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Über den Autor

Gotthold Ephraim Lessing wird am 22. Januar 1729 als Sohn eines Pfarrers im
sächsischen Kamenz geboren. Bereits in seiner Jugend verfasst er Dramen: Der junge
Gelehrte wird 1748 uraufgeführt. Es entstehen mehrere Dramen, die Lustspiele Der
Freigeist und Die Juden sowie das erste bürgerliche Trauerspiel Miss Sara Sampson.
1767 erscheint das Erfolgsstück Minna von Barnhelm. Im gleichen Jahr folgt Lessing
der Einladung, als Dramaturg am Deutschen Nationaltheater in Hamburg zu arbeiten.
Hier verfasst er sein Grundsatzwerk der Dramentheorie, die Hamburgische
Dramaturgie. Es erscheinen seine Dramen Emilia Galotti (1772) und Nathan der
Weise (1779). Am 15. Februar 1781 stirbt Lessing in Braunschweig.

Entstehung

Lessing bearbeitete in Emilia Galotti den so genannten Virginia-Stoff. Der römische


Historiker Titus Livius berichtete Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. die
vermutlich fiktive Geschichte der jungen Verlobten Virginia, die von ihrem Vater
ermordet wird, da er sie vor der Verführung durch den Senator Appius Claudius
bewahren will. Dieser hat sich zusammen mit einigen anderen Senatoren an die
Macht geputscht und von einem bestochenen Gericht beschließen lassen, dass
Virginia ihm zustehe. Die öffentlich ausgeübte Tötung Virginias durch ihren Vater
löst eine Revolte aus, die zur Wiederherstellung der vorigen politischen Verhältnisse
führt. Claudius tötet sich daraufhin selbst.

Aufbau und Stil

Das Trauerspiel Emilia Galotti folgt der Struktur des antiken Dramas: Es besteht aus
fünf Akten, die einen typischen Aufbau haben. So stellt etwa der dritte Akt, in dem
Emilia ins Lustschloss des Prinzen gelangt, den Wendepunkt der Geschichte dar,
während der fünfte in eine Katastrophe mündet. Von den vorgeschriebenen drei
Einheiten, jener der Zeit, des Schauplatzes und der Handlung, befolgt es zwei
allerdings nicht: Das Stück spielt an verschiedenen Schauplätzen und hat mit Gräfin
Orsina auch eine Nebenhandlung. Eingehalten wird aber die Einheit der Zeit: Das
ganze Geschehen spielt sich an weniger als einem Tag ab: Der Prinz, der von Emilias
Hochzeit am selben Tag erfährt, wie sie auch stattfinden soll, steht unter enormem
Zeitdruck. Die Sprache der Dialoge bildet die heftigen Gefühle der Figuren ab, mit
vielen unvollständigen Sätzen, Wiederholungen, Fragen und Ausrufen.
Interpretationsansätze

 Emilia Galotti wird als bürgerliches Trauerspiel bezeichnet – allein wegen


der Tatsache, dass Figuren aus dem Bürgertum darin tragende Rollen spielen.
Im 18. Jahrhundert war das eine literarische Neuerung, die Lessing in der
deutschen Sprache einführte. Seit der Antike war es eine feste Regelung
gewesen, dass in Tragödien ausschließlich Adlige auftreten sollten; bürgerliche
Figuren waren nur für Komödien vorgesehen.
 Das Stück beinhaltet eine Kritik an absolutistischer Fürstenherrschaft:
Prinz Hettore benutzt seine Machtposition, um eine persönliche Leidenschaft
zu befriedigen, und zerstört dadurch eine Familie. Er respektiert nicht, dass
Emilia gebunden ist, da er die Familie Galotti wie auch Graf Appiani als seine
Untertanen sieht.
 Der Kammerherr Marinelli ist gewissermaßen ein heimlicher Herrscher. Indem
der Prinz ihm alle Entscheidungsgewalt gibt und ihn die Intrigen spinnen lässt,
schiebt er zugleich die Verantwortung für die Katastrophe von sich. Am
Schluss gibt es keinen eindeutigen Schuldigen.
 Die Konstellation Adel versus Bürgertum bestimmt das Stück: Die Galottis
sind als bürgerliche Familie der Gegenpol zur lasterhaften Welt des Hofes. Sie
stehen für klare Moralvorstellungen, starken Zusammenhalt und streng
patriarchalische Ausrichtung – Werte, die Emilia von Kindheit an verinnerlicht
hat. Die Gegenposition des Bürgertums mündet allerdings nicht in eine
politische Revolte – auch wird der Prinz am Ende nicht bestraft. Statt zu einem
Tyrannenmord führen die rigiden Tugendvorstellungen Odoardos zu einem
Tochtermord.
 Widersprüche finden sich auch in Emilias Rolle: Einerseits artikuliert sie in
ungewöhnlicher Deutlichkeit sexuelles Begehren, wenn sie ihrem Vater
gesteht, dass ihre Gefühle und Gedanken dem Prinzen gegenüber nicht über
jeden Zweifel erhaben sind. Andererseits hat sie keineswegs vor, tatsächlich
die Geliebte des Prinzen zu werden. So macht sie sich zur Märtyrerin, indem
sie ihren Vater auffordert, sie zu töten.

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