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Hausmitteilung

8. Juli 2013 Betr.: Titel, Aufstände

U S-Präsident Barack Obama war in Tansania unterwegs, als er sich genötigt


sah, den SPIEGEL-Titel der vergangenen Woche zu kommentieren: „Die Ver-
einigten Staaten werden sich diesen Artikel anschauen und beschließen, wozu sie
sich äußern werden.“ Dieser Artikel – das war der Bericht darüber, wie umfassend
die USA in Deutschland und Europa Politik, Wirtschaft und Privatpersonen aus-
horchen und überwachen. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton bat die
Amerikaner „dringend um Aufklärung“. Die russische Zeitung „Kommersant“
schrieb: „Amerika muss sich für die Enthüllungen Edward
Snowdens verantworten. Der SPIEGEL-Artikel hat einen
riesigen Skandal entfacht.“ „Diese Vorgänge sind – sofern
sie sich als zutreffend erweisen – keineswegs hinnehmbar“,
monierte der französische Außenminister Laurent Fabius,
eine Empörung, die allerdings an Kraft verlor, als durch
„Le Monde“ bekanntwurde, dass der französische Geheim-
dienst ähnliche Programme betreibt wie der amerikanische.
Die Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstmannes
Edward Snowden, die der SPIEGEL publizierte, haben Ent-
setzen bei den Abgehörten, eine verschärfte Jagd der USA
SPIEGEL-Titel 27/2013 auf den Enthüller und weltweite diplomatische Verwick-
lungen ausgelöst. In dieser SPIEGEL-Ausgabe kommt nun
Snowden selbst zu Wort. Es handelt sich dabei um Auszüge aus seinen Antworten
auf einen ausführlichen Katalog von Fragen, die dem SPIEGEL vorliegen – Fragen,
die Snowden beantwortet hatte, bevor er sich zu den Veröffentlichungen bekannte.
Mittlerweile sind die Gesprächsprotokolle des Mannes, der die Weltpolitik zwischen
China, Russland, den USA und Südamerika bewegt, nach SPIEGEL-Einschätzung
ein Dokument der Zeitgeschichte (Seite 22).

K airo schien kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen, als das Ultimatum gegen
Mohammed Mursi auslief. Doch plötzlich schlug die Stimmung um in Hysterie
und Euphorie: Das Militär erklärte den Sturz des Präsidenten. Die SPIEGEL-Redak-
teure Ralf Hoppe und Daniel Steinvorth sprachen mit Islamisten, die zornig demon-
strierten; sie trafen unter konspirativen Umständen Tamarud-Aktivisten, Mitglieder
jener Gruppe, die den Volksaufstand in Gang gesetzt
hatten. Und sie interviewten Ägypter wie den IT-
Experten Mohammed Scharaf, der sich als Mitglied
der „Hisb al-Kanaba“, der „Couch-Partei“, bezeich- SCOTT NELSON FOR DER SPIEGEL

net – bisher unpolitische Bürger, ohne deren Hinwen-


dung zur Politik der Aufstand nicht möglich gewesen
wäre (Seite 74). Erstaunlich viele Frauen haben von
Anfang an mitdemonstriert. Eine von ihnen ist die
junge Ägypterin Nahla Enany, die Belästigungen
und Übergriffen trotzte und nun hofft, dass ihr Volk
„eine wirklich demokratische Regierung wählt“. Schröter, Enany in Kairo
Sie ist eine von fünf jungen, kämpferischen Frauen,
die ein sechsköpfiges SPIEGEL-Team begleitet hat. In Ägypten, Brasilien, Indien,
Kambodscha und Südafrika beobachteten Jens Glüsing, Bartholomäus Grill, Guido
Mingels, Friederike Schröter, Sandra Schulz und Barbara Supp eine neue Mädchen-
generation, die sich in politische Kämpfe einmischt oder selbst welche entfacht.
Mädchen wie die 14-jährige Bloggerin Isadora, die mit einem Aufschrei über die Bil-
dungsmisere in ihrem Land für Aufsehen sorgte – eine Rebellion, die bei den ganz
Jungen beginnt und schon das Leben der ganz Jungen verändern will (Seite 48).

Im Internet: www.spiegel.de D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 3
In diesem Heft
Titel
Wie Washington weltweit versucht,
den Lauschskandal einzudämmen .................... 14
Ex-Geheimdienstkontrolleur Claus Arndt
kritisiert die Schnüffelpraxis der Amerikaner
in Deutschland .................................................. 18
NSA-Enthüller Edward Snowden über die Macht
der Datenspione – und ihre willigen Helfer ...... 22
Der amerikanische Verschlüsselungsexperte
Jacob Appelbaum beschreibt das Drama der
Whistleblower ................................................... 24
Deutschland
Panorama: De Maizière Favorit für den Posten
des Nato-Generalsekretärs / Verfassungsschutz
warnt vor rechten Rockerbanden /
Zentralrat der Juden wirft Jewish Claims
Conference Vertuschung vor ............................. 10
Parteien: Die Union entdeckt den Datenschutz ... 28
Protestierende in Berlin
Finanzpolitik: Im SPIEGEL-Gespräch streiten
AfD-Chef Lucke und Linken-Vizin Wagenknecht
über den richtigen Weg aus der Euro-Krise ....... 29
Demokratie: Die SPD buhlt um Nichtwähler ..... 32
Behörden: Warum die Arbeitsagentur bei der Snowdens Enthüllung Seiten 14, 18, 22, 24
Vermittlung von Arbeitslosen versagt ............... 34 In einem über verschlüsselte E-Mails geführten Interview beschreibt der
Strafvollzug: Viele Häftlinge sind drogensüchtig geflohene Whistleblower Edward Snowden die Macht der US-Lausch-
und werden abhängig entlassen ........................ 36
behörde NSA, die Deutschen würden mit ihr „unter einer Decke stecken“.
Die Beichte eines Gefangenen, der im Knast
Washington versucht alles, um die Affäre klein zu halten – aber China
OLE SPATA / DPA

zum Junkie wurde ............................................. 38


Jugendhilfe: Der Anwalt umstrittener soll schon Kopien von Snowdens geheimen Daten haben.
Brandenburger Heime war gleichzeitig Leiter
der Beschwerdestelle für die Jugendlichen ........ 41
Terrorismus: Eine türkischstämmige Bäckerin
aus Stuttgart erfuhr, dass ihr
Laden vom NSU ausspioniert wurde ................ 42
Sicherheit: Das Geschäft mit dem Stromausfall ... 44 Süchtig entlassen Seiten 36, 38
Gesellschaft Viele Häftlinge nehmen im Gefängnis Drogen, es fehlt an Suchttherapien.
Szene: Panzer zerstören gefälschte Waren /
Ein Insasse erzählt, wie er hinter Gittern zum Junkie wurde – während seines
Konjunktur der Stechmücken ........................... 46 Hafturlaubs beraubte er eine Frau und verletzte sie schwer.
Eine Meldung und ihre Geschichte – wie ein
Kanadier in Berlin-Tegel
eine Abschiebung verhinderte .......................... 47
Rebellionen: Weltweit erheben sich junge
Frauen gegen Gewalt und Unterdrückung ........ 48
Homestory: Warum es einsam machen kann,
E-Mails zu schreiben und Handys zu benutzen ... 56
Der nächste Rüstungsflop Seite 60
Nach dem „Euro Hawk“-Debakel droht Minister de Maizière neues Ungemach.
Wirtschaft Das einstige Vorzeigeprojekt „Eurofighter“ verschlingt weitere Milliarden – bis
Trends: Nordstaaten verhinderten Zinssenkung / zur Bundestagswahl sollte eigentlich darüber geschwiegen werden.
Interne Ermittlung bei der Deutschen Bank ...... 58
Rüstung: Milliardengrab „Eurofighter“ ............. 60
Währungsunion: Geld allein kann Griechenland
nicht retten ........................................................ 64
Handel: H&M-Chef Persson verteidigt
im SPIEGEL-Gespräch die Textilproduktion
in Bangladesch .................................................. 66
Verglibberung
Konzerne: E.on muss seine ehrgeizigen Pläne
in Brasilien ohne Partner verwirklichen ............ 69
Affären: Wie eine Adlige wegen
der Meere Seite 94
eines Bankberaters viele Millionen verlor ......... 70 Giftige Quallen, in Massen
angespült an Urlaubsstrände,
Ausland verderben Feriengästen den
Panorama: Nato warnt vor Chaos in Libyen / Badespaß. Die Plagen sind
BJOERN GOETTLICHER / VISUM / DER SPIEGEL

Aufstand gegen Polizeiwillkür in der Ukraine ... 72 Symptom für ein größeres
Ägypten: Der Sturz Präsident Mursis – Problem: Überfischung und
Volksaufstand oder Militärputsch? .................... 74 Klimawandel tragen dazu
Interview mit dem Oppositionsführer
Mohamed ElBaradei .......................................... 76
bei, dass sich das Gallert-
Syrien: Kriegsmüde Dschihadisten lassen sich getier in den Ozeanen
im ruhigen Norden des Landes nieder .............. 79 verbreitet; vielerorts ver-
Brasilien: Protest gegen korrupte Politiker ........ 82 drängt es die Fische. Wie
Global Village: Wie eine Italienerin aus simplen Giftige Leuchtqualle lässt sich der Siegeszug der
Notizbüchern eine Weltmarke machte .............. 86 Quallen stoppen?
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Sport
Szene: Der Fotograf Firat Kara über
Begegnungen mit Bodybuildern und seinen
Bildband „Herkules“ / Die Sonderschichten
von Fußballprofis in der Sommerpause ............. 87
Fitness: Athletische Alte – unter Deutschlands
Senioren blüht die Sportbegeisterung ............... 88
Fußball: Hollands Nationalcoach Louis van Gaal
tritt für die Rechte Homosexueller ein .............. 91

Wissenschaft · Technik
Prisma: Sexübergriffe im Urlaub / Veraltetes
Impfschema bei Babys / Verspäteter Vogelzug ... 92
Ökologie: Quallenplagen verstören Touristen –
und nun auch Meeresbiologen .......................... 94
Internet: Wer den Datenkraken im
Netz entgehen will, nutzt Ixquick und
DuckDuckGo ..................................................... 98
Demonstranten in Kairo Geschichte: Sprachwissenschaftler enträtseln
die antike Kultur der Tocharer ........................ 100
Medizin: Riskante Therapie gegen
Bluthochdruck ................................................. 102
Im Namen des Volkes Seiten 74, 76 Frankfurter Flughafen: Wirbel landender
Jets decken Häuser ab ..................................... 104

MAGALI COROUGE / NEWS PICTURES


Die jungen Aktivisten der Protestbewegung Tamarud haben Millionen Tiere: Mysteriöses Fasanensterben ................... 105
Ägypter mobilisiert und so die Armee dazu gebracht, die erste frei
gewählte Regierung zu stürzen. Die Muslimbrüder sprechen von einem Kultur
Staatsstreich, die Demonstranten von der Abwendung einer Katastrophe. Szene: Amy Winehouse privat – eine
Ist das der Beginn eines Bürgerkriegs – oder einer echten Demokratie? Ausstellung in London /
Die Familie George verklärt ihren Schauspiel-
patriarchen Heinrich George ........................... 106
Metropolen: Wie aus Berlin nach der Wende
eine Weltstadt wurde ....................................... 108
Essay: Der Soziologe Heinz Bude
H&M-Chef will faire Mode Seite 66 über Deutschlands neue Rolle in der Welt ....... 114
Kino: Der bewegende Scheidungsfilm
Kann rasantes Wachstum nachhaltig sein? H&M-Chef Karl-Johan Persson „Das Glück der großen Dinge“ ........................ 116
meint: ja. Im SPIEGEL-Gespräch fordert er bessere Arbeitsbedingungen für Kunst: Ein bislang unbekannter Brief
Näherinnen in Bangladesch und ein Fair-Trade-Siegel für Textilien. von Joseph Beuys widerlegt
die Legende vom Kriegshelden ........................ 118
Bestseller ........................................................ 122
Popkritik: „Magna Carta Holy Grail“,
das neue Album von Jay-Z .............................. 124

Beuys, der Bruchpilot Seite 118 Medien


Trends: Warum Permira bei ProSiebenSat.1 über
1944 stürzte Joseph Beuys auf der Krim in einem Stuka ab. Nach dem Krieg die Börse aussteigt / Schöneberger moderiert
verklärte er den Vorfall, er wurde zur Legende. Nun taucht ein Feldpostbrief Gottschalk & Jauch .......................................... 125
des späteren Jahrhundertkünstlers auf – mit unbekannten Details. TV-Unterhaltung: Im Fernsehen wird so viel
gemordet wie nie zuvor ................................... 126
Internet: Ein Start-up hat eine Plattform für
politische Aktivisten entwickelt ...................... 129

Briefe .................................................................. 6
Die Lust am Impressum, Leserservice ................................. 130
Register ........................................................... 131

Morden Seite 126 Personalien ...................................................... 132


Hohlspiegel / Rückspiegel ................................ 134
Titelbild: Foto HANDOUT / REUTERS
Kein Tag ohne Krimi im
deutschen Fernsehen, vor
allem ARD und ZDF schi-
cken ständig neue Teams
auf Tätersuche. Besonders Der RoboProf
beim „Tatort“ sind die Ein- Ein Android unterrichtet
schaltquoten so gut wie lan- dänische Studenten. Zu-
ge nicht mehr. Psychologen dem im UniSPIEGEL: der
rätseln über das Grusel- Erfolg eines jungen Bürger-
bedürfnis der TV-Zuschauer, meisters, das Leiden eines
und in den Sendern regt impotenten Studenten
NDR / DPA

sich Kritik am kriminalis- „Tatort“-Szene mit Maria Furtwängler und ein Report über die
tischen Überangebot. härtesten Kampfsportler.
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Briefe

Ein amerikanischer Freund, der bisher alle


anwaltschaftlichen E-Mails automatisch
„Für mich ist Herr Snowden der mit dem Hinweis versehen hat, dass jede
Weitergabe von vertraulichem Inhalt an
Inbegriff von Zivilcourage. Als Verrat andere als den oder die Adressaten un-
zulässig ist, merkt jetzt an: „To the NSA:
empfinde ich eher die Tatenlosigkeit Don’t bother saving this message, it is
unserer Regierung, allen voran innocuous.“ (Bemühen Sie sich nicht, die
Nachricht zu speichern, sie ist harmlos.)
die von Frau Merkel, die nichts zum DAGOBERT LINDLAU, VATERSTETTEN

Schutz unserer Bevölkerung tut.“ Schon vergessen – Attentäter des 11. Sep-
FRANK WIDI, STUTTGART tember kamen aus Deutschland! Alle
publik gewordenen Warnungen vor ter-
SPIEGEL-Titel 27/2013 roristischen Anschlägen kamen nach
Warnungen ausländischer Geheimdienste
an die Öffentlichkeit. Die Ineffizienz
Nr. 27/2013, Allein gegen Amerika – genutzt werden können und die Kommu- deutscher Geheimdienste beschäftigt Un-
Edward Snowden: Held und Verräter nikation verhindert werden kann. Merkel tersuchungsausschüsse des Bundestags
mag Neuland betreten, aber ihre politi- und der Länder. Wer soll da Vertrauen in
Zum zweiten Mal verraten sche Naivität macht mir Angst.
HARALD WAGNER, KORNTAL (BAD.-WÜRTT.)
die Fähigkeiten deutscher Dienste oder
entsprechender politischer Handlungsfä-
Seit dem 11. September 2001 behandeln higkeit entfalten? – Ich nicht! Schutz vor
die USA ihre Besucher wie regelrechte Ich bin fassungslos. Aufgewachsen in den Terroranschlägen hat für mich Priorität!
Kriminelle. Sie bespitzeln die ganze Welt, Sechzigern, waren die USA für mich das GÜNTER KRUG, BERLIN
seien es Institutionen oder Privatper- Idealbild einer demokratischen Gesell-
sonen, unter welchen sich einige noch schaft. Was ist aus dem Amerika gewor- Solange Europa in Bezug auf die USA
ihre „Freunde“ nennen. Sie betreiben ein den, das sich totalitären Staaten entge- nicht mit einer Stimme spricht, können die
gesetzloses Gefängnis auf fremdem genstellte, was aus dem Amerika, dem USA die Europäer gegeneinander ausspie-
Territorium, führen Krieg mit ekelhaften len. Europa muss endlich erwachsen wer-
Feiglingsmethoden, verfolgen Leute wie den und sich von den USA emanzipieren.
Bradley Manning und jetzt Snowden, als MANFRED SOMMERFELD, HAMBURG
wären diese Menschen giftige Verräter,
die die Demokratie gefährden. Und was Die NSA respektive die USA sind gerade
tut Europa? Überhaupt nichts. dabei, Milliarden Dollar in den Sand zu
DR. CHRISTOPH BORD, GAILLAC (FRANKREICH) setzen: Terroristen werden nämlich in
MICHAELA REHLE / REUTERS

Zukunft nur noch mit Brieftauben kom-


Wenn unter dem Deckmantel der Terror- munizieren! Ergo sollte die NSA mit der
bekämpfung von den USA und Großbri- Zucht von Falken beginnen, die auf Tau-
tannien Wirtschaftsspionage betrieben ben spezialisiert sind. Weil es inkorrekt
wird, geht das uns alle etwas an, betrifft ist, sich auf spezielle Zielgruppen zu kon-
es doch auch Arbeitsplätze, den Wohl- zentrieren, wird eben die gesamte Erd-
stand unserer Gesellschaft. Ehemalige NSA-Abhöreinrichtung in Bad Aibling bevölkerung ausgespäht. Die Sammelwut
JÜRGEN STRAUB, STUTTGART der Geheimdienste, egal ob diese totalitär
wir in der Bundesrepublik die freieste oder demokratisch sind, ist paranoid: Sol-
Wer die Amis als Freunde hat, braucht Gesellschaft unserer Geschichte (mit) zu len sie unter ihrem Datenwust ersticken.
keine Feinde mehr. Es ist schade, dass es verdanken haben? Perdu? Mit dem Tot- JOCHEN JÄGER, MÜNCHEN
zu Apple, Microsoft, Google, Facebook schlagargument der gefährdeten nationa-
keine echten Alternativen gibt. Das len Sicherheit gewinnen Geheimdienste, Genau die Politiker jener Länder, welche
Schweigen unserer Politiker ist erschre- Militärs und die diesen traditionell be- Snowden ob seiner Enthüllung eigentlich
ckend und verräterisch zugleich. Über zu- sonders eng verbundenen ultrakonserva- zu Dank verpflichtet sein müssten, ver-
nehmenden Antiamerikanismus braucht tiven, ultrareligiösen Gesellschaftsschich- weigern ihm nun jedwede Unterstützung.
man sich nicht zu wundern. ten an Macht und Einfluss. Stattdessen verdrückt man schnell ein
MARKUS ROGLER, STUTTGART DETLEF HANZ, TROISDORF paar beschämend kleine Pflicht-Kroko-
dilstränen und zeigt keinerlei ernstzuneh-
Die massive Präsenz der NSA in Deutsch- Mein amerikanischer Schwiegersohn mende Anstalten, den milliardenfachen
land ist ein Anachronismus. Die Bundes- arbeitete jahrzehntelang bei der NSA in „Yes, we scan!“-Rechtsbruch zu stoppen
regierung sollte die USA auffordern, ihr Fort Meade. Er berichtete mir schon vor oder die Verantwortlichen zur Rechen-
NSA-Personal aus Deutschland abzuzie- mehr als 20 Jahren, dass die NSA alles schaft zu ziehen. Und so verrät die west-
hen. Deren Abhöreinrichtungen könnte ausspioniert, und da gab es noch keine liche Welt ihre Ideale zum zweiten Mal.
ja der BND übernehmen. Der wird zu- islamistische Bedrohung. KAI ROHRBACHER, HÜNENBERG (SCHWEIZ)
mindest demokratisch überwacht. KLAUS PÜLZ, GUNTERSBLUM
PROF. DR. WOLFGANG KARRER, OSNABRÜCK Wenn die NSA unser Privatleben, unsere
Wie naiv sind unsere Politiker eigentlich, Wirtschaft und Politik derart rücksichtslos
Ich wehre mich dagegen, dass meine oder stellen sie sich bloß so? Noch immer ausgespäht hat, war das total verantwor-
Regierung mich nicht vor den Daten- gilt die alte Erkenntnis: In internationalen tungslos. Sie hat geglaubt, dass wir für
übergriffen von „Freunden“ schützt. Das Beziehungen gibt es keine Freunde, son- eine scharfe Antwort zu schwach sind. Wir
Problem ist ja nicht nur, dass Daten ge- dern nur Interessen. sollten zeigen, dass man sich geirrt hat.
speichert werden, sondern auch, wie sie DR. KARL-HEINZ KUHLMANN, BOHMTE PROF. DR. HELMUT AUFENANGER, DÜSSELDORF

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Briefe

Nr. 26/2013, Die Wohnungsnot in Städten Als ehemalige Insiderin kann ich bestäti- Nr. 26/2013, Straßen, Schule, Netze –
beschränkt sich meist auf angesagte Viertel gen: ständig wechselnde Anweisungen wie sich Deutschland kaputtspart
der Zentrale, zumindest in Spezialabtei-
Stundenlang im Bus lungen zu wenige oder gar nicht qualifi-
zierte Teamleiter, die nach oben buckeln
Wie in Nordkorea
In Frankfurt gibt es zwischen den begehr- und nach unten treten. Unten, das sind
ten Stadtteilen mit hoher Lebensqualität die Vermittler, deren Ansehen im Team
und den Stadtteilen mit Makel nur sehr steigt, wenn sie die Anweisungen der
wenig Angebot. Wer also nicht in denen Zentrale strikt befolgen, trickreich mani-
mit Makel wohnen will, der konzentriert pulieren und dadurch hohe Zahlen auf-
sich aus gutem Grund auf die begehrten weisen, egal ob sie wirklich bedürftige
Stadtteile, denn sonst könnte man ja auch Kunden aus den Augen verloren haben.

RÜDIGER WÖLK / IMAGO


gleich im ländlichen Umland wohnen. DIANA ANDERS, BERLIN
HELGA WANDEL, FRANKFURT AM MAIN
Ihr Artikel bestätigt vieles, was wir als
Bei der Frage, warum junge Menschen kommunale arbeitsmarktpolitische Ak-
denn nicht in zentrumsferne Wohnsied- teure nur ahnten. Seit Einführung von
lungen ziehen wollen, wird außer Acht Hartz IV hat sich das Verhältnis von Autobahnbaustelle bei Dortmund
gelassen, dass es sich hier um eine Iden- Leistungen für die Aktivierung zu den
tität und Aufregung suchende Klientel Verwaltungskosten komplett gedreht. Deutschland spart sich nicht arm, sondern
handelt: Kein Student will nachts aus den KERSTIN THIELE, HENNIGSDORF (BRANDENBURG) es verschwendet sich arm. Während Auto-
Bars der Szeneviertel stundenlang mit ABS HENNIGSDORF GMBH bahnbrücken und Fahrbahnen bröckeln,
schlechten Bussen in seinen von Rentnern werden andernorts munter neue gebaut,
bewohnten Betonbunker fahren müssen. Die Ergebnisse des Bundesrechnungshofs als wäre Deutschland unendlich groß und
Und das ist absolut verständlich, bedeutet sind ernst zu nehmen. Ihre Darstellung als würde die Bevölkerung rapide wach-
doch selbst eine Entfernung von nur drei aber ist undifferenziert und ein Schlag sen. Das ist der eigentliche Skandal.
Bus- oder U-Bahnstationen nachts meis- ins Gesicht aller Mitarbeiter, die sich täg- FRANK MÖLLER, BERLIN
tens einen langen Fußmarsch. lich ehrlich bemühen, Arbeitssuchenden
FELIX RÜCHARDT, MÜNCHEN den Weg ins Erwerbsleben zu ebnen. Als nur noch katastrophal ist die Situation
ANNETT GRUNDMANN, BERLIN in NRW zu bezeichnen. Bahnhöfe großer
Städte wie Duisburg sind eigentlich nicht
Wir – die „Betroffenen“ und die, die mit mehr als solche zu bezeichnen. Bis auf
ihnen zu tun haben – wussten es schon Ausnahmen ist der Gesamtzustand der
lange: Ein sinnloser Kurs reiht sich an Stationen in dieser Region auf dem Stand
den nächsten, nur damit Leute wie von von vielleicht Nordkorea. Mit dem Auto
ANGELIKA WARMUTH / DPA

der Leyen ihre Sprüche ablassen können. macht es auch keinen Spaß, nahezu jede
Jeder weiß es, jeder spielt mit. Rheinbrücke ist schrottreif – und erst
DIPL.-PSYCH. HELGA SPECKMEIER, LANDSHUT einmal die innerstädtischen Straßen. Un-
kraut sprießt ungehindert an Autobahnen,
Landstraßen und auf den Verkehrsinseln
Demonstration in Hamburg Nr. 22/2013, In den achtziger Jahren und Randbegrünungen – passt schließlich
koordinierte ein pädophiler Straftäter die auch besser zu den Schlaglochpisten.
Die Forderungen nach Mietendeckelun- Schwulenvereinigung der Öko-Partei Wenn schon Elend, dann richtig!
gen, -preisbremsen, -wohnungszweckent- THOMAS BRINKMANN, ESSEN
fremdungsverbote und so weiter sind
Planwirtschaft, für die nicht der geringste
Erfundene Anschuldigungen Auf meinen Reisen bin ich früher mög-
Anlass besteht. In der Fläche liegt das In Ihrem Beitrag zitieren Sie die Schwu- lichst lange auf deutschem Gebiet geblie-
Potential! Wir dürfen die kleinen Städte lenzeitung „Rosa Flieder“, in der ich 1981 ben, weil die Straßen besser waren; heute
und Dörfer nicht zugrunde gehen lassen, beispielhaft für „im Knast“ befindliche versucht man, so schnell wie möglich die
indem wir sinnfrei und besinnungslos das „Freunde und Bekannte“ aus dem Umfeld Nachbarländer zu erreichen, weil fast alle
Geld in die Großstadtlagen umschütten. der Pädophilenbewegung erwähnt wurde. dort in besserem Zustand sind. Für Motor-
JOHANNES HAMPEL, BERLIN Tatsächlich saß ich damals über 13 Monate radfahrer sind die deutschen Straßen mit
in Untersuchungshaft. Im Zusammenhang zig langen und tiefen Schlaglöchern mitt-
mit meinem kinderrechtlichen Engage- lerweile lebensgefährliche Abenteuer.
Nr. 26/2013, Die Fehler der Arbeitsagen- ment in der Nürnberger Indianerkommu- FRANK ZIMMERMANN, WEDEMARK (NIEDERS.)
turen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ne war ich damals wegen Missbrauchsvor-
würfen in erster Instanz auch verurteilt Der Zahlmeister von heute wird der Hilfs-
Jeder spielt mit worden. In der Berufung wurde ich jedoch
freigesprochen. Die gegen mich erhobe-
bedürftige von morgen. Schon interessant,
dass die Problemstaaten Spanien und Ita-
Seit 2005 erleben wir, dass die kommunale nen Anschuldigungen mussten fallenge- lien deutlich höhere Anteile in Transport-
Betreuung arbeitsloser Menschen sicher lassen werden. Einer der Jugendlichen hat- Infrastruktur und Kinderbetreuung inves-
einige Chancen birgt, aber auch massive te erklärt, die Anschuldigungen gegen tieren. Die Politik hier legt mehr Wert auf
Probleme mit sich bringt. Für den Bereich mich erfunden zu haben, damit er nicht den äußeren Schein als auf die Wirklich-
Arbeitsmarkt ist das Leistungsangebot der in eine geschlossene Anstalt eingewiesen keit. Machterhalt geht vor Landeswohl.
Arbeitsagentur mit Abstand das Beste, würde. Ich distanziere mich entschieden MARTIN OPALA, HAMBURG
was in Deutschland verfügbar ist, und von jeder Missachtung der Kinderrechte
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit
auch zahlreichen vergleichbaren Angebo- sowohl durch Pädagogen als auch durch Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek-
ten im Ausland überlegen. Pädophile. tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:
ALEXANDER EISNECKER, KIRCHHEIMBOLANDEN ULLI RESCHKE, NÜRNBERG leserbriefe@spiegel.de

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Panorama

N AT O

Chancen für
de Maizière

HENNING SCHACHT
Verteidigungsminister
de Maizière in Berlin

Im Ringen um die Nachfolge von Nato-Generalsekretär Radoslaw Sikorski ist der US-Regierung zu unbequem, der
Anders Fogh Rasmussen gilt Bundesverteidigungsminister ehemalige italienische Außenminister Franco Frattini gilt als
Thomas de Maizière als aussichtsreichster Kandidat. In seinem Berlusconi-Mann und ist zudem kein amtierender Ressortchef
Ministerium, im Kanzleramt und auch im Nato-Hauptquartier mehr. Im Gespräch ist noch der belgische Verteidigungs-
wird nicht ausgeschlossen, dass der 59-Jährige nach der Bun- minister Pieter De Crem, der im Kreise der Nato-Mitgliedslän-
destagswahl Anspruch auf den im Sommer 2014 frei werden- der als einer der erfahrensten Politiker gilt. Gegen de Maizierè
den Posten anmeldet. Zwar haben auch andere Nationen hätte er aber trotzdem keine Chance, auch weil Deutschland
Interesse signalisiert, doch von allen bislang gehandelten der zweitgrößte Beitragszahler nach den USA ist. Der letzte
Kandidaten hätte der Deutsche die größten Chancen. Der Deutsche, der die Allianz führte, war von 1988 bis 1994 der
ehemalige polnische Verteidigungs- und jetzige Außenminister CDU-Außenpolitiker Manfred Wörner.

