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Vorwort

Ist das nicht kühn: ein E-Book über einen Papst, der noch keine drei Jahre im
Amt ist? Der mit seinem ambitionierten Veränderungswerk im Vatikan gerade
erst begonnen hat? Und hat nicht das Beispiel eines ganz anderen Veränderers,
Barack Obamas, gezeigt, wie hoch einer steigen kann, um schließlich doch
hinter den meisten Erwartungen zurückzubleiben? Droht der Papst ein Obama in
Soutane zu werden?

Kühn ist zunächst einmal das Tempo dieses Papstes, nicht nur im Vergleich zu
den gemessenen Schritten, die sonst unter den Kolonnaden am Petersplatz in
Rom üblich sind. Warum die Eile? In einem Jubiläums-Interview, zwei Jahre
nach seinem Amtsantritt am 13. März 2013, hat Franziskus zur Erklärung eines
seiner markanten Franz-Statements abgegeben, die so oft zwischen drastisch und
schelmisch changieren: »Ich habe das Gefühl, dass mein Pontifikat kurz sein
wird, vier oder fünf Jahre. Ich weiß nicht, vielleicht zwei oder drei.« Zwei oder
drei? Selbst das vergleichsweise kurze Benedikt-Pontifikat dauerte acht Jahre.
Doch die Warnung des Papstes war unüberhörbar: Franziskus Amtszeit könnte
vorüber sein, kaum dass sie begonnen hat.

Sagt da also ein Papst sein eigenes Ende voraus? Er habe einfach ein vages
Empfinden, so Franziskus, »dass der Herr mich hier für eine kurze Zeit platziert
hat«. Ganz unrealistisch ist der Gedanke nicht. Immerhin trat Jorge Mario
Bergoglio sein Amt mit stattlichen 76 Jahren an, infolge einer Erkrankung in
jungen Jahren hat er einen Teil eines Lungenflügels eingebüßt, und auch mit dem
Gehen tut er sich schwer. Darüber hinaus muss ein Ende der Regierungszeit im
Vatikan heutzutage nicht mehr das Ende eines Lebens bedeuten: Seit der
Rücktrittsentscheidung von Benedikt XVI., die Franziskus erst ins Amt brachte,
ist auch für Päpste plötzlich die Rente eine Option.

Wahrscheinlicher aber, als dass der Papst sich als Prophet in eigener Sache
betätigt hat, ist die Annahme, dass er als Politiker sprach, wie etwa der
amerikanische Vatikanist John Allen meint: Hier rüttelt ein Papst seine Anhänger
wach – ich brauche eure Unterstützung jetzt, verlasst euch nicht zu lange darauf,
dass ich an der Spitze stehe. Nicht auszuschließen ist auch, dass Franz, der große
Wachrüttler, einen kurzen Einblick gegeben hat, wie er sich selber zu dem
unnachahmlichen Reformtempo treibt, das er seit seiner Wahl beim Konklave
vorgelegt hat. In gewohnter Direktheit – und hier dann ganz Schelm – erklärt er
sein »vages Empfinden« so: »Vielleicht ist das auch wie die Psychologie eines
Glücksspielers, der sich vorab selber überzeugt, dass er verlieren wird – und
wenn er gewinnt, ist seine Freude umso größer.«

Der Papst als Glücksspieler Gottes; Katholiken, die sich nicht »wie die
Karnickel« vermehren sollen; ein Klaps auf den Po als probates Mittel der
Erziehung – es sind deftige Bilder wie diese, die nach zwei Jahren für die erste
Krise sorgten in der Beziehung der weltweiten Öffentlichkeit zu dem neuen
Mann im Vatikan. Weiß er, was er tut?, diese Frage war selbst bei
wohlmeinenden Katholiken wie Kommentatoren oft zu hören. Und ein zweiter
Zweifel begleitete die gefühlte Halbzeit seines Pontifikats: Tut er, was er sagt?
Lässt er den Ankündigungen seines Veränderungswillens, den Gesten neuer
Einfachheit und geistlichen Aufbruchs auch Taten folgen?

So berechtigt beide Fragen sind – und beide werden in diesem E-Book


verhandelt –, so markant ist eben auch, dass ein Zweifel des »ersten Jahres
Franz« verschwunden ist: Meint der Mann es ernst? Schien am Anfang die
Bezeichnung eines Papstes als Revolutionär noch überzogen, spricht inzwischen
selbst ein so überlegter und zurückhaltender Kirchenfürst wie Kardinal Walter
Kasper von einem »Revolutionär der Liebe und Barmherzigkeit«. Die leitende
Idee der vorliegenden Zusammenstellung von Texten aus der ZEIT lautet darum
schlicht: Gelingt die Revolution?

Vorhersagen für einen unvorhersehbaren Papst zu treffen, überfordert auch die


ambitioniertesten Autoren. Trotzdem schöpft dieses E-Book aus einem Fundus
an Analysen, Kommentaren und Nahaufnahmen, der seinesgleichen sucht. Die
ZEIT begleitet und analysiert wie nur wenige andere deutsche Medien das
Wirken dieses Papstes, auf der Seite »Glauben & Zweifeln« im Hauptteil des
Blattes und – als Zusatz-Abo – in der Beilage »Christ & Welt« auf weiteren
sechs Seiten jede Woche.

Entsprechend vielfältig und renommiert sind die Stimmen, die hier zu Wort
kommen, vom Vatikanisten Marco Ansaldo bis zum Anti-Mafia-Autor Roberto
Saviano, vom Vordenker der Franziskus-Reformen, Kardinal Walter Kasper, bis
zum Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur Ludwig Ring-Eifel.
Zusammengehalten aber wird das Buch von den Stimmen der ZEIT, vor allem
von Evelyn Finger, Ressortleiterin Glauben & Zweifeln, sowie Christiane Florin,
Redaktionsleiterin Christ & Welt in der ZEIT.

Christ & Welt stellt seine Beiträge zur Franziskus-Revolution unter ein Signet,
das auch dem Cover dieses Buches Gestalt gegeben hat. Franziskus, der Rebell
aus Argentinien, erinnert auf dem Bild an einen weiteren Argentinier, der seine
Heimat verließ, um in der Ferne eine Revolution anzuzetteln. Und so blitzt im
schelmischen Revolutionär Francesco ein wenig von Che Guevara auf –
FranCHEsco eben.

PATRIK SCHWARZ, Herausgeber Christ & Welt


Möchten Sie dieses E-Book als Buch verschenken? Die Hardcoverausgabe (13 x
20 cm) mit Lesebändchen und 224 Seiten ist im Buchhandel und im ZEIT SHOP
erhältlich für nur 16,95 €! Weitere Informationen finden Sie u.a.
auf shop.zeit.de!
Inhalt
Vorwort
DIE PAPSTWAHL
Der friedliche Revolutionär
Wie der neue Papst mit Demut und Humor den Vatikan auf den Kopf stellt. Ein
römisches Tagebuch
Pontifex minimus
Von der römischen Balkonszene ging ein Zauber aus: Eine Kirche ohne Pomp
und Pracht scheint mit Franziskus möglich. Schlicht und einfach katholisch sein
– wie geht das?
Pontifex optimus
Der neue Papst passt in keines der vertrauten Raster. Das liegt mindestens so
sehr an uns wie an ihm
Er hat keine Angst
Was es bedeutet, dass zum ersten Mal ein Jesuit zum Papst gewählt worden ist.
Fragen an Hans Zollner, Psychologe und Vize-Rektor der Jesuiten-Universität
Gregoriana in Rom
DIE KURIENREFORM
Demokratiedefizit wurzelt tief in der katholischen Kirche
Papst Franziskus hat ein neues Gremium geschaffen, um Reformen der Kurie
vorzubereiten. Demokratisieren wird das die katholische Kirche nicht
Das Manifest
Franziskus hat sich viel Zeit gelassen, doch jetzt liegt es vor, sein erstes
lehramtliches Schreiben. Darin geht der Papst mit seiner Kirche hart ins Gericht,
dämpft aber auch die Hoffnungen vieler Kirchenkritiker. Die Rezension eines
Regierungsprogramms
Der frohe Botschafter
Papst Franziskus will die katholische Kirche erneuern, von Freudlosigkeit und
Rechthaberei befreien. Nicht allen Kardinälen im Vatikan kommt das gelegen –
einige hoffen, dass ihm bald die Luft ausgeht
PowerPoint für den Papst
Franziskus krempelt die Finanzen des Vatikans um – und brüskiert damit die
Kurie
Der römische Patient
Spiritueller Alzheimer, Schizophrenie, Ruhmsucht: Franziskus diagnostizierte
die 15 Krankheiten der Kurie. Wir dokumentieren die Rede. Gilt das, was er
sagt, nur für die Kurie?
Der nimmt uns den Protest weg
Wenn Franziskus von Gerechtigkeit spricht, dann gefällt das auch evangelischen
Christen. Der Papst bietet ihnen, was sie sich von ihren eigenen Repräsentanten
wünschen
DIE FAMILIENSYNODE
Wind of Change
Papst Franziskus stützt den Kopf auf die Hände und hört seinen Bischöfen beim
Diskutieren zu. Was er denkt, deutet er nur gelegentlich an. Und die Bischöfe
folgen ihm, einige maulend, viele erleichtert. Einblicke in die Macht des
Machtverzichts
Ende der Heuchelei
Endlich diskutiert der Vatikan offen über Ehe und Familie. Doch revidiert er
auch seine Sexualmoral?
Gott ist treu, wenn wir untreu sind
Und das Evangelium ist kein Strafgesetzbuch. Ein Gespräch mit dem Kardinal
Walter Kasper
Franz Freundlich
Wofür kämpft Franziskus wirklich? Der Papst überrascht nicht nur Gegner,
sondern auch Anhänger
»Das ist eine Revolution!«
Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan über die Familiensynode,
Franziskus und die Kraft des freien Wortes
Aufstand der Randständigen
Unter Benedikt XVI. gaben sich die Ultrakonservativen in der Kurie papsttreu.
Doch seitdem dessen Nachfolger das Dogma nicht mehr so wichtig ist, begehren
die Verteidiger der reinen Lehre gegen Franziskus auf
DER POLITISCHE PAPST
Unheilige Bande
In der italienischen Mafia spielen katholische Riten eine wichtige Rolle. Nun hat
der Papst die Mafiosi exkommuniziert – eine historische Zäsur im Kampf gegen
das Verbrechen
Wer’s glaubt, wird selig
Auf seiner Nahost-Reise setzt Papst Franziskus zahlreiche Zeichen der
Versöhnung. Kann er die Hoffnungslosigkeit in den verfeindeten Gebieten
überwinden?
Der Papst und die Wirtschaft
Franziskus kritisiert in seinem Lehrschreiben den Kapitalismus. Auch Christen
sind gut beraten, ihm da nicht zu folgen
Der abgeordnete Franziskus
Kirche ist nicht das Gegenteil weltlichen Übels: Der Papst tritt als
Europapolitiker auf
Sie wollen den Papst töten
Seine Sanftmut erregt den Zorn der Islamisten. Warum sie Franziskus ermorden
und Rom erobern wollen
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?
»Sein Engagement hatte Fundament«
In Flores in Buenos Aires ist Papst Franziskus geboren. Tobias Käufer hat
Menschen getroffen, die seine Einfachheit kannten – aber auch seine strikten
Überzeugungen
Als er noch nicht Franziskus war
Ein Komplize der Diktatur? Argentinien fragt nach der Vergangenheit des
Papstes
Franz für Fortgeschrittene
Franziskus hat der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ ein spektakuläres
Interview gegeben. Es ist sein Regierungsprogramm. Er spricht über sein Leben,
seinen Glauben und seine Vorstellung von Kirche. Die Christ & Welt-Redakteure
haben sich die Passagen aus dem Gespräch ausgesucht, die sie am meisten
bewegen oder aufregen. Hat diesen Papst der Himmel geschickt?
Weltmacht Franziskus
Ein Jahr nach der Wahl: Der neue Papst will eine politische Kirche des
Aufbruchs
Ist es was Ernstes?
Und wer ist er nun, dieser Franziskus? Kaninchen, Jungfern, Erdbeertorte:
Franziskus redet viel, und nicht immer ist klar, was er eigentlich sagen will. Das
sieht aus wie Chaos, könnte aber auch Freiheit sein. Sind Katholiken
Zuchtwesen oder eher Wildexemplare?, fragt Christiane Florin
Wer Franziskus heißt, kann nicht harmlos sein
In Armut leben und ein bisschen mit den Tieren reden – darauf wird Franz von
Assisi gern reduziert. Doch in seiner Utopie steckt Sprengkraft, schreibt der
Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Wenn ein Papst diesen Namen wählt, wird es
ungemütlich für das Establishment
So denkt der Papst
Franziskus ist kein Liberaler, sondern ein Radikaler. Er will zurück zum
Evangelium. Der deutsche Kardinal WALTER KASPER erklärt, warum dieser
Weg Widerstände weckt
»Ein Abschied von Sünde und Strafe – das wäre die Revolution«
Die Schriftstellerin Ulla Hahn liebt Pontifikalämter und die lateinische Sprache.
Da hat ihr Franziskus wenig zu bieten. Sie hätte auch gern ein paar Reformen,
vor allem in der Frauenfrage. Auch da kommt der Papst nicht voran. Ein
Gespräch über Hoffnungen, Enttäuschungen und den Katholizismus als
Lebensbegleiter
Franz sucht Freunde
Der Mann vom anderen Ende der Welt will eine andere Kirche, das ist
überdeutlich. Doch im Vatikan formiert sich Widerstand. Hat der Papst die
richtigen Mittel, um Verbündete zu gewinnen?
»Ich kenne auch die leeren Momente«
Was bedeutet Glaube? Ein ZEIT-Gespräch mit Papst Franziskus
Weitere ZEIT E-Books
Christ & Welt
Impressum
DIE PAPSTWAHL

Der friedliche Revolutionär


Wie der neue Papst mit Demut und Humor den Vatikan auf den Kopf stellt.
Ein römisches Tagebuch
VON EVELYN FINGER
DIE ZEIT, 21.03.2013 Nr. 13

Was um Himmels willen tut er als Nächstes? Das fragen sie in Rom jetzt jeden
Tag. Denn er weicht ja nicht nur in der Heiligen Messe vom Protokoll ab, wenn
er sich mit dem Rücken zum Altar stellt. Er durchbricht nicht nur die
Absperrungen zum Kirchenvolk. Er brüskiert nicht nur den rüschenverliebten
Zeremoniar Guido Marini und die Kostümfraktion des Vatikans mit Sätzen wie:
»Der Karneval ist vorbei.« Papst Franziskus ignoriert auch den Zeitplan, wenn
das Verabschieden der Gottesdienstbesucher an der Kirchentür länger dauert.
Franziskus schüttelt alle Hände, und erst wenn das letzte Kleinkind gesegnet ist,
bricht er zum Angelus-Gebet auf. Es beginnt dann eben nicht Punkt zwölf,
sondern später.

Das ist für die römische Betonfraktion das Schlimmste und für alle anderen das
Schönste: dass der Neue ein friedlicher Revolutionär und seine Waffe die
Unberechenbarkeit ist. So beginnt die generalstabsmäßig geplante
Amtseinführung fast eine Stunde früher, weil der Papst im offenen Wagen über
den Petersplatz fahren will, was die Sicherheitsleute auf Trab bringt. Auch
andere päpstliche Truppenteile haben Stress. Bei Radio Vatikan bekommen sie
keine vorgefertigten Reden mehr. Sie hören die nächste Predigt genauso live wie
die anderen Journalisten. Sie verstehen manchmal sein Italienisch nicht
hundertprozentig und müssen doch die richtigen Kommentare abgeben. Denn ihr
Chef tritt nicht länger als Beamter Gottes auf, nicht als ängstlicher
Besitzstandswahrer, sondern, nun ja, als freier Mensch.

Wie viel mehr Freiheit den Katholiken durch Franziskus tatsächlich zuwächst,
kann nach einer Woche Pontifikat noch niemand sagen. Aber so viel steht fest:
»Der Papst liebt eine gewisse Spontaneität.« Diese Warnung hat Vatikansprecher
Federico Lombardi am Abend vor der Amtseinführung herausgegeben. Ja, dieser
Papst überbietet sich ständig selbst. Haben eben noch alle gelacht, dass
Bergoglio am Tag nach der Papstwahl sein Pensionszimmer im Casa del Clero
selber bezahlte, staunen sie nun, dass er das höchste Amt in der Kurie, den
Posten des Kardinalstaatssekretärs, mit drei Personen besetzen will. Statt
klerikaler Macht innerbetriebliche Demokratie.

Woran erkennt man eine friedliche Revolution? An der guten Laune der
Beteiligten. Sie kommt von der Hoffnung, dass jetzt das Richtige geschieht. So
kann es in den Tagen der Revolution geschehen, dass man auf einen bestens
gelaunten Kardinal Timothy Dolan trifft, der als Beinahe-Papst der US-
Amerikaner eigentlich enttäuscht sein müsste. Stattdessen strahlt er, während er
die Hoteltreppe der Residenza Paolo Sesto hinuntereilt. Dolan, ein leutseliger
Riese im schwarzen Habit, schüttelt der Reporterin die Hand, fragt nach dem
Woher. Ach so, aus Deutschland? »Gemütlich!«, ruft er entzückt auf Deutsch.
Mit der Gemütlichkeit sei es in Rom ja nun endlich vorbei!

Tag 1: Mittwoch. Die Papstwahl

Noch hat die Revolution nicht begonnen. Der Rauch aus der Sixtina war
schwarz, aber während drinnen gewählt wurde, konnte man draußen das Neue
schon ahnen. Die Kardinäle hatten im Prä-Konklave gefordert, die Kurie müsse
sich reformieren, nur so werde die Kirche wieder glaubwürdig. Für Thomas
Frauenlob von der Bildungskongregation, von dessen Bürofenster aus man die
Heiligenstatuen des Petersplatzes sieht, ist die saubere marmorne Fassade des
Domes ein Bild, dem der Vatikan endlich entsprechen müsse: Schluss mit
Gekungel, Illoyalität und Pfauentum! Die (italienische) Berauschtheit ob der
eigenen Wichtigkeit müsse ein Ende haben. Die tiefere Ursache der Misere sei
nach seinem Dafürhalten ein eklatanter Mangel an Demut – im wahrsten Sinne
des Wortes: an Mut zum Dienen. Es fehle allzu oft an Hingabe und
Verantwortungsgefühl. Frauenlob kann in diesem Moment noch nicht wissen,
dass der kommende Papst Jesuit sein wird. Aber er findet, die Spitze der Kirche
müsse dem jesuitischen Paradox des Ordensgründers Ignatius von Loyola
folgen: »Handle so, als hinge alles von dir ab, aber vertraue darauf, dass alles
von Gott abhängt.«

Viele brave Kurienbeamte freuen sich über die Wahl des eigensinnigen
Bergoglio. In den ersten Tagen danach erzählen sie sich seine Regelbrüche wie
Etappensiege: Der Papst ist direkt nach der Wahl nicht in die Limousine
gestiegen, sondern in den Bus der Kardinäle: Habemus patribus! Der Papst ist
inkognito durch die Stadt gelaufen! Der Papst hat selbst zum Telefonhörer
gegriffen, um den Generaloberen der Jesuiten anzurufen, woraufhin der Pförtner,
der das Telefonat entgegennahm, fast in Ohnmacht fiel.

Frauenlob wird nach der Wahl schmunzelnd sagen, alle Kurienmitarbeiter


müssten jetzt ihr Haus in Ordnung bringen: »Denn jederzeit kann der Papst an
die Tür klopfen. Davor ist keiner mehr gefeit.«

Tag 2: Donnerstag. Kardinalsmesse

Normalerweise hat ein Papst natürlich Wichtigeres zu tun als Administration.


Sanctus ut oret, doctus ut doceat, prudens ut gubernet – der Heilige Vater muss
ein Heiliger sein, damit er bete; ein Gelehrter, damit er lehre; ein Regent, damit
er regiere. Auf seiner Prioritätenliste stehen Glaubensverkündigung,
Sakramentenspendung, Leitung der Weltgemeinde, Gesetzgebung. Und erst dann
etwas so Profanes wie innervatikanische Politik. Aber jetzt sei Verwalten
vordringlich, sagen sie in der Bar La Vittoria, wo der vatikanische Feierabend
stattfindet. Benedikt XVI. habe Aufklärung gewollt, aber sei zu freundlich
gewesen. »Jetzt muss einer sagen: Mit mir macht ihr das nicht!« Ein
Geschäftsmann, der seit Jahrzehnten mit dem Vatikan zusammenarbeitet, ist über
die Entscheidung für Bergoglio schier aus dem Häuschen. Dass er das schlichte
Kreuz behalten und die Mozetta abgelehnt habe! Welch ein Mut! Und dass er auf
der Benediktionsloggia mit den Gläubigen betete, was noch keiner seiner
Vorgänger getan habe! Dazu der Satz: Erst segnet ihr mich, und dann segne ich
euch! Der Geschäftsmann ist sicher: »Francesco wird die Fenster des Vatikans
aufreißen und den Mief rauslassen.« Der päpstliche Hofstaat werde den Papst
nicht länger benutzen, um die eigene Macht zu demonstrieren.

Tag 3: Freitag. Wer hat ihn gewählt?

Die Spekulationen über den Verlauf des Konklaves sind dank Bergoglio diesmal
so langweilig wie selten. Selbst den tratschsüchtigen römischen Zeitungen fällt
dazu wenig ein. Gerüchte machen die Runde, dass die aussichtsreichen
italienischen Kardinäle Sodano und Scola sich gegenseitig neutralisierten, dass
Kardinal Scherer aus Brasilien keine Chance hatte und dass die Nordamerikaner
Dolan, O’Malley und Ouellet an den Afrikanern abprallten. Tatsache aber ist,
dass sich bei dieser Wahl die Reformfraktion durchgesetzt hat. Als einer ihrer
Wortführer gilt der 80-jährige emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper. Die
katholischen Reformtheologen in Deutschland sehen ihn als Königsmacher. Er
selber winkt bescheiden ab. Nein, nein!

Aber seine Freude über das Ergebnis will er nicht verhehlen. Als er am
Freitagnachmittag schwungvoll die Tür seiner Wohnung öffnet, da sieht er so
erleichtert aus, dass man ihm gleich gratulieren möchte. Kasper hatte während
des Konklaves in dem Haus Santa Marta im Zimmer schräg gegenüber von
Bergoglio gewohnt. Am ersten Abend hat er dem Kardinalskollegen sein neues
Buch über Barmherzigkeit überreicht. Kasper sagt: »Diese Wahl ist eine große
Hoffnung auf Erneuerung der Kirche. Der Name Franziskus ist ein ganzes
Programm. Franziskus hat als junger Mann die Stimme gehört: Baue meine
Kirche wieder auf! – Dann leitete er eine grundlegende Reform ein.« Kasper, der
wie fast immer zivil gekleidet ist (statt Prälatentracht schwarze Hose und
schwarzes Hemd), sitzt in seinem offenen Wohnzimmer, um sich herum die
Bibliothek mit den zeitgenössischen Philosophen. Er erklärt, für welche Kirche
der neue Papst stehe: eine Kirche, die sich auf ihren Ursprung im Evangelium
besinnt, die demütig auftritt, allen Pomp ablegt und für die Armen eintritt. Dabei
solle man die Entschiedenheit des neuen Papstes nicht unterschätzen, gegen
Korruption in der Kurie vorzugehen und das Höfische zurückzudrängen. »Das
haben fast alle Kardinäle nachdrücklich gewünscht.« Und er selbst? »Ich habe
mir keinen anderen als Papst vorgestellt als denjenigen, der es dann im fünften
Wahlgang geworden ist. Ich bin sehr glücklich über diese Wahl. Sie bedeutet
einen Neuanfang, nicht in der Lehre, wohl aber in einem Stil, der den
ursprünglichen Inhalt unverstellt zum Leuchten bringt.«

Tag 4: Samstag. Audienz für die Journalisten

Es hätte aber auch anders kommen können. Denn es gibt auch noch eine andere
Art von Kirche, als Bergoglio und Kasper sie verkörpern. Krakaus Kardinal
Dziwidz zum Beispiel. Wenn man aus dem Zentrum der Stadt hinausfährt zum
Polnischen Haus, dann tritt man in die schattige Vergangenheit der Revolution.
Dziwidz stand als enger Vertrauter Johannes Pauls II. auch einmal für das Neue.
Er findet, jetzt komme mit Bergoglio ein neuer Frühling, der die Skandale der
Kirche vergessen machen könne. Aber seine eigene Art zu sprechen, auf die
Besucher zuzugehen, ist noch alte Schule. Man spürt die große Distanz zwischen
Kirchenführung und Welt.

Papa Francesco dagegen macht die Leute glauben, dass es diese Distanz nie gab.
Er spricht mit ihnen direkt, herzlich, wie unter Gleichen. Wenn man im Theater
die Hauptrolle in Friedrich Dürrenmatts Komödie Romulus der Große besetzen
müsste, würde man einen Typen wie ihn nehmen: der Kaiser, der sich weigert zu
herrschen. Der Antiheld, der sein zerfallendes Reich nicht durch Machthaberei
retten will, sondern durch Menschenfreundlichkeit und Humor. Bergoglios Satz,
mit dem er die Leute auf dem Petersplatz verabschiedete, ist in Rom bereits zum
geflügelten Wort geworden, das alle scherzhaft benutzen: »Und wie der Papst
sagt – Gute Nacht!«

Gute Nacht heißt zugleich Guten Morgen, Grüß Gott und Willkommen in der
Zukunft. Man muss kein Katholik sein, um das Historische des Augenblicks zu
empfinden. Es reicht die Teilnahme an der Presseaudienz am Samstagvormittag.
»Liebe Freunde!«, sagt der neue Papst zur Begrüßung. Wie bitte? Bei Benedikt
waren die Journalisten neulich noch die »Pumpe des Teufels«. Jetzt werden sie
gelobt, dass sie den Menschen helfen, »die Kirche zu verstehen«. Bergoglio
erklärt ihnen freundlich, dass das Wesen der Kirche aber nicht politischer,
sondern geistlicher Natur sei. »Hier steht nicht der Papst im Mittelpunkt,
sondern Christus.« Es ist eine schöne Rede, die er mit seinem Segen beschließt.
Nicht pompös katholisch, sondern dezent, sodass sich außer den Katholiken auch
die anwesenden Protestanten, Juden, Atheisten, Muslime angesprochen fühlen
können. Der Papst versucht, respektvoll in die moderne, plurale Welt hinein zu
sprechen. Selbstbewusst, aber nicht selbstherrlich. Alle sind gerührt. Applaus,
Bravo und Tränen.

Tag 5: Sonntag. Messe in St. Anna. Angelus

Man könnte lange in Rom bleiben und täglich darauf warten, was dieser
argentinische Abweichler, dieser Gorbatschow der Kirche heute wieder anstellen
wird. Am Sonntag zelebriert er die erste öffentliche Messe in der kleinen Kirche
St. Anna, am Eingang des Vatikans. Auch so eine Demutsgeste. Zweihundert
Gläubige finden hier Platz – wie soll das gehen? Ganz einfach. Es dürfen nur
jene Gemeindemitglieder hinein, die auch sonst hier die Heilige Messe
besuchen. Eine salomonische Lösung, eine basisdemokratische Idee.
Ist Papst Franziskus vielleicht doch ein gewiefter Populist vor dem Herrn? Sagen
wir so: Seine Gesten mögen bewusst gesetzt sein, aber sie sind nicht berechnend.
Seine Güte wirkt nicht inszeniert. Beim ersten Angelus erzählt er, wie ein altes
Mütterchen, das zu ihm zur Beichte kam, auf die Frage, was sie denn zu beichten
habe, geantwortet habe: Wir sind alle Sünder, aber Gott verzeiht immer. Woher
sie das denn wisse, habe er zurückgefragt, sie habe doch schließlich nicht an der
Gregoriana studiert? Die Antwort der Frau: Sonst würde die Welt nicht mehr
existieren. Mit anderen Worten: Die Wahrheit des Glaubens erweist sich nicht an
jesuitischen Universitäten, nicht in theologischen Disputen, sondern im Glauben
selbst. Mit dieser Anekdote setzt Franziskus eine kleine Spitze gegen jene
Jesuiten, die sticheln, der Jesuitenorden sei zwar intellektuell, aber der neue
Papst sei es nicht unbedingt.

Bücher jedenfalls liest er. Während des Konklaves hat er tatsächlich das Buch
von Kardinal Kasper durchgeackert. Nun zitiert er ihn, am Fenster des
Apostolischen Palastes stehend, vor Tausenden Menschen: »Barmherzigkeit
kann die Welt verändern.« Er wolle hier keine Werbung machen, aber das sei ein
ganz hervorragendes Buch. Am Ende der Rede folgt ein schlichtes »Buongiorno.
Und guten Appetit!«.

Tag 6: Montag: Staatsbesuch aus Argentinien

Es macht wirklich Spaß, den Papst zu begleiten! Das sagen sie auf CNN und
zeigen ein Handyfoto, das einer der Kardinäle nach der Wahl im Bus gemacht
hat. Ein lachender Papst, lachende Kardinäle. Ob das so bleibt? Wiens Kardinal
Christoph Schönborn, der immer noch im Haus Santa Marta wohnt, zusammen
mit fünfzehn verbliebenen Kardinälen und eben dem Papst, erzählt, wie sie beim
Frühstück zusammensitzen und Franziskus durch seine Direktheit alles einfach
mache. Wir treffen Schönborn, der selber ein aussichtsreicher Papstkandidat
gewesen ist, am Tag des argentinischen Staatsbesuches in einem alten Kloster
der Benediktinerinnen. Ein schlichter Raum, es ist kalt, etwas feucht. Schönborn
rühmt die Klarheit des Papstes, der jeden Tag um halb fünf aufstehe und zwei
Stunden in Kontemplation verbringe. Das sei seine Kraftquelle. Schönborn
erzählt auch, wie Sicherheitsleute tags zuvor darauf drängten, dass der Papst ein
Gespräch mit zwei Kardinälen unterbräche und allein in einen Aufzug stiege.
Der aber sagte: »Ich habe doch keine Lepra.« Und dann nahm er die beiden
Brüder selbstverständlich im Aufzug mit.

Tag 7: Dienstag. Amtseinführung

Und jetzt? Am Tag der Amtseinführung macht Papa Francesco in einer Predigt
über die Güte und Zärtlichkeit Jesu Christi klar, dass er sein Papstsein neu
definiert. Dass er nicht meilenweit weg von den Menschen sein will, um Gott
nah zu sein. Wieder sind alle begeistert. Nur beim Händeschütteln zeigt sich,
dass Predigen leichter ist als Politik. Denn da steht plötzlich der Diktator Robert
Mugabe aus Simbabwe, der wegen Menschenrechtsverletzungen von den
Treffen der Vereinten Nationen ausgeschlossen ist. Auch ein neuer Papst macht
also nicht plötzlich alles richtig. Und ob er das Amt im Kern revolutionieren
kann? Auch Franziskus ist ein absoluter Wahlmonarch, egal wie schlicht er sich
kleidet. Amt ist Amt. Doktrin ist Doktrin. Bisher hat er nicht angedeutet, dass er
die ändern will. Aber wer weiß: Vielleicht bleibt der neue Mann in Rom ja
unberechenbar.
DIE PAPSTWAHL

Pontifex minimus
Von der römischen Balkonszene ging ein Zauber aus: Eine Kirche ohne
Pomp und Pracht scheint mit Franziskus möglich. Schlicht und einfach
katholisch sein – wie geht das?
VON CHRISTIANE FLORIN
Christ & Welt, 21.03.2013 Nr. 13

»Alles, was ich von Gott erbitte, ist, dass der Schmerz mir nicht gleichgültig sei,
dass der dürre Tod mir nicht begegnet, leer und ohne das Notwendige vollendet
zu haben.« So hebt die bekannteste argentinische Friedenshymne an: »Solo le
pido a Dios – Alles, was ich von Gott erbitte«. León Gieco und Mercedes Sosa
machten sie Anfang der 1980er-Jahre zum Hit, weit über Südamerika hinaus. Es
ist ein schlichtes Lied, ein Liebeslied an Gott und das Leben. Papst Franziskus
dürfte es kennen.

Seit dem vergangenen Mittwoch stimmen Katholiken und Nichtkatholiken das


Hohelied des einfachen Lebens an. Ein 76-Jähriger verströmt den Zauber des
Anfangs. Er hat der katholischen Ikonografie eine Balkonszene beschert, die es
mit Romeo und Julia aufnehmen kann. Dieses Balkongefühl muss Liebe sein.

Franziskus spricht warmherzig von seinem Vorgänger, aber er hat sich nicht als
Nummer 17 in dessen Tradition gestellt. Die Jahre zuvor sehen sogar ein wenig
wie fauler Zauber aus: Braucht Glauben den erbitterten Kampf für die
erhabenste Liturgie? Ist ein Häretiker, wer den Namen der päpstlichen
Kalbslederschuhmanufaktur nicht kennt? Erweist sich nur der des Ehe-
Sakraments würdig, der in der Hochzeitsnacht Kirchenvater Augustinus zitiert?
Mit den Mitteln des Liederdichters gefragt: Was ist Ornament und was das
Notwendige, das vor dem Tod vollendet werden will?

Eine römische Ziffer wird Franziskus erst bekommen, wenn ein anderer seinen
Namen aufgreift und er eine Tradition begründet. Noch ist der Papst ohne
Ordnungszahl nicht einzuordnen. Sozialpolitisch links sei er, weil er ein Herz hat
für die Armen; kirchenpolitisch stehe er rechts, weil er die Homo-Ehe für
Teufelswerk hält. Das ist das magere Ergebnis vieler Sortierversuche.

Der Mann verwirrt. Er enttäuscht alle, die wie in einer Online-Liebesbörse mit
einem 300-Punkte-Profil nach dem passenden Papstpartner gesucht haben.
Kurienreform, Sexualmoralsanierung, mehr Laienvollmachten, Frauenordination
– erst einmal keine Treffer. Und trotzdem Liebeszauber. Ausgetretene schwarze
Schuhe, eine weiße Soutane ohne Firlefanz, eine Brille wie von Fielmann, eine
selbst bezahlte Hotelrechnung am Morgen nach der Wahl, eine Fahrt im
Kardinalsmannschaftsbus – das genügt für weitreichende Verzückung bei denen,
die hungern, und bei denen, die sich zu satt für Gott wähnen.

Das sind keine Äußerlichkeiten, das alles ist, wie Modeblogger gern schreiben,
ein Statement. Die Botschaft: Christsein ist eine schlichte Sache. Es meint weder
theologische Höhen noch moralische Tiefenbohrungen. Es meint helfen, teilen,
verzeihen, hoffen, trösten, empfindsam bleiben für den Schmerz der anderen.
Solo le pido a Dios.

Friede den Hütten, Krieg den Bischofspalästen? Dieser Pontifex minimus steht
dem Kloster näher als der Kathedrale. In wenigen Tagen, am Palmsonntag, zieht
im Evangelium Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein; viele seiner Nachfolger
bevorzugen Pferdestärken. Großkalibrige Limousinen, feudale
Fürstbischofsresidenzen und güldene Gewänder könnten in Zukunft als
Papstkritik verstanden werden. Zumindest sieht Prunk seit der römischen
Balkonszene unzeitgemäß aus. Da mögen Würdenträger noch so sehr beteuern,
dass die Pracht nicht ihnen selbst, sondern dem Höchsten gilt. Jetzt ist es fast
lehramtlich: Gott fährt U-Bahn.

Liebenswürdig unbequem ist diese Botschaft nicht nur für Hierarchen auf dem
hohen Ross, anstrengend ist sie auch fürs Fußvolk. Wer ist schon barfuß
unterwegs, während er dem Papst Reformtipps mit auf den Weg gibt? Dieser
Text wird geschrieben mit roten Lackschuhen, auf einem ergonomisch
geformten Stuhl, in einem architekturpreisgekrönten Bürohaus. In Sichtweite
liegt ein Katalog für schlicht-edlen Gartenbedarf; der bietet Freunden des
Sonnengesangs Vogelhäuschen im Bauhausstil und Futterkörnermischungen im
Zehn-Liter-Eimer für 24 Euro. Kardinal Bergoglio pflegte Gründonnerstag
armen Kindern aus den Elendsvierteln die Füße zu waschen. Vom Gegenwert der
Körnermischung könnte ein Straßenkind lange satt werden.

»Alles, was ich von Gott erbitte, ist, dass das Ungerechte mir nicht gleichgültig
sei«, heißt es in dem Lied. Bis letzte Woche konnten Auf- und Abgeklärte solche
Zeilen als naives Gutmenschentum wegwischen; der Gläubige westlicher
Prägung hatte Besseres zu tun, als die Welt zu verbessern. Er musste sich zum
Beispiel mit der Glaubwürdigkeitskrise seiner Kirche beschäftigen. Nun werden
sich die 24,6 Millionen Katholiken in Deutschland zwar kein Bettelgewand
überwerfen und missionierend durchs Land ziehen, bloß weil ein sympathischer
Geistlicher sich nach dem Vogelflüsterer nennt. Aber dieser Franziskus wird die
Gläubigen aufscheuchen, dass die Positionspapiere durch die Luft fliegen. Die
Minimus-Kirche ist kein gemütlicher Ort. Keine Sozialagentur, kein seelischer
Pannendienst, keine Wertefabrik und keine spirituelle Bedürfnisanstalt. Aber
was dann? Alles auf Anfang?

Der Mann mit dem neuen Namen, der Papst ohne Ordnungszahl, ist auch ein
Mann mit Vergangenheit. Unmittelbar nach der Wahl wurde seine Rolle während
der Militärdiktatur zum Thema. Zwei Jesuiten soll er an die Schergen des
Militärregimes verraten haben. Die Ankläger Bergoglios waren schnell mit dem
Wort Kollaborateur, die Verteidiger im Vatikan schnell mit dem Wort
Verleumdungskampagne. »Alles, was ich von Gott erbitte, ist, dass der Betrug
mir nicht gleichgültig sei, wenn ein Verräter mehr Macht hat als die anderen,
dass diese anderen nicht so leicht vergessen«, lautet die vierte Strophe des
argentinischen Klassikers.

Wer Einfachheit predigt, könnte hier als Papst den geraden Weg gehen: das
Gewissen prüfen, öffentlich die Wahrheit sagen und, wenn die innere Stimme
auf schuldig plädiert, Opfer um Vergebung bitten. Das tut weh. Es schmerzt,
barfuß unterwegs zu sein, ohne pontifikale Filzpantöffelchen. Schuld muss einen
Amtsträger nicht untragbar machen. Reue kann ihn erträglich werden lassen.
Womöglich weiß ein Oberhaupt mit eingewebter Diktaturerfahrung im Gewand
den Wert der Demokratie zu schätzen. Womöglich hat er ein Herz für alle, die in
einem Dilemma stecken und nicht sauber herauskommen.

Bei aller Liebe zur Schlichtheit: Christsein ist nicht immer einfach.
DIE PAPSTWAHL

Pontifex optimus
Der neue Papst passt in keines der vertrauten Raster. Das liegt mindestens
so sehr an uns wie an ihm
VON PATRIK SCHWARZ
DIE ZEIT, 21.03.2013 Nr. 13

Ein Papst vom Ende der Welt, so hat er sich vorgestellt am Abend seiner Wahl
auf dem Petersplatz. Und auch wenn er auf seine Herkunft von der Südhalbkugel
mit einem Lächeln hinwies: Die Welt, ob gläubig oder nicht, muss nun mit dem
wahrhaft ersten Papst des 21. Jahrhunderts klarkommen. Erstmals wird die
älteste Institution des Abendlandes nicht von einem Mann aus ihrem bisherigen
Zentrum bestimmt, was auch Nichtgläubigen eine Ahnung gibt von der
Weltbühne von morgen. Auf der beansprucht der Süden die Rolle, die er sich
über das 20. Jahrhundert erarbeitet hat. Auch so gesehen ist Papst Franziskus
tatsächlich Franziskus I.

Der Wechsel von Joseph Ratzinger zu Jorge Mario Bergoglio wird mindestens so
sehr ein Test für die Welt wie für den Mann, der über Nacht Oberhaupt einer
Kirche von 1,2 Milliarden Gläubigen geworden ist. In knapp einer Woche hat
der Geistliche aus Buenos Aires, äußerlich eher unscheinbar, schon einiges an
alter Ordnung durcheinandergewirbelt, innerhalb wie außerhalb des Vatikans.

Die Kurie erlebt einen Franziskus, der täglich seine eigenen Legenden schreibt:
Da ist der Pontifex, der seinen Koffer persönlich im Hotel abholt und der bei der
Telefonvermittlung anruft, wenn ihm eine Durchwahl fehlt. Und wie schon zu
Zeiten des heiligen Franz von Assisi zeigt sich im Zeitalter von Facebook und
YouTube: Gesten senden manchmal stärkere Botschaften als Worte.

Auch sonst spricht viel dafür, dass hier einer mit seiner ganz persönlichen
Kurienreform schon begonnen hat: Franziskus, der Unberechenbare, beunruhigt
die Gemüter in Rom – und mancher Kuriale hofft inständig, dass das Wort von
der »armen Kirche für die Armen« so wörtlich nicht gemeint ist.

Vor allem aber zeigt die Betonung der Armut durch den Mann von der
Südhalbkugel, dass ein kirchlicher Klassiker neue Kraft bekommt: das
Bekenntnis zu den Schwachen, die Skepsis gegenüber den Starken. Ähnlich
beim Schutz der Schöpfung: Was manchmal als westliches Luxusprojekt fürs
Grüner Wohnen daherkommt, klingt bei Franziskus nach existenzieller
Elendsabwehr für Erdteile, wo Wasser wirklich verschmutzt ist und Fabriken
eine Pest sind.

Ist Franziskus darum ein rot-grüner Papst? Nein, eine Zumutung wird Franziskus
nicht allein für die Apparatschiks im Apostolischen Palast werden. Ein Papst aus
der Dritten Welt hält nicht zwingend bereit, was deutsche Dritte-Welt-Gruppen
sich von ihm erwarten. Hier steht ein Papst, der gern vom Teufel redet, der sich
in der Demokratie kulturkämpferisch zeigte und in der Diktatur geschmeidig.
Hier zieht ein Kardinal in Rom ein, der anderes politisches und womöglich auch
theologisches Gepäck mitbringt, als man es sich in Freiburg, Krakau oder
Florenz zulegt.

So breit also in der Öffentlichkeit der Wunsch war, auch einmal einen
Kandidaten von außerhalb Europas im Konklave gewinnen zu sehen, so wenig
wirkt der Westen innerlich gewappnet für die Positionen oder auch nur
Kategorien, mit denen er sich künftig konfrontiert sieht: Worauf soll sich das
Urteil über Franziskus stützen?

Ohne ein wenig Mut zur Naivität wird man zu einem zuversichtlichen Urteil
über Franziskus kaum kommen. Vielleicht ist es naiv, darauf zu setzen, dass der
Neue sich gegen die alten Blockaden durchsetzt. Vielleicht ist es naiv, zu hoffen,
dass Franziskus sich frei macht von der Versuchung der Kirche, gerade auch im
Süden, ihre Rolle autoritär zu verstehen. Vielleicht ist es naiv, zu erwarten, dass
er von sich aus Worte der Klärung, wo nötig, sogar der Entschuldigung findet für
sein Verhalten in der Diktatur.

Doch selten standen Päpste einsamer da als heute – und zugleich freier. Der
Panzer aus Prunk und Palast steht ihnen nur noch sehr begrenzt zu Gebote. Für
den Katholizismus war das 20. Jahrhundert im Kern eines der zeremoniellen
Abrüstung. Das Papstamt kommt heute ohne Sänftenträger, ohne Dreierkrone,
ohne Pluralis Majestatis aus. Der Rücktritt von Benedikt XVI. hat seine
Nachfolger eines weiteren institutionellen Schutzes beraubt, der lebenslangen
Einheit von Amt und Person. Spätestens mit Jorge Mario Bergoglio kann sich
der Mann im Amt nicht länger hinter seinem Amt verstecken.

Aber seit Franziskus das erste Mal da oben am Balkon des Petersdoms stand,
schwieg, wartete und lächelte, mehren sich die Eindrücke, dass er ein
ungewöhnlicher Mann sein könnte.

Barmherzigkeit, Liebe, sogar Zärtlichkeit hat der neue Papst in seinen ersten
Ansprachen beschworen und erklärt: »Die wahre Macht ist der Dienst.« Es sind
die Schlüsselworte für eine Kirche, die den Menschen wieder über die Regeln
stellt. »Um andere zu behüten, müssen wir auch auf uns selber achtgeben«, sagte
Franziskus zu seiner Einführung. »Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte,
ja nicht einmal vor der Zärtlichkeit.«

Was wird die Kirche mehr verändern, ein Lächeln oder eine Kurienreform?

Wenn man jetzt der katholischen Kirche ins Gesicht schaut, blickt ein Mensch
zurück – das ist schon viel in diesem Amt.
DIE PAPSTWAHL

Er hat keine Angst


Was es bedeutet, dass zum ersten Mal ein Jesuit zum Papst gewählt worden
ist. Fragen an Hans Zollner, Psychologe und Vize-Rektor der Jesuiten-
Universität Gregoriana in Rom
VON EVELYN FINGER
DIE ZEIT, 21.03.2013 Nr. 13

DIE ZEIT: Pater Zollner, hätten Sie gedacht, dass jemals ein Jesuit Papst wird?

Hans Zollner: Nein. Es war immer so, dass es den weißen Papst gab und den
schwarzen Papst – also einerseits den Heiligen Vater und andererseits den
Jesuitengeneral, dessen Auftrag es war, der Kirche und dem Papst zu dienen.
Und kein Jesuit war je Papst geworden, auch wenn unsere Ordensgeneräle nach
Ignatius von Loyola, dem Ordensgründer, den Beinamen schwarzer Papst
bekamen, wegen seines schlichten schwarzen Habits.

DIE ZEIT: Als ergebenster Gefolgsmann des eigentlichen Papstes repräsentierte


er seinerzeit eine Auffassung vom christlichen Leben, die ihn aus heutiger Sicht
glaubwürdiger erscheinen lässt als den Pontifex selbst. Aber Ignatius war nun
einmal als dessen Unterstützer vorgesehen, nicht als Konkurrent.

Hans Zollner: Ja, daran haben wir uns gewöhnt. Es gab zwar Zeiten, in denen
die Jesuiten sehr viel Macht hatten in der Kirche. Aber nie wurde einer von uns
Papst.

DIE ZEIT: Die Jesuiten schwören äußerste Zurückhaltung, was Ämter


anbelangt. Ist ein jesuitischer Papst eigentlich noch Jesuit?
Hans Zollner: Wir Jesuiten legen ein Gelübde ab, dass wir keine Ämter
anstreben sollen. Es kann nur dann aufgehoben werden, wenn der Papst selber
einschreitet, und das hat vor allem Johannes Paul II. einige Male gemacht. Er
machte Bergoglio zum Erzbischof von Buenos Aires. Die Eigenart unseres
Ordens war Johannes Paul II. wohl fremd. Denn wir sollen höchstens dort
Bischöfe werden, wo es sich um Missionsgebiete handelt.

DIE ZEIT: Darf ein Papst aufgrund seiner absoluten Machtfülle sich über das
jesuitische Gelübde hinwegsetzen?

Hans Zollner: Wenn ein Papst meint, dass er einen Jesuiten braucht, kann er ihn
einsetzen, wo er will. Die Päpste haben dem Jesuitenorden immer wieder
Aufgaben erteilt. Paul VI. zum Beispiel schickte uns in die Auseinandersetzung
mit dem Atheismus. Johannes Paul II. wollte uns für die neue Evangelisierung.
Benedikt XVI. betonte unsere Aufgabe, Glauben und Wissen zu vereinen. Auch
Papst Franziskus kann uns einen Auftrag geben, so wie wir etwa beauftragt sind,
die Universität Gregoriana zu führen.

DIE ZEIT: Sie selbst sind Vizerektor der Pontificia Università Gregoriana, die
von Ignatius von Loyola gegründet wurde. Der Papst hat sie im Angelus
erwähnt. Es heißt, dass Kardinal Bergoglio aber jahrelang im Streit mit dem
Jesuitenorden lag. Warum?

Hans Zollner: Es ging um seine Rolle in der Diktatur, er musste als Provinzial
einen schmalen Pfad beschreiten. Aber ich denke, das ist beigelegt. Er hat sich ja
bereits mit unserem Generaloberen getroffen.

DIE ZEIT: Wer heute das Wort Jesuit hört, denkt an eine intellektuelle Elite.
Trifft das Klischee zu?

Hans Zollner: Wir haben eine lange Tradition in der Erziehung und der
humanistischen Bildung, nicht unbedingt nur in der Academia. Allein heute sind
in den USA 28 Universitäten in unserer Verantwortung.

DIE ZEIT: Bekämpfen Sie dort immer noch die Evangelischen? Die Jesuiten
wurden ja gegründet, um Martin Luther zu bekämpfen.

Hans Zollner: Das wird immer wieder behauptet, aber es ist historisch falsch.
Viel stärker als über die Gegnerschaft zur Reformation definieren wir uns über
die Exerzitien des Ignatius von Loyola, über eine Spiritualität der
Weltfreudigkeit, die auch in Verbindung zu Franz von Assisi steht: Gott suchen
und finden in allen Dingen. In einer der bedeutendsten ignatianischen
Meditationen heißt es, dass Gott anwesend ist in allen Dingen und sich für mich
müht. Das heißt, ich muss nur die Augen und das Herz aufmachen, um Gott zu
entdecken.

DIE ZEIT: Welches sind die wichtigsten Eigenschaften des Ordens?

Hans Zollner: Jesuiten sind von Haus aus wissbegierig. Ignatius selber war
zunächst radikalfranziskanisch arm. Nach seiner Bekehrung legte er die
Ritterrüstung nieder und verzichtete auf seinen Besitz, zog sieben Jahre lang als
Bettler durch Europa und durchs Heilige Land. Aber dann merkte er, dass er das,
was er eigentlich wollte, nämlich Jesus verkündigen und Jesus nachfolgen, am
besten kann, wenn er gut ausgebildet ist. Und so begann er mit knapp 40 Jahren,
Philosophie und Theologie zu studieren.

DIE ZEIT: Lassen Sie uns noch einmal auf den schwarzen Papst
zurückkommen. Ignatius war ja zu seiner Zeit päpstlicher als der Papst – einfach
weil er seinen Glauben sehr ernst nahm. Darin sahen manche eine Bedrohung für
den laxeren weißen Papst. Müssen wir uns heute vor einem jesuitischen Papst
fürchten, weil er sein Amt extrem ernst nehmen wird?

Hans Zollner: Ich würde sagen, der neue Papst nimmt das Papsttum anders
ernst, als wir das bisher gewohnt waren. Er hat ja schon in den ersten Tagen
mehr verändert, als wir uns je hätten träumen lassen. Er spricht ständig von der
Kirche der Armen, von der Nähe zu den einfachen Leuten, und er verhält sich
so. Er schaut nicht aufs Protokoll, er schaut nicht auf die Sicherheit, sondern
geht auf die Leute zu, umarmt sie und lässt sich umarmen.

DIE ZEIT: Die Erwartung ist aber auch, dass er nun in der Kurie aufräumt.

Hans Zollner: Etwas wie VatiLeaks lässt sich auch künftig schwer vermeiden,
aber der Sumpf, aus dem das kam, muss ausgetrocknet werden. Nun war
Bergoglio ja selber Jesuitenprovinzial, Rektor einer Jesuitenhochschule, er war
Erzbischof einer der wichtigsten Diözesen weltweit, hat also genügend
Leitungserfahrung. Und anscheinend holt er sich Rat von Leuten, die den Laden
hier kennen.

DIE ZEIT: Er hat alle wichtigen Köpfe des Vatikans provisorisch in ihren
Ämtern bestätigt.

Hans Zollner: Das heißt nur, dass er sich Zeit lässt zu entscheiden, mindestens
bis er den Papa emeritus getroffen hat am kommenden Samstag. Aber dann kann
es schnell gehen. Wir erwarten viel. Wir erwarten, dass Schlüsselpositionen neu
besetzt werden. Argentinische Mitbrüder berichten uns, dass der Papst sehr
entschlossen handeln kann.

DIE ZEIT: Freuen Sie selber sich über diesen Papst?

Hans Zollner: Ja, weil die Krise der Kirche und die Krise des Glaubens endlich
angegangen werden müssen. Die Krise der Glaubwürdigkeit mit Blick auf die
Missbrauchsfälle, auf die Institution, auf den Reichtum. Gerade in Westeuropa
sind wir in einem Lähmungszustand, weil die Kirche nicht versteht, was die
Leute bewegt und wie sie sich ihnen mitteilen soll. Die Botschaft Jesu – was
bedeutet die heute? Offenbar brauchen wir jemanden an der Spitze der Kirche,
der wie Franziskus mit gewinnendem Lächeln und in unverstellter Einfachheit
sagen kann, dass Gott barmherzig ist. Nichts anderes hat Benedikt XVI. gesagt:
Gott ist die Liebe – Deus caritas est. Aber man merkt, dass beim neuen Papst
der emotionale Funke leichter überspringt. Die Kirche muss endlich raus aus den
Selbstzweifeln.

DIE ZEIT: Zweifel sind doch aber eine der wichtigsten Errungenschaften der
Aufklärung – gegen die Verabsolutierung der einen Wahrheit, gegen das
totalitäre Denken.

Hans Zollner: Trotzdem muss die Kirche hinausgehen in die Welt. Das ist mir
lieber, als wenn sie krank und alt im Bett liegt. Ich erlebe jetzt wirklich eine
Befreiung.

DIE ZEIT: Und was ist die Quelle? Die Person des Papstes? Oder das
Jesuitische?

Hans Zollner: Er verkörpert sicher die ignatianische Tugend, keine Angst vor
der Welt zu haben. Gleichzeitig zeigt er, dass er innere Unabhängigkeit besitzt.
Wir Jesuiten haben kein Ordensgewand, keine Klöster, wir sind flexibel. Für
Ignatius ist es nicht wichtig, dass man viele Dinge tut, sondern dass man das,
was man tut, gut tut. Er sagt, wenn jemand 15 Minuten lang gut betet, dann ist
das mehr wert, als wenn jemand fünf Stunden im Chorgestühl steht und an alles
Mögliche denkt.

