein siebenstöckiges Haus mit fünfzehn 3
1/2-Zimmer-Wohnungen (Fläche: 100 bis 125 Quadratmeter) sowie zwei Geschäften bauen.
Die Kosten betragen rund neun Millionen Franken, die Eigentumswohnungen kosten
zwischen 560 000 und 850 000 Franken. Mehr als die Hälfte davon sei schon verkauft, sagt
der Projektleiter. Bezugsbereit ist die Liegenschaft im Herbst 2007. Ebenfalls im Herbst 2007
fertig ist das Haus an der Schöneggstrasse 27. Im fünfstöckigen Gebäude entstehen fünf Lofts
und ein Laden. Bauherrin ist eine private Baugenossenschaft aus Zürich, die Land und Altbau
von der Stadt im Baurecht übernommen hat. Die bestehende Liegenschaft wird abgerissen,
der Neubau kostet rund drei Millionen Franken. Die Wohnungen mit 80 bis 125 Quadratmeter
Fläche und Mietzinsen zwischen 2200 und 2800 Franken monatlich seien bereits vermietet,
sagt der Projektleiter. Zwei sechsstöckige Gebäude sind an der Neufrankengasse geplant. Das
eine steht bereits im Rohbau, und zwar an Stelle zweier Abbruchliegenschaften. Im Haus sind
acht Lofts, drei Büros und eine Bar geplant. Die Wohnungen sind bis 130 Quadratmeter gross
und kosten monatlich zwischen 2300 und 3300 Franken. Unmittelbar daneben, wo sich heute
das Restaurant Tessinerkeller befindet, soll in rund drei Jahren ein Gebäude mit ebenfalls acht
Wohnungen sowie mit Geschäftsräumen entstehen, die etwa gleich teuer sind wie die im
Nachbarhaus. [...] Dass private Investoren im Langstrassenquartier plötzlich Häuser bauen,
dürfte zwei Gründe haben. Zum einen greift das städtische Quartierberuhigungsprogramm
Langstrasse Plus mehr und mehr. Die halb offene Drogenszene konnte vor allem durch
vermehrte Polizeirazzien verkleinert werden. Die Zahl der Sexsalons und Bordelle verringerte
sich, weil die Stadt mit baurechtlichen Massnahmen zahlreiche Etablissements schloss. Vor
allem aber griffen Stadt und Langstrasse-Plus-Projekt in den Immobilienmarkt im Kreis 4 ein.

20
Ein ehemaliges Bordell an der Sihlhallenstrasse kaufte die Stadt selbst, verschiedene andere
problematische Liegenschaften wurden von der städtischen Stiftung PWG erworben.
«Natürlich war die Quartierberuhigung durch die Stadt ein Grund für unsere Investition», sagt
etwa der Bauherr des Projekts an der Langstrasse."31
Diese Auszüge aus einem Tages-Anzeiger Artikel geben exemplarisch meinen gewonnen
Eindruck wieder. Die Printmedien berichten seit dem Jahr 2000 bis heute kontinuierlich,
überwiegend positiv von der Langstrasse:
Anfangsphase der Betrachtung: Wir sind aktiv!
Anfangs wurde das Projekt "Langstrasse Plus" vorgestellt und die darin enthaltene Strategie
der Stadt, in den Liegenschaftenmarkt einzugreifen bzw. Häuser aufzukaufen. Neben diesem
Vorstellen des städteplanerischen Vorhabens, erschienen in der Anfangsphase von
"Langstrasse Plus" 2001/2003 viele Artikel, die die Polizei- und SIP-Arbeit beleuchten, dies
weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Es erscheinen mehrere, reportageartige Artikel, deren
Autor einen Polizisten in seiner Tätigkeit an der Langstrasse begleitet. Die Leserin, der Leser
ist mit dabei an vorderster Front. In dieser Anfangsphase kommen zu Langstrasse Plus,
Polizei-/SIP-Arbeit, noch die zahlreichen Berichte über die Erfolgreiche Rückeroberung der
Bäckeranlage und die nachhaltige Vertreibung der Junky- und AlkoholikerInnen-Szene.
Mittlere Phase der Betrachtung: Wir bleiben dran!
Nun greifen die ersten Massnahmen von "Langstrasse Plus", die Käufe der Stadt und die neue
Nutzung der Liegenschaften werden intensiv beschrieben, immer im Kontext der städtischen
Aufwertung, der städtischen Politur. Vermehrt rücken nun auch private
Liegenschaftenbesitzer in den Fokus der Berichte. Zum einen werden Besitzer von schwierig
eingestuften Liegenschaften an den Pranger gestellt, zum anderen werden erwünschte Kauf-
und Sanierungstätigkeiten von privaten Investoren oder Baugenossenschaften ausgeleuchtet.
Das Quartierleben, der Verein, die Zeitung, die kulturellen Events und Gastrotipps finden
vermehrt Eingang in die Presse.
Letzte Phase der Betrachtung: Und es wird noch besser!
Neben den steten Berichten zu neuen Wohnungen, Gastrobetrieben, Geschäften, Klubs und
kulturellen Ereignissen ist häufig der Verkehr und der Lärm Thema der Presse. Als kritische
Beobachterin der Presse, könnte man prompt den Eindruck gewinnen, hier wird eine
städteplanerische Verkehrsmassnahme eingeleitet.