R A D FA H R E R
Rennräder bis zu elf Kilogramm, nicht
aber für Mountainbikes. Der Allge-
meine Deutsche Fahrrad-Club hält die
Verbotene Leuchten Neuregelung für „undurchdacht“. „Es
gibt auch viele Batterieleuchten, die
Auch nach einem Beschluss des Bun- abweichende Spannung haben und
desrats zur Aufhebung der Dynamo- nun nicht mehr benutzt werden
pflicht für Fahrräder bleiben viele Mil- dürfen“, klagt Rechtsreferent Roland
lionen Leuchten illegal. Auf Antrag Huhn. Kritik kommt ferner vom Lei-
Hamburgs hatten die Länder zwar ent- ter der Prüfstelle des Lichttechnischen
schieden, künftig ebenfalls Batterien Instituts der Universität Karlsruhe,
mit einer Nennspannung von sechs Karl Manz: „Die Verfasser der Neu-
Volt oder Akkus als Stromquellen zu- regelung kommen noch aus der Zeit
zulassen. Bei der geplanten Änderung der Glühbirne. Moderne LED benöti-
der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ord- gen viel weniger Strom.“ Zudem sei
nung wurde aber offenbar ein Satz ein moderner Dynamo die beste
übersehen, der vorschreibt, dass die Lösung für ein Rad, so Manz. Das
Beleuchtungsanlage fest am Rad ange- Institut hat im Auftrag des Bundes-
HORST RUDEL / IMAGO

bracht und ständig betriebsfertig sein verkehrsministeriums neue Fahrrad-


muss. Dadurch sind die weitverbreite- beleuchtungen untersucht. Minister
ten Stecklampen nach wie vor nicht Peter Ramsauer hat die Ergebnisse
zulässig. Eine Ausnahme gilt nur für aber bislang nicht veröffentlicht.
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Deutschland

ENTSCHÄDIGUNGEN GÜTERVERKEH R
Bremsen zum Jahr 2020 verboten und
durch Bremsklötze aus Verbundstoffen
ersetzt, die erheblich leiser im Betrieb
„Sträflicher Fehler“ Laute Bremsen sind. Das Vorhaben von Bundesregie-
rung und Deutscher Bahn, den Lärm
In der Jewish Claims Conference Der nordrhein-westfälische Verkehrs- im Güterverkehr bis 2020 zu halbieren,
(JCC) ist ein offener Streit über den minister Michael Groschek fordert ein geht nach Groscheks Überzeugung
Umgang mit einem Betrugsskandal um Verbot von Grauguss-Bremsen an Gü- nicht weit genug.
Entschädigungen für Überlebende des terwaggons. „Sie
Holocausts ausgebrochen. Der Gene- rauen die Räder
ralsekretär des Zentralrats der Juden auf und ver-
in Deutschland, Stephan Kramer, be- ursachen dadurch
klagt in mehreren E-Mails an JCC-Spit- einen hohen
zenfunktionäre in New York und in Lärmpegel“, sagt
einem Interview in der israelischen der Sozialdemo-
Tageszeitung „Jerusalem Post“, dass die krat, der die Bahn
JCC einen Bericht zu betrügerischen nach Schweizer

PATRICK LUX / AP
Machenschaften zurückhalte. Die Auf- Vorbild leiser
klärung des Skandals müsse der zen- machen will. Dort
trale Punkt der Vorstandssitzung sein, werden diese
die in dieser Woche in New York statt-
findet. Es wäre ein „sträflicher Fehler“,
Dinge „unter den Teppich zu kehren“,
schrieb Kramer vorige Woche an Arie V E R FA S S U N G S S C H U T Z
nach: So gebe es Aufnäher mit ver-
Bucheister, Stabschef bei der JCC. Die schiedenen Funktionsbezeichnungen
JCC-Zentrale bestreitet, die Vorfälle wie „General“, „President“, „Schrift-
vertuschen zu wollen. 2010 hatte die
US-Bundespolizei FBI mehrere Mit-
Rechte Rocker führer“ oder auch „Gauleiter“. „Wie
bereits an den vorhandenen Logo-
arbeiter der JCC festgenommen, die Die Innenminister der Bundesländer entwürfen ersichtlich, ist auch eine
Entschädigungen für Überlebende des sind von mehreren Landesverfassungs- europaweite Strukturausweitung ge-
Holocausts in Höhe von 42,5 Millionen schutzämtern in einem Lagebericht plant“, heißt es in dem Lagebericht.
Dollar in die eigene Tasche gesteckt über eine neue rechtsextreme Organi- Die „Brigade 8“ werde durch die zwei
haben sollen. Einige Beschuldigte in sationsform informiert worden. Da- rechtsextremistischen Musikbands
den USA wurden in- nach würden sich vor allem in Schles- „Endlöser“ und „Legion Germania“
zwischen zu Gefängnis- wig-Holstein, Bremen und Niedersach- unterstützt. Beziehungen bestünden
REMBARZ / DAPD / DDP IMAGES

strafen verurteilt. Die sen Rechtsextreme unter dem Namen auch zum Betreiber eines rechtsextre-
Gelder stammten aus „Brigade 8“ als Rockerclub zeigen. Die mistischen Internet-Versandhandels.
zwei Fonds für jüdi- Männer kleideten sich nach dem Vor- „Die Gruppe zeigt, dass das Klischee
sche Überlebende des bild klassischer Motorradclubs mit le- vom Glatzkopf mit Springerstiefeln
NS-Terrorregimes in dernen Westen. Auch in der Organisa- ausgedient hat“, sagt Sachsens Innen-
Kramer
Osteuropa. tion eiferten die Rechten den Rockern minister Markus Ulbig (CDU).

Qual der Wahl Anzahl der Parteien, die …


… sich für die jeweilige Wahl
beworben haben
Neben neun bereits im Bundestag oder in Landtagen vertretenen
Parteien sind folgende Vereinigungen zur Bundestagswahl
zugelassen:
Neben den 9 Parteien, die bereits im Ab jetzt … Demokratie durch Kommunistische Partei
Bundestag oder in einem Landesparla- 64 Volksabstimmung (Volksabstimmung) Deutschlands (KPD)
ment vertreten sind, dürfen 29 weitere Alternative für Deutschland (AfD) Marxistisch-Leninistische Partei
Vereinigungen bei der kommenden 56 58 Bayernpartei (BP) Deutschlands (MLPD)
Bundestagswahl antreten. Darunter Bergpartei, die „ÜberPartei“ (B) Nein!-Idee (Nein!)
sind die Alternative für Deutschland
47 49 Bund für Gesamtdeutschland (BGD) Neue Mitte (NM)
(AfD) und die Satire-Partei Die Partei. Bündnis 21/RRP (Bündnis 21/RRP) Ökologisch-Demokratische Partei
Der Bundeswahlausschuss hatte in der Bündnis für Innovation
(ÖDP)
vergangenen Woche erstmals nach neu- und Gerechtigkeit (BIG) Partei Bibeltreuer Christen (PBC)
en Regeln über die Zulassung von Par- 41 Bürgerbewegung pro Deutschland Partei der Nichtwähler
teien beraten, nachdem die Organisa-
38 (pro Deutschland) Partei der Vernunft (Partei der Vernunft)
tion für Sicherheit und Zusammenarbeit
30 32 29 Bürgerrechtsbewegung Solidarität Partei für Soziale Gleichheit, Sektion
in Europa das ursprüngliche Verfahren (BüSo) der Vierten Internationale (PSG)
kritisiert hatte. So besteht nun für Christliche Mitte (CM) Partei Gesunder Menschenverstand
… zugelassen wurden Deutschland (GMD)
abgelehnte Bewerber die Möglichkeit, Die Rechte
Die Republikaner (Rep) Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tier-
sich vor der Wahl beim Bundesver- schutz, Elitenförderung und basis-
fassungsgericht zu beschweren. Außer- Die Violetten (Die Violetten) demokratische Initiative (Die Partei)
dem muss die Nichtzulassung von einer Deutsche Kommunistische Partei (DKP) Partei Mensch Umwelt Tierschutz
Zweidrittelmehrheit im Bundeswahl- Familien-Partei Deutschlands (Familie) (Tierschutzpartei)
ausschuss beschlossen werden. 1998 2002 20052009 2013 Feministische Partei Die Frauen (Die Frauen) Rentner Partei Deutschland (Rentner)

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Deutschland

S TA AT S B A N K

Geringes Vertrauen
in Spanien
Die staatliche KfW-Bank geht mit ih-
rem 800 Millionen Euro schweren Dar-
lehen an die spanische Förderbank ICO
weitaus höhere Risiken ein als bislang
bekannt. Auf der Verwaltungsratssit-

AXEL HEIMKEN / DAPD


zung der KfW in der vergangenen Wo-
che musste der Vorstand eingestehen,
dass die Staatsbank das Geschäft unter
normalen Umständen nicht machen
würde, da es viel zu risikoreich sei. Der Deutsche Soldaten in Afghanistan
Kredit werde nur vergeben, weil der
Bund für die komplette Summe hafte. BUNDESWEHR
Die Aussage ist auch deshalb brisant,
weil der spanische Staat wiederum voll
für die ICO-Bank bürgt. Das heißt: Die
KfW hat nur geringes Vertrauen in die
Kreditwürdigkeit Spaniens. Vorigen
Teure Einsätze
Donnerstag hatten Finanzminister Die Auslandsmissionen der Bundeswehr haben den deutschen Steuerzahler seit
Wolfgang Schäuble und Wirtschafts- 1992 knapp 17 Milliarden Euro gekostet. Das geht aus einer internen Berechnung
minister Philipp Rösler das Abkommen des Verteidigungsministeriums hervor, die ein Beamter des Hauses kürzlich Ver-
über das Globaldarlehen mit ihren tretern der Industrie präsentiert hat. Demnach war vor allem die Zeit zwischen
spanischen Amtskollegen in Berlin vor- 2010 und 2012 mit rund 1,4 Milliarden Euro pro Jahr besonders teuer. Nur im
gestellt. Die ICO-Bank soll die Mittel Jahr 2002, als die Bundeswehr ihren Afghanistan-Einsatz aufbaute, wurde mit
über die Hausbanken als zinsverbilligte 1,5 Milliarden Euro mehr ausgegeben. Die Summen beziffern dabei lediglich
Kredite an mittelständische Unterneh- die zusätzlichen spezifischen Kosten der Missionen. Der Sold der eingesetzten
men weiterleiten und so den Zugang zu Soldaten wird getrennt berechnet. Die Bundeswehr ist momentan mit etwa 6000
Krediten verbessern. Soldaten im Ausland vertreten. Die meisten sind in Afghanistan stationiert
(etwa 4400), gefolgt vom Kosovo (etwa 800).

BUNDESTAGSWAHL 2013 Die Union lag damals ähnlich weit vor Würfelspiel vor. Wenige Wochen spä-
der SPD wie heute, der Drops schien ter erhielt die SPD 34,2 Prozent, fast
Elf Wochen noch gelutscht. Ich bekam einen Kopfhörer
und durfte mithören, wie Herr E. von
so viel wie die Union, und ich nahm
mir vor, Umfragen fortan zu ignorie-
Forsa beim deutschen Volk durchrief, ren – ich gucke schließlich auch kein
Vorige Woche habe ich überlegt, einen um zu erkunden, wie es bald abstim- Astro-TV und war noch nie bei einer
81-tägigen Urlaub einzureichen, bis men werde. „Rufen Sie im September Kartenlegerin. Aber das Ignorieren
zum Tag nach der Wahl. Auf die Idee wieder an“, sagte ihm die erste Wäh- fällt schwer. Es ist, als wollte man das
brachten mich die Leute von Forsa, lerin. „Bis dahin ist mein Mann in Wetter oder Pep Guardiola ignorieren.
Emnid und Infratest dimap. Rot-Grün Polen.“ Herr E. tat mir schnell leid. Als Natürlich sind Umfragen im Grunde
habe keine Chance mehr, heißt ihre er seine Gesprächspartner fragte, wel- harmlos. Ärgerlich ist nur, wenn sie
Botschaft, das Rennen sei entschieden. ches politische Ereignis sie zuletzt zur politischen Verdummung beitragen.
Und die Leute von den Instituten müs- interessiert habe, musste er mehr- Wenn der Verweis auf Umfragen
sen es wissen. Sie telefonieren ja täg- mals den Sieg von Michael Schuma- die eigene Haltung ersetzt und
lich mit dem Wähler. Liegt die Union cher im letzten Formel-1-Rennen den gesellschaftlichen Diskurs
also wirklich uneinholbar vor der notieren. Ob sie ihre Wahlentschei- ersäuft. Wenn Umfragen als Ent-
SPD? Ist die Kanzlerschaft von Peer dung schon getroffen habe, wollte WAHL schuldigung dienen, sich nicht mit
Steinbrück so wahrscheinlich wie die er von einer älteren Dame wissen. 2013 den Argumenten und Program-
Meisterschaft von Eintracht Braun- „Gibt es schon wieder Wahlen?“, men eines Wahlkampfs zu beschäf-
schweig? Weshalb ich nun aber doch lautete die erste Antwort. Die zweite tigen – weil ja eh alles entschieden ist.
lieber keine Ferien mache, liegt daran, war nicht besser. „Also, beim letzten Warum ich trotzdem nicht mehr an die
dass es sich mit politischen Umfragen Mal hab ich PDS gewählt, aber diesmal große Aufholjagd der SPD glaube? Da-
so verhält wie mit Grillwürsten oder mache ich CDU. Oder SPD.“ Bei die- mals, 2005, hieß ihr Kandidat Gerhard
der Vergabe von Olympischen Spielen: ser Frage dürfe man nur eine Partei Schröder, heute heißt er Peer Stein-
Man möchte lieber nicht genau wissen, nennen, entschuldigte sich Herr E. brück. Das wird am Ende einen Unter-
wie sie zustande kommen. Im Sommer „Dann nehm ich CDU“, antwortete die schied von zehneinhalb bis elf Prozent-
2005 durfte ich einen Nachmittag im Dame. „Oder nein, SPD, nehmen Sie punkten ausmachen. Sagt mein Bauch.
Callcenter von Forsa verbringen, weni- SPD.“ Je länger ich zuhörte, desto Und der ist ähnlich verlässlich wie Um-
ge Wochen vor der Bundestagswahl. mehr kam mir Demokratie wie ein fragen. Markus Feldenkirchen
12
NSA-Rechenzentrum in Utah

Obamas Zwerge
Im Skandal um Amerikas Lauschangriff auf den Rest der Welt kuschen Regierungen
reihenweise vor Washington. Die Deutschen wollen von nichts gewusst
haben – dabei wird jetzt klar, dass die Geheimdienste beider Länder eng kooperieren.
TODD HIDO / EDGE REPS (O.); MARK WILSON / GETTY IMAGES (U.)

NSA-Chef Alexander in Washington


Titel

I
m sozialen Netzwerk LinkedIn plau- USA, jagt ihn auf der ganzen Welt, und Die Welt steht kopf, und auch Deutsch-
dern Menschen gern über ihre Arbeit. fast alle machen mit, vor allem der Rest land macht dabei keine gute Figur.
Sie wollen etwas loswerden oder su- des Westens. Christoph Heusgen, der außenpoliti-
chen einen neuen Job und berichten des- Snowden hockte am vergangenen Frei- sche Berater der Bundeskanzlerin, konn-
halb, was sie so gemacht haben oder ma- tag wahrscheinlich noch immer im Flug- te sein Wochenende abschreiben, als am
chen. Ein früherer „Signals Intelligence hafen von Moskau, im Transitbereich, in Samstag vor zwei Wochen die Enthüllun-
Supervisor“, ein Amerikaner, erzählt da einem Niemandsland, weil sich niemand gen die Runde machten. Am Sonntag rief
zum Beispiel leichtsinnig, dass er von Sep- traute, ihn aufzunehmen, auch Deutsch- er Phil Murphy an. Der scheidende US-
tember 2009 bis Oktober 2010 in Darm- land nicht, wo Snowden gern Asyl be- Botschafter in Berlin hatte sich auf eine
stadt gearbeitet habe. Er sei dafür zustän- kommen hätte. Woche voller Abschiedsfeierlichkeiten
dig gewesen, abgefangene ausländische Angst regiert gerade diese Welt, Angst eingestellt, doch davon war nun keine
Kommunikation zu sammeln, zu überset- vor dem Zorn der Vereinigten Staaten Rede mehr. Heusgen empfahl Murphy,
zen und zu verarbeiten. Der Mann war von Amerika, Angst vor Präsident Barack die beiden SPIEGEL-Geschichten sofort
also im Berufsfeld der Spionage tätig. Obama, der einst als Weltenretter begrüßt ins Englische übersetzen zu lassen und
Darmstadt ist dafür ein guter Standort, wurde. Kaum einer will es sich mit der dem Weißen Haus zu schicken.
denn hier in der Nähe findet sich das ge- politischen und wirtschaftlichen Super- Dann ließ Heusgen sich mit Tom Do-
heime Gebäude-Sammelsurium „Dagger macht verscherzen. nilon verbinden, dem Sicherheitsberater
Complex“, in dem vor allem Armee-Leu- Das wurde besonders deutlich, als ein des US-Präsidenten. Beide vereinbarten,
te der 66th Military Intelligence Brigade kleines Flugzeug über Österreich eine dass Obama spätestens nach der Rück-
arbeiten, das aber auch von der amerika-
nischen Lauschbehörde National Security
Agency (NSA) mitfinanziert wird. „Abhören von Freunden, das ist
Bei LinkedIn gibt es viele solcher Ein-
träge. Manche sind womöglich aufge-
inakzeptabel, das geht gar nicht.“
bauscht, aber in der Masse
entsteht ein recht gutes Bild kehr von seiner Afrika-Reise mit der
davon, wo amerikanische Ge- Kanzlerin sprechen sollte. Den Amerika-
heimdienstler in Deutschland nern musste mittlerweile klar sein, wie
operieren. verärgert die Deutschen waren.
Was bislang fehlt, sind Einen Tag später wurde Botschafter
Plaudereien darüber, ob und Murphy ins Auswärtige Amt geladen. Auf
wie eng sie mit Kollegen eine förmliche „Einbestellung“, die ulti-
vom Bundesnachrichten- mative Form diplomatischer Missbilli-
dienst oder vom Verfassungs- gung, hatte Berlin zwar verzichtet, aber
schutz zusammengearbeitet faktisch war das Gespräch mit dem zu-
haben. Aber es gibt aus ande- ständigen Abteilungsleiter kaum etwas
ren Quellen Hinweise, dass anderes. Merkels Regierungssprecher
man miteinander zu tun hat. Steffen Seibert wurde ungewohnt deut-
Und das stünde im Wider- lich: „Abhören von Freunden, das ist
spruch zu dem, was die Bun- inakzeptabel, das geht gar nicht.“
desregierung behauptet: dass Für Europa und die USA steht einiges
sie nichts weiß von den gro- auf dem Spiel. An diesem Montag begin-
ßen Lauschaktionen der Ame- nen die Verhandlungen über das geplante
rikaner bei den Verbündeten. transatlantische Freihandelsabkommen.
REUTERS

Der Fall Edward Snowden Snowden Die Schnüffelei der Amerikaner gefähr-
geht in die nächste Runde. det das Projekt. Auf Vorschlag des ame-
Zunächst hat der amerikani- rikanischen Justizministers werden nun
sche Computerexperte, der für die NSA Kehrtwende machen musste. An Bord wa- zwei europäisch-amerikanische Arbeits-
gearbeitet hat, offenbart, wie sich der ren der bolivianische Präsident Evo Mo- gruppen versuchen, parallel zu den Ver-
Geheimdienst in Datennetzen bedient. In rales und vielleicht ein Gespenst mit dem handlungen die Vorwürfe gegen die NSA
der vergangenen Woche wurde durch den Namen Edward Snowden. Mehrere euro- aufzuklären.
SPIEGEL bekannt, dass die USA auch päische Staaten verweigerten diesem Am vergangenen Mittwoch telefonier-
ihre Verbündeten ausspionieren lassen, kleinen, unbewaffneten Flugzeug Lande- ten Merkel und Obama. Beide waren da-
darunter Deutschland. Nun ist zu klären, oder Überflugrechte. In einigen Haupt- nach bemüht, den Streit runterzuspielen.
wie eng diese Verbündeten selbst in den städten hatten sie die Hosen gestrichen Es werde „Gelegenheit zum intensiven
Skandal verstrickt sind. Reine Unschuld voll, und höchstwahrscheinlich war Austausch über diese Fragen geben“, hieß
ist nicht zu erwarten. Snowden nicht einmal unter den Passa- es anschließend ebenso diplomatisch wie
Es gibt Zeiten, in denen klarwird, wie gieren. nichtssagend. Das dürfte kaum das er-
die Welt wirklich tickt, was ihre wahren Der Westen macht sich gerade lächer- sehnte Machtwort gewesen sein, das sich
inneren Gesetze sind. Dann fallen Schlei- lich durch Unterwürfigkeit, durch freiwil- nach einer Umfrage von Infratest Dimap
er, die Welt sieht plötzlich anders aus. Es lige Unfreiheit, durch den Verstoß gegen 78 Prozent der befragten Deutschen von
sind jetzt solche Zeiten. die eigenen Werte. Und er brüskiert dabei Merkel wünschen.
Ein Mann tut etwas, was in der besten noch Südamerika, das auch zum erwei- Im Kanzleramt zittern sie nun der
Tradition des Westens steht, was den Wes- terten Westen gezählt wird. Staaten wie nächsten Enthüllung entgegen, denn
ten so richtig erst begründet hat: Er klärt China oder Russland, stets im Visier west- längst spielt das Thema in den Wahl-
auf, er weist auf Missstände hin und öff- licher Moralexporteure, können hingegen kampf hinein. So versuchten die beiden
net Augen. Das hat Edward Snowden frohlocken: Der Aufklärer Snowden such- SPD-Rivalen Sigmar Gabriel und Peer
getan. Aber was geschieht nun mit ihm? te zuerst Zuflucht bei ihnen, nicht in den Steinbrück in seltener Einmütigkeit, Mer-
Die Führungsmacht dieses Westens, die Ländern, die auf die Freiheiten stolz sind. kel direkt anzugreifen. Es könne sein,
D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 15
Titel

