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Ist Folter okay?

Ist Folter okay? Oder besser gesagt, Ist das Einsetzen von physischer oder psychischer Gewalt
an einer Person gerechtfertigt, wenn dadurch etwa ein größeres Leid von Menschen verhindert
werden kann ?

Diese Frage wird als ein ethisches/philosophisches Dilemma bezeichnet, welches eine ethisch-
moralische Entscheidungssituation beschriebt, bei welcher mehrere Handlungen möglich sind, die
sich jedoch gegenseitig ausschließen und jeweils mehr oder weniger schwere Folgen mit sich
ziehen.

In den meisten Fällen ist die Bewertung von Konsequenzen und Nutzen von der persönlichen
Sichtweise des Betrachters abhängig und dessen philosophischen Konzeptes für richtiges
Handeln.

Zu den verschiedenen ethischen Modellen gehört zum Beispiel die Tugendethik, bei der der
Endzweck allen menschlichen Tuns die Glückseligkeit ist und sich Jene durch ein Tugendhaftes
Handeln erzielen lässt.

Dieses Tugendhafte Handeln basiert auf menschlichen Charaktereigenschaften wie etwa Mut,
Gerechtigkeit, Besonnenheit und Klugheit. Diese Sollten immer die Mitte zweier Extreme bilden.

Hauptvertreter dieses Konzeptes ist Aristoteles.

Bei der ebenfalls von Aristoteles vertretenen Güterethik ist das Ziel, ein bestimmtes höchstes Gut
durch spezielles Handeln zu erzielen.

Ein jenes höchtes Gut kann etwa Glück, Gesundheit, Freiheit, Frieden und Sicherheit sein, ein
christliches höchstes Gut ist etwa das Reich Gottes.

Auch kann die Verantwortungsethik, vertreten von Max Weber, zur Rechtfertigung einer
vermeintlich richtigen Handlung genutzt werden, bei welcher die Verantwortung eines Menschen
im Vordergrung steht und diese als einziger Faktor in die Entscheidung mitein ießt.

Ein Mensch muss die Folgen einer Entscheidung mithilfe seiner eigenen Moralvorstellungen
verantworten können. Hierbei ist die „Gesellchaftsmoral“ zu vernachlässigen und die persönliche
Abwägung was vor wem zu Verantworten ist, ist zielführend.

Aus der P ichtenethik gehen im Gegenzug Handlungen hervor, die durch allgemeingültige
Gesetze gerechtfertigt werden.

Persönliche Neigungen, Gefühle und mögliche Folgen sind nach Immanuel Kant hierbei
unrelevant.

Das „Letze“ ethische Modell wird Utilitarismus genannt und beurteilt das Handeln nach der
Nützlichkeit seiner Folgen und der Maximierung des Glücks, beziehungsweise der maximal
möglichen Reduzierung des resultierenden Leids.

Das Modell besteht aus vier Prinzipien, welche den Bedacht möglicher Folgen, das erziehlen
größtmöglichen Nutzens und somit der Maximierung des gefühlten Glücks und ebenso das
Wohlergehen der größtmöglichen Zahl der Beteiligten umfasst.

Mit diesem Wissen haben wir nun schon einmal einen tieferen Einblick in die unglaubliche Vielfalt
der Emp ndungen für „was richtig ist und was nicht.“

Und mit dieser Erkenntnis widmen wir uns erneut der Dilemmasituation der Folter.

In einer ktiv kreierten Situation ist ein Terroranschlag auf ein berühmtes und überaus belebtes
Einkaufszentrum geplant.

Das Landesamt für Verfassungsschutz hat eine telefonische Verdachtäusserung eines anonymen
Zeugen erhalten und kurze Zeit später ist ein vermeintliches Mitglied der Terrorgruppe von der
Polizei gefasst worden.

Es gibt mehrere mehr oder weniger handfeste Beweise, die auf eine tatsächliche Mitgliedschaft
des Verdächtigten in der Terrorgruppe hinweisen und es besteht die Möglichkeit durch
Informationen die Urzeit und die Art des Anschlags zu erfahren und somit das Leben hunderter
Menschen zu retten.

Leider weigert sich der Verdächtigte, jegliche Informationen weiterzugeben und schweigt.