31
Lukas Häuptli, Lofts in Zürichs Problemquartier, Tages-Anzeiger, 08.08.06, S 13.
21
Gentrificationindikator Medienberichte
Betrachtet man meine Analyse rein rechnerisch, so überwiegen die Meldungen in der
Kategorie positives Image. In meiner abschliessenden Betrachtung zähle ich aber die
Berichte der Kategorie Langstrasse Plus, Kultur und Restaurant- und Bartipps hinzu. Weil
diese die verbesserte Situation im öffentlichen Gedächtnis etablieren, das positivere Image
längerfristig verankern. Derart, das risikoscheuere, potentielle QuartiersnutzerInnen und
potentielle QuartiersbewohnerInnen es wagen, dort hinzukommen, wo Zürich eine Weltstadt
ist, um zu wohnen, zu arbeiten oder die Freizeit zu verbringen. Die anfänglichen Zweifel, ob
im Langstrassenquartier eine Gentrification im Gange ist und nicht eine soziale
Stadtteilentwicklung, haben sich quasi in der Masse des "postiven Image-Gebilde" der Presse
aufgelöst. Ich kann sogar zur eingangs erwähnten Metapher des Bilderbuches zurückgreifen:
Wie im Lehrbuch, häufen sich die positiven Berichte von Jahr zu Jahr. Das Image wird
geschaffen, etabliert und untermauert. Fasst man die Medienberichte als Indikator für eine
mögliche Gentrification auf, so findet sie hier, wie schon in den 70er Jahren beschrieben,
statt.
Was mich doch bisweilen etwas traurig gestimmt hat, ist der Umstand, dass sich im
Untersuchten Pool, der sich doch über 10 Jahre erstreckt, gerade mal 5 Artikel kritisch zum
Aufwertungsprozess äussern. Dort fragen sich die Autorinnen und Autoren, wohin denn die
vertriebenen Prostituierten verschoben werden. Wie wird das soziale Netz der vertriebenen
Sexarbeiterinnen ersetzt? Wo wohnen künftig die vielen SozialhilfebezügerInnen und die
frisch eingewanderten oder geflohenen Immigrantinnen und Immigranten? In welchen
Räumlichkeiten werden kreative Kräfte, ihre billigen Arbeitsplätze finden?

22
SCHLUSSWORT
Die Medien, so bin ich heute überzeugt, sind Akteure im Gentrificationprozess im
Langstrassenquartier. In der Forschung, soweit ich das überblicke, werden die Medien als
Akteure erwähnt, aber in der empirischen Forschung ausgeblendet. Doch die Medien erfinden
die Welt nicht neu: jedem Medientext geht ein anderer Text oder mehrere voran, die so
genannten Prätexte. In diesem Zusammenhang würde ich in einem nächsten Schritt meiner
neuen These nachgehen wollen, dass die Stadt die Presse für ihre Ziele instrumentalisiert.
Eine genaue Analyse der Pressemitteilungen, der Leitbilder, der Studien und öffentlichen
Informationsveranstaltungen wären hier sicher aussagekräftig.
Eine, aus persönlicher Sicht, noch viel wichtigere Perspektive: die These, dass sich im
Langstrassenquartier die Bevölkerungsstruktur sich zu Gunsten von besser verdienenden
ändern wird. Dies wird heute schon seitens der Stadtentwicklung Zürich längerfristig
betrachtet nicht mehr dementiert. Sie erachten dies als ein normales, globales Phänomen im
Wettbewerb der Städte. Etwas natürliches, der Lauf der Dinge bzw. der Wirtschaft halt. Wenn
man die Dimensionen der Verdrängung hier an der Langstrasse zum Beispiel mit jener in
Shanghai vergleicht, dann sieht man sich leicht mit der eigenen Kritik am Prozess in die Ecke
gedrängt. Eben mit dem Argument, wenn wir mithalten wollen, dann passiert das halt. Die
Verdrängung trifft ja nur wenige Randgruppen. Und wenn man der Verdrängungsfrage dann
doch nachgeht, dann landet man ganz unverhofft in einer sozialromantischen, linken Ecke und
wird als Idealistin belächelt. Doch gerade die Forschungsgeschichte zur Gentrification hat
gezeigt: dass die kritischen Betrachtungen und Benennungen problematischer Fakten zu
neuen integrativen Strategien des Städtebaus führen kann. In dem Sinne lautet mein
Schlusswort: forschen, forschen, forschen!