„dass sie mehr weiß, als bis- Aber Union und FDP dürf-
her bekannt geworden ist“, te nicht entgangen sein, dass
sagte der SPD-Kanzlerkan- die Abhörspezialisten aus
didat. den USA nach wie vor auf
Auch Snowden sagt, deut- deutschem Boden präsent
sche Behörden würden mit sind. Derzeit baut die NSA
der NSA „unter einer Decke unter ihrem Chef, General
stecken“ (siehe Interview Sei- Keith Alexander, ihre hiesige
te 22). Infrastruktur mit großem
Nachhaltiger als in der Aufwand aus.
NSA-Affäre hat aber noch Die wohl bekannteste Ab-
keine Bundesregierung ihre höranlage liegt im bayeri-
Ahnungslosigkeit zur Schau schen Bad Aibling. Sie ist im
gestellt. Seit nunmehr vier „Echelon“-Bericht hinrei-
Wochen weiß die Bundesre- chend beschrieben. Offiziell
gierung, dass sie nichts weiß. haben die Amerikaner den
Aber das immerhin konse- bayerischen Horchposten
quent. Dreimal tagte in dieser 2004 aufgegeben. Die weißen
Zeit das Parlamentarische Kuppeln des „Echelon“-Ab-
Kontrollgremium des Bun- hörsystems, die sogenannten
destags – dreimal zuckten Radome, ließen sie allerdings
hohe Regierungsvertreter stehen. Als das Gelände offi-
hinter verschlossenen Türen ziell zur zivilen Nutzung um-
mit den Schultern. gewidmet wurde, galt das
Der Verfassungsschutz und nicht für das Areal mit der
der Bundesnachrichtendienst: Lauschtechnik.
angeblich nicht im Bilde. Das Ein Verbindungskabel lei-
Kanzleramt: ahnungslos. Die tet seither die abgefangenen
Bundesjustizministerin: recht- Signale auf das Gelände der
schaffen empört, aber un- Mangfall-Kaserne, die ein
wissend. Der Bundesinnen- paar hundert Meter entfernt
minister: wusste nichts, stellte liegt. Hier residiert offiziell
trotzdem schon mal klar, dass die „Fernmeldeweitverkehrs-
die Datenfischerei der ameri- stelle der Bundeswehr“ – hin-
kanischen Freunde sicherlich ter dem Tarnnamen verbirgt

KATIEBAIR.COM / REUTERS
in Ordnung sein werde. Kritik sich der Bundesnachrichten-
daran, so Hans-Peter Fried- dienst (BND). In enger Ko-
rich (CSU), sei „Antiameri- operation mit einer Handvoll
kanismus“. Abhörspezialisten der NSA
Und so begann die hohe analysiert der deutsche Aus-
Zeit des Briefeschreibens. Computerexperte Snowden 2002: „Er ist eine heiße Kartoffel“ landsdienst seither Telefon-
Die Antworten, so sie denn gespräche, Faxe und alles,
erfolgten, machten allerdings auch nie- Schon einmal gab es in Deutschland und was sonst noch über Satelliten übertragen
manden schlauer. Die britische Regie- Europa Empörung über ein „globales Ab- wird. Offiziell gibt es weder den BND-
rung, besonders eifrig beim Mitschneiden hörsystem für private und wirtschaftliche Posten in Bad Aibling noch die Koopera-
des Internetverkehrs, ließ die deutsche Kommunikation“. Zwölf Jahre ist es her, tion mit den Amerikanern. In einer ver-
brüsk wissen, sie möge sich, bitte schön, dass ein Ausschuss des Europäischen traulichen Sitzung des Parlamentarischen
direkt an den Geheimdienst wenden. Die Parlaments einen fast 200 Seiten langen Kontrollgremiums räumte BND-Chef
Amerikaner zogen es bis Ende vergan- Bericht über das Spähsystem „Echelon“ Gerhard Schindler am vergangenen Mitt-
gener Woche vor zu schweigen. Obama vorlegte. woch die Zusammenarbeit mit dem US-
sagte Merkel wenigstens zu, die Vorwürfe In dem Bericht steht, „dass innerhalb Dienst allerdings ein.
zu prüfen und dann zu berichten. Das Europas sämtliche Kommunikation via Auch anderswo in Deutschland lau-
kann dauern. E-Mail, Telefon und Fax von der NSA re- schen die Amerikaner in die Welt hinein.
Anfang dieser Woche wird sich daher gelmäßig abgehört wird“. Die Rede ist In Griesheim bei Darmstadt betreibt die
eine deutsche Regierungsdelegation nach von einem Geheimdienstverbund der US-Armee einen streng geheimen Horch-
Washington bemühen. In Gesprächen mit USA, Großbritanniens, Kanadas, Austra- posten. Fünf Radome stehen am Rand
dem Heimatschutzministerium, der NSA liens und Neuseelands. „Wenn dann noch des August-Euler-Flugplatzes, versteckt
und der Regierung erhoffen sich die der routinemäßige Austausch von Roh- hinter einem Wäldchen. Wer am „Dag-
Vertreter des Kanzleramts, des Innen- material hinzukommt, dann entsteht eine ger-Complex“ vorbeifährt, wird von
und des Justizministeriums, des Auswär- völlig neue Qualität.“ Wachleuten kritisch beäugt, Fotografie-
tigen Amts sowie des Verfassungsschut- Die Abgeordneten empfahlen im Juli ren ist verboten.
zes und des Nachrichtendienstes Lernef- 2001 eine Reihe von Vorschriften und Ab- Im Innern werten Soldaten Informa-
fekte. Weil aber die Opposition sogleich kommen, um dem ganz großen Lausch- tionen für die Streitkräfte in Europa aus.
lästerte, die Koalition schicke nur Leute angriff in Europa Grenzen zu setzen. Die NSA unterstützt die Analysten, auch
aus der zweiten Reihe, entschied sich Zwei Monate später flogen Terroristen Mitarbeiter amerikanischer Sicherheits-
Friedrich hinterherzureisen. Flugzeuge ins New Yorker World Trade firmen arbeiten auf dem Gelände.
Aber ist die geradezu frivol vorgetra- Center, und einige der Attentäter hatten Der Bedarf an Daten ist offenbar so
gene Mein-Name-ist-Hase-Haltung auch in Deutschland gelebt. Die Kritik an groß, dass in absehbarer Zeit ein Umzug
glaubwürdig? Zweifel sind angebracht. „Echelon“ verstummte abrupt. bevorsteht. Im rund 40 Kilometer ent-
16 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
fernten Wiesbaden baut die gen. Aus bundesweit fünf
US-Armee ein neues Conso- Knotenpunkten schleust der
lidated Intelligence Center. Dienst Daten zur Auswer-
Für 124 Millionen Dollar ent- tung nach Pullach in die Zen-
stehen in der hessischen Lan- trale, auch in Düsseldorf und
deshauptstadt abhörsichere München. Die eigentliche
Büros und ein Hightech- Aufgabe für die Spezialisten
Kontrollzentrum. Sobald die der Abteilung Technische
Anlage in Wiesbaden fertig- Aufklärung beginnt aller-
gestellt ist, wird der „Dagger- dings erst im Anschluss an
Complex“ bei Darmstadt ge- den Zugriff: Aus dem gigan-
schlossen. tischen Datenmeer müssen
Die US-Armee vertraut bei sie jene Telefongespräche,
dem Neubau in Wiesbaden E-Mails oder anderen In-
nur auf Landsleute. Die Bau- ternetsplitter herausfischen,
firmen müssen aus den USA die vielleicht einen Atom-
stammen und sicherheits- schmuggel decouvrieren oder
überprüft sein. Selbst die Ma- einen Terrorplot von al-
terialien sollen aus den Ver- Qaida. Die „Analyse-Tools“
einigten Staaten importiert (Werkzeuge) für den großen
und auf ihrem Weg nach Lauschangriff auf das Daten-
Deutschland überwacht wer- meer sind komplexe und
den. Damit auch ja kein kostspielige Anlagen.
fremder Spion auf die Bau- Um den aus dem Nahen
stelle kommt, bewachen die Osten eingehenden Telefon-
Amerikaner das Areal rund und Internetverkehr auszu-
um die Uhr mit eigenen Si- werten, nimmt der BND die
cherheitsleuten. Hilfe der NSA in Anspruch.
Ist es wirklich vorstellbar, Die Amerikaner stellen den
dass die Bundesregierung Deutschen zum Beispiel Spe-
nichts weiß vom Treiben der zial-Tools zur Verfügung, die
NSA vor ihrer Haustür? Wie mit arabischen Suchbegriffen
ist dann zu verstehen, was arbeiten. Erhält der US-
Innenminister Friedrich vor- Dienst im Gegenzug Zugriff
vergangene Woche in einer auf die Daten? Die Bundes-
aktuellen Debatte des Bun- regierung bestreitet das: Eine
destags zur Ausspähaffäre Kooperation gebe es nur in
CARSTEN KOALL
sagte: „Deutschland ist glück- Form von „finished intelli-
licherweise in den letzten gence“, von fertigen Geheim-
Jahren von großen Anschlä- dienstberichten.
gen verschont geblieben. Wir BND-Zentrale in Berlin: Ohne Amerikaner auf einem Auge blind Das Verhältnis des deut-
verdanken das auch den Hin- schen Auslandsdienstes zur
weisen unserer amerikanischen Freun- eine Herzkammer. Hier treffen Glasfa- NSA ist allerdings deutlich enger als
de.“ Hinter Sätzen wie diesem verbirgt serkabel aus Osteuropa und Zentralasien öffentlich eingeräumt. In sogenannten
sich eine funktionale Sicht auf den Über- auf Datenleitungen aus Westeuropa. „Joint Operations“ gehen die Partner-
wachungsapparat der Supermacht: Was Auch E-Mails, Bilder, Telefonate und dienste in klar umgrenzten Einzelfällen
genau die NSA macht, ist zweitrangig – Tweets aus Krisenländern des Nahen und gemeinsam vor. Die Ziele liegen im Aus-
es zählt, was hinten rauskommt. Und das Mittleren Ostens kommen in Frankfurt land, zumeist mit Schwerpunkten wie
ist, wie Geheimdienstler halb verschämt vorbei. Terrorabwehr und Rüstungslieferungen.
einräumen, unverzichtbar. Internationale Provider unterhalten Am Horchposten in Bad Aibling arbei-
Ohne die Tipps der Amerikaner, heißt hier ihre digitalen Drehscheiben, die Te- tet ein NSA-Team eng mit den Geheimen
es, wäre man bei der Terrorbekämpfung lekom oder auch das US-Unternehmen des BND zusammen. Der BND nutzt Bad
womöglich auf einem Auge blind. Denn Level 3, das sich damit brüstet, einen Aibling unter anderem, um Thuraya-Sa-
tellitentelefone zu überwachen, die vor
E-Mails und Telefonate aus Krisenländern allem in den entlegenen Regionen Paki-
stans und Afghanistans eine Rolle spielen.
kommen in Frankfurt vorbei. Die Amerikaner unterstützen die Deut-
schen dabei. Ist es wirklich denkbar, dass
während das Bundesamt für Verfassungs- Großteil des weltweiten Internetverkehrs bei so viel Nähe der eine Partner nicht
schutz und der Bundesnachrichtendienst abzuwickeln. Für Geheimdienste wie den wusste, was der andere tat?
im Rahmen der G-10-Gesetzgebung BND oder die NSA ist Frankfurt eine un- „Wir haben bislang keine Erkenntnisse,
strengen Regeln unterliegen, arbeiten erschöpfliche Quelle für Informationen. dass Internetknotenpunkte in Deutsch-
ausländische Dienste auf deutschem Bo- Wie aus Unterlagen von Snowden her- land durch die NSA ausspioniert wur-
den – solange es dem Anti-Terror-Kampf vorgeht, greift die NSA jeden Monat in den“, sagt der Präsident des Bundesamts
dient – weitgehend unkontrolliert. Wie Deutschland auf eine halbe Milliarde für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg
weit das geht, wird am Beispiel Frankfurt Kommunikationsvorgänge zu, unter an- Maaßen. Auch Lauschangriffe der USA
am Main deutlich. derem in Frankfurt. auf die Bundesregierung seien ihm nicht
Im weltweit pulsierenden Strom digi- Auch der BND bedient sich hier. Er bekannt. Eine Projektgruppe unter Lei-
taler Daten ist Frankfurt so etwas wie darf bis zu 20 Prozent der Daten abzwei- tung des BfV-Spitzenbeamten Thomas
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Titel

solche Kontrolle war nicht möglich.


Die Datenmengen waren zu groß.
SPIEGEL: Konnten auch Telefonate von
Deutschen auf den Bändern sein?
Arndt: Wenn diese auf der abgehörten
Leitung ins Ausland telefonierten oder
auf dieser Leitung aus dem Ausland
angerufen wurden.
SPIEGEL: Teilten die Amerikaner mit,

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


wonach sie suchten?
Arndt: Nein, das hätte uns ja Einblick
in die Schwerpunkte ihrer Überwa-
chung geben können. Um den Schein
zu wahren, fügten sie eine Begründung
von einer halben Schreibmaschinen-
seite bei, dass das Abhören dieser Lei-
tung für die Sicherheit ihrer Truppen

„Sie sind der Hegemon hier“ in der Bundesrepublik wichtig sei.


SPIEGEL: Nach BND-Unterlagen über-
gab Pullach 1977 rund 10 000 G-10-Mel-
Der Ex-Bundestagsabgeordnete Claus Arndt, 86 (SPD), dungen. War das ungewöhnlich viel?
über seinen früheren Job als Geheimdienstkontrolleur und Arndt: Nein, das entsprach in meiner
den Informationshunger der Amerikaner Zeit der üblichen Menge. Wobei der
Begriff G-10-Meldung irreführend ist.
Schon das Abhören einer Leitung, was
SPIEGEL: Herr Arndt, Sie wurden zu Zei- Arndt: Nicht in der Bundesrepublik, ja viele Telefonate umfasst, kann da-
ten von Kanzler Kurt Georg Kiesinger aber in West-Berlin. Dort haben sich mit gemeint sein.
Mitglied der G-10-Kommission und die Amerikaner bis zum 3. Oktober SPIEGEL: 10 000 G-10-Meldungen könn-
schieden in der Ära von Gerhard 1990 benommen, als wären sie gerade ten Millionen Telefonate bedeuten?
Schröder aus. Haben die Amerikaner einmarschiert. Einmal meldete sich ein Arndt: Ja, wobei ich nicht glaube, dass
in diesen Jahrzehnten die Deutschen Mitarbeiter der Landespostdirektion die NSA diese Datenmengen auswer-
flächendeckend abgehört? Berlin. Ein US-Major hatte Streit mit ten konnte. Da wechseln ständig die
Arndt: Zunächst haben sich die Ameri- seiner Freundin und angeordnet, ihre Gesprächspartner. Eben sprach man
kaner aufgeführt wie eine Besatzungs- gesamte Post mitzulesen und ihre Te- rumänisch, dann deutsch, dann rus-
macht und jedermann abgehört, den lefonate abzuhören. Dem deutschen sisch. Ich wünsche allen viel Spaß, die
sie abhören wollten. Das änderte sich Beamten kam das spanisch vor, und so etwas auswerten wollen.
erst 1968 mit dem G-10-Gesetz. Für das er wollte wissen, ob er diesen Auftrag SPIEGEL: Woher nahmen die Amerika-
Abhören waren danach deutsche Stel- ausführen müsse. Ich habe ihm gesagt: ner das Recht, hier abhören zu lassen?
len zuständig. Die Amerikaner muss- „Es tut mir leid, aber Sie müssen das!“ Arndt: Das resultiert aus dem Zusatz-
ten beantragen, wenn Bundesnachrich- So war die Rechtslage. abkommen zum Nato-Truppenstatut
tendienst oder Verfassungsschutz für SPIEGEL: Neben dem Abhören einzel- von 1959. Danach ist die Bundesrepu-
sie lauschen sollte. ner Anschlüsse gab es die sogenannte blik zur Zusammenarbeit mit den USA
SPIEGEL: Wie lief das in der Praxis? strategische Aufklärung. Der Westen zum Schutze von deren Truppen ver-
Arndt: Für die Anschlüsse bestimmter wollte während des Kalten Krieges pflichtet. Man muss dazu wissen: Aus
Personen stellten US-Behörden beim herausfinden, ob ein Angriff drohte. amerikanischer Sicht gab es nichts, was
Innenminister einen Antrag. Der lei- Arndt: Die Amerikaner verlangten, dass nicht für die Sicherheit ihrer Truppen
tete ihn an uns weiter, und wir haben der Fernmeldeverkehr, etwa zwischen relevant war.
dann zugestimmt oder abgelehnt. Paris und Prag, angezapft wird, und SPIEGEL: Hätten Sie nicht einfach alle
SPIEGEL: Wie oft kam eine solche An- zwar rund um die Uhr. Zuständig ist Anträge zur strategischen Aufklärung
frage von US-Behörden? bei uns der BND. Er muss an einem ablehnen können?
Arndt: Das bewegte sich im zweistelli- Knotenpunkt des internationalen Te- Arndt: Die Amerikaner sind wild ver-
gen Bereich pro Jahr. lefonnetzes aktiv werden, etwa in sessen auf Informationen, und die Ame-
SPIEGEL: Haben Sie auch Anfragen ab- Hamburg. Da fallen riesige Datenmen- rikaner sind der Hegemon hier. Es ist
gelehnt? gen an. Zu meiner Zeit ging allein von nicht vorstellbar, dass man sich diesem
Arndt: Natürlich. Ich erinnere den Koch Hamburg wöchentlich ein Lkw mit innerhalb des Bündnisses verweigert.
eines amerikanischen Generals, der Anhänger voller Bänder in die BND- SPIEGEL: Hat die deutsche Einheit etwas
bei Gesprächen in der Küche oder Zentrale nach Pullach. an der Situation verändert?
beim Essen angeblich Geheimnisse SPIEGEL: Gab der BND die Bänder un- Arndt: Nein.
erfuhr und an die Russen verriet. Der gefiltert weiter? SPIEGEL: Dann ist die Bundesrepublik
Antrag war so allgemein gehalten, da Arndt: Ja, so sollte es zwar nicht sein. nur beschränkt souverän?
haben wir den Amerikanern ausrich- Vielmehr sollte der BND vorher kon- Arndt: Theoretisch sind wir souverän.
ten lassen: „Mit so etwas dürft ihr uns trollieren, ob die Bänder Informatio- Die Organe der Bundesrepublik haben
nicht kommen.“ nen enthielten, deren Weitergabe an das Zusatzabkommen ja gebilligt. In
SPIEGEL: Haben die Amerikaner trotz- die Amerikaner die Interessen der der Praxis sind wir es nicht.
dem Anschlüsse selbst überwacht? Bundesrepublik verletzten. Doch eine INTERVIEW: KLAUS WIEGREFE

18 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
Haldenwang soll den Ein anonymer Diplomat
Snowden-Hinweisen nun erklärte in der Zeitung „Le
nachgehen. Monde“: „Wir haben nie
Am Ende ist es relativ auch nur einen Moment lang
unerheblich, ob der Abfluss gedacht, Snowden könnte in
deutscher Verbindungsdaten dem Flugzeug sein.“ Die
nach Amerika aufgeklärt Franzosen behaupten nun, es
werden kann oder nicht, habe sich um ein Miss-
denn allzu harsche Kritik verständnis gehandelt. Die
müssen die Amerikaner nicht zuständige Behörde habe
fürchten. „Wir sind erpress- fälschlicherweise geglaubt,
bar“, sagt ein hochrangiger zwei „Falcons“ seien auf dem
Sicherheitsbeamter, „wenn Weg in den französischen
die NSA ihren Hahn zudreht, Luftraum, doch nur eines der
sind wir blind.“ Flugzeuge habe eine Geneh-
Die USA sind eben nicht migung gehabt. Aus techni-
einfach ein Freund, sie sind schen Gründen sei dann eine
ein Herrscher, mit dem man der beiden Maschinen ge-
befreundet sein kann oder stoppt worden, ohne dass
nicht. Dass mit einer Freund- jemand gewusst habe, dass
schaft oft auch Herrschaft Morales an Bord sei.
verbunden sein kann, zeigt Hollandes Genehmigung
der Fall Snowden so klar wie kam spät in der Nacht, zu
kaum ein anderer. Und inner- spät für Boliviens Staatschef.
halb des Falls Snowden zeigt Da das Flugzeug offenbar
die Odyssee von Evo Morales auch Italien nicht überfliegen
besonders deutlich, wie die durfte, fragte die Crew gegen
Herrschaftsverhältnisse sind. 21 Uhr in Wien nach einer
Die Reise des boliviani- Landeerlaubnis. Der Pilot
schen Präsidenten gehört zu sagte dem Lotsen: „Wir müs-
den bizarrsten Vorgängen der sen landen, weil wir keine
Weltpolitik. Sie kann noch korrekte Anzeige des Treib-
nicht zu Ende erzählt wer- stoffstands bekommen. Als
den, es gibt Lücken, es gibt Vorsichtsmaßnahme müssen
widersprüchliche Aussagen, wir landen.“ Die Erlaubnis
aber all das hätte wohl nicht kam bald, die „Falcon“ wen-

MAX SCHÄFER / DE-CIX


geschehen können, wenn dete über Obertauern um 180
nicht einige europäische Grad. Gegen 22 Uhr war Mo-
Politiker eine Menge Angst rales in Wien.
vor den Amerikanern hätten. Dort saß er über 13 Stun-
Am 28. Juni genehmigten Netzwerkverteiler in Frankfurt am Main: Unerschöpfliche Quelle den lang auf dem Flughafen
portugiesische Behörden ei- fest. Nach Angaben der
nen Reiseplan für eine „Dassault Falcon alternative Route in Betracht zu ziehen, bolivianischen Regierung verweigerte
900EX“ der bolivianischen Luftwaffe. und auf einem Vorgehen bestanden, das Morales zunächst eine Durchsuchung des
Das Flugzeug von Morales sollte bei sei- die portugiesische Souveränität verletzt Flugzeugs, die Beamten durften es aber
ner Reise nach Moskau auf dem Hin- und hätte“. schließlich doch betreten. Die Pässe aller
dem Rückweg einen Zwischenstopp in Selbst schuld also? Am Nachmittag des Insassen wurden überprüft. Morales habe
Lissabon einlegen, um zu tanken. Auf 2. Juli haben die Bolivianer in Madrid den Behörden versichert, dass Snowden
dem Hinweg ging alles glatt. Am 1. Juli angefragt, ob sie spanisches Hoheitsge- nicht an Bord sei. Seiner argentinischen
allerdings schickten die Portugiesen um biet überfliegen dürften, um einen Tank- Kollegin Cristina Fernández de Kirchner
16.28 Uhr einen Widerruf an die Bolivia- stopp in Las Palmas auf Gran Canaria sagte er am Telefon, eine Durchsuchung
ner: Kein Zwischenstopp auf dem Rück- einzulegen. Das sagt das spanische Au- lasse er nicht zu, „ich bin doch kein
flug, „aus technischen Gründen“, heißt ßenministerium auf Anfrage. Sofort habe Dieb“.
es in einer Darstellung des portugiesi- man beides genehmigt. Die Bolivianer Vor allem die Spanier bemühten sich,
schen Außenministeriums. Um 19.19 Uhr hätten sich dafür bedankt. die Krise zu lösen, verhandelten mit den
sei das Ersuchen der Bolivianer einge- Am 2. Juli hob Morales’ Maschine ge- Bolivianern, aber auch mit europäischen
troffen, das Verbot näher zu erläutern. gen 20.35 Uhr in Moskau ab, Ziel also Staaten. Der spanische Botschafter in
Um 21.10 Uhr habe man geantwortet: nun: Las Palmas. Doch eine Dreiviertel- Wien sprach bei Morales vor, der in der
Dem Überflug des portugiesischen Ter- stunde bevor der Flieger auf dem Weg VIP-Zone des Flughafens Schwechat auf-
rains stehe nichts im Wege, nur eine Lan- nach Las Palmas französischen Luftraum gehalten wurde. Morales erzählte später,
dung in Lissabon sei nicht möglich. Was erreichte, verwehrten die Franzosen den der spanische Botschafter habe ihm vor-
diese technischen Hindernisse gewesen Überflug. geschlagen, einen Kaffee in der „Falcon“
sein sollen, wollte das Ministerium bis- Präsident François Hollande sagte am zu trinken – wohl um zu kontrollieren,
lang nicht erläutern. folgenden Tag: „Es gab widersprüchliche ob Snowden an Bord versteckt werde.
Die Bolivianer hätten insistiert, ohne Angaben über die Passagiere an Bord. „Es stimmt nicht, dass Spanien um Er-
Erfolg. Das Ministerium „bedaure die Sobald ich erfuhr, dass es sich um die laubnis gebeten hat, das Flugzeug zu un-
Unannehmlichkeiten“, habe aber keine Maschine des bolivianischen Präsidenten tersuchen“, widersprach ihm Spaniens
Schuld, da „die bolivianischen Stellen fast handelt, habe ich sofort die Erlaubnis Außenminister José Manuel García-Mar-
24 Stunden lang nicht bereit waren, eine zum Überflug erteilt.“ gallo in Madrid. Später räumte er ein,
D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 19
Einfluss, den Amerika, die bloßgestellte
Supermacht, trotz aller Empörung in der
Welt noch immer hat.
20 Asylanträge hat Snowden bisher ge-
stellt, mindestens 13 davon sind bereits
skeptisch sondiert oder abgelehnt worden,
unter anderem von Deutschland, Spanien
und Polen. In der Nacht zum vergangenen
Samstag hieß es aus Nicaragua, man kön-
ne Snowden Asyl geben – wenn die Um-
stände das zuließen. Kurz danach sagte
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, er
wolle Snowden Asyl anbieten.
Mit Genugtuung nehmen die Ameri-
kaner zur Kenntnis, dass immerhin
Russlands Präsident Wladimir Putin die
Möglichkeit eines Asyls nur unter harten
Bedingungen erwägen würde. „Edward
Snowden ist eine heiße Kartoffel“, trium-
phiert Philip Crowley, Sprecher der ehe-
maligen Außenministerin Hillary Clinton.

