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OKT.

2002 22 1
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AAGW

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In jeder Ausgabe von GNOSTIKA steckt sehr viel Zeit und Arbeit – vor
allem auch ehrenamtliche Arbeit –, die durch Geld nicht aufzuwiegen
ist. GNOSTIKA ist von Idealismus und Verpflichtung an der „Sache“
getragen und leistet nach wie vor Pionierarbeit auf dem Gebiet der
wissenschaftlichen Erforschung von Esoterik, komplementären Denk-
formen und Lebenswelten.
Sie können dieses Projekt ebenfalls mittragen und unterstützen,
indem Sie obige Richtlinien einhalten. Vielen Dank dafür.

Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

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GNOSTIKA . 6. Jahrgang . Heftnummer 22 . Oktober 2002 . GNOSTIKA

TEIL I – AKTUELLES

KALEIDOSKOP ........................................................................ 4
DAS ÜBERLEBEN DER PERSÖNLICHKEIT NACH DEM
TODE IN DER SICHT MODERNER ESOTERISCHER
LEHREN VON PROF. JOSCELYN GODWIN ....................................... 26
GNOSTISCHE SCHÖPFUNG UND DAS AUTOMOBIL
VON ING . ROBERT
B OSCH .............................................................. 39
EVOLA, GIULIO CESARE … VON DR. H. T. H AKL ..................... 50
HIMMLERS ERBERINNERER KARL MARIA WILIGUT
UND SEINE QUELLEN VON HANS -JÜRGEN LANGE ..................... 60

TEIL II – AUS DEM ARCHIV

Einführung ................................................................................. 71
ERWIESENE WAHRSCHEINLICHKEIT, DASS AUF DEM
SALOMONISCHEN TEMPEL BLIZABLEITER ANGEBRACHT
GEWESEN AUS DEM A RCHIV FÜR FREIMÄURER UND ROSENKREUZER 72
VERZEICHNIS DERER NAHMEN WELCHE DER STEIN DER
WEISEN IN DEN SCHRIFTEN DER HERMETISCHEN KÜNSTLER
FÜHRET AUS DEM A RCHIV FÜR FREIMÄURER UND ROSENKREUZER 84

REZENSIONEN .............................................................................. 95
AUTORENPORTRAITS .................................................................... 103

IMPRESSUM:

Die Zeitschrift GNOSTIKA erscheint dreimal im Jahr und wird herausge-


geben von AAGW. Herausgeber: Dr. H. T. Hakl und Dr. F. W. Schmitt; ver-
antwortlicher Redakteur: Dr. Holger Jörg. GNOSTIKA ist im Abonnement
für mindestens drei Ausgaben erhältlich. Der Preis beträgt inkl. Porto und
Verpackung für 1 Abonnement vorerst EUR 33,– (gilt innerhalb Europas).
* Änderungen vorbehalten *
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ISSN 1434-7628

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einer Welt erreichen, die je länger desto
KALEIDOSKOP deutlicher in eine völlig konträre Rich-
tung geht? Die Partei hofft mit ihrem
Programm langfristig 10 Millionen
20.000 organisierte neue religiöse Menschen in Deutschland ansprechen
Bewegungen soll es schon auf der Welt zu können, denn so viele seien bereits
geben und in dem Erdteil, wo sie den jetzt von Reinkarnation und Karma
größten Zulauf haben – in Südamerika überzeugt. Der Mitgliederstand lag An-
– spricht man bereits von 100 Millio- fang Juli aber erst bei knapp über 300 in
nen Anhängern der unterschiedlichsten insgesamt dreizehn Bundesländern. Wer
Kulte, die sich von christlichen über spi- die harte politische Welt kennt, wird
ritistische bis hin zu magischen und sa- skeptisch sein, trotzdem müssen wir ja,
tanistischen Richtungen erstrecken. In wie wir von Luther wissen, selbst dann
Italien, das uns näher steht und woher noch ein Apfelbäumchen pflanzen,
ich diese Nachricht bekommen habe, wenn die Welt schon vor dem Untergang
zählt man über 500 solcher neuer „spi- steht (und das wird sie ja hoffentlich
ritueller“ Gruppierungen. Tendenz, wie doch nicht).
überall auf der Welt, weiterhin steigend. Interessenten für eine solche Politik
Nicht nur die Wirtschaft, sondern auch gibt es in der Tat sicherlich viele, nur
die Politik reagiert auf diese Verände- sind diese Leute oft stark mit eigenen
rungen. In Deutschland gibt es jetzt Problemen belastet (was sie ja meist zur
bereits die erste Esoterikpartei, die sich „Esoterik“ hingeführt hat) und wirken
„Alternative spirituelle Politik im neu- weniger in die Öffentlichkeit hinein. Der
en Zeitalter – Die Violetten“ nennt. Vio- Schweizer Hans Pestalozzi hat das vor
lett als Kennfarbe wurde gewählt, weil etlichen Jahren (zu) ironisch die „sanf-
sie die „höchste Schwingungszahl“ auf- te Verblödung“ genannt: durch Beschäf-
weise und aus der Vermischung von tigung mit ihrem eigenen seelischen und
rosa (weiblich) und blau (männlich) geistigen Leben würden „spirituelle“
entstehe. Die angestrebte Ausgewogen- Menschen vergessen, dass es eigentlich
heit zwischen Frau und Mann wird da- gelte, für eine konkrete Verbesserung
mit unterstrichen. Der politische Weg, der Welt im Außen zu kämpfen. Wenn
den man konkret einschlagen will, ist sie sich nur auf ihr Innenleben konzen-
allerdings noch unklar. Selbsterkennt- trierten, würden sie auf ewig Opfer der
nis, Mitgefühl, Toleranz, Kreativität, anderen – der Machtmenschen und
Ökologie, Gewaltfreiheit und ganzheit- Machtkonzerne eben – bleiben. Eine
liches Denken (inklusive alternativer echte „spirituelle“ Politik müsste da also
Heilmethoden) sind zwar anzuerken- den Spagat zwischen beiden „Wahrhei-
nende Ziele, aber wie will man sie in ten“ finden.

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Erreichen kann man das nur, wenn chen, wenn es Führern und Anhängern
es gelingt, die Leute davon zu überzeu- gelingt, ihre Anliegen mit möglichst viel-
gen, dass sie tatsächlich etwas zu ver- fältigen Geschäftsinteressen zu verknüp-
ändern vermögen, dass sie also auch für fen? Hat es das in der Geschichte über-
sich persönlich sehr wohl eine Verbes- haupt schon einmal gegeben, ich meine,
serung erzielen könnten. Der zuneh- dass Politik mit Geschäftsinteressen ver-
mende Erfolg der alternativen Heilkun- knüpft war?
de (ich sage lieber komplementäre Heil- A propos alternative bzw. komple-
kunde, da es sich ja um eine ganzheitli- mentäre Heilkunst: In den USA ist ein
che Ergänzung und keine Alternative spezielles Büro für diese Art der Medi-
handeln soll) ist wahrscheinlich darauf zin bei den nationalen Gesundheitsbe-
zurückzuführen. Ob die Leute nun tat- hörden eingerichtet worden. Und das,
sächlich dadurch „gesünder“ wurden, obwohl Dr. Stephen E. Straus, selbst
hängt von der Definition des Begriffes Mediziner, als Direktor dieses soge-
Gesundheit ab, aber viele haben sich mit nannten „National Center for Comple-
Sicherheit verstandener, geborgener mentary and Alternative Medicine“ ein-
und damit wohler gefühlt. Dass es da- räumen musste, dass bis jetzt die ange-
bei auch um gewinnbringende Geschäf- stellten wissenschaftlichen Untersu-
te geht, muss man nicht nur negativ se- chungen keine signifikanten Resultate
hen, denn durch die dem Geschäftsle- hervorgebracht hätten. Er drückte aber
ben eigene Dynamik wird auch am be- die Hoffnung aus, dass weitere Unter-
sten für eine weite Verbreitung der zu- suchungen endlich eine Klarstellung
grunde liegenden Ideen gesorgt. bringen würden, ob die komplementä-
Jemand, wie der Indo-Amerikaner Dr. re Medizin nun tatsächlich wirke oder
Deepak Chopra z. B. hat mit seinen über nicht. Die bei solchen Testreihen gege-
zwanzig Büchern (hauptsächlich über benen Probleme wie Placebo-Effekte,
Ayurveda und andere „alternative“ Heil- Spontanheilungen, psychische Faktoren
und Glückshoffnungen) ein vielfaches seien eben nicht so einfach zu lösen.
Millionenpublikum erreicht und dabei Gegner meinen allerdings, dass es
schon vor Jahren offiziell ein jährliches schon genügend finanzstarke Lobbies
Einkommen von US$ 15.000.000 ange- gäbe, die an einer Anerkennung solcher
geben. Das Magazin Newsweek, das die- (bis jetzt) nichtwissenschaftlicher Me-
se Ziffer veröffentlichte, hat auch hinzu- dizin großes Interesse hätten und dass
gefügt, dass Dr. Chopra schon damals pro die bisherigen eigentlich negativen Test-
Vortrag $ 25.000 verlangte. Soll man also resultate nur durch die wunderbar di-
aus dieser Geschichte lernen, dass die eso- plomatische Ausdrucksfähigkeit des
terische „violette“ Partei nur dann eine Dr. Straus nicht klar zu Tage getreten
Chance hat, ihren Einfluss zu vervielfa- seien.

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Die christliche Ökumene weitet sich vielleicht die paranormalen Überzeugun-
aus: Nun hat sich der Erzbischof von gen schon früher vorhanden waren und
Canterbury, Dr.Rowan Williams, Anfang erst nachträglich den höheren Dopamin-
August in Wales als Druide „einweihen“ Grad zur Folge hatten? Auch hier macht
lassen. In ein langes weißes Gewand ge- sich allzu leicht das „wissenschaftliche
hüllt, nahm er in einem Steinkreis an ei- Vorurteil“ bemerkbar, dass „geistige“ oder
nem Ritual teil, das allem Anschein nach seelische Erscheinungen nur Zweit- bzw.
„heidnischen“ Charakter hatte. Der Erz- Folgephänomene von materiellen Er-
bischof verteidigte sich allerdings, indem scheinungen sein können. Eine „Wirk-
er in der Zeremonie nur ein lokales kul- lichkeits-Falle“ nennt das Prof. Dr. Ger-
turelles Ereignis sah und meinte, auch hard Fasching, Ordinarius an der Wie-
wenn Jesus Christus nicht genannt wor- ner Technischen Universität, wenn man
den sei, so würden die verwendeten Hym- glaubt, dass es nur eine einzige Wirklich-
nen und Texte doch eine grundsätzlich keit – heutzutage vornehmlich die „wis-
christliche Ausrichtung bezeugen. senschaftliche“ gäbe – und alles andere
Dr. Peter Brugger, Neurologe an der Illusion sei. Eine solche „absolute Wirk-
Züricher Universitätsklinik, hat sich an- lichkeit“ ist aber nach Fasching ein Un-
gesichts so vieler (wen?) beunruhigender ding und er spricht von einem „Wirk-
Nachrichten über die Verbreitung der Eso- lichkeits-Pluralismus“, der auch völlig
terik daran gemacht zu erforschen, was andere Deutungen zulässt.1
denn eigentlich die Ursache dafür sei, dass Es mag viel gegen eine erkennbare „me-
Menschen sich „paranormalen Überzeu- taphysische“ Wirklichkeit sprechen – man
gungen“ zuneigen und „Bedeutung im lese dazu Kant – aber bloß auf Wissen-
Bedeutungslosen finden“ sowie „ver- schaftlichkeit und Rationalität zu pochen,
meintlichen Koinzidenzen von Ereignis- ist für die Weite des menschlichen Le-
sen nachspüren, wo Skeptiker nichts, rein bens einfach zu wenig. Selbst die simpel-
gar nichts beobachten“. Dr. Brugger ste Liebesgeschichte kann nicht nach die-
meint nun, dass all dies auf einem einfa- sen Kriterien beurteilt werden und hat
chen Stoffwechselvorgang beruhe und doch sehr oft sehr reale Auswirkungen.
zwar sei wahrscheinlich ein höherer Do- Ebenso wenig genügt es, auf einige Aus-
pamin-Grad im Hirn dafür verantwort- wüchse der Esoterik hinzudeuten – sei es
lich. Hat Dr. Brugger auch erforscht, ob auf die Dutzende von Rolls Royce, die
zuerst der höhere Dopamin-Grad da war der hochintelligente Bhagwan Shree Ra-
und die „paranormalen Überzeugungen“ jneesh besaß, sei es der Alkoholmiss-
ausgelöst hat (wie er annimmt) oder ob brauch des bekannten tibetischen Gurus

1 Sh. dazu sein hervorragendes Buch Phänomene der Wirklichkeit – Okkulte und wissenschaftliche
Weltbilder, Springer-Verlag, Wien/New York 2000.

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Chogyam Trungpa, an dem er dann lungen häufig erst sehr spät zu mir. Eine
wahrscheinlich auch starb, seien es be- solche stammt aus der italienischen Ta-
hauptete erotische Verfehlungen des so geszeitung Corriere della Sera vom 19.
weisen Krishnamurti bzw. des so ge- April 1998. Darin wird von einer wis-
strengen Traditionalisten Frithjof senschaftlichen Expedition auf die rus-
Schuon oder sei es der „Faschismus“ sische Halbinsel Kola berichtet, die
und „Frauenhass“ des Dalai Lama.2 unter der Leitung von Prof. Valerij Dio-
Von der universitären Internetliste He- min stand. Dabei wurden die Reste ei-
xenforschung 3 habe ich schon mehrmals ner Kultur entdeckt, die 20.000 (!) Jah-
hochinteressante Informationen über- re zurückliegen soll. Die russische Pres-
nommen. Die dabei geleistete präzise se sprach darauf von der „Entdeckung
Arbeit gegen gängige Vorurteile auf die- Hyperboräas, der Wiege aller indoeu-
sem hochbrisanten Gebiet scheint mir ropäischen Völker … im russischen
besonders wichtig und höchst lobens- Norden.“ Eine These, die bekanntlich
wert. Ein kürzlich dort erschienener Bei- René Guénon basierend auf den For-
trag handelte nun von dem weit verbrei- schungen des Brahmanen und Vedaken-
teten Eindruck, dass die Anwendung der ners Lokamanya Bal Gangadhar Tilak
Folter im Mittelalter und in der frühen im Westen bekanntmachte und die auch
Neuzeit als monströse Verfolgung der Julius Evola übernahm. Grund genug
Frauen und ihrer spezifischen Kultur zu für den Corriere della Sera deswegen
deuten sei. Nichts falscher als das: Die von einem Triumph des Neonazismus zu
Folter war regulärer Teil des Prozesses bei schreiben.
allen Kapitalverbrechen, wie Mord, Raub Eine weitere geradezu unglaubliche
usw. und nicht nur bei Hexenprozessen. Entdeckung ist ebenfalls in Russland ge-
Da die meisten so schweren Verbrechen macht worden. Im Sommer 1999 fand
eher von Männern als von Frauen began- der russische Physiker und Mathemati-
gen wurden, kamen auch bei weitem ker Alexander Chuvyrov von der Staatli-
mehr Männer als Frauen unter die Fol- chen Universität Bashkir eine einen Me-
ter. Im Film und in Romanen machen ter fünfzig hohe, etwas über einen Meter
sich aber hübsche weibliche Wesen viel breite und 15 cm dicke Steinplatte, die
besser. aus drei Schichten (Dolomit, Diopsid-
Obwohl mir im Rahmen von GNO- Glas und einer Schutzschicht aus Por-
STIKA die Aufgabe eines Chronisten zellan) künstlich zusammengesetzt wor-
zugeteilt ist, gelangen wichtige Mittei- den war. Darauf befand sich eine in ei-

2 Victor / Victoria Trimondi: Der Schatten des Dalai Lama. Düsseldorf 1999. Siehe dazu auch:
GNOSTIKA 12, Okt. 1999.
3 Interessenten müssen sich zuerst beim Leiter der Liste, Dr. Klaus Graf, unter: graf@UNI-
KOBLENZ.DE vorstellen, um den Zugang zu bekommen.

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nem völlig ungeklärten Verfahren auf- esse an einer völligen Umgestaltung un-
gebrachte dreidimensionale Landkarte serer antiken Geschichte? Der so gelieb-
des umliegenden Gebietes. Zusätzlich te Gedanke eines geradlinigen Fortschritts
zu den Bergen und einem Fluss sah man vom „primitiven“ Altertum bis zur leuch-
aber auf dieser Karte ein ganzes Netz tenden Moderne mag keine Störfaktoren.
(aus dem Maßstab der Karte zurückge- Die alles andere als fairen Kontroversen
rechnet, insgesamt 12.000 km lang) von um Velikowskys Theorien oder um
Kanälen und zwölf Dämmen, die es Schwaller de Lubicz‘ altägyptische Ent-
heute nicht mehr gibt. Zuerst dachte deckungen lassen da einiges befürchten.
man an ein Alter der Platte von ca. 3000 Und da wir schon bei kontroversen
Jahren. Nun nach genaueren Untersu- Themen sind, noch etwas zum Turiner
chungen spricht man, was natürlich Grabtuch, das von manchen als authen-
völlig unglaublich klingt, von einem tisches Leichentuch Christi angesehen
Alter von 120 Millionen Jahren. Prof. wird. Bekanntlich weist aber die Radio-
Chuvyrov meint dazu: „Je mehr ich von karbonmethode auf eine Entstehungszeit
diesem Stein weiß, desto deutlicher ver- des Tuches zwischen 1260 und 1390 hin,
stehe ich, dass ich gar nichts weiß“. Wie eine Meinung, der sich auch der Vatikan
man in früheren Zeiten (in welchen auch angeschlossen hat. Danach sei das Tuch
immer) eine solche dreidimensionale also erst zur Zeit des Hochmittelalters in
Landkarte planen und maßstabgetreu Europa angefertigt worden. Nun heißt
gestalten konnte, bleibt ein völliges es vom russischen Forscher Alexander V.
Rätsel. Heute macht man das mit Luft- Gelyakov, dass durch die im 16. Jahrhun-
aufnahmen und Computern. Alte Un- dert mehrfach vorgenommene Reinigung
terlagen vom Ende des 18. Jahrhunderts des Tuches mit Pflanzenölen die Messun-
aus dem Gebiet sprechen nun von wei- gen verfälscht worden seien. Schützen-
teren 200 Steinplatten dieser Art, von hilfe erhält er von den israelischen Bota-
denen man allerdings bis jetzt keine nikern Avinoam Danin und Uri Baruch
gefunden hat. Dabei ist auch die Hypo- von der Hebräischen Universität Jerusa-
these aufgetaucht, dass es sich bei dem lem, nach deren Meinung das Tuch Ge-
gefundenen Stein vielleicht um ein Frag- würze und andere Stoffe enthält, die die
ment einer ganzen „Weltkarte“ handeln Radiokarbonmethode ebenfalls verfäl-
könnte. Das Zentrum für historische Kar- schen würden. Überdies hätten sich auf
tographie in Visconsin, USA, hat daran dem Tuch Pollen und Blätter von Pflan-
bereits Untersuchungen vorgenommen zen erhalten, die zwar in der Umgebung
und sich als völlig verblüfft gezeigt. Ent- von Jerusalem wachsen, jedoch nicht in
weder eine gute Fälschung, eine Zeitungs- Europa.
ente oder tatsächlich eine Sensation.Aber Von den „Sensationen“ nun wieder-
wer außer Erich von Däniken hat Inter- um zu „handgreiflicheren“ Dingen, wie

8
z. B. Büchern. Bei Christie’s, London, Schätze zu bearbeiten, die ihm von ei-
wurde die vierte Ausgabe des berühm- nem großen Sammler überlassen wur-
ten Malleus maleficarum (Hexenham- den. Da Herr Kistemann seine Tätig-
mer) von Heinrich Institoris und Jakob keit genau nimmt und überall nach-
Sprenger, Nürnberg 1494, versteigert. forscht, wo man nur nachforschen kann,
Der erzielte Preis: knapp 8.400 Pfund. braucht das eben seine Zeit. Bitte Ge-
Nicht nur bei „okkulten“ Büchern ist duld, die Überraschung wird dann da-
die höhere Preisklasse die begehrtere. für umso größer sein. Der Katalog von
In einem Prospekt des Auktionshauses Volker Lechler,5 des zweiten großen
Jeschke Greve & Hauff in Berlin, das deutschen Antiquars mit wirklichen
hauptsächlich naturwissenschaftliche Raritäten auf unserem Sektor, ist aller-
Bücher, Inkunabeln und moderne Lite- dings schon für Mitte November ge-
ratur verkauft heißt es, dass die Firma plant. Grundsätzlich geht übrigens das
bei Werken über 5.000,– eine fast hun- Geschäft auf dem okkulten Antiquari-
dertprozentige Verkaufsrate und so gut atssektor nicht mehr so gut wie auch
wie immer Preise beträchtlich über dem schon. Ein Beispiel, wie ich es von ei-
Schätzwert erzielt. In den USA übrigens nem Antiquar gehört habe: war es noch
gibt es wieder einige Briefe vom „be- vor einem Jahr üblich, dass pro Tag drei
rüchtigtsten“ Magier des 20. Jahrhun- bis fünf Kontakte über das Internet er-
derts, Aleister Crowley, zu kaufen. Ein folgten, so sind es heute nur noch drei
Beispiel: eine kurze handschriftliche bis fünf pro Woche. Die Wirtschaftsflaute
Notiz im Kuvert, das das (seltene) rote hinterlässt ihre Spuren.
Wachssiegel von Crowley trägt, kostet Wenn man von esoterischen Bücher-
US$ 1.100,– schätzen spricht, liegt der Gedanke an die
Ich werde auch immer wieder gefragt, Bibliotheca Philosophica Hermetica
wann der nächste Katalog von Wolfgang (BPH) 6 in Amsterdam und ihren Be-
Kistemann erscheint.4 Dazu kann ich sa- gründer Herrn Joost Ritman nicht fern.
gen, dass dies nicht vor Frühjahr 2003 Es ist schon längere Zeit her, da habe ich
der Fall sein wird. Herr Kistemann, weit- in GNOSTIKA von den Schwierigkei-
hin geschätzt wegen seiner detaillierten ten berichtet, die über den Bestand der
bibliographischen Details in seinen Ka- Bibliothek hereingebrochen waren.
talogen (unbedingt aufbewahren!), ist Herrn Ritman, der mit seinem Industrie-
nämlich dabei, eine unglaublich reich- unternehmen (in der Plastikbranche)
haltige Sammlung seltener und selten- auch seine Bibliothek finanzierte, wur-
ster alchimistischer und esoterischer de im Gefolge des Golfkrieges von Hol-
4 Wolfgang Kistemann, Alt-Lichtenrade 112, D-12309 Berlin.
5 Volker Lechler, Traubenstraße 39, D-70176 Stuttgart.
6 www.ritmanlibrary.nl

9
lands größter Bank eine Kreditlinie von der öffentlichen Anerkennung wurden
500 Millionen Gulden gekündigt und Herrn Ritman der Orden des Niederlän-
sofort fällig gestellt. Als Sicherheit be- dischen Löwen sowie die Silbermedaille
schlagnahmte die Bank die wertvolle der Königlich Niederländischen Akade-
Büchersammlung und so bestand die mie der Wissenschaften überreicht. Jetzt
Gefahr, dass alles auseinandergerissen (voraussichtlich ab Herbst) wird die Ser-
und bei Christie’s versteigert würde. viceleistung der BPH noch durch einen
Bekannte Persönlichkeiten aus der in- vierteljährlichen elektronischen Newslet-
tellektuellen Welt, wie z. B. unser Freund ter ergänzt, der nur Interessenten zuge-
Antoine Faivre, setzten sich jedoch ve- sandt wird und nicht auf der offiziellen
hement bei staatlichen und örtlichen website erscheint. Wenn sich von unse-
Behörden in Amsterdam dafür ein, dass ren Leserinnen oder Lesern jemand für
dieses einmalige kulturelle Gut erhal- diesen englischsprachigen Newsletter in-
ten bliebe. Das gelang auch, hauptsäch- teressiert, geben Sie bitte eine Nachricht
lich aber, weil Herr Ritman bereit war, an die e-mail-Adresse: newsletter@rit-
andere Kunstschätze aus seinem Besitz man-library.nl.
zu veräußern, um die esoterische Biblio- Noch eine Geburt (eigentlich Wieder-
thek zu retten. Wer einmal die aufwen- geburt) eines elektronischen Newsletter
dig gestalteten Versteigerungskataloge auf dem Sektor der Esoterikforschung gilt
von Sotheby’s mit den wunderbaren es zu feiern. Unter der Führung von Ja-
Stundenbüchern und Frühdrucken aus mes B. Robinson von der University of
der übrigen Sammlung Ritman gesehen Northern Iowa und von Karen-Claire
hat, weiß, welche Opfer da zu bringen Voss, die in Istanbul arbeitet, ist der
waren. Die Fabrik wurde ebenfalls von Newsletter der Hermetic Academy wie-
der Bank übernommen und nach derauferstanden. Von 1983–1993 gab es
Schweden verkauft. Doch nun sind die dieses Mitteilungsblatt ja bereits. Die
Schwierigkeiten endlich überwunden Hermetic Academy entstand übrigens ur-
und die BPH ist wieder im alleinigen sprünglich im Rahmen der American
Besitz von Herrn Ritman. Mehr noch: Academy of Religion (AAR). Im Mittei-
2001 wurden die Bibliotheksräume um lungsblatt wird auf neue Bücher, kom-
ein ganzes Gebäude erweitert und zwei mende Kongresse und auf anderes hin-
zusätzliche Mitarbeiter aufgenommen. gewiesen, was für die wissenschaftliche
Obwohl es sich also um eine Privatbiblio- Erfassung der Esoterik von Bedeutung ist.
thek handelt, ist sie von Montag bis Frei- Näheres ist bei: www.istanbul-yes-
tag von 9.30–17.00 (außer einer Stunde istanbul.co.uk/hermetic/about.htm zu
Mittagspause) zugänglich. Als Zeichen erfahren.

7 www.ruedigersuenner.de/atalante7.html

10
Auch auf Atalante7, die Internetzeit- Aber es gibt nicht nur gute Nachrich-
schrift von Rüdiger Sünner, möchte ich ten, auch Trauriges gehört dazu. Gestor-
wieder einmal hinweisen. In der letzten ben ist im September der im englischen
Ausgabe, der Nummer 7, mit dem Leit- und französischen Sprachraum bekann-
thema „Spiritualität des Ostens – Spiri- te Autor und praktische Esoteriker Nico-
tualität des Westens“ sind zwei lehrrei- las Tereshchenko, der von seinem Be-
che Erfahrungsberichte über den Zen- ruf her eigentlich Chirurg war und viele
Buddhismus zu finden. Auch auf Nova- Jahre in Australien arbeitete. Bekannt ist
lis und die Naturphilosophie von Jochen er geworden durch seine Veröffentlichun-
Kirchhoff wird eingegangen. Film- und gen über Gurdjieff, den magischen Or-
Buchkritiken ergänzen das immer reich den der Golden Dawn und den Tarot.
bebilderte „Heft“. Mit Gurdjieff begann er sich schon Ende
der 50er-Jahre auseinander zu setzen und
Die wissenschaftliche Erfassung esote- auf diesem Sektor ist auch sein einziges
rischer Themen an den Universitäten Buch in englischer Sprache (der Rest er-
geht weiter. Praktisch in jeder neuen schien auf Französisch, da er schließlich
Nummer von GNOSTIKA kann ich in Frankreich lebte), nämlich A Look at
auf neue Vorlesungen, Seminare oder the Fourth Way im Rahmen der von un-
gar ganze Studiengänge verweisen. Nun serem Freund Adam McLean betreuten
scheint es sehr wahrscheinlich, dass an Hermetic Research Series, Edinburgh
der Universität Göteborg vom Septem- 1983, erschienen. Ansonsten publizierte
ber 2003 an ein Kurs in westlicher Eso- er in englischer Sprache in allen mögli-
terik angeboten und gar mit zehn aka- chen Zeitschriften, darunter auch in der
demischen Studienpunkten honoriert legendären Lamp of Thoth und im her-
werden wird. Das ist sehr viel, wenn vorragenden Hermetic Journal. Wie mir
man bedenkt, dass für ein Fulltime-Stu- sein Freund Joscelyn Godwin mitteilte,
dium pro Jahr 40 Punkte vergeben wer- dem ich übrigens den Großteil dieser In-
den. An der University of Massachu- formationen verdanke, waren viele Gur-
setts in Amherst bereitet Dr. Brian W. djieff-Anhänger wütend über Teresh-
Ogilvie, Assistenzprofessor für Ge- chenko, da er in seinen Publikationen zu
schichte einen neuen Kurs über das He- viele „Geheimnisse“ über die praktische
xenwesen, die Magie und die Entstehung Arbeit dieser Gruppen preisgab. Ebenso
der modernen Wissenschaften in der frü- war Tereshchenko einer der treibenden
hen Neuzeit vor. Der Kurs soll bereits Kräfte bei der Wiedereröffnung eines
ab dem nächsten Frühjahr laufen. Aus Golden Dawn Tempels in Paris im Jah-
seinen angebotenen Vorlesungen sieht re 1991, wobei er tatkräftig aus den
man, dass sich Brian Ogilvie besonders USA und Neuseeland unterstützt wur-
für die Zeit der Renaissance interessiert. de, wo die Golden Dawn Tradition ja

11
noch weitergeführt worden war. Auf Seine Themen waren häufig von philo-
dem Gebiet des Tarot entwickelte Te- sophischer oder soziologischer Thema-
reshchenko eine Version mit 38 Gro- tik durchdrungen (Straßentramps, die
ßen Arkana. Ebenso war er ein fleißi- er dann auch zu seinen von der High
ger Hörer bei den Vorlesungen von Society frequentierten Parties einlud
Antoine Faivre an der Sorbonne. In und das nicht immer zu deren Freude,
deutscher Sprache ist von seinen gründ- waren z. B. bevorzugte Subjekte von
lichen Arbeiten leider nichts erschienen. ihm). Sein Malertalent könnte darauf
Ebenfalls vor kurzem verstorben ist zurückgehen, dass sein mütterlicher
Robert O. Lenkiewicz, der vielen Bü- Großvater Baron von Schlossberg war,
cherliebhabern und Buchhändlern ein der als Hofmaler bei König Ludwig II.
Begriff war. Aus ca. 250.000 Büchern (!) von Bayern gearbeitet hatte. Robert
soll seine Sammlung bestanden haben. Lenkiewicz war übrigens wie Nicolas
Was jetzt damit geschieht, ist noch völlig Tereshchenko gut mit Adam McLean
unklar. Für uns besonders interessant ist bekannt, den man als den wohl wich-
seine große Kollektion von Hexenlitera- tigsten Bibliographen des gesamten al-
tur und Alchimie, von denen er wunder- chimistischen Schrifttums und großen
schöne Abbildungen auf seiner homepa- Kenner der dazugehörigen Symbolik an-
ge ins Internet gestellt hatte. Leider kann sprechen darf.
ich diese homepage jetzt nicht mehr ab- Da ich im August in Schottland war,
rufen und ich muss annehmen, dass sie besuchte ich dort natürlich auch Adam
eingestellt worden ist. Robert Lenkiewicz McLean, der in Glasgow lebt und wirkt.
sammelte aber nicht nur esoterische The- Als erstes begrüßte mich seine Katze und
men, sondern ihn faszinierte alles, was auf schon im Vorzimmer sah man die alchi-
obsessives oder fanatisches Verhalten hin- mistischen Gemälde, die er nach Vorla-
wies. Das konnten Alkoholismus, Dro- gen aus berühmten alchimistischen Wer-
gensucht, Glaubensvorstellungen, politi- ken anfertigt. Für Privatkunden malt
sche Richtungen, Liebe und Sexualität, Adam McLean allerdings imAugenblick
Antisemitismus, Hexenverfolgungen, Dä- nicht und alle seine früheren Bilder sind
monen oder seine eigene Obsession – bereits an einen einzigen amerikanischen
nämlich das Büchersammeln – sein. Len- Verleger verkauft worden. Überrascht war
kiewicz war ein begnadeter und sicher- ich, dass seit 1996 bereits eine dreiviertel
lich auch obsessiver Maler, der in völ- Million Besucher seine website ange-
lig naturalistischer, ungemein detailrei- klickt haben.8 Jetzt zählt er ungefähr
cher aber oft höchst bizarrer Weise ar- 800 Besucher pro Tag, wobei allerdings
beitete und dabei großen Erfolg hatte. viele „Irrläufer“ dabei sind. Zurückzu-

