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METALLICA - James Hetfield, Lars Ulrich

In Wahrheit fühle ich mich immer noch wie ein durchgeknallter Typ, der ewig auf der
Suche ist. Wie ein Teenager, der nicht immer genau weiß, welcher Film gerade abläuft. - Lars
Ulrich

Todesdramen, Süchte, Prozesslawinen … Metallica haben in mehr als 35 Jahren auf der Straße
des Metal nichts ausgelassen, was verboten ist. Doch das jugendliche Feuer, mit dem sie die
Metal-Szene in den fernen 1980ern in Brand setzten, brennt noch immer...
THE RED BULLETIN hat in einem Interview mit METALLICA über das neue Album
"Hardwired... To Self-Destruct", Ambitionen, Tiefpunkte, Tourneen und Freizeit
gesprochen. Das Originalinterview findet Ihr direkt auf www.redbulletin.com.

Ihr habt letzten November mit eurem sechsten Nummer-1-Album „Hardwired… to Self-
Destruct“ in 57 Ländern die Charts gestürmt. Gibt so etwas nach 35 Jahren immer noch
denselben Kick wie zu Beginn?

JAMES HETFIELD: Und wie! Wirklich interessant und zugleich irgendwie bizarr ist: Je älter
wir werden, umso wichtiger ist für uns ein Nummer-1-Album. Dass wir das nach 35 Jahren noch
schaffen, ist großartig. Das ist der Sauerstoff, den wir atmen!

LARS ULRICH: Es ist ein geiles Gefühl, dass Metallica noch immer relevante Platten machen
können; und dass harte Musik immer noch so viele Menschen begeistert, ist auch großartig.
Echte Rock-Bands sind mittlerweile in der Minderheit. Einer der wenigen dieser Outlaws zu
sein, und noch dazu erfolgreich, ist ein Privileg. Ja, ich würde sagen, es ist eine gute Zeit, Teil
von Metallica zu sein.

„Hardwired…“ ist das erste Album, das auf eurem Label Blackened Recordings erschien.
Was hat sich für euch dadurch geändert?

JAMES: Kaum was, weil wir das Album nur in den USA auf unserem eigenen Label verkaufen,
weltweit läuft ja alles weiterhin über Universal. Aber es gab schon einen Unterschied: Wir
konnten uns Zeit nehmen, soviel wir wollten. Keine Deadlines und niemand, der anruft und sagt:
„Hey, wenn ihr nicht bald fertig seid, bekommt ihr Ärger.“

LARS: Wir wollen unsere Nummern für uns behalten, egal was passiert. Das bedeutet auch: viel
Unabhängigkeit. Aber, weil du nach dem aktuellen Album gefragt hast: Das Problem ist nicht die
Aufnahme, sondern das, was nach ihrem Ende passierte. Jetzt müssen wir 90 Prozent der Arbeit
selbst machen, vor zehn oder zwanzig Jahren haben das andere Leute für uns getan. Das bedeutet
auch eine Menge Verantwortung.

Wenn ihr zurückblickt auf die Nummern der 35 Jahre: Sind darunter Sachen, bei denen
ihr heute denkt: „Was zum Teufel war denn das?“

JAMES: Es gibt Dinge, die ich auf ein paar Alben gerne ändern würde … aber nein, eigentlich
doch lieber nicht. Denn wenn man das tut, nimmt man der Sache den Charakter. Ich finde es
schrecklich, wenn Bands ihre großen Klassiker neu aufnehmen und das Original damit quasi
ersetzen. Das löscht doch einen Teil ihrer Geschichte! Platten sind Kinder ihrer Zeit; sie sind
historische Momentaufnahmen. Natürlich, „… And Justice for All“ von 1988 merkt man das
Fehlen der Bassfrequenzen an, und, ja, die Snare auf „St. Anger“ von 2003 klingt auf einigen
Stellen schon sehr blechern. Aber genau das macht diese Platten zu einem Teil unserer
Geschichte! 

Als ihr anfingt, war Vinyl König, heute ist das nicht der Fall. Warum betreibt ihr dann
eine Schallplatten-Fabrik in Deutschland?