DIE ZEIT: Es gibt zwei widerstreitende Vorurteile gegen die Jesuiten. Erstens,
sie seien zu papsttreu, also im Herzen reaktionär. Zweitens, sie seien unsichere
Kantonisten, weil Selberdenker. Was trifft nun zu?

Hans Zollner: Beides nicht. Das mit dem Reaktionären speist sich unter
anderem aus der Legende, dass wir als gegenreformatorische Kraft gegründet
wurden. Andererseits führt die geistige Offenheit des Ordens dazu, dass man uns
in der Kirche für Abweichler hält. Wir sind aber keine Opposition in der Kirche,
sondern wollen ihr vernünftig dienen.

DIE ZEIT: Obwohl Ignatius selber bittere Erfahrungen mit der Institution
gemacht hat.

Hans Zollner: Er hatte siebenmal ein Inquisitionsverfahren am Hals.

DIE ZEIT: Warum dann diese extreme Treue zur Kirche? Ist das nicht
schizophren?

Hans Zollner: Nein, Ignatius hat die Welt und damit auch die Kirche mit allem,
was dazugehört, angenommen, das Gute wie das Schlechte. Das macht auch die
Herzlichkeit, das Unmittelbare am Auftreten des neuen Papstes aus.

DIE ZEIT: Alle scheinen verliebt in ihn?

Hans Zollner: Weil er die perfekte Projektionsfläche ist. Vatergefühle spielen da


unbedingt eine Rolle. Eine Frau hat zu mir gesagt: Da steht jetzt endlich mal ein
Mann! Also eine Identifikationsfigur, die keine Berührungsängste gegenüber
Frauen hat. Und dann redet er auch noch frei. Aber ich bin sicher, dass allzu
große Hoffnungen enttäuscht werden. Wie immer im Leben. Einigen, die jetzt
jubeln, werden manche Ansichten oder Züge an ihm überhaupt nicht schmecken.

DIE ZEIT: Zum Beispiel?

Hans Zollner: Als Kardinal von Buenos Aires ist er für moralische Grundsätze
eingetreten, hat aber darüber die einzelne Person und ihre Not nicht vergessen:
Ich habe von einer Frau gelesen, deren sieben Kinder er taufte, die sie mit zwei
Männern hatte.

DIE ZEIT: Was freut Sie bisher am meisten an diesem Pontifikat?

Hans Zollner: Dass plötzlich die Sonne aufgegangen ist. Es war, als ob ein
Nebel über allem lag, und jetzt ist plötzlich Licht da, Hoffnung, Energie. Man
hat das Gefühl, wir können es gemeinsam packen. Forza, fratelli!, hat er zu den
Kardinälen gesagt. Und er lebt das vor, nimmt die anderen mit. Das ist
herzerfrischend.
DIE KURIENREFORM

Demokratiedefizit wurzelt tief in der


katholischen Kirche
Papst Franziskus hat ein neues Gremium geschaffen, um Reformen der
Kurie vorzubereiten. Demokratisieren wird das die katholische Kirche nicht
VON WOLFGANG THIELMANN
ZEIT ONLINE, 15.04.2013

Ist das die Revolution von oben? Will Papst Franziskus die Kirche
demokratisieren? Die Nachricht schlug ein: Franziskus hat acht Kardinäle aus
fünf Kontinenten zu Beratern berufen, um den Vatikan, die Regierungszentrale
der katholischen Kirche, zu modernisieren: weniger Dekrete, mehr
Mitbestimmung, weniger Hof, mehr Dienstleistung.

Immer noch gleicht der Vatikan einem spätmittelalterlichen Königtum. Das


spürte selbst der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland,
Nikolaus Schneider, als Franziskus ihn traf. Nicht nur, dass Schneiders Frau sich
einen schwarzen Tüllschleier überwerfen musste. Das vatikanische Bulletin
vermeldete zudem, er sei empfangen worden »con entourage«. In der deutschen
Fassung hieß es: »mit Gefolge«. Der Mann an Schneiders Seite war Thies
Gundlach, der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Zum ersten Mal in seinem Leben sah sich der demokratiegewohnte Protestant
zum »Gefolge« degradiert.

Papst Franziskus hat den Hofstaat schon ziemlich durcheinandergeworfen. Er


durchbricht Kleiderordnungen und Residenzpflichten. Er nimmt Bäder in der
Menge, statt Abstand zu halten. Und er hat seine Wahlrede vor den Kardinälen
veröffentlichen lassen, wie ein Regierungsprogramm, das das vatikanische
Protokoll nicht vorsieht. Mit den acht Kardinälen hat er auch das lange
geforderte Kabinett geschaffen, heißt es, eine Ministerkonferenz, in der wichtige
Entscheidungen auf den gemeinsamen Tisch kommen.

Am Ende entscheidet Franziskus allein

Bisher hat im Vatikan der Papst das letzte Wort – und nur er. Das System setzt
sich fort bis in die letzte Landpfarrei. Im Bistum hat der vom Papst eingesetzte
Bischof das Sagen, im Glauben, beim Recht und in der Verwaltung. Und in der
Gemeinde bestimmt der vom Bischof berufene Pfarrer. Der hat seinem Bischof
Gehorsam versprochen, und der Bischof dem Papst.

Es gibt kein Anzeichen dafür, dass sich daran etwas ändert. Das
Demokratiedefizit lebt in den Genen der katholischen Kirche. Deshalb hat der
vatikanische Pressesaal sorgfältig formuliert: Die acht Kardinäle beraten den
Papst. Die Entscheidung liegt bei ihm. Das System ist gesichert wie eine
Doppelnaht. Die Spitzen der Zwillingsnadel heißen: monarchischer Episkopat
und apostolische Sukzession.

Beide entstanden sehr bald nach der Abfassung der Bibel, aber sie finden sich
nicht darin. Und sie sind ein Grund, warum die Überlieferung, also die
Entscheidungen der Päpste, mindestens den gleichen Rang hat wie die Heilige
Schrift selbst.

Der monarchische Episkopat des Papstes und, von ihm abhängig, der Geweihten,
ist ein Kind des zweiten Jahrhunderts. Das junge Christentum wurde verfolgt.
Und es hatte die ersten internen Kämpfe hinter sich gebracht. Verfechter eines
modifizierten Judentums waren ausgeschlossen worden. Und mit Gnostikern, die
sich auf Geheimlehren Jesu beriefen, führte die Kirche einen langen,
anstrengenden intellektuellen Streit. Noch hatte sie keine politische Macht und
konnte niemanden einfach ausschließen.

In diesen Kämpfen hatte Ignatius, der Patriarch von Antiochien, dem heutigen
Antakya in der Türkei, die rettende Idee: Einer sagt, wo es lang geht. In einem
Brief legte er fest: »Wo immer der Bischof sich zeigt, da sei auch das Volk, so
wie da, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist.« Wenig später
fand der nordafrikanische Bischof Cyprian von Karthago die Formel: Wo der
Bischof ist, ist die Kirche. Im Jahrhundert darauf bildete sich das Papsttum in
Rom heraus. Der Bischof von Rom übernahm die Führung.

Cyprians Formel wurde zum Unterscheidungsmerkmal der katholischen Kirche.


In der orthodoxen Christenheit gab es dagegen immer mehrere Oberhäupter. Und
die Reformation räumte mit allen Monarchismen auf und erinnerte sich an die
demokratischen Grundzüge im Neuen Testament. Da wurden die Gemeinden
aufgefordert, nicht blind zu gehorchen, sondern die Argumente der Autoritäten
kritisch zu prüfen. Die reformierten Kirchen entwickelten ein System
repräsentativer Versammlungen, der Synoden. Sie gaben ein Vorbild ab für den
englischen Parlamentarismus. Solche Versammlungen, Synoden und Konzile,
gehen, anders als der monarchische Episkopat, auf die Bibel zurück. Aber schon
lange tobt der Streit in der katholischen Kirche, ob ein Konzil über oder unter
dem Papst steht. Meist wollten Konzile den Päpsten Vorschriften machen, wenn
gerade mehrere Päpste um den Alleinvertretungsanspruch kämpften.

Einblick in das Handeln des Papstes

Mit der Apostolischen Sukzession untermauert die Kirche die Stellung des
Papstes und aller Geweihten. Diese Lehre sagt, dass die Handauflegung bei der
Weihe in ununterbrochener Folge seit den Tagen der Apostel stattfinden muss.
Deshalb kann nur eine Weihe spenden, wer selbst in dieser Traditionslinie steht.
Allerdings lässt sie sich historisch nur bis ins zwölfte Jahrhundert
zurückverfolgen. Was davor ist, verliert sich im Nebel der Spekulation. Der
Brauch entstand ebenfalls in der frühen Kirche. Bischöfe stärkten ihre Autorität
damit, dass sie sich auf die Apostel beriefen. Nicht nur auf ihre Lehre, sondern
auf Körperkontakt. Das wirkte. Und wirkt bis heute.

Was immer also die Reform bringen mag, die Franziskus angestoßen hat: Das
Selbstverständnis der katholischen Kirche verlangt, dass die Entscheidung bei
ihm bleibt. Aber vielleicht werden wir künftig genauer wissen, wann und warum
er sie trifft.
DIE KURIENREFORM

Das Manifest
Franziskus hat sich viel Zeit gelassen, doch jetzt liegt es vor, sein erstes
lehramtliches Schreiben. Darin geht der Papst mit seiner Kirche hart ins
Gericht, dämpft aber auch die Hoffnungen vieler Kirchenkritiker. Die
Rezension eines Regierungsprogramms
VON LUDWIG RING-EIFEL
Christ & Welt, 28.11.2013 Nr. 48

Endlich ist es da. Acht Monate und zwei Wochen nachdem Jorge Mario
Bergoglio als erster Lateinamerikaner zum Papst gewählt wurde, stellt er sein
erstes lehramtliches Schreiben und damit sein Regierungsprogramm vor. Anders
als die erste Enzyklika, die noch ein »vierhändig geschriebenes Werk« mit
überwiegenden Textanteilen des zurückgetretenen Papstes war, ist dies nun eine
»ipsissima vox« des neuen Heiligen Vaters. Und anders als all die
Gesprächsaufzeichnungen zweifelhafter Bonität, anders als die indirekt
reportierten Äußerungen aus den Morgenmessen in Santa Marta, anders auch als
die Interview-Wiedergaben italienischer Journalisten mit ihren fantasiereichen
Beimischungen liegt nun ein Text vor, den er selbst so verfasst, gewollt und
unterzeichnet hat. Mehr noch, es ist ein Text, von dem der Papst erklärt: »Ich
betone, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische
Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet.« Welche Konsequenz er
meint, sagt er ebenso feierlich: »Ich fordere jede Teilkirche auf, in einen
entschiedenen Prozess der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform
einzutreten.«

Da es ihm also mit diesem Text nicht nur um eine Zustandsbeschreibung geht,
sondern um einen Anstoß zu Veränderungen, werden seine Worte umso
aufmerksamer interpretiert werden. Jede Gruppe im innerkirchlichen
Meinungsstreit wird ihn nach ihren »Stellen« durchsuchen. Was sagt er zum
päpstlichen Primat, zur bischöflichen Kollegialität und zum priesterlichen Amt,
was zur Stellung der Laien? Mit großem Interesse beäugt werden auch die Sätze
zur Homoehe (ablehnend!), zur Abtreibung (er ist gegen jede Liberalisierung!),
zum Zölibat (kommt nicht vor) oder gar zum Priestertum der Frau (steht nicht
zur Debatte). Politiker und Gewerkschafter werden begierig die Sätze über die
Armen, die Gerechtigkeit, die weltweite Solidarität scannen, und konservative
Theologen können mit der Lupe nach Widersprüchen zu den Lehren des
Vorgängerpapstes suchen.

Mit Ausnahme der sehr entschiedenen Passage über die Abtreibung (»Dies ist
kein Thema, das mutmaßlichen Reformen unterworfen ist. Es ist nicht
fortschrittlich, sich einzubilden, die Probleme zu lösen, indem man ein
menschliches Leben vernichtet«) spricht der Papst viele Themen so an, dass man
je nach kirchenpolitischer Färbung daraus Wasser auf die eigenen Mühlen leiten
kann. Es ist ein Text, der Konservative und Liberale, Verzagte und Begeisterte,
kritisch Distanzierte und heftig Engagierte gleichermaßen ansprechen kann.

Unterschrieben ist der Text nicht mit »Francesco« oder »Francis«, sondern
offiziell, wie ein Papst signiert, mit »Franciscus PP«. Der lateinische Titel
»Evangelii gaudium«, auf Deutsch »Die Freude des Evangeliums«, greift zwei
große Schlagworte aus der Konzilsära auf: »Gaudium et spes« war das
Schlussdokument des großen Reformkonzils, und »Evangelii nuntiandi« hieß der
Titel des wichtigsten Schreibens von Papst Paul VI. ein Jahrzehnt danach. Und
tatsächlich schöpft Franziskus in seinem ersten Apostolischen Schreiben eifrig
aus Konzilstexten. Insbesondere aus »Lumen gentium«, quasi dem Grundgesetz
der katholischen Kirche, und aus Texten der »Konzilspäpste« von Johannes
XXIII. bis Benedikt XVI.
So weit ist es beinahe »normal«, dieses päpstliche Schriftstück, das auf etwa 180
Seiten die katholischen Bischöfe, Kleriker, Ordensleute und Laien ermutigen
und ihnen neue Wege zur Verkündigung der Frohen Botschaft weisen soll. Aber
wer jemals päpstliche Schreiben dieser Länge gelesen hat, spürt schon nach
wenigen Sätzen, dass hier ein frischer Geist weht. Ähnlich hinreißend war es, die
ersten Enzykliken Johannes Pauls II. zu lesen: Plötzlich scheint eine ganz neue
Lebenswirklichkeit hinter den Worten hervor. Schon im ersten Absatz, den
Franziskus mit einer pessimistischen Beschreibung der Gemütsverfassung vieler
Zeitgenossen beginnt, spricht er in dieser ungewohnten, unpäpstlichen,
existenzialistischen Tonlage: »Die große Gefahr der Welt von heute mit ihrem
vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische
Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht.« Und
weiter: »Auch viele Gläubige erliegen ihr und werden zu gereizten,
unzufriedenen, empfindungslosen Menschen.«

Analysen wie diese gehören zu den stärksten Passagen des Schreibens. Mit
kräftigen Strichen zeichnet der Papst ein Bild der gegenwärtigen Menschen. Und
besonders scharf, ja stechend, ist seine Analyse der kränklichen Befindlichkeit
vieler Kleriker. Ein Beispiel: »Die Medienkultur und manche intellektuelle
Kreise vermitteln gelegentlich ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der
Botschaft der Kirche … Daraufhin entwickeln viele in der Seelsorge Tätige,
obwohl sie beten, eine Art Minderwertigkeitskomplex, der sie dazu führt, ihre
christliche Identität und ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu
verbergen.« Oder: »Wieder andere, weil sie den wirklichen Kontakt zu den
Menschen verloren haben, (verfallen) einer Entpersönlichung der Seelsorge, die
dazu führt, mehr auf die Organisation als auf die Menschen zu achten.«

Wenn der Papst ein so schmerzendes Bild von der kirchlichen Wirklichkeit
zeichnet, liegt das auch daran, dass er Erkenntnisse aus zahlreichen
Bischofsdokumenten einfließen lässt. Er zitiert Texte der französischen, der US-
amerikanischen, der brasilianischen oder asiatischer Bischofskonferenzen und
zeigt damit, dass seine Anregung, das Lehramt der Bischöfe mit dem Papst
kollegialer zu gestalten, Früchte tragen kann. Aber natürlich bleibt er dabei nicht
stehen. Wo er Wege aufzeigt, aus der aktuellen Verzagtheit heraus zu neuer
Glaubensfreude und mehr missionarischem Schwung zu gelangen, greift er
immer wieder auf Bischofsdokumente zurück – allen voran auf das realistisch-
optimistische Schlussdokument der lateinamerikanischen Bischöfe, das diese
unter redaktioneller Führung des Kardinals Bergoglio 2007 im brasilianischen
Aparecida verabschiedet haben. Neben dem existenzialistischen ist es daher ein
spezifisch lateinamerikanischer Ton, der diesen Text so besonders macht.

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur


KNA.
DIE KURIENREFORM

Der frohe Botschafter


Papst Franziskus will die katholische Kirche erneuern, von Freudlosigkeit
und Rechthaberei befreien. Nicht allen Kardinälen im Vatikan kommt das
gelegen – einige hoffen, dass ihm bald die Luft ausgeht
VON EVELYN FINGER, CHRISTIANE FLORIN UND PATRIK SCHWARZ
DIE ZEIT, 05.12.2013 Nr. 50

So ungemütlich war die Weihnachtszeit im Vatikan noch nie – jedenfalls für


einige jener Herren, die dort bislang die Macht hatten und glaubten, die Pracht
des Petersdoms diene ihnen bloß als Kulisse. Nun, am ersten Samstag im
Advent, predigte der lächelnde Papst »Barmherzigkeit«. Und um zu zeigen, dass
für Christen allein der Dienst am Nächsten zählt, hatte er sich angezogen wie ein
Dorfpfarrer: Anstatt des im Advent üblichen goldbestickten Messgewandes trug
Franziskus einen schlichten Chormantel in Violett, der Farbe, die der
Kirchenkalender für den Dezember vorsieht. Das Prozessionskreuz war aus
Holz.

Holz! Die Glamourfans in der Kurie, diesem gigantischen Verwaltungsapparat


des Vatikans, waren entsetzt. Wo soll das hinführen, flüstern manche, wenn wir
auf die Insignien der Macht verzichten?

Diese Flüsterer sind von Papst Franziskus schon einiges gewöhnt: den matten
Blechschmuck, als gäbe es keinen kostbaren Kirchenschatz. Die speckig-
schwarze Aktentasche, als sei der Nachfolger Petri ein einfacher Angestellter.
Die alten Schnürschuhe, als sei der Stellvertreter Gottes auch nur ein Mensch.
Vor einem Jahr noch – zur Adventsvesper unter dem Vorgänger Benedikt XVI. –
funkelte der Petersdom vor Brillanten, und der alte Papst war geschmückt wie
ein, nun ja: Weihnachtsbaum.

Seit neun Monaten ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, 76, das geistliche
Oberhaupt der Katholiken. Er ist der erste Papst seit Langem, der die Welt
irritiert. Jene kleine innerhalb der Mauern des Vatikans. Und jene große
außerhalb.

Er hat ja nicht nur seine alten Schuhe anbehalten. Er hat Interviews gegeben, die
auch Laien verstehen. Er ist zu den Bootsflüchtlingen nach Lampedusa gereist,
hinein in eine von vielen dringlichen Gegenwarten. Er hat externe Experten
eingestellt, um Licht ins Dunkel der Vatikanfinanzen zu bringen. Er hat
Fragebögen in alle Welt verschickt, um zu erfahren, was die Katholiken zu
Liebe, Sex und Partnerschaft denken. Und er hat Zigtausenden Menschen auf
dem Petersplatz ein Medikament verordnet. Als weiße Figur hoch oben im
Fenster des Apostolischen Palastes rief er neulich beim Angelusgebet in die
Menge: »Jetzt möchte ich euch zu einer Medizin raten!« Dann hielt er eine
Arzneischachtel hoch, darauf der Schriftzug: »Misericordia«. Kein neuer
Markenname, sondern altes Latein für Barmherzigkeit. Unten auf dem Platz
verteilten Nonnen 25.000 dieser Schachteln, darin jeweils ein kleiner
Rosenkranz. Die Menge lachte und applaudierte. Ein Papst mit Humor. Oder
alles nur Marketing?

Dagegen sprechen 256 Seiten, die der Papst geschrieben hat, ein Apostolischer
Brief, ein neues Vatikanisches Manifest: Evangelii Gaudium, »Freude des
Evangeliums«. Nicht die zuständige Glaubenskongregation hat den Wälzer
verfasst, sondern der Papst persönlich. Anstatt im August nach Castel Gandolfo
zu verschwinden, in seine waldumstandene Residenz hoch über dem Albaner
See, blieb der Papst im 35 Grad heißen Rom und schrieb an gegen die
Gewissheit, dass eine zweitausend Jahre alte Kirche sich nicht ändern darf.
Jetzt lesen nicht nur die Gläubigen ungläubig, dass dem Papst eine »verbeulte
Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen
ist«, näher steht als eine Kirche, »die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer
Bequemlichkeit krank ist«. Seine Kirche sei freudlos und lieblos geworden, so
formuliert es Franziskus – Zeit für eine »unaufschiebbare Erneuerung«. Aus dem
Grundgebot der Nächstenliebe leitet der Papst sozialrevolutionäre Maximen ab:
Nein zur Vergötterung des Geldes! Nein zur sozialen Ungleichheit! Nein zur
Trägheit des Herzens! Vor allem aber sagt er der Hartherzigkeit den Kampf an,
beginnend im eigenen Haus.

Hier raunt jetzt mancher Kardinal: Dieser Papst wird die Kirche ruinieren! Er
wirft dem Klerus mehr Sünden vor als der Welt da draußen. Er schmückt die
Kirche mit dürrem Reisig. Er will sie durch Schwäche stärken. Im Vatikan, dem
katholischen Kreml, fallen die Namen »Franziskus« und »Gorbatschow« immer
öfter in einem Atemzug.

Die Revolution beginnt beim Frühstück im Gästehaus Santa Marta, wo der Papst
wohnt. Im Gemeinschaftsraum hat er keinen festen Tisch, er holt sich sein Essen
selbst und setzt sich zu den anderen. Erst zum Arbeiten geht er in den
Apostolischen Palast hinüber, ins Staatssekretariat eins, wo die großen Fresken
sind, die alten Weltkarten, die einem den Eindruck vermitteln, sehr weit oben zu
sein. Herrscher des Erdkreises.

Er aber interessiert sich für die ganz unten.

Viele Katholiken, deren Alltag zuletzt wenig damit zu tun hatte, was ein alter
Mann in Rom sagt, können es kaum glauben: Endlich will ein Papst etwas von
ihrem Leben wissen. Endlich sagt einer auf dem Samtstuhl, dass Ausgrenzen,
Denunzieren und Angsteinflößen keine christlichen Tugenden sind. Endlich
bricht das System aus Bestrafung der Andersdenkenden und Belohnung der
strammen Gefolgsleute zusammen. Keine Lehrverbote, keine Schreibverbote,
keine Denkverbote.

Noch ist vieles nur Papier statt Praxis. Doch nach Jahren des Nichts reicht schon
der Satz, zu viele Kleriker blickten in den Kirchen »wie bei einer Beerdigung«,
um die Menschen zu euphorisieren. Ausgerechnet im Namen der frohen
Botschaft seien zu viele Kulturpessimisten, Nörgelfromme und
Jammertalbewohner unterwegs, meint der Papst. Ausgerechnet der Mann ganz
oben verordnet jetzt ein befreiendes, anarchisches Lachen.

Das Lächeln in seinen Augen sei das Schwierigste an Franziskus, findet Cesare
Bella. Er ist Meister im Studio Mosaico, einer steinalten Werkstatt direkt neben
dem Gästehaus Santa Marta. Bella und Franziskus sind Nachbarn, aber ihr
Verhältnis ist noch ungeklärt: Während der Papst in die Zukunft strebt, hat Bella
eine Tradition zu schützen. Sein Job ist es, ein Mosaik vom neuen Papst zu
machen, wie es seit 500 Jahren Brauch ist. Das Bild ist fast fertig. Und Bella
fragt sich: Wird es diesem Traditionszertrümmerer überhaupt gefallen?

Im Studio Mosaico sind sie zu acht. Ihre Vorgänger haben die gewaltigen Wände
des Petersdoms ausgeschmückt, all die Engel und die gigantischen
Heiligenmosaiken bis hinauf in die Kuppel. Große Verklärung aus kleinen
Steinchen. Im Atelier riecht es nach dem Staub der alten Fliesenbruchstücke, die
sie in endlosen Schubkastenreihen aufbewahren.

Wann immer ein neuer Papst gewählt ist, wird im Studio Mosaico eine schwere
Steinplatte auf die Staffelei gehievt, rund, mit 136 Zentimetern Durchmesser.
Zuerst macht sich einer der Künstler an den goldenen Hintergrund. Dann an das
päpstliche Gewand mit dem roten Überwurf. Schließlich übernimmt einer der
Meister das Gesicht. Für Franziskus’ Haut benutzte Bella zweihundert Jahre alte,
matte Mosaikstückchen, fast tausend Schattierungen. Und allein für die Pupillen
brauchte er 70 Farben. Dabei hatte er nur ein unscharfes Foto als Vorlage. Denn
dieser Papst – der keinen Personenkult will und ihn gerade dadurch befördert –
lässt sich nur widerwillig fotografieren. Erst zwei Termine hat er den
Vatikanfotografen gewährt. Jedes Mal sagte er nach ein paar Minuten: »Jetzt ist
es aber genug.«

Im Mosaikstudio sagen sie, dass sie ihren neuen Nachbarn mögen. Wegen der
guten Laune, die er verbreitet. Weil er die Schweizergardisten mit Handschlag
begrüßt, mit den Gendarmen plaudert und sich seinen Kaffee nicht kommen
lässt, sondern aus dem Automaten holt. In dieser Woche wird der Papst sein
Porträt in Augenschein nehmen, bevor es in Sankt Paul am Ende der Reihe
seiner 265 Vorgänger eingefügt wird. Ein Fries von Gottesstellvertreterköpfen.
Eine Galerie, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart ragt. Wofür wohl
dieser Papst mit den lächelnden Augen einmal stehen wird?

Das fragt sich auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller und lächelt dabei nicht.
Der Bayer stammt aus dem Bistum Regensburg, ist der zweitmächtigste Mann
der katholischen Kirche – und Franziskus’ hartnäckigster Gegner.

An einem Mittag der vergangenen Woche fährt der Wagen des Papstes an der
Piazza della Città Leonina direkt neben den Kolonnaden des Petersdomes vor
Müllers Privatwohnung vor. Wenig später sitzt Franziskus bei Müller am
Esstisch, die Ordensschwestern Huberta und Helgardis tragen Schnitzel und
Kartoffelsalat auf. Als der Kaffee folgen soll, sagt Jorge Mario Bergoglio aus
Argentinien in schönstem Bayerisch: »I ko nimma.«

Der Papst gibt auf, aber bloß beim Essen. Seinem Gastgeber zu Ehren hatte er
sich von Huberta und Helgardis ein paar Brocken Bayerisch beibringen lassen.
Dieser Mann, so scheint es, macht selbst seinem hartnäckigsten Gegner noch
eine Freude. Liebet eure Feinde.

Franziskus und Müller, Papst und Präfekt der Kongregation für die
Glaubenslehre – die beiden unterscheiden sich nicht nur in der Länge ihrer Titel.
Selten lag der oberste Hüter alter Glaubenslehren, also Müller, so sehr mit dem
Verkünder ebendieses Glaubens, dem Papst, über Kreuz. Aus der Warte des
Deutschen reißt da ein Lateinamerikaner gutmütig oder leichtfertig ein uraltes
Gebäude ein. Was hat dieser Franziskus nicht alles an Unordnung und
Unsicherheit über die geordnete Welt der römisch-katholischen Dogmatik
gebracht! Keine Ehrfurcht, noch nicht einmal Respekt zeigt er für das Heilige
Offizium, Müllers Machtbasis, einst Behörde der Inquisition, in die noch unter
Papst Johannes Paul II. die Abweichler aus aller Welt einbestellt wurden, um
sich in einem aussichtslosen Ringen gegen den Entzug ihrer Lehrbefugnisse zu
wehren.

Franziskus dagegen? Riet neulich Besuchern aus seiner Heimat unverhohlen,


sich nicht den Kopf zu zerbrechen, falls ein Mahnschreiben aus Rom sie
erreiche. Durchlesen, wegstecken, weitermachen, lautete seine schelmische
Empfehlung.

Wo Franziskus eine arme Kirche will, wünscht sich Müller eine glanzvolle. Wo
Franziskus Verbündete sieht, bei Protestanten zum Beispiel, sieht Müller Rivalen
oder Abtrünnige. Wo Franziskus Verständnis predigt, gegenüber
Wiederverheirateten oder Schwulen, pocht Müller auf die Verbote. Und während
Franziskus dem verschwenderischen deutschen Bischof Tebartz-van Elst eine
Auszeit verordnet hat, wettert Müller gegen Medien, die einen redlichen
Würdenträger niedermachen. Nirgends aber liegen Chef und Chefideologe
weiter auseinander als in ihrem Blick auf die Millionen und Abermillionen
Katholiken weltweit. Für Müller regiert die Kirche über das Christenvolk, sie
sagt ihm, was gut und schlecht, was zu tun und was zu lassen sei. Wie anders
dagegen tritt der Papst auf. Für ihn beginnt die Kirche unten und muss sich oben
bewähren – erst das Volk, dann die Fürsten. Nicht umgekehrt.

Wieder und wieder hat Müller aufbegehrt, hat den Rest an Autorität aufgeboten,
der ihm geblieben ist als spät berufener Präfekt, ernannt vom bayerischen Papst
in dessen Abendröte. Was hat Müller seit dem Konklave nicht alles versucht:
Umarmung erst, Herablassung dann, schließlich Intrige. So hat er Franziskus
von oben herab »pastorales« Talent bescheinigt – was so viel heißt wie: Der neue
Mann ist ein braver Hirte, aber gegen die Wölfe der Welt lasst besser mich zu
Werke gehen.

Doch der Mann aus Buenos Aires, mutiger als erwartet, will sich die Welt nicht
vergällen lassen von jemandem, der überall nur Feinde wittert. Und so prallen
sie immer wieder aufeinander, hier der »Papst des Tangos und des Kinos« – und
dort der deutsche Glaubenswächter aus dem Stall Ratzinger, ein harter Knochen
mit weichem Händedruck.

Fast schon verzweifelt pocht Ratzingers Ziehsohn auf die Einhaltung der Regeln.
Lässt etwa Franziskus erkennen, dass ihm Barmherzigkeit für wiederverheiratete
Geschiedene ein Anliegen sei, schießt Müller mit einem Beitrag im
L’Osservatore Romano, der Prawda des Vatikans, zurück: Ausgeschlossen sei,
dass Wiederverheiratete jemals die Kommunion erhalten könnten. Roma locuta,
causa finita: Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt.

In früheren Jahren hätte ein solcher Bannstrahl jedes Aufmucken unterbunden.


Jetzt kommt das Aufmucken von ganz oben. Und Kardinäle, die nur etwas
unterhalb dieses Ganz-oben angesiedelt sind, stellen Müllers Macht infrage. Als
Erster widersprach der deutsche Kardinal Reinhard Marx aus München. Keine
Gnade für Wiederverheiratete? »Der Präfekt der Glaubenskongregation kann die
Debatte nicht beenden.« Wenig später trauten sich schon kleinere Lichter wie
etwa der Bischof von Trier mit ähnlichen Äußerungen hervor.

Es ist in dieser Kirchen-Perestroika nicht ganz klar, wer im Machtspiel nur ein
wortgewandter Wendehals ist und wer nun frei sagt, wovon er jahrelang
überzeugt war. Klar ist nur: So läuft es, wenn ein Reich ins Rutschen gerät.
Während der Inquisitor Müller noch um seinen Einfluss auf den Kurs der Kirche
kämpft, hat Franziskus längst eine Neben-, nein eine Überregierung geschaffen.
Sie besteht aus mehreren neu installierten Gremien.

Regelmäßig ruft er acht Kardinäle aus allen Kontinenten zusammen, ein


katholisches G 8, kaum weniger international als das Gipfeltreffen von
Regierungschefs aus aller Welt. Diese Woche findet bereits die zweite Sitzung
statt, Kardinal Marx, der einzige Deutsche in der Runde, musste im Eiltempo
sein rudimentäres Italienisch auffrischen. Es sitzt kein Simultan-Dolmetscher
und auch kein Sekretär mit am Tisch, die Gesprächsthemen sind zu brisant.

Die Szenerie hat den Charakter einer Verschwörung, bloß dass der Boss dabei
ist: Da steht – irgendwo im Vatikan – ein Tisch. Daran sitzen Gäste und
Hausherr. Neun Köpfe, mehr braucht es anscheinend nicht, um eine Milliarde
Katholiken zu regieren. Was undenkbar war in der Regierungszentrale Vatikan
mit all ihren Dikasterien, Eminenzen, Exzellenzen, Ehrenprälaten und
Protonotaren, hier passiert es einfach. Stets galt die absolutistische Verfassung
des Kirchenstaats – mit dem Papst als Legislative, Exekutive und Judikative in
Personalunion – als Inbegriff der Fortschrittsverweigerung. Jetzt zeigt sich:
Aufbruch im Absolutismus kann erfrischend einfach sein.

Erzbischof Müller – fast überflüssig, es zu erwähnen – ist nicht mit von der
Partie. Während der Papst seine Revolte plant, bleibt Müller nur der Spaziergang
die Via della Conciliazione hinunter zum Hotel Columbus. Die Via ist eine breite
Stadtschneise, die 500 Meter vom Petersplatz hinab zum Tiber führt, eine
fernsehberühmte Straßenflucht. Im Gehen versucht Müller, vertraute
Journalisten von seiner Sicht der Dinge zu überzeugen, von seinem Beharren.

An keinem anderen Ort der Welt sind Freunde und Feinde im Kampf um die
Macht in einer Weltorganisation auf derart wenigen Quadratmetern versammelt.
Das macht die Sache für Zuschauer so spannend. Und für Kombattanten so
gefährlich.

Die Sessel im Apostolischen Palast haben noch immer goldene Lehnen, und an
den Wänden prunkt roter Damast. Doch der Mann, der hier empfängt, spricht
von einem Leben, das ihn in der Mitte durchschneide. Georg Gänswein führt
eine Existenz, die ihm bis zum Rücktritt von Papst Benedikt so unvorstellbar
war, wie sie jetzt quälend sein muss: Tagsüber dient er dem neuen Papst, abends
dem alten – und es sind zwei Herren, wie sie sich ein Diener kaum
unterschiedlicher ausmalen könnte.

»Eine Amputation« sei Benedikts Rücktritt für ihn gewesen – und noch in
weiteren Sprachbildern fließt Blut, wenn Gänswein beschreibt, wie sein Leben
sich geändert hat, seit sein einstiger Herr in den Ruhestand ging.

Acht Jahre lang war Gänswein der berühmteste Monsignore des Apostolischen
Palastes: Als Sekretär des Papstes regelte er den Zugang zu und die Geschäfte
von Benedikt XVI. Als »George Clooney des Vatikans« bezeichnen ihn Verehrer
wie Spötter, die Kombination aus männlichem Zug ums Kinn und bubenhaftem
Schalk in den Augen verhalf ihm auf das Cover der italienischen Vanity Fair. Vor
allem aber war Gänswein der Intendant des Benedikt-Ensembles. Joseph
Ratzinger sollte mit Gänsweins Hilfe das Papsttum zu einer neuen intellektuellen
und ästhetischen Blüte bringen – ein Gegenentwurf zu Egalitarismus und
Relativismus. Von 2005 bis 2013 hat Gänswein alles gegeben – und viel
bekommen: »Ich habe acht Jahre Blut gelassen und auch Blut geleckt,
manchmal«, sagt er.

In vita et in morte, Treue in Leben und Tod, hatte Gänswein Ratzinger einst
geschworen. Jetzt sagt er: »Ich habe den Eindruck, in zwei Welten zu leben. Ich
muss da ehrlich sein mit mir selbst: Das ist ein Schmerz, das Sichabfinden mit
der neuen Rolle.«
Die neue Rolle – das sind auch kritische Fragen. Gänsweins Gegner sagen, dass
der Sekretär selbst Benedikt am meisten geschwächt habe, weil er über seine
Machtbefugnisse hinausgegangen sei und »im Sinne des Papstes« entschieden
habe, ohne dessen formale Zustimmung abzuwarten. Was für eine Absurdität:
Am chaotischsten ging es im Vatikan zu, als er noch straff geführt wurde.
Günstlingswirtschaft, Intrigantentum und Machtkämpfe gipfelten in einem
Durcheinander, das Benedikt die letzte Kraft raubte. Er signalisierte: Auch ein
Papst kann kapitulieren. Womöglich öffnete er damit die Tür zur Veränderung.

Kurz bevor es zu Ende ging, hat Benedikt seinen Prälaten Gänswein noch zum
Erzbischof und Präfekten des päpstlichen Hauses befördert. Franziskus hat ihn
gebeten, das zeremonielle Amt weiterzuführen, das ihm Auftritte an der Seite
des Papstes beschert. »Wenn das Ihr Wille ist, dann nehme ich das in Gehorsam
an«, hat Gänswein erwidert. Er sitzt jetzt auf zwei Ämtern und doch zwischen
allen Stühlen. Und kein Titel kann ihn täuschen oder trösten über den Verlust der
Stellung im Zentrum des römisch-katholischen Weltreichs. Sein Leben, »es ist
nicht mehr ständig am Herzpuls«.

Der Neue im Haus, nun, er macht vor allem vieles neu. Gänswein kann das
kaum gefallen. Mehr noch vielleicht als sein Herr selbst war der Sekretär ein
Hohepriester der Tradition, sah in ihr nicht ein Diktat der Form, sondern ein
Kondensat kirchlicher Weisheit. Dass Franziskus partout nicht aus dem
Gästehaus in den Apostolischen Palast ziehen will, weil er »unter Leuten« leben
möchte, weil ihn der dunkle Schlauch, der in die päpstlichen Gemächer führt,
»trübsinnig« mache, all das hat Gänswein aufgebracht.

Er hat darin nicht nur einen Bruch mit der Tradition gesehen, sondern auch einen
Affront gegen den Vorgänger, gegen alle Vorgänger. War Benedikt etwa kein
bescheidender Mann? Er hat doch die Papsträume nicht aus Selbstsucht
beansprucht, sie drücken die Stellung des Heiligen Vaters in der Kirche aus.
Doch die Kontroverse sei beigelegt, sagt Gänswein, gelegentlich scherzen der
neue Papst und der ehemalige Sekretär jetzt über die seelischen Motive, die
Franziskus gegen seinen Einzug in den Palast ins Feld führte. Ein Rest an
Unruhe aber beherrscht noch immer das Verhältnis der beiden. »Ich warte jeden
Tag von Neuem, was heute anders sein wird«, sagt Gänswein.

Gebunden fühlt der Sekretär sich an sein altes Versprechen: Er steht zu Benedikt.
Nach 21 Uhr kümmert sich Gänswein um ihn, erledigt Post, regelt
Liegengebliebenes, ist da für den alten Mann, den Gänswein weiter »Heiliger
Vater« nennt.

»Es gibt nur einen Papst«, sagt Gänswein. Und es klingt wie ein Ordnungsruf an
sich selbst.

Auch Pietro Zander, der Chefarchäologe der Dombauhütte, ist freundlich zum
emeritierten Papst. Gegenüber Journalisten will er den neuerdings erheblichen
Besucherzuwachs bei Generalaudienzen auf dem Petersplatz nicht beziffern.
Dabei sind die Menschenmassen im Moment Zanders größtes Problem. Die
Gläubigen rennen dem neuen Papst die Bude ein.

Früher war der Petersplatz halb voll, heute drängen sich die Leute bis weit
hinunter in die Via della Conciliazione. Sie ist jetzt eine Art Überlaufbecken für
mehr oder weniger Religiöse, die einen Blick auf den Papst werfen wollen. Die
Menschen stehen auch unten auf der Straße vor Erzbischof Müllers Wohnung.
Dabei drehen sie ihm den Rücken zu.

Die Generalaudienz findet immer mittwochs statt. Zanders Leute sperren die
Zufahrtsstraßen für Autos jetzt schon am frühen Dienstagabend, und die
Absperrgitter auf dem Platz räumen sie überhaupt nicht mehr weg.

Wenn Zander von »erschütterten Fundamenten« spricht, meint er echte Steine


und keine Gewissheiten. Seine Sorge gilt den Massen, die nach den Audienzen
in den Petersdom drängen. Die Basilika verträgt höchstens 30.000 Menschen am
Tag, schon ihr Atem sei eine »konservatorische Katastrophe«, sagt Zander.
Trotzdem kann er die Portale der Kirche über dem Grab Petri nicht schließen.
Ein verriegelter Dom wäre ein fatales Signal. Was also tun? Zander lächelt. Sie
hätten erwogen, die Generalaudienz an einen anderen Ort zu verlegen, in ein
Stadion vielleicht, den Gedanken aber schnell verworfen. Stattdessen werden sie
eine zweite Audienz einführen, immer samstags. Wahrscheinlich beten sie schon
jetzt, dass das genügt.

Das Kirchenvolk liebt Franziskus, und er liebt es zurück. Seitdem er beschlossen


hat, seine Gläubigen zu befragen, und zwar ausgerechnet zu Ehe, Familie und
Sexualmoral, ist sein Reformeifer bis ins letzte Dorf vorgedrungen. Ein
Kirchenvolksbegehren, von oben angezettelt – so viel Plebiszit war nie. Der
Papst will beispielsweise wissen, was Gläubige »in schwierigen Ehesituationen«
von der Kirche erwarten, welche »pastorale Aufmerksamkeit« für Menschen in
gleichgeschlechtlichen Partnerschaften möglich sein könnte, ob sich jemand von
der Kirche »verletzt« fühle.

Über die Antworten auf Franziskus’ Fragen werden mehrere Hundert – nach
eigenen Angaben – keusche Männer im Herbst nächsten Jahres bei einer
Bischofssynode reden. In den deutschen Bischofsordinariaten stöhnen die
Oberen schon über eine Idee, die dem Papst zwar Schlagzeilen bringe, aber den
Bistümern nur Arbeit mache. Wer wird sich da aus welchem Winkel der Kirche
mit was für Meinungen melden? Wer soll die Erkenntnisse bündeln? Wie kann
die Bischofskonferenz zu einem einheitlichen Ergebnis kommen?

Eher lieblos haben die meisten deutschen Bistümer das römische


Herzensanliegen ins Internet gestellt, die Rücklauffrist endet oft schon in dieser
oder der nächsten Woche.

Wann Sex mit wem zu welchem Zweck erlaubt ist, regelt die katholische Kirche
bisher ganz genau. Höchste Hierarchen, Päpste und Präfekten haben sich am
Unterleib ihres Volkes abgearbeitet. Genützt hat alles nichts: In Deutschland
leben Umfragen zufolge mehr als 90 Prozent der Katholiken anders, als der
Vatikan es erlaubt. Jene zehn Prozent, die vorgeben, sich an die Regeln zu
halten, werden als Freaks zu Talkshows eingeladen. Der Papst selbst hat sich zu
Keuschheit verpflichtet, doch er zweifelt offenkundig daran, dass enthaltsam
lebende Männer die besten Ratgeber für alle Lebenslagen sind, besonders in
Liebesdingen.

Dass Franziskus seine Lehre demnächst an Umfrageergebnissen ausrichten wird,


ist unwahrscheinlich – und birgt Enttäuschungspotenzial in Obama-Dimension.
Ein Papst ist kein Dienstleister und das Christentum kein Buffet, das man sich
selbst zusammenstellt. Doch Franziskus’ Umfrage zeigt, dass er viel vom Volk
hält und wenig vom hohen Klerus. Die Kurie hat er einmal als »Lepra«
bezeichnet.

In den Schriften der Glaubenskongregation kommen leibhaftige Menschen kaum


vor. Franziskus aber preist in seinen Predigten die einfachen Menschen aus dem
Volk. Selten vergisst er, seine Oma Rosa zu erwähnen. Wenn er von
Barmherzigkeit spricht, erzählt er von barmherzigen Menschen, denen er selbst
begegnet ist. Meist sind es Mütter. Der Mann hat nicht nur eine Kirchenkarriere,
sondern eine Biografie. Und er hat keine Angst vor Frauen, nicht mal vor
jungen, hübschen.

Seine revolutionärste Erfindung ist ein Beratergremium, bestehend aus sieben


Laien und einem Priester, das ständig mit ihm arbeitet – und die reformerische
G-8-Kardinalsrunde ihrerseits beunruhigt. Die klerusfernen Berater sollen die
Finanzen des Vatikans ordnen und nach der VatiLeaks-Affäre auch die
Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Intransparenz und Machtgerangel hatten den
Skandal ausgelöst, der letztlich zum Rücktritt des alten Papstes führte. Geheime
Dokumente waren gestohlen worden, direkt vom Schreibtisch Benedikts. Nun
müssen sie den Laden transparent machen.
Wer mit dieser Arbeit anfängt, landet schnell bei den Machtfragen: vor allem bei
der Entscheidung, ob die Kirche arm oder reich sein will, ob sie nehmen soll
oder doch geben. Und darf man Gutes tun mit schlechtem Geld? Die Quellen des
katholischen Reichtums sind manchmal trübe, das Geschäftsgebaren der
Vatikanbank ist alles andere als heilig.

Zu Franziskus’ Finanzexperten gehören ein spanischer Wirtschaftsprüfer, ein


deutscher Versicherungsfachmann, ein französischer Manager, ein ehemaliger
Außenminister von Singapur und eine junge Frau: die italienische
Kommunikationsspezialistin Francesca Immacolata Chaouqui, ausgeliehen von
der Unternehmensberatung Ernst & Young.

Dass selbst Kirchenhierarchen nicht im Detail wissen, wonach Francesca in den


Bilanzen des Kirchenstaates sucht, und dass sie außerdem attraktiv ist, hat im
Vatikan, in der Presse und im Internet allerlei Geraune provoziert.

Früher waren Frauen, die in die Nähe des Papstes kamen, bestenfalls Köchinnen
oder Sekretärinnen. Chaouqui, 30, ist studierte Juristin und trägt
Regierungsverantwortung im Schattenkabinett des Papstes. Ihre Aufgabe wie die
der anderen Laien ist es, dem Papst den Kapitalismus der eigenen Institution zu
erklären. Francesca ist da sicher kompetent. Während der Finanzkrise beriet sie
als Kommunikationsexpertin der Beraterfirma Orrick, Herrington & Sutcliffe die
Lehman Brothers Bank.

Einst brauchte es für eine Karriere im Vatikan weniger Kompetenzen als vor
allem Kadavergehorsam. Jetzt kontrollieren Laien, die sich durch ihren
Sachverstand qualifizieren, die alten Mächtigen.

Seine revolutionären Pläne hat Franziskus im Vorkonklave dargelegt. Dafür ist er


gewählt worden. Unruhig fragen sich seine Anhänger nun: Wie viel Zeit bleibt
diesem Papst?
Franziskus hat nur noch einen Lungenflügel, noch vor Weihnachten wird er 77.
Manche Männer in den stillgelegten Büros des Vatikans warten nur darauf, dass
ihm die Luft ausgeht. Die Traditionalisten verspotten ihn dafür, dass er auf
Lampedusa ein altes Boot zum Altar umwidmete – und fürchten ihn zugleich.
Ihren Goldkantenkatholizismus hat er kritisiert. Jetzt überwintern die Liebhaber
von Glanz und Gloria in ihren Nischen und warten darauf, dass ihre Stunde
kommt.

Schon früh kursierte in Rom das Gerücht, Franziskus lebe gefährlich. Er riskiere
viel, wenn er linke Basisgruppen mehr pflege als rechte Zirkel in Rom. Und es
sei geradezu verwegen, bei der Vatikanbank aufzuräumen. Wird man ihn eines
Tages vergiftet im Gästehaus Santa Marta finden? Oder tot im Tiber?

Vom möglicherweise unnatürlichen Ende des Papstes ist in diesen Tagen im


Vatikan auffällig oft die Rede – wenn auch meist in der Negation. »Ich sag jetzt
nicht, dass ihm morgens jemand was in den Tee tut …«, sagt ein hochrangiger
Ordensmann, um anschließend umso länger über die Vielzahl der Gegner, der
Beleidigten und derjenigen zu sprechen, die sich zurückgesetzt fühlen.

Und drängen sich nicht Parallelen zu Johannes Paul I. auf? Auch diesen
undogmatischen Pontifex, der auf den steifen Paul VI. gefolgt war, nannten sie
den »lächelnden Papst«. Auch Johannes Paul I. soll sich – kaum im Amt, aber
mangels Medienpräsenz noch weitgehend ungeschützt – angeschickt haben,
aufzuräumen mit Kurie und Vatikanbank, bis alles jäh endete. 33 Tage nach
Amtsantritt war der neue Papst tot.

35 Jahre später bewegt sich wieder ein Papst mit fast schlafwandlerischer
Unschuld durch diesen höfischen Apparat. Allerdings, sagt ein Vatikan-Insider:
»Giftmord ist nicht mehr nötig. Seit Benedikt kann man einem Papst auch den
Rücktritt nahelegen …«
Franziskus verströmt noch die Energie des Neuanfangs, von Amtsmüdigkeit
keine Spur. Allerdings konnte er bisher auch nichts Bleibendes schaffen. Der
Papst hat ein zartes Band zu seinem Kirchenvolk geknüpft, aber in Zeiten der
Ungeduld kann seine Liebenswürdigkeit schnell unter Show-Verdacht geraten.
Bald wird es nicht mehr reichen, dass er Fragen stellt, er wird Antworten geben,
Neuerungen durchsetzen müssen. Schluss mit der Diskriminierung von Frauen,
Homosexuellen und Protestanten! Wagt er da nichts, dann wird ein großes
Gefühl rasch klein.

Ein paar praktische Projekte hat der Papst schon gestartet. Zum Beispiel schafft
er gerade einen päpstlichen Hilfsfonds für Katastrophenopfer, »Misericordia«
soll er heißen. Franziskus will, dass die Kirche nicht mehr letzte, sondern erste
Zuflucht für Arme ist. Kirchen und Klöster sollen ihre Pforten für Flüchtlinge
öffnen, ihnen Schutz gewähren – auch vor dem europäischen Asylrecht. Und für
einen Mann namens Konrad Krajewski hat sich der Papst einen besonderen
Auftrag ausgedacht.

Krajewski ist der Neue im Amt des päpstlichen Almosengebers, ein hoher
Beamter. Sein Büro liegt im Schatten des Petersdoms. Vom Schreibtisch aus
haben Krajewskis Vorgänger Gelder für Bedürftige angewiesen. Der 50-jährige
Pole nun soll nicht drinnen warten, denn draußen ist das Leben, draußen ist die
Armut. Nachts liegen die Obdachlosen von Rom unter den frisch renovierten
Kolonnaden, die den Petersplatz umschließen.

Abends, so will es der Papst, fährt Krajewski in einem kleinen weißen Fiat durch
die Stadt, zu den Armen und Obdachlosen, begleitet von vier
Schweizergardisten, die vier Sprachen sprechen. Er verteilt Geld vom Papst. Und
weil Rom zu groß ist, um mit einem einzigen Auto alle Straßen abzufahren,
schickt er jetzt jede Woche mehr als einhundert Schecks über maximal tausend
Euro an die Pfarrer der Stadt, damit auch sie den Armen helfen.
»Der Papst will, dass wir nicht auf die Leute warten, sondern zu ihnen gehen«,
erzählt Krajewski. »Er hat mir gesagt, mein Konto ist in Ordnung, wenn es leer
ist.«

Franziskus will die Kirche wieder glaubwürdig machen. Das leere Konto – für
den Papst ist es sein Kapital.

Mitarbeit: Marco Ansaldo und Wolfgang Thielmann

Papst Franziskus

wurde am 17. Dezember 1936 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sein


Vater, ein Eisenbahner, war von Italien nach Südamerika ausgewandert, ebenso
die Großeltern mütterlicherseits. Bergoglio hat vier Geschwister.

Nach der Schule wurde er Chemietechniker, 1958 trat er dem Jesuitenorden bei.
Bergoglio studierte Geisteswissenschaften in Chile, dann Theologie in
Argentinien. 1969 wurde er zum Priester geweiht, 1973 stieg er zum Leiter der
argentinischen Jesuiten auf.

Bis heute umstritten und ungeklärt ist sein Wirken während der
Militärdiktatur von 1976 bis 1983, insbesondere die Frage, ob er genug getan
hat, um oppositionelle Geistliche vor den Folterern des Regimes zu schützen.

1992 ernannte Papst Johannes Paul II. Bergoglio zum Weihbischof von Buenos
Aires, 1998 stieg er zum Erzbischof auf. Beliebt wurde er in der Bevölkerung
dadurch, dass er Priester in die Elendsviertel der argentinischen Hauptstadt
entsandte, dort oft selbst unangemeldet erschien und Hilfsprojekte für
Drogenabhängige und Prostituierte anschob. Während der Wirtschaftskrise zu
Beginn des neuen Jahrtausends, als viele Argentinier verarmten, stellte
Bergoglio zunehmend die freie Marktwirtschaft in Frage.
2012 unterstützte Bergoglio die Maßnahmen Benedikts gegen Kleriker, die
sexuellen Missbrauch begangen hatten. Wie Benedikt lehnte er die bloße
Versetzung der Täter ab und forderte ein Verbot ihrer Amtsausübung.

2001 war Bergoglio von Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt worden.
Nach dessen Tod soll er beim Konklave 2005 neben Joseph Ratzinger der
mächtigste Kandidat gewesen sein und im dritten Wahlgang 40 Stimmen
erhalten haben. Nach Benedikts Rücktritt wurde er am 13. März 2013 zum
266. Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt.

Päpste als Reformer

Franziskus ist nicht der erste reformerische Papst. Eine Auswahl mutiger
Vorgänger:

Innozenz III. integrierte zwischen 1198 und 1216 Orden, die damals der Irrlehre
bezichtigt wurden, etwa die Franziskaner. Unter ihm beschloss die Kirche die
Lehre der Transsubstantiation: der Umwandlung von Brot und Wein in Leib und
Blut Christi während der Messe.

Pius V. war Papst von 1566 bis 1572 und erneuerte seine für Geldgier
berüchtigte Kirche. Als erster Papst trug er die schlichte weiße Soutane, ging
barfuß und ohne Kopfbedeckung.

Gregor VIII. brachte zwischen 1572 und 1585 Lehre und Leben einander näher.
Vor allem reformierte er Julius Cäsars Kalender – der gegenüber dem
astronomischen Kalender pro Jahr um elf Minuten und 14 Sekunden zu lang war.

Johannes XXIII. war Papst von 1958 bis 1963 und berief das Zweite
Vatikanische Konzil ein. Er bahnte volkssprachlichen Gottesdiensten den Weg,
schaffte Fußkuss und dreifachen Kniefall bei Privataudienzen ab und verließ als
erster Papst den Vatikan für eine offizielle Reise.