8 http://www.levity.com/alchemy/adam.html

12
führen ist das auf den Erfolg der Harry Beginnend mit dem 8. Oktober und
Potter Romane, denn unter deren Le- endend mit dem 12. November wurde
sern gibt es dann doch einige, die Be- im Rahmen der Temenos Academy wö-
griffe wie „Stein der Weisen“ im Netz chentlich eine Vorlesung über „nach in-
suchen und dann unweigerlich bei nen gerichtete“ geistige Strömungen in
Adam enden, der in seiner weltweit Deutschland gehalten. Einzelthemen
umfassendsten Bibliographie der Alchi- waren z. B. Goethe und die Illuminaten,
mie natürlich genügend Bücher mit die- Der Faust als opus alchymicum, Die
sem Begriff aufgelistet hat. Ohne für deutschen Romantiker und Indien bis hi-
einen Freund zuviel Werbung machen zu nauf zu C.G. Jung. Anfragen bei der Te-
wollen, muss ich doch sagen, dass seine menos Academy, POB 203, Ashford,
zwei Kurse über alchimistische Symbo- Kent TN25 5ZT, England.
lik (£ 50.00 insgesamt für zwei CD- Am 2. und 3. November fand in Lon-
Roms) äußerst inhaltsreich und ausführ- don eine Konferenz über Freimaurerei
lich sind. Für das nächste Jahr plant er statt, die höchst wohlklingende Namen
übrigens in Glasgow einen Workshop zu aufführt, wie z. B. Robert Gilbert, Jan
diesem Thema. Weitere Details können Snoek, Pierre Mollier usw. Themen
auf der angegebenen umfangreichen web- waren u.a. der (esoterisch höchst bedeut-
site gefunden werden. same) Schwedische Ritus, der Martinis-
Doch nun endlich zu den Kongressen mus und neue Entdeckungen in russi-
und Terminen. Am 23. Oktober traf in schen Archiven. Anfragen an: Carole
Schaan, im Fürstentum Liechtenstein, McGilvery, Tel: 020 7226 6256. Fax: 020
die Grande Dame der Islamwissenschaf- 7359 6194 oder email: mcgilvery@-
ten, Prof. DDr. Annemarie Schimmel, canonbury.ac.uk.
mit dem Erzbischof von Wien, Kardinal Vom 22.–25. November sind wieder-
Dr. Christoph Schönborn, zu einem um die Basler PSI-Tage angesagt (übri-
Gespräch über Christentum und Islam gens zum 20. Mal).Viele prominente Red-
zusammen. Die Gesprächsleitung hatte ner und Rednerinnen werden auf dem
Felizitas von Schönborn inne, die nicht Podest stehen, so u. a. Dr. Franz Alt, Erich
nur eine langjährige Vertraute von An- von Däniken, Chris Griscom, Bert Hel-
nemarie Schimmel ist und bereits ein linger, der Begründer der „Familienauf-
Buch mit ihr gemacht hat (siehe die stellung“, DDr. Walter von Loucadou
letzte GNOSTIKA), sondern sich auch und Prof. DDr. Andreas Resch. Zusätz-
intensiv mit anderen Religionen be- lich zu den Vorträgen gibt es noch spe-
schäftigt (siehe dazu z. B. ihr Interview- zielle Workshops und Seminare mit ein-
buch mit dem Dalai Lama). Das Ge- zelnen der Redner. www.psi-tage.ch.
spräch fand im Rahmen der Reihe Weg- Und noch ein Termin für das neue
zeichen – Talk im TaK
TaK, Schaan, statt. Jahr: Charms and Charming in Nort-

13
hern Europe heißt die Konferenz, die lich doch eine Begnadigung einbrachte.
am 25. Jänner im Warburg Institute in Vier Romane, drei Bände Memoiren und
London angesetzt ist. Augenmerk wird vor allem seine gerühmten Essaybände –
dabei auch auf einige „Zauber“forscher darunter besonders bemerkenswert La
aus unseren Breitengraden gelegt, von Structure absolue und La Fosse de Babel –
denen man sonst recht wenig hört, wie umfassen Abhandlungen über die Liebe
z. B. Ferdinand Orth, Gerhard Eis und (die Frauen bilden einen zentralen Punkt
Adolf Spamer. Anfragen an Jonathan seines Lebens, wobei er vom „ursprüng-
Roper von der University of Sheffield: lichen animalischen Weib“ genauso
j.roper@ shef.ac.uk. spricht wie vom letztmöglichen, „termi-
Auf das Kolloquium von Cerisy vom nalen Weib“ als mystischer Führerin),
vergangenen September hatte ich schon dann eine Weiterführung der philosophi-
in der vorigen Nummer hingewiesen. Ein schen Phänomenologie im Gefolge von
Punkt daraus bedarf vielleicht einer nä- Edmund Husserl, die sich schon der
heren Erörterung und zwar in der Hoff- Mystik Meister Eckarts annähert, eben-
nung, dass sich eine(r) unserer Leser/in- so wie umfangreiche Beiträge zur Gnosis
nen dieses Aufrufes annimmt und dar- und ganz wichtig zur Kabbala.
über etwas für uns schreibt. Wie mitge-
teilt, galt dem französischen Esoteriker Bevor ich zur (dieses Mal längeren) Bü-
Raymond Abellio (eigentlich Georges chersektion komme, noch einiges in so-
Soulès, 1907–1986) eine ganze Reihe von genannt eigener Sache. Es freut uns ja
Vorträgen, die unter der Leitung von sehr, dass so viele Autoren (leider kaum
Jean-Baptiste de Foucauld und Antoine Autorinnen) für uns schreiben, und GNO-
Faivre standen. Da von Abellio nichts in STIKA mit Beiträgen versorgen. Das hat
die deutsche Sprache übersetzt worden aber zur Folge, dass wir „Wartelisten“
ist, obwohl er als „der größte gnostische haben, die über ein Jahr hinausgehen, bis
Schriftsteller Frankreichs in der zweiten dann der Aufsatz endgültig publiziert
Hälfte des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet werden kann. Die Leserinnen und Leser
wird, sollen wenigstens einige kurze Wor- erleiden dadurch sicherlich keinen Scha-
te an ihn erinnern.Abellio engagierte sich den, da zeitbegrenzte Beiträge (außer im
anfangs in der Politik, zuerst auf der ex- Kaleidoskop) bei uns ja nicht vorkommen.
trem „linken“ Seite, um sich dann – wie Aber den Autoren muss auch einmal ein
viele andere – nach „rechts“ zu wenden. Dankeschön für ihre Geduld gesagt wer-
Seine nicht zweifelsfreie Zusammenarbeit den.
mit dem von Deutschland mitdirigier- Kurz noch zu den Aufsätzen in dieser
ten Regime von Vichy führte zum Ver- Nummer. Bei Robert Bosch, der über
dikt des „Kollaborateurs“, was ihm eine Gnos tische Schöpfung und das Auto-
Gnostische
Verurteilung, dann das Exil, aber schließ- mobil schreibt, handelt es sich tatsäch-

14
lich um den Sohn des berühmten deut- Faivre an der École Pratique des Hautes
schen industriellen Pioniers. Man mag Études, rechtzeitig heranzuschaffen und
daraus die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu übersetzen. Ebenso ausständig ist –
erkennen, wenn schon die erste Nach- wegen der außerordentlichen Schwierig-
wuchsgeneration so tiefgreifend andere keit der Übertragung – auch noch Wou-
Gedanken äußert als die Vätergenerati- ter Hanegraaffs überarbeiteter Beitrag
on, die sicherlich voll des besten Willens über die empirische Methode bei der
war. Wer will da sagen, wie es morgen wissenschaftlichenAufarbeitung der Eso-
aussieht? Joscelyn Godwins Aufsatz terik. Beides kommt sicherlich dem-
über die (alles andere als selbstverständli- nächst. Aber etwas Geduld ist vonnöten.
che) Möglichkeit eines „Lebens“ nach Der 80. Geburtstag von Annemarie
dem Tod, halte ich für besonders wich- Schimmel hat wirklich einiges ausgelöst:
tig. Zu einfach machen es sich meiner so sind bereits drei Biographien der hoch-
Meinung nach die zahllosen Verfechter angesehenen Islamwissenschaftlerin und
eines Reinkarnationsgedankens, die viel- Sufi-Spezialistin in diesem Jahr erschie-
mals glauben, dass sich der Esoteriker erst nen. Die erste – von Felizitas von Schön-
als solcher definiert, wenn er wider- born als Interview gestaltet – habe ich in
spruchslos an Karma und Wiedergeburt der letzten Nummer vorgestellt. Auch die
glaubt. Die Leute, die Godwin nun in zweite Biographie, herausgegeben von
seinem Aufsatz vorstellt (Gurdjieff, Krem- Hartmut Bobzin und Navid Kermani ist
merz, Schwaller de Lubicz, Evola und in Form eines Interviews mit Frau Schim-
Théon) treten aber keineswegs für eine mel gemacht. Der Titel: Auf den Spu-
automatische Wiedergeburt, ja nicht ein- ren der Muslime – Mein Leben zwi-
mal für ein automatisches Leben nach schen den Kulturen
Kulturen, Herder 2002. Zu
dem Tode, ein und gehören trotzdem oh- diesem Titel passt hervorragend der Aus-
ne jeden Zweifel zu den intelligentesten spruch des ehemaligen deutschen Bun-
und erfahrensten Vertretern ihres Gen- despräsidenten Roman Herzog: „Man
res. Auch den Aufsatz über Wiligut, den kann auf die Dauer nicht miteinander le-
sogenannten „Rasputin Himmlers“, mö- ben, wenn man nichts voneinander weiß.
chte ich unseren Lesern ans Herz legen. Im Verhältnis zum Islam hat Annemarie
Der Autor Hans-Jürgen Lange ist näm- Schimmel uns den Weg dazu geebnet.“
lich noch einer der wenigen, die eigen- Das handliche und preiswerte Buch
ständige Recherchen betreiben und nicht kann sicherlich weiteres dazu beitragen,
nur aus der schon vorhandenen Literatur den Islam nicht nur aus der Sicht von
abschreiben. Entschuldigen müssen wir Einwanderung, Menschenrechtsverlet-
uns, dass wir es nicht mehr geschafft ha- zungen und Terrorismus zu sehen. An-
ben, das Interview mit Jean-Pierre nemarie Schimmel macht nämlich klar,
Brach, dem Nachfolger von Antoine dass Islam und Abendland nicht zwei

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antagonistische Blöcke sind, sondern ben bei dem renommierten Wissen-
dass es zahlreiche geschichtliche und schaftsverlag Beck, München, erschie-
geistige Verzahnungen gibt. Trotzdem nen. Das Leben der Autorin bildet zwar
schimmert bei ihr ein pessimistischer auch hier den durchgehenden roten Fa-
Grundton durch, wenn sie sagt (S. 160): den, aber die wie nebenbei eingestreu-
„… offenbar sind wir im Moment so ten Fakten, Einsichten und Begegnun-
mechanisiert, dass wir nur noch in Blök- gen machen weit mehr aus dieser Au-
ken und Systemen denken können“. tobiographie. Für mich besonders inter-
Natürlich erschöpft sich das Buch nicht essant die so „im Vorbeigehen“ sich
in politischen Erwägungen (u. a. über ergebende, äußerst lebendige Geschich-
Pakistan, Afghanistan, Muslime in der te der Religionswissenschaften und Is-
westlichen Welt), sondern ganz im Ge- lamistik im 20. Jh. mit dem Ausgangs-
genteil. Neben den persönlichen Erfah- punkt Marburg. Kaum eine religions-
rungen Frau Schimmels mit dem Islam wissenschaftliche Berühmtheit, die An-
finden sich informative Kapitel über das nemarie Schimmel nicht kennengelernt
islamische Frauenbild ganz allgemein, hat, mögen sie nun Gershom Scholem,
über – wie könnte es anders sein – Karl Kerényi, Louis Massignon, Hen-
Mystik, orientalische Poesie und ihre ry Corbin, Fritz Meier, Gilles Quispel,
schwierige Übersetzbarkeit sowie zahl- Henryk Nyberg und und und heißen. Be-
reiche Berichte über ihre Begegnungen sondere Verehrung bringt Frau Schim-
mit bekannten Orientalisten. Enden tut mel dabei Friedrich Heiler entgegen,
das Buch mit einigen Limericks der wobei sie ihren Bericht mit einer klei-
Autorin, die von einem (auch selbstiro- nen Spitze gegen Mircea Eliade würzt.
nischen) Humor zeugen, der vielen ih- Allein schon ihre sehr persönliche Be-
rer Gegner leider abgeht. Ein Beispiel trachtung dieser Leute macht dieses
gefällig? Buch herzerfrischend und lesenswert.
Und wenn schon von Berühmtheiten
Ein frustrierter Jüngling aus Harvard die Rede ist, so darf natürlich ebenso we-
studierte, bis ihm klar ward,
,Dies alles ist Mist, nig auf die politischen Größen vergessen
ich werd‘ Feminist‘ werden, mit denenAnnemarie Schimmel
worauf er in Harvard zum Star ward. als Orientalistikexpertin zu tun hatte. Die-
se reichen vom höchst einflussreichen
Viel ausführlicher zu all diesen Themen Ölscheich Zaki Yamani, über den ehe-
(nicht den Limericks allerdings) ist na- maligen Staatspräsidenten Pakistans Zia
türlich die über 300 Seiten starke Au- ul-Haq, den ehemaligen indischen Staats-
tobiographie Annemarie Schimmels, präsidenten Zakir Husain, über Königin
unter dem Titel Morgenland und Noor von Jordanien bis Prinz Charles.
Abendland – Mein west-östliches Le- Die damit verbundenen Einblicke in ihre

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politischen Fährnisse – besonders instruk- das in einer wunderbaren Übersetzung
tiv in dieser Beziehung Pakistan, wo so- beim Verlag 2001, Frankfurt, herausge-
gar eine Straße nach ihr benannt ist – las- kommen ist. Der Titel des Gedenkdop-
sen erahnen, dass der ihr unter der Ägide pelbandes lautet Religion, Fiction, and
von Staatspräsident Roman Herzog 1995 History – Essays in Memory of Ioan
verliehene Friedenspreis des deutschen Petru Culianu und ist 2001 unter der
Buchhandels mehr war als die bloße Eh- Herausgeberschaft von Sorin Antohi bei
rung einer verdienten Buchautorin. Über- Editura Nemira, Str. Ion Mihalache nr.
haupt Friedenspreis: Wer einmal die au- 125, sector 1, Bucuresti, e-mail: editura
thentische Version von Frau Schimmel @nemira.ro erschienen. Die genaue
über die damalige Schlammschlacht ge- Adresse gebe ich an, da es nicht einfach
gen sie erfahren will und wie sehr Frau ist, sich dieses Buch zu beschaffen. Ich
Schimmel dadurch getroffen wurde, sei jedenfalls habe an die vier Monate gewar-
auf die Seiten 317 ff. des Buches verwie- tet, bis es endlich in meinem Briefkasten
sen. Eine Besonderheit des Buches ist der war. Die ISBN Nummer lautet übrigens
Bildteil aus der Privatschatulle der Auto- 973-569-491-3. Aber das Warten hat sich
rin, der in einer zukünftigen Auflage des ausgezahlt. Beiträge in Englisch, Franzö-
Buches sicherlich noch erweitert werden sisch, Italienisch, Deutsch und Rumä-
muss, denn Annemarie Schimmel werkt nisch von namhaften Kollegen beschäf-
und reist und dichtet weiterhin und hält tigen sich mit Einzelfragen aus Culianus
ihre Vorträge nach wie vor in ungebro- Werk, wobei gleich mehrere das Culianu
chenem Elan – auch dank der homöo- so bewegende Thema der Magie aufneh-
pathischen Künste ihres Arztes Christi- men. Aber auch sein Leben wird in man-
an Kellersmann. chen der Berichte deutlich. An Beitragen-
Es ist sicherlich das erste Mal, das ich den seien nur ein paar auch bei uns be-
auf eine Bucherscheinung aus Rumäni- kannte genannt: Giovanni Casadio, Elé-
en hinweise, ja hinweisen muss. Es han- mire Zolla, Grazia Marchianò, John
delt sich um die zweibändige Aufsatz- Crowley, Umberto Eco, Moshe Idel, Bru-
sammlung zum Gedenken an Ioan Pe- ce Lincoln, Ted Anton, Paul Richard
tru Culianu, den großen Religionswis- Bluhm, Martin Riesebrodt, Nathaniel
senschaftler, aber auch – wie sein Men- Deutsch, Michael Fishbane und Giovan-
tor Mircea Eliade – geistreichen Roman- ni Filoramo. Ein wichtiges Literaturver-
cier, der trotz seiner noch immer nicht zeichnis über die Arbeiten von Culianu
geklärten Ermordung im 41. Lebensjahr und über ihn ist am Ende des zweiten
ein so immenses Werk hinterlassen hat. Bandes zu finden. In Rumänien ist Cu-
Erinnert sei hier nur an sein für unsere lianu bereits ein Mythos, bei uns wird er
Leserschaft eigentlich unverzichtbares es noch werden, wenn er einmal besser
Buch Eros und Magie in der Renaissance, bekannt sein wird.

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Olav Hammer, der Autor des näch- Aber auch hier zeigt der Autor, dass es
sten hier zu besprechenden Buches, ar- sich dabei oft um ein bloßes Schlagwort
beitet im wissenschaftlichen Stab von handelt und die sogenannten persönli-
Wouter Hanegraaff, bekanntlich Profes- chen Erfahrungen hauptsächlich altüber-
sor für die Geschichte der hermetischen kommenen Mustern entsprechen. Ein
Wissenschaften an derAmsterdamer Uni- ganzes Kapitel widmet der Autor gegen
versität. Hammers Buch Claiming Know- den Schluss der Reinkarnation als „mo-
ledge – Strategies of Epistemology dernem Mythos“. Aus all dem sieht man,
from Theosophy to the New Age ist beim dass Hammer die (sicherlich nicht im-
hochangesehenen Verlag Brill in Leiden, mer unbegründete) Meinung vertritt,
NL erschienen, was schon an und für sich dass es sich bei der modernen Esoterik
für die Qualität des Werkes spricht. Die nicht um etwas Altes handelt, sondern
ISBN Nummer lautet: 90 04 12016 5. um ein eminent modernes Phänomen,
Hammer geht es in seinem Buch nicht das auf der Moderne und ihren Aufklä-
um die Inhalte oder die Persönlichkeiten rungstendenzen aufbaut. Für Leute, die
der unterschiedlichen im Titel angespro- sich und ihre esoterische Weltanschau-
chenen modernen esoterischen Strömun- ung kritisch zu hinterfragen wagen, ein
gen, sondern um die Art und Weise, wie sehr empfehlenswertes Buch.
es geschehen konnte, dass diese Lehren Michael Rissmann: Hitlers Gott –
beim Publikum so bereitwillig aufgenom- Vorsehungsglaube und Sendungsbe-
men wurden. Grundsätzlich arbeitet wußtsein des deutschen DiktatorsDiktators,
Hammer dabei drei „Marketingmetho- Zürich, München, Pendo Verlag 2001,
den“ heraus, die er „diskursive Strategi- nennt sich ein weiteres Buch, das sich den
en“ nennt. Die erste beruft sich auf eine Beziehungen zwischen Religion, Esote-
alte oder gar ewige „Tradition“, die auf rik und Nationalsozialismus widmet. Ei-
Indien, Tibet, Ägypten usw. zurückgehen gentlich ist es erstaunlich, dass in der völ-
soll, wofür man aber die Beweise schul- lig unübersehbaren Literatur zu Hitler
dig bleibt. Die zweite diskursive Strate- nicht schon vorher jemand auf diesen
gie beruft sich auf „Wissenschaftlichkeit“, kurzen und doch effektvollen Titel kam.
indem sie zwar zeitgenössische wissen- Damit will ich dem Autor dieses Buches,
schaftliche Erkenntnisse integriert, aber dem Nürnberger Historiker Michael
gleichzeitig für sich einen höheren Er- Rissmann, aber nicht Unrecht tun. Denn
kenntnisstand beansprucht. Ein typisches sein Buch ist bei weitem differenzierter,
Beispiel sind die New Age-Lehren, die als dies der schlagkräftige Titel vermuten
die Quantenphysik und die Relativitäts- ließe. Was es bereits nach erstem Durch-
theorie als Zeugen anrufen. Die dritte blättern erkennen lässt, ist die Belesen-
Strategie schließlich läuft unter dem heit des Autors. In sprachlich klarer und
Kennnamen „persönliche Erfahrung“. sehr pointierter Weise bekommt schon

18
zu Anfang auch der Laie einen Überblick eindeutige aber eben doch nur kursori-
über die bereits bestehende Literatur zur sche Besprechung der „kryptohistori-
Religiosität des deutschen Diktators. Riss- schen“ Klassiker (Pauwels/ Bergier, Ra-
mann scheut sich dabei nicht, ein echtes venscroft, Rauschning, Carmin usw.) er-
Standardwerk zum Thema, nämlich wartet. Da ich überzeugt bin, dass in den
Friedrich Heer: Der Glaube desAdolf Hit- Archiven noch viel Material liegt, hoffe
ler, aus dem Jahre 1968, das insbesonde- ich immer noch auf die- oder denjeni-
re der österreichischen Katholischen Kir- gen, die sich die Mühe machen, hier ein-
che die Großschuld am Antisemitismus mal gründlich zu forschen und endlich
Hitlers gab, frontal anzugreifen. Allein auch etwas Neues, aber natürlich histo-
diese Eigenständigkeit, nicht schon wie- risch Abgesichertes, zum Vorschein brin-
der publikumswirksam auf den bereits gen. Gerade ein differenzierender und
„allseits anerkannten Feind“ einzuschla- offener Historiker wie Rissmann wäre da
gen, macht Eindruck. geeignet. Aber, Archivarbeit ist staubig
Nach Rissmann ist Hitlers Gott nicht und die Luft auf den Bergen reiner.
der „liebe Gott“, der gnädig auf seine Kin- Das Buch schließt mit einigen Analy-
der herabblickt, sondern ein starker und sen, die sich unter anderem mit Eric Voe-
gewaltiger Gott, der ebenso starke und gelins berühmter These auseinanderset-
gewaltige Männer liebt und sie in seinen zen, wonach der Nationalsozialismus
„Heilsplan“ einbaut. Das erklärt auch, (und nicht nur er) eine „politische Reli-
warum Hitler später immer weniger von gion“ dargestellt hätte. Wiederum in er-
Gott, sondern der „Vorsehung“ spricht, freulicher Klarheit widersetzt sich Riss-
der er, Hitler, zu gehorchen hätte. Deut- mann dieser Anschauung. „Weder das
lich bringt der Autor dabei zum Aus- religiöse Denken Hitlers noch dessen
druck, dass das Phänomen Hitler nicht Rezeption in der deutschen Bevölkerung“
monokausal (Herkunft aus dem Katho- (S. 196) lassen seiner Meinung nach ei-
lizismus, Antisemitismus usw.) zu erfas- nen solchen Schluss zu. Der Glaube des
sen ist. Auch sein Gottesbild hat sich „Führers“ und derer, die ihm folgten, sei
Hitler aus den unterschiedlichsten Rich- viel zu unterschiedlich gewesen. Er selbst
tungen hergeholt und seinem Ideal ent- glaubte an die Vorsehung, das Volk hin-
sprechend zusammengebaut. gegen – so lange sie andauerten – an Hit-
Etwas enttäuschend – aber vielleicht lers Erfolge und ansonsten glaubte man
nur für mich – ist der Teil des Buches, an den herkömmlichen christlichen Gott.
der sich mit den okkulten Theorien um Das nächste Buch von Brigitte Nagel:
Hitler auseinandersetzt, auch wenn es Die Welteislehre – Ihre Geschichte
mich natürlich freut, dass meine eigene und ihre Rolle im „Dritten Reich“Reich“,
Arbeit zu dieser Frage lobend erwähnt Diepholz, GNT-Verlag, 2000 (2. Aufl.
wird. Nur hätte ich mir mehr als eine zwar 2001) ist ein gutes Beispiel für das, was

19
ich bei der vorhergehenden Rezension rühmten Schauspieler Attila und Paul
angesprochen habe, dass nämlich Hörbiger), der Visionen, die ihn über-
gründliche Archivarbeiten und Konsul- mächtigten, mit naturwissenschaftlichen
tation von Primärquellen immer inter- Beobachtungen zu verbinden suchte und
essante Resultate liefern, selbst auf ei- sich durch alte mythologische Überliefe-
nem so verfemten Feld wie demjenigen rungen bestätigt fand. Seiner Meinung
der Überschneidungen von Okkultis- nach besteht die gesamte Milchstraße aus
mus und Nationalsozialismus. Die Au- Eisbrocken, deren Zusammenprall mit
torin Brigitte Nagel beweist dies in ge- der glühenden Sonne die Sonnenprotu-
radezu hervorragender Weise für die im beranzen auslöst. Auch die Planeten sei-
Dritten Reich nicht unwesentliche ok- en von einer dicken Eisschicht umgeben.
kulte kosmologische Theorie, die unter Der ewige Kampf von Feuer und Eis
dem Namen „Welteislehre“ auch in wurde so für ihn zum Schlüssel des ge-
Pauwels/Bergiers Phantasieklassiker samten kosmischen Geschehens. Bekannt
Aufbruch ins dritte Jahrtausend (Le geworden ist auch noch die damit zusam-
matin des magiciens ) bedeutenden menhängende Theorie, wonach die Erde
Raum einnimmt. In ihrem Buch beein- mehrere Monde gehabt haben soll, die
druckt nicht nur die Spezialbibliogra- nach und nach von ihr „eingefangen“
phie, einschließlich der sicherlich nicht worden seien. Die Monde hätten sich
leicht verfügbaren Zeitschriften, son- dann in immer engeren Umlaufbahnen
dern auch der ausführliche Dokumen- der Erde genähert, um schließlich auf sie
tenanhang, der die Seriosität und den herabzustürzen. Die fürchterlichen dar-
Fleiß der Autorin unter Beweis stellt. aus resultierenden Zerstörungen hätten
Brigitte Nagel hat sich überdies die unter anderem zu den Mythen von der
Mühe gemacht, mit noch lebenden ein- Sintflut geführt.
stigen und zum Teil sogar noch heuti- Interessant dabei ist, dass es starke Be-
gen Anhängern der Welteislehre in Kon- strebungen – vor allem seitens des SS-
takt zu treten und ihr Wissen in das Reichsführers Heinrich Himmler – gab,
Buch einzubauen. Damit dürfte die bis diese auch von der damaligen Wissen-
jetzt gründlichste Studie zur Welteisleh- schaft vehement angegriffene Glaubens-
re (auch Glazialkosmogonie genannt) lehre, als „deutsche“ Naturwissenschaft
vorliegen. Die Zielsetzung ihrer Arbeit im Dritten Reich zur Anerkennung zu
ist allerdings nicht naturwissenschaftli- bringen. So wurde z. B. die unter Himm-
cher, sondern geistesgeschichtlicherArt. lers Aufsicht stehende berühmt-berüch-
Begründer der heute skurril anmuten- tigte Institution des „Ahnenerbes“ zur
den Lehre war der durch technische Pa- Grundlagenforschung und Verbreitung
tente erfolgreich gewordene Wiener In- der Lehre eingesetzt. Hitler selbst dürfte
genieur Hanns Hörbiger (Vater der be- allerdings – seinem eher herkömmlich

20
fortschrittlich-wissenschaftlichen Den- de ich sehr beachtenswert und mensch-
ken gemäß – nicht wesentlich von der lich vornehm. Um es zum Schluss noch-
Welteislehre beeinflusst gewesen sein. mals zu wiederholen: ein durch und
Dieses Buch ist auch ein Dokument da- durch empfehlenswertes Buch für Inter-
für, dass es den im Dritten Reich tätigen essenten der esoterischen Nebenschau-
wissenschaftlichen „Selbstreinigungskräf- plätze des Nationalsozialismus.
ten“ schlussendlich gelungen ist, Staat Zum Abschluss ein Werk, das sich mit
und Wissenschaft von diesem archety- den Verbindungen zwischen Faschismus
pisch zwar ansprechenden, aber durch und Kunst beschäftigt: Patricia Chian-
Fakten widerlegten Glauben „rein“ zu tera-Stutte: Von der Avantgarde zum
halten. Einer der Gründe dafür dürfte Traditionalismus: Die radikalen Fu-
sein, dass die Welteislehre den Hoffnun- turisten im italienischen Faschismus
gen auf gültige langfristige Wettervor- von 1919 1931
1919–1931
1931, Frankfurt/New York,
hersagen, die vor allem für den Krieg Campus Verlag 2002. Nicht nur in Itali-
im Osten überlebensnotwendig gewe- en und Frankreich erscheinen in den letz-
sen wären, in keiner Weise zu entspre- ten Jahren laufend wissenschaftlich ernst-
chen vermochte. zunehmende Bücher, in denen Julius
Nach dem Weltkrieg war die Welteis- Evola eine gewichtige Rolle spielt, jetzt
lehre im deutschen Sprachraum so gut scheint sich – vorerst zaghaft – auch schon
wie erloschen (mit Ausnahme zweier Bü- im deutschen Sprachraum ein ähnlicher
cher von Georg Hinzpeter und ebenfalls Trend anzubahnen. Nach dem Buch von
zweier von Rudolf von Elmayer-Vesten- Andrea Hoffend: Zwischen Kulturachse
brugg). Überraschenderweise entstanden und Kulturkampf 9, das Evolas Rolle im
aber in Kairo, Rom und London auf ein- Rassismusstreit zwischen faschistischem
mal Hörbiger-Institute, die auf die In- Italien und nationalsozialistischem
itiative eines englischen Anthropologen Deutschland hervorhob, ist es nun wie-
namens Egerton Sykes zurückgingen, derum eine Frau, Patricia Chiantera-Stut-
über deren Weiterbestehen nach 1982 te, die unter anderem Evolas Laufbahn
Brigitte Nagel aber nichts mehr berich- vom avantgardistischen Künstler zum
ten kann. Dass die Autorin in ihrem Traditionalisten näher unter die Lupe
Nachwort bei den noch bestehenden nimmt. Diese Entwicklung vom Ver-
Anhängern der Welteislehre, die ihr wert- fechter einer alles niederwalzenden Mo-
volle Informationen gaben, Abbitte lei- dernität zum Apologeten von Hierarchie
stet, weil ihr Buch die von ihnen vielleicht und Ordnung, die bei erstem Hinsehen
erhoffte Wiederbelebung von Hörbigers sehr überrascht, war doch nicht so ein-
Überzeugungen nicht leisten kann, fin- zigartig, wie die Autorin überzeugend

9 Peter Lang, Frankfurt/Main 1998.

21
darzulegen vermag. Evola war – natür- ste. Patricia Chiantera-Stutte spricht in
lich mit all seinen Eigenheiten – vielmehr diesem Zusammenhang von der Oppo-
in einen Trend eingebettet, der ebenso sition des „integralen“ Faschismus gegen
andere Schriftsteller, wie Curzio Suckert den herrschenden „konservativen“ Fa-
(Malaparte), Mino Maccari, Mario Car- schismus. Die weitergehende Wende
li oder Emilio Settimelli, umfasste. dann zu einer aristokratischen und eso-
Die Autorin fragt sich dabei, ob diese terischen Weltanschauung der im Buch
„Umkehr der Werte“ tatsächlich eine so besprochenen Autoren dürfte mit der
gravierende war. Oder ob die genannten künstlerischen Richtung des Symbolis-
Autoren nicht bloß ihre grundlegenden mus zusammenhängen, von der Chian-
revolutionären Ideen, wie die totale Er- tera-Stutte annimmt, dass sie eine solche
neuerung der Lebensart nach ästhetischen Entwicklung stark begünstigt hat.
Gesichtspunkten, die Herrschaft der Kunst Dem Thema gemäß schränkt die Au-
(Artekratie) und ihre tiefe Abneigung torin ihre Untersuchung auf die Zeitspan-
gegen jedwede Form der Bourgeoisie, ne von 1919 bis 1933 ein, wobei zwei
mehr und mehr radikalisierten und selbst historische Ereignisse für die skizzierte
dann noch an ihren Prinzipien festhiel- Entwicklung des Faschismus ausschlag-
ten, als sich der offizielle Futurismus be- gebend waren. Erstens dieAusrufung des
reits an den tagespolitischen und von Totalitarismus mit den Zensurgesetzen
Kompromissen geprägten Faschismus im Jahre 1925 und dann das Konkordat
angepasst hatte. Damit mussten sich diese mit der katholischen Kirche 1929, das
Schriftsteller natürlich notwendigerwei- vor allem EvolasVorstellungen eines heid-
se gegen den real existierenden Faschis- nischen Imperialismus ein jähes Ende
mus und Futurismus stellen, wie wir das bereitete. Die Autorin, die laut Buchum-
z. B. von Evola kennen, dessen Zeitschrift schlag als Jean-Monnet-Fellow am Eu-
La Torre nach nur zehn Nummern von ropean University Institute in Fiesole bei
Mussolini persönlich verboten wurde. Florenz tätig ist, konnte sich vermutlich
Nicht, weil sie etwa antifaschistisch ge- von daher intensiv mit der entsprechen-
wesen wäre, sondern, weil sie zu uner- den italienischen Literatur auseinander-
bittlich die einmal gewählten Prinzipien setzen, was man nicht nur an der exzel-
verteidigte, also in einem besonderen lenten Bibliographie merkt, in der selbst
Sinn „superfaschistisch“ war. Das hängt „neurechte“ Autoren nicht fehlen, son-
auch damit zusammen, dass der Faschis- dern auch an der profunden Bewältigung
mus – ebenso wie der Nationalsozialis- des vielseitigen Stoffes. Zudem hat die
mus – nie ein monolithischer Block war Wissenschaftlerin dieArchive der faschi-
und ursprünglich sehr unterschiedliche stischen Polizei sowie des persönlichen
Strömungen – so eine ganz bedeutsame Sekretariats des Duce einsehen können,
von Freimaurern geprägte – in sich fas- wo zahlreiche Polizeiprotokolle von der

