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INTERVIEW

Wöhnert
Die Tempelanlage von Borobodur, Indonesien, aus dem 7./ 8. Jahrhundert beherbergt hunderte Buddha-Statuen.

Der historische Buddha


Buddha Όkyamuni als Forschungsobjekt zeit- in der Forschung
genössischer Wissenschaft: Was ist historisch

belegt über sein Leben? Wo klaffen Legende und

historische Forschung auseinander? Christine

Rackuff sprach mit Dr. Ingo Strauch, Indologe


Probleme. Sie sind nicht datiert, haben keine Autoren und
und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl bleiben für uns anonym.
Wir können nicht mit Sicherheit sagen, welche Texte
Indische Philologie der Freien Universität Berlin. der buddhistischen Kanones wirklich aus Buddhas Zeiten
sind. In dieser frühen Zeit tappen wir noch im Dunkeln.
Der anerkannte Buddhologe Hermann Oldenberg z.B. hat
seine Buddhaforschung im späten 19. Jahrhundert anhand
Interview mit Ingo Strauch des Påli-Kanons betrieben. Man meinte, das sei der älte-
von Christine Rackuff ste buddhistische Kanon. In den Jahrzehnten nach
Oldenberg sind uns darüber hinaus Texte noch früheren
Frage: Ist das historische Leben des Buddha 2500 Jahre Ursprungs aus Zentralasien und Nordwestindien bekannt
nach seiner Zeit durchgängig erforscht? Sie sind sozusagen geworden, die sich zum Teil erheblich unterscheiden.
‚Buddha-Beauftragter’ der Freien Universität, sprechen Wenn Sie zwei oder drei Texte miteinander vergleichen,
und lesen Sanskrit, Påli und andere mittelindische Spra- kann man aus dem, was allen eigen ist, Schlüsse hinsicht-
chen jener Zeit, wie nähern Sie sich seiner Geschichte lich des „Ur-Kanons” ziehen.
an? Forscher der Königlich-Preußischen Akademie der
Dr. Strauch: Als Philologen nähern wir uns dem Buddha Wissenschaften haben Anfang des 20. Jahrhunderts, wie
über die Texte. Besonders die buddhistischen Texte der auch russische, englische, japanische Forscher, viel zum
alten indischen Überlieferung stellen uns jedoch vor große aktuellen Buddha-Bild beigetragen. Die Preußische Aka-