Johannes Paul I. amtierte nur 33 Tage. Vom 26. August bis 29. September 1978
brach er alle Regeln, sagte »ich« statt »wir«, stand der Presse Rede und Antwort.
Bei einem Mittagsgebet auf dem Petersplatz meinte er, Gott sei Vater, »aber
noch mehr Mutter«. Um seinen plötzlichen Tod ranken sich bis heute Gerüchte.
DIE KURIENREFORM

PowerPoint für den Papst


Franziskus krempelt die Finanzen des Vatikans um – und brüskiert damit
die Kurie
VON ARNE STORN
DIE ZEIT, 06.03.2014 Nr. 11

Der neue starke Mann im Vatikan hat einst Football gespielt und sieht auch so
aus. George Pell ist ein kräftiger Typ, spricht Englisch und kommt von weit her,
aus Australien, wo er bisher die katholische Diözese Sydney geführt hat. Doch
nun, in einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, packt der 72-Jährige
seine Sachen und zieht nach Rom.

In der vergangenen Woche hat Papst Franziskus Pell zum Präfekten des
Wirtschaftssekretariats ernannt. In dieser neuen Institution laufen künftig alle
wirtschaftlichen Aktivitäten des Heiligen Stuhls und des Vatikans zusammen.
Das Sekretariat soll Budgets planen, Zahlen kontrollieren, alles effizienter
machen – beaufsichtigt wird es von einem 15 Köpfe zählenden Wirtschaftsrat.
Kardinal Pell, sonst ganz »nüchterner Angelsachse«, wie einer seiner Kollegen
sagt, zeigte sich in einem Interview »tief geehrt«.

In der Welt der 2000 Jahre alten katholischen Kirche mit ihren 1,2 Milliarden
Gläubigen kommt dieser Schritt einer Revolution gleich. Der Münchner
Reinhard Kardinal Marx spricht von einem »tiefen Einschnitt in der Geschichte
des Heiligen Stuhls«. Der Papst hat Pell auch noch seinen persönlichen Sekretär
zur Seite gestellt – ein weiteres, klares Signal, welch überragende Bedeutung die
Reform in seinen Augen hat.
Angesichts immer neuer Finanzskandale sieht Franziskus die Glaubwürdigkeit
der Kirche bedroht. Beim Geld legt er daher enorme Energie an den Tag. Der
aktuelle Beschluss ist nur der jüngste in einer ganzen Reihe von Entscheidungen,
mit denen der Papst die Kurie und ihre Finanzen umkrempelt. Franziskus schafft
damit Fakten. Er ist dabei, einen jahrelangen Kampf zu entscheiden, in dem es
um Macht, Eitelkeiten und die Zukunft der Kirche geht.

Bisher gab es munteres Nebeneinander. Es fängt schon damit an, dass es neben
dem Heiligen Stuhl, also der juristischen Vertretung der katholischen Kirche,
noch den Vatikan gibt, also den physischen Staat inmitten Roms, Heimat des
Heiligen Stuhls. Beide verfügen über separate Haushalte in dreistelliger
Millionenhöhe.

In der Sphäre des Heiligen Stuhls verwaltet die APSA das Vermögen der
Kirchenzentrale und hält den Kontakt zu den Notenbanken der Welt. Eine andere
Institution, die Präfektur, kümmerte sich bisher um die Budgets und die Revision
in den rund 200 Einheiten der Kurie. Unabhängig davon gibt es noch eine
Finanzaufsicht, die alle Geldflüsse überwacht. Eine Sonderrolle, losgelöst von
allem, spielt noch das Institut für die religiösen Werke, kurz IOR, besser bekannt
als Vatikanbank – obwohl es weder dem Vatikan unterstellt ist, noch eine Bank
ist.

Einen übergeordneten Finanzminister, bei dem alles zusammenläuft, gab es


bisher nicht. Dieser Rolle am nächsten kam der Kardinalstaatssekretär, der
Regierungschef des Papstes. Er entschied, welche Informationen den Pontifex
erreichten und welche Veränderungen in Angriff genommen oder unterlassen
wurden. Doch ausgerechnet Tarcisio Bertone, der unter Benedikt XVI. dieses
Amt bekleidete, war einer der größten Bremser, wenn es um Reformen ging. Das
harte Ringen um die Vatikanfinanzen gilt als zentraler Faktor für den Rücktritt
des alten Papstes.
Indem Franziskus nun das Wirtschaftssekretariat gründet, mit Pell an der Spitze,
setzt er ein Zeichen – und dem Kardinalstaatssekretär eine Macht aus eigenem
Recht entgegen. Schon der Name der neuen Institution signalisiert, dass sie dem
Staatssekretariat, der alten Bastion der Macht, ebenbürtig ist. Das
Wirtschaftssekretariat ist nicht dem Kardinalstaatssekretär, sondern direkt dem
Papst unterstellt. Kardinal Pell steigt zu einem der mächtigsten Männer in Rom
auf.

Auch der neue Wirtschaftsrat, der ihm beisteht, zeigt, welcher Wind durch den
Vatikan fegt. Er besteht aus 15 Personen, wie das Kollegium der 15 Kardinäle,
das bisher in Finanzfragen das letzte Wort hatte. Im Gegensatz zu diesem
erlauchten Gremium werden dem Rat aber sieben Experten, also Laien,
angehören – und nur noch acht Geistliche. Der Kreis wird sachkundiger,
internationaler, offener. Eine Kleinigkeit? In Konzernen: ja. Im Vatikan: nein.

Erst wer einmal durch die kühlen Räume der Vatikanbank gelaufen ist oder
vergeblich versucht hat, einfache Antworten auf einfache Fragen zu bekommen,
erst der versteht, welcher Kampf gerade im Vatikan tobt. Da gibt es jene, die
fordern, dass die Kirche mehr als bisher den Ansprüchen der modernen
Finanzwelt und zugleich den moralischen Ansprüchen einer Weltkirche genügen
müsse. Und da gibt es jene, die um ihre Pfründen fürchten – die Angehörigen der
Kurie in Rom, Italiener zumeist. In dieser Welt erzeugen schon Kleinigkeiten
Widerstand. Das Tempo, mit dem Franziskus vorgeht: unfassbar in einer
Institution, die in Jahrhunderten denkt. Die Entscheidung, dass Arbeitssprachen
im neuen Wirtschaftssekretariat Italienisch und Englisch sein werden: ein
Affront für alle, die nur Italienisch sprechen. Also viele.

Es gibt weitere, übergreifende Muster, an denen sich das Revolutionäre von


Franziskus festmachen lässt. Da ist die Personalpolitik: So löste der Papst den
79-jährigen Bertone ab und ersetzte ihn durch den 59-jährigen Pietro Parolin. Er
umging darüber hinaus – ein Frevel – die bestehenden Gremien und berief
einfach einen Rat von acht Kardinälen ein, der ihm in allen Reformplänen zur
Seite steht und dem auch Pell angehört. Er gründete eine Kommission für die
Reform der Finanzen sowie eine Kommission speziell für die Reform der
Vatikanbank IOR.

Franziskus setzt gern auf Jüngere und auf Kleriker, die keine Italiener sind. Er
holt die Welt in den Vatikan, der bisher eher eine Welt für sich war. Dazu gehört
auch externe Expertise. Der Papst engagierte Wirtschaftsprüfer von KPMG,
PricewaterhouseCoopers, Deloitte und Ernst & Young. Selbst die
Unternehmensberater von McKinsey, die Hohepriester des Kapitalismus und
Kostensparens, dürfen hinter den Mauern des Stadtstaats ihre Laptops
aufklappen und neue Organisations-Charts entwerfen. PowerPoint für den Papst.

Der Grund dafür ist, dass bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder
Skandale einen Schatten auf die Kirche geworfen haben, seien es dubiose
Transaktionen des IOR, geheimnisumwitterte Personalwechsel oder die
Verhaftung eines Mitarbeiters der Vermögensverwaltung APSA wegen des
Verdachts der Geldwäsche. Dem will der Papst ein Ende setzen, er will die
Glaubwürdigkeit der Kirche stärken und nebenbei Mittel für ihre Mission
freisetzen, für »die Dinge, die wichtiger sind«, wie Kardinal Pell es dieser Tage
ausdrückte – den Armen helfen und das Wort Gottes verkünden.

Mit einer Kraft, die dem fast zehn Jahre älteren Benedikt zuletzt abging, hat sich
Papst Franziskus, der Mann aus Buenos Aires, in diesen Kampf gestürzt. Er will
die Seilschaften und überkommenen Traditionen brechen – auch gegen den
Widerstand der Kurie. Bei den Finanzen hat er begonnen, weil die Probleme dort
am eklatantesten sind und sich Macht nirgendwo mehr manifestiert als beim
Geld. Franziskus’ Fokus auf die Finanzen folgt in jeder Hinsicht einem
ökonomischen Kalkül.

Die jetzigen Reformen sind der vorläufige Höhepunkt einer gewaltigen


Anstrengung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, hat Franziskus bereits die
Finanzaufsicht massiv gestärkt. Ende Januar verließ der bald 77 Jahre alte
italienische Attilio Kardinal Nicora die Spitze. Dieser hatte früher lange die
APSA geführt und gilt manchen als befangen, gerade wenn Vergehen der
Vergangenheit ruchbar werden. Zudem soll der alte Chef mit dem angesehenen
Direktor René Brülhart aneinandergeraten sein – dieser habe ihn nun endlich
»aus dem Nacken«, heißt es in Rom.

Mindestens so bedeutsam sind die erweiterten Rechte der Finanzaufsicht. Bei


ihrer Gründung im Jahr 2010 hatte sich das Staatssekretariat noch so viel
Einfluss gesichert, dass die Aufsicht nicht wirklich unabhängig war. Dies hatte
zu massiver Kritik einer wichtigen europäischen Institution namens Moneyval
geführt. Moneyval ist direkt beim Europarat angesiedelt und in Europa die
oberste Instanz im Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.
Franziskus hat viele Wünsche von Moneyval erfüllt. Die Finanzaufsicht genießt
heute volle Autonomie, sie darf allein internationale Kooperationsabkommen
schließen und hat dies im Fall Italiens, der USA oder auch Deutschlands bereits
getan. Sie überwacht alle Finanzaktivitäten des Heiligen Stuhls und des Vatikans
– inklusive des IOR. Ende Januar begann die von Moneyval lange geforderte,
erste umfassende Inspektion des Finanzinstituts, direkt im Turm der Bank mit
seinen teils neun Meter dicken Mauern.

Das IOR selbst unterzieht seine 18.900 Kunden seit Monaten einer Prüfung.
Eine Folge dieses Prozesses, an dem die Aufsicht beteiligt ist: Die Zahl der als
verdächtig gemeldeten Finanztransaktionen ist dramatisch gestiegen. Waren es
2012 nur sechs, waren es bis Ende Oktober bereits 105. Moneyval rechnet für
2013 insgesamt mit 150 Meldungen, andere halten 200 für möglich. Kein
Alarmsignal – eher ein weiteres Indiz der neuen Ernsthaftigkeit.

Wie es mit dem IOR als Finanzinstitut weitergeht, ist offen. Vergangenes Jahr
stand dessen Abschaffung im Raum, selbst bei Franziskus, doch nun scheint
diese Option vom Tisch zu sein. »So würde ich das sehen«, sagte Kardinal Pell.
Er attestiert dem deutschen Chef Ernst von Freyberg »einen exzellenten Job« –
nicht als Einziger.

Die Historie des IOR ist reich an wilden Geschichten, mit einem Banker, der
erhängt an einer Brücke in London endete, sinistren Geistlichen und Mafiosi.
Doch vieles ist lange her, auch das IOR hat nun eine Website und einen
Geschäftsbericht, und da die Reformen greifen, schwindet in den Augen von Pell
und anderen das Problem. Das IOR allein aus symbolischen Gründen zu
schließen, dafür erfüllt es als Vermögensverwalter von Orden, Bistümern und
Klerikern dann doch eine zu wichtige Rolle: Weltweit erleben Katholiken
Unterdrückung, vielerorts herrscht politische Instabilität, da sind eigene Kanäle
hilfreich. Für den Vatikan ist das IOR »ein kleiner Dübel in einer sehr viel
breiteren Realität«, wie es sein Sprecher, Pater Federico Lombardi, formuliert.

Noch sind die Reformer nicht am Ziel. »Widerstände sind zu erwarten«, ließ der
Wiener Christoph Kardinal Schönborn vernehmen. Widerstand aus Prinzip, aber
auch aus Verunsicherung.

Viele Details sind noch unklar, das Rätseln ist groß. Was wird etwa aus dem
althergebrachten Kollegium der 15 Kardinäle, die bisher jeden Juli das Budget
des Heiligen Stuhls abnickten? »Existiert nicht mehr«, sagt Sprecher Lombardi
auf Anfrage. Ist offen, sagen andere. Wird die Präfektur, die bisher die Budgets
aufgestellt hat, im Wirtschaftssekretariat aufgehen? Oder wird sie zum
Generalrevisor, der die Rechnungslegung überall im Vatikan kontrollieren soll?
Eher Letzteres, glaubt man Insidern. Ist die Tatsache, dass der APSA nun
dezidiert die Aufgabe einer vatikanischen Zentralbank zugewiesen wurde, die
katholische Art zu sagen, dass sie die Vermögensverwaltung abgeben muss?
Wahrscheinlich ja. Fakten zu schaffen, das war Franziskus wichtiger, als einen
Plan bis ins Detail auszutüfteln.
Mitarbeiter der Kurie sind irritiert. Es gebe viele fähige Leute, die guten Willens
seien, heißt es, doch statt sie zu fördern, heuere man Berater an. Immerhin: Dem
Vernehmen nach will der Papst ohne Entlassungen auskommen.

Das Tempo bleibt hoch. Quam primum, so bald wie möglich, soll ein Regelwerk
für das Sekretariat stehen. »Bis Ende März«, hofft Kardinal Pell, sollen die
Mitglieder des Wirtschaftsrats ernannt sein. Man will das Thema Finanzen
»irgendwann einmal abräumen«, sagt Kardinal Marx, und sich wieder den
Kernthemen zuwenden. Bis alles so weit ist, werden Monate vergehen. Oder
Jahre.
DIE KURIENREFORM

Der römische Patient


Spiritueller Alzheimer, Schizophrenie, Ruhmsucht: Franziskus
diagnostizierte die 15 Krankheiten der Kurie. Wir dokumentieren die Rede.
Gilt das, was er sagt, nur für die Kurie?
VON PAPST FRANZISKUS
Christ & Welt, 30.12.2014 Nr. 01

Liebe Brüder,

am Ende des Advents treffen wir uns für die traditionellen Glückwünsche. In
wenigen Tagen werden wir die Freude haben, das Geburtsfest des Herrn zu
feiern, dass Gott Mensch wird, um die Menschen zu retten; dass Gott seine
Liebe so erweist, dass er sich nicht darauf beschränkt, uns etwas zu geben oder
uns Botschaften oder irgendeinen Boten zu senden, sondern er uns sich selbst
schenkt; das Geheimnis Gottes, der unser menschliches Sein und unsere Sünden
auf sich nimmt, um uns sein göttliches Leben zu offenbaren, seine
unerschöpfliche Gnade und seine unentgeltliche Vergebung. Es ist die
Begegnung mit Gott, der in der Armut der Grotte zu Bethlehem geboren wird,
um uns die Macht der Demut zu lehren. Ja, Weihnachten ist auch das Fest des
Lichtes, das nicht vom »auserwählten« Volk aufgenommen wird, sondern von
den Armen und Einfachen, die das Heil Gottes erwarten.

Vor allem wünsche ich euch, Brüder und Schwestern, päpstliche Vertreter überall
in der Welt, und euren Lieben gesegnete Weihnachten und ein glückliches neues
Jahr. Ich danke euch von Herzen für euren täglichen Einsatz im Dienst des
Heiligen Stuhls, der katholischen Kirche, der Teilkirchen und des Nachfolgers
des heiligen Petrus.

Da wir Menschen sind und nicht Zahlen oder Namen, denke ich in besonderer
Weise an die, die während dieses Jahres ihren Dienst beendet haben, weil sie die
Altersgrenze erreichten, andere Aufgaben übernahmen oder in das Haus des
himmlischen Vaters berufen wurden. Auch an sie alle und ihre Angehörigen
gehen meine Gedanken und mein Dank.

Zusammen mit euch möchte ich dem Herrn von Herzen und tief empfunden
danken für das sich neigende Jahr, für das, was wir erlebt haben, und für alles
Gute, das er in seiner Großmut vollbringen wollte durch den Dienst des Heiligen
Stuhls. In Demut bitte ich um Vergebung für die Fehler, die wir »in Gedanken,
Worten, Werken und Unterlassungen« begangen haben.

Und ich wünsche, dass, ausgehend von dieser Vergebungsbitte, unsere


Begegnung und die Gedanken, die ich mit euch teilen möchte, für uns alle eine
Hilfe und Anregung für eine wirkliche Gewissenserforschung werden, um
unsere Herzen für Weihnachten zu bereiten.

Beim Gedanken an unser Treffen kam mir das Bild der Kirche als mystischer
Leib Christi in den Sinn. Dieser Ausdruck, so erklärte Papst Pius XII., »ergibt
sich und erblüht gleichsam aus dem, was in der Heiligen Schrift und in den
Schriften der heiligen Väter häufig darüber vorgebracht wird«. Der heilige
Paulus schrieb dazu: »Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat,
alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden:
So ist es auch mit Christus« (1 Kor 12,12).

In diesem Sinn erinnert uns das Zweite Vatikanische Konzil: »Auch bei der
Auferbauung des Leibes Christi waltet die Verschiedenheit der Glieder und der
Aufgaben. Der eine Geist ist es, der seine vielfältigen Gaben gemäß seinem
Reichtum und den Erfordernissen der Dienste zum Nutzen der Kirche austeilt
(vgl. 1 Kor 12,1–11).« Daher gilt: »Christus und die Kirche bilden somit den
,ganzen Christus‘ [Christus totus]. Die Kirche ist mit Christus eins.«

Man kann sich die römische Kurie schön als kleines Modell der Kirche
vorstellen, einen Körper, der ernstlich jeden Tag versucht, lebendiger, gesünder,
harmonischer und in sich einiger und mit Christus zu sein.

Tatsächlich ist die römische Kurie ein komplexer Körper, zusammengesetzt aus
vielen Dikasterien, Räten, Büros, Gerichten, Kommissionen und zahlreichen
Elementen, die nicht alle dieselbe Aufgabe haben, sondern koordiniert werden
zu einer effektiven, konstruktiven, disziplinierten und vorbildhaften
Funktionsweise, trotz der kulturellen, sprachlichen und nationalen Unterschiede
ihrer Mitglieder.

Weil die Kurie ein dynamischer Körper ist, kann er nicht leben, ohne sich zu
ernähren und zu pflegen. In der Tat kann die Kurie – wie die Kirche – nicht
leben, wenn sie nicht eine vitale, personale, authentische und stabile Beziehung
zu Christus unterhält. Ein Kurienmitglied, das sich nicht täglich von dieser
Speise nährt, wird zum Bürokraten (ein Formalist, ein Funktionär, ein bloßer
Angestellter): eine Rebe, die austrocknet und allmählich stirbt und weggeworfen
wird. Das tägliche Gebet, die stete Teilnahme an den Sakramenten, besonders
der Eucharistie und der Versöhnung, der tägliche Kontakt mit dem Wort Gottes
und die Spiritualität, die in tätige Nächstenliebe übersetzt wird, sind
Lebensnahrung für jeden für uns. Das soll allen klar sein, dass wir ohne Ihn
nichts tun können (vgl. Joh 15,8).

In der Konsequenz nährt und stärkt die vitale Beziehung zu Gott auch die
Gemeinschaft mit den anderen; je mehr wir zuinnerst mit Gott verbunden sind,
umso mehr sind wir auch untereinander geeint, denn der Geist Gottes eint, aber
der Geist des Bösen spaltet.

Die Kurie muss sich verbessern, immer verbessern und wachsen in


Gemeinschaft, Heiligkeit und Weisheit, um ihre Sendung vollauf zu erfüllen.
Aber auch sie ist, wie jeder Körper, wie jeder menschliche Körper, Krankheiten
ausgesetzt, Fehlfunktionen, Schwäche. Ich möchte eige dieser möglichen
Krankheiten benennen, kuriale Krankheiten. Es sind die am meisten verbreiteten
Krankheiten in unserem Kurienalltag. Es sind Krankheiten und Versuchungen,
die unseren Dienst für den Herrn schwächen. Ich glaube, dass uns der »Katalog«
dieser Krankheiten, über die wir heute sprechen, helfen kann auf der Fährte der
Wüstenväter, die solche Kataloge schufen. Er wird uns helfen, uns auf das
Sakrament der Versöhnung vorzubereiten; dies wird ein guter Schritt für uns alle
sein, um uns auf Weihnachten vorzubereiten.

1. Die Krankheit, sich für »unsterblich«, »unangreifbar« oder geradezu


»unersetzlich« zu halten, indem die nötigen und gewohnheitsmäßigen
Kontrollen außer Acht gelassen werden. Eine Kurie, die sich selbst nicht
kritisiert, die sich nicht erneuert, die nicht besser werden will, ist ein kranker
Körper. Ein gewöhnlicher Friedhofsbesuch kann uns helfen, die Namen so vieler
Personen zu sehen, von denen manche vielleicht meinten, unsterblich,
unangreifbar und unersetzlich zu sein! Es ist die Krankheit des reichen Narren
aus dem Evangelium, der glaubte, ewig zu leben (vgl. Lk 12,13–21), und derer,
die sich zu Herren machen und sich anderen überlegen statt im Dienste aller
fühlen. Sie rührt oft von Machtsucht her, vom »Erwähltheitskomplex«, vom
Narzissmus, der leidenschaftlich das eigene Ebenbild betrachtet und nicht das
Abbild Gottes im Antlitz der anderen, vor allem der Schwächsten und
Bedürftigsten. Das Gegenmittel für diese Seuche ist die Gnade, sich als Sünder
zu fühlen und von ganzem Herzen zu sagen: »Wir sind unnütze Sklaven; wir
haben nur unsere Schuldigkeit getan« (Lk 17,10).
2. Weiter: Die Krankheit »Martalismus« (von Marta her), des übertriebenen
Fleißes: Es ist die Krankheit derer, die sich in die Arbeit stürzen und dabei
unausweichlich »den besseren Teil« außer Acht lassen: zu den Füßen Jesu zu
sitzen (vgl. Lk 10,38–42). Deshalb mahnte Jesus seine Jünger: »Ruht ein wenig
aus« (vgl. Mk 6,31), denn die nötige Ruhe zu vernachlässigen führt zu Stress
und Gehetztheit. Die Ruhezeit für den, der seine Aufgabe zu Ende gebracht hat,
ist nötig, geboten und ernsthaft einzuhalten, indem man ein wenig Zeit mit den
Angehörigen verbringt und die Feiertage als Momente der geistlichen und
körperlichen Erholung würdigt; es gilt zu lernen, was Kohelet lehrt: »Jegliches
hat seine Zeit« (3,1–5).

3. Es gibt auch die Krankheit der geistigen und geistlichen »Versteinerung«:


Die Krankheit derer, die ein Herz aus Stein haben und »halsstarrig« sind (Apg
7,51–60), die über ihrem Weg die innere Gelassenheit verlieren, die
Lebendigkeit und den Wagemut, die sich hinter Papier verstecken und
»Verwaltungsmaschinen« werden statt »Gottesmänner« (vgl. Hebr 3,12). Es ist
gefährlich, das nötige menschliche Mitgefühl zu verlieren, um mit den
Weinenden zu weinen und sich mit den Fröhlichen zu freuen! Es ist die
Krankheit derer, die die »Gesinnung Jesu« verlieren (vgl. Phil 2,5–11), weil ihr
Herz sich mit der Zeit verhärtet und unfähig wird, den himmlischen Vater und
den Nächsten bedingungslos zu lieben (vgl. Mt 22,34–40). Christsein bedeutet
eben »so gesinnt sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht« (Phil 2,5),
demütig und schenkend, losgelöst und großzügig.

4. Die Krankheit der Planungswut und des Funktionalismus. Wenn der


Apostel alles haarklein plant und glaubt, dass mit einer perfekten Planung die
Dinge effektiv vorangehen, wird er ein Buchhalter und Betriebswirt. Gute
Vorbereitung ist notwendig, aber nur ohne der Versuchung zu erliegen, die
Freiheit des Heiligen Geistes einschränken und steuern zu wollen; er bleibt
immer größer, großzügiger als alles menschliche Planen (vgl. Joh 3,8). Man fällt
in diese Krankheit, weil es »immer leichter und bequemer ist, den eigenen
statischen und unveränderten Haltungen zu folgen. In Wirklichkeit ist die Kirche
dem Heiligen Geist in dem Maß treu, in dem sie nicht beansprucht, ihn zu
regulieren und zu zähmen ... den Heiligen Geist zähmen! Er ist Frische, Fantasie,
Neuheit.«

5. Die Krankheit schlechter Koordinierung. Wenn die Mitglieder ihre


Gemeinschaft verlieren und der Körper seine harmonische Funktion und sein
Maß einbüßt, wird er ein Orchester, das Lärm produziert, weil seine Mitglieder
nicht zusammenspielen und keinen Gemeinschafts- und Teamgeist leben. Wenn
der Fuß zum Arm sagt: »Ich brauche dich nicht«, oder die Hand zum Kopf: »Ich
befehle«, erzeugt das Missbehagen und Anstoß.

6. Es gibt auch die Krankheit des »spirituellen Alzheimer, der Vergessenheit


der Heilsgeschichte, der persönlichen Geschichte mit dem Herrn, der »ersten
Liebe« (Apg 2,4). Dabei handelt es sich um einen fortschreitenden Niedergang
der geistlichen Fähigkeiten, was über kurz oder lang zu einem schweren
Handicap für den Betreffenden wird, weil er unfähig wird, irgendeine
selbstständige Tätigkeit auszuüben, sondern in einem Zustand absoluter
Abhängigkeit von seinen oft unwirklichen Vorstellungen lebt. Das sehen wir bei
denen, die die Erinnerung an ihre Begegnung mit dem Herrn verloren haben; bei
denen, die nicht dem deuteronomischen Sinn des Lebens [gemeint ist das
Deuteronomium als Buch der Erinnerung an Gottes Heilshandeln an Israel,
Anm. d.Ü.] nachgehen; bei denen, die völlig von ihrer Gegenwart abhängen, von
ihren Leidenschaften, Launen und Fimmeln; bei denen, die um sich herum
Mauern und Gewohnheiten bauen und so immer mehr Sklaven der Götzenbilder
werden, die sie mit eigener Hand geschaffen haben.

7. Die Krankheit der Rivalität und der Ruhmsucht – wenn das


Erscheinungsbild, Kleiderfarben und Ehrenzeichen vorrangiges Lebensziel
werden und man das Wort des heiligen Paulus vergisst: »Tut nichts aus Ehrgeiz
und nichts aus Prahlerei. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein
als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das
der anderen.« (Phil 2,1–4) Es ist die Krankheit, die uns falsche Männer und
Frauen sein und einen falschen »Mystizismus« und einen falschen »Quietismus«
leben lässt. Paulus nennt sie »Feinde des Kreuzes Christi«, denn »ihr Ruhm
besteht in ihrer Schande, Irdisches haben sie im Sinn« (Phil 3,19).

8. Die Krankheit der schizophrenen Existenz. Es ist die Krankheit derer, die
ein Doppelleben führen, Frucht der typischen mittelmäßigen Scheinheiligkeit
und einer fortschreitenden geistlichen Leere, die akademische Lorbeeren und
Titel nicht befriedigen können. Eine Krankheit, die oft diejenigen trifft, die den
pastoralen Dienst aufgeben und sich auf bürokratische Aufgaben beschränken;
dabei verlieren sie den Kontakt mit der Realität, mit konkreten Menschen. Sie
schaffen ein Paralleluniversum, in dem sie alles ablegen, was sie andere mit
Strenge lehren, und beginnen, ein verborgenes und oft ausschweifendes Leben
zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Bekehrung ziemlich
dringlich und unverzichtbar (vgl. Lk 15,11–32).

9. Die Krankheit des Klatsches, des Geraunes und des Tratsches. Über diese
Krankheit habe ich schon oft gesprochen und doch nie genug. Es ist eine
schwere Krankheit, die leicht beginnt, vielleicht nur mit zwei Gereden; sie
ergreift den Menschen und macht ihn zu einem »Säer von Unkraut« (wie Satan)
und vielfach zu einem »kaltblütigen Mörder« des Rufs der eigenen Kollegen und
Mitbrüder. Es ist die Krankheit von Feiglingen, die, weil sie nicht den Mut
haben, direkt zu sprechen, hinter dem Rücken reden. Der heilige Paulus mahnt
uns: »Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid«
(Phil 2,14–18). Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des Geschwätzes!

10. Die Krankheit, Vorgesetzte zu vergöttern: Es ist die Krankheit derer, die
Obere umschmeicheln, weil sie hoffen, ihr Wohlwollen zu erhalten. Sie sind
Opfer von Karrieredenken und Opportunismus, sie ehren Menschen und nicht
Gott (vgl. Mt 23,8–12). Es sind Menschen, die in ihrem Dienst einzig daran
denken, was sie bekommen können, nicht, was sie geben müssen. Kleinliche
Personen, unglücklich und nur von ihrem eigenen fatalen Egoismus beseelt (vgl.
Gal 5,16–25). Diese Krankheit könnte auch die Oberen treffen, wenn sie manche
Mitarbeiter umschmeicheln, um ihre Untergebenheit, Loyalität und psychische
Abhängigkeit zu erhalten, aber das Endergebnis ist echte Komplizenschaft.

11. Die Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber anderen – wenn jeder nur
an sich selbst denkt und die Aufrichtigkeit und Wärme menschlicher
Beziehungen verliert. Wenn der Erfahrenste sein Wissen nicht den weniger
erfahrenen Kollegen zur Verfügung stellt. Wenn man von etwas Kenntnis erhält
und es für sich behält, statt es positiv mit anderen zu teilen. Wenn man, aus
Eifersucht oder Gerissenheit, sich freut, jemanden fallen zu sehen, statt ihn
aufzurichten und zu ermutigen.

12. Die Krankheit der Totengräbermiene – das ist die Krankheit der
Griesgrämigen und Mürrischen, die meinen, um ernst zu sein, müsse man ein
schwermütiges, strenges Gesicht aufsetzen und andere – vor allem jene, die man
für niedriger gestellt hält – mit Strenge, Härte und Arroganz behandeln. In
Wirklichkeit sind theatralische Strenge und steriler Pessimismus oft Symptome
von Angst und Unsicherheit. Der Apostel muss sich bemühen, ein höflicher,
gelassener, begeisterter und fröhlicher Mensch zu sein, der überall Freude
verbreitet. Ein gottvolles Herz ist ein glückliches Herz, das ausstrahlt und alle
um sich herum mit Freude ansteckt. Man sieht das schnell! Verlieren wir daher
nicht den humorvollen und sogar selbstironischen Geist der Freude; er macht uns
liebenswert, auch in schwierigen Situationen. Wie gut tut uns eine gute Prise
gesunder Humor! Es wird uns guttun, oft das Gebet des heiligen Thomas More
zu sprechen [»Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum
Verdauen. ... Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen
Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen
davon mitteile.« – Anm. d.Ü.]; ich selbst bete es täglich, es tut mir gut.

13. Die Krankheit des Aufhäufens – wenn der Apostel eine existenzielle Leere
in seinem Herzen zu füllen sucht, indem er Güter aufhäuft, nicht aus
Notwendigkeit, sondern nur, um sich sicher zu fühlen. Aber wir werden nichts
Dingliches mitnehmen, denn »das letzte Hemd hat keine Taschen«, und alle
unsere irdischen Schätze – und seien sie königlich – können niemals diese Leere
füllen, im Gegenteil: Sie machen sie noch fordernder und tiefer. Solchen
Menschen sagt der Herr: »Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und
brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind
und bloß. ... So sei nun eifrig und tue Buße!« (Offb 3,17–19) Das Aufgehäufte
beschwert nur und verlangsamt unausweichlich das Voranschreiten! Ich denke an
eine Anekdote: Die Jesuiten beschrieben einmal die Gesellschaft Jesu als
»leichte Kavallerie der Kirche«. Ich erinnere mich an einen Umzug eines jungen
Jesuiten; als er seine vielen Habseligkeiten – Koffer, Bücher, Gegenstände und
Geschenke – in einen Lastwagen lud, sagte ein alter Jesuit, der dabeistand und
ihn beobachtete, ihm mit weisem Lächeln: »Das soll die ,leichte Kavallerie der
Kirche‘ sein?« Unsere Umzüge sind Zeichen dieser Krankheit.

14. Die Krankheit der geschlossenen Kreise – wo die Zugehörigkeit zum


Grüppchen stärker wird als die zum Leib und, in manchen Fällen, zu Christus
selbst. Auch diese Krankheit beginnt immer mit guten Absichten, aber mit der
Zeit unterjocht sie die Mitglieder und wird ein Krebsgeschwür, das die Eintracht
des Leibes bedroht und viel Übel verursacht Anstoß, besonders für unsere
geringsten Brüder. Die Selbstzerstörung oder der »Eigenbeschuss« unserer
Mitstreiter ist die heimtückischste Gefahr. Es ist das Böse, das von innen
zuschlägt; und, wie Christus sagt: » Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird
veröden« (Lk 11,17).
15. Und die letzte Krankheit: die des weltlichen Profits, der Zurschaustellung
– wenn der Apostel seinen Dienst zu Macht umgestaltet und seine Macht zu
einer Ware, um weltlichen Nutzen oder mehr Befugnisse zu erhalten. Es ist die
Krankheit der Menschen, die unersättlich Befugnisse zu vervielfachen suchen
und dafür imstande sind, zu verleumden, zu diffamieren und andere in
Misskredit zu bringen, selbst in Zeitungen und Zeitschriften, natürlich um sich
zur Schau zu stellen und sich als fähiger als die anderen zu präsentieren. Auch
diese Krankheit schadet dem Leib sehr, denn sie bringt Menschen dazu, den
Gebrauch jedes Mittels zu rechtfertigen, um ihr Ziel zu erreichen, oft im Namen
der Gerechtigkeit und der Transparenz! Ich denke an einen Priester, der
Journalisten anrief, um private und vertrauliche Dinge über seine Mitbrüder und
Pfarrangehörige zu erzählen – und zu erfinden. Für ihn zählte nur, sich auf den
Titelseiten zu sehen, denn so fühlte er sich »mächtig und spannend« aber er hat
anderen und der Kirche sehr geschadet. Was für ein armer Tropf!

Brüder, diese Krankheiten und Versuchungen sind natürlich eine Gefahr für
jeden Christen und jede Kurie, Gemeinschaft, Ordensgemeinschaft, Pfarrei,
kirchliche Bewegung, und sie können auf individueller wie auf
gemeinschaftlicher Ebene zuschlagen.

Man muss klarstellen: Nur der Heilige Geist – die Seele des mystischen Leibes
Christi, wie das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis sagt: »Ich
glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht« kann jede
Krankheit heilen. Es ist der Heilige Geist, der jede aufrichtige Anstrengung zur
Reinigung und jeden guten Willen der Umkehr trägt. Er ist es, der uns begreifen
lässt, dass jedes Glied an der Heiligung des Leibes und an seiner Schwächung
mitwirkt. Er ist es, der die Eintracht fördert: »Ipse harmonia est [Er selbst ist die
Eintracht]«, sagt der heilige Basilius. Der heilige Augustinus sagt uns: »Solange
ein Teil zum Leib gehört, ist seine Heilung nicht vergebens; was hingegen
abgeschnitten wurde, kann weder geheilt werden noch gesunden.«

Die Genesung ist auch Frucht des Bewusstseins der Krankheit und der
persönlichen und gemeinschaftlichen Entscheidung, sich heilen zu lassen und
sich geduldig und mit Ausdauer der Behandlung zu unterziehen.

Wir sind also gerufen in dieser Weihnachtszeit und jeder Zeit unseres Dienstes
und unseres Lebens, dass wir uns »von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten
und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt.
Durch ihn wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt in jedem
einzelnen Gelenk. Jedes trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst
der Leib und wird in Liebe aufgebaut.« (Eph 4,15–16)

Liebe Brüder!

Ich habe einmal gelesen, dass Priester wie Flugzeuge sind: Schlagzeilen machen
sie nur, wenn sie abstürzen aber unzählige von ihnen fliegen. Viele kritisieren,
und wenige beten für sie. Das ist ein sympathisches, aber auch sehr wahres Wort;
es unterstreicht die Bedeutung und die Empfindlichkeit unseres priesterlichen
Dienstes und wie viel Schaden ein einziger Priester, der »abstürzt«, dem ganzen
Leib der Kirche zufügen kann.

Übersetzung aus dem Italienischen von Burkhard Jürgens (KNA).


DIE KURIENREFORM

Der nimmt uns den Protest weg


Wenn Franziskus von Gerechtigkeit spricht, dann gefällt das auch
evangelischen Christen. Der Papst bietet ihnen, was sie sich von ihren
eigenen Repräsentanten wünschen
VON HANNES LEITLEIN
Christ & Welt, 02.01.2014 Nr. 02

Seit sich Jorge Mario Bergoglio den Namen Franziskus für sein Pontifikat
ausgesucht hat, steht die konfessionelle Weltordnung auf dem Kopf. Katholiken
staunen darüber, dass der Heilige Geist wider Erwarten auch im Vatikan wirbeln
kann. Protestanten hören neuerdings neugierig zu, wenn Rom spricht.
Außenstehende sind verzückt und gratulieren unbedarft auch den Protestanten zu
ihrem neuen Papst.

Freuen sich evangelische Christen über die Glückwünsche? Noch vor einem
knappen Jahr kamen sie selten in die Verlegenheit, darüber nachdenken zu
müssen. Und wenn ihnen jemand zu Benedikt XVI. gratulieren wollte, dann
hätten sie darauf hingewiesen, dass sie mit dem katholischen Oberhaupt nichts
zu tun haben wollen. Es war ein Leichtes, Protestant zu sein. Der deutsche Papst
verkörperte für viele die verbitterte katholische Kirche, die den Schock der
Reformation und der Aufklärung noch immer nicht überwunden hat. Man fühlte
sich als Protestant zeitgemäß und der Moderne gewachsen. Daran änderten auch
die allseits gelobten Gedanken Joseph Ratzingers über die Versöhnung von
Glauben und Denken nichts.

Tief saß zudem die Kränkung durch »Dominus Iesus«, eine Erklärung der
Glaubenskongregation aus dem Jahr 2000. Seit das Papier der evangelischen
Kirche ihr Kirchesein abgesprochen hatte, fühlte man sich als Protestant erst
recht erhaben über katholische Lehrautoritäten. Dieses Überlegenheitsgefühl
schützte nur bedingt vor Angriffen von außen: Für Benedikts Pannen, etwa beim
Thema Piusbrüder, mussten sich auch Vertreter der anderen Konfession
rechtfertigen. Kirchenferne, die »Ökumene« für ein Bioprodukt halten, mischten
aufgrund der medialen Überpräsenz der katholischen Kirche ohnehin alles in
eins. Für die weniger präsenten Protestanten heißt das: mitgehangen,
mitgefangen.

Franziskus dagegen wird beklatscht und bejubelt. Doch evangelische Christen


sind sich nicht sicher, ob das auch für sie ein Segen sein könnte – oder eine
Bedrohung. Einerseits ist es ja begrüßenswert, wenn ein Papst protestantische
Ideale verkörpert. Auf der anderen Seite stellt seine bisherige Amtszeit die
Frage, ob sich der Protestantismus nicht häppchenweise, sondern direkt ganz
einsparen könnte.

Franziskus bietet genau das, was Protestanten sich insgeheim von ihren
Repräsentanten wünschen: heiligen Zorn. Noch am Tag der Katastrophe vor
Lampedusa hat er das Unglück der Havarierten als »Schande« bezeichnet.
Während die evangelischen Würdenträger aufgrund der Reaktionen auf ihre
»Orientierungshilfe Familie« noch in der Schockstarre verharren, veröffentlicht
Franziskus sein »Evangelii gaudium«. Und die Protestanten freuen sich mit und
müssen eingestehen: Der Katholik kann auch Kapitalismuskritik.

Der alte Papst liebte die Gedankentiefe bis in die Fußnoten hinein, der neue
hinterlässt Fußstapfen. Damit bringt Franziskus den Protestantismus in eine
heikle Lage. Denn wie der Name schon sagt: Der Protestantismus ist konstituiert
durch den Protest, die Auflehnung gegen den Katholizismus. Darin ist er
verhaftet. Protestantismus ist ohne Gegenüber nicht denkbar. Er ist begründet in
der Kritik, im »Korrektiv«, wie es der dänische Philosoph und Theologe Søren
Kierkegaard ausgedrückt hat. Protestantismus kann demnach nur das beständige
Nein zu jedweder Verfestigung sein, der Vorbehalt gegen jeden Versuch der
Gleichsetzung von Gott und Mensch. Kierkegaard war es, der diesen radikalen
Grundgedanken des Protestantismus neu formuliert und benannt hat. Schon zu
seiner Zeit hat er beklagt, »dass also in unserer Zeit gar keine Menschen mehr
sind, die das Religiöse überwältigt hat«. Was aber, wenn der Papst nichts mehr
übrig lässt, wogegen Protestanten sich auflehnen können oder wollen? Wenn der
Katholizismus das Korrektiv scheinbar nicht mehr nötig hat – wird der
Protestantismus dann überflüssig?

Gegen Papst Franziskus würde niemand protestieren. Wenn er so weitermacht,


wird das Reformationsjubiläum 2017 noch das Fest der Re-Formation; der
Neuformation der einen, allgemeinen und selbstverständlich katholischen
Weltkirche. Doch das wäre nur die eine Möglichkeit. So weit darf es bei aller
ökumenischen Rührseligkeit nicht kommen. Die Alternative zu Franziskus für
den Protestantismus heißt: mehr Protestantismus. Wieder mit Kierkegaard: mehr
Unruhe!

So nett er auch daherkommt, der Papst, er bleibt hierarchisches Oberhaupt der


katholischen Kirche und damit einer Weltmacht, die für sich beansprucht, an
Gottes Stelle zu treten in dieser Welt. Eine Priesterschaft aller Gläubigen ist auch
mit diesem Papst nicht zu machen.

Anstatt sich auf einen Papst und seine Worte und Handlungen zu verlassen, ist
die Solidarität aller gefragt. Der Protestantismus gibt sich nicht damit zufrieden,
wenn einer ins Gefängnis geht, um den Inhaftierten die Füße zu waschen; der
Protestantismus geht geschlossen in die Geschlossene und befreit sich vom
Irrglauben an die Sicherheit, Vertrauenswürdigkeit und Gerechtigkeit eines jeden
Rechtssystems.
Protestanten sind auch nicht damit zufrieden, wenn einer die Situation der
Asylsuchenden und der Flüchtenden als »Schande« bezeichnet. Protestanten
bilden Sprechchöre. Sie schreien den Innenministern dieser Welt entgegen:
»Kein Mensch ist illegal!« Sie wissen, dass sie einem nachfolgen, der lange Zeit
selbst mit seiner Familie auf der Flucht war. Der Protestantismus wartet nicht
Wochen auf die Absolution für einen Bischof aus Rom. Protestanten wissen um
die Rechtfertigung aus Gnade allein. Protestanten, wie es Dorothee Sölle
ausgedrückt hat, haben keinen Papst, sie haben die Bibel.

Wenn der Papst noch so viele vermeintlich evangelische Ideale verkörpert, dann
müssen die Kirchen der Reformation eben neue Protestformen entwickeln. Und
das bedeutet mit Sicherheit nicht, dass sie anfangen sollten, sich auf Facebook
und Twitter zu tummeln. Das heißt es vielleicht auch. Aber in erster Linie
bedeutet Protestantismus: Allein durch die Schrift, durch den Glauben, aus
Gnade, in Christus und zur Ehre Gottes ist der Mensch gerechtfertigt. Egal ob
auf der Straße, in Kirchen, im Parlament oder im Internet.

Wo die katholische Kirche dem Selbstdarstellungszwang unterliegt, da sind sich


die Reformatoren einig, gilt die Aufmerksamkeit der Protestanten allein der Ehre
Gottes. Getreu dem ursprünglichen Leitvers: semper reformanda!

Der Protestantismus, wenn er nicht Stachel ist im Fleisch der katholischen


Kirche, macht es sich gemütlich und wird überflüssig. Kierkegaard machte das
der Reformation zum Vorwurf: Das »Korrektiv« ist »im Protestantismus zum
Regulativ gemacht worden«. Er meint sich selbst genug zu sein und ist darüber
hinaus noch hingerissen von Papst Franziskus. Die Protestanten tauschen damit
das Ärgernis, die Verzweiflung, das Paradox des Glaubens gegen die
Sicherheiten dieser Welt ein. Sie setzen den Papst auf einen heiligen Stuhl und
damit an die Stelle Gottes.
Der Papst ist vielleicht auch der Papst der Protestanten. Nicht aber als
Oberhaupt, sondern als Gegenüber.

Hannes Leitlein ist angehender evangelischer Pfarrer.


DIE FAMILIENSYNODE

Wind of Change
Papst Franziskus stützt den Kopf auf die Hände und hört seinen Bischöfen
beim Diskutieren zu. Was er denkt, deutet er nur gelegentlich an. Und die
Bischöfe folgen ihm, einige maulend, viele erleichtert. Einblicke in die
Macht des Machtverzichts
VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN
Christ & Welt, 16.10.2014 Nr. 43

»Buenos días a todos!« So krächzt es an diesem Morgen auf Spanisch durch die
Lautsprecher in der Synodenaula im Vatikan. Die letzten Töne des gesungenen
Morgengebets sind gerade verklungen. 184 Bischöfe und Kardinäle sitzen auf
ihren gepolsterten Sesseln, die Gebetshefte rascheln in ihren Händen.
»Buongiorno a tutti«, sagt dann auch Kardinal Lorenzo Baldisseri, der
Generalsekretär der Bischofssynode. In einem Gremium, dessen offizielle
Sprache beim letzten Treffen noch Latein war, klingen schon ganz normale
Begrüßungen revolutionär.

Der Grund für diese Normalität sitzt neben dem Generalsekretär mit
aufgestützten Ellbogen und gefalteten Händen an einem Tisch, der dem Plenum
gegenübersteht. Seinen Kopf stützt er auf den Händen ab, sein Blick geht nach
unten. Papst Franziskus – er hat Latein als offizielle Synodensprache abgeschafft
– lässt seinen Gemütszustand nicht erraten. Er hört den ganzen Tag aufmerksam
zu.

Knapp zwei Wochen lang haben die Teilnehmer bei der Sondersynode über die
»Pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung«
debattiert. Eigentlich sollen die Bischöfe in einer Synode den Papst bei
wichtigen Themen beraten. Aber diesmal wirkt es so, als habe Franziskus einen
Plan im Kopf, den er die Bischöfe langsam verwirklichen lässt. Der Pastor hat
seiner Herde den Trampelpfad gewiesen. Erst murrten einige Schafe, weil sie
den Weg nicht gehen wollten. Aber nun sieht es so aus, als trottete die Herde
bedächtig und ohne Umwege ins Ziel. Das Ziel lautet: Normalität und Offenheit.
Franziskus will, dass sich seine Kirche der Welt öffnet, dass sie mehr Ja als Nein
sagt. Dass sie ihren erhobenen Zeigefinger eintauscht gegen ausgebreitete Arme.

»Wir müssen normal sein.« So hatte es Franziskus im Juli vor einem Jahr auf
dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro gesagt. Also geht der Papst
während der Synode jeden Morgen zu Fuß den kurzen Weg von seiner Herberge
im Gästehaus Santa Marta hinüber zur Audienzhalle, in deren erstem Stockwerk
die Synodenaula liegt. Die beiden Schweizergardisten am Eingang schlagen laut
hörbar ihre Hacken zusammen, als der Papst eintritt. Der geht auf die
Hellebardenträger mit ihren bunten Michelangelo-Uniformen und ihren
unbeweglichen Gesichtern zu und reicht ihnen die Hand. Meist erscheint der
Papst schon eine Viertelstunde vor Sitzungsbeginn. So hat er noch Zeit, auch die
Synodenväter persönlich zu begrüßen.

Drinnen in der Aula zieht er eine Packung Alfajores-Kekse aus der Tasche, eine
Art Prinzenrolle aus Argentinien, und verteilt die Süßigkeiten an seine
Nebenmänner. »Extrem gut«, sagt der junge und immer gut gelaunt wirkende
Kardinal Luis Antonio Tagle aus Manila über die süßen Gaben. Dies ist die
Atmosphäre, in der die versammelte Führung der katholischen Kirche im Jahr
2014 über Themen spricht wie Ehe, Familie, Homosexualität,
Empfängnisverhütung oder die Zulassung von wiederverheirateten
Geschiedenen zur Kommunion.

Zur Mittagszeit strömen die Synodenväter aus der Aula. Viele Bischöfe kommen
zu Fuß aus dem Petrianus-Tor, unter ihnen sind auch die Präfekten der
Kongregationen im Vatikan, die über den Petersplatz hinüber in ihre Büros oder
zum Mittagessen laufen. Ein wuchtiger schwarzhaariger Prälat tritt aus dem Tor.
Es ist der brasilianische Kurienkardinal und Präfekt der Ordenskongregation,
João Braz de Aviz, dem Kenner beim Konklave 2013 gute Chancen einräumten,
selbst Papst zu werden. Braz de Aviz strahlt, als er sagt: »Franziskus hat uns ein
bisschen befreit.« Der Brasilianer stellt sich eine Kirche vor, wie sie auch Jorge
Mario Bergoglio aus Argentinien vorschwebt. »Die Methode hat sich geändert.
Es geht jetzt weniger um Autorität als ums Zuhören«, sagt Braz de Avis über den
neuen Geist der Synode. Er trägt ein hölzernes Kreuz auf der Brust. Franziskus
eines aus Blech.

Offenheit und Zuhören. Nie wurden diese Begriffe in den vergangenen


Jahrzehnten am Petersplatz und seiner näheren Umgebung so strapaziert wie in
diesen Tagen. Die täglichen Pressebriefings des Vatikans, bei denen beflissene
Priester versuchen, ihre Institution im besten Licht erscheinen zu lassen, die aber
auch eine tägliche Konfrontation der Kirche mit der Wirklichkeit draußen sind,
wirken wie eine Hymne an die Aufgeschlossenheit. »Da findet ein wirklicher
Dialog statt«, berichtet der für die englischsprachigen Journalisten zuständige
Pater Thomas Rosica. Die Synodenväter gingen in ihren Stellungnahmen sogar
auf Redebeiträge anderer ein. »Diese Offenheit ist neu bei der Synode«, sagt
Rosica. »Sie haben alle gemerkt, dass das Zuschlagen der Türen nicht
weiterführt«, sagt ein Beobachter, der mit im Synodensaal sitzt.

Auch beim strittigsten aller Themen nehmen die Parteien kein Blatt vor den
Mund. Wie erwartet hat sich der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal
Gerhard Ludwig Müller, gegen die Zulassung von wiederverheirateten
Geschiedenen zur Kommunion ausgesprochen. Es wird diskutiert. »Aber die
gleichen Leute gehen danach gemeinsam die Treppe runter und reden weiter.
Das ist eine sehr offene, kollegiale Atmosphäre«, berichtet Pater Bernd
Hagenkord, der die Synode für Radio Vatikan beobachtet. Auch die Hardliner
fühlen sich offenbar sicher. So sagt der australische Kardinal George Pell, der
von Franziskus mit der Leitung des neuen Wirtschaftssekretariats beauftragt
wurde, aber ein Traditionalist und entschiedener Gegner jedweder Öffnung der
Kirche ist: »Es herrscht ein Klima der Freiheit. Man kann auch vor dem Heiligen
Vater ganz offen reden.«

Da schwebt aus dem Petrianus-Tor Beniamino Stella heran. Der feinsinnige


Italiener mit der zarten Stimme stammt aus der Diplomatenriege des Vatikans.
Franziskus ernannte ihn in einer seiner ersten wegweisenden
Personalentscheidungen zum Präfekten der bedeutenden Kleruskongregation und
machte ihn im letzten Konsistorium zum Kardinal. Stella löste in der
Kleruskongregation den von Benedikt XVI. berufenen Traditionalisten Mauro
Piacenza ab. Auf die Frage, wie Franziskus den neuen Stil im Kollegium
gefördert habe, klopft sich Stella mit der flachen Hand auf die Brust, erhebt den
Blick zum Himmel und sagt: »Er hat es uns am Anfang gesagt. Er hat mit
Worten und Gesten eine neue Atmosphäre in der Synode geschaffen.«

»Sprecht deutlich!«, hatte der Papst am ersten Tag gefordert. »Man muss alles,
was man fühlt, offen sagen!« Ein Kardinal, so erzählte Franziskus den
Bischöfen, habe ihm nach dem Konsistorium im Februar geschrieben, in dem
der Kurienkardinal Walter Kasper über die Zulassung wiederverheirateter
Geschiedener referierte: »Schade, dass einige Kardinäle nicht den Mut hatten,
einige Dinge anzusprechen aus Respekt vor dem Papst, weil sie dachten, der
Papst würde anders denken.« »Das ist nicht in Ordnung«, schimpfte Franziskus.
Offen zu reden und bescheiden zuzuhören, forderte der Papst von den Bischöfen.
»Meine Anwesenheit ist eine Garantie für alle.«

Durch das Petrianus-Tor fahren nun auch eine Menge Fahrzeuge. Einige
Bischöfe werden in silbergrauen Bussen mit Vatikan-Kennzeichen in ihre über
die Stadt verteilten Herbergen chauffiert. Der eine oder andere
Mittelklassewagen ist dabei. Sogar die bislang nicht für ihre Bescheidenheit
berühmten Vertreter des italienischen Klerus sind ganz franziskanisch
unterwegs. Der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal
Angelo Bagnasco, braust in einem violetten Ford Focus davon, demselben
Modell, das auch der Papst bei offiziellen Anlässen nutzt. Der Mailänder
Erzbischof und schärfste Kontrahent Bergoglios im Konklave, Kardinal Angelo
Scola, sitzt in einem auffällig unauffälligen silbernen VW Polo. Vielleicht sagen
solche Details auch etwas über die Ehrlichkeit der Debatte in der Synode aus.
Sind sie im Angesicht des Pontifex doch alle vorsichtiger und opportunistischer,
als ihr Chef das fordert?