22
Überwachung der oben angeführten Au- Der Psychoanalytiker ist der Hexen-
toren zeugen. Gerade diese breite und folterer von heute. Genau so weit weg
nicht bloß einseitige Quellenkenntnis von seinem Opfer. Und genau so über-
dürfte auch die Grundlage für den fairen zeugt von seinem Recht. (Martin Walser)
Ton der Autorin sein, die die gesamte
Man könnte die Menschen zu Göttern
Entwicklung aus der damaligen Perspek- machen, wenn sie keine Angst hätten.
tive erklärt und nicht von einem durch (Friedrich Schiller)
unser heutiges Wissen hochmütig gewor- Aber leider:
denen Standpunkt ausgeht. Insgesamt ein
Standardwerk für alle, die sich mit den Die Menschen fürchten die Absonde-
so wichtigen, aber im allgemeinen Dis- rung mehr als den Irrtum.
kurs kaum mehr erwähnten Verbindun- (Alexis de Tocqueville)

gen zwischen Futurismus und Faschismus


beschäftigen wollen. Für ein breiter ge- Daher der sichere Ausweg:
fächertes Verständnis von Julius Evola ist Nichts kann mehr zu einer Seelenru-
das Werk ebenfalls unverzichtbar. he beitragen, als wenn man gar keine
In italienischer Sprache hat die Auto- Meinung hat. (Christoph Lichtenberg)
rin übrigens ein Buch herausgebracht, das
dasselbe Thema behandelt, aber aus- Also:
schließlich Evola gewidmet ist: Patricia
Wenn der Mensch nicht weiß, dass er
Chiantera-Stutte: Julius Evola – Dal
ein Narr ist, weiß er überhaupt nichts
Da daismo alla Rivoluzione Conser-
Dadaismo
vom Leben. (Egon Friedell)
vatrice (1919 1940)
(1919–1940)
1940), Aracne, Roma,
2001, ISBN 88-7999-317-8. Auch die- Die Bildung eines Menschen zeigt sich
ses Werk zeichnet sich durch eine große am deutlichsten in seinem Verhalten
Detailfülle sowie einen trotz der Gegner- gegenüber Ungebildeten. (Hans Kilian)
schaft der Autorin fairen und abwägen-
den Schreibstil aus. Viele meinen, sie tun schon genug für
ihre Seele, wenn sie zum Analytiker
Nun ist es wieder so weit und ich kann gehen. (Thornton Wilder)
das Feld wiederum den „Aphoristikern“
überlassen. Beginnen möchte ich mit ei- Und zum versöhnlichen Abschluss
nem traurigen, aber dafür umso siche- noch etwas „Träumerisches“.
rer treffenden und auch so zeitgenössi-
schen Satz: Um ruhig zu werden, muß der Mensch
nicht denken, sondern träumen.
Der Terror ist der Krieg der Armen und (Johann Jakob Engel)
der Krieg ist der Terror der Reichen.
(Sir Peter Ustinov) H. T. Hakl

23
BEMERKENSWERTE NEUERSCHEINUNGEN
•••••••••• •••••••••••••••••••• Augen sehen dürfen. Und wie selbstver-
ständlich treten die Widrigkeiten einesAka-
Annemarie Schimmel: Morgenland demikerlebens, die Reisestrapazen und die
und Abendland
Abendland. Mein west-östliches körperlichen Anstrengungen zurück, im
Leben
Leben. Geb., 352 S., m. Abb., München Angesicht einer Handschrift, eines Gebäu-
2002, C. H. Beck Verlag, ISBN 3-406- des oder der Natur. Auch das ist die islami-
49564-8. sche Welt, voller beeindruckender Kultur-
denkmäler und einem Denken, das mit Be-
Man könnte dieser Autobiographie der gro- griffen wie „Sufismus“, „Derwisch“ oder
ßen alten Dame der Islamistik auch den eben islamische Mystik nur unzureichend
Untertitel geben: „Ein Leben für den Is- beschrieben werden kann. Dass aber ne-
lam“ oder – märchenhafter und der lyri- ben Gelehrsamkeit auch der Humor nicht
schen Neigung von Annemarie Schimmel zu kurz kommt, macht dieses Buch mehr
entsprechender – „Auf der Suche nach der als sympathisch. Annemarie Schimmel ge-
blauen Blume.“ Damit soll keinem Rom- lingt es, den Leser auf ihre Lebensreise mit-
antismus das Wort geredet werden, es soll zunehmen, die damit auch zu seiner wer-
aber deutlich gemacht sein, dass es Anne- den kann. Oder um im Sinne Annemarie
marie Schimmel neben aller wissenschaft- Schimmels zu sprechen:
lichen Forschung auch um die Schönheit, „Dies hier ist eine seltsame Geschichte
den Liebreiz und die Numinosität in der die ich, des Staunens voll, euch jetzt be-
Welt des Islam (aber nicht nur dort) geht. richte.“ (232)
Ihr untadeliger wissenschaftlicher Ruf, Pro-

fessuren in Ankara, Bonn, Harvard, Paki-
Annemarie Schimmel: Auf den Spu-
stan, zahlreiche Ehrendoktorate und die
ren der Muslime
Muslime. Mein Leben zwi-
Fülle an Veröffentlichungen und Überset-
schen den Kulturen
Kulturen. Tb., 192 S., Frei-
zungen sprechen ja für sich. Nein, hier geht
burg 2002, Herder Verlag, ISBN 3-451-
es noch um etwas anderes. Annemarie
05272-5.
Schimmel beschreibt neben ihrem Leben
hin zum Islam und für den Islam, wie sie Ein Gespräch mit Annemarie Schimmel,
aus einer kleinen Beamtenfamilie kom- in dem sie über ihre Lebenshaltung philo-
mend, die so wenig mit Islamistik zu tun sophiert („Ich habe nie über meine Lebens-
hatte, in jungen Jahren schon den Zugang haltung nachgedacht. Für mich war diese
zu dieser anderen Welt fand und wie aus Art zu leben natürlich.“), über ihre Lehrer
Berufung Beruf und schließlich, so kann und ihre Lehre. In dem Interview werden
man es wohl sagen, Lebensaufgabe wurde, auch Fragen nach dem Koran, der islami-
auch eine Welt voller Zartheit, Menschlich- schen Mystik, der Frau in der islamischen
keit und vor allem Heiterkeit und Lebens- Welt und der heutigen politischen Land-
sinn. Wir erhalten Einblick in Länder, die schaft gestellt. Ihre Eindrücke von der Is-
wir zwar kennen aber nun mit wissenden lamwissenschaft und dem christlich-islami-

24
tischen Dialog sind ebenso Gesprächsthe- aber auch der Laie kann sich mittels der
ma wie Fußball (!) oder Rap-Musik. Die- kommentierten Übersetzungen ein le-
ser Band ist jedenfalls eine ideale Ergän- bendiges, weil originäres Bild, dieser so
zung zu der bereits genannten Biographie. wichtigen Toten-Kultur erschaffen.
• •

Jan Assmann: Altägyptische Totenli- Peter Dinzelbacher: Die Templer


Templer. Ein
turgien. Band 1. Totenliturgien in den
turgien geheimnisumwitterter Orden
Orden? Tb.,
Sargtexten des Mittleren Reiches
Reiches. 157 Seiten, mit Abb., Freiburg 2002,
Geb., 557 S., Heidelberg 2002, C. Win- Herder Verlag, ISBN 3-451-04805-1.
ter Vlg. ISBN 3-8253-1199-6.
Dem Mediävisten Peter Dinzelbacher ge-
Jan Assmann legt hier für den Fachmann lingt es auf unprätentiös-sachliche Wei-
zwar, aber auch für den interessierten se, einen Mythos zu entmythifizieren, der
Laien einen Band vor, der als ideale Er- sich beharrlich über die Jahrhunderte ge-
gänzung zu seinem Buch „Tod und Jen- halten hat. Was ist das Geheimnis der
seits im Alten Ägypten“ (Beck-Verlag) ge- Templer? Was das Rätselhafte an ihnen?
lesen werden kann. Assmann grenzt „To- Warum ihre Wirkung, ihr Einfluss und
tenliturgien“ von „Totenliteratur“ ab. vor allem ihre hartnäckige Präsenz? Wenn
„Totenliturgien sind also kultische Rezi- Dinzelbacher lapidar feststellt: „Es gibt
tationsliteratur. Ihr Aufführungsort ge- also nicht nur einen Templer-Mythos, es
hört zu der Welt der Lebenden, auch gibt deren viele“, so zeigt er damit auch
wenn ihr Aufzeichnungsort in vielen Fäl- die Richtung an, wie das Templerphä-
len die unzugängliche Grabkammer ist.“ nomen begriffen werden muss. Dies ge-
(13) Mit den Totenliturgien treten die lingt dem Autor auf sachlich spannen-
Lebenden in Verbindung mit den Toten de Art. Deshalb muss dieses Buch für
(18) und helfen diesen in ihrem „nach- alle, die einen neutralen und ohne Vor-
todischen Schicksal“ (20) Die Eingliede- urteile behafteten Blick auf die histori-
rung der Toten in einen „kosmischen Le- schen Templer-Tatsachen werfen wollen,
benszyklus“ (20) kommt damit zum Aus- fernab von spekulativen Mythenbildun-
druck, aber auch der Tod als „nur Durch- gen also, Pflichtlektüre sein. „Das vorlie-
gang zu einem höheren Status“ (21). Ass- gende Buch soll eine kurze Skizze des Or-
mann belegt anschaulich, welche Macht dens nach dem heutigen Stand des verifi-
hinter dem rezitierten Wort steht und zierbaren historischen Wissens geben, wo-
welche Möglichkeiten in die liturgischen bei trockene Datensammlungen, woraus
Texte gelegt wurden. Dieses in Zusam- manche Fachmonographien bestehen, ver-
menarbeit mit Martin Bommas entstan- mieden werden.“
dene Werk ist alsArbeit mit Originalquel- Wolfram Frietsch
len unverzichtbar für die Ägyptologie, •••••••••• ••••••••••••••••••••

25
JOSCELYN GODWIN
DAS ÜBERLEBEN DER PERSÖNLICHKEIT
NACH DEM TODE
IN DER SICHT MODERNER ESOTERISCHER LEHREN

GNOSTIKA dankt Prof. Joscelyn Godwin tive einer quasi allwissenden Autorität
und dem Verlag Peters in Leuven, Belgien, für aus, die das menschliche Wesen und sei-
die Erlaubnis, diesen hochinteressanten Beitrag ne Persönlichkeit in einem kosmischen
aus der Festschrift zu Ehren von Prof.Antoine
Faivre ins Deutsche übersetzen und veröffentli- Zusammenhang betrachtet. Die andere
chen zu dürfen.1 könnte man als Froschperspektive be-
zeichnen: eben die Perspektive der betrof-
In diesem Aufsatz möchte ich auf eini- fenen Persönlichkeit selbst, wie sie auf
ge Lehren über das Leben nach dem Tode Erden lebte und dann durch die Pforten
eingehen, wie sie von bekannten Persön- des Todes schreitet. Es war dieser letztere
lichkeiten vorgebracht wurden, die sich Blickwinkel, der während des Aufkom-
entweder selbst mit dem Gewande einer mens des modernen Spiritismus in der
initiatischen Weisheit umgaben oder de- Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschend
nen es von ihren Schülern zugesprochen war. Das ist keineswegs überraschend, da
wurde. Es liegt nun am Leser zu entschei- die Quellen, aus denen diese Lehren
den, ob die sich hier ergebenden Resul- stammten, von sich aus erklärten, dass
tate dem Anspruch der Esoterik gerecht sie die Geistpersönlichkeiten (Seelen) in-
werden, ein höheres Maß an Gewissheit dividueller Männer und Frauen seien.
zu liefern, als dies die widerstreitenden Der Erfolg des Spiritismus als Religion
Meinungen exoterischer Religionsvertre- und soziale Bewegung hing dann von der
ter und profaner Philosophen zu tun ver- Glaubwürdigkeit dieser Persönlichkeiten
mögen. und ihrer Anerkennung durch lebende
Es gibt zwei sich ergänzende Vorgangs- Zeugen ab. Die Frage nach der Selbst-
weisen bei der Frage des Lebens nach dem täuschung ist hier nicht relevant, denn
Tod. Die eine geht von der Vogelperspek- Durchsagen fanden statt und was von den

1 Ursprünglich erschienen unter dem Titel „The Survival of the Personality according to Modern
Esoteric Teachings“ in Richard Caron/Joscelyn Godwin/Wouter J. Hanegraaff & Jean-Louis Vieil-
lard-Baron (eds.): Esotérisme, Gnose & Imaginaire symbolique: Mélanges offerts à Antoine Faivre,
Peeters, Leuven 2001, S. 403–413. Bei Zitaten aus fremdsprachigen Büchern und Aufsätzen sind
übrigens eventuell bereits vorhandene deutsche Übersetzungen unberücksichtigt geblieben und
die entsprechenden Textstellen neu übersetzt worden, um die aufwendige Sucharbeit zu vermei-
den. Textstellen aus ursprünglich deutschsprachigen Büchern sind jedoch genau nach den deut-
schen Originalquellen zitiert.

26
Medien während unzähliger Séancen schaffung der Sklaverei fand. Handelte
mitgeteilt wurde, ließ einfach die starke es sich doch um eine demokratische Re-
Vermutung aufkommen, dass die Men- ligion, die ein demokratisches Jenseits
schen ihre irdische Persönlichkeit in das propagierte, die deutlich einer „verbes-
Sein nach dem Tode mit hinübernähmen. serten“ Version unserer eigenen Welt äh-
Das Christentum hatte dies zwar jahr- nelte, wo alle Geister (Seelen), die das
hundertelang gelehrt, aber es hatte gleich- anstrebten, auf dem Pfade des Fortschritts
zeitig eine Barriere zwischen unserer Welt vorankommen konnten. Dabei war die
und der nächsten errichtet, die nur in den Frage des freien Willens weiterhin von
allerseltensten Fällen, so z. B. von Heili- Bedeutung, denn im Spiritismus besie-
gen, überbrückt werden konnte. Was gelt der Tod nicht das endgültige Schick-
sonst noch an Information von der an- sal der Person, wie das im traditionellen
deren Seite durchsickerte, wurde zum Christentum der Fall ist. Vermag doch
Gegenstand bildhafter Spekulationen von die Seele in diesem Glauben noch im-
Künstlern, Dichtern und Predigern. Nun mer, während sie vergangene Sünden
nahm der Spiritismus für sich in An- abbüßt, bei Notwendigkeit ihren freien
spruch, diese Barriere durchbrochen zu Willen auszuüben und sich so durch ihre
haben. Indem er behauptete, einen „gei- eigene Anstrengung zu einem Stadium
stigen Telegraphen“ zur nächsten Welt letztendlicher Vollkommenheit weiterzu-
aufgetan zu haben, konnte er leichten entwickeln.
Herzens auf die kirchlichen Hierarchien So viel zum allgemeinen Rahmen die-
und die biblische Autorität verzichten, ser Lehre, über den sich fast alle Spiriti-
außer sie waren als Bestätigung für seine sten einig waren. Die genaue Natur die-
eigenen Offenbarungen zu gebrauchen. ser Seele (dieses Geistes), die der irdischen
Der Spiritismus war ein Kind seiner Persönlichkeit so ähnlich war, blieb je-
Zeit und entwickelte sich im engen An- doch bis zum letzten Teil des Jahrhun-
schluss an die sozialistischen Strömungen derts unklar definiert, als sich schließlich
des 19. Jahrhunderts. Es war auch kein Experimentalwissenschaftler für die Er-
bloßer Zufall, dass er vor allem die Auf- scheinungen in den Séancekabinetten zu
merksamkeit des Publikums der Neuen interessieren begannen. Es waren insbe-
Welt erlangte (in Europa war von ähnli- sondere die Experimente des Obersten
chen Phänomenen ja schon lange berich- Eugène-Auguste de Rochas in den Neun-
tet worden) und dass er besonderen An- zigerjahren des 19. Jahrhunderts, die zu
klang bei den Kämpfern für die Rechte einigen ersten Ergebnissen führten.2 Ro-
der Frauen, sowie für die Anerkennung chas war nicht so sehr an den angebli-
von Arbeitergewerkschaften und die Ab- chen Durchgaben der Toten interessiert

2 E.-A. de Rochas [ d‘Aiglun], L’Extériorisation de la sensibilité, Paris 1895.

27
als vielmehr an den Fähigkeiten eines net werden. Zweifelhaft wäre also nur
magnetisierten (oder hypnotisierten) Me- etwa das noch, ob die Verstorbenen von
diums, in einen somnambulen Zustand diesen ihren erleichterten magischen
einzutreten und dann nach Anweisung Fähigkeiten Gebrauch machen w o l l e
außerkörperliche Dimensionen zu erfor- n. An diesem Willen ist aber kaum zu
schen sowie die außergewöhnlichen Kräf- zweifeln. Es wäre eine ganz willkürliche
te der Telepathie und des Hellsehens zu Annahme, dass der Tod alle die psychi-
demonstrieren. Wenn nämlich einige schen Fäden, womit wir an der Welt
wenige begabte Medien schon während hängen, zerreißen sollte. Er verändert
ihres Lebens zu solchen außerkörperli- zwar unsere Anschauungsform und Wir-
chen Tätigkeiten und Erfahren imstan- kungsweise, und macht sie zu magi-
de waren, konnte das dann nicht ein schen. Unsere psychische Substanz än-
Vorzeichen für etwas sein, was uns alle dert er aber sicherlich nicht; das würde
nach dem Tode erwartete? So lauteten dem Gesetze von der Erhaltung der
wenigstens die Schlussfolgerungen von Energie widersprechen.“3
Carl du Prel, der sich in folgenden Ge- Hier haben wir eine Vorstellung von
danken zu Rochas Experimenten erging: der Persönlichkeit als „psychischer Sub-
„Die Experimente von Rochas haben stanz“ oder „Astralleib“, die den Tod über-
bewiesen, dass vom lebenden Menschen lebt und die, einmal vom physischen Kör-
ein innerer Wesenskern sich trennen per losgelöst, ihre „magischen“ Fähigkei-
lässt, welcher fortlebt, empfindet und ten, die eventuell auch die Kommunika-
denkt, und daraus dürfen wir zunächst tion mit Lebenden einschließt, besser ein-
schliessen, dass auch der Tod die Tren- zusetzen vermag. Charles Lancelin, ein
nung des Astralleibes vom materiellen anderer Schüler von Rochas, formuliert
Körper bewirkt. [...] Der im Tode exte- das mit einer typischen Anspielung auf
riorisierte Astralleib kann aber von sei- die Weiterentwicklung folgendermaßen:
nen magischen Fähigkeiten nicht nur „Für uns, die wir Experimente durch-
ebenfalls Gebrauch machen, wie zu Leb- geführt haben, ist es unleugbar, dass der
zeiten, sondern einen viel ergiebigeren Prozess des Todes genau derselbe ist wie
und leichteren, als zu Lebzeiten. Also derjenige des magnetischen Schlafes und
sind spiritistische Phänomene a priori dass er in der gleichen Art zu charakte-
viel wahrscheinlicher, als die magischen risieren ist: durch die Aufspaltung des
Phänomene des Somnambulismus, die Wesens in seine materiellen Prinzipien,
doch nur von den Unwissenden geleug- die auf der physischen Ebene verbleiben

3 Carl du Prel: Der Tod. Das Jenseits. Das Leben im Jenseits, Jena 1901, 115.
4 Charles Lancelin: LaVie posthume. Recherches espérimentales d’après les plus récentes données de la
physique, de la psycho-physiologie et de la psychologie expérimentale, Paris 1922, 55.

28
und in seine immateriellen und geisti- Menschen zu propagieren, die auf einer
gen Prinzipien, die sich auf einer höhe- höheren Ebene angesiedelt war als dieje-
ren Ebene weiterentwickeln.“4 nige des gewöhnlichen Spiritismus. Er
Die empirischen Methoden der Spi- fand sie in den Werken von Randolph,
ritisten und Wissenschaftler stärkten sie in den Büchern, die von Emma Hardin-
in ihrer optimistischen Hoffnung, dass ge Britten (Ghostland und Art Magic) ge-
es ein Leben nach dem Tode mit einer schrieben oder unter ihrer Herausgeber-
Weiterentwicklung in einer Form gäbe, schaft erschienen waren, in den Schrif-
die unserer gegenwärtigen Persönlichkeit ten von H. P. Blavatsky bis hin zur Isis
ähnelte und nur substanziell sowie mo- Unveiled (1877) und in den Lehren der
ralisch von feinerer Art war. Es war klar, Hermetic Brotherhood of Luxor. All die-
dass die Durchgaben der „Geister“ selbst sen gemeinsam ist ein Mythos von der
diesen Glauben ebenfalls unterstützten kosmischen Entwicklung des Menschen
und oft sogar viel weiter gingen, da sie zum Unterschied von der „So-sei-es“-
auch Informationen kosmischer Natur Schöpfungsgeschichte des Monotheis-
boten und zwar via Botschaften, die wir mus. Dieser Mythos beginnt mit einer
heute als „Channeling“ bezeichnen wür- Zentralsonne, die eine Schar von Mona-
den. Botschaften also, die von Medien den ausstrahlt, welche eine lange Reise
übermittelt wurden, welche augen- von Wiedergeburten in Myriaden von
scheinlich in völliger Unkenntnis des- Gestalten antreten – darunter auch Ge-
sen waren, was sie schrieben oder spra- burt und Individualität in menschlicher
chen. Gestalt – bis sie schlussendlich wieder-
Es muss eine feine Grenze zwischen um zu ihrem Ursprung zurückkehren.
dieser inspirierten Literatur und dem Das menschliche Stadium besteht hier
mehr bewussten, manchmal Initiation ge- aus einer Dreiheit von Geist, Seele und
nannten Prozess gezogen werden, der Körper. Der Geist ist dabei die ewig exi-
Esoteriker, sofern sie nicht allein von ei- stierende Monade, die von der Sonne
ner Tradition abhängen, zu ihren Über- kam. Die Seele oder auch der Astralleib
zeugungen führt. In diesem Grenzgebiet hingegen besteht aus einem ätherischen
zwischen Medialität und Initiation ent- Stoff. Aber auch sie kann unsterblich
stand im letzten Drittel des 19. Jahrhun- werden, wenn sie sich der Reise des Gei-
derts eine Bewegung, die John Patrick stes anschließt und ihre Individualität
Deveney in seiner Studie über das Leben über viele Zeiträume hinweg zu bewah-
und Wirken von Pascal Beverley Ran- ren vermag bis sie schließlich völlig frei
dolph beschrieb. Deveney trug dabei Be- geworden ist von Materie und äußerer
weisstücke für ein gemeinsames Bestre- Form und zur Sonne zurückkehrt. Ist die
ben zusammen, deren Ziel es war, eine Seele jedoch zu materialistisch gesinnt,
Theorie über Ursprung und Schicksal des verliert sie ihren Kontakt zum Geist und

29
muss über die Erde ziehen, bis sie sich vier, sieben oder neun Bestandteile und
auflöst.5 durch die Analyse der Beschaffenheit und
Während die Spiritisten wie die mei- des Schicksals jedes Einzelnen von ihnen.
sten Christen ihrer Zeit das menschliche Einigen der vierteiligen Systeme möchte
Wesen in Körper und Geist (den sie ich mich nun näher zuwenden und be-
manchmal Seele nannten) unterteilten, ginne mit der „Philosophie cosmique“,
stellte die eben besprochene mehr esote- wie sie von Max Théon (1848?–1927)
rische oder „okkultistische“ Lehre wieder- nach seiner Zusammenarbeit mit der
um die Dreiheit des Menschen her, wie Hermetic Brotherhood of Luxor während
sie die platonische und frühe christliche der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts
Theologie kennzeichnete. Der Geist oder entwickelt wurde. Théons Philosophie
die Monade ist in dieser Sicht ewig voll- folgt nicht der spiritistischen Zweiteilung
kommen und bleibt von den Abenteu- von Materie und Geist, sondern betont
ern der Wiedergeburt unberührt. Das in Anlehnung an ihre „kosmische“ Na-
Drama spielt sich nämlich nur in der tur, dass alles materiell sei. In der Zusam-
Zwischenregion der Seele ab, wo sich menfassung von Théons Lehren durch
eben das Schicksal der menschlichen Per- Christian Chanel besitzt das menschli-
sönlichkeit entscheidet: entweder schließt che Wesen vier Körper, die aus verschie-
sich die Seele dem unsterblichen Geist denen Materiezuständen bestehen, wel-
an oder sie löst sich langsam in einen che damit korrespondierenden Erdregio-
Zustand auf, der dem trübseligen Hades nen entstammen. Diese Körper sind mit
der klassischen Mythologie entspricht. ihren Entsprechungen die folgenden:
Für diesen Zweig der esoterischen Lehre 4. Mentaler Körper = Geist
ist das Überleben der Persönlichkeit nach 3. Psychischer Körper = (intellektuelle)
dem Tode also nicht auf jeden Fall ge- Seele
wiss, sondern hängt von Ziel und Aus- 2. Nervenkörper = Astralleib
maß ihrer geistigen Orientierung wäh- 1. Physischer Körper
rend des Lebens ab.6 Die zwei unteren Körper (1 und 2)
Die Jahrzehnte um den Wechsel zum unterliegen der Unordnung, während die
20. Jahrhundert sahen viele Versuche, oberen zwei ausgeglichen sind und zu-
dieses Grundschema weiter auszuarbei- mindest der mentale Körper unsterblich
ten, hauptsächlich durch Erweiterung der ist. Nach Théons Auffassung konnte je-
Elemente im menschlichen Wesen auf der Körper potenziell fixiert werden und

5 John Patrick Deveney: Paschal Beverley Randolph. A Ninteenth-Century Black American Spiritua-
list, Rosicrucian, and Sex Magician, Albany 1997, 277–278. Siehe zu diesem Thema auch De-
veneys „Astral Projection or Liberation of the Double and the Work of the Early Theosophical
Society“ (Theosophical History Occasional Paper VI), Fullerton 1997.
6 Deveney: Paschal Beverley Randolph, 280.

30
so als eine Art Gussform dienen, in wel- Nervenkörper zu entwickeln. Nur selten
cher man dann den nächsthöheren Kör- bedeutet das aber eine neue Reinkarna-
per zu entwickeln vermochte. Der Zu- tion, denn es gibt eine Menge Wachs-
stand nach dem Tod hängt damit vom tumsgelegenheiten auch für die höhe-
Grad der Entwicklung ab, den die Per- ren Körper allein. C: Diejenigen, die
son während ihres Lebens erreicht hat. sterben, ohne die Individuation erreicht
In seinen frühen Schriften war Théon zu haben, werden zu herumwandernden
pessimistisch gegenüber den Chancen des Wesenheiten, besessen von Widerspie-
Menschen gewesen, die Vereinigung mit gelungen von Szenen, die sie während
dem Mentalkörper oder Geist zu schaf- ihres Lebens tief geprägt hatten.9
fen. Es sei schon schwer genug, dachte
er, den Nervenkörper unter die Kontrol- Es besteht eine enge Entsprechung zwi-
le der Vernunft zu bringen und so den schen Théons vierfacher Unterteilung
Individuationsprozess zu beginnen. Aber des Menschen und derjenigen seines Zeit-
je länger das Erdenleben dauern würde, genossen Giuliano Kremmerz (1861–
desto höher seien auch die Chancen wei- 1930). In den Dialoghi sull’Ermetismo
ter zu kommen.7 In seinen späteren Schrif- kommt auch Kremmerz bei seiner Ana-
ten kamen dann für ihn drei Möglichkei- lyse des Menschen auf vier Körper, von
ten infrage. A: Die seltenen Fälle derjeni- denen jeder eine Veredelung des unmit-
gen, die voll individualisiert sind und von telbar unter ihm liegenden darstellt: 10
Licht zu Licht weiterschreiten (Théon er- 4. Solarer Körper – das leuchtende Prin-
wähnt über die vier bereits genannten hin- zip des höheren Intellekts, das am uni-
aus drei zusätzliche Arten von Materie, die versalen Leben teilhat.
er Geist, Licht und Essenz nennt und die 3. Merkurialer Körper – das individuel-
die Menschheit nach seinerAussage besit- le, mentale Element, Sitz des Intellekts
zen sollte, aber wie implizit angedeutet, und Willens.
dann doch nicht besitzt.8 Möglicherweise 2. Lunarer Körper – Sitz der Gefühle,
dachte er, dass die Weiterentwicklung der Empfindungen und der Vorstellungs-
kraft.
voll individualisierten Menschen diese ein-
1. Saturnischer Körper – der physische
schließen würde.) B: Tüchtige Menschen, Organismus.11
die bereits einigen Fortschritt gemacht ha-
ben, können eine Ruhepause einlegen und Kremmerz kann sich drei mögliche
dann neue Möglichkeiten finden, um ihre Schicksalsarten nach dem Tode vorstel-

7 Ebd., 689.
8 Ebd., 684.
9 Ebd., 695.
10 Giuliano Kremmerz: Dialoghi sull’Ermetismo, Milano 1948, 58.
11 Die Beschreibung der vier Körper in Giuliano Kremmerz: Opera Omnia III, Roma 1954, viii.