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Die Polizei steht nun vor einer unglaublich komplizierten Entscheidung, alle möglichen
Maßnahmen zu ergreifen um den Anschlag zu verhindern, dabei jedoch auf moralisch
inakzeptable Maßnahmen wie die Anwendung von Folter an dem Verdächtigen zurückzugreifen,
oder die Menschenrechte dessen zu achten und somit auf andere Weise zu versuchen, den
Anschlag zu verhindern, somit aber eventuell die Leben hunderter Menschen aufs Spiel zu setzen.

Eine solche Situation scheint, als würden sich alle Konsequenzen übertre en und es entsteht ein
innerer Kon ikt.

Hier ist es nur noch möglich seine Entscheidung aus der Sicht einer der ethischen Modelle zu
rechtfertigen, vor sich, seinem Umfelt, der Justiz und falls man den Glauben besitzt, vor Gott.

Bereits unter Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und Artikel 7 des
Internationalen Paktes über Bürgerliche und Politische Rechte ist das Folterverbot durch die
internationale Gemeinschaft verabschiedet worden. Weiter konkretisiert wurde es durch die
Konvention gegen Folter. Somit ist rechtlich gesehen die Folter sowie Erniedrigung und grausame
Behandlung jeglicher Art unter jeglichen Umständen ausdrücklichst verboten.

In unserer Gesellschaft wird also nach der P ichtenethik gehandelt, in welcher sich in allen
Handlungen an Gesetze gehalten wird und persönliche Neigungen und Gefühle ausser Acht
gelassen werden.

Dies is in einer Gemeinschaft mit festgesetzen Regeln und Gesetzen auch wichtig, da es sonst zu
Chaos käme und individuelle Fälle stets mit langen ethischen Debatten gelöst werden müssten.

Theoretisch hätte man nun schon die Antwort auf die gestellte Frage, ob Folter in diesem Fall
gerechtfertigt wäre. Doch was, wenn das Gesetz keine Rolle spielen würde, beziehungsweise ein
Ausnahmezustand ausgerufen wurde und das Folterverbot für diesen Fall ausser Kraft gesetzt
wäre?

Die Polizei ist hier also frei, ihre Entscheidung mit einer der ethischen Modelle rechtzufertigen.

Laut Tugendethik wäre es richtig, nach Glückseligkeit zu streben und mit Mut, Gerechtigkeit und
Besonnenheit zu handeln.

Ausserdem ist die optimale Entscheidung immer die Mitte zweier Extreme.

Es ist also angebracht Etwas zu unternehmen, statt Feige den Verdächtigen frei zu lassen, jedoch
sollte nicht ein Übermut entstehen, wobei das Motiv der Rettung hunderter Menschen mit dem
Zerbrechen des eigenen Selbsts und der eigenen Werte einhergeht.

Es soll mit Bedacht und Vernunft gehandelt werden und ein schlechtes Gewissen führt hierbei
nicht zur eigenen Glückseligkeit, selbst wenn dabei die Glückseligkeit vieler anderer Menschen
auf dem Spiel steht.

Im Ende ekt hängt die Entscheidung daran, wie die Verantwortlichen Glückseligkeit de nieren
und wem sie in ihren Augen zusteht.

Es können also mehrere Ausgänge entstehen, wobei das Suchen nach weiteren e ektiven
Lösungen und Hinweisen für dieses Modell am relevantesten wäre, zumahl der Gerechtigkeit
zuliebe der Verdächtige nur ein „Verdächtigter“ ist und er ebenso unschuldig sein könnte.

Das Lösen des Problems nach Güterethik kommt ebenfalls zu mehreren Resultaten, abhängig von
dem höchsten Gut, von welchem ausgegangen wird.

Wäre das höchste Gut etwa die Sicherheit der Stadtbürger und Besucher des Einkaufszentrums,
wäre es für die Polizisten das einzig Richtige, die Informationen des Anschlags auf jede mögliche
Art zu bescha en und somit auch nicht vor Folter des Verdächtigen zurückzuschrecken.

Ist das höchste Gut das Wohlbe nden der gesamten Bevölkerung, Kriminellen miteinbeschlossen,
ist es angebracht, die Menschenrechte eines Jeden zu gewähren und auf Folter generell zu
verzichten.

Es steht das Wohl von potenziellen Opfern des Anschlags im Kon ikt mit dem Wohl potenzieller
Straftäter, welche bei der Zulassung von Folter eventuell Leiden müssen.

