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Funktions- und fertigungsgerechte Bezugssysteme

Veröffentlicht unter dem Titel „Bezugssysteme“


in Quality Engineering, Leinfelden-Echterdingen, Heft 9/1999, S. 40-41

In einer modernen Fertigung sind die Form- und Der Vorteil liegt auf der Hand: Innerhalb der
Lagetoleranzen zu einem ganz wesentlichen Be- Fertigung wird das Bezugssystem für die Ausrich-
standteil der technischen Zeichnungen geworden. tung benutzt, das eine unmittelbare Korrektur der
Die größten Probleme gibt es erfahrungsgemäß Abweichungen an der Bearbeitungsmaschine
jedoch bei der Festlegung der Bezüge und Bezugs- gestattet, am Ende wird jedoch die Funktion des
systeme für die Lagetoleranzen. Einzelteils bewertet.
Der Konstrukteur steht in der Regel vor Wahl Das Bild zeigt ein Beispiel. Das dargestellte Ge-
entweder einer funktionsgerechten oder einer fer- häuse trägt an den beiden Einsenkungen links und
tigungsgerechten Eintragung. Im Idealfall sollten unten zwei Umlenkspiegel für einen Laserstrahl.
beide Fälle identisch sein, was sich jedoch häufig Der von oben eintretende Strahl wird erst am
nicht verwirklichen lässt. So wird in den meisten unteren und dann am linken Spiegel jeweils um 45°
Fällen nur ein mehr oder weniger gelungener abgelenkt und tritt schließlich nach rechts aus. Das
Kompromiß gewählt. Gehäuse wird mit der oberen Fläche an einen
Eine selten praktizierte Alternative ist die getrennte Träger angeschraubt und dabei in der Bohrung ∅
Angabe von zwei Bezugssystemen, von denen das 60 H6 zentriert. An die rechte Seitenfläche wird die
eine von der Funktion, das andere aber von den Fokussiereinheit montiert, die ebenfalls in der
Anforderungen der Fertigung bestimmt wird. Bohrung ∅ 60 H6 zentriert ist.

0,01 0,01 Die Funktion der Bau-


A 60 H6 B gruppe wird entscheidend
von der Lage der beiden
0 0,01
Spiegel bestimmt. Sie lie-
D
gen in den Einsenkungen
∅ 40 H6 an den Stirnflä-
chen an, die ∅ 30 sichern
nur den Lichtdurchlass.
40 Die Lage der Bohrungen
und der Stirnflächen wird
zweckmäßig durch Positi-
onstoleranzen festgelegt,
wobei die Neigung der
10 Achsen und Flächen und
ihr Schnittpunkt durch
theoretische Maße ange-
geben sind. (Im Bild sind
0,01 die Toleranzen nur an der
0,01 A unteren Bohrung einge-
C tragen, für die linke Seite
sind sie sinngemäß zu
ergänzen.)
Die Montagebedingungen
bestimmen das funktions-
gerechte Bezugssystem.
In diesem Fall dienen die
Außenflächen und die
Bohrungen jeweils oben
und rechts zur Anlage und
Ausrichtung.