31
len, die ebenfalls Théons drei Möglich- gesamte Erfahrung des vergangenen Le-
keiten gleichen.A: Gibt es diejenigen, die bens enthielte; und was, wenn dieser
willentlich von einer Existenz zur näch- Keim, um seine Kraft zu bewahren, sich
sten schreiten und dabei das ununterbro- vor der Befruchtung an lebendiges Ma-
chene Bewusstsein ihres innersten We- terial heftete, das ihn ernähren könn-
sens bewahren; sie sind also praktisch te?“13 Und eingedenk der pythagorei-
unsterblich. B: Die zahlreichste Gruppe, schen Tradition der Seelenwanderung
die den Durchschnittsmenschen umfasst, fährt Kremmerz dann fort, dass es sich
lebt weiter und reift allmählich durch dabei nicht notwendigerweise um einen
wiederholte Reinkarnationen. C: Dieje- Menschen, sondern auch um ein Tier
nigen, deren höhere Körper völlig den handeln könnte.
niedereren unterworfen sind, erleiden Die historische Frage, wer wen beein-
auch deren Schicksal, so dass ihre psy- flusst hat und wem die Priorität der Ide-
cho-physische Einheit zerfällt.12 Krem- en zukäme, würde eine breitere Studie
merz stand im Übrigen der Möglichkeit, erfordern, als es diese Skizze ist. Die schon
die Unsterblichkeit zu erringen, viel op- besprochenen und noch folgenden Par-
timistischer gegenüber und das Lehrgut allelen können also, müssen aber nicht
seiner esoterischen Schule, der Fratellan- auf einen direkten Kontakt oder einen
za Terapeutica Magica di Myriam, war unmittelbaren Ideentransfer hindeuten.
neben der Heilkunst eben auf dieses Ziel Hier beschränke ich mich darauf, eben-
ausgerichtet. so wie das John P. Deveney im Falle von
Während für Théon und die Spiriti- P. B. Randolph und seinen Zeitgenossen
sten der Impuls, in einem neuen Leben getan hat, einfach auf eine gemeinsame
weiter zu existieren (entweder durch Wie- Lehrbasis gewisser wichtiger Esoteriker zu
dergeburt oder in anderen Seinszustän- verweisen. In diesem Sinne gehe ich wei-
den), von den höheren Körpern kommt, ter zum System von George I. Gurdjieff
meinte Kremmerz, dass er vielmehr von (1866–1949), das ebenfalls hierher ge-
unten herrühre. Obwohl es nicht sein Stil hört.
war, dogmatische Lehren von sich zu ge-
ben, stellte er folgende suggestive Frage: Gurdjieffs Analyse des menschlichen
„Was wäre, wenn statt der Seele (als die Wesens, wie er sie während des Ersten
die Wirkkraft der Vitalität im menschli- Weltkrieges in St. Petersburg lehrte, ist
chen Atem im allgemeinen angesprochen ein weiteres Beispiel für den „kosmischen
wird) ein Same, ein Embryo oder ein Materialismus“. Der physische Körper, so
geheimnisvolles Atom existierte, das die Gurdjieff in diesen Vorträgen, ist so kom-

12 Ebd. und Opera Omnia II, 39.


13 Kremmerz: Dialoghi, 50.

32
plex, dass er bereits alle für das Leben Vaters – seien sie von einem zweiten Kör-
notwendigen Funktionen beinhaltet: Ein per, dem „Kesdjan-Körper“ umhüllt wor-
Mensch kann ganz vorzüglich mit ihm den, der aus Substanzen von der Sonne
allein leben und „mag dabei sogar den und den anderen Planeten besteht. Da-
Eindruck vermitteln, ein sehr intellektu- nach begannen sie kosmische Substan-
eller oder gar spiritueller Mensch zu sein zen aufzunehmen und erlangten „Kör-
und kann so nicht nur die anderen, son- per des höheren Seins“. Zuletzt hätten
dern auch sich selbst täuschen.“ 14 (Im diese dann die Möglichkeit bekommen,
Vorübergehen möchte ich nur anmerken, sich mit der „Ursache der Ursachen, der
dass diese Sicht des physischen Körpers Allerallerheiligsten Sonne Absolut“ zu
vollkommen mit derjenigen des wissen- vereinen.15
schaftlichen Materialismus überein- Was das Schicksal des Einzelnen an-
stimmt.) Aber unter gewissen Vorausset- geht, so gäbe es für den Menschen, der
zungen kann dem physischen Körper nur mit einem physischen Körper stirbt,
auch ein neuer, unabhängiger Organis- kein Leben nach dem Tode. Ausgedrückt
mus entwachsen und dann sogar ein drit- in Gurdjieffs denkwürdigen Worten lau-
ter und vierter, wobei jeder seinen Vor- tet das so: „Alles, was auf der Erde lebt,
gänger kontrolliert. Das Ergebnis ist Menschen, Tiere, Pflanzen ist Futter für
schließlich dasselbe vierfache Schema wie den Mond.“16 (Das würde Fall C in den
bei unseren anderen Denkern: vorhergehenden Schemata entsprechen).
4. Göttlicher Körper = kausal Allein die höheren Körper haben nach
3. Geistiger Körper = mental ihm das Potential für ein zukünftiges
2. Natürlicher Körper = astral Leben und die Unsterblichkeit, aber sie
1. Fleischlicher Körper = physisch können nur durch harte innere Arbeit
herauskristallisiert werden. Somit zerfällt
In seinem späten Werk All and Every- der irdische Körper nach dem Tod und
thing (auch bekannt unter dem Titel kehrt zur Erde zurück. Der zweite Kör-
Beelzebub’sTales to His Grandson) nimmt per, der aus Strahlungen der Sonne und
Gurdjieff dann die Vogelperspektive ein anderer Planeten besteht, kehrt ebenfalls
und erklärt die vier Körper in einem kos- zu seinen Ursprüngen zurück. Der dritte
mischen, evolutionären Zusammenhang. Körper kann nie zerfallen, sondern muss
Die physischen Körper der Menschen im Sonnensystem verbleiben, bis er ein
hätten sich demnach mit der Erde ent- unabhängiges Individuum mit eigener
wickelt. Dann – durch den Willen des „Vernunft“ werden kann. Das geschieht,

14 P. D. Ouspensky: In Search of the Miracolous. Fragments of an UnknownTeaching, London 1950, 41.


15 G. Gurdjieff: All and Everything, London 1950, 763–765.
16 Ouspensky: In Search for the Miracolous, 85.

33
indem er versucht, durch Reinkarnation ben, dessen Persönlichkeit damit für im-
oder Metempsychose in einen anderen mer erlöscht.
Träger zweifacher Natur einzudringen Das Werk von René Schwaller de Lu-
(das würde Fall B sein). Wenn er dann bicz (1887–1961) hat deutliche Ähnlich-
schließlich die „Vernunft“ vervollkomm- keit mit den Lehren von Théon, Krem-
net hat, wird er zur „Sonne Absolut“ ge- merz und Gurdjieff. So legte Schwaller
führt, um dort seine ihm bestimmte Rolle z. B. große Betonung auf die Frage der
zu spielen (Fall A).17 „Kristallisation“ durch bewusste Erfah-
Der anscheinende Widerspruch zwi- rung und die daraus resultierende Bil-
schen diesen beiden Versionen des gur- dung eines „fixierten Salzes“, das die Es-
djieffschen Systems könnte darauf zu- senz des eigenen Lebens in sich schlie-
rückzuführen sein, dass dabei einmal die ßen und den Keim für darauf folgende
Froschperspektive und das andere Mal die Leben ergeben würde.18 Wie alle bereits
Vogelperspektive eingenommen wird. vorhin erwähnten Denker war auch er
Wie in den frühen Vorträgen von Gurdj- der Meinung, dass der Mensch im kos-
ieff dargestellt, hat der Mensch – gese- mischen Gefüge einen Sinn verkörpere,
hen als irdische Persönlichkeit – keine der allerdings nur durch persönliche An-
Chance auf ein Leben nach dem Tod, strengung verwirklicht werden könnte.
außer er hat seine innere Arbeit getan, Im Nachklang zu Théon und Gurdjieff
um einen oder mehrere höhere Körper schrieb Schwaller: „Das Ziel des Men-
zu erlangen. In der Kosmologie von All schen besteht einzig darin, über den sterb-
and Everything sind hingegen alle höhe- lichen Menschen hinaus- und in den kos-
ren Körper vorhanden, aber wenn sie mischen Menschen einzugehen.“19 Wenn
nicht durch die eigenen Anstrengungen er das in seiner Lebenszeit nicht schafft,
des Menschen auskristallisiert sind, wer- kehren seine Bestandteile in einem Re-
den die beiden niedereren Körper wie- cyclingprozess zu ihren Ursprüngen zu-
der in die Substanzen zurückgenommen, rück: „Der subtile Anteil, der sich beim
aus denen sie bestehen, währenddessen Tod vom Individuum trennt, sucht von
die höheren auf neue Wesen mit zwei Natur aus seinen Haltepunkt, um wie-
Körpern übergehen, die überhaupt nichts der Form anzunehmen, aber wenn in ihm
mit dem früheren Menschen zu tun ha- ein tiefer Schmerz oder eine wilde Lei-

17 Ebd., 765–769.
18 R.A. Schwaller de Lubicz: Sacred Science. The King of Pharaonic Theocracy. Übs. André & Golden
VandenBroeck, NewYork 1982, 211. Sh. auch André VandenBroeck: Al-Kemi. Hermetic, Occult,
Political, and Private Aspects of R.A. Schwaller de Lubicz, Great Barrington 1987, 174, 181, 220–
223, wo auch Gespräche mit Schwaller über diese Thematik wiedergegeben werden.
19 Schwaller: Sacred Science, 212.
20 Ebd., 217.

34
denschaft verblieben sind, wird das dazu setzt wurden, tritt nun in Aktion und
führen, dass er irgendeine beliebige Sub- wogt auf, um den Charakter, die Form
stanz sucht, besonders eine psychische und Geburt eines ganz anderen Wesens
von einem lebendigen Wesen geborgte, zu bestimmen, das zum früheren keiner-
um zu einer geistähnlichen Schattenexi- lei Beziehung durch irgendeine echte
stenz zurückzukehren.“20 Das scheint die Kontinuität der Persönlichkeit hat…
drei Möglichkeiten abzudecken, die wir Wir möchten hinzufügen, dass die Vor-
schon von den anderen Autoritäten her aussetzung schon für ein bloßes Über-
kennen:[A] kosmische Transzendenz über leben nach dem Tode, geschweige denn
das menschliche Stadium hinaus; [B] für eine Unsterblichkeit, die Fähigkeit
Wiedergeburt des subtilen Restanteils; ist, das Bewusstsein noch während des
[C] ein vampiristisches oder dem Hades Lebens abkoppeln, übertragen und es in
ähnelndes Stadium, das zur völligen Aus- einem Seinszustand fixieren zu können,
löschung der Persönlichkeit führt. der von den körperlichen Begleitum-
ständen (psychologische, physiologische
Diejenigen, die sich bei den buddhi- und physikalische) unabhängig ist. Das
stischen Theorien über das Leben nach ist es, was mehr oder weniger gleichbe-
dem Tode auskennen, werden bemerken, deutend ist mit Initiation oder mit ei-
wie ähnlich sie diesen esoterischen Ent- nem bestimmten Grad der Verwirkli-
würfen sind. Julius Evola (1898–1974) chung im Yoga…“
versuchte als Mitglied der „Gruppe von Hier und in seinen anderen Aufsätzen
Ur“, die magischen Überlieferungen aus für Ur stand Evola in voller Übereinstim-
Ost - insbesondere von Tantras, Taoismus mung mit dem, was ich schon von den
und Buddhismus – und West zusammen- anderen Philosophen als Möglichkeiten
zuführen. In seiner Besprechung des Ti- A, B und C hergeleitet habe. Unwirsch
betanischenTotenbuches gab Evola einen ob der Hoffnung des Durchschnittsmen-
knappen Überblick über die Lehre, die schen, ein ewiges Leben zu besitzen,
er als beiden Seiten gemeinsam ansah: schrieb er: „Die Vorstellung, dass jeder-
„Man weiß, dass nach esoterischen mann eine ,unsterbliche Seele‘ hat, die
Lehren der Tod eine tiefe Krise für die dazu noch als exaktes Abbild des
Masse der Menschheit darstellt. Der Lebensbewusstseins und des einzelnen
Wechsel des Seinszustandes führt dabei irdischen Ichs aufgefasst wird, ist wahr-
zu einer Art Bewusstlosigkeit oder Ohn- lich eine ideologische Verirrung, mag
macht, wobei nur der Überrest einer man auch manchmal ihren Vorteil als
automatenhaft agierenden psychischen Opium für die Massen nicht abstreiten
Form weiter bestehen bleibt. Die blin- können. Zum Weiterleben fähig und
de, fatale Auswirkung der „Ursachen“, unsterblich ist nicht die ,Seele‘, sondern
die während des Erdenlebens eifrig ge- der Geist (nous) als übernatürliches Ele-

35
ment. […] Die ,Seele‘ kann nur weiterle- Schriften der Blavatsky und der späteren
ben, wenn sie sich dem ,Geist‘ anschließt Theosophen, insbesondere von C. W.
[…] Damit bildet sich eine neue Form, Leadbeater und Alice A. Bailey sind ei-
die vom Tod nicht mehr angegriffen wer- gentlich nur Variationen dieser Grund-
den kann. “21 themen. Die Anschauungen von Rudolf
Aber die übergroße Mehrzahl der Leu- Steiner und Papus treten zwar unter dem
te, so Evola, hat diese neue Form natür- Anspruch an, sie zu korrigieren, stimmen
lich nicht entwickelt. aber doch mit den meisten ihrer Prinzi-
„…Die Individualität des Großteils pien überein. Hier beschränke ich mich
der Menschheit ist eine bloße Annah- ausschließlich auf das Originalmodell aus
me, ist doch schon ihre psycho-physi- den Mahatma Briefen. Das Schema der
sche Einheit die fiktive und wenig sta- Mahatmas, stellt, soweit es hier von Be-
bile Einheit eines bloßen Zusammen- lang ist, den Menschen als ein siebenfa-
spiels von Kräften und Einflüssen, die ches Gebilde vor: 23
sie in keiner Weise als ihre eigenen an- 7. Atman – Sitz der ewigen Lebenskraft.
sehen kann.“22 6. Buddhi – spirituelle Seele.
Wie Gurdjieff betrachtete eben auch Diese bilden die ewige, unvergängliche,
Evola die Mehrzahl der Menschen alsAn- aber auch unbewusste Monade oder gei-
wärter auf den Müllhaufen der Möglich- stige Individualität.
keit C. 5. Manas – die tierische Seele oder stoff-
liche Intelligenz.
Nun möchte ich mich kurz der Theo- 4. Kama rupa – Energiezentrum, Wollen,
sophie von H.P. Blavatsky zuwenden, die Wille im Erdenleben.
wahrscheinlich allen bis jetzt genannten 3. Jivatma – Lebensprinzip.
Esoterikern gut bekannt war. Nach ihrer In den drei obigen Prinzipien konzen-
Ankunft in Indien 1878 entstand mit den triert sich die Individualität in ihrer Ge-
Lehren der Mahatmas Koot Hoomi und samtheit.
Morya, die zwischen 1880–1884 auf dem 2. Linga shariram – ätherisches Doppel.
Briefwege den Anhängern Blavatskys A. 1. Physischer oder grobstofflicher Körper.
P. Sinnett und A. O. Hume übermittelt
worden waren, eine neue Kosmologie In seiner Behandlung dessen, was die-
und Anthropologie. Die zahlreichen sen sieben Prinzipien beim physischen

21 Ea, „Il problema dell’immortalità“, ebd., I, 164–172; hier 172.


22 Ea: „La dottrina del „corpo immortale“, ebd., I, 223–232; hier 227.
23 Zusammengestellt aus The Mahatma Letters to A. P. Sinnett from the Mahatmas M. and K. H.
übertragen, zusammengestellt und mit einer Einleitung versehen von A. T. Barker, NewYork, 70–
78 (Brief XII von M.), 88–99 (Brief XV von K. H. an A. O. Hume), 99–116 (Brief XVI von K. H.
an Sinnett), 127–134 (Brief XX-c von K. H. an Sinnett).

36
Tod zustößt, bedient sich Mahatma M. ren geht. Das würde tatsächlich eine Par-
(Morya) des Sanskrit, der Sprache, die so allele zu den verschiedenen schon bespro-
reich an begrifflichen Feinheiten ist, für chenen Schemata bilden, bei denen die
welche die europäischen Sprachen nichts völlige Auslöschung der Persönlichkeit
Gleichwertiges anbieten können. (vgl. unseren Fall C) eine der drei Mög-
„Der Körper des Menschen ist und lichkeiten nach dem Tode darstellt. Ma-
bleibt für immer an den Körper seines hatma K. H. (Koot Hoomi) schreibt je-
Planeten gebunden; sein individuelles doch in derselben Brieffolge davon, wie
jivatma Lebensprinzip, was also in der das sechste Prinzip eine bewusste Existenz
Physiologie animalischer Lebensgeist ge- im Nachtodes-Zustand erlangen kann
nannt wird, kehrt nach dem Tod zu sei- (Fall B), falls zum Todeszeitpunkt etwas
nem Ursprung – Fohat – zurück; sein von Wert im fünften Prinzip – „seine ed-
linga shariram wird in das Akasa zurück- leren Gefühle, seine heiligmäßigen (ob-
geholt; sein kamarupa wird sich wieder- wohl sie irdisch sind) Bestrebungen und
um mit der Universellen Sakti vermi- die am meisten spirituellen Teile seines
schen, dem Kosmischen Willen oder der Geistes“25 – vorhanden ist, das es in sich
Universalen Energie; seine „tierische See- aufnimmt. Dann erfreuen sich die bei-
le“, die vom Atem des Universalen Gei- den oberen Prinzipien einer Periode
stes geborgt war, wird zu den Dhyan glückseliger Erinnerung in einem De-
Chohans zurückkehren; sein sechstes vachan genannten Stadium, bis sie wie-
Prinzip, gleich ob es in die Matrix des derum zu einer Inkarnation herabsinken.
Großen Passiven Prinzips hineingezogen Koot Hoomi erwähnt auch eine dritte
oder von ihr ausgestoßen wird, muss in Möglichkeit: die „panäonische Unsterb-
seiner eigenen Sphäre verbleiben, entwe- lichkeit“ (Fall A), wo Bewußtsein und
der als Teil der rohen Materie oder als Ich-Erfahrung nicht unterbrochen wer-
individualisierte Wesenheit, die in einer den und das Wesen in seinem Ich über
höheren Welt der Ursachen wiedergebo- Geburten und Tode hinweg dasselbe
ren werden soll. Das siebente wird es aus bleibt.26
dem Devachan führen und dem neuen Wir können hier nicht in die Reinkar-
Ego an seinen Ort der Wiedergeburt fol- nationsdebatte eintreten. Sie betrifft die
gen.“24 mittlere Möglichkeit (B) und die Frage,
Es scheint, dass sich damit alle Prinzi- ob die höhere Individualität (zum Un-
pien außer Nr. 6 und 7 auflösen, zu ih- terschied von der Persönlichkeit) zur Ver-
ren Ursprüngen zurückkehren und folg- körperung auf die Erde zurückkehrt oder
lich die Persönlichkeit für immer verlo- ob ihre Weiterentwicklung auf anderen
24 Ebd., 71–72.
25 Ebd., 103.
26 Ebd., 129.

37
Ebenen oder in anderen spirituellen Be- des Körpers (mit dem es sich nicht mehr
reichen stattfindet. Diese Frage ist eigent- länger identifiziert), das übergeht (trans-
lich nur von zweitrangiger Bedeutung, migriert); dieses Selbst, das sich seiner
wie viel Gewicht ihre leidenschaftlichsten selbst erinnert hat, ist das Brahma, das
Befürworter (wie z. B. Rudolf Steiner) jede Form und Qualität von Existenz an-
und ihre gleichermaßen leidenschaftli- nimmt, im Guten wie im Schlechten, ge-
chen Kritiker (wie z. B. René Guénon) mäß seinen Neigungen und Aktivitä-
auf sie auch gelegt haben mögen. Allen ten…“28
hier zusammengefassten Lehren gemein-
sam ist die Überzeugung, dass es eben Von diesem Blickwinkel aus ist über-
nicht nur ein einziges, einheitliches haupt nur eine solche vollständige über-
Schicksal für jedermann nach dem Tode individuelle Verwirklichung erwägens-
gibt, sondern verschiedene Möglichkei- wert. Unsere westlichen Esoteriker haben
ten. Die Wiedergeburt auf der Erde wäre diese „Alternative A“ unterschiedlich als
dann einfach eine daraus, wie sie sich eben eine entfernte Möglichkeit, als Gipfel-
aus den Umständen oder dem eigenen punkt einer langen Evolution oder als
Standpunkt ergibt.27 Ziel einer titanischen Anstrengung an-
gesehen, die nur in diesem Leben und
Als letzten erwähnenswerten Punkt dann nie mehr möglich sei. Für die mo-
könnten wir die Adlerperspektive nen- nistischen Philosophien des Ostens hin-
nen. Ananda K. Coomaraswamy (1877– gegen sind Fortschritt, Evolution, Geburt
1947) bringt in seinem späten Essay ,On und Tod bloße Elemente einer kosmi-
the One and Only Transmigrant‘ die schen Illusion, von denen sich das un-
schweren Geschütze seiner Gelehrsam- persönliche Selbst hier und jetzt zu be-
keit in Anschlag gegen die illusionäre freien vermag. In den brüsken Worten
Persönlichkeit, von der man naiverweise des englischen Buddhisten, der sich selbst
glaubt, dass sie den Tod zu überdauern Wei Wu Wei nannte, lautet das so: „Vor-
und immer wieder aufs Neue weiter zu her gelebt? Wann haben wir jemals auf-
leben vermag. „Es ist vielmehr das unge- gehört zu leben? Wo haben wir je nicht
teilte und niemals individualisierte Selbst, gelebt? Lasst uns aufwachen zu dem, was
das sich seiner selbst nun wiedererinnert wir sind…“29
hat und frei ist von der ,Unwissenheit‘

•••••••••• ••••••••••••••••••••
27 Sh. J. Godwin: „The Case against Reincarnation“, Gnosis 42 (1997), 28–32.
28 Ananda K. Coomaraswamy: „On the One and Only Transmigrant“, in Roger Lipsey (ed.), Coo-
maraswamy 2: Selected Papers; Metaphysics, Princeton 1977, 66–87; hier 81 unter Auslassung der
eingeschobenen Sanskritbegriffe.
29 Wei Wu Wei (Terence Gray): The Tenth Man, Hongkong 1966, 113.

38
ROBERT BOSCH
GNOSTISCHE SCHÖPFUNG UND DAS AUTOMOBIL
Wir wollen uns hier in eine alte Schöp- Wir nehmen aus Valentins Schule den
fungsgeschichte vertiefen.1 Wie viele Schöpfungsbericht eines Ptolemaios, der
Weltanschauungen der Spätantike, fußt uns überliefert ist durch den Kirchenva-
sie auf der Genesis des alten Testaments. ter und Ketzerfeind Irenäus und übersetzt
Valentin war Haupt einer gnostischen von Leisegang.2 Er wird handeln von ei-
Schule, die sich im 2. Jh. nach Chr. im ner Gottheit, welche fraglos ewig und un-
römischen Reich weit verbreitet hat. Ja, begrenzt ist, also spottend aller Namen,
es waren damals die dogmatischen Gren- und doch irgendwie in sich gegliedert.
zen noch so offen, dass er beinahe ein- Aus solch paradoxem Anfang heraus, auf
mal christlicher Bischof von Rom gewor- göttlicher oder himmlischer Ebene, ent-
den wäre. Er muss ein bezaubernder Red- faltet sich eine erste Dynamik, der Fall
ner gewesen sein, dazu Dichter, und be- der göttlichen Sophia. Wir kennen ja in
sondere verbindende Fähigkeiten beses- unserer Genesis den Sündenfall. Er ge-
sen haben. Mit seinem „Sowohl-als-auch“ schieht zwar erst auf der Ebene des Men-
werden wir noch unsere liebe Not haben. schen, verläuft aber auffallend ähnlich.
So ist bei ihm nicht, wie es anderswo Ich will im Übrigen auch weiterhin so
erscheint, die Person des Demiurgen oder vorgehen, dass ich solche Ähnlichkeiten
Weltschöpfers einfach abtrünnig, und bei den Motiven und Verknüpfungen
macht im Gegensatz zum wahren Gott großzügig ansehe, wie man es etwa in der
eine schlechte Welt, nur um dort herr- Märchenforschung gerne tut, wie über-
schen zu können. Da wäre ja der All- haupt bei unbewusstem Material. Dann
mächtige ohnmächtig gegenüber seinem werden wir in diesen gnostischen Berich-
Spross. In Valentins Schule wird ausge- ten Wiederholungen finden, auch Ähn-
führt, wie der Demiurg bei seinem gott- lichkeiten mit anderen Berichten, und
vergessenen Werk doch von seiner Mut- können dahinter wohl auch Prinzipien
ter und vom Gott des Anfangs geführt entdecken, die eben mehrfach oder wie-
und getrieben wird. – So wird im Grun- derholt gestaltet wurden. – Wir Traum-
de das Paradoxon von göttlicher Macht deuter vermuten dann ja eine besondere
und menschlicher Freiheit beleuchtet, wie Bedeutung dieser Sache.
es vielleicht selten so gründlich geschah.
1 Irenäus von Lyon: „adversos haereticos I“,1.1 ff. In: Hans Leisegang: Die Gnosis, Stuttgart
1955, 308 ff. (und mit nummerierten Abschnitten in: Werner Förster: Die Gnosis Bd.1, Zürich
und Stuttgart 1969, S. 309 ff.)
2 s. o.

39
Leider muss ich viel abkürzen und auf Nachdem diese ihn empfangen hatte und
exemplarische Phasen konzentrieren. An- schwanger geworden war, hat sie den
gesichts des Gedankenreichtums müssen Nous geboren, der dem Erzeuger ähn-
wir auf Vollständigkeit verzichten. Wich- lich und gleich war und allein die Größe
tiger wäre es, wenn ein wenig vom Rang des Vaters erfasste. Diesen Nous nennen
der Gegenstände fühlbar würde. Am lieb- sie auch den Eingeborenen, Vater und
sten würde ich Sie davon überzeugen, dass Anfang aller Dinge.
eine Schöpfungsgeschichte so sein muss, Mit ihm zusammen ist auch die Al-
wie diese, oder dass sie schlicht wahr ist. etheia geboren, und das ist die erste und
Aber wenigstens hoffe ich, Ihnen meine ursprüngliche – Vierheit, die sie auch die
Überzeugung mitteilen zu können von Wurzel aller Dinge heißen. Sie besteht
der Aktualität dieses Mythos in der mo- nämlich aus dem Bythos und der Sige,
dernen Welt. Sie ging mir auf, als ich dann aus dem Nous und der Aletheia.“
darin vom Demiurgen las, wie er die – (Das sindAbgrund – Schweigen – Geist
sichtbare Welt erschuf, und mich meines oder Denkkraft – Wahrheit.)
früheren und immer noch geliebten In- Wir haben richtig gelesen: Der Uran-
genieurberufes erinnerte. fang erscheint gleich zweimal: alsAussen-
Nun also unser Text: dendes und als Ausgesandtes. Hier ist das
„Es lehren die Valentinianer, in unsicht- Ausgesandte so göttlich, wie der aussen-
baren und unnennbaren Höhen sei ein dende Urbeginn. – Damit ist eine Grund-
vollkommener Äon gewesen, der vor Al- struktur gegeben, die sich so fortpflan-
lem da war. Ihn nennen sie Uranfang, Ur- zen wird. (Sehen wir genauer hin, kön-
vater und Bythos (zu deutsch:Abgrund). nen wir sie finden, auch schon im ersten
Er ist aber unsichtbar, und kein Ding Anfang, als ausdrücklich der „vollkom-
kann ihn fassen. Da er unfaßbar, unsicht- mene Äon“ „vor Allem da war“ – aber
bar, ewig und unerzeugt ist, so ist er un- die Ennoia, wiederum ausdrücklich, „mit
ermessliche Zeiten in tiefster Ruhe gewe- ihm zugleich im Anfang vorhanden“
sen. Mit ihm war zugleich im Anfang war.) – Es scheint, dass Ennoia, der höch-
vorhanden die Ennoia, die sie auch Cha- ste Gedanke, schweigt – (Sie heißt ja
ris oder Sige nennen. (Das sind Gedan- „Sige“).Angesichts des Irrationalen ist sie
ke, Gnade, Schweigen.) klüger als ich, der sich darüber verbrei-
Nun ist Jener einmal auf den Gedan- tet.
ken gekommen, von sich aus diesen Es hat sich also eine Vierheit entwickelt,
Bythos als Anfang aller Dinge auszusen- heraus aus einem grenzenlosen Anfang,
den und diesen Sprössling, den er auszu- und sie ist in ihrem, wir mögen sagen:
senden im Sinn hatte, wie ein Sperma „benennbaren Teil“ – aber sagen wir lie-
gleichsam in den Mutterschoß der bei ber: „benennbareren“ – namenhaft, nam-
ihm befindlichen Sige einzusenken. haft geworden. Dabei ist das „Aussenden-

40
de“ eigentlich immer noch unbenennbar, einem Schimmer aus sich selbst heraus
wie durch 3 unbegriffliche Namen ange- beleuchten.
deutet wird, die ja eigentlich, wie im An- Lassen wir diesen philosophischen Ver-
fang, grenzenlos sind. such, besonders deshalb, weil es praktisch
Zur Grundstruktur: Neben oder un- unmöglich ist, das Eine jederzeit hinter
ter diesen Benennbaren, aber noch kaum dem Vielen zu wissen, und kehren wir
Benennbaren, her besteht ohne Zweifel zu unserer Geschichte zurück.
der ganz unnennbare Anfang fort, er ist Da heben sich aus dem Ungrund her-
ja ohne Grenzen. aus Generationen, von denen nur bei-
Wie aus einem einheitlichen Ursprung spielhaft genannt sein sollen: Logos und
eine vielgestaltige Schöpfung geschehen Zoe = Leben, Anthropos und Ekklesia,
soll, das plagt sich ja die Logik umsonst alle gepaart, denn sie sind göttlich voll-
zu erklären, vom Anfang griechischer ständig. Als die Dreißigste folgt schließ-
Philosophie bis zur modernen Physik, die lich Sophia. Dieses Ganze heißt Pleroma
mit einem „Urknall“ nur von ihrem Un- = die Fülle, und wenn es auch viele Na-
vermögen abzulenken versucht. – Man men trägt, sollten wir nicht vergessen,
war damals liebevoller und hat das Para- dass es eigentlich in ihm keine Grenzen
doxon auszubreiten versucht und wenig- gibt. – Mit einem „siebten Himmel“ ist
stens in einem Bilde es zu zeigen. auch nicht die eine Zählbarkeit von
Im Anfang oder „oben“ ist es unnenn- Schichten gemeint, eher eine Steigerung.
bar, und zugleich wird daraus ein Geglie- – Es sind Ideen, die aus dem einen Gott
dertes Nennbares, aus welchem sich wei- geflossen, und „Fülle“ sind sie miteinan-
terhin die Vielgestalt der Welt entwickeln der.
soll. – Und wozu? – Da ist die Idee auf- Zwar wird bald eine „Grenze“ erschei-
getaucht, ein Abbild zu schaffen, das dem nen, wie bei Moses die Engel mit dem
Ersten ähnlich sei. Schon Moses sagte, Schwert am Eingang zum Paradies. Denn
dass Jahwe den Menschen sich gleich mit der Vielfältigung ist eine Dynamik
machen wollte. – Dass sich das Erste be- in Gang gekommen, welche die Ord-
trachten will, die Idee scheint auf der Welt nung bedroht. Diese Grenze soll festigen,
verbreitet. Ich kenne sie aus Indien, wo und das Schaffen, wie es nun außerhalb
Vischnu die Welt träumt und sich so ge- des Pleromas anhebt, heißt immer wie-
nießt. Der Eine genießt die Vielen – das der „Abgrenzen“ neben dem „Gestalten“.
mag gehen. – Damit genieße er aber sich Nochmals eine Bemerkung zur Struk-
– vielleicht, weil die Vielen im Einen ent- tur, diesmal weniger prinzipiell, als for-
halten sind? – Haben wir da etwa den mal. – Diese Schöpfungsgeschichte ist viel
Ursprung des Vielen aus Einem begrif- länger als jene bei Moses. Sie versucht
fen? – Gewiss nicht. Wir konnten nur nicht nur, einen eigentlich unüberbrück-
das Paradoxon vom Vielen und Einen mit baren Abstand darzustellen vom Anfang