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demie brachte die legen- Όkyas bezeichnet. Es sollte
dären Turfan-Texte aus somit keinen Zweifel an
Ost-Turkestan, im heutigen seiner Existenz geben.
China, mit. Das sind budd- Frage: Welche peripheren
histische Texte in Sanskrit Forschungen geben noch
und nicht-indischen Spra- Redakteurin Christine Rackuff im Gespräch mit Dr. Strauch. über ihn Auskunft? Sind
chen, die gleichbedeutend sein Vater, seine Frau, seine
mit denen des Påli-Kanons sind. Wenn man heute neue Kinder auch historisch bekannt?
Quellen über Buddha sucht, reicht es nicht mehr aus, nur Dr. Strauch: Sicher scheint, dass der Buddha aus der adli-
in den Påli-Kanon zu schauen. Es gibt in singhalesischen gen Œåkya-Familie aus dem Nordosten Indiens stammt. Er
Chroniken Vermerke, dass der Kanon im ersten Jahr- war verheiratet und hatte einen Sohn, Rahula, der später
hundert v. Chr. erstmals verschriftlicht wurde, also lange als erster Novize in den Orden aufgenommen wurde.
nach dem Buddha. Wirklich lebendig ist die Schilderung der Familienmit-
Das, was von den Mönchen aufgeschrieben wurde, ist glieder jedoch nicht. Allerdings übernehmen sie schon
nicht in dem Sinne authentisch, dass wir darin die Worte früh Funktionen in der Legendenbildung bzw. historischen
des Buddha selbst lesen. Allerdings gibt es Stellen, bei Legitmitation bestimmter buddhistischer Institutionen wie
denen wir anhand der Diktion schließen können, dass der z.B. Rahula in Bezug auf den Novizenstand. Der Vater
Buddha es so gesagt haben könnte. Die S•tras, die bei- Buddhas spielt besonders in der Kindheitsgeschichte des
spielsweise die erste Lehrrede des Buddha zum Inhalt Buddha eine Rolle.
haben, machen einen sehr ursprünglichen Eindruck. Aus Die Geschichte der vier Ausfahrten, die ihn erstmals
philologischer Sicht müssen authentische Texte schlüssig mit dem Leidvollen außerhalb seines Palastes konfrontie-
sein, sie dürfen nicht überfrachtet sein mit späteren ren, darf nicht historisch verstanden werden. In Texten,
Vorstellungen. Ein Beispiel haben wir im Mahåparinirvå¶a- die sehr alt sind, werden sie gar nicht erwähnt. Da steht
S•tra: Dort wird beschrieben, wie der Mönch Mahåkaœ- nur, dass er über Geburt, Alter, Krankheit, Tod nachdach-
sapa erst nach dem Ableben des Buddha in Kushinagara te und zu dem Schluss kam, dass sie leidvoll sind und es
eintrifft und dem verstorbenen Buddha die Leichentücher einen Weg geben muss, sie ganz zu überwinden.
abnimmt.
Andere Texte, die eine andere Buddhologie vertreten, „BUDDHA WAR EINE STARK POLITISCHE PERSON“
berichten, dass der Mönch das Leichentuch nicht berühr- Frage: Ging der Buddha einen einsamen Weg? Werden in
te, sondern dass sich das Tuch durch seine Meditation den alten Texten neben Buddha andere Bodhisattvas oder
sozusagen von selbst abnahm. Nach mahåyanistischer Heilige erwähnt?
Deutung heißt es dann sogar, dass der Buddha selbst aus Dr. Strauch: Über seine Gemeinde sind wir aus den