Natürlich gibt es Widerstände, die nie direkt geäußert werden. Es ist bekannt,
dass nicht wenige Prälaten im Vatikan hinter vorgehaltener Hand behaupten,
Franziskus habe die Plätze gefüllt und eine ansprechende Außenwirkung. Aber
jetzt sei es auch genug. »Wann hört diese Selbstdarstellung endlich auf?«, fragt
sich einer, der in der Hierarchie weit oben steht.

Es sieht so aus, als habe der Papst die bessere Strategie. Bei dieser Synode deutet
viel auf einen von langer Hand angelegten Plan des Wandels hin. Franziskus
wird am Ende nicht gegen die Bischöfe entscheiden. Er treibt sie so lange auf
seinem Weg voran, bis sie verinnerlicht haben, was er will.

Das erste Detail dieses Plans wurde vier Tage nach der Wahl Bergoglios zum
Papst sichtbar. Beim Angelus-Gebet am 17. März 2013 lobte Franziskus
ausdrücklich ein Buch Walter Kaspers mit dem Titel »Barmherzigkeit«. Das
Buch, das Kasper Bergoglio vor dem Konklave schenkte, habe ihm »so
gutgetan«, sagte der Papst. Barmherzigkeit verändere alles, verändere die ganze
Welt, sagte Franziskus. Für den Beginn seiner sanften Revolution wählte er
geschickterweise nicht einen seiner lateinamerikanischen Volkstheologen aus,
sondern einen Deutschen. Der angesehene, wenn auch wegen seiner
reformorientierten Thesen umstrittene Kasper legte auf Bitte des Papstes vor
dem Kardinalskollegium im Februar seine Theologie der Barmherzigkeit dar.
Franziskus lobte den Vortrag anschließend als »Theologie auf Knien«.

Die Debatte mit hart vorgetragenen Gegenmeinungen, vor allem zur


Schlüsselfrage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur
Kommunion, kam in Gang. Derzeit sieht es so aus, als schließe eine zweite Ehe
nicht mehr automatisch von den Sakramenten aus.

Mit zwei weiteren Entscheidungen hat Franziskus die Linien vorgegeben. Im


Oktober 2015 findet die ordentliche Synode zum Thema Familie statt. Um die
Diskussion voranzutreiben, berief der Papst eigens die jetzt tagende
außerordentliche Synode ein. Er ließ zur Vorbereitung einen Fragebogen in die
Diözesen schicken, um zu erfahren, wie ernst es die Gläubigen mit der
von Rom vorgegebenen Moral noch nehmen. Natürlich wusste er, dass sie fast
keine Rolle mehr spielt. Den Fortgang legte der Papst mit der Themenstellung zu
den »pastoralen Herausforderungen« fest. Es sollte diesmal bei der
Bischofsversammlung eben nicht mehr um Verbote, um Relativismus und den
Abstand zur Welt gehen, sondern um die Wirklichkeit der katholischen Kirche in
der Welt, um »Barmherzigkeit«.

Die Bischöfe haben vor allem den Ton geändert. Sie wollen explizit »mutige
pastorale Entscheidungen«, auf die sie sich bei der Synode im
kommenden Jahr einigen werden. Am Ende entscheidet Franziskus. Einige
Synodenväter sagen es explizit: Sich in Rom zu versammeln, zu diskutieren und
am Ende nur zu bestätigen, dass sich nichts ändert, das wird nicht funktionieren.
DIE FAMILIENSYNODE

Ende der Heuchelei


Endlich diskutiert der Vatikan offen über Ehe und Familie. Doch revidiert
er auch seine Sexualmoral?
VON EVELYN FINGER
DIE ZEIT, 01.10.2014 Nr. 41

Seit wann ist die Familie eigentlich ein Problem? Lange Zeit war die Furcht vor
ihrer Zerrüttung, ja vor ihrem Verschwinden nur ein Thema für die gehobene
Literatur, ein Gedankenspiel für die Fans von Thomas Mann und Heimito von
Doderer, von John Updike und Ian McEwan. In der wirklichen Welt war die
Familie eine Lebenstatsache und als solche unumstößlich. Sie machte glücklich
oder unglücklich, sie konnte den Einzelnen zur Verzweiflung treiben, aber das
stellte ihre Existenz nicht infrage. Dass sie eines Tages nicht mehr existieren
könnte, war als politische Sorge ungefähr so populär wie das Verlöschen der
Sonne.

Doch irgendwann schlich sich die Schreckensvision vom Ende der Familie auch
in die Politik ein. Die Debatte begann mit der Angst vor der berufstätigen
Mutter, setzte sich fort im Neid auf die angeblich hedonistischen Kinderlosen
und führte alsbald zu der Schockfrage »Kinder oder Karriere?« (als sei
Kinderhaben eine Tretmühle und weibliche Erwerbsarbeit per se Karriere). Dann
kam die Frauenquote und mit ihr die Wut der neuerdings benachteiligten
Männer.

Ist es ein Wunder, wenn nun auch der Vatikan in Rom über »Familienfragen«
debattiert?
Papst Franziskus persönlich hat das Thema auf die Agenda gesetzt. Im vorigen
Herbst schon verschickte die katholische Kirche in seinem Auftrag einen
Fragebogen an die Bischöfe der Welt, um die Ansichten des Kirchenvolks über
Ehe und Familie zu erforschen. Es ging natürlich um Sexualmoral. Der alte
Aufreger! Neu war, dass der Vatikan nicht von vornherein gegen den modernen
Sittenverfall predigte und auch nicht versprach, die christliche Ethik könne die
sexuelle Verwirrung des freiheitlichen Westens heilen. Jetzt wollte er wissen,
was im eigenen Verein Sache ist. Die Fragen waren erschreckend ehrlich:
Kennen die Katholiken überhaupt die geltende Lehre, und wollen sie sich daran
halten?

Der Vatikan, anstatt eine Ordnung zu behaupten, fragte nach der herrschenden
Unordnung. Vom kommenden Sonntag an wird sie in Rom nun diskutiert.
Befund: Die Familie ist in der Krise. Nicht nur in der freiheitlichen Gesellschaft,
sondern auch in der katholischen Kirche. Weil die Kirche nun mal Teil der
Gesellschaft ist. Und das, Pardon, ist auch gut so. Wenn die Kirche das andere
zur Gegenwart sein will, so wie es konservative Kleriker, zermürbt vom
innerkatholischen Streit der letzten Jahre, empfahlen, dann erst schafft sie sich
selbst ab – als weltweite Glaubensgemeinschaft wie als moralische Instanz. Und
auch als gesellschaftspolitische Kraft.

Die Synode setzt nun ein Zeichen gegen innerbetriebliche Heuchelei. Was heißt
Heuchelei? So tun, als ob. Moralische Ansprüche verteidigen, an deren
Erfüllung man selbst nicht glaubt. Die katholische Kirche hat zuletzt eine
Familienpastoral hochgehalten, die in Widerspruch nicht nur zum Verhalten der
Einzelnen stand, sondern auch zum eigenen seelsorgerlichen Auftrag. Dass
Geschiedene vom Abendmahl ausgeschlossen wurden, war nur das
Paradebeispiel für einen betonharten Moralismus, den die Pfarrer vor Ort längst
ablehnten. Natürlich verweigerten sie Geschiedenen, die einen neuen
Lebenspartner fanden, nicht ihren Segen. Sie segneten sogar
gleichgeschlechtliche Paare. Nur in Rom wollten einige Kardinäle so tun, als sei
das nicht wahr.

Franziskus macht nun die Kirche ehrlich. Das ist seine Mission und sein
machtpolitisches Konzept. Die Kirche soll ihre Konflikte nicht länger unter den
Teppich kehren, als würde das irgendwem nützen, sondern soll Glaubwürdigkeit
zurückgewinnen durch das Offenlegen ihrer Konflikte. Zwei der wichtigsten
könnte die Synode überwinden helfen: erstens den Widerspruch zwischen
Kirchenvolk und Kirchenführung, zweitens den Widerspruch zwischen
Glaubenslehre und Glaubenspraxis. Muss man deshalb die Glaubenslehre
ändern? Das wäre ungefähr so sinnvoll wie die Abschaffung einer Tugend, nur
weil sie so schwer einzuhalten ist.

Zu solchem Unsinn gibt es außerhalb der Kirchen gelegentlich die Neigung.


Deshalb könnte die Synode uns auch etwas lehren für die profaneren
Familiendebatten: nämlich die Unterscheidung zwischen moralischen
Ansprüchen, denen wir manchmal nicht genügen können, und anderen
Ansprüchen, denen wir nicht mehr genügen wollen.

An ungeliebten Idealen festzuhalten, das ist Heuchelei. Sie führt geradewegs in


jene Zerrüttung, die der Schriftsteller Heimito von Doderer mit dem legendären
Satz beschrieb: »Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um.« Bei Doderer
war die Familie gleichbedeutend mit einer Konvention, die nicht mehr passte,
die das Individuum einengte und dem Freiheitsbedürfnis unserer Zeit
widersprach.

Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um. Das hieß: Wer nicht
umkommen will, muss sich befreien. Wer sich aber einrichtet in
vormundschaftlicher Moral, der bleibt gefangen in einer Lebensform, die er
nicht will.
Was also macht Familie aus, diesseits und jenseits der Kirche? Natürlich die
Liebe. Aber Liebe, verstanden nicht als romantische Fantasterei, auch nicht als
christliche Floskel. Sondern als Ideal, das uns treibt. Als Sehnsucht, die uns
leitet. Als Paradies, das auch Atheisten erträumen.
DIE FAMILIENSYNODE

Gott ist treu, wenn wir untreu sind


Und das Evangelium ist kein Strafgesetzbuch. Ein Gespräch mit dem
Kardinal Walter Kasper
VON EVELYN FINGER
DIE ZEIT, 01.10.2014 Nr. 41

DIE ZEIT: Herr Kasper, diese Woche startet der Vatikan eine Synode zu einem
der umstrittensten Themen Ihrer Kirche. Papst Franziskus hatte Sie bereits
Anfang des Jahres gebeten, vor allen Kardinälen eine Rede über die Familie zu
halten. Die Rede verursachte viel Wirbel, erst wurde ihr Abdruck verboten, dann
erschien sie als Buch. Haben Sie auch jetzt einen besonderen Auftrag?

Walter Kasper: Nein. Ich bin vom Papst nur ernannt worden als Mitglied dieser
Synode.

DIE ZEIT: Nicht alle Kurienkardinäle nehmen teil?

Walter Kasper: Es ist eine außerordentliche Synode, daran nehmen alle


Vorsitzenden der Bischofskonferenzen teil, alle Leiter der römischen Dikasterien
und dann einige vom Papst ernannte Mitglieder, darunter auch Kardinäle.

DIE ZEIT: Warum hat Franziskus dieses Treffen anberaumt?

Walter Kasper: Die Familie ist ein zentrales Problem für die Gesellschaft wie
für die Kirche. Bei uns stehen die christliche Botschaft und das christliche Leben
heute oft in Widerspruch. Die Idee des Papstes war, nicht nur eine Synode von
ein paar Wochen anzuberaumen, sondern einen synodalen Prozess einzuleiten,
also eine Debatte. Zwischen der jetzigen außerordentlichen Synode und der
ordentlichen im kommenden Jahr liegen zwölf Monate, in denen die Ortskirchen
und die Bischofskonferenzen streiten können. Das finde ich gut.

DIE ZEIT: Vorigen Herbst hatte der Vatikan bereits einen Fragebogen zur Ehe-
und Sexualmoral an die Katholiken der Welt verschickt. Da wurde sehr direkt
gefragt, ob sie wissen, was ihre Kirche lehrt, und ob sie sich daran halten.

Walter Kasper: Es ist nun einmal der Fall, dass viele Gläubige nicht wissen,
was die Kirche lehrt. Oft überlassen wir es den Medien, darüber zu informieren.
Wir müssen unsere Verkündigung verbessern, aber auch zugeben: Viele
Gläubige wissen durchaus, was die Lehre der Kirche ist, aber halten sich nicht
daran.

DIE ZEIT: In den letzten Wochen gab es schon wieder Debatten über die
geschiedenen Katholiken, die neu verheiratet sind, aber nicht kirchlich.

Walter Kasper: Das ist eine Verengung des Themas.

DIE ZEIT: Immerhin haben fünf Kardinäle pünktlich zur Synode ein Buch über
Wiederverheiratete geschrieben, das den Status quo verteidigt und Ihre
Familienrede angreift.

Walter Kasper: Es geht nicht um mich. Sondern um die Grundsatzfrage: Was


ist Familie? Das christliche Verständnis, dass sie eine Lebens- und
Liebesgemeinschaft zwischen Mann und Frau sei, aus der normalerweise Kinder
hervorgehen, wird ja vielfach bestritten in der heutigen Gesellschaft.

DIE ZEIT: Werden Sie das christliche Familienideal verteidigen?

Walter Kasper: Wir müssen es nicht verteidigen, sondern Hilfen anbieten, wie
man das Ideal heute leben kann. Dazu gehört auch die Hauskirche, also eine
verlässliche Gemeinschaft, wo das Ideal überhaupt lebbar ist. Unsere
Gesellschaft ist ja an vielen Stellen geradezu familienfeindlich organisiert: in der
Arbeit wie beim Wohnen. Die christliche Ehe ist keine Doktrin, sondern ein
Angebot, wie man in glücklicher Weise Familie sein kann, auch heute.

DIE ZEIT: Ist die Ehe das einzig akzeptable Glück?

Walter Kasper: Nein. Aber die meisten jungen Menschen suchen auch heute
das Glück ihres Lebens in einer dauerhaften Partnerschaft mit Kindern. Da soll
die Kirche hilfreich zur Seite stehen – auch in Konflikten. Kirche kann nur
Kirche sein für die Menschen, nicht gegen sie. Das Evangelium ist kein
Strafgesetzbuch. Das Evangelium will nicht verbieten, sondern anbieten. Jesus
macht die Zusage: Wenn zwei Menschen sich das Jawort geben, dann ist Gott
mit ihnen.

DIE ZEIT: Gilt dieses Jawort Gottes auch dann, wenn eine Ehe zerbricht?

Walter Kasper: Natürlich. Gott ist treu, auch wenn wir untreu sind. Ein
geschiedenes Paar ist ja nicht exkommuniziert, sondern soll am kirchlichen
Leben so weit wie möglich teilnehmen.

DIE ZEIT: Aber wie weit ist das? Sie selber haben vorgeschlagen, den
Ausschluss Geschiedener von den Sakramenten zu beenden.

Walter Kasper: Ich darf meine Meinung sagen. Und jeder hat das Recht, zu
widersprechen. Die Synode soll debattieren und mit dem Papst zusammen
entscheiden. Das ist kein Krieg zwischen Kardinälen, sondern ein Austrag von
Argumenten, welcher der Klärung dient.

DIE ZEIT: Und Sie ärgern sich nicht über die Angriffe auf Ihre Person?

Walter Kasper: Ach nein. Wozu?


DIE ZEIT: Nun hatte der Papst Ihre Sicht der Dinge öffentlich gelobt. Ist die
Kritik der fünf Kardinäle an Ihnen ein Affront gegen Franziskus?

Walter Kasper: Es gibt viele Leute in Rom, die das so sehen. Ich selber war
recht dankbar für die Zustimmung des Papstes und will nicht urteilen über die
Motivationen anderer. Aber man sollte das jetzt nicht zu einer Palastrevolte
hochspielen.

DIE ZEIT: Ihre Kirche erlebt in den letzten Jahren heftigen Streit zwischen
Erneuerern und Bewahrern. Letztere fürchten, das Neue werde der katholischen
Kirche schaden.

Walter Kasper: Eine Debatte schadet nicht, sondern macht uns glaubwürdig.
Ich halte es für einen Fortschritt, dass wir überhaupt offen streiten. Die Synode
muss dann den Konsens finden. So war es auch beim letzten Konzil. Jetzt nimmt
der Papst den Geist des Konzils auf.

DIE ZEIT: Die Fragen der Sexualmoral führen letztlich zu der Frage: Was ist
der Mensch? Kann die Synode ein drittes Vatikanum werden?

Walter Kasper: Ach, Konzilien sind seltene, außerordentliche Ereignisse. Wir


wollen den Menschen zum ewigen Leben verhelfen und ihnen im Leben
beistehen – auch in ihrem Umgang mit Sexualität. Das muss im Alltag
geschehen.

DIE ZEIT: Viele Christen fühlen sich gegängelt durch eine rigide kirchliche
Verbotsmoral.

Walter Kasper: Wir müssen zeigen: Sexualität ist nichts Negatives, sondern ein
Geschenk Gottes. Damit verantwortlich umzugehen, sodass es zum Glück führt
und nicht zur Zerstörung der Person – das ist eine Herausforderung. Unser
Ausgangspunkt bleiben die Worte Jesu, wie sie überliefert wurden in der
Heiligen Schrift. Nur dürfen wir sie nicht fundamentalistisch auf heute
anwenden. Wir müssen sie in unsere Situation übertragen und dabei mehr als
bisher auf die Laien hören. Wir müssen neu lernen, dass nicht jede Antwort von
oben kommt, sondern im Zusammenspiel von Bischöfen und Gläubigen
gefunden wird. Das will der Papst: eine dialogische Kirche. Die kann auch eine
streitende sein. Aber lieber eine streitende Kirche als eine schlafende.

DIE ZEIT: Wo steht der Papst als Oberhaupt der Kirche denn in diesem Dialog?

Walter Kasper: Franziskus ist ein Mann der Begegnung. Er wird zuhören und
moderieren. Aber am Ende kann natürlich keine Entscheidung ohne ihn oder
gegen ihn gefällt werden. Mein Eindruck ist, er will die Kirche auf die
Menschen hin öffnen.

DIE ZEIT: Was sagen Sie denn denjenigen, die das neue Pontifikat bloß als
einen Stilwandel sehen und behaupten, der Papst erscheine konziliant, sei aber in
Fragen der Sexualmoral ein Hardliner?

Walter Kasper: Ich halte den Papst für einen authentischen Menschen, der sagt,
was er denkt, und denkt, was er sagt. An seiner Ehrlichkeit besteht für mich kein
Zweifel. Er hält an den Prinzipien des Katholischen fest, aber will sie so
anwenden, dass sie den Menschen helfen.

DIE ZEIT: Welche Aufgaben hat er bei der Synode?

Walter Kasper: Er eröffnet sie mit einem Gottesdienst. Wir sind ja nicht im
Parlament. Dann leitet er die Synode ein und kann eine Generalrichtung
andeuten. Erst am Schluss entscheidet er mit der Mehrheit der Synode. Sonst
wäre sie ja eine Farce.

DIE ZEIT: Wo tagt sie eigentlich?


Walter Kasper: Der Gottesdienst findet im Petersdom statt, die Tagung in der
Aula Papst Paul VI. Das ist ein eigener Saal, wo auch die notwendige Technik
für Simultanübersetzungen vorhanden ist.

DIE ZEIT: Wie bereiten Sie sich vor?

Walter Kasper: Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Ich lese, so viel ich
kann. Und ich bereite eine eigene Intervention vor, da darf jeder fünf bis sechs
Minuten reden. Dann treffen wir uns auch außerhalb der Aula. Das werden
bewegte Wochen.

DIE ZEIT: Haben sie Bedeutung über Rom hinaus?

Walter Kasper: Die Familie und die Probleme, die sie bereitet, sind universell.
Dazu können wir schon etwas sagen. Aber wir dürfen das, was wir für die
Wahrheit halten, niemandem auferlegen. Wir können es nur zu bedenken geben
und andere einladen, so zu leben. Es haben sich jedenfalls schon recht viele
Journalisten angemeldet zur Synode. Die sind gewiss nicht alle katholisch. Treue
ist nicht nur eine katholische Sache. Treue ist eine grundlegende Eigenschaft des
Menschen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren kann. Wir sind leider
eine Wegwerfgesellschaft geworden, und das geht bis in die menschlichen
Beziehungen hinein.

DIE ZEIT: Was sagen Sie denn denjenigen, die schimpfen, dass da in Rom die
Kleriker über Familie reden, obwohl sie selber keine haben?

Walter Kasper: Bischöfe und Kardinäle sind ja auch nicht vom Himmel
gefallen. Wir haben alle eine Herkunftsfamilie, haben Verwandte und sind Hirten
einer Gemeinde. Wir sitzen nicht auf einem Thron, sondern reden dauernd mit
Familien. Und im Beichtstuhl hören wir so einiges. Ich hoffe, dass die Synode
allen ein Signal gibt: Die Kirche steht euch bei, damit euer Leben gelingt.
DIE ZEIT: Fürchten Sie sich vor Gegnern?

Walter Kasper: Eigentlich nicht. Und Streit gehört zu unserer pluralistischen


Gesellschaft, in der auch die Kirche lebt. Ich bin da ganz gelassen.

Walter Kasper, 81, ist emeritierter Kurienkardinal in Rom. Zuletzt erschien von
ihm das »Evangelium von der Familie«.
DIE FAMILIENSYNODE

Franz Freundlich
Wofür kämpft Franziskus wirklich? Der Papst überrascht nicht nur
Gegner, sondern auch Anhänger
VON PATRIK SCHWARZ
DIE ZEIT, 23.10.2014 Nr. 44

Ist das noch eine Revolution? Oder schon die Konterrevolution? Verwirrende
Nachrichten sind zuletzt durch die Mauern des Vatikans gedrungen: Erst
schienen die Bischöfe, die Papst Franziskus zu einer Synode in Rom versammelt
hatte, einen Kurs größerer Offenheit der Kirche gegenüber Homosexuellen und
wiederverheirateten Geschiedenen zu unterstützen. Dann, zum Abschluss der
Synode, bereiteten die Würdenträger in Rot ihrem Chef in Weiß eine
dramatische Niederlage: Sie stimmten alle entsprechenden Vorschläge für das
Schlussdokument nieder. Ist der Franziskus-Frühling plötzlich einem
vatikanischen Herbst gewichen? Und, schlimmer noch: Ist Franziskus eine
Enttäuschung – ein Obama in Weiß?

»Parliamo un po’ del Papa«, so lässig, so beinahe spöttisch hat es Franziskus an


diesem Wochenende seinen Verfolgern zugerufen, im Moment seines bisher
größten Rückschlags: »Reden wir ein wenig über den Papst.« Ja, reden wir ein
wenig über diesen Papst. So viel Faszination in seinem ersten Jahr von
Franziskus ausging, so wenig wussten selbst Kenner, wie er seine Kirche führen
will. In seiner großartigen Schlussansprache hat er nun deutlicher denn je seine
Methode skizziert. Ihm geht es nicht um abstrakte Ziele, sondern um: Il
Cammino, den Weg.
Damit aber wird sichtbar, welche Sorte Revoluzzer plötzlich an die Spitze einer
zweitausend Jahre alten Institution gerückt ist – und das dürfte nicht nur seine
Gegner aufschrecken, sondern auch Freunde überraschen. Die erste
Überraschung: Franziskus ist nicht rechts, aber auch viel weniger links, als es
manche, zumal in Deutschland, denken. Er warnte vor »der Versuchung des
zerstörerischen Gutmenschentums, das im Namen einer falschen Barmherzigkeit
die Wunden verbindet, ohne sie vorher zu behandeln«. Dies sei die Verlockung
der »Ängstlichen und auch der sogenannten Progressiven und Liberalen«. Den
Papst werden die Rückschläge von Rom im Kampf um die Akzeptanz von
Homosexuellen und Geschiedenen geschmerzt haben. Und doch zielt er
offensichtlich auf etwas weit Grundsätzlicheres als die Frage nach den Grenzen
kirchlicher Barmherzigkeit. Nicht nur um die freie Liebe, sondern mehr noch um
das freie Wort findet gerade der große Kampf in der katholischen Kirche statt.

Zweite Überraschung: Der Papst geht in seinem Reformprogramm viel weniger


geradlinig vor, als es viele Ungeduldige erhofft hatten. Er versteht sich als Hüter
des Weges, nicht als Frontmann des Fortschritts. Darum warnt er die Linken vor
der Versuchung, die Welt zu rosig zu sehen, und die Rechten vor der Gefahr der
»feindseligen Erstarrung«, aber den Weg dazwischen muss jeder in der Kirche
aus freien Stücken gehen, Rückschläge inklusive: »Ich persönlich wäre sehr
besorgt und betrübt, hätte es die Versuchungen und emotionalen Diskussionen
nicht gegeben.«

Wer so viel Raum für Gegner lässt, kann der sich überhaupt Geltung
verschaffen? Nun, Franziskus bringt eine weit größere Härte als erwartet mit.
Denn daran lässt Franz, der Freundliche, keinen Zweifel: Der Weg ist frei,
lautete seine Botschaft, aber »die oberste, volle, unmittelbare und universale
Autorität in der Kirche« habe der Papst. Parliamo del Papa? Aber gern doch:
Wer eine Ansage braucht, der bekommt sie auch.

Mit dem Programm des Cammino mutet Franziskus seiner Kirche also nicht nur
bei der Lehre viel zu, sondern auch im Führungsstil: Anführen, ohne
auszuführen – das ist das erste Franziskus-Paradox. Und biegsam sein, aber
unbeugsam bleiben – so lautet die zweite Maxime. Die Kunst der paradoxen
Paarungen hat der Argentinier womöglich in seinen Jahren unter der
Militärdiktatur erworben. Jetzt ist sie auch im Vatikan von Nutzen.

Doch muss das alles so langsam gehen? Auch wenn es nicht den Anschein hat:
Der Franziskus-Weg ist vielleicht immer noch der zügigste, gerade in einer
globalen Kirche mit Tausenden von Bischöfen und mehr als einer Milliarde
Gläubigen. Il Cammino lässt jeder Seite Raum für ihr eigenes Reformtempo. Das
ist keine Kleinigkeit angesichts der Ungleichzeitigkeit einer Kirche, die im
Gestern wie im Heute lebt. Gemessen an der westlichen Gegenwart, steckt die
katholische Sexuallehre noch tief in der Vergangenheit. Im Vergleich zu den
vielen homophoben Gesellschaften von Ruanda bis Russland aber ist ihre
Position des Grundrespekts vor Homosexuellen bereits ein Schritt nach vorne.
Wenn die Weltkirche sich nun vorwärtsbewegt, wandelt sie sich auch
stellvertretend für viele Teile der Welt.

Ob am Ende die Revolution siegt oder die Konterrevolution, ist damit noch nicht
ausgemacht. Franziskus setzt im Sinne des Cammino auf zwei mächtige
Verbündete – ganz unten auf das Volk, das ihm in großer Zahl zuströmt, und
ganz oben auf seinen »Gott der Überraschungen«, der einen lehrt, auf dem Weg
auf alles gefasst zu sein, sogar auf das Gute.

Der Schlachtruf der Franziskus-Revolte ist also nicht »Nieder mit den
Gegnern!«, sondern eher »Avanti, dilettanti« – auf geht’s, ihr und wir, die wir
alle das Ziel noch nicht kennen, aber wissen, dass sich die Richtung ändern
muss.
DIE FAMILIENSYNODE

»Das ist eine Revolution!«


Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan über die Familiensynode,
Franziskus und die Kraft des freien Wortes
VON CHRISTIANE FLORIN
Christ & Welt, 16.10.2014 Nr. 43

Christ & Welt: Sie sind Expertin für Good Governance. Regiert Franziskus die
katholische Kirche gut?

Gesine Schwan: Nach weltlichen Maßstäben wird die katholische Kirche nicht
gut regiert. Sie ist autokratisch und enthält Frauen Ämter vor. Aber selbst wenn
man keine rein weltlichen Kriterien anlegt, könnte sie deutlich besser regiert
werden. Da macht der jetzige Papst einen neuen Anfang, so wie das Johannes
XXIII. begonnen hatte. Aber er hat noch einen weiten Weg vor sich. Kirche wird
noch viel zu sehr als Institution der Geweihten verstanden und nicht als eine von
Gott gestiftete, alle Menschen umfassende Institution, als wanderndes Volk
Gottes.

Christ & Welt: Franziskus hat die Bischofssynode zu einer offenen Diskussion
ermuntert. Was macht das freie Wort mit einer autoritären Institution?

Gesine Schwan: Das ist eine Revolution! Mich hat seine Eröffnungsrede
beeindruckt. Sie war prägnant, unroutiniert, durchdacht, eigenständig und den
Menschen zugewandt. Eine zusammenführende Diskussion kann man nur ohne
Angst und mit Offenheit für die Argumente der anderen führen, das ist – als
allgemeines Prinzip – neu in der Kirche.
Christ & Welt: Revolution, das klingt so, als werde ein System in seinen
Grundfesten erschüttert.

Gesine Schwan: Das kommt darauf an, was man unter Grundfesten der Kirche
versteht. Wenn damit blinder Gehorsam gegenüber der Institution gemeint ist,
dann wanken die Grundfesten. Wenn damit das Gebot der Gottesliebe und das
der Nächstenliebe gemeint ist, dann ist die freie Diskussion systemerhaltend.
Blinden Gehorsam fordert doch nur jemand, der nicht an die Vernunft und an die
Verständigungsfähigkeit der Menschen glaubt. Ich habe in einer Reihe von
katholischen Gesprächskreisen gearbeitet. Es ist schon sehr auffällig, dass
diejenigen, die in der Kirche vor allem Gehorsam einfordern, ein sehr
pessimistisches Menschenbild haben. Sie glauben, dass Menschen unvernünftig
sind, dass Triebe, vor allem die Sexualität, außer Kontrolle geraten. Dieses
Misstrauen steht im Widerspruch zu meinem festen Glauben an Gottes gute
Schöpfung.

Christ & Welt: Kann eine Kirche darauf verzichten, den rechten Glauben
festzulegen?

Gesine Schwan: Das kann sie nicht. Sie ist ja durch Gott gegründet und nicht
durch eine Verfassungsversammlung. Irgendwann stellt sich immer die
Orthodoxie-Frage. Franziskus ist mutig, er sucht eine kluge Lösung für dieses
Orthodoxie-Problem, indem er an die Verständigungsfähigkeit seiner Bischöfe
appelliert. Er sieht offenbar, dass das bisher versuchte autoritäre Durchsetzen
von »Humanae vitae« der falsche Weg war.

Christ & Welt: Ist nur die Vermittlung falsch oder auch die Lehre?

Gesine Schwan: Die aktuelle katholische Sexualmoral ist falsch. Das heißt
nicht, dass jene Menschen, die sie ablehnen, alle recht haben. Grundsätzlich
finde ich die katholische Sicht, Sexualität als etwas Ganzheitliches, die ganze
Person Umfassendes zu betrachten, sehr richtig und anziehend. Aber die
Indienstnahme der Sexualität allein zum Kinderkriegen, das Verbot von
Verhütungsmitteln - das ist theologisch nicht begründbar. Die Kirche sollte sich
von derart misstrauischen Vorstellungen befreien.

Christ & Welt: Warum spielt die Sexualmoraleine so große Rolle für die
Institution?

Gesine Schwan: Sexualität spielt für alle autoritären Systeme eine große Rolle.
Sie ist nicht so ohne Weiteres manipulierbar und steuerbar, das macht sie
gefährlich für Herrscher. Hinzu kommt das Gender-Problem ...

Christ & Welt: Das Wort »Gender« hört Franziskus gar nicht gern ...

Gesine Schwan: Das hindert mich nicht daran, es zu benutzen. Ich habe mich
mit 21 Jahren katholisch taufen lassen, das war eine bewusste Entscheidung.
Warum sollte ich mir da ein Wort verbieten lassen, nur weil der Papst oder viele
konservative Katholiken das nicht gern hören? In einer Kirche, die das von mir
verlangte, könnte ich nie gläubiges Mitglied sein. Jedem, der selbstständig
denken kann, ist doch klar, dass die katholische Sexualmoral etwas mit dem
Geschlechterverhältnis zu tun hat. Ich habe Soziologie und Politologie studiert.
Ich wäre ja blind, wenn ich nicht sähe, dass ein Männerbund, wie der Klerus dies
zum Teil ist, ein Gender-Problem hat.

Christ & Welt: Warum haben Sie sich dennoch taufen lassen?

Gesine Schwan: Mein Vater war Protestant, ist aber aus der Kirche ausgetreten.
Meine Mutter war katholisch, mein Vater wollte mir die Entscheidung, ob ich
einer Kirche beitrete, selbst überlassen. Deshalb wurde ich nicht getauft. Mit
meiner Mutter habe ich die Messe besucht, und bis heute versuche ich, jeden
Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Die Messe erinnert mich daran, woraus
ich lebe. Die Konzentration auf Gott hilft mir dabei, in dieser schnelllebigen Zeit
die Frage zu beantworten: Was ist wirklich wichtig?

Christ & Welt: Haben die Männerbünde, vondenen Sie vorhin sprachen, Macht
über Sie?

Gesine Schwan: Über wen hat die Kirche denn noch wirklich Macht? Sie kann
ja nicht mit Maschinengewehren ihre Lehre durchsetzen, und die Drohung mit
Höllenstrafen zieht auch nicht. Sie braucht stattdessen echte Autorität. Leider ist
sie in vielen Fragen und für viele keine echte Autorität mehr. Aber die
Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern ist sehr wohl noch eine
Machtfrage. Mit der Sexualität ist in einer autoritären Tradition ein
Rollenverständnis verbunden, wonach die Frau die Dienende ist. Wenn das
zugunsten eines partnerschaftlichen Verständnisses umgestoßen wird, löst das
Verlustängste bei allen Männern aus, die ihr Selbstwertgefühl auf diese
archaischen Positionen gründen. Ehe und Familie sind deshalb so wichtige
Themen für konservative Männer. Aber es geht ihnen eben nicht darum, die
Familie zu schützen, sondern es geht darum, die männliche Rollenmacht zu
erhalten.

Christ & Welt: Wie wird der Kampf um Rom ausgehen?

Gesine Schwan: Franziskus' Idee einer freien Aussprache ist sehr klug und
ermutigend. Bestimmte überlebte Positionen können Sie doch im Licht einer
freien Aussprache heute gar nicht mehr vertreten. Ich bin nicht dafür, dass die
Kirche sich jedem Zeitgeist anpasst. Aber die Selbstbestimmung der Menschen
lässt sich doch nicht mehr zurückdrehen, weder im Rollenverhältnis nochin der
Sexualität. Ich habe neulich vor katholischen Familientherapeuten gesprochen.
Die sind längst viel weiter als viele an der Kirchenspitze, das macht die Lage ja
so gespenstisch. Es sollte doch der Kirche gerade darum gehen, die Familie von
belastenden Herrschaftsideen zu befreien und zu einem gelungenen, glücklichen
Leben von Müttern, Vätern und Kindern beizutragen.
Christ &Welt: Glauben Sie an die Unauflöslichkeit der Ehe?

Gesine Schwan: Ja. Ich freue mich, wenn zwei Menschen einander ein Leben
lang treu sind. Das verlangt heute viel mehr als vor 150 Jahren, als die Menschen
nicht so alt wurden. Die Norm, dass ich nicht ein Zweckbündnis auf Zeit
eingehe, sondern mich für immer an einen Menschen binde, finde ich richtig.
Das Sakrament spenden die Eheleute einander, das spendet ihnen nicht die
Kirche. Dass dieses Sakrament dazu benutzt wird, eine zweite Ehe zu
verwehren, wenn die erste nicht gelungen ist, halte ich für unmenschlich. Wieso
sollten sich zwei Menschen das Eheversprechen weniger ernsthaft geben, wenn
wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion gehen dürfen? Allein, dass sie
das wollen, spricht doch schon für ihre Ernsthaftigkeit. Mein Menschenbild ist
zuversichtlicher.

Gesine Schwan ist Leiterin der Humboldt-Viadrina Governance Platform in


Berlin. Neben ihrer politikwissenschaftlichen Arbeit ist sie seit Anfang der
1970er-Jahre für die SPD aktiv. 2004 und 2009 kandidierte sie für das Amt der
Bundespräsidentin. Mit 21 Jahren ließ sie sich katholisch taufen.
DIE FAMILIENSYNODE

Aufstand der Randständigen


Unter Benedikt XVI. gaben sich die Ultrakonservativen in der Kurie
papsttreu. Doch seitdem dessen Nachfolger das Dogma nicht mehr so
wichtig ist, begehren die Verteidiger der reinen Lehre gegen Franziskus auf
VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN
Christ & Welt, 23.10.2014 Nr. 44

Die Sonne ist untergegangen an diesem regnerischen Mittwoch im März 2013.


Die 115 Kardinäle haben auch am zweiten Tag des Konklaves den Heiligen
Geist herbeigesungen, damit er ihnen bei der Wahl den Weg weise. Vier
Wahlgänge sind in der Sixtinischen Kapelle bereits absolviert, inzwischen hat
das Konklave einen klaren Favoriten. Es ist Jorge Mario Kardinal Bergoglio aus
Buenos Aires, der sich der Welt bald vom Balkon des Petersdoms als 266.
Nachfolger des Apostels Petrus präsentieren wird.

»Vergiss die Armen nicht«, flüstert sein Freund, der brasilianische Kardinal
Cláudio Hummes, Bergoglio ins Ohr. Da stellt der auszählende Purpurträger
nach dem fünften Wahlgang fest, dass 116 Zettelchen in der Urne liegen, also
eines zu viel. Das Blatt ist unbeschrieben. Offenbar hat einer der Kardinäle aus
Versehen einen zweiten Wahlschein mit in die Urne gelegt. Die Abstimmung
wird annulliert. Im sechsten Durchgang läuft dann alles regulär. Bergoglio ist
Papst.

Es hat über eineinhalb Jahre gedauert, bis diese von mehreren Beobachtern und
Beteiligten bestätigte Episode ans Licht gekommen ist. Der katholische Autor
Antonio Socci beschreibt sie in einem Buch, das den Titel trägt: »Non è
Francesco« – Es ist nicht Franziskus. Socci behauptet, die Wahl Bergoglios sei
ungültig. Nach der Konklave-Ordnung sei in solchen Situationen keine
Annullierung des Wahlgangs vorgesehen. In jedem Fall dürften nur vier
Wahlgänge pro Tag stattfinden. Eigentlich, behauptet Socci, hat die Kirche
keinen Papst. Zumindest ist es nicht Franziskus.

Noch nehmen die wenigsten Soccis Einwand ernst. Aber es ist kein Zufall, dass
das vom italienischen Mondadori-Verlag herausgegebene Buch gerade jetzt
erschienen ist. Die Bischofssynode ist zu Ende gegangen. Franziskus, obwohl er
kaum das Wort ergriff, hat die Synode gesteuert, darüber besteht kein Zweifel.
Der Papst will eine offenere Kirche, die weniger auf der starren Doktrin beharrt,
sondern die Menschen ins Zentrum rückt. Viele Redebeiträge zu den Themen
Homosexualität, zu wiederverheirateten Geschiedenen oder zu nichtehelichen
Lebensgemeinschaften suggerierten eine Abkehr von der bisherigen Linie, nach
der es keine Kompromisse bei der Doktrin geben kann. Viele Bischöfe und auch
einige Kardinäle sind dem Papst in die neue Richtung gefolgt. Aber längst nicht
alle. Während die Welt Franziskus applaudiert und seinen sanften Umsturz lobt,
formiert sich in der Kirche eine immer kompromissloser agierende Opposition,
die sogar Bergoglios Legitimation anzweifelt.

»Es ist die entscheidende Schlacht dieses Pontifikats«, sagt einer, der in der
kirchlichen Hierarchie weit oben steht, und meint damit die Synode, die im
Oktober 2015 bei einem ordentlichen Treffen fortgesetzt wird. Es sind nicht
wenige, die gehofft haben, dass die bei vielen Konservativen als unwürdige
Spektakel verschrienen Auftritte des Papstes vor den Massen nun ein Ende
hätten. Doch die Franziskus-Show geht weiter. Die sichere Erwartung vieler
Kirchenmänner, bei der Sondersynode hätte man Franziskus mit Verweis auf die
nicht verhandelbaren Prinzipien endlich in die Schranken weisen können,
bestätigte sich nicht. Doch immer mehr seiner Mitstreiter spüren den
Widerstand. »Ein Papst, der einen Hauch von Barmherzigkeit und Öffnung
bringt, muss unterstützt werden«, sagt der italienische Erzbischof und
Sondersekretär der Synode, Bruno Forte, ein Franziskus-Mann. »Wir müssen
ihm helfen«, fügt der Monsignore hinzu, und es klingt so, als ob Franziskus auch
bald Hilfe gebrauchen könnte.

Die Kompromisslosen, die ihrerseits immer mehr Zulauf haben, versammeln


sich in diesen Tagen nach der Synode. »Wallfahrt der Tradition« nennen sie ihr
Treffen, bei dem sie eine Kirche zelebrieren, die nichts mit den Vorstellungen
von Franziskus, nichts mit den Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu tun
hat, bei dem sich die Kirche der Moderne öffnen wollte. Im Gegenteil, die
reformbetonten Entwicklungen, die liturgische Schlichtheit des Papstes sind
ihnen ein Dorn im Auge, der Zeitgeist ist für sie schlimmer als die Pest.
Diejenigen, die bei der Synode den Widerstand gegen die Öffnung der Kirche
anführten, gegen eine »Willkommenskultur« gegenüber Homosexuellen und
federführend gegen die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur
Kommunion kämpften, sind auch nach der Synode die Paladine der katholischen
Reaktion.

Allen voran sind da der US-Kardinal und Präfekt der Apostolischen Signatur,
Raymond Leo Burke, und der australische Kardinal George Pell, beide feiern in
diesen Tagen die Liturgie mit den Traditionalisten. Höhepunkt wird das von
Burke zelebrierte Pontifikalamt am kommenden Sonntag im Petersdom sein. Die
nach dem tridentinischen Ritus gefeierte Messe in Sankt Peter ist auch ein
symbolischer Akt. Die Hardliner zelebrieren sich und ihre Sicht auf die Welt tief
im Herzen des Katholizismus.

Wie sich die Gegner des Papstes Kirche vorstellen, kann man jeden Morgen in
der römischen Kirche Santissima Trinità dei Pellegrini beobachten. Die Kirche
in der Altstadt ist das letzte Rückzugsgebiet der Ultrakonservativen. Am
Sonntag sind die Bänke fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Vorraum liegen
fünf Bücher über Exorzismus aus. Am Altar hüllen dichte Weihrauchschwaden
die Messdiener, Diakone und Priester ein, die in schweren goldbestickten
Gewändern die Messe nach der tridentinischen Liturgie und mit dem Rücken zur
Gemeinde lesen. In Latein, der Sprache, die Franziskus gerade als offiziellen
Duktus der Synode abgeschafft hat. Die Frauen auf den Gebetsbänken tragen
Schleier. Der Priester murmelt bei der Predigt unverständlich über nichts anderes
als Sünde, Buße und Beichte. Es ist eine Kirche, die sich in Opposition zu
Franziskus und als Gegenmodell zur Welt versteht.

Nach dem Reform-Konzil wurde das Feiern der Messe auf Latein eingeschränkt.
Erst Benedikt XVI. erlaubte 2007 mit dem Apostolischen Dekret »Summorum
Pontificum« wieder den Gottesdienst nach der alten Liturgie. Für die
Traditionalisten ist der emeritierte Papst nach wie vor die Bezugsperson im
Vatikan und nicht der schlampige Charismatiker aus Argentinien. So lassen sich
auch die Versuche der Ultrakonservativen erklären, Benedikt während der
Synode als Wächter des Glaubens zu instrumentalisieren, der Franziskus zur
Vernunft bringen solle. Dass der emeritierte Papst weiterhin hinter den Mauern
des Vatikans lebt, die weiße Soutane trägt und mit Benedictus XVI.
unterschreibt, sind für sie Nachweise eines nie wirksam gewordenen Rücktritts.
Obwohl der Betroffene selbst solche Spekulationen als »schlicht absurd« abtat.

Die Hardliner stehen nun vor einem Dilemma. Sie hielten bislang eisern das
Prinzip der Papsttreue aufrecht. Aber wie sollen sie sich verhalten, wenn aus
ihrer Sicht ausgerechnet der Chef das Fundament des Glaubens unterhöhlt?

Kardinal Burke, eine heroische Figur in seinem Lager, kritisierte ausdrücklich


das Apostolische Schreiben »Evangelii gaudium« von Franziskus und
behauptete, das Dokument könne kaum Teil des päpstlichen Lehramts sein.
Wenn man die Worte des Papstes lese, scheine es, als würde zu viel von
Abtreibung und Ehe zwischen Mann und Frau geredet. »Aber wir können nie
genug davon sprechen«, sagte Burke. Jetzt bezeichnete der Kardinal die
Zusammenfassungen der Synodendebatte durch das Presseamt des Heiligen
Stuhls als »manipuliert«. Papsttreue ist etwas anderes.

Franziskus berief Burke schon im Dezember 2013 aus der wichtigen


Kongregation für die Bischöfe, der sogenannten Bischofsfabrik, und aus der
Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse ab. Nun bestätigte
Burke auch seine Degradierung vom Chef des höchsten Vatikangerichts zum
Kardinalspatron des klerikal unbedeutenden Malteserordens. Franziskus
entmachtete zuvor schon andere Traditionalisten in der Kurie wie Mauro
Kardinal Piacenza, Erzbischof Guido Pozzo oder den konservativen Präfekten
für die Gottesdienstordnung, den spanischen Kardinal Antonio Cañizares
Llovera. Ihn schob er aus dem Vatikan als Erzbischof nach Valencia ab. Doch
sollten noch mehr Köpfe rollen, würde dies Franziskus bald als Schwäche
ausgelegt.

Auch der deutsche Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Kardinal


Müller, kritisierte das Prozedere bei der Synode, insbesondere, dass die
Redebeiträge nicht veröffentlicht wurden. Manche behaupten, der Papst hätte
damit seinen Kritikern den Ton abgedreht. Auch andere Schachzüge, wie die
überraschende Besetzung des Redaktionskomitees für das Schlussdokument der
Synode, werden Bergoglio angekreidet. Völlig unüblich stellte er den
Verantwortlichen sechs Synodenväter bei, die alle ausnahmslos auf der
reformorientierten Linie liegen. Die Kritiker haben Argumente, wenn sie
behaupten, Franziskus steuere den Reformprozess nicht ganz unparteiisch.

Müller gehört sicher nicht zu den Unerbittlichsten, auch wenn er vehement die
Doktrin gegen Änderungen etwa im Hinblick auf die Kommunion für
wiederverheiratete Geschiedene verteidigt. Seine Nähe zur lateinamerikanischen
Befreiungstheologie macht ihn für Hardliner wie Burke verdächtig. Müller muss
sich qua Amt um den Erhalt der Lehre kümmern. Aber der Papst hat seine
Position wissentlich geschwächt und den Glaubenshüter der katholischen Kirche
lächerlich gemacht, als er im Juni 2013 Ordensleuten aus Lateinamerika sagte,
sie sollten sich keine Sorgen machen, wenn ein mahnender Brief von der
Glaubenskongregation hereinflattere. »Öffnet Türen«, soll der Papst gesagt
haben. Ihm sei eine Kirche lieber, die einen falschen Schritt tue, als eine, die vor
lauter Abgeschlossenheit krank werde. Seit dieser Satz bekannt wurde, ist Müller
erledigt.

Und dann ist da noch der Ranger. So lautet der Spitzname des australischen
Kardinals George Pell, eines ultrakonservativen Hünen mit Vergangenheit im
American Football. Der Papst hat Pell in den neunköpfigen Kardinalsrat für die
Kurienreform geholt und ihn erst vor Kurzem zum einflussreichen Sekretär des
neu geschaffenen Wirtschaftssekretariats gemacht, das alle Vermögensfragen im
Vatikan kontrolliert. Franziskus berief Pell ungeachtet aller Bedenken und nie
belegter Anschuldigungen, die gegen den Australier bereits vor Jahren als
Kandidat für die Leitung der Bischofskongregation vorgebracht wurden. Er
wurde des Kindesmissbrauchs beschuldigt. Pell gehört zu den Kompromisslosen,
er nimmt an der Traditionalisten-Wallfahrt teil, hat seinen Widerstand gegen jede
Art von Öffnung immer wieder betont. Franziskus hat mit Pells Berufung auch
ein Signal an seine Gegner gesendet. Es lautet: Wenn ihr wollt, seid ihr mit im
Boot.

Das ist eine Botschaft, mit der die weniger exponierten Kritiker nun kalkulieren
müssen, etwa der Präfekt der Bischofskongregation, Marc Kardinal Ouellet,
seine Kollegen Angelo Scola (Mailand), Carlo Caffarra (Bologna), Timothy
Dolan (New York) oder Wilfrid Fox Napier (Durban), die ihre Kritik bei der
Synode deutlich artikulierten. Dass Franziskus die Widerstände trotz allem nicht
unterschätzt, bewies er bei der Schlussansprache der Synode. »Die Aufgabe des
Papstes ist, die Einheit der Kirche zu garantieren«, stellte er fest. Allen Berichten
über Spaltungen versuchte Franziskus damit eine Absage zu erteilen.

Dass einige seiner Gegner sich immer mehr radikalisieren, hätte der Papst
ein paar Tage zuvor bei der Lektüre der konservativen Intellektuellenzeitung »Il
Foglio« feststellen können. Der katholische Theologe Roberto de Mattei nahm
dort kein Blatt vor den Mund, als er schrieb: »Heute aber muss sich der
Widerstand der höchsten kirchlichen Autorität widersetzen, sollte sie von der
immer gültigen Lehre der Kirche abweichen.« Zum Widerstand gerufen seien
»genau jene, die am stärksten die Institution des Papsttums verehren«. Das war
nichts anderes als die öffentliche Kriegserklärung gegen Franziskus.
DER POLITISCHE PAPST

Unheilige Bande
In der italienischen Mafia spielen katholische Riten eine wichtige Rolle. Nun
hat der Papst die Mafiosi exkommuniziert – eine historische Zäsur im
Kampf gegen das Verbrechen
VON ROBERTO SAVIANO
DIE ZEIT, 26.06.2014 Nr. 27

Der Papst sprach die entscheidenden Worte in Kalabrien aus, nicht in Rom. Er
wusste, sie würden klar und deutlich vernommen werden. Er war nach Cassano
an der ionischen Küste gefahren, um den Eltern des dreijährigen Cocò Trost zu
spenden. Ihr Kind war durch einen Kopfschuss getötet und dann verbrannt
worden (Cocò wurde im Januar Opfer eines Racheakts zwischen rivalisierenden
Mafia-Clans, Anm. d. Red.).

Ein ermordetes Kind ist der definitive und unumstößliche Beleg für die
Verlogenheit des Ehrbegriffs der Mafiosi. Franziskus hat mit einer einzigen
Geste die Lüge der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, zunichtegemacht: die
Lüge von der Ehrengemeinschaft, der Beschützerin der Armen und Schwachen,
die angeblich für Gerechtigkeit, Arbeit und sozialen Frieden sorgt. Man sollte
meinen, es sei selbstverständlich, dass die Kirche sich eines ermordeten Kindes
annimmt und die Täter verdammt. Aber leider ist das nicht der Fall. Der Pfarrer
von Cassano, ein Mann namens Silvio Renne, sagte kürzlich in einem Interview:
»Wie, schon wieder Cocò? Die Sache ist abgeschlossen. Wir haben ihn beerdigt.
Ich bin kein Ermittlungsbeamter. Ich bin nicht derjenige, der feststellen muss,
wer es war. Und außerdem steht noch überhaupt nicht fest, ob tatsächlich die
Drogenmafia oder die ’Ndrangheta dahintersteckt ...«
Für Papst Franziskus ist die Sache nicht abgeschlossen, und er fürchtet sich
nicht, zu sagen, die Mafia sei schuld. Ihre Mitglieder aus der christlichen
Gemeinschaft auszuschließen und diesen Ausschluss selbst in Kalabrien zu
verkünden ist mutig (»Diejenigen, die den falschen Weg wählen, wie auch die
Mafiosi, sind nicht in der in der Gemeinschaft mit Gott. Sie sind
exkommuniziert«, Anm. d. Red.). Die Exkommunikation, eine Strafe des
kanonischen Kirchenrechts, hat im Laufe der Zeit den dramatischen Charakter
verloren, den sie bis zum Ende des Kirchenstaates hatte. Jetzt aber ist sie eine
Geste von größtmöglicher Symbolkraft, geeignet, die oftmals engen
Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen. Die Worte
des Papstes klingen wie endgültige Urteile, und sie entlarven die Lügen der
Mafiosi, die sich als gläubige Katholiken und treue Angehörige der römischen
Kirche ausgeben.

Auch Papst Johannes Paul II. hatte – am 9. Mai 1993 in Agrigent – die Mafia
hart attackiert: »Bekehrt euch, die Strafe Gottes wird kommen.« Zwei Monate
später antworteten die Mafiosi von Corleone mit einer Bombe an der Kirche San
Giovanni in Laterano. Danach flaute das Anti-Mafia-Engagement der hohen
kirchlichen Würdenträger wieder ab. Es schien, als habe man diese Aufgabe
nach unten abgegeben, an die Straßenpriester, die Slumgeistlichen.

Zum Aufnahmeprozedere gehört ein Heiligenbild des Erzengels Michael

Will die Kirche nun die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, muss sie
der Exkommunikation konsequenterweise weitere, ebenso fundamentale Schritte
folgen lassen: keins der Geschenke mehr annehmen, die die Mafia ihr macht; die
Priester, die der Mitwisserschaft überführt wurden, ihres Amtes entheben und
verurteilen; eine kircheninterne Anti-Mafia-Kommission gründen, die
unabhängig von den Polizeibehörden die Verknüpfungen durchleuchten kann;
die Exkommunikationen auf katholische Politiker und Unternehmer ausweiten,
die Beziehungen zum Organisierten Verbrechen unterhalten.
Die Exkommunikation ist eine so wirkungsvolle Waffe, weil die Religion im
Selbstverständnis der Mafia eine grundlegende Rolle spielt: Die »Kultur« ihrer
Clans ist durch ein ganzes Bündel von Ritualen geregelt. So wird man zum
Mitglied der ’Ndrangheta mittels der Santina, eines papiernen
Heiligenbildchens, auf dem ein Gebet geschrieben steht. Beim Aufnahmeritual
lässt der Anwärter sein Blut auf das Bild tropfen, das den Erzengel Michael
zeigt. Er ist der Schutzpatron der ’Ndrangheta-Familien. Die oberste Führung
der Mafia wird Santa, die Heilige, genannt, einer der höchsten Ränge innerhalb
ihrer Hierarchie heißt Vangelo, Evangelium.