JAMES: Wir wuchsen mit Vinyl auf, wir lieben Vinyl. Es ist eine Erfahrung, ein Event,
greifbar: Man hält die Platte, nimmt sie aus der Hülle, legt die Nadel ganz vorsichtig in die Rille.
Vor etwa sechs Monaten traf ich in L. A. alte Schulfreunde, und wir hörten nur Vinyl … in den
Plattenkisten wühlen, am Karton riechen, die Liner Notes lesen und den warmen Sound hören –
wenn das keine tolle Erfahrung ist, dann weiß ich nicht.

Zu Beginn wart ihr ein Haufen verrückter Teenager. Heute seid ihr Rock-Giganten mit
globalen Business-Ambitionen. Wie bleibt man sich selbst in so einer kompletten
Verwandlung treu?

LARS: Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich keinen Geschäftsmann. Aber natürlich, wenn
man einen Haufen Leute hat, die für einen arbeiten, gibt es einen Punkt, an dem man zumindest
so tut, als wäre man erwachsen. In Wahrheit fühle ich mich immer noch als durchgeknallter Typ,
der ewig auf der Suche ist. Wie ein Teenager, der nicht immer genau weiß, welcher Film gerade
abläuft. Darum ist es besonders wichtig, ein gutes Team zu haben, ein eigenes Set-up und
wirklich unabhängig zu sein … Dass uns das gelungen ist, ist echt cool, darauf sind wir richtig
stolz.

Ihr seht nicht wie Geschäftsmänner aus, aber ist es nicht so, dass Lars genau in diesen
Dingen von Anfang an ziemlich gut war?

JAMES: Lars hat ein Händchen fürs Business. Er lernte von Motörhead, er lernte von Diamond
Head, und er lernte von anderen Bands, wie man Sachen macht, warum sie welche
Entscheidungen treffen, warum der eine Manager top ist und der andere eben nicht … Lars ist
unglaublich interessiert, wenn es ums Geschäft geht. Ich bin ganz anders. Musik spielen, Musik
erschaffen war für mich die perfekte Vereinigung von Therapie und Karriere! Aber tief in uns
sind wir alle noch immer Rebellen. Planung, Ordnung, Professionalität, all das ist wichtig, klar.
Aber Mut, Seele und das innere Feuer sind die wirklich unbezahlbaren Waffen.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Metallica mit Krawatten in einem Büro sitzen
und am Telefon sprechen …

JAMES: Hahaha, Krawatten gibt’s nicht, und im Büro sind wir so gut wie nie. Wir bezahlen
Leute dafür, dass sie sitzen und am Telefon sprechen. Das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, wer
die Kontrolle hat, wer die Richtung vorgibt. Lars und ich sind die zwei, die diese Band
zusammengestellt haben; wir haben vom ersten Tag an unsere Vision verfolgt. Wir geben die
Richtung vor, Kirk (Hammett, Leadgitarrist) und Rob (Trujillo, Bassist) sind immer dabei und
stets bereit, ganz egal wohin die Reise geht.
Ihr redet viel über Unabhängigkeit. Wie wichtig ist sie für eine lange und erfolgreiche
Karriere?

JAMES: Für uns absolut wichtig, ja, aber für andere? Keine Ahnung. Als wir begannen, war ein
Label-Vertrag das Größte. Das ist heute nicht mehr so. Du kannst deine eigene Musik im Keller
machen und sie selbst veröffentlichen. Das ist eine tolle Sache, die aber eine neue Frage stellt:
Wie weit kommst du damit? Ist es nicht klüger, sich jemandem anzuschließen, der größer ist?
Das sind Geschäftsentscheidungen, die musst du treffen. Willst du eine Welttournee oder lokale
Konzerte spielen? Die Antwort ist ziemlich einfach: Mach, was dich glücklich macht.

LARS: Das Beste an unserem Erfolg ist, dass er uns ermöglicht, eigene kreative Wege zu gehen.
In erster Linie bedeutet Unabhängigkeit für uns, dass wir nie von jemandem Geld nehmen
mussten; wir haben nie jemandem etwas geschuldet.

JAMES: Und wir waren immer Kontrollfreaks. Wir wollten immer unbedingt selbst
entscheiden, wie unsere Musik präsentiert wird. Das ist auch normal. Ob man Künstler oder
Bildhauer ist, man wird immer eine Meinung darüber haben, wie seine Kunst aufgehängt, wo sie
platziert wird – das ist Teil der künstlerischen Vision.

Wenn man Karriere machen will: Muss man sich da nicht auch anpassen?