Mitgefühl seine Füße entblösste. Texten relativ gut informiert. Ånanda beispielsweise ist
Frage: Wenn so viel im Dunkel der Geschichte bleiben nicht sein erster Schüler gewesen. Wir kennen frühere
muss, haben Historiker die Chance, über zeitgeschichtli- Schüler aus Belehrungen in Benares. Auch die beiden
che Zusammenhänge Analogien herzustellen? Was sagt großen Hauptjünger, Œåriputra und Maudgalyåyana, gel-
die klassische Indologie über die gesellschaftspolitischen ten nicht als Bodhisattvas, sondern Schüler, welche die
Abläufe jener Zeit? Lehre in besonderer Weise aufgenommen haben und
Dr. Strauch: Die Zeit war durch Asketentum gekenn- geeignet waren, sie nach Buddhas Tod weiter zu verbrei-
zeichnet, es gab viele Strömungen meditativer Praktiken, ten. Von Bodhisattvas wissen wir nichts, damals gab es nur
die einen Erlösungsweg suchten. In der bisherigen vedi- den Buddha selbst und von ihm erleuchtete Heilige.
schen Religion gab es das nicht, und die echte Religions- Frage: In den buddhistischen Texten ist die Rede vom Rad
ausübung war Brahmanen vorbehalten. Der Buddha bot der Lehre, das Buddha Œåkyamuni in Bewegung gesetzt
eine neue Perspektive, indem er den Menschen sagte‚ ihr hat. Ordnen das Historiker als Gleichnis ein?
könnt diesen Weg auch beschreiten und zu uns kommen, Dr. Strauch: Dieses Rad muss man wohl als Teil einer uni-
unabhängig davon, welcher sozialen Schicht ihr angehört’. versalen Herrschaft verstehen, das bis an die Grenzen des
Wie revolutionär! Universums reicht. Was mich fasziniert ist, dass der
Zur Zeit des Buddha gab es noch keine Schriftsprache, Buddha seiner Lehre nur einen Bestand von etwa 500
alles wurde mündlich überliefert. Buddha sprach und lehr- Jahren gab. Als es zur Gründung des Nonnenordens kam,
te in Ardhamagadhi, einer mittelindischen Sprache, die was er erst gar nicht wollte, sagte er, dass sich die Zeit sei-
auch das einfache Volk kannte. Er benutzte nicht Sanskrit ner Lehre dadurch noch weiter verkürze. Man meinte
oder Påli. Es gibt wenig historisch Greifbares aus der Zeit damals, Frauen hätten nicht die geistig-spirituellen
des Buddha, viele Angaben der Texte lassen sich nicht Qualitäten wie Männer. Auch Buddha musste erst vom
archäologisch bestätigen, übrigens auch nicht Kapilavastu, Gegenteil überzeugt werden. Das schaffte seine Zieh-
die Stadt, in der Buddhas Vater regierte. Allerdings haben mutter Mahåprajåpatï Gautamï, welche die erste Nonne
wir zur Zeit des buddhistischen Herrschers Aœoka, Mitte wurde. All das sagen uns die Texte, und man muss das so
des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, eine Inschrift aus hinnehmen. Wir Historiker sind da bescheiden. Die Texte
Buddhas Geburtsort Lumbini in der Brahmi-Schrift „Hier setzen uns nun mal Grenzen der Erkenntnis.
wurde der Buddha Œåkyamuni geboren“. Ja, er wurde Frage: Eine seltsam schillernde Figur ist Buddhas Vetter
damals schon als weiser Muni aus dem Geschlecht der Devadatta. Er gilt als Buddhas ärgster Widersacher. Ist eine