Die Mafia versteht sich als von der Vorsehung gewollte Ordnungsmacht: Auch
das Töten ist gerecht, wenn die Zielperson den Frieden und die Sicherheit der
»Familie« gefährdet. Die Muttergottes wird als Mittlerin angesehen: Durch sie
erkennt ihr Sohn Jesus, dass in einer Welt der Sünde und des Unrechts dieser
Gewaltakt dem Guten dient. Selbst die Sakramente werden zur Stärkung der
mafiösen Beziehungen genutzt. Früher wurden den männlichen Säuglingen am
Tag ihrer Taufe ein Messer und ein Schlüssel an die Seite gelegt. Berührte das
Kind das Messer, war es zur »Ehre« bestimmt, griff es nach dem Schlüssel,
würde aus ihm ein Polizist werden. Natürlich lag der Schlüssel immer weit weg.

Die ’Ndrangheta ist ganz und gar von der katholischen Kultur durchtränkt. Am
2. September findet alljährlich am Aspromonte-Gebirge das Fest der Madonna
von Polsi statt. Die Clanchefs mischen sich unter die Gläubigen, um neue
Mitglieder zu rekrutieren, Verbindungen zu knüpfen und Verträge zu besiegeln.
Nicht zufällig steht der »Baum der Weisheit«, ein Sinnbild der ’Ndrangheta-
Struktur, hier gleich neben dem Heiligtum.

Die Tochter eines Mafia-Bosses bekam zur Hochzeit den päpstlichen Segen

Unzählige Episoden bezeugen die Verflechtung von ’Ndrangheta und


katholischer Kirche. Die Gotteshäuser dienten den verschiedenen Clans als
Verhandlungsstätten: Während einer Messe im Jahr 1987 forderte die Witwe von
Paolo De Stefano – Boss des Archi-Clans und von der rivalisierenden Imerti-
Familie ermordet –, endlich die blutige Fehde zu beenden. Einer Reihe von
Priestern wird vorgeworfen, mit der Mafia zu kooperieren, etwa Don Nuccio
Cannizzaro, Pfarrer von Condera, der der Falschaussage zugunsten zweier
’Ndrangheta-Familien beschuldigt wird, oder Don Salvatore Santaguida, Priester
in Vibo Valentina, der der Beihilfe zu Mafia-Verbrechen angeklagt ist.

Im Jahr 2009 konnte der mächtige Condello-Clan bei einer Hochzeit sogar in der
Kathedrale von Reggio Calabria die Glückwünsche verlesen, die Papst Benedikt
XVI. durch die Vermittlung des Pfarrers von Archi, einem Stadtteil Reggio
Calabrias, dem Brautpaar zukommen ließ. Die Braut war Caterina Condello,
Tochter eines der gefährlichsten Mafia-Bosse Italiens. Ihr Bräutigam: Daniele
Ionetti, Sohn des Clan-Schatzmeisters.

Wenn ein Brautpaar einen päpstlichen Segen oder Glückwunsch wünscht,


wendet es sich üblicherweise an einen Pfarrer oder Priester seines Vertrauens,
der den Antrag an das Heiratsbüro der Kurie weiterleitet. Der Segen, den die
amtierende Kurie dieser Trauung im Condello-Clan zukommen ließ, ist ein
Skandal. Es ist kaum vorstellbar, dass man dem Familiennamen der Brautleute
keine Aufmerksamkeit geschenkt hat. Schon allein deshalb, weil Caterina
Condello und Daniele Ionetti Cousine und Cousin ersten Grades sind: Das
kanonische Kirchenrecht erlaubt die Heirat von Blutsverwandten nur in
begründeten Ausnahmefällen und nur auf einen von Pfarrer und Bischof
unterzeichneten Antrag hin.

Eine Kirche, deren Papst nun solche Worte in Richtung Mafia ausspricht, ist
nicht länger bloß eine Kirche der Märtyrer, sondern all jener Geistlichen, die
schon im Diesseits in höchst schwierigen und gefährlichen Regionen für
Gerechtigkeit kämpfen. Regionen, in denen der Staat oftmals nur bei
geringfügigen Gesetzesbrüchen einschreitet oder um Steuern einzutreiben.
Regionen, in denen den Menschen oft nur die Wahl bleibt, fortzugehen oder ein
Leben in hoffnungsloser Arbeitslosigkeit zu führen. In Kalabrien gehören Don
Giovanni Ladiana und Don Giacomo Panizza zu jenen herausragenden
Geistlichen, dank derer die Kirche praktischen Widerstand leistet: einen
Widerstand, der sich nicht bloß symbolisch gegen die Mafia wendet.

Die Exkommunikation ist nur der Anfang eines Verlaufs, der sich als epochal
erweisen könnte.

Aus dem Italienischen von Sabina Kienlechner

© 2014 Roberto Saviano

Roberto Saviano wurde 2006 mit dem Roman »Gomorrha« berühmt. Seither lebt
er versteckt. Zuletzt ist von ihm das Buch »Zero Zero Zero« über den weltweiten
Kokainhandel erschienen.
DER POLITISCHE PAPST

Wer’s glaubt, wird selig


Auf seiner Nahost-Reise setzt Papst Franziskus zahlreiche Zeichen der
Versöhnung. Kann er die Hoffnungslosigkeit in den verfeindeten Gebieten
überwinden?
VON MARCO ANSALDO, ANDREA BÖHM, BERND HAGENKORD UND ANDREAS ÖHLER
DIE ZEIT, 28.05.2014 Nr. 23

Das Leiden aller muss von allen anerkannt werden

Einen kurzen Moment schloss Jorge Bergoglio die Augen, presste Finger und
Daumen gegen die Stirn, als sei ihm schlagartig klar geworden, wie viel Druck
sich in dem riesigen Raum aufgebaut hatte. Am vergangenen Samstag in
Bethanien, an der Taufstelle Jesu im heutigen Jordanien, hatten sich etwa 600
Menschen in einer Kirche versammelt: Priester, Nonnen, Flüchtlinge,
Schwerstkranke, Helfer. Ein elfjähriger Leukämiepatient erzählte von seiner
Angst, durch die Chemotherapie die Haare zu verlieren; eine irakische Christin
berichtete von der Höllenfahrt ihres Heimatlandes in den Fundamentalismus; ein
geistig Behinderter schleppte sich mühsam die Stufen zum Stuhl des Pontifex
hinauf. Zu einer Rollstuhlfahrerin stieg Franziskus dann selbst hinunter.

Das Ereignis war vorbereitet, und trotzdem haftete ihm etwas sympathisch
Unbeholfenes an. Weil nicht alles wie am Schnürchen klappte, weil es keinen
medialen Höhepunkt gab, keine Umarmung mit Staatschefs, keine kühnen
Gesten an symbolischen Orten. Es ging am Beginn der Papstreise ums Zuhören,
um die Grundübung menschlicher Anteilnahme. Das historische Bild dieser
Reise entstand einen Tag später: Franziskus, im Gebet versunken, den Kopf an
die Mauer gelehnt, die die Israelis für einen Schutzwall und die Palästinenser für
eine Gefängnismauer halten. Schweigend, betend, trauernd. Es war eine simple
und doch gewagte Einmischung in den klinisch toten Nahost-Friedensprozess.

Sie passte zur neuerlichen Intervention des Papstes in die Flüchtlingspolitik. Er


wolle die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« bekämpfen, hatte er im Juli
2013 bei seiner ersten Auslandsreise nach Lampedusa gesagt, Europas
Rettungsinsel, umgeben von einem Seefriedhof für die Ertrunkenen. Schon da
bewies Franziskus ein Gespür für Symbolik, als er vor Anwohnern, Seeleuten,
Touristen und gestrandeten Afrikanern eine Messe mit einem Fischerkahn als
Altar und einem Ruderteil als Hirtenstab hielt. Im violetten Gewand der Buße
bat er die Ertrunkenen und seinen Gott um Vergebung für Europas Sünde der
Abschottung.

Im Unterschied zu Europa ist der Nahe Osten keine Gegend, deren Bürger man
beim Thema Flüchtlinge der Gleichgültigkeit bezichtigen könnte. Sie haben zu
ihnen ein intensives, ein brutal unsentimentales Verhältnis. Viele mussten selbst
fliehen, andere haben ihre Nachbarn vertrieben, und einige waren beides: Jäger
und Gejagte. Der Libanon, kleinstes Nachbarland Syriens und größtes
Auffanglager mit über einer Million syrischer Flüchtlinge, ist voller Geschichten
der Vertreibung. Jordanien und der Rest des Nahen und Mittleren Ostens kennen
die Geschichten auch. Irgendwo findet hier immer ein Exodus statt.

Kein Papst kann so etwas verhindern. Aber er kann den Fatalismus der
internationalen Politik bloßstellen. Das hat Franziskus in Jordanien getan, indem
er die Aufnahme von über 600.000 syrischen Flüchtlingen in dem kleinen Land
lobte – und dann die internationale Gemeinschaft davor warnte, Syriens
Nachbarländer mit der Krise allein zu lassen. Jorge Bergoglio hätte es bei dieser
Mahnung belassen können. Stattdessen absolvierte er ein Besuchsprogramm, das
jedem Diplomaten den Angstschweiß ins Gesicht getrieben hätte, weil es
gespickt war mit heiklen Stationen. Man kann die Route auch einfach als eine
Nacherzählung von Flucht und Vertreibung der vergangenen Jahrzehnte lesen.
Auf die Begegnung in Bethanien mit den Opfern der aktuellen Gewalt in Syrien
und im Irak folgte sein Besuch im palästinensischen Flüchtlingslager Dheisheh
bei Bethlehem, in dem manche Bewohner bis heute die Schlüssel der Häuser in
Hebron und Jerusalem aufbewahren, aus denen ihre Großeltern 1948 im
israelisch-arabischen Krieg vertrieben wurden.

Am Montag dann stand Franziskus in Jad Vaschem, Israels


Holocaustgedenkstätte. Dort hielt er eine ungewöhnliche Trauerrede, die den
Klageruf »Adam, wo bist du?« variierte. Damit erinnerte der Papst an Primo
Levis Überlebensbericht aus Auschwitz (Ist das ein Mensch?) und klagte die
Mörder an. Spektakulär war, dass er mehrfach »wir« sagte, wenn er von den
Mördern sprach. »Wir« aber bedeutet bei einem Papst zunächst: wir Christen.
Die Rede war eine Selbstanklage, ein Schuldbekenntnis. Franziskus rief so die
ganze Geschichte des Antisemitismus auf. Reuevoll und voller Trauer verneigte
er sich vor den Juden als älteren Glaubensbrüdern. Sein Credo: Das Leiden aller
muss von allen Anerkennung finden, damit ein Ausweg aus der Gewalt möglich
wird.

Versöhnung gelingt nicht, wenn die Gegner nur verhandeln

Kann der Glaube etwas, was die Politik nicht kann? An der Trennmauer
zwischen Israel und Palästina sah es so aus. Palästinensische Parolen kamen aus
den Lautsprechern, als der Papst still seine Hand auf die Mauer legte und betete.
Es war keine anklagende Geste, sondern eine Klage. Nur eine Stunde später lud
er Mahmud Abbas und Schimon Peres zum Friedensgebet in den Vatikan ein.
Beide sagten zu. Die Geste an der Mauer in Bethlehem wiederholte Franziskus
einen Tag später an der Klagemauer. Auch hier legte er die Hand an den Stein
und versenkte sich still ins Gebet.

Viele im Nahen Osten waren überzeugt, dass die Papstreise gelungen wäre,
wenn währenddessen nichts passiert sei. Der Frieden sei unerreichbar, jeder
Politiker könne nur Fehler machen. Doch Papst Franziskus hat gezeigt, dass
Versöhnung immer möglich ist – unter ein paar Bedingungen. Versöhnung
braucht zunächst den Mut, das Leid der Opfer zu sehen. Deshalb besuchte er die
Flüchtlinge in Palästina, aber auch einen Gedenkort für die israelischen Opfer
des islamistischen Terrors. Seine Besuche galten den Opfern auf beiden Seiten,
sein Zorn galt den Feinden des Friedens auf beiden Seiten. Wütend beschimpfte
Franziskus die Waffenhändler, die den Krieg in Syrien seit Jahren am Leben
erhalten und vom Sterben profitieren.

Denn das Benennen und das Bekennen der Sünden sind die Voraussetzung für
Vergebung. So sieht es die katholische Kirche. Aber der Papst signalisierte auch,
dass Demut entscheidend ist: Einer muss den ersten Schritt zum Frieden tun.

Das ist schwer. Es mag sogar ungerecht erscheinen. Einige Kommentatoren


sagten denn auch zu dem Gebet des Papstes an der Mauer in Bethlehem: Erst,
wenn der Vatikan seine Mauern niederreiße, werde man zuhören, was der Papst
über die Mauern in Israel zu sagen habe. Aber genau gegen diese Logik der
wechselseitigen Bezichtigung wollte der Papst antreten. Deutlich zeigte er das
beim Besuch der Flüchtlinge: Ein palästinensischer Junge hatte dem Papst seine
Wünsche vorgetragen, hatte vom Recht der Palästinenser auf ihr Land
gesprochen und war dabei heftig und fordernd aufgetreten. Da ermahnte ihn der
Papst freundlich, dass mit dem Zorn genau jene Gewalt beginne, die zu
überwinden sei. Jeder müsse bei sich selber anfangen, statt ein Einlenken immer
zuerst vom Anderen zu verlangen.

Versöhnung gelingt nicht, wenn beide Parteien die Bedingungen aushandeln


wollen, sondern nur, wenn einer das Risiko des Friedens eingeht. Das war die
Botschaft: Wer darauf wartet, dass der andere den ersten Schritt macht, der
wartet ewig.
Viele Ansprachen des Papstes sind voll von Bewegungsverben: aus sich
herausgehen, aufbrechen, unterwegs sein, suchen. Dahinter steckt immer der
Gedanke: Wer sich in sich selber verschließt, schafft keine Versöhnung. Nicht
vor Gott und nicht mit den Menschen. Der Papst verschweigt nicht, dass erste
Schritte riskant sind. Wer sie geht, läuft Gefahr, sich auszuliefern,
zurückgewiesen zu werden, Schwäche zu zeigen. Versöhnung ist deswegen nur
etwas für Mutige. Und zum Mut gehört die Bitte um Vergebung. Sie ist mehr als
eine schnelle Entschuldigung. Sie muss gewährt werden, man erlangt sie nicht
selbst, sie hängt vom Gegenüber ab.

Das war der tiefere Sinn der Meditation in Jad Vaschem: Wo wir Verbrechen
begangen haben, da müssen wir vor den Opfern, aber auch vor Gott Reue zeigen
und erst dann um Vergebung erbitten. Wir selber können uns nicht vergeben.
Theologisch gesagt: Wir selber können uns nicht erlösen.

Und so wird bei Franziskus die Religion zur Politik. Sein Gebet ist keine Flucht
vor der Härte der Welt, sondern eine Reaktion auf das Leiden der Menschen.
Sein Gebet ist ein erster Schritt, um die Feindschaft zu überwinden.

Die meisten glauben nicht, dass Löwe und Lamm friedlich miteinander
grasen

Als Papst Franziskus, von Bethlehem kommend, den Boden des Ben-Gurion-
Flughafens betrat, hatte er den Israelis schon einiges zugemutet. Er hatte Abbas
umarmt und als Friedensfreund bezeichnet. Er hatte sich von einem
Flüchtlingsmädchen ein rot-weißes Palästinensertuch, eine Kefiah, schenken
lassen und den ganzen Tag um den Hals getragen. Er hatte die Moschee auf dem
Tempelberg besucht und eigenhändig seine Schuhe ausgezogen. Doch die junge
Generation in Israel schien unbeeindruckt.

Als der Fußballverein Makabi Tel Aviv, die Bayern Münchner unter den
israelischen Kickern, sich während des Papstbesuches den Pokal holten, regierte
in Jerusalem vor den Videoleinwänden der Sportbars nur der Fußballgott. Der
katholische Papst interessierte die junge Spaßgeneration nicht. Seine
Friedensmission lässt sie kalt. Denn das Ringen um den Frieden ist ein endloses
Spiel, das nie zum Ende kommt. Beim Fußball gibt es nach neunzig Minuten ein
Ergebnis. Bei den Friedensverhandlungen kommt nichts heraus. Der betende
Franziskus ist ja nicht der erste Papst, der im Nahen Osten für den Frieden betet.
So sehen es die Gleichgültigen.

Daneben gibt es noch die Papstverächter, die dafür sorgten, dass sich in den
Partylärm der Fußballfans das Geheul der Polizeisirenen mischte. Am Sonntag
lieferten sich über hundert national-orthodoxe Juden mit Häkelkippa und in
Jeans eine kleine Straßenschlacht mit der Polizei, wobei Flaschen und Steine
flogen. Sie wollten über die Absperrungen gelangen, die vor dem Davidgrab
aufgestellt waren. Sie hassen den Papst, weil er im Abendmahlssaal eine Messe
feierte und dadurch ein jüdisches Heiligtum befleckte. Sie boten dem Papst die
hitzige Stirn der Rechtgläubigen und nicht die kalte Schulter der Partyjugend.

Tatsächlich hat der Papst die israelische Gesellschaft polarisiert. Was alle
Gruppen eint, ist aber der Argwohn, mit dem sie von außen kommende
Friedensinitiativen betrachten. Meist werden die dem Sicherheitsbedürfnis der
Israelis nicht gerecht. Seit Abbas den Schulterschluss mit Hamas sucht, glauben
95 Prozent der Israelis nicht mehr an eine Zweistaatenlösung. Und sie glauben
auch nicht, dass Löwe und Lamm friedlich miteinander grasen, sobald die
Betonwand an der Grenze Israels zum Westjordanland geschleift wird. So
menschenunwürdig sie auch ist, so sicher schützt sie doch Menschenleben.
Zähneknirschend lassen sich auch orthodoxe Juden schützen, die keinen Finger
krumm machen würden für den zionistischen Staat nach europäischem Vorbild.
Sie finden: Wir waren schon vor Jesus da und werden nicht den Stellvertreter des
Christengottes entscheiden lassen, wie Araber und Juden im Land gemeinsamer
biblischer Väter friedlich zusammenleben können.

Die päpstlichen Friedensofferten werden in Israel auch als paternalistisch


empfunden. Selbst von Christen. Der Benediktinermönch Nicodemus Schnabel
auf dem Zionsberg sitzt genau zwischen den Fronten, zwischen Synagoge,
Moschee und Abendmahlssaal. Er sagt: »Die Christen, auf deren Schultern Papst
Franziskus seinen Frieden legen möchte, verlassen das Gelobte Land, weil auch
sie nicht mehr an einen Frieden glauben.« Während der Papst in der westlichen
Welt noch Emphase hervorruft, wird er im Nahen Osten illusionslos gesehen.
Wer aus dem Westen kommt, auch wenn er ursprünglich Argentinier ist, steht im
Verdacht, nur deshalb vom Frieden zu reden, um mit dem Nahostkonflikt endlich
in Frieden gelassen zu werden.

Marco Ansaldo ist Vatikanist der italienischen Tageszeitung »La Repubblica«,


Andrea Böhm ist Nahostkorrespondentin der ZEIT in Beirut; Pater Bernd
Hagenkord leitet die deutsche Sektion von Radio Vatican in Rom; Andreas Öhler
ist Redakteur der ZEIT-Beilage »Christ & Welt«.
DER POLITISCHE PAPST

Der Papst und die Wirtschaft


Franziskus kritisiert in seinem Lehrschreiben den Kapitalismus. Auch
Christen sind gut beraten, ihm da nicht zu folgen
VON RÜDIGER JUNGBLUTH
DIE ZEIT, 19.12.2013 Nr. 52

Hat er das wirklich geschrieben? Dass unser Wirtschaftssystem »an der Wurzel
ungerecht« ist? So stand es in vielen Zeitungen. Papst Franziskus verdamme den
Kapitalismus. Ein System, das immerhin Milliarden Menschen aus der Armut
befreit und vielen großen Wohlstand gebracht hat.

Nahrungsmittel, Wohnungen, Medikamente, Kommunikationsgeräte – all das


wird fast überall auf Märkten geschaffen und in Ländern, in denen die
Produktionsmittel in Privatbesitz sind und das Eigentum vom Staat garantiert
wird. Und das soll eine unmoralische Veranstaltung sein?

In Wahrheit ist das nicht das Urteil des Papstes, er hat sich in seinem
Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium differenzierter ausgedrückt. Dort
schreibt er: »Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil
ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine
politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die
unbeschränkt Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die
soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System
ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche
System an der Wurzel ungerecht ist.«

Die Ungerechtigkeit besteht für den Papst also darin, dass das System einen Teil
der Menschen, die Armen, sich selbst überlässt. Eine Ordnung, wie es sie heute
in Deutschland gibt, wäre demnach nicht »an der Wurzel ungerecht«.

Tatsächlich befürwortet der Papst in seinem Schreiben zentrale Elemente des


Kapitalismus. Er bekennt sich zum Privateigentum. Es sei dadurch
gerechtfertigt, dass die Güter so besser gehütet und gemehrt werden könnten,
was dem Gemeinwohl diene. Er würdigt den Unternehmer: Dessen Tätigkeit sei
eine »edle Arbeit«, weil er die Güter mehre und so für alle zugänglicher mache.
In einem Nebensatz vertritt der Papst sogar die Ansicht, dass ein »Wachstum an
Gerechtigkeit« ein Wachstum der Wirtschaft voraussetze.

Andererseits formuliert er ein entschiedenes »Nein zu einer Wirtschaft der


Ausschließung und der Disparität der Einkommen«. Was er mit Ausschließung
meint, erläutert er an einem wütend vorgebrachten Beispiel: »Es ist unglaublich,
dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der
Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte an der Börse
Schlagzeilen macht.« Einleuchtend ist das nicht. Für Deutschland stimmt es auch
nicht. Über Erfrierungstote wird berichtet, und ebenso täglich über die
Preisentwicklungen an der Börse, weil sie für viele Menschen und Unternehmen
von Bedeutung sind. Das eine hat aber mit dem anderen nichts zu tun.

Auch wenn der Papst sich dagegen wendet, »dass Nahrungsmittel weggeworfen
werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden«, stellt er einen
Zusammenhang her, den es so nicht gibt. Mit einem Ende der Verschwendung in
den reichen Ländern ist den Menschen in den armen Ländern nicht zu helfen,
mit einem Verzicht auf Fleischkonsum viel mehr.

Franziskus zeichnet ein Bild der Wirtschaft, die von Kampf geprägt ist. »Heute
spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem
Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichtemacht.«
Wäre diese Analyse zutreffend, hätte IBM Google vernichtet, Time Warner hätte
Facebook zerstört, und General Electric und die AEG hätten verhindert, dass aus
Sony oder Samsung etwas werden konnte.

Wenn sich die Wirtschaft nach einem Gesetz abspielt, ist es das Gesetz des
Besseren. Dabei ist evident, dass es wirtschaftliche Macht gibt. Aber sie bildet
und verteilt sich immer wieder neu. Es ist ein evolutionärer Prozess (und damit
ein Phänomen von der Art, mit der sich die Kirche traditionell schwertut).

Als Ursache der Finanzkrise benennt Franziskus eine »anthropologische Krise«,


»die Leugnung des Vorrangs des Menschen!«. Ein Schlagwort, das nichts erklärt.
In Wahrheit waren die lockere Geldpolitik der Fed (die den arbeitslosen
Menschen Vorrang gab), das US-Programm »Häuser und Kredite für Arme«
sowie der Herdentrieb und die übermäßige Vernetzung an den Finanzmärkten die
Gründe der Krise. Und der ganze Schlamassel hatte auf allen Ebenen sehr
menschliche Gründe.

Franziskus zeigt wenig Verständnis für das, was in der Wirtschaft vorgeht und
was sie ausmacht. Er nennt es ein »Gift«, wenn Arbeitsplätze abgeschafft
werden, um die Ertragsfähigkeit zu steigern. In Wahrheit ist das, was den
einzelnen Arbeitsplatz immer wieder bedroht, der Anstieg der Produktivität, das
Bemühen also, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen. Ein Unternehmen, das
besser wird, aber seinen Absatz nicht steigern kann, braucht weniger Mitarbeiter.
In den reichen Ländern kam der Reichtum nicht zuletzt dadurch zustande, dass
viele Millionen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft abgeschafft wurden.

»Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel des sozialen Übels«,
dekretiert der Papst. Man fragt sich: Ist die gerechte Welt für ihn die, in der jeder
das Gleiche hat? Unabhängig von der Lebensweise, der Leistung, der
Qualifikation, dem Nutzen für andere, die Gesellschaft? Und was soll der
Maßstab sein? Die Meinung einer Kommission, die der jeweiligen politischen
Mehrheit? Oder die der Kirche?

Plausibler ist die These, dass die Ungleichverteilung von Einkommen ein
Antriebsmotor des wirtschaftlichen Fortschritts und der Zivilisation ist. Dass der
Prozess nicht gleichmäßig vonstattengeht, dass immer einige führen und andere
folgen. Was nicht ausschließt, dass Gesellschaften mit weniger großen
Einkommensunterschieden friedlicher sind.

Der Papst wendet sich gegen eine »Vergötterung des Geldes« und gegen einen
»vergötterten Markt«. Das ist eine bei einem Kirchenoberhaupt verständliche
Sorge, neben seinem Gott darf es keine anderen Götter geben. Geld müsse
dienen, statt zu regieren, schreibt er und mahnt die Menschen zur
»uneigennützigen Solidarität«. Das ist christlich, aber wohl nicht realistisch. In
der Wirklichkeit regiert das Prinzip der Reziprozität: Ich gebe, damit du gibst,
damit ich gebe. Die Wissenschaft hat zahlreiche Belege dafür, dass menschliche
Solidarität ein zugleich eigennütziges Verhalten ist. Menschen helfen einander,
weil sie wissen, dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Altruismus ist evolutionär
vorteilhaft. Die Stärke der menschlichen Art besteht in ihrer herausragenden
Kooperationsfähigkeit. Als Problem erweist sich in arbeitsteiligen
Großgesellschaften, in denen typischerweise einander Fremde
zusammenarbeiten müssen, das Misstrauen. Woher weiß ich, dass es der andere
ehrlich meint? Auch um dieses Hindernis in der menschlichen Entwicklung zu
überwinden, entstand das Geld. Es ersetzt Vertrauen in Situationen, in denen
dieses nicht aufgebaut werden konnte – und macht Menschen kooperativ.

Das zentrale Thema dieses Papstes ist die Armut. »Der ganze Weg unserer
Erlösung ist von den Armen geprägt«, sagt er. Franziskus prangert die
Gleichgültigkeit an. Wir im Norden und Westen verlören die Ruhe nur noch,
»wenn der Markt etwas anbietet, was wir noch nicht gekauft haben«, während
uns das »Drama der anderen« in keiner Weise erschüttere.
Tatsächlich gibt es ein weltweites Bemühen, die Armut zu bekämpfen, und es ist
nicht ohne Erfolg geblieben. Auf der Erde leben 1,2 Milliarden Menschen in
extremer Armut. Eine schreckliche Zahl, aber es sind 700 Millionen weniger als
vor 30 Jahren. Eingedämmt wurde die Armut vor allem in China, Indien und
Brasilien. China ist ein Beispiel dafür, wie Armut zurückgeht, wenn die
Koordination der Wirtschaft über Märkte läuft.

Für den Papst ist die Wirtschaft etwas Statisches, er nennt das griechische Wort
oikonomia und spricht von der »angemessenen Verwaltung des gemeinsamen
Hauses«. Passt dieses Bild zur Situation auf der Erde? Ausgeblendet wird, dass
wir eine historisch beispiellose Menschenvermehrung erleben, vor allem in den
unterentwickelten Staaten. Heute sind es fast 7,2 Milliarden, fast dreimal so viel
wie 1950. Dieses Bevölkerungswachstum muss wirtschaftlich bewältigt werden.
Darin liegt die Herausforderung – aber der Papst erwähnt sie mit keinem Wort.

Eine Ursache der Überbevölkerung sind Geburten, die von den Eltern nicht
gewollt sind. Und eines der größten Hindernisse dafür, dass Frauen, die keinen
Kinderwunsch haben, Verhütungsmittel einsetzen, ist vielerorts die katholische
Kirche. Darüber schreibt der Papst kein Wort. Wichtig ist ihm dagegen, die
kirchliche »Verteidigung des Lebens der Ungeborenen« zu bekräftigen.
DER POLITISCHE PAPST

Der abgeordnete Franziskus


Kirche ist nicht das Gegenteil weltlichen Übels: Der Papst tritt als
Europapolitiker auf
VON MARCO ANSALDO UND EVELYN FINGER
DIE ZEIT, 27.11.2014 Nr. 49

Ein Kirchenbesuch war nicht vorgesehen. Und die Kirche selbst kam in seinen
beiden Reden erst ganz am Ende vor. Das war, nun: höchst ungewöhnlich für
einen Papst. Denn noch keiner seiner Amtsvorgänger hatte eine offizielle
Auslandsreise unternommen, ohne ein Gotteshaus zu betreten. Und dass dieser
Franziskus den Parlamentariern in Straßburg nicht die Bedeutung Roms für
Europa predigte, sondern die Bedeutung Europas für die Menschen, war eine
kühne Wende. Weg von einer Theologie der politischen Selbstbehauptung hin zu
einer politischen Theologie der Dienstbarkeit. Frei nach der biblischen Devise:
Der Papst ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Papst.

Aber aus der Bibel zitierte Franziskus auch nicht, jedenfalls nicht direkt.
Stattdessen beschwor er die Denker des ganz alten Europa, die beiden
einflussreichsten antiken Moralphilosophen Platon und Aristoteles. Im Vatikan
nämlich, auf einem Fresko in der Stanza della Signatura, seien die beiden Lehrer
zu sehen. Platon deutet mit dem Finger nach oben, zur Welt der Ideen.
Aristoteles streckt die Hand nach dem Betrachter aus, nach der Wirklichkeit.
Woran man sehe, so der Papst, dass die europäische Geschichte eine stete
Begegnung zwischen Himmel und Erde sei. Dieses Europa hatte schon immer
einen Sinn für Götter! Oder parlamentstauglicher ausgedrückt: »für die
transzendente Dimension des Lebens«, den »humanistischen Geist«. Er befähige
uns erst, die Einzigartigkeit und Kostbarkeit jedes Menschen zu erkennen,
kurzum: die Menschenwürde. Franziskus nannte sie in Straßburg eine
»transzendente Würde« – weil sie sich irdischen Kategorien wie Nützlichkeit,
Brauchbarkeit, Profitabilität entzieht.

Aus diesem Gedanken leitete Franziskus seine zwei langen Reden ab, die in sehr
weltlichen Worten einen frommen Wunsch ausmalten: Im Zentrum der Welt
solle nicht die Politik, nicht die Wirtschaft und auch nicht die Kirche stehen,
sondern der Mensch.

Und damit war Franziskus bei seinem Thema: den Armen, den Schwachen, den
Kranken, den Hungernden, den Verfolgten, den Flüchtlingen, den Arbeitslosen,
den Verzweifelten, den Einsamen und allen irgendwie Hilfsbedürftigen. Für sie
spricht Franziskus bei jeder Gelegenheit, sie besucht und berührt er mit einem
seltenen Mangel an Scheu. Ein römischer Psychologe, Jesuit wie der Papst, hat
einmal erklärt, die Fähigkeit dieses Franziskus, auch die Aussätzigen und schwer
Versehrten zu berühren, vor denen wir anderen zurückschrecken, weil sie uns an
unsere eigene Verletzlichkeit erinnern, beruhe auf einem extremen Mangel an
Todesangst – und sei der eigentliche Ausdruck seines Gottvertrauens.

Doch Gott vertrauen heißt eben nicht, sich auf Gott verlassen. Das hat der
Barmherzigkeitspapst auch vor den Parlamentariern betont. Es ist der Kern
seiner theologie engagée. Normalerweise predigt er sie gern in scharfen
Warnsätzen à la: »Diese Wirtschaft tötet!« In Straßburg klang seine Sprache
gestelzter, wahrscheinlich hatten seine kurialen Redigatoren ihm zu
diplomatischer Politprosa geraten. Dennoch gelang ihm der Lobpreis einer
modernen politischen Errungenschaft: Dass jeder, wirklich jeder Mensch eine
Würde habe, sei die wahre europäische Idee.

Und für diese Idee stehen heute Europaparlament und Europarat. »Würde ist das
Schlüsselwort, das den Aufschwung der zweiten Nachkriegszeit charakterisiert
hat. In unserer jüngeren Geschichte wurde der Schutz der Menschenwürde zum
zentralen Anliegen – gegen Gewalt und Diskriminierung.« Eine besondere Rolle
spiele dabei der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte: Er sei das
Gewissen Europas.

Ein mutiger Satz für einen Papst. Erinnert sich noch jemand, wie schwer es den
Kirchen fiel, die Menschenrechte anzuerkennen? Der Vatikan selbst hat die UN-
Menschenrechts-Charta bis heute nicht unterschrieben (mit der Begründung,
dass er kein Vollmitglied der UN ist). Wird das nun bald nachgeholt? Und wie
viele Religionsführer schaffen es schon, wenn sie über das Verhältnis von
Religion und Politik reden, sich nicht selbst als Weltgewissen anzupreisen?
Franziskus sagte in Straßburg über die Rolle der Kirche ganz bescheiden, sie sei
»Expertin in allem, was den Menschen betrifft«. Christus leite sie, den »Weg der
Menschheit« zu unterstützen und »Zeugnis der Wahrheit« abzulegen.

Auch zu Letzterem hat Franziskus seine Straßburger Reise genutzt, und darin
war er dann wieder alles andere als demütig. Er schimpfte über Egoismus,
Machtstreben, die sinnlose Anhäufung materieller Güter und natürlich die
»Globalisierung der Gleichgültigkeit«. Aber er tat nicht so, als sei seine Kirche
das Gegenteil all dieser Übel.

Das ist das Neue an diesem Papst: Für Franziskus ist die Welt nichts
Verdammenswertes, sondern lediglich etwas ewig Verbesserungsbedürftiges.
Deshalb ist auch das Christentum nicht erhaben über die Welt, bewährt sich nicht
gegen sie oder jenseits von ihr, sondern in ihrer Mitte. Daraus folgt für den
Papst: Er ist keine moralische Instanz über der Politik, sondern in der Politik.
Deshalb fiel es Franziskus in Straßburg leicht, sich nicht als Moralapostel
aufzuspielen, sondern als Europaprediger aufzutreten. Er ermahnte die Politiker
sogar, die Demokratie zu verteidigen – »ein Europa, das den Himmel im Blick
hat und Ideale verfolgt«. Dieser Himmel aber ist ausdrücklich nicht nur der
Himmel des Christentums, und diese Ideale bewähren sich sozusagen auf
aristotelische Weise. Ob der Papst die Anekdote kennt? Als man Aristoteles
einmal den Vorwurf machte, er habe einen unwürdigen Menschen beschenkt,
antwortete er: Er habe nicht daran gedacht, wie schlecht jener sei, sondern dass
er ein Mensch sei. – Der Satz könnte auch von Franziskus stammen.

In Straßburg jedenfalls haben sie ihm lange applaudiert für seinen


Mutmachbesuch. So einfach wird es in der Türkei nicht werden. Dorthin fliegt
der Papst am Freitag – und er wird sich nicht allein zum Islam verhalten müssen
(die interreligiöse Freundschaft mit Muslimen wie mit Juden fiel ihm bislang
leicht), sondern auch zu Erdoğans erzkonservativer Religionspolitik.

Die erste Konfrontation fand schon vor dem Reiseantritt statt: Ausgerechnet
Franziskus, der Papst der Armen, soll nun der erste wichtige Gast in Erdoğans
neuem Prunkpalast Ak Saray sein. Gegen den protzigen Regierungssitz vor den
Toren Ankaras hatten türkische Architekten ebenso wie Umweltschützer
demonstriert. Die Berater von Papst Franziskus waren also nicht erfreut über das
Quartier, aber sagten am Ende zu, Franziskus werde dort wohnen. »Hätten wir
abgelehnt«, heißt es an der Spitze des römischen Staatssekretariats, »wäre es
dem Verweigern einer Einladung gleichgekommen.«

Wie wird der Papst der Bescheidenheit dem Machtmenschen Erdoğan begegnen?
Wahrscheinlich mit derselben unerbittlichen Freundlichkeit, die auch gegenüber
den Reformgegnern in der römischen Kurie seine Methode ist. Ankara hatte den
Pontifex lange auf eine Einladung warten lassen. Beinahe wäre die Reise
geplatzt, heißt es im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls. Der Verantwortliche
für die päpstlichen Reisen, Alberto Gasbarri, als er um einen Vorbesuch bat, soll
aus der Türkei die Antwort bekommen haben: »Besuchen Sie uns vorher gern
auf einen Kaffee.« Noch peinlicher war, dass im Vorfeld ein türkischer Diplomat
in den Vatikan reiste, um Einsicht in die Reden des Papstes für die Türkei zu
nehmen – die einzige Sache, die die Gastgeber bei der ganzen Reise nicht
kontrollieren können.
Nun kommt es wieder auf Franziskus als Redner an. Er will sich, heißt es aus
Rom, an den »Islamischen Staat« im Nordirak wenden und das gewalttätige
Kalifat verurteilen. Er will gegen den fundamentalistischen Missbrauch der
Religion wettern. Er will einen Dialog der unterschiedlichen Glaubensrichtungen
fordern und sich für die verfolgten Christen starkmachen. Interessant wird es,
wenn der Papst auf den Chef der türkischen Religionsbehörde, Mehmet Görmez,
trifft. Görmez hatte Franziskus kritisiert, er solle nicht dauernd den Pilgern die
Füße waschen und Fußballspiele im Vatikan organisieren, sondern lieber die
Angriffe auf Moscheen in Deutschland verurteilen.

Wird es Franziskus unter diesen Umständen gelingen, Versöhnung zu predigen?


Wird er den Mut finden, die Türkei als Transitland für islamistische Terroristen
auf ihrem Weg nach Syrien und in den Irak zu kritisieren? In Straßburg hat
Franziskus gesagt, was Frieden bedeute: »im anderen nicht den Feind sehen,
sondern den Bruder«. In dieser Sache wird der sanfte Mann aus Rom hart
bleiben müssen, wenn seine nächste Friedensmission gelingen soll.
DER POLITISCHE PAPST

Sie wollen den Papst töten


Seine Sanftmut erregt den Zorn der Islamisten. Warum sie Franziskus
ermorden und Rom erobern wollen
VON THOMAS ASSHEUER
DIE ZEIT, 04.12.2014 Nr. 50

Und er hat es wieder gesagt: Der »Islamische Staat« (IS), so erklärte sein
Chefideologe Abu Bakr al-Bagdadi vor Kurzem, werde »mit Allahs Segen« die
Stadt Rom erobern. Angeblich hatten seine Milizionäre bereits ein Attentat auf
den Papst geplant; das Magazin Dabiq, eine Art Werbezeitschrift des IS, lässt
auf einer Fotomontage schon einmal die schwarze Flagge über dem Vatikan
wehen.

Warum um Himmels willen hat es der »Islamische Staat« ausgerechnet auf Papst
Franziskus abgesehen, diesen Apostel der Sanftmut? Auf einen
Fundamentalisten der Friedfertigkeit, der seine wunderliche römische Enklave
nicht mit Raketen oder Drohnen verteidigt, sondern mit Worten, Weihrauch und
Weihwasser?

Es gibt einige naheliegende Antworten, sie sind schnell aufgezählt: Ein


Anschlag auf den Papst wäre ein globales Schockereignis, das man nie wieder
vergisst und dem Westen ein weiteres Trauma zufügen würde, die nächste
Niederlage im »Kampf um die Weltherrschaft«. Gläubige, Andersgläubige und
Nichtgläubige – keiner soll sich mehr sicher fühlen, keiner soll mehr in
Erwartung einer besseren Zukunft leben, sondern allein in Erwartung des
nächsten Anschlags.
Auch das andere terroristische Kalkül liegt auf der Hand. Ein Attentat auf den
Vatikan wäre für den IS ein Attentat auf das spirituelle Herz des Westens.
Während Al-Kaida am 11. September 2001 den »gottlosen Materialismus« ins
Herz traf, träfe ein Anschlag auf den Papst die Religion der westlichen
»Kreuzzügler« – nicht den kapitalistischen Götzendienst, sondern jenen
imperialistischen Geist, der angeblich Gott sagt, aber Gold meint. Denn im
Zeichen des Kreuzes hatte der Westen die Welt erobert, und dieses Zeichen
empfand der Islam zugleich als theologische Provokation. Wie kann die
Gründungserzählung einer Religion darin bestehen, dass sündige Menschen
Gottes Sohn ans Kreuz nageln? Wie kann es sein, dass der absolute Gott durch
die Erfindung eines Sohnes aus dem Himmel auf die Erde herabgezogen und
schmutzigen weltlichen Interessen dienstbar gemacht wird?

Natürlich ist es höchst unwahrscheinlich, dass dem Fußvolk des »Islamischen


Staates« solche theologischen Denkfiguren vertraut sind. Ihre Kopfabschneider
und Selbstmordattentäter beten ein paar Killerphrasen herunter und vertreten
einen Primitiv-Islam wie aus dem Comicheft.

Ganz anders verhält es sich mit ihrem Einpeitscher Abu Bakr al-Bagdadi, dem
Führer des »Islamischen Staates«. Er weiß, was er sagt, denn er stammt aus einer
Gelehrtenfamilie in der irakischen Stadt Samarra und war Professor für
islamische Theologie. Al-Bagdadi ist obsessiv auf das christliche
Kreuzessymbol fixiert, sogar sein Judenhass scheint dahinter zurückzutreten.
Immer wieder zeigen seine Propagandavideos, wie Dschihadisten als Rächer
auftreten und »Ungläubige« ans Kreuz schlagen.

Al-Bagdadi, so könnte man sagen, militarisiert das islamische Tiefengedächtnis,


er will Rache nehmen an einem Eroberungs-Christentum, das für ihn immer
noch die Leitideologie des Westens bildet. Dieser Westen, behauptet er, habe die
Muslime mit christlich gefärbten Parolen wie »Frieden, Koexistenz, Freiheit,
Demokratie, Säkularismus oder Nationalismus verwirrt und geknechtet«. Aus
diesem Grund muss für ihn der Kreuzesglauben gekreuzigt werden – alles, was
jemals mit den Kreuzrittern in Berührung kam, wird spurlos vernichtet, selbst
schiitische Kulturdenkmäler. Am Ende steht für Bagdadi der Marsch auf Rom
und der Kampf des islamischen Kalifats gegen das Zentrum der christlichen
Häresie.

Papst Franziskus als geistiges Oberhaupt der westlichen Kreuzzugsreligion, als


Spiritus Rector des Imperiums? Und die U. S. Army als sein bewaffneter Arm?
Das ist so absurd und so verrückt, dass selbst einem dschihadistischen
Durchschnittsfanatiker Zweifel kommen müssen. Vieles spricht dafür, dass es
sich genau umgekehrt verhält: Der Papst zieht Al-Bagdadis Hass auf sich, weil
er eben nicht integraler Bestandteil des westlichen »Imperiums« ist, sondern
weil er außerhalb des globalen Machtfeldes steht – außerhalb weltpolitischer
Ränkespiele, außerhalb nationaler Kalküle und partikularer Interessen.

Al-Bagdadi, der Theologe des Krieges, hasst den Papst, weil er ein
Friedensstifter ist, ein krasser Außenseiter der hochgerüsteten Moderne.
Franziskus bringt weltfremde Dinge unters Volk, er erinnert – wie bei seinem
Türkeibesuch – an die Heiligkeit der Person; er predigt Liebe und
Barmherzigkeit statt Blut und Opfer. Für Al-Bagdadi ist Franziskus ein
moralischer Skandal: Er verabscheut Gewalt und vertritt einen pazifistischen
Fundamentalismus, der allein Selbstverteidigung erlaubt beziehungsweise den
militärischen Schutz von Wehrlosen. Früher segnete die katholische Kirche
Panzer und Diktatoren, heute predigt sie »Gott ist Liebe«. Kurz gesagt: Die
Theologen des Terrors hassen den Papst, weil er sie an das Verleugnete und
Bestverdrängte ihrer eigenen Religion erinnert – an die Friedenstradition des
Islams.

Die lange Gewaltgeschichte des Islams, die fatale Verbindung aus Religion und
politischer Macht, aber erst recht die Gräueltaten des »Islamischen Staates«
haben leider vergessen lassen, dass der Islam selbstverständlich in die Tradition
der abrahamitischen Religionen gehört. Wie Juden- und Christentum vertrat er
ursprünglich ein unbedingtes Friedensgebot und übte untergründig Kritik an den
antiken Mythen mit ihrem Glauben an ewige Feindschaft und ewigen Kampf.
Das Tötungsverbot und die Ächtung von Gewalt sind für den Islam essenziell,
ebenso der Glaube an die Heiligkeit des Lebens und die Absage an die Kultur
des Menschenopfers. Der Islam, daran erinnert zum Beispiel der Innsbrucker
Theologe Wolfgang Palaver, hat mit den archaischen Religionen gebrochen. Wie
die Bibel, so nimmt auch der Koran die Sicht des Opfers ein – die berühmte
Josephsgeschichte sei im Koran moralisch sogar noch anspruchsvoller als im
Christentum. »Wie Joseph in der Bibel seinen Brüdern nach der brutalen
Vertreibung vergibt, so vergibt auch Mohammed den Bewohnern Mekkas, die
ihn vertrieben hatten.«

All das will Al-Bagdadi vergessen machen. Er betreibt die Kernspaltung seiner
Religion und sprengt die ethischen Traditionen des Monotheismus ab (»Du sollst
nicht töten!«), sodass vom ursprünglichen Glauben an die Heiligkeit des Lebens
nichts mehr übrig bleibt. Und dann, wenn alle Erinnerungsspuren der Nächsten-
und Feindesliebe ausgelöscht sind, dann ist der Weg frei, um den Islam in eine
mythische Kultreligion zu verwandeln, die Al-Bagdadis Brutalität sakralisiert
und seine Herrschergewalt legitimatorisch überwölbt.

Damit ist auch das Bild Gottes ein anderes geworden. Al-Bagdadis Gott steht
nicht länger aufseiten der Verfolgten, der Unschuldigen und Opfer; wie in den
archaischen Religionen steht er steht aufseiten der Sieger, der Herrscher über
Leben und Tod. Wenn Al-Bagdadi zu seinem Gott betet, dann betet er zu einem
Gott der reinigenden Gewalt – und damit zu sich selbst. Mit dieser
Selbstanbetung, mit der narzisstischen Selbstversenkung in den eigenen
Gewaltanspruch, ist der Begründungszirkel des Kalifats geschlossen. Was immer
der Herrscher tut, er tut es im Namen Gottes.

Mit anderen Worten: Al-Bagdadi verwandelt seine Religion in einen brutalen


archaischen Mythos, dem nichts heilig ist. »Heilig« ist ihm nur das Profane, also
das, wovon es in der Welt ohnehin zu viel gibt: »Heilig« sind ihm Gewalt und
Krieg und Opfer, heilig ist ihm das Recht, Feinde zu töten und Ungläubige zu
kreuzigen. Den gläubigen Terror des »Islamischen Staates« wird man nicht
aufklären können, gutes Zureden bleibt zwecklos, zumal Al-Bagdadis Vorbild
offensichtlich jener erste saudisch-wahhabitische Staat ist, der 1801 im Irak nach
einer grässlichen Welle von Massakern an schiitischen Gläubigen ausgerufen
wurde.

So gibt es nur eine Hoffnung, und sie ist winzig. Sie besteht darin, den
weltweiten Dschihadismus theologisch zu ächten und ihm die Grundlagen zu
entziehen, die Berufung auf den Islam und das Töten im Namen Gottes. Selbst
konservative islamische Theologen haben erkannt, dass der »Islamische Staat«
wieder jene mythischen Schrecken verbreitet, gegen die die abrahamitischen
Religionen einst den Beistand Gottes erflehten.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

»Sein Engagement hatte Fundament«


In Flores in Buenos Aires ist Papst Franziskus geboren. Tobias Käufer hat
Menschen getroffen, die seine Einfachheit kannten – aber auch seine
strikten Überzeugungen
VON TOBIAS KÄUFER
ZEIT ONLINE, 19.03.2013

Als Jorge Mario Bergoglio am 26. Februar seine Heimatstadt Buenos Aires
verließ, sagte er einem engsten Mitarbeiter Joaquín Morales Solá noch in den
Büros der Hauptstadtkathedrale: »Ich habe keine Chance, Papst zu werden. Das
Alter spricht diesmal gegen mich.« Sein Rückflugticket hatte Bergoglio für den
23. März gebucht.

Er fuhr mit nur einem kleinen Koffer mit dem Taxi zum Flughafen. Der 76-
jährige Geistliche, der wegen einer Atemwegserkrankung nur noch einen
Lungenflügel hat, flog in der Touristenklasse rund 14 Stunden nach Rom. Wann
Papst Franziskus, der erste Argentinier und Lateinamerikaner, der das höchste
Amt der katholischen Kirche bekleidet, wieder in seine Heimat zurückkehrt, ist
offen. Eine Einladung überbrachte Präsidentin Cristina Kirchner jedenfalls bei
ihrem Antrittsbesuch am Montag in Rom.

Wer Papst Franziskus verstehen will, besucht in der argentinischen Hauptstadt


Buenos Aires am besten das Viertel Flores. Hier ist Jorge Mario Bergoglio
geboren, hier wohnen seine Verwandten und die Menschen, die ihn am besten
kennen. Flores ist ein typischer Mittelklasse-Stadtteil. Die Menschen fahren mit
Bus oder U-Bahn, arbeiten in mehr oder weniger gut bezahlten Jobs. Es sind
argentinische Durchschnittsbürger wie Franziskus selbst.

Im »Franziskus-Viertel«, wie Flores jetzt genannt wird, sitzt Francisco Hugo und
rührt in seinem Cappuccino. Der 75-Jährige ist mit dem jungen Jorge zur Schule
gegangen. »Er hat einen anständigen Charakter, ist aber nicht auffällig
gewesen«, sagt er. Ein netter Kerl von nebenan eben, der nicht aneckte, sondern
sich für den Unterricht interessierte und gelegentlich das Pausenbrot teilte.
Francisco Hugo hat sich später wieder für seinen Mitschüler interessiert, als der
plötzlich im Fernsehen auftauchte, weil er in der Kirche Karriere gemacht hatte.
»Er hat sich eigentlich nicht verändert«, sagt er.

»Aus der Peripherie sieht man die Stadt besser«

Der Missionar José Luis Rey ist mit Bergoglio während der Missionsarbeit durch
die Armenviertel von Buenos Aires gezogen, als der schon Erzbischof von
Buenos Aires war. »Er hat immer gesagt, wir sollen uns nicht in der Sakristei
einschließen, sondern raus auf die Straße gehen«, erinnert sich Rey. Er habe auch
die gefährlichsten Viertel der Stadt ohne Begleitschutz und oft zu Fuß
aufgesucht. »Dieses Gottvertrauen haben nicht viele.« Begründet habe er die
Ausflüge an den Stadtrand immer gleich: »Aus der Peripherie kann man die
Stadt besser sehen.« Er habe viel von der Kirche von der Straße gesprochen,
erinnert sich Rey.

Auch Pfarrer Francesco, der zu derselben Gruppe von Geistlichen gehört wie
Rey, die in der Basilika San José de Flores Dienst tun, spricht respektvoll über
den nun berühmtesten Sohn des Viertels. »Er hat sich auch als Kardinal nie in
den Vordergrund gedrängt, sondern uns unseren Freiraum gelassen. Er ist einer,
der sich zurücknehmen, aber manchmal auch sehr energisch werden kann, wenn
ihm etwas nicht passt.« Wenn er von etwas überzeugt sei, könne man ihn davon
nicht mehr abbringen, sagt Francesco.
Gustavo Vera, der ein Aktionsbündnis gegen Menschenhandel leitet, hat den
energischen Bergoglio ebenfalls erlebt, und zwar als dieser gegen die Einführung
der Homo-Ehe protestierte. Das hat ihm den Vorwurf der Homophobie
eingebracht. Viele Argentinier bewerten das deutlich schwerer als die bislang
nicht bestätigten Gerüchte einer Kollaboration mit der Militärdiktatur. Vera sagt,
er habe damals nicht mit sich diskutieren lassen, auch Freunde, die ihm zu einer
weniger strikten Meinung geraten hätten, habe er freundlich aber bestimmt
abgewiesen.

Allerdings prognostiziert Vera, dass Franziskus seinen Schwerpunkt jetzt anders


setzen wird. »Ich glaube, wir werden einen tiefgreifenden Wechsel, eine
Kehrtwende in der Kirche erleben«, sagt Vera. Er ist überzeugt, dass der Fokus
des neuen Papstes auf der Bekämpfung der Armut und auf sozialer Gerechtigkeit
liegen wird: »Jede Art von Menschenhandel, jede Art von Mafia ist Papst
Franziskus zutiefst zuwider.«

Lorena Martins bestätigt diese Einschätzung. Sie hatte öffentlich gegen ihren
Vater ausgesagt, einen ranghohen Agenten, der einen Luxus-Callgirlring
managte. Das löste einen Skandal in Argentinien aus, auch weil ihre Aussagen
die Polizei und den konservativen Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio
Macri, belasteten. Martins sagt: »Ich hatte die Unterstützung von Bergoglio. In
den Medien aber auch privat. Er hat sich öffentlich an meine Seite gestellt und
meine Aussagen nicht angezweifelt. Sein Engagement gegen den
Menschenhandel war klar und hatte ein Fundament.«
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

Als er noch nicht Franziskus war


Ein Komplize der Diktatur? Argentinien fragt nach der Vergangenheit des
Papstes
VON MARIAN BLASBERG UND KAREN NAUNDORF
DIE ZEIT, 21.03.2013 Nr. 13

Es dämmert bereits, als eine ältere, fein gekleidete Frau auf die Schwelle ihres
Hauses irgendwo im Speckgürtel von Buenos Aires tritt und mit schüchternem
Lächeln in ein Dutzend Fernsehkameras blinzelt. Ein Reporter hält ihr sein
Mikro vors Gesicht. Er möchte wissen, stellvertretend für den Rest der Welt, wer
dieser Mann ist, der tags zuvor in Rom auf den Balkon des Petersdoms trat und
der Menge mit genau demselben Lächeln einen guten Abend wünschte.