Hernla Info Bezugssysteme.doc 12.03.2010


Funktions- und fertigungsgerechte Bezugssysteme

Die Anlagefläche oben, mit der das Gehäuse am Letzteres bezieht sich auf die Bohrung ∅ 6 H6
Gegenstück befestigt ist, liefert zunächst die räum- (Bezug E), die gleichzeitig in einer zweiten Rich-
liche Orientierung und wird als Bezug A bezeich- tung mit dem theoretischen Maß 36,956 eine
net. Damit sind zwei Freiheitsgrade für die Drehung Position der Bohrung ∅ 30 H6 festlegt. Für diese
im Raum festgelegt. Die Bohrung oben dient auf Bohrung fehlt jetzt noch die Bestimmung der Mitte
einer Länge von nur 10 mm zur Zentrierung und des Gehäuses in der Richtung senkrecht zur
legt damit zwei weitere Freiheitsgrade für die Zeichenebene. Diese liegt wie oben im Mittelpunkt
Verschiebung fest (Bezug B). Die Lage der Seiten- der Bohrung ∅ 60 H6 oben (Bezug B). Auch hier
fläche rechts bestimmt für die Funktion die Rich- liegt wieder ein Bezugssystem aus vier Bezügen F,
tung der Weiterleitung des Laserstrahls, deshalb E, A und B vor, die in der Reihenfolge 2/2/1/1
wird sie zur Festlegung des dritten Freiheitsgrades Freiheitsgrade gestaffelt sind.
für die Drehung im Raum benutzt (Bezug C). Die Für die schräge Fläche bzw. Bohrung links ist an-
Bohrung rechts dient schließlich auf einer Länge stelle des Bezuges C die Bezugsfläche A einzutra-
von nur 10 mm zur Festlegung der dritten Ver- gen, da diese beiden miteinander den größten
schieberichtung, hier die vertikale Richtung in der Winkel einschließen.
Zeichenebene (Bezug D). Bei den Bezugselementen werden zweckmäßig
Abweichend von dem klassischen Modell eines Formtoleranzen angegeben, um den Einfluss der
Drei-Ebenen-Bezugssystems mit 3/2/1 Freiheits- Formabweichungen auf die Ausrichtung des
graden, wie es in DIN ISO 5459 beschrieben ist, Gehäuses in der Fertigung und beim Messen
liegt hier ein Bezugssystem mit insgesamt vier gering zu halten. Die rechte Seitenfläche Bezug B
Bezügen A, B, C und D vor, die in der Reihenfolge kann in der Zeichenebene eine Rechtwinkligkeits-
2/2/1/1 Freiheitsgrade gestaffelt sind. Der Ursprung abweichung zur Bezugsfläche oben haben, die
(Nullpunkt) des Bezugssystems liegt nicht in dem durch eine entsprechende Toleranz zu begrenzen
Schnittpunkt der Außenflächen wie in der Norm, ist. Die rechte Bohrung kann unter Berücksichti-
sondern im Schnittpunkt der Bohrungsachsen in gung der Orientierung des Bezugssystems eine
der Mitte des Gehäuses. Die Richtung dieser Symmetrieabweichung von der Mitte der Bohrung
Achsen wird allerdings von der Orientierung der oben aufweisen (senkrecht zur Zeichenebene), die
Außenflächen bestimmt, nicht von den durch- in einer anderen Zeichnungsansicht durch eine
gehenden Bohrungen selbst. Diese dienen nur zur entsprechende Toleranz zu begrenzen ist (hier
Festlegung der Verschiebekoordinaten als Null- nicht dargestellt).
punkte. Der Nullpunkt des Bezugssystems ist Die Zahlenwerte der fertigungsgerechten Toleranz-
deshalb nicht identisch mit dem Schnittpunkt der eintragung wurden um den Betrag der Positions-
Bohrungsachsen - deren Orientierung ist vielmehr toleranz des Bezuges E gegenüber der funktions-
ohne Belang. gerechten Eintragung verringert.
Das Gehäuse kann nicht in einer Aufspannung Die Festlegung und Eintragung der Bezugssyste-
gefertigt werden. Vielmehr werden zunächst alle me in die Zeichnung sowie ihre Interpretation und
Außenflächen bearbeitet und dann die beiden Umsetzung in der Fertigung und bei der Messung
Bohrungen ∅ 60 H6 eingebracht. In derselben erfordern eine fundierte Schulung des Personals in
Spannung wird die Hilfsbohrung ∅ 6 H6 gebohrt, Konstruktion, Fertigung und Qualitätsprüfung. Es
die für die Bearbeitung der Bohrungen links und werden folgende Schulungen angeboten:
unten als Ausrichtehilfe und Bezugspunkt dient. • Funktions-, fertigungs- und prüfgerechte Lage-
Diese Bohrung ist deshalb wesentlicher Bestandteil toleranzen (für Konstrukteure)
des Bezugssystems für die Durchmesser 30 H6 • Lagetoleranzen und Bezugssysteme (für Ferti-
und die Stirnflächen. gungstechniker und Messtechniker)
Beim Bearbeiten der schrägen Bohrung wird das • Messstrategie bei Koordinatenmessungen (für
Gehäuse zunächst nach der schrägen Außenflä- Messtechniker)
che ausgerichtet (Bezug F). Diese Fläche kann In praktischen Übungen wird die Vorgehensweise
jedoch nur zwei Freiheitsgrade für die Orientierung trainiert. Die Teilnehmer werden befähigt, Zeich-
festlegen. Der fehlende dritte wird nach der Außen- nungen zu analysieren und funktionsgerechte
fläche festgelegt, die mit der schrägen Fläche Zeichnungseintragungen zu erarbeiten bzw. opti-
einen möglichst großen Winkel einschließt (annä- male Messstrategien anzuwenden.
hernd 90°). In diesem Fall ist das die rechte Fläche
Bezug C mit dem Winkel 67,5°. Die Lage der Dr.-Ing. Michael Hernla, Telefon 0231 136010
Stirnfläche wird durch den theoretischen Winkel Sonnenplatz 13, 44137 Dortmund
22,5° und das theoretische Maß 15,308 festgelegt. michael.hernla@t-online.de www.dr-hernla.de

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