HELMUT FOHRINGER / DPA


Niemand wolle ihn aufnehmen: „Wenn
die Musik ausgeht, will ihn kein Land auf
seinem Schoß sitzen haben.“
Nachdem die Regierung Obama zu-
nächst auf öffentliche Einschüchterung
Boliviens Präsident Morales in Wien: „Angriff auf ganz Lateinamerika“ setzte, entschärfte sie den Ton und hofft
nun offenbar auf Diplomatie. „Ich werde
man habe ihm gesagt, Snowden sei an Ecuador Snowden Zuflucht gewähre. Das keine Jets schicken“, um einen Hacker
Bord der „Falcon“. Wer das gesagt hat? halbstündige Telefongespräch sei „herz- zu fassen, versicherte Obama, aber das
„Geheim.“ Das ist ein Wort, hinter dem lich und respektvoll“ gewesen, versicher- heißt nicht, dass nun Milde gilt für
man manches verstecken kann. te Correa. Er werde Washington selbst- Snowden, der gerade 30 geworden ist.
Auf Anfrage der Bolivianer erneuerten verständlich konsultieren, bevor er eine „Öffentlich versucht die Regierung, die
die Spanier die Landegenehmigung für Entscheidung treffe. Sache herunterzuspielen“, sagt der ehe-
Las Palmas. Um 11.30 Uhr am 3. Juli star- Das Doppelspiel ist typisch für die Hal- malige Direktor der Nationalen Geheim-
tete das Flugzeug in Wien. Um 23.30 Uhr tung der meisten südamerikanischen Prä- dienste, Dennis Blair, „aber unterhalb der
Ortszeit kletterte der erschöpfte und sidenten: Sie nutzen das Tauziehen um Wasseroberfläche paddelt die Ente wie
übermüdete Präsident schließlich daheim Snowden, um sich vor ihren Anhängern wild.“ Jeder soll wissen, dass ein Freund
aus seinem Jet. Morales sagte: „Das Flug- als tapfere Kämpfer gegen die Gringos Snowdens kein Freund der USA sein
zeug eines Präsidenten ist wie eine flie- zu profilieren. Doch in Wirklichkeit sitzt kann.
gende Botschaft. Wenn man es festhält Washington am längeren Hebel. Obamas Leute fürchten, dass die Ent-
oder umleitet, ist das wie ein Attentat. Ecuador ist wirtschaftlich abhängig von hüllungen immer weitergehen – über vie-
Es war nicht nur ein Attentat auf unser den Amerikanern, Landeswährung ist der le Wochen. Snowden, so viel ist mittler-
Land, sondern auf ganz Lateinamerika.“ US-Dollar. Washington könnte das kleine weile klar, hat ein großes Archiv mitge-
Von Venezuela bis Feuerland ging ein Land in den Ruin zwingen. nommen: nicht nur eine Festplatte voll,
Aufschrei durch den Kontinent. „Wir Da ist man in Quito nicht besonders sondern gleich mehrere. Das Material,
dachten, der Kolonialismus sei überwun- scharf auf einen weiteren Staatsfeind der aus dem die bislang durch „Guardian“
den“, ätzte Argentiniens Präsidentin. Von USA. Julian Assange, der Gründer der und SPIEGEL publizierten Geschichten
einem „Angriff auf ganz Lateinamerika“ Enthüllungsplattform WikiLeaks, hat in stammen, umfasst nur einen Teil davon.
sprach Ecuadors Präsident Rafael Correa.
Die Brasilianerin Dilma Rousseff kritisier- Obamas Leute fürchten, dass die
te das Vorgehen der Europäer als „schwer-
wiegenden Verstoß gegen das internatio- Enthüllungen immer weitergehen.
nale Recht“, der die Verhandlungen über
ein Freihandelsabkommen mit der Euro- der ecuadorianischen Botschaft in Lon- Weitere spektakuläre Veröffentli-
päischen Union gefährden würde. don Zuflucht gesucht und lebt dort seit chungen würden aus Sicht der Ameri-
Auch Ecuadors Präsident Correa hat über einem Jahr aus Angst, von den Bri- kaner dauerhaften Flurschaden anrichten
in dieser Krise erst einmal großspurig rea- ten an die Schweden und von den Schwe- – zumal Snowdens Material mutmaßlich
giert. Als der demokratische US-Senator den an die Amerikaner ausgeliefert zu in Teilen nicht nur an die Öffentlich-
Bob Menendez drohte, Zollvergünsti- werden. keit, sondern womöglich auch in die
gungen zu blockieren, wenn Ecuador Nun jagt Washington schon zwei Auf- Hände der Chinesen und Russen gelangt
Snowden Asyl gewähren würde, kündigte klärer des Internetzeitalters. Jeder Tag, ist.
Correa das Abkommen: „Wir lassen uns den Edward Snowden im Transitbereich Die chinesische Regierung, heißt es im
nicht einschüchtern.“ des Moskauer Flughafens Scheremetjewo Umfeld des Weißen Hauses, habe bereits
Wenige Tage später ruderte er zurück. verbringt, jeder Fluchtweg, der ihm ver- signalisiert, dass sie eine Kopie des Ge-
Obamas Vize Joe Biden hatte ihn ange- baut wird, ist ein kleiner Sieg für die ame- heimdienst-Schatzes besitze – vermutlich
rufen und gewarnt, dass sich die Bezie- rikanische Diplomatie. Die Zahl der Tage, ohne Snowdens aktives Zutun, der sich
hungen zwischen Washington und Quito die seit seiner Ankunft in Russland ver- ausdrücklich nicht als Überläufer gerieren
„stark verschlechtern“ würden, wenn gangen sind, wird auch zum Maß für den wollte und nicht die Regierung eines an-
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deren Landes als Adressat suchte, son-
dern die kritische Öffentlichkeit.
Zugleich sollen die Chinesen in Wa-
shington aber auch versprochen haben,
dass sie nicht Teile der NSA-Dokumente
oder gar den gesamten Bestand publizie-
ren. Selbst unter Rivalen wie China, Russ-
land und den USA gibt es eine Art Kodex,
Streitfälle aus der Welt der Geheimdienste
nur im Ausnahmefall vor den Augen der
Weltöffentlichkeit auszutragen. Jede Re-
gierung weiß, dass sie in eine ähnliche Si-
tuation geraten kann. Dazu kommt, dass
die Geheimdienste ihr Wissen lieber für
sich behalten, als es auf dem Nachrichten-
basar zu präsentieren. Die Chinesen wer-
den die Dokumente genüsslich auswerten
und dann still ihre Schlüsse daraus ziehen.
Selbst für Putin gilt dieser Kodex. Seine
öffentliche Warnung, Snowden müsse da-
mit aufhören, den USA Schaden zuzufü-
gen, wird in Washington als Signal inter-
pretiert, dass die Russen ebenfalls kein
GETTY IMAGES

Interesse daran haben, die Praktiken der


NSA öffentlich zu sezieren.
In Wladimir Putins Brust schlagen im
Fall Snowden wohl zwei Herzen. Einer- Partner Obama, Merkel in Berlin: Der Westen macht sich lächerlich durch Unterwürfigkeit
seits sieht der ehemalige KGB-Auslands-
aufklärer im flüchtigen Amerikaner einen ger sich Snowden am Flughafen aufhält, ten. Und Landesverrat gelte, so Nikolaos
verachtenswerten Verräter, noch dazu ei- desto größer ist die Chance, dass Moskaus Gazeas, Fachmann für internationales
nen unberechenbaren Querkopf, der mit Geheimdienst-Hacker sich Zugang ver- Strafrecht an der Uni Köln, zumindest in
seiner Rebellion gegen staatliche Über- schaffen, selbst wenn Snowdens Rechner der deutschen Sicht als politische Straftat.
wachung auch zur Symbolfigur für Russ- gut gesichert sind. Er muss auch mal Wenn die US-Verfolger, was wahr-
lands Anti-Putin-Opposition taugen wür- schlafen, seine Situation dürfte ihn all- scheinlich wäre, ihr Auslieferungsbegeh-
de. Andererseits fiel Putin mit Snowden mählich zermürben. ren hinter unpolitischen Vorwürfen zu
ein Werkzeug in den Schoß, Amerika Wäre es da nicht ein menschliches Ge- verbergen suchten, würde ihnen auch das
eins auszuwischen. Endlich einmal steht bot, ihn aus seiner Lage zu befreien, zum nicht helfen. Wenn „ernstliche Gründe“
Washington und nicht Moskau am Pran- Beispiel durch Asyl in der Bundesrepu- zu dem Verdacht Anlass gäben, dass es
ger der westlichen Öffentlichkeit. blik? im Kern um eine politische Straftat gehe,
Hinter den Kulissen und fern der Schon morgen könnte Snowden vor so heißt es im Auslieferungsabkommen,
Schlagzeilen der Kreml-treuen Presse der Tür stehen. Eine Ausreise aus Russ- sei auch dies ein Auslieferungshindernis.
aber arbeitet Putin immer wieder prag- land muss nicht an seinem ungültigen Es gäbe also in Wahrheit einen Weg,
matisch mit Amerika zusammen: So fä- Reisepass scheitern. Die Russen könnten Edward Snowden nach Deutschland zu
delte Russlands starker Mann über einen ihn auch so ziehen lassen. holen und hierbleiben zu lassen. Man
Vertrauten die Milliardenallianz des rus- Mit einem Stempel und einer Unter- müsste es wollen, man müsste bereit sein,
sischen Ölgiganten Rosneft mit dem ame- schrift könnte der Flüchtling in das nächs- den Zorn der Amerikaner in Kauf zu neh-
rikanischen ExxonMobil-Konzern ein. te Flugzeug nach Berlin steigen und bei men.
Seit 2009 sind mehr als 400 000 amerika- der Ankunft Asyl beantragen. Zwar Aber das ist man nicht. Realpolitik
nische Soldaten und Armeeangestellte könnten ihn die deutschen Grenzwächter heißt jetzt, vor den Amerikanern zu ku-
über russisches Territorium nach Afgha- „zurückweisen“, aber das müssten sie schen. Deutschland ist eben abhängig, po-
nistan gebracht worden. Auch Russland nicht tun. Wahrscheinlicher wäre, dass litisch und wirtschaftlich von den Ameri-
mag nicht alle Brücken zum mächtigsten sie Snowden sofort in Gewahrsam näh- kanern, wirtschaftlich von den Chinesen,
Land der Welt abbrechen. men, weil die USA ein Festnahmeersu- die deshalb beim Thema Menschenrechte
Der Kreml scheint sich deshalb für ein chen geschickt haben. kaum noch Widerspruch aus Berlin hören.
Doppelspiel entschieden zu haben: Russ- Spätestens dann könnte die Bundesre- Deutschland ist ein Land, das sich nichts
land liefert Snowden nicht an Amerika gierung eingreifen und den Mann als traut. Der Fall Snowden zeigt auch, dass
aus und betont, dass der flüchtige Com- wichtigen Staatsgast gut bewacht in ei- Deutschland ein Zwerg des Weltgesche-
puterexperte sich ja gar nicht auf russi- nem ordentlichen Hotel einquartieren. hens ist. SVEN BECKER, THOMAS DARNSTÄDT,
schem Territorium, sondern nur in der So oder so würde ein Gericht zu prüfen JENS GLÜSING, HUBERT GUDE, FRITZ HABEKUSS,
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, MARC HUJER,
Transitzone des Flughafens aufhalte. beginnen, ob dem Antrag der Amerika- DIRK KURBJUWEIT, MATHIEU VON ROHR,
Auch der russische Geheimdienst habe ner, Snowden auszuliefern, entsprochen MARCEL ROSENBACH, MATTHIAS SCHEPP,
mit dem Mann keinen Kontakt, seine werden kann. JÖRG SCHINDLER, GREGOR PETER SCHMITZ,
Informationen seien am Ende gar nicht Erfahrene Richter, die sich regelmäßig CHRISTOPH SCHULT, HOLGER STARK,
HELENE ZUBER
so viel wert. „Das ist, wie ein Schwein mit solchen Angelegenheiten beschäfti-
zu scheren“, mit diesen Worten spielte gen, sind fast sicher, dass das Ausliefe-
Putin Snowdens Wissen herunter: „viel rungsbegehren als unzulässig abzulehnen Video: Clemens Höges über
Gequieke, aber wenig Wolle.“ wäre. Denn das deutsch-amerikanische den Fall Edward Snowden
Gleichwohl dürfte es ein russisches In- Auslieferungsabkommen verbietet eine spiegel.de/app282013snowden
teresse an seinen Laptops geben. Je län- Überstellung wegen politischer Strafta- oder in der App DER SPIEGEL

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Plakat von Snowden-Unterstützern in Hongkong

PHILIPPE LOPEZ / AFP


„Als Zielobjekt markiert“
Der Enthüller Edward Snowden über die geheime Macht der NSA

K
urz bevor Edward Snowden zum Im Zuge der Ermittlungen rund um die festzustellen, ob es sich wirklich um ei-
weltweit bekannten Whistleblo- WikiLeaks-Enthüllungen ist Appelbaum nen NSA-Whistleblower handelt. Wir
wer wurde, beantwortete er einen ins Visier amerikanischer Behörden ge- schickten unsere Fragen über verschlüs-
umfangreichen Katalog von Fragen. Sie raten, die Unternehmen wie Twitter und selte E-Mails. Ich wusste nicht, dass der
stammten unter anderem von Jacob Ap- Google aufgefordert haben, seine Konten Gesprächspartner Edward Snowden war
pelbaum, 30, einem Entwickler von Ver- preiszugeben. Er selbst bezeichnet seine – bis er sich in Hongkong der Öffentlich-
schlüsselungs- und Sicherheitssoftware. Haltung zu WikiLeaks als „ambivalent“ keit offenbarte. Er wusste auch nicht,
Appelbaum unterweist internationale – und beschreibt im Folgenden, wie er wer ich war. Ich hatte damit gerechnet,
Menschenrechtsgruppen und Journalis- dazu kam, Fragen an Snowden stellen zu dass es sich um jemanden in den Sechzi-
ten im sicheren und anonymen Umgang können: gern handeln würde.
mit dem Internet. Mitte Mai hat mich die Dokumentarfil- Das Folgende ist ein Auszug aus einem
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er merin Laura Poitras kontaktiert. Sie sag- umfangreicheren Interview, das noch
2010 bekannt, als er den WikiLeaks-Grün- te mir zu diesem Zeitpunkt, sie sei in weitere Punkte behandelte, viele davon
der Julian Assange als Redner bei einer Kontakt mit einer anonymen NSA-Quel- sind technischer Natur. Einige der Fragen
Hacker-Konferenz in New York vertrat. le, die eingewilligt habe, von ihr inter- erscheinen jetzt in anderer Reihenfolge,
Zusammen mit Assange und weiteren Co- viewt zu werden. damit sie im Zusammenhang verständ-
Autoren veröffentlichte er unlängst den Sie stellte dafür gerade Fragen zusam- lich sind.
Gesprächsband „Cypherpunks: Unsere men und bot mir an, selbst Fragen bei- Bei dem Gespräch ging es fast ausschließ-
Freiheit und die Zukunft des Internets“. zusteuern. Es ging unter anderem darum lich um die Aktivitäten der National
22 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
Titel

Security Agency und um ihre Fähig- dann haben unsere höchsten Vertreter Tage, das mag vielleicht nicht nach viel
keiten. Es ist wichtig zu wissen, dass die- die Untersuchung einfach gestoppt. Die klingen, aber es geht eben nicht nur um
se Fragen nicht im Zusammenhang mit Frage, wer theoretisch angeklagt werden Verbindungsdaten. „Full take“ heißt, dass
den Ereignissen der vergangenen Woche könnte, ist hinfällig, wenn die Gesetze der Speicher alles aufnimmt. Wenn Sie
oder des vergangenen Monats gestellt nicht respektiert werden. Gesetze sind ein Datenpaket verschicken und wenn
wurden. Sie wurden in einer Zeit totaler gedacht für Leute wie Sie oder mich – das seinen Weg durch Großbritannien
Ruhe gestellt, als Snowden noch auf Ha- nicht aber für die. nimmt, werden wir es kriegen. Wenn Sie
waii war. Frage: Kooperiert die NSA mit anderen irgendetwas herunterladen, und der Ser-
Ich hatte zu einem späteren Zeitpunkt Staaten wie Israel? ver steht in Großbritannien, dann werden
noch einmal direkten Kontakt mit Snowden: Ja, die ganze Zeit. Die NSA hat wir es kriegen. Und wenn die Daten Ihrer
Snowden, an dem ich auch meine eigene eine große Abteilung dafür, sie heißt FAD kranken Tochter in einem Londoner Call
Identität offenbarte. Er hat mir damals – Foreign Affairs Directorate. Center verarbeitet werden, dann … Ach,
die Einwilligung gegeben, seine Aussagen Frage: Hat die NSA geholfen, Stuxnet zu ich glaube, Sie haben verstanden.
zu veröffentlichen. programmieren? (Jenes Schadprogramm, Frage: Kann man dem entgehen?
das gegen iranische Atomanlagen einge- Snowden: Na ja, wenn man die Wahl hat,

setzt wurde –Red.) sollte man niemals Informationen durch
Frage: Was ist die Aufgabe der National Snowden: Die NSA und Israel haben Stux- britische Leitungen oder über britische Ser-
Security Agency (NSA) – und wie ist de- net zusammen geschrieben. ver schicken. Sogar Selfies (meist mit dem
ren Job mit den Gesetzen in Überein- Frage: Welche großen Überwachungspro- Handy fotografierte Selbstporträts –Red.)
stimmung zu bringen? gramme sind heute aktiv, und wie helfen der Königin für ihre Bademeister würden
Snowden: Aufgabe der NSA ist es, von al- internationale Partner der NSA? mitgeschnitten, wenn es sie gäbe.
lem Wichtigen zu wissen, das außerhalb
der Vereinigten Staaten passiert. Das ist „Tempora saugt alle Daten auf –
eine beträchtliche Aufgabe, und den Leu-
ten dort wird vermittelt, dass es eine exis- egal worum es geht.“
tentielle Krise bedeuten kann, nicht alles
über jeden zu wissen. Und dann glaubt Snowden: Die Partner bei den „Five Eyes“ Frage: Arbeiten die NSA und ihre Partner
man irgendwann, dass es schon in Ord- (dahinter verbergen sich die Geheim- mit einer Art Schleppnetz-Methode, um
nung ist, sich die Regeln etwas hinzubie- dienste der Amerikaner, der Briten, der Telefonate, Texte und Daten abzufangen?
gen. Und wenn die Menschen einen dann Australier, der Neuseeländer und der Ka- Snowden: Ja, aber wie viel sie mitschnei-
dafür hassen, dass man die Regeln ver- nadier –Red.) gehen manchmal weiter als den können, hängt von den Möglichkei-
biegt, wird es auf einmal überlebenswich- die NSA-Leute selbst. Nehmen wir das ten der jeweiligen Anzapfstellen ab. Es
tig, sie sogar zu brechen. Tempora-Programm des britischen Ge- gibt Daten, die für ergiebiger gehalten
Frage: Sind deutsche Behörden oder deut- heimdienstes GCHQ. Tempora ist der ers- werden und deshalb häufiger mitgeschnit-
sche Politiker in das Überwachungssys- te „Ich speichere alles“-Ansatz („Full ten werden können. Aber all das ist eher
tem verwickelt? take“) in der Geheimdienstwelt. Es saugt ein Problem bei ausländischen Anzapf-
Snowden: Ja natürlich. Die (NSA- alle Daten auf, egal worum es geht und Knotenpunkten, weniger bei US-ameri-
Leute –Red.) stecken unter einer Decke welche Rechte dadurch verletzt werden. kanischen. Das macht die Überwachung
mit den Deutschen, genauso wie mit den Dieser Zwischenspeicher macht nachträg- auf eigenem Gebiet so erschreckend. Die
meisten anderen westlichen Staaten. Wir liche Überwachung möglich, ihm entgeht Möglichkeiten der NSA sind praktisch
(im US-Geheimdienstapparat –Red.) war- kein einziges Bit. Jetzt im Moment kann grenzenlos – was die Rechenleistung an-
nen die anderen, wenn jemand, den wir er den Datenverkehr von drei Tagen spei- geht, was den Platz oder die Kühlkapa-
packen wollen, einen ihrer Flughäfen be- chern, aber das wird noch optimiert. Drei zitäten für die Computer angeht.
nutzt – und die liefern ihn uns dann aus.
Die Informationen dafür können wir zum
Beispiel aus dem überwachten Handy der
Freundin eines verdächtigen Hackers ge-
zogen haben, die es in einem ganz ande-
ren Land benutzt hat, das mit der Sache
nichts zu tun hat. Die anderen Behörden
fragen uns nicht, woher wir die Hinweise
haben, und wir fragen sie nach nichts. So
können sie ihr politisches Führungsper-
sonal vor dem Backlash (deutsch etwa:
Rückschlag –Red.) schützen, falls heraus-
kommen sollte, wie massiv weltweit die
Privatsphäre von Menschen missachtet
wird.
Frage: Aber wenn jetzt Details dieses Sys-
tems enthüllt werden, wer wird dafür vor
Gericht gestellt werden?
ABACA / PICTURE-ALLIANCE / DPA

Snowden: Vor US-Gerichte? Das meinen


Sie doch nicht ernst, oder? Als der letzte
große Abhörskandal untersucht wurde –
das Abhören ohne richterlichen Be-
schluss, das Abermillionen von Kommu-
nikationsvorgängen betraf – hätte das ei-
gentlich zu den längsten Haftstrafen der
Weltgeschichte führen müssen. Aber Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad in Atomanlage 2008: Schadprogramm von der NSA

D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 23
Titel

Frage: Die NSA baut ein neues Datenzen- Frage: Helfen Privatunternehmen der doch sicher mehr Firmen dieser Art ge-
trum in Utah. Wozu dient es? NSA? ben, wenn die kollaborierenden Konzer-
Snowden: Das sind die neuen Massenda- Snowden: Ja. Aber es ist schwer, das nach- ne von den Kunden abgestraft würden.
tenspeicher. zuweisen. Die Namen der kooperie- Das sollte höchste Priorität aller Com-
Frage: Für wie lange werden die gesam- renden Telekom-Firmen sind die Kron- puternutzer sein, die an die Freiheit der
melten Daten aufbewahrt? juwelen der NSA … Generell kann man Gedanken glauben.
Snowden: Jetzt im Moment ist es noch so, sagen, dass man multinationalen Kon- Frage: Vor welchen Websites sollte man
dass im Volltext gesammeltes Material zernen mit Sitz in den USA nicht trauen sich hüten, wenn man nicht ins Visier der
sehr schnell altert, innerhalb von ein paar sollte, bis sie das Gegenteil bewiesen ha- NSA geraten will?
Tagen, vor allem durch seine gewaltige ben. Das ist bedauerlich, denn diese Un- Snowden: Normalerweise wird man auf-
Masse. Es sei denn, ein Analytiker mar- ternehmen hätten die Fähigkeiten, den grund etwa des Facebook-Profils oder
kiert ein Ziel oder eine bestimmte Kom- weltweit besten und zuverlässigsten Ser- der eigenen E-Mails als Zielobjekt mar-
munikation. In dem Fall wird die Kom- vice zu liefern – wenn sie es denn woll- kiert. Der einzige Ort, von dem ich
munikation bis in alle Ewigkeit gespei- ten. Um das zu erleichtern, sollten Bür- persönlich weiß, dass man ohne diese
chert, eine Berechtigung dafür bekommt gerrechtsbewegungen diese Enthüllun- spezifische Markierung zum Ziel wer-
man immer. Die Metadaten (also Verbin- gen jetzt nutzen, um sie anzutreiben. Die den kann, sind die Foren von Dschiha-
dungsdaten, die verraten, wer wann mit Unternehmen sollten einklagbare Klau- disten.
wem kommuniziert hat –Red.) altern we- seln in ihre Nutzungsbedingungen schrei- Frage: Was passiert, wenn die NSA einen
niger schnell. Die NSA will, dass wenigs- ben, die ihren Kunden garantieren, dass Nutzer im Visier hat?
tens alle Metadaten für immer gespei- sie nicht ausspioniert werden. Und sie Snowden: Die Zielperson wird komplett
chert werden können. Meistens sind die müssen technische Sicherungen einbau- überwacht. Ein Analytiker wird täglich
Metadaten wertvoller als der Inhalt der en. Wenn man auch nur eine einzige einen Report über das bekommen, was
Kommunikation. Denn in den meisten Firma zu so etwas bewegen könnte, wür- sich im Computersystem der Zielperson
Fällen kann man den Inhalt wiederbesor- de das die Sicherheit der weltweiten geändert hat. Es wird auch … Pakete
gen, wenn man die Metadaten hat. Und Kommunikation verbessern. Und wenn jener Daten geben, die die automati-
falls nicht, kann man alle künftige Kom- das nicht zu schaffen ist, sollte man sich schen Analysesysteme nicht verstanden
munikation, die zu diesen Metadaten überlegen, selbst eine solche Firma zu haben, und so weiter. Der Analytiker
passt und einen interessiert, so markie- gründen. kann entscheiden, was er tun will – der
ren, dass sie komplett aufgezeichnet wird. Frage: Gibt es Unternehmen, die sich wei- Computer der Zielperson gehört nicht
Die Metadaten sagen einem, was man gern, mit der NSA zu kooperieren? mehr ihr, er gehört dann quasi der US-
vom breiten Datenstrom tatsächlich ha- Snowden: Ja, aber ich weiß nichts von ei- Regierung. JACOB APPELBAUM,
ben will. ner entsprechenden Liste. Es würde je- LAURA POITRAS

„Wir sind alle verwundbar“


Der US-Aktivist und „Cypherpunk“ Jacob Appelbaum über die Enthüllungen
von Edward Snowden – und was sie bedeuten

V
or den Veröffentlichungen von hörde würde es einem Diktator ermögli- alle demokratischen Spielregeln ein
Glenn Greenwald, Laura Poitras chen, ein System totaler Tyrannei zu er- Netz annähernd globaler Überwachung
und Barton Gellman, in denen sie richten, gegen das niemand ankämpfen aufzubauen. Und das ist eben keine
Edward Snowdens Enthüllungen über die könnte. Damals war es allerdings noch Verschwörungstheorie, sondern ein Ge-
Verstöße gegen Menschenrechte detail- unvorstellbar, dass einige wenige Staaten schäftsmodell.
liert darlegten, wusste die Öffentlichkeit mit der Hilfe privater Firmen irgend- Diejenigen, die das wussten oder die
nur sehr wenig über die dunkle Realität wann in der Lage sein könnten, gegen es zumindest ahnten, aber auch dieje-
der weltweiten Überwachung. nigen, die dafür sorgen wollten, dass die-
Einen Vorläufer dessen, was wir gerade ses Thema offen diskutiert wird, wurden
erleben, gab es in den USA mit dem Se- in den vergangenen Jahren weitgehend
nator Frank Church in den siebziger Jah- ignoriert oder als Paranoiker bezeichnet.
re des vorigen Jahrhunderts. Er stieß da- Aber es gab sie, und es gab sogar zu
mals eine intensive Debatte um schweren viele, als dass man sie alle nennen könnte.
Machtmissbrauch bei Geheimdiensten Gruppen wie die Electronic Frontier
und bei der Bundespolizei an. Der Foundation oder die American Civil Li-
Church-Ausschuss untersuchte die Akti- berties Union sind längst nicht allen be-
vitäten der Central Intelligence Agency kannt. Auch Einzelkämpfer wie Mark
(CIA), der National Security Agency Klein, der eine Abhöranlage in einer Ein-
CARSTEN KOALL