41
zum tiefsten Ende, sondern auch, diesen aufgelöst worden, wenn sie nicht auf eine
Abstand durch Zwischengeschoße zu ver- Kraft gestoßen wäre, die das Weltall be-
mitteln. Hierzu hilft aber genau genom- festigt und außerhalb der unaussprechli-
men die Zahl dieser Gliederungen we- chen Größe bewahrt. Diese Kraft nen-
nig, wenn es nicht gelingt, in jeweils ei- nen sie den Horos = Grenze. – Offen-
nem Geschoß den vermittelnden Cha- sichtlich hat sie übrigens mit dem prin-
rakter zu zeigen: Oben und Unten müs- cipium individuationis in der Psycholo-
sen nicht nur nebeneinander liegen, son- gie zu tun. (Weiter stark gekürzt:) Diese
dern irgendwie vermischt oder verschränkt Grenzkraft hat dann die Sophia (genau-
werden, noch besser: insgeheim gleich er: einen Teil von ihr) mit ihrer Leiden-
sein. – Daher also eine verwickelte Struk- schaft in die Räume des Schattens und
tur, die gerade im Weiterschreiten zum der Leere hinausgeworfen. In ihrem Lei-
Anfang zurückgreift. den und ihrer Sehnsucht begab diese sich
Nun weiter im Text: (Jetzt leicht ge- dann auf die Suche nach dem ihr ent-
kürzt nach Leisegang):3 schwundenen Licht. Dabei fragen wir
Nur der Nous ergötzte sich amAnblick uns, ob denn hier nicht Sophia eben das
der unermesslichen Größe, und er woll- getan hat, was Sige und Bythos vom An-
te ihn den andern Äonen mitteilen. Aber fang wollten:Aus eigenem Verlangen, von
da hielt ihn seine Mutter Sige zurück, mit sich aus ihren Urvater aufsuchen.
einer denkwürdigen Erklärung: Sie wollte Offensichtlich geht es um das anfäng-
nämlich alle zum freiwilligen Nachden- liche Paradoxon, die Frage, wie überhaupt
ken führen und zum eigenen Verlangen, eine Schöpfung selbständiger Wesen ge-
ihren Urvater aufzusuchen.4 Und im Stil- schehen könne. Das ist ja eine philoso-
len strebten nun die Äonen danach, den phische Frage, und man mag finden, sie
Urheber ihres Samens zu sehen. sei mit diesen Geschichten allzu spiele-
Aber den weitesten Sprung tat die letz- risch angegangen – möge es dem Philo-
te der 30, Sophia, und geriet in leiden- sophen besser gelingen! Der praktische
schaftliche Erregung. – Diese Erregung Psychologe sollte sie nicht aus seiner Ar-
sei also ausdrücklich vom hohen Nous beit ausgrenzen. Und bei jeder Schöp-
ausgegangen, ganz von der Spitze der fungsgeschichte muss sie wohl am An-
Hierarchie, Trotzdem sei diese Liebe, was fang stehen. – Gibt es ein edleres Ziel für
die Sophia angeht, Tollheit gewesen, weil solche Geschichten, als in ihr zu vermit-
sie ja die Größe des Vaters nicht fassen, teln? – Wir werden in unserer Geschich-
nicht das Unmögliche wagen konnte. Sie te noch sehen, wie es in späteren Stufen
geriet in große Not und wäre von der immer neu behandelt wird. Für unseren
Süße schließlich wohl verschlungen und Autor zumindest gehört die Selbständig-

3 Ebenda, 310 f.

42
keit zum Wesen der Schöpfung, gerade en ihre Schmerzen und die Sehnsucht
wenn Alles aus Einem geflossen. – Na- nach Rückkehr gewesen. – Hieraus also
türlich haben wir das auch in unserer bestehe die Welt, bestehe auch die Seele
Genesis, wenn der Mensch zum Unge- ihres Baumeisters.
horsam kommt. Der in andern Berichten als böser Welt-
Praktische Psychologie? – Wir sind mit- herr erscheint, – hier nach Valentins Leh-
ten drin: Es geht um die Verselbständi- re ist er innerlich voll Sehnsucht – wo-
gung der Kinder, der therapeutischen nach? – nach dem Pleroma, der ursprüng-
Beziehung, und eigentlich um mensch- lichen Heimat der Weltseele, und auch
liche Entwicklung überhaupt, um Indi- jeder einzelnen. Er weiß es aber nicht.
viduation. Man kann abstrahieren: Der Und wenn der Text in Wiederholungen
Sturz der Sophia gehört zu einem My- klären möchte, dass eigentlich die hohe
thologem vom Fall, das sich in vielen Weltmutter ihn ohne sein Wissen leite,
Schöpfungsgeschichten findet. Es geht ja, selber die Tätige, vielleicht Abtrünni-
um die Trennung, Teil des Paradoxons ge sei – da müssen wir wohl unsererseits
vom Einen und Vielen. Dieses abstrakte endlich die Waffen strecken vor dem Pa-
Paradoxon personifiziert sich aber gern radoxon an sich. Das Viele aus Einem
in lebendigen Figuren, wird anschaulich sehnt sich nach dieser seiner Quelle, doch
und menschlich einfühlbar. das Eine hat sich in ihm verborgen!
Wollen wir als eine solche Figur, wohl Erinnern wir uns einer ähnlichen Fast-
die bekannteste, noch die Gestalt des De- Identität zwischen Sige – Ursprung und
miurgen betrachten, des Sohns der So- Sophia – unterster Äon. (Sophia tat ja,
phia, welcher die sichtbare Welt gemacht was Sige dachte.) Und wir sind dabei,
hat. – Mir erscheint er wie ein Geist der zwischen Gott, Demiurg und Mensch
Neuzeit. Zunächst zeigt er sich, hier wie ähnliche Verhältnisse zu entdecken.
in andern Berichten, als ein Nachfahre Sige – Sophia – Demiurg – Mensch –:
des alten Jahwe der Genesis. Der Gott Es reicht eine Kaskade von Identitäten
vom Anfang ist er allerdings nicht, wie herab von oben bis ganz unten! Eine Kas-
wir gesehen haben. Doch heißt er ein kade vom Einen zum Vielen – die ge-
gottähnlicher Engel,4 und ist aus der Sub- samte Erscheinung! – Könnte man mehr
stanz der Sophia und damit reingöttli- betonen, dass die Welt vom einen bis zum
cher Spross. Er macht sich an die Gestal- letzten Glied, vom Himmel bis zur Höl-
tung der körperlichen und seelischen le ein Ganzes sei?
Substanzen, die wie er selbst beim Sturz Wenn nun der Demiurg daran geht,
seiner Mutter entstanden waren: Es sei- den Menschen zu machen, geschieht wie-

4 Ebenda, 317.

43
der ein Rückschluss: Das Geschöpf wird „Nun meinte zwar der Demiurg, daß
mehr, als sein Vater selber wissen kann. er in eigener Person dies geschaffen habe,
Letzterer hat nämlich vom höheren Gei- aber in Wirklichkeit hat er doch nur das
ste kein Bewusstsein. So meint er, die ausgeführt, was seine Mutter hervor-
Wahrheit zu sagen, wenn er sich den al- brachte. Er schuf einen Himmel, ohne
leinigen Schöpfer nennt. den Himmel zu kennen; er bildete einen
Bei Ptolemaios geht das im Wesentli- Menschen und kannte den Menschen
chen so: Es war nämlich bei dem Schaf- nicht… So hat er bei seinem ganzen Schaf-
fen des Demiurgen seine Mutter nicht fen die Vorbilder der Dinge nicht gekannt,
nur die eigentlich Tätige gewesen, son- ja nicht einmal seine Mutter, sondern ge-
dern als er an die Erschaffung des Men- glaubt, daß er allein sei. Auf diesen Glau-
schen mit Körper und Seele ging, da ben brachte ihn seine eigene Mutter, da
wusste sie es so einzurichten, dass der sie ihn zu der Ansicht erziehen wollte, daß
Mensch vom Demiurg auch einen Geist er selbst Haupt und Ursprung seines eige-
„pneuma“ eingehaucht bekam, den die- nen Wesens und Herr des ganzen Getrie-
ser Schöpfer selbst nicht kannte, obwohl bes sei.“ – Wenn es heute eine demiurgi-
er ihn trug. Und zwar sollte dieses Gei- sche Selbstherrlichkeit gibt, so fragen wir
stige in der Menschenseele und im Leib uns wohl, ob damals in der Spätantike ein
„ausgetragen werden und wachsen“.5 ähnlicher Zustand verbreitet gewesen sein
(Man beachte den Sinn von Leib und mag. – Unser Text aber versucht zu erklä-
Welt – in einem gnostischen Bericht. – ren, wie diese Selbstherrlichkeit im Ein-
Geist reift in seiner Schöpfung!) Das hat klang mit dem Anfang stehe.
begonnen mit der Grenzkraft und der Vergleichen wir einmal den Ingenieur,
„Festigung“ durch sie, dem principium homo faber der Neuzeit, mit diesem De-
Individuationis. So weiß der Mensch miurgen: Sie schaffen beide im Bewusst-
mehr als sein Schöpfer! sein von Freiheit. Auch wenn diese für
Valentin hat das ausdrücklich mit dem den Ingenieur durch die Natur eng be-
Künstler verglichen6 und seinem Werk, dingt ist, kann er Augenblicke schöpferi-
einer Götterfigur, die dem Künstler plötz- scher Freiheit erleben. Und beiden ist es
lich göttlichen Ausdruck zeige, davor er nicht bewusst, dass sie in ihrer Empörung
erschrickt! vom Allmächtigen veranlasst sind. Das
– So geht es auch dem Ingenieur, wenn hieß ja hier bei Ptolemaios: Es hatte ja
er merkt, er hat etwas fertiggebracht! Aber die in Wahrheit tätige Sophia dies alles
wie unsere Geschichte da insistiert! so veranstaltet, damit dasAll die Ehre der

5 Ebenda, 319.
6 Clemens Alexandrinus: „stromata II“ 8, 36. In Leisegang: Die Gnosis, 285.
7 Ebenda, 317.

44
Äonen spiegele, die Ehre des Pleromas.7 Nun will ich aber am anderen Ende
– Welcher Gedanke in der „weltfeindli- anfangen, und zwar mit einem alltägli-
chen Gnostik“! chen modernen Eindruck auf einem Lon-
DenAbschluss der Schöpfungsgeschich- doner Flughafen. Ich stand da in der et-
te will ich nur kurz skizzieren: Wir haben was kühlen und langweiligen Wartehal-
gehört, dass in den Menschen etwas Gei- le, und blickte durch ein breites Fenster
stiges gesät worden sei, welches ursprüng- hinaus auf die endlose Betonfläche. Da
lich aus dem Pleroma stammt, aber mit war nichts – aber irgendwo im Weiten
dem Sturz der Sophia in diese Welt geriet ein verlassenes kleines Auto. Und wie
und weiterhin in die Körper eingeschlos- mich das eben wunderte, – da begann es
sen wurde. Dazu erklärt Ptolemaios, dass plötzlich, sich zu bewegen.
dieser geistige Samen hier wachsen und – Ich aber hatte etwas begriffen: „Auto“
gestaltet werden solle. heißt „Selbst“ und „mobil“ heißt „be-
Wenn aber der ganze Samen vollendet wegt“ – „Das Selbstbewegte“! – und bald
ist, so werde die Sophia wieder ins Ple- fiel mir ein, dass dies ein Gottesname sei.
roma eingehen und dort ihren Bräutigam, Ich bin auch heute sicher: In diesem
den Heiland, empfangen. Das sei „der Augenblick, im Angesicht eines etwas
Bräutigam und die Braut“. Und mit ihr jämmerlichen Abbilds wusste ich mehr
die Geister der pneumatischen Menschen, über Bewegung, über ein „von Selbst“,
um auch in ihr Brautgemach einzugehen.8 über Gott. – Ich zögere, sage es aber trotz-
Wollen wir nach diesem Bericht von dem: In dieser sehr kleinen Geschichte
Sophias Flug und Sturz sagen: Es ist die scheint mir ein Sinn der Welt zu liegen,
Liebe zur Einheit, welche die Vielfälti- der mir für damals genügt hat. – Wie Sie
gung treibt. Mannigfaltigung, Schöpfung sehen, gehört das Auto dazu, dieses Kind
erleben wir ja jeden Tag, etwa im Willen unserer vielgeschmähten Zivilisation. Ich
unsrer Kinder nach Verselbständigung. suchte dann nach anderen numinosen
Aus Liebe also die einende Rückwärts- Erfahrungen mit Autos. Da war mein er-
bewegung, aus der durch Begrenzung ein ster Motorradritt: – Nur bei einem Se-
Auseinander folgt. Dies ist um der Viel- gelflug allein fühlte ich mich später ähn-
falt willen. (Wir Psychologen sprechen lich frei und mächtig. Oder: Wenn das
vom Inzestverbot). Es scheint eine Wech- verdammte Ding nach stundenlangem
selbeziehung zu geben im Schöpfungs- Herumschrauben sich plötzlich regte!
werk: Vater und Tochter, und weil sie Zwar: Im Handumdrehn zeigt das Auto
zurück will, aber nicht darf, erfolgt ein ein ganz anderes, tödliches Gesicht.
weiterer Schritt. – So webt sich bei Ptole- Wie muss es die Leute erschreckt ha-
maios die Schöpfung. ben, als es auf der Straße erschien! Man

8 Ebenda, 323.

45
hat ein Gesetz gemacht, dass ein Mann „heller als tausend Sonnen“, wurde als-
mit einer roten Fahne vorauslaufen müs- bald mit dem glänzenden Krischna ver-
se – wie ein Herold vor dem König, oder glichen.9)
Elefanten und Musik vor dem Götter- Es gibt eine Seite der Sache, die dem
bild in der Prozession. Ingenieur naheliegt. Und der Bub mit
– Könige sind gefährlich – sie sind Göt- seinem Seifenkistenauto erlebt sie viel-
terbilder! Wie nah beieinander ist zu fin- leicht so gut, wie damals die Herren Benz
den: – Lust, ja, Rausch des Fahrens: Sich und Daimler, als sie das Auto aus dem
fühlen wie ein Gott! – und Tod hinter Schuppen rollen ließen. Es ist der Schöp-
der nächsten Ecke – ja beides in einem: ferstolz: Ich hab das gemacht. Ist es nicht
ekstatisch fortgetragen, und am Baum prächtig! –– Und Gott sah an alles, was
zerschmettert! er gemacht hatte, und siehe, es war sehr
Eine junge Frau hatte Motorrad fahren gut. Fühlen wir nicht so? Das war Gene-
gelernt und träumte: Sie brauste über die sis. Nun Gnostik (wir nehmen einen an-
Autobahn, allein, einfach glücklich. Da deren gnostischen Bericht, von den Oph-
sah sie ihre Tante von einer Wolke win- iten durch den bekannten Irenäus über-
ken. – Diese von ihr geliebte Frau war vor liefert.10 Es ist die gleiche Geschichte:
kurzem verstorben! – Der Traum brauch- „Da frohlockte Jaldabaoth (übrigens
te wenig Erklärung. Er erinnerte sie an ursprünglich ein anderer Name Jahwes)
den Himmel, und dass sie dorthin jetzt und brüstete sich dessen, was zu seinen
nicht wollte. Sich wie ein Gott fühlen ist Füßen geschah (Da wuselten seine Kin-
eben gefährlich! Dass das Auto gefähr- der und Geschöpfe) und sprach: Ich bin
lich sei, weiß heute jeder. Nur dass Göt- ihr Vater und Gott, und über mir ist nie-
ter gefährlich seien, haben wir vergessen. mand!“ Dies wird gleich deutlich als
Haben wir da nicht unbewusst ein Got- Hybris oder Überhebung gekennzeich-
tesbild gebaut, das uns daran erinnern net, indem eine Stimme antwortet: „Lüge
könnte? – Denken wir an Valentins nicht, Jaldabaoth, denn über Dir ist der
Künstler, der vor seinem Werk erschrickt! Allvater!“ Es war seiner Mutter Stimme,
Und ist nicht es Gottesfurcht, was uns und natürlich hat der Demiurg sie als lä-
am meisten fehlt? (Hier würden übrigens stig überhört, und auch seine Kinder von
andere Leistungen unserer Zivilisation ihr abgelenkt. – Ob die Schöpfung wohl
statt der des Autos noch überzeugender ohne diese Taubheit, diesen Ungehorsam,
stehen, etwa die Kernphysik. – Und wer- weitergegangen wäre? – Erinnern wir uns
den im Umgang mit ihr nicht religiöse aber auch, dass diese Mutter den Sohn
Vorstellungen wach? Die Atombombe, eben dazu angestiftet hatte ! – War die

9 Wolfgang Giegerich: Die Atombombe als seelische Wirklichkeit. Zürich, 87.


10 Leisegang: Die Gnosis , 177.

46
Freiheit, die sie erwecken wollte, im sein, wie Gott, und schöpferisch wie der
Grund nur Illusion? Immerhin ist es ihr Schöpfer. Gott schuf den Menschen ihm
gelungen: Der Demiurg glaubte! Wie zum Bild, und also schafft der Mensch.
heißt das in der Genesis? Was die Schlan- Der Mensch will wie Gott sein, ein Vater
ge dem Menschen verspricht, ist zunächst in seiner Schöpfung, aber da fällt er aus
einmal Hybris, exemplarisch wie beim dem Paradies, leidet Mühe, Schmerz und
Demiurg: – „Ihr werdet sein wie Gott“. Tod, erlebt Erfahrung. Schöpfung teilt
Weiter aber sind es Dinge, die gut sind, Schöpfer und Geschöpf. Sie ist in allen
wenn man nur die Schöpfung und ihre Teilen unvollständig und mangelhaft.
Reflexion für gut oder nötig hält: Es wur- Der Wunsch des Geschöpfes, sich über
den wirklich „ihre Augen aufgetan“, und Teilung und Mangel zu erheben, ist Hy-
sie sahen einander nackt, und Adam bris und würde bei Erfüllung die Schöp-
nannte sein Weib „Mutter alles Lebendi- fung wieder in das Eine Ganze auflösen.
gen“ (Übersetzung Buber) und der Herr – Wir kennen das Problem von Sophia,
nannte sie seinesgleichen. (Auch weiter- die sich auflösen wollte und gerade so die
hin könnten wir finden, wie Eva und Welt in Gang setzte – aus „Tollheit“, Hy-
Adam bei Moses Ähnliches tun, wie der bris. Auf Hybris folgt Sturz, so will es die
Demiurg und seine Kinder.) Adam-Eva Tragik der Schöpfung. Aus dem Sturz
in der Genesis und der Demiurg der lässt unser Bericht die Tränen der Sophia
Gnostik, beide sind nicht der ursprüng- hervorgehen und aus ihnen die Welt. Ab-
liche Gott, und haben doch wesentlichen strakter gesagt ist der Sturz und Fall Tren-
Anteil am Schöpfungswerk. Beidemale nung, Teilung des Einen. Oder: Mannig-
die Überhebung. Es wäre ja die Welt nicht faltigung ist Entzweiung von Anfang an
zur Geschichte fortgeschritten und viel- und sie ist schmerzlich für ihre lebendi-
fältig geworden ohne die Schöpfung des gen Glieder. Aber so können die Vielen
selbständigen Wesens. Dieses aber weist aus freien Stücken die Ehre des Ersten
sich dadurch aus, dass es seine eigene teilen und mitteilen.
Schöpfung schafft – warum? Das war es Wenn sich Gottheit durch Namensbe-
ja, was Gott tat – und er ist das erste und stimmungen teilt, unterwirft sie sich dem
einzige selbständige Wesen. Mangel. Dass sie zugleich Eins und ein
Wenn Hybris der Wunsch ist, wie Gott Ganzes ist – darin finden wir unser altes
zu sein und zu schaffen, ist sie die not- Paradoxon. Ist solche Tollheit nicht auch
wendige Kehrseite der abbildlichen im Schaffen des Menschen, ob sozial oder
Schöpfung. technisch, und seines Vorbilds Demiurg?
Als Gott etwas sein wollte, hub er zu Sehen wir wieder einmal nach unserem
schaffen an. Dies ist der Grund von Ir- Ingenieur mit seinem Auto. Ähnelt letz-
gend Etwas, der Grund von Welt und teres nicht einem Lebewesen? Es hat ei-
Mensch. Dies Etwas sollte selbständig nen „body“ (so sagen die Amerikaner),

47
vier Räder (die unnatürlichen Dreiräder sich-fortzeugende Leben im Unbewuss-
sind längst ausgestorben), gewaltige Kraft, ten der Seele. Obwohl dies wahr ist – wie
Augen, Maul und Stimme, und kann wird es bewusst? – Ich glaube, durch die
demnach auch verschlingen. Ich erinne- Welt, durch Lieben, Schaffen und Erle-
re mich eines niedlichen Italienerautos, ben der Tragik.
auf die Welt gekommen vor ein paar Jah- So zeigen es die Gnostiker, so früher
ren, und das Arme hatte kein Maul. Man die griechischen Tragödien. So erfuhr es
hat natürlich den Geburtsfehler ein Jahr Sophia gleich beim Weltanfang. Es läge
später korrigiert. Unser Ältester hat als an der Vielfältigung und am Abbilden
kleiner Bub fantasiert: Die Autos leben selbst, so meinten wir.
in der Fabrik und halten sich Menschen, Der Mensch muss schaffen, und es soll
sie zu pflegen und zu füttern. – Er würde leben. Die künstlichen Kinder aber blei-
das Maul nicht vergessen haben! Das er- ben weit hinter seinen Vorstellungen zu-
scheint uns zunächst als ein Alptraum! rück (So sah der Demiurg mit Trauer auf
Dennoch: Ist er nicht real und sehr ver- seine Kinder hinab.11) Vor einer Genera-
breitet? – Ich glaube, wir wären vomAuto tion glaubten die Leute, das Auto werde
weniger versklavt, wenn wir merken wür- sie glücklich machen, und heute halten
den, dass es für uns dabei eigentlich um sie es für den Teufel. Eigentlich sind sie
unser Gottesbild geht und um unsere re- nicht weniger fasziniert.
ligiöse Beziehung. Wie mit dem Demiurgen umgehen?
Gehen wir in der Geschichte aber vie- Ich habe bei v. Franz gelernt, z. B. in der
le, viele Jahrhunderte zurück, so finden Deutung des Märchens „Das Mädchen
wir das Automobil auch dort schon. Der ohne Hände“, dass Lebenserleichterun-
Hindutempel hat Räder: er fährt! Und gen durch Technik Tricks seien und ge-
wenn sich letzteres beim Tempelfest er- fährlich für die Seele. In diesem Märchen
eignet, sehen viele in Ekstase den Gro- wäre ja fast das Seelenmädchen vom Teu-
ßen Beweger – gerade, wenn sie selber fel geholt worden. Das „Mädchen ohne
schrecklich an den Seilen ziehen, keuchen Hände“ muss zur Heilung vom teufli-
und schwitzen müssen. – Und gibt es die- schen Vater fort und in den Wald, auf
se Tempelfeste nicht auch heute noch – lange Zeit. Anders Faust, der moderne
in der Fabrik, wenn sie sich zu bewegen Gnostiker: Er lässt sich mit dem Teufel
anfängt? – Schade: früher hat es da auch ein, viele Male, ein Leben lang. Er geht
noch gewaltig gepfiffen und geheult. Es mit ihm, lässt sich führen und verfüh-
ist wahr, die Welt kommt herunter! ren, ja, scheint am Ende zu erliegen. Doch
Natürlich sagt ein moderner Kritiker, bleibt er „ich“, den Schatten mehr und
das Auto, Kind des Ingenieurs, lebe ja mehr erkennend.
nicht richtig. Eigentlich seien die Got- Wie im Märchen, geht es doch nur
tesbilder, sei der Allesbeweger und das scheinbar um Erfolg und Glück der Hel-

48
din – eigentlich aber um die Wiederher- von Fahrrausch und Belebung. Wir ge-
stellung einer fruchtbaren Gesamtsitua- bieten mehr oder weniger in unserer tech-
tion. An dieser haben alle Personen des nischen Welt, z. B. per Knopfdruck, und
Dramas mitgewirkt, so natürlich die Hel- mit der Wählscheibe können wir uns mit
din Sophia, und auch der Demiurg, den den entlegensten Orten momentan in
übrigens unser Mythos selber an der end- Verbindung setzen. Wir sind gewohnt,
lichen Erlösung teilhaben lässt. So ent- dass das Auto unserem Willen gehorcht.
spricht es der Auffassung der analytischen – Traurig sind wir, wenn das System
Psychologie von den verschiedenen Per- streikt, und im Grunde überhaupt ein
sonen, die miteinander ein Seelendrama bisschen: Ist das nun mein alter Traum?
aufführen, das – hoffentlich! – zu einer
Ganzheit führt.12 Und wie halten wirs mit Sophia? Wer
Sollte es uns gelingen, den Demiurg in glaubt denn an eine Heimat, die ihn einst
uns aus diesem Mythos zu verstehen? Es als Kind wieder aufnehmen wird, wissen-
gilt wohl zunächst, ein inneres Bild der der geworden durch die Erfahrung der
großen tragischen Gestalt zu gewinnen. Welt? (Vielleicht erinnern wir uns vage
Dann könnte Einer, je nach Einstellung noch an die Geschichte vom verlorenen
des Ich z. B. eine Identifikation aufgeben, Sohn bei Lukas.)
also das persönliche Ich von der großar- Die brünstige Liebe zum Höchsten ist
tigen Idealfigur unterscheiden lernen, bei Valentin der Anfang aller Bewegung
wofür ich übrigens die Ingenieursarbeit von jeder Individuation. – Sie ist mir aber
empfehlen kann, oder wenn man den ehrlich fern, viel ferner als der Stolz, zu
Demiurg als Feind sieht, diesen Schat- schöpfen und regieren. Später, die irren-
ten zu integrieren versuchen. Dazu müss- de Sophia, der das Licht entschwunden
te man ihn zunächst kennen lernen. ist – jene, denke ich, könnte ich sein. Sie
Wir sind dabei, den Ptolemaiosbericht hat ja die Heimat vergessen.
möglichst ernst zu nehmen, nämlich ihn Wenn Erlösung die Wiederherstellung
insgesamt zu betrachten als ein Gesamt- und Erfahrung eines fruchtbaren Ge-
bild der Seele und ihrer Entwicklung. Ver- samtbildes ist und dieses Bild der ganze
suchen wir aber auch noch einmal eine Ablauf der Schöpfung und Geschichte in
lebensmäßige, persönliche Beziehung zu unserem Bericht, so muss Sophia dabei-
den beiden Hauptakteuren: Demiurgen- sein, die ihren Vater nicht vergisst. Könn-
erfahrung ist heute wohl Jedermann zu- ten wir nicht bewusstere Demiurgen sein,
gänglich. Ich erinnere an die Erlebnisse und dazu Sophia in ihrer Sehnsucht?

•••••••••• ••••••••••••••••••••

11 Irenäus, haer. cap 30, bei Leisegang, 183.


12 Marie-Louise von Franz: Psychologische Märcheninterpretation. München 86.

49
machen ihn zum Mitbegründer des ita-
E VOL A , Giulio Cesare (kurz: lienischen Dadaismus. Sein technisches
Studium bricht E. kurz vor der Gradu-
Julius oder Jules), *19. 5. 1898 Rom, ierung ab, da er nicht „bourgeois“ wer-
†11. 6. 1974 Rom. Philosophischer, kul- den will. E. heiratet auch nie noch übt
tur- und religionshistorischer, esoteri- er je einen „bürgerlichen“ Beruf aus.
scher und politischer Schriftsteller. Da 1922 Ende seiner provokanten künst-
E. sein privates Leben weder besprach lerischen Tätigkeit und Aufbau eines
noch diesbezügliche Dokumente oder eigenen philosophischen Systems, das
Korrespondenzen aufbewahrte, sind er nach Novalis (Friedrich von Harden-
zahlreiche äußere Lebensumstände un- berg 1772–1801) „Magischen Idealis-
klar. E. stammt aus sizilianischem mus“ nennt. Ende der philosophischen
Landadel, wird katholisch erzogen, ge- Arbeiten um 1926. Schon ab 1924 in-
langt aber früh unter den geistigen Ein- tensives Studium westlicher (vor allem
fluss von Arthur Rimbaud (1854–1891), Alchimie und Magie) und östlicher (vor
Friedrich Nietzsche (1844–1900), Car- allem Taoismus und Tantrismus) esote-
lo Michelstaedter (1887–1910) und Otto rischer Systeme und enge Kontakte zur
Weininger (1880–1903). Teilnahme am unabhängigen theosophischen Gruppie-
Ersten Weltkrieg als Artillerieoffizier. rung Ultra in Rom, wo er auch Vorträge
Nach der Rückkehr existentielle Krise, hält. Trotz persönlicher Freundschaften
die – verstärkt durch Experimente mit kritische Auseinandersetzung mit der
Äther – zu einer transzendenten Icher- Theosophie und Anthroposophie. Durch
fahrung führt. Bekanntschaft mit den Vermittlung des bedeutenden italieni-
Futuristen Giovanni Papini (1881– schen EsoterikersArturo Reghini (1878–
1956), der E. für östliche Weisheitsleh- 1946) erster Kontakt mit der Idee der „In-
ren und Meister Eckhart (um 1260– tegralen Tradition“ (alle wesentlichen
1328) interessierte sowie Filippo Tom- Religionen und Kulturen sollen von ei-
maso Marinetti (1876–1944), der E. ner einheitlichen Urtradition transzen-
wahrscheinlich Benito Mussolini denter Herkunft stammen) im Sinne von
(1883–1945) vorstellt. Bald Hinwen- René Guénon, mit dem E. in brieflichen
dung zum Dadaismus und Freund- Kontakt tritt. 1927–1929 Führung der
schaft mit dessen Hauptvertreter Tri- magisch-initiatisch ausgerichteten Grup-
stan Tzara (1896–1963). Gemälde pe von Ur, an der – anonym – nicht nur
(Ausstellungen in Rom und Berlin), Esoteriker wie Reghini und Guido de
Dichtwerke und theoretische Schriften Giorgio (1890–1957) teilnehmen, son-

* Dieser Text ist für ein wissenschaftliches Esoteriklexikon verfasst worden. Daher auch der stenogra-
phische Stil. Da es sich dabei um ein englischsprachiges Werk handelt, ist auch die Bibliographie
von und über Evola auf den angelsächsischen Raum abgestimmt.

50
dern auch Vertreter des allgemeinen ita- Kreisen aus. Bekanntschaft mit den Phi-
lienischen Geisteslebens wie der „Va- losophen Benedetto Croce (1866–1952)
ter der italienischen Psychoanalyse“ und Giovanni Gentile (1875–1944). Mit-
Emilio Servadio (1904–1995), der arbeit an der Enciclopedia Italiana. Zwar
Kunstkritiker und Schriftsteller Anice- im Sinne der Integralen Tradition Gué-
to del Massa (1898–1976) oder die an- nons, aber in der ihm eigenen kämpferi-
throposophisch geprägten Dichter Gi- schen Art befasst sich E. in den dreißiger
rolamo Comi (1890–1968) und Arturo Jahren intensiv mitAlchimie, den damals
Onofri (1885–1928). Nach einem Streit vorherrschenden esoterischen Gruppie-
zwischen E. und Reghini im zweiten rungen, mit dem Gralsmythos sowie ei-
Jahr von Ur endet die praktische Grup- ner traditional ausgerichteten Geschichts-
penarbeit, die über die Bildung magi- und Kulturbeschreibung und verfasst
scher „Ketten“ auch die Schaffung ei- dazu einige seiner wichtigsten Bücher.
ner „feinstofflichen“ Wesenheit zur gei- Gleichzeitig rege Reisetätigkeit in Euro-
stigen Beeinflussung der Politik beab- pa zu Vertretern von politischen Richtun-
sichtigte. Die Berichte der bei E. ver- gen, die seinen eigenen sakral-ganzheit-
bliebenen Restgruppe, werden jetzt lichen, antiliberalistischen und antidemo-
unter dem Namen Krur veröffentlicht. kratischen Vorstellungen entsprachen,
Daneben betätigt sich E. als Bergstei- wobei besonders der von den National-
ger, was auch Erstbegehungen in den sozialisten ermordete revolutionär-kon-
Alpen einschließt. servative Edgar Julius Jung (1894–1934),
Bereits seit 1925 hatte E. versucht, in der katholisch-monarchistische Begrün-
den geistig-politischen Kampf des damals der der „Europäischen Revue“ Karl An-
herrschenden Faschismus einzugreifen ton Prinz Rohan (1898–1975) und der
und ihn in einem sakral-imperialen Sin- Begründer der „Eisernen Garde“ Rumä-
ne zu beeinflussen. Nach Auflösung der niens Corneliu Codreanu (1899–1938)
Gruppe von Ur setzt E. daher seine pu- zu erwähnen sind. Bei seinem Rumäni-
blizistische Tätigkeit sogleich mit der gei- enbesuch lernt E. den späteren Religions-
stig-politischen Zeitschrift La Torre fort, historiker Mircea Eliade (1907–1986)
die allerdings von Mussolini nach zehn kennen, der einzelne Gedanken Evolas
Nummern verboten wird, da E.s spiritu- schon frühzeitig rezipiert hatte und mit
eller Imperialismus zu kompromisslos dem er auch weiterhin in Kontakt bleibt.
war. Zu jener Zeit musste sich E. sogar Ebenso kommt es zu Begegnungen mit
gegen faschistische Schlägertrupps zur dem Staatsrechtler Carl Schmitt (1888–
Wehr setzen. Seine 1928 erschienene 1985) und dem Dichter Gottfried Benn
Kampfschrift Heidnischer Imperialismus (1886–1956). Gleichzeitig entfaltet E.
löst heftige Kontroversen sowohl in fa- eine vielfältige publizistische Tätigkeit in
schistischen wie in höchsten kirchlichen den damaligen Medien.