»Jorge ist genauso einfach und bescheiden, wie er dort gestern stand«, sagt
María Elena Bergoglio. So wie sie ihn kenne, werde er sie nicht einladen nach
Rom, auch wenn sie seine Schwester sei: »Er wird mit dem Geld lieber den
Armen helfen.«

Die ersten Fragen sind nur ein höflicher Prolog. Der Fernsehmann lenkt das
Gespräch auf die Vergangenheit, auf die dunklen Jahre der argentinischen
Diktatur, als zwei junge Priester aus dem Jesuitenorden, dem María Elenas
Bruder als Provinzial vorstand, monatelang in einem Folterlager verschwanden.
Was hatte Jorge Mario Bergoglio damit zu tun? Stimmt es, was die Zeitungen
berichten, dass diese Mitbrüder vom heutigen Papst ans Militär verraten
wurden?

María Elena senkt den Kopf. Sie sieht müde aus, eine 65-jährige Frau, die erst
noch begreifen muss, was das alles jetzt bedeutet, für ihre Familie, für das
Verhältnis zu ihrem Bruder, der künftig sehr weit weg sein wird. Sie wartet
darauf, dass er anruft, aber die Anrufe der Journalisten blockieren ihre Leitung.
Ein Handy hat sie nicht. »Es wird sich alles klären«, sagt sie. »In wessen Leben
liegen keine Steine auf dem Weg?«

Die Argentinier sind stolz, dass der erste Papst aus Südamerika einer von ihnen
ist, aber viele fürchten auch, dass mit Bergoglios Biografie etwas nicht stimmen
könnte. Journalisten beschäftigen sich mit seiner Rolle in der Diktatur, mit den
Verwicklungen der Kirche in Entführungen und Morde, ihrer Nähe zu den Junta-
Generälen. Es ist eine Debatte, die durch Bergoglio wieder aufflammt und in der
sich eine tiefe innere Zerrissenheit Argentiniens spiegelt.

Bergoglio spaltet das Land. Man ist für ihn oder gegen ihn, man vertraut ihm,
oder man vertraut ihm nicht. Menschenrechtsanwälte, Rechercheure, Angehörige
von Opfern wollen Klarheit. Sie werfen Bergoglio vor, ein Taktierer zu sein, der
sich zu arrangieren wusste mit den Mächtigen. Andere, wie seine Schwester oder
alte Ordensbrüder, verteidigen seine persönliche Integrität.

Dokumente und Indizien zum Fall der beiden Jesuiten fügen sich zu einem Bild
des neuen Papstes, das der Kirche nicht gefallen kann. Vatikan-Sprecher
Federico Lombardi hat erklärt, es handle sich um eine »Kampagne antiklerikaler
linker Elemente«.

»Rom hat gesprochen, damit ist die Diskussion beendet«, sagt Rodolfo Yorio am
selben Nachmittag in einem Hinterhof in Buenos Aires. Yorio, ein alter Mann in
einem zerschlissenen Jackett, kämpft seit Jahren um Gerechtigkeit für seinen
Bruder Orlando. Der war einer der beiden Jesuiten und starb vor 13 Jahren –
»unversöhnt«, wie Yorio sagt. Gemeinsam mit einem Menschenrechtsanwalt hat
er eine Klage gegen Bergoglio vorbereitet. Es geht um Beihilfe zur
Freiheitsberaubung. Seit 2005 liegen die Unterlagen bei Gericht, aber seitdem ist
nicht viel passiert.

Yorio erinnert sich genau, wie sich das Militär 1976 an die Macht putschte. Die
Generäle machten Jagd auf Bürger, die sie verdächtigten, die Ordnung zu
gefährden, auf Guerilleros, Studenten, Gewerkschafter und Priester.
Zehntausende verschwanden allein in den ersten Jahren der Diktatur. Orlando
lebte damals mit seinem Mitbruder Franz Jalics am Rand eines Elendsviertels.
Sie wollten da sein für die Leute, »unpolitisch, friedlich«, wie Yorio sagt;
Bergoglio, der ihr Vorgesetzter war, hatte sie zunächst dazu ermuntert. Doch als
ihre Nähe zu den Armen die beiden aus Sicht des Militärs zu Aufrührern machte,
die die Massen für den Kampf mobilisieren könnten, warnte er sie. Geht fort, so
Bergoglio, es ist gefährlich.

Wenn sie trotzdem als Priester in dem Viertel bleiben wollten, müssten sie sich
einen Bischof suchen, der sie unter seine Obhut nähme. Doch wo sie auch
vorsprachen, erklärte man ihnen, sie hätten schlechte Referenzen. Bergoglio
habe nicht gut über sie gesprochen, sagt Orlandos Bruder. Jalics schreibt in
einem Buch, Bergoglio habe das Gerücht verbreitet, sie seien in der Terrorszene
tätig.

Am Sonntag des 23. Mai 1976 umstellten 300 schwer bewaffnete Polizisten und
Militärs die Hütte, in der er und Orlando lebten. Soldaten stülpten ihnen
Kapuzen über den Kopf und brachten sie in die Marineschule Esma, das größte
Foltergefängnis der Diktatur. Fünf Monate blieben sie in Haft, angekettet an eine
Eisenkugel, immer mit verbundenen Augen. Es war Bergoglio, der Rodolfo
Yorio Wochen später aufsuchte und ihn bat, die Mutter auf das Schlimmste
vorzubereiten.

»Für mich«, sagt Yorio »hat Bergoglio ganz klar ein doppeltes Spiel gespielt.
Nach außen hin gab er durch seine Warnung den Beschützer, aber hintenrum hat
er sie aufgespießt.«
Kirche und Generäle verstanden sich bestens

Vor ihrer Verhaftung, schreibt Jalics in seinem Buch, habe Bergoglio ihm
versprochen, zu den Militärs zu gehen, um klarzustellen, dass sie keine
Terroristen seien. »Nach späteren Aussagen eines Offiziers und bezeugt von
dreißig Dokumenten, die ich später in der Hand hielt«, notiert er, »war
unzweifelhaft, dass dieser Mann sein Versprechen nicht gehalten hatte.« Mehr
noch: »Ihm musste bewusst gewesen sein, dass er uns mit dieser Aussage in den
sicheren Tod schickte.«

Klerus und Militär waren einander damals eng verbunden. »Meine Beziehung
zur Kirche war exzellent, wir hatten ein herzliches, ehrliches und offenes
Verhältnis«, ließ vor Kurzem der Ex-Diktator Jorge Rafael Videla aus dem
Gefängnis wissen. Vom damaligen Marinechef Admiral Massera ist bekannt,
dass er damals regelmäßig mit dem Nuntius Pio Laghi Tennis spielte. Ein
Marineoffizier, der beichten wollte, dass er mehrere Menschen lebend aus einem
Flugzeug ins Meer gestoßen hatte, erfuhr von seinem Militärpriester, dass das
nicht nötig sei. Die Todesflüge seien eine »christliche Methode«. Die Junta
zeigte sich erkenntlich. Sie erließ ein bis heute gültiges Gesetz, das Bischöfen
und Erzbischöfen eine großzügige Extrarente garantiert.

Im Oktober 1976, nach fünf Monaten Haft, wurden Jalics und Orlando Yorio
freigelassen. Während Orlando für eine Weile in die USA zog, ging Jalics nach
Deutschland, wo er bis heute lebt. 2010 wurde Bergoglio erstmals öffentlich zu
ihnen vernommen, im Rahmen eines Gerichtsprozesses, in dem die Folterungen
in der Marineschule aufgearbeitet wurden. Das Protokoll ist aufschlussreich.
Nachdem Bergoglio erklärt hat, dass er damals Admiral Massera aufgesucht
habe, um ein Wort für seine Mitbrüder einzulegen, fragt ihn der Opferanwalt,
woher er gewusst habe, dass es die Marine gewesen sei, die Yorio und Jalics in
Gewahrsam hatte.
»Das war vox populi«, erklärt Bergoglio, also allgemein bekannt. »Vox
populi?«, fragt der Anwalt. Als spräche sich automatisch herum, welche
Waffengattung der Streitkräfte eine Gefangennahme durchgeführt hat. »Das
sagten Leute, die man fragte«, so Bergoglio. »Welche Leute?«, will der Anwalt
wissen. »Die, die Einfluss hatten.« Ob er Namen wisse, sich an irgendwen
erinnere, mit dem er damals gesprochen habe? Bergoglio verneint. Waren es
Kirchenobere? Der Kardinal? »Alle«, sagt Bergoglio, »an die man sich in einem
Augenblick der Verzweiflung wandte, Freunde, Bekannte.« So geht es weiter,
viele Seiten lang. Bergoglio weicht aus, er windet sich.

Es ist eine Erfahrung, die auch andere mit ihm gemacht haben. Estela de la
Cuadra, eine Rentnerin, aus deren Familie sieben Menschen verschwunden sind,
wünschte sich Bergoglio als Zeugen in einem Prozess, der den Raub von 500
Kindern verschwundener Regimegegner aufklären sollte; sie glaubte, dass er
darüber etwas wissen könnte. Aber Bergoglio beantwortete die Fragen nur
schriftlich und teilte mit, dass er sich erst Ende der achtziger Jahre näher mit
dem Schicksal der Kinder von Verschwundenen beschäftigt habe. »Wie kann das
sein, dass er nichts davon wusste?«, fragt Estela de la Cuadra.
»Kirchenzeitungen im Ausland berichteten schon in den 70ern ausführlich
darüber. Wir haben damals Anzeigen geschaltet, die sogar von Bischöfen
unterschrieben wurden.« Sie hätte gern nachgefragt, aber Bergoglio erschien
nicht im Gerichtssaal. »Eine seltsame Auffassung von Bescheidenheit ist das«,
sagt Estela de la Cuadra.

Das Dokument, das Bergoglios Glaubwürdigkeit am stärksten infrage stellt, hat


Horacio Verbitsky gefunden. Verbitsky ist einer der bekanntesten Journalisten
des Landes, er hat Bücher zur Aufklärung der Diktaturverbrechen recherchiert
und den Fall von Yorio und Jalics dokumentiert. Er sitzt in seinem Wohnzimmer
auf dem Sofa, ein schmaler Herr, dessen Handy alle zwei Minuten klingelt.
Verbitsky ist ein gefragter Mann in diesen Tagen.
Alles nur ein Missverständnis, erklärte Bergoglio

Bei dem Dokument handelt es sich um eine Gesprächsnotiz aus dem


Außenministerium, die aus der Zeit stammt, in der Yorio und Jalics Argentinien
bereits verlassen hatten. Jalics befand sich damals schon in Deutschland, sein
Pass war abgelaufen. Er bat Bergoglio als Provinzial, in seinem Namen einen
neuen Ausweis zu beantragen. Bergoglio hielt Wort. Im Außenministerium
sprach er mit einem Beamten namens Orcoyen. Der Notiz zufolge sprach
Bergoglio dabei auch über den eigentlich längst widerlegten Verdacht, dass
Yorio und Jalics Kontakte zur Guerilla gehabt haben sollten. Er erzählte, dass sie
sich geweigert hätten, aus dem Elendsviertel wegzugehen. Das Papier endet mit
dem Nachtrag: »Diese Angaben wurden dem Herrn Orcoyen durch Padre
Bergoglio selbst vermittelt. Mit der speziellen Empfehlung, dass dem Antrag
(für den Pass, die Red.) nicht stattgegeben wird.«

Bergoglio selbst erklärte seiner Biografin, dass es sich um ein Missverständnis


gehandelt habe. Er habe dem Beamten mitgeteilt, dass Jalics unschuldig
verhaftet worden sei. Was auch immer er gesagt hat, Jalics bekam damals keinen
Pass. Er ist außer Bergoglio wohl der Einzige, der weiß, was in diesen Jahren
wirklich geschehen ist, aber er will nicht mehr darüber reden. Jalics hat
abgeschlossen mit der Sache und Bergoglio verziehen. Die Dokumente, die er
besaß, hat er verbrannt.

Das argentinische Fernsehen sendet in dieser Woche Berichte, in denen Priester


erzählen, dass Bergoglio sie vor den Schergen der Diktatur versteckt habe. Vor
der Kathedrale auf der Plaza de Mayo sammeln sich in der Nacht vor seiner
Amtseinführung Tausende von Menschen. Straßenverkäufer bieten Sticker und
Fotos von einem Mann an, der milde lächelt. Die Argentinier auf den Platz
kaufen nicht mehr Bergoglio. Sie wollen jetzt Franziskus.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

Franz für Fortgeschrittene


Franziskus hat der Jesuitenzeitschrift »La Civiltà Cattolica« ein
spektakuläres Interview gegeben. Es ist sein Regierungsprogramm. Er
spricht über sein Leben, seinen Glauben und seine Vorstellung von Kirche.
Die Christ & Welt-Redakteure haben sich die Passagen aus dem Gespräch
ausgesucht, die sie am meisten bewegen oder aufregen. Hat diesen Papst der
Himmel geschickt?
VON CHRISTIANE FLORIN, HANS-JOACHIM NEUBAUER, RAOUL LÖBBERT, WOLFGANG
THIELMANN
Christ & Welt, 26.09.2013 Nr. 40

»Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist,
die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen – Nähe und
Verbundenheit.Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man
muss einen schwer Verwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker
fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen
sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen… Man muss unten anfangen.«

Ich muss lange zurückgehen, bis mir einfällt, wann die Kirche mein Herz
gewärmt hat. Das liegt nicht allein an der Kirche, sondern auch an mir. Das
warme Herz muss wohl in der Zeit gewesen sein, als ich in der Messe Musik
machte, als wir in Jugendgruppen diskutierten und in Frühschichten vor der
Schule erst beteten und dann frühstückten. Was Gott damals für uns war? Eine
Melodie? Ein Stoßgebet? Ein Marmeladenbrötchen? Er war vor allem ein
Versprechen, dass es mehr im Leben geben muss als Benetton-Pullis und ein
Einser-Abi. Kirche war Heimat, manches roch muffig, Bänke und Denken waren
eng, aber es war trotzdem ein Ort, an dem vieles Verschiedene nebeneinander
bestehen konnte. Unsere katholische Welt war plural, selbst wenn einem das
heute niemand mehr glaubt.

Das Hochgebet konnten wir damals alle mitmurmeln, es beschwört die


Heiligkeit und die Herrlichkeit. Dass Scheinheiligkeit und Selbstherrlichkeit
damit innigst verbunden sind, war kein Skandal, sondern normal. Ausgerechnet
eine der eifrigen Pilgerinnen, Verfechterin der vorehelichen Jungfräulichkeit,
wurde mit 18 schwanger. Die Frauen auf dem Kirchenvorplatz tratschten über
sie. Aber sie bekam aus der Gemeinde Hilfe statt Häme. Auch das war
katholisch.

Dann kamen die mit den römischen Priesterkragen. Da war ich für Jugendarbeit
schon zu alt. Denen wären wir ohnehin nicht fromm genug gewesen. Sie
spotteten über unsere Kirchenträume, sie spotteten erst recht dann, wenn die
Ideen von Frauen kamen. Es gab mehr Ministrantinnen als früher, es kamen
Pastoralreferentinnen an den Altar. Aber bei denen mit den Kragen wurde der
Ton, wenn es um Frauen ging, schneidend scharf. Verletzend. Plötzlich musste
man den Papst toll finden, Monsignores gerierten sich wie Mini-Päpste, und der
Bischof wollte von sich ein Konterfei an der Wand eines katholischen
Gymnasiums sehen.

Im Gottesdienst wurden die Bänke leerer, aber die Kelche goldener, die
Kelchworte am goldensten. Geriet ich in eine katholische Laienversammlung,
wurden dort 80 Prozent der Zeit mit Bischofsbeschimpfen gefüllt, die restlichen
20 galten der Frage, ob das Brot beim Pfarrfest glutenfrei angeboten werden
könne.

Mir kam die katholische Gelassenheit abhanden. Ich fragte mich, warum es in
dieser Kirche nicht möglich ist, das auszusprechen, was außerhalb ihrer Mauern
banal klingt. Warum schrieb vor einigen Jahren ein Bischof einem Kollegen
einen zweiseitigen Drohbrief wegen einer einzigen Frage zur Frauenweihe? Wie
kann es sein, dass Christen nach einem nicht euphorischen Artikel zum
Papstbesuch Hass-Mails verfassen, mit Kopie ans Staatssekretariat? Weshalb
sprechen Priester nur im Schutz der Anonymität über ihre Probleme mit dem
Zölibat? Es tat weh, zu sehen, dass der Katholizismus zur Sehnsuchtsideologie
aller Demokratie-, Emanzipations- und Sonstwieverdrossenen degenerierte. Es
herrschte das Nein und das Kein, und viele, die nie Hegel gelesen hatten,
wetterten gegen den Zeitgeist.

Als ich Franziskus’ Interview in den Stimmen der Zeit las, wurde mir tatsächlich
warm ums Herz. »Den Mann hat der Himmel geschickt«, wollte ich ans Ende
eines ZEIT Online-Kommentars schreiben. »Trag doch nicht so dick auf«, sagte
ein Kollege. Ich machte ein »Vielleicht« vor den Satz. Jetzt lösche ich die
Relativierung wieder: Diesen schrägen Vogel namens Franziskus, diese wilde
Mischung aus Taube, Adler und Spatz, den muss der Himmel geschickt haben.
Dass einer wie er es geschafft hat, auf dem Petersplatz zu landen, kann nur ein
Wunder sein. In vielen deutschen Diözesen wäre er mit seinen Ansichten nicht
zum Priester geweiht worden.

Sollten seine Worte Wirklichkeit werden, wird sich zeigen, was die Kirche noch
zusammenhält, wenn das eingespielte System aus Schuld und Strafe,
Denunziation und Belohnung, Ämterhuberei und Demutsgetue am Ende ist.
Bisher haben alle mitgemacht: Die einen gefielen sich als Glaubenswächter, die
anderen als Opfer der Glaubenswächter.

Jetzt wird sich auch zeigen, was von meinem Glauben übrig blieb. Manchmal
lenkt die Beschäftigung mit Missständen in der Kirche nur davon ab, dass ich
diesen Gott, diese Melodie, diesen Geschmack nicht mehr so nah an mich
heranlasse. Die Barmherzigkeit, die ich mir wünsche, beweise ich im eigenen
Leben selten. Erst recht dann nicht, wenn sie unbemerkt und unbelobigt bleibt.
Wie frei bist du?, fragt Franziskus jeden, der ihn ernst nimmt.

Der Gottesmann in Weiß wird nicht all die hochfliegenden Träume erfüllen, die
sich nun mit ihm verbinden. Es ist nicht einmal klar, wie viel er im Vatikan zu
sagen hat. Vielleicht legt der schräge Vogel eine grandiose Bruchlandung hin.
Danach wird er aufstehen und verschmitzt dreinblicken. Eines hätte ich vor
lauter Selbstbespiegelung fast vergessen: Franziskus hat Witz und Selbstironie.
Er ist der erste Papst, der mir die Mundwinkel nach oben zieht. Das Lazarett
lacht.

Christiane Florin

»Das Verständnis des Menschen ändert sich mit der Zeit und so vertieft sich
auch das Gewissen des Menschen. Wir denken daran, dass Sklaverei oder die
Todesstrafe fraglos akzeptiert waren. Man wächst im Verständnis der Wahrheit.
Die Exegeten und die Theologen helfen der Kirche, im eigenen Urteil zu
wachsen. Auch die anderen Wissenschaften und ihre Entwicklung helfen der
Kirche bei diesem Wachstum des Verständnisses. Es gibt zweitrangige kirchliche
Normen und Vorschriften, die früher einmal effizient waren, die aber jetzt ihren
Wert und ihre Bedeutung verloren haben. Die Sicht der Kirche als Monolith, der
ohne jeden Abstrich verteidigt werden muss, ist ein Irrtum.

Im Übrigen versucht der Mensch in jeder Epoche, sich selbst besser zu verstehen
und auszudrücken. Daher ändert der Mensch mit der Zeit die Weise, sich zu
verstehen: Eine Sache ist der Mensch, der sich ausdrückt in der Figur der Nike
von Samothrake, eine andere Sache der Mensch von Caravaggio, eine andere
der von Chagall und noch eine andere Sache der von Dalí. Auch die Formen, die
Wahrheit auszudrücken, können verschieden sein. Und das ist sogar nötig, um
die evangelische Botschaft in ihrer unveränderlichen Bedeutung weiterzugeben.
Der Mensch ist auf der Suche nach sich selbst, und bei dieser Suche kann er
auch Fehler machen.

Wann also ist ein Denkausdruck nicht gültig? Wenn ein Gedanke das Humanum
aus den Augen verliert oder wenn er das Humanum gar fürchtet oder wenn er
sich über sich selbst täuschen lässt. Das in die Irre geführte Denken kann als
Odysseus vor dem Gesang der Sirenen dargestellt werden oder als Tannhäuser,
der umgeben ist von Satyrn und Bacchanten oder als Parsifal im zweiten Akt der
Wagneroper am Hof von Klingsor. Das Denken der Kirche muss wieder
Genialität gewinnen und muss immer besser begreifen, wie der Mensch sich
heute versteht, um so ihre eigene Lehre besser zu entwickeln und zu vertiefen.«

Die Menschen ändern sich – und mit ihnen ändert sich, wie und was sie denken
über sich und die Welt. Neu ist das nicht, Franziskus sagt es trotzdem; es geht
ihm um den Kontrast. Denn eines allein bleibt unveränderlich: »die evangelische
Botschaft«. Das ist Theologie. Gegen Ende seines Gesprächs mit Antonio
Spadaro spricht Franziskus aber auch als Philosoph. Alles entwickele sich, sagt
er, der Mensch, die Kunst. Sogar die Kirche. »Die Sicht der Kirche als Monolith,
der ohne jeden Abstrich verteidigt werden muss, ist ein Irrtum.« Alles Irdische
ist halt Geschichte. Das ist, wie gesagt, nichts Neues. Stimmen kann es trotzdem.

Als Philosoph ist Franziskus Aufklärer. Was sonst?, möchte man fragen. Sogar
ein Papst sollte heutzutage an das Gute im Menschen glauben. Franziskus tut
das, er glaubt sogar an die Zunahme des Guten, an den ethischen Fortschritt der
Menschheit. Für ihn hat die Geschichte ein Ziel. Das klingt naiv, aber es kann
auch Mut machen. Von der Dialektik der Aufklärung, von der anderen Seite des
Fortschritts, ist da nichts zu spüren. Glaubt man dem Papst, wird es immer
besser. In der historischen Ächtung von Sklaverei und Todesstrafe, dem
klassischen Beispiel für die Universalität der Menschenrechte, sieht er einen
Hinweis darauf, dass sich »das Gewissen des Menschen« vertiefe. Aber wer ist
»der Mensch«, wenn es so viele Exemplare gibt, bei denen nichts zu spüren ist
vom vertieften Gewissen, vom Humanum? Ein Irrtum der Zeitläufte? Ein böser
Zufall?

In der Geschichte sieht Franziskus eine ethische Vernunft walten. Vernunft, das
ist »das Vernehmen des göttlichen Werkes«. Sagt Friedrich Hegel. Ist der Papst
ein Anhänger des Protestanten Hegel? Wer heute noch an den Fortschritt glaubt,
kann kein Realist sein. Man muss dennoch an die Möglichkeit einer besseren
Welt glauben, auch und gerade, wenn es keinen Grund dafür gibt.

Angenehm, dass Franz nichts vom Optimismus hält, das Wort ist ihm suspekt.
Zu psychologisch, sagt er. Sympathisch auch, dass er lieber von Hoffnung redet.
Das ist bescheidener. Und nicht so teleologisch. Es könnte besser werden in der
Welt. Das tröstet. Überhaupt spendet der Philosoph Franziskus gut und gerne
Trost. Er weiß sich aufgehoben im göttlichen Plan, und mit sich die Menschheit
und die Geschichte. »Die christliche Hoffnung ist kein Gespenst, und sie täuscht
nicht.« Braucht, wer das weiß, noch Philosophie?

Natürlich ist Franziskus kein Hegelianer. Überhaupt ist er, zum Glück, kein
systematischer Denker. Das muss er auch nicht sein. Fürs große Weltgebäude hat
er den Glauben. Doch das »Suchen und Finden Gottes in allen Dingen« schließt
Unsicherheit nicht aus. Es muss immer Platz für den Zweifel geben. Wenn
Franziskus auf Philosophisches zu sprechen kommt, hat er etwas
Sonntagspaziergängerisches, Schweifendes, Flanierendes an sich. Die Nike von
Samothrake, Caravaggio, Dalí, Chagall: Ihm ist alle Kunst Ausdruck, oder
besser: Alle Kunstwerke sind »Formen, die Wahrheit auszudrücken«. Auch das
lässt mich an Hegel denken und an dessen schöne Formulierung »In der
Bewegung des denkenden Geistes ist wesentlich Zusammenhang. Es geht
vernünftig zu.« Großes, seltsames, fernes 19. Jahrhundert!
Odysseus, Tannhäuser, Parsifal: Für Franz hat der Irrtum viele Namen. Doch
gerade der Odysseus vor den Sirenen ist kein Irrender. Das ist ja das
Unmenschliche an ihm, dass ihm List und Verstand nie ausgehen. Er ist ein
Agent des Fortschritts um jeden Preis; schlau betrügt, erobert, mordet er. Dafür
bestrafen ihn die Götter. Danach ist längst nicht alles gut. Auch gut! Aber es ist
auch keiner da, der sagt, dass es immer besser werde. Hoffen muss man es
sowieso.

Hans-Joachim Neubauer

»Ich musste meine Schüler dazu bringen, »El Cid« zu studieren. Aber den
Schülern gefiel das nicht. Sie wollten García Lorca lesen. Dann habe ich
entschieden, dass sie »El Cid« zu Hause lesen. Und während des Unterrichts
behandelte ich die Autoren, die den Schülern gefielen. Natürlich wollten die
Schüler die eher »pikanten« zeitgenössischen Werke lesen wie »La casada
infiel« oder Klassiker wie »La Celestina« von Fernando de Rojas. Aber beim
Lesen dessen, was sie im Moment anzog, fanden sie ganz allgemein Geschmack
an der Literatur, an der Poesie – und so wechselten sie zu anderen Autoren. Für
mich war es eine große Erfahrung. Ich habe das Programm abgeschlossen, aber
in einer unstrukturierten Weise, also nicht so, wie es vorgesehen war, sondern
wie es von der Lektüre der Autoren ganz natürlich kam. Und dieses Vorgehen
gefiel mir sehr. Ich liebte es nicht, einem festen Programm zu folgen, anstatt nur
mehr oder weniger zu wissen, wo ich hinkommen wollte. Dann ließ ich sie auch
schreiben. Schließlich habe ich mich entschlossen, zwei Erzählungen
meiner Schüler Borges vorlesen zu lassen. Ich kannte seine Sekretärin, die meine
Klavierlehrerin gewesen war. Borges gefielen sie sehr. Und er schlug vor, eine
Einleitung zu einer Sammlung zu schreiben. Wie auch immer: Im Allgemeinen
liebe ich die tragischen Künstler, vor allem die mehr klassischen. Es gibt eine
schöne Definition, die Cervantes in den Mund von Carrasco gelegt hat, um die
Geschichte von Don Quijote zu preisen: »Die Kinder haben ihn in ihren Händen,
die Jugendlichen lesen ihn, die Erwachsenen verstehen ihn, die Alten loben ihn.«
Das kann für mich eine gute Definition für Klassiker sein.«

Als Deutschlehrer wäre Franziskus ein Totalausfall. Da muss man dem Lehrplan
gehorchen. Der Lehrplan definiert, welche Bücher Schüler lesen und was sie
davon halten sollen. Was nicht auf dem Lehrplan steht, das ist nicht prüfungs-
oder sonst wie relevant. In Deutschland braucht Bildung Struktur und Disziplin.
Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder Schüler liest und schreibt, was er will!
Ich weiß noch, wie ich als Schüler, statt eine Klausur über Kafkas Erzählung
»Auf der Galerie« zu verfassen, die Erzählung neu schrieb. Sie handelte nun von
meinem Deutschlehrer, wie er als Zirkusartist auf einem Schüler im Kreis reitet
und einen Handstand nach dem anderen fabriziert, um den Eltern auf der Galerie
zu gefallen. Es wird ihm nicht gedankt. Zu guter Letzt bekommt er vom Direktor
wegen anhaltender Unfähigkeit die Peitsche. Zu Recht. Mein Deutschlehrer
fand, ich hätte trotz anhaltender Kreativität das Thema verfehlt. Er gab mir die
Sechs. Ebenfalls zu Recht.

Wie gut, dass der Papst als junger Mann kein Deutschlehrer war. Jorge Mario
Bergoglio unterrichtete »kreatives Schreiben«, ein Fach, das der deutsche
Lehrplan nicht kennt. Beim »kreativen Schreiben« geht es nicht darum, sich
auszumalen, was sich der Künstler gedacht hat. Hier wird der Schüler zum
Künstler: Er schöpft aus sich und aus anderen. Der Lehrer steht nur daneben,
besieht sich die Schülerschöpfung mal kritisch, mal staunend, und ist behilflich.
Mehr nicht.

»Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt«, sagte Franziskus’
Vorgänger im Papstamt einmal. Der Satz gilt auch für die Kunst, für das Schöne,
Gute und Wahre. Auch hier gibt der Lehrer dem Schüler einen Schubs ins Freie.
Gehen aber muss er selbst. Doch in welche Richtung? Der eine Lehrer lässt den
Schüler ziehen und hofft, dass er da ankommt, wo er hinsoll. Der andere grenzt,
damit der Bengel ja nicht fehlgeht, den Weg mit Lehrmeinungen statt
Leitplanken ab.

Papst Franziskus wusste das als junger Mann und entschied sich für die Freiheit.
Er ließ seine Schüler schreiben und lesen, was sie wollten. Statt schwülstige
Nationalepen aus der Zeit der Reconquista lasen seine Schüler García Lorca,
einen Freund Dalís, einen Surrealisten, links und homosexuell, der im
spanischen Bürgerkrieg von den Truppen Francos zuerst ermordet und dann
totgeschwiegen wurde. García Lorca – der Name war in jener Zeit in der
spanischsprachigen Welt gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen die Tradition,
das Alte und Bekannte. Und Franziskus ließ den Aufstand im Klassenzimmer zu.
Wie er selbst zu ihm stand, erzählt Franziskus nicht. Er liebe nicht die
strahlenden Helden, sondern die traurigen Gestalten, sagt er lediglich. Dazu
zitiert er aus »Don Quijote«. Sein Leben lang kämpft Don Quijote gegen
Windmühlen. Er glaubt die Wahrheit gepachtet zu haben und erkennt erst auf
seinem Totenbett, wie falsch er damit lag. »Don Quijote« ist ein Klassiker, der
Kinder mit Jugendlichen, Jugendliche mit Erwachsenen, Erwachsene mit den
Alten und Franziskus mit mir verbindet.

Ich gebe zu: Bei diesem Papst wäre ich gern Schüler gewesen. Das ist mal ein
Lehrer, der einem seine Windmühlen nicht aufdrängt. Außerdem hat er, wie er
bekennt, über seine Klavierlehrerin auch persönlich eine Beziehung in höhere
Sphären: zu Jorge Luis Borges, dem Kafka Lateinamerikas. Wie Kafka war auch
Borges nicht ganz von dieser Welt. Er liebte das Fantastische und fand dabei
seinen eigenen Weg ins Paradies. In Borges’ Erzählung »Der Unsterbliche«etwa
gelangt der Held nach einer langen Reise zu der Erkenntnis, dass das ewige
Leben nur Bewegung bei anhaltendem Stillstand ist, eine Wiederholung des
Immergleichen und deshalb schrecklich langweilig. So einem nicht gerade
stramm katholischen Literaten hat Franziskus also die Geschichten seiner
Schüler zu lesen gegeben. Er muss sie wirklich gemocht oder richtig gehasst
haben, um ihnen das anzutun. Ich hoffe einfach auf Ersteres.

Raoul Löbbert

»Die Diener der Kirche müssen barmherzig sein, sich der Menschen annehmen,
sie begleiten – wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt,
aufhebt. Das ist pures Evangelium. Gott ist größer als die Sünde. Die
organisatorischen und strukturellen Reformen sind sekundär, sie kommen
danach. Die erste Reform muss die der Einstellung sein. Die Diener des
Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen,
in der Nacht mit ihnen zu gehen. Sie müssen ein Gespräch führen und in die
Nacht hinabsteigen können, in ihr Dunkel, ohne sich zu verlieren. Das Volk
Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker. Die Bischöfe
speziell müssen Menschen sein, die geduldig die Schritte Gottes mit seinem Volk
unterstützen können, sodass niemand zurückbleibt. Sie müssen die Herde auch
begleiten können, die weiß, wie man neue Wege geht.

Fühlen mit der Kirche bedeutet für mich, in dieser Kirche zu sein. Und das
Ganze der Gläubigen ist unfehlbar im Glauben. Es zeigt diese Unfehlbarkeit im
Glauben durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes Gottes auf
dem Weg. So verstehe ich heute das »Sentire cum ecclesia«, von dem der heilige
Ignatius spricht. Wenn der Dialog der Gläubigen mit dem Bischof und dem
Papst auf diesem Weg geht und loyal ist, dann hat er den Beistand des Heiligen
Geistes.

Freilich muss man aufpassen, dass man nicht meint, diese Form der
Unfehlbarkeit aller Gläubigen, von der ich im Licht des Konzils spreche, sei eine
Art Populismus. Nein, es ist die Erfahrung der »heiligen hierarchischen Mutter
Kirche«, wie sie der heilige Ignatius genannt hat, der Kirche als Volk Gottes, die
Hirten und das Volk zusammen. Die Kirche ist die Ganzheit des Volkes Gottes.«

Der größte Fehler unterläuft Papst Franziskus bei der Interpretation des
Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter. In seinem berühmt gewordenen
Interview mit einem seiner Untergebenen, dem Jesuiten Antonio Spadaro,
versteht der Papst den Samariter falsch. »Die Diener der Kirche«, sagt
Franziskus, »müssen barmherzig sein, sich der Menschen annehmen, sie
begleiten – wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt, aufhebt.
Das ist pures Evangelium.« Nein, das ist nicht pures Evangelium, das ist bloß ein
Anfang. Und wenn die Kirche über diesen Anfang nicht hinauskommt, dann
bleibt ihre Botschaft eine billige Vertröstung. Sie klingt gut, aber sie macht die
Kirche bloß zum Lazarett, zum Verbandsplatz für die, die unter die Räder
geraten sind. Doch der Barmherzige Samariter begleitet den unter die Räuber
Gefallenen gerade nicht. Er leistet Erste Hilfe. Aber dann sucht er einen Wirt,
der den Verletzten aufnimmt und pflegt. Er organisiert Hilfe und finanziert sie.
Dann verlässt er den Patienten und kümmert sich wieder um seine Arbeit, damit
ihm das Geld nicht ausgeht, um Gutes zu tun und Einfluss zu gewinnen.

Franziskus verkennt konsequent seine Aufgabe. Er sagt Worte und gebraucht


Bilder, die katholische Herzen wärmen mögen. Er präsentiert sich als guter Hirte
der durch Bevormundung malträtierten Schafe, als erster Seelsorger seiner
Kirche. Und er plädiert für offenere Dialoge, zwischen Papst und Bischöfen und
unter den Gläubigen. Aber dazwischen fallen ganz andere Sätze: Die
Unfehlbarkeit des ganzen Volkes Gottes, von der er spricht, sei »kein
Populismus«. Und wenn der Dialog der Gläubigen mit dem Bischof »loyal ist,
dann hat er den Beistand des Heiligen Geistes«. Das erinnert daran, dass es
früher, im Zeitalter des Absolutismus, immer gefährlich wurde, wenn der
mächtige Monarch die Machtlosen und nur relativ Mächtigen einlud, offen zu
reden.

Und der Papst sagt: Organisatorische und strukturelle Reformen seien sekundär.
Die erste Reform müsse die Einstellung verändern. Da spricht augenscheinlich
der Jesuit, der Mann der Orden, die aus der Welt der Normalkirche ausziehen
und sich eigene Strukturen geben, weil sie die der Welt zu lax, zu
kompromisshaft, zu weltlich finden. Aber der Mann der Orden ist Regent der
Weltkirche geworden, er hat den Herrscherthron über die katholische
Normalchristenheit bestiegen. Von da aus ruft er den Zeitungshändler, den
Friseur und den Portier an und leiht sich gebrauchte Autos. Das sind freundliche,
anrührende Gesten. Ebenfalls ein Anfang. Aber beim Papst kann
Gestensteuerung auf die Dauer nicht funktionieren.

Denn für den Pontifex sind strukturelle Reformen primär und nicht sekundär. Ein
Papst wird gewählt, um die Weltkirche zu leiten. Um zu entscheiden, um
Verantwortliche zu berufen und um Strukturen zu schaffen, in denen Menschen
Gutes tun und barmherzig sein können und die es selbstverliebten und herrischen
Ober- und Unterhirten schwerer machen, sich selbstverliebt und herrisch
aufzuführen.

Da aber zeigt sich der Papst als Zauderer. Er hat Bischöfe auf dem Balkan
abberufen, die ihr Bistum finanziell ruiniert haben. Aber er hat einen obersten
Glaubenswächter im Amt bestätigt, der die alte, herrische und dekretierende
Kirche repräsentiert. Er lässt Bischofsstühle leer, vielleicht, weil er sich unsicher
fühlt, wie er im Interview sagt. Und er wird in drei Monaten 77 Jahre alt.
Wahrscheinlich hat er schon gemerkt, dass seine Kräfte für seine eigentliche
Aufgabe, eine Reform der Kurie, gar nicht reichen. Vielleicht will er mit Worten
beginnen, was er sich mit Taten nicht mehr zutraut.

Und was passiert, wenn ein Alleinherrscher zu Kollegialität aufruft, zu offenen


Diskussionen und neuen Ideen? Er verunsichert seine Untergebenen. Sie werden
ihm erst einmal zustimmen, sie werden ihn loben für seine Offenheit und seine
geistige Frische, sie werden seine Interviews als Aufträge verstehen und dann
zaghaft tastend seine Argumente zu ihren machen. So halten es derzeit die
katholischen Bischöfe in Deutschland. Noch ist ihr Verhalten von Vorsicht
geprägt, denn die Zeit der Offenheit kann schnell zu Ende gehen. Und niemand
weiß, was passiert, wenn ein Bischof dem Papst in aller Loyalität grundlegend
widerspricht.

Wolfgang Thielmann

Die deutsche Übersetzung des Interviews ist in der Zeitschrift »Stimmen der
Zeit« erschienen. Es ist online nachzulesen unter www.stimmen-der-zeit.de.
WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

Weltmacht Franziskus
Ein Jahr nach der Wahl: Der neue Papst will eine politische Kirche des
Aufbruchs
VON EVELYN FINGER
DIE ZEIT, 06.03.2014 Nr. 11

Die Mächtigen darf man nicht berühren, denn Macht braucht Abstand. Doch
was, wenn ein Mächtiger selber die Nähe der Menschen sucht? Machiavelli, der
große Philosoph der Macht, hätte die Methode des neuen Papstes politischen
Selbstmord genannt: Wer sich den Massen annähert, verliert die Aura der
Unberührbarkeit. Franziskus widerlegt die machiavellistische Logik: Sein
Ansehen wächst mit zunehmender Nähe, seine Autorität beruht auf seiner
Berührbarkeit.

Nähe aber heißt mehr als öffentliches Abküssen kleiner Kinder, wie es für Päpste
im Medienzeitalter obligatorisch ist. Kürzlich hat Franziskus
Sicherheitsmaßnahmen im Vatikan verboten, die seinem persönlichen Schutz
dienen sollten, aber ihn auch von den Mitarbeitern abschirmen würden. Das
Problem: Franziskus geht zu Fuß vom Gästehaus Santa Marta, wo er wohnt, in
den Apostolischen Palast oder in die Audienzhalle. Es sind nur wenige Hundert
Meter, aber sein Arzt hat ihm das Gehen empfohlen gegen eine schmerzhafte
Arthrose. Die Nebenwirkung ist nun, dass jeder innerhalb der vatikanischen
Mauern den Papst treffen kann. Der Polizeipräfekt, der angeordnet hatte, die
Straßen von Autos und Menschen frei zu räumen, sobald der Chef losspaziert,
musste seinen Befehl zähneknirschend zurücknehmen.
Franziskus will ansprechbar sein – nicht nur auf der Straße, auch im Amt. Das ist
eine der wichtigsten Neuerungen seines Pontifikats. Unter Benedikt musste man
schon einen Staatssekretär oder Erzpriester kennen, um ein dringendes Anliegen
an den Papst zu bringen. Wenn ein Bischof einen Termin bei Benedikt wollte,
war das nach Auskunft langgedienter Vatikanmitarbeiter »eine Aventüre«. Der
persönliche Sekretär Georg Gänswein hatte Benedikt abgeschirmt, am Ende war
dieser fast unerreichbar. Franziskus hat deshalb gleich erklärt, er wolle nicht wie
andere Päpste als Gefangener seiner Sekretäre enden. Wen er treffe, das
entscheide er selbst.

Vielleicht ist er deshalb so gut informiert. Er hat sich eine professionelle


Büromannschaft unter Leitung des Italoargentiniers Fabián Pedacchio Leaniz
zugelegt, der eigentlich als zweiter Sekretär hinter dem Malteser Alfred Xuereb
steht. Der einst mächtige Sekretär Georg Gänswein trägt zwar den pompösen
Titel Präfekt des Päpstlichen Hauses, hat aber keine politische
Entscheidungsgewalt mehr. Die liegt nun wieder beim Papst, doch der teilt sie
sich mit neuen Beratern und eigens geschaffenen Gremien.

Es heißt, er könne zuhören und vertrage Widerspruch. Und er ermuntert noch die
verschwiegensten Kardinäle zum offenen Meinungsstreit. Ende Februar beim
Konsistorium gab es die erste echte Debatte im Kardinalskollegiums, das sonst
nur mit Koreferaten die Meinung des Papstes bestätigte. »Wie der Heilige Vater
schon sagte ...«, »Wie der Heilige Vater schon schrieb ...«, so war es in den
letzten Jahren üblich. Dass es diesmal anders war, hatte der Papst selbst
organisiert, indem er bei dem emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper eine
kontroverse Rede zu den sogenannten Familienfragen in Auftrag gab. Zuvor
hatte Franziskus einen Fragebogen an die Katholiken in aller Welt versendet.
Von ihm selbst hört man, er sei bei Ehe, Familie und Sexualmoral der Meinung:
»Wenn eine Ampel auf Rot steht, bleiben die Leute stehen. Aber wenn sie nie
auf Grün schaltet, gehen irgendwann alle drüber.«
So geht friedliche Revolution. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio hat in
seinem ersten Jahr in Rom das wohl heikelste Kapitel der katholischen Doktrin
in der Moderne angepackt. Außerdem mischte er sich in die Arbeitsweise der
Kurie, des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaats ein. Er inthronisierte nicht nur
neue »Minister«, sondern regierte auch an alten Strukturen vorbei. Der lächelnde
Antimachiavellist machte harte Innenpolitik: Neben der Reformkommission aus
acht internationalen Kardinälen holte er sich auch eine Beratergruppe aus Laien,
ausgerechnet für die Skandalthemen Finanzen und Kommunikation. Er
verabschiedete den Machtpolitiker Tarcisio Bertone aus dem Amt des
Kardinalstaatssekretärs und holte dafür den bescheidenen Pietro Parolin.
Daneben versucht er die vatikanische Diplomatie wiederzubeleben.

Sein neuer Stil ist Politikstil und Führungsstil, nicht bloß, wie Kritiker
behaupten, eine Kleidermode. Die äußere Abrüstung der Gewänder geht einher
mit der inneren Abrüstung des klerikalen Herrschaftsanspruchs. Wenn die
Traditionalisten in der Kurie jetzt über die billigen Chormäntel des Papstes
spotten, dann schwingt die Angst vorm eigenen Machtverlust mit.

Seine Macht ist eine andere Art von Macht. Sie soll nicht bewahren, sondern
bewirken. Sie dient nicht der Kirche, sondern der Welt. Bergoglio hatte die Wahl
zum Papst mit einer Reformrede gewonnen, die den Zustand der Kirche betraf,
aber dann machte er klar, dass es ihm um mehr als innerkirchliche Renovierung
geht: »Die Kraft der Kirche liegt nicht in ihr selbst und ihrer organisatorischen
Fähigkeit. Ein authentischer Glaube schließt den Wunsch ein, die Welt zu
verändern. Haben wir große Visionen? Haben wir Träume? Sind wir mutig?«

Der neue Papst will also die Kirche ändern, um die Welt zu ändern. Dass er nicht
bei der Welt, sondern bei der Kirche anfängt, macht ihn sympathisch. Anders als
seine Vorgänger sorgt er sich weniger um den schlechten Einfluss der Welt auf
seine Kirche als um den mangelnden Einfluss der Kirche auf die Welt. Dabei
geht es ihm nicht zuerst um Bekehrung, sondern um Befriedung. Nach dem
Motto: Was nützt die schönste Kirche in einer hässlichen Welt? Ein langjähriges
Mitglied der Kurie hat es so ausgedrückt: »Er will heraus aus dem Mief einer auf
sich selbst bezogenen, um sich selbst kreisenden, an sich selbst leidenden und
sich selbst bejammernden Kirche. Er will eine Kirche im Aufbruch.«

Aufbruch heißt im Falle von Franziskus, sich auf das Eigentliche zu besinnen:
die Botschaft der Barmherzigkeit. Diese Botschaft richtet sich an alle Menschen,
deshalb hat er im ersten Jahr seines Pontifikats die innerkatholischen
Reformfragen hintangestellt zugunsten der Weltpolitik. Zuerst hat er das
weltweite Flüchtlingsdrama angesprochen, dann hat er eine
Gerechtigkeitsdebatte eröffnet, erst dann hat er das Reizthema der katholischen
Sexualmoral auf den Tisch gebracht.

Das macht sein Pontifikat zum Politikum: Der neue Papst spricht als Christ auch
für die Nichtchristen. Er versteht sich als Pastor der Welt, wobei er keine
ideologische Herrschaft, sondern einen Dienst an den Menschen anstrebt. Das
legt er dem katholischen Klerus immer wieder ans Herz: Seid Diener! Und den
Politikern sagt er: Baut Brücken!

In einer seiner ersten Reden begrüßte er die internationalen Diplomaten beim


Heiligen Stuhl mit einer rhetorischen Umarmung und einer Maxime des heiligen
Franz von Assisi: »Arbeitet, um den Frieden aufzubauen!« Das klang etwas
wohlfeil. Wer will schon Krieg? Aber Franziskus hat im Laufe der Monate
seinen Ton sukzessive verschärft, um klarzumachen, dass er kein harmloser
Friedensprediger ist. Als im Sommer Hunderte afrikanischer Flüchtlinge vor
Lampedusa ertranken und die europäischen Politiker sich wegduckten, flog
Franziskus auf die Insel, um die geltenden Flüchtlingsgesetze anzuprangern. Er
benutzte den Rest eines Schiffsrumpfes als Altar und hielt einen
Trauergottesdienst für die Ertrunkenen, der zugleich eine Mutmachmesse für die
Überlebenden und eine Strafpredigt für die Europäische Union war. Tenor: Wer
Hilfesuchende dem Tod preisgibt, der tötet. Wir Europäer töten – allen Geboten
der Menschlichkeit zum Trotz.

Auch hier hat Franziskus »wir« gesagt. Und dann hat er seine Kirche in die
Pflicht genommen, indem er die katholischen Gemeinden und Klöster zum
zivilen Ungehorsam gegen die geltende Abschiebepraxis aufrief: Sie sollten ihre
Türen für die Flüchtlinge öffnen. Dieser Ruf des Papstes wurde von der
weltweiten Presse kaum beachtet, aber in Rom nahmen kurz nach der Ansprache
die Salesianer fast 100 Überlebende des Desasters von Lampedusa auf. Keine
Lösung, aber ein Anfang.

Was sagen Bergoglios Brüder dazu? Die Jesuiten in Rom fühlten sich bis zur
Wahl des Jesuiten Bergoglio nicht unbedingt sehr vatikanisch. Insbesondere für
den Jesuitenflüchtlingsdienst, dessen internationales Büro nur einen Steinwurf
vom Petersplatz entfernt liegt, war der Vatikan ein Sitz der Macht. Wenn sie von
der Kurie sprachen, sagten sie »drüben«. Dazu machten sie eine weit ausholende
Handbewegung, die andeutete: dort irgendwo hinter den Mauern, weit weg. Dort
war der Klerus, hier waren die Nothelfer. Nun aber haben die Helfer den Papst
zum Verbündeten. Das freut auch die Flüchtlingskongregation, die vorher nie zu
den mächtigen Kongregationen des Vatikans gehörte. Ihr Chef, Kardinal Antonio
Maria Vegliò, sagte: »Der Papst lenkt die Aufmerksamkeit aller auf die
Herzensangelegenheit des Christentums – unsere Fürsorge für die Opfer.«

Ist das nun revolutionär? Seit dem Amtsantritt von Franziskus sind Wörter wie
Barmherzigkeit und Nächstenliebe immer öfter zu hören in Rom. Das kann
einem nach den innerkirchlichen Kämpfen der letzten Jahre, nach all dem
Reformstreit und den spitzen Argumenten fast sentimental vorkommen.
Nächstenliebe! Ist das überhaupt etwas für Theologen? Ist das nicht einfach nur
ein Lockmittel für die Massen, die sonntags beim Angelusgebet kaum noch auf
den Petersplatz passen? Die Feinde des neuen Papstes in der Kurie behaupten
gern, er sei kein großer Theologe. Und unter katholischen Konservativen ist es
ein Diskursklischee, zu bezweifeln, dass Franziskus ernsthaft, also »in der
Glaubenslehre« etwas ändern werde. Als sage der Papst nicht dauernd Sätze wie:
Das Christentum sei keine Ideologie, sondern ein Weg. Man erlerne ihn, indem
man ihn beschreite. Die Aufgabe der Kleriker sei es, die Menschen auf diesem
Weg zu begleiten, und nicht die Einhaltung der Lehre zu überwachen.

Deutlicher kann man eine antidoktrinäre Theologie nun nicht ausdrücken.


Trotzdem sagte Georg Gänswein soeben im Magazin der Süddeutschen Zeitung,
der neue Papst sei ein Mann der Gestik: »Ob der Enthusiasmus anhalten wird,
muss man sehen. Wir warten ja noch auf inhaltliche Vorgaben.« Davon
abgesehen, dass es in Rom als beispielloser Affront gilt, wenn ein Präfekt den
Papst auch nur gelinde kritisiert – offenbar hat Gänswein das 200 Seiten dicke
Apostolische Schreiben von Franziskus nicht gelesen, das dieser vor einem
halben Jahr vorlegte. Darin breitete er seine Gerechtigkeitstheologie aus und
kritisierte in scharfen Worten unsere Wirtschaftsweise (»Diese Wirtschaft
tötet!«). Er forderte seine Kirche auf, gegen das Unrecht ihre christliche
Botschaft zu setzen: aber als Frohbotschaft, nicht als Drohbotschaft! Es war das
lebhafteste Papier eines Papstes seit langem. Die internationale Presse hat es
denn auch ausführlich debattiert. Das trug dazu bei, dass Franziskus vom Time
Magazine zum Mann des Jahres gekürt wurde und mittlerweile als Weltpolitiker
gilt. Nur im Vatikan ist das noch nicht bei allen angekommen.

Der Papst ignoriert das. Als guter Diplomat Gottes predigt er seinen Kardinälen
Einigkeit und macht selber vor, wie es geht. Er hat ein Vorwort zu dem neuen
Buch des Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller,
geschrieben – obwohl dieser in einigen Fragen als Antipode gilt. Außerdem bat
er seinen Vertrauten, den honduranischen Kardinalsphilosophen Óscar
Rodgríguez Maradiaga, das Buch des Präfekten in Rom vorzustellen. Der Papst
hat wohl nicht vor, sich in innerkirchlichen Grabenkämpfen aufzureiben. Er
braucht seine Kraft für Wichtigeres, zum Beispiel die internationale Politik. Im
Syrienkonflikt hatte er sich bereits erfolgreich als Vermittler eingemischt.
Während des G-20-Treffens in Sankt Petersburg hielt er erst ein großes
öffentliches Friedensgebet ab und bat Tausende Pilger in Rom, zu beten und zu
fasten. Danach schrieb er einen Brief an Wladimir Putin, der möge eine
militärische Intervention in Damaskus verhindern. In Syrien glauben viele, der
Brief des Papstes habe einen potenziellen Krieg verhindert. Mag sein oder auch
nicht. Der Papst macht Friedenspolitik.

Für die Ukraine hat Franziskus bisher nur gebetet. Aber im Mai reist er nach
Nahost, es soll eine Friedensmission werden. Der neue Papst ist eine alte
Weltmacht.

Mitarbeit: Marco Ansaldo, Vatikanist der italienischen Tageszeitung »La


Repubblica«.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

Ist es was Ernstes?


Und wer ist er nun, dieser Franziskus? Kaninchen, Jungfern, Erdbeertorte:
Franziskus redet viel, und nicht immer ist klar, was er eigentlich sagen will.
Das sieht aus wie Chaos, könnte aber auch Freiheit sein. Sind Katholiken
Zuchtwesen oder eher Wildexemplare?
VON CHRISTIANE FLORIN
Christ & Welt, 29.01.2015 Nr. 05

Franziskus ist medial an einem heiklen Punkt gelandet. Ungefähr dort, wo Heidi
Klum war, als sie verkündete, dass sie ihre Brüste auf die Namen Hans und
Franz getauft hat. Wer es hört, lacht erst mal, greift zum Smartphone und twittert
etwas Lustiges. Danach fällt einem ein: So genau wollte man die Sache mit Hans
und Franz eigentlich nicht wissen. Auch Franziskus verstieg sich jungst in
schlüpfrige Details. Auf dem Rückflug von seiner Asienreise sagte er: »Einige
glauben – entschuldigt bitte das Wort –, um gute Katholiken zu sein, müssen wir
sein wie Kaninchen, nicht wahr? Nein.« Während bei seinem Vorgänger
Benedikt das geneigte Publikum rätselte: Was meint er bloß mit
Entweltlichung?, lautet die aktuelle Frage dieses Pontifikats: Sind Katholiken
Karnickel? Und wenn ja: eher Zucht- oder Wildexemplare?