(NSA) und des Federal Bureau of Investi- richtung des Telefonriesen AT&T ent-
gation (FBI). deckt hatte, kennen nur wenige. Die In-
Senator Church warnte damals das formationen, die Klein enthüllte, wurden
amerikanische Volk und die Welt vor Chiffrier-Experte Appelbaum heruntergespielt, dabei waren sie ein
der Macht der NSA. Er sagte, diese Be- „Bestätigung von ganz oben“ wichtiges Beispiel für das umfassende
24 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
SERGEI GRITS / AP / DPA

Bildschirm mit Snowden im Moskauer Flughafen: „Heute zieht beinahe jeder eine Datenspur hinter sich her, die manipuliert werden kann“

Spionageprogramm der NSA. Auch an- zige ist, der wegen dieser Folterpraktiken tung lieferte, die damit dann ihre kontrol-
dere Whistleblower, die als NSA-Ange- im Gefängnis sitzt. Er wurde inhaftiert, lierten Gesellschaften schufen, ausbauten
stellte Geheimnisse ihrer Behörde offen- weil er die Wahrheit enthüllt hat, wäh- und absicherten.
gelegt haben, wie Thomas Drake und rend es scheint, dass nicht ein einziger Während der Westen also in der Öf-
William Binney, werden durch die neuen Agent für seine Beteiligung an diesen fentlichkeit die totale Kontrolle über eine
Enthüllungen jetzt bestätigt – allerdings Folterprogrammen verurteilt wurde. Gesellschaft verurteilt, haben wir es ge-
nur indirekt und widerwillig. Es gibt einen Zusammenhang zwischen schafft, ein umfassendes Überwachungs-
Denn die Bestätigung kommt von ganz solchen Praktiken und den Überwa- system zu etablieren und zugleich von
oben, von Präsident Barack Obama chungsprogrammen, der nur wegen der der Warte der moralischen Überlegenheit
selbst. Er rechtfertigte die Überwachung, absoluten Geheimhaltung dieser Vorgän- aus zu argumentieren. Diese moralische
indem er alle Menschen als potentielle ge verborgen bleibt. Die illegalen, verfas- Überlegenheit mag hart erkämpft worden
Gefahrenquellen darstellte, die keinen sungswidrigen und unmoralischen Hand- sein, doch nun wird sie zum Gegenstand
US-amerikanischen Pass besitzen oder lungsweisen jener beinahe weltweit ope- öffentlichen Spotts, weil die Enthüllungen
nicht das Glück haben, auf US-amerika- rierenden Dienste geschehen ja nicht im Edward Snowdens das Ausmaß der Über-
nischem Boden zu leben. Eine Bestäti- luftleeren Raum. Genauso wenig, wie sie wachung eines jeden gewöhnlichen Bür-
gung kommt aber auch ausgerechnet von auf der Basis demokratischer Prinzipien gers offenlegen.
jenem Justizministerium, das so hart geschehen. Die Massenüberwachung von Mails
daran arbeitet, amerikanische Whistle- Diejenigen, die keine direkten Verbin- ruft Bilder von dampfenden Kesseln und
blower zu verfolgen. dungen zur NSA haben, wie beispielswei- von Geheimpolizisten hervor, die über
solchen Kesseln unermüdlich Briefe öff-
„Verschlüsselungs-Software kann uns helfen, nen. Zu Recht oder zu Unrecht hat ein
großer Teil der Weltbevölkerung gedacht,
eine Schleppnetzsuche zu verhindern.“ solche Zeiten lägen hinter uns. Schließ-
lich haben wir nicht für einen scheinbar
Dieses Justizministerium schreckt nicht se ich, wie der WikiLeaks-Gründer Julian allumfassenden Überwachungsstaat ge-
davor zurück, die Existenz von Menschen Assange und andere aus der Cypherpunk- stimmt und würden auch nicht dafür
zu bedrohen, die es gewagt haben, gehei- Bewegung wurden mit der Begründung stimmen. Und ganz sicher nicht für einen,
me Gesetze und die absolute Straflosig- verleumdet, uns fehle schlicht der Bezug der im Geheimen operiert, in dem auch
keit für die Ausführenden solcher Geset- zur Realität. Die angeprangerten Verstö- US-Bürger kaum eine Möglichkeit haben,
ze anzuprangern. ße gehörten, so hieß es, vielleicht in Nord- irgendjemanden zur Verantwortung zu
Etwa die Existenz von Leuten wie dem korea zur Realität, in Burma oder im au- ziehen.
ehemaligen CIA-Mann John Kiriakou, toritären, kommunistischen China – aber Wenn wir über das sogenannte „legale
der es gewagt hat, das sogenannte Wa- doch nicht im freien Westen. Selbst wenn Abhören“ nachdenken, nehmen wir ver-
terboarding aufzudecken, die Foltertech- dieser freie Westen genau jenen autoritä- nünftiger- oder unvernünftigerweise an,
nik des Dienstes – und der heute der Ein- ren Regimen die technologische Ausrüs- dass nur unsere Gerichte befugt wären,
D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 25
Titel

eine solche Verletzung der Privatsphäre mit der gezielten Überwachung oder der mit einem nahezu allumfassenden Zu-
zu genehmigen und damit ein grund- Informationsgewinnung per Schleppnetz. gang zu Informationen anfangen kann.
legendes, verfassungsgeschütztes Men- Die Erkenntnis, dass für einen Großteil Zugang zu Informationen, die übertragen
schenrecht einzuschränken. Eine Abhör- der Welt der gesamte Überwachungskom- oder gespeichert wurden ohne den
erlaubnis verlangt ein rechtsstaatliches plex und seine Ergebnisse in der Tat eine Schutz, den kryptografische Verfahren
Verfahren, schließlich sollte jede Form neue Realität darstellen, ist Snowden zu bieten, ist einfach ein zu einladendes Ziel,
von Kommunikationsüberwachung nicht verdanken. Und die Zyniker haben eben als dass irgendjemand widerstehen könn-
ohne guten Grund und nur unter recht- nicht recht, wenn sie behaupten, dass da- te. Und deshalb widerstehen die Geheim-
lichen Auflagen geschehen. Und wenn es gegen nichts getan werden könne. Der dienste auch nicht, sondern arbeiten in
eine solche Überwachung gibt, sollte sie Schleppnetzüberwachung kann man auf einem beispiellosen Umfang zusammen.
angemessen und ausgewogen sein. Hinter drei Arten begegnen. Sie handeln mit Daten, die zu sammeln
dieser Vorstellung steckt der Glaube, dass Als Erstes müssen wir uns klarmachen, für die beteiligten Behörden in ihren ei-
das Recht Überwachungsmaßnahmen ein- dass der gegenwärtige Zustand nicht die genen Ländern illegal wäre, die sie aber
schränkt und abwägt. Doch das ist ein natürliche Ordnung der Dinge ist. Wir soll- als Handelsobjekte den jeweils anderen
Trugschluss, der am besten als ein Vor- ten uns fragen, wie wir dazu stehen. Und anbieten können.
täuschen von Rechtsstaatlichkeit bezeich- wir sollten nicht nur im Blick behalten, Kryptografie, die Wissenschaft von Ver-
net werden kann. was nun bestätigt ist, sondern auch das, schlüsselung und Informationssicherheit,
Die Vorstellung, es sei in der Tat das was in Sachen Überwachung technolo- ist das Feld, auf dem Computersysteme
Recht, das darüber entscheidet, was pas- gisch in naher Zukunft möglich sein wird. und mathematische Formeln zusammen-
siert und wie es passiert, trifft nicht zu; Zweitens müssen wir verstehen, dass treffen, wobei Vertraulichkeit, Authentizi-
in Wirklichkeit ist es die Technologie, es nicht von Menschen gemachte Gesetze tät und Integrität einer Information her-
sind es die Hardware und die Codes. Die sind, welche die Technologie und die Ka- gestellt werden kann – um die Privatsphä-
Dienste wägen auch nicht amerikanische pazitäten eines technologischen Systems re zu sichern. Verschlüsselungs-Software
oder europäische Verfassungsgrundsätze einschränken können, allenfalls Natur- kann uns helfen, eine effektive Schlepp-
ab, bevor sie mit ihrer taktischen oder gesetze können das. Und es sind mathe- netzsuche zu verhindern. Sie erlaubt es
strategischen Überwachung beginnen, matische Formeln, die festlegen, was man außerdem, gewisse Formen von Manipu-
lation bei einer zielgerichteten Überwa-
chung zu erkennen. Normalerweise sollte
Freund hört mit Methoden zum Abhören von Glasfasernetzen man denken, dass solche Schutzmechanis-
men längst Teil der Informationsübertra-
gung sind. In Wahrheit sind derartige
Spleißen Übertragungssysteme wegen allzu großer
Die Glasfasern werden mit der Spleißmaschine getrennt Interessenkonflikte in voller Absicht mit
und mit Verbindungssteckern versehen. Dann kann ein Schwachstellen behaftet.
Lesegerät zwischengeschaltet werden. Die dritte Tatsache ist nur schwer ein-
– Die Verbindung muss unterbrochen werden, zugestehen. Wenn es um das „legale Ab-
was Verdacht erregen kann. hören“ geht, sind wir grundsätzlich alle
verwundbar. Wenn das FBI mein Telefon
abhört oder das von Journalisten der
Nachrichtenagentur AP – wie es das Wa-
Biegekopplung shingtoner Justizministerium vor kurzem
Das Licht folgt größtenteils der Kurve des Glasfaserkerns.
veranlasst hat –, dann ist letztlich jeder
Ein kleiner Teil strahlt aber über die Ummantelung hinaus
und kann aufgefangen und ausgewertet werden. Bürger verwundbar. Und diese Verwund-
barkeit reicht weit über die Grenzen
+ Biegekoppler gibt es ganz legal für ein
paar hundert Euro im Fachhandel für
Amerikas hinaus. Diejenigen, die sich an
Fernmeldetechniker. ohne Kontakt den Protesten in Iran beteiligt haben, wur-
Aus jedem Kabel strahlen minimale Lichtmengen, den überwacht mit Hilfe eines Systems,
+ Das Signal ändert sich
die sogenannte Rayleigh-Streuung. Hochempfindliche das ursprünglich für eine legale Über-
kaum wahrnehmbar.
Fotodetektoren fangen diese auf und verstärken sie. wachung entwickelt worden ist. Es wurde
+ Der Datenklau ist überhaupt nicht nachweisbar. später unter völlig anderen Umständen
eingesetzt – unter Umständen, in denen
es nicht mal einen Hauch von Respekt
vor Menschenrechten gab.
verdrillte Das ist ein Effekt, der breite soziale,
Stahlseile wirtschaftliche und sogar emotionale Fol-
gen hat und den wir gerade erst an-
fangen zu diskutieren. Wir haben die-
se Effekte noch nicht einmal richtig
Biegekoppler begreifen können, weil ihre wahren
für einfache Ursachen verdunkelt werden durch
Glasfaserkabel Lichtwellenleiter eine unverständliche Sprache, durch
stumpfsinnige technologische De-
tailversessenheit und natürlich
durch die obsessive Geheimniskrä-
merei der Dienste.
Ummantelung Deshalb ist dieser Mechanismus so
Das vom britischen Geheimdienst abgehörte aus Polyethylen schwer zu verstehen: Jedes Mal, wenn
Kabel zwischen Europa und den USA ist 5 cm dünn,
15000 Kilometer lang und enthält nur 8 Glasfasern.
Wasserbarriere Paraffin etwa die deutsche Regierung hier Kom-
aus Aluminium promisse eingeht, ist die amerikanische
26
CHAD BUCHANAN / GETTY IMAGES
Snowden-Unterstützer in Berlin: „Es ist Zeit, ihm politisches Asyl zu gewähren“

NSA in der Lage, den demokratischen tionen, die von allen möglichen Ge- das Schicksal von Joseph Nacchio und
Prozess in Deutschland zu unterlaufen. heimdiensten abgefangen werden. Das daran, dass die Manager wenig wussten,
Das haben Snowdens Enthüllungen zum macht das Schicksal von Joseph Nacchio dass sie möglicherweise keine Berechti-
„Boundless Informant“-System gezeigt: deutlich. gung für den Zugang zu diesem Staats-
Denn in den USA liegen in riesiger Zahl Als Chef der US-Telekommunikations- geheimnis hatten – oder es ihnen ver-
deutsche Verbindungsdaten vor, deren firma Qwest Communications Internatio- boten ist, darüber zu reden. Schließlich
Speicherung hierzulande nicht verfas- nal lehnte er eine Forderung der NSA ab, haben sogar amerikanische Kongress-
sungsgemäß ist. Kundendaten herauszugeben, das war mitglieder eingestanden, dass auch sie
Erschwerend wirkt sich dabei aus, dass bereits sieben Monate vor den dunklen im Dunkeln gelassen wurden, obwohl sie
der deutsche Bundesnachrichtendienst Ereignissen vom September 2001 in New Zugang zur höchsten Geheimhaltungs-
und andere europäische Nachrichten- York. Ein Gericht verurteilte ihn wegen stufe hatten.
dienste mit der NSA kooperieren. Dieje- Insider-Handels. Seine Unterstützer sind In den vergangenen Jahren haben wir
nigen also, deren Aufgabe es eigentlich überzeugt, dass dies geschah, weil er mehr und mehr Daten über diese Über-
ist, Deutschland, die Niederlande, Frank- nicht mit dem Dienst kooperierte. wachungsprogramme gesehen. Das ver-
danken wir Whistleblowern wie dem Sol-
„Wir leben in einem Goldenen Zeitalter daten Bradley Manning, dem eine lebens-
lange Haftstrafe droht, weil er uns die
der Überwachung.“ Details schwerer Staatsverbrechen ver-
raten hat – inklusive solcher über die Tö-
reich oder Spanien zu schützen, tauschen Nacchio saß bis zum Frühjahr im Gefäng- tung von Reuters-Mitarbeitern im Irak.
Überwachungsinformationen mit denen nis und ist nun immer noch im offenen Dank Snowden haben wir jetzt ein brei-
aus, die außerhalb europäischer Rechts- Vollzug. teres Verständnis von der Architektur
grundlagen die Bevölkerung dieser Län- Heute zieht beinahe jeder eine Daten- des sogenannten Sicherheitssystems –
der ausspähen. spur hinter sich her, die manipuliert und und damit eine bessere Grundlage, um
Wir haben erfahren müssen, dass wir verdreht werden kann. Firmenvorstände die längst überfällige Diskussion über un-
in einem Goldenen Zeitalter der Über- wissen um diese Machtdynamik, und nur sere alltägliche Überwachung und deren
wachung leben. Snowden hat Informatio- wenige wagen es aufzumucken – falls es Folgen zu führen.
nen bekanntgemacht, die weit über vor- überhaupt einige wagen und falls es über- Snowden hat schon jetzt viel bewegt.
herige Enthüllungen hinausgehen: Der haupt welche gibt, die das Spiel durch- Es ist Zeit für Staaten in aller Welt, ihm
Bauplan des Überwachungssystems, die schauen. politisches Asyl zu gewähren. Und es
Partner in diesem System und die Pläne Wenn wir die Dementis lesen, welche wäre Zeit für einen neuen Church-Aus-
für die Zukunft werden nun öffentlich er- die Firmenchefs von Google, Microsoft schuss, einen internationalen.
kennbar. und Co. nach der Enthüllung des Über- „Die Wahrheit wird herauskommen“,
Bei diesen Überwachungssystemen wachungsprogramms Prism abgaben, sagt Snowden, „man kann sie nicht
geht es nicht einfach nur um Informa- müssen wir immer an beides denken: an stoppen.“ 
D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 27
Offenbar ist die CSU-Spitze sogar bereit,
die Vorschläge der alten Intimfeindin
Leutheusser-Schnarrenberger zu prüfen.
Erste öffentliche Signale sandte See-
hofer am Sonntag vor zwei Wochen. Die
FDP feierte 150 Jahre Liberalismus in
Bayern, und Seehofer lobte Leutheusser-
Schnarrenberger in höchsten Tönen – vor
allem wegen ihres anhaltenden Wider-
stands beim Thema Datenspeicherung.
„Das ist eine liberale Grundhaltung, die
mir Respekt abnötigt“, flötete er.
CSU-Innenpolitiker, die Leutheusser-
Schnarrenberger jahrelang bekämpft ha-

ULLSTEIN BILD
ben, schäumen. „Die CSU hat einen ein-
deutigen Parteitagsbeschluss für die Vor-
ratsdatenspeicherung, und dafür trete ich
Konservative Friedrich, Seehofer: Kampf ohne den Chef ein“, sagt Hans-Peter Uhl. Warum sonst
habe man auf dem Parteitag diese „über-
Das sperrige Wort Vorratsdatenspeiche- wältigende Mehrheit“ für das Datensam-
PA R T E I E N rung steht für das massenhafte Horten der meln gewonnen, gegen die Stimmen „nur
Verbindungsdaten von E-Mails, Telefon- von einem Dutzend Hanseln“?

Seehofers gesprächen und Internetnutzung für


die Strafverfolgung. Telekommunikations-
firmen speichern sie für ihre Rechnungen,
Stefan Müller, parlamentarischer Ge-
schäftsführer der CSU-Landesgruppe im
Bundestag, gibt sich dagegen kompro-

Fukushima Strafverfolger würden sie gern aussieben,


um Terroristen und Kriminelle zu lokali-
sieren. Datenschützer warnen, dann wäre
missbereit. Zwar ist er davon überzeugt,
dass eine Mindestspeicherfrist notwendig
sei: „Wie lange diese Frist sein muss, dar-
Der Datenskandal der USA treibt die Privatsphäre im Netz dahin. über kann man aber reden.“
den CSU-Parteichef zu un- Seit Jahren kämpft die Union für das Unterstützung für Seehofer kommt von
orthodoxen Schritten. Gegen seine Vorhaben, zumal Deutschland eine ent- den Netzpolitikern wie der stellvertre-
sprechende EU-Richtlinie umsetzen müss- tenden Generalsekretärin Dorothee Bär.
Partei und die CDU stellt er die te und wegen der Verspätung schon vor „Die Abhörskandale zeigen, dass auch
Vorratsdatenspeicherung in Frage. dem Europäischen Gerichtshof in Luxem- der Staat mit den Daten seiner Bürger
burg verklagt wurde. Bislang waren die sensibel umgehen muss.“ Ein „vernünf-

C
SU-Chef Horst Seehofer hat ein Fronten klar: Innenminister Hans-Peter tiger Ausgleich zwischen innerer Sicher-
untrügliches Gespür dafür, was das Friedrich inszenierte sich als Law-and-Or- heit und Datenschutz“ sei nötig, so Bär,
Volk will. Umfragen sind für ihn der-Mann. Justizministerin Leutheusser- „erst recht vor dem Hintergrund der neu-
Gesetz, auch traditionelle Überzeugun- Schnarrenberger, FDP, konnte als oberste en Erkenntnisse“.
gen seiner Partei sind nicht mehr viel Datenschützerin Punkte sammeln. Auch in der CDU kommt Bewegung
wert, wenn sich die Stimmung dreht. Die Jetzt steht fest: CSU-Mann Friedrich in die Debatte. Zwar dementiert Gene-
Studiengebühren und der Donauausbau kämpft ohne seinen Parteichef. Viele Si- ralsekretär Hermann Gröhe heftig, dass
wurden nach diesem Prinzip vor kurzem gnale verraten, wie sehr die Ausspähskan- es einen Kurswechsel gebe. Doch das
erst beerdigt. dale die alte Position der Unionsparteien findet offenbar nicht einmal die eigene
Jetzt macht sich Seehofer an die nächste durcheinanderwirbeln. So taucht der Parteispitze überzeugend. „Ich kann mir
Kursbegradigung. Es ist ein Schwenk, der Kampfbegriff „Vorratsdatenspeicherung“, gut vorstellen, dass wir unsere bisherigen
an der DNA der CSU rührt: Der Parteichef anders als noch im Koalitionsvertrag 2009, Antworten auf Fragen des Datenschutzes
stellt die harte Haltung seiner Partei bei im gemeinsamen Wahlprogramm nicht und der inneren Sicherheit neu justieren
der Vorratsdatenspeicherung auf den Prüf- mehr auf. Stattdessen ist jetzt von einer müssen“, sagt die stellvertretende CDU-
stand. „Vor dem Hintergrund der letzten „Mindestspeicherfrist“ die Rede, das Vorsitzende Julia Klöckner. Eine Kom-
Wochen ist auf strikten Datenschutz noch klingt freundlicher, meint aber dasselbe. mission aus Sicherheitsexperten und
größerer Wert zu legen“, sagt er. Doch Seehofer geht es nicht um Worte, Datenschützern könnte neue Vorschläge
Der Parteichef hat erkannt, wie sehr er fühlt die Stimmung. Zarte Andeutun- erarbeiten. „Das gilt auch für die Vor-
sich die innenpolitische Debatte durch das gen, dass ihm die Linie seiner Partei in ratsdatenspeicherung.“
massive Ausspähen deutscher Daten durch Datenschutzfragen nicht gefällt, gab es Der Koalitionspartner frohlockt. Es sei
amerikanische Geheimdienste verändert immer wieder. So plädierte er vor gut „außerordentlich erfreulich, dass es auch
hat. Der Datenskandal um die NSA ist zwei Jahren bei einem Netzkongress für in der Union immer mehr vernünftige
Seehofers Fukushima. Und wie nach der eine offene Debatte „ohne Scheuklap- Stimmen gibt“, sagt der FDP-Innen-
Atomkatastrophe von Japan gilt nun auch pen“. Er weiß, wie mies der Ruf seiner experte Hartfrid Wolff. Er hält Friedrich
für die Datensammelei: so weit wie mög- Partei im Netz ist. und Seehofer gleich das nächste Stöck-
lich aussteigen, und zwar am besten sofort. Heute wird er in kleinem Kreis noch chen hin. Die beiden müssten nun auch
Mit einer CSU, in der die innere Sicher- viel deutlicher. Bei den nächsten Koali- „Farbe bekennen und sich dafür einset-
heit alles und der Datenschutz fast nichts tionsverhandlungen will der CSU-Chef zen, dass die EU-Richtlinie zur Vorrats-
gilt, will Seehofer nicht in den Wahl- dafür sorgen, dem Datenschutz mehr Ge- datenspeicherung abgeschafft oder zu-
kampf gehen. Er kämpft bei der Land- wicht zu geben, heißt es. CSU-Strategen mindest überarbeitet wird“.
tagswahl am 15. September um die abso- überlegen sogar schon konkrete Planspie- Ob Seehofer das will, weiß derzeit nicht
lute Mehrheit in Bayern. Für Kleingeister, le für einen Kompromiss zum Datenstreit. mal er selbst. Doch die Operation Kurs-
die an Parteitagsbeschlüsse erinnern, hat So könnte Deutschland darauf dringen, schwenk hat begonnen. MELANIE AMANN,
er da kein Verständnis. die europäischen Vorgaben zu ändern. PETER MÜLLER, JÖRG SCHINDLER

28 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
Deutschland

SPI EGEL-STREITGESPRÄCH

„Ach, Herr Lucke!“


Der Chef der konservativen AfD Bernd Lucke, 50, und Linkspartei-Vizin
Sahra Wagenknecht, 43, erklären die Euro-Rettung für gescheitert.
Wenn es aber um die Lösung der Krise geht, prallen ihre Vorstellungen aufeinander.
SPIEGEL: Frau Wagenknecht, Sie haben vor
kurzem gewarnt: „Wer die Gründer der
Alternative für Deutschland (AfD) als
Populisten abstempelt, macht es sich zu
leicht. In vielen Punkten haben sie mit
ihrer Kritik an der Euro-Rettung recht.“
Hat sich Herr Lucke schon für die Wahl-
kampfhilfe bedankt?
Wagenknecht: Wahlkampfhilfe? Das ist ja
wohl ein Scherz. Nein, er hat sich nicht
bedankt.
Lucke: Das hole ich gern nach. Vielen
Dank, das ist sehr nett von Ihnen. Nicht
alle haben so fair über uns geredet.
SPIEGEL: Nehmen Sie das Dankeschön an?
Wagenknecht: Herr Lucke weiß, dass wir
viele Positionen der AfD für falsch halten.
Aber ihre Kritik an der Euro-Politik der
Regierung entspricht dem, was die Linke
seit Jahren vertritt. Nur weil Herr Lucke
aus einer anderen politischen Richtung
kommt, stelle ich mich doch nicht hin und
sage: „Alles falsch.“ Im Gegenteil: Es
spricht für die Linke, dass unsere Kritik
inzwischen von vielen übernommen wird.
Lucke: Sie überschätzen sich. Meine Euro-
Kritik stützt sich allein auf ökonomische
Erkenntnisse. Was die Linke dazu sagt,
habe ich nie verfolgt.
Wagenknecht: Dann sind wir unabhängig
voneinander zum gleichen Ergebnis ge-
kommen: Frau Merkels Politik rettet den
Euro nicht, sie zerstört ihn.
SPIEGEL: Warum?
Wagenknecht: Wir helfen den Krisenlän-
dern doch gar nicht. Milliarden Euro ha-
ben wir dafür verschleudert, marode Ban-
ken zu sanieren, statt ihre Eigentümer
und Gläubiger die Verluste tragen zu las-
sen. Und gleichzeitig diktieren wir den
Staaten brutale Kürzungsprogramme, die
sie in eine schwere Wirtschaftskrise stür-
zen, die zu noch höheren Schulden führt.
Lucke: Richtig. Und jetzt brauchen diese
Länder einen Schuldenschnitt. Dann ge-
hen Deutschland Dutzende Milliarden
Euro verloren. Aber es gibt auch einen
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

wichtigen Unterschied zwischen den Lin-


ken und uns.
SPIEGEL: Und der lautet?
Lucke: Die Linke will den Euro erhalten,
obwohl das Lohnsenkungen in Südeuro-
pa um rund 30 Prozent erforderlich
macht. Das ist aber politisch überhaupt Kontrahenten Wagenknecht, Lucke: „Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen“

