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Warum Kinder die Wolken blau malen

Joannes Richter

Kinderwahrnehmungen
Unsere Voreinstellungen bei der Wahrnehmung basieren auf Filter, die sich bereits in frühen Jahren
in unseren Gehirnen eingeprägt haben. Testbilder sollte nun wenigstens eines dieser
Voreinstellungen bei der Wahrnehmung bestätigen, die unsere Beobachtung verzerren und zum
Wahrnehmungsfehler führen.

Weißer Himmel mit blauen Wolken


Bei einem Malkurs für etwa 7- bis 10-järigen Kinder fiel mir auf, dass die Kinder beim Malen die
zu malenden Objekte nicht anschauen sondern in der Regel das im Gedächtnis vorhandene Bild
abbilden. Dadurch entspricht das Gemälde nicht der direkten Wahrnehmung. Stattdessen bildet das
Kind sein gedachtes Bild ab, das üblicherweise Wahrnehmungsfehler enthält.
Obwohl im Kurs diverse Bilder eines blauen Himmels mit weißen Wolken Staffeleien und an den
Wänden ausgestellt waren, malten zunächst fast alle Kinder einen weißen Himmel mit blauen
Wolken wie im folgenden Beispiel.

Abb. 1: Weißer Himmel mit blauen Wolken


Malen die Kinder etwa ein Urbild, das von den ungeschulten Sinnesorganen im Gedächtnis
gespeichert wird? Lernen wir erst durch einer Schulung genauer zu beobachten und „wahr“ zu
nehmen?

Abb. 2: Weißer Himmel mit blauen Wolken

Blauer Himmel mit weißen Wolken


Erst wenn man ein Einzelkind vor dem malen der Wolken darauf hinweist, dass es sich vor dem
Malen zuerst mal genau die Wolken am Himmel oder auf dem Beispielbild anschauen sollte, wird
das Kind die Abbildung korrekt mit weißen Wolken am blauem Himmel gestalten.
Nachdem das erste Kind die Wolken korrekt gemalt hatte, versuchte sein Nachbar, der sein eigenes
Bild bereits fertiggestellt hatte, seinen „falsch“ gemalten Wolkenhimmel umzugestalten.
Die Kinderbilder ähneln sich auf verblüffender Weise als ob die Kinder unabhängig vom Wohnort
und von der Vorbildung platonische Urbilder gespeichert haben. Ist es denkbar, dass alle Kinder
geboren werden mit der Idee dass Wolken grundsätzlich blau sind, sowie man früher gedacht hat,
dass Kinder vorzugsweise Hebräisch sprechen lernen1, sofern ihnen nicht kurz nach der Geburt eine
andere Sprache von ihren Eltern aufgelegt worden wäre?

Abb. 3: Blauer Himmel mit weißen Wolken

Das Einsichtsalter der Kinder ?


Leider konnte das Einsichtsalter der Kinder bisher nicht untersucht werden, d.h. das Alter ab dem
die Kinder die Voreinstellung der blauen Wolken auf weißem Hintergrund automatisch verlieren.
Eine Lehrerin bestätigte mir, dass alle Kinder im Alter von etwa 7 Jahre die Wolken am Himmel
blau malen. Das Umpolungsalter der Einsicht wäre nicht bekannt. Es wäre gar denkbar, dass sie
diese Voreinstellung nur durch einem Hinweis verlieren.
Das Malen des blau/weißen Wolkenhimmels könnte ggf. zur Bestätigung von Platons
Erkenntnistheorie herangezogen werden.

1 Salimbene schreibt, Friedrich II habe zum Zwecke der Suche nach der Ursprache, die bereits vor Friedrich II.
verschiedenen anderen Herrschern zugeschrieben worden war, mehrere Säuglinge von der Außenwelt isoliert und
ihren Ammen befohlen, die Kinder zwar zu säugen und sauberzuhalten, aber weder mit ihnen zu sprechen noch sie
zu liebkosen, oder ihnen sonstige Zuwendung zuteil werden zu lassen. Auf diese Weise habe er – so Salimbene –
herausfinden wollen, in welcher Sprache Kinder ihre ersten Worte von sich geben. Die Kinder hätten dann aber gar
nicht gesprochen, sondern seien aufgrund der mangelnden menschlichen Zuwendung frühzeitig gestorben.
Einsicht im zweite Kurs
Im zweiten Kurs, die 5 Wochen später stattfand, hatte sich das Bild geändert. Die Kinder hatten
aufmerksam zugehört und gemerkt, dass es eine Diskussion zur Farben der Wolken gab. Im zweiten
Kurs gab es Kinder, die das Wolkenbild leichter einfärbten, so dass es in der hellblau-grauer Farbe
eher der Natur entsprach. Andere Kinder malten den Himmel etwas dunkler, aber es ist unklar, ob
die Kinder dabei die Farbe absichtlich heller dosierten.

Abb. 4: Hellblau-graue Wolkenhimmel Abb. 5: Hellblau-graue Wolkenhimmel

Ein siebenjähriges (neu hinzugekommenes) Mädchen malten den Himmel ziemlich dunkelblau und
setzte darunter einige weißen Wolken:

Abb. 6: Blauer Himmel mit weißen Wolken


Einer der Jungen malte jetzt auf Anhieb einen durchgehend blauen Himmel:

Abb. 7: Durchgehend blauer Himmel

Der Junge, der im ersten Kurs die Wolke korrekt weiß auf blauem Himmel (Abb. 8) gemalt hatte,
malte im zweiten Kurs den gleichen Himmel (Abb. 9). Da er jedoch die Vorlage zur Hand hatte, war
das nicht verwunderlich. Links wird das erste, rechts das im zweiten Kurs gemalt Bild dargestellt:

Abb. 8: Blauer Himmel mit weißen Wolken Abb. 9: Blauer Himmel mit weißen Wolken
Warum Kinder die Wolken blau malen
Der Mechanismus, der zur Blaufärbung der Wolken führt, erscheint mir nun jedoch nach zwei
Kursen einfach.
In Kinderzeichnungen wird Weiß normalerweise nur für die Wolken benötigt. Alle andere
Gegenstände haben üblicherweise andere Farben.
Die Kinder nehmen den blauen Himmel offensichtlich nur als „leeren“ Raum wahr und würden
diesen „nicht vorhandenen“ Gegenstand am liebsten weglassen. Da sie jedoch die Farbe Blau nicht
einfach ignorieren können, muss dieser irgendwo untergebracht werden. In einem solchen Fall sind
die Wolken die naheliegende Objekte, die zur blauen Einfärbung zur Verfügung stehen.
Es ist in diesem Fall jedoch kein platonisches Idealbild, das automatisch die Farbe Blau erhält. Es
ist eine einfache, naheliegende Lösung, die gewissermaßen automatisch zustande kommt.
Eine Bestätigung würde man vielleicht finden, wenn man als Vorlage ein blaues Papier benutzen
würde. In diesem Fall wäre es denkbar, dass die Kinder den Himmel auf Anhieb korrekt malen. Die
Durchführung dieses Experiments steht jedoch noch aus.