23
LITERATURVERZEICHNIS
Atkinson, Rowland und Gary Bridge (Hg.): Gentrification in a global context. The new urban
colonialism. London: Routledge, 2005.

Berger, Christina, Irene Somm und Bruno Hildenbrand: Stadtteil zwischen Abwertung und
Aufwertung. Verunsicherte lokale Zugehörigkeit in den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5. Kurzfassung des
Forschungsberichtes. Forschungsbericht aus dem Institut für Suchtforschung, Nr. 93. Zürich: Institut
für Suchtforschung, 1999.

Friedrichs, Jürgen und Robert Kecskes (Hrsg.): Gentrification: Theorie und Froschungsergebnisse.
Opladen: Leske + Budrich, 1996.Glatter, Jan: Gentrification in Ostdeutschland – untersucht am
Beispiel der Dresdner Äußeren Neustadt. Dresden: Selbstverlag des Instituts für Geographie, 2007
(Dresdener Geographische Beiträge, 11).

Häußermann, Hartmund (Hg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Opladen: Leske + Budrich, 1998.

Häußermann, Hartmund und Walter Siebel: Stadtsoziologie. Eine Einführung. Unter Mitarbeit von
Jens Wurtzbacher.Fankfurt/Main, Campus, 2004.

Krajewski, Christian: Urbane Transformationsprozesse in zentrumsnahen Stadtquartieren –


Gentrifizierung und innere Differenzierung am Beispiel der Spandauer Vorstadt und der Rosenthaler
Vorstadt in Berlin. Diss. Münster. Münster: Institut für Geographie der Westfälischen Wilhelms-
Univerität, 2006 (Münstersche Geographische Arbeiten, 48).

Sägesser, Peter: Geschlossene Stadt. Stadtentwicklung und Gentrifizierung. Bern: Edition Soziothek,
2004 (Diplomarbeiten der Hochschule für Sozialarbeit HSA Bern).

Stahel, Thomas (Hg.): Wo-Wo-Wonige! Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968.
Zürich: Paranoia city, [2006].

Wehrheim, Jan: Die überwachte Stadt – Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung. 2. völlig
überarbeitete und aktualisierte Auflage. Opladen, Barbara Budich, 2006

Wehrli-Schindler, Brigit: Kulturelle Einrichtungen als Impusgeber für Stadtentwicklung?


Beobachtungen am Beispiel Zürich West. In: Disp. Dokumente und Informationen zur Schweizer Orts-
, Regional- und Landesplanung 38/3 (2002), 4-10.

24
Quellenverzeichnis
Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): stadtentwicklung.zh.
Informationen der Fachstelle für Stadtentwicklung der Stadt Zürich. FSTE. Nummer 1, März 2000.

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): stadtentwicklung.zh.


Lebensqualität. Informationen der Fachstelle für Stadtentwicklung der Stadt Zürich. FSTE. Ausgabe
4, september 2001

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): Leben im Langstrassenquartier.


Zürich, Oktober 2007.

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): Quartieraufwertung mit


Massnahmen des Immobilienmarktes im Langstrasssenquartier (Analysen und Strategievorschläge).
Schlussbericht. Zürich, Dezember 2003.

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): Leitbild Stadtentwicklung Zürich.


entwickeln – fördern – integrieren. Zürich, November 2007.

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): Ist Zürich auf dem richtigen
Weg? Zürich, März 2008.

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): Bevölkerungsbefragung 2005.


Zürich, September 2006.

Fachstelle für Stadtentwicklung, Präsidialdepartement, Zürich (Hg.): Bericht über die Tätigkeiten im
Jahr 2006. Zürich, März 2007.

Liechtenhan, Werner: Mitwirkungs- und Beteiligungsprozesse in der Stadt Zürich. In: Stadtblick 15,
März 2007.

Polizeidepartement der Stadt Zürich (Hg.): Langstrasse PLUS – das 4-Säulen-Modell. Zürich, 2003.

Polizeidepartement der Tadt Zürich (Hg.): Projekt Langstrasse PLUS. Bericht März 2003 bis März
2004. Zürich, Mai 2004.

Zeitungsartikel aus dem online-Archiv der Schweizerischen Mediendatenbank, www.smd.ch.


Recherche mit dem Suchbegriff "Langstrasse", ohne zeitliche Beschränkung.

25
Zeitungsartikel aus dem online-Archiv der Schweizerischen Mediendatenbank, www.smd.ch.
Recherche mit dem Suchbegriff "Langstrasse Plus", ohne zeitliche Beschränkung.

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Alle Abbildung sind vom Fotografen Gerry Amstutz (gee_ly) in meinem Auftrag gemacht.
©gee-ly.ch

26