D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 29
nicht durchsetzbar. Deshalb wollen wir
eigene Währungen für die Krisenstaaten,
mit einer Abwertung können sie dann
wettbewerbsfähiger werden.
Wagenknecht: Nicht allein die südeuropäi-
schen Staaten sind an den jetzigen Pro-
blemen schuld, sondern auch Deutsch-
land. In der Lohnpolitik gibt es die gol-
dene Regel, dass die Gehälter so rasch
steigen sollten wie die Produktivität der
Arbeitnehmer.
SPIEGEL: Was in Südeuropa nicht der Fall
war.
Wagenknecht: Am meisten ist Deutschland
von dieser Regel abgewichen. Nach un-
ten. Inflationsbereinigt sind die Löhne
bei uns seit dem Jahr 2000 deutlich ge-
sunken. So ist es keine Kunst, Europa mit
Exporten zu überschwemmen. Daran
wird der Euro früher oder später zerbre-
chen. Um das zu verhindern, muss das
deutsche Lohndumping gestoppt werden.
XINHUA / EYEVINE

Lucke: Falsch. In Deutschland entsprechen


die Löhne ungefähr der Produktivität der
Arbeitnehmer. In Griechenland nicht.
Wenn die Linke hier die Gehälter in die Protestierende in Athen: „Daran wird der Euro früher oder später zerbrechen“
Höhe treiben will, verlieren auch wir
unsere Wettbewerbsfähigkeit. Das scha- vom Staat bezahlen. Wegen der schlech- Lucke: Diese Verelendungstheorie des Pro-
det uns, hilft aber nicht den Griechen. Es ten Einkommen konsumieren die Men- letariats hat noch nie gestimmt. In Wahr-
nützt Briten, Schweizern und Chinesen. schen auch weniger. Und darum impor- heit gibt es keinen Staat, in dem es den
Wagenknecht: Inzwischen kann selbst tieren wir so wenig. Als Ökonom müssten Menschen so gutgeht wie in Deutschland.
Frankreich mit den deutschen Dumping- Sie wissen, dass eine Politik der ständigen SPIEGEL: Frau Wagenknecht, wer Ihnen
löhnen nicht mehr konkurrieren. Ich woh- Exportüberschüsse Wohlstand reduziert. zuhört, kann den Eindruck gewinnen,
ne im Saarland und erlebe dort hautnah, Lucke: Falsch. Schauen Sie sich den Wohl- dass nicht Südeuropa das Problem der
wie viele französische Bauern aufgeben, stand in Deutschland doch an. Es spricht Währungsunion ist, sondern die Bundes-
weil es dort einen Mindestlohn von über nichts gegen hohe Exporte … republik. Warum fordern Sie dann nicht
neun Euro gibt, auf deutschen Feldern Wagenknecht: … wenn man entsprechend offen: „Deutschland raus aus dem Euro“?
aber nur fünf bis sechs Euro gezahlt wer- viel importiert. Wir Deutschen dagegen Wagenknecht: Weil es so simpel nicht ist
den. Jetzt exportieren wir auch noch Erd- setzen das Geld, das wir mit unseren Ex- und die Probleme nicht löst. Wir sind für
beeren und Spargel. portüberschüssen verdienen, in den Sand den Schlamassel auch nicht allein verant-
SPIEGEL: Wie wollen Sie gegensteuern? – indem wir es in US-Hypothekenpapiere wortlich. Nehmen Sie Griechenland, da
Wagenknecht: Wir müssen unser Wirt- oder griechische Staatsanleihen investie- gibt es eine korrupte Oberschicht, die in
schaftsmodell so umstellen, dass wir nicht ren. Das ist doch Irrsinn. die eigene Tasche gewirtschaftet hat und
mit möglichst geringen Löhnen auftrump- das noch immer tut. Da liegen die Ver-
fen, sondern wieder mit überlegener mögen, die für die Sanierung des Landes
Qualität. Wir haben ja auch schon vor „Die Linke versucht, mit ein
herangezogen werden sollten.
der Agenda 2010 exportiert. Damals wa- bisschen Populismus Lucke: Ich bin dafür, dass zunächst die
ren wir statt mit Billigausfuhren mit Südeuropäer ausscheiden. Man muss die
Hochtechnologie-Produkten erfolgreich. von der Anti-Euro-StimmungEuro-Zone geordnet auflösen, sonst ver-
Lucke: Wenn ein Land mit überlegener lieren wir hohe Forderungen im Ausland.
Qualität auftrumpft, dann doch Deutsch- zu profitieren.“ SPIEGEL: Das Geld ist doch auch dann weg,
land. Und dafür werden hier hohe Gehäl- wenn die Südeuropäer ausscheiden und
ter gezahlt. Von einem Billiglohnland Lucke: Wir exportieren viel, wir importie- ihre neuen Währungen massiv abwerten.
kann wirklich keine Rede sein. Unsere ren viel, und wir legen viel Geld im Aus- Lucke: Nein, unsere Forderungen lauten
Löhne zählen zu den höchsten Europas. land an – meistens rentabel. Davon pro- dann weiter auf Euro.
Wagenknecht: Das ist doch Quatsch. In der fitieren alle. Unserer Binnenkonjunktur Wagenknecht: Aber nur in der Theorie.
deutschen Industrie wird weniger bezahlt geht es gut. Die Länder können ihre Schulden doch
als in der französischen. Wagenknecht: Vielleicht nach dem Ifo-In- nicht mehr begleichen.
Lucke: Das bestreite ich. Aber die Höhe dex, aber nicht nach normalen Daten. Lucke: Doch. Wenn die Krisenstaaten
der Löhne ist nicht entscheidend. Wichtig Lucke: Doch, der Konsum ist eine wichtige nach der Abwertung wachsen, können
ist, ob sie der Produktivität entsprechen. Stütze der Konjunktur. sie ihre Schulden besser bedienen.
Da hat Frankreich ein Problem, während Wagenknecht: Die Binnenkonjunktur sorgt SPIEGEL: Herr Lucke, wenn Ihr Weg über-
unsere Arbeitnehmer gut verdienen, weil für weniger als ein Prozent Wachstum. zeugend wäre, müssten die Regierungen
sie leistungsfähig sind. Das ist ja eine großartige Stütze. Eine sol- der Krisenländer ihn doch längst gehen.
Wagenknecht: Wer in Werkverträge oder che Situation gab es früher nicht: Die Warum folgen sie Ihrem Ratschlag nicht?
Leiharbeit gedrängt wurde, verdient mi- Reallöhne sind massiv gesunken, mehr Lucke: Noch bleiben sie im Euro, weil man
serabel. Große Exportkonzerne beschäf- als jeder fünfte Beschäftigte arbeitet im die Hand nicht beißt, die einen füttert.
tigen Leute für acht Euro pro Stunde und Niedriglohnsektor, der Konsum stagniert, Frau Wagenknecht hat ja recht, dass es
lassen sich einen Teil der Lohnkosten es wird kaum investiert. eine komische Fütterung ist, weil sie nicht
30 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
Deutschland

den Menschen hilft, sondern den Banken. rungsunion. Es darf aber keine gemein- Bundestagswahl zusammen bei gerade
Aber wenn die Länder auf sich selbst ge- same Haftung geben – weder über Ret- einmal zehn Prozent. Könnte es sein, dass
stellt wären, weil sie keine Hilfen mehr tungsschirme noch Euro-Bonds. Sonst Sie die Geisterfahrer sind?
bekämen, würden sie aussteigen. sollten wir lieber alle zu nationalen Wäh- Lucke: Wir liegen in Umfragen bei drei
Wagenknecht: Viele Menschen in Süd- rungen zurückkehren. Prozent, so schlecht ist das nicht. Schließ-
europa haben natürlich Angst um ihre Er- SPIEGEL: Transferzahlungen und die Über- lich kennen uns viele Menschen noch
sparnisse. Außerdem kommt der Auf- nahme von Schulden drohen doch so nicht. Das wird sich im Wahlkampf än-
schwung, den Herr Lucke hier prognosti- oder so. Kaum jemand glaubt, dass Grie- dern. Aber es gibt auch ein kommunika-
ziert, nicht automatisch. Griechenland chen, Portugiesen, im Zweifel selbst die tives Problem. Die Euro-Krise ist sehr
hat derzeit kaum Produkte, die es expor- Iren ihre Verpflichtungen langfristig be- kompliziert. Ein beträchtlicher Teil der
tieren könnte. Dafür würden sich die Im- dienen können. Bevölkerung folgt trotz großer Verunsi-
porte extrem verteuern, etwa von Nah- Lucke: Bestimmte Transfers können wir cherung noch der Bundesregierung. Dass
rungsmitteln. Also gäbe es Inflation. nicht mehr verhindern, das stimmt. Nach wir viele Menschen noch nicht mit unse-
Trotzdem kann man zu dem Schluss kom- der Bundestagswahl werden die Steuer- ren Argumenten erreichen, heißt nicht,
men, dass ein Austritt besser wäre, als zahler in Mitteleuropa ein böses Erwachen dass sie falsch sind.
sich auf Dauer der Diktatur der Troika haben. Aber bislang drohen überschau- SPIEGEL: Sehen Sie das auch so, Frau Wa-
zu unterwerfen. bare Verluste, weil die Krisenländer alle genknecht?
Lucke: Die Türkei hat doch nicht viel bes- klein sind. Nur stehen die großen Staaten Wagenknecht: Natürlich wird die Linke bei
sere Produkte als Griechenland, boomt längst vor der Tür, sei es Italien oder Frank- der Bundestagswahl keine absolute Mehr-
dank ihrer eigenen Währung aber. reich. Spanien hat sogar schon angeklopft. heit holen. Aber mit uns gibt es wenigs-
SPIEGEL: Wir haben eine andere Erklä- Das weist alles in die falsche Richtung. tens eine Partei im Bundestag, die dem
rung, warum die Währungsunion noch SPIEGEL: Frau Wagenknecht, als Linke ha- verrückten Euro-Kurs der Regierung wi-
hält: Die Lage des Euro ist nicht ganz so ben Sie doch gegen Transfers von Reich derspricht und nicht wie Union, SPD,
dramatisch wie von Ihnen dargestellt. Die zu Arm bestimmt nichts einzuwenden, Grüne und FDP einfach alles abnickt.
Löhne in Südeuropa sinken längst – und oder? Lucke: Nur haben Sie keine eindeutige
die Abwertung zeigt erste Erfolge. In Wagenknecht: Wir haben aber das Gegen- Position. Lafontaine und Sie wollen zu
Griechenland boomt der Tourismus, Por- teil: Transfers von Arm zu Reich. Das nationalen Währungen zurück, aber der
tugal und Irland exportieren mehr, in Geld der Steuerzahler fließt zu Banken Rest der Linken ist für den Euro. Ihre
Spanien sinkt die Arbeitslosigkeit. War- und Multimillionären. Von den über 200 Partei wird eben nicht primär als eine
um sollte der Euro auf diesem Weg nicht Milliarden Euro, die Griechenland in den Anti-Euro-Bewegung wahrgenommen,
doch gerettet werden können? vergangenen drei Jahren an Hilfen be- sondern als SED-Nachfolgerin.
Lucke: Sie interpretieren die Daten falsch. kommen hat, sind weit über hundert Mil- Wagenknecht: Ach, Herr Lucke! Für so
SPIEGEL: Oder Sie? liarden Euro für Zins- und Tilgungszah- plump habe ich Sie nicht gehalten.
Lucke: Nein. In einer Rezession wird we- lungen an die Gläubiger des Landes ge- Lucke: Der Lackmustest in der Euro-Frage
niger importiert. Natürlich verbessert sich flossen, dazu kommen 50 Milliarden Euro ist die AfD: Je erfolgreicher wir sind, desto
dann die Handelsbilanz. Dadurch ist aber für die Rekapitalisierung der Banken. Da- schneller steuern die anderen Parteien um.
nichts besser geworden. Auch bei der mit haben wir die griechische Oligarchie SPIEGEL: Wenn jemand gegen den Euro
Produktivität ist der Zuwachs vor allem durchgefüttert, während die Bevölkerung ist, könnte er aber auf die Idee kommen,
kosmetisch. In einer Wirtschaftskrise wer- verarmt. Das ist alles das Ergebnis der er sei bei der Linken besser aufgehoben.
den die unproduktivsten Arbeitnehmer absurden Euro-Politik von Merkel. Schließlich hat sie schon 1998 im Bundes-
entlassen. Also steigt die durchschnitt- Lucke: Und von Gabriel, Trittin und Brü- tag gegen die Euro-Einführung gestimmt.
liche Produktivität der verbleibenden derle. Lucke: Aber jetzt will die Linke den Euro
automatisch an. Aber dieser Effekt wird Wagenknecht: Richtig. Von allen Parteien erhalten. Lesen Sie das Wahlprogramm.
durch Millionen Arbeitslose erkauft. außer der Linken. Wagenknecht: Wir sind im Gegensatz zur
Wagenknecht: Selbst in Irland, das immer Lucke: Und der AfD. AfD keine schlichte Anti-Euro-Partei.
als Musterstaat hingestellt wird, ist nichts SPIEGEL: Sie wähnen sich beide auf der Wer soziale Gerechtigkeit will, kann nur
auf gutem Wege. Der Staat ist wegen der richtigen Spur, aus Ihrer Perspektive sind die Linke wählen.
Bankenrettung bankrott, es wird nicht alle anderen Geisterfahrer. Die Zustim- Lucke: Die Linke versucht lediglich, mit
investiert, der Wohlstand hat sich drama- mung für Ihre Euro-Politik ist aber gering, ein bisschen Populismus von der Anti-
tisch verringert. Ihre Parteien liegen in den Umfragen zur Euro-Stimmung in der Bevölkerung zu
SPIEGEL: So düster Sie die Lage auch zeich- profitieren.
nen, Ihre Forderungen werden doch der- SPIEGEL: Das heißt: Die Linken sind die
zeit erfüllt: Sie, Frau Wagenknecht, ver- virtuellen Populisten und Sie die richti-
langen höhere Löhne in Deutschland, Sie, gen?
Herr Lucke, wollen eine interne Abwer- Lucke: Unfug. Das heißt, dass die Linke
tung, also sinkende Löhne und Preise in nur vorgibt, gegen die Euro-Rettung zu
den Krisenländern. Beides passiert. sein. Eigentlich will sie die Arbeitsmarkt-
Lucke: Ich will gerade nicht, dass die An- reformen zurücknehmen und die Sozial-
passung allein über eine interne Abwer- ausgaben steigern. Davon erhofft sie sich,
tung erfolgt. Das notwendige Ausmaß dass beim Euro alles bleiben kann, wie
wäre für die Betroffenen unzumutbar. es ist.
MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Deshalb wäre es besser, wenn die Süd- Wagenknecht: Dass sich in anderen Berei-
länder ausscheiden dürften. chen alles ändert, ist doch Voraussetzung
SPIEGEL: Und was passiert mit der verblei- dafür, dass der Euro so bleiben kann, wie
benden Euro-Zone? er ist. Ohne Änderungen etwa auf dem
Lucke: Jeder Staat soll austreten können, Arbeitsmarkt und in der Lohnpolitik wird
dann spricht nichts gegen eine Rest-Wäh- die Währungsunion scheitern.
Wagenknecht, Lucke, SPIEGEL-Redakteure* SPIEGEL: Frau Wagenknecht, Herr Lucke,
* Sven Böll und Christian Reiermann in Berlin. „Zum gleichen Ergebnis gekommen“ wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 31
Deutschland

D E M O K R AT I E

Der Weckruf
Entscheiden die Nichtwähler die Bundestagswahl? Die Sozial-
demokraten wollen die Politikmüden an die
Urne locken und hoffen, so Kanzlerin Merkel zu entthronen.

J
ohannes Pflug weiß, wie man Wähler Gut möglich, dass bei der Bundestags- wähler eher weiblich als männlich, eher
gewinnt, so viel ist sicher. Mit 29 Jah- wahl im September in ganz Deutschland ostdeutsch als westdeutsch und eher jün-
ren eroberte er einen Sitz im Stadtrat Duisburger Verhältnisse herrschen. Das ger als älter. Man findet sie in Plattenbau-
von Duisburg, später saß der SPD-Mann Meinungsforschungsinstitut Forsa warnt, ten, nicht in Villenvierteln. Sie verdienen
18 Jahre lang im Landtag von NRW. 1998 die Wahlbeteiligung könne erstmals seit weniger als aktive Wähler, sind schlechter
schaffte er den Sprung in den Bundestag, dem Krieg unter 70 Prozent fallen. Da- ausgebildet und öfter arbeitslos. Sie bli-
dort vertritt er seither als direkt gewählter mals mussten die Deutschen das demo- cken pessimistisch in die Zukunft.
Abgeordneter seine Heimatstadt. kratische Wählern erst neu lernen. Jetzt Da ist die Rechnung für die SPD klar:
Pflug ist 67 Jahre alt, in Sachen Wahl- trainieren sie es sich wieder ab. Das sind unsere Leute. „Nichtwählen ist
kampf hat er schon alles ausprobiert. 18 Millionen Nichtwähler gab es bei eine soziale Frage“, schärft Generalsekre-
Er stapfte durch Schrebergärten, klingel- der Bundestagswahl 2009, das ist ein tärin Andrea Nahles ihrem Team ein. „Wir
te an Türen, verteilte Skatkarten mit Alarmsignal für den Zustand der Demo- wissen, dass ein Drittel der Nichtwähler
SPD-Logo. Als der Handballverein Ham- kratie im Land. Gleichzeitig sind die für die Parteien nicht mehr erreichbar
born 07 seinen 100. Geburtstag feierte, Nichtwähler aber auch der Jackpot für sind“, heißt es in einem Strategiepapier
hielt er als örtlicher Abgeordneter natür- die Bundestagswahl. Wenn es eine des Willy-Brandt-Hauses. Um alle
lich die Festrede. Es ist ein mühsames Partei schafft, ihn zu knacken, dann anderen, so die Parole von Nahles,
Geschäft. winkt der Wahlsieg. Vor allem die kümmert sich die SPD. Die Wahl-
Gewiss, Pflug hat seinen Stimmkreis SPD, gefangen in miesen Umfrage- kampf-Chefin führt die Sozialdemo-
immer souverän gewonnen, Duisburg ist werten, will die Wahlverweigerer kraten in die größte Mobilisierungs-
eine SPD-Hochburg. Aber mit jeder Wahl aufwecken. Sie hofft, so Kanzlerin WAHL kampagne ihrer Geschichte.
wird es schwieriger, die Leute an die Urne Angela Merkel doch noch gefähr- 2013 Wenn es gelingt, die Wahlbeteili-
zu holen. „Viele kriegen gar nicht mehr lich zu werden. gung im Vergleich zu 2009 deutlich
mit, dass Wahltag ist“, klagt Pflug. „Sie Die Frage ist aber, ob die Parteien anzuheben, so das Kalkül im Willy-Brandt-
hören auf allen Ebenen auf zu wählen.“ Nichtwähler überhaupt erreichen können. Haus, ist ein rot-grüner Wahlsieg vielleicht
Als die Duisburger nach dem Love-Pa- Eine Reihe von Studien befasst sich mit doch möglich. Im Strategiepapier heißt es:
rade-Drama vor zwei Jahren einen neuen dem Nichtwähler, er ist ein gut erforsch- „Viele klassische SPD-Wähler sind 2009
Oberbürgermeister wählen sollten, rap- tes Wesen. Die Konrad-Adenauer-Stif- nicht wählen gegangen, weil sie wütend
pelte sich nur jeder Vierte auf. Bei der tung hat eine Untersuchung vorgelegt, die auf die SPD waren … Das sind keine
letzten Bundestagswahl hatte der Wahl- Bertelsmann-Stiftung auch, das Mei- Nichtwähler, die nie wieder zur Wahl ge-
kreis Duisburg II die niedrigste Beteili- nungsforschungsinstitut Forsa gleich zwei. hen werden. Das sind Leute, die die SPD
gung in Westdeutschland: 59,9 Prozent. Glaubt man den Demoskopen, sind Nicht- mögen und wählen wollen.“
32 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
Nichtwähler dieser Sorte haben nichts Unterschiede mehr zwischen CDU und
gegen die Demokratie. Sie müssen oft SPD erkennen. „Mir erschiene es fast
nur viel existentiellere Fragen klären als unseriös, eine Partei auszuwählen. Wahr-
die Wahl zwischen Schwarz oder Rot. scheinlich sollte ich die Wahlprogramme
Etwa wie lang ihr Job noch hält oder wie lesen, um die Nuancen zu verstehen.“
sie ihre Schulden tilgen sollen. Aber Uhlig hat eine Patchwork-Familie
Die Meinungsforscher streiten, ob die und sieben Mitarbeiter zu unterhalten.
Parteien an die Nichtwähler herankom- Er hat für so etwas keine Zeit.
men können. Mal werden sie als „poli- „Elite-Nichtwähler“ nennt der Politik-
tisch durchaus interessiert“ und mobili- wissenschaftler Armin Schäfer vom Köl-
sierbar bezeichnet (Forsa). Die Konrad- ner Max-Planck-Institut Leute wie Uhlig.
Adenauer-Stiftung sagt dagegen, man Menschen, die aus politischen Gründen
könne nur Wähler für eine Partei gewin- nicht wählen, die sich aber nicht durch
nen, nicht aber für die Wahl an sich. ein kurzes Gespräch an der Wohnungstür
Diese Analyse passt wunderbar zur bekehren lassen. Sie lügen auch lieber,
Wahlkampfstrategie der CDU. „Es gibt als sich zu erkennen zu geben. Auch
nicht den einen thematischen Schlüssel, Nichtwähler Uhlig will seinen wahren Na-
mit dem die Parteien Nichtwähler errei- men lieber nicht gedruckt lesen.
chen“, sagt CDU-Generalsekretär Her- Die Szene der bekennenden Wahlboy-
mann Gröhe. In der CDU spricht es nie- kotteure ist winzig. Der Soziologe Harald
mand offen aus, aber die Konservativen Welzer zählt dazu; in Talkshows wagt
setzen dieses Jahr ganz unverblümt dar- sich auch manchmal ein Anwalt oder
auf, die Wähler einzuschläfern. Das Kal- Unternehmensberater vor. In gebildeten
kül dabei ist einfach: Weil bürgerliche Kreisen sorgt es für Aufsehen, wenn man
Wähler disziplinierter sind als die des lin- demonstrativ Abstand nimmt von demo-
ken Lagers, profitiert vor allem die Union kratischen Rechten und bürgerlichen
von einem konfliktarmen Wahlkampf. Pflichten. Es ist ein hübscher Tabubruch.
Sobald es aber Themen gibt, über die Elite-Nichtwähler haben ihren Montes-
CARSTEN REHDER / PICTURE ALLIANCE / DPA

heiß diskutiert wird, steigen die Werte quieu oder Machiavelli gelesen, sie
der SPD. schimpfen auf verkrustete Apparate und
Deshalb versucht die CDU, nahezu alle die Political Correctness der Parteien.
strittigen Themen abzuräumen oder glatt- Deshalb hätten Elite-Nichtwähler we-
zuschleifen. Ob Frauenquote, Mindest- nig gemein mit der Masse der Demo-
lohn oder Mietpreisbremse – die Unter- kratiemüden, sagt Armin Schäfer. Sie
schiede zur SPD sind nur mit der Lupe seien zu gut informiert und zu engagiert.
Kommunalwahl-Plakate in Flensburg im Mai sichtbar. Für die CDU mag die Strategie Immerhin: „Sie leisten ihren Beitrag zur
klug sein, für die Demokratie ist sie fatal. Demokratie, ohne zu wählen.“ Allein
Denn es sind längst nicht mehr nur die weil sie sich an der Debatte über Politik
Für Nahles geht es bei der Bundestags- Armen und Abgehängten, die sich von beteiligen. Die größten Chancen bei
wahl vor allem darum, die Kluft zwischen der Demokratie abwenden. Auch Heinz Elite-Nichtwählern haben denn auch
der SPD und abtrünnigen Anhängern zu Uhlig zum Beispiel, Akademiker und Un- Protestparteien. Je weniger sie wie eine
schließen. Da aber viele Nichtwähler über ternehmer, wählt inzwischen wieder wie Partei wirken, desto besser. Die Piraten
klassische Medien wie Zeitung oder „Ta- zuletzt bei der DDR-Volkskammerwahl mobilisierten bei der letzten Wahl zum
gesschau“ gar nicht mehr erreichbar sind, im Jahr 1986: ungültig. Damals wie heute Berliner Abgeordnetenhaus 23 000 Nicht-
ruft Nahles zum Haustür-Wahlkampf. macht der 57-jährige Sachse einen dicken wähler, 70 000 bei der Landtagswahl in
Ihre Truppen sollen ab August an fünf Strich über den Wahlzettel und sorgt da- NRW und 8000 im Saarland. Auch die
Millionen Türen klopfen, in Dreier-Teams, für, dass keiner seine Stimme bekommt. Euro-kritische Alternative für Deutsch-
sechs Wochen lang in jedem Wahlkreis, „Ich könnte auch daheimbleiben am land, frisch zugelassen zur Bundestags-
am besten von 17 bis 19 Uhr. Da ist der Wahlsonntag“, sagt Uhlig. „Aber ich will wahl, setzt auf die Mobilisierung der
Nichtwähler statistisch gesehen daheim. den Parteien zeigen, dass mich keine Wahlmuffel.
„Ein Programm dieser Größe könnte überzeugt.“ Der Unternehmer, der sich Vor allem hofft aber die „Partei der
die Union jetzt gar nicht mehr auf die als „eher links“ bezeichnet, kann keine Nichtwähler“ im Herbst auf ihre Chance.
Beine stellen“, frohlockt man im Willy- Ihr Chef, Werner Peters, ist ein 70-jähri-
Brandt-Haus. 61 Compañeros wurden ge- Nichtwähler vorn ger Hotelier aus Köln. Seit 1983 kämpft
schult, sie sollen ein Netz von Freiwilligen Ergebnis der letzten Bundestagswahl er gegen das „Parteiendiktat“. Seine ei-
über alle Wahlkreise spannen. Eine Soft- in Prozent aller Wahlberechtigten gene Partei wurde vor 15 Jahren zuletzt
ware kalkuliert den „Mobilisierungsin- zur Bundestagswahl zugelassen. Dann
an 100 fehlende
dex“ jedes Bezirks. Den Aktivisten gibt Prozent: Sonstige schlummerte sie ein. Nun hat Peters sie
die SPD gar nicht erst Inhalte mit, sogar wiederbelebt. „Die Bürger sehnen sich
die Kandidaten-Namen sollen sie nicht 29,2 nach einer Partei, die andere Parteien in
sagen. Sie sollen lieber Fragen stellen. Frage stellt.“ Die Nichtwähler-Truppe for-
Führt die Strategie ans Ziel? Der Ab- 23,6 dert bundesweite Volksentscheide und
geordnete Pflug hat an Tausende Duis- strengere Verhaltensregeln für Politiker.
burger Türen geklopft, dabei hat er eine 16,1 Sachpolitik interessiert Peters nicht.
Sache gelernt: „Es bringt nix.“ Es klinge Vielleicht ist dies sogar für Demokra-
zynisch, sagt er. „Aber die Nichtwähler, 10,2 tiemüde zu wenig. Die Nichtwählerpartei
die ich kenne, lassen sich nur brachial
8,3 7,5 jedenfalls feierte ihren größten Erfolg bei
mobilisieren. ,Geht wählen, sonst reißen der Bundestagswahl 1998. Da holte sie in
die eure Häuser ab‘ – das zöge vielleicht.“ CDU/CSU SPD FDP Linke Grüne NRW 6827 Stimmen. MELANIE AMANN

D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 33
Deutschland

Die Arbeitsvermittler verschieben ihre


Kunden gern in sogenannte Qualifizie-
BEHÖRDEN rungsmaßnahmen, dann gelten sie für de-
ren Dauer nicht als arbeitslos. Was aber,

„Wir spielen Unternehmen“ wenn 49 Prozent der „Maßnahmen zur


Aktivierung und beruflichen Eingliede-
rung nicht verbindlich in der Eingliede-
rungsvereinbarung festgelegt“ waren, wie
Erst der Rechnungshof, jetzt die Innenrevision: Wieder bekommen die Revisoren herausfanden? Die Antwort
die Arbeitsagenturen ein mieses Zeugnis. Mit dem Um- geben sie gleich mit. Es bestehe das Risi-
ko, „dass die Notwendigkeit … ggf. nicht
denken tut sich der Vorstand schwer, allen Versprechen zum Trotz. gegeben und damit die Teilnahme an der
Maßnahme nicht zulässig war“. Im Klar-
text: Für fast die Hälfte der Teilnehmer
an BA-Weiterbildungsmaßnahmen war
unklar, ob diese ihnen helfen würden, ei-
nen Job zu finden. Es ging wohl nur dar-
um, sie aus der Statistik zu schieben.
Ähnlich düstere Zustände fanden die
Prüfer bei den Stellengesuchen von jun-
gen Menschen, die auf eine Lehrstelle
hofften. Fast die Hälfte ihrer Gesuche
wurde nur intern oder gar nicht veröf-
fentlicht – und damit Ausbildungsbetrie-
ben bewusst vorenthalten. Eine „plausi-
ble Begründung dafür fehlte in 93 Prozent
der Fälle“, wie die Revisoren feststellten.
Die Folge sei, dass die Vermittlungschan-
cen derjenigen, die eine Ausbildung be-
ginnen wollen, „eingeschränkt werden“.
Als eine der Hauptursachen für das Vor-
gehen sahen die BA-Kontrolleure „über-
wiegend Eigeninteressen der Arbeitsagen-
turen bei der Zielerreichung“.
Die Agenturen nahmen also schwerver-
mittelbare Kunden, die eine Ausbildung
beginnen wollen, erst gar nicht in den Pool
CHANDRA MOENNSAD / BFA

jener auf, für die sie eine Stelle suchten.