51
Zwiespältige Haltung zum Faschis- Rastenburg, wo es um eine zukünftige
mus, von dem er einerseits hofft, er italienische Regierung mit deutscher
würde Italien zu einem heidnisch-sakra- Rückendeckung geht. Beim Einmarsch
len Imperium Romanum zurückführen, der amerikanischen Truppen 1944 in
dem er andererseits aber jede transzen- Rom Flucht nach Wien, wo E. an einer
dente Basis absprechen muss. Wegen Geschichte der Geheimgesellschaften ge-
Ablehnung seiner sakralen Vorstellun- arbeitet haben soll. 1945 bei einem russi-
gen durch die faschistischen Hierarchi- schen Bombenangriff auf Wien schwerste
en Hinwendung zum Nationalsozialis- Rückgratverletzung, so dass er bis zum
mus, insbesondere zur SS, die er – zu- Lebensende seine Beine nicht mehr ge-
mindest anfänglich – als kämpferisch- brauchen kann und gelähmt bleibt.
spirituellen Orden einschätzt. Bekannt- Nach dreijährigem Aufenthalt in Kran-
schaft mit Heinrich Himmler (1900– kenhäusern und Sanatorien kehrt Evola
1945) und Adolf Hitler (1889–1945) 1948 nach Rom zurück, wo er sofort wie-
möglich, aber nicht belegt. Bereits 1938 der seine schriftstellerischeTätigkeit auf-
wird er jedoch in einem offiziellen Do- nimmt. Bald wird er zum geistigen Mit-
kument der SS als „reaktionärer Römer telpunkt einer kleinen Schar von meist
und Phantast“ abqualifiziert, wozu die jungen Anhängern, die seinen spirituell-
Anordnung kommt, seine weitere Tätig- politischen Anschauungen nachzueifern
keit zu observieren. Seine Bemühungen, versuchen. ImApril 1951 Verhaftung E.s,
die „beiden Adler“ (Italien und Deutsch- der angeklagt wird, „geistiger Anstifter“
land) einander näherzubringen, scheitern geheimer neofaschistischer Terrorgrup-
durch Widerstände in beiden Ländern. pen zu sein und den „Faschismus zu ver-
Ab Mitte der dreißiger Jahre intensive Be- herrlichen“. Nach sechs Monaten Unter-
schäftigung mit Rassenfragen, wovon suchungshaft voller Freispruch. E.s poli-
Evola offizielle Anerkennung und Ein- tische Ausrichtung wandelt sich – auch
fluss erhofft, da sich Mussolini positiv zu weil eine praktische Umsetzung seiner
seinen Thesen eines „spirituellen“ Ras- Ideen mangels Parteienunterstützung un-
sismus ausspricht. Mussolinis Gedanke, möglich scheint – zu einer „apoliteia“,
ein Gegengewicht gegen den „materiali- einer von alltagspolitischen Strebungen
stisch-biologischen“ Rassismus des Na- freien Haltung. Studien der Zusammen-
tionalsozialismus aufzubauen, misslingt, hänge zwischen Sexus und Esoterik füh-
da sich sowohl Deutsche als auch Italie- ren zu einem weiteren Hauptwerk. Da-
ner widersetzen. Während des Zweiten neben Zeitschriftenaufsätze und reiche
Weltkrieges Beschäftigung mit dem Bud- Übersetzertätigkeit u. a. an Werken von
dhismus. 1943 als mehrsprachiger Ver- Mircea Eliade, Arthur Avalon (1865–
trauensmann bei einer Besprechung von 1936), Daisetz Teitaro Suzuki (1877–
Mussolini in Hitlers Hauptquartier in 1966), Karlfried Graf Dürckheim (1896–

52
1988), Oswald Spengler (1880–1936), lung des „Einzigen“ Max Stirners (1806–
Gabriel Marcel (1889–1973), Otto Wei- 1856) und den Ideen des französischen
ninger und Ernst Jünger (1895–1998). Personalismus sowie Nietzsches und
Schon in den dreißiger und vierziger Jah- Weiningers gelangt E. zur Forderung ei-
ren war Evola durch seine Übersetzertä- nes „Absoluten Ich“, das – losgelöst von
tigkeit (z. B. Johann Jakob Bachofen, jeglicher Beschränkung geistiger oder
1815–1887, Gustav Meyrink, 1868– materieller Art – Freiheit, Macht und Er-
1932, René Guénon) ein wichtiger Ver- kenntnis in eins setzt und zu verwirkli-
mittler gesamteuropäischer Geistigkeit chen sucht. In diesen „magischen Idea-
für Italien gewesen. 1974 verstirbt Evo- lismus“ eingewoben sind Lehren aus dem
la, nachdem er sich noch einmal so weit Taoismus, Hinduismus, Tantrismus, der
wie möglich am Fenster aufgerichtet hat- Alchimie, Magie und Meister Eckharts.
te, um – wie andere heroische Vorbilder So ist sein „Absolutes Ich“ dem hindui-
– stehend in den Tod zu gehen. Gemäß stischen atman (= brahman) verwandt
seinem testamentarischen Wunsch wird und sein Machtbegriff entspricht sowohl
er verbrannt. Eine katholische Bestattung der maya des Tantrismus, die Illusion und
verbittet er sich ausdrücklich. SeineAsche schöpferische Magie in sich fasst wie dem
wird in einer Gletscherspalte des Monte Leere-Begriff des Tao-Te-Ching. Nur im
Rosa versenkt. transzendentalen Ich, dem tiefsten Ur-
Kennzeichnend für E.s gesamtes Schaf- grund der Persönlichkeit, könne das In-
fen ist sein Drang nach Überhöhung der dividuum einen festen Boden und den
bloß menschlichen Existenzweise und einzigen Punkt der Gewissheit finden.
seine radikale Ausrichtung nach transzen- Aber Philosophie dürfe nicht Selbstzweck
denten Prinzipien, die er aber auch „im- bleiben, sondern müsse über sich selbst
manent“ wahrnimmt. Schon in seiner da- hinausgehen und in einer in höhere Be-
daistischen Periode war für ihn Kunst reiche führenden absoluten Aktion, gip-
„eine interessensfreie Schöpfung, die von feln. E.s. Philosophie stellt sich somit als
einem höheren Bewusstsein des Indivi- eine Propädeutik zu transzendenten initia-
duums kommt.“ Ebensowenig genügt tischen Bereichen dar und es ist nur lo-
ihm die rein akademische Philosophie. gisch, wenn auf seine sogenannte „philo-
Auch hier sucht E. den Niveaudurch- sophische Periode“ die „magische“ folgt.
bruch zu einer ganz anderen Ebene, wo- Magie hat bei E. nichts mit „Zaube-
bei seine eigene transzendente Ich-Erfah- rei“ zum Nutzen oder Schaden anderer
rung eine Schlüsselstellung innehat. Aus- zu tun. Ihm geht es um eine völlige Selbst-
gehend von der Philosophie des Deut- umwandlung und Integration in tran-
schen Idealismus (vor allem Schelling, szendente Bereiche sowie eine daraus fol-
1775–1854 und Fichte, 1762–1814), gende höhere Würde und Freiheit des
ergänzt von der solipsistischen Vorstel- Menschen. Geschehen solle das auf ex-

53
perimentellem Wege, „gemäß … eben des Menschen erklärt auch, warum er in
jenen selben Prinzipien der Vorurteilslo- Magie und Alchimie dieselbe Zielsetzung
sigkeit, der Skepsis und der unbeirrten erblickt. Die Alchimie als „Königliche
Forschungsweise, wie sie für die exakten Kunst“ ist für ihn eben nicht bloß ein
Wissenschaften charakteristisch“ seien. E. Spezialwissen über die Metallverwand-
stellt also Selbstexperiment und Wissen lung, sondern ein Kosmologie und sakrale
vor Glauben und vertritt damit eine Anthropologie umfassendes, physisches
durchaus „moderne“ und „aufkläreri- und metaphysisches Gesamtsystem zur
sche“ Form der Magie. Später spricht E. spirituellen Verwandlung des Menschen
von einer „göttlichen Technik, traditio- und der Metalle. Damit vertritt er noch
nal im höheren Sinne“ und ergänzt das vor C. G. Jung und Mircea Eliade eine
mit Roger Bacons Definition der Magie geistige Auffassung der Alchimie, was
als „praktische Metaphysik“. In den diese beiden Autoren auch beeinflusst. In
Schriften der „magischen“ Gruppe von Ur der alchimistischen Symbolsprache sieht
finden sich daher auch Originaltexte aus E. dementsprechend einen Universalco-
dem Tantrismus, Buddhismus, Taoismus, de, ebenso für die anderen mysterioso-
der antiken Theurgie und besonders der phen Gebiete. Daher E.s Gleichsetzung
Alchimie, die nach E. alle auf eine tran- der Alchimie mit der Hermetik insge-
szendente Selbstverwirklichung ausge- samt, was Guénon kritisiert, für den E.
richtet seien. Für das tatsächliche und die Alchimie zu stark an die Magie an-
vollbewusste Erreichen der angestrebten gleicht. Die aktivistisch-kämpferische
transzendenten Bereiche verwendet E. Deutung der „traditionalen Wissenschaf-
den Begriff der Initiation. Damit verbun- ten“ bei E., der sich mit der kriegerischen
den sei auch die Erlangung eines Bewusst- Kshatriya-Kaste identifiziert, bildet den
seinskontinuums über den Schlaf und Hauptunterschied zu Guénons Sicht der
sogar den (körperlichen) Tod hinaus. E. Tradition, die den Primat des kontem-
glaubt nicht an Reinkarnation oder eine plativen Brahmanen verteidigt. Daher
von Natur aus unsterbliche Seele im auch die Betonung der dynamischen, also
Menschen. Dieser müsse sich vielmehr magisch-verwandelbarenAspekte der tra-
rund um einen absolut stabilen Bewusst- ditionalen Welt bei E., die ebenso seinen
seinskern, der auch das Trauma des „kör- umstrittenen Eintritt in die praktische
perlichen“ Todes zu überstehen vermag, Politik erklärt. Hier liegt auch der Grund
einen „Diamantkörper“ aufbauen, der als für E.s Hinwendung zum aktivitätsbe-
neues Vehikel in subtileren Seinsberei- tonten Tantrismus, wohingegen sich
chen den abgestorbenen fleischlichen Guénon dem philosophischen Vedanta
Leib ersetzt. widmet. Es wäre daher verkürzt, E. bloß
E.s. Betonung der durch Askese und als italienischen Vertreter von Guénon zu
Disziplin möglichen Selbstumwandlung sehen. Wiederum im Sinne Guénons

54
lehnt E. die theosophische Bewegung guénonschen „Gegen-Initiation“ agieren
Helena Blawatskys, die anthroposophi- würde. Hier ist deutlich der Einfluss ka-
sche Rudolf Steiners, den Spiritismus und tholischer Theoretiker einer „Weltver-
andere zeitgenössische neospirituelle schwörung“ zu spüren, die von Louis de
Gruppierungen ab. Eine klare Gegner- Bonald (1754–1840) über Léon de Pon-
schaft besteht auch gegen die psychoana- cins (1897–1975) bis zum befreundeten
lytischen Richtungen Freuds und mehr Giovanni Preziosi (1881–1945) reichen.
noch Jungs. Positiv hingegen äußert sich E. klagt in seiner ursprünglich wahr-
E. gegenüber Giuliano Kremmerz und scheinlich auf Guénon beruhenden „Welt-
seiner Fratellanza Terapeutica Magica di verschwörungstheorie“ jedoch weniger
Miriam, bei der er zwar nicht Mitglied einzelne Menschengruppen (Freimaurer
wird, deren Gedankengut ihn aber be- oder Juden) der Gier nach Weltherrschaft
einflusst sowie gegenüber der magischen an, sondern erblickt in ihnen Werkzeuge
Doktrin Aleister Crowleys, den er nur außermenschlicher „geistiger“ Kräfte.
spärlich kannte und gegenüber Georges Im Gralsmythos liegt nach E. ein „in-
Ivanovitch Gurdjieff. Ebensowenig deckt itiatisches Mysterium“ verborgen und das
sich E.s Einschätzung von Christentum Gralsreich sei die spezifisch abendländi-
und Freimaurerei mit derjenigen Gué- sche, mittelalterliche Erscheinungsform
nons, der in beiden Richtungen traditio- der allgemeinen traditionalen Idee eines
nale Restbestände erkennt, die zumindest obersten Weltzentrums unter der „könig-
zu einer virtuellen Initiation führen kön- lich-geistigen“ Autorität eines sogenann-
nen. E. hingegen vermag heutzutage – ten „Weltherrschers“. Die Gralssuche
bis vielleicht auf völlig verborgene Zu- symbolisiere dabei „das Bestreben, Füh-
sammenschlüsse – überhaupt keine in- lung mit diesem geheimnisvollen Zen-
itiatischen Gruppierungen mehr zu er- trum“ aufzunehmen. Nach E. ist der Gral
kennen. Das Christentum bildet für E. wegen seiner Beziehungen zur germani-
sogar eine wesentliche Ursache des spiri- schen und keltischen Tradition sowie sei-
tuellen Niedergangs im Abendland, da ner hyperboräischen Symbolik ein nor-
es gegen die Selbstbestimmung des Men- disches Mysterium und würde auch mit
schen Demut und Unterwerfung predi- der ghibellinischen Reichstradition zu-
ge, während er der Freimaurerei nur in sammenhängen, die gegen die Vorherr-
ihrer „operativen“ Zeit bis zur Stiftung schaft des Papsttums gerichtet ist.
der Londoner Großloge 1717, „initiati- In seiner Kultur- und Geschichtsbe-
schen“ Charakter zuschreibt. Danach schreibung verwendet Evola die soge-
hätte sich die Freimaurerei zu einer nannte „traditionale Methode“. Diese
„spekulativen“, rein rationalen und auf- bewertet die hinter den überlieferten
klärerischen wie auch politischen Ver- Geschichtsberichten liegenden Mythen
bindung gewandelt, die im Zeichen der und Sinngehalte höher als die realen hi-

55
storischen Fakten und mache die Über- gehen, wie bereits in indischen religiösen
schneidung zwischen sakraler „Überge- Schriften (Vishnu-purana) prophezeit.
schichte“ und profaner Historie deutlich. Die Weltgeschichte zeige sich somit nicht
So spricht E. in Anlehnung an griechisch- als Aufstieg, sondern als Abstieg bis hin
römische und vedische Berichte von ei- zum heute herrschenden Eisernen (Dunk-
nem hyperboräischen Urzentrum, das in len) Zeitalter (Kali-yuga). Eine echteWie-
der vorzeitlichen Arktis lokalisiert gewe- derherstellung der Tradition sei erst nach
sen sei und wo in einem „Goldenen Zeit- dem völligen Zusammenbruch der mo-
alter“ nordische „Göttermenschen“ ge- dernen Welt möglich, denn zwischen tra-
herrscht hätten. Durch kosmische Kata- ditionaler Kultur und der Moderne kön-
strophen hätten sie ihre Urheimat verlas- ne es keinen allmählichen Übergang ge-
sen müssen und dabei ihre spezifische, ben, da es sich um zwei völlig voneinan-
nach „oben“ (dem „Himmel“) ausgerich- der getrennte, ganz andere Zeit-, Wert- und
tete, solare und heroisch-männliche Le- Sakralauffassungen handle.
bensanschauung über den Großteil der Mit fernöstlichen Weisheitslehren hat
Welt verbreitet. Diese, durch Hierarchie, sich E. ebenfalls ausführlich beschäftigt.
spirituelles Königtum, Ritus und Initia- Den Tantrismus, der auch als der letzte
tion geprägte Kultur würde die „Urtra- offen gebliebene Weg zur Transzendenz
dition“ darstellen, deren ferne Wiederer- im Kali-yuga beschrieben wird, lernt er
richtung das Ziel des traditionsgebunden durch die Schriften von John Woodroffe
Menschen sei. Auf der Gegenseite habe (Arthur Avalon) näher kennen, mit dem
die nach „unten“ (der „Erde“) ausgerich- er in Briefverkehr stand. Besonders be-
tete, lunare und matriarchale Kultur der eindruckt E. die aktive Seite des Tantris-
Völker des Südens gestanden (hier ist der mus sowie die gegen die üblichen mora-
Einfluss Bachofens offensichtlich), was zu lischen und religiösen Vorstellungen ge-
Kämpfen, aber auch Vermischungen mit richteten und doch zutiefst sakralen Prak-
den Nordvölkern geführt hätte. In abstei- tiken des sogenannten linkshändigen Pfa-
genden Zyklen hätte so das solare Ele- des. Dass dabei die göttliche Shakti als
ment im Abendland immer mehr an weibliches Pendant zum unbewegten
Kraft verloren. Ein letztes Aufflackern sei männlichen Shiwa Bewegung, Energie
noch im Katholizismus des Mittelalters und Kraft symbolisiert, beeinflusst E..s
zu spüren, da dieser weniger christlich als eigene Vorstellungen eines „heiligen
vielmehr einer sakralen Imperialität zu- Eros“. Die Philosophie desTaoismus gilt
geneigt gewesen sei. Renaissance und vor E. als Vorbild für die Lebenshaltung ei-
allem Französische Revolution bildeten nes Weisen und das „nichtstuende Tun“
weitere Abstiegspunkte. Die Moderne (wei-wu-wei) ist für ihn die bestmögli-
würde schließlich in Kollektivismus, che Beschreibung effektiven magischen
Rechtlosigkeit und Materialismus unter- Handelns. Zweimal (1923 und 1959)

56
veröffentlicht E. von ihm in völlig unter- Matrix) sind für E. transzendente Urka-
schiedlicher Weise bearbeitete und kom- tegorien und die biologischen Unterschie-
mentierte Übersetzungen des Tao-Te- de zwischen Mann und Frau nur deren
Ching. Ebenso großes Interesse bringt er Folge. E. beruft sich dabei auf den plato-
der taoistischen inneren Alchimie (nei- nischen Mythos von den Androgynen,
tan) entgegen. durch deren Zweiteilung die beiden Ge-
Beim Buddhismus konzentriert sich schlechter entstanden seien, weshalb sie
E. auf die ursprüngliche Lehre des Prin- auch deren ursprüngliche Einheit wieder
zen Siddharta Gautama (ca. 560–ca. 480 anstreben. Die Sexualität gäbe bei ent-
v. Chr.) sowie den Zen-Buddhismus. sprechenden Praktiken – allerdings nur
Im Gegensatz zum heute im Vorder- dem Manne – die Möglichkeit eines Ni-
grund stehenden friedvollen und näch- veaudurchbruches zur Transzendenz, wo-
stenliebenden Aspekt betont Evola die rauf dieser seine innere Männlichkeit mit
auf eine spirituelle Ebene angewandte seiner inneren Weiblichkeit vereinigen
kriegerische und „aristokratische“ Na- müsse. Praktiken des Kundalini-Yoga, des
tur des Urbuddhismus, wobei er dar- Taoismus, der „Getreuen der Liebe“ so-
auf hinweist, dass der historische Bud- wie arabischer und europäischer Geheim-
dha eben kein Brahmane war, sondern orden würden den Weg dazu weisen.
der Kriegerkaste (Kshatriya) angehör- E.s Staatsphilosophie beruht auf dem
te. Ebenso hebt er den initiatischen hierarchischen Gedanken und findet ih-
Charakter der buddhistischen Askese ren Ausdruck im „Organischen Staat“.
hervor, die als „trockener Weg“ der Voraussetzung dafür sei ein auf transzen-
Nichtidentifikation und Ablösung auf denten Prinzipien beruhendes Zentrum,
ein Erlöschen jeglichen „Durstes“ und das – im Gegensatz zum Totalitarismus
die „große Befreiung“ in der „Leere“ – ohne Gewalt, allein aufgrund seiner hö-
(suññatâ) zielt. Durch seine langjähri- heren spirituellen Kraft sämtliche Staats-
ge Bekanntschaft mit dem Tibetologen bereiche von oben nach unten durchwir-
Giuseppe Tucci (1894–1984) veröf- ke. Die erste Aufgabe des Staates sei –
fentlicht E. auch zahlreiche Aufsätze in wie bei Platon (428/7–348/7 v. Chr.) –
dessen Zeitschrift East and West. die Bürger zur Transzendenz hinzufüh-
Im Sexus sieht E. die fast einzige Mög- ren. Gleichzeitig tritt E. gegen den Nati-
lichkeit des heutigen Menschen, etwas onenbegriff auf und verficht stattdessen
von einer transzendenten „Überwelt“ zu einen spirituell-monarchischen Reichsge-
spüren. Denn dabei ließe der Mensch am danken. E.s. Rassenvorstellungen gehen
ehesten sein ihn umklammerndes Alltags- von einer Dreiteilung von oben nach
Ich fallen und öffne sich weiteren Sphä- unten aus. Er unterscheidet zwischen ei-
ren. Männlich (= unbewegter geistiger ner „Rasse des Geistes“ (die jeweilige
Beweger) und weiblich (= gestaltbare unterschiedliche Einstellung zu den sa-

57
kralen Prinzipien), einer „Rasse der mus ist E. nach dem Zweiten Weltkrieg
Seele“ (die jeweilige Charakterprä- nur von wenigen – meist engagierten
gung) und einer „Rasse des Körpers“, Gegnern oder Anhängern – gelesen wor-
die den üblichen Rassebegriff abdeckt. den. Erst seit den frühen neunziger Jah-
Da er die körperlichen Rassenmerkma- ren wird er ausgehend von seiner künst-
le als die unwichtigsten abtut, gerät er lerischen Tätigkeit wieder breiter und
in Gegnerschaft zu anderen Rassen- auch im universitären Bereich (zahlrei-
theoretikern und verliert zunehmend an che Dissertationen) diskutiert. Eingang
Einfluss. hat er auch in die alternative Jugendmu-
Im Judentum sieht E. vor allem ein Sym- sik gefunden. Praktisch alle seine über
bol der materialistisch-ökonomischen zwanzig größeren Bücher, ungefähr 300
Herrschaft der Moderne. Seine Aussagen längeren Aufsätze und zahlreiche seiner
reichen von überaus polemischen Angrif- in Sammelbänden zusammengefassten
fen und Verschwörungsvorwürfen bis zu über tausend Zeitungs- und Zeitschriften-
der 1939 veröffentlichten Warnung, „aus artikel und zahllosen Rezensionen sind auf
dem Juden nicht eine Art Sündenbock zu dem Büchermarkt erhältlich. Eine immer
machen für all das, was in Wirklichkeit größere Anzahl an Übersetzungen hat E.
auch Nichtjuden zu verantworten haben.“ auch außerhalb Italiens – vor allem in
Dabei zeigt sich ein klarer Niveauabfall von Frankreich und interessanterweise im ge-
seinen Büchern zu seinen Zeitungs- und samten osteuropäischen Raum – bekannt
Zeitschriftenartikeln. gemacht. Um die Sammlung und Aufar-
Durch seine Verstrickung in Faschis- beitung seiner weit verstreuten Aufsätze
mus (E. war allerdings nie Parteimit- und Lebenszeugnisse kümmert sich eine
glied), Nationalsozialismus und Rassis- ihm gewidmete Stiftung in Rom.
...
Bibliographien: Renato del Ponte: „J. E. Una bibliografia 1920–1994“, Futuro Presente 6
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58
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H. T. Hakl

59
HANS-JÜRGEN LANGE
HIMMLERS ERBERINNERER KARL M ARIA WILIGUT
UND SEINE QUELLEN

Die detaillierte Biografie des gebürti- Wilhelm Teudt4 und zwei im Nachlass
gen Österreichers Karl Maria Wiligut seines „Schülers“ Emil Rüdiger5. Dieser
(1866–1946), der unter dem Pseudonym früh pensionierte Ingenieur zeichnete
Weisthor bis zum SS-Brigadegeneral auf- auch die sogenannten „Hagalrita-Sprü-
stieg, veröffentlichte ich 1998.1 Als Ru- che“ auf, die den Überlieferungskern „der
nenmystiker und selbstpropagierter Trä- Viligoten“ bilden.Trotz des eigenen, dün-
ger einer geheimen Familientradition nen Werks umgibt den k. u. k. Oberst
hatte Wiligut/Weisthor von 1933 bis Wiligut, selbst heute noch, ein regelrech-
1938 einen gewissen Einfluss auf Hein- ter Mythos. Diese Verehrung bestimm-
rich Himmler und wird deshalb nicht zu ter Kreise, man schaue nur im Internet,
unrecht als „Himmlers Rasputin“ be- unter den beiden Suchbegriffen „Wiligut
zeichnet. Mit dieser Sonderstellung war Weisthor“ nach, stellt die Frage nach der
es allerdings aus und vorbei, als bekannt Wirklichkeit der geheimnisvollen „Über-
wurde, das der Schöpfer des SS-Toten- lieferungen“ und der von seinem Dienst-
kopfringes über zwei Jahre in einer Salz- herrn Heinrich Himmler so hoch ge-
burger Nervenheilanstalt verbracht hat- schätzten „Erberinnerungen“, die durch
te. Sein schriftliches „Werk“ besteht aus die Hagalgarita-Sprüche geweckt werden
nur wenigenAufsätzen, die in den völki- sollen.
schen „Hagal-Heften“2 erschienen, dazu Da es verschiedene Zugänge zum „Wis-
kommen dienstliche Post und Ausarbei- sen“ gibt, kann es natürlich auch bei Wi-
tungen aus seiner Zeit in der SS, die im ligut/Weisthor Dinge geben, die Bestand
Bundesarchiv Potsdam archiviert sind.3 haben. Die entscheidende Frage ist nur:
Des weiteren wenige, verstreute Briefe, Worum handelt es sich? Denn auf der
zwei im Nachlass des Germanenforschers anderen Seite lässt sich sehr gut nachwei-

1 Hans-Jürgen Lange, Weisthor. Himmlers Rasputin und seine Erben. Engerda 1998.
2 Hagal, Ur-Sprache/Ur-Schrift/Ur-Sinn. Verlag der Ärztlichen Rundschau, München, Abt. Heger-
Verlag, Herausgeber: Edda Gesellschaft e.V. Die Arbeiten Wiligut/Weisthors finden sich in den
Ausgaben 7, 8 und 9 von 1934, danach folgen 1935 in den Nummern 7 und 8 weitere Veröffent-
lichungen, alle unter dem Pseudonym „Jarl Widar“. Die Monatsschrift wurde erstmalig 1923
unter dem Titel „HAG ALL ALL HAG“ von Rudolf John Gorsleben herausgegeben und erschien
damals im All-Hag-Verlag, Zeulenroda-Thüringen.
3 Z. B.: Darstellung der Menschheitsentwicklung aus der Geheimüberlieferung unserer Asa-Uana-
Sippe Uiligotis. Bundesarchiv Potsdam, NS19/3671 fol. 1.
4 Staatsarchiv Detmold, D72 Teudt 28.
5 Privatarchiv Manfred Graf Keyserling, Pfullendorf.

60
sen, dass einiges aus seiner „Familientra- den Volksschülers Wiligut weit armseli-
dition“ doch mehr als fragwürdig ist. Da- ger aus. In die gleiche Kategorie gehören
zu gehören auch die unübersehbaren An- die Aussagen: Seine Frau sei die Tochter
leihen die Wiligut/Weisthor aus Ernst Be- des letzten Dogen von Venedig und sein
thas Buch „Die Erde und unsere Ahnen“ Vater wäre mit der Untersuchung um den
von 1913 macht, also weit vor seiner Zu- mysteriösen Tod des österreichischen
sammenarbeit mit der SS. An diesem Thronfolgers in Mayerling betraut gewe-
Punkt ist sogar die weitergehende Frage sen. Beides ist unrichtig und steht hier
angebracht: was ist eine Überlieferung nur stellvertretend für weitere Beispiele.
wert, die vielleicht gar keine Überliefe- Das alles wirft auf den „Erberinnerer“
rung ist? Denn unabhängig von den in- kein gutes Licht. Auch kleinere Details
haltlichen Qualitäten, steht die Glaub- wie seine beiden Vornamen stimmen
würdigkeit Wiligut/Weisthors als nachdenklich. Dazu folgende Geschich-
Mensch und Persönlichkeit auf sehr te: So erkannte 1918, nach eigenen An-
wackligen Beinen. Sicher ist es verständ- gaben Wiligut/Weisthors, der spätere
lich, wenn der „Arbeitgeber“ SS heißt, Papst Pius XI. ihn als Mitglied einer „ver-
das der „Alte“ seinen Aufenthalt in der dammten“ Familie. Nun mag es noch
Salzburger Nervenheilanstalt verschleier- verständlich sein, dass eine solche „ver-
te. Aber auch ohne triftigen Grund, das dammte“ Familie sich vor den vermeint-
belegt die Zeitzeugin Gabriele Winckler- lichen kirchlichen Gegnern mit dem ka-
Dechend, trug der Oberst mächtig dick tholischen Glaubensbekenntnis tarnte,
auf und gab gerne Märchen über seine unverständlich ist dagegen, dass die El-
Jugend zum besten. Dazu gehörte, dass tern ihren Sohn, als nächstem „Überlie-
er freundschaftlichen Kontakt mit den ferungsträger“, ausgerechnet die beiden
Erzherzögen und -herzöginnen des öster- Vornamen Karl und Maria gaben, wo
reichischen Kaiserhauses gehabt haben doch Karl der Große, in völkischen Krei-
will und dass er dabei immer die gemein- sen der damaligen Zeit, durch die gewalt-
samen Eskapaden bezahlte, da die Hoch- same Christianisierung keinen guten Ruf
wohlgeborenen kein eigenes Geld besa- besaß und die Gottesmutter Maria für
ßen. Frau Winckler-Dechend erinnerte den Katholizismus schlechthin steht. Hier
sich in einem persönlichen Gespräch hätte es für die Familie, die ja dieses „heid-
auch daran, dass Wiligut/Weisthor er- nisch-ursprüngliche“ Wissen bewahrte,
zählte, bei einem solchen Treffen hätten sicher eine passendere Alternative gege-
sich ihm die blutjungen Erzherzöginnen ben. Bezeichnenderweise trat Wiligut/
sogar fast nackt und im durchsichtigen Weisthor denn auch erst am 13.10.1936
Kleidchen gezeigt. Wie aus seiner um- aus der katholischen Kirche aus, obwohl
fangreichen k. u. k. Militärakte hervor- dies ohne Nachteile schon nach seiner
geht, sah die Realität des heranwachsen- Pensionierung möglich gewesen wäre.

61
Laut Geburtsurkunde lauten die voll- lichen Militärdienst befreit, einige Vorle-
ständigen Vornamen: Carl Bor. Johann sungen an der Technischen Hochschule
Bapt. Maria. Wiligut/Weisthor schien von Wien besuchte und durch seinen
mit diesen Namen ebenfalls nicht so Vetter, Willy Thaler, Kontakt zu einem
recht glücklich gewesen zu sein, denn völkisch-esoterischen Kreis hatte, der sich
er bemühte sich immer wieder um eine in den Privaträumen des Burgschauspie-
„völkische Schreibweise“, wie Jarl, Marja lers und seiner Frau Marie traf. Wenn
Viligot6 und er hatte einen Hang zu man sich die Chronologie weiter an-
Pseudonymen wie „Lobesam“ aus sei- schaut, Ernst Bethas Buch „Die Erde und
ner Zeit als Logenmitglied, „Jarl Widar“ unsere Ahnen“ ist ja, wie schon erwähnt,
als völkischer Esoteriker und letztend- 1913 erschienen, wird man feststellen,
lich als „Weisthor“ innerhalb der SS. Zu dass Wiligut/Weisthor, bis auf die vorher
der „Familientradition“ selbst lässt sich genannte dienstfreie Zeit zwischen 1908
erst einmal feststellen, dass man die Auf- und 1909, erst nach der Auflösung der
merksamkeit bisher immer nur auf seine k. u. k. Armee 1918 und nach seiner Pen-
Person gerichtet hat und dass über die sionierung 1919 die Zeit fand, einen re-
Biographien seiner Eltern, Geschwister gen Gedankenaustausch mit völkisch-ok-
und Verwandten so gut wie nichts be- kulten Kreisen zu pflegen, was dafür
kannt ist. Hier liegt der Schlüssel, ob es spricht, dass Wiligut/Weisthor einen Teil
überhaupt eine solche „Tradition“ gege- seiner Inspirationen von anderen bezog.
ben hat. In seinem 1903 in Wien erschie- So waren ihm neben Ernst Betha auch
nenem Buch „Seyfrieds Runen“ gibt es die Schriften des Guido von List bekannt,
denn auch keinerlei Hinweise oder An- denn seine Reime zu „Seyfrieds Runen“
deutungen auf eine solche Überlieferung. erschienen bei dem Verleger Friedrich
Erst 1908 fixiert Wiligut/Weisthor „Die Schalk, der schon 1900 List mit seinem
neun Gebote Gots“, zu denen er an- Buch „Der Wiederaufbau von Carnun-
merkt: „Aus der mündlichen Überliefe- tum“ veröffentlicht hatte. Was ebenfalls
rung derAsa-Uana-Sippe, zum erstenmal nicht so recht zu dem Bild des völkischen
seit 1200 Jahren wieder schriftlich nie- Überlieferungsträgers passt, ist, dass Wi-
dergelegt, da die bezüglichen Aufzeich- ligut/Weisthor von 1889 bis 1909 Mit-
nungen durch Ludwig ‚den Frommen‘ glied einer logenähnlichen Vereinigung
am Scheiterhaufen öffentlich verbrannt war und dass später der Prähistoriker Dr.
wurden …“ Interessant ist, das diese Nie- Rolf Höhne aus dem Rasse- und Sied-
derschrift in die Zeit fällt, da er vom täg- lungsamt eine Fotografie besaß, die den

6 1908 in den „Die neun Gebote Gots“.


