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Bundesministerin der Justiz Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Berlin

Mehr Sicherheitsgesetze?
Nicht erst seit den Anschlägen von New York und Washington vom 11. 9. 2001 sind im
mer wieder umfangreiche Sicherheitsgesetze verabschiedet worden. Sie beinhalten
unter anderem die Verschärfung des Staatsschutzrechts und führen bis zum strafbaren
Aufenthalt in Terrorcamps. Dazu gehören auch so eklatant verfassungswidrige Normen
des Luftsicherheitsgesetzes, die unter bestimmten Voraussetzungen das Abschießen
von Passagierflugzeugen erlaubten.
Diejenigen, die angesichts dieser rechtsgeschichtlich einmaligen Serie von Siche
rheitsgesetzen, von denen jedes einzelne mit massiven Verlusten an Grund- und Fr
eiheitsrechten verbunden war, nach neuen Eingriffsermächtigungen verlangen, müssen übe
rzeugende Gründe anführen können. Sie allein, nicht diejenigen, die sich gegen die Bes
chränkung verfassungsrechtlich garantierter Grundrechte wenden, sind in der Begründu
ngspflicht.Es ist an ihnen, unwiderleglich und substanziell zu beweisen, dass di
e geforderten freiheits- und grundrechtsbeschränkenden Maßnahmen den verfassungsrech
tlich gebotenen Kriterien der Geeignetheit und Erforderlichkeit genügen. Es reicht
nicht aus, mit allgemeinen und nur plausiblen Mutmaßungen zu begründen, dass neue G
esetze zur Aufklärung oder Verhinderung singulärer Straftaten Beiträge zu leisten vermög
en. Das nämlich würde den verfassungsrechtlichen Kriterien der Geeignetheit und Erfo
rderlichkeit jegliche Substanz entziehen, da schlechterdings keine kriminaltechn
isch auch nur halbwegs sinnvolle Maßnahme denkbar ist, die nicht im Einzelfall zur
Aufklärung oder Verhinderung einer Straftat beitragen könnte.
So gesehen kann mit großer Berechtigung bezweifelt werden, ob beispielsweise die a
kustische Wohnraumüberwachung (der große Lauschangriff) oder die Vorratsdatenspeiche
rung zu Recht als geeignete und erforderliche Maßnahmen qualifiziert worden sind.
Nachweislich hat deren Einführung keinen auch nur ansatzweise signifikanten Einflu
ss auf das Kriminalitätsgeschehen. In den Deliktsbereichen Mord, Totschlag und Rau
schgiftkriminalität, in denen der weit überwiegende Teil der insgesamt nur wenigen L
auschangriffe durchgeführt wurden, ist die Aufklärungsquote seit 1980 praktisch unve
rändert. Ähnliches gilt für die Vorratsdatenspeicherung. In den Deliktsbereichen, die
von der 2008 und 2009 praktizierten Vorratsdatenspeicherung primär erfasst wurden,
ist die Aufklärungsquote sogar eher gesunken. Und nicht zuletzt: Wie kann die Gee
ignetheit und Erforderlichkeit einer seit Ende 2008 zur Gefahrenabwehr zugelasse
nen und tief in die Grundrechte eingreifende Maßnahme wie die Online-Durchsuchung
noch seriös behauptet werden, wenn das Bundeskriminalamt sie im Verlaufe von mehr
als zwei Jahren kein einziges Mal anzuwenden für erforderlich erachtete.
Es ist jetzt nicht die Zeit für neue Sicherheitsgesetze. Im Gegenteil, es ist alle
rhöchste Zeit, die in den letzten Jahren inflationär zu Lasten der Grundfreiheiten e
ingeführten Sicherheitsgesetze und -maßnahmen zu evaluieren und zu überprüfen. Die zur B
ekämpfung des Terrorismus geeigneten und erforderlichen Gesetze sind effizienter a
nzuwenden. In der Praxis der Terrorbekämpfung sollte mehr in Personal und Material
, statt in immer neue Gesetze investiert werden.
Zeitschrift für Rechtspolitik (ZRP) 2011, 63