Auf diese Weise konnten sie dann für die
anderen, die es in den Pool geschafft hatten,
eine hohe Vermittlungsquote erreichen, an
der sie wiederum gemessen werden.
BA-Vorstände Becker, Weise, Alt: „Pfeifen Sie Ihre Zahlenknechte zurück“ Nach dem Bekanntwerden des Rech-
nungshofberichts hatte BA-Chef Frank-

W
as würde Volkswagen-Chef Mar- das zweite Halbjahr 2012, der dem Vor- Jürgen Weise gesagt, man sei auf die Pro-
tin Winterkorn sagen, wenn fast standstrio Frank-Jürgen Weise, Heinrich bleme „intern schon viel früher aufmerk-
ein Drittel seiner Autos mit Feh- Alt und Raimund Becker seit Mai vorliegt. sam geworden“ und habe „mit einem Pro-
lern vom Band liefe? Hastig zusammen- Alle sechs Monate erstellen die hauseige- gramm reagiert, das sich den veränderten
geschraubt, nur damit eine große Stückzahl nen Prüfer einen solchen Pannenreport, Bedingungen am Arbeitsmarkt anpasst“.
in der Bilanz steht? Wahrscheinlich würde doch als hätte es keinen in der Behörde Doch die BA-Revisoren haben in ihrem
Winterkorn hart durchgreifen. Vielleicht interessiert, weisen die „geprüften Ein- Bericht vom Mai keine Hinweise für ein
täte er auch gar nichts mehr, weil er gefeu- zelaspekte über einen Zeitraum von zwei Umdenken erkennen können: „Wie be-
ert wäre. Dann nämlich, wenn herauskäme, Jahren gleichbleibende Fehlerschwer- reits im letzten Berichtszeitraum ist er-
dass er diese Praxis sogar vorgegeben hätte. punkte auf“, so das ernüchternde Urteil. neut auffällig“, so die jüngste Schlussfol-
Die Führung der Bundesagentur für Ar- Die Arbeitsagenturen unterbreiteten zu gerung, „dass in einigen Dienststellen
beit (BA) hält ihren eigenen Laden zwar oft „nicht passgenaue Vermittlungsvor- trotz eingeleiteter Maßnahmen keine
für ein ähnlich effizientes Unternehmen schläge“. Eigentlich die Kernkompetenz bzw. keine nachhaltige Verbesserung der
wie den Autokonzern – doch bei der BA der BA, so wie es die Kernkompetenz Betreuungsqualität von Arbeits- und Aus-
sind diese Fehlerquoten normal. Den Be- von Volkswagen ist, technisch einwand- bildungsstellen erreicht werden konnte“.
leg dafür lieferte der Bundesrechnungs- freie Autos auszuliefern. Dass der BA-Vorstand in Wahrheit
hof mit seinem Prüfbericht, der schwere Bei der Arbeitsagentur aber sehe man nicht viel ändern will, zeigt auch ein
Mängel in der Arbeitsvermittlung nach- das nicht so eng – Hauptsache, die inter- Schreiben an den Bundesrechnungshof
wies (SPIEGEL 26/2013). Nun zeigt sich, nen „Zahlen, Rankings und Quoten“ sei- (BRH) vom 8. Februar 2013.
dass der BA-Vorstand schon lange gravie- en erfüllt, sagt ein BA-Insider, der ano- Auf elf Seiten führt die BA-Zentrale
rende Probleme kannte: aus Berichten nym bleiben will. Regelmäßig würden aus, warum sie die Kritik der Prüfer an
der eigenen Revisionsabteilung. Nur be- „frisierte Zahlen an das Arbeitsministe- ihrer Arbeit eigentlich total daneben fin-
heben wollte er sie offenbar nicht. rium geliefert“, so der Mitarbeiter, der det. Sie pocht auf das „Führen über quan-
Dass sich die Hausspitze jahrelang stur sich vom „Sozialarbeiter zum Statistik- tifizierte Ziele“; das sei „einer der Eck-
gestellt hat, zeigt ein interner Report für fälscher“ degradiert sieht. pfeiler der Führungsphilosophie der BA“.
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Bei konkreten Vorwürfen wird die Der Vorsitzende des Hauptpersonal- nur der Rechnungshofbericht zeigt. Im Ok-
Hausspitze dann bockig. Die Kritik: Es rats, Eberhard Einsiedler, mahnte schon tober 2012 hat Einsiedler erneut Fehlent-
gehe zu sehr darum, Zahlenerfolge für 2009 ein Umdenken an. Damals schrieb wicklungen aufgezeigt. Vermittlungsvor-
das Controllingsystem zu produzieren, zu er an Weise, es entstehe der Eindruck, schläge seien „mehr Masse statt Klasse“.
Lasten etwa der Vermittlung von Arbeits- „als wäre nicht die Arbeit ‚am und mit Ihre Gesamtzahl sei zwischen 2007 und
losen. Die Antwort: „Die BA teilt nicht den Kunden‘ unser Kerngeschäft, sondern 2011 um das Zweieinhalbfache auf knapp
die Auffassung des BRH …“ Ein weiterer Controlling, Qualitätsmanagement und 19 Millionen jährlich angestiegen, der An-
Vorwurf: Ein Großteil der Kräfte werde Steuerung. Letzteres geschieht anschei- teil der erfolgreichen Vorschläge bewege
auf Top-Kunden konzentriert, die nahtlos nend immer mehr zum Selbstzweck“. sich aber mit 2,1 Prozent „konstant auf nied-
von einem Job in den nächsten vermittelt Die BA sei – angetrieben durch die rigem Niveau, mit fallender Tendenz seit
werden sollen; das sei nicht im Sinne der Zentrale – total übersteuert. „Es muss Jahren“. Der Hauptpersonalrat ätzt: „Wir
Kundschaft insgesamt. „Die BA teilt nicht Schluss sein mit dem Zahlenfetischismus! spielen Unternehmen, und das mit erhebli-
die Auffassung des BRH …“ Ich bitte Sie dringend, pfeifen Sie Ihre chem Aufwand. Aber wir sind weder die
Selbst die Rüge, dass zu viele Arbeits- Deutsche Bank noch Porsche, noch Aldi.“
lose in die unsichere Zeitarbeit vermittelt Dahinter steckt die Frage, ob die BA
würden, kontert die BA im Februar noch „Da werden erwachsene nicht endlich wieder mehr auf Qualität
lapidar: „Beschäftigungsverhältnisse bei Menschen angebrüllt, statt Quantität achten sollte. Auf jene
Zeitarbeitsunternehmen sind in der Regel Arbeitslosen, die älter sind und es schwer
sozialversicherungspflichtig und damit im weil ihr Team 0,2 Prozent am Arbeitsmarkt haben. Oder die einen
Grundsatz nicht weniger werthaltig ein- zu schlechten Schulabschluss haben, um
zustufen.“ Hatte Weise nicht öffentlich unter dem Zielwert war.“ eine Lehrstelle zu bekommen. Fragen, die
behauptet, man nehme die Kritik des auch der Rechnungshofbericht aufwirft.
Rechnungshofs „sehr ernst“? Zahlenknechte zurück und schaffen Platz In der BA hat man sich die Antworten
Die Führung der BA scheint sich von für eine Führungskultur, die die Erbrin- offenbar schon selbst gegeben, in einem
ihren eigentlichen Aufgaben entfremdet gung echter Arbeitsergebnisse fördert.“ „Maßnahmenkatalog zur Outputsteige-
zu haben. Das Klima in der Behörde Wenn die erwarteten Teamergebnisse rung“ aus diesem Jahr. So als hätte es nie
scheint vergiftet, die Kluft zwischen der nicht erreicht würden, müssten andere einen Rechnungshofbericht gegeben,
Zentrale und den Agenturen kaum noch mehr bringen, damit das Gesamtergebnis heißt es dort, es müsse eine „Fokussie-
überwindbar. „Jede Woche werden wir der Agentur stimme. „Solch einen rung“ auf die „Betreuung marktnaher
gebrieft“, beschreibt etwa ein Teamleiter Schwachsinn braucht man nicht zu steuern TOP-Kunden in potentialträchtigen Bran-
seinen Alltag, „da werden erwachsene – der steuert sich selbst, nämlich gegen die chen“ geben. Einsicht sieht anders aus.
Menschen angebrüllt, weil ihr Team 0,2 Wand“, so Einsiedlers Fazit. Doch der JÜRGEN DAHLKAMP, YASMIN EL-SHARIF,
Prozent unter dem Zielwert war.“ Appell bewirkte offenbar wenig, wie nicht JANKO TIETZ
Deutschland

Laut Stöver spritzen bis zu 30 Prozent


der männlichen und mehr als 50 Prozent
STRAFVOLLZUG der weiblichen Häftlinge Drogen – dazu
kommen jene, die kiffen oder Crack rau-

„Tickende Zeitbomben“ chen. Eine Studie in Nordrhein-Westfalen


ergab, dass rund 45 Prozent der Gefan-
genen Drogen nehmen oder früher mit
Drogen zu tun hatten.
In Gefängnissen gehören Drogen zum Alltag. Süchtige Häft- Der ehemalige Häftling Richard E., 46,
linge werden nach ihrer Entlassung häufig wieder kennt die Wege des Stoffs von draußen
nach drinnen. Er hat ein paar Jahre we-
kriminell. Experten fordern Methadon für die Abhängigen. gen Diebstahls, Betrugs und Drogenbe-
sitzes abgesessen. Seit Lebensmittelpake-

I
hre Schreie drangen zur Mittagszeit chen Knästen wird der Konsum offenbar te in Hamburg verboten worden seien,
aus einem Café an einer mehrspurigen stillschweigend geduldet – auch weil bene- werde der Stoff über die Mauern gewor-
Straße in Hamburg. Als ein Anwohner belte Insassen weitaus leichter zu bewa- fen, in Gras eingewickelt, in aufgeschnit-
durch die Fenster in den Gastraum des chen sind als Männer auf Entzug. tenen Tennisbällen versteckt, sagt E, der
„Lissabon“ schaute, sah er eine Frau in In der JVA Werl, wo Mahfouz einsaß, heute keine Drogen mehr nimmt.
ihrem Blut liegen. wusste man von seiner Sucht. Man gewähr- Die Alternative dazu seien Kuriere: In
Die Ärzte in der nahegelegenen Not- te ihm Hafturlaub, obwohl das damit ver- seltenen Fällen seien dies korrupte Be-
aufnahme konnten Maria V. wiederbele- bundene Risiko bekannt war: dass Mah- amte, ehrenamtliche Sozialarbeiter oder
ben, am Körper der 58-jährigen Wirtin fouz draußen klauen, rauben, dealen könn- bestechliche Anwälte, weitaus häufiger
zählten sie mehr als zwölf Einstiche eines te, um seine Gier nach Drogen zu stillen. aber Bekannte und Verwandte, insbeson-
Steakmessers. Die Fahndung nach dem Es scheint notwendig, den Fall Mahfouz dere Freundinnen und Ehefrauen. „Bei
Täter verlief ergebnislos – obwohl die Kri- als Fehler des Systems zu begreifen. einem Zungenkuss ist schnell was weiter-
po am Tatort die Quittung einer Telefon- Vor knapp zwei Jahren einigten sich gegeben oder bei einer Umarmung in den
karte gefunden hatte. Sie gehörte Nadiem zehn Bundesländer auf einen Musterent- Hosenbund gesteckt“, erklärt E.
Ralf Mahfouz, einem 42-jährigen
Mörder, der aus einem Haft-
urlaub nicht zurückgekehrt war.
Vier Tage nach dem beinahe
tödlichen Überfall im März, bei
dem der Räuber 200 Euro erbeu-
tete, erschien ein Mann in einer
dünnen Jacke in der Kanzlei des
Lübecker Rechtsanwalts Frank-
Eckhard Brand. Der Besucher
machte einen gepflegten Ein-
druck, dem Anwalt fielen nur
die geschwollenen Hände auf,
der Unbekannte musste sich lan-
ge in der Kälte aufgehalten ha-
ben. Er legte eine chromfarbene
JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL
Plastikpistole auf den Tisch und
sagte: „Ich will mich stellen.“ Es
war Nadiem Ralf Mahfouz.
Der Anwalt begleitete ihn zur
Polizei, Mahfouz gestand dort die
Attacke auf Maria V. Dass der
Fall Mahfouz nicht als Nummer Ehemaliger Häftling Richard E. vor dem Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel, Durchsuchung einer Haftzelle mit
in der Polizeilichen Kriminalsta-
tistik verschwand, liegt an 49 engbeschrie- wurf für Strafvollzugsgesetze. Der Wäl- Die größten Mengen, sagen Experten,
benen DIN-A4-Seiten. Nach seiner Verhaf- zer ist insgesamt 164 Seiten stark, Details kämen über das sogenannte Bodypacking
tung hat Mahfouz im Hamburger Unter- der Besuchspraxis und der Häftlingsklei- in die Gefängnisse. Häftlinge, die in der
suchungsgefängnis seine Geschichte auf- dung werden geregelt. Um die Drogen- Lockerung sind – auf Freigang oder im
geschrieben. Er erzählt, wie er vor mehr problematik geht es nur am Rande. Urlaub –, kaufen draußen ein, verschlu-
als 20 Jahren als Kiffer seine Haft antrat, „Es gibt kein einziges drogenfreies cken die Päckchen oder führen sie ein,
wie er hinter Gittern zum Junkie wurde Gefängnis in Deutschland“, sagt der vaginal oder rektal. Verhindern lässt sich
und begann, mit Drogen zu handeln. Kriminalpsychologe Rudolf Egg, aber diese Methode des Einschleusens kaum.
Der SPIEGEL druckt Auszüge dieses Be- darüber spreche niemand gern: „Das Drogenspürhunde dürfen an Menschen
kenntnisses (Seite 38). Denn Mahfouz’ Ge- wird unter den Teppich gekehrt.“ Politi- nicht eingesetzt werden. Kontrollappara-
ständnis ist auch ein Dokument des Schei- ker wollten die Erwartungen der Bürger te erwiesen sich als untauglich.
terns des deutschen Strafvollzugs. Der Text nicht enttäuschen, meint der Frankfurter Das Drogengeschäft im Knast ist ein
bezeugt, wie trotz eines strengen Drogen- Suchtforscher Heino Stöver, und das er- Tauschhandel. Bezahlt wird mit allem,
verbots das Geschäft mit illegalen Betäu- zeuge einen Druck auf die Gefängnisse. was man besitzen darf (Schmuck, Uhren),
bungsmitteln in fast jeder Justizvollzugs- „Jedes Wort zum Drogenkonsum in was man im JVA-Kaufladen erwerben
anstalt (JVA) floriert. Haschisch, Heroin Haftanstalten käme dem Eingeständnis kann (Tabak, Kaffee) – oder mit Sex.
oder die Ersatzdroge Subutex bestimmen gleich, seinen Laden nicht im Griff zu Durchsuchungen der Zellen seien sel-
den Alltag vieler Eingeschlossener. In man- haben.“ ten. Und wenn jemand zur Urinprobe zi-
36 D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3
tiert werde, so E., bestünden vielfältige Hoffnung, würden sie keine Verbrechen kann der geschlossene Vollzug allein
Möglichkeiten, diese zu manipulieren. begehen, um an Drogen zu kommen. nicht leisten.“
Hinter Gittern gebe es einen Markt für Zwar gibt es eine Uno-Resolution, nach Im Fall Mahfouz habe die JVA Werl
sauberen Urin. „Den füllst du zum Bei- der Gefangenen die gleiche gesundheit- kurz vor dem Hafturlaub vier unan-
spiel in eine leere Pulle Nasenspray, liche Versorgung zusteht wie Menschen gekündigte und überwachte Drogentests
klemmst die unter den Schwanz – fertig.“ in Freiheit – rund 75 000 Abhängige sind gemacht, die allesamt negativ gewesen
Er grinst. „Du darfst nur nicht vergessen, hierzulande in einer substitutionsgestütz- seien, man könne Mahfouz nicht als
den Urin vorher anzuwärmen.“ ten Behandlung. Doch ob ein Häftling mit schwerstabhängig bezeichnen.
Deutsche Politiker müssten sich häu- Ersatzstoffen wie Methadon versorgt wird, In einem internen Bericht des Ministe-
figer mit Fachleuten aus der Praxis obliegt der Entscheidung des Gefängnis- riums heißt es, dass in der „Gesamt-
unterhalten, mit Karlheinz Keppler bei- arztes. Und nicht alle JVA-Mediziner, be- bewertung“ aller Begutachtungen „keine
spielsweise, der seit 1991 als Arzt im klagt Stöver, „sind suchtmedizinisch qua- offensichtlichen Fehleinschätzungen oder
Frauengefängnis Vechta tätig ist. Wenn lifiziert“. Zwischen den rund 180 Vollzugs- grobe handwerkliche Schwächen erkenn-
der Mediziner die drängendsten Proble- anstalten gibt es große Unterschiede in bar“ seien. Es habe keine Anhaltspunkte
me benennt, setzt er zu einem Stakkato der Substitutionspraxis. Nordrhein-West- für ein „derart gravierendes Versagen des
an: „Erstens: Wenn es hier mal eine Raz- falen gehört zu den fortschrittlicheren Gefangenen“ gegeben.
zia gibt, wird sofort alles die Toilette run- Bundesländern: In den vergangenen vier Mahfouz selbst sah sich wohl anders.
tergespült. Zweitens: Im Gefängnis stei- Jahren stieg die Zahl der Substituierten Am 18. Dezember 2012 schrieb er einen
gen viele auf harte Drogen um, weil diese von rund 150 auf 1380. Brief an den Anstaltsarzt in Werl, wies
schwerer im Urin nachzuweisen sind als „Die Gefahr, dass suchtkranke Men- auf sein massives Drogenproblem hin und
Cannabis. Drittens: Der Konsum wird ris- schen wieder rückfällig werden, ist bat, zum Substitutionsprogramm zugelas-
kanter, weil die Häftlinge alles nehmen, enorm“, warnt Stöver. „Wenn sie nie- sen zu werden. Es war eine Art Hilferuf
alles mischen, was sie in die Hände be- mand an die Hand nimmt, sind das ti- („Ich merke, dass ich wieder depressiv
kommen.“ ckende Zeitbomben.“ und manchmal auch aggressiv werde“).
Dieses Risiko wachse noch dadurch, Eine solche Zeitbombe war auch Mah- In seine JVA-Akte wurde der Brief offen-
dass vier von fünf Injektionen mit nicht- fouz. 1993 war er wegen gemeinschaft- bar nicht aufgenommen. Der Arzt habe
sterilen Spritzen gesetzt würden: „Manch- lichen Mordes an einer Taxifahrerin zu ihm mitgeteilt, wenn das Schreiben offi-

VOLKER HARTMANN / DAPD


ROGGENTHIN.DE

Drogenspürhund, NRW-Justizminister Kutschaty: „Ehrlich sagen, dass es keine absolute Sicherheit gibt“

mal teilen sich 30 Insassen eine Spritze, lebenslanger Haft verurteilt worden. Er ziell würde, könne er seinen Urlaub ver-
die sogenannte Stationspumpe.“ Laut hätte wohl nach 15 Jahren entlassen gessen, so erzählt es Mahfouz.
Keppler helfe es auch nichts, verdächtige werden können. Dagegen sprach jedoch, Das Verhalten zeige, wie „die Insassen
Hafturlauber nach der Rückkehr stärker dass er regelmäßig Drogen konsumierte. in den Gefängnissen mit ihren Problemen
zu kontrollieren, weil dann diejenigen zu Mahfouz sollte sich bei einer Lockerung alleingelassen werden“, sagt Mahfouz’
Kurierdiensten genötigt würden, die mit seines Vollzugs bewähren. Eine Gutach- Anwalt Brand. Das NRW-Ministerium be-
Drogen nichts zu tun haben wollten. terin hielt ihm seine Bereitschaft, die teuert, der Anstaltsarzt habe „zu keinem
Wenn aber nicht verhindert werden Drogenproblematik behandeln zu lassen, Zeitpunkt Hinweise für einen fortgesetz-
kann, dass Gefängnistore durchlässig sind zugute. Sie hielt die Haftlockerung für ten, regelmäßigen und exzessiven Dro-
für Drogen aller Art: Muss man den vertretbar. genkonsum feststellen können“.
Kampf dann aufgeben? Mitnichten, sagt Man müsse „den Mut haben“, sagt Vergangene Woche wurde Mahfouz die
Heino Stöver, der Suchtexperte aus Frank- NRW-Justizminister Thomas Kutschaty, Anklage wegen versuchten Mordes in Tat-
furt. Seine Alternative: die Häftlinge häu- „ehrlich zu sagen, dass es keine absolute einheit mit schwerem Raub und gefähr-
figer als bisher mit legalen Ersatzstoffen Sicherheit geben kann.“ Kutschaty ver- licher Körperverletzung zugestellt. Im
zu behandeln – „so wie wir es außerhalb teidigt die Praxis, die Gefangenschaft Herbst wird er in Hamburg vor Gericht
der Knastmauern tun“. Entlassene Ab- erst zu lockern und dann zu therapie- stehen. Er wird womöglich für immer hin-
hängige könnten in Freiheit weiterthera- ren: „Der Weg aus den Drogen geht nur ter Gittern bleiben. UDO LUDWIG,
piert werden. Ohne Suchtdruck, so die über eine vernünftige Therapie, und die BARBARA SCHMID, ANTJE WINDMANN

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Deutschland

„Die Birne dicht“


Der Häftling Nadiem Ralf Mahfouz berichtet, wie er im Knast zum Junkie und Dealer wurde.

Mahfouz wurde am 3. Juli 1970 in Cottbus Ich stieg ins Haschgeschäft ein, kaufte ruck, zuck mit dem Hausarbeiter warm
geboren. Seine ersten vier Lebensjahre ver- von Mithäftlingen 30 Gramm für 600 (Hausarbeiter sind Häftlinge, die als Hilfs-
brachte er in einem Heim. Dann wurde er Mark. Wenn du auf Zack bist, ist es leicht, kräfte von der JVA bezahlt werden –
adoptiert, sein Vater war ein gebürtiger an das Zeug zu kommen. Ich verkaufte Red.). Der brachte von jedem Langzeit-
Syrer. Schon als Jugendlicher klaute Mah- 15 Gramm in Päckchen für 40 Mark pro besuch so an die hundert Gramm Hasch
fouz, brach Autos auf, brach in Kneipen Gramm. So konnte ich die andere Hälfte mit. Fest liierte Langzeitgefangene durften
ein, beging seinen ersten Raub. Mit 16 Jah- behalten. Ich kiffte jeden Tag und soff nämlich über die Besuchszeiten hinaus in
ren kam er in ein Jugendgefängnis, von da mir zweimal die Woche einen. speziellen Räumen ihren Partner für drei
an waren Tage in Freiheit die Ausnahme. Da das Geschäft in dieser Zeit über Stunden im Monat ungestört empfangen.
Er saß in den Justizvollzugsanstalten (JVA) den Einkauf lief, hatte ich manchmal für Außerdem holte ich alle zwei Monate
Herford, Iserlohn und Heinsberg ein, meist 2000 bis 2500 Mark Tabak und Kaffee in für einen Zuhälter aus Essen sonntags 100
wegen Einbruchs oder Dieb-
stahls. Untersuchungshaft ver-
brachte er in Bochum und
Bielefeld. Nach seiner letzten
Haftentlassung zog es Mah-
fouz zu einem Kumpel nach
Wuppertal. Als ihnen das Geld
ausging, beschlossen sie, eine
Taxifahrerin auszurauben. Als
die 33-Jährige um Hilfe schrie,
stachen sie mit einem Messer
auf die Frau ein und warfen
sie in die Wupper. Sie starb.
Mahfouz wurde wegen Mor-
des zu lebenslanger Freiheits-
strafe verurteilt. Zu diesem
Zeitpunkt war er gerade 23
Jahre alt. Während eines Haft-
urlaubs im März dieses Jahres
stach er die Wirtin eines Cafés
nieder.