7 Aktennotiz Sievers vom 19.10.1937. Mit der Klassifizierung: Geheim. Bundesarchiv Potsdam NS
21/vorl. 43.

62
österreichischen SS-Brigadeführer als ehe- burtstag zu verschleiern.10 Natürlich ist
maligen Freimaurer auswies.7 Als er eine von einem obligaten arischen Stamm-
Logenerklärung Himmlers ausfüllen baum, den alle SS-Führer bis 1750 er-
musste, erklärte Wiligut/Weisthor, er bringen mussten, bei ihm niemals die
habe dort „Spionagezusammenhänge Rede. Dies alles passt nicht schlüssig zum
mit dem jetzigen Italien untersucht und Bild eines völkischen Überlieferungsträ-
deshalb den Antrag zur Auflösung aller gers, der nach seinen eigenen Grundsät-
„Schlaraffia“ beim Reichsführer-SS ge- zen eigentlich ein Mann von Ehre sein
stellt.“ Weisthor war also vier Jahre län- sollte. Ein Mann der sich im NS durch
ger Logenmitglied, als er Himmler dien- seinen persönlichen Kontakt zu Himm-
te. Wie man weiß, standen Freimaurer ler dazu aufschwang, über andere völki-
mit an der Spitze der Missliebigen im NS. sche Esoteriker zu urteilen, wie über den
Hier wird neben seinem Aufenthalt in der unglücklichen Runenforscher Marby11,
Nervenheilanstalt erklärlich, warum Wi- der insgesamt 99 Monate im KZ ver-
ligut/Weisthor mit seinem „Lebenslauf“, brachte. So erscheint Karl Maria Wili-
den er mit mehrjähriger Verspätung bei gut als ein alter, bestenfalls hellsichtiger
der SS abgeben musste, einen solchen Mann, der im Gravitationsfeld Himm-
„Fackelzug“ veranstaltete, wie er in den lers seine eigenen Lügen nicht mehr er-
Akten dokumentiert ist. Als er schließ- kennen konnte und für gewichtige Rea-
lich auf Anweisung Himmlers das Papier lität hielt. Im Gegensatz dazu sind die
ablieferte, wird es „versiegelt“ und sepa- Hagalrita-Sprüche, die Wiligut/Weisthor
rat von seinen Personalakten aufbewahrt. zwischen 1920 und 1928 Emil Rüdiger
In diesem Lebenslauf 8 erwähnt er, neben überließ, mit einigen Abstrichen, das In-
geschönten und erlogenen Angaben we- teressanteste, was der „Alte“ hinterlassen
der seine Geschwister, noch findet er auf hat. Obwohl er einen Merseburger Zau-
den zweieinhalb Seiten Platz für seine Ehe berspruch und einen schon damals be-
oder seine beiden Töchter. Und er geht kannter Runenspruch12 für seine Famili-
in seinem „Verfolgungswahn“, für den es entradition vereinnahmte. Dagegen sind
schon 1906 Hinweise gab9 so weit, ein Emil Rüdigers umfangreiche Kommen-
astrologisches Pseudonym zu verwenden tare zu den Sprüchen eine ganz eigenstän-
um nähere Zeitangaben zu seinem Ge- dige Arbeit. Das die Ursprünge dieser

8 Berlin Document Center, SS-Personalakte.


9 Karl Maria Wiligut, Akten zur Entmündigung, Bezirksgericht Salzburg.
10 Notiz von Hellmut Rüdiger im Nachlass seines Vaters Emil Rüdiger: 10.12.1866 um 8 Uhr abends
Wiligut/Weisthor gibt 11 Uhr nachts an. Privatarchiv Manfred Graf Keyserling, Pfullendorf.
11 Bundesarchiv Potsdam NS 19, 3671 fol.1.
12 Der ungenaue Anfang auf der Bügelfibel von Freilaubersheim: Boso wraet runa, althochdeutsch:
Buoso reiz rûnâ “Boso/Buoso rieß (d. h. schrieb) (die) Runen – nach Prof. Dr. Klaus Düwel, der an
der Universität Göttingen im Seminar für deutsche Philologie lehrt.

63
Sprüche vielleicht in Wiliguts psychoti- wegzukommen vermag!“16 In dem glei-
scher Erkrankung zu suchen sind, be- chen Schreiben erwähnt Wiligut/Weist-
inhaltet keine abschließende Wertung. hor seine „Baldur-Krestos-Saga“ 17, zu der
In diesem Zusammenhang möchte ich auch die mythische Überhöhung der
Manfred Graf Keyserling zitieren, der Stadt Goslar gehörte, die er als „Jöruval-
heute den Nachlass von Emil Rüdiger la-Gosslar-Rom“ bezeichnete. Diese For-
verwaltet: „Wiligut war nach seiner Krise mulierung stammt wörtlich aus „Die
hellsichtig. – Gesunde sind unempfäng- Erde und unsere Ahnen“ von Ernst Be-
lich.“ tha. Diese Verbindung zu Betha stellte
Und obwohl Zeitzeugen13 Wiligut/ bereits Nicholas Goodrick-Clarke fest18
Weisthor nicht als jemanden bezeichne- und, unabhängig von ihm, Hans-Gün-
ten, der die Leute wissentlich täuschte, ther Griep in seinem Buch „Harzer Le-
zeigen seine schriftlichen Ausarbeitungen, genden“,19 dabei zeigt Griep in seinen
dass er Angelesenes immer wieder zu Ausführungen kritische Distanz und er
selbst erfahrenem Wissen transformier- weist auf die Entstehung neuer Legen-
te. In diesem Zusammenhang ist ein Brief den hin.20 In Bethas Werk finden sich,
an einen „Kampfgenossen“ interessant, wie bei Wiligut/Weisthor, die gleichen
der Franz von Wendrin14 erwähnt, der Verbindungen von Goslar mit histori-
1924 das alttestamentarische „Paradies“ schen Städten wieder. Betha schreibt: „In
in Mecklenburg/Vorpommern entdeck- der Edda steht Jerusalem alias Goslar
te. Wiligut/Weisthor schrieb: „Wenn unter dem Namen ‘Jöruvalla‘ (und Valas-
Herr v. Wederin15 im Hinblick auf seine kialf) da!!“,21 einige Seiten weiter ergänzt
Entdeckungen noch Beweise braucht – er die Namensreihe der Orte, die er mit
er mag sich nur erinnern, wie viel bibli- Goslar gleichsetzt: „Jerusalem-Jörsal-
sche Ortsbezeichnungen in Deutschland Jörnvalla-Valaskialf-Hiero Solyman-
namentlich in Süddeutschland – Öster- Klein Rom und Troja“ . Auch für Land-
reich aufzufinden sind! Heute noch zu schaftsmerkmale gibt es bei Betha ent-
finden! Das ist kein Zufall, sondern schla- sprechende Findungen, so ist der Brok-
gende Beweise, über die niemand hin- ken im Oberharz, der Berg Zion: „Der

13 Seine damalige Betreuerin Gabriele Winckler-Dechend und Dr. Bruno Beger, Teilnehmer der
deutschen Tibetexpedition.
14 Franz von Wendrin, Die Entdeckung des Paradieses, Braunschweig/Hamburg 1924.
15 Das Zitat gibt die Originalorthografie wieder.
16 In einem Brief vom 4. Feb. 1924 an einen „Kampfgenossen“. Nachlaß Wilhelm Teudt, Staatsar-
chiv Detmold, D72 Teudt 28.
17 Wiligut/Weisthor verwendet auch die Schreibweise: Chrestos-Balder.
18 Nicholas Goodrich-Clarke, The occult roots of nazism, London 1992, S. 181, Anmerkung 8, S. 258.
19 Hans-Günther Griep, Harzer Legenden, Goslar 1989 (Verlag August Thuhoff), S. 47 f. und 53 f.
20 Hans-Günther Griep, Harzer Legenden, Goslar 1989 (Verlag August Thuhoff), S. 30.
21 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1913, S. 191.

64
Brocken, der zerbrochene Berg, hatte zur dem nördlichen Teil des Oelberges, in der
Zeit des Tempelbaus Salomons 4 Gipfel! Gegend des heutigen Georgenbergs, an
Der Berg hieß auch Libanon, Babylon, der gewöhnlichen Opferstätte. Er wurde
Nebo, Bel, Olympos, Himmel, Ida, Ili- mit Stricken an einen Baum gehängt und
on, More, Horeb, Moria!“22 dem „Odin“ – also einem toten Ahnen –
In Bethas krudem Durcheinander aus geweiht.“24
völkischer Germanengläubigkeit und Und zur zweiten Kreuzigung: „Jetzt war
haarsträubendem Unsinn, findet man ein Entrinnen unmöglich – meinte Ro-
noch andere wichtige Bestandteile von boam-Nero25 und seine Priester. Es fan-
Wiligut/Weisthors „Baldur-Krestos-Sa- den sich entmenschte Soldaten, welche
ga“, so die wiederholte Kreuzigung des Jesum ans Kreuz nagelten. Ja, diese Rot-
germanischen Christus, die Wiligut/Weis- häute riefen ihm noch höhnend zu: ‚Nun
thor in späteren Gesprächen um einen steig herab, wenn du kannst!‘„26 Nach
dritten Kreuzigungsakt erweiterte. Das dem Autor überlebte Christus selbst die-
Vorbild Betha schreibt: „Der Oelberg war se Tortur und die „Jöten“, die ihn ans
ein langgestreckter, hoher Hügel mit 2 Kreuz schlugen, beschreibt er so: „Echte
Erhöhungen (2 Hügelspitzen) und lag Israeliten sind Iranier, doch werden viel-
östlich der Stadt vorgelagert; er brach bei fach alle Nachkommen Adams einfach
dem nächsten Erdbeben an 2 Stellen Israeliten genannt – ebenso nannten sich
durch, so dass aus einem Berge 3 Teile der einäugige Odin und sein Stamm
wurden. Auf und an dem Oelberge la- ‚Asen‘, ohne Asen zu sein, denn sie wa-
gen also die beiden Stätten Gethsemane ren Römer alias Jöten, Jovdaios, welche
und Golgatha. Reste des einstigen Oel- jetzt unseligerweise für Juden gehalten
berges sind der Petersberg und der Geor- wurden.“27 Im Gegensatz dazu sind bei
genberg23, wirklich unverändert erhalten Wiligut/Weisthor die Nachkommen die-
ist nur das jetzt Petersberg genannte ser Jöten die heutigen Juden, anscheinend
Stück. Auf dem Georgenberg liegt Köp- wollte er selbst bei der Existenz eines ger-
pelsbleek, der Ort der einstigen Opfer- manischen „Christus“ nicht auf die Ju-
stätte… den verzichten.
Jesu erste Kreuzigung geschah in Adu- Ein weiterer Bestandteil von Wiligut/
mmin auf dem Hofe Gethsemane auf Weisthors Baldur-Krestos-Saga, ist Swan-

22 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1913, S. 202.
23 Die beiden Erhebungen Petersberg und Georgenberg befinden sich in der unmittelbaren Umge-
bung Goslars.
24 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1913, S. 246 f.
25 Nach Betha bezeichnen folgende Namen und Titel ein und dieselbe Person: Rehabeam-Roboam-
Herodes IV., der sechste König und Sohn Salomons: Nero.
26 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1913, S. 234 f.
27 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1913, S. 239.

65
hild-Maria, die dort die Schwester des ter, neubearbeiteter Auflage von 1922
Baldur-Krestos ist. Auch diese Figur fin- vollständig fehlt. So wird Goslar ohne
det sich bei Betha wieder, allerdings als phantastische Zusammenhänge nur noch
Swanhild-Hermione, Ehefrau und Halb- zweimal erwähnt.29 Aber selbst bei dieser
schwester des Jesus.28 Dass Betha seinen „entschärften“ Fassung steht in einer „po-
Mythologien um die Stadt Goslar beson- sitiven“ Kritik: „Ich hatte manchmal den
deres Gewicht beimisst, zeigt, dass er von Eindruck, dass der Verfasser, der über ein
den insgesamt 359 Seiten, die sein Buch fabelhaftes (sic!) Wissen verfügt, mit sei-
umfassen, allein 75 Seiten und fast alle nem Buch gewisse Philologen, die aus
Bildtafeln, diesem Thema widmete. sprachlichen Zusammenhängen einen
Da bei wichtigen Punkten Überein- ganzen Kosmos aufbauen möchten, per-
stimmungen vorliegen, kann man den siflieren wollte.“30
Schluss ziehen, das Himmlers Erberin- Dass Bethas Erstausgabe in völkischen
nerer aus diesem Buch sein esoterisches Kreisen Anklang fand, zeigen die zeitlich
Wissen über Goslar und seine Begeiste- nachfolgenden Veröffentlichungen von
rung für Goslar bezog. Und da Wiligut/ Franz von Wendrin31 und eines weiteren
Weisthor ohne Zweifel eine charismati- Autors, der unter den Namen Friedrich
sche Persönlichkeit war, folgte wahr- Döllinger32 und auch Hermann Wieland
scheinlich der Reichsbauernführer Wal- schrieb. In Wielands Buch „Atlantis, Ed-
ter Darré seinem Rat, als er 1934 Goslar da und die Bibel“, deren Erstausgabe
zur Reichsbauernstadt machte. 1922 erschient, wird „E. Beta“33 an einer
Aus heutiger Sicht ist es kaum fassbar, entscheidenden Stelle erwähnt, des wei-
das Betha Bewunderer und Nachahmer teren findet sich dort ein interessanter
fand, denn seine zusammengeschriebe- Hinweis auf Wiligut/Weisthor: „Bei der
nen Abstrusitäten tragen selbst bei nüch- fortschreitenden Vermischung der gali-
ternster Betrachtung pathologische Züge. läischen und samarischen Germanen mit
Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, den Juden im Süden kamen ihre Ge-
zu erahnen warum all das, was Wiligut/ schichts- und Sagenbücher in die Hände
Weisthor so begeisterte, bei Bethas zwei- der letzteren. Um nun bei den feindli-

28 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1913, S. 226ff, 235 und 252 ff.
29 Ernst Betha, Die Erde und unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1922, S. 215 und 311.
30 Abgedruckte Kritik der “Buchhändlerwarte” auf dem Vorsatzblatt von Ernst Betha, Die Erde und
unsere Ahnen, Berlin-Lichterfelde 1922.
31 Franz von Wendrin, Die Entdeckung des Paradieses, Braunschweig/Hamburg 1924; Franz von
Wendrin, Die Entzifferung der Felsbilder von Bohuslän, Berlin 1926; beide Bücher kann man,
was den Inhalt und Art der Beweisführung angeht, als von Betha inspiriert ansehen.
32 Friedrich Döllinger, Baldur und Bibel. - Friedrich Döllinger, Die Ausplünderung des deutschen
Volkes nach 4000jährigen jüdischen Plänen.
33 Hermann Wieland: Atlantis, Edda und die Bibel, Weißenburg 1925, S. 123 ff. und S.184 ff.

66
chen Germanen Vorderasiens herrschen- der SS gab er auch offiziell vor, als letzter
den Einfluss zu erlangen, ließen sich Ju- Irmine in der Traditionsreihe eines gehei-
den durch die Taufe in die Gemeinschaft men deutschen Königs zu stehen. Her-
der germanischen Verehrer ihres Ahnen mann Wieland verwendet diesen Hin-
Jesus aufnehmen und fälschten die Ge- weis auf Betha, nach der auch heute noch
schichte und die Sage von Esus und die gern praktizierten Methode, dass ein
Geschlechtsregister von Jesus so um, dass Schwärmer den anderen zitiert und dies
derselbe als Judensprössling und das einen Beweis nennt. Einige Jahre später
Schlangen- und Drachen-Volk als das veröffentlicht der Autor unter dem Na-
‘Auserwählte Heilige Volk Gottes‘ er- men Friedrich Döllinger „Baldur und Bi-
schien, ein politischer Schachzug erster bel“, ein Buch, das schon im Titel auf
Güte, der in der Folge für das Germa- den in völkischen Kreisen mittlerweile so
nentum in jeder Beziehung verhängnis- virulenten „Baldur Chrestos“ anspielt.
voll geworden ist. Auch „Das Spiegelbild der Weltgeschich-
Wenn diese Darstellung richtig ist, te“, eine Arbeit, die Walter Sommer 1932
dann müsste sich die Jesussage auch in im Selbstverlag veröffentlichte, nennt
Deutschland finden. Gewiss! Die uralte, „Baldur Chrestos“ zahlreiche Male.34
als Geheimnis gehüteten Traditionen ei- Nun wäre das nicht weiter erwähnens-
nes alten Irmingeschlechtes, die ich jetzt wert, wenn nicht seitenlang ein gewisser
mitteilen darf, besagen, dass vor der gro- Günther Kirchhoff dort zu Wort kom-
ßen Flut in Goslar (Idarvalla-Jöruvalla) men würde.35 Denn 1934 empfahl Wili-
ein deutscher Königssohn Esus-Jesus an gut/Weisthor, Günther Kirchhoff der SS-
einen Baum gebunden und gemartert Führung als wertvollen Laienforscher.An
wurde. Ähnliches berichten Thüringer Himmler berichtet er erleichtert, dass „es
Sagen (mitgeteilt bei E. Beta: Die Erde Gottlob doch auch noch andere „Wis-
und unsere Ahnen).“ sende“ gibt, welche die Zeit richtig erfas-
Der wissende, geheime Irmine in die- sen und erkennen…“ Und im Juli 1936
sem Zitat ist ganz unzweideutig Wiligut/ unternimmt Wiligut/Weisthor eine 22-
Weisthor. Der von Betha inspirierte Wis- tägige Dienstreise ins Gebiet zwischen
sensträger unterschrieb seine Briefe mit Gaggenau und Baden-Baden, jenen
Irmins-Heil, Irmins-Segen oder in Ir- Landstrich, den Kirchhoff bei Walter
mins-Treue. Bis zu seiner Entlassung aus Sommer so ausführlich beschreibt. Die

34 Walther Sommer, Das Spiegelbild der Weltgeschichte, Selbstverlag Hamburg 1932, S. 60, 63, 89,
90, 166, 168, 170, 173.
35 Walther Sommer, Das Spiegelbild der Weltgeschichte, Selbstverlag Hamburg 1932, S. 185–229.
36 Es ist eine Ironie des Schicksals, das Wiligut/Weisthor auf Befehl Himmlers selbst Mitglied des
„Ahnenerbes“ war mit der Mitgliedsnr. 24. – Bundesarchiv Potsdam, Aktenbestand des Rasse-
und Siedlungshauptamtes. Der „Reichsgeschäftsführer“ am 15.10.37 an Weisthor.

67
Wissenschaftler aus Himmlers „Ahnen- vielleicht selbst nicht bewusst. Aber ich
erbe“36 sahen Kirchhoff allerdings ganz habe Beweise dafür, dass er sehr hinter-
anders; für Herman Löffler, den Leiter hältig handeln konnte und dabei es ver-
der Forschungsstätte für mittlere und stand, den Leuten das Gegenteil freund-
neuere Geschichte, war er ein Spintisie- lich und in glaubwürdiger Weise ins Ge-
rer übelster Sorte; er wertet Kirchhoffs sicht zu behaupten.“40
Ausarbeitungen so: „Das Geschreibe ist Bemerkenswert ist noch, dass Kirch-
vollkommen wertlos.“37 Als Beispiel mag hoff in Walter Sommers Buch, das Vor-
hier ein Zitat aus einem Brief genügen, bild seiner eigenen „Arbeit“ nennt, die
den Kirchhoff im März 1936 an Wilhelm 1891 erschienenen „Deutsch-mythologi-
Teudt schrieb: „Gibor als Rune ist be- schen Landschaftsbilder“ des Guido von
kannt, Gibor als Gottesname bezeugen List.41 Auch Wiligut/Weisthor wanderte
die Wandaler, die auf der Südspitze Eu- inspiriert von dem gleichen Buch 1932
ropas dem Gibor einen Altar errichteten, durch den Deister bei Hannover.42 Den
den „Gibor-Altar“ aus dem Gibraltar Gehalt der Listschen Arbeiten, jenen
wurde. Das Zeichen für Mani ist zugleich kann man als den ariosophischen „Urva-
das mittelalterliche Symbol für „Maria“. ter“ der völkischen Esoterik bezeichnen,
Das es älter ist, beweist die buddhistische hatte schon 1919 Otto Hupp43 kritisch
Formel: Om Mani … Om …“38 Der Hi- durchleuchtet und selbst 1939 ordnete
storiker Michael Kater bezeichnet denn der nicht gerade für seine Wissenschaft-
auch in seiner Arbeit über das „Ahnener- lichkeit bekannte Sinnbild-Forscher
be“ Kirchhoff nicht zu unrecht als: „op- Theodor Weigel, den Österreicher in der
portunistischen Scharlatan…“39 Kategorie „Schwarmgeister“ ein.
Immerhin erkennt Kirchhoff am 26. Die aufgezeigten Verflechtungen bele-
1. 1948 in einem Brief an seinen „Bru- gen, das Wiligut/Weisthor List, Betha,
der“ Emil Rüdiger das Wesen seines al- Wendrin, Wieland und Kirchhoff assi-
ten Förderers: „Was Dir also Wiligut mit- milierte, was den Schluss nahe legt, dass
teilte, ist ein Gemisch aus Wahrheit und die meisten Verlautbarungen von Himm-
Dichtung, allerdings war er sich dessen lers Erberinnerer wenig Gewicht besitzen;

37 Bundesarchiv Potsdam, NS 21/vorl. 31, Löffler an Sievers 19.6.1939.


38 Bundesarchiv Potsdam, NS 21/vorl. 31.
39 Kater, Michael H. : Das „Ahnenerbe“ der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Drit-
ten Reiches, Stuttgart 1974.
40 Privatarchiv Manfred Graf Keyserling, Pfullendorf
41 Walther Sommer, Das Spiegelbild der Weltgeschichte, Selbstverlag Hamburg 1932, S. 200
42 Bert Rogge, Das Gesicht Alteuropas und das Geheimnis seiner Felsbilder, Privatdruck, Alfeld
1985.
43 Otto Hupp, Wider die Schwarmgeister, Zweiter Teil. Beiträge zur Entstehungsgeschichte der Wap-
pen, München 1918 und Dritter Teil. Zu den neuen Staatswappen. Zum Wappengebrauch der
Städte und der Bürgerlichen. Der Runenstar. Hantgemal und Wappen, München 1919.

68
eine neue Veröffentlichung rückt den do von List ausschlachtete und weiter
psychisch kranken Greis denn auch ef- verwertete. Alles dies, seine Deutungen
fektvoll in die Nähe eines hellsichtigen der „geheimen Runenweisheiten“ der
Drogenabhängigen. Schon Wiligut/Weis- Fachwerkhäuser, die Himmler und Dar-
thors erster Biograph Rudolf Mund ver- ré gläubig als uralte Überlieferung, Fa-
suchte die Ungereimtheiten und Selbst- milientradition seines Großvaters, hin-
lügen des Alten mit einer geheimen me- nahmen, ist völliger Blödsinn und Un-
dikamentösen Behandlung durch die SS sinnswust.
zu rechtfertigen. Das wird Ihnen hart klingen. Es ist aber
Der umstrittene erste Präsident des die nüchterne, sachliche Wahrheit.
„Ahnenerbe“, Prof. Dr. Herman Wirth, Aus einemTrümmerhaufen missbrauch-
schrieb im November 1958 an Rudolf ter, missverstandener, im Grunde nicht
Mund: „Was ich Ihnen raten kann, ist: gekannter Werte, die verrufen, diskrimi-
verschwenden Sie keine Arbeits- und niert, abgewertet wurden, müssen wir
Lebenszeit an die Ermittlung von „For- mühsam wieder aufbauen, auf neuen Tie-
schungsergebnissen“ des angeblichen fengrundlagen, mit neuen wissenschaft-
Obersten Weisthor oder Wiligut, oder lich fundierten Methoden, – wenn es
wie er sich sonst nannte. Ich habe Himm- noch nicht zu spät ist. Lassen Sie solche
ler und Darré gegenüber vom ersten Au- Parasiten und Schädlinge, einen senilen
genblick an, wo er mir vorgestellt wur- Erotiker und Alkoholiker, eine jener
de und sein Runengeheimwissen an dunklen Erscheinungen in einem verlo-
Hand eines schwedischen Runenkalen- renen Aufbruch unseres Deutschtums
derstabes vom Ende des 17. Jahrhun- verschollen und vergessen sein.“44
derts (Museum Nürnberg) zum Besten Was von Karl Maria Wiligut bleibt, ist
geben musste, klar und deutlich zu ver- nur ein merkwürdiges menschliches
stehen gegeben, dass der Mann ein no- Schicksal. Nach seiner Entlassung aus der
torischer Schwindler und Hochstapler SS und der Streichung von der Dienstäl-
sei. Alles, was ich später weiter von ihm testenliste verbrachte er ab 1940 noch drei
persönlich noch erfahren habe, auch in- Jahre in seinem geliebten Goslar. Er starb
folge der von Himmler versuchten for- am 3. Januar 1946 und wurde in Arol-
cierten „Verständigung“ zwischen „Weist- sen, der Heimatstadt seiner letzten Le-
hor“ und mir, haben diese sachliche Fest- bensgefährtin Else Baltrusch beigesetzt,
stellung nur bestätigt. Was ich von sei- auf dem Grabstein steht: „Unser Leben
nem Runenweistum an schriftlichen Aus- geht dahin wie ein Geschwätz“.
lassungen von ihm noch im Archiv ir-
gendwo habe, beweist, dass er den Gui- .........................
44 Rudolf Mund, Der Rasputin Himmlers, Stuttgart 1985, S. 113.

69
GNOSTIKA
TEIL II
AUS DEM ARCHIV

Die Wiedergabe von Material aus unserem Archiv hat den Sinn, interessante, sonst
kaum zugängliche Quellentexte zu erschließen. Unser Ziel ist es, einen aufkläre-
risch-wissenschaftlichen Beitrag zur Erforschung einer anderen Geistesgeschichte
und -tradition zu leisten. Dazu gehören auch solche Bereiche, die normalerweise
nicht oder kaum wissenschaftlich berücksichtigt und bearbeitet werden, also: Al-
chemie, Magie, Okkultismus, Geheimgesellschaften usw. Die hier abgedruckten
Beiträge verstehen sich als Hilfestellung und Möglichkeit, beide Seiten unserer
Geisteswelt zu sehen. Es kann also sein, daß manchem Leser Beiträge nicht nur
unverständlich, sondern auch unhaltbar scheinen, wofür wir um Verständnis und
Toleranz im Interesse der Sache bitten müssen. Wir werden aus unserem umfang-
reichen Archiv Kurioses, Einmaliges, Seltenes und schwer Aufzufindendes publi-
zieren, um damit zur vorurteilsfreien Forschung und möglichen Aufarbeitung bei-
zutragen.
Falls möglich werden kurze einleitende Kommentare den abgedruckten, selte-
nen Materialien vorangestellt, um den Leser über die Bedeutung des hier Veröf-
fentlichten zu unterrichten. Wir werden uns verstärkt darum bemühen, aber ob es
immer gelingen wird, muß dahingestellt bleiben. Vielmals mangelt es an Informa-
tionen oder schlichtweg an fehlender Zeit für Recherchen bei wenig bekannten
Menschen.
Wir haben soweit als möglich versucht, für die hier veröffentlichten Texte Rechts-
inhaber zu finden, was für einige Beiträge aber leider ohne nähere Quellenanga-
ben nicht möglich war. Falls sich jemand im Besitz von Abdruckrechten befinden
sollte, möge er sich bitte mit uns in Verbindung setzen.

INHALT und QUELLEN der folgenden Archiv-Texte:


Einführung

ARCHIV FÜR FREIMÄURER UND ROSENKREUZER : Erwiesene Wahrscheinlich-


keit, daß auf dem Salomonischen Tempel Blizableiter angebracht
gewesen
gewesen. Berlin 1785, Kapitel X, S. 300–310.

ARCHIV FÜR FREIMÄURER UND ROSENKREUZER : Alphabetisches Verzeich-


nis derer Nahmen, welche der Stein der Weisen in den Schriften der
hermetischen Künstler führet
führet. Berlin 1785, Kapitel V, S. 202–212.