Auch kann je nach glaube und Religion Gottes Reich (Christentum) als höchstes Gut dienen,
welches einem zusteht, in dem man an Jesus Christus als Retter und Erlöser glaubt und so
automatisch versucht Ihm in seinen Handlungen nachzueifern.

Verletzung von Menschenwürde und die Anwendung von grausamer Gewalt werden hier als
Sünde bezeichnet und sind laut der Bibel in Gottes Augen Falsch.

Folter wäre so also unangebracht.

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Ist die Verantwortungsethik das ausschlaggebende Modell für richtiges Handeln, so steht das
Gewissen des Verantwortlichen im Vordergrund.

Kann der Verantwortliche bei Unterlassung der Folter und somit der Sammlung wichtiger
Informationen den eventuellen Tod hunderter Menschen verantworten ?

Beziehungsweise, kann er die Verletzung der Menschenrechte und die Missachtung der Würde
eines Menschen verantworten um so eventuell das Leben hunderter Menschen zu retten, jedoch
die Möglichkeit in Kauf zu nehmen, dass der Verdächtigte eventuell unschuldig ist?

Kann der Verantwortliche es verantworten einen Menschen womöglich für immer zu brechen, um
an Informationen heranzukommen, die eventuell einen hypothetischen Anschlag verhindern
könnten ?

Kann der Verantwortliche es verantworten, die Familien hunderter Menschen im Stich zu lassen,
welche allesamt den Schmerz eines Verlustes verkraften müssten ?

All diese Fragen können ebenfalls nur individuell benatwortet werden und besitzen deshalb auch
keine für jenes Modell passenden Antworten.

Das letzte Prinzip des Utilitarismus, kommt als zweites Prinzip auf eine Klare Antwort, denn sein
Ziel ist es, in allen Handlungen so viel Nutzen und Freude für alle Betro enen zu erzielen, wie
möglich und dabei das Ausmaß an Leid zu minimieren.

Hierbei ist ebenfalls die Dauer, Intensität, Gewissheit, zeitliche Nähe, Folgenertäglichkeit, Reinheit
und Ausdehnung wichtig, welche bei der Entscheidung „errechnet“ werden und sich zu einem
Gesamtergebnis aller Beteiligten unter Einbezug aller Kategorien summiert.

Wird auf die erzwungene Informationsaneignung verzichtet, ist das Leiden hunderter Opfer des
Anschlags und dessen Angehörigen extrem hoch und garantiert. Das Leid wird unverbindlich nach
dem Anschlag eintre en und für unbestimmte Zeit anhalten.

Hunderte Personen leiden und eine Person emp ndet Freude für eine unbestimmte Dauer, auf
wessen ebenfalls In Zukunft Leid folgen könnte, Im Falle eines schlechten Gewissens.

Somit steht die Freude hunderter Menschen über dem Leid eines einzelnen und wird so höher
gewichtet.

Nach dem Prinzip des Utilitatismus ist es das einzig Richtige, den Verdächtigen zu Foltern und
alles zu tun um den Anschlag zu verhindern.

In der Realität sieht das Ergebnis unter Ein uss mehrerer weiterer Faktoren jedoch sehr anderst
aus.

Erst einmal ist es, wie zu Beginn bereits beschrieben, strengstens Verboten Folter als Werkzeug
der Justiz oder in jeglicher Art und Weise zu benutzen.

Ausserdem besteht die Gefahr, dass der Verdächtigte unschuldig ist, und ein schreckliches
Verbrechen an einem unschuldigen Menschen begangen wurde.

Tatsächlich ist es bewiesen, dass Folter gar nicht erst zum Erhalt verlässlicher Informationen führt,
wie der Skandal der US-Amerikanischen Regierung unter George W. Bush in Guantanamo um
„Erweiterte Verhörtechniken“ und Folter im Kampf gegen Terrorismus beweist.

In den verö entlichten Berichten der CIA werden die grausamen Praktiken geschildert und die
enttäuschenden Ergebnisse, welche sich in Form von falschen Aussagen äusserten.

Viele Opfer des Folterns in den USA sind nach kurzer Zeit verstorben, ohne eine zielführende
Aussage abgegeben zu haben, oder übergaben unter den starken Schmerzen falsche
Informationen, um den Schmerz zu stoppen, oder einfach wegen fehlenden Bewusstseins.

Es stellt sich heraus, dass Folter nicht nur grausam, sondern auch äußerst ine ektiv ist und
deshalb meiner Meinung nach unter keinen Umständen gerechtfertigt werden kann.
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