I
ch weiß, dass ich aus mei-
nem Leben was hätte ma-
chen können. Stattdessen
habe ich mir viel Scheiß er-
DOMINIK ASBACH / LAIF

laubt. Ich bekomme meine


Straftaten nicht mehr zu-
sammen; es müssen Tausen-
de Ladendiebstähle, Haus-
und Wohnungseinbrüche ge-
wesen sein. Aber den größ- Justizvollzugsanstalt Werl: „Wenn du auf Zack bist, ist es leicht, an das Zeug zu kommen“
ten Fehler habe ich in Haft
begangen: Da habe ich mit den harten der Zelle (Tabak und Kaffee sind in JVA Gramm aus der Kirche, die auf dem Ge-
Drogen angefangen. eine Art Währung – Red.). lände des Knasts steht. Er hatte sie beim
Meine Knastkarriere im Erwachsenen- Vor Kontrollen hatte ich keine große Eheseminar dort deponiert.
strafvollzug begann 1993 in Hagen, kurz Angst. Knackis haben viel Zeit, um sich In der JVA Münster war es noch ein-
darauf überstellte man mich in die JVA Verstecke zu überlegen. Und Suchhunde facher für mich: Die Gefangenen konnten
Werl. Dort gab es damals nur Langzeit- kommen nur ein- bis zweimal pro Jahr viele Urlaube machen. Mit fast jedem
strafen ab fünf Jahren. Ich kam in die Kü- in den Knast. Ich bin in 20 Jahren nur Ausgang kam das Zeug in den Knast.
che, arbeitete in der Kartoffelschäle. Da einmal richtig gefilzt worden. Für meine Ausbildung zum Koch kam
waren mit sechs Mann 120 Jahre Knast Ende 1994 wechselte ich auf die Schul- ich danach vorübergehend in die JVA Gel-
vertreten. Werl war berüchtigt, stellte sich abteilung. Der Liftkurs sollte mich auf den dern. Dort gab es mehr Drogen, als ich je-
aber als harmlos heraus, ich brauchte Realschulabschluss in der JVA Münster mals im Knast gesehen habe. Preiswertes
mich nicht schlagen, musste einfach nur vorbereiten. Auf dem Schulflügel lief das Hasch in super Qualität und jede Menge
geradeaus sein. Haschgeschäft noch besser. Ich wurde dort Heroin und Kokain. Ich war in kürzester
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Zeit der beste von den acht Azubis. Nach Schuld an allem ist die riesengroße Tag an wohl. Das Beste war: Ich saß an
drei Monaten rief mich der Ausbilder zu Langeweile. Ich kenne Jungs, die wie ich einer neuen super Quelle für Hasch. Es
sich. Er sagte, dass ich das Niveau halten erst im Knast auf die harten Drogen ge- gab dort einen Türken, Mehmet, 150 Kilo-
solle, dann könne ich als Lehrgangsbeglei- kommen sind, weil das Leben drinnen so gramm schwer. Als wir die ersten 100
ter bleiben. Das einzige Problem waren eintönig und langweilig ist. Gramm zum Abpacken geschnitten hatten,
die Drogen. Nachdem ich Koks probiert 2004 setzte mir ein Psychologe die Pis- holte er noch mal 200 Gramm hervor. So
hatte, verweigerte ich eine Urinkontrolle. tole auf die Brust. Ich sollte auf die PGS viel Hasch hatte ich noch nie auf einmal
Ich musste unterschreiben: Sollte ich noch (Psychotherapieabteilung für Gewalt- gesehen. Ich lebte wie die Made im Speck.
mal auffallen, würde die Ausbildung be- und Sexualstraftäter –Red.). Ich wollte Mitte des vergangenen Jahrzehnts ge-
endet und ich zurückverlegt. mich eigentlich nicht so sehr mit mir und wann in Werl Heroin die Oberhand. Weil
Ich hatte bis dahin knapp acht Jahre meinen Taten auseinandersetzen. Die Al- es nur noch wenig Hasch gab, nahm ich
gekifft, und das nicht wenig für Knastver- ternative wäre gewesen, erst mal keine ab und zu Heroin – hörte aber wieder
hältnisse. Silvester, nach zehnmonatiger Chance auf Entlassung zu haben. auf. Ich wollte auf keinen Fall süchtig auf
Ausbildung, nahm ich mir vor, ganz auf- In der PGS-Abteilung musste man über das Scheißzeug werden.
zuhören. Ich verkaufte den Rest, den ich seine Kindheit reden, was mir generell In der weiteren Therapie ging es speziell
noch hatte. Zehn Tage habe ich geschafft. sehr schwerfällt. Meine Adoptivmutter um meine früheren Taten, vor allem um
Montags war der Ausbilder nie da, hatte eine sadistische Ader. Sie schlug mir meine schwerste: Als ich wieder mal aus
dann hatte ich frei. Er hatte mich gewarnt, mit dem Gürtel auf den Po oder mit dem dem Gefängnis kam, fuhr ich nach Wup-
dass die mich zur Urinkontrolle holen wer- Plastiklöffel auf die Hände. Vor lauter pertal zu meinem Kumpel Musa. Wir woll-
den. Am Morgen legte mir ein Mithäftling Angst machte ich oft ins Bett. Das blieb ten einen Überfall machen. Die letzten 20
gutes Hasch hin. Ich wurde schwach. Da natürlich nicht ungestraft. Außerdem Mark verzockten wir am Pokerautomaten.
ging die Tür auf: „Mahfouz, zur Urinkon- musste ich mit ihr Horrorfilme anschauen Gegenüber der Spielhalle war ein Taxi-
trolle.“ Was war ich nur für ein Idiot! und dabei ihre Füße massieren. stand. In einem Auto saß eine Frau am
Steuer. Musa nannte das
Fahrziel, und als wir ange-
kommen waren, bedrohte ich
sie mit einer Gaspistole und
nahm ihr das Portemonnaie
aus der Hand. Beim Ausstei-
gen schoss ich der Frau noch
ins Gesicht. Ich habe gedacht,
dass bei den Gaspatronen
nicht viel passieren kann und
wir ein bisschen Vorsprung
bekommen. Musa wollte aber
nicht abhauen. Er meinte,
dass wir zu schnell die Bullen
am Arsch hätten.
Wir haben die Taxifah-
rerin, nachdem wir sie mit
einem Messer verletzt hatten,
in die Wupper geworfen.
Mein Anwalt meinte, ich sei
nicht voll schuldfähig auf-
grund der Umstände, wie ich
POLIZEI HAMBURG / PICTURE ALLIANCE / DPA

aufgewachsen bin. Ich bekam


trotzdem lebenslänglich. Der
Richter meinte, ich solle eine
Ausbildung machen und wür-
de dann nach 15 Jahren wie-
der freikommen. Daraus wur-
de bekanntlich nichts.
Auch meine Therapie im
Werler Knast konnte ich
Hafturlauber Mahfouz nach der Bluttat im März vor Geldautomat: „Was habe ich für Scheiß gemacht?“ nicht zu Ende bringen. Ein
guter Kumpel, Chris, schleus-
Zur Strafe musste ich zurück nach Zwei Tage nach meinem 14. Geburtstag te Heroin für die russischen Gefangenen
Werl. Zur Begrüßung sagte der Flügellei- wechselte ich in ein Heim für Schwer- rein. Das war der Zeitpunkt, als ich rich-
ter (ein Vollarsch), ich solle die nächsten erziehbare. Wenn ich Kinder mit ihren tig süchtig auf die Scheiße geworden bin.
zehn Jahre Frikadellen drehen. Das tat Eltern sah, wurde ich traurig. Einmal Alle zwei Wochen kamen 30 bis 40
ich dann auch erst mal. kaufte ich mir in einer Apotheke eine Pa- Gramm, und die Hälfte war für uns.
Ich fing an, ab und zu mit Heroin zu ckung Thomapyrin, angeblich für meine Als Chris und ich einmal erwischt wur-
handeln; so konnte ich leichter meinen Mutter. Ich dachte, mit 20 Stück müsste den, kam ich in Einzelhaft. Das war übel:
Haschkonsum finanzieren. Wir rauchten ich tot sein. Ich habe mir die Seele aus Ich schwitzte und fror gleichzeitig. Ich
uns in dieser Zeit die Birne dicht. In Werl dem Leib gekotzt, aber am nächsten Mor- saß den halben Tag auf Toilette mit
gab es immer Möglichkeiten, über die Be- gen lebte ich immer noch. Durchfall. Ich kotzte, bis nur noch Gal-
sucher Drogen reinzubekommen. Andere Über all das sollte ich nun in der PGS- lenflüssigkeit kam. Ich wurde depressiv
Wege, wie über Beamte oder das Werfen Abteilung in Werl reden. Das war schwie- und litt an Schlaflosigkeit. Ich habe in
über die Mauer, habe ich da nie gesehen. rig, aber ich fühlte mich dort vom ersten zwei Wochen vielleicht zwei Stunden
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Deutschland

geschlafen. Ab und zu bekam ich mal ein vorbereitung machen und anschließend Der Bereichsleiter meinte aber, dass
Päckchen am Fenster oder in der Kirche. 18 Monate Therapie. Laut Plan wäre ich man jetzt so viel Arbeit in mich hinein-
Aber das hielt nur eine Stunde. 2013 nach 20 Jahren entlassen worden. gesteckt habe, nun solle ich auch nach
Nachdem ich noch zweimal Arrest Auf G4 lag ich mit 13 anderen Süch- Münster in die Drogentherapie. Mein
wegen verweigerter Urinkontrollen be- tigen zusammen. Selbst wenn ich gewollt zweiter Urlaub sollte einen Monat später
kam, hörte ich wirklich auf. Ich zog mei- hätte, war es praktisch unmöglich, auf sein, im Februar. Ich versuchte wirklich
nen Affen durch und machte wie irre der Abteilung sauber zu bleiben. Es geht aufzuhören. Eine Woche vor dem Urlaub
Sport. Ich sah nach sechs Monaten richtig da nur um Drogen. Man musste jede Wo- habe ich aufgegeben.
durchtrainiert aus. Manche meinten, dass che mit einer Urinkontrolle rechnen. Ich fuhr also nach Münster und wusste,
ich Anabolika nehmen würde, was Aber es gibt Tricks: Man trinkt zwei Stun- dass es der letzte Urlaub für lange Zeit
Quatsch war. Ich hatte nur meine Sucht den vor der Kontrolle sechs Liter warmes sein würde. Nach 30 Jahren aber riecht
verlagert. Wasser, dann pinkelt man auch nur noch Freiheit verdammt verlockend. So kam
Ich nahm ein Jahr lang kein Heroin. Wasser. Oder man gibt die Pisse von je- mir der Gedanke, meinen Urlaub quasi
Meine Urinkontrollen waren alle sauber, mand anderem ab. zu verlängern. Ich fuhr nach Süddeutsch-
und ich wurde in den offenen Bereich Irgendwann wurde entschieden, dass land und dealte. Dann erfuhr ich, dass
verlegt. Dort kann man sich zwischen 6 ich zunächst Begleitausgang bekommen die Bullen mich bereits suchen. Ich färbte
und 21 Uhr frei bewegen. Eine Gutachte- sollte und zwei Wochen später Haft- mir meine Haare schwarz, richtete sie mit
rin meinte, dass von mir keine Gefahr urlaub; danach sollte ich in die Therapie Haargel ein bisschen auf, noch eine Brille
mehr ausgehe, noch mal schwere Straf- nach Münster. Nun musste ich ganz für 50 Euro – und ich sah anders aus.
taten zu begehen. Vermutlich kam durch schnell sauber werden. Im Urlaub süchtig Aber ich musste mir etwas einfallen
die Gespräche mit ihr der Suchtdruck wie- zu sein wäre schlecht gewesen – wo hätte lassen, um wieder an Geld zu kommen.
der hoch. Jedenfalls wurde ich von einem ich die Drogen herbekommen sollen? Ich fuhr nach Hamburg. Es war kalt und
Tag auf den anderen rückfällig. Und ich wusste, dass ich direkt danach schneite. Ich war am Ende, mir war alles
Es kam dann noch eine Droge dazu: zur Urinkontrolle muss – da gab es keine egal. Dann sah ich dieses Café. Ich be-
Subutex. Das ist eine Ersatzdroge für He- Chance zu bescheißen. Doch mit dem stellte einen Kaffee. Als die Bedienung
roin, die ins Gefängnis geschmuggelt Aufhören wurde es nichts. Ab dem drit- ihn brachte, zog ich meine Spielzeug-
wird. Die Tablette wird zerdrückt, durch ten Tag ging’s immer richtig ab: Durchfall, pistole aus der Jacke. Dann weiß ich nur
noch, dass sie mir in die linke Hand ge-
bissen hat. Die Erinnerungen, wie ich auf
die Frau eingestochen habe, sind weg.
Was hatte ich für einen Scheiß gemacht?
Geldbörsen mit 200 Euro mitgenommen
und dafür vielleicht einen Mord begangen.
Als ich später versuchte, mit den gestoh-
lenen Bankkarten Geld abzuholen, habe
ich die falschen Nummern eingetippt.
Ich war schockiert, als ich am nächsten
Tag las, dass ich mehr als zwölfmal zuge-
stochen haben soll. Ich dachte an Selbst-
mord, aber hing doch irgendwie an mei-
nem verschissenen Leben. Also habe ich
mich gestellt.
Ich weiß, dass ich meine Drogensucht
mit meiner angeschlagenen Psyche erst
einmal nicht in den Griff bekomme. Ich
hoffe nun, endlich mal in ein Suchtpro-
TVNEWSKONTOR

gramm zu kommen. Die Anstalt hätte mir


längst einen Riegel vorschieben müssen,
was meine Geschäfte angeht. Es war doch
Gewaltopfer Maria V., Helfer in Hamburg: Mit einem Steakmesser niedergestochen offensichtlich, dass ich konsumiere. Ich
habe von 600 Euro im Monat höchstens
die Nase gezogen. Mit einem halben Päck- Schüttelfrost, Rückenschmerzen. Nur ein- 100 Euro für mich ausgegeben. Der Rest
chen war man einen ganzen Tag drauf. mal bin ich bis zum vierten Tag gekom- ging für Drogen drauf.
Die erste positive Urinkontrolle ging men. Ich mache mir nichts vor: Sollte ich
noch glimpflich aus. Da ich viel getrun- So bin ich dann in den Ausgang – und noch mal entlassen werden, dann als alter
ken hatte, waren die Werte gering. Ich war schön dicht auf Subutex. Ich fuhr mit Opa. Die Sicherungsverwahrung ist mir
erzählte, ich hätte nur ein paar Schmerz- zwei Begleiterinnen nach Münster zum wohl sicher. Statt an Gott glaube ich mehr
mittel genommen. Chance e. V. für Haftentlassene. Nach der an das Schicksal. Manche Menschen ha-
Irgendwann entstand im Rahmen mei- Rückkehr am folgenden Abend in Werl ben Glück im Leben: gutes Elternhaus,
nes Vollzugsplans die Idee, dass ich in musste ich eine Urinprobe abgeben, die Familie, Kinder, und alles läuft gut. Dann
der JVA Münster eine Drogentherapie natürlich positiv war. Ich ging davon aus, gibt es Menschen, die es nicht ganz so
machen sollte. Da ich zu lebenslänglich dass sich der Urlaub erledigt hatte. Des- einfach haben, aber trotz Schicksalsschlä-
ohne besondere Schwere der Schuld ver- halb habe ich dem Anstaltsarzt einen gen normal leben. Und hin und wieder
urteilt worden war, wäre ich normaler- Brief geschrieben und mich ein zweites gibt es Menschen, wie ich einer bin.
weise nach 15 Jahren entlassen worden, Mal fürs Methadonprogramm beworben. Ich halte mich nicht für böse und ge-
also im Juni 2008. Aber daran war nicht Methadon als Ersatzdroge nimmt dir fährlich, trotz allem, was ich gemacht
zu denken. den Druck, weil man nicht mehr hinter habe. Gefährlich bin ich nur, wenn Situa-
Im Mai 2010 zog ich in die Abteilung den Drogen herjagen muss und man sich tionen auf mich zukommen, mit denen
G4 um. Ich sollte da ein Jahr Therapie- nicht mehr in der Illegalität bewegt. ich nicht umgehen kann.
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JUGENDHILFE

Anwalt beider
Seiten
In Brandenburger Heimen sollen
Jugendliche misshandelt worden
sein. Der Leiter der Beschwerde-
stelle vertrat jedoch zugleich
die Interessen der Betreiber.

C
hristian Bernzen ist eine Stütze
der Gesellschaft. Der 50-jährige
Rechtsanwalt gilt als einer der
RAINER WEISFLOG / DER SPIEGEL

führenden Experten für Jugendhilferecht


in der Bundesrepublik, hat eine Profes-
sur für rechtliche Grundlagen der sozia-
len Arbeit inne, ist Schatzmeister der
SPD-Landesorganisation Hamburg und
Mitglied im vornehm-hanseatischen
Übersee-Club. Auch in der Weizsäcker-
Kommission zur Zukunft der Bundes- Haasenburg-Heim in Neuendorf: Knochenbrüche durch Gegenwehr?
wehr, im Zentralkomitee der deutschen
Katholiken und anderen ehrenamtlichen Anwalt des Betreibers ist, sondern auch mitbestimmt. Da ist es aus seiner Sicht
Gremien war oder ist Bernzen aktiv. Beistand der Jugendlichen sein sollte. logisch, dass seine Kanzlei „Bernzen
Doch einer seiner vielen Posten könnte Bis vor einem halben Jahr war er näm- Sonntag“ die Haasenburg in vielerlei
nun seinem Ruf nachhaltig schaden. Ak- lich Vorsitzender einer Kontrollkommis- Hinsicht vertritt – nicht nur vor Gericht.
ten legen den Verdacht nahe, dass der sion, die Beschwerden der jugendlichen Auch als Berater ist sie dem Unter-
Spitzenjurist nicht immer sauber unter- Heimbewohner prüfen und sicherstellen nehmen verbunden. Bernzen Sonntag
schieden hat – zwischen dem, was man soll, dass ihnen in den Häusern der Haa- handelte für die Haasenburg sogar aus,
vielleicht gerade noch darf, und dem, was senburg kein Unrecht geschieht. welche Tagessätze die Jugendämter der
man besser lässt. Dass sie in den Heimen anständig be- Firma zahlen müssen. Zwischen 300 und
Die Papiere dokumentieren Bernzens handelt wurden, bezweifeln mittlerweile 500 Euro pro Tag und Bewohner hat
fragwürdige Rolle in einem Fall, der seit nicht nur ehemalige Zöglinge. Die Staats- Bernzens Kanzlei für die Haasenburg
Wochen Schlagzeilen macht: Ehemalige anwaltschaft Cottbus ermittelt wegen des herausgeholt. Allein die Stadt Hamburg,
Insassen von Erziehungsheimen der Verdachts der gefährlichen Körperverlet- aus der viele Problemkinder kommen,
Haasenburg GmbH, die in Brandenburg zung und der Misshandlung von Schutz- überwies von 2008 bis Mai 2012 mehr als
drei Heime betreibt, haben in der „taz“ befohlenen. Am vergangenen Donners- vier Millionen Euro an den Heimbe-
schwere Vorwürfe erhoben: Zwecks Dis- tag durchsuchten Polizisten die Heime treiber.
ziplinierung hätten sie stundenlang auf des Unternehmens in Müncheberg, Jes- Der durchschnittliche Tagessatz lag
Liegen festgeschnallt verharren müssen. sern und Neuendorf. 2012 bei 373,54 Euro. Andere intensiv-
Andere berichten von körperlichen Über- Martina Münch (SPD), die branden- pädagogische Einrichtungen berechnen
griffen des Personals. Drei weibliche In- burgische Jugendministerin, setzte eine zwischen 250 und 320 Euro – so der Ham-
sassen hätten dabei Knochenbrüche er- „Untersuchungskommission zur Untersu- burger Senat in seiner Antwort auf eine
litten. In internen Protokollen der Betrei- chung der Vorfälle in den Einrichtungen Kleine Anfrage des FDP-Bürgerschafts-
ber heißt es, die Mädchen hätten sich die der Haasenburg GmbH“ ein: „Es geht um abgeordneten Finn-Ole Ritter.
Frakturen durch Gegenwehr bei soge- Vorwürfe massiver Menschenrechtsver- Bernzen räumt ein, dass das Haasen-
nannten Begrenzungsmaßnahmen selbst letzung.“ Die Kommission soll sich auch burg-Mandat zu den größeren seiner
zugefügt. mit zwei Todesfällen beschäftigen, die Kanzlei zählt. Auch sein Bruder Hinrich
Auch Bernzen, Anwalt der Haasenburg Staatsanwälte vor Jahren als unverdächtig verdient Geld mit dem Betreiber. Er
GmbH, weist die Vorwürfe zurück: „Kör- eingestuft hatten. macht PR und Pressearbeit für das Un-
perliche Begrenzung kann und darf nie- Bernzen hält die Anschuldigungen für ternehmen. Kann ein Mann, der mit ei-
mals eine erzieherische Maßnahme sein. „derzeit nicht plausibel“, sieht sie „als nem Heimbetreiber so eng verbandelt ist
Sie ist ein letztes Mittel zur Gefahrenab- Munition in einem ideologisch gefärbten und von ihm profitiert, gleichzeitig eh-
wehr, um eine Eigen- oder Fremdgefähr- Streit“ zwischen jenen, die im Rahmen renamtlicher Vorsitzender einer angeb-
dung der Bewohner zu vermeiden.“ der Hilfe zur Erziehung „jede Form von lich unabhängigen Kontrollkommission
Schöne Worte, doch schwer zu glau- Freiheitsentzug“ ablehnten, und jenen, sein, bei der sich Insassen über Missstän-
ben – nicht nur, weil „körperliche Begren- die darin ein „Mittel zur Ermöglichung de im Heim beschweren?
zung“ verharmlost, was Jugendlichen von Erziehung“ für schwer gestörte oder Nach landläufigen Maßstäben nicht –
dabei angetan wird: massive Gewalt, traumatisierte Jugendliche sähen. zumal die Kommission in Absprache mit
beispielsweise wenn vier erwachsene Bernzens Stimme hat Gewicht im Ju- dem Betreiber eingerichtet worden war.
Männer einen Widerspenstigen zu Boden gendhilferecht. Seine Veröffentlichungen Bernzen rechtfertigt sich, er habe „diese
drücken und festhalten. Noch problema- haben die Diskussion zum Thema frei- ehrenamtliche Tätigkeit stets von“ seiner
tischer aber ist, dass Bernzen nicht nur heitsbegrenzende Heimunterbringung „anwaltlichen Sachbearbeitung getrennt
D E R S P I E G E L 2 8 / 2 0 1 3 41
Deutschland

TERRORISMUS

Die Überlebende
Der Nationalsozialistische Untergrund hatte noch weitere Opfer
ausspioniert. Eine türkische Bäckerin aus Stuttgart
erfuhr erst vor einem Jahr von den Plänen – und ist traumatisiert.

MARCO-URBAN.DE
H
anife Ceylan hat nie daran gezwei- „Gutes Objekt und geeigneter Inhaber“,
felt, dass Stuttgart ihre Heimat ist. steht etwa neben der Adresse eines Ge-
Jurist Bernzen: Zahlreiche Ehrenämter Die Tochter türkischer Gastarbei- schäfts in Dortmund. Zur Anschrift eines
ter zog mit 15 Jahren in die deutsche Au- türkischen Imbisses wurde notiert: „Gu-
ausgeübt“. Die „Geschäftsstelle der tomobilstadt. Hier fand sie die Liebe ihres ter Weg von dort weg!“ Und an anderer
Kontrollkommission“ sei, wie er einer Lebens, schloss einen Bausparvertrag ab, Stelle: „Guter Sichtschutz. Person gut,
Richterin am Oberlandesgericht Ham- schickte ihre drei Kinder in einen deut- aber alt (über 60).“
burg erklärte, „an die Katholische Hoch- schen Kindergarten und später an die Uni- Auf einer CD, die Fahnder aus den ver-
schule für Sozialwesen in Berlin ange- versität. Ihr Schwäbisch ist besser als ihr kohlten Überresten bargen, sind Fotos
gliedert“. Türkisch. gespeichert. Sieben davon konnten die
Das ist nicht nur eine eigenwillige Ar- Doch nach 33 Jahren in Deutschland Beamten Straßen in Stuttgart zuordnen,
gumentation, sondern im Fall des ehe- überlegt Hanife Ceylan, die in Wirklich- sie entstanden offenbar im Juni 2003, als
maligen Heimkinds Michel W. auch nach- keit anders heißt, ihren deutschen Pass der NSU bereits vier Morde begangen
weislich falsch. Der heute 16-Jährige war wieder abzugeben. hatte.
im Mai 2011 per Gerichtsbeschluss zur „Das Papier kannsch de Hase füttern“, Die Bilder zeigen türkische und italie-
„geschlossenen Unterbringung“ in ein sagt sie. Sie steht in einer Kittelschürze nische Lebensmittelgeschäfte, Restau-
Haasenburg-Heim eingewiesen worden. hinter dem Tresen ihrer Bäckerei in der rants, belebte Straßenabschnitte, Haus-
Ein Jahr später schrieb der Junge einen Stuttgarter Innenstadt, belegt Brötchen eingänge. Auf mehreren der Bilder po-
Brief an den Vorsitzenden der Kontroll- mit Schnitzeln, sortiert Rosinenschnecken siert „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“,
kommission, Prof. Dr. Christian Bernzen. in die Regale und sagt: „Für die war ich so heißt es in den Akten, Uwe Böhnhardt.
Darin beklagte er sich – unter anderem – nie eine richtige Deutsche.“ Er lehnt lässig an einem Mountainbike,
über eine Erziehungsmaßnahme, die er einen dunklen Rucksack auf dem Rücken,
einer Anwältin so schilderte: eine Baseballkappe auf dem Kopf, die