70
Einführung

Zwei Textbeiträge aus dem Archiv für Freimäurer und Rosenkreuzer, Zweiter
Theil, Berlin 1785, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bilden in dieser Aus-
gabe den Archivteil. Sie sind übrigens im gleichen Jahr erschienen wie Aloysio
Wienners kabbalistisches Werk Splendor Lucis oder Glanz des Lichts, welches
von Adamah Booz neu herausgegeben wurde.
Unsere Sammlung verschiedener Texte aus der Freimaurerei zeigt, wie zu jener
Zeit üblich, die breite Interessenspalette, die freimaurerisches Wirken damals hat-
te. Neben sachlichen Untersuchungen zu den Rosenkreuzern und ihren Werken
gibt es alchemistische und spekulativ anmutende Texte wie den folgenden, der der
Frage nachgeht, ob am Salomonischen Tempel Blitzableiter angebracht waren.
Dass dieser Artikel auf einen Briefwechsel zurückgeht, wird gleich zu Anfang
deutlich. Bemerkenswert ist nun, dass man hier die „Alten“, jene Altvorderen
also, auf die sich jede Geheimgesellschaft zu berufen pflegt, nicht nur als weise
im philosophischen Sinne, sondern auch im Besitz großer Kenntnisse in der prak-
tischen Anwendung wähnen muss. Dies ist deshalb auch erstaunlich, weil schon
im 18. Jahrhundert der Fortschrittsgedanke Mode war und der Blick zurück tat-
sächlich als Rückschritt angesehen wurde. Wenn wir uns eines gewissen Schmun-
zelns nicht enthalten können, so liegt die tiefere Bedeutung dieses Artikels doch
darin, Einblick in ein anderes, wenn auch absurd scharfsinniges Denken zu geben
und damit in ein auf die Ursprünge in „illo tempore“ verweisendes, welches mehr
Anteil an jener Gedächtnisgeschichte hat, welche allmählich wieder selbstver-
ständlicher zu werden scheint.
Der andere Artikel spricht vom Stein der Weisen und deren Namen in der Al-
chemie oder der hermetischen Kunst. Die verschiedenen Namen des Steins der
Weisen, beginnend mit „Aquila“, „Adler“, „Antimonium“ bis zu „Blei“, machen
nicht nur neugierig, sondern gäben ein hochinteressantes Instrument zur Vertie-
fung alchemistischen Denkens in unsere Hände, wäre nur der Autor seinem ur-
sprünglichen Plane gefolgt, die Reihe bis zum Buchstaben Z fortzusetzen. Er kam
aber leider nur bis B und stellte in Aussicht, bei Bedarf weitere Verweise zu lie-
fern. Soweit wir feststellen konnten, blieben diese jedoch aus. Alles in allem ein
wichtiges Dokument.
Beide Aufsätze zeigen, dass Freimaurerei nicht nur Ritualistik und Symbolik sein
kann, sondern auch tiefgreifende Forschung.
F. W. Schmitt

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Hermetik geht. Wenn etwas für den Histori-
REZENSIONEN ker schwer nachvollziehbar ist (451), so wird
für ein nicht historisches Denken schwer nach-
Anne-Charlott Trepp, Hartmut Lehmann vollziehbar, warum es für den Historiker
(Hg.): Antike Weisheit und kulturelle Pra- schwer nachvollziehbar ist. Sei es, wie es sei:
xis. Hermetismus in der Frühen Neuzeit. Das Spannende an diesem Sammelband sind
Geb., m. Abb., 475 Seiten, Vandenhoeck & seine dennoch überwiegend guten und diffe-
Ruprecht, Göttingen 2001. ISBN 3-525- renzierten Vorträge. Das Zukunftsweisende ist,
35374-X. diese Chance zu nutzen, um sich auch weiter-
Mittlerweile wurde aus Hermetik „Herme- gehend in einem universitären Rahmen mit
tismus“, ohne dass unbedingt klar wird, was Hermetik zu beschäftigen. Ein Anfang ist
der Unterschied sein soll, bleiben doch die durch dieses Buch jedenfalls gemacht.
Zielvorgaben: Corpus Hermeticum, Hermes
Trismegistos und deren Rezeptionsgeschich- Ralph Freedman: Rainer Maria Rilke.
te gleich. Nun, die Aufsätze dieses Sammel- Der Meister. 1906 bis 1926. Geb., m. Abb.,
bandes gehen auf eine Tagung des Max- 625 S., Frankfurt 2002, Insel Verlag. ISBN
Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen 3-458-17106-1.
zurück. Ihre Qualität schwankt und der un- Der zweite Teil der umfangreichen Rilke-
bedarfte Leser hat den Eindruck, dass neben Biographie des deutsch-amerikanischen Li-
profundem Wissen auch Wissenschaftsjargon teraturwissenschaftlers Ralph Freedman be-
„Lärm um nicht so viel“ macht. Die 18 hier schäftigt sich mit den Jahren, in denen Rilke
versammelten Beiträge zeigen dem ungeach- zu dem wurde, wofür er heute gilt, als Dich-
tet die Bandbreite, in der hermetisches Ver- ter. Entscheidung und Selbstbewusstsein Ril-
stehen und hermetische – pardon: hermeti- kes gipfelten in seiner Auffassung, „dass der
stische – Weltauffassung zur Zeit wohl ge- Künstler ein Recht darauf habe, Unterstüt-
dacht werden muss. Der Bogen spannt sich zung, einschliesslich Luxus, von jenen zu er-
von der begrifflichen Einordnung, über die warten, die es sich leisten konnten, für die
Praxis der Geheimhaltung in der Hermetik, höchste Form des Schaffens die bestmögli-
zur Alchemie und der Hermetik im Barock- chen Bedingungen zu bieten“ (239). Aus die-
zeitalter. Das hermetische Denken im 18. ser Perspektive heraus wird deutlich, was der
Jahrhundert und seine Ausläufer werden Schritt Rilkes, weg von der bürgerlichen Le-
ebenfalls behandelt. Dankenswerterweise hat bensauffassung und hin zu einem unabhän-
die Alleinherrschaft des historischen Herme- gig-abhängigen Künstlerdasein wirklich be-
tismus, wie man aus dem Aufsatz von Tho- deutete. An diesem Grundsatz hat er festge-
mas Löffler, interpretierend herauslesen muss, halten und dieser gab ihm das notwendige
eine so klare Zielvorgabe, dass der dabei auf- Selbstbewusstsein, gegen die Widrigkeiten
tretende blinde Fleck unbemerkt bleibt. Wie des Alltags Gedichte zu machen oder, wie er
anders liesse es sich erklären, dass eine wis- einmal sagte, Dinge zu schaffen aus Angst.
senschaftliche Arbeit wie die von Ralf Liedt- Rilke, so arbeitet Freedman heraus, prakti-
ke als „aufgepeppter Hermetismus“ (451) zierte mit den Menschen, vor allem natür-
bezeichnet werden kann, wo es doch bei lich „seinen“ Frauen, ein „Spiel von Annä-
Liedtke offensichtlich um eine philosophische herung und Rückzug“ (121), ein Spiel, das

95
ihm die notwendige Freiheit zum Arbeiten Massstab und die Richtung vor, in welche sich
liess – ein Ideal, welches er Rodin verdankt – die Naturwissenschaften entwickeln. Dass er
und ihn dennoch gesellschaftlich veranker- hierbei auch Pseudowissenschaften berücksich-
te. So hätte Freedmans Buch auch „Rilke und tigt und Platon und Kant mit ins Spiel bringt
die Frauen“ heissen können (beispielsweise („Ein grosser Teil der zeitgenössischen Physik
kommt die Freundschaft mit Rudolf Kassner und Kosmologie steht beinahe per Definition
etwas zu kurz) oder auch „Rilke und seine in der Tradition Kants.“ 230), hebt dieses Buch
Dichtung“, eben weil „Malte“, jenes epo- über andere seines Faches hinaus.
chemachende Prosawerk, in seiner Rezept-
ions- und Bedeutungsgeschichte ausführli- Neil F. Comins: Der Schweif des Kome-
cher hätte dargestellt werden können. Den- ten. Irrtümer und Legenden über das Uni-
ten
noch ist es Freedmans Verdienst, Rilke als den versum
versum. Geb., m. Abb., 317 S., Stuttgart
zu zeigen, der er sein wollte und auch als je- 2002, DVA, ISBN 3-421-05610-2.
nen, der er wohl wirklich war, einschliesslich Comins schreibt: „Während der letzten
der Beklemmung beim Leser, angesichts der zehn Jahre habe ich den Unterschied zwi-
Rilke-Frage: Wenn alles dem Werk unterge- schen Schein und Sein in der Natur erforscht,
ordnet wird, Frau, Tochter, Geliebte, Freund- vor allem in meinem Fachgebiet, der Astro-
schaften, was bleibt? Von Rilke bleiben seine nomie.“ (9) Er möchte versuchen, Irrtümer
Gedichte, seine Briefe, seine Werke. Sie über- und falsche Ansichten zu korrigieren, sodass
dauern die Zeit und Ralph Freedmans Bio- er dazu beitragen kann, „ein besseres Ver-
graphie trägt hierzu bei. ständnis der Unterschiede zwischen wissen-
schaftlicher Realität und Wahrnehmung“ zu
Richard Morris: Gott würfelt nicht nicht. Uni- geben (10). Deshalb ist dies nicht nur ein
versum, Materie und Kreative Intelligenz
versum Intelligenz. Buch über das Universum, sondern auch ei-
Geb., m. Abb., 240 S., Europa Verlag, Ham- nes über Wissenschaft und ihr Vorgehen,
burg 2001. ISBN 3-203-80099-3. denn: „Unsere falschen Vorstellungen zu er-
Der Ansatz von Morris ist nach eigener kennen und zu überwinden, ist der erste
Aussage „kein philosophischer“ und sein Fa- Schritt zur Befreiung unsers Geistes“. (294)
zit „sicher nicht endgültig“. Denn: „Die wis- Comins Vorhaben gelingt anschaulich, wo-
senschaftliche Vorstellungskraft ist ein The- bei es sicherlich auch noch interessant wäre,
ma, das ich erforschen möchte, nicht systema- die methodische Vorgehensweise genauer zu
tisieren.“ (14) Hierzu gibt er dem Leser einen reflektieren, damit klar wird, dass jene Irrtü-
Überblick über die Neue Physik bis zur Ge- mer, die aus falschen Voraussetzungen ent-
genwart; den Anfang – die kosmische Evo- stehen (290), kompatibel sind mit denjeni-
lution – und die Suche nach einer Theorie gen, die auf „einer“ Methode beruhen.
der Materie bis eben zu jenen Kapiteln über
wissenschaftliche Vorstellungskraft, welche Stefan Brönnle: Der Paradiesgarten
Paradiesgarten. Gär-
Wahrheit, Pseudowissenschaft und ein neu- ten der Kraft plane
planenn und gestalten
gestalten. Geb.,
es Weltbild zum Thema haben. Zu Recht m. Abb., 182 S., AT Verlag, Aarau 2001,
betont er: „Letztlich kann eine Theorie nur ISBN 3-85502-689-0.
anhand von Experimenten bestätigt oder wi- Ein hochinteressanter Ansatz des Diplom-
derlegt werden“ (192) und gibt dafür den ingenieurs für Landschaftspflege Stefan

96
Brönnle, der zeigt, nach welchen „esoterisch- Die Leibnizsche Monade nimmt gewisser-
symbolischen“ Gesichtspunkten Gärten ge- massen den Holismusbegriff schon vorweg,
staltet und geplant werden können. Hinter der in den letzten Jahren vor allem durch Ken
jedem Garten steht der Paradiesgarten. Er ist Wilbers Werke eine gewisse Popularität er-
Massstab für alles und symbolischer Kulmi- reichte. Esfeld gibt mit diesem Buch einen
nationspunkt. Diesen nach und nach ansatz- kritischen Überblick über „eine generelle
weise in seiner Symbolik wieder entstehen Konzeption von Holismus“, wobei er eine
zu lassen und die Erkenntnisse in seiner prak- „mögliche Verbindung zwischen Formen von
tischen Bedeutung für Heute zu erschliessen, Holismus in verschiedenen Gebieten unter-
macht die Faszination des Buches aus. Emp- sucht und die Relevanz solcher Verbindun-
fehlenswert auch für Nicht-Gärtner. gen für die zeitgenössische Philosophie aus-
wertet“ (11). Dem Ziel folgt er mit seinem
Tilo Schabert (Hg.): Die Sprache der MasMas-- Überblick über den Holismus in der Philo-
ken
ke n. Pb., 215 S., m. Abb., Königshausen und sophie (Descartes bzw. Cartesianismus) und
Neumann, Würzburg 2002. ISBN 3-8260- der Physik (Quantenphysik). Eine Zusam-
2250-5. menfassung vor jedem Kapitel erleichtert die
Der 9. Band der Eranos Reihe „Neue Fol- doch nicht unerhebliche Ansprüche stellen-
ge“ geht auf die gleichnamige Tagung aus de Lektüre.
dem Jahre 1998 zurück. Die gewohnte Qua-
lität der Vortragenden spricht für sich. Wie Otto Holzapfel: Lexikon der abendländi-
Tilo Schabert in seiner Einleitung zu diesem schen Mythologie
Mythologie. Geb., m. Abb., 461 S.,
Band ausführt, stellen die Eranostagungen Sonderausgabe, Herder Verlag, Freiburg
eine zweifache Herausforderung dar: die Viel- 2002, ISBN 3-451-27983-5.
falt der Vorträge ermöglichen und sie den- Ein unentbehrliches Lexikon für alle, die
noch miteinander verbinden zu können (9). sich mit Mythologie, Götter- und Helden-
Dies ist im Band gelungen, vor allem auch sagen kurz und knapp vertraut machen wol-
durch das quer durch alle Wissenschaftsdis- len. Die Stichworte und ihre Querverweise
ziplinen gehende Engagement der Vortragen- verlocken nicht nur zur Lektüre, sondern
den. So finden sich neben Erika Simon (Ar- machen auch die Zusammenhänge deutlich,
chäologie), Ryosuke Ohashi (japanisches in denen Mythen immer verstanden werden
Denken), Kati Röttger (Theaterwissenschaft), müssen. 9200 Stichworte und 500 Abbildun-
David Carrasco (Vergleichende Religionswis- gen sprechen dabei für sich. Das ansprechend
senschaft), Alain Juranville (Philosophie), gemachte und verständliche Werk sollte je-
Moshe Barash (Jüdische Geschichte) auch der dem präsent sein.
Ägyptologe Jan Assmann wieder. Ein lesens-
wert gemachter Band, der Fortsetzung fin- Karl-Heinz Ohlig: Religion in der Ge-
den sollte. schichte der Menschheit
Menschheit. Die Entwick-
lung des religiösen Bewusstseins
Bewusstseins. Pb., m.
Michael Esfeld: Holismus
Holismus. In der Philoso- Abb., 272 S., Darmstadt 2002, WBG, ISBN
phie des Geistes und in der Philosophie 3-534-15212-3.
der Physik
Physik. Tb., 427 S., Frankfurt 2002. Dass wir in einem religiösen Pluralismus
ISBN 3-518-29172-6. leben, der durch etablierte Religionen eben-

97
so geprägt ist, wie durch jene längst vergan- ten, all das verwirrt und dennoch ist eine
genen Mythen, Theologien und Kultprakti- Struktur erkennbar, die Reiter in den Kapi-
ken, ist an und für sich nichts Neues. Karl- teln über chinesischen Buddhismus und Tao-
Heinz Ohlig geht nun der Frage nach, ob ismus weiter ausführt. Ein Kapitel über Is-
sich hier „nicht doch vergleichbare Zäsuren, lam und Christentum und der Falun Gong-
Strukturen und Kontinuitäten erkennen las- Bewegung beschliessen das unterhaltende
sen“ (9). Er klärt zuerst den Begriff Religion, und erkenntnisvermittelnde Buch.
um dann über Religion und Gottesvorstel-
lungen der Steinzeit, der frühen Hochkul- Eric Voegelin: Ordnung und Geschichte
Geschichte.
turen zu den „universalen Religionen“ zu ge- Band VII. Aristoteles
Aristoteles. (Hrsg. Peter J. Opitz).
langen. Ohlig behandelt Hinduismus, Bud- Geb., 189 S., Wilhelm Fink Verlag, Mün-
dhismus, Konfuzianismus, Taoismus, Ju- chen 2001. ISBN 3-7705-3586-3.
dentum, Christentum und Islam unter An- Der 7. Band von Eric Voegelins Haupt-
wendung einer Einteilung in Monismus, Mo- werk liegt als Übersetzung vor. Es ist Aristo-
notheismus und Dualismus als religiöse teles gewidmet. Voegelin zeigt, wie der sei-
Theorien. Es folgt die Auseinandersetzung ner Meinung nach „gnostisch“ zu nennende
mit dem „Religiösen“ bis hin zur Gegenwart. Spaltungsprozess sich ab Platon abzeichnete
Ohlig zeigt die fundamentale Einheit der Re- und in Aristoteles offenbarte. Er behandelt
ligionsgeschichte und welchen Herausforde- dabei die Entwicklung des aristotelischen
rungen Religion zur jeweiligen Zeit begeg- Denkens und hauptsächlich dessen Ethik, die
nen musste. So wird, trotz Rationalismus und er grundsätzlich teilte. Aristoteles‘ Politik er-
Aufklärung, Religion immer noch praktiziert scheint Voegelin durchaus zeitgemäss: „Erst
und sie wird es, dass ist jedenfalls die Mei- in unserer Zeit wird die Reichweite der ari-
nung des Autors, zukünftig geben, denn die stotelischen Wissenschaft der Politik wieder
„beiden Grundoptionen“ – gemeint ist: Mo- voll sichtbar, weil wir unter dem Druck un-
nismus und Monotheismus – „prägen wohl serer eigenen Krisis allmählich wieder verste-
auch weiterhin die Horizonte, woraufhin hen, welche Erfahrungen diesen Problemen
Menschen ihr Leben entwerfen“ (258). zugrunde liegen.“ (115) Wie Opitz in sei-
nem Nachwort bemerkt, kommt der Rück-
Florian C. Reiter: Religionen in China China. griff auf Aristoteles nicht unvermutet, sah
Geschichte, Alltag, Kultur
Kultur. Tb., m. Abb., doch Voegelin „in der Rückbesinnung auf die
254 S., München 2002, C. H. Beck Verlag. Grundlagen des klassischen Philosophierens
ISBN 3-406-47630-9. den Ausweg aus der geistigen Krise des We-
Der Sinologe und Taoismusexperte Flori- stens, hin zur Wiedergewinnung des Wissens
an Reiter legt hier ein Buch vor, welches dem von der Ordnung menschlicher Existenz.“
„christlich-abendländischen“ Leser auf ein- (189) In diesem Sinne ist auch Aristoteles Teil
fühlsame Art die chinesische Kultur, ihr Den- von Voegelins „Ordnung und Geschichte“.
ken und ihre Religion(en) nahe bringt. Sei-
ne Verdeutlichung grundsätzlicher religiöser Viki Ranff: Wissen und Weisheit bei Hil-
Ideen Chinas versetzt in die Lage, die chine- degard von Bingen
Bingen. Geb., 443 S., from-
sische Religiosität besser zu verstehen. Viel- mann-holzboog, Stuttgart/Bad Cannstatt
falt, Ahnenverehrung, Hausaltäre, Gotthei- 2001, ISBN 3-7728-1974-5.

98
War Hildegard von Bingen auch eine Phi- „Psychologie und Alchemie“ wurden. Wolf-
losophin? Der Hildegard-Spezialist Heinrich ram Schommers, Professor für Theoretische
Schipperges machte bereits auf die wichtige Physik und Mitherausgeber internationaler
und wesentliche Unterscheidung zwischen physikalischer Zeitschriften, knüpft nun an
scientia und sapientia bei Hildegard aufmerk- eben jenen Gedanken der Synchronizität an.
sam (375) und Viki Ranff knüpft mit ihrer Er legt dar, dass subjektive Ideen, Visionen
Arbeit daran an. Die Schauungen und Visi- und Träume durchaus in Zusammenhang
onen der Hildegard von Bingen werden mit einer Wirklichkeit stehen, für die Physik
durch die vorliegende Untersuchung in ei- einen Erkenntnisanspruch anmeldet, ihn
nen philosophischen Kontext gestellt, so dass aber, angesichts der Synchronizitäten mate-
der Bescheidenheitstopos eine „illiterata“ zu rieller und geistiger Zustände, nicht umfas-
sein, nicht schreiben gelernt zu haben wie send wahrnehmen kann. Schommers beleuch-
die Philosophen, eben das ist, was es sein soll- tet in seinem Buch die mögliche oder unmög-
te, ein Topos der von Bingen, aber auch nicht liche Basis jener unsicher erscheinenden Phä-
mehr. Ob die Anthropologie und Theolo- nomene, wie zeitversetzte Erlebnisse oder Syn-
gie, die Hildegard entwirft, bar eines philo- chronizität, wobei er Vorschläge für eine dif-
sophisch geprägten Denkens sind und ob ihre ferenziertere Realitätsvorstellung macht.
Visionen, die sie als Erkenntnisquelle rekla-
miert (13), als Philosophie zu werten seien, Ulrich Arnswald / Anja Weiberg (Hg.): Der
diesen Fragen geht Viki Ranff nach. Sie fragt Denker als Seiltänzer
Seiltänzer. Ludwig Wittgen-
nach der Philosophin Hildegard, die mit be- stein über Religion, Mystik und Ethik Ethik.
merkenswerter Bildung ihre Visionen durch- Pb., 293 S. Parerga Verlag, Düsseldorf 2001.
aus leserfreundlich niederschrieb (123) und ISBN 3-930450-67-4.
sie fragt nach der Bedeutung von Wissen und Wittgensteins Philosophie mag für viele
Weisheit bei Hildegard von Bingen. Dabei mysteriös sein, doch gilt er heute mehr denn
folgt sie den Traditionssträngen und ver- je, neben Heidegger, als fruchtbarster Den-
gleicht damit Hildegards „Philosophie“. Eine ker des 20. Jahrhunderts. Die 14 Aufsätze be-
gründliche Untersuchung, die erhellend auf legen dies und zeigen eine Seite an Wittgen-
die geheimnisvolle Welt der Hildegard von stein auf, die seine Philosophie als eine den
Bingen wirken kann. Fragen der Ethik und der Religion zugewand-
te sieht. Wenn Wittgenstein lapidar bemerkt
Wolfram Schommers: Formen des Kos- „Wenn etwas Gut ist so ist es auch Göttlich,
mos. Physikalische und philosophische
mos Damit ist seltsamerweise meine Ethik zusam-
Facetten der Wirklichkeit
Wirklichkeit. Geb., m. Abb., mengefasst“ (11), so mag dies naiv klingen,
396 S., Die Graue Edition, Zug 2002. ISBN aber hier beginnen eben jene Probleme, die
3-906336-34-4. Wittgensteins Philosophie so merkwürdig
C. G. Jung hatte in den 50er Jahren mit offen und nachdenkenswert machen. Für
dem Physiker und Nobelpreisträger Wolf- Wittgenstein sind Ethik und Leben so eng
gang Pauli über das Thema „Synchronizität“ miteinander verknüpft, dass seine Philoso-
gearbeitet. Beide kannten sich bereits seit den phie auch als ethische Lebensphilosophie be-
30er Jahren. Jung analysierte Wolfgang Pau- trachtet werden kann. Der Sammelband ist
li, dessen Träume Vorlage für Jungs Buch ein Beleg dafür, dass Ethik bei Wittgenstein

99
in seiner Offenheit durch die kompetenten Beginnend mit dem Beitrag des Konstan-
und fachkundigen Beiträge nicht nur er- zer Wissenschaftsphilosophen Jürgen Mittel-
schlossen, sondern auch impulsgebend für strass, der das Problem einer Vertrauenskrise
eine neue Wittgenstein-Rezeption werden gegenüber Wissenschaft thematisiert, kann
kann. dieser Band als Auseinandersetzung mit der
Frage, warum Esoterik als Phänomen trotz
Richard Reschika: Philosophi sch
schee Aben-
Philosophisch Wissenschaft und trotz Kirche möglich war
er
er.. Elf Profile von der Renaissance
teurer
teur und immer noch ist, angesehen werden. Die
bis zur Gegenwart
Gegenwart. Tb., 290 S., Mohr Sie- verschiedenen Antworten darauf reichen von
beck, Tübingen 2001. ISBN 3-8252-2269-1. der Religionswissenschaft bis zur Psycholo-
Richard Reschika, u. a. als Übersetzer von gie. Natürlich muss man fragen, ob auch
Mircea Eliade bekannt geworden, hat hier „die“ Esoterik zu Wort kommt, wenn auch
11 Philosophen-Portraits vorgelegt, die nicht wissenschaftlich gefiltert und ob man mit
nur durch die ungewöhnliche Auswahl über- „Esoterik“ nicht direkt kommunizieren darf?
zeugen, sondern auch durch eine leichte und Trotz so wichtiger Beiträge wie jenem von
gekonnte Sprache zur Lektüre einladen. Ge- Monika Neugebauer-Wölk oder Verena Kast
meint sind: Pico della Mirandola, Julien Off- ist es einfach zu wenig, sich der unmittelbar
ray de La Mettrie, Max Stirner, Eduard von anderen Berührung mit Esoterik – die ja auch
Hartmann, Philipp Mainländer, Julius Bahn- wissenschaftlich möglich ist – zu entziehen.
sen, Lew Schestow, Ludwig Klages, Aldous Wie das hätte geschehen können, blieb der
Huxley, E. M. Cioran und Paul Virilio. Die- Phantasie und Redlichkeit der Veranstalter
sen Portraits stellt der Autor eine Einführung überlassen. Dass es noch nicht geschah, muss
voran, dieAufschluss über seine Auswahl gibt. nun der Leser ausbaden. Dennoch: Ein
„Wie in jeder ordentlichen Zunft gibt es seit Schritt in die richtige Richtung ist getan,
jeher auch in der geisteswissenschaftlichen weitere müssen folgen.
Königsdisziplin, der Philosophie, eine Reihe
notorischer Aussenseiter, die entweder nicht Manfred Clauss: Das Alte Ägypten
Ägypten. Geb.,
ernst genommen oder zu Exzentrikern abge- m. Abb., 511 S., Alexander Fest Verlag, Ber-
stempelt, deren unkonventionelle Ansichten lin 2001. ISBN 3-8286-0141-3.
hartnäckig diskreditiert werden.“ (1) Richard Schon wieder ein Buch über Ägypten? Ja,
Reschika versteht es, die Denker in ihrer Ak- eben weil es dem Historiker gelingt, eine Zeit
tualität lesbar zu machen, sodass die Portraits, lebendig werden zu lassen, die uns alle be-
gegen den philosophischen Mainstream, zur rührt. Auf traditionellen Wegen wandelnd,
Fundgrube anregender Denkanstösse wer- eben der ägyptischen Geschichte und ihren
den. Ein lohnendes Buch mit Mehrwert. Dynastien folgend – Frage: welche andere
Darstellung wäre noch möglich gewesen? –
Peter Rusterholz / Rupert Moser (Hg.): Be- setzt Clauss den Pharao ins Zentrum, „des-
wältigung und Verdrängung spiritueller sen historische Existenz für uns vor allem in
Krisen
Krisen. Esoterik als Kompensation von seinen Bauten fassbar ist… Daher soll gera-
Defiziten der Wissenschaft und der Kir-
Defiziten de dieser Aspekt der Architektur gleichsam
che
che. Pb., 226 Seiten, Bern 1998. ISBN 3- den roten Faden bilden, der die Darstellung
906762-11-4. der ägyptischen ‚Reiche‘ durchzieht.“ (26)

100
Insgesamt ein interessant gemachtes und vor Unterschied zwischen Geistes- und Natur-
allem verständlich lesbares Buch. wissenschaften nicht hinzunehmen. Seine
Schriften können als „Zeugnis von Juden-
Roland Marthaler: Der Mediziner und der tum und Abendland in der Moderne“ (9)
Seelenarzt. Initiatische Keime in Leid
Seelenarzt gelesen werden und weisen in die Richtung,
und Therapie
Therapie. Pb., 227 S., Schaffhausen „einen Freiraum des offenen Ideenaustau-
2002. ISBN 3-907160-83-5. sches zwischen Denkern zu schaffen, in dem
Der Autor will eine „Geschichte“ erzäh- sich eine kritische Kulturphilosophie aus ei-
len, „die vom Leben handelt und in der wir ner ganzheitlichen Perspektive entfalten
alle, wenn auch mit unterschiedlichem Ge- kann“ (10). Soweit die programmatischen
wahrsein, mitspielen … Im Rahmen der vor- Vorgaben. Zu erwähnen ist, dass die Aufsät-
liegenden Schrift gilt es vorerst, zwischen Me- ze zu Ehren von Reiner Wiehl anlässlich sei-
diziner, Seelenarzt und Patient eine GLEICH- nes 70. Geburtstages geschrieben wurden, wie
SICHT zu erstellen, auf dass hieraus die DIA- Helmut Holzhey erwähnt. Die Aufsätze nun
GNOSE verständlich in das Leben des Pati- kreisen um jenen Prozess der Trennung (Sä-
enten trete, damit dieser durch die daraus kularisierung), der die Frage nach Zusam-
folgernde THERAPIE an seiner ‚Gesundung‘ menhang von Religion, Philosophie, Wissen-
wirke.“ (9) Dieser Dreischritt gliedert das schaft und Kunst stellen muss. So zeigen die
Buch und führt, wenn man das Ziel oder Er- Aufsätze die Möglichkeit der Begegnung –
gebnis bereits vorwegnehmen darf, zum be- des „und“ und des Gemeinsamen. Damit
wussten Leben, einem Leben, das im Men- sind sie richtungsweisend.
schen als dem Verbinder von „unten“ und
„oben“ gipfelt. Damit wird Heilung neu er- Winfried Kurth / Ludwig Janus (Hg.): Psy-
fahrbar, damit wird Sinn neu erfahrbar. chohistorie und Persönlichkeitsstruktur
Persönlichkeitsstruktur.
Jahrbuch für psychohistorische Forschung.
Eveline Goodman-Thau (Hg.): Zeit und Band 2. Pb., mit Abb., 435 Seiten, Heidel-
Welt. Denken zwischen Philosophie und
Welt berg 2001. Mattes Verlag. ISBN 3-930978-
Religion
Religion. Heidelberg 2002. Geb., 230 S., 55-5.
Universitätsverlag C. Winter. ISBN 3-8253- „Die Psychohistorie geht davon aus, dass
1261-5. sich die Geschichte und die Evolution von
Wie Prof. Goodman-Thau in ihrer Ein- Persönlichkeitsstrukturen im Wechselspiel
führung bemerkt, sind die Aufsätze in die- mit der Geschichte der Evolution der Kind-
sem Band das Ergebnis eines internationa- heit bzw. der Eltern-Kind-Beziehung voll-
len Symposions der Hermann-Cohen-Aka- zieht.“ (7) Peter Dinzelbacher nun geht es
demie. Die nach dem Neukantianer, jüdi- um die „unio mystica“ als „religiöse Gipfel-
schen Aufklärer und Religionsphilosoph erfahrung“, die „für kurze Zeit den Menschen
Hermann Cohen benannte Akademie steht in seiner Ganzheit erfasst“ (43). Dem Me-
für ein jüdisches Erinnerungsdenken, „in diävisten gelingt jener Interpretationssprung
dem sich Vergangenheit und Zukunft in der – ob man dessen Ergebnis anerkennen möch-
Gegenwart begegnen“ (7). Die politischen te oder nicht, ist hier zweitrangig – den eine
und gesellschaftlichen Implikationen liegen psychoanalytisch-psychologische Interpreta-
offen, aber auch die Gedanken Cohens, den tion immer wagen muss, will sie auf eine Zeit

101
vor der Psychologie verweisen. Aufsätze wei- Sinne sind 50 Jahre noch lange nicht ge-
terer Autoren (insgesamt 15) sind beispiels- nug.
weise dem Gewissen oder dem Schuldgefühl
und deren Entwicklungen gewidmet. Inter- •
essen-Konflikt- und Werteproblematik heu- Nach all diesen Büchern soll nun eine inter-
te, sind ebenso Themen, wie auch George essante Reihe besprochen werden: JUNGIA-
W. Bush, der 11. September in der Gruppen- NA. Beiträge zur Psychologie von C. G.
fantasie des deutschen Fussballs, Kriegskin- Jung.
der oder das Über-Ich. Insgesamt eine schwer In der Tradition des Schweizer Psycholo-
einordenbare aber lohnende Lektüre. gen C. G. Jung stehend, sind hier Arbeiten
versammelt, die die autonome Psyche und
• ihre Wirksamkeit erforschen, um an jenem
Die Bibliographie des Suhrkamp Verla- grossen Geheimnis (Mysterium) zu arbeiten,
ges. 1950
ges 2000
1950–2000
2000. Bearbeitet v. Wolfgang Jes- welches das Unbewusste umfasst. Wir stel-
ke. Mit einem Geleitwort v. Siegfried Un- len hier vier Bände der Reihe vor, wovon drei
seld. Geb., m. Abb., 845 S., Frankfurt 2002, der Jung-Mitarbeiterin und Schülerin Marie
Suhrkamp Vlg. ISBN 3-518-41164-0. Louise von Franz gewidmet sind. Band 11
Jener legendäre Verlag, der wie kaum ein bringt ein ausführliches Gespräch mit ihr, in
zweiter Verlags-Kultur prägte, der einfluss- dem ihr Werdegang, ihre Beziehung zu Jung
reich und avantgardistisch zugleich auf Au- und vor allem, ihre Ansichten über die Jung-
toren setzte, der damit in der Gesellschaft sche Psychologie, die Alchemie und unsere
der Verlage Profil zeigte und dies bis heute heutige Weltlage zum Ausdruck kommen.
durchhält – in einer Branche die von Schnell- Aus Band 8 seien hier herausgegriffen die „Ge-
lebigkeit geprägt ist – bleibt bemerkenswert danken zum Genius loci der Innerschweiz“
und verwunderlich zugleich. Paradigmatisch oder eine sorgfältige Deutung der „Gänse-
schreibt Siegfried Unseld, der jüngst verstor- hirtin am Brunnen“. Band 2 enthält sechs
bene zweite Verlagschef nach Peter Suhrkamp Beiträge, darunter „Das Thomasevangelium
und prägende Kopf der letzten Jahrzehnte – und der Animus der Frau“. Gleich vier Au-
schwer vorstellbar, dass er einmal nicht mehr torinnen, Marie-Luise von Franz, Brigitte Ja-
sein würde? – in seinem Geleitwort: „Der cobs, Regine Schweizer-Vüllers und Barbara
Suhrkamp Verlag verlegt keine Bücher, son- Hannah bestreiten dann Band 6. In unserer
dern Autoren. Dieses Paradoxon verweist sehr auf Äusserlichkeiten bedachten Zeit ge-
darauf, dass es dem Verlag nicht nur um das hört der innere Prozess der Reife und der
einzelne Buch geht, sondern um literarische Werdung immer noch mehr als dazu. Die
und wissenschaftliche Gesamtphysiognomie Autor(inn)en der Reihe JUNGIANA haben
seiner Autoren.“ (VIII) Die 854 Seiten sind sich diesem Weg nach Innen gewidmet. Zu
prall gefüllt mit sämtlichen Titeln und Au- beziehen sind die Hefte über den Verlag Stif-
toren der letzten 50 Jahre (mehr aber auch tung für Jung‘sche Psychologie, Küsnacht ZH.
nicht). Zum Lesen sind sie fast nicht geeig- Adresse: Fotorotar, Gewerbestrasse 18, CH-
net; für einen Verlag sind sie aber alles; für 8132 Egg ZH.
eine Epoche vieles, weil Dokument von
Möglichem und Unmöglichem. In diesem F. W. Schmitt

102
103
ISSN 1434-7628

Gnostika
Zeitschrift für Symbolsysteme

104
www.aagw-gnostika.de

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