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»Spiegel der eigenen Wünsche«

31.12.1995, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 1/1996

Im Jahre 1910 sah die Welt von morgen für Propheten so aus: Die Zahl der
Wahnsinnigen wird irre steigen; das Verbrechen, zur Domäne der Frauen
geworden, gewinnt an gräßlicher Tücke; und jedermann läuft mit einem
schnurlosen Telefon herum.

Andererseits: Ein »froher, komfortabler Kommunismus« steht bevor, Äpfel


werden »so groß sein wie Melonen«, und den »einzig bedeutenden Weltkrieg«
führen die »Vereinigten Staaten Europas« gegen die »gelbe Rasse«, siegreich
dank »riesenhafter Vakuumluftschiffe«.

Noch schöner: Angesichts »gewaltiger Vernichtungskräfte« wird Krieg zur


»Unmöglichkeit«; Wetterprognosen können »bis auf halbe Monate voraus« mit
»voller Genauigkeit« gestellt werden; und die Geselligkeit blüht auf, »weil dann
gute Manieren so selbstverständlich sind wie frische Wäsche«.

So sah einmal die Zukunft aus, »so großer Verheißungen voll« - auf dem Papier.
Im Jahre 1910 erschien in der Berliner Verlagsanstalt Buntdruck ein Buch mit
zwei Dutzend Aufsätzen, die alle um dessen Titel kreisten: »Die Welt in
hundert Jahren"*.

Die Creme der Jahrhundertwende legt da los, darunter Präfigurationen heutiger


Wort-Führer. Etwa der Sozialdemokrat Eduard Bernstein (vergleichbar mit P.
Glotz), der Kritiker Hermann Bahr (M. Reich-Ranicki) und die Ditfurth ihrer
Zeit, die Pazifistin Bertha von Suttner.

Es war zwei Jahre vor dem Untergang der »Titanic«, also alles noch ahoi.
Lilienthal hatte abgehoben, die »drahtlose Telephonie« läßt alle Menschen
Brüder werden, Röntgen und Curie verheißen eine strahlende Zukunft.
Euphorie, bekanntlich das subjektive Wohlbefinden Schwerstkranker, regiert
die Stunde.

Hoch hinaus wollen die Propheten des alten Buches. Ȇber den
Tropengebieten von Amerika« legt man sich, in 3000 Meter Höhe, in
»Schlafballons« zur Ruhe. Morgenlektüre entfällt, denn »Zeitungen gibt es
2009

nicht mehr«; alles geht, »auch vom Mars herüber«, drahtlos. »Luftjachten«
führen Alpinisten »zu Bergbesteigungen auf den Mond«. Zur »Sommerfrische«
hingegen reist man in »submarine Villenstädte«, denn die
»Landschaftsschönheiten sind alle zerstört«. Höchster Gedankenflug: Ein
»Jahrhundert der Moralität« stehe bevor.

Einig sind sich die Frauenrechtlerin Ellen Key und der Sozialdemokrat
Bernstein: Ums Jahr 2000 haben die »beiden großen Bewegungen« der Neuzeit,
die Frauen- und die Arbeiterbewegung, »ihre Ziele erreicht«. Unter anderem
durch ein Mittel, »die Menschheit ohne Elternschaft fortzupflanzen«.

Manches kam wirklich wie vorgesehen. Das avisierte


»Konzentrationsverfahren«, das Sonnenlicht in »Motorkraft umwandelt«, ist
da. »Mindestlöhne« und die »Länge des Arbeitstages« sind geregelt.
»Masculinfreie Männer« und »femininfreie Frauen« reichen sich gelegentlich
die Hände.

Gebahnt ist nun auch der »drahtlose Weg«, der den »Anblick von Sensationen
furchtbarster Art« in aller Welt gewährt, per Glotze. Mediziner-Utopien,
»nahezu alle Organe« werden transplantiert, sind Weißkittelalltag geworden.
Apokalyptisch richtig: »Wasser wird seltener und kostbarer sein als Gold«.

Und es kam das »Jahrhundert des Radiums«, der Atomenergie, der


»zerstörendsten Kraft, die jemals in eines Menschen Hände gelegt worden
war«. Kinderglaube damals: Sie werde auch »Blinde sehend machen« und ein
»Zeitalter völliger Krankheitslosigkeit« heraufführen.

Verblüffend oft wird im Jahre 1910 das »Tausendjährige Reich« beschworen:


eines der Mutter, eines der Maschinen, auch eines des »vollkommenen
Gemeinwesens«; das wird kommen, wenn das »Unkraut aus dem großen
Garten der Menschheit ausgejätet«, das »Blut« rein ist.

Die Zukunft, schreibt einer, sei ein »Spiegel, in dem nichts anderes erscheint als
die Erfüllung der eigenen Wünsche«, auch skurriler. In hundert Jahren etwa
werde Literatur »unnötig« sein, prophezeit der Kritiker Hermann Bahr. Denn in
den rosa Zeiten, die da heraufziehen, entfalle das Grundmotiv des Dichtens, der
Gelderwerb. Allerdings könne ein »heute durchaus unbekanntes Motiv«
auftauchen und einer dichte, »weil er etwas zu sagen hat«.

Kein Zukunftsszenario ohne Weltuntergangsvision. Ein Komet kann kommen


und die Erde platt machen, auch eine »Revolution« steht in den Sternen, eine
»über den ganzen Planeten verzweigte Verschwörung der Schuljugend«; die
Erhebung erfolgt am Neujahrstag des Jahres 2009, und die »erste Gewalttat« ist
offenbar die Erfüllung eines alten Menschheitstraums: »In gewaltigen
Emigranten-Zeppelins werden alle Journalisten auf den Mars verschickt.«

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