Der deutsche Kaninchenzüchterverband, Hüter der reinen Lehre, legt Wert auf
die Feststellung, die Vermehrung laufe bei Zuchtkaninchen in geregelten
Bahnen. Der katholischen Kirche hingegen kommen die geregelten Bahnen
abhanden. Einerseits: Kommentatoren von taz bis FAZ loben den Papst für seine
reproduktionspolitischen Anmerkungen: Volksnah sei dieser Jorge, geerdet, erst
recht, wenn er über den Wolken ins Plaudern kommt. Der heilige Franz von
Assisi sprach mit den Vögeln, Franziskus verzückt mit originellen
Formulierungen die Twitter-Zwitscher-Szene. Nicht nur die Katholiken-
Karnickel, auch verbale Verhaltensauffälligkeiten wie die »Jungfer« Europa, der
spirituelle Alzheimer der Kurie oder die Bemerkung, Frauen seien wie
»Erdbeeren auf der Torte«, inspirieren die digitale Community.

Andererseits: Wie ernst wird ein Heiliger Vater ohne heiligen Ernst von seiner
eigenen, eher analogen Gemeinde genommen? Auf den Philippinen jubelten ihm
Millionen zu, in Europa stimmen die Gläubigen leisere Sonnengesänge auf den
Mann in Weiß an. Papstkritik kommt mittlerweile von allen Seiten: Den Linken
missfällt, wie vehement Franziskus auf asiatischem Boden die Enzyklika
»Humanae vitae« verteidigt hat. Sie hätten sich gewünscht, dass ein Papst Pille
und Kondome erlaubt. Die Liberalen wären schon zufrieden, wenn sich ein
Kirchenoberhaupt aus den Einzelheiten des menschlichen Paarungsverhaltens
heraushielte. Das Lager, das Lenden- mit Glaubensleistung gleichsetzt, sieht
Großfamilien diskriminiert. Und die Traditionalisten ziehen die Brauen hoch,
weil sich der Stellvertreter Christi nicht auf Augenhöhe mit Kaninchenzüchtern
begeben sollte. Auch wenn Jesus zwischen Ochs und Esel zur Welt kam: Dass
Hirten nach dem Willen des Papstes den Odeur ihrer Schafe annehmen sollten,
galt den Spitzenträgern als Provokation, Kaninchenstallgeruch ist für sie eine
Zumutung.

Über allem schwebt, je nach Standort, die Hoffnung oder die Befürchtung:
Franziskus macht nicht ernst mit den Reformen. Von ausgelatschten Schuhen
und Kapitalismuskritik abgesehen, bleibt im Zentrum der Weltkirche zu viel
beim Alten. Als Franziskus vor Weihnachten eine Rede über die 15 Krankheiten
der Kurie hielt, hörte sich das wie eine scharfe Kritik an. Doch es könnte auch
ein Hilfeschrei gewesen sein: Liebe Verbündete da draußen, tut etwas dafür, dass
mich hier drinnen endlich einer für voll nimmt!
Sind drei Kinder ideal?

Kurienerzbischof Georg Gänswein gestand vor einer Woche in einem Interview


mit Christ & Welt, er habe bei Krankheit neun aufgehört zu zählen. Hätte
Benedikt XVI. auch nur zwei kuriale Malaisen beklagt, wären gleich alle gut
sichtbar zum Arzt gerannt. Franziskus ist kein Chef, vor dem die Kritisierten
sich fürchten müssen. Twittern statt zittern.

Ob Franziskus in Rom ernst genommen wird, hängt von seinen


personalpolitischen Entscheidungen ab. Die ganz große neue Bestallungspolitik
ist nicht erkennbar. Franziskus hat Parallelgremien geschaffen, die ihn beraten,
er beruft vermehrt Kardinäle aus nichteuropäischen Ländern. Er hat die
Titelhuberei der Monsignori und Apostolischen Protonotare beendet. Einen
seiner schärfsten Kritiker, Kardinal Burke, hat er kaltgestellt. Und das
Schlimmste für langgediente Kuriale: Es ist nicht mehr klar, wie man Karriere
machen kann.

Angeblich hat der Pontifex einer Berufung des ehemaligen Limburger Bischofs
Franz-Peter Tebartz-van Elst in den Rat zur Neuevangelisierung zugestimmt.
Eine Petitesse, aber eine Personalie, die alle Klischees bedient. Man bekennt
sich, man hilft sich. Auch in der Kirche der Armut müssen nicht alle im Dienste
des Evangeliums an die Ränder gehen. Einige bekommen einen komfortablen
Platz, randständig zwar, aber im Zentrum. Die Kreuze sind aus Holz und Blech,
ansonsten ist vieles wie gehabt. Klüngel heißt nun Barmherzigkeit.

Stark ist Franziskus, wenn er im richtigen Moment schweigt. Bei der


Familiensynode hörte er lange einfach nur zu. Das war schlangenhaft listig. Am
Ende war klar: Wahrheit braucht Mehrheit. Noch hat er nicht bewiesen, dass er
Mehrheiten in seinem Sinne organisieren kann.
Statt Klugheit nun also Kaninchengate. Der Vatikan bemühte sich vergangene
Woche, die auseinanderlaufenden Deutungen zwischen »Humanae vitae« und
animalischer Libido einzufangen: Nein, der Papst habe nicht Großfamilien
abschätzig behandeln wollen, nein, er habe nicht drei Kinder pro Frau als
katholisches Idealmaß empfohlen, nein, verantwortete Elternschaft bedeute
nicht, dass nach dem achten Kind künstliche Verhütung erlaubt sei. Für geregelte
Kommunikationsbahnen war es da zu spät.

Die Nager und das Reptil

Aber es gibt ihn doch, den Franziskuskurs, und auch die Kaninchen laufen in
dieser breiten Spur. In seinem ersten Interview mit der Jesuitenzeitschrift
»Stimmen der Zeit« hat Franziskus seinen Weg umrissen: zwischen Laxheit und
Rigorismus. Sein Jesus ist nicht der Handwerkersohn, der enge Käfige zimmert.
Es ist der Menschenfreund, der Anwalt der Gestrauchelten, bisweilen auch der
Wutbürger. Priester sollten nicht zehnmal über Enthaltsamkeit predigen und nur
zweimal über die Liebe, kritisiert der Papst in seinem Apostolischen Schreiben.
Er sieht zu viel Zucht-und-Ordnungs-Wut beim Thema Sex.

Legte man alle kirchlichen Papiere dazu aufeinander, erreichte der Stapel
mindestens die Reiseflughöhe der päpstlichen Maschine. Franziskus schafft
bevorzugt über den Wolken Unordnung. Er packte zu und musste wieder
loslassen. Eine fassbare Verhaltensanweisung ist nicht dabei herausgekommen.
Ist das Chaos, oder ist das Freiheit? Schwäche oder Stärke?

Der Theologe des Volkes hat wohl unterschätzt, was Katholiken tatsächlich mit
den Nagern gemeinsam haben: Sie starren auf den Papst wie das Kaninchen auf
die Schlange. Linke wie Rechte erwarten von einem Oberhaupt eben doch Strafe
und Belohnung. Der Katholizismus wäre nur halb so aufregend ohne das Gefühl,
etwas Verbotenes zu tun und damit höchste Kleriker zum Zischeln zu bringen.
Doch Franziskus verweigert diesen schönen Schauder. Nach fast zwei Jahren im
Amt ist das Durcheinander größer denn je. Mutmaßlich macht er so lange weiter,
bis sich seine Katholiken an die Freilandhaltung gewöhnt haben und aufhören,
ständig ängstlich oder erwartungsvoll nach Rom zu schauen.

Doch das kann länger dauern, als Franziskus Zeit hat. Der 78-Jährige hat
mehrfach über seinen Abschied spekuliert. Besorgt fragen seine Fans, ob ihm,
dem Kleruskritiker, nicht bald jemand Arsen ins Essen mischt. Das dürfte
schwierig sein bei einem Oberhaupt, das mit vielen anderen gemeinsam in einer
Kantine speist. Doch für einen Lungenkranken sind Reisen Gift. Noch ein
Karnickelgate, und Georg Gänswein ist papabile.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

Wer Franziskus heißt, kann nicht


harmlos sein
In Armut leben und ein bisschen mit den Tieren reden – darauf wird Franz
von Assisi gern reduziert. Doch in seiner Utopie steckt Sprengkraft, schreibt
der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Wenn ein Papst diesen Namen wählt,
wird es ungemütlich für das Establishment
VON HUBERT WOLF
Christ & Welt, 29.01.2015 Nr. 05

»Wenn ein Christ in dieser Zeit nicht revolutionär ist, dann ist er kein Christ!«
Mit diesen Worten bekannte sich Papst Franziskus im Juni 2013 ausdrücklich zur
Revolution. Doch er machte gleich deutlich, was seine Revolution von anderen
unterscheidet: »Die Revolutionen der Geschichte haben die politischen, die
wirtschaftlichen Systeme verändert, aber keine von ihnen hat wirklich das Herz
des Menschen verändert. Die wahre Revolution, die das Leben radikal verändert,
hat Jesus Christus mit seiner Auferstehung vollbracht.«

Das klingt schon wieder nach frommen Worten, nach einer Revolution, die
niemand fürchten muss. Doch ist die Agenda des Papstes wirklich so harmlos?
Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf den Heiligen, nach dem sich
Jorge Mario Bergoglio benannt hat. Denn mit ihrer Namenswahl verbinden die
Päpste grundsätzlich ein Programm. Und es war in der Tat schon eine kleine
Revolution, dass sich zum ersten Mal in 2000 Jahren Kirchengeschichte ein
Papst den Namen Franziskus zugelegt hat. Er erklärte, Franz von Assisi sei für
ihn der Mann der Armut und des Friedens, und er selbst strebe ebenfalls eine
»arme Kirche für die Armen« an, die sich durch materielle Bescheidenheit und
mehr Hilfe für bedürftige Menschen auszeichne.

Revolutionär ohne Latein

Dafür ist der Arme aus Assisi ein ideales Vorbild. Aber ist er auch revolutionär?
Ist er nicht eher ein braver Heiliger, der kaum jemandem unbequem wird? Ein
Idol der Umwelt-, Natur- und Tierschützer, der Blumenkinder und der
Aussteiger? Er gilt auch als Erfinder der Weihnachtskrippe, was ihm das Image
eines romantischen »Tröst mir mein Gemüte«-Heiligen eingebracht hat. Alles in
allem: Es ist ein sympathischer, aber harmloser Franz, der heute seinen Platz in
den Köpfen der Menschen behauptet.

Damit ist die Strategie der mittelalterlichen Päpste aufgegangen, das Programm
des Poverello mit allen Mitteln zu entschärfen. Denn sie sahen Franziskus ganz
anders: als große Gefahr. Seine Bewegung, die sich mit rasender
Geschwindigkeit verbreitete, drohte die mittelalterliche Kirche zu zerreißen.
Franziskus war ein Revolutionär, sanft und friedlich zwar, aber kompromisslos
in seinen Ansichten. Besonders radikal verfocht er das Armutsideal. Er beharrte
auf einer buchstabengetreuen Umsetzung der biblischen Vorgaben. »Eher geht
ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Himmelreich.« Und: »Ihr
könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.« Das ist eindeutig, und die
Urgemeinde in Jerusalem hielt sich offenbar daran.

Doch die Wiederkunft Christi zum Jüngsten Gericht blieb aus. Die Kirche
wuchs, das Christentum wurde Staatsreligion im Römischen Reich und
überstand die Völkerwanderungszeit unbeschadet. Die Kirche verkündete zwar
weiter, sie sei nicht von dieser Welt, richtete sich aber gut in dieser Welt ein,
wurde reich und zeigte es. Prunk galt als gerechtfertigt, vor allem, wenn es um
die Verherrlichung Christi und dessen Gegenwart in der Eucharistie ging. Zur
Zeit des Franz von Assisi hatte sich die Kirche vom Armutsideal Jesu denkbar
weit entfernt.

Franziskus wurde als Giovanni Bernardone 1181 oder 1182 geboren. Sein Vater
war ein Tuchhändler, den der Fernhandel mit Frankreich reich gemacht hatte,
weshalb er seinem Sohn den Rufnamen »Francesco« – der Franzose – gab. Der
junge Bernardone genoss den Reichtum in vollen Zügen. Nachdem er in
Kriegsgefangenschaft geraten und schwer erkrankt war, kam ihm sein bisheriges
Leben aber plötzlich hohl vor. Sein Vater war entsetzt, hatte er doch große Pläne
mit seinem Sohn. In einem aufsehenerregenden Prozess, in dessen Verlauf er
seinem Vater seine Kleider zu Füßen warf und sich nackt unter den Schutz des
Bischofs von Assisi begeben haben soll, wurde Franziskus schließlich enterbt. Er
hatte zunächst kein fertiges Konzept für seinen neuen Weg. Er pflegte
Aussätzige, baute zerfallene Kapellen wieder auf, kleidete sich in Lumpen und
führte ein Bettlerleben. Da er kein Latein konnte, ließ er sich wichtige Passagen
der Bibel ins Italienische übersetzen.

Mit alldem stand er keineswegs allein. Die Biografie seines etwas älteren
Zeitgenossen Petrus Waldes aus Lyon zum Beispiel verlief weitgehend parallel.
Dieser hatte ebenfalls ein Erweckungserlebnis, das seinem Leben eine Wende
gab. Er versorgte seine Familie, verschenkte seinen Besitz an die Armen und
sammelte Gefährten um sich, um das Evangelium zu verkünden und zur Umkehr
zu einem armen, gottgefälligen Leben aufzurufen.

Waldes und Franziskus teilten das religiöse Lebensgefühl der Armutsbewegung,


die eine ganze Epoche prägte. Ihre Anhänger konzentrierten sich auf das
ursprüngliche Wort der Bibel und versuchten, dem armen Jesus konsequent
nachzufolgen. Das führte zu einer Kritik an der reichen und verrechtlichten
Kirche, die sich so weit vom Ideal der Urgemeinde entfernt hatte. Die
Armutsbewegung hatte das Potenzial, die kirchlichen Strukturen samt dem Papst
an der Spitze hinwegzufegen, wenn diese Botschaft unkontrolliert verkündet
werden konnte. Deshalb wurde die Laienpredigt zum entscheidenden Punkt.
Und hier trennen sich die Wege von Franz und Waldes: Letzterer zog allen
Verboten zum Trotz weiter als Wanderprediger umher. Er wurde 1184
exkommuniziert, seine Anhänger verfolgt. Auch Franziskus begann zu predigen
und bekam Schwierigkeiten. Doch er hatte Glück, denn der einflussreiche
Kardinal Ugolino von Ostia wurde zu seinem Fürsprecher an der Kurie. Er
versuchte, den Forderungen der Armutsbewegten entgegenzukommen, ihnen
aber zugleich die Spitze zu nehmen und sie in die Kirche einzubinden. Die
Franziskaner wurden als eine neue Form von religiöser Gemeinschaft
zugelassen, obwohl die Gründung neuer Orden eigentlich verboten war.
Widerwillig verfasste Franziskus dazu 1209 die sogenannte »Urregel«, die
lediglich aus Bibelversen zum Thema Buße, Armut und Nachfolge Christi
bestand.

Wohlstand für Enthusiasten

Franziskus und die Seinen erhielten sogar die Erlaubnis zur Wanderpredigt. Im
Gegenzug mussten sie sich die Tonsur scheren lassen und auf diese Weise eine
niedere Weihe empfangen, sodass sie zum Klerus gehörten. Die 1223 vom Papst
bestätigte »Regula bullata« schrieb dann neben Armut, Keuschheit, einer
einfachen Lebensweise und dem gemeinsamen Gebet auch Gehorsam und
Ehrerbietung gegenüber dem Papst fest und ließ deutliche Ordensstrukturen
erkennen.

Gegen die Verrechtlichung und Verkirchlichung seiner Bewegung wehrte sich


der Charismatiker Franz immer wieder, ohne Erfolg. Er zog sich frustriert von
der Leitung seiner Gemeinschaft zurück, die aus seiner Sicht die Idee der
radikalen Armut und Christusnachfolge immer mehr verriet. In seinem
Testament von 1226, kurz vor seinem Tod, versuchte er ein letztes Mal, seine
Ideale durchzusetzen. Er machte deutlich, dass er keine geschriebene Regel
benötigt habe: »Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir
niemand, was ich zu tun hätte, sondern der Höchste selbst offenbarte mir, dass
ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben sollte.« Franziskus
verbot seinen Brüdern nachdrücklich, Kirchen, Wohnungen oder irgendetwas
anderes anzunehmen, »wenn sie nicht sind, wie es der heiligen Armut gemäß
ist«. Vor allem sollte seine Gemeinschaft nicht abhängig von päpstlichen
Privilegien und anderen Gunsterweisungen werden: »Ich befehle streng im
Gehorsam allen Brüdern …, dass sie nicht wagen sollen, irgendeinen Brief bei
der römischen Kurie zu erbitten.«

Doch es kam anders. Um die Ordensverfassung weiter ausbauen und die


Armutsenthusiasten besser in die Schranken weisen zu können, hob Ugolino von
Ostia, inzwischen Papst Gregor IX., 1230 die Verbindlichkeit des Testaments
auf. Zugleich sprach er Franziskus heilig und entzog ihn dadurch den irdischen
Auseinandersetzungen. Die Franziskaner wurden zu einem etablierten Orden.
Viele empfingen die Priesterweihe und übernahmen im Auftrag des Papstes
diplomatische Missionen, andere lehrten als Professoren an Universitäten. Der
Orden nahm zudem zahlreiche päpstliche Privilegien und Schenkungen an. Er
wurde eine der reichsten Institutionen der katholischen Kirche. Und der Heilige
der Armut wurde in Assisi in einer prächtigen Kirche geehrt.

Nach Ansicht des Franziskus-Experten Helmut Feld hätte aus der Bewegung des
Poverello »unter anderen geschichtlichen Umständen leicht eine neue, von dem
damaligen Christentum verschiedene und über es hinauswachsende Religion
entstehen können«. Stattdessen sei es der Kurie gelungen, den franziskanischen
Aufbruch zu zähmen und die Bewegung des Heiligen in einen Orden zu
kanalisieren.

Allerdings flackerte immer wieder der Widerstand radikaler Gruppen unter den
Franziskanern auf. Sie sahen mit Franziskus das »Zeitalter des Heiligen Geistes«
angebrochen, das sie als Endzeit verstanden. Die »Fratizellen« spalteten sich von
den Franziskanern ab und setzten der verfassten Kirche mit dem Papst an der
Spitze eine reine »Geistkirche« entgegen. Sie waren heftigen Verfolgungen
durch die Papstkirche ausgesetzt. Im sogenannten Armutsstreit stritt auch die
Mehrheit der Franziskaner noch einmal für die Ideale ihres Stifters. Doch Papst
Johannes XXII. verurteilte 1323 sogar den franziskanischen Satz, Christus und
die Apostel hätten persönlich und gemeinsam nichts besessen, als häretisch. Der
Ordensgeneral Michael von Cesena fiel daraufhin vom Papst ab. Im weiteren
Verlauf spaltete sich der Orden in »Observanten«, die sich eine strenge Regel
gaben, und »Konventualen«, die an der inzwischen etablierten Lebensführung
festhielten.

Wer setzt sich durch?

Das Erbe des heiligen Franziskus war also immer umstritten und ist es bis heute.
Doch zweifellos zählt das Franziskanertum – wie es Helmut Feld ausdrückt – zu
den großen »Utopien der Menschheit«. Mit Papst Franziskus ist diese Utopie,
die nicht zuletzt eine Kritik an der reichen Papstkirche bedeutet, in ebenderen
Zentrum angekommen. Papst Franziskus ist als Vicarius Christi Oberhaupt einer
mächtigen und reichen Institution, und er verpflichtet sich durch seine
Namenswahl dem Programm des heiligen Franziskus, des alter Christus, des
Exponenten der Nachfolge des armen Jesus. Darin steckt eine gewaltige
Sprengkraft – und ein ungeheures Spektrum an Möglichkeiten.

Die Parteinahme des Papstes für die Armen darf freilich nicht mit einem
befreiungstheologischen Programm verwechselt werden. Ziel des Papstes ist
nicht die Weltrevolution, seine Revolution betrifft erst einmal die Kirche selbst.
»Man sagt, der Papst sei revolutionär, aber man vergisst, dass die Kirchenväter
gesagt haben: Die Kirche muss sich immer erneuern«, predigte er im Oktober
2014.

Das klingt wieder harmlos. Doch die Revolution des Papstes besteht nicht nur
aus schönen Worten und Gesten der Bescheidenheit. Einige Kurialen mussten
ihre Posten bereits räumen. Um eine umfassende Kurienreform vorzubereiten,
hat Franziskus einen Kardinalsrat berufen, ein völlig neues Gremium aus
Verbündeten, die selbst nicht der Kurie angehören. Ganz in der Tradition des
Poverello wetterte der Papst in seiner Weihnachtsansprache vor der römischen
Kurie gegen die »Krankheit des Hortens«, gegen das Anhäufen materieller
Güter. Seine Diagnose von insgesamt 15 »Kurienkrankheiten«, von »spirituellem
Alzheimer« bis zur »existenziellen Schizophrenie«, klingt wie eine
Kampfansage an seines eigene Kirche. So wie der heilige Franziskus ist auch
Papst Franziskus eine Herausforderung für seine Kirche – und zumindest für
Teile der Kurie auch eine Gefahr. 2015 wird ein spannendes Jahr. Wer wird sich
durchsetzen: der Papst oder Franziskus?

Hubert Wolf lehrt Kirchengeschichte an der Universität Münster. Einem großen


Publikum wurde er durch den Bestseller »Die Nonnen von Sant’Ambrogio«
bekannt. Gerade ist sein neues Buch erschienen: »Krypta. Unterdrückte
Traditionen der Kirchengeschichte«, Verlag C. H. Beck, München, 231 Seiten,
19,95 Euro.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

So denkt der Papst


Franziskus ist kein Liberaler, sondern ein Radikaler. Er will zurück zum
Evangelium. Der deutsche Kardinal Walter Kasper erklärt, warum dieser
Weg Widerstände weckt
VON WALTER KASPER
DIE ZEIT, 19.02.2015 Nr. 08

Papst Franziskus geht den Dingen auf den Grund. Er setzt radikal an, das heißt:
bei der Wurzel (radix), beim Evangelium. Unter Evangelium versteht Franziskus
aber nicht einfach ein Buch oder die vier Bücher, die wir als die vier Evangelien
bezeichnen – sondern eine Botschaft, das Überbringen einer guten und
befreienden Nachricht, welche die Situation grundsätzlich verändert und den
Hörer zur Entscheidung ruft.

Im Alten Testament ist Evangelium die Botschaft von der bevorstehenden


Befreiung des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft, im Neuen
Testament Jesu eigene Botschaft vom Kommen des Reiches Gottes, die
Botschaft von Christi Tod und Auferstehung, von dem in Kirche und Welt
anwesenden Herrn, vom Anbruch des neuen Lebens. So geht es Franziskus um
das verkündete, geglaubte, gefeierte und gelebte Evangelium. Es ist für ihn ein
Evangelium der Freude im Sinn einer ganzheitlichen Lebenserfüllung, die allein
Gott, der alles in allem ist, schenken kann.

Bereits die ersten Abschnitte seines Apostolischen Schreibens Evangelii


gaudium zeigen, dass es bei der Freude des Evangeliums nicht zuerst um die
Überwindung sozialer Ungerechtigkeit geht, sosehr dies Franziskus am Herzen
liegt. Der Ansatz reicht tiefer. Es geht um die Freud- und Schwunglosigkeit, die
innere Leere und die Vereinsamung des in sich verschlossenen Menschen und
seines in sich verkrümmten Herzens. Das in sich verkrümmte Herz (cor
incurvatum) ist bei Augustinus wie bei Martin Luther ein bekanntes Motiv, um
die Situation des unerlösten Menschen zu beschreiben. Daran knüpft Franziskus
mit seiner Rede von der Selbstbezogenheit an. Letztlich geht seine Kritik an der
Freud- und Schwunglosigkeit zurück auf das, was seit den frühen Wüstenvätern
bis hin zu Thomas von Aquin als Grundsünde und als Urversuchung des
Menschen gilt: die acedia, die Trägheit des Herzens, die nach unten ziehende
Schwerkraft, die Schwerfälligkeit, der Überdruss an geistlichen Dingen, der zur
Traurigkeit dieser Welt führt.

Diese Zeitanalyse ist kein frommes Gedankenwerk. Ähnliche Analysen finden


sich bei vielen bedeutenden und maßgebenden Denkern des letzten Jahrhunderts.
Schon Søren Kierkegaard und dann etwas anders Romano Guardini haben von
der Schwermut gesprochen, Martin Heidegger von der Angst als
Grundbefindlichkeit, Jean-Paul Sartre vom Überdruss des heutigen Menschen.
Ironisch hat Friedrich Nietzsche den »letzten Menschen« beschrieben, der sich
mit dem kleinen banalen Glück zufriedengibt, dem aber kein Stern mehr
leuchtet. »›Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist
Stern?‹ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.«

Hellsichtig hat der Rottenburger Bischof Paul Wilhelm Keppler (1852 bis 1926)
in seinem Buch Mehr Freude die Freudlosigkeit des modernen Menschen
gezeigt. Evangelii gaudium nun packt das Problem der Kirche und der
gegenwärtigen Welt an der Wurzel. Das Schreiben antwortet auf die Not der Zeit
und auf die Krise in der Kirche. Das Evangelium ist der ein für alle Mal
gegebene Ursprung, bleibende Grundlage wie sprudelnde Quelle aller
christlichen Lehre und Disziplin der Sitten. Allein vom Evangelium her kann der
Glaube seine Frische wiedergewinnen, können wir neu Freude am Leben, an der
Schöpfung, an der Kirche wecken. Allein die Freude als Gabe des Heiligen
Geistes, die Freude einer »Evangelisierung mit Geist« kann zum Aufbruch
führen.

Mit diesem Ansatz bewegt sich Franziskus in einer großen Tradition.


Kirchengeschichtlich stand das Evangelium im Hintergrund vieler
Erneuerungsbewegungen, angefangen vom altkirchlichen Mönchtum bis zu den
Reformbewegungen des Mittelalters. Am bekanntesten ist die evangelische
Bewegung des heiligen Franz von Assisi und des heiligen Dominikus.
Franziskus wollte zusammen mit seinen Brüdern einfach das Evangelium »sine
glossa«, ohne Abstrich und ohne Zusatz, leben. Aus dieser damaligen
evangelischen Bewegung sind die beiden bedeutendsten Theologen des
Mittelalters, Thomas von Aquin (1225 bis 1274) und Bonaventura (1221 bis
1274), hervorgegangen.

Bei Thomas von Aquin findet sich ein Artikel von überraschender Originalität
über das neue Gesetz des Evangeliums, auf den sich Papst Franziskus in
Evangelii gaudium ausdrücklich bezieht. Darin legt Thomas dar, das Evangelium
sei kein geschriebenes Gesetz, kein Kodex von Lehren und Geboten, sondern die
innere Gabe des Heiligen Geistes, der uns durch den Glauben gegeben und der in
der Liebe wirksam werde. Dokumente und Vorschriften gehören nur sekundär
dazu; sie sollen uns auf das Geschenk der Gnade ausrichten oder sie zur
Auswirkung bringen; sie haben aber keine eigenständige gnadenvermittelnde
und das heißt keine rechtfertigende Bedeutung.

Mit dieser Theologie des Evangeliums stehen Thomas von Aquin und Martin
Luther in der Sache viel näher beieinander, als es auf den ersten Blick den
Anschein hat. Auch für Martin Luther ist das Christentum keine Buchreligion,
wie es durch die Berufung auf »die Schrift allein« in der späteren Geschichte des
Protestantismus oft verstanden wurde. Das Evangelium ist lebendiges Wort der
Verkündigung. Durch Fehler auf allen Seiten und durch geschichtliche
Verstrickungen ist es darüber im 16. Jahrhundert unglücklicherweise zur
Spaltung der Christenheit gekommen.

Das Konzil von Trient (1545 bis 1563), das sich mit der reformatorischen Lehre
auseinandersetzte, war für das ursprüngliche evangelische Anliegen nicht blind.
Gleich im ersten dogmatischen Dekret verkündete es, die Reinheit des
Evangeliums bewahren und wiederherstellen zu wollen, und verstand darunter
das in der Kirche gepredigte, geglaubte und gelebte Evangelium als lebendige
Quelle aller Heilswahrheit und Sittenlehre. Auf dieser Grundlage hat Trient eine
Erneuerung der Kirche eingeleitet und in einem seiner ersten Reformdekrete die
Predigt als hauptsächliche Aufgabe des Bischofs bezeichnet. Der heilige Karl
Borromäus, der als Modell des nachtridentinischen Reformbischofs gilt, ist darin
für den späteren Papst Johannes XXIII. zum Vorbild auch seiner Konzilsidee
geworden. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) wurde
bei jeder Sitzung das Evangelienbuch feierlich vor den versammelten
Konzilsvätern inthronisiert. Das Evangelium sollte den Vorsitz haben.

So wurde das Wort Gottes erneut ins Zentrum der Kirche gerückt. Paul VI. hat
die Evangelisierung dann in Evangelii nuntiandi (1975) als die wesentliche
Sendung der Kirche bezeichnet und von der Notwendigkeit ihrer
Selbstevangelisierung gesprochen. Johannes Paul II. entfaltete das Programm
einer Neuevangelisierung und Benedikt XVI. griff es auf im Apostolischen
Schreiben Porta fidei und mit der Bischofssynode im Jahr 2012. Ihre Ergebnisse
sind an vielen Stellen in das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium
eingegangen.

So wurde Evangelisierung zu dem pastoralen Programm unter Papst Franziskus.


Er steht in langer Tradition, besonders in der Tradition seiner unmittelbaren
Vorgänger. Gleichzeitig steht er mitten in unserer Zeit. Denn in den Aporien der
Gegenwart droht die Moderne sich im Westen postmodern totzulaufen, während
sich im Süden der Erdkugel die wirtschaftlichen Folgen für Millionen Menschen
tödlich auswirken. In dieser Situation suchen viele nach einer Alternative und
finden sie zunehmend in den evangelikalen Bewegungen. Diesen Trend gibt es
auch in der katholischen Kirche des 21. Jahrhunderts.

Franziskus hat den Herzschlag der gegenwärtigen Kirche verstanden. Er vertritt


keine liberale, sondern eine im ursprünglichen Wortsinn radikale, auf die Wurzel
zurückgehende Position. Der Rückgriff auf den Ursprung ist jedoch kein
Rückzug ins Gestern und Vorgestern, sondern Aufbruch ins Morgen. Mit seinem
evangelischen Programm greift er die ursprüngliche Botschaft der Kirche ebenso
wie das Bedürfnis der Gegenwart auf und setzt zur Erneuerung an. Damit passt
er weder in ein traditionalistisches noch in ein progressives Schema. Mit dem
Brückenschlag zum Ursprung ist er Brückenbauer in die Zukunft.

Das Evangelium ist eine gute, aber auch herausfordernde Botschaft. Es ist ein
Ruf zu Umkehr und Neuorientierung. Damit weckt es notwendigerweise
Widerstände. So hat die Rede des Papstes vom Evangelium viele unruhig
gemacht. Denn er spricht viel vom Evangelium, aber auffallend wenig von der
Lehre der Kirche. Manche fragen: Wie hält er es mit der Lehre der Kirche? Will
er gar Evangelium und Lehre in einen Gegensatz bringen, wie es die liberale
Theologie getan hat? Franziskus macht sich dieses liberale Verständnis nicht zu
eigen. Im Gegenteil, das Evangelium ist ihm die Quelle, aus der die Lehren
entsprungen sind. Das ist nicht nur eine historische Feststellung. Aus ihr folgt
vielmehr, dass man die Lehre im Licht des Evangeliums zu interpretieren hat.
Der Papst ruft die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils von der Hierarchie
der Wahrheiten neu ins Bewusstsein. Sie fordert, die vielen Wahrheiten von
ihrem christologischen Grund und ihrer christologischen Mitte her zu
interpretieren.

Das ist nicht neu. Schon Thomas von Aquin machte deutlich, dass der Glaube
nicht die äußere Summe eines Vielerlei von Wahrheiten, sondern jede Aussage
Glied eines artikulierten Ganzen (articulus fidei) ist. Er wusste, dass
Grundartikel des Glaubens das Ganze des Evangeliums implizieren. So hatte das
Erste Vatikanische Konzil gefordert, den Glauben aus dem inneren
Zusammenhang der Mysterien und im Blick auf das letzte Ziel des Menschen zu
verstehen. Eine solche Hierarchie gibt es nicht nur unter den Wahrheiten,
sondern auch unter den Tugenden. Die katholische Morallehre ist kein Katalog
von Sünden und Fehlern. Alle Tugenden stehen im Dienst der Liebe.

Jesus selbst fasst in dem Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe Gesetz und
Propheten zusammen. Papst Franziskus nun bezeichnet als den grundlegenden
Kern »die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen
und auferstandenen Jesus Christus geoffenbart hat«. Aus dieser Einsicht zieht er
praktische Schlüsse: Man dürfe in der Verkündigung die Lehre nicht auf
zweitrangige Aspekte reduzieren, sondern müsse sie aus dem Zusammenhang
der Botschaft Jesu Christi heraus verstehen. Nur wenn man die Wahrheiten des
Glaubens in ihrem inneren Zusammenhang sehe, könne man sie in ihrer ganzen
Schönheit und Anziehungskraft zum Leuchten bringen. Nur so könne sich der
Duft des Evangeliums neu verbreiten.

Dieses kerygmatische Programm kommt nah an Luthers Grundsatz »was


Christum treibet« heran und ist doch von ihm auch sehr verschieden. Denn für
das Konzil und für Papst Franziskus handelt es sich nicht um ein exklusives
Prinzip, mit dem man sperrige Wahrheiten ausscheiden oder als weniger
verbindlich abtun kann. Papst Franziskus geht es um ein inklusives
hermeneutisches Prinzip und dabei vor allem um ein pastorales Anliegen der
Verkündigung, mit dessen Hilfe er das Evangelium in seiner inneren Schönheit
neu verstehen und zum Leuchten bringen will.

Franziskus will nicht den Glauben und die Moral revolutionieren, er will den
Glauben und die Moral vom Evangelium her interpretieren. Er tut das, dem
Verkündigungscharakter des Evangeliums entsprechend, nicht in einer abstrakten
lehrhaften Sprache, sondern in einer einfachen, aber nicht vereinfachenden,
dialogischen, die Menschen ansprechenden und mitnehmenden Sprache. Damit
gibt er nichts auf von der Lehre; er kann vielmehr zeigen, dass der Glaube eine
stets frische und erfrischende Quelle ist. Eine Wahrheit, die nie aus der Mode
kommt. Er will die Gläubigen von der Schönheit des Glaubens überzeugen und
zu einem freudigen Leben ermutigen.

Der Papst ist ein Mann der Begegnung. Er hat das Charisma, jeden, die Großen
dieser Welt wie die vielen kleinen, unscheinbaren Menschen, von denen nie
etwas in der Zeitung steht, anzusprechen. Er übermittelt seine Botschaft
wohlwollend, aber nicht wohlfeil, einladend, aber nicht anbiedernd, jeden
willkommen heißend und geradezu umarmend, doch auch unbequem. Seine
Reden wollen herausfordern, haben aber nichts Aufrührerisches an sich. Sie
strahlen Hoffnung und Zuversicht aus.

Denn er ist überzeugt, dass wir die nach unten ziehende Schwerkraft und die
lähmende geistliche Schwerfälligkeit, die uns befallen hat, nur durch den
Schwung des Evangeliums überwinden. Wenn ein Haus baufällig geworden ist,
nützen Verschönerungsmaßnahmen im Innern nichts. Man muss zuerst die
Fundamente sichern. Ähnlich muss die Kirche sich auf ihr Fundament besinnen.

Das ist kein liberales, es ist ein radikales Programm. Der Papst selbst spricht von
einem Sturm der Liebe, welche allein in der Lage ist, die Welt von innen zu
verwandeln. Diese Revolution geschieht mit Leidenschaft, aber ohne Gewalt,
ohne Fanatismus und Ressentiment. Sie ist eine Herausforderung für solche
Konservative, welche sich nicht mehr von Gott überraschen lassen wollen und
sich Reformen verweigern, wie für solche Fortschrittliche, die nur konkrete
Lösungen hier und jetzt erwarten. Nichts ist schlimmer als der Furor der
Katharer, Inquisitoren und Rigoristen, die einer reinen Kirche der Vergangenheit
nachtrauern, die es nie gab; nichts ist schlimmer als der Eifer sich progressiv
dünkender schwärmerischer Utopisten für eine reine, ideale Kirche der Zukunft,
welche erbarmungslos mit der Gegenwart ins Gericht geht.
Was der Papst vorschlägt, ist der demütige Weg gläubiger Menschen, die
Kontinente verschieben und Berge versetzen. Ein bisschen Barmherzigkeit – so
sagt er – kann die Welt verändern. Das ist die christliche Revolution der
Revolution. Eine Revolution der Barmherzigkeit.

Papstfreund: Walter Kasper kennt den Papst aus nächster Nähe. Der emeritierte
Kurienkardinal, 81, zählt zu den angesehensten Theologen im Vatikan und wird
von Franziskus gern in heiklen Fragen, etwa zu Ehe und Familie, konsultiert.
Jetzt erscheint seine Deutung des neuen Pontifikats. Wir drucken einen Auszug
aus: »Papst Franziskus – Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe.
Theologische Wurzeln und pastorale Perspektiven« (Katholisches Bibelwerk,
160 Seiten, 14,90 €).

Papstversteher: Neueste Bücher stammen von Jürgen Erbacher (»Ein radikaler


Papst. Die franziskanische Wende«), Daniel Deckers (»Papst Franziskus. Wider
die Trägheit des Herzens«), Paul Vallely (»Papst Franziskus. Vom Reaktionär
zum Revolutionär«). Im April folgt George Augustin (»Aufbruch in der Kirche
mit Papst Franziskus«).
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

»Ein Abschied von Sünde und Strafe –


das wäre die Revolution«
Die Schriftstellerin Ulla Hahn liebt Pontifikalämter und die lateinische
Sprache. Da hat ihr Franziskus wenig zu bieten. Sie hätte auch gern ein
paar Reformen, vor allem in der Frauenfrage. Auch da kommt der Papst
nicht voran. Ein Gespräch über Hoffnungen, Enttäuschungen und den
Katholizismus als Lebensbegleiter
VON CHRISTIANE FLORIN
Christ & Welt, 12.03.2015 Nr. 11

Christ & Welt: In Ihrem neuen Roman »Spiel der Zeit« beschreiben Sie die
revolutionäre Stimmung auf dem Katholikentag 1968. Ist Franziskus ein
Revolutionär?

Ulla Hahn: Sollte er? Revolutionen enden doch allzu oft bei dem Gegenteil
dessen, was sie erreichen wollten. Nein, die katholische Kirche braucht einen
Reformator, einen Papst, wie es das Motto des von Ihnen angesprochenen
Kirchentags damals forderte: Mitten in dieser Welt. Franziskus versucht das. Auf
seine Weise. Er vermenschlicht die Figur des Papstes, reagiert dabei oft sehr
spontan, mir manchmal zu medienbewusst. Warum er seine Mitarbeiter in seiner
Rede über die 15 Krankheiten der Kirche vor laufender Kamera zurechtgewiesen
hat, das verstehe ich nicht. Mag sein, er hatte seine Gründe. Aber hatte er die
auch, als er behauptete, man könne Kinder mit Würde schlagen?

Christ & Welt: Sie selbst sind von Ihrem Vater geschlagen worden …
Ulla Hahn: Ich bin in einem tief katholischen Milieu aufgewachsen: Was war da
der liebe Gott? Er war immer auch das oberste Strafgericht. Er vergab goldene,
aber auch schwarze Punkte. Und Eltern und Lehrer waren sein verlängerter Arm.
Gott als Richter, die Betonung von Sünde und Strafe – das ist genau das, was das
Christentum nicht braucht. Sich davon zu verabschieden, das wäre die
Revolution.

Christ & Welt: Aber Franziskus spricht doch deutlich häufiger als seine
Vorgänger von Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Zärtlichkeit. Glauben Sie ihm
nicht?

Ulla Hahn: Häufiger als seine Vorgänger? Gleich in der ersten Enzyklika
Benedikts XVI., »Deus caritas est«, geht es um Liebe – zu Gott und zum
Nächsten. Und Franziskus? Warum sollte ich ihm nicht glauben? Doch seinen
Satz mit dem Schlagen, den sollte er zurücknehmen. Sagen, dass er dies
bedauert. Das wäre wahrhaft revolutionär: ein Papst, der öffentlich bereut. Auch
ein Klaps ist keine Lappalie. Es ist eine Demütigung.

Christ & Welt: Hilft Ihnen das Dichten und Schreiben, um mit den
Demütigungen ihrer Kindheit fertigzuwerden?

Ulla Hahn: Ja. Ich habe vor 20 Jahren angefangen, meine Biografie
aufzuarbeiten. So ist die Romanfigur Hilla Palm entstanden. Ich wusste am
Anfang gar nicht, wie befreiend das Schreiben ist. Die katholische Kirche und
das Sakrament der Beichte wissen das seit jeher: Was einen belastet, sollte man
versuchen auszusprechen oder aufzuschreiben. Sich etwas von der Seele reden,
heißt es im Deutschen ja so zutreffend. Mit Hilla Palm wird es auch nach diesem
dritten Band noch weitergehen. Da ist noch etwas, das zur Sprache gebracht
werden muss. Mehr will ich dazu nicht verraten.

Christ & Welt: In »Spiel der Zeit« versöhnt sich Hilla mit ihrem Vater. Haben
Sie Ihrem Vater verziehen?

Ulla Hahn: Kurz vor seinem Tod haben wir uns ausgesöhnt. Aber so wie in
»Spiel der Zeit«, so gelöst und fast heiter, war mein Vater in Wirklichkeit nicht.
Ich hätte ihn mir so gewünscht, aber dazu war er dann schon zu krank. Diesen
Roman-Vater habe ich mir geschenkt. Als Schriftstellerin hat man dieses
Privileg: sich Menschen schenken zu können, die es im richtigen Leben nicht
gab.

Christ & Welt: Wie wurde die Versöhnung möglich?

Ulla Hahn: In dem Moment, in dem mein Vater für meine Augen und Ohren
eine Geschichte bekam, in dem Augenblick, als mir die Gründe seiner
Verletzungen klar wurden, konnte ich ihm vergeben. Das ließe sich
verallgemeinern: Sie können einem Menschen nur wirklich nahekommen, wenn
Sie wissen, wie er so geworden ist, wie er ist. Ein Kind macht sich darüber
natürlich keine Gedanken. Die Eltern sind einfach da, sie sind ohne Geschichte.
Erst als Erwachsene habe ich gelernt: Mein Vater war ein ganz armer Mensch. Er
hatte in seinem ganzen Leben niemanden, der ihm geholfen hat. Wir alle
brauchen Menschen, die uns im richtigen Augenblick zur Seite stehen. Ich nenne
sie säkularisierte Schutzengel. Wer weiß, wie ich geworden wäre, hätte ich nicht
diesen Lehrer oder diesen Pfarrer gehabt, die mir etwas zutrauten, obwohl ich
aus armen, ungebildeten Verhältnissen kam und dazu ein Mädchen war. Ich wäre
vermutlich auch nicht katholisch geblieben, wenn ich nicht Menschen begegnet
wäre, die diesen Glauben verkörpern. Nur Theologie gelehrt zu bekommen, das
ist zu wenig.

Christ & Welt: Die katholische Kirche Ihrer Kindheit war autoritär, auch der
Pfarrer, der Ihnen den Weg zum Gymnasium bahnte, war kein lockerer
Konzilstyp.
Ulla Hahn: Das stimmt. Aber für ein Arbeiterkind wie mich war an der
katholischen Kirche auch noch anderes wichtig: Die Kirche war der erste Ort, an
dem ich Luxus erlebte. Es gab dort Kerzen, Blumen, Weihrauch, wunderbare
Gewänder, Musik. Das war für mich eine andere Welt. Ein Vorgeschmack auf
den Himmel.

Christ & Welt: Die arme Kirche, die Franziskus anstrebt, kann Ihnen diesen
Luxus nicht bieten.

Ulla Hahn: Ich habe während meines Aufenthaltes in der Villa Massimo häufig
Papst-Gottesdienste besucht. Große Oper! Ich liebe feierliche Pontifikalämter,
ich liebe die lateinische Sprache. Aber ich bin in diesem kindlichen Erstaunen
nicht stecken geblieben. Ich wurde erwachsen und lernte zu abstrahieren. Eine
katholische Kirche, die zu sehr auf Überwältigung und Ästhetik setzt, würde es
sich zu einfach machen.

Christ & Welt: Sie wünschen sich Reformen?

Ulla Hahn: Aber sicher wünsche ich mir Reformen. Mein Mann ist evangelisch,
er darf nicht die Kommunion empfangen, wenn er mich in den katholischen
Gottesdienst begleitet. Bringt Franziskus in der Ökumene etwas voran? Hat er
dazu schon etwas Wegweisendes gesagt? Oder nehmen Sie das Thema Frauen.
Auf dem Essener Katholikentag 1968 haben über 3000 Gläubige einen Brief an
den Papst geschrieben, sie kämpften unter anderem dafür, dass die Kirche die
Pille erlaubte. In dem Brief heißt es: »Die Teilnehmer des 82. deutschen
Katholikentages in Essen ... sind zu der Überzeugung gekommen, dass sie der
Forderung nach Gehorsam gegenüber der Entscheidung des Papstes in Fragen
der Methoden der Empfängnisverhütung nach Einsicht und Gewissen nicht
folgen können.« Diese Szene kommt auch in meinem Roman vor. Als meine
Lektorin, 30 Jahre jünger als ich, die Textstelle las, meinte sie, ich hätte den
Brief erfunden! Vieles, was 1968 gefordert wurde, ist noch immer nicht in der
Kirchenspitze angekommen.Bei Franziskus? Ich weiß es nicht. Mein Eindruck
ist allerdings auch: Es wird an der Basis gar nicht mehr wirklich darum
gerungen, dass sich etwas verändert. »Hengsbach, wir kommen, wir sind die
linken Frommen«, haben wir damals in Essen gerufen. Hengsbach war der
Ortsbischof. Welche 20-Jährige würde heute noch mit einem solchen Schlachtruf
auf einen Katholikentag ziehen? Ich selbst würde es wohl auch nicht mehr tun,
wenn ich 20 wäre. Neulich fragte mich eine Frau nach einer Lesung, ob ich für
die Diakoninnenweihe sei …

Christ & Welt: Und: Sind Sie dafür?

Ulla Hahn: Es wäre eine Möglichkeit, einen Fuß in die Tür zu bekommen, habe
ich geantwortet. Ich würde mich dennoch nicht vehement für die
Frauenordination einsetzen. Ich habe auch da eher ein entspanntes Verhältnis
zum Katholizismus gefunden.

Christ & Welt: Franziskus versucht gerade, beim Verkrampfungsthema


Nummer eins, der katholischen Sexualmoral, eine Debatte anzustoßen.
Debattieren Sie nicht mit?

Ulla Hahn: Vielleicht unterschätze ich, wie schwer es Franziskus hat, weil ich
unterschätze, was alles für den Klerus mit dem Thema Sexualmoral verbunden
ist. Ich fürchte aber, dass diese Debatte zu spät kommt. Die Hauptfiguren meines
Romans, Hilla und Hugo, sind beide katholisch erzogen, und sie scheren sich
schon in den 1960er-Jahren nicht darum, dass Sex vor der Ehe laut kirchlicher
Lehre verboten ist. Glauben Sie ernsthaft, ein katholisches Paar in Deutschland
brennt heute noch darauf, zu erfahren, was die aktuelle kirchliche Debatte über
die Sexualmoral ergibt?

Christ & Welt: Nein, das glaube ich auch nicht. Aber was folgt daraus?

Ulla Hahn: Dass sich die katholische Kirche aus den Betten der Gläubigen
heraushalten sollte, wenn sie die wachsende Kluft zwischen kirchlicher
Moralpredigt und Lebenspraxis nicht immer weiter aufreißen will. Auch die
Verweigerung der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene ist doch
niemandem mehr vermittelbar. Die katholische Kirche ist hier so weit weg vom
Leben der Menschen. Dennoch hoffe ich, dass die Familiensynode im Herbst
dem wirklichen Leben wieder näherkommt.

Christ & Welt: Jetzt reden Sie ja doch sehr engagiert. Sehen Sie sich eigentlich
als katholische Schriftstellerin oder als Schriftstellerin, die katholisch ist?

Ulla Hahn: Letzteres. Mit einem »auch« versehen. »Katholische


Schriftstellerin« würde mich viel zu sehr einengen, und katholisch als einzige
Eigenschaft wäre mir ebenfalls zu eng. Aber wenn ich auf diese drei Hilla-Palm-
Romane – »Das verborgene Wort«, »Aufbruch« und »Spiel der Zeit« –
zurückschaue, dann merke ich schon, wie stark mich der Katholizismus geprägt
hat und beschäftigt. Das ist ein Fundus, aus dem ich schöpfe. Bei aller Liebe zur
intellektuellen Auseinandersetzung spüre ich auch, wie tief mein Kinderglaube
noch immer ist, vielleicht wird er sogar mit dem Alter stärker. Martin Walser hat
einmal sinngemäß gesagt: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt oder nicht, aber ich
brauche ihn.“ Da spricht er mir aus der Seele. Ich würde mich ärmer fühlen,
wenn ich nicht glauben könnte. Gott ist ein wunderbarer, unverzichtbarer
Gesprächspartner. Von der katholischen Kirche war ich allerdings lange Zeit sehr
viel weiter weg als jetzt. Dann habe ich den Hamburger Erzbischof Werner
Thissen kennengelernt und gedacht: So fröhlich, offen und zugleich innerlich
kann Kirche also auch sein.

Christ & Welt: Gesetzt den Fall, die Kirche würde sich so entwickeln wie Hilla
und Hugo, das Liebespaar in Ihrem Roman, das in ihren Gesprächen erträumen:
menschenfreundlich, gewinnend, fröhlich statt machtbewusst und
rechthaberisch. Würde das etwas an Ihrem Glauben ändern?
Ulla Hahn: Nein. Gott ist größer als die Kirche. Die konkrete Gestalt der
Institution ist mir nicht so wichtig, solange ich Menschen begegne, die ihren
Glauben leben. Den Missbrauchsskandal und den Fall Tebartz-van Elst fand ich
schlimm, meinem Verhältnis zu Gott haben sie nichts anhaben können. Ich finde
es schade, dass der Glaube heute aus dem Alltag verschwindet. Für mich ist der
Glaube nicht nur in existenziellen Situationen wichtig, sondern auch im
täglichen Leben. Ich bedaure zum Beispiel, dass das Tischgebet weitgehend
verschwunden ist.

Christ & Welt: Beten Sie auch im Restaurant ein Tischgebet?

Ulla Hahn: Das nun gerade nicht, das wäre mir zu demonstrativ. Ich wünsche
mir ein Christentum, das im Alltag durchscheint, und keines, das sich penetrant
aufdrängt. Wenn ich bedaure, dass sich im Alltag zu wenig Christliches zeigt,
dann heißt das nicht, dass ich zurückwill in eine Vergangenheit, zu einem
Katholizismus, wie ich ihn in meiner Kindheit erlebt habe. Da war viel Zwang
und Gewalt, und ob die Menschen wirklich tiefer geglaubt haben als heute, weiß
ich gar nicht.

Christ & Welt: Haben Sie eine Vision für den Katholizismus 2050?

Ulla Hahn: Ich träume davon, dass mein Mann und ich in einen ökumenischen
Dom gehen könnten. Aber realistisch betrachtet glaube ich, dass sich bis 2050
nicht so viel geändert haben wird. Vielleicht dürfen wiederverheiratete
Geschiedene an der Eucharistie teilnehmen. Vielleicht auch die evangelischen
Christen. Für eine grundsätzlich andere Haltung gegenüber Frauen dürften 35
Jahre nicht reichen. Wenn ich darüber nachdenke, was sich in den vergangenen
35 Jahren geändert hat, muss ich sagen: Längst nicht genug. Klar, es gibt im
Unterschied zur Kirche meiner Kindheit Messdienerinnen und
Pastoralreferentinnen. Aber an den Strukturen hat sich kaum Entscheidendes
verändert. Übrigens findet gerade mein evangelischer Mann es gut, wenn die
katholische Kirche möglichst viel beibehält. »Ihr wisst gar nicht, welche Folgen
Veränderungen mit sich bringen«, sagt er, wenn wir über manche Reformen
diskutieren. Aber sich dem alltäglichen Leben zu nähern und dennoch den
Glauben zu bewahren: Das ist die wirkliche Herausforderung. Und da kann die
katholische Kirche noch ein paar Lockerungsübungen vertragen.

Ulla Hahn wuchs in einem rheinischen Dorf auf. Nach dem Germanistikstudium
in Köln lehrte sie an verschiedenen Universitäten. In der Literaturszene machte
sie sich zunächst als Journalistin, dann als Lyrikerin einen Namen. 2001
erschien ihr Roman »Das verborgene Wort«, in den ihre eigenen Erfahrungen
einfließen. Ulla Hahn erzählt, wie sich das Arbeiterkind Hilla Palm aus dem
katholischen Milieu ihrer Kindheit befreit. Im 2014 erschienenen dritten Hilla-
Band »Spiel der Zeit« hat es die junge Frau an die Uni geschafft. Sie erlebt
Ostermärsche, revolutionäre Katholikenhappenings – und mit Hugo die große
Liebe.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

Franz sucht Freunde


Der Mann vom anderen Ende der Welt will eine andere Kirche, das ist
überdeutlich. Doch im Vatikan formiert sich Widerstand. Hat der Papst die
richtigen Mittel, um Verbündete zu gewinnen?
VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN
Christ & Welt, 12.03.2015 Nr. 11

Ein Papst, der bei Menschen, die sich von der Kirche abgewendet haben oder ihr
kritisch gegenüberstehen, mehr Gehör findet als in den eigenen vier Wänden, ist
suspekt. Wie ein Feldlazarett sieht hier am Collis Hortulorum, dem Hügel der
Gärten, gar nichts aus. Die Eukalyptusbäume sind akkurat beschnitten, Kakteen
räkeln sich in der Frühlingssonne, herrschaftliche Palmen und üppige
Zitronenbäume setzen sich vom strahlend blauen Himmel ab. Die Welt ist hier
oben über Rom sehr in Ordnung, die Villa Malta oberhalb der Spanischen
Treppe ein Paradies auf Erden. Es sieht hier eher nach einer um sich selbst
kreisenden Kirche aus, die Papst Franziskus so verachtet. Und nichts ist verbeult.
Nicht einmal der Abfalleimer vor dem Tor.

Diego Fares, der vor nicht allzu langer Zeit noch in den Villas Miserias, den
Armensiedlungen von Buenos Aires, unterwegs war, wohnt nun auch in diesem
Idyll. Zusammen mit den anderen acht Jesuiten, die die Zeitschrift »Civiltà
Cattolica« mit Texten bestücken. Fares ist Professor für Metaphysik und ein
enger Freund von Jorge Mario Bergoglio. Er soll die Mannschaft von
Chefredakteur Antonio Spadaro verstärken, auch der ist ein Intimus des Papstes.
Aber eigentlich kommt Padre Fares wegen Franziskus. Denn unten, jenseits des
Tiber, braut sich ein Sturm zusammen. Der Papst braucht jetzt Männer, auf die er
sich verlassen kann.

Der Vatikan, das sagen selbst seine treuesten Bewohner, ist nicht unbedingt ein
Hort von Nestwärme und Nächstenliebe. Franziskus hat die jesuitische
Heißmangel angeworfen, mit drastischen Folgen. Es vergeht kaum ein Tag, an
dem er nicht an die spirituelle Reinigung erinnert, Scheinheiligkeit und
Selbstbezogenheit des Klerus anprangert. Es sei noch ein weiter Weg zur
Übereinstimmung von Liturgie und Leben, sagte Franziskus am Wochenende.
Franziskus provoziert fast täglich. Aber nicht die säkularisierte Welt, wie es
seine Vorgänger taten, sondern die eigenen Leute. Und weil vieles in diesem
Pontifikat an den heiligen Ignatius von Lojola erinnert, der schon seit knapp 500
Jahren nicht mehr am Leben ist, fragt man zum Beispiel den von der Peripherie
zugereisten Jesuitenpater Fares, was genau sich zwei Jahre nach der Wahl Jorge
Mario Bergoglios zum Papst hier eigentlich zuträgt. »Jede echte Reform«, sagt
der Freund des Papstes, »beginnt mit einer inneren Reform, einer Reform des
Herzens.«

Abgeklärten Prälaten läuft es bei solchen Worten kalt den Rücken herunter. Sie
können die Parolen von der Tempelsäuberung nicht mehr hören. Aber Franziskus
schreitet scheinbar unverrückbar auf diesem Weg fort. Vielleicht auch ins
Verderben? Denn im römischen Klerus nimmt die Zahl seiner Kritiker zu. Sucht
man einen Moment, an dem sich der Umschwung festmachen lässt, dann findet
man ihn zwei Tage vor dem letzten Weihnachtsfest. Franziskus hielt die
traditionelle Ansprache vor der Kurie, früher ein versöhnlicher Moment der
Rückschau, und warf ihr öffentlich 15 Krankheiten an den Kopf, darunter
»spirituellen Alzheimer« und »existenzielle Schizophrenie». Franziskus wählt
harte Worte, er sagt die Dinge, wie sie sind, ohne Anästhesie«, sagt Padre Fares,
den Bergoglio einst als argentinischer Provinzial in den Jesuitenorden aufnahm.
Die Erkenntnis des eigenen Sündenregisters sei auch in den Exerzitien des
heiligen Ignatius der erste Schritt auf dem Weg zu Barmherzigkeit und
Vergebung.

Das Problem scheint, dass die Kurie keine Lust auf dauerhafte Exerzitien hat, die
einer ständigen Bloßstellung zu gleichen. Eine »Höllenpredigt« nennt ein
Betroffener die Weihnachtsrede. Sie hat den Riss zwischen Papst und Apparat
eher vertieft, als dass sie, wie erhofft, zur Heilung beitrug. Und jetzt sollen auf
dieser Basis die Kurie reformiert, päpstliche Räte zusammengelegt,
Kongregationen neu geschaffen, Kompetenzen neu verteilt werden, alles ohne
einen wirklich klar erkennbaren Plan.

Das eigentliche Rätsel ist, ob eine Reform gegen den Willen der zu
Reformierenden gelingen kann. Denn der römische Kontext, in dem sich die
franziskanische Revolution abspielt, ist folgender: Ein Papst, der bei Menschen,
die sich von der Kirche abgewendet haben oder ihr kritisch gegenüberstehen,
mehr Gehör findet als in den eigenen vier Wänden, ist suspekt. Traditionelle
Katholiken, Kurienmitarbeiter, Bischöfe und Kardinäle verlangen, dass ein Papst
den Glauben hütet, sich im bekannten Rahmen von Tradition, Lehre und Gesten
bewegt und nicht das Evangelium neu erfindet.

Das nimmt wohl auch Franziskus nicht für sich in Anspruch, obwohl er in den
Augen seiner unzähligen kritischen Beobachter in Rom gelegentlich Verwirrung
stiftet. War die Metapher vom Faustschlag gegen jeden, der seine Mutter
beleidigt, eine Legitimation von Gewalt? War der Vergleich zwischen
zeugungstüchtigen Katholiken und Karnickeln eine Absage an die geltende
Sexualmoral der Kirche? Was hatte es mit der Kinderzüchtigung »in Würde« auf
sich? »Die einfachen Leute verstehen ihn, und auch, wer guten Willens ist«, sagt
Padre Fares. Alles in den Gesten und Worten des Papstes sei darauf ausgerichtet,
»sanft und friedlich die Herzen der ganzen Welt für Christus zu gewinnen«.
Andere behaupten, die argentinische Macho-Kultur sei jetzt eben auch Teil des
päpstlichen Lehramts.
Eindeutig misslungen ist der Versuch der Herzenseroberung bei einer Handvoll
Bischöfen, die sich mit inoffiziellen Anfragen an Kurienbehörden gewandt
haben und ganz ernsthaft wissen wollten, wie man den Häresien, also den
Irrlehren, des Papstes, kanonisch beikommen könne. Es handelt sich bei den
Besorgten um traditionalistische Outsider, deren Ansinnen keinen Erfolg haben
wird. Aber die Signale für einen unerbittlich ausgetragenen Kampf der
katholischen Kulturen sind nicht mehr zu übersehen. »So schlimm war es noch
nie«, sagt ein hochrangiger Geistlicher, der wie die meisten Beteiligten nur im
Schutz der Anonymität sprechen will.

Andere warnen den Papst ganz unverhohlen. »Die Kirche Afrikas wird sich
felsenfest jeder Rebellion gegen die Lehre Christi entgegenstellen«, schrieb
Kardinal Robert Sarah aus Guinea in seinem neuen Buch »Gott oder nichts«.
Franziskus hatte den einflussreichen Afrikaner erst kürzlich als Präfekten der
Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung eingesetzt. Der
australische Kardinal George Pell, Chef des neu geschaffenen
Wirtschaftssekretariats, dem Franziskus erst viel Macht einräumte und diese auf
Anraten seiner Rechtsexperten und nach schweren internen Verwerfungen dann
wieder beschränkte, fabulierte vor Monaten in einer Predigt über den
»ungewöhnlichen Papst« namens Franziskus und die Tatsache, dass die
Geschichte »37 falsche Päpste oder Gegenpäpste gesehen« habe. Das war kein
Zufall. Und das Sprachrohr der Rebellion gegen Franziskus, der vom Papst
eigenhändig als Präfekt der Apostolischen Signatur entmachtete US-Kardinal
Raymond Leo Burke, legt alle paar Wochen nach. Erst sagte er in einem
Interview mit der Zeitschrift »Vida Nueva«, die Kirche unter Franziskus mache
den Eindruck eines »Schiffs ohne Steuer«. Dann kündigte er offen Widerstand
an für den Fall, dass der Papst nach der Synode im kommenden Oktober die
Ehelehre der katholischen Kirche ändern werde. Es sei eine »heilige Pflicht«, die
Wahrheit der Lehre und Disziplin zu verteidigen. »Ich kann nicht anders«, sagte
Burke.
Sarah, Pell und Burke verstehen sich als konservatives Bollwerk, werden im
Vatikan ernst genommen und haben viel Gefolge. Franziskus selbst hat Sarah
und Pell befördert. Der 66 Jahre alte Burke ist die Speerspitze einer immer
größer werdenden Anti-Franziskus-Fraktion und seit seiner Versetzung auf den
unbedeutenden Posten des Kardinalprotektors des Malteserordens hat er auch
noch ziemlich viel Zeit.

Ein Gefühl, das einige in der Kurie haben, ist das von einem
Hochgeschwindigkeitszug, der unaufhaltsam auf einen Prellbock zurast. Der
Prellbock, das ist die ordentliche Synode zur Familienseelsorge im kommenden
Oktober. Es soll um komplexe Antworten auf viele Fragen gehen. Aber am Ende
wird doch wieder alles um das Problem der Zulassung wiederverheirateter
Geschiedener zu den Sakramenten kreisen um die Frage, wie das anschließende
Machtwort des Papstes ausfällt. Bergoglio sprach schon vor seiner Wahl im
Vorkonklave davon, die Kirche müsse an die »existenziellen Peripherien« gehen,
also die Sünder und verlorenen Schafe erreichen, anstatt streng mit dem
Katechismus in der Hand zu wedeln. Nach der Synode muss die Entscheidung
darüber fallen, ob die katholische Kirche weiterhin auf ihren Dogmen, also in
diesem Fall auf der Unauflöslichkeit der katholischen Ehe, beharrt und so ihre
Identität zu bewahren versucht oder doch Schlupflöcher findet in dem Bestreben,
den Draht zur Welt nicht zu verlieren.

Die Entscheidung ist möglicherweise längst gefällt. »Wir sind keine Filiale von
Rom«, tönte kürzlich der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen
Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, der zum jesuitisch nach
Weltregionen konzipierten neunköpfigen Kronrat des Papstes gehört. Er deutete
damit an, dass sich die deutschen Bischöfe nicht von der Synode vorschreiben
lassen wollen, wie sie ihre Seelsorge handhaben sollen. Marx will Franziskus
unterstützen. Wenn der Münchner Kardinal so etwas sagt, dann soll das zeigen:
Franziskus hat einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht mehr aufzuhalten ist.
Dass der Papst solche Äußerungen duldet, die bis vor Kurzem noch als
gefährlicher Verstoß galten, wird als Zeichen seines Einverständnisses
interpretiert. Der Zug, so scheint es, wird den Prellbock beiseiteräumen.

Ob auf der Weiterfahrt dann noch alle Waggons dran sein werden, dafür wollen
nicht alle ihre Hand ins Feuer legen. »Ich hoffe, dass es kein Schisma geben
wird«, sagt ein besonnener Prälat. Im Moment wirkt das Szenario einer
Kirchenspaltung so wahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass Franziskus doch
noch zu den roten Slippern statt zu seinen schwarzen Orthopädie-Schuhen greift.
Wenn der Papst merke, dass er den Bogen überspannt habe und die Puristen kurz
vor der Abspaltung stünden, bliebe Franziskus nur noch der Rücktritt, sagt der
ranghohe Kurienmann. Nicht auszuschließen ist, dass sich bei solchen
Spekulationen auch geheime Wünsche offenbaren.

»Baue meine Kirche wieder auf!«, soll eine Stimme einst zum heiligen
Franziskus gesagt haben. In Rom fürchten sie nun, der Namensvetter des
Poverello aus Assisi könnte stattdessen die letzten Mauern einreißen.
UND WER IST ER NUN, DIESER FRANZISKUS?

»Ich kenne auch die leeren Momente«


Was bedeutet Glaube? Ein ZEIT-Gespräch mit Papst Franziskus
VON GIOVANNI DI LORENZO
DIE ZEIT, 09.03.2011 Nr. 11

Das erste Interview mit einem deutschen Journalisten in der vierjährigen


Amtszeit von Papst Franziskus wurde behandelt wie eine geheime Staatssache.
Die Redaktion der ZEIT wurde gebeten, zu schweigen – am besten, bis wir
endlich dem Papst gegenüberstehen. Nach langer Anbahnung kam die Einladung
zum Gespräch vom Papst persönlich.

Der Treffpunkt ist im Gästehaus Santa Marta im Vatikan: ein


Besprechungsraum, der weniger repräsentativ kaum sein könnte; sechs
Lehnstühle, grün bezogen, eine Anrichte, ein Abbild von Johannes XXIII., ein
Fernseher. Hier empfängt der Papst nahezu jeden Besuch, wie bei allen anderen
Gesprächen gibt es nicht einmal ein Glas Wasser. Papst Franziskus wohnt genau
über diesem Besprechungsraum, das Schlafzimmerfenster geht direkt auf eine
Mauer.

Der Papst, der im vergangenen Dezember 80 Jahre alt wurde, spricht langsam,
mit großer Konzentration und Vitalität, aber mit so leiser Stimme, dass es
schwerfällt, ihm ohne Nachfragen bis in die letzte Nuance zu folgen.

Das auf Italienisch geführte Gespräch wurde vom Papst selbst autorisiert, er
verglich die deutsche Übersetzung mit der Originalversion, die ein Mitarbeiter
aufgenommen hatte. Seine Redigaturen waren sehr viel sparsamer und
verhaltener als all das, was wir bei der ZEIT in der Regel von Politikern
zurückbekommen.

DIE ZEIT: Heiliger Vater, Mitte der achtziger Jahre hielten Sie sich längere Zeit
in Deutschland auf, um Ihre Dissertation über den Priester und Philosophen
Romano Guardini fertig zu schreiben. Es heißt, dass Sie damals von einem
Gemälde vollkommen überwältigt gewesen seien, dem Bild Maria
Knotenlöserin, das ein Barockmaler um 1700 schuf und das in der Kirche St.
Peter am Perlach in Augsburg hängt.

Franziskus: Nein, das stimmt nicht.

DIE ZEIT: Das stimmt nicht?

Franziskus: Ich war nie in Augsburg!

DIE ZEIT: Ich habe es in einer richtig guten Biografie über Sie gelesen.

Franziskus: Fast hätte ich gesagt: Typisch Journalisten! (lacht) Die Geschichte
war so: Zu Weihnachten hatte mir eine Ordensschwester, die ich in Deutschland
kennengelernt hatte, eine Grußkarte mit diesem Bild geschickt. Das Bild machte
mich sofort neugierig. Nicht weil es so großartig wäre, es ist ziemlich
mittelmäßiger Barock.

DIE ZEIT: Aber es zeigt ein ungewöhnliches Motiv: Maria mit einem weißen
Band in den Händen, voller Knoten.

Franziskus: Das Bild greift einen Satz des Kirchenvaters Irenäus von Lyon aus
dem 2. Jahrhundert auf. Der Stifter des Bildes hatte Schwierigkeiten mit seiner
Frau. Ich will nicht sagen, dass sie sich schlugen, aber ...

DIE ZEIT: ... irgendetwas stimmte nicht ...

Franziskus: ... ja, irgendetwas war nicht in Ordnung, aber er liebte seine Frau,
und seine Frau liebte ihn, und es gab keine Schwiegermutter, die
dazwischenfunken konnte. (lacht) Also suchte der Mann Rat bei einem
Jesuitenpater. Der nahm das lange weiße Band, das bei der Trauung des Paares
verwendet worden war, und betete zur Jungfrau Maria, denn er hatte bei Irenäus
gelesen, dass der Knoten von Evas Sünde durch Marias Gehorsam gelöst werde.
Er bat also die Madonna um die Gnade, die Knoten aufzulösen.

DIE ZEIT: Die Knoten auf dem Bild stehen also für lauter ungelöste Probleme.

Franziskus: Ja – und das Bild ist zum Dank entstanden, denn am Ende hat die
Muttergottes dem Paar die Gnade gewährt.

DIE ZEIT: Die beiden sind zusammengeblieben, und durch Sie ist das Bild
berühmt geworden. So wurden von diesem ohnehin nicht besonders schönen
Gemälde weitere, auch nicht so gelungene Kopien angefertigt: Eine hängt in
Buenos Aires, eine habe ich gerade im Empfangssaal dieses Gästehauses
gesehen, in dem wir jetzt sitzen. Sie werden inzwischen verfolgt von diesem
Bild!

Franziskus: Das könnte man sagen. (lacht) Aber es hat mir so gut gefallen, dass
ich angefangen habe, Postkarten davon zu verschicken.

DIE ZEIT: Wenn Sie mir dieses persönliche Bekenntnis als Katholik erlauben:
Zu Weihnachten war ich mit meiner achtjährigen Tochter beim Krippenspiel in
unserer kleinen Gemeinde – in Hamburg leben Katholiken in der Diaspora ...

Franziskus: ... ich war einmal in Hamburg, zu einer Taufe in Wandsbek, in den
achtziger Jahren, darum hatten mich argentinische Landsleute gebeten!

DIE ZEIT: Meine Geschichte aus Hamburg spielt jetzt, in der Gegenwart: Bei
diesem Krippenspiel an Heiligabend war zum wiederholten Male kein Priester
anwesend, was ziemlich trostlos war. Danach habe ich mich an den Hamburger
Erzbischof gewandt und ihn gefragt, wie es möglich ist, dass an einem Tag, an
dem so viele Katholiken wie sonst nie in die Kirche gehen, kein Priester mehr
zugegen ist. Der Bischof, der neu und noch ziemlich jung ist, hat mir
geantwortet, dass der Priestermangel für ländliche Gebiete mit wenigen
Katholiken noch viel schlimmer ist und dass auch er noch nicht wisse, wie sich
das ändern lasse. Die Statistiken bei uns sind verheerend: immer weniger
Gläubige, immer weniger Priester, immer mehr offene Stellen.

Franziskus: Ja, das ist ein großes Problem. Auch in der Schweiz sieht es nicht
gut aus. Viele Gemeinden haben brave Frauen: Sie erhalten den Sonntag aufrecht
und feiern Wortgottesdienste, also ohne die Eucharistie. Das Problem ist aber der
Mangel an Berufungen. Und dieses Problem muss die Kirche lösen.

DIE ZEIT: Wie?

Franziskus: Ich glaube ... – Sie merken, ich spreche auch als bekennender
Katholik, ich bin übrigens auch gläubig, wissen Sie? (lacht) Der Herr hat uns
gesagt: Betet! Das ist es, was fehlt: das Gebet. Und es fehlt die Arbeit mit jungen
Leuten, die Orientierung suchen. Es fehlt der Dienst an den anderen. Die Arbeit
mit jungen Menschen ist schwierig, doch sie ist notwendig, denn die Jungen
verlangen danach. Sie sind die großen Verlierer der modernen Gesellschaft, in
zahlreichen Ländern gibt es keine Arbeit für sie.

DIE ZEIT: In Deutschland ist aber die Jugendarbeitslosigkeit kein großes


Problem, sie liegt bei nur sieben Prozent.

Franziskus: Das ist ein Privileg! Aber hier in Italien sind fast 40 Prozent der
jungen Leute unter 25 arbeitslos. In anderen Ländern Europas sind es fast 50
Prozent, in bestimmten Landesteilen sogar beinahe 60 Prozent! Arbeitslosigkeit
ist ein riesiges Problem. In dieser Hinsicht mag es in Deutschland anders
aussehen, doch es gibt noch ein weiteres Problem ...
DIE ZEIT: Nämlich?

Franziskus: Die Geburtenrate.

DIE ZEIT: Die ist bei uns im europäischen Vergleich niedrig, aber nicht
niedriger als in Italien.

Franziskus: Und wo es keine jungen Männer gibt, gibt es auch keine Priester.
Das ist ein ernstes Problem, das wir in der nächsten Synode über junge
Menschen angehen müssen, und es hat nichts mit Proselytismus zu tun. Durch
Proselytismus erhält man keine Berufungen ...

DIE ZEIT: ... verzeihen Sie, aber ich verstehe nicht, was Proselytismus meint.

Franziskus; Das ist das Abwerben Andersgläubiger, wie bei einer


Wohltätigkeitsorganisation, die Mitglieder anwirbt. Dann kommen viele junge
Leute, die sich nicht berufen fühlen und die die Kirche ruinieren werden.
Entscheidend ist die Auswahl. Und auch die Empörung der Menschen – wie Sie
und Ihre Tochter sie empfunden haben: Wieso ist hier kein Priester, um die
Eucharistie zu feiern? Das schwächt die Kirche, denn eine Kirche ohne
Eucharistie hat keine Kraft. Die Berufung von Priestern stellt ein Problem dar,
ein enormes Problem.

DIE ZEIT: Es braucht also die wahre Berufung, wie Sie sie empfunden haben,
als Sie kurz davorstanden zu heiraten?

Franziskus: Aber nicht doch!

DIE ZEIT: Als Sie siebzehn waren ...

Franziskus: ... aber ich war nicht dabei zu heiraten! (lacht)

DIE ZEIT: Zumindest hatten Sie eine Verlobte, ich habe das so gelesen.
Franziskus: Das stimmt, ich hatte eine Verlobte, aber Journalisten übertreiben –
Verzeihung! (lacht)

DIE ZEIT: Deshalb überprüfe ich doch jetzt auch alles!

Franziskus: Das ist gut, es wird immer viel erzählt, aber ich bin ein ganz
normaler Mensch. Kein bisschen ungewöhnlicher als andere.

DIE ZEIT: Allein die Tatsache, dass Sie das sagen, ist außergewöhnlich.

Franziskus: Na gut, vielleicht ist nicht alles an mir gewöhnlich.

DIE ZEIT: Wenn Sie auf die Jungen setzen wollen – müssen Sie dann nicht
Anreize schaffen, die heute fehlen? Ihnen beispielsweise sagen, dass man nicht
mehr auf ein Gefühls- und Liebesleben verzichten muss, um Priester zu werden?
Als Bischof vielleicht oder als Kardinal – aber nicht als Priester?

Franziskus: Über den freiwilligen Zölibat wird in diesem Zusammenhang


immer wieder gesprochen, vor allem dort, wo es an Klerus mangelt. Doch der
freiwillige Zölibat ist keine Lösung.

DIE ZEIT: Was ist mit den Viri probati, jenen »bewährten Männern«, die zwar
verheiratet sind, aber aufgrund ihres nach katholischen Maßstäben vorbildlich
geführten Lebens zu Diakonen geweiht werden können?

Franziskus: Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Möglichkeit


sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen
können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden.

DIE ZEIT: In weit entlegenen Gemeinden? Den konservativen amerikanischen


Kardinal Raymond Burke, der als einer Ihrer ärgsten Widersacher im Vatikan
gilt, haben Sie gerade auf die Insel Guam irgendwo im Pazifik geschickt –
manche sagen: verbannt.
Franziskus: Kardinal Burke ist wegen eines schrecklichen Vorfalls dorthin
gereist. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, es gab dort einen schlimmen
Missbrauchsfall, und er ist ein exzellenter Jurist, aber ich glaube, dass der
Auftrag fast schon erledigt ist.

DIE ZEIT: Warum ist das für die katholische Kirche nicht der richtige Moment,
um den Zölibat aufzuheben oder zu lockern?

Franziskus: Es geht der Kirche stets darum, den richtigen Augenblick zu


erkennen, zu erkennen, wann der Heilige Geist nach etwas verlangt. Deshalb
sagte ich, über die Viri probati wird weiter nachgedacht.

DIE ZEIT: In einigen Gegenden der Welt wächst die Kirche, während sie
woanders wie in Europa schrumpft. Hat sich Joseph Ratzinger, der spätere Papst
Benedikt, darauf bezogen, als er sagte: »Die Kirche der Zukunft wird klein
werden«?

Franziskus: Ja, das hat er gesagt, und ich glaube, man kann es wörtlich auch so
verstehen. Die Mehrheit der Leute denkt, dass sie gläubig sind oder agnostisch,
ohne jedoch einer Kirche anzugehören. Allerdings weiß ich nicht mehr, wie
genau Benedikt sich ausgedrückt hat. Bestimmt kann man seine Sicht teilen, und
bestimmt ist sie fundiert, denn alles, was Benedikt sagt, hat Hand und Fuß. Er ist
ein großer Theologe.

DIE ZEIT: Er ist ja auch ein deutscher Theologe.

Franziskus: Eben. (lacht)

DIE ZEIT: Gianfranco Ravasi, Kurienkardinal und Präsident Ihres Kulturrates,


hat heute Morgen – nur wenige Stunden vor unserem Gespräch – im Interview
mit der Katholischen Nachrichten-Agentur gesagt, dass er das Diakonat der Frau
für möglich hält. War das mit Ihnen abgesprochen?

Franziskus: Ich will Ihnen sagen, wie es war, denn es gibt – bei allem Respekt –
diesen Informationsfilter namens Journalisten. Die Sache war so: Vor ungefähr
einem Jahr habe ich sämtliche Oberinnen der Ordensgemeinschaften einberufen.
Sie sind gekommen, und ich habe ihnen vorgeschlagen, sie sollten statt der
förmlichen Ansprache, für die ich sowieso nicht viel übrig habe, Fragen stellen.
Ein Dialog ist so viel stärker, so viel menschlicher. Eine der Fragen lautete fast
wörtlich: Allem Anschein nach gab es in der alten Kirche Diakoninnen. Wieso
bilden wir nicht eine Studienkommission, um herauszufinden, was diese Frauen
taten und ob sie geweiht waren oder nicht? Ich habe geantwortet: Ja, warum
nicht? Das wäre eine gute Gelegenheit, das Thema zu erforschen. Sie stellten mir
eine Bedingung: Ich soll mit Kardinal Müller (dem ehemaligen Bischof von
Regensburg und heutigen Präfekten der Glaubenskongregation, Anm. d. Red.)
reden. Ich habe die Oberin und Kardinal Müller angerufen und gesagt: Schicken
Sie mir bitte eine Liste von rund zehn Personen, Männern und Frauen, die der
Kommission angehören sollen. Dann habe ich eine Kommission aus möglichst
offenen, kompetenten Leuten von beiden Listen zusammengestellt. Es ging
darum, das Thema zu erforschen, und nicht, eine Tür zu öffnen.

DIE ZEIT: Und was ist beim Forschen bislang herausgekommen?

Franziskus: Ein syrischer Professor erklärte: Die Frage ist nicht, ob es geweihte
Frauen gab oder nicht, sondern was sie taten. Er nannte drei Dinge: Die Frauen
halfen bei der Taufe, bei der Salbung kranker Frauen, und wenn eine Frau sich
beim Bischof darüber beklagte, von ihrem Mann geschlagen zu werden, schickte
der Bischof eine Diakonin, um die blauen Flecke zu untersuchen. Mal sehen,
was die Kommission noch herausfindet. Im März kommt sie, soweit ich weiß,
zum dritten Mal zusammen, und ich werde vorbeischauen und mich nach dem
Stand der Dinge erkundigen.
DIE ZEIT: Ihre Anwesenheit wird man als Ermutigung sehen!

Franziskus: Das ist die Aufgabe der Theologie: Sie muss forschen, um den
Dingen auf den Grund zu gehen, immer. Das gilt auch für das Studium der
Heiligen Schrift. Die historisch-kritische Methode: Was hat dies in jener Zeit
bedeutet? Was heißt es heute? Wahrheit ist, keine Angst zu haben. Das sagt uns
die historische Wahrheit, die wissenschaftliche Wahrheit: Habt keine Angst! Das
macht uns frei.

DIE ZEIT: So ähnlich sagt es auch Freud, den Sie häufiger zitieren: Man müsse
seinen Ängsten immer entgegengehen.

Franziskus: Ängste schließen Türen. Die Freiheit öffnet sie. Und wenn die
Freiheit klein ist, öffnet sie immerhin ein Fensterchen. (lacht)

DIE ZEIT: In der katholischen Kirche, zumindest in der, wie ich sie erlebe, gibt
es sowohl unter den Geistlichen als auch unter den Gläubigen ein Thema, das
fast immer ausgespart wird: die persönliche Glaubenskrise. Wer mit seinem
Glauben hadert, wird alleingelassen. Darüber wird nicht geredet. Wie kann man
Zweifelnden helfen?

Franziskus: Im März werde ich mich mit römischen Priestern treffen und dieses
Thema ansprechen. Wie kann man als Priester sowohl in seinem Glauben als
auch an seinen Krisen wachsen? Ohne Krisen kann man nicht wachsen. Das gilt
für alle Menschen. Das biologische Wachsen selbst ist eine Krise. Die Krise des
Kindes, das zum Erwachsenen wird. Im Glauben ist es nicht anders. Als Jesus
hört, wie sicher sich Petrus ist – das erinnert mich an zahlreiche katholische
Fundamentalisten –, sagt er: Dreimal wirst du mich verleugnen. Aber ich werde
für dich beten. Petrus hat Jesus verleugnet, er ist in eine schwere Krise geraten.
Und dann haben sie ihn zum Papst gemacht. (lacht) Ich will nicht sagen, dass die
Krise das tägliche Brot des Glaubens ist, doch ein Glaube, der nicht in die Krise
gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.

DIE ZEIT: Sie meinen, die Krise ist ein Zeichen für einen erwachsenen
Glauben?

Franziskus: Ja. Er wird durch die Krise erwachsen.

DIE ZEIT: Sie haben einmal zugegeben, dass es in Bezug auf den Glauben
nicht nur dunkle Momente in Ihrem Leben gab, sondern auch solche, in denen
Sie auf Jesus sogar wütend geworden sind.

Franziskus: Es gibt durchaus dunkle Momente, in denen ich sage: »Herr, das
begreife ich nicht!« Und das sind nicht nur Momente innerer Dunkelheit,
sondern Bedrängnisse, die ich mir selbst eingebrockt habe, durch meine Schuld,
denn ich bin ein Sünder, und dann werde ich wütend. Aber inzwischen habe ich
mich daran gewöhnt. (lacht)

DIE ZEIT: An die eigenen Sünden?

Franziskus: Nein, ich werde nur nicht mehr wütend. (lacht) Mein Herr ist ein
Herr der Sünder, nicht der Gerechten – auch der Gerechten, aber die Sünder liebt
er mehr. Die Krise hilft uns, im Glauben zu wachsen. Ohne Krise können wir
nicht wachsen, denn das, was uns heute erfüllt, erfüllt uns morgen nicht mehr.
Das Leben stellt einen auf die Probe.

DIE ZEIT: Aber es ist ja nicht nur das große Unglück in der Welt, es sind die
persönlichen Katastrophen, die einen am Glauben verzweifeln lassen. Es gibt
Momente, in denen man sogar bezweifelt, ob es Gott, ob es Jesus überhaupt gibt.
Kennen Sie das auch?

Franziskus: Ja. Ja ... (Pause) Momente der Leere ... (Pause) Ich habe von
dunklen Momenten gesprochen und von leeren Momenten. Ich kenne auch die
leeren Momente.

DIE ZEIT: Wie findet man zum Glauben zurück?

Franziskus: Der Glaube ist ein Geschenk. Er wird einem gegeben.

DIE ZEIT: Er kommt von selbst wieder?

Franziskus: Ich bitte darum, und Er antwortet mir. Früher oder später.
Manchmal muss man in einer Krise verharren. Der Glaube ist nichts, was man
sich erwirbt.

DIE ZEIT: Was ist er? Ist er eine Kraft, eine Freude, ein Licht, das Sie in sich
spüren?

Franziskus: Ja, auch.

DIE ZEIT: Ist er auch Überzeugung?

Franziskus: Ja, sowohl das eine als auch das andere. Er ist Licht, er ist
Überzeugung, er ist die hermeneutische Fähigkeit ...

DIE ZEIT: ... also die Fähigkeit, Texte zu interpretieren ...

Franziskus: ... ja, um das Leben zu deuten. Der Glaube ist ein Geschenk.

DIE ZEIT: Das muss ein riesiges Geschenk sein, denn wer glaubt, findet Trost
und Erklärungen!

Franziskus: Was sagt Jesus zu jenen, die klein im Glauben sind? Alles ist
möglich für den, der glaubt! Was sagt der Mann, der ihm seinen Sohn zur
Heilung bringt? Hilf meinem Unglauben! Das ist der Weg des Glaubens. Der
Glaube kann verloren gehen. Er ist ein Geschenk, um das man jeden Tag aufs
Neue bitten muss. Wie oft in meinem Leben habe ich mich versündigt, weil ich
entgegen meinem Glauben wie ein Ungläubiger gehandelt habe! Das sind
Momente der Leere. Man muss den Herrn demütig um den Glauben bitten.

DIE ZEIT: Glauben Sie, der Mensch ist von Natur aus gut – oder gut und böse
zugleich?

Franziskus: Der Mensch ist das Abbild Gottes. Der Mensch ist gut. Aber er war
auch schwach, er wurde in Versuchung geführt und wurde verwundet. Die Güte
des Menschen ist eine verwundete Güte.

DIE ZEIT: Macht das die Menschen schlecht?

Franziskus: Schlechtigkeit ist etwas anderes, viel Schlimmeres. In der


mythischen Erzählung der Erschaffung der Welt im 1. Buch Mose wird der
Sündenfall beschrieben. Doch Adam ist nicht böse, er ist schwach, der Teufel hat
ihn in Versuchung geführt. Die erste böse Tat wird von seinem Sohn Kain
begangen. Kain handelt nicht aus Schwäche, sondern aus Eifersucht, Neid und
Herrschsucht. Das ist die Schlechtigkeit des Krieges, der wir bei all denen
begegnen, die töten, morden oder Waffen herstellen. Hier ist der Geist des Bösen
am Werk.

DIE ZEIT: In dem Punkt sind Sie sehr konkret. Im Gegensatz zu anderen – auch
deutschen – Theologen, die den Teufel als eine Metapher sehen, sind Sie
überzeugt, dass der Teufel existiert.

Franziskus: Das ist richtig.

DIE ZEIT: Wie stellen Sie sich diesen Teufel vor?

Franziskus: Ich weiß es nicht, aber er macht mir das Leben bisweilen trotzdem
schwer. Dem Glauben nach ist der Teufel ein Engel. Ein gefallener Engel. Und
daran glaube ich.
DIE ZEIT: Das glauben Sie wirklich?

Franziskus: Ja, das ist mein Glaube. Viele Versuchungen, mit denen ich zu
kämpfen habe, sind nicht dem Teufel, sondern meinen persönlichen Schwächen
geschuldet. Aber bei vielen anderen hat er sehr wohl die Finger im Spiel.

DIE ZEIT: Können Sie mir ein Beispiel geben?

Franziskus: Da müssen Sie meinen Beichtvater fragen! (lacht)

DIE ZEIT: Was ist Ihrer Meinung nach Teufels Werk?

Franziskus: Eifersucht, Neid, Kriege.

DIE ZEIT: Ausbeutung?

Franziskus: Auch Ausbeutung. Die Auflehnung gegen das Werk Gottes, gegen
den Menschen als Abbild Gottes – das ist das Werk des Teufels. Ich rede nicht
mit ihm, wissen Sie?

DIE ZEIT: Versucht er denn, mit Ihnen zu reden?

Franziskus: Man darf nicht mit ihm reden. Jesus hat niemals mit dem Teufel
gesprochen. Er hat einen anderen Weg gefunden: Das erste Mal, als er ihm nach
dem Fasten in der Wüste begegnet, antwortet er nicht mit eigenen Worten,
sondern mit Worten aus der Bibel. Man redet nicht mit ihm, denn er gewinnt
immer. In der Schöpfungsgeschichte hat er gewonnen. Das zweite Mal sagte
Jesus: »Weg mit dir, Satan!« Er hat ihn fortgejagt. In der Jesusgeschichte gibt es
keinen einzigen Dialog mit dem Teufel. Jesus warnt seine Jünger vor dem
weltlichen Geist, vor der Weltlichkeit, die für ihn der Teufel ist, der Beherrscher
der Welt.

DIE ZEIT: Und soll man mit einem Menschen reden, der mordet und
vernichtet, oder spricht man da bereits zum Teufel?

Franziskus: Der Mensch kann sich als Teufel verkleiden, er kann sich sogar für
den Teufel halten und ihm seine Seele verkaufen, doch er ist immer noch das
Abbild Gottes. Also darf man ihn nicht ignorieren.

DIE ZEIT: Glauben Sie, Gott könnte am Ende auch Massenmördern wie Hitler
oder Stalin verzeihen?

Franziskus: Ich weiß es nicht, schon möglich ... ich weiß es nicht. Aber ich
kann Ihnen etwas schildern, das mich zutiefst berührt hat. Im burgundischen Ort
Vézelay – wo der Jakobsweg beginnt – steht die Basilika Sainte-Marie-
Madeleine. Dort gibt es ein Kapitell, auf dessen einer Seite der erhängte Judas zu
sehen ist und auf der anderen der gute Hirte, der ihn auf seinen Schultern
fortträgt. Das war die Theologie des Mittelalters, wie die Mönche sie lehrten.
Der Herr vergibt bis zuletzt.

DIE ZEIT: Aber man muss ihn um Vergebung bitten?

Franziskus: Zumindest muss man die Last seiner Sünde spüren. Ich behaupte
nicht, dass Judas im Himmel und gerettet ist. Aber ich behaupte auch nicht das
Gegenteil. Ich sage nur: Seht euch dieses Kapitell an und was die Mönche des
Mittelalters gedacht haben, die die Menschen mit ihren Skulpturen den
Katechismus lehrten. Und seht euch die Bibel an, in der es heißt: Als Judas sich
seiner Tat bewusst wird, geht er reuig zu den Hohepriestern. Die Bibel gebraucht
das Wort Reue. Vielleicht hat er nicht um Vergebung gebeten, aber es hat ihn
gereut.

DIE ZEIT: Hoffen wir, dass es so war!

Franziskus: Je mehr des Herrn sind, desto besser.


DIE ZEIT: Finden Sie es legitim, für seinen eigenen Vorteil zu beten?

Franziskus: Wie meinen Sie das?

DIE ZEIT: Im Sinne von: Hilf mir, das Fußballspiel zu gewinnen, mach, dass
ich genug Geld habe, um mir das Auto zu kaufen. Sie sagten, es sei legitim, für
seinen Glauben zu beten.

Franziskus: Ja, für den Glauben zu beten, das ist legitim.

DIE ZEIT: Wo sind für Sie die Grenzen des Gebets?

Franziskus: Man darf um Gutes bitten, zum Beispiel: Hilf mir, das nötige Geld
zusammenzubekommen, damit ich meine Familie durch diesen Monat bringen
kann. Das ist legitim. Aber zu beten: Mach, dass ich viel Geld oder viel Einfluss
bekomme, ist es nicht. Denn dann bittet man um etwas, das einen in die Gewalt
des Weltlichen führt. Fragen kann man zwar alles, aber ... Beim letzten
Abendmahl redet Jesus mit seinen Jüngern und sagt, dass er für sie gebetet habe.
Und wofür hat er gebetet? Dass sein Vater sie nicht von der Welt nehmen,
sondern sie vor dem Geist des Weltlichen schützen möge. Wir dürfen nicht um
den Geist des Weltlichen bitten, der Hochmut und Unterdrückung ist, sondern
um Dinge, die die Welt gestalten, uns zu Brüdern machen, Frieden und Gutes
schenken. Zu beten: Hilf mir, meine Frau umzubringen, ist wohl weit davon
entfernt.

DIE ZEIT: Mafiosi bekreuzigen sich manchmal, ehe sie jemanden umbringen.

Franziskus: Das ist eine Krankheit. Es ist eine Krankheit, die Religion zu
benutzen wie beispielsweise manche Mafiosi in Südamerika. Sie nennen sich
Christen und heuern einen Killer an, um ein Problem aus dem Weg zu räumen.
Danach gehen sie in die Kirche.
DIE ZEIT: Sie sagten zwar vorhin, Sie würden nicht mehr so schnell wütend,
aber: Empören Sie solche Dinge nicht?

Franziskus: Ein bisschen. Aber noch wütender macht es mich, wenn die Heilige
Mutter Kirche, meine Mutter, meine Braut, sich nicht so verhält, wie es das
Evangelium vorgibt.

DIE ZEIT: Man hat überhaupt das Gefühl, dass christliche Werte heute nicht
hoch im Kurs stehen. Die westliche Welt ist geteilt und driftet weiter
auseinander. Der Populismus, vor allem von rechts, ist auf dem Vormarsch, und
neue politische Bewegungen greifen auch direkt die parlamentarische
Demokratie an. Wie soll sich ein Christ dazu verhalten?

Franziskus: Für mich war der Begriff Populismus immer missverständlich, da


er in Südamerika eine andere Bedeutung hat. Anfangs wusste ich nicht, was ich
damit anfangen sollte, weil ich ihn nicht richtig verstand. Populismus bedeutet,
das Volk zu benutzen, richtig? Denken Sie an das Jahr 1933, nach dem Scheitern
der Weimarer Republik. Deutschland war verzweifelt, von der Wirtschaftskrise
1929 geschwächt, und dann kam dieser Mann daher und sagte: Ich kann, ich
kann, ich kann! Er hieß Adolf. So ist es dann gelaufen. Er hat das Volk davon
überzeugt, dass er konnte. Populismus braucht immer einen Messias. Und auch
eine Rechtfertigung: Wir bewahren die Identität des Volkes!

DIE ZEIT: Vielleicht, weil man sich sonst zu nichts wirklich bekennen kann?

Franziskus: Vielleicht.

DIE ZEIT: Weil es auch kaum noch politische Vorbilder gibt?

Franziskus: Als die großen Politiker der Nachkriegszeit wie Schuman oder
Adenauer von der Einheit Europas träumten, schwebte ihnen nichts
Populistisches vor, sondern die Verbrüderung Europas, vom Atlantik bis zum
Ural. Diese Männer besaßen die Gabe, ihrem Land zu dienen, ohne sich ins
Zentrum zu stellen, und das machte sie zu großen Anführern. Sie mussten kein
Messias sein. Populismus ist böse und endet schlecht, wie das vergangene
Jahrhundert gezeigt hat.

DIE ZEIT: Finden Sie wirklich, dass die heutige Lage mit 1933 vergleichbar
ist? Sie sagen sogar, wir befänden uns im Dritten Weltkrieg.

Franziskus: Das mit dem Weltkrieg habe ich häufiger gesagt, ja.

DIE ZEIT: Was meinen Sie damit?

Franziskus: Die ganze Welt befindet sich im Krieg. Denken Sie nur an Afrika.

DIE ZEIT: Aber das sind kleinere Konflikte.

Franziskus: Deshalb spreche ich auch von einem Dritten Weltkrieg, der sich
stückchenweise ausbreitet. Denken Sie an die Ukraine, an Asien, an das Drama
von Sindschar im Irak, an diese armen Menschen, die vertrieben wurden. Wieso
spreche ich von Krieg? Weil er mit modernen Waffen geführt wird. Ein ganzes
Netzwerk von Waffenfabrikanten hält ihn am Laufen. Aber um das klarzustellen:
Ich sage nicht, dass wir uns heute in der gleichen Situation befinden wie 1933.
Ganz und gar nicht. Das war nur ein Beispiel, um den Populismus zu
veranschaulichen.

DIE ZEIT: Auch wenn er nicht mit 1933 zu vergleichen ist: Macht Ihnen dieser
Populismus Sorgen?

Franziskus: Der europäische ja, ein wenig. Das, was ich über Europa denke,
habe ich in meinen drei europäischen Reden gesagt. Zwei habe ich in Straßburg
gehalten und die dritte, als ich den Karlspreis erhielt. Ich bekomme nicht gern
Ehrungen, das ist der einzige Preis, den ich angenommen habe, und auch nur,
weil sie mich so sehr drängten und sagten, es sei wichtig, dass ich mich an
Europa wende. Das habe ich dann getan, doch meine vier Vorredner – Jean-
Claude Juncker, Martin Schulz und Donald Tusk sowie der Aachener
Oberbürgermeister – waren sehr viel bissiger als ich. Heftiger, energischer.

DIE ZEIT: Der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sprach über


die Flüchtlingskrise und nannte sie sinngemäß eine epochale Herausforderung,
Europas Werte gerieten ins Wanken, darum sei es Zeit, für Europa zu kämpfen.

Franziskus: Ja, die waren viel mutiger als ich.

DIE ZEIT: Die Sehnsucht der Menschen nach großen Vorbildern, wie Sie es
sind, scheint heute stärker denn je zu sein. Fühlen Sie sich manchmal von den
Erwartungen erdrückt?

Franziskus: Ich sehe mich nicht als etwas Besonderes. Ich finde eher, dieses
Bild wird mir nicht gerecht, es ist übertrieben. Ich bin – ich will nicht sagen:
»ein armer Teufel«, aber ich bin ein ganz normaler Mensch, der tut, was er kann.
So fühle ich mich. Und wenn dann jemand wer weiß was über mich sagt, dann
tut mir das nicht gut.

DIE ZEIT: Sagen Sie das auch auf die Gefahr hin, viele in der Kurie zu
enttäuschen, die sich nach einem unfehlbaren Vater sehnen?

Franziskus: Es gibt nicht den Vater, sondern nur den Menschen. Alle Eltern sind
Sünder in der Gnade Gottes, denn nur das gibt uns den Mut, weiterzumachen
und dieser verwaisten, vaterlosen Zeit Leben zu schenken. Ich bin Sünder und
bin fehlbar, und wir dürfen nicht vergessen, dass die Idealisierung eines
Menschen stets auch eine unterschwellige Art der Aggression ist. Wenn ich
idealisiert werde, fühle ich mich angegriffen.

DIE ZEIT: Liegt die Aggression darin, dass ein Vorbild keine Fehler machen
darf?

Franziskus: Ja, auch das. Man gesteht mir nicht zu, ein fehlbarer Sünder zu
sein.

DIE ZEIT: Fühlen Sie sich von den Angriffen aus dem Vatikan gegen Sie
getroffen?

Franziskus: Nein. Ich will ehrlich sein: Seit ich zum Papst gewählt wurde, habe
ich meinen Frieden nicht verloren. Ich kann verstehen, wenn meine Art, die
Dinge anzugehen, manchen nicht gefällt, das ist völlig in Ordnung. Jeder darf
seine Meinung haben. Das ist legitim und menschlich und bereichernd.

DIE ZEIT: Sind die Plakate, die in Rom aufgetaucht sind und Ihnen vorwerfen,
unbarmherzig zu sein und Ihre Kardinäle nicht anzuhören, oder der gefälschte
Osservatore Romano, in dem Sie auf jede der Ihnen gestellten Fragen mit »Ja
und nein« antworten, bereichernd?

Franziskus: Der gefälschte Osservatore Romano nicht, aber der römische


Dialekt der Plakate war großartig. Den hat nicht irgendeiner von der Straße
geschrieben, sondern ein kluger Kopf.

DIE ZEIT: Jemand aus dem Vatikan?

Franziskus: Nein, ich sagte doch: ein kluger Kopf. (lacht) Wie auch immer, das
war großartig!

DIE ZEIT: Es ist großartig, dass Sie darüber lachen können!

Franziskus: Aber ja doch. Es gibt dieses Gebet, das Thomas Morus


zugeschrieben wird, das bete ich jeden Tag: »Herr, schenke mir Sinn für
Humor!« Der Herr bewahrt mir meinen Frieden und schenkt mir viel Sinn für
Humor. Allerdings bin ich noch nicht so weit wie der wunderbare Pater
Kolvenbach, der 25 Jahre lang Generaloberer der Jesuiten war und im
vergangenen Jahr gestorben ist. Er konnte über sich und andere herzlich lachen,
sogar sich selbst auf den Arm nehmen, doch stets auf konstruktive und positive
Art.

DIE ZEIT: Aber gibt es nicht eine Art von Kritik, bei der Sie als Papst sagen
müssen: »Basta, jetzt reicht’s!«?

Franziskus: Ich habe schon so viele Male »Basta!« gesagt!

DIE ZEIT: Und, ist das angekommen?

Franziskus: Das ist angekommen.

DIE ZEIT: Auch bei Kardinal Burke?

Franziskus: Ich empfinde Kardinal Burke nicht als Widersacher.

DIE ZEIT: Es gibt da eine Geschichte, die ziemlich kompliziert zu erzählen ist,
sich aber auf einen Kern reduzieren lässt: Im Malteserorden gibt es den
deutschen Großkanzler, Albrecht von Boeselager. Ihm wird vorgeworfen, nicht
verhindert zu haben, dass bei einem Hilfsprojekt in Myanmar Kondome zur
Aids-Prävention verteilt wurden. Daraufhin wurde er von einem Protegé des
Kardinals Burke entlassen. Sie haben Boeselagers Entlassung rückgängig
gemacht und stattdessen Burkes Protegé um seinen Rücktritt gebeten.

Franziskus: Das Problem beim Malteserorden war eher, dass Kardinal Burke
mit der Sache nicht umgehen konnte, weil er nicht mehr allein agierte. Ich habe
ihm den Titel des Patronus nicht aberkannt. Er ist noch immer Patronus des
Malteserordens, doch geht es darum, beim Orden ein wenig aufzuräumen, und
deshalb habe ich einen Delegaten dorthin geschickt, der über ein anderes
Charisma verfügt als Burke.
DIE ZEIT: Ist Charisma ein Geschenk oder etwas, was man sich im Laufe der
Zeit aneignet? Ist Ihr Charisma ein Geschenk Gottes, oder haben Sie es den
schweren und den schönen Phasen Ihres Lebens zu verdanken?

Franziskus: Schon möglich, dass es auch mit dem Leben zusammenhängt, es


lässt einen wachsen. Die Frage ist: Ist es einem selbst zu verdanken, wenn man
40, 50 Jahre alt wird, oder ist es ein Geschenk Gottes? Es ist beides. Und wie
gesagt: Ich habe nie meinen Frieden verloren, und ich bitte um den Sinn für
Humor, der ist ein Gottesgeschenk – denn das Leben ist schön!

DIE ZEIT: Das Leben ist schön!: Haben Sie den Film von Roberto Benigni
gesehen?

Franziskus: Ja, nur dass es in den Lagern so ordentlich und sauber war, hat mir
daran nicht gefallen. In den wirklichen Lagern ging es ganz anders zu. Aber es
ist ja nur ein Film. Die Botschaft hat jedenfalls gestimmt.

DIE ZEIT: Die katholische Kirche Deutschlands, die evangelische Kirche


Deutschlands und der scheidende Bundespräsident haben Sie eingeladen, unser
Land im Lutherjahr 2017 zu besuchen. Werden Sie kommen?

Franziskus: Auch die Kanzlerin hat mich eingeladen. Aber das wird schwierig
dieses Jahr, es sind so viele Reisen geplant. Um dem Problem vorzugreifen, bin
ich vergangenes Jahr zu den Lutheranern ins schwedische Lund gefahren, um
den Beginn des Reformationsgedenkjahres zu begehen und das 50-jährige
Bestehen des katholisch-protestantischen Dialogs zu feiern. Der Terminkalender
ist dieses Jahr sehr voll.

DIE ZEIT: Vielleicht gibt es auch Länder, die Ihnen im Moment wichtiger sind,
wie Russland, China oder Indien?

Franziskus: Nach Russland kann ich nicht fahren, denn dann müsste ich auch in
die Ukraine. Noch wichtiger wäre eine Reise in den Südsudan, aber ich glaube
nicht, dass das möglich ist. Auch eine Reise in den Kongo war geplant, aber das
wird mit Kabila (Joseph Kabila ist dort Präsident, Anm. d. Red.) wohl auch nicht
gehen. Dann stehen noch Indien, Bangladesch und Kolumbien auf dem
Programm, einen Tag geht es nach Fátima in Portugal, und soweit ich weiß, steht
noch eine Studienreise nach Ägypten an. Klingt nach einem vollen Kalender,
nicht wahr?

DIE ZEIT: Ja. Sie werden also auch 2018 wohl eher nicht nach Deutschland
kommen können.

Franziskus: Ich weiß es noch nicht, noch ist nichts dergleichen geplant.

DIE ZEIT: Das werden viele in Deutschland mit Bedauern hören. Sie hätten den
Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-
Strohm, sehen sollen, nachdem Sie sich getroffen haben: Er schien ganz beseelt
zu sein!

Franziskus: Er ist ein guter Mann. Er hat (wechselt ins Deutsche) Feuer im
Herzen.

DIE ZEIT: Damit haben Sie ihm ein großes Kompliment gemacht: Als
besonders feurig ist er bei uns noch nicht aufgefallen.

Franziskus: Bei unserem persönlichen Gespräch hat er deutsch gesprochen, und


ich habe gesagt: (wechselt ins Deutsche) »Langsam, bitte langsam!«

DIE ZEIT: Aber Sie verstehen Deutsch gut?

Franziskus: Wenn Sie langsam sprechen, schon, aber (wechselt ins Deutsche)
ohne Übung habe ich es verlernt.

DIE ZEIT: Ich habe Ihnen etwas auf Deutsch mitgebracht – die Übersetzung
eines Gebetes des heiligen Franz von Assisi, Ihres Namensgebers: Friede. Darf
ich es Ihnen zeigen?

Der Papst nimmt es in die Hände und liest. Bei einer Zeile hält er inne und zeigt
mit dem Finger darauf: »Herr, lass mich trachten, (...) nicht, dass ich geliebt
werde, sondern dass ich liebe.«

Franziskus: Das berührt mich. Das ist mir wichtig. Darf ich das mitnehmen?

Der Papst steckt das Gebet ein.

DIE ZEIT: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Franziskus: Ich danke Ihnen, und bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihre
Erwartungen nicht erfüllen konnte.

DIE ZEIT: Das denke ich ganz und gar nicht.

Franziskus: Beten Sie für mich!

MITARBEIT: MARIE AMRHEIN, CAROLINE VON BAR, KAROLINE


KUHLA UND VERENA VON KOSKULL (ÜBERSETZUNG)
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