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Analogie zu Faust und Mephisto, dem Versucher, histo- Frage: Konnte die buddhistische Lehre nur in Indien ent-
risch zu kurz gegriffen? stehen?
Dr. Strauch: Nein, man kann ihn durchaus als Vertreter Dr. Strauch: Sie ist in Indien entstanden, weil dort die
des Bösen, Måra, sehen. Devadatta hatte aber keinen geistige Entwicklung solche Lehren möglich machte, auch
Erfolg als Bösewicht, Buddha besiegt ihn auf der ganzen vor dem Hintergrund der Meditationspraktiken, die schon
Linie bis hin zu dessen Höllenfahrt. In der Person des vor dem Buddha entwickelt waren. Er selbst hat ja bei
Devadatta werden wohl auch Widersprüche innerhalb großen Yogis gelernt. Sie spielten eine Rolle, um über-
des Ordens personifiziert. Die frühesten Texte berichten haupt einen Ausweg aus dem Leiden zu finden.
erst ganz positiv von ihm als prominentem Mönch in her- Was mir persönlich am Buddhismus gefällt, ist, dass er
ausgehobener Position. ohne Gott ausgekommen ist. Erst später im Mahåyåna um
Später schwang Devadatta sich auf, gegen den Buddha die Zeitenwende hat es die Vergöttlichung des Buddha
zu opponieren. Vielleicht war er nicht der einzige. gegeben. Einige Vorstellungen gingen so weit, dass
Buddha war ja eine stark politische wie diplomatische Erlösung und Verdienst durch die Hingabe an diesen Gott
Person. In den Herrscherhäusern ging er ein und aus, und erreicht werden können. Das sind Ansichten, die dem
das wird nicht allen gefallen haben. Auf Devadatta geht Wesen des frühen Buddhismus eher zu widersprechen
auch die Frage des Verzichts auf Fleischverzehr zurück. scheinen.
Vegetarismus, im frühen Buddhismus noch gar nicht Frage: Wie historisch ist die Zahl der 84.000 Lehrreden,
benannt und von Buddha nicht praktiziert, war für viele die der Buddha gehalten haben soll?
Mönche in Indien ein Thema. Dr. Strauch: 84.000 ist eine legendäre Zahl. Man hat sie
gerne benutzt. Aœoka hat auch 84.000 St•pas errichten
SCHRIFTEN VON BAUERN AUSGEGRABEN lassen. Buddha wurde 80 Jahre alt, zog mit 29 Jahren in
Frage: Buddha hat in seiner Lehre vieles revolutioniert, die Hauslosigkeit, sechs Jahre war er noch auf der Suche.
was zuvor tabu war. Besonders wenn er sagt, ‘du bist für Bleiben gut 40 Jahre für seine Belehrungen. Er müsste
dich selbst und dein Tun verantwortlich, kannst dich selbst jeden Tag vier bis fünf Lehrreden gehalten haben.
vom Leiden befreien’, das muss in einer Zeit, in der die Frage: Ist in der Wissenschaft auch etwas über die Um-
sozialen indischen Strukturen starr und stark zu Lasten der stände des Todes des Buddha bekannt, gibt es Ein-
Armen gingen, ungeheuerlich gewesen sein. deutigkeit in der Frage seines Hinscheidens und Eingehens
Dr. Strauch: Gleichzeitig war es eine phantastische in das Nirvå¶a?
Perspektive. Der Orden war auch ein großes Sozial- Dr. Strauch: Am Leben des Buddha interessiert die
projekt. Man hatte dort zunächst einmal seine Grund- Nachwelt in erster Linie die Erleuchtung, die Gründung
bedürfnisse erfüllt, bekam etwas zu essen. In der Regen- des Ordens und sein Tod. In den Wochen vor seinem
zeit hatte man ein Dach über dem Kopf und war einge- Ableben gab er noch sehr viele Unterweisungen. Über die
bunden in eine Gemeinschaft, die jeden als vollwertigen Erleuchtung und die Zeit um seinen Tod wissen wir aus
Menschen akzeptierte. den Texten vergleichsweise viel, allerdings beginnen auch
Frage: Gibt der Buddha, so wie er sich heute der interna- Legendenbildungen. Man spricht z.B. von einer Fleisch-
tionalen Forschung und Wissenschaft präsentiert, noch vergiftung als Todesursache. Das scheint nicht zu stim-
Rätsel um seine Person auf? men, denn davon hat er sich noch einmal erholt. Bald dar-
Dr. Strauch: Unsere Suche gilt sicher nicht mehr einem auf legte er sich dann wirklich auf sein letztes Lager. Den
Ur-Kanon, aber wir wollen so nahe wie möglich an den Beschluss zu sterben hatte der 80-jährige Buddha, wie es
Buddha herankommen. Was nach Buddhas Tod von scheint, längst gefasst.
Mönchen aufgeschrieben wurde, ist nun einmal nicht so
authentisch, dass wir hier die Worte des Buddha lesen.
Das Mahåparinirvå¶a-S•tra ist sehr nah am Buddha. Ein
spezielles Projekt, das wir hier an der Freien Universität
Berlin betreiben, ist die Edition früher buddhistischer
Handschriften aus Nordwestindien, der Region Gandhara,
dem heutigen Peshawar. Sie liefern uns sehr frühe Über-
lieferungen kanonischer und nicht kanonischer Texte.
Frage: Wie finden die Texte in unsere Zeit, wie haben sie
die Jahrtausende überdauert? Dr. Ingo Strauch, geboren 1969,
Dr. Strauch: Häufig wurden sie auf dem Gelände ehema- studierte südasiatische Altertums-
liger Klöster vergraben. Viele alte Schriften werden von und Mittelasienwissenschaften
Bauern gefunden, beim Bestellen der Felder, meist in an der Humbolt-Universität in
Pakistan. Dort sind die klimatischen Bedingungen für eine Berlin. Promotion im Jahr 2000,
natürliche Konservierung besser. Im feucht-heißen indi- seit dem ist er Wissenschaftlicher
schen Klima ist viel verloren gegangen, weil die Texte auf Mitarbeiter am Institut für Indi-
organischem Material wie Palmblatt oder Birkenrinde ge- sche Philologie und Kunstge-
schrieben wurden. Sehr oft findet man diese Kostbar- schichte der Freien Universität
Rackuff

keiten auch in St•pas. Handschriften wurden auch rituell Berlin.


bestattet, weil sie als Dharmakåya des Buddha galten.

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