JAMES: Als die Dämme brachen und man Musik gratis aus dem Internet laden konnte, hatten
wir zunächst Angst, weil wir nicht wussten, was wir darüber denken sollen. Heute wissen wir,
dass es ein großartiger, einfacher Weg ist, seine Musik zu bekommen. Sich anzupassen ist also
die einzige Möglichkeit zu überleben. Ich glaube, das gilt für jeden von uns.

Während des Napster-Prozesses wurdet ihr als Internet-Feinde wahrgenommen und


musstet ziemlich viel ertragen … Wie hart war das?

JAMES: Was Leute über uns, über mich denken, geht mich nichts an. Ich wusste, dass richtig
war, was wir taten. Wir waren ein leichtes Ziel. Jemand, der etabliert ist, jemand, dem seine
Kunst etwas bedeutet, der ist auch jemand, der öffentlich hingerichtet wird.

LARS: Das Bild, das gezeichnet wurde, war Metallica gegen die Fans, Metallica gegen
Downloads, Metallica gegen den Rest der Welt. Aber das war natürlich Bullshit. Es ging nicht
um Downloads; es ging darum, wer über seine eigene Musik entscheidet. Wenn ich meine Musik
gratis verteilen möchte, wer trifft dann die Entscheidung? Ist es meine oder die eines anderen?
Was für ein seltsamer Sommer damals … (Im Jahr 2000 gingen Metallica gegen den
Filesharing-Dienst Napster vor Gericht)

Dieser seltsame Sommer brachte auch eine „South Park“-Episode: du, Lars, weinend am
Pool, weil du dir wegen illegaler Downloads keine vergoldete Haifischbecken-Bar leisten
konntest.

LARS: Ich habe eine ziemlich dicke Haut.


Ihr habt also nie mit dem Gedanken gespielt, euch eine vergoldete Haifischbecken-Bar zu
gönnen?

JAMES: Was will ich denn damit? Wir stecken unser Geld lieber in ein Stage-Set, eine gute
Produktion oder einen Film. Was Dekadenz angeht, die gibt es bei uns nicht. Dafür gäbe es von
den anderen eine auf den Deckel, Dekadenz hat mit Metallica nichts zu tun.

Es gab noch andere schwere Zeiten: 2004 zeigte die Doku „Some Kind of Monster“ die
Band am Tiefpunkt mit vielen persönlichen Problemen. Warum sind Metallica damals
nicht zerbrochen?

LARS: Als James nach einem Jahr Auszeit zurückkam, wusste ich sechs Monate nicht, ob das
alles überhaupt noch was wird. Ich wusste nicht, ob ich mit der Situation klarkomme. 2005 oder
2006 war dann alles wieder gut, aber eine Zeitlang war es wirklich schlecht. Wir hatten keinen
Plan, keine Idee.

Eine Trennung wäre irgendwie logisch gewesen, nicht?

LARS: Ich bin kein großer Fan von „Was wäre, wenn …?“-Fragen. Das zählt nicht. Wir sind
hier, führen dieses Interview. Sich eine Welt vorzustellen, in der sich Metallica vor zehn Jahren
getrennt haben, ist Energieverschwendung.

Ihr habt erklärt, dass lange Tourneen nicht mehr euer Ding sind; stattdessen spielt ihr zwei
Wochen und verbringt dann zwei Wochen mit euren Familien. Wird man im Alter auch
pragmatischer?

JAMES: Wir befinden uns in einer extrem glücklichen Lage. Zwei Wochen spielen, dann zwei
Wochen entspannen ist großartig – für die eigene Familie und auch für den eigenen Verstand,
das mentale und spirituelle Wohlbefinden. Wir können nicht touren wie damals mit zwanzig.

Was tut ihr mit all der Freizeit? Vielleicht eine Runde mit dem Skateboard drehen, James?

JAMES: Es ist schon eine Weile her, dass ich das letzte Mal auf einem Brett stand. Wir spielten
beim „House of Vans“ in London Ende vergangenen Jahres, und einige aus der Crew machten
mit, aber für mich ist die Zeit vorbei. Ich hab jetzt andere Dinge. Ich brauche Zeit, um von allem
wegzukommen. Da ist noch immer ein einsamer Wolf in mir, der Isolation liebt, der es genießt,
Dinge allein zu tun, Musik, Jagen, Wandern, Camping, was auch immer. Oder in der Garage an
etwas basteln, sich voll in einem Projekt verlieren … ich liebe